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Wandel durch Tourismus

Spanien als Strand Europas, 1950-1983

0115
2018
978-3-7398-0403-3
978-3-86764-826-4
UVK Verlag 
Moritz Glaser
10.24053/9783739804033

Sonne, Strand und Sangría sind Assoziationen, die Spanien bei vielen Deutschen weckt. Dass das Land zu ihrem beliebtesten Urlaubsziel werden konnte, hat historische Gründe. In den 1950er-Jahren begann das diktatorische Regime Francos, den internationalen Tourismus zu fördern, um an Devisen zu gelangen, die Wirtschaft zu modernisieren und so das eigene Überleben zu sichern. Welche Ursachen und Folgen dieser Prozess für die Urlaubsregionen mit sich brachte, ist das Thema von Moritz Glasers Studie. Er stellt dar, wie große Landstriche der spanischen Mittelmeerküste oder die Ferieninsel Mallorca zu attraktiven Zielen für ausländische Urlauber aus Westeuropa wurden. Detailliert untersucht er den Ausbau der Infrastruktur sowie die landschaftlichen, soziostrukturellen und kulturellen Veränderungen bei der Entwicklung der Fischerdörfer zu Urlaubsorten. Er geht dabei der Frage nach, wie kulturelle Selbstentwürfe trotz Tourismus weiterbestehen konnten. Die ökologisch motivierte Kritik am Tourismus ist, so zeigt sein Buch, zudem keine Erscheinung unserer Gegenwart, sondern hat auch in Spanien ihre Geschichte, die bis in die frühen 1970er-Jahre zurückreicht. Die Studie leistet nicht nur einen Beitrag zur Tourismusgeschichte Spaniens, sondern auch zur Geschichte grenzüberschreitender Verflechtungen.

9783739804033/9783739804033.pdf
<?page no="0"?> Moritz Glaser Spanien als Strand Europas, 1950-1983 Wandel durch Tourismus <?page no="2"?> Moritz Glaser Wandel durch Tourismus <?page no="3"?> Konflikte und Kultur - Historische Perspektiven Herausgegeben von Martin Dinges · Joachim Eibach · Mark Häberlein Gabriele Lingelbach · Ulinka Rublack · Dirk Schumann · Gerd Schwerhoff Band 34 Wissenschaftlicher Beirat: Richard Evans · Norbert Finzsch · Iris Gareis Silke Göttsch · Wilfried Nippel · Gabriela Signori · Reinhard Wendt Zum Autor: Moritz Glaser, Dr. phil. ist Historiker. Er studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik und Hispanistik für das Lehramt an Gymnasien in Bamberg. 2016 wurde er mit der vorliegenden Arbeit an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel promoviert. <?page no="4"?> Moritz Glaser Wandel durch Tourismus Spanien als „Strand Europas“, 1950 - 1983 UVK Verlagsgesellschaft Konstanz · München <?page no="5"?> Das Buch ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung der im November 2016 an der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel verteidigten Dissertationsschrift. Sie wurde betreut von: Prof. Dr. Gabriele Lingelbach (Erstgutachterin) und Prof. Dr. Angelika Epple (Zweitgutachterin). Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-86764-826-4 (Print) ISBN 978-3-7398-0402-6 (EPUB) ISBN 978-3-7398-0403-3 (EPDF) Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2018 Einbandgestaltung: Susanne Fuellhaas, Konstanz Einbandmotiv: Handzettel El Cortijo, Lloret de Mar; s. Abbildungsnachweis S. 297 Printed in Germany UVK Verlagsgesellschaft mbH Schützenstr. 24 · D-78462 Konstanz Tel.: 07531-9053-0 www.uvk.de <?page no="6"?> 5 Inhalt 1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1.1 Fragestellung, Untersuchungsraum und definitorische Klärungen . . 13 1.2 Forschungsstand zum Tourismus in Spanien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 1.3 Theoretischer Bezugsrahmen und methodische Grundlagen . . . . . . 29 1.4 Quellenbasis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 1.5 Gang der Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 2.1 Außenpolitik im Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 2.1.1 Spaniens Weg aus der Isolation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 2.1.2 Der Stabilisierungsplan von 1959 und die Rolle des Tourismus . . . . . . . . . 43 2.1.3 ‚Völkerverständigung‘ und Imagepflege durch Tourismus. . . . . . . . . . . . . . 45 2.2 Fremd- und Selbstbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 2.2.1 Modi der Fremdwahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 2.2.2 Ambivalente Selbstbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung . . . . . . . 59 2.3.1 Anknüpfungspunkte für Nachkriegstourismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Tourismusadministration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Touristische Traditionen außerhalb und innerhalb der untersuchten Regionen 61 2.3.2 Strukturelles und geographisches Kapital . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 2.3.3 Der ‚take-off‘ des Massentourismus: geographische und quantitative Verteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 3.1 Tourismus und Entwicklung („desarrollo“) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 3.1.1 Tourismus und die Hoffnung auf Fortschritt und Entwicklung. . . . 76 3.1.2 Touristische Modernisierung als Herrschaftsinstrument . . . . . . . . . 79 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom. . . . . . . . . . . . . . . 88 3.2.1 Raumplanung und Zuständigkeiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 3.2.2 Die frühen kommunalen Bebauungspläne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 3.2.3 Wachstumspläne und das touristische Raumregime . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 3.2.4 Neue Ansätze und regionale Regulierungsversuche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 3.2.5 Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 <?page no="7"?> 6 Inhalt 3.3 Touristische Infrastrukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 3.3.1 Spezifische Tourismusinfrastruktur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 3.3.2 Ausbau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Wasserversorgung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Verkehrsinfrastruktur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Flughafen Gerona . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 3.3.3 Abwasserinfrastruktur: eine exemplarische Vertiefung . . . . . . . . . . . . . . . 122 Problemwahrnehmung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Finanzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 Experimentieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 Neue Argumente und neue Wege. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 3.3.4 Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure . . . . . . . . . . . . . . . . 140 3.4.1 Das Reiseziel Spanien und die Etablierung der Flugpauschalreise . . . . . . . 140 3.4.2 Interessenlagen und Durchsetzungsstrategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen 160 3.5.1 Wirtschaftswachstum und Arbeitsmarkt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 3.5.2 Bevölkerungsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 3.5.3 Interregionale Migrationsprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 3.6 Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell . . . . . . 181 4.1 Touristische oder industrielle Räume? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 4.1.1 Interessengruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 4.1.2 Argumentationsmuster. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 4.1.3 Durchsetzungsstrategien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 4.1.4 Erfolg und Misserfolg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.1.5 Schlussfolgerungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus. . . . . . . . . . . . 205 4.2.1 Internationale Experten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 4.2.2 Zentralstaatliche Initiativen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 4.2.3 Gesellschaftliche Bewegung in der Provinz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 Natur- und Umweltschutzbewegungen und Tourismuskritik auf Mallorca . . 218 Bürgerinitiativen, Umweltbewegungen und der Widerstand gegen touristische Bauprojekte an der Costa Brava . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 Der Raumnutzungskonflikt um das Cabo Norfeu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 Der Raumnutzungskonflikt um die Aiguamolls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 4.3 Die tieferen Ursachen der Tourismuskritik der 1970er-Jahre . . . . . . 260 4.4 Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 <?page no="8"?> 7 Inhalt 5 Touristifizierte Interaktionszonen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 5.1 „Die Moralisierung der Strände“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 5.2 Niedergangsdiskurse und der Wandel von Moralvorstellungen . . . 280 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288 5.3.1 Stierkampf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 5.3.2 Nachtleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294 5.3.3 Der ‚Tag des Touristen‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 5.4 Lokale Kultur im Wandel? Die Summe von Kommodifizierung und Eigensinn . . . . . . . . . . . 305 6 Exkurs: Rückwirkungen des Massentourismus . . . . . . . . . . 317 6.1 Spanische Restaurants in der Bundesrepublik . . . . . . . . . . . . . . . . 317 6.2 Die Bedeutung Spaniens für die Tourismusbranche. . . . . . . . . . . . 323 6.3 Spanien im Alltag der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger. . . . 324 6.4 Der Wandel des Spanienbildes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326 7 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 7.1 Die Kontinuität des touristischen Entwicklungsmodells . . . . . . . . 333 7.2 Translokalisierung, Differenz und Urbanisierung . . . . . . . . . . . . . 345 7.3 Diktatur, Liberalisierung und nationalstaatliche Souveränität . . . . 350 8 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 8.1 Tabellen- und Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 Tabellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 8.2 Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358 8.3 Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359 <?page no="10"?> 9 Danksagung Ohne die vielfältige Unterstützung anderer Menschen hätte dieses Buch niemals geschrieben werden können. Zuerst möchte ich meiner Doktormutter Gabriele Lingelbach danken, die mir von Beginn des Projekts an bis zu seinem Abschluss mit Rat und Tat zur Seite stand. Sie betreute die konzeptionellen Vorarbeiten, die Recherchephase und den Schreibprozess in einer Art und Weise, wie ich sie mir besser nicht vorstellen könnte. Auch die großzügige Ko-Finanzierung meiner Archivreisen durch Lehrstuhlgelder hat ganz entscheidend zum Erfolg der Promotion beigetragen. Besonderer Dank gebührt auch meinem Bürokollegen Steffen Doerre. Steffen hat das Projekt ab den ersten Ideen bis hin zum fertigen Manuskript kritisch begleitet, immer wieder hinterfragt und mich zum erneuten Nachdenken angeregt. Marie Schenk hat Teile des Manuskripts aufmerksam gelesen und kommentiert. Ihre konstruktiven Anregungen haben mir in der Endphase des Schreibprozesses geholfen, den Überblick nicht zu verlieren; vor allem dann, wenn die universitäre Selbstverwaltung die Zeit zum Schreiben knapp werden ließ. Dass ich das Manuskript im Zeitraum zwischen 2013 und 2016 abschließen konnte, ist zu einem großen Teil der Entscheidung des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz zu verdanken, mich für sechs Monate als Stipendiat im Jahr 2015 zu fördern. Der Aufenthalt im IEG ermöglichte es mir, in Ruhe und in inspirierender Atmosphäre am Manuskript zu arbeiten. Besonders danken möchte ich in diesem Rahmen Bernhard Gißibl, der als mein Mentor am IEG das Projekt begleitete, Textteile las und kritisch kommentierte. Von den Gesprächen mit ihm habe ich sehr profitiert. Das gilt natürlich auch für die Möglichkeit, im Kolloquium des IEG mein Projekt vorzustellen. Danken muss ich auch den vielen Zuhörerinnen und Zuhörern meiner Vorträge auf Tagungen in Paris, München, Caserta, Göttingen, Salzburg, Greifswald, Bielefeld, Kochel am See, Madrid und Darmstadt. Mit ihrer konstruktiven Kritik und wohlwollenden Vorschlägen haben sie mir immer wieder neue Denkanstöße gegeben. Danken möchte ich auch Angelika Epple, die das Zweitgutachten zu meiner Dissertation schrieb und mir zuvor die Möglichkeit gegeben hatte, mein Projekt in ihrem Kolloquium in Bielefeld vorzustellen. Ihre Kritik und ihre Anregungen insbesondere aus der Perspektive der Globalhistorikerin haben mir in der Schlussphase der Promotion sehr geholfen. Auch Dirk Schumann gilt mein Dank, der als einer der Herausgeber der Reihe Konflikte und Kultur - Historische Perspektiven mein Manuskript las, die Aufnahme in die Reihe empfahl und zugleich sehr konstruktive Überarbeitungsvorschläge gab. Ohne Archivarinnen und Archivare wären Historikerinnen und Historiker nichts. Deshalb bin ich den von mir besuchten Archiven und ihrem Personal zu Dank verpflichtet. Besonders angenehm gestaltete sich das Arbeiten in den Archiven Kataloniens im Arxiu Històric de Girona und im Arxiu Local de Lloret de Mar. Ohne Unterstützung vonseiten meiner Familie und meiner Freunde hätte <?page no="11"?> 10 Danksagung das Buch trotz aller anderweitigen Hilfe nicht erscheinen können. Meine Eltern und meine beiden Großmütter haben mich in den drei Jahren der Promotion sowohl ideell als auch finanziell unterstützt. Auch meinen beiden Großvätern habe ich zu danken, auch wenn sie leider dieses Buch nicht mehr in den Händen halten können. Sefedin Berisa gebührt ebenfalls ein besonderer Dank. Am meisten habe ich aber meiner Vroni zu danken, die trotz der weiten Entfernung zwischen uns und der hohen Arbeitsbelastung stets hinter dem Projekt stand und mich überall, wo es möglich war, unterstützte. Kempten, im Oktober 2017 Moritz Glaser <?page no="12"?> 11 1. Einleitung Zu Beginn der Urlaubssaison 2017 sorgte ein zweieinhalb Meter langer Blauhai vor der Küste Mallorcas für Unruhe. Der offensichtlich verletzte Hai schwamm sehr dicht an den Strand von Illetes heran und versetzte die im flachen Wasser badenden Touristen in Aufregung. 1 In der Presse und auch in Sozialen Netzwerken stellten manche sich die Frage, ob das Baden im Meer rund um die Urlaubsinsel angesichts der scheinbaren Bedrohung durch den Meeresräuber noch als sicher gelten könne. 2 Doch nicht nur die Sichtung des Hais, sondern auch die Festnahme eines mutmaßlichen islamistischen Terroristen sorgte auf der Insel für Aufregung. Behördenberichten zufolge hatte er einen Anschlag in der Stadt Inca geplant, bei dem er mit einem Messer auf Passanten einstechen wollte. 3 Die Reaktionen auf diese beiden Ereignisse fielen aber nicht nur deshalb so emotional aus, weil Touristen um ihre Sicherheit fürchteten. In den mallorquinischen Medien geisterte vielmehr im Hintergrund das Gespenst der zurückgehenden Touristenzahlen umher. Hotelmanager hatten sich bereits zuvor auf die veränderte Sicherheitslage, auf die die Geheimdienste immer wieder hinwiesen, eingestellt und versucht, durch schärfere Zugangskonstrollen zu ihren Hotelanlagen das Sicherheitsgefühl der Touristen zu erhöhen. Mallorca sollte auf keinen Fall zu einem zweiten Tunesien werden, wo seit den Angriffen auf Touristenanlagen die Zahlen der Urlauber eingebrochen waren. 4 Jedoch war die Sorge um das Ausbleiben von Touristen nicht die einzige, die in diesem Jahr die Insel beherrschte. Während Hotel- und Restaurantbesitzer sowie Politiker einen Rückgang des Tourismus fürchteten und betonten, dass alles dafür getan werden müsse, den Touristen das Gefühl zu vermitteln, auf der Insel „willkommen zu sein“ 5 , protestierten andere Akteure gerade gegen den Massentourismus auf Mallorca. In Palma de Mallora organisierte eine Bürgerinitiative eine Demonstration gegen Tourismus und vor allem die Vermietung von Privatunterkünften, die zu einem Anstieg 1 Ein Blauhai wurde vor der Küste Mallorcas gesichtet, in: Mallorca Magazin (26.06.2017), online unter: https: / / mallorcamagazin.com/ nachrichten/ lokales/ 2017/ 06/ 25/ 56030/ hai-vor-mallorca-gesichtet. html (05.07.17). 2 Tourismus. Hai-Alarm auf Mallorca, in: ZEIT online (25.06.2017), online unter: http: / / www.zeit.de/ news/ 2017-06/ 25/ tourismus-hai-alarm-auf-mallorca-25181402 (05.07.2017). 3 Ralph Schulze: Terrorgefahr in Europa. Messerattacke auf Mallorca geplant, in: Der Tagesspiegel (30.06.2017), online unter: http: / / www.tagesspiegel.de/ politik/ terrorgefahr-in-europa-messerattackeauf-mallorca-geplant/ 20004560.html (05.07.2017). 4 Ders.: Terrorangst auf Mallorca, in: Augsburger Allgemeine (03.07.2017), online unter: http: / / www. augsburger-allgemeine.de/ politik/ Terrorangst-auf-Mallorca-id41936811.html (05.07.2017). 5 Sophie Mono/ Ciro Krauthausen: Der Mallorca-Tourist - ein Störenfried? , in: Mallorca Zeitung (08.06.2017), online unter: http: / / www.mallorcazeitung.es/ lokales/ 2017/ 06/ 08/ mallorca-tourist- -storenfried/ 51751.html (05.07.2017). <?page no="13"?> 1. Einleitung 12 der Mieten in der Stadt geführt hat. 6 Auch der Naturschutzverein Grup Balear d’ Ornitologia i Defensa de la Naturalesa organisierte Proteste gegen den Tourismus und seine Auswirkungen. 7 Dieser sich hier andeutende Konflikt zwischen Tourismusbefürwortern und Kritikern ist aber keine neue Erscheinung des Jahres 2017. Seine Wurzeln reichen vielmehr weit in das 20. Jahrhundert zurück. Bereits in den 1940er- und 1950er-Jahren machten sich historische Akteure auf der Insel darüber Gedanken, wie der Tourismus das Leben auf der Insel veränderte und weiter verändern sollte. In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren wurde der Anstieg der Touristenzahlen zugleich auch von der Angst vor ihrem Einbruch begleitet. Zu Beginn der 1970er-Jahre nahm die Kritik an den Auswirkungen des Tourismus zu, nach dem Tod Francos 1975 kam es bald zu Protesten gegen die Neuanlage von Hotels und Ferienhäusern. Der Wandel von einer Diktatur zur Demokratie vollzog sich auch auf dem Feld des Tourismus. Dieses Beispiel zeigt, dass sich in Diskussionen und Auseinandersetzungen über den Tourismus gesamtgesellschaftliche Probleme und Konfliktfelder spiegeln. Der moderne Tourismus war und ist damit mehr als ein reines Freizeitvergnügen. Tourismus wurde vielmehr über historische Epochen, Zäsuren und Räume hinweg von verschiedenen Akteuren mit jeweils unterschiedlichen Hoffnungen, sozialen Ordnungsmodellen und Zukunftsvorstellungen verknüpft. Akteure versuchten ihn zu vereinnahmen, zu instrumentalisieren und zu funktionalisieren. Dies ging einher mit Debatten und Konflikten, in denen unterschiedliche Akteure die Deutungshoheit über das Phänomen Tourismus zu gewinnen versuchten und dadurch seine Zukunft bestimmen wollten. Damit unterlagen Bewertungen und Deutungen des Tourismus sowie die Hoffnungen und Erwartungen, die in ihn gesetzt wurden, einem historischen Wandel und waren zugleich perspektivengebunden. Beide Faktoren zusammengenommen plausibilisieren, weshalb der Tourismus als „Spiegel der Gesellschaft“ 8 bezeichnet worden ist. So materialisierten sich in den historischen Ausprägungen des Phänomens Tourismus zeitgenössische Gesellschaftsstrukturen, Wirtschaftsformen und kulturelle Praktiken. Überdies wurden auf den Tourismus gesellschaftliche Debatten, soziale Spannungen, Deutungskonflikte und Gesellschaftsentwürfe projiziert, die ihn wiederum zu einem Feld machten, auf dem sich divergierende Vorstellungen sozialer und kultureller Ordnung konflikthaft begegneten und ausgehandelt wurden. 6 Tom Gebhardt: Nicht noch mehr Touristen! , in: Süddeutsche Zeitung (22.05.2017). Ralph Schulze: Mallorca vor dem großen Knall? Inselbewohner sehen Feriengäste zunehmend als Bedrohung, in: Neuburger Rundschau (19.06.2017). 7 Alberto Magro: El GOB declara la „alarma ecológica“ por el turismo y las „políticas débiles“ del Govern, in: Diario de Mallorca (20.05.2017), online unter: http: / / www.diariodemallorca.es/ mallorca/ 2017/ 05/ 18/ gob-declara-alarma-ecologica-turismo/ 1216054.html (05.07.17). 8 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-172. <?page no="14"?> 13 1.1 Fragestellung, Untersuchungsraum und definitorische Klärungen 1.1 Fragestellung, Untersuchungsraum und definitorische Klärungen Der Tourismus war aber weit mehr als ein Spiegel, der zur selben Zeit stattfindende Entwicklungen reflektierte. Vielmehr war der Tourismus ein äußerst wirkmächtiges Phänomen, welches das Potential hatte, materielle Gegebenheiten, gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Vorstellungen tiefgreifend zu verändern. Kurzum: Tourismus spiegelte, historisch gesehen, nicht nur die gesellschaftliche Realität wider, sondern konfigurierte diese zugleich im Zusammenspiel mit anderen Faktoren historischen Wandels. Genau an dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an. Ihr Ziel ist es, zu ergründen, welches transformative Potential Tourismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickeln konnte und welche Hoffnungen und Erwartungen, aber auch welche Kritik an den Tourismus selbst und an eben jenes Potential herangetragen wurde. Damit liegt die Blickrichtung dieser Studie genau entgegengesetzt zu den meisten bisher vorliegenden Arbeiten zur Geschichte des Tourismus. Denn sie fokussiert nicht in erster Linie auf die vermeintlichen Protagonisten des Tourismus, also auf die Touristen selbst, auf ihre sich verändernden Verhaltensweisen, ihre Einstellungen und Wahrnehmungen, sondern auf diejenigen, die mit den Touristen konfrontiert waren und mit den Konsequenzen ihrer Reisepraxis umzugehen hatten. Im Zentrum der Studie stehen also nicht in erster Linie die Reisenden selbst, sondern gewissermaßen die ‚Bereisten‘ und deren Umgang mit den Konsequenzen des touristischen Reisens. Die Perspektive der Touristen selbst wird deshalb nicht vollkommen vernachlässigt, sondern dann in die Analyse miteinbezogen, wenn sie zur Erklärung von Wandlungsprozessen notwendig ist. Folglich wird untersucht, wie einheimische Akteure den Tourismus entweder förderten oder ablehnten bzw. modifizieren wollten. Zum einen thematisiert diese Arbeit demnach die Hoffnungen, Erwartungen und Befürchtungen, die Akteure in denjenigen Regionen, in denen sich die Touristen während ihres Urlaubs sammelten, mit dem Tourismus verbanden. Zum anderen geht es um die Auswirkungen, welche die Präsenz einer großen Zahl von Touristen in bestimmten Zielregionen verursachte. Anhand kaum eines anderen Landes lassen sich diese Fragen so gezielt, gewinnbringend und erkenntnisorientiert beantworten wie am Beispiel Spaniens. Spaniens Küsten sind heute ein Symbol für den Massentourismus und seine Folgeerscheinungen. Mallorca ist sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien die beliebteste Ferieninsel und hat sich damit tief ins kollektive Gedächtnis deutscher und britischer Urlauber als Urlaubsort, aber auch als Sinnbild der Hemmungslosigkeit, des grenzenlosen Spaßes und der Entstehung eines touristischen Raumes, der von lokalen Gegebenheiten weitgehend entkoppelt zu sein scheint, eingegraben. So avancierte Mallorca zur Lieblingsinsel der Deutschen und zum „17. Bundesland Deutschlands“. 9 Nach wie 9 Vgl. bspw. Andreas Heimann: 100 Jahre Mallorca-Tourismus. Das 17. deutsche Bundesland, in: Spiegel Online (29.6.2015), online unter: http: / / www.spiegel.de/ reise/ europa/ 100-jahre-mallorca-tourismus-das-17-deutsche-bundesland-a-362532.html, (3.3.2016). Reisebericht: Mallorca - eine Insel fest <?page no="15"?> 1. Einleitung 14 vor ist Spanien das beliebteste ausländische Urlaubsziel der Deutschen. 10 Diese Rolle erlangte Spanien im Verlauf der 1970er-Jahre und löste Italien und Österreich 1977 als bei der bundesrepublikanischen Bevölkerung beliebteste Reiseländer ab. 11 Für Briten und Franzosen wurde Spanien schon während der 1960er-Jahre das Top-Reiseziel schlechthin. 12 Auch global gesehen ist Spanien eines der wichtigsten Urlaubsländer der Welt. So stand Spanien im Jahr 2014 gemessen an der Zahl der eingereisten Urlauber hinter Frankreich und den USA an dritter Stelle. 13 Die Fragen, welche Auswirkungen der Tourismus in Spanien hatte und wie es dazu kommen konnte, dass Spanien zu solch einem wichtigen Urlaubsland werden konnte, sind deshalb nicht zuletzt von hoher Gegenwartsrelevanz. Sicherlich ist der moderne Tourismus seit dem 19. Jahrhundert ein ubiquitäres Phänomen, was die Frage aufbringt, warum sich eine historische Studie ausgerechnet den spanischen Tourismusregionen als Fallbeispielen widmen sollte. Schließlich ließe sich vermuten, dass die Ursachen der Entwicklung Spaniens zu einem der bedeutendsten Zielländer des internationalen Massentourismus mit den anderer, bereits erforschter Länder übereinstimmen. Das ist jedoch nur sehr eingeschränkt der Fall. Tatsächlich war Spanien, bedingt durch seine Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts keineswegs der Prototyp einer idealen Tourismusdestination. Das trifft insbesondere für die Zeit des Bürgerkriegs und die Franco-Diktatur zu. Die Tatsache, dass das Regime den Zweiten Weltkrieg überlebte, machte es noch in den frühen 1950er-Jahren, als vor allem medial, aber zunehmend auch real die deutsche Urlaubswelle nach Italien rollte, äußerst unwahrscheinlich, dass sich Spanien auf einen ähnlichen Weg wie Italien hin zu einem Urlaubsland für die breiter werdende Mittelschicht und die Unterschicht Europas machen würde. Diese Sonderrolle Spaniens als ‚westliche‘ Diktatur und gleichzeitig als Land des Massentourismus zu erklären, erscheint für die Frage nach der Bedeutung des Tourismus und dessen Konsequenzen äußerst relevant. Darüber hinaus sprechen folgende Argumente dafür, den Tourismus in Spanien als ein lohnendes und erkenntnisversprechendes Thema für eine geschichtswissenschaftliche Untersuchung anzusehen: Erstens entfaltete der Tourismus sein transformatives Potential in Spanien in einer äußerst in „Deutscher Hand“ - Teil I, in: GEO Reisecommunity, online unter: http: / / www.geo.de/ reisen/ community/ reisebericht/ 709373/ 1/ Mallorca-eine-Insel-fest-in-Deutscher-Hand-Teil-I, (3.3.2016). 10 FUR - Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V.: Reiseanalyse 2015. Erste ausgewählte Ergebnisse der 45. Reiseanalyse zur ITB 2015, S.-3, online unter: http: / / www.fur.de/ fileadmin/ user_upload/ RA_2015/ RA2015_Erste_Ergebnisse_DE.pdf, (3.3.2016). 11 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-168. Manning, Italiengeneration, S.-208. 12 So war Spanien zusammen mit Portugal nach Italien das zweitbeliebteste Urlaubsziel derjenigen Franzosen, die ihren Urlaub in den 1960er Jahren im Ausland verbrachten. 1964 lagen Italien und Spanien/ Portugal fast gleichauf. 1969 hatten Spanien/ Portugal dann doppelt so viele französische Touristen wie Italien. Marc Boye, Le tourisme, S.- 58. Für die Briten war Spanien ab 1966 das beliebteste Urlaubsland. The British Tourist Authority: Informational Document. „The British on Holiday“. Summary of regular surveys of British holidaymakers 1951-1969, London 1970, S.-8. 13 UNWTO: Tourism Highlights, 2015 Edition, S.- 6, online unter: http: / / www.e-unwto.org/ doi/ book/ 10.18111/ 9789284416899, (21.2.2016). <?page no="16"?> 15 1.1 Fragestellung, Untersuchungsraum und definitorische Klärungen wirkmächtigen Weise. Binnen eines sehr kurzen Zeitraums stellten sich ganze Regionen auf den Tourismus ein, ohne dass es dort zuvor in allen Fällen eine umfassende und kontinuierliche Tradition als Tourismusregion gegeben hatte. 14 Erst die Öffnung des Landes durch die franquistische Diktatur im Verlauf der 1950er-Jahre und die damit einhergehende gezielte Förderung des Tourismus 15 ließ Spanien zu einem Reiseland werden, das auch für breitere Massen interessant wurde. Zweitens lassen sich durch die gezielte Öffnung des Landes für Touristen aus anderen Ländern in einer vergleichsweise kleinen Zeitspanne trennscharf direkte Auswirkungen des Tourismus von übergreifenden Phänomenen historischen Wandels bzw. „Basisprozessen der Modernisierung“ 16 trennen. Das deutliche Vorher-Nachher-Verhältnis in Bezug auf die Anwesenheit von Touristen in den untersuchten Regionen ermöglicht es, zu beurteilen, welche Veränderungen tatsächlich auf den Tourismus zurückzuführen sind. Drittens ist das Tempo der vom Tourismus induzierten Wandlungsprozesse in Spanien hervorzuheben. Spaniens Tourismussektor wuchs in den Jahren der Francodiktatur und insbesondere in den 1960er-Jahren außerordentlich stark. 17 Dieses rasante Wachstum ist zum einen selbst wiederum erklärungsbedürftig und wird damit auch zu einem Untersuchungsgegenstand. Zum anderen ergibt sich dadurch eine besondere Relevanz des spanischen Falls, da die hohen Wachstumsraten zugleich eklatante gesellschaftliche Veränderungen erwarten lassen, welche die Konsequenzen des Tourismus und deren gesellschaftliche Verarbeitung besonders sichtbar machen. Viertens lässt sich am Beispiel Spaniens die oben bereits angedeutete Verknüpfung des Tourismus mit politischen Zielen, gesellschaftlichen Vorstellungen und kulturellen Denkmustern beobachten. Damit wird eine Geschichte des Tourismus in Spanien nicht einfach zu einer Untersuchung der Praxis des massenhaften Reisens und deren Folgen, sondern zu einer Studie über die gesellschaftliche, politische und kulturelle Relevanz des Tourismus in einem spezifischen historischen Kontext und dessen Verbindung mit Zukunftsvisionen, Herrschaftsvorstellungen und Ordnungsentwürfen. Gerade der Fall eines diktatorischen Regimes, das sich in Zeiten des Kalten Kriegs zum westlichen Lager zählte, eine Demokratisierung jedoch ablehnte 18 und aus wirtschaftlicher Perspektive gewissermaßen eine Vernunftehe mit dem Tourismus einging, 19 eröffnet ein Spannungsfeld, das eine historische Analyse so interessant macht. Folglich stehen im Fokus der vorliegenden Studie die Auswirkungen des Phäno- 14 Zwar hatten die untersuchten Regionen schon in der Zwischenkriegszeit Erfahrungen vor allem mit der Beherbergung zahlungskräftiger einheimischer Touristen, eine deutliche Ausrichtung auf den Auslandstourismus wie dies etwa bei Touristenorten in der Schweiz, Österreich oder Italien der Fall war, fehlte aber. 15 Pack, Tourism and dictatorship, S.-90 f. 16 Raphael, Das Konzept „Moderne“, S.-97 f. 17 So wuchs die Zahl derjenigen, die Spanien besuchten zwischen 1950 und 1960 jährlich um 25,2% und zwischen 1960 und 1970 um 17,2%. Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo. 18 Townson, ‚Spain is different‘? , S.-135 und 143. 19 Vgl. Pack, Tourism and dictatorship, S.-84. <?page no="17"?> 1. Einleitung 16 mens Massentourismus, das sich im Rahmen der Entwicklung der Massenkonsumgesellschaften in den Gesellschaften Westeuropas und der USA nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig ausformte. 20 Denn das spanische Regime setzte nicht auf einen qualitativ hochwertigen Elitetourismus, sondern zielte darauf ab, möglichst kostengünstige Urlaube im Mittelklasseniveau anzubieten, die für die anwachsenden Mittel- und unteren Mittelschichten in Ländern wie Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik zunehmend erschwinglich wurden. Die daraus resultierende Dominanz massentouristischer Reisen, die häufig über große Tourismusveranstalter organisiert wurden, schließt nicht aus, dass etwa auch bildungsbürgerliche Individualtouristen oder sogenannte Alternativtouristen nach Spanien reisten. Entscheidend für die im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Auswirkungen waren aber die Förderung und der Ausbau des Massentourismus in Spanien. Massentourismus wurde zum Auslöser der hier zu untersuchenden Phänomene und zugleich zum zentralen Streitpunkt gesellschaftlicher und politischer Debatten. Dies macht es nötig, zunächst den Begriff „Tourismus“ genauer zu klären. Dabei sind enger gefasste Definitionen, die allein die Charakterisierung des touristischen Reisens beinhalten, von weiter gefassten Definitionen zu unterscheiden. Letztere beziehen auch die Implikationen ein, die sich unmittelbar aus der Praxis des touristischen Reisens ergeben. Ein enger und breit rezipierter Definitionsversuch findet sich beispielsweise in einer einschlägigen Publikation des Tourismuswissenschaftlers Friedrich August Wagner aus dem Jahr 1970: „Das internationale Wort Tourismus summiert […] jene Erscheinungen beim Ortswechsel von Personen, Familien oder Gruppen, bei denen im Vordergrund Motive des Urlaubmachens, der Muße, des Vergnügens und der Bildung als Reisegrund dienen.“ 21 Eine weiter gefasste Definition findet sich in einer der ersten Studien, die sich aus soziologischer Sicht in der Nachkriegszeit mit dem Phänomen des Tourismus befasste: Hans-Joachim Knebel definierte Tourismus als „1. Mobilitätszwang, der seinen Ausdruck in zeitlich begrenzter regionaler Mobilität findet. 2. Beziehung oder Beziehungslosigkeit des Touristen mit den ‚Einheimischen‘. 3. Konsumtive Befriedigung von Luxusbedürfnissen mit Mitteln, die am Heimatort verdient wurden. 4. Streben nach Komfort und physischer Sicherheit.“ 22 Obwohl die Definition den sogenannten „Mobilitätszwang“ beinhaltet, damit in die Richtung eines anthropologischen Erklärungsmodells für Tourismus weist und so historische Kontingenz eher ausblendet, ist sie für die vorliegende Arbeit dennoch wertvoll. Denn sie weist - das macht Punkt zwei besonders klar - eine deutliche Beeinflussung durch die ältere Fremdenverkehrsforschung auf, die traditionell auch den Interaktionen zwischen ‚Reisenden‘ und ‚Be- 20 König, Massentourismus, S.-305. Kopper, Komparative Geschichte, S.-133 f. 21 Wagner, Die Urlaubswelt, S.-34. Scherrieb, Der westeuropäische Massentourismus, S.-31 f. So auch in einer jüngst erschienenen Publikation zur Tourismusgeschichte, in der es heißt: „[…] modern tourism […] is about spending free time primarily in pursuit of enjoyment.“ Zuelow, History of Modern Tourism, S.-2. 22 Knebel, Soziologische Strukturwandlungen, S.-6. <?page no="18"?> 17 1.1 Fragestellung, Untersuchungsraum und definitorische Klärungen reisten‘ mehr Aufmerksamkeit schenkte, als dies spätere Studien zum Tourismus taten. Zwar lassen sich Fremdenverkehr und Tourismus nicht als Synonyme auffassen, da nicht jeder Reisende zugleich auch Tourist ist, 23 doch eignet sich für diese Studie ein Verständnis von Tourismus, das auch dessen Folgen miteinbezieht, eher als eine enge Definition von Tourismus, die lediglich die Seite der ‚Reisenden‘ berücksichtigt. Insofern erscheint der Rückgriff auf eine sehr frühe, aber äußerst einflussreiche Definition von Fremdenverkehr gerechtfertigt, die zudem die Gruppe der Geschäftsreisenden ausklammert und damit eine Tourismusdefinition im eigentlichen Sinne darstellt. Zugleich bezieht sie die Konsequenzen der Mobilität von Reisenden in die Definition ein: „Fremdenverkehr ist […] der Inbegriff der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und Aufenthalt Ortsfremder ergeben, sofern durch den Aufenthalt keine Niederlassung zur Ausübung einer dauernden oder zeitweilig hauptsächlichen Erwerbstätigkeit begründet wird.“ 24 Diese Definition erlaubt die Untersuchung nicht nur des eigentlichen Mobilitätsprozesses, sondern auch dessen Begleitumstände und Folgen, die ja gerade im Zentrum dieser Studie stehen sollen. Eine Fokussierung auf die Bereistenforschung ist damit im Kontext der Tourismusgeschichte möglich und engt diese nicht nur auf die Untersuchung der Motive, Praktiken und Erfahrungen der Reisende ein. Damit bleibt zu klären, was hier unter dem Begriff des Massentourismus verstanden wird. In den meisten Forschungen zum Massentourismus wird davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine quantitative Ausweitung des Tourismus als Reiseform handelt und es zu einer Ausdehnung der sozialen Herkunft der Touristen auf weniger einkommensstarke Gruppen kommt. Viele geschichtswissenschaftliche Arbeiten zur Geschichte des Massentourismus haben sich damit beschäftigt, die historische Zäsur zu identifizieren, die zum Durchbruch des Massentourismus geführt hat und damit die Frage zu klären, ab welchem Zeitpunkt man überhaupt vom Massentourismus als sozialem Phänomen sprechen kann. 25 Diese soziologisch-orientierte Bestimmung des Massentourismus 26 legt in erster Linie ein quantitatives Kriterium für die Definition des Massentourismus an. Dabei wird versucht, denjenigen Anteil an der Bevölkerung einer ausgewählten Gesellschaft zu ermitteln, der älter als 15 Jahre ist und mindestens einmal im Jahr eine Urlaubsreise von mindestens einer Länge von fünf Tagen unternimmt. Als Gradmesser für die Existenz des Phänomens Massentourismus wird ein Prozentsatz derjenigen, die einmal im Jahr eine Urlaubsreise unternehmen - die sogenannte Reiseintensität - von ca. 50% und mehr angegeben. 27 Eine Reiseintensität von 50% wurde etwa in der bundesrepublikanischen Gesellschaft erst Anfang der 1970er-Jahre erreicht. 28 23 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-14. 24 Hunziker/ Krapf, Grundriss, S.-21. Vgl. Kaspar, Tourismuslehre, S.-13. 25 König, Massentourismus, S.-305. Kopper, Komparative Geschichte, S.-131. Keitz, Die Anfänge. Frese, Herausbildung des Massentourismus. Spode, Aufstieg des Massentourismus. 26 Spode, Luftpolitik, S.-491. 27 Ebd. 28 Steinecke, Tourismus, S.-32. <?page no="19"?> 1. Einleitung 18 Neben dieser soziologischen Perspektive lässt sich jedoch auch eine andere Perspektive auf den Massentourismus einnehmen, die nicht in erster Linie auf die Herkunftsgesellschaft der Touristen blickt, sondern auf die Orte, an denen sich Touristen sammelten und wo die Verwendung des Begriffs Massentourismus in der Wahrnehmung der Zeitgenossen bereits zu einem deutlich früheren Zeitpunkt einsetzte. Folgt man dieser Sicht auf den Massentourismus, wird jener zugleich zu einer relationalen Kategorie. 29 Denn der Massentourismus avanciert dann zu einer Erscheinung, die jeweils abhängig zum einen von der wahrgenommenen Quantität der Touristen im Verhältnis zu den Einheimischen war. Zum anderen bezieht diese phänomenologische Perspektive 30 Werthaltungen und Maßstäbe derjenigen ein, die sich ein Urteil über dieses Phänomen bildeten. Genau daraus ist die bis heute anhaltende überwiegend negative Konnotation des Begriffs Massentourismus zu erklären. Obwohl im 19. Jahrhundert der Tourismus soziologisch gesehen in keiner Weise tatsächlich ein Massenphänomen war, begleiteten kritische Stimmen die ersten Pauschaltouristen, die Thomas Cook in die britischen Seebäder beförderte. 31 Und auch die Tourismusschelte über die Deutschen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er- Jahren am ‚Teutonengrill‘ in Rimini in der Sonne bräunten, war in den Augen des Bildungsbürgertums eine Form des Tourismus, die gerade wegen ihrer ‚Vermassung‘ zu kritisieren war. 32 In den 1950er-Jahren war jedoch, wie bereits erwähnt, die bundesdeutsche Gesellschaft noch weit davon entfernt, eine solch hohe Reiseintensität aufzuweisen, die es aus soziologischer Perspektive rechtfertigen würde, tatsächlich von Massentourismus zu sprechen. Die relationale und phänomenologische Perspektive auf den Massentourismus weist deshalb zwei Vorteile auf, die für die vorliegende Untersuchung entscheidend sind. Erstens ermöglicht sie eine Analyse zeitgenössischer Wahrnehmungs- und Deutungsmuster über den Massentourismus, auch wenn dieser in einzelnen Gesellschaften noch kein Massenphänomen im Sinne der oben angeführten soziologischen Definition war. Dadurch können die Deutungsmuster, die über den Tourismus vorherrschten, ernst genommen werden und selber zum Objekt der Analyse gemacht werden. Tourismuskritik wird damit zu einem Untersuchungsgegenstand anstatt zur normativen Hintergrundmusik, wie dies insbesondere bei älteren Arbeiten der Fall war. Zweitens bietet diese Perspektive die Möglichkeit, sich den Orten zu widmen, zu denen Touristen reisten und die dadurch eine Veränderung erfuhren. Anstatt den Massentourismus als ein quantitatives Phänomen zu beschreiben, das zu einem bestimmten Zeitpunkt eine kritische Schwelle überstieg, interessiert sich diese Arbeit dafür, wie bestimmte Orte zu Räumen des Massentourismus werden konnten und mit welchen Folgen dies 29 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-12. 30 Spode, Luftpolitik, S.-491. 31 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-12. Zu Thomas Cook vgl. Mundt, Thomas Cook. 32 Manning, Italiengeneration, S.-9. Vgl. auch die Kritik, die Hans Magnus Enzensberger an der Tourismuskritik übte und sich dabei jedoch selber nicht einem tourismuskritischen Unterton, der sich aus den Schriften Adornos und Horkheimers speiste, entziehen konnte. Enzensberger, Vergebliche Brandung. Vgl. zum Essay Enzensbergers Pagenstecher, Immer noch brandet. <?page no="20"?> 19 1.1 Fragestellung, Untersuchungsraum und definitorische Klärungen einherging. Damit stehen das historische Gewordensein dieser Räume und die Frage nach der Ursache dieses Prozesses im Vordergrund. Welche Orte und Räume sollen nun konkret für eine solche Analyse in den Blick genommen werden? Um die von dieser Arbeit aufgeworfenen Fragen zu beantworten, ist es notwendig, sich auf eine Auswahl von Orten und Räumen des Massentourismus zu beschränken. Andernfalls läuft man Gefahr, über generalisierte Erkenntnisse nicht hinauszukommen und kontingente lokale Spezifika aus den Augen zu verlieren. Spanien kann zudem nicht als Ganzes als Untersuchungsraum dienen. In seiner räumlichen Gesamtheit wurde Spanien keinesfalls direkt vom Tourismus geprägt. Stattdessen konzentrierte sich der Tourismus seit den 1950er-Jahren auf die Küsten, die verschiedenen zu Spanien gehörenden Inselgruppen und auf große Städte wie Madrid und Barcelona. Da sich die vorliegende Studie für das transformative Potential des Tourismus und dessen Wahrnehmung interessiert, bilden die Küsten und spanischen Inseln ein deutlich fruchtbareres Forschungsfeld als der Stadttourismus. Da im „Dickicht der Städte“ der Massentourismus deutlich weniger prominent wahrgenommen wurde als in Dörfern und Kleinstädten an der Küste, 33 ist anzunehmen, dass sich eben dort, außerhalb der Städte, gesellschaftliche Debatten um den Tourismus entzündeten. Ähnliches gilt für konkrete Veränderungen, die der Tourismus in den Großstädten verursachte. Diese spielten im Vergleich zu anderen sich in der Stadt abspielenden Wandlungsprozessen nur eine untergeordnete Rolle und nahmen keine zentrale Stellung für Stadtentwicklung und -planung ein. 34 Die Tatsache, dass die beiden genannten Städte industrielle Metropolen waren, erschwert es, tourismusinduzierte Veränderungen von anderen Faktoren historischen Wandels zu trennen. Deshalb konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf die Veränderung der spanischen Küsten durch den Massentourismus. Doch auch hier kann keine umfassende Geschichte der Auswirkungen des Tourismus auf alle Regionen und Orte an der spanischen Küste und auf den spanischen Inselgruppen geschrieben werden. Vielmehr greift das vorliegende Buch drei Regionen heraus, in denen der Tourismus quantitativ die bedeutendste Rolle spielte. Dies sichert den drei ausgewählten Regionen eine gewisse Repräsentativität zu und erlaubt bis zu einer bestimmten, in den Kapiteln jeweils weiter auszuführenden Grenze generalisierbare Ergebnisse für die Auswirkungen des 33 Dies legen sowohl der Nachlass des Bürgermeisters von Barcelona Josep Maria de Porcioles, als auch zusätzliche Akten aus dessen Umfeld nahe. Porcioles war während der Zeit des Franquismus im Amt und kümmerte sich auch um die Förderung des Tourismus in Barcelona. Dieser hatte zu keiner Zeit eine Priorität noch wurde der Tourismus als wesentlicher Faktor für Stadtentwicklung oder soziale Veränderungen innerhalb der Stadt angesehen. Legado Josep Maria de Porcioles, Arxiu Nacional de Catalunya (ANC), 365-511-513. Dies hat sich mit den Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele von 1992 verändert. Vgl. Acebal, Moviments socials. Bohigas i Guardiola, Una nueva Barcelona. Zum Stadttourismus in Spanien vgl. Walton, Tourism and Consumption. 34 Die spanischen Großstädte sahen sich zum Zeitpunkt des Beginns des Massentourismus in Spanien dagegen mit ganz anderen Problemen konfrontiert, die vom Tourismus losgelöst waren und vor allem der Wohnungsnot, der Schaffung einer städtischen Infrastruktur und damit der Bewältigung der Folgen der immensen Land-Stadt-Wanderung gegenüberstanden. Vgl. Baumeister, Die „südeuropäische Stadt“. <?page no="21"?> 1. Einleitung 20 Tourismus in allen vom Tourismus betroffenen spanischen Küstenregionen zumindest am Mittelmeer. 35 Legt man den Maßstab der quantitativen Bedeutsamkeit des Tourismus für die jeweiligen Regionen an, stößt man auf die drei an der spanischen Mittelmeerküste gelegenen Provinzen Gerona, Málaga und die Balearen. Diese weisen im Untersuchungszeitraum die jeweils höchsten Touristenzahlen auf, wenn man die beiden Metropolen Madrid und Barcelona ausklammert. 36 Damit konzentriert sich die Untersuchung auf die Ebene der spanischen Provinzen. Diese Verwaltungseinheiten wurden während der franquistischen Diktatur jeweils von einem Zivilgouverneur geführt, der die Provinzregierung stellte und zusammen mit den Delegierten der einzelnen Ministerien, die ebenfalls in den Provinzhauptstädten ansässig waren, die Provinz verwaltete. Zudem war es die Aufgabe des Zivilgouverneurs, die Bürgermeister der Kommunen zu kontrollieren. 37 Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht ist die Verwaltungseinheit der Provinz damit eine Kategorie, die erwarten lässt, dass hier ausreichend Quellenmaterial generiert und überliefert wurde, da eben genau hier wesentliche Entscheidungen getroffen wurden. Doch waren es im Fall der drei genannten Provinzen jeweils nicht die gesamten Verwaltungseinheiten, die direkt von den Auswirkungen des entstehenden Massentourismus betroffen waren. Vielmehr konzentrierten sich diese primär auf die unmittelbaren Küstenregionen. Das Hinterland, das jeweils zur Verwaltungseinheit der Provinz gehörte, wurde zwar indirekt vom Tourismus beeinflusst und insoweit wird es auch in die Analyse miteinbezogen, doch konzentriert sich die Studie auf die Küsten selber, die im Fall der Provinz Málaga „Costa del Sol“ und im Fall der Provinz Gerona „Costa Brava“ heißen. 38 35 Die baskische Atlantikküste erfuhr bereits im späten 19. Jahrhundert einen Touristifizierungsschub, was der Tatsache geschuldet war, dass die spanische Königsfamilie ihre Sommerresidenz dorthin verlegte. Der Anstieg des Tourismus nach dem Zweiten Weltkrieg fand jedoch schwerpunktmäßig an den Küsten des Mittelmeers statt, wo sich in der Folge die meisten Touristen konzentrierten. Vgl. Walton, Consuming the Beach. Ders./ Smith, First Century. 36 Hier sei nur auf die zwei wichtigsten Erhebungen der spanischen Tourismusstatistiken hingewiesen, die eine regionale Differenzierung der Touristenzahlen vornahmen und im Jahr 1964 und 1970 durchgeführt wurden. Nach diesen standen eben diese Provinzen neben den beiden erwähnten Metropolen an der Spitze der gezählten Touristen bzw. Übernachtungsgäste. Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1965, S.- 745, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=177123&ext=.pdf, (3.3.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1971, S.- 699, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=30986&ext=.pdf, (3.3.2016). Auch das Verhältnis zwischen der Anzahl an Hotels bezogen auf 1.000 Einwohner war in der Provinz Gerona und auf den Balearen landesweit am höchsten, während es sich in Málaga auf einem ähnlichen Niveau wie etwa in Alicante und auf den Kanaren bewegte. Barke/ France, Tourist accommodation, S.187 f. 37 Eine umfassende geschichtswissenschaftliche Studie zu den Zivilgouverneuren im Franquismus fehlt bisher und stellt damit eine enorme Forschungslücke dar, handelte es sich doch um Schlüsselfiguren innerhalb des franquistischen Verwaltungs- und Herrschaftssystems. Vgl. aber Barranquero Salazar, La Administración periférica. 38 Zur Genese der Namen: zur Costa del Sol vgl. Barke/ France, The Costa del Sol, S.-266 f. Zur Costa Brava: Agulló i Ignasi Domènech, Per la Costa Brava. Sowie: Delegación Provincial de Gerona del Ministerio de Información y Turismo: Denominación Geoturística 'Costa Brava', 13.11.1964, Arxiu <?page no="22"?> 21 1.1 Fragestellung, Untersuchungsraum und definitorische Klärungen Die Provinz der Balearen wird zudem nicht als Ganze betrachtet. Um einen Raum vergleichbarer Größe im Verhältnis zu den beiden anderen Untersuchungsräumen heranzuziehen, wird im Verlauf der Studie nur die Insel Mallorca und dabei insbesondere deren Küstengegenden untersucht, während Ibiza, Menora und Formentera außen vor bleiben. 39 Um spezifische Fragen zu klären, erstreckt sich die Untersuchung auch auf einzelne Kommunen innerhalb dieser drei Untersuchungsräume. Da die Kommune wichtige Kompetenzen für die Ausgestaltung der lokalen Tourismuspolitik innehatte, kann die Untersuchung sich nicht nur auf die Ebene der Provinzen beschränken. Wie bei den Provinzen konnte auch hier nur eine Auswahl getroffen werden, die erheblich durch die Überlieferungslage determiniert ist. 40 Nach der räumlichen Verortung der Studie gilt es nun, die zeitliche Dimension zu erläutern. Die Entscheidung, die Untersuchung um die Mitte der 1950er-Jahre einsetzen zu lassen, ist zwei Beobachtungen geschuldet. Erstens gab es zwar bereits vor dem spanischen Bürgerkrieg und der Francodiktatur Touristen in Spanien, deren Präsenz teilweise durchaus in einigen Regionen ein transformatives Potential besaß, 41 doch wurde der Tourismus erst in den 1950er-Jahren tatsächlich ein Phänomen, dem eine außerordentliche gesellschaftliche und politische Relevanz zukam. Hatte der Tourismus in der Zeit vom Ausgang des 19. Jahrhunderts bis in die späten 1920er-Jahren zwar einzelne Orte bereits signifikant verändert, wurde er erst mit der politischen Förderung des Tourismus unter der Diktatur zu einem ubiquitären Phänomen, das lokale Begebenheiten, regionale und nationale Zusammenhänge bis hin zu translokalen und internationalen Interaktionen in ein neues Verhältnis setzte. Kurzum: in qualitativer wie auch in quantitativer Hinsicht unterschied sich der Tourismus, der ab den 1950er-Jahre erneut einsetzte, in seinen Auswirkungen fundamental von dem der Vorkriegszeit. 42 Zweitens entstand in Westeuropa erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein touristisches Mobilitätsregime, das in einer jährlichen Reisebewegung im großen Stil in den Süden Europas und in diesem Fall nach Spanien mündete. Erst die gesellschaftlichen Veränderungen in der Nachkriegszeit, insbesondere die Ausbreitung der Massenkonsumgesellschaft, führten ab den späten 1950er-Jahren 43 in den Herkunftsländern der zukünftigen Spanientouristen dazu, dass immer mehr Menschen in den Urlaub fuhren. Auch wenn innerhalb der einzelnen Gesellschaften die Reiseintensität noch weit unter der Schwelle von 50% lag und folglich nicht von Massentourismus im soziologischen Sinn gesprochen werden kann, sammelte sich in den Zielgebieten des Tourismus eine so große Zahl von Touristen, dass es die betreffenden Regionen tatsächlich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen mit dem Massentourismus zu tun bekamen. Genau davon war in der Vorkriegszeit noch keine Rede. Històric Girona (AHG), (3) Informació i Turisme 164. 39 Dies ist teilweise auch der Quellenlage geschuldet, da sich im zuständigen Archiv auf Mallorca kaum Akten zu den anderen Inseln der Balearen befinden. 40 Vgl. weiter unten die Ausführungen zur Quellenlage. 41 Vgl. Schönherr, Infrastrukturen, S.-452 ff. 42 Dies konstatiert auch Robert J. Buswell für Mallorca: Buswell, Mallorca and tourism, S.-1. 43 Kleinschmidt, Konsumgesellschaft, S.-140 f. <?page no="23"?> 1. Einleitung 22 Da die Geschichte des Massentourismus in Spanien keine abgeschlossene Geschichte ist, stellt sich zudem die Frage, wann sinnvollerweise der Untersuchungszeitraum der Studie enden sollte. Aus zwei Gründen wird die Untersuchung bis in die frühen 1980er-Jahre hinein ausgedehnt. Erstens war das Jahr 1975 mit dem Tod Francos und dem beginnenden Transitionsprozess für den Tourismus in Spanien keine ausgeprägte Zäsur. Dies wird ausführlich in den Einzelteilen der Arbeit gezeigt werden. Damit bietet sich 1975 als Schlusspunkt des Untersuchungsraums nicht an. Vielmehr wird der endgültige Abschluss der politischen Übergangsphase in den frühen 1980er- Jahren deshalb gewählt, da spätestens bis zu diesem Zeitpunkt die Verantwortung für die Tourismuspolitik an die neu gegründeten Comunidades Autónomas übertragen wurde. 44 Zugleich markierte das Ende der 1970erbzw. der Anfang der 1980er-Jahre den Beginn eines neuen Tourismusbooms, der die lange Krise der 1970er-Jahre im Tourismussektor endgültig beendete. 45 Die 1960er-Jahre sind als erste Boomphase des Tourismus in Spanien mit den bereits erwähnten enormen Wachstumsraten die Zeit, in der sich die größten vom Tourismus verursachten Veränderungen durchsetzten. Gegen Ende der 1960er-Jahre jedoch begannen sich erste Zeichen einer Krise zu zeigen, die sich Anfang der 1970er-Jahre dann noch verstärkten. Gerade diese Zeit markiert für die Untersuchung eine der Zäsuren, in der gesellschaftliche Debatten über den Tourismus und damit seine Wahrnehmung eine neue Richtung bekamen. Dies ist als Zeichen zu werten, dass bis zum Ende der 1960er-Jahre in den hier untersuchten Regionen der Touristifizierungsprozess, also der Vorgang der umfassenden Einstellung auf den Tourismus, zum Abschluss kam. Die Untersuchung gerade hier nicht abbrechen zu lassen, sondern zu analysieren, wie zeitgenössische Akteure im Verlauf der 1970er- Jahre mit der gesellschaftlichen Situation umgingen, ist insbesondere für die Frage der Wahrnehmung des Tourismus von großer Relevanz. 1.2 Forschungsstand zum Tourismus in Spanien Historikerinnen und Historiker entdeckten das Phänomen Tourismus erst in jüngerer Zeit. Dies gilt sowohl für die Tourismusgeschichte im Allgemeinen als auch für die Geschichte des Tourismus in Spanien. So bezeichnete etwa Rüdiger Hachtmann die Tourismusgeschichte als „Mauerblümchen mit Zukunft“ 46 und spielte damit auf den Sachverhalt an, dass sie als Subdisziplin der Geschichtswissenschaft insgesamt eine eher kurze Geschichte aufweise, im Vergleich zu anderen Forschungsrichtungen eher ein Schattendasein führe, aber durchaus ein in jüngster Zeit immer wieder demonstriertes innovatives Potential besitze. Dieses Potential erstreckte sich vor allem auf Un- 44 Garrido Moreno, Historia del turismo S.-304. 45 Pellejero Martínez, Tourism Costa del Sol, S.-213. 46 Hachtmann, Tourismusgeschichte - ein Mauerblümchen. <?page no="24"?> 23 1.2 Forschungsstand zum Tourismus in Spanien tersuchungen zur Herausbildung des Massentourismus, 47 auf touristische Praktiken, Erfahrungen und Wahrnehmungen von Touristen, 48 auf die Analyse der Selbstdarstellung touristischer Destinationen 49 sowie auf wirtschafts- und unternehmenshistorische Aspekte. 50 Mit den Folgen touristischer Reisen für die Zielgebiete der Urlaubsreisen und für die dort lebenden Menschen hingegen beschäftigten sich bisher nur sehr wenige geschichtswissenschaftliche Arbeiten. 51 Auch vonseiten der Tourismuswissenschaft blieb eine Beschäftigung mit den Folgen des Massentourismus weitgehend aus. Da die Tourismuswissenschaft sich in erster Linie als angewandte Wissenschaft verstand und bis heute zum Großteil immer noch versteht, 52 blieben die Konsequenzen touristischer Reisen für die Zielgebiete ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. 53 Eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Massentourismus und seinen Auswirkungen hat hingegen in der Geografie stattgefunden. Diese beschäftigte sich als Raumwissenschaft bereits in zeitgenössischen Studien, die innerhalb des Untersuchungszeitraums der vorliegenden Arbeit erschienen, mit den raumwirksamen Veränderungen des Tourismus. 54 Solche Studien bedienten sich eines Methodeninventars, das von teilnehmenden Beobachtungen über das Einziehen von Erkundigungen bei staatlichen Stellen bis hin zur mikroskopischen Untersuchung von Sandkörnern bekannter Strände reichte. In ihren Darstellungen und Bewertungen waren solche Arbeiten zudem stark an zeitgebundene Wertmaßstäbe gebunden und tendierten beispielsweise dazu, Haltungen und Einstellungen, die innerhalb der Bevölkerung Spaniens gegenüber dem Tourismus existierten, mit völkerpsychologischen Stereotypen zu erklären. 55 47 Vgl. Spode, „Reiseweltmeister“. Hachtmann, Schrittmacher des Massentourismus. Keitz, Reisen als Leitbild. Zuelow, History of Tourism. 48 Vgl. Manning, Italiengeneration. Pagenstecher, Neue Ansätze. Ders., Der bundesdeutsche Tourismus. Fabian, Massentourismus und Individualität. 49 Rosenbaum, Bavarian Tourism. 50 Kopper, Reise als Ware. Ders., Kundenvertrauen und Pauschalreise. Tissot (Hg.), Construction d’une industrie. 51 Vgl. bspw. für den Tourismus im Alpenraum Gigase/ Humair/ Tissot (Hg.), Le tourisme comme facteur. Cole/ Scharf, Alpine Tourism. Groß: Uphill and Downhill. Zu den Auswirkungen des alternativen Wandertourismus in Peru vgl. Maxwell, Tourism, Environment. Zum Ausbau des Massentourismus im französischen Languedoc-Roussillon und dessen Folgen vgl. Furlough/ Wakeman, Composing a Landscape. Dies., La Grande Motte. Zur Geschichte des Tourismus in Schleswig-Holstein läuft zurzeit ebenfalls ein Forschungsprojekt. Vgl. Harbeke, Der Strukturwandel. 52 Spode, Geburt einer Wissenschaft. 53 Vgl. aber bspw. Thiem, Tourismus und kulturelle Identität. 54 Zahn, Der Fremdenverkehr. Ders., Der Einfluß des Fremdenverkehrs. Riedel, Der Fremdenverkehr. Mayer, Die Balearen. Aus ökonomischer Sicht: Moser, Die Bedeutung des Tourismus. Stegger, Fremdenverkehr und Regionalentwicklung. Bernal, Tourisme et développement régional. Cals, La Costa Brava i el turisme. Naylon, Tourism. Richez, Le Développement du tourisme. 55 So etwa bei Ulf Zahn, der die gehäuften Beschwerden von deutschen Urlaubern über den angeblich schlechten Service in Spanien mit dem spanischen Ehrgefühl erklären wollte, das einer Orientierung an den Bedürfnissen des Kunden im Weg gestanden habe oder in wirtschaftlicher Hinsicht Spanier schlechthin für passiv hielt, weshalb er den Ausbau des Tourismus in Spanien allein auf die Aktivität <?page no="25"?> 1. Einleitung 24 Das Interesse der Geografie am Phänomen Tourismus und seinen Auswirkungen ebbte auch in späteren Jahren nicht ab. Geografische Arbeiten zum Tourismus widmeten sich auch direkt den in der vorliegenden Studie zu untersuchenden Räumen. 56 Anders als einige Arbeiten, die nur eine Momentaufnahme zu einem konkreten Zeitpunkt der Folgen des Tourismus boten, wurden gerade in jüngerer Zeit auch einige Arbeiten vorgelegt, welche die zeitliche Dimension stärker berücksichtigten und Darstellungs- und Erklärungsversuche im Hinblick auf die Entwicklung des Tourismus in Spanien seit den 1950er-Jahren unternahmen. 57 Gemeinsam ist diesen Arbeiten, dass sie sich vor allem auf die landschaftlichen, wirtschaftlichen und baulichen Veränderungen, die der Tourismus in Spanien hervorrief, konzentrierten und sich weniger mit sozialen und kulturellen Fragen beschäftigten. Nicht nur thematisch, sondern auch methodisch und konzeptionell blieben diese Studien begrenzt. So münden die Versuche, die Entwicklung des Tourismus in Spanien auf nur vergleichsweise wenigen Seiten erklären zu wollen, darin, dass sie über eine weitgehend deskriptive Beschreibung und damit einen konzisen sowie hilfreichen Überblick nicht hinaus kommen. Da diese geographischen Arbeiten sich nicht auf archivalische Quellen stützen, sondern entweder mit zeitgenössischen Publikationen oder eigenen statistischen Erhebungen etwa zur Entwicklung der Hotelkapazität arbeiten, bleiben insbesondere Fragen der Wahrnehmung und Deutung des Tourismus durch die historischen Akteure und damit der gesellschaftlichen Relevanz des Tourismus außen vor. Geschichtswissenschaftliche Arbeiten betrachteten die Geschichte des Spanientourismus bislang in erster Linie aus den Perspektiven der Wirtschafts-, Institutionen- und Politikgeschichte. Wirtschaftsgeschichtlich orientierte Studien 58 haben sich beispielsweise mit der Rolle des staatlichen Unternehmens Instituto Nacional de Industria bzw. dessen Ableger ATESA und ENTURSA, die bis in die 1980er-Jahre hinein Bestand hatten, beschäftigt. 59 Auch der Rolle staatlicher Hotels beim Ausbau des Tourismus und der Entwicklung der Beherbergungskapazität wurden eigene Studien gewidmet, die zum Teil auch regional perspektiviert sind. 60 Diese regionalen Fallstudien beschäfausländischer Unternehmen zurückzuführte. Zahn, Fremdenverkehr, S.-225-227. 56 Neuere geographische Arbeiten zum Tourismus in Spanien. Bote Gómez/ Sinclair, Tourism Demand and Supply. Breuer (Hg.), Fremdenverkehrsgebiete des Mittelmeerraums. Kulinat, Fremdenverkehr in den Mittelmeerländern. Ders., Touristischer. Ders., Fremdenverkehr in Spanien. Morris, Tourism and town planning. Ders./ Dickinson, Tourist development in Spain. Schmitt, Tourismus und Landschaftsschutz. Ders., Mallorca. 57 Buswell, Mallorca. Ders., Tourism in the Balearic Islands. Barke, The growth. Barke/ France, Development of Torremolinos. Dies., Costa del Sol. Barke/ Towner, History of Leisure. Barke/ Towner/ Newton, Introduction. Barke, Second homes in Spain. Barke/ France, Tourist accommodation. Fricke, Oropesa del Mar. Garay/ Cànovas, Análisis. Bardolet, Tourismus auf den Balearen. Breuer, Mallorca. Jaschke, Strukturelle Wandlungen. Rullan Salamanca, El comportamant municipal. Salva i Tomás, El Turisme. 58 Einschlägig dazu sind: Pellejero Martínez (Hg.), Historia de la economía del turismo. Secall Esteve/ García Fuentes (Hg.), Economía, historia e instituciones. Segreto/ Manera/ Pohl, Europe at the Seaside. 59 Pellejero Martínez, El Instituto Nacional de Industria. Ders., La empresa pública. 60 Pellejero Martínez, Los orígenes de la hotelería. Ders., Iniciativas y participación. López Cupeiro, La influencia del turismo. <?page no="26"?> 25 1.2 Forschungsstand zum Tourismus in Spanien tigen sich teilweise auch mit den ökonomischen Auswirkungen des Tourismus auf eine bestimmte Region. Hierzu wurden insbesondere nationale Statistiken ausgewertet und diese auf die Provinzebene heruntergerechnet. Inhaltlich ging es dabei etwa um die Steigerungsraten der Anzahl von Hotelbetrieben, Hotelbetten, Übernachtungsgästen und Tagesausflüglern. Ansatzweise wurden auch Daten über die Wirtschaftsstruktur auf den Balearen, an der Costa del Sol und der Costa Brava erhoben und dabei die fundamentale Orientierung auf den Dienstleistungssektor, die der Tourismus verursachte, konstatiert. 61 Methodisch handelt es sich folglich um in erster Linie quantitative Ansätze, die mit ihren Ergebnissen der vorliegenden Arbeit ein brauchbares Gerüst an Daten über quantitative Entwicklungen bereitstellen und gewinnbringend mit Fragen zur Wahrnehmung des Tourismus verbunden werden können. Eingehend untersucht wurde auch die institutionelle Entwicklung der politischen Administration, die sich mit dem Tourismus beschäftigte. Einschlägige Arbeiten dokumentierten anhand staatlicher Aktenbestände den Beginn der politischen Förderung des Tourismus seit dem Jahr 1905. Ein für die vorliegende Arbeit zentrales Ergebnis förderten die Studien zur institutionellen Entwicklung tourismusrelevanter politischer Administration zu Tage: Umso mehr Bedeutung die politischen Akteure dem Tourismus beimaßen, desto stärker wurde der Ausbau der institutionellen Verankerung von der spanischen Verwaltung betrieben. 62 Dabei widmeten sich Einzelstudien nicht nur der übergreifenden Entwicklung der Institutionen, die zur Förderung und Regulierung des Tourismus geschaffen wurden, sowie der jeweils verfolgten Strategien der Tourismuspolitik, 63 sondern auch Einzelaspekten wie der staatlichen Werbung für das Reise- und Urlaubsland im Ausland 64 oder den Versuchen des franquistischen Lagers, während des Bürgerkriegs den Tourismus anzukurbeln, um damit gezielt das Bild der Kriegspartei im Ausland zu beeinflussen. 65 Darüber hinaus untersuchten mehrere Studien den Ausbau der politischen Förderung und die Instrumentalisierung des Touris- 61 Navinés Badal, Economía balear. Benítez Mairata/ Ginard Bujosa, El Turisme. Martín Latorre, El turismo en Santander. Aguirre Franco, El turismo en el País Vasco. Pellejero Martínez, Tourism Costa del Sol. Ders., El turismo en la provincia de Málaga. Ders., Estadísticas históricas. Ders., Turismo y economía en la Málaga. Ders., El turismo, factor decisivo. Esteve Secall, Ocio, turismo y hoteles. Zu den mallorquinischen Hoteliers liegt eine eigene Studie vor, die vornehmlich aus betriebswirtschaftlicher Perspektive argumentiert: Amer i Fernàndez, Turisme i política. 62 Überblicksartig: Bayón Mariné (Hg.), 50 anõs del turismo español. Pellejero Martínez, Antecedentes históricos. Vallejo Pousado, Economía e historia del turismo. Pellejero Martínez, La intervención del Estado. Ders., La política turística. Ders., Iniciativas y participación. Ders., La política turística. Ders., Organización administrativa. Ders., La política turística en España. Cals, La Política Turística. 63 So etwa bei Moreno Garrido, Historia del turismo. Wenige Seiten dieser Synthese beschäftigen sich auch mit den gesellschaftlichen Auswirkungen des Tourismus in Spanien. Neben einer Analyse nationaler Tourismuspolitik findet sich auch bei Pack, Tourism and Dictatorship ein Kapitel zur Wahrnehmung des Tourismus in der spanischen Gesellschaft unter Franco. 64 Pellejero Martínez, La promoción del turismo. Poutet, Images touristiques de l’Espagne. Correyero Ruiz, La propaganda turística. Vanden Berghe/ Maddens, Las imágenes de España. Jüngst aus kunstgeschichtlicher Perspektive: Fuentes, Aportaciones 65 Vgl. Holguín, ‚National Spain Invites You‘. <?page no="27"?> 1. Einleitung 26 mus insbesondere während der Zeit des sogenannten Zweiten Franquismus von den späten 1950er-Jahren bis 1975. Untersuchungen betonten die Intention der franquistischen Tourismuspolitik, den Tourismus systematisch zu einem Medium der Auslandsrepräsentation zu machen. Die franquistische Tourismusadministration sei weit über die ersten bereits erwähnten Ansätze während des Bürgerkriegs hinausgegangen, so dass der Auslandstourismus nach Spanien aus dem restlichen Westeuropa und den USA als Möglichkeit angesehen wurde, das Bild der franquistischen Diktatur in den westlichen Staaten zu verändern. 66 Sasha D. Pack ging in seiner grundlegenden Arbeit zur Funktion der Tourismuspolitik innerhalb der franquistischen Diktatur noch einen Schritt weiter und schrieb dem Tourismus eine zentrale Stellung bei der Formulierung einer neuen politischen Ökonomie zu. Der Tourismus, so Pack, erhielt im Zuge der Öffnung des Landes nach außen eine zentrale Funktion sowohl im Hinblick auf die Integration Spaniens in die internationale Arena des Kalten Kriegs als auch hinsichtlich einer Neuausrichtung der wirtschaftlichen Grundstruktur des Landes. Insbesondere sei der Tourismus bei der Erarbeitung des sogenannten Stabilisierungsplans von 1959 ein wichtiger Faktor und damit mehr eine Ursache als eine reine Folge des neuen politischen Programms gewesen. 67 Die Initiatoren der wirtschaftlichen Reformen, 68 die 1959 als Reaktion auf die fortgesetzte schlechte wirtschaftliche Situation beschlossen wurden, 69 kalkulierten das zukünftige Anwachsen des Auslandstourismus und die damit ins Land fließenden Devisen bewusst ein, um mit deren Hilfe Spanien auf den Weg einer schnellen Industrialisierung zu bringen. 70 Und tatsächlich kam dem Tourismus während der 1960er-Jahren die zentrale Rolle innerhalb der spanischen Wirtschaft zu. Rafael Vallejo Pousado beschrieb den Tourismus in seiner Bedeutung für die Nationalökonomie deshalb als „[…] ein ökonomisch entscheidendes Phänomen im spanischen Entwicklungsmodell […]“ 71 Spanien kam dabei international gesehen eine Sonderstellung zu. Denn in keinem anderen Land trug der Tourismus so viel zum Bruttoinlandsprodukt bei wie hier. 72 Dass 1951 schließlich der Tourismus zusammen mit der Überwachung 66 Rosendorf, Be El Caudillo’s Guest. Pack, Tourism and Dictatorship, S.-34. 67 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-84. 68 Es handelte sich dabei überwiegend um Mitglieder der Laienorganisation des Opus Dei, die mit einer Verbindung aus liberalen ökonomischen Idealen und politischem Konservatismus das wirtschaftliche und politische System des Franquismus stabilisieren wollten. Casanova/ Gil Andrés, Twentieth- Century Spain, S.-256 f. Zum Opus Dei vgl. Ynfante, La prodigiosa aventura. Artigues, El Opus Dei. Prutsch, Iberische Diktaturen, S.- 147 f. Eine grundlegende Studie zur Politik des „desarrollo“ und deren Akteuren fehlt bislang noch. Im Entstehen begriffen ist jedoch eine Dissertation an der Universität Freiburg, die sich genau diesem Themenkomplex widmet: Anna Catharina Hoffmann: „España en desarrollo“. Diktatur, Entwicklung und Modernisierungsideologie unter dem Francoregime (1959- 1975). 69 Zum Stabilisierungsplan vgl. Tusell, Historia de España, S.-371-377. Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-233-235. Zelinsky, Spaniens wirtschaftspolitische Wende. 70 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-12. 71 Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo, S.-430. Vgl. auch: Tusell, Historia de España, S.-440. 72 Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo, S.-429. <?page no="28"?> 27 1.2 Forschungsstand zum Tourismus in Spanien der Medien und der staatlichen Außenrepräsentation zum Ressort eines Ministeriums wurde und 1962 den Rang eines ganzen Staatssekretariats einnahm, 73 war damit ein Ausweis der Wichtigkeit, die zumindest ein Teil der spanischen Politiker 74 dem Tourismus beimaßen. Mit Manuel Fraga Iribarne ernannte Franco 1962 einen öffentlichkeitswirksamen Politiker zum Minister für Information und Tourismus, der bis 1969 die spanische Tourismuspolitik prägte. 75 Zu einer Kontroverse innerhalb der Historiographie über die Geschichte des Tourismus in Spanien führte die Frage nach den langfristigen Folgen des Auslandstourismus für die politische Statik des Regimes. Einige Historiker stellten die These auf, der ausländische Massentourismus habe zu einer Liberalisierung und Demokratisierung innerhalb der Gesellschaft geführt und damit langfristig destabilisierend auf das diktatorische Regime gewirkt. 76 Dagegen vertrat Justin Crumbaugh die Ansicht, der Tourismus habe keine negativen Auswirkungen auf das System politischer Macht im Franquismus gehabt. Stattdessen habe der Tourismus eine stabilisierende Funktion für das franquistische Regime übernommen. 77 Crumbaugh argumentiert dabei unter Rückgriff auf Michel Foucaults Überlegungen zur Gouvernementalität. In diesem Zusammenhang interpretiert er den Tourismus aus der Perspektive des franquistischen Regimes als Dispositiv, das es dem Regime ermöglicht habe, Macht diffuser und weniger sichtbar auszuüben. 78 Genauer gesagt sei der Tourismus kein Faktor einer uninten- 73 Pellejero Martínez, Organización administrativa, S.-82 und 85. 74 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-116 und 124. Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.290 f. 75 Zur Person Manuel Fraga Iribarnes vgl. dessen Memoiren: Fraga Iribarne, Memoria breve sowie die Biographie Penella Heller, Manuel Fraga. 76 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-14 und 195. Pack macht den Tourismus dafür mitverantwortlich, dass Spanien heute eine funktionierende Demokratie ist. Abella, La vida cotidiana, S.- 180. Diese Arbeit ist aber eher als populärwissenschaftlich zu bezeichnen. Abella war kein Historiker, sondern eigentlich Chemiker. Das Buch galt jedoch für lange Zeit als einschlägige Auseinandersetzung mit der Alltags- und Kulturgeschichte des Franquismus. Torres, El amor, S.-184. Villán, Y vinieron las suecas, S.- 5. Ángel Ruiz Carnicer, El Sistema y la fabricación, S.- 310. Bernecker bezeichnet den Tourismus als „eine wirtschaftliche und kulturelle Brücke über die Pyrenäen-Barriere“ während der 1960er Jahre. Bernecker, Geschichte Spaniens, S.- 301. Prutsch, Iberische Diktaturen, S.- 188. Dort heißt es: „Der Tourismus kann in seiner Katalysatorfunktion für eine ‚Westeuropäisierung‘ nicht hoch genug eingeschätzt werden.“ Javier Tusell spricht vom Tourismus als lediglich einem Faktor beim Wandel kultureller Praktiken und Lebensstilen und nicht von einer Demokratisierung. Tusell, Historia de España, S.-441. Stanley G. Payne sieht im Tourismus ebenfalls eine Kraft, die die spanische Gesellschaft dem Einfluss anderer Lebensstile und Verhaltensweisen aussetzte, die von Spaniern sukzessive übernommen wurden. Payne, El régimen de Franco, S.-510 f. Ähnlich jüngst: Cayuela Sánchez, La biopolítica del franquismo, S.-172. Rosendorf, Be El Caudillo´s Guest, S.-407. Zur Debatte über die mögliche Demokratisierung und Liberalisierung durch Tourismus siehe auch den Überblick bei Fuentes, Aportaciones, S.-53-66. 77 Crumbaugh, Destination dictatorship, S.-1 und 5. Auch Tatjana Pavlovic sieht die Tourismuspolitik Manuel Fragas im Kontext eines Ringens um neue Legitimitationsfaktoren für das Regime innerhalb der spanischen Gesellschaft. Der neue Wohlstand, der durch die Devisen, die der Tourismus ins Land brachte, finanziert werden konnte, sollte Forderungen nach der Demokratisierung der Gesellschaft entgegenwirken. Pavlovic, The Mobile Nation, S.-14. 78 Crumbaugh, Destination Dictatorship, S.-17-18. So nennt Crumbaugh den Tourismus eine „Kunst <?page no="29"?> 1. Einleitung 28 dierten Demokratisierung gewesen, wie dies die erwähnte erste Gruppe von Historikern konstatierte. Stattdessen habe der Tourismus es dem Franco-Regime ermöglicht, eine Demokratisierung zu verhindern, indem das Regime mittels des Tourismus eine Ähnlichkeit zwischen Spanien und den westlichen Demokratien behaupten und damit weitergehenden Forderungen nach einer Demokratisierung eine Absage erteilen konnte. 79 Zusammengefasst sei der Tourismus für das Regime eine neue, an die sich wandelnde innen- und außenpolitische Situation angepasste Herrschaftsstrategie gewesen, die genau deshalb aus der Sicht von Justin Crumbaugh erfolgreich war, weil sie das Maß an Kontrolle augenscheinlich reduziert und damit suggeriert habe, weniger Macht auszuüben. 80 Beide Forschungsmeinungen bedürfen jedoch weiteren empirischen Überprüfungen. Während sich die erste Position vor allem in Gesamtdarstellungen zur spanischen Geschichte findet, ohne dass für sie tatsächlich Belege angeführt werden, bedient sich Justin Crumbaugh fast ausschließlich filmischer Quellen und Aussagen bekannter spanischer Schriftsteller wie Juan Goytisolo, Max Aub oder Manuel Vazquez Montalbán. Eine Ausnahme stellt die Arbeit von Sasha D. Pack dar, die sich intensiv auf der Grundlage von archivalischen Quellen mit der spanischen Tourismuspolitik auseinandersetzt und auch ein Kapitel enthält, das sich überblicksartig auf nationalstaatlicher Ebene mit der gesellschaftlichen Relevanz des Tourismus beschäftigt. 81 Aber dennoch fehlt allen erwähnten Arbeiten eine detaillierte Analyse der Auswirkungen der franquistischen und postfranquistischen Tourismuspolitik auf diejenigen Regionen, in denen der Tourismus entweder eine demokratisierende Wirkung hatte oder die franquistische Herrschaft eher bestärkte, ohne bürgerliche Mitspracherechte zu erweitern. Unter Demokratisierung kann im Franquismus nur ein Prozess aufgefasst werden, der in ersten Ansätzen eine Annäherung an politische Partizipation breiterer Bevölkerungsschichten im Sinne von Mitspracherechten bei relevanten Entscheidungen beinhaltete. Dies schließt einen möglichen Wandel von Öffentlichkeitsstrukturen ein, also die Art und Weise, wie und unter Einschluss welcher Kreise Probleme diskutiert oder eben auch verschwiegen wurden. Erst für die Zeit nach 1975 kann überhaupt von einer tatsächlichen Demokratisierung im Sinne der Einführung demokratischer Prinzipien bei politischen Entscheidungen gesprochen werden. Doch auch für die Zeit der Transición, dem Übergang von Diktatur zu Demokratie der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre war die Anwendung demokratischer Prinzipien und die Etablierung einer demokratisch kontrollierten Öffentlichkeit kein Selbstläufer, sondern besaß ebenfalls etwas Prozesshaftes. Die Darstellung des Forschungsstandes machte deutlich, dass die Konsequenzen des Tourismus in Spanien für die direkt von ihm betroffenen Regionen und der dort ansässigen Bevölkerung bisher kaum thematisiert wurden. Wenn, dann handelt es des Regierens“: Ders., El turismo como arte. 79 Crumbaugh, Destination Dictatorship, S.-6. 80 Ebd., S.-16. 81 Pack, Tourism and Dictatorship, Kapitel 6, S.-137-190. <?page no="30"?> 29 1.3 Theoretischer Bezugsrahmen und methodische Grundlagen sich um vornehmlich quantitativ-wirtschaftsgeschichtliche Arbeiten. Fragen über die Wahrnehmung des Tourismus durch gesellschaftliche Akteure und nach der Bedeutung, die diese dem Tourismus zumaßen, fehlen ebenfalls fast vollständig. Vor allem aber dominiert eine nationalstaats- und institutionengeschichtliche Herangehensweise, die die Prozesse vor Ort so gut wie nicht in die Analyse einbezieht. 1.3 Theoretischer Bezugsrahmen und methodische Grundlagen Beantworten lassen sich diese Fragen nach den gesellschaftlichen Auswirkungen des Tourismus nur, wenn sich die Untersuchung auf die bereits erwähnten konkreten Untersuchungsräume auf den Ebenen der Regionen und Lokalitäten konzentriert, die tatsächlich, und nicht nur vermittelt über nationale Medien, vom Tourismusboom betroffen waren. Indem die Arbeit danach fragt, was sich durch den Massentourismus in den untersuchten Orten und Regionen veränderte und inwieweit der Tourismus von den zeitgenössischen Akteuren gefördert oder abgelehnt wurde, um bestimmte Veränderungen herbeizuführen oder zu verhindern, konzeptualisiert die vorliegende Studie diese Räume als offene Entitäten, deren Wandel aus der Wirkung des - im Falle Spaniens - exogenen Faktors Tourismus erklärt werden kann. Unter diesen Voraussetzungen erscheint eine Herangehensweise nötig, die Tourismusgeschichte nicht als Lokal-, Regional- oder Nationalstaatsgeschichte schreibt, sondern dem Tourismus als exogen bedingtem Faktor historischen Wandels eine Schlüsselstellung einräumt. Damit schließt die Arbeit an jüngere Entwicklungen innerhalb globalgeschichtlich ausgerichteter Ansätze an, 82 die Globalgeschichte nicht als Makrogeschichte verstehen, sondern nach Bedingungen grenzüberschreitender Prozesse und deren Aus- und Rückwirkungen auf lokale und regionale Strukturen und Zugehörigkeiten fragen. 83 Die Hinwendung zu den Kategorien des Lokalen und Regionalen sowie deren Verflechtungen ist dabei nicht als schlichte Abgrenzung vom Konzept der transnationalen Geschichte 84 zu verstehen, sondern als Reaktion auf empirische Ergebnisse, dass Verflechtungen sich nicht so sehr auf der Ebene des Nationalen, sondern eben des Lokalen 82 Zum Konzept der Global- und Weltgeschichte im Allgemeinen: Osterhammel, Globalizations, S.-94-f. Ders., Globalgeschichte. Ders., Die Verwandlung der Welt, S.-13-22. Ders., Weltgeschichte, S.-460-f. Lingelbach, Plädoyer, S.-397. Vgl. auch: Komlosy, Globalgeschichte. Conrad, Globalgeschichte. Pernau, Transnationale Geschichte. Cooper, Was nützt der Begriff. Die jüngste Systematisierung der verschiedenen globalgeschichtlichen Herangehensweisen findet sich in: Epple, Die Größe zählt! 83 Freitag, Translokalität. Dies./ von Oppen, Introduction, S.-5 und 9. Epple, Lokalität. Paulmann, Regionen und Welten. Pernau, Transnationale Geschichte, S.-67-74. In der Einleitung zum Band „Globalgeschichten“, herausgegeben von Boris Barth, Stefanie Gänger und Niels P. Petersson sprechen die Autoren davon, die Globalgeschichte zu „‚erden‘“. Barth/ Gänger/ Petersson, Einleitung, S.- 14. Vgl. auch Robertson, Glokalisierung. 84 Zur transnationalen Geschichte vgl. Patel, Überlegungen. <?page no="31"?> 1. Einleitung 30 und Regionalen abspielen. 85 Der Tourismus in den spanischen Küstenregionen stellte sowohl in seinen Anfängen in den 1950er-Jahren als auch von den 1960er-Jahren bis in die 1970er-Jahre hinein in erster Linie eine Mobilitätsströmung dar, die sich von außerhalb der Grenzen des spanischen Nationalstaats in die Touristengegenden hinein richtete. 86 Wenn spanische Akteure im besagten Zeitraum von Touristen sprachen, dann waren implizit immer ausländische Touristen gemeint, da aufgrund des niedrigeren Einkommensniveau in den 1950er- und noch 1960er-Jahren kaum auf den Inlandstourismus gesetzt wurde. Die Wandlungsprozesse, die sich in den untersuchten Räumen vollzogen, waren folglich Produkte eines Zusammenspiels der Auswirkungen des Tourismus als exogenem Faktor 87 und endogenen Entwicklungen. Konkreter bildete die Präsenz insbesondere von französischen, britischen und deutschen Touristen, die zusammengenommen den Großteil der ausländischen Spanientouristen stellten, 88 einen wesentlichen Impulsgeber für Wandlungsprozesse auf kultureller, sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Ebene. Die gezielte Förderung des Tourismus durch staatliche und private Akteure war immer mit der Hoffnung verknüpft, lokale und regionale Strukturen mit Hilfe der Einkünfte, die der ausländische Tourismus in den untersuchten Räumen generierte, auf eine bestimmte Art und Weise zu verändern. Bei dem hier untersuchten Phänomen handelt es sich mithin um den Versuch der gezielten Lokalisierung eines grenzüberschreitenden Mobilitätsstroms. Dieser entsprang, so lässt sich in Anlehnung an eine These Jens Ivo Engels zur Transnationalisierung europäischer Infrastrukturnetze sagen, den Interessen lokal, regional und national agierender Akteure. 89 Das hier untersuchte Szenario einer grenzüberschreitenden Mobilität im europäischen Rahmen und deren intendierte und nicht intendierte Folgen waren also kein Ergebnis einer anonymen Globalisierung, 90 sondern das Resultat einer Mischung aus nationalen, regionalen und lokalen Entscheidungsprozessen auf der einen Seite und der Aktivität transnational tätiger Unternehmen und den konkreten Entscheidungen der Touristen vor Ort auf der anderen Seite. Die Arbeit konzentriert sich neben der Analyse der vom Tourismus 85 Epple, Die Größe zählt, S.- 423. Siehe auch Middell, Spatial Turn, S.- 117, der von „Archipelen der Globalisierung“ spricht. 86 Noch 1973 lag die Reiseintensität der Spanier bei ca. 20%, während die Zahlen der eingereisten Ausländer in Spanien zwischen 1950 und 1980 von 457 000 auf 32,92 Mio. Reisende anstiegen. Die Zahlen wurden auf Grundlage der Grenzmethode erfasst. Die tatsächliche Zahl der Touristen ist folglich geringer zu veranschlagen. Trotzdem dürften wohl erst ab 1970 50% der durch den Tourismus in Spanien erwirtschafteten Einkünfte aus dem Inlandstourismus gestammt haben. Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo, S.-427 und 430. Zur im europäischen Vergleich deutlich geringeren Reiseintensität der Spanier vgl. Gutiérrez/ Gallego/ Viedma Rojas, El proceso de constitución, S.-153. 87 Die Frage nach exogenen Faktoren gesellschaftlichen Wandels ist eine zentrale Perspektive der Globalgeschichte. Conrad, Globalgeschichte, S.-21. 88 Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo, S.-427 89 So die These Jens Ivo Engels, dass Prozesse von Transnationalisierung zumeist ihre Ursache in nationalen Interessen haben: Engels, Machtfragen, S.-59. 90 Zur Kritik am Begriff der Globalisierung aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive vgl. Cooper, Globalisierung. <?page no="32"?> 31 1.3 Theoretischer Bezugsrahmen und methodische Grundlagen hervorgehobenen Veränderungen auch auf die Wahrnehmung und Bewertung der Verbindung zwischen den spanischen Tourismusregionen und den Herkunftsländern der Touristen, da diesen Wahrnehmungsmustern, so die These dieser Arbeit, eine große Relevanz im Hinblick auf die durch diese Entscheidungen induzierten und damit durch den Tourismus hervorgerufenen Wandlungsprozessen zukam. 91 Dieser doppelte Rahmen der Untersuchung stellt die Lokalitäten und Regionen ins Zentrum des Forschungsinteresses und folgt damit dem Ansatz einer „globalen Mikrogeschichte“ 92 , die sich für die Entstehung konkreter grenzüberschreitender Ströme und deren Auswirkungen auf fallstudienhaft ausgewählte Räume und Akteure interessiert. 93 Es geht also nicht einfach darum, eine Lokal- oder Regionalgeschichte der untersuchten Räume unter Einbezug des Tourismus zu schreiben, bei der Tourismus lediglich einen unter vielen zu untersuchenden Aspekten darstellt und nicht zum eigentlichen Thema der Untersuchung wird, 94 sondern eine Geschichte der Auswirkungen des Tourismus und des Umgangs mit ihnen. 95 Dabei geht die Arbeit von der These aus, dass der ausländische Tourismus in den untersuchten Regionen zum zentralen Dreh- und Angelpunkt sowohl gesellschaftlicher Debatten und Zukunftsvorstellungen als auch struktureller Rahmenbedingungen wurde. Kategorien wie Fortschritt, Entwicklung und Modernisierung waren für die Zeitgenossen aufs Engste mit dem Tourismus verbunden. Wurde folglich vom Tourismus oder seinen Auswirkungen gesprochen oder um diese Phänomene gestritten, so lassen sich diese Aussagen zugleich als Deutungen und Vorstellungen über einen sich vollziehenden Modernisierungsprozess und dessen Folgen lesen. „Entwicklung‘ und ‚Modernisierung‘ werden im Rahmen dieser Arbeit in erster Linie nicht als objektiv beschreibbare sozioökonomisches Phänomene analysiert, sondern als handlungsleitende Akteurskategorien. 96 Deshalb kann die vorliegende Arbeit auch einen Beitrag zur 91 Vgl. Conrad, Globalgeschichte, S.-105, der fordert, die Beurteilung und Wahrnehmung von Vernetzungen durch Zeitgenossen zum Thema zu machen. Ähnlich: Grewe, Globale Verflechtungsgeschichte, S.-51. 92 Epple, Die Größe zählt, S.-422. Eine Mikrogeschichte im eigentlichen Sinne ist diese Arbeit aber nicht. Aufgrund der Quellenlage und der empirischen Beobachtung der Wirkungszusammenhänge zwischen Lokalitäten, Regionen und der nationalen Ebene ließ sich diese Studie nicht als reine Mikrogeschichte eines Touristenortes schreiben, an dem alle Facetten des Tourismus und seinen Auswirkungen gezeigt werden könnten. Dennoch ist die Arbeit deutlich von der Herangehensweise einer Mikrogeschichte, die sich für Verflechtungsfragen interessiert, geprägt, auch wenn der Untersuchungsraum nicht so deutlich begrenzt wird, wie das bei klassischen mikrogeschichtlichen Studien der Fall ist. 93 Epple, The Global, S.-166 f. Epple, Lokalität, S.-24 f. Freitag, Translokalität, insbes. S.-3 und 12. In Abwandlung zu Osterhammel könnte man auch von einer translokal bzw. transregional erweiterten Gesellschaftsgeschichte sprechen. Vgl. Osterhammel, Transnationale Gesellschaftsgeschichte. 94 So eine Geschichte Mallorcas unter Berücksichtigung des Tourismus hat Ekkehard Schönherr geschrieben: Schönherr, Infrastrukturen. 95 Geschichtswissenschaftliche Studien, die sich genau dies vornehmen, sind äußerst rar. Deshalb plädiert auch Zuelow für die „Necessity of Touring beyond the Nation“ und macht darauf aufmerksam, wie selten der Tourismus tatsächlich als grenzüberschreitendes Phänomen untersucht wurde. Zuelow, The Necessity of Touring, S.-1. 96 Longhurst, Culture and development, S.-27. <?page no="33"?> 1. Einleitung 32 Frage leisten, wie „Entwicklung“ und Fortschritt in ländlichen, peripheren Regionen Spaniens 97 gedacht wurde und welche Konsequenzen dies für Strukturveränderungen und langfristige Kontinuitäten hatte. Außerdem geht es darum, zu fragen, wie Modernisierungsvorstellungen in den untersuchten Räumen in die Praxis umgesetzt und inwiefern sie mit dem Tourismus verknüpft wurden. Die Kategorien ‚Fortschritt‘, ‚Entwicklung‘ und ‚Modernisierung‘ sind also keine Analysekategorien, sondern zeitgenössische Konzepte und somit als Untersuchungsgegenstände 98 zu verstehen. Ihre Analyse gibt darüber Auskunft, wie diese Kategorien strukturelle Veränderungen nach sich zogen und sich im Wechselspiel zwischen Struktur und Erfahrung veränderten. In diesem Sinne muss es auch Ziel der Arbeit sein, einen Erklärungsversuch zu unternehmen, warum das massentouristische Modell in Spanien, das sich in den 1960er-Jahren etablierte, innerhalb des Untersuchungszeitraums eine starke Kontinuität aufwies. Aus der Perspektive eines geschichtswissenschaftlichen Ansatzes, der die Handlungsspielräume, Vorstellungen und Meinungen zeitgenössischer Akteure ernst nimmt, muss gerade danach gefragt werden, warum es konkret zu einem Wandel kam oder warum sich welche Kontinuitäten fortsetzten. Will man die Kontinuität des massentouristischen Modells bei gleichzeitig ablaufenden Wandlungsprozessen auf anderen gesellschaftlichen Feldern erklären, ist es notwendig, die Faktoren herauszuarbeiten, die dieses Zusammenwirken von Kontinuität und Wandel bedingt haben. So gilt es, Gründe dafür zu finden, warum die in dieser Untersuchung im Fokus stehenden regionalen Gesellschaften über Jahrzehnte hinweg den Ausbau des Tourismus immer weiter förderten, dafür einen enormen Ressourcenverbrauch in Kauf nahmen und alternative Wege der Wertschöpfung weitgehend ungenutzt ließen. Neben diesen Erkenntnissen über die Wahrnehmung von Tourismus als Faktor von Modernisierung verspricht die Arbeit auch Erkenntnisse zutage zu fördern, die weitere Diskussionen innerhalb der globalgeschichtlichen Ansätze bereichern können. Dies gilt etwa für den Begriff der Verflechtung, der bisher weitgehend unreflektiert geblieben ist und auch nicht für einzelne, konkrete historische Settings differenziert wurde. 99 97 Unter diesem Gesichtspunkt kann die Arbeit auch eine Antwort auf die Frage geben, wie ländlich geprägte Räume mit dem Phänomen der Urbanisierung und seinen Begleitumständen umgingen, die der Tourismus mit sich brachte. Dies schließt an jüngste Debatten innerhalb der Stadt-Land-Forschung an, die entweder in der Tradition Henri Lefebvres von einer zunehmenden Urbanisierung des Landes sprechen oder im Gegensatz dazu die Kontinuität spezifischer Charakteristika ländlicher Räume bis weit ins späte 20. Jahrhundert hinein betonen, obwohl sich städtische Strukturen und Lebensweisen immer weiter ausbreiteten. Vgl. für die erste These: Lefebvre, Die Revolution der Städte, S.-7. Tenfelde, Die Welt als Stadt? , S.- 263. Lenger, Metropolen der Moderne, S.- 461. Im Hinblick auf die Gegenwart bzw. die jüngste Zeitgeschichte argumentierend: Dirksmeier, Urbanität als Habitus, S.-266. Brenner/ Schmid, Towards a new epistemology, S.-173: Für die zweite These: Kersting/ Zimmermann, Stadt-Land-Beziehungen, S.-20 f. und 29. 98 Zum Begriff der Moderne als Akteurs- und Analysekategorie vgl. Cooper, Moderne, S.-194, 224, 252. 99 Vgl. Barth/ Gänger/ Petersson, Einleitung, S.-10, die vor der Suggestivkraft von Begriffen warnen, die Globalisierungsprozesse beschreiben sollen. Vgl. auch die Kritik Bernd Stefan Grewes im selben Band. Grewe, Globale Verflechtungsgeschichte, S.- 50. Eine erste Systematisierung verschiedener Verflechtungsszenarien findet sich in Osterhammel, Weltgeschichte, S.-472 f. Zum Begriff der Strömung als <?page no="34"?> 33 1.3 Theoretischer Bezugsrahmen und methodische Grundlagen Hier ist also die Frage zu beantworten, welche Charakteristika das hier beschriebene tourismusinduzierte Szenario grenzüberschreitender Bewegung mit seinen Folgen hatte, 100 aber auch welche Widerstände gegen solche Verbindungen und Abhängigkeiten bestanden. Dies macht es möglich, den Begriff der Verflechtung, der bisher weitgehend ohne Spezifizierung verwendet wurde, zu differenzieren. Auch die Frage, ob der Tourismus zu einer „transnationalen Kommunikation von unten“ 101 führte und somit zu Situationen gelingender Kommunikation zwischen Touristen und Einheimischen, wie es diese Bezeichnung suggeriert, kann im Rahmen dieser Arbeit für den Fall spanischer Tourismusgegenden beantwortet werden. Damit einher geht die Frage, ob der Tourismus eher zu einer Veränderung von Stereotypen, Bildern und Wahrnehmungen über andere Länder, Regionen und Menschen führte oder eben diese eher verstärkte bzw. deren Wandel verhinderte. 102 Neben Überlegungen aus dem Umfeld der Globalgeschichte kann sich die vorliegende Studie zudem auf Arbeiten stützen, die dem hier vertretenen Ansatz ähnlich sind und sich bereits in Teilaspekten mit den hier aufgeworfenen Fragestellungen beschäftigten. So gibt es insbesondere in der Ethnologie eine Forschungstradition, die sich mit den Auswirkungen des Tourismus und seiner Wahrnehmung durch Einheimische beschäftigt. Hier standen insbesondere die Haltungen und Einstellungen, aber auch mögliche Transfers von Mentalitäten und Verhaltensweisen ausgehend von den Touristen im Fokus der Forschungsprojekte. Bereits 1977 erschien unter dem Titel „Hosts and Guests. The Anthropology of Tourism“ ein Sammelband, der sich explizit den Beziehungen zwischen Reisenden und ‚Bereisten‘ widmete. 103 Dabei befassten sich ethnologische Feldstudien zumeist mit Hilfe der Methode der teilnehmenden Beobachtung mit den Reaktionen innerhalb der einheimischen Bevölkerung auf die Präsenz von Touristen. Bezogen auf die frühen 1970er-Jahre war das übergreifende Ergebnis, dass der Massentourismus in seinen Zielorten umfassendere Folgen hatte als für die Touristen selbst. 104 Eine bedeutende Strömung innerhalb dieser Forschungen schrieb dem globalen Massentourismus eine eher zerstörerische Wirkung im Hinblick auf lokale Kulturen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu. 105 Ähnliche ethnologische Untersuchungen Metapher für grenzüberschreitende Bewegungen vgl. den Aufsatz von: Rockefeller, Flow. 100 So macht insbesondere Sebastian Conrad darauf aufmerksam, es eine Aufgabe der Globalgeschichte in der Zukunft sei, Verflechtungen nicht nur zu konstatieren und sichtbar zu machen, sondern auch „nachzuweisen, wie diese Interaktionen sich auswirkten, wie weit sie trugen, welche sich überlagernde Strukturen am Werk waren - und wo Verbindungen ihre Grenze fanden.“ Conrad, Globalgeschichte, S.-28. 101 Mergel, Europe as Leisure. Ders., Transnationale Kommunikation. 102 Die letztere These vertreten Hahn/ Hahn, Nationale Stereotypen, S.-22. 103 Smith (Hg.), Hosts and Guests, 1. Aufl. Mit einer spanischen Region befassten sich allerdings nur zwei Beiträge: Greenwood, Culture by the Pound. Pi-Sunyer, Through Native Eyes. 104 Nuñez, Touristic Studies, S.-268. 105 So in Smith, Introduction, S.7. In der zweiten Auflage des Sammelbandes schwächte Smith diesen Befund etwas ab und konstatierte auf einer allgemeinen Ebene: „The tourist trade does not have to be culturally damaging.“ Smith: Introduction, S.-9. Klarer dominierte diese Einschätzung aber in: Green- <?page no="35"?> 1. Einleitung 34 über die Beziehungen zwischen Reisenden und ‚Bereisten‘ wurden in der Folgezeit sowohl im deutschsprachigen Raum, hier mit einem Schwerpunkt auf den Alpenraum, als auch im angloamerikanischen Raum durchgeführt. 106 Jüngst konzentrierten sich Studien zudem explizit auf den Mittelmeerraum als touristischen Raum und widmeten sich aktuellen Entwicklungen im Massentourismus aus ethnologischer Perspektive. 107 Konkret mit den in dieser Arbeit untersuchten Räumen beschäftigten sich jedoch nur sehr wenige Arbeiten. 108 Zudem weisen die ethnologischen Feldstudien zumeist nur eine eingeschränkte zeitliche Dimension auf und bieten eher einen Querschnitt kultureller und sozialer Muster zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem konkreten Ort. Eine historische Tiefendimension fehlt ihnen jedoch. Darüber hinaus verbanden die Autorinnen und Autoren zeitgenössischer Untersuchungen, die innerhalb der in dieser Arbeit untersuchten Regionen entstanden, konkrete Ziele bzw. offenbarten die persönlichen und politischen Einstellungen und Einschätzungen ihrer Autoren gegenüber dem Tourismus. 109 Sie sind folglich für Historikerinnen und Historiker zum einen ein Fenster zu den Einstellungen und dem Umgang mit dem Tourismus durch die Einheimischen, zum anderen aber auch selbst Quellen, die in den Kontext ihrer Entstehung eingeordnet werden müssen, ohne den auch die von ihnen produzierten Ergebnisse nicht zu verstehen sind. Die ethnologischen Vorarbeiten bleiben insgesamt jedoch eine wichtige Grundlage dieser Arbeit, da sie insbesondere für die hier verfolgte Fragestellung wegweisend und anregend sind, auch wenn sie sich in methodischer und analytischer Hinsicht vom hier gewählten Ansatz deutlich unterscheiden. 110 wood, Culture by the Pound, S.-135. Ähnlich: Pi-Sunyer, Tourism and Its Discontents, S.-16. Spätere Studien relativierten die generalisierte Zuschreibung des Tourismus als Kulturzerstörers, machten aber stattdessen darauf aufmerksam, dass der Tourismus in vielen Fällen erst dazu führe, dass sich Einheimische über den Wert ihrer kulturellen Praktiken im Klaren werden würden. Boissevain, Introduction, S.- 13. Für die soziologische Forschung vgl. Preglau, „Kolonialisierung der Lebenswelt“? , S.- 49 f. und 60. Preglau betont, dass sich das Konzept der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ für die Erforschung der soziokulturellen Auswirkungen des Tourismus bewährt habe: „Die endogene Dynamik hoch entwickelter, ‚monokultureller‘ touristischer Systeme gefährdet offenbar tendenziell die Integrität der Lebenswelt in den Zielgebieten und führt zu entsprechenden lebensweltlichen Abwehrreaktionen (Akzeptanzprobleme, Widerstand gegen Großprojekte etc.).“ 106 Wiesmann, Wirtschaftliche, gesellschaftliche und räumliche Bedeutung. Sünwold, „Stadt-Erfahrung“. Kapeller, Tourismus und Volkskultur. Pöttler (Hg.), Tourismus und Regionalkultur. Tucker, The Ideal Village. Ders., Living with tourism. Boissevain, Coping with tourists. 107 Obrador Pons/ Crang/ Travlou (Hg.), Cultures of mass tourism. 108 Für die Costa Brava: Pi-Sunyer, Tourism and Its Discontents. Ders., Changing Perceptions. Für das Hinterland der Costa del Sol: Fraser, Tajos. 109 Das gilt insbesondere für den spanischen Soziologen und Tourismuskritiker Mario Gaviria. Vgl. Gaviria, España a Go-Go. Auch die im Auftrag oder Umfeld der katholischen Kirche entstandenen Erhebungen zur Wahrnehmung von Tourismus und dessen Auswirkungen sind enorm zeitgebunden und in einen tourismuskritischen Diskurs eingebunden. Vázquez, Estudio socio-religioso. Duocastella, Sociología y pastoral .Vgl. Kapitel 5. 110 Darüber hinaus gibt es einige kleinere Arbeiten, die sich mit Teilaspekten der hier aufgeworfenen Fragestellungen für einzelne der hier untersuchten Regionen beschäftigen, ohne dies systematisch auf der Grundlage von archivalischen Quellen zu tun: so etwa der kurze Beitrag: Meliá Sinisterra, Turisme i societat a Balears sowie Sánchez Sánchez, El auge del turismo. Dies., Le tourisme des années 1960. <?page no="36"?> 35 1.3 Theoretischer Bezugsrahmen und methodische Grundlagen Den letzten hier zu nennenden Bezugspunkt der Studie bilden die neueren Diskussionen und Forschungen zur Kategorie ‚Raum‘ in der Geschichtswissenschaft. Während sich die Geographie als Wissenschaft vom Raum schon lange ganz dezidiert mit der Räumlichkeit und Raumwirksamkeit des Tourismus befasste, war die „Wiederkehr des Raumes“ 111 innerhalb der Geschichtswissenschaft bei der Erforschung der Tourismusgeschichte bisher nur in Teilen und deutlich zeitversetzt spürbar. Historiographische Arbeiten, die sich mit touristischen Räumen, deren Entstehung, Einrichtung und Wandelbarkeit beschäftigen und sich damit ganz explizit auf die Analysekategorie Raum stützen, sind nach wie vor rar. 112 Mithin lässt sich sagen, dass der spatial turn 113 innerhalb der Tourismusgeschichte noch nicht wirklich angekommen ist. Das überrascht umso mehr, wenn man sich das Potential des Tourismus, Räume und deren Wahrnehmungen fundamental zu verändern, vor Augen hält. Vergleicht man etwa Fotografien aus den frühen 1950er- Jahren, welche die in dieser Studie untersuchten Orte abbilden, mit solchen aus den 1970er- oder 1980er-Jahren, so sticht ja gerade der räumliche Wandel dieser Orte ins Auge. Die Frage nach der Entstehung und den Veränderungen dieser Räume erfordert jedoch ein Begriffsverständnis, das über konventionelle Definitionen des Raumes als physischer Umgebung hinausgeht. 114 Anstatt nur zu fragen, wie materielle Gegebenheiten wie etwa das Meer oder der Strand genutzt wurden, um den Tourismus zu fördern, muss es auch darum gehen, zu zeigen, welche Vorstellungen dieser Nutzung vorangingen, welche Folgen die Nutzung dieser Räume für deren Ausgestaltung hatte und was dies wiederum für die Wahrnehmung dieser Räume durch zeitgenössische Akteure bedeutete. Es geht mithin um die soziale Konstruktion von Räumen, 115 die ein Erklärungspotential für den Wandel von Räumen bereithält. Diesen Prozess der „Produktion des Raumes“, der von Henri Lefebvre mit der Trias aus räumlicher Praxis, Raumrepräsentationen und Repräsentationsräumen beschrieben wurde, 116 gilt es in dieser Studie heuristisch und analytisch zu nutzen, um so der räumlichen Dimension des Tourismus gerecht zu werden und die Kategorie Raum als wichtigen zu erklärenden Faktor für Wandlungsprozesse im Auge 111 Osterhammel, Die Wiederkehr des Raumes. 112 Mai, Die Erfindung. Ders., Touristische Räume im 19. Jahrhundert. Kolbe, Strandurlaub. Jüngst aber: Gosseye/ Heynen, Campsites as Utopias? . 113 Bachmann-Medick, Spatial turn. 114 Zu älteren Verwendungen des Konzepts Raum in der Geschichtswissenschaft vgl. die Ausführungen in Rau, Räume, S.-18-38. 115 Diese zentrale These Henri Lefebvres wurde zum Grundstein einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Beschäftigung mit der Kategorie Raum. Lefebvre, The production of space, S.- 26 f. Vgl. etwa die Beiträge in Döring/ Thielmann, Spatial Turn. Reinhart Koselleck vertrat dagegen die These, Räume seien nicht nur soziale Konstrukte, sondern auf einer Skala zwischen „Naturvorgegebenheit“ und menschlich geschaffenen Räumen einzuordnen. Koselleck, Raum und Geschichte, S.-83. 116 Lefebvre, The production of space, S.- 33. Mit räumlicher Praxis verbindet Lefebvre in erster Linie die konkrete Nutzung und Ausgestaltung eines Raumes, während Raumrepräsentationen als Vorstellungen über den Raum bestimmt werden. Repräsentationsräume bezeichnen die Ebene des gelebten Raumes, die insbesondere mit Bildern und Symbolen ausgestattet ist und damit dem Raum eine Bedeutung zuweist. <?page no="37"?> 1. Einleitung 36 zu behalten. 117 Dieser Fokus auf die soziale Konstruiertheit von Räumen ist darüber hinaus vor allem deshalb gerechtfertigt, da insbesondere der Massentourismus von der Forschung immer wieder mit der Schaffung von künstlichen Räumen und Heterotopien in Verbindung gebracht wurde, 118 die mit den physischen Beschaffenheiten eines Raums kaum etwas zu tun hatten und haben. Dieser Erweiterung ist grundsätzlich zuzustimmen, 119 doch darf die materielle Dimension von Räumen und deren Bedeutung nicht gänzlich vernachlässigt werden. 120 Im Falle der untersuchten spanischen Regionen waren materielle Bedingungen wie das Vorhandensein eines Strandes bzw. die geographische Lage direkt am Mittelmeer strategische Ressourcen, die die Vorbedingung für eine Transformation dieser Räume in Räume des Tourismus, des Vergnügens und der Freizeit waren. Insofern werden in der vorliegenden Arbeit beide Facetten der Raumanalyse einbezogen: die kulturelle ebenso wie die materielle. Beide Perspektiven werden jedoch miteinander verbunden, um deren wechselseitigen Bezug zueinander genauer zu beleuchten. 1.4 Quellenbasis Der Großteil der hier ausgewerteten Quellen besteht aus Archivalien, die im spanischen Verwaltungsarchiv in Alcalá de Henares und in mehreren Regional- und Lokalarchiven zusammengetragen wurden. Diese Quellen geben Auskunft über die politische und verwaltungstechnische Regulierung, Förderung und den gezielten Ausbau des Massentourismus in Spanien. Da der Fokus dieser Untersuchung auf den Auswirkungen und den Wahrnehmungen des Tourismus in den ausgewählten Regionen liegt, wurden im Verwaltungsarchiv diejenigen Bestände des Informations- und Tourismusministeriums bearbeitet, die in direktem Zusammenhang mit eben diesen Regionen stehen oder in einem übergeordneten Rahmen einen Einfluss auf die Entwicklung 117 Damit folgt diese Arbeit einer Feststellung Susanne Raus: „Raum […] ist kein Teilbereich, sondern eine zentrale Dimension der Gesellschaft und des menschlichen Handelns.“ Rau, Räume, S.-192. 118 Spode, Badende Körper, S.- 233 und 241. Geisthövel, Der Strand, S.- 129. Michel Foucault fasste die Touristendörfer des Club Mediteranée als Heterotopien auf, die er als „Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen wirkliche Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.“ Foucault, Andere Räume, S.-39. Auch Lefebvre sprach von touristischen Räumen als einem „great ‚vacational festival‘“. Lefebvre, The production of space, S.-58, siehe auch S.- 385, und betonte damit ihren Charakter als Gegenwelten zu den industrialisierten Zentren Westeuropas. Lefebvre definierte die „Hetero-Topie“ im Gegensatz zu Foucault als „den anderen Ort“ im Gegensatz zum Ort des Alltäglichen und legt damit ein relationales, gruppen- und wahrnehmungsbezogenes und auch wandelbares Verständnis einer Heterotopie vor. Lefebvre, Die Revolution der Städte, S.-45. 119 Lefebvre konstatierte ja gerade als Diagnose seiner zeitgenössischen Realität, dass der physische bzw. natürliche Raum im Verschwinden begriffen sei. Lefebvre, The production of space, S.-30. 120 Dipper/ Raphael, „Raum“ in der Europäischen Geschichte, S.-39 f. <?page no="38"?> 37 1.4 Quellenbasis in diesen Regionen hatten. Ein großer Teil der verwendeten Quellen stammt daher aus der Dirección General del Turismo, der Dirección General de Empresas y Actividades Turísticas, sowie der Dirección General de Promoción del Turismo bzw. ab 1973 die Dirección General de Ordenación del Turismo, also denjenigen Stabsstellen innerhalb des Ministeriums, die für diese Fragen zuständig waren. Auf der Ebene der Regionalarchive wurden insbesondere die überlieferten Akten der Zivilgouverneure ausgewertet, die auf der Ebene der Provinzen die machtvollsten politischen Akteure auch für den Tourismus waren. Ergänzend dazu wurden Akten der Provinzdelegationen des Informations- und Tourismusministeriums aus einigen Regionalarchiven herangezogen. Sie geben Auskunft über die Durchsetzung der zentralstaatlichen Tourismuspolitik, aber auch über regionale oder lokale Besonderheiten. Hierbei gilt es zu beachten, dass im strikt zentralstaatlich und hierarchisch organisierten Staat des Franco-Regimes die Provinzdelegierten der einzelnen Ministerien eigentlich lediglich die in Madrid gefassten Beschlüsse in den Provinzen ausführen und überwachen sollten. Tatsächlich kam ihnen aufgrund dieser Rolle aber eine Art Lokalmacht zu, die entscheidend für die tatsächliche Durchsetzung dieser Politiken war, und sie konnten, ähnlich wie die Zivilgouverneure, lokale und regionale Interessen durchaus protegieren, auch wenn diese denjenigen der Zentralregierung zuwider liefen oder sich nicht hundertprozentig mit diesen deckten. Auf der Ebene der Lokalarchive wurden insbesondere lokale Bebauungspläne und die in diesem Kontext entstandenen Dokumente herangezogen. Zudem spielte sich die Planung und Ausführung von Infrastrukturprojekten, die dem Tourismus dienten, zu einem großen Teil auf der Ebene der Kommunen ab und hinterließ Quellenbestände, die ebenfalls in den Lokalarchiven konsultiert wurden. Die Überlieferung von Vereinen, Nachtlokalen, Hotels und der lokalen Presse fanden ebenfalls über die Recherche in Lokalarchiven Eingang in den Quellenkorpus dieser Arbeit. Analog zu den drei Regionalarchiven der untersuchten Tourismusregionen, also dem Provinzarchiv in Girona an der Costa Brava, dem Regionalarchiv auf Mallorca und dem Provinzarchiv in Málaga, wurde versucht, in jeder dieser Regionen auch ein Lokalarchiv aufzusuchen, um die Geschichte eines möglichst repräsentativen Touristenorts abzudecken. An der Costa Brava wurde das Lokalarchiv von Lloret de Mar, dem zahlenmäßig bedeutendsten Tourismusort an besagtem Küstenabschnitt aufgesucht. Auf Mallorca diente das Lokalarchiv von Calviá als Äquivalent, das die Überlieferung der Touristenorte Magaluf, Paguera, Santa Ponsa und Palma Nova aufbewahrt. An der Costa del Sol ließ sich jedoch kein Lokalarchiv finden, das eine für die Forschung zugängliche und zugleich für die Fragestellung aussagekräftige Überlieferung vorhält. Idealerweise wäre Torremolinos ein vergleichbarer Ort zu Calviá und Lloret gewesen. Da Torremolinos jedoch in den 1920er-Jahren in die Stadt Málaga eingemeindet wurde, enthält das Lokalarchiv für die Zeit bis in die 1980er-Jahre keinerlei historische Quellen. Ebenfalls war es nicht möglich, im Stadtarchiv Málaga die entsprechenden Dokumente, die Torremolinos betreffen, einzusehen, da diese noch nicht, insofern sie überhaupt noch existieren, von der Stadtverwaltung an das Archiv abgegeben wurden. Eine alternative <?page no="39"?> 1. Einleitung 38 Nutzung der Bestände des Lokalarchivs der Gemeinde Benalmádena, die, zumindest einer eingesehenen Bestandsliste zufolge, für die hier interessierende Fragestellung einschlägig wären, war jedoch ebenso nicht möglich. Ein entsprechender Nutzungsantrag wurde nie beantwortet. Aussagen auf lokaler Ebene erstrecken sich deshalb hauptsächlich auf die Costa Brava und Mallorca, auch wenn sich in Einzelfällen Beispiele auf lokaler Ebene an der Costa del Sol ausgehend von Quellen im Provinzarchiv in Málaga oder im Verwaltungsarchiv rekonstruieren lassen. Eine Anfrage bei kirchlichen Archiven hinsichtlich von Beständen, die Reaktionen der Kirche auf den Tourismus dokumentieren, verlief ebenfalls negativ. Die Diözesanarchive in allen drei untersuchten Provinzen verneinten die Existenz solcher Bestände. Damit konnte die Rolle der Kirche nur über die in staatlichen Archiven erhaltenen Äußerungen von Kirchenvertretern rekonstruiert werden. Ergänzend zu den staatlichen Archiven wurde auf Mallorca das Archiv einer 1971 gegründeten Umwelt- und Naturschutzorganisation besucht und dort Quellen recherchiert, die vor allem im Hinblick auf die um 1970 entstehenden Tourismuskritik aus ökologischer Motivation aussagekräftig sind und somit insbesondere den Wandel in der Wahrnehmung des Tourismus beleuchten. An der Costa Brava wurden analog dazu Quellen aus dem Privatarchiv Jordi Sargatals, eines Umwelt- und Naturschutzaktivisten, der ab der Mitte der 1970er-Jahre Proteste gegen den Ausbau des Massentourismus organisierte, ausgewertet. Auch hier gibt es an der Costa del Sol keine vergleichbare Überlieferung. Dies liegt jedoch daran, dass sich bis in die 1980er-Jahren hinein keine vergleichbare Organisation an der Costa del Sol gründete, die Quellen irgendwelcher Art hätte hinterlassen können. Gemeinsam haben all diese Bestände, ob sie sich nun im Verwaltungsarchiv, in den Provinz-, Lokal- oder Privatarchiven befinden, dass sie sich häufig in einem ungeordneten Zustand befinden und archivarisch bisher kaum erschlossen sind. Auch im Verwaltungsarchiv konnte sich die Recherche vor allem an den innerministeriellen Abgabelisten orientieren, die erstellt wurden, als die Akten abgelegt und danach ins Archiv übernommen wurden. Eine systematische Suche innerhalb der Quellenbestände etwa nach bestimmten Orten oder speziellen Fragen war daher nur eingeschränkt möglich. Häufig enthalten die Kisten, in denen sich die Akten oft einfach in Form loser Blätter befinden, nicht den Inhalt, der den Abgabelisten gemäß zu erwarten gewesen wäre. Hinzu kommt eine enorme Diskontinuität innerhalb der Überlieferung, die eine Nachverfolgung eines administrativen Vorgangs oder eines spezifischen Problems über mehre Korrespondenzen und beteiligte Stellen hinweg äußerst schwierig gestaltet. So schreibt etwa Ana Moreno Garrido, eine ausgewiesene Expertin der spanischen Tourismusgeschichte über den Zustand der Überlieferung des Informations- und Tourismusministeriums im Verwaltungsarchiv, dass die Quellen dort: „chaotisch und wenig systematisiert“ organisiert seien und „bisweilen den Eindruck einer Ansammlung von Papieren vermittelten.“ 121 Dieser Sachverhalt macht es mitunter schwierig, tatsächlich 121 Moreno Garrido, Fuentes, S.-170. Alle spanischen und katalanischen Zitate wurden durch den Verfasser ins Deutsche übersetzt. <?page no="40"?> 39 1.5 Gang der Untersuchung die Handlungen einzelner Akteure und deren Intentionen nachzuvollziehen. Zu Praktiken verdichtete Einzelhandlungen bestimmter Akteure wie etwa Restaurantbesitzer oder Unterhaltungskünstler lassen sich deshalb aufgrund der Quellenlage häufig nur vom Ergebnis der Handlungen und Praktiken her erschließen und nicht in einzelnen Details quellenmäßig nachvollziehen. Somit setzen die benutzten Quellen bisweilen enge Grenzen, was die Fokussierung auf Akteurspraktiken angeht. Das trifft auch auf staatliche Akteure, insbesondere auf der regionalen und kommunalen Ebene, zu. Näheres über die Bürgermeister von in den 1960er-Jahren noch häufig sehr kleinen Kommunen zu ermitteln, gestaltete sich im Zuge der Archivrecherchen zumeist als unmöglich. Verwaltungsakten besitzen zudem im Hinblick etwa auf die Wahrnehmung und den Stellenwert des Tourismus innerhalb der betroffenen regionalen und lokalen Gesellschaften nur eine bedingte Aussagekraft. Um einige der bestehenden Lücken in der archivalischen Überlieferung zu schließen, aber auch um auf der Wahrnehmungsseite Antworten auf die gestellten Fragen zu finden, wurden zusätzlich national, aber auch vor allem regional zirkulierende Publikationen und ‚Graue Literatur‘ sowie Zeitungsartikel ausgewertet. Ebenso wurden ergänzende Recherchen in den britischen National Archives, dem TUI-Archiv in Hannover sowie dem Stadtarchiv München unternommen, um spezifische Fragen zu klären, die sowohl die Rolle von Reiseunternehmen in den untersuchten Regionen als auch mögliche Rückwirkungen auf die Herkunftsländer der Touristen betreffen. Auch in dieser Studie ist historische Erkenntnis von den zur Verfügung stehenden Quellen abhängig. Deshalb können einige der im Rahmen dieser Studie auf der Grundlage der soeben geschilderten Quellengrundlage entwickelten Beobachtungen und Thesen nur eine Annäherung an die historische Wirklichkeit sein, da sie nur für einen engen räumlichen Radius Geltungskraft beanspruchen. 1.5 Gang der Untersuchung Um die bereits vorgestellten Fragestellungen im Rahmen dieser Arbeit zu beantworten, wird für die Darstellung der Untersuchung ein systematischer Ansatz gewählt. Die Studie widmet sich in insgesamt fünf Kapiteln und einer Schlussbetrachtung der Frage der Auswirkungen der „Touristifizierung“ 122 in den ausgewählten spanischen Küstenregionen. Ausgehend vom diskursiven Prozess der Zuschreibung eines touristischen Werts auf einen bestimmten Raum, der in der soziologischen Literatur als „Touristifizierung“ bzw. „Touristifikation“ 123 bezeichnet wird und insbesondere im zweiten Kapitel untersucht wird, wird der Fokus in den folgenden Kapiteln mehr auf die gesellschaftsgeschichtlichen Auswirkungen des Tourismus und dessen Wahrnehmung gelegt. Damit spiegelt die Gliederung auch die Erweiterung des Begriffs der 122 Zum Begriff vgl. Wöhler, Touristifizierung von Räumen. 123 Ders., Touristifizierung von Räumen, S.-153. <?page no="41"?> 1. Einleitung 40 Touristifizierung wider, der in dieser Studie auf die Konsequenzen der eigentlichen Zuschreibung eines touristischen Werts für soziale, kulturelle, wirtschaftliche, landschaftliche und ökologische Zusammenhänge ausgedehnt wird. Das zweite Kapitel stellt neben der Analyse des Touristifizierungsprozesses im eigentlichen Sinne, also der ‚Entdeckung‘ der spanischen Mittelmeerküste für den Massentourismus, vor allem Kontinuitäten im spanischen Tourismus seit dem frühen 20. Jahrhundert sowie Anknüpfungspunkte bzw. Pfadabhängigkeiten für die massentouristische Nutzung der untersuchten Räume in den Mittelpunkt. Ergänzend dazu wird der Beginn des Massentourismus in Spanien in den 1950er-Jahren in den Kontext der franquistischen Diktatur eingebettet. Kapitel 2 bietet also keine umfassende Vorgeschichte der eigentlich untersuchten Vorgänge, sondern einen Überblick über die Vor- und Rahmenbedingungen der Etablierung des ausländischen Massentourismus in Spanien. In Kapitel 3 liegt der Fokus auf eben dieser Etablierung des massentouristischen Modells in den untersuchten Regionen. Mithin geht es darum zu zeigen, welche Faktoren notwendig waren, welche Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen und von unterschiedlichsten Akteuren getroffen wurden, um die untersuchten Regionen zu massentouristischen Regionen zu machen und mit welchen Folgen dies auf wirtschaftsstruktureller, demographischer, städtebaulicher und infrastruktureller Ebene einherging. Kapitel 4 beschäftigt sich daraufhin mit der Frage, wie das etablierte Modell des Massentourismus in den untersuchten Regionen zum Gegenstand gesellschaftlicher Kontroversen über die Nutzung und Ausgestaltung von Räumen wurde, es als Ganzes zunehmend in Frage gestellt wurde und dabei insbesondere als negativ wahrgenommene Folgen des Massentourismus auf der ökologischen und landschaftlichen Ebene entscheidend wurden. Im folgenden Kapitel verlagert sich der Schwerpunkt der Untersuchung auf soziale und kulturelle Konsequenzen des Massentourismus sowie auf den Umgang mit Fremdheit und Differenz, der angesichts der Tatsache, dass der Großteil der Touristen in Spanien aus dem Ausland stammte, eine besondere Spannung in sich trug. Das sechste Kapitel ist im Gegensatz zu den vorangehenden Kapiteln lediglich als Exkurs zu verstehen, der die insbesondere aus globalgeschichtlicher Sicht relevante Frage klären soll, ob der Spanientourismus neben den Auswirkungen auf die Tourismusregionen, die in den Kapiteln zwei bis fünf thematisiert werden, auch Rückwirkungen auf die Herkunftsgesellschaften der Touristen hatte. Dies wird am Beispiel des bundesdeutschen Tourismus geklärt. Zunächst wird der Blick nun aber auf die Konstruktion und Wahrnehmung Spaniens als Urlaubsland gerichtet, als das Land erste Schritte dazu unternahm, die beliebteste Tourismusdestination Europas zu werden. <?page no="42"?> 41 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 2.1 Außenpolitik im Wandel 2.1.1 Spaniens Weg aus der Isolation Nach dem Bürgerkrieg (1936 -1939) bzw. in der franquistischen Zone noch während des Krieges etablierte Franco eine diktatorische Herrschaft mit faschistischen Zügen. Die politische Ökonomie des sogenannten Ersten Franquismus beruhte dabei auf dem Konzept der Autarkie. Ziel der franquistischen Wirtschaftspolitik war es, mittels einer Strategie der Importsubstitution Spanien vom Weltmarkt unabhängiger zu machen und eine forcierte Industrialisierung zu fördern. 1 Das Konzept der Autarkie war dabei nicht fest ausgeformt, 2 da es nicht zuletzt durch die spezielle Stellung Spaniens während des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit bedingt war. Obwohl Spanien nicht selber direkt am Weltkrieg teilnahm und 1943 offiziell seine Neutralität erklärte, auch wenn Francos Regime im Bürgerkrieg sowohl von den Nationalsozialisten als auch von den italienischen Faschisten unterstützt worden war, wurde das Regime von den westlichen Alliierten als Kooperationspartner Hitlers eingestuft. 3 Dies hing neben der ideologischen Nähe zwischen den Regimen auch mit der Tatsache zusammen, dass die sogenannte „blaue Division“ bis 1943 zur Unterstützung der Achsenmächte an der Ostfront gekämpft hatte und Spanien unter anderem bis 1944 den wichtigen Rohstoff Wolfram an das Deutsche Reich geliefert hatte. 4 Bis zum Ende der 1940er-Jahre blieb Spanien folglich außenpolitisch weitgehend isoliert, was zusammen mit den Folgen des Bürgerkriegs zu einer desolaten wirtschaftlichen Lage im Land führte. 5 Dass Spanien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem der beliebtesten Urlaubsländer Europas werden konnte, hängt in nicht geringem Maße mit einer Änderung der franquistischen Außenpolitik und der ‚westlichen‘ Politik gegenüber Spanien zusammen. Kurz gesagt wandelte sich Spanien zu einem Verbündeten der USA und der NATO im „Kampf gegen den Kommunismus“. In dem Maße, in dem sich der Schwerpunkt der Außenpolitik der USA von der Bekämpfung des Faschismus hin zum „roll back“ gegenüber dem Kommunismus veränderte, geriet Spanien in den Blickpunkt der Militärstrategen im beginnenden Kalten 1 Schmidt, Diktatur und Demokratie, S.-455. 2 Camprubí, Engineer, S.-118. 3 Schmidt, Diktatur und Demokratie, S.-454 f. 4 Ebd., S.-453. 5 Aschmann, „Treue Freunde…“? , S.-56. <?page no="43"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 42 Krieg. War das franquistische Regime zuvor als faschistische Herrschaft stigmatisiert worden, rückte nun dessen antikommunistischer Charakter in den Fokus. Francos antikommunistische Haltung, die er im Bürgerkrieg mehr als deutlich demonstriert hatte und die ihre Fortsetzung in den 1940er-Jahren noch immer in Verfolgungen und Internierungen spanischer Linker fand, wurde nun zum außenpolitischen Kapital, mit dem das Regime Teil der internationalen Allianz gegen den Kommunismus werden konnte. Spanien wurde damit zu einem Mitglied der ‚westlichen‘ und ‚freien Welt‘ 6 , das im Kampf gegen den Kommunismus auf der Seite der USA stehen sollte. Die erste Folge dieser Neuorientierung der mentalen Karten und der damit einhergehenden politischen und militärstrategischen Konzepte war die Aufhebung der offiziell verkündeten politischen Isolation Spaniens durch die Vereinten Nationen. 7 Insbesondere der Korea-Krieg wirkte als Katalysator für die Re-Integration Spaniens in die außenpolitische Arena. Für die Vereinigten Staaten sollte Spanien „an der Südflanke des Nordatlantik Militärbasen zur Verfügung stellen“ 8 und somit die militärische Präsenz der USA in diesem Gebiet sichern. Das 1953 geschlossene Abkommen über militärische Zusammenarbeit mit den USA brachte für Spanien zudem wirtschaftliche Vorteile, da als Gegenleistung für die Möglichkeit zur Errichtung der US-Militärbasen dringend benötigte Devisen ins Land flossen. 9 1955 folgte die Aufnahme Spaniens in die UNO. 10 Die Integration ins ‚westliche Lager‘ ging auch mit einer verstärkten Annährung an die übrigen westeuropäischen Länder einher. Waren Großbritannien und Frankreich gegenüber der US-amerikanischen Spanienpolitik zunächst skeptisch, so schickte die Bundesrepublik 1952 wieder einen Botschafter nach Madrid. 11 Dabei spielten sowohl wirtschaftliche 12 als auch genuin politische Gründe eine Rolle. Für führende deutsche Außenpolitiker war Spanien gewissermaßen ein natürlicher Verbündeter und Teil Westeuropas. Spanien war in deren Augen ein integraler Bestandteil dessen, was mit dem Begriff ‚Abendland‘ bezeichnet wurde. Diese Ansicht wurde von spanischen Akteuren ebenfalls geteilt, so dass das Konzept des ‚Abendlandes‘ eine stabile Grundlage für die gegenseitige Annäherung auf politischer und wirtschaftlicher Ebene zwischen der Bundesrepublik und Spanien bilden konnte. 13 Durch den Abschluss eines neuen Konkordats erneuerte Spanien im Jahr 1953 zudem seine engen Beziehungen zum Vatikan und wurde dadurch wiederum auf dem internationalen Parkett salonfähig. 14 6 Mausbach, Erdachte Welten, S.-443. 7 Schmidt, Diktatur und Demokratie, S.-457. 8 Ebd. 9 Pereira Castañares, “Centinela de Occidente”, S.-670. 10 Schmidt, Diktatur und Demokratie, S.-457. 11 Aschmann, „Treue Freunde…“? , S.-214. 12 Ebd. Dabei ging es vor allem um die Beendigung von Enteignungen Deutscher in Spanien. 13 Mausbach, Erdachte Welten, S.-443. Schildt, Abendland und Amerika, S.-64. Großmann, Die Internationale, S.-145-163 und 203-208. Briesemeister, Spanien in der deutschen Essayistik, S.-86. 14 Schmidt, Diktatur und Demokratie, S.-457. <?page no="44"?> 43 2.1 Außenpolitik im Wandel Die außenpolitische und wirtschaftliche Integration Spaniens in das ideologische Konzept des ‚Westens‘ und die Annäherung an die anderen westeuropäischen Ländern hatte jedoch auch ihre Grenzen. So wurde Spanien trotz seiner strategischen Lage zwischen Atlantik und Mittelmeer sowie seiner Nähe zu Nordafrika nicht zum NATO- Mitglied. Der Beitritt zur NATO wurde erst 1986 vollzogen, als Spanien bereits erfolgreich den Übergang zur Demokratie bewerkstelligt hatte. 15 Auch von den Mitteln aus dem Marshall-Plan konnte Spanien, da es nicht direkt vom Weltkrieg betroffen gewesen war, nicht profitieren. 16 2.1.2 Der Stabilisierungsplan von 1959 und die Rolle des Tourismus In Zusammenhang mit der Öffnung des Landes für neue politische Allianzen stand der Wechsel ökonomischer Grundüberzeugungen. Hatte, wie bereits erwähnt, zuvor das Konzept der Autarkie das Denken über politische Ökonomie innerhalb des Franco-Regimes beherrscht, mehrten sich ab den frühen 1950er-Jahren Stimmen, die eine Abkehr vom Kurs der Autarkie forderten. 17 Trotz der wirtschaftlichen Erholung, die in den 1950er-Jahren einsetzte, 18 konnte sich die Wirtschaft insgesamt bis Ende der 1950er-nicht stabilisieren. Ende der Fünfziger verschärfte sich die Situation. Franco nahm daraufhin eine Regierungsumbildung vor, die Vertreter eines wirtschaftsliberalen Kurses in zentrale Funktionen innerhalb der Regierung brachte. 19 Die wichtigsten Figuren waren dabei der neue Finanzminister Navarro Rubio, der Handelsminister Alberto Ullastres, der Minister für Planung und wirtschaftliche Koordination Laureano López Rodó sowie der 1962 ins Kabinett aufgenommene Industrieminister Gregorio López Bravo. Zwei der neuen Minister waren Mitglieder der Laienbruderschaft des Opus Dei. Diese vertrat eine Ideologie, die aus einer Mischung neoliberaler und konservativer Element bestand. 20 Ziel der ab 1959 in der Regierung sitzenden Opus- Dei-Mitglieder war es, durch die Eindämmung der Inflation, die Stabilisierung des Pesetenkurses auf einem ausfuhrfreundlichem Niveau und Flexibilisierungsmaßnahmen auf dem Arbeitsmarkt die ökonomische Modernisierung Spaniens voranzutreiben, 21 auf diesem Weg dem Regime eine neue Legitimation zu verschaffen und so letztlich dessen Überleben zu sichern. 22 Dieses Bündel an Maßnahmen, auch Stabilisierungsplan genannt, führte kurzzeitig zu einer Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Situation für große Teile der spanischen Bevölkerung, bedeutete langfristig aber eine definitive Abwendung vom Kurs der Autarkie und ermöglichte in der Folge ein dynamisches Wirtschaftswachs- 15 Bernecker, Januar 1986, S.-436. 16 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-11. 17 Schmidt, Diktatur und Demokratie, S.-458. 18 Ebd. 19 Schmidt, Diktatur und Demokratie, S.-462 f. 20 Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-231. 21 Ebd., S.-233. 22 Schmidt, Diktatur und Demokratie, S.-463. Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-235. <?page no="45"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 44 tum. 23 Die politischen Implikationen, die aus der Übernahme von modernisierungstheoretischen Annahmen resultierten, insbesondere die Annahme im Rostow’schen Stufenmodell, dass wirtschaftliche Modernisierung automatisch zu einer gesellschaftlichen Demokratisierung führen würde, versuchten die spanischen Akteure dabei gezielt kleinzuhalten. Ihnen ging es um eine autoritäre Modernisierung bzw. eine Modernisierung ohne Demokratisierung. 24 Neoliberale Konzepte waren folglich Mittel zum Zweck und nicht Ergebnis einer kohärenten politischen Einstellung, welche die individuelle Freiheit des Einzelnen mit seiner wirtschaftlichen Produktivität zusammendachte. Im Kern waren die unter dem Begriff des Stabilisierungsplans verabschiedeten Maßnahmen ein Projekt nachholender Entwicklung. 25 Entscheidend dafür, dass Spanien einen Anschluss an das Entwicklungsniveau von Ländern wie den USA, Großbritannien oder der Bundesrepublik finden konnte, war aus Sicht der spätestens seit 1959 in der Wirtschaftspolitik tonangebenden Opus-Dei-Mitglieder innerhalb der Regierung eine verstärkte Industrialisierung. 26 Zur Finanzierung der Ausweitung der industriellen Produktion war das Regime jedoch auf ausländische Devisen angewiesen, mit denen die Wirtschaft technisches Know-How und notwendige Maschinen importieren konnte. Folgerichtig erleichterte der Stabilisierungsplan zum einen die Investition ausländischen Kapitals in Spanien und ermöglichte zum anderen, dass Gewinne ins Ausland transferiert werden konnten. 27 Damit rückte der Tourismus als mögliche Devisenquelle in den Fokus der Wirtschaftspolitiker. Der Tourismus war bereits 1953 der größte Devisenbringer nach den spanischen Agrarexporten gewesen, 28 1957 hatte er dann die Agrarexporte überholt und leistete den größten Beitrag zum Ausgleich der Handelsbilanz. 29 In den Augen der Reformkräfte innerhalb des Regimes versprach der Tourismus das Devisenproblem der spanischen Nationalökonomie zu lösen, auch wenn insbesondere die konservativsten Fraktionen innerhalb des Regimes den Auswirkungen des Tourismus äußerst skeptisch gegenüberstanden. 30 Indem sich die wirtschaftsliberale Fraktion innerhalb des Regimes durchsetzte, wurde der Tourismus zu einer notwendigen Variable für die Umsetzung des Stabilisierungsplans und damit zu einem der Kernelemente, die seine Konzeption insgesamt beeinflussten, und war nicht lediglich eine unintendierte Konsequenz der Öffnung des Landes im Zuge des Stabilisierungsplans. Durch diese Konstellation hoffte das spanische Regime, indirekt vom Marshallplan und der dadurch freigesetzten wirtschaftlichen Dynamik in Westeuropa zu profitieren und einen Teil des dort entstehenden Wohlstandes abschöpfen zu können. 31 23 Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S.-305. 24 Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-235. 25 Komlosy, Nachholende wirtschaftliche Entwicklung. 26 Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-235. 27 Ebd., S.-233. 28 Pack, Tourism and dictatorship, S.-82. 29 Ebd., S.-85. 30 Ebd., S.-107. 31 Ebd., S.-84 <?page no="46"?> 45 2.1 Außenpolitik im Wandel 2.1.3 ‚Völkerverständigung‘ und Imagepflege durch Tourismus Der Tourismus wurde vom spanischen Regime aber nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht instrumentalisiert. Das Franco-Regime erhoffte sich von der Förderung des Auslandstourismus nicht zuletzt auch eine positive Auswirkung auf das Bild, das von Spanien in den Herkunftsländern der Touristen existierte. Bereits während des Bürgerkriegs bewarben die Aufständischen unter der Führung Francos Spanien als Reiseziel. Die Werbung für einen „Battlefield Tourismus“, der die Front und die dahinterliegenden von den Putschisten kontrollierten Gebiete zum Ziel haben sollte, wandte sich insbesondere an Journalisten aus anderen Ländern. So hieß es in der deutschsprachigen Ausgabe einer Werbebroschüre: „Nationalspanien ladet [sic] Sie zum Besuch der Kriegszonen im Norden […] ein, welche die Spuren eines unvergleichlichen Heldentums zeigen. Überzeugen Sie sich selbst von der Lage und den jetzigen Verhältnissen in Nationalspanien.“ 32 Die Botschaft, welche die ‚Touristen‘ nach ihrer Rückkehr in ihrer Heimat verbreiten sollten, war, dass der Putsch gegen die Zweite Republik durch das Militär rechtmäßig gewesen sei und die Franquisten damit die legitimen Vertreter des spanischen Staates seien. Im Kampf um die internationale Unterstützung und Anerkennung der beiden im Krieg befindlichen Lager wollten die Putschisten so gerade die Länder, die bisher die Seite der Republik unterstützt hatten, dazu bringen, stattdessen das franquistische Lager als legitime staatliche Instanz zu bestätigen. 33 In der Darstellung der Situation innerhalb der von den Putschisten kontrollierten Gebiete dominierte dabei die Betonung von Stabilität, Ordnung und spanischer Identität, die angeblich nur durch Francos Truppen gesichert werden konnten. Die Werbung für den Kriegstourismus entfaltete ein Narrativ, nach dem Franco einen Kreuzzug gegen gottlose Kommunisten führe und das kulturelle Erbe Spaniens sichere. 34 Doch nicht zuletzt entwarf die franquistische Tourismuswerbung während des Bürgerkriegs das Bild eines mit landschaftlichen und kulturellen Reizen ausgestatteten Landes, das durch den Krieg nur bedingt Schaden erlitten hatte. Die bereits erwähnte Werbebroschüre stellte dies ganz explizit heraus: „Die Reiseroute ‚Kriegszone im Norden‘ hat ihre ganz besondere Note in der Schönheit ihres herrlichen Landschaftsbildes, in ihren wechselnden Schattierungen, der Beständigkeit in der Struktur der Landschaft.“ 35 Die Idee, dass Touristen gewissermaßen Botschafter des franquistischen Spaniens im Ausland sein und dort ihre eigens gewonnenen Eindrücke nach ihrer Rückkehr kommunizieren könnten, begleitete das franquistische Regime folglich schon seit seiner Entstehung im Bürgerkrieg. Dieser Gedanke spielte auch keine unerhebliche Rolle, als es 1951 zur Gründung des Informations- und Tourismusministeriums kam. Nicht 32 Das Staatliche Spanische Fremdenverkehrsamt: Besucht die Kriegszonen in Spanien, 1938/ 1939, Historisches Archiv zum Tourismus (HAT), S * 32/ XX/ -45. 33 Holguín, ‘National Spain Invites You’, S.-1413. Zum Forschungsfeld des Battlefield Tourism und des Dark Tourism vgl. Ryan, Battlefield Tourism. Quack/ Steinecke, Dark Tourism. 34 Holguín, ‘National Spain Invites You’, S.-1416. 35 Das Staatliche Spanische Fremdenverkehrsamt: Besucht die Kriegszonen in Spanien, 1938/ 1939, HAT, S * 32/ XX/ -45. <?page no="47"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 46 umsonst war die Tourismusadministration mit der Propaganda- und Zensurabteilung zu einem Ressort zusammengefasst worden. 36 Denn hohe Regimevertreter sahen vor dem Ende der 1950er-Jahre im Tourismus weniger sein wirtschaftliches als dessen informationspolitisches Potential. Durch die staatliche Tourismuswerbung über Werbematerialien in den Sprachen der Touristen und den Betrieb staatlicher Reisebüros in den Herkunftsländern der Touristen hofften die Propagandastrategen des Regimes das Bild zu überwinden, das von Spanien während der Isolation in der Nachkriegszeit dominierte. Tourismus sollte als weiterer Kanal einer Kulturdiplomatie dienen, die eine Annäherung an die Staaten Westeuropas und die USA ermöglichen sollte. Touristen sollten dabei als „active propagandists“ 37 eine zentrale Rolle übernehmen und insbesondere das von links ausgerichteten Medien verbreitete Bild der Franco-Diktatur als illegitimen Totengräber der spanischen Republik und letztem faschistischen Regime korrigieren. 2.2 Fremd- und Selbstbilder 2.2.1 Modi der Fremdwahrnehmung Tatsächlich spielten aber bei der Wahrnehmung Spaniens und dessen Konstitution als Urlaubsland in den 1950er-und frühen 1960er-Jahren die Eigenschaften des politischen Systems nur eine untergeordnete Rolle. Dies lag zum einen daran, dass Spanien, wie beschrieben, im Zuge der Entstehung des Kalten Krieges zu einem antikommunistischen Verbündeten der westlichen Länder wurde und dabei von Politikern und Publizisten dessen Zugehörigkeit zu Konzepten des ‚Westens‘ und des ‚Abendlandes‘ betont wurde. Zum anderen hatten Akteure der Tourismuswerbung nur sehr eingeschränkt ein Interesse daran, über den tatsächlichen Charakter des Regimes in Spanien Aussagen zu treffen, weil dies unter Umständen bedeutet hätte, potentielle Touristen von einer Reise nach Spanien abzuschrecken. Jedoch ist hier auch ein Wandlungsprozess zu konstatieren: So dominierten in den deutschen Medien in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch vor allem negative Darstellungen Spaniens, die mit dem Vorwurf des Faschismus verknüpft waren. 38 Mit der zunehmenden Annäherung Spaniens an den Westen änderte sich die Berichterstattung dann zum Positiven, 39 bevor gegen 36 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-64. 37 Ebd., S.-66. 38 Aschmann, ‚Stolz wie ein Spanier‘, S.-96. 39 Vgl. exemplarisch dafür die Reportageserie Golo Manns in der ‚Zeit‘, die ein sehr positives Bild des Frano-Regimes zeigte. Golo Mann: Auch unter Franco wächst die Freiheit. Korrekturen am üblichen Spanienbild, in: Die Zeit 5 (28.1.1966). Ders.: Korrekturen am Spanien-Klischee. Francos Staat ist kein totalitärer Staat, in: Die Zeit 7 (11.2.1966). Ders.: Hoffnung für Spanien, in: Die Zeit 10 (4.3.1966). Kritik an dieser positiven Sichtweise äußerte der spanische Schriftsteller Michel del Castillo ebenfalls in der Zeit. Michel de Castillo: Ein katholisches Paradies? Das Franco-Regime hat keine Zukunft, in: Die Zeit 8 (18.2.1966). <?page no="48"?> 47 2.2 Fremd- und Selbstbilder Ende der 1960er-Jahre in liberalen Medien wieder ein negativeres Bild des spanischen Regimes gezeichnet wurde. 40 In spezifisch touristischen Medien, also Reiseführern, Reisebüchern und Veranstalterkatalogen bis hin zu touristischen Reportagen in Rundfunk und Fernsehen spielten die Eigenschaften des politischen Systems in Spanien allerdings kaum eine Rolle. Die touristischen Medien waren im Gegenteil fast apolitisch. 41 Der auflagenstarke Polyglott-Reiseführer, der sich vor allem an Pauschaltouristen richtete, räumte der Darstellung der politischen Verhältnisse nicht viel Platz ein. So hieß es in der ersten, 1959 erschienenen Auflage des Polyglott Spanien: General Francisco Franco (geb. 1892), der Caudillo, ist Staatsoberhaupt, Ministerpräsident, Oberster Befehlshaber der Streitkräfte und Chef der Einheitspartei der Falange. Ihm zur Seite stehen die Minister, die nur ihm verantwortlich sind, der Staatsrat und das Parlament (die Cortes), dessen 589 Mitglieder (Procuradores) zum Teil vom Staatschef ernannt werden, zum Teil ihm von Amts wegen angehören (Rektoren, Bürgermeister, Gerichtspräsidenten usw.), und von den Syndikaten und den Provinzialversammlungen entsandt werden. 42 Auch die Darstellung der spanischen Geschichte vermittelte keineswegs den Eindruck, es handele sich beim Franco-Regime um eine autoritäre Diktatur. So fehlten Begriffe wie Faschismus, Autoritarismus oder Diktatur in der kurzen Übersicht über die jüngste spanische Geschichte. Nach Beginn und Ende des Bürgerkriegs wurden lediglich die beiden von Franco organisierten Plebiszite in den Jahren 1947 und 1966 erwähnt. 43 Auch der Baedeker Autoreiseführer aus dem Jahr 1961 erwähnte die politische Situation in Spanien nur beiläufig. So hieß es unter den Rubriken ‚Land und Leute‘ sowie ‚Geschichte‘ lapidar, dass es sich bei Spanien um die Staatsform „eines ‚kommenden Königreiches‘“ handle und die Regierung „vom Staatsoberhaupt […] und den Ministerien“ gebildet werde. 44 Eines der bei Touristen beliebten Merian-Hefte von 1961, das sich Barcelona und der Costa Brava widmete, schaffte es sogar auf rund 100 Seiten, nicht wirklich etwas Konkretes über die politischen Rahmenbedingungen im Reiseland Spanien auszusagen. Sogar bei einem eigentlich politisch heiklen Thema wie dem katalanischen Regi- 40 Aschmann, ‚Stolz wie ein Spanier‘, S.-97 und 104. 41 Vgl. dazu auch Hertel, Ein anderes Stück Europa? , S.-87. 42 Withen u.a., Polyglott Spanien, S.- 5. Leicht modifiziert auch in den Folgejahren: Becker, Polyglott Südspanien, S.-4. So auch in ders., Polyglott Mallorca, S.-4. Dass die politische Situation genau verfolgt wurde, zeigt sich daran, dass Änderungen wie die Übertragung des Amts des Ministerpräsidenten an andere Repräsentanten des Regimes, in die Auflagen nach 1963 eingearbeitet wurden. Das heißt, dass die Autoren sehr genau über die politische Situation in Spanien informiert waren, aber trotzdem von klaren Bewertungen des politischen Systems Abstand nahmen. 43 Becker, Polyglott Südspanien, S.-7. Ebenso: Becker, Polyglott Mallorca, S.-7. 44 Baedeker Spanien und Portugal, S.-7 und 20. Ähnlich auch in Frankreich: Michelin Espagne, 1967, S.-23. Michelin Espagne, 1973, S.-15. <?page no="49"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 48 onalismus wurde das spanische Regime lediglich als „Staatsführung“ bezeichnet, die eine „übertriebene Konzentrierung von Kontrollinstanzen in Madrid“ festlegte. 45 Auch in Tourismuswerbung und Veranstalterkatalogen wurden die Eigenarten des Franco-Regimes in der Regel nicht erwähnt. Bereits bei ersten Pauschalreiseangeboten in der Mitte der 1950er-Jahre war keine Rede von politischen Themen. 46 In den Reisekatalogen der großen Veranstalter setzte sich diese Tendenz fort. 47 Bei der Darstellung der einzelnen Destinationen spielten Spezifika des politischen Systems keine Rolle. Spaniens politisches System und die politischen Beziehungen der Bundesrepublik zu Spanien verblassten vor den touristischen Qualitäten des Urlaubslandes. Vonseiten derjenigen, die Spanien als Urlaubsland im weitesten Sinne bewarben, also von Tourismusunternehmern, Autoren von Reisebüchern oder landeskundlichen Darstellungen sowie Verfassern von Reiseführern bestand, wie die vorigen Ausführungen zeigen, kein Interesse daran, auf den tatsächlichen Charakter des spanischen Regimes aufmerksam zu machen. Die Gefahr, dass durch eine realistische Darstellung der autoritären Diktatur Touristen abgeschreckt wurden, wurde offensichtlich in die Präsentation Spaniens als Urlaubsland einkalkuliert und bewusst umgangen. Vollkommen unpolitisch war der Auslandstourismus in Spanien deswegen aber nicht. Für ein Hauptherkunftsland der Touristen, nämlich Großbritannien, war der Tourismus durchaus ein Politikum. So kam es im Jahr 1965 in Großbritannien zu einer Debatte darüber, ob die anhaltende Beliebtheit Spaniens als Reiseland bei den Briten mit den politischen Rahmenbedingungen und insbesondere den politischen Spannungen um die britische Enklave Gibraltar vereinbar sei. Nach einer Verschärfung der spanischen Rhetorik in Bezug auf Gibraltar und Maßnahmen, die dazu dienen sollten, die Enklave möglichst komplett vom spanischen Territorium zu isolieren, riet eine Unterstaatssekretärin im Colonial Office in einem Interview mit dem Daily Telegraph britischen Urlaubern, Spanien als Reiseland künftig zu meiden. 48 45 Johannes Gottschalk: Im iberischen Spannungsfeld. Die katalanische Frage, in: Merian. Das Monatsheft der Städte und Landschaften. Barcelona und die Costa Brava 14 (1961), H. 6, S.- 90-93, hier S.- 93. Das Vorherrschen einer Ausblendung der politischen Umstände spiegelt sich auch in den in Großbritannien in den späten 1950er-und 1960er Jahren erschienenen Reisebüchern über Spanien wider, während davor erschienene Reiseberichte sich deutlich mit den politischen Folgen des Bürgerkriegs auseinandergesetzt hatten. Buchanan, The Impact, S.-168. Bei westdeutschen Reisebüchern lässt sich diese Tendenz nicht ganz so deutlich herausstellen, da die Publikationslandschaft etwa durch Veröffentlichungen deutscher Auslandskorrespondenten sich heterogener darstellte: Münster, Vision und Wirklichkeit, S.-352‒362. 46 Dr. Tigges-Fahrten: Erste Charter-Flugkette mit Zwischenlandung in Lyon, bzw. Barcelona Sommer 1955, 1995, TUI Zentralarchiv (TUI), Chronik Dr. Tigges. 47 Vgl. exemplarisch: DER-Reisedienst: Sommer 1954, HAT, D * 06/ ca. 45-60, DER, S.-16. Scharnow- Reisen: Urlaubsfibel, Sommer 1958, 1957, HAT, D * 06/ ca. 45-70 Scharnow 1. Scharnow-Reisen: Handex‘ 1966, 1966, HAT, D * 06/ ca. 45-70 Scharnow 1, S.-143 ff. 48 Midland Air Tour Operators Ltd. an The Secretary of State for the Colonies, The Colonial Office: Tourism to Spain, 16.2.1965, The National Archives (TNA), FO 371/ 180144. <?page no="50"?> 49 2.2 Fremd- und Selbstbilder Offiziell ruderte das Colonial Office rasch zurück und gab bekannt, dass es sich dabei um eine rein private Meinung der Unterstaatssekretärin gehandelt habe. 49 Trotz der offiziellen Verlautbarung, dass die britische Regierung Reisenden nicht davon abriet bzw. sie aus politischen Gründen dazu aufforderte, nicht in Spanien Urlaub zu machen, entstand unter einigen der potentiellen Spanientouristen eine Verunsicherung darüber, ob es noch empfehlenswert sei, nach Spanien zu reisen. 50 Nur vier Jahre später kochte das Thema wiederum hoch, als die Opposition im britischen Parlament forderte, als Reaktion gegen die spanische Gibraltarpolitik, 51 die 1969 schließlich in eine völlige Blockade Gibraltars gemündet war, 52 Sanktionen gegen den Franco-Staat zu verhängen. Als wichtigen Baustein dieser Sanktionen schlug die Opposition vor, es britischen Touristen zu untersagen, nach Spanien zu reisen. 53 Die Regierung sah jedoch in Reisebeschränkungen für die britische Bevölkerung kein geeignetes Mittel, um Druck auf Spanien auszuüben. Stattdessen teilte der Staatssekretär im britischen Außenministerium Michael Stewart der Öffentlichkeit mit: „But it is now, I think, for individuals to consider what they should do in the present situation.“ 54 Anstatt Reisebeschränkungen durchzusetzen, die kaum durchsetzbar erschienen, 55 appellierte die Regierung an das patriotische Solidaritätsgefühl der Briten gegenüber Gibraltar und forderte diese auf, einen Aufenthalt in Gibraltar während ihres Urlaubes in Betracht zu ziehen. 56 Wiederum führten diese Äußerungen bei potenti- 49 Foreign Office, Central Department an Midland Air Tour Operators Ltd.: Tourism to Spain, 24.2.1965, TNA, FO 371/ 180144. Madrid British embassy: Tourism to Spain, 17.9.1965, TNA, FO 371/ 180144. 50 R.E. Jones an Foreign Office: Tourism in Spain, 13.6.1965, TNA, FO 371/ 180144. In derselben Akte finden sich weitere Anschriften von besorgten Bürgern an das Außenministerium. 51 Spanien hatte bereits 1967 ein Überflugverbot der Umgebung von Gibraltar für britische Maschinen angeordnet: Gold, Gibraltar, S.-17. Dieses wurde zwar tatsächlich noch nicht durchgesetzt. Die Strategie, Gibraltar möglichst von Verbindungen zu Großbritannien abzuschneiden und den wichtigsten Wirtschaftszweig der Enklave, nämlich den Tourismus dadurch empfindlich zu treffen, war klar erkennbar. So hieß es in einem Bericht des britischen Geheimdienstes: „the civil flights are in fact probably the most important since an end to them would disastrously affect the economy of Gibraltar by drastically cutting down employment and revenue from tourism.“ Report of the Western Europe Current Intelligence Group: Special assessment. The use of Gibraltar Airfield, 20.4.1967, TNA, CAB 163/ 56, folio 139, S.-2. Ähnliches versuchte Spanien durch eine Einschränkung der Landverbindung zwischen Spanien und Gibraltar, um so britische Urlauber an der Costa del Sol von Ausflügen nach Gibraltar abzuhalten. Gibraltar Local Intelligence Commitee to Secretary of State for Commonwealth Affairs: Intelligence Summary No. 26, 11.4.1967, TNA, CAB 163/ 56, folio 140, S.-1. 52 Grocott/ Stockey, Gibraltar, S.-100. 53 The British Parliament: Public Questions, Oral Answers on Gibraltar, 6.5.1969, TNA, FCO 9/ 1087, S.-33. 54 Ebd., S.-34. 55 British embassy, Madrid an Foreign and Commonwealth Office, Southern European Department: Tourism in Spain, 24.6.1969, TNA, FCO 9/ 1087. Der Effekt wäre dennoch äußerst bedeutend gewesen, denn bereits 1966 waren 75% aller in Großbritannien verkaufter Pauschalreiseangebote Flugreisen. Farr, The Lacunae, S.-119. 56 The British Parliament: Public Questions, Oral Answers on Gibraltar, 9.6.1969, TNA, FCO 9/ 1087, S.- 961. So auch: The British Parliament: Public Questions, Oral Answers on Gibraltar, 7.5.1968, <?page no="51"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 50 ellen, britischen Spanientouristen zu einer Verunsicherung, hinsichtlich der Frage, wie empfehlenswert und wie sicher ein Spanienurlaub nun war. 57 Doch auch wenn das Verhältnis zwischen Großbritannien und Spanien aufgrund des Streites um Gibraltar im Vergleich zu den übrigen Hauptherkunftsländern der Touristen wie Westdeutschland und Frankreich ein Sonderfall war, änderte dies nichts an der Tatsache, dass Spanien das beliebteste Reiseland der Briten war und blieb. Denn trotz der Spannungen in den Jahren 1965-1968 stiegen die Spanienreisen, die britische Touristen unternahmen, überproportional im Vergleich zu allen anderen Reisen an und Spanien war mit 24,4% aller Auslandsreisen das beliebteste Urlaubsland der Briten. 58 Dagegen konnten auch die in Großbritannien immer wieder initiierten Kampagnen linker Gruppen, Gewerkschaftsvereinigungen und Menschenrechtsorganisationen kaum etwas tun. 59 Obwohl sich hier die Kontinuitätslinie der britischen Unterstützung der republikanischen Seite im Bürgerkrieg sehr deutlich zeigte, konnten die Appelle, Spanien als Reiseland wegen seines politischen Regimes zu boykottieren, keine durchdringende Wirkung erzielen. 60 Auch die Versuche von Amnesty International, Spanienurlauber in der Nähe der britischen Flughäfen mit dem Slogan „Have a good time - but remember, Amnesty for Spain’s political prisoners“ 61 auf die politische Situation in Spanien aufmerksam zu machen, hatte keine nachteilige Wirkung für die Beliebtheit der spanischen Strände. Spielten also der Charakter des spanischen Regimes und die außenpolitischen Beziehungen zwischen den Herkunftsländern der Touristen für die Wahrnehmung Spaniens als Reiseland und für die tatsächliche Reisepraxis nur eine untergeordnete Rolle, traten andere Modi der Fremdwahrnehmung umso stärker in den Vordergrund. Vor allem in der Frühphase des beginnenden Massentourismus wurde Spanien in Reiseführern, touristischen Reportagen, Reisebüchern, Reisezeitschriften und Veranstalterkatalogen als exotisches Land dargestellt, das zudem so rückständig erschien, dass eine Spanienreise gerade damit beworben wurde, dass sie für die Touristen bedeutete, gewissermaßen eine Reise in die Vergangenheit 62 zu unternehmen. So beschrieb Hubert Tigges, einer der Gründer der TUI, in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift ‚Die Fahrt‘, die sich an ein bildungsbürgerliches Publikum richtete, 1955 Spanien folgendermaßen: „Spanien lebte bis vor kurzem noch ganz und gar im Mittelalter. In- TNA, FCO 9/ 1087, S.-273. Dies ging einher mit Bemühungen, den Urlaub auf Gibraltar finanziell durch einen Bonus für britische Urlauber attraktiver zu machen. Lord Lennox, British Embassy, Madrid an Foreign Office, Central Department: Tourism in Gibraltar, 28.5.1969, TNA, FCO- 9/ 1087 S.-39. 57 Foreign Office, Central Department: Spain: British-Tourists, 14.5.1968, TNA, FCO 9/ 1087, folio 27. 58 Board of Trade, Civil Aviation an Foreign and Commonwealth Office, Southern European Department: Retaliation against Spain, 6.10.1969, TNA, FCO 9/ 1087, S.-1. 59 Buchanan, The Impact, S.-172. 60 Ebd., S.-174. 61 Zitiert nach: Buchanan, The Impact, S.-173. 62 Vgl. die Interpretation des Tourismus als „Zeit-Reise mit Rückfahrschein“. Spode, „Reif für die Insel“, S.-112. <?page no="52"?> 51 2.2 Fremd- und Selbstbilder dem wir Spanien erleben, können wir ein Stück unserer eigenen Vergangenheit heute noch als Wirklichkeit sehen, und außerdem ist die spanische Geschichte und Kultur auf Gedeih und Verderb mit unserer und der europäischen verknüpft.“ 63 Auch in einer Reiseankündigung für eine Pauschalreise im Jahr 1952 mit Dr. Tigges-Fahrten wurde Spanien vor allem durch seine Geschichte und seine Landschaft charakterisiert. 64 Während für die Reiseländer Italien und Griechenland die römische bzw. griechische Antike als Bezugspunkt für kulturell interessierte Reisende diente, machte in Spanien die mittelalterliche Vergangenheit, die weit bis in die Gegenwart hineinzureichen schien, die Faszination und Exotik der Destination aus. Eine Fernsehreportage über Mallorca, das 1959 bereits als deutlich vom Tourismus beeinflusst beschrieben wurde, führte den Reiz Mallorcas als Urlaubsziel gerade darauf zurück, dass „[…] 30 km im Inneren der Insel […] noch alles so [sei], wie man ein fremdes Land erleben möchte. Fremd, lebendig und echt.“ Dort sei Mallorca „[…] wie in alten Zeiten, in alten spanischen Zeiten […] und wie vor tausend Jahren wird hier noch Wasser gepumpt. Ein Esel geht im Kreis herum, stundenlang.“ 65 Einfachheit und ein Gefühl von Fremdheit wurden hier als besondere touristische Reize dargestellt. Damit verbunden war die implizite Wahrnehmung Spaniens als im Vergleich zu Westdeutschland und dem restlichen Europa rückständigem Land, in dem die Moderne noch keinen Einzug gehalten hatte. In touristischen Medien zeichnete sich damit ein Prozess ab, den Sebastian Conrad in einem anderen Kontext als „Temporalisierung des Raumes“ 66 beschrieben hat. Indem die Andersartigkeit Spaniens und hier im Speziellen Mallorcas vor allem in zeitlicher Perspektive herausgestellt wurde und damit eine ‚Reise in die Vergangenheit‘ ermöglichte, konnte die Reise nach Spanien gewissermaßen als Rückkehr zu den eigenen Wurzeln dargestellt werden und so in der Differenz zugleich eine gewisse Nähe und Vertrautheit suggerieren. Zwar waren Differenz und Exotik zweifelsohne ein Hauptelement bei der Beschreibung Spaniens als Urlaubsland, wie etwa im britischen Fodor’s Reiseführer aus dem Jahr 1954: A contemporary Spanish historian, Pedro Lain, called the Iberian peninsula ‚marginal Europe‘. The definition is brilliant. It explains many of the differences between Spain and the rest of Europe, which are a part of the charm of 63 Hubert Tigges: Fern im Süd das schöne Spanien…, in: Die Fahrt 8 (1955), H. 1, S.-1-8, hier S.-4. Vgl. auch Peter Wildhagen: Italien und Spanien, Düsseldorf 1959, S.-224. Zu den übrigen westdeutschen Reisebüchern über Spanien in der Nachkriegszeit, die ihren Lesern ein ähnliches Themenspektrum präsentierten vgl. Münster, Vision und Wirklichkeit, S.-361. Zur Breitenwirkung und dem Stereotypenhaushalt dieser Bücher siehe auch Briesemeister, Spanien, S.-89. Für Reisebücher über Spanien von britischen Autoren konstatiert Tom Buchanan eine ähnlich breite Wirkung sowie ähnliche Themenmuster: Buchanan, The Impact, S.-168. 64 Europäische Kulturfahrten Dr. Tigges: Die große Spanien-Portugal-Fahrt, 1952, TUI, Katalogarchiv 1949-1952/ 53, Ordner 2. 65 BR: Mallorca. Porträt von Mallorca, 11.06.1959, BR-Archiv, Archiv-Nr.: 3742/ 7. 66 Conrad, Auf der Suche, S.-309. <?page no="53"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 52 this country and offer infinite variety which surprises the tourist, used to the more conventional, and in a sense monotonous, touristic countries of the rest of Europe. 67 Doch diente die Betonung der spanischen Geschichte, vor allem des Mittelalters, dazu, Spanien als Land mit abendländischer Tradition hervorzuheben und damit komplementär zur Betonung von Differenz und Fremdheit auf historische und kulturelle Ähnlichkeiten zu setzen. Das Konzept des Abendlandes, das, wie beschrieben, in der Außenpolitik ein wesentliches Argument war, eine Annäherung an Spanien zu begründen, wirkte somit auch auf dem Feld des Tourismus. Die Mittelstellung als ein Land, das angeblich komplett anders als die übrigen europäischen Länder sei und dabei zugleich aber ein Teil Europas, war eine Alleinstellungsmerkmal Spaniens als Urlaubsland, die diejenigen, die den Tourismus nach Spanien fördern wollten, gerne hervorhoben: „So bietet sich, nur an wenigen Beispielen aufgezeigt, Spanien dem Besucher an als ein Land, das wirklich mehr ist als Europa allein oder Afrika allein, es ist das Land zwischen diesen beiden Kontinenten.“ 68 Dabei spielte das muslimische Erbe eine besondere Rolle. Immer wieder wurde auf die historische Präsenz des Islams in Spanien verwiesen: „Spanien - das ist in der Tat eine Häufung von Gegensätzen: Abendland und Morgenland, Christentum und islamisches Erbe.“ 69 Als wesentliches Distinktionsmerkmal Spaniens gegenüber anderen Ländern wurde es immer wieder aufgegriffen, um die Besonderheiten Spaniens zu betonen. Dabei erhielt die Region Andalusien als diejenige, in der das ‚maurische Erbe‘ die meisten Spuren hinterlassen habe, die größte Aufmerksamkeit: „Die Bewohner haben sowohl in Rasse und Sprache als auch in der Kultur (Geräte, Tänze, Hausbau) vieles aus der maurischen Zeit bewahrt. So ist der Andalusier im Gegensatz zu dem gemessen-würdevollen Kastilier von einer sorglosen Fröhlichkeit und einer orientalisch anmutenden Phantasie.“ 70 Auf der anderen Seite dieser Orientalisierung Spaniens stand immer wieder der Rückbezug auf die christliche Tradition und die angeblich besonders tiefe Religiosität der Spanier. 71 Gerade durch den beständigen Verweis auf die christliche Verwurzelung Spaniens erschien die Zugehörigkeit zum sogenannten Abendland besonders evident und damit die exotisierenden Tendenzen durch Vertrautes kompensiert, um Spanien so als besonderes Urlaubsland in Erscheinung treten zu lassen. Zudem waren Veranstalterkataloge vor allem darauf ausgerichtet, die touristischen Qualitäten Spaniens dadurch hervorzuheben, dass sich hier touristische Einrichtun- 67 Fodor’s Spain and Portugal, S.-36. 68 Kurt Bachteler: Spanien - Reiseland zwischen Europa und Afrika, in: Die Karawane. Vierteljahresschrift für Länder- und Völkerkunde 3 (1968), H. 3, S.-3-12, hier S.-12. Ähnlich bereits 1960: Karl Tichmann: Spanien. Land am Rande Europas, München 1960, S.-89. 69 Walter Hombitzer: Vom Geheimnis des Spanischen, in: Die Fahrt 7 (1954), H. 2, S.- 66-74, hier S.-69. 70 Baedeker Spanien und Portugal, S.-8. 71 So etwa: Tigges, Fern im Süd das schöne Spanien, S.-8. Hombitzer, Geheimnis des Spanischen, S.-68. <?page no="54"?> 53 2.2 Fremd- und Selbstbilder gen mit einem zeitgemäßen Komfort finden lassen würden. Während bei frühen Pauschalreiseangeboten, die sich vornehmlich an ein bildungsbürgerliches Publikum richteten, die Beschreibung der Unterkünfte während der zumeist angebotenen Rundreisen kaum eine Rolle spielte, 72 traten im Zeitverlauf Hotels, deren Lage und deren Einrichtung in den Vordergrund. 73 Dies deckt sich augenscheinlich mit der von Cord Pagenstecher konstatierten Ablösung der Prägung des sogenannten touristischen Blicks vom romantic gaze durch den collective gaze 74 des Massentourismus. So hat Pagenstecher gerade an den Katalogen der großen Reiseveranstalter in der BRD seit den 1960er-Jahren belegt, dass hier Motive, die den Erfahrungswert des Tourismus in der Gemeinsamkeit mit anderen Touristen verorteten, Motive, die romantische Einsamkeit und Naturerfahrung evozierten, verdrängten. 75 Trotz der quantitativen Zunahme von Motiven, die dem collective gaze zuzuordnen sind und bis heute die Reisekataloge großer Veranstalter prägen, während Wander- und Erlebnisreiseveranstalter weiterhin auf den romantic gaze setzen, finden sich in den Katalogen derjenigen Unternehmen, die sich zu TUI zusammenschlossen, doch immer wieder bildliche Darstellungen, die allgemein auf den romantic gaze verwiesen und im Besonderen die Andersartigkeit Spaniens durch Motive wie Flamencotänzerinnen oder Stierkämpfer betonten. 76 Die reine quantitative Verteilung kann hier kein hinreichendes Argument sein, um zu konstatieren, dass sich die Repräsentation Spaniens im homogenisierenden collective gaze auflöste. Denn auch nur die einzelnen Einsprengsel, die von Authentizität und Fremdheit zeugen sollten, konnten bei Touristen den Eindruck hinterlassen, dass es sich bei Spanien abseits der touristischen Orte um eine zutiefst traditionelle Gesellschaft handele. Wenn die einzigen Darstellungen neben den Aufnahmen der Hotels, Spanier als Volk von Tänzerinnen und Stierkämpfern zeigte, dann transportierten diese Bilder die Botschaft, sie stünden repräsentativ für Spanien. Damit lässt sich für die Reisekataloge, wenn auch in geringerem Ausmaß und mit einer deutlichen Abnahme im Zeitverlauf, konstatieren, dass auch hier ein Wechselspiel zwischen Distinktion und Einstellung auf die Bedürfnisse eines modernen Touristen stattfand, das vornehmlich über bildliche Repräsentationen seinen Ausdruck fand. 72 Europäische Kulturfahrten Dr. Tigges: Die große Spanien-Portugal-Fahrt, 1952, TUI, Katalogarchiv 1949-1952/ 53, Ordner 2. 73 Vgl. exemplarisch: Touropa: Ferienführer 1963, 1963, HAT, D * 06/ 45-80 Touropa. Scharnow-Reisen: Flugurlaub Winter 1965/ 1966, 1965, HAT, D * 06 / ca. 45-70 Scharnow 4. NUR. Neckermann: Der Urlaub für uns alle, 1974/ 1975, HAT, D * 06/ 74-90 NUR. 74 Zum Konzept des touristischen Blicks vgl. Urry, The tourist gaze, S.-13 f. und 43. 75 Pagenstecher, Der bundesdeutsche Tourismus, S.-471. 76 Touropa: Ferienführer 1962, 1962, HAT, D * 06/ 45-80 Touropa. Reisekatalog, S.- 105, 161, 171 und 185. Touropa, Ferienführer 1963, 1963 HAT * D 06 / 45-80 Touropa, S.-111. Scharnow-Reisen: Flugreisen Sommer 1965, 1964 HAT, D * 06/ ca. 45-70 Scharnow 4, S.- 42. Scharnow-Reisen: Flugurlaub Winter 1965/ 1966, 1965, HAT, D * 06/ ca. 45-70 Scharnow 4, S.-12. Scharnow-Reisen: Handex ’66, 1965, HAT, D * 06/ ca. 45-70 Scharnow 1, S.-17. Touropa: Touropa 1988, 1988, HAT, * D 06 / 45-80 Touropa, S.-212. NUR. Neckermann: Der Urlaub für uns alle, 1974/ 1975, HAT, D * 06/ 74-90 NUR, S.-74f. <?page no="55"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 54 2.2.2 Ambivalente Selbstbilder Auch die frühe Selbstvermarktung Spaniens als Urlaubsland betonte die Besonderheiten Spaniens und setzte dies paradigmatisch in dem Werbeslogan „Spain is Different“ 77 um. Die erste Verwendung dieses Slogans kann auf das Jahr 1948 datiert werden. Nach einer kurzen Unterbrechung zierte der Werbespruch dann ab 1957 fast alle Plakate und andere Werbemittel, die von den spanischen Tourismusbehörden herausgegeben wurden. 78 In zahlreichen, immer wieder neu aufgelegten Publikationen und Werbematerialien wurde folglich nach 1957 eine angebliche spanische Idiosynkrasie im Vergleich zu den übrigen europäischen Ländern herausgestellt. Neben dem bloßen Slogan, dass Spanien anders sei, zeigte sich in der Auswahl der Fotografien und den schriftlichen Verlautbarungen eine große Konvergenz zu den von touristischen Medien entworfenen Fremdbildern aus den Herkunftsländern der Touristen. So hieß es im Vorwort eines voluminösen Bildbandes, der die touristischen Qualitäten Spaniens herausstellen sollte: Unter den Ländern Europas unterscheidet sich Spanien durch ausschliessliche [sic] Eigentümlichkeiten, deren erste die Landschaft ist. […] Charakteristisch für Spanien sind auch die vielseitigen Formen und Wesenszüge seiner völkischen Gesamtheit, ein Ergebnis verschiedener Faktoren, darunter die Einwanderungen und Zivilisationen, welche in Spanien im Verlaufe seiner Geschichte aufeinanderfolgten. […] Der Invasion des Moslem [sic] folgte die Rückeroberung (Reconquista), während welcher die beiden Völker sich nicht nur bekämpften, sondern auch gegenseitig durchdrangen, wobei sie jedoch ihre eigene [sic] Religionen beibehielten. Jahrhunderte mehr oder weniger engen Zusammenlebens spiegelten sich nachhaltig in der Rasse und den Bräuchen wider. Die Synthese derartiger Elemente schuf das spanische Volk, welches zu Beginn der Neuzeit mit starkem Eigencharakter erscheint. 79 Die im Bildband enthaltenen Fotografien unterstrichen diese apodiktische Positionierung Spaniens innerhalb Europas. So waren vor allem Landschaftsbilder sowie Ablichtungen von kunstgeschichtlich interessanten Gebäuden und Objekten, häufig mit religiösem Charakter, im Bildband enthalten. Bemerkenswert erscheint dabei der offene Umgang mit dem sogenannten ‚maurischen Erbe‘. So diente den spanischen Touristikern die Geschichte der muslimischen Präsenz in Spanien während des Mit- 77 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-68. 78 Townson, Introduction, S.- 4, Anm.13. Tendenzen, Spanien als ‘anderes Land’ darzustellen, waren jedoch älter und gingen bis auf die Zwischenkriegszeit zurück. Vgl. Patronato Nacional del Turismo: España, Madrid 1932. 79 Rafael Calleja: Nueva apología turística de España [Publicaciones de la Dirección General del Turismo], Madrid 1957, S.-507 f. Das Buch wurde bereits 1943 zum ersten Mal aufgelegt. Das Vorwort war in deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache abgedruckt. <?page no="56"?> 55 2.2 Fremd- und Selbstbilder telalters und deren Auswirkungen dazu, die viel beschworenen Unterschiede zwischen Spaniern und den übrigen Europäern zu erklären. 80 In einem sechsseitigen Faltblatt, das sich an Touristen aus dem Ausland richtete, hieß es 1949: Die orientialische Note ist eine der eigentümlichsten in Spaniens und durch sie sind die typischsten und persönlichsten Charaktereigenschaften Spaniens geprägt. Eine gegenseitige Beeinflussung zwischen Spaniern und Arabern hinterließ in der spanischen Erde und Seele gut sichtbare Spuren, die ausreichen, um dieses Land als essentiell ‚anders‘ von den übrigen europäischen zu unterscheiden. 81 Erstaunlich erscheint dies insbesondere dann, wenn man die im Vergleich zur Erstauflage des Bildbandes nur wenige Jahre zurückliegende Propaganda der franquistischen Kriegspartei im Bürgerkrieg betrachtet. Denn dort versuchten Franco und seine Anhänger die republikanische Kriegspartei, indem sie auf ältere Muster antilinker Propaganda zurückgriffen, genau dadurch zu diffamieren, ihnen aufgrund ihrer politischen Einstellungen abzusprechen, Teil der spanischen Nation zu sein. Stattdessen sprachen sie ihnen ‚orientalische‘ Züge zu und leiteten daraus die Notwendigkeit einer erneuten Reconquista Spaniens ab. 82 Dieser Wandel 83 von einem repressiven zu einem produktiven Umgang mit dem ‚islamischen Erbe‘ im Franquismus 84 zeigt einerseits den Stellenwert, den das Regime 80 Spanien schärfte damit zugleich sein Distinktionspotential im Hinblick auf andere Destinationen des europäischen Südens, die ebenfalls mit Strategien der Exotisierung versuchten, Touristen ins Land zu locken. Zum „Süden“ als Kategorie der Tourismuswerbung in der Nachkriegszeit vgl. Hertel, Ein anderes Stück, S.-77. 81 Dirección General del Turismo: España, Madrid 1949, Iberoamerikanisches Institut Berlin, Span cd 435. Das Faltblatt liegt im Iberoamerikanischen Institut nur in der spanischen Fassung vor. Es kann allerdings davon ausgegangen werden, da es sich explizit an ausländischen Touristen richtete, dass es auch in anderen Sprachen der Hauptherkunftsländer der Touristen wie Französisch, Englisch und Deutsch erschien. Der besondere Rückgriff auf die ‚maurische Geschichte‘ Spaniens war schon in den ersten Ansätzen der Tourismuswerbung während der 2. Republik präsent. Vgl. Patronato Nacional del Turismo: España, Madrid 1932, Iberoamerikanisches Institut Berlin, Span cd 169 [8]°. 82 Preston, Theorists, S.-55 und 57. 83 Dass der Umgang mit dem Islam während des Bürgerkriegs bereits ambivalent war, zeigt die Tatsache, dass auf der anderen Seite der Diffamierung der republikanischen Seite als ‘orientalisch’ der Einsatz marokkanischer Truppen auf der Seite der Aufständischen stand. Dies nötigte den franquistischen Ideologen einige Anstrengung ab, zu begründen, warum es sich beim Kampf gegen die II. Republik um einen Kreuzzug handele und dabei gleichzeitig marokkanische Truppen als Verbündete an vorderster Front eingesetzt wurden. Vgl. Hertel, Der erinnerte Halbmond, S.-122. 84 Patricia Hertel konstatiert für den Umgang mit dem Islam und der muslimischen Vergangenheit in Spanien eine „Gleichzeitigkeit verschiedener kultureller Vorstellungen innerhalb des semantischen Projektraums ‚Islam‘“. Hertel, Der erinnerte Halbmond, S.-208. Insofern wäre der Befund, dass das Franco-Regime verschiedene Islambilder entwarf und nutzte nicht weiter überraschend. Entscheidend erscheint hier aber der Sachverhalt, dass für die touristische Repräsentation nach außen gerade die <?page no="57"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 56 bzw. Teile davon ab einem sehr frühen Zeitpunkt dem Tourismus zumaßen und andererseits die ideologische Anpassungsbereitschaft des Franquismus und dessen Fähigkeit, selbst aus widersprüchlichen Elementen kohärente Narrative über Politik und Geschichte zu entfalten. 1961 verschwand der Slogan ‚Spain is different‘ dann aber wieder aus der staatlichen Werbung. 85 Nun bekam die Außenrepräsentation Spaniens als modernes, westliches Land ein stärkeres Gewicht. 86 Dies ist vor allem mit einem personellen Wechsel an der Spitze der Tourismusadministration zu erklären: Manuel Fraga Iribarne übernahm 1962 das Amt des Informations- und Tourismusministers. 87 Fraga gehörte zu den konservativen Modernisierern innerhalb des franquistischen Regimes und sah den Tourismus als Möglichkeit, Spanien stärker in Europa zu integrieren. 88 Dazu musste sich Spanien als Urlaubsland jedoch nicht als möglichst rückständig und kulturell different darstellen, sondern als offenes, freiheitliches und modernes Land nach außen hin zeigen. 89 In zahlreichen Werbemitteln wie Plakaten und Broschüren setzte das Tourismusministerium nun darauf, die modernen Tourismuseinrichtungen in Spanien abzubilden und so dem potentiellen Spanienreisenden zu vermitteln, dass Spanien am Puls der Zeit war und den Touristen jederzeit Bequemlichkeit und Komfort durch moderne Tourismusanlagen und eine zeitgemäße Infrastruktur bieten konnte. 90 Der Anteil an Motiven, die besonders exotische Elemente enthielten - meist andalusischer Herkunft - sank vor allem ab 1964 rapide. Waren in den 1950ern noch 40% aller von der Tourismusadministration gestalteten Plakate mit solchen Motiven versehen, fiel dieser Anteil in den Jahren 1964-1969 auf 20% ab. 91 Tatsächlich lässt sich die spanische Außendarstellung durch den Tourismus in den Jahren vor der Amtsübernahme Fragas und dessen Amtszeit aber nicht so einfach in eine zeitliche Abfolge bringen, die dem Duktus folgt, dass auf die Betonung von muslimische Vergangenheit als Differenzkriterium herangezogen wurde, um eine spanische Andersheit gegenüber anderen europäischen Ländern zu konstruieren. Denn dies steht im Widerspruch zur explizit christlich-katholischen Tradition, die der Franquismus zur Legitimierung seiner Herrschaft heranzog. 85 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-149. 86 Ebd., S.-151. 87 Moreno Garrido, Historia del turismo, S.-240 f. Zudem hatte bereits 1961 Rafael Calleja, der zuvor maßgeblich an der Werbestrategie von „Spain is Different“ beteiligt gewesen war, die Tourismusadministration verlassen. Fuentes, Aportaciones, S.-70. 88 Fraga sah Spanien ganz explizit als europäisches Land, begründete das mit den sozialen und wirtschaftlichen Strukturen des Land und befürwortete deshalb eine möglichst enge Zusammenarbeit mit den restlichen europäischen Ländern: Manuel Fraga Iribarne: Forma política de la unidad Europea. Discurso, 6.11.1962, in: Arbor: ciencia, pensamiento y cultura 53 (1962), S.-7-40, hier S.-38 und 40. 89 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-68. 90 Ebd., S.-137. Das gilt nicht nur für die staatlichen Publikationen sondern auch für die regionaler Tourismusvereinigungen, die zunehmend nicht mehr nur auf die Darstellung von Folklore und Tradition setzten, sondern auch die durch den Tourismus veränderte Landschaft mit ihren modernen Hotelneubauten und breiten Straßen als Werbemotive nutzten. Vgl. exemplarisch: Promotores de la Costa del Sol, D.L.: Ortsprospekt Costa del Sol Málaga 1965. ANC, 365-633. 91 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-148 f. Vgl. auch Fuentes, Aportaciones, S.-70. <?page no="58"?> 57 2.2 Fremd- und Selbstbilder Fremdheit und Exotismus eine Phase folgte, in der sich Spanien nicht mehr als von Tradition tief geprägtes Land, sondern als Land der Moderne präsentierte. 92 Ein „close reading“ einer der bekanntesten und am weitesten unter Touristen verbreiteten Werbebroschüre für Spanien, die vom Tourismusministerium unter Fraga 1964 herausgegeben wurde, bestätigt das. 93 Die Herausgabe der kurzen Broschüre stand im breiteren Kontext der veränderten Selbstdarstellung des spanischen Regimes. Anlässlich des 25-jährigen Jahrestags des Endes des spanischen Bürgerkriegs wollte sich das Francoregime nach außen wie nach innen als modernes, europäisches Land darstellen. Anstatt wie in den Jahren zuvor an den Jahrestagen zum Ende des Bürgerkrieges den Sieg der Franquisten zu feiern, wurde 1964 ein Fest des Friedens inszeniert. 94 Das Bändchen, das in deutscher, französischer und englischer Sprache erschien, wollte nicht nur für Spanien als Urlaubsland werben, sondern den Touristen zugleich praktische Hinweise zum Verhalten in Spanien geben und über Sitten und Gebräuche in Spanien aufklären. So heißt es in der Einleitung, in der sich der imaginierte Autor direkt an den Touristen wendet: „In möglichst einfachen Worten werde ich Dir ein paar Sachen sagen, die Du wissen solltest, um mein Vaterland in Deine Tasche stecken zu können.“ 95 Offensichtlich wollte das Tourismusministerium das Bild Spaniens als fremdes und exotisches Land zumindest in Teilen korrigieren und hob besonders die Offenheit Spaniens gegenüber ausländischen Einflüssen, 96 das hohe Wirtschaftswachstum 97 sowie die Möglichkeit, einen Bikini zu tragen, trotz aller Gerüchte, dass es in Spanien verboten sei und bestraft werde hervor. 98 Doch neben diesen Darstellungen, die darauf abzielten, Differenz möglichst zu reduzieren, beharrten die Herausgeber der Broschüre zugleich auf, aus ihrer Sicht, wichtigen Besonderheiten, die das Spanischsein schlechthin ausmachten. Eine wesentliche Differenz gegenüber anderen Ländern wurde daran festgemacht, dass die spanische Bevölkerung im Gegensatz zwar hart arbeite, zugleich aber sich noch nicht vom Kapitalismus korrumpieren habe lassen, wie das Bewohner anderer Länder getan hätten. Die natürliche Gastfreundlichkeit der Spanier sei eben darauf zurückzuführen, dass Geld nicht alles für sie bedeute: „Der Spanier arbeitet sehr viel […] und wenn er mit seinen Besuchern so liebenswürdig und herzlich ist, dann deswegen, weil er noch nicht ganz kommerzialisiert ist. Da die Mehrheit des Volkes 92 Dies bestätigt auch eine Analyse der visuellen Quellen aus der Zeit des Tourismusbooms in Spanien aus ikonographischer Perspektive. So waren in touristischen Medien über den gesamten Zeitraum hinweg unterschiedliche Motive wie Hotels, Straßen, aber auch das Landleben und Folklore vertreten. Vgl. die Einzelanalysen dieser Motive und anderer Motive in: Fuentes, Aportaciones, S.-193-722. 93 Anders: Pack, Tourism and Dictatorship, S.-150 f., der meint, dass die Broschüre vor allem die Andersartigkeit Spaniens relativiert habe. 94 Bernecker/ Brinkmann, Kampf der Erinnerungen, S.-223 f. 95 Subsecretaría de Turismo: Spanien für Sie, Madrid 1964, S.-6. 96 Ebd., S.-56. 97 Ebd., S.-53. 98 Ebd., S.-62 f. So auch in einer Werbebroschüre aus dem Jahr 1965: Ministerio de Información y Turismo: Ortsprospekt Spanien, 1965, ANC, 365-1134. <?page no="59"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 58 kein Englisch versteht, ist es auch noch nicht zum Sklaven so zweifelhafter Schlagworte wie ‚Time is money‘ oder ‚Business is business‘ geworden.“ 99 Ebenso wurden Geschlechterrollen herangezogen, um die Besonderheiten der Spanier aufzuzeigen. Gerade die sogenannten ‚piropos‘, die Komplimente, die spanische Männer Frauen auf der Straße machten, wurden zu einem Spezifikum Spaniens erklärt und damit naturalisiert: „Sie sind eine Besonderheit der spanischen Rasse: eine Art - unverlangter - Verbeugung des Mannes der Straße vor der Schönheit oder dem Zauber einer Frau […].“ 100 Auch der geschlechterdifferente Umgang mit den Konventionen der Ehe wurde als spanische Besonderheit ausgegeben, die das Land angeblich von anderen europäischen Ländern unterschied: In Spanien ist, wie Sie wissen, die Ehescheidung unbekannt. Nehmen Sie daher Abstand davon, verheirateten Frauen den Hof zu machen. Selbst einfaches Kokettieren ist in diesem Fall nicht gern gesehen. Der spanische Ehemann erlaubt sich noch, wie böse Zungen behaupten, das eine oder andere ‚Spässchen‘ [sic]. Aber die spanische Ehefrau bewahrt ihrem Mann - dies kann mit guter Begründung verallgemeinert werden - die Treue. Die spanischen Männer können sich geschmeichelt fühlen. […] Widmen Sie deshalb Ihre sentimentalen Neigungen den Señoritas. 101 Somit schwang in den Darstellungen, die sich explizit zum Ziel setzten, Klischees über die spanische Andersartigkeit abzubauen, in den Feinheiten der Ausführungen wiederum ein Beharren auf Differenz und Spezifik mit. Und so tauchte der Slogan „Spanien ist anders“ drei Jahre, nachdem er offiziell von Werbebroschüren und Plakaten verbannt gewesen war, im Einband der Broschüre doch wieder auf. Damit gingen auch in der spanischen Selbstrepräsentation, ganz ähnlich wie in den ‚von außen‘ entworfenen Fremdbildern die Betonung von Differenz und die Produktion kultureller Nähe innerhalb eines Rahmens von Vorstellungen über die Bedürfnisse von Touristen nach als modern begriffenem Komfort Hand in Hand. Dieses beständige Wechselspiel zwischen beiden Tendenzen ist deshalb als konstitutiv für die Wahrnehmung Spaniens als touristisches Ziel zu bezeichnen 102 und weist zugleich auf die Prozesse voraus, die sich in den Tourismusregionen und -orten zwischen Touristen und Einheimischen beim Umgang mit von solchen Wahrnehmungen geprägten Erwartungen abspielten. 103 99 Ebd., S.-20. 100 Ebd., S.-67. 101 Ebd. 102 Vgl. ähnlich am Beispiel der Distinktionsbemühungen der Grand Hotels um die Jahrhundertwende: Spode, Homogenisierung und Differenzierung, S.-93-115. 103 Vgl. hierzu Kapitel 5. <?page no="60"?> 59 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung 2.3.1 Anknüpfungspunkte für Nachkriegstourismus Tourismusadministration Die franquistische Tourismuspolitik konnte bei ihren frühen Bemühungen, Spanien nach außen hin als touristisches Land zu präsentieren und zur gleichen Zeit für den Ausbau des touristischen Angebots im Land zu sorgen, auf ältere Traditionen der staatlichen und privaten Förderung des Tourismus zurückgreifen. Bereits 1905 war eine erste Institution geschaffen worden, die sich der Förderung des Tourismus widmen sollte. Aufgabe der Comisión Nacional de Turismo war es, Spanien im Ausland als Urlaubsland zu bewerben und die spanischen Hotels auf die Einhaltung bestimmter Standards hin zu überwachen. 104 Nur sechs Jahre später wurde diese erste nationalstaatliche Tourismusadministration Spaniens durch die Comisaría Regia del Turismo y Cultura Artística ersetzt. 105 Unter ihrem Leiter, dem Marqués de la Vega- Inclán (1858-1942) setzte die Kommission einen besonderen Schwerpunkt auf die Bewahrung von Kulturgütern, die für Spaniens Tourismus interessant sein konnten. So wurde unter Vega-Inclán sowohl in Toledo ein El-Greco-Museum eingerichtet als auch das Haus von Miguel de Cervantes in Valladolid in ein Museum umgewandelt. 106 Die bis 1928 bestehende Kommission legte zudem den Grundstein für das bis heute bestehende Netz aus staatlichen Hotels. Die staatlichen Paradores waren eine Antwort auf die wachsende Nachfrage nach Unterkünften für zahlungskräftige Reisende, die in der Zwischenkriegszeit zunehmend begannen, mit dem eigenen PKW Spanien zu bereisen. 107 Die Tourismusförderung der Zwischenkriegszeit zielte damit also nicht nur auf einen ökonomischen Effekt ab, der darin bestand, dass Ausländer Devisen ins Land brachten, 108 sondern auch auf eine nationale Integrationsfunktion. Dabei stand die Arbeit der Comisaría Regia del Turismo y Cultura Artística ab 1923 im größeren Kontext der Ansätze einer Modernisierungspolitik in der Diktatur Primo de Riveras. 109 Die wirtschaftlichen und politischen Reformen sowie die staatlichen Investitionsprogramme, etwa in den Straßenbau, waren ebenfalls Teil eines Projekts des nation-buildung, 104 Pellejero Martínez, La política turística en la España, S.-235. 105 Ders.: La política turística en España, S.-270. 106 Garrido Moreno, Historia del Turismo, S.- 77. Zur Selbstdarstellung der Tätigkeiten der Comisaría vgl. Marqués de la Vega Inclán: Turismo en España, Madrid, 1927. Vgl. genauer zu den Zielen und Absichten des Marqués de la Vega Inclán: Afinoguénova, An Organic Nation. Vgl. auch Vgl. López- Morillas, The Krausist Movement. 107 Ebd., S.-79. 108 Pellejero Martínez, La política turística en la España, S.-236. 109 Zur Diktatur Primo de Riveras vgl. Bernecker, Sozialgeschichte, S.- 245 ff. Gómez-Navarro, El régimen. <?page no="61"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 60 das sich der Erneuerung 110 des spanischen Staates verschrieben hatte. Im Zuge der Effizienzsteigerung und der Vergrößerung der Durchsetzungsfähigkeit der Verwaltung führte Primo de Rivera auch eine Reform der Tourismusadministration ein, die 1928 zur Umbenennung in Patronato Nacional de Turismo führte. 111 Der Patronato Nacional de Turismo war anders als seine Vorgängerinstitution mit mehr Personal und einem größeren Budget ausgestattet. 112 Eine weitere Neuerung war die Einrichtung von regionalen Delegationen, die sich um die Förderung des Tourismus in der staatlichen Peripherie kümmern sollten. 113 Eine wichtige Aufgabe, der sich der Patronato widmete, war neben der Werbung für Spanien als Urlaubsziel in anderen Ländern die Förderung des Ausbaus der Hotelkapazität. In diesem Rahmen legte der Patronato im August 1929 eine staatliche Kreditlinie auf, die den Aus- und Neubau von Hotels stimulieren sollte. 114 Der „crédito turístico“ wurde in der Folgezeit und während der Herrschaft Francos zu einem der wichtigsten Instrumente der Tourismuspolitik. Mit dem politischen Übergang in die Zweite Republik im Jahr 1931 erfuhr auch die Tourismusadministration strukturelle Veränderungen. Auch wenn der Patronato bestehen blieb, veränderten sich Entscheidungskompetenzen und Zuständigkeiten. 115 Zwar unternahm auch der Patronato unter republikanischer Ägide Anstrengungen, den Tourismus weiter zu fördern, doch wirkte sich die Weltwirtschaftskrise äußerst negativ auf den Tourismus in Spanien aus. Kamen 1929 noch 362 000 Reisende ins Land, fiel die Zahl 1931 auf 276 000 Touristen und verblieb in den folgenden drei Jahren auf diesem Niveau. 116 Mit dem Bürgerkrieg verdoppelte sich die spanische Tourismusadministration, da das franquistische Lager 1938 eine eigene Institution etablierte, den Servicio Nacional de Turismo, um den Tourismus zu fördern. 1939 wurde diese in Dirección General de Turismo umbenannt. 117 Als wesentliche Aufgabe kam der franquistischen Tourismusadministration die Organisation des in erster Linie politisch motivierten Kriegstourismus zu. 118 1951 gründete das Franco-Regime schließlich das Ministerium für Information und Tourismus, das die Ressorts für Propaganda und Zensur sowie den Tourismus 110 Der regeneracionismo war eine heterogene politische Strömung, die nach dem Verlust der beiden letzten Kolonien in Übersee (Kuba und den Philippinen) 1898 eine tiefgreifende Umgestaltung des politischen Systems forderte. Vgl. Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-14 f. Vgl. Harrison, Regenerationism. 111 Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.-118. Die Absetzung de la Vega-Incláns ist darauf zurückzuführen, dass sein expliziter Fokus auf die Erhaltung und Ausstellung des kulturellen Erbes aus Sicht der Regierung Primo de Riveras zu wenig zum Prozess des nation building beitrug: Afinoguénova, Organic Nation, S.-765. 112 Pellejero Martínez, La política turística en la España, S.-237. 113 Vgl. das Organigramm des Patronato in Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.-119. 114 Pellejero Martínez, La política turística en la España, S.-238. 115 Ders., La política turística en España, S.-270. 116 Pellejero Martínez, La política turística en la España, S.-241. 117 Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.-135. 118 Vgl. oben. <?page no="62"?> 61 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung unter einem gemeinsamen Minister zusammenband. 119 Damit erfuhr die Tourismusadministration eine deutliche Aufwertung. Mit dem Wechsel an der Spitze des Ministeriums im Jahr 1962 von Gabriel Arias Salgado zu Manuel Fraga Iribarne erlangte die Förderung des Tourismus vor dem Hintergrund eines Gutachtens der Weltbank zu den touristischen Möglichkeiten Spaniens und deren ökonomischen Nutzen 120 einen neuen Impuls. 121 Das franquistische Regime konnte damit auf eine lange Erfahrung im institutionellen und administrativen Umgang mit dem Tourismus zurückgreifen. Die Regulierungs- und Förderungsintensität erhielt aber - vor allem mit der Gründung des Ministeriums für Information und Tourismus - durch das Franco-Regime eine neue Qualität. Dies zum einen da das franquistische Lager noch im Bürgerkrieg den Tourismus zur Beeinflussung des Auslandsbildes Spaniens instrumentalisierte, zum anderen weil das Motiv der Tourismusförderung zunehmend von wirtschaftlicher Natur war. Touristische Traditionen außerhalb und innerhalb der untersuchten Regionen Doch das Franco-Regime konnte nicht nur an zentralstaatliche Initiativen zur Förderung des Tourismus anknüpfen, sondern auch an regionale Erfahrungen und touristische Traditionen. Der früheste und umfassendste Ausbau des Tourismus an den spanischen Küsten hatte allerdings nicht am Mittelmeer - dem späteren Schwerpunkt des Massentourismus - sondern an der Atlantikküste stattgefunden. Als San Sebastián an der spanischen Atlantikküste in den 1860er Jahren durch die Eisenbahn an die Hauptstadt Madrid angebunden wurde, bildeten sich dort an der Küste die ersten Seebäder in Spanien heraus. 122 Dies führte dazu, dass San Sebastián zu einem Ort wurde, an dem sich die spanische Aristokratie und das aufstrebende Bürgertum traf, um dort den Sommer zu verbringen. Da San Sebastían 1887 zur Sommerresidenz des spanischen Königshauses wurde, entwickelte sich das Seebad auch zu einem Ort von Intrigen und informeller Diplomatie, der weit über die nationalen Grenzen hinaus eine Anziehungskraft ausübte. 123 San Sebastián wurde deshalb in mehrfacher Hinsicht zu einem Prototyp der Touristifzierung der spanischen Küsten. Erstens resultierte der Aufstieg San Sebastiáns zu einem international renommierten Seebad in weitreichenden baulichen Veränderungen. Insbesondere um den Strand La Concha herum entwickelte sich eine für Seebäder typische Architektur mit Badeanlagen, einem Kurhaus und Hotels. 124 Zweitens etablierte sich innerhalb des Seebades eine eigene Tourismus- 119 Carmelo Pellejero Martínez: Organización administrativa e intervención del Estado en el sector turístico, 1951-1977, in: Estudios turísticos 163-164 (2005), S.-81-98, hier S.-82. 120 The International Bank for Reconstruction and Development: The Economic Development of Spain. Report of a Mission Organized by the International Bank for Reconstruction and Development at the Request of the Government in Spain, London 1963, S.-377 f. 121 Pellejero Martínez, Organización administrativa, S.-85. 122 Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.-33. 123 Walton, Seaside Resorts, S.-24. 124 Ders.: Consuming the Beach, S.-289. <?page no="63"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 62 kultur und spezifische Formen des Konsums und von Vergnügungsmöglichkeiten. 125 Drittens hatte die Entstehung des Seebades San Sebastiáns sozioökonomische Konsequenzen. Die Präsenz der spanischen Elite während der Sommermonate führte dazu, dass sich die lokale Ökonomie auf deren Bedürfnisse einstellte und dadurch Gewinne abschöpfen konnte. 126 Die Entdeckung der Mittelmeerküste als touristisches Ziel fand im Vergleich zur Atlantikküste verzögert statt. Dies hing mit der Tatsache zusammen, dass der ursprüngliche gesundheitsfördernde Aspekt des Meerbades zunehmend in den Hintergrund trat und somit das Mittelmeer, dessen Wasser zuvor keine gesundheitsfördernde Wirkung zugesprochen worden war, als Ort von touristischer Qualität erst entdeckt wurde. 127 Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Strände um Málaga und um Barcelona herum von einem wachsenden bürgerlichen Tourismus für sich entdeckt. 128 Ein signifikantes Wachstum des Mittelmeertourismus zeichnete sich dann erst in den späten 1920er-und frühen 1930er-Jahren ab, als auch die Costa Brava und die Insel Mallorca zu einem Ziel für bürgerliche Sommertouristen wurden. Während 1930 36 156 Touristen nach Mallorca kamen, waren es 1935 bereits 90 408, bevor der Bürgerkrieg ein weiteres Anwachsen verhinderte. 129 Damit verlief der Anstieg in den im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Orten im Verhältnis zu den Touristenzahlen für ganz Spanien antizyklisch. Während diese, wie erwähnt, in der Folge der Weltwirtschaftskrise insgesamt fielen, stiegen sie in den neuen Ressorts am Mittelmeer. Dabei konnten sich lokale und regionale Akteure in der entstehenden Tourismusbranche auf ältere Überlegungen zur Nutzung des wirtschaftlichen Potentials des Tourismus stützen. So hatte Bartolomé Amengual bereits 1903 eine Publikation mit dem Titel „La industria de los forasteros“ (Die Industrie der Ausländer) vorgelegt. Darin führte der Autor aus, wie der Auslandstourismus zu einer substantiellen ökonomischen Kraft für die Zielregionen werden könnte und forderte die Gründung einer „industria turística“. Bemerkenswerterweise war Amengual Mallorquiner und seine Publikation wurde 1903 in Palma de Mallorca verlegt. Darin präsentierte Amengual ganz explizit Ideen zur Frage, wie auf Mallorca der Fremdenverkehr gefördert werden könne. 130 In der Folge hatte sich 1905 auf Mallorca ein Verkehrsverein gegründet, der sich der Förderung des Tourismus verschrieb. 131 Auch an der Costa del Sol hatten lokale Unternehmer und Honoratioren um die Jahrhundertwende den Tourismus als mögliche wirtschaftliche Alternative verstärkt ins 125 Ders.: Tourism and Consumption, S.-110 f. 126 Ders.: / Smith, J., The First Century, S.-43. 127 Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.-89. 128 Ebd., S.-89. 129 Buades, On brilla el sol, S.-90. 130 Bartolomé Amengual: La industria de los forasteros, Palma de Mallorca 1903, S.-29. 131 Foment del Turisme, Mallorca: Libro I de Actas de la Junta Directiva (1905-1913), S.- 1, Arxiu del Foment del Turisme (AFT). <?page no="64"?> 63 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung Auge gefasst und die touristischen Qualitäten der Küste um Málaga hervorgehoben. 132 An der Costa Brava hatten sich ebenfalls seit der Jahrhundertwende Bestrebungen herausgebildet, den Tourismus stärker zu fördern, um ihn ökonomisch auszubeuten. 133 Diese Gedanken wurden in den späten 1920er-und frühen 1930er-Jahren zunehmend in die Tat umgesetzt. Nun erschienen erste Reiseführer, die etwa gezielt die Costa Brava bewarben 134 und in S’Agaró bei Sant Feliu de Guíxols (Costa Brava) entstand eine erste vollständig auf touristische Bedürfnisse ausgerichtete, neu geplante Siedlung. 135 Auch auf Mallorca bauten Privatleute für die gehobene Mittelschicht Zweitwohnsitzanlagen, in denen diese ihre ausgedehnten Sommerurlaube verbrachten. So entstanden auch im Gemeindebezirk von Calviá an der Südwestküste Mallorcas neue Orte direkt an der Küste, die genuin touristische Siedlungen waren. 136 2.3.2 Strukturelles und geographisches Kapital Diese touristischen Traditionen bildeten für die Förderung und den Ausbau des Massentourismus in der Nachkriegszeit Anknüpfungspunkte, aus denen sich die Schwerpunktbildung der Entfaltung des touristischen Angebots innerhalb der Regionen und innerhalb Spaniens erklären lassen. Der Massentourismus der Nachkriegszeit bildete sich zuerst dort heraus, wo in der Vorkriegszeit bereits touristische Strukturen am Mittelmeer bestanden hatten. Dies ist insbesondere auf Mallorca zu erkennen, wo diejenigen bereits im sogenannten ersten Boom des Tourismus zwischen 1932 und 1936 eine Rolle spielenden Orte wie Cala d’Or, Santa Ponsa und Palma de Mallorca 137 auch für den Nachkriegstourismus zunächst am relevantesten waren. In den Stadtbzw. Gemeindebezirken, in denen diese Orte lagen, also Santanyí, Calviá und Palma selbst, waren 1965 die höchsten Touristenzahlen auf ganz Mallorca zu verzeichnen. In Santanyí waren es 30 454, in Calviá 110 066 und in Palma 622 297 Touristen. Damit konzentrierten sich dort insgesamt 79,4% aller Touristen, die sich 1965 auf Mallorca aufhielten. 138 Doch nicht nur das Vorhandensein touristischer Strukturen im Sinne von Pfadabhängigkeiten spielte eine Rolle dabei, wo sich der Massentourismus der Nachkriegszeit zuerst ausbreitete. Auch die geographische Lage einzelner Touristenorte, aber auch der Regionen im Ganzen war ein wesentlicher Faktor. So spürte die Costa Brava aufgrund ihrer Nähe zu Frankreich bereits in den 1950er-Jahren eine erhebliche Zunahme des ausländischen Tourismus. 139 Auf Mallorca und an der Costa del Sol hingegen hielten 132 Pellejero Martínez, El turismo como alternativa, S.-303 f. 133 Garay Tamajón/ Cánoves Valiente, El desarrollo turístico, S.-29-46. 134 Luis Moya Plana: Gerona, Costa Brava, Gerona 1930. 135 Buades, On brilla el sol, S.-56. 136 Buswell, Mallorca and tourism, S.-44. 137 Ders., Mallorca. The making, S.-178. 138 Berechnet nach: Bartolomé Barceló Pons: Origen y evolución de la afluencia turística, in: Boletín Oficial de la Cámara de Comercio de Mallorca 663-664 (1969), S.-58-103, hier S.-85. 139 Sánchez Sánchez, Auge del turismo europeo, S.- 214. Einen erheblichen Anteil daran hatten fran- <?page no="65"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 64 sich die Touristenzahlen in dieser Zeit noch in Grenzen. 140 Erst mit der Zunahme des Flugverkehrs wurden die Insel und die Südküste Spaniens für den Massentourismus im großen Stil zugänglich. Damit ging aber zugleich ein Ordnungsmuster einher, das die Nähe zu einem Flughafen zur Grundbedingung des weiteren Ausbaus des Tourismus machte. Somit profitierten vom einsetzenden Tourismusboom zunächst und am stärksten diejenigen Orte, die von einem Flughafen aus günstig zu erreichen waren. 141 So begann der Tourismusboom an der Costa del Sol erst, als der dortige Flughafen Anfang der 1960er-Jahre für den regulären zivilen Luftverkehr eröffnet wurde, nachdem 1950 die Landebahn erneuert worden war. 142 Und es war Torremolinos, das in unmittelbarer Nähe zum Flughafen liegt, wo in der Folge die größte Hotelkapazität an der Costa del Sol entstand. 143 Auf Mallorca sind die drei bereits oben genannten Touristenorte, die die größten touristischen Kapazitäten während des Booms der 1960er-Jahre aufwiesen, zugleich auch am nächsten zum Flughafen von Palma de Mallorca gelegen. Da es an der Costa Brava zunächst keinen Flughafen gab - dieser wurde erst 1967 fertiggestellt - wurde der Luftverkehr über die Flughäfen von Barcelona und Perpignan in Frankreich abgewickelt. Von dort erfolgte der Transfer zu den Touristenorten in der Regel mit der Hilfe von Bussen. Da aber, wie bereits erwähnt, die Costa Brava von Frankreich aus gut mit dem Auto, dem Reisebus und dem Zug 144 erreichbar war, hatte die Nähe zu einem Flughafen zunächst keinen Einfluss auf die innerregionale Verteilung der Touristen. Somit spielten im Fall der Costa Brava bestehende touristische Strukturen eine größere Rolle als die geographische Nähe zu einem Flughafen. zösische Touristen. Diese stellten in der Anfangsphase mit Abstand den Großteil der ausländischen Touristen in Spanien. So befanden sich noch während der Hochsaison im August 1964 unter den ausländischen Touristen, die sich an der Costa Brava aufhielten 31% Franzosen, die die Costa Brava wegen der guten Erreichbarkeit über den Landweg bevorzugten. Berechnet nach: Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1965. Turismo receptivo. Encuesta de agosto de 1964, S.-745, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=177123&ext=.pdf , (4.2.2016). Siehe auch: Sánchez Sánchez, Le tourisme des années 1960. 140 So übernachteten, zeitgenössischen Schätzungen zufolge in den Jahren 1956 bis 1959 jährlich durchschnittlich 69 051 ausländische Touristen in Hotels und Ferienwohnungen an der Costa del Sol: Comisión Especial de Ordenación y Desarrollo de la Costa del Sol en la Provincia de Málaga: Proyecto de ordenación de la Costa del Sol. Memoria general, Madrid 1959, S.- 81. Bei Barke/ France findet sich eine abweichende Schätzung von 51 000 ausländischen Touristen, die 1959 an die Costa del Sol kamen: Barke/ France, The Costa del Sol, S.-268 f. Auf die Balearen kamen 1956 161 171 ausländische Touristen, 1959 bereits 256 180: Bartolomé Barceló Pons: El Turismo en las Islas Baleares, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio de Mallorca 642 (1964), S.-44-50, hier S.-44. 141 Barke/ France, Costa del Sol, S.-275. 142 Utrilla, Los vuelos, S.-60. Zwar gab es bereits 1956 einen wöchentlichen Direktflug London-Málaga, den Horizon Holidays organisierte, die Zahl der Passgiere kam allerdings nicht über 850 im ganzen Jahr hinaus, da die Landebahn zu kurz für größere Maschinen war: Ders., El Aeropuerto, S.-51. 143 Torremolinos wies 1969 die größte Bettenkapazität an der Costa del Sol auf. Niemeier, Die Fremdenverkehrslandschaft, S.-109. 144 Die geringere Spurbreite in Spanien machte allerdings ein Umsteigen an der Grenze notwendig. <?page no="66"?> 65 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung 2.3.3 Der ‚take-off‘ des Massentourismus: geographische und quantitative Verteilung Bevor im Folgenden die quantitative und geographische Verteilung des Massentourismus in Spanien während des Untersuchungszeitraums dieser Arbeit skizziert wird, ist zunächst auf die Schwierigkeiten beim Umgang mit dem statistischen Material einzugehen. Prinzipiell lassen sich drei verschiedene Erhebungsmethoden unterscheiden, die bei der Erstellung von Tourismusstatistiken herangezogen werden: die sogenannte Grenzmethode, die Übernachtungsstatistik und repräsentative Umfragen. Bei der Grenzmethode werden die an den nationalen Grenzen eines Landes Einreisenden erfasst. Da allerdings nicht alle Einreisenden zwangsläufig Touristen sind oder Touristen, 145 die einen längeren Aufenthalt planen, bilden die über die Grenzmethode erfassten Zahlen nicht die tatsächliche Zahl an Touristen ab. Das so gewonnene Zahlenmaterial liefert stattdessen immer Werte, die deutlich zu hoch sind. Übernachtungsstatistiken beruhen in der Regel auf der Meldung der wöchentlichen oder monatlichen Meldung der Zahl der Übernachtungsgäste durch die Hotelbetreiber an Behörden. Sie liefern tendenziell zu geringe Ergebnisse, da meistens Touristen, die in Privatunterkünften übernachten, nicht erfasst werden. 146 Repräsentative Umfragen haben ebenfalls ihre Schwächen, da bei vielen Statistiken, die auf scheinbar repräsentativen Stichproben beruhen, nicht nachgeprüft werden kann, ob die Befragten tatsächlich einer repräsentativen Auswahl unterzogen wurden. Im spanischen Fall handelt es sich zumeist um Statistiken, 147 die staatliche Stellen mithilfe der Grenzmethode erstellten. Zudem führte das Ministerium 1964 und 1970 zwei großangelegte Befragungen mit repräsentativem Charakter durch. 148 Übernachtungsstatistiken wurden erst ab 1965 veröffentlicht und beinhalteten nur die gemeldeten Übernachtungsgäste in Hotels und Campingplätzen. Die Verwendung der genannten Statistiken birgt Risiken. So gilt es, auch die Grenzen ihrer Aussagekraft einzubeziehen, die maßgeblich durch zwei Faktoren beeinflusst werden. Erstens hatten zeitgenössisch erstellte Statistiken immer auch eine Funktion jenseits ihres reinen Informationsgehalts. Gerade weil Zahlen scheinbar unbestechlich wirken, ist in besonderem Maße nach den Bedingungen ihrer Publikation, ihrer Kontextualisierung und ihrer Verwendung zu fragen. 149 Ganz ähnlich wie in einem anderen wichtigen Reiseland der Nachkriegszeit - in Italien 150 - verwendeten spanische Institutionen bei Berichten über den Tourismus in Spanien fast ausschließlich Zahlen, die mithilfe der 145 Nach der Definition der United Nations World Tourism Organization (UNWTO) sind Touristen diejenigen Reisenden, die in einer Destination übernachten, sich dort aber nicht länger als ein Jahr aufhalten. Als Besucher werden hingegen Tagesausflügler bezeichnet. Steinecke, Tourismus, S.-14. 146 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-14. 147 Einen Überblick über die in Spanien erstellten Tourismusstatistiken gibt Quevedo Quevedo, Las estadísticas. 148 Ebd., S.-58 f. 149 Vgl. zum Umgang mit zeitgenössischen Erhebungen: Raphael, Die Verwissenschaftlichung, S.-189. 150 Manning, Italiengeneration, S.-208. <?page no="67"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 66 Grenzmethode erhoben worden waren und somit die tatsächliche Zahl der Touristen künstlich in die Höhe trieben. Zeitgenössische Kritiker wiesen auf den problematischen Umgang mit den Touristenzahlen hin, 151 der offensichtlich darauf abzielte, Spanien zum einen nach außen hin als immer beliebteres Urlaubsziel darzustellen und zum anderen gegenüber der eigenen Bevölkerung zu demonstrieren, dass das Regime alles dafür tat, zahlungskräftige Ausländer ins Land zu locken, um so die Wirtschaft anzukurbeln. 152 Auch stellt sich das Problem der fehlenden Genauigkeit der Zahlen im Hinblick auf die tatsächliche Zahl von Touristen. Doch da beispielsweise bei der Einreisestatistik die Erhebungsmethode im Untersuchungszeitraum nicht grundsätzlich verändert wurde, können aus den Zahlen zumindest Trends und Entwicklungen abgelesen werden. Berücksichtigt man, dass von den Einreisenden nur ein gewisser Teil tatsächlich Touristen war und dass es eventuell auch zur Manipulation der Zahlen nach oben kam, kann trotzdem noch eine langfristige Entwicklung beobachtet werden, aus der Rückschlüsse gezogen werden können, auch wenn die absoluten Zahlen nicht ohne weiteres die Wirklichkeit abbilden. Betrachtet man die quantitative Entwicklung des Tourismus über den Untersuchungszeitraum hinweg, kann man zunächst einmal einen kontinuierlichen und bis heute anhaltenden Anstieg der Touristenzahlen konstatieren. Auch wenn es in einzelnen Jahren oder Perioden Rückgänge gab, wurden diese in den Folgejahren wieder wettgemacht bzw. noch übertroffen. So stieg die Zahl der nach der Grenzmethode ermittelten Einreisen nach Spanien, die wie erwähnt, nicht alle touristischer Motivation unterlagen, aber doch einen relevanten Trend widerspiegeln, zwischen 1950, dem Beginn der offiziellen statistischen Erhebungen über den Tourismus und dem Jahr 1983 von 457 000 auf 37 089 090. Bis 1990 stieg die Zahl dann noch einmal auf 48 744 000, bis zum Jahr 2000 auf den Wert von 74 400 000. Innerhalb des Tourismusministeriums schätzte man, dass zwischen 66% und 74% der Zahl der nach Spanien Eingereisten Touristen waren und der Rest sich auf Tagesbesucher, im Ausland lebende Spanier, Geschäftsreisende und den Grenzverkehr verteilte. 153 Von 1950 bis zum Jahr 1959, dem Jahr der Verkündung des Stabilisierungsplans und der nun forcierten Öffnung des Landes nach außen betrug die Steigerung der Einreisezahlen 527%. Allein zwischen 1959 und 1960 steigerte sich diese Zahl um 50%. Die durchschnittliche, jährliche Wachstumsrate der Einreisen betrug somit im Zeitraum zwischen 1950 und 1960 25,2%. 154 Da eine nationale Übernachtungsstatistik erst ab 1965 existiert, können für den Zeitraum zwischen 1950 und 1965 nur auf der Basis regionaler Stichproben die Zah- 151 Gaviria, España a Go-Go, S.-13 f. 152 So setzte der Tourismusminister Manuel Fraga gegenüber stärker konservativ orientierten Politikern innerhalb des Regimes durch, dass die Touristenzahlen durch Pressemeldungen veröffentlicht wurden. Penella Heller, Manuel Fraga Iribarne, S.-247. 153 Dies geht aus einer Publikation des früheren Tourismusministers Alfredo Sánchez Bella hervor, der diese Zahlen 1977 nannte. Sánchez Bella, El Turismo en España, S.-88. 154 Vallejo Pousado: Turismo y desarrollo, S.-428. <?page no="68"?> 67 len für die Übernachtungsgäste mit denen der Einreisenden in Beziehung gesetzt werden. Hier zeigt sich, dass für die Balearen, wo solche Daten vorliegen, ähnliche Muster erkennbar sind. So stieg die Zahl der ausländischen Übernachtungsgäste auf den Balearen zwischen 1950 und 1959 sogar um 712%, während die Zäsur von 1959 weniger stark ausfällt, da zwischen 1959 und 1960 die Zunahme lediglich einen Wert von 22% erreichte und die Zahl der Ausländer, die in Hotels auf den Balearen übernachteten auf 313 341 Personen ansteigen ließ. Abb. 1: Zahl der nach Spanien eingereisten Personen im Vergleich zu Übernachtungsgästen und der geschätzten Zahl an „realen“ Touristen 155 155 Die Zahlen zur Schätzung der tatsächlichen Touristenzahl bricht 1976 ab. Barceló Pons, El Turismo en las Islas Baleares, S.- 44. Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1965, S.- 356, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=177427&ext=.pdf, (26.4.2016). Anuario Estadístico 1970, S.-345, http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=182497&ext=. pdf, (26.4.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1975, S.- 356, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=32656&ext=.pdf, (26.4.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1984, S.- 397, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdf- Dispacher.do? td=126353&ext=.pdf (5.2.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1984, S.- 402, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=126360&ext=.pdf, (5.2.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1974, S.-363, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=184823&ext=.pdf, (5.2.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1970, S.- 352, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDis- 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung     -  - - € ‚  ƒ    <?page no="69"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 68 Abb. 2: Übernachtungsgäste Balearen 156 Das deutet darauf hin, dass die Zahl der Einreisen auf nationaler Ebene zwischen 1959 und 1960 vor allem aufgrund des nun stärkeren Grenzverkehrs mit Frankreich anwuchs, der eben nur in Teilen genuin touristisch bzw. mehr als tagestouristisch motiviert war. 157 Bemerkenswert für die Balearen erscheint für diesen Zeitraum zudem die Tatsache, dass der Anteil der durch Ausländer gegenüber Einheimischen verursachten Hotelübernachtungen von 32% im Jahr 1950 auf 78% im Jahr 1960 stieg. 158 Dieser pacher.do? td=182516&ext=.pdf, (6.2.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico, 1966, S.- 355, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=177917&ext=.pdf, (6.2.2016). Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1963, Madrid 1964, S.- 146 f. Alfredo Sánchez Bella: El Turismo en España y el Financiamiento de las Empresas Turísticas, in: Asociación Latino Americana de Instituciones Financieras de Desarollo/ Instituto de Crédito Oficial/ Banco Hipotecario de España/ Banco Central de la República Dominicana (Hg.): El Turismo y su Financiación en España, Caribe y Centroamérica, Madrid 1977, S.- 83-106, hier S.-88. 156 Barceló Pons, El Turismo en las Islas Baleares, S.- 44, 46. Schmitt/ Schmitt, Tourismus auf Mallorca, S.-428. Die Zahlen beruhen für die Jahre 1950-1983 auf den registierten Hotelübernachtungen, von 1983-1985 auf die Ankünfte von Ausländern am Flughafen und den Übernachtungen spanischer Touristen, ab 1986 auf den Zahlen der ankommenden Reisenden am Flughafen von Palma de Mallorca. 157 So stieg die Zahl der aus Frankreich Eingereisten zwischen 1959 und 1960 ebenfalls genau um 50%, während die Zahl der aus Großbritannien Eingereisten lediglich um 23%, die aus der BRD eingereisten aber um 47% stieg, aber auf einem in absoluten Zahlen gemessenem deutlich geringerem Niveau als für den französischen Fall. Sicherlich ist im Fall der BRD auch ein größeres Maß an Geschäftsreisen, die in Zusammenhang mit der zunehmenden Öffnung Spaniens standen, zu vermuten. Die Tatsache, dass aber bspw. 1963 in den klassischen Ferienmonaten Juni bis September allein 70% aller aus der BRD stattgefundenen Einreisen zu verzeichnen waren, zeigt jedoch deutlich, welch großen Teil der Tourismus zum Anstieg der Zahl der Einreisenden beigetragen hat. 158 Barceló Pons: El Turismo en las Islas Baleares, S.-44, 46. Barceló Pons: Origen y evolución, S.-84. Bus- <?page no="70"?> 69 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung Wert unterstreicht die Bedeutung des ausländischen Tourismus auf den Balearen, der sich in den folgenden Jahren noch steigern sollte. Tab. 1: Monatliche Verteilung deutscher Reisender 1963 159 Januar 11873 Feb 8821 Mrz 22212 April 47368 Mai 70327 Juni 127316 Jul 173589 Aug 172412 Sep 119887 Okt 38802 Nov 13523 Dez 15960 Summe 822909 Parallel zum Ansteigen der Touristenzahlen setzte eine Vergrößerung der Hotelkapazität ein, die sich aufgrund fehlender Daten aus anderen Regionen für das Jahrzehnt well, Mallorca and Tourism, S.-60. Mallorca empfieng ca. 90% aller Touristen der Balearen: Anuario Estadístico 1965, S.-727, http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=177115&ext=.pdf. Anuario Estadístico 1966, S.- 750, http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=178201&ext=.pdf. Anuario Estadístico 1971, S.- 699, http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=30986&ext=. pdf. Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo de Baleares: El Turismo en Baleares. Datos informativos 1972, Juni 1973, ARM, GC 1997. Sindicato Provincial de Hostelería y Acitividades Turísticas: Resumen estadístico Baleares 1976/ 1977, ARM, SIND-B 392. Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1966, S.-750, http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher. do? td=178201&ext=.pdf, (6.4.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1969, S.- 712, http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=182149&ext=.pdf., (6.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1971, S.- 699, http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=30986&ext=.pdf, (6.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1972, S.-703, http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=183872&ext=.pdf, (6.5.2016). 159 Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1963, Madrid 1964, S.-250, 253. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1964, Madrid 1965, S.- 268, 270. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1965, Madrid 1966, S.-361. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1966, Madrid 1967, S.-287. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1967, Madrid 1968, S.- 277. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1968, Madrid 1969, S.- 281. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1969, Madrid 1970, S.-263. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1970, Madrid 1971, S.-263. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1973, Madrid 1974, S.-265. <?page no="71"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 70 der 1950er-Jahre wiederum nur auf nationaler Ebene und für den Fall der Balearen nachvollziehen lässt. Da genaue Daten zu den Balearen für die Jahre 1959 bis 1962 fehlen, ist es nur möglich, eine Steigerungsrate der Hotelkapazität zwischen 1950 und 1963 zu berechnen. Während die Zahl der in ganz Spanien für den Tourismus zur Verfügung stehenden Betten im Zeitraum von 1951 bis 1963 um 35% anwuchs, wies die Bettenkapazität auf den Balearen sogar einen Anstieg um 748% auf. 160 Die Hauptherkunftsländer der nach Spanien Eingereisten veränderten sich über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg kaum. So war Frankreich stets dasjenige Land, das die meisten Einreisenden stellte. An zweiter Stelle folgte bis 1974 Großbritannien, an dritter Stelle die Bundesrepublik, bevor die bundesrepublikanischen Touristen dann die britischen übertrafen. Erst 1982 stellte sich das ursprüngliche Verhältnis wieder ein. Abb. 3: Verteilung der Spanienreisenden nach Nationalitäten 161 160 Barceló Pons: Origen y evolución, S.- 74. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas Turismo 1964, S.- 271, 279. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas Turismo 1965, S.-369. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas Turismo 1966, S.-288, 290. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas Turismo 1967, S.-278, 280. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas Turismo 1968, S.-282, 284. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas Turismo 1969, S.-264, 266. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas Turismo 1970, S.-264, 266. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas Turismo 1973, S.- 266. Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1975, S.- 733 f., online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=32078&ext=.pdf, (2.5.2016). Ebd., S.- 751 f., online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=129044&ext=.pdf, (2.5.2016). 161 Barceló Pons, Origen y evolución, S.-90-92. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas de Turismo 1963, S.-37, 183, 187, 189. Ministerio de Información y Turismo, 0 5000000 10000000 15000000 20000000 25000000 30000000 35000000 40000000 1951 1952 1953 1954 1955 1956 1957 1958 1959 1960 1961 1962 1963 1964 1965 1966 1967 1968 1969 1970 1971 1972 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 F GB BRD Rest <?page no="72"?> 71 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung Die 1960er-Jahre sahen zwar nicht mehr die prozentual hohen Steigerungsraten im Spanientourismus wie das Jahrzehnt davor. In absoluten Zahlen gemessen bewegte sich der spanische Touristensektor nun aber in einer ganz anderen Liga. Das gilt sowohl für das Feld der Zahl der Eingereisten, der Übernachtungsgäste, als auch der Bettenkapazität. So stieg die Zahl der nach Spanien Eingereisten zwischen 1963 und 1970 von 7 941 206 auf 21 267 380 um 168%. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate zwischen 1960 und 1970 betrug nun immer noch stattliche 17,2%. 162 Auch die Zahl der Übernachtungsgäste auf den Balearen sowie in den Provinzen Gerona (Costa Brava) und Málaga (Costa del Sol) stieg um ein Vielfaches an und unterstrich deren Stellung als die am stärksten vom Tourismus geprägten Regionen in Spanien. So wiesen die Balearen zwischen 1965 und 1971 die größte Zahl an Übernachtungsgästen unter den Touristenregionen Spaniens auf. Sodann folgte die Costa Brava an zweiter Stelle und an dritter die Costa del Sol. 163 Die Zahl der Übernachtungsgäste auf den Balearen stieg von 569 501 im Jahr 1963 auf 2 013 413 im Jahr 1970, was einer Steigerung von 256% entspricht. Auch an der Costa del Sol und an der Costa Brava wurden hohe Steigerungsraten erreicht. An der Costa del Sol stieg der Wert zwischen 1965 und 1970 um 98%, an der Costa Brava um 29%, wo eine starke Zunahme bereits in den 1950er-Jahren zu verzeichnen gewesen war. 164 Secretaría General Técnica, Estadísticas de Turismo 1966, S.-22. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas de Turismo, 1967, S.- 12. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas de Turismo 1968, S.-12. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas de Turismo 1969, S.-12. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas de Turismo 1970, S.- 16. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica, Estadísticas de Turismo 1973, S.- 12. Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1972, S.- 348, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdf- Dispacher.do? td=184113&ext=.pdf (1.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1973, S.- 356, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=40612&ext=.pdf, (1.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1974, S.-356, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=184805&ext=.pdf, (1.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1984, S.-397, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=126353&ext=.pdf, (2.5.2016). 162 Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo, S.-428. 163 Ausgenommen sind hier die beiden Metropolen Madrid und Barcelona. Instituto Nacional de Estadística: Anuarios Estadísticos. Viajeros que pernoctaron y pernoctaciones causadas, por provincias 1966-1972, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ libros.do? tntp=25687, (6.5.2016). Diesen Befund zeigt auch die quantitative Verteilung der Rezeptivstudie von 1964. Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1965, S.-745, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=177123&ext=.pdf, (6.5.2016). 164 Berechnet nach: Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1966, S.- 750, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=178201&ext=.pdf (6.4.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1967, S.-750, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=179539&ext=.pdf, (6.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1968, S.- 746, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=180817&ext=.pdf, (6.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1969, S.-712, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=182149&ext=.pdf, (6.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1970, S.- 705, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDis- <?page no="73"?> 2. Kontext und Rahmenbedingungen für die Entstehung des Urlaubslandes Spanien 72 Auch im Bereich der Bettenkapazität ergaben sich in den untersuchten Regionen Anstiege. 165 So stieg die Zahl der Betten auf den Balearen von 34 272 im Jahr 1963 auf 157 050 im Jahr 1970 und wies somit eine Steigerungsrate von 357% auf, während an der Costa Brava im Bereich der Hotelbetten ausgehend von einem ähnlich hohen Niveau lediglich eine Steigerung von 50% erfolgte. An der Costa del Sol wurde, ausgehend von einem deutlich niedrigeren Niveau eine Steigerung um 151% verzeichnet. 166 Im Jahr 1974 kam es zum ersten Mal seit dem Spanischen Bürgerkrieg zu einem Rückgang der Zahl der nach Spanien eingereisten Ausländer, 167 während die Anzahl der Übernachtungsgäste erst ein Jahr später leicht zurückging. 168 Kamen 1973 noch pacher.do? td=182389&ext=.pdf, (6.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1971, S.- 699, http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=30986&ext=.pdf, (6.5.2016). Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1972, S.-703, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=183872&ext=.pdf, (6.5.2016). Instituto Nacional de Estadística/ Presidencia del Gobierno: Viajeros en Hoteles y acampamentos turísticos, Resumen Anual 1976, Madrid 1977. Instituto Nacional de Estadística/ Ministerio de Economía: Viajeros en Hoteles y acampamentos turísticos, Resumen Anual 1977, Madrid 1978. Instituto Nacional de Estadística/ Ministerio de Economía y Comercio: Viajeros en Establecimientos turísticos, Resumen Anual 1978, Madrid 1981. 165 Auch hier lagen die genannten Provinzen an erster Stelle, wenn man von den beiden Großstädten Barcelona und Madrid absieht, in denen die Hotelkapazität nicht in erster Linie ausschließlich für den Auslandstourismus genutzt wurde, wie das in den anderen Provinzen der Fall war, sondern die Übernachtungen von Einheimischen hoch waren und zudem anzunehmen ist, dass Geschäftsreisende einen großen Teil der Übernachtungen verursachten. Vgl. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1963, Madrid 1964, S.-250, 253. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1964, Madrid 1965, S.-268, 270. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1965, Madrid 1966, S.-361. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1966, Madrid 1967, S.-287. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1967, Madrid 1968, S.-277. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1968, Madrid 1969, S.-281. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1969, Madrid 1970, S.-263. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1970, Madrid 1971, S.- 263. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1973, Madrid 1974, S.-265. 166 Málaga wies aber neben seinen Hotels einen enorm hohen Anteil an Ferienwohnungen für Selbstversorger auf, der nach der Provinz Tarragona im Jahr 1964 im Verhältnis zu den Hotels den für Spanien höchsten Wert (Málaga: 82%, Tarragona: 86%) darstellte. Im Bereich der absoluten Zahlen war Málaga mit einem Angebot von 60 251 Betten in Ferienwohnungen und -häusern, der sich bis 1972 auf die Zahl von 219 754 Betten vervielfachte, an der Spitze des spanischen Angebots an Selbstversorgerunterkünften. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1964, S.-287. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1965, S.-373. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1966, S.-292. MIT: Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1968, S.-293. Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas del Turismo 1973, S.-274. Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1974, S.- 733, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=184479&ext=.pdf, (9.5.2016). 167 Vgl. Abb. 1. 168 Vgl. Abb. 1. <?page no="74"?> 73 2.3 Touristische Revitalisierungen und frühe Touristifizierung 31-05-806 Ausländer nach Spanien, waren es im Jahr 1974 nur noch 27 364 467. Zwischen 1974 und 1976 stagnierten die Zahlen, bis schließlich 1977 wieder ein Anstieg auf 31 597 119 verzeichnet wurde. Das Niveau von 1973 wurde 1978 mit 36 942 697 wieder überschritten, bevor 1979 wieder ein Einbruch der Zahlen zu bemerken war, der erst wieder 1982 wettgemacht werden konnte. Auf den ersten Blick korrelieren die Rückgänge bei den Touristenzahlen zum einen mit den beiden sogenannten Ölkrisen und der damit verbundenen Wirtschaftskrisen der 1970er-Jahre, 169 die sich jeweils etwas zeitversetzt im Tourismussektor niederschlugen sowie zum anderen mit der Zeit des politischen Übergangs Spaniens zur Demokratie, als das Land sich zwar nicht in einer Phase der politischen Instabilität befand, aber aus Sicht potenzieller Touristen ein Land war, dessen unmittelbare Zukunft sich nicht hundertprozentig vorhersagen ließ. Die genauen Gründe für den Rückgang der Zahlen im Jahr 1974 als auch die sich daraus ergebenden Debatten und Reaktionen werden umfassend im vierten Kapitel dieser Arbeit analysiert. Über diese Krise des Tourismus, insbesondere in den frühen 1970er-Jahren, hinaus fällt allerdings die bereits erwähnte Kontinuität des Anstiegs bzw. des Ausbaus der Beherbergungsindustrie auf. Denn obwohl die Zahl der einreisenden Touristen als auch die Zahl der Übernachtungsgäste ab 1974 zunächst rückläufig war und dann im Verlauf der 1970er-Jahre bisher nicht gekannten Schwankungen unterlag, wuchs die Beherbergungskapazität in den untersuchten Regionen weiter. So stieg die Bettenkapazität auf den Balearen zwischen 1971 und 1981 noch einmal um 21,4% und damit bedeutend geringer als im Jahrzehnt davor, vergrößerte sich aber immerhin um ein Fünftel. Ähnlich stellte sich die Situation in der Provinz Gerona dar, wo ein Wachstum von 21,2% zu verzeichnen war. An der Costa del Sol war das Wachstum dagegen sogar um mehr als das Doppelte höher. Hier vergrößerte sich die Beherbergungskapazität mit 47,4% fast um die Hälfte. 170 Diese Entwicklung kann als Indiz für ein Festhalten am Tourismus als zentralem Wirtschaftssektor der untersuchten Regionen gedeutet werden und ist daher, angesichts der zunächst nachlassenden Touristenzahlen, erklärungsbedürftig. 169 Zu den Auswirkungen der Ölkrise auf die europäischen Gesellschaften vgl. Kaelble: Kalter Krieg, S.-177 ff. Bösch, Umbrüche, S.-14. Bösch/ Graf, Reacting. Graf, Öl. 170 Barke/ France, Tourist accomodation, S.-186. <?page no="76"?> 75 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens Zunächst ist zu erklären, wie und aus welchen Gründen sich der enorme Ausbau des Angebots und die damit einhergehenden Zunahme der Touristenzahlen vollzogen. Zudem rücken in diesem Kapitel die unmittelbaren Folgen, die sich aus diesem Wachstum ergaben, in den Fokus. Dabei stellt sich die Frage, was sich Akteure auf regionaler und lokaler Ebene, die sich für dessen Förderung und Ausbau einsetzten, von ihm erwarteten und wo deren Motive lagen. Zugleich ist danach zu fragen, ob sich die gehegten Erwartungen mit den entstehenden Folgen deckten und sich diese damit erfüllten. Dazu ist das Kapitel in vier Abschnitte unterteilt. Im ersten Unterkapitel geht es zunächst um eben diese Erwartungen und deren Korrelationen mit zentralstaatlichen Zukunftsentwürfen bzw. den Versuchen, den Ausbau des Tourismus einer staatlichen Steuerung zu unterwerfen. Daran anknüpfend wird im zweiten Unterkapitel die zentralste und sichtbarste Folge des wachsenden Tourismussektors unter die Lupe genommen: die baulichen Veränderungen in den heranwachsenden Touristenorten. Im nächsten Schritt geht es dann um die touristischen Infrastrukturen, die als Einstellung auf die Bedürfnisse der Touristen und mit Blick auf eine zukünftige Steigerung der Touristenzahlen ausgebaut wurden. Anschließend rückt eine zentrale Akteursgruppe, deren Interessenslagen und Durchsetzungsstrategien in den Fokus der Untersuchung: Ohne eine Einschätzung der Rolle ausländischer Tourismusunternehmen lässt sich der rasante Anstieg des Massentourismus aus anderen europäischen Ländern in Spanien nicht erklären. Im abschließenden Unterkapitel wird dann ein Blick auf die sozioökonomischen Konsequenzen des Massentourismus geworfen. An den sich verändernden Strukturen kann deutlich gezeigt werden, ob und wie sich die in den Tourismus gesetzten Hoffnungen erfüllten. Das herangezogene Quellenmaterial ist dabei nicht immer in allen Fällen dergestalt beschaffen, dass sich zu allen Zeitpunkten Rückschlüsse auf die konkreten Intentionen der untersuchten Akteure ziehen lassen. Häufig finden sich retrospektive Einschätzungen und Wertungen, aus der eine Art Legendenbildung über die Wirkungen des Tourismus hervorgegangen ist, die aber gleichwohl auch etwas über die Wahrnehmung des Tourismus aussagen. Hinzu kommt, dass für die Analyse in diesem Kapitel auch regionale Entwicklungs- und lokale Bebauungspläne herangezogen werden, die einen spezifischen Quellencharakter zwischen offizieller Verlautbarung und behördlicher Regulierung aufweisen, den es ebenfalls zu berücksichtigen gilt. <?page no="77"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 76 3.1 Tourismus und Entwicklung („desarrollo“) 3.1.1 Tourismus und die Hoffnung auf Fortschritt und Entwicklung Zu Beginn der 1950er-Jahre zeigte sich die ökonomische Elite Mallorcas überrascht darüber, dass auf einmal immer mehr ausländische Touristen auf die Insel kamen. 1 Zwar hatte es, wie im vorigen Kapitel gezeigt, bereits in der Zeit vor dem Bürgerkrieg ausländische Touristen auf Mallorca gegeben. Dass dieses Phänomen allerdings Dimensionen annahm, wie dies in den 1950er-Jahren der Fall war, damit hatte man offensichtlich nicht gerechnet. Doch es dauerte nicht lange, bis die mallorquinischen Eliten das ökonomische Potential, das die Anwesenheit der ausländischen Touristen mit sich brachte, realisierten. Daher begannen schon bald Überlegungen einzusetzen, die dem Tourismus ein größeres Gewicht bei der Frage der regionalen Wirtschaftsgestaltung zuschrieben. So beschrieb ein Gutachten der Industrie- und Handelskammer Mallorcas um die Mitte der 1950er-Jahre einen „[…] Enthusiasmus unter unseren Mitgliedern über die Zunahme des Tourismus […].“ 2 Unterfüttert wurde diese positive, ja geradezu euphorische Haltung gegenüber dem Tourismus von Wirtschaftsdaten, die die Einkünfte aus dem Tourismus auf der Insel auf 120-130 Mio. Peseten jährlich schätzten. Damit hatte der Tourismus bereits 1954 den größten Exportzweig der Insel, nämlich den Verkauf getrockneter Früchte, überflügelt und war damit zur wichtigsten Quelle ausländischer Devisen geworden. 3 Die Industrie- und Handelskammer selbst war dabei kein neutraler Beobachter, sondern eine wichtige Stimme auf der Insel, welche die Zunahme der Touristenzahlen begrüßte. Mit ihren eigenen Schätzungen bezüglich der Touristenzahlen versuchte sie als Institution, deren Aufgabe es war, die wirtschaftliche Entwicklung der Insel voranzutreiben, ganz offensichtlich den Unternehmern auf der Insel die Bedeutsamkeit des Tourismus für die Zukunft der Insel klar zu machen und sie zu ermuntern, in diesem Sektor zu investieren. Aus diesem Enthusiasmus heraus etablierte sich gegen Ende der fünfziger Jahre die Meinung, der Tourismus könne in den hier untersuchten Regionen mehr sein, als ein sommerliches Phänomen von Freizeitmobilität gehobener Schichten, mit dem einige wenige Einheimische sich ein zusätzliches Einkommen sichern konnten. Vielmehr bildete sich nun ein regionaler Elitenkonsens heraus, der den ausländischen Tourismus zur zentralen Stellvariable von Wirtschaftswachstum und Wohlstandsgewinn Entwicklung erklärte. Ganz in diesem Sinne definierte der Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer von Mallorca, Rafael Alcover, im Jahr 1 Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca: Informe de la Cámara de Comercio de Palma de Mallorca sobre Desarrollo Turístico, con Arreglo al Temario Propuesto por el Consejo Superior, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca 54 (1954), H. 604-605, S.-25-29, hier S.-27. 2 Ebd., S.-29. 3 Ebd. <?page no="78"?> 77 3.1 Tourismus und Entwicklung („desarrollo“) 1958 den Tourismus zur „Goldgrube“ 4 der Insel und leitete daraus die Notwendigkeit ab, die Förderung des Tourismus mit aller Kraft voranzutreiben. Zentral dabei war es allerdings, so Alcover, auf den internationalen Tourismus zu setzen, da nur dieser die nötigen Devisen bringen könne. 5 In der Anfangsphase war die Idee der Förderung des Tourismus als wichtigstem Wirtschaftszweig und bedeutendster Wertschöpfungsquelle mit der Vorstellung verbunden, durch die Deviseneinnahmen aus dem ausländischen Tourismus den Aufbau einer Industrie voranzutreiben 6 , um so die Insel auf den Kurs einer westlichen Modernisierung zu bringen, der das Wohlstandsniveau auf den Stand anderer Industrieländer heben sollte. Diese Modernisierungsvorstellung war mit den Ideen der ab Ende der 1950er-Jahre zunehmenden Einfluss erlangenden Gruppe von Reformern innerhalb des spanischen Regimes kompatibel, die eine Abkehr von der politischen Ökonomie der Autarkie vorantrieben und dabei den Tourismus als zentrale Variable sahen, um an Devisen zu gelangen, welche die Industrialisierung Spaniens finanzieren sollten. 7 Tatsächlich zeigte sich schon bald, dass der Tourismus regional gesehen kaum in Einklang mit einer Industrialisierung zu bringen war, es stattdessen parallel zum Aufstieg des Tourismus in einigen Bereichen sogar zu einem Niedergang der Leichtindustrie 8 kam und vor allem die Neuansiedlung von Industrie- oder Zuliefererbetrieben höchst problematisch war. 9 Der Tourismus entwickelte folglich eine Eigendynamik als zentraler Wirtschaftszweig, der ihn für Akteure in den betroffenen Regionen selbst zum Garanten von Fortschritt und Entwicklung werden ließ, anstatt nur eine übergangsweise Hilfskonstruktion zu sein. So begann sich um den Tourismus innerhalb der mallorquinischen Eliten ein Konsens herauszubilden, der im Auslandstourismus das zukünftige Element regionalen Wohlstandszuwachses und wirtschaftlicher Entwicklung sah. Die Industrie- und Handelskammer sprach 1959 vom „[…] Primat des 4 Rafael Alcover: El turismo como fuente de riqueza. Ponencia presentada en el 1. Congreso Sindical Provincial de Turismo y Hostelería, Palma 1958. 5 Ebd., S.-24. 6 Ebd., S.-8 ff. Ebenso: Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca: Turismo y Industria Básica Balear, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca 58 (1959), H. 618, S.-3. Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca: Industria turística e industria básica balear, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca 58 (1958), H. 620, S.-89-90, hier S.-90. 7 Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-231. Pack, Tourism and dictatorship, S.-12. 8 So ist an der Costa Brava ein Niedergang der Korkindustrie zu verzeichnen, die sich parallel zum Anwachsen des Tourismussektors vollzog. Allerdings geht dieser Niedergang wohl eher auf diesem Sektor inhärente Ursachen zurück und nicht auf den Einfluss des Tourismus. Vgl. Campistol/ Lluch, Les conseqüencies, S.-46. Auf Mallorca scheint hingegen der Einfluss des Tourismus auf die leichtindustrielle Herstellung von Lederschuhen einen größeren Einfluss gehabt zu haben, der sich in erster Linie in der Abwanderung von Arbeitskräften in Richtung des Tourismus sowie der Notwendigkeit mit den Lohnsteigerungen der Tourismusbranche mitzuhalten, äußerte. Consejo Económico Social Sindical de Baleares: Situación Actual de la industria del calzado en Inca: sus problemas y soluciones 1965. ARM, SIND-B-444. Vgl. auch: Cañellas Oliver u.a., Estudio socio-económico, S.-22. 9 Dazu genauer in Kapitel 4.1. <?page no="79"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 78 Tourismus […]“ 10 in Bezug auf die Förderung der regionalen Wirtschaft und betonte, dass bereits zu diesem Zeitpunkt „[…] alle Bewohner der Inseln durch den Tourismus begünstigt wurden“. 11 Somit erschien es der Wirtschaftselite der Insel sinnvoller, auf den Tourismus als Zukunftsmodell zu setzen, anstatt weiter auf den Export von Trockenfrüchten und Nüssen, der, wie erwähnt, bereits im Jahr 1954, als 90 746 ausländische Touristen in den Hotels der Balearen übernachteten, weniger Geld eingebracht hatte als die Einkünfte aus dem Tourismus. An die Vision eines industriellen Zukunftsprojekts, wie es der Industrie- und Handelskammer in den frühen 1950er-Jahren offensichtlich noch vorgeschwebt hatte, schienen wohl nur noch die Wenigsten zu glauben. Geht man in der Zeit ein Stück voran, von den späten 1950er-Jahren zu den späten 1960er-Jahren, dann zeigt sich, dass die in den Tourismus gesetzten Hoffnungen aus der Perspektive der Eliten, die dessen Ausbau gefordert und gefördert hatten, sich erfüllt hatten. So hatte sich im Verlauf der 1960er-Jahre ein retrospektives Narrativ herausgebildet, das als Indiz für gehegte Erwartungen, die offensichtlich sogar noch übertroffen worden waren, gelten kann. Auf Mallorca war die Rede von „[…] einer totalen Transformation, die man vor einigen Jahren nicht einmal vermutet hätte […]“ 12 , während etwa die Entwicklung der Costa del Sol seit dem Ende der fünfziger Jahre schlichtweg als „[…] Wunder […]“ 13 dargestellt wurde, wobei der Tourismus die entscheidende Rolle gespielt habe und zugleich auf die weitere Förderung des Tourismus gedrängt wurde: „[…] die Costa del Sol braucht den Tourismus […].“ 14 Wie sehr der internationale Massentourismus ab dem Ende der fünfziger Jahre bzw. in den frühen sechziger Jahren mit Fortschritt, Entwicklung und Wohlstand verknüpft war, zeigen darüber hinaus Stimmen aus Dörfern, die nicht direkt vom entstehenden Tourismusboom betroffen waren. So wandte sich 1968 eine Gruppe von Vertretern des Dorfes El Gastor bei Ronda im Hinterland der Costa del Sol an das Informations- und Tourismusministerium und bat um eine finanzielle Unterstützung für den Ausbau des Tourismus im Dorf. Der Ort sei, so die „Freunde von El Gastor“ 15 , am härtesten von der Krise der Landwirtschaft betroffen und leide unter der zunehmenden Ab- 10 Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca: Industria turística e industria básica balear, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca 58 (1958), H. 620, S.-89-90. 11 Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca: Turismo y Industria Básica Balear, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca 58 (1959), H. 618, S.-3. 12 Cañellas u.a., Estudio socio-económico, S.30. 13 Ángel Palomino: La Costa del Sol, un puro milagro español, in: Información Comercial Española. Revista de Economía 421 (1968), S.-83-88. 14 Ebd. 1959 hatte sich an der Costa del Sol bereits eine Investitionsgemeinschaft mit dem Namen „Sociedad Anónima ‚Ayuda Turistica de la Costa del Sol‘“ gegründet, um einen raschen Ausbau der Bettenkapazität zu gewährleisten. Andrés Martín García: Perspectivas de desarrollo turístico y hotelero en la Costa del Sol, in: Piel de España. Revista técnica de turismo 29 (1959), S.-17. 15 Amigos de el Gastor an Fraga Iribarne: Turismo en el Gastor, 06.07.1968, AHPM, Información y Turismo 401. <?page no="80"?> 79 3.1 Tourismus und Entwicklung („desarrollo“) wanderung der Bevölkerung an die Costa del Sol, wo Arbeitsplätze im Tourismussektor vorhanden waren. Gegenüber dem Ministerium äußerten sie ihre „Wünsche, das ärmste Dorf der Provinz, aber auch das schönste, gesündeste, weißeste und malerischste von Andalusien wieder aufzurichten.“ Dabei hatten sie auch eine klare und eindeutige Vorstellung, wie dies Realität werden könnte: „[…] der einzige Ausweg, den wir angesichts der Armut seines Landes sehen, […] ist der Tourismus.“ 16 Ähnlich hörte sich dies bereits einige Jahre zuvor in einem Bittschreiben des Bürgermeisters von Carratraca ebenfalls an das Tourismusministerium an: „Während in Spanien Ferienanlagen in Bereichen und an Orten gebaut werden, die überhaupt keine touristische Tradition besitzen und weit geringere Potentiale als Carratraca haben, kümmert sich niemand um Carratraca, dieses saubere Dorf mit erstaunlichen Panoramen und einem paradiesischen Klima.“ 17 Der Bürgermeister wies das Ministerium darauf hin, dass Carratraca, das wie El Gastor im Hinterland der Costa del Sol liegt, eine lange touristische Tradition habe, wurde dort doch 1832 ein Thermalbad eröffnet, das bis 1936 ein namhafter Ort war, an dem auch Ferdinand VII. seinen Urlaub verbrachte. Während nun an den Stränden der Costa del Sol der Tourismus boomte, seien in Carratraca jetzt „nur noch Ruinen zu finden“ und angesichts der Tatsache, dass „diese Gemeinde ihre Existenz dem Tourismus verdankt“ 18 , sei der Weiterbestand des Dorfes als Ganzes gefährdet. Wie in El Gastor war die Binnenmigration an die Küste verantwortlich dafür, dass die Bevölkerungszahl des Dorfes immer weiter abnahm. Für beide Dörfer war der Tourismus eine Verheißung der Erlösung von Unterentwicklung und wirtschaftlicher Agonie. In der Hoffnung, durch die Errichtung eines Parador, also eines staatlichen Hotels und der Anbindung an eine der sogenannten Touristenstraßen (Rutas del Turismo) den Anschluss an den Tourismusboom, der an der Küste stattfand, zu bewirken, zeigt sich, dass der Konsens, der Tourismus könne das Vehikel für Wohlstand und Fortschritt sein, seine Wirkmächtigkeit über die unmittelbaren Küstengebiete hinaus entfaltete. 3.1.2 Touristische Modernisierung als Herrschaftsinstrument Dass die beiden Dörfer im Hinterland der Costa del Sol sich vom Tourismusboom und damit von der Möglichkeit, das Wohlstandniveau der Orte anzuheben, abgeschnitten sahen, war dabei kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Raumplanung, die dem ausländischen Massentourismus an der Küste eine zentrale Stellung innerhalb der regionalen Wirtschaftsentwicklung zuwies. Mit diesem planerischen Zugriff auf die Küstengebiete wurde der sich dort ab der Mitte der fünfziger Jahre herausbildende Konsens zu Förderung des Tourismus machtpolitisch überformt und in die neue politische Ökonomie des Franquismus integriert. Die Folge dieses Konsenses, was als 16 Ebd. 17 Alcalde de Carratraca: Turismo en Carratraca, 08.05.1963, AGA, (3) 49.22 49959 Top. 72/ 40.405- 40.504 Carpeta 1 Exp. 10. 18 Ebd. <?page no="81"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 80 wirtschaftlich zukunftsträchtig angesehen wurde und damit ‚Entwicklung‘ („desarrollo“) versprach, war die Etablierung einer Strategie der interessensbezogenen Translokalisierung. Damit ist Folgendes gemeint: Lokale und regionale Eliten in Politik und Wirtschaft setzten, um das Ziel einer Hebung des Wohlstandes und der wirtschaftlichen Entwicklung zu erreichen, auf den Tourismus aus dem Ausland, um die lokalen und regionalen Strukturen in Wertschöpfungsketten einzubinden, die ihren Ursprung außerhalb des spanischen Nationalstaates hatten. Es ging ihnen darum, mittels eines exogenen Impulsgebers, lokale Ressourcen wie Strände, Landschaften und Kultur inwertzusetzen und damit die Einkünfte aus dem Tourismus als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung zu nutzen. Die Strategie der interessensbezogenen Translokalisierung der Küstenorte auf Mallorca, an der Costa del Sol und an der Costa Brava, also einer gezielten Schaffung von Bedingungen, die für den ausländischen Massentourismus besonders günstig waren, wurde damit zu einem Instrument, um die regionale Entwicklung (desarrollo regional) dieser Räume zu fördern. Dies beinhaltete die Ausrichtung lokaler Strukturen auf den internationalen Tourismus und damit den bewussten Versuch der Einbindung lokaler und regionaler Wirtschaftskreisläufe in transnationale Menschen- und Kapitalströme. Indem die Touristenorte zunehmend auf den ausländischen Massentourismus als Motor der regionalen und lokalen Wirtschaft setzten, privilegierten sie den Tourismus als Wertschöpfungsquelle, die jenseits der Grenzen einzelner Dörfer, ganzer Regionen und auch der spanischen Volkswirtschaft als Ganzer lag. Da es sich bei dieser Strategie aber nicht nur um eine Aktivität privater Investoren und Gewerbetreibender handelte, auch wenn diese bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt auf den Tourismus setzten, sondern innerhalb der Francodiktatur staatliche Stellen direkt und indirekt in diesen Prozess eingriffen, erhielt er auch eine starke politische Dimension. Die interessensbezogene Translokalisierung hatte dabei in ihrer politischen Funktion zwei Seiten. Zum einen sollte der ausländische Tourismus dazu dienen, dass Devisen ins Land kamen, die den Aufbau einer konkurrenzfähigen Industrie finanzieren sollten und Spanien somit zu einem Industrieland werden konnte. 19 Zum anderen war die Förderung des Tourismus auch ein machtpolitisches Integrationsmedium. Indem der Tourismus in peripheren Regionen direkt für Wirtschaftswachstum und steigenden Wohlstand sorgen, sprich die „regionale Entwicklung“ antreiben sollte, 20 konnte das Regime seine Existenz rechtfertigen und die Legitimität des diktatorischen Regimes unter Beweis stellen. Aus der Sicht eines hohen Regierungsbeamten war der Tourismus dasjenige Mittel, das es Spanien ermöglicht hatte, den Weg der Entwicklung einzuschlagen: „[...] der Tourismus [...] stellte im richtigen Moment und stellt heute eine so entscheidende Komponente in unserer Entwicklung dar, dass wir es wagen, ihn als auslösenden Faktor des Aufschwungs des Landes in den letzten Jahren 19 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-12. 20 Juan de Arespacochaga y Felipe: El turismo y el desarrollo regional, in: Fundamentos y criterios para el desarrollo regional de España. 1. Asamblea Sindical Nacional de Desarrollo Regional, Madrid, 18.- 21.4.1967, Madrid 1968, S.-321-361, bes. S.-350. <?page no="82"?> 81 3.1 Tourismus und Entwicklung („desarrollo“) zu bezeichnen“ 21 und Spanien somit den „Zustand der Unterentwicklung“ verlassen habe können. 22 Nun war dieser hohe Regierungsbeamte nicht irgendjemand. De Arespacochaga war Director General de Promoción del Turismo, also während der 1960er-Jahre derjenige Beamte im Stab des Informations- und Tourismusministers Manuel Frage Iribarne, der für die Förderung des Tourismus zuständig war. Damit gehörte er zum engsten Kreis um den Tourismusminister und hatte erheblichen Einfluss auf die Tourismuspolitik. Innerhalb des Tourismusministeriums hatte man spätestens seit dem Beginn von Fragas Amtszeit 1962 erkannt, dass der Tourismus mehr sein konnte als der Devisenbringer für die Industrialisierung Spaniens. Vielmehr sah man in ihm selber auch eine Möglichkeit, den Wohlstand in den eigentlichen Tourismusgegenden direkt zu vergrößern. 23 Noch deutlicher konzentrierten sich die zuständigen Regionalpolitiker, allen voran die Zivilgouverneure, auf die Förderung des Tourismus als Motor der regionalen Entwicklung. Die Zivilgouverneure griffen die Erwartungen, die zivilgesellschaftliche Akteure wie die Industrie- und Handelskammern oder die erwähnten Investitionsgemeinschaften an den Tourismus hatten, auf und gossen den Elitenkonsens in eine Politik regionalen Wachstums, die in konsensualer Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft ausgeführt werden sollte. Dazu griffen die politischen Akteure auf das Instrument der indikativen Regionalplanung zurück, das aus vornehmlich landwirtschaftlich geprägten Räumen touristische Regionen machen sollte. Unter Planung wurde dabei eine Lenkung von Investitionen in bestimmte Bereiche und im Hinblick auf einen zu erreichenden Weg, ohne von planerischer Seite festzulegen, wie genau und durch wen die Ziele des Plans erreicht werden sollten. Die Entwicklungspläne steckten damit eher einen Rahmen ab, in dem sich Entwicklung vollziehen sollte, anstatt diese exakt vorherzubestimmen. 24 Die ersten Konzeptionen zur Planung einer Wirtschaftsordnung, bei denen dem Tourismus eine Schlüsselrolle zugeschrieben wurde, lassen sich im Fall der Costa del Sol bis in die Mitte der 1950er-Jahre zurückverfolgen. Während noch Ende der 1940er-Jahre in der gleichen Frage keine Rede vom Tourismus war, wurde dieser ein Jahrzehnt später von den staatlichen Behörden zur Lösung der immer noch bestehenden gleichen Probleme erklärt. 1948 bemerkte der Zivilgouverneur in einer Rede, dass 21 Arespacochaga y Felipe, Turismo y desarrollo, S.-12. 22 Ebd. 23 So Fraga in seinen Memoiren. Fraga, Memoria breve, S.- 47. Zudem erschien nicht umsonst in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Estudios Turísticos“, die im Umfeld des Tourismusministeriums vom Instituto de Estudios Turísticos herausgegeben wurde, ein Artikel zum Potential des Tourismus im Hinblick auf die Regionalentwicklung: José Javier González Paz: El Turismo en el desarrollo regional, in: Estudios turísticos 0 (1963), S.-37-62. Zur Gründung des Instituto de Estudios Turísticos und der Zeitschrit vgl. Pack, Tourism and Dictatorship, S.-110. 24 González Paz, El Turismo en el desarrollo, S.-49. Zum Konzept der indikativen Planung, das in Spanien während der Zeit des Franquismus seit 1963 Anwendung fand und auf dem französischen Vorbild der „planification indicative“ aufbaute vgl. Alsina Oliva, Estrategias de desarrollo, S.-339. Zur französischen Planungsgeschichte nach dem 2. Weltkrieg vgl. Judt, Die Geschichte Europas, S.-91. <?page no="83"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 82 „[…] wir in unserer Provinz nicht über Luxus verfügen […]“ 25 und berief sich dabei auf die Tatsache, dass die bebaubare Fläche der Provinz Málaga aufgrund der geographischen Lage stark begrenzt sei. Eine einfache Ausdehnung des kultivierten Bodens sei deshalb nicht möglich. Deshalb hielt er es für wichtig, die vorhandenen Flächen in größerem Ausmaß zu bewässern, um so die Nutzung zu intensivieren. 26 In Verbindung mit den dafür notwendigen infrastrukturellen Baumaßnahmen, könne dies zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage im Allgemeinen und zur Reduzierung der chronischen Arbeitslosigkeit unter der Landbevölkerung führen. 27 Der Zivilgouverneur sah damit die Intensivierung der Landwirtschaft als Schlüssel, um den Wohlstand der Provinz anzuheben und damit einen Beitrag zur „[…] Anstrengung Spanien wieder auferstehen zu lassen […]“ 28 zu leisten. 1962 war es hingegen der Tourismus, dem diese Rolle zukommen sollte. So geht aus Unterlagen des Zivilgouverneurs zur Erarbeitung des ersten Entwicklungsplans für die Provinz Málaga klar hervor, dass der Tourismus eine Schlüsselstellung in der regionalen Wirtschaft einnehmen sollte: Der Aufschwung des Tourismus stellt sich als exogene, beschleunigende Kraft der Entwicklung dar und ist im Begriff, in hohem Tempo das Antlitz und die Art des Lebens im größten Teil des Küstengebiets zu verändern. Die wirtschaftliche Lage der Provinz brachte die Autoren des Plans dazu, diesen nicht als integralen Plan festzulegen, sondern als Impulsgeber und Korrekturhilfe […]. Der Tourismus dient in diesem Fall auch dazu, das strukturelle Ungleichgewicht in der Wertschöpfung abzumildern und vor allem zu verhindern, dass dieses immer weiter ansteigt. 29 Dass der Tourismus auch einen Beitrag zum Ausgleich in der sektoralen Verteilung der Wirtschaft der Provinz Málaga leisten sollte, verweist auf das hinter dem Plan stehende Entwicklungsmodell. So sollten die Einkünfte aus dem Tourismus dafür dienen, eine Modernisierung der Landwirtschaft zu erreichen und die industrielle Entwicklung voranzutreiben. 30 Gerade dies machte seine Schlüsselposition im regionalen Entwicklungsprozess deutlich; sollten doch über die Hälfte der veranschlagten staatlichen Investitionen für die Verbesserung der infrastrukturellen Bedingungen ausgegeben werden, die wiederum der Förderung des Tourismus dienen sollten. 31 So war es eine 25 Gobierno Civil de Málaga: Ordenación Económica de la Provincia de Málaga, 1948, AHPM, Gobierno Civil 12785, S.-18. 26 Ebd., S.-24. 27 Ebd., S.-12. 28 Ebd., S.- 35. Spanien wieder zu seiner alten Größe zurückzuführen, war erklärtes Ziel des Franco- Regimes. Camprubí, Engineers, S.-3. 29 Gobernador Civil de Málaga: Plan de Desarollo de la Provincia de Málaga, 1962, AHPM, Gobierno Civil 12788, S.-2. 30 Ebd., S.-7. 31 Ebd., S.-4. <?page no="84"?> 83 3.1 Tourismus und Entwicklung („desarrollo“) der zentralen Aufgaben des Plans „[…] die hauptsächlichen Hindernisse, die sich der touristischen Entwicklung bisher in den Weg stellten[…]“ 32 , abzubauen. Drei Jahre später wurde in einem weiteren Planungsentwurf dezidiert auf die wohlstandssteigernde Funktion des Tourismus hingewiesen, die die Provinzen um Málaga aus ihrem „Milieu der Unterentwicklung“ herausführen konnte, wobei die Costa del Sol dafür das beste Beispiel sei: „[…] wo sich eine solche durch den Tourismus entwickelte Küste findet […], besitzen die Bewohner dieser Gegend an der Küste ein dreimal höheres Einkommen als diejenigen, die im Hinterland leben.“ 33 Aus dieser Tatsache wurde wiederum abgeleitet: „Es ist offensichtlich, dass eines der ersten Dinge mit denen sich eine Wirtschaftsplanung dieser Gegend beschäftigen sollte, die Prüfung des touristischen Potentials ist […].“ 34 Die Hoffnungen ruhten dabei auf dem Multiplikatoreffekt des Tourismus: „[…] die touristische Potenz der Region kann sich vervielfachen, wenn die Nutzung ihrer Ressourcen in einer koordinierten Form durchgeführt wird.“ 35 Zentral war dabei, dass dabei in erster Linie der Ausbau des Auslandstourismus gemeint war. Dazu hieß es in den Anmerkungen zum ersten Nationalen Entwicklungsplan 1963-1967: […] Der Entwicklungsplan zielt darauf ab, die größtmögliche Menge an Touristen aus dem Ausland anzuziehen, während gleichzeitig die Bedürfnisse, die aus dem Inlandstourismus entstehen, befriedigt werden. Ersterem wird ein Vorrang zugesprochen, da seine Entwicklung in direkter oder indirekter Weise eine Ausdehnung der ausländischen Finanzierungsmöglichkeiten bedeutet, die für die vollständige Entwicklung der spanischen Wirtschaft notwendig sind […]. 36 An der Costa Brava 37 wurde 1960 der sogenannte ‚Plan Costa Brava‘ verabschiedet, der ein staatliches Investitionsprogramm vorsah, um den Ausbau des Tourismus zu fördern. 38 Der Plan war Bestandteil eines größer angelegten Bauförderungsprogrammes des Ministerio de Vivienda (Wohnungsbauministeriums), es oblag jedoch den 32 Ebd. 33 Notas preliminarias a un Plan de Desarrollo de la Región Penibética, April 1965, AHPM, Gobierno Civil 12786, S.-4. 34 Ebd., S.-16. 35 Ebd., S.-18. 36 Zit. nach: Gavilanes Vélaz de Medrano, Primeros planes, S.-13. 37 Ähnlich war die Situation auf Mallorca, wo aus dem gleichen zentralstaatlichen Investitionsprogramm ab 1959 die Geldmittelzuweisung in erster Linie mit den Notwendigkeiten des Tourismus begründet wurde, der eine Schlüsselrolle in der Ökonomie der Insel spielte: „Der touristische Zustrom, der sich Jahr für Jahr auf die Balearen richtet, bringt es auf eine indirekte Art und Weise mit sich, dass die Kommunen, die die Touristen aufnehmen und an Orten spezieller touristischer Attraktivität liegen, gezwungen werden, nicht mehr nur ihre traditionellen Lebensweisen zu verändern, sondern auch diejenigen Bau- und Infrastrukturmaßnahmen durchzuführen, die die Konsequenzen dieses Zustroms erfordern.“ Gobierno Civil de Baleares: Memoria del Plan 1959, 1959, ARM, GC 2135. 38 Anne Besson: Le tourisme dans la province de Gerone, in: Méditerranée 5 (1964), H. 1, S.-45-84, hier S.-51. <?page no="85"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 84 Zivilgouverneuren, die Mittelverwendung zu koordinieren und zu entscheiden, für welchen Zweck diese ausgegeben werden sollten. Die Zivilregierung der Provinz Gerona arbeitete darauf hin eben diesen Plan Costa Brava aus und legte damit fest, dass die vorhandenen Geldmittel in erster Linie dem Ausbau des Tourismus zu Gute kommen sollte, da man sich davon das größte Potential im Hinblick auf die Entwicklung der Provinz erwartete. 39 So beschrieb einer der regionalen Vertreter der staatlichen Syndikatsorganisation auf einem Vortrag im Jahr 1963 die Aufgabe des Staates bei der Förderung des Tourismus folgendermaßen: „[…] zur Organisation der dienlichen Mittel beizutragen, um unserer Provinz eine Zunahme des Tourismus zu bescheren oder, was dasselbe ist, eine überaus wichtige Einkommensquelle zu erhalten und zu vergrößern.“ 40 Der Plan Costa Brava stellte dabei zugleich ein Steuerungsmittel dar, das die Investitionsvergabe an die Gemeinden regulieren sollte. So wurden die Geldmittel nur an solche Gemeinden ausgezahlt, die einerseits einen kommunalen Bebauungsplan vorweisen konnten und andererseits bereits von touristischem Belang waren. Dadurch erhielten nur diejenigen Gemeinden die zentralstaatliche Unterstützung, die bereits einen gewichtigen Zustrom an Touristen verzeichnen konnten. 41 In ähnlicher Weise erfolgte die Zuteilung der Geldmittel eines weiteren zentralstaatlichen Investitionsprogramms, das ebenfalls der Förderung des Tourismus dienen sollte, dabei aber nicht an einzelne Regionen gebunden war. Die Kreditlinie der Obras de Interés Turístico. Auch in diesem Fall erhielten bei dem im Jahr 1963 erstmals aufgelegten Investitionsprogramm die größten Beträge jeweils die Kommunen, die bereits etablierte Zentren des Massentourismus an der Costa Brava waren. So etwa Castillo de Aro mit ca. 28 Mio. Peseten, Palafrugell mit ca. 15,5 Mio. sowie Lloret und Palamós mit jeweils 10 Mio. Peseten. 42 In den folgenden Jahren finanzierte der Staat mithilfe von Krediten zum einen in außerordentlicher Weise den Ausbau der Hotelkapazität über die Kreditlinie des Crédito turístico zum Neubau von Hotels und ab 1968 über die Banco Hipotecario de España die Erweiterung und Renovierung von bestehenden Hotels. 43 Die gezielte staatliche Förderung des Tourismus, die vor allem von der regionalen Zivilregierung vorangetrieben wurde, war in Teilen auch eine Antwort auf die Konkurrenzwahrnehmung zur benachbarten französischen Mittelmeerküste und den 39 Gobierno Civil de Gerona: Plan Costa Brava, 1960, AHG, (3) Govern Civil 1616, Exp. Plan Costa Brava. 40 I Asamblea Provincial de Turismo de Gerona, Evaristo de Arana González, Vicesecretario Provincial de Ordenación Económica de la C.N.S.-de Gerona: Ponencia sobre: Aeropuerto de Gerona - Costa Brava, 1963, AHG, (3) Informació i Turisme 175, S.-1. 41 Ministerio de la Vivienda, Delegación Provincial de Gerona: Plan Costa Brava. Obras urbanísticas municipales de financiación conjunta. Inversiones Públicas en curso de ejecución en la Provincia, 1963, AHG, (3) Govern Civil 1616, Exp. Plan Costa Brava. 42 Subsecretariá de Turismo: Circular n° 9 Obras de interés turístico, 13.02.1964, AHG, (3) Informació i Turisme 164. 43 Sánchez-Bella, El Turismo en España, S.-104 f. Zum Crédito Hotelero vgl. auch: Pack, Tourism and Dictatorship, S.-61. Pack schätzt, dass das Kreditprogramm für den Bau von 1/ 3 aller Hotels sorgte. <?page no="86"?> 85 3.1 Tourismus und Entwicklung („desarrollo“) Forderungen von Touristikern und Hoteliers den französischen Bestrebungen zum Ausbau des Tourismus entsprechend zu begegnen. So plante die französische Regierung seit den frühen 1960er-Jahren den massiven Ausbau touristischer Infrastruktur an der Küste von Languedoc-Roussillon mit dem Ziel, die als unterentwickelt geltende Region durch den Tourismus zu modernisieren. 44 An der Costa Brava wurde dieser Vorgang misstrauisch beäugt und als Gefahr für die eigene touristische Modernisierung gewertet. So wies 1963 ein Vertreter der Hoteliers an der Costa Brava auf die Gefahr hin, die die „[…] Anlagen in den französischen Küstengebiete von Rosellón und Languedoc, über die so viel gesprochen worden ist und über die noch so viel gesprochen werden wird“ 45 für die Costa Brava darstellten. Zugleich verwies er auf die Mustergültigkeit und Vorbildlichkeit des französischen Planungsprozesses, der auch für die Costa Brava modellbildend sein könne. 46 Ähnlich argumentierte der Tourismusexperte Jorge Vila Fradera, der ebenfalls feststellte, dass die französischen Pläne „[…] ein folgenschweres Ereignis sowohl für Frankreich als auch für Spanien darstellen […]“ 47 und zugleich festhielt, dass der „[...] Plan Languedoc-Rosellón überaus reich an Lehren und Anregungen für uns ist.“ 48 Die Industrie- und Handelskammern der Provinz Gerona sahen in der französischen Konkurrenz weniger ein Modell für die Costa Brava als vielmehr eine ernste Gefahr, weshalb sie sich an das Informations- und Tourismusministerium wandten, um dieses zu breit angelegten Investitionen in die touristische Infrastruktur der Costa Brava zu bewegen. 49 Indem staatliche Behörden und insbesondere der Zivilgouverneur von Gerona sich dieser Bedenken annahmen und die Förderung des Tourismus ins Zentrum seiner Politik stellte, griffen sie damit die zivilgesellschaftlichen Forderungen hinsichtlich des Ausbaus des Tourismus auf und konnten diesen damit zugleich für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren. Somit konnte durch die Planungsrhetorik in den ausgearbeiteten Regionalplänen und in den sie begleitenden Presseartikel politische Handlungsfähigkeit demonstriert werden. Der Versuch, bei der Bevölkerung der Provinz Gerona, die Teil Kataloniens mit seinem ausgeprägten Regionalismus war, für Legitimität des Regime zu werben folgte damit immer weniger der Logik politischer Indoktrination, wie das für die Zeit der Autarkie 1939 bis 1959 der Fall war, sondern der Betonung von Effizienz und Technokratie, 50 die sich vor allem auf den Ausbau der für den Tourismus notwendigen 44 Furlough/ Wakeman, Composing a Landscape, S.-194. Vgl. auch dies., La Grande Motte. 45 I Asamblea Provincial de Turismo de Gerona, Rafael Morilla Soler: Planificación de la Industria Hotelera, 1963, AHG, (3) Informació i Turisme 175, S.-3. 46 Ebd. 47 Jorge Vila Fradera: El plan francés de Languedoc-Roussillon, in: Tecno 50 (1965), S.-8-12, hier S.-8. 48 Ebd., S.-12. 49 Cámaras Oficiales de Comercio, Industria y Navegación de la Provincia de Gerona an Delegado Provincial del Ministerio de Información y Turismo: Peligro por el Plan Turístico Francés de Languedoc, 16.11.1966, AHG, (3) Informació i Turisme 164. 50 Zum Wandel von Politikstil und der Rolle technokratischer Konzepte innerhalb des Regimes vgl. González, La economía política, 1979. Estapé Rodríguez, Realidad y propaganda. Cañellas Mas, La <?page no="87"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 86 Infrastruktur bezog. 51 Dass dies ab den frühen 1960er-Jahren vor der Folie der französischen Konkurrenz ablief, konnte die Erfolgsaussichten dieser Versuche, staatliche Handlungskompetenz zu zeigen, nur unterstützen. Denn die Konkurrenzwahrnehmung gegenüber des französischen Abschnitts der Mittelmeerküste ließ die Förderung des Tourismus zum Wettstreit zwischen Nationen werden und überdeckte damit die Differenzen zwischen der regionalen Wirtschaft an der katalanischen Costa Brava und den regionalen Vertretern des spanischen Regime. Das Eingehen auf die spezifischen regionalen Probleme und die Konzentration auf die gezielte Entwicklung dieser Räume, in erster Linie mithilfe des Tourismus, ließ die Regionalpolitiker zunehmend als eine technokratische Elite 52 erscheinen, die sich der Koordination und Durchsetzung größerer technisch anspruchsvoller Projekte widmete, anstatt in erster Linie als Statthalter Francos aufzutreten. Indem etwa der Zivilgouverneur von Gerona im Rahmen des Plan Costa Brava die Bedürfnisse der einzelnen Gemeinden im Hinblick auf den Ausbau des Tourismus bewertete und hauptsächlich daran die Mittelzuweisung 53 knüpfte, spielte das Entscheidungskriterium des Sachzwangs 54 eine viel größere Rolle als etwa Loyalitätsbekundungen der betreffenden Gemeinde gegenüber dem Regime. So erfolgte die Zuteilung der finanziellen Mittel allein nach dem gemessenen Bedarf und nicht einer normativ-politischen Logik. 55 Gegenüber den Gemeinden und in den Medien 56 erweckte der Zivilgouverneur damit das Bild eines Technokraten, der als rationaler Planer 57 handelte, die Bedürfnisse der Bevölkerung, für die er verantwortlich war, ernst nahm, quantifizierbar und damit finanziell lösbar machte sowie deren Interessen sowohl gegenüber dem Ausland auf der einen Seite und dem Zentralstaat auf der anderen Seite vertrat. Damit bildeten die Zivilgouverneure einen Typus von Technokraten, der sich volksnah gab und zugleich auf die technische Lösung sozialer Probleme setzte. Mit diesem Politikstil und der Fokussierung auf den Tourismus als zentrale Stütze zukünftigen Fortschritts und tecnocracia franquista. Matés Barco, La economía. Catalán Vidal, Fábrica y franquismo, 1993. Elorza, Felices años sesenta. 51 Vgl. Kapitel 3.3. 52 Zur Ideologie der Technokratie und des Politikstils der Technokraten vgl. van Laak, Technokratie, S.-126 f. Das Profil des Technokratiebegriffs ergibt sich vor allem aus der ab den späten 1960er Jahre einsetzenden Kritik an diesem scheinbar unpolitischen Politikstil. Vgl. Lübbe, Zur politischen Theorie. Habermas, Technik und Wissenschaft. 53 Vgl. die Aufstellung über die Mittelzuweisung an die Gemeinden sowie die Begründungen für die Zuteilung der Mittel, die sich strikt am Nutzen für den Tourismus maßen und die Vergabe von Fördermitteln etwa für einen beantragten Bau eines Schlachthofes oder einer Schule aus den Mitteln des ‚Plan Costa Brava‘ ablehnte. Gobierno Civil de Gerona: Plan Costa Brava, 1962, AHG (3) GC 1616, Exp. Plan Costa Brava. 54 Vgl. zum ‚Sachzwang‘ als prägendes Element der Technokratie: van Laak, Das technokratische Momentum, S.-98. Vgl. auch: Steinmetz, Anbetung und Dämonisierung. 55 Zum scheinbar Unpolitischen der Technokratie vgl. van Laak, Das technokratische Momentum, S.-97. 56 El Gobernador Civil y Jefe Provincial esboza el planteamiento y solución de los más importantes problemas de la Provincia, in: Los Sitios (2.3.1958), S.-1 und 9. 57 Zum Denkstil von Technokraten vgl. van Laak, Jenseits von Knappheit, S.-440 ff. <?page no="88"?> 87 3.1 Tourismus und Entwicklung („desarrollo“) Entwicklung rahmten die Zivilgouverneure die zu Beginn des Kapitels geschilderten Hoffnungen zivilgesellschaftlicher Akteure, mithilfe des Tourismus die Wirtschaft zu modernisieren, ein. Dadurch bildeten die politischen und die ökonomischen Eliten der untersuchten Regionen einen Konsens aus, der den Tourismus in das Zentrum des Projekts gesellschaftlicher Entwicklung stellte. Diese Form konsensualer Politik bezog in autoritärkorporatistischer Art und Weise Akteure aus Wirtschaft und Gesellschaft in politische Prozesse der Raumordnung und strategischer Wirtschaftsplanung ein, um diesen das Gefühl zu vermitteln, dass sich die Interessen der Führungsebene des Regimes und der regionalen Eliten deckten. Dabei ging es nicht so sehr um politische Loyalitätsbekundungen, sondern gewissermaßen um die Arbeit an einem gemeinsamen Projekt der wirtschaftlichen Entwicklung. Somit stellten die Planungskonzepte und die strategische Ausrichtung auf die Förderung des Tourismus einen Versuch der Integration jenseits ideologischer Indoktrination dar. Denn sie griffen die Interessen auf, welche die im franquistischen Staatsaufbau vorgesehene, korporatistisch organisierte Gesellschaft, 58 etwa in Form der Industrie- und Handelskammern, artikuliert hatte. Der Tourismus sollte hier als Konsensstifter wirken, indem er den Regionen Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Entfaltung bot. Indem das Regime und seine regionalen Vertreter wirtschaftliche Entwicklung ermöglichten bzw. Hürden abschafften, die diese behinderten, vollzog es nach den Jahren der Autarkie eine Wende hin zur Bedürfnisbefriedigung der Bevölkerung. In den untersuchten Regionen spielte Tourismus dabei eine besondere Rolle, da ihm, wie dies die zeitgenössischen Akteure erkannten, eine Funktion als Motor der regionalen Wirtschaftszusammenhänge zukommen konnte. So erhielt der Tourismus eine hegemoniale Kraft innerhalb eines autoritären Rahmens, die zunächst eine Konvergenz von Interessen zwischen regionalen Regierungsvertretern und lokalen Wirtschaftsvertretern in den späten 1950er-und frühen 1960er-Jahren schuf. Mit dem Anwachsen des Tourismus und seines ökonomischen Potentials erfasste die Hegemonie des Tourismus auch größere Bevölkerungsgruppen, die direkt vom Tourismus profitierten, 59 während zunächst Kirchenvertreter 60 und ab Beginn der 1970er-Jahren Umwelt- und Naturschutzgruppen 61 außerhalb dieses Konsenses standen. Das erwähnte Beispiel der touristischen Erschließung der Küste von Languedoc- Roussillon kann an dieser Stelle noch einmal herangezogen werden, um die Unterschiede der französischen im Vergleich zu den spanischen Planungskonzeptionen im Tourismussektor deutlich zu machen. Während der touristische Ausbau des 180 km langen Küstenabschnitts in Frankreich auf zentralstaatliche Initiative hin über einen Zeitraum von 20 Jahren detailliert geplant wurde, 62 lassen sich solche langfristigen Pla- 58 Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-190 und 192. 59 Vgl. dazu ausführlicher Kapitel 4. 60 Vgl. dazu ausführlicher Kapitel 5. 61 Vgl. dazu ausführlicher Kapitel 4. 62 Furlough/ Wakeman, Composing a Landscape, S.-194 und 197. <?page no="89"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 88 nungsanstrengungen im Spanien der 1960er-Jahre nicht finden. Vielmehr begnügten sich die erwähnten Pläne damit, ein grobes Raster für zu tätigende Investitionen in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum aufzustellen. Sie stellten also, wie bereits oben erwähnt, viel eher Investitionsprogramme als tatsächliche Pläne dar. Die Erarbeitung und öffentliche Verkündigung der Pläne war selber bereits ein politischer Akt, 63 der die Handlungsfähigkeit des Staates zeigen sollte. Mithin waren das Reden von Planung und Entwicklung sowie die Bereitstellung von finanziellen Mitteln wichtiger als die konkrete Ausführung von planerischen Konzeptionen. Doch wie rudimentär die Planungsvorstellungen und -entwürfe auch sein mochten, umso deutlicher treten die Elemente hervor, die in diesen Raumrepräsentationen als Ressourcen des Fortschritts und Entwicklung galten. So wurde die Kombination aus Strand, Meer, Sonne und modernen Hotels zu erschwinglichen Preisen 64 zu einer Chiffre des Fortschritts, der in eine Moderne führte, die sich auf eine „Industrie ohne Schornsteine“ 65 stützte und trotzdem versprach, eben diese Folgen der Industrialisierung, also wirtschaftliches Wachstum, wachsenden Wohlstand und die Entstehung einer Konsumgesellschaft hervorzubringen. Dass dazu eine übergeordnete Raumplanung nicht unbedingt notwendig war, ja von zentralen Akteuren sogar als hinderlich empfunden wurde, zeigt das folgende Kapitel. 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom Die wohl sichtbarste Folge des politisch überformten regionalen Elitenkonsenses zugunsten des Tourismus war der Bauboom. In Lloret de Mar an der Costa Brava lässt sich der Beginn der massiven baulichen Veränderung des Ortes auf das Jahr 1957 datieren. Innerhalb der nächsten Jahre nahmen die Bauaktivitäten im Ort fieberhaft zu. Ein paar Zahlen können das illustrieren. So gingen bei der Verwaltung der Gemeinde mit knapp 3316 Einwohnern im Jahr 1957 66 zwischen 1957 und 1966 insgesamt 2940 Anträge auf Baugenehmigungen ein, während es in den Jahren zuvor nur einige wenige waren. 67 Die Zahl der Hotels steigerte sich zwischen 1959 und 1961 von 65 63 Ähnliches hält Richard Gunther im Hinblick auf die Formulierung der allgemeinen Ziele der Nationalen Entwicklungspläne fest. So hatten die übergeordneten Direktiven der Entwicklungspläne rein „[…] ‚politische […] Gründe […], um die öffentliche Meinung zufriedenzustellen[…].‘“ Gunther, Ökonomische Planung, S.-310 f. 64 Vgl. die Vorträge aus Anlass der I Asamblea Provincial de Turismo de Gerona, auf der sich alles um diese touristische Ressourcen und deren bestmögliche Ausbeutung konzentrierte. Insbesondere: I Asamblea Provincial de Turismo de Gerona, Evaristo de Arana González, Vicesecretario Provincial de Ordenación Económica de la C.N.S.-de Gerona: Ponencia sobre: Aeropuerto de Gerona - Costa Brava, 1963, AHG, (3) Informació i Turisme 175, S.-1. 65 Juan E. Mercadal y Roig: La industria sin chimeneas, in: Recepción 2 (1966), H. 11, S.-25-27. 66 TAU: Plan General Municipal de Ordenación Lloret de Mar (Gerona) 1976, 1976, AHL, 30.116.514, S.-9. 67 Andreu de la Torre Barrigón: Lloret de Mar 1957-1979, Construcció i urbanisme durant el boom turístic. Unveröffentlichte Abschlussarbeit Arquitectura Tècnica 1999, S.-103, Biblioteca Arxiu Históric <?page no="90"?> 89 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom auf 108. Bis 1966 stieg die Zahl auf 186 an. Die Bettenkapazität stieg von 1267 im Jahr 1956 auf 11 565, was fast einer Verzehnfachung entsprach. 68 Damit veränderte sich zugleich der Charakter Llorets. Während die meisten Häuser des älteren Baubestandes zweibis dreistöckig gewesen waren, entstanden nun größere und vor allem höhere Häuser, die dem Ortskern ein urbanes Aussehen verliehen. Gleichzeitig wuchs die Einwohnerzahl des Ortes nicht nur von seinem Zentrum aus, sondern auch von der Peripherie her. So entstanden rund um den eigentlichen Ort im Verlauf des oben genannten Zeitraums zahlreiche sogenannte Urbanisationen. Diese neuen Siedlungen schlossen sich teilweise an bereits bestehende am Ortsrand gelegene Wohngegenden an, wurden aber anderenteils in nicht unerheblicher Entfernung zum eigentlichen Ort, aber immer noch in dessen Gemarkungsbereich gebaut. 69 Abb. 4: Bettenkapazität Lloret de Mar 70 Ursache für diesen Bauboom und die damit einhergehende Umgestaltung des Fischerdorfs, das vom 17. bis 19. Jahrhundert zudem auch ein prosperierender Handelshafen gewesen war, der vom Amerikahandel profitiert hatte, 71 war der internationale Mas- Lloret de Mar. 68 TAU: Plan General Municipal de Ordenación Lloret de Mar (Gerona) 1976, 1976, AHL, 30.116.514, S.-22. 69 Vgl. die Karte in: Ayuntamiento de Lloret de Mar: Plan General de Ordenación, 1957, AHL Adm., 106.501.7. 70 Zahlen aus: TAU: Plan General Municipal de Ordenación Lloret de Mar (Gerona) 1976, 1976, AHL, 30.116.514, S.- 22. Der Rückgang der Kapazität zwischen 1963 und 1964 erklärt sich nicht durch einen tatsächlichen Rückgang, sondern ist die Folge einer Änderung bei der statistischen Erfassung der Kategorie ‚Hotel‘. Vgl. ebd. 71 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Plan General de Ordenación, 1957, AHL Adm., 106.501.7, S.-4. <?page no="91"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 90 sentourismus. Zwar ist aus den beantragten Baugenehmigungen nicht immer erkennbar, ob die Anträge auf Erweiterung bestehender Gebäude oder Neubauten direkt der Beherbergung von Touristen dienten, doch legt der gleichzeitige massive Anstieg der Touristenzahlen, die jeden Sommer in den Ort kamen, dies nahe. So sind sicherlich die meisten der Neubauten, aber auch ein Großteil der Erweiterungen auf den Einfluss des Tourismus zurückzuführen. Dabei mussten die Gebäude nicht direkt als Unterkunft für Touristen dienen, sondern konnten auch indirekt mit dem Tourismus zusammenhängen. Das trifft natürlich auf die zahlreichen Restaurants und Unterhaltungslokale zu, aber auch auf die neu errichteten Wohnhäuser, die die ebenfalls wachsende Zahl der Einheimischen und Binnenmigranten aus anderen Teilen Spaniens aufnahmen. Rückblickend war über die Ursachen in der ersten Phase des Baubooms bis 1964 und der Notwendigkeit neuer Bauprojekte in der Begründung der Revision des ersten kommunalen Bebauungsplanes zu lesen: Wenn der Tatsache Rechnung getragen wird, dass die städtische Entwicklung Lloret de Mars auf seine touristische Nutzung gegründet werden muss, werden die planerischen Überlegungen verständlich […]. Vor allem dann, wenn man den Zuwachs durch den Beitrag der Einwanderung hinzunimmt, der tatsächlich zu einer Verdopplung der Einwohnerzahl in einer Zeitspanne von weniger als 5 Jahren führte. 72 Ein ähnlich rasantes Wachstum verzeichnete auch der Ort Torremolinos an der Costa del Sol. War Torremolinos zu Beginn der fünfziger Jahre noch ein verschlafenes Nest, wo sich laut einem Polizeibeamten nur ein paar Engländer, die die Einfachheit liebten, im Sommer aufhielten, 73 verwandelte sich der Ort ab Beginn der sechziger Jahre von seinem Aussehen her zu einer modernen Stadt. Zahlreiche Hochhäuser säumten bald die Küste, wo noch wenige Jahre zuvor nur ein paar Fischerhütten gestanden hatten. Auch hier bedeutete der zunehmende urbane Charakter einen deutlichen Bruch mit früheren Entwicklungen. Während im Jahr 1957 nur maximal 600 Touristen beherbergt werden konnten, waren es 1960 bereits 2000 und am Ende des Jahrzehnts lag die Zahl bei 8847. 74 Dazu kamen bereits 1966 30 350 Plätze in Ferienwohnungen, Bungalows und Chalets, die bereits zur Verfügung standen oder sich noch im Bau befanden. 75 Eine Zahl, die Torremolinos zum Spitzenreiter der Unterkunftsmöglichkeiten an der gesamten Costa del Sol machte. 72 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Revisión del Plan General de Ordenación, Juli 1963, AHL Adm., 106.480.1, S.-8 f. 73 Comisario de la Brigada de Información de Torremolinos an Gobernador Civil de Málaga: Barriada de Torremolinos, 06.08.1949, AHPM, Gobierno Civil 6588. 74 Ayuntamiento de Málaga: Plan General de Ordenación Urbana, 1983, Archivo Municipal de Málaga, ohne Signatur, S.-99. 75 Ministerio de Información y Turismo, Subsecretaría de Turismo: Proyecto de programa de actos en relación con el viaje del Excm. Sr. Ministro de Información y Turismo a Málaga, Costa del Sol 1966, 16.2.1966, AGA, (3) 49.22 48959 Top. 72/ 40.405-40.504. <?page no="92"?> 91 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom Abb. 5: Bettenkapazität Torremolinos 76 Ähnliches lässt sich von der Küste Mallorcas östlich von Palma, an der sogenannten Playa de Palma berichten. Während Ende der fünfziger Jahre der langgezogene Sandstrand zwischen Palma und dem Gemeindegebiet von Lluchmajor vollkommen unbebaut war und sich dahinter eine ausgedehnte Dünenlandschaft erstreckte, war am Ende der sechziger Jahre davon nur noch wenig zu sehen. Die beiden angrenzenden Gemarkungsbereiche waren ineinander übergegangen, die Dünen größtenteils verschwunden. Hotels und Apartmentanlagen säumten nun den Strand, der in den Sommermonaten von Touristen vor allem aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich bevölkert wurde. 77 Auch in diesem Fall gibt die Entwicklung der Beherbergungskapazität Aufschluss über die sich entfaltende Bautätigkeit. So hatte sich bereits bis 1965 in El Arenal und an der Playa de Palma insgesamt eine Bettenkapazität von 15 310 herausgebildet, was einen zeitgenössischen Beobachter zu dieser überschwänglichen Bemerkung anregte, aus der der Stolz über diese Transformation eines unbebauten Küstenteils in einen Ort des Tourismus sprach: „El Arenal ist heute ein Grund stolz zu sein, da El Arenal eine gut definierte Persönlichkeit zeigt, die eine Konsequenz des Fleißes und der Anstrengung bei der Arbeit seiner Einwohner darstellt.“ 78 76 Zahlen aus: Gobierno Civil de Málaga, Gabinete Técnico de Coordinación y Desarrollo Málaga: La Costa del Sol y sus problemas, 1964, Biblioteca Pública Provincial de Málaga, Málaga, MA 88, S.-195. Ayuntamiento de Málaga: Plan General de Ordenación Urbana, 1983, Archivo Municipal de Málaga, ohne Signatur, S.-99. 77 Barceló, Una evolución turística. 78 Cañellas Oliver u.a., Estudio socio-económico, S.-31. <?page no="93"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 92 3.2.1 Raumplanung und Zuständigkeiten Wie im vorigen Unterkapitel aufgezeigt wurde, verblieben regionale oder nationale Planungsanstrengungen weitgehend auf einer konzeptionellen Ebene und schlugen sich nicht in einem engen Rahmen aus Planungsvorgaben und Regulierungsmechanismen nieder. Da es also auf regionaler Ebene keine wirksame übergeordnete Planungs- und Regulierungsstelle für den Ausbau des Tourismus gab, verblieb die Zuständigkeit für die Regulierung der Bautätigkeit dort, wo sie schon immer gewesen war: bei den Kommunen. Diese waren dafür verantwortlich, Bauanträge entgegenzunehmen und ggf. zu genehmigen. Auch war es ihre Aufgabe innerhalb ihrer Gemarkung die Gebiete auszuweisen, in denen eine Bebauung vorgesehen war und dafür einheitliche Regeln vorzuschreiben. 79 Den Kommunen kam damit eine Schlüsselrolle bei der Entstehung dessen zu, was hier als touristisches Raumregime beschrieben und erklärt werden soll. Unter einem touristischen Raumregime wird hier Folgendes verstanden: Es handelt sich um das prägende Konzept der Förderung von Bebauung bzw. der gezielten Nicht-Regulierung der touristischen Bebauung, das zum skizzierten Anwachsen der Baudichte führte. Zusammenfassend kann es als Set von Einstellungen und Maßnahmen bezeichnet werden, das jegliche touristische Bebauung der Küsten förderte. Eine zentrale Rolle bei der Erklärung der Herausbildung und dem Funktionieren des touristischen Raumregimes kommt den kommunalen Bebauungsplänen zu. Diese waren ein Spiegel vorherrschender kommunaler Mentalitäten und verschaffen somit einen Einblick in kommunale Anstrengungen, mit dem Massenphänomen des ausländischen Tourismus umzugehen. Als historische Raumrepräsentationen sind sie zugleich eine vorzügliche Quelle, um zu analysieren, wie der konstatierte regionale Konsens materielle Wirkmächtigkeit erlangte. Zugleich waren das Zustandekommen und vor allem die Revision der kommunalen Bebauungspläne ein Feld der Aushandlungen von Interessen, die sich durch unterschiedliche Vorstellungen über Raumnutzungsmuster speisten. Dabei ist zu konstatieren, dass sich die Interessen von Privatwirtschaft, Grundbesitzern und lokalen Verwaltungen im Zeitverlauf etwas voneinander entfernten, auch wenn der vorhandene Grundkonsens dadurch nicht tiefgehend gestört wurde. Durch eine Analyse der Bebauungspläne und der Debatten um die Regulierung von Bautätigkeiten in und um touristische Orte kann demzufolge erklärt werden, wie es überhaupt zum Bauboom der sechziger Jahre kam, der zum Symbol einerseits eines wirtschaftlichen Aufschwungs wurde und andererseits in späterer Zeit als sichtbarste und dauerhafte negative Auswirkung des Tourismus verurteilt wurde. 79 Moreno Garrido, Historia del turismo, S.-271. <?page no="94"?> 93 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom 3.2.2 Die frühen kommunalen Bebauungspläne Eine erschöpfende, vergleichende Analyse aller in den untersuchten Regionen vorhandenen kommunalen Bebauungspläne, die im Verlauf des Untersuchungszeitraums verabschiedet wurden und Gültigkeit hatten, ist kaum machbar. Erstens ergäbe sich hierdurch eine exorbitant hohe Zahl von Vergleichsobjekten, die kaum einer qualitativen Analyse, wie sie hier vorgenommen werden soll, zugänglich ist. Zudem ist die Situation der archivalischen Überlieferung nicht immer dergestalt, dass über das bloße Vorhandensein des Bebauungsplans hinaus weitere Quellen archiviert wurden, die einen Einblick in Aushandlungsprozesse und den Plänen zugrunde liegenden Auffassungen geben. Deshalb wurden für die nun folgenden Passagen zwei touristische Orte herausgegriffen, die eine gewisse Bandbreite unterschiedlicher Merkmale abdecken und zugleich eine aussagekräftige Überlieferungslage aufweisen. Erstens ist hier Lloret de Mar zu nennen, das bereits über eine gewachsene Struktur verfügte, als die ersten Touristen nach Spanien kamen. Im Falle Llorets de Mar gab es schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt einen ersten Bebauungsplan, der im Jahr 1957 Gültigkeit erlangte. Zweitens werden in die Untersuchung die Bebauungspläne von Calviá auf Mallorca einbezogen. Calviá ist bis heute ein kleiner Ort im Hinterland der Westküste Mallorcas, der als Verwaltungszentrum für die an der Küste im Verlauf der dreißiger und fünfziger Jahre entstandenen Touristenorte wie Santa Ponsa, Magaluf, Paguera und Palma Nova dient. Diese hatten im Grunde keine gewachsenen, bereits bestehenden urbanen Strukturen, sondern waren reine Orte des Tourismus, die im Grunde für die Beherbergung von Touristen erst entstanden. 80 Im Falle Calviás gab es bis 1969 keinen Bebauungsplan. Insofern weisen die beiden untersuchten Fälle eklatante Unterschiede auf. Doch lassen sich auch aus der Nichtexistenz eines Plans und den Begründungen aus Anlass der späteren Erarbeitung und Implementierung wichtige Schlüsse in Bezug auf die Selbstwahrnehmung und Mentalität der lokalen Eliten ziehen. Befasst man sich mit dem ersten Bebauungsplan der Gemeinde von Lloret de Mar, der im Jahr 1957 verabschiedet wurde, stößt man auf ein weit in die Zukunft gerichtetes Denken, das von einem ausgesprochenen Fortschrittsoptimismus gepaart mit einem Drang zur planerischen Verwirklichung dieser Vorstellungen geprägt war. Der Plan entwarf ein Zukunftsbild einer prosperierenden Kleinstadt, die ihr Wachstum in erster Linie den Einnahmen aus der Beherbergung von Touristen verdankte. Die Gültigkeit des Plans wurde mit einer Zeit von sechzig Jahren 81 beziffert. Dieser enorm große Zeitraum, der für die Gültigkeit des Plans angelegt war, zeigt das fast grenzenlose Vertrauen, das die lokalen Eliten zu diesem Zeitpunkt in den Tourismus und seinen Fortbestand hatten. Zugleich verweist dieser lange Planungshorizont auf den Glauben an die Gestaltbarkeit und Machbarkeit lokaler Entwicklungen, auch wenn diese, wie dies die Kommunalverwaltung sehr wohl erkannte, auf einem Faktor beruhte, der au- 80 Buswell, Mallorca. The making, S.-176 f. 81 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Plan General de Ordenación, 1957, AHL Adm., 106.501.7, S.-77. <?page no="95"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 94 ßerhalb des spanischen Nationalstaats lag. Besonders aussagekräftig ist dieser Befund auch deshalb, weil erst mit der Verabschiedung des sogenannten Stabilisierungsplans im Jahr 1959 bekanntermaßen die völlige Öffnung Spaniens für den internationalen Massentourismus einsetzte und die Zahlen einreisender Touristen bis zu diesem Zeitpunkt insgesamt eher bescheiden ausfielen. Der Bebauungsplan von Lloret sah vor, das städtische Wachstum auf bestimmte Bereiche zu konzentrieren. Die dafür ausgewiesenen Neubaugebiete unterlagen verschiedenen Regulierungen hinsichtlich der Grundstücksgröße, der Bebauungsdichte und der maximalen Höhe der Gebäude. So wurden folgende Bereiche ausgewiesen, die in der hier genannten Reihenfolge jeweils strengere Baurichtlinien aufwiesen: „Intensive städtische Bebauung“, „Halb-intensive städtische Bebauung“, „Gartenstadt“, „Intensive suburbane Bebauung“. 82 Dabei lässt sich feststellen, dass je weiter entfernt ein geplanter Ortsteil vom Zentrum lag, desto weniger urban sein Charakter sein sollte. Der Plan beschränkte sich bei der Regulierung der Bebauung allein auf grobe Vorgaben hinsichtlich der Höhe der zu errichtenden Gebäude. So sollten beispielsweise in der Zone der Edificación Urbana Intensiva höchstens Gebäude entstehen, die zusätzlich zum Erdgeschoss maximal vier weitere Stockwerke aufwiesen. 83 Auf weitere Vorgaben hinsichtlich der Bebauungsdichte, der Größe der einzelnen Grundstücke oder auf eine Festlegung eines Koeffizienten aus Bauvolumen pro Fläche wurde verzichtet. 82 Ebd. 83 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Plan General de Ordenación, 1957, AHL Adm., 106.501.7, S.-100. Abb. 6: Lloret in den 1950er-Jahren [Vista general de Lloret de Mar, 1950 circa (Autoría: Emili Martínez Passapera. Arxiu Municipal de Lloret de Mar (SAMLM), Fondo Martínez-Planas, ST-304.007.31)]. <?page no="96"?> 95 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom Im Falle Calviás kam es, wie bereits erwähnt, erst 1967, also ganze zehn Jahre nachdem Lloret seinen ersten Plan verabschiedet hatte, zur Ausarbeitung eines kommunalen Bebauungsplanes. Dieser war 1969 fertiggestellt worden, erlangte tatsächlich aber erst 1972 Gültigkeit. Während also der frühe Plan aus Lloret vor allem wegen seiner Zukunftsvisionen aufschlussreich ist, lassen die Diskussionen um die Ausarbeitung des Plans in Calviá vor allem Rückschlüsse auf die Wahrnehmung der bereits vergangenen Boomjahre des Tourismus zu. Daraus lassen sich wiederum verwaltungstechnische Strategien erkennen, die in eben diesen Jahren eine prägende Rolle spielten. So sahen die lokalen Behörden erst 1967 überhaupt die Notwendigkeit, einen kommunalen Bebauungsplan zu entwerfen. Zuvor wurden für die Erteilung von Baugenehmigungen lediglich von den Antragstellern sogenannte Planes Parciales verlangt. Also Baupläne, die über das geplante Projekt Auskunft gaben. Anhand der Beurteilung dieses Planes vergab die Gemeinde dann ihre Baugenehmigung oder verweigerte diese. Somit standen keine speziellen übergeordneten und rechtlich fixierten Kriterien zur Bebauung innerhalb des kommunalen Zuständigkeitsbereichs fest. Lediglich das Bodengesetz („Ley de Suelo“) diente als übergreifende gesetzliche Grundlage. Die Vergabe einer Baulizenz war damit letztlich vor allem an die subjektive Urteilskraft der sich damit befassenden Zuständigen innerhalb der Gemeindeverwaltung gebunden und abhängig von deren Handlungsspielräumen. Diese waren jedoch nur in seltenen Fällen Angestellte der Verwaltung. Zumeist wurden mit dieser Aufgabe Architekten Abb. 7: Lloret de Mar Mitte der 1960er-Jahre in einem deutschen Reisekatalog (HAT D 06-45-70-Scharnow-1-66-1.) <?page no="97"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 96 betraut, die dafür ein Honorar erhielten. In vielen Fällen waren die Architekten, die die Gutachten für die Erteilung einer Baulizenz erstellten, selber in private Bauprojekte involviert, die sich ebenfalls im gleichen Gemeindebezirk befanden, was zugleich ein Einfallstor für Klientelpolitik und Korruption war. 84 Der Plan von 1969 reagierte somit auf einen weitgehend regulierungsfreien Raum, der in den letzten Jahren während des Tourismusbooms geherrscht hatte. Doch wird aus den Begründungen und den Konflikten um die Erstellung des Plans schnell klar, dass es sich bei der fehlenden Regulierung nicht um eine grundsätzliche Unfähigkeit der kommunalen Verwaltung zur Planung und Regulierung handelte, sondern um eine bewusste Entscheidung für einen Verzicht auf Planung und Regulierung, die sich auch in der erstmaligen Erarbeitung eines Bebauungsplan spiegelte. So konstatierte die Gemeinde in einer Stellungnahme auch zur Ausarbeitung des Bebauungsplans von 1969 zwei wesentliche Grundsätze der Planung: „Die maximale Freiheit (innerhalb logischer Grenzen) und die Zusammenarbeit mit der Privatinitiative.“ 85 Zugleich sanktionierte der Plan alle bis dato errichteten Gebäude als rechtmäßig und damit die Eigentumsrechte der Bauherren und Urbanisatoren. Ganz offensichtlich war dies als Beruhigungspille für die Bauherren und Eigentümer gedacht, die fürchteten, dass im Zuge der Ausarbeitung des Bebauungsplans auch geprüft werden würde, inwiefern die tatsächliche Bauausführung der bestehenden Bauten im Einklang mit den ursprünglich vorgelegten Bauplänen standen. 86 Diese beiden Grundelemente des Bebauungsplans von 1969 verweisen auf die zuvor herrschende Praxis der permissiven Erteilung von Baugenehmigungen für Hotel- und Apartmentgebäude. Dass man sich 1969 dazu gezwungen sah, insbesondere die Allokation und die Dimensionen größerer Hochhauskomplexe für touristische Zwecke stärker zu regulieren, bestätigt die vorherige laissez-faire-Haltung der Kommunalverwaltung in Bezug auf die Vergabe von Baulizenzen. 3.2.3 Wachstumspläne und das touristische Raumregime Trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen kam es im Verlauf der sechziger bis in die frühen siebziger in beiden Kommunen Jahre hinein zu ähnlichen Entwicklungen. Obwohl Lloret seit 1957 über einen Bebauungsplan verfügte und in Calviá der erste 84 Ayuntamiento de Calviá: Acta del Pleno Municipal, 1.7.1970, Arxiu Municipal de Calviá (AMC), (22) 1.3.1.3, Pleno 24. Vgl. auch: Algo huele mal en la Costa Brava. Demasiadas irregularidades en la explotación de urbanizaciones, apartamentos y salas de fiestas, in: Los Sitios (29.12.1967). Mario Gaviria: La corrupción en materia de urbanismo, in: Ders.: Campo, urbe y espacio del ocio, Madrid 1971, S.-169-175, hier S.-171. Ministerio de la Gobernación, Dirección General de Seguridad, Comisaría del Cuerpo General de Policía: Informe sobre irregularidades observadas en locales de recreo, urbanizaciones y fraudes que se cometen en la Costa Brava, 25.01.1968, AHG, (3) Govern Civil 1617, Exp. Informe de la Costa Brava. 85 Ayuntamiento de Calviá: Plan General de Ordenación del término municipal de Calviá (Baleares). Memoria, Juli 1969, AMC, (1376) 8.2.1, S.-24. 86 Ebd. S.-21. <?page no="98"?> 97 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom kommunale Bebauungsplan erst 1969 in Kraft trat, kam es in beiden Gemeinden zu einem immensen Bauboom. Dieser Sachverhalt verweist auf eine gemeinsame Ursache der wuchernden Bautätigkeit sowohl in Lloret als auch in Calviá. Denn beide vorgestellten Varianten, erstens die im Fall Llorets vorherrschende extrem permissive Regulierung und zweitens die im Fall Calviás auffällige Abwesenheit jeglicher übergeordneter Raumplanungsinstanz, verweisen auf eine gemeinsame Einstellung und Haltung der lokalen Eliten im Verlauf der sechziger Jahre in beiden Kommunen. Im Falle Llorets de Mar lässt sich aus dem ersten Bebauungsplan der Kleinstadt von 1957 ein Rückschluss auf die ungezügelte Bautätigkeit der folgenden Jahre ziehen. So hieß es im Plan, als es um die Darstellung des kommunalen Haushaltsbudgets ging: Von 1940 bis 1950 ist der Sprung schon enorm, auf der einen Seite infolge der progressiven Abnahme der Kaufkraft der Währung, auf der anderen Seite zeigt sich der Touristenstrom schon in seiner ganzen Bedeutung und das ist der Grund, dass sich die 124.200 Peseten von 1940 auf den Wert von 1.350.000 verzehnfachen; als Ausweis dieses Wohlstandes kann die Tatsache gelten, dass sich zurzeit 40 Bauprojekte in der Ausführung befinden, seien es Sanierungs-, Renovierungsbzw. Erweiterungsarbeiten oder Neubauten. 87 Aus diesen Feststellungen leitete die Gemeinde ab, dass die Zukunft Llorets im Tourismus, der „[…] die Grundlage seiner Entwicklung sein muss“ 88 liegen müsse. Somit war der regionale Konsens für eine gezielt permissive Reglementierung verantwortlich und zeitigte damit enorme materielle landschaftsverändernde Konsequenzen. War es in Lloret de Mar die sehr permissive Ausgestaltung des Bebauungsplanes, der lediglich die Gebäudehöhe festlegte und ansonsten den Bauherren eine weitgehende Freiheit einräumte, war es in Calviá das vollständige Fehlen eines kommunalen Bebauungsplanes bis 1969, der den Bauboom ermöglichte. So rechtfertigte die Gemeindeverwaltung im ersten Bebauungsplan von 1969, der 1972 endgültig in Kraft trat, das Fehlen eines früheren Bebauungsplanes folgendermaßen: Eine solch passive Haltung, die wir nicht nur für gänzlich gerechtfertigt halten, sondern gleichzeitig als eine wirkliche Notwendigkeit erachten, da sie, als die Kommune zur selben Zeit mit der Zentralregierung zusammenarbeitete, die Geburt eines Wohlstandes in unserem Gemeindebezirk ermöglichte, der heute die wirtschaftliche Grundlage dafür ist, dass die Kommunalverwaltung ihre passive Haltung aufgibt und beginnt, sich den heutigen Problemen zu stellen und diese zu lösen. Die Kommune Calviá hat somit die gleiche Evolution vollzogen, wie der moderne Staat (der liberale Staat - der interventionistische Staat). 89 87 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Plan General de Ordenación, 1957, AHL Adm., 106.501.7, S.-33. 88 Ebd., S.-77. 89 Plan General de Ordenación de Calviá, 1972: Programa de Actuación del Plan, zit. nach: Guillermo Oliver Suñer/ Juan Morey Ballester/ Juana Roca Cladera: Calviá. Estudio de unos fenómenos sociales <?page no="99"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 98 Das Zitat macht deutlich, dass die Administration von Calviá auch noch 1969 als bereits erste Zeichen einer Krise des Tourismussektor begannen sichtbar zu werden und bereits eine Diskussion über die landschaftsverändernde Kraft des Tourismus im Gange war, 90 die fehlende Planung und Raumordnung, also das hierdurch geschaffene touristische Raumregime für absolut gerechtfertigt hielt und es als Erfolg ausgab. Denn, so hieß es weiter: „Diese Periode, sah innerhalb des Gemeindebezirks einen Reichtum entstehen, von dem man hier vorher nie geträumt hatte.“ 91 Die Verantwortlichen führten zwar an, dass es auch die klamme Finanzsituation der Gemeinde gewesen war, die es unmöglich gemacht habe, einen kommunalen Bebauungsplan erarbeiten zu lassen. Doch die Rede von einem „Erfolg“ im Hinblick auf den Tourismusboom und von einem ungeahnten Wohlstand, den der Tourismus dem ehemals kleinen Ort beschert habe, weist eindeutig darauf hin, dass es überhaupt nicht im Sinne der Verwaltung gewesen war, die Entwicklung der entstehenden Touristenorte an der Küste, die zur Gemarkung von Calviá gehörten, durch eine stärkere Regulierung und Planung zu beeinflussen und damit möglicherweise auszubremsen. Denn schließlich hätte es nur des politischen Willens bedurft, zur Ausarbeitung eines Bebauungsplans die dafür nötigen Geldmittel beim Wohnungsbauministerium zu beantragen, wie dies dann für die Ausarbeitung des Plans von 1969 getan wurde. Den ersten Beschluss für die Erarbeitung dieses Plans fällte der Gemeinderat von Calviá zwar bereits 1965, 92 doch war damit keineswegs ausgemacht, dass der daraus resultierende Plan weitgehende regulative Maßnahmen vorsah, wie weiter unten gezeigt wird. Die Tatsache, dass andere Touristenorte wie Lloret de Mar zur Ausarbeitung eines Bebauungsplans schon zu früheren Zeitpunkt in der Lage waren, weist zudem ebenfalls darauf hin, dass die fehlenden finanziellen Mittel lediglich ein vorgeschobenes Argument waren, um die gezielte Untätigkeit der Gemeindeverwaltung rückblickend zu rechtfertigen. 3.2.4 Neue Ansätze und regionale Regulierungsversuche Zwei Beobachtungen stützen die soeben dargestellten Erklärungsversuche noch zusätzlich. Erstens sind hier die Diskussionen um die Revision der kommunalen Bebauungspläne zu nennen und zweitens die etwas später einsetzenden regionalen Bestrebungen, die Bebauung in den touristischen Orten gezielt stärker zu regulieren mit dem Ziel, eine weitere massive Veränderung der Landschaft zu verhindern, die nach cuando el crecimiento económico se basa exclusivamente en el turismo, Barcelona 1973, S.-41. Vgl. Ayuntamiento de Calviá: Plan General de Ordenación del término municipal de Calviá (Baleares). Memoria, Juli 1969, AMC, (1376) 8.2.1. Vgl. Minsterio de Vivienda: Aprobación del Plan General de Ordenación de Calviá, 20.01.1972, AMC, 1387/ 4. 90 Siehe unten die Erarbeitung des Plan General de Ordenación de Baleares und die Limitaciones de Altura de Edificios en la Costa Brava. 91 Plan General de Ordenación de Calviá, 1972: Programa de Actuación del Plan, zit. nach: Oliver Suñer/ Morey Ballester/ Roca Cladera, Calviá, S.-41. 92 Vgl. Ayuntamiento de Calviá: Plan General de Ordenación del término municipal de Calviá (Baleares). Memoria, Juli 1969, AMC, (1376) 8.2.1. <?page no="100"?> 99 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom Meinung mancher Akteure dazu führen konnte, dass Touristen in der Zukunft genau deshalb ausbleiben könnten. Für Lloret de Mar lässt sich beispielsweise zeigen, dass die Revision des ersten Bebauungsplanes von 1957 im Ergebnis noch permissivere Regulierungen implementierte, anstatt die touristische Bebauung stärker einzuschränken. Auch in diesem Bebauungsplan galt die Devise, dass planen nicht bedeutete, Wachstum auszubremsen, sondern dieses in erster Linie weiter zu befördern. Obwohl der kommunale Bebauungsplan von Lloret für einen Zeitraum von 60 Jahren ausgelegt gewesen war, gab es bereits nach kaum drei Jahren der Gültigkeit Bestrebungen, diesen zu überarbeiten und wesentliche Bestimmungen zu ändern. Zentral war dabei die Tatsache, dass der Plan kaum mehr etwas mit der Realität der vom Tourismus induzierten Bebauung zu tun hatte. So hieß es im Vorwort zum modifizierten Plan, der im Jahr 1964 verabschiedet wurde: Dessen ungeachtet und obwohl der oben genannte Plan sehr umfassend ist [der Plan von 1957, M. G.] und obwohl den unentbehrlichen Prämissen für eine städtische Entwicklung einer Bevölkerung Rechnung getragen wurde, deren fundamentale Industrie der Tourismus ist, ist es in der Tat so, dass die Prognosen des Projekts übertroffen wurden. Der Zustrom an Touristen hat in so kurzer Zeit eine unvorhersehbare Größe angenommen. 93 War im Plan von 1957 die Erschließung der geplanten Neubaugebiete zeitlich nacheinander gestaffelt und auf den ganzen Zeitraum der Gültigkeit des Planes verteilt worden, war real eine weitgehende parallele und unkontrollierte Erschließung zahlreicher Urbanisationen um die Stadt herum zu beobachten gewesen. Die revidierte Fassung des Plans von 1957 unterstützte diese Entwicklung, anstatt sie stärker zu regulieren oder zu planen. So wurden die Rahmenbedingungen für die private Bebauung nicht enger gesteckt, sondern sie wurden im Rahmen der Revision noch weiter gedehnt. Anstatt strengere Regeln für die Bebauung der Gemarkung zu erlassen, betonte die Stadtverwaltung im revidierten Plan von 1964 lediglich: Was letztlich bleibt, ist die Entwicklung, die es zu erreichen gilt, um den Plan zu realisieren, an die Privatinitiative zu übergeben. Beweise derer Aktivität finden wir in den aktuellen durchgeführten Bauprojekten für Urbanisationen, Hotels, Apartments usw., die ein außergewöhnliches Ausmaß als Konsequenz des großartigen touristischen Zustroms und damit der Nachfrage nach Grundstücken und Unterkünften erreicht haben. Dem folgten ein großartiger Anstieg des Werts der Grundstücke und ein sich anschließendes Wachstum der Bauwirtschaft und deren Zuliefern sowie eine außergewöhnliche Entwicklung der Handelsaktivitäten, die vor einigen Jahren schlichtweg unglaublich erschienen wären. 94 93 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Revisión del Plan General de Ordenación, Juli 1963, AHL Adm., 106.480.1, S.-1. 94 Ebd., S.-11. <?page no="101"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 100 Schon zuvor hatte es kleinere Änderungen am Plan von 1957 gegeben, die alle eine weitere Bebauung förderten, anstatt sie einzugrenzen, mit dem Ziel „[…] diesen touristischen Aufschwung nicht zu lähmen“ 95 . So wurden schon 1959 und noch einmal 1961 küstennahe Gebiete innerhalb der Gemarkung von Lloret de Mar auf Antrag eines Bauherren, die bisher laut dem Bebauungsplan noch gar nicht für eine Bebauung vorgesehen und ausgewiesen worden waren, in bebaubare Sektoren bzw. einem dichter bebaubares Gebiet umgewandelt. 96 Die Vorschläge für die Revision des Bebauungsplans von 1957, die zum ersten Mal 1963 vorgebracht wurden, sahen unter anderem eine deutliche Anhebung der bisher geltenden Höchstgrenzen für die Bebauungsdichte und die vorgeschriebenen Gebäudehöhen vor. So wurde etwa vorgeschlagen, in einigen Sektoren eine Mindesthöhe von Gebäuden von fünf Stockwerken einzuführen, um eine intensivere Nutzung des vorhandenen Raumes zu gewährleisten. 97 Der überarbeitete Plan von 1964 sah in der Folge deutlich permissivere Regelungen vor, die eine weitere touristische Bebauung forcieren sollten. Neben den bereits genannten Punkten beinhaltet der überarbeitete Plan von Lloret auch, die Zone intensivster Bebauung, die bisher auf den Ortskern beschränkt gewesen war, auf das gesamte Gebiet hinter der Strandpromenade und in deren Fortsetzung entlang der Küste auszudehnen. 98 Diese Ausdehnung des Bereichs, der am dichtesten bebaut werden durfte, trug erheblich zum weiteren Wachstum der Kleinstadt bei. Zwar enthielt der Plan von 1964 detaillierte Bestimmungen hinsichtlich der Bebauungsdichte, genaue Angaben zur Höhe der Gebäude (in Metern) und legte einen Koeffizienten aus Bauvolumen pro Fläche fest. 99 Doch zentral war die weitere Ausdehnung desjenigen Bereichs, in dem am dichtesten und intensivsten gebaut werden durfte, der für die weitere urbane Prägung Llorets entscheidend war. Im Falle Calviás handelte es sich bei der Ausarbeitung des kommunalen Bebauungsplans von 1969, der endgültig 1972 in Kraft trat, nicht um eine Revision, sondern um den ersten überhaupt erarbeiteten kommunalen Bebauungsplan auf dem Gemeindegebiet. In diesem Kontext ist es besonders aufschlussreich, zu ergründen, warum die bereits 1965 beschlossene Ausarbeitung eines Plans sich bis 1969 hinzog und der Plan endgültig erst 1972 in Kraft treten konnte. Die dabei skizzierten Akteurs- und Interessenskonstellationen helfen dabei zu erklären, dass sich das Entwicklungs- und 95 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Cambio de la zona Ciudad Jardin Extensiva, 30.9.1961, AHL Adm., 106.484.1. 96 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Solicitud de cambio de clasificación de Zona urbanística, dentro del Plan General, de unos terrenos lindantes con la Riera, 10.2.1959, AHL Adm., 106.484.1. 97 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Estudio de modificaciones a introducir en las normas urbanísticas del Plan General de Ordenación según proyecto redactado, Juli 1963, AHL Adm., 111.84.4. Tatsächlich sah der Plan dann aber eine Mindesthöhe von drei Stockwerken vor. Vgl. Ayuntamiento de Lloret de Mar: Revisión del Plan General de Ordenación, Juli 1963. AHL Adm., 106.480.1, S.-14. 98 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Revisión del Plan General de Ordenación, Juli 1963, AHL Adm., 106.480.1, S.-5. 99 Ebd., S.-14 ff. <?page no="102"?> 101 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom Fortschrittsdenken, das sich auf den Tourismus als wirtschaftliche Kraft stützte, bis in die siebziger Jahre hinein fortsetzte. Auch der 1969 vorgelegte Plan trug nach wie vor die Handschrift derjenigen, die zuvor durch eine gezielte Nicht-Planung und Nicht- Steuerung die touristische Entwicklung forcieren wollten. Begründet wurde diese grundsätzliche Haltung mit den Eigenschaften des Phänomens Tourismus. Dessen schwierige Vorhersehbarkeit und vor allem dessen translokaler Charakter spielten in den Überlegungen zur Regulierung der Bautätigkeiten in Calviá eine wichtige Rolle. Zentral war dabei, dass der Wohlstand Calviás von einem exogenen Faktor, nämlich dem Tourismus abhing, dessen Beeinflussung nur eingeschränkt möglich war. Folglich musste aus Sicht der Kommunalverwaltung Calviás so viel wie möglich dafür getan werden, dass der internationale Tourismus als Wohlstandsmotor am Laufen gehalten wurde: Das touristische Phänomen kann als Variable von exogenem Charakter angesehen werden, die schwierig vorherzusehen ist und in jedem Fall anfällig dafür, in der Zukunft wichtige Veränderungen zu verursachen. […] aber wir wissen nicht, wann diese Sättigung eintreten wird; noch sind wir in der Lage, die städtebaulichen Evolution von Calviá vorauszusehen, weil ein großer Teil der Entscheidungen außerhalb unserer Grenzen getroffen wird, als Folge der Dominanz der ausländischen Investitionen. […] Wir meinen, dass es aufgrund der Konsequenz seiner Dynamik und der konstanten Evolution der Mode nicht ratsam wäre, die private Initiative einem starrem Konzept zu unterwerfen. 100 Auch die Ursache, weshalb die Gemeinde 1965 beschlossen hatte, überhaupt einen Bebauungsplan erarbeiten zu lassen, ergab sich nur teilweise aus einem Bestreben, die touristische Bebauung stärker zu regulieren. Zwar waren die zahlreichen illegalen Bauprojekte auch ein Grund, den Plan zu erarbeiten. Wichtig war der Plan aber für die Gemeinde vor allem auch deswegen, weil durch die nicht beantragten Baugenehmigungen ihr erhebliche Einnahmen vorenthalten wurden. Indem für neu zu bauende Gebäude keine Baugenehmigung eingeholt wurde, konnte die Gemeindeverwaltung auch keine Gebühr für die Genehmigung verlangen. 101 Trotz der permissiven Bestimmungen des Plans und der weitreichenden Zugeständnisse an die Besitzer der bereits größtenteils illegal erschlossenen und bebauten Urbanisationen, 102 nahmen während 100 Ayuntamiento de Calviá: Plan General de Ordenación del término municipal de Calviá (Baleares). Memoria, Juli 1969, AMC (1376) 8.2.1, S.-14 und 37. 101 Ayuntamiento de Calviá, Arquitecto Municipal: Plan General de Ordenación Urbanística de Calviá, 8.11.1966, AMC 1387/ 1, S.1. 102 So wurde es als ein Ziel des Planes ausgegeben, „[…] die von privaten Bauträgern bereits ausgeführten Bauprojekte zu legalisieren […].“ Da zudem laut Gesetz während der Ausarbeitung des Plans keine Baulizenzen vergeben werden durften, schuf die Gemeindeverwaltung eine Ausnahmeregelung, „[…] um die Dynamik dieser Zone auf dem Bausektor nicht zu stören […]“. Ayuntamiento de Calviá, Acta del Pleno Municipal: Avance del Plan General de Ordenación Urbana, 27.8.1968, AMC, 1387/ 1. <?page no="103"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 102 der Genehmigungsphase des Plans etliche private Bauherren und Urbanisatoren die Gelegenheit wahr, ihre Interessen durchzusetzen. Nachdem die erste Fassung des Planes 1969 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden war, 103 trafen bei der Gemeindeverwaltung 71 Einsprüche 104 gegen die Bestimmungen des Planes ein. Diese zeigen, dass, trotz der permissiven Bestimmungen des Planes und den Zugeständnissen der Gemeinde an die Bauherren und Landbesitzer, diese weiterhin die größtmögliche Freiheit in Bezug auf die Durchführung ihrer Bauprojekte perpetuieren wollten. So wurde immer wieder verlangt, die Höchstgrenzen für Bebauungsdichte, Höhe der Gebäude und der Koeffizienten des pro Quadratmeter zu verbauenden Volumens anzuheben. 105 Beispielsweise argumentierte ein Vertreter der Urbanisationsgesellschaft PALMASOL: Höhenbegrenzungen und eine Limitierung der Aufteilung von Grundstücken anzuwenden, ist wenig ratsam, und natürlich weniger günstig für die bereits existierenden Regelungen in anderen Zonen des Sektors. Heutzutage besteht die Tendenz der aktuellen Stadtplanung darin, innerhalb einer gleichbleibenden Bauvolumenbegrenzung den Flächenverbrauch zu senken, um so eine größere Entwicklung in der Höhe zu suchen. Daraus entstehen mehr Grünflächen und eine größere Verteidigung der Freiheit des Menschen, der sich auf horizontaler Ebene bewegt. Auch ergibt sich eine bessere Aussicht von den Gebäuden, die in zweiter Reihe und dahinter stehen. So verbessern sich die Bedingungen für Besonnung und Gesundheit. 106 103 Aprobado inicialmente el Proyecto de Plan General de Ordenación del término municipal de Calviá, in: Boletín Oficial de Baleares (1.9.1969), S.-5. 104 Ayuntamiento de Calviá, Acta del Pleno Municipal: Plan General de Ordenación Urbana del Término Municipal 14.7.1970, AMC, 1387/ 1. 105 Vgl. etwa: Arturo Laclaustra y Férnandez: Impugnación contra el Plan General en Información Pública, 20.10.1969, AMC, (1384) 8.2.1, Exp. 53/ 2840. Sowie: Promociones Turísticas de Mallorca, S.A.: Impugnación contra el Plan General en Información Pública, 20.10.1969, AMC, (1384) 8.2.1., Exp. 52/ 2839. Dieses Anliegen wurde allerdings abgelehnt: Vgl. Ayuntamiento de Calviá, Oficina Técnica, Arquitecto Municipal: Informe en relación con impugnación contra el Plan General en Información Pública de Promociones Turísticas de Mallorca, S.A., 30.12.69, AMC, (1384) 8.2.1, Exp. 52/ 2839. Juana Maria y Isabel Antonio Bauza Oliveres: Impugnación contra el Plan General en Información Pública, 22.10.1969, AMC, (1384) 8.2.1, Exp. 49/ 2818. Auch dieser Einspruch wurde abgelehnt: Vgl. Ayuntamiento de Calviá, Oficina Técnica, Arquitecto Municipal: Informe en relación con impugnación contra el Plan General en Información Pública de Bauza Oliveres, Juana Maria y Isabel Antonio, 30.12.69, AMC, (1384) 8.2.1. 106 Antonio Lamela Martínez: Impugnación contra el Plan General en Información Pública, 18.10.1969, AMC, (1384) 8.2.1, Exp. 39/ 2821. Die Gemeindeverwaltung erzielte mit Lamela Martínez eine Einigung, die eine Anhebung der Gebäudehöhen und des Koeffizienten aus Bauvolumen und zu bebauender Fläche vorsah: Ayuntamiento de Calviá: Protokoll über Einigung mit Arturo Lamela Martínez wegen Impugnación contra le Plan General en Información Pùblica, 10.6.1070, AMC, (1384) 8.2.1, Exp. 39/ 2821. <?page no="104"?> 103 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom Bei dieser Argumentation spielten nur vordergründig ästhetische und soziale Gründe eine Rolle. Zentral für den Bau der zahlreichen Hochhäuser, der durch die Bestimmungen des Plans zu einem Ende kommen sollte, waren wirtschaftliche Gründe. Durch die Bodenspekulation 107 hatte sich der Preis der Grundstücke in den Küstenorten Calviás enorm vervielfacht. Hochhäuser versprachen deswegen eine größere Rentabilität, da sie bei einem vergleichsweis geringeren Flächenverbrauch eine größere Zahl von Hotelzimmern oder Apartments aufwiesen. 108 Auch die Einrichtung von Grünflächen sowie die Ausweisung einer „Reserva municipal“, einer Zone, die zunächst nicht bebaut werden sollte, stießen auf Widerstand. 109 Von der grundsätzlichen Ausweisung von großräumigen Flächen, die überhaupt nicht bebaut werden sollten, war im ganzen Planungsprozess überhaupt nicht die Rede. Vielmehr wurden den Beschwerdeführern Zugeständnisse gemacht und Kompromisse verabredet. Vor allem für die touristifiziertesten Siedlungen wurden Sonderkonditionen ausgehandelt, die für den Bau von Hotels und Apartments für Touristen eine 10bis 30-prozentige höhere Bebauungsdichte vorsahen. 110 Diese Ausführungen zeigen, dass einige der Bauherren, Interessenvertreter der Bauwirtschaft sowie Urbanisatoren durchaus ihre Interessen im Hinblick auf die konkrete Ausgestaltung des kommunalen Bebauungsplans realisieren konnten. Insbesondere die Tatsache, dass es in den hoch touristifizierten Orten wie Palma Nova und Magaluf großflächige Ausnahmeregelungen gab, die weitere dem Tourismus dienende Bauprojekte förderten, konterkarierte die Bestimmungen des kommunalen Bebauungsplans. Doch letztlich waren diese Sonderregelungen wiederum Ausdruck der Wachstums- und Entwicklungslogik, die zwar nicht mehr ganz ungebrochen, aber nach wie vor ihre Wirkmächtigkeit entfalteten. So sind auch die regulativen Bestimmungen des Bebauungsplanes und die in diesem Zuge abgelehnten Einsprüche gegen die Bestimmungen weniger als Bruch mit der bisherigen Wachstumspolitik zu interpretieren, sondern eher als deren Fortsetzung mit anderen Mitteln. So zeichnete sich gegen Ende der sechziger Jahre ab, dass eine weitere ungebremste Bebauung der Küsten alsbald dazu führen konnte, dass genau diese Räume für Touristen weniger attraktiv sein konnten. Den kommunalen Bebauungsplan von Calviá sollte man deshalb weniger als Instrument interpretieren, das dazu dienen sollte, den touristischen Bauboom zu beenden, sondern das vielmehr die Bedingungen dafür schaffen sollte, diesen möglichst lange zu perpetuieren, indem dem Tourismus die Möglichkeit genommen werden sollte, 107 Juan de Arespacochaga: La especulación del suelo en las zonas turísticas, in: Economía Financiera Española 3 (1966), S.-39-50. 108 Vgl. Antonio Lamela Martínez: Impugnación contra el Plan General en Información Pública, 18.10.1969, AMC, (1384) 8.2.1, Exp. 39/ 2821. 109 Ayuntamiento de Calviá: Acuerdo del Ayuntamiento, 17.3.1973, AMC, 1387/ 4. In diesem Fall wurde dem Einspruch Recht gegeben. Der Bau eines Hotels wurde damit ermöglicht. Sowie: Luis Alemany Vich: Impugnación contra el Plan General en Información Pública 24.10.1969, AMC, (1384) 8.2.1, Exp. 50/ 2819. Diesem Einspruch wurde ebenfalls stattgegeben. 110 Ayuntamiento de Calviá: Plan General de Ordenación, 16.09.1971, AMC, (1380/ 2) 8.2.1. <?page no="105"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 104 genau das zu zerstören, wofür die Touristen nach Mallorca kamen. So kam dem Plan als Regulierungsinstrument gerade keine inhibitorische Funktion zu: Der Plan, der Investitionen kanalisiert und räumlich verteilt, hat die größte Dringlichkeit, weil wir, wenn sich der aktuelle Rhythmus der touristischen Investitionen hält, lange vor dem vorgesehenen Datum an eine Sättigung der städtebaulichen Nutzung des kommunalen Raumes, die mehr oder weniger anarchisch verläuft, gelangen werden. 111 Da keines der beiden ausgewählten Fallbeispiele die Region der Costa del Sol abdeckt, sei hier kurz auf die dort ähnlich gelagerten Bedingungen eingegangen. So gab es an der Costa del Sol in keinem Ort vor dem Jahr 1968 einen kommunalen Bebauungsplan, für Torremolinos lag der Plan sogar erst 1970 vor. 112 Zwar gab es im Rahmen der bereits angesprochenen Regionalplanungen auch Bestrebungen, Bauvorschriften regionalweit zu regeln, doch brachten diese nicht den gewünschten Erfolg. Immerhin sorgten die Regionalplanungen aber dafür, dass überhaupt erst Bebauungspläne in den Kommunen ausgearbeitet wurden. 113 Auch hier war die Phase der sechziger Jahre durch eine starke Wachstums- und Entwicklungsideologie geprägt, die eine touristische Bebauung forcierte, da diese Arbeitsplätze und Wohlstand versprach. So meinte im Jahr 1975 Damian Quero Castanys, ein Mitarbeiter der Provinzdelegation des Wohnungsbau- und Urbanismusministeriums rückblickend auf die Epoche des Tourismusbooms in den 1960er-Jahren: „[...] das Wachstum war das vorrangige Ziel, vor dessen Hintergrund die urbanistische Planung wie eine Bremse erschien.“ 114 Doch waren, wie in den Fällen Calviás und Llorets de Mar, die ausgearbeiteten Bebauungspläne, die zwischen 1968 und 1970 in einigen Kommunen in Kraft traten, in ihren Bestimmungen weitgehend permissiv und ließen zahlreiche Ausnahmen zu. 115 Besonders Torremolinos wurde zum Inbegriff einer Betonmauer, die sich entlang der Küste erstreckte. Dass Torremolinos zu solch einem Extrem der touristischen Bebauung wurde, lag einerseits an seiner geographischen Lage in unmittelbarer Nähe zum Flughafen 116 und 111 Ayuntamiento de Calviá: Plan General de Ordenación del término municipal de Calviá (Baleares). Memoria, Juli 1969, AMC, (1376) 8.2.1, S.-16. 112 Eduardo Caballero Monrós: Antecedentes de la situación urbanística de la Provincia. Situación urbanística de la Provincia, September 1975, AHPM, Información y Turismo 457, Comisión Provincial de Urbanismo. Documentos de trabajo sobre Ordenación Urbanística Provincial, S.-6. Vgl. Gavilanes Vélaz de Medrano, Primeros planes en la Costa del sol, S.-12. 113 Ebd., S.-2-5. 114 Damian Quero Castanys: Sugerencias para la política urbanística provincial. Notas para un enfoque de política en la Provincia de Málaga, September 1975, AHPM, Información y Turismo 457, Comisión Provincial de Urbanismo. Documentos de trabajo sobre Ordenación Urbanística Provincial, S.-1. 115 Eduardo Caballero Monrós: Antecedentes de la situación urbanística de la Provincia. Situación urbanística de la Provincia, September 1975, AHPM Información y Turismo 457, Comisión Provincial de Urbanismo. Documentos de trabajo sobre Ordenación Urbanística Provincial, S.-13. 116 Barke/ France, Development, S.-7. <?page no="106"?> 105 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom andererseits wohl auch an den der fehlenden Planung zugrundeliegenden administrativen Strukturen und Mentalitäten, die eine gewisse Ähnlichkeit zu denen Calviás aufwiesen. Während der eigentliche Ort Calviá das Verwaltungszentrum für die direkt an der Küste gelegenen Orte Paguera, Palma Nova, Magaluf und Santa Ponsa war, war Torremolinos offiziell ein Stadtteil Málagas, das auch für die Erstellung eines Bebauungsplans verantwortlich war. Da die Großstadt Málaga in den sechziger Jahren etliche andere Probleme hatte, die es zu lösen galt, war eine Planung und Regulierung von Torremolinos nur eines unter vielen. 117 Zudem kann vermutet werden, dass sowohl im Fall Málagas und auch Calviás die administrative Elite eine gewisse Gleichgültigkeit hinsichtlich der Ästhetik der touristischen Orte besaß, die durchaus kompatibel mit ihrem Fortschritts- und Entwicklungsdenken war. Zumindest Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre waren Hochhäuser, die den touristischen Orten einen urbanen Charakter verliehen, durchaus ein Symbol für Modernität. Die Regionalzeitung ‚Sur‘ aus Málaga konstatierte anlässlich der Einweihung des ersten Hochhauses in Torremolinos, dem Hotel ‚Pez Espada‘: Das Hotel Pez Espada de Torremolinos […] wird, ohne Übertreibungen, das sein, was aufgrund seiner Proportionen, seinem Modernismus und seinem Luxus, der Costa del Sol bisher fehlte. […] Und Málaga muss auf das Hotel stolz sein. 118 Nicht zuletzt aus diesen Gründen war Torremolinos der Ort, an dem sich der wohl spektakulärste Skandal der touristischen Bebauung ereignete, der fast mit dem Abriss der obersten sieben Stockwerke zweier Hochhäuser, in den sich Ferienapartments befanden, endete und auch über Spanien hinaus Aufmerksamkeit erregte und Stimmen lauter werden ließ, die eine stärkere Regulierung der touristischen Bebauung forderten. 119 Auch an der Costa Brava hatte sich im Verlauf der späten sechziger Jahre die Meinung durchgesetzt, dass eine stärkere Regulierung der touristischen Bebauung nötig sei, um zu verhindern, dass die Attraktivität der Costa Brava als Tourismusdestination 117 Noch 1971 war etwa das Phänomen des chabolismo, also der hüttenartigen Siedlungen in der Peripherie der Stadt, ein ubiquitäres Phänomen, das einer Lösung harrte. Vgl. Gobernador Civil de Málaga an Alcalde-Presidente de Málaga: Colaboración entre Administración Central y Ayuntamiento de Málaga, 17.3.1971, AHPM, Gobierno Civil 6538. 118 F.G.M.: El suntuoso Hotel Pez Espada de Torremolinos, orgullo de la Costa del Sol, in: Sur (17.5.1959), S.-7. Für die lange Kontinuität dieses Denken vgl. Cadena Hotelera Med Playa: El Hotel Pez Espada y su contribución al desarrollo turístico de la Costa del Sol, Málaga 2009. 119 Vgl. Ministerio de Información y Turismo, Sección de Inspección: Informe Playamar, 23.3.1973, AGA, (3) 49.22 77127 Top. 73/ 80. Estas Edificaciones están en Peligro de Demolición, in: La Vanguardia Española (9.6.1968), S.-10. SWF/ gesendet in ARD: Auf der Suche nach den Goldenen Stränden. Millionäre und Massen am Mittelmeer, 21.01.1973, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: 102771 Bad.- Bad. Vgl. auch Barke/ France, The Costa del Sol, S.-279. <?page no="107"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 106 litt. Ausgehend von der Beobachtung, dass die kommunale Planung und Regulierung der Bebauung insuffizient war, da diese, wie dies im Fall Llorets gezeigt wurde, in erster Linie ein Instrument der Wachstumspolitik war und nicht dazu dienen sollte, die massive Bebauung, die mittlerweile große Teile der Küste umfasst hatte, nicht noch weiter wachsen zu lassen. So entstand gegen Ende der sechziger Jahre nach einem Wechsel des Zivilgouverneurs von Gerona ein Versuch, zumindest die Höhe der Gebäude, die in unmittelbarer Nähe zur Küste gebaut werden sollten, einheitlich festzulegen. Der Vorschlag sollte explizit dazu dienen, „eine unaufhaltsame städtebauliche Zerstörung der Costa Brava“ 120 zu verhindern. Die Urbanisten betonten, dass wenn die Bebauung weiterhin so zügellos voranschreite, „[…] die hohe touristische und ästhetische Qualität des besagten Sektors unserer Provinz […]“ 121 sowie „[…] der Schatz der einzigartigen Schönheit, der unsere Costa Brava ist […]“ 122 gefährdet seien. Die Bauvorschriften, die in dem von der Provinzdelegation vorgelegten Papier enthalten waren, zielten darauf ab, die lückenhaften kommunalen Bebauungspläne, die häufig keine genauen Vorschriften über die Höhe der Gebäude aufwiesen, zu ergänzen. 123 Die Vorschriften sahen eine Einteilung der Orte an der Küste nach ihrem urbanistischen Wert vor. Sie unterschieden vier Zonen, für die jeweils unterschiedliche Gebäudehöhen gelten sollten. Diese ergaben sich aus der Anerkennung der bereits stattgefundenen Bebauung und des erhalten gebliebenen Anblicks der für die Küstenorte ursprünglich typischen Häuserzeilen. Die erste Gruppe enthielt Orte bzw. Ortsteile, die in den Augen der Urbanisten keinen besonderen Charakter besaßen, wie etwa der Bereich südlich von Blanes und Playa de Aro. 124 Hier sollten sehr hohe Gebäude weiterhin erlaubt sein. Als Maximum wurde hier ein Wert von 58 Metern bzw. 20 Stockwerken festgelegt. Im zweiten Sektor sollten Gebäude bis zu einer maximalen Höhe von 21,4 Metern bzw. sieben Stockwerken erlaubt sein. Hierzu sollten bspw. der Stadtkern von Lloret de Mar, San Feliu de Guixols, Port-Bou sowie das Zentrum von Blanes gehören. Begründet wurde dies mit dem Verweis darauf, dass diese Orte ebenfalls keinen speziellen Charakter aufwiesen oder sich die neu zu bauenden Gebäude in Urbanisationen befanden, wo keine Zerstörung der Landschaft zu befürchten war. In den Gebieten der dritten Gruppe, zu denen Orte „einzigartiger Schönheit“ („de singular belleza“) gehörten, sollten fortan nur Gebäude erlaubt sein, die eine Höhe von zehn Metern nicht überstiegen bzw. nur zweistöckig waren. Hierzu gehörten ausgewählte kleinere Zonen in Lloret und Blanes sowie der Hafen von Palamós. Zusätzlich dazu wurde eine vierte Gruppe aufgeführt, in der neben dem Verbot, hohe Gebäude zu errichten, auch noch schärfere Vorschriften hinsichtlich der Form der Gebäude gelten 120 Ebd., S.-1. 121 Ebd., S.-1. 122 Ebd., S.-2. 123 Ebd., S.-3. 124 Ministerio de Vivienda, Delegación Provincial de Gerona: Propuesta sobre normas urbanísticas de altura en la Costa Brava, November 1967, AHG, (3) Informació i Turisme 167, S.-4. <?page no="108"?> 107 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom sollten. Dies traf auf Orte zu, in der die Ersteller des Vorschlags meinten, einen Raum anzutreffen, der noch am ehesten den Postkartenidyllen der Costa Brava entsprach: Tossa de Mar, Bagur, Pals, La Escala, Ampurias, Rosas, Cadaqués, Port-Lligat sowie Puerto de la Selva. 125 Im Verlauf des nächsten Jahres übernahmen alle Orte, die in den Zonen lagen und die von den Vorschriften betroffen sein sollten, diese in ihre Bebauungspläne. 126 Ihre Ursache hatte die Wahrnehmung, dass der Tourismus zunehmend die Schönheit der Costa Brava zerstörte, vor allem in der Konfrontation mit einzelnen Bauskandalen, die in den Augen der Zeitgenossen auf besondere Weise das Erscheinungsbild der Costa Brava beeinflussten. 127 Die Wahrnehmung einer durch den Tourismus hervorgerufenen Veränderung der Landschaft, die zudem als touristische Ressource betrachtet wurde, mündete schließlich Anfang der 1970er-Jahre in einer Verordnung, die besondere Gebiete innerhalb der Costa Brava als Landschaftsschutzgebiete auswies. Die Initiative zu diesem Gesetz kam allerdings nicht aus der Region selbst, sondern verdankte sich den Aktivitäten der Zuständigen für den Denkmal- und Landschaftsschutz 128 im dafür zuständigen Ministerium für Bildung und Wissenschaft. In dem Dekret versammelten sich ältere Vorstellungen über Landschaftsschutz und den Wert naturbelassener Landschaften, die in erster Linie ein Verschwinden eines Kulturguts, nämlich der Costa Brava verhindern wollten. Es ging bei diesem Dekret mithin nicht darum, touristische Bebauung einzuschränken, um dem Tourismus weiterhin eine Entwicklung zu ermöglichen, sondern darum, eine als pittoresk wahrgenommene Landschaft vor einer übermäßigen touristischen Nutzung zu bewahren. Während bereits in der Debatte um die stärkere Regulierung der touristischen Bebauung ein Verständnis von Landschaft als einer touristischen Ressource entstanden war, wurde durch das Dekret bestimmten Bereichen der Costa Brava ein landschaftlicher Eigenwert jenseits der touristischen Inwertsetzung zugesprochen. So war in dem betreffenden Dekret zu lesen: 125 Ebd., S.-5-7. 126 Comisión Provincial de Urbanismo: Acta del 12 de julio de 1968, AHG, (3) Delegación Provincial del Ministeri de l'Habitatge 20/ 6. Comisión Provincial de Urbanismo: Acta del 18.10.1968, AHG, (3) Delegación Provincial del Ministeri de l'Habitatge 20/ 6. Offiziell traten die regionalweit gültigen Bauvorschriften erst im März 1969 in Kraft, da sich bis dahin der Genehmigungsprozess hinzog. Vgl. Ministerio de Vivienda. Delegación Provincial. Comisión Provincial de Urbanismo y Arquitectura: Alturas de Edificación den la Costa Brava. Normas urbanísticas complementarias y subsidarias del Planeamiento, relativas a las alturas de edificación en los Municipios de las Costa Brava, in: Boletín Oficial de la Provincia de Gerona (6.3.1969). Vgl. auch: Ayuntamiento de Lloret de Mar: Limitación de alturas, 23.01.1968, AHG, (3) Govern Civil 1617, Exp. Ayuntamiento de Lloret de Mar sowie Gobierno Civil de Gerona: Relación Limitación de Alturas en la Costa Brava, 1968, AHG, 3 Govern Civil 1617 und Gobierno Civil de Gerona: Esquema Adaptación Normas Urbanísticas, 25.03.1968, AHG, (3) Govern Civil 1616, Exp. Reunión Ayuntamientos Costa Brava. 127 Vgl. exemplarisch: Gobierno Civil de Gerona: Expediente Edificio Torre Valentina (Eden Mar), Calonge, 1967, AHG, (3) Govern Civil 1616, Exp. Edificio Torre Valentina. Gobernador Civil de Gerona an Aurelio Jorge: Edificio ‚Eden Mar‘, ‚Torre Valentina‘ en Calonge, 06.06.1968, AHG, (3) Govern Civil 1617. 128 Vgl. Moreno Garrido, Historia del turismo, S.-279. Frolova, La evolución reciente, o.P. <?page no="109"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 108 Es ist in diesem nördlichen Teil, wo die Küste wirklich wild ist, weil ihre Berge unvermittelt als Felswände steil ins Meer fallen, das Land mürrisch und rau, das Meer hochgemut ist und die Herausforderung der Erde mit wütendem Schaum beantwortet. Es ist in der Tat etwas von Wut und Wildheit in diesen Landspitzen und felsigem Gelände, die sich wie im Angriff auf das Meer stürzen. 129 Aus diesem Umstand leitete das Ministerium die Schlussfolgerung ab, dass es notwendig sei, die Costa Brava vor „[…] Veränderungen und Neuerungen, die sie schädigen könnten […]“ zu schützen. 130 Das Dekret ist in erster Linie als Reaktion auf den durch das touristische Raumregime und die fehlende Planung und Regulierung auf kommunaler sowie regionaler Ebene hervorgerufenen Bauboom zu interpretieren. 131 Ein ähnliches Landschaftsschutzprogramm wurde in Mallorca 1973 mit der Verabschiedung des Plan Provincial de Ordenación etabliert. 132 Der Plan, dessen Ursprünge auf eine Initiative der Diputación, des Kreistages, von Mallorca zurückgingen, 133 um den Bauboom trotz der teilweise fehlenden kommunalen Bebauungspläne zu regulieren, sah vor, dass bestimmte Gebiete Mallorcas als parajes preservados von einer Bebauung und touristischen Erschließung ausgenommen werden sollten. Der Plan legte folglich fest, dass die gesamte Tramuntana, die Inseln Sa Dragonera und Cabrera, das Cap de Cala Figuera sowie das Cap de Salines, die Montana Levante, das Cap d’es Pina und die Halbinsel Formentor sowie Teile der Halbinsel Alcudias unter die Bestimmungen des Landschaftsschutzgesetzes fallen sollten. 134 Damit waren, ähnlich wie an der Costa Brava, diejenigen Gebiete unter Schutz gestellt worden, die etwas unverkennbar Mallorquinisches darstellen und den Charakter der Insel besonders illustrieren sollten. Doch auch in diesem Fall waren die Vorschriften, wo genau gebaut bzw. nicht gebaut werden durfte, eher vage und ließen damit einen Spielraum offen, der alsbald zu Konflikten führte. Nichtsdestotrotz waren die beiden Landschaftsschutzprogramme auf Mallorca und der Costa Brava ein Rechtsmittel, auf das sich schon bald Umwelt- und 129 Ministro de Educación y Ciencia: Decreto 2899/ 1972, de 15 de septiembre, por el se declara paraje pintoresco determinadas sectores de la Costa Brava, in: Boletín Oficial del Estado 255 (1972), S.-18941-18942, hier S.-18941. 130 Ebd., S.-18941 f. 131 Ministerio de la Vivienda, Delegación Provincial, Comisión Provincial de Urbanismo y Arquitectura Gerona: Nota informativa y consideraciones de orden legal sobre competencias concurrentes en la declaración y protección de paisajes pintorescos en la Costa Brava, 19.5.1972, AHG, (3) Govern Civil 1619, Exp. Reunión paisaje pintoresco. 132 Diputación de Baleares: Plan Provincial de Ordenación de Baleares 1973, ARM, GC 2048. 133 Diputación de Baleares an Ministerio de Vivienda: Plan Provincial de Ordenación, 4.2.1965, AGCM, XIII-306/ 6. 134 Diputación de Baleares: Plan Provincial de Ordenación de Baleares 1973, ARM, GC 2048. Insgesamt war der Plan aber nicht darauf ausgelegt, dem weiteren Wachstum des Tourismus Steine in den Weg zu legen. Im Kern ging es ihm darum, das touristische Wachstum weiter zu fördern. Genau aus diesem Grund wurde an ihm heftige Kritik geübt: Colegio Oficial de Arquitectos de Cataluña y Baleares: Consideraciones sobre el plan provincial de urbanismo, in: Diario de Mallorca (9.2.1972). Rada, Xim: „El Plan Provincial no es realmente un plan“, in: Diario de Mallorca (20.7.1971). <?page no="110"?> 109 3.2 Das touristische Raumregime und der Bauboom Naturschutzbewegungen bei der Artikulation ihrer Fundamentalkritik des Tourismus berufen konnten. 3.2.5 Zwischenfazit Die hier vorgestellten und in ihrer Entstehung und Motivation erklärten kommunalen Bebauungspläne sowie die regionalen Bestrebungen, die touristische Bebauung der Küsten zu regulieren, zeigen, dass es der regionale Konsens mit dem Motto ‚Entwicklung durch Tourismus‘ war, der einen erheblichen Einfluss auf die Oberflächenstruktur touristischer Räume hatte. Eben jenes Fortschritts- und Entwicklungsdenken lokaler und regionaler Eliten ließ ab den frühen 1960er-Jahren in den untersuchten Regionen entlang der Mittelmeerküste einen Gürtel aus Hotels, Apartments und Urbanisationen entstehen, der das Landschaftsbild enorm veränderte. Dieses touristische Raumregime funktionierte in erster Linie durch die gezielte Laissez-faire-Haltung lokaler Amtsträger, die in der zunehmenden Bebauung der Küsten zunächst vor allem eine Chance sahen, den Wohlstand ihrer Kommunen zu vergrößern. Dabei war für die untersuchten Kommunen klar, dass ihr Wachstum und ihr Wohlstand in erster Linie vom Zustrom ausländischer Touristen abhingen. Durch die gezielt unterlassene strenge Regulierung der Bauttätigkeiten hofften die Kommunen, den Aus- und Neubau von Beherbergungsbetrieben zu stimulieren, um so ein ausreichendes Angebot zu schaffen. War also das touristische Raumregime in der Frühzeit des Tourismusbooms Folge einer gezielt permissiven Haltung lokaler Akteure, um den Strom ausländischer Touristen und das damit zufließende Kapital anzulocken und dafür die besten Bedingungen zu schaffen, so entwickelte dieses Raumregime in der Folgezeit eine Eigendynamik, die für die Kommunen, die regionalen Vertreter des Staates, aber auch den Nationalstaat selbst kaum mehr zu steuern waren. Als spätestens 1967 die Bemühungen einsetzten, die touristische Bebauung gezielter zu regulieren und zu planen, um zu verhindern, dass die touristische Attraktivität der Destinationen unter dieser litt, hatten die Behörden es mit einer sehr großen Zahl an bestehenden oder im Bau befindlichen Hotel- und Apartmentanlagen zu tun, welche die Situation sehr unübersichtlich machten. So gab es beispielsweise bereits 1963 in den Kommunen an der Costa Brava 1 965 Urbanisationen, die für den Tourismus erschlossen worden waren. 135 Dabei waren aber nur diejenigen erfasst worden, die auch tatsächlich eine Baulizenz beantragt hatten. Die Dunkelziffer lag vermutlich erheblich höher. Hinzu kamen die strukturelle finanzielle Unterversorgung der Kommunen sowie die massiven Ausgaben, die die Kommunen in den Ausbau der Infrastruktur steckten, um für den Tourismus möglichst förderliche Bedingungen zu schaffen. 136 Und auch die regionalen Bestrebungen, strengere Bauvorschriften durchzusetzen, hatten nicht 135 Ministerio de Información y Turismo, Delegación Provincial de Gerona: Planes de Urbanizaciones Costa Brava, 1963, AHG (3) Informació i Turisme 164. 136 Vgl. die Ausführungen in Kapitel 3.3. <?page no="111"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 110 das Ziel, die touristische Bebauung grundsätzlich einzuschränken. Vielmehr sollten durch die stärkere Regulierung diejenigen Ressourcen, die für den Tourismus als zentral erachtet wurden, „[…] die Landschaft, die zusammen mit der Sonne und den Preisen die Quelle der Anziehungskraft ist […]“ 137 , soweit geschützt werden, dass auch weiterhin der Zustrom der Touristen erhalten blieb. Innerhalb der bisher zum spanischen Bauboom erschienenen Literatur findet sich immer wieder die Feststellung, dass die Entstehung der viel zitierten „Mauer aus Zement“ („muro de cemento“) ein Ergebnis fehlender zentralstaatlicher Planung gewesen sei. So meinen etwa die historisch arbeitenden Geographen Barke, Towner und Newton: „It is widely recognized that, in the growth of mass tourism in the 1960s and 1970s especially, the absence of planning and coordination has subsequently proved to be a source of major problems.“ 138 Da der Zentralstaat sich nicht für die lokalen Probleme interessiert und sich nur auf makroökonomische Zusammenhänge konzentriert habe, sei eine Planung und Regulierung der Bebauung der Küsten ausgeblieben. 139 Damit ist jedoch noch nicht die tatsächliche Ursache der fehlenden Planung benannt. Was Ana Moreno Garrido in ihrer Überblicksdarstellung zur Geschichte des Tourismus in Spanien im Hinblick auf die zentralstaatlichen Akteure konstatiert, trifft ganz entscheidend auch für die direkt mit dem Tourismus konfrontierten Kommunen zu: „Die urbanistische Planung wurde in Spanien als unerwünschte Bremse für die Entwicklung verstanden.“ 140 Kommunalbeamte und Regionalpolitiker entschieden sich deshalb aber nicht gezielt gegen eine Planung als solche. Wie die regionalen Entwicklungsplänen waren kommunale und provinzweit gültige Bebauungspläne politische Aussagen. Auch hier ging es weniger um ihre genaue Ausführung, als um deren Erarbeitung und deren bloße Existenz, die vor allem das Ziel haben sollten, Wachstum zu fördern, anstatt es einzudämmen. Wenn geplant wurde, dann wurde wachstumsorientiert geplant und wo nicht geplant wurde, war auch dies eine politische Strategie. Denn die gezielt permissive Haltung war eben auf kommunaler Ebene ein Instrument der Wachstumspolitik, die landschaftliche Umgestaltung und die Veränderung der territorialen Strukturen dem Streben nach Fortschritt und Entwicklung unterordnete. Zu erklären ist das nicht zuletzt auch mit der Tatsache, dass in einigen der Kommunen Landbesitzer und Bauunternehmer selber diejenigen waren, 141 die ein politisches Amt übernahmen und damit persönliche Interessen gewissermaßen zu Interessen des Gemeinwohls machten, sich also zu Hegemonen im klassischen Sinne aufschwangen, auch wenn sich der genaue Nachweis solcher Praktiken aufgrund der Quellenlage nicht führen lässt. 137 Plan de Promoción Costa Brava 1969, AGA, (3) 49.22 59882 Top. 72/ 18.601-18.602. 138 Barke/ Towner/ Newton, Introduction, S.-xvii. 139 Ebd. 140 Moreno Garrido, Historia del turismo, S.-271. 141 Morris/ Dickinson, Tourist development in Spain, S.-19. <?page no="112"?> 111 3.3 Touristische Infrastrukturen 3.3 Touristische Infrastrukturen Während der Bauboom die wohl eindrücklichsten Veränderungen innerhalb der untersuchten Regionen auslöste, befasst sich das vorliegende Unterkapitel mit auf den ersten Blick weniger sichtbaren Folgen der Handlungswirksamkeit des regionalen Konsenses: den touristischen Infrastrukturen. 142 Die enormen finanziellen und planerischen Anstrengungen im infrastrukturellen Bereich und deren Realisierung verweisen aber zugleich auf die bei genauerem Hinsehen deutliche Sichtbarkeit von Infrastrukturen als Symbole von Fortschrittlichkeit und deren Verbindung mit Macht und Herrschaft. Aufbauend auf den Ergebnissen der beiden vorigen Unterkapitel soll nun aufgezeigt werden, wie eine touristische Infrastruktur entstanden ist. Zudem wird im Folgenden dargelegt, welche Bedeutsamkeit einer touristischen Infrastruktur in den regionalen Gesellschaften zugemessen wurde und inwiefern diese mit Modernisierungs- und Entwicklungsvorstellungen verschiedener Akteure verknüpft war. Hierbei ist zu fragen, mit welchen Argumenten der Ausbau der Infrastrukturen durchgesetzt wurde. Dazu wird zunächst dargestellt, welche Infrastrukturen überhaupt als spezifisch touristische Infrastrukturen galten, wie diese im Verlauf der sechziger und frühen siebziger Jahre gezielt ausgebaut wurden sowie welche Planungsinstrumente dabei Verwendung fanden. Am Beispiel der Abwasserinfrastruktur wird dann exemplarisch vertiefend untersucht, welche Spezifika diese aufwies und wie genau sich deren Finanzierung gestaltete. 3.3.1 Spezifische Tourismusinfrastruktur Im Jahr 1958 fasste der Bürgermeister des Touristenortes Lloret de Mar an der Costa Brava in einem Memorandum an die spanische Regierung zusammen, welche Investitionen in den nächsten Jahren zu tätigen und welche Probleme in seiner Stadt zu lösen waren. Darunter fielen etwa die Wasserversorgung der Gemeinde, das Asphaltieren und die Beleuchtung der öffentlichen Straßen, der Ausbau der Verkehrsverbindungen mit anderen Orten an der Costa Brava, die Anlage einer Strandpromenade, das Verlegen von Telefon- und Telegrafenleitungen, der Bau eines Flughafens sowie die Verstärkung der örtlichen Polizei. Mit diesem Memorandum brachte der Bürgermeister zwar auf den Punkt, was die Agenda für die nächsten Jahre sein sollte, doch zugleich konstatierte er, dass der Etat der Gemeinde für all diese Aufgaben überhaupt nicht ausgestattet war. Denn: 142 Nach Dirk van Laak lassen sich ‚Infrastrukturen‘ als Elemente von wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Integration definieren. Vgl. van Laak, Der Begriff „Infrastruktur“, hier S.-280. Während der Begriff in der Frühphase seiner Verwendung konkreter „sämtliche ortsfesten Anlagen als Voraussetzung und im Diente der Mobilität“ (Ebd. S.-281) bezeichnete, dehnte er sich in der Folge immer weiter aus. Jens Ivo Engels und Gerrit Jasper Schenks konstatierten, dass mit Infrastrukturen „[…] häufig sehr weit gefasst, alle Einrichtungen der Daseinsvorsorge verstanden […]“ werden. Ich schließe mich ihrer Einschränkung an, die die historische Analyse auf „[…] technische Infrastrukturen mit Netzwerkcharakter […]“ begrenzen will. Vgl. Engels/ Schenk, Infrastrukturen der Macht, S.-40. <?page no="113"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 112 Wegen der Zunahme des Tourismus in unserem Vaterland und besonders in Lloret de Mar, die die Tatsache beweist, dass die Zahl der Unterkünfte, die 1950 bei acht lag, sich mittlerweile auf 70 beläuft, stieg die Bevölkerung Lloret de Mars von der Zahl von 3200 Einwohnern auf einen Spitzenwert von 12 700 im Sommer. Dieser Umstand verursacht eine Reihe von Problemen für diese Kommune, die nicht mit den normalen Haushaltsmitteln, über welche die Kommunalverwaltung verfügt, gelöst werden können. 143 Der Gemeindehaushalt, der ohnehin schon für 3200 Einwohner knapp bemessen war, sollte folglich für die Bedürfnisse einer Kleinstadt, zu der sich Lloret im Sommer verwandelte, ausreichen. Zentral war für den Bürgermeister der Ausbau der Infrastrukturen, die es möglich machten, weitere Touristen nach Lloret zu locken und zudem die Bedürfnisse der Touristen zu befriedigen. So stellte er etwa heraus, dass die Wasserversorgung des Ortes mehr als prekär sei. Ebenso seien die Straßen in einem Zustand, der „[…] inkompatibel mit dem touristischen Rang des Ortes […] “ 144 sei. Was der Bürgermeister von Lloret in dieser Phase der frühen Touristifizierung forderte, war nicht weniger als ein gezieltes Förderprogramm für den Ausbau der Infrastruktur in touristischen Orten. Die Notwendigkeit der Verbesserung der Wasserversorgung, der Asphaltierung der Straßen und deren Beleuchtung sowie die Anbindung an größere Straßen und sogar ein Regionalflughafen wurden nicht mit den Bedürfnissen der Einwohner Llorets begründet, sondern mit denen der ausländischen Touristen, die in zunehmendem Maß nach Lloret kamen. In dieser Infrastruktur sah der Bürgermeister ganz offensichtlich den Schlüssel, um den Fortbestand des Tourismus an der Costa Brava und insbesondere in Lloret zu sichern und eine Grundlage für dessen Wachstum zu schaffen. Auffallend ist aber, dass genau dieser übergreifende Begriff der Infrastruktur in dem Schreiben des Bürgermeisters noch völlig fehlte. Erst in den kommenden Jahren bildete sich ein generelleres Verständnis von Infrastrukturen. Dabei kristallisierte sich ein Set an Infrastrukturen heraus, das für den Tourismus als essentiell betrachtet wurde. Diese Infrastrukturen unterschieden sich zunächst nicht qualitativ von denen, die auch für die Einheimischen gebaut wurden. Im Verlauf der 1960er-Jahre zeigte sich allerdings, dass beispielsweise Infrastrukturen, die für die Entsorgung des Abwassers in Küstenorten sorgten, die Spezifika des Massentourismus und nicht zuletzt dessen quantitative Dimension in Form der Kapazitäten der Infrastrukturen berücksichtigen mussten. Die Anlage von Strandpromenanden oder der Ausbau von Straßen zu Tourismusorten waren ebenfalls Maßnahmen, die speziell den Bedürfnissen des Tourismus geschuldet waren. Ebenfalls speziell touristischen Zwecken diente der Bau des Flughafens von Gerona an der Costa Brava. 143 Ayuntamiento de Lloret de Mar: Memoria expositiva de las necesidades más apremiantes de esta Villa y Municipio, September 1958, AHG, (3) Govern Civil 2147, S.-1. 144 Ebd. Vgl. auch: Ayuntamiento de Lloret de Mar an Ministerio de la Gobernación: Declaración de urgencia del proyecto de saneamiento, Januar 1958, AHL, 7.3741.7. <?page no="114"?> 113 3.3 Touristische Infrastrukturen So war es in den 1960er-Jahren für die touristischen Gemeinden an der Costa Brava, der Costa del Sol und Mallorca in erster Linie eine Herausforderung, zunächst Infrastrukturen zu schaffen, die oft noch gar nicht vorhanden waren und diese zudem auf die Bedürfnisse der ausländischen Touristen abzustimmen. Das bedeutete, dass in den Touristenorten im Verlauf der 1960er-Jahre Straßen asphaltiert, die Wasserversorgung komplett neu gestaltet, die Stromversorgung angepasst und vor allem in vielen Fällen zum ersten Mal eine das ganze Gemeindegebiet umfassende Kanalisation gebaut wurde. 3.3.2 Ausbau Die Zuständigkeit für den Ausbau von Infrastrukturen und die Regulierung der Bebauung lag bei den Kommunen. Ab den frühen 1960er-Jahren trat jedoch der Zentralstaat zunehmend als Finanzier für die zu bauende Infrastruktur auf. Dieser nahm dabei nicht die Rolle einer übergeordneten Planungsinstanz wahr, sondern stellte in erster Linie Geldmittel zur Verfügung, die von den Kommunen abgerufen werden konnten und so weitere Investitionen der Kommunen in den Infrastrukturausbau auslösen sollten. Wasserversorgung Als zu Beginn der 1960er-Jahre die Touristenzahlen enorm in die Höhe schossen, wurde das Problem der insuffizienten Infrastrukturen immer drängender. Nach wie vor waren etliche der Probleme, die der Bürgermeister von Lloret im obigen Zitat aufwarf, in vielen Kommunen ungelöst. Eines der Probleme war die Versorgung der Touristenorte mit Trinkwasser. Wie in einem Gutachten für das Tourismusministerium 1963 festgehalten wurden, war die Wasserversorgung in der Hälfte der Touristenorte an der Costa Brava problematisch, in zwei Fällen bestand sogar nicht einmal eine Versorgung mit fließendem Wasser. 145 Auch in den beiden anderen untersuchten Regionen stellte sich die Versorgung der Touristenorte mit Trinkwasser als schwierig heraus. An der Costa del Sol war ebenfalls in der Hälfte der einschlägigen Touristenorte die Wasserversorgung unzureichend. Am gravierendsten war die Lage auf Mallorca. Hier konstatierte das Tourismusministerium in einem Bericht über die Situation der Infrastruktur in den Touristenorten, dass in keiner der aufgeführten Kommunen eine ausreichende Wasserversorgung gegeben sei. Besonders schlecht war es um die Infrastruktur in den kleinen Orten an der Küste bestellt, die sich erst allmählich zu Touristenzentren verwandelten. Im Gemeindebezirk von Calviá an der Westküste beispielsweise oder in Andratx, ebenfalls an der Westküste gelegen, gab es keine Wasserleitungen, die die Häuser mit Trinkwasser ver- 145 Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Promoción del Turismo an Delegado de Gerona: Informe sobre el problema de abastecimiento de agua y saneamiento en las zonas turísticas, 24.7.1963, AHG, (3) Informació i Turisme 164. <?page no="115"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 114 sorgten. Auch hier erfolgte die Wasserentnahme über öffentliche Brunnen bzw. über Wassertanks, die ein erhebliches Gesundheitsrisiko bergen konnten. 146 Die Problematik ergab sich neben dem absoluten Fehlen jeglicher Infrastruktur, wie im Fall der Nichtexistenz von Wasserleitungen, in erster Linie aus dem Ungleichgewicht zwischen der Zahl an Touristen, die während der Sommersaison zusätzlich infrastrukturell versorgt werden musste und der tatsächlichen Einwohnerzahl, auf die die kommunalen Infrastrukturen ausgerichtet waren. So musste etwa der Ort Roses mit einer nominellen Zahl von 2703 Einwohnern im Sommer 1964 eine Infrastruktur zur Verfügung stellen, die bis zu 10 000 Touristen zufriedenstellen sollte. In Cala Ratjada an der Ostküste Mallorcas verzehnfachte sich die Zahl der ‚Einwohner‘ während der Sommermonate, während es kein Wasserleitungsnetz gab. 147 Verkehrsinfrastruktur Auch der Verkehrsinfrastruktur räumten die Akteure, die in den Regionen für eine Förderung des Tourismus eintraten eine große Bedeutung hinsichtlich des Tourismus ein. Dies betraf zum einen die Anbindung peripherer Küstenorte an das überregionale Straßennetz und zum anderen die Asphaltierung oder gar den Neubau von Straßen in oder in unmittelbarer Nähe zu den Touristenorten. Auch auf Mallorca wurde die Verbesserung des Straßennetzes gefordert . 148 Zwar betonten zeitgenössische Beobachter, dass der Tourismus auf Mallorca zu einem beachtlichen Ausbau der Infrastruktur geführt habe, doch die vorgenommenen Verbesserungen reichten bei Weitem noch nicht aus. So sollten etwa die Straßen auf der Insel noch weiter verbreitert werden, um ein weiteres Wachsen der Touristenzahlen zu ermöglichen. 149 Nicht zuletzt waren es auch Touristen, die den schlechten Zustand der Straßen in den touristischen Gegenden Spaniens beklagten. 150 Auch der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur blieb in den frühen 1960er-Jahren hinter dem zurück, was sich die Kommunen und regionale Tourismusförderer wünsch- 146 Dirección General de Promoción del Turismo: Informe sobre el problema de abastecimiento de agua y saneamiento en las zonas turísticas, November 1964, AGA, (3) 49.22 48982 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 69. Vgl. auch: I Asamblea Provincial de Turismo de Baleares: Ponencia: Servicios Públicos, 1964, ARM, GC 1962. 147 Dirección General de Promoción del Turismo: Informe sobre el problema de abastecimiento de agua y saneamiento en las zonas turísticas, November 1964, AGA, (3) 49.22 48982 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 69. 148 Ayuntamiento de Calviá: Memoria sobre la conveniencia e importancia de las obras de asfaltado en Portals Nou y Paguera y de la iluminación de la autopista de Sta. Ponsa, 1963, AMC, 8551/ 12. 149 Alfonso Barceló, Vice-Presidente del Fomento del Turismo de Mallorca: El auge turístico en Mallorca, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca 60 (1960), H. 629, S.-138-141, hier S.-139. So schon die Handelskammer im Jahr 1954: Cámara Oficial de Comercio de Palma de Mallorca, Informe sobre Desarrollo Turístico, S.-28. Siehe auch: I Asamblea Provincial de Turismo de Baleares: Ponencia: Transportes, 1964, ARM, 1962. 150 Encuesta Turística: Meinung über die Costa del Sol, 9.12.1965, AGA, (3) 49.22 48959 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 2, Exp. 31. <?page no="116"?> 115 3.3 Touristische Infrastrukturen ten. Hierbei hatte jedoch der Tourismus selber eine eher hinderliche Wirkung. Denn, so zeigte ein Gutachten aus dem Jahr 1965 über die Verkehrssituation an der Costa Brava, dass das gestiegene Verkehrsaufkommen, das in der Provinz Gerona zu einem Großteil auf den Tourismus zurückzuführen war, vermehrt dazu führte, dass die bestehenden Straßen verstärkt Schäden davontrugen. Laut dem Gutachten waren die meisten Straßen an der Costa Brava überhaupt nicht auf eine solch hohe Nutzungsfrequenz ausgelegt. Vor allem die Küstenstraßen stammten aus „[…] Zeiten, in denen man nicht dachte, dass dieses Küstengebiet der Provinz Gerona eine überaus wichtige Wertschöpfungsquelle unserer Wirtschaft sein könnte.“ 151 Flughafen Gerona Der Bau eines Flughafens in der Provinz Gerona war, wie das Zitat des Bürgermeisters von Lloret de Mar am Anfang dieses Unterkapitels deutlich macht, schon 1958 152 eine Idee, die dafür sorgen sollte, die Zugänglichkeit der Costa Brava für den Tourismus zu verbessern. Von Anfang an war klar, dass es sich dabei um einen Flughafen handeln würde, der in erster Linie für den Tourismus gebaut 153 und vor allem von Chartermaschinen aus den Hauptherkunftsländern der Touristen angeflogen werden würde. Seit 1960 wurden die Stimmen, die einen solchen Bau zur Förderung des Tourismus forderten, immer lauter und zahlreicher. 154 Auch der Flughafen war Teil des Plan Costa Brava, der 1960 im Zuge der ersten Planungsinitiativen des Zentralstaats, innerhalb der Provinz Gerona ausgearbeitet wurde. 155 Neben den regionalen Amtsträgern wie dem Zivilgouverneur waren es vor allem die Gemeinden der Costa Brava, die über die Diputación Provincial versuchten, auf den Bau Einfluss zu nehmen, sowie die Hoteliers und Urbanisatoren der Costa Brava. 156 151 Jefatura de Obras Públicas de Gerona: Necesidades de la Red de Carreteras de la Provincia, September 1965, AHG, (3) Govern Civil 1616, S.-15. 152 Siehe auch: El Gobernador Civil y Jefe Provincial esboza el planteamiento y solución de las más importantes problemas de la Provincia, in: Los Sitios (2.3.1958), S.-1 und 9, hier S.-9. Erste Überlegungen reichten bis ins Jahr 1957 zurück. Vgl. Gil Bonancia: Hace 10 años que se inició la realidad del aeropuerto, in: Los Sitios (1.4.1967), S.13 und 19, hier S.-13. 153 Vgl. Ebd. S.-19. 154 Gil Bonancia: Una nueva e importante etapa para la provincia de Gerona bajo el signo de Franco, in: Los Sitios (17.5.1960), S.-15. F. Figuera: Inauguración en S’Agaró. Asistieron numerosos y distinguidos invitados, in: Los Sitios (20.12.1960), S.-3. A unos ochenta millones de pesetas asciende el presupuesto del aerodromo de Gerona, in: Los Sitios (25.11.1960), S.-1 und 10. F. Moret: La I Reunión Internacional de Agentes de Viaje y Hoteleros inicia sus sesiones de Trabajo en Lloret de Mar, in: Los Sitios (30.9.1960), S.-6. 155 Zum Plan Costa Brava siehe Kap. 3.1. 156 F. Moret: La I Reunión Internacional de Agentes de Viaje y Hoteleros inicia sus sesiones de Trabajo en Lloret de Mar, in: Los Sitios (30.9.1960), S.- 6. Auf dieser Tagung wurde der Vorschlag des Baus eines Flughafens in Gerona diskutiert und nachdrücklich befürwortet. Die Diputación sprach sich nur wenig später öffentlich für den Bau des Flughafens aus: A unos ochenta millones de pesetas asciende el presupuesto del aerodromo de Gerona, in: Los Sitios (25.11.1960), S.-1 und 10. <?page no="117"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 116 Eingebettet war der Bau des Flughafens in die Planungs- und Entwicklungsrhetorik des Regimes und in regionale Hoffnungen auf wirtschaftliche Prosperität und Wohlstand. So wurde etwa der Plan zum Bau eines Flughafens in Girona in der Presse unter der Überschrift „Eine neue und bedeutende Etappe für unsere Provinz im Zeichen der Herrschaft Francos“ 157 präsentiert und damit noch lange vor dem In-Kraft-Treten des Ersten Entwicklungsplans 1964 158 in den Fortschritts- und Entwicklungsdiskurs des franquistischen Regimes eingebettet. Ein wichtiges Argument für den Bau des Flughafens war neben der verbesserten Verkehrsanbindung der Costa Brava an die nordwesteuropäischen Ländern vor allem die Konkurrenz an der französischen Mittelmeerküste. Die Tatsache, dass bisher ein großer Anteil des Flugtourismus der Costa Brava über den südfranzösischen Flughafen von Perpignan statt über den Flughafen von Barcelona abgewickelt wurde, sahen die regionalen Akteure als Bedrohung an. Einer der Befürworter des Flughafensbaus warnte: Man darf nicht vergessen, und das ist sehr wichtig, dass vonseiten der Regierung Frankreichs zurzeit ein umfassender Plan ausgearbeitet wird für die touristische Entwicklung der ‚Costa Vermeille‘. Wenn wir dem Tourismus nicht die maximalen Erleichterungen und Bequemlichkeiten einräumen, wird ein Großteil der Touristen an der genannten Küste verbleiben, was in der Folge einen wirtschaftlichen Zusammenbruch für die Costa Brava und für ganz Spanien bedeuten würde. 159 Zudem hoffte man, von den im Jahr 1959 75 000 gelandeten Touristen in Perpignan mehr als die Zahl von 40 000, die davon bisher weiter an die Costa Brava fuhren, dorthin zu locken. 160 Bis der Flughafen in Betrieb gehen konnte, vergingen allerdings noch mehrere Jahre. Erst 1967 konnte der Flughafen eingeweiht werden und in seiner ersten Saison Urlaubsgäste direkt an der Costa Brava empfangen. Problematisch war in erster Linie die Finanzierung des Baus. Während es für die Akteure vor Ort eine fraglose Notwendigkeit war, den Flughafen zu bauen, um die Costa Brava als Urlaubsort noch attraktiver zu machen, musste zunächst die Zentralregierung über die Vergabe der dafür benötigten Steuermittel entscheiden. Die Verhandlungen zogen sich bis ins Jahr 1964 hin. Die regionalen Akteure versuchten während den Verhandlungen immer 157 Gil Bonacia: Una nueva e importante etapa para la provincia de Gerona bajo el signo de Franco, in: Los Sitios (17.5.1960), S.-15. 158 Alsina Oliva, Estrategias de desarrollo, S.-346. 159 Mit den französischen Planungsanstrengungen waren sicherlich die Pläne für die Erschließung der Küste von Languedoc-Roussillon und weniger die der direkt an die Costa Brava angrenzende Côte Vermeille gemeint. I Asamblea Provincial de Turismo de Gerona, Evaristo de Arana González, Vicesecretario Provincial de Ordenación Económica de la C.N.S.-de Gerona: Ponencia sobre: Aeropuerto de Gerona - Costa Brava, 1963, AHG, (3) Informació i Turisme 175, S.-5. 160 Gerona está entrando en un período de máxima prosperidad bajo el Régimen de Franco, in: Los Sitios (17.7.1960), S.-8. <?page no="118"?> 117 3.3 Touristische Infrastrukturen wieder die Notwendigkeit des Flughafens für die regionale Entwicklung hervorzuheben, bei der der Tourismus die entscheidende Rolle spielen sollte. So konstatierte ein 1963 erarbeitetes Gutachten: „Zugleich - und das ist vielleicht das Wichtigste - trägt die Existenz von Flugverkehrsverbindungen in dieser [Provinz Gerona, M.G.] zur Entwicklung und einer besseren Nutzung ihres Potentials bei.“ 161 Die Befürworter des Baus betonten, es müsse das Ziel des Flughafens sein, „[…] unserer Provinz eine Zunahme der Touristenzahlen zu ermöglichen oder, was das gleiche bedeutet, eine überaus wichtige Einnahmequelle zu bewahren und zu vermehren.“ 162 Die geschätzte Zahl von 4 Mrd. Peseten, die im Jahr 1964 an Devisen durch den Tourismus in die Region geflossen seien, waren das Hauptargument, um weiterhin alles dafür zu tun, den Touristenstrom, „die wahrhaftige Überschwemmung mit Menschen […]“ nicht abreißen zu lassen. 163 Die Provinz Gerona wurde in erster Linie als touristische Gegend gesehen. Deshalb war es aus der Sicht der regionalen Akteure, unabdingbar, dass die Region auch über einen Flughafen verfügte: Unsere Provinz ist touristisch, von Blanes bis Port-Bou. Wir haben die unvergleichbare Costa Brava, ein Netz an Hotels, das der touristischen Bedeutung der Provinz angemessen ist, Straßen, die, wenn wir einige Schäden beheben, bestens ihren Zweck erfüllen. Wir haben ein beneidenswertes Projekt und fast können wir sagen, eine unmittelbare Wirklichkeit, in der Summe eine touristische Organisation der Provinz. Aber uns fehlt ein essentielles Element: uns fehlt und wir sagen, dass er uns fehlt, weil wir ihn brauchen: ein FLUGHAFEN [Hervorhebung im Original, M.G.]. Die Bequemlichkeit für den Touristen ist ein essentieller Faktor. Die Luftfahrt als Transportmittel ermöglicht dem Touristen diese Bequemlichkeit. Deshalb kommen wir zu der Schlussfolgerung, dass der Bau des Flughafens eine Notwendigkeit darstellt. 164 Ein weiteres Argument, das für den Bau angeführt wurde, war das erhebliche Interesse, das ausländische Tourismusunternehmen und Reisebüros in dieser Hinsicht geäußert hatten. Dies stellte aus Sicht der Befürworter des Baus die Rentabilität des Flughafens wiederum unter Beweis, die in jedem Fall während der Sommermonate gegeben sei. Zudem dürfe man in diesem Fall keine genaue marktwirtschaftliche Berechnung der Kosten und Einnahmen des Flughafens aufstellen, um dessen Rentabilität zu überprüfen. Vielmehr müsse man die Tatsache in Betracht ziehen, dass der Tourismus jährlich eine solche Menge an Devisen ins Land bringe und dadurch die Außenhandelsbilanz 161 Sofemasa, Sociedad de Organización, Formación, Economía y Matemática Aplicadas: Proyecto de Estudio de la Rentabilidad de un Aeropuerto en Gerona, Costa Brava, 9.11.1963, AHG, (3) Govern Civil 1616, S.-1. 162 I Asamblea Provincial de Turismo de Gerona, Evaristo de Arana González, Vicesecretario Provincial de Ordenación Económica de la C.N.S.-de Gerona: Ponencia sobre: Aeropuerto de Gerona - Costa Brava, 1963. AHG, (3) Informació i Turisme 175, S.-1. 163 Ebd., S.-2. 164 Ebd., S.-1. <?page no="119"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 118 ausgleiche, dass die Kosten für den Bau des Flughafens sich sehr rasch für den Staat amortisierten. 165 Doch war der Bau des Flughafens zwar ein Projekt, das der für die Region ausgearbeitete Plan Costa Brava von 1960 vorgesehen hatte, jedoch spielten solche Überlegungen innerhalb der ersten Konzeptionen für den Ersten Nationalen Entwicklungs- und Investitionsplans zunächst keine Rolle. 166 Die Idee des Flughafens war folglich ein Projekt, das aus der Region selber stammte und die touristischen Interessen eben der Region verteidigen und ausbauen sollte. Da aber dem Flughafen zunächst keine nationale Bedeutung zuerkannt wurde, 167 zogen sich die Verhandlungen über den Bau bis 1964 hin. Erst dann wurden mit Inkrafttreten des Ersten Entwicklungsplanes schließlich die benötigten Geldmittel für den Flughafen bereitgestellt. Somit trug die Tourismusregion Costa Brava in ihrer Selbstwahrnehmung einen enormen Sieg davon. Als Zeichen der Bedeutung für die Region und um einen finanziellen Beitrag zu leisten, beteiligten sich auch etliche Hoteliers an der Finanzierung des Flughafens. Insgesamt trugen sie eine Summe von 20 Mio. Peseten bei. 168 Angesichts des Gesamtetats von 200 Mio. Peseten 169 war dies kein besonders hoher Betrag. Doch war es für einzelne Hotels in einer Zeit, in der vor allem mittelständische Betriebe ebenfalls Kredite von ausländischen Reiseunternehmen zur Vergrößerung ihrer Hotels zu bedienen hatten, doch eine bedeutende finanzielle Anstrengung, zehn Prozent des Gesamtbudgets zu übernehmen. Die Bedeutung des erzielten Erfolgs in den Verhandlungen hob die Regionalpresse noch einmal deutlich hervor: „Es scheint müßig, die Bedeutung, die diese Nachricht für unsere Provinz hat, zu unterstreichen.“ 170 Zugleich wurde betont, dass die Realisierung des Flughafenbaus auf die enge Kooperation der gesamten Provinz zurückzuführen sei. Wenn wir uns konkret auf unseren Flughafen beziehen, können wir freudig betonen, dass er den Triumph der Einigkeit, des Glaubens und des Enthusiasmus darstellt. Ein Bauprojekt, das als Modell für die Zusammenarbeit vieler Beteiligter gelten kann, auch wenn diese alle unterschiedlich sind, aber doch vereinigt in einer gemeinsamen Entschlossenheit: unserer Stadt und unserer Provinz einen 165 I Asamblea Provincial de Turismo de Gerona, Evaristo de Arana González, Vicesecretario Provincial de Ordenación Económica de la C.N.S.-de Gerona: Ponencia sobre: Aeropuerto de Gerona - Costa Brava, 1963, AHG, (3) Informació i Turisme 175, S.-4 f. 166 Vgl. Ministerio de Información y Turismo: Informe Aeropuerto de Gerona - Costa Brava, 1962, AGA, (3) 49.11 42534 Top. 23/ 66-69, Carpeta 1, Exp. 10. 167 Ebd., S.-1. 168 Asamblea del Sindicato Provincial de Hostelería y Actividades Turísticas. La industria hotelera ha ofrecida al Excmo. Sr. Gobernador Civil y Jefe Provincial del Movimiento, los 20.000.000 de pesetas para la construcción del aeropuerto de la Costa Brava, in: Los Sitios (27.5.1965), S.-2. 169 Ha sido aprobado la construcción del aeropuerto Gerona-Costa Brava, in: Los Sitios (11.7.1964), S.-1 und 9, hier S.-1. 170 Ebd. <?page no="120"?> 119 3.3 Touristische Infrastrukturen wunderbaren Flughafen zu schenken, der angesichts der Tatsache, dass die Provinz vor allem eines der spanischen Gebiete ist, das vom internationalen Tourismus am meisten favorisiert wird, umso dringender und unentbehrlicher war. 171 Sicherlich reflektieren diese Bemerkungen die franquistische Einheits- und Zusammenhaltsrhetorik, doch trotzdem wird aus diesen Aussagen ersichtlich, dass es einen regionalen Konsens gab, der dem ausländischen Massentourismus die Rolle des regionalen Wachstumsmotors zuschrieb und für den deshalb innerhalb der Region nicht unerhebliche Summen aufgewendet und in das Infrastrukturprojekt investiert wurden, auch wenn dessen Notwendigkeit auf nationaler Ebene zunächst nicht anerkannt wurde. So resultierte genau aus diesem Konsens letztlich der Bau des Flughafens, der als die essentielle Infrastruktur betrachtet wurde, um auch in Zukunft vom Tourismus profitieren zu können. Der Flughafen war wie kaum ein anderes das Prestigeprojekt ersten Ranges der Region. Somit gewann der Flughafen zugleich als Symbol des Wachstums und Fortschritts, den der internationale Massentourismus in die Region gebracht hatte, eine Bedeutsamkeit, die auch den Stolz der Region auf den neuen wirtschaftlichen Aufschwung in sich trug. Dies zeigen die Presseberichte anlässlich der Eröffnung des Flughafens. Neben diversen Fotographien, die die neu gebaute Landebahn sowie den Tower als moderne Infrastrukturen ins Bild setzten, betonte die Regionalzeitung ‚Los Sitios‘: „Heute findet ein Akt statt, auf den lange gewartet wurde und der der Entwicklung Geronas umfassende Möglichkeiten eröffnet.“ 172 Auch die Wochenzeitschrift ‚Presencia‘ hob „Den großen Tag Geronas“ („El Gran Día de Gerona“) hervor, indem sie betonte: Heutzutage einen Flughafen zu besitzen, bedeutet, den Raum zu beherrschen und nicht nur dies, sondern einfach auch die Möglichkeit, Verkehrsverbindungen zur ganzen Welt zu eröffnen. Von heute an werden die Costa Brava, die Berge von Ripoll und die Cerdaña, die mittleren Zonen der Garrotxa und von Bañólas für jeden Reisenden erreichbar sein. Gerona verfügt seit heute über eine geeignete Zugangsmöglichkeit für die Menschen, die aus allen vier Himmelsrichtungen kommen. […] Seine Bedeutung ist unbestreitbar und es ist nicht notwendig, sie noch mehr zu rühmen. 173 Auch von der Zeitung auf der Straße befragte Bürger sahen im Flughafen ein Symbol der Moderne und des Fortschritts der Provinz Gerona. So fanden sich Stimmen, die meinten: „Der Flughafen ist etwas, auf das wir stolz sein können. […] Unser Flughafen ist schlichtweg modern. Ich kann das sagen, da ich in letzter Zeit die Flughäfen 171 José María Clara: Demostración palpable, in: Los Sitios (14.7.1964), S.-3. 172 Esta tarde, inauguración del aeropuerto de Gerona-Costa Brava, in: Los Sitios (1.4.1967), S.-1. Vgl. auch: Cierzo: Ya tenemos aeropuerto, in: Los Sitios (1.4.1967), S.-3. 173 M.B.R.: El Gran Día de Gerona. El nuevo aeródromo ‘Gerona-Costa Brava’, in: Presencia 3 (8.4.1967), H. 92, S.-2. <?page no="121"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 120 von Toulouse und Perpignan gesehen habe. Und es ist nicht abwegig oder übertrieben zu sagen, dass ‚Gerona-Costa Brava‘ auf der Höhe von diesen ist.“ „[…] ein exzellent gebauter und durchdachter Flughafen… Ich glaube, dass es ideal wäre, Linienverbindungen einzurichten, damit ‚Gerona-Costa Brava‘ nicht nur für den Tourismus, sondern auch für die Einheimischen da wäre.“ „[…] ‚Gerona-Costa Brava‘ ist ein durchdachter Flughafen, ausgestattet mit moderner Technik und modernen Einrichtungen.“ Der Journalist fasste die Meinung der befragten Pesonen folgendermaßen zusammen: „[…] Die Notwendigkeit seiner Nutzung nicht auf touristische Zwecke beschränken, die Etablierung von Linienverbindungen, die Notwendigkeit dieser und die Modernität und der gute Eindruck, den der Flughafen bei allen hinterlassen hat.“ 174 Im Kontext der Betonung des Prestiges, das der Flughafen für die Provinz mit sich brachte, findet sich in dem Artikel jede Menge franquistischer Propaganda, die hervorhob, dass der Bau des Flughafens allein im staatlichen System des Franquismus möglich gewesen sei und nur die mittlerweile mehr als 25 Jahre bestehende Periode des Friedens dafür die Rahmenbedingungen geschaffen habe. Das franquistische Regime versuchte folglich, den Flughafen von Gerona als Ausdruck seiner Modernisierungspolitik anzupreisen. Es war mithin ein Versuch, durch den Verweis auf Fortschritt, Wohlstand und Entwicklung dem staatlichen System Legitimität zu verleihen, indem Infrastruktur dazu diente, statt auf kausale Macht in Form von Repression und Gewaltandrohung zu setzen, mittels der Befriedigung von Bedürfnissen modale Macht auszuüben, die Kommunikation und Verständigung zwischen Herrschenden und Beherrschten ins Zentrum rückte. 175 Da der Flughafen so eng mit der touristischen Entwicklung verknüpft bzw. eine Einrichtung speziell für den internationalen Massentourismus war, erschien somit auch der Tourismusboom als ein Phänomen, für das in erster Linie die franquistische Politik verantwortlich zu sein schien. 176 Nicht zuletzt wurde der neue Flughafen auch als Tor zu Europa gesehen: „Denn einfach gesagt wird dieser neue Flughafen uns näher an alle Völker heranrücken, weil es keine ‚Pyrenäen mehr gibt‘ und unser Platz in diesem neuen Europa ist, das mit schweren, aber sicheren Schritten im Entstehen begriffen ist.“ 177 Diese gedankliche, 174 Bouso Mares: Encuesta. El aeropuerto en opinión del ‚hombre de la calle‘, in: Los Sitios (1.4.1967), S.-16. Sicherlich wären kritische Äußerungen über den Flughafen nicht in der Zeitung veröffentlicht worden. Allerdings weisen die Äußerungen der befragten Personen keine besondere Propagandarhetorik auf und können daher Authentizität beanspruchen. Zudem war es durchaus auch möglich, auf noch bestehende Infrastrukturmängel hinzuweisen, auch zu solch einem festlichen Anlass. So meinte etwa der erste der Befragten, dass eine Autobahn fehle, die den Flughafen an die Costa Brava anbinde. 175 Zu den Konzepten von modaler und kausaler Macht vgl. Engels/ Schenk, Infrastrukturen der Macht, S.-43. 176 Dabei zielten die repräsentativen Eröffnungszeremonien nicht nur auf die regionale Bevölkerung, sondern sollten, vermittelt über die Medien auch in der nationalen Öffentlichkeit einen Widerhall finden. Das zeigen insbesondere die von Pack erwähnten Noticiarios Documentales, die die Modernität der neu in Betrieb genommenen Infrastrukturen und Tourismusanlagen betonten. Pack, Tourism and Dictatorship, S.-141. 177 M.B.R.: El Gran Día de Gerona. El nuevo aeródromo ‚Gerona-Costa Brava‘, in: Presencia 3 (8.4.1967), H. 92, S.-2. Vgl. auch die bildlichen Darstellungen und Kartenabbildungen, die Gerona und die Costa <?page no="122"?> 121 3.3 Touristische Infrastrukturen rhetorische und propagandistische Verbindung des Flughafens von Gerona mit Europa hatte drei Implikationen. Erstens versprach der Flughafen, dass noch mehr europäische Touristen die Costa Brava besuchten und somit die Anbindung einer Region an die Hauptstädte und Verkehrsknotenpunkte Europas, die vor der Ankunft des Massentourismus in den Augen der Zeitgenossen eine abgelegene Provinz war. So meinte ein von der Zeitung ‚Los Sitios‘ im Hinblick auf die Eröffnung des Flughafens befragter Bürger: „Ich glaube, dass Gerona den Flughafen verdient und ihn braucht, da sie eine der Provinzen ist, die in besonders großem Maß offen gegenüber dem Ausland ist.“ 178 Zweitens verknüpfte der Europagedanke den Flughafen mit einem politischen Ziel des Regimes, das es seit 1962 anstrebte, 179 nämlich der Annäherung an die EG bzw. den gemeinsamen europäische Markt. 1967 befand sich Spanien in Verhandlungen über ein präferenzielles Handelsabkommen mit der EG, nachdem diese eine Assoziierung Spaniens abgelehnt hatte. Trotz einer ungünstigen Verhandlungsposition zögerte die spanische Delegation, die Gespräche ohne Ergebnis zu beenden, da man das Ziel, wirtschaftlich näher an Europa heranzurücken, nicht aufgeben wollte. 180 Drittens waren der Flughafen und damit auch der Tourismus Chiffren des Wohlstands und des Fortschritts, die eben genau den Abstand zwischen Europa und Spanien einebnen sollte, den die Pyrenäen scheinbar darstellten. Der Anschluss an die Denktradition, die Spanien als durch die Pyrenäen von Europa abgetrennt sah, war seit dem 18. Jahrhundert bedeutsam und sowohl als Fremdals auch Selbstbeschreibung existent. 181 Hier sollte diese Barriere, die sich nicht nur in ideologischen und mentalitätsspezifischen Unterschieden, sondern auch in ökonomisch-struktureller Tatsachen zu manifestieren schien, überwunden werden, indem sich Spanien durch den Tourismus dem europäischen Wohlstandsniveau anglich, anstatt weiterhin eine Grenzregion zwischen dem ‚entwickelten‘ Europa und dem ‚unterentwickelten‘ Afrika zu bilden. Diese Strategie der Annährung des franquistischen Spaniens an Europa, nachdem dieses sich zunächst nicht zuletzt durch eine Abgrenzung zum restlichen Europa legitimiert hatte, 182 stand ganz eindeutig im Kontext der franquistischen Entwicklungspolitik, in der der Tourismus eine Schlüsselstellung einnahm. Mit dem Bau des Flughafens und dem damit einhergehenden weiteren Ausbau des Tourismus erwartete man folglich einen Wohlstandsanstieg, der Spanien endgültig aus wirtschaftlicher Rückständigkeit in die Moderne führen sollte und damit auf Au- Brava als durch den Flughafen mit Europa integriert beschrieben: Gil Bonancia: Una nueva e importante etapa para la provincia de Gerona bajo el signo de Franco, in: Los Sitios (17.5.1960), S.-15. A unos ochenta millones de pesetas asciende el presupuesto del aerodromo de Gerona, in: Los Sitios (25.11.1960), S.-1 und 10, hier S.-1. 178 Bouso Mares: Encuesta. El aeropuerto en opinión del ‚hombre de la calle‘, in: Los Sitios (1.4.1967), S.-16. 179 Spanien beantragte 1962 die Assoziierung mit der EWG. Aschmann, „Treue Freunde“? , S.-298. 180 Niehaus, Außenpolitik im Wandel, S.-669. 181 Vgl. von Tschilschke, Spanien als Afrika. Hinterhäuser, Spanien und Europa. Bernecker, „Spanien ist anders“. Townson, Is Spain Different? 182 Bernecker, „Spanien ist anders“, S.-461. <?page no="123"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 122 genhöhe zu den übrigen Ländern Westeuropas, die in der Selbstwahrnehmung der regionalen Eliten als fortschrittlicher im Vergleich zu Spanien galten. 3.3.3 Abwasserinfrastruktur: eine exemplarische Vertiefung Der Ausbau der Abwasserinfrastruktur in touristischen Orten trug eine besondere Problematik in sich. Anders als etwa die Verkehrsinfrastruktur oder auch die Wasserversorgung hatte eine fehlende Abwasserinfrastruktur das Potential dazu, dem Tourismus insgesamt außerordentlich zu schaden. Denn waren schlechte Straßen, unzureichende Telefonverbindungen oder eine instabile Wasserversorgung möglicherweise für einige Touristen Gründe, nicht mehr in die spanischen Touristenorte zu fahren, so war eine mangelhafte Entsorgung des Abwassers eine direkte Bedrohung der eigentlichen Ressourcen, die Spanien den Touristen zu bieten hatte: nämlich des Meeres und der Strände. Zugleich war die problematische Situation der Abwasserentsorgung, die ab Mitte der 1960er-Jahre immer deutlicher wurde, selber in erster Linie auf den Tourismus zurückzuführen. Erst das Ansteigen der tatsächlichen Bevölkerungszahlen in den Touristenorten durch die Anwesenheit der Touristen und die gleichzeitige Nutzung der Strände und des Meeres durch die Touristen führte zu einer Insuffizienz der Abwasserentsorgung. Diese Mängel konnten - und diese Einsicht hatte für die Einheimischen den Charakter einer Drohung - dazu führen, dass der Tourismus sich selber seine Grundlagen entzog und genau das zerstörte, weshalb die Touristen eigentlich in die spanischen Touristenorte kamen. Anders gesagt: Das Wissen um diese Problematik begannen die Einheimischen bald in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Somit kam es zu einer Internalisierung dessen, was Hans Magnus Enzensberger in seiner Theorie des Tourismus im Jahr 1958 als Dialektik des Tourismus beschrieben hatte: die Fähigkeit des Tourismus, genau das zu zerstören, weshalb Touristen zu einem bestimmten Ziel reisten. 183 Im Folgenden wird deutlich werden, dass diesen Infrastrukturen eine besondere Bedeutsamkeit zugemessen wurde. Dies zeigt sich vor allem an zwei Punkten. Erstens der Finanzierung des Ausbaus dieser Infrastruktur und zweitens am experimentellen 184 Charakter des Infrastrukturbaus. Anhand dieser zwei leitenden Perspektiven wird im Folgenden der Ausbau von Abwasserinfrastrukturen in den untersuchten touristischen Regionen analysiert und dessen Spezifika erklärt. Zeitlich bewegt sich dieser wiederum systematische Zugriff in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren, da in diesem Zeitraum zum einen das Problem am virulentesten war und zugleich auch wichtige planerische Entscheidungen getroffen wurden. 183 Enzensberger, Vergebliche Brandung. 184 So versteht Franz-Josef Brüggemeier die Umweltgeschichte als Geschichte von Experimenten - allerdings nicht im streng naturwissenschaftlichen Sinn. Indem Menschen verschiedene Strategien im Umgang mit der Natur ausprobierten, zu Lösungen gelangten, aber auch unerwünschte Wirkungen produzierten, wurde dieser experimentelle Umgang zu einem wesentlichen Kennzeichen der menschlichen Naturgestaltung. Brüggemeier, Schranken der Natur, S.-13 f. <?page no="124"?> 123 3.3 Touristische Infrastrukturen Problemwahrnehmung 1964 war das zentrale Jahr, was die Problemwahrnehmung und die daraus resultierenden Ausbaumaßnahmen im Bereich der Abwasserinfrastruktur angehen. So schrieb etwa ein deutscher Tourist anlässlich seines Aufenthalts 1964 auf Mallorca über unangenehmen Begegnungen am Strand, als er das spanischen Tourismusministerium in einem Brief darauf hinwies, dass bei bestimmten Windverhältnissen in der Bucht von Magaluf auf der Insel Mallorca menschliche Fäkalien und Toilettenpapierreste auf der Wasseroberfläche der Bucht schwammen. Abgesehen von der Tatsache, dass durch diese Fäkalien Infektionskrankheiten übertragen werden können, ist es keine Urlaubsfreude, derartige Bekanntschaften zu machen. Meines Erachtens rühren diese Missstände daher, dass die Abwässerrohre [sic] der verschiedenen Hotels nicht weit genug in das Wasser hinein abgeleitet werden. Es müsste also sichergestellt werden, dass dieses Versäumnis baldigst abgestellt wird, da meine Frau und unsere Freunde sonst ihren Urlaub bald nicht mehr in Magaluf verbringen können. 185 Ganz ähnlich nahm ein weiterer deutscher Tourist die Situation ebenfalls in Magaluf war, der seinen Beschwerdebrief in spanischer Sprache an den Tourismusminister persönlich richtete und feststellte, dass „[…] es vonseiten der Touristen in den Hotels Beschwerden gab. Je nach Windrichtung und manchmal durch Meeresströmungen befanden sich häufig in Strandnähe Exkremente im Meer.“ Auch er vermutete, dass das Problem in den kurzen Abwasserrohren lag, die das Abwasser aus den Hotels zu nahe am Ufer ins Meer leiteten. Hatten andere nur damit gedroht, Magaluf in Zukunft nicht mehr als Urlaubsziel zu wählen, so lange das Problem nicht behoben wurde, stellte dieser Tourist klar, dass er sowie die Mehrheit der anderen Touristen, die er in Magaluf kennengelernt hatte, nicht mehr dorthin komme werden, so lange wie die Abwasserentsorgung nicht korrekt funktionierte. 186 Im selben Jahr schrieb ein französischer Tourist nach einem Aufenthalt an der Costa del Sol einen entrüsteten Brief und beschwerte sich über die „[…] Einmündung von Abwasserkanälen der Küstenorte und von außerhalb gelegenen Hotels ins Meer […]“ 187 , die von den Touristen als abstoßend wahrgenommen wurden. Mit einem Verweis auf eine seiner Meinung nach, im Ausland bereits existierende moderne Infrastruktur hoffte er, einen Beitrag zur „[…] Entwicklung des spanischen Tourismus […]“ 188 zu leisten: „Sie wissen sicherlich, dass 185 Dr. med. Karl-Heinz Galle, an Director General de Turismo: Abwasserprobleme Magaluf, 2.1.1965, AGA, (3) 49.11 42526 Carpeta 2, Exp. 28 Top. 23/ 66-69. 186 Enno Springmann: Escrementos en el mar, 29.11.1964, AGA, (3) 49.11 42536 Top. 23/ 66-69, Carpeta 2, Exp. 28. 187 Daniel Mansion an Ministerio de Información y Turismo: Déversement des égouts dans la mer, 28.7.1964, AGA, (3) 49.22 48959 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 1, Exp. 16. 188 Ebd. <?page no="125"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 124 es moderne Lösungen für solche Probleme gibt, die im Ausland bereits angewendet worden sind.“ 189 Mit dieser Einschätzung waren die beiden deutschen und der französische Tourist nicht alleine. Denn der Provinzdelegierte des Tourismusministeriums auf den Balearen teilte Ende 1964 dem Ministerium mit, dass Capdepera und Magluf Hauptorte der aktuellen Unruhe wegen der Probleme mit der Abwasserentsorgung seien und die Situation sich tatsächlich dramatisch darstelle. 190 Somit waren die zitierten Beschwerden, die direkt beim Tourismusministerium eingingen, sicherlich keine Einzelfälle, sondern nur die Spitze eines Eisberges einer größeren Unzufriedenheit vonseiten der ausländischen Touristen mit den touristischen Infrastrukturen, allen voran den Kanalisationsanlagen und der Aufbereitung und Entsorgung des Abwassers. Nun zu schlussfolgern, dass es allein die Touristen waren, die letztlich mit ihren Beschwerden über die scheinbare Rückständigkeit der spanischen Abwasserinfrastruktur erst eine Reflektion der spanischen Politik über die Problematik in Gang setzten und dann die notwendigen Maßnahmen eingeleitet wurden, wäre ein Trugschluss. Erstens war den einheimischen Akteuren schon früh klar, dass eine Kanalisation und eine adäquate Abwasserentsorgung grundlegende Voraussetzungen für den Anstieg des Tourismus waren. Dies zeigt etwa das Zitat des Bürgermeisters von Lloret de Mar, das sich am Anfang dieses Unterkapitels findet. Zudem sah auch der Plan Costa Brava von 1960 191 einen Ausbau der Abwasserinfrastruktur in den Touristenorten vor, der finanziell gezielt gefördert wurde. Auch auf der Ebene des Zentralstaates hatte sich spätestens 1963 der Konsens durchgesetzt, dass nur schnelle und gezielte Investitionen in die Infrastruktur der Touristenorte die Zukunft des Tourismus sichern konnte. Durch die von der Regierung 1963 aufgelegte Kreditlinie für Obras de Interés Turístico wurden wiederum Infrastrukturprojekte in den Touristenzentren gefördert. 192 1964 systematisierte das Ministerium für Information und Tourismus diese Anstrengungen. Waren die Beschwerden von Touristen zwar nicht die unmittelbare Ursache, die zum Ausbau der Abwasserinfrastruktur führten, so waren sie durchaus 1964 eine Art Katalysator bzw. Auslöser dafür, dass die Abwasserfrage in touristischen Orten verstärkt zu einem nationalen Politikum wurde. 193 Ein Bericht des Informations- und Tourismusministeriums über die aktuelle 189 Ebd. 190 Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo Baleares an Director General de Promocíon de Turismo: Problema de saneamiento de Baleares, 29.12.1964, AGA, (3) 49.11 42526 Top. 23/ 66-69, Carpeta 2, Exp. 32. 191 Gobierno Civil de Gerona: Plan Costa Brava, 1960, AHG, (3) GC 1616, Exp. Plan Costa Brava. 192 Subsecretariá de Turismo: Circular n° 9 Obras de interés turístico, 13.2.1964, AHG, (3) Informació i Turisme 164. 193 Vgl. Ministro de la Gobernación an Ministro de Información y Turismo: Informe „Saneamiento de aguas residuales en la Costa Azul“, 20.2.1964, AGA, (3) 49.06 28001 Top. 22/ 19-21. Ministerio de la Gobernación, Comisión Central de Saneamiento: Nota sobre saneamiento de localidades turísticas, 06.05.1964, AGA, (3) 49.22 48983 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 70, Exp. 2. Vgl. Pack, Tourism and Dictatorship, S.-128. <?page no="126"?> 125 3.3 Touristische Infrastrukturen Lage der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in touristischen Orten konstatierte im Jahr 1964, dass diese Situation und ihre Konsequenzen „[…] noch weitaus gravierender für die touristische Zukunft vieler Regionen der Nation sein können.“ 194 Zweitens war das Tourismusministerium besorgt über das negative Bild, das wegen der mangelhaften Infrastruktur im Ausland über Spanien entstehen konnte. Im selben Bericht hieß es, der zugleich belegt, dass die Beschwerden der Touristen tatsächlich ein wichtiger Beweggrund für das stärkere Eingreifen des Zentralstaates war: Die Reihe von Beschwerden, die wir bekommen haben und die mediale Berichterstattung, die auf das fokussieren zu scheinen, was am offensichtlichsten ist, nämlich die Ableitung von Abwasser an Stränden und häufig frequentierten Orten […], ist dafür [die mögliche Schädigung des Auslandsbildes Spaniens, M.G.] ein deutlicher Beweis. 195 Zugleich sahen die Autoren des Berichts eine große Diskrepanz zwischen dem infrastrukturellen Standard, den die Touristen nach Ansicht des Ministeriums in ihren Heimatländern gewohnt waren und dem, was sie in Spanien vorfanden. Die Wahrnehmung der eigenen Infrastruktur als rückständig im Vergleich zu den Hauptherkunftsländern wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien wurde damit zum Ausgangspunkt einer stärkeren Förderung des Infrastrukturausbaus, der zugleich die Ansprüche und Bedürfnisse der Touristen bedienen sollte: […] Die Situation in der Mitte des laufenden Jahres in Bezug auf die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung ist enorm armselig, vor allem, wenn man sie mit dem Niveau vergleicht, das die Touristen, die uns besuchen, in ihren jeweiligen Herkunftsländern im Allgemeinen gewohnt sind. 196 Mit der gezielten Modernisierung der Infrastrukturen in den Touristenorten war auch die Hoffnung verbunden, dass dazu geeignete Maßnahmen „[…] in relativ kurzer Zeit erlauben werden, uns als eines der Länder zu positionieren, das mit den besten Leistungen und Einrichtungen versehen ist, was uns wiederum Vorteile speziell für unseren Tourismus einbringen wird.“ 197 Die erste kleine Krise des Tourismus wurde also zugleich als Chance begriffen, sich von der touristischen Konkurrenz in anderen Ländern abzusetzen und diese zu überflügeln, indem das touristische Angebot an Qualität gewann. 198 194 Ministerio de Información y Turismo: Informe sobre el problema de abastecimiento de aguas y saneamiento en las zonas turísticas, 1964, AGA, (3) 49.22 48983 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 70, Exp.-2. 195 Ebd. 196 Ebd. 197 Ministro de la Gobernación an Ministro de Información y Turismo: Informe „Saneamiento de aguas residuales en la Costa Azul“, 20.2.1964, AGA, (3) 49.06 28001 Top. 22/ 19-21. 198 Zur Bewertung von Krisen als Chance vgl. Rüdiger Graf: Die Zukunft der Weimarer Republik. Krisen und Zukunftsaneignung in Deutschland 1918-1933, München 2008, S.-371. <?page no="127"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 126 Laut dem Bericht von 1964 verfügte ein Ort wie Cala Ratjada auf Mallorca mit einer nominellen Einwohnerzahl von 600 Menschen weder über eine Kanalisation noch eine zentrale Wasserversorgung, die fließendes Wasser in den Häusern bereitstellte. 199 Problematisch erschien dies vor allem vor dem Hintergrund, dass sich die tatsächliche Einwohnerzahl von Cala Ratjada während der Sommersaison um das Zehnfache auf 6000 Einwohner durch die Anwesenheit der Touristen vermehrte. Um dieses Problem schnellstmöglich aus der Welt zu schaffen bzw. zunächst einmal die gravierendsten Problemlagen zu beseitigen, legte die spanische Regierung einen „Nothilfe-Plan“ („Plan de Urgencia“) auf, der die schlimmsten Zustände beseitigen sollte. In diesen Plan wurden Touristenzentren an der Costa Brava und an der Costa del Sol eingeschlossen. Die Umsetzung der Maßnahmen wurde auf einen Zeitraum von drei Jahren (1965-1967) festgelegt. 200 Der Plan zeigte relativ schnell seine Wirkung. 1965 waren im Hinblick auf die untersuchten Räume insgesamt in ca. 20 Touristenzentren Baumaßnahmen im Gange oder zumindest geplant oder der Baubeginn stand kurz bevor. 201 Die Touristenorte auf Mallorca blieben von diesem Notfallplan zunächst allerdings ausgeschlossen. Diesen hatte das Ministerium bereits im Verlauf des Jahres 1964 in einem Sofortprogramm finanzielle Mittel zur Verfügung in Aussicht gestellt, um dem Problem schnellstmöglich Herr zu werden. 202 Finanzierung Tatsächlich aber reichten die vom Tourismusministerium beschlossenen Maßnahmen bei Weitem nicht aus, um eine langfristige Lösung des Abwasserproblems in den Touristenorten an der Mittelmittelmeerküste zu erreichen. Der Ausbau der dafür nötigen Infrastruktur konnte nicht mit dem stetigen Ansteigen der Touristenzahlen Schritt halten. Ursache dafür war in erster Linie eine mangelnde Finanzierung der Kommu- 199 Dirección General de Promoción del Turismo: Informe sobre el problema de abastecimiento de agua y saneamiento en las zonas turísticas, November 1964, AGA, (3) 49.22 48982 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 69. 200 Dirección General de Promoción del Turismo: Nota sobre abastecimiento de aguas y saneamiento, 24.09.1966, AGA, (3) 49.22 48983 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 70, Exp. 2. 201 Ministerio de Información y Turismo: Información sobre el estado de obras y proyectos de abastacimiento de agua y saneamiento en localidades turísticas incluidas en el Plan de Urgencia, März 1966, AGA, (3) 49.22 48983 Top. 72/ 40.405-40.5040, Carpeta 70,-Exp. 2. 202 Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo Baleares an Director General de Promocíon de Turismo: Problema de saneamiento de Baleares, 29.12.1964, AGA, (3) 49.11 42526 Top. 23/ 66-69, Carpeta 2, Exp. 32. Dies zeigt, dass anders als Pack, Tourism and Dictatorship, S.- 122, Anm. 114 dies vermutet, auf Mallorca das Problem nicht rein durch private Initiative beseitigt wurde. Vgl. auch das Auftauchen von Orten auf Mallorca in der Übersicht zu allen laufenden Projekten im Rahmen des Plan de Urgencia von 1966. Ministerio de Información y Turismo: Información sobre el estado de obras y proyectos de abastecimiento de agua y saneamiento en localidades turísticas incluidas en el Plan de Urgencia, März 1966, AGA, (3) 49.22 48983 Top. 72/ 40.405-40.5040, Carpeta 70, Exp. 2. <?page no="128"?> 127 3.3 Touristische Infrastrukturen nen, die für den Infrastrukturausbau im Grunde zuständig waren. So hieß es auf einer Besprechung des Zivilgouverneurs von Gerona mit den Bürgermeistern der Kommunen an der Costa Brava im August 1963: Die den Problemen, denen sich die Costa Brava gegenübersieht, zugrundeliegende Ursache ist die unzureichende Finanzlage der lokalen Korporationen, sowohl der Kommunen als auch der Kreistage, da sie, obgleich der Tourismus eine unermessliche Goldgrube darstellt, nicht über direkte Einnahmen aus dieser Quelle verfügen und es ihnen somit unmöglich ist, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die zur adäquaten Lösung der genannten Probleme führen würden. Am logischsten und angemessensten wäre es, über eine finanzielle Ausstattung verfügen zu können, die auf Einkünften aus dem Tourismus in unserer Provinz beruht. 203 Doch auch die staatlichen Investitionsprogramme, die gezielt den Ausbau der touristischen Infrastruktur fördern sollten, waren ihren Volumina nach nicht ausreichend, um die tatsächlichen Bedürfnisse der touristischen Orte hinsichtlich ihrer Infrastruktur zu befriedigen und damit in erster Linie die Ansprüche und Bedürfnisse der ausländischen Massentouristen. So wurden etwa im Rahmen des Plan Costa Brava, in den Jahren 1961 bis 1964 größere Summen in den Infrastrukturausbau in Form von Subventionen investiert. 204 Auch die 1963 aufgelegte Kreditlinie des Tourismusministeriums (Obras de Interés Turístico), die speziell Projekte in Tourismusgebieten förderte, insofern diese von nationalem Interesse für den Tourismus waren, sollte den Ausbau der Infrastrukturen verbessern. Das Gesamtvolumen der Kreditlinie betrug 300 Mio. Peseten und wurde von der Banco de Crédito Local verwaltet. Für das Jahr 1964 wurde noch einmal die gleiche Summe veranschlagt. Doch schon im Vornherein betonten die regionalen Behörden, dass das bereitgestellte Kreditvolumen bei Weitem nicht ausreiche, um die eigentlich notwendigen Investitionen zu tätigen. 205 Auch der Plan de Urgencia, der 1964 beschlossen wurde, um möglichst schnell die Missstände in der Abwasserentsorgung der Kommunen zu beheben, reichte nicht aus, um dies in adäquater Weise zu bewerkstelligen. Zwar belief sich der Gesamtetat auf 2,36 Mrd. Peseten. Eine Erhöhung des Budgets erwies sich als wenig aussichtsreich, so dass die Zuteilung der Mittel stark priorisiert wurde. Bei allen genannten Investitionsprogrammen und Plänen war die Vergabe der staatlichen Förderung allerdings an die Bedingung geknüpft, dass die Gemeinden eine Ko- Finanzierung von in der Regel 50% beisteuerten. Den Gemeinden wurde zudem die Möglichkeit eingeräumt, ihren Anteil durch die Aufnahme eines Kredits bei der Banco 203 Reunión Alcaldes Costa Brava, 10.8.1963, AHG, (3) Govern Civil 1616. 204 Delegado Provincial del Ministerio de la Vivienda: Plan Costa Brava. Obras urbanísticas municipales de financiación conjunta. Inversiones públicas en curso de ejecución en la Provincia, 7.8.1964, AHG, (3) Govern Civil 1616. 205 Reunión Alcaldes Costa Brava, 10.8.1963, AHG, (3) Govern Civil 1616. <?page no="129"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 128 de Crédito Local über das Finanzierungsprogramm des Tourismuskredits („crédito turístico“) zu bezahlen. Effektiv resultierte dies darin, dass sich die Gemeinden bei staatlichen Banken verschuldeten, um eine tourismusadäquate Infrastruktur zu schaffen. 206 Unternehmer in der Tourismusbranche aus Cala Ratjada an der Ostküste Mallorcas forderten deshalb eine Aufstockung der Mittel zum Infrastrukturausbau: Würde nicht endlich die nötige Infrastruktur in Cala Ratjada, wie etwa eine Kanalisation gebaut, so drohe „[…] ein touristischer Prestigeverlust von internationaler Dimension […]“ 207 Dieser wäre das Gleiche, “[…] wie wenn man Gott oder die Natur herausfordern wollte.“ 208 Experimentieren Dies lag allerdings nicht nur an klammen Kassen, sondern auch am experimentellen Charakter, den die Bewältigung insbesondere des Abwasserinfrastrukturproblems mit der Zeit annahm. Zwar waren die Probleme schnell erkannt. Doch als problematisch erwies sich insbesondere die adäquate Lösung des Abwasserproblems. So wurden in etlichen Fällen erhebliche Summen investiert, mit dem Resultat, dass die installierten Kanalisationsanlagen schon bald überlastet und vollkommen insuffizient waren. 209 Dies hatte weniger mit fehlenden Fähigkeiten auf dem Feld der Ingenieurskunst als mit dem Kompromisscharakter zwischen Notwendigkeit und den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln zu tun. Zudem fehlte es schlichtweg an Erfahrung und geeigneten Vorbildern, die zeigten, wie man in großen Touristenzentren eine effektive Abwasserentsorgung installierte. Mithin war dieses Problem eben nicht nur auf Spanien begrenzt, sondern betraf zum einen andere Touristenzentren vor allem im Mittelmeerraum über Italien, Frankreich bis nach Griechenland. Zum anderen waren ebenfalls an der Küste gelegene Großstädte wie Barcelona oder Marseille 210 auch vor die Herausforderung gestellt, ihr Abwasser effektiv zu entsorgen. Im Fall der Touristenzentren kam zudem das touristische Raumregime als erschwerender Faktor hinzu, der über eine sehr lange Zeit den Bau des geeignetsten Mittels zur Abwasserentsorgung, der Kläranlage, verhinderte. Vor und zu Beginn des Tourismusbooms entsorgten die Küstenorte ihr Abwasser anstatt über ein zentralisiertes System in erster Linie über häusliche Sickergruben. An- 206 Subdirector General de Obras Hidráulicas an Director General de Promoción del Turismo: Alcantarillado de Cala Ratjada, 26.7.1966, AGA, (3) 49.11 42526 Top. 23/ 66-69, Carpeta 2, Exp. 32. 207 Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo Baleares an Director General de Promocíon de Turismo: Saneamiento Cala Ratjada, 8.6.1968, AGA, (3) 49.11 42526 Top. 23/ 66-69, Carpeta 2, Exp. 32. 208 Hoteleros Cala Ratjada an Ministerio de Información y Turismo: Saneamiento y Abastecimiento de Agua, 5.6.1968, AGA, (3) 49.11 42526 Top. 23/ 66-69, Carpeta 2, Exp. 32. 209 Vgl. beispielsweise die Situation in Paguera auf Mallorca Ende der 60er Jahre: Ayuntamiento de Calviá: Acta del Pleno Municipal, 21.5.1968, ACM, (20) 1.3.1.3, Pleno 22. 210 Ministerio de Información y Turismo, Subsecretaría de Turismo, Oficina Técnica: Informe sobre Saneamiento de Aguas Residuales en la Costa Azul, 31.1.1964, AGA, (3) 49.06 28001 Top. 22/ 19-21. <?page no="130"?> 129 3.3 Touristische Infrastrukturen statt das Abwasser aus dem ganzen Dorf zu sammeln, wurde es direkt in eine Grube auf dem jeweiligen Grundstück des Hauses geleitet. Da die meisten Touristenorte in Spanien sich im ländlichen Raum befanden, war es diese Situation, die dominierte, als Ende der 50er Jahre zum ersten Mal ausländische Touristen in signifikanter Weise ins Land strömten. Viele Orte an der Küste waren somit mit Beginn des Tourismusbooms damit konfrontiert, zum ersten Mal eine den ganzen Ort umfassende Wasser- und Abwasserinfrastruktur zu errichten. Da die Sickergruben aufgrund des Gesundheitsrisikos und der Geruchsbelastung für einen touristischen Ort nur wenig geeignet und nicht zeitgemäß erschienen, begann nun eine Phase des Experimentierens mit geeigneten Lösungsmöglichkeiten. 211 Zwar war das Wissen um die ideale Form der Abwasserentsorgung in Form der Kläranlage vorhanden, doch wurde vor allem aus Kostengründen zunächst eine andere Lösung favorisiert. So wurde die Ableitung des Abwassers aus den Touristenorten direkt ins Meer zur Regel, obwohl die Probleme, 212 die damit einhergingen bald offen zu Tage traten. Da dies schon bald zu einer Situation führte, die wie oben, für Touristen nicht als akzeptabel erschien, versuchte die Zentralregierung durch mehrere Verordnungen, die das Investitionsprogramm für die touristische Infrastruktur flankieren sollten, die Abwasserentsorgung neu zu regulieren. Anstatt das Abwasser in unmittelbarer Nähe zu den Stränden ins Meer zu leiten, wurde nun der Bau von untermeerischen Abwasserrohren vorgeschrieben, die das Abwasser in einiger Entfernung zur Küste ins Meer leiten sollten. Zwar schrieb die neue Verordnung prinzipiell vor, dass nur geklärtes Abwasser ins Meer geleitet werden durfte. Dies machte den Bau von Kläranlagen prinzipiell obligatorisch. Doch sah die Vorschrift die Möglichkeit vor, von dieser Regel unter bestimmten Bedingungen abzuweichen. So konnte, wenn ein ausreichender Mindestabstand zur Küste eingehalten wurde und keine Strömung vorhanden war, die das Abwasser wieder Richtung Küste befördern konnte, auch ungeklärtes Wasser ins Meer eingeleitet werden. 213 Faktisch wurde diese Ausnahme aber zur Regel. Denn die Küstengemeinden versuchten in der Regel das Abwasserproblem zuerst durch den Bau einer Kanalisation, dann einer einfachen Ableitung des Abwassers ins 211 Noch 1971 verfügten an der Costa del Sol von 84 inspizierten Hotels, Urbanisationen und Campingplätzen 54 lediglich über eine Sickergrube, um das Abwasser zu evakuieren. Vgl. Diputación Provincial de Málaga: Informe sobre el estado actual de abastecimiento de agua, redes de distribución y saneamiento, y depuración y vertido de aguas residuales en los municipios turísticos, März 1971, AHPM, Gobierno Civil 12786, S.- 3. Ähnlich war die Situation auch auf Mallorca: Andrés Parietti Lliteras: Ponencia ‚Ordenación y servicios urbanos‘. Ponencias de la Comisión del Consejo Económico-Social sindical de Baleares (Consell Econòmic I Social de les Isles Baleares), 1971, AGCM, XI-832. 212 F. Josa y Castells: Criteria for marine waste disposal, in: E.A. Pearson (Hg.): Marine pollution and marine waste disposal. Proceedings of the 2 nd International Congress, San Remo, 17-21 December, 1973, Oxford u.a. 1975, S.-33-51, hier S.-33. 213 Jornadas de la Población: Conclusiones sobre vertido de aguas residuales al mar, 1964, AGA, (3) 49.22 48984 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 72,- Exp. 5. Relación de acuerdos adoptados en la reunión celebrada sobre ‚problemas de saneamiento‘ en día 12 de febrero de 1.965 en el Ministerio de Gobernación, 12.2.1965, AGA, (3) 49.22 48983 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 70, Exp. 2. <?page no="131"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 130 Meer und schließlich dem Bau eines untermeerischen Ableitungsrohres zu lösen. 214 Dabei waren die einzelnen Lösungsversuche stets von der Beschränktheit der finanziellen Mittel abhängig. 215 Zudem fehlte ein allgemeines und anerkanntes Konzept, das eine integrierte Abwasserentsorgung in touristischen Orten als ganzheitliches Modell vorsah. So stellte die spanische Regierung etwa im Jahr 1964 fest, dass auch in den Touristenzentren an der französischen Mittelmeerküste bisher keine alternativen Lösungen zu den in Spanien bereits bekannten gefunden worden seien. 216 Beispielsweise war die Situation in Marseille oder auch an der italienischen Adriaküste bis Mitte der 1970er-Jahre zu einem gewaltigen Problem angewachsen, das eine überregionale Resonanz provozierte. 217 Schwierig war es zudem für die Gemeinden, zu bestimmen, für wie viele Einwohner insgesamt, also die Einheimischen und die überwiegend im Sommer anwesenden Touristen zusammengenommen, die Infrastrukturanlagen ausgelegt werden sollten. Die stetig anwachsenden Touristenzahlen während der 1960er-Jahre machten es äußerst schwierig, genau zu kalkulieren, welche Tragfähigkeit die zu bauenden Infrastrukturanlagen aufweisen mussten. Letztlich wurde aber eine schnelle und adäquate Lösung des Abwasserinfrastrukturproblems durch das touristische Raumregime selbst verhindert. Denn die durchgehende Ausstattung aller Küstenorte mit funktionierenden Kläranlagen war in einer Zeit, in der touristisches Wachstum um jeden Preis erzielt werden sollte erstens enorm unpopulär und stieß zweitens auf eine starke räumliche Begrenzung. Die Durchsetzung des regulären Baus von Kläranlagen als Mittel der Wahl, um die Abwasserentsorgungsprobleme zu lösen, lehnten vor allem privaten Investoren ab. Da sie im Fall des Baus von Kläranlagen an deren Kosten über Sonderabgaben beteiligt wurden, versuchten sie, bei den Kommunen für alternative Formen der Abwasserentsorgung zu plädieren. Neben den Kosten für den Bau und den Betrieb der Kläranlagen kamen die Kosten für den Erwerb des Grundstücks, auf dem eine solche gebaut werden konnte. Da allerdings durch die enorme Bodenspekulation die Preise für Grundstücke an der Küste bzw. in Küstennähe explodiert waren und sich zugleich der weitaus überwiegende Teil des Landes in Privatbesitz befand, mussten die Kommunalverwaltungen enorme Kosten für den Erwerb eines geeigneten Grundstücks auf sich nehmen. Ein weiterer Grund für die mangelnde Akzeptanz von Kläranlagen war ihr scheinbar unästhetisches Aussehen innerhalb einer Tourismuslandschaft und der befürchtete negative olfaktorische Einfluss. Aus diesen Gründen setzten die meisten 214 Ein konkretes Beispiel für eine solche stufenweise Erweiterung an der Costa del Sol: Hotel Costa del Sol an Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo de Málaga: Aguas residuales, 15.3.1965, AGA, (3) 49.22 48959 Top. 72/ 40.405-40.504, Carpeta 1, Exp. 15. 215 So wurde beispielsweise in Capdepera an der Ostküste Mallorcas 1970 ein untermeerisches Ableitungsrohr errichtet. Geplant war dann für die Zukunft der Bau einer Kläranlage. Ayuntamiento de Capdepera: Datos facilitados en relación con infraestructura, Oktober 1971, AGA, (4) 73.01 1878 Top. 46/ 64.106-64.305. 216 Ministerio de Información y Turismo, Subsecretaría de Turismo, Oficina Técnica: Informe sobre Saneamiento de Aguas Residuales en la Costa Azul, 31.1.1964, AGA, (3) 49.06 28001 Top. 22/ 19-21. 217 SWF: ARD-Ratgeber: Gesundheit, 16.06.1974, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: 04 25399/ 2 Bad.-Bad. <?page no="132"?> 131 3.3 Touristische Infrastrukturen Kommunen und insbesondere die privaten Urbanisationen auf die Lösung der Evakuation der Abwässer durch die untermeerischen Leitungen, wobei zunehmend aus Angst vor Infektionskrankheiten das Abwasser mit Chlor versetzt wurde. 218 Neue Argumente und neue Wege Zu Beginn der 1970er-Jahre kam neue Bewegung in die Frage der Lösung der Abwasserproblematik. Dies zeigte sich auf zwei miteinander zusammenhängenden Feldern. Erstens wurde nun der Bau von Kläranlagen mit neuen Argumenten und finanziellen Anstrengungen vorangetrieben und zweitens bildeten sich an der Costa Brava neue Regionalisierungsbestrebungen heraus, deren Ziel es war, eine ausreichende Abwasserinfrastruktur an der gesamten Costa Brava zu errichten und damit über den Planungshorizont der einzelnen Kommunen hinauszugehen. 219 Bereits 1972 hatte das Tourismusministerium neue Vorgaben für den Anschluss von Hotels und Tourismusanlagen an das Infrastrukturnetz erlassen, die garantieren sollten, dass bei Neubauten von Hotels und Apartments seitens der Bauträger und der Kommunen darauf geachtet wurde, keine neuen Probleme durch Infrastrukturdefizite entstehen zu lassen. 220 In der Folge schaffte es das Dekret aber nicht, solche Situationen zu verhindern. Denn zu groß war der Nachholbedarf. Zudem wurden die meisten neu beantragten Projekte fast ausnahmslos genehmigt, indem lediglich ein dem Bauantrag beigelegtes Formular abgezeichnet wurde. 221 Eine tatsächliche Kontrolle, ob die Mindeststandards hinsichtlich des Anschlusses an ein Infrastrukturnetz eingehalten wurden, fanden nur punktuell statt, 222 obwohl die Provinzverwaltungen die Kommunen anwiesen, nach Fertigstellung des Bauprojekts eine abschließende Inspektion vorzunehmen. 223 Tatsächlich konnten aber viele Kommunen nicht schnell genug ein Infrastrukturnetz be- 218 Urbanización ‚El Cortijo Blanco‘ de Marbella: Proyecto de Tratamiento y Evacuación de Aguas Residuales al Mar en la Urbanización ‚El Cortijo Blanco‘ de Marbella, April 1972, AHPM, Información y Turismo 319. Enrique de Turco Prais, S.A.: Proyecto de saneamiento de la Urbanización ‚Cala Salions‘, Palamós, 1967, AHG, (3) Informació i Turisme 170. 219 Koordinierte Regionalisierungsbestrebungen zugunsten des Infrastrukturausbaus lassen sich nur an der Costa Brava beobachten. An der Costa del Sol und auf Mallorca verblieb der Infrastrukturausbau in erster Linie eine kommunale Aufgabe. 220 Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Empresas y Actividades Turísticas: Texto del Decreto Aprobado en el Consejo de Ministros del Día 19 de Noviembre de 1970 sobre Requisitos Mínimos de Infraestructura en los Alojamientos Turísticos, 19.11.1970, AGA, (3) 49.22 59882 Top. 2/ 18.601-18.602. 221 An der Costa del Sol wurden 95% der in den folgenden zwei Jahren eingereichten Bauvorhaben ohne Beanstandungen genehmigt. vgl. den Bestand Requisitos mínimos de infraestructura in AHPM, Información y Turismo 400. 222 Comandancia Militar de Marina de Mallorca, Zona Marítimo-terrestre an Gobernador Civil de Baleares: Requisitos mínimos de Infraestructura Hotel Lux, Cala Ratjada, 13.6.1973, ARM, GC 1944. 223 Gobierno Civil de Baleares: Nota sobre el decreto 3787/ 70 de 19 de diciembre, sobre requisitos mínimos de infraestructura den los alojamientos turísticos, en cuanto se realciona con la actuación municipal, 1971, ARM, GC 1959. <?page no="133"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 132 reitstellen, an das die Neubauten angeschlossen werden konnten, so dass die Bauträger provisorische Lösungen fanden und darauf hinwiesen, dass ein Anschluss zum Zeitpunkt der Fertigstellung noch nicht möglich war. 224 Die bei Kommunen und Urbanisatoren beliebte, bequeme und relativ günstige Lösung zur Ableitung des Abwassers in das Meer über ein untermeerisches Rohr geriet Anfang der 1970er-Jahre in die Kritik. Federführend waren hier wissenschaftliche Experten, die ihren Blick über nationalstaatliche Grenzen hinaus warfen, um abschätzen zu können, welche zukünftigen Folgen die weitere ungeklärte Einleitung des Abwassers ins Meer haben würde. Dabei hatte ein entscheidendes Argument einen prägenden Neuigkeitscharakter. So führte Miguel Durán Ordiñana, der Direktor des ozeanographischen Labors der Balearen 1971 auf einem Vortrag aus, dass zwar durch die untermeerische Einleitung des Abwassers Gesundheitsgefahren für den Menschen in Form von Infektionskrankheiten, wie die Erfahrung gezeigt habe, kaum bestünden. Doch tatsächlich produziere diese Form der Abwasserentsorgung eine Bedrohung für etwas, das bei der bisherigen Diskussion absolut keine Rolle gespielt habe: das ökologische Gleichgewicht. Dieses werde durch die untermeerische Einleitung des Abwassers massiv gestört und führe neben den Auswirkungen auf die Fischerei auch zu Konsequenzen für die Nutzung des Meeres als Erholungsraum. 225 Um seinen Argumenten Gewicht zu verleihen zeichnete er ein Schreckensszenario an die Wand, indem er die katastrophale Situation der Abwasserentsorgung in Marseille und Triest anführte, die zu einer erheblichen Umweltschädigung geführt habe. Genau diese Situation stünde, so der Experte, auch Orten auf Mallorca wie Palma, Alcudia und Pollensa bevor, wenn nicht in naher Zukunft eine durchgehende Klärung des Abwassers auf der Insel zum Standard werden würde. 226 Was also nun zu Beginn der 1970er-zu einem wichtigen Bestandteil der Diskussion um die Abwasserinfrastrukturen wurde, war die Umweltfrage. Während bisher im Vordergrund stand, wie es vermieden werden konnte, dass der Tourismus sich seine eigenen Grundlagen entzog und damit wirtschaftliches Potential verloren ging, rückte nun auch der Eigenwert der Natur ins Zentrum der Debatte. Als Begründung für die durchgehende Einführung von Kläranlagen diente nicht mehr nur der Tourismus selber, sondern auch eine intakte Umwelt. Doch waren beide Argumente flexibel genug, um sie in der Debatte miteinander zu verbinden. So begründete Ordiñana seine Forderung nach der ausnahmslosen Klärung des Abwassers auch damit, dass eine hohe Wasserqualität ein Zeichen eines intakten ökologischen Gleichgewichts war, das sich 224 Inspectores Mena de Lara y Muriel Recio: Informe sobre infraestructura turística en los municipios de Son Servera, San Lorenzo de Cardessar, Manacor, Arta, Capdepera, Oktober 1971, AGA, (4) 73.01 1878 Top. 46/ 64.106-64.305. 225 Miguel Durán Ordiñana: Director del Laboratorio Oceonográfico de Baleares: Ponencia: Protección contra la contaminación del ambiente. Ponencias de la Comisión del Consejo Económico-Social sindical de Baleares (Consell Econòmic I Social de les Isles Baleares), 1971. AGCM, XI-832, S.-7. Zur internationalen Vernetzung der spanischen Abwasser-Experten vgl. Josa y Castells, Criteria for marine waste disposal. 226 Ebd., S.-13. <?page no="134"?> 133 3.3 Touristische Infrastrukturen wiederum positiv auf den Tourismus auswirken könne. So müsse endlich anerkannt werden, dass „auch attraktive Strände, sauberes und kristallklares Wasser einen in den Saldo des Bankkontos übersetzbaren Wert haben.“ 227 Eine intakte Umwelt wurde somit zu einer Ressource für die künftige Tourismusentwicklung. Der Abwasserinfrastruktur kam bei der Sicherung und dem Erhalt dieser Ressource eine entscheidende Bedeutung zu. Dieser kleine Einblick in die zu Beginn der siebziger Jahre neu einsetzenden Diskussionsmuster über Abwasserinfrastruktur verweist auf die größere Bedeutung, die Umweltfragen nun zukam und die Rolle, die Infrastrukturen dabei generell spielten. In diesem Kontext legte das Tourismusministerium 1972 ein großangelegtes Investitionsprogramm auf, das die flächendeckende Errichtung von Kläranlagen in allen Tourismusorten vorsah. 228 An der Costa Brava lassen sich seit ca. 1970 neue Anstrengungen zur Lösung des Abwasserproblems beobachten, die dafür eine umfassende Regionalisierung des Infrastrukturausbaus vorsahen. Auch hier wurden die beiden Argumente des Umweltschutzes und der Sicherung der Zukunft des Tourismus miteinander verknüpft. So hieß es in einem Gutachten zur Lösung des Abwasserproblems an der Costa Brava aus dem Jahr 1970, das sich explizit auf die Resolution der vom Europarat im Jahr 1970 organisierten Konferenz zum Umweltschutz bezog: Für uns erscheint die Abwasserkanalisation an der Costa Brava eine absolut notwendige Maßnahme, wenn wir die Umwelt dieser privilegierten Region schützen und die außerordentlichen geografischen und soziologischen Bedingungen bewahren wollen, die diese in einen touristischen Anziehungspunkt ersten Ranges im Land verwandeln. […] Die Probleme der Abwasserkanalisation beseitigen, bedeutet möglicherweise, einen essentiellen Beitrag für die Veredelung eines Reichtums ersten Ranges für die Entwicklung der Provinz und des ganzen Landes zu leisten. 229 Das Gutachten stellte es als zentral heraus, dass für eine solche Lösung des Abwasser- und damit des Umweltproblems die bisherigen Kompetenzbereiche der Kommunen aufgebrochen werden und die Reorganisation sowie der Neubau der Infrastruktur auf der regionalen Ebene konzipiert und durchgeführt werden müssten. Laut dem Gut- 227 Ebd., S.-14. 228 Ministerio de Obras Públicas: Plan de Infraestructura de Baleares, 1972, AGA, (3) 49.22 59218 Top. 73/ 38. Ministerio de Obras Públicas, Dirección General de Obras Hidráulicas, Confederación Hidrográfica del Pirineo Oriental an Consorcio de la Costa Brava: Plan de Infraestructura Sanitaria de la Costa Brava, 30.6.1971, AHG, (3) Govern Civil 1618, Exp. Consorcio Costa Brava. Eine eingehendere Untersuchung dieses Programms, seinen genauen Ursachen und den Konsequenzen findet sich in Kapitel 4.2.2. 229 Sociedad de Abastecimientos Urbanos y Rurales: El Saneamiento en la Costa Brava. Una aproximación al problema, März 1970, AHG, (3) Govern Civil 1622, S.-2 f. <?page no="135"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 134 achten war der Ausbau der Abwasserinfrastruktur ein wichtiges Strukturelement, um auch weiterhin ausländische Touristen anziehen zu können. 230 Anstatt also die Infrastrukturprobleme auf der Ebene einzelner privater Urbanisationen oder der einzelnen Gemeinden lösen zu wollen, sei eine gemeinsame Anstrengung in Form eines Großprojektes auf regionaler Ebene notwendig. Diese Feststellung mündete in dem Vorschlag, den weiteren Ausbau der Infrastruktur an der Costa Brava durch eine Privatisierung zu lösen und so rentabel zu gestalten. 231 Tatsächlich entschieden sich die Kommunen an der Costa Brava und der Zivilgouverneur, denen dieser Vorschlag unterbreitet wurde allerdings nicht für eine völlige Privatisierung des Infrastrukturausbaus, wie es das Gutachten vorsah, sondern gründeten 1971 das sogenannte Consorcio de la Costa Brava, das als Zweckverband der Kommunen an der Costa Brava eine gemeinsame Finanzgrundlage für die weitere touristische Erschließung und Konsolidierung der Küste anstrebte. Die Gründung des Consorcio war in einen größeren Kontext von Regionalisierungsbestrebungen eingebunden, die 1970 zur Gründung der Comunidad Turística der Costa Brava geführt hatten. Das Consorcio sollte dabei dafür sorgen, den Ausbau der Infrastruktur an der Costa Brava zu koordinieren, die Finanzierung zu überwachen und den Bau abzuwickeln. Um die notwendigen Bauarbeiten durchzuführen und den Betrieb der Anlagen zu garantieren, vergab das Consorcio eine Konzession an ein Privatunternehmen, das die entsprechenden Dienstleistungen an der gesamten Costa Brava erbringen sollte. 232 Begründet wurde die Gründung des Consorcio folgendermaßen: 1. Die Costa Brava hat keine Zeit mehr zu warten. Wir müssen die Gründung einer neuen Institution in Angriff nehmen, die wegführt von den Defiziten, welche die Costa Brava im Augenblick hat. 2. Finanzierung. Wenn wir keine Institution gründen, die bei ihrer Gründung eine Verbesserung der finanziellen Ausstattung mit sich bringt und zwar auf einer rechtlichen Grundlage, um die bereits bestehenden Finanzmittel zu vergrößern und vor allem alle Kreditlinien auszuweiten, [kann die Finanzierung nicht gesichert werden]. 3. Die technische Frage. Diese muss auf der Höhe der Zeit der 70er Jahre sein. […] Die Costa Brava darf keine Lösungen implementieren, die in Europa vollkommen verworfen wurden. 233 Das Consorcio legte daraufhin einen Plan Especial de Infraestructura auf, der sich aus staatlichen Zuschüssen, Mitteln der Kommunen und Krediten zusammensetzte. Da- 230 Sociedad de Abastecimientos Urbanos y Rurales: El Saneamiento en la Costa Brava. Una aproximación al problema, März 1970, AHG, (3) Govern Civil 1622, S.-3. Vgl. auch: Agua Plan. Oficina Técnica de Ingeniería y Proyectos: Saneamiento Costa Brava, März 1970, AHG, (3) Govern Civil 1622. 231 Ebd. 232 Pliego de bases económico-administrativas que regiran la concesión de la explotación de las instalaciones de abastecimiento de agua potable y saneamiento de las residuales del Consorcio de la Costa Brava, 1970, AHG, (3) Govern Civil 1618. 233 Resumen de la Reunión con los miembros de la Comunidad Turística, 12.11.1970, AHG (3), Govern Civil 1618, S.-2. <?page no="136"?> 135 3.3 Touristische Infrastrukturen mit sollten in den folgenden Jahren in allen Orten an der Costa Brava eine funktionierende Kanalisation sowie Kläranlagen gebaut werden. 234 War so der weitere Ausbau der Infrastruktur auf eine regionale Grundlage gestellt worden, konnte dieser koordinierter und finanziell besser ausgestattet angegangen werden. 3.3.4 Zwischenfazit Auslöser für den massiven Infrastrukturausbau in den untersuchten Jahren Anfang der sechziger Jahre und deren weitere Modernisierung in den Folgejahren war der Tourismus. Der ausländische Massentourismus war für regionale Eliten immer wieder die Begründung für weitere Investitionen in den Infrastrukturausbau und zugleich Argument, um die Insuffizienz und ‚Rückständigkeit‘ der bestehenden Infrastrukturen zu kritisieren. Dagegen könnte man einwenden, dass es möglicherweise eher die nationale Planungs- und Entwicklungspolitik des spanischen Regimes war, die mithilfe ihrer Entwicklungspläne für einen Ausbau der Infrastruktur in allen Teilen des spanischen Staatsgebietes sorgte. Damit wäre der Infrastrukturausbau in den untersuchten Regionen dann nicht in erster Linie auf den Tourismus hin projektiert gewesen, sondern Teil einer staatlichen Modernisierungspolitik, die auch ländliche Regionen umfasste. Anhand dem bisher Dargelegten lässt sich jedoch zeigen, dass dem Ausbau der Infrastrukturen in den untersuchten Regionen eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde und tatsächlich der internationale Tourismus letztlich das Motiv für einen schnellen und umfassenden Infrastrukturbau gewesen ist. So zeigen die Beispiele eindrücklich, dass die untersuchten Regionen immer wieder spezielle Förderprogramme und Kreditlinien zugesprochen bekamen, die sich explizit auf die Schaffung einer ‚tourismusfreundlichen‘ Umgebung beriefen oder ein negatives Auslandsbild Spaniens verhindern sollten. Die Reaktionen auf die Beschwerden von Touristen, die 1964 vermehrt auftraten und dabei nicht eine schlechte Ausstattung der Hotels oder unfreundliche Servicekräfte bemängelten, sondern die mangelnde Abwasserinfrastruktur in den Touristengebieten, zeigen dies recht eindrücklich. Zu nennen ist zudem der Bau des Flughafens in Gerona, der rein aus touristischem Interesse heraus gebaut wurde und dabei eine gezielte Antwort auf die Konkurrenzsituation mit der französischen Mittelmeerküste sein sollte. Auch die Erneuerung der Wasserversorgung in den touristischen Orten und insbesondere die Anbindung von Hotels, aber auch den Häusern von Einheimischen an ein Wasserleitungsnetz ist in erster Linie auf die Wirkung des Tourismus bzw. als Einstellung auf die Bedürfnisse der Touristen zu werten. Unterfüttern lässt sich diese Argumentation mit einigen Zahlen über die kommunalen Haushalte des Jahres 1975 an der Costa Brava. Leider gibt es keine 234 Consorcio de la Costa Brava, Gerencia: Informe sobre obras de infraestructura de abastecimiento de agua y saneamiento en el sector de la Costa Brava comprendido entre Pals y Playa de Aro, 30.10.1970, AHG, (3) Govern Civil 1618, Exp. Consorcio de la Costa Brava 3.12.71. Comisión Provincial de Servicios Técnicos, Gerona: Plan Especial de Infraestructura Sanitaria, 13.4.1971, AHG, (3) Govern Civil 1618, S.-1. <?page no="137"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 136 vergleichbaren statistischen Daten über die beiden anderen untersuchten Regionen. Angesichts der strukturellen Ähnlichkeit und der staatlichen Zuteilungspolitik von Geldmitteln an die Kommunen nach dem Maßstab ihrer Einwohnerzahl, lässt sich die Situation an der Costa Brava aber zumindest ansatzweise auf die beiden anderen Regionen übertragen. Die touristischen Orte innerhalb der Provinz Gerona wiesen deutlich höhere Haushaltsbudgets pro Kopf auf als die nicht-touristischen Orte im Hinterland. So verfügten die Gemeinden an der Costa Brava über durchschnittlich 5850 Peseten pro Einwohner, während die übrigen Kommunen nur 2710 Peseten pro Einwohner aufwenden konnten. Zugleich zeigt sich, dass dieses Plus an Geld noch 1975 verstärkt in den Infrastrukturausbau floss. Während verglichen mit dem restlichen Katalonien nur 30% statt 38,1% der Haushaltsmittel für die Anstellung von Personal aufgewendet wurde, flossen an der Costa Brava 40,5% statt 33% in die Finanzierung anderweitiger Ausgaben, die vornehmlich infrastrukturellen Charakter hatten. 235 Die Kommunen an der Costa Brava waren also im Vergleich zu den im Hinterland liegenden Gemeinden finanziell besser ausgestattet und investierten dieses Geld zugleich stärker in infrastrukturelle Projekte als andere Orte. Ihre Ursache hatten diese exzeptionellen Anstrengungen im Bereich des Infrastrukturausbaus in der Förderung des Tourismus. Erklären lässt sich dies in erster Linie mit der Funktion, die dem Tourismus im Rahmen von Modernisierungs- und Entwicklungsvorstellungen regionaler Eliten zukam. In der Wahrnehmung der regionalen Eliten der Tourismusregionen war der Tourismus das Vehikel, mit dem die Modernisierung der ländlichen Peripherie, in der sie lebten, erreicht werden sollte. Dies sollte über die Einbindung in die transnationale Strömung des Tourismus gelingen. Mehr als deutlich zeigen dies die etlichen Initiativen, die vor allem von der Costa Brava und Mallorca ausgingen, um den Ausbau dieser Regionen als Destinationen des internationalen Massentourismus zu fördern. An erster Stelle dieser Initiativen standen etwa die Forderungen nach dem Bau des Flughafens ‚Gerona-Costa Brava‘ sowie die unablässigen Anfragen an die Organe des Zentralstaates, mehr Geld in den Infrastrukturausbau in den betreffenden Regionen zu investieren. Die Einbindung in den transnationalen ‚flow‘ des Tourismus sollte aus der Perspektive der Regionen in erster Linie über die Schaffung einer für nordwesteuropäische Touristen als angemessen geltende Infrastruktur ermöglicht werden. Der Infrastrukturausbau diente in dieser Sicht der Einstellung der räumlichen Struktur in den betreffenden Regionen auf die Ansprüche 235 Ramon Romaguera/ Ferran Sicart: La hisenda municipal catalana. El cas de la Costa Brava, in: Banca Catalana. Publicación de Información-Económica 44 (1977), Marzo, S.-1-19, hier S.-10. Dies spiegelt auch die Gestaltung der Haushalte wider. Allein zwischen 1974 und 1976 wurden an der Costa Brava insgesamt 1 014 252 000 Peseten durch die Kommunen ausgegeben. Davon waren allein ca. 263 Mio. Pesten in urbanistischen Sonderhaushalten veranschlagt. Dazu kamen ca. 372 Mio., die im Rahmen außergewöhnlicher Haushalte veranschlagt und ausgegeben wurden. Nur etwas mehr als ein Drittel, ca. 378 Mio. waren reguläre kommunale Ausgaben. Die speziellen Urbanismus- und die außergewöhnlichen Haushalte dienten in erster Linie der Finanzierung städtischen Infrastrukturbaus. Ebd. S.-14. <?page no="138"?> 137 3.3 Touristische Infrastrukturen der Touristen. Damit waren regionale Zukunftsentwürfe zugleich in erster Linie abhängig vom Tourismus und dessen Beständigkeit. Die Aufnahme langfristiger Kredite mit einer nicht unerheblichen Verzinsung durch die Gemeinden zur Finanzierung der Infrastrukturen sowie der freiwilligen Ko-Finanzierung des Flughafens von Gerona durch private Hoteliers zeigen, welche Hoffnungen in den Tourismus gesetzt wurden. Infrastrukturen bekamen damit innerhalb der touristischen Regionen einen Symbolgehalt, der auf den Zusammenhang des Tourismus und seinen Infrastrukturen mit Fortschritt, Entwicklung und der Moderne verweist. 236 Zeitgemäße Infrastrukturen waren die Voraussetzung dafür, um zu einem touristischen Ort ersten Ranges zu werden und zugleich Sinnbild des eigenen wirtschaftlichen Fortkommens und des Ankommens in der Moderne, also der Überwindung der selbst wahrgenommenen Rückständigkeit gegenüber westlichen Industrieländern. In diesem Sinn wurden Infrastrukturen zu einem wichtigen Kapital in einem transnationalen Kontext. Indem sie ermöglichten, dass ausländische Kapitalinvestoren touristische Bauprojekte in eben diesen Regionen finanzierten und immer mehr Touristen dorthin kamen, die nicht nur den Hoteliers kräftige Einnahmenzuwächse bescherten, waren sie die Grundvoraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Infrastrukturen verliehen damit zugleich Macht in einem überregionalen und zugleich internationalen Wettbewerb um die größtmögliche Attraktivität als touristische Destination. Die Macht, die funktionierende Infrastrukturen den touristischen Regionen in einem transnationalen Wettbewerb verliehen, hatte demnach einen hauptsächlich ermöglichenden Charakter. 237 Ermöglichend genau deshalb, da sie in der Wahrnehmung der regionalen Eliten Voraussetzung für die Regionalentwicklung waren. Diese Ermöglichungsfunktion wurde Infrastrukturen in den untersuchten Regionen allerdings im Verlauf der 1960er-Jahre nur in Zusammenhang mit dem Tourismus zugeschrieben. So lassen sich etwa kaum Forderungen oder Initiativen finden, die auf den besonderen Ausbau von Bewässerungsinfrastrukturen, den Bau größerer Häfen zur weitergehenden Kommerzialisierung des Fischfangs oder die Ausweisung von Industriegebieten abzielten. Infrastrukturen wurden in den betreffenden Regionen mit Moderne, Entwicklung und Fortschritt konnotiert, da sie dem Tourismus dienten und diesen ermöglichen sollten, von dem man sich eben genau wirtschaftliches Fortkommen und Modernität versprach. Mit dieser ermöglichenden Funktion von Infrastrukturen ging zugleich auch eine einschränkende 238 Macht einher. Denn so drohten nicht existente oder dysfunktionale Infrastrukturen stets die regionale Entwicklung aufzuhalten, zu unterbrechen oder diese vollkommen zu erdrosseln. Ihre Dysfunktionalität bzw. ihre Insuffizienz schürte eine Angst vor dem Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs, den man der Anwesenheit der ausländischen Touristen. 236 Vgl. allgemein zum Symbolgehalt von Infrastrukturen: van Laak, Infrastrukturen und Macht, S.-108. 237 Vgl. zum Zusammenhang zwischen Macht und Infrastruktur und speziell zum Konzept von Macht als Ermöglichung: Engels/ Schenk: Infrastrukturen der Macht, S.- 43. Siehe auch: Engels/ Obertreis, Infrastrukturen in der Moderne, S.-6. 238 Vgl. Engels/ Schenk: Infrastrukturen der Macht, S.-40. <?page no="139"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 138 Dieser Prozess der Aufladung von Infrastrukturen mit Modernisierungs- und Entwicklungsvorstellungen, die über die Tourismusströme aus Frankreich, Großbritannien und anderen Ländern erreicht werden sollten, war zugleich in Legitimationsdiskurse des spanischen Regimes eingebettet. Der Ausbau basaler Infrastrukturen war ein wichtiges Ziel der franquistischen Regierung spätestens seit 1959 und noch verstärkt mit der Implementierung des ersten Entwicklungsplanes im Jahr 1964. Der Charakter des Regimes wandelte sich damit immer mehr zu einer Entwicklungsdiktatur, die ihre Legitimität zunehmend dadurch speiste, dass sie betonte, durch ihr Wirken die Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand zu schaffen. 239 In diesem Kalkül spielte auch der Tourismus eine wesentliche Rolle. Dies betonte insbesondere Justin Crumbaugh mit seinem Buch „Destination dictatorship. The spectacle of Spain's tourist boom and the reinvention of difference.“ 240 Crumbaugh belegt anhand einschlägigen, vom Regime geförderten Spielfilmproduktionen, die sich mit dem Tourismus beschäftigten, die kalkulierte zunehmende Permissivität des Franquismus in Bezug auf moralische Werthaltungen und gesellschaftliche Konventionen. Nach Crumbaugh sei dies allerdings nicht auf die zunehmenden Öffnung des Regimes für exogene Einflüsse und die damit einhergehende Erosion eben dieser Werte und Konventionen durch den Tourismus selbst zurückzuführen, sondern auf eine gezielte Veränderung der Art und Weise, wie das Regime Macht ausübte. 241 Mit Bezug auf Michel Foucaults Theorie der Gouvernementalität argumentiert Crumbaugh, dass der Tourismus es dem Regime ermöglicht habe, subtilere Formen der Machtausübung zu finden, damit die De-Faschistisierung der Gesellschaft einzuleiten und zugleich eine umfassende Demokratisierung zu verhindern, indem der Tourismus weiterhin immense staatliche Interventionen rechtfertigte. Der Tourismus wurde damit zu einem Dispositiv, das dem Regime seinen Machterhalt sicherte. 242 Crumbaughs Argumentation ist insofern lückenhaft, als sie die tatsächlichen in den touristischen Regionen ablaufenden Prozesse des staatlichen Legitimitäts- und Machstrebens versucht, in erster Linie über kulturelle Repräsentationen in Spielfilmen zu analysieren. Die hier vorstehenden Passagen zeigen indes, dass es vor allem der Infrastrukturausbau in den touristischen Gegenden war, mit dem das Regime versuchte, bei der dort lebende Bevölkerung um Legitimität und Machtprestige zu werben. 243 Indem der Zentralstaat massiv den Infrastrukturausbau zugunsten des Tourismus in diesen Regionen förderte, intendierte das Regime, nicht nur durch den Tourismus für die Volkswirtschaft wichtige Devisen 244 zu erhalten, sondern auch regionale Entwick- 239 Vgl. Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-235. 240 Crumbaugh, Destination dictatorship. 241 Ebd., S.-16 f. 242 Crumbaugh, Destination dictatorship, S.-6 f. und 17. 243 Vgl. allgemein dazu: van Laak, Infrastrukturen und Macht, S.-108. Siehe auch: van Laak, Infra-Strukturgeschichte, S.-377 f. 244 Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo, S.- 430 f. und Pack, Tourism and Dictatorship, S.- 42, 82, 85 und 107. <?page no="140"?> 139 3.3 Touristische Infrastrukturen lungsprozesse durch den Tourismus als Wachstumsimpuls anzustoßen. Dafür wiederum war die nötige Infrastruktur eine wesentliche Voraussetzung. Daraus erklären sich auch die Bestrebungen in der regimetreuen Presse, die Infrastrukturbauten, wie das hier am Beispiel des Flughafens Gerona-Costa Brava gezeigt wurde, als Symbol von Fortschritt und Entwicklung zu inszenieren. Die Betonung, dass es nur innerhalb des franquistischen Regimes möglich gewesen sei, solche Bauwerke zu errichten und damit zu einem solchen Wohlstandsniveau zu gelangen, diente dazu, der regionalen Bevölkerung vorzuführen, dass es das Franco-Regime sei, das durch den Infrastrukturausbau den zunehmenden Wohlstand ermöglichte. Indem das Regime massiv in die touristischen Infrastrukturen an der Costa Brava, auf Mallorca und an der Costa del Sol investierte, bediente es den Konsens, der sich gegen Ende der 1950er-Jahre in diesen Regionen herausgebildete hatte, wonach der internationale Tourismus die Hoffnung auf Fortschritt, Entwicklung und Modernität verkörperte. So waren es nicht unbedingt riesige Infrastrukturprojekte, die als dauerhafte Materialisierung staatlicher Macht gigantische Machtdemonstrationen darstellten. 245 In diesem Fall waren Infrastrukturen subtilere Formen einer fast unmerklichen Herrschaftsinszenierung. 246 Indem Infrastrukturen als Grundlagen für die Befriedigung von Konsumbedürfnissen und dem Vermitteln eines Gefühls von Modernität wirkten, taten sie dies nicht nur durch ihre Visibilität, 247 sondern auch durch ihre Unsichtbarkeit. 248 Zugleich zeigen die unablässigen Klagen und Beschwerde über die Insuffizienz von Infrastrukturen sowohl von Einheimische und Touristen, dass diese Machtpolitik nie ihre volle Wirkung entfalten konnte und damit stets prekär war. Damit spielte der Tourismus nicht nur auf der Ebene des Nationalstaats und medialen Repräsentation staatlicher Politik eine wichtige Rolle. 249 Vielmehr wurde er zu einem zentralen politischen Mittel innerhalb der Regionen. Während in nationalen Medien die Einweihung eines als besonders modern bezeichneten neuen staatlichen Hotels, den sogenannten Paradores durch Tourismusminister Fraga oder die Aufnahmen eines als modern beschriebenen neuen Touristenkomplexes 250 die Legitimität des Regimes über den Weg medialer Öffentlichkeit erhöhen sollte, sollte der Bau touristischer Infrastrukturen diese Funktion direkt in den betreffenden Regionen übernehmen. Durch die unmittelbare Erfahrung der Wirksamkeit staatlicher Infrastrukturprojekte, die dem Tourismus und zugleich den Einheimischen zugutekamen, sollte die Loyalität zu Francos Regime erhöht werden. Dabei machte sich das Regime innerhalb der Regionen einen bestehenden Regionalpatriotismus und den Stolz auf die erreichte regionale Entwicklung zunutze. 245 Vgl. Engels/ Schenk: Infrastrukturen der Macht, S.-51 246 Vgl. Engels, Machtfragen, S.-68. 247 Vgl. Engels/ Schenk: Infrastrukturen der Macht, S.-51 248 Vgl. v. Laak: Infra-Strukturgeschichte, S.-367. 249 So argumentieren Pack und Crumbaugh ausschlich auf der nationalen Ebene. 250 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-141. <?page no="141"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 140 Infrastrukturen hatten folglich in den touristischen Regionen eine Doppelfunktion. Einerseits dienten sie der Sicherstellung, Aufrechterhaltung und Intensivierung der durch den Tourismus hervorgerufenen Verflechtung mit den Herkunftsländern der Touristen. Andererseits kam ihnen eine Legitimationsfunktion für das Regime zu. Indem das Regime den Infrastrukturausbau subventionierte, konnte es sich als Instanz darstellen, die die nötigen Grundvoraussetzungen für eine regionale Entwicklung, die entscheidend auf dem Tourismus basierte, legte. Zudem trug die gebaute Infrastruktur auch dazu bei, bei den Einheimischen ein Gefühl von Modernität zu wecken, da auch sie die neugebauten Infrastrukturen nutzen konnten bzw. sie von diesen profitieren konnten. 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure Die Konzeption der kommunalen Bebauungspläne, aber auch der regionalen Entwicklungs- und Raumordnungspläne war, wie die vorigen Unterkapitel gezeigt haben, darauf ausgerichtet, die Zahl der Touristenankünfte in den untersuchten Regionen zu vergrößern. Während der dafür notwendige Infrastrukturausbau aus Mitteln der Kommunen und des Zentralstaates finanziert wurde, kalkulierten sowohl das Regime in Madrid als auch dessen Vertreter in den Kommunen damit, dass der für ein Ansteigen der Touristenzahlen notwendige Ausbau der Beherbergungsindustrie auch direkt und indirekt von ausländischen Geldgebern mitfinanziert wurde. Zudem sahen Hoteliers und Tourismuspolitiker die ausländischen Reiseunternehmen als Vermittler, die einen Großteil der Werbung für die Destinationen und vor allem die Organisation der Anreise der Kundschaft übernahmen. Dass diese Strategie aufging und sich damit vor allem deutsche und britische Reiseunternehmen am Ausbau des Tourismus in Spanien beteiligten, ist Thema dieses Unterkapitels. Dazu wird in einem ersten Schritt die Wechselwirkung zwischen der Destination Spanien und der Etablierung der Flugpauschalreise analysiert, die es überhaupt ermöglichte, dass der Massentourismus in Spanien einen solchen quantitativ beeindruckenden Verlauf nehmen konnte. In einem zweiten Schritt wird dann herausgearbeitet, in welcher Weise Reiseunternehmen sich finanziell, aber auch auf anderen Wegen der Einflussnahme am Ausbau des Massentourismus in Spanien beteiligten. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Handlungsspielräume der Reiseunternehmen, aber auch der spanischen Hoteliers unter den Bedingungen internationaler Konkurrenz gerichtet. 3.4.1 Das Reiseziel Spanien und die Etablierung der Flugpauschalreise Die Pauschalreise als solche war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nichts Neues. Auch war es nicht erst Thomas Cook, der diese Form eines touristischen Produkts im 19. Jahrhundert auf den Markt brachte. 251 So existierten bereits vor Cooks ers- 251 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-67. <?page no="142"?> 141 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure ten organisierten Reisen, für die er einen Pauschalpreis verlangte, ähnliche Modelle, die sich aber anstatt der Eisenbahn als Transportmittel dem Dampfboot bedienten. 252 Zweifelsohne war es aber Cook, der der Pauschalreise zur Popularität verhalf und sie fest etablierte. Auch in der Zwischenkriegszeit erfreuten sich Pauschalreiseangebote regem Zuspruch von einem immer größere soziale Kreise umfassenden Publikum. Nicht zuletzt lockten im nationalsozialistischen Deutschland die Urlaubsangebote der Unterorganisation der Deutschen Arbeits Front (DAF), der Kraft durch Freude (KdF) immer mehr Menschen mit der Aussicht auf einigen günstigen Urlaub. 253 Dass die Existenz der Pauschalreise dabei nicht an die Herausbildung des Massentourismus gebunden war, ist jedoch ebenso von der Forschung betont worden. Denn legt man als Kriterium für den Massentourismus die Reiseintensität innerhalb einer Gesellschaft an, die bei mindestens 50% der Bevölkerung liegen muss, 254 dann lässt sich in Bezug auf Deutschland von einem Durchbruch des Massentourismus erst nach dem Zweiten Weltkrieg sprechen; genauer gesagt trifft dies dann für die Bundesrepublik erst 1972 zu. 255 Setzt man einen etwas niedrigeren Schwellenwert für den Durchbruch des Massentourismus von 40% der Bevölkerung, die mindestens einmal im Jahr eine Urlaubsreise unternehmen, dann wäre der Beginn des Massentourismus in der Bundesrepublik ungefähr auf das Jahr 1964 zu datieren 256 , während der gleiche Wert in Großbritannien bereits 1938 erreicht worden war. 257 Zugleich begann ab 1970 in der Bundesrepublik der Anteil an Individualreisen in Bezug auf das gesamte Reiseaufkommen zu sinken 258 , während der Anteil von Veranstalterreisen bereits seit 1958 anstieg und 1970 einen Anteil von 17% erreichte, was 3 230 000 verkauften Pauschalreisen entsprach. 259 Diese Beobachtungen legen nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Durchbruch des Massentourismus in der Bundesrepublik und dem Zunahme von Pauschalangeboten auf dem Tourismusmarkt gab, auch wenn, wie bereits betont, die bloße Existenz an Pauschalreiseangeboten keinesfalls hinreichend für die Etablierung des Massentourismus war. So hält etwa Christopher Kopper fest, dass insbesondere „[…] der Pauschaltourismus eine nicht unerhebliche Rolle bei der Verbreitung der Urlaubsreise in den Mittelschichten […] spielte“. 260 Durch die Senkung von Transaktionskosten und dem Vermitteln eines Gefühls von Sicherheit schafften es die Reiseunternehmen, vor allem Auslandsreisen unter der deutschen Bevölkerung populär zu 252 Walton, Tourism and maritime history, S.-113. 253 Zur KdF vgl. Spode, Some Quantitative Aspects. Ders./ Steinecke, Die NS-Gemeinschaft. Baranowski, Strength through Joy. 254 Spode, Luftpolitik, S.-491. 255 Steinecke, Tourismus, S.-32, Abb. 2.1/ 1. 256 Ebd. 257 Kopper, Die Reise als Ware, S.-62. 258 Steinecke, Tourismus, S.-40. 259 Kopper, Die Reise als Ware, S.-73. 260 Ebd., S.-82. <?page no="143"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 142 machen. 261 Insbesondere gelang es den Reiseunternehmen durch die Pauschalreise und ihr fordistisches Produktionsmodell, 262 auch weiter entfernt liegende Destinationen in den touristischen Markt einzubeziehen. Dabei war die Nutzung des Flugzeuges ein zentrales Charakteristikum, die sich bis in die heutige Zeit hinein als Symbol einer Veranstalterreise hält. Die Etablierung der Flugpauschalreise war im Vergleich zur Vorkriegszeit die eigentliche Innovation, die zum einen den Mobilitätsradius des westdeutschen Urlaubers erhöhte und zum anderen den Erfahrungshorizont beträchtlich erweiterte. Spanien spielte in diesem Prozess der Herausbildung der Flugpauschalreise als Massenprodukt in der Bundesrepublik und in Großbritannien die zentrale Rolle. Das Land fungierte als erste Destination, die in erster Linie über die Flugpauschalreise vermarktet wurde. Es diente somit dazu, das Produkt Flugpauschalreise auf den nationalen Märkten in der Bundesrepublik und in Großbritannien einzuführen. Spanien war dafür besonders geeignet, da es aufgrund seiner Distanz zu West-Deutschland und Großbritannien für kürzere Aufenthalte, die die Einreise mit dem eigenen PKW, dem Reisebus oder der Eisenbahn einschloss, relativ unattraktiv war. 263 Zwar gab es durchaus Pauschalangebote von Reiseveranstaltern wie Scharnow und Dr. Tigges seit den 1950er-Jahren, die Touristen per Bus oder Schiene bzw. mit der Kombination aus beidem nach Spanien brachten, 264 doch blieben die Gästezahlen bei diesen Reisen wohl vergleichsweise gering. Für die Unternehmen erschien es deshalb ab Mitte der 1960er-Jahre zunehmend attraktiv, auf das Flugzeug als Transportmittel zurückzugreifen. Um dabei ein marktfähiges Massenprodukt, sprich einen für den Mittelstand erschwinglichen Preis, zu ermöglichen, war es nötig, im Zielland möglichst günstige Preise vorzufinden. Dieser Faktor konnte in Spanien erfüllt werden. Im Vergleich zur Deutschen Mark oder dem Britischen Pfund war die Spanische Pesete um ein Vielfaches weniger wert, zugleich lagen die Verbraucherpreise in Spanien deutlich unter dem Niveau der beiden anderen genannten Länder. Der Erfolg der Vermarktung Spaniens als Destination von Flugpauschalreisen spiegelte sich bald auch in Zahlen wider. So reisten in den 1970er- Jahren 70% aller deutschen Touristen, die in Spanien Urlaub machten, als Pauschaltouristen, während nur 30% aller Italientouristen pauschal reisten. 265 Dies führte dazu, dass Spanien seit dem Ende der 1960er-Jahre für die großen Reiseveranstalter die wichtigste ausländische Destination war. So war für die TUI Spanien quantitativ so bedeutend, dass 1971 28% aller Pauschalreisen, die sie verkaufte, als Ziel die spanischen Urlaubs- 261 Ebd., S.-3. 262 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-160. 263 In Frankreich war die Lage aufgrund der geographischen Nähe zu Spanien anders. Hier diente Spanien nicht als Land, über das Flugpauschalreisen populär wurden. 264 Scharnow-Reisen: Freizeitreisen-Liegewagenprogramm o.J. (50er), Historisches Archiv zum Tourismus (HAT), D * 06/ ca. 45-70 Scharnow 1, S.- 20. Scharnow-Reisen: Urlaubsfibel, Sommer 1958, 1957, HAT, D * 06/ ca. 45-70 Scharnow 1, S.-98. 265 Kopper, Die Reise als Ware, S.-75. <?page no="144"?> 143 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure regionen hatte. 266 1973 reisten allein insgesamt 103 500 Touristen mit Pauschalreiseangeboten des TUI-Teilhabers Touropa nach Spanien, während nach Italien weniger als die Hälfte mit Touropa reiste und auch nach Österreich lediglich 66 000 Touristen eine Pauschalreise über Touropa buchten. 267 Während der Sommersaison 1976 waren es schließlich 62,7% aller TUI-Flugreisenden, die nach Spanien flogen. Während der Wintersaison 1975/ 1976 stieg dieser Wert sogar noch auf 80% an. 268 Auch für den 1963 neu in das Tourismusgeschäft eingestiegenen Versandhändler Neckermann war Spanien die zentrale Destination beim Verkauf von Pauschalreiseangeboten. Von den insgesamt 568 000 Touristen, die 1971 bei Neckermann eine Reise buchten, 269 waren allein 63% Spanienreisende. 270 Dass Spanien eine solche Wichtigkeit für die deutschen Reiseunternehmen erlangen konnte und zugleich die Flugpauschalreise für die Deutschen aufs Engste mit dem Reiseziel Spanien verknüpft war, war neben den günstigen Preisen in Spanien auch auf die Nutzung von Charterflugreisen sowie die Kooperation der Reiseunternehmen mit spanischen Hoteliers zurückzuführen. Die Bedeutung der Charterflüge für den Tourismus in Spanien zeigt sich besonders deutlich am Beispiel Großbritanniens, wo sich der Anteil der Charterpassagiere am Gesamtaufkommen aller Spanienreisende innerhalb von zwei Jahren fast verdoppelte. Tab. 2: Anteil der Charterpassagiere am Gesamtaufkommen der Spanienreisenden 271 Jahr 1968 1969 1970 Einreisende aus Großbritannien gesamt (in Tausend) 2 285 2 565 2 618 davon Charterflugpassagiere 887 1 295 1 970 % 38,83 50,50 75,24 266 Errechnet nach den Zahlen eines Memorandums des spanischen Informations- und Tourismusministeriums anlässlich eines Treffens zwischen Vertretern der TUI und dem Ministerium im Jahr 1972. Ministerio de Información y Turismo: T.U.I. Touristik Union International, 14.2.1972, AGA, (3) 49.23 48690 Top. 72/ 74. 267 Touropa: 30 Jahre Touropa-Zahlen intern, 07.12.1978, TUI Zentralarchiv (TUI), Chronik Touropa, Tourismus 1948-1973, Verschiedenes. Die vorliegenden Ausführungen können sich leider nur auf Befunde stützen, die für die TUI bzw. ihre Teilhabergesellschaften zutrifft. TUI war das einzige Reiseunternehmen, das ausreichend Quellenmaterial in seinem Firmenarchiv bereitstellte und den Zugang dazu ermöglichte. Alle anderen angeschriebenen Reiseunternehmen wie Neckermann oder mittelständische Reiseunternehmen lehnten eine Recherche ab oder gaben an, keine entsprechenden Unterlagen zu besitzen. 268 Touristik Union International GmbH KG, TUI-Marketing: Planung und Analysen, Dezember 1977, TUI, Chronik TUI, Planung und Analysen 1968-1982. 269 Neckermann Reisen, eine Marke der Thomas Cook Touristik Gmbh: Chronik 50 Jahre Neckermann 2013, S.- 16 online unter: http: / / www.thomascook.info/ fileadmin/ media/ PDF/ Presse/ 50_Jahre_Neckermann/ Chronik_50Jahre_Neckermann_Reisen.pdf, (19.7.2015). 270 Ministerio de Información y Turismo: Visita de Neckermann, 14.2.1972, AGA, (3) 49.23 48690 Top. 72/ 74. 271 Zahlen nach: Estimación de la participación de „Tour Operators“ en las entradas en España de viajeros procedentes de los países que se indican, 1971, AGA, (4) 73.01 1854 Top. 46/ 64.106-64.305. <?page no="145"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 144 Diese Beobachtung könnte zur These verleiten, dass der Massentourismus erst durch die regelmäßige Nutzung des Flugzeugs hervorgebracht wurde, wie sie etwa Peter Lyth vertreten hat. 272 Tatsächlich führte die Nutzung des Flugzeugs dazu, dass der Entfernungsradius von Pauschalreisen vergrößert werden konnte, jedoch handelte es sich dabei um ein etwas komplexeres Wechselverhältnis zwischen Luftverkehr und Tourismus, als die These von Lyth suggeriert. Vielmehr generierte der Tourismus zunächst eine Nachfrage nach preisgünstigen Flugtickets, auf die die Deregulierung des Luftverkehrs folgte und Charterflüge erst rentabel waren, gerade weil Touristen sie nutzten. So hat Hasso Spode in einem Aufsatz gezeigt, dass der Massentourismus der Nachkriegszeit eben nicht vom Flugverkehr hervorgebracht wurde, sondern die Deregulierung und somit das Anwachsen der Fluggäste eine Folge des massenhaften Reisens waren. Es war also nicht die Nutzung des Luftverkehrs, der einem qualitativen Sprung in der Entwicklung des Massentourismus entsprach, sondern vielmehr war der Tourismus eine Triebkraft, der die Deregulierung des Luftverkehrs und damit die Verbilligung von Flugtickets erst provozierte und damit wiederum selber davon profitierte. 273 Während sich dieser Deregulierungsprozess, der durch die touristische Nachfrage produziert wurde, relativ rasch am Ende der sechziger Jahre in der BRD durchsetzte 274 und zudem von einem niedrigeren Regulierungsniveau als in anderen Ländern ausging, 275 lässt sich am Beispiel der Deregulierung des Luftverkehrs in Großbritannien detailliert nachzeichnen, welche Rolle der Tourismus bei eben diesem Prozess spielte und welche Strategien die britischen Reise- und Charterunternehmen dabei verfolgten. Wie in Deutschland, wo, wie soeben dargelegt wurde, Spanien als wichtigstes Reiseziel von Flugpauschalreisende dabei eine entscheidende Rolle spielte, 276 war es auch in Großbritannien das Urlaubsziel Spanien, das Reiseveranstaltern und Charterfirmen das entscheidende Argument lieferte, die Deregulierung und damit Verbilligung des Luftverkehrs zu fördern. So setzten sich Charterflugunternehmen und die mit ihnen kooperierenden Reiseveranstalter ab 1967 dafür ein, die in Großbritannien bestehenden Mindestpreise für Charterflugreisen und damit implizit für Flugpauschalreisen abzuschaffen. Die Mindestpreise waren Teil der britischen Luftpolitik, die das Ziel verfolgte, die Konkurrenz für den Linienverkehr durch Charterflugreisen zu begrenzen. Mit dem Argument, dass 272 Lyth, Gimme a ticket, S.-112. 273 Spode, Luftpolitik, S.-510. 274 Ebd., S.-507. 275 So das Ergebnis eines Vergleichs der deutschen und britischen Regulierungsbestimmungen im Luftverkehr durch das britische Board of Trade. Board of Trade, Civil Aviation: The Regulation of Group Travel Prices, 27.9.1968, The National Archives (TNA), AVIA 106/ 5, folio 74, S.-1. 276 Ergänzend zu den prozentualen Anteilen Spaniens als quantitativ wichtigste Destination auf dem deutschen Markt für Pauschalreisen illustrieren dies auch die absoluten Zahlen der gebuchten Charterflugreisen nach Spanien. So vergrößerte sich die Zahl deutscher Flugreisenden nach Spanien im Zeitraum zwischen 1962 und 1969 von 78 000 auf 1,25 Millionen. Spode, Luftpolitik, S.-507. Damit kamen 1969 69% der deutschen Touristen über den Luftweg nach Spanien. Zahl der deutschen Touristen nach: Ministerio de Información y Turismo, Secretaría General Técnica: Estadísticas de turismo 1969, Madrid 1970, S.-16. <?page no="146"?> 145 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure Linienflüge gewissermaßen Teil der öffentlichen Daseinsfürsorge seien und damit internationale Flugverbindungen auch über den Winter aufrechterhielten, auch wenn dann ein rentables Wirtschaften nicht möglich war. Die Preise, die für Linienflüge verlangt wurden, spiegelten folglich nicht die realen Transportkosten wider, sondern waren das Ergebnis einer staatlichen Protektion des Linienflugnetzes. Die Mindestpreise, die das britische Board of Trade in Zusammenarbeit mit der Luftfahrtbehörde festlegte, waren also ein Baustein einer staatlichen Preispolitik, die das Ziel verfolgte, die Anbieter von Linienflügen, an denen der britische Staat selbst beteiligt war, vor dem Preisdruck und der Konkurrenz der Charterunternehmen zu schützen. 277 Reiseveranstalter und Charterunternehmen sahen darin einen übermäßigen Eingriff in die Funktionsmechanismen des Marktes und forderten deshalb die Abschaffung der Mindestpreise und eine weitgehende Liberalisierung des Luftverkehrs. Neben einer gezielten Lobbyarbeit 278 und strategisch platzierten Artikeln in der Presse 279 unterliefen die Reiseveranstalter und Charterunternehmen die Mindestpreise systematisch. Indem sie in Reisekatalogen bereits ankündigten, dass während der Pauschalreisen an die Touristen Gutscheine oder Geschenke verteilt werden würden, die dem Gegenwert der Differenz zwischen dem staatlich vorgeschriebenen Mindestpreis und dem von den Reiseveranstalter kalkulierten Preis entsprachen. 280 Argumentativ stützten sich die Vertreter der Tourismus- und Charterlobby immer wieder auf das von ihnen in der Bevölkerung ausgemachte Bedürfnis der Briten nach günstigen Pauschalreisen ins Ausland, was zu einem großen Teil einen Urlaub in Spanien bedeutete, das der größte Markt für Charterbzw. Flugpauschalreisen 281 und zugleich mit 24,4% aller britischen Auslandsreisen insgesamt das beliebteste Reiseland der Briten war. 282 277 Board of Trade, Civil Aviation: Prices of inclusive tour charter holidays by air, 19.12.1967, TNA, AVIA 106/ 1 folio 3. Ebenfalls eine Rolle spielten Überlegungen, die sich auf den Ausgleich der Zahlungsbilanz konzentrierten und im Auslandstourismus eine Quelle des Abflusses von Devisen befürchtete. 278 So etwa in einem Memorandum des Verbandes britischer Reiseveranstalter an das Board of Trade, das 1968 festhielt: „A consequence of the present system is that, because fares may not be lowered, services cannot be developed; while in fact it is possible to operate them at lower and still profitable prices, and necessary to offer such prices in order to attract the traffic which would make the services economic. This means that, under the present regime, the public are being denied services which would be economic to the operators at prices which the public would be perfectly willing to pay.“ Association of British Travel Agents an Board of Trade: A.B.T.A. Memorandum, 19.1.1968, TNA, AVIA 106/ 4, folio 21a, S.-1. Board of Trade, Civil Aviation: Notes of a meeting held in Shell Mex House to discuss proposal for the future control of minimum tour prices for inclusive tour holidays, 30.1.1968, TNA, AVIA 106/ 4, folio 26. 279 The place of non-scheduled traffic at Western European airports, in: ITA Bulletin 5 (7.2 1972), S.-97- 99. Editorial: Dearer holidays, in: Sun (16.12.1967), S.-2. 280 No free gifts on cheap tours - or else, in: Evening News (30.8.1968). Das ‚Board of Trade‘ kündigte an, gegen solche Praktiken der Reiseveranstalter vorzugehen. 281 Air Transport Licensing Board: Inclusive Tour Charter Services to and from the United Kingdom 1964, 1.6.1965, TNA, BT 245/ 1143, folio 16. 282 Board of Trade, Civil Aviation an Foreign and Commonwealth Office, Southern European Department: Retaliation against Spain, 6.10.1969, TNA, FCO 9/ 1087. <?page no="147"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 146 Tab. 3: Charterpassagiere Großbritannien 1964-1972 283 Ziel 1964 1970 1971 1972 Spanien 149 965 2 943 100 3 920 300 4 685 900 Frankreich 74 755 137 800 152 500 143 100 Griechenland 1 755 109 700 232 600 364 100 Italien 66 840 685 400 835 200 983 406 Die britische Politik änderte ihre Schutzpolitik gegenüber den halbstaatlichen Airlines, wie British Airways, nur zögerlich. 1967 begann die Regierung die Mindestpreise für häufig beflogene Charterrouten, die nicht zufällig zuerst die Strecke zwischen England und der Urlaubsinsel Mallorca betraf, zu reduzieren 284 und beschloss schließlich im Jahr 1968 auf Dauer eine komplette Liberalisierung des Luftverkehrs anzustreben. 285 1971 wurden schließlich die Mindestpreise für Pauschalreisen, die eine Aufenthaltsdauer von sieben Tagen nicht überschritten, das erste Mal komplett ausgesetzt. 286 Für die Saison 1973 wurden die Mindestpreise dann generell aufgehoben. 287 Die Reise- und Charterunternehmen hatten damit einen wichtigen Sieg erkämpft, der ihnen langfristig Sicherheit in der Preiskalkulation und den Ausbau des Pauschalreisemarktes ermöglichte. Zugleich weisen die relativ geringen Preisunterschiede, die zwischen den Mindestpreisen und den kalkulierten Pauschalreisepreisen lagen und durch die Reiseveranstalter durch Gutscheine kompensiert wurden, darauf hin, dass es 283 Zahlen nach: Air Transport Licensing Board: Inclusive Tour Charter Services to and from the United Kingdom 1964, 1.6.1965, TNA, BT 245/ 1143, folio 16. Raymond Peladan: Non-Schedules Air Traffic Within and From the „EU-MED“ Region 1972, 1974, TNA, BT 245/ 1642. Die Zahlen beziehen sich dabei auf beide Richtungen sind dementsprechend höher als die Gesamtzahl britischer Reisender nach Spanien. 284 Board of Trade, Civil Aviation: Commissioner’s recommendations which relate to the licenses for services to Palma and Gerona, 12.12.1967, TNA, AVIA 106/ 4, folio 1. Ausnahmen von der Mindestpreisregelung hatte es bereits für Pauschalreisen während der Wintersaison in den letzten Jahren ergeben. Board of Trade, Civil Aviation: Paper for the President considering air fares, 1.3.1968, TNA, AVIA 106/ 1, folio 10, S.-11. Sir Arthur Hutchinson, Commissioner to Board of Trade, Civil Aviation: Hearing of the appeals by British European Airways against decisions of the Air Transport Licensing Board granting licenses with tariffs below the Provision I level for charter services 27.10.1967, TNA, AVIA 106/ 4, folio 1. 285 Board of Trade, Civil Aviation: The Regulation of Group Travel Prices, 27.9.1968, TNA, AVIA 106/ 5, folio 74, S.-3. Board of Trade, Civil Aviation: YTS Programme on inclusive tours, 5.12.1968. Background brief for the Minister of State, 19.11.1968, TNA, AVIA 106/ 6, folio 17/ 4, S.-2 f. Bereits 1969 verzichtete das Board of Trade darauf, eine routinemäßige Erhöhung der Mindestpreise durchzusetzen. Board of Trade: Press Notice: Board of Trade agree lower tariffs for this summer's inclusive air tours, 30.4.1969, TNA, AVIA 106/ 6. Board of Trade, Civil Aviation an Air Transport Licensing Board: Minimum prices for inclusive tours, 29.4.1969, TNA, AVIA 106/ 6. 286 Department of Trade and Industry an Director General de Aviación Civil y del Transporte Aereo: Control of prices for inclusive tour holidays by air, 31.3.1971, TNA, BT 245/ 1305, folio 34. 287 Arthur Reed: Airline price bar lifted for package tours, in: The Times (8.11.1972). <?page no="148"?> 147 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure hierbei nicht nur um die Vergünstigung des Reisens um ein paar Pfund ging, sondern den Reiseveranstaltern mehr daran gelegen war, den Reisemarkt als solchen möglichst frei von Regulierungen zu halten, um den eigenen Handlungsspielraum, der sehr stark auf der Erschließung ausländischer und dabei vor allem spanischer Destinationen setzte, zu erweitern. Spanien wurde dabei als „den Briten liebstes Urlaubsland“ 288 zu einem Symbol der Bedürfnisse britischer Konsumenten. Der britische Staat schien die Preise für die Befriedigung dieser Bedürfnisse künstlich hochzuhalten und die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten der Bürger, zu denen eine deutliche Ausbreitung des persönlichen Mobilitätsradius während des Urlaubes gehörte, einzuschränken. Damit war die Liberalisierung des zivilen Luftverkehrs in Großbritannien eine Folge der Expansionsbemühungen von Reiseveranstaltern und Charterunternehmen, die sich in erster Linie auf Spanien als wichtigste ausländische Destination des britischen Reisemarktes richtete. Es gab demnach nicht lediglich eine Koinzidenz zwischen der wachsenden Popularität der Flugpauschalreise und dem Rückgang der Regulierung der Luftfahrt. 289 Vielmehr waren der Ausbau des Chartertourismus und die Nachfrage nach preisgünstigen Urlaubsreisen die Ursache für eine Deregulierung, die in ihrem liberalen Grundgedanken um 1970 bereits auf die Epoche des Neoliberalismus der 1980er-Jahre vorauswies. 3.4.2 Interessenlagen und Durchsetzungsstrategien Somit entwickelte sich zwischen der Destination Spanien und den großen europäischen Reiseveranstaltern eine Konvergenz zwischen Angebot und Nachfrage, die von beiden Seiten ausgenutzt wurde. Mithin ging die Strategie der interessensbezogenen Translokalisierung, die von den touristischen Regionen ausging, insofern auf, als dass nordwesteuropäische Reiseunternehmer neben Immobiliengesellschaften 290 den Aus- 288 So besuchten im Jahr 1968 britischen Statistiken zufolge 1,282 Mio. Briten Spanien, wovon schätzungsweise 95% Touristen waren. Diese gaben 48,2 Mio. Pfund in Spanien aus, wovon wiederum 45 Mio. Pfund Urlaubsausgaben waren. Damit war Spanien mit 24,4% aller britischen Touristen das wichtigste Urlaubsland der Briten. Board of Trade, Civil Aviation an Foreign and Commonwealth Office, Southern European Department: Retaliation against Spain, 6.10.1969, TNA, FCO 9/ 1087. 289 Lyth/ Dierikx, From privilege, S.-113. 290 Auf der deutschen Seite spielte die Contracta Gesellschaft für Auslandsbesitz mit ihrem Eigentümer Rudolf Ratzel eine herausragende Rolle, die nach zeitgenössischen Darstellungen die größte Ferienhausgesellschaft Europas war. Fluchtburgen in der Sonne, in: Der Spiegel 37 (1971), S.-54-67, hier S.- 54. Eine ähnliche Strategie fuhr das Unternehmen Solymar Gesellschaft für Auslandsbesitz mbH und den potentiellen deutschen Käufern hohe Renditen und „[…] für den Käufer echte Spekulationsmöglichkeiten […]“ versprachen. Solymar Gesellschaft für Auslandsbesitz mbH: Advertising Folder Solymar Calas de Mallorca 1971, ARM, GC 2048. Das Phänomen des Grund- und Immobilienerwerbs durch deutsche Firmen und Privatleute erhielt vor allem eine mediale Resonanz, während sich in archivalischen Überlieferungen kaum relevante Informationen finden lassen. BR: Costa del Sol, fest in deutscher Hand. Deutsches Kapital kolonialisiert Spanien, 1972, BR-Archiv, Archiv-Nr.: 15715. SDR: Abendschau: Contracta-Story, 3.5.1961, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: 02 6100002059 Stuttgart. SDR: Anno 1961. Contracta: Ferienhäuser in Spanien, 8.9.1961, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: 03 6180323 Stuttgart. Wie stark sich deutsche Banken und Privatpersonen am Ausbau des Immobi- <?page no="149"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 148 bau des Tourismus in den Regionen mitfinanzierten und damit zu einem Impulsgeber der regionalen Wirtschaft wurden. Die gezielte Strategie regionaler Eliten, die touristischen Regionen für Investitionstätigkeiten und Kooperationen mit großen Reiseunternehmen zu öffnen, begann bereits Mitte der 1950er-Jahre, als eine Delegation britischer Reiseveranstalter nach Mallorca reiste. Eingeladen wurden die Vertreter der sogenannten ‚Touroperators‘ vom Tourismusverein Fomento de Turismo Mallorca, der die Idee einer Kooperation mit ausländischen Reiseveranstaltern in Zusammenarbeit mit der British European Airways entwickelte. Laut dem Bericht des britischen Konsulats auf Mallorca herrschte unter der britischen Gruppe, die sich unter anderem aus Vertretern der Unternehmen Th. Cook, Davell & Co., Swan & Leach sowie Generaltours zusammensetzte, folgende Stimmung: Talking with some of them I found them most enthusiastic with regard to the hotels in Palma and elsewhere and the amenities which the Island can offer to holiday makers and all expressed themselves highly satisfied with their reception and confident that they will entice much of the trade form the French Riviera and hand it to the Balearic Islands. 291 Schlussfolgernd meinte er: “I am sure that this visit has been a success and only hope that Mallorca will reap the benefit later on.“ 292 Ausgehend von solchen Reisen, die offensichtlich eine stimulierende Funktion im Hinblick auf die Erschließung Spaniens als Destination des Massentourismus hatten, entwickelte sich ein System der kreditfinanzierten Beteiligung ausländischer Reiseunternehmen am Ausbau der Bettenkapazität in den Zielregionen. Über Vorauszahlungen, die als Kredite fungierten, ermöglichten Reiseunternehmen wie die britische ‚Horizon‘ 293 oder die deutschen Unternehmen Touropa und Scharnow, die sich 1969 mit Dr. Tigges und Hummel Reisen zur TUI zusammenschloslienbestandes in spanischen Ferienregionen am Beginn der 1970er Jahre beteiligten, zeigen die Summen, die u.a. von der Commerzbank und Einzelpersonen dem spanischen Bauunternehmen SOFICO überwiesen wurden, das viele großangelegte Bauprojekte an der spanischen Küste durchführte. Im April 1970 überwies die Commerzbank 15,9 Mio. Peseten an Sofico, während zehn Mio. Peseten von Einzelpersonen an Sofico gezahlt wurden. Transferencias Recibidas en España por SOFICO desde el 1 al 30 de abril de 1970, 6.5.1971, AGA, (3) 52.84 54360, Carpeta Sofico Top. 23/ 35. Zwischen 1. Februar und 31.3.1971 gingen 35,9 Mio. Peseten von der Commerzbank an Sofico sowie noch einmal 37,04 Mio. Peseten von Einzelpersonen. Transferencias Recibidas en España por SOFICO desde el 1 de febrero al 31 de marzo de 1971, 15.4.1971, AGA, (3) 52.84 54360, Carpeta Sofico Top. 23/ 35. Diese Einzelbefunde, die sich in den Akten des spanischen Tourismusminsteriums befinden, lassen aber keine systematische Analyse der Finanzierung der Immobilienbranchen in den spanischen Küstenregionen durch deutsche Käufer zu. 291 British Consulate, Palma de Mallorca an Consul-General, Barcelona: Representatives from leading Tourist Agencies in Great Britain travelled to Mallorca, 7.2.1955, TNA, FO 371/ 117909. 292 Ebd. 293 Bray/ Raitz, Flight, S.-68. <?page no="150"?> 149 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure sen 294 , spanischen Hoteliers ihre Kapazitäten auszubauen und den Standard ihrer Hotels zu erhöhen. So hatte die Touropa beispielsweise 1966 1 563 883 DM an Vorauszahlungen an Hotels in den von ihr angebotenen Zielgebieten geleistet, wovon allein 1 063 058 DM auf Mallorca und die Kanarischen Inseln fielen, wovon wiederum in den allermeisten Fällen mittelständische Hoteliers profitierten. 295 Einen ähnlichen Betrag hatte die britische ‚Horizon‘ 1971 als Vorauszahlungen im Umlauf. 296 Mit der Kreditvergabe an die spanischen Hoteliers sicherten sich die Unternehmen einerseits bestimmte Bettenkontingente in den betreffenden Hotels, schufen durch ihre Kredite und deren Einsatz für den Neubau bzw. die Erweiterung von Hotels erst das Angebot für die steigende Nachfrage in den Herkunftsländern der Touristen und hielten sich andererseits die Möglichkeit offen, ihre Kredite in direkte Beteiligungen an den Hotels umzuwandeln. 297 Ein weiterer Aspekt der Kreditvergabe an die spanischen Hoteliers war die effektive Erwirtschaftung einer Rendite, die entweder direkt im Falle einer Rückzahlung des Kredites und der fälligen Zinsen entstand oder indirekt durch die im Einkauf günstigeren Betten durch die bereits geleisteten Vorauszahlungen an die Hoteliers. Damit konnten die Reiseunternehmen eine Rendite von bis zu 10% erwirtschaften, während die durchschnittliche Rendite in der Tourismusbranche allgemein nur 2% betrug. 298 Spanien bildete dabei das bevorzugte Terrain für die Reiseunternehmen. Hauptsächlich hier wirkte sich eine gezielte Erschließungspolitik der Reiseunternehmen aus, die sich in einem massiven Investitionsschub äußerte. Zahlen zufolge, die das spanische Tourismusministerium 1972 anlässlich eines Treffens mit deutschen Reiseunternehmern zusammengestellt hatte, belief sich die Gesamtsumme des von TUI inves- 294 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-159. 295 Touropa: Voraussichtlicher Stand der Forderungen aus Vorauszahlungen an Leistungsträger Flugreisen per 1. Dezember 1966, 7.11.1966, TUI, Chronik Touropa 1789. 296 Genau waren es 1 500 000 britische Pfund. Informe ‚Tour-Operators‘, 1972, AGA, (4) 73.01 1854 Top. 46/ 64.106-64-305, S.-17. 297 So entspann sich beispielsweise eine enge Kooperation mit dem mallorquinischen Hotelier Francisco Riu, der dank der Darlehen, die die TUI ihm anbot, zusätzlich zum ursprünglichen Hotel an der Playa de Palma ein zweites zu erbauen. Die TUI vergab 1970 an Riu ein Darlehen von 26 Mio. Peseten und sicherte sich zugleich das Recht, das Darlehen zu einer 40%-igen Beteiligung an der dadurch entstehenden Hotelkette der Riu-Hotels umzuwandeln. Zugleich war die Vergabe des Kredits daran geknüpft, dass TUI sich eine Reservierungsgarantie von 50% der vorgesehenen Kapazität sicherte, woraufhin die TUI auf das Objekt ein weiteres zinsloses Darlehen von 36 000 Peseten pro Bett auf die Dauer von drei Jahren vergab, was einer Vorauszahlung von 10 Mio. Peseten entsprach. Vgl. Touristik Union International GmbH KG an Hr. Riu, Hotel San Francisco: Darlehen, 25.9.1970, TUI, 007 Beteiligungen und Kooperationen. 1977 beteiligte sich die TUI dann an der formalen Gründung der Hotelkette RIU Hotels S.A. mit einem Anteil von 40%. Vgl. Touristik Union International GmbH KG, Vorstand: Bericht zum Geschäftsjahr 1976/ 77, 30.12.1977, TUI, 199 Geschäftsberichte 0006468, S.-69. Damit trug die TUI massiv dazu bei, dass aus RIU eine weltweit operierende Hotelkette werden konnte und sich schließlich wiederum selber zu einem Teilhaber an TUI aufschwingen konnte. 298 Kopper, Die Reise als Ware, S.-75. <?page no="151"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 150 tierten Kapitals auf insgesamt 40 Mio. DM, wovon 80% allein auf Spanien fielen. 299 Neckermann hatte 1972 sogar bereits 120 Mio. DM in den Ausbau spanischer Hotels investiert. 300 Für den einzelnen spanischen Hotelier waren die Verträge mit den Reiseunternehmen und die in diesem Zuge zur Verfügung gestellten Kredite entscheidend, da sie ihnen im Vergleich zu den staatlichen Kreditlinien ein zinsfreies Darlehen ermöglichten. Dies belegt das Beispiel eines 2-Sterne-Hotels in Lloret, dem als klassischem Mittelklassehotels mit überwiegend ausländischen Gästen ein repräsentativer Charakter zugesprochen werden kann. Das Hotel Augusta, das 1962 erbaut wurde und bald darauf in Hotel Eugenia umbenannt wurde, war zunächst als 2-Sterne-Hotel geplant. 301 Der Besitzer des Hotels stammte selber nicht aus Lloret, sondern aus Barcelona. 302 1959 erwarb er ein Grundstück in Lloret, das an der Straße in Richtung Tossa de Mar lag. 303 1968 war das Hotel ausschließlich mit ausländischen Touristen belegt, die sich etwa zur Hälfte aus Gästen deutscher und zur anderen Hälfte aus Gästen britischer und niederländischer Reiseunternehmen zusammensetzte. So besaßen allein Hummel Reisen und Touropa, die sich im gleichen Jahr zur TUI zusammenschlossen ca. 50% des reservierten Bettenkontingents für die Haupt- und Nebensaison. 304 Wie aus Korrespondenzen mit deutschen Reiseveranstaltern hervorgeht genoss das Hotel bei ihnen 299 Ministerio de Información y Turismo: T.U.I. Touristik Union International, 14.2.1972, AGA, (3) 49.23 48690 Top. 72/ 74. 300 Ministerio de Información y Turismo: Visita de Neckermann, 14.2.1972, AGA, (3) 49.23 48690 Top. 72/ 74. Die ursprüngliche Quelle dieser Zahlen geht aus dem Memorandum des Tourismusministeriums nicht hervor. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie den Angaben folgten, die die Unternehmen selbst machten. Aufgrund fehlender unternehmenshistorischer Quellen der beiden Reiseveranstalter lassen sich die Zahlen jedoch nicht überprüfen. Möglicherweise sind sie etwas zu hoch, da es eine Strategie der beiden Unternehmen gewesen sein könnte, die eigene Verhandlungsposition in dem Treffen mit dem Ministerium zu stärken, indem die Bedeutung der Unternehmen über ihre finanzielle Bedeutung für Spanien herausgestellt wurde. An einer völlig irrationalen und übertriebenen Darstellung ihrer Investitionstätigkeit kann den Unternehmen umgekehrt auch nicht gelegen gewesen sein, da sie daran interessiert waren, als seriöse Partner des Tourismusministeriums aufzutreten und einiger ihrer Anliegen, etwa in Bezug auf die Arbeitserlaubnispolitik gegenüber den deutschen Mitarbeitern der TUI und Neckermann, durchsetzen wollten. 301 L. Pesquiña Brescó, Construcción de Obras. Proyecto de Hotel „Augusta“ de 78 habitaciones, 18.6.1962, Arxiu Comarcal de la Selva (ACS), 27/ 1.11, S.-2 und 7. Die Kosten beliefen sich auf 1 681 801 Peseten. Vgl. L. Pesquiña Brescó, Construcción de Obras. Presupuesto, 18.6.1962, ACS, 27/ 1.9. 302 Ebd. 303 Francisco Aymerich: Plano de los terrenos, 1959, ACS, 27/ 1.1. 304 Hotel Eugenia: Contratos de Agencias Temporada 1968, 1967, ACS, 27/ 1.1. Vgl. die ähnliche Situation für die folgenden Jahre: Hotel Eugenia: Condiciones y Precios Agencias 1970, 1969, ACS, 27/ 1.1. Hotel Eugenia: Contratos Agencias 1971, 1970, ACS, 27/ 1.1. Ab 1971 nahm die Zahl deutscher Gäste zudem noch zu. In diesem Jahr hielt die TUI allein ein Bettenkontingent von 130, während alle deutschen Reiseveranstalter auf deine Zahl von 207 reservierten Betten kamen, was einem Anteil von 76% an der im selben Jahr erweiterten Kapazität des Hotels auf 272 Betten entsprach. Dies blieb auch in den folgenden Jahren der Fall. Vgl. Hotel Eugenia: Contratos Agencias 1972, 1971, ACS 27/ 1.1. Hotel Eugenia: Contratos Agencias 1973, 1973, ACS, 27/ 1.1. <?page no="152"?> 151 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure und bei den deutschen Touristen einen guten Ruf und wurde gerne von Jahr zu Jahr von denselben Touristen wieder aufgesucht. 305 Wurde der Bau des Hotels in erster Linie durch Kredite spanischer Banken und einer Hypothek auf das Grundstück finanziert, 306 engagierte sich die TUI mit einem Kredit in Höhe von jeweils 1 Mio. Peseten in den Jahren 1970 und 1971, in denen der Ausbau des Hotels, der die Kapazität um 59 Betten erhöhte, in Angriff genommen wurde. 307 Eine rentable Bewirtschaftung war jedoch in den Jahren vor der Erweiterung des Hotels nur möglich dank der Reservierung größerer Bettenkontingente durch deutsche und britische Reiseveranstalter. Nur durch sie war die Belegung des Hotels durch ausländische Gäste, die eine Pauschalreise buchten, möglich. Für direkte Werbemaßnahmen im Ausland fehlten dem Hotel die Kontakte. Da zudem der größte Anteil der Spanienreisenden etwa in Deutschland pauschal reiste, war die Belegung des Hotels mit Individualreisenden zudem keine wirkliche Alternative. So sorgten allein die deutschen Reiseveranstalter, die das Hotel buchten, für Einnahmen von 2,9 Mio. Peseten und stellten damit 58% der Gesamteinnahmen des Hotels. 308 Dies spiegelte sich in der prozentualen Verteilung der Gäste nach Nationalitäten wider. So kamen 1971 von den insgesamt 2210 Gästen 1405 aus der Bundesrepublik Deutschland, was einem Prozentsatz von 64% entsprach. Der Rest verteilte sich in etwa gleichwertig auf verschiedene andere, zumeist nordwesteuropäische Länder wie Großbritannien, Schweden und Frankreich, wobei Dänemark als zweitstärkstes Herkunftsland einen Anteil von 16% hatte. Spanische Touristen stellten nur 3% der Gäste. 309 Diese Zahlen verweisen auf die große Abhängigkeit der spanischen Hoteliers von den ausländischen Reiseunternehmen, die die Kundschaft erst nach Spanien brachten. Indem Reiseveranstalter zum Teil direkt oder über den Weg eines spanischen Reisebüros, das als Zwischenhändler fungierte, ihre Reservierungen bereits vor der neuen Saison dem Hotel ankündigten, hatten die Hoteliers jedoch nur eine scheinbare Si- 305 Air-Conti-Flugreisen an Hotel Eugenia: Zimmerkontingente 1970, 1.9.1969, ACS, 27/ 3.6. 306 Hotel Eugenia: Balance Inventario en 31 Diciembre de 1965, 31.12.1965, ACS, 27/ 5.1. Balanços inventari 1965-1985. 307 Hotel Eugenia: Balance Comprobación Cerrado. Mes Octubre 1970 con datos estadísticos de la temporada, Oktober 1970, ACS, 27/ 5.1. Balanços inventari 1965-1985. Ergänzend dazu nahm der Besitzer des Hotels einen Kredit über die gleiche Höhe bei einer spanischen Bank auf. Zur Erweiterung des Hotels vgl. Francisco Aymerich: Adición de las plantas 4a y 5a en el hotel Eugenia, 1970, ACS, 27/ 1.2. 308 Hotel Eugenia: Balance Comprobación Cerrado, 31.10.1967, ACS, 27/ 5.1. Balanços inventari 1965- 1985. Der Wert fiel im Jahr 1969 auf 49% ab. Dies erklärt sich durch eine Zunahme inländischer Touristen. Vgl. Hotel Eugenia: Balance Comprobación Cerrado. Mes Octubre 1969 con datos estadísticos de la temporada, Oktober 1969, ACS, 27/ 5.1. Balanços inventari 1965-1985. Im Jahr 1970 stieg die Zahl dann wiederum auf 61% an, was durch ein stärkeres Engagement der TUI im Rahmen der Kreditvergabe zur Erweiterung des Hotels zu sehen ist. Vgl. Hotel Eugenia: Balance Comprobación Cerrado. Mes Octubre 1970 con datos estadísticos de la temporada, Oktober 1970, ACS, 27/ 5.1. Balanços inventari 1965-1985. 309 Hotel Eugenia: Balance de comprobación y de saldos al 31 de Octubre de 1971, ACS, 27/ 5.1. Balanços inventari 1965-1985. <?page no="153"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 152 cherheit im Hinblick auf eine rentable Auslastung ihrer Hotels. Wie aus den Bilanzen und Korrespondenzen des Hotel Eugenia in Lloret de Mar hervorgeht, reservierten die meisten Veranstalter in der Regel eine größeres Kontingent als sie tatsächlich ausschöpften. So wurde in die Reservierungsverträge immer eine Klausel aufgenommen, dass die Veranstalter in der Regel bis zu 20 Tagen vor der geplanten Inanspruchnahme eines reservierten Bettes von dieser Reservierung zurücktreten konnten. 310 1970 belegte beispielsweise Hummel-Reisen lediglich 51,5% des reservierten Bettenkontingentes, die Touropa schöpfte sogar nur 11,8% der reservierten Plätze aus. Dies führte dazu, dass das Hotel in diesem Jahr nur eine Auslastung von 51,5% erreichte und somit an die Grenzen der Rentabilität stieß. 311 Das Vorgehen der Reiseveranstalter resultierte jedoch nicht in einem absoluten Machtgefälle zwischen ausländischen Reiseveranstaltern und spanischen Hoteliers, wie dies vor allem von der zeitgenössischen Tourismuskritik der frühen 1970er-Jahren behauptet worden ist. 312 Trotz der Abhängigkeit von den Pauschalreiseanbietern im Ausland war es keinesfalls so, dass die Hoteliers keinerlei Handlungsspielräume besaßen. So hatte etwa die TUI bzw. die ab 1968 zur TUI gehörigen Unternehmen im Verlauf der 1960er-Jahre, bis es zur Überkapazitätskrise der beginnenden 1970er-Jahre kam, durchaus auch Probleme, die gewünschte Anzahl von Betten zu reservieren und noch dazu die von ihnen dabei intendierten Konditionen durchzusetzen. So geht aus einem Schreiben eines Dr. Tigges-Vertreters aus dem Jahr 1968 hervor, dass die spanischen Hoteliers durchaus über Handlungsspielräume gegenüber den Reiseveranstaltern verfügten: Leider ließ sich die Belegungsgarantie des Hotels Amistad nicht herunterhandeln, ebenso wenig der Preis. Das von Ihnen gewünschte Hotel Santa Maria/ Cala Millor verweigert eine weitere Zusammenarbeit für 1969 und wünscht absolut keine deutschen Kunden, sondern nur noch Engländer im Haus. Auch in Palma Nova hat sich die gewünschte Bettenzahl nicht gefunden. 313 Indem Hoteliers eine Belegungsgarantie forderten, um eine zu geringe Auslastung zu vermeiden oder gezielt nur auf Kunden einer Nationalität zu setzen, hatten sie Möglichkeiten in der Hand, um die erhöhte Nachfrage der Reiseveranstalter zu ihren Gunsten zu nutzen. In dem Moment, als sich zu Beginn der siebziger Jahre jedoch eine 310 Vgl. Deutsches Reisebüro an Hotel Eugenia: Bettenkontingent für den Sommer 1965, 8.1.1965, ACS, 27/ 1.1. 311 Hotel Eugenia: Balance de comprobación y de saldos al 31 de Octubre de 1970, ACS, 27/ 5.1. Balanços inventari 1965-1985. Im Jahr darauf sank die Auslastung sogar auf 42,4%, was wohl auch mit den sich in Gang befindlichen Erweiterungsarbeiten am Hotel zu erklären ist. Vgl. Hotel Eugenia: Balance de comprobación y de saldos al 31 de Octubre de 1971, ACS 27/ 5.1. Balanços inventari 1965-1985. 312 Mario Gaviria: El escándalo de ‚Court Line‘. Bancarota del turismo español, Madrid 1975, S.-5. Ders., España a Go-Go, S.- 14. Ders.: Ecologismo y ordenación del territorio en España, Madrid 1976, S.-315. Guillermo Luis Díaz Plaja: El turismo, un falso „boom“. Introducción a la problemática socioeconómica del turismo en Baleares, Madrid 1972, S.-20. 313 Dr. Tigges-Fahrten: Einkauf Mallorca Sommer 1969, 12.08.1968, TUI, 1744. <?page no="154"?> 153 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure Überkapazität an Hotelbetten andeuteten, verpufften diese Möglichkeiten und engten damit auch die Handlungsspielräume ein. Doch da es sich bei der Beziehung zwischen Hoteliers und Reiseveranstalter um eine gegenseitige Abhängigkeit handelte, waren die Reiseunternehmen durchaus zu Konzessionen bereit. So verzichtete beispielsweise Hummel, das 1967 an insgesamt acht mallorquinische Hotels Vorauszahlungen im Umfang von 5 705 725 Peseten geleistet hatte, auf die Rückzahlung dieser Summe im Jahr darauf, da die Auslastung der Hotels auf Mallorca zu gering und somit die Finanzsituation der kooperierenden Hotels prekär war. Durch eine Rückzahlungsstundung bzw. eine Vertragsverlängerung für das kommende Jahr kam das Unternehmen so seinen Partnern in Spanien entgegen. 314 Auch Scharnow vergab 1968 Kredite an mallorquinische Hotels und verlängerte bereits laufende Kredite, die an Hoteliers bereits vergeben worden waren. Zudem erklärte sich die Einkaufsabteilung von Scharnow bereit, die Zinszahlungen eines Hotels aufgrund dessen schlechter wirtschaftlicher Lage auszusetzen. 315 Eine Schlüsselposition kam bei der Kooperation zwischen Hoteliers und den Reiseveranstaltern spanischen Reiseagenturen zu, die eine Vermittlerrolle einnahmen. Im Fall der TUI war dies das spanische Reisebüro Ultramar Express S.A. Ultramar kümmerte sich für die TUI um die Kommunikation mit den Hotels in Spanien, schloss die Verträge ab und handelte die Bettenkontingente sowie die Bedingungen für Vorauszahlungen und Kreditvergaben heraus. 316 Der für die TUI arbeitende Vermittler Ultramar Express S.A. agierte jedoch auch in eigenem Interesse bzw. setzte sich für die Interesse spanischer Hoteliers ein, die zu den Stammkunden von Ultramar zählten. So hielt die Touropa im Zuge der Vorbereitungen für den Einkauf für die Saison 1969 fest: Man braucht nur das Angebot von Ultramar Express anzusehen, um sich zu überzeugen, daß dies nicht in geringster Weise im Interesse der Touropa, sondern nur im einseitigen Interesse der Firma Ultramar Express gedacht ist. Die jetzt gestrichenen, von Ultramar Express angebotenen Hotels […] sind bekannt als schlechte Hotels. Dies ist zweifelsfrei auch Ultramar Express bestens bekannt, trotzdem wird versucht, daß die Touropa immer wieder diese Hotels aufnimmt. […] Es konnte zweifelsfrei festgestellt werden, daß für die Touropa nur Hotels, an denen Ultramar Express interessiert ist, infrage kommen. Es werden nur Hoteliers besucht, mit denen sich die Ultramer Express-Beauftragten freundschaftlich umarmen. 317 Diese Problematik dürfte ein wesentlicher Grund dafür gewesen sein, dass die TUI sich bis 1974 40% der Unternehmensanteile an Ultramer Express S.A. sicherte, um so 314 Hummel Reisen: Einkauf Mallorca Sommer 1969, 15.08.1968, TUI, 1744. 315 Scharnow-Reisen: Einkauf Mallorca Sommer 1969, 12.8.1968, TUI, 1744. Ähnlich die Touropa. Vgl. Touropa: Einkauf Mallorca Sommer 1969, 15.8.1968, TUI, 1744. 316 Touropa: Vorbereitung Einkauf Costa Brava - Sommer 1969, 15.8.1968, TUI, 1744, S.-2. 317 Ebd. <?page no="155"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 154 wesentliche Entscheidungen beeinflussen zu können sowie die finanzielle Ausstattung des Vermittels zu kontrollieren. 318 Als sich die Krise des Tourismus in Spanien in den frühen 1970er-Jahren immer deutlicher bemerkbar machte, änderte die TUI ihre Unternehmensstrategie. Standen bisher die Beschaffung von möglichst preiswerten Bettenkontingenten in den bereits etablierten touristischen Regionen und die damit einhergehende indirekte Finanzierung des Ausbaus der Hotelkapazitäten durch Vorauszahlungen bzw. Kredite im Vordergrund, nahm die TUI davon zusehends Abstand. 319 So hieß es im Bericht zum Geschäftsjahr 1973/ 1974: „Vorauszahlungen an Hoteliers konnten weiter vermindert werden und sinken per Geschäftsjahrschluß [...] auf unter 30 Mio DM ab. Es ist vorgesehen, diese Darlehen schnellstmöglich weiter abzubauen.“ 320 Stattdessen plante man, selber eine qualitätsorientierte Hotelkette zu eröffnen und mit dieser neue Standards zu setzen. So sollte der Aufbau der Robinson-Kette als ein Markenartikel gehobener Qualität eine „Musterferienanlagen für den touristischen Verbraucher von Morgen, wie auch als Muster für die sonstigen Vertragshoteliers der TUI in der jeweiligen Region“ 321 sein und so eine Art disziplinierende Wirkung gegenüber den sich scheinbar an ortsüblichen und damit tendenziell nicht den Bedürfnissen des durchschnittlichen TUI-Kunden orientierenden Hoteliers entfalten. War die TUI in den 1960er-Jahren relativ stark von der vorhandenen Kapazität in den spanischen Touristengebieten abhängig und hatte zum Teil größere Probleme, die gewünschte Menge an nachgefragten Hotelbetten auch zu bekommen 322 bzw. musste dafür enorme Vorauszahlungen leisten, verschob sich durch die entstandenen Überkapazitäten das Machtgefälle zugunsten der Reiseveranstalter. Nun konnten diese in stärkerem Maße ihre Vorstellungen von Komfort und Qualität durchsetzen. So gab die TUI 1974 als wesentliches Ziel aus: „[…] den Leistungsstandard der angebotenen Hotels zu halten oder zu verbessern“. 323 Durch den Auf- 318 Die TUI hielt 1974 40% der Unternehmensanteile der Ultramar S.A. Vgl. Touristik Union International GmbH KG, Vorstand: Bericht zum Geschäftsjahr 1973/ 74, 20.12.1974, TUI, 199 Geschäftsberichte 0006468, S.-40. Bereits 1972 hatten sich 30% der Unternehmensanteile von Ultramar Express S.A. in den Händen der TUI befunden. Vgl. Touristik Union International GmbH KG: El Tour Operator TUI, República de Alemania, 11.2.1972, AGA, (3) 49.23 48690 Top. 72/ 74. 319 Touristik Union International GmbH KG: Hotelbeteiligungen, Kurzdarstellung 29.11.1972, TUI, 007 Beteiligungen und Kooperationen, Hotelbeteiligungen 1970/ 72. 320 Touristik Union International GmbH KG, Vorstand: Bericht zum Geschäftsjahr 1973/ 74, 20.12.1974, TUI, 199 Geschäftsberichte 0006468, S.-40. 321 Touristik Union International GmbH KG: Hotelbeteiligungen, Kurzdarstellung, 29.11.1972, TUI, 007 Beteiligungen und Kooperationen, Hotelbeteiligungen 1970/ 72. Im Zeitverlauf setzte die TUI immer mehr auf langfristige Beteiligungen an Hotels anstatt diese durch Vorauszahlungen zu finanzieren. Vgl. Touristik Union International GmbH KG, Vorstand: Bericht zum Geschäftsjahr 1977/ 78, 29.12.1978, TUI, 199 Geschäftsberichte 0006468, S.- 51. So hieß es im Geschäftsbericht, dass es „[…] einer langfristigen Stärkung der vertraglichen Position zu den jeweiligen Eigentümern der Hotels [bedarf ]. Da[s] kann eine vermehrte Übernahme von Pacht- oder ähnlichen Verträgen bedeuten oder auch in Einzelfällen eine Kapitalbeteiligung." 322 Ebd., S.-13. 323 Touristik Union International GmbH KG, Vorstand: Bericht zum Geschäftsjahr 1973/ 74, 20.12.1974, <?page no="156"?> 155 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure bau einer Reklamationsstatistik und Planungen zu einem „Leistungsanreizsystem für ausländische Hoteliers“ 324 konnte nun die TUI Druck auf die spanischen Hoteliers ausüben, wenn sie daran interessiert waren, mit der TUI zu kooperieren. Dies führte aber nicht dazu, dass spanische Hoteliers ihre Kooperationen mit den ausländischen Unternehmen einstellten oder sich insgesamt unzufrieden mit der Zusammenarbeit mit den Veranstaltern zeigten. So wurde 1977 an der Costa del Sol in den Drei-Sterne-Hotels immer noch 67,02% aller Buchungen durch ausländische ‚Touroperators‘ vorgenommen. 325 Die Zufriedenheit mit der Zusammenarbeit mit den ausländischen Reiseveranstaltern stieg zudem mit der Höhe der Hotelkategorie. So waren Hoteliers, die ein 5-Sterne-Hotel betrieben zu 100% zufrieden mit der Tätigkeit der Veranstalter. Bei den 4-Sterne-Hotels waren es 94,12% und bei den Drei-Sterne- Hotels immerhin noch 88,33%, während in 2-Sterne-Hotels nur 69,44% zufrieden waren. 326 Von einer generellen Ablehnung der Tätigkeit der ausländischen Reiseunternehmen war nichts zu spüren. Der von der spanischen Tourismuskritik oft angeführte scheinbare direkte Zusammenhang zwischen Boden- und Immobilienspekulanten und den großen Reiseveranstaltern 327 lässt sich jedoch - zumindest was den Fall der TUI betrifft - nicht bestätigen. Zwar gab es eine kurze Phase in den frühen 1970er-Jahren, in denen die TUI im Zuge der für den Aufbau der Robinson-Kette zu erwerbenden Grundstücken auch eine Spekulation mit diesen in die Finanzplanung miteinbezog. So wurde 1971 auf Gran Canaria von der TUI in Zusammenarbeit mit Steigenberger Hotels zwei Parzellen zu je 17 000 und 9000 qm gekauft, auf denen Hotels entstehen sollten, die zur Robinson-Kette gehören sollten. 328 1979 wurde eines der Grundstücke dem langjährigen Kooperationspartner und mallorquinischem Hotelier Riu für 1,6 Mio. Schweizer Franken weiterverkauft, was für die TUI einen vergleichsweise geringen Gewinn von 200 000 DM einbrachte. 329 Neben dem Standort für den Robinson-Club auf Gran Canaria gab es weitere Pläne zu Immobiliengeschäften, 330 die mit dem Kalkül berechnet wurden, Grundstücke nach TUI, 199 Geschäftsberichte 0006468, S.-14. 324 Ebd. 325 Cuadrado Roura/ Torres Bernier, El sector turístico, S.-90. 326 Ebd., S.-98. 327 Gaviria, España a Go-Go, S.-14. 328 Touristik Union International GmbH KG: Projekte Playa de Inglés, 3.6.1971, TUI, 007 Beteiligungen und Kooperationen, Hotelbeteiligungen 1970/ 72, S.-2. Vgl. auch Touristik Union International GmbH KG: Aktennotiz: Angebote Engler & Co. - Kanarische Inseln, 29.2.1971, TUI, 007 Beteiligungen und Kooperationen, Hotelbeteiligungen 1970/ 72. 329 Touristik Union International GmbH KG an Touristik Finanz AG: Grundstück C/ D, Playa del Ingles - Verkauf -, 20.2.1979, TUI, 0-2059 TOUFAG Grundstück C/ D Playa de Ingles. 330 Touristik Union International GmbH KG: Aktennotiz: Angebote Engler & Co. - Kanarische Inseln, 29.2.1971, TUI, 007 Beteiligungen und Kooperationen, Hotelbeteiligungen 1970/ 72. Touristik Union International GmbH KG.: Erinnerungsnotiz über die Besprechung TUI/ Bremer Treuhand am 5.11.1970 in Hannover, 6.11.1970, TUI, 007 Beteiligungen und Kooperationen, Beteiligungskooperationen 1969-1970. <?page no="157"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 156 dem Erwerb durch die TUI rasch mit Gewinn wieder zu veräußern. 331 Ob diese tatsächlich durchgeführt wurden, lässt sich aus den Unternehmensakten nicht eindeutig feststellen. Fakt ist jedoch, dass die TUI bereits 1972 wieder davon Abstand nahm, eine Diversifikation ins Immobiliengeschäft voranzutreiben. 332 Auch direkte Kooperationsangebote von der Contracta Gesellschaft für Auslandsbesitz, einer der bedeutendsten deutschen Immobiliengesellschaften und Bodenspekulanten, die in Spanien operierten, blieben offensichtlich unbeantwortet. 333 Parallel zu dieser gezielten Unternehmensstrategie der transnationalen Verflechtung mit Vermittlungsagenturen und Hoteliers in Spanien nahmen Reiseunternehmen auch Einfluss auf staatliche Stellen in Spanien, mit dem Ziel, ihre Interessen durchzusetzen. Dabei ging es nur eingeschränkt darum, etwa für einen gezielteren Infrastrukturausbau in den touristischen Regionen zu werben und so den Staat direkt dazu anzuhalten, die Bedingungen für den Tourismus zu verbessern. 334 Vielmehr forderten Tourismusunternehmen eine Berücksichtigung ihrer Interessen ein, die eher auf die allgemeinen staatlichen Rahmenbedingungen im Hinblick auf ein möglichst freies Agieren als ausländische Unternehmen in Spanien abzielten. Dabei verstanden es die Unternehmen jedoch, gezielt ihre strukturelle Wichtigkeit im Funktionieren des Systems des spanischen Tourismus darzustellen und damit Druck auf staatliche Stellen auszuüben. 335 So waren die Reiseveranstalter beispielsweise bei der Erschließung neuer Urlaubsziele in Spanien in hohem Maße auf die Bewilligung von Landegenehmigungen für Charterflugzeuge auf den Regionalflughäfen angewiesen. Beispielsweise trat 1965 die Situation auf, dass die Touropa die Kanarischen Inseln bereits in ihr Werbeprogramm aufgenommen hatte, sie jedoch für die Landung von Chartermaschinen dort keine Genehmigung vom zuständigen Luftfahrtamt erhalten hatte können. 336 Solche Regulierungen dienten der spanischen Regierung in der Regel 331 Touristik Union International GmbH KG: Ergebnisprotokoll über die Besprechung am 2.10.1970 zwischen der Bremer Treuhand und TUI, 5.10.1970, TUI Zentralarchiv, 007 Beteiligungen und Kooperationen. 332 Touristik Union International GmbH KG: Hotelbeteiligungen, Kurzdarstellung, 29.11.1972, TUI, 007 Beteiligungen und Kooperationen, Hotelbeteiligungen 1970/ 72. 333 Contracta Aktiengesellschaft für Grundbesitz an TUI: Zusammenarbeit, 11.11.1971, TUI, 007 Beteiligungen und Kooperationen, Hotelbeteiligungen 1970/ 72. 334 So stellte das britische Reiseunternehmen Thomson Holiday 1970 zwar eine Anfrage, ob das Tourismusministerium sich für einen Infrastrukturausbau in den Touristengegenden einsetzen könne, knüpfte dies aber nicht an direkte Forderungen, dies auch zu tun. Vgl. Ministerio de Información y Turismo: Contestaciones al cuestionario presentado por Lord Thomson para la sesión de trabajo que tendrá lugar en Madrid en el Ministerio de Información y Turismo el miércoles 18 de noviembre de 1.970, November 1970, AGA, (3) 52.84 54360 Top. 23/ 35 Carpeta Thomson. 335 So wies der Besitzer von Thomson Holidays in einer Rede im spanischen Tourismusministerium darauf hin, dass die Konkurrenz durch Entwicklungsländer immer weiter wachse und auch den Tourismus in Spanien bedrohe. Folglich rief er die Zuständigen im Ministerium dazu auf, alles dafür zu tun, dass Spanien konkurrenzfähig bliebe. Vgl. Lord Thomson of Fleet: Discurso 17.11.1970. AGA, (3) 52.84, Carpeta Thomson 54360 Top. 23/ 35. 336 Walter Vogel, Hauptgeschäftsführer der Touropa an Subsecretario de Turismo: Ausbau des Tourismus in Spanien, 10.6.1965, AGA, (3) 49.22 48988 Top. 72/ 40.405-40.504 Carpeta 84, Exp. 1. <?page no="158"?> 157 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure dazu, den ansteigenden Tourismusstrom zumindest in Ansätzen zu kanalisieren und dorthin zu lenken, wo der Infrastrukturausbau mit den wachsenden Touristenzahlen halbwegs Schritt halten konnte. 337 Die Touropa sah darin eine Einschränkung ihrer unternehmerischen Handlungsfreiheit und versuchte beim Informations- und Tourismusministerium zu intervenieren, um so ihren deutschen Kunden eine Ausweitung ihres Angebots präsentieren zu können. In diesem Fall hatte der Versuch einer Einflussnahme auf die spanische Politik keinen Erfolg. Das Tourismusministerium empfahl der Touropa, sich besser auf die Costa del Sol als primärer Destination zu konzentrieren. 338 Auch die Erteilung von Arbeitsgenehmigungen für die deutschen Reiseleiter war ein Problem, das die TUI 1972 veranlasste, beim Tourismusministerium für ihre Interessen einzutreten. So wandte sich die TUI an das Tourismusministerium und betonte zunächst ihre eigene Bedeutung für den Tourismus in Spanien: Wir sind sicher, dass es für die offiziellen Institutionen Spaniens angenehm ist, zu wissen, dass die Hälfte der über den Luftweg transportierten Kunden Spanien als Ziel haben. Deshalb hat unsere Unternehmensgruppe beachtlich dazu beigetragen, dass in den beiden letzten Jahrzehnten der Tourismus in Spanien einen sehr bedeutenden Aufschwung erfahren hat. 339 In einem zweiten Schritt stellte die TUI die Wichtigkeit der Tätigkeit deutscher Reiseleiter in Spanien heraus, denen in letzter Zeit vermehrt die Erteilung einer Arbeitserlaubnis seitens der spanischen Behörden verweigert worden war. Die TUI stellte die Tätigkeit der deutschen Reiseleiter als unhintergehbares Bedürfnis deutscher Touristen dar, von denen die zukünftige Entwicklung des deutschen Tourismus in Spanien abhänge. 340 Auch hier schaffte es die TUI nicht, sich vollständig durchzusetzen. So gab es im Verlauf der siebziger Jahre immer wieder Fälle, in denen die nötigen Arbeitserlaubnisse nicht ausgestellt wurden. Eine Neuregelung, die 1976 in Kraft trat, verschärfte zudem die bürokratischen Hürden für die Erteilung einer Arbeitserlaubnis. 341 Insgesamt zeigt sich somit, dass die direkte Intervention bzw. Einflussnahme politischer Entscheidungen deutlich hinter der alltäglichen Zusammenarbeit zwischen Reiseunternehmen und Hoteliers zurückblieb und keine große Wirkmächtigkeit erreichen konnte. 337 Subsecretario de-Turismo an Walter Vogel, Hauptgeschäftsführer der Touropa: Ausbau des Tourismus in Spanien 21.06.1965. AGA, (3) 49.22 48988, Carpeta 84, Exp. 1, Top. 73/ 40.405-40.504. 338 Ebd. 339 Touristik Union International, GmbH KG an Ministro de Información y Turismo: Permisos de trabajo, 11.2.1972, Archivo General de la Administración (AGA) (3) 49.23 48690 Top. 72/ 74, S.-1. 340 Ebd. 341 Vgl. Sindicato Provincial de Hostelería y Turismo: Permisos de Trabajo - Personal Extranjero, 14.10.1976, AHPM, Información y Turismo 245, Permiso a trabajadores extranjeros. Ministerio de Información y Turismo, Jefe Sección de Agencias de Viaje: Permisos a trabajadores extranjeros, 16.4.1975, AHPM, Información y Turismo 245, Permiso a trabajadores extranjeros. Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Empresas y Actividades Turísticas, Agencias de Viaje: Permiso de trabajo para extranjeros, 10.6.1975, AHPM, Información y Turismo 245 Permiso a trabajadores extranjeros. <?page no="159"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 158 Das Unterkapitel hat somit aufgezeigt, dass die Strategie regionaler Eliten in Spanien, durch die Schaffung möglichst günstiger Bedingungen für den Ausbau des Tourismus mithilfe ausländischen Kapitals und der Beförderung- und Organisationskapazität der nordwesteuropäischen Reiseunternehmen zu sorgen, aufging. Dabei war es nicht nur das Flugzeug als solches, das die Landschaft der hier untersuchten Regionen entscheidend prägte 342 und sie in touristische Räume verwandelte, sondern das Zusammenspiel und die finanzielle Verflechtung von spanischen Hoteliers und ausländischen, vor allem deutschen und britischen Reiseunternehmen. Dieses Verhältnis war jedoch nicht durch eine einseitige Abhängigkeit gekennzeichnet, sondern durch ein reziprokes Verhältnis, das über weite Strecken wie eine Art Symbiose funktionierte. Waren die Reiseunternehmen durch das von ihnen investierte Kapital und die durch sie beförderten Touristen ein Schlüsselelement des spanischen Tourismusbooms, so war Spanien umgekehrt ebenfalls von großer Bedeutsamkeit für die Reiseunternehmen. So konnte gezeigt werden, dass die spanischen Tourismusregionen zentral waren für die Etablierung der Flugpauschalreise in Großbritannien und Spanien, sie eine wichtige Funktion im Streit über eine Deregulierung und Liberalisierung des Luftverkehrs einnahmen und für einzelne Reiseveranstalter geradezu überlebenswichtig waren. So trug der Verkauf von Pauschalreisen nach Spanien allein ein Drittel zum Umsatz der TUI im Jahr 1971 bei 343 und das britische Unternehmen Thomson Travel mit einem Marktanteil von 11% 344 innerhalb der britischen Tourismusbranche beförderte im gleichen Jahr insgesamt 350 000 Touristen, von denen 83% ihren Urlaub in Spanien verbrachten. 345 Das wirft zugleich die Frage auf, ob die in Spanien tätigen ausländischen Reiseveranstalter als Multinationale Unternehmen bezeichnet werden können und ihre Expansionsstrategie in Bezug auf Spanien vergleichbar mit anderen Branchen der Wirtschaft war. Unter multinationalen Unternehmen versteht man klassischerweise Unternehmen, die ihrem Hauptsitz im Mutterland haben und mindestens einen Produktionsstandort bzw. eine Tochtergesellschaft im Ausland besitzen. 346 Legt man diese Definition an die hier untersuchten Tourismusunternehmen an, dann lässt sich feststellen, dass diese nur eingeschränkt als Multinationale Unternehmen bezeichnet werden können. Ihr Anteil an Direktinvestitionen im Ausland war, wie aus den vorstehenden Ausführungen hervorgeht, eher gering und stellte vor allem zu Beginn der Expansion nach Spanien keinen wesentlichen Teil der Unternehmensstrategie dar. Erst mit der 342 Buswell: Mallorca. The making, S.-213. 343 Touristik Union International, GmbH KG: El Touroperator TUI, República de Alemania, 11.2.1972, AGA, (3) 49.23 48690 Top. 72/ 74. So machte TUI nach eigenen Angaben 1971 einen Umsatz von 746 400 000 DM, zu dem das Spaniengeschäft insgesamt 227 700 000 DM beitrug. 344 Ministerio de Información y Turismo: Informe Tour Operators, 1972, AGA (4) 73.01 1854 Top. 46/ 64.106-64.305. 345 Thomson Holidays: Thomson Travel Holdings Limited 1970, AGA, (3) 52.84 54360, Carpeta Thomson, Top. 23/ 35. 346 Chandler/ Mazlish, Introduction, S.-3. <?page no="160"?> 159 3.4 Reiseunternehmen als transnationale Akteure direkten Beteiligung an einigen Hotels in Spanien und dem Aufbau der Robinson- Kette gewann die TUI nach und nach an Profil als Multinationales Unternehmen. Viel prägender war allerdings in den 1960er-bis zu den frühen 1970er-Jahren die Strategie, sich über die Vergabe von Krediten am Ausbau der Hotelinfrastruktur zu beteiligen, ohne dabei in allen Fällen eine Eigentumsbeteiligung zu erwerben. Damit konnten die Risiken für die deutschen Unternehmen bedeutend gesenkt werden und zugleich erhielten sie dadurch direkten Zugriff auf das touristische Angebot. Prägendes Kennzeichen des Agierens der Tourismusunternehmen im Ausland war damit eher eine Internationalisierungsstrategie, die auf eine translokale Aktivität setzte, ohne dabei zunächst langfristig geplante eigene Standorte im Ausland aufzubauen. Sieht man sich die Motivstruktur für Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen im Allgemeinen an, dann fällt auf, dass die meisten Unternehmen im Ausland investierten, um ihre bestehende Marktpositionen im Ausland auszuweiten. Weitere wichtige Gründe für eine Investitionstätigkeit im Ausland war die Erschließung neuer Absatzmärkte oder die Förderung des Absatzes aus deutscher Produktion. 347 Dabei handelte es sich um Direktinvestitionen, die zum Großteil von Industrieunternehmen, besonders der Autobranche getätigt wurden. 348 Die Motivlage bei den Tourismusunternehmen war dagegen eine andere: Ihnen ging es nicht um eine Ausdehnung ihres Absatzmarktes, sondern um eine Erweiterung des Angebots für deutsche Konsumenten, um somit deren Erholungs- und Erfahrungsbedürfnis zu befriedigen. Die Reiseunternehmen entwickelten so einen spezifischen Weg, um mit der Globalisierung umzugehen, der von den Besonderheiten der Branche ‚Tourismus‘ geprägt war. Da im fordistischen Produktionsmodell nicht das Produkt auf einem Fließband bewegt wird, sondern der Tourist selbst mobil wird, um das seriengefertigte Produkt zu konsumieren, 349 waren die Reiseunternehmen gezwungen, die Akteure in den Orten des Konsums, an dem zugleich die Produktion des Produkts Pauschalreise stattfand, zu Kooperationen zu bewegen. Nur durch das Zusammenspiel zwischen spanischen Hoteliers und ausländischen Tourismusunternehmern konnten die Prinzipien von möglichst niedrigen Kosten, geringer Preise und hoher Rentabilität umgesetzt werden. Dies wiederum ermöglichte erst den massenhaften Verkauf des Produkts ‚Spanientourismus‘ und somit seine Popularität. Die Interaktion der translokal agierenden Tourismusunternehmen mit spanischen Hoteliers, die sich etwa zwischen Hannover und Lloret de Mar abspielte, trug nicht zuletzt in besonderem Maß dazu bei, fundamentale Veränderungen in den Tourismusregionen zu provozieren, die dort im regionalen Rahmen eine gesamtgesellschaftliche Wirkmächtigkeit entfalteten. 347 Diese Erkenntnisse stammen aus einer Umfrage, die im Rahmen eines Gutachtens des Bundesministeriums für Wirtschaft im Jahr 1977 erhoben wurde. Dabei wurden keine Dienstleistungsunternehmen erfasst. Schröter, Außenwirtschafts im Boom, S.-93 f. 348 Ebd., S.-96. 349 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-161. <?page no="161"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 160 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen Die Strategie der politischen und wirtschaftlichen Eliten in den untersuchten Regionen, den ausländischen Tourismus zum Motor gesellschaftlicher Entwicklung zu machen führte, wie die vorangegangenen Unterkapitel demonstriert haben, zu einer Reihe von Entscheidungen, die ideale Bedingungen für den Tourismus schaffen sollten und damit die Regionen erst zu eigentlichen Tourismusregionen machten. Im Folgenden soll nun der Frage nachgegangen werden, welche Konsequenzen diese Modernisierungsstrategie für die sozioökonomischen Strukturen der Regionen wie den Arbeitsmarkt, die wirtschaftlichen Wertschöpfungsquellen und die Bevölkerungsentwicklung hatte. Es ist zu prüfen, ob sich die in den Tourismus gesetzten Erwartungen erfüllten und auf welche Weise dies geschah. Dazu werden im Folgenden die Auswirkungen des Tourismus auf den Arbeitsmarkt, die allgemeine Bevölkerungsentwicklung und interregionale Migrationsprozesse erörtert. 3.5.1 Wirtschaftswachstum und Arbeitsmarkt Für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaftsstruktur in den untersuchten Regionen brachte der Aufstieg des Massentourismus tiefgreifende Veränderungen mit sich. Bereits zeitgenössische Untersuchungen belegen, dass der Tourismus tatsächlich, so wie das die regionalen Eliten sich erhofften und im Verlauf der sechziger Jahre auch wahrnahmen, der Impulsgeber für die regionale Wirtschaft wurde und ein nicht unerhebliches Wirtschaftswachstum generierte, das auch über die Tourismusbranche hinaus eine hohe Ausstrahlungskraft besaß. Der Tourismus trug in Spanien wie in keinem zweiten Land zur Erwirtschaftung des Bruttoinlandsprodukts bei. Schätzungen zufolge steuerte der Tourismus in den 1980er-Jahren allein 11,5% zum BIP bei, wobei auf den ausländischen Tourismus 7,5% entfielen. Dabei schlug der durch den ausländischen Tourismus erwirtschaftete Anteil an den Gesamteinkünften aus dem Tourismus mit 66% zu Buche. 350 Verlässliche Zahlen für die Jahre zuvor liegen leider nicht vor, doch ist anzunehmen, dass erstens der Anteil des Tourismus am BIP mindestens ähnlich hoch gewesen sein muss, und zweitens der Beitrag des ausländischen Tourismus vermutlich noch höher anzusetzen ist. So dürften 1970 erst 50% der Einkünfte des Tourismus aus dem Inlandstourismus gestammt haben. 351 Denn die Reiseintensität der Spanier lag noch 1973 erst bei 19,8% 352 , während sie zu diesem Zeitpunkt in Deutschland bereits annährend die 50%-Marke übersprungen hatte. 353 Zentral für das Wachstum der spanischen Wirtschaft war allerdings nicht der Beitrag des Tourismus zum BIP, sondern in erster 350 Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo, S.-429. 351 Ebd., S.-430. 352 Gutiérrez/ Gallego Callejo/ Viedma Rojas: El proceso de constitución, S.-154. 353 Steinecke, Tourismus, S.-32. <?page no="162"?> 161 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen Linie die durch ihn eingenommenen Devisen, mit denen sich Rohstoffe und Maschinen importieren ließen. 354 Im Urteil eines Wirtschaftshistorikers war der Tourismus deshalb “[…] ein entscheidendes wirtschaftliches Phänomen für das spanische Entwicklungsmodell.“ 355 Doch die Schlüsselrolle des Tourismus als treibende Kraft für das Wirtschaftswachstum zeigt sich noch verstärkt, wenn man den Blick von der nationalen Ebene hin zu regionalen Wirtschaftszusammenhängen richtet, in denen der Tourismus die weiter oben skizzierte strategische Bedeutsamkeit zugeschrieben bekam und dadurch auch real zur wichtigsten Wertschöpfungsquelle wurde. Nach zeitgenössischen Schätzungen belief sich die Gesamtsumme der durch den Tourismus erzeugten Zunahme der Bruttoproduktion für ganz Spanien zwischen 1962 und 1970 auf 131 Mrd Peseten. Davon fielen auf die sieben wichtigsten Tourismusregionen - Alicante, Baleares, Gerona, Málaga, Las Palmas, St. Cruz und Tarragona - alleine 107,9 Mrd. Peseten, was einen Anteil von 82% ausmacht. Die Balearen, Gerona und Málaga trugen dabei insgesamt 78,1 Mrd. Peseten bei. 356 Die regionale Bedeutung des Tourismus lässt sich in aller Deutlichkeit anhand der Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens bzw. des regional verteilten Brutto-Inlands- Produkts zeigen. So wiesen zwei der hier untersuchten Regionen, nämlich die Provinzen Gerona (Costa Brava) und Baleares, wobei Mallorca hier neben Ibiza und Menorca eingerechnet wird, im Jahr 1964, also ca. sechs bis sieben Jahre nach dem Einsetzen des Tourismusboom, als einzige Provinzen neben Madrid, dem Baskenland und dem restlichen Katalonien das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Spanien auf. 357 Auch die Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkommens in diesen Regionen waren mit die höchsten in ganz Spanien. An der Costa Brava war das Wachstum sogar höher als in der Provinz Barcelona und nur auf den Balearen sowie in den nicht touristischen Provinzen Huesca und Lérida sowie Albacete waren sie mit 9% ebenso hoch wie dort und damit höher als der nationale Durchschnitt. Die Provinz Málaga wies wie etwa Madrid oder die nördlich gelegen Provinz von Navarra zwischen 1955 und 1964 ein Wachstum zwischen 7% und 9% jährlich auf. 358 Allein zwischen 1962 und 1964 stieg das Pro-Kopf-Einkommen in der Provinz Gerona um 39,8%. In den Jahren 1964 bis 1967 legte es dann noch einmal um 51,6% zu. Ähnlich war die Situation auf den Balearen, wo das Pro-Kopf-Einkommen zwischen 1962 und 1964 um 52,9% stieg, um bis 1967 noch einmal um 37% zu wachsen. Noch stärker wuchs das Pro-Kopf- Einkommen in der Provinz Málaga, wo es zugleich von einem niedrigeren Niveau aus 354 Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo, S.-435. 355 Ebd., S.-430. 356 Diese Zahlen sind Ergebnisse einer Modellrechnung und stellen eine Maximalschätzung dar. Die Minimalschätzung lag bei einem Wert von 59,7 Mrd. Gesamtzunahme der Bruttoproduktion, wobei 48,2 auf die touristischen Provinzen entfielen. Stegger, Fremdenverkehr und Regionalentwicklung, S.-143 f. 357 Miguel Aleñar: Evolución de la renta en las Baleares, in: Boletín de la Cámara de Comercio Industria y Navegación de Palma de Mallorca 70 (1968), H. 656-660, S.-126-140, hier S.-135. 358 Ebd., S.-134. <?page no="163"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 162 anstieg: Zwischen 1962 und 1964 stieg es um 53,5%, bis 1967 um 51,7%. 359 Damit trug der Tourismus einen erheblichen Teil zur Beschleunigung der Einkommensentwicklung in den von ihm direkt betroffenen Regionen bei. 360 Das erhöhte Pro-Kopf-Einkommen speiste sich aus einem Wachstum des auf der Ebene der Provinz erwirtschafteten Gesamteinkommens, das in der Zeit von 1955 bis 1964 erheblich angestiegen war. Die sektorale Verteilung der Steigerungsraten des provinziellen Gesamteinkommens spricht eine klare Sprache in Bezug auf die Hauptursache dieses Wachstums. So verteilte sich das in der Provinz Gerona erwirtschaftete Gesamteinkommen 1955 noch folgendermaßen: während im landwirtschaftlichen Sektor 931 Mio. Peseten erwirtschaftet wurden, schlug der zweite Sektor mit 1.306 Mio. Peseten zu Buche und der Dienstleistungssektor trug 1.730 Mio. Peseten zum Gesamteinkommen der Provinz bei. 1964 waren die absoluten Zahlen entsprechend den obigen Ausführungen angestiegen. Die stärksten Zuwachsraten waren jedoch im zweiten und dritten Sektor zu finden. So geben zeitgenössische Studien einen durchschnittlichen jährlichen Anstieg des erwirtschafteten Gesamteinkommens pro Sektoren für den zweiten Sektor mit 21,31% und für den dritten Sektor mit 16,04% an. In Málaga wuchs das durch den zweiten Sektor erwirtschaftete Einkommen um 5,69%, das durch den dritten um 6,31%, während die Zuwächse im landwirtschaftlichen Sektor bei 4,99% lagen. Eine andere Dynamik entwickelte sich auf den Balearen, wo die durch den dritten Sektor generierten Einkünfte um 14,65% stiegen, während die vom zweiten Sektor erwirtschafteten Leistungen um 7,47% anstiegen und der erste Sektor mit einer Wachstumsrate von 8,97% zu Buche schlug. 361 Tab. 4: Durchschnittlicher Anstieg des erwirtschafteten Gesamteinkommens pro Sektoren zwischen 1955 und 1964 362 in % I II III Gerona 7,39 21,31 16,04 Málaga 4,99 5,69 6,31 Balearen 8,97 7,47 14,65 Die hohe Wachstumsrate im industriellen Sektor in Gerona änderte jedoch nichts daran, dass auch 1964 der dritte Sektor mit 44,1% den höchsten Beitrag zur Erwirtschaftung des provinziellen Gesamteinkommens beitrug. Diese Zahl wurde in Málaga und auf den Balearen sogar noch übertroffen, wo sie bei 53,3% bzw. 58,8% lag. 363 Bis 359 Moser, Tourismus und Entwicklungspolitik, S.-71. 360 Ebd., S.-70. 361 Aleñar, Evolución de la renta, S.-131. 362 Zahlen aus: ebd. 363 Ebd. <?page no="164"?> 163 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen 1967 nahmen diese Werte sogar noch zu. In Gerona lag der Anteil nun bei 49,7%, auf den Balearen bei 63,1% und in Málaga bei 58,3%. 364 Da die Einkünfte im dritten Sektor in allen drei Regionen vor allem durch die Tourismusbranche erwirtschaftet wurden, lässt sich schlussfolgern, dass der Tourismus die wichtigste Wertschöpfungsquelle in den drei untersuchten Regionen war. So zeigen statistische Werte aus dem Jahr 1973, dass auf den Balearen innerhalb des dritten Sektors von den insgesamt 64 379 000 000 erwirtschafteten Peseten allein etwa ein Drittel direkt auf die Einkünfte der Tourismusbranche zurückzuführen waren. 365 Dass die Wachstumsraten des zweiten Sektors vor allem in Gerona so hoch waren, dürfte wiederum auch zu einem großen Teil auf den Tourismus zurückzuführen sein. So war neben dem Multiplikatoreneffekt des Tourismus, der positiven Einfluss auf Handwerker und Zulieferer haben konnte, auch die Tatsache, dass im zweiten Sektor in der Regel auch die Einkünfte der Baubranche mit eingerechnet wurden, dafür verantwortlich, dass sich hier höhere Wachstumsraten ergeben konnten. So kann die für die 1960er-Jahre geltende die Korrelation zwischen dem Anstieg der Touristenzahlen und dem Anstieg der vergebenen Baulizenzen sowie die Tatsache, dass die meisten im zweiten Sektor der Region um die Costa Brava angestellten Personen in der Baubranche arbeiteten, 366 als Beleg dafür gewertet werden, dass auch die Wachstumsraten des zweiten Sektors nicht unerheblich vom Tourismus beeinflusst wurden. Zudem darf die Diskrepanz der Wachstumsraten des zweiten Sektors zwischen der Costa Brava einerseits und den Balearen andererseits nicht über die absoluten Zahlen hinwegtäuschen. So betrug die Differenz zwischen dem durch den in Gerona erwirtschafteten Betrag durch den zweiten Sektor im Vergleich zu den Balearen nicht mehr als 1.959 Mio. Peseten. 367 Diese dominante Rolle des Tourismus im Gefüge der regionalen Wirtschaftszusammenhänge schlug sich, wie die vorstehenden Anführungen bereits anklingen lassen, auch in der Struktur des Arbeitsmarktes in den untersuchten Regionen nieder. So ist für die untersuchten touristischen Regionen typisch, dass sie einen direkten Weg von einer Agrargesellschaft hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft einschlugen, ohne dabei den ‚Umweg‘ über eine Industriegesellschaft zu nehmen. So führten die vergleichsweise höheren Löhne, die in der Tourismusbranche gezahlt wurden, dazu, dass 364 Moser, Tourismus und Entwicklungspolitik, S.-71. 365 Consejo Económico Social Sindical de Baleares, Gabinete Técnico: Resumen estadístico, 1973, ARM, B 392 Consejo Económico Social. In absoluten Zahlen waren dies 22 195 000 000 Peseten brutto. Weitere 16% des durch den dritten Sektor erwirtschafteten Einkommens gingen auf die Einkünfte des Handels zurück und 13% wurden durch die Vermietung von Immobilien eingenommen. Addiert man diese drei Anteile erhält man den Wert von 58,9%, der somit zeigt, dass mindestens die Hälfte der Einkünfte im dritten Sektor direkt oder indirekt auf den Tourismus zurückzuführen ist. Im zweiten Sektor gingen zudem 37% der Einkünfte auf die Bauwirtschaft zurück, die in enormen Maß vom Tourismus abhing. 366 Campistol/ Lluch, Les conseqüencies comarcals, S.-50 und S.-69. 367 Consejo Económico Social Sindical de Baleares, Gabinete Técnico: Resumen estadístico, 1973, ARM, B 392 Consejo Económico Social. <?page no="165"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 164 Arbeitskräfte, die zuvor in der Landwirtschaft tätig waren, an die Küste zogen und dort begannen, in Hotels und Restaurants zu arbeiten. 368 Ein Blick auf die Veränderungen der sektoralen Verteilung des Arbeitsmarktes im Gemeindebezirk von Calviá an der Westküste Mallorcas, in dem die großen Touristenorte Magaluf und La Paguera liegen, kann dies illustrieren. Waren 1960 im ersten Sektor noch 48,32% der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt, fiel dieser Wert innerhalb von fünf Jahren auf 28,27% ab. Der Anteil der im industriellen Sektor Beschäftigten stieg dagegen im gleichen Zeitraum von 18,63% auf 25,65% an. Der dritte Sektor verzeichnete eine Zunahme von 33,05% auf 46,08% der Beschäftigten. 369 Tab. 5: Sektorale Verteilung Arbeitsmarkt Calviá 370 in % 1960 1965 1970 I 48,32 28,27 7,6 II 18,63 25,65 13,4 III 33,05 46,08 79 Bis 1970 verschärfte sich der Strukturwandel in Calviá dann nochmals: In diesem Jahr waren im ersten Sektor nur noch 7,6% der Beschäftigten tätig, während es im zweiten Sektor ebenfalls einen Rückgang auf 13,4% gab. Der Umfang der Beschäftigten im dritten Sektor stieg jedoch auf 79% an. 371 Damit lag Calviá als eminent touristische Kommune an der Spitze, was die Dramatik des sich ereignenden Strukturwandels am Arbeitsmarkt anging. Denn verglichen mit den Zahlen für ganz Mallorca wich Calviá noch einmal deutlich von den Durchschnittswerten der Insel ab. So waren 1973 19% der Beschäftigten auf Mallorca im ersten Sektor beschäftigt, 32% im zweiten und 48% im Dienstleistungssektor. Von den 32% im zweiten Sektor Tätigen entfielen zudem 38% der Beschäftigten auf das Baugewerbe. 372 Vergleicht man die Zahlen mit denen für das gesamte Land, so zeigt sich in noch stärkerem Maße die Spezifik der Situation in den direkt vom Tourismus abhängigen Kommunen, aber auch der regionalen Verhältnisse auf Mallorca. So waren 1973 in Spanien 25,5% der Beschäftigten im ersten Sektor tätig, 36% im zweiten Sektor, von denen wiederum 26% im Baugewerbe ange- 368 I Asamblea Provincial de Turismo de Baleares, Comisión para el Estudio del Turismo y sus Repercusiones económico-sociales en la Provincia de Baleares, Memoria, 1963, ARM, GC 1962, S.-265. 369 Servicio de Estudios y Programación Técnica y Económica: Plan General de Ordenación Urbanística de Calviá, Información, 2. La Población 1969. AMC, 1381 8.2.1. 370 Zahlen nach: ebd. und Ayuntamiento de Calviá: Memoria de adaptación y modificación del Plan General de Ordenación de Calviá, 1979/ 1980, AMC, 1391/ 1. 371 Ayuntamiento de Calviá: Memoria de adaptación y modificación del Plan General de Ordenación de Calviá, 1979/ 1980, AMC, 1391/ 1. 372 Consejo Económico Social Sindical de Baleares, Gabinete Técnico: Resumen estadístico, 1973, ARM, B 392 Consejo Económico Social. Die Zusammenstellung der Zahlen beruht auf den Veröffentlichungen der Banco de Bilbao zur Renta Nacional de España y su distribución Provincial 1971-1973. <?page no="166"?> 165 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen stellte waren. Der dritte Sektor absorbierte 38% der Beschäftigten. 373 Damit hatte sich in den Boomjahren des Tourismus ein Arbeitsmarkt herausgebildet, der sich an die gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen anpasste und somit eine direkte Auswirkung des Tourismus darstellte. Analog zu Mallorca lässt sich der Prozess des Strukturwandels an der Costa del Sol und der Costa Brava nachvollziehen. So hatte sich bis 1973 im Küstengebiet der Costa del Sol ein Arbeitsmarkt herausgebildet, in dem 4% der Beschäftigten in der Landwirtschaft arbeiteten, 36% im zweiten Sektor tätig waren und 60% im dritten Sektor. 374 Berechnet man das Hinterland der Costa del Sol in diesen Arbeitsmarkt mit ein, ergeben sich jedoch bereits andere Zahlen. So waren in der gesamten Provinz von Málaga 1975 24,9% im ersten Sektor, 24,5% im zweiten Sektor und 50,6% im dritten Sektor beschäftigt, wovon 10,5% direkt auf die Tourismusbranche fielen. 375 Aus den Zahlen gehen die Einflüsse des Tourismus klar hervor. Da die Hotelkapazität sich an der Küste konzentrierte, waren hier die Bauaktivitäten höher, so dass auch hier folglich die Zahl der Arbeitskräfte anstieg. Parallel dazu lässt sich die Differenz im dritten Sektor erklären, der an der Küste noch einmal eine bedeutendere Rolle spielte als im Hinterland. Der Zeitpunkt des Wandels hin von einer Agrarzu einer Dienstleistungsgesellschaft lag, betrachtet man die Provinz Málaga als Ganze, zwischen 1965 und 1975. So waren noch 1965 39,6% im ersten Sektor beschäftigt, 22,3% im zweiten Sektor und 38,1% im dritten Sektor. Doch gab es hier erhebliche innerregionale Unterschiede. So hatte der Arbeitsmarkt in Marbella, das direkt an der Costa del Sol liegt, eine Struktur, die das klare Übergewicht des Dienstleistungssektors demonstriert. So waren hier 51,1% im dritten Sektor beschäftigt, während es im ersten und zweiten je 20,5% bzw. 28,3% waren. 376 In Mijas, einem Ort im Hinterland der Costa del Sol setzte der fundamentale Wandlungsprozess erst nach 1965 ein. So waren 1965 noch 75,4% im ersten, 11% im zweiten und 13,6% im dritten Sektor beschäftigt. 1975 war die Anzahl der Beschäftigten im ersten Sektor auf 8,8% abgefallen, im zweiten waren 47% und im dritten 44,2% tätig, wobei sich der hohe Wert im zweiten Sektor vor allem auf die Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft zurückführen lässt. 377 An der Costa Brava - ohne das Hinterland der Provinz Gerona - spielte sich ein ähnliches Szenario ab. So waren 1970 an der Costa Brava 11,78% im ersten Sektor, 48,11% im zweiten Sektor sowie 40,11% im dritten Sektor beschäftigt. Von den Be- 373 Consejo Económico Social Sindical de Baleares, Gabinete Técnico: Resumen estadístico, 1973, ARM, B 392 Consejo Económico Social. Siehe auch: Bernecker, Sozialgeschichte Spaniens, S.-308. 374 Vgl. Bernal, Tourisme, S.-67. 375 Vgl. Pellejero Martínez, Tourism Costa del Sol, S.-229. 376 Vgl. ebd., S.-68. 377 Bernal u.a., Tourisme, S.- 68. Die Bauwirtschaft hatte im zweiten Sektor an der Costa del Sol eine eindeutige Dominanz inne. So stieg hier die Zahl der Arbeitsplätze von 300 im Jahr 1950 auf 15 900 im Jahr 1963, während im restlichen zweiten Sektor die Zahl nur von 1100 auf 2200 zunahm. Gobierno Civil de Málaga, Gabinete Técnico de Coordinación y Desarrollo Málaga: La Costa del Sol y sus problemas 1964, Biblioteca Pública Provincial de Málaga, Málaga, MA 88. <?page no="167"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 166 schäftigten im zweiten Sektor entfielen allein 52% auf die Bauwirtschaft. Damit waren zusammengerechnet insgesamt 65,43% im dritten Sektor und der Bauwirtschaft tätig. 378 In Lloret de Mar hatte sich ein noch extremeres Ungleichgewicht zugunsten des dritten Sektors ergeben. Hier waren 1970 7,25% im ersten, 40,71% im zweiten und 52,06% im dritten Sektor beschäftigt. Der Anteil der Bauwirtschaft am zweiten Sektor betrug ganze 89%; die in der Bauwirtschaft und im dritten Sektor Tätigen machten zusammen 88,11% aller Beschäftigten aus. 379 Zu Beginn des Tourismusbooms im Jahr 1955 waren in Lloret noch 42,7% im ersten, 26,5% im zweiten und 24,9% im dritten Sektor beschäftigt gewesen. 380 Besonders einflussreich war der Tourismus auch in Bezug auf die Beschäftigung von Frauen. Lohnarbeit wurde durch den Tourismus für viele Frauen zur Normalität, während sie in früherer Zeit die Ausnahme gewesen war. So betonte etwa eine ethnologische Beobachtung eines Dorfes im unmittelbaren Hinterland von Málaga im Jahr 1971: „For the first time this century - indeed perhaps in history - every able-bodied Tajeño has work; for the past three or four years full employment has meant jobs not only for men but for their sons and daughters as well.“ 381 Für Frauen bot sich nun die Möglichkeit, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften und damit ein neues Maß an Eigenständigkeit zu erlangen, dass sie von ihren Männern und Vätern zumindest potentiell unabhängiger werden lassen konnte. Damit bot die Arbeit im Tourismussektor einerseits Emanzipationsmöglichkeiten, ließ zugleich aber neue Restriktionen entstehen und setzte bestehende Hierarchisierungen in anderer Form fort. Als Beleg für die neuen Arbeitsmöglichkeiten, die speziell auch Frauen ansprachen, können Arbeitsmarktdaten aus Touristenorten wie Lloret de Mar angeführt werden. Hier war in den späten sechziger Jahren die Zahl der Frauen, die einer entlohnten Beschäftigung nachgingen, zum einen signifikant höher als in den Gebieten im Hinterland der Küste und zum anderen höher als der nationale Durchschnitt. Statistische Daten auf der Grundlage der Erhebungen von Arbeitsmarktzahlen des Instituto Nacional de Estadística zeigen, dass in Lloret während des Sommers im Jahr 1968 36,7% der Frauen, die in Lloret lebten, einen festen Arbeitsplatz besaßen. 382 Der nationale Durchschnitt betrug hingegen zu dieser Zeit 23,8%. 383 Dieser Befund muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass insgesamt ein größerer Anteil der Frauen in den Küstengemeinden arbeitete, während dies in den Gemeinden im Hinterland nur ein geringerer Teil tat. 378 Vgl. Carles Escude i Muncunill/ Manuel Giralt i Clausells/ Jordi Rogent i Albiol: Revisió del Pla General d’Ordenació Urbana de Lloret de Mar. Diagnosi, November 1980, AHL, 30.103.483, S.-20. 379 Ebd. 380 Vgl. Barbaza, Le paysage, Tableau LXIX. 381 Fraser, Tajos, S.-183. 382 Instituto Nacional de Estadística, Encuesta Población Activa, 1968, AHG, (3) Instituto de Estadística 1239, Ficha Lloret de Mar. 383 Roser, Población, salud y actividad, S.- 148. Domínguez Martín/ Sánchez-Sánchez, Los diferenciales, S.-149. <?page no="168"?> 167 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen Doch in den Touristenorten wurden Frauen regulär als Angestellte bezahlt, während im Hinterland Frauen öfters in agrarischen Familienbetrieben mitarbeiteten und deshalb in der Arbeitsmarktstatistik nicht geführt wurden. 384 Im kleinen Ort Palau Sator im Hinterland der Costa Brava betrug die Zahl der Frauen, die einer entlohnten Beschäftigung nachging lediglich 12,2%. 385 Diese Wirkung blieb zudem nicht auf die eigentlichen touristischen Regionen beschränkt. Touristenorte wie Lloret de Mar oder Paguera auf Mallorca zogen eine große Zahl von Binnenmigranten und speziell auch Binnenmigrantinnen an, von denen viele nicht nur aus dem unmittelbaren Hinterland, sondern auch aus ärmeren Regionen wie Andalusien, der Extremadura oder Murcia kamen. 386 In den Touristenorten hatten die Migrantinnen und Migranten die Möglichkeit, während der Sommermonate im Tourismussektor zu arbeiten und über den Winter zurück zu ihren Familien zu fahren. Dieser Prozess schlug sich auch in den Beschäftigungszahlen von Frauen während des Winters nieder. So sank etwa im Winter 1968 die Zahl der Frauen, die in Lloret de Mar einer Beschäftigung nachgingen, von 36,7% auf 22,9%. 387 Diese Zahl reflektiert erstens, wie bereits gesagt, dass ein erheblicher Teil der Frauen, die im Sommer in Lloret arbeiteten, Binnenmigrantinnen waren. Zweitens illustriert der Befund aber zugleich, dass Frauen mindestens zu etwa einem Drittel in direkt vom Tourismus abhängigen Betrieben arbeiteten, die über den Winter schlossen. Viele der Binnenmigrantinnen waren junge, unverheiratete Frauen. Eine ethnologische Studie, die in den Jahren 1979 und 1980 durchgeführt wurde, zeigt, dass der Tourismus diesen ein, zumindest zeitweises, Entkommen aus ihren als eng und restriktiv empfundenen Familienverhältnissen ermöglichte. Zudem konnten sie nach ihrer Rückkehr neue Freiheiten genießen, die ihnen vorher verwehrt worden waren. Binnenmigrantinnen, die aktiv zum Familieneinkommen beitrugen, wurden von Männern weitaus mehr respektiert. Während des Winters konnten sie selber über ihren Tagesablauf bestimmen und entscheiden, wann, mit wem und wie lange sie ausgingen. 388 Prekäre Arbeitsbedingungen und die Aufrechterhaltung einer männlich dominierten Hierarchie relativierten jedoch diese Möglichkeiten weiblicher Emanzipation, die der Tourismus bot. Frauen arbeiteten zum Beispiel in Hotels vor allem als Zimmermädchen, Küchenhilfen oder Kellnerinnen. Jobs, die ausnahmslos sehr gering bezahlt wurden. Männer hingegen waren öfter als Koch oder Oberkellner beschäftigt und verdienten daher mehr. Besser bezahlte Tätigkeiten an der Hotelrezeption oder im kaufmännischen Bereich wurden zudem meistens aufgrund der nötigen Sprachkenntnisse mit Ausländerinnen besetzt. 389 384 Vgl. zu diesem statistischen Problem: Bernal u.a., Tourisme, S.-118. 385 Instituto Nacional de Estadística, Encuesta Población Activa, 1968, AHG, (3) Instituto de Estadística 1239, Ficha Palau Sator. 386 Zur Binnenmigration im Allgemeinen vgl. das folgende Unterkapitel. 387 Instituto Nacional de Estadística, Encuesta Población Activa, 1968, AHG, (3) Instituto de Estadística 1239, Ficha Lloret de Mar. 388 Lever, Spanish tourism migrants, S.-455. 389 So zum Beispiel im bereits erwähnten Mittelklassehotel Eugenia in Lloret de Mar im Jahr 1967. Hotel <?page no="169"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 168 Die Situation war aber auch nicht in allen Tourismusregionen gleich. So lässt sich für die zweite Hälfte der 1960er-Jahre auf Mallorca feststellen, dass in den touristischen Gegenden der Anteil der Frauen, die einer Beschäftigung nachgingen signifikant geringer war als in vornehmlich agrarisch geprägten Gebieten. Während in ganz Mallorca 20,35% aller Frauen einer Beschäftigung nachgingen, waren es in den eminent touristischen Küstenregionen wie in Calviá nur 10,99%. 390 So kam es zwischen 1960 und 1965 sogar zu einer Abnahme der Zahl der arbeitenden Frauen. Gingen 1960 noch 460 Frauen einer Beschäftigung nach, waren es 1965 nur noch 305. Den größten Rückgang verzeichnete dabei der erste Sektor (-121), während im dritten Sektor die Zahl um 28 zurückging. 391 Die auf Mallorca niedrigere Rate der beschäftigten Frauen in den Touristenorten im Gegensatz zu einer erhöhten Rate in den landwirtschaftlich geprägten Orten lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass die Werte dort deshalb höher waren, weil die Männer ihre Arbeit in der Landwirtschaft aufgaben und in den Touristenorten tätig wurden, während die Frauen sich nun als in der Landwirtschaft arbeitend deklarierten, anstatt sich, wie zuvor, lediglich als Hausfrauen zu bezeichnen. 392 Die Diskrepanz im Vergleich zur Costa Brava erklärt dies aber noch nicht hinreichend. Möglicherweise sorgte der durch den Tourismus hervorgerufene Lebensstandard dafür, dass sich ortsansässige Frauen schneller verheirateten und in diesem Zuge ihre Beschäftigung aufgaben. Somit blieben vor allem Binnenmigrantinnen als Beschäftigte, die in Calviá 1965 ungefähr 50% der berufstätigen Frauen stellten. 393 Da der Anteil von Binnenmigrantinnen in Lloret de Mar höher als in Calviá war (47% in Lloret de Mar, 21,59% in Calviá), 394 könnte dies der Grund dafür sein, dass zumindest in den Sommermonaten der Teil der Frauen, die einer geregelten Beschäftigung nachgingen, höher war. 3.5.2 Bevölkerungsentwicklung Nicht nur der Arbeitsmarkt, auch die Bevölkerungsentwicklung in den untersuchten Regionen war vom touristischen Strukturwandel betroffen. So kam es in den touristischen Regionen seit den 1960er-Jahren zu einem Bevölkerungswachstum, das Eugenia, Balance de comprobación octubre 1967, 1967, ACS, 27/ 5.1. Hotel Eugenia, Balanços inventari 1965-1985. 390 Bartolomé Barceló Pons: Evolución reciente y estructura actual de la población en las Islas Baleares, Madrid 1970, S.-168. 391 Servicio de Estudios y Programación Técnica y Económica: Plan General de Ordenación Urbanística de Calviá, Información, 2. La Población 1969, AMC, (1381) 8.2.1. 392 Barceló Pons, Evolución reciente, S.-169. 393 Servicio de Estudios y Programación Técnica y Económica: Plan General de Ordenación Urbanística de Calviá, Información, 2. La Población 1969, AMC, (1381) 8.2.1. 394 Duocastella, Sociología y pastoral del turismo, S.-87. Servicio de Estudios y Programación Técnica y Económica: Plan General de Ordenación Urbanística de Calviá, Información, 2. La Población 1969, AMC, (1381) 8.2.1. <?page no="170"?> 169 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen ebenfalls auf die Auswirkungen des Tourismus zurückzuführen ist und nicht allein ein Ausdruck eines sich allgemein abspielenden Strukturwandels innerhalb moderner Gesellschaften. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die untersuchten Regionen in den Jahren des Tourismusbooms, also grosso modo für den Zeitraum der 1960er- Jahre als die Wachstumsraten der Touristenzahlen am größten waren, im Vergleich zum nationalen Durchschnitt alle ein höheres Bevölkerungswachstum aufwiesen. So wuchs die Bevölkerung auf den Balearen zwischen 1960 und 1970 um 25,9%, in der Provinz Gerona um 17,9% und in der Provinz Málaga um 11,9%, während die spanische Bevölkerung insgesamt um 11% wuchs. 395 Dass die überdurchschnittlich hohen Wachstumsraten in enger Verbindung zum Anstieg des Tourismus standen, legt ein Blick auf die Entwicklung während der 1950er-Jahre nahe, als der Tourismus in den betreffenden Regionen noch weitgehend in den Kinderschuhen steckte. In diesem Zeitraum wuchs die spanische Bevölkerung insgesamt um 8,8%, während auf den Balearen lediglich ein Wachstum von 5% und in den Provinzen Gerona sowie Málaga 7,3% bzw. nur 3,3% zu verzeichnen waren. 396 Damit besteht eine direkte Korrelation zwischen der Zunahme der Touristenankünfte in den jeweiligen Regionen und dem überdurchschnittlichen Ansteigen der Bevölkerung. Geht man noch einen Schritt weiter ins Detail und sieht sich nicht nur die Zahlen auf Provinzebene an, sondern differenziert noch einmal zwischen der Situation an den touristifizierten Küsten und deren Hinterland, wird dieses Bild noch deutlicher. So wuchs an der Costa Brava die Bevölkerung zwischen 1950 und 1960, als die Bevölkerung in der gesamten Provinz lediglich um 7,3% und damit unterdurchschnittlich wuchs, die Bevölkerung an der Costa Brava um 18,3% an und legte zwischen 1960 und 1967 noch einmal um 28,8% zu. 397 Ähnlich war die Situation auch an der Costa del Sol. 398 Auf Mallorca gestaltete sich die Situation etwas anders. So stieg etwa in Calviá an der Westküste Mallorcas die Bevölkerung zwischen 1960 und 1970 um 62,7% von 3005 auf 4890 an, 399 während im gleichen Zeitraum die Bevölkerung der gesamten Provinz der Balearen um 25,9% wuchs. 400 Die Bevölkerung der Insel Mallorca ohne Menorca, Ibiza und Formentera wuchs um 21,1% 401 , während die Orte im Hinterland von Mallorca lediglich um 6,7% wuchsen, 402 aber nicht schrumpften. Umso deutlicher wuchsen die Touristenorte an der Küste, die zwischen 1960 und 1970 eine 395 Pellejero Martínez, Tourism Costa del Sol, S.-227. 396 Ebd. 397 Duocastella, Sociología y pastoral del turismo, S.-85. 398 Bernal u.a.: Tourisme, S.-98. Pellejero Martínez, Tourism Costa del Sol, S.-227. Diputación Provincial de Málaga: La Población de la Provincia de Málaga 1986, S.-17. 399 Berechnet nach: Ayuntamiento de Calviá: Memoria de adaptación y modificación del Plan General de Ordenación. AMC 1391/ 1, S.-60. Siehe auch Censo de Población Baleares, ARM GC 2002. 400 Pellejero Martínez, Tourism Costa del Sol, S.-227. 401 Berechnet nach: Bartomeu Barceló i Pons: Població i turisme a les Illes Balears, in: Estudis Balearics, 37/ 38 (1990), S.-141-158, hier S.-151. 402 Berechnet nach: Censo de Población Baleares, ARM GC 2002. <?page no="171"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 170 Wachstumsrate von insgesamt 29% 403 aufwiesen, wobei einige Orte wie das soeben erwähnte Calviá weit überdurchschnittliche Wachstumsraten aufweisen konnten. Aus demographischer Sicht stellt sich an dieser Stelle die Frage, auf welche Faktoren diese überproportionalen Wachstumsraten zurückzuführen sind. So ist zu diskutieren, ob der rasante Anstieg der Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Tourismus durch eine höhere Geburten-, eine niedrigere Sterberate oder eine verstärkte Zuwanderung bzw. eine nachlassende Abwanderung zu erklären ist. Sieht man sich zunächst vergleichend für die Zeiträume 1956-1960 und 1961-1965 die Zahlen für Mallorca im Gesamten an, so stellt man fest, dass die Geburtenrate bei 16,21‰ bzw. 18,14‰ lag, während die Sterbeziffer bei 11,33‰ bzw. 10,71‰ lag. 404 Mallorca verzeichnete damit in beiden Zeiträumen einen Bevölkerungszuwachs von 8 678 bzw. 14 292 Personen, der auf einen Anstieg der Geburtenrate bei gleichzeitigem Sinken der Alterssterblichkeit zurückzuführen ist. Der tatsächliche Bevölkerungszuwachs lag jedoch noch bedeutend höher. So kamen noch einmal in beiden Zeiträumen 5 719 bzw. 28 513 Personen durch Zuwanderung hinzu. 405 Die Bedeutung der Migration nahm also im Zeitverlauf deutlich zu und trug entscheidend zum weiteren Wachstum der Inselbevölkerung bei. Wirft man einen Blick direkt in die Touristenorte verändert sich das Bild jedoch. So setzte sich im Gemeindebezirk von Calviá auch in den 1950er-, 1960er- und 1970er- Jahren der in den 1930er-Jahren einsetzende Trend eines natürlichen Bevölkerungsrückgangs fort, der durch eine kontinuierlich niedrigere Geburtenrate im Vergleich zur Sterbeziffer verursacht war. So wies die natürliche Bevölkerungsbewegung in Calviá in den 1950er-Jahre einen negativen Saldo von 89 auf, in den 1960er-Jahren von 172 und in den 1970er-Jahren schließlich von 217. Dass die Bevölkerung dennoch so massiv zunahm, wie oben bereits beschrieben wurde, lag somit daran, dass Calviá ab 1950 einen positiven Wanderungssaldo aufwies. Damit kehrte sich ein Trend um, der seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bestanden hatte und sich darin äußerte, dass mehr Menschen das Gemeindegebiet verließen als dorthin einzuwandern. Zwar war der Trend bereits in den 1930er-Jahren unterbrochen worden, hatte sich jedoch während der 1940er-Jahre erneut fortgesetzt. So ließen sich in den 1950er-Jahren 759 Neuzugezogenen in Calviá nieder, im Jahrzehnt darauf waren es 2057 und in den 1970er-Jahren schließlich 13 160, während die Natalitätsrate auf einen historischen Tiefstand von 6,44‰ abfiel. 406 403 Berechnet nach ebd. 404 Die Zahlen nach: Cañellas Oliver u.a., Estudio socio-económico, S.-6. Geburtenrate und Sterbeziffer berechnen sich hier als Division von Lebendgeborenen bzw. Gestorbenen bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Zu den unterschiedlichen Möglichkeiten der Erfassung von Fertilität und Mortalität vgl. Bähr, Bevölkerungsgeographie, S.-142 f. 405 Cañellas Oliver u.a.: Estudio socio-económico, S.-6. 406 Ayuntamiento de Calviá: Memoria de adaptación y modificación del Plan General de Ordenación, AMC, 1391/ 1, S.-60. <?page no="172"?> 171 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen Tab. 6: Demographische Entwicklung 1960 -1965 auf Mallorca 407 in ‰ Natalität Mortalität Eherate Migration Andratx 15,02 16,97 6,39 46,69 Banyalbafur 5,03 10,42 4,31 -7,18 Palma 22,17 10,06 7,43 24,22 Calviá 6,59 9,35 3,82 49,12 Dass dies nicht zwangsläufig in allen Touristenorten der Fall sein musste, zeigt der Blick an die Costa Brava. Während also in Calviá um die Mitte der 1970er-Jahre die Geburtenrate auf einen historischen Tiefpunkt absank und das Wachstum des Gemeindebezirks lediglich auf Neuzugängen beruhte, kletterte in Lloret de Mar die Geburtenrate 1975 auf 27,6‰, während die Sterberate bei 9,9‰ lag. 408 Das bedeutete, dass sich die Bevölkerung Llorets 1975 durch eine natürliche Bevölkerungsbewegung um 135 Personen vergrößerte, was einem Zuwachs von 1,8% ausmachte. Etwa um die gleiche Zahl vermehrte sich die Bevölkerungszahl durch Zuzug. 409 Im gesamten Zeitraum der 1970er-Jahre stieg die Bevölkerung Llorets um 35,9% 410 , während die Bevölkerung der gesamten Provinz Gerona um 12,9% anstieg. 411 In der Provinz Málaga blieb die negative Wanderungsbilanz bestehen. 412 So wanderten zwischen 1961 und 1970 6,29 Personen pro 100 Einwohner in die Provinz Málaga ein, während 10,15 Personen sie verließen. 413 Trotzdem kam es insgesamt zu einer Bevölkerungszunahme ausgehend von 750 115 Personen im Jahr 1950 auf 1 036 261 Personen im Jahr 1981. 414 Ursächlich dafür waren nicht durch den Tourismus angezogene Migranten, sondern eine hohe Geburtenrate. Diese lag 1950 bei 20,7‰, stieg bis 1967 auf 24,4‰ und fiel erst 1976 auf einen Wert unter 20‰. 415 Die vorstehenden Ausführungen haben gezeigt, dass der Tourismus eine bedeutende Auswirkung auf die Bevölkerungsentwicklung sowohl der einzelnen Regionen als auch einzelner Orte hatte. Die Diskrepanz in der Bevölkerungsentwicklung zwischen Hinterland und Küstenorten, die sich am deutlichsten im Fall der Costa del Sol zeigt, war aufs Engste mit der Entwicklung des Tourismus verknüpft. Dabei wurde deutlich, dass das Bevölkerungswachstum vor allem Bevölkerungswanderungen zu verdanken war. 407 Zahlen nach: Servicio de Estudios y Programación Técnica y Económica: Plan General de Ordenación Urbanística de Calviá, Información, 2. La Población 1969, AMC, (1381) 8.2.1. 408 Carles Escude i Muncunill/ Manuel Giralt i Clausells/ Jordi Rogent i Albiol: Revisió del Pla General d‘Ordenació Urbana de Lloret de Mar. Diagnosi November 1980, AHL, 30.103.483, S.-192. 409 Ebd., S.-188. 410 Berechnet nach: ebd. 411 Pellejero Martínez, Tourism Costa del Sol, S.-227. 412 Mertins, Regionale Bevölkerungsentwicklung, S.-44. 413 Leguina/ Monreal, Las migraciones, S.-372 f. 414 Pellejero Martínez, Tourism Costa del Sol, S.-227. 415 Mertins, Regionale Bevölkerungsentwicklung, S.-45. <?page no="173"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 172 Dem Wachstum in den Touristenorten standen umgekehrt Stagnation und Bevölkerungsschwund im Hinterlang entgegen. Diese Wanderungsbewegungen in inner- und interregionalem Maßstab sollen im Folgenden eingehender beleuchtet werden. Tab. 7: Bevölkerung Andalusiens 416 Almería Granada Jaén Málaga Andalusien 1960 360 777 769 408 736 391 775 167 2 641 743 1970 375 004 733 375 661 146 867 330 2 636 855 1975 377 606 710 226 623 270 902 783 2 613 885 3.5.3 Interregionale Migrationsprozesse Auf Mallorca sorgte der Tourismus nicht nur dafür, dass die Bevölkerung im Untersuchungszeitraum stark wuchs, sondern auch dafür, dass sich eine negative Wanderungsbilanz in eine positive verkehrte. Waren zwischen 1955 und 1960 noch das natürliche Bevölkerungswachstum und die Zuwanderung in etwa zu gleichen Teilen für das Bevölkerungswachstum verantwortlich, 417 so steuerte die Zuwanderung ab 1960 bis zum Jahr 1981 jeweils deutlich mehr zum Zuwachs der Bevölkerung bei, als es die natürliche Bevölkerungsentwicklung tat. Die Bevölkerung Mallorcas wuchs zwischen 1960 und 1980 um insgesamt 70,8%. Davon gingen allein 57,2% auf eine direkte Zuwanderung zurück. 418 Stellt man zudem in Rechnung, dass auch die Zugezogenen ihren Anteil zur natürlichen Bevölkerungsentwicklung beisteuerten, steigt die Bedeutung der Zuwanderung noch zusätzlich. Die Hauptherkunftsgebiete der Binnenmigranten waren Provinzen im Süden und Südosten Spaniens wie Murcia, Albacete, Extremadura sowie das gesamte Andalusien, wobei die Provinzen Sevilla und Málaga davon weitestgehend ausgenommen waren. 419 Diese Binnenmigration verschob das Herkunftsgefüge in denjenigen ländlichen Gemeinden, die zu Touristenorten wurden. In Calviá waren beispielsweise 1960 noch 64,36% der Einwohner auch dort geboren worden, während aus dem restlichen Mallorca 18,37% und aus dem restlichen Spanien 15,36% zugezogen waren. Der Rest ver- 416 Zahlen nach: Cuadrado Roura/ Torres Bernier: El sector turístico, S.-83. 417 So wuchs die Bevölkerung Mallorcas zwischen 1955 und 1960 um 8678 Personen im Rahmen der natürlichen Bevölkerungsentwicklung und um 8316 Personen durch Zuwanderung. Vgl. Barceló i Pons, Població i turisme, S.-152. 418 Berechnet nach ebd. 419 I Asamblea Provincial de Turismo de Baleares, Comisión para el estudio del Turismo y sus repercusiones económico-sociales en la provincia de Baleares, ARM, GC 1962, S.-272. Vgl. auch Servicio de Estudios y Programación Técnica y Económica: Plan General de Ordenación Urbanística de Calviá, Información, 2. La Población 1969, AMC, (1381) 8.2.1. Hier werden Murcia und Andalusien als Hauptherkunftsgebiete genannt. <?page no="174"?> 173 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen teilte sich auf die weiteren balearischen Inseln (0,66%) und das Ausland (1,25%). 420 1965 hatte sich dieses Verhältnis wiederum verschoben. Nun kamen bereits 21,59% der Einwohner aus dem übrigen Spanien, 21,4% aus anderen Gemeinden Mallorcas und 2,25% aus dem Ausland, während die Zuzüge von den anderen Baleareninseln weiterhin mit 0,47% marginal blieben. 421 Damit fanden auf Mallorca zwei Binnenmigrationsbewegungen statt. Zum einen ein Zufluss von Arbeitskräften vom Festland auf die Insel, der seinen Höhepunkt zwischen 1970 und 1975 fand und zum anderen eine Abwanderung vom Binnenland an die Küste, wobei dieser allerdings nicht dazu führte, dass die Orte im Hinterland schrumpften. Auch die Costa Brava wurde zum Ziel zahlreicher Binnenmigranten. So waren bereits 1960 in den meisten Touristenorten an der Costa Brava häufig bis zu 50% der Einwohner Zugezogene. In Palamós stellten sie 55% aller Einwohner, in Lloret de Mar 47% und in Tossa 45%. 422 Auch an der Costa Brava gab es einerseits einen Migrationsstrom, der von küstenferneren an die Küste der Provinz Gerona gerichtet war. Andererseits stellten Zuwanderer aus nicht-katalanischen bereits 1960 in den größeren Touristenorten zwischen 14,3% (Lloret) und 35,9% (Bagur) der Bevölkerung. 423 Auch an der Costa Brava stammte die Mehrheit der Binnenmigranten, die aus nicht-katalanischen Provinzen kamen, aus ärmeren Gegenden im südlichen Spanien. 424 An der Costa del Sol stellte sich die Situation jedoch etwas anders dar. Erstens war hier die Wanderungsbewegung vom Hinterland zur Küste deutlich stärker als in den beiden anderen Untersuchungsräumen und zweitens blieb die Provinz Málaga als Ganze im Gegensatz zur Provinz der Balearen und der von Gerona, die ebenfalls beide ein nicht touristifiziertes Hinterland besaßen, weiterhin eine Quelle von Binnenmigranten. So war 1960, als sowohl Mallorca als auch die Costa Brava eine positive Migrationsbilanz aufwiesen, in Málaga immer noch eine negative Einwanderungsbilanz von 25 465 Personen zu beobachten. 425 Auch in den Folgejahren änderte sich daran nur wenig. 426 Zu erklären ist dies mit dem geringeren Angebot an Betten für Touristen, das an der Costa del Sol im Vergleich zu den beiden anderen Destinationen 1960 bestand und der damit zusammenhängenden geringeren Aufnahmekraft für Arbeitskräfte im Tourismussektor. 427 Zweitens lebten in der Provinz Málaga bereits 1960 775 167 420 Ebd., Tabla VI. 421 Servicio de Estudios y Programación Técnica y Económica: Plan General de Ordenación Urbanística de Calviá, Información, 2. La Población 1969, AMC, (1381) 8.2.1. 422 Duocastella, Sociología y pastoral, S.-87. 423 Ebd. 424 Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1966, Migración interior. Resumen nacional de emigrantes, clasificados por provincias de procedencia y de destino, S.- 86, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=178713&ext=.pdf, (3.9.2015). Vgl. auch Duocastella, Sociología y pastoral del turismo, S.-92. 425 Bernal, u.a., Tourisme, S.-99. 426 Diputación Provincial de Málaga: La Población de la Provincia de Málaga 1986. 427 Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1960, S.-990, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=83517&ext=.pdf, 11.5.2016. <?page no="175"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 174 Menschen, 428 also fast doppelt so viele, als im gleichen Zeitraum auf Mallorca und mehr als doppelt so viel als in der Provinz Gerona lebten. 429 Tab 8: Binnenmigration 1961-1970 430 pro 100 Nichtmigranten Immigranten Migration innerhalb der Provinz Emigranten in andere Provinzen Baleares 10,63 5,35 2,71 Gerona 13,45 11,41 6,97 Málaga 6,29 5,41 10,15 Nationales Mittel 11,01 7,35 11,97 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Touristifizierung der Küsten einen interregionalen Binnenwanderungsprozess nach sich zog, der die Baleareninsel Mallorca und die Costa Brava zum Ziel hatte, während die Provinz Málaga, in der die Costa del Sol liegt, in der Summe ein Abwanderungsgebiet blieb. 431 Der Tourismus hatte jedoch nicht nur auf die Muster der Binnenmobilität eminente Auswirkungen, sondern auch auf die Neigung, ins Ausland zu emigrieren. So war die Auswanderungsquote auf Mallorca und an der Costa Brava unterdurchschnittlich und auch an der Costa del Sol sorgte der Tourismus dafür, wenn auch in eingeschränkter Form, dass weniger Menschen die Provinz in Richtung Ausland verließen. 432 Die Daten aus allen drei Regionen bestätigen, dass die dort gelegenen Touristenorte stärker als andere Orte in der ländlichen Peripherie wuchsen. Was sich also innerhalb der Regionen, aber auch zwischen den Regionen abspielte, war eine Land-Land-Wanderung. Der Tourismus sorgte somit dafür, dass die Landflucht, die in den 1960er-Jahren in Spanien die großen Metropolen und Provinzstädte wie Madrid, Barcelona oder etwa Málaga bedrängten, 433 in den untersuchten Regionen gebremst bzw. umgelenkt wurde. Während für diese großen Städte der Binnenmigrationsstrom vor allem eine Herausforderung war, die ständig als zu bewältigendes Problem auf der Tagungsordnung der Politiker stand, war für Eliten an der Costa Brava und auf Mallorca die anhaltende Zuwanderung eher ein Ausweis der wirtschaftlichen Dynamik ihrer Regionen. Auch wenn nicht ohne Ressentiments ihnen gegenüber sahen Zivilgouverneure und Wirtschaftsvertreter 434 in den Zuwande- 428 Bernal u.a., Tourisme, S.-99. 429 Barceló i Pons, Població i turisme, S.- 151. Gobierno Civil de Gerona: Memoria de gestión, 1970, AHG, (3) Govern Civil 3174. 430 Leguina/ Monreal: Las migraciones interiores, S.-372 f. 431 Mertins/ Leib, Räumlich differenzierte Formen, S.-258-260. 432 Ebd. 433 Zur Urbanisierung im Franquismus vgl. Baumeister, Die „südeuropäische Stadt“. Ders., Die Hydra. Ders., Die Peripherie. 434 I Asamblea Provincial de Turismo de Baleares, Comisión para el Estudio del Turismo y sus Repercusiones económico-sociales en la Provincia de Baleares, Memoria, 1963, ARM, GC 1962, S.-272. <?page no="176"?> 175 3.5 Translokalisierung und der Wandel soziökonomischer Strukturen rern ein wichtiges Arbeitskräftereservoir, das den Boom der regionalen Wirtschaft, der auf dem Tourismus fußte, erst ermöglichte. So zeigte sich 1972 der Zivilgouverneur von Gerona in einem Bericht über Lage der Provinz im zurückliegenden Jahr besorgt über den weiteren Rückgang der Geburtenrate unter der lokalen Bevölkerung und dem gleichzeitigen Nachlassen des Binnenmigrationsstrom im Kontext der Krise des Tourismus und damit zusammenhängend der Bauwirtschaft: Zusammenfassend kann man betonen, dass trotz des registrierten Anstiegs der Provinzbevölkerung in absoluten Zahlen, die relativen Zahlen eine regressive Situation hervorheben, die in einer nicht fernen Zukunft der Entwicklung der Provinz dem unentbehrlichen Faktor Mensch berauben könnte, der grundlegend für die Erhaltung der aktuell bestehenden Strukturen ist und somit eine weitere Ausdehnung verhindert werden kann. 435 Für die Vertreter des Regimes in den touristischen Regionen war die Binnenwanderung eine Bestätigung dafür, dass ihre Provinzen zu den prosperierenden gehörten, da ihr Entwicklungsmodell ‚Fortschritt durch Tourismus‘ funktionierte, das ihnen wiederum selbst Legitimität verschaffte. Eine Krise dieses Modells, das aus ihrer Sicht im Verlauf der 1960er-Jahre so vielversprechend etabliert worden war, war nicht zuletzt eine Herausforderung für ihre eigene Legitimation und ihren Herrschaftsanspruch. 3.6 Zwischenfazit Abschließend sollen nun die Faktoren, die den Anstieg der Touristenankünfte in den untersuchten Destinationen, den Ausbau des touristischen Angebots und die fundamentalen landschaftlichen und sozioökonomischen Veränderungen im Verlauf der späten 1950er- und der 1960er-Jahre auslösten, in der Zusammenschau diskutiert werden. So lässt sich eine multikausale Erklärung für die Frage liefern, warum es ausgerechnet diese spanischen Regionen waren, die zu einem der wichtigsten Touristenziele der europäischen Nachkriegsgeschichte werden konnten. Der erste hier behandelte Faktor war die Einstellung regionaler Wirtschaftsvertreter und Politiker gegenüber dem Tourismus. Indem sie die Hoffnung auf Wirtschaftswachstum und Wohlstandsgewinn auf den internationalen Tourismus als Impulsgeber für die regionalen Wirtschaftsstrukturen projizierten, schufen sie eine wichtige Voraussetzung für die weitere Förderung des Tourismus. Diese Orientierung hin zum Tourismus als Kernelement einer exogen beeinflussten Wirtschaftsentwicklung ist zwar im Kontext der franquistischen Öffnungspolitik gegenüber dem Ausland zu sehen. Doch machen die analysierten Quellen deutlich, dass in den untersuchten Regionen, teils auf der Grundlage der Erfahrungen mit dem Tourismus in den 1930er-Jahren, eine Tendenz vorherrschte, die zeitlich gesehen, den nationalen Ideen und Maßnahmen, 435 Gobierno Civil de Gerona: Memoria de gestión, 1971, AHG, (3) Govern Civil 3174. <?page no="177"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 176 dem Tourismus einen besonderen Stellenwert in der nationalen und regionalen Ökonomie einzuräumen, vorausging. Noch vor Verabschiedung des Stabilisierungsplans und der vollen Öffnung der Grenzen für ausländische Touristen waren deutliche Stimmen zu vernehmen, die das Potential des Tourismus für sich reklamierten und vom Regime eine stärkere Förderung und Ausrichtung auf den Tourismus verlangten. Damit wurde die Politik der Autarkie als Einengung der Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Entfaltung dieser Regionen und als fehlende Berücksichtigung ihrer Interessen interpretiert. Die spätestens ab den frühen 1960er-Jahren einsetzende politische Rahmung der regionalen Anstrengungen zur Förderung des Tourismus bedeutete eine offizielle Anerkennung der regionalen Interessen und die Durchsetzung einer Wirtschaftsförderung, die den Tourismus als zentralen Motor, von dem Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand ausgehen sollten, auffasste. Als zweiten Faktor für den Aufstieg Mallorcas, der Costa Brava und der Costa del Sol zu führenden europäischen Urlaubsdestinationen kann die Ordnung des Raumes angeführt werden. Den Kommunen, die die Planungs- und Entscheidungshoheit hinsichtlich der Bebauung ihrer Gemarkungen besaßen, kam dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie erkannten im Auslandstourismus die „Goldgrube“ für die Hebung des Wohlstandes in ihren Zuständigkeitsbereichen. Aus dieser Erkenntnis ergab sich eine strategische Ausrichtung auf den Tourismus, die darin bestand, Regulierungen für den Neubau und die Erweiterung von Beherbergungsbetrieben und Zweitwohnsitzen auf einem möglichst geringen Maß zu halten. Dies konnte entweder durch das Fehlen eines Bebauungsplans oder durch gezielt permissive Vorschriften, die im Rahmen der Bebauungspläne erlassen wurden, geschehen. Dieser Befund macht deutlich, dass Gemeindeverwaltungen in den untersuchten Regionen keine ohnmächtigen Akteure waren, die in der Diktatur im Zuge nationaler Tourismuspolitik den Status als Tourismusort gewissermaßen von oben verordnet bekamen oder von international agierenden Tourismusunternehmen, Bauspekulanten oder Immobiliengesellschaften in ihren Handlungsspielräume eingeschränkt wurden. Vielmehr waren sie aktiv in den Prozess der Transformation ihrer Kommunen in Orte des Massentourismus eingebunden und maßen diesem Vorgang deutlichen Vorrang vor anderen kommunalen Angelegenheiten ein. Für den Ausbau der Beherbergungskapazität waren diese Einstellung und dieses Verhalten entscheidend. Sie legten den Grundstein für die fordistische Produktion der Urlaubsreise, indem sehr leicht und mit wenig bürokratischem Aufwand Hotels und Apartmentanlagen im großen Stile und in kurzer Zeit gebaut werden konnten. Diese gezielte Deregulierung war ein entscheidendes Element der Öffnung der spanischen Peripherie für den Strom ausländischer Touristen und damit die schnelle Etablierung der Regionen als touristische Destinationen. Der dritte Faktor für das Ansteigen der Touristenzahlen war der Ausbau von Infrastrukturen. An erster Stelle sind hier Verkehrsinfrastrukturen zu nennen, die die spanischen Regionen und die einzelnen Touristenorte für die Touristen zugänglich <?page no="178"?> 177 3.6 Zwischenfazit machten. In allen drei untersuchten Fällen kam dabei dem Ausbau von Luftverkehrsinfrastrukturen eine wesentliche Rolle zu, da sie den Grundstein für den Absatz an Flugpauschalreisen legten, die ab den späten 1960er-Jahren verstärkt nachgefragt wurden. Auf die Dauer ebenso wichtig, aber in der Frühphase des Ausbaus des Tourismus noch nicht wirklich zentral waren basale Infrastrukturen wie Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. Der Tourismus zwang die Kommunen und Regionen, diese in einem Maße auszubauen, das die Bedürfnisse nicht nur der Einheimischen, sondern auch die der Touristen befriedigte. Das bedeutete in der Praxis, dass die Kapazitäten der Infrastrukturen an der während der Sommersaison maximal ansteigenden Bevölkerungszahl bemessen wurden. Dies beanspruchte wiederum die Gemeindehaushalte in außerordentlichem Maße. Um diesen Ausbau bewerkstelligen zu können, der die Errichtung einer infrastrukturellen Daseinsfürsorge für eine Einwohnerzahl, die teilweise um ein Vielfaches höher als die nominelle Bevölkerungszahl war, umfasste, waren die Kommunen auf finanzielle Hilfen des Zentralstaates angewiesen. Zudem nahmen sie in hohem Maße Kredite auf, um den Infrastrukturausbau bewerkstelligen zu können. Die Existenz kommunaler Infrastrukturnetze war allerdings keine Voraussetzung für einen rapiden Ausbau des Beherbergungswesens. Denn Hotelunternehmer und Bauträger ließen sich von den fehlenden Infrastrukturen nicht vom Bau ihrer Betriebe abschrecken. Sie fanden vielmehr Möglichkeiten, die Wasserversorgung über eigene Wassertanks und die Anlieferung von Wasser durch Tankwagen sicherzustellen. Die Abwasserentsorgung wurde über Sickergruben oder direkte Einleitung ins Meer sichergestellt, so dass auch hier auf einen Anschluss an kommunale Netzwerke verzichtet wurde, wenn diese nicht in suffizienter Weise ausgebaut waren. Sehr rasch zeigte sich allerdings, dass eben diese Infrastrukturen die Grenzen des weiteren Ausbaus der Beherbergungskapazität determinierten und deren Abwesenheit zugleich einen möglichen Attraktivitätsverlust der Destinationen bedeutete. Darauf weisen nicht zuletzt die zahlreichen Beschwerden über Mängel in der Infrastruktur hin, die Touristen selbst an die spanischen Behörden richteten. Dem Staat kam dabei im Rahmen von Planungsanstrengungen und der Bereitstellung von Finanzmitteln eine Ermöglichungsfunktion zu. Indem der Zentralstaat sich an den eigentlich kommunalen Aufgaben der infrastrukturellen Daseinsfürsorge im Rahmen der Politik des desarrollo beteiligte, konnte er nicht zuletzt versuchen, über die Ermöglichung von ‚Entwicklung‘ Akzeptanz und Legitimität des Regimes als Entwicklungsdiktatur bei der Bevölkerung zu schaffen. In der Tat bedeutete für viele Kommunen der Ausbau der Infrastruktur im Rahmen der Tourismusförderung, dass zum ersten Mal in ihrer Geschichte solch weitreichende Infrastrukturnetze implementiert wurden, die nicht zuletzt selbst für Fortschritt und Moderne standen. Der vierte Faktor für den Aufstieg der spanischen Urlaubsdestinationen am Mittelmeer ist in der Rolle ausländischer Tourismusunternehmen zu sehen. Für die Hoteliers in den sich herausbildenden Touristenorten, aber auch für diese selbst war eine direkte Werbung im Ausland mit enormem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Auch <?page no="179"?> 3. Touristische Modernisierung und regionaler Konsens 178 die staatlich gelenkte Auslandswerbung für Spanien als Urlaubsdestination schuf hier keine Abhilfe, weil es hier nicht um konkretes Marketing einzelner Urlaubsorte und Hotels ging, sondern um die Schaffung eines positiven Auslandsbilds von Spanien als friedliche Nation und einladendes Urlaubsland. Die Lösung dieses Problems brachten ausländische Reiseunternehmen, die ab Mitte der 1950er-Jahre an Hoteliers herantraten, um deren Hotels als Zielorte von Pauschalurlauben zu vermarkten. Für die Hoteliers bedeutete dies, dass sie erstens über die Reiseunternehmen Kontakt zur Kundschaft aufbauen und diese so verbreitern konnten. Zweitens übernahmen die Unternehmen auch die Organisation der Reise, so dass die Hoteliers nicht mehr nur Gäste aufnehmen konnten, die aus eigenen Anstrengungen ihren Weg bis zum Hotel fanden. Neben dieser Vermittler- und Organisationsrolle trugen die Tourismusunternehmen auch in signifikanter Weise zur Finanzierung des Ausbaus von Hotels und Apartmentanlagen bei. Über das System der Vorauszahlungen, die als zinsfreie Darlehen fungierten und darüber hinaus für die Hoteliers die Kooperation mit den Reiseunternehmen sicherten, leisteten Firmen wie TUI, Horizon oder Clarkson einen entscheidenden Beitrag zum Ausbau der Beherbergungskapazität und lieferten zugleich die notwendige Nachfrage. Diese Nachfrage ist zugleich der fünfte Faktor, der den Aufstieg der Tourismusregionen Mallorca, Costa Brava und Costa del Sol bedingte. Nur durch den anhaltenden Wachstumstrend gesehenen nordwesteuropäischen Gesellschaften bis in die frühen 1970er-Jahre hinein konnte das Entwicklungsmodell ‚Fortschritt durch Tourismus‘ überhaupt funktionieren. Die Zeit stabilen Wachstums, hoher Beschäftigungsraten und immer weiter wachsenden Löhnen, kombiniert mit gegenüber der spanischen Pesete starken Währungen ermöglichte es, britischen, französischen, westdeutschen und skandinavischen Bürgern ihren Urlaub in Spanien zu verbringen, auch wenn sie nicht der Oberschicht angehörten. Erst das zeitgleiche Zusammentreffen all dieser Faktoren machte die dargelegte Entwicklung möglich und sorgte für die zuletzt beschriebenen unmittelbaren Konsequenzen des Tourismusbooms auf sozialstruktureller und landschaftlicher Ebene. Einseitige Erklärungen, die Handlungsmacht etwa in kritischer Weise allein ausländischen Unternehmern zuschreiben 436 und somit den Eindruck entstehen lassen, die spanischen Akteure wären gewissermaßen über Nacht vom Tourismusboom überrascht worden, 437 stellen ein stark verkürztes Bild der historisch fassbaren Realität dar. Auch Narrative, die die Initiativen für die Förderung und den Ausbau des Tourismus vor allem in der nationalen Politik des Franco-Regimes suchen und diesem in der Folge die Verantwortung für die hochgradigen Landschaftsveränderungen zuschreiben, weil die Förderung des Tourismus nicht mit einer adäquaten Planung und Regulierung einherging, 438 weisen Lücken auf. 436 Mario Gaviria: El escándalo de ‚Court Line‘, S.-5. Ders., España a Go-Go, S.-14. Ders., Ecologismo y ordenación, S.-315. Díaz Plaja: El turismo, S.-20. 437 So ebenfalls ein zeitgenössisches Deutungsmuster: Zahn, Fremdenverkehr, S.-225 f. 438 Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.-269. Barke/ Towner/ Newton, Introduction, S.-xvii. Morris/ Dickinson, Tourist development. <?page no="180"?> 179 3.6 Zwischenfazit Der Bauboom war keinesfalls nur eine Folge diktatorischer Strukturen, sondern ging nicht zuletzt in hohem Ausmaß von der Privatwirtschaft und kommunalen Entscheidungsprozessen aus. Die Übertragung der Verantwortung für die landschaftlichen Veränderungen auf das diktatorische Regimes, weist eher den Charakter einer retrospektiven Distanzierung von den mittlerweile als negativ begriffenen Veränderungen durch den Tourismus auf, während hingegen im Verlauf der 1960er-Jahre diese Veränderungen von vielen Akteure durchaus nicht negativ wahrgenommen wurden, sondern als Zeichen eines Wegs in eine Moderne gedeutet wurden, die mittels des Tourismus erreicht werden sollte. <?page no="182"?> 181 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell Der Etablierung des Massentourismus als Entwicklungsmodell am Ende der 1950er- und zu Beginn der 1960er-Jahre folgte dessen Ausbauphase, welche die Übernachtungskapazitäten, die touristischen Infrastrukturen und die Touristenzahlen im Verlauf der 1960er-Jahre sprunghaft anstiegen ließ. So wuchs die Zahl der Touristen in Spanien zwischen 1950 und 1960 um 25,2%, während im Jahrzehnt darauf eine immer noch beachtliche Wachstumsrate von 17,2% erreicht wurde. 1 Die 1960er-Jahre wurden in den touristischen Regionen zu einer Boomphase, zum „boom turístico“ 2 , die zu einer Verfestigung des Konsenses, dass es der Tourismus sei, der das größte wirtschaftliche Entwicklungspotential für die Regionen in sich trage, führte. Alternative Wege wirtschaftlicher Entwicklung standen dabei der touristischen Zukunft gegenüber. In diesem Kapitel soll gezeigt werden, wie sich diese Verfestigung des Konsenses in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über den Tourismus niederschlug und als deren Folge Konflikte um divergierende Raumnutzungskonzepte zugunsten des Tourismus entschieden wurden. Diese Analyse wird zum einen für Konflikte in der Zeit der 1960er-Jahre vorgenommen, als es um die Anlage von Industriebetrieben bzw. industrieähnlichen Gebäuden ging. Kaum waren diese Raumnutzungskonflikte der 1960er-Jahre überwunden, traten zum anderen um 1970 Kritiker des touristischen Entwicklungsmodells auf, die sich zunehmend um die aus ihrer Sicht schädlichen Wirkungen des Tourismus auf Landschaften, die Natur und das, was nun neu als Umwelt aufgefasst wurde, sorgten. Hierbei traten neue Akteure auf, die mit neuen Argumenten das touristische Wachstum in Frage stellten, während etablierte Akteure sich zunehmend darum sorgten, wie die touristische Expansion sich vor sich selbst schützen konnte, d.h. wie ein weiteres Wachstum der Tourismusbranche nicht dazu führte, dass Spanien als Destination für Touristen aufgrund der großen Dichte von Hotelanlagen unattraktiv werden würde. Im Kapitel werden zunächst die Konflikte um industrielle und industrieähnliche Anlagen im Verlauf der 1960er-Jahre analysiert. In einem zweiten Schritt rücken dann die Kritik am touristischen Entwicklungsmodell und die sich daraus ergebendenen Konflikte zwischen Tourismus und Landschaftssowie Naturbzw. Umweltschutz in den Fokus der Untersuchung. Sodann folgt eine Einordnung dieser Konflikte in den größeren Rahmen der Krise des Tourismus um 1970. 1 Vallejo Pousado, Turismo y desarrollo, S.- 428. Die Berechnungen wurden anhand von Zahlen, die nach der Grenzmethode erfasst wurden, vorgenommen. 2 Vgl. Asamblea Provincial de Turismo de Baleares 1974: Ponencia de „Criterios de Promoción“, November 1974, AGA, (3) 49.22 59273, Top. 72/ 16, S.-2. <?page no="183"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 182 4.1 Touristische oder industrielle Räume? Nun also zunächst zur Herausforderung des regionalen Konsenses durch geplante Industrieansiedlungen und Bauvorhaben, die einen industriellen Charakter besaßen. Nach einer kurzen Skizze des politischen Kontexts dieser Konflikte und der Darstellung des bisherigen Forschungsstandes werden die dabei relevanten Interessengruppen, Argumentationsmuster und Durchsetzungsstrategien analysiert und deren Ergebnisse bewertet. Die Auseinandersetzungen um Tourismus und Industrie spielten sich im Kontext von konkurrierenden Vorstellungen über Entwicklung und wirtschaftlicher Modernisierung auf politischer bzw. zentralstaatlicher Ebene ab. Der Stabilisierungsplan von 1959 war der Startschuss für die Planungs- und Modernisierungspolitik des spanischen Regimes. 3 Die spanische Entwicklungspolitik des Desarrollismo 4 war darauf ausgerichtet, wichtige Schlüsselindustrien gezielt zu fördern, um so neue Wertschöpfungsketten zu initiieren und insbesondere das Bruttoinlandsprodukt zu erhöhen, das als Maßstab der wirtschaftlichen Entwicklung aufgefasst wurde. 5 Mithin war das Ziel der politischen Akteure um Franco, wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, ohne dass es in diesem Zuge auch zu einer gesellschaftlichen Entwicklung in Richtung auf Pluralisierung, Liberalisierung und Demokratisierung kommen sollte, wie dies eigentlich die Annahmen der amerikanischen Modernisierungstheorie 6 besagten, auf deren wirtschaftspolitische Maßnahmen sich das Regime im Rahmen der neuen Entwicklungspolitik berief. 7 Dieses Konzept, demzufolge die industrielle Entwicklung maßgeblich von durch den Fremdenverkehr erwirtschafteten Devisen finanziert werden sollte, führte in der Folge dazu, dass es in Regionen in denen der Tourismus eine bedeutende Rolle spielte, zu Konflikten zwischen touristischer Infrastruktur und industrieller Ansiedlung kam. Auf politischer Ebene äußerte sich dies vor allem in Auseinandersetzungen zwischen den für die einschlägigen Ressorts zuständigen Ministern und deren konfligierenden Vorstellungen. Für die besonders konservativen Kreise innerhalb des Regimes war es ohnehin schwer zu akzeptieren, dass ausländisches Kapital entscheidend für die Modernisierung der spanischen Wirtschaft sein sollte. Wurde dieses Kapitel noch dazu durch Touristen ins Land gebracht, die sich nicht gemäß den Vorstellungen der konservativen Kreise verhielten, sorgte dies umso mehr für Friktionen innerhalb des Regimes. 8 Zwar war wohl zumindest den Schlüsselfiguren im Kabinett klar, dass es ohne die durch den Tourismus erwirtschafteten Devisen nicht ging. Doch sorgte dies nicht dafür, dass fraglos jegliche Initiativen zum Ausbau des Tourismus Anklang fanden. 3 Zelinsky, Spaniens wirtschaftpolitische Wende, S.-295. 4 Elorza, Los felices años sesenta. 5 Alsina Oliva, Estrategias de desarrollo, S.-339 f. 6 Vgl. Rostow, Stages. 7 Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-235 8 Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.-290. <?page no="184"?> 183 4.1 Touristische oder industrielle Räume? Besonders umstritten war in dieser Hinsicht das vom 1962 neu ernannten Tourismusminister Manuel Fraga Iribarne erarbeitete Gesetz über spezielle Zonen touristischer Entwicklung („Ley de Centros y Zonas de Interés Turístico“), in denen Hotels und anderen touristischen Einrichtungen Steuervorteile gewährt und der Ausbau touristischer Infrastruktur besonders gefördert werden sollte, während jegliche industrielle Entwicklung innerhalb der Zonen unzulässig war. 9 Für Fraga war der Tourismus eben mehr als nur ein Devisenbringer. Aus seiner Sicht konnte der Tourismus durchaus auch selber etwas für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes tun 10 und nicht nur das Kapital liefern, um den Ausbau der Industrie zu forcieren. Die konservativeren Vertreter innerhalb des Kabinetts und die Modernisierer, die teilweise dem Opus Dei angehörten, betrachteten hingegen den ausländischen Massentourismus eben lediglich als Impulsgeber für die industrielle Entwicklung und sahen ihn nicht auf einer Stufe mit den wichtigen Großindustrien. Aus diesen divergierenden Vorstellungen darüber, wie die wirtschaftliche Modernisierung Spaniens vollzogen werden sollte, resultierten erhebliche Konflikte und Spannungen innerhalb der Regierungen, die darin endeten, dass Fraga letztlich eine Niederlage hinnehmen musste und 1969 schließlich aus dem Kabinett ausschied. 11 Aus der Perspektive einer gesellschaftsgeschichtlichen Einbettung lässt sich gegenüber dem gerade eben skizzierten Forschungsstand einwenden, dass es sich beim Konflikt zwischen Tourismus und Industrie nicht nur um einen Streit auf Kabinettebene handelte, bei dem zudem erhebliche persönliche Interessen der beteiligten Minister eine Rolle spielten. Denn es ging eben nicht nur darum, wo die bereits erwähnten Centros und Zonas de Interés Turístico entstehen sollten und damit effektiv die Ansiedlung von Industrie verhinderten. Blickt man aus der Perspektive der touristischen Regionen auf den Konflikt zwischen Tourismus und Industrie, dann wird sichtbar, dass es in den meisten Fällen eher darum ging, in welchen Räumen Industriekomplexe bzw. dafür notwendige Bauten platziert werden sollten und welche Auswirkungen das auf bereits bestehende touristische Strukturen hatte. Auch wurde diskutiert, welche Konsequenzen bereits bestehende industrielle Einrichtungen für zukünftige Möglichkeiten des Ausbaus von Tourismus hatten. Vor dem Hintergrund des (wirtschafts-) politischen Rahmens der franquistischen Diktatur und den daraus abgeleiteten Prioritätensetzungen im Hinblick auf die Industrie erscheint es erklärungsbedürftig, wie sich diese Konflikte auf regionaler Ebene entwickelten und zu welchen Ergebnissen sie führten. 4.1.1 Interessengruppen Bei allen der im Folgenden skizzierten Fälle lassen sich relativ klar abgegrenzte Interessengruppen erkennen, die im Regelfall über die einzelnen Regionen, Städte und 9 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-122. 10 Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.-291. 11 Ebd. <?page no="185"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 184 Gemeinden hinweg ähnlich strukturiert waren und ähnliche Argumentationsmuster verwendeten. An erster Stelle ist hier die lokale Administration zu nennen. Da es deren Aufgabe war, Baugenehmigungen zu vergeben und Bebauungspläne auszuarbeiten, nach denen eine räumliche Nutzung des kommunalen Zuständigkeitsbereiches zu erfolgen hatte, kam ihrer Haltung zu den hier thematisierten Raumnutzungskonflikten eine entscheidende Rolle zu. Eine weitere Akteursgruppe, die ihre Interessen in diesen Konflikten geltend machte, war die Lobby der Hotel- und Restaurantbesitzer, die zumeist keine eigene feste Organisationsstruktur besaß, aber zusammen mit ihren angestellten Arbeitskräften eine relativ große Gruppe darstellte. Demgegenüber weitgehend marginalisiert waren lokale Fürsprecher für einen forcierten industriellen Ausbau. Aus einer Minderheitenposition heraus artikulierten sie ihre Interessen vor allem über die Presse und wurden dabei von Journalisten unterstützt, die derselben Meinung waren. Allerdings deckte sich ihre Position mit derjenigen eines überaus mächtigen Akteurs: des Instituto Nacional de Industria (INI), 12 des staatlichen Unternehmens zur Förderung der Industrialisierung Spaniens. Hinter dieser staatlichen Organisation standen machtvolle Gruppen der Verfechter einer industriebasierten Modernisierung Spaniens sowie große Unternehmen. Auf der nationalstaatlichen Ebene konnte diese Gruppe somit auf machtvolle Unterstützer zählen. Auf regionaler Ebene kamen als weitere Akteursgruppen zudem Anwohner hinzu, die von möglichen Bauprojekten direkt betroffen waren und Gruppen, die indirekt vom Tourismusgewerbe profitierten wie Fischer und Handwerker. 4.1.2 Argumentationsmuster Diejenigen Interessengruppen, die sich bei den Konflikten zwischen Industrie und Tourismus gegen die Ansiedlung von Industrie oder industrienahen Anlagen aussprachen, leiteten ihre Meinungen in erster Linie aus den Erfahrungen der Vergangenheit und dem Blick auf die Zukunft ab. In ihren Augen hatte der Tourismus für eine zuvor ungeahnte Wohlstandsexplosion gesorgt. Der Tourismus war nach wie vor die sprichwörtliche „[…] Goldgrube […]“ 13 , die versprach auch weiterhin für ein Wachsen des Wohlstandes zu sorgen. In den Gegenden, wo die touristische Entwicklung zu Beginn der 1960er-Jahre noch nicht so weit fortgeschritten war, war der Tourismus in erster Linie ein Fortschrittsversprechen, das durch die Auswirkungen von möglichen Industriekomplexen gefährdet schien. Wie bereits erwähnt beruhte der regionalgesellschaftliche Konsens auf der wachstumsimpulsgebenden Wirkung des Tourismus und wurde durch mögliche Industrieansiedlung oder negative Auswirkungen der Industrialisierung auf Landschaft und Umwelt bedroht. Für die Gegner des industriellen Ausbaus war klar, dass Tourismus und Industrie an sich inkompatibel waren und nicht miteinander harmonisiert werden konnten. Aus ihrer Sicht hatte eine räumliche Trennung 12 Zur Geschichte des INI vgl. Schwarz, Historia del Instituto. Martín Aceña, INI. Rodríguez Romero, El Instituto Nacional. González González, El Instituto Nacional. 13 Alcover, El turismo. <?page no="186"?> 185 4.1 Touristische oder industrielle Räume? zu erfolgen, der zufolge touristische Räume klar von industriellen Räumen abgegrenzt werden sollten. Sichtbar wird dieses Argumentationsmuster beispielsweise beim Streit um eine Papierfabrik in Motril an der Costa del Sol. Kurz nach der Inbetriebnahme 1963 drohte die Fabrik, einen angrenzenden Strand für eine touristische Nutzung vollkommen unbrauchbar zu machen. Das Problem resultierte aus dem ungeklärten, mit Giftstoffen belasteten Abwasser, das aus der Fabrik direkt mittels einiger Abflussrohre in der Nähe des Strandes ins Meer geleitet wurde. 14 Betroffen davon war der Besitzer der Ländereien, die hinter dem Strand lagen. Auf diesen war ein touristisches Urbanisationsprojekt geplant, das mithilfe von ausländischem Kapital finanziert werden sollte. Der Grundbesitzer, der sich mit der Unterstützung durch ausländische Finanziers zu einem Tourismusunternehmer aufschwingen wollte, argumentierte, dass die zukünftigen Investitionen, aus denen eine touristische Inwertsetzung eines bisher landwirtschaftlich genutzten Raumes resultieren sollte, verloren wären, wenn die Fabrik nicht dazu gezwungen werden würde, ihr Abwasser an einer anderen Stelle ins Meer zu leiten und dieses zuvor zu klären. 15 Die Gemeindeverwaltung von Motril argumentierte ähnlich und hob das erhebliche wirtschaftliche Interesse von Motril an einer touristischen Erschließung hervor. Für Motril sei es entscheidend, dass ein Ausbau des Tourismus nicht durch die Auswirkungen der Industrie behindert wurde, da sich die Gemeinde an einem entscheidenden Punkt ihrer Entwicklung befinde, an dem […] Motril sich nach jahrhundertelangem Stillstand entschieden dem Wiederaufstieg unseres Vaterlandes anschließt. Es ist genau der Moment, an dem die Privatinitiative angefangen hat, ihre Investitionen an dieser einmaligen und privilegierten Küste, zu der es in ganz Spanien aufgrund der klimatischen und geographischen Bedingungen sowie ihrer Lage, mit denen sie von Gott ausgestattet wurde, kein Pendant gibt, zu investieren […]. 16 Zukünftige Wachstums- und Fortschrittshoffnungen projizierte die Gemeinde somit auf die naturräumliche Struktur der Küste, die sich, laut der Gemeinde, wie keine andere für eine touristische Nutzung eignete. Eine weitere Forcierung des industriellen Ausbaus spielte dagegen für die Verwaltung keine Rolle. Offensichtlich war es dabei auch wichtig, dass die Ansiedlung von Industrie in peripheren Gebieten, wie es die Costa del Sol war, zumeist Projekte des staatlichen Instituto Nacional de Industria waren. Weitere Industrieanlagen in unmittelbarer Nähe 14 Pedro Segura Moreno, Presidente y en nombre de la Azucera de Salobreña, S.A. an Subsecretario de Turismo: Celuloso en Motril, 10.12.1962, AGA, (3) 49.11 28001, Top. 22/ 19-21. Ayuntamiento de Motril: Celulosa de Motril, 10.06.1962, AGA, (3) 49.11 28001, Top. 22/ 19-21. 15 Pedro Segura Moreno, Presidente y en nombre de la Azucera de Salobreña, S.A. an Subsecretario de Turismo: Celuloso en Motril, 10.12.1962, AGA, (3) 49.11 28001 Top. 22/ 19-21. 16 Ayuntamiento de Motril: Celulosa de Motril, 10.06.1962, AGA, (3) 49.11 28001, Top. 22/ 19-21. <?page no="187"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 186 aus staatlicher Initiative waren deshalb offenbar kaum zu erwarten. Die Gemeindevertreter waren der Überzeugung, dass es zur Entwicklung der Kommune und zur Hebung des Wohlstandes sinnvoller sei, auf die translokale Verflechtung durch den internationalen Massentourismus zu setzen als auf die staatliche Modernisierungspolitik. Damit wurde zugleich die Landschaft bzw. die unberührte und unverschmutzte Landschaft, in deren Zentrum der erwähnte Strand stand, zu einer Ressource, die es zu schützen galt, wollte man ausländische Investoren zur Finanzierung des touristischen Ausbaus anlocken. Wenn die Fabrik ihr Abwasser direkt am Strand ins Meer leitete, dann würde er unbrauchbar für „[…] alle zukünftigen Möglichkeiten dieses Touristengebietes […]“ 17 und damit würde „[…] eine erfreuliche Zukunft auf dem Feld des Tourismus […]“ 18 zunichtegemacht werden. Ganz ähnlich wurde vier Jahre später argumentiert, als in Palamós, einer prosperierenden Kleinstadt an der Costa Brava eine Zementfirma beantragte, am Hafen zwei Lagersilos für Zement zu errichten, der für die boomende Bauwirtschaft an der Küste dringend benötigt wurde. 19 Die Silos sollten die an der Costa Brava tätigen Baufirmen mit Zement versorgen, das über den Schiffsweg billiger zu transportieren war als per Eisenbahn oder Lastwagen. Da Palamós ein zentraler Versorgungsort für die Region war und zugleich den größten Hafen an der Costa Brava besaß, war es aus Sicht der den Bauantrag stellenden Firma ein idealer Standort für die Lagersilos. Während der bei solchen Bauanträgen üblichen Zeit des öffentlichen Aushangs, der die Öffentlichkeit über das geplante Projekt informieren sollte, gingen insgesamt zehn Einsprüche gegen das Vorhaben von Bürgern der Stadt ein. 20 Die Stadtverwaltung, die sich der Wichtigkeit dieses Projekts in Bezug auf die Zukunft der Stadt sehr wohl bewusst war, beraumte eine Sondersitzung des Pleno Municipal ein. 21 Mit nur einer Gegenstimme beschloss das Plenum den Bauantrag abzulehnen, da „[…] dieser dem öffentlichen Interesse zuwiderlaufe […]“ 22 , und folgte damit den gegenüber dem Projekt vorgebrachten Einsprüchen. Den beiden Lagersilos im Hafen wurde damit nicht nur ein Nutzen für die Allgemeinheit abgesprochen. Darüber hinaus wurde ihnen von der Stadtverwaltung eine schädliche Wirkung in Bezug auf die öffentlichen Interessen attestiert. Die Entschei- 17 Ayuntamiento de Motril: Celulosa de Motril, 10.06.1962, AGA (3) 49.11 28001 Top. 22/ 19-21. 18 Ebd. 19 Comisión Administrativa de Obras y Servicios de Puertos a Cargo Directo del Estado. Grupo de Puertos de Gerona: Información Pública referente a la conseción solicitada por Cementos del Mar, S.A., 22.9.1967, Arxiu Municipal de Palamós (AMP), Fons Ajuntament de Palamós, H00693, Exp. Silos para cement en el Puerto. 20 Ayuntamiento de Palamós: Reclamaciones en relación con los Silos de Cemento, 15.11.1967, AMP, Fons Ajuntament de Palamós, H00693, Exp. Silos para cement en el Puerto. 21 Ayuntamiento de Palamós: Actas del Pleno Municipal. Instalación de silos de cemento en el Puerto de Palamós, 25.10.1967, AMP, Fons Ajuntament de Palamós, H00018. 22 Ayuntamiento de Palamós: Acta de la sesión extraordinaria del día 31 de octubre de 1967, 31.10.1967, AMP, Fons Ajuntament de Palamós, H00018. Gegen die Entscheidung über die Ablehnung des Bauantrags wurde von dem betroffenen Bauunternehmen Einspruch eingelegt. Wie aus späteren Quellen hervorgeht, wurde der Einspruch jedoch abgelehnt, da es nie zum Bau der Silos kam. Vgl. Ernesto Perpiña Aulí u.a.: Se oponen en Palamós a una instalación petrolifera de la Campsa, in: Ya (28.5.1969). <?page no="188"?> 187 4.1 Touristische oder industrielle Räume? dung über die Baugenehmigung wurde nicht nur damit begründet, dass die beiden Silos nur einen begrenzten Wert für die Stadt hatten, sondern auch damit, dass sie den Entfaltungsmöglichkeiten der Stadtbewohner entgegenstanden. Um seiner Ablehnung des Projekts Nachdruck zu verschaffen, berief sich der Stadtrat bei der Begründung seiner Entscheidung auch auf die Stimmung innerhalb der Bevölkerung, die sich mehrheitlich gegen das geplante Projekt ausgesprochen hatte. Zum einen betonte der Stadtrat das unästhetische Aussehen der Silos, das „[…] dem herrlichen Panorama bestehend aus dem Hafen und der Bucht von Palámos schaden würde […].“ 23 Zum anderen schädige ein solches Bauwerk den Tourismus und in diesem Zusammenhang auch die Fischerei in Palamós, denn die Rückkehr der Fischer, das Entladen der Schiffe und die Versteigerung des Fisches seien selber zu einer Touristenattraktion geworden. 24 Somit waren erstens der Tourismus selber und zweitens direkt mit dem Tourismus in Verbindung stehende wirtschaftliche Aktivitäten im öffentlichen Interesse der Stadtbevölkerung, das es zu schützen galt. Die Stadtverwaltung machte sich damit eine Argumentation zu eigen, die Interessensvertreter der im Tourismussektor tätigen Unternehmer und Selbständige vorbrachten. So lehnte beispielsweise die Junta Directiva del Centro de Iniciativas y Turismo de Palamós, der Vereinigung zur Förderung des Tourismus, den Bau der beiden Silos, die einen Durchmesser von ca. 12 und eine Höhe von 16 Metern aufweisen und durch einen Turm von 26 m Höhe ergänzt werden sollten, deutlich ab. 25 Das Hauptargument der Gegner des Bauvorhabens war die Tatsache, dass Palamós 1965 mit dem Premio Nacional de Turismo, dem nationalen Preis für besondere Leistungen auf dem Feld des Tourismus ausgezeichnet und somit für seine Aktivitäten für die Förderung des Tourismus besonders vom Ministerium für Information und Tourismus geehrt worden war. In diesem Sinne konstatierte der Autor eines Zeitungsartikels, der gegen die Baupläne Stimmung machte, dass Palamós „[…] ein touristischer Ort im besten Sinne […]“ 26 sei. Ein großer Teil der Bewohner betrachtete Palamós, dem Zeitungsartikel zufolge, als Tourismusort. In diesem hatten, in ihren Augen, industrielle Anlagen jeglicher Art oder solche, die in ihrem Aussehen an Industriekomplexe erinnerten, auch wenn sie nicht direkt der Produktion dienten, nichts verloren. Begründet wurde dies wiederum mit den möglichen negativen Folgen für den Tourismus durch den Staub, der aus den Zementsilos austreten könnte. Wenn dieser bei ungünstigem Wind über den Strand wehen würde, wäre dies eine ernsthafte Bedrohung für den Tourismus. 23 Ayuntamiento de Palamós: Acta de la session extraordinaria del día 31 de octubre de 1967, 31.10.1967, AMP, Fons Ajuntament de Palamós. H00018. 24 Ebd. 25 Junta Directiva del Centro de Iniciativas y Turismo de Palamós an Alclade de Palamós: Silos de cement, 28.10.1967, AMP, Fons Ajuntament de Palamós, H00693, Exp. Silos para cement en el Puerto. 26 Antonio Crosa: Palamós: Sobresalto para la villa ‚Premio Nacional de Turismo‘. En el testoro del muelle comercial y pesquero se pretende construir dos silos para el transvase de cemento. In: La Vanguardia Española (28.10.1967), S.-22. Vgl. auch den Einspruch eines Bürgers von Palamós gegen das Bauvorhaben: José Parals Elias an Alcalde Presidente del Ayuntamiento de Palamós: Silos de cemento, 1967, AHG, (3) Informació i Turisme 167. <?page no="189"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 188 Auch um das Stadtbild waren viele Bürger besorgt. So bezeichnete die Interessenvertreteung der Tourismusbranche den Hafen als wichtigen Teil der touristischen Attraktionen der Kleinstadt, da es bei den Touristen beliebt war, dort herumzuschlendern, insbesondere dann, wenn die Fischer mit ihrem Fang vom Meer zurückkehrten. Damit hatte die Tourismusbranche dasjenige Argument fomuliert, das die Kommunalverwaltung heranzog, um die Baugenehmigung nicht zu erteilen. Denn deren Bau würde, so die Junta Directiva del Centro de Iniciativas y Turismo de Palamós, dazu führen, dass die Touristen dazu veranlasst werden würden, den Hafen nicht mehr zu besuchen. 27 Zudem „würden aufgrund der großen Gebäude, die die ganze Aussicht verstellen, das Meer und die ganze weite Bucht nicht mehr von der Mole aus betrachtet werden können.“ 28 Auch eine wichtige städtische Institution wie die Industrie- und Handelskammer sprach sich zumindest gegen den Ort der Anlage der Silos aus, auch wenn sie nicht grundsätzlich gegen den Bau der Speicheranlagen war. 29 Die Qualität des städtischen Raumes von Palamós lag nach Ansicht vieler Bürger demnach in seinen touristischen Eigenschaften. Um diesen Status als touristischer Raum zu sichern, lehnte ein großer Teil der Bevölkerung das Bauprojekt ab. Dies war in erster Linie ökonomisch motiviert. Denn der touristische Charakter des städtischen Raumes in Palamós war zugleich die Garantie für die Sicherung des Lebensunterhaltes von ca. 85% der Bevölkerung von Palamós, wie es der bereits oben zitierte Journalist darstellte, der in einer großen überregionalen Zeitung nach Ablehnung des Bauantrags noch einmal die Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung herausstellen wollte. Im Hinblick auf die Konkurrenzfähigkeit der Costa Brava gegenüber den nahegelegenen französischen Touristengebieten argumentierte er: Für unsere Küste, die in Kürze noch mehr über sich hinauswachsen müssen wird, um weiterhin die mögliche Konkurrenz zu beherrschen, die sich sehr nah hinter der [französischen] Grenze entwickeln könnte, ist es notwendig, dass die Landschaft und die Panoramen der Natur nicht ruiniert werden. Ebenso wenig darf die Ruhe des Urlaubs unserer Besucher durch Unannehmlichkeiten gestört 27 Junta Directiva del Centro de Iniciativas y Turismo de Palamós an Alclade de Palamós: Silos de cement, 28.10.1967, AMP, Fons Ajuntament de Palamós. H00693. Exp. Silos para cement en el Puerto. 28 Antonio Crosa: Palamós: Sobresalto para la villa ‚Premio Nacional de Turismo‘. En el testoro del muelle comercial y pesquero se pretende construir dos silos para el transvase de cemento. In: La Vanguardia Española (28.10.1967), S.-22. 29 Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palamós an Alcalde de Palamós: Silos de cemento, 11.11.1967, AMP, Fons Ajuntament de Palamós, H00693, Exp. Silos para cemento en el Puerto. Die Industrie- und Handelskammer schickte eine Kommission nach Tarragona, da dort im Hafenbereich solche Anlagen bereits bestanden. Sie sollte feststellen, inwiefern von den Silos tatsächlich eine Gefahr für den Tourismus ausging. In ihrem Bericht hielt die Kommission fest, dass es sehr unwahrscheinlich wäre, dass aus den Silos Staub nach außen treten und so die Luftqualität beeinträchtigen und damit Touristen abschrecken könnte. Allerdings bliebe der negative ästhetische Effekt, der das Stadtbild empfindlich verändern würde. <?page no="190"?> 189 4.1 Touristische oder industrielle Räume? werden. Auf jeden Fall sollten wir das verschönern, was wir besitzen, damit der Fremde noch begeisterter ist, unser Land kennenzulernen. 30 Diese Haltungen zeigten sich noch einmal verschärft zwei Jahre später und brachten eine weitere öffentliche Debatte mit sich, die dieses Mal nicht nur Interessenvertreter bestimmten, sondern in welche die Bevölkerung selber sehr direkt eingriff. Ursache war wiederum ein geplantes Bauprojekt im Hafen von Palamós. 1969 beantragte das verstaatlichte Unternehmen C.A.M.P.S.A bei der Stadtverwaltung den Bau einer neuen und größeren Mole im Hafen von Palamós sowie die Anlage zweier Tanks zur Speicherung von Kraftstoff direkt im Hafen. Dies sollte der besseren Versorgung der Provinz Gerona mit Benzin und Diesel dienen. Nicht zuletzt die erhöhte Nachfrage in der Sommersaison nach Kraftstoff für die Autos der Touristen sollte damit bedient werden. Die Argumentation der Gegner des Projekts bezog sich nun sehr deutlich auf die Vergangenheit und entwickelte dabei ein Narrativ, das dem Tourismus eine Schlüsselrolle in der Modernisierung und Entwicklung der Stadt zusprach: Und im Gegenteil strebt man nach der Fortsetzung dieses neuen Palamós, das es verstanden hat, in wenigen Jahren dank des Impulses des Tourismus wiedergeboren zu werden und sich der historisch einmaligen Konjunktur würdig erweist, die die göttliche Vorsehung der Stadt beschert hat. Gesund und ungestüm betritt sie das Feld der Erhöhung des Vaterlands. Die reale Tatsache, dass im Zeitraum der letzten drei Jahre Kapital von mehr als 1.120 Millionen Peseten in Immobilien investiert wurde, spricht, neben den anderen erheblichen Investitionen im Bereich des Handels und den Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Tourismus, in eloquenter Weise für das bereits Dargelegte. 31 Hierbei spielte das Centro de Iniciativas y Turismo mit den als negativ empfundenen Erfahrungen der Bewohner von Palamós und seiner Umgebung mit dem Niedergang der Korkindustrie. Diese befand sich seit 1957 in einem kontinuierlichen Abwärtstrend, der gewissermaßen negativ mit dem Aufstieg des Tourismus korrelierte, auch wenn der Tourismus nicht die primäre Ursache dieses Bedeutungsverlustes war. Waren 1957 in Palamós noch 1 121 Arbeiter in der Korkindustrie beschäftigt, was ein Allzeithoch darstellte, waren es 1970 nur noch 442. Der Rückgang um über 50% lässt sich weniger mit Mechanisierung oder Rationalisierung in der Korkverarbeitung erklären als in erster Linie mit der schlechteren Qualität des spanischen Korks, was zunehmend zu Absatzschwierigkeiten führte. Eher eine sekundäre Rolle spielte, laut zeitgenössischen Beobachtern, der Abzug von Kapital zum Tourismussektor hin und das Fehlen von Arbeitskräften zur Ernte- 30 Anontio Crosa: Palamós: El proyecto de los silos y la atención a la competencia, in: La Vanguardia Española (5.11.1967). 31 Centro de Iniciativas y Turismo de Palamós an Ayuntamiento de Palamós: Proyecto de la CAMPSA, 22.4.1969, AMP, Fons Ajuntament de Palamós, H00918, Assumpte CAMPSA. <?page no="191"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 190 zeit, die mit der Hochsaison des Tourismus konvergierte. 32 Zentral war aber die Wahrnehmung innerhalb der Bevölkerung, die den Aufstieg des Tourismus mit Wohlstand und Fortschritt assoziierte und wirtschaftlichen Niedergang und Rückständigkeit vor allem mit dem Niedergang der Korkindustrie. Im Fortschrittsnarrativ der meisten städtischen Bewohner war eben der Tourismus die „[…] Goldgrube […]“ 33 , wie es eine Gruppe von Stadtbewohnern in einem Protestschreiben gegen den Bau der vergrößerten Mole und der Ölbzw. Benzintanks betonte. Ein bedeutender Gegner des Bauvorhabens innerhalb der städtischen Bürgerschaft erinnerte daran, dass es der Tourismus gewesen sei, „[…] der es erreicht hat, uns einen nie erträumten Lebensstandard zu bescheren […].“ 34 Auch zwei Jahre nach der Debatte über den Bau der Zementsilos waren der Fortschrittsglaube und das Vertrauen, das dem Tourismus auch als künftigem Wohlstandsbringer und Wachstumsmotor entgegengebracht wurde, in großen Teilen der Bevölkerung und städtischen Institutionen ungebrochen. So protestierte auch wiederum die Industrie- und Handelskammer gegen den Bau der neuen Mole und der Benzintanks mit dem Verweis auf die fatalen Folgen, die dieser auf „die Zukunft eines touristischen Reichtums von solcher Bedeutung“ 35 haben würde. Im Streit um den Bau der CAMPSA-Anlagen engagierten sich nun in größerem Maße als beim Konflikt um die Zementsilos 1967 Bürger und Bürgervereinigungen. So geht aus einem Schreiben des Provinzdelegierten des Informations- und Tourismusministeriums an den Director General de Promoción del Turismo hervor, dass sich die Bevölkerung in einem „ […] Zustand der Ablehnung gegenüber der Genehmigung“ 36 befinde. Bürger und Bürgervereinigungen 37 meldeten sich durch Eingaben und Ein- 32 Campistol/ Lluch, Les conseqüencies comarcals, 41-46. 33 Vecinos de Palamós: Escrito dirigido al Ministerio de Información y Turismo, 4.4.1969, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 61, Top. 23/ 66-69. 34 José Parals Elias an Ministro de Información y Turismo: CAMPSA-Palamós, 4.6.1970, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 62, Top. 23/ 66-69. 35 Cámara de Comercio, Industria y Navegación de Palamós: Acta de la sesión extraordinaria del pleno, 12.05.1970, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 62, Top. 23/ 66-69. 36 Delegado Provincial del Ministerio de Información y Turismo an Director General de Promoción del Turismo: Almacenaje de carburantes de CAMPSA en Palamós, 05.03.1969, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 61, Top. 23/ 66-69. 37 Die Asociaciones de Cabezas de Familia, die Vereinigungen der Familienvorstände, gründeten sich nach 1964 auf Initiative des franquistischen Gesetzes Ley de Asociaciones de Cabezas de Familia de 1964. Bei diesem Gesetz handelte es sich um einen Versuch der falangistischen Fraktion des Franco-Regimes nach der gescheiterten Realisierung ihrer Ideen zum Staatsaufbau, ihre Machtbasis dadurch zu erhalten, dass die Familienorganisationen als politische Plattformen dienen sollten, um bei Wahlen Kandidaten des Movimiento in politische Ämter zu bringen. Die Gründung der Familienvereinigungen war folglich ein Resultat der Konkurrenz verschiedener Gruppen innerhalb des Regimes. Cobo Pulido, Las asociaciones, S.-437 f. Von den Ascociaciones de Cabezas de Familia sind die ab den frühen 1960er Jahre entstandenen Ascociaciones de Vecinos, die Nachbarschaftsvereinigungen, zu unterscheiden, die sich in teils oppositionaller Gesinnung gründeten und vor allem aus dem Versagen des franquistischen Staates innerhalb der Städte für den Bau einer ausreichenden Infrastruktur und Wohngebäuden zu sorgen. Vgl. Radcliff, Making democratic citizens in Spain, S.-241. <?page no="192"?> 191 4.1 Touristische oder industrielle Räume? sprüche gegen das Bauvorhaben zu Wort. Dabei begründeten sie ihre Haltung mit der großen Gefahr für den Tourismus, die von der vergrößerten Mole und den Treibstofflagereinrichtungen ausgingen. Die Rede war etwa von einem Attentat, das CAMPSA auf die touristische Zukunft der Stadt vorhabe 38 oder einem Angriff auf die Schönheit der Costa Brava die Rede. 39 Ähnlich argumentierte auch die Asociación de Cabezas de Familia 40 und ein weiterer Zusammenschluss von betroffenen Einwohnern. 41 Zwar ist von beiden Gruppen zu vermuten, dass sie in erster Linie Mitglieder besaßen, die ihren Lebensunterhalt im Tourismusgewerbe verdienten. Doch die bereits zitierte Feststellung des Provinzdelegierten macht es plausibel, dass die Mehrheit der städtischen Bevölkerung dem Vorhaben von CAMPSA ablehnend gegenüberstand. Presseartikel legen ebenfalls mit Titeln wie „In Palamós wehrt man sich gegen eine Öl-Anlage der Campsa.“ 42 oder „Palamós: große Kampagne gegen das Öl“ 43 nahe, dass es eine ziemlich einheitliche Front gegenüber CAMPSA in der Stadt gegeben haben muss. Zudem lassen sich keine Quellen finden, in denen Bürger oder Bürgervereinigungen für den Bau der Anlagen plädierten. Eine solche Position wurde, abgesehen natürlich von Vertretern der CAMPSA selber, nur von Zeitungsjournalisten eingenommen. 44 Ähnlich argumentiert wurde in Mallorca anlässlich eines möglichen Neubaus eines zentralen Treibstofflagers und den zugehörigen infrastrukturellen Einrichtungen zur Aufnahme von Rohöl und Treibstoff aus Tankschiffen. Konkret ging es um die Neuanlage einer Hafenmole und des Lagers auf halber Strecke zwischen der Palma de Mallorca und dem Flughafen. Von den Kritikern eines solchen Projekts wurde wiederum besonders deutlich gemacht, dass es rückblickend der ausländische bzw. genauer gesagt der westeuropäische Tourismus sei, der auf Mallorca die „hauptsächliche Wertschöpfungsquelle der Wirtschaft von Palma und der ganzen Insel“ 45 . Deshalb, so der Autor eines Zeitungsartikels, müsse alles dafür getan werden, den Tourismus auf Mallorca nicht zu gefährden. Er mahnte an: „Es ist nötig, das Huhn, das die goldenen Eier legt, zu erhalten [...].“ 46 38 José Colomer Trias an Ministro de Información y Turismo: CAMPSA en Palamós, 9.6.1970, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 62, Top. 23/ 66-69. 39 José Parals Elias: Informe en relación con el proyecto de CAMPSA en Palamós, 9.6.1970, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 62, Top. 23/ 66-69. Ders.: Escrito dirigido al Ayuntamiento de Palamós, 25.3.1969, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 61, Top. 23/ 66-69. Ders.: Memoria CAMPSA Palamós, 1970, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 62, Top. 23/ 66-69. 40 Presidente de la Asociación de Cabezas de Familia, Palamós an Alcalde de Palamós: CAMPSA en Palamós, 23.10.1970, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 62, Top. 23/ 66-69. 41 Vecinos de Palamós: Escrito dirigido al Ayuntamiento de Palamós, 8.4.1969, AGA, (3) 49.11 42535 Carpeta 4, Exp. 61 Top. 23/ 66-69. 42 Ernesto Perpiña Aulí u.a.: Se oponen en Palamós a una instalación petrolifera de la Campsa, in: Ya (28.05.1969). 43 A. Plaja Mateu, A.: Palamós: Plena campaña contra el petróleo, in: El Correo Catalán (28.03.1969), S.-6. 44 Vgl. die unten folgenden Ausführungen zu den Argumentationsmuster, die für eine Industrieansiedlung und Industrialisierung plädierten. 45 José Luis Piña: El pantalán de la CAMPSA, in: Diario de Mallorca (28.8.1971), S.-10. 46 Ebd. So auch weitere Gegner des Projekts in den folgende Quellen: Acta celebrada el día 11 de marzo <?page no="193"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 192 Anhand eines anderen Raumnutzungskonflikts, der sich in der Stadt Tarragona, etwas südlich der Costa Brava an der Costa Dorada abspielte, bei dem es allerdings um die Ansiedlung einer kompletten Ölraffinerie der C.A.M.P.S.A. ging, lässt sich das Repertoire der Argumentationsmuster gegen den Bau von Industrieanlagen in Tourismusorten noch einmal verbreitern. 1971 wurden Pläne des Industrieministeriums bekannt, in der Provinz Tarragona an der Costa Dorada eine Ölraffinerie zu errichten. Die Raffinerie sollte durch das staatliche INI gebaut und betrieben werden. Relativ schnell kristallisierte sich heraus, dass als Standort die Provinzhauptstadt Tarragona ausgewählt worden war. Dieser Plan rief unmittelbar Widerstand gegen den Bau der Fabrik hervor. Bemerkenswert an diesem Fall ist insbesondere, dass er von Anfang an über den regionalen Kontext hinausging und zu einem nationalen Politikum wurde, bei dem die bereits oben angesprochenen grundsätzlichen Positionen innerhalb des Regimes in Bezug auf den Tourismus aufeinanderprallten. Spezifisch für diesen Konflikt im Vergleich zu den bereits dargelegten war, dass sich der nationale Vorsitzende des Sindicato de Hostelería y Actividades Turísticas, des Syndikats für das Hotel- und Tourismusgewerbe, massiv gegen den Bau der Raffinierie einsetzte, während die Stimmen der lokalen Tourismuslobby und der Bevölkerung kaum zu hören waren. 47 Die Argumentation des Sindicato ging dabei über die bereits bekannten Stellungsnahmen hinsichtlich des Tourismus als regionalem Wachstumsmotor hinaus. Insbesondere machte er sich den ab 1971/ 1972 deutlich wahrnehmbaren, globalen Diskurs über Umweltverschmutzung und -zerstörung 48 zu Nutze, um gegen die Ansiedlung von Industrie in touristischen Räumen zu protestieren. Dabei ging es aus seiner Sicht nicht nur um einen Landschaftsschutz aus ästhetischen Gründen, sondern um die Verhinderung einer weiteren Umweltzerstörung in Form einer fortschreitenden Verschmutzung des Meers durch Industrieabwässer, die einerseits dem Tourismus abträglich sei, aber auch andererseits generell zur Zerstörung der Umwelt beitrage. So hieß es beispielsweise in einem Schreiben: […] wenn die Welt endgültig ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass sie die Schönheit der Natur, die Reinheit der Luft und die Freuden des gesunden Lebens verteidigen muss, können wir Spanier nicht wegen einer nervöser Entscheidung, industrielle Ziele zu erreichen und auch nicht wegen aktuellen wirtschaftlichen Gründen Gebiete und Werte, die bereits jetzt bedeutende Wertschöpfungsquellen darstellen, zerstören oder schlichtweg in Gefahr bringen. 49 de 1971 bajo la presidencia del Excmo. Sr. Gobernador Civil, para tratar de la nueva instalación de la factoria de C.A.M.P.S.A., 11.3.1971, Arxiu del Regne de Majorca (ARM), GC 2016. 47 Ningún complejo petroquímico convive sin problemas con un núcleo turístico, in: Ya, 21.11.1971, S.-26. 48 Uekötter, Deutschland in Grün, S.-117. Kupper, Die 1970er Diagnose, S.-334. Radkau, Das Zeitalter, S.-134 ff. Brüggemeier, Schranken der Natur, S.-251 f. Gassert, Die Entstehung, S.-344 f. 49 Miguel Parayre Solanas, Miembro del Comité Ejecutivo del Sindicato Nacional de Hostelería y Actividades Turísticas: A los miembros del Comité Ejecutivo del Sindicato Nacional de Hostelería y Actividades Turísticas, 1973, AGA, (6) 25.03 585, Top. 35/ 45.106-46.402. Ähnlich auch: Ders.: Miem- <?page no="194"?> 193 4.1 Touristische oder industrielle Räume? Argumente des globalen Umweltdiskurses wurden somit hier instrumentalisiert, um gegen die Ansiedlung von Industrie in als touristisch wahrgenommenen Räumen zu protestieren. Dabei positionierte sich der Sindicato nicht prinzipiell gegen den weiteren Ausbau von Industrie. Seine Maxime war allerdings, dass die industrielle zu keiner Zeit die touristische Entwicklung bremsen oder stören dürfe. 50 Aus Sicht der Interessensvertreter des Tourismus innerhalb des Regimes und der Syndikatsstruktur war es eben der Tourismus, der mithilfe der durch ihn ins Land gebrachten Devisen das industrielle Wachstum erst ermöglichte. Eine Fabrik genau dorthin zu bauen, wo sich die Touristen aufhielten, war somit eine kurzsichtige Politik, die genau den Wachstumsmotor der spanischen Wirtschaft abwürgte, der überhaupt die Möglichkeit zur industriellen Entwicklung schuf. Beide Wirtschaftszweige müssten harmonisch Hand in Hand gehen, aber eben: „Jede Sache an seinem Platz, und ein Platz für jede Sache" 51 Doch die Tatsache, dass sich der Sindicato hier so massiv für den Schutz des ‚touristischen Raumes‘ um Tarragona einsetzte, während in anderen Fällen keine einzige Stellungnahme seinerseits zu finden ist, lässt darauf schließen, dass der regionale Konsens an der nördlichen Costa Dorada weit schwächer ausgeprägt war als an der Costa Brava, auf Mallorca und an der Costa del Sol. Die Ursachen dafür liegen vermutlich zum einen in der relativen Nähe Tarragonas zur Industriemetropole Barcelona und der geringeren Abhängigkeit der Region von einem Tourismus, der in erster Linie auf Hotelgästen beruhte. Denn die Gegend um Tarragona war vor allem bei Campingurlaubern und Gästen in Ferienwohnungen beliebt. 52 Diese jedoch generierten viel weniger Einnahmen und Arbeitsplätze als die Pauschalreisenden in Hotels. Somit beruhte der Tourismus in und um Tarragona weniger auf dem oben skizzierten touristischen Raumregime, das für die anderen Regionen typisch war. Während die Gegner der geplanten Industrieansiedlungen bzw. die Kritiker der Folgewirkungen als industriell wahrgenommener Anlagen unter Rückgriff auf die vor allem im Verlauf der 1960er-Jahre gemachten Erfahrungen der wirtschaftlichen Prosperität und eines, bisher noch nicht erlebten Wohlstandsniveaus für einen uneingeschränkten Schutz des Tourismus in der Zukunft plädierten, argumentierten die Befürworter der Industrieansiedlung stärker im Hinblick auf die Zukunft und stärker in Bezug auf andere westliche Länder. War in den regionalen Gesellschaften die Mehrheit bro del Comité Ejecutivo del Sindicato Nacional de Hostelería y Actividades Turísticas an Fernando Grao, Sindicato de Hosterlería y Actividades Turísticas: Comisión Interministerial-Medio Ambiente, 14.4.1972, AGA, (6) 25.03 575, Top. 35/ 45.106-46.402. 50 Sindicato Nacional de Hostelería y Actividades Turísticas: Nota dada desde el Sindicato Nacional de Hosterlería, 20.11.1971, AGA, (6) 25.03 575, Top. 35/ 45.106-46.402. 51 Miguel Parayre Solanas, Miembro del Comité Ejecutivo del Sindicato Nacional de Hostelería y Actividades Turísticas: La „guerra química“ de Tarragona, Dezember 1972, AGA, (6) 25.03 575, Top. 35/ 45.106-46.402. 52 Die Provinz Tarragona verfügte 1969 über insgesamt 58 Campingplätze, während den Touristen 145 Hotels zur Verfügung standen. Allerdings hatten die Hotels im Vergleich zu den Campingplätzen eine weit geringere Kapazität. Während alle Campingplätze insgesamt 25 917 Touristen Platz boten, konnten in den Hotels nur 9 431 Gäste unterkommen. <?page no="195"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 194 der Elite und auch der Bevölkerung für einen alternativen Weg der Modernisierung über das Entwicklungsmodell ‚Fortschritt durch Tourismus‘, blickten vor allem Vertreter der industriellen Modernisierung innerhalb des Franco-Regimes mehr auf die Schwerindustrien besitzenden, westeuropäischen Länder wie Frankreich, Großbritannien und die Bundesrepublik. Wortführer in den konkreten Raumnutzungskonflikten waren dabei einerseits Vertreter der national organisierten Syndikate, die für die Industrie zuständig waren und andererseits Journalisten, die in regionalen Zeitungen zugunsten einer forcierten Industrialisierung der touristifizierten Regionen als zum Tourismus alternativer Weg zur Wohlstandsmehrung und -erhaltung Partei ergriffen. Aus Anlass des Raumnutzungskonflikts um die Ölraffinerie in Tarragona publizierte beispielsweise der Sindicato de Industrias Químicas 1972 in der Syndikats-Zeitschrift „La Voz Social“ einen Artikel mit dem programmatische Titel „Freier Weg für das industrielle Wachstum. Entwicklung ohne Hindernisse. Die Gefahr der Umweltverschmutzung darf das Wachstum des Sektors nicht behindern.“ 53 Der anonyme Autor, dessen Verlautbarungen aufgrund des Orts der Publikation als offizielle Linie der Industrie-Syndikate zu lesen sind, entgegnete hier der Argumentationsstrategie des Vorsitzenden des Sindicato de Hostelería y Actividades Turísticas, der die Chemieindustrie als Umweltverschmutzerin und Bedrohung für den Tourismus bezeichnete. So führte der Autor an, dass man nicht aufgrund von Sorgen über die Zerstörung der Umwelt und der Erhaltung von Lebensqualität Versuchen nachgeben kann, die das Wachstum der Wirtschaft und der Industrie derjenigen Länder bremsen wollen, die wie unseres sich noch immer weit weg vom Wohlstandsniveau, das fortschrittliche Länder bereits erreicht haben, befinden. 54 Begründet wurde diese Haltung mit dem beabsichtigten Ziel, bald in den gemeinsamen europäischen Markt, also in die Europäische Gemeinschaft, aufgenommen zu werden. Dazu allerdings müsse Spanien zu einem, wie er es ausdrückte, richtigem Industrieland werden und könne sich nicht „[…] auf die Rolle des ‚Gartens von Europa‘ oder des ‚Strands von Europa‘ beschränken.“ 55 Für ihn war klar, dass nur eine weitergehende Industrialisierung den Weg zu mehr Wohlstand für alle Spanier öffnen konnte. Genau deshalb müsse auch die Ölraffinerie in Tarragona gebaut werden. Dass dort auch Touristen ihren Urlaub verbringen würden und „[…] eine hyperthrophe Sorge um die Umwelt […]“ herrsche, dürfe keine Ursache für eine Ausbremsung der industriellen Entwicklung und damit des Fortschritts sein. 56 53 Vía libre al crecimiento industrial. Desarrollo sin trabas. El peligro de contaminación del medio ambiente no debe obstaculizar el crecimiento del sector, in: La voz social 327 (10.11.1972), H. 7, S.-7. 54 Ebd. 55 Ebd. 56 Ebd. <?page no="196"?> 195 4.1 Touristische oder industrielle Räume? Ähnlich argumentieren beispielsweise auch die Betreiber der Fabrik in Motril. Sie sahen in der Industrialisierung den geeigneten Weg, um die Moderne in die spanische Peripherie zu bringen. Deshalb betonten sie, dass ein möglicher touristischer Ausbau das Ende der industriellen Ambitionen der Gegend um Motril bedeutete und einer Vergrößerung der Fabrik zukünftig im Wege stünde: „Eine touristische Residenzzone am Strand von Poniente zu errichten, bringt den Verzicht seitens Motril auf jede zukünftige industrielle Entwicklung mit sich.“ 57 Die wenigen Befürworter der Ansiedlung von Industrie bzw. industrieähnlichen Anlagen innerhalb der touristischen Regionen argumentierten weniger normativ im Hinblick auf das Vorbild Westeuropa, plädierten aber dafür, nicht allein im Tourismus das Mittel zur Sicherung und zum Ausbau des bisher erreichten Wohlstandes zu sehen, sondern auch der industriellen Entwicklung einen Platz zuzugestehen, um das Wachstum der jeweiligen Regionen zu sichern. So argumentierte etwa ein Journalist der Regionalzeitung Los Sitios aus Girona, der zu den möglichen Anlagen der CAMPSA im Hafen von Palamós Stellung nahm. Er konstatierte, dass „[…] wir Palamosenses - zu einem großen Teil zumindest - einen offensichtlichen Mangel an Gelassenheit und Realismus gezeigt haben.“ 58 Anstatt eine ausgewogene wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, habe man sich in den letzten Jahren einzig auf die Monokultur des Tourismus verlassen. 59 Ähnlich war in einem Leserbrief in der Zeitschrift ‚Presencia‘ bezüglich des Streits um die Vergrößerung der Hafenmole und die Anlage der Kraftstofftanks ein Plädoyer dafür zu lesen, die CAMPSA ihre Vorhaben durchführen zu lassen. Der Leser kritisierte auch die ästhetischen Argumente der Gegner der Anlagen und Förderer des Tourismus mit folgender Aussage: „Andererseits, haben wir dann gesehen, dass die Promenade von Palamós durch einige absurde Wolkenkratzer im Namen des allmächtigen Tourismus für immer zerstört worden war; wer kann da den ersten Stein werfen? “ 60 4.1.3 Durchsetzungsstrategien Die Durchsetzungsstrategien der einzelnen Akteure zur Erreichung ihrer jeweiligen Ziele lassen sich in drei Typen einteilen. Erstens war die Ausnutzung rechtlicher Spielräume eine Möglichkeit, Einfluss auf die Entscheidungen staatlicher Behörden zu nehmen. Zudem bestand vonseiten eben dieser Behörden die Möglichkeit, durch rechtliche Kodifizierung ihrer Entscheidungen, diese letztlich auch durchzusetzen. Beliebt waren zweitens Appelle an staatliche Stellen, verbunden mit der Aufforderung, sich für das jeweils vertretene Ziel einzusetzen. Hier muss nicht sogleich und in allen 57 Empresa Nacional de Celulosas de Motril, S.A. an Director General de Promoción de Turismo: Celulosa Motril, 13.02.1963, AGA, (3) 49.11 28001, Top. 22/ 19-21. 58 F. Baster: Palamós y C.A.M.P.S.A. Algunas consideraciones sobre la actual preocupación palamosense, in: Los Sitios (3.5.1969), S.-9. 59 Ebd. 60 Josep Turet: El petróleo en Palamós, in: Presencia 5 (12.04.1969), H. 197, S.-2. <?page no="197"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 196 Fällen von Lobbypolitik gesprochen werden, da unter diese Kategorie auch einmalige Eingaben von Bürgern fallen, die nichts mit einer organisierten Einflussnahme auf staatliche Entscheidungen zu tun hatten. Drittens war eine öffentliche Skandalisierung der Raumnutzungskonflikte, die in erster Linie über die Presse vonstattenging, Teil der Durchsetzungsstrategien. Die Verhinderung der geplanten Industrieanlagen durch gesetzliche Regelungen spielte etwa eine Rolle beim Konflikt um den Bau der Silos in Palamós. Per se gab es für die Stadtverwaltung erst einmal keinen Grund, das Bauvorhaben abzulehnen. Da der Bauantrag formal korrekt war und der institutionell vorgesehene Weg eingehalten wurde, fiel es dem Stadtrat zunächst schwer, seine ablehnende Haltung zu begründen. Die Entscheidung wurde letztlich damit begründet, dass für die Zone rund um den Hafen nach wie vor kein Bebauungsplan existierte, der einen Ausgleich der verschiedenen Interessen von Fischern, Händlern, Sportlern und eben der Tourismuswirtschaft berücksichtige. Eine solche Anlage ohne die entsprechende Planung zu genehmigen sei deshalb nicht möglich. Der Bau der Silos würde somit die Rechte der anderen Nutzer des Hafens einschränken und das Platzangebot im Hafen extrem verknappen, so dass für die bereits ansässigen Unternehmen umfassende Nachteile entstehen würden. Argumentiert wurde mit einem Paragraphen aus dem Ley de Puertos vom 19.1.1928, der ein Verbot für den Bau solcher Anlagen vorsah, wenn sie öffentliche Dienstleistungen („servicios públicos“) einschränkten. In den Augen des Rates würde durch den Bau der Silos genau eine solche Störung öffentlicher Dienstleistungen eintreten. 61 Durch den Bezug auf das Gesetz über die Häfen aus den 1920er-Jahren fand der Stadtrat eine Möglichkeit, sich juristisch abgesichert gegen den Bau der Silos auszusprechen. Denn ein einfacher Verweis auf die touristischen Interessen der Stadt genügte eben nicht, um den Bau effektiv zu verhindern, da ansonsten ohne weiteres dagegen geklagt werden konnte. Auch der Bau der Kraftstofflagertanks in Palamós sollte mit einem Verweis auf rechtliche Rahmenbedingungen verhindert werden. So zog ein sich gegen den Bau engagierender Bürger das Reglamento de Actividades Molestas, Insalubres, Nocivas y Peligrosas 62 aus dem Jahr 1961 heran. 63 Das Gesetz sollte die von der Industrie ausgehenden Gefährdungen für Gesundheit und Umwelt begrenzen und insbesondere die Anwohner solcher Industrien und Handwerksbetriebe schützen. Die mögliche Gefahr des auslaufenden Öls aus den Kraftstofftanks und beim Pumpen des Kraftstoffs von Tankerschiffen in die Tanks am Hafen war für den gegen den geplanten Bau plädierenden Bürger eine der Actividades Molestas, Insalubres, Nocivas y Peligrosas und sollte des- 61 Ayuntamiento de Palamós: Acta de la sesión extraordinaria del día 31 de octubre de 1967, 31.10.1967, AMP, Fons Ajuntament de Palamós, H00018. 62 Reglamento de Actividades Molestas, Insalubres, Nocivas y Peligrosas, aprobado por Decreto 2414/ 1961, de 30 de noviembre de 1961, in: BOE núm. 292, de 7 de diciembre de 1961. 63 José Parals Elias an Ministro de Información y Turismo: CAMPSA Palamós, 4.6.1970, AGA, (3) 49.11 42535 Carpeta 4, Exp. 62, Top. 23/ 66-69. <?page no="198"?> 197 4.1 Touristische oder industrielle Räume? halb unterbunden werden. Eigentliche gesetzliche Regelungen, die touristische Räume explizit vor industrieller Ansiedlung schützten, gab es nur in Form des am Beginn des Kapitels erwähnten Gesetzes über die Einrichtung spezieller touristischer Gebiete („Ley de Zonas y Centros de Interés Turístico“) 64 . Seit 1967 war versucht worden, die Costa Brava als Ganze zu einer touristischen Zone, einer Zona de interés turístico, zu erklären. Die Tatsache, dass dieser Verwaltungsakt sich über Jahre hinzog und letztlich scheiterte, 65 ließ den Akteuren nur die Möglichkeit, sich durch den Rückgriff auf andere gesetzliche Regelungen, die den Tourismus allerdings nicht direkt betrafen, zu behelfen. Eine weitere Durchsetzungsstrategie bestand darin, durch Eingaben bei den zuständigen Ministerien des Zentralstaats die Raumnutzungskonflikte zu einem Thema nationaler Politik zu machen und auf das Eingreifen und Einwirken der mächtigen Minister im Sinne der Interessen der Akteure zu hoffen. Diese Strategie verfolgte etwa der Zusammenschluss der Bürger von Palamós, die gegen den Bau der Kraftstofftanks im Hafen der Stadt Position bezogen. In einem Schreiben appellierten sie direkt an das Informations- und Tourismusministerium, um den Bau der Kraftstofftanks im Hafen zu verhindern. 66 Der Provinzdelegierte des Informations- und Tourismusministeriums in Girona war schon im Fall der Silos bald nach Bekanntwerden der Pläne zu dem Schluss gekommen, dass sich eine Verhinderung am besten erreichen ließe, wenn das Ministerium selbst intervenierte. 67 Die Skandalisierung der Raumnutzungskonflikte über und durch die regionale und überregionale Presse war ebenfalls Teil des Repertoires an Durchsetzungsstrategien zur Erreichung der jeweiligen Ziele der Akteure. So forderte die Bürgervereinigung der Stadt Palamós, die sich anlässlich des geplanten Baus der Anlagen der CAMPSA zusammengetan hatte, Regionalzeitungen aus dem Raum Barcelona dazu auf, sich wieder, wie schon zwei Jahre zuvor beim Streit um die Silos, gegen den Bau der Industrieanlagen auszusprechen und eine Kampagne in diesem Sinne zu beginnen. 68 Auf der anderen Seite standen die bereits erwähnten Journalisten, die versuchten, vor allem durch Meinungsartikel in der Regionalzeitung Los Sitios die Stimmung in der Bevölkerung zu beeinflussen, indem sie die Gefahren einer einseitigen Ausrichtung 64 Vgl. Pack, Tourism and Dictatorship, S.-81. 65 Vgl. Gobierno Civil de Gerona: Expediente de Declaración de la Costa Brava como Zona de Interés Turístico, Acta num. 37, 02.10.1969, AHG, (3) Govern Civil 1623. Ders.: Informe: Declaración de Zona de Interés de Turismo Nacional de la Costa Brava, 2.10.1969, AHG, (3) Govern Civil 1623. 66 Vecinos de Palamós: Escrito dirigido al Ministerio de Información y Turismo, 4.4.1969, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 61 Top. 23/ 66-69. Vgl. auch die bereits erwähnte Eingabe von José Parals Elias an Ministro de Información y Turismo: CAMPSA- Palamós, 4.6.1970, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 62, Top. 23/ 66-69. 67 Delegado Provincial del Ministerio de Información y Turismo an Subsecretario de Turismo: Silos Palamós, 31.10.1967, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 3, Exp. 60 Top. 23/ 66-69. Delegado Provincial del Ministerio de Información y Turismo an Director General de Promoción del Turismo: Proyecto Silos en Palamós, 6.11.1967, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 2, Exp. 60 Top. 23/ 66-69. 68 Vecinos de Palamós: Escrito dirigido a la Prensa de Barcelona, März 1969, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 61, Top. 23/ 66-69. <?page no="199"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 198 auf den Tourismus herausstellten. Zudem ist an dieser Stelle die Strategie des Sindicato de Industrias Químicas zu nennen, in ihrer Verbandszeitschrift, dem Sprachrohr der Sindicatos, der industriellen Entwicklung Vorrang gegenüber dem Tourismus und dem Umweltschutz einzuräumen. 69 4.1.4 Erfolg und Misserfolg Erfolg und Misserfolg sind äußerst normative Begrifflichkeiten. Daher ist äußerste Vorsicht geboten, wenn man mit diesem Begriffspaar als historische Analysekategorie arbeitet. Doch sind sie unabdingbar, um festzuhalten, ob Akteure ihre sich selbst gesteckten Ziele erreicht haben oder nicht. Wenn also im Folgenden von Erfolg und Misserfolg gesprochen wird, dann bezieht sich dies immer auf die Wahrnehmung der zeitgenössischen Akteure, inwiefern das von ihnen anvisierte Ziel erreicht wurde oder nicht. Pauschal kann man sagen, dass die Vertreter der touristischen Interessen und mithin der in den touristischen Regionen bestehende gesellschaftliche Konsens hinsichtlich der Förderung des Tourismus bei allen genannten Raumnutzungskonflikten 70 verhindern konnten, dass die jeweils geplanten Projekte durchgeführt wurden. Möglich wurde dies durch die oben beschriebenen Durchsetzungsstrategien, die letztlich zum angepeilten Erfolg aus Sicht der Gegner der Industrieansiedlung führten. Eine entscheidende Rolle kam dabei den Interventionen des Ministeriums für Information und Tourismus zu. Dieses wiederum reagierte in erster Linie erst nach den Eingaben von Bürgervereinigungen und einer zunehmenden Presseberichterstattung. Zeigen lässt sich dies für den Streit um das Kraftstofflager im Hafen von Palamós. Während das Ministerium im März 1969 in einem Antwortschreiben auf den Brief des Provinzdelegierten von Gerona, der ein Eingreifen des Ministeriums in den Streit in Palamós forderte, abwiegelte, übte es im Oktober des gleichen Jahres massiven Druck aus, um den Bau zu verhindern. Im Antwortschreiben vom März an den Delegado hieß es folglich: „[…] dass die großartige wirtschaftliche Entwicklung des Landes all unsere Mittel einzusetzen fordert, da sonst unsere touristische Entwicklung nicht möglich wäre.“ 71 Aus diesem Grund werde sich das Ministerium in diesem Fall nicht am Widerstand gegen den Bau der Anlagen beteiligen. Im Oktober 1969 hatte sich 69 Josep Turet: El petróleo en Palamós, in: Presencia 5 (12.04.1969), H. 197, S.- 2. F. Baster: Palamós y C.A.M.P.S.A. Algunas consideraciones sobre la actual preocupación palamosense, in: Los Sitios (3.5.1969). Vía libre al crecimiento industrial. Desarrollo sin trabas. El peligro de contaminación del medio ambiente no debe obstaculizar el crecimiento del sector, in: La voz social 327 (10.11.1972), H. 7, S.-7. 70 Die behandelten Konflikte sind diejenigen, die sich aus dem vorhandenen Archivmaterial haben rekonstruieren lassen. Hinweise auf weitere Konfliktfälle mit ähnlichen Mustern konnten in den konsultierten Archiven ebenso wenig gefunden werden wie dokumentierte Fälle, in denen die Befürworter industrieller oder industrieähnlicher Anlagen sich durchsetzen konnten. 71 Director General de Promoción del Turismo an Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo Gerona: CAMPSA en Palamós, 11.3.1969, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 61, Top. 23/ 66-69. <?page no="200"?> 199 4.1 Touristische oder industrielle Räume? aber offenbar die Meinung im Ministerium um 180 Grad gedreht und hochrangige Beamte versuchten, auf das Industrieministerium Druck auszuüben, damit die Anlagen der CAMPSA an einem anderen Ort gebaut werden würden. 72 In einem Schreiben an den Provinzdelegierten von Gerona lieferte das für den Tourismus zuständige Unterstaatssekretariat dann die Erklärung, warum es zu diesem Sinneswandel gekommen war. Dem Brief zufolge erklärte sich das neue Engagement des Ministeriums aus der Tatsache, dass beim Ministerium eine Eingabe von besorgten Bürgern mit einer stattlichen Unterschriftenliste eingegangen sei, die eine Bitte zur Intervention enthalten habe. 73 Somit hatten die Vertreter der touristischen Interessen dafür gesorgt, dass die Lösung des Problems auf eine interministerielle Ebene verschoben worden war. 4.1.5 Schlussfolgerungen Die vorstehenden Passagen haben gezeigt, dass die in dieser Arbeit untersuchten touristischen Regionen im Verlauf der 1960er- und in den frühen 1970er-Jahren mit unterschiedlichen Möglichkeiten, wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand zu generieren, konfrontiert waren. Dabei entschieden sich die Mehrheit der in diesen Regionen lebenden Menschen und auch die Mehrheit der lokalen und regionalen Eliten für den Tourismus als Wachstumsmotor und Wohlstandsbringer und nicht für eine Modernisierung durch Industrialisierung, wie sie einflussreiche Kreise innerhalb des Franco-Regimes propagierten. Somit verließen sie sich auf die in den letzten Jahren gemachten Erfahrungen und projizierten diese in die Zukunft. An ein Ausbleiben der Touristen dachten sie kaum, Grenzen des Wachstums sahen sie in einer Zeit der Wachstumseuphorie nicht. Der regionale Konsens, der diesen Modernisierungsvorstellungen zugrunde lag, wurde durch die geplante Ansiedlung von Industrie und industrieähnlichen Gebäuden zwar herausgefordert, doch konnte er sich behaupten. Dies ist an der Tatsache zu sehen, dass alle dargestellten Raumnutzungskonflikte zugunsten der Befürworter des Tourismus ausgingen. Ein partieller Wandel dieser Raumrepräsentation trat erst Anfang der 1970er-Jahre ein, als der Tourismus zunehmend in eine Krise geriet. Erst dann wurden die einseitige Ausrichtung am Tourismus und die fehlende komplementäre Förderung anderer Wirtschaftssektoren problematisiert. Doch blieb diese Sicht weiterhin eine eher marginale Position, wie dies insbesondere deren Vertreter selber bemerkten. So konstatierten etwa die beiden Autoren einer Studie, die sich mit den Auswirkungen des Tourismus in der comarca 74 von Palamós und Sant Feliu de Guíxols an der Costa Brava beschäftigte: „eine eher selbstgefällige und zufriedene Haltung in einem Teil der Bevölkerung, 72 Director General de Promoción del Turismo an Ministro de Industria: Proyecto CAMPSA Palamós, 29.10.1969: AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 62 Top. 23/ 66-69. 73 Subsecretario de Turismo an Delegado del Ministerio de Información y Turismo Gerona: Proyecto de Campsa, Palamós, 14.10.1969, AGA, (3) 49.11 42535, Carpeta 4, Exp. 62 Top. 23/ 66-69. 74 Entspricht in etwa dem deutschen Landkreis. <?page no="201"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 200 die verständlich ist, wenn man an den positiven Wandel denkt, den es dort gegeben hat, die aber im Moment, in dem es darum geht unsere Ziele zu definieren oder gefährliche Defizite zu verbessern, lähmend wirkt.“ 75 Zwar sprechen die beiden Autoren an dieser Stelle nur von einem Teil der Bevölkerung, der diese Haltung angenommen habe. Dass dies aber ein bedeutender, wenn nicht der überwiegende Teil der Bevölkerung war, zeigen auch die Entstehungsumstände der Studie selber, in der dieser Satz zu lesen ist. In ihrer Einleitung weisen die beiden Autoren auf ihre zunehmende Beunruhigung hinsichtlich der einseitigen Förderung des Tourismus und der Tatsache, dass der Tourismus mittlerweile die fast ausschließliche Wertschöpfungsquelle der regionalen Wirtschaft geworden sei, hin. Das Buch solle in erster Linie dem Beginn eines Dialogs über die regionale Wirtschaftsstruktur und insbesondere über eine Förderung und Ausbau industrieller Betriebe dienen, die anders als die Bauwirtschaft nicht direkt vom Tourismus abhängig war. Die Autoren schrieben somit im Prinzip gegen den vorherrschenden Konsens an, dass der ausländische Massentourismus im Zentrum der regionalen Wirtschaft stehen sollte. 76 Auch bei ihrem Entwurf einer ausbalancierteren Regionalwirtschaft orientierten sie sich eher an Vorbildern im Ausland als an einer Art Sonderweg der Modernisierung durch Tourismus, wie er vom regionalen Konsens an der Costa Brava getragen wurde. Die beiden Autoren schlugen stattdessen vor, sich an Räumen zu orientieren, die geographisch mit der Costa Brava vergleichbar waren und deshalb als Vorbild dienen konnten. In der Stadt und der Region um Miami in Florida erkannten sie einen Raum mit ähnlichen Voraussetzungen, der sehr stark vom Tourismus lebte. Doch hatte es Miami, laut den Autoren der Studie, geschafft, eine substantielle Industrieansiedlung auf den Weg zu bringen, die mit der touristischen Entwicklung kompatibel war und für die eine gut ausgebaute touristische Infrastruktur eine Art Voraussetzung war. Denn sie argumentierten, dass die Gegend um Miami auch deshalb für eine Industrieansiedlung so attraktiv gewesen sei, weil sie dank der touristischen Qualitäten des Raumes und den damit verbundenen Erholungsmöglichkeiten eine besonders hohe Lebensqualität sichere, was wiederum in hohem Maße qualifizierte Arbeitskräfte angezogen habe. Die bestehende touristische Infrastruktur wurde somit nicht zu einem hemmenden Faktor für eine komplementäre industrielle Entwicklung, sondern zu deren Voraussetzung. Ähnlich wurde mit Blick auf die im nahen Frankreich gelegene Region um Nizza sowie das Val d’Isère argumentiert. Auch hier habe sich auch aufgrund der bestehenden touristischen Infrastrukturen eine industrielle Entwicklung ergeben. 77 Ob es nun in Miami, um Nizza und dem Val d’Isère tatsächlich zu diesem Prozess gekommen ist oder nicht, ist für die hier verfolgte Fragestellung zweitrangig. Zentral ist in diesem Fall die Wahrnehmung der beiden Autoren, die hier Alternativen zum Entwicklungsmodell ‚Modernisierung durch Tourismus‘ vorschlugen. Diese Wahr- 75 Campistol/ Lluch: Les conseqüencies comarcals, S.-13. 76 Ebd., S.-13-19. 77 Ebd., S.-111. <?page no="202"?> 201 4.1 Touristische oder industrielle Räume? nehmung verrät dabei zwei grundlegende Vorannahmen derjenigen, die gegen den bestehenden regionalen Konsens anschrieben. Erstens wird deutlich, dass ein in der Wahrnehmung der Zeitgenossen entwickelterer Raum innerhalb der westlichen Moderne zum Vorbild für die eigene Zukunft gemacht wurde. Damit einher ging die Annahme, dass man sich selber noch in einem Zustand der Unterentwicklung verglichen mit Regionen in anderen Ländern befinde, die ähnliche räumliche Strukturen aufwiesen. Zweitens zeigen diese Vorschläge einen ungebrochenen Glauben an die Gestaltbarkeit und Machbarkeit wirtschaftsstruktureller und sozialer Gegebenheiten. Auch ein Kritiker, der von der nationalen Ebene aus die einseitige Abhängigkeit vom Tourismus und die ablehnende Haltung der Bevölkerung in den touristischen Regionen kritisierte, stellte die Raumnutzungskonflikte zwischen Tourismus und Industrie in den Kontext des Fortschritts- und Entwicklungsdenkens. So konstatierte er ebenfalls 1972: „Der Tourismus ist mehr als eine Wirklichkeit und sogar mehr als eine Versuchung oder ein Argument. Dort, wo man über ein bisschen Meer und ein bisschen Sonne verfügt, wird die touristische Hoffnung geweckt.“ 78 Die schnelle Entwicklung, die dabei durch den Fokus auf den Tourismussektor möglich geworden sei, sei allerdings in erster Linie auf den Zufluss ausländischen Kapitals zurückzuführen. Letztlich führe dies in den Regionen, die bis jetzt mit dem Tourismus erfolgreich gewesen waren, dazu, dass sich die Bevölkerung vom Tourismus sehr viel mehr als von der Industrie erwarte. Dies führe dann bei der Bekanntgabe von Plänen zur Industrieansiedlung zu Protesten. Der Autor des Artikels erkannte darin allerdings eine gefährliche Entwicklung. Denn umso mehr sich Spanien in Bezug auf sein Wohlstandsniveau und den Grad der Verstädterung dem restlichen Europa annähere, umso weniger reizvoll sei Spanien für Touristen aus eben diesen Ländern. Da Touristen zunehmend keinen Unterschied zwischen ihrem Herkunftsland und den Touristenorten bemerkten, die zunehmend aus Hochhäusern beständen, in denen die Hotels und Restaurants untergebracht seien, würden sie nach und nach in andere Reiseländer abwandern. In dem Maße wie Spanien zu einer Industriegesellschaft werde, so der Autor, in dem Maße werde es zunehmend zu einem Land, das Touristen generiert, aber selbst kein Empfängerland mehr sei. Damit stellte er die Zukunft des Entwicklungsmodells ‚Fortschritt durch Tourismus‘ radikal in Frage. Schlussfolgernd kam er zu dem Fazit: „Um was es letztendlich geht, wenn in Landkreisen, die über die problematische und umstrittene Frage diskutieren, ob sie sich zwischen Tourismus und Industrie entscheiden sollen, ist es, zu wissen, ob wir anstreben, der Süden Europas oder der Norden Afrikas zu sein.“ 79 Mit diesem Satz griff er eine Redeweise auf, die ihre Wurzeln in der Krise von 1898 hatte, in deren Verlauf Spanien von einem großen Teil der Eliten im Vergleich zu Westeuropa als rückständig gebrandmarkt worden war. Auch in diesem Diskurs war Afrika der Gegenpart zum modernen und entwickelten Europa. 80 Ganz im Sinne des Moder- 78 Joan Llorens: ¿Industria o turismo? ¿Sur de Europa o Norte de África? , in: Informaciones (25.3.1972). 79 Ebd. 80 Zum zeitgenössischen Diskurs seit 1898, ob Spanien ein Teil Europas oder Afrikas sei vgl. Hinter- <?page no="203"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 202 nisierungsoptimismus der 1960er- und frühen 1970er- Jahre stellte er die Industrie als zukunftsträchtiges und wegweisendes Mittel dar, um Spanien näher an Europa, sprich an die Moderne und weiter von Afrika, sprich der Rückständigkeit wegzubringen. Der Tourismus war in diesem Sinne kein geeignetes Mittel, um Spanien auf den Weg nach Europa zu bringen, sondern eher eines, das mit Rückständigkeit konnotiert war. Wie aus den Ausführungen dieses Unterkapitels hervorgeht, war der gesellschaftliche Konsens in den touristischen Regionen der Costa del Sol, der Costa Brava und Mallorca dergestalt beschaffen, dass er eine Beharrungskraft zugunsten des touristischen Wachstumsmodells entwickelte und andere Wege der Modernisierung ausschlug und damit die Transformation rein touristisch imaginierter und genutzte Räume in gemischt bzw. auch industriell genutzte Räume verhinderte. So war die Rede vom „[…] touristischen Mythos“ 81 in den betreffenden Regionen, der es letztlich bisher verhindert habe, dass in touristisch geprägten Gegenden eine nennenswerte Ansiedlung von Industrie erfolgt sei. Dabei ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass es nur in der Minderheit der hier präsentierten Fälle darum ging, dass ganze Industrieanlagen gebaut werden sollten. Vielmehr ging es eher um eine Landschaftsästhetik, die davor bewahrt werden sollte, einen durch Industrie oder mit Industrie in Verbindung gebrachten Charakter zu erhalten. Solche Landschaften wurden als Hemmnis für den Tourismus angesehen und deshalb abgelehnt. Im Nachhinein erscheint die Nichtwahrnehmung der Chance, etwa den Hafen von Palamós als Handelsumschlagsplatz auszubauen und im Sinne eines Industriegebietes zu modernisieren, durchaus überraschend. Da hierbei also die Ästhetik des Raumes eine entscheidende Rolle spielte, ist diese noch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Handlungswirksam wurde dieser regionale Konsens, weil er einherging mit einer spezifischen Raumwahrnehmung bzw. mit einem spezifischen Blick auf die Landschaft eines touristischen Raumes. Große Teile der regionalen Bevölkerung und die Mehrheit der regionalen und lokalen Eliten entwickelten eine Raumrepräsentation, in der dem Tourismus absolute Priorität zukam und dieser an Fortschritts- und Modernisierungsvorstellungen gekoppelt war. Aus dieser Raumrepräsentation wurden dann Raumnutzungsmuster abgeleitet, die wiederum andere Nutzungen verhindern sollten, weil sie aus Sicht der Tourismusbefürworter die Qualität des touristischen Raums einschränkten. Der Wert eines touristischen Raums wurde in erster Linie an einer Landschaft bemessen, die eine Abwesenheit von Industrie oder Anlagen, die an Industrie erinnerten, aufwies. Geknüpft war eine solche Vorstellung eines spezifisch touristischen Raumes allerdings in erster Linie nicht an das Wahrnehmungsmuster, das John Urry mit dem Begriff „romantic gaze“ 82 bezeichnet hat. Die romantische Sicht auf eine Landschaft enthalte laut Urry Elemente des Natürlichen, des Pittoresken und häuser, Spanien und Europa. Pinheiro, Iberische Europa-Konzepte. Bernecker, „Spanien ist anders“, S.- 457 f. Noch während der Transición und den Beitrittsverhandlungen war dieser Diskurs äußerst lebendig. Vgl. Ders., Januar 1986, S.-433. Abellán, Der Beitritt, S.-350. 81 Joan Llorens: ¿Industria o turismo? ¿Sur de Europa o Norte de África? , in: Informaciones (25.3.1972). 82 Urry, Consumption of Tourism, S.-31. <?page no="204"?> 203 4.1 Touristische oder industrielle Räume? der Einsamkeit, denen eine ästhetische Qualität zugeschrieben wird. Zwar finden sich solche Wahrnehmungsweisen und -zuschreibungen in Bezug auf touristische Räume ebenfalls, allerdings spielten die hier vorgestellten Fälle von Raumnutzungskonflikten sich in erster Linie in stadtnahen oder städtischen Räumen ab. Die hier vorgefundenen und als touristisch interpretierten räumlichen Begebenheiten waren in erster Linie urbaner Natur. 83 Somit bedurfte die Definition eines touristischen Raums, auch an der Mittelmeerküste, im Verlauf der 1960er-Jahre nicht unbedingt einer natürlichen oder pittoresken Landschaft. Große Hotels, Hochhäuser und Einkaufsstraße waren ohne weiteres kompatibel mit dem Bild eines Touristenressorts und dienten der Definition eines touristischen Raums, der gegen die Ansiedlung von Industrie zu schützen war. Das mag nicht zuletzt auch damit zusammenhängen, dass es sich bei der hier problematisierten Landschaft mehr um eine „seascape“ 84 als um eine Landschaft handelte. Da Hotels funktional auf die Nutzung von Strand und Meer ausgerichtet waren, war eine architektonische Einpassung in die Landschaft zumindest so lange nicht nötig, wie die Hoteldichte den Blick auf das Meer nicht verstellte. Und selbst dann richtete sich der Blick des Touristen, der sich am Strand aufhielt, in Richtung des Meers. Das mag für Industrieanlagen in ähnlicher Weise zutreffen. So lange sie den Blick auf das Meer nicht verstellten, hätten sie, folgt man dieser Logik, toleriert werden können, da sie die seascape nicht gestört hätten. Trotzdem empfanden mit dem Tourismus Geld verdienende Einheimische Industrieanlagen als Einschränkung des touristischen Werts ihres Heimatortes. Das ist ein Belege dafür, dass, anders als Urry betont, touristische Räume eben nicht nur visuell wahrgenommen wurden. Die Räume waren Gesamtkompositionen, die mit allen Sinne erfahren wurden. In diesen Gesamtkompositionen wurden Apartmentblocks und zehnstöckige Hotels akzeptiert, während Industrie die touristische Qualität der Räume einschränkte. Dass die touristische Beherbergungsinfrastruktur den wirtschaftlichen Aufschwung symbolisierte, spielte dabei vermutlich eine nicht unwesentliche Rolle. Es ging bei dieser Sicht auf die (städtische) Landschaft also zum einen darum, was Entwicklung und Modernisierung symbolisierte und zum anderen, was funktional mit Tourismus kompatibel war. Eine untergeordnete bzw. gar keine Rolle spielte darum, was einem möglichst naturräumlichen attraktiven Tourismus entsprach. Indem Moderne und Tourismus verknüpft wurden, war aus Sicht der Vertreter des regionalen Konsenses zu Gunsten des Tourismus das zu schützen, was Modernität versinnbildlichte. Und das war eher ein Hotel als eine Fabrik oder Betonsilos. Während also ein urbanisiertes Bild eines touristischen Raumes als unproblematisch wahrgenommen, eben genau, weil es Modernität und Fortschrittlichkeit ausstrahlte, waren Bauwerke, die für die Einheimischen eben nicht diese Bedeutungsträger waren, auch nicht 83 Zwar kann das Pittoreske durchaus auch im städtischen Umfeld verortert werden. Man denke etwa an Altstädte, die für viele Touristen Beweggründe sind, bestimmte Städte zu besuchen. Im hier vorliegenden Fall spielte das Pittoreske im urbanen Raum hingegen keine Rolle. 84 Zum Begriff vgl. Reinwald, Space on the Move. <?page no="205"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 204 tolerierbar bzw. wurden als störend für den Tourismus und damit das eigene wirtschaftliche Fortkommen gesehen. Somit lässt sich argumentieren, dass keine pauschale Internalisierung des touristischen Blicks, mit dem in den meisten Fällen wohl der romantische Blick des Tourismus gemeint ist, durch die Einheimischen stattfand, 85 sondern der Konsens in den Regionen im Wesentlichen zu einer Internalisierung eines modernisierungsideologischen ‚tourist gaze‘ führte, der landschaftliche Ressourcen in erster Linie nach ihrer Eignung für den Tourismus bewertete, dabei aber gerade nicht bei romantischen Vorstellungen einer touristischen Landschaft verblieb. Zudem kam es in den untersuchten spanischen Regionen nicht zu einer „Desindustrialisierung“ 86 , sondern zu einer Verhinderung von Industrieansiedlung, die aus der Wirkmächtigkeit des regionalen Konsenses resultierte. Die Ausführungen machen ebenso deutlich, dass sich die Basis, auf der der regionale Konsens ruhte, verbreiterte. Waren es am Ende der 1950er-und in den frühen 1960er-Jahren vor allem Mitglieder der regionalen Eliten, die sich zugunsten der Förderung des Tourismus aussprachen und Entwicklungshoffnungen an ihn knüpften, artikulierten im Verlauf der 1960er-Jahren auch weitere gesellschaftliche Akteure solche Hoffnungen. So zeigt sich bei den skizzierten Raumnutzungskonflikten, dass die Einwohner touristischer Orte sich zunehmend für ihre Interessen einsetzen, auch wenn diese den von wesentlichen und zentralen Akteuren des Regimes propagierten Zielen und Interessen zuwiderliefen. Die bestehenden Meinungsverschiedenheiten unter und das bestehende Konkurrenzverhältnis zwischen einzelnen Teilen des Regimes sorgten dafür, dass die geäußerte Meinung - in diesen Fällen zugunsten des Tourismus - nicht als Oppostion gegen zentralstaatliche Pläne aufgefasst wurde, sondern höchstens als Solidarisierung mit einer Gruppe innerhalb des Regimes, die im Tourismus für bestimmte Regionen eher eine Zukunft sah als in der Industrialisierung. Die Tatsache, dass der zu Beginn des Kapitels geschilderte interministrielle Konflikt über die Bedeutung des Tourismus auch öffentlich ausgetragen wurde, bot Teilen der Bevölkerung die Möglichkeit, sich ebenfalls zu äußern und ihre Zukunftsvorstellungen an die Politiker kommunizieren. Damit war aber kein fundamentales Oppositionsverhalten gegenüber dem Regime als Ganzem verbunden, vielmehr ging es um einen Richtungsstreit innerhalb des Regimes, der nicht nach den Gegensätzen ‚Regime vs. politischer Opposition‘, sondern ‚Teile des Regimes vs. regionale Interessen‘ ablief. So äußerten sich ja nicht nur Bürger, die sich ohne institutionelle Grundlage an staatliche Stellen wandten, sondern in Palamós auch die Asociación de Cabezas de Familia, von der eine besondere Nähe zu dem Teil des Regimes, das sich in besonderem Maße auf dessen faschistische Wurzeln berief, zu erwarten ist. Doch anders als dies der bisherige 85 So spricht Thomas Mergel davon, dass die Wahrnehmung bzw. der Blick auf den Touristenort von Urlaubern und Einheimischen durch den Tourismus anglich und damit ein Traditionalisierungsprozess einsetzte, der den Orten „ein altertümliches Gesicht“ verlieh, was als Metapher des ‚romantic gaze‘ bezeichnet werden kann. Mergel, Transnationale Kommunikation, S.-119 f. 86 Ebd. <?page no="206"?> 205 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus Forschungsstand zu diesen Vereinigungen nahelegt, 87 waren diese nicht so passiv wie angenommen. Auch die Frage, ob diese Vereinigungen einen Beitrag zur vom Regime nicht intendierten Proto-Demokratisierung unter der Herrschaft Francos leisteten, 88 kann nach den hier präsentierten Fallbeispielen in neuem Licht betrachtet werden. Die ausgeführten Beispiele zeigen, dass die neu gegründeten Vereinigungen durchaus eine eigene Position bezogen und versuchten, diese durchzusetzen. Die bisher auf ministerieller Ebene geführten Konflikte und Unstimmigkeiten wurden nun zum einen auch in der medialen Öffentlichkeit diskutiert. Zum anderen wurden Stimmen aus der Bevölkerung als relevanter Einflussfaktor auf zentralstaatliche Entscheidungen vonseiten des Regimes wahrgenommen. So spielte bei endgültigen Entscheidungen über die Raumnutzungskonflikte die Haltung der Bevölkerung, die von Vertretern der Administration genau verfolgt wurde, eine wesentliche Rolle bei der Entscheidungsfindung. Damit war keine fundamentale Demokratisierung im Sinne einer institutionell abgesicherten Mitbestimmung aller gesellschaftlichen Gruppen nach Grundsätzen der Gleichheit und Freiheit verbunden. Eine graduelle Verschiebung in eine solche Richtung kann aber durchaus diagnostiziert werden, die eine Einübung partizipativer Praktiken auch unter den Auspizien der Diktatur darstellte und die Öffentlichkeitstrukturen eines diktatorischen Regimes, in denen Regimeverteter Entscheidungen trafen, Unstimmigkeiten unter sich austrugen und die Zustimmung der Bevölkerung in einem nachträglichen Prozess der Akklamation einholten, langsam veränderten. 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus Zu Beginn der 1970er-Jahre veränderten sich einerseits Problemkonstellationen im Zusammenhang mit dem Tourismus und andererseits damit einhergehend teilweise auch Haltungen und Einstellungen gegenüber dem Tourismus in den untersuchten regionalen Gesellschaften. Waren es im Verlauf der 1960er-Jahre vor allem die fragliche Koexistenz von Industrie und Tourismus und die damit verbundenen Debatten über unterschiedliche Entwicklungsmodelle, die im Vordergrund standen und den etablierten regionalen Konsens herausforderten, rückte nun als neue Problemdimension das Verhältnis des Tourismus zu seinen natürlichen Ressourcen bzw. zu dem, was nun neu als Umwelt („medio ambiente“) bezeichnet wurde, in den Fokus. Damit geriet zugleich das Entwicklungsmodell ‚Wohlstand durch Tourismus‘ und der damit verbundene regionale Konsens in die Kritik. Hatten die Raumnutzungskonflikte um industrielle oder touristische Räume in den 1960er-Jahren die Beständigkeit und Stärke des regionalen Konsenses vor Augen geführt, wurde dieser mit dem Konflikt zwischen Umweltschutz und Tourismus zunehmend in Frage gestellt. Die Verschränkung von Fragen der Umweltverschmutzung bzw. -zerstörung und des Tourismus wurde in Spanien zu Beginn der 1970er-Jahre zu einem relevanten und 87 Cobo Pulido, Las asociaciones, S.-485. 88 Ebd., S.-488. <?page no="207"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 206 viel diskutierten Thema, indem der Themenkomplex Umwelt und Umweltzerstörung als neuer Problemhorizont vermittelt durch international vernetzte Experten und die internationale Politik auf die Agenda der spanischen Administration trat. Etwa zeitgleich schlugen sich aber auch die ersten Folgen der globalen Thematisierungskonjunktur der Umweltfrage 89 in Form von gesellschaftlichen Initiativen nieder, die in den untersuchten Regionen eng mit der Bedrohung der Umwelt durch den Tourismus verknüpft waren. Zunächst wird im Folgenden auf den internationalen Expertendiskurs sowie den politisch-zentralstaatlichen Umgang mit dem Verhältnis von Tourismus und Umwelt eingegangen, bevor gesellschaftliche Bewegungen und die durch sie dynamisierten Konflikte in das Zentrum der Untersuchung rücken. 4.2.1 Internationale Experten 1971 trafen sich Tourismusexperten aus elf verschiedenen europäischen Ländern und Kanada, um im Rahmen des 21. Kongresses der Association international d’experts scientifiques du tourisme (AIEST) die Beziehungen zwischen Tourismus und Umwelt zu erörtern. Der Vorsitzende des Verbandes, der Schweizer Tourismusforscher Prof. Dr. Walter Hunziker machte in seinem Vorwort zum die Tagungsvorträge versammelnden Band deutlich, dass die Umweltfrage die wohl dringendste Frage der Zeit sei und auch die Entwicklung des Tourismus enorm beeinflusse. Er kam zu der Schlussfolgerung, dass die aktuelle Situation hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Tourismus und Umwelt „nach schnellen und radikalen Lösungen verlangt.“ 90 Das Geleitwort zur Tagung kam von einem führenden spanischen Tourismusfunktionär, der als Herausgeber der touristischen Fachzeitschrift Editur auch über hervorragende Kontakte ins spanische Informations- und Tourismusministerium verfügte. In seiner Key-Note stellte Jorge Vila Fradera heraus, dass die mediale Berichterstattung über Umweltthemen in den letzten Jahren massiv zugenommen habe, das Thema deshalb von hoher Aktualität sei und auch der Tourismus davon tangiert werde. Zugleich wies er auf die aus seiner Sicht bestehende Gefahr hin, dass bei der Thematisierung von Umweltfragen der Hang zu kollektiven Hysterien und apokalyptischen Szenarien groß sei und damit einer rationalen Bewältigung des Problems im Wege stehe. 91 Er machte darauf aufmerksam, dass die spanische Regierung seit 1970 versuche, die negativen Einflüsse des Tourismus auf die Umwelt zu beheben. Insbesondere verwies er auf das Decreto sobre Requisitos Mínimos de Infraestructura del Turismo vom 19.12.1970 92 , das 89 Uekötter, Deutschland in Grün, S.-117. Radkau, Zeitalter der Ökologie, S.-134 ff. McNeill/ Engelke, Mensch und Umwelt, S.-519 f. McNeill, Blue Planet, S.-370. 90 Walter Hunziker: Préface, in: AIEST (Hg.): Tourisme et Environnement. Rapports présentés au 21e Congrès de l’AIEST, du 5 au 13 septembre 1971, à Puerto de la Cruz (Ténériffe), Bern 1971, S.-5-6. 91 Jorge Vila Fradera: El turismo ante los problemas del medio ambiente. Introducción, in: AIEST, Tourisme et Environnement, S.-9-12, hier S.-9. 92 Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Empresas y Actividades Turísticas: Texto del Decreto Aprobado en el Consejo de Ministros del Día 19 de Noviembre de 1970 sobre Requisitos Mínimos de Infraestructura en los Alojamientos Turísticos, 19.11.1970, AGA, (3) 49.22 59882, Top. <?page no="208"?> 207 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus er als Ausdruck „drakonischer Vorschriften [Hervorherbung im Org.]“ 93 vonseiten der spanischen Regierung bezeichnete. Das Gesetz, das als zentralstaatliches Steuerungselemt und Selbstschutz für den Tourismus fungieren sollte, indem es dafür Sorge tragen sollte, dass sich der Tourismus vor allem auf dem Feld der infrastrukturellen Versorgung nicht selbst die Grundlage entzog, war bisher aber nicht in einen Zusammenhang mit dem Konzept der Umwelt gesetzt worden. Fradera aber stellte das bereits in Kapitel 3.3.3 erwähnte Gesetz als umweltpolitische Antwort auf die zunehmende Verschmutzung des Mittelmeers dar und rückte die spanische Regierung damit in die Position eines Pioniers der Umweltschutzgesetzgebung im Zusammenhang mit dem Tourismus. Klar war dabei für ihn, dass es bei Umweltschutzmaßnahmen darum gehen müsse, die touristischen Ressourcen, die er auch in der Natur verortet sah, vor Einflüssen der Industrialisierung, Urbanisierung und der touristischen Entwicklung selbst zu schützen. Keineswegs ging es darum, die Natur um ihrer selbst Willen oder aus ästhetischen Gründen zu schützen. Seine instrumentelle Sicht auf Umwelt und Umweltschutz legte er in folgendem Satz dar: Eine der großen Herausforderungen, denen wir uns in dieser Dekade der 1970er- Jahre gegenüber stehen sehen, ist diese: den Tourismus weiter zu entwickeln, aber gleichzeitig die Umwelt zu dessen Nutzen und aller anderen Manifestationen unserer Zivilisation zu erhalten [Hervorhebung im Org.]. 94 Es galt folglich, die Dialektik des Tourismus, also dessen Fähigkeit, genau das zu zerstören, weshalb Touristen sich ein bestimmtes Zielgebiet ausgesucht hatten, zu durchbrechen und die negativen Auswirkungen des Massentourismus auf die Umwelt möglichst gering zu halten, um den Fortbestand des Tourismus zu sichern. Der Expertenkongress wurde in der spanischen Presse als „Berufungsverfahren gegen den Tourismus“ 95 bezeichnet. Damit klang einerseits Kritik am weiteren schrankenlosen Ausbau des Tourismus an. Andererseits kam das Thema nun auch auf die Tagesordnung der Presse und verlangte damit implizit auch eine Stellungnahme der spanischen Regierung. 96 Doch auch die weiteren Vorträge aus Anlass der Tagung, die von namhaften Tourismusexperten aus u.a. Frankreich, Großbritannien und etwa Österreich stammten, bewegten sich weitgehend innerhalb dieser instrumentellen Sichtweise auf das Verhältnis von Umwelt und Tourismus und bezogen keineswegs eine dezidiert tourismuskritische Position. Ganz im Sinne der „Kunstlehre“ 97 der Tourismuswissenschaft ging es darum, zu diskutieren, inwiefern Umweltschutzmaßnahmen dem 42/ 18.601-18.602. 93 Vila Fradera, El turismo ante los problemas, S.-10. 94 Ebd. 95 Manuel Vigil y Vazquez: Juicio Contradictorio sobre Turismo, en Tenerife, in: Ya (19.9.1971). 96 El medio ambiente, preocupación internacional. También los científicos del turismo le dedican su atención, in: Hoja de Lunes (13.9.1971). 97 Spode, Tourism Research. Spode, Geburt einer Wissenschaft. <?page no="209"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 208 Fortbestand des Tourismus dienen konnten. Nur vereinzelt kamen dabei Meinungen zur Sprache, die in erster Linie den Tourismus als Auslöser von Umweltveränderungen und -verschmutzungen ausmachten. Am deutlichsten wurde eine solche Kritik des Tourismus einhergehend mit Forderungen zu dessen Begrenzung im Beitrag des Schweizer Professors Claude Kasper (St. Gallen), der auf die sozialen Folgekosten des Tourismus hinwies, in die er auch Umweltschäden einberechnete. Diese sozialen Kosten seien bei Kosten-Nutzen-Analysen einzubeziehen. Bei neu anzulegenden Tourismusprojekten sollte von Beginn des Planungsverfahrens an Umweltschutz als wesentlicher Faktor berücksichtigt werden. 98 Auch in der französischen Tourismusforschung gab es Tendenzen, stärker auf die schädlichen Auswirkungen des Tourismus hinzuweisen und die Einführung von Umweltschutzmaßnahmen zu fordern, um so die Kontinuität des Tourismus bzw. dessen weiteren Ausbau zu sichern. So wies etwa Jaques Durand von der Universität Montpellier auf die „pollution touristique“ und auf die „[…] agression de l’environnement par le développement touristique […]“ hin und forderte einen harmonisches Verhältnis zwischen Tourismus und Umwelt. 99 Zeigte sich hier also in gewisser Weise auch eine echte Besorgnis über den Zustand der Natur, die nicht nur auf eine Angst zurückzuführen ist, dieser könne dem Tourismus schaden, sondern auch eine Sichtweise erkennen lässt, die der Natur und der Umwelt einen Eigenwert jenseits des Tourismus zuwies, nahmen die beiden teilnehmenden spanischen Experten eine Position ein, die rein instrumentell geprägt war. Neben dem bereits erwähnten Beitrag von Manuel Vila Fradera zeigt dies ebenfalls der Vortrag des Juristen Prof. Dr. Ignacio de Arrillaga y Sánchez, der mit den Worten begann: „Es gibt keinen Tourismus ohne Touristen, deshalb ist letztlich das Problem der touristischen Umwelt kein anderes, als das Leben der Touristen angenehm zu gestalten.“ 100 Somit war der Fokus eindeutig auf die Kontinuität des Tourismus und die Herstellung einer möglichst touristenfreundlichen Umgebung gelegt. Die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Umwelt hätten sich deshalb auch darauf zu konzentrieren: „eine Umwelt zu schützen, zu verteidigen und zu erhalten [Hervorhebung im Org.], die adäquat und befriedigend für den Touristen ist.“ 101 Trotz dieser Divergenzen waren sich die meisten Experten darin einig, dass eine vernünftige und ausgewogene Planung touristischer Infrastrukturen dieses Problem lösen könne und damit Umweltschutz und Tourismus miteinander vereinbar sein könnten. Von einer apokalyptischen Stimmung oder einer kollektiven Hysterie, wie sie von Vila Fradera befürchtet wurde, war unter den Experten nichts zu spüren. Vielmehr dominierte die Annahme, Umweltschutz und Tourismus seien vereinbar, wenn man geeig- 98 Claude Kaspar: Questions économiques posées par le tourisme face aux problèmes de l’environnement, in: AIEST, Tourisme et Environnement, S.-56-61, hier S.-59 f. 99 Jaques Durand: Essai pour une technologie de l’environnement touristique, in: AIEST, Tourisme et Environnement, S.-29-35, hier S.-29 f. 100 Ignacio de Arrillaga y Sanchez: Aspectos jurídicos del problema del medio ambiente turístico, in: AIEST, Tourisme et Environnement, S.-40-47, hier S.-40. 101 Arrillaga y Sanchez, Aspectos jurídicos, S.-42. <?page no="210"?> 209 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus nete Maßnahmen treffe und eine stringente Planung hinsichtlich neuer touristischer Anlagen verfolgte. 4.2.2 Zentralstaatliche Initiativen Auch innerhalb der spanischen Politik war in den Jahren um 1971 und 1972 ein Bewusstsein dafür gewachsen, dass auch der Massentourismus Grenzen des Wachstums aufwies. Der weitere Ausbau des Tourismus trug somit zumindest in seiner bisherigen unkontrollierten Art und Weise das Potential in sich, nicht nur die Touristen selbst nicht mehr zufriedenstellen zu können, sondern durch die von ihm induzierte Zerstörung der Umwelt sich seine eigene Grundlage zu entziehen. Konkret ging es dabei um Phänomene wie die bereits in den Jahren zuvor immer wieder problematisierte Belastung des Meeres mit ungeklärtem Abwasser aus Tourismusanlagen, dem zunehmenden Flächenverbrauch durch touristische Bebauung und die Expansion touristischer Siedlungen in bisher ungenutzte Naturlandschaften sowie dem ansteigenden Wasserverbrauch und der Veränderung der Küstenlinie etwa durch die Anlage von Sporthäfen oder künstlich aufgeschüttete Strände. Die „1970er-Diagnose“ 102 der spanischen Tourismuspolitiker bestand darin, dass die bereits angesprochene Dialektik des Tourismus in hohem Maße mit dem Grad an als intakt imaginierter Natur und als authentisch gedachten Landschaften, die nun immer häufiger mit dem Begriff ‚Umwelt‘ umschrieben wurden, zu tun habe. Damit übernahmen sie wesentliche Annahmen der Tourismusexperten, die auf ihrer Tagung 1971 in erster Linie eine instrumentelle Sicht auf die Beziehung von Tourismus und Umwelt eingenommen hatten. 103 So hieß es auf einem im Jahr 1972 von der spanischen Regierung veranstalteten Kongress zum Zusammenhang zwischen Umwelt und Tourismus in einem vom staatlichen Institut für Naturschutz („Instituto para la Conservación de la Naturaleza“, ICONA) verfassten Arbeitspapier: „[…] das touristische Phänomen hat eine Basis, einen Rahmen, in dem es seine Grundpfeiler findet und in den es sich einfügt, und deshalb ist seine Infrastruktur identisch mit der Natur und der Umwelt, die ihm als Referenz dient.“ 104 Die Umwelt bzw. die Natur selber wurde in dieser Sichtweise zu einer Infrastruktur des Tourismus, die geschützt werden musste, da sonst folgendes Szenario drohe: „Die Zerstörung der Umwelt kann mit der Zeit einen Verlust der touristischen Attraktivität verursachen.“ 105 Die Initiative der spanischen Regierung, diesen internationalen Kongress mit hohen politischen Vertretern zum Thema Umwelt und Tourismus zu organisieren er- 102 Kupper, Die „1970er Diagnose“. 103 Der Verweis auf die Expertentagung findet sich im Pressedossier zum Kongress ‚Turismo y Ecología‘, das eine intensive Wahrnehmung der Fachtagung auf Teneriffa nahelegt. Vgl. AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. 104 Manuel Aulló Urech, Secretario General del Instituto para la Conservación de la Naturaleza: Congreso de Ecología y Turismo del Mediterráneo Occidental, Tema II: Documento base. La naturaleza y el medio ambiente como infraestructura del turismo, 1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 78/ 38. 105 Ebd. <?page no="211"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 210 klärt sich neben der Rezeption der dargestellten Expertenmeinungen in erster Linie durch die Einbettung Spaniens in internationale Organisationen. Erste Ansätze zu einer Problematisierung der Beziehung des Tourismus zu seinen natürlichen Grundlagen entstanden im Rahmen von OECD-Veranstaltungen, die sich der Verschmutzung der Meere annahmen. Hier kamen spanische Politiker direkt in Kontakt mit dem weltweiten Nachdenken über Umweltfragen. In diesem Kontext ergriff die spanische Regierung die Initiative und regte an, bei der OECD eine ad-hoc-Gruppe einzurichten, die sich mit den Problemen des Zusammenhags zwischen Tourismus und Umwelt beschäftigen sollte. 106 Aus dieser Kooperation mit der OECD entstand die Idee, in enger Zusammenarbeit mit der italienischen Regierung ein großangelegtes Arbeitstreffen zu organisieren, das alle Anrainerstaaten des westlichen Mittelmeers an einem Tisch versammeln sollte, um gemeinsam nach Lösungen für die Harmonisierung des Verhältnisses von Tourismus und Umwelt zu suchen. 107 Damit reagierte die spanische Regierung auf die global wachsenden Bedenken hinsichtlich eines immer weitergehenden Wachstums auf Kosten der Umwelt und gerierte sich damit als Triebkraft im internationalen Feld. An dem 1972 von der spanischen Regierung veranstalteten „Kongress zu Ökologie und Tourismus im westlichen Mittelmeerraum“ („Congreso de Ecología y Turismo en el Mediterráneo Occidental“) 108 nahmen neben Italien und Frankreich auch Vertreter Tunesiens, Algeriens und Marokkos teil. Zudem hatten Staaten wie Griechenland und die Türkei einen Beobachterstatus. Die Präsentationen und Diskussionen auf dem Kongress nahmen die Argumentationsweisen der Expertemeinungen auf dem AIEST-Kongress auf Teneriffa auf und so lag der Fokus folglich in erster Linie darauf, die negativen Wirkungen von Umweltverschmutzung und -zerstörung auf den Tourismus einzuschränken. Erst in untergeordneter Priorität galt es auch, Ansätze zu finden, um die negativen Auswirkungen des Tourismus auf die Umwelt zu begrenzen. Die spanischen Politiker hatten folglich ein instrumentelles Verhältnis zum Umweltschutz, dem zudem enge Grenzen gesetzt werden sollten, auch wenn manche rhetorische Ausfälle dies verschleiern sollten. Zwar wurde immer wieder beschworen, dass Naturschutz eine Voraussetzung des Tourismus darstelle, 109 der Tourismus die Landschaft nicht schädigen, sich in diese einpassen solle 110 und ein ausreichender Inf- 106 OECD: Environment Committee. 4th Section, Paris, 9.2.1972, AGA, (3) 49.22 52196. 107 Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Promoción del-Turismo: Congreso internacional de Ecología y Turismo en Madrid. Nota para la Exmo. Sr. Ministro del Departamento, Januar 1972, AGA, (3) 49.22 52196, Top. 73/ 38. 108 Ministerio de Información y Turismo: Tagungsmappe: Congreso de Ecología y Turismo del Mediterráneo Occidental, Oktober 1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. Ministerio de Información y Turismo: Informe sobre el I Congreso de Ecología y Turismo del Mediterráneo Occidental (30.10.-3- 11.1972), 3.11.1972, AGA, (3) 49.22 52197 Top. 73/ 38. 109 Ministerio de Información y Turismo: Informe General sobre los trabajos del Congreso de Ecología y Turismo del Mediterráneo Occidental, 3.11.1972, AGA, (3) 49.22 52198, Top. 72/ 38. 110 Rodolfo García-Pablos González-Quijano: Congreso de Ecología y Turismo del-Mediterráneo Occidental. Tema III: Documento Base. La ecología del medio urbano turístico. Concepto actual del medio urbano con especial referencia a la costa del Mediterráneo. Integración de la arquitectura en el paisaje, <?page no="212"?> 211 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus rastrukturausbau das touristische Wachstum begleiten müsse, 111 um Folgeprobleme zu reduzieren, doch blieb das Paradigma des Fortschritts ungebrochen. Tourismus wurde nach wie vor als ein wirtschaftliches Phänomen betrachtet, das Wohlstand in strukturschwache Gegenden bringen und der Volkswirtschaft notwendige Devisen liefern sollte. Wenn dadurch authentische Landschaften und natürliche Begebenheiten zerstört wurden, dann stellte dies an und für sich kein Problem dar. Zum Problem wurde es nur, wenn dadurch die Entwicklung des Tourismus selber gefährdet war und die Dialektik des Tourismus drohte, den Motor der touristischen Entwicklung abzuwürgen. Dies illustriert ein Ausschnitt aus der Rede des spanischen Tourismusministers Alfredo Sánchez-Bella anlässlich der Eröffnung des Kongresses, mit der er versuchte, sich deutlich von radikalen Forderungen von Umweltschützern zu distanzieren und zugleich den Diskussionsrahmen des Kongresses abzustecken: Es ist notwendig, dass wir eine klare Bilanz der in den letzten Jahren begangenen Fehler ziehen und wir müssen uns dafür entscheiden, diesen Fehlern Einhalt zu gebieten und sie, so weit wie möglich wieder zu beheben. Aber es ist ebenso notwendig, dass wir nicht dieser apokalyptischen Versuchung erliegen, dass wir uns nicht dieser Explosion kollektiver Hysterie anschließen, dieser Unverantwortlichkeit, mit der man in unglücklicher Häufigkeit dieses Thema behandelt. Wir können nicht daran denken, den Fortschritt zu exkommunizieren. 112 Neu am Umgang mit dem Problemkomplex Umwelt und Tourismus war insbesondere, dass dieser nicht mehr ausschließlich als rein spanisches Problem wahrgenommen wurde. Vielmehr sahen die spanischen Akteure den Zusammenhang von Tourismus und Umwelt als ein grenzüberschreitendes Phänomen, das vor allem den westlichen Mittelmeerraum betraf. Da der Mittelmeerraum insgesamt weltweit die meisten Tourismusankünfte verzeichnete und er zugleich durch ein beinahe geschlossenes Meer miteinander verbunden war, blieben Umweltprobleme einerseits nicht auf einzelne Staaten beschränkt und andererseits sahen sich die französischen, italienischen, aber auch tunesische und algerische Küstenregionen ebenfalls mit ähnlich gelagerten Problemen konfrontiert. Die Bedrohung des Tourismus durch Umweltprobleme und die durch den Tourismus hervorgerufenen ökologischen Auswirkungen wurden von den am Kongress teilnehmenden Akteuren als spezifisch mediterran wahrgenommen und deshalb sollten auch mediterrane Lösungen für diese gefunden werden. 113 Trotz der staatlichen Frag- 30.10.1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. 111 Ministerio de Obras Públicas: Congreso de Ecología y Turismo: Planes de infraestructura sanitaria en zonas turísticas del Mediterráneo 30.10.1972. AGA, (3) 49.22 52198, Top. 73/ 38. 112 Alfredo Sánchez Bella, Ministro de Información y Turismo: Texto del discurso pronunciado en la sesión de apertura del Congreso de Ecología y Turismo del Mediterráneo Occidental, 30.10.1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. 113 Rodolfo García-Pablos González-Quijano: Congreso de Ecología y Turismo del-Mediterráneo Occidental. Tema III: Documento Base. La ecología del medio urbano turístico. Concepto actual del medio <?page no="213"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 212 mentierung des Mittelmeerraums sahen insbesondere die spanischen, französischen und italienischen Konferenzteilnehmer die westlichen Mittelmeeranrainer als eine Region mit ähnlichen Problemen und Herausforderungen. 114 Da Umweltprobleme vor nationalen Grenzen nicht haltmachten und diese mit dem Entwicklungsmodell des Massentourismus zusammenhingen, das in allen beteiligten Staaten eine wichtige Rolle spielte, entstand so die Notwendigkeit, das Problem von seiner „Mediterranität“ 115 her anzugehen. Die Wirkungen des Kongresses lagen weniger auf dem Feld konkreter Maßnahmen oder bilateraler Vereinbarungen hinsichtlich der Eindämmung der Wasserverschmutzung des Mittelmeeres und der Harmonisierung von touristischer Expansion und Umweltschutz. Hier blieb das Ergebnis des Kongresses auf eine vage Absichtserklärung begrenzt, nationale Umweltschutzgesetze zu harmonisieren bzw. solche, wo sie noch überhaupt nicht existierten, zu erlassen. Doch im Rückblick lag die Bedeutung des Kongresses vor allem darin, dass zum ersten Mal der Zusammenhang zwischen Umwelt und Tourismus problematisiert wurde. Dieser Zusammenhang blieb in den Folgejahren auch medial präsent, so dass dem Kongress hier die Funktion einer themensetzenden Sensibilisierung der Medien zukam. So lässt sich der Kongress als Beginn der Problematisierung des Zusammenhangs zwischen Umwelt und Tourismus bewerten, der in der Folgezeit dynamisiert wurde und zu gesellschaftlichen Konflikten führte. Erklärungsbedürftig bleibt aber, was sich das Regime konkret von der Veranstaltung des Kongresses und der Besetzung des Umweltthemas in Zusammenhang mit dem Tourismus versprach. Hierüber geben die vorliegenden Quellen nur eingeschränkt direkte Auskunft, so dass es lediglich möglich ist, zu plausibilisieren, welche Motive hinter der Organisation des Kongresses stehen konnten. Dabei ist es sinnvoll, die Motive auf drei Ebenen zu verorten. Erstens ist auf die Ebene der internationalen Politik zu verweisen. So kann vermutet werden, dass die gezielte Internationalisierung des zunächst regional an der spanischen Mittelmeerküste wahrgenommenen Problems durch das spanische Regime nicht nur mit der Eigenlogik von Umweltverschmutzungen, die vor nationalen Grenzen nicht haltmachten und somit eine mediterrane Dimension erlangten, zu tun hatte, sondern auch mit einer strategischen Positionierung Spaniens auf dem Feld der internationalen Politik. 116 Gerade für Spanien, das in Europa im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern aufgrund seiner Regierungsform immer noch relativ isoliert war, bot sich durch die Verknüpfung zweier Themen, die im internationalen Feld bisher weniger stark besetzt worden waren, eine neue Chance, ein urbano con especial referencia a la costa del Mediterráneo. Integración de la arquitectura en el paisaje. 30.10.1972. AGA, (3) 49.22 52197 Top. 73/ 38. 114 Rafael Ansón Oliart, Jefe del Servicio Central de Planes Provinciales: Congreso de Ecología y Turismo del Mediterráneo Occidental, Tema V: Documento Base. La acción administrativa para la coordinación de la política de la defensa del medio ambiente, 1972. AGA, (3) 49.22 52197, Top. 78/ 38. 115 Borutta/ Lemmes, Die Wiederkehr, S.-389. 116 Vgl. zum Konzept des ‚strategischen Internationalismus‘: Herren, Hintertüren zur Macht. Dies., Governmental Internationalism, S.-132. <?page no="214"?> 213 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus Mehr an Prestige innerhalb der Arena internationaler Politik zu generieren. Nachdem Spanien sich bereits in den Jahen zuvor als Pionier und neben Italien als wichtigstes Zielland des Massentourismus etabliert hatte, bot das Aufgreifen der Umweltfrage in Verbindung mit dem Tourismus die Möglichkeit, auch zu signalisieren, dass das Regime mit den als negativ wahrgenommenen Auswirkungen umgehen könne und in der Lage dazu sei, komplexe Problemlagen zu lösen und so ein touristisches Angebot, das europäischen Standards entsprach, auch weiterhin anbieten zu können. In der Verbindung zweier relativ jung in Erscheinung getreteten Problemfelder nationaler und internationaler Politik - dem Tourismus und dem Umweltproblem - inszenzierte Spanien sich als eines der ersten Länder, das diese Fragen ernst nahm. In ähnlicher Weise zielte das Regime auf einen Prestigegewinn ab, als es sich als Standort der neuen supranationalen Organisation für den internationalen Tourismus anbot. Als sich der internationale Verband nationaler Tourismusorganisationen (IUOTO) 1974 zur World Tourism Organization (WTO) umstrukturierte, bot sich Spanien als Sitz der neuen, an die UNO angebundenen Organisation an und konnte sich schließlich auch gegen Mexiko-Stadt durchsetzen, indem es wesentlich von der Unterstützung durch die übrigen westeuropäischen Länder profitierte. 117 Doch der Kongress scheint zweitens nicht nur im Hinblick auf das internationale Feld ausgerichtet worden zu sein. Die zahlreichen Presseartikel, 118 die im Kontext des Kongresses in nationalen Zeitungen erschienen, weisen vielmehr darauf hin, dass der Kongress auch gegenüber der eigenen Bevölkerung eine wichtige Funktion erfüllen sollte. Der bereits zitierte Ausschnitt aus der Eröffnungsrede des spanischen Tourismusministers zeigt sehr deutlich, dass die spanische Regierung das Problem ernst nahm und zugleich auch in Sorge darüber gewesen zu scheint, dass sich die erwähnten „hysterischen“ Stimmen zu einer neuen Front der Kritik am Regime entwickeln könnten. So dürfte im Kalkül der Organisatoren des Kongresses auch gesteckt haben, sich gegenüber der Bevölkerung als moderne Regierung darzustellen, die aktuelle und international diskutiere Problemlagen aufgriff und diese bearbeitete. Das Regime mag nicht zuletzt darauf gehofft haben, durch eine schnelle Besetzung des Themas der Umweltproblematik im Zusammenhang mit dem Tourismus das Thema gewissermaßen zu kassieren, bevor sich eine zunehmende gesellschaftliche Kritik daran festmachen konnte. Dass dies gründlich misslang, wird Thema des folgenden Unterkapitels sein. Schließlich dürfte der Kongress drittens aber auch dazu gedient haben, für ein bereits ausgearbeitetes Problemlösungskonzept eine geeignete Plattform zu schaffen, auf der dieses öffentlichkeitswirksam präsentiert werden konnte. Dieses Konzept bestand aus einem integrativen Infrastrukturplan speziell für die touristischen Regionen, der dazu dienen sollte, der Situation der insuffizienten Abwasserentsorgung endlich Herr zu werden, um so einen gewichtigen Beitrag dazu zu leisten, die ökologischen Auswirkungen des Tourismus vor allem in Bezug auf die Wasserqualität des Mittelmeers zu 117 Hertel, Ein anderes Stück Europa, S.-85. 118 Vgl. das Pressedossier in: AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. <?page no="215"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 214 begrenzen und damit die Persistenz des spanischen Tourismus als stabile Devisenquelle und Motor regionaler Entwicklung zu sichern. So sollten laut dem auf dem Kongress vorgestellten Infrastrukturplan insgesamt 59 Projekte zum Bau von Kläranlagen und unterseeischen Abflussrohren mit 50% aus dem Etat des zuständigen Ministeriums finanziert werden. Die restlichen 50% mussten wiederum durch die betroffenen Kommunen aufgebracht werden, die dafür zum einen aus einer speziellen Kreditlinie Geld aufnehmen konnten und zum anderen die Besitzer der betroffenen Immobilien direkt durch eine Sonderabgabe belasten sollten. Im Fokus des Plans befand sich zum einen die Insel Mallorca, zum anderen die beiden Festlandküsten der Costa Brava sowie der Costa del Sol, während größere Städte wie Barcelona, Valencia oder Málaga eigene stadtinterne Infrastrukturpläne bekommen sollten. 119 Somit war für die spanische Regierung Umweltpolitik in erster Linie die Fortführung älterer Infrastrukturkonzepte, die nun mit einem neuen Investitionsvolumen ausgestattet und speziell auf die Bedürfnisse der touristischen Küstenregionen zugeschnitten wurden. Die Lösung der Umweltprobleme in den Küstenregionen wie etwa das der zunehmenden Wasserverschmutzung, der Veränderung der Küstenlinie, das Verschwinden einheimischer Fauna und Flora und der Verbauung der Küsten mit Hotel- und Apartmentanlagen sollte auf technokratisch-planerische Weise gelöst werden. Für die spanische Regierung bedeutete die global wahrgenommene Umweltkrise, die in Spanien vor allem als mobilisierende, diskursive Triebkraft wirkte, gerade keine Desillusionierung und kein Ende der Machbarkeitsvorstellungen. 120 Das technokratische Entwerfen von Plänen war ein typisches Instrument der franquistischen Wirtschaftspolitik, von dem man sich versprach, auch dieses Problem in den Griff zu bekommen. Somit lassen sich die Anfänge der Thematisierung des Verhältnisses zwischen Umwelt und Tourismus von Seiten der spanischen Regierung in ein global beobachtbares Phänomen der Reaktion auf die zunehmend sichtbar werdenden ‚Grenzen des Wachstums‘ und Umweltprobleme einordnen, das dem Glauben entsprang, dass sich durch eine technokratisch geplante und gesteuerte Ressourcenverteilung und -nutzung die Probleme der Welt lösen ließen. 121 Die Situation unterschied sich dabei von der Problemlage der 1960er-Jahre insofern, als in dieser Zeit, wie dies in Kapitel 3 ausgeführt wurde, Probleme der Abwasserentsorgung nicht auf eine zu große Zahl an Hotels zurückzuführen waren, sondern auf die fehlenden bzw. nicht umgesetzten Vorschriften zur ordnungsgemäßen Abwasserentsorgung. So hatte das Tourismusministerium 1970 die bereits von Vila Fradera auf dem internationalen Expertenkongress der AIEST erwähnte Verordnung über Mindeststandards touristischer Infrastrukturen erlassen, das aber noch keineswegs mit 119 Ministerio de Obras Públicas: Congreso de Ecología y Turismo: Planes de infraestructura sanitaria en zonas turísticas del Mediterráneo, 30.10.1972, AGA, (3) 49.22 52198, Top. 73/ 38. 120 Anders Tony Judt, der die 1970er Jahre in Europa als Zeit einer Desillusionierung beschrieb. Judt, Geschichte Europas, S.-510. 121 Vgl. Kuchenbuch, „Eine Welt“, S.-172. <?page no="216"?> 215 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus umweltpolitischen Argumenten begründet worden war. 122 Das Dekret wurde von der regionalen Verwaltung begrüßt, da dadurch die Zukunft des Tourismus gesichert werden könne. Es sei ein […] entscheidender Schritt, um das Ungleichgewicht zurückzusetzen, das angesichts des beschleunigten Rhythmus, mit dem neue Hotels gebaut wurden, entstanden war. Dieser Rhythmus war nicht immer im Einklang mit der notwendigen Entwicklung der Infrastruktur, was in der Folge zu einer Gefahr für unser touristisches Vermögen wurde. 123 Das Dekret ermöglichte es auch, den weiteren Ausbau des touristischen Angebots zeitweilig zu untersagen, wenn es in touristischen Zentren mit einer hohen Konzentration an Hotels zu einer gleichzeitig bestehenden mangelnden infrastruktureller Versorgung kam. 124 Kurz vor dem Kongress im August 1972 machte das Tourismusministerium davon Gebrauch und erklärte auf der Grundlage einer komplizierten mathematischen Formel 125 bestimmte touristische Zonen der Balearen, vor allem aber Mallorcas zu sogenannten „zonas saturadas“, also saturierten Zonen, in denen ein weiterer Ausbau des touristischen Angebots bis auf Weiteres nicht gestattet war. 126 Auf dem Kongress wurden diese Maßnahmen und die vorangegangene Problemwahrnehmung allerdings mithilfe des Konzepts der ‚Umwelt‘ gewissermaßen in einen neuen Kontext gestellt, unter diesen Vorzeichen diskutiert und der Öffentlichkeit präsentiert. Eine genuine Umweltschutzpolitik entstand daraus allerdings nicht, vielmehr blieb es beim Prinzip einer Politik, die die Zukunft des Tourismus sichern sollte. Der Kongress führte zusätzlich zu den technokratisch-planerischen Lösungsansätzen auf dem Feld der Infrastruktur zu einem großen medialen Echo und so zu einer 122 So findet sich weder im Dekret selber noch in den zugehörigen Akten ein Hinweis auf Umweltverschmutzung als Argument, es ist vielmehr nur die Rede von einer Zukunftssicherung des Tourismus durch strengere Vorschriften. Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Empresas y Actividades Turísticas: Texto del Decreto Aprobado en el Consejo de Ministros del Día 19 de Noviembre de 1970 sobre Requisitos Mínimos de Infraestructura en los Alojamientos Turísticos, 19.11.1970, AGA, (3) 49.22 59882, Top. 42/ 18.601-18.602. 123 Gobernador Civil de Baleares an Subsecretario del Ministerio de la Gobernación: Requisitos mínimos de infraestructura, 3.3.1971, ARM, GC 1959. 124 Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Empresas y Actividades Turísticas: Texto del Decreto Aprobado en el Consejo de Ministros del Día 19 de Noviembre de 1970 sobre Requisitos Mínimos de Infraestructura en los Alojamientos Turísticos, 19.11.1970, AGA, (3) 49.22 59882, Top. 42/ 18.601-18.602. 125 Ministerio de Información y Turismo, Comité de Estudio sobre Zonas Turísticas de Infraestructura Deficiente: Discusión y conclusión de la fórmula del grado de saturación, 30.6.1972, AGA, (4) 73.01 1854, Top. 46/ 64 106-64.305. 126 Orden Ministerial por la que se declaran temporalmente ‚Zonas de Infraestructura Insuficiente‘, a efectos de lo dispuesto en el artículo 14.4 del decreto 3787/ 1970, de 19 de diciembre, las áreas de la Provincia de Baleares que se determinan, 25.8.1972, AGA, (4) 73.01 1854, Top. 46/ 64 106-64.305. <?page no="217"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 216 deutlich sichtbaren Präsenz des Themas Umwelt und Tourismus in der Öffentlichkeit. In zahlreichen Berichten und Leitartikeln, gesteuert durch die Pressemitteilungen des Kongressorganisationskomitees, 127 kommentierten wichtige spanische Zeitungen den Kongress sowie das Thema selber und die erarbeiteten Lösungsvorschläge. 128 4.2.3 Gesellschaftliche Bewegung in der Provinz Doch nicht nur auf der Ebene der internationalen Expertennetzwerke und der nationaler Politik setzte in den frühen 1970er-Jahren eine Problematisierung des Zusammenhangs zwischen Umwelt und Tourismus ein. Auch in den Tourismusregionen selbst begannen zivilgesellschaftliche Akteure vornehmlich lokal und regional, aber im Bewusstsein globaler Zusammenhänge, Problemhorizonte im Hinblick auf diese Frage zu entwickeln. Die lokale und regionale Problemwahrehmung dieser gesellschaftlichen Gruppen wurde dabei ebenfalls von der Thematisierungskonjunktur der Umweltfrage beeinflusst. Ihre Antworten unterschieden sich jedoch von jenen, die spanische Tourismuspolitiker und internationale Tourismusexperten auf sie gaben. So bildeten sich in den untersuchten touristifizierten Regionen Mallorcas und der Costa Brava Gruppierungen heraus, die der Umwelt einen Eigenwert zuschrieben und deshalb für deren Schutz und eine Begrenzung des menschlichen Ressourcenverbrauchs eintraten. Deren Bemühungen konzentrierten sich zunächst auf einzelne Landschaften und ökologische Zusammenhänge, die durch den Tourismus bedroht erschienen und verbreiterten sich zunehmend zu einer fundamentaleren Tourismuskritik. Im Sprechen über diese aus Sicht der Kritiker bedrohten Räume traten Zukunftserwartungen hinsichtlich einer Harmonisierung zwischen touristischer Entwicklung und Umweltschutz hervor und wurden genau an eben diesen Landschaften festgemacht. Dabei stellten diese Gruppierungen grundlegende Fragen, etwa nach dem Beitrag des Tourismus zur Zerstörung der Umwelt, der Störung des ökologischen Gleichgewichts durch den Tourismus, dem Aussterben bestimmter Tierarten oder der Bebauung von als authentisch und naturbelassen wahrgenommenen Landschaften. Wie die im Folgenden auszuführenden Beispiele zeigen werden, bezogen die tourismuskri- 127 Ministerio de Información y Turismo: Nota informativa N° 7 en relación al Congreso Ecología y Turismo, 30.10.1972, AGA, (3) 49.22 52197 Top. 73/ 38. Ders.: Nota informativa N°11 en relación al Congreso Ecología y Turismo, 31.10.1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. Ders.: Nota informativa N° 18 en relación al Congreso Ecología y Turismo, 1.11.1972. AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. Ders.: Nota Informativa N°16, 1.11.1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. Ders.: Nota informativa N°17 en relación al Congreso Ecología y Turismo, 1.11.1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. 128 Nueva visión de los problemas del medio ambiente, in: Ya (1.11.1972). La ciudad turística debe incorporarse al paisaje, in: Ya (3.11.1972). Editorial. Sanidad en zonas turísticas, in: La Prensa (6.11.1972). Honda preocupación por el deterioro de playas y paisajes, in: Informaciones (7.11.1972). Rafael Contreras: El turismo no debe ser un factor destructor del medio ambiente, in: Arriba (3.11.1972). Nicolás Rubio Saez: Dos parques marítimo-continentales en España, in: ABC (8.11.1972). Roberto Velazquez: „Debemos tomar conciencia de que la naturaleza es un patrimonio de toda la sociedad.“, in: ABC (3.11.1972). <?page no="218"?> 217 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus tischen Gruppen jedoch nicht nur die Frage nach den ökologischen Auswirkungen des Massentourismus in ihre Kritik und Opposition gegen den weiteren Ausbau des Massentourismus ein, sondern knüpften an drei weitere gesellschaftliche Konfliktfelder an, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, ihr eigentliches Anliegen - den Schutz der Natur und der Aufrechterhaltung eines ökologischen Gleichgewichts - durchzusetzen und dafür bei anderen Bevölkerungsteilen und innerhalb des politischen Felds Unterstützung zu erhalten. Diese drei Framingstrategien 129 seien hier kurz vorgestellt, bevor in die Analyse der Beispiele eingestiegen wird. Erstens betonten die Tourismuskritiker den Charakter der aus ihrer Sicht bedrohten Räume als Chiffren von Heimat und regionaler Identität. Dieser Rekurs war eine Reaktion auf die zunehmende Einstellung der Tourismusorte auf die Bedürfnisse ausländischer Touristen. Nicht unerheblich war dabei, dass viele Investitionen von ausländischen Unternehmen getätigt wurden und auch Gewinne wiederum ins Ausland abflossen. Zumeist wurde dies nicht offensichtlich artikuliert, schwang jedoch implizit in den Kritiken mit, vor allem dann, wenn die umstrittenen Räume bereits in früherer Zeit mit identitären Konstruktionen verknüpft worden waren. Der Abwehrdiskurs gegenüber weiteren touristischen Projekten lässt sich demnach als Form von Kritik an der Strategie der interessenbezogenen Translokalisierung lokaler und regionaler Ressourcen für den Tourismus lesen, die eine zunehmende Einstellung auf Bedürfnisse von Touristen aus Ländern wie der Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien ablehnte, wenn sie dazu führte, dass ganze Landstriche ihren angenommenen authentischen Charakter verloren und sich in austauschbare Räume des Massentourismus verwandelten, wohingegen naturbelassenen, unbebauten Landschaften eine wichtige Funktion als heimatliche Räume zugeschrieben wurde. Zweitens interpretierten die in diesem Kapitel untersuchten Gruppen die Auseinandersetzungen um den Ausbau des Tourismus in den 1970er-Jahren als Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie. Die zunehmende Infragestellung zentralstaatlicher Herrschaft und ihr Einfluss auf lokale und regionale Begebenheiten erhielt im Streit um den Tourismus eine neue Dynamik. Da der diktatorische Zentralstaat und seine lokalen bzw. regionalen Vertreter als Initiatoren und Ausführungsorgane der Tourismuspolitik einschließlich der Förderung des Ausbaus des Tourismus wahrgenommen wurden, zogen sie die Kritik lokal und regional agierender Gruppen auf sich. Hier zeichnete sich am deutlichsten der wachsende Einfluss der Regionalismusbewegungen 130 ab und verstärkte diese zugleich in der ländlichen Peripherie. Nicht ohne Grund lassen sich diese Gruppen genau in den Gegenden finden, wo solche regionalen Identitäten am stärksten ausgeprägt waren und zugleich der Druck durch den Tourismus am größten war. 129 Zum Konzept des Framing vgl. Benford/ Snow, Framing Processes. 130 Vgl. Waldmann, Katalonien, S.- 181-192. Hildenbrand, Regionalismusproblem. Speziell zu Katalonien vgl. Dowling, Catalonia, S.-65-122. Zu den Balearen vgl. Morro i Marcé, Per Mallorca. Zu den Wurzeln des balearischen Regionalismus vgl. Carrió Trujillano, El regionalisme. Sepúlveda Muñoz, El Estado, S.-610-614. Jordà i Sánchez, L’independentisme. <?page no="219"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 218 Drittens fassten die untersuchten Akteure die Auseinandersetzungen über den weiteren Ausbau des Tourismus auch als Konflikt über das Verhältnis von Privat- und Gemeinschaftseigentum auf. Die Diskussionen um die Frage, wem der Raum gehöre, der von einem weiteren Ausbau des Tourismus bedroht war und wer über eine weitere Bebauung zu entscheiden habe, mündeten in grundsätzliche Debatten über Eigentumskonzepte. Insbesondere war dies von Wichtigkeit, wenn es darum ging, Privateigentum in Naturschutzgebiete umzuwandeln, was eine durchgängige Strategie dieser Gruppen war. Die Frage, ob privaten Investoren das Recht zugestanden werden durfte, auf Kosten der Allgemeinheit bestehende naturräumliche Bedingungen zu verändern, war dabei äußerst virulent. Natur- und Umweltschutzbewegungen und Tourismuskritik auf Mallorca Die früheste Kritik an der touristischen Entwicklung, die sich aus ökologischen und naturschutzbezogenen Motiven speiste, findet sich in den hier untersuchten Regionen auf Mallorca. Dort publizierte eine Gruppe von Studenten seit 1971 regelmäßig in der auflagenstarken Tageszeitung Diario de Mallorca auf einer Sonderseite mit dem Titel Defensa de la Naturaleza („Verteidigung der Natur“). Schon bald organisierten sie sich in einem Verein, der 1973 unter dem Namen Grup d’Ornitología Balear (GOB, Ornithologische Gruppe der Balearen) offiziell gegründet wurde und bis heute der einflussreichste Natur- und Umweltschutzverein auf den Balearen ist. 131 Wie der Name des Vereins verrät, sammelten sich in ihm zunächst in erster Linie Vogelfreunde und Biologiestudenten, die sich für die wissenschaftliche Erforschung von Vögeln interessierten. Ihnen ging es in erster Linie darum, ihrem Hobby, der Ornithologie, gemeinsam nachgehen zu können. Der kontemplative Genuss der Natur und der Tierwelt stand für sie an erster Stelle. Doch dafür mussten sie dafür eintreten, dass diese Natur geschützt wurde. Die ständige Bedrohung der Habitate der Vögel durch eine weitere Expansion des Tourismus machte diesen gewissermaßen zum ersten Feind der Gruppe. Die Gruppe rezipierte die in dieser Zeit weltweit zirkulierenden Schriften über Umweltschäden und drohende weltweite Überbevölkerung. Zudem standen sie in Kontakt zu Tier- und Naturschutzorganisationen wie dem WWF. In der ersten Ausgabe des Vereinsorgan Aegypius. Boletín Informativo del Grupo de Ornitologia Balear druckte die Gruppe an prominenter Stelle die Übersetzung einer Rede des Sekretärs des WWF International ab, die sich dezidiert mit dem Verhältnis zwischen Tourismus und Umwelt auseinandersetzte. Darin hieß es: Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben die Karawanen gen Mittelmeer eine tiefe Veränderung der Küstengebierte verursacht. Örtlich beunruhigen uns auch die Expansion der industriellen Entwicklungen und der städtischen Konzentrationen. Fast überall werden durch die steigende Nachfrage nach Stränden, Cam- 131 Schönherr, Infrastrukturen, S.-669. <?page no="220"?> 219 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus pingplätzen, Ferienhäusern und touristischen Anlagen die natürlichen Räume in Beschlag genommen und zerstört. 132 Dies führe zu einer massiven Verschmutzung des Meeres, zum Aussterben von Arten und einer tiefgreifenden Zerstörung der Landschaft: „[…] die natürliche Umwelt verwandelt sich in etwas Künstliches und verliert mit Sicherheit ihre Schönheit.“ 133 Der Tourismus wurde damit Hauptverursacher der Umweltzerstörung und damit zum Hauptfeind der Umwelt im Mittelmeerraum. Somit war der GOB in gewissem Ausmaß von den Meinungsmachern der internationalen Umweltorganisationen sowie durch Publikationen wie Silent Spring von Rachel Carson oder dem Meadows-Report beeinflusst. 134 Doch anders als die spanischen Tourismuspolitiker, die in erster Linie über die internationalen Organisationen mit der Umweltfrage in Kontakt kamen, war die Wahrnehmung der lokalen und regionalen Probleme, die zum Großteil durch den Tourismus ausgelöst worden waren, zentral für die Organisation und das gesellschaftliche Engagement der Natur- und Umweltschutzgruppen auf Mallorca. Lokale Wahrnehmungen und global zirkulierende Deutungsmuster und Begriffe verknüpften sich somit. Der globale Umweltdiskurs wurde auf diese Art und Weise von der GOB gewissermaßen lokalisiert, während die lokalen Entwicklungen in einen größeren Kontext gestellt wurden. Die Rede des WWF-Sekretärs liest sich wie eine Blaupause, die die aufkeimende Umwelt- und Naturschutzbewegung in den Folgejahren umzusetzen versuchte unter Bezugnahme auf ihren lokalen bzw. regionalen Kontext und den daraus resultierenden Bedingungen. 135 Schon in eben dieser Rede wurde auf die Bedrohung wichtiger Biotope wie die besonders für Vögel wichtigen Feuchtgebiete im Mittelmeerraum hingewiesen. Und in der Tat ging der Flächenverbrauch durch neue Urbanisationen auf Mallorca eben auf Kosten von Feuchtgebieten, die als Nistplätze für einheimische und Zugvögel eine wichtige Rolle spielten. Und so waren es auch eben diese Räume, die als erstes in den Fokus von Schutzbemühungen, Pressekampagnen und Protestaktionen rückten. Zum symbolträchtigsten und für die Gruppe wohl am wichtigsten war die 1971 initiierte und jahrelang anhaltende Kampagne gegen die Bebauung der Albufera von Alcudia im Nordosten der Insel Mallorca. In der Rückschau aus der Perspektive der damaligen Akteure war die Albufera deshalb von so herausragender Bedeutung, da sie dem ursprünglichen Interesse der Gruppe am nächsten kam. Denn das Feuchtgebiet, das dem weiteren touristischen Ausbau zum Opfer zu fallen drohte, war in erster Linie ein wichtiges Rückzugsgebiet für die heimischen Vögel auf Mallorca sowie ein Rast- 132 Paul Geroudet, Secretario del WWF international: La conservación de los habitats naturales en los países mediterráneos, in: Aegypius: Boletín-Informativo del-Grupo de Ornitologia Balear 1 (1974), o.S. 133 Ebd. 134 Joan Mayol Serra: Moviments Ecologistes i Afins a les Baleares, Arxiu del GOB o.J., S.-3. 135 Joan Mayol Serra: Presentación, in: Aegypius: Boletín-Informativo del-Grupo de Ornitologia Balear 1 (1974), o.S. <?page no="221"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 220 platz für Zugvögel, die zwischen Europa und Afrika unterwegs waren. Schon die frühesten Publikationen des GOB bezogen sich auf die Albufera und deren Bedrohung. So stellte einer der Gründer des GOB 1972 in einem Zeitungsartikel die rhetorische Frage: „Wie können wir Mallorquiner, die Besitzer einer dieser Orte, zustimmen, dass dieser uns unwiederbringlich zerstört wird? “ 136 Er warnte davor, dass „wo noch bis vor Kurzem eine großartige Lagune oder eine weite Zone voller Schilf, das vor Leben nur so strotzte, bestand, heute ein ‚adäquates‘ Grundstück für seine Prostitution existiert, indem man darauf ein Hotel, einen Apartmentblock, etc. baut…“. 137 Wenig später hieß es in einem Artikel unter der Überschrift „Die Urbanisationen als Plage: Es sind die berüchtigten Urbanisationen, Hotels und alles, was damit zusammenhängt, die die Ursache für den Rückgang der Vogelpopulationen auf Mallorca sind“ 138 , die als Gefährder der mallorquinischen Umwelt augemacht wurden. Es war der Tourismus, der die Natur der Insel bedrohte, deshalb kritisert und versucht wurde, durch öffentliche Aktionen und politische Einflussnahme zu begrenzen. Neben den Konflikt zwischen Fortschritt, hier versinnbildlicht durch den Tourismus und der damit verbundenen wirtschaftlichen Entwicklung sowie dem Erhalt eines ökologisch wichtigen Biotops trat die Sorge um den Verlust regionaler Identität und landschaftlicher Ästhetik. Die Protagonisten des GOB sahen in der Albufera und auch später in anderen Landschaften Mallorcas nicht nur einen ökologisch-naturräumlichen Wert, der sich über die Rolle dieser Gebiete als Bestandteil eines globalen Netzes aus Lebensräumen für Zugvögel und damit als Teile eines globalen ökologischen Systems, sondern auch eine Funktion für den regionalen Identitätserhalt und den Zusammenhalt der mallorquinischen Bevölkerung. So war etwa die Rede davon, dass „die Albufera immer noch ein wahrer Stolz für alle sein kann, ein Ort eines unermesslichen Wertes, auch wenn dafür ernsthafte und energische Anstrengungen unternommen werden müssen.“ 139 Ein Stück unzugänglichen Landes, das eine Menge Moskitos produzierte und das nach der Auffassung der meisten Mallorquiner abgesehen von seiner möglichen Nutzung als Bauplatz für ein Hotel oder eine Apartmentanlage keinen Nutzen zu haben schien, sollte plötzlich zum Ausweis mallorquinischer Identität werden. In einem solchen Denken mischten sich Natur- und Umweltschutzgedanken der 1970er-Jahre mit langen Traditionslinien der bürgerlichen romantischen Selbst- und Fremdbeschreibung der Insel seit dem 19. Jahrhundert. 140 Immer öfter war die Rede von „[…] unserem Naturerbe […]“ 141 , das es zu schützen gelte, um es zu bewahren. Der Versuch, 136 Miquel Rayó Ferrer: La Albufera se nos va. Grito de alarma, in: Diario de Mallorca (5.11.1972). 137 Ebd. 138 Lucas Mas: Las urbanizaciones como plaga, in: Diario de Mallorca (1973) (Arxiu de Premsa del GOB, Mallorca). 139 Salvemos s’Albufera, in: Última Hora (31.5.1976), S.-13. 140 Vgl. Miquel Rayó Ferrer: Literatura i Paisatge, Arxiu del GOB, S.-6. 141 GOB an Comisión para la Defensa de la Naturaleza de la Exma. Diputación provincial de Baleares: Proposta de projecte de protecció de s’Albufera d'Alcúdia-Muro, Januar 1976, Arxiu del GOB, S'Albufera 1957-1988. GOB an Presidente de la Diputación Provincial de Baleares: Albufera de Alcu- <?page no="222"?> 221 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus zunächst in Pressekampagnen und später in Protestaktionen die Bevölkerung für den Natur- und Umweltschutz zu sensibilisieren, 142 war in dieser Hinsicht auch der Versuch, eine spezifische Projektion auf die Landschaft, eine zu Fortschritt, Entwicklung und Tourismus alternative imaginary landscape 143 , zu entwerfen und diese mehrheitsfähig zu machen. Der Tourismus wurde als Initiator von Veränderungen wahrgenommen, die vom GOB ausgemachten essentialistischen Charakter der Insel zerstörten. Der Tourismus bedrohte also nicht nur die Umwelt, die Natur, sondern, indem er die Landschaft zerstörte, veränderte er Mallorca im Gesamten. So hieß es in einem Zeitungsartikel eines Vertreters der Umweltbewegung: Des Öfteren hat man darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn es die ‘urbanizadores‘ nicht gegeben hätte. Wir - der Mensch und die Welt der Tiere - hätten ein viel ruhigeres Leben geführt. Urbanisator ist in den meisten Fällen ein Synonym für einen Spekulant, so wie Agonie ein Synonym für Kampf ist. Und über das Fleisch der Balearen ist diese Plage besonders hergefallen. So sehr, dass unser Gesicht, unser Bild sich verwandelt haben. 144 Der Tourismus in Gestalt der „urbanizadores“ 145 , die in der Regel mit ausländischem Kapital agierten, war damit Urheber einer Störung der Harmonie zwischen Mensch und Natur, die angeblich vor der Ankunft des Massentourismus auf der Insel bestanden habe und damit zugleich die Identität der Insel enorm veränderte. So verwundert dann auch nicht, dass der GOB einer der gesellschaftlichen Akteure war, der die Politik des Bilingualismus und das Eintreten für die sprachliche und politische Selbstbestimmung gegenüber dem spanischen Zentralstaat während der Transición seit dem Jahr 1975 nachdrücklich unterstützte. 146 Deutlich sichtbar wurde im Fall der Albufera der Konflikt zwischen Privat- und Gemeinschaftsinteresse. Das Gebiet der Albufera wurde 1856 vom Königshaus an eidia, 4.10.1976, Arxiu del GOB, S’Albufera 1957-1988. 142 GOB: Circular n° 22, 1976, Arxiu del GOB, 021/ 01. GOB: Circular n° 28, 1976, Arxiu del GOB, 021/ 01. GOB: Circular n° 21, 23.1.1976, Arxiu del GOB, 021/ 01. D.V.C.: Una publicación importante: „Per que volem salvar s’Albufera“, del „Grup Balear d’Ornitologia i Defensa de la Naturalesa.“, in: Baleares (1976) (Arxiu de Premsa del GOB). GOB an Comisión para la Defensa de la Naturaleza de la Exma. Diputación provincial de Baleares: Proposta de projecte de protecció de s’Albufera d'Alcúdia- Muro, Januar 1976. Arxiu del GOB, S’Albufera 1957-1988. J.J.: Grup Balear d'Ornitologia. Objetivo: salvar la Albufera (y convertirlo en parque natural), in: Baleares (7.12.1976), S.-3. 143 Zum Begriff vgl. Etzemüller, Romantischer Rhein, S.-391 f. Zur Zuweisung gesellschaftlicher Werte auf Landschaften vgl. Lekan/ Zeller, Region, S.- 335. Vgl. auch: Cosgrove/ Daniels, The Iconography. Zur imaginären Produktion von Landschaften vgl. auch: Dix, Das Mittelrheintal. 144 Luis Ripoll: Salvadores y ladrones, in: Diario de Mallorca (30.10.1976). 145 Mit dem Begriff „urbanizadores“ werden im Spanischen, vor allem in Bezug auf den Tourismus, Erschließungsträger und Bauunternehmer bezeichnet. 146 GOB: Vint anys del GOB, Arxiu del GOB 1993. Margarita Barez Moreno/ Rosa Maria Montalbán Gracia/ Ana Maria Torres Estarellas: Un compromís amb la natura de les illes. GOB-1973-1981, 1997, S.-64. <?page no="223"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 222 nen Privatmann namens Juan María Villaverde vergeben, um die Trockenlegung des Feuchtgebiets zu bewerkstelligen und damit das Land nutzbar und frei von Krankheiten wie der Malaria zu machen. 147 Seit dieser Zeit befand sich das Land folglich in Privatbesitz und konnte deshalb jederzeit an einen Urbanisator verkauft werden, um dann darauf ein Hotel zu bauen. In der Argumentation des GOB ergab sich daraus ein Konflikt zwischen Privat- und Gemeinschaftsinteressen. Der GOB reklamierte die Albufera als Eigentum der ganzen Gesellschaft, da sie als wichtiges Biotop und wie erwähnt als integraler Bestandteil der mallorquinischen Landschaft wahrgenommen wurde. Als gemeinsames „patrimoni“ 148 („Erbe“) sollte die Albufera einerseits der gesamten mallorquinischen Bevölkerung als Naturschutzgebiet zugänglich sein und andererseits sichergestellt werden, dass sie in ihrem damaligen Zustand erhalten blieb, damit zukünftige Generationen ebenfalls die Gelegenheit haben konnten, ein Stück mallorquinischer Natur zu erleben. 149 Um einer solchen Minderheitenposition zum Durchbruch zu verhelfen, bezog der GOB in seine Strategie zum Schutz der Albufera und anderer als wichtig erachteter Gebiete weitgehend unberührter Natur den Tourismus als Kalkül mit ein. 150 Allerdings war es nicht der herkömmliche, auf Mallorca dominierende Massentourismus, der die Einrichtung von Naturschutzgebieten plausibel und wirtschaftliche sinnvoll erscheinen ließ, sondern ein distinguierter, alternativer Naturtourismus. Über Jahre hinweg hatte man bereits beobachtet, dass etwa britische Vogelkundler und -freunde sehr gerne die Albufera besuchten, um in ihrem Urlaub die dort lebenden Vögel zu beobachten. Daraus schloss der GOB, dass es in den Gesellschaften Nordwesteuropas ein nicht unerhebliches Potential an gut situierten und zahlungskräftigen Touristen gab, die Mallorca nicht einfach als Insel der Sonne und des Strandes sahen, sondern als ein Stück einzigartiger mediterraner Natur, das Erholung in ganz anderer Hinsicht bieten konnte. So formulierte schon 1971 einer der Mitbegründer des GOB, zweifellos in einer noch sehr vorsichtigen Art und Weise dazu folgenden Gedanken: Wenn es nicht unbedingt nötig ist, wäre es sicher ratsam, dass sie [die Albufera, M.G.] nicht mehr erschlossen wird, sondern dass ein Naturpark aus ihr gemacht wird. Andererseits wäre das ein touristischer Anziehungspunkt, da im Ausland das Hobby der Vogelkunde weiter verbreitet ist als hier. Der Fischadler, die Reiher, die Enten, etc. … sie dürfen von unserer Insel nicht verschwinden. Wenn sie 147 Ministerio de Obras Públicas, Delegación Baleares: Albufera de Alcúdia, 4.10.1957. Arxiu del GOB, S’Albufera 1957-1988. 148 GOB an Comisión para la Defensa de la Naturaleza de la Exma. Diputación provincial de Baleares: Proposta de projecte de protecció de s’Albufera d'Alcúdia-Muro, Januar 1976, Arxiu del GOB, S'Albufera 1957-1988. 149 GOB an Presidente de la Diputación Provincial de Baleares: Albufera de Alcudia, 4.10.1976. Arxiu del GOB, S'Albufera 1957-1988, S.-1. 150 Miquel Rayó Ferrer: La Albufera se nos va. Grito de alarma, in: Diario de Mallorca (5.11.1972). Enrique Merino: Urge declarar parque natural a S'Albufera de Alcúdia, in: Diario de Mallorca (11.8.1976). <?page no="224"?> 223 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus doch verschwänden, würden wir noch eine Facette der prächtigen balearischen Natur, wie sie einst war, verlieren. 151 Zudem sei damit zu rechnen, dass diese Touristen insbesondere in der Nebensaison nach Mallorca kämen, da hier die besten Möglichkeiten zur Vogelbeobachtung gegeben waren. Somit konnte - in der Sicht des GOB - der Naturtourismus einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der mit der Saisonalität des Tourismus verbundenen Probleme leisten. 152 Neben der Albufera wurden vom GOB relativ schnell nach seiner Gründung eine Reihe von Gebieten auf den Balearen und speziell auf Mallorca ausgemacht, die einerseits als naturräumliche Zusammenhänge wegen ihrer landschaftlichen Ästhetik und der Artenvielfalt als schützenswert angesehen wurden und andererseits dem entsprachen, was als typisch mallorquinisch angesehen wurde. Nach dieser Kodifizierung ergab sich ein Set von schützenswerten Landschaftsabschnitten, die neben der Albufera von Alcudia, die Mallorca vorgelagerten Inseln Sa Dragonera und Cabrera, das Gebiet um den Strand Es Trenc an der Südküste Mallorcas sowie das Tramuntanagebirge umfassten. 153 Die teilweise parallel verlaufenden Kampagnen und Protestaktionen bezüglich der einzelnen Raumnutzungskonflikte zwischen Umweltschutz und Tourismus konzentrieren sich auf das Jahrzehnt zwischen 1973 und 1983. Die Insel Cabrera, die sich im Südosten Mallorcas befindet, wurde seit Beginn der 1970er-Jahre in erster Linie zu einem Kristallisationspunkt der Interessen von Zentralstaat und mallorquinischer Peripherie. Das kleine Eiland, das von strategischer Bedeutung und deshalb mit einer Garnison versehen war, nachdem es 1916 zwangsenteignet worden war, 154 verfügte wegen der fehlenden zivilen Nutzung über einen hohen Artenreichtum und war damit ein wichtiges Rückzugsgebiet von im Mittelmeer bedrohten Tierarten. Seit 1965 versuchten die Nachfahren der Besitzer der Insel vor dem Jahr 1916 durch Klagen gegen den spanischen Staat, die Insel zurückzufordern. Ziel dieser Anstrengungen war es, Cabrera touristisch inwertzusetzen und auf der kleinen Insel eine Luxustourismusanlage zu errichten. 151 Joan Mayol: De la conservación de la Albufera, in: Diario de Mallorca (23.6.1971). 152 GOB an Presidente de la Diputación Provincial de Baleares: Albufera de Alcudia, 4.10.1976. Arxiu del GOB, S’Albufera 1957-1988, S.-3. GOB an Comisión para la Defensa de la Naturaleza de la Exma. Diputación provincial de Baleares: Proposta de projecte de protecció de s’Albufera d’Alcúdia-Muro, Januar 1976. Arxiu del GOB, S’Albufera 1957-1988, S.-3. 153 In einer späteren Publikation werden diese Gebiete zusammenfassend genannt: Jesús R. Jurado: Relación de espacios naturales en Mallorca, in: Aegypius: Boletín-Informativo del-Grupo de Ornitologia Balear 4 (1978), o.S.-Die ‚Kodifizierung‘ der als wertvoll erachteten Landschaften begann allerdings schon mindestens 1971 mit der ersten Erwähnung der Notwendigkeit, die Albufera zu schützen: Joan Mayol: De la conservación de la Albufera, in: Diario de Mallorca (23.6.1971). Die genannten Gebiet auf Mallorca stellen seit 1973, dem Gründungsjahr des GOB, die ‚Hotspots‘ des Tätigkeitsfelds der Umweltbewegung dar. 154 Ministerio de Información y Turismo: Notas referentes a la situación jurídica y explotación turística de las islas Graciosa (Lanzarote), Isla Cabrera (Baleares), e Isla de Nueva Tabarca (Alicante), 1965, AGA, (3) 49.11 42526, Carpeta 3, Exp. 58 Top. 23/ 66-69. <?page no="225"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 224 Auch der spanische Staat sah Cabrera Mitte der 1960er-Jahre durchaus als lohnenden touristischen Standort, um dessen Entwicklung man sich bemühen müsse. Dem Tourismusministerium schwebte dabei ein Modell vor, das sicherstellen sollte, dass staatliche Interessen eine ausreichende Berücksichtigung erfahren sollten. Genauer gesagt war der Plan der für die Förderung des Tourismus zuständigen Experten im Ministerium die Verpachtung der Insel für den Zeitraum von 90 Jahren an die staatseigene Empresa Nacional de Turismo (Nationales Unternehmen für Tourismus). 155 Damit sollte die touristische Ausbeutung dieser ‚Ressource‘ gesichert werden und zugleich ein Paradebeispiel staatlich organisierter Tourismusplanung entstehen. 156 Nachdem folglich das Problem zwischen Privat- und Gemeinschaftseigentum gewissermaßen durch den Zentralstaat im Voraus entschieden worden war, indem ein Verkauf an Privatpersonen der Insel bzw. deren Rückgabe kategorisch ausgeschlossen worden war, standen sich nun der Staat mit seinen Interessen und die sich formierende Umwelt- und Naturschutzbewegung mit ihren Forderungen gegenüber. 1972 entspann sich eine intensive Debatte über die zukünftige Nutzung der kleinen Insel, nachdem Gerüchte an die Öffentlichkeit gelangt waren, die eine touristische Ausbeutung der Insel andeuteten. 157 Relativ rasch bezog eine Vielzahl von Akteuren dafür Stellung, die Insel unter Schutz zu stellen, anstatt sie durch den Staat touristisch nutzen zu lassen. 158 Unter dem immensen Druck der Öffentlichkeit 159 und im Zuge des Aktionismus im Rahmen des Congreso de Ecología y Turismo im November 1972 verkündete schließlich das Informations- und Tourismusministerium, die Insel Cabrera dauerhaft unter Schutz stellen zu wollen und dort einen Nationalpark einzurichten. 160 Aus Sicht der sich formierenden mallorquinischen Umweltbewegung ging es darum, zu verhindern, dass erstens der Zentralstaat seine Pläne hinsichtlich der staatlichen Inwertsetzung der Insel realisierte und dass zweitens unter keinen Umständen die Insel an einen privaten Investor verkauft werden würde, der dort einen Ort des Elitetourismus einrichten würde. 161 155 Zum staatlichen Tourimusunternehmen vgl. Pellejero Martínez: Iniciativas y participación. 156 Ministerio de Información y Turismo: Notas referentes a la situación jurídica y explotación turística de las islas Graciosa (Lanzarote), Isla Cabrera (Baleares), e Isla de Nueva Tabarca (Alicante) 1965, AGA, (3) 49.11 42526, Carpeta 3, Exp. 58 Top. 23/ 66-69. 157 Rumores de Explotación Turística de la Isla de Cabrera, in: Blanco y Negro (8.7.1972). 158 La isla de Cabrera, in: Diario de Barcelona (2.7.1972), S.-4. 159 ADENA en defensa de la fauna de Cabrera y Mallorca, in: Última Hora (28.8.1972). Salvar la fauna de Cabrera, ahora que todavía es tiempo, in: Diario de Mallorca (29.8.1972). Grave peligro de extinción para algunas especies ornitológicas, in: Baleares (27.9.1972). Salvar la Isla de Cabrera, in: Diario de Barcelona (7.11.1972). José Antonio Alcover: El Futuro de Cabrera, in: Diario de Mallorca (31.12.1972). Joan Mayol Serra/ José Antonio Alcover: Cabrera: Un tesoro para el mañana, in: Diario de Mallorca (30.7.1972). 160 Ministerio de Información y Turismo: Nota Informativa N°16. Congreso Ecología y Turismo, 1.11.1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. Nicolás Rubio Saez: Dos parques marítimo-continentales en España, in: ABC (8.11.1972). 161 Jaime García: ¿Los millonarios a la Cabrera? Mancillarán su naturaleza, in: CRIBA (19.7.1972). <?page no="226"?> 225 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus Indem Cabrera als einmaliger Ort dargestellt wurde, an dem eine Art Konservierung der Artenvielfalt des Mittelmeers aus der Zeit vor Beginn von Massentourismus und Industrialisierung stattgefunden hatte, wurde die Insel zum Teil des „patrimonio natural“ stilisiert, das unter jeglichen Umständen geschützt werden müsse. Dadurch aber, dass sich der Zentralstaat der Aufgabe angenommen hatte, einen Nationalpark dort einzurichten und somit Naturschutz und Tourismus zu harmonisieren, wurden die Forderungen der Umweltbewegungen nach einer schnellen Einrichtung des Parkes direkt an den Zentralstaat adressiert. Indem sich die Erklärung zum Schutzgebiet der regionalen Kompetenz entzog, schwebte zugleich immer die mögliche Nichteinhaltung der Pläne der Zentralregierung über der Insel. So dauerte die Deklaration zum Nationalpark auch bis zum Jahr 1991. 162 Für die mallorquinische Umweltbewegung war der Streit um die Zukunft der Insel Cabrera eine wichtige Formationsphase. Die noch vor der eigentlichen Gründung des GOB geführte Debatte gab den Akteuren erste Gelegenheiten, sich zu vernetzen, in der Presse dezidiert ihre Meinung zu vertreten und ein Zusammengehörigkeitsgefühl auszubilden. 163 Der letzte hier darzustellende Raumnutzungskonflikt begann zeitlich gesehen Anfang der 1980er-Jahre. In der Zeit des zweiten Booms des Tourismus auf Mallorca, in der noch einmal eine intensive Bautätigkeit verbunden mit einem steilen Ansteigen der Touristenzahlen zu beobachten waren, rückte die massentouristische frontier noch ein gutes Stück weiter vor. So war es der Strand Es Trenc, der noch heute als schönster Strand Mallorcas gilt, der ab dem Jahr 1982 einerseits zum Objekt der Begierde der Tourismuswirtschaft und andererseits zum Kulminationspunkt der Umweltproteste angeführt durch den GOB wurde. Es handelt sich dabei um einen Streifen Strand an der Südküste Mallorcas, in dessen Hinterland sich eine Salzwasserlagune befindet. Damit war Es Trenc für die Umweltschützer von erheblicher Bedeutung, weil die Lagune ideale Lebensbedingungen für mehrere bedrohte Vogelarten auf der Insel bot und bis heute bietet. Doch war Es Trenc nicht nur wegen seiner ökologischen Bedingungen für den GOB schützenswert, sondern auch aus landschaftlich-ästhetischen 162 http: / / www.caib.es/ sacmicrofront/ contenido.do? cont=21479&mkey=M34&&lang=es, (23.12.2014). 163 Etwa zeitgleich und strukturell ähnlich lief der Raumnutzungskonflikt um die kleine Insel Sa Dragonera vor der Westküste Mallorcas ab. Vgl. La isla Dragonera, en Mallorca, vendida, in: La Vanguardia (31.5.1974). Francisco Riutord: La Dragonera sigue noticia. Inminente acuerdo de compraventa, in: Diario de Mallorca (2.6.1974). R.L.: La línea protectora de la Dragonera, in: Diario de Mallorca (1.11.1974). Joan Mayol: Dragonera. Nuevo motivo de preocupación, in: Diario de Mallorca (9.6.1974). Ders.: Formentor y Dragonera ¿Los dejamos morir? , in: Diario de Mallorca (28.7.1973). Der Konflikt führte schließlich dazu, dass am 7. Juli 1977 das Eiland von einer anarchistisch-kommunistischen Gruppe besetzt wurde, um die Bebauung der Insel mit einer Tourismusanlage zu verhindern. Ob Mitglieder des GOB direkt an der Besetzung beteiligt waren, kann aus den Quellen nicht geschlossen werden. Aber der GOB gehörte zu einer der Unterstützerorganisationen, die sich neben der Confederación Nacional de Trabajo (CNT) an weiteren öffentlichkeitswirksamen Protesten beteiligten. Auch der Maler Joan Miró, der seit 1956 auf Mallorca lebte, beteiligte sich an den Protesten. Vgl. Colectivo Talaiot Corcat: Dragonera. Parc Natural, Flugblatt, 1977, Arxiu del GOB, Sa Dragonera. Joan Miró expresa su simpatía con la acción contra la destrucción de la isla, in: Baleares (3.7.1977). Grupos ácratas ocupan Sa Dragonera, in: Diario de Mallorca (8.7.1977). <?page no="227"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 226 Gründen. Denn Es Trenc war mehr oder weniger der einzige erhaltene landschaftliche Zusammenhang, der die Südküste Mallorcas so konserviert hatte, wie sie vor dem Beginn des ersten touristischen Booms Ende der 1950er-Jahre ausgesehen hatte. Kilometerlange Sandstrände mit einer Dünenlandschaft dahinter, das war auch das Bild, das ursprünglich die Landschaft östlich von Palma de Mallorca geprägt hatte, wo zum Zeitpunkt der Proteste jeder Quadratmeter direkt hinter dem Strand mit Hotels bebaut worden war und die Dünen komplett verschwunden waren. Der GOB bediente sich bei der Kampagne zum Schutz Es Trencs dezidiert der Kritik an ausländischen Investoren und nutzte den Zusammenhang zwischen dem Ausbau des Massentourismus und der Präsenz ausländischer Unternehmen als Framingstrategie zur Durchsetzung ihrer Ziele. Es Trenc war ein Paradebeispiel dafür, dass ausländische Investoren zusammen mit mallorquinischen Partnern versuchten, neue touristische ‚Ressourcen‘ zu erschließen und dabei auf den Widerstand der Bevölkerung stießen. Im Fall von Es Trenc war es ein schwedisches Unternehmen, das dort einen neuen Touristenkomplex errichten wollte und so ein für die Touristen einmaliges und distinktes Ziel auf Mallorca zu schaffen. 164 So war in einem Flugblatt von 1983, das gegen die geplante Bebauung Es Trencs Stimmung machen sollte, zu lesen: „Wenn wir alle wollen, bleibt der gesamte Bereich um Salobrar de Campos und dem Strand von Es Trencs in dem Zustand, wie sie heute sind, frei von einer Urbanisation, von der nur ein ausländisches Unternehmen profitiert. Wer Mallorca liebt, zerstört es nicht. Wer Mallorca liebt, lässt nicht zu, dass sie es zerstören.“ 165 Gegen das geplante Bauprojekt kam es am 30. September 1983 zu einer großangelegten Demonstration, an der nach Zeitungsangaben 10 000 Menschen teilnahmen. Die Demonstration wurde dabei zugleich als Ausweis der neuen Modernität der mallorquinischen Bevölkerung wahrgenommen, die darin bestand, dass die nun nach dem Ende der Diktatur und der Transición mündigen Bürger ihre Stimme zu Gunsten des Erhalts der eigenen Heimat erhoben und so verhinderten, dass ausländische Investoren weiterhin die Insel für ihre Zwecke missbrauchten. In einem Zeitungsartikel, der die Demonstration kommentierte, hieß es: Der 30. September 1983 geht in die Geschichte Mallorcas ein. […] Die Regierung aus Ap [Alianza Popular] und UM [Unió Mallorquina] muss nachbessern 164 Es Trenc wurde auch in den Herkunftsländern der Touristen, insbesondere in Skandinavien, zum Objekt der öffentlichen Aufmerksamkeit und ließ das Bild eines anderen Mallorcas entstehen: eines Mallorcas, das sich gegen den Tourismus und gegen ausländische Investoren wehrte, anstatt um jeden Preis weitere Touristen auf die Insel zu locken: Arne Dahl: Starka protester på Mallorca mot hotell på orörd strand, in: Göteborg-Posten (9.12.1983). Strid på Mallorca. Svenskt lyxhotell ska stoppas, in: Dagens Nyheter (6.12.1983). So hieß es auch im Spiegel: „Die Einwohner der Baleareninsel Mallorca wollen nicht länger untätig zusehen, wie ausländische Investoren mit gigantischen Hotelanlagen die Landschaft verschandeln.“ Mallorca. Protest gegen Beton, in: Der Spiegel 49 (5.12.1983). 165 GOB: Flugblatt: Salvarem Es Trenc! 30.09.1983, Arxiu del GOB, Es Trenc. <?page no="228"?> 227 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus und ‚Scandiplan‘ muss sich ein Land suchen, das stärker einen Dritte-Welt-Charakter hat, um seinen Profit aus ihm zu schlagen. 166 Der GOB bescheinigte sich daraufhin einen großen Erfolg im Hinblick auf die Sensibilisierung für Umweltfragen sowie im Hinblick auf die Rücknahme der Baugenehmigung für den geplanten Hotelkomplex im Gebiet Es Trenc. 167 Dies zeigte sich neben der erfolgreichen Demonstration auch in der Organisation einer großangelegten Unterschriftenaktion. Zudem schaffte es der GOB, wichtige gesellschaftliche Gruppierungen und die politische Opposition mit ins Boot zu holen. 168 Durch ihre Kontakte zu ausländischen Umweltbewegungen gelang es der Gruppe außerdem, den Unterstützerkreis zu internationalisieren. So folgten zahlreiche deutsche, britische und skandinavische Vogel- und Umweltschutzgruppen einem Aufruf des GOB, bei der mallorquinischen Regierung Petitionen für den Schutz von Es Trenc einzureichen. 169 Bürgerinitiativen, Umweltbewegungen und der Widerstand gegen touristische Bauprojekte an der Costa Brava Nicht nur auf Mallorca, sondern auch in Teilen der Costa Brava wurde ab Anfang der 1970er-Jahre der weitere Ausbau des Tourismus von einem Teil der Gesellschaft zunehmend kritisch gesehen. Neben wirtschaftlichen und landschaftlich-ästhetischen Gründen rückte auch hier zusehends das Argument einer intakten Umwelt in den Vordergrund. Die beiden wesentlichen durch neue touristische Projekte ausgelösten Raumnutzungskonflikte zwischen Tourismus und Umweltschutz wurden allerdings anders als auf Mallorca nicht durch einen einzelnen Verein geprägt, sondern vom Verhalten der lokalen Administration und von Bürgerinitiativen, die erst im Verlauf bzw. gegen Ende des Protestes in organisiertere Vergemeinschaftungsformen übergingen. Wie in Kap. 3.2.4 dargelegt gab es zwischen Anfang und Mitte der 1970er-Jahre an der Costa Brava erste Ansätze zu Landschaftsschutzmaßnahmen und einer Begrenzung des Baubooms. Am Beispiel des Raumnutzungskonflikts um das Cabo Norfeu zwi- 166 Agraiment del GOB per la manifestació d’Es Trenc, in: Ultima Hora (2.10.1983). 167 G.O.B/ Xavier Pastor: Contra la barbarie, la sonrisa, März 1984, Arxiu del GOB, Es Trenc. 168 GOB: Sammlung nationaler Unterstützungsbekundungen (Parteien, Vereine) zum Schutz von Es Trenc, 1982, Arxiu del GOB, Es Trenc. GOB: Circular informativa, III época, n° 22/ 23, März/ April 1982, Arxiu del GOB, 021/ 01. 169 Dansk Ornithologisk Forening an Presidente de la Comunidad Autónoma: Es Trenc, 30.09.1983, Arxiu del GOB, Es Trenc. Deutscher Bund für Vogelschutz e.V./ Verband für Natur- und Umweltschutz an Presidente del Gobierno de la Comunidad Autónoma de las Islas Baleares: Es Trenc, 22.08.1983, Arxiu del GOB, Es Trenc. Fonds d’Intervention pour les Rapaces an President de la Comunitat Autónoma: Es Trenc, 27.10.1983, Arxiu del GOB, Es Trenc. The Royal Society for the Protection of Birds an President de la Comunitat Autónoma de Baleares: Es Trenc, 25.9.1983, Arxiu del GOB, Es Trenc. The Royal Swedish Academy of Sciences/ The Swedish Museum of Natural History/ The Swedish Sportsmens’ Association u. a.: Es Trenc, 25.11.1983, Arxiu del GOB, Es Trenc. Leksands Fågelklubb: Es Trenc, 20.10.1984, Arxiu del GOB, Es Trenc. <?page no="229"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 228 schen Rosas und Cadaqués an der nördlichen Costa Brava lässt sich zeigen, wie diese Bemühungen um einen nostalgisch grundierten Landschaftsschutz zunehmend von der Umweltfrage überlagert wurden. Anhand eines zweiten relevanten Beispiels wird im Folgenden zudem aufgezeigt, wie touristische Projekte jenseits der älteren Gedanken des Landschaftsschutzes in den Fokus der Kritik gerieten und aus ökologischen Interessenslagen heraus verhindert wurden. Trotz dieser größeren Fokussierung auf ökologische Bedenken spielten dabei aber die Imagination heimatlicher Räume und die Projektion gesellschaftlicher Werte auf die Landschaft für den Widerstand gegen die touristische Bebauung und Inwertsetzung weiterhin eine wichtige Rolle. Der Raumnutzungskon ikt um das Cabo Norfeu Im Februar 1973 reichte eine Urbanisationsgesellschaft bei der Gemeinde Rosas einen Antrag für die Urbanisierung eines Teils der Halbinsel Norfeu im Norden der Costa Brava ein. Genauer gesagt sollte es sich um mehrere touristische Urbanisationen handeln, die im Stile einer Gartenstadt gebaut werden sollten und somit in erster Linie aus maximal zweistöckigen Häusern bestehen sollten. 170 Die insgesamt acht einzelnen Urbanisationen sollten sich auf einer Fläche von 500 ha erstrecken und im nördlichsten Teil des Gemeindegebietes von Roses liegen. Betont wurde bei der ersten Vorlage des Bebauungsplanes, dass es sich um einen „conjunto harmónico“ handeln sollte, der sich in die Gegebenheiten der Landschaft einpassen sollte. Die Bauträger zielten auf ein hochwertiges Projekt ab, das den immer wieder erhobenen Forderungen nach mehr Qualität 171 in der touristischen Infrastruktur während der vorangegangenen Krisenjahre Rechnung tragen sollte. Da es sich um ein Gebiet handelte, das im Jahr zuvor im Zuge der Landschaftsschutzmaßnahmen zu einer „pittoresken Landschaft“ (paraje pintoreso) 172 der Costa Brava erklärt worden war, sollten der Landschaftspflege und dem, was der Bauantrag die ‚Verschönerung‘ der Landschaft durch ein Wiederaufforstungsvorhaben nannte, besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Bebauungsvorschriften, die innerhalb der geplanten einzelnen Urbanisationen gelten sollte, variierten je nach konkreter Lage der zu bauenden Gebäude. So sollte im Küstengebiet des Cabo Norfeu die Bebauungsfläche eines einzelnen Grundstücks mit einer Mindestgröße von 1500 qm nur bei maximal zehn Prozent 170 Emilio Ramos Marca an Ayuntamiento de Rosas, Urbanización Península de Norfeu, 7.2.1973, Arxiu Municipal de Rosas (AMR), Plans Parcials, 5.1.1.3, 1/ 1973, I/ V. Vgl. auch: TAAGA S.A.: Plan Parcial de Ordenación y Proyecto de Urbanización Residencial Península de Norfeu, Juli 1973, AHG, (3) Cultura 44, Exp. 474. 171 Rodolfo García-Pablos González-Quijano: Congreso de Ecología y Turismo del Mediterráneo Occidental. Tema III: Documento Base. La ecología del medio urbano turístico. Concepto actual del medio urbano con especial referencia a la costa del Mediterráneo. Integración de la arquitectura en el paisaje, 30.10.1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. 172 Ministro de Educación y Ciencia: Decreto 2899/ 1972, de 15 de septiembre, por el se declara paraje pintoresco determinadas sectores de la Costa Brava, in: Boletín Oficial del Estado, 255 (1972), S.-18941-18942. <?page no="230"?> 229 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus liegen; zudem sollten nur einstöckige Gebäude errichtet werden dürfen. Je weiter die Urbanisationen im Landesinneren lagen, desto weniger restriktiv waren die Vorschriften. Doch waren sie insgesamt im Vergleich zu den laxen Regulierungen an anderen Teilen der Küste durchaus dazu geeignet, keinen weiteren Betonmoloch entstehen zu lassen. Die Bauzeit der gesamten Urbanisationen sollte sich auf einen Zeitraum von zehn bis 17 Jahren erstrecken und somit langfristig Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft sichern. 173 Die Planer der Urbanisation hatten damit zentrale Kritikpunkte am Aussehen touristischer Räume, insbesondere am Massencharakter und der Entortung dieser Räume, aufgenommen. 174 Nach Eingang des Bauantrags bei der Gemeinde ließ diese den Entwurf prüfen und stieß rasch auf die Tatsache, dass sich Teile des zu bebauenden Gebietes in jenem Territorium befand, das 1972 zur paisaje pintoresco deklariert worden war, wie dies ebenfalls im Bauantrag erwähnt worden war. Der die Gemeinde beratende Architekt empfahl deshalb, keine Baugenehmigungen zu erteilen, bis die Zentralbzw. Regionalverwaltung die exakten Grenzen des Gebietes bezeichnet haben würde und genaue Vorschriften über eine eventuelle Bebauung vorlägen. 175 Dieser Meinung folgte die Verwaltung von Roses und teilte dementsprechend dem Vertreter der Urbanisationsgesellschaft mit, dass die Gemeinde in diesem Bereich so lange keine Bebauungspläne genehmigen werde, bis eine abschließende Regelung bezüglich der paisaje pintoresco getroffen sein würde. 176 Die Urbanisationsgesellschaft reagierte sehr schnell und versuchte bei der für den Landschaftsschutz zuständigen Behörde eine Entscheidung zu erzwingen, um die Prüfung des Bebauungsplans erneut zu beantragen. 177 Die Gemeinde versuchte zunächst, die Erteilung der Baugenehmigung zu unterbinden bzw. hinauszuzögern, indem sie kleinere formale Fehler bei der Antragsstellung monierte, über die normalerweise großzügig hinweggesehen wurde. 178 Im Dezember 1973 lehnte es die Gemeinde dann ab, nur die Teile der geplanten Urbanisationen zu genehmigen, die sich außerhalb der paisaje pintoresco befanden und forderte das Bauunternehmen auf, einen revidierten Antrag einzureichen, der den Teil des Cabo Norfeu vom Bebauungsplan komplett aus- 173 TAAGA S.A.: Anvance del Plan Parcial de Ordenación „Península de Norfeu“, Memoria, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.2, 1/ 1973, I/ V. Der Wert des bebauten Landes wurde auf den Betrag von 15-360-000-Pts. geschätzt. 174 Rodolfo García-Pablos González-Quijano: Congreso de Ecología y Turismo del-Mediterráneo Occidental. Tema III: Documento Base. La ecología del medio urbano turístico. Concepto actual del medio urbano con especial referencia a la costa del Mediterráneo. Integración de la arquitectura en el paisaje, 30.10.1972, AGA, (3) 49.22 52197, Top. 73/ 38. 175 Ayuntamiento de Rosas, El Arquitecto: Plan de ordenación urbana Península de Norfeu, 17.4.1973, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, I/ V. 176 Ayuntamiento de Rosas an Emilio Ramos Marca: Participando acuerdo de la Comisión Municipal Permanente, 25.4.1973, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, I/ V. 177 Emilio Ramos Marca (TAAGA S.A.) an Director General de Bellas Artes (Ministerio de Educación y Ciencia): Península de Norfeo, 10.5.1973, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, I/ V. 178 Ayuntamiento de Rosas an Emilio Ramos Marca: Participando acuerdo de la Comisión Municipal Permanente, 5.12.1973, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, I/ V. <?page no="231"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 230 schloss. 179 Für eine Entscheidung über die Bebauung des Kaps selber sollte weiterhin abgewartet werden, bis die genauen urbanistischen Normen für die paisaje pintoresco beschlossen waren. 180 In der Zwischenzeit hatte das Bauprojekt aber auch bereits eine kritische Resonanz in der Öffentlichkeit hervorgerufen. Neben der Presse hatte sich insbesondere die Architektenkammer („Colegio de Arquitectos“) im Januar 1974 eingeschaltet und das Vorhaben als „[…] mutmaßliches Attentat auf die Landschaft der Costa Brava am Kap Norfeu […]“ 181 bezeichnet. Um mit den Bauarbeiten aber endlich beginnen zu können, stellte der Repräsentant und Eigentümer der Baufirma Emilio Ramos Marca Anfang 1974 bei der Gemeinde den Antrag, in einer der vorgesehenen Urbanisationen die ersten Häuser zu bauen. Dies stellte einen Versuch dar, auch ohne die Konzessionierung des gesamten Bebauungsplans, eine Bebauung zu erwirken. Das technische Argument, das Marca dazu vorbrachte, rekurrierte auf das Baurechtsgesetz, das Ley de Suelo von 1956. Das Gesetz besagte, dass auf Gebieten, die als zona rústica ausgewiesen waren, der Besitzer des Grundstücks jederzeit mit einer niedrigen Bebauungsdichte bauen dürfte, auch wenn kein genehmigter Bebauungsplan vorlag. 182 Nachdem die Gemeinde hart geblieben war und auf das Schreiben Marcas nicht entsprechend reagiert hatte, kam die Urbanisationsgesellschaft schließlich der Forderung der Gemeinde nach einem Ausschluss des Cabo Norfeu von der Bebauung nach und reichte im April 1974 nach einer gemeinsamen Sitzung mit dem Zivilgouverneur, die eine vermittelnde Funktion haben sollte, ein revidiertes Projekt ein, das die Bebauung in direkter Nähe des Cabo Norfeu vorerst nicht vorsah. 183 Der Bauantrag betonte nun noch stärker als der erste, dass es sich um ein Urbanisationsprojekt handeln sollte, das mit der Landschaft im Einklang gebaut werden und sich in diese harmonisch einpassen sollte. 184 Die Urbanisationsgesellschaft versuchte mit der Betonung dieser Grundsätze die Bedenken der Lokalverwaltung von Rosas zu zerstreuen und griff damit gleichzeitig die in dieser Zeit immer wieder vorgebrachten Kritikpunkte gegen bestehende Urbanisationen auf und versuchte zu zeigen, dass die geplante Urbanisation diese Fehler 179 Ayuntamiento de Rosas, Servicios Técnicos: Informe relativo al Plan Parcial Zona Residencia ‚Península Norfeu‘, 13.12.1973, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3. 1/ 1973, I/ V. 180 Ayuntamiento de Rosas an Emilio Ramos Marca: Urbanización Península de Norfeu, 22.12.1973, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, I/ V. 181 Pere Madrenys: Cap Norfeu. En el lugar de los hechos. El arreglo de los accesos puede ser el primer paso para acabar con un paisaje natural en su estado puro, in: El Correo Catalán (1974), S.- 6. Ministerio de Educación y Ciencia, Delegación Provincial Gerona: Acta de la Comisión Provincial del Patrimonio Histórico-Artístico, 06.02.1974, AHG, (3) Cultura 1, Actes 1. 182 Emilio Ramos Marca an Ayuntamiento de Rosas: Urbanización Cabo Norfeu, 19.2.1974, AHG, (3) Govern Civil 3207. 183 TAAGA S.A.: Proyecto Norfeu-Guardiola (sin península ni zona superior), Rosas, Memoria II, 24.4.1974, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, V/ V. Emilio Ramos Marca an Ayuntamiento de Rosas: Urbanización Península de Norfeu, 7.5.1974, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, II/ V. 184 TAAGA S.A.: Proyecto Norfeu-Guardiola (sin península ni zona superior), Rosas, Memoria II, 24.4.1974, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, V/ V. <?page no="232"?> 231 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus nicht wiederholen werden würde. Insbesondere sollte der Eindruck vermieden werden, dass die Urbanisation sich in eine Reihe mit bestehenden Urbanisationen wie etwa das nahegelegene Ampuriabrava einreihte, die nachhaltig das Landschaftsbild verändert hatten und dabei keinen Bezug mehr zur an der Costa Brava traditionellen Architektur aufwiesen. Doch auch nach der Einreichung des revidierten Antrags zeigte sich die Gemeindeverwaltung von Rosas weiterhin unzufrieden mit dem Projekt. Gefordert wurde unter anderem eine noch weitere Abgrenzung vom eigentlichen Cabo Norfeu als dies der revidierte Antrag vorsah. Zudem sollte der Rest der zu bebauenden Finca zwischen der Küste und der Militärstraße zwischen Rosas und Cadaqués als Grünfläche ausgewiesen werden. Dies bedeutete de facto, dass die Urbanisation nur jenseits der Straße gebaut werden durfte, was dazu führte, dass die Ferienhäuser in einem sehr großen Abstand zum Meer gebaut werden würden. Der Bauunternehmer protestierte daraufhin offiziell 185 und erklärte einen solchen Beschluss für nicht rechtskonform. 186 Offensichtlich verfolgte die Gemeinde zum einen die Strategie, das Projekt so lange zu verschleppen, bis die Urbanisationsgesellschaft ihr Interesse daran verlor. Zum anderen setzte sie darauf, durch ihre Vorgaben hinsichtlich der Bebauungsbedingungen das Projekt möglichst unrentabel zu machen, um so den Bau letztlich zu verhindern. Die wiederholten Klagen über diese Verschleppungstaktik, die die Baufirma vorbrachte, belegen dies eindrücklich. 187 Der Bürgermeister der Stadt Rosas nutzte seinen Handlungsspielraum geschickt aus. 188 Während ihm die legalen Mittel, um die Bebauung des Gebiets zu verhindern, weitgehend fehlten, konzentrierte er sich darauf, die Wirtschaftlichkeit des Projekts zu torpedieren. Auch der Rekurs auf die im Zuge der Landschaftsschutzmaßnahmen erfolgte Deklaration zur paisaje pintoresco durch die Comisión del Patrimonio Histórico-Artístico war weniger ein etabliertes Rechtsmittel als ein Notbehelf. Mit dem Verweis auf die 185 Emilio Ramos Marca an Ayuntamiento de Rosas: Acuerdo en relación con Urbanización Cabo Norfeu, 29.6.1974, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, II/ V. 186 Construcciones E. Ramos Marca an Director General de Promoción del-Turismo: Urbanización Península de Norfeu, 1974, AGA, (4) 75.01 929 46/ 64.305-64.403. 187 Ebd. 188 Die Annahme, dass der Bürgermeister von Rosas nur deshalb die Erteilung der Baugenehmigung blockierte, da es zwischen ihm und Marca persönliche Animositäten gab, wie dies von einer Gruppe der Arbeiter von Marcas Bauunternehmen suggeriert wurde, kann den Widerstand gegen die Bebauung des Cabo Norfeu nicht vollständig erklären. So ist es nur schwer vorstellbar, dass der Bürgermeister nur aus persönlichen Gründen heraus der Gemeinde eine gute Einkommensquelle verschließt. Zwar könnte eventuell die erste Ablehnung des Projekts auf persönliche Zwistigkeiten zurückzuführen sein, ab dem Zeitpunkt aber als das Projekt in der Öffentlichkeit Resonanz fand, war es eben kein Konflikt mehr zwischen zwei rivalisierenden Männern, wie es das Statement der Arbeiter glauben machen will. Aus quellenkritischer Perspektive ist zudem darauf hinzuweisen, dass dies letztlich ein einfacher Diffamierungsversuch vonseiten Marcas gegenüber dem Bürgermeister gewesen sein könnte, für das er seine Angestellten mit deren Willen instrumentalisierte. Vgl. Relación entrevista tenida con el señor alcalde, los señores consejeros, arquitecto municipal y aparejador de la villa de Rosas, 3.5.1975, AHG, (3) Govern Civil 3207. <?page no="233"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 232 ausstehende genaue Eingrenzung der paisaje pintoresco und den dort geltenden allgemeinen Bebauungsregeln, konnte die Gemeinde zunächst Zeit gewinnen. Um das Cabo Norfeu endgültig und juristisch abgesichert vor einer Bebauung zu schützen erarbeitete das Colegio de Arquitectos in Zusammenarbeit mit der Gemeinde einen Plan Especial, der die Nichtbebaubarkeit des Cabo Norfeu kodifizieren sollte und damit die schwammige Formulierung des Gesetzes über den Schutz der paisajes pintorescos durch eine rechtlich abgesicherte Gesetzgebung zu ergänzen. Ziel der Gemeinde war es folglich, das Cabo Norfeu komplett vor einer Bebauung zu schützen und die Bebauung hinter dem Kap stark einzuschränken und zu regulieren. 189 Marca hingegen versuchte schon früh, bei zentralstaatlichen Stellen Werbung für das Projekt zu machen und eine Intervention der Regierung in Madrid zugunsten des Projekts herbeizuführen. Indem der Vertreter der Urbanisationsgesellschaft dem zuständigen Tourismusministerium in einem Brief vorrechnete, wie viele Devisen durch den Verkauf der Ferienhäuser an Ausländer ins Land fließen würden, versuchte er das Projekt als Beitrag zur Stabilisierung der nationalen Wirtschaft darzustellen. Marca führte aus, dass das Kapital für die Erschließung und den Bau der Urbanisation zum größten Teil aus dem Ausland stamme. Nach seiner Darstellung waren deutsche Geldgeber mit 30%, niederländische mit 20% und französische mit 15% beteiligt, während nur 20% des bereits investierten und noch zu investierenden Kapitals aus Spanien selbst komme. Um die ausländischen Geldgeber nicht zu verprellen und Spaniens Bild im Ausland als investitionssicheres Land nicht negativ zu beeinflussen, forderte er das Ministerium auf, das Projekt zu einem Objekt nationalen touristischen Interesses zu erklären. 190 Zudem wandte sich Marca auch an die spanische Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, um mit Verweis auf die Beteiligung deutschen Kapitals an dem Unternehmen und den potentiellen deutschen Käufern der Ferienhäuser die Botschaft dazu zu bringen, beim Tourismusministerium bzw. der spanischen Regierung und der Gemeinde Rosas zu seinen Gunsten zu intervenieren. 191 Die Botschaft nahm vermittelt über eine hohe Regierungsstelle in Madrid dann tatsächlich im Interesse des Schutzes deutscher Kapitalinteressen und der Förderung des bundedeutschen Tourismus nach Spanien Einfluss auf die Gemeinde Rosas und forderte diese zu einer raschen Vergabe der Baugenehmigung auf. 192 189 Colegio de Arquitectos de Cataluña y Baleares, Delegación de Gerona an Ayuntamiento de Rosas: Urbanización Cabo de Norfeu, 7.9.1974, AMR Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, II/ V. 190 Construcciones E. Ramos Marca an Director General de Promoción del-Turismo: Urbanización Península de Norfeu 1974, AGA, (4) 75.01 929 46/ 64.305-64.403. 191 Emilio Ramos Marca an Fernando Gil Nieto, Consejero de Información, Embajada de España en Bonn (Alemania): Urbanización Residencial Península de Norfeu, 18.5.1974, AHG, (3) Govern Civil 3207. 192 Director General Jefe de Servicio Exterior, Comisaría Nacional de Turismos an Fernando Gil Nieto, Consejero de Información, Embajada de España en Bonn (Alemania): Urbanización Residencial Península de Norfeu, 11.6.1974, AHG, (3) Govern Civil 3207. <?page no="234"?> 233 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus Schließlich stellte der Urbanisator im Jahr 1976 beim Minsterium für Information und Tourismus den Antrag, die geplante Urbanisation zu einem Centro de Interés Turístico, zu einem der vom Staat mit speziellen Privilegien ausgestatten Tourismusgebiete zu erklären, um so den Bau endgültig sicherzustellen 193 und dies zu rentablen Konditionen, anstatt zu den Bedingungen, zu denen die Gemeinde dazu bereit war, die Urbanisation zu genehmigen. 194 Mit dem Versuch, die Urbanisation am Cabo Norfeu vom Ministerium für Information und Tourismus als Centro de Interés Turístico anerkennen zu lassen, brüskierte die Baufirma die einheimische Bevölkerung und die lokalen Eliten, die sich gegen das Projekt auch in seiner abgewandelten Form stellten. Es war letztlich ein strategischer Zug, der darauf abzielte den lokalen und regionalen Entscheidungsprozess zu umgehen und das Vorhaben durch ein zentralstaatliches Dekret durchzusetzen. Doch gerade diese Umgehung des üblichen Rechtswegs und die Einschaltung zentralstaatlicher Stellen, um seine Interessen durchzusetzen, rief erst Recht den Widerstand der lokalen Bevölkerung und der Entscheidungsträger auf den Plan und brachte regionale Interessen gegen den vermeintlichen Zusammenschluss von internationalem Kapital und dem Zentralstaat in Stellung. Damit wurden die Konflikte zwischen Zentralstaat und Peripherie sowie zwischen Einheimischen und ausländischen Geldgebern miteinander vermengt und ergaben zusammen eine neue Sprengkraft. In dem sich über ein weiteres Jahr hinwegziehenden Streit wehrten sich alle regionalen Entscheidungsgremien gegen die Deklaration als Centro de Interés Turístico. Dies trifft neben der Gemeinde Rosas, 195 auch auf die Zivilregierung 196 und die Comisión del Patrimonio Histórico-Artístico 197 zu, die für den Schutz des kulturellen Erbes, zu dem auch der Erhalt ursprünglicher Landschaften zählte, zuständig war. Auch deren übergeordnete Stelle in Madrid 198 sowie nicht-staatliche Akteure wie das Colegio de Arquitectos und nicht zuletzt Teile der Bevölkerung, die ihren Widerstand gegen das Projekt durch angeblich 5000 gesammelte Unterschriften zum Ausdruck brachte, beteiligten sich an der Front gegen die Deklaration. 199 193 Expediente de declaración de Centro de Interés Turístico Nacional, Centro: Residencial Península de Norfeu, 28.10.1976, in: Boletin Oficial del Estado 271 (11.11.1976), S.-22357. 194 Alcalde-Presidente de Rosas an Ministerio de Información y Turismo, Delegación Provincial de Gerona: Urbanización Cabo Norfeu, 19.8.74, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, II/ V. 195 Ayuntamiento de Rosas: Informe Delaración de Centro de Interés turístico Nacional Residencia Península de Norfeu, 22.11.1976, AMR, Plans Parcials, 5.1.1.3., 1/ 1973, II/ V. Ayuntamiento de Rosas: Declaración de Centro de Interés Turístico Nacional Residencia Península de Norfeu, 9.12.1976, AHG, (3) Govern Civil 3207. 196 Gobierno Civil de Gerona: Residencia Península de Norfeu, 21.1.1977, AHG, (3) Govern Civil 3207. 197 Ministerio de Educación y Ciencia, Delegación Provincial: Acta de la Sesión extraordinaria de la Comisión Provincial del Patrimonio Histórico-Artístico, 2.12.1976, AHG, (3) Cultura 1, Actes 2. 198 Ministerio de Educación y Ciencia, Dirección General del Patrimonio Artístico y Cultural, Comisaría Nacional del Patrimonio Artístico y Cultural: En relación con la posible urbanización del Cabo Norfeu, 11.02.1977, AHG, (3) Cultura 4. 199 Ciudadanos de Rosas an Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo de Gerona: Península de Norfeu, 1976, AGA, (4) 75.01 929 Top. 46/ 64.305-64.403. <?page no="235"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 234 Durch den Versuch, das Bauvorhaben als vom Zentralstaat protegiertes Tourismuszentrum durchzusetzen, zog das Projekt somit noch mehr als in den Jahren zuvor die regionale und überregionale Aufmerksamkeit auf sich und wurde zunehmend polemisch diskutiert, wie der Provinzdelegierte des Tourismusministeriums in Gerona 1976 im Rückblick auf die beiden vergangenen Jahre in einem Brief an das Tourismusministerium feststellte. 200 Der Streit um den Bau der Urbanisation am Cabo Norfeu entwickelte sich so zum Kristallisationspunkt eines zunehmend tourismuskritischen Diskurses, der den konkreten Fall zum Ausgangspunkt nahm, um das Verhältnis von Kosten und Nutzen des Tourismus und dessen Auswirkungen auf die Landschaft der Costa Brava grundsätzlich zu hinterfragen. 201 Gespeist wurde dieser nicht zuletzt aus den immer größer werdenden ökologischen und naturschutzbezogenen Bedenken, die im Verlauf immer mehr an Bedeutung gewannen. In der Debatte um die Bebauung der Halbinsel wurde vermehrt mit dem Eigenwert der Natur argumentiert, anstatt die Natur als schützenswert zu propagieren, um den Tourismus zu erhalten, wie es das Ziel der zentralstaatlichen Politik war. So mündete dieser Widerstand relativ schnell in der Idee, am Cabo Norfeu ein Naturschutzgebiet zu errichten, das die einmalige Landschaft und das in ihr bestehende Ökosystem nachhaltig schützen sollte. 202 In ganz ähnlicher Weise argumentierte das Centre Excursionista Empordanès. Als einer der Vereine, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Zusammenschluss von naturbegeisterten Bürgern gegründet wurden, die sich dem Genuss der Natur und deren Schutz verschrieben hatten, appellierte er in einem Brief an Franco persönlich, um den Bau der Urbanisation am Cabo Norfeu zu verhindern: […] der Vorstand dieser Vereinigung wendet sich bescheiden als letzte Möglichkeit, um ein noch jungfräuliches Stück unseres nationalen Erbes und eines der letzten Naturreservate, die an der Costa Brava noch existieren, zu retten, an Eure Exzellenz. Es handelt sich um das KAP NORFEU [Hervorhebung im Original], das zusammen mit dem Kap Creus und dem Berg Montgrí bisher noch nicht unter der Zerstörung durch die Urbanisationen leiden musste, die bis jetzt die Schönheit der wilden und einzigartigen Natur unserer Erde [gemeint ist die Region, nicht die gesamte Erde, da „tierra“ kleingeschrieben ist, M.G.] zerstört haben. Dieser letzte Rückzugsort ist bedroht durch die noch ausstehende Genehmigung der Regierung für die Realisierung einer Urbanisation am genannten 200 Ministerio de Información y Turismo, Delegación Provincial de Gerona an Subsecretario de Turismo: Residencial Península de Norfeu, 3.4.1976, AGA, (4) 75.01 929 Top. 46/ 64.305-64.403. 201 Rec-Clar: La Costa Brava „Guillotinada“, in: Presencia 12 (1976), H. 453, S.-16-17. Assumpció Alonso de Medina: Dels ‚Banys‘ al Bloc d'Apartaments, in: Presencia 11 (1975), H. 382-383, S.- 12-13. Just M. Casero: Cap Norfeu. Passaran les excavadores? , in: Presencia 11 (1975), H. 392, S.-16-19. Juli Esteban i Noguera/ Benet Cervera i Flotats: Les urbanitzacions, una ordenació perillosa, in: Presencia 11 (1975), H. 382-383, S.-7-8. 202 Benet Cervera i Flotats/ Joan Cals: La necessitat de reserves naturals, in: Presencia 11 (1975), H. 382- 383, S.- 10-11. Por la urgente declaración de varios parques naturales en Girona, in: Tele-Express (14.4.1976), o.S. <?page no="236"?> 235 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus Kap Norfeu. Wenn diese Genehmigung erteilt wird, können wir uns von der ganzen Costa Brava und ihren letzten Rückzugsorten, die ihr noch verbleiben, verabschieden. Wir werden sie dann ‚die urbanisierte Küste‘ nennen oder mit einem anderen Begriff bezeichnen müssen, da sie [die Küste] dann nicht mehr die unsere ist. 203 Auch in einem Gutachten, das ein sich eigenständig gegründetes Komitee von Architekten und Stadtplanern zum Zweck der neutralen Begutachtung und Beratung hinsichtlich von Bauprojekten erarbeitet hatte, wurde das Argument des Naturschutzes zum stärksten Beweggrund, der vorgebracht wurden, um den Bau der Urbanisation zu verhindern. Neben technokratischen und baulichen Gesichtspunkten war der Verweis auf die letzte typische Landschaft der Costa Brava und die dort noch vorhandene unberührte Natur als dem Rückzugsgebiet einer an der Costa Brava einmaligen Tier- und Pflanzenwelt die hervorstechendste Begründung für das Verbot jeglicher Bebauung am Cabo Norfeu. Zudem identifizierten die Experten das Gebiet um die Halbinsel Norfeu als eine der letzten Zonen an der Costa Brava, die bisher uneingeschränkt öffentlich zugänglich war und wo sich noch kein Privatisierungsprozess vollzogen hatte. Während durch den umfassenden Bau von Hotels und vor allem von privaten Urbanisationen in abgelegenen Buchten der Zugang für den einfachen Bürger zu einem schönen Strand erschwert worden war, war das Cabo Norfeu davon bisher verschont geblieben und deshalb immer noch ein echtes Gemeingut. 204 Das Gutachten ist somit zugleich ein Dokument, das den Ruf nach mehr regionaler Eigenständigkeit und Bürgerinformation und -beteiligung in der beginnenden Transición belegt, die sich auch und gerade in den touristischen Gegenden in tourismusrelevanten Fragen niederschlug. Zu dieser politisch aufgeladenen Stimmung und dem Rückgriff auf Argumente, die auf den Eigenwert der Natur rekurrierten, kam eine regionalpatriotische Komponente. In dem Maße wie sich die Costa Brava internationalisierte und immer mehr zu einem Nicht-Ort 205 zu werden schien, nahmen auch die Stimmen zu, die die letzten Reste der als ursprünglich imaginierten Costa Brava schützen wollten. Die Rückbesinnung auf eine ursprüngliche Landschaft begann, in deutlichen Kontrast zu den modernisierungseuphorischen Bekundungen der 1960er-Jahre zu treten. So hieß es in der Begründung der Ablehnung des Baus der Urbanisation und einer möglichen Deklaration als Centro de Interés Turístico in einem Sitzungsprotokoll der Comisión del Patrimonio Histórico-Artístico der Provinzdelegation des Ministerio de Educación y Ciencia: 203 Centre Excursionista Empordanès an Francisco Franco Bahamonde: Cabo Norfeu, 1.9.1975, AHG, (1) Urbanisme 879, Exp. 313. 204 Gabinete de Asesoramentio Popular: Informe Proyecto „Residencial Península de Norfeu“ 1976. AGA, (4) 75.01 929 Top. 46/ 64.305-64.403. 205 Vgl. Augé, Nicht-Orte, S.-83 f. <?page no="237"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 236 Angesichts der außerordentlichen und einzigartigen Schönheit der Gegend erweist sich der Schutz der naturräumlichen Landschaft als unumgänglich. Wenn es andererseits absolut notwendig ist, einen Bereich der Küste unter Schutz zu stellen und ihn aufgrund seiner Wildheit unverändert zu erhalten, dann ist es genau dieser, der diese Küste als ‚wild‘ definiert. 206 Somit wurde die Costa Brava in ihrer ursprünglichen Form, und das bedeutete in erster Linie ihre namensgebende wilde Natur und in zweiter Linie die kulturellen Besonderheiten der katalanischen Küste, ebenfalls zu einer imaginary landscape, die als Gegengewicht zu den Orten des Massentourismus wie etwa Lloret de Mar oder Platja de Aro imaginiert wurde. Auf die noch unberührte und unbebaute Landschaft wurden Werte projiziert, die mit dem katalanischen Regionalismus verbunden waren. Zugleich erwartete man sich von diesem letzten Rest ursprünglicher Landschaft die Repräsentation dessen, was schon verloren war. Das Cabo de Norfeu sollte genauso wie das nahegelegene Cap de Creus für eine bereits verlorene Landschaft stehen und war damit gleichzeitig auch eine Erinnerungslandschaft. So hieß es in einem Kommentar in einer Wochenzeitschrift zur möglichen Bebauung des Cabo Norfeu: Deshalb stellen wir es noch einmal explizit heraus: Das Kap Norfeu zu urbanisieren bedeutet, ein kollektives Erbe, eine Landschaft, die den Geist und das Leben eines Volkes darstellt, dem Besitz und der Nutzung einer wirtschaftlich privilegierten Gruppe zu überlassen. […] Zu beginnen, das Kap de Creus von Roses her zu zerstören, ist so, als ob man das Charakteristischste der Küste von Girona herabwürdigt. 207 Damit etablierten die dem Tourismus gegenüber aus regionalpatriotischen und ökologischen Motiven heraus kritisch eingestellten Einheimischen ein eigenes Konzept der Costa Brava als Region, die im Gegensatz zur Costa Brava der touristischen Werbung stand. Dabei rekurrierten sie auf ältere Landschaftskonzepte, die mit dem Namen ‚Costa Brava‘ verbunden waren. Bereits 1908 hatte der Namensgeber der Costa Brava Ferran Agulló i Vidal in einer literarischen Elegie die Costa Brava als einmalige Landschaft beschrieben, die als „nostra costa“ 208 in den Horizont des Wiederaufstiegs des katalanischen Regionalismus, der renaixença, eingeordnet wurde. Der Schriftsteller war eng mit den politischen Organisationen des Katalanismus verbunden und unter anderem Generalsekretär der Lliga Regionalista. Dabei spielten die Spezifika der Landschaft und die natürlichen Begebenheiten eine zentrale Rolle. Genau darauf rekurrierten auch diejenigen, die sich gegen eine Bebauung des Cabo Norfeu aussprachen. 206 Ministerio de Educación y Ciencia, Delegación Provincial: Acta de la Sesión extraordinaria de la Comisión Provincial del Patrimonio Histórico-Artístico, 2.12.1976, AHG, (3) Cultura 1, Actes 2. 207 Just M. Casero: Cap Norfeu. Passaran les excavadores? , in: Presencia 11 (1975), H. 392, S.-16-19, hier S.-18. 208 Ferran Agulló i Vidal: Per la Costa Brava, in: La Veu de Catalunya (12.9.1908). <?page no="238"?> 237 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus So imaginierten die tourismuskritischen Kreise ein Konzept einer traditionellen Landschaft und erfanden diese gewissermaßen neu, indem sie sich diese Tradition aneigneten. Denn diese Symbollandschaft des frühen 20. Jahrhunderts bekam mit der Gegenfolie der entorteten Räume des Massentourismus eine neue Integrationskraft, die über die der landschaftlichen Konzepte Agullós hinausging. Zugleich rückten damit Landschaften in den Vordergrund des Interesses und gewannen eine Symbolkraft für den Regionalismus des Spätfranquismus, die zuvor nur eine marginale oder keine Rolle als imaginary landscape des katalanischen Regionalismus bzw. Nationalismus gespielt hatten. So war das Cabo Norfeu zwar auch schon Teil der ‚Costa Brava‘ Agullós gewesen, doch weit stärker hatte dieser auf die südlicheren Teile der Küste abgehoben. 209 Ähnliches trifft auch auf das im Folgenden behandelte Gebiet der Aiguamolls zu, das noch nie eine Rolle als spezifisch katalanische Landschaft im Regionalismusdiskurs gespielt. Hier fungierte das ökologische Interesse an diesem Biotop als Vehikel, um die Aiguamolls zu einer imaginary landscape des Regionalismus zu machen. Diese Ausführungen erklären den hohen Einsatz verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen für den Erhalt der Halbinsel in ihrem damaligen Zustand. Der Rekurs auf die wichtige Identifikationsfunktion einer als ursprünglich imaginierten Landschaft kann auch erklären, warum ein zentraler Akteur wie die Gemeindeverwaltung von Rosas und insbesondere der Bürgermeister sich so vehement gegen den Bau der Urbanisation wehrten. Während in den Jahren zuvor, insbesondere während der Boomphase des Tourismus in den 1960er-Jahren auch in Rosas etliche Urbanisationsvorhaben genehmigt worden waren, 210 fällt die ablehnende Haltung ab 1973 umso stärker ins Gewicht. Für die Städte und Gemeinden war die Genehmigung von Urbanisationen, die von privaten Investoren vorangetrieben wurden, ein lohnendes Geschäft. Die chronisch unterfinanzierten Gemeinden verdienten beim Bau von Urbanisationen nicht nur an der Erteilung der Genehmigung für die gesamte Urbanisation, sondern auch an den einzelnen einzuholenden Genehmigungen für die zu bauenden Gebäude. Zudem bestand die Hoffnung, das Steueraufkommen zu erhöhen. Dass sich solche Hoffnungen des Öfteren zerschlugen und die Gemeinden am Ende auf den Problemen der Urbanisationen sitzen blieben, mag zwar partiell erklären, warum die Gemeinde Roses dem Projekt so skeptisch gegenüberstand. Doch zeigt ein Blick auf die Nachbargemeinden, dass der Glaube an das Funktionieren des Modells ‚Entwicklung durch Tourismus‘ nicht völlig gebrochen war, was wiederum einen ähnlich gelagerten, aber radikalisierten Raumnutzungskonflikt nach sich zog. 211 Blickt man in vergleichender Perspektive auf die Raumnutzungskonflikte in Mallorca und am Cabo Norfeu, dann fällt auf, dass ein wichtiger Unterschied des Konflikts um das Cabo Norfeu in der Struktur der handelnden Akteure besteht. Handelte es sich im mallorquinischen Fall um einen Vogelbzw. Naturschutzverein, der als 209 Ebd. 210 Ajuntament de Rosas: Rosas, 1875-1975. Del model comercial a la revolución turística, Rosas 2001, S.-39. 211 Vgl. den im Folgenden dargestellten Konflikt um die Aiguamolls. <?page no="239"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 238 maßgebliche Triebfeder des tourismuskritischen Diskurses fungierte, lassen sich an der Costa Brava weniger eindeutige Akteurskonstellationen ausmachen. Der Widerstand gegen die Bebauung des Cabo Norfeu mit einer touristischen Urbanisation wurde nicht von einer pressure-group getragen, sondern von einer Art amorpher regionalistischer Einstellung, die auch staatliche Akteure teilten. Deshalb war weder ein sich engagierender Verein oder eine Bürgerinitiative notwendig, um letztlich den Bau der Urbanisation zu verhindern. Indem eine zentrale staatliche Stelle, nämlich die Kommunalverwaltung von Rosas den Bau entschieden ablehnte und sich gegen das Bauprojekt eine durchgehend regionale Opposition herausbildete, die nicht durch einen bedingungslos regimetreuen und wirtschaftsfreundlichen Bürgermeister unterlaufen wurde, waren weitergehende zivilgesellschaftliche Protestformen nicht notwendig, um das Ziel zu erreichen. Erklären lässt sich der Erfolg der abwehrenden Haltung gegenüber dem weiteren touristischen Ausbau mit den bereits erwähnten Framingstrategien. Erstens spielte es eine nicht untergeordnete Rolle, dass der Urbanisator immer wieder betonte, im Interesse von ausländischen Geldgebern zu handeln. Hinzu kam, dass man die massive Bebauung an der Costa Brava und die dabei entstehende, eigene Tourismuskultur mit einer als negativ besetzten Internationalisierung gleichsetzte. Potenziert wurde diese Wahrnehmung noch, wenn es wie hier um die Bebauung eines Gebietes ging, das als Ausdruck der wichtigsten Charakteristika der Costa Brava und damit auch der Menschen, die dort lebten, ging. Die Region als imaginary landscape wurde so zu einem Gegenbild, das als authentisch und lebendig dem gegenüber stand, was in den als austauschbar und künstlich wahrgenommenen Orten des Massentourismus vorzufinden war. Doch die Region diente nicht nur als Gegenpol zur touristischen Translokalisierung, die aus Sicht der Akteure bestimmte Teile der eigenen Heimat zu bedrohen schien, sondern stand auch in Opposition zum Zentralstaat. Da die Costa Brava Teil Kataloniens war, gestaltete sich hier das Verhältnis von Zentrum und Peripherie besonders spannungsreich. 212 Zentralstaatlichen Eingriffen und Dekreten wurde hier mit besonderer Skepsis begegnet. Durch seine Strategie, seinem Projekt durch eine zentralstaatliche Anordnung doch noch zum Erfolg zu verhelfen, provozierte der Bauunternehmer und Urbanisator eine breite regionale Opposition. Nicht zuletzt stieß der globale Umweltdiskurs an der Costa Brava auf einen fruchtbaren Boden in Form des regionalpatriotisch eingefärbten Landschaftsschutzes. Für regimekritische und regionalistische Gruppen bot es sich förmlich an, der bereits als schützenswert deklarierten Landschaften, die als wichtig für das kulturelle Erbe und damit für den sozialen Zusammenhalt angesehen wurde, auch eine ökologische Funktion zuzuschreiben und zu fordern, ein Naturschutzgebiet statt einer touristischen Urbanisation zu errichten. Die noch weitgehend unberührte und unveränderte Landschaft wurde im Zuge des Raumnutzungskonflikts zu einem Gebiet von ökologischem Interesse deklariert und erhielt dadurch einen Grund mehr, sie nicht zu bebauen. Der Umweltdiskurs wurde so 212 Die Provinz Gerona zeichnete sich durch eine besonders starke Präsenz des Katalanischen als Sprache und Identifikationsmerkmal aus. Dowling, Catalonia, S.-77. <?page no="240"?> 239 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus gewissermaßen instrumentell lokalisiert. Weder der Bürgermeister von Rosas, noch die Autoren des Gutachtens über das Cabo Norfeu oder die Vertreter der Architektenkammer wurden über Nacht zu Umweltschützern. Aber sie alle rekurrierten auf den neuen Sprachgebrauch, die Umwelt, „el medio ambiente“ als etwas schützens- und bewahrenswertes zu bezeichnen und damit ihre eigenen Ziele durchzusetzen, auch wenn der Begriff der Umwelt eher ein Synonym für Natur oder Landschaft darstellte und gerade nicht das Denken der Ökologie reflektierte. Der Diskurs über Landschaftsschutz und eine zu erhaltende imaginary landscape wurde somit mithilfe der Umweltfrage einem Framingprozess unterzogen und erhielt damit eine größere Wirkmächtigkeit. Der ablehnenden Meinung gegenüber dem Projekt schloss sich schließlich auch das Tourismusministerium im Jahr 1977 an, das über die Genehmigung des Antrags über die Einrichtung eines Centro de Interés Turístico zu entscheiden hatte und lehnte das Vorhaben ab. Argumentiert wurde hier einerseits mit der ablehnenden Haltung innerhalb der Bevölkerung selbst, die sich durch einen Vielzahl von öffentlichen Einsprüchen gegen das Projekt äußerte. Zudem argumentierte nun auch das Ministerium mit dem Vokabular der Umweltschützer, indem es eine Gefährdung eines wichtigen Ökosystems und einer noch fast unberührten Landschaft konstatierte. Nachrangig wurde betont, dass auch in Rosas über die letzten Jahre hinweg ein Überangebot an Beherbergungsbetrieben entstanden war, das den rentablen Betrieb weiterer Anlagen nahezu unmöglich zu machen schien. Wirtschaftlich-planerische Bedenken spielten so also eine gewisse Rolle, im Vordergrund standen jedoch die umweltbezogene Begründung sowie der Widerstand innerhalb der Bevölkerung. 213 Damit war das Projekt vom Tisch und der Urbanisator sowie seine internationalen Geldgeber mussten eine erhebliche persönliche wie wirtschaftliche Niederlage einstecken. Der Raumnutzungskon ikt um die Aiguamolls Ein weiterer signifikanter Raumnutzungskonflikt an der Costa Brava spielte sich im Zeitraum von 1974 bis 1983 ab. Der Streit um die Bebauung der aiguamolls, einem Feuchtgebiet etwas südlich des bereits erwähnten Cabo Norfeos, trug ein größeres Mobilisierungs- und Radikalisierungspotential in sich und wurde zugleich in erster Linie von ökologischen Bedenken gegen den weiteren Ausbau des Tourismus angetrieben. Als am 12. Juli 1974 die Urbanisationsgesellschaft Port Llevant S.A. bei der Gemeinde Castelló d’Empuries einen Antrag auf Erteilung für eine Baugenehmigung stellte, 214 rechneten die zu diesem Zeitpunkt beteiligten Akteure, sprich sowohl die Vertreter der Baugesellschaft als auch die Verwaltung der Gemeinde nicht damit, dass 213 Ministerio de Información y Turismo, Subsecretaría de Turismo: Resolución en relacion con ‚Residencial Península de Norfeu‘, 7.3.1977, AHG, (3) Cultura 4. 214 Augustin Oto Sarasa, Port Llevant: Antrag auf Erteilung einer Baugenehmigung, 12.07.1974, Arxiu Municipal de Castelló d’Empuries (AMCd'E), 8.3.1 Planejament 1503/ 74 Port Llevant, Capsa 5. Ayuntamiento de Castelló d'Empuries: Abrobación inicial del proyecto de Plan Parcial de Ordenación y Urbanización 'Port Llevant', 6.8.1974, AMCd'E, 8.3.1 Planejament, 1503/ 74 Port Llevant, Capsa-5. <?page no="241"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 240 es in der Folge zu größeren Widerständen gegen den Bau der Urbanisation kommen könnte. Für die Gemeinde war der Bau der geplanten Großurbanisation, die mehreren tausend Touristen eine Unterkunft bieten sollte, eine gute Gelegenheit, um die Gemeindekasse mit Steuermitteln zu füllen und für ausreichend Arbeitsplätze für die Bewohner der Gemeinde zu sorgen. Das sumpfige, teilweise immer wieder überschwemmte Land zwischen dem breiten Sandstrand und dem Ort Castelló war in erster Linie eine Brache. Bei den Bewohnern hatte es keinen guten Ruf und galt stattdessen als Brutstätte von unzähligen Moskitos. Es handelte sich folglich um ein Stück Land, das weitgehend als wertlos angesehen wurde und bei der Mehrheit der Einheimischen kein besonderes Interesse weckte. Erst durch den Plan von Port Llevant S.A., hier eine touristische Urbanisation zu errichten, stieg der Wert des Landes, das die Besitzer nur zu gern an die Urbanisationsgesellschaft verkauften. Aus der Sicht der Gemeindeverwaltung war es 1974 ein Glücksfall, dass das Land aufgekauft wurde und nun über Jahre hinweg sowohl Arbeitsplätze in der Bauindustrie und als auch im Tourismusgewerbe in Aussicht gestellt wurden. Relativ schnell wurde deshalb dem maßgeblich aus zwei großen Madrider Banken bestehenden Konsortium die Baugenehmigung erteilt. Der Bauantrag stellte, ähnlich wie der für die Bebauung des Cabo Norfeo vorgesehene Bebauungsplan, heraus, dass es sich um ein Projekt des Qualitätstourismus handeln und in erster Linie ein gehobenes Klientel an Touristen anziehen sollte. Zu diesem Zweck wurde eine Urbanisation geplant, die ähnlich wie die bereits auf dem Gemeindegebiet von Rosas seit 1967 bestehende Urbanisation Ampuriabrava, durch ein Netz an Kanälen strukturiert sein sollte, die es ermöglichten, das eigene Ferienhaus direkt mit der eigenen Yacht bzw. dem eigenen Sportboot anzufahren. Allerdings bemühte sich der Entwurf herauszustellen, dass die geplante Urbanisation die mittlerweile offenkundigen Mängel von Ampuriabrava, die in erster Linie von einer ‚modernen‘ Architektur im ‚internationalen Stil‘ geprägt war, umgangen werden sollten: Die Originalität dieses Entwurfs ist unbestreitbar, weil es aktuell keine Urbanisation an der Küste gibt, bei deren Bau man darauf Wert gelegt hat, ein Panorama von etwas Neuem zu schaffen, und gleichzeitig jedoch innerhalb eines mediterranen Charakter zu bleiben. 215 Das Neue, sprich die Moderne sollte durch die Urbanisation bestmöglich mit der traditionellen Architektur der spanischen Mittelmeerküste verbunden werden und so garantieren, dass Touristen einen Unterschied zu ihren Heimaträumen erkannten und zugleich alle modernen Annehmlichkeiten genießen konnten. Trotz dieser Hinwendung zu scheinbar traditionellen Archtitekturelementen sollte also ein weiterer hoch artifizieller Raum entstehen, der die bestehende Landschaft in großem Stil verändern sollte und dabei tiefgreifend in naturräumliche Begebenheiten eingreifen würde. 215 Enrique Viñas Manuel, Port Llevant S.A.: Plan Parcial de Ordenación de la Urbanización Port Llevant, Castelló de Ampurias, Mai 1974, AMCd'E, 8.3.1. Planejament, 1503/ 74 Port Llevant, Capsa 5. <?page no="242"?> 241 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus Es ging demnach nicht einfach nur um die Bebauung eines Landstücks, sondern um die viel weitreichendere Transformation eines ganzen landschaftlichen Zusammenhangs, der die bestehende Landschaft so verändern würde, dass nicht mehr erkennbar sein würde, wie sie vorher ausgesehen hatte. In der Folge wurde am 31.3.1975 der Urbanisationsgesellschaft die Baulizenz erteilt. 216 Zuvor war unter anderem ein Gutachten der Architektenkammer von Katalonien und den Balearen eingeholt worden, die sich ebenfalls zunächst nicht negativ gegenüber dem Projekt positionierte. 217 Zwischen 1975 und Anfang 1977 fanden die Vorbereitungen für die Bauarbeiten statt, die dann im Sommer 1977 begannen. Kurz nach Beginn der Bauarbeiten begannen auch erste Proteste gegen den Bau. Motiviert waren die Proteste durch Bedenken, die vorwiegend die durch die Urbanisation zu erwartende Landschaftsveränderung und die in diesem Zuge einhergehend Zerstörung eines ökologisch wichtigen Biotops betrafen. Eine Gruppe um den Biologiestudenten Jordi Sargatal wurde zum Zentrum des Protests. Da es rechtlich gesehen zunächst keine Aussicht auf einen Einspruch gegen den Baubeginn gab, entschloss sich die Gruppe im Sommer 1977 die Baustelle zu besetzen, um so die Fortführung der Bauarbeiten zu unterbinden. 218 216 Ayuntamiento de Castelló de Ampurias: Baugenehmigung Port Llevant, 31.03.1975, AMCd’E, 8.3.1. Planejament, 1503/ 74 Port Llevant, Capsa 5. 217 Ángel Sánchez, Doctor Arquitecto, Colegio Oficial de Arquitectos de Cataluña y Baleares: Plan Parcial y Proyecto de urbanización 'Port Llevant', 22.7.1974, AMCd'E, 8.3.1 Planejament, 1503/ 74 Port Llevant, Capsa 5. 218 Die Besetzung begann am 22.5.1977 und wurde zuvor in der regionalen Presse angekündigt: 22 de maig, día D. Ocupem els Aiguamolls, in: Presencia 13 (1977), H. 474, S.-15. Abb. 8: Besetzung der Baustelle (26.07.1977, Arxiu Jordi Sargatal) <?page no="243"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 242 Im Zuge der Besetzung versuchte die Gruppe, die sich überwiegend aus Studenten und jungen Akademikern zusammensetzte, die Bevölkerung der umliegenden Gemeinden, aber vor allem von Castelló d’Empuries, für sich zu gewinnen, indem sie die ökologische Wichtigkeit des nun Aiguamolls genannten Gebiets betonte. Das Feuchtgebiet diente, ähnlich wie die Albufera von Alcudia auf Mallorca, unzähligen Zugvögeln und heimischen Vögeln als Brutgebiet und war deshalb von einer reichen Fauna geprägt. Für den Biologiestudenten Sargatal und seine Unterstützer waren die Aiguamolls zugleich ein wichtiger Raum, den sie für vogelkundliche Exkursionen nutzten und der damit für sie zu einem gemeinsamen Erfahrungsraum wurde, über den sie ihren Zusammenhalt als Gruppe definierten. 219 Durch Kundgebungen, 220 die Organisation eines Festes, mehrere Ausstellungen 221 und eine Tagung 222 versuchte die Gruppe und ihr weiteres Umfeld, erstens die Bewohner der umliegenden Gemeinden auf ihre Seite zu ziehen und zweitens die politischen Repräsentanten vor Ort und auf Provinzebene davon zu überzeugen, sich gegen den Bau einzusetzen. Hier war mit Widerständen zu rechnen, hatte doch die Gemeindeverwaltung den Bau der Urbanisation ohne Bedenken genehmigt. Im Vordergrund der Argumentation der Protestgruppe, die eher eine Bürgerinitiative als ein straff organisierter Verein war, stand der ökologische Wert der Aiguamolls, den es zu schützen galt. Aber auch die Frage, inwiefern Landschaftsveränderungen durch Bauprojekte, die dem Tourismus dienten und eine Schaffung spezieller, artifizieller touristischer Räume und damit eine Einstellung räumlicher Strukturen auf den ausländischen Massentourismus bedeutete, hingenommen werden sollten, spielte eine wichtige Rolle. 223 Entscheidend waren aber im Fall der Aiguamolls die Framingstrategien, die auf die Konflikte zwischen Privat- 219 Jordi Sargatal: Els Aiguamolls de l’Empordà Amenaçats, in: Presencia 12 (1976), H. 431, S.-8-9. Grup de Defensa dels Aiguamolls Empordanesos: Els Aiguamolls de l'Empordà, 1977, AHG, (3) Govern Civil 3268, S.-9. 220 Gobernador Civil de Gerona an Director General Política Interior: Manifestaciones Aiguamolls, 16.08.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. Dirección General de Seguridad, Servicio de Información an Gobernador Civil de Gerona: Propaganda de Aiguamolls, 19.8.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. Dirección General de la Guardia Civil, 413a Comandancia de Gerona an Gobernador Civil de Gerona: Concentración en defensa de ‚Aiguamolls‘, 23.8.1978, AHG, (3) Govern Civil 3268. Dirección General de la Guardia Civil, 413a Comandancia de Gerona an Gobernador Civil de Gerona: Manifestación de los ‚Aiguamolls‘, 16.8.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. Dirección General de la Guardia Civil, 413a Comandancia de Gerona an Gobernador Civil de Gerona: Manifestaciones, 13.8.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. 221 Bouvard i Pécuchet: Aiguamolls. Tabla rodona amb el grup de defensa, in: Presencia 13 (1977), H. 467, S.-18 222 Comissió 11 de Setembre an Ayuntamiento de Castelló d'Empúries: Volem un Empordá apte per a tothom, 27.09.1977, AMCd’E, 24 Fons Esteve Ripoll, 02. Comissió onze de setembre: ‚Jornades de debat per a un creixement harmònic de la nostra comarca‘, 27.09.1977, AMCd’E, 24 Fons Esteve Ripoll, 02. Comissió 11 de Setembre: Projecte per unes jornades d'estudi i debat sobre la problemática de l’ordenació i el creixement harmonic i racional de Castelló i l'Empordá, 29.08.1977, AMCd'E, 24 Fons Esteve Ripoll, 02. 223 Grup de Defensa dels Aiguamolls Empordanesos: Els Aiguamolls de l'Empordà 1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. <?page no="244"?> 243 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus und Gemeinschaftseigentum und insbesondere zwischen Zentralstaat und dem Regionalismus bzw. Nationalismus der katalanischen Peripherie abzielten. So machte die Protestgruppe immer wieder auf die aus ihrer Sicht wahrgenommene Gängelung aus Madrid aufmerksam und versuchte diesem Zentralismus eine katalanische Entscheidungsinstanz auf regionaler Ebene entgegenzusetzen, die zugleich demokratisch legitimiert war. Für die Entscheidungskompetenz in Fragen der Tourismusplanung sollte aus Sicht der Protestgruppe die Generalitat, also die 1977 wieder gegründete katalanische Autonomieregierung, zuständig sein, um zu garantieren, dass die von Katalanen für wichtig erachteten Landschaften und ökologisch zentralen Gebiete geschützt werden würden. 224 Neben der Strategie, bei der Zentralregierung Eingaben zu machen, um einen Baustopp zu erwirken, rückte schon bald in den Vordergrund, die Generalitat dazu zu bewegen, die Aiguamolls aufzukaufen und sie zu einem Naturschutzgebiet zu erklären. So war es dann auch für die Akteure vor Ort vollkommen selbstverständlich, sich offen zum katalanischen Nationalismus zu bekennen, indem auf Protestveranstaltungen regelmäßig die katalanische Nationalhymne „Els segadors“ gesungen wurde 225 und die Aiguamolls als eine typische katalanische 224 Rafael Nadal, Partido Socialista de Catalunya: Aiguamolls, 7.9.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. Secretario General de DEPANA an Comisión Interministerial del Medio Ambiente: Protección de la Costa Brava, 8.6.1977, Arxiu Jordi Sargatal. 225 Dirección General de la Guardia Civil, 413a Comandancia de Gerona an Gobernador Civil de Gero- Abb. 9: Demonstration gegen den Bau von Port Llevant in Figueres (22.05.1977, Carles Teixidor, Arxiu Jordi Sargatal). <?page no="245"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 244 Landschaft bezeichnet wurde, 226 mit der die Katalanen angeblich seit Jahrhunderten harmonisch in Einklang gelebt hätten. 227 Die Protestgruppe sagte deshalb über den Konflikt: „Wir kämpfen dafür, eine Erinnerung und eine Hoffnung zu retten.“ 228 Das Narrativ, das sich aus solchen Bekundungen entwickelte, folgte dem Duktus, dass erst der Tourismus als transnationale Strömung durch Förderung der Zentralregierung in Madrid unter dem Franco-Regime dafür gesorgt habe, dass diese Harmonie zerbrochen wurde und somit auch die Landschaft weniger katalanisch worden sei, als sie es zuvor gewesen sei. 229 Die Lebens- und Produktionsweise, die das touristische Raumregime vorgab und gewissermaßen der katalanischen Bevölkerung in den Touristengebieten aufgezwungen habe, wurde von den protestierenden Gruppen, allen voran von der Gruppe, die die Aiguamolls besetzte, als für die Katalanen fremd und unpassend beschrieben. Das Entwicklungsmodell ‚Fortschritt durch Tourismus‘ führte aus ihrer Sichte zu einer immer stärkeren Entfremdung von einem angeblich existierenden ‚Katalanentum‘. So hieß es in einem Gutachten, das die Protestgruppe gegen die Bebauung der Aiguamolls 1977 verfasste, dass der Massentourismus und die Arbeit im Tourismussektor „vollkommen fremdartig für die Persönlichkeit unseres Volkes“ 230 seien. Wären all die Investitionen, die in den letzten Jahren im Sektor des Massentourismus getätigt wurden, in die Landwirtschaft, die Fischerei, die Industrie und einen vernünftigen Tourismus geflossen, hätte man nun eine Situation, die „[…] blühender und mehr im Einklang mit unserer Form zu leben […]“ 231 wäre. Auch die Frage nach Privat- und Gemeinschaftseigentum im Kontext touristischer Entwicklung war damit regionalpolitisch aufgeladen. Die Großinvestoren, die die Urbanisation Port Llevant finanzieren wollten, zum einen die Banco de Madrid und zum anderen die Banco Catalán de Desarrollo, die unter der Führung des ehemaligen Präsidenten des INI (Instituto Nacional de Industria) und hohen Funktionärs von Ford in Spanien, Claudio Boada sowie dem ehemaligen Bürgermeister von Barcelona, Joaquín Viola Sauret, wurden als Vertreter des internationalen Immobilienmarktes beschrieben. Im marxistischen Jargon betonte die Protestgruppe, dass es diesen „Besitzern der Produktionsmittel“ durch die spanische Administration ermöglicht werde, ihre Privatinteressen zu verfolgen und das auf Kosten der Bevölkerung und der Landschaft na: Concentración en defensa de ‚Aiguamolls‘, 23.08.1978, AHG, (3) Govern Civil 3268. 226 Grup de Defensa dels Aiguamolls Empordanesos/ Assemblea de Catalunya/ Congrés de Cultura Catalana u. a.: Festa Popular als Aiguamolls de l’Empordà, 22.5.1977, Arxiu Jordi Sargatal. 227 Grup de Defensa dels Aiguamolls Empordanesos: Els Aiguamolls de l’Empordà 1977, AHG, (3) Govern Civil 3268, S.-1. Jordi Sargatal: Els Aiguamolls de l'Empordà Amenaçats, in: Presencia 12 (1976), H. 431, S.-8-9. 228 „Lluitarem per salvar un record i una esperança.“ Bouvard i Pécuchet: Aiguamolls. Tabla rodona amb el grup de defensa, in: Presencia 13 (1977), H. 467, S.-18. 229 Grup de Defensa dels Aiguamolls Empordanesos: Els Aiguamolls de l'Empordà 1977, AHG (3) Govern Civil 3268. 230 Ebd., S.-14. 231 Ebd., S.-15. <?page no="246"?> 245 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus in den Touristengebieten. 232 Obwohl also auch katalanische Vertreter am Konsortium beteiligt waren, spielte der Katalanismus, wie eben dargestellt, innerhalb der Protestbewegung eine wichtige Rolle. Diese Elitenangehörigen wurden mehr als Kollaborateure des Madrider Zentralstaats und des internationalen Kapitalismus abgestempelt und weniger als Katalanen, da sie eben aus Sicht der Protestgruppe gegen die Interessen der ‚eigentlichen‘ Katalanen handelten. Thematisiert werden konnte deren Rolle zudem über den Konflikt zwischen Privat- und Gemeinschaftseigentum. Die am Protest beteiligte DEPANA, ein im Jahr 1976 gegegründeter Naturschutzverein, beschrieb den Bau der Urbanisation Port Llevant als Privatisierung eines öffentlichen Guts und forderte gerade deshalb die Einrichtung eines Naturschutzgebietes: „Die Alternative eines Naturparks zerstört den Raum nicht nur nicht, sondern überführt diesen in ein Gemeingut“ 233 , und rief zum Kampf gegen „[…] den Egoismus und die Privatinteressen, [die] die letzten Rückzugsgebiete unseres Naturerbes zerstören und privatisieren“ 234 auf. Insbesondere die antikapitalistische Stoßrichtung der Protestbekundungen war einerseits Resultat der heterogenen Zusammensetzung der Protestgruppen und andererseits auch Ursache für die Einbindung breiterer gesellschaftlicher Bereiche. Neben ökologisch motivierten Akteuren, die im Tourismus in erster Linie eine Gefahr für die heimische Natur sahen, waren kommunistisch und anarchistisch geprägte Akteure in den Protestgruppen vertreten, die keinesfalls besonders am Fortbestand der Natur interessiert waren. Ihnen ging es vorwiegend um eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes in Spanien, um eine Entmachtung der traditionellen Eliten und um ein Ende der zentralstaatlichen Dominanz über Katalonien. 235 Dies machte die Proteste auch anschlussfähig für Positionen etwa der sozialistischen Partei, die Fortschritt und somit weitreichende Eingriffe in die Natur nicht grundlegend ablehnte, aber im Tourismus einen Wirtschaftszweig erkannte, der besonders die Eliten auf Kosten der einfachen Bevölkerung profitieren habe lassen und andere Entwicklungspfade wie etwa die Landwirtschaft und die Industrie in der vergangenen Zeit unberücksichtigt gelassen habe. 236 Die Tatsache, dass die Protestgruppen es schafften, den Bau von Port Llevant zu verhindern und die Aiguamolls letztendlich zum Naturschutzgebiet erklärt wurden lässt sich anhand der von den Protestgruppen verfolgten Strategien erklären. Um den 232 Bouvard i Pécuchet: Aiguamolls. Tabla rodona amb el grup de defensa, in: Presencia 13 (1977), H.-467, S.-18. 233 DEPANA: Comunicació presentada al debat sobre el futur de les zones humides ampurdaneses a Castelló d’Empúries, 17.09.1977, AMCd'E, 24 Fons Esteve Ripoll, 02. Comissió onze de setembre. ‚Jornades de debat per a un creixement harmònic de la nostra comarca‘. 234 DEPANA an Dirección General del Patrimonio Artístico y Cultural: Proyecto de urbanización de Port Llevant, 16.07.1977, Arxiu Jordi Sargatal. 235 Sargatal/ Roura, Els Aiguamolls, S.-37. 236 Rafael Nadal, Partido Socialista de Catalunya: Aiguamolls, 7.9.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. Secretario General de DEPANA an Comisión Interministerial del Medio Ambiente: Protección de la Costa Brava, 8.06.1977, Arxiu Jordi Sargatal. <?page no="247"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 246 Baubeginn zu sabotieren und zu blockieren kam es im Sommer 1977, wie bereits erwähnt, zu einer Besetzung der Baustelle 237 von Port Llevant. Parallel zur Besetzung der Baustelle reichte die Protestgruppe beim Kulturministerium den Antrag ein, den Bau der Urbanisation von Port Llevant sofort zu stoppen und neu über die bereits ausgesprochene Baugenehmigung zu entscheiden. Ihre Argumentation stützten die Antragssteller auf das 1972 erlassene Landschaftsschutzgesetz über paisajes pintorescos. 238 Damit nutzte die Gruppe die Landschaftsschutzgesetzgebung des alten Regimes, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Wie bereits im Fall der Verhinderung der Bebauung des Cabo Norfeu berief sich die Gruppe um Sargatal auf dieses Gesetz, dessen konkrete Ausgestaltung 1977 immer noch ausstand. Nach dem Gesetz war auch der Strand der Aiguamolls zum Landschaftsschutzgebiet erklärt worden. Unklar war aber eben nach wie vor, was dieser Status bedeuteten sollte. War hier eine Bebauung möglich? Wenn ja, in welchem Umfang und unter Beachtung welcher Vorgaben? All dies harrte immer noch einer Entscheidung. Doch der Status als paisaje pintoresco allein reichte aus, um zumindest das zuständige Kulturministerium zu einer Prüfung des Sachverhaltes zu bewegen. 239 Das Kulturministerium gab dem Einspruch Recht und ordnete einen vorübergehenden Baustopp an, weil sich die Baustelle in einem Gebiet befand, das als paisaje pintoresco deklariert worden war und der Bebauungsplan nicht wie vorgesehen der zuständigen Abteilung im Kulturministerium zu Genehmigung vorgelegt worden war. 240 Die Gemeindeverwaltung erhielt daraufhin vom Kulturministerium den Auftrag, den Baustopp vor Ort durchzusetzen. 241 Das Kulturministerium in Madrid prüfte nun die von Port Llevant S.A. vorgelegten Pläne. Im November 1977 kam das Ministerium zu dem Schluss, dass die Urbanisation gebaut werden könne, da sich keine Verstöße gegen die Auflagen des Landschaftsschutzgesetzes in den Plänen hatten finden lassen. 237 Woher die Idee zur Besetzung kam und inwiefern diese Protestform auf eine Rezeption der Besetzung Sa Dragoneras im Juli 1977 oder auf eine transnationale Beeinflussung der Protestformen etwa durch andere westeuropäische Umweltbewegungen zurückgeht, kann aus dem vorliegenden Quellenmaterial leider nicht erschlossen werden. Zur Besetzung als Protestform der westdeutschen Umweltbewegung, die 1975 zum ersten Mal in Wiehl erfolgreich angewandet wurde: Uekötter, Deutschland in Grün, S.-129. 238 Ministro de Educación y Ciencia: Decreto 2899/ 1972, de 15 de septiembre, por el se declara paraje pintoresco determinadas sectores de la Costa Brava, in: Boletín Oficial del Estado, 255 (1972), S.-18941-18942. 239 Asamblea Ocupants Aiguamolls an Ministerio de Cultura, Dirección General del Patrimonio Artístico: Paralización de Obras Port Llevant, 11.7.1977, Arxiu Jordi Sargatal. Vgl. Ayuntamiento de Castelló d'Empuries an Gobierno Civil de Gerona: Paralización de Obras Port Llevant, 13.8.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. 240 Ministerio de Cultura, Dirección General del Patrimonio Artístico an Ayuntamiento de Castelló d'Empuries: Aiguamolls, 13.8.1977, Arxiu Jordi Sargatal. Vgl. Ayuntamiento de Castelló d'Empuries an Gobierno Civil de Gerona: Paralización de Obras Port Llevant, 13.08.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. 241 Ayuntamiento de Castelló d’Empuries an Gobierno Civil de Gerona: Paralización de Obras Port Llevant, 13.08.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. <?page no="248"?> 247 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus Gegen diese Entscheidung legte die Umweltorganisation DEPANA wiederum sofort Einspruch ein. Dies führte dazu, dass die Bauarbeiten durch Port Llevant offiziell zwar fortgesetzt werden konnten, tatsächlich aber nur in einem sehr begrenzten Ausmaß durchgeführt wurden, da man auf die Entscheidung über die Zulassung des Einspruchs durch DEPANA wartete. 242 Das Warten zog sich bis zum kommenden Sommer hin. Im August 1978 entschied das Kulturministerium, nachdem die Protestgruppe erneut die Aiguamolls besetzt hatte, 243 einen erneuten Baustopp zu verhängen, der so lange andauern sollte, bis ein belastbares Gutachten erstellt worden war, das Auskunft über die tatsächlichen ökologischen Auswirkungen des Projekts geben sollte. 244 Zur Vermittlung zwischen den divergierenden Interessen hatte der Zivilgouverneur schon Anfang August 1978 einen runden Tisch einberufen, der alle Akteure und Regierungsvertreter zusammenbringen sollte. Hier zeigten sich dann erneut die gegensätzlichen Positionen des Unternehmens und der Bürgerinitiative gegen den Bau der Urbanisation. Zugleich wurden aber auch die divergierenden Verhaltensstile und Werte deutlich, die die beiden Gruppen voneinander unterschieden. Der Vertreter von Port Llevant beharrte auf der Einhaltung des Rechtsweges durch die Protestierenden und auf der bereits erteilten Baugenehmigung als rechtskräftigem Beschluss durch die Gemeinde. Die Protestgruppe versuchte er als Horde von Kommunisten und Hippies zu verunglimpfen, während er das Unternehmen Port Llevant als Garant für Fortschritt und Wohlstand für die Region und die Gemeinde von Castelló de Empuries darstellte. 245 Nun zeichnete sich aber zugleich auch die neue Strategie der Protestgruppe ab. Anstatt sich weiterhin mit Eingaben an die Zentralregierung zu beschäftigen, hatte die Gruppe sich darauf verlegt, bei der seit 1977 wieder tätigen Generalitat ein Gutachten zu erwirken, das einen Bau der Urbanisation zwangsläufig ausschloss und daraufhin zu wirken, dass die Aiguamolls von der Generalitat aufgekauft und zu einem Naturschutzgebiet bzw. einem Naturpark gemacht wurden. 246 Letztlich zog sich dieser Prozess bis ins Jahr 1981 hin, als die Generalitat endgültig den Bebauungsplan der Gemeinde von Castelló de Empuries für ungültig erklärte und die Aiguamolls aufkaufte, nachdem Port Llevant S.A. bereits vor dem höchsten spanischen Gericht, der Audiencia Nacional gegen den fortbestehenden Baustopp geklagt und Recht bekommen hatte. 247 242 Ministerio de Cultura, Patrimonio Artístico, Archivos y Museos, Subdirección General Patrimonio Artístico: Información Urbanística sobre Proyectos, 04.11.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. 243 Asamblea Ocupants Aiguamolls an Gobernador Civil de Gerona: Telegramm: Ocupación Aiguamolls 27.7.1978, AHG, (3) Govern Civil 3268. 244 Ministerio de Cultura, Subdirección General de Coordianción Adminstrativa an Gobierno Civil de Gerona: Suspensión de las obras Port Llevant, 29.8.1978, AHG, (3) Govern Civil 3268. 245 Gobierno Civil de Gerona: Besprechungsprotokoll Aiguamolls, 7.8.1978, AHG, (3) Govern Civil 3268. Gobierno Civil de Gerona: Besprechungsprotokoll Aiguamolls, 10.8.1978, AHG, (3) Govern Civil 3268. Vgl. auch Augustin Oto Sarasa, Port Llevant: Informe-Resumen sobre el desarrollo del Congreso celebrado en Castellò de Ampurias los días 17 y 18 de septiembre de 1977, bajo el lema ‚Volem un Emporda apte per a tothom‘, 27.9.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268, v.a. S.-9 und 16. 246 Gobierno Civil de Gerona: Besprechungsprotokoll Aiguamolls, 10.8.1978, AHG, (3) Govern Civil 3268, S.-4. 247 Generalitat de Catalunya, Department de Política Territorial i Obres Públiques, Direcció General <?page no="249"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 248 Dass die Strategie, die Autonomiebewegung vom notwendigen Schutz der Aiguamolls zu überzeugen und so deren endgültige Unterschutzstellung zu erreichen, Erfolg hatte, lag nicht zuletzt an der Fähigkeit der Protestgruppen, die Bevölkerung der Region und vor allem des Orts Castelló de Empuries auf ihre Seite zu ziehen. Wäre die Bevölkerung kategorisch für den Bau der Urbanisation gewesen, wäre es der Generalitat sicherlich schwerer gefallen, die Aiguamolls als Ganze unter Schutz zu stellen. Dabei war die Gegnerschaft der Bevölkerung und auch der Gemeindeverwaltung von Castelló de Empuries gegenüber der Urbanisation eher eine unwahrscheinliche Haltung, die sich den aktiven Sensibilisierungsbemühungen der Protestgruppen verdankt. So wies im Sommer 1977 ein Kommentator des sich abspielenden Konflikts auf die gewissermaßen ‚naturwüchsigen‘ Interessen der Einwohner von Castelló de Empuries hin: Castellò kann in der Tat die Tranformationen für den Ort, die der Tourismus der Küstenregion mit sich brachte, nicht vergessen. Die, die von von hier stammen, haben dabei zwei Tatsachen im Hinterkopf: den materiellen Aspekt für die Bevölkerung und den Lebensstandard der Bewohner vor und nach dem Einwirken des Tourismus. 248 So hatte ja die Gemeindeverwaltung die Urbanisation mit dem Verweis auf die dabei entstehenden Arbeitsplätze und die erwarteten Steuereinnahmen genehmigt. Auch in späteren Äußerungen der Gemeindeverwaltung positionierte sie sich keineswegs eindeutig auf der Seite der Protestgruppen. Vielmehr hob die Verwaltung hervor, dass ihr die Aufgabe zukomme, Fortschritt und Wohlstand für die Einwohner zu garantieren. 249 Auch der Wert der Aiguamolls als einem Gebiet von ökologischem Interesse war noch 1977 für die Gemeindeverwaltung keineswegs ausgemacht. Vielmehr hieß es in einem Gutachten: „Die Veränderung kann nicht als negativ betrachtet werden, es sei denn, wir betrachten unser eigenes Bild als unansehnlich oder negativ, da eine städtische Umgebung das Habitat der Menschen ist und in diesem Fall ist es ein sehr diskutables Werturteil.“ 250 Die Bevölkerung des Ortes scheint hingegen im Zuge der Besetzung der Aiguamolls einen Wandel in ihren Einstellungen gegenüber dem scheinbaren wertlosen Land der Aiguamolls durchgemacht zu haben. Konstatierte Jordi Sargatal 1976 noch eine weitgehende Nichtbeachtung und geringe Wertschätzung vonseiten der Bevölkerung d'Urbanisme, Servei d'Urbanisme de Girona an Ayuntamiento de Castelló d'Empúries: Aiguamolls, 3.10.1981, AMCd'E, Fons Francesc Brossa Anglada. Documentació Relacionada amb el Projecte d'Urbanització Port Llevant. Ayuntamiento de Castelló d'Empúries: Suspendido el Plan Parcial de 'Port Llevant', 4.10.1981, AMCd'E, 8.3.1. Planejament, 1503/ 74 Port Llevant, Capsa 5. 248 Albert Compte: Aiguamolls, 17.09.1977. AMCd'E, 24 Fons Esteve Ripoll, 02. Comissió onze de setembre. 'Jornades de debat per a un creixement harmònic de la nostra comarca'. 249 Ayuntamiento de Castelló d'Empuries an Gobierno Civil de Gerona: Informe Aiguamolls, 26.8.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. 250 Ayuntamiento de Castelló d'Empuries: Informe Municipal de los Servicios Técnicos August 1977, AHG, (3) Govern Civil 3268. <?page no="250"?> 249 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus gegenüber dem, was sie als „maresmes“ bezeichnete und erst im Verlauf des Raumnutzungskonflikts zu den Aiguamolls wurde, 251 scheinen die Aiguamolls schon kurze Zeit später auch für größere Teile der örtlichen Bevölkerung zu einem ökologisch wichtigen und schützenswerten Ort geworden zu sein. Dies sorgte dafür, dass eine Mehrheit innerhalb der Bevölkerung für eine Nichtbebauung der Aiguamolls war. Zu erklären ist dies nicht nur mit der erfolgreichen Aufklärungsarbeit der Protestgruppen hinsichtlich des Stellenwerts als wichtigem Biotop. Vielmehr wurden die Aiguamolls nicht nur für die Protestgruppen, sondern auch für die Bevölkerung des Ortes zu einem Symbol des Kampfes um die Aneignung des Raumes, der unter regionalistischen bzw. nationalistischen und kapitalismuskritischen sowie demokratischen Vorzeichen geführt wurde. So wies etwa der Zivilgouverneur auf die ablehnende Haltung innerhalb der Bevölkerung hin, die es hinsichtlich der Frage der Bebauung der Aiguamolls zu berücksichtigen gelte. Die Motivation der Bevölkerung führte der Zivilgouverneur dabei nicht in erster Linie auf die ökologische Wichtigkeit der Aiguamolls zurück, sondern auf das Verlangen der Bevölkerung darüber zu entscheiden, was im Interesse der Allgemeinheit und was nicht bzw. inwieweit Privateigentum Gemeinschaftsinteressen beschränken durfte. 252 Ähnlich urteilte auch abschließend die Presse, die den Wandel in der Einstellung der Bevölkerung hinsichtlich der aiguamolls betonte: Man sagt, dass sich das Denken der Leute über die Aiguamolls in den letzten Jahren verändert hat. Anstatt die Teiche und Lagunen als Räume zu sehen, die man am besten nutzt, indem man auf ihnen Apartments baut, sieht man sie nun als Räume, die einen natürlichen Reichtum und einen besonderen Reiz besitzen und sie es somit verdienen, weiter zu existieren. 253 Auch Jordi Sargatal berichtete im Rückblick von der Unterstützung durch die Bevölkerung, die zu Beginn der Proteste eher unwahrscheinlich aussah. 254 Fazit Der Massentourismus veränderte folglich nicht nur landschaftliche Gegebenheiten und ökologische Zusammenhänge, sondern auch das Denken über eben jene Landschaften und die Natur. Durch sein enormes Veränderungspotential hinsichtlich natur- und kulturräumlicher Begebenheiten provozierte das touristische Raumregime eine neuartige Reflexion über die ökologischen Auswirkungen des Massentourismus und 251 Jordi Sargatal: Els Aiguamolls de l'Empordà Amenaçats, in: Presencia 12 (1976), H. 431, S.-8-9, hier S.-9. 252 Gobernador Civil de Gerona an Subsecretario del Ministerio de Cultura, Subdirección General de Coordinación Adminstrativa: Aiguamolls, 21.9.1977, AHG, (3) Govern Civil 3268, S.-5. 253 Grabulosa, I.: ‚El turisme no ha de ser motiu de desequilibri.‘ El battle de Castelló, interessat en la conservació de la natura, in: El Punt (5.8.1981), S.-9. 254 Sargatal/ Roura, Els Aiguamolls, S.-36. <?page no="251"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 250 die Entstehung von Gruppen, die eben diese Entwicklungen vehement kritisierten. In den touristischen Regionen wurde der Tourismus somit seit den frühen 1970er-Jahren zur Zielscheibe von Kritik, die sich maßgeblich aus Sorge um den Erhalt authentischer Landschaften sowie den Schutz von einheimischen Tieren und Planzen bzw. von Biotopen, die in weltweiten ökologischen Zusammenhängen eine wichtige Rolle spielten. Speerspitzen dieser Kritik bildeten Natur- und Umweltschutzvereine und Bürgerinitiativen. Noch ursprüngliche und vom Tourismus noch nicht veränderte Landschaften wurden für sie zur Projektionsfläche für regionalen Zusammenhalt und gleichzeitig für eine dezidierte Kritik am menschlichen Fortschritt auf Kosten der Natur. Erst aus dieser Reflexion konnten Raumnutzungskonflikte entstehen, bei denen sich die Interessen der Vertreter der Tourismusbranche und Bürgerinitiativen sowie sozialen Bewegungen, die dem Landschafts- und Umweltschutz Vorrang einräumten, entgegenstanden. Die Raumnutzungskonflikte waren dabei Auseinandersetzungen nicht nur über die Frage, wie ein bestimmter Raum zu nutzen sei, sondern auch, wem dieser gehöre und wer das Recht haben sollte, ihn auf eine gewisse Art und Weise zu gestalten. Zum Streitpunkt wurde damit die soziale Konstruktion von Raum selbst, also einerseits divergierende Raumrepräsentationen und andererseits divergierende Raumnutzungen, die sich wiederum aus diesen Repräsentationen ergaben. Wie aus der Analyse hervorgeht, ging es bei den untersuchten Raumnutzungskonflikten nicht nur um Fragen von Ökologie und Naturschutz, sondern auch um Fragen regionaler Selbstbehauptung 255 im Spannungsfeld zwischen einem diktatorischen bzw. postdiktatorischen Zentralstaat, der sich nach 1975 im Wandel hin zu einem föderal verfassten Bundesstaat befand und einem intransparenten Netz aus wirtschaftlichen Interessen, die grenzüberschreitend agierten. Aus Sicht der untersuchten zivilgesellschaftlichen Akteure drohten die Natur und die Landschaften, die aus ihrer Sicht identitätsstiftend wirkten, zwischen diesen beiden Kräftefeldern zerrieben zu werden. Gegen weitere Tourismusprojekte zu protestieren und den Erhalt ökologischer Zusammenhängen und authentischer Landschaften zu fordern war deshalb nicht nur ein Ausdruck eines wachsenden ökologischen Bewusstseins, sondern auch ein Medium der Selbstartikulation. Genutzt wurde dieses Medium in einer Situation, als das Gefühl lokal und regional agierender Akteure bestand, in einen Prozess zur Mitbestimmung über die grundlegende Entwicklung ihrer Umgebung nicht eingebunden zu sein. Das galt nicht nur während der Franco-Diktatur, sondern auch in den Jahren darauf, als die Verteilung von Kompetenzen zwischen Regionen und Staat neu ausgehandelt wurde. Dabei ging es aber nicht nur um regionale Souveränität gegenüber dem Zentralstaat, sondern 255 Das erklärt womoglich auch, warum es an der Costa del Sol erst im Verlauf der 1980er Jahre zur Bildung einer Umweltbewegung kam. Vgl. http: / / www.revistaelobservador.com/ images/ stories/ envios_14/ enero/ silvema.pdf, (11.2.2015). Denn in Andalusien hatte es bis 1976 bzw. 1977 im Vergleich zu den Balearen und insbesondere Katalonien nur ein schwaches Regionalbewusstsein gegeben, das erst durch die neuen Parteien in den Wahlkämpfen der Transición popularisiert wurde. Hildenbrand, Das Regionalismusproblem, S.-108. <?page no="252"?> 251 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus auch gegenüber grenzüberschreitenden Prozessen, die sich in Form des Tourismus bzw. dessen weiteren Ausbau auf die untersuchten Regionen niederschlugen. Das erklärt, warum der Rückgriff auf regionale Identitäten zur Begründung des Schutzes von Landschaften und gefährdeten Biotopen nach dem Ende der Diktatur nicht abebbte, sondern sich eher noch verstärkte. Die neuartige Sicht auf landschaftliche und ökologische Auswirkungen war in ihrer Anfangsphase nicht nur auf die sich formierenden Bürgerinitiativen und Umweltbewegungen begrenzt, sondern fand sich auch in staatlichen Institutionen wieder. Zu erklären ist dies einerseits mit der konkreten Problemwahrnehmung einer sich in der Krise befindlichen Tourismusbranche, die aus der die Angst resultierte, dass Umweltprobleme zu einem Ausbleiben von Touristen führen könnte. Andererseits spielte die Einbindung sowohl von Akteuren auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene in transnationale bzw. translokale Zusammenhänge eine wesentliche Rolle. Dies ergab eben keine homogene Vorstellung dessen, was etwa mit ‚Umwelt‘ gemeint war, woraus sich wiederum neue Konflikte ableiteten. Für das spanische Regime war Umwelt in erster Linie die grundlegendste Infrastruktur des Tourismus und war nur deshalb zu schützen, da sie weiteren Fortschritt und Entwicklung versprach. Der spanischen Regierung ging es also in erster Linie um einen Schutz der Umwelt für den Tourismus. Die Antwort des Regimes auf die Wahrnehmung derselben Probleme differierte somit von der zivilgesellschaftlicher Akteure. Denn Umweltbewegungen und Bürgerinitiativen in den touristischen Regionen gestanden der Umwelt einen Eigenwert zu. Für sie musste der Tourismus vor den Touristen und vor dem Tourismus insgesamt geschützt werden. Insofern überschnitten sich ihre Ziele mit anderen, zur selben Zeit entstehenden Umweltbewegungen innerhalb und außerhalb Spaniens, die etwa gegen die Kontamination von Flüssen durch Industrieabwässer, den Bau von Atomkraftwerken oder das Aussterben seltener Vogelarten protestierten. Trotz dieser konzeptionellen Nähe zu anderen Umweltbewegungen und ihren ähnlichen Motivationslagen, die sich im Kampf gegen unterschiedliche Verursacher von Umweltverschmutzung und -zerstörung manifestierten ist die Entstehung der Umweltbewegungen und Bürgerinitiativen in den untersuchten touristischen Regionen nicht etwa mit dem gleichzeitigen Auftreten solcher Gruppen in anderen Regionen, in denen der Tourismus keine solch bedeutende Rolle spielte, zu erklären. Eine Ausbreitung von Umweltschutzgruppen von einem bestimmten Zentrum in Spanien ausgehend hat es nicht gegeben. Vielmehr reagierten die Umweltbewegungen, wie bereits dargestellt, auf lokale Problemlagen und waren nicht von einem bestehenden Netzwerk von Umweltgruppen in Spanien beeinflusst. 256 256 In der vorhandenen Literatur zu spanischen Umweltbewegungen werden die auf Mallorca und an der Costa Brava in Auseinandersetzung mit dem Tourismus entstandenen Gruppen kaum berücksichigt. Vgl. Woischnik, Spanische Ökologiebewegung. Dies., Movimiento ecologista. Varillas/ da Cruz, Historia del movimiento. Fernández, Ecologismo español. González de Molina Navarro/ Soto Fernández/ Herrera Golzález de Molina, Crisis ecológica. La Calle Domínguez, Movimientos ecologistas. <?page no="253"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 252 Damit ist zugleich die Frage aufgeworfen, ob die untersuchten kollektiven Akteure als Neue Soziale Bewegungen bezeichnet werden und inwiefern sie tatsächlich als Umweltbewegungen im eigentlichen Sinn beschrieben werden können oder sie nicht vielmehr älteren Traditionen der Heimat- und Naturschutzbewegungen folgten. Lehnt man sich an die neuere Forschung zu den Neuen Sozialen Bewegungen an, kann geprüft werden, inwiefern die hier untersuchten Gruppen, denen eine Bewegungsform unterstellt wird, tatsächlich den „‘konstitutiven Elementen‘“ 257 einer Definition von Neuen Sozialen Bewegungen entsprechen. Betrachtet man das erste konstitutive Element, die „aktive kollektive, auch nonverbale Vernetzung im öffentlichen Raum mit dem Ziel einer (Ver-)Änderung“ 258 , so zeigt sich, dass dieses durchaus auf den GOB auf Mallorca, aber auch die DEPANA sowie die Grup de Defensa dels Aigumolls Empordanesos an der Costa Brava zutrifft. Auch das „auf Veränderung bzw. Fortschritt hin orientierte Zeitverständnis“ 259 findet sich bei den Protestgruppen in Spanien wieder, wobei sowohl das Entwicklungsmodell des Massentourismus als auch der franquistische und postfranquistische Staat und dessen Bürokratie als überholt wahrgenommen wurden und eine Verlagerung der Verantwortung auf die regionale Ebene gefordert wurde. Die „Selbstverpflichtung auf das gemeine Wohl“ 260 wird als ein weiteres Kriterium angeführt, das ebenfalls in den untersuchten Fällen zutrifft. So forderten die Akteure ja gerade die Abkehr von einer Politik, die nur Privatinteressen zu dienen schien und das Wohl der Allgemeinheit außer Acht gelassen habe. Problematischer wird es, wenn man ein Element der klassischen Definition von Sozialen Bewegungen Dieter Ruchts heranzieht: das „Mittel öffentlicher Proteste […], um ihre Ziele darzulegen und Einfluß zu gewinnen.“ 261 Tatsächlicher Protest war in der Frühphase der Herausbildung des GOB auf Mallorca bis zu Francos Tod 1975 keine der Aktionsformen dieser Gruppe. Da sich der neu gegründete Verein sich vor allem auf die Pressearbeit verlegte, um so eine Sensibilisierung der Bevölkerung für Umweltfragen zu erreichen, kann von Protest im eigentlichen Sinne keine Rede sein. Vielmehr verstand sich die Gruppe als mahnende und vor allem kritische Stimme, die sich auch durchaus unter der Diktatur artikulieren konnte. Zwar waren die Gelegenheitsstrukturen in der Zeit der Diktatur noch verhältnismäßig gering, doch zumindest existierte eine Medienlandschaft, in der insbesondere regionale und regionalistisch bzw. regionalsprachlich ausgerichtete Zeitungen und Zeitschriften die Möglichkeit boten, Kritik zu äußern. Mit dem Ende der Franco- Diktatur erweiterte sich aber das Spektrum der Handlungsmöglichkeiten. Protestformen wie Demonstrationen, Unterschriftensammlungen in der Öffentlichkeit und die Besetzung der von der touristischen Bebauung bedrohten Gebiete bildeten nun das Repertoire dieser Gruppen. Dieser Befund verweist auf die generelle Frage, ob un- 257 Mittag/ Stadtland, Soziale Bewegungsforschung, S.-21. 258 Ebd., S.-22. 259 Ebd. 260 Ebd., S.-23. 261 Rucht, Soziale Bewegungen, S.-391. <?page no="254"?> 253 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus ter diktatorischen Verhältnissen überhaupt eine Bildung Neuer Sozialer Bewegungen möglich ist. 262 Aufschlussreich ist in diesem Sinne ein Vergleich mit der ostdeutschen Umweltbewegung. Auch hier herrschten geringere Gelegenheitsstrukturen als in einer Demokratie vor, doch waren die structural strains ausgelöst durch die bestehende Umweltverschmutzung ähnlich hoch wie etwa in Westdeutschland. 263 Ähnliches trifft auf die hier untersuchten Fälle zu. Die Problemwahrnehmung innerhalb der Zivilgesellschaft hinsichtlich der ökologischen Folgen des Tourismus war auch unter der Diktatur deutlich präsent. Eine Mobilisierung von Teilen der Bevölkerung zur Durchsetzung der angestrebten Ziele und weitergehende Formen des sozialen Protests etablierten sich aber erst mit der Vergrößerung der politischen Gelegenheitsstrukturen nach dem Tod Francos. Diese Konstellation dürfte auch erklären, warum die Konzepte Heimat-, Natur- und Umweltschutz als Orientierungspunkte, Motivation und Forderungen bei diesen Gruppen so schwierig zu trennen sind. Während für die bundesdeutsche Umweltbewegung eine Trennung in den „klassische[n], vor-ökologische[n] Naturschutz“ und die „Ökobewegung“ 264 vorgenommen wurde, lässt sich dies für die untersuchten Fälle nicht feststellen. Während der Naturschutz wie auch der Heimatschutz in Deutschland im bürgerlich-konservativen Milieu verortet war und eher Konflikten aus dem Weg ging bzw. Probleme konsensual lösen wollte, verstanden sich die Mitglieder der Ökobewegung als politisch und als gesellschaftliche Alternativbewegung. 265 Im Fall der hier untersuchten Gruppen lässt sich eine solche Trennung nicht aufrechterhalten. Sieht man sich die Forderungen und die dazu benutzten Framingstrategien an, dann wird deutlich, dass die Gruppen nicht als reine Ökobewegungen bezeichnet werden können. Es ging ihnen nicht nur um die planetare Bedrohung durch eine zunehmende Umweltverschmutzung, sondern auch um den Schutz konkreter Landschaften, die eher im regionalen Rahmen eine Bedeutung spielten, sowohl was die Identifikation mit diesen Landschaften als auch das Vorkommen bedrohter Spezies anging. Trotz des Fokus auf den gezielten Schutz gefährdeter Natur und bedrohter Landschaften im regionalen Rahmen, der eher dafür sprechen würde, die Gruppen als klassische Heimat- und Naturschutzbewegungen zu bezeichnen, weisen sie aber auch deutliche Ähnlichkeiten zur Ökobewegung auf. 266 So wies das Selbstverständnis der Gruppen durchaus auch einen globalen Bezug auf, der sich darin äußerte, dass sie nicht nur gegen den Tourismus und dessen weiteren Ausbau protestierten, sondern sich etwa gegen Atomwaffen einsetzten. 267 Doch 262 Mittag/ Stadtland, Soziale Bewegungsforschung, S.-24. 263 Mignon Kirchhof, Structural Strains, S.-144 f. 264 Engels, Umweltschutz, S.-409. 265 Ebd., S.-409 f. 266 Anders: Woischnik, Spanische Ökologiebewegung, S.103, die den GOB als reine Naturschutzgruppe bezeichnete, ohne dies anhand weiterer Ausführungen oder konkreter Fallbeispiele weiter auszuführen. 267 GOB: La posició ecologista sobre l’OTAN i la política de blocs, in: GOB: Circular urgent, September 1981, Arxiu del GOB, Circulares 021/ 10. <?page no="255"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 254 auch der Fokus auf die zu schützenden Gebiete auf den Balearen und an der Costa Brava hatte eine globale Dimension in sich. Gerade im Fall des GOB ging es unter anderem auch um den Schutz von Zugvögeln. Die Feuchtgebiete auf Mallorca erfüllten für das globale Wanderungssystem der Zugvögel eine wichtige Funktion, die vom GOB immer wieder zur Begründung der Einrichtung von Schutzgebieten herangezogen wurde. 268 Zudem stellten die Gruppen auf eine politische Mitbestimmung zivilgesellschaftlicher Akteure bei Entscheidungen über den weiteren Ausbau des Tourismus ab und forderten bereits noch innerhalb der Diktatur ein Einbezug der Ansichten der lokalen Bevölkerung in politische Planungsprozesse. Nicht zuletzt rekurrierten die Gruppen immer wieder selbst auf die Begriffe Umwelt und Ökologie, um ihre Anliegen durchzusetzen. 269 Dies macht einmal mehr deutlich, wie flexibel diese Begriffe im lokalen, regionalen und nationalen Rahmen rezipiert werden konnten. Da sie sich wie Passe-Partouts mit ganz unterschiedlichen Inhalten füllen ließen, 270 konnten sowohl der Franco-Staat als auch die Protestgruppen und Tourismuskritiker mit ihnen operieren. Somit lassen sich die untersuchten Gruppen am ehesten als mit dem Umwelt- und Ökologiekonzept operierende Natur- und Heimatschutzbewegungen beschreiben. Dass diese Felder weitgehend ungetrennt blieben, es zwischen ihnen zu keinen Konflikten kam, kann über die im Vergleich zur etwa bundesdeutschen Ökobewegung und deren Absetzen von älteren Traditionen des Naturschutzes homogeneren kollektiven Identität erklärt werden. Dabei spielen die Entstehungsbedingungen unter einer Diktatur die entscheidende Rolle. Da unter der Diktatur Handlungsspielräume und die Möglichkeiten, bestimmte Forderungen zu platzieren, begrenzt waren und auch während der Transición angesichts der Vielfalt zu lösender Probleme, die die Grundfesten des staatlichen Gemeinwesens betrafen, differenzierten sich Natur- und Umweltschutz nicht auseinander, sondern bestärkten sich gegenseitig gegenüber dem ‚Feindbild‘ eines Staates, der ihre Forderungen kaum berücksichtigte. Alles in allem kann, was den mallorquinischen Fall betrifft, ihm eine gewisse Bewegungsförmigkeit auch schon in Diktatur zugestanden werden, auf die mit der Transición der plötzliche Sprung in das Bewegungsdasein folgte, der ohne die Entwicklung zuvor nicht denkbar gewesen wäre. Damit ist zugleich die Frage nach dem Erfolg dieser Gruppen gestellt. In einer langfristigen Perspektive, die den gesamten Zeitraum zwischen den frühen 1970er- und dem Ende der 1980er-Jahre in den Fokus nimmt, lässt sich durchaus von Erfolgen der Umwelt- und Naturschutzbewegungen und Bürgerinitiativen sprechen. Diese Er- 268 GOB an Presidente de la Diputación Provincial de Baleares: Albufera de Alcudia, 4.10.1976, Arxiu del GOB, S’Albufera 1957-1988. 269 Vgl. etwa die Äußerungen zu einem ganzheitlichen Umweltbegriff in der der mallorquinischen Umweltbewegung und allgemein gesellschaftskritischen Kreisen nahestehenden Zeitschrift Lluc: Defensem la naturalesa, defensem l'home. Editorial, in: Lluc 643 (1974), Dezember, S.- 2. Vgl. die Reflexionen über den Umweltbegriff im Vereinsorgan des GOB: Pere Bosch: Relación de Actividades, in: Aegypius: Boletín Informativo del Grupo de Ornitologia Balear 2 (1974), o.S. 270 Uekötter, Deutschland in Grün, S.-144. <?page no="256"?> 255 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus folge beziehen sich allerdings auf den Schutz einzelner Landschaften und ökologisch wichtiger Biotope und weniger auf eine generelle Veränderung tourismuspolitischer Grundannahmen und modernisierungspolitischer Konzepte. So ist es wesentlich auf den Druck der Umweltgruppen zurückzuführen, dass jene Gebiete, für deren Erhalt die Gruppen seit ihrer Gründung kämpften, letztlich unter Schutz gestellt wurden und von einer massentouristischen Nutzung verschont blieben. Die Existenz der Naturparks der Albufera de Alcudia auf Mallorca und der Aiguamolls an der Costa Brava oder der bis heute unbebaute Strand von Es Trenc auf Mallorca sind Beispiele dieser Erfolge, die zu Beginn der 1970er-Jahre noch mehr als unwahrscheinlich erschienen. Mit ihrer Strategie, sich auf den Schutz von Gebieten zu verlegen, die noch nicht vom Massentourismus genutzt wurden, schafften es die Umweltbewegungen, diese vor einem Ausbau des Tourismus zu schützen. Nach jahrelangen Debatten, Protestaktionen und Versuchen politischer Einflussnahme konnten zu Beginn der 1980er-Jahre späte Erfolge gefeiert werden, die in der Einrichtung der geforderten Naturschutzgebiete mündeten. 271 Doch zeigte sich dieser späte Erfolg im Grunde schon früher, da es die Gruppen schon in den 1970er-Jahren ausnahmslos schafften, genau die Gebiete vor einer touristischen Erschließung zu bewahren, die davon bedroht waren und die als ökologisch wichtig eingestuft wurden, auch wenn sie nicht sofort als Naturschutzgebiete ausgewiesen wurden. Die Einrichtung der Naturschutzgebiete und der Erhalt der als ökologisch wichtig erklärten Landschaftsteile zeigen somit, dass die Umweltbewegungen ökologische und landschaftliche Auswirkungen erfolgreich thematisieren konnten und die Kosten des regionalen Konsenses in ökologischer Perspektive offenbarten. Doch einen völligen Wandel in der Einstellung gegenüber dem Tourismus innerhalb der Bevölkerung sowie den politischen und wirtschaftlichen Eliten konnten auch die Umweltbewegungen nicht bewirken. Die Ausweisung der Naturschutzgebiete folgte eher einer späten politischen Einsicht auf der Ebene der Region, dass eine Diversifizierung des touristischen Angebots unter Einbezug des Naturtourismus einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Tourismus insgesamt leisten konnte. Damit wurden die Gesetze der 1980er-Jahre zur Reduzierung der schädlichen Auswirkungen des Tourismus auf die Umwelt und die Einrichtung der Naturparks zu Feigenblättern der Nicht-Erschließung, die gerade die Universalisierung einer reflexiven Ökologisierung des Tourismus an allen Orten verhinderten. 272 So erklärt sich 271 So erließ die Regierung der Balearen Mitte der 1980er Jahre eine Reihe von Gesetzen, die zumindest die Absicht hatte, den Ausbau des Tourismus in bestimmter Hinsicht einzuschränken. Vgl. Esteban Bardolet: Der Tourismus auf den Balearen. Bilanz eines Pionierziels des populären europäischen Tourismus im Mittelmeerraum, in: Tourismus auf Mallorca. Bilanz, Gefahren, Rettungsversuche, Perspektiven. Zu den Grenzen touristischen Wachstums, Bergisch Gladbach 1992, S.-33-62, hier S.-51. Die Aiguamolls wurden bereits 1983 unter Schutz gestellt. Vgl. Sargatal/ Roura, Els Aiguamolls, S.-54. Sa Dragonera wurde 1988 engültig unter Schutz gestellt, die Albufera von Alcudia ein Jahr später, Cabrera wurde 1991 zum Nationalpark erklärt. Vgl. Joan Mayol Serra/ Antonio Machado Carrillo: Medi ambient, ecologia i turisme a les Illes Balears, Mallorca 1992. 272 Vgl. auch die Selbstwahrnehmung eines der Gründer der Gruppe: Mayol i Serra, Autonomia i medi <?page no="257"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 256 dann auch die fortgesetzte Kritik der Umweltgruppen während der 1980er- und 1990er-Jahre, wonach „[…] die Landesregierung einen Großteil des Naturraums unter Landschaftsschutz […]“ gestellt habe, aber gleichzeitig „[…] eine heuchlerischen Kampagne mit dem Ziel, die gesetzlichen Bestimmungen für die Inseln dergestalt zu modifizieren, daß sie den Interessen des Baugewerbes innerhalb der geschützten Zonen nicht in die Quere kommen,“ 273 verfolge. Die Touristifizierung auch dieser von der Umweltbewegung als Alternative zu den Landschaften des Massentourismus imaginierten Räume ist damit ein Beleg für den hegemonialen Charakter des touristischen Entwicklungsmodells, das sich auch die ursprünglich als Gegenmodell gedachten Landschaften anzuverwandeln imstande war. Damit muss eher von einem partiellen und sozial differenzierten Wandel von einer instrumentellen Sicht auf Umwelt und Tourismus, die auf der Grundlage einer Modernisierungsideologie fußte und durch die Haltung des spanischen Regimes eine langandauernde Kontinuität erlangte, hin zu einer Infragestellung weiterer touristischer Entwicklung auf dem Boden von umweltbezogenen Argumenten gesprochen werden. Damit wurde der in den 1960er-Jahren herrschende regionale Konsens nicht völlig durch ein neues Denken über Umwelt und Grenzen des touristischen Wachstums abgelöst. Träger der veränderten Wahrnehmung war vielmehr eine Minderheit gebildeter, bürgerlicher, sozialdemokratisch eingestellter und regionalistisch denkender Kreise, die selber nicht direkt vom Tourismussektor profitierten und deren Wortführer einer Generation angehörten, die sich zur Zeit der Gründung der Bewegungen junge Erwachsene waren. 274 Diese Form von ‚Realpolitik‘, die darauf hinauslief, weitere touristische Projekte zumindest dort zu verhindern, wo sie besonders großen Schaden anrichteten, ließ das Entwicklungsmodell ‚Modernisierung durch Massentourismus‘ folglich zumindest prinzipiell unangetastet. Auch wenn in den Äußerungen der Umweltbewegungen immer wieder grundsätzliche Absagen gegen jeglichen weiteren massentouristischen Ausbau zu lesen und zu hören waren, so wurde dieses Ziel in der Praxis kaum verfolgt. Insbesondere in den späten Jahren der Francodiktatur, in der die Formierung der ersten Gruppen fiel, waren solche Forderungen kaum sag- und erst Recht nicht durchsetzbar. Und dies nicht nur, weil sie gegen die offizielle Linie des diktatorischen Regimes verstieß, sondern auch, weil sie dem regionalen und lokalen Konsens zuwiderliefen, der den Massentourismus mit Modernisierung assoziierte. Doch auch in der Phase der Transición waren die Handlungsspielräume der Protestgruppen insofern begrenzt, als sie auf den gesellschaftlichen Konsens trafen, der während des Übergangs von Diktatur und Demokratie von den politischen Parteien ambient, S.-39. 273 GOB, Auswirkungen, S.-79. 274 So waren die meisten der Mitglieder des GOB auf Mallorca Studenten sowie Angestellte, die sich zum Großteil aus dem städtischen Umfeld Palmas rekrutierten. Barez Moreno/ Montalbán Gracia/ Torres Estarellas, Un compromís amb la natura. Auch die Gruppe um Jordi Sargatal setzte sich in erster Linie aus Studenten zusammen: Sargatal/ Roura: Els Aiguamolls, S.-34. <?page no="258"?> 257 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus etabliert worden war und nicht nur das Vergessen der Vergangenheit betraf, sondern auch radikale Forderungen innerhalb einzelner Politikfelder delegitimierte. Um einen friedvollen Übergangsprozess zu garantieren, drangen maßgebliche gesellschaftliche Gruppen auf eine Kooperation zwischen den alten Eliten und den oppositionellen Kräften und begründeten so den Konsens als Modell des friedlichen Aushandelns der Neuordnung der spanischen Gesellschaft und ihres politischen Systems. Inhalt dieses Konsenses war es auf der einen Seite die Einrichtung einer demokratischen Ordnung zu garantieren und dafür auf der anderen Seite radikalen Veränderungen auf der sozialen Ebene eine Absage zu erteilen. 275 Anstatt also nur daraufhinzuarbeiten, dass der Ausbau des Massentourismus insgesamt gestoppt wurde und für die Umwelt schonendere Alternativen wirtschaftlichen Wachstums gefunden wurden, konzentrierten sich die Gruppen auf den Schutz einzelner, für sie relevanter Gebiete. Mit dieser Haltung, die sich in Aktionen für den Schutz einzelner Gebiete, aber kaum in radikalen Forderungen niederschlug, den Massentourismus insgesamt fundamental als Wohlstandsquelle anzugreifen, bewegten sich die Gruppen noch im Feld des gesellschaftlichen Konsenses und artikulierten keine zu radikalen Forderungen, die diesen Konsens herausgefordert hätten. Erfolgreich war dieses Agieren aber auch, weil sie es ermöglichte, die Bevölkerung für ihre Ziele zu sensibilisieren und ihre Unterstützung zu erlangen. Indem die Mobilisierung zugunsten einzelner schützenswerter Gebiete, die als wichtig für regionale Identitäten dargestellt wurden stattfand und nicht zugunsten einer generellen Absage an den Massentourismus, schafften es die Gruppen, einen Rückhalt in der Bevölkerung zu finden. Mit ihrem Fokus auf den Schutz bisher vom Massentourismus unberührter Gebiete, präsentierten die Umweltbewegungen zugleich ihre Alternative zu bestehenden politischen Maßnahmen, die die ökologischen Auswirkungen des Massentourismus begrenzten. So schrieb der bereits mehrfach erwähnte Erlass zu Mindeststandards 276 der touristischen Infrastruktur ja eben eine Begrenzung möglicher schädlicher Auswirkungen wie etwa die Kontamination des Meeres durch ungeklärtes Abwasser vor, aber eben keine territoriale Begrenzung des Massentourismus insgesamt, wie es die Umweltbewegungen vorschlugen. Begünstigt wurden solche Forderungen einerseits von den auch auf nationaler Ebene existierenden Überlegungen hinsichtlich der Begrenzung der ökologischen Auswirkungen und der Förderung des Landschafts- 275 Am stärksten ausgeprägt war dieser gesellschaftliche Konsens sicherlich im sogenannten Pakts des Vergessens, der beinhaltete, über die Verbrechen des Franquismus zu schweigen und diese nicht aufzuarbeiten, um den Übergang zur Demokratie nicht zu gefährden. Elsemann, „Niemals Wieder Bürgerkrieg“, S.-53 f. und 56. Bernecker beschreibt aber auch den gesamten Transitionsprozess als „das kompromisshafte Aushandeln von Änderungen“. Bernecker, Geschichte Spaniens, S.- 269. Auch Carlos Collado Seidel konstatiert: „So wurde der Konsens (consenso) zum wohl am häufigsten verwendeten politischen Begriff der Transición.“ Collado Seidel, Das Erbe, S.-20. 276 Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Empresas y Actividades Turísticas: Texto del Decreto Aprobado en el Consejo de Ministros del Día 19 de Noviembre de 1970 sobre Requisitos Mínimos de Infraestructura en los Alojamientos Turísticos, 19.11.1970. AGA, (3) 49.22 59882, Top. 42/ 18.601-18.602. <?page no="259"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 258 schutzes als auch regionalplanerischer Vorstellungen, die zur selben Zeit aufkamen und eine Harmonisierung von Raumnutzungen auf Grundlage territorialer Begrenzungen vorsahen. 277 Diese Überlegungen wurden wiederum durch die Forderungen der Umweltbewegungen und Bürgerinitiativen gestützt. Wenn die protestierenden Gruppen den gesellschaftlichen Konsens, der den Tourismus als Modernisierungsmotor betrachtete, nicht direkt herausforderten, so bleibt doch zu fragen, ob durch die Mobilisierungserfolge der Umweltbewegungen die mit diesem Konsens einhergehende Raumrepräsentation, die Landschaft und Natur im Wesentlichen als inwertzusetzende Ressourcen zu betrachten, indem man sie bebaute, in Frage gestellt wurde. Etwas weiter gefasst, impliziert dies die Frage nach der Entstehung eines Umweltbewusstseins, das die Einstellung ‚Tourismus überall und um jeden Preis‘ relativierte und damit auch eine neue Sicht auf die eigene Umwelt schuf. Solche Vorstellungen, dass Tourismus bei den Einheimischen zu einem gesteigerten Umweltbewusstsein führe, finden sich etwa in einem Aufsatz des britischen Soziologen John Urry, der sich intensiv mit dem Phänomen Tourismus auseinandergesetzt hat. 278 Solche pauschalen Aussagen auf abstrakter Ebene müssen sich an der empirischen Realität messen lassen. Dabei zeigt sich, dass die historische Entwicklung um Einiges komplexer war und nicht nach einer einfachen Gesetzmäßigkeit nach dem Muster ‚mehr Tourismus führt zu einer Entwicklung eines Umweltbewusstseins‘ verlief. So zeigt sich nämlich, dass solche Protestgruppen, die ein gesteigertes Umweltbewusstsein für sich in Anspruch nahmen, nicht in allen Regionen auftraten, wo auch der Tourismus ein gewisses Maß an Auswirkungen zeitigte. Die signifikanteste Kritik am weiteren Ausbau des Tourismus lässt sich in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren an der Costa Brava und auf Mallorca finden, während man ähnlich gelagerte Fälle etwa an der Costa del Sol 279 vergebens sucht. Damit sich ein Umweltbewusstsein herausbilden konnte, mussten folglich mehrere Bedingungen erfüllt sein. Erstens musste es ein klar umrissenes Gebiet geben, das zur Ursache eines Raumnutzungskonflikts werden konnte. Dies waren in der Regel Räume, die eine wichtige ökologische Funktion erfüllten oder denen ein Wert als ursprüngliche Landschaft zugeschrieben wurde. Zweitens musste für das Einsickern eines Umweltbewusstseins in breitere Schichten eine ‚pressure-group‘ vorhanden sein, die sich die Sache zu eigen machte und aktiv eine Sensibilisierungspolitik betrieb. Erst vermittelt über diese Protestgruppen und mit Bezug auf Konfliktlinien, die nicht in erster Linie mit dem Schutz der Umwelt zu tun hatten, konnte das Bewusstsein in die Öffentlichkeit diffundieren. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Tourismus die Formierung von Umweltbewegungen in den touristischen Regionen provozierte und 277 Vgl. Diputación Provincial de Baleares: Plan Provincial de Ordenación de Baleares. Documentos de la Ordenación. Volumen I, Palma de Mallorca 1973. 278 Urry, Tourist Gaze and the „Environment“, S.-8. Zum positiven Beitrag des Tourismus für den Schutz für bedrohte Landschaften und Tiere auf allgemeiner Ebene: Radkau, Ära der Ökologie, S.-461. 279 In der Provinz Málaga bildete sich erst 1988 eine Umweltbewegung heraus: vgl. http: / / www.revistaelobservador.com/ images/ stories/ envios_14/ enero/ silvema.pdf, (11.2.2015). <?page no="260"?> 259 4.2 Die Gefährdung der Umwelt durch den Tourismus die Entstehung einer breiteren Strömung begünstigte, die wiederum die Durchsetzung der Ziele ermöglichte. In diesem Kontext ist zudem danach zu fragen, ob das Jahr 1975 für die Herausbildung eines Umweltbewusstseins und die Konstituierung der Umweltbewegungen, die gegen den weiteren Ausbau des Massentourismus protestierten, eine wichtige Zäsur war. Blickt man auf die Chronologie der dargestellten Konflikte um landschaftlich bedeutsame und ökologisch wichtige Räume, so stellt man fest, dass eine definitive Nichterteilung von Baugenehmigungen sowie die Enrichtung von Naturschutzgebieten erst während der oder sogar nach der Transición stattfanden. Auch sind das Jahr 1975 und der Tod Francos wichtig im Hinblick auf den Wandel der von den Umweltbewegungen und Bürgerinititiven verfolgten Proteststrategien. Das Ende der Diktatur kann somit als Verschärfungssituation bezeichnet werden, in der sich neue Handlungsspielräume eröffneten, um sich mit Problemen auseinanderzusetzen, die schon länger Bestand gehabt hatten. Das Mittel der Besetzung der Baustellen beispielsweise oder von den Umweltbewegungen organisierte Demonstrationen ergänzten erst nach 1975 das Repertoire der Bewegungen. Zudem hatte die Bezugnahme auf die Bedeutsamkeit von Landschaften für den regionalen Zusammenhalt nach 1975 eine neue Qualität. Denn nach 1975 und insbesondere in Katalonien nach der Wiedergründung der Generalitat war damit zugleich die Hoffnung verbunden, dass die neuen region alen Institutionen bzw. die (Vor-)formen der Institutionen der Comunidades Autónomas die Konflikte auf regionaler Ebene lösen würden. Doch diese Punkte dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass die Ursachen dieser Konflikte und auch ihre Ausgestaltung in der Zeit der Diktatur vor 1975 bereits angelegt waren. So fällt die Formationsphase der Umweltbewegungen und tourismuskritischen Strömungen eindeutig in die Zeit der späten Diktatur, während hingegen die politische Ausführung der ‚Erfolge‘ dieser Gruppen in die Zeit der Transición fällt. Dabei war Tourismuskritik und das Thema Umwelt zugleich für die Akteure eine Möglichkeit, politisch zu sein, ohne politisch zu wirken und über Regionalismus zu sprechen, ohne als Dissident zu gelten. Damit erfüllten die Umweltbewegungen, die in den untersuchten Regionen auf die Entwicklung des Massentourismus reagierten, zugleich eine wichtige Funktion in der Kanalisierung bürgerschaftlichen Engagements, demokratischer Praktiken und regionalen Selbstbestimmungszielen in den touristischen Regionen. Dabei bildete die Sorge über die ökologischen Auswirkungen des Tourismus und die Zerstörung von Landschaften mit regionalistischer Symbolkraft den Ausgangspunkt der Kritik am Massentourismus, doch mündete diese rasch in größere Debatten darüber, welchen Stellenwert dem Tourismus innerhalb der touristischen Regionen in Zukunft zukommen sollte. Die Raumnutzungskonflikte zwischen Tourismus und Umweltschutz implementierten folglich ein neues Sprechen über den Tourismus. <?page no="261"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 260 4.3 Die tieferen Ursachen der Tourismuskritik der 1970er-Jahre Angesichts dieser Kritik an den Folgen des Entwicklungsmodells ‚Wachstum durch Tourismus‘ lässt sich fragen, warum es ausgerechnet in den frühen 1970er-Jahren zu dieser Ausformung der Tourismuskritik kam und dieses neue Sprechen über den Tourismus erst ermöglichte. Hierzu ist es notwendig, auf die allgemeine Wahrnehmung einer Krise im Tourismussektor seit dem Beginn der 1970er-Jahre einzugehen, die sich mit Ausbruch der Ölkrise noch weiter verschärfte. Ein erstmaliger Rückgang der Zahl der ausländischen Touristen war im Jahr 1974 unter dem Einfluss des Öl-Embargos zu verzeichnen. So kamen 1974 nur noch 29 437 993 ausländische Reisende ins Land, während es 1973 noch 31 605 806 gewesen waren. 280 Trotz der stetigen Zuwächse und dem erst sehr späten Rückgang der Touristenzahlen im Jahr 1974 lässt sich seit Anfang der 1970er-ein zunehmendes Krisenbewusstsein feststellen, das vor allem für die regionalen Gesellschaften, die mehr oder weniger direkt vom Tourismus abhingen, von großer Relevanz war. Es handelte sich demnach, zumindest bis 1974, nicht um eine Krise, die durch das Ausbleiben von Touristen verursacht wurde, sondern vielmehr um eine Krise, die durch ein starkes Wachstum und die Ausbildung von Überkapazitäten die Angst hervorrief, der Tourismus könne sich seine eigenen Grundlagen entziehen. In erster Linie handelte es sich also um eine antizipierte und weniger um eine reale Krise, die mit massiven Einkommenseinbußen durch ausbleibende Touristen einherging. Dies lässt sich an zwei zusammenhängenden Aspekten verdeutlichen. Der Infrastrukturbelastung und der Entstehung von Orten extremer Überkapazität. Überkapazitäten hatten sich besonders auf Mallorca herausgebildet. In Gegenden wie der Playa de Palma oder den Touristenorten von Calviá wie Magaluf oder Paguera war die Hoteldichte angestiegen, während das Infrastrukturnetz nicht in der gleichen Geschwindigkeit gewachsen war. Gleichzeitig blieb die Auslastung der Hotels immer öfter hinter dem zurück, was eigentlich rentabel war. Für die Hoteliers wurde es damit immer schwieriger, die für den Neubau oder die Erweiterung der Hotels aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen bzw. einen Gewinn einzufahren. So lag bereits 1971, also lange vor der Ölkrise, in den einschlägigen Orten auf Mallorca die Auslastung der Hotels im Durchschnitt nur bei 40%. 281 Nur 16% aller Hotels zeigten sich mit der erzielten Auslastung zufrieden. 282 Auch die Industrie- und Handelskammer Mallorcas betonte, dass sich im gleichen Jahr die Stimmung unter den mallorquinischen Hoteliers eingetrübt hatte und konstatierte, dass sich mittlerweile Angebot und Nachfrage enorm auseinanderentwickelt hatten. 283 An der Costa Brava war die Situation noch nicht so gravierend wie auf 280 Vgl. Abb. 1. 281 Fomento del Turismo de Mallorca: Informe Zonas Saturadas, 1972, ARM, GC 1958, S.-1. 282 Ebd. 283 Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca: Editorial. La evolución del turismo, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Ma- <?page no="262"?> 261 4.3 Die tieferen Ursachen der Tourismuskritik der 1970er-Jahre Mallorca, doch auch dort mehrten sich 1972 die Stimmen, die die Entwicklung des Tourismus zunehmend weniger rosig sahen. 284 Eine Umfrage unter Hoteliers stellte fest, dass sich nach deren Wahrnehmung die Wachstumsraten abgeschwächt hätten, auch wenn die Saison 1972 größtenteils besser als die vorige eingeschätzt wurde. Und trotz einer Zunahme der Touristenzahlen schien der Tourismus weniger Geld an die Costa Brava zu bringen. 285 Ein Krisenbewusstsein hatte sich zu Beginn der 1970er- Jahre nicht zuletzt auch im Tourismusministerium herausgebildet, wie in Kap. 4.2.1. bereits dargelegt wurde. Eine neue Dimension nahm die Krisenwahrnehmung allerdings erst mit dem Öl- Embargo von 1973 an. Nun wurde die Zukunft des massentouristischen Modells in Spanien grundsätzlicher in Frage gestellt und Ideen entwickelt, wie die Branche krisenfester gemacht werden und die einseitige Abhängigkeit vom Tourismus in den touristischen Regionen reduziert werden konnte. Greifbar wird diese ausgedehnte Krisenstimmung auf den offiziellen vom Ministerium veranstalteten Versammlungen der regionalen Asambleas del Turismo, die 1974 stattfanden und die Zukunft des Tourismus im Licht der Ölkrise thematisieren sollten. Auch wenn durch das Ministerium der Ablaufplan und die Teilnehmer festgelegt waren, so lassen insbesondere die regionalen Versammlungen einen Einblick in die Meinungen und Diskussionen über den Tourismus zu. 286 Auf Mallorca war die Diskussion besonders geprägt von der einseitigen Abhängigkeit der mallorquinischen Wirtschaft. So konstatierte einer der Redner auf der Regionalversammlung zum Tourismus: „[…] vielleicht sind die Füße des touristischen Riesens teilweise aus Ton gewesen.“ 287 Die Industrie- und Handelskammer diagnostizierte sogar „den Bruch unseres ökonomischen Modells“ 288 und konstatierte llorca 72 (1971), H. 672, S.-101-102, hier S.-101. 284 Vgl. auch Pack, Tourism and Dictatorship, S.-169 f. 285 Comunidad Turística de la Costa Brava: Cinco Preguntas a la Costa Brava, 18.12.1972, AHG, (3) Govern Civil 1619, S.-16. 286 Vgl. II Asamblea Nacional de Turismo: Asamblea Provincial de Baleares 1974: Ponencia: Criterios de Promoción November 1974, AGA, (3) 49.022 59273, Top. 72/ 16. II Asamblea Nacional de Turismo: El mercado turístico. Las corrientes turísticas, 1975, ARM, GC 1962. II Asamblea Nacional de Turismo: La oferta turística. Los alojamientos turísticos. Restaurantes y cafeterías. Otros servicios turísticos, 1975, ARM, GC 1962. II Asamblea Nacional de Turismo: Ordenación de los territorios turísticos. Territorios de preferente uso turístico y zonas y centros de interés turístico nacional, 1975, ARM, GC 1962. II Asamblea Nacional de Turismo, Asamblea Provincial de Baleares: Ponencia: Infraestructura November, 1974, ARM, GC 1962. II Asamblea Provincial de Turismo, Gerona: Ponencia I: Estudio de la infraestructura turística en relación con las necesidades actuales y futuras del desarrollo el turismo en la provincia, 1974, AHG, (3) Informació i Turisme 176. II Asamblea Provincial de Turismo, Gerona: Ponencia II: Desarrollo del Turismo en Gerona, 1974. AHG, (3) Informació i Turisme 176. 287 II Asamblea Nacional de Turismo: Asamblea Provincial de Baleares 1974: Ponencia: Criterios de Promoción, November 1974, AGA, (3) 49.022 59273, Top. 72/ 16, S.-2. 288 Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca: Editorial. La ruptura de nuestro modelo económico, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca 74 (1974), H. 684-685, S.-123-124. <?page no="263"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 262 Jetzt wissen wir, dass ein anhaltendes Wachstum des Tourismus, langfristig und ohne Brüche nicht möglich ist und dass die Drosselungen, die jedesmal immer stärker werden, unvermeidlich werden. Daher ist es notwendig zu beachten, dass wir weder unsere wirtschaftliche Vergangenheit aufgeben noch aufhören können, die begangenen Exzesse zu korrigieren. Wir müssen eine Umgestaltung des Systems, auf das wir über einen größeren Zeitraum hinweg das Wachstum unserer Wirtschaft gestützt haben, vornehmen. 289 Und auch an der Costa Brava war man sich bewusst darüber, dass die Ölkrise einen Einschnitt bedeutete: „Es sticht ins Auge, dass das Jahr, in dem wir leben, ein singuläres Profil innerhalb der bisherigen Geschichte der Zahlen des Auslandstourismus in Spanien einnehmen wird.“ 290 Diese Krise führte zu einer teilweisen Delegitimierung des Entwicklungsmodells Wohlstand durch Massentourismus. Da der Tourismus ab den frühen 1970er-Jahren zunehmend nicht mehr die Erwartungen erfüllte, die in ihn gesetzt wurden, wurde er angreifbar, und die oben geschilderten Kritikpunkte wurden auch in der Öffentlichkeit sagbar. Insbesondere in gebildeten, bürgerlichen und sozialdemokratisch sowie regionalistisch eingestellten Milieus auf Mallorca und an der Costa Brava verlor das Modell des billigen Massentourismus erheblichen Rückhalt. Die Hegemonie des Tourismus verlor an Strahlkraft durch die abnehmende wirtschaftliche Potenz und öffnente so ein Einfallstor für die Kritik an eben dieser Hegemonie und den Auswirkungen des Tourismus. Doch trotz der Krise und der Kritik am Massentourismus löste sich der regionale Konsens zur Förderung des Tourismus nicht völlig auf, sondern zeigte sich auch durch die Krise der 1970er-Jahre und trotz aller Kritik hindurch als robust. So wurden komplementär zur Diagnose der Krise Ansätze entwickelt, wie diese überwunden werden konnte und der Massentourismus weiterhin in den bisher von ihm abhängigen Regionen perpetuiert werden konnte, ohne die fast völlige Abhängigkeit von ihm fortzuschreiben. Neben Werbemaßnahmen, die zudem das Ausbleiben von Touristen durch die politische Krise im Kontext des Umbruchs von 1975 abfedern sollten, 291 forderten Vertreter der Tourismusbranche ein Mehr an staatlicher Planung und Regulierung. Dabei war deren Denken und daraus resultierenden Vorschläge von einem Paradox geprägt, das auf den ersten Blick nicht zu erklären zu sein scheint. Als Ursache für das Problem Mallorcas, das nun besonders deutlich zum Vorschein kam, wurde das 289 Ebd. 290 II Asamblea Provincial de Turismo, Gerona: Ponencia II: Desarrollo del Turismo en Gerona, 1974, AHG, (3) Informació i Turisme 176, Conclusiones. 291 Vgl. II Asamblea Provincial de Turismo de Baleares 1974: Segunda Ponencia: Oferta básica y complementaria, November, AGA, (3) 49.22 59273, Top. 72/ 16, S.- 20. Ministerio de Información y Turismo: Campaña de Promoción Costa del Sol Dezember, 1975, AGA, (3) 49.22 71/ 11129. S.A.E. de Relaciones Públicas: Programa Promocional Costa Brava 1973, 1972, AHG, (3) Govern Civil 1620. II Asamblea Nacional de Turismo: Asamblea Provincial de Baleares 1974: Ponencia: Criterios de Promoción November 1974, AGA, (3) 49.022 59273, Top. 72/ 16. <?page no="264"?> 263 4.3 Die tieferen Ursachen der Tourismuskritik der 1970er-Jahre Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ausgemacht. Ein Übermaß an Angebot stünde nun einer geringer werdenden Nachfrage gegenüber. Um dem Abhilfe zu schaffen, sei es notwendig, endlich eine strukturierte Planung des Tourismussektors vorzunehmen. Genau auf diesem Feld habe das Ministerium für Information und Tourismus in den letzten Jahren versagt und damit die Situation provoziert, in der sich Mallorca 1973/ 74 befand. Nur durch einen Eingriff in die Marktwirtschaft zur Kontrolle des Wachstums des Angebots, angepasst an die Entwicklung der Nachfrage könne die Krise überwunden werden. 292 Paradox war dieses Denken deshalb, da die konkreten Maßnahmen, die die mallorquinischen Hoteliers neben der strikten Planung des Angebots vorschlugen, alle ausnahmslos auf eine größere Freiheit der Unternehmer, sprich der Hotelbesitzer hinausliefen. Durch die Abschaffung von Preisfestlegungen, dem Beschwerdebuch und weiteren Vorschriften 293 sollte eine Liberalisierung erreicht werden, die es ermöglichte, ein effizienteres Unternehmen zu führen. Staatliche Planung - in Form von Konzessionierung bzw. Nicht-Konzessionierung der Neueröffnung von Hotels zur Steuerung des Angebots und damit ein tiefer Eingriff in die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen - war aus der Sicht der Hoteliers durchaus kompatibel mit der Liberalisierung der Vorschriften. Indem sie sich so verhielten, versuchten sie ihre eigenen Interessen gegenüber möglichen neuen Konkurrenten abzuschotten und zu sichern. Ein Bruch des Planungs- und Machbarkeitsdenkens im Gefolge der Krise von 1973 lässt sich also für den mallorquinischen Tourismussektor nicht konstatieren, im Gegenteil: Planung wurde, wenn sie der Sicherung der eigenen Interessen diente, durchaus aus Mittel der Wahl zur Überwindung der Krise angesehen. Mit der Forderung nach einer strengeren Regulierung und umfassenderen Planung des Ausbaus des Tourismus befand sich die Tourismusbranche im Einklang mit den Forderungen der Tourismuskritiker wie sie aus ökologischen Motiven bereits vor 1975 geäußert worden waren, allerdings aus divergierenden Interessen heraus. Dieser Konsens im Dissens bezog sich nur auf das Frage, wie zu einer Lösung zu kommen sei, aber nicht auf das zu erreichende Ziel. Stimmte die Tourismusbranche für eine Mehr an Planung und Regulierung, so tat sie dies, um die touristischen Regionen auf dem internationalen Tourismusmarkt konkurrenzfähig zu halten und nicht, um den Ausbau des Tourismus generell zu unterbinden oder einzuschränken. Stattdessen schafften zentrale Interessen- und Lobbygruppen es, das Festhalten am Modell des Massentourismus durchzusetzen, indem sie bei Politikern auf offene Ohren trafen und die wachstumsfreundliche Politik fortgesetzt wurde, die sich wiederum in der Anlage von regionalweit gültigen Plänen zum gesteuerten Ausbau der Tourismusbranche äußerte. Diese Pläne machten deutlich, dass der Tourismus nach wie vor der zentrale Motor der regionalen Wirtschaft darstellen sollte, auch wenn als Antwort 292 II Asamblea Provincial de Turismo de Baleares 1974: Segunda Ponencia: Oferta básica y complementaria, November 1974, AGA, (3) 49.22 59273, Top. 72/ 16, S.-9-11. 293 Ebd., S.-15 und 34. <?page no="265"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 264 auf die Krise auch eine Diversifizierung der Wirtschaft angestrebt wurde. 294 So hieß es im Plan zur Regulierung des touristischen Angebots auf Mallorca aus dem Jahr 1980: Die Bewahrung des Wohlstandsniveaus, das die Bewohner der Insel in den letzten Jahren erreicht haben, hängt zu einem beträchtlichen Teil von der Kontinuität auf dem Feld des Tourismus ab, weil der größte Teil der wirtschaftlichen Aktivitäten der Insel vom Tourismus abhängt. Deshalb entwirft der Plan eine Serie von Maßnahmen, um diese Kontinuität beim Zustrom von Touristen zu erhalten. 295 Da es im Verlauf der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren zu deutlichen Lohnsteigerungen bei den Angestellten im Tourismussektor kam, 296 kann angenommen werden, dass dies ebenfalls zu einer Akzeptanzkontinuität des massentouristischen Modells führte. Dies legte den Grundstein für den zweiten Tourismusboom, der in den 1980er-Jahren einsetzte. Nach kleineren Einbrüchen in den Touristenzahlen 1975 durch den politischen Umbruch und 1980/ 81 durch konjunkturelle Schwankungen, stabilisierte sich die Tourismusbranche und trat in eine neue Phase des Wachstums ein, die die Touristenzahlen in ungeahnte Höhen steigen ließ. 297 Doch durch die häufiger werdenden Proteste und gezielteren Vorgaben und genaueren Planungen seitens der Politik 298 war spätestens seit 1975 ein Ausbau touristischer Räume nicht mehr um 294 Das gilt zum einen für die noch unter der Diktatur erarbeiteten Regionalpläne, die genau dafür etwa auf Mallorca durch zivilgesellschaftliche Akteure wie den Architektenverband Kritik ernteten. Diputación de Baleares: Plan Provincial de Ordenación de Baleares 1973. ARM, GC 2048. Colegio Oficial de Arquitectos de Cataluña y Baleares: Consideraciones sobre el plan provincial de urbanismo, in: Diario de Mallorca (9.2.1972). Xim Rada: „El Plan Provincial no es realmente un plan“, in: Diario de Mallorca (9.7.1971). Promotores de la Costa del Sol, D.L.: Esquema de planificación del desarrollo de la Costa del Sol Occidental, Málaga 1974. Doxiadis Iberica S.A., Consultores de Planeamiento y Ekistica: Plan General de Ordenación de la Provincia de Gerona, 1° Informe, Februar 1971, AHG, B 509. Zum anderen gilt das aber auch für die während der Transición erstellten Pläne: Ministerio de Comercio y Turismo, Secretaría de Estado de Turismo: Plan de Ordenación de la Oferta Turística de la Costa Brava (Gerona). Conclusiones por Municipio, 1978, AHG (3) Informació i Turisme 180. Secretaría de Estado de Turismo: Plan de ordenación de la oferta turística. Municipios costeros Isla de Mallorca, Bd. 5, Madrid 1980, S.-53 f., wobei sich das Wachstum nun auf den Ausbau von Ferienwohnungen statt Hotelzimmern konzentrieren sollte. 295 Ebd., S.-193. 296 Seguí Llinàs, El turisme, S.-12. 297 So stieg die Zahl der Spanienbesucher zwischen 1980 und 1990 von 32 925 110 auf 52 044 056 Personen. Esteve Secall/ Fuentes García, Economía, historia e instituciones, S.-309 und 374. Insbesondere auf Mallorca werden die 1980er Jahre als ‚zweiter Boom‘ des Tourismus bezeichnet. So stiegen die Touristenzahlen auf den Balearen von 2 780 925 im Jahr 1980 auf 4 885 400 im Jahr 1990. Benítez Mairata u.a., El Turisme, S.-90 f. 298 Dies gilt sowohl für den gezielten Ausbau des touristischen Angebots, als auch für die Regulierung der Bauaktivitäten selber. Ministerio de Comercio y Turismo, Secretaría de Estado de Turismo: Plan de Ordenación de la Oferta Turística de la Costa Brava (Gerona). Conclusiones por Municipio, 1978, AHG, (3) Informació i Turisme 180. Ministerio de Comercio y Turismo, Secretaría de Estado de Turismo: Plan General del Término Municipal de Lloret de Mar, Directrices Especiales May 1980, <?page no="266"?> 265 4.4 Zwischenfazit jeden Preis möglich, auch wenn am Tourismus als prinzipieller Wohlstandsquelle und somit dessen Ausbau festgehalten wurde. 4.4 Zwischenfazit Das vorliegende Kapitel fragte in erster Linie danach, wie der Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre etablierte regionale Konsens, dass der Tourismus der Motor von Fortschritt und Entwicklung sei, herausgefordert wurde. Dabei zeigte sich, dass im Zeitverlauf ein Wechselspiel zwischen Kontinuität und Wandel entstand. Als der regionale Konsens in den 1960er-Jahren durch alternative Wege der Modernisierung, namentlich durch eine Industrialisierung herausgefordert wurde, zeigte sich zunächst dessen Beständigkeit und Beharrungskraft. Als der Tourismus dann um 1970 in eine krisenhafte Situation abglitt, schaffte dies gleichzeitig die Voraussetzung dafür, das Entwicklungsmodell zu kritisieren und bewirkte damit eine Verstärkung der krisenhaften Wahrnehmung des Sektors. In der während dieser Krise geäußerten Kritik am Wachstumsmodell manifestierte sich eine partielle und sozial differenzierte oppositionelle Haltung gegenüber dem weiteren Ausbau des Tourismus als Grundpfeiler der regionalen Wirtschaft. Trotz dieser Krise und der Kritik blieb das Modell insgesamt jedoch wirkmächtig und behielt seine Kontinuität. Damit bleibt abschließend zu fragen, was die in diesem Kapitel dargestellten Raumnutzungskonflikte, Auseinandersetzungen um Entwicklungsmodelle und Regulierungsversuche des Tourismus in den regionalen Gesellschaften über den eigentlichen Tourismussektor hinaus bewirkten. In erster Linie haben die Ausführungen gezeigt, dass der Tourismus in den untersuchten Regionen der zentrale Dreh- und Angelpunkt war, über den Raumvorstellungen, Entwicklungsmodelle und Zukunftsentwürfe verhandelt wurden. Der Tourismus wurde somit von den Zeitgenossen als die treibende Kraft hinter gesellschaftlichen Prozessen in den untersuchten Räumen erkannt. Nimmt man ernst, dass der Tourismus im Zentrum einerseits der sozialen Entwicklungen und andererseits der gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse stand, so lässt sich ihm zugleich eine Wirkmächtigkeit hinsichtlich von Veränderungen in eben diese regionalen Gesellschaften zuschreiben. Neben den offensichtlichen Veränderungen wie der zunehmenden touristischen Bebauung und dem damit einhergehenden Landschaftswandel, sind zudem Wandlungsprozesse hinsichtlich von Öffentlichkeitsstrukturen, die in diesen Regionen maßgeblich durch den Tourismus ausgelöst wurden, zu konstatieren. Das Sprechen über den Tourismus und die Diskussionen über die Zukunft der Regionen im Angesicht der fundamentalen Umwälzungen, die der Tourismus mit sich brachte, implementier- AHG, (1) Comerç i Turisme 118, Exp. 304. Ministerio de Transportes, Turismo y Comunicaciones, Secretaría de Estado de Turismo: Término Municipal de Tossa de Mar, Directrices Especiales April 1981, AHG, (1) Comerç i Turisme 118 Exp. 305. Secretaría de Estado de Turismo, Plan de ordenación. Seguí Llinàs, El turisme, S.-19. <?page no="267"?> 4. Konflikte um das touristische Entwicklungsmodell 266 te ein neues Modell von Öffentlichkeit, das sich fundamental von dem unterschied, das bis gegen Ende der 1960er-Jahre in diesen ländlichen Gesellschaften dominiert hatte. So nutzten Protestgruppen und Bürgerinitiativen die im Spätfranquismus entstehenden Möglichkeiten zur Artikulation von Kritik, die das Regime geschaffen hatte. Das liberalisierte Pressegesetz, das der Informations- und Tourismusminister Fraga 1966 Jahre erlassen hatte, war hierfür eine der wichtigsten Voraussetzungen. Zu einer tatsächlichen Veränderung der Öffentlichkeitsstrukturen der untersuchten Regionen führten solche Maßnahmen alleine jedoch nicht. Erst durch die Nutzung dieser Möglichkeiten durch die angesprochenen zivilgesellschaftlichen Akteure veränderte sich die Öffentlichkeit tatsächlich. Die durch den Tourismus als Triebkraft ökonomischen und sozialen Wandels hervorgerufenen Umgestaltungen provozierten gesellschaftliche Reaktionen, Gegenbewegungen, aber auch Beharrungstendenzen. Der dabei entstandene Streit darüber, wie Räume genutzt werden sollten, und die damit zusammenhängenden Konflikte über verschiedene Entwicklungsmodelle, also im Wesentlichen die Frage, ob Fortschritt in erster Linie durch den Tourismus oder die Industrie zu erreichen sei, sorgten dafür, dass Identifikationen mit dem Modell des Massentourismus nach außen in die regionale und nationale Öffentlichkeit getragen wurden und solche Auseinandersetzungen nicht mehr nur eine Frage war, die Technokraten beschäftigte, sondern die sich herausbildende Zivilgesellschaft. Die Konflikte um den weiteren Ausbau des Tourismus und damit das Angreifen des regionalen Konsenses vor allem aus ökologischer Motivation bedeuteten einen weiteren Schritt in Richtung einer partizipativen Öffentlichkeit. Mit Umweltbewegungen und Bürgerinitiativen traten zudem neue Akteursgruppen auf, die explizit ein neues Konzept von Öffentlichkeit für sich reklamierten, indem sie den Anspruch vertraten, die Bevölkerung umfassend über die Relevanz von Umweltthemen und die Auswirkungen des Massentourismus zu informieren und für diese Sachverhalte gleichzeitig zu sensibilisieren und zu mobilisieren. Das Franco-Regime hatte also in seinem Bemühen um Legitimität bei der Bevölkerung in einer Zeit, als Spanien eine der letzten postfaschistischen Diktaturen in Westeuropa war, selber eine wesentlichen Teil dazu beigetragen, Raum für Kritik zu schaffen. In seinem Bemühen, durch eine wirtschaftliche und zunehmend auch gesellschaftliche Liberalisierung für Akzeptanz in der Bevölkerung zu sorgen und so sein eigenes Leben zu sichern, öffnete es einen Möglichkeitsraum, der bei der Debatte über die Auswirkungen des Tourismus nun intensiv genutzt wurde. Dabei verschob sich auch die Grenze des Sag- und Machbaren im Rahmen der Diktatur. In der Öffentlichkeit wurden Entscheidungen des Regimes, so wie die Förderung des Massentourismus kritisiert und zugleich Maßnahmen eingefordert, die das Regime ergreifen sollte. Damit wurde Tourismus ein Feld, auf dem Kritik am Regime indirekt geäußert werden konnte und somit die Grenze des Sagbaren verschoben wurde. Umgekehrt blieben die Grenzen des Machbaren allerdings noch bis 1975 relativ klar umrissen. Protestaktionen im öffentlichen Raum wie Demonstrationen oder <?page no="268"?> 267 4.4 Zwischenfazit Besetzungen von Baustellen können vor 1975 nicht verzeichnet werden. Hier brach der Damm erst nach dem Tode Francos. Auch die transnationale Dimension dieser regionalen Öffentlichkeit begann erst nach dem Ende der Diktatur klarere Konturen zu bekommen. Erst in der Phase der Transición gelang eine sukzessive Einbindung von Akteuren jenseits des spanischen Nationalstaats. Indem es der GOB schaffte, Vogelschutzvereine aus anderen Ländern zu Interventionen bei Regionalpolitikern zugunsten der Einrichtung von Naturschutzgebieten zu bringen, wurden zunehemend Stimmen von außerhalb der Landesgrenzn in die regionale Öffentlichkeit auf Mallorca integriert. Dieser Befund legt an dieser Stelle eine Auseinandersetzung mit der in der Einleitung dargelegten Kontroverse nahe, ob der Tourismus in Spanien zur Demokratisierung der Gesellschaft beitrug oder stattdessen die diktatorisch-autoritären Strukturen des Francoregimes stärkte. So ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Beschäftigung und Auseinandersetzung um die touristischen Räume einen demokratisierenden Effekt hatten. Die Debatten um den weiteren Ausbau des Tourismus zu Beginn der 1970er-Jahre, die maßgeblich von den Umweltbewegungen geprägt wurden, aber auch schon das Parteiergreifen gegen eine Industrialisierung touristischer Räume in den 1960er-Jahren zeigen eine verstärkte Beteiligung einer aufkeimenden Zivilgesellschaft an der Gestaltung räumlicher und wirtschaftlicher Strukturen. Mit der Transición bekamen Protestbewegungen und neue Formen des Widerstands gegen den Ausbau des Tourismus Aufwind und sorgten somit gleichzeitig in der Peripherie dafür, dass solche demokratischen Praktiken in der Bevölkerung verankert wurden. Die Multiplizität der wahrgenommenen Krisen - zuerst der touristischen, dann der globalen Ölkrise, des Konjunkturabschwungs und zusätzlich der politischen Krise verursacht durch das Ende des Francoregimes in der ersten Hälfte der 1970er- Jahre - wirkte auf die sich andeutenden veränderten Strukturen der öffentlichen Wahrnehmung, der Thematisierung und Bewertung des massentouristischen Modells katalysatorisch und forderte damit zugleich den regionalen Konsens heraus. Damit ist zugleich belegt, dass kritische Stimmen, Proteste und Opposition gegenüber den ökologischen, landschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen des Tourismus in den touristischen Regionen Spaniens bedeutend früher einsetzten, als dies in der Forschung bisher angenommen wurde. 299 Zudem legen Quellen aus anderen Regionen nahe, dass es sich um ein generalisiertes Krisenphänomen der 1970er-Jahre im europäischen Kontext handelte. So ist eine Synchronizität mit tourismuskritischen Stimmen in anderen europäischen Ländern gegeben, die sich im Verlauf der 1970er-Jahre mehrten und verstärkt das Modell des Massentourismus in Frage stellten. 300 Noch bedeutend früher setzte allerdings die Auseinandersetzung mit den kulturellen Auswirkungen des Tourismus ein, der zu einem zentralen Faktor der Funktionslogik massentouristischer Räume seit den 1950er- Jahren wurde. 299 Buswell: Mallorca. The making, S.-301. 300 Vgl. etwa Krippendorf, Die Landschaftsfresser. Studienkreis Tourismus, Ferienzentren. <?page no="270"?> 269 5 Touristifizierte Interaktionszonen Mallorca ist nicht mehr die gleiche Insel wie vor fünfzehn Jahren. Während ihre natürliche Isolation sie über die Jahrhunderte hinweg geprägt hat, drückt ihr heute der Tourismus einen ganz anderen Stempel auf; und wenn die aktuelle Tendenz noch ein paar Jahre andauert, was im Moment das Natürlichste zu sein scheint, wird die neue Art zu leben für Mallorca so charakteristisch sein, wie es früher die andere war. 1 Für den Bischof von Mallorca brachte der Mitte der 1950er-Jahre einsetzende Massentourismus einen solch fundamentalen Wandlungsprozess für die Insel mit sich, dass er aus Sicht der Kirche zur gewichtigsten Zäsur in der Geschichte Mallorcas wurde. Weder der Bürgerkrieg noch die Etablierung des sogenannten ‚Neuen Staates‘ Francos bildeten einen vergleichbar wichtigen historischen Einschnitt wie die massenhafte Ankunft der Touristen. Für den Bischof bedeutete der ausländische Massentourismus die Ursache des Wandels eines ganzen Lebensstils, der in der Folge des Tourismus vor allem von Triebkräften geprägt waren, die von außerhalb der Insel Mallorcas kamen und fundamental in Opposition zu dem Lebensstil stand, der angeblich bisher auf der Insel geherrscht habe. Damit konstatierte der Bischof, dass der Tourismus zum einen massive Auswirkungen auf die Gesellschaft Mallorcas habe und zum anderen artikulierte er damit seine Angst, dass das, was er für ursprünglich mallorquinisch hielt, bald verschwunden sein werde und die Anpassung an die Lebensgewohnheiten und Einstellungen bald das Leben auf der Insel dominieren werde. Der Bischof kann zum Zeitpunkt seiner Aussage am Beginn der 1960er-Jahre durchaus als wichtige Stimme auf der Insel bezeichnet werden. Seine Wahrnehmung war deshalb innerhalb der Gesellschaft der Insel von herausragender Bedeutung, da die Kirche bei großen Teilen der Bevölkerung immer noch als wichtige gesellschaftliche Autorität galt. Repräsentativ für die Inselbevölkerung mussten seine Aussagen aber nicht sein, da sie von einer spezifischen Wahrnehmung gesellschaftlicher Wandlungsprozesse aus kirchlicher Sicht ausgingen. Die Bewertung dieses Wandels aus kirchlicher Perspektive bedarf deshalb einer Einordnung, die im Verlauf des Kapitels vorgenommen werden soll. Folgt man den Aussagen des Bischofs, dann lassen sich die Tourismusregionen der spanischen Mittelmeerküste als Interaktionszonen 2 bezeichnen. Diese Interaktionszo- 1 Obispo de Mallorca: Carta Pastoral, in: Boletín Oficial del Obispado de Mallorca 101 (1961), H. 4, S.-92-103, hier S.-92. 2 Diese Begriffsbildung ist an das Konzept der Kontaktzone von Mary Louise Pratt angelehnt. Da es sich hier allerdings um einen Ansatz handelt, der auf koloniale Machtverhältnisse gemünzt ist und zudem mit dem Wort ‚Kontakt‘ suggeriert, es sei innerhalb dieser Zone stets zu Kontakten gekommen, wird der in Bezug auf die Qualität und Häufigkeit sowie die Frage der Machtverhältnisse neutralere Begriff der Interaktionszone verwandt. Zur ‚contact zone‘ vgl. Pratt, Imperial Eyes, S.-6. <?page no="271"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 270 nen werden hier aber nicht nur als Räume der Begegnung oder des kontaktlosenen Nebeneinanders aufgefasst, sondern auch als Repräsentationsräume. Einerseits folgten Formen kultureller Äußerungen den imaginären Grenzziehungen, die die Zeitgenossen innerhalb der Touristenorte zwischen den Räumen, die sie für sich beanspruchten und den von den Touristen genutzten Räumen vornahmen, und andererseits war das Reden über die Auswirkungen des Tourismus auf die eigene Kultur maßgeblich ein Reden über das erwünschte oder unerwünschte Verhalten von Touristen und Einheimischen in bestimmten Räumen. Ziel des Kapitels ist es, auszuloten, wie touristische Räume 3 in Spanien in ihrer Alltäglichkeit funktionierten und wie Einheimische sowie in eingeschränkter Weise auch Touristen mit Repräsentationen von Differenz in diesen Räumen umgingen. Im Fokus steht dabei die Frage, ob der internationale Massentourismus als Folge des dargestellten regionalen Konsenses, tatsächlich, wie vom Bischof von Mallorca eingangs befürchtet, Lebensweisen und Moralvorstellungen langfristig so veränderte, dass eine Homogenisierung und Anpassung an den Lebensstil der ausländischen Touristen erfolgte. Aus einer Perspektive, die sich für die Auswirkungen grenzüberschreitender Prozesse wie in diesem Fall dem ausländischen Tourismus und den Umgang mit deren Folgen interessiert, gilt es zu ergründen, wie sich die abwehrende Haltung gegenüber dem kulturell ‚Anderen‘, das sich für den Bischof in Form der Touristen zeigte, und das Beharren auf dem kulturell ‚Eigenen‘, zu einer Instrumentalisierung kultureller Differenz zur Selbstrepräsentation gegenüber den Touristen und der möglichen Übernahme von Praktiken der Touristen durch die Einheimischen verhielten. In Anlehnung an den Forschungsstand zur Geschichte der Globalisierung und der Globalgeschichte stellt sich in diesem Kapitel also die Frage, wie sich Homogenisierungs- und Heterogenisierungsprozesse gegenseitig bedingten. Die Globalgeschichte hat Prozesse von Homogenisierung und Heterogenisierung als zentrale Folgen von Bewegungen charakterisiert, welche die Grenzen von Staaten überschreiten. 4 Globale Interaktionen führten, so eine maßgebliche These, nicht nur zu einer weltumspannenden Uniformität. 5 Vielmehr resultierten sie auch in Gegenbewegungen, die eben nicht aus der Übernahme des ‚Fremden‘, sondern in der Betonung des ‚Eigenen‘ bestanden. 6 Prozesse der Homogenisierung führten also in vielen Fällen zur Initiierung oder Dynamisierung von Heterogenisierungsprozessen. 7 Als dritte Möglichkeit der Folgen 3 In diesem Kapitel werden vornehmlich Strände und Orte der Unterhaltung für die Touristen untersucht. Zum zweifellos ebenfalls interessanten Interaktionsort Hotel fehlt leider die notwendige Quellengrundlage. 4 Robertson, Glokalisierung, S.-196. 5 Christian Bayly hat besonders die uniformierende Wirkung globaler Prozesse betont, dabei aber auch auf die Widerstände und Gegenbewegungen hingewiesen. Bayly, Die Geburt, S.-13 und 318. 6 Epple, Globalisierung/ en, S.-11. Dies., Unternehmen Stollwerck, S.-11. Darauf hatte Henri Lefebvre bereits 1974 hingewiesen: „[…] the worldwide does not abolish the local.“ Lefebvre, Production of space, S.-86. 7 So weist Sebastian Conrad auf die enge Verknüpfung von Globalisierung auf der einen Seite und dem Nationalismus bzw. dem Aufstieg des Nationalstaats auf der anderen Seite hin. Conrad, Globalisie- <?page no="272"?> 271 5 Touristifizierte Interaktionszonen dieser Begegnungen kann zudem die Möglichkeit der Ausbildung von Hybriditäten 8 genannt werden, die Mischungen zwischen dem ‚Eigenen‘ und ‚Fremden‘ darstellen. Folgt man dieser Annahme und übernimmt Homogenisierung, Heterogenisierung und Hybridisierung als analytische Kategorien, ohne zu unterstellen, dass es im Verlauf der Geschichte zu einer teleologischen Entwicklung hin zu einer immer größeren Uniformität gekommen sei, 9 ergibt sich zugleich die Frage nach dem analytischen Mehrwert dieser Kategorien im Hinblick auf unterschiedliche Interaktionsszenarien. Will man eine empirisch unterfütterte Globalgeschichte betreiben, dann ist für jede Form von Interaktion über Grenzen hinweg zu fragen, wie sich Hetero- und Homogenisierungen zueinander verhielten. So kann die Antwort etwa für koloniale Abhängigkeitsbeziehungen, wechselseitige Beeinflussungen durch den globalen Handel mit Waren oder grenzüberschreitende Solidaritätsbewegungen verbunden mit der generellen Kontingenz historischer Entwicklungen jeweils ganz unterschiedlich ausfallen. Das Kapitel macht es sich zur Aufgabe, die Spezifika touristischer Homo- und Heterogenisierungsprozesse herauszuarbeiten und so einen Beitrag zur Differenzierung des allgemeinen Verständnisses grenzüberschreitender Beziehungen und Interaktionen zu leisten. Mithin ist also zu fragen, wie sich beide Prozesse im Beispiel des Spanientourismus gegenseitig bedingten, Akteure sie wahrnahmen und versuchten zu steuern. Zugleich können damit Annahmen, wie etwa, der Massentourismus führe zu einer völligen Degeneration lokaler Kultur und zur Zerstörung kultureller Eigenheiten, so wie sie Zeitgenossen wie der Bischof von Mallorca in dem eingangs zitierten Hirtenbrief prophezeite, überprüft werden. Gleichzeitig wird es so möglich, den in solchen Aussagen zweifellos mitschwingenden tourismuskritischen Diskurs adäquat zu historisieren. 10 Als produktiv erscheint es damit, offen danach zu fragen, wie die historischen Akteure mit Differenz in den touristischen Räumen umgingen und darauf reagierten, anstatt schon im Vorfeld der Analyse davon auszugehen, dass es durch den internationalen Massentourismus zu einer Homogenisierungswirkung kam, die ländliche, scheinbar besonders traditionsverbundene Regionen, gewissermaßen automatisch modernisierte. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass es das offene Spiel der Prozesse von touristischer Homo- und Heterogenisierung und das Sprechen darüber zu vermessen gilt. Das vorliegende Kapitel nährt sich in einem Dreischritt der Frage des Umgangs mit Differenz in den touristischen Räumen und den durch den Tourismus verursachten Veränderungen. Um die abwehrende Haltung gegenüber einem scheinbar vom Tourismus hervorgerufenen Homogenisierungsprozess herauszuarbeiten, werden in dem ersten Unterkapitel Diskussionen über kulturellen Einfluss und moralisches Verhalten von Touristen und Einheimischen dargestellt. Sodann rückt die entstandene Tourismuskultur in den Vordergrund, wobei vor allem gezeigt wird, wie eine produktive Nutzung von Differenz mit einem weiteren Homogenisierungsprozess einherging. Im rung und Nation, S.-316. Rosenberg, Einleitung, S.-17 f. 8 Wendt, Vom Kolonialismus, S.-328. 9 Epple, Globalisierung/ en, S.-11. 10 Flitner/ Langlo/ Liebsch, Kultur kaputt, S.-86 und 94. <?page no="273"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 272 letzten Unterkapitel wird dann der Frage nach den Wandlungsprozessen lokaler Kultur unter dem Einfluss des Tourismus nachgegangen. Dabei kann, wie so oft in dieser Studie, nur exemplarisch gearbeitet werden. Die Überlieferungslage bringt es mit sich, dass gerade zu dieser letzten Beobachtung etwa ausreichendes Quellenmaterial für den Ort Lloret de Mar an der Costa Brava sowie Mallorca als Ganzes zu finden war, während dies für andere Orte nicht möglich war. Die Ergebnisse des Kapitels sind trotzdem als repräsentativ anzusehen, da Lloret mit Sicherheit als ein signifikantes Beispiel eines eminent touristischen Orts in Spanien gelten kann. Zugleich ist seine Lage in Katalonien aber auch ein Spezifikum, das ihn etwa von Orten an der Costa del Sol unterscheidet und so wiederum als Explanans für diese Unterschiede fungieren kann. Zudem verweist die Reichweite der thematisierten kulturellen Praktiken und die daraus resultierenden Beziehungen auf die Ähnlichkeit zu anderen Orten an der Costa Brava, so dass sich die auf Lloret fokussierten Beobachtungen auf den Rest der Costa Brava übertragen lassen. 5.1 „Die Moralisierung der Strände“ 11 Obwohl die Zahl der Touristen Ende der 1940er- und während der 1950er-Jahre noch sehr gering war, spielte die Auseinandersetzung um die Folgen des Tourismus auf die Verhaltensweisen und die Werte der Bevölkerung eine bedeutende Rolle. Noch war der Tourismus soziologisch 12 gesehen bereits zu diesem Zeitpunkt weder ein Massenphänomen in Spanien noch in den nordwesteuropäischen Ländern. Er war höchstens auf dem Weg dahin, eines zu werden. Doch richtet man seinen Blick auf die Orte, an denen sich die Touristen ansammelten, analysiert den Tourismus also von seiner phänomenologischen Seite 13 her, dann zeigt sich, dass auch der Tourismus der 1950er- Jahre in den touristischen Regionen durchaus als Massenphänomen, als eine „[…] Überschwemmung […]“ 14 , wie es der Bischof von Mallorca 1961 rückblickend auf die vergangenen Jahre ausdrückte und er in einigen Punkten als Bedrohung für die eigene Identität 15 wahrgenommen wurde. 16 In diese Kerbe schlug auch schon der Leitartikel einer mallorquinischen Tageszeitung aus dem Jahr 1954: 11 Obispo de Mallorca, Carta Pastoral, S.-100. 12 Spode, Luftpolitik, S.-491. 13 Ebd. 14 Obispo de Mallorca, Carta Pastoral, S.-91. 15 Es geht hier nicht darum, den untersuchten Gesellschaftsgruppen eine wie auch immer geartete Identität zu unterstellen, sondern nachzuzeichnen, wie Identifikationsprozesse im Zusammenhang mit dem Tourismus und der Auseinandersetzung mit seinen Auswirkungen abliefen. Im Zentrum steht eine prozessuale Identifikationen und die Veränderung oder Vergewisserung eines Selbstverständnisses der untersuchten Akteure. Vgl. dazu: Cooper, Identität, S.-131 und 135. 16 Obispo de Mallorca: Texto del discurso pronunciado por el Excm. y Rvdmo. Sr. Obispo de Mallorca en la clausura de la XVII-Asamblea Diocesana de los Hombres de Acción Católica el 6 de Noviembre de 1960, in: Boletín Oficial del Obispado de Mallorca 100 (1960), H. 12, S.-258-271, hier S.-266. Sobre los excesos y peligros del verano. Exhortación del Excmo. y Rdmo. Sr. Obispo, in: Correo (16.7.1953). <?page no="274"?> 273 5.1 „Die Moralisierung der Strände“ Die anpassungsfähige Moral einiger Breitengrade, die Idiosynkrasie einiger Völker, kann nicht hierher verpflanzt werden, weil ihre Verwurzelung hier ein Anlass dafür wäre, dass die unumstößlichen Prinzipien, die uns in geistlicher Hinsicht großartig gemacht haben, verschwinden könnten. Wir versuchen von den Eigenschaften derer, die uns besuchen, das Gute zu assimilieren und diese uns zum Vorbild zu nehmen. Aber es kann nicht zugelassen werden, dass zahlreiche Sitten und Moden, die der christlichen Tradition unseres Landes widersprechen, auf unserer Haut Spuren hinterlassen. Wenn diese die Prinzipien eines einfachen Zusammenlebens und des gegenseitigen Respekts überschreiten, müssen sie unterbunden werden. 17 Die Kirche war eine der ersten gesellschaftlichen Institutionen, die sich mit den Folgen und Auswirkungen des Tourismus auseinandersetzte. 18 In den Fokus kirchlicher Kritik am Tourismus gerieten zunächst die neuen Verhaltensweisen, welche die ausländischen Touristen während ihres Urlaubes an den spanischen Küsten zeigten und die aus Sicht der Kirche für die Moral und die Religiosität der spanischen Bevölkerung bedrohlich erschienen. Die Kirche machte damit die ausländischen Touristen zu Importeuren von für Spanier fremde Verhaltensweisen und Einstellungen, welche die Moral dieser zu untergraben drohten. In der Freizügigkeit der Ausländer erkannten sie einen klaren Verstoß gegen gottgewollte Gesetze und Traditionen. 19 So betonte der Bischof von Mallorca 1960: „Ihr seht, dass der Tourismus einen enormen Zuwachs erhält und dies ist an sich nicht schlecht, sondern gut. Aber ihr seht auch, wie im Schatten des Tourismus sich über die Insel eine solche Schweinerei ausbreitet.“ 20 Die Kirche versuchte seit dem Ende der 1940er-Jahre, die Praxis des Strandtourismus zumindest so weit zu regulieren, dass seine Bedrohung für die nach der Auf- Bischöfe von Ibiza, Menorca y Mallorca an Gobierno Civil de Baleares: Moral y costumbres, 1.7.1948, ARM, GC 890. Gobierno Civil de Baleares: En defensa de nuestras costumbres, 8.6.1954, ARM, GC 890. So auch ein Reiseführer in spanischer Sprache, der vom Tourismusministerium herausgegeben wurde, für Torremolinos: José Cruces Pozo: La Costa del Sol, Madrid 1958 [= Temas Españoles, Bd. 361], S.-18: „Von dieser soeben genannten Masse bringen einige die Vorteile mit, die man dem Tourismus zuschreibt. Andere, die man als wohlhabendes Gesindel bezeichnen kann, bringen ein Klima von Sitten mit sich, die zum Himmel stinken und gegen die wir uns unverzüglich wehren müssen, wenn wir nicht vergessen, dass Torremolinos auch ein Teil der unveräußerlichen Erde unseres katholischen und spanischen Vaterlandes ist.“ 17 Editorial: Hay que exigir moralidad, in: Baleares (25.6.1954). Aufgrund des sprachlichen Duktus ist davon auszugehen, dass der Verfasser ein Vertreter der Kirche war, auch wenn der Artikel anonym veröffentlicht wurde. 18 Moreno Garrido, Historia del turismo, S.-292. 19 Obispado de Mallorca: Informe sobre Moralidad, 1951, ARM, GC 890. 20 Obispo de Mallorca: Texto del discurso pronunciado por el Excm. y Rvdmo. Sr. Obispo de Mallorca en la clausura de la XVII Asamblea Diocesana de los Hombres de Acción Católica el 6 de Noviembre de 1960, in: Boletín Oficial del Obispado de Mallorca 100 (1960), H. 12, S.-258-271, hier S.-265. <?page no="275"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 274 fassung der Kirche traditionellen 21 Werte der Bevölkerung beschränkt blieb. 22 Strikte Kleidervorschriften gehörten dazu ebenso wie eine Überwachung des Verhaltens der Touristen und Einheimischen an den Stränden, um aus Sicht der Kirche unmoralische Handlungen präventiv zu unterbinden. So mahnte die Kirche an, dass Touristen auch weiterhin für das Baden im Wasser den sogenannten „albornoz“, einen Ganzkörperbadeanzug, 23 tragen sollten, wie es während des großbürgerlichen Tourismus der Vorkriegszeit üblich gewesen war. Dieser sollte zudem stets nach dem Baden ausgezogen werden. Der Aufenthalt am Strand sollte, wenn es nach der Kirche ging, in herkömmlicher Kleidung stattfinden. Nur zum Baden war es statthaft, sich den Badeanzug anzuziehen. Zudem sollten auch der Aufenthalt am Strand und das Baden im Meer immer strikt getrennt nach Geschlechtern erfolgen. 24 Noch bis Ende der 1950er-Jahre wies die Kirche in Zusammenarbeit mit den regionalen Behörden die Touristen auf diese Regeln hin. 25 Der Hinweis der Kirche auf den „albornoz“ und die damit verbundenen Praktiken zum Umkleiden am Strand stellte einen Versuch dar, eine für die Kirche frühere, aktzeptable Form des Tourismus aufzuzeigen. Damit signalisierte sie, dass es durchaus eine Möglichkeit gebe, Tourismus im Einklang mit religiösen Werten zu gestalten. Stützen konnte sich die Kirche dabei auf in Spanien geltende Gesetze, die eben das Tragen einer bestimmten Badebekleidung, also des „albornoz“ am Strand vorschrieben. 26 Doch zeigte die spanische Zentralregierung zunehmend weniger Interesse, diese Gesetze auch tatsächlich mit staatlicher Autorität durchzusetzen. Das Ministerium für Information und Tourismus überließ die Kontrolle und Überwachung der Einhaltung von moralischen Standards der Polizei in den Touristenorten. 27 Dort wurden zunächst Zugeständnisse an nordwesteuropäische Touristen und auch an spanische Studenten gemacht. So wurde bereits 1950 in Santander das Tragen eines Bikinis 28 für auslän- 21 Die Begriffe Tradition und Moderne werden hier im weitesten Sinne als Akteurskategorien aufgefasst, um das Sprechen über gewandelte oder sich im Wandel befindliche Verhältnisse zu analysieren. Dabei wurden diese Begriffe entweder selber oder ähnliche semantische Felder von den Akteuren dazu benutzt, um gesellschaftlichen Wandel zu thematisieren. Mit der Verwendung des Begriffspaars ist folglich nicht intendiert, die spanische Gesellschaft aus der Rolle des Historikers heraus als traditionell oder modern zu bezeichnen. Zur Verwendung dieser Begriffe als Akteurskategorien vgl. Cooper, Moderne. 22 Obispo de Mallorca: Texto del discurso pronunciado por el Excm. y Rvdmo. Sr. Obispo de Mallorca en la clausura de la XVII-Asamblea Diocesana de los Hombres de Acción Católica el 6 de Noviembre de 1960, in: Boletín Oficial del Obispado de Mallorca 100 (1960), H. 12, S.-258-271, hier S.-266. 23 Junta Diósesana de Acción Católica, Secretariado de Moralidad: Campaña de Moralidad 1948, ARM, GC 890. 24 Ebd. 25 Gobierno Civil de Baleares: Circular Moralidad, 17.7.195, ARM, GC 890. Gobierno Civil de Baleares: Circular Normas de Moral, 24.7.1958, ARM, GC 890. Gobierno Civil de Baleares: Aviso importante, 1959, ARM, GC- 890. Fomento del Turismo de Mallorca: Plakat Kleidervorschriften, 1952, ARM, GC 890. 26 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-144. 27 Ebd. 28 Zur Geschichte des Bikinis vgl. Spode, Badende Körper, S.-247. Alac/ Manzo, Der Bikini. <?page no="276"?> 275 5.1 „Die Moralisierung der Strände“ dische Touristen und Studenten erlaubt. 29 Dieses Kleidungsstück, das für die Kirche zu einem Symbol der fehlenden Moral und einer sich ausbreitenden Unanständigkeit wurde, bürgerte sich in der Folge auch an anderen spanischen Stränden immer mehr ein. 30 Die Strände, die in vortouristischen Zeiten weitgehend ungenutzt geblieben waren, entwickelten sich zu einem Raum, der zunehmend einen heterotopen 31 Charakter erlangte. Für die spanische Kirche war der Raum des Strandes eine Heterotopie, ein Raum, in dem andere Moralmaßstäbe galten, die durch den ausländischen Massentourismus eingeführt worden waren. Als ein solcher Raum war er in den Augen der Kirche defizitär und das Einfallstor für alles Nicht-Spanische und die Moderne. Problematisch war für die Kirche eher weniger, dass Touristen andere Moralvorstellungen hatten als sie, sondern dass diese in einem spezifischen Raum, nämlich vorzugsweise dem Strand, ausgelebt wurden und von den Einheimischen damit zugleich wahrgenommen werden konnten. Ziel der Kirche war es deshalb, die Regeln für das Verhalten im Raum Strand möglichst weit dem anzupassen, was außerhalb dieses Raumes galt. Die Kirche versuchte folglich, die Heterotopie zu einer Isotopie zu machen, um zu verhindern, dass der Raum des Eigenen, also die Isotopie, sukzessive zu einer Heterotopie wurde und damit Praktiken, die bisher nur in der Heterotopie Strand zu finden waren, auf weitere Räume innerhalb der Touristenorte, übergriffen. Nachdem schnell ersichtlich geworden war, dass eine Durchsetzung rigoroser Moralvorschriften an den Stränden nicht möglich war, scheiterten in der Folge auch die Versuche der räumlichen Begrenzung der Auswirkungen des Tourismus auf die Strände. Zwar hatte sich um 1960 innerhalb des Tourismusministeriums ein Konsens herausgebildet, dass Bademoden am Strand akzeptabel seien, diese aber nicht auch innerhalb der Touristenorte und Städte getragen werden dürften. 32 So wurden die Klei- 29 Moreno Garrido, Historia del Turismo, S.-293. 30 So die Beobachtung des Bischofs von Mallorca: Obispado de Mallorca: Informe Moralidad, 5.8.1952, ARM, GC 890. Siehe auch: Obispado de Mallorca: Inmoralidades, 14.7.1954, ARM, GC 890. 31 Nach Foucault bezeichnet der Begriff Heterotopie einen Raum, der im Gegensatz zu den alltäglichen Räumen einer Gesellschaft steht und zugleich aber auch immer auf diese verweist. Foucault führt folglich als Beispiele für eine Heterotopie etwa Räume wie den Garten, das Gefängnis, das Schiff, aber auch die Feriendörfer des Club Mediterranée an. Foucault, Andere Räume, bes. S.-39. Während die Heterotopie bei Foucault also ein mehr oder weniger fest umrissenes Set von Räumen ist, etablierte Henri Lefebvre hingegen den Raum der Heterotopie nicht als ausgelagerte räumliche Institutionen, sondern beschreibt ein relationales Verhältnis zwischen den Räumen der Isotopie, Heterotopie und Utopie. Dabei steht die Heterotopie im Gegensatz zur Isotopie. Während die Isotopie für Lefebvre der Raum des Alltäglichen ist, drückt sich in der Heterotopie gerade die Differenz zu dieser Alltäglichkeit, zum „Normalen“ aus. Dies macht das Konzept für historische Analysen gewinnbringend, da es vor allem auf die Prozesshaftigkeit der sozialen Konstruktion von Räumlichkeiten abhebt und damit auf den möglichen Wandel der Kategorisierung von Räumen. Vgl. Lefebvre, Die Revolution der Städte, S.- 139. Dieser Heterotopiebegriff wird deshalb im Folgenden verwendet. Zum Strand als Raum, in dem andere gesellschaftliche Regeln gelten als im Alltag vgl. Spodes Ausführungen, die sich jedoch nicht an den Heterotopiebegriff anlehnen: Spode, Badende Körper, S.-233. 32 So die Anordnung des Ministerio de Gobernación: Ministerio de la Gobernación, Dirección General de Política Interior: En relación con el circular sobre "Normas de moral pública en playas, piscinas y <?page no="277"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 276 dungsgewohnheiten der ausländischen Touristen abseits des Strandes zum Objekt der kirchlichen Kritik, 33 aber auch staatlicher Regulierungsversuche. 34 Die Gewohnheit, in Badebekleidung oder kurzen Hosen, in Restaurants, Bars oder Cafés zu sitzen oder gar so durch die Stadt zu flanieren, wurde aufs Schärfste verurteilt. Für einen spanischen Mann gehörte es sich nicht, in kurzen Hosen herumzulaufen, ebenso wenig wie sich spanische Frauen in kurzen Röcken in der Öffentlichkeit zeigen sollten, so die Kirchenvertreter. Der Bischof von Mallorca betonte 1961 als er sich an seine Gemeindemitglieder wandte: Was wir sagen können ist - und das könnt ihr alle bestätigen - dass, wenn der Sommer kommt, unsere Strände, unsere Straßen und unsere Landstraßen von Ungehörigkeiten überschwemmt werden, die in unserer Stadt und in großen Teilen der Insel ein Atmosphäre einer verderblichen Sinnlichkeit entstehen lassen. 35 Die Kirche drang immer wieder darauf, dass die aus ihrer Sicht üblichen Bekleidungsregeln eingehalten wurden und nahm beständig auf die zuständigen Behörden vor Ort in den Tourismusregionen Einfluss. Doch angesichts der ökonomischen Macht des Tourismus war den Behörden eben nicht wirklich etwas daran gelegen, die Touristen zu behelligen, wie es der Bischof meinte: „Aber wir müssen angesichts der Tatsache, wie wenig wir erreicht haben, unsere Desillusionierung ausdrücken. Wir beklagen zutiefst, welche Bedeutung die ausländischen Devisen haben.“ 36 Hinzu kam der notorische Personalmangel, der es den Polizeidienststellen kaum ermöglichte, sowohl die Strände als auch die Ortsbzw. Stadtkerne zu überwachen, 37 obwohl dies durchaus auch vonseiten der Behörden bis zu einem gewissen Grad intendiert war. 38 lugares de recreo", 2.8.1960, ARM, GC 890. Schon ab 1959 ist jedoch auf Mallorca nur noch das Herumlaufen in Badekleidung in Ortskernen und Städten Objekt staatlicher Regulierung, während der Strand weitgehend unreguliert bleibt: Gobierno Civil de Baleares: Aviso importante, 1959, ARM, GC-890. Gobierno Civil de Baleares: Circular revisión de normas sobre moralidad y buenas costumbres, 9.8.1960, ARM, GC 890. Vgl. auch Pack, Tourism and Dictatorship, S.-144 f. 33 Junta Diósesana de Acción Católica, Secretariado de Moralidad: Resumen extralimitaciones contra la moralidad, 12.8.1952, ARM, GC 890. 34 Gobierno Civil de Baleares: Circular revisión de normas sobre moralidad y buenas costumbres, 9.8.1960, ARM, GC 890. Diputación Provincial de Baleares an Gobierno Civil de Baleares: Creciente aumento de las manifestaciones de inmoralidad pública, 29.7.1965, ARM, GC 890. Gobierno Civil de Baleares, Delegado Especial de la Dirección General de Seguridad, Coronel Jefe del 44 Tercio de la Guardia Civil an Alcalde de Palma: Cumplimiento de la circular de este Gobierno uso de traje de baño, 16.8.1966, ARM, GC-890. 35 Obispo de Mallorca: Carta Pastoral, S.-95. 36 Ebd. 37 Gobernador Civil de Baleares an Bischöfe von Ibiza, Menorca und Mallorca: Moral y costumbres, 2.7.1948, ARM, GC 890. Guardia Civil, 244a Comandancia, Jefatura an Gobernador Civil de Baleares: Moralidad Puerto de Pollensa, 26.8.1951, ARM, GC 890. 38 So noch 1966 der Zivilgouverneur: Gobierno Civil de Baleares, Delegado Especial de la Dirección General de Seguridad, Coronel Jefe del 44 Tercio de la Guardia Civil an Alcalde de Palma: Cumplimiento de la circular de este Gobierno uso de traje de baño, 16.8.1966, ARM, GC-890. <?page no="278"?> 277 5.1 „Die Moralisierung der Strände“ Die Enttäuschung der Kirche verweist auf einen Entfremdungsprozess zwischen den regionalen Vertretern des Regimes und dem Klerus als einer der wichtigsten Stützen des Regimes. 39 Akteure wie der Zivilgouverneur und die Bürgermeister der Küstenorte wurden von der Kirche zunehmend weniger als Garanten der gesellschaftlichen Stellung der Kirche und der Kontinuität traditioneller Werte gesehen, sondern als Repräsentanten und Auslöser eines Modernisierungsprozesses. Touristen galten in dieser Deutung als Devisenbringer und seien deswegen weitgehend unbehelligt geblieben, anstatt sie für den Verfall traditioneller Werte und moralischer Standards bei der Bevölkerung verantwortlich zu machen. Damit wies die Kirche dem Regime die Rolle eines Modernisierungsagenten zu, während sie sich selbst immer noch als Verfechterin traditioneller Verhältnisse ansah. Die staatlichen Behörden und ihre Repräsentanten wurden zu konservativen Modernisierern, ohne dass sie dies in jedem Fall von sich aus intendierten. Auch wenn ihre Ziele zunächst, ähnlich der Kirche, darauf ausgerichtet waren, das aus ihrer Sicht unmoralische Verhalten von Touristen in der Öffentlichkeit 39 Darauf macht auch Abella aufmerksam, jedoch ohne dafür entsprechende Belege anzuführen. Abella, La vida cotidiana, S.-182 f. Abb. 10: Ein Café an der spanischen Küste (HAT, S32-XX-45-80-4-P68-2). <?page no="279"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 278 zu unterbinden, konnten sie tatsächlich wegen des Personalmangels und dem baldigen Ansteigen der Touristenzahlen nur wenig ausrichten. Damit wurden sie in den Augen der Kirche zu denjenigen, die den Modernisierungsprozess und den damit einhergehenden Wandel duldeten, wenn nicht sogar unterstützten. Doch wäre es falsch anzunehmen, dass der Kampf um Moral und Anstand, wie er von der Kirche so vehement gefochten wurde, ein Phänomen war, das nur von dieser gesellschaftlichen Institution ausging. Zweifellos war die Kirche eine Triebkraft hinter den Versuchen, das Verhalten von Touristen zu reglementieren und den Einfluss von aus ihrer Sicht modernen Werten zu begrenzen. Jedoch war eine solche Haltung nicht nur auf die Kirche begrenzt, sondern zeigte sich auch innerhalb von Teilen der Bevölkerung. Vor allem in Bereichen, wo der Zustrom durch den Tourismus bereits in der Zeit der frühen Touristifizierung besonders groß war, zeigten sich Abwehrreaktionen in der Bevölkerung. So etwa in einem Stadtviertel von Palma de Mallorca, in El Terreno. Von dort wandte sich 1958 eine Gruppe der ortsansässigen Bevölkerung an den Zivilgouverneur, um sich wegen der „[…] anhaltenden Skandale […]“ und „[…] der schlimmsten Verstöße gegen die öffentliche Moral […]“ 40 zu beschweren - ausgelöst durch die Anwesenheit der ausländischen Touristen. Dabei zielte die Kritik sowohl auf das Verhalten der Touristen als auch auf das einiger Einheimischer ab, das nicht den moralischen Maßstäben der sich beschwerenden Bürger entsprach. Zugleich war damit eine Sorge um das Bild Mallorcas im Ausland verbunden und die Angst, diejenigen Touristen, die als anständig galten, abzuschrecken: […] diese wiederholten Verstöße gegen die Moral sind im Begriff, unsere Insel in Misskredit zu bringen. Denn die anständigen Touristen missbilligen diese Laxheit und beginnen den Namen Mallorcas in negativer Hinsicht berühmt zu machen. Wir werden noch damit enden, dass wir den anständigen Tourismus vertreiben zugunsten eines Tourismus der untersten Klasse. 41 Mit einer solchen Haltung ging die Bereitschaft einher, sich freiwillig an der Überwachung von Stränden zu beteiligen, da die Behörden damit überfordert waren. Die Freiwilligen aus dem bürgerlichen Milieu patrouillierten auf Mallorca zu Beginn der 1950er-Jahre an den Stränden und machten Touristen wie Einheimische auf die Einhaltung der Kleidervorschriften aufmerksam. 42 Für die Touristen, die in den 1950er-und 1960er-Jahren in die Touristenregionen am Mittelmeer reisten, hatten die Moralkampagnen der Kirche und die staatlichen Vorschriften zum Verhalten der Badegäste durchaus Folgen. Zum einen wurden sie mit 40 Vecindario de El Terreno (Palma de Mallorca) an Gobernador Civil de Baleares: Denuncia referente a la inmoralidad pública, 1958, ARM, GC 890. 41 Ebd. 42 José Canals Llopart an Gobernador Civil de Baleares: Nombres de las personas, residentes o veraneantes en Paguera que podrían cuidarse del control de moralidad en las playas, 1953, ARM, GC 890. A. Rullán an Gobernador Civil: Denuncia acto de inmoralidad, 10.5.1955, ARM, GC 890. Grupo de Familias an Ayuntamiento de Calviá: Inmoralidad 30.5.1960, AMC, 8686/ 9. <?page no="280"?> 279 5.1 „Die Moralisierung der Strände“ einer spanischen Selbstdarstellung konfrontiert, die eine Differenz zwischen Spaniern und den Touristen konstruierte, 43 zum anderen konnten ihre Normüberschreitungen praktische Konsequenzen für sie zeitigen. Teilweise produzierte dies auch Beschwerden vonseiten der Touristen. So äußerte sich ein durchaus ungewöhnlicher Gast, nämlich ein katholischer Priester aus Großbritannien, in einem Beschwerdeschreiben an den Zivilgouverneur zum Verbot, in der Stadt kurze Hosen zu tragen: „[…] there is nothing in the Catholic Religion that condems as indecent the wearing of shorts by men. If that were not so, how is it possible that in Catholic countries like Austria and Bavaria almost the entire male population wears shorts? “ 44 Die Etablierung von Differenz, die in der Werbung mit dem Slogan „Spanien ist anders“ („España es diferente“) den exotischen Reiz von Andersartigkeit betonen sollte, 45 konnte durchaus auch ins Gegenteil umschlagen, wenn solche differierenden Moralstandards am eigenen Leib erfahren wurden. Bis Ende der 1960er-Jahre kam es dann auch immer wieder zu Fällen, bei denen die Polizei Touristen festnahm oder Geldstrafen verhängte, weil sie sich nicht gemäß der vom Regime vorgegebenen Moralmaßstäbe verhielten. So war etwa Nacktbaden eines der Phänomene, gegen das die Behörden des Öfteren einschritten. 46 Auch noch 1966 konnte der Besuch einer Bar in Badebekleidung eine Geldstrafe nach sich ziehen. 47 Angesichts der stark ansteigenden Touristenzahlen belegen diese Einzelfälle hingegen nur, dass die Moralvorstellungen des Regimes sich eben nicht änderten, die Durchsetzung dieser Normen aber kaum erfolgte und sich stattdessen die Tourismuskultur, zu deren Praxis es ja gerade gehörte, moralische Standards hinter sich zu lassen und Grenzen zu überschreiten, 48 sich immer weiter ausbreitete und an der nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische an ihr partizipierten. 43 Gobierno Civil de Baleares: Aviso importante, 1959, ARM, GC-890. Fomento del Turismo de Mallorca: Plakat Kleidervorschriften, 1952, ARM, GC 890. 44 Douglas Lockhart an Gobernador Civil de Baleares: „Shorts“ cortos, Juli 1953, ARM, GC 890. 45 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-68. 46 Cabo Instructor y Guardia Civil auxiliar en Cala Tudela: Denuncia tomando sol en desnudez, 30.8.1961, AHG, (3) Govern Civil 2714. Dirección General de la Guardia Civil, 413a Comandancia Jefatura: Informando sobre irregularidades en la Costa Brava, 8.1.1968, AHG, (3) Govern Civil 1617, Exp. Informe de la Costa Brava. Dirección General de la Guardia Civil, 432a Comandancia de Inca, Puesto de Alcudia: Denunciando una súbdita extranjera por desnudez, 2.10.1968, ARM, GC 890. Guardia Civil, 144a Comandancia, Puesto de Formentera: Denuncia infracción a las normas de moralidad, 19.7.1961, ARM, GC 890. Guardia Civil, 144a Comandancia, Puesto Santa Eulalia: Denunciando 3 individuos por inmoralidad, 7.8.1958, ARM, GC 890. Guardia Civil, 244a Comandancia, Jefatura an Gobernador Civil de Baleares: Moralidad Puerto de Pollensa, 26.8.1951, ARM, GC 890. Vgl. die weiteren Fälle in ARM GC 890. So auch ein Fall, der in Großbritannien für größeres Aufsehen sorgte. Auf den Sachverhalt angesprochen, dass britische Touristen, nachdem sie in Spanien beim Nacktbaden von Polizeibeamten aufgegriffen wurden, von diesen geschlagen worden seien, antwortete der Tourismusminister Fraga in einem Interview mit der ‚Evening News‘: „The apology here should be on the British side.“ Keith Blogg: Holiday Britons pledge by Spain, in: Evening News (24.9.1965). 47 Gobierno Civil de Gerona, Sección de Gobierno y Régimen Interior: Multa José Cervera Marull por transitar por el interior de la ciudad en traje de baño, 3.8.1966, AHG, (3) Govern Civil 1109, Exp. 1966 (1). 48 Hennig, Editorial, S.-8. Vgl. Ders., Jenseits des Alltags. <?page no="281"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 280 5.2 Niedergangsdiskurse und der Wandel von Moralvorstellungen Dies wirft zugleich die Frage auf, welche Auswirkungen der Tourismus tatsächlich auf die Moralvorstellungen der spanischen Bevölkerung in den Touristenorten hatte und wie diese wiederum durch den kirchlichen Moraldiskurs überlagert wurden. In den Augen der Kirche waren die von den Touristen importierten bzw. vorgelebten Werte dazu geeignet, die ‚spanischen‘ Vorstellungen hinsichtlich der Ehe, außerehelicher Sexualität und Heteronomie zu beeinflussen und zu verändern. Ob sich diese befürchtete Veränderung auch tatsächlich in den Wertvorstellungen und Alltagspraktiken niederschlug, ist generell schwierig zu beantworten. Hier lässt sich auf zeitgenössische Studien und Befragungen zurückgreifen, die sich mit den Auswirkungen des Tourismus beschäftigten. So war es gerade die Unruhe innerhalb der Kirche über die möglichen durch den Tourismus ausgelösten Veränderungen, die bewirkte, dass die Kirche als Institution begann, Studien durchzuführen bzw. in Auftrag zu geben, die eben diese Fragen beantworteten sollten. Damit waren diese Erhebungen zugleich von kulturkritischen Vorannahmen und der Annahme, dass es einen Werteverlust gebe, geprägt. Trotzdem lassen sich anhand dieser Befragungen die Fragen nach den Auswirkungen des Tourismus auf den Normen- und Werthaushalt der Einheimischen zumindest tentativ beantworten, wenn man den Entstehungskontext der Studien in die Analyse miteinbezieht. Dabei konzentrieren sich die Aussagen auf die Costa Brava, da nur hier Studien durchgeführt wurden. Aufgrund der relativen strukturellen Ähnlichkeit der Tourismusregionen untereinander, können die Ergebnisse jedoch weitgehend als repräsentativ auch für die beiden anderen untersuchten Regionen angesehen werden. So ist zunächst zu fragen, inwiefern die Bevölkerung selbst und nicht nur die Kirche den Tourismus mit Veränderungen von moralischen Standards und gesellschaftlichen Normen assoziierte. Eine der an der Costa Brava durchgeführten soziologischen Befragungen im Jahr 1964 zeigt, dass 39% der Interviewten die zweifellos bereits normativ aufgeladene Frage, ob der Tourismus die moralischen Standards an der Costa Brava beeinflusst habe, damit beantworteten, dass sie konstatierten, moralische Normen seien weniger streng geworden. 10% gaben an, dass der Tourismus zum Niedergang der Moralvorstellungen innerhalb der Bevölkerung geführt habe. 49 In der Summe bedeutet dies, dass fast die Hälfte der Befragten Veränderungen in moralischen Maßstäben und gesellschaftlichen Wertvorstellungen ursächlich auf den Tourismus zurückführten. Unter Moral fasste die Studie die von Sitten und moralischen Maßstäben geprägten Praktiken der Lebensführung zusammen. Damit ging es nicht nur um Fragen der Bekleidung, wie sie von der Kirche als besonders wichtig angesehen wurden, sondern auch um Fragen der Sexualmoral und dem Festhalten an einem traditionellen Geschlechterrollenverständnis, wie es auch vom spanischen Regime propagiert wurde. 50 In dieser Hinsicht 49 Vázquez, Estudio socio-religioso, S.-219 f. 50 Vgl. zur Geschlechterpolitik des Franquismus: Folguera Crespo, La Mujer. Moreno Sardá, Mujeres en <?page no="282"?> 281 5.2 Niedergangsdiskurse und der Wandel von Moralvorstellungen schien der Tourismus also für knapp die Hälfte der Bevölkerung eine Veränderung oder sogar eine gewisse Befreiung von den strengen Moralvorschriften der Kirche und den starren Geschlechterrollenbildern der Diktatur mit sich gebracht zu haben. 51 Zu berücksichtigen ist bei diesen Antworten aber die Art und Weise, wie die Frage nach den Auswirkungen des Tourismus auf die Moralmaßstäbe der Bevölkerung gestellt wurde. Denn dass die Frage überhaupt gestellt wurde, implizierte ja in gewisser Hinsicht bereits, dass die Befragenden davon ausgingen, es habe einen solchen Wandel gegeben. Zu vermuten ist ferner auch, dass viele der Befragten sich womöglich vor dieser Befragung keine Gedanken über die Ursachen des Wandels gemacht hatten und nun mit einer relativ einfachen und eingängigen Erklärung konfrontiert wurden. Eine Zustimmung fiel so umso leichter, da die Frage sehr eindeutig war. Deshalb belegt die Befragung noch einmal die Wahrnehmung dieses Wandlungsprozesses unter Kirchenvertretern und gibt damit über die Beweggründe zur Durchführung der Studie Aufschluss. Integriert man diese Punkte in die Analyse, dann ist die Zahl von fast 50% der Bevölkerung, die den Tourismus für eine Liberalisierung gesellschaftlicher Werte verantwortlich machten, möglicherweise etwas zu hoch angesetzt. Trotzdem sollte der Befund auch nicht vollkommen verworfen werden. Interessanter als das, was in der Befragung gesagt wurde, ist jedoch, was verschwiegen wurde: 34% der Befragten, in der Mehrheit verheiratete Männer, weigerten sich nämlich, die Frage nach dem Einfluss des Tourismus auf die Moral zu beantworten. 52 Man kann hieraus schlussfolgern, dass eine große Zahl von verheirateten Männern nicht über eine Befreiung von strengen Moralvorschriften oder einen allgemeinen Niedergang der Moral sprechen wollten, da sie sich selbst nicht als weniger moralisch im Vergleich zur Zeit vor dem Tourismus bezeichnen wollten. Dies muss im Zusammenhang mit einem neuen Bild von Männlichkeit gesehen werden, das im Zuge der Ausbreitung des Massentourismus und seiner medialen Verarbeitung entstand. So griffen Spielfilme und Fernsehserien seit den 1960er-Jahre das in den touristischen Regionen beobachtbare Phänomen der picadores auf. Picadores waren spanische Männer, die intime Beziehungen zu ausländischen Touristinnen eingingen, die pauschal als blonde suecas („Schwedinnen“) bezeichnet wurden, und sich dabei finanziell von den Ausländerinnen aushalten ließen. 53 In Filmen wie Bahía de Palma (1962), Tres suecas para tres Rodríguez (1975) oder Los días de Cabirio (1971) wurden solche Beziehungen dargestellt, endeten jedoch regelmäßig damit, dass das traditionelle Verständnis der Geschlechterrollenverteilung wiederhergestellt wurde, indem sich die Männer als dominante Partner innerhalb der Beziehungen zwischen Ausländerinnen und Einheimischen rehabilitierten. 54 Damit el franquismo. 51 Ähnlich: Duocastella, Sociología y pastoral del turismo, S.-279. 52 Vázquez, Estudio socio-religioso, S.-219. 53 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-146. 54 Crumbaugh, Destination dictatorship, S.-103. Für einen Überblick über die mediale Verarbeitung des Tourismus in Spanien vgl. Gómez Alonso, El turismo. <?page no="283"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 282 wurde medial ein Bild spanischer Männlichkeit verbreitet, das sich zumindest zeitweise bzw. übergangsweise von dem unterschied, was als traditionelle Geschlechterrolle des spanischen Mannes galt. In den Filmen waren die Männer bis zur Wende am Ende der Filme finanziell von ausländischen Frauen abhängig und konnten als eine Art männliche Prostituierte interpretiert werden. Das Ausweichen auf die Frage nach den Auswirkungen des Tourismus auf die Moral innerhalb der Gesellschaft im Jahr 1964 kann nun nicht rein als eine Reaktion auf die mediale Verbreitung des gesellschaftlichen Phänomens der picadores gesehen werden, da zwar der erste Film dieses Genres bereits 1962 erschien, aber dieses sich erst im Verlauf der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre etablierte. Weitere Befragungen aus den späten 1960er-Jahren liegen zudem nur eingeschränkt vor. 55 Trotzdem lässt sich vermuten, dass das Phänomen der picadores schon 1964 so ubiquitär war, dass vor allem verheiratete Männer mit diesem differierenden Männlichkeitsbild nicht assoziiert werden wollten. Damit griffen die Fernsehserien und Spielfilme eher einen bestehenden gesellschaftlichen Diskurs auf, als dass sie prägend auf diesen wirkten. Das skizzierte Verhalten kann man somit als eine Strategie bezeichnen, die Männer wählten, um eine als hegemonial begriffene Männlichkeit 56 aufrechtzuerhalten. Aufgrund der begrenzten Aussagekraft der Quelle lässt sich daraus die Hypothese ableiten, dass eine bedeutende Gruppe von Männern eine zunehmende Instabilität des Wertehaushaltes der Gesellschaft an der Costa Brava und in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen wahrnahm. Durch ihr ausweichendes Verhalten in der Befragung versuchten sie, ihre Dominanz sowohl gegenüber Frauen als auch gegenüber abweichenden Männlichkeitskonzepten, die als unmoralisch und schwach angesehen wurden, zu stabilisieren. In Katalonien hatte dies zudem noch einen spezifischen weiteren Aspekt. Denn, wie eine der im Auftrag der Kirche durchgeführten Studien 1969 bemerkte, seien es in erster Linie Binnenmigranten aus den ärmeren Gegenden Spaniens wie Andalusien, die sexuelle Beziehungen mit den ausländischen Touristinnen eingingen. 57 Diese auf der Basis von Befragungen und Beobachtungen gewonnenen Erkenntnisse verweisen vermutlich wiederum eher darauf, dass hier von Kirche und auch von befragten Männern versucht wurde, ein bestimmtes Männlichkeitsbild zu perpetuieren. Denn so wurde unmoralisches Verhalten, das mit nicht kompatiblen Männlichkeitsvorstellungen konnotiert war, ausgelagert, indem es auf die scheinbar weniger fortschrittlichen Südspanier projiziert 58 und damit die eigene moralische und kulturelle Überlegenheit katalanischer Männer gestärkt wurde. 55 Duocastella, Sociología y pastoral del turismo. Hier werden die Ergebnisse der Befragungen nur zusammengefasst und nicht detailliert erwähnt, wer welche Frage wie bzw. gar nicht beantwortete. 56 Connell/ Messerschmidt, Hegemonic Masculinity, S.-832. Connell, Study of masculinities, S.-8. 57 Duocastella, Sociología y pastoral del turismo, S.-243. 58 Interregionale Hierarchieverhältnisse und Rückständigkeitsdiskurse sind dabei kein spanisches Spezifikum: Vgl. den norditalienischen Rückständigkeitsdiskurs gegenüber dem Mezzogiorno: Petri/ Stouraiti, Raummetaphern der Rückständigkeit. Schneider, Italy’s Southern Question. Diecki, Darkest Italy. Für Frankreichs Midi: Borutta, Frankreichs Süden. <?page no="284"?> 283 5.2 Niedergangsdiskurse und der Wandel von Moralvorstellungen Im Gegensatz zu dieser spezifisch männlichen Sichtweise antwortete die Mehrheit der befragten Frauen hinsichtlich der Auswirkungen des Tourismus auf die Moralvorstellungen und -praktiken der Einheimischen, dass diese im Vergleich zu früheren Zeiten deutlich „freier“ geworden seien. 59 Direkt gefragt, ob sich der Tourismus negativ auf die Moral der Einheimischen ausgewirkt habe, antworteten deutlich weniger Frauen, nur 33%, mit ja, während diese Frage 54% der befragten Männer mit ja beantworteten. 60 Zusammengefasst hatte der Tourismus also durchaus Einfluss auf Moralvorstellungen und die davon beeinflussten Praktiken, auch wenn die konkrete Ausgestaltung über die vorliegenden Quellen nicht eingehender erschlossen werden kann. So ist doch anzunehmen, dass sich unter dem Begriff ‚Moral‘ einerseits die Dominanz von Männern und Vätern über Frauen, 61 das Verbot außer- und vorehelicher sexueller Beziehungen für Frauen sowie Bekleidungs- und Verhaltensvorschriften in der Öffentlichkeit bzw. die allgemeine Sichtbarkeit von Frauen in der Öffentlichkeit verbargen. Das erklärt auch, warum insbesondere Frauen die weniger strikten Normen und Moralvorstellungen, die mit dem Tourismus in Zusammenhang gebracht wurden, besonders willkommen hießen. Diese Wandlungsprozesse gingen allerdings nicht so weit, dass tragende gesellschaftliche Institutionen und Werte ins Wanken gerieten. So hatte die Kirche vor allem, als die Präsenz von Touristen zuzunehmen begann, befürchtet, dass die Ehe als solche durch den Tourismus an Akzeptanz und Stellenwert innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges der Tourismusregionen verlieren würde. 62 Doch tatsächlich änderte sich an der Praxis der Eheschließung den Quellen zufolge nichts. So zeigen Heiratsstatistiken für die touristischen Regionen keine signifikante Abweichung im Vergleich zum nationalen Durchschnitt. Die Zahl der Hochzeiten war demnach in den touristischen Regionen durchschnittlich nicht niedriger und manchmal sogar höher als in anderen ländlichen Gebieten, wo Tourismus höchstens ein marginales Phänomen war. So lag beispielsweise die Eherate, also die Zahl der Eheschließungen pro 1000 Einwohner, auf den Balearen im Jahr 1964 bei 7,7 und entsprach damit ungefähr dem Wert für Spaniens größte Stadt Madrid, während der nationale Durchschnitt bei 7,4 lag. Deutlich niedriger lag dagegen die Eherate in den ärmeren Provinzen Südspaniens, die weder von Industriestandorten noch dem Tourismusboom geprägt waren. In der Segovia lag die Eherate bei 6,4, in Guadalajara sogar bei nur 5,3. Die Provinz Málaga verzeichnete einen Wert, der mit 8,1 deutlich über dem nationalen Durchschnitt lag. In der Provinz Gerona (Costa Brava) lag 1964 die Eherate allerdings ebenfalls bei 6,6 und somit eher in der Nähe der im Binnenland gelegenen, ländlich geprägten Räume. 1974 hatte sich die Zahl der Eheschließungen allerdings dort erhöht. Die Zahl für 59 Vázquez, Estudio socio-religioso, S.-219 f. 60 Ebd., S.-240. 61 So etwa in: Duocastella, Sociología y pastoral del turismo, S.-279. 62 Junta Diocesana de Acción Católica, Secretariado de Moralidad: Campaña de Moralidad, 1948, ARM, GC 890. Obispo de Mallorca, Carta Pastoral, S.-99. <?page no="285"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 284 Gerona lag nun bei 7,8, während der nationale Durchschnitt auf 7,6 gestiegen war. 63 In den beiden anderen Provinzen hatte sich ein leichter Rückgang von 7,7 auf 7,6 im Fall der Balearen und von 8,1 auf 7,7 im Fall Málagas ergeben. 64 Auf eine generelle Infragestellung der Institution Ehe durch den Tourismus deuten diese Befunde eher nicht hin. Der Anstieg der Eherate in Gerona und die relative Kontinuität auf den Balearen über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg kann vielmehr durch das ökonomische Potential des Tourismus und der Zuwanderung junger Binnenmigranten erklärt werden, die sich in den touristischen Regionen niederließen. Der Rückgang in Málaga lässt sich wohl auch weniger über den Einfluss des Tourismus in der Provinz erklären als über den im Fall Málagas weiter anhaltenden negativen Wanderungssaldo, der dazu führte, dass Ehen mitunter nicht mehr in der Heimatprovinz, sondern am Auswanderungsziel geschlossen wurden. Auch die Heteronormativität wurde in den touristischen Räumen nicht fundamental herausgefordert. Zwar gibt es schon frühe Berichte, dass in den eminent touristischen Regionen Spaniens Homosexualität freier und offener praktiziert wurde, als dies an anderen Orten in Spanien möglich war. Und Torremolinos bekam in den frühen 1970er-Jahren den Ruf, ein Treffpunkt von Homosexuellen zu sein. 65 Doch änderte dies nichts an der allgemeinen Heteronormativität. Vielmehr lassen sich einzelne Quellenbelege finden, die von einer dezidierten Ablehnung von homosexuellen Handlungen in touristischen Räumen und einem staatlichen Vorgehen gegen diese berichten. 66 Damit hatte der heterotope Charakter der touristischen Räume zumindest bis Mitte der 1960er-Jahre hinsichtlich bestimmter sexueller Orientierungen deutliche Grenzen. Als normsetzende gesellschaftliche Institutionen versuchten somit die Kirche und in eingeschränkterer Weise auch staatliche Behörden in erster Linie in den frühen Jahren des Tourismus, eine Identität zu definieren bzw. Identifikationsmuster vorzugeben, die sich vor allem auf ein Set an moralischen Standards und daraus abgeleiteten Verhaltensmuster stützten. Dabei dienten zum einen die ausländischen Massentouristen und - in den Fällen der Costa Brava und den Balearen - bald auch Binnenmigranten zur Abgrenzung einer eigenen Identität. Dieser Vorgang ist als eine Reaktion auf die zunehmende Differenz zu werten, die sich in den touristischen Regionen etablierte. In den Augen der Kirche und eingeschränkt auch des Regimes musste das Eigene gegenüber fremden Einflüssen bewahrt werden, die sich zunächst von außerhalb des Nationalstaats gewissermaßen über die Strände, dann über die Touristenorte bis 63 Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadística 1965, S.-483, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=176906&ext=.pdf, (7.3.2016). 64 Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadística 1975, S.-465, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=32403&ext=.pdf, (7.3.2016). 65 Pack, Tourism and Dictatorship, S.-146. 66 Vecindario de El Terreno (Palma de Mallorca) an Gobernador Civil de Baleares: Denuncia referente a la inmoralidad pública, 1958, ARM, Govern Civil 890. Gobierno Civil de Gerona an Comisario del Cuerpo de Policía, San Feliu de Guíxols: Multa y expulsión del territorio Nacional de dos súbditos franceses, 23.8.1966, AHG, (3) Govern Civil 1109. <?page no="286"?> 285 5.2 Niedergangsdiskurse und der Wandel von Moralvorstellungen ins gesellschaftliche Zentrum, der Familie, ausbreiteten und scheinbar drohten, eine angenommene eigene Idiosynkrasie zu unterspülen. Deshalb sprechen die Quellen nicht nur über tatsächliche Veränderungen von Identifikationsmuster, moralischen Standards, gesellschaftlichen Konventionen und alltägliche Verhaltensmuster, sondern auch über die Angst, dass diese sich veränderten und welche Folgen dies für die eigene machtpolitische Stellung haben konnte. Ziel der Kirche und in eingeschränkter Weise auch des Regimes war es vielmehr, scheinbare Ausprägungen der Kultur der Touristen, die als inkompatibel mit als eigenen imaginierten Kulturelementen aufgefasst wurden, möglichst einzuschränken. Als deutlich wurde, dass eine generelle Einschränkung kaum praktikabel war bzw. auch nicht immer im unmittelbaren Interesse der staatlichen Behörden lag, wurden Strategien entwickelt, diese räumlich möglichst einzugrenzen. Dem Strand als touristischer Raum erster Ordnung kam dabei die zentrale Rolle zu. Doch der Versuch der Einschränkung der Ausdehnung der touristischen Räume war, wie gezeigt, wenig erfolgreich. Die Grenzen des touristischen Raumes lösten sich beständig auf, eine territoriale Begrenzung erschien im weiteren Zeitverlauf immer weniger möglich. Auf den befürchteten Homogenisierungsprozess, den die Kirche mit ‚fremden Einflüssen‘, der Übernahme touristischer Praktiken durch die Einheimischen und einer zunehmenden Säkularisierung in Verbindung brachte, setzte damit vonseiten einer maßgeblichen Akteursgruppe eine Heterogenisierungsbestrebung ein. Die explizite Betonung einer spanischen Identität sollte der Abgrenzung gegenüber Einflüssen von außen dienen, die als durch den Tourismus ausgelöster Modernisierungsprozess wahrgenommen wurden. Dieser äußerte sich, folgt man der Kirche, vor allem in der Übernahme touristischer Praktiken und Verhaltensstile durch die Einheimischen. Dass nicht nur Ausländerinnen an den Stränden und zunehmend auch in den Tourismusorten Bikinis trugen, sondern auch Spanierinnen sich immer öfter in ihrer Freizeit so kleideten, erschien der Kirche als Anpassung an einen nordwesteuropäisch-amerikanisierten Lebensstil, den sie ablehnte. Dass die Zahl der Spanier und Spanierinnen, die sich ähnlich verhielten wie die ausländischen Touristen, zunahm, beunruhigte die Kirche zusehends. Denn mit Ansteigen des Wohlstandes und des Lebensniveaus in Spanien wurden immer mehr Spanier selbst zu Touristen. So nahm die Zahl der Inlandstouristen über den Zeitraum der 1960er-Jahre hinweg kontinuierlich zu. Waren es 1962 noch 97 419 einheimische Gäste, die in Hotels auf den Balearen beherbergt wurden, stieg diese Zahl bis 1972 auf 307 311 Personen an. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern blieb die Reiseintensität, also die Zahl der Reisen pro Einwohner, in Spanien allerdings stets geringer. Das gilt in besonderem Maße für die Auslandsreisen. So zeigen spanische Touristen bis heute eine deutliche Präferenz für einen Urlaub im eigenen Land. 67 Von der Forschungsliteratur wurden die ersten eigenen Urlaubserfahrungen der sich im Verlauf der 1960er-Jahre herausbildenden Mittelschicht in Spanien als Initiation in die westliche Konsumge- 67 Gutiérrez/ Gallego Callejo/ Viedma Rojas: El proceso de constitución, S.-153 und 156. <?page no="287"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 286 sellschaft gedeutet. 68 Dabei wurden die eigenen Erfahrungen stark von der medialen Thematisierung des Tourismus in Spanien beeinflusst. So verwiesen die oben genannten Filme auf die touristische Erfahrung der Spanier 69 und machten das Phänomen des Tourismusbooms zunächst auch für diejenigen Teile der Bevölkerung erfahrbar, die sich noch keine Urlaubsreise leisten konnten. Doch nicht nur für spanische Touristen, die außerhalb touristischer Regionen lebten, wurde der Tourismus erfahrbar. Auch Binnenmigranten, die in erster Linie in die touristischen Regionen kamen, um dort im Tourismussektor zu arbeiten, hatten Anteil an der sich herausbildenden Tourismuskultur. Dies gilt vor allem für direkt innerhalb der Tourismuskultur Tätige, wie Go-Go-Girls oder Kellnerinnen und Kellner. Für die Go-Go-Girls, deren Aufgabe es war, die Touristen zum Tanzen zu animieren, war eben das in den Touristenorten entstandene Nachtleben der Anziehungspunkt ihrer Migration gewesen. So wurden sie zu professionellen Akteurinnen der Unterhaltungsbranche und genossen es ‒ glaubt man ihren eigenen Aussagen ‒ zugleich selbst, die Möglichkeit zu haben, jeden Abend am Nachtleben teilzuhaben. 70 Ganz ähnlich betonten auch Angestellte im Tourismussektor, die nicht direkt in der Unterhaltungsbranche beschäftigt waren, sondern als Zimmermädchen oder Kellnerinnen, dass sie es schätzten, an den Abenden, die sie frei hatten, das Nachtleben in einem Touristenort zu genießen. 71 So könnte man schlussfolgern, dass die saisonale Binnenmigration in die Touristenorte für manche Migranten und Migrantinnen gleichsam touristische Qualitäten mit sich brachte, die zumindest dann erlebt werden konnten, wenn die knapp bemessene Freizeit es zuließ. Die Kirche beobachtete diese Entwicklungen mit Sorge und schlussfolgerte, dass es zu einem immer weiter zunehmenden Transfer von Einstellungen und Verhaltensstilen von den Touristen hin zu den Einheimischen käme und dadurch scheinbare Spezifika, die die spanische Identität prägten, einer Homogenisierung und Anpassung an als fremd deklarierte Mentalitäten und Praktiken weichen müssten. Diese Diagnose scheint ein neuerer Forschungsbefund zu bestätigen, der sich auf die Auswertung von Interviews mit weiblichen Zeitzeugen stützt. Der Beitrag argumentiert, dass junge spanische Frauen an der Costa Brava von den ausländischen Touristinnen, den sprichwörtlichen suecas, ein neues, emanzipiertes Geschlechterrollenverständnis übernahmen, das der strikten Geschlechterdichotomie und der Dominanz des Mannes, also den Werten, die der Franquismus und die Kirche vertraten, entgegenstanden. 72 Der durch den Tourismus ausgelöste Wandel wird hier also in aller Deutlichkeit über die Interaktion zwischen Einheimischen und Touristen bzw. einen Transfer eines 68 Crumbaugh, Destination Dictatorship, S.-20. 69 Alonso, El turismo no es un gran invento. 70 Ismael Fuente Lafuente: El Mundo de los Go-Gó's Girls I. Bailar sobre una tarima, in: Baleares (24.7.1970), S.-9. Ders.: El mundo de las Go-Gó's Girls II. Silvia: „Se puede vivir trabajando como Go-Gó“, in: Baleares (25.7.1970), S.-9. Ders.: El Mundo de los Go-Gó's Girls III. ¿Se acaban las Go- Go? , in: Baleares (26.7.1970), S.-13. 71 Lever, Spanish tourism migrants, S.-457. 72 Nash, Mass Tourism, S.-153. <?page no="288"?> 287 5.2 Niedergangsdiskurse und der Wandel von Moralvorstellungen liberaleren Geschlechterbildes vonseiten der Touristen auf die Einheimischen erklärt, indem die Aussagen der Zeitzeuginnen aus den Interviews als Belege herangezogen werden. 73 Diese Deutung deckt sich mit älteren Beobachtungen, die allerdings für diese These keine ausreichenden Belege anbringen konnten, sondern in modernisierungstheoretischer Art davon ausgingen, dass „moderne“ Werte und Einstellungen über den Tourismus Einzug in „traditionelle“ Gesellschaften finden würden. 74 Aus Sicht der hier ausgewerteten Quellen muss diese Sicht zumindest hinterfragt werden, auch wenn eine Widerlegung dieser These aufgrund der Quellenlage nicht möglich ist. 75 Ob es sich hier tatsächlich um eine Transfersituation im eigentlichen Sinne handelte und Transfer der einzige Wirkmechanismus des beschriebenen Wandlungsprozesses war, ist zumindest zweifelhaft. Denn das würde ja unterstellen, dass Strandaufenthalte oder Tanzveranstaltungen, bei denen sich leicht bekleidete Männer und Frauen näher kamen, für Spanier per se fremd waren und alle Einheimischen Geschlechterrollenbilder hatten, die von der Kirche und dem Regime propagiert wurden. Es wäre zumindest überlegenswert, ob nicht so sehr direkter Kontakt und Interaktionen zwischen Touristinnen und Einheimischen Frauen Triebkräfte des Wandels waren, sondern vielmehr der veränderte Umgang mit weiterhin bestehenden Moralvorschriften und deren Durchsetzung. So wäre zu überlegen, ob sich Einheimische in ihrer Freizeit nicht deshalb genauso wie die ausländischen Touristen benahmen, weil sie diese nachahmten, sondern weil sie sich in denselben touristischen Räumen aufhielten, in denen der Staat zunehmend darauf verzichtete, eigentlich geltende Moralvorschriften durchzusetzen. Somit bliebe zu fragen, ob die Homogenisierung ihre Ursache nicht nur im sogenannten Nachahmungseffekt 76 hatte, sondern sich auch aus der Rücknahme von Reglementierung, die in einer sektoral begrenzten Liberalisierung mündete, erklärt. Somit beschränkte sich die Wirkung des Tourismus nicht auf einen direkten Effekt, sondern wirkte auch indirekt. Zudem muss die sich gewandelte Beschäftigungssituation für Frauen in dieses Erklärungsmodell miteinbezogen werden. Diese spielt in den von Nash ausgewerteten Interviews zwar eine Rolle, wird allerdings nicht zur Erklärung des Wandels herangezogen. 77 Die in den Touristenorten wachsenden Möglichkeiten 73 Ebd., S.-156. 74 Zahn, Fremdenverkehr, S.-226 f. Zahn, Einfluß des Fremdenverkehrs, S.-76. 75 Das hat nicht zuletzt auch epistemologische Gründe. Da der Fragenkatalog der von Nash geführten Interviews nicht offen gelegt wurde, kann anhand der Publikation nicht ausgeschlossen werden, dass die Fragen den konstatierten Wandel bereits auf den Tourismus attribuierten und mit der Anwesenheit der ausländischen Touristinnen in Zusammenhang brachten. Eine mögliche, die Antwort determinierende Struktur der Fragen, wie sie bei den zeitgenössischen kirchlichen Studien eine Rolle spielte, könnte der Auslöser für die sehr eindeutige Beantwortung der Fragen in den Interviews sein. Problematisch ist zudem die fehlende Reflexion über die möglichen Einflüsse der retrospektiven Perspektive der Interviews. Inwiefern hier im Nachhinein entworfene narrative Muster eine Rolle spielten, wird ebenfalls nicht thematisiert. 76 Zahn, Fremdenverkehr, S.-226 f. 77 Nash, Mass Tourism, S.-153. <?page no="289"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 288 für Frauen, entlohnten Beschäftigungen nachzugehen, 78 bot für die Frauen nicht zuletzt die Gelegenheit, ihre finanzielle Abhängigkeit vom Vater oder dem Ehemann zu reduzieren oder ganz zu beenden und somit größere eigene Handlungsspielräume zu etablieren. Ein Wandel von Geschlechterrollen und den Vorstellungen, wie diese ausgestaltet werden sollten, musste somit nicht über das Modell der suecas funktionieren, sondern konnte auch ein indirekter Effekt des durch den Tourismus ausgelösten Strukturwandels sein. Dieser eröffnete zunächst einen Möglichkeitsraum, in dem dann neue Konzepte und Vorstellungen ausgelebt werden konnten. Zum einen mögen hier die von den Touristen mitgebrachten Verhaltensweisen Vorbilder gewesen sein, an denen sich insbesondere spanische Jugendliche orientierten. Zum anderen sollte ebenso berücksichtigt werden, dass hinter diesen Verhaltensweisen ein Drang nach Selbstbestimmung und Freiheit stand, der innerhalb der Diktatur lange unterdrückt worden war und nun ausgelebt werden konnte. 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz Während eine Vielzahl von Einheimischen zunehmend die entstandenen und im Entstehen begriffenen touristischen Räume in ganz ähnlicher Weise nutzte, wie dies die aus dem Ausland angereisten Touristen taten und so ein Homogenisierungsprozess einsetzte, der die Klagen der Kirche verstärkte, entstand innerhalb der touristischen Räume auch eine Strategie der gezielten Betonung von Differenz. Touristen sollte ein möglichst ‚anderes‘ Spanien präsentiert werden; der Slogan „España es diferente“ wurde eben nicht nur zu einem Werbeslogan, der die vom Tourismusministerium gedruckten Plakate schmückte, sondern auch zu einem Leitbild, das die Konstruktion der touristischen Räume selber präfigurierte. Dieser bewusste Einsatz von Differenz, der das Ziel hatte, die Attraktivität der touristischen Regionen Spaniens zu steigern, mündete in eine kommerzielle Ausbeutung der scheinbaren spanischen ‚Andersheit‘, die letztlich zu einer Kommodifizierung des touristischen Raumes als solchem 79 führte. Der an Henri Lefebvre angelegte Ausdruck der Kommodifizierung des Raumes bezieht sich darauf, dass touristische Räume insgesamt die Merkmale eines Produkts erhielten und als Ganze vermarktet wurden, wozu deren Differenzmarkierung einen wichtigen Beitrag leistete. Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, wie die Kommodifizierung des Raumes mit der Herausbildung einer Tourismuskultur einherging, die wiederum von einer gezielten Touristifizierung und damit von einer differenzorientierten Inwertsetzung der lokalen Kultur abhängig war. Diese bewusste und instrumentell gesteuerte Heterogenisierung, als Vermarktung des Eigenen gegenüber den Fremden, lässt sich als Authentisierungsstrategie 80 begreifen, die auf ein bestimmtes 78 Vgl. Kapitel 3.5.1. 79 Lefebvre, Production of space, S.-58. Ders., Die Revolution der Städte, S.-164. 80 Authentisierungsstrategien sind Kernelemente des Funktionierens von touristischen Räumen und ge- <?page no="290"?> 289 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz Set von Stereotypen zurückgriff, das Spanier und Spanierinnen als Bewohner des Mittelmeerraums mit bestimmten Eigenschaften assoziierte. Die Ethnologin Regina Römhild prägte für eine ganz ähnliche Strategie zeitgenössischer Touristiker in Ländern am Mittelmeer den Begriff der ‚reflexiven Mediterranisierung‘. Indem Akteure der gegenwärtigen Tourismusbranche gezielt versuchten, ein Ambiente der Einfachheit, der Ruhe und des Lokalen zu schaffen, griffen sie in Europa verbreitete Vorstellungen über einen romantisierten Mittelmeerraum auf, der als eine Art Gegenmoderne dem Alltag der Touristen in ihren Herkunftsländern entgegenstehe. 81 Römhild charakterisiert das Prinzip der reflexiven Mediterranisierung als Umwendung der nordwesteuropäischen Zuschreibungen des Mittelmeerraums als Residuum des Rückständigen und Unterentwickelten. Dabei werden „die sichtbaren Zeichen mediterraner ‚Rückständigkeit‘ in eine den touristischen Sehnsüchten entsprechende gegenmoderne Ästhetik verwandelt.“ 82 Dieser spezifisch kodierte Prozess der Authentisierung differenziert sich in den im Folgenden untersuchten Beispielen noch weiter auf. Dabei wird zugleich deutlich, dass diese Strategie in ihrem Kern, wenn auch vielleicht nicht in allen Facetten der Ausführung, eine längere Geschichte hat und nicht nur ein Gegenwartsphänomen darstellt. Dies wird im Folgenden an drei Momenten der Differenzerzeugung erklärt werden. Erstens anhand des Stierkampfes, der ‚das Spanische‘ schlechthin repräsentierte, am Nachtleben der Touristenorte und am sogenannten Tag des Touristen (Día del Turista). Alle drei Aspekte der ab den frühen 1960er-Jahren 83 entstehenden Tourismuskultur bestimmten das bei Massentouristen vorherrschende Bild der spanischen Kultur und waren Medien des gezielten Ansprechens einer spanischen Identität, die in scheinbarer Differenz zu Lebensweisen, Mentalitäten und Einstellungen in den Herkunftsländern der Touristen stehen sollte, um Touristen ein einmaliges Urlaubserlebnis zu bieten, das sie weder im eigenen Land noch in einem anderen Urlaubsland erfahren konnten. Diesem reflexiven Heterogenisierungsprozess stand wiederum ein Homogenisierungsprozess entgegen, der sich in einer zunehmenden Einstellung auf die Bedürfnisse von Touristen äußerte und damit ebenfalls ergänzend thematisiert wird. rieten damit schon früh in den Fokus von tourismuswissenschaftlichen Studien. MacCannell, Staged Authenticity. Zu Authentizität und Authentisierung in übergreifender Darstellung vgl. Saupe, Authentizität. 81 Römhild, Reflexive Europäisierung, S.-272. 82 Ebd. 83 Aufgrund der Quellenlage müssen die hier getätigten Aussagen größtenteils auf die 1960er-Jahre beschränkt bleiben. Inwiefern die Strategie der Differenzerzeugung gegenüber den Touristen Erfolg hatte, wird in Kapitel 6 untersucht. Zudem können die Aussagen in erster Linie nur für Touristenorte gelten, die sich aus bestehenden und funktionierenden Orten herausgebildet haben. Für neugegründete vom Stadtkern weitgehend isolierte Urbanisationen und neu gegründeten Siedlungen auf der grünen Wiese sind die hier vorgestellten Befunde nicht repräsentativ. <?page no="291"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 290 5.3.1 Stierkampf Sowohl in der Tourismuswerbung 84 als auch in der touristischen Erfahrungswelt der spanischen Tourismusregionen diente der Stierkampf dazu, Touristen ein typisch spanisches Kulturelement zu präsentieren und damit zugleich ein Gefühl von Andersartigkeit zu evozieren, das sich aus dem archaisch anmutenden Charakter des Stierkampfes ergab. 85 So wurde der Stierkampf bald mit dem Aufkommen des Massentourismus in Spanien zu einer Touristenattraktion. Der Besuch einer Stierkampfarena wurde für viele Touristen zu einem Highlight des Spanienurlaubes. In diesem Zuge wurde etwa in Lloret de Mar, einem Ort an der Costa Brava, der aufgrund seiner Lage in der Peripherie Kataloniens, anders als in Andalusien keine besonders tief verwurzelte Tradition des Stierkampfes besaß, 86 zu Beginn der 1960er-Jahre zum ersten Mal in der Geschichte des Ortes eine Stierkampfarena gebaut. Damit war die Arena überhaupt erst die zweite Stierkampfarena, die sich an der Costa Brava befand. 87 Im Bauantrag für die Errichtung der Stierkampfarena in Lloret spiegelt sich deutlich die Motivation wider, dort eine solche Arena zu bauen. So hieß es: Der jeden Tag größere Zustrom an Fremden, die unser Land und in besonderer Weise unsere Costa Brava besuchen, die sie mit ihren Stränden und Landschaften sowie der Schönheit ihrer Dörfer und dem generellen Reichtum ihrer Bebauung in dieser Zone, der dazu dient, sie in großer Zahl und bequemer Weise unterzubringen, anzieht, lassen einen jährlichen Zuwachs in der Zahl der Touristen annehmen. Diese Faktoren sind es, die die Privatinitiative dazu bewegt haben, in Lloret, einem der wichtigsten Zentren an der Costa Brava, eine Stierkampfarena mit der voraussichtlich geeigneten Kapazität zu bauen, die ausreichend und 84 Vgl. exemplarisch: Ministerio de Información y Turismo: Ortsprospekt Spanien. Ortsprospekt 70er Jahre, HAT, S * 32/ XX/ 45-80/ 2. Ministerio de Información y Turismo: Ortsprospekt Spanien, 1965, ANC, 365-1134. Dirección General de Promoción del Turismo: España. Tierra, agua, fuego, aire, Madrid 1973. 85 Dabei konnten sich Touristiker auf ein Set vorgeprägter kultureller Repräsentationen verlassen, die über den Stierkampf in Europa zirkulierten und die vor allem über die Belletristik und schriftstellerische Reiseberichte bekannt gemacht wurden. Vgl. etwa Ernest Hemingway: The Sun Also Rises (1926). Das Buch erschien 1947 unter dem Titel ‚Fiesta‘ das erste Mal auf Deutsch im Rowohlt-Verlag. Ernest Hemingway: Tod am Nachmittag (1932). Die erste deutsche Übersetzung erschien 1957 ebenfalls im Hamburger Rowohlt-Verlag. 1960 urteilte der Spiegel über die Hemingway-Rezeption: „Außer Bizets Oper ‚Carmen‘ hat nichts so viel zur internationalen Popularisierung spanischer Stierkampf-Folklore beigetragen wie das Werk des Corrida-Barden-Ernest („Ernesto“) Hemingway.“ Hemingway. Papas Fiesta, in: Der Spiegel 46 (9.11.1960), S.-75. Vgl. auch Wolfgang Koeppens Reiseessay über Spanien aus dem Jahr 1956, in dem die Beschreibung des Stierkampfes ebenfalls eine wichtige Rolle einnimmt. Wolfgang Koeppen: Ein Fetzen von der Stierhaut, in: Ders: Gesammelte Werke, hrsg. v. Walter Erhart, Bd. 10, Nach Rußland und anderswohin, Frankfurt 2007, S.-9-77. Vgl. dazu: Lee, Koeppens Reiseessays, S.-94 ff. 86 Neuhaus, Der Stierkampf, S.-186. 2012 wurde der Stierkampf in Katalonien verboten. 87 Javier Pascual de Zulueta: Proyecto de Plaza de Toros en Lloret de Mar, 17.2.1962, AHL, 70.47.197/ 62. Die andere Arena befand sich in San Feliu de Guíxols. <?page no="292"?> 291 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz komfortabel genug für die perfekte Ausübung der Stierkampfkunst, die nicht nur von den Spaniern, sondern auch von der Mehrheit der Sommerfrischler und ausländischen Touristen bewundert wird. 88 Seine Attraktivität verdankte der Stierkampf seinem Status als spanischem Alleinstellungsmerkmal sowie seinem scheinbar archaischen und spektakulären Charakter. Dass das Kalkül etwa des Privatunternehmers, der in Lloret de Mar eine Stierkampfarena baute, oder der Tourismuswerbung, die immer wieder auf Stierkampfmotive zurückgriff, aufging, lässt sich exemplarisch an einer Publikation, die eine Mischung aus veröffentlichtem Reisebericht und Reiseführer darstellt, aus dem Jahr 1967 nachvollziehen. Darin bemerkte der Autor: Sollten wir uns das ansehen? War das nicht eine Tierquälerei, ein uns Menschen unwürdiges Spiel? Man kann darüber sehr verschiedener Meinung sein. Der Spanier hat nur eine: er liebt den Stierkampf, der im Leben der Nation eine wichtige Rolle spielt und durchaus in seine Mentalität paßt, die tiefste Religiosität mit dem Vergnügen an der Corrida zu vereinen weiß. Wer ein Land richtig erleben will, darf nicht die Augen schließen vor dem, was ihm persönlich nicht ins Weltbild paßt. Der alte weise Spruch: ‚Jeder muß so verbraucht werden, wie er ist‘, gilt auf Reisen erst recht. Wir wollen möglichst viel von Spanien und seiner Lebensart erfahren, also entschlossen wir uns auf jede Gefahr hin, Zeuge eines Stierkampfes zu sein. 89 Laut dem Reisebericht ging vom Stierkampf die Faszination eines Ereignisses aus, das nur im Spanienurlaub erlebt werden konnte. Für den Autor des Reiseberichts diente das Erlebnis eines Stierkampfes auch dazu, der spanischen Kultur insgesamt etwas Archaisches und Geschichtsträchtiges zu verleihen. Unter Rückgriff auf völkerpsychologische Stereotype interpretierte der Autor den Stierkampf als Kristallisationspunkt, an dem die Mentalität von Spaniern zu besichtigen war. Mithin war der Stierkampf Ausdruck einer Differenz zwischen einer angenommen „mitteleuropäischen Mentalität“ und einer spanischen Identität: Das alles liegt unserer mitteleuropäischen Mentalität etwas fern, und wenn man mit Spaniern über den Stierkampf spricht, wird man erkennen, daß es keineswegs nur Sensationslust ist, sondern vielleicht eine Art Weltanschauung, die aus der Zeit der mittelalterlichen Spiele überliefert blieb und gern gepflegt wird. ‚Vamos a los toros! ‘ sagte später einmal ein spanischer Freund zu uns, ‚gehen wir 88 Javier Pascual de Zulueta: Proyecto de Plaza de Toros en Lloret de Mar, 17.2.1962, AHL, 70.47.197/ 62. Ähnlich in einem weiteren Schreiben des Bauherrn an die Gemeindeveraltung: Ders.: an Ayuntamiento de Lloret de Mar: Proyecto de Plaza de Toros en Lloret de Mar, 26.2.1962, AHL, 70.47.197/ 62. 89 Heinz Görz: Urlaubsziel Costa Brava und Costa del Sol, München 1967, S.-24. <?page no="293"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 292 zu den Stieren! ‘ Er meinte, die Corrida sei keine Kirchweih, sondern selbst eine Art Kirche. Um es ehrlich zu gestehen, das verstanden wir nicht. 90 Der Stierkampf diente folglich der Differenzmarkierung zwischen nordwesteuropäischen bzw. mitteleuropäischen Touristen und den einheimischen Spaniern. Indem der Autor des Reiseberichts den spanischen Stierkampf als Faszinosum und zugleich als etwas Inkommensurables und Fremdes vorstellte, ging er auf ein unintendiertes Ping-Pong-Spiel spanischer Unternehmer und deutscher Reiseschriftsteller bzw. der deutschen Tourismuswerbung ein. Dabei wurde Spanien als elementar anders im Vergleich zu den Herkunftsländern der ausländischen Touristen dargestellt, um so seine Attraktivität als Urlaubsdestination zu steigern und die Fremdheit zugleich erfahrbar zu machen. 91 Zugleich war dieser Prozess der gezielten Heterogenisierung auch ein Phänomen regionaler Homogenisierung. Der Stierkampf, ein vor allem in Süd- und Zentralspanien verwurzeltes und praktiziertes Phänomen, wurde durch Akteure der Tourismusbranche zu einem gesamtspanischen Kulturgut stilisiert bzw. als gesamtspanische Tradition umgedeutet. Für die Touristen spielte es keine Rolle, ob sie einen Stierkampf an der Costa Brava oder auf Mallorca sahen, für sie war er Ausdruck authentischer spanischer Kultur. Dass der Stierkampf somit zu einer touristischen Attraktion wurde, hatte auch wiederum Folgen für diese Kulturpraktik selbst. Der Stierkampf wurde gewissermaßen selbst touristifiziert, indem der Besuch von Stierkampfveranstaltungen für immer mehr Touristen zu einem festen Bestandteil ihres Spanienurlaubes und damit der Tourismuskultur wurde. So stieg im Verlauf der 1960er-Jahre insbesondere die Anzahl der Stierkämpfe vor allem in den Touristengegenden. Bereits 1963 fanden in der Stierkampfarena von San Feliu de Guíxols so viele corridas statt wie sonst in keiner anderen Arena in ganz Spanien. 92 Im gleichen Jahr wurden an der gesamten Costa Brava zudem mehr Stierkämpfe abgehalten als in der südspanischen Provinz Sevilla, wo der Stierkampf seinen eigentlichen Ursprung hat. 93 Schon bald mehrten sich in Spanien die Stimmen, die einen Niedergang des Stierkampfes bzw. eine Verfälschung der Ursprünglichkeit und eine nachlassende Qualität und Originalität des Stierkampfes, 90 Ebd. S.-26. Ganz ähnlich in Darstellung und Interpretation des touristischen Besuchs eines Stierkampfes: Hermann Weyland: Mallorca, in: Die Fahrt 6 (1953), H. 4, S.-120-123, hier S.-121. 91 So bspw. auch in: Scharnow-Reisen: Spanien. Costa Brava bis Costa del Sol 1971, TUI, ohne Signatur, S.- 6: „Verwurzelt in den Lebensformen der Menschen und als Nationalgut zu hohem Ansehen gelangt, ist die spanische Folklore: weltliche und religiöse Feste, Tanz und Musik und der Stierkampf. Zeremonielle Repräsentation, sinnliche Lebensfreude und typischer Nationalcharakter manifestieren sich in ihren Elementen und Gestaltungsformen.“ Stierkampf war auch schon Teil der frühen bürgerlichen Bildungsreisen der Nachkriegszeit: Vgl. Dr. Tigges-Fahrten: 1955. Erste Charter-Flugkette mit Zwischenlandung in Lyon, bzw. Barcelona Sommer 1955, TUI, Chronik Dr. Tigges. 92 Duocastella, Sociología y pastoral del turismo, S.-100. 93 R.H. Porto: Influencia del turismo en la fiesta nacional. Esta temporada se han celebrado en nuestra provincia más corridas que en Sevilla, in: Los Sitios (10.11.1963), S.- 10. Dies führte der Autor des Artikels eindeutig auf den Einfluss des Tourismus zurück: „Ursachen? Unnötig, sie zu benennen: der Tourismus und nichts als der Tourismus.“ <?page no="294"?> 293 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz der den Touristen gezeigt wurde, beklagten. Zurückgeführt wurde dies in erster Linie auf die Tatsache, dass diese Stierkämpfe zu einem touristischen Spektakel verkommen seien und zunehmend an Authentizität verloren hätten. 94 Er schlussfolgerte, welche Einstellung für den Qualitätsverlust der Darstellungen mit nurmehr durchschnittlichen toreros und Stieren verantwortlich sei: „Es ist klar, was die Toreros selbst im eigenen Interesse, und mehr noch, was die ganzen Leuten hinter den Absperrungen, die mit den Veranstaltungen ihr Geld verdienen, sagen werden: ‚So lange uns die Touristen nicht fehlen, und diese haben wir Gott sei Dank scharenweise… 95 Der gleiche Beobachter schränkte jedoch bald darauf sein Urteil etwas ein und diagnostizierte eine Unterteilung der Stierkämpfe in „[…] touristische Stierkämpfe […]“ 96 und die eigentlichen „[…] großartigen Stierkämpfe […].“ 97 Während der oben genannte Qualitätsverlust in erster Linie diejenigen Stierkampfveranstaltungen betreffe, die unmittelbar für die Touristen inszeniert wurden, seien die eigentlichen, großen 94 R.H. Porto: El actual momento taurino, in: Los Sitios (23.9.1962), S.-10. 95 Ebd. 96 R.H. Porto: Influencia del turismo en la fiesta nacional. Esta temporada se han celebrado en nuestra provincia más corridas que en Sevilla, in: Los Sitios (10.11.1963), S.-10. 97 Ebd. Abb. 11: Stierkampf in Sant Feliu de Guíxols (Escena de una corrida de toros en la plaza de toros de Sant Feliu de Guíxols, 1959. Autoría: W.E. Gibson. Arxiu Municipal de Lloret de Mar (SAMLM), Fondo W.E. Gibson, ST 319.003.090). <?page no="295"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 294 Stierkämpfe von einer zu starken Ausrichtung auf die Ansprüche der ausländischen Touristen noch verschont geblieben. Die Heterogenisierung und inszenierte Authentisierung mittels des Stierkampfes löste eine regionale Homogenisierung aus. Gegenüber diesen beiden Prozessen konnten die Einheimischen aber durchaus auch eine Kontinuität in der Bedeutung der Praktik des Stierkampfes bewahren, die über eine Trennung in eine touristifizierte und eine lokale Praktik desselben Phänomens funktionierte. 5.3.2 Nachtleben Insbesondere das Nachtleben und die Unterhaltungsindustrie in den Touristenorten waren durch eine vielfältige Differenzmarkierung gekennzeichnet. Auch hier wurden bestimmte, als typisch für die spanische Kultur aufgefasste Elemente gezielt für Touristen inszeniert, um eine Atmosphäre zu schaffen, die den touristischen Raum von der Heimat der Touristen unterscheiden und scheinbar neue Erfahrungen ermöglichen sollte. Eine zentrale Funktion kam dabei Aufführungen von folkloristischen Tänzen zu. Während in vielen Orten auch immer die jeweils regionaltypischen Tänze aufgeführt wurden, wie etwa die Sardana an der Costa Brava, 98 so verbreitete sich in den Touristenorten gleichzeitig die Praxis von Aufführungen des ursprünglich aus Andalusien stammenden Flamencos. 99 Er avancierte dabei zum Inbegriff der sprichwörtlichen spanischen Leidenschaft und des spanischen Stolzes, die insbesondere von Reiseführern und der Tourismuswerbung als wichtigste Charakteristika der spanischen Bevölkerung stereotypenhaft herausgestellt wurden. Wie Programmhefte, Flugblätter und Handzettel, welche die Touristen über das Nachtleben in Lloret de Mar informierten, zeigen, gehörten Flamencoaufführungen zum festen Repertoire und gewissermaßen zum Standardprogramm, das den Touristen geboten wurde. Beworben wurden solche Veranstaltungen mit Titeln wie „Echte Flamenco Lieder und Zigeuner Tanz. Taeglich abends ab 22’30 Uhr“ 100 , „Flamenco and International Show“ 101 , „Andalusische Nächte“ 102 „El arte flamenco en su más puro estilo [...].“ 103 Ankündigungen wie für die „Great Gipsy Shows“ 104 bzw. den „Grosse [sic] Zigeunerabend“ mit „María Merce“, einer „Schönheit der spanischen Kunst“ 105 , wurden kombiniert mit Abbildungen aufreizender Flamencotänzerinnen in traditio- 98 So etwa in Lloret de Mar: Juan Doménech Moner: Lloret y su vida nocturna, in: Lloret de Mar 1968, AHL, ohne Signatur, S.-36-37, hier S.-37. 99 Zur Geschichte des Flamenco vgl. das laufende Forschungsprojekt von Sandie Holguín, University of Oklahoma. Zudem: Vargas, El flamenco. Grimaldos, Historia social. 100 Handzettel La Masía del Pinar, Lloret de Mar, AHL, 66.166.3. 101 Broschüre Gran Palace, Lloret de Mar, AHL, 66.423.5. 102 Broschüre El Cortijo, Lloret de Mar, AHL, 66.223.25. 103 Ebd. 104 Handzettel Gran Hotel Rosamar, Lloret de Mar, AHL, 66.223.42. 105 Ebd. <?page no="296"?> 295 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz nellen Kleidern, 106 die als „berühmte Künstler der spanischen Folklore“ 107 präsentiert wurden. Ähnlich wie im Falle des Stierkampfes kamen auch hier bald Stimmen auf, die die mangelnde Authentizität der folkloristischen Darstellungen kritisierten. So stellte ein Zeitungsartikel fest: „Gut, es ist die Wahrheit, dass die Authentizität dieser Spektakel, der als wahrer Flamenco bezeichnet wird, nicht immer die ist, die man sich wünscht und die man verlangt […].“ 108 Folklore konnte durch den Tourismus einen negativen Beigeschmack bekommen, auch wenn von zeitgenössischen Akteuren nicht ausgeschlossen wurde, dass trotz der Kommerzialisierung der Folklore ein Rest an Authentizität blieb, der allerdings buchstäblich mit der Lupe gesucht werden musste. 109 Der als Qualitätsverlust wahrgenommene Prozess der Touristifizierung von Flamencoaufführungen blieb nach Meinung eines Leserbriefschreibers an der Costa Brava auch den Touristen nicht verborgen und stellte eine Gefahr für das Gesamtbild dar, das die Einheimischen der Bevölkerung von sich präsentierten: Aus Diskretion werde ich den Namen des Lokals an unserer Küste verschweigen, in dem ich die Gelegenheit hatte, bei einer erniedrigenden Aufführung des schlechten, sogenannten Flamencos anwesend zu sein. Ich erspare Ihnen die Details dieser grotesken Verrenkungen des Tanzpaars. Ich widmete mich der Beobachtung der Ausländer, die diesem Spektakel zusahen. Ich kann Ihnen versichern, dass es nicht einen gab, der nicht lachte oder zumindest nicht lächelte und die Aufführung ernst nahm. Ich weiß nicht, was man tun kann, um diesen Mummenschantz, bei dem wir uns der Lächerlichkeit preisgeben, zu beenden. Aber ich weiß, dass etwas getan werden muss. 110 Somit war mit dieser Distanzierung der einheimischen Bevölkerung von den explizit für die Touristen inszenierten folkloristischen Spektakeln die Sorge verbunden, dass gegenüber den Touristen ein Bild entstand, das rein stereotypenhaft und kitschig war, anstatt ein realitätstreues Bild der Einheimischen zu entwerfen. Mit dieser Kritik an der Kommerzialisierung hispanisierender Kulturelemente war eine direkte Ablehnung der Touristifizierung der eigenen Kultur verbunden. Im Falle Kataloniens bzw. der Costa Brava ging damit zugleich eine Missbilligung der übermäßigen Präsenz genuin andalusischer Kulturelemente wie dem Stierkampf und dem Flamenco einher, die ganz Spanien zu repräsentieren beanspruchten, doch die regionalen Eigenheiten der katalanischen Bevölkerung keineswegs widerspiegelten. So betonte bereits 1963 ein Kritiker: 106 Broschüre Desconegut, Lloret de Mar, AHL, 66.223.92. 107 Ebd. 108 A la sombra de la Costa. Ecos y noticias entre Port-Bou y Blanes, in: Los Sitios (11.7.1971), S.-5. 109 Miguel Fernández: „El verdadero folklore hay que buscarlo con la lupa“, dice Andrés Segovia, in: Los Sitios (3.11.1967), S.-7. 110 El lector tiene la palabra, in: Presencia (17.7.1965), S.-4. <?page no="297"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 296 Und auf der anderen Seite der sogenannte ‚Flamenco‘, jene schreckliche Veranstaltung für die lärmende Horde der Touristen, die zu Tausenden in einen der Nachclubs an der Costa Brava strömen. Wo man früher die Sardana tanzte, hört man heute das gellende Echo der Bühne unter den Absätzen der ‚Tänzer‘ aus der Kostümkammer. 111 Ähnlich wie bei der gestiegenen Zahl von Stierkämpfen wurde die stärkere Präsenz des Flamenco an der Costa Brava direkt mit dem Tourismus in Verbindung gebracht: Heute zieht niemand in Zweifel, dass der Tanz und der Gesang des Flamenco in Katalonien Einzug gehalten haben und wegen dieser bunten Karawane, die sich Tourismus nennt, durch den Großteil unserer Region ziehen und ihr Vorstellungen gibt. […] Bis in die Hauptstädte der Provinzen innerhalb der Region hat sich die andalusische Repräsentation eingenistet. 112 An dieser Stelle wird sichtbar, dass die gegenüber den Touristen gewählte Strategie der Heterogenisierung von einem interregionalen Homogenisierungsprozess begleitet wurde, der in Katalonien wiederum zu Abgrenzungsbemühungen zum einen gegenüber der Präsenz andalusischer Kulturelemente in Katalonien und zum anderen zu rein touristifizierten Aufführungen spanischer Kultur führte. So wurde von einigen Kritikern durchaus die ‚Gefahr‘ inszenierter Authentizität für die Aufrechterhaltung der kulturellen Souveränität Kataloniens in Spanien gesehen. Diese ‚Gefahr‘ ging aber in der Wahrnehmung der Kritiker nur von hispanisierenden Elementen aus, bei denen es sich aus katalanischer Sicht um eine Fremdrepräsentation handelte, wie es beim Flamenco der Fall war. Dabei konnten die Kritiker auf ältere Muster der katalanischen Kulturkritik zurückgreifen. So hatte es bereits in den drei Jahrzehnten vor dem Bürgerkrieg heftige Debatten um Flamencoaufführungen in der Unterhaltungsszene der Metropole Barcelona gegeben. 113 In den Touristenorten an der Costa Brava waren die zahlreichen Flamencoaufführungen aus Sicht von Nachtclubbetreibern ein geeignetes Mittel zur Differenzerzeugung. Um eine möglichst spanische Atmosphäre zu schaffen, wurden genau die Elemente reproduziert, die den touristischen Räumen eine Andersheit zuwiesen. Somit bedienten die spanischen Akteure die Erwartungshaltungen, die die Tourismuswerbung evozierte, indem sie Spanien neben Strand, Sonne, Meer und modernen Hotels vor allem auch als Raum beschrieb, der sich kulturell deutlich von den Hauptherkunftsländern der Touristen unterschied. 114 Der interregionale Homogenisierungstrend und die ihm entgegengehaltene Selbstbehauptung katalanischer Kritiker erklären sich dabei durch die Vermarktung des Tourismus innerhalb und außerhalb der touristischen 111 Problemas de la Costa Brava, in: Los Sitios (5.10.1963), S.-8. 112 A.B.I.: „Cuando el flamenco se escucha en Gerona.“, in: Los Sitios (14.2.1965), S.-5. 113 Ebd., S.-463. 114 Vgl. Kapitel 2. <?page no="298"?> 297 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz Abb. 12: Handzettel El Cortijo, Lloret de Mar (El Cortijo presenta El Sali, 1965, Autoría: Publicidad Chapa. Arxiu Municipal de Lloret de Mar (SAMLM), Fondo Agustí Maria Vilà Galí, ST 511.021.29_066.223.027). <?page no="299"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 298 Interaktionszone, die durch nationale bzw. völkerpsychologische Stereotypisierungen gekennzeichnet war. Da Spanien als Urlaubsland in den Heimatländern der Touristen nicht mit regionalen Spezifika beworben wurde, sondern mit den Elementen, die eben als besonders spanisch galten, griffen die Akteure der touristischen Unterhaltungsindustrie besonders gern die so geweckten Erwartungen auf und präsentierten den Touristen oftmals ein Bild von Spanien, das ausschließlich durch Flamenco und Stierkampf geprägt war. Dabei war dieser Mechanismus der Differenzerzeugung das Gegenstück zu einer gezielten Einstellung auf die Bedürfnisse der Touristen und der daraus resultierenden homogenisierten Tourismuskultur, die nur wenig ‚Spanisches‘ enthielt. Der gezielten Inszenierung von Authentizität und Tradition stand ein Homogenisierungsprozess entgegen, dessen Ziel es war, den Touristen eine möglichst große Nähe der Touristenorte im Vergleich zu ihrer gewohnten Umgebung zu suggerieren. So lehrt ein Einblick in das Nachtleben des Touristenortes Lloret de Mar, dass dieses nicht nur ein ‚spanisches‘ Flair hatte, sondern auch davon geprägt war, den Touristen Bekanntes und Gewohntes zu bieten. So gab es etwa Speisekarten nicht nur in den Sprachen der Touristen, sondern auch die Gerichte passten sich dem Geschmack der Touristen an. Neben spanischen Gerichten fanden sich bald auch Spaghetti und Pizza, 115 die etwa den Deutschen bereits aus Italienurlauben und den zahlreichen italienischen Restaurants in Westdeutschland bekannt waren. 116 Aber auch ‚typisch deutsche‘ Gerichte fanden Eingang in das Speisenangebot eines spanischen Touristenorts. So waren das „Schnitzel jägerin mit pommes frites und salat“, „das Zigeunerschnitzel mit pommes frites“ 117 und „Reibekuchen“ 118 bald feste Bestandteile des touristischen Angebots in spanischen Restaurants und wurden damit zugleich zum Paradebeispiel für tourismuskritische Stimmen in den Herkunftsländern der Touristen, die den Massentouristen vorwarfen, statt authentischen Reiseerfahrungen nur mehr das Eigene in der Fremde zu suchen. 119 Bars, die jegliche Typen von Alkoholika und nicht nur den spanischen Brandy anboten, warben gezielt mit ihrer Auswahl an Whiskys und Cocktails. 120 Anstatt zu spanischer Musik konnte man genauso zu englischsprachiger und international bekannter Musik tanzen. 121 115 Vgl. die Speisekarte in AHL, 66.418.15. Siehe auch: Handzettel 5 Cepas, Lloret de Mar, AHL 66.231.1. 116 Möhring, Ethnizität und Konsum, S.- 182. Vgl. auch Dies., Gastronomie in Bewegung. Manning, Italiengeneration, S.-166. 117 Speisekarte in AHL, 66.418.15. 118 Handzettel Ros-Ast, Lloret de Mar, ca. 1965, AHL, 66.223.77. 119 WDR: Hier und Heute: Kumpel Anton in Palma Nova, 1.10.1965, WDR-Archiv, Archiv-Nr.: R-2597. WDR: Überall nur kölsche Töne - Wenn Deutsche reisen, 29.6.1978, WDR-Archiv, Archiv- Nr.: 0107284. Jaqueline Hénard: In Lloret muß man lange nach Spanien suchen, in: Frankfurter Allgmeine Zeitung (18.8.1983), S.-R 1. SDR: Abendschau am Samstag: Reiseboom zwischen den Jahren, 5.1.1985, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: 02 A29345 Stuttgart. NDR: Schauplatz Arenal. Play-Ground für Millionen, 10.12.1984, NDR-Archiv, Archiv-Nr.: 1041848. 120 Handzettel 777 Bar, Lloret de Mar ca. 1965, AHL, 66.231.2. 121 Ebd. <?page no="300"?> 299 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz Kulinarisch garniert wurde das Ganze mit „American hamburgers“ und „Sandwiches“ 122 . Auch ein „Real English breakfast“ 123 war ohne weiteres zu bekommen. Neben „guten Hamburger[n]“ wartete diese Bar mit einem gezielten Angebot für Touristen aus allen drei Hauptherkunftsländern der Touristen auf. 124 In eine ähnliche Richtung wiesen auch die Angebote der Reiseveranstalter für die Touristen in den Hotels. Diese bestanden vor allem ab den 1970er-Jahren in Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen. 125 Die Reiseveranstalter beteiligten sich auch an den von lokalen Akteuren verfolgten Authentisierungsstrategien, indem sie sogenannte spanische Abende organisierten, die in einem scheinbar traditionellen Umfeld außerhalb der Touristenorte stattfanden. Die Veranstalter hatten allerdings einen sehr eingeschränkten Erfolg, bei den Versuchen dort tatsächlich eine authentische spanische Atmosphäre zu schaffen, wie Touristen berichteten. 126 Durch die Strategien der Annährung des Angebots an die Bedürfnisse der ausländischen Touristen und der gleichzeitigen inszenierten Authentisierung wurden die spanischen Touristenorte zu Orten der Vielheit, in denen sich Kulturelemente mischten und nebeneinander bestanden. Vor diesem Hintergrund ist die Strategie der Differenzmarkierung bzw. der reflexiven Mediterranisierung, die im Wesentlichen durch die Bekräftigung als besonders spanisch geltender Elemente wie den Stierkampf und den Flamenco funktionierte, in erster Linie als eine Gegenstrategie zu bewerten, die dazu dienen sollte, der Homogenisierung und Internationalisierung des touristischen Raumes entgegenzuwirken. Die Einstellung auf die Bedürfnisse der Touristen, die mit der Anpassung des Angebots an internationale Moden und den kulinarischen Geschmack der Ausländer einherging, drohte zugleich die Attraktivität der touristischen Orte zu schwächen, indem sie sie einer eindeutigen Erkennbarkeit beraubte. 127 Mit der Inszenierung eines spanischen Ambientes wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der der einsetzenden Homogenisierung eine gleichzeitige Differenzierung entgegensetzte, um die Erkennbarkeit bzw. die Spezifika des besuchten touristischen Raumes zu gewährleisten und somit dem Erfolg als touristische Destination Kontinuität zu verleihen. 128 Damit wurde das Wechselspiel zwischen Homogenisierung und Differenzierung, das in einer dialektischen Raumkonstruktion 129 mündete, konstitutiv für die touristische Interaktionszone. Dieser Prozess der Differenzerzeugung war dabei nicht immer eine gezielte, intentionale Strategie, sondern gewann vor allem durch seine Performativität Kontur. Über die konkreten Motive, warum etwa ein Nachtclub oder eine Bar sich dazu entschie- 122 Ebd. 123 Prospekt El Sombrero, Lloret de Mar, ca. 1965, AHL, 66.223.29. 124 Ebd. 125 Fabian, Massentourismus und Individualität, S.-80. 126 Ebd. 127 Vgl. ähnlich Hasso Spode mit Fokus auf die Grand Hotels und Touristenorte der Jahrhundertwende: Spode, Homogenisierung und Differenzierung, S.-109. 128 Ebd., S.-102. 129 Ebd., S.-110. <?page no="301"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 300 den, Flamencotänzerinnen und spanische Gitarrenmusik zu präsentieren und nicht aktuelle Radiohits aufzulegen, lassen sich aufgrund der Quellenlage keine Aussagen treffen. Diese Prägung wiederum beruhte auf der agency lokaler Akteure. So lässt sich zwar nicht von der Intention, aber sehr wohl vom Ergebnis her ableiten, dass die Mechanismen der Differenzerzeugung ihrer Funktion nach ein Medium der sogenannten „reflexiven Mediterranisierung“ waren. Römhild interpretiert die Strategie der reflexiven Mediterranisierung in diesem Zusammenhang nicht als Ausdruck eines Machtgefälles, in das sich die mediterranen Akteure gewissermaßen freiwillig geben, indem sie nordwesteuropäische Wahrnehmungsweisen materiell reproduzieren, sondern gerade als Unterwanderung dieses Machtgefälles, indem es für eigene Zwecke instrumentalisiert wird. Damit sind etwa die zahlreichen Stierkämpfe und Flamencoaufführungen nicht als willfährige Unterwerfung, indem das Eigene als rückständig und archaisch im Gegensatz zur Modernität der Touristen akklamiert wird, sondern als bewusstes Spiel mit kulturellen Kodierungen und Wahrnehmungsmustern aufzufassen. Diese dienten dazu, Profit aus den Touristen zu schlagen, waren damit wiederum selber in ein eigenes Paradigma von Fortschritt und Modernisierung integriert und keineswegs Ausdruck einer naiven Zurschaustellung eigener Authentizität. Reflexive Mediterranisierung bedeutete vielmehr eine profitorienterte Kommodifizierung des Eigenen und war somit Ausdruck einer Zunahme von Handlungsmacht gerade durch die Bestätigung etablierter Hierarchien in der Wahrnehmung Südeuropas durch Nordwesteuropäer. Im untersuchten Fall ist jedoch genauer gesagt von einer reflexiven Hispanisierung zu sprechen. Zwar wurde Spanien durchaus als Land des Mittelmeers in der Tourismuswerbung vermarktet, doch stand die Betonung von ‚typisch Spanischem‘ durchaus in einem relationalen Verhältnis zu gesamtmediterranen Stereotypen. Wurde und wird Südeuropa und der Mittelmeerraum mit Rückständigkeit und Unterentwicklung assoziiert, so konnte durch die Betonung des Eigenen im spanischen Fall die Kontur gegenüber anderen konkurrierenden Urlaubsdestinationen wie Italien, Griechenland oder die Türkei, die ebenfalls in dieses Paradigma fielen, geschärft werden. Deshalb dienten als Momente der eigenen, reflexiven Zuschreibung von Archaik und Traditionalität in geringerem Maße abstrakte Formeln einer einfachen Architektur oder primitiver Fortbewegungsmittel, sondern vor allem spezifisch spanische Kulturelemente wie der Flamenco oder der Stierkampf. Der reflexive Bezug auf Stereotype und Bilder über den Mittelmeerraum wurde hier also neu konstruiert und mit national kodierten Elementen aufgeladen. Dies unterstreicht die Prägekraft des Nationalen innerhalb grenzüberschreitender Prozesse. Das Nationale wurde in seinen als typisch erachteten Ausprägungen gewissermaßen zu einer Marke, die sich im Ausland verkaufen ließ und vor Ort konsumiert werden sollte. Dies bedeutet zugleich eine Nationalisierung des Regionalen, die sich in diesem Fall durch die Repräsentation Andalusiens als gewissermaßen ‚spanischste‘ Region auch in Tourismusorten, die sich nicht dort befanden, äußerte. <?page no="302"?> 301 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz Erklärungsbedürftig erscheint aber, dass es vor allem der Flamenco und der Stierkampf waren, die diese Funktion erfüllen sollten. Beim Flamenco liegt es nahe, auf die bestehenden historischen Kontinuitäten in der Praxis der Außenrepräsentation Spaniens zu verweisen und auf die bildungsbürgerliche Rezeption des Tanzes. So hatte, wie erwähnt, der Flamenco bereits in der Vorkriegszeit auch in Barcelona Einzug in die großstädtische Unterhaltungsszene gefunden und stand dort neben anderen lokal verwurzelten Traditionen wie der Sardana. Dabei waren die Flamenco-Events so erfolgreich, dass sie auch bei der Weltausstellung 1929 in Barcelona im spanischen Pavillon eine zentrale Rolle spielte. Sandie Holguín hat in diesem Kontext von der „Andalusierung“ Barcelonas gesprochen. 130 Schon hier bildeten sich, dank des besonderen Erfolgs des andalusischen Teils im Pavillon jene typischen Elemente der spanischen Außenrepräsentation heraus, die ein zeitgenössischer Beobachter so umschrieb: „[…] Carmen, Gitarren, andalusischer Weißwein, Flamenco und Priester, die Anhänger des Stierkampfs sind […].“ 131 Der internationale Bekanntheitsgrad der Bizet-Oper ‚Carmen‘, in der sich die Figur einer femme fatale mit dem Stolz der andalusischen ‚ZigeunerInnen‘ vor einem typischen Lokalkolorit (Stierkampf ) mischte und dabei ganz entscheidend zur Orientalisierung und Romantisierung Spaniens beitrug, 132 dürfte ein Übriges getan haben, um eben jene Elemente als besonders ‚spanisch‘ zu prägen. Damit war die Präsenz und Präsentation dieser Elemente der touristifizierten Kultur der Einheimischen eine Folge der Reflexion über Tradition und Moderne, die in einer spezifischen Mischung dieser Kulturelemente mit denen einer sich herausbildenden Tourismuskultur resultierte. Die spanischen Touristenorte waren demnach von einer Koexistenz und Kopräsenz von einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturversatzstücke geprägt, die sich aus ihrer Konnotation mit den Kategorien Tradition und Moderne ergab. Während Clubbesitzer etwa die Modernität ihrer Einrichtungen mit den neuesten Schallplatten, einer Jukebox oder mit Diskobeleuchtung betonten 133 , stellten andere die scheinbare Traditionalität der spanischen Gesellschaft, die sich in Ritualen wie dem Stierkampf oder dem Spektakel folkloristischer Tänze äußerte, in den Vordergrund. Damit lag das Spezifikum der untersuchten Interaktionszone in spanischen Touristenorten gerade in der Hybridität, 134 die Tradition und Moderne, heterogenisierende und homogenisierende Elemente in eigentümlicher Weise nebeneinanderstellte, sich dabei Versatzstücken der Populärkultur bediente und damit die Touristenorte als Ganze kommerzialisierte. 130 Holguín, Vergüenza, S.-462. 131 Josep MariaPlanes i Martí, Nits de Barcelona, Colección Perfils, 25, Barcelona, 2001, S.- 82, zitiert nach: Holguín, Vergüenza, S.-463. 132 Colmeiro, Exorcising Exoticism, S.-143. 133 Vgl. Handzettel Acapulco, Lloret de Mar, ca. 1965, AHL, 66.231.5. Siehe auch Handzettel Acapulco, Lloret de Mar, ca. 1965, AHL, 66.233.6 134 Zum Konzept der hybriden Kulturen, die Versatzstücke aus „Tradition“ und „Moderne“ verschmelzen vgl. García Canclini, Hybrid Cultures, S.-XXV und 2. <?page no="303"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 302 5.3.3 Der ‚Tag des Touristen‘ Eine solche Strategie lässt sich ebenfalls für von der Zentralregierung initiierte Maßnahmen konstatieren, welche die Darstellung des Urlaubslandes Spaniens gegenüber den Touristen in den Ferienorten zum Ziel hatte. Anlässlich des seit 1964 jährlich stattfindenden ‚Tag des Touristen‘ („Día del Turista“) wurde ein spezifisches Bild von Spanien präsentiert, das vor allem durch den Kontrast mit den teilnehmenden Touristinnen und Touristen an Kontur gewann. Die erstmalige Veranstaltung des ‚Tag des Touristen‘ fiel in den Kontext der propagandistischen Feiern zum ‚Jahr des Friedens‘ 1964 anlässlich des 25-jährigen Jahrestags des Endes des Bürgerkriegs. 135 Komplementär zum Versuch, über die Friedensrhetorik das Bild des Regimes gegenüber der Bevölkerung aufzupolieren sollte der Tag des Touristen dazu dienen, Spanien zugleich als friedliches, modernes, aber auch traditionsverbundenes und folkloristisches Urlaubsland darzustellen. Der Tag des Touristen avancierte in der Folge zu einem jährlichen Anlass der Selbstdarstellung, die nicht nur vermittelt über Texte und Bilder stattfand, sondern den Touristen direkt vor Ort Anschauungsmaterial für einen symbolischen Konsum 136 bot. Städte und Gemeinden wurden von der Zentralregierung aufgefordert, am ‚Tag des Touristen‘ den Touristen etwas Besonderes zu bieten, sie zu etwas einzuladen, ein Fest zu veranstalten und vor allem ortsübliche Traditionen und Folklore zu präsentieren. So hieß es in einer Anweisung an die Bürgermeister der Costa del Sol bezüglich der Aktivitäten, die das Programm enthalten sollte: „[…] ohne Zweifel einen Stierkampf, […], ein Auftritt der ‚Coros y Danzas‘, professionelle Folklore-Tanzgruppen; […] unser guter Wein; ein typisches Essen, […] Kunsthandwerk zum Verkauf.“ Zudem mussten folgende Bedingungen erfüllt werden: „[…] die Straßen in einem ordentlichen Zustand, mit einem frischen Anstrich versehen, absolut sauber, auch wenn dafür bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet werden muss. Alle Läden müssen geöffnet haben; […] ein Banner für jedes Dorf, auf dem in besonderer Weise dargestellt wird, wie freundlich und zuvorkommend wir gegenüber den Touristen sind.“ 137 Ziel war es, „[…] an diesem Tag ein spanisches ‚Ambiente‘ herzustellen.“ 138 So entstand ein Bild eines zutiefst traditionellen Spaniens, in dem junge Frauen in Tracht gekleidet waren und traditionelle Tänze aufführten, während Männer sich heldenhaft Stieren entgegenwarfen. 135 Bernecker/ Brinkmann, Kampf der Erinnerungen, S.-127 f. 136 Zum Tourismus als Symbolkonsum vgl. Gyr, Touristenverhalten und Symbolstrukturen, S.-42. 137 Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo: Día del Turista 1967, 1967, AHPM, Información y Turismo 433, Carpeta 6 Día del Turista 1967. Ähnlich: Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo de Tarragona: Plakat Touristenwoche Tarragona, 1964, AHPM, Información y Turismo 433, Carpeta 1 Día del Turista Tarragona 1964. 138 Dirección General de Información, Sección de Estudios y Proyectos: Notas sobre el "Día del Turista", 28.2.1967, AGA, (3) 49.08 35544 Top. 23/ 44-47. <?page no="304"?> 303 5.3 Tourismuskultur und die Instrumentalisierung von Differenz Parallel zu solchen Selbstdarstellungen, die in erster Linie von weiblichen Tänzergruppen der sección femenina 139 oder lokalen Vereinen übernommen wurden, 140 veranstalteten viele Orte für die Touristen eine Miss-Wahl. Die Idee zur Krönung einer Miss Turismo war keine, die sich erst im Laufe der jährlich stattfindenden Veranstaltungen herausbildete, sondern von Beginn an ein integraler Bestandteil des ‚Tag des Touristen‘. 141 Diese Misswahlen wurden zu einer Veranstaltung, an der ‚Tradition‘ und ‚Moderne‘ besonders kontrastierten sollten. Auf den Veranstaltungen wurden die frisch zur Miss Tourismus gewählten Nordwesteuropäerinnen, die in der Regel alle ausschließlich blond waren, neben jungen spanischen Frauen gleichen Alters in traditioneller Tracht für die Presse abgebildet. 142 Dieser Kontrast, der auf der einen Seite leicht bekleidete Deutsche, Däninnen und die sprichwörtlich gewordenen Schwedinnen 143 zeigte und andererseits junge Spanierinnen in folkloristischen Kostümen, inszenierte die angeblichen Unterschiede zwischen Spanierinnen und anderen Europäerinnen. Durch das gemeinsame Auftreten von Einheimischen und Touristen entstand der Eindruck, dass Spanierinnen tief verwurzelt in ihrer Tradition waren und Touristinnen einem als modern gedeuteten nordwesteuropäisch-amerikanisierten Schönheitsideal entsprachen. Somit bestätigten diese Bilder Touristinnen und Touristen in ihrer Modernität und ließen Spanien als traditionsbewusstes Land erscheinen, das genau deshalb noch immer einen Reiz als 139 Die sección femenina war die Frauenorganisation des franquistischen Regimes. Geleitet wurde sie bis zum Ende des Franquismus von der Schwester von José Antonio Primo de Rivera, einem der Mitbegründer der faschistischen Falange Española, die später im Regime Francos aufgehen sollte. Als Unterorganisation der Falange Española y de las JONS vertrat die sección feminina ein strikt traditionelles Frauenbild und machte es sich zur Aufgabe, zu Erhaltung der klassischen Rolleneinteilung beizutragen. Vgl. Stehrenberger, Francos Tänzerinnen, S.-59 f. Vgl. ergänzend: Richmond, Las mujeres. Moreno Sardá, Mujeres en el franquismo. 140 Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo de Huelva an Ministerio de Información y Turismo: Informe relativo al ‚Día del Turista‘ en Huelva, 23.7.1970, AGA, (3) 49.22 45078. 141 Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Promoción del Turismo an Delegado Provincial de Gerona: Día del Turista, 10.12.1963, AHG, (3) Informació i Turisme 164, S.-1. Anders Abella, der die Miss-Wahlen als Initiative von Hoteliers und lokalen Festagenturen beschreibt, dies jedoch nicht an Quellen belegen kann. Abella, La vida cotidiana, S.-176. 142 Ministerio de Información y Turismo, Dirección General de Promoción del Turismo an Delegado Provincial de Gerona: Día del Turista, 10.12.1963, AHG, (3) Informació i Turisme 164. Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo: Fotos Día del Turista 1967, 1967, AHPM, Información y Turismo 433, Carpeta 6 Día del Turista 1967. La Sueca Ulla Kristina Fernberg, Miss Turista Provincial 1970, in: La Tarde (11.05.1970). Feria Española del Atlántico. Birgitta Nydahl, Belleza Sueca, ‚Miss Turismo-71‘, in: El Eco de Canarias (11.2.1971). Delegación Provincial del Ministerio de Información y Turismo de Tarragona: Programa Día del Turista Tarragona, 1964, AHPM, Información y Turismo 433, Carpeta 1 Día del Turista Tarragona. Oficina de Información de Turismo Aeropuerto Internacional de Tenerife an Ministerio de Información y Turismo: Informe sobre la celebración del Día del Turista Provincial 1.970, 12.5.1970, AGA, (3) 49.22 45078. Bilder vom Día del Turista im Hotel Las Mercedes und Hotel Delfín, 1969, AHPM, Información y Turismo 433, Día del Turista 1969. Miss Bikini Costa del Sol, in: Costa del Sol (September 1975), S.-27-37. ‚Miss Turista 1.971‘ es de Suecia, in: El Eco de Canarias (1971), S.-27. 143 Zur medialen Präsenz der ‘suecas’ vgl. Crumbaugh, Destination Dictatorship, S.-89. <?page no="305"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 304 Urlaubsland ausstrahlte. Die unmittelbare Erfahrung dieses inszenierten Kontrastverhältnisses zwischen modernem Nordwesteuropa und traditionellem Südeuropa am ‚Tag des Touristen‘ war somit ein bewusst eingesetztes Spiel mit Stereotypen, Identitäten und der Faszination vor dem Anderen, das das spezifische Image Spaniens als Destination stärken sollte. Dies belegt, dass es keinesfalls die alleinige Strategie der spanischen Regierung während der 1960er-Jahre war, Spanien als Land, in das die Moderne Einzug gehalten hatte, darzustellen. 144 Diese Funktion kam eher der Repräsentation der staatlichen Modernisierungspolitik gegenüber der Bevölkerung zu. 145 Gegenüber den Touristen ist deshalb in der Darstellung Spaniens von einer Komplementarität modernisierender und traditionalisierender Repräsentationen zu sprechen. Gerade der Auftritt leicht bekleideter Touristinnen bei den Miss-Wahlen und der Veröffentlichung der dort aufgenommenen Bilder in Tages- und Touristenzeitungen verweist auf die Strategie, Spanien als offen und modern darzustellen. Doch die Tatsache, dass diese leicht bekleideten Frauen immer Ausländerinnen waren, 146 ist zugleich äußerst bezeichnend. Denn was in der öffentlichen Repräsentation nicht möglich war, war die Darstellung von spanischen Frauen, die ähnlich freizügig auftraten wie die Touristinnen. Sie sollten weiterhin die als spezifisch spanisch geltenden Moralstandards repräsentieren, die mittlerweile nicht mehr durch das Regime und die Kirche von den Touristen aktiv eingefordert wurden, wie das nur wenige Jahre zuvor noch der Fall gewesen war. Gegenüber den Touristen wurde ein unbestimmtes Set an wie auch immer gearteten spanischen Moralvorstellungen und Werten zu einem Residuum des ‚Spanischseins‘, das zum Anlass des ‚Tag des Touristen‘ präsentiert werden sollte. So verband das Tourismusministerium mit der Durchführung des ‚Tag des Touristen‘ auch die Hoffnung, Touristen könnten sich in informelle Botschafter Spaniens verwandeln, die nach der Rückkehr in ihre Herkunftsländer ein revidiertes Bild über Spanien verbreiteten, das aus Sicht des Ministeriums ein reales war im Gegensatz zu dem, das die ausländische Presse über den Staat Francos verbreitete: […] unser Volk soll sich an der gemeinsamen Aufgabe beteiligen, das Beste unserer Idiosynkrasie und unserer Art zu leben über den Weg des Kontaktes und über ihr Verhalten bekannt zu machen, so dass die Tausenden von Touristen sich zu 144 So Pack, Tourism and dictatorship, S.-151. 145 Vgl. Kap. 3. 146 So wurde von staatlicher Seite darauf hingewiesen, dass nur Ausländerinnen an den Misswahlen teilnehmen sollten: Dirección General de Información, Sección de Estudios y Proyectos: Notas sobre el „Día del Turista“, 28.2.1967, AGA, (3) 49.08 35544 Top. 23/ 44-47. Vgl. auch: Juan Brull Vernet: Agasajos para und reina, in: Diario Español de Tarragona (13.8.1964). Der Artikel berichtet davon, dass nur Ausländerinnen an der Miss-Wahl teilnahmen. Abella vertritt jedoch die Auffassung, dass die Miss-Wahlen, für „[…] unsere Mädchen, die mit Liebreize ausgestattet waren, die sie als würdig erwiesen, [eine Gelegenheit boten] an diesen Wettbewerben teilzunehmen, während sie diese bis dahin nie hatten zeigen können […]. Abella, La vida cotidiana, S.-177. Dafür finden sich jedoch bei Abella keine Quellen, die dies belegen. <?page no="306"?> 305 5.4 Lokale Kultur im Wandel? Die Summe von Kommodifizierung und Eigensinn Botschaftern für die Realität und den tatsächlichen Gang der Dinge in Spanien verwandeln. 147 Durchaus auch in der Zeit, nachdem der Slogan ‚España es diferente‘ offiziell vom Tourismusministerium von der Agenda genommen worden war, um Spanien nicht länger mit Rückständigkeit und Unterentwicklung, sondern mit Moderne und Fortschritt zu konnotieren, 148 behielten scheinbare spanische Traditionen einen Wert als Mittel der Außenrepräsentation und waren ein wichtiger Baustein der touristischen Raumkonstruktion, die einer Homogenisierung touristischer Räume bis zu ihrer Austauschbarkeit entgegenwirken sollte. 5.4 Lokale Kultur im Wandel? Die Summe von Kommodifizierung und Eigensinn Diese Mechanismen der Differenzerzeugung führten dazu, dass nicht nur einzelne Aspekte bzw. zur Schau gestellte Kulturelemente kommodifiziert wurden, sondern der touristische Raum insgesamt Objekt der Kommodifizierung wurde. Es ging bei den Differenzierungsbemühungen, die den homogenisierenden Trends komplementär zu Seite standen, nicht nur, um die ‚spanische‘ Gestaltung einzelner Bereiche oder Aspekte. Vielmehr stand hinter den Bemühungen der Versuch, dem touristischen Raum eine Atmosphäre zu verleihen, die ihn von anderen Räumen unterscheidbar machte. Damit wurde er vermarktungsfähig und konnte von den Touristen im Rahmen einer Pauschalreise konsumiert werden. Im Folgen interessiert die Frage, ob die Bemühungen, ‚spanische‘ Kulturelemente zu touristifizieren, um damit den touristischen Raum zu vermarkten, dazu führten, dass kulturelle Praktiken so beeinflusst wurden, dass sie für die Einheimischen an Bedeutsamkeit verloren. Anders gefragt: Verloren kulturelle Äußerungen, die touristisch inwertgesetzt wurden, an Bedeutsamkeit für die Einheimischen und degenerierten gewissermaßen zu bedeutungslosen Aussageweisen, wie es der Bischof von Mallorca im zu Beginn des Kapitels zitierten Aufruf an seine Gemeinde befürchtete oder konnten sie ihre Bedeutsamkeit behalten und weiterhin einen wichtigen Teil im sozialen und kulturellen Leben der Einheimischen spielen? Beantworten lässt sich diese Frage zumindest tentativ anhand der Geschichte des katalanischen Volkstanz Sardana in den Touristenorten der Costa Brava. Die Sardana ist ein Tanz, der im Zuge des katalanischen Nationalismus im späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert als nationale Tradition erfunden wurde, nachdem die Musikgattung der Sardana im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein eigenes Profil ausgebildet hatte, und dabei aus Sicht der katalanischen Nationalisten als Widerlager gegen den Einfluss kas- 147 Dirección General de Información, Sección de Estudios y Proyectos: Notas sobre el „Día del Turista“, 28.2.1967, AGA, (3) 49.08 35544 Top. 23/ 44-47. 148 Pack, Tourism and dictatorship, S.-149. <?page no="307"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 306 tilischer Kultur auf Katalonien dienen sollte. 149 Als Gruppentanz, bei dem sich die Tänzerinnen und Tänzer gemeinsam in einem Kreis bewegen und sich dabei gegenseitig an den Händen halten, symbolisiert der Tanz ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den gemeinsam Tanzenden. 150 Damit war aus katalanischer Sicht die Sardana ein Kulturelement, das Touristen in besonderem Maße die Werte und Eigenheiten ihrer ‚Nation‘ zeigen konnte. Deshalb beschloss 1959 die neu gegründete lokale Kommission für die Förderung des Tourismus in Lloret de Mar, dass während der Touristensaison von Mai bis September jeden Samstagabend eine Sardana-Aufführung für die Touristen stattfinden sollte. 151 Dazu wurde eigens einen Comisión de Sardana eingerichtet. Aus dieser ging schließlich zehn Jahre später der Verein Amics de la Sardana (Freunde der Sardana) hervor. 152 Das Aufblühen der Sardanakultur in einem institutionellen Rahmen war folglich eng mit der Entwicklung des Tourismus verknüpft. Nun war die Sardana nicht nur ein gängiger Teil der lokalen Feste, sondern bekam als Kulturelement einen genuinen Platz innerhalb der Kommodifizierung der lokalen Kultur für touristische Zwecke zugewiesen. Die Sardana wurde von der Junta als dasjenige Element der lokalen Kultur gesehen, das den Touristen als repräsentativ für das kulturelle Leben der Gemeinde gezeigt werden sollte. 153 So versuchte die Junta gezielt, ein lokal und regional verwurzeltes Phänomen den Touristen zu präsentieren, das ein möglichst authentisches Abbild der lokalen Kultur geben sollte. 154 Damit setzte sich die für die Förderung des Tourismus in Lloret zuständige Kommission deutlich von dem ab, was stärker an das Regime gebundene Akteure, die ebenfalls mit der Förderung des Tourismus konfrontiert waren, versuchten den Touristen zu präsentieren. Etwa bot die Sección Femenina der Falange mit ihren Tanzaufführungen eine Mischung aus für ganz Spanien typischen Tänzen, anstatt sich nur auf die Sardana als Ausdruck der regionalen und lokalen Gegebenheiten in Katalonien zu konzentrieren. 155 Durch die Etablierung der wöchentlichen Sardana-Aufführungen für die Touristen erfuhr der Tanz auch unter den Einheimischen eher einen Zugewinn an Vitalität und Beliebtheit, anstatt ihn zu einem bedeutungslosen Ausdruck lokaler Kultur werden zu lassen. 149 Marfany, Al damunt. Martí i Pérez, The Sardana. 150 Vgl. Subirana, Ciutats pubilles, S.-74. Schmidt, Die Sardana. 151 Ayuntamiento de Lloret de Mar, Junta Local de Información, Turismo y Educación Popular, Acta de la sesión, 9.4.1959, AHL, 65.106.1. 152 Amics de la Sardana: Memoria de les activitats, 1975, AHL, 56.229.10. 153 Junta Local de Información, Turismo y Educación Popular: Espectáculo Folklórico, 22.07.1961, AHL, Caja Junta Local de Información, Turismo y Educación Popular. 154 Junta Local de Información, Turismo y Educación Popular: Gran Festival de Danzas Regionales, 09.08.1960, AHL, Caja Junta Local de Información, Turismo y Educación Popular. 155 Sección Femenina de Gerona an Junta Local de Información, Turismo y Educación Popular de Lloret de Mar: Actuación en Lloret de Mar, 1961, AHL, Caja Junta Local de Información, Turismo y Educación Popular de Lloret de Mar. <?page no="308"?> 307 5.4 Lokale Kultur im Wandel? Die Summe von Kommodifizierung und Eigensinn Denn zusätzlich zu den Auftritten im eigenen Dorf reiste die Tanzgruppe regelmäßig in die umliegenden Orte an der Costa Brava, um dort an Sardanatreffen teilzunehmen. 156 Damit unterhielten selbst die hoch touristifizierten Orte des Massentourismus wie Lloret de Mar, Tossa de Mar oder Blanes ein Netzwerk an Beziehungen, das sich immer auch in einem Konkurrenzverhältnis um die besten Sardanatänzerinnen und -tänzer äußerte, und damit die Bedeutsamkeit der Sardana als Teil der Regionalkultur zusätzlich beförderte. In diesem Sinn betonte ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1969, als die Präsenz der ausländischen Touristen bereits deutlich zu spüren war, dass in Lloret neben dem Tourismus sehr wohl noch eigene Traditionen fortlebten und machte dies an der offiziellen Gründung des Vereins der Amics de la Sardana deutlich. 157 Zwar finanzierte sich der aus der Comisión de Sardana 1969 hervorgegangene Verein wie zuvor die Kommission aus Zuschüssen, die von Restaurant-, Hotel- und Ladenbesitzern Llorets kamen. Damit trug der Tourismus entscheidend zur Finanzierung der Aufrechterhaltung einer solchen lokalen Tradition bei. 158 Doch trotz dieser finanziellen Verbindung führte dies nicht dazu, dass die Sardana nur um der Touristen willen am Leben erhalten wurde. Denn trotz der Kommodifizierung des Tanzes in folkloristischen Spektakeln wurde Lloret de Mar 1971 zur Ciutat Pubilla ernannt, eine Auszeichnung, die seit 1960 von der Kulturorganisation L’Obra del Ballet Popular jährlich an katalanische Städte und Orte vergeben wurde, in denen die Tradition der Sardana besonders lebendig war und die sich um die Förderung der Sardana besonders verdient gemacht hatten. 159 Anlässlich der Feierlichkeiten zu diesem Anlass wurde in Lloret zudem ein Monument für die Sardana errichtet. 160 Der offizielle Festakt zur Ausrufung Llorets als Ciutat Pubilla wurde zu einem städtischen und regionalen Ereignis, anlässlich dessen der Bürgermeister auf Katalanisch einerseits die lange Tradition der Sardana in Lloret in Anwesenheit des Zivilgouverneurs und hochrangiger Militärs hervorhob, aber zugleich auch den Tourismus dafür verantwortlich machte, dass der Tanz eine solche Präsenz in der Stadt habe: Wir bestehen darauf, dass diese Ernennung [zur Ciutat Pubilla, M.G.] die Auszeichnung einer langen Tradition der Sardana in Lloret ist, die bis ins letzte Jahrhundert zurückreicht. Zugleich ist sie [die Ernennung, M.G.] eine Anerkennung der Bedeutung unserer Stadt als touristisches Zentrum. 161 156 Amics de la Sardana: Benvolgut lloretenc, Januar 1969, AHL, 56.198.10. 157 Sardanes a Lloret, in: Los Sitios (1.5.1969). 158 Amics de la Sardana: Benvolgut lloretenc, Dezember 1969, AHL, 56.158.10. 159 Subirana, Ciutats Pubilles. 160 Vallarnau: La villa será ‚Ciutat Pubilla‘. Comisiones de trabajo preparan los actos y se ha encargado el cartel a Pedro Clapera, in: Diario de Barcelona (5.12.1970), S.-20. Lloret, Ciutat Pubilla 1971, in: Presencia (23.1.1971), S.-15. Lloret, Ciutat Pubilla, in: Presencia (30.1.1971), S.-19. J. Sureda Prat: Don Juan Domènech, miembro de la comisión organizadora de los festejos „Lloret, Ciutat Pubilla de la Sardana“, in: Los Sitios (23.2.1971), S.-14. 161 “Emotiva jornada de exaltación de la sardana, en Lloret de Mar”, in: Los Sitios (20.4.1971), S.-12-13, <?page no="309"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 308 Damit führte der Bürgermeister die Lebendigkeit der Sardana in Lloret auch auf den Tourismus zurück, 162 zugleich zeigte der Festakt, der in der Vorsaison stattfand und an dem kaum ein Tourist teilnahm, die fortbestehende Resilienz gegen die Entwertung der Sardana durch ihre touristische Kommodifizierung. Mit der touristischen Inwertsetzung der Sardana ging durch die Gründung der Kommission und später des Vereins eine Art Professionalisierung einher, die zuvor nicht bestanden hatte. Insofern blieb die Praxis der Sardana von ihrer touristischen Instrumentalisierung nicht unbeeinflusst. Klagen darüber, dass damit aber etwa ein Qualitätsverlust und das Verkommen der Sardana zu touristischem Kitsch verbunden waren, kamen jedoch zu keinem Zeitpunkt auf. Einen Einfluss hatte die Kommodifizierung demnach in erster Linie auf organisatorischer Ebene und nicht auf der Ebene der Veränderung von Darbietungstechniken oder dem Tanz als solchem. 163 Zweifelsohne waren Sardana-Aufführungen in Lloret de Mar ein wichtiger Aspekt der Differenzmarkierung und der Versuche, für Touristen eine möglichst authentische Atmosphäre zu schaffen. Noch 1976 war für viele Touristen in Lloret der Besuch einer folkloristischen Aufführung ein fester Bestandteil des Urlaubs. So zeigt eine Umfrage, die zu Marktforschungszwecken in Lloret durchgeführt wurde, dass 43,6% der Touristen, die in Lloret Urlaub machten, sich eine solche Aufführung ansahen. 7,7% nahmen zudem an kulturellen Aktivitäten teil. Unter folkloristischen Aufführungen sind erstens die Stierkämpfe, die in der neu gebauten Arena ab Mitte der 1960-Jahre stattfanden zu subsumieren, die Flamencoaufführungen in den Bars und Nachtclubs sowie eben die Aufführungen des Sardana-Vereins. Damit gehörte der Besuch einer dieser Veranstaltungen zum Standardprogramm für die Hälfte der Lloret-Touristen. 164 Trotz dieser Kommodifizierung lokaler Kultur blieb die Sardana während des Franquismus und darüber hinaus ein Ausdruck lokaler und regionaler Identitäten. Die Sardana konnte trotz ihrer kommerziellen Nutzung für den Tourismus weiterhin als besonderer Ausdruck des Katalanischseins interpretiert werden und war damit zugleich auch ein politisches Statement für den katalanischen Regionalismus. Zugleich hier S.-12. 162 Ähnlich argumentiert wurde im Hinblick auf den Fortbestand der Folklore sowie der teilweisen Wiederentdeckung von nicht mehr praktizierten Festen auf Mallorca: Juan Muntaner, Cronista Oficial del Reino de Mallorca: Nuestras Fiestas Populares y el Turismo de Invierno, in: Boletín de la Cámara Oficial de Comercio, Industria y Navegación de Palma de Mallorca 60 (1960), H. 626, S.-16-18, hier S.-16. 163 Ob dieser Befund auch auf den aus Andalusien stammenden Flamenco zutrifft, kann auf der vorhandenen Quellengrundlage nicht geklärt werden. Angesichts der Tatsache, dass der Flamenco bis heute äußerst lebendig geblieben ist und sich auch in Spanien einer großen Beliebtheit erfreut, die sich nicht zuletzt darin zeigt, dass Flamenco-Festivals regelmäßig stattfinden und der Tanz professionalisiert wurde, kann der vorsichtige Schluss gezogen werden, dass es auch beim Flamenco nicht zu einer generellen Einschränkung seiner Bedeutung für die Einheimischen gekommen ist. Nicht zuletzt legt dies die Existenz einer Flamencowissenschaft nahe. Vgl. die Zeitschrift Revista del Centro de Investigación Flamenco Telethusa und J. Blas: 50 años de flamencología, Madrid 2007. 164 cett: Estudio de las características más importantes que definen al turista de Lloret de Mar, Verano 1976, AHL, 900.17310.CET01, S.-39. <?page no="310"?> 309 5.4 Lokale Kultur im Wandel? Die Summe von Kommodifizierung und Eigensinn drückte sie den Stolz auf die eigene Kommune aus, der besonders während der Sardana-Wettbewerbe unter den Städten an der Costa Brava zum Tragen kam. So konstatierte ebenfalls aus Anlass der Feierlichkeiten für die Ciutat Pubilla Lloret de Mar im Jahr 1971 ein Vertreter des Vereins: „Ja, in der Sardana schlägt das Herz unserer Lebensweisen und der essentiellsten Charakteristiken des katalanischen Volkes, die sie erschaffen hat.“ 165 In der Phase der Transición zeigte sich schließlich die Vitalität dieser regionalen Tradition, die sowohl die Dominanz durch die Francodiktatur als auch das Entstehen einer touristischen Massenkultur überstanden hatte und daraus gestärkt hervorging. Nun wurden die Bezüge zum politischen Katalanismus auch im Touristenort Lloret deutlicher. 1979 wurde etwa eine „L’Homenage Nacional de Catalunya a la Sardana“ (Nationalweite Ehrung der Sardana in Katalonien) organisiert, an der auch die Gruppe aus Lloret mit großem Enthusiasmus teilnahm. 166 Als besonderer Ausdruck der Gemeinschaft aller Katalanen 167 behielt die Sardana folglich ihre spezifische Bedeutsamkeit. Damit einher ging auch eine besondere Ausgestaltung des Repräsentationsraums Stadt, der ein Nebeneinander von lokaler Kultur bzw. der Kultur der Einheimischen und der Tourismuskultur implizierte. Mit der Aufstellung eines Denkmals für die Sardana als wichtiges kulturelles Erbe des Katalanentums im Touristenort Lloret de Mar und der Inanspruchnahme des öffentlichen Raumes für Sardana-Aufführungen, die nicht direkt touristischen Zwecken dienten, wie sie 1971 anlässlich der Verleihung des Titels der Ciutat Pubilla kulminierten, verband sich auch der Anspruch, lokalen Traditionen eine Sichtbarkeit im Dickicht der Hotels, Restaurants und Nachtclubs zu verleihen. Gerade die Bekräftigung des Anspruchs auf den öffentlichen Raum, der vor allem durch den Tourismus und die damit einhergehende Kommerzialisierung geprägt war, verweist auf den Eigensinn, 168 den sich Touristenorte, trotz Homogenisierungstendenzen, erhalten konnten. Die Perpetuierung eigensinniger Praktiken ist jedoch erklärungsbedürftig. Nach den hier präsentierten Befunden lassen sie sich ‒ angesichts der Quellenlage und der Spezifik des Phänomens ‒ mit aller notwendigen Vorsicht auf eine Strategie der virtuellen Segregation zurückführen. Die Strategie ist deshalb als „Segregation“ zu bezeichnen, weil sie den Einheimischen dazu diente, kulturelle Praktiken und damit Teile ihres alltäglichen Lebens vom Einfluss des Tourismus zu separieren, so dass kommodifizierte Praktiken wie die Sardana oder der Stierkampf nicht zwangsläufig 165 Aus der Rede von Esteban Fábregas y Barri anlässlich der Feierlichkeiten zur Ernennung Llorets de Mar als ‚Ciutat Pubilla‘. Emotiva jornada de exaltación de la sardana, en Lloret de Mar, in: Los Sitios (20.4.1971), S.-12-13, hier S.-12. 166 Col-lectiu d'Entitats Organitzadors: Homenatge Nacional de Catalunya a la Sardana, Februar 1979, AHL, 56.330.1. Amics de la Sardana: La Sardana. Dansa Catalana 1979, AHL, 56.216.1. 167 Lloret, Ciutat Pubilla, in: Presencia (30.1.1971), S.-19. J. Sureda Prat: Don Juan Domènech, miembro de la comisión organizadora de los festejos “Lloret, Ciutat Pubilla de la Sardana”, in: Los Sitios (23.2.1971), S.-14. 168 Lüdtke, Eigen-Sinn. <?page no="311"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 310 an Bedeutung für Teile der Einheimischen verloren. Die virtuelle Segregation diente denjenigen Einheimischen, die etwa im Sardana-Verein mitwirkten also als Bewältigungsbzw. Copingstrategie 169 zum Umgang mit der Präsenz der Touristen. Diese spezifische Einteilung und Aufteilung der Repräsentationsräume anhand imaginärer Grenzen ermöglichte die Aufrechterhaltung lokaler und regionaler Kulturformen, die trotz der massentouristischen Präsenz nicht an Bedeutsamkeit verloren. Sie verhinderte eine komplette Touristifizierung des lokalen Lebens in Lloret. Die Eigenlogik des einheimischen Lebens blieb somit erhalten und löste sich nicht in der vollständigen Einstellung auf den Tourismus auf. Diese Segregation ist als virtuell zu bezeichnen, weil die Aufteilung des Repräsentationsraums vonseiten jener Einheimischen nicht in erster Linie anhand territorialer Kriterien vollzogen wurde. Zwar beanspruchten die Einheimischen für die Aufrechterhaltung ihrer Kultur potentiell denselben physischen Raum, nutzten ihn jedoch, zumindest zu bestimmten Zeiten und Momenten, in anderer Weise als die Touristen und versahen ihn mit einer anderen Symbolstruktur. Zwar ist zu bedenken, dass es in einigen Touristenorten durchaus auch zu einer territorialen Segregation zwischen Einheimischen und Touristen durch die unterschiedliche Lage der Hotelbzw. Wohnviertel kam. An erster Stelle sind hier sicherlich die zahlreichen Urbanisationen zu nennen, die sich um die eigentlichen Orte herum herausbildeten und anlagerten. Sie wurden oftmals ja gerade damit beworben, dass sie als autosuffiziente Einheiten geplant worden waren und deshalb den Touristen ermöglichten, alle Annehmlichkeiten und Versorgungsmöglichkeiten fußläufig zu erreichen. Ein Gang in die nahe gelegene Stadt bzw. das Dorf konnte so vermieden werden. 170 Die territoriale Segregation spielte nicht zuletzt für die sogenannten Residenztouristen eine wichtige Rolle. Diese Gruppe hatte sich entweder in Form des Altersruhesitzes eine dauerhafte Bleibe in Spanien gesucht oder eine eigene Immobilie erworben, 169 Zum Begriff des ‚Coping‘ vgl. Boissevain, Introduction. 170 Vgl. etwa die Anfang der sechziger Jahre errichtete Großurbanisation ‚Andalucía la Nueva‘ an der Costa del Sol: José Banus S.A.: Andalucía La Nueva. Memoria de Ordenacion, November 1963, AHPM, Información y Turismo 432, Carp. Andalucía La Nueva. Ministerio de Información y Turismo: Informe sobre la ciudad parque de turismo „Andalucía Nueva“, 21.12.1962, AGA, (3) 49.22 48974, Carpeta 54, Exp. 2, Top. 72/ 40.405-40.504. Ähnlich auf Mallorca die zu Beginn der siebziger Jahre gebaute Großurbanisation ‚Calas de Mallorca‘, die von der Solymar Gesellschaft für Auslandsbesitz gerade damit beworben wurde, dass „sportliche Betätigung“ jederzeit möglich sei, sowie sich innerhalb der Urbanisation „Cafés, Night-Clubs, Snack-Bars“ sowie „eine deutsche Schule“ und „jederzeitige ärztliche Versorgung“ befänden. Solymar Gesellschaft für Auslandsbesitz mbH: Advertising Folder Solymar Calas de Mallorca, 1971, ARM, GC 2048. Auch an der Costa Brava nahm die Zahl der neuerschlossenen Siedlungen immer weiter zu. Gobierno Civil de Gerona: Relación de los Planes Parciales de Iniciativa Privada de la Zona Costa Brava, 1967, AHG, (3) Govern Civil 1616. Ministerio de la Vivienda, Delegación Provincial Baleares, Comisión Provincial de Urbanismo an Comisario Jefe del Cuerpo General de Policía de Gerona: Relación de urbanizaciones, 25.1.1968, AHG, (3) Govern Civil 1617, Exp. Informe de la Costa Brava. Ministerio de la Vivienda, Delegación Provincial, Comisión Provincial de Urbanismo y Arquitectura Gerona: Planificaciones de iniciativa particular y municipal (urbanizaciones), 21.07.1965, AHG, (3) Govern Civil 3551, Exp. 1. <?page no="312"?> 311 5.4 Lokale Kultur im Wandel? Die Summe von Kommodifizierung und Eigensinn um später evtl. den Ruhestand dort zu verbringen, aber bereits vorher sich häufig mehrere Wochen im Jahr dort aufhielten. Die Quellendichte zu dieser Akteursgruppe ist zwar enorm gering, doch lässt sich aus dem wenigen vorhandenen Material durchaus der Rückschluss ziehen, dass diese Langzeittouristen kaum bzw. nur in sehr eingeschränkter Art und Weise Einfluss auf die Lebenswelt der Einheimischen nahm und so weitgehend segregiert in den häufig eigens für sie geschaffenen Urbanisationen unter sich blieben. Dabei kam es zwar zu Konflikten mit einheimischen Bauträgern oder den für die Urbanisationsgebiete zuständigen Kommunen, 171 ein tiefergehender Einfluss auf die Strukturen des Lebens der Einheimischen lässt sich aber nicht konstatieren. Stattdessen verkehrten und kommunizierten Residenztouristen mit ihresgleichen, auch wenn diese nicht aus dem eigenen Land stammten. 172 So entwickelten sich die Urbanisationen zu weitgehend separierten Zonen, in denen zwar eine transnationale Vergemeinschaftung der dort Lebenden stattfand, eine Interaktion mit den in der Nähe lebenden Einheimischen aber deutlich eingeschränkt war, so dass hier tatsächlich von einer eher territorialen Segregation gesprochen werden kann. Doch in den bereits vor dem Beginn des Massentourismus bestehenden Ortschaften und Städten waren die Einheimischen gezwungen, ihre Lebenswelt mit denen der Touristen zu teilen. Deutlich wird das etwa an dem bereits erwähnten Sardana-Denkmal Lloret, das gerade in zentraler Lage in der Nähe des Strandes mit Blick auf das Meer errichtet wurde, also an einem Ort, der für den Tourismus eine zentrale Bedeutung hatte und nicht in einem Bereich der Stadt, den Touristen kaum frequentierten. Damit teilten 171 Dabei agierten die Haus-/ Wohnungsbesitzer über nationale Grenzen hinweg häufig als Art Eigentümergemeinschaft, um ihre Interessen durchzusetzen: Propietarios de la Urbanización El Pinillo, Torremolinos an Angel Fernandez Sepulveda, El Pinillo S.A.: Lack of water, 8.6.1968, AHPM, Información y Turismo 20. Ministerio de la Vivienda, Delegación Provincial, Comisión Provincial de Urbanismo y Arquitectura: Irregularidades urbanísticas registradas en el Sector Terroges, La Escala, 30.6.1966, AHG, (3) Govern Civil 2714. Leonard J. Weisberg: Urbanization, 12.7.1966, AHG, (3) Govern Civil 2714. Belgischer Staatsbürger an Manuel Fraga Iribarne: Contratos de compra Playa de Aro, 1.10.1967, AGA, (3) 49.11 42534, Carpeta 1, Exp. 4, Top. 23/ 66-69. José Collado Aguirra an Manuel Fraga Iribarne: Urbanización „Los Grecs‘, 26.8.1966, AGA, (3) 49.11 42534, Carpeta 1, Exp. 3, Top. 23/ 66-69. Delegado Provincial del Ministerio de Información y Turismo Málaga an Subsecretario de Turismo: Denuncia van Walreven, 11.1.1966. AGA, (3) 49.22 48959, Carpeta 3, Exp. 51, Top. 72/ 40.405-40.504. Dr. Karl Kuhlemann, Vorsitzender des Club Llorell, Asocación de Propriedarios [sic] de la Urbanisation [sic] Sta. Ma. de Llorell, Tossa de Mar an Ministerio de Información y Turismo: Layout Plan Urbanisation. Titel: Bebauungsplan, 25.8.1966, AGA, (3) 49.11 42534, Carpeta 1, Exp. 4, Top. 23/ 66-69. Ministerio de Información y Turismo, Delegación Provincial de Málaga: Denuncia contra Urbanización ‚Costa Bella‘, Marbella, 1969, AHPM, Información y Turismo 140, Exp. 17/ 69. Residents of „Las Palmeras“ an Fraga Iribarne: Beschwerde über Missstände, 8.4.1968, AGA, (3) 49.22 48959, Carpeta 2, Exp. 25, Top. 72/ 40.405-40.504. Schutzgemeinschaft Costa Bella, Helmut Öhlschlegel an Ayuntamiento de Marbella: Genehmigung der Urbanisation Costa Bella, 13.5.1969, AGA, (3) 49.22 48959, Carpeta 1, Exp. 23, Top. 72/ 40.405-40.504. John Nicholson an Ministerio de Información y Turismo: Dificultades urbanización „Los Adarves de Calahonda“, 27.8.1969, AGA, (3) 49.22 48959, Carpeta 1, Exp. 23, Top. 72/ 40.405-40.504. 172 Schriewer, Deutsche Senioren, S.-512. Ders., Sonnenparadies, S.-161. Huber, Sog des Südens. Hühn, Migration im Alter. O’Reilly, Britische Wohlstandsmigranten, S.-432. Vgl. auch Dies., The British. <?page no="313"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 312 sich lokale Traditionen und der Tourismus denselben physischen Raum und trotzdem führte dies nicht dazu, dass auf Dauer der Tourismus eben diese lokalen Traditionen völlig verdrängte oder unsichtbar machte. Vielmehr weist die Aufstellung des Sardana- Denkmals direkt am Strand von Lloret de Mar auf das Fortbestehen lokaler Traditionen hin. Indem die Verwaltung von Lloret in Zusammenarbeit mit dem Sardana-Verein eben diese Stelle für das Denkmal auswählte, versuchten sie damit zugleich, den Platz lokaler und regionaler Identitäten im Stadtbild sichtbar zu machen und jenseits der touristischen Strukturierung der Stadt ihr „Recht auf die Stadt“ 173 zu demonstrieren. Da die Sardana, wie bereits erwähnt, als einziges empirisches Beispiel die These von der virtuellen Segregation nur tentativ belegen kann, da ein Rückschluss von der Praktik des Tanzes auf den gesamten Alltag aller Einheimischen nicht möglich ist, werden im Folgenden ergänzend zeitgenössische ethnologische Studien herangezogen, um die Thesenbildung zu unterstützen. So konstatierte der Ethnologe Oriol Pi-Sunyer auf der Basis einer Ethnographie über einen Ort an der Costa Brava, dessen Namen er anonymisiert hatte, dass es keinesfalls zu einer Desintegration oder Degeneration der lokalen Kultur durch den Tourismus gekommen sei. 174 Pi-Sunyer konstatierte vielmehr, dass „villagers comportamentalized their lives in such a manner that dealings with tourists hardly intruded on other areas of their lives.“ 175 Ähnlich führte auch Jordi Estivill in einer Beobachtungsstudie über Lloret de Mar 1978 an, dass es in Lloret den Einheimischen möglich gewesen sei, eine Art kultureller Kontinuität zu bewahren, trotz der gleichzeitigen massiven Präsenz der Touristen. 176 Da diese Befunde nur auf die Costa Brava 177 zutreffen, stellt sich die Frage, ob die spezifischen Bedingungen, die dort herrschten, möglicherweise die Ursache für den Erfolg der Strategie der virtuellen Segregation darstellen. Gerade die bereits vor der Ankunft des Tourismus stark ausgeprägte regionale, bzw. aus Sicht der Katalanen selber, nationale Identität wäre dann das Explanans für die Aufrechterhaltung von Kulturelementen, die als (erfundene) Traditionsbestände wiederum eine wichtige Funktion für die Identitätsbewahrung besessen hätten. Zweifellos ist es so, dass die Sardana seit der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einsetzenden renaixença als erfundene Tradition immer auch ein politisches Statement transportierte. Damit war sie nicht nur eine für das lokale Leben typische Erscheinung, sondern diente auch der Aufrechterhaltung einer nationalen katalanischen Identität unter dem Franquismus. 178 Jedoch weisen Befunde für andere spanische Tourismusregionen darauf hin, dass die Strategie der virtuellen Segregation keine Spezifik der Einheimischen war, die an der Costa Brava und damit in Katalonien lebten. 173 Lefebvre, Henri: Le droit à la ville, Paris 1968. 174 Pi-Sunyer, Tourism and Its Discontents, S.-14. 175 Ebd. 176 Jordi Estivill, Lloret de Mar, S.-200 f. 177 Die Ergebnisse in Bezug auf die Sardana sind für die Costa Brava repräsentativ. Das zeigen die erwähnten Wettbewerbe zwischen den Vereinen in den einzelnen Kommunen, zu denen auch weitere Touristenorte an der Costa Brava gehörten. 178 Bernecker/ Eßer/ Kraus, Kleine Geschichte Kataloniens, S.-284 f. Siehe auch: Martí i Pérez, The Sardana. <?page no="314"?> 313 5.4 Lokale Kultur im Wandel? Die Summe von Kommodifizierung und Eigensinn Abb. 13: Sardana-Denkmal in Lloret de Mar (Monumento a la Sardana, 1973 circa, Autoría: desconocido. Arxiu Municipal de Lloret de Mar (SAMLM), Fondo Ayuntamiento de Lloret de Mar, ST 300.058.010). <?page no="315"?> 5 Touristifizierte Interaktionszonen 314 So charakterisierte auch der Soziologe und bekannte Tourismuskritiker Mario Gaviria die spanischen Touristenorte im Allgemeinen auf der Grundlage teilnehmender Beobachtungen und etlicher Befragungen, die er als Leiter seines Forschungsteams koordinierte hatte, als Räume, die von einer tiefgehenden Trennung der Sphären der Einheimischen und Touristen geprägt waren: Es entsteht keine internationale oder kosmopolitische Gesellschaft, sondern eine anationale Gesellschaft. Sie leben zusammen und in unmittelbarer Nähe, aber sie vermischen sich nicht. […] Der einzige Raum, in dem sie sich mischen, ist der Strand. Die touristische Stadt ist eine Stadt der intermittierenden menschlichen Beziehungen. Die industrielle Logik des Tourismus strukturiert sie in Punkte und Netze. Der Tourist ist ein Element, das zwischen diesen Punkten zirkuliert, das diesen Raum nutzt, aber das unpersönliche Beziehungen mit den Arbeitern im Tourismussektor dieses Raumes unterhält. […] Währenddessen bestehen in den Dörfern der touristischen Regionen aufgrund der Aktivität der traditionellen Bürger die religiösen Zeremonien, die religiösen Feste, die Vereine fort und zeigen sich unbeeinflusst von der Anwesenheit und der Vermischung mit den ausländischen Touristen in der Kommune. 179 Die lebensweltliche Trennung von Touristen und Einheimischen lässt sich zudem anhand von Zahlen belegen, die die Anzahl bzw. Intensität der Kontakte zwischen Einheimischen und Touristen auf Mallorca illustrieren. So gaben Ende der 1960er-Jahre von 498 Befragten in Palma de Mallorca 74% an, beruflich keinen direkten Kontakt mit Touristen zu haben und nur 12% gaben an, auch jenseits der Arbeitswelt Kontakt zu Touristen zu unterhalten. Deutlich häufiger hatten jedoch Jugendliche Kontakt mit den ausländischen Touristen (22%). 180 Zusammenfassend konstatierte auch diese Studie, dass es „[…] eine die Gesellschaft Palmas berührende, aber außerhalb befindliche touristische Welt“ 181 gebe. Die touristischen Interaktionszonen sind demnach nicht so sehr als Räume einer gelungenen ‚transnationalen Kommunikation von unten‘ 182 aufzufassen, sondern insgesamt eher als Räume formalisierter und ritualisierter Interaktionen, wobei diese Begegnungen häufig von Stereotypen geprägt waren und folglich die Kommunikation zwischen Touristen und Einheimischen bis zu einem gewissen Grad präfigurierten. 183 So kam es weder zu einer vollkommenen Homogenisierung der touristischen Orte noch zu einer gänzlichen Anpassung an die Tourismuskultur. Trotz der homogenisierenden Wirkung des Tourismus und der Kommodifizierung lokaler Kulturelemente 179 Gaviria, Los procesos, S.-60. 180 Ribas y Piera/ Soler Llusá/ Carreño Piera, Turismo y Urbanismo, S.-215. 181 Ebd., S.-221. 182 Mergel, Transnationale Kommunikation von unten, S.-115. 183 So auch das Fazit Thomas Mergels im Hinblick auf die Frage, ob Tourismus als Motor einer ‚transnationalen Kommunikation von unten‘ zu bezeichnen ist: Mergel, Europe as Leisure Time Communication, S.-148 und 150. <?page no="316"?> 315 5.4 Lokale Kultur im Wandel? Die Summe von Kommodifizierung und Eigensinn gingen diese beiden Prozesse nicht so weit, dass das, was den Touristen als typischer Ausdruck spanischer Kultur präsentiert wurde, in der Folge für die Einheimischen bedeutungslos wurde. Das gilt für den Stierkampf ebenso wie für die Sardana. Innerhalb der touristischen Interaktionszone gingen folglich Homo- und Heterogenisierungsprozesse eine spezifische wechselseitige Verbindung ein. Zentral war dabei, dass die Lebensweise der Einheimischen in den touristischen Räumen dadurch charakterisiert war, dass ‚das Andere‘ in Form der Anwesenheit der Touristen und die Einstellung auf deren Bedürfnisse stets mitgedacht wurden. Indem in diesen Räumen, zumindest während der Sommersaison, eine Koexistenz zwischen touristischen Praktiken und dem Leben der Einheimischen bestand, wurde das Eigene beständig zum Fremden in Beziehung gesetzt. Die „Produktion von Lokalität“, wie Arjun Appadurai den beständigen Aufbau und die Stabilisierung sozialer Netzwerke innerhalb eines lokalen Kontextes genannt hat, 184 unterlag also einem Touristifizierungsprozess, der die Einheimischen zwang, sich selbst gegenüber dem Tourismus und seinen Implikationen zu verhalten und die virtuellen Grenzen des Einflusses des Tourismus auf das eigene Leben ständig neu zu definieren. Während Appadurai allerdings für die Produktion lokaler Identität festhält, dass in Touristenorten „[…] internal, local dynamics through externally imposed modes of regulation, credentialization and image-production“ 185 ausgelöscht werden würden, lässt sich anhand der hier untersuchten Beispiele ein solcher Prozess nicht beobachten. Lokale Kultur und touristische Kommodifizierung waren kein Widerspruch. Im Hinblick auf die Translokalität dieser Orte waren es die Touristen selbst, die im weitesten Sinne translokale Akteure waren, indem sie sich zeitweilig in den Touristenorten aufhielten, zugleich aber ihre Ansprüche und Bedürfnisse aus ihrem Herkunftsland mitbrachten. Die Befriedigung dieser Ansprüche und Bedürfnisse prägte allerdings bestehende Lokalitäten so, dass sie grundlegend davon geprägt wurden, was jenseits der eigenen Grenzen lag und über das staatliche Gefüge hinausging, in dem sich die Lokalitäten befanden. Die Translokalität war somit von einem produktiven Umgang mit endogenen und exogenen Elementen charakterisiert, die im Tourismus einen spezifischen Ausdruck fanden. Neben der durch den Tourismus ausgelösten Distinktionsspirale, die zum Entstehen einer hybriden Tourismuskultur führte, kam es zugleich zu einer Bewahrung lokalen und regionalen Eigensinns. Insofern hatte die Strukturierung der touristischen Kontaktzone in unterschiedliche Bühnen, nicht nur, folgt man Dean McCannell, die Funktion, den Touristen Authentizität zu suggerieren, 186 sondern auch den Effekt, gewissermaßen ‚Stille Zonen‘ zu schaffen, die als Residuum der lokalen Kultur dienten. Was die Touristen als Akteure, die diesen „flow“ erst in Gang setzten, von ihrem Aufenthalt mit nach Hause nahmen und wie dies sich in den Heimatorten und -städten der Touristen niederschlug ist eine Frage, die im anschließenden Kapitel erörtert wird. 184 Appadurai, Production of locality, S.-216. 185 Ebd. 186 MacCannell, Staged Authenticity, S.-596. <?page no="318"?> 317 6 Exkurs: Rückwirkungen des Massentourismus Nachdem in den vorangehenden Kapiteln detailliert die Implementierung des massentouristischen Modells und dessen Auswirkungen in den ausgewählten spanischen Küstenregionen analysiert wurden, soll im Folgenden exkursartig untersucht werden, inwiefern der Massentourismus in Spanien nicht nur erhebliche Auswirkungen auf die Zielgebiete, sondern möglicherweise auch Rückwirkungen für die Herkunftsländer der Touristen, die nach Spanien kamen, hatte. Dieser Frage wird anhand von vier Aspekten, die hier in exemplarischer Form schwerpunktmäßig für die Bundesrepublik Deutschland untersucht werden, nachgegangen. Erstens anhand der Eröffnung und Etablierung von spanischen Restaurants in West-Deutschland. Zweitens anhand der Rolle Spaniens für Tourismusunternehmen und Wandlungsprozesse innerhalb der Luftfahrtbranche. Drittens anhand der Frage nach Veränderungen bundesdeutscher Alltagskultur und dem möglichen Beitrag des Spanientourismus zum Komplex des Wertewandels. Viertens in Bezug auf die Wandlungen des Spanienbildes in der Bundesrepublik Deutschland in Zusammenhang mit dem Tourismus. 6.1 Spanische Restaurants in der Bundesrepublik Zunächst nun zur Frage, ob die Eröffnung spanischer Restaurants als Folge touristischer Reisen deutscher Bundesbürger nach Spanien gewertet werden können. Mit dem Siegeszug der italienischen Küche in der Bundesrepublik seit den 1950er- Jahren, die sowohl Einfluss auf die alltäglichen Ernährungsbzw. Konsumgewohnheiten als auch Auswirkungen auf Freizeitgestaltung und die Zunahme der außerhäusigen Verpflegung hatte, diversifizierte sich die Restaurant- und Gaststättenlandschaft tiefgreifend. Neben italienischen Pizzerien und Ristorantes konnte man in Westdeutschland bald auch in jugoslawischen und griechischen Restaurants essen und etwas zeitversetzt Döner Kebab als Gericht zu sich nehmen, das ganz explizit ein Produkt der türkischdeutschen Amalgamierung von Essgewohnheiten und Geschmäckern war. 1 Die Präsenz ausländischer Gastronomie in Deutschland war im Prinzip keine Errungenschaft der Nachkriegszeit, die Dichte von ausländischen Restaurants und auch die gestiegene Bedeutung insbesondere der italienischen Küche im Alltag bundesrepublikanischer Familien hingegen schon. So war die Verfügbarkeit dessen, was als „Fremdes Essen“ 2 bezeichnet wurde, in Westdeutschland ganz eindeutig an die Einwanderung der sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter gekoppelt. Die Verteilung der Häufigkeit der ausländischen Restaurants war folglich auch auf die quantitative Verteilung der 1 Möhring, Döner Kebab, S.-155. 2 Dies., Fremdes Essen. <?page no="319"?> 6 Exkurs: Rückwirkungen des Massentourismus 318 Arbeitsmigranten nach ihrer Herkunft zurückzuführen. 3 Zudem war die erhebliche quantitative Zunahme der ausländischen Restaurants eine Erscheinung, die in den späten 1960er-Jahren begann, tatsächlich aber erst mit dem Anwerbestopp von 1973 wirklich in Fahrt kam. Durch ihn 4 war der Weg in die Selbständigkeit, zu der die Eröffnung eines Restaurants gehört, für viele Migranten die einzige Möglichkeit, sich ihre Aufenthaltsgenehmigung in der Bundesrepublik weiterhin zu sichern. 5 Ursächlich zu tun hatte die Expansion der ausländischen Gastronomie also vor allem mit dem Wandel eines Migrationsregimes und nicht mit der Tatsache, dass immer mehr Bundesbürger ihre Urlaubserfahrungen in der Heimat wiederholen wollten und Migranten darauf reagierten. Zwar machten sich diejenigen Gastarbeiter, die in den frühen 1970er-Jahren ein Restaurant in Westdeutschland eröffneten, die gesteigerte Nachfrage nach exotischen, fremdartig erscheinenden und zugleich womöglich aus dem letzten Urlaub bekannten Speisen, die wiederum ein besonderes Distinktionsmerkmal darstellten, zunutze, ein kausaler Nexus bestand jedoch nicht. 6 Diese Befunde für die italienischen, jugoslawischen und türkischen Restaurants gelten grosso modo auch für die spanischen Restaurants, die es in der Bundesrepublik gab. Spanische Restaurants gab es ohnehin nur in einer sehr geringeren Zahl, vergleicht man sie mit den genannten Restaurants, die ihre Herkunft auf andere europäische Länder zurückführten. Da, wie bereits erwähnt, die Verteilung der Restaurants der Verteilung der Migranten gemäß ihrer Herkunftsländer entsprach, waren spanische Restaurants unter allen in der Bundesrepublik vorhandenen Restaurants, die von Gastarbeitern gegründet waren, die fünftgrößte Gruppe. 7 Die dauerhafte Präsenz spanischer Restaurants in Westdeutschland wurde ebenfalls erschwert durch die vergleichsweise häufigsten Rückkehrabsichten unter allen Gastarbeitern und eine tatsächliche sehr hohe Rückwanderungsquote der spanischen Gastarbeiter. 8 Ein weiterer Grund war die Tatsache, dass spanische Gastarbeiter, die sich in der BRD selbständig machten, dies vor allem auf dem Feld des Imports von Südfrüchten und Wein taten. Zudem war die Gruppe der spanischen Gastarbeiter signifikant weniger von Arbeitslosigkeit betroffen als Gastarbeiter aus anderen Ländern. 9 Darüber hinaus lässt sich letztlich nicht belegen, dass die Eröffnung spanischer Lokale in der Bundesrepublik mit einer gestiegenen Nachfrage nach spanischem Essen und spanischem Ambiente vonseiten der Besitzer begründet wurde. Dies liegt allerdings nicht daran, dass sich dieser Umstand aus den Quellen erschließen lässt, als 3 Dies., Veränderungen, S.-161. 4 Zum sogenannten Anwerbestopp und seinen Konsequenzen vgl. Berlinghoff, Ende der „Gastarbeit“. Ders., Der europäisierte Anwerbestopp. 5 Möhring, Veränderungen, S.-168. 6 Ebd., S.-163. 7 Spanische Gastarbeiter bildeten nach den Türken, Italiener, Jugoslawen und Griechen die fünftgrößte Migrantengruppe in der alten Bundesrepublik. Thränhardt, Spanische Arbeitswanderer, S.-993. 8 Thränhardt, Dieter: Spanische Arbeitswanderer, S.-997. 9 Möhring, Fremdes Essen, S.-91. <?page no="320"?> 319 6.1 Spanische Restaurants in der Bundesrepublik vielmehr daran, dass die dazu nötigen Quellen bis dato überwiegend nicht zugänglich sind. Möglich wäre die Beantwortung der Frage nach der Motivation für die Eröffnung spanischer Restaurants, da in der Bundesrepublik lebende Ausländer bei der Eröffnung eines Restaurants die sogenannte Bedürfnisprüfung durchlaufen mussten, während diese für deutsche Staatsbürger bereits 1958 für verfassungswidrig erklärt worden war. 10 Eine Anfrage bei mehreren (west)deutschen Stadtbzw. Landesarchiven hat allerdings ergeben, dass die Akten zur Bedürfnisprüfung von ausländischen Restaurants nicht in den betreffenden Archiven verwahrt werden oder nicht archivarisch bearbeitet sind und noch nicht für die Benutzung zugänglich sind. 11 Im Landesarchiv Berlin existiert jedoch ein relevanter Bestand an 100 Akten aus den Jahren 1973/ 1974 und 1980. 12 Zwei der aus den Jahren 1973/ 1974 stammenden Akten dokumentieren die Anträge von Spaniern, in Berlin ein Restaurant zu eröffnen. 13 Zudem findet sich 1980 ein weiterer Antrag einer Spanierin, der aber darauf abzielte, eine Pizzeria zu übernehmen und nicht, ein spanisches Restaurant zu eröffnen. 14 Über die Argumentation der Antragsteller, mit der sie ihren Antrag begründeten, geben die Akten jedoch leider keine Auskunft. Damit kann nicht geklärt werden, ob Spanier bei ihren Anträgen auf Eröffnung von Lokalen in ihre Begründung die aus den Spanienreisen von Deutschen hervorgegangenen Erfahrungen und Bedürfnisse integrierten. Das Ansprechen eines aus der Zunahme der Spanienurlaube resultierenden Bedürfnisses nach dem Konsum ‚spanischer‘ Getränke, Speisen und eines Ambientes, das an den zurückliegenden Urlaub erinnerte, war somit wohl eher keine Motivation für die Eröffnung spanischer Lokale in der Bundesrepublik. Angesichts der Quellenlage muss diese Aussage aber unter Vorbehalt gestellt werden, bis eine Auswertung aller der zur Klärung dieser Frage benötigten Quellen vollumfänglich möglich ist. Bei vielen in der Bundesrepublik existierenden spanischen Restaurants war der Entstehungskontext ganz deutlich innerhalb der Migrationsgeschichte verortet. Denn viele der Restaurants zielten darauf ab, in erster Linie die Bedürfnisse der Landsleute zu befriedigen. So gründeten sich viele spanische Restaurants im Umfeld der Centros Españoles, der spanischen Zentren, die von spanischen Gastarbeitern in Zusammenarbeit mit der Caritas betrieben wurden. Den Gastarbeitern sollten diese Zentren als Ort der Freizeit dienen, während die Caritas hier ihre seelsorgerischen Aufgaben wahrnahm. Den im Rahmen der Centros etablierten Restaurants ging es weniger darum, für Deutsche eine exotische Küche aufzutischen oder deren Urlaubserfahrungen zu aktualisieren, als darum, den Spanierinnen und Spaniern ein Gefühl von Heimat zu bieten, das sich im geselligen Beisammensein und dem Konsum spanischer Gerichte äußerte. 15 10 Dies., Veränderungen, S.-167. 11 Die Anfrage beinhaltete die Stadtarchive München, Hannover, Kiel und Stuttgart sowie das Staatsarchiv Hamburg. 12 Möhring, Fremdes Essen, S.-185. 13 Ebd., S.-187. 14 Ebd., S.-217. 15 So etwa im München. Auch hier war das spanische Restaurant im Centro Español de Munich in erster Linie ein Treffpunkt für spanische Landsleute: „[…] die Spanier treffen hier ihresgleichen.“ Christa <?page no="321"?> 6 Exkurs: Rückwirkungen des Massentourismus 320 Waren diese Restaurants in erster Linie nicht dazu gedacht, die deutsche Bevölkerung anzuziehen, so spielten auch spanische Restaurants, die sich nicht explizit an die spanischen Einwanderer als Zielpublikum richteten, im Stadtbild bzw. in der kulinarischen Szene eine regional und zeitlich stark divergierende Rolle. So gab es etwa im Jahr 1981 in München mindestens zehn spanische Restaurants, 16 doch ein Restaurantführer von 1980 stellte kein einziges davon vor. An exotischen Küchen und Speiseangeboten mangelte es nicht. Neben der fast schon traditionellen italienischen Küche, exquisiten französischen Restaurants und griechischen Tavernen gab es sogar ein polynesisches Restaurant. Ein spanisches Restaurant jedoch suchte man in dieser Auswahl aus Münchens 4000 Restaurants vergebens. 17 Mitte der 1980er-Jahre scheinen die spanischen Restaurants in der bayerischen Hauptstadt dann aber an Bedeutung gewonnen zu haben. So erwähnte ein Restaurantführer dann immerhin drei spanische Restaurants und empfahl diese wärmstens all denen, die die spanische Küche liebten. 18 Anders war die Situation in Hamburg. Dort waren die portugiesische und die spanische Küche bereits in früheren Jahrzehnten stärker verwurzelt. 19 Das spiegelte sich auch in der Zahl und der Bedeutung spanischer Speiselokale in den späten 1970er- Jahren wider. So gab es 1977 in Hamburg 20 spanische Restaurants und Kneipen mit einschlägigen Namen wie „Don Quijote“ oder „El Flamenco“. Diese Kneipen und Restaurants wurden von den Hamburgern sehr gut angenommen und spielten durchaus eine Rolle als beliebte Treffpunkte innerhalb der Stadtviertel. 20 Das „Madrid in Hamburg“ war sogar bereits in den 1960er-Jahren ein beliebter Treffpunkt für Intellektuelle und Schriftsteller, die das spanische Flair und das gute Essen schätzten. 21 Wenn auch wohl die Motivation, ein spanisches Restaurant in Deutschland zu eröffnen, weitgehend nichts oder nur in seltenen Fällen mit einer potentiell gestiegenen Nachfrage nach spanischem Essen und Flair als Folge eines Spanienurlaubes zu tun hatte, so weisen die Versuche, den Gästen ein möglichst authentisches Erleben einer Maria Kerler: Aufgegabelt. Deftiges aus Spaniens Küche, in: Münchner Merkur 229 (4.10.1979), Stadtarchiv München, ZA 374. Das Centro Español entstand aus einer Initiative der Caritas zur ‚Betreuung‘ der Gastarbeiter in Verbindung mit der Mitte der 1960er Jahre gegründeten Union Español: Spanische Gastarbeiter bevorzugen München, in: Münchner Katholische Kirchenzeitung 32 (8.8.1965), StadtAM, ZA-48. Vgl. auch: Eine Heimstätte für spanische Arbeiter, in: Süddeutsche Zeitung 99 (26.4.1965), o.S.-StadtAM, ZA-48. Vgl. auch Dunkel/ Stramaglia-Faggion, „Für 50 Mark…“, S.-225. Ähnlich in Pforzheim, wo ein Spanier ein spanisches Restaurant eröffnen wollte, nachdem er als Betreuer im örtlichen Centro für die Caritas gearbeitet hatte. Das Restaurant sollte „‚in erster Linie den Bedürfnissen seiner spanischen Landsleute in Pforzheim dienen‘“. Möhring, Veränderungen, S.- 172. Auch in Freiburg etablierte sich ein Laden und eine Bar bzw. ein Restaurant zur Deckung der Bedürfnisse der Landsleute, das sich ebenfalls im Umfeld der Caritas befand. Beneto/ Reck-Hog, Spanier und Spanierinnen, S.-19 f. 16 Das ergab die Durchsicht des Branchenverzeichnisses im Münchner Stadtadressbuch von 1981. Münchner Stadtadreßbuch 1981, S.-77-80. 17 Münchner Restaurantführer, September 1980, StadtAM, ZS-130-1. 18 Münchner Restaurant Lexikon 84/ 85, S.-100 f., 140 f. und 144 f. 19 Möhring, Fremdes Essen, S.-89. 20 So etwa das „Aragon“ in Hamburg Eppendorf. Stahl/ Wien, Hamburg, S.-78. 21 Bötticher, Flamenco flambiert, S.-46. <?page no="322"?> 321 6.1 Spanische Restaurants in der Bundesrepublik spanischen Atmosphäre zu ermöglichen, durchaus Ähnlichkeiten zu den touristischen Erfahrungen in Spanien auf. So berichtet ein Restaurantführer aus dem Jahr 1984 beispielsweise von einem explizit spanisch inspiriertem Interieur, das dem Gast das Gefühl geben sollte, sich in einer spanischen Bodega zu befinden und es ermögliche, „seine Urlaubsgefühle“ 22 aufzufrischen. Über das „Paella Tio [sic] Pepe“, einem „[…] dekorativ-gemütlichen, original spanisch eingerichteten Treffpunkt […]“, hieß es: „Dann ist die Erinnerung an den letzten Urlaub an der Costa del Sol perfekt! “ 23 Auch die regelmäßigen Flamencoaufführungen 24 und spanische Livemusik 25 erinnern zum einen an die im vorhergehenden Kapitel dargestellten Mechanismen der Authentitätserzeugung gegenüber Touristen in den Fremdenverkehrsorten in Spanien und decken sich zum anderen mit den Befunden Maren Möhrings hinsichtlich der Verhaltensweisen des ethnic performing, das sie insbesondere als typisch für italienische Restaurants in der Bundesrepublik herausgestellt hat. 26 Indem die Gaststätten gezielt mit spanischen Elementen versehen wurden, sollten sie den Gästen das Gefühl vermitteln, für die Zeit ihres Urlaubs nicht in der Bundesrepublik, sondern in Spanien zu verweilen. Die Münchner TZ hob anlässlich der Eröffnung des Restaurants Bodega Española in München im Jahr 1969 hervor: „Im spanischen Lokal speist man bei Gitarrenmusik von Rigoberto und Velu.“ Ein Bild der beiden Gitarristen, das sie beim ausdrucksstarken Spielen zeigte, untermalte diese Feststellung. 27 Mit Verweisen auf Spezialitäten wie „Chuleta Costa Brava. Kalbslendchen in Weißwein (Rioja)“ 28 oder „Sopa de Pescados (Mallorca). Fischsuppe Mallorca Art“ 29 wurde der Wiedererkennungswert von Speisen für bereits erfahrenen Spanientouristen erhöht und die beiden beliebtesten Urlaubsregionen Mallorca und Costa Brava als diejenigen, die jemand ohne jemals selber in Spanien gewesen zu sein, mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Spanien assoziierte, zur Markierung der Speisen genutzt, obwohl diese Speisen in Spanien selber keineswegs mit den beiden Touristengegenden identifiziert wurden bzw. überhaupt nicht existierten. 30 Als besondere „Especialidades - Spezialitäten des 22 Münchner Restaurant Lexikon 84/ 85, S.-144. 23 Hamburg von 7 bis 7, S.-72. 24 Ebd., S.-192. 25 Münchner Restaurant Lexikon 84/ 85, S.-100. 26 Möhring, Fremdes Essen, S.-262 f. 27 Spanisch gewürzt, in: tz 284 (27.11.1969), StadtAM ZA-373. 28 Speisekarte Bodega Casa Pepe, o.D. (1980er), StadtAM, ZS-132-1. 29 Ebd. 30 Die Benennung von Spezialitäten nach ihren Herkunftsregionen hatte in Spanien zwar eine lange Tradition, die bis in die Tourismusförderung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückreichte: Afinoguénova, Organic Nation. Zudem ordnete das Ministerium für Information und Tourismus 1965 an, dass Restaurants ein sogenanntes „Menú del Día“, ein Touristenmenü anbieten mussten, bei dem explizit darauf geachtet werden sollte, dass regionale Spezialitäten serviert wurden. Dirección General de Empresas y Actividades Turísticas: Circular n° 8/ 1970 Menú del Día, 20.6.1970, AGA, (3) 49.23 48689, Carpeta 73 Top. 72/ 74. Sindicato Nacional de Hostelería y Turismo: Menú del Día y Plato Combinado del Día, 1974. AGA, (6) 25.03 15 Top. 35/ 45.106-46.402. <?page no="323"?> 6 Exkurs: Rückwirkungen des Massentourismus 322 Hauses“ firmierten zum einen Paella und zum anderen Tortilla, 31 beides Gerichte, die in Touristenrestaurants in Spanien ebenfalls als die spanischen Spezialitäten schlechthin ausgegeben wurden. 32 Das spanische Restaurant wurde so gewissermaßen zu einem extraterritorialen Ort, der sich in Gestalt und den dort herrschenden Abläufen fundamental von seiner eigentlichen Umgebung unterschied. Durch das bewusste Schaffen einer Atmosphäre, die besonders spanisch sein sollte, bedienten sich auch die Betreiber spanischer Restaurants in Deutschland der Strategie der reflexiven Mediterranisierung bzw. der reflexiven Hispanisierung, die ausführlich im letzten Kapitel analysiert worden ist. 33 Doch zugleich war der auch in den Tourismusorten stattfindende Homogenisierungsprozess im Sinne der Einstellung der Gastronomen auf den Geschmack der Gäste beobachtbar. So boten spanische Restaurants durchaus auch Pasta-Gerichte an, um vermutlich denjenigen, die mit spanischer Küche keine Erfahrung hatten und weniger experimentierfreudig waren, eine Alternative zu bieten. 34 Die Prozesse der Differenzerzeugung und der reflexiven Hispanisierung in spanischen Restaurants in Deutschland und solchen in spanischen Touristenorten wiesen also durchaus Parallelen auf. Das heißt jedoch nicht, dass sie auch zwangsläufig direkt voneinander abhingen. So ist es sehr unwahrscheinlich, dass es im Zuge der Eröffnung von spanischen Restaurants in Deutschland zu einem tatsächlichen Transfer von Erfahrungen im Umgang mit deutschen Touristen in Spanien gekommen ist. So waren ja gerade diejenigen, die nach dem Anwerbestopp einen Antrag auf Eröffnung eines Restaurants stellten, Gastarbeiter, die schon länger in der Bundesrepublik waren und so versuchten, ihre Aufenthaltserlaubnis zu verlängern. 35 Wer als ehemaliger Gastarbeiter ein Restaurant eröffnen wollte, war nicht zwangsläufig gelernter Gastronom. Die überwiegende Mehrheit der spanischen Migranten in der Bundesrepublik wanderte zudem nicht aus spanischen Touristengebieten, sondern aus ländlichen, küstenfernen Regionen in die Bundesrepublik ein, so dass ein direkter Transfer von Erfahrungen in der Bewirtung deutscher Touristen in Spanien auf die Eröffnung spanischer Restaurants in der Bundesrepublik eher unwahrscheinlich ist. So kamen 1965 von den insgesamt 74 539 Migranten, die Spanien verließen, nur 70 von den Balearen, 93 aus der Provinz Gerona (Costa Brava) und aus der Provinz Málaga (Costa del Sol) 2355, insgesamt also 2518 Migranten. 36 Diese Zahl stellte insgesamt einen Anteil von 3,3% 31 Speisekarte Bodega Casa Pepe, o.D. (1980er), StadtAM, ZS-132-1. 32 Dirección General de Empresas y Actividades Turísticas: Circular n° 8/ 1970 Menú del Día, 20.6.1970, AGA, (3) 49.23 48689, Carpeta 73 Top. 72/ 74. 33 So befand sich auch auf der ersten Seite der Speisekarte des Lokals Bodega Casa Pepe in München- Schwabing ein spanischer Torero, der in traditioneller Kleidung auf einem anmutig wirkenden Pferd durch eine Stierkampfarena ritt. Speisekarte Bodega Casa Pepe, o.D. (1980er), StadtAM, ZS-132-1. 34 Speisekarte Bodega Casa Pepe, o.D. (1980er), StadtAM, ZS-132-1. Auch mexikanische Gerichte wurden teilweise in spanischen Restaurants angeboten. Vgl. Speisenkarte Spanisches Restaurant „Don Quijote“, o.D. (1980er), StadtAM, ZS-133-1. 35 Möhring, Veränderungen, S.-168. 36 1966 waren es insgesamt 1 600, 1967 951, 1968 2 437 Migranten. Der Höchststand wurde 1971 mit <?page no="324"?> 323 6.2 Die Bedeutung Spaniens für die Tourismusbranche an allen Migranten dar, wobei alle drei Provinzen zusammengenommen einen Anteil an der Gesamtbevölkerung von 5,15% hatten. Aus der Provinz Córdoba im ländlichen Andalusien abseits der Küste kamen in diesem Jahr insgesamt 3693 Migranten. Sie stellte damit 4,95% aller spanischer Migranten, die in andere Länder Europas gingen, wobei die Provinz insgesamt nur 2,6% der Gesamtbevölkerung stellte. Die hier untersuchten touristischen Regionen waren insgesamt also signifikant geringer von Auswanderung betroffen als andere Regionen und auch geringer im Vergleich zum nationalen Durchschnitt. Während 1965 insgesamt 0,2% der Bevölkerung das Land in andere europäische Staaten verließ, taten dies zusammengerechnet nur 0,16% der Bevölkerung der Balearen, der Costa Brava und der Costa del Sol. 37 Die Verwendung der oben beschriebenen Strategien des ethnic performance und der reflexiven Mediterranisierung reagierten aber sehr wohl auf die Imaginationen, die (potentielle) Spanientouristen von Spanien hatten und auf die vermeintlichen Erfahrungen, die Touristen in Spanien machten. Insofern wiesen spanische Restaurants in der Bundesrepublik durchaus Ähnlichkeiten mit solchen, explizit eine touristische Kundschaft bedienenden in Spanien auf. Wenn auch die Zunahme der deutschen Spanienurlauber keine direkte Ursache für die Eröffnung spanischer Restaurants war, so war sie zumindest eine Möglichkeit für die spanischen Gastronomen, mit den Reiseerfahrungen und Reiseabsichten von Deutschen zu spielen und dadurch einen eigenen Marktvorteil auszunutzen. 6.2 Die Bedeutung Spaniens für die Tourismusbranche Zu Rückkopplungseffekten auf struktureller Ebene kam es hingegen bei den Reiseunternehmen und im Falle Großbritanniens auch auf dem Feld der zivilen Luftfahrt. 4 669 Migranten aus den touristischen Regionen erreicht. Bis 1975 fiel die Zahlen auf 1 105 Migranten verursacht vor allem durch den Anwerbestopp in Frankreich und Deutschland ab. Die Zahlen nach: Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1967-1975, Emigrantes asistidos por el Instituto Español de Emigración, clasificados por países de destino y provincias de procedencia, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=179860&ext=.pdf; http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=181043&ext=.pdf; http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=181242&ext=.pdf; http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=182168&ext=.pdf; http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=31097&ext=.pdf; http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=184253&ext=.pdf; http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=41403&ext=.pdf; http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=184498&ext=.pdf; http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=128852&ext=.pdf; http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=176880&ext=.pdf, (26.6.2015). 37 Den größten Anteil stellte dabei die Provinz Málaga. Bezogen auf die Bevölkerung der Balearen wanderten 1965 nur 0,016% der Bevölkerung aus. Die Zahlen berechnet anhand des Zensus von 1960. Instituto Nacional de Estadística: Anuario Estadístico 1965, online unter: http: / / www.ine.es/ inebaseweb/ pdfDispacher.do? td=178690&ext=.pdf, (26.6.2015). <?page no="325"?> 6 Exkurs: Rückwirkungen des Massentourismus 324 Wie in Kapitel 3.4 beschrieben wurde, war Spanien für deutsche und britische Tourismusunternehmen eine eminent wichtige Destination, mit der sie große Teile ihres Umsatzes und ihres Gewinns erwirtschafteten. Anders als etwa Italien war Spanien für westdeutsche Touristen ein Ziel, das vor allem mittels Pauschalangeboten bereist wurde. Von eben diesen Pauschalreisepaketen profitierten in besonderem Maße große Reiseveranstalter wie die TUI oder Neckermann. Deren wirtschaftlicher Erfolg war angesichts des hohen Anteils an verkauften Spanienreisen in großem Maße von der Zugänglichkeit und Attraktivität Spaniens als Urlaubsland abhängig. Ähnliche Rückkopplungseffekte wurden bereits ebenfalls in Kapitel 3.4 im Hinblick auf die Deregulierung des Charterflugsektors in Großbritannien ausgemacht. Während in der BRD dieser Markt ohnehin schwächer reguliert war, wurden in Großbritannien ab Ende der 1960er-Jahre sukzessive Regulierungen und Beschränkungen, die das Wachstum des Charterflugtourismus begrenzen sollten, aufgehoben. Begründet und vorangetrieben wurde dieser Prozess ebenfalls von großen Reiseunternehmen, die insbesondere mit der Bedeutung Spaniens als beliebtestem Urlaubsziel der Briten argumentierten und zugleich erhebliche finanzielle Beteiligungen oder strategische Kooperationen mit Charterflugunternehmen eingegangen waren. 38 6.3 Spanien im Alltag der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger Die Relevanz des Spanientourismus für die bundesdeutsche Alltagskultur und einer gesamtgesellschaftlichen Bedeutung des Spanienurlaubs für den bundesdeutschen Werte- und Normenhaushalt ist weniger eindeutig zu beantworten. Zwar fand das Urlaubsziel Spanien auch in Eingang in den Kanon des deutschen Schlagers, wie es beim Italienurlaub 39 schon zuvor der Fall gewesen war. Titel wie „Spanische Gitarren“ (1974) und „Wenn die Rosen erblühen in Málaga“ (1975) von Cindy und Bert oder „Eviva España“ (1972) von Hanna Aroni zeigen dies. Doch einen Ort im kollektiven Gedächtnis der Westdeutschen wie der Italientourismus erhielt das Urlaubsland Spanien nicht. Auch ein weitergehender Einfluss der Praxis des Spanienurlaubs etwa auf das Phänomen des Wertewandels, 40 wie es etwa auch für den Italientourismus 41 konstatiert worden ist, zeigt sich nicht. So lässt sich ein Wandel von Mentalitäten und Verhaltensweisen, der direkt mit dem Spanienurlaub zu tun haben könnte, nicht nachweisen. Zwar war der Spanientourismus als Ausgestaltung des sich allgemein wandelnden Konsumver- 38 Ministerio de Información y Turismo: Informe „Tour Operator“, 1972, AGA, (4) 73.01 1854 Top. 46/ 64.106-64.305. 39 Manning, Italiengeneration, S.-159. 40 Der bereits zeitgenössisch konstatierte Wertewandel ist in der Geschichtswissenschaft sehr differenziert betrachtet worden und kann nicht mehr als monolithischer Wandel von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstentfaltungswerten verstanden werden. Vgl. einführend: Dietz, Wertewandel. 41 Manning, Italiengeneration, S.-316. <?page no="326"?> 325 6.3 Spanien im Alltag der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger haltens ein Phänomen, das sich neben der Ausbreitung der Massenkonsumgesellschaft auch auf den vor sich gehenden Wertewandel seit den 1960er-Jahren zurückführen lässt. Doch spielte dabei die Wahl des Urlaubslandes Spanien keine besondere Rolle. Wichtiger war hier die allgemeine Funktion vor allem des Auslandsurlaubs. Zugleich lassen sich Urlaubsreisen nicht nur als Folge des Wertewandels, sondern auch als dessen Motor begreifen. 42 Denn gerade die Möglichkeit, gesellschaftliche Zwänge abzuwerfen, traditionelle Hierarchien aufzubrechen und statt pflichtbewusst seiner Arbeit nachzugehen, in hedonistischer Manier in den Tag hinein zu leben, waren im Urlaub am größten. Spanien spielte in diesem Prozess keine spezifische Rolle, war aber dennoch quantitativ und qualitativ von Bedeutung. Erstens befriedigte Spanien die zunehmende Nachfrage nach einem günstigen Urlaub in einem warmen Klima. Die stark ansteigenden Touristenzahlen, die zunehmend ins Ausland drängten, sahen in Spanien ihre Bedürfnisse nach einem billigen und zugleich gut erreichbaren Urlaubsland befriedigt. Insbesondere durch die Vermarktung des Spanienurlaubes als Pauschalreiseangebot durch die großen Reiseveranstalter wie die TUI bzw. durch ihre Vorläufer oder den Versandhändler Neckermann bot Spanien den bundesrepublikanischen Urlaubern Kapazitäten, die zu immer günstiger Preisen erschwinglich waren. Zugleich wurde der organisierte massentouristische Urlaub, zu dessen Signum das Reiseziel Spanien wurde, zunehmend zu einem reinen Akt des Konsum und löste die Idee der Reise als der Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen, die zur Persönlichkeitsbildung beitragen sollten, sukzessive ab. Die bürgerliche Hegemonie zur Definition eines angemessenen Urlaubs war bereits mit der Zunahme des Italienurlaubes in den 1960er-Jahren gefallen, 43 die Orte des Massentourismus in Spanien wurden jedoch bald zum Sinnbild von touristischen Heterotopien, also Räumen des „Anderen“, die reine Räume der Freizeit waren und damit den Räumen der Arbeit in der Bundesrepublik diametral entgegenstanden. Da in diesen Heterotopien in erster Linie eine Tourismuskultur herrschte und die Einheimischen es verstanden, ihre eigene Lebenswelt von der der Touristen zu trennen, hatten Urlauber kaum Gelegenheit, mit der Kultur der Einheimischen in Kontakt zu kommen. Touristen kamen in erster Linie mit der touristifizierten Kultur der Einheimischen in Kontakt. Dies lässt sich nicht zuletzt an dem ablesen, was Touristen von ihren Spanienurlauben mit nach Hause brachten. Als Andenken fungierten in erster Linie materielle Objekte, die in einem hispanisierenden Stil an den Urlaub erinnern sollten. 44 Figuren von Stieren, Stierkämpfern oder Flamencotänzerinnen reproduzierten damit eingängliche Stereotype und Vorstellungen über Spanierinnen und Spanier, die Touristen in materieller Form in ihre Heimatländer transferierten. 45 Eine Rückwir- 42 Ebd. 43 Manning, Italiengeneration, S.-349. 44 Seim, Typisch spanisch. 45 Das bestätigt die These von Eva und Hans Henning Hahn, die konstatieren, dass der Massentourismus gerade nicht zu einer Reduktion von stereotypen Vorstellungen über den jeweils anderen führte. Hahn/ Hahn, Nationale Stereoytpen, S.-22. <?page no="327"?> 6 Exkurs: Rückwirkungen des Massentourismus 326 kung hatten solche Andenken also höchstens in der Reproduktion bereits vorhandener Klischees und Meinungen über Spanien, die in den Urlaubsorten scheinbar bestätigt wurden. Von einer tiefergehenden Präsenz ‚spanischer‘ Elemente bzw. einer Hispanisierung der Westdeutschen analog zur Italomanie 46 der Bunderepublik der 1950er- Jahre kann trotz des Aufstiegs Spaniens zum beliebtesten Urlaubsland der Deutschen während der 1980-Jahre 47 folglich keine Rede sein. So waren es gerade die Strukturen des Massentourismus selber, die einer zunehmenden Entortung 48 der touristischen Destinationen in Spanien Vorschub leisteten, die Touristen immer weniger das Gefühl gaben, tatsächlich in Spanien Urlaub zu machen und damit auch die Situation schufen, in der es mangels Kontakten zwischen Einheimischen und Touristen auch nicht zu größeren Rückwirkungen auf materieller, gesellschaftlicher oder soziokultureller Ebene kam. Die Ursache für das Ungleichgewicht zwischen Aus- und Rückwirkungen sowie dem fehlenden Austausch zwischen den Gesellschaften, die durch den Tourismus vordergründig miteinander in Kontakt kamen, lag somit an der dem Massentourismus inhärenten Struktur. Dieser verhinderte durch die Form der Unterbringung, aber auch der dadurch wiederum vorgeprägten Verhaltensweisen von Touristen während ihres Urlaubs und von Einheimischen, die in den Zielgebieten des Tourismus lebten, einen interkulturellen Transfer, der die Ursache für Veränderungen innerhalb der Herkunftsgesellschaften hätte sein können. 6.4 Der Wandel des Spanienbildes Doch gerade in dieser Entortung liegt tatsächlich eine relevante Rückwirkung des Massentourismus in Spanien auf die Herkunftsländer der Touristen hinsichtlich der Ebene kollektiver Imaginationen: in der Art und Weise, wie sich dort das Bild von Spanien, seiner Gesellschaft, seinem politischen System, seiner Bewohner und seiner Landschaft veränderte. Das Spanienbild, das deutsche Medien in den 1950er-und 1960er-Jahren potentiellen deutschen Spanientouristen vermittelten, war geprägt von pittoresken Landschaften, einer traditionsverwurzelten Gesellschaft und einer lebhaften Kultur, die als besonders idiosynkratisch im Vergleich zu den übrigen europäischen Ländern galt. Gerade dadurch entstehe, so die Annahme, der besondere Reiz einer Spanienreise. Eine Argumentation, mit der insbesondere Reiseführer das Urlaubsland Spanien bewarben. Dieses bereits in Kapitel 2 beschriebene vorherrschende Bild Spaniens in der Bundesrepublik veränderte sich ab der Mitte der 1960er-Jahre. Zunehmend trat der Tourismus selber als dasjenige Element hervor, das das Spanienbild bestimmte. Zu- 46 Manning, Italiengeneration, S.-27 und 174. Möhring, Fremdes Essen, S.-239. 47 Hachtmann, Tourismus-Geschichte, S.-168. 48 So konstatiert Löfgren einen „homogenizing influence in the Mediterranean tourist industry“ und entwickelt die These, dass die Urlaubsländer am Mittelmeer zusammen „the new Mediterranean sunbelt“ bildeten. Löfgren, On holiday, S.-185-186. <?page no="328"?> 327 6.4 Der Wandel des Spanienbildes dem wurden nun nicht mehr so stark wie bisher die Traditionsverbundenheit der spanischen Bevölkerung in den Vordergrund gerückt, auch wenn dieses Element nicht völlig von der Bildfläche verschwand. 49 Stattdessen konzentrierte sich das durch die Medien von Spanien vermittelte Bild auf Modernisierungsprozesse, mit denen die Gesellschaft konfrontiert war und insbesondere auf den Tourismus, der dabei eine bestimmende Rolle spielte und zugleich spezifische Probleme induzierte. 50 So berichteten etwa Fernsehsendungen über den einschneidenden Wandel, den der Tourismus an der Costa Brava ausgelöst hatte und konstatierten etwa: „Wo immer die Costa Brava noch einen kleinen jungfräulichen Sandstrand hat, hört man schon das Hotel wachsen.“ Die „Touristeninvasion“ schaffe, so die Sendung, „das neue Gesicht der Costa Brava“, die in das „Zeitalter des Tourismus“ 51 eingetreten sei. Ebenfalls bereits 1965 berichtete eine andere Fernsehsendung davon, dass sich „auf Mallorca […] der Massentourismus aus Europa eingenistet“ habe und die Insel dabei „vor allem teutonisch unterwandert“ 52 worden sei. Visuell wurden solche Feststellungen durch einen Kameraschwung auf Schilder mit Titeln wie „Original Westfälische Bratwurst“ oder „Eisbein mit Sauerkraut“ 53 unterstützt, die die Realität in Palma Nova widerspiegeln sollten. Nur ein Jahr später hieß es ebenfalls in einer vom WDR produzierten Ausgabe des ‚Weltspiegels‘ in Bezug auf Mallorca: „Mammuterschließungen, die an den Küsten Mallorcas die Natur verdrängen und nicht nur die Natur. In die Urbanisation Cala d’Or brachten die Käufer und Touristen nicht nur Geld und Ideen, sondern auch ihren Lebensstil.“ 54 Der Tourismus wurde damit in der Berichterstattung mit einer Umwälzung der mallorquinischen Landschaft assoziiert, die zudem eine Anpassung an den Lebens- 49 Insbesondere die angebliche Ähnlichkeit Südspaniens mit dem Orient, die sich aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart gehalten habe und sich in den Einstellungen und Mentalitäten der Andlusier widerspiegle, hielt sich besonders hartnäckig. Vgl. etwa SWF: Andalusien - Land der Mauren, 1.1.1980, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: Archiv-Nr.: 214963 Bad.-Bad. Lajta, Polyglott Costa del Sol, S.-6. 50 Die Interpretation des Tourismus als Schattenseite der Moderne ist besonders auffällig in folgenden Fernsehsendungen und Zeitungsartikeln: SWF: Abendschau: Teneriffa-Boom, 28.3.1964, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: 69925 Bad.-Bad. In der Sendung hieß es in Bezug auf die durch den Tourismus ausgelösten Veränderungen auf Tenerifa: „Der alte Ziegenhirt trottet durch eine Welt, die für ihn aus den Fugen geraten ist.“ SWF: ARD-Ratgeber: Gesundheit, 16.6.1974, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: 04 25399/ 2 Bad.-Bad. Vgl. auch BR: Winterschlaf der Sonnenküste, 14.12.1977, BR-Archiv, Archiv-Nr.: 22355/ 4. BR: Costa del Sol, fest in deutscher Hand. Deutsches Kapital kolonialisiert Spanien, 1972, BR-Archiv, Archiv-Nr.: 15715. Jetzt bittet der Süden zur Kasse, in: Stern 21 (17.5.1979), S.-166-168. Friedrich Kassebeer: Sonnenküste erwacht aus einem Alptraum, in: Die Welt (23.3.1973), S.-3. Ders.: Saure Sahne von sauren Kellner, in: Die Welt (29.8.1973), S.-3. Hans Scherer: Das jähe Erwachen aus dem goldenen Taumel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (27.2.1975), S.-1 R. 51 WDR: Die beiden Gesichter der Costa Brava, 25.3.1965, WDR-Archiv, Archiv-Nr.: 0003197. 52 WDR: Hier und Heute: Kumpel Anton in Palma Nova, 1.10.1965, WDR-Archiv, Archiv-Nr.: R-2597. 53 Ebd. 54 WDR: Weltspiegel: Urbanisationsbestrebungen auf Mallorca, 2.1.1966, WDR-Archiv, Archiv-Nr.: 0003492. Ähnliche: SWF/ gesendet in ARD: Auf der Suche nach den Goldenen Stränden. Millionäre und Massen am Mittelmeer, 21.01.1973, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: 102771 Bad.-Bad. <?page no="329"?> 6 Exkurs: Rückwirkungen des Massentourismus 328 und auch Baustil der Herkunftsländer der Touristen mit sich brachten. Cala d’Or wurde in der Wahrnehmung der Journalisten zu einer Stadt aus der „Managerretorte“ 55 . Auch der Spanienkorrespondent der ARD, Robert Gerhardt betonte 1971, dass sich an der Costa del Sol „ein Wohnsilo vor dem anderen“ 56 reihe. Damit waren im Verlauf der 1970er-Jahre die Touristenorte Spaniens zu einem Symbol des Massentourismus schlechthin geworden. 57 Auch El Arenal wurde als „touristische Retortenstadt“ und als eines „der größten Feriengettos, [wo] man vergebens nach mallorquinischer Kultur suchen [wird]“ beschrieben. Als Zeugnis dieses Wandels des Tourismus zu einer Industrie zeigte der Fernsehbericht synchron zu den Feststellungen des Reporters aus dem Off eine Reihe von Hotelgroßbauten, die als „Betonburgen“ 58 bezeichnet wurden. Besonders hervorgehoben wurde im Verlauf der Sendung vor allem die Ähnlichkeit der Touristenorte am Mittelmeer, wobei Spanien gewissermaßen als Archetyp des entorteten Massentourismus identifiziert wurde, indem die Kamera auf den bereits gezeigten spanischen Hotelbauten fokussiert blieb. So konstatierte der Reporter in der Sendung: „Durch die Uniformität der Hotelstädte wird der Urlaub praktisch austauschbar“ und setzte mit sarkastischem Unterton dem einen Satz über die gezielte Konvergenz touristischer Angebote in Spanien mit den Erwartungen deutscher Urlauber hinzu: „Eine weitere Leistung der Touristikindustrie ist es, auf spanischem Boden gewohnte Verhältnisse anzutreffen.“ 59 Die Kamera setzte dazu wieder Schilder eines „Wienerwald-Strassenverkaufs“ und des „Hofbräuhaus Bavaria“ in Szene und schwenkte dann auf das Bild deutscher Volksmusiker in Lederhosen, die zum Tanz in einem mallorquinischen Nachtclub aufspielten. 60 Nicht zuletzt die Touristen selber hatten den Eindruck, dass die Touristenorte Vergnügungseinrichtungen in der Bundesrepublik glichen. So stellte einer der deutschen Touristen, den das Fernsehteam auf Mallorca interviewte fest, dass auf Mallorca alles „wie in Deutschland“ 61 sei. 55 WDR: Weltspiegel: Urbanisationsbestrebungen auf Mallorca, 2.1.1966, WDR-Archiv, Archiv-Nr.: 0003492. 56 SWF: Spanien-Korrespondent Robert Gerhardt im Studiogespräch (Sendung Heute Mittag), 7.7.1971, SWR-Archiv, Archiv-Nr.: W0377332 AMS.-Ähnlich in einer Weltspiegelausgabe von 1971: „Ferienwohnmaschinen von gigantischem Ausmaß verwandeln überall die Küste in eine Mischung von Manhattan und Chicago.“ NDR: Weltspiegel: Der Massentourismus und seine Auswirkungen auf die spanische Wirtschaft, 3.10.1971, NDR-Archiv, Archiv-Nr.: 1026818. 57 Das brachte eine Fernsehsendung in den 1980er Jahren anhand des Beispiels El Arenal auf Mallorca noch einmal mit dem Satz auf den Punkt: „Arenal wurde zu einem Synonym für Massentourismus“. NDR: Schauplatz Arenal. Play-Ground für Millionen, 10.12.1984, NDR-Archiv, Archiv-Nr.: 1041848. 58 WDR: Überall nur kölsche Töne - Wenn Deutsche reisen, 29.6.1978, WDR-Archiv, Archiv-Nr.: 0107284. 59 Ebd. 60 Ebd. Dies suggerierte auch der Titel einer BR-Fernsehproduktion aus dem Jahr 1972: BR: Costa del Sol, fest in deutscher Hand. Deutsches Kapital kolonialisiert Spanien, 1972, BR-Archiv, Archiv-Nr.: Archiv-Nr.: 15715. 61 WDR: Überall nur kölsche Töne - Wenn Deutsche reisen, 29.6.1978, WDR-Archiv, Archiv-Nr.: 0107284. <?page no="330"?> 329 6.4 Der Wandel des Spanienbildes Abb. 14: Titelblatt einer SPIEGEL-Ausgabe von 1973, in der die Schattenseiten des Tourismus in Spanien problematisiert werden (Copyright: DER SPIEGEL 35/ 1973). <?page no="331"?> 6 Exkurs: Rückwirkungen des Massentourismus 330 Das Bild von Spanien, das dabei (potentiellen) Spanientouristen zum einen in den Touristenorten selber, zum anderen aber auch in den Medien in der Bundesrepublik vermittelt wurde, war also geprägt von einem zunehmenden Verlust an Spezifik. 62 Zugrunde lag diesem Verlust an Differenz ein Homogenisierungsphänomen, das drei Richtungen aufwies. Erstens wurde die Ähnlichkeit der Touristenorte in Spanien untereinander betont, so dass regionale Differenzen etwa zwischen Mallorca, der Costa Brava und der Costa del Sol an Bedeutung verloren. Zweitens wurde die Austauschbarkeit der Touristenorte in Spanien mit anderen Touristenorten an der Mittelmeerküste etwa in Italien oder in Nordafrika betont. Und drittens diagnostizierten die Vermittler eines solchen Spanienbildes eine zunehmende Ähnlichkeit der Touristenorte zu den Herkunftsländern der Touristen, die auf eine Einstellung auf deren Bedürfnisse zurückgeführt wurde. Fragt man nach den Ursachen dieses Wandels in der Wahrnehmung Spaniens im Allgemeinen und den Touristenzentren im Besonderen, der sich ausgehend von einem idyllischen, exotischen und traditionellen Spanien zu degenerierten, homogenen und modernen Touristenorten entwickelte, stößt man auf die architektonische und bauliche Ausgestaltung der Touristenorte. Diese war eine Hauptursache dafür, dass es zu besagtem Wahrnehmungswandel kam, indem sie die oben genannten Homogenisierungstendenzen auslöste. Denn gerade an der einheitlichen, städtischen und weitgehend unspezifischen Bauweise machten sich, wie soeben gezeigt, die Beobachtungen fest, die den spanischen Touristenorten ihren Wiedererkennungswert absprachen. So waren es die „Betonburgen“, „Retortenstädte“ und „Wohnsilos“, die zum Symbol von Entortung, Uniformität und Homogenisierung wurden. Rückkopplungseffekte finden sich also sowohl auf der Ebene von Imaginationen und der ökonomischen Ebene, während auf den sozialen und soziokulturellen Ebenen sich kaum Rückwirkungen feststellen lassen. Die gesamtgesellschaftliche Relevanz der Rückwirkungen des Tourismus blieb gleichfalls eher begrenzt. Zieht man als Kriterium für gesamtgesellschaftliche Relevanz einen möglichst breiten, d.h. möglichst viele gesellschaftliche Felder umfassenden und möglichst intensiven, also strukturverändernden impact heran, dann können die touristischen Rückkopplungseffekte nur sehr eingeschränkt als gesamtgesellschaftlich relevant bezeichnet werden. Weder griffen spanische Restaurants, die ohnehin nicht auf eine direkte Rückkopplung durch den Tourismus zurückgeführt werden können, in den Alltag einer großen Zahl von Bundesbürgern ein noch hinterließen die im Spanienurlaub gemachten Erfahrungen tiefe Spuren in den Mentalitäten und Lebensweisen der Westdeutschen. Auch der Wandel des Spanienbildes hatte über diesen Prozess hinaus keine tiefgehenden Folgen für die 62 Das belegt auch eine Ausgabe des Reisemagazins von 1973, in der explizit ein „unbekanntes Mallorca“ vorgestellt wurde, das es nur zu finden galt, wenn man auf Mallorca war und dem Massentourismus entkommen wollte. Somit versuchte die Sendung explizit ein über Mallorca vorherrschendes Bild in der Bundesrepublik zu korrigieren und darauf aufmerksam zu machen, dass „Palma und die Badeorte […] eben nur einen Teil Mallorcas […]“ ausmachten. NDR: Das Reisemagazin: Unbekanntes Mallorca, 17.2.1973. NDR-Archiv, Archiv-Nr.: 1028097. <?page no="332"?> 331 6.4 Der Wandel des Spanienbildes westdeutsche Gesellschaft. Am ehesten mit tiefgreifenden Wirkungen und Langzeitfolgen scheint die Bedeutung Spaniens für die Reiseveranstalter bzw. Tourismusunternehmen verknüpft zu sein. Pauschalreiseangebote nach Spanien wurden vermittelt über diese Unternehmen sowohl in der Bundesrepublik als auch in Großbritannien spätestens ab den 1970er-Jahren zum Inbegriff eines günstigen, aber dennoch komfortablen Urlaubes und machten die ‚Demokratisierung des Reisens‘ erfahrbar. Vergleicht man jedoch die Relevanz der Auswirkungen des Tourismus auf Spanien mit den Rückkopplungseffekten auf die Hauptherkunftsländer der Touristen, wird die dabei bestehende Asymmetrie deutlich fassbar. Während vor allem in den spanischen Touristenregionen, aber auch über diese hinaus, der Tourismus eine zentrale Rolle als Triebkraft historischen Wandels darstellte und dabei sowohl in wirtschaftlicher, sozialer, ökologischer und kultureller Hinsicht strukturelle Veränderungen anstieß, blieben die Rückwirkungen im Vergleich dazu eher marginal. Der Spanientourismus in der Bundesrepublik und in Großbritannien unterlag zwar gewissen Thematisierungskonjunkturen und entfaltete begrenzte Rückkopplungseffekte. In Spanien hingegen blieb der Auslandstourismus während der Zeit des Franco-Regimes und darüber hinaus ein zentrales politisches und gesellschaftliches Thema und ein anhaltender Wandlungsfaktor. <?page no="334"?> 333 7 Fazit 7.1 Die Kontinuität des touristischen Entwicklungsmodells Betrachtet man den gesamten Untersuchungszeitraum dieser Arbeit von den 1950erbis zu den frühen 1980er-Jahren, so sticht dem Beobachter die Kontinuität des Tourismus über den politischen Systemwandel hinweg ins Auge. Ein zentrales Ergebnis dieser Studie muss folglich sein, plausible Erklärungsversuche für eben diese Kontinuität herauszustellen. Im vierten Kapitel wurden die 1970er-Jahre als bedingte Umbruchszeit bezeichnet, in der im Zuge der Krise des Tourismus das Wachstums- und Entwicklungsmodell ‚Wohlstand durch Tourismus‘ von sich neu herausbildenden Bürgerinitiativen und Umweltbewegungen ganz oder zumindest teilweise hinterfragt wurde. Wie bereits konstatiert, waren diese Gruppen insofern erfolgreich, als sie es schafften, aus ihrer Sicht bedrohte Landschaften und Biotope zu schützen und sie vor einer touristischen Erschließung zu bewahren. Man kann demnach von einem partiellen und sozial differenzierten Wandel in der Wahrnehmung und Bewertung des Tourismus sprechen. Zu einer umfassenden Neuorientierung über die Vorstellungen darüber, wie Fortschritt und Entwicklung in den untersuchten Regionen weiterhin erreicht werden sollten, kam es jedoch durch die Aktivität der genannten neuen Akteure nicht. Diesen Sachverhalt gilt es zu erklären. So ist zu fragen, warum die Kritik, die am Tourismus innerhalb der untersuchten Regionen vor allem aus einer Mischung von ökologischen und regionalpatriotischen Argumenten getragen wurde, sich nicht vollständig durchsetzen konnte. In anderen Worten: Wie ist es zu erklären, dass trotz der zunehmenden Umweltprobleme, der Landschaftsveränderung und den sozialen Verwerfungen, die der Tourismus in den betroffenen Gegenden Spaniens verursachte trotzdem am Massentourismus als vornehmliche regionale Wohlstandquelle festgehalten wurde, anstatt alternative Wege der Modernisierung einzuschlagen? Dass sich die kritische Sichtweise auf den Tourismus nicht zu einer hegemonialen verwandelte und dies selbst während der Phase der Transición nicht, hat mehrere Ursachen. Sicherlich ist wirtschaftlichen Gründen ein wesentliches Gewicht zuzuschreiben. Die Erklärung, dass der Tourismus bis heute in diesen Regionen eine entscheidende Rolle spielt, weil er wirtschaftliches Wachstum und materiellen Wohlstand brachte, klingt auf den ersten Blick sehr einleuchtend und überzeugend. Der Satz: „It’s the economy, stupid! “ greift jedoch zu kurz, denn er kann die Kontinuität des Tourismus in der Krisenzeit der frühen 1970er-Jahre und der Phase der Unklarheit über die politische Situation um 1975, als der erwartete Wohlstandszuwachs durch den Tourismus ausblieb, nicht erklären. Zudem vernachlässigt er die Wahrnehmung der Zeit- <?page no="335"?> 7 Fazit 334 genossen und ihre davon beeinflussten Handlungen sowie deren erklärendes Potential. Entscheidend für den Fortbestand des Tourismus und seinen weiteren Ausbau war der regionale Konsens, der im Tourismus das Vehikel für Fortschritt und Wohlstand sah. Dieser Konsens formierte sich zu Beginn der 1960er-Jahre in den Tourismusregionen und hatte gewissermaßen die Boom-Phase des Massentourismus als seinen Gründungsmythos. Der Konsens verdeckte soziale Konflikte innerhalb der Regionen sowie zwischen Regionen und Zentralstaat. Er sorgte dafür, dass das Entwicklungsmodell ‚Fortschritt durch Tourismus‘ zur Selbstverständlichkeit wurde. Wirtschaftliche Strukturdaten allein helfen hier nicht weiter. Vielmehr entsprach es der Wahrnehmung der Zeitgenossen, dass es der Tourismus war, der ihnen Wohlstand und Fortschritt gebracht hatte und sie damit Anschluss an die Moderne hatte finden lassen, der entscheidend war. Dafür wurde der Verlust bestehender Strukturen und ursprünglicher Landschaften in Kauf genommen. Tourismusexperten, Ökonomen und nicht zuletzt die spanische Regierung verhalfen dem Tourismus zu dieser Mythenbildung. Dieser Konsens war so stark, dass er, als der Tourismus Ende der 1960er-Jahre in eine Krise geriet, nicht grundlegend von seinen Kritikern beschädigt werden konnte, obwohl der Tourismus sein wachstumsförderndes und wohlstandsmehrendes Potential teilweise verlor. Zwar wurde der Konsens etwas brüchiger, als der Tourismus in dieser Krisensituation angreifbar und zunehmend zum Objekt der Kritik geworden war. Doch er generierte weiterhin so viel Vertrauen, dass es gerade auch in der Zeit nach dem Boom plausibler für die Zeitgenossen war, weiter auf den Tourismus zu setzen, anstatt etwa industrielle Experimente in Zeiten einer Krise der Schwerindustrie in Europa zu beginnen oder auf eine Intensivierung der Landwirtschaft zu setzen. Dies zeigen die in Kapitel 4 festgehaltenen Debatten über die Auswege aus der Krise der frühen 1970er-Jahre, 1 die in den 1980er-Jahren weitergehenden Proteste gegen die Erschließung neuer Tourismusstandorte - vor allem auf Mallorca 2 - sowie die Kontinuitäten der Tourismuspolitik unter den sich konstituierenden Regionalbehörden. 3 Zudem kann der politische Kontext bei der Erklärung der Kontinuitäten des Tourismus nicht außer Acht gelassen werden. Die Transición etablierte ja gerade den Konsens als höchstes gesellschaftliches und politisches Gut, um die Etablierung der Demokratie zu sichern und nicht wieder in die finsteren Zeiten des Bürgerkriegs zurückzufallen. Effektiv verringerten sich durch den Impetus des Konsenses die Handlungsspielräume für gesellschaftliche Alternativen. 4 Diese Konsensorientierung nach 1 Hier ist insbesondere auf die in den 1970er Jahren entwickelten Tourismuspläne zu verweisen, die zeigen, wie sehr der Tourismus weiterhin als die „Leitindustrie“ der regionalen Wirtschaft gesehen wurde und welches Wachstumspotential ihm zugewiesen wurde. Vgl. Kapitel 4.3.2. 2 Insbesondere der Streit über die Erschließung Es Trencs zeigt dies aufschlussreich. Vgl. Kapitel 4.2.3. 3 Vgl. Cals, La Política Turística, S.-130. 4 Dies gilt nicht nur für Umweltbewegungen und andere Gruppen sowie Individuen, die eine Abkehr vom grenzenlosen Wachstum des Tourismus forderten, sondern etwa auch für Feministinnen, deren Aktionen während der Transición mit der Durchsetzung von Partikularinteressen sowie Radikalität assoziiert und so als angebliche Bedrohung für den Konsens der Transición angesehen wurden. Mit <?page no="336"?> 335 7.1 Die Kontinuität des touristischen Entwicklungsmodells dem Ende des Franquismus trug in Spanien wesentlich zu einer Kontinuitätsbildung im Tourismus bei. Doch nicht nur übergeordnete gesellschaftliche Entwicklungen veränderten den Tourismus, er löste auch selbst Prozesse aus, die wiederum kontinuitätsbildend wirkten: So kam es zu einem wesentlich durch den Tourismus ausgelösten Regionalisierungsprozess, der einheitsstiftend wirkte, den regionalgesellschaftlichen Konsens stärkte und damit einmal geschaffene Realitäten wirkmächtig perpetuierte. 5 Hier spielten insbesondere die Investitionen in die touristische Infrastruktur eine wichtige Rolle, die eine enorme Beharrungskraft des Massentourismus-Modells begründeten und damit Pfadabhängigkeiten schufen, die über den politischen Bruch von 1975 hinweg wirkten. Insbesondere aus kommunaler Sicht stellten die Investitionen in den Tourismus immense Kosten dar, die nicht zuletzt beim Bau der Infrastrukturen in die Zukunft verlagert worden waren. So wurden viele der Abwassersysteme, Kläranlagen und Straßen mit Krediten finanziert, die Laufzeiten von bis zu 25 Jahren aufwiesen und eine Verzinsung von bis zu 6,25% oder 7,85% vorsahen. 6 Die Verschuldung der Kommunen zur Förderung des Tourismus präfigurierte damit bereits das Festhalten an einer weiteren touristischen Wachstumspolitik aus kommunaler Perspektive, um die aufgenommenen Schulden abbauen zu können. Einmal geschaffene Infrastrukturen entfalteten deshalb eine Raumwirksamkeit und Eigendynamik, die den Spielraum zukünftiger räumlicher Nutzungsmuster einschränkte. 7 In der Wahrnehmung kommunaler, regionaler und nationaler Entscheidungsträger kam, wie in Kapitel 3 deutlich gemacht wurde, Infrastrukturen die Funktion zu, den translokalen Zustrom von Touristen zu initiieren, ihn aufrechtzuerhalten und zu intensivieren. In der Konsequenz waren Infrastrukturen Garanten der Beständigkeit über den politischen Umbruch von 1975 hinweg. 8 Insofern gaben auch in diesem Fall Wahrnehmungsmuster entscheidende Impulse für wirtschaftliche und infrastrukturelle Entscheidungen, beeinflussten sie doch finanzielle Investionen ebenso wie Landschaftsveränderungen, die mit dem Ausbau der Infrastruktur einhergingen. Durch diese Infrastrukturen - verbunden mit der Hoffnung auf einen weiteren Zustrom von Touristen - verfestigte sich das Modell des Massentourismus soweit, dass diesen Argumenten lehnten ihre Gegner weitergehende Forderungen nach weiblicher Emanzipation ab. Radcliff, Imagining Female Citizenship, S.-515 f. 5 Am eindrucksvollsten ist dies wohl im Fall der Comunidad Turística zu beobachten. Dabei handelte es sich um einen Zusammenschluss aller Touristenorte an der Costa Brava zum Zweck der Koordination von Infrastruktur- und tourismuspolitischen Maßnahmen auf regionaler Ebene. Vgl. Kapitel 3.3.3. 6 So etwa konkret im Fall Calviás. Ayuntamiento de Calviá: Acta del Pleno Municipal 18.11.1966. AMC, 18, 1.3.1.3, 18 Pleno 20. Ebenso beim Investitionsprogramm zur gezielten Verbesserung der Infrastruktur touristischer Gemeinden Anfang der 1970er Jahre: Ministerio de Obras Públicas: Congreso de Ecología y Turismo: Planes de infraestructura sanitaria en zonas turísticas del Mediterráneo 30.10.1972. AGA, (3) 49.22 52198 Top. 73/ 38. Für den gesamten Tourismussektor vgl. die Zahlen bei Sánchez Bella, El Turismo en España, S.-103. 7 Vgl. Engels/ Schenk, Infrastrukturen der Macht, S.-25 f. Vgl. auch Engels, Machtfragen, S.-61. 8 Vgl. v. Laak, Infrastrukturen und Macht, S.-110. <?page no="337"?> 7 Fazit 336 die Forderungen nach wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alternativen durch die Tourismuskritiker während der 1970er-Jahre nicht durchdringen konnten. Dies lag nicht zuletzt daran, dass tourismuskritische Bürgerinitiativen und Umweltbewegungen es zwar durchaus schafften, für den Schutz bestimmter und abgegrenzter Gebiete die Unterstützung größerer Teile der übrigen Bevölkerung zu erhalten, ihnen es aber nicht gelang, eine Interessensallianzen gegen das massentouristische Modell als Ganzes zu bilden. Gegen die Akzeptanzkontinuität des Tourismus als Einkommensquelle und Schlüsselvariable der regionalen Ökonomie konnten die radikalen Vertreter der kritischen Gruppen, die nicht nur den Schutz ökologisch und landschaftlich für sie wichtiger Zonen forderten, sondern auch den Tourismus als nicht kompatibel mit der regionalen Identität brandmarkten, wie dies etwa die Bürgerinitiative zum Schutz der Aiguamolls tat, keine tragfähige Koalition mit anderen Gegnern des massentouristischen Modells eingehen. Dies lag zum einen daran, dass es weitere grundsätzliche Gegner des Massentourismus kaum gab bzw. diese sich zumindest nicht in der Öffentlichkeit artikulierten. So gab es im Untersuchungszeitraum weder Proteste gegen den Massentourismus von Landwirten oder Fischern, mit denen die für eine Alternative zum Tourismus Plädierenden eine Allianz eingehen hätten können. Zum anderen ist zu vermuten, dass die habituellen Unterschiede dieser Akteursgruppen zu groß waren, als zwischen ihnen eine enge Kooperation hätte entstehen können. Die zumeist jungen und linksorientierten Mitglieder der Protestbewegungen auf Mallorca und an der Costa Brava hätten sich vermutlich mit Vertretern der Fischereibranche oder der Landwirtschaft höchstens unter großen Schwierigkeiten auf gemeinsame Interessen und Aktionen verständigen können. Dies gilt umso mehr, als die Protestgruppen selbst, zumindest während der Protestaktionen, äußerst heterogen zusammengesetzt waren. Sowohl bei der Besetzung Sa Dragoneras als auch der Aiguamolls war es für die politisch moderateren und stärker ökologisch orientierten Vertreter des GOB bzw. der Gruppe um Jordi Sargatal eine Herausforderung, sich zu den radikalen antikapitalistischen Forderungen der anarchistisch-kommunistischen Akteure und deren Proteststil zu verhalten. Diese jedoch mit Angehörigen einer anderen Generation und einer konservativeren Werthaltung zusammenzubringen, wäre vermutlich schwer möglich gewesen. Und tatsächlich formierte sich in den Tourismusgegenden ja auch keine wie auch immer geartete umfassende Interessenskoalition gegen den Tourismus. Nicht zuletzt sei erwähnt, dass auf der anderen Seite des gesellschaftlichen Spektrums durchaus Interessenskoalitionen bestanden und diese auch über den politischen Bruch von 1975 perpetuiert wurden. Insbesondere die Lobby der Hotelbesitzer sah mit Grundbesitzern gemeinsame Interessen, die sie auch gegenüber der regionalen Politik deutlich artikulierten. Zugleich waren die Infrastrukturen des Tourismus auch Integrationsmedien jenseits geplanter außenpolitischer europäischer Integration. 9 Die Annäherung der Tou- 9 Vgl. van Laak, Pionier des Politischen, S.-167. <?page no="338"?> 337 7.1 Die Kontinuität des touristischen Entwicklungsmodells rismusregionen an andere europäische Länder durch den Zustrom der Touristen und die damit einhergehenden Konsequenzen, die maßgeblich von einer funktionierenden Infrastruktur abhängig waren, stellten eine Integration verschiedener europäische Regionen jenseits konkreter politischer Absprachen dar und können deshalb in gewisser Weise als ‚Integration von unten‘ bezeichnet werden. Diese Infrastrukturen spielten als Integrationsmedien eine wesentliche Rolle, da sie die Zugänglichkeit der spanischen Tourismusgebiete garantierten und die im Verlauf der 1970er-Jahre zwischenzeitlich zwar schwächelnde, aber trotzdem weiter steigende Nachfrage kanalisierten. Nicht zuletzt ist darauf hinzuweisen, dass die Wahrnehmung und die Reflexion politischer und gesellschaftlicher Akteure über die Auswirkungen des Tourismus stets und ungebrochen darin mündeten, dass der Tourismus als translokales Phänomen an sich bis zu gewissen Grenzen plan- und steuerbar sei. Dieses Denkmuster entstand in den 1960er-Jahren, hatte aber während und auch über die 1970er-Jahre hinaus eine erstaunliche Kontinuität. Steuer- und Machbarkeitsvorstellungen waren immer wieder ein Argument dafür, die touristische Entwicklung weiter voranzutreiben. Ein Ende der Planungseuphorie der 1960er-Jahre lässt sich durch die Krise in den 1970er-Jahren nicht erkennen. 10 Vielmehr wurden die in den 1970er-und frühen 1980er-Jahren entworfenen Tourismuspläne, die Wachstum kanalisieren und die Allokation von Tourismusanlagen steuern sollten, detailreicher und genauer ausgestaltet als die Entwicklungspläne der 1960er-Jahre, die lediglich den Rahmen abgesteckt hatten, in dem sich der Ausbau des Tourismus bewegen sollte. Die in Kapitel 4 vorgenommene Analyse der Antworten auf die Krise und die Herausforderungen durch die Tourismuskritik von Umweltbewegungen und Bürgerinitiativen gegen konkrete Pläne zum Ausbau des Tourismus nahmen ja gerade für sich in Anspruch, durch technokratische Lösungen die weitere touristische Entwicklung planen und steuern zu können. Ein Verlust an Vertrauen in die Plan- und Steuerbarkeit des Tourismus ist deshalb gerade nicht zu diagnostizieren. Denn auch von Gruppen und Individuen, die den Tourismus und seine Auswirkungen kritisierten, wurde Planung als ein Werkzeug betrachtet, mit dem sich eben diese als negativ wahrgenommenen Folgen abmildern ließen oder bestimmte Gebiete unter Schutz gestellt werden konnten. Planungs- und Steuerungsideen hatten also sowohl bei Befürwortern als auch bei Gegnern des Tourismus im gesamten Untersuchungszeitraum Konjunktur und bildeten - gewollt oder ungewollt - ein Kontinuitätselement in der Persistenz des Massentourismus und der Kritik an ihm. 10 Insofern bestätigt der hier untersuchte Fall zum einen die Thesen Dirk van Laaks zur Geschichte von Planung und Planungseuphorien. So konstatiert van Laak einen Verfall der Planungseuphorie während der 1970er Jahre und ein gleichzeitiges Fortbestehen einer konkreten Planungspraxis. van Laak, Planung. Geschichte, S.-318 f. Vgl. auch ders., Planung, Planbarkeit, S.-10. Zum andern lässt sich für die Planungsanstrengungen zum Tourismus in den untersuchten Regionen feststellen, dass anders als van Laak meint, sich die Planungseuphorie und -rhetorik parallel zur Planungspraxis deutlich fortsetzte, anstatt diskreditiert zu werden. Planung wurde, anders als van Laak dies festhält, gerade nicht „als Bedrohung traditioneller Lebensumwelten wahrgenommen.“ Ebd., S.-318. <?page no="339"?> 7 Fazit 338 Auch die Wahrnehmung kultureller Auswirkungen, etwa in Form von Werte- und Identitätsverlusten bzw. die zunehmende Ausdehnung der Tourismuskultur, führte nicht dazu, der touristischen Entwicklung generell eine Absage zu erteilen oder das massentouristische Modell grundsätzlich in Frage stellen zu können. Denn im Zeitverlauf zeigte sich, dass der Tourismus relativ gut auf seine eigenen Räume begrenzbar war. Somit ließen sich seine Auswirkungen auf die Einheimischen auf ein Ausmaß begrenzen, das offensichtlich toleriert werden konnte. Der Tourismus wurde tolerierbar, da ihm seine eigenen - wenn auch nicht immer territorial abgegrenzten - Räume geschaffen worden waren. So war es den Einheimischen möglich, eigene Traditionen zu bewahren und mit den gewandelten Verhältnissen umzugehen, ohne den Tourismus als Kulturzerstörer zu brandmarken und deshalb abzulehnen. 11 So ist gerade die Abwesenheit größerer Debatten über Kulturverlust und -bedrohung im Zuge der Tourismuskritik der 1970er-Jahre ein starkes Indiz dafür, dass für die Mehrheit der Bevölkerung in den Tourismusregionen das Leben mit dem Tourismus relativ problemlos war. Die Kritik der Kirche verebbte etwa in den 1960er-Jahren weitgehend, nachdem sie ausländische Touristen als Importeure abweichender Moralvorstellungen und sozialer Praktiken gebrandmarkt hatte. Und auch die Tourismuskritik der 1970er-Jahre konzentrierte sich vornehmlich darauf, eine weitere Expansion des Tourismus in Räume hinein zu verhindern, die ihnen in kultureller Hinsicht als schützenswerte Landschaften galten und zugleich ökologisch wichtig erschienen. Damit schwang zwar immer wieder auch ein gewisses Maß an Kulturkritik mit, zu einer zentralen Framingstrategie bei der Kommunikation der eigenen Interessen gegenüber dem Rest der Bevölkerung wurde diese jedoch nicht. Einen Konsens konnten die Kritiker des Tourismus der 1970er-Jahre und die Bevölkerung aber dahingehend finden, dass bestimmte Landschaften weiterhin ihre regionale Identität symbolisierten und deshalb nicht zu Tourismusräumen gemacht werden sollten. Wenn die Bevölkerung sich also dafür stark machte, bestimmte Landschaften unter Schutz zu stellen, dann nicht deshalb, weil sie eine Einschränkung ihrer Lebenspraxis durch den Tourismus verhindern, sondern ein Identitätssymbol erhalten wollten. Es ging also nicht um die Kritik an einer Art von Kulturverfall oder konkreten kulturellen Inhalten, sondern darum, symbolisch zu zeigen, dass das Eigene noch existierte, in welcher Form auch immer. Bewahrende Forderungen wurden deshalb zumeist nur partiell vorgebracht und zielten in den wenigsten Fällen, wie etwa beim Konflikt um die Aiguamolls, auf einen umfassenden Stopp des weiteren touristischen Ausbaus. Eben diese Partikularität zeigt zum einen die Akzeptanz des Tourismus im Ganzen und 11 Auch Sasha Pack sieht die relative Abwesenheit kritischer Stimmen über den Tourismus als ein spanisches Spezifikum. Allerdings ist festzuhalten, dass Pack wichtige Teile der Tourismuskritik, gerade weil sie sich vornehmlich lokal und regional artikulierte, schlichtweg übersieht. Es waren eben nicht nur einige Marxisten, die gegenüber dem Tourismus und vor allem dem spanischen Modell des Massentourismus eine kritische Haltung entwickelten, wie in Kapitel 4 herausgearbeitet wurde. Pack, Tourism and Political Change, hier S.-62. <?page no="340"?> 339 7.1 Die Kontinuität des touristischen Entwicklungsmodells führte so zur Hegemonie des Fortschrittsnarrativs, wonach Tourismus Entwicklung und Wohlstand hervorgebracht hatte und dies weiterhin tun sollte, zum anderen war dieses Narrativ stärker als ein Festhalten an idiosynkratischen Werten, die um noch einmal aus der Perspektive der konservativen Kritiker der 1950er- und 1960er-Jahren zu sprechen, ein spezifisches ‚Spanischsein‘ ausmachten. Zusammengenommen überwogen diese Faktoren die wohl am deutlichsten vorgebrachte Kritik am Modell des Massentourismus, die im Verlauf der 1970er-Jahre insbesondere aus ökologischer und landschaftsschutzbezogener Motivation vorgebracht worden war. Die Krisenhaftigkeit der 1970er-Jahre führte also gerade nicht dazu, dass aus der Krisenwahrnehmung eine umfassende Reorientierung an der Zeit vor dem Massentourismus resultierte. Somit waren die 1970er-Jahre keine generelle Zäsur für die Geschichte des Massentourismus und dessen Auswirkungen. Sie waren aber insofern eine Zäsur, als Kritik an den landschaftlichen und ökologischen Folgen des Tourismus zunehmend in die Planung des weiteren Ausbaus des Tourismus einbezogen wurde, auch wenn weitergehenden Forderungen nach einer Abkehr vom Modell des Massentourismus als zentrales Element regionaler Wirtschaft eine Absage erteilt wurden. So erkannten vor allem Politiker und Regionalplaner, dass unbebaute Landschaften und eine intakte Umwelt auch einen Wert für den Massentourismus haben und in der Repräsentation nach außen im Konkurrenzkampf mit anderen Tourismusdestinationen einen Standortvorteil darstellen konnten. Zudem wurden eben diese Landschaften und die Natur als eigene touristische Destinationen entdeckt, die eine Diversifizierung des Angebots versprachen. Aus diesen beiden Überlegungen folgte, dass fortan bei Planungsprozessen die Kategorien ‚Umwelt‘ und ‚Landschaft‘ zumindest einbezogen wurden. 12 Auch wenn dies bei Weitem nicht in dem Maße geschah und bis heute nicht geschieht, wie Umweltschutzgruppen sich dies vorstellten und noch vorstellen. Dies zeigt nicht zuletzt die bis heute anhaltende, immer wieder zu vernehmende Kritik am Massentourismus, die vor allem auf Mallorca präsent ist. 13 Die Thematisierung von Krisenwahrnehmungen und Zäsuren im spanischen Tourismus lässt zugleich die Frage aufkommen, wie sich die Ereignisse und Entwicklungen im Vergleich zu gesamteuropäischen Prozessen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verhielten. Denn am Beispiel des Modells einer touristischen Entwicklung lässt 12 Dies zeigte bereits der zentral staatlich organisierte Kongress „Ecología y Turismo“, der Regionalplan Mallorcas aus den frühen 1970ern: Diputación Provincial de Baleares: Plan Provincial de Ordenación de Baleares. Documentos de la Ordenación. Volumen I, Palma de Mallorca 1973, und die politischen Maßnahmen der ersten Autonomieregierung auf Mallorca: Jaume Cladera Cladera: La Política del Govern Balear, (1983-1991). Entrevista amb l’honorable Sr. Jaume Cladera Cladera, Conseller de Turisme, in: Estudis Balearics 37-38 (1990), S.-133-140. Josep M.Bartomeu: Una adecuada política en turismo aún podría salvar la Costa Brava, in: Iniciativas Turísticas 8 (1977), S.-36. Los criterios del PSOE sobre la política turística española, in: Tecno 206 (1982), S.- 22-25. La política turística del gobierno socialista, in: Oro Verde 133 (1983), S.-65. 13 Vgl. http: / / www.gobmallorca.com/ (3.3.2016). <?page no="341"?> 7 Fazit 340 sich der europäische Weg der Modernisierung um eine Facette mehr als multipel 14 und heterogen 15 beschreiben. So zeigt das in dieser Arbeit untersuchte Fallbeispiel ausgewählter touristischer Gegenden Spaniens, dass dort Modernisierung nicht über industrielle Ressourcen, sondern die Ressourcen Strand, Meer und Hotelkomfort gedacht wurde und dieses Entwicklungskonzept eine enorme Wirkmächtigkeit entfaltete. Die transformierende Kraft dieses Entwicklungsmodells offenbarte sich unter anderem etwa dadurch, dass innerhalb des regionalen Kontextes kein idealtypischer Übergang von einer agrarischen über eine industrielle zu einer überwiegend auf Dienstleistungen basierenden Gesellschaft vor sich ging. Vielmehr entfaltete das touristische Entwicklungsmodell seine Wirkung dadurch, dass die untersuchten sozialen Systeme im regionalen Rahmen von einer überwiegenden Abhängigkeit von der Landwirtschaft hin zu einer Abhängigkeit vom ausländischen Tourismus übergingen. Diese Modernisierungsvorstellungen und den daraus resultierenden Weg als alternativen Weg in die Moderne zu beschreiben, löst zugleich das Dilemma einer normativen Bewertung, die bei anderen Konzepten vorliegt, wenn divergierende Wege in die Moderne eingeordnet werden. Anstatt - in diesem Fall - die nordwesteuropäischen Staaten als Zentrum zu bezeichnen und die restlichen europäischen Staaten als Peripherie, die mit Blick auf das Zentrum bemüht sind, einen Prozess der nachholenden Modernisierung zu verfolgen, 16 erscheint es sinnvoller, Entwicklungswege nicht in das Spannungsfeld von scheinbar objektiv gegebener Rückständigkeit und Fortschrittlichkeit einzuordnen, sondern konkrete Vorstellungen über Rückständigkeit, Fortschritt und Entwicklung als Faktoren einzubeziehen, die das Handeln zeitgenössischer Akteure und dessen Folgen erklären helfen können. Zugleich können damit geschichtswissenschaftliche Deutungsmuster hinterfragt werden, die die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts in übergreifende Entwicklungen wie die der Auflösung von Divergenzen, 17 der Hochmoderne 18 sowie des Strukturbruchs 19 einordnen. Dies betrifft zum einen die Frage der internen Differenzierung der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die sich beispielsweise an den bereits genannten unterschiedlichen Modernisierungsvorstellungen festmachen lassen. Zum anderen wäre die Frage zu klären, ob die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts tatsächlich als Geschichte der differierenden Antworten auf dieselben Modernisierungserfahrungen um die Jahrhundertwende geschrieben werden kann. 14 Dies ist ein Gedanke, den dieser innerhalb seines Konzeptes der Multiplen Modernen zwar äußerte, aber nicht weiter ausführte: Eisenstadt, Vielfalt der Moderne, S.-11. Vgl. dazu: Zur Kritik am Konzept der Multiplen Modernen vgl. Conrad, Globalgeschichte, S.-130-135. 15 Raphael, Ordnungsmuster der „Hochmoderne“? , S.-84. Ders., Ordnungsmuster und Selbstbeschreibungen, S.-20. 16 Zu dieser Problematik vgl. Komlosy, Nachholende wirtschaftliche Entwicklung. 17 Zur Konzeption europäischer Geschichte als Geschichte europäischer Divergenzen, die im zeitlichen Verlauf sich zunehmend in Konvergenzen auflösten vgl. Kaelble, Auf dem Weg. Ders., Sozialgeschichte Europas. Ders., Kalter Krieg. Ders.: Konvergenzen und Divergenzen. 18 Herbert, Europe in High Modernity, S.-18. 19 Doering-Manteuffel, Die Vielfalt der Strukturbrüche. <?page no="342"?> 341 7.1 Die Kontinuität des touristischen Entwicklungsmodells Denn eines zeigt das Beispiel der Geschichte des Tourismus in Spanien ganz deutlich: Aus der Entscheidung des spanischen Regimes, auf den ausländischen Tourismus zu setzen, um das Überleben einer staatlichen Ordnung zu sichern, resultierte eine Eigendynamik und eine eigene Funktionslogik des touristischen Sektors, die sich nur mehr sehr bedingt mit dem Deutungsmuster der Hochmoderne erfassen und erklären lassen. Auch die von Herbert konstatierte Zäsur für den Umbruch der Hochmoderne hin zum Beginn der Gegenwart erscheint, folgt man den Befunden dieser Arbeit, in ihrer generalisierten Fassung für ganz Europa nur sehr eingeschränkt haltbar. Zwar hielt die Krise der 1970er-Jahre auch in den touristischen Regionen Spaniens Einzug, die Konsequenzen unterschieden sich aber doch signifikant von Konstellationen in anderen Ländern. Auch eines der wichtigsten Kennzeichen dessen, was Herbert als Hochmoderne begreift - das Prinzip des Fortschritts 20 -, ging in dieser Zeit gerade nicht unter. Ein Bruch der Fortschrittsgläubigkeit basierend auf weiterer touristischer Expansion war gerade kein Element, das in den 1970er-Jahren Einzug in die untersuchten Räume hielt. Der Glaube an den eigenen Fortschritt durch ein profitorientiertes Wirtschaften mit den Einkünften aus der Tourismusbranche brach nicht ab, sondern setzte sich fort. Insofern liegt der Wert der Meistererzählung der Hochmoderne gerade darin, dass sie dazu reizt, sie zu differenzieren und ihr auf empirischem Boden jene Schattierungen zu verleihen, die für den Preis der Zuspitzung fast unsichtbar geworden sind. Auch die weiteren Thesen zur Periodisierung der europäischen Zeitgeschichte können aus der Perspektive des Tourismus differenziert werden. So wurden die 1970er-Jahre als Krisenzeit und Umbruchsphase 21 beschrieben, die zu einem „Strukturbruch“ 22 , einem Ende des „Goldenen Zeitalters“ 23 , mithin zu einer Zeit „nach dem Boom“ 24 führte. Hingegen blieb in den untersuchten Regionen ein großangelegter Wandel während der ‚Krise der 1970er-Jahre‘ 25 im Hinblick auf den Tourismus größtenteils aus. So ist auch die These des Strukturbruchs für Westeuropa im Gesamten nicht unwidersprochen geblieben. 26 Auch Anselm Döring-Manteuffel, einer der ersten, die die These des Strukturbruchs der 1970er-Jahre entwickelte, spricht mittlerweile von vielfältigen Brüchen, die sich im Verlauf der 1970er-Jahre ereigneten. 27 20 Ebd., S.-19. 21 Ferguson, Crisis, What crisis? Ferguson hebt dabei vor allem auf die Beschreibung der Krise als Wahrnehmungskrise ab. Ähnlich argumentiert Tony Judt, der festhält: „Das Konjunkturtief der siebziger Jahre erschien schlimmer, als es war, weil es in so krassem Gegensatz zu der Zeit davor stand.“ Judt, Geschichte Europas, S.-513. Zur Wendezeit der 1970er vgl. auch Kaelble, The 1970s in Europe, S.-18. Ders., The 1970s, S.-18. Eley, End of the Post-war? , S.-13. Jarausch, Krise oder Aufbruch? , S.-337. 22 Doering-Manteuffel, Die Vielfalt der Strukturbrüche, S.- 135. Zum Strukturbruch insbesondere im Hinblick auf die Deindustrialisierung vgl. Jarausch, Out of Ashes, S.-620 f. 23 Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S.-503. 24 Doering-Manteuffel/ Raphael, Nach dem Boom. 25 Ferguson, Crisis, What crisis? Für Spanien konstatiert Bernecker die Wahrnehmung einer wirtschaftlichen und politischen Doppelkrise. Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-297. 26 Goschler/ Graf, Europäische Zeitgeschichte, S.-81. 27 Doering-Manteuffel, Vielfalt der Strukturbrüche, S.-135. <?page no="343"?> 7 Fazit 342 Die oben stehenden Ausführungen zur Kontinuität des touristischen Entwicklungsmodells lassen sich deshalb auch dahingehend verstehen, dass sich für die 1970er-Jahre vor allem aus regionaler Perspektive nicht durchgängig von einem Strukturbruch und einem umfassenden Wandel in allen gesellschaftlichen Bereichen sprechen lässt. 28 Ein Krisenbewusstsein war zwar in den untersuchten Regionen vorhanden, die Antworten darauf aber wurden vor allem in bereits Bestehendem gesucht. Trotz der Krise des Tourismussektors, die fast über den gesamten Zeitraum der 1970er-Jahre anhielt lässt sich von einem touristischen Strukturbruch nicht sprechen. Der Tourismus und damit auch die weiterhin auf ihn setzenden Orte und Regionen entwickelten so eine andere Temporalität, die sich übergreifenden Zäsurentwürfen für die europäische Geschichte entzieht. Um diese Temporalität sichtbar zu machen, reicht es aber nicht aus, die Thesen einer übergreifenden Geschichte aus spezifischen nationalen 29 oder etwa aus einer südeuropäischen 30 Perspektive zu überprüfen. Schon allein die Unterschiede zwischen den als südeuropäisch wahrgenommenen Staaten Italien, Spanien, Griechenland und Portugal hinsichtlich politischer, wirtschaftsstruktureller und kultureller Maßstäbe sind so groß, dass von einer „spezifischen Temporalität“ 31 Südeuropas kaum die Rede sein kann. Die divergierenden Periodisierungen allein auf der politikgeschichtlichen Ebene widersprechen einem solchen Vorgehen, aber auch etwa die Spannbreite wirtschaftlicher Verflechtung mit den Ländern im nördlicheren Europa ist so groß, dass ein gemeinsamer Analyserahmen aller südeuropäischer Länder nur schwerlich aufrechtzuerhalten ist. 32 Man denke nur etwa an die Unterschiede Italiens und Portugals in dieser Hinsicht. Viel öfter ist die Kategorie Südeuropas hingegen Opfer von Stereotypisierungen und mitschwingenden Rückständigkeitsvorstellungen, die eine Nutzung als analytische Kategorie enorm erschweren. Die Konstruktion eines nördlicheren und südlicheren Europas war und ist noch immer ein machtdurchsetzter Prozess, 33 der eine Bezugnahme auf gesamteuropäische Entwicklungen oder eine Differenzierung dieser häufig im Vornherein teleologisch auflädt. Und auch der nationale Rahmen ist als Kategorie zur Differenzierung europäischer Meistererzählungen kein geeigneter. Bleibt man beim Beispiel Spaniens, fallen schnell die großen innernationalen Diskrepanzen ins Auge: von den andalusischen Tourismusresorts über die Dienstleistungsmetropole Madrid bis zu den Fabriken Bar- 28 Auch Goschler und Graf machen auf „regionale Differenzen“ aufmerksam. Goschler/ Graf, Europäische Zeitgeschichte, S.-216. 29 Raphael, Ordnungsmuster der „Hochmoderne“, S.-84. 30 Zur Frage, ob Südeuropa als sinnvolle Analysekategorie für die Geschichtswissenschaft dienen kann vgl. die Beiträge in: Baumeister/ Sala, Southern Europe. 31 Raphael, Ordnungsmuster der „Hochmoderne“, S.- 85. Zur Hinterfragung gängiger Narrative der europäischen Geschichte am Beispiels Südeuropas vgl. Dejung/ Lengwiler, Einleitung, S.-33. 32 Gabriel Tortella hält dies allerdings für die Wirtschaftsgeschichte für möglich und spricht von einem „specific Latin or south-western European pattern of economic modernization“: Tortella, Patterns of economic retardation, S.-4. 33 Baumeister/ Sala, Introduction, S.-9. Baumeister und Sala halten trotzdem daran fest, dass dies nicht dazu führen sollte, das Konzept ‚Südeuropa’ insgesamt zurückzuweisen, vielmehr sollte eine Reflexion darüber erfolgen, inwiefern es dazu dient, die Geschichte Europas zu verstehen. <?page no="344"?> 343 7.1 Die Kontinuität des touristischen Entwicklungsmodells celonas ist es ein weiter Weg, der generalisierende Deutungen auf nationaler Ebene äußerst schwierig macht. Hinzu kommen vor allem für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts der Bedeutungsverlust des Nationalstaats und die auch regional unterschiedliche Koppelung mit grenzüberschreitenden Prozessen, die innernationale Unterschiede noch verstärken konnten. Damit bleiben die regionale und lokale Ebene, die es insbesondere zu berücksichtigen gilt, will man die Validität europäischer Meistererzählungen hinterfragen und, allgemeiner ausgedrückt, eine europäische Geschichte schreiben. Dabei kann es sich nicht um eine europäische Lokal- und Regionalgeschichte handeln, welche die Wirkmächtigkeit nationalstaatlicher Entwicklungen und grenzüberschreitender Prozesse ausblendet und versucht, die Geschichte einzelner Regionen und Orte aus sich heraus zu erklären. 34 Vielmehr liegt das Potential eines solchen Vorgehens in einem Ansatz vergleichender europäischer Lokal- und Regionalgeschichte unter Berücksichtigung möglicher Austauschprozesse, die in die Analyse einzubeziehen sind. Gerade aber weil Tourismus ein solch multidimensionales Phänomen ist, reicht es dabei nicht aus, wie anderen Ortes bereits vorgeschlagen wurde, 35 sich auf Fragen der Wirtschaftsgeschichte zu konzentrieren. Die Arbeit mit Konzepten wie dem der industriellen Cluster oder dem der Pfadabhängigkeiten erscheinen nicht dazu geeignet, vergleichende Perspektiven mit verflechtungsgeschichtlichen zu verbinden. Denn gerade die Kopplung dieser Perspektiven erscheint dazu geeignet, die Tourismusgeschichte an die Subdisziplinen der Geschichtswissenschaft überschreitende Fragestellungen anzubinden. Der Blick von den scheinbaren „Ränder[n] der Moderne“ 36 , die in diesem Fall die touristischen Regionen rund um das Mittelmeer sind, kann die Gültigkeit von Thesen zur europäischen Geschichte, die vor allem anhand der Geschichte industrialisierter Metropolregionen in den nördlicheren Ländern Europas entwickelt wurden, bestätigen oder eben auch korrigieren. Erst so wird Europa als Ganzes tatsächlich zu einem „Beobachtungsraum, um die vielfältigen Entwicklungsdynamiken moderner Gesellschaften besser verstehen zu lernen.“ 37 Zugleich ermöglicht dies die Korrektur der diesen Meistererzählungen inhärenten Mental Maps, die vom Norden auf den Süden sehen, von der scheinbaren Metropole auf die scheinbare Peripherie anstatt vom Süden auf den Norden, von den scheinbaren Rändern auf das scheinbare Zentrum Europas. Durch diese Herangehensweise rückt zugleich eine andere Raumkategorie in den Fokus, die sich für das Feld der Tourismusgeschichte in Zukunft als besonders produktiv erweisen könnte: der Mittelmeerraum. 38 Ausgehend von den Überlegungen, 34 Darauf weisen auch andere Forscher hin: Humair/ Knoll/ Tissot, How To Deal, S.-25. 35 Ebd., S.-26. 36 Dejung/ Lengwiler, Ränder der Moderne, S.-7. 37 Raphael, Ordnungsmuster und Selbstbeschreibungen, S.-20. 38 Vgl. zur zeitgeschichtlichen Mittelmeerforschung Borutta/ Lemmes, Die Wiederkehr des Mittelmeerraumes. <?page no="345"?> 7 Fazit 344 eine vergleichende europäische Lokal- und Regionalgeschichte zu betreiben, ließe sich so fragen, wie spezifisch zum einen die beobachtete Strategie der interessenbezogenen Translokalisierung sowie der durch sie ausgelöste Prozesse und zum anderen die daraus resultierende Kontinuität für die spanischen Touristenorte waren. Die vorliegende Arbeit ist zwar als Fallstudie 39 konzipiert und kann deshalb auch zunächst einmal nur etwas über den untersuchten Fall aussagen. Doch angesichts der ähnlichen Voraussetzungen und Bedingungen zur Herausbildung touristischer Orte in anderen Regionen mit ähnlichen geographischen Charakteristika kann an dieser Stelle zumindest der Versuch unternommen werden, zu plausibilisieren, 40 inwieweit das hier untersuchte Entwicklungsmodell und dessen Folgen eine Spezifik aufwiesen, die über die untersuchten spanischen Touristenorte und -regionen hinausging. Sicherlich war und ist der auf Sonne und Strand basierende Massentourismus ein globales Phänomen, das sich heute ebenso in Varadero auf Kuba, auf Sansibar, am Daytona Beach in Florida und am Bondi Beach in Australien findet. Es liegt jedoch nahe, blickt man auf das Maß an Ähnlichkeiten im Vergleich zu den spanischen Touristenregionen, eine Perspektive einzunehmen, die den Mittelmeerraum in den Fokus nimmt. Zudem handelt es sich hier um eine operationalisierbare Kategorie, die nicht zuletzt durch die Wirkmächtigkeit der gegenseitigen Wahrnehmung an Plausibilität gewinnt. Es stellt sich also die Frage, ob das Modell der interessenbezogenen Translokalisierung eine spezifische Mediterranität besaß, der über den spanischen Fall hinaus eine Tragweite zuteilwurde. Die spezifische Mediterranität der in dieser Studie herausgearbeiteten interessensbezogene Translokalisierung, die in den untersuchten Regionen stattfand, gründet sich auf die Beobachtung, dass das mit ihr verknüpfte Entwicklungsdenken sowohl dem Mittelmeer und der mit ihm verknüpften Küstenlandschaft als seascape als auch einer gegenüber den Touristen dargestellten kulturellen Andersheit eine zentrale Funktion zusprach. Anders als in den industriellen Zentren Europas und Spaniens waren es nicht die Schwerindustrie, der Bergbau und die Automobilherstellung, die zu Ressourcen einer gedachten Modernisierung wurden, sondern die Inwertsetzung von Strand, Meer und Landschaften. Vernachlässigt man zunächst den politischen Kontext, dann weisen die am Mittelmeer gelegenen Küstenregionen in Frankreich, Italien, dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland, Türkei, Tunesien, Marokko und etwa Algerien ganz ähnliche Ressourcen auf, die sich für eine touristische Translokalisierung eigneten und auch in unterschiedlich großem Umfang genutzt wurden. 41 Daraus lässt sich nun keine generelle Ähnlichkeit dieser so unterschiedlichen Regionen, besonders über politische Grenzen hinweg, konstatieren und doch wird deutlich, dass eine vergleichende Untersuchung der Auswirkungen von Massentourismus und dessen Instrumentalisierung im Mittelmeerraum gewinnbringend sein könnte. Hier sind vor allem zwei Punkte zu nennen. Eine solche an die Ergebnisse dieser Studie anknüpfende Untersuchung wäre 39 Pohlig, Vom Besonderen, S.-308. 40 Zu diesem Verfahren vgl. ebd., S.-315 f. 41 Abulafia, Das Mittelmeer, S.-798-807. <?page no="346"?> 345 7.2 Translokalisierung, Differenz und Urbanisierung deshalb äußerst produktiv, da nur so bisher generalisierend für ganz Südeuropa bzw. den Mittelmeerraum formulierte Thesen auf ihre empirische Stichhaltigkeit geprüft werden können. Das betrifft etwa die Wirkung des Mittelmeertourismus in Richtung auf eine Deindustrialisierung ausgewählter Regionen, die im spanischen Fall so nicht vorlag, sondern in dem von einer Verhinderung der Ansiedlung von Industrie durch den Tourismus gesprochen werden muss. Ähnliches gilt für die Übernahme freizügigerer Moralstandards und andere Liberalisierungseffekte sowie die Erfindung von Traditionen, die vom Tourismus provoziert wurden. 42 Es könnte aber auch die These empirisch überprüft werden, dass der Mittelmeerraum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht in jeder Hinsicht ein fragmentierter und uneinheitlicher Raum war. 43 Die Wahrnehmung des Mittelmeerraums als Konkurrenzraum verschiedener Tourismusdestinationen dürfte eben nicht nur für spanische Akteure auf regionaler und nationaler Ebene gegolten haben, sondern auch die Wahrnehmung in anderen Ländern des Mittelmeerraums geprägt haben. Ebenso war die Wahrnehmung des Mittelmeers als gemeinsame Grundlage weiterer touristischer Entwicklung, die durch Umweltverschmutzung gefährdet wurde, eine Sichtweise, die in den frühen 1970er-Jahren nicht nur in Spanien Konjunktur hatte. Insofern zeigt der Massentourismus, wie stark sich die Regionen rund ums Mittelmeer gegenseitig wahrnahmen und von ganz ähnlichen Problemen betroffen waren, was sie unter Druck setzte, um gemeinsame Handlungsmöglichkeiten zu finden. Der Fokus auf die Mediterranität des Tourismus wäre zudem in besonderer Weise dazu geeignet, traditionelle Grenzen in der europäischen Geschichte zu überschreiten, indem Touristenorte etwa in Marokko mit solchen in Italien verglichen werden könnten. 7.2 Translokalisierung, Differenz und Urbanisierung Die Debatten über den Ausbau des Tourismus in den 1970er-Jahren waren Diskussionen darüber, wie Fortschritt, Entwicklung und damit Modernisierung erreicht werden sollten. Im engeren Sinne waren sie Auseinandersetzungen darüber, wie stark eben diese Kategorien an die Abhängigkeit von einem grenzüberschreitenden Mobilitätsstrom gekoppelt sein sollten. Fragt man am Ende dieser Untersuchung nach den Spezifika dieses Interaktionsszenarios, so lassen sich folgende Antworten geben: Erstens waren es staatliche Akteure, zunächst vornehmlich auf der lokalen Ebene und ab dem Ende der 1950er-Jahre auch auf nationaler Ebene, die translokale Verbindungen in Form einer zunehmenden Präsenz von Touristen intendiert herbeiführten und dabei auf die Investition ausländischen Kapitals und die Tätigkeit international agierender Tourismusunternehmen setzten. 42 Mergel, Transnationale Kommunikation, S.-118 f. 43 Zur These, dass der Mittelmeerraum in der Moderne eben kein rein fragmentierter Raum war und ihm eine gewisse Einheit zukam vgl. Borutta/ Lemmes, Die Wiederkehr des Mittelmeerraumes, S.-391. Die Gegenthese vertreten insbesondere: Horden/ Purcell, The Mediterranean, S.-725. <?page no="347"?> 7 Fazit 346 Eine Hoffnung, die alsbald vor allem von britischen und deutschen Tourismusunternehmen in Form von Vorauszahlungen und Darlehen an spanische Hoteliers und über die Vermittlungsaktivität zwischen den Tourismusdestinationen und den Touristen erfüllt wurde. Damit lässt sich die in einem anderen Kontext vertretene These Jens Ivo Engels bestätigen, wonach grenzüberschreitende Verbindungen historisch betrachtet häufig deshalb entstanden, weil sie nationalen Interessen zu dienen schienen. 44 Es waren eben gerade staatliche Akteure, die sich durch den ausländischen Tourismus Veränderungen, vornehmlich in wirtschaftlicher Hinsicht, erwarteten. War es auf nationaler Ebene die Hoffnung, mittels der durch den Tourismus erwirtschafteten Devisen zu einem modernen Industriestaat aufzusteigen, so war es auf lokaler und regionaler Ebene die Erwartung, direkt von der Zahlungskräftigkeit der Touristen auf der einen Seite und von finanziellen Mitteln aus zentralstaatlichen Entwicklungsinvestitionen auf der anderen Seite zu profitieren. Somit war die durch den Tourismus ausgelöste Verknüpfung kein Effekt einer gesichtslosen Globalisierung, sondern Folge einer auf Interessen basierenden Entwicklungsstrategie, die sich eine Partizipation an außerhalb der nationalen Volkswirtschaft stattfindenden Wertschöpfungsketten erwartete. Zweitens wies die touristische Translokalisierung eine eminent räumliche Dimension auf. Die Ressourcen, die translokalisiert wurden, waren das Meer, Strände und Bauplätze, die möglichst dicht an den Stränden lagen. Was also letztlich zur Grundlage des Modernisierungskonzepts wurde, dessen Mittel die Translokalisierung war, war eine seascape, 45 die, multipel repräsentiert, in touristischen Medien für Touristen Erholung, Komfort und Entspannung versprach und auf welche die Einheimischen Fortschritt, Entwicklung und Wohlstand projizierten. Dieser Prozess rief wiederum eine massive Transformation räumlicher Zusammenhänge hervor, die vielen Tourismusorten ein Aussehen und eine Funktionslogik bescherte, die sie den Großstädten der Herkunftsländer der Touristen bzw. den Großstädten innerhalb Spaniens ähnlicher machten als dem eigenen Hinterland der Mittelmeerküste. Drittens fanden die durch die Translokalisierung ausgelösten grenzüberschreitenden Prozesse nur auf bestimmten Ebenen statt. Während auf wirtschaftlicher Ebene eine fast vollständige Ausrichtung auf den ausländischen Massentourismus erkennbar ist, kam es deshalb aber nicht zwangsläufig in ähnlichem Maße zu Kontaktsituationen auf der sozialen Ebene. Eine „transnationale Kommunikation von unten“ 46 , also zwischen Einheimischen und Touristen war aufgrund der Spezifika des massentouristischen Reisens keineswegs die Regel. Stattdessen verblieb die Wahrnehmung der Einheimischen durch die Touristen häufig auf einer stereotypenhaften Ebene, 47 befördert 44 Engels, Machtfragen, S.-59. 45 Freitag, Translokalität, S.-4. 46 Mergel, Europe as Leisure Time Communication, S.-133-153. Ders., Transnationale Kommunikation von unten, S.-115-126. 47 Dass ‚transnationale Kommunikation von unten‘ nicht zwangsläufig eine gelungene Kommunikation sein muss, sondern von vielfältigen Stereotypisierungen durchsetzt sein kann und so häufig eher ein Missverstehen auslöst, konstatierte Mergel bereits selbst in seinem programmatischen Aufsatz. Mergel, Europe as Leisure Time Communication, S.-150. <?page no="348"?> 347 7.2 Translokalisierung, Differenz und Urbanisierung etwa durch Flamencoaufführungen, die der Konstruktion einer mediterranen Authentizität dienen sollten. Die Anwesenheit von Touristen aus anderen Ländern in Spanien bedeutete also nicht unbedingt, dass es dadurch zu Interaktionen zwischen Touristen und Einheimischen kam oder gar Kontakt und Vertrauen gefördert wurden. 48 An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob die durch den Tourismus ausgelösten und stabilisierten Verbindungen und Interaktionen sich unter dem Begriff der Verflechtung subsumieren lassen, der innerhalb globalgeschichtlicher Ansätze bisher für die Beschreibung aller möglichen Interaktionsszenariendiente diente, seien es koloniale Machtverhältnisse, sei es die Integration verschiedener Gesellschaften in Netze des Warenaustauschs oder der Aufbau grenzüberschreitender Wissenssysteme. Für den Gegenstandsbereich des Massentourismus erscheint es notwendig, hier stärker zu differenzieren, anstatt die zwischen den spanischen Küstenregionen und den Herkunftsländern der Touristen enstandenen Verbindungen pauschal als Verflechtung zu bezeichnen. Versteht man Verflechtung als gleichgerichtete und wechselseitige, stabilisierte Interaktion, bei der es sowohl zu Ausals auch Rückwirkungen kam, dann scheint das hier untersuchte Beispiel davon abzuweichen. Denn was sich am Beispiel des Massentourismus in Spanien vor allem beobachten lässt, ist ein Ungleichgewicht zwischen Auswirkungen und Rückkopplungseffekten. Während die Tourismusorte durch den Tourismus massiv umgestaltet wurden, waren die Herkunftsländer der Touristen und die Touristen selbst kaum von Rückkopplungseffekten betroffen. Noch deutlicher wird dies, wenn man sich die Qualität der Aus- und Rückwirkungen hinsichtlich der Beeinflussung gesamtgesellschaftlich relevanter Prozesse ansieht. Während Spanientouristen mitunter ihre Urlaubsfreuden in einem spanischen Restaurant in der Bundesrepublik wieder aufleben ließen, sich das Bild Spaniens in deutschen Medien durch den Tourismus wandelte oder die Tourismusbranche vom Anstieg der Spanienurlaube profitierte, wurden in Spanien ganze Landschaften umgestaltet, finanzierte der Tourismus den Fortbestand eines ehemals faschistischen Regimes und löste enorme Binnenwanderungsprozesse aus. Die Rückkopplungseffekte waren, abgesehen von den Gewinnen, die ausländische Tourismusunternehmen mit dem Spanientourismus erwirtschafteten, nicht auf einer strukturellen Ebene angesiedelt, sondern sind allenfalls als ephemer zu bezeichnen. Man könnte nun ausgehend von anderen Forschungsfeldern der Globalgeschichte das hier untersuchte Szenario als asymmetrische Verflechtung bezeichnen und damit eine Analogie etwa zum Verhältnis zwischen den Aus- und Rückwirkungen des Kolonialismus 49 herstellen. Auch ein Vergleich mit dem deutsch-deutschen Verhältnis während der Teilung Deutschlands wäre denkbar. Auch wurde die Beziehung zwischen der BRD und der DDR als asymmetrische Verflechtung bezeichnet, wobei das Machtgefälle zugunsten der BRD verlief. 50 Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass 48 Ebd., S.-135. 49 Wendt, Vom Kolonialismus zur Globalisierung, S.-18 50 Vgl. hierzu das Konzept einer deutsch-deutschen Nachkriegskriegsgeschichte von Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung. <?page no="349"?> 7 Fazit 348 der hier untersuchte Fall doch auch Unterschiede aufwies: Einseitige politische Macht von jenseits der nationalen Grenze spielte gerade keine entscheidende Rolle bei der Umgestaltung der Küstenregionen Spaniens. Nahm die Bundesrepublik Deutschland in viel größerem Maße Einfluss auf die DDR und beuteten koloniale Mutterländer ihre Kolonien viel stärker aus, als sie umgekehrt von Rückkopplungseffekten betroffen waren, so waren die Folgen des Massentourismus in Spanien ja kein Produkt eines asymmetrischen politischen Machtverhältnisses. Dagegen waren lokale, regionale und nationale Triebkräfte in Spanien dafür verantwortlich, dass sich die Urlaubsregionen auf die Bedürfnisse von Touristen einstellen und sich ihnen anpassten. Nimmt man die Ergebnisse dieser Studie zusammen, dann zeigt sich, dass es zwar Ebenen gab, auf denen sich Verflechtungsprozesse abspielten: etwa die enge Verbindung spanischer Hoteliers mit deutschen Tourismusunternehmen oder die Übernahme touristischer Praktiken durch Einheimische in den Urlaubsorten. Wie bereits erwähnt gab es jedoch Felder, auf denen es kaum zu verflechtungsähnlichen Prozessen kam. So passten sich beispielsweise weder alle Einheimischen uneingeschränkt der touristischen Logik der Selbstvermarktung an, sondern schafften es durchaus, auch kulturelle Praktiken, denen sie einen besonderen Wert zuschrieben, als eigenständige Traditionen aufrechtzuerhalten, obwohl sie zugleich kommodifiziert wurden. Hinzu kommt das ebenfalls bereits erwähnte Ungleichgewicht zwischen Auswirkungen und Rückkopplungseffekten. Dies alles macht es zwar nicht nötig, den Verflechtungsbegriff in seiner Eignung für das hier beschriebene Szenario zu verwerfen. Anstatt als asymmetrische Verflechtung, die eben auf jenes politische Machtungleichgewicht anspielt, könnte der Begriff einer semipermeablen, also halbdurchlässigen Verflechtung verwendet werden. Denn die touristischen Interaktionszonen waren vor allem in eine Richtung durchlässig, während Rückwirkungen nur sektoral eingeschränkt bzw. nur in geringer Intensität ihren Weg in die Herkunftsgesellschaften der Touristen fanden. Dabei muss abschließend noch einmal betont werden, dass dafür eben gerade nicht ein Ungleichgewicht auf der Ebene politischer Macht verantwortlich war und somit der Begriff der Asymmetrie ungeeigneter als der der Semipermeabilität zu sein scheint. Auch wenn es sich somit nur um eine begrenzte Verflechtung handelte, wurden die untersuchten Tourismusräume aber trotzdem zu translokalen Räumen. Denn erstens entstand durch die gezielte Förderung des Tourismus und auch durch die sich daraus ergebende Abhängigkeit von den Touristen in wirtschaftlicher Hinsicht eine gegenseitige Relevanz zwischen Einheimischen und Touristen. 51 So wurde die Präsenz von ausländischen Touristen zum zentralen Element des Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens in den Touristenorten und -regionen. Umgekehrt war die Anwesenheit und Tätigkeit der Einheimischen in der Tourismusbranche für die Touristen eine Grundbedingung für den Genuss eines erholsamen Urlaubs, der darauf beruhte, während eines Hotelurlaubs nichts oder während eines Aufenthalts in einer Ferienwohnung selbst nur sehr wenig tun zu müssen. Zweitens entstand in den touristischen Räumen ein 51 Zur gegenseitigen Relevanz zwischen Einheimischen und Touristen vgl. Mergel, Europe as Leisure Time Communication, S.-135. <?page no="350"?> 349 7.2 Translokalisierung, Differenz und Urbanisierung Wechselspiel zwischen einer Instrumentalisierung von Fremdheit und der Produktion kultureller Nähe, also zwischen Prozessen der Heterogenisierung 52 , wie der reflexiven Mediterranisierung 53 und Hispanisierung, auf der einen Seite und Homogenisierungstendenzen auf der anderen Seite, die auf eine gezielte Schaffung einer Ähnlichkeit zur vertrauten Umgebung der Touristen hinauslief. Dieser spezifische Umgang mit Differenz korreliert mit einem wesentlichen Prozess, der ganz entscheidend vom Tourismus angestoßen wurde: der Urbanisierung ländlicher Räume. Zu Beginn des Beobachtungszeitraums in den 1950er- Jahren handelte es sich bei den meisten der untersuchten Touristenorte um Dörfer, die sich in ländlich geprägten Räumen befanden. 54 Viele dieser Dörfer nahmen im Verlauf des Untersuchungszeitraums einen deutlichen städtischen Charakter an. Dies gilt etwa für den Anstieg der Einwohnerzahlen, die Veränderung der Architektur in quantitativer und qualitativer Art und Weise sowie eben für den Umgang mit Differenz, der einen zunehmend urbanen Charakter annahm. Indem der Tourismus etwa aus dem kleinen Fischerdorf Torremolinos innerhalb von zehn Jahren eine Kleinstadt machte, die über eine Skyline verfügte, die viele Zeitgenossen eher an New York als an einen Ort in Spanien erinnerte, rekonfigurierte er die scheinbaren Gegensatzpaare von Stadt und Land in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Tourismus war demnach ein wesentlicher Faktor der „Urbanisierung des Landes“ 55 . Diese Rolle erfüllte der Tourismus, da er die Abwanderung in die Städte bzw. deren Vororte, die so charakteristisch für die Entwicklung ländlicher Räume in Spanien der 1960er-Jahre war, 56 zum einen bremsen konnte und zum anderen auf dem Land urbane Elemente einführte und verfestigte. 57 Insofern war der Tourismus Motor der „städtischen Revolution“ 58 , die Henri Lefebvre in den 1970er-Jahren konstatierte und die neuerdings vor allem innerhalb der Geographie als globale Urbanisierung bezeichnet wird. 59 Mit dem Begriff der Urbanisierung ist in diesem Kontext weniger das immer noch anhaltende Wachstum der Städte gemeint, sondern die Einbindung vormals ländlicher Räume in städtische Zusammenhänge bzw. die multiple Verbindung dieser Räume mit Städten auf der einen Seite und der zunehmenden Präsenz städtischer Verhaltensweisen und Raumstrukturen ‚auf dem Land‘. 60 52 Zu den Kategorien der Heterogenisierung und Homogenisierung als Grundkonstanten der Globalisierung vgl. Epple, Stollwerck, S.-11 f. Dies., Globalisierung/ en, S.-11. 53 Römhild, Reflexive Europäisierung. 54 Dies gilt nicht für Palma de Mallorca als größte Stadt der Balearen, sowie ebenfalls für die beiden anderen Provinzhauptstädte Girona und Málaga nur eingeschränkt. 55 Dirksmeier, Urbanität als Habitus. Lenger, Metropolen der Moderne, S.-461. 56 Mertins, Regionale Bevölkerungsentwicklung. 57 Vgl. auch die zeitgenössische Beobachtung des Ethnologen Oriol Pi-Sunyers: Pi-Sunyer: Tourism and ist discontent, S.-15. 58 Lefebvre, La revolution urbaine. 59 Brenner/ Schmid, Towards a new epistemology. 60 Ebd., S.-173. <?page no="351"?> 7 Fazit 350 In der Konsequenz bedeutet dies, dass es den ländlichen Raum als solchen im Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer weniger gab, sondern nur Räume, die mehr oder weniger urbanisiert waren bzw. sind. 61 Diese These ist in ihrer Generalität nicht unwidersprochen geblieben, 62 doch scheint sie aus den zuvor genannten Gründen ziemlich genau auf die in dieser Arbeit untersuchten touristischen Räumen zuzutreffen. Gerade beim Umgang mit Differenz scheint sich hier eine zentrale Variable städtischen Lebens, nämlich die der Indifferenz gegenüber anderen, 63 zu offenbaren, die bereits Georg Simmel in seinen Studien zum großstädtischen Leben um die Jahrhundertwende hervorhob. 64 Die in dieser Arbeit konstatierte Strategie der virtuellen Segregation seitens der Einheimischen, die es ihnen ermöglichte, eigene Traditionen aufrechtzuerhalten, während gleichzeitig eine große Anzahl von Touristen anwesend war, die eben diese Symbole als Repräsentationen einer als fremd empfundenen Kultur wahrnahmen, unterstreicht diese These. Denn trotz der massiven Präsenz der Massentouristen ließen die städtisch strukturierten Tourismuszentren eine Koexistenz von Tourismuskultur, inszenierter Authentisierung und dem lokalen Kulturleben der Einheimischen zu. 7.3 Diktatur, Liberalisierung und nationalstaatliche Souveränität Zu fragen ist abschließend auch, wie das Verhältnis zwischen dem spanischen Staat bzw. dem franquistischen Regime und dem Tourismus auf der Grundlage der in dieser Arbeit dargestellten Ergebnisse zu bewerten ist. Hierzu ist noch einmal die bereits in der Einleitung angerissene Forschungskontroverse zur möglichen demokratisierenden Wirkung des Tourismus in Spanien in Erinnerung zu rufen. Diese beruht zum einen auf der Annahme, der Tourismus habe eine demokratisierende Funktion besessen 65 und zum anderen auf der Auffassung, der Tourismus habe keine demokratisierenden Wirkungen entfaltet, sondern sei stattdessen ein Dispositiv im foucaultschen Sinn gewesen, dass es dem Regime ermöglicht habe, Macht diffuser und weniger offensicht- 61 Ebd. 62 Kersting/ Zimmermann, Stadt-Land-Beziehungen, S.-20 f. und 29. 63 Das soll nicht heißen, dass es in Städten keine Konflikte, ausgelöst durch Fragen von Zugehörigkeit oder Ghettobildung, gegeben hat. Jedoch boten Städte aufgrund ihrer räumlichen Struktur und ihrer Größe eine potentielle Anonymität, die alternative Verhaltensweisen oder differierende Zugehörigkeiten eher ermöglichten als ländlich geprägten Räumen. 64 Siebel, Talent, Toleranz, S.-81 f. Zur Indifferenz als Teil des städtischen Habitus: Dirksmeier, Urbanität, S.-54. 65 Insbesondere Pack, Tourism and Dictatorship, S.-14 und 195. Abella, La vida cotidiana, S.-180. Torres, El amor, S.-184. Villán, Y vinieron las suecas, S.-5. Prutsch, Iberische Diktaturen, S.-188. Payne, “El desarrollo”, S.-510 f. <?page no="352"?> 351 7.3 Diktatur, Liberalisierung und nationalstaatliche Souveränität lich auszuüben. 66 Um eine begründete Stellungnahme zu dieser Debatte abzugeben, ist es notwendig, stärker zeitlich zu differenzieren, als dies bisher der Fall gewesen ist und die Entwicklung des Tourismus und dessen gesellschaftliche Bewertung mit in das Urteil einzubeziehen. So ist erstens festzuhalten, dass während der Boomphase in den 1960er-Jahren der Tourismus für das Regime ein Legitimationsgewinn war und eine stabilisierende Funktion für das politische System übernahm. Die Folgen des Tourismusbooms insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht schienen den Ende der 1950er- Jahre eingeleiteten Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik zu bestätigen und verschafften somit dem franquistische Regime einen Zuwachs an Herrschaftsakzeptanz der daraus erwuchs, dass das Regime offenbar für ‚Entwicklung‘ und Wohlstand sorgte. Indem das Regime die Förderung des Tourismus beträchtlich ausdehnte und offene Grenzen, über die touristische Devisen ins Land fließen konnte, gewissermaßen zur Staatsräson machte, griff es Forderungen, die aus den sich entwickelnden touristischen Regionen stammten, auf und ermöglichte dadurch die Ausbreitung des regionalen Konsens, wonach Tourismus zum Vehikel des Fortschritts werden sollte. Dabei wurde dieser Konsens zunehmend national überformt und erhielt seinen Stellenwert als Regionalentwicklungsstrategie innerhalb der nationalen Entwicklungspolitik. Tourismus kann deshalb durchaus als Element ermöglichender Macht 67 während der 1960er-Jahre bezeichnet werden. Anstatt auf eine beständige Zwangsausübung und den Aufbau einer Drohkulisse stützte sich die Macht des Regimes zusehends auf die Befriedigung von Bedürfnissen, 68 in diesem Fall von Wünschen nach materiellem Wohlstand und wirtschaftlicher Stabilität. Deutlich wird dieser Wandel von kausaler hin zu modaler Macht 69 insbesondere auch bei der staatlichen Infrastrukturpolitik, die vornehmlich der Förderung des Tourismus dienen sollte. Indem der Bau dieser Infrastrukturen, wie einer stabilen Wasserversorgung, einer modernen Abwasserentsorgung und von Flughäfen, vom Regime aufs Engste mit Konzepten des Fortschritts und der Entwicklung verknüpft wurde und gleichzeitig als Erfüllung regionaler Bedürfnisse gegenüber der Bevölkerung kommuniziert wurde, konnte sich das Regime als Akteur der Modernisierung generieren. Somit war der Effekt der Tourismuspolitik während der 1960er-Jahre für das Regime tatsächlich eher stabilisierend als destabilisierend. In gewisser Weise war der Tourismus also tatsächlich eine Art Dispositiv, das es dem Regime ermöglichte, innerhalb der Tourismusregionen seine Herrschaft mit Mitteln jenseits staatlicher Zwangsmaßnahmen zu sichern. Damit enthielt die Ausübung politischer Herrschaft während der 1960er-Jahre in den Tourismusregionen konsensuale Elemente, wobei dem Tourismus 66 Crumbaugh, Destination Dictatorship, S.-1 und 5. Pavlovic, The Mobile Nation, S.-14. 67 Engels/ Schenk, Infrastrukturen der Macht, S.-43. 68 Dirk van Laak: Infrastruktur-Geschichte, in: GG 27 (2001), S.-367-393, hier S.-379. Vgl. auch Engels/ Schenk, Infrastrukturen der Macht, S.- 29. Für Spanien: Bernecker, Ein Interpretationsversuch, S.-416. 69 Engels/ Schenk, Infrastrukturen der Macht, S.-43. <?page no="353"?> 7 Fazit 352 gewissermaßen als Konsensstifter eine integrale Funktion zukam und Herrschaft somit ohne die ständige Androhung von Gewalt oder Zwang auskam. 70 Dieser - für bestimmte Politikfelder geltende - Konsens zwischen Politik und großen Gesellschaftsgruppen über Entwicklungsvorstellungen musste nicht zwangsläufig politischer Art sein und auch nicht in ein Legitimationsplus für den Franquismus in allen politischen Bereichen münden. Allerdings sorgte die Hegemonie des Fortschrittsglaubens, der in den touristischen Regionen ganz entscheidend vom Modell des Massentourismus als Motor wirtschaftlicher Entwicklung getragen wurde, zumindest für die stille Akzeptanz des Herrschaftssystems durch die Mehrheit der Bevölkerung. Das sich in ökonomischen Variablen und statistischen Daten äußernde Fortschrittsnarrativ generierte eine scheinbar politikfreie Zone, in der Bevölkerung und Regimevertreter einen gemeinsamen Nenner in Form von Fortschritt und wirtschaftlichem Aufstieg finden konnten. Diese These soll keine Marginalisierung oppositioneller Gruppen beinhalten, die es zweifellos gab, 71 sondern einen Zugang zur Erklärung der langen Dauer des Franco-Regimes eröffnen. Insofern könnte man schlussfolgern, dass der Tourismus in den untersuchten Regionen die bereits Ende der 1960er-Jahre in den Industriezentren und den Universitäten der Großstädte aufkeimende Konflikthaftigkeit zwischen Politik und Gesellschaft 72 noch kurze Zeit hinauszögerte. Zu Beginn der 1970er-Jahre begannen sich jedoch die Interessen innerhalb der Bevölkerung in den Tourismusregionen auszudifferenzieren 73 und der Tourismus wurde zu einem Element, mittels dessen Kritik an der Politik des Regimes ausgeübt wurde. Dabei beeinflussten sich die Effekte der bedingten Liberalisierung, die zunehmende Erosion der Diktatur und die durch zivilgesellschaftliche Akteure genutzten Freiräume gegenseitig. Die an Stärke gewinnende Tourismuskritik ab den frühen 1970er-Jahren wurde so auch zu einem Motor von Demokratisierungseffekten, der durch den Umbruch von 1975 noch einmal an Wirkung gewann. Der Tourismus provozierte zumindest an der Costa Brava und auf Mallorca die Bildung von Gruppen, die sich kritisch mit den Folgen des Tourismus auseinandersetzten. Durch die Gründung eines Vereins auf Mallorca wurde dieses zivilgesellschaftliche Engagement gestärkt. Entscheidend war zudem, dass die Mitglieder dieser Gruppen beanspruchten, an politischen Entscheidungs- und Planungsprozessen beteiligt zu werden und damit Einfluss auf die 70 Walther L. Bernecker vertritt hingegen die These, dass dem Regime ein Legitimitätsgewinn durch wirtschaftliche Entwicklung nicht gelang. Aus seiner Sicht hat sich der Franquismus „nicht so sehr wegen seiner Modernisierungsmaßnahmen als vielmehr trotz der Modernisierungsfolgen bis zum physischen Tod des Diktators halten können.“ Bernecker, Interpretationsversuch, S.-419 und 423. Folgt man aber dieser These, dann bliebe eben diese Frage zu erklären, warum das Regime sich trotzdem so lange halten konnte. Genau diese Erklärung bleibt Bernecker schuldig. 71 Zwanzig Jahre nach der Etablierung des Regimes war die Opposition aber weitgehend mutlos und frei von Illusionen, dass es zu einem Sturz Francos kommen könne. Payne, ¿Tardofranquismo o preTransición? , S.-5. 72 Fusi, La reaparición, S.-161 f. 73 So auch die These Hasan Zafer Dogans hinsichtlich einer übergreifenden Theorie der Auswirkungen des Tourismus auf die Zielregionen: Zafer Dogan, Forms of Adjustment, S.-232. <?page no="354"?> 353 7.3 Diktatur, Liberalisierung und nationalstaatliche Souveränität Gestaltung der zukünftigen Entwicklung der Tourismusregionen zu bekommen. Mit ihren Strategien, solche Konflikte in die Öffentlichkeit zu tragen und dort zu thematisieren, ohne sich dadurch offen als Dissidenten zu erklären, setzten sie sich deutlich vom Öffentlichkeitsmodell des franquistischen Staates ab, der ein Konzept von Öffentlichkeit vertrat, bei dem es in erster Linie Amts- und Würdenträger sein sollten, die das Wort ergriffen und folglich auch medial präsent sein sollten. So ermöglichte die Kritik am Tourismus aus der Perspektive der Ökologie und des Landschaftsschutzes noch innerhalb der Diktatur ein öffentliches Auftreten und eine öffentliche, vor allem mediale Artikulation ideeller Einstellungen, ohne dass diese als dezidiert politisch oder oppositionell wahrgenommen wurden. Das Jahr 1975 bedeutete für die durch den Tourismus ausgelöste Demokratisierung keinen generellen Bruch, sondern eine Verschärfungssituation, in der sich das Feld des Möglichen mit einem Schlag öffnete und sich neue Protestformen bildeten, die innerhalb der Diktatur bisher nicht praktiziert werden konnten. Die Zeit des Übergangs zwischen Diktatur und Demokratie brachte folglich noch einmal einen Schub an Demokratisierung, der aber ganz entscheidend auf den zuvor etablierten Ideen und Strukturen beruhte. Damit wurde die Zeit zwischen 1975 und der Verabschiedung der Verfassung im Jahr 1978 zu einer Zeit intensivster Auseinandersetzungen um den Tourismus. Zugleich artikulierten sich nun auch an der Costa del Sol tourismuskritische Stimmen, die aber anders als an der Costa Brava und auf Mallorca vornehmlich die soziale Situation der Beschäftigten im Tourismussektor kritisierten. 74 Das Machtdispositiv des Tourismus wurde damit ab den frühen 1970er-Jahren zunehmend selber zum Objekt der Kritik und löste damit eine demokratisierende Wirkung aus, die zentrale tourismuspolitische Entscheidungen in Frage stellte. Damit kann auf der Grundlage dieser Studie jenen Stimmen innerhalb der Historiographie zum Franquismus zugestimmt werden, die um das Jahr 1970 herum bereits einen Wendepunkt in der Geschichte des franquistischen Regimes diagnostizierten und den Beginn zunehmender gesellschaftlicher Bewegung bereits in der Zeit der Diktatur verorten. 75 Unklar blieb in der bisher zur Verfügung stehenden Forschungsliteratur aber, über welchen Mechanismus der vornehmlich nur konstatierte, aber nicht an empirischem Material überprüfte Demokratisierungsprozess 76 tatsächlich wirkte. Hierzu bieten sich zwei Erklärungsmöglichkeiten an. Die erste Annahme ist, dass sich die spanische Bevölkerung innerhalb der Tourismusregionen gewissermaßen automatisch demokratisierte, da sie zunehmend in Kontakt mit Touristen aus demokratischen Ländern kamen und deren Einstellungen übernahmen. 77 Es würde sich demnach um eine Form 74 Juan José Galán/ Ángel Martín/ Josefina Ruiz/ Antonio Mandly: Costa del Sol. Retrato de unos colonizados, Madrid 1978. 75 Tussel, Historia de España, S.-438. Payne: ¿Tardofranquismo o preTransición, S.-9f. Schmidt, Diktatur und Demokratie, S.-445 und 489. 76 Vgl. Anm. 80 der Einleitung. 77 Diese Erklärung findet sich insbesondere bei Abella, La vida cotidiana. Ruiz Carnicer, El Sistema, S.- 310. Payne, El régimen de Franco, S.- 510 f. Ähnlich jüngst: Cayuela Sánchez, La biopolítica del franquismo, S.-172. Rosendorf, Be El Caudillo´s Guest, S.-407. <?page no="355"?> 7 Fazit 354 „transnationaler Kommunikation von unten“ 78 handeln, die aus Untertanen einer Diktatur zunehmend mündige Bürger machte. Wie bereits oben dargestellt ergaben sich solche Kontaktsituationen zwischen Touristen und Einheimischen aber nur sehr selten. Zudem wurden Touristen nicht in erster Linie als Demokraten wahrgenommen, sondern als Devisenquelle. Auch die Sprachbarriere gilt es in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen. Die zweite Annahme zur Erklärung dieses Phänomens geht von der in dieser Arbeit eingenommenen Perspektive der Wahrnehmung touristischer Räume aus. Der Tourismus, so die These, wirkte hier nur indirekt und nicht durch einen direkten Ideentransfer. Vermittelt durch gesellschaftliche Debatten über die Wichtigkeit und Zukunft des Tourismus als Entwicklungsmodell, das sich auf die Abhängigkeit von grenzüberschreitenden Mobilitätsströmen stützte, entfaltete der Tourismus folglich eine demokratisierende Wirkung, die das Regime eben gerade nicht intendiert hatte, als es begann, die Förderung des Tourismus seit dem Ender der 1950er-Jahre massiv auszubauen. Insgesamt lässt sich somit feststellen, dass der Tourismus in Spanien ein äußerst wirkmächtiges und folgenreiches Phänomen war und im Übrigen noch bis heute ist. Dem stand bisher eine allgemein eher marginale Bedeutung und Berücksichtigung des Tourismus in Studien zur spanischen Geschichte gegenüber. 79 Zudem wurde die gesellschaftliche Wirkmächtigkeit in vielen Fällen erst auf die späten 1980er- oder die 1990er-Jahre verlagert. So verortet Walther L. Bernecker die Auseinandersetzung mit den als unerwünscht wahrgenommenen Auswirkungen des Massentourismus erst Mitte der 1990er-Jahre: „Nach jahrzehntelangem Massentourismus machten sich Mitte der neunziger Jahre auch die Negativfolgen bemerkbar: Verschandelung der Küsten, Verkehrs- und Umweltprobleme, Zunahme von Drogen und Kriminalität. […] Die jahrzehntelangen Tourismusinvasionen hatten in der Zwischenzeit die Spanier sensibilisiert und umweltbewusster gemacht.“ 80 Generell ist dieser Darstellung nach den im Rahmen dieser Studie gewonnenen Erkenntnissen zuzustimmen. Doch waren die erwähnten Folgen allesamt keine neuen Erscheinungen der 1980er-oder gar 1990er-Jahre. Vielmehr traten sie zum ersten Mal noch während der Diktatur auf. Der Konnex zwischen sozialem und ökologischem Wandel und Tourismus bestand vielmehr schon seit den 1960er- Jahren; die Wahrnehmung ‚negativer‘ Folgen des Tourismus war ein Phänomen der frühen 1970er-Jahre. Für künftige Forschungen gilt es deshalb, die Relevanz des Tourismus zu berücksichti- 78 Mergel, Transnationale Kommunikation. 79 So dominieren, wie in der Einleitung bereits erwähnt worden ist, zum einen Spezialstudien zur wirtschaftlichen oder institutionellen Geschichte des Tourismus in Spanien, während auf der anderen Seite in Gesamtdarstellungen und übergreifenden Synthesen der Tourismus häufig nur eine marginale Rolle spielt oder nur wenig elaboriert berücksichtigt wird. Vgl. etwa Bernecker, Geschichte Spaniens. Tusell, Historia. Fusi, Franco. Carr, La época de Franco. Fusi, La época de Franco. Auch neueste Publikationen verzichten teilweise vollständig auf einen analytischen Einbezug des Tourismus. Vgl. etwa: Townson, Is Spain Different? . 80 Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-301 f. <?page no="356"?> 355 7.3 Diktatur, Liberalisierung und nationalstaatliche Souveränität gen und ihn in die Erklärung gesellschaftlichen Wandels einzubeziehen. Nicht zuletzt deshalb, da der Tourismus Prozesse auslöste oder beschleunigte, die für die europäische Geschichte der 1960er- und 1970er-Jahre typisch waren. 81 Der Sieg der Franquisten führte also gerade nicht dazu, 82 „Spanien für weitere 30 Jahre vom Rest der Welt zu isolieren“ 83 , wie dies Eric Hobsbawm behauptet hat. Wie diese Arbeit gezeigt hat, öffnete das Regime durch seine Förderung des Tourismus nicht nur das Land im Gesamten nach außen, sondern vor allem die touristischen Regionen. Und dieser Prozess wurde dabei nicht vom Regime alleine getragen, sondern stützte sich auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens innerhalb der betroffenen Regionen, der die gezielte Translokalisierung regionaler und lokaler Strukturen im eigenen Interesse befürwortete. Somit konvergierten zunächst die Interessen und die ideologischen Einstellungen hinsichtlich der Frage, wie Wirtschaftswachstum erreicht werden sollte, zwischen den neuen zentralstaatlichen Akteuren einer neoliberalen und zugleich autoritären Modernisierung in Madrid 84 und den lokalen und regionalen Eliten in den Tourismusregionen. Trotz der in den 1960er-Jahren herrschenden Planungsrhetorik und den Versuchen des Ministeriums für Information und Tourismus, den Tourismussektor einerseits einer stärkeren Regulierung zu unterwerfen und andererseits noch stärker zu fördern und auszubauen, setzte die Diktatur keine konzisen Steuerungselemente im Tourismussektor durch. Die Initiative auf diesem Feld wurde also den Bürgermeistern der Kommunen, Grundbesitzern, sowie in- und ausländischen Unternehmen überlassen. Anders als dies bisher in der Forschung angenommen wurde, dominierte spätestens ab der Mitte der 1960er-Jahre die Privatinitiative den Tourismus und nicht der Staat. Der Staat besaß nicht eine größere agency als der Privatsektor, 85 sondern sah sich zunehmend der Frage ausgesetzt, wie eine Kontrolle und Steuerung des Tourismus angesichts der stetig steigenden Touristenzahlen überhaupt möglich sein könne. Als herausragende Beispiele seien an dieser Stelle noch einmal der touristische Bauboom, die Regulierung der Urbanisationen sowie gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen genannt. Diese Konstellation führte zu der paradoxen Situation, dass ein diktatorischer Staat auf die Öffnung seiner Grenzen und eine weitgehende liberale Regulierung für die Ansiedlung von Tourismusanlagen setzte, um das Überleben des Regimes zu sichern. Diese neoliberale Haltung unter autoritärem Vorzeichen, die Basis des regionalen Konsenses war und vom Regime überformt worden war, geriet ab Anfang der 1970er-Jahre zunehmend ins Kreuzfeuer ökologisch und sozial motivierter Kritiker, die das spanische Modell des Massentourismus mit einem Verlust an nationaler und regionaler Souveränität gleichsetzten. Staatliche Macht wurde durch diese Form der Translokalisierung und deren Folgen langfristig unterminiert. Nationalstaatliche Souveränität, 81 Buchanan, How ‚Different‘, S.-90. 82 So die Beobachtung Buchanans. Vgl. ebd. 83 Hobsbawn, Zeitalter der Extreme, S.-202. 84 Bernecker, Geschichte Spaniens, S.-231 f. 85 So die These Ana Moreno Garridos: Moreno Garrido, Fuentes, S.-169. <?page no="357"?> 7 Fazit 356 repräsentiert von der Durchsetzung staatlicher Macht, nahm im Zeitverlauf eher ab, da die Franco-Diktatur auf die touristischen Devisen angewiesen war, zunächst darauf verzichtete, seine originären Vorstellungen hinsichtlich Moralität, gesellschaftlichem Verhalten und Ordnungsmodellen durchzusetzen und dann zunehmend weniger in der Lage war, Kontrolle tatsächlich auszuüben. Anhand der Geschichte der untersuchten touristischen Orte lässt sich deshalb zeigen, wie die Handlungsmacht eines diktatorisch regierten Nationalstaats durch eine selbst gewählte Strategie der Translokalisierung zunehmend geringer wurde. Die Touristenorte wurden durch die Translokalisierung zu „Archipelen der Globalisierung“. 86 Der Tourismus hatte folglich nicht nur Auswirkungen auf das innerspanische Machtgefüge, sondern auch auf die Handlungsfähigkeit des Nationalstaats gegenüber grenzüberschreitenden Mobilitätsströmen. Denn genau auf diesen „Archipelen der Globalisierung“ stand der spanische Nationalstaat einer amorphen Masse von Touristen aus anderen Ländern gegenüber, es betätigten sich multinationale Unternehmen und es entstand ein riesiger Bedarf an Infrastruktur, dessen Deckung vom Staat erwartet wurde und dem dieser nur verzögert und eingeschränkt nachkommen konnte. Insofern trug der Tourismus im hier untersuchten Fall zur Entstehung eines translokalen „Territorialitätsregime“ 87 sowie zur Krise von „Territorialität“ 88 im 20. Jahrhunderts bei, und zwar nicht ausgehend von globalen Metropolen, sondern ausgehend von der ländlichen Peripherie. Zudem gestaltete sich dies nicht als Ausdruck einer anonymen und gesichtslosen Globalisierung, sondern wurde ganz wesentlich dadurch verursacht, dass staatliche Akteure, um ihre eigenen Interessen zu wahren, auf eine Translokalisierung lokaler und regionaler Strukturen setzten, und dadurch zunächst an Macht gewannen. Dann konnten sie aber gewissermaßen die Büchse der Pandora nicht mehr schließen, aus der Bürgerbewegungen, liberale Moralstandards, ein unkontrollierter Bauboom und die Präsenz multinational agierender Unternehmen entsprungen waren, die nationalstaatliche Handlungsspielräume einschränkten, und dadurch das Territorialitätsregime des zentralistischen spanischen Nationalstaats zumindest in Teilen auszuhöhlen begannen. 86 Middell, Spatial Turn, S.-117. 87 Engel/ Middell, Bruchzonen der Globalisierung, S.-28. 88 Maier, Consigning the 20th Century, S.-808. Ders., Territoriality, S.-49. <?page no="358"?> 357 8 Anhang 8.1 Tabellen- und Abbildungsverzeichnis Tabellen Tab. 1: Monatliche Verteilung deutscher Reisender 1963 . . . . . . . . . 69 Tab. 2: Anteil der Charterpassagiere am Gesamtaufkommen der Spanienreisenden 1971 . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Tab. 3: Charterpassgiere Großbritannien 1964-1972 . . . . . . . . . . 146 Tab. 4: Durchschnittlicher Anstieg des erwirtschafteten Gesamteinkommens pro Sektoren zwischen 1955 und 1964 . . . . . . . . . . . . . 162 Tab. 5: Sektorale Verteilung Arbeitsmarkt Calviá . . . . . . . . . . . . 164 Tab. 6: Demographische Entwicklung 1960-1965 auf Mallorca . . . . . . 171 Tab. 7: Bevölkerung Andalusiens . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Tab. 8: Binnenmigration 1961-1970 . . . . . . . . . . . . . . . . 174 Abbildungen Abb. 1: Zahl der nach Spanien eingereisten Personen im Vergleich zu Übernachtungsgästen und der geschätzten Zahl an „realen“ Touristen . 67 Abb. 2: Übernachtungsgäste Balearen . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Abb. 3: Verteilung der Spanienreisenden nach Nationalitäten . . . . . . . 70 Abb. 4: Bettenkapazität Lloret de Mar . . . . . . . . . . . . . . . . 89 Abb. 5: Bettenkapazität Torremolinos . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Abb. 6: Lloret de Mar Anfang der 1950er-Jahre . . . . . . . . . . . . 94 Abb. 7: Lloret de Mar Mitte der 1960er-Jahre. . . . . . . . . . . . . . 95 Abb. 8: Besetzung der Baustelle Port Llevant. . . . . . . . . . . . . . 241 Abb. 9: Demonstration gegen den Bau von Port Llevant in Figueres . . . . . 243 Abb. 10: Ein Café an der spanischen Küste . . . . . . . . . . . . . . . 277 Abb. 11: Stierkampf in Sant Feliu de Guíxols . . . . . . . . . . . . . . 293 Abb 12: Handzettel El Cortijo, Lloret de Mar . . . . . . . . . . . . . 297 Abb. 13: Sardana-Denkmal in Lloret de Mar . . . . . . . . . . . . . . 313 Abb. 14: Titelblatt einer SPIEGEL-Ausgabe von 1973 . . . . . . . . . . 329 <?page no="359"?> Anhang 358 8.2 Quellenverzeichnis Archive de la IUOTO/ UIOOT, (IUOTO) Madrid Archivo General de la Administración (AGA), Alcalá de Henares Arxiu del Grup Ornitologia i Defensa de la Naturaleza (Arxiu del GOB), Palma de Mallorca Arxiu General del Consell de Mallorca, Palma de Mallorca (AGCM) Arxiu Històric de Girona (AHG), Girona Arxiu Històric Lloret de Mar, Lloret de Mar (AHL) Arxiu Administrativo Lloret de Mar, Lloret de Mar (AHL Adm.) 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Göttlicher Zorn und menschliches Maß Religiöse Abweichung in frühneuzeitlichen Stadtgemeinschaften 2013, 218 Seiten, Broschur ISBN 978-3-86764-404-4 Band 29 Andreas Flurschütz da Cruz Zwischen Füchsen und Wölfen Konfession, Klientel und Konflikte in der fränkischen Reichsritterschaft nach dem Westfälischen Frieden 2014, 460 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-86764-504-1 Band 30 Nina Mackert Jugenddelinquenz Die Produktivität eines Problems in den USA der späten 1940er bis 1960er Jahre 2014, 338 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-86764-559-1 Band 31 Maurice Cottier Fatale Gewalt Ehre, Subjekt und Kriminalität am Übergang zur Moderne Das Beispiel Bern 1868-1941 2017, 248 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-86764-719-9 Band 33 Suphot Manalapanacharoen Selbstbehauptung und Modernisierung mit Zeremoniell und symbolischer Politik Zur Rezeption europäischer Orden und zu Strategien der Ordensverleihung in Siam 2017, 288 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-86764-809-7 Klicken + Blättern Leseprobe und Inhaltsverzeichnis unter www.uvk.de Erhältlich auch in Ihrer Buchhandlung. : Weiterlesen <?page no="395"?> Roland Wenzlhuemer Globalgeschichte schreiben Eine Einführung in 6 Episoden 2017, 302 Seiten, Broschur ISBN 978-3-8252-4765-2 Mit dem schnell wachsenden Zuspruch, den die Globalgeschichte in der historischen Forschung findet, haben sich auch ihre Ansätze und methodischen Zugänge vervielfacht. Dieses Lehrbuch verbindet erstmals zentrale Begriffe der Geschichtswissenschaft mit konkreten Beispielen aus der Praxis und zeigt in sechs unterhaltsam zu lesenden Episoden, was Globalgeschichte leistet. Monica Juneja, Roland Wenzlhuemer Die Neuzeit 1789 - 1914 2013, 256 Seiten, Broschur ISBN 978-3-8252-3082-1 Der Band behandelt die Geschichte der Neuzeit in einem europäischen Kontext und ermöglicht rasche Orientierung in diesem für das Studium wichtigen zeitlichen Abschnitt. Dies gelingt den Autoren durch sorgfältig ausgewählte Inhalte, die als grundlegende Wissensbausteine einer »europäischen Geschichte« präsentiert werden. Klicken + Blättern Leseprobe und Inhaltsverzeichnis unter www.uvk.de Erhältlich auch in Ihrer Buchhandlung. Weiterlesen bei UVK <?page no="396"?> Thomas Cook stammte aus einfachen Verhältnissen. Seine Geschichte ist deswegen eng mit der der arbeitenden Klasse im England des 19. Jahrhunderts verknüpft. Durch perfekt organisierte Reisen ermöglichte er vielen Menschen eine kurze Flucht aus dem Alltag, der durch harte Arbeit, beengte Wohnverhältnisse und allzu oft auch durch Alkohol geprägt war. Auf geschickte Art und Weise legte er dadurch den Grundstein für ein bereits zu seinen Lebzeiten multinationales Unternehmen und ebnete dem Massentourismus den Weg. Diese Biographie stellt die Person und die widrigen Lebensumstände vor, aus denen sein touristisches Geschäftsmodell und damit auch eine eindrucksvolle Unternehmerkarriere entstanden ist. »[…] ein gut zu lesendes und bestens recherchiertes Werk« berliner-kulturbrief.de »Jörn W. Mundt gelingt der Spagat zwischen spannender Reiselektüre und historischen Fakten.« aus-erlesenes-aus-aller-welt.de »Man fühlt sich glänzend unterhalten« DIE WELT »Jörn W. Mundt hat Cooks Leben sehr genau unter die Lupe genommen. Das Ergebnis präsentiert er in einem spannenden und lebendigem Sachbuch, das dabei detailreich und anschaulich ist.« rtf1.de ISBN 978-3-86764-496-9 € (D) 19,99 Biographie einer Tourismuslegende www.uvk.de <?page no="397"?> www.uvk.de Eine spannende Reise durch Deutschland Bernd Eisenstein, Rebekka Schmudde, Julian Reif, Christian Eilzer Tourismusatlas Deutschland 2016, 135 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-86764-661-1 Deutschland und seine Regionen sind attraktive Reiseziele. Jahr für Jahr besuchen Millionen von Touristen die deutschen Küsten, Berge und Städte. Doch welche touristische Position hat Deutschland im globalen Vergleich, wie ist das Reiseverhalten der Deutschen und wie gestaltet sich das Angebot sowie die touristische Infrastruktur? Auf genau diese Fragen geben die Experten des Instituts für Management und Tourismus (IMT) der FH Westküste Antworten. Sie nehmen den Leser mit dem Tourismusatlas mit auf eine spannende Reise durch Deutschland und decken durch zahlreiche Karten, Graphiken und neue Kennzahlen Hintergründe und Zusammenhänge auf. Darüber hinaus verraten sie auch, welche Trends und Herausforderungen sich im Deutschlandtourismus derzeit abzeichnen. <?page no="398"?> Konflikte und Kultur Moritz Glaser Wandel durch Tourismus Sonne, Strand und Sangría sind Assoziationen, die Spanien bei vielen Deutschen weckt. Dass das Land zu ihrem beliebtesten Urlaubsziel werden konnte, hat historische Gründe. In den 1950er-Jahren begann das diktatorische Regime Francos, den internationalen Tourismus zu fördern, um an Devisen zu gelangen, die Wirtschaft zu modernisieren und so das eigene Überleben zu sichern. Welche Ursachen und Folgen dieser Prozess für die Urlaubsregionen mit sich brachte, ist das Thema von Moritz Glasers Studie. Er stellt dar, wie große Landstriche der spanischen Mittelmeerküste oder die Ferieninsel Mallorca zu attraktiven Zielen für ausländische Urlauber aus Westeuropa wurden. Detailliert untersucht er den Ausbau der Infrastruktur sowie die landschaftlichen, soziostrukturellen und kulturellen Veränderungen bei der Entwicklung der Fischerdörfer zu Urlaubsorten. Er geht dabei der Frage nach, wie kulturelle Selbstentwürfe trotz Tourismus weiterbestehen konnten. Die ökologisch motivierte Kritik am Tourismus ist, so zeigt sein Buch, zudem keine Erscheinung unserer Gegenwart, sondern hat auch in Spanien ihre Geschichte, die bis in die frühen 1970er- Jahre zurückreicht. Die Studie leistet nicht nur einen Beitrag zur Tourismusgeschichte Spaniens, sondern auch zur Geschichte grenzüberschreitender Verflechtungen. ISBN 978-3-86764-826-4 www.uvk.de Konflikte und Kultur Sonne, Strand und Sangría sind Assoziationen, die Spanien bei vielen Deutschen weckt. Dass das Land zu ihrem beliebtesten Urlaubsziel werden konnte, hat historische Gründe. In den 1950er-Jahren begann das diktatorische Regime Francos, den internationalen Tourismus zu fördern, um an Devisen zu gelangen, die Wirtschaft zu modernisieren und so das eigene Überleben zu sichern. Welche Ursachen und Folgen dieser Prozess für die Urlaubsregionen mit sich brachte, ist das Thema von Moritz Glasers Studie. Er stellt dar, wie große Landstriche der spanischen Mittelmeerküste oder die Ferieninsel Mallorca zu attraktiven Zielen für ausländische Urlauber aus Westeuropa wurden. Detailliert untersucht er den Ausbau der Infrastruktur sowie die landschaftlichen, soziostrukturellen und kulturellen Veränderungen bei der Entwicklung der Fischerdörfer zu Urlaubsorten. Er geht dabei der Frage nach, wie kulturelle Selbstentwürfe trotz Tourismus weiterbestehen konnten. Die ökologisch motivierte Kritik am Tourismus ist, so zeigt sein Buch, zudem keine Erscheinung unserer Gegenwart, sondern hat auch in Spanien ihre Geschichte, die bis in die frühen 1970er- Jahre zurückreicht. Die Studie leistet nicht nur einen Beitrag zur Tourismusgeschichte Spaniens, sondern auch zur Geschichte grenzüberschreitender Verflechtungen. ISBN 978-3-86764-826-4 www.uvk.de