„Kohlschwarz ist seine Gesinnung“
Johann Kohler (1839 – 1916) und seine Zeit
0616
2025
978-3-7398-8187-4
978-3-7398-3187-9
UVK Verlag
Ingrid Böhler
10.24053/9783739881874
Johann Kohler (1839 - 1916) war einer der prägendsten Protagonisten der konservativ-christlichsozialen Partei Vorarlbergs in einer Zeit der tiefgreifenden sozio-ökonomischen und politischen Veränderung und Modernisierung. Kohler entfaltete sein Engagement für den politischen Katholizismus in vielerlei Kontexten - im Landtag und Reichsrat, als Ortsvorsteher in Schwarzach, wohin er durch die Einheirat in eine wohlhabende Unternehmerfamilie zog, im Presse- und Bildungswesen und in der Raiffeisenbewegung.
Zehn Beiträge nehmen nicht nur das öffentliche Wirken und die ihm zu Grunde liegende Weltsicht in den Blick, sondern auch die Wanderjahre des jungen Volksschullehrers und das private Umfeld. Sie "entdecken" einen aus kleinbäuerlichen Verhältnissen stammenden Mann, dessen Karriere sich Ehrgeiz, Tatkraft sowie prinzipienstrenger Religiosität verdankte, und der machtpolitische Strukturen mitbegründete, die Vorarlberg bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestimmten.
9783739881874/9783739881874.pdf
<?page no="0"?> Ingrid Böhler (Hrsg.) „Kohlschwarz ist seine Gesinnung“ Johann Kohler (1839 -1916) und seine Zeit <?page no="1"?> „Kohlschwarz ist seine Gesinnung“ <?page no="2"?> Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs Herausgegeben vom Vorarlberger Landesarchiv Band 14 (N.F.) <?page no="3"?> Ingrid Böhler (Hrsg.) „Kohlschwarz ist seine Gesinnung“ Johann Kohler (1839-1916) und seine Zeit <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783739881874 © UVK Verlag 2025 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. 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Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0949-4103 ISBN 978-3-7398-3187-9 (Print) ISBN 978-3-7398-8187-4 (ePDF) ISBN 978-3-7398-0574-0 (ePub) Umschlagabbildung: Der konservative Klub des Vorarlberger Landtags 1885 ( Johann Kohler 3. von rechts in der vorderen Reihe), Quelle: Privatarchiv Hans Kohler, Rankweil Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. Das Projekt wurde g efördert durch: Land Vorarlberg Stiftung Pro Vorarlberg Raiffeisen Landesbank Vorarlberg Gemeinde Schwarzach Nachlass nach Ilga Kohler Universität Innsbruck Gedruckt mit Unterstützung des Landes Vorarlberg <?page no="5"?> 7 13 37 67 91 131 153 179 211 247 287 297 317 331 333 339 Inhalt Ingrid Böhler Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Karin Schneider Gesellschaft und Politik im Wandel. Vorarlberg 1860 bis 1910 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Markus Wurzer Kulturkampf und Selbst. Der junge Johann Kohler und sein Weltbild im Spiegel seiner Tagebücher 1863/ 64 bzw. 1864/ 65 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hans Kohler Johann Kohler als Kirchenmaler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Severin Holzknecht Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nikolaus Hagen Umkämpfte Öffentlichkeit. Johann Kohler und die Gründung des Vorarlberger Pressvereins 1888/ 89 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Simone Drechsel Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg. Johann Kohler und Wendelin Rädler . . . Severin Holzknecht Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hans Kohler Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Margret Friedrich Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ingrid Böhler und Margret Friedrich (Zusammenstellung) Anna und Johann Kohler - ein gemeinsames Leben in Bildern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ingrid Böhler Von Beruf Kaufmann. Das Geschäft und die Vermögensverhältnisse des Politikers und sozialen Aufsteigers Johann Kohler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Namensverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ortsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="7"?> Einleitung Ingrid Böhler Johann Kohler, 1839 in Egg im Bregenzerwald geboren, wurde 1870 als Vertreter der Katholisch-Konservativen - und jüngster unter den Abgeordneten - in den Vorarlberger Landtag gewählt. Er sollte diesem mehr als drei Jahrzehnte angehören. Kohlers politisches Wirken entfaltete sich in einer Phase, als sich nicht nur in Vorarlberg tiefgreifende ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen vollzogen. Sie gingen Hand in Hand mit einem Umbau des politischen Systems der Habsburgermonarchie, der sich insbesondere im Ausbau des Parlamentarismus sowohl auf gesamtstaatlicher als auch auf Landesebene niederschlug. Seit 1861 verfügte Vorarlberg über einen eigenen Landtag. Obwohl dessen Befugnisse überschaubar waren, hatte damit eine neue landespolitische Ära ihren Anfang genommen. Diese erhielt ihren entscheidenden Impuls durch ein ab 1867 in der österreichischen Hälfte der Monarchie geltendes liberales Vereins- und Versammlungsrecht, auf dessen Grundlage sich durch unterschiedliche Weltanschauungen definierte politische Parteien, dazu gehö‐ rende Vorfeldorganisationen sowie eine entsprechende Presselandschaft formierten. Innerhalb des sich herausbildenden katholisch-konservativen, später christlichsozialen Lagers erwarb sich Johann Kohler große Verdienste beim Aufbau einer Landespartei. Eine erste Plattform stellte der 1870 ins Leben gerufene Katholisch-politische Volksverein, mit Kohler als Mitbegründer und langjährigem Obmann-Stellvertreter, dar. Es sollte aber mehr als zwei Jahrzehnte dauern, bis die Konservativen 1893 unter der Bezeichnung „Christlichsozialer Volksverein für Vorarlberg“, neuerlich mit Kohler als einem der Initiatoren und erstem Vorstand, zu wirklich gefestigten Strukturen fanden; die Kraft dafür zogen sie aus der vom Wiener Politiker Karl Lueger angestoßenen bzw. angeführten Neugründung der Bewegung in Österreich. In diesem langen, von Zwistigkeiten begleiteten Prozess, der eine anfängliche Vereini‐ gung von Honoratioren schließlich in eine massentaugliche Partei verwandelte, tat sich Kohler als beharrlicher Mitgestalter hervor, der auch nach parteiinternen Niederlagen ein Mitglied der Führungsriege blieb. Mit hohem Einsatz setzte sich Kohler außerdem in vielen weiteren Tätigkeitsfeldern dafür ein, seine Partei als stärkste politische Kraft zu etablieren bzw. den Einfluss des politischen Katholizismus als die das öffentliche Leben des Landes dominierende Ideologie abzusichern. Der politische Gegner, den es dabei zu verdrängen galt, waren die Liberalen. Sie waren sowohl im Reichsrat als auch im Landtag in den 1860er-Jahren die tonangebenden Fraktionen, ermöglicht durch ein die „besseren“ Kreise bevorzugendes Wahlrecht, aus denen sich die Anhängerschaft in erster Linie rekrutierte. Ihre politische Programmatik <?page no="8"?> zielte auf staatlich garantierte individuelle Entfaltungsmöglichkeiten, wozu neben wirt‐ schaftsliberalen Forderungen auch die Religionsfreiheit zählte sowie das daraus abgeleitete Anliegen, die weitreichenden Befugnisse der Kirche im Schulwesen oder im Eherecht abzuschaffen. Kohler, der aus kleinbäuerlichen Verhältnissen stammte, aber dank Lerneifer und Ehrgeiz den Sprung zum Volksschullehrer geschafft hatte, vertrat politische Überzeugungen, die von einer tief empfundenen Religiosität und fundamentalistischen Vorstellungen von der über dem Staat stehenden Autorität der katholischen Kirche bestimmt waren. Dies machte ihn zu einem exponierten Vertreter des Kulturkampfes in Vorarlberg - eines Phänomens, das schon in der Zeit diese Bezeichnung erhielt und unter dem in zahlreichen europäischen Staaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielschichtige Konflikte ausgetragen wurden, bei denen es im Kern immer um die Emanzipation von Staat und Gesellschaft von jahrhundertelang bestehenden Einflüssen der Kirche ging. Diesem Trend zur Säkularisierung die Stirn zu bieten, machte sich Kohler zur politischen Aufgabe: Überall, wo er den antiklerikalen Liberalismus am Werk sah, galt es, diesen entschlossen in die Schranken zu weisen. Kohler war kein charismatischer Anführer, auch keiner, der sich für seine Partei als Ideologe oder Visionär in Szene zu setzen vermochte. Aber er war - getragen von einem inneren Auftrag - ein strategisch denkender und unermüdlicher Kommunikator und Organisator. Zusammen mit anderen schuf er so in Vorarlberg die Grundlagen eines feingliedrigen, institutionalisierten Machtgefüges, für dessen dauerhafte und krisenfeste Erfolgsgeschichte die Mehrheitsverhältnisse im Landtag bis zur Wende zum 21. Jahrhundert einen Beweis ablegen: Beginnend mit dem 1870 errungenen Sieg der Katholisch-Konservativen sollten deren Nachfolgeparteien in allen frei gewählten Landtagen bis zum Jahr 1994 die absolute Stimmen- und bis 1999 die absolute Mandatsmehrheit behaupten. Obwohl Kohlers Wirken so betrachtet weitreichend und folgenschwer war, blieb er weder in seiner Partei noch in der breiteren Öffentlichkeit als namhafte Persönlichkeit in Erinnerung. Daran änderte auch nichts, dass ihm bald nach seinem Tod 1916 eine apologetische Biografie gewidmet wurde, wodurch er aus der Riege der Spitzenfunktionäre der Gründungsgeneration der Katholisch-Konservativen hervorsticht. Auch in Schwarzach, wohin er am Anfang seiner politischen Karriere gezogen war und ab 1888 für 21 Jahre das Amt des Ortsvorstehers ausübte, sucht man vergeblich nach einer Gedenktafel oder einer nach ihm benannten Straße, trotz bis heute sichtbarer Spuren, die er als Initiator des Neubaus der Kirche und des Schulhauses in der Gemeinde hinterließ. Die Beschäftigung mit Persönlichkeiten, die aus der kollektiven Erinnerung ver‐ schwunden sind (oder dort nie Platz fanden), kann aus geschichtswissenschaftlicher Sicht ein reizvolles und lohnendes Unterfangen sein. Es sind vor allem zwei Gesichtspunkte, welche Johann Kohler zu einem solchen machen: Zum einen hat er als Mitbegründer der mehr als ein Jahrhundert währenden Vorherrschaft des politischen Konservativismus in Vorarlberg zu gelten. Zum anderen gehörte er als parteigebundener Volksvertreter zu einer neu entstehenden politischen „Klasse“: Erst mit den Verfassungsreformen von 1861 und 1867 kann in Österreich von einem parlamentarischen Leben, das diese Zuschreibung verdient, gesprochen werden. Verlorene Kriege und enorme Staatsschulden zwangen den neoabsolutistisch regierenden Kaiser Franz Joseph zu Zugeständnissen an das die 8 Ingrid Böhler <?page no="9"?> Staatsgeschäfte finanzierende Bürgertum, das nach Kontrollinstanzen der kaiserlichen Allmacht verlangte. Durch das gültige Wahlrecht, das weite Teile der Bevölkerung aus‐ schloss, konnte zwar weder beim 1861 geschaffenen Reichsrat noch bei den parallel eingerichteten Landtagen von Repräsentativität die Rede sein. Die Öffentlichkeiten, in denen das Gemeinwesen betreffende Belange verhandelt wurden, begannen sich dennoch stark auszuweiten. Die Zahl der im Feld des Politischen Tätigen nahm zu, die Politikbereiche wurden vielfältiger und die Kommunikations- und Willensbildungsprozesse aufwändiger. Das Berufsbild „Politiker“ etablierte sich jedoch erst viel später. Auch Kohler firmierte stets als Kaufmann - eine Stellung, die für ihn im Übrigen ohne die Einheirat in eine wohlhabende Unternehmerfamilie nicht erreichbar gewesen wäre. Angesichts von Art und Umfang seiner Aktivitäten drängt es sich jedoch geradezu auf, in ihm eine frühe Form eines Berufspolitikers zu sehen. Der vorliegende Sammelband, der Johann Kohler als Mitglied einer neuen politischen Elite Vorarlbergs im späten 19. Jahrhundert in den Blick nimmt, möchte dem Kenntnis‐ stand über eine bewegte Phase in der Landesgeschichte, in der langfristige politische Weichen gestellt wurden, ein akteurszentriertes Kapitel hinzufügen. Dabei wird zum einen von der Annahme ausgegangen, dass Einzelpersönlichkeiten historische Entwicklungen (mit-)prägen. Zum anderen ist damit die Absicht verknüpft, Kohler und seinen Werde‐ gang in den gesellschaftlichen Konstellationen und im politischen Geschehen seiner Zeit festzumachen und in seiner Bedeutung zu analysieren. Eine von solchen Überlegungen ausgehende biografische Annäherung - in der die vorhandenen Wirkmächte und das Wollen und Wirken eines historischen Individuums auf die Waagschale gelegt werden - stößt allerdings aufgrund der Quellenlage an gewisse Grenzen. Allem voran existiert kein geschlossener persönlicher Nachlass, aus dem sich das berufliche Agieren als Politiker, Lehrer und Geschäftsmann oder Verhalten als Oberhaupt einer großen Familie gewisser‐ maßen aus erster Hand genauer rekonstruieren ließe. Immerhin hat sich in der Familie Schriftgut erhalten, das durch Hans Kohler, Johann Kohlers Urenkel, zugänglich gemacht wurde. Zumindest punktuell gestattet es aussagekräftige Einsichten in die verschiedenen Lebensbereiche Johann Kohlers, wie etwa zwei Tagebücher aus den Jahren 1863 bis 1865, anhand derer sich sein Ringen um religiöse und weltanschauliche Orientierung mithilfe eines intensiven Selbststudiums nachvollziehen lässt. Dennoch ist die Überlieferung zu kursorisch und lückenhaft, um Kohler als Persönlich‐ keit wirklich nahe zu kommen. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass nur wenige Zeugnisse von ihm - privat oder beruflich - Nahestehenden herangezogen werden können. Über den Politiker Kohler sind in Zeitungen oder vereinzelt auch in Aufzeichnungen von Parteifreunden, wie etwa seines Mitstreiters Martin Thurnher, enthaltene Aussagen zudem stark von Lager- oder Konkurrenzdenken überformt. Aus dem privaten Kontext stammende Äußerungen wiederum bestehen in erster Linie aus für die Zeit und das länd‐ lich-bürgerliche Milieu typischen Stilisierungen Kohlers als gestrengem Familienoberhaupt und verehrungswürdige Respektsperson. Wenn es um markante Wesenszüge, Schwächen und Stärken seines Charakters geht, bleiben viele Fragen offen: Wie sehr trug Kohler seine hohen, moralisch-religiös hergeleiteten Ansprüche, die er an sich selbst und andere stellte, vor sich her? War er „lehrerhaft“? Hatte er etwas Missionarisches an sich? Wie ging er auf Menschen zu? Wie kam er an? Verfügte er im Auftreten oder als Verhandler über Einleitung 9 <?page no="10"?> Geschmeidigkeit, also über eine Eigenschaft, die für politischen Erfolg schon damals kein Nachteil war? Wie gelang es ihm, zu überzeugen bzw. seine Vorstellungen und Ziele zu verwirklichen? Wie verarbeitete er Niederlagen? Etc. Eindrücke, die sich aus der Sichtung der Quellen und der Lektüre der in diesem Buch versammelten Beiträge einstellen, zeigen einen ernsthaften, etwas ungeduldig anmutenden Menschen, der im doppelten Wortsinn gut - tugendhaft und anerkannt - sein wollte. Diese kombinierte Motivation trieb ihn an, nach vorne zu streben. Dabei halfen ihm Eigenschaften wie Beharrlichkeit, Fleiß und Selbstvertrauen, wobei sich religiös-politisches Sendungsbe‐ wusstsein, Gottvertrauen und ein sprichwörtliches gesundes Ego vermischt haben dürften. Kohler war ein sozialer Aufsteiger, der, gemessen an seinen Voraussetzungen, viel aus sich machte und dem eine beeindruckende Karriere gelang. Die nicht nur materiell, sondern auch geistig eher enge und beschränkte Welt seiner Herkunft hinterließ jedoch Spuren. Offenheit gegenüber Neuem zeigt er nur bedingt. Zweifel, die er hatte, mündeten schon beim jungen Kohler nicht in der Abkehr vom Althergebrachten. Den rasant ablaufenden Umwälzungen in seiner Zeit, die die Arbeitswelt und das gesellschaftliche sowie politi‐ sche Gefüge umkrempelten, begegnete er - obwohl er selbst beruflich von den neuen Möglichkeiten profitierte - mit einer fixen Vorstellung von vorgegebenen, in der göttlichen Ordnung festgelegten Idealen, über deren Einhaltung die Kirche wachte. Ein weiterer Charakterzug Kohlers bestand in Durchsetzungsstärke. Ein Teil der Erklärung dafür lag wohl in seinem Leistungsvermögen. Schon seine beiden Tagebücher, die weite, mühelos zurückgelegte Wanderungen mit schwerem Gepäck belegen, offenbaren eine kräftige, robuste Natur. Die Beiträge in diesem Sammelband werfen Schlaglichter auf unterschiedliche Aspekte der Biografie Kohlers und sie fokussieren zugleich auf unterschiedliche Phasen seines Le‐ bens. Als Einstieg präsentiert ein Überblicksartikel von Karin Schneider zentrale sozio-öko‐ nomische Entwicklungen im Zusammenspiel mit den sich wandelnden politischen Struk‐ turen in Vorarlberg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Anschluss daran beschäftigen sich zwei Texte mit Kohler in jungen Jahren. Markus Wurzer unternimmt eine genaue Analyse der bereits genannten Tagebücher. Als Diarist dokumentierte Kohler, wie er den „äußeren“ Kulturkampf in seinem Inneren, im Widerstreit mit sich selber, nachvollzog und zeitweilig auch mit liberalem Gedankengut liebäugelte. Der Beitrag macht den Lese-und Lerneifer eines Autodidakten greifbar, der das intensive Bedürfnis verspürte, in der Auseinandersetzung mit den geistigen Ideen der Zeit zu einer eigenen Position zu finden - ein Weg, bei dem sich Kohler laufend auch selber moralisch, hinsichtlich seines charakterlichen Erwachsenwerdens, kommentierte bzw. bewertete. Die „inneren Reisen“ des jungen Kohler fielen wohl nicht zufällig mit seinen Wanderjahren, die ihm längere Aufenthalte außerhalb des Bregenzerwaldes bescherten, zusammen. Als Lehrer mit schmalem Jahresgehalt benötigte er ein zweites Standbein, zu dem ihm sein zeichnerisches Talent verhalf. Bis zu seiner ersten Ehe, die er mit 27 Jahren einging, verbrachte er während mehrerer Jahre die Sommermonate in Tirol, wo er als Dekorationsmaler Kirchen aus‐ schmückte. Hans Kohlers Auseinandersetzung mit seinem Urgroßvater als Kirchenmaler veranschaulicht außerdem beispielhaft, wie dieser an neue Herausforderungen heranging. Er erledigte nicht nur seine Aufträge gewissenhaft; zielstrebig und voller Elan las er sich in Kunstgeschichte und Kirchenarchitektur ein und besichtigte, wann immer sich die 10 Ingrid Böhler <?page no="11"?> Gelegenheit bot, sakrale Bauwerke. Anspruchsvollere Aufträge und prestigeträchtigere Auftraggeber waren der Lohn. Severin Holzknecht wendet sich dann dem Politiker Johann Kohler zu. Er verfolgt seinen Aufstieg zu einem der führenden Vertreter der Vorarlberger Konservativen, nimmt sein parlamentarisches Engagement in Landtag und Reichsrat in Augenschein und stellt inhaltliche Materien - wie etwa die Schulpolitik oder das Wahlrecht - vor, die Kohler ein zentrales Anliegen waren. Für Holzknecht erstreckte sich Kohlers politische Blütezeit von 1870 bis in die frühen 1890er-Jahre. In diesen Zeitraum fiel auch die Krise der Vorarlberger Konservativen, an deren Höhepunkt Ende der 1880er-Jahre Kohler mit seinem Rücktritt als stellvertretender Obmann des Volksvereins aus der Parteileitung ausschied. Dennoch war Kohler an vorderster Front daran beteiligt, die Überwindung der internen Machtkämpfe anzubahnen. Als Hebel diente der von Kohler Ende 1888 mitgegründete Vorarlberger Pressverein, mit dem das ebenfalls durch den Parteikonflikt in Schieflage geratene „Vorarlberger Volksblatt“, die inoffizielle Parteizeitung der Konservativen, gerettet werden sollte. Nikolaus Hagen unterzieht diese „Doppelkrise“ einer genauen Analyse. Kohlers in der bisherigen Historiografie unterschätzte Bedeutung für die Partei lässt dieses Kapitel ihrer Genese besonders eindringlich hervortreten. Kaum weniger wichtig, weitet der Beitrag den Blick auf das konservative Pressewesen als Baustein für die Vormachtstellung der Bewegung. Kohler wirkte schon in den frühen 1870er-Jahren beim Vorläufer des Pressvereins mit. Einem weiteren Exempel für Kohlers Vielseitigkeit und Interesse an der Schaffung konservativer Machträume auch außerhalb der Parlamente wendet sich Simone Drexel zu. Sie stellt Kohler als Pionier des Raiffeisenwesens in Vorarlberg vor. Ab 1888 betrieben er und Wendelin Rädler, ein Lehrer aus Wolfurt, die Etablierung von Genossenschaftsbanken, die nach dem Modell Raiffeisen auf christlichen Grundwerten beruhten und vor allem an den Bedürfnissen der konservativ gesinnten bäuerlichen Bevölkerung orientiert waren. Bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs machten sie daraus ein äußerst erfolgreiches sozialpoliti‐ sches Vorzeigeprojekt mit Duzenden Filialen und einer übergeordneten Verbandsstruktur. In diese Spätzeit des politischen Wirkens von Kohler fiel auch seine Tätigkeit als Gemeindevorsteher von Schwarzach, die Severin Holzknecht in seinem zweiten Artikel für diesen Sammelband behandelt. Kohler blieb rührig, obwohl er ab den 1890ern als Parlamentarier und Parteipolitiker im Vergleich zu früher weniger von sich reden machte. Als geübter „Medienmann“ rief er ein Gemeindeblatt ins Leben. Er kümmerte sich um die Modernisierung der Infrastruktur seines stetig wachsenden Dorfes, wozu auch die Schul‐ gebäude zählten, und arbeitete hartnäckig an der Verwirklichung eines Großvorhabens, der Errichtung einer neuen Pfarrkirche. Hans Kohler steuert, nach seinem ersten Text über den Kirchenmaler, einen zweiten zu Johann Kohler, dem Kirchenbauer, bei. Auch in den beiden letzten Beiträgen des Sammelbandes ist Schwarzach Hauptschau‐ platz. Sie greifen Themen auf, die mit Kohlers politischer Laufbahn nur indirekt zu tun haben, aber für das Erfassen von Kohler in seinem historischen Umfeld von Relevanz sind. Margret Friedrich lenkt die Aufmerksamkeit auf Anna Kohler, 47 Jahre lang als Ehefrau an Kohlers Seite: eine sprichwörtlich gute Partie, unermüdlich um das Wohlergehen der vielköpfigen Familie besorgt und darüber hinaus wichtige Stütze ihres mit der Politik viel‐ beschäftigten Mannes. In der Gemischtwarenhandlung Kohler war sie täglich anzutreffen. Einleitung 11 <?page no="12"?> Anna Kohler, darf angenommen werden, haderte nicht mit der ihr von der patriarchalen Gesellschaft zugewiesenen Rolle im Schatten ihres Mannes. Indem Friedrich aber der Lebensgestaltung einer im dörflich-bürgerlichen Milieu verankerten Gattin und Mutter nachspürt, stellt die Autorin neben das Lebenswerk ihres Mannes nun auch jenes von Anna Kohler. Zum Schluss geht es um Kohler als Kaufmann und die Frage, wie es ihm gelang, sich eine solide Einkommensgrundlage zu schaffen. Was Kohler für sein Vorwärtskommen in ökonomischer Hinsicht unternahm, ist ein Fallbeispiel für die zeitspezifischen Chancen und Probleme des Handelsgewerbes in dem von Wachstum und Strukturwandel geprägten Umfeld des Vorarlberger Rheintals. Auch Worte des Danks dürfen an dieser Stelle nicht fehlen. Große Anerkennung gebührt Hans Kohler, von dem die Idee zu diesem Buch stammt, für seine vielfältige Unterstützung, beginnend mit der Zugänglichmachung von Unterlagen aus dem Familienbesitz. Hans Kohler hat auch den Kontakt zu Bernhard Schertler hergestellt, der an Anna Kohler geschriebene Briefe zur Verfügung gestellt hat. Ohne dieses Material der Nachkommen Kohlers wäre es nicht möglich gewesen, dieses Publikationsvorhaben durchzuführen. Dasselbe gilt für die Fördergeber, das Land Vorarlberg, die Stiftung Pro Vorarlberg, die Raiffeisenlandesbank Vorarlberg, die Gemeinde Schwarzach, den Nachlass nach Ilga Kohler sowie die Philosophisch-Historische Fakultät der Universität Innsbruck, denen ich ebenfalls ganz herzlich danke. Dafür, dass das Buch in der Reihe des Vorarlberger Landesarchivs erscheinen kann, danke ich seinem Leiter Ulrich Nachbaur sowie Brigitte Haidler und Sylvia Eller vom Sekretariat des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck für ihre Mithilfe beim Lektorat der Manuskripte. 12 Ingrid Böhler <?page no="13"?> 1 Hubert W E I T E N S F E L D E R , „Römlinge“ und „Preußenseuchler“. Konservativ-Christlichsoziale, Liberal- Deutschnationale und der Kulturkampf in Vorarlberg, 1960 bis 1914 (Schriftenreihe des Instituts für Österreichkunde). Wien/ Köln/ Weimar 2008, S.-192-193. 2 Vgl. die Beiträge von Severin Holzknecht in diesem Band. Gesellschaft und Politik im Wandel Vorarlberg 1860 bis 1910 Karin Schneider Am 9. Jänner 1870 kam es im Gasthaus Taube in Alberschwende zu einem Vorfall, der ein gerichtliches Nachspiel hatte: Anlässlich der Einführung des kürzlich erlassenen Reichsvolksschulgesetzes befand sich Bezirksschulinspektor Elsensohn bereits zum dritten Mal vor Ort, um über die Neuerungen zu informieren. Bei seinen vorhergehenden Besuchen war der Bezirksschulinspektor wegen der unerwünschten Neuerungen wie Zurückdrän‐ gung des kirchlichen Einflusses, neuen Schulbüchern und ausgeweiteten Schulzeiten mit grimmigen Gesichtern konfrontiert gewesen. Nun jedoch sah er sich zweihundert aufge‐ brachten Ortsbewohner: innen gegenüber, die ihn durch die Räumlichkeiten des Gasthauses drängten, mit lautem Protest überhäuften und sich nicht beschwichtigen lassen wollten. Die Situation wurde immer bedrohlicher und konnte erst durch den rasch herbeigerufenen Pfarrer beruhigt werden. 1 Diese Episode ist symptomatisch für die gesellschaftlichen und politischen Spannungen, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Vorarlberg aufbrachen. Der Wider‐ streit zwischen beharrenden, traditionellen Kräften und der Moderne äußerte sich in heftigen Konflikten um die zentralen Lebensvollzüge. Es kam in beinahe allen Bereichen zu einem fundamentalen Wandel, der, durch gesellschaftliche und politische Widerstände zum Teil gebremst, unaufhaltsam voranschritt. Die Lebensspanne Johann Kohlers umfasste 77 bewegte Jahre von 1839 bis 1916. Geboren im Vormärz während der Regierungszeit Kaiser Ferdinands I. erlebte er die Märzrevolution 1848, die Proklamation der Verfassung von 1867 und schließlich den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hautnah mit. Durch seine politische Tätigkeit auf Gemeinde-, Landes- und Reichsebene 2 war er in die zentralen politischen und gesellschaftspolitischen Diskurse eingebunden und fungierte in einzelnen Bereichen als Entscheidungsträger. Anhand demo‐ graphischer Entwicklungen, dem Wandel der politischen Strukturen und gesellschaftlicher Veränderungen in ausgewählten Bereichen werden im folgenden Text zentrale Themen aufgezeigt, mit welchen sich Johann Kohler im Laufe seines politischen Wirkens konfron‐ tiert sah, mit welchen er sich auseinandersetzen musste und welche sein Leben prägten. <?page no="14"?> 3 Kurt K L E I N , Historisches Ortslexikon. Statistische Dokumentation zur Bevölkerungs- und Siedlungs‐ geschichte Vorarlbergs. o. O. 2016, S. 2, URL: https: / / www.oeaw.ac.at/ vid/ research/ research-groups / demography-of-austria/ historisches-ortslexikon/ (31.8.2024). 4 Vgl. dazu v. a. Kurt K L E I N , Daten zur Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung der Vorarlberger Gemeinden seit dem 18.-Jahrhundert. In: Montfort 43 (1991) 4, S.-281-302. 5 Die Zahlen für Bregenz ohne Rieden, das erst 1919 Bregenz zugeschlagen wurde. Die konkreten Zahlen bei den Gemeindedaten der Statistik Austria, Reiter „Wohnbevölkerung - Bevölkerungsent‐ wicklung“, URL: https: / / www.statistik.at/ blickgem/ gemList.do? bdl=8 (31.8.2024). 6 Ebenda. 7 Feldkirch ohne Altenstadt, Tisis und Tosters. Ebenda. 8 Dornbirn wurde erst 1901 zur Stadt erhoben. Ebenda. 9 Ebenda. 10 Ebenda. 11 Ebenda. 12 Ebenda. I. Demographischer Wandel Als Johann Kohler 1839 geboren wurde, lebten in Vorarlberg rund 100.300 Personen. Diese Zahl stagnierte bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts: 1869 wurden anlässlich der Volkszählung 102.702 Einwohner: innen gezählt. Nach 1880 setzte allerdings ein rapides Bevölkerungswachstum ein: Bis zum Jahr 1910 - also sechs Jahre vor Johann Kohlers Tod - lebten in Vorarlberg 145.408 Personen. Damit ist zwischen 1869 und 1910 ein Wachstum von rund 42-Prozent zu verzeichnen. 3 Die Fokussierung auf einzelne Städte und Gemeinden erlaubt eine genauere Analyse dieser demographischen Entwicklung. 4 Die Zahlen zeigen eine besonders starke Zunahme der Bevölkerung in den Städten und den industrialisierten Gemeinden im Rheintal und Walgau. In Bregenz, das als Verwaltungs- und Tourismuszentrum an Bedeutung gewann, wuchs die Bevölkerung zwischen 1869 und 1910 um 162 Prozent von 5.223 auf 13.687 Personen. 5 Damit weist Bregenz das stärkste Wachstum aller Städte auf. Bludenz folgt mit 138 Prozent (von 2.466 auf 5.870 Personen), 6 dann Feldkirch mit 91 Prozent (von 6.186 auf 11.830 Personen) 7 und schließlich Dornbirn mit 87 Prozent (von 8.707 auf 16.320 Personen). 8 In Johann Kohlers Wohnort, der Gemeinde Schwarzach, betrug das Bevölkerungswachstum immerhin 57 Prozent von 689 auf 1.084 Personen. 9 Dieser Zuwachs dürfte unter anderem auf die verkehrsgünstige Lage Schwarzachs am Ausgang der Schwarzachtobelstraße, die das Rheintal mit dem Bregenzerwald verbindet, zurückzuführen sein. Wesentlich geringer fiel das Bevölkerungswachstum zwischen 1869 und 1910 in Johann Kohlers Geburtsort Egg im Bregenzerwald aus. Hier betrug es nur 18-Prozent von 1.617 auf 1.902 Personen. 10 Nicht alle Orte konnten ein Bevölkerungswachstum verzeichnen. Manche Dörfer hatten mit Abwanderungstendenzen zu kämpfen. Besonders dramatisch war die Lage in abgele‐ genen Orten: Schröcken schrumpfte um 12 Prozent von 170 auf 149 Einwohner: innen, 11 Damüls verlor in diesem Zeitraum sogar 41 Prozent der Bevölkerung und zählte statt 383 nur noch 225 Einwohner: innen. 12 Schröcken und Damüls waren nicht die einzigen Dörfer, in welchen die Bevölkerungszahl abnahm. Vielmehr kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu massiven Umwälzungen in der Bevölkerungsstruktur Vorarlbergs. Während die Industrieregion im Rheintal und im Walgau wuchs und immer mehr Arbeitskräfte benötigte, kämpften zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe um das 14 Karin Schneider <?page no="15"?> 13 Die im amtlichen Teil der „Vorarlberger Landeszeitung“ abgedruckten Ankündigungen wurden von anderen Blättern übernommen und nachgedruckt. 14 Meinrad P I C H L E R , Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015 (Geschichte Vorarlbergs 3). Innsbruck 2015, S.-62. 15 Ebenda, S.-65. 16 Johannes J E T S C H G O / Ferdinand L A C I N A u. a., Österreichische Industriegeschichte. 1848 bis 1955. Die verpasste Chance. Wien 2004, S.-171. 17 Ausführlicher ebenda. wirtschaftliche Überleben. Eine der zentralen Ursachen dafür war die in Vorarlberg übliche Realteilung, die zur Zersplitterung der landwirtschaftlichen Betriebe führte und dadurch ihre Rentabilität einschränkte. Zahlreiche Betriebe waren überschuldet, Ankündigungen von Zwangsversteigerungen füllten die Spalten der Vorarlberger Zeitungen. 13 Die Folge war eine „Bergflucht“ in die industriellen Ballungsgebiete, wie die oben dargelegten Zahlen eindrucksvoll belegen. Ganze Landstriche insbesondere in alpinen und hochalpinen Lagen verödeten hingegen. Doch nicht nur landwirtschaftliche, sondern auch handwerkliche Betriebe sahen sich angesichts der wachsenden industriellen Produktion einer großen Herausforderung gegen‐ über, der sie nicht immer gewachsen waren. Sie konnten mit der billigen Massenware preislich nicht mithalten, und so gaben viele die Selbständigkeit auf und verdingten sich als Fabrikarbeiter: innen. Ein weiterer wichtiger Faktor in Hinblick auf Veränderungen in der demographischen Struktur Vorarlbergs waren Zubeziehungsweise Abwanderungsbewegungen. Insbeson‐ dere Arbeiter: innen aus der Industrie suchten aufgrund des geringen Lohnniveaus und einer generellen Perspektivenlosigkeit ihr Glück außerhalb der Habsburgermonarchie. Bevorzugtes Emigrationsziel waren die USA: Zwischen 1850 und 1930 wanderten etwa 8.000 Personen aus Vorarlberg in die Vereinigten Staaten aus. Zu einer ersten Auswande‐ rungswelle kam es zwischen 1850 und 1870, als rund 3.200 Personen vor allem nach Iowa und Minnesota auswanderten. Sie stammten aus den Industrieregionen Vorarlbergs (Dornbirn, Raum Feldkirch/ Bludenz, Wolfurt/ Kennelbach, Hard) oder waren erst kurz zuvor zugezogen. In ihrer neuen Heimat erwarteten sie sich ein besseres finanzielles Fortkommen und größere berufliche Selbständigkeit. Sie betätigten sich besonders im Handel, der Landwirtschaft, dem Handwerk oder der Gastronomie. 14 Eine zweite große Auswanderungswelle fällt in die Jahre zwischen 1890 und 1914. Sie betraf vor allem Sticker: innen, die, um eine 1890 in den USA eingeführte Importsteuer zu umgehen, ihre Produktion nach Übersee verlagerten. 15 Dieser stetige Auswanderungsstrom war durchaus im Sinne der Vorarlberger Industri‐ ellen. Die 1860er-Jahren waren eine Zeit der Krise in der Textilindustrie. Die 1859 und 1866 verlorenen Märkte Lombardei und Venetien drückten den Absatz, und durch den Ameri‐ kanischen Bürgerkrieg war der Baumwollhandel praktisch zum Erliegen gekommen. 16 Um Lohnkosten zu sparen, setzten die Fabrikanten daher auf stärkere Mechanisierung der Produktion 17 und auf billigere Arbeitskräfte: Frauen, Kinder und Zuwanderer aus Regionen mit einem niedrigeren Lohnniveau als Vorarlberg. Tatsächlich wurde das Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Einwanderungsland: Das starke Bevölkerungswachstum dieser Jahrzehnte geht zu etwa 50 Prozent auf Zuwanderungen Gesellschaft und Politik im Wandel 15 <?page no="16"?> 18 Franz M A T H I S , Vorarlberg als Zuwanderungsland: Ursachen und Voraussetzungen. In: Auswande‐ rung aus dem Trentino - Einwanderung nach Vorarlberg. Die Geschichte einer Migrationsbewegung mit besonderer Berücksichtigung der Zeit von 1870/ 80 bis 1919, hg. von Karl Heinz B U R M E I S T E R / Robert R O L L I N G E R . Sigmaringen 1995, S.-101-126, hier S.-108-109. 19 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-66-67. 20 Die Ergebnisse der Volkszählung und der mit derselben verbundenen Zählung der häuslichen Nutzthiere vom 31. December 1880 in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern. Die Bevölkerung der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder nach Religion, Bildungsgrad, Umgangssprache und nach ihren Gebrechen, bearb. von der K. K . D I R E C T I O N D E R A D M I N I S T R A T I V E N S T A T I S T I K (Österreichische Statistik 1/ 2). Wien 1882, S. 49; Die Ergebnisse der Volkszählung vom 31. December 1900 in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern. Die summarischen Ergebnisse der Volkszählung, bearb. vom B U R E A U D E R K . K . S T A T I S T I S C H E N C E N T R A L -C O M M I S S I O N (Österreichische Statistik 63/ 1). Wien 1902, S.-77. 21 M A T H I S , Vorarlberg als Zuwanderungsland, S.-114-115. 22 „Einige Notizen aus meinem Leben.“ Die Memoiren des Vorarlberger Landtags- und Reichsratsabge‐ ordneten Martin Thurnher (1844-1922), hg. v. Karin S C H N E I D E R (Quellen zur Geschichte Vorarlbergs 7). Regensburg 2005, S.-66. zurück; um 1900 waren 19 Prozent der Bevölkerung nicht in Vorarlberg geboren. Die Immigrant: innen stammten teilweise aus anderen Kronländern der Habsburgermonarchie und teilweise aus dem Ausland. Ein großer Prozentsatz der Zuwanderer war in der Industrie tätig: 1897 hatte etwa ein Drittel, 1907 beinahe die Hälfte der Lohnarbeiter: innen einen Migrationshintergrund. 18 Die mit 30 Prozent größte Gruppe der Immigrant: innen stammte aus dem Trentino, einer im 19. Jahrhundert strukturschwachen und rückständigen Region. Vielfach handelte es sich um Saisonarbeiter, die sich auf dem Bau verdingten und nach Abschluss des Projekts wieder abwanderten. Ein Teil dieser Einwandernden wurde jedoch ab 1870 - als die Konjunktur wieder anzog - aktiv von Vorarlberger Firmen angeworben. Sie ließen sich dauerhaft in Vorarlberg nieder und stellten die große Menge an Billig- und Billigstarbeitskräften in der Industrie. 19 Die Zuwanderung der Trentiner: innen schlug sich in der Sprachstatistik Vorarlbergs nieder: Bei der Volkszählung 1880 waren noch 1.427 Personen mit italienischer beziehungs‐ weise ladinischer Umgangssprache in Vorarlberg gezählt worden. Bis zum Jahr 1900 war diese Zahl auf 5.884 Personen beziehungsweise 4,5 Prozent der anwesenden Bevölkerung angewachsen. 20 Der Anteil an der Gesamtbevölkerung in einzelnen Städten und Dörfern lag allerdings weit höher - so zählte im Jahr 1910 Kennelbach 33 Prozent der Bevölkerung mit Trentiner Wurzeln, und Bürs immerhin noch zwanzig Prozent. 21 Diese Entwicklung gab Anlass zu Kritik insbesondere von Seiten der katholischkonservativen Politiker. Sie fürchteten, dass die aufstrebende Sozialdemokratie aus den Spannungen zwischen Arbeitgebern und einheimischen Arbeitnehmer: innen, die sich der billigen Konkurrenz aus dem Trentino ausgesetzt sahen, Kapital schlagen könnte. Bereits 1885 wetterte Martin Thurnher daher im Vorarlberger Landtag gegen den Zuzug der „auf niederer Kulturstufe stehenden Welschen“ und beklagte, dass die „einheimischen Arbeiter […], die als Muster des Fleißes, der Geschicklichkeit und Verwendbarkeit gelten und treue, ruhige, religiöse Staatsbürger [sind], zwischen dem Marmor des Fabrikantenegoismus und der Bedürfnislosigkeit der […] Welschen zermalmt werden“. 22 Die Ressentiments galten aber auch den Zugewanderten selbst. Zum einen wurde immer wieder Sorge über die 16 Karin Schneider <?page no="17"?> 23 Vorarlberger Volksblatt, 28.10.1904, S. 1. Karin S C H N E I D E R , Bludenz - Eine Gesellschaftsgeschichte. In: Bludenz. Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts, hg. von Norbert S C H N E T Z E R / Andreas R U D I G I E R . Graz 2015, S.-118-197, hier S.-156. 24 Ebenda. 25 Vorarlberger Wacht, 13.11.1913, S.-6. 26 Ausführlich Gerhard W A N N E R , Migration in Vorarlberg um 1900. Ethnische Gruppen, soziale Spannungen? In: Wanderungen. Migration in Vorarlberg, Liechtenstein und in der Ostschweiz zwischen 1700 und 2000, hg. von Peter M E L I C H A R / Andreas R U D I G I E R / Gerhard W A N N E R (vorarlberg museum Schriften 21/ Schriftenreihe des Arbeitskreises für interregionale Geschichte des mittleren Alpenraumes 3). Wien/ Köln/ Weimar 2016, S.-127-149, hier S.-133-139. 27 Die Ergebnisse der Volkszählung vom 31. December 1900, bearb. vom B U R E A U D E R K . K . S T A T I S T I S C H E N C E N T R A L -C O M M I S S I O N , 77. Für das Jahr 1910 sind die slawischen Sprachen nicht separat ausgewiesen. 28 Vgl. Wolfgang O L S C H B A U R , Zur Gründungsgeschichte der evangelischen Gemeinde in Vorarlberg. In: Evangelisch in Vorarlberg. Festschrift zum Gemeindejubiläum, hg. von Wolfgang O L S C H B A U R . Bregenz 1987, S. 22-35, hier S. 25. Eine Petition mit demselben Wortlaut kursierte 1861 auch in Tirol; Wolfgang P A L A V E R , Europa und die Religion. Sackgassen und mögliche neue Wege - unter besonderer Berücksichtigung Österreichs. In: PluralismusKonflikte - Le pluralisme en conflits. Österreichisch- Französische Begegnungen, hg. von Marie-Luisa F R I C K / Pascal M B O N G O / Florian S C H A L L H A R T (Austria, Forschung und Wissenschaft, Philosophie 13). Wien/ Berlin 2010, S.-143-155, hier S.-147. Beibehaltung des nationalen deutschen Charakters Vorarlbergs geäußert, wie Meldungen über die „Verwelschung“ Vorarlbergs im „Vorarlberger Volksblatt“ zeigen. 23 Aber auch sicherheitspolitische Bedenken kamen zum Tragen: Die Zuwanderer wurden in den Medien häufig mit Raufhändeln und Messerstechereien unter Alkoholeinfluss sowie mit sexueller Zügellosigkeit in Verbindung gebracht. 24 In Bludenz brachte der hohe Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund schulische Probleme mit sich: Ein beträchtlicher Anteil von Kindern konnte dem deutschsprachigen Unterricht nicht folgen und hemmte daher angeb‐ lich den Unterricht für die einheimischen Kinder. Um diese Situation zu entschärfen, wurden separate Klassen für jene Schüler: innen geschaffen, deren Sprachkenntnisse nicht als ausreichend für den Regelschulbetrieb erachtet wurden. 25 In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wuchs in Vorarlberg nicht nur der Anteil italienischsprachiger Zugewanderter. Auch eine größere Zahl slawischsprachiger Immigranten bevölkerte um 1900 das Kronland. Dabei handelte es sich überwiegend um Sai‐ sonarbeiter, welche durch die damals herrschende Hochkonjunktur angezogen wurden und sich in der Textilindustrie und im Bauwesen verdingten. Beim Bau der Bregenzerwaldbahn ab 1900 kamen zahlreiche Arbeiter aus den slawischsprachigen Gebieten der Habsburger‐ monarchie zum Einsatz. Sie verrichteten unter harten Bedingungen um sehr geringen Lohn Akkordarbeit. 26 So erfasste die Volkszählung im Jahr 1900 insgesamt 451 Personen mit Tschechisch, Slowakisch, Slowenisch, Kroatisch und Serbisch als Erstsprache. 27 Die Zuwanderung nach Vorarlberg schlug sich nicht nur in der Sprach-, sondern auch in der Religionsstatistik nieder: Der Anteil von Protestant: innen an der Gesamtbe‐ völkerung nahm langsam, aber stetig zu. Für die katholisch-konservativen Politiker war die Glaubenseinheit im Land ein zentraler Punkt ihrer politischen Agenda. 1861, als rund 400 Protestant: innen in Vorarlberg lebten, brachte Dr. Josef Anton Ölz daher eine Petition an den Kaiser im Landtag ein. Damit verfolgte er das Ziel, „die Protestanten von der Ansäßigmachung“ auszuschließen. Dieser Initiative war allerdings kein Erfolg beschieden. 28 Gesellschaft und Politik im Wandel 17 <?page no="18"?> 29 Vgl. z. B. Hubert W E I T E N S F E L D E R , Protestantische Unternehmer in Vorarlberg bis zum Ersten Weltkrieg. In: Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich 129 (2013), S. 49-62; O L S C H B A U R , Zur Gründungsgeschichte. 30 Zu Carl Ganahl bzw. dem Familienclan Ganahl vgl. Quer- und Vorausdenker: zum 200. Geburtstag von Carl Ganahl, Katalog und Begleitband zur Ausstellung in Feldkirch, Frastanz und Bregenz von Oktober bis Dezember 2007, hg. v. Christian F E U R S T E I N , W I R T S C H A F T S A R C H I V V O R A R L B E R G . Feldkirch 2007; Christoph V O L A U C N I K , Feldkirch: Macht und Einfluss bürgerlicher Unternehmer. In: Stadt und Bürgertum im Bodenseeraum. Ein Problemaufriss, hg. von Thomas A L B R I C H / Werner M A T T / Hanno P L A T Z G U M M E R . Dornbirn 2008, S. 113-135, hier S. 118-129. Zur „Feldkircher Zeitung“ siehe W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S. 66-67; Leo H A F F N E R , Die Kasiner. Vorarlbergs Weg in den Konservatismus. Bregenz 1977, S.-19. 31 Markus B A R N A Y , Die Erfindung des Vorarlbergers. Ethnizitätsbildung und Landesbewußtsein im 19. und 20.-Jahrhundert (Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 3). Bregenz 1988, S.-200. 32 Ebenda, S.-215. 33 Vorarlberger Volksblatt, 15.10.1927, S.-9. Im Jahr 1880 lebten trotzdem bereits 760 Protestant: innen in Vorarlberg. Das entsprach einem Anteil von 0,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dreißig Jahre später, im Jahr 1910, hatte sich dieser Anteil auf 1,4 Prozent verdoppelt. Die Mehrzahl der Protestant: innen lebte in Städten oder industrialisierten Gemeinden. Vielfach verfügten sie über eine weitergehende Ausbildung und etablierten sich im lokalen Bürgertum. 29 Auf die politischen Strukturen hatte der hier skizzierte demographische Wandel keine Auswirkungen. Seit 1870 dominierte in Vorarlberg die katholisch-konservative beziehungsweise christlichsoziale Partei. II. Die Parteienlandschaft Vorarlbergs 2.1 Das rote Kronland Auch wenn sich die politischen Parteien erst formierten, galt Vorarlberg in den 1860er- Jahren als liberales Kronland. Nicht nur auf Landtagsebene, sondern auch in den Städten und Gemeinden gaben Persönlichkeiten, die dem liberalen Lager zuzurechnen waren, den Ton an. Die dominante politische Figur im Land war Carl Ganahl, Fabrikbesitzer aus Feldkirch, der seine liberalen politischen Überzeugungen im Landtag ebenso vertrat wie in der von ihm gegründeten „Feldkircher Zeitung“. 30 Unterstützt wurde die liberale Vorherrschaft durch das Klassenwahlrecht, das nach dem Prinzip „Besitz und Bildung wählen“ funktionierte und daher liberale Wählerschichten bevorzugte. 31 Dementsprechend gering war das politische Interesse, das ein Großteil der Bevölkerung an den Tag legte, wie das folgende Beispiel zeigt: 1864 lebten in Dornbirn 700 wahlberechtigte Personen. Zur Landtagswahl desselben Jahres erschienen aber nur 139 an den Urnen. 32 In einem 1927 geschriebenen Artikel über die Gründung des „Vorarlberger Volksblatts“ vertrat dessen ehemaliger Redakteur Josef Walser die Auffassung, „dem Volk [habe, KS] jegliches politische Verständnis“ gefehlt. 33 Durch den ab 1866 beginnenden Aufbau organisatorischer und medialer katholischkonservativer Strukturen änderte sich dieser Zustand rasch. Anlässlich der Landtagswahl 1870 gelang es, eine große Zahl an Anhängern insbesondere aus den bäuerlichen und kleinbürgerlichen Schichten zu mobilisieren und einen Erdrutschsieg einzufahren: Nur 18 Karin Schneider <?page no="19"?> 34 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-22. 35 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-94. 36 Ausführlicher bei ebenda, S. 25-31; P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-23-24. 37 Syllabus errorum, URL: http: / / www.domus-ecclesiae.de/ magisterium/ syllabus-errorum.teutonice. html (31.8.2024). 38 Vorarlberger Volksblatt, 15.10.1927, S.-9. 39 Ebenda, 14.7.1868, S.-2. 40 H A F F N E R , Kasiner, S.-35-37. 41 Ebenda, S.-52-53. noch fünf der insgesamt zwanzig Abgeordneten waren dem liberalen Lager zuzuordnen. Unter den katholisch-konservativen Abgeordneten befanden sich auch zwei Priester. 34 Das liberale Lager konnte in den folgenden Jahren in den Städten und größeren Gemeinden Vorarlbergs sowie der Handelskammer seine Position vorerst wahren. In den folgenden Jahrzehnten nahm sein Einfluss allerdings immer mehr ab, bis schließlich am Vorabend des Ersten Weltkriegs nur noch Bregenz mit Dr. Ferdinand Kinz einen liberalen Bürgermeister stellte. 35 Im Laufe der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts änderte sich zudem die ideologische Ausrichtung des liberalen Lagers, das sich zu einer deutschnationalen, antisemitischen und antislawischen Partei wandelte. 36 2.2 Von Konservativ zu Christlichsozial Johann Kohler begann seine politische Laufbahn im Rahmen der katholisch-konservativen Partei in Vorarlberg. Diese kämpfte radikal und kompromisslos gegen die von Papst Pius IX. im Syllabus errorum 37 von 1864 angeführten „Irrtümer“ der modernen Zeit und für die Glaubenseinheit Vorarlbergs. Die Kritik richtete sich gegen die von der liberalen Mehrheit im Reichsrat beschlossenen Maigesetze von 1868 und das Reichsvolksschulgesetz von 1869, welche den Einfluss der Kirche im Schulbereich und in der Ehegerichtsbarkeit massiv zurückdrängten, sowie gegen die Aufkündigung des Konkordats von 1855 im Jahr 1870. Daher war der politische Hauptgegner in den 1870er-Jahren die liberale Partei und der Liberalismus, der „wie die Bazillen der Tuberkulose ins Volk dringen“ und in der Folge „die moderne Geisteskrankheit [über, KS] das ahnungslose Volk“ bringen würde. 38 Ab Jahresende 1867 kam es vor allem im Rheintal und im Bregenzerwald zur Gründung von sogenannten Bürgerkasinos, in welchen sich die Anhänger der katholisch-konserva‐ tiven Bewegung erstmals vereinsmäßig organisierten; unter anderem auch in Egg, wo Johann Kohler zum Präsidenten gewählt wurde. 39 Bereits 1866 war unter tatkräftiger Beteiligung des niederen Landklerus das klerikal-konservative „Vorarlberger Volksblatt“ gegründet worden, das sich bald als Sprachrohr der Partei etablierte. 40 1870 schließlich folgte die Gründung des Katholisch-politischen Volksvereins, der als Landesorganisation der katholisch-konservativen Partei die verschiedenen Aktivitäten koordinierte und bün‐ delte. 1875 zählte der Verein bereits 5.400 Mitglieder. 41 Die Bedeutung, welche die skizzierte politische Infrastruktur für die Politisierung der breiten Bevölkerungsschichten hatte, darf nicht unterschätzt werden. Dies zeigt beispiels‐ weise der Erdrutschsieg der katholisch-konservativen Partei bei der Landtagswahl von 1870. Gesellschaft und Politik im Wandel 19 <?page no="20"?> 42 Vgl. dazu ebenda, S.-90-91, 108-137. 43 Ausführlich bei Michael F L I R I , Mission Vorarlberg. Geschichte des Christentums zwischen Bodensee und Arlberg. Innsbruck/ Wien 2018, S.-162-163. 44 Rerum novarum, URL: http: / / www.kathpedia.com/ index.php? title=Rerum_novarum_(Wortlaut) (31.8.2024). 45 Ausführlich bei W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-21-25; P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-24-27. 46 Dazu grundlegend Reinhard M I T T E R S T E I N E R , „Fremdhäßige“, Handwerker & Genossen. Die Entste‐ hung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Vorarlberg (Studien zur Geschichte und Gesell‐ schaft Vorarlbergs 12). Bregenz 1994; Manfred S C H E U C H , Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs bis 1918. Feldkirch 2 1978; Im Prinzip: Hoffnung. Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870-1946, hg. von Kurt G R E U S S I N G (Beiträge zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 4). Bregenz 1984. Die Einigkeit innerhalb der Partei nach gewonnener Wahl war allerdings nicht von langer Dauer. Rasch bildeten sich ein radikales und ein gemäßigtes Lager. Nach heftigen Kontroversen rund um die vom Fabrikanten und späteren Landeshauptmann Adolf Rhom‐ berg gegründete, kurzlebige konservative „Dornbirner Zeitung“ 42 eskalierte die Situation schließlich 1887. In diesem Jahr kam es zum sogenannten Bistumsstreit: Am 20. November publizierten mehrere Landgeistliche aus dem Oberland im „Vorarlberger Volksblatt“ einen Artikel, in welchem sie im Rückgriff auf eine päpstliche Bulle aus dem Jahr 1808 den Landtag dazu aufforderten, auf die Errichtung eines eigenen Vorarlberger Bistums hinzu‐ wirken. Dieser Schritt war allerdings mit den kirchlichen Autoritäten nicht abgesprochen. Entsprechend negativ fielen die Reaktionen sowohl des Fürstbischofs von Brixen, Simon Aichner, als auch des Generalvikars in Feldkirch, Weihbischof Johann Nepomuk Zobl, aus. 43 Der Bistumsstreit markiert eine Wende in der katholisch-konservativen Partei hin zu christlichsozialen Vorstellungen. Die Insubordination der Landgeistlichen sorgte für heftige Irritationen innerhalb der Bewegung und kostete dem radikalen Flügel zahlreiche Anhänger. Letztlich setzte sich das gemäßigte Lager durch. Ein drängendes gesellschaftspo‐ litisches Thema dieser Gruppe war die Soziale Frage: Wie konnte die schlechte Situation der Fabrikarbeiter: innen verbessert werden? Dabei standen unterschiedliche Lösungsansätze in Konkurrenz. Um eine attraktive Alternative zur aufstrebenden Sozialdemokratie zu bilden, war eine Adaption des Parteiprogramms in Richtung jener Vorstellungen erforder‐ lich, wie sie Papst Leo XIII. in seiner 1891 erschienenen Sozialenzyklika Rerum novarum 44 vertrat, wie sie aber auch von Karl von Vogelsang formuliert wurden. 1893 wurde der „Christlich-soziale Volksverein für Vorarlberg“ mit Johann Kohler als Gründungsmitglied und erstem Vorstand ins Leben gerufen. Das Programm war sozial- und wirtschaftspolitisch dahingehend ausgerichtet, die Lage des Bauernstands und Handwerks sowie der Fabrikar‐ beiterschaft zu verbessern. Zum einen wurden daher Fortbildungsvereine für verschiedene Berufsgruppen gegründet, zum anderen wurden Einschränkungen und Verpflichtungen für Industrie und Handel gefordert. Der antikapitalistische Grundtenor trug stark antise‐ mitische Züge, indem immer wieder judenfeindliche Klischees in den parteinahen Medien kolportiert wurden. 45 2.3 Die neue Herausforderung: die Sozialdemokratie Eine neue Herausforderung erwuchs der christlichsozialen Partei in der Sozialdemokratie. 46 Seit 1890 kam es trotz des Widerstands von Behörden und Fabrikanten zur Gründung von 20 Karin Schneider <?page no="21"?> 47 Reinhard J O H L E R , Behinderte Klassenbildung - am Beispiel Vorarlbergs. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde 2 (1986), S.-51-57. 48 Vgl. Werner B U N D S C H U H / Werner D R E I E R / Reinhard M I T T E R S T E I N E R , Sozialdemokraten im Dorf. 100 Jahre SPÖ Hard. Bregenz 1994, S.-9-26. 49 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-28-29. 50 Ab Dezember 1918 erschien das Blatt in der Regel sechsmal pro Woche. 51 Vgl. Werner D R E I E R , Zwischen Kaiser und Führer. Vorarlberg im Umbruch 1918-1938 (Beiträge zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 6). Bregenz 1986, S. 175; P I C H L E R , Land Vorarlberg, S. 174 (Abb. 80). 52 Berufsstatistik nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 31. Dezember 1890 in den im Reichs‐ rathe vertretenen Königreichen und Ländern. Analytische Bearbeitung und Reichsübersicht, bearb. vom B U R E A U D E R K . K . S T A T I S T I S C H E N C E N T R A L -C O M M I S S I O N (Österreichische Statistik 23/ 1). Wien 1894, Tabelle X: Verhältniszahlen über die Berufsgliederung der berufsthätigen Personen nach Hauptberufsgruppen bzw. -classen, S. 126-127. Das fehlende Prozent ist auf Rundungsdifferenzen zurückzuführen. 53 Ebenda, Tabelle XII: Verhältniszahlen über die Berufsstellung nach Hauptberufsclassen, S.-155. Ortsgruppen und seit 1899 existierte eine eigene Landesorganisation. Insgesamt blieb die Bewegung jedoch schwach. Das Angebot der Christlichsozialen war zu dominant, das pro‐ letarische Selbstverständnis der Bevölkerung hingegen nur rudimentär ausgeprägt. Denn zahlreiche Familien praktizierten eine Mischökonomie aus Landwirtschaft und Fabrikar‐ beit. Die Arbeit an den Maschinen wurde daher oft nur als Übergangsperiode angesehen. 47 In einigen Orten entwickelten sich dennoch sozialdemokratische „Hochburgen“, wie etwa in Bludenz, Nüziders, Rieden-Vorkloster und Hard. 48 Dieser Umstand ist auf die spezifische Bevölkerungsstruktur vor Ort zurückzuführen, die durch einen hohen Migrant: innenanteil aus anderen Kronländern der Monarchie beziehungsweise aus dem Trentino geprägt war. Hier konnte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei bei den Reichsratswahlen 1907 zwischen 25 und 33 Prozent der Wählerstimmen erringen. 49 Seit 1910 erschien das Par‐ teiorgan, die „Vorarlberger Wacht“, als Wochenzeitung. 50 Zu einer Konsolidierung des sozialdemokratischen Lagers kam es dennoch erst in der Zwischenkriegszeit. 51 III. Gesellschaftspolitische Felder im Wandel 3.1 Wirtschaft und Gesellschaft Vorarlberg zeigte sich am Ende des 19. Jahrhunderts überwiegend agrarisch geprägt: 1890 war mit 46 Prozent der größte Teil der berufstätigen Bevölkerung in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Insbesondere in den Tallagen aber etablierten sich Industrie (39 Prozent) sowie Handel und Verkehr (5 Prozent) als Arbeitgeber. Rund 10 Prozent waren im öffentlichen Dienst, im Militärdienst und in freien Berufen tätig oder hatten keinen Beruf erlernt. 52 Zugleich war aber auch eine Mischökonomie gang und gäbe: Während 687 von 1.000 berufstätigen Personen in der Land- und Forstwirtschaft tätig waren, gingen 590 von 1.000 einer Tätigkeit in der Industrie und 417 von 1.000 im Bereich Handel und Verkehr nach. In allen weiteren Berufen waren 681 von 1.000 Personen tätig. 53 Infrastrukturprojekte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts lieferten wichtige wirtschaftliche Impulse: So eröffnete 1872 die Vorarlbergbahn, die den Eisenbahnanschluss in die Schweiz und nach Deutschland brachte. Die Finanzierung des Projekts erfolgte Gesellschaft und Politik im Wandel 21 <?page no="22"?> 54 Paul M E C H T L E R , Die k. k. privilegierte Vorarlberger Bahn. In: Montfort 22 (1970) 1, S. 103-128; Karin S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger 1867-1914. Zwischen Anspruch und Alltag (Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs 6 (N.-F.)). Konstanz 2005, S.-66-71. 55 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-32-33. 56 Lothar B E E R , Die Bregenzerwaldbahn. Ein Beitrag zur Verkehrsgeschichte Vorarlbergs. Salzburg 1977. 57 S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger, S.-59-66. 58 Einige Notizen, hg. von S C H N E I D E R , S.-65. 59 Vgl. „So suchte er zu nützen eben, auch viel im öffentlichen Leben“. Die Memoiren des Vorarlberger Landeshauptmanns Adolf Rhomberg. Edition und Kommentar, hg. von Karin S C H N E I D E R (Quellen zur Geschichte Vorarlbergs 5). Regensburg 2002, S. 122-123; auch Einige Notizen, hg. von S C H N E I D E R , S.-101-102. 60 J E T S C H G O / L A C I N A u.-a., Österreichische Industriegeschichte, S.-170. 61 Hubert W E I T E N S F E L D E R , Industrie-Provinz. Vorarlberg in der Frühindustrialisierung 1740-1870 (Stu‐ dien zur historischen Sozialwissenschaft 29). Frankfurt a. M. u. a. 2001, S. 153-192; Christian F E U R S T E I N , Wirtschaftsgeschichte Vorarlbergs. Von 1870 bis zur Jahrtausendwende. Konstanz 2009, S.-11-26. durch ein privates Konsortium mit dem bereits genannten Carl Ganahl an der Spitze. 54 Die direkte Anbindung an die Kronländer der Monarchie erfolgte 1884 mit der Eröffnung des Eisenbahntunnels durch den Arlberg. 55 Auch der Bregenzerwald wurde nach einer langen Planungsphase durch die Errichtung der Bregenzerwaldbahn erschlossen. Ab 1902 verkehrten die Personen- und Frachtzüge auf den 35 Kilometern zwischen Bregenz und Bezau 56 und brachten den Schwarzacher Frächtern am Ausgang der Schwarzachtobelstraße unerwünschte Konkurrenz. Der Straßenbau wurde ebenfalls forciert. Die Maßnahmen umfassten ein breites Spek‐ trum, die von der Errichtung neuer Verkehrsverbindungen bis zum Ausbau bereits beste‐ hender Fahrstrecken reichten. Die Verbindungsstraße von Dornbirn in den Bregenzerwald ging auf die private Initiative des bereits genannten Adolf Rhomberg zurück. Diese im damals abgelegenen Dornbirner Ortsteil Haselstauden beginnende Straße konnte der Schwarzach mit Alberschwende verbindenden Schwarzachtobelstraße nicht den Rang ablaufen und blieb defizitär. 57 Das Land Vorarlberg wiederum finanzierte umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssituation in den Talschaften. Ab 1885 standen im Landtag immer wieder Straßenbauprojekte auf der Tagesordnung, wie etwa die Errich‐ tung einer Verbindung zwischen Au und Damüls. 58 In der Landtagsperiode 1896 bis 1902 wurde ein umfangreiches Straßenbauprogramm beschlossen, das vorsah, in den folgenden 15 Jahren den Bau von acht Straßen zu finanzieren - darunter etwa die Flexenstraße, die Montafonerstraße oder die Verbindung von Bregenz über Langen bis zur deutschen Grenze. 59 Alle diese Maßnahmen kamen auch der Industrie zugute, die sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Vorarlberg niedergelassen hatte. Entlang der Wasserläufe entstanden nach dem Ende der Napoleonischen Kriege erste Textilunternehmen. Vorwiegend handelte es sich um Baumwollspinnereien und Webereien, die sich im Rheintal und Walgau ansie‐ delten. Im Jahr 1850 entfielen 60,15 Prozent der in Vorarlberg entrichteten Erwerbssteuer auf die Textilindustrie. 60 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten sich aber auch andere Industriezweige wie die Metallverarbeitung, chemische Industrie oder Nahrungs- und Genussmittelerzeugung etablieren. 61 22 Karin Schneider <?page no="23"?> 62 S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger, S.-46-47. 63 Karlheinz A L B R E C H T , Beiträge zur Geschichte Feldkirchs vom Jahre 1814 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Diss. Innsbruck 1977, S.-395-396. 64 Vgl. So suchte er zu nützen eben, hg. von S C H N E I D E R , S.-36-40. 65 Karin S C H N E I D E R , Strategien öffentlicher Einflussnahme. Das Dornbirner Industriebürgertum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Stadt und Bürgertum im Bodenseeraum, hg. von A L B R I C H / M A T T / P L A T Z G U M M E R , S.-137-163, hier S.-144-147. 66 Karin S C H N E I D E R , Im kaiserlichen Blick. Bürgerliche Selbstdarstellung in Dornbirn 1881. In: ebenda, S.-211-234; S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger, passim. In der Folge bildete sich eine dünne, aber finanzkräftige Oberschicht aus Fabrikanten. Aufgrund des geltenden Klassenwahlrechts, das Personen mit hoher Steuerleistung bevor‐ zugte, übten sie großen politischen Einfluss aus. Carl Ganahl, der die Landespolitik in den 1860er-Jahren maßgeblich bestimmte, wurde bereits erwähnt. In Dornbirn beherrschten die vorwiegend liberalen Fabrikanten aufgrund ihrer Steuerleistung den ersten und den zweiten Wahlkörper. Der erste Wahlkörper musste sogar künstlich aufgefüllt werden, um die gesetzlich erforderliche Mindestanzahl von 45 Stimmen zu erreichen. 62 In Feldkirch gingen im Jahr 1900 beinahe fünfzig Prozent des Steueraufkommens auf die 15 wohlha‐ bendsten Personen zurück. Diese entstammten neun Familien. Am anderen Ende der Steuerskala fand sich hingegen die große Masse der Bevölkerung: Das ärmste Drittel der Steuerzahler: innen leistete 0,6 Prozent des Steueraufkommens. 63 Der wohlhabendste Teil der Vorarlberger Bevölkerung übte politischen Einfluss jedoch nicht nur aufgrund der hohen Gewichtung seiner Wählerstimmen aus. Vielmehr gingen nicht wenige Fabrikanten selbst in die Gemeinde-, Landes- und sogar Reichspolitik und übten ein Mandat aus. Adolf Rhomberg etwa begann seine Laufbahn im Dornbirner Gemeinderat, fungierte seit 1884 als Landtagsabgeordneter, wurde von Kaiser Franz Joseph 1890 zum Landeshauptmann ernannt und avancierte 1899 zum Mitglied der zweiten Kammer des Reichsrats, dem Herrenhaus. 64 Zwischen 1850 und 1910 betrug der Anteil von Fabrikanten an den Mitgliedern des Dornbirner Gemeindeausschusses knapp 13 Prozent mit Spitzen von etwa 27 Prozent in den Jahren 1864 und 1879. Ihr Anteil an den bürgerlichen Sozialformationen (nicht an der Gesamtbevölkerung) Dornbirns in diesen Jahren betrug allerdings nur rund vier Prozent. 65 Die Protagonisten der Industrialisierung befleißigten sich eines spezifischen Lebensstils, der sich an den bürgerlichen Vorstellungen orientierte und dem Liberalismus zuneigte. So beherrschten in Dornbirn zwischen 1867 und 1910 die Liberalen - eben die Fabrikantenfa‐ milien sowie Mitglieder des Bildungsbürgertums - den ersten und zweiten Wahlkörper und stellten somit auch den Bürgermeister. In diesen Jahren nutzten sie die Möglichkeit, den Ort nach ihren Vorstellungen zu modernisieren: Ein diversifiziertes Schulwesen für Knaben und Mädchen wurde eingerichtet, die Straßen gepflastert, Freizeit- und Kulturaktivitäten gesetzt und eine öffentliche Beleuchtung organisiert. Ein vielseitiges, allerdings politisch besetztes Vereinswesen organisierte die Bevölkerung. Repräsentative Villen prägten das Straßenbild und vermittelten einen Eindruck vom Reichtum der Gemeinde und vom bürgerlichen Geschmack der Einwohner: innen. Doch auch traditionell dem Adel vorbehal‐ tene Aktivitäten sind zu beobachten: Adolf Rhomberg gründete 1892 in Dornbirn ein Kapuzinerkloster, nachdem seine Frau Maria Anna von einer lebensgefährlichen Krankheit genesen war. Das Altarbild zeigt Rhomberg mit seiner Gemahlin als Stifter. 66 Gesellschaft und Politik im Wandel 23 <?page no="24"?> 67 Vorarlberger Volksblatt, 2.5.1871, S.-2. 68 Werner H A N N I , Zur Geschichte der Arbeitskämpfe in Tirol und Vorarlberg von 1800-1918. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte Tirols und Vorarlbergs. Diss. Innsbruck 1983, S. 449; P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-53. 69 Gerhard W A N N E R , Kinderarbeit in Vorarlberger Fabriken im 19. Jahrhundert. Feldkirch 2 1986, passim; P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-54-55, 76. 70 Kaiserliches Patent vom 20. Dezember 1859, RGBl. 227/ 1959, S. 619-650. Vgl. Stefan W E D R A C , Die Allgemeine Arbeiter-Kranken- und Invalidenkasse in Wien 1868-1880. Entstehung, Umfeld und Erfolge der Vorgängerin der Wiener Gebietskrankenkasse. Wien 2013, S.-150-155. 71 Gesetz vom 30. März 1888 betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter, RGBl. 33/ 1888, S. 57- 71. Hierzu Peter B E C K E R , Stolpersteine auf dem Weg zum kooperativen Imperium. Bürokratische Praxis, gesellschaftliche Erwartungen und sozialpolitische Strategien. In: Kooperatives Imperium. Politische Zusammenarbeit in der späten Habsburgermonarchie. Vorträge der gemeinsamen Tagung des Collegium Carolinum und des Mararykův ústav a Archiv AV ČR in Bad Wiessee vom 10.-13. Während die Fabrikanten für einen Großteil der Steuerleistung im Land aufkamen und sich daher großen politischen Einflusses erfreuten, gehörten die Arbeiter: innen in den meisten Fällen gar nicht zu den Steuerzahler: innen. Bei der geringen Höhe der Löhne war es kaum möglich, die Lebenshaltungskosten zu decken, geschweige denn direkte Steuern zu entrichten. Das Einkommen der Fabrikarbeiterinnen, die zunehmend die männlichen Arbeitskräfte ersetzten, bewegte sich unterhalb des Existenzminimums. So berichtete das „Vorarlberger Volksblatt“ 1871 über eine jugendliche Waise, die bei einem 14-Stunden-Tag 38 Kreuzer pro Arbeitstag verdiene. Für Kost und Logis müsse sie 36 Kreuzer bezahlen. Um nicht obdachlos zu werden, sei sie daher an Sonn- und Feiertagen auf mildtätige Spenden angewiesen. 67 Der Vergleich mit anderen Kronländern zeigt, dass das Lohnniveau Vorarlbergs bei gleichzeitig verhältnismäßig hohen Lebenshaltungskosten besonders niedrig war: Wäh‐ rend in Bozen im Jahr 1900 das wöchentliche Durchschnittseinkommen von unselbständig Werktätigen 8,82 Gulden betrug, waren es in Vorarlberg nur 4,38 Gulden. 68 In der Folge der zyklisch auftretenden ökonomischen Krisen waren sie daher die ersten, die die finanzielle Not zu spüren bekamen. Kinderarbeit war in Vorarlberg auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch immer üblich. Kinder waren noch billigere Arbeitskräfte als Frauen. Trotzdem bildete insbesondere in armen Familien ihr Lohn einen wichtigen Teil des Familieneinkommens. Erst mit der Einführung des Reichsvolksschulgesetzes von 1869 kam eine öffentliche Diskussion über die Problematik der Kinderarbeit in Gang. Im Vordergrund standen hier allerdings nicht ungenügender Wissenserwerb oder versäumte Geistesbildung, sondern die physischen und sittlichen Schäden, welche sich durch harte Arbeit und moralische Vernachlässigung in Fabrik, Landwirtschaft und Stickerei ergaben. Allerdings hatten diese Debatten vorerst keine direkte Auswirkung auf die Realität - Kinderarbeit im Familienverband blieb bis weit ins 20.-Jahrhundert üblich. 69 Eine Versicherung im Erkrankungsfall war lange Zeit nicht gegeben. Erst ab 1859 wurden im Rahmen der Einführung der Gewerbeordnung 70 erste Betriebskrankenkassen gegründet, die allerdings keine einheitlichen Standards erreichten. Erst 1889 erfolgte die Einführung einer allgemeinen verpflichtenden Krankenversicherung für Arbeiter: innen und Angestellte in Industrie und Gewerbe. 71 24 Karin Schneider <?page no="25"?> November 2016, hg. von Jana O S T E R K A M P (Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum 39). Göttingen/ Bristol 2018, S.-23-53, hier S.-33-51. 72 Josef E H M E R , Heiratsverhalten, Sozialstruktur, ökonomischer Wandel. England und Mitteleuropa in der Formationsperiode des Kapitalismus (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 92). Göttingen 1991, S.-55-61. 73 K L E I N , Daten, S.-294. 74 Vgl. z.-B. die drastischen Berichte im Vorarlberger Volksblatt, 2.5.1871, S.-1-2. 75 Siehe hierzu den Beitrag von Simone Drechsel in diesem Band. Konnte sich eine Person nicht selbst erhalten, hatte sie ein Anrecht auf Almosen aus der Kasse ihrer Heimatgemeinde. Der Wert der Almosen variierte von Ort zu Ort und war nicht zuletzt vom Zustand der Gemeindekasse abhängig. Um die Ausgaben für mittellose Gemeindemitglieder niedrig zu halten, waren heiratswillige Paare seit 1820 in Tirol und Vorarlberg - gleich wie in anderen Kronländern - dazu verpflichtet, dem Pfarrer vor der Eheschließung einen politischen Ehekonsens vorzulegen. In dieser Bescheinigung erklärte die ausstellende Gemeinde, dass das Paar über ausreichend Vermögen beziehungsweise Einkommen zur Ernährung einer Familie verfügte. Obwohl der politische Ehekonsens im eigentlichen Sinn 1869 in den meisten Kronländern der Habsburgermonarchie abgeschafft wurde, blieb er unter anderem in Vorarlberg noch bis 1921 - wenn auch in abgemilderter Form - in Kraft. 72 Die eingangs skizzierten Wanderbewegungen von den ländlichen Gebieten in die indus‐ trialisierten Ballungsräume Vorarlbergs hatten auch Auswirkungen auf die Armenfürsorge. Arbeitsunfähige Personen wurden nämlich in ihre Heimatgemeinde abgeschoben, damit sie der dortigen Gemeindekasse zur Last fielen. Dennoch kam es im Rheintal und im Walgau zu einer massiven Verdichtung der Bevölkerung, mit welcher die Schaffung von Wohnraum nicht Schritt hielt. So verdoppelte sich die durchschnittliche Belegung eines Hauses in Bregenz zwischen 1823 und 1900 von 6 auf beinahe 13 Personen. 73 Entsprechend eng und gedrängt waren die Wohnverhältnisse jener, die nur einen geringen Mietzins zahlen konnten: Dunkle, feuchte Wohnstätten mit Schimmelbefall, die nur schwer zu heizen waren und in welchen die häufig kinderreichen Familien mehr hausten als lebten, waren keine Seltenheit. 74 Der größte Teil der Bevölkerung Vorarlbergs war allerdings gegen Ende des 19. Jahrhun‐ derts nicht in der Fabrik, sondern in der Landwirtschaft tätig. Die finanzielle Situation gestaltete sich für viele, wie bereits angedeutet, schwierig: Durch die Realteilung und die daraus folgende Besitzzersplitterung und Kleinteiligkeit der Höfe waren die bäuer‐ lichen Betriebe häufig überschuldet. Dazu kam ein Rückstand in der Modernisierung der Betriebsführung sowie ein mangelndes Angebot an öffentlichen beziehungsweise genossenschaftlichen Krediten. Diesem Mangel wurde erst in den 1890er-Jahren durch die Gründung der Hypothekenbank Vorarlberg sowie - unter Beteiligung von Johann Kohler 75 - von Spar- und Darlehenskassen nach dem Muster Raiffeisen begegnet. Nicht nur auf dem Sektor der Finanzen kam es gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu Verbesserungen in der Landwirtschaft. Auch im Produktionsbereich sind Reformen und der Ausbau von Fortbildungsmöglichkeiten zu beobachten. So nahm 1870 in Dornbirn die vom Landwirtschaftsverein initiierte Landwirtschaftliche Fortbildungsschule den Betrieb auf. In kostenlosen Vorträgen, die jedoch aufgrund der regen Teilnahme bald zu regulären Gesellschaft und Politik im Wandel 25 <?page no="26"?> 76 S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger, S.-248. 77 Ebenda, S.-249. 78 F E U R S T E I N , Wirtschaftsgeschichte, S.-333-334. 79 P I C H L E R , Das Land Vorarlberg, S.-43. 80 S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger, S.-249. 81 P I C H L E R , Das Land Vorarlberg, S.-44. 82 Ebenda, S.-40-41. 83 Wolfgang S C H E F F K N E C H T , Modernisierung und Verbürgerlichung: Lustenau 1860-1914. In: Stadt und Bürgertum im Bodenseeraum, hg. von A L B R I C H / M A T T / P L A T Z G U M M E R , S.-185-210, hier S.-187. Unterrichtsstunden umgewandelt wurden, konnten die Teilnehmer: innen nicht nur ihr Wissen über agrarische Themen, sondern auch in Rechnen, Geographie oder Naturkunde erweitern. Aufgrund des großen Erfolgs wurden ähnliche Einrichtungen in mehreren Ortsteilen Dornbirns errichtet. 76 Andere Initiativen widmeten sich wiederum der Verbesserung der Käserei sowie der Rinder- und Hühnerzucht. 77 1893 erfolgte in Dornbirn die Gründung einer Viehzuchtgenos‐ senschaft, welche sich dem Vorarlberger Braunvieh widmete. Diese Genossenschaft erwies sich als sehr erfolgreich: Im Jahr 1914 existierten bereits 39 Viehzuchtgenossenschaften in Vorarlberg. 78 Spezialisierungen erhöhten die Effizienz bäuerlicher Betriebe: Zahlreiche Landwirte/ Landwirtinnen insbesondere im Bregenzerwald und im Laibachtal fokussierten sich auf Milchwirtschaft und Käserei. Die Produkte waren nicht nur für den Eigengebrauch oder den lokalen Markt gedacht, sondern wurden ins Ausland, etwa nach Italien, expor‐ tiert. 79 Damit war der Grundstein für einen heute noch florierenden Handelszweig gelegt. Auch im Bereich Obst- und Gemüsebau wurden Akzente gesetzt: In Dornbirn fand 1880 ein Gemüsebaukurs statt, an welchem vorwiegend Frauen teilnahmen. 80 1889 folgte die Gründung eines Obstbauvereins, der Fortbildungskurse veranstaltete. Die Früchte sollten nicht mehr ausschließlich zur Erzeugung von Most Verwendung finden, sondern auch als Tafelobst geschätzt werden. 81 Doch trotz all dieser Initiativen zur Verbesserung der Lage der Landwirtschaft konnten nur etwa fünfzig Prozent der bäuerlichen Betriebe ohne Nebenerwerb durch ein Familienmitglied existieren. 82 Eine Möglichkeit des industriellen Nebenerwerbs stellte ab etwa 1870 insbesondere im Rheintal die Stickerei dar. Dieser Industriezweig war im Verlagswesen organisiert. Hinter dem Boom standen internationale Händler aus der Schweiz, welche ihre Produkte bis in die USA absetzten. Um die wachsende Nachfrage zu befriedigen, lieferten sie die notwendigen Rohstoffe über den Rhein. Es war nicht schwer, Sticker: innen zu finden: 1873 standen in Lustenau 26 Handstickmaschinen; 1885 waren es rund 700. Ab 1890 waren Schifflistickma‐ schinen mit mechanischem Antrieb und erheblich höherer Laufgeschwindigkeit im Einsatz. Auch ihre Zahl vermehrte sich rasant von etwa hundert Stück im Jahr 1900 auf 455 im Jahr 1914. 83 Diese beeindruckenden Zahlen spiegeln sich jedoch nicht im Einkommen der Sti‐ cker: innen wider - hohe Investitionen in moderne Maschinen drückten das Einkommen ebenso wie die sich ab 1883 durch Einfuhrbeschränkungen verschlechternden Absatzmög‐ lichkeiten in den USA. Zudem sind die gesundheitlichen Folgen der Arbeit an den Stick‐ maschinen zu bilanzieren: Tuberkulose grassierte unter den Arbeiter: innen und forderte ihre Opfer. Die Verbesserung der finanziellen, sozialen und gesundheitlichen Verhältnisse 26 Karin Schneider <?page no="27"?> 84 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-36. 85 Pieter M. J U D S O N , Habsburg. Geschichte eines Imperiums. 1740-1918. München 2 2017, S.-291-293. 86 Vgl. Einige Notizen, hg. von S C H N E I D E R , S.-109. 87 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-191-202; P I C H L E R , Das Land Vorarlberg, S.-76. 88 Einige Notizen, hg. von S C H N E I D E R , S.-109. 89 Ebenda. der Sticker: innen war der christlichsozialen Partei insbesondere im 20. Jahrhundert ein Anliegen. 84 3.2 Bildung Die Verbesserung von schulischer Bildung in der Habsburgermonarchie war eines der Ziele der liberalen Regierungen, die seit dem Ausgleich mit Ungarn 1867 im Amt waren. Sie waren der festen Überzeugung, dass sich das Leben der Bevölkerung und damit auch der Zustand der Gesamtgesellschaft durch die Verbreitung von Wissen verbessern würde. Als Ursache für die Unwissenheit breiter Kreise der Bevölkerung galt der Einfluss der als rückwärtsgewandt und irrational etikettierten katholischen Kirche. 85 In der Folge wurde 1869 das Reichsvolksschulgesetz erlassen, das die Mitspracherechte der Kirche drastisch beschnitt, und auf das in diesem Beitrag bereits verwiesen wurde. Die Umsetzung des Reichsvolksschulgesetzes verlief, wie bereits ausgeführt, nicht frikti‐ onsfrei. Auf der politischen Ebene beharrten katholisch-konservative Parteigänger auf dem Einfluss der Kirche auf das Schulwesen und protestierten in einigen Kronländern - unter ihnen auch Johann Kohler, der als ausgebildeter Lehrer im Vorarlberger Landtag in den 1870er- und 1880er-Jahren für die katholisch-konservative Partei für Schulangelegenheiten zuständig war. 86 Auf der Ebene der Bevölkerung kam es zu Protesten, in einigen Orten sogar, wie eingangs des Artikels beschrieben, zu Tumulten. Neben der Frage des kirchlichen Einflusses war die Dauer des Unterrichts ein zentraler Konfliktpunkt. Insbesondere die älteren Kinder wurden nämlich in den Sommermonaten (Mai, Juni, September) in ländlichen Gebieten für die Arbeit in der Landwirtschaft benötigt. Viele Eltern sahen nicht ein, warum sie auf deren Mitarbeit verzichten sollten und richteten - unterstützt von den überall im Land aktiven Bürgerkasinos - Petitionen an die Behörden. Auch die Gemeinden unterstützten diese Proteste, da auf sie höhere Ausgaben für Lehrpersonal und Unterrichtsraum zukamen. 87 Die Reform der Schulgesetzgebung war auch im Vorarlberger Landtag „eine der wich‐ tigsten Arbeiten“ 88 der katholisch-konservativen Partei. Diese war jedoch nicht von Erfolg gekrönt, weil man sich vorerst keine Spielräume innerhalb der bestehenden Gesetze zunutze machen wollte, sondern von der Maximalforderung eines grundlegenden neuen Gesetzes nicht abwich. Auch Johann Kohler zählte zu diesen Hardlinern. Seine Arbeit im Landtag wird von seinem Parteikollegen Martin Thurnher sarkastisch kommentiert: Johann Kohler „war der reinste Idealist. Unanfechtbare Ideale, schöne Reden, Beifall findende Berichte und der beste Wille fehlten bei ihm nie. Aber bei der praktischen Durchführung happerte [sic! ] es.“ 89 Die einzige Maßnahme, die der Landtag vorerst setzte, war die Besoldungserhöhung für Lehrpersonen. Die Kosten hierfür waren wie erwähnt durch die Gemeinden zu tragen. Um diese zu entlasten, gewährte der Vorarlberger Landtag Subven‐ Gesellschaft und Politik im Wandel 27 <?page no="28"?> 90 Ebenda, S.-106, 109. 91 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S. 76. 1883 war es zu einer Novellierung des Reichsvolksschulgesetzes gekommen, das einen solchen Schritt ermöglichte; vgl. Gesetz vom 2. Mai 1883 womit einige Bestimmungen des Gesetzes vom 14. Mai 1869 abgeändert werden, in: Gesetz- und Verordnungsblatt für die gefürstete Grafschaft Tirol und das Land Vorarlberg 1883, o. O, o.-J., S.-101-108, hier S.-104. 92 Einige Notizen, hg. von S C H N E I D E R , S.-105. 93 Zu politischen Konflikten um die Stella Matutina siehe W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-202-203. 94 Hubert W E I T E N S F E L D E R , Bregenz - Liberalismus und Tourismus am Bodensee. In: Kleinstadt-Bür‐ gertum in der Habsburgermonarchie 1862-1914, hg. von Peter U R B A N I T S C H / Hannes S T E K L (Bür‐ gertum in der Habsburgermonarchie 9). Wien/ Graz/ Weimar 2000, S.-171-216, hier S.-203. tionen. 90 Außerdem wurde 1884 die weitgehende Sommerschulbefreiung durchgesetzt. 91 Wenig später ermöglichte der Landtag jedoch zusätzlichen Unterricht, der sich inhaltlich allerdings an den Vorgaben der Kirche orientierte: Ab 1892 wurden Subventionen für die Einrichtung von Sonntagsschulen für Jugendliche vergeben. 92 Die kompromisslose Haltung der katholisch-konservativen Partei, die auf einem neuen Gesetz beharrte, änderte sich erst in den 1890er-Jahren mit dem bereits skizzierten Über‐ gang zur christlichsozialen Richtung. Nun wurde deutlich, dass die Partei innerhalb des be‐ stehenden gesetzlichen Rahmens durch die politischen Mehrheitsverhältnisse im Landtag die Kontrollgremien, wie etwa der Landesschulrat sowie die Ortsschulräte, dominieren und damit Einfluss auf die Auswahl der Lehrpersonen sowie die Unterrichtsgestaltung nehmen konnte. Unabhängig von den Aktivitäten des Landtags durchlief das Schulwesen in Vorarlberg in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen, denn staatliche und private Akteure setzten eigenständige Initiativen. Dadurch wurde einerseits das gesamte System ausgebaut, andererseits wurden differenzierte Schultypen eingerichtet. Gegen den Widerstand des konservativen Landtags kam es zu einer Reihe von Schulgrün‐ dungen. Dazu zählte etwa ein Gymnasium in Bregenz. Der liberale Bregenzer Stadtrat wünschte sich seit den 1870er-Jahren eine staatliche Schule dieses Typs in der Landeshaupt‐ stadt, denn das einzige andere Vollgymnasium im Land, die Stella Matutina, befand sich in Feldkirch. 93 In Wien stand man diesem Plan skeptisch gegenüber, denn das Ministerium für Cultus und Unterricht befürchtete eine Konkurrenz zwischen den beiden Bildungseinrich‐ tungen. Erst 1895 konnte der Plan zumindest teilweise mit der Eröffnung des Communal- Obergymnasiums Bregenz umgesetzt werden. Da Wien die Einrichtung einer staatlichen Einrichtung immer noch verweigerte, wurde die Schule als städtische Anstalt geführt. Ein Trägerverein unterstützte bedürftige Schüler, die sich den Schulbesuch nicht leisten konnten. Nach vier Jahren wurde eine Oberstufe eingerichtet, und die ersten Schüler maturierten 1903. Da die Stadt allerdings nicht in der Lage war, die hohen Kosten der Schule alleine zu tragen, subventionierte der Staat die Einrichtung ab der Jahrhundertwende mit 4.000 Kronen pro Jahr. 1907 erfolgte schließlich die Verstaatlichung der Schule, die heute den Namen Bundesgymnasium Blumenstraße trägt. 94 Das wirtschaftlich aufstrebende Vorarlberg benötigte jedoch nicht nur humanistisch ge‐ bildete Maturanten, die ihre Bildungslaufbahn mit einem Universitätsstudium abschlossen. Vielmehr waren auch junge Menschen gefragt, die ihre schulisch erworbenen Kompetenzen praktisch umsetzen konnten. Bereits in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts existierte daher in Dornbirn eine private „Fortbildungsschule“, die in den 1850er-Jahren 28 Karin Schneider <?page no="29"?> 95 S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger, S. 216-220; Wilhelm S T Ä R K , Geschichte der Dornbirner Realschule (1878-1950). Bregenz 1991, passim. 96 Zur Lehrerausbildung in der Präparandie vgl. die Erinnerungen von Martin Thurnher: Einige Notizen, hg. von S C H N E I D E R , S.-25-26. 97 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S. 207; So suchte er zu nützen eben, hg. von S C H N E I D E R , S. 107; Einige Notizen, hg. von S C H N E I D E R , S.-145; P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-76-77. 98 Die Verbissenheit, mit welcher diese Auseinandersetzungen geführt wurden, zeigt sich auch darin, dass katholisch-konservative Aktivisten die erste Gründungsversammlung des liberalen Lehrerver‐ eins sprengten; ausführlich beschrieben bei: Einige Notizen, hg. von S C H N E I D E R , S. 33-35; auch W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-204-207. 99 Einige Notizen, hg. von S C H N E I D E R , S.-35. durch die Gemeinde übernommen wurde. Nachdem dieser Einrichtung durch das 1869 erlassene Realschul-Gesetz die gesetzliche Grundlage entzogen worden war und sie ei‐ nige organisatorische Turbulenzen durchgestanden hatte, beschloss die Gemeinde die Neugründung der Schule. 1878 öffnete die maßgeblich durch Spenden von Firmen und Privatpersonen finanzierte Communal-Unterrealschule ihre Pforten. 1894 erfolgte der Ausbau zu einer vierstufigen Realschule, die 1901 vom Staat übernommen und bis 1903 zu einer siebenstufigen Oberrealschule ausgebaut wurde. 95 Heute trägt diese Schule den Namen Bundesgymnasium Dornbirn. Der liberalen Regierung in Wien war auch die Verbesserung der Lehrerausbildung ein Anliegen. 1869 wurde daher in Bregenz die dort bereits bestehende „Präparandie“ in ein staatliches Lehrerseminar umgewandelt. 96 Aufgrund abnehmender Studentenzahlen durch gezielten Boykott der katholisch-konservativen Anhänger wurde die Einrichtung 1888 ge‐ schlossen. Zugleich bereiteten die konservativen Agitatoren einen veritablen Coup vor: Um selbst Einfluss auf die Lehrerausbildung zu nehmen, lancierten sie unter der Schirmherr‐ schaft von Adolf Rhomberg, Johann Kohler und anderen führenden Landespolitikern die Gründung einer Lehrerbildungsanstalt in Tisis, die von den Schulbrüdern geleitet werden sollte. Die Finanzierung erfolgte über Spenden; der Landtag stellte zudem 10.000 Gulden zur Verfügung. Offiziell erfolgte die Gründung anlässlich des 40-jährigen Thronjubiläums von Kaiser Franz Joseph. 1894 wurde der Einrichtung das Öffentlichkeitsrecht verliehen. 97 So wie Lehrerbildungsanstalten miteinander in Konkurrenz standen, rivalisierten auch die Lehrervereine: 1868 wurde unter maßgeblicher Beteiligung Johann Kohlers der Katho‐ lisch-pädagogische Verein des Landes Vorarlberg ins Leben gerufen. Liberal ausgerichtete Lehrer fühlten sich von dieser Organisation nicht vertreten, so dass sie 1870 eine eigene As‐ soziation, den Vorarlberger Lehrerverein, gründeten, der 1871 bereits 140 Mitglieder zählte. In der Folge wurden der Verein und insbesondere dessen Proponenten im „Vorarlberger Volksblatt“ immer wieder heftig angefeindet, 98 was aber den Niedergang des konservativen Lehrervereins nicht verhindern konnte. 1896, nach der christlichsozialen Neuausrichtung der Partei, kam es zur Gründung eines neuen katholischen Lehrervereins für Vorarlberg. 99 Nicht nur das Schulwesen wurde ausgebaut. Auch Vereine wurden ins Leben gerufen, um den Bildungsstand der Bevölkerung zu heben. Dazu zählten etwa die bereits erwähnten landwirtschaftlichen Vereine ebenso wie Lesevereine. Auch zahlreiche Leihbibliotheken wurden in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts gegründet. Wie seine Jugendtagebücher nahelegen, war auch Johann Kohler ein begeisterter Leser, der seinen Lesestoff vermutlich Gesellschaft und Politik im Wandel 29 <?page no="30"?> 100 Siehe hierzu den Beitrag von Markus Wurzer in diesem Band. 101 S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger, S.-275. 102 Ebenda, S.-273. 103 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-74. 104 Ebenda, S.-46-47. 105 Ebenda. auch aus Leihbibliotheken bezog. 100 Diese Einrichtungen wurden von den konservativen Politikern sowie den Ortspfarrern trotzdem häufig kritisch beobachtet, da sich darin Bücher befinden konnten, welche den Lehren der Kirche widersprachen. Dazu gehörte etwa „Brehms Thierleben“, ein zoologisches Nachschlagewerk, dessen Erstauflage in den 1860er-Jahren in mehreren Bänden erschienen war. Der Stein des Anstoßes war der Umstand, dass hier die Darwin’sche Abstammungslehre vertreten wurde. Auch die beliebte Zeitschrift „Die Gartenlaube“ fand in den Augen der Kritiker keine Gnade, denn sie galt als Freimaurerblatt. 101 Daher legten auch konservative respektive christlichsoziale Vereine vermehrt eigene Büchersammlungen an. So sollte sichergestellt werden, dass die Bevölkerung die „richtigen“ Bücher las. Im Jahr 1900 gab es daher in Dornbirn fünf Bibliotheken, von denen sich allerdings keine einzige in öffentlicher Hand befand: Die (liberale) Volksbücherei in Oberdorf, die (liberale) Bibliothek des Konstitutionellen Vereins, die Bibliothek des Christlichen Arbeitervereins, die Bibliothek der Katholischen Gesellschaft und die Bibliothek des überparteilich ausgerichteten Lesevereins. 102 Um 1900 hatten sich Quantität und Qualität der Bildung in Vorarlberg im Vergleich zu früheren Jahrzehnten maßgeblich erhöht. Kaum ein anderer Bereich war jedoch in einem so großen Ausmaß politisch besetzt, und in kaum einem anderen Bereich kam es zu so zahlreichen Konflikten - so dass Meinrad Pichler in seinem Überblickswerk zur Geschichte Vorarlbergs im 19. und 20. Jahrhundert den Abschnitt zu diesem Thema nicht ohne Grund mit „Bildung-Bedenken“ betitelte. 103 3.3 Tourismus Johann Kohler konnte während seiner politisch aktiven Zeit das Aufblühen des Tourismus in Vorarlberg mitverfolgen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen immer mehr wohlhabende Städter: innen, den Sommer in den Bergen zu verbringen. Hier war die Luft sauber und frisch und die Temperaturen moderat. Zudem konnte in dieser Landschaft dem Alpinismus gefrönt werden. Wandern und Bergsteigen wurden beliebte Freizeitvergnügen und die Alpen eine internationale Destination für wagemutige Kletterer. In diesem Zu‐ sammenhang waren die Aktivitäten des 1862 gegründeten Österreichischen Alpenvereins (ab 1873 Deutscher und Österreichischer Alpenverein) von großer Bedeutung. Unter seiner Regie wurden Wanderwege im hochalpinen Gelände angelegt, Schutzhütten - beispielsweise 1871 jene am Lünersee - errichtet und Wanderführer publiziert. 104 Vorarlberg allerdings war aufgrund des fehlenden Bahnanschlusses lange kein primäres Tourismusziel. Das änderte sich erst ab dem Jahr 1872. Damals erschien „Aus der Firnen‐ welt“ des Alpenpioniers Johann Jakob Weilenmann, in welchem er den Rätikon, die Silvretta und das Verwall präsentierte. 105 Außerdem wurde, wie bereits erwähnt, die Vorarlbergbahn zwischen Lindau und Bludenz eröffnet. 30 Karin Schneider <?page no="31"?> 106 Herbert S O H M , Zur Geschichte des Fremdenverkehrs in Vorarlberg. Bregenz 1984, S.-145. 107 W E I T E N S F E L D E R , Bregenz, S.-177. 108 Ebenda, S.-174. 109 Ebenda. Die erste Vorarlberger Landesaustellung fand 1869 in Schwarzach statt und wurde vom Schwiegervater Johann Kohlers, dem Fabrikanten Gebhard Schwärzler, veranstaltet; vgl. dazu Hans K O H L E R , Zeitenwende. Gebhard Schwärzler. Ein Unternehmer des 19. Jahrhunderts (Institut für sozialwissenschaftliche Regionalforschung 15). Regensburg 2017, S.-89-97. 110 Dornbirn in Vorarlberg. Die Rappenlochschlucht und das Gütle bei Dornbirn, hg. vom V E R S C H Ö N E ‐ R U N G S - V E R E I N . Dornbirn 1894. Neben den Bergen entwickelte sich der Bodensee zu einem populären Reiseziel. In Bregenz stiegen die Nächtigungszahlen rasch an: 1887 wurden 18.000 Nächtigungen verzeichnet. 106 1904 hatte sich diese Zahl auf mehr als 26.000 erhöht. Dazu kam noch eine wachsende Zahl an Tagestourist: innen. 107 Maßgeblich für den Erfolg des Tourismus verantwortlich waren neben den überregio‐ nalen Aktivitäten des Alpenvereins die zahlreichen privaten Initiativen lokaler Geschäfts‐ leute und Unternehmer, die für den Ausbau der touristischen Infrastruktur sorgten, Beherbergungsbetriebe eröffneten, Naturschönheiten erschlossen und Spazierwege und Erholungsgebiete anlegen ließen. Große Bedeutung kam in diesem Zusammenhang den lokalen Verschönerungsvereinen zu. In Bregenz wurde 1871 als erster seiner Art in Tirol und Vorarlberg ein „Gemeinnütziger Verein“ zur Förderung des Tourismus und der Stadt gegründet. 1873 konstituierte sich außerdem ein privates Konsortium zur Erschließung des Pfänders und zur Errichtung eines Hotels auf dessen Anhöhe. Dieses konnte 1875 eröffnet werden, war aber finanziell gesehen kein Erfolg. 108 Stärker als die Berge um Bregenz stand der See im Blickpunkt der Tourismusentwickler: Bereits 1842 war im Zusammenhang mit der Errichtung des Hafens ein Spazierweg am Seeufer angelegt worden. Aus diesem Anfang entwickelten sich auf Initiative der Stadtverwaltung in den folgenden fünfzig Jahren die Seeanlagen mit ihren Promenaden und Blumenrabatten. Als wenig dekorativ erwiesen sich allerdings die Geleise der Vorarlberg‐ bahn, welche die Anlagen begrenzten und immer noch begrenzen. Das tat ihrer Beliebtheit aber keinen Abbruch: 1887 fand hier die Vorarlberger Landesausstellung statt, auf welcher Aussteller ihre Leistungen in Industrie, Gewerbe, Land- und Forstwirtschaft sowie Kunst und Kunstgewerbe präsentierten. 109 Doch auch in Orten, die weniger als Bregenz oder das Montafon als Tourismus-Hotspot prädestiniert waren, setzten engagierte Bürger: innen Maßnahmen zur Attraktivitätsstei‐ gerung. So wurden beispielsweise in Dornbirn seit 1875 in Zusammenarbeit mit dem Alpenverein markierte Wege angelegt und dadurch die Anhöhen rund um den Ort für den Tourismus erschlossen. Eine organisatorische Struktur erhielten diese Aktivitäten 1893 mit der Gründung des Verschönerungsvereins, der sich um den Ausbau der touris‐ tischen Infrastruktur ebenso bemühte wie um das entsprechende Marketing durch die Herausgabe von Broschüren und Reiseführern. Als besondere Attraktionen im 1894 ge‐ druckten Reiseführer wurden die Naturschönheiten des Ortes sowie dessen Modernität und „Industriosität“ hervorgehoben. Die wildromantische Rappenlochschlucht kontrastierte in diesem Zusammenhang mit den Industriebauten der Firma F.M. Hämmerle im Gütle sowie mit den gediegenen Fabrikantenvillen im Ortsteil Oberdorf und der monumentalen neoklassizistischen Kirche im Zentrum. 110 Gesellschaft und Politik im Wandel 31 <?page no="32"?> 111 S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger, S.-90. 112 S O H M , Zur Geschichte des Fremdenverkehrs, S.-26. 113 S C H N E I D E R , Dornbirner Bürger, S.-91. 114 Karin S C H N E I D E R , Zwischen Moderne und Tradition - Montafoner Gesellschaftsgeschichte im 20.-Jahrhundert. In: Montfort 71 (2019) 1, S.-19-39, hier S.-28. 115 Karin S C H N E I D E R / Silvia Maria E R B E R , Von der politischen Aktion zur letzten Ruhestätte. Feuerbestat‐ tung in Vorarlberg zwischen 1903 und 1938. In: Montfort 65 (2013) 2, S. 31-51, hier S. 33; Stefan S C H I M A , Die rechtliche Entwicklung des Bestattungswesens im Spannungsfeld zwischen Kirche und Staat. Das Tauziehen um das Suizidantenbegräbnis und der Konflikt um die Feuerbestattung. In: Freund Hein? Tod und Ritual, hg. von Wolfgang H A M T E R / Meta N I E D E R K O R N -B R U C K / Martin S C H E U T Z (Querschnitte 22). Innsbruck u.-a. 2007, S.-135-156, hier S.-149-154. Ein Ärgernis für die Dornbirner Touristiker waren nicht nur in visueller, sondern auch in olfaktorischer Hinsicht die das Straßenbild prägenden Misthäufen. Diese verfügten teilweise über keine Einfassung, so dass sich diverse Flüssigkeiten auf dem Pflaster verteilten. Dieser Missstand wurde jedoch - ebenfalls in visueller und olfaktorischer Hinsicht - durch die ab 1904 veranstalteten Blumenschmuck-Wettbewerbe sowie durch Sanierungsmaßnahmen in den Hintergrund gedrängt. 111 Doch nicht nur der Sommer-, sondern auch der Wintertourismus versprach lukrative Investments. 1907 wurde auf Initiative der Familie Hämmerle auf dem oberhalb von Dornbirn auf dem Gemeindegebiet von Schwarzenberg gelegenen Bödele der erste Skilift der Habsburgermonarchie errichtet. 112 Die Nächtigungszahlen spiegeln den Erfolg der Maßnahmen des Dornbirner Verschö‐ nerungsvereins wider: Während im Jahr 1894 noch 2.266 Nächtigungen gezählt wurden, waren es im Jahr 1900 bereits 4.038. In sechs Jahren konnte die Zahl der Übernachtungen um 78-Prozent erhöht werden. 113 Die steigende Zahl an Übernachtungsgästen brachte allerdings auch Konflikte mit sich. Insbesondere in ländlichen Regionen wie dem Montafon reagierten konservative Teile der Bevölkerung indigniert, wenn sie mit Gepflogenheiten konfrontiert wurden, welche in Städten oder industriellen Ballungszentren gang und gäbe waren. In der Zwischenkriegszeit etwa waren kurze Röcke und Bubikopf Erscheinungen, welche kontrovers aufgenommen wurden. 114 3.4 Feuerbestattung Die katholische Kirche - und damit wohl auch Johann Kohler - nahm zur Frage der Feuerbestattung bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil eine eindeutige Haltung ein: Jene Personen, die sich für eine Einäscherung entschieden, durften bei ihrem Ableben sowie bei der Beerdigung nicht mit religiösem Beistand rechnen. Diese rigide Haltung geht auf Papst Leo XIII. zurück, der 1886 damit argumentierte, dass diese Form der Bestattung ein Zeichen der Freimaurerei sei. 115 Nichtsdestotrotz war im Jahr 1885 in Wien der „Verein der Freunde der Feuerbestattung ‚Die Flamme‘“ gegründet worden. 1904 konstituierte sich der „Arbeiterzweigverein des Vereins der Freunde der Feuerbestattung ‚Die Flamme‘“, der im Gegensatz zum eher bürgerlich geprägten Hauptverein Arbeiter: innen ansprechen sollte. Zentrales Ziel des Feuerbestattungsvereins war die Errichtung eines Krematoriums in der Hauptstadt. Doch 32 Karin Schneider <?page no="33"?> 116 S C H N E I D E R / E R B E R , Von der politischen Aktion, S.-32. 117 Ebenda, S.-35. 118 Ebenda, S.-41. 119 Ebenda, S.-35. 120 Ebenda, S.-34, 43-46; auch S C H N E I D E R , Bludenz, S.-171-174. 121 Vgl. z.-B. Philipp B L O M , Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914. München 2 2011. erst 1922 erfolgte die Grundsteinlegung zum Bau auf dem Zentralfriedhof, der im folgenden Jahr eröffnet werden konnte. 116 In Vorarlberg wurde die Feuerbestattung erst wesentlich später ein Thema. Zentrum der Aktivitäten war einmal mehr Dornbirn. Hier initiierte der Rechtsanwalt Dr. Anton Zumtobel 1911 die Gründung des „Vereins der Freunde der Feuerbestattung“. Der Impuls für diese Gründung dürfte nicht von Wien ausgegangen sein. Der Vorarlberger Verein orientierte sich vielmehr am 1890 gegründeten Feuerbestattungsverein St. Gallen (Schweiz), der zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere tausend Mitglieder zählte. Die Dornbirner Vereinigung war überparteilich ausgerichtet: In ihren Reihen und auch im Vorstand fanden sich sowohl deutschnationale als auch sozialdemokratische Mitglieder; das soziale Milieu reichte von bürgerlich bis proletarisch. Die Mitgliederzahlen des Vorarlberger Vereins wuchsen rasch von sechzig zum Zeitpunkt der Gründung bis auf 101 im Jahr 1914 an. 117 Die Bestattungen fanden in jenen Jahren im Krematorium in St. Gallen statt, das 1903 in Betrieb genommen worden war und mit welchem ein Kooperationsvertrag bestand. Hier wurden in den Jahren zwischen 1908 und 1920 insgesamt zwanzig Personen eingeäschert, die zum Zeitpunkt ihres Todes den Wohnsitz in Vorarlberg hatten. Von diesen zwanzig Personen waren sieben in Vorarlberg geboren worden. Die Mehrzahl entstammte einem bürgerlichen Milieu und hatte zu Lebzeiten Berufe wie Fabrikant, Kaufmann, leitender Angestellter etc. ausgeübt. 118 Zu öffentlichen Kontroversen über die Feuerbestattung kam es in Vorarlberg erst nach dem Tod von Johann Kohler. Nach dem Ersten Weltkrieg errichtete der „Arbeiter-Feuer‐ bestattungsverein ‚Die Flamme‘“ sukzessive Filialvereine in Vorarlberg und organisierte das Feuerbestattungswesen im Land neu. 119 Ab 1924 erschienen in den Vorarlberger sozialdemo‐ kratischen und deutschnationalen Zeitungen Berichte, Todesanzeigen und Danksagungen, in welchen die Feuerbestattung thematisiert wurde. So entwickelte sich ein medialer Diskurs über die rechtlichen, politischen und moralischen Aspekte dieser Bestattungsform, an dem auch die katholischen Blätter beteiligt waren. 120 IV. Fazit Die Lebensspanne Johann Kohlers fällt in eine (gesellschafts-)politisch bewegte Epoche. Durch die industrielle Entwicklung, durch die bildungspolitischen Maßnahmen der libe‐ ralen Reichsregierung, durch die Einführung einer konstitutionellen Monarchie, durch die zunehmende politische Partizipation breiterer Schichten, durch die wachsende Mobilität der Bevölkerung in geographischer, aber auch sozialer Hinsicht, durch die Verbreitung neuer Ideen und Ideologien entfaltete sich innerhalb der Bevölkerung eine in diesem Ausmaß unbekannte Dynamik. 121 Gesellschaft und Politik im Wandel 33 <?page no="34"?> 122 Siehe hierzu den Beitrag von Nikolaus Hagen in diesem Band. Diese Dynamik wurde von einem starken demographischen Wachstum mitgetragen. Zu‐ gleich veränderte sich die Bevölkerungsstruktur: Menschen wanderten aus dem primären in den sekundären Sektor, Menschen wanderten aus abgelegenen Dörfern in industrielle Ballungszentren, Menschen wanderten aus anderen Regionen der Habsburgermonarchie nach Vorarlberg ein - und ein Teil der Einwohnerschaft Vorarlbergs wanderte nach Deutschland oder Übersee aus. Mit diesen Migrationsbewegungen gingen Veränderungen im Sprachgebrauch und in der konfessionellen Ausrichtung der Bevölkerung einher. Als einer der führenden Köpfe des konservativen Lagers stand Johann Kohler im Zentrum von politischen Prozessen, welche den Niedergang der Liberalen und den Auf‐ schwung der Konservativen in Vorarlberg nach sich zogen. Doch auch in innerparteiliche Konflikte war er involviert und in den Übergang von der katholisch-konservativen zur christlichsozialen Ausrichtung der Partei eingebunden. Gegen Ende seiner politischen Laufbahn musste er sich mit dem sich formierenden sozialdemokratischen Lager ausein‐ andersetzen. Zeit seines Lebens jedoch war er im politisch geprägten Vereinswesen - etwa dem Katholischen Lehrerverein oder dem Preßverein 122 - aktiv. Teilweise mit Unterstützung, teilweise gegen den Widerstand des Vorarlberger Landtags kamen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine Reihe gesellschaftspolitischer Entwicklungen zum Tragen, die das Profil des Landes als abgelegene, landwirtschaftlich dominierte Region nachhaltig änderten und bereits weit ins 20. Jahrhundert hinein ver‐ wiesen. Zahlreiche Infrastrukturprojekte wie Straßen- und Eisenbahnbau erleichterten nicht nur den Anschluss an das benachbarte Ausland, sondern förderten auch den Verkehr innerhalb des Landes und kamen damit der wirtschaftlichen Entwicklung zugute. Durch die zunehmende Industrialisierung und die Zunahme der Arbeitskräfte in diesem Sektor kam es aber auch zu einer Zunahme von sozialen Problemen. Allerdings bildete sich in Vorarlberg kein Proletariat, da ein großer Teil der Fabrikarbeiter: innen im Nebenerwerb in der Landwirtschaft tätig war. Die bäuerlichen Besitzungen waren häufig klein und versprengt und sicherten kaum das Überleben. Zwar verbesserten Initiativen wie Fortbil‐ dungskurse und genossenschaftliche Organisationen zur Kapitalaufbringung die Situation, doch konnten auch diese Maßnahmen die Abwanderung aus abgelegenen Bergdörfern nur eindämmen. Eines der politisch umstrittensten Felder der Zeit war der Bildungsbereich. Hier prallte der Wunsch der Liberalen nach einer von kirchlichem Einfluss freien (Volks)Schule auf die traditionellen Rechte der katholischen Kirche. Als Lehrer, der zudem innerhalb der katholisch-konservativen Partei für die Schulagenden verantwortlich war, stand Kohler im Zentrum dieser Diskurse. Die Konflikte um das 1869 erlassene Reichsvolksschulgesetz reichten vom Sitzungssaal des Reichsrats in Wien über die Landtage in den Kronländern bis auf die Ebene der Gemeinden. Die Konservativen in Vorarlberg rückten erst in den 1880er-Jahren von ihrem radikalen Verweigerungsstandpunkt ab und versuchten, durch schulische Gremien und Institutionen Einfluss auf das Schulwesen zu gewinnen. Zudem kam es in den Städten durch kommunale und private Initiativen zu einem Ausbau des höheren Schulwesens. Gymnasien und Realschulen wurden ins Leben gerufen, die im Laufe der Zeit durch den Staat übernommen wurden. Der Ausbau des Bibliothekswesens 34 Karin Schneider <?page no="35"?> 123 Siehe hierzu den Beitrag von Hans Kohler in diesem Band. 124 Edith H E S S E N B E R G E R , Erzählen vom Leben im 20.-Jahrhundert: Erinnerungspraxis und Erzähltraditi‐ onen in lebensgeschichtlichen Interviews am Beispiel der Region Montafon/ Vorarlberg. Innsbruck 2013, S.-353-365. 125 Siehe hierzu den Beitrag von Ingrid Böhler in diesem Band. ermöglichte einer immer größeren Zahl an Menschen, Literatur und Sachbücher zu lesen. An der Frage allerdings, was denn eine geeignete und wertvolle Lektüre sei, entzündeten sich erneut öffentliche Konflikte. Neue Ideen und Lebensentwürfe brachten jedoch nicht nur Bücher, sondern auch Tourist: innen nach Vorarlberg. Seit den 1870er-Jahren wurde die touristische Infrastruktur nicht nur am Bodensee und in den Bergen, sondern auch in den größeren Orten des Landes sukzessive ausgebaut. Die Naturschönheiten wurden erschlossen, Beherbergungsbetriebe eröffnet und Reiseführer veröffentlicht, in welchen auf architektonische Juwele hinge‐ wiesen wurde. Dazu zählte möglicherweise auch der von Johann Kohler in Schwarzach initiierte neue Kirchenbau. 123 Der Tourismus entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhun‐ derts zu einem veritablen Wirtschaftsfaktor, der in strukturschwachen Gebieten wie etwa dem Montafon den landwirtschaftlichen Betrieben ein wichtiges Zubrot lieferte. 124 Als Johann Kohler 1916 starb, eröffnete sich gerade ein neues Konfliktfeld, das den Umgang mit den sterblichen Überresten betraf: Seit 1911 existierte in Vorarlberg ein Feuerbestattungsverein, der - gegen den Widerstand der katholischen Kirche - diese neue Form der Bestattung propagierte. Es ist nicht bekannt, ob Johann Kohler sich aktiv an diesem Diskurs beteiligte. Seine Meinung zu dieser Frage steht aber aufgrund seiner politischen Grundsätze außer Zweifel und hätte sich wohl in vehementer Kritik geäußert. Er wurde jedenfalls in einem Erdgrab in Schwarzach bestattet. Mit all seinen verschiedenen Tätigkeiten in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft 125 trug Johann Kohler die eingangs festgestellte Dynamik in (gesellschafts-)politischen Fragen in Vorarlberg mit. Er beteiligte sich einmal mehr, einmal weniger an den Fragen, Diskursen und Konflikten, welche die Öffentlichkeit an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert prägten. Als Mensch und als Politiker beobachtete, kommentierte, lenkte und bremste er Entwicklungen, die Vorarlberg in die Moderne führten. Gesellschaft und Politik im Wandel 35 <?page no="37"?> 1 Johann Kohler +. Ein Charakterbild gezeichnet von J.[osef] W.[alser], Vorarlberger Volksblatt, 23.1.1917, S.-1-3; 26.1.1917, S.-1-4; 30.1.1917, S.-1-3; 2.2.1917, S.-1-2; 6.2.1917, S.-1-3. 2 Walser, Charakterbild, 4; Josef W A L S E R , Johann Kohler, ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg. Wien/ Innsbruck/ München 1918. 3 Ebenda, S.-5. 4 Ebenda, S.-9-38; die gesamte Biografie umfasst 93 Seiten. 5 Walser, Charakterbild, S.-4. 6 W A L S E R , Kohler, S.-24. Kulturkampf und Selbst Der junge Johann Kohler und sein Weltbild im Spiegel seiner Tagebücher 1863/ 64 bzw. 1864/ 65 Markus Wurzer Bald nachdem Johann Kohler am 23. November 1916 im 78. Lebensjahr verstorben war, ging Josef Walser, vormaliger Pfarrer von Schwarzach, daran die Lebensgeschichte des Verstorbenen zusammenzutragen. Diese veröffentlichte er zuerst ab 23. Jänner 1917 über mehrere Nummern hinweg im (konservativen) „Vorarlberger Volksblatt“, 1 ehe eine erwei‐ terte Fassung als Buch im Verlag Tyrolia im Oktober 1918 - also kurz vor Kriegsende - erschien. 2 Diese Biografie sollte nicht nur „das Andenken an den hochverdienten Mann im Volke befestigen“, sondern, Walsers Begleitwort zufolge, Kohler auch „allen Jünglingen und Männern als Ideal hinstellen“. 3 Wie bei solchen biografischen Werken üblich, schrieb Walser auch über Kohlers Kindheit und Jugend und widmete diesen Jahren - bezogen auf den Seitenumfang - einen großen Teil, nämlich ein Drittel seines Buches. 4 In der Beschreibung dieses Lebensabschnittes stützte sich der Autor, der mit Kohler selbst befreundet war, wie er angab, 5 neben anderen Materialien, auch auf zwei Tagebücher Johann Kohlers, die dieser in den Jahren 1863 bis 1865 geführt hatte. 6 Vermutlich hatte ihm die Familie Kohler die Tagebücher für sein schriftstellerisches Unterfangen überlassen. Die beiden Tagebücher des jungen Johann Kohler stehen im Zentrum des vorliegenden Beitrags. Zum einen sollen diese, die bis heute von dessen Nachkommen aufbewahrt werden, zum ersten Mal einer quellenkritischen Reflexion unterzogen und hinsichtlich ihrer Überlieferungsgeschichte sowie formaler, sprachlicher, inhaltlicher und funktionaler Aspekte analysiert werden. Zum anderen will der vorliegende Beitrag das (politische) Weltbild des jungen Kohler in den Blick nehmen. Die Fragestellungen lauten: Wie nahm dieser seine Umgebung wahr? Wie positionierte er sich zur Gesellschaft in politischen Fragen? Gibt sich in den Tagebüchern bereits ein konservativer Kohler zu erkennen oder war seine politische Zugehörigkeit noch fluide? <?page no="38"?> 7 Christa H Ä M M E R L E / Li G E R H A L T E R , Tagebuch - Geschlecht - Genre im 19. und 20. Jahrhundert. In: Krieg - Politik - Schreiben. Tagebücher von Frauen (1918-1950), hg. von Christa H Ä M M E R L E / Li G E R ‐ H A L T E R (L’Homme Schriften 21). Wien/ Köln/ Weimar 2015, S. 7-32, hier S. 24; eine Auswahl: Gerald L A M P R E C H T , Feldpost und Kriegserlebnis. Briefe als historisch-biographische Quelle. Innsbruck u. a. 2001; Sigrid W I S T H A L E R , Karl Außerhofer - Das Kriegstagebuch eines Soldaten im Ersten Weltkrieg (alpine space - man & environment 8). Innsbruck 2 2011; Isabelle B R A N D A U E R , „Der Krieg kennt kein Erbarmen.“ Die Tagebücher des Kaiserschützen Erich Mayr (1913-1920) (Erfahren - Erinnern - Bewahren/ fortan: EEB 2). Innsbruck 2013; Ronald P O S C H , Bauernopfer - Bauerntäter. Feldpostbriefe eines steirischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Phil. Diss. Graz 2013; Markus W U R Z E R , „Nachts hörten wir Hyänen und Schakale heulen“. Das Tagebuch eines Südtirolers aus dem Italienisch- Abessinischen Krieg 1935-1936 (EEB 6). Innsbruck 2016. 8 Etwa: Siegfried B E C K E R , Dienstherrschaft und Gesinde in Kurhessen. Das Tagebuch des Johann Heinrich Stingel zu Niederwalgern als Quelle zur Geschichte der Lebens- und Arbeitswelt unterbäu‐ erlicher Schichten im 19. Jahrhundert (Hessische Forschungen zur geschichtlichen Landes- und Volkskunde 22). Kassel 1991; Matthias E G G E R , „Für Gott, Kaiser und Vaterland zu Stehen oder zu Fallen…“ Die Aufzeichnungen Joseph Hundeggers aus dem Jahr 1848 (EEB 1). Innsbruck 2012; Oswald Ü B E R E G G E R , Mein Gröden. Die Tagebücher der Filomena Prinoth-Moroder (1885-1920) (EEB 7). Innsbruck 2018. 9 W A L S E R , Kohler, S.-11. 10 Vgl. den Beitrag von Karin Schneider in diesem Band. 11 Das zumindest ergab eine ausführliche Literaturrecherche für diesen Beitrag. 12 W U R Z E R , Hyänen, S.-17. Die Relevanz der Tagebücher für die Kohler-Forschung liegt damit auf der Hand: Ihr Quellenwert besteht vor allem darin, dass sie die Möglichkeit eröffnen, die Schlaglichter, die in diesem Band auf die verschiedenen Aspekte von Kohlers Biografie geworfen werden, zu ergänzen und sein frühes politisches Weltbild zu untersuchen. Darüber hinaus sind die Kohler-Tagebücher aber auch für die Selbstzeugnisforschung des 19.-Jahrhunderts relevant: Abseits der großen Kriege des 20.-Jahrhunderts sind die auf uns gekommenen Selbstzeugnisse ausgesprochen rar. Das gilt gerade für Friedenszeiten und periphere, landwirtschaftlich geprägte Räume. In diesen Zeiten und Räumen gab es für „einfache“ Menschen - sofern sie die Fähigkeit und Muße zum Schreiben besaßen - offenbar seltener den Anlass Tagebuch zu führen (oder diese eben aufzubewahren). 7 Vergleichbare Selbstzeugnisse aus ähnlicher Zeit wie Kohlers von „einfachen“ Personen stehen der Geschichtswissenschaft kaum zur Verfügung. 8 Umso höher ist der Quellenwert von Kohlers Tagebüchern einzuschätzen, da er nicht nur an einem geografischen „Rand“ der Habsburgermonarchie lebte, sondern auch aus bäuerlichen Verhältnissen stammte. 9 Die Ta‐ gebücher bieten die Möglichkeit zu untersuchen, wie ein historisches Individuum den sich anbahnenden Kulturkampf an der österreichisch-ungarischen Peripherie wahrgenommen hatte und wie er sich zu den beiden in den 1860er-Jahren zusehends sich formierenden Lagern - den Liberalen und Klerikalen - positionierte. 10 Historiografische Analysen zur Wahrnehmung des Kulturkampfes von „unten“ - also nicht aus der Perspektive eines Politikers oder Entscheidungsträgers - liegen bislang nicht vor. 11 Auf dieses Desiderat will der vorliegende Artikel ebenso aufmerksam machen. Seit der „Entdeckung“ von Selbstzeugnissen als Quellengattung in den 1980er-Jahren haben die kulturwissenschaftlich orientierten Geschichtswissenschaften ein ausgefeiltes Instrumentarium für ihre Erhebung, Auswahl und Analyse entwickelt. 12 Die methodologi‐ sche Vorgehensweise wird in Abschnitt 1 erörtert. Diesen Überlegungen folgend werden 38 Markus Wurzer <?page no="39"?> 13 Wolfram W E T T E , Militärgeschichte von unten. In: Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärge‐ schichte von unten, hg. von Wolfram W E T T E . München/ Zürich 2 1995, S. 9-50; B R A N D A U E R , Krieg, S.-28. 14 Eckhart H E N N I N G , Selbstzeugnisse. Quellenwert und Quellenkritik. Dillenburg 2012, S.-8-9. 15 Ich habe an anderer Stelle ausführliche quellenkritische Reflexionen zur Quellengattung des Tage‐ buchs angestellt. Diese Passage orientiert sich stark an W U R Z E R , Hyänen, S.-22-24. 16 Fritz F E L L N E R , Der Krieg in den Tagebüchern und Briefen. Überlegungen zu einer wenig genützten Quellenart. In: Österreich und der Große Krieg 1914-1918. Die andere Seite der Geschichte, hg.von Klaus A M A N N / Hubert L E N G A U E R . Wien 1989, S. 205-213, hier S. 206; Isabelle B R A N D A U E R , Die Kriegs‐ tagebücher der Brüder Erich und Rudolf Mayr. Kriegserfahrungen an der Südwestfront im Vergleich. In: Jenseits des Schützengrabens. Der Erste Weltkrieg im Osten: Erfahrung - Wahrnehmung - Kontext, hg. von Bernhard B A C H I N G E R / Wolfram D O R N I K (Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann- Instituts für Kriegsfolgen-Forschung 14). Innsbruck/ Wien/ Bozen 2013, S.-244-265, hier S.-244. 17 W I S T H A L E R , Außerhofer, S.-5-6. anschließend die Biografie des jungen Kohler (Kapitel 2) rekapituliert und in Kapitel 3 die Überlieferungsgeschichte sowie formale, sprachliche, inhaltliche und funktionale Aspekte der Tagebücher untersucht. Im vierten Abschnitt nimmt der Beitrag Johann Kohlers (politisches) Weltbild in den Blick. Ein Fazit versammelt die zentralen Resultate der Analyse. I. Methodisch-theoretische Überlegungen: Tagebücher und die Geschichte von „unten“ Seit den 1980er-Jahren entwickelten die kulturwissenschaftlich informierten Geschichts‐ wissenschaften - im Gegensatz zur Institutionen-, Ideologie- oder Sozialgeschichte, die sich entweder für Entscheidungsträger oder Kollektive interessierte - zusehends ein Erkenntnisinteresse für das Erleben, die Erfahrungen, das Denken und Handeln „einfacher“ Menschen und für ihren spezifischen Blick von „unten“. 13 Ermöglicht wurde dieser Per‐ spektivenwechsel durch die Neubewertung des Quellenwerts von Tagebüchern: Lange Zeit ignoriert, erkannten HistorikerInnen nun, dass sie die Möglichkeit eröffneten, Denk- und Verhaltensmuster historischer Subjekte zum historischen Erkenntnisinteresse zu machen. 14 Tagebücher werden zur Quellengattung der Selbstzeugnisse gezählt. 15 Die Definition als Textsorte erweist sich als herausfordernd: Tagebücher weisen in Form, Inhalt und Funktion mitunter große Unterschiede auf, da die soziale Position der Schreibenden deren Schreibpraxis ganz wesentlich determiniert. 16 Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten, die für Tagebücher generell gelten: Sie sind durch regelmäßiges und chronologisches Erzählen sowie das deutliche Trennen der einzelnen Aufzeichnungseinheiten gekennzeichnet. Aus zeitlich-inhaltlicher Perspektive handelt es sich allgemein gesprochen um kontinuierliche, oft tägliche Eintragungen über Beobachtetes, Erlebtes oder Erfahrenes aus einem subjek‐ tiven Blickwinkel, das innerhalb eines Aufzeichnungszeitraumes in Erscheinung tritt. Die zeitliche Distanz zwischen Erlebtem und Formuliertem kann dabei unterschiedlich groß sein: Es können sowohl mehrere Eintragungen an einem Tag gemacht, als auch Sammeleinträge für mehrere Tage vorgenommen werden. Auch die inhaltliche Varianz ist groß: Öffentliches, politisches Geschehen kann genauso zum Thema werden wie persönliche und intime Vorkommnisse. 17 Entscheidend für die Quellengattung Tagebuch ist, dass die Verschriftlichung stets unmittelbar passiert und die Erfahrung nicht durch nachfolgende Erlebnisse verformt Kulturkampf und Selbst 39 <?page no="40"?> 18 H E N N I N G , Selbstzeugnisse, S.-16. 19 Peter B O E R N E R , Tagebuch. Stuttgart 1969, S.-60. 20 B R A N D A U E R , Kriegstagebücher, S.-245. 21 Bernhard B A C H I N G E R / Wolfram D O R N I K , Jenseits des Schützengraben-Narrativs? Einleitende Bemer‐ kungen über Kriegserfahrung und Kriegserinnerung an der Ostfront im Vergleich. In: Schützengra‐ bens, hg. von B A C H I N G E R / D O R N I K , S.-11-26, hier S.-16-17; B R A N D A U E R , Kriegstagebücher, S.-247. 22 H E N N I N G , Selbstzeugnisse, S.-19. 23 B R A N D A U E R , Kriegstagebücher, S.-264. 24 Ebenda. 25 W I S T H A L E R , Außerhofer, S.-5-7. 26 B R A N D A U E R , Kriegstagebücher, S. 245; Wolfram D O R N I K , „Ganz in den Rahmen dieses Bildes hinein passt auch die Bevölkerung“. Raumerfahrung und Raumwahrnehmung von österreichisch-ungari‐ schen Soldaten an der Ostfront des Ersten Weltkrieges. In: Schützengraben, hg. von B A C H I N G E R / D O R N I K , S.-7-43, hier S.-42. 27 B R A N D A U E R , Kriegstagebücher, S.-245. wird. Das Tagebuch weist so eine „offene“ Form auf, 18 die durch die „Autonomie des Augen‐ blicks“ 19 charakterisiert ist. Durch den unmittelbaren Schreibprozess fehlen retrospektive Lebenserfahrungen. 20 Trotz der Nähe des Tagebuchs zum Erlebten ist zu bedenken, dass das Schreiben Einflüssen wie (Fremdund) Selbstzensur sowie den Konventionen nichtliterarischen Erzählens unterworfen ist. Dementsprechend bleiben manche Eindrücke von der sprachlichen Realisierung ausgenommen, während andere hervorgehoben werden. 21 Die Tagebuchinhalte erscheinen daher fragmentarisch, unsystematisch und nicht arran‐ giert. Sie spiegeln Einzelheiten und geben keine Gesamtschauen wider, 22 „präsentieren ‚gewesenes Präsens‘ in Form einer Momentanaufnahme“ 23 und eröffnen so den Blick auf die Verschmelzung von historischen Prozessen in Individuen. 24 Darin liegt schließlich auch der Unterschied zur Autobiografie. Der Gegensatz zum Brief liegt anderweitig begründet: Während der Brief an bestimmte Personen adressiert wird, richten Tagebuchschreibende für gewöhnlich ihre Worte an sich selbst. Daraus folgt, dass dem Tagebuch ein spezieller Duktus zu eigen ist: Sprachliche Realisierungen bleiben implizit, da sich die DiaristInnen niemandem erklären müssen. Gedankensprünge und elliptische Konstruktionen charakterisieren den Text. 25 Tagebücher sind für gewöhnlich als Gedächtnisstützen, zur Strukturierung und Dokumentation von Ereignissen oder als Ventil, um Spannungen und Sorgen zu kommunizieren, funktionalisiert. 26 Im Hinblick auf den Quellenwert von Tagebüchern gilt es Folgendes im Hinterkopf zu behalten: Einerseits geschieht die sprachliche Realisierung trotz zeitlicher Nähe zum Er‐ lebten selektiv und zufällig. Außerdem ist die Schreibpraxis durch die kurzen Schreibzeiten und die begrenzten Schreibräume, die den Schreibenden für gewöhnlich zur Verfügung stehen, geprägt. Andererseits kann das Aufgezeichnete keinen absoluten Einblick in die Gedankenwelt der schreibenden Person geben. Tagebücher verzeichnen nur Ausschnitte, einzelne Gedanken und Beobachtungen, die als aufzeichnungswürdig und als schreibbar erachtet werden. Schließlich gilt es stets zu bedenken, woher Schreibende ihre Informa‐ tionen beziehen. 27 40 Markus Wurzer <?page no="41"?> 28 Klaus L A T Z E L , Vom Kriegserlebnis zur Kriegserfahrung. Theoretische und methodische Überle‐ gungen zur erfahrungsgeschichtlichen Untersuchung von Feldpostbriefen. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 56 (1997), S.-1-30, hier S.-14. 29 Mit methodologischen Fragen in Bezug auf die Analyse von Selbstzeugnissen habe ich mich an anderen Stellen bereits ausgiebig auseinandergesetzt. Der folgende Abschnitt orientiert sich deshalb passagenweise stark an: Markus W U R Z E R , „Reisebuch nach Afrika“. Koloniale Erzählungen zu Gewalt, Fremdheit und Selbst von Südtiroler Soldaten im Abessinienkrieg. In: Geschichte und Region/ Storia e regione 25 (2015) 1, S.-68-94; sowie W U R Z E R , Hyänen, S.-17-24. 30 Thiemo B R E Y E R / Daniel C R E U T Z , Historische Erfahrung. Ein phänomenologisches Schichtenmodell. In: Erfahrung und Geschichte. Historische Sinnbildung in Pränarrativen, hg. von Thiemo B R E Y E R (Narratologia 23). Berlin 2010, S.-332-365. 31 Reinhart K O S E L L E C K , Zeitschichten. Studien zur Historik. Frankfurt 2000, S. 265-266; Koselleck stellt seine Überlegungen vor allen Dingen im Hinblick auf Kriegserfahrung an. Für den vorliegenden Beitrag habe ich Kosellecks Prämissen für den spezifischen Kontext der Kohler-Tagebücher adaptiert. 32 Ebenda, S.-67. 33 Koselleck stellte seine Überlegungen nicht in spezifischer Weise im Hinblick auf die Verschriftlichung von Erfahrungen an. 34 F E L L N E R , Krieg, S.-206. Unter Erfahrung sei hier im Folgenden die erfolgreiche Interpretation von passiv oder aktiv Erlebtem zu verstehen. 28 Um analysieren zu können, wie sie sich in Tagebüchern manifestiert, bedient sich der vorliegende Beitrag des wohlerprobten Schichtenmodells von Thiemo Breyer und Daniel Creutz, 29 die dieses auf Grundlage von Reinhart Kosellecks „Zeitschichten“ entwickelten. 30 Dieser geht von zwei Prämissen aus: Einerseits markieren Ereignisse wie Kriege oder einschneidende politische Entwicklungen biografische Zäsuren und lösen Erfahrungsschübe aus; andererseits nehmen Menschen ihre Umwelt auf ganz unterschiedliche Weise wahr, sodass es nicht die eine homogene, sondern nur ausgespro‐ chen heterogene Erfahrungswelten gibt. 31 Wie ein Erlebnis allerdings gedeutet wird, hängt laut Koselleck von drei Faktoren ab: ers‐ tens von bewusstseinsprägenden Aspekten wie Alter/ Generation, Geschlecht, sozio-öko‐ nomischen, religiösen, sprachlichen und politischen Zugehörigkeiten. Die beiden übrigen Faktoren erkennt Koselleck in der Ereignisstruktur der „äußeren“ Verhältnisse sowie in der spezifischen Funktion eines Individuums darin. 32 Übertragen auf das Erkenntnisinteresse dieses Beitrags, Kohlers politisches Weltbild, bedeutet das, dass die politische Ereignis‐ struktur der Jahre 1863 bis 1865 (und wenige Jahre davor) sowie seine politikbezogene Funktion während dieser Zeit das, was und wie er es wahrnahm, mitbestimmte. Für Kohler ist die Ereignisstruktur wesentlich durch den sich anbahnenden Kulturkampf zwischen Liberalen und Klerikalen determiniert. Was seine Funktion betrifft, so war er, wie noch zu zeigen sein wird, zwar (noch) kein politischer Funktionär; als Lehrer war er aber an einem der am heißesten umstrittenen „Orte“ des Kulturkampfes, nämlich im Bildungsbereich, tätig. Der Schreibprozess, das hat sich bereits in den quellenkritischen Reflexionen angedeutet, fungiert als ein vierter Filter, den Koselleck in seinen Überlegungen allerdings nicht inklu‐ diert hatte. 33 Nichtsdestotrotz ist es essentiell, festzuhalten, dass Form, Inhalt und Funktion eines Tagebuchs maßgeblich von der sozialen Position der Schreibenden abhängen. 34 Dementsprechend wird im nächsten Abschnitt die Biografie des jungen Kohlers soweit Kulturkampf und Selbst 41 <?page no="42"?> 35 Ebenda, S.-207. 36 W I S T H A L E R , Außerhofer, S.-18-20. 37 Ludwig W E L T I , Johann Kohler. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950 (ÖBL 4). Wien 1969, S.-61-62. 38 Beispielsweise W A L S E R , Kohler, S.-17. 39 Ebenda, S.-78, 80, 86. 40 Ich danke Hans Kohler für diesen Hinweis; E-Mail von Hans Kohler an den Autor, 28.10.2020, Kopie beim Autor. 41 Privatarchiv Hans Kohler, Kohlersche Hauschronik (im Folgenden Hauschronik), fortlaufend geführt ab 1869 bis 1911; ab Seite 200 wirft Kohler im Anmerkungsteil einen Blick zurück auf seine Kindheit, Jugend sowie sein junges Erwachsenenalter bis ins Jahr 1869. In diesem Jahr setzt die fortlaufend geführte Chronik anlässlich seiner zweiten Eheschließung mit Maria Anna Franziska Schwärzler ein. Zu methodologischen Reflexionen über Johann Kohler als Schreiber der Hauschronik siehe den Beitrag von Margret Friedrich in diesem Band. als nötig rekapituliert. Dabei sollen die ins Treffen geführten Filter ausreichend elaboriert werden. Die methodisch-theoretischen Überlegungen haben vor Augen geführt, dass es außer‐ halb der Möglichkeiten der Quelle liegt, ein vollständiges Abbild der Gedanken und Deutungen eines Individuums sowie von Tagesereignissen zu geben. Wenn überhaupt, präsentiert sie - abhängig von den vier genannten, synchron wirkenden Faktoren - ein verkürztes, selektiertes Abbild der Lebenswelt. Schließlich hängt der Quellenwert eines Tagebuchs naturgemäß in erster Linie von den Fragestellungen ab, die an es herangetragen werden: Während diese „Augenblicksfotografien“ 35 für eine Beschäftigung mit der Erfah‐ rungsgeschichte eines Individuums herangezogen werden können, eignen sie sich nur unter Vorbehalt für die Rekonstruktion von Ereignissen. 36 II. Der junge Kohler 1839-1865 Die bislang erschienene Literatur zur Biografie Kohlers ist dürftig. Vor über fünfzig Jahren widmete der Vorarlberger Archivar und Historiker Ludwig Welti Kohler einen Beitrag im „Österreichischen Biographischen Lexikon“. Dieser ist - ob seiner Kürze - gerade im Hinblick auf Kohlers Jugend und junges Erwachsenenalter kaum hilfreich. Welti stützte seinen Eintrag auf einen Zeitungsartikel, der kurz nach Kohlers Tod erschienen war, den „Reichsraths-Almanach“ von Sigmund Hahn aus 1891 und im Besonderen auf das bereits eingangs erwähnte biografische Werk Josef Walsers (1918). 37 Letzteres ist bis dato die umfangreichste Lebensgeschichte Kohlers. Auch wenn das Werk kein Literatur- oder Quellenverzeichnis führt, machte der Autor im Fließtext an manchen Stellen transparent, woher er seine Informationen bezogen hatte. Als Schwarzacher zehrte er nicht nur von ei‐ genen Erinnerungen, sondern befragte auch WeggefährtInnen Kohlers, wie beispielsweise ehemalige SchülerInnen. 38 Außerdem standen ihm neben den Tagbüchern noch weitere schriftliche Zeugnisse von Kohler, wie die von ihm ab 1869 verfasste Hauschronik sowie Briefe und ein Merkbüchlein, zur Verfügung. 39 Viele Materialien, die Walser noch vorlagen, sind heute für die Forschung allerdings verloren. 40 Um biografische Schlaglichter auf das Leben des jungen Kohlers werfen zu können, bleiben so neben überlieferten Tagebüchern nur die Hauschronik, in der Kohler 1869 autobiografisch einen kurzen Blick zurückwarf, 41 sowie die Biografie Walsers. Gerade 42 Markus Wurzer <?page no="43"?> 42 W A L S E R , Kohler, S.-5. 43 Beispielsweise ebenda, S.-12, 14, 16. 44 Ebenda, S.-10. 45 Hauschronik, S.-200-202. 46 W A L S E R , Kohler, S.-11. 47 Ebenda, S.-13. 48 Hauschronik, S.-200-202; W A L S E R , Kohler, S.-14. 49 Ebenda, S.-13. 50 Ebenda, S.-21. 51 Hauschronik, S.-200-202; W A L S E R , Kohler, S.-16-17, 21. 52 Ebenda, S.-17. letztere ist mit Behutsamkeit zu verwenden, verfolgte der Autor doch - wie er im Vorwort zu erkennen gibt - die Absicht, Heranwachsenden Kohler als männliches, konservativkatholisches „Ideal“ 42 zu präsentieren. Besonders der Abschnitt zu Kindheit und Jugend ist dabei mitunter mit nicht weiter belegbaren, fast mythenhaften Anekdoten versehen, die Walser von WeggefährtInnen zugetragen worden waren. Auch wenn der Autor sie als solche kennzeichnete, 43 so erfüllten sie innerhalb der Biografie doch die Funktion, zu belegen, dass Kohler von Kindesbeinen an über beachtenswerte Charakterzüge verfügt habe und sein besonderer Lebensweg geradezu schicksalhaft vorgegeben gewesen sei. Wie verbrachte Johann Kohler nun seine ersten 26 Lebensjahre? Er wurde am 7. September 1839 in Egg in Vorarlberg, das zu dieser Zeit mit rund 2.000 EinwohnerInnen die größte Ortschaft im Bregenzerwald gewesen war, 44 als ältestes von vier Kindern geboren. 45 Sein Vater Kaspar war Bauer und betrieb zusätzlich eine Stickferggerei. „Zu den Großen des Waldes“ 46 habe er Josef Walser zufolge allerdings nicht gehört. Seine Mutter Anna Flatz wiederum war Näherin. Johann wuchs in einem bäuerlichen Umfeld auf. Er besuchte durchgehend für acht Jahre die Volksschule in Egg. Dekan Josef Stöckler als auch sein Lehrer, Kaspar Ignaz Hammerer, sollen ihn in dieser Zeit wesentlich geprägt haben. 47 Gerade letzterer würde sich - wie noch zu zeigen sein wird - als besonderer Förderer des jungen Kohler erweisen. Nach der Absolvierung der Volksschule wurde die bäuerliche Arbeit, in die er seit seiner Kindheit - wie damals üblich - involviert war, am elterlichen Hof und im Dienste anderer Bauern zu seiner Hauptbeschäftigung. 48 Allerdings besuchte er, wie auch andere Jugendliche seines Alters in Egg, nach der Volksdie Sonntagsschule. 49 Lehrer Hammerer, der zu dieser Zeit auch Vorsteher der Gemeinde Egg war, beschäftigte Kohler nach Beendigung der Volksschule in seiner Schreibstube, sodass dieser bald zur „rechte[n] Hand des Vorstehers“ 50 geworden sei. Gleichzeitig fasste ihn Hammerer ins Auge, um ihn als Volksschullehrer zu „beerben“. So schickte die Gemeindevertretung den damals erst 16-jährigen Kohler 1855 nach Bregenz, um dort den neunmonatigen Kurs für Landschullehrer an der k. k. Kreis-Hauptschule zu besuchen. Dort soll er Walser zufolge auch seine Vorliebe für das Zeichnen und Lesen als Freizeitbeschäftigungen entwickelt haben. Nach seiner Rückkehr wurde er als Gehilfe an der Volksschule Egg angestellt. Er unterrichtete zunächst für zwei Schuljahre die 1. Klasse und sodann von 1858 bis 1869 durchgehend die 2. Klasse. 51 1859 legte er die Lehrbefähigungsprüfung in Bregenz ab. 52 Als Lehrer war Kohler nun ausgerechnet in einem Feld tätig, das zu dieser Zeit wie kaum ein anderes politisiert und somit zu einem der wichtigsten Schauplätze der sich Kulturkampf und Selbst 43 <?page no="44"?> 53 Hubert W E I T E N S F E L D E R , „Römlinge“ und „Preußenseuchler“. Konservativ-Christlichsoziale, Liberal- Deutschnationale und der Kulturkampf in Vorarlberg, 1860 bis 1914 (Schriftenreihe des Instituts für Österreichkunde). Wien/ Köln/ Weimar 2008, S. 233; Weitensfelder schlägt ob der Vielfalt der Konflikte vor, von „Kulturkämpfen“ statt von „Kulturkampf “ zu sprechen. 54 Ebenda, S.-191-211. 55 Ebenda, S.-17-18, 230-232. 56 Der Dekorationsmaler war ein Kunsthandwerker, der als selbstständiger Subunternehmer des Historienmalers den dekorativen Rahmen für dessen Bildmotive schuf. 57 Hauschronik, S. 200-202; für Kohlers künstlerisches Schaffen und Stationen als Dekorationsmaler siehe den Beitrag von Hans Kohler in diesem Band. 58 W A L S E R , Kohler, S. 21, 39; Hauschronik, S.-200-202. 59 Für seine weitere Karriere als Lokalpolitiker sowie als Abgeordneter zum Vorarlberger Landtag und Reichsrat siehe Severin Holzknechts Beiträge in diesem Band. ankündigenden Kulturkämpfe 53 wurde. Beide politischen Lager formierten sich ab den 1860er-Jahren. Die Auseinandersetzungen, die sie ausfochten, betrafen vor allem die Verteilung wichtiger Kompetenzbereiche wie Erziehung und Eheschließung zwischen modernem Staat und katholischer Kirche. 54 Während die Liberalen den Einfluss der Kirche in diesen Bereichen zugunsten eines starken Staates zurückdrängen wollten, suchten die Konservativen eben diesen zu verteidigen. Der Lagerbildung entsprechend waren die Kulturkämpfe auch ein Konflikt zwischen Stadt und Land, begüterten bildungsnahen und ärmeren bildungsfernen Schichten sowie zwischen nicht-bäuerlicher und bäuerlicher Kultur. Dieser Konflikt um die politische Neugestaltung Österreichs blieb nicht auf die „höhere“ Politik beschränkt, sondern politisierte den Alltag „einfacher“ Menschen Hubert Weitensfelder zufolge in nie zuvor dagewesener Weise. 55 Kohler blieb als Lehrer von diesen Deutungskämpfen nicht verschont. Wie er sich zu diesen frühen Kulturkämpfen in seinem Tagebuch positionierte, ist Gegenstand von Kapitel 5. Kohlers Lehrtätigkeit beschränkte sich, wie in damaligen Landschulen üblich, aus‐ schließlich auf die Wintermonate, da die Kinder im Sommer und Herbst in die landwirt‐ schaftliche Arbeit involviert waren. Den Sommer verbrachte Kohler selbst damit. Dies änderte sich 1858: Der mittlerweile 19-Jährige engagierte sich als Gehilfe beim Ausmalen der Pfarrkirche Egg. Die folgenden sieben Sommer bis 1866 war Kohler sodann als selbstständiger Dekorationsmaler 56 in Vorarlberg und Tirol tätig und übernahm Aufträge für das Ausmalen von Kirchen, Arkaden und Kapellen. 57 Über den Zeitraum hinweg, in dem er die beiden Tagebücher von 1863 bis 1865 führte, war Kohler also einerseits während der Wintermonate als Lehrer und Schreiber in der Gemeindeverwaltung sowie im Sommer als Dekorationsmaler beschäftigt gewesen. Als Johann Kohler 1866 Maria Theresia Ritter heiratete und eine Familie gründete, gab er das Kunstgewerbe, das mit stetigem Reisen während der Sommermonate verbunden war, auf und war fortan nur noch als Lehrer sowie in der Gemeindeverwaltung von Egg tätig. Bereits wenige Monate nach der Trauung und wenige Tage nach der Geburt des ersten Sohnes Johann Pius verstarb allerdings Maria Theresia 1867. Im selben Jahr noch wurde Johann 28-jährig in Egg Gemeinderat, 58 womit auch seine Karriere als politischer Funktionär begann, die ihn letztlich über den Landtag in Vorarlberg bis in den Reichstag nach Wien führen sollte. 59 44 Markus Wurzer <?page no="45"?> 60 W A L S E R , Kohler, S. 39, 100-104; Hauschronik, S. 1; vertiefend für Kohler als Kaufmann siehe den Beitrag Ingrid Böhlers in diesem Band. 61 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-230, 232. 62 Für die umstrittene Medienlandschaft Vorarlbergs siehe den Beitrag von Nikolaus Hagen in diesem Band. 63 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-18-19. 64 Ebenda, S.-230-232; siehe dazu auch den Beitrag von Karin Schneider in diesem Band. 65 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-230-232. 66 Siehe dazu die Beiträge von Karin Schneider und Severin Holzknecht in diesem Band. 67 In diesen Kasinos organisierte sich die katholisch-konservative Bewegung ab 1866 vereinsmäßig. 68 Siehe dazu den Beitrag von Karin Schneider in diesem Band. 69 W A L S E R , Kohler, S.-39. Im Mai 1869 heiratete Kohler ein zweites Mal, nämlich Anna Schwärzler, die Tochter des Fabrikanten Gebhard Schwärzler, und bezog mit dieser ein neues Heim in Schwarzach. Der Ehe entsprangen zwölf Kinder. Mit der Heirat verbunden war auch eine berufliche Veränderung: Kohler gab den Lehrberuf auf und wurde Kaufmann. 60 Zu dieser Zeit hatten die Kulturkämpfe Vorarlberg bereits fest im Griff: Nach dem liberalen Lager begann sich auch das konservative mit etwas Verspätung in Vereinen zu organisieren. 61 Zeitungen wurden als politische Sprachrohre gegründet bzw. vereinnahmt. 62 In den westlichen Kronländern versuchten beispielsweise die neu gegründeten, konserva‐ tiven Blätter wie die „Tiroler Stimmen“ (1861), das „Tiroler Volksblatt“ (1862) und das „Vorarlberger Volksblatt“ (1866) den liberalen „Platzhirschen“ wie der „Feldkircher Zeitung“ (1861) und den „Innsbrucker Nachrichten“ (1854) die Deutungshoheit streitig zu machen. 63 Vorarlberg verfügte seit 1861 über einen eigenen Landtag, der seit seiner Errichtung von liberalen Kräften dominiert war. 1870 waren diese am Zenit ihrer Macht angelangt: Kurz zuvor verabschiedete die liberale Reichsregierung die sogenannten Maigesetze (1868) sowie ein Reichsvolksschulgesetz 1869, die den Einfluss der Kirche in Schule und Ehege‐ richtsbarkeit massiv beschnitten und das Konkordat von 1855 de facto aufhoben. 64 Bei der Landtagswahl in Vorarlberg 1870 zeigte jedoch die seit 1866 intensivierte politische Mobilisierung bäuerlicher und kleinbürgerlicher Schichten durch konservative Vereine und Medien ihre Wirkung: Die katholisch-konservative Partei fuhr einen Erdrutschsieg ein und stellte fortan bis zum Ersten Weltkrieg die Mehrheit. Johann Kohler zog als Abgeordneter in den Landtag ein und wurde dort zu einer der zentralen Figuren der konservativen Partei im politischen Kampf gegen die Liberalen. Als Landtagsabgeordneter beschäftigte er sich neben anderem - wie auch schon zuvor als Gemeinderat und Lehrer im konservativ dominierten Bregenzerwald 65 - vor allem mit bildungspolitischen Belangen. 66 Er bekämpfte nicht nur das liberale Schulgesetz, sondern war auch am Aufbau von konservativen Vereinsorganisationen ganz wesentlich beteiligt: 1868 hatte er beispielswiese gemeinsam mit anderen einen Lehrerverein, den Katholisch-pädagogischen Verein des Landes Vorarl‐ berg, ins Leben gerufen; ein Jahr zuvor wurde er zum Präsidenten des Bürgerkasinos 67 in Egg gewählt. 68 Im Katholisch-politischen Volksverein, der als Landesorganisation der katholisch-konservativen Partei 1870 gegründet wurde und sämtliche Initiativen bündeln sollte, wurde Kohler hinter Johannes Thurnher Stellvertreter. 69 Kulturkampf und Selbst 45 <?page no="46"?> 70 Johann Kohler, Tagebücher 1863-1865, hg. von Hans K O H L E R , transkribiert von Mathias M O O S ‐ B R U G G E R . Rankweil 2011, 17.5.1863, 8.3.1864. 71 Hans K O H L E R , Nachwort und Dank. In: Kohler, Tagebücher, o.-S. 72 W A L S E R , Kohler, S.-23-38. 73 E-Mail von Hans Kohler an den Verfasser, 28.10.2020, Kopie beim Autor. 74 E-Mail von Hans Kohler an den Verfasser, 4.11.2020, Kopie beim Autor. 75 Kohler, Tagebücher. 76 Dort auffindbar unter der Signatur VOR-940—Kohle. III. Die Tagebücher 3.1 Überlieferung Wiewohl Johann Kohler seine Tagebücher im Alter zwischen 24 und 26 Jahren geführt hatte, bewahrte er diese zeit seines Lebens auf. Ob er diese, wie er in seinen Büchlein öfters andachte, später hin und wieder zur Hand nahm, um seinen festgehaltenen Gedanken zu folgen, 70 ist zwar nicht überliefert. Feststeht dagegen, dass die Selbstzeugnisse auch über seinen Tod 1916 hinaus von seinen Nachkommen in Schwarzach aufbewahrt worden waren. 71 Sie stellten diese, wie bereits eingangs erwähnt, auch Walser für seine biografische Unternehmung zur Verfügung, der für seine Zwecke ausführlich aus diesen zitierte. 72 Während von der Familie im Laufe der folgenden Jahrzehnte durchaus Material Kohlers entsorgt worden war, das Walser noch zur Verfügung gestanden hatte, überdauerten sowohl die Hauschronik als auch die Tagebücher. Zuletzt (etwa im Jahr 2010) gab eine von Johanns Enkelinnen die Dokumente an Urenkel Hans Kohler weiter, der sie - nun bereits in vierter Generation - bis heute in seinem Heim in Rankweil aufbewahrt. 73 Er war es sodann auch, der unmittelbar nachfolgend mit Unterstützung des Rankweiler Gemeindearchivars Nobert Schnetzer die Transkription der Tagebücher beim Vorarlberger Landesarchiv anstieß. Dieses beauftragte infolge Mathias Moosbrugger 2011 damit. 74 Anschließend gab Hans Kohler die transkribierten Büchlein als On-Demand-Buch heraus. 75 So sind die Tagebücher Kohlers heute beispielsweise auch in der Vorarlberger Landesbiblio‐ thek für die Allgemeinheit zugänglich. 76 Eben diese Version liegt auch der nachfolgenden Analyse zugrunde. 3.2 Formale und sprachliche Aspekte Johann Kohler führte zwei ausgesprochen umfangreiche Tagebücher: Das erste umfasst die Zeit von 5. Mai 1863 bis 3. April 1864 (220 Seiten). Das zweite begann der Diarist am 8. April 1864 und es endet am 31. Mai 1865 (369 Seiten). Beide Büchlein weisen mit 19 mal 12 Zentimeter dasselbe Format auf. Wie Abbildung 1 und 2 exemplarisch zeigen, strukturierte Kohler seine Tagebücher in klarer Art und Weise: Neue Einträge kennzeichnete er stets, indem er nach einem Absatz neu ansetzte und zunächst immer das Datum und, sofern er auf Reisen war, auch den Ort seines Aufenthalts anführte. Längere Einträge strukturierte er durch Absätze. Kohler verwendete als Schreibwerkzeuge zumeist Bleistift, im zweiten Büchlein mitunter aber auch schwarze oder braune Tinte - je nachdem, was ihm eben zur Verfügung gestanden haben mag. Das schwungvolle und regelmäßige 46 Markus Wurzer <?page no="47"?> Schriftbild weist Kohler als geübten Schreiber aus, der er ob seiner beruflichen Tätigkeiten zweifelsohne war. Abb. 1 und 2: Ausschnitte aus beiden Tagebüchern Johann Kohlers, Privatarchiv Hans Kohler Kulturkampf und Selbst 47 <?page no="48"?> 77 Der Wert 20 auf der x-Achse entspricht beispielsweise 20.000 Zeichen inkl. Leerzeichen. 78 Kohler, Tagebücher, 5.5.1863-30.10.1863. 79 Ebenda, 5.1.1864, 1.3.1864. 80 Ebenda, 18.2.1864. 81 Ebenda, 27.10.1864, 2.12.1864. 82 Ebenda, 1.4.1864, 30.5.1865. 83 Ebenda, 2.7.1863, 7.3.1864, 21.3.1864. Über Schreibfrequenz und -umfang gibt Abbildung 3 Auskunft. Sie setzt die absolute Anzahl an Einträgen pro Monat in Bezug zu den geschriebenen Gesamtzeichen (inkl. Leerzeichen) pro Monat 77 und zu seinen Aufenthaltsorten: Während der hellgrau hinterlegten Zeiträume war Kohler als Dekorationsmaler in Vorarlberg und Tirol unterwegs; während der dunkel‐ grauen hielt er sich in seinem Heimatort Egg auf und ging dort seinen Beschäftigungen als Lehrer und Schreiber nach. Nimmt man zuerst den durchlaufenden Graphen in den Blick, so fällt auf, dass - wiewohl beide Tagebüchlein ausgesprochen umfassend sind - Kohler zwar regelmäßig, nicht aber täglich Eintragungen vornahm. Gerade zu Beginn seiner Schreibpraxis waren es maximal zehn Einträge pro Monat, ehe er im November 1863 - mit der Rückkehr nach Egg - ganz abbrach. Das lag daran, dass der Diarist in dieser Zeit das Schreiben vor allem als Wochenendbeschäftigung betrieb. 78 Zurück in der Heimat scheinen ihn seine Arbeiten und Verpflichtungen völlig in Beschlag genommen zu haben, weshalb er keine Eintragungen mehr vornahm. 79 Erst als sich das Tagebuch seitenmäßig dem Ende näherte, lieferte dies Kohler Anlass, ausführlich auf das Jahr Rückschau zu halten, weswegen der Schreibumfang in Zeichen im März 1864 derartig explodierte. Von nun an betrieb Kohler das Tagebuchschreiben - wiederum bis zur Heimkehr im November 1864 - als tägliche Praxis. In dieser Zeit verfasste er, nimmt man den gepunkteten Graphen dazu mit ins Bild, unüblich lange Einträge. Schreibfrequenz und -umfang folgen im zweiten Tagebuch, wie aus Abbildung 3 hervorgeht, einem ähnlichen Muster wie im ersten: Nach der Rückkehr bricht die Schreibtätigkeit Kohlers ein; kommt allerdings nicht wie 1863 völlig zum Erliegen. Kohler, der seine Schreibpraxis ebenso reflektierte, entging dies nicht, sodass er sich an manchen Stellen darüber beklagte, dass er keine Zeit mehr zum Tagebuchschreiben finde. Offenbar handelte es sich vor allem während der Sommermonate, wenn er als Maler unterwegs war, um eine Freizeitbeschäftigung, der er sich - in Ermangelung sozialer Kontakte (siehe Kapitel 4.3) - sehr intensiv widmete. „Zu Hause in Mitte meiner Lieben“ 80 hatte er jedoch weniger Zeit zur Verfügung, um Aufzeichnungen zu machen. 81 Erst gegen Ende des Schuljahres ab März 1864 nahm die Schreibfrequenz wieder zu und steigerte sich wieder zu täglichen, sehr langen Einträgen. Gerade das Ende des Tagebuchs (bezogen auf den Schreibraum, den es Kohler anbot) regte Kohler wiederum an, intensiver über das vergangene Jahr nachzudenken und darüber zu schreiben. 82 Wie bereits erwähnt, schrieb Kohler zuerst vor allem am Wochenende, später auch täglich. Wie er in seinem Schreiben erkennen lässt, nützte er gerade während des Dekora‐ tionsmalens die Freizeit in den späten Abendstunden. 83 In Egg boten sich ihm dagegen, wie 48 Markus Wurzer <?page no="49"?> 84 Ebenda, 1.3.1864, 5.3.1864, 20.11.1864. 85 Ebenda, 5.8.1864, Schreibung laut Original. er selbst angab, vor allem früh morgens und in der Schule während der Religionsstunden, die der Pfarrer hielt, Gelegenheiten Aufzeichnungen zu machen. 84 Abb. 3: Schreibfrequenz in absoluten Einträgen (Wert 1 entspricht einem Eintrag) und Schreibumfang in absoluten Zeichen (Wert 1 entspricht 1.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) pro Monat, Quelle: eigene Darstellung Die Sprache Kohlers ist unterdessen - gerade angesichts des soziokulturellen Hintergrunds sowie der geringen formalen Bildung, die der Diarist genossen hatte - bemerkenswert. Kohler drückte sich im Schreiben eloquent und standardsprachlich aus, wobei sein Stil, wie nachfolgende Passage illustriert, stark an der gesprochenen Sprache orientiert war: „Am 5. August [1864] Ein Tag guten Humors, aber mit dem Ohre im Herzen. Von Erdensorgen frei, von andern, so viel wichtiger leider - auch! Alter Schlendrian. Am 6. August [1864] ist wieder Sonnabend. Das Herz in der Heimath, wo -. Wie fühle ich mich einsam. Hat das Lesen sentimentaler Sachen wie S Kristeli und die Kaiserjäger Braut und Dorneggerlisel mich bewegt? Habe ich dann an meinem neuen Aufenthaltsort wieder ein freies Stündchen, werde ich wieder ein Briefchen beginnen ja viele. Ich verkehre zu wenig mit meinen Freunden, darum verschlimmert sich der Humor. […] Am 8. August [1864] Den Tag durch im hohen Grade nicht energisch und abends zu ein paar Worten zu träg. Es ist leider eben Montag.“ 85 Kulturkampf und Selbst 49 <?page no="50"?> 86 Ebenda, 1.4.1864, Schreibung laut Original. Die Passage gibt einen beispielhaften Eindruck vom Schreiben Kohlers, das gespickt ist mit rhetorischen Fragen, elliptischen Konstruktionen, Satzabbrüchen und Gedankensprüngen. Der Beispieltext macht auch deutlich, dass Kohler im Schreiben wiederholt auf ihn Bewegendes verwies, das er aber im Text - ganz bewusst - nicht explizit machte, sondern implizit ließ. Auf diese Weise könne, wie er in einem Eintrag am 1. April 1864 hoffte, nur er selbst das Geschriebene zur Gänze verstehen, da er ansonsten befürchtete zum „Gelächter und Ärgerniß“ 86 für Dritte zu werden. In der Tat bleibt in der Lektüre oft vieles hinter Abkürzungen, Lücken und Andeutungen verborgen, was den Quellenwert des Tagebuches etwa im Hinblick auf Kohlers Sozial- und Liebesleben mindert. 3.3 Inhaltliche Aspekte und Schreibmotivationen Johann Kohler schrieb in seinen Tagebüchern über vielfältige Themen. Bevor in Abschnitt 5 seine Selbstpositionierungen zum Feld des Politischen im Fokus stehen, sollen in diesem Kapitel seine Schreibinhalte quantifiziert werden. Dabei wird sich zeigen, dass das, worüber der Diarist Notizen machte, nicht nur von Parametern wie Interessen, Zeit und Ort, sondern ganz wesentlich auch von funktionalen Aspekten des Schreibens bzw. von Schreibmotivationen abhing. Diese Zusammenhänge sollen im Folgenden erörtert werden. Um dies zu tun, wurde das Transkript - wie schon zuvor bei der Schreibfrequenz- und -umfang-Analyse - in zwei Beobachtungszeiträume eingeteilt, die sich aus den geografischen Aufenthaltsorten Kohlers ergeben. Während sich die grauen Balken in Abbildung 4 auf Inhalte beziehen, die der Diarist während seiner Reisen als Dekorationsmaler in den Sommermonaten schrieb, betreffen die schwarzen Balken Schreibinhalte während seiner Tätigkeiten als Lehrer und Gemeindeschreiber in Egg in den Wintermonaten. Innerhalb dieser Zeiträume ergibt jede Aussage über ein Thema - unabhängig von Länge und Intensität - einen Zählwert pro Tagebucheintrag. Wenn Kohler einen Themenbereich innerhalb eines Eintrags öfters adressierte, resultierte daraus trotzdem nur ein Zählwert. Dagegen wurde eine Nennung mehrfach gezählt, wenn das Geschriebene verschiedene Themenfelder berührt. Da die Be‐ obachtungszeiträume unterschiedlich lange dauerten und Kohler während dieser verschieden viel schrieb (siehe Abb.-3), wurden die absoluten Zählwerte infolge in relative umgerechnet, um eine Vergleichbarkeit zwischen den Beobachtungszeiträumen zu ermöglichen. Der Wert 25 auf der x-Achse bedeutet so, dass Kohler im betreffenden Zeitraum ein Viertel seines Schreibens dem auf der y-Achse genannten Thema widmete. So lässt sich erkennen, in welchem relativen Umgang der Diarist über welche Themen schrieb. Um die Inhalte des Textkörpers erfassen und quantifizieren zu können, war es nötig, die verfügbaren Daten zu reduzieren und zusammenzufassen. Dazu wurden - nach mehrma‐ liger Lektüre - thematische Kategorien erstellt, denen das Geschriebene zugeordnet werden konnte. Sie sind so konzipiert, dass sie einerseits eng genug gefasst sind, um Aussagen zu erlauben und andererseits weit genug, um keine Daten zu verlieren. Selbstredend dabei ist, dass diese Differenzierung schematisch ist, sodass Themen sich ergänzen, überschneiden und mitunter überlagern. Kohlers Schreiben lässt sich in inhaltlicher Perspektive in 15 Gruppen zusammenfassen: 50 Markus Wurzer <?page no="51"?> • Selbstexploration: Erinnerungen, Emotionen, Selbstwahrnehmungen, Selbstreflexion • Landschaften: Beschreibungen von Natur, Dörfern, Reisestationen • Essen: Notizen über Ernährung, Lebensmittel und deren Verzehr • Gesundheit/ Tod: Einträge über die eigene Gesundheit/ Krankheiten und die dritter; Einträge über den Tod befreundeter und bekannter Personen • Wetter: Einträge über meteorologische Ereignisse (Regen, Sturm, Sonne, Schnee) • Unterkunft: Notizen über Wohn- und Schlafräume • Religion: Notizen über den Besuch von Messen, Beten, Wallfahrten, über das Hören von Predigten und Selbstreflexion die religiöse Überzeugung betreffend • Beruf/ Dekorationsmaler: Beschreibungen seines Arbeitsalltags; Besichtigung von Kir‐ chen • Beruf/ Lehrer und Kanzlei: Notizen über seinen Alltag als Lehrperson und Gemeinde‐ schreiber • Finanzielles: Bemerkungen über Geld (Geldsorgen, Schulden, ausstehende Entgelte) • Freizeit: Diese Kategorie umfasst Notizen über Sonntagsausflüge, Wandern, Konzert‐ besuche, Zeitunglesen, Zeichnen, Feste, Erholung, Kaffeehausbesuche • Lektüre: Wiedergabe von Gedichtversen/ Aphorismen, Erwähnung von Büchern/ Zeit‐ schriften, die Kohler las • Soziale Kontakte: Bemerkungen über Begegnungen mit Unbekannten auf seinen Reisen sowie über das Treffen mit befreundeten Personen und Familienmitgliedern; Einsamkeit • Briefkorrespondenzen: Einträge über das Briefeschreiben mit Familie, befreundeten Personen, Geliebten; Hoffnung auf das Erhalten von Nachrichten Abb. 4: Tagebuchinhalte nach Kategorien und Beobachtungszeiträumen in relativen Zahlen, Quelle: eigene Darstellung Kulturkampf und Selbst 51 <?page no="52"?> 87 Ebenda, 1.4.1864, Schreibung laut Original. 88 Ebenda, 5.5.1863. 89 Ebenda, 18.2.1864, 23.5.1865, 5.3.1864, 5.5.1864. 90 Ebenda, 19.8.1864, 23.5.1865. 91 Ebenda, 6.5.1863-4.7.1863, 23.5.1864-28.5.1864. 92 Ebenda, 5.1.1864, 23.2.1864, 27.2.1864. Als sich das erste Tagebuch gemeinsam mit dem Winterhalbjahr dem Ende zuneigte, nahm Kohler dies zum Anlass, um einen Blick zurück auf seine Schreibpraxis zu werfen. Dabei deutete er an, dass offenbar das Kennenlernen einer Frau Anfang Mai 1863 ihm zum Anlass wurde, um mit dem Schreiben zu beginnen. Gleichzeitig, so setzte er fort, verdanke das Büchlein sein „Dasein jenem Lebensabschnitte, wo ich weder Kind noch Mann war, der Zeit des Übergangs, wo alles in der Seele gährte, und keine Gestalt sich gebildet hatte“. 87 Jedenfalls wähnte sich Kohler, bezogen auf seine innere Entwicklung, am Beginn „eine[r] neue[n] Epoche“, weshalb er die Führung eines Tagebuchs „nicht etwa für Andere, nein! Einzig für mich selbst“ 88 beabsichtigte. Diesen programmatischen Gedanken zu Beginn und Ende des Tagebuchs entsprechen auch Passagen durch sie hindurch, in denen Kohler davon spricht, dass das Schreiben vor allem der „Selbstschau“ 89 - also der Reflexion eigener Denk- und Verhaltensweisen - nütze. Dazu bediente er sich in manchen Fällen auch eines stilistischen Kniffs: Bisweilen schrieb er nicht wie üblich in Erster Person Singular über sich, sondern in Dritter Person Singular, um das eigene Tun aus größerer Distanz zu beobachten. 90 Betrachtet man nun Abbildung 4, so sticht ins Auge, dass die Einschätzung Kohlers hinsichtlich der dominanten Schreibfunktion zutrifft: Während er auf Wanderschaft ein Fünftel seines Schreibens dazu verwendete, über sein Tun und Denken zu reflektieren, galt diesem Thema im Winterhalbjahr sogar mehr als jede dritte Aussage. Beschreibungen von Landschaft, Verpflegung und Unterkunft machte er hingegen nur, während er als Dekorationsmaler arbeitete. Das liegt daran, dass diese Tätigkeit mit Mobilität verbunden war: So musste er, um zu seinen Einsatzorten zu gelangen, stets mehrtätige Reisen auf sich nehmen. 91 Dabei waren die genannten Themenfelder von besonderer Relevanz, weil sie ganz unmittelbar mit dem eigenen Wohlbefinden zusammenhingen. Das gilt natürlich auch für Äußerungen über das Wetter, da Kohler auf Reisen weite Strecken auch zu Fuß zurücklegte. Aussagen zum Wetter im Winter brachte der Diarist dagegen vor allem mit seinem Inneren in Verbindung, indem er quasi das „äußere“, meteorologische Wetter mit dem „inneren“ verglich. 92 Einen ganz offensichtlichen Zusammenhang zwischen Schreibinhalt und Mobilität gibt es natürlich auch in Bezug auf die beruflichen Themenblöcke: Während sich Aufzeich‐ nungen über seine Tätigkeit als Lehrer und Gemeindeschreiber ausschließlich auf das Win‐ terhalbjahr beschränken, gilt das umgekehrt für die in den Sommermonaten gemachten. Gerade wenn es um das Schreiben über den Arbeitsalltag als Maler ging, erfüllte das Tagebuchschreiben auch noch eine zweite Funktion, nämlich jene einer Gedächtnisstütze. Kohler notierte nicht nur, wohin er wie viele Tage reiste, sondern auch welche Kirchen er 52 Markus Wurzer <?page no="53"?> 93 Ebenda, 5.5.1863, 7.5.1863, 4.7.1863, 19.7.1863. 94 Ebenda, 17.5.1863, 24.5.1863, 31.5.1863, 4.6.1863, 14.6.1863, 21.6.1863; siehe außerdem den Beitrag von Hans Kohler in diesem Band. 95 Ebenda, 8.3.1865, 17.7.1864. 96 Ebenda, 15.3.1865. 97 Ebenda, 30.3.1864, 1.4.1864, 16.5.1865. 98 Ebenda, 30.3.1864, Schreibung laut Original. dabei besichtigte. 93 Während des Malens notierte er Arbeitszeit, geleistete Tätigkeiten und ausstehende Zahlungen. 94 Seine Büchlein sollten ihm aber nicht nur in arbeitsbezogenen Angelegenheiten Erinne‐ rungsspeicher sein, sondern auch in anderen. Mehrmals schrieb Kohler davon, dass er die Hefte zur Hand nahm, um etwa darin zu lesen, was er jeweils vor einem Jahr getan/ gedacht hatte. 95 Im Schreiben hielt Kohler nicht nur seinen Arbeitsalltag fest, sondern er widmete sich auch ausführlich seinen Freizeitaktivitäten, worunter die Kategorien Lektüre, Brief‐ korrespondenzen und Freizeit sowie (zum Teil) soziale Kontakte zusammengefasst werden können. In beiden Beobachtungszeiträumen bezog sich mindestens eine von drei Aussagen auf entsprechende Tätigkeiten. Dabei stechen, wie Abbildung 4 zeigt, im Besonderen Aufzeichnungen zur Lektüre hervor, was nur umso deutlicher macht, wie wichtig ihm das Lesen war: Mindestens jeder fünfte bzw. siebte Eintrag beinhaltet neben anderen Bemerkungen zur Lektüre. 96 Briefkorrespondenzen beschäftigten Kohler - das kommt wenig überraschend - vor allem, wenn er im Sommer aus der Heimat fortzog. In diesen Monaten beklagt er öfters seine Einsamkeit und das Fehlen eines Freundes, dem er seine Gedanken anvertrauen könne. 97 In diesen Momenten sprang Kohler das Tagebuch als Ersatz bei und fungierte als Ventil, um emotionale Aufgeregtheit zu kommunizieren - womit die vierte Funktion benannt ist. Am 30. März 1864 schrieb der Diarist beispielsweise: „Es wäre nun genug für heute, aber da ich doch bei diesem Getümmel nicht schlafen kann, und kein Herz habe dem ich klagen, das ich fragen könnte, mußt du mein armes Tagebuch mein Freund sein.“ 98 Zurück in seiner Heimat litt das Schreiben dagegen, da das Tagebuch als Substitut nicht mehr benötigt wurde, da sich Kohler wieder in seinem Netzwerk sozialer Bezugspersonen befand. Gerade weil im nächsten Abschnitt analysiert werden soll, wie sich Kohler im Feld des Politischen selbst positionierte, mag es erstaunen, dass im Zuge der hier durchgeführten quantitativen Inhaltsanalyse keine eigene Kategorie geschaffen wurde, die entsprechende Aussagen zusammenfassen und zählbar machen würde. Der Grund dafür ist simpel: Kohler artikulierte sich kaum in expliziter Weise politisch. Die Begriffe „Liberalismus“/ „liberal“ kommen in beiden Tagebüchern - d. h. auf insgesamt 589 Tagebuchseiten - nur fünfmal vor; „Katholik“/ „Katholizismus“ nur dreimal und „konservativ“ gar nur einmal. Nichtsdestotrotz verhandelte Kohler im Schreiben permanent politische Ansichten. Das hatte vor allem mit der bereits angesprochenen, enormen Politisierung des Alltags in diesen Jahren zu tun und betraf nicht nur seine Tätigkeit als Lehrer, sondern auch seine Freizeitbeschäftigungen; hier besonders sein Interesse an Büchern, das Besuchen von Hl. Messen mit dem Hören von Predigten oder von Kaffeehäusern und dem damit verbundenen Konsumieren von Tageszeitungen: Nichts davon galt länger als Privatsache. Alle diese Lebensbereiche wurden Kulturkampf und Selbst 53 <?page no="54"?> 99 Fl. Grebmohr, Unser gegenwärtiger Landtag, Vorarlberger Volksblatt, 3.10.1871, S.-2. 100 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-171. 101 W A L S E R , Kohler, S.-14, 21. 102 Ebenda, S.-23. 103 Siehe dazu den Beitrag von Karin Schneider in diesem Band. 104 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-171. zu öffentlichen Schauplätzen der Deutungskämpfe zwischen Liberalen und Konservativen. Bezogen auf die Inhaltsanalyse sind die Kulturkämpfe also vor allem in den Kategorien Selbstexploration, Beruf Lehrer, Religion, Lektüre, Freizeit und soziale Kontakte eingeflochten und sie bilden gewissermaßen das Bezugsfeld, in welchem Kohler entsprechende Alltags‐ fragen diskutierte. IV. Kohlers „innere“ Kulturkämpfe Kurz nachdem Johann Kohler für die konservativ-katholische Partei 1870 als Abgeordneter in den Vorarlberger Landtag eingezogen war, schrieb ein Zeitgenosse über ihn im „Vorarl‐ berger Volksblatt“, dass dessen politische Gesinnung „kohlschwarz“ 99 sei. Die Lektüre seiner Tagebücher, die er nur sieben bis fünf Jahre zuvor verfasst hatte, offenbart allerdings, dass seine politische Haltung keineswegs immer festgestanden hatte, geschweige denn vorge‐ zeichnet gewesen war. Wenn Kohler in seinen Tagebüchern über das Selbststudium von Literatur, das Zeitunglesen in Kaffeehäusern oder seine Lehrertätigkeiten schrieb, bildeten dies Anlässe, um sich gegenüber Konservativismus und Liberalismus zu positionieren. Denn welche Zeitungen im Kaffeehaus, welche AutorInnen zuhause gelesen wurden, war in den 1860ern immer auch ein Ausdruck politischer Zugehörigkeit. 100 Aus Kohler wurde - seinem Biografen Walser zufolge - bereits nach dem Besuch der Volksschule ein begeisterter Leser, der seine Freizeit vor allem dafür verwendet habe. 101 Gemeinsam mit einem gleichaltrigen Freund, Johann Lang, habe er über Antiquariate in St. Gallen und in Zürich in der Schweiz gegen geringe Kosten verschiedenste Werke wie „Klassiker, mehrbändige Geschichtswerke, Abhandlungen über Philosophie, andere wissenschaftliche Fächer usw.“ 102 bezogen. Karin Schneider merkt an, dass Kohler seinen Lesestoff zusätzlich aus Leihbibliotheken bezogen haben könnte, die in den letzten Jahr‐ zehnten des 19. Jahrhunderts in Vorarlberg entstanden waren. 103 Daneben existierten bereits vor 1860 erste Buchhandlungen in Bregenz und Feldkirch, weitere folgten, etwa in Dornbirn (1870) und Bludenz (1885). Am Land gab es die Möglichkeit, Lesestoff über reisende Kolporteure zu beziehen. 104 Gerade der neunmonatige Aufenthalt Kohlers in Bregenz 1855 - für die Absolvierung der Lehrerausbildung - war hier wohl eine entscheidende Erfahrung: In der liberal dominierten Hauptstadt Vorarlbergs war es nämlich sicherlich einfacher an Bücher und Zeitungen zu kommen als in der Peripherie des konservativ geprägten Bregenzerwaldes. Womöglich kam der jugendliche Kohler gerade in den städtischen Kaffeehäusern erstmals mit liberalen Positionen in Kontakt. In seinen Tagebüchern deutete Kohler jedenfalls öfters zurückblickend an, dass er der liberalen Politik vieles hatte abgewinnen können. Diese Selbsterzählungen sind dabei allerdings immer mit dem Hinweis darauf verbunden, dass dieses Interesse stets „jugend‐ 54 Markus Wurzer <?page no="55"?> 105 Kohler, Tagebücher, 27.3.1864. 106 Ebenda, 27.3.1864. 107 Ebenda, 1.4.1864, Schreibung laut Original. 108 Ebenda, 5.3.1864. 109 Ebenda, 18.3.1864, 22.5.1864, 15.6.1864, 3.7.1864, 6.5.1865, 11.5.1865, 16.5.1865. 110 Ebenda, 10.3.1864. 111 Ebenda, 8.3.1864. 112 Kohler erwähnte eine Autorin: Er zitierte einen Vers aus der „Wunderblume“ von Elise Charlotte Rachler (1789-1822), siehe Kohler, Tagebücher, 25.3.1864. liche[r] Unerfahrenheit und falschem Selbstgefühl“ 105 geschuldet gewesen sei. So sei er als Jugendlicher „eben ein harter und unbändiger Kopf, voll Stolz & Dünkel und Eigensinn“ 106 gewesen. Am 1. April 1864, elf Monate nachdem er das erste Tagebuch begonnen hatte, resümierte Kohler euphorisch: „Und etwas ist vorüber! Die Krisis in meinem Ideenleben - Gott seis gedankt. Das ganze unendliche Leben liegt klar vor meiner Seele. Einen liebenden & weisen Freund hat mir die Vorsehung gegeben, und durch ihn die Ruhe, den bestimmten positiven kindlichen Glauben, die entschiedene politische Lebensansicht. Arme Jugend, wie täuscht dich Schein und schöne Worte! Und an diesem fehlts wahrhaft dem modernen Liberalismus nicht, aber sonst liegt er jetzt so hohl vor mir, so Gehalt- und Lieblos, so sein eigener Abgott, eine alles andere und zuletzt sich selbst zersetzende und auflösende Säure! O wie viele arme Jünglinge rennen mit ihrem besten Wollen in die Arme des - glühenden Götzen! Dank! Daß die Jugend vorüber ist! “ 107 Eines der dominantesten Themen in den Tagebüchern ist das eigene Erwachsenwerden bzw. noch spezifischer: die Mannwerdung. Immer wieder erging sich Kohler in Reflexionen, welche Tugenden und Charaktereigenschaften den idealen Mann ausmachten. Daraus folgte auch, dass der Diarist die Kulturkämpfe als einen Generationenkonflikt deutete: So sei der Liberalismus vor allen Dingen eine „Spinnerei“ idealistischer, sinnlicher Ju‐ gendlicher und nicht ernstlicher Erwachsener. Für Kohler, der sich selbst während des Tagebuchführens in der Entwicklung vom Kind zum Mann imaginierte, war das Sich- Lösen vom Liberalismus deshalb wichtiger Bestandteil des Erwachsenwerdens. 108 Wer unterdessen der oben angeführte „liebende & weise Freund“ gewesen war, der ihn zur „Umkehr“ gebracht habe, explizierte der Diarist nicht. Da er im folgenden Satz aber vom „kindlichen Glauben“ schrieb, ist es durchaus plausibel, dass er damit Alois Meßmer (1822- 1857), einen Tiroler Schriftsteller und Theologen, gemeint hatte. Kohler las öfters in seinen Büchern, vor allem in seinen Reiseblättern, und benannte ihn immer wieder als männliches Vorbild. 109 Diese Lektüre habe vor allem die Wirkung, wie er schrieb, dass sie ihm „zu einer klaren Anschauung meines inneren Lebens“ 110 verhelfe. Kernthese Meßmers in Bezug auf das Erwachsenwerden war, wie Kohler es auch gebetsmühlenartig wiederholte: Um ein Mann in der Welt zu sein, müsse man ein Kind gegenüber Gott sein. 111 Neben Meßmer erwähnte Kohler in seinen Tagebüchern noch eine Vielzahl weiterer Au‐ toren, die einer konservativ-katholischen Erbauungsliteratur zugeordnet werden können und die den Diaristen in der Ausverhandlung seiner politischen Positionierungen wohl nachhaltig beeinflussten. Unter den rund fünfzig Autoren, 112 die Kohler in seinen Tagebü‐ chern zitierte oder erwähnte, finden sich nicht nur Werke spätantiker und mittelalterlicher Kulturkampf und Selbst 55 <?page no="56"?> 113 Ebenda, 31.5.1863. 114 Ebenda, 28.3.1865. 115 Ebenda, 3.7.1864, 16.4.1865, 21.5.1865. 116 Ebenda, 24.5.1863, 19.5.1865, 25.5.1865. 117 Ebenda, 29.6.1864, 2.7.1864, 3.7.1864, 5.7.1864, 6.7.1864. 118 Ebenda, 7.8.1864, 8.9.1864, 9.9.1864. 119 Ebenda, 21.2.1865, 5.3.1865. 120 Ebenda, 21.1.1865, 24.1.1865, 31.1.1865. 121 Ebenda, 20.2.1865. 122 Ebenda, 23.4.1864, 14.3.1865. 123 Ebenda, 11.9.1864, 12.9.1864, 15.9.1864, 18.9.1864, 26.9.1864, 8.10.1864, 21.2.1865, 1.3.1865, 3.3.1865, 6.3.1865, 7.3.1865, 8.3.1865, 11.3.1865, 13.3.1865, 14.3.1865, 15.3.1865, 16.3.1865, 31.3.1865. 124 Ebenda, 1.3.1864. 125 Ebenda, 3.3.1865, 19.3.1865. 126 Ebenda, 19.3.1865. 127 Ebenda, 1.3.1864. 128 Ebenda, 31.1.1865, Schreibung laut Original. 129 Ebenda, 2.7.1864. 130 Ebenda, 5.7.1864, Schreibung laut Original. katholischer Denker wie von Augustinus von Hippo 113 (354-430) und Gregor dem Großen (540-604) 114 oder Thomas von Kempens (1380-1470) 115 „Nachfolge Christi“, sondern auch zeitgenössische Theologen und Kleriker: Er erwähnt u. a. Karl Landsteiners (1835-1909) „Aus dem Leben eines Unbekannten“ sowie „Kinder des Lichts“, 116 Alban Isidor Stolz‘ (1808-1883) „Akazien-Zweig“, 117 Alois Flirs (1805-1859) „Die Manharter. Ein Beitrag zur Geschichte Tirols im 19. Jahrhundert“, 118 Johann Döllingers (1799-1890) „Kirche & Kirchen, Papsttum und Kirchenstaat“, 119 Josef Feßlers (1813-1872) „Kirchengeschichte“ 120 sowie Matthäus Cornelius Münchs (1771-1853) „Universal-Lexicon der Erziehungs- und Unterrichtslehre für Schulaufseher, Geistliche, Lehrer, Erzieher und gebildete Eltern“. 121 Er‐ wähnung findet ferner auch der Theologe und Geistliche Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877) 122 sowie die „Christliche Symbolik“ 123 des Literaturkritikers und Schriftstellers Wolfgang Menzel (1798-1873) und die „Fingerzeige auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst“ von August Reichensperger (1808-1895). 124 Kohler nannte darüber hinaus mit den „Tiroler Stimmen“ 125 und den „Katholischen Blättern“ 126 noch Tagesbzw. Wochenzeitungen, die von ZeitgenossInnen dem konservativen Lager zugeordnet wurden. Diese Autoren prägten seine Weltanschauung nachhaltig. Immer wieder nahm er in seinem Schreiben auf sie Bezug und bekräftigte ihren - aus seiner Sicht - positiven Einfluss auf seine persönliche Entwicklung in religiösen und politischen Fragen. Nach der Lektüre von Reichenspergers „Fingerzeige“ notierte Kohler etwa im Tagebuch, dass ihm durch diese „wieder ein guter ,Brocken‘ Narrheit ausgetrieben worden“ sei. 127 Oder über Feßlers „Kirchengeschichte“ notierte der Diarist: „[…] wie wird [es] in meinem Inneren klarer & klarer, und fühlte aufs Neue mich glücklich auf meinem jetzigen Wege: nur vorwärts nur nicht liegen bleiben - ist ja die größte Weisheit in unserm Pilgerleben.“ 128 Nach dem Lesen von Stolz‘ „Akazien-Zweig“ vermerkte Kohler in seinem Büchlein, dass seine „Ideen über diese Zeitgeistrichtungen nur noch fester werden mußten“, 129 denn: „Es ist mir mit diesem A.[lban] St.[olz] als flakerte es licht und helle zum erstenmale in meiner Seele.“ 130 Stolz‘ Gedanken seien „voll Kraft und Wahrheit. Mögen es Körnlein 56 Markus Wurzer <?page no="57"?> 131 Ebenda, 6.7.1864. 132 Tanja C. M U L L E R , Der rassische Antisemitismus bei Alban Stolz im Kontext der mitteleuropäischen antisemitischen Propaganda. In: Jüdische Literaturgeschichte in Schwaben. Eine Spurensuche, hg. von Peter F A S S L / Friedmann H A R Z E R / Berndt H E R R M A N N (Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben 5). Konstanz/ München 2016, S.-63-80. 133 Zum Zusammenhang von Katholizismus und Antisemitismus im 19. Jahrhundert siehe Olaf B L A S C H K E , Katholischer Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Ursachen und Traditionen im inter‐ nationalen Vergleich. Zürich 2000. 134 Kohler, Tagebücher, 22.8.1864. 135 Ebenda, 4.3.1864. 136 Ebenda, 7.3.1865. 137 Antisemitismus begleitete Kohlers weiteres politisches Schaffen: Der „Christlich-soziale Volksverein für Vorarlberg“, der 1893 mit Johann Kohler als Gründungs- und Vorstandsmitglied entstand, wies in seinem antikapitalistischen Grundtenor stark antisemitische Züge auf; siehe dazu den Beitrag von Karin Schneider in diesem Band. 138 Kohler, Tagebücher, 5.3.1865, Schreibung laut Original. 139 Ebenda, 26.7.1863. 140 Ebenda, 4.6.1863. sein, die nicht auf den Weg, nicht auf Felsen, nicht unter Dornen fallen“. 131 Manche dieser „Körnlein“ mögen allerdings auch antisemitisches Gedankengut beinhaltet haben. Stolz war Antisemit und polemisierte in seiner publizistischen Tätigkeit heftig gegen Angehörige des Judentums. 132 Das kam auch nicht von ungefähr: Zwischen Katholizismus und Antisemitismus bestand im 19. Jahrhundert ein dezidiertes Näheverhältnis. 133 Kohler eignete sich nicht zuletzt wohl auch durch diese Lektüre antisemitische Stereotype an und reproduzierte diese in seinen Tagebüchern an mehreren Stellen. So sei Handeln und Kaufen eine „Judenbeschäftigung“ 134 , in der er selbst so schlecht sei, dass er wohl ein „schlechter Jude resp.[ektive] Handelsjude“ 135 sein würde. Genuss nahm er als „semitische Weichlichkeit“ 136 wahr. 137 Einen besonderen Schwerpunkt in seiner Lektüre bildete für Kohler das Studium der Geschichte. Am 5. März 1865 notierte er zum Beispiel: „Lektüre: Döllinger. Mit so besonderer Vorliebe hänge ich jetzt am conservativ Historischen. Was soll es mich wohl nützen? Ich weiß es selbst nicht! besser Heideger oder das B.[ürgerliche] Ges[etz] B[uch], aber die Liebhaberei - entscheidet für jetzt. Und hoffentlich entwickelt sich immer mehr der ächt conservative Sinn im Geiste. Und der thut für jetzt mir von Allem Noth, und hoffentlich hat diese Art Geistesbeschäftigung den entfernteren großen Nutzen, daß ich nie mehr im Entferntesten Sympathien für den unglückseligen ‚Geist der Zeit‘ hege, und mit entschiedenem und sicherm Bewußtsein in diesem Geiste werke, und meine Kraft verwende. Und dann ist doch etwas geschafft! “ 138 Mit der Formulierung „Geist der Zeit“ verweist Kohler auf die dominante Position des Liberalismus im öffentlichen Diskurs der 1860er-Jahre. Das Lesen über Geschichte, so erhoffte er es sich, sollte ihn gegen eben diesen wappnen und seine neue, konservative Einstellung fördern. 139 In Kohlers Vorstellung wiederholte sich historisch betrachtet das Große im Kleinen. So habe die Menschheit im Laufe der Jahrtausende ebenso eine Jugendzeit wie er durchlebt, die von „Thorheiten und kindischen Anschläge[n]“ 140 geprägt gewesen sei. Zeitlich lokalisierte er diese eben in der Spätantike - die just von den Kulturkampf und Selbst 57 <?page no="58"?> 141 Ebenda, 7.3.1865. 142 Ebenda, 14.3.1865. 143 Ebenda, 1.4.1864. 144 Ebenda, 1.3.1864, Schreibung laut Original. 145 Ebenda, 14.3.1865, Schreibung laut Original. 146 Hermann-Josef G R O ẞ E K R A C H T , Wilhelm Emmanuel von Ketteler. Ein Bischof in den sozialen Debatten seiner Zeit. Köln/ Kevelaer 2011. 147 Kohler, Tagebücher, 1.4.1864, 11.3.1864, 7.5.1863, 8.9.1863. 148 Ebenda, 8.9.1863, 27.3.1864, 7.9.1864, 31.1.1865. Liberalen als blühende Vergangenheit erinnert wurde. Kohler urteilte anders darüber. Er meinte, dass die Griechen „verkommen“ 141 gewesen seien, „tiefere Verworfenheit […] schwerlich je existiert“ habe und befürchtete, dass die „grauenhaften Erscheinungen [der Spätantike, Anm. d. A.] allmählich in den Consequenzen des Liberalismus“ 142 wiederkehren würden. In Kohlers Vorstellung funktionierte Geschichte als Kreislauf: Phänomene wie der Liberalismus würden dementsprechend in unterschiedlichen Gewändern immer wieder auftauchen. In der Selbstexploration, der sich Kohler im Schreiben sehr ausführlich widmete, finden sich immer wieder Passagen wie jene vom 1. April 1864, die zu Anfang dieses Abschnitts zitiert wurde, und in der sich Kohler davon überzeugt zeigte, dass sein innerer Kampf gewonnen und die ideologische „Krisis“ beendet sei. 143 Hierbei handelte es sich aber stets nur um Momentaufnahmen. Wenngleich der Diarist in der konkreten Schreibsituation so empfunden haben mag, so wechselten diese Gefühle - wie die Lektüre der Tagebücher zeigt - häufig. Elf Monate später vertraute er seinem Büchlein nach der Lektüre von Reichensperger beispielsweise an: „Ueberhaupt weiß ich denn so bald nicht mehr welcher Richtung ich in der Welt angehöre. Es ist wohl bald wieder noth, daß ein Weiserer mir bald einen unversehenen Stoß nach einer Richtung hingibt, sonst könnte ich in diesem Gestrüpp hängen bleiben und kein Ziel erreichen. Doch ruhig! “ 144 Anderthalb Monate später zeigte sich Kohler wiederum weniger verzweifelt. Nachdem er im ersten Tagebuch nachgelesen hatte, was ihn vor einem Jahr beschäftigt hatte, konstatierte er zufrieden: „Einzig in Hinsicht religiöser & politischer Ueberzeugungen ist aus dem Chaos der vorjährigen Verwirungen ein ruhig fester Standpunkt gewonnen und Ketteler hat Samen ausgestreut, der gesund aufgegangen ist. Ob es aber in so hohem Grade mein Verdienst war? “ 145 Wilhelm Emmanuel von Ketteler, der auf Kohler offenbar großen Einfluss ausgeübt hatte, war Theologe, römisch-katholischer Bischof von Mainz und Politiker gewesen. 1870 gründete er mit anderen die katholische Deutsche Zentrumspartei. Ketteler setzte sich für die Autonomie der katholischen Kirche ein, war Gegner der Trennung von Staat und Kirche und in den Kulturkämpfen in Preußen bzw. dem Deutschen Reich eine der führenden katholischen Figuren. 146 Die rhetorische Frage am Ende ließ Kohler in seinem Tagebuch unbeantwortet. Doch machte er an mehreren anderen Passagen deutlich, dass er davon ausging, dass die göttliche „Hand der Vorsehung“ 147 ihn halte und auf seinem Lebensweg - den er als Pilgerreise imaginierte 148 - führe. Diese Vorstellung stand wiederum im krassen Gegensatz zum Bild, das Kohler vom Libe‐ ralismus zeichnete: Er sei durch dessen „bodenlosen Grund […] ins endlose Chaos“ gefallen 58 Markus Wurzer <?page no="59"?> 149 Ebenda, 27.3.1864. 150 Ebenda, 6.3.1865. 151 Ebenda, 28.6.1863. 152 Ebenda. 153 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-171-172. 154 Kohler, Tagebücher, Belegstellen Goethe: 5.5.1863, 7.5.1863, 24.5.1863, 7.6.1863, 6.9.1863, 27.3.1864, 22.4.1864, 28.4.1864, 15.5.1864, 8.6.1864, 11.9.1864, 21.4.1865, 19.5.1865, 23.5.1865, 24.5.1865, 26.5.1865; Belegstellen Schiller: 31.5.1863, 21.6.1863, 28.6.1863, 30.10.1863, 5.1.1864, 24.3.1864, 1.4.1864, 13.6.1864, 15.6.1864, 23.7.1864, 24.7.1864, 19.1.1865, 24.1.1864, 1.2.1865, 13.3.1865. 155 Ebenda, 22.1.1865. 156 Ebenda, 28.5.1863, Schreibung laut Original. 157 Ebenda, 9.6.1863, 6.6.1864, 20.8.1864. 158 Ebenda, 25.6.1864. und habe auf seiner Suche nach „Greif- und Haltbarem“ 149 nichts gefunden. Wenngleich sich Kohler auf diese Weise wiederholt vom Liberalismus distanzierte, offenbart die Lektüre seiner Büchlein ein komplexeres Bild seiner politischen Haltungen. Diese waren trotz aller Bekräftigungen für den Katholizismus von Widersprüchen und Ambivalenzen geprägt. Die liberale Geisteshaltung, die er so vehement abzuschütteln suchte, dringt an manchen Stellen durch: Etwa, wenn er seinem Diarium anvertraute, dass er an der Existenz Gottes gezweifelt habe. Der Gedanke, so überlegt er, könnte von der Zeitungslektüre oder aus dem (liberalen) „Abgrunde“ selbst gestammt haben. 150 An anderer Stelle kritisierte er die „Parthei historisch Privilegierter“, womit er wohl den Adel meinte, dafür, dass sie die politische Freiheit unterdrücke. Der Kirche warf er im selben Eintrag noch vor, dass sie es auch zulasse, dass die Religion instrumentalisiert werde, um die Gegner der „unselige[n] Feudalherrschaft, die den Absolutismus unterstützt“ 151 , anzuprangern. Gleichzeitig deutete Kohler an, dass nicht allein die herrschende Elite die politische Freiheit verneine, sondern dort, „wo dieser [Widerstand] überwunden ist, [die Menschen] durch ihre eigenen Leidenschaften - ihren eigenen Unsinn“ 152 in Unfreiheit verbleiben würden. Aus Kohlers Notizen über seine Lektüre erfährt man, dass er auch viele Autoren las, die in den Kulturkämpfen dem liberalen Lager zugeordnet wurden. Das liberale Bildungsbürgertum lehnte sich im Besonderen an der Deutschen Klassik und dort vor allem an Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805) an, die im Umkehrschluss bei den Konservativen auf große Vorbehalte trafen. Das äußerte sich etwa darin, dass katholische Leihbibliotheken keine oder nur wenige Ausgaben der beiden Autoren führten. 153 Dessen ungeachtet las Kohler beide sehr intensiv, von Goethe u. a. „Faust“ sowie von Schiller beispielsweise „Wallenstein“, „Don Carlos“ oder „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, und zitierte häufig in seinen Tagebüchern aus ihren Werken. 154 Ludwig Eckardts (1827-1871) „Anleitung, dichterische Meister zu lesen“ leitete seine Lektüre mitunter an. 155 Über Goethe meinte Kohler, dass dieser „in seinen Sonetten Epigrammen […] immer ein Weltmann zu sein [scheint] während mir Schiller ein Still für sich selbst und gleichsam in sich hineinlebend vorkommt, und darum mit meiner Denkweise so gut harmoniert“. 156 Neben Goethe und Schiller las Kohler auch noch die beiden anderen des „Weimarer Viergestirns“: Johann Gottfried Herder (1744-1803) 157 und Christoph Martin Wieland (1733-1813) 158 . Weitere deutsche und Schweizer Dichter und Schriftsteller der Aufklärung, Kulturkampf und Selbst 59 <?page no="60"?> 159 Ebenda, 18.2.1864. 160 Ebenda, 5.12.1864. 161 Ebenda, 11.10.1863. 162 Ebenda, 29.10.1863. 163 Ebenda, 31.12.1864. 164 Ebenda, 31.5.1863. 165 Klaus K O C H , Frühliberalismus in Österreich bis zum Vorabend der Revolution 1848. In: Liberalismus im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, hg. von Dieter L A N G E W I E S C H E . Göttingen 2011, S.-64-70, 65. 166 Kohler, Tagebücher, 18.2.1864. 167 Ebenda, 18.3.1864. 168 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-176, 180, 233. 169 Ebenda, S.-180. 170 Kohler, Tagebücher, 20.6.1864. 171 Ebenda, 31.5.1863, Schreibung laut Original. die der Diarist erwähnte und über deren Schreiben er reflektierte, waren Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) 159 , Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) 160 , Johann Peter Uz (1720- 1796) 161 , Johann Paul Friedrich Richter (1763-1825) 162 , Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834) 163 und Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) 164 . Kohler studierte auch das „Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch“, das 1812 in Kraft getreten war und indem die Liberalen eine Abkehr vom römischen Recht zugunsten einer naturrechtlichen Auffassung erkannten. 165 Durch diese Lektüre fing der Diarist seiner Selbstwahrnehmung nach, „auf ei[n]m[a]l an mein Verhältniß zur Gesellschaft richtig zu übersehn u[nd] zu würdigen und zu verstehen“. 166 Kohler las vermutlich auch Franz Michael Felders „Nümmamüllers und das Schwarzoka‐ spale“. 167 Felder (1839-1869) war Bauer und Schriftsteller im Bregenzerwald. Die Liberalen Vorarlbergs machten aus ihm die Galionsfigur einer säkularisierten Regionalliteratur nach dem Vorbild der Deutschen Klassik. Ergo kritisierte ihn das konservative Lager vehement. Seine Bücher fanden in konservative Leihbibliotheken keine Aufnahme. 168 Werke von William Shakespeare (1564-1616) fanden sich dort ebenso selten. 169 Kohler kannte „Hamlet“ trotzdem. 170 In Kohlers Lektürepraxis und Gedankenwelt präsentiert sich die politische Ausdifferen‐ zierung freilich nicht so scharf und absolut. Vielmehr eignete sich der Diarist die Autoren bzw. deren Werke an, wie sie ihm dienlich erschienen. Beispielsweise reflektierte er am 31. Mai 1863 über „Aus dem Leben eines Unbekannten“ des Theologen Landsteiner. Darin habe der Autor „das aufs materielle gerichtete jetzige Gesellschaftsleben in seiner schwärzesten Verworfenheit gemalt“. Ausweg aus dieser biete nur die „Rückkehr zu sich selbst, zu Gott“. Gänzlich zufrieden war Kohler mit der Lektüre allerdings nicht. Wiewohl es sich um eine Biografie handle, habe Landsteiner „eine Seite“ des „Seelenlebens […] nicht aufgedekt“. 171 Welche Seite dies sei, erläuterte der Diarist nicht; allerdings meinte er, dass ihm hier ausgerechnet die (ideologisch weit auseinanderstehenden) Überlegungen des Kirchenlehrers Augustinus sowie des aufklärerischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau weiterhelfen würden. An einer anderen Stelle bildete Kohler eine Synthese aus dem Theorem Meßmers mit den Deutschen Klassikern. Er schlussfolgerte: „Schiller, Faust, und das Resultat alles dieses - unsere Freude an unserem kindlichen Glauben ‚Und was kein Verstand der Verständigen 60 Markus Wurzer <?page no="61"?> 172 Ebenda, 10.4.1864, Schreibung laut Original. 173 Ebenda, 12.8.1864, Schreibung laut Original. 174 Ebenda, 24.7.1864, 19.3.1865. 175 Ebenda, 28.6.1863, 14.3.1865. 176 Ebenda, 4.9.1864, Schreibung laut Original. 177 Ebenda, 28.6.1863, Schreibung laut Original. 178 Ebenda, 6.8.1864. 179 Ebenda, 21.5.1865. 180 Ebenda, 25.5.1865. sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth.‘“ 172 Um also die These Meßmers zu bestätigen, dass ein echter Mann nur jener sein könne, der ein Kind Gott gegenüber sei, bediente er sich aus Schillers Gedicht „Die Worte des Glaubens“. Die angeführten Belege führen Folgendes vor Augen: Kohler kannte und las auch jene Dichter und Autoren, die vornehmlich von Liberalen rezipiert wurden. Dass seine Weltanschauung - trotz wiederholter Bekräftigungen - nicht abgeschlossen war, wird besonders an letzten beiden Beispielen deutlich. Sie belegen, dass sich Kohler für das Unternehmen der Selbstexploration Unterstützung bei Autoren beider Lager suchte. Die ideologische Aufladung der Literatur schien er zumindest zunächst nicht wahrzunehmen oder ihn wenig zu kümmern. Kohlers innere Haltungen in politischen und religiösen Fragen waren nicht so gefestigt, wie er dies im Tagebuch sich selbst gegenüber immer wieder affirmierte. Am 12. August 1864 notierte er beispielsweise, dass er „Gott seis gedankt, […] vollkommen heil [sei] von den dummen Freiheitsfiebern“. 173 Umso mehr nützte er jede Gelegenheit, sein neues Feindbild, den von ihm zuerst doch geschätzten Liberalismus, zu diskreditieren und Distanz zu diesem aufzubauen, um damit seine gefühlte Zugehörigkeit zum konservativen Lager zu bekräftigen. Politische Diskussionen mit Freunden oder Bekannten 174 und Kaffeehausbe‐ suche, die stets mit der Lektüre von aufliegenden Tages- und Wochenzeitungen verknüpft waren, stellten Momente für Kohler dar, die er nützte, um seine neue Zugehörigkeit zu artikulieren. Gerade die Tagespresse war just jener „Ort“, an dem er mit der liberalen Weltanschauung in Kontakt gekommen war. Bereits bevor er mit dem Tagebuchschreiben begonnen hatte, war er regelmäßig sonntags in Kaffeehäuser gegangen, um dort zu lesen. 175 Anlässlich eines Besuchs im September 1864 bekannte er rückschauend: „Am Nachmittag war ich unter diesen vielen ,Kaffeehausgesichtern‘ […], deren Welt die Zeitungen sind. Und gehörte ich nicht auch zu ihrer Kategorie, als ich mich so hinsetzte und Blatt um Blatt durchstöberte um Nahrung für meinen Geist zu finden und - Spreu oder noch Schlechters fand.“ 176 Kohler war die liberale Dominanz in der Medienlandschaft bewusst. Das mag auch dazu geführt haben, dass er, kurz nachdem er mit dem Tagebuchschreiben begonnen hatte, auf seine wöchentlichen Gänge in das Kaffeehaus verzichtete, da er sich dort „in der Regel bis zum Eckel gesättiget […] taub las“ 177 . Im Verlauf der Tagebücher berichtete Kohler dennoch immer wieder von Besuchen in entsprechenden Lokalen. Fortan nutzte er sie aber, um sich explizit vom Liberalismus zu distanzieren: Aufliegende Tages- und Wochenzeitungen bezeichnete er als „liberales Zeugs“ 178 , als „blödes Geschwätz“ 179 und als „mit schönen Worten, Witz und Redekunst versüßte und gewürzte Jauche“ 180 . In Anspielung auf diesen Vergleich fragte Kohler im Anschluss: „O was braucht es für einen Geistesmagen, um solche Nahrung verdauen zu können, ja um ganz seine Seele von diesen Treibern zu Kulturkampf und Selbst 61 <?page no="62"?> 181 Ebenda, Schreibung laut Original. 182 Ebenda, 22.9.1864, Schreibung laut Original. 183 Ebenda, 21.5.1865, Schreibung laut Original. 184 Ebenda, Schreibung laut Original. 185 Ebenda, 9.3.1864, Schreibung laut Original. 186 Ebenda, 22.3.1865. 187 Ebenda, 24.5.1865. 188 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-173. nähren und seine politische und religiöse Ueberzeugungen aus diesen Quellen zu schöpfen? - O die Armen! die ,verlorenen Söhne‘! “ 181 Trotz dieser verbalen Attacken gegen die liberalen Blätter, las Kohler offenbar trotzdem in ihnen, die ihre Wirkung trotz allem auch nicht zu verfehlen schienen: Nach einer Lektüre notierte Kohler im September 1864, dass sich in ihm „den Tag über [ein] so heißer Kampf “ 182 entsponnen habe, woraufhin er sich frug, wann dieser denn endlich enden würde. Wiederholt verwies er nach dem Zeitunglesen auf den Theologen Meßmer, um die als gefährlich wahrgenommene Lektüre für sich einzuordnen: „Dieses Zeitungslesen hinterläßt ein so sonderbares Gefühl der Leere, Abgeschmacktheit in unserm Inneren; und Meßmer hat wohl recht wahr gesprochen, wenn er sagt: Sie erkälten unser Inneres. Ich wüßte diesen Zustand nicht besser zu bezeichnen.“ 183 Gleichsam um die Kälte zu vertreiben, besuchte Kohler nach dem Kaffeehaus noch eine Heilige Messe, die er eigenen Angaben zufolge „gehoben gestärkt und gekräftigt“ 184 verließ. Die Schule ist ein weiterer Bereich, in dem er sich in seinem alltäglichen Handeln politisch positionierte. In einem Eintrag am 9. März 1864 notierte er, dass er „dieser gedanken & sinnlosen ‚Gescheidseinwollerei‘“ der Liberalen so überdrüssig sei, dass er nicht umhinkam, die „noch empfänglichen Jugendherzen“ seiner SchülerInnen vor dieser Gefahr zu warnen. Denn „was sollte uns tiefer in unserm Innersten empören, als solche Lärmer die ganze Welt und Staat & Kirche & Gemeine corregiren wollen und überall mit hämischer Schadenfreude Schwächen & Mängel aufsuchen“. 185 Als er einige Monate später eine andere Schule besuchte, zeigte er sich über den baufälligen Zustand des Gebäudes schockiert und sah darin ein Werk des Liberalismus, der zwar vom Fortschritt spreche, sodann aber solche Auswirkungen zeitige. 186 Gegen Ende seines zweiten Tagebuchs wurde Kohler - zumindest den Einträgen zufolge - der politischen Aufladung seiner Lektüre gewahr. Nachdem er Ende Mai 1865 ein Gedicht von Goethe in sein Büchlein abschrieb, setzte er einen Kommentar darunter: „Wohl auch heute ein passender Spruch der Weisheit - nur leider ,classisch‘ durch & durch.“ 187 Die Bezeichnung „klassisch“ verweist auf die Deutsche Klassik, die eben, wie zuvor bereits erwähnt, von den Liberalen in Beschlag genommen worden war. Weitensfelder hält aller‐ dings fest, dass bei aller politischen Bewertung der Literatur die deutschen Klassiker wie Schiller und Goethe in den Privatbibliotheken der gebildeten konservativen Bürgerschaften Eingang fanden. 188 Kohler mag nichtsdestotrotz das Gefühl gehabt haben, dass er sich als Katholik im heraufziehenden Kulturkampf endlich von diesen explizit distanzieren müsse, um den konservativen normativen Vorgaben zu entsprechen. Als Kohler am 27. Mai 1865 wie so oft ein Werk des katholischen Theologen Landsteiner las, nahm er dies zum Anlass, um sich über einen Vergleich zur Deutschen Klassik neu zu positionieren: 62 Markus Wurzer <?page no="63"?> 189 Kohler, Tagebücher, 27.5.1865. 190 Ebenda, 24.5.1863. 191 Ebenda, 31.5., Schreibung laut Original. 192 Ebenda, 9.3.1864. 193 Ebenda, 30.6.1864. 194 Ebenda, 27.5.1865. 195 Ebenda, 31.5.1865, Schreibung laut Original. „Welch ein Unterschied, das Gefühl und die Stimmung nach einem Landsteinerschen Romane und jenem nach einem Schillerschen Drama, oder einem Götheschen Roman. […] Diese gefeierten Herren reichen unserm Geist in ihren dichterischen Schöpfungen einen giftigen, oder wenigstens betäubenden oder berauschenden Trank, aber genesend ist er nicht! Aber ein L.[andsteiner] Roman. Ists uns nicht, als fiele, indem wir das Buch zumachen, ein Stück Erdenscholle von unseren Herzen? Als wären alle unsere Empfindungen geläutert und unser Verstand leicht, und wir sehen die Erde und all das Irdische vor uns liegen kalt, grau farblos und wertlos, und die eine große Wahrheit steht aufs Neue licht vor der Seele: ,Du bist nur Pilger! ‘“ 189 Wenige Tage später brach Kohler endgültig mit den Klassikern: Er beendete sein Abonne‐ ment der „Göthe’schen Gedichte“, das er seit Mai 1863 bezogen hatte. 190 Dazu bemerkte der Diarist: „Sei er immer Göthe, er befriedigt dieses Herz nicht, und wenn auch alle Welt ihn vergöttert, ich fühle mich weder gehoben noch befriedigt durch ihn. Dieses ewige Preisen der Sinnlichkeit, diese innere Zerrissenheit, die wie ich dafürhalte zwischen den Zeilen überall hervorguckt, - wen sollte das befriedigen -? es wäre denn daß eine Gedanken & Ueberzeugungs-Uebereinstimmung zwischen Dichter & Leser bestünde! “ 191 Dass er ihn trotzdem noch solange gelesen hatte, führte Kohler darauf zurück, dass seine inneren, liberalen Verirrungen solange nachgewirkt hätten. Nun aber stellte er in Abrede, dass eine gemeinsame Geisteshaltung zwischen ihm und den Dichtern bestehe. Er renne nicht mehr in „sinnliche[r] Verblendung“ herum, 192 sondern wähnte sich durch den Katholizismus auf dem Weg zum „Uebersinnlichen“. 193 Nichtsdestotrotz ist auch diese Distanzierung, die sich zwar an Schiller und Goethe festmachen lässt, sich aber auf den Liberalismus im Allgemeinen bezieht, nicht frei von Ambivalenzen. Just die eben zitierten Distanzierungen rahmte Kohler mit Zitaten Schil‐ lers. 194 Und als Kohler im allerletzten Tagebucheintrag, am 31. Mai 1865, noch Rück- und Selbstschau hielt und konstatierte, dass „ich leider noch weit von jenem Bilde verschieden bin, das mir vor meiner Seele schwebt“, so hielt er doch Folgendes fest: In dieser Zeit, nachdem seine Seele „ohne Kompaß und ohne Führung im Chaos irriger Meinungen“ vergeblich nach Halt gesucht habe, sei die „Rückkehr des Geistes zum Kindersinn“ 195 erfolgt, womit die inneren Kämpfe zugunsten des Konservativismus endlich bestanden seien. Nach den ideologischen Umwegen müsse er, so Kohler weiter, allerdings von Neuem beginnen. Als Vorbild für diesen Neuanfang nahm sich der Diarist allerdings nicht etwa einen konservativen Denker wie Alois Meßmer zur Brust, sondern ausgerechnet Goethe, von dem er sich erst wenige Zeilen zuvor so deutlich distanziert hatte: „Von Göthe heißt Kulturkampf und Selbst 63 <?page no="64"?> 196 Ebenda, 31.5.1865. 197 W A L S E R , Kohler, S.-23. 198 Ebenda, S.-24. 199 Walser, Charakterbild, 23.1.1917, S.-1. 200 Kohler, Tagebücher, 31.5.1865. es, daß er als 22jähriger Jüngling seine sämmtlichen Arbeiten vertilgte, und aufs neue zu schaffen begann; und ähnlich mußte es auch bei mir mit 25 noch geschehen.“ 196 V. Fazit Als Josef Walser, der ehemalige Pfarrer von Schwarzach, nach Johann Kohlers Tod 1916 dar‐ anging, eine Biografie über den Verstorbenen zu verfassen, rahmte er die Jugendtagebücher und die in diesen festgehaltenen Prozesse religiöser und politischer Selbstpositionierungen auf eine ganz bestimmte Weise: Er relativierte die Bedeutung von Kohlers jugendlichem Interesse am Liberalismus, indem er diese Zeit als „Flegeljahre seines Geistes“ 197 bezeich‐ nete. In diesen sei der jugendliche Geist „Irrwege und halsbrecherische Pfade gegangenen […]. Aus dem heißen Kampfe [sei schlussendlich] der katholische, konservative, demütige Kohler hervor[gegangen]“ 198 . Der jugendliche Zweifel deklassiere Kohler so nicht als Vorbild des konservativen Lagers und hinderte Walser nicht daran, den Diaristen in seinem Schreiben zum „Bannerträger im Kampfe gegen den Liberalismus“ 199 zu stilisieren. Im Gegenteil schien diese Episode die Überlegenheit des Konservativismus zu belegen, war ja Kohler „dort“, also in der liberalen Gedankenwelt, gewesen und als „verlorener Sohn“ - wie sich Kohler in den Tagebüchern mitunter selbst auch imaginiert hatte 200 - zurückgekehrt, um diesen fortan zu bekämpfen. Für geschichtswissenschaftliche Erkenntnisinteressen bieten die Tagebücher freilich andere Ansatzpunkte. Sie eröffnen den Zugang zu einem historischen Individuum, dass sich in den politischen Kulturkämpfen seiner Zeit zu positionieren suchte. Durch die Lektüre der 589 Tagebuchseiten wird offenkundig, dass dieses Unterfangen keine Einbahnstraße, sondern ein komplexer Prozess, gespickt mit (nicht eingelösten) Vorsätzen, Widersprüchen und Ambivalenzen, gewesen war. Dieser Blick von „unten“ auf die Kulturkämpfe zwischen Konservativen und Liberalen macht somit vor allem auf eines aufmerksam: Die historiogra‐ fische Forschung begriff beide Lager als quasi natürliche Gruppen, die - wenngleich nach „innen“ hin Binnendifferenzierungen vorgenommen wurden - zumindest nach „außen“ hin hermetisch abgeriegelte Entitäten bildeten, zwischen denen eine unüberwindbare ideologische Kluft bestanden habe. Insofern wurden Protagonisten der Kulturkämpfe von der Historiografie stets als liberal oder konservativ markiert. Raum für Positionen dazwischen schien es nicht zu geben. Dahinter steht letztlich die populäre Vorstellung, dass nicht nur nationale, ethnische, religiöse, sondern eben auch politische Zugehörigkeiten starr, statisch und unveränderlich sind. Umgelegt auf die Kulturkämpfe hieße das etwa, dass eine Person eben entweder eine konservative, katholische oder liberale, antiklerikale Identität habe - und diese unveränderlich sei. Gerade das Beispiel Kohlers zeigt nun allerdings, dass dem nicht so war: Bevor er zu einer der Führungsfiguren in den Kulturkämpfen in Vorarlberg wurde, war seine Zugehörigkeit zum konservativen Lager keineswegs ausgemacht. Seine Tagebücher geben exemplari‐ 64 Markus Wurzer <?page no="65"?> 201 Rogers B R U B A K E R , Ethnicity without Groups. In: The Ethnicity Reader. Nationalism, Multiculturalism and Migration, hg. von Montserrat G U I B E R N A U / John R E X . Cambridge 2 2010, S. 33-45, hier S. 33-40; Frederick C O O P E R / Rogers B R U B A K E R , Identität. In: Frederick C O O P E R , Kolonialismus denken. Konzepte und Theorien in kritischer Perspektive (Globalgeschichte 2). Frankfurt 2012, S.-109-159. schen Einblick in die komplexen Ausverhandlungsprozesse, die historische Individuen im historischen Kontext der Kulturkämpfe in ihrem „Inneren“ mitunter austrugen. In der Ana‐ lyse dieser Selbstpositionierungen wurde augenscheinlich, dass Gefühle von Zugehörigkeit nicht starr, statisch und unveränderlich sind, sondern dynamisch und situationsabhängig. 201 Die eigentliche Frage, die biografische Studien im Kontext der Kulturkämpfe-Forschung also stellen sollten, ist nicht, ob eine Person liberal oder konservativ war, sondern, wann sie sich mit den Standpunkten von einem der beiden Lager identifizierte und unter welchen Bedingungen Zugehörigkeitsgefühle ausblieben. Eine solche Perspektive macht den Weg frei, um Kohlers liberale Affinität nicht als „Flegelei“ abzutun, sondern um Widersprüchlichkeiten und Zerrissenheit sichtbar zu machen. Während vor allem das Kaffeehaus jener Ort war, an dem er sich beim Lesen der - liberalen - Zeitungen dem Konservativismus zugehörig fühlte, vermitteln die Tagebücher den Eindruck, dass der Liberalismus - trotz aller gegenteiligen Bekundungen - nach wie vor faszinierend auf den jungen Kohler gewirkt haben mag. Bei der Bücherwahl verzichtete er lange Zeit auf eine politische „Vorzensur“; stattdessen eignete er sich die Werke verschiedenster Dichter und Schriftsteller an - je nachdem was ihm eben nützlich für seine eigene charakterliche Entwicklung schien. Als er sich letztendlich doch eingestehen musste, dass manche der von ihm verehrten Autoren zu „klassisch“ für einen Katholiken im „Kulturkampfmodus“ seien, distanzierte er sich von ihnen, nur um Goethe schlussendlich doch noch als (heimliches) Vorbild zu behalten. Kulturkampf und Selbst 65 <?page no="67"?> Johann Kohler als Kirchenmaler Hans Kohler Abb. 1: Deckengemälde Nikolauskapelle Ambras, Aufnahme Hans Kohler 2020 <?page no="68"?> 1 Privatarchiv Hans Kohler, Kohlersche Hauschronik (im Folgenden Hauschronik), Anm. 200-202. 2 Das kann anhand der aus dieser Zeit stammenden Tagebücher nachvollzogen werden. Johann Kohler, Tagebücher 1863-1865, hg. von Hans K O H L E R , transkribiert von Mathias M O O S B R U G G E R . Rankweil 2011; siehe dazu auch den Beitrag von Markus Wurzer in diesem Band. 3 Hauschronik, Anm. 200-202, aber auch Josef W A L S E R , Johann Kohler, ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg. Wien/ Innsbruck/ München 1918, S.-15. 4 Ebenda, S.-21. 5 Wilhelm M E U S B U R G E R , Bezau. Geschichte - Gesellschaft - Kultur. Bezau 1995, S.-117-119. 6 Ebenda. Im genannten Lebensrückblick in der Hauschronik wird diese Station nicht erwähnt. Siehe auch die Auflistung im Anhang des Beitrags. I. Einleitung „Im Jahre 1866 brachte die Verehelichung eine theilweise Änderung, indem die bisherige Sommer‐ beschäftigung, die kirchliche Dekorationsmalerei aufgegeben werden mußte, gerade zu jenem Zeitpunkte, wo eine langjährige Schulung und beharrliches Studium der kirchlichen Architektur endlich erfreuliche Aussichten eröffnet hatte“, 1 schrieb Johann Kohler in seiner im Jahre 1869 begonnenen Hauschronik, in der er im Anhang einen kurzen Überblick über sein bisheriges Leben gab. Mit diesen Worten rekapitulierte er das Ende einer Aufgabe, die ihm für seine persönliche Entwicklung viel Wissen und Erfahrung eingebracht hatte. Beides sollte sich zudem später beim Neubau der Pfarrkirche Schwarzach auf ganz direkte Weise als sehr nützlich erweisen. Es war auch eine Phase in seinem Leben gewesen, die insgesamt sehr viel zur Ausprägung und Festigung der Geisteshaltung von Johann Kohler beigetragen hatte. 2 Nach dem Abschluss der Winterschule in seinem Geburtsort Egg waren, wie Johann Kohler selber angibt, drei Jahre der Mitarbeit auf dem elterlichen Bauernhof gefolgt. Auf‐ grund der Ausbildung zum Landschullehrer in der „Präparandie“ in Bregenz unterrichtete er dann von 1856 bis zu seiner Übersiedlung nach Schwarzach im Jahre 1869 an der Schule in Egg und hatte darüber hinaus das Amt des Gemeindeschreibers inne. 3 Bereits früh muss sich eine gewisse zeichnerische Begabung gezeigt haben, einige erhal‐ tene Skizzen und Erwähnungen zeugen davon. 4 Der vermutlich entscheidende Moment, der seine Tätigkeit in den folgenden Jahren in den Sommermonaten bestimmen sollte, kam aber 1858. In diesem Jahr malte Meister Josef Wilhelm (1819-1885) aus Bezau 5 in der später abgerissenen Kirche in Egg und Johann Kohler schloss sich ihm als Schüler und Gehilfe für die Dekorationsmalerei an. 6 Als Lehrer in den Sommermonaten ohne Beschäftigung war es sicherlich eine willkommene Gelegenheit, eine mit Begeisterung ausgeübte Fertigkeit auch zur Erzielung eines Einkommens anzuwenden. 68 Hans Kohler <?page no="69"?> - Abb. 2: Vier Zeichnungen, Bleistift auf Papier, datiert J. Kohler 1857 bzw. 1858, im Besitz des Verfassers II. Die Nazarener - der Nazarener-Stil Um die Aufgabe eines Dekorationsmalers beschreiben zu können, ist zunächst die damals übliche Ausgestaltung von öffentlichen Räumen, vor allem von Kirchen, in den Blick zu nehmen. Wie die Formensprache der Architektur verriet auch diese viel über den Zeitgeist. Seit dem frühen 19. Jahrhundert existierte mit dem Nazarener-Stil eine neue Kunstrichtung, die sich als Antwort auf den erstarrenden Klassizismus an den Akademien und vor allem auf die Religionsfeindlichkeit der Säkularisierung sah. Es war der Versuch romantischer Maler aus dem deutschsprachigen Raum, eine Erneuerung der Malkunst im Dienst der christlichen Johann Kohler als Kirchenmaler 69 <?page no="70"?> 7 Schulmediencenter des Landes Vorarlberg, Kunstgeschichte Vorarlbergs VI: Klassizismus und Kunst des 19. Jahrhunderts (3500111), URL: https: / / www.vobs.at/ fileadmin/ user_upload/ smc/ Bildre ihen/ Begleittexte/ 3500111_Kunst_19_Jht_Text.pdf (31.8.2024); Walter S P I E G E L , Hermann Lang und Hans Martin und die Ausmalung der Pfarrkirche St. Leopold. In: 100 Jahre Pfarre Hatlerdorf, hg. von S T A D T A R C H I V D O R N B I R N (Dornbirner Schriften 21). Dornbirn 1996, S.-45-66; Herbert S C H I N D L E R , Nazarener - Romantischer Geist und christliche Kunst im 19.-Jahrhundert. Regensburg 1982. 8 Norbert S C H N E I D E R , Historienmalerei. Vom Spätmittelalter bis zum 19. Jahrhundert. Köln/ Wien 2010; Michael K R A P F , Zur Situation der religiösen Historienmalerei. In: Geschichte der bildenden Kunst in Österreich, hg. von Gerbert F R O D L , Bd. 5: 19. Jahrhundert. München/ Berlin/ London/ New York 2002, S.-265-269. Religion durchzuführen. Angelehnt an die deutsche Malerei des 16. Jahrhunderts und der italienischen Hochrenaissance trugen manche dieser Maler auch die Haartracht, die sie von Raffael oder Albrecht Dürer kannten, die sich wiederum Jesus als Vorbild genommen hatten. Aus dieser Selbstinszenierung resultierte dann der ursprünglich spöttisch gemeinte Name Nazarener. Der Nazarener-Stil war gekennzeichnet durch klare Linien, die Zeichnung hatte Vorrang vor der Farbe und vor allem: Der Mensch stand im Mittelpunkt. Die geringe räumliche Tiefenwirkung erzeugte eine kulissenhafte Anmutung, die Lichtführung sorgte für Dra‐ matik und leitete zu den zentralen Figuren hin. Warme, pastellige Farben dominierten und verliehen der Szene eine Stimmung der Verinnerlichung und Vergeistigung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebte dieser Stil auch in Vorarlberg seinen Höhepunkt; eine Vielzahl von Kirchen wurde nach ihm ausgestattet. Mittlerweile aber sind die meisten dieser Malereien wieder verschwunden, nur noch einige wenige sind erhalten und in gutem Zustand - wie beispielweise die Pfarrkirche Hatlerdorf, die Kirche in Schruns oder die erst vor kurzem renovierte Kirche St. Michael in Rankweil. 7 Der Nazarener-Stil schuf besondere Formen der Malerei und dazugehörige Protagonisten, die Historien- und die Dekorationsmaler. III. Historienmalerei und Dekorationsmalerei Die Historienmalerei als eine seit der Renaissance beliebte, jedoch im Historismus, der Kunstepoche zwischen ca. 1848 und 1910, besonders angesehene Bildgattung wollte den außergewöhnlichen Moment darstellen, in dem sich geschichtliche, religiöse, mythischsagenhafte oder literarische Stoffe verdichtet erfassen lassen. 8 Einer der berühmten Histo‐ rienmaler Österreichs zu Johann Kohlers Zeit war August Wörndle von Adelsfried (1829- 1902), von dem ebenso wie von den gleichfalls sehr bekannten Künstlern Georg Mader (1824-1881) und Franz Plattner (1826-1887) noch die Rede sein wird. Kohler arbeitete mit allen dreien in verschiedenen Kirchen und Projekten als Dekorationsmaler zusammen. Die Dekorationsmalerei gilt als Kunsthandwerk. Gerade bei der Kirchenmalerei, und hier insbesondere bei jener im Nazarener-Stil, ergänzte der Dekorationsden Historien‐ maler. Während dieser das Konzept erstellte und die „Bildgeschichte“ schuf, führte der Erstgenannte rahmende Verzierungen in Form von Bordüren, Ornamenten und anderen gestalterischen Elementen aus. All diese Zuarbeit geschah jedoch als Selbständiger, der sich in Eigenregie um den Aufbau des Gerüsts, die Besorgung der Farben und des benötigten Ma‐ terials zu kümmern hatte und erst am Ende des Projekts mit dem Auftraggeber abrechnete. Der Dekorationsmaler war somit ein Subunternehmer in Diensten des Historienmalers. 70 Hans Kohler <?page no="71"?> 9 Kohler, Tagebücher, 16.6.1864. 10 Wörndle von Adelsfried, August. In: Constantin von W U R Z B A C H , Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Bd. 57. Graz 1889, S. 221-226, hier S. 221, URL: http: / / www.literature.at/ al o? objid=12541 (31.8.2024). 11 Siehe den Beitrag von Markus Wurzer in diesem Band. 12 Anton S P R I N G E R , Handbuch der Kunstgeschichte zum Gebrauche für Künstler und Studirende und als Führer auf der Reise. Stuttgart 1855. 13 Franz S T A N O N I K , Meßmer, Alois. In: Allgemeine Deutsche Biographie 21 (1885), S. 500, URL: https: / / www.deutsche-biographie.de/ pnd116921390.html#adbcontent (31.8.2024); G. W E Iẞ , Messmer, Alois (1822-1857), Schriftsteller und Theologe. In: Österreichisches Biographisches Lexikon (1974), DOI: 10. 1553/ 0x00282f7a (31.8.2024). Wie man anhand des vorliegenden Arbeitsbuchs von Kohler noch sehen wird, erhielt er jeweils sehr lobende Erwähnungen. Es nimmt daher nicht wunder, dass er immer wieder von den führenden Historienmalern für Aufträge, die sich oft über mehrere Jahre erstreckten, herangezogen wurde. Das bedingte offenkundig auch ein eher kollegiales Verhältnis zu diesen Künstlern. So notierte der in Wörgl weilende Kohler 1864 in seinem Ta‐ gebuch, „abends traf noch H. Wörndle ein und verplauderten mit dem H. Cop. [Cooperator] noch ein paar Stündchen beim Glase Wein“. 9 Auch ein zeitgenössisches Lexikon betonte in Bezug auf Wörndles Arbeit in Schloss Ambras das Zusammenwirken des Historienmit dem Dekorationsmaler: „[…] während er im übrigen von dem Vorarlberger Maler Johann Kohler […] unterstützt wurde“, hieß es da. 10 Historien- und Dekorationsmaler arbeiteten, wie am Beispiel Johann Kohlers gezeigt werden kann, eng zusammen. Dass der Autodidakt Kohler von den Künstlern, die wie Wörndle und Plattner Mitglieder der renommierten Wiener Kunstakademie waren, sehr viel lernte, ist anzunehmen. Für sein Können wiederum spricht, dass er von diesen Künstlern akzeptiert wurde. IV. Johann Kohler und seine Beschäftigung mit Kunst und Kunstrichtungen Wie bereits erwähnt, brachte Kohler offensichtlich ein gewisses zeichnerisches Talent mit. Aber damit gab er sich nicht zufrieden, wird doch in seinem Tagebuch ein stetes Ringen um Verbesserungen und Entwicklungen, verbunden mit großer Selbstkritik, sichtbar. Zwar umfassen die überlieferten Tagebücher lediglich die Zeitspanne von Mai 1863 bis Mai 1865, vom Weg des anfänglichen Gehilfen lokaler Kirchenmaler zu einem von sehr bekannten Historienmalern der damaligen Zeit geschätzten und gerne beschäftigten Dekorationsmaler vermitteln sie dennoch einen recht anschaulichen Eindruck. Sein Wissen bezog der begeisterte Leser 11 Kohler einerseits aus Büchern, die ihn stets begleiteten. Besonders hatten es ihm der „Springer“ - hier eine vierhundert Seiten starke, umfassende Darstellung der Architektur und der Kunstrichtungen aus der Feder des damals führenden deutschen Kunsthistorikers Anton Springer (1825-1891) 12 - und der „Meßmer“ - gemeint ist der von Kohler sehr bewunderte Schriftsteller und Theologe Alois Meßmer (1822-1857) aus dem Tiroler Nassereith - angetan. Letzterer hatte u. a. auch zahlreiche Schriften über christliche Kunst verfasst. 13 Andererseits vertiefte Kohler das aus der Lektüre Geschöpfte durch Anschauung. Auf den Wanderungen und Fahrten zu seinen Arbeitsorten, genauso Johann Kohler als Kirchenmaler 71 <?page no="72"?> 14 Kohler, Tagebücher, 19.7.1863. 15 Ebenda. 16 Ebenda, 10.7.1864. 17 Ebenda, 28.10.1863. 18 Ebenda, 26.10.1863. wie in deren jeweiligen Umgebungen ließ er keine Gelegenheit aus, Kirchen und Kapellen zu besichtigen. Allein im kurzen Zeitraum von zwei Jahren, die das Tagebuch abdeckt, hielt Kohler seine Meinungen über rund zwanzig Kirchen fest. Dabei brachte er in seinen Kommentaren seine Position zu den verschiedenen Kunstrichtungen mitunter in drastischen Worten zum Ausdruck. So führte ihn seine Neugier etwa auf den Bozner Friedhof, den er „aber weder hinsichtlich seiner Bauart, die eine sehr plumpe schwerfällige Renaissance präsentiert, noch weniger hinsichtlich der plastischen Monumente oder der sehr häufigen Tempora Malerei merkwürdig“ fand. 14 Auch beim anschließenden Besuch der Kirche fiel sein Urteil über die Altäre nicht freundlich aus: „[D]ie Altäre sind sämtlich, wohl mit ungeheuren Kosten, aus schönem Marmor hergestellt, aber durchaus Renaissance, der Hochaltar überdies noch recht phantastisch und geschmacklos.“ Die Kirche selbst hingegen fand seine Zustimmung: „[E]in schöner, noch gut erhaltener gothischer Bau, die Pfeiler sind geschmackvoll gegliedert“. 15 Baustil und Ausstattung stammten auch bei der Kirche St. Leonhard in Kundl aus verschiedenen Epochen. „[E]in Bau aus der besten gothischen Periode“, aber mit den barocken Altären ging er hart ins Gericht: „[…] von alten Altären sah ich keine Spur mehr. Die jetzigen obwohl reich gefaßt sind ein karakterloses Gelöthe und Geklebe.“ 16 Es ist durchgängig ablesbar, dass Kohler Barock und Rokoko generell ablehnte, während er das Neuromanische und vor allem die Neugotik bevorzugte. Trotzdem konnte er bei in seiner Zeit erbauten Kirchen nach neuromanischem Stil mit dementsprechender Ausstattung nicht weniger kritisch sein. Über die Malerei in der kurz vor seinem Besuch fertiggestellten Kirche in Holzgau äußerte er sich vernichtend: „Mit wahrer Spannung betrat ich die Kirche […] Aber es war gut, daß ich keine hohen Erwartungen gehegt hatte, sie wären schlecht erfüllt worden. Figuren, Dekoration, sowohl Zeichnung als Plan, Anordnung u Färbung muß man wohl etwas so elendes und Gemeines nenne [sic! ], wie man es in einem Lande, wo so Vieles über kirchliche Kunst und Restauration geschrieben wird, kaum begreifen kann […] aber die elende, plumpe Draperie, die miserabel verzeichneten Hände, dieses leblose Kolorit verkünden wohl einen Stümper, der nur bei Dummheit sein Glück machen kann.“ 17 An der neuromanischen Kirche in Telfs fand er hingegen nichts auszusetzen: „[…] und verfügte mich dann in die neuerbaute Kirche, deren Bau einen wirklich wohltuenden und erhebenden Eindruck auf mich hervorbrachte.“ 18 Lob und Tadel entsprachen bei Kohler, der den Glauben ungeheuer ernst nahm, sicherlich nicht allein dem vorherrschenden Zeitgeist, der in der Neugotik (und etwas zeitverzögert in der Neuromanik) einen vermeintlich deutschen Stil entdeckt hatte, sondern auch seinen persönlichen Einstellungen. Waren Barock und Rokoko Stile der Herrschenden, der Fürstenhäuser gewesen, so stand dann der Historismus und hier vor allem die Neugotik für eine neue Form auch der Religion, die einen neuscholastischen, asketisch-kämpferischen 72 Hans Kohler <?page no="73"?> 19 Werner K. B L E S S I N G , Staat in Kirche und Gesellschaft. Institutionelle Autorität und mentaler Wandel in Bayern während des 19. Jahrhunderts (Kritische Studien zur Gesellschaft 51). Göttingen 1982, S.-133; Franz-Heinrich B E Y E R , Geheiligte Räume. Theologie, Geschichte und Symbolik des Kirchen‐ gebäudes. Darmstadt 4 2014, S.-148-150. 20 Kohler, Tagebücher, 8.7.1863. 21 Ebenda, 9.5.1865. 22 Ebenda, 28.10.1864. 23 Ebenda, 31.5.1863. 24 Ebenda, 15.8.1863. Da sich die Abrechnung auf einen Teil der Arbeit bezog und während des Aufenthalts in Tiers erfolgte, ist anzunehmen, dass sie Felder und Kohler umfasste. Überdies notierte Kohler für sich einen Aufenthalt in Tiers von insgesamt 71 Tagen. Ebenda, 26.10.1863. Katholizismus zum Ausdruck bringen wollte - wenngleich Nazarener-Epigonen die Strenge der Gotik durch Sentimentalität verwässerten. 19 V. Einblicke in die Arbeit als Dekorationsmaler Wie bereits erwähnt, arbeitete der Dekorationsmaler in ökonomischer Hinsicht als Selb‐ ständiger, der nach beendeter Arbeit seine Auslagen und seinen Aufwand mit dem Historienmaler abrechnete. Dieser war der eigentliche Auftragnehmer, bezog jedoch den Dekorationsmaler meist schon in der Entwurfsphase ein. Oft galt es auch, gemeinsam den Auftraggeber zu überzeugen. In Tiers in Südtirol beispielsweise empfand Kohler „wie harte Mühe haben wir uns geben mußen, diesen Herren ihre hirnverükten Anschauungen über Restauration und Ausschmückung dieser Kirche auszureden. […] Gestern Abends […] haben wir uns endlich geeiniget, daß wir nun nach den von uns ausgearbeiteten Skizzen die Arbeit im Presbiterium anfangen können.“ 20 Auf sich allein gestellt war Kohler, wenn er „morgens Gerüst gemacht [hatte], vormittags nach der Stadt um nochmals Verschiedenes einzukaufen“ ging, um dann wieder einen Termin mit dem Künstler wahrzunehmen: „[N]achmittags mit Wörndle den Plan entworfen und geregelt, und die Aufzeichnung begonnen.“ 21 Auf einem selbst erbauten Gerüst in den hohen Kirchenräumen, oft liegend, zu arbeiten, war auch nicht ganz ungefährlich. „Welch ein merkwürdiger Tag, wenn wir Menschenskinder jene Tage so nennen dürfen, wo wir in höchster Lebensgefahr schwebten. Heute brach über mir das Gerüste und wie kam es daß ich gerettet, daß ich jetzt am Abende frisch & gesund hier bin und wie frei aufathme als wäre ich heute aufs Neue dem Leben geschenkt. Sei es auch, daß ich schwer zu schaden kam und vielleicht eine hübsche Summe einbüßen muß, ich selbst bin gerettet […].“ 22 Das Geld war immer wieder ein Thema. Schließlich mussten alle Auslagen vorfinanziert werden und das fiel nicht immer leicht: „Ein weiter Unannehmlichkeit war mir am Ende des Monats meine Geldnoth. Ich hätte so gerne ordnungsgemäß bezahlt, aber nicht bloß vom Verdienten bei 40 f erhielt ich noch nichts - sondern die noch vorräthigen etlichen Gulden mußte ich leihen.“ 23 Abrechnungen geben Auskunft über das erzielbare Einkommen als Dekorationsmaler. „Es waren hiebei im Ganzen 63 Tagwerke geschehen, macht 183 fl hiervon 25 fl Gold und 21 fl Farben und Requisiten aufgegangen = 229 fl.“ 24 Der Tagesverdienst, den die Arbeit am Presbiterium der Kirche in Tiers im Sommer 1863 abwarf, Johann Kohler als Kirchenmaler 73 <?page no="74"?> 25 Manfred S C H E U C H , Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs bis 1918. Wien 1961, S.-66. 26 Privatarchiv Hans Kohler, Arbeitsbuch Johann Kohler (im Folgenden Arbeitsbuch). Interessant ist, dass mit 1840 ein falsches Geburtsjahr angegeben ist. betrug also knapp drei Gulden - und damit das Vierfache eines (kärglich entlohnten) Textilarbeiters in der Vorarlberger Baumwollindustrie. 25 Zwar waren damit Unterkunft, Verpflegung, An- und Abreise zu bezahlen, dennoch kam Kohler am Ende der Saison bestimmt nicht mit leeren Taschen nach Hause. Johann Kohler besaß auch ein Arbeitsbuch. Es diente mehrerlei Zwecken - es war einerseits eine Art Pass, der das Reisen in bestimmte Länder erlaubte, andererseits aber enthielt es Bestätigungen und Zeugnisse über geleistete Arbeiten. Als Referenz anderen Auftraggebern gegenüber war es damit nicht weniger wichtig. 26 74 Hans Kohler <?page no="75"?> 27 Durch einen Wasserschaden mussten allerdings die beiden kleineren Bilder neben der Darstellung der Himmelfahrt Jesu abgetragen werden, das mittlere Bild ist noch erhalten. E-Mail von Martin Baldauf, Pfarrarchivar von Sulzberg, an den Autor, 22.12.2019, Kopie beim Autor. Abb. 3: Arbeitsbuch, Original im Besitz des Verfassers VI. Die Stationen als Dekorationsmaler Den ersten Auftrag als Dekorationsmaler übernahm Johann Kohler seinen eigenen Auf‐ zeichnungen zufolge in der Kirche in Andelsbuch, der ihn von Juni bis November 1859 beschäftigte, nachdem er im Jahr zuvor in der Pfarrkirche Egg als Gehilfe erste Schritte in die Kirchenmalerei unternommen hatte. 1860 werkte Kohler in den Monaten Mai bis Juli in der Pfarrkirche in Sulzberg. Dort hatte Meister Josef Wilhelm einen größeren Auftrag erhalten, der auch drei Fresken im vorderen Walm der Kirche umfasste. 27 Johann Kohler als Kirchenmaler 75 <?page no="76"?> Abb. 4 und 5: Pfarrkirche Sulzberg um ca. 1940, Postkarte Georg Poppe, Vorarlberger Landesbiblio‐ thek; Pfarrkirche Sulzberg heutiges Erscheinungsbild, Dehio Vorarlberg, Wien 1983 (CC BY-SA 3.0) 76 Hans Kohler <?page no="77"?> 28 Die damals als Pfarrkirche Hochkrumbach ausgewiesene heutige „Simmel-Kapelle“ wurde 1932 restauriert und ist seither ohne jeglichen Wandschmuck. Informationen, wie die Kirche davor aussah, fehlen. 29 E-Mail von Archivar Michael Bartenstein aus Hittisau an den Autor, 21.12.2019, Kopie beim Autor. Laut dieser Auskunft wurde die erstmalige Ausmalung des Innenraumes an Alois Felder aus Andelsbuch, später Innsbruck, vergeben. Allerdings lebte Felder zu diesem Zeitpunkt bereits in Innsbruck. Sowohl über die Arbeit in der Kirche in Hochkrumbach als auch der in der Kirche von Hittisau sind keine weiteren Details bekannt. 30 W A L S E R , Kohler, S.-21. 31 Ein Fassmaler nimmt die Fassung, d.-h. die Bemalung und Vergoldung für Schnitzarbeiten vor. 32 Informationen über Alois Felder, seinen Stammbaum und seine Familie sowie Sterbebildchen freundlicherweise erhalten von Frau Elisabeth Wicke, Bregenzerwaldarchiv. 33 „Dekan Bartle Berchtold übertrug im Jahre 1885 die Ausmalung des Innenraumes dem Dekorations‐ maler Alois Felder, einem gebürtigen Andelsbucher in Innsbruck.“ E-Mail von Archivar Michael Bartenstein aus Hittisau an den Autor, 21.12.2019, Kopie beim Autor. 34 Zur Reisebeschreibung siehe Kohler, Tagebücher, 5.5.1863-7.5.1863; W A L S E R , Kohler, S. 27-28. In den transkribierten Tagebüchern fehlen zwei Seiten, die diese Episode betreffen. Sie sind aber im Original enthalten. 35 Die rund zwanzig Kilometer bewältigte Kohler laut Tagebuch in drei Stunden - ein hohes Tempo, wenn man bedenkt, dass er Gepäck für die nächsten Arbeitsmonate dabeihatte. Im September hatte er in der Kirche in Hochkrumbach, 28 bis November 1860 noch in der Kirche in Hittisau zu tun. 29 Bei allen Projekten der Jahre 1859/ 60 habe er mit Josef Wilhelm zusammengearbeitet, danach sich mit Alois Felder in Verbindung gesetzt und mit ihm Aufträge, nun in Nord- und Südtirol, ausgeführt, berichtet Kohlers Biograph Josef Walser. 30 Der elf Jahre ältere Josef Alois Felder (1828-1897) stammte aus Andelsbuch, dem Nachbardorf von Egg, und wurde in den Matriken als „Fassmaler“ 31 und „Kirchenmaler“ geführt. 32 Er übersiedelte später nach Innsbruck, war aber von dort aus weiterhin in Vorarlberg tätig. So malte er u. a. in den Kirchen in Hittisau 33 und Götzis, in Tirol bildete er vor allem in den ersten Jahren öfter mit Johann Kohler ein Team. Mit dem Jahr 1861 begannen also jene Sommermonate, die Kohler arbeitsam in Kirchen in Nord- und Südtirol zubrachte. Damit verbunden war das Reisen zu Beginn und am Ende der Saison, das aufgrund der Verkehrsverhältnisse und der damaligen Verkehrsmittel ein zeit‐ aufwändiges Unterfangen darstellte. Ins Tirolerische gelangte er dabei auf verschiedenen Wegen. So ging er laut Tagebuch Anfang Mai 1863 zu Fuß von Egg über Krumbach nach Oberstaufen, dort bestieg er einen Güterzug nach Immenstadt, um mit dem Stellwagen nach Sonthofen weiterzufahren. Über Hindelang und Tannheim wanderte er bis Nesselwängle, wo er nächtigte. Für die rund neunzig Kilometer hatte er 17 Stunden benötigt - und davon 55 Kilometer zu Fuß bewältigt! Am zweiten Tag setzte er den Marsch fort, ab Heiterwang hatte er Glück, ein Müller ließ ihn bis Nassereith mitfahren. Am dritten Tag lief er zunächst gut zehn Kilometer nach Imst, von wo er für die restliche Strecke bis Innsbruck wieder den Stellwagen nahm. Insgesamt also drei Tage für eine Distanz, die heute in gut zwei Stunden zu schaffen ist - allerdings hatte Kohler neben der Fahrt mit Bahn und Kutsche immerhin neunzig Kilometer auf Schusters Rappen zurückgelegt. 34 Auch zum Antritt der Arbeitssaison 1865 nahm er diese Route, während er 1864 einen anderen, noch längeren Weg wählte. Von Egg ging es zu Fuß über Schwarzach nach Dornbirn, 35 mit Kutsche und Bahn unternahm er einen Abstecher nach St. Gallen zu einem Antiquar, fuhr zurück nach Au und lief von dort über die Grenze nach Götzis. Anderntags Johann Kohler als Kirchenmaler 77 <?page no="78"?> 36 Kohler, Tagebücher, 21.5.1864-24.5.1864; W A L S E R , Kohler, S.-29. 37 Bothe für Tirol und Vorarlberg, 12.8.1861. Das Hotel „Der Goldene Stern“ scheint Kohlers bevorzugte Unterkunft in Innsbruck gewesen zu sein. Das belegen wiederholt vermeldete Ankünfte in späteren Jahren, auch anlässlich der Hochzeitsreise 1866. 38 Tiroler Kunstkataster, Mils bei Imst, Pfarrkirche hl. Sebastian, URL: https: / / gis.tirol.gv.at/ kunstkata sterpdf/ pdf/ 21204.pdf (31.8.2024). 39 Tiroler Stimmen, 1.8.1861. 40 Tiroler Kunstkataster, Pfaffenhofen, Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt, URL: https: / / gis.tirol.gv.at/ ku nstkatasterpdf/ pdf/ 19537.pdf (31.8.2024). führte ihn der Weg durch das Vorderland und den Walgau bis nach Braz. Insgesamt betrug die wiederum mit Gepäck sowie Besuchen und Besichtigungen dazwischen absolvierte Strecke ca. 45 Kilometer. Der dritte Tag führte ihn über den Arlberg bis nach Landeck, um dort am vierten Reisetag die Kutsche nach Innsbruck zu besteigen. 36 Weil Reisen noch nicht so alltäglich war und sich damit - ob nun für die Ankommenden oder deren Herbergen - eine Art von Werbung erzielen ließ, meldeten Zeitungen die Ankunft „Auswärtiger“. So erwähnte etwa der „Bothe für Tirol und Vorarlberg“ im August 1861, als Johann Kohler die Kirchenmalerei in Tirol begann, unter den neu in den Innsbrucker Gasthäusern Abgestiegenen sowohl Kohler als auch Felder. 37 Abb. 6: Bothe für Tirol und Vorarlberg, 14. August 1861 Der erste Arbeitsauftrag in Tirol war die kurz zuvor errichtete Pfarrkirche St. Sebastian in Mils im Oberinntal. Die Ausstattung des neugotischen Baus, der 1862 eingeweiht wurde, 38 stieß in der Zeitung auf begeisterte Zustimmung. 39 Die Arbeit hatte sich von April bis August 1861 erstreckt. Anschließend ging es in das nahe gelegene Pfaffenhofen, wo gerade die Regotisierung einer ursprünglich spätgotischen, dann barockisierten Kirche erfolgte. 40 78 Hans Kohler <?page no="79"?> Abb. 7: Pfarrkirche Mils, Deckenornamente im Presbyterium, Aufnahme Hans Kohler 2020 Abb. 8: Pfarrkirche Pfaffenhofen nach der Regotisierung 1861 (2 Bilder), Gemeindearchiv Pfaffenhofen Über die Arbeit in Pfaffenhofen, deren Umfang und die Einbindung Kohlers in die Gesamtres‐ taurierung, sind keine Unterlagen vorhanden, jedoch sollte der Ort noch eine weitere Bedeutung in seinem Leben erlangen. Fünf Töchter besuchten nämlich in den 1880er-Jahren das Institut Johann Kohler als Kirchenmaler 79 <?page no="80"?> 41 Es waren dies: Anna Angela Kohler (Eintritt 1886), Maria Grazia Kohler (Eintritt 1887), Franziska Theresia Kohler (Eintritt 1889), Aloisia Kohler (Eintritt 1890), Franziska Rosalia Kohler (Eintritt 1896). Zu den Töchtern siehe den Beitrag von Margret Friedrich in diesem Band. 42 Tiroler Kunstkataster, Innsbruck, Friedhof Wilten West, Städtischer Westfriedhof, URL: https: / / gis. tirol.gv.at/ kunstkatasterpdf/ pdf/ 68113.pdf (31.8.2024). Die Baufirma Huter reichte dann 1900 einen umfassenden Plan für den Neubau der Pfarrkirche Schwarzach ein, den Gemeindevorsteher Johann Kohler vorantrieb. Der Plan gelangte aus Kostengründen nicht zur Ausführung. Für Details siehe den weiteren Beitrag des Autors in diesem Band. 43 Zum Schaffen von August von Wörndle, Georg Mader und Franz Plattner in Tirol siehe: Reinhard R A M P O L D , Kirchenausstattungen vom Historismus bis zum Jugendstil. In: Kunst in Tirol, hg. von Paul N A R E D I -R A I N E R / Lukas M A D E R S B A C H E R , Bd. 2: Vom Barock zur Gegenwart. Innsbruck/ Bozen 2007, S.-495-518, hier S.-496-497, 505-506. 44 U. a. Bothe für Tirol und Vorarlberg, 8.2.1861, 4.11.1861, 20.11.1861, 26.11.1861, 4.8.1862, 11.11.1865; Innsbrucker Nachrichten, 11.6.1864; Neue Freie Presse, 1.3.1865; Das Vaterland, 31.8.1867; Tiroler Stimmen 30.10.1873. 45 Kohler, Tagebücher, 26.10.1863. der Armen Schulschwestern in Pfaffenhofen. 41 Vier davon wählten selber das Leben als Nonne; eine, Anna Angela, entschied sich für den Orden der Armen Schulschwestern. Sie trat 1890 ein, wurde Lehrerin und unterrichtete zuerst in Freistadt und dann in Pfaffenhofen. Die dritte Aufgabe im Jahre 1861 bildete sicherlich eine der markanten Stationen in Kohlers Laufbahn als Kunsthandwerker. Der Innsbrucker Baumeister Peter Huter hatte den Bau der neuen Arkaden des Friedhofs Wilten, auch Städtischer Westfriedhof genannt, vollendet. 42 Mit der Ausgestaltung der vielen Arkaden und der Kapelle wurden nun August von Wörndle, Franz Plattner und Georg Mader betraut. 43 Kohlers Partner Alois Felder, der schon länger als Dekorationsmaler im Geschäft war, verfügte offensichtlich über Kontakte zu ihnen. Sie engagierten Felder, der Kohler mitbrachte, wodurch dieser jene hochrangigen Vertreter der Zunft kennenlernte, die seine Dienste später auch direkt in Anspruch nehmen sollten. Beim Wiltener Friedhof handelte es sich um ein auf mehrere Jahre angelegtes Großpro‐ jekt. 1862 war Kohler über vier Monate dort beschäftigt, im Jahr darauf stellte er 64 Arbeitstage in Rechnung und 1864 nochmals zwei Monate. Auch in der Bevölkerung war das Interesse groß. Schon vorab hatte die Standortfrage zu heftigen Diskussionen geführt. Nach Fertigstellung lieferte die künstlerische Gestaltung Anlass für viele, oft gegensätz‐ liche Meinungsäußerungen; allerdings erntete der von August von Wörndle ausgeführte Kreuzweg nahezu einhellig viel Beifall. 44 Neben der Ausgestaltung von verschiedenen Arkadengräbern hatte Kohler auch an mehreren Stationen dieses Kreuzwegs mitgearbeitet, wie sich anhand einiger Detailaufzeichnungen im Tagebuch nachvollziehen lässt. So schrieb er in der Jahreszusammenfassung 1863 u.-a. über die abgelaufene Arbeitssaison: 45 „In Innsbruck vom 11.Mai bis inkl. 2 Juli a. 11 Tage bei der Hammerschen Grabstette 11 Tag b. bei der 2. u. 3.Stat 22 Tag c. bei den Kapuzinern 5 Tag d. bei der 4.Stat. beim Hammer u Pembaur 4 Tag zusammen 42 Tag […] - vom 30.September bis 24.Okt. in Innsbruck 22 Tag“ 80 Hans Kohler <?page no="81"?> 46 Ebenda, 2.6.1864, 8.6.1864. Die im Tagebuch erwähnten Arkadengräber der Familien Linder, Pembaur und Hammer sind noch vorhanden, die von Kohler geschaffenen Dekorationen um die Grabsteine herum aber mittlerweile übertüncht worden (Augenschein des Autors im September 2020). 47 Bothe für Tirol und Vorarlberg, 5.11.1861. Im Tagebuch von 1864 vermerkte er über die Tätigkeiten, die er im Juni auf dem Friedhof verrichtete, u. a.: „[H]eute nachmittag half ich beim Platter und weiters ich arbeitete an der Linderschen Arkade […]“. 46 Heute ist die Dekorationsmalerei allenthalben verschwunden, damals jedoch schenkte man ihr Beachtung, interessant ist dabei nicht zuletzt, wie sie gesehen und ihre Qualität bewertet wurde. Ein Beispiel dafür lieferte der „Bothe für Tirol und Vorarlberg“, der im November 1861 eine längere Kunstbetrachtung in Zusammenhang mit dem Friedhof in Innsbruck brachte: „Es erübrigt uns noch einige Worte über die Dekorationsmalerei zu sagen. Mit wahrer Befriedigung wird man es auf unserm neuen Gottesacker gewahr, daß endlich eine strenge, styl- und gehaltvolle Ornamentik eine geistlose Bemalung der Wände die uns antikisierende Architektur, plastische Arabesken oder bloße Marmorverkleidung vorlüge, überwunden hat. Jene Ornamente machen, wenn die Farben, wie es auf dem Friedhofe zum größten Theile bei denselben der Fall ist, glücklich gewählt sind, den Eindruck einer geistigen Eleganz, und erregen nie, wenn auch noch so reich ausgeführt, das verwirrende Gefühl von Überladung, nur müssen sie, wenn mit plastischen oder malerischen Werken in unmittelbare Verbindung gebracht, denselben untergeordnet sein, damit sie Wirkung der letzteren nicht schwächen.“ 47 Abb. 9: Deckenornamente Kreuzwegstation Westfriedhof Innsbruck, Aufnahme Hans Kohler 2020 Johann Kohler als Kirchenmaler 81 <?page no="82"?> 48 Arbeitsbuch, Zeugnis, 7.10.1862. 49 R A M P O L D , Kirchenausstattungen, S. 506; Mader, Georg. In: Constantin von W U R Z B A C H , Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Bd. 16, Graz 1867, S. 239-241, hier S. 240, URL: http: / / www.lit erature.at/ alo? objid=11769 (31.8.2024); Tiroler Stimmen, 1.1.1862. Eine sehr detaillierte Schilderung des Deckengemäldes und Presbiteriums einschließlich der Intentionen des Künstlers ist auch im „Bothen für Tirol und Vorarlberg“ nachzulesen. Ebenda, 14.5.1861. 50 Arbeitsbuch, Zeugnis, 15.9.1862. Auch Wörndle stellte Kohler, der bei ihm „mit Geschicklichkeit und Fleiß in manniglicher Ornamentensache gearbeitet“ habe, ein überaus positives Zeugnis aus. 48 Möglicherweise aufgrund eines im Zusammenhang mit dem Westfriedhof in Innsbruck geknüpften Kon‐ takts war Kohler 1862 zudem in Bruneck im Pustertal im Einsatz. Dort hatte Georg Mader die Bemalung der 1856 eingeweihten, neuromanischen Pfarrkirche übernommen, die zu den bedeutendsten sakralen Baudenkmälern des Historismus in Tirol zählt und Maders Ruhm als Historienmaler begründete. 49 Während sich die Presse vor Begeisterung über Maders Werk überschlug, war dieser ebenfalls voll des Lobes „über Treue und Sittlichkeit, […] Fleiß und Geschicklichkeit“ seines Dekorationsmalers. 50 Abb. 10: Deckengemälde Pfarrkirche Bruneck, Aufnahme Piergiuliano Chesi 2010 (CC BY-SA 3.0) 82 Hans Kohler <?page no="83"?> 51 Kohler, Tagebücher, 8.7.1863. 52 Karl A T Z / Adelgott S C H A T Z , Der deutsche Antheil des Bisthums Trient: topographisch-historischstatistisch und archäologisch, Bd. 3: Das Dekanat Sarntal, Klausen und Kastelrut. Bozen 1905, S. 282. Nach der Eintragung im Tagebuch vom 26.10.1863 rechnete Kohler für die Arbeit in Tiers insgesamt 71 Arbeitstage ab. 53 Diese Malereien sind mittlerweile entfernt und die klassizistischen Fresken von 1772 zum Vorschein gebracht worden. Mitteilung von Georg Aichner, Gemeinde Tiers, vom 7.4.2008 an den Autor, Schreiben beim Autor. Im Sommer 1863 verbrachte Kohler - dieses Mal wiederum als „Verstärkung“ von Alois Felder - erneut einige Zeit in Südtirol, in der Gemeinde Tiers am Schlern. Zwei Tage dauerte die Reise über den Brenner dorthin. 51 Außer einer Postkarte mit der Innenansicht der Kirche in Tiers, die vor der Jahrhundertwende als eine der schöneren der Diözese galt, sowie den Notizen im Tagebuch, die auch von einer Reihe von Exkursionen zu Kirchen in der Umgebung berichten, liegen keine Informationen über das Resultat des Auftrags vor. 52 Abb. 11: Die von Felder und Kohler nach neuromanischem Stil ausgemalte Pfarrkirche von Tiers, Postkarte, o. D., Kopie zur Verfügung gestellt von der Gemeinde Tiers 2008 53 Bis zum 1866 erfolgenden Ausstieg aus seinem sommerlichen Zweitberuf war Kohler noch bei drei weiteren großen Projekten aktiv, wobei er jeweils direkt von Georg Mader oder August von Wörndle engagiert wurde. Von September bis November 1865 oblag ihm - angeleitet von Mader - die Dekorationsmalerei in den Friedhofsarkaden von Schwaz. Die Johann Kohler als Kirchenmaler 83 <?page no="84"?> 54 Tiroler Kunstkataster, Schwaz, Alter Friedhof mit neugotischen Arkaden, URL: https: / / gis.tirol.gv.at/ kunstkatasterpdf/ pdf/ 16458.pdf (31.8.2024). 55 Tiroler Kunstkataster, Wörgl, Pfarrkirche hl. Laurentius, URL: https: / / gis.tirol.gv.at/ kunstkatasterp df/ pdf/ 2283.pdf (31.8.2024). neugotischen Arkaden waren kurz zuvor fertiggestellt worden. 54 Der Friedhof existiert mittlerweile nicht mehr und ein Teil der Arkaden wurde abgebrochen, die verbliebenen bilden nun einen Teil des Stadtparks. Abb. 12: Gewölbedekoration Alte Arkaden Schwaz, Aufnahme Hans Kohler 2020 Die beiden weiteren Aufträge kamen von Wörndle. Einer davon war die Pfarrkirche in Wörgl. 55 Hier galt es, die aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammende Kirche dem nunmehr modernen neuromanischen Stil anzupassen. 84 Hans Kohler <?page no="85"?> 56 Ebenda. 57 Volks= und Schützen=Zeitung, 10.2.1865. 58 Kohler, Tagebücher, 19.6.1864, 9.11.1864. Abb. 13: Der Innenraum der Pfarrkirche Wörgl mit der historischen Ausstattung um 1860, Stadtarchiv Wörgl Die Medien bewerteten das Unternehmen als gelungen und würdigten die Arbeit von Wörndle. „[D]ie ganze Kirche wurde nun in polychroner Weise, genau mit der Architektur übereinstimmend, reich doch nicht grell nach sehr edlen und gelungenen Motiven ausgemalt.“ 56 Auch Kohlers Beitrag fand Gefallen - „günstig zum Ganzen wirken auch noch die passenden Dekorationsmalereien an den Wänden der Kirche“, 57 die „Tiroler Stimmen“ erwähnten ihn und einen Kollegen sogar namentlich, was keineswegs selbstverständlich war. Abb. 14: Tiroler Stimmen, 21. Dezember 1864 In Wörgl hatte sich Kohler wohl gefühlt und 1864 drei angenehme, gesellige Monate verbracht. 58 Als er jedoch nach dem auf Wörgl folgenden Auftrag in Schloss Ambras Johann Kohler als Kirchenmaler 85 <?page no="86"?> 59 Ebenda, 9.11.1864. 60 Tiroler Kunstkataster, Innsbruck, Schloss Ambras, URL: https: / / gis.tirol.gv.at/ kunstkatasterpdf/ pdf/ 15446.pdf (31.8.2024). 61 Bozner Zeitung, 5.10.1867; Neue Freie Presse, 22.10.1867; Wiener Zeitung, 26.4.1902; Deutsches Volksblatt, 27.4.1902; Kohler, Tagebücher, 9.5.1865; Wörndle von Adelsfried, August. In: W U R Z B A C H , Biographisches Lexikon, S. 222; Information der Schlossverwaltung und Übersendung von Kopien aus dem die Sanierung betreffenden Akt („Alte Pläne Nr. 119“) an den Verfasser, 20.2.2020. Dazu auch: Die profanen Kunstdenkmäler der Stadt Innsbruck, Bd. 3: Die Hofbauten, bearb. v. Johanna F E L M A Y E R u.-a. (Österreichische Kunsttopographie 47). Wien 1986, S.-554. 62 Kohler, Tagebücher, 20.8.1864. 63 Siehe hierzu auch den Beitrag von Markus Wurzer in diesem Band. wenige Monate später auf der Durchreise einkehrte, sah er seine Arbeit nun sehr selbstkritisch: „Mein erstes Gefühl, als ich die Schwelle betrat, war: Leider zu wenig Farbe! Alles war mir bloß sanft, kraftlos, dürr, im Vergleich zur Amraser Farbenkraft & Tiefe. Man kann nicht kräftig und tief genug gehen, das kann die Regel sein und das möge der Nutzen sein den mir mein Besuch in Wörgl einbrachte.“ 59 Die farbenprächtige Schlosskapelle Ambras kann als Höhepunkt der Tätigkeit Kohlers als Dekorationsmaler gelten. Die gotische Kapelle aus dem frühen 15. Jahrhundert, heute mit dem gesamten Schloss Ambras eines der bedeutendsten Kulturgüter Tirols, 60 war in einem desolaten Zustand, sodass eine Generalsanierung anstand. Nach viel beachteten und gelobten Entwürfen Wörndles zur Neugestaltung war Kohler dort den ganzen Herbst 1864 und dann wieder den ganzen Sommer 1865 daran beteiligt, diese Entwürfe auf Wände und Decke zu übertragen sowie Wörndles Freskoarbeit mit Umrankungen sowie anderen Verzierungen zu ergänzen - was ihn, wie seinen Aufzeichnungen zu entnehmen ist, forderte, aber auch befriedigte. 61 Sein Einstand in Ambras verlief allerdings weniger erfreulich. So vertraute er seinem Tagebuch, diesmal über sich in der dritten Person schreibend, an, „er müßte sich beim H.Residenz Schloßverwalter melden, und erlebte da eine Szene, die ihm unvergesslich bleiben wird. Diese ausgetrocknete Beamten Seele in ihrer kolossalen Fetthülle machte ein solches Spektakel im Zimmer herum, daß der arme Schlucker unter der Thüre zwar nicht außer Fassung kam - aber sich wie in der Nähe eines Irrsinnigen unheimlich fühlte.“ 62 Doch tags darauf, an einem Sonntag, war alles Ungemach vergessen, er genoss auch sichtlich die Nähe zu Innsbruck, die er zu kulturellen Aktivitäten und Kaffeehausbesuchen zu nützen wusste. 63 86 Hans Kohler <?page no="87"?> 64 Arbeitsbuch, Zeugnis, 7.7.1865. Abb. 15-17: Entwürfe Wörndles für die Nikolauskapelle im Schloss Ambras, Archiv der Schlossver‐ waltung Abb. 18: Wandgemälde Wörndles in der Nikolauskapelle, Aufnahme Hans Kohler 2020 Bezugnehmend auf Ambras und Wörgl schrieb Wörndle im Juli 1865 in Kohlers Arbeits‐ buch, dass dieser „im romanischen wie im gotischen Ornamentenfache sich so geschikt ausgezeichnet hat daß man ihn mit voller Sicherheit auch schwierige Aufträge anvertrauen kann besonders da seyn Karakter seiner Geschiklichkeit entspricht.“ 64 Er wollte damit wohl sagen, dass Kohler handwerklich überzeugte und darüber hinaus verlässlich, organisiert und in finanzieller Hinsicht seriös war. Aber auch an öffentlicher Resonanz fehlte es nicht. Johann Kohler als Kirchenmaler 87 <?page no="88"?> 65 Neue Freie Presse, 22.10.1867. Da Kohler zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als Dekorationsmaler tätig war, ist die Bezeichnung „ehemalig“ korrekt. 66 Nachruf August Wörndle von Adelsfried, Wiener Zeitung/ Abendpost, 26.4.1902; auch Deutsches Volksblatt, 27.4.1902. 67 Hauschronik, Anm. 200-202. So hob etwa die Wiener „Neue Freie Presse“ im Rahmen der Schilderung von Wörndles Schaffen in Ambras recht genau und anschaulich Kohlers Mitarbeit hervor: „Nach den Entwürfen des Letzteren wurde auch die Decorierung der Capelle in den Jahren 1864 und 1865 von dem ehemaligen Decorations-Maler Johann Kohler aus Vorarlberg mit ebensoviel Verständniß als Fleiß ausgeführt. Besonders reich wirkt das Gewölbe, welches im Langhause in feierlichem Blau, im Chor aber in goldiger Farbe von feinen Goldzeichnungen durchwoben und mit Medaillons geschmückt ist, deren Grau in Grau gemalte Figuren, die vier großen Propheten vorstellend auf dunkelrotem Grunde die Wirkung der Farben erhöhen.“ 65 Selbst in den Nachrufen auf Wörndle wurde nochmals eigens erwähnt, dass Johann Kohler und Johann Vonstadl dem 1902 verstorbenen Meister in der Schlosskapelle zur Seite gestanden hatten, 66 was auch insoweit bemerkenswert ist, als dieser in seiner langen künstlerischen Laufbahn im In- und Ausland sicherlich mit vielen Dekorationsmalern kooperiert hatte. VII. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt Im eingangs zitierten kurzen Rückblick auf sein bisheriges Leben in der neu begonnenen Hauschronik ließ Johann Kohler eine leise Wehmut darüber anklingen, 67 dass er durch die Heirat die Dekorationsmalerei aufgeben hatte müssen. Lässt man die aufgezeigten Stationen Revue passieren, zeigt sich, dass mit Fortdauer der Tätigkeit sowohl die Kirchen als auch die künstlerischen Ansprüche sowie die (heute noch gültige) Bedeutung der Werke größer wurden, und das Bedauern wird damit nachvollziehbar. Vom reinen Gehilfen konnte er mit den Aufgaben wachsen, unter den damals anerkanntesten Historienmalern arbeiten und von diesen selber Anerkennung erhalten. Wenn man sich darüber hinaus vor Augen führt, dass er in dieser Zeit mit großer Wissbegierde viel und intensiv las, wird klar, dass diese äußeren und inneren Wanderjahre eine prägende Basis bildeten, deren Bedeutung für seinen späteren Lebensweg, insbesondere in der Politik, nicht unterschätzt werden darf. VIII. Auflistung der Arbeitsorte als Dekorationsmaler Quelle: Hauschronik, nach S.-200 1859 / Juni bis November Kirche in Andelsbuch 1860 / Mai bis Juli Kirche in Sulzberg 1860 / September Kirche in Hochkrumbach 1861 / April bis August Kirche in Mils im Oberinntal 1861 / August bis Oktober Kirche in Pfaffenhofen 1861 / Oktober bis November Friedhofsarkaden in Innsbruck 88 Hans Kohler <?page no="89"?> 1862 / Mai bis Juli Friedhofsarkaden in Innsbruck und am Riccabona’schen Landhaus in Volders 1862 / Juli, September Kirche in Bruneck im Pustertal 1862 / Juli bis November Friedhofsarkaden in Innsbruck 1863 / Mai bis Juni Friedhofsarkaden in Innsbruck 1863 / Juli bis September Kirche in Tiers bei Bozen 1863 / Oktober Friedhofsarkaden in Innsbruck 1864 / Mai bis Juni Friedhofsarkaden in Innsbruck 1864 / Juli bis August Kirche in Wörgl 1864 / September bis November Schloßkapelle in Ambras 1865 / Mai bis August Schloßkapelle in Ambras 1865 / September bis November Friedhofsarkaden in Schwaz Johann Kohler als Kirchenmaler 89 <?page no="91"?> 1 Eine der wenigen Ausnahmen bilden die Tagebücher des jungen Kohler. Siehe den Beitrag von Markus Wurzer in diesem Band. 2 Josef W A L S E R , Johann Kohler. Ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg. Wien/ Innsbruck/ München 1918; „Einige Notizen aus meinem Leben.“ Die Memoiren des Vorarlberger Landtags- und Reichsratsabgeordneten Martin Thurnher (1844-1922), hg. von Karin S C H N E I D E R (Quellen zur Geschichte Vorarlbergs 7). Regensburg 2005; „So suchte er zu nützen eben, auch viel im öffentlichen Leben“. Die Memoiren des Vorarlberger Landeshauptmanns Adolf Rhomberg. Edition und Kommentar, hg. von Karin S C H N E I D E R (Quellen zur Geschichte Vorarlbergs 5). Regensburg 2002. 3 Gerhard W A N N E R , Geschichte der Lehrerbildung in Vorarlberg. Fundamente, Fakten und Episoden 1777-1967. Feldkirch 2008; Gerhard O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule (Schriften zur Vorarlberger Landeskunde 7). Dornbirn 1969. Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? Severin Holzknecht Das Ziel dieses Beitrags ist es, den politischen Werdegang und das Wirken Johann Kohlers von seiner ersten Wahl in den Vorarlberger Landtag im Jahr 1870, über seine Zeit im cisleithanischen Reichsrat 1891 bis 1896, bis hin zu seinem Ausscheiden aus dem Vorarlberger Landtag, in dem er zwischen 1896 und 1909 erneut für seine Partei saß, die sich ab 1893 als christlichsozial bezeichnete, zu beleuchten. Kohler hinterließ in vielen Bereichen Spuren - vor allem im Volksschulwesen -, von denen hier einige genauer behandelt werden sollen. Kohler gehörte über Jahrzehnte zu den Führungsfiguren der Vorarlberger Konservativen, blieb jedoch stets - gewollt oder ungewollt - im Schatten anderer. Selbstzeugnisse hinterließ Kohler indessen kaum, 1 weshalb sich dieser Beitrag in erster Linie auf die Sitzungsprotokolle des Vorarlberger Landtags und des Abgeordnetenhauses des cisleithanischen Reichsrats sowie auf Zeitungsartikel und Sekundärliteratur stützen muss. Schrifttum, das sich mit Johann Kohler beschäftigt, ist Mangelware. Neben einem Beitrag im Heimatbuch seines Geburtsorts Egg aus dem Jahr 1974 ist in erster Linie die Kohler- Biografie des ehemaligen Schwarzacher Pfarrers Josef Walser, „Johann Kohler. Ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg“, aus dem Jahr 1918 zu nennen, die sich allerdings recht apologetisch an den zwei Jahre zuvor verstorbenen Kohler annähert. Die von Karin Schneider edierten Memoiren der Kohler-Weggefährten und zeitweiligen innerparteilichen Widersacher Landeshauptmann Adolf Rhomberg und Landtagsbzw. Reichsratsabgeordneter Martin Thurnher enthalten überdies immer wieder Hinweise auf Kohler. 2 Zusätzlich konnte auf Studien zurückgegriffen werden, die zwar nicht Kohler im Speziellen behandeln, dafür jedoch Entwicklungen und Themengebiete, in die er mehr oder weniger stark eingebunden war. Im Bereich des Schulwesens sind dies etwa die Werke von Gerhard Wanner und Gerhard Oberkofler. 3 Zur Analyse der damaligen in Vorarlberg und Österreich herrschenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse liefern die Kulturkampf- <?page no="92"?> 4 Hubert W E I T E N S F E L D E R , „Römlinge“ und „Preußenseuchler“. Konservativ-Christlichsoziale, Liberal- Deutschnationale und der Kulturkampf in Vorarlberg, 1960 bis 1914 (Schriftenreihe des Instituts für Österreichkunde). Wien/ Köln/ Weimar 2008; Leo H A F F N E R , Die Kasiner. Vorarlbergs Weg in den Konservativismus. Bregenz 1977; Leo H A F F N E R , Die Geschichte der Konservativen Partei Vorarlbergs 1866 bis 1890 unter besonderer Berücksichtigung der Wirksamkeit Adolf Rhombergs und Dr. Bernhard von Florencourts. Phil. Diss. Innsbruck 1978; Meinrad P I C H L E R , Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015 (Geschichte Vorarlbergs 3). Innsbruck 2015; Pieter M. J U D S O N , Habsburg. Geschichte eines Imperiums. 1740-1918. München 2017. Zu erwähnen sind auch die Sammelbände: Ruf aus Vorarlberg um Gleich‐ berechtigung. Politik in Vorarlberg vor 1918, hg. von Georg S U T T E R L Ü T Y . Regensburg 2002; Stadt und Bürgertum im Bodenseeraum. Ein Problemaufriss, hg. von Thomas A L B R I C H / Werner M A T T / Hanno P L A T Z G U M M E R . Dornbirn 2008. 5 Helmut R E I N A L T E R , Liberalismus und Kirche in Österreich im 19.-Jahrhundert. In: Der deutsche und österreichische Liberalismus. Geschichts- und politikwissenschaftliche Perspektiven im Vergleich, hg. von Helmut R E I N A L T E R / Harm K L U E T I N G (Innsbrucker Historische Studien 26). Innsbruck 2010, S.-149-160, hier S.-156-160. Studie „,Römlinge‘ und ,Preußenseuchler‘“ von Hubert Weitensfelder, die grundlegenden Arbeiten Leo Haffners über den politischen Katholizismus in Vorarlberg, Meinrad Pichlers Überblicksdarstellung der Landesgeschichte ab 1860 und Pieter Judsons innovative Interpre‐ tation des Habsburgerreichs wichtige Erkenntnisse. 4 Neben den bereits erwähnten Sitzungsprotokollen findet sich in den öffentlichen Ar‐ chiven leider kaum Quellenmaterial zum Landes- und Reichspolitiker Kohler, allerdings hat sich im Familienbesitz eine von Kohler verfasste Hauschronik erhalten. In der zeitge‐ nössischen Presse findet sich hingegen eine bedeutende Zahl von Artikeln, die von für diesen Aufsatz bedeutenden Ereignissen berichten. Das „Vorarlberger Volksblatt“, die 1866 gegründete Parteizeitung der Katholisch-Konservativen, schrieb naturgemäß in der Regel positiv über Kohler, während die liberalen Zeitungen des Landes, wie die „Feldkircher Zeitung“ oder die „Vorarlberger Landeszeitung“, ihn eher kritisch kommentierten. Haupt‐ angriffspunkt für die Liberalen war dabei in erster Linie Kohlers erzkatholischer und aus Sicht der Liberalen reaktionärer Standpunkt im Bereich des Volksschulwesens. Dessen Reform war in den 1860er-Jahren - der goldenen Ära des österreichischen Libera‐ lismus - Teil eines groß angelegten Versuchs, das Reich auf ein neues Fundament zu stellen und zu modernisieren. Die Konservativen standen diesen Bestrebungen mehrheitlich ablehnend gegenüber. Die beiden Gruppen waren als mehr oder weniger klar abgegrenzte Gruppen relativ jung, hatten sie sich doch erst nach dem Erlass der Verfassungen von 1860/ 61 herausgebildet, auf die Protagonisten beider Seiten zuvor gemeinsam hingearbeitet hatten. Als das Ziel erreicht war, gerieten sie über die Gestaltung des Staates in Streit. Die Konservativen stießen sich an vielen der Neuausrichtungen, wobei sie vor allem die Stellung der katholischen Kirche und der Kronländer, aber auch wiederholt die „guten Sitten“ und die althergebrachten Werte in Gefahr sahen. Nicht immer ganz zu Unrecht, denn die österreichischen Liberalen standen der katholischen Kirche durchaus kritisch ge‐ genüber. Das 1855 mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossene Konkordat, das der katholischen Kirche weitreichende Befugnisse im Schulwesen und im Bereich der Ehe zugestand, lehnten die Liberalen etwa rundweg ab. Sie arbeiteten folgerichtig auf dessen Aufkündigung und die Zurückdrängung der Kirche im Allgemeinen hin. Die Dezemberverfassung des Jahres 1867 legte die Unterordnung der Kirche unter den Staat fest, 5 und 1870 wurde das 92 Severin Holzknecht <?page no="93"?> 6 Peter L E I S C H I N G , Die römisch-katholische Kirche in Cisleithanien. In: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. IV: Die Konfessionen, hg. von Adam W A N D R U S Z K A / Peter U R B A N I T S C H . Wien 1985, S.-1-247, hier S.-51-57. 7 Die für die politischen Auseinandersetzungen der letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts so prägenden Nationalismen spielten hierbei allerdings noch eine eher untergeordnete Rolle. J U D S O N , Habsburg, S.-345-361. 8 Die geheimen Wahlen und die Klerikalen, Feldkircher Zeitung, 14.10.1871, S.-3. 9 Einige Notizen aus meinem Leben, hg. von S C H N E I D E R , S.-109. 10 W A L S E R , Johann Kohler, S.-90. Konkordat durch den damaligen Unterrichtsminister Karl von Stremayr unter Protest der Konservativen endgültig gekündigt. 6 Die bisweilen äußerst polemisch geführte Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und Konservatismus wurde vor allem über das Massenmedium Zeitung bzw. Zeitschrift ausgetragen, das ab Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals dazu genutzt wurde, breite Bevöl‐ kerungsschichten zu beeinflussen. Von beiden Seiten wurde der Kampf für die „Kultur“ bzw. das, was die beiden Lager darunter verstanden, als eines der Hauptargumente ins Feld geführt, weswegen man gemeinhin vom ersten Kulturkampf spricht. 7 Kohler konzentrierte sich in diesem großen, reichsweit stattfindenden Ringen zeitlebens vor allem darauf, die liberalen Reformen im Volksschulwesen - er war in jungen Jahren selbst Volksschullehrer gewesen - rückgängig zu machen und den im Schwinden begriffenen Einfluss der katho‐ lischen Kirche auf die Volksschulen zumindest in Vorarlberg wiederherzustellen. Johann Kohler offenbarte in der öffentlichen Debatte über das Volksschulwesen eine gewisse Radikalität, aber auch die für ihn so typische Beharrlichkeit, die ihn vor allem in den 1870er- und 1880er-Jahren in der Schuldebatte zum Hauptantagonisten der Liberalen werden ließ. Die „Feldkircher Zeitung“ etwa empörte sich im Oktober 1871 darüber, dass Kohler mehrfach betont habe, dass er „nicht verpflichtet [sei], seine Ueberzeugungen den Wünschen des Volkes unterzuordnen“, 8 womit Kohler wohl ausdrücken wollte, dass er seine sozialkonservativ-katholischen Überzeugungen nicht der Mehrheitsmeinung unterordne. Sein langjähriger Parteikollege Martin Thurnher bezeichnete Kohler in seinen Memoiren rückblickend als Idealisten, 9 was allerdings nicht zwangsläufig als Lob zu verstehen ist. Thurnher sah es vielmehr so, dass wegen Kohlers Idealismus immer wieder sich ergebende Chancen ungenützt geblieben waren. Positiv betrachtet kann Kohlers Festhalten an seinen Überzeugungen als Charakterstärke ausgelegt werden. In den vielen Jahren seines politischen Wirkens auf Landes- und Reichsebene überschritt er dabei jedoch wiederholt die Grenze zum dogmatischen Starrsinn, der die Entwicklung seiner politischen Karriere hemmte. Offensichtlich wird dies, wenn man Kohler mit seinen berühmteren politischen Wegbegleitern und innerparteilichen Konkurrenten Adolf Rhomberg, Martin Thurnher oder Jodok Fink vergleicht. Kohler war weit weniger bereit oder fähig, Kompromisse mit politisch Andersdenkenden außerhalb und auch innerhalb seines Lagers einzugehen, was ihm am Ende wohl den Weg zu den höchsten politischen Ämtern verschloss. Nichtsdesto‐ trotz oder vielleicht gerade deswegen sahen so manche Zeitgenossen und Nachgeborene in Kohler, in Anlehnung an den deutschen Zentrums-Politiker Ludwig Windthorst, den „Windthorst Vorarlbergs“, 10 was auf seine Bedeutung für Vorarlberg und die konservative bzw. christlichsoziale Bewegung des Landes schließen lässt. Immerhin galt Windthorst, der große Gegenspieler Otto von Bismarcks während des Kulturkampfs in Deutschland, als der Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 93 <?page no="94"?> 11 Lothar G A L L , Bismarck. Der weiße Revolutionär. Berlin 1995, S.-487. 12 Heimatbuch Egg, hg. von G E M E I N D E E G G . Bregenz 1974, S.-363-364. 13 1869/ 70 erfolgte die Umwandlung der Kreis-Hauptschule in eine staatliche Lehrerbildungsanstalt mit Sitz in der Seekaserne. W A N N E R , Geschichte der Lehrerbildung, S.-34. 14 Leserbrief von K. J. Troy aus Egg, Vorarlberger Volksblatt, 16.4.1872, S.-4. 15 Johann Kohler Kurzbiografie, Vorarlberger Landtag, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ -/ kohle r-johann-gemeindevorsteher (31.8.2024). 16 Heimatbuch Egg, hg. von G E M E I N D E E G G , S. 363; siehe dazu die Beiträge von Hans Kohler und Markus Wurzer in diesem Band. wichtigste Vertreter des politischen Katholizismus im Reichstag, dem es über Jahre gelang, die auseinanderstrebenden Teile des Zentrums beisammen zu halten. 11 Ein Vergleich, dem Johann Kohler - wie der folgende Beitrag zeigen wird - nur bedingt gerecht wurde. I. Johann Kohler. Ein Machtmensch? Bei einem Mann, der rund vierzig Jahre in öffentlichen Ämtern verbrachte, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob er ein Machtmensch war. Ohne den Willen zur Macht und die Fähigkeit, diese auch auszuüben, erscheint es kaum möglich, sich über einen solchen Zeitraum in den oberen Sphären der Politik zu halten. Im folgenden Abschnitt soll herausgearbeitet werden, was Johann Kohler antrieb, sich so lange politisch zu engagieren. Weswegen strebte Kohler überhaupt nach Einfluss? Ging es um Ansehen, darum, sich durchzusetzen? Wollte er den Menschen das Leben erleichtern oder einfach nur Widerstand gegen den in den 1860er-Jahren dominanten Liberalismus leisten und dadurch die ihm so teuren katholischen Traditionen, Sitten und Gebräuche bewahren? Kohler stammte aus einfachen Verhältnissen. Am 7. September 1839 in Egg-Unterbach als Sohn eines Bauern geboren, half er während seiner Kindheit - wie damals üblich - viel auf dem elterlichen Hof, dem Vorsäß und auf der Alpe Ifer mit. 12 Er muss dennoch in der Schule herausgestochen sein, da er ab 1855 im Alter von sechzehn Jahren die k. k. Kreis- Hauptschule in Bregenz besuchen durfte und ein Jahr später als Volksschullehrer in Egg beginnen konnte. 13 1859 legte der 20-Jährige schließlich erfolgreich die Lehramtsprüfung ab und erhielt 1864 für seine gute Arbeit sogar eine Auszeichnung der Statthalterei. Er sollte bis 1869 in Egg als Volksschullehrer wirken, 14 wo er zwischen 1867 und 1869 auch im Gemeinderat aktiv war. 15 Wie den meisten Volksschullehrern war es auch Kohler nicht möglich, allein von seinem Lehrergehalt zu leben, weshalb er sich nebenbei u. a. als Kirchenmaler ein Zubrot verdiente. 16 Diese Erfahrung dürfte Kohler geprägt haben, denn er setzte sich während seiner gesamten politischen Karriere für die Verbesserung der Ausbildung und Bezahlung der Lehrerschaft ein, ordnete dieses hehre Ansinnen allerdings wiederholt den strategischen Zielen der Konservativen oder den Interessen der Kirche unter. Er selbst ließ den Lehrberuf hinter sich: durch Begabung, Zielstrebigkeit und nicht zu vergessen die vorteilhafte Eheschließung mit der Fabrikantentochter Anna Schwärzler aus Schwarzach und die dadurch gewonnene materielle Sicherheit gelang der Aufstieg zum äußerst einflussreichen Politiker im Vorarlberg des ausgehenden 19.-Jahrhunderts. Johann Kohler wurde erstmals 1870, als er gerade einmal dreißig Jahre alt war, von den Wahlmännern mit „großer Majorität“ als Vertreter der Landgemeinden der Bezirke Bregenz 94 Severin Holzknecht <?page no="95"?> 17 Wahlresultate, Vorarlberger Volksblatt, 28.6.1870, S.-1. 18 Oesterreich. Bregenz, Feldkircher Zeitung, 29.6.1870, S.-3. 19 Johann Kohler Kurzbiografie, Vorarlberger Landtag, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ -/ kohle r-johann-gemeindevorsteher (31.8.2024). 20 Ebenda. 21 Jeweils ein Mitglied musste aus der Wählerklasse der Landgemeinden bzw. aus der Handels- und Gewerbekammer stammen - eine Regelung, die bis 1902 in Kraft blieb, als der Landesausschuss auf sechs Mitglieder erweitert wurde. Peter B U ẞ J Ä G E R , Zwischen Februarpatent und 3. November 1918. Die Vorarlberger Landesverfassung im Konstitutionalismus. In: Ruf aus Vorarlberg, hg. von S U T T E R L Ü T Y , S.-31-54, hier S.-39-41. 22 Er verwaltete das Landesvermögen, die Landesfonds und -anstalten und beaufsichtigte das der Landesverwaltung unterstellte Personal. Der Landeshauptmann besaß allerdings das Recht, Ent‐ scheidungen des Landesausschusses aufzuheben, wodurch der Ausschuss in seinen Kompetenzen deutlich eingeschränkt war. Alois N I E D E R S T Ä T T E R , Der Vorarlberger Landtag. In: Die Habsburger‐ monarchie 1848-1918, Bd. VII: Verfassung und Parlamentarismus, 2. Teilband: Die regionalen Repräsentativkörperschaften, hg. von Helmut R U M P L E R / Peter U R B A N I T S C H . Wien 2000, S. 1855-1871, hier S.-1857. 23 Johann Kohler Kurzbiografie, Vorarlberger Landtag, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ -/ kohle r-johann-gemeindevorsteher (31.8.2024). 24 H A F F N E R , Kasiner, S.-16-18. und Bregenzerwald in den Vorarlberger Landtag gewählt. 17 Aufgrund der Eindeutigkeit seines Einzugs stellte die „Feldkircher Zeitung“ dem Wahlkollegium ein „Armutszeugnis“ aus. 18 Kohler sollte dem Landtag - mit einer fünfjährigen Unterbrechung zwischen 1891 und 1896, als er im Abgeordnetenhaus des Reichsrats die Interessen der Vorarlberger Konservativen vertrat - zwischen 1870 und 1909 für sieben Legislaturperioden bzw. beinahe 35 Jahre angehören. In dieser Zeitspanne war der Parlamentarier in Bregenz bzw. Wien als Obmann, Obmannstellvertreter, Berichterstatter oder einfaches Mitglied in über einhundert Komitees und Ausschüssen vertreten. 19 Weiters gehörte Kohler zwischen 1870 und 1905 dem Vorarlberger Landesausschuss als Ersatzmann (1870 bis 1884) und als ordentliches Mitglied (1884 bis 1890 und 1897 bis 1905) an. 20 Dieser bestand neben dem Landeshauptmann aus vier weiteren aus den Reihen der Landtagsabgeordneten gewählten Mitgliedern. 21 Er darf jedoch nicht mit der heutigen Landesregierung gleichgesetzt werden, da dessen Befugnisse um einiges geringer waren. 22 Kohler war zudem Mitbegründer einiger bedeutender katholisch-konservativer Vereine und Institutionen. Er hatte u. a. 1868 den Katholisch-pädagogischen Verein des Landes Vorarlberg, 1870 den Katholisch-politischen Volksverein (de facto der „Parteivorstand“ der Konservativen), die karitative St. Vinzenz- Konferenz Vorarlberg und den Vorarlberger Pressverein, der das „Vorarlberger Volksblatt“ herausgab und dem er 1889 kurzzeitig als Obmann vorstand, mitbegründet. Zusätzlich war Kohler langjähriges Mitglied des Landesschulrats sowie des Bezirksschulrats von Bregenz und Gemeindevorsteher von Schwarzach. 23 Die Konservative Partei war zu Beginn von Kohlers politischer Karriere keine homogene oder institutionalisierte Partei im heutigen Sinne, sondern in vielen Dingen in sich uneins, zerstritten und strukturell noch nicht derart gefestigt, wie es etwa die Parteien der Zwischenkriegszeit waren. 24 Die Parteien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren eher Wahlvereine, sprich mehr oder weniger lose Vereinigungen von mehr oder weniger Gleichgesinnten. Die Konservative Partei formierte sich in der zweiten Hälfte der 1860er- Jahre und war vor allem zu Beginn eng mit der Kasino-Bewegung verbunden, die in Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 95 <?page no="96"?> 25 Leo H A F F N E R , Die gehemmte Demokratie - Bausteine zur Ideologiegeschichte der katholischkonservativen Partei Vorarlbergs. In: Ruf aus Vorarlberg, hg. von S U T T E R L Ü T Y , S.-65-82, hier S.-68. 26 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-106. 27 H A F F N E R , Kasiner, S.-42-54. 28 Alfred A B L E I T I N G E R , Die historische Entwicklung des Liberalismus in Österreich im 19. und begin‐ nenden 20. Jahrhundert. In: Der deutsche und österreichische Liberalismus, hg. von R E I N A L T E R / K L U E T I N G , S.-121-148, hier S.-142-144. 29 Karl U C A K A R , Demokratie und Wahlrecht in Österreich. Zur Entwicklung von politischer Partizipa‐ tion und staatlicher Legitimationspolitik (Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik 24). Wien 1985, S.-137-138. 30 Oesterreich. Bregenz, Feldkircher Zeitung, 29.6.1870, S. 3; siehe auch den Beitrag von Karin Schneider in diesem Band. 31 Thurnher folgte dem Dornbirner Prokuristen August Rhomberg als Obmann nach. Vgl. H A F F N E R , Kasiner, S.-53. Vorarlberg zur selben Zeit Fuß fassen konnte. 25 Die Gründungen der ersten Kasinos und des Volksvereins 1870 störten die bis dahin in Vorarlberg herrschende liberale „Idylle“ und veränderten die politische Landschaft des Landes nachhaltig. Die Kasino-Bewegung breitete sich ab den 1860er-Jahren von Baden ausgehend auf den gesamten deutschen Sprachraum aus. Die erste „Filiale“ auf Vorarlberger Boden entstand 1867 in Bregenz und erwies sich als wegweisend für den Siegeszug der Vorarlberger Kon‐ servativen ab 1870, legten doch die Kasinos als organisatorisches Netz das Fundament zu deren Einigung und Massentauglichkeit. Die Kasinos schulten und bildeten in zahlreichen Veranstaltungen potentielle Funktionäre und einfache Zuhörer volkserzieherisch sowie im Sinne des politischen Katholizismus. Anlässlich der Landtagswahlen von 1870 rekrutierten sie erstmals Kandidaten und betrieben im größeren Stil Wahlkampf. 26 Die Kasinos sprachen dabei im Gegensatz zum klassischen Feudalkonservatismus der Großgrundbesitzer und des Adels vor allem die einfache Landbevölkerung, die Kleinbürger und den niederen Klerus an. Diese Ausrichtung ermöglichte es den Katholisch-Konservativen auch in den kommenden Jahrzehnten, als das Wahlrecht schrittweise auf immer größere Bevölkerungsschichten ausgedehnt wurde, weiter zu wachsen. 27 Dass die fundamentalistisch antiliberale Kasino-Bewegung überhaupt ins Leben gerufen werden konnte, war ironischerweise der liberalen Dezemberverfassung von 1867 zu verdanken, die neben bahnbrechenden Reformen, wie etwa der neu festgelegten Unabhän‐ gigkeit der Justiz oder der Definierung allgemeiner Bürgerrechte, 28 auch ein neues, deutlich liberaleres Vereins- und Versammlungsrecht beinhaltete. Nun durften Vereine nur mehr verboten werden, wenn sie rechts- oder gesetzeswidrig handelten oder staatsgefährdend waren. Die Formulierung des Gesetzes ließ den Behörden zwar immer noch reichlich Spielraum, war aber im Vergleich zu der Zeit vor 1867 ein bedeutender Fortschritt, der die Gründung zahlreicher (auch politischer) Vereine wie eben der Kasinos ermöglichte. 29 Johann Kohler, damals noch Lehrer in Egg, engagierte sich mehr oder weniger von Beginn an voller Elan in der Kasino-Bewegung und spielte eine zentrale Rolle bei ihrem Aufbau im Bregenzerwald. 30 Im - wie oben erwähnt - von ihm mitbegründeten Katho‐ lisch-politischen Volksverein fungierte er dann zwischen 1870 und 1888 als Obmann- Stellvertreter; geleitet wurde der Verein seit 1872 durch den Dornbirner Weinhändler Johannes Thurnher. 31 Es waren die Jahre von Thurnhers und Kohlers „Regentschaft“, in denen der Einfluss der Kasinos und der Konservativen stetig zunahm. So verdoppelte sich 96 Severin Holzknecht <?page no="97"?> 32 Ebenda, S.-197-199. 33 Inland. Alberschwende, Vorarlberger Landeszeitung, 12.9.1872, S.-2. 34 Dirk S T R O H M A N N , Der Liberalismus im nicht-urbanen Vorarlberg (1830-1914) (Institut für Sozialwis‐ senschaftliche Regionalforschung 11). Regensburg 2013, S.-144-146. 35 Benedikt B I L G E R I , Geschichte Vorarlbergs, Bd. IV. Wien 1982, S.-374. 36 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-17-21. beispielsweise die Mitgliederzahl der Vorarlberger Kasinos zwischen September 1871 und Mitte 1875 von etwas mehr als 2.000 auf rund 5.400. 32 Johann Kohler war bereits vor seinem Einzug in den Vorarlberger Landtag 1870 kein unbeschriebenes Blatt innerhalb des sich herausbildenden klerikal-konservativen Lagers gewesen. Gleichwohl sprachen ihm seine politischen Gegner rhetorische Fähigkeiten bzw. Überzeugungskraft ab. Im September 1872 gedachte etwa die „Vorarlberger Landeszeitung“ einem misslungenen Auftritt Kohlers im Kasino Alberschwende „nur kurze Aufmerksamkeit zu schenken, weil wir inzwischen zur Ueberzeugung gekommen, daß derartige Geistesprodukte für unser Begriffsvermögen nicht geschaffen seien und folgten dem Beispiele der Mehrheit der Anwesenden, welche zu Hauf jedenfalls unbefriedigt, (wenigstens konnte man aus ihren Gesichtern so etwas schließen) die Versammlung lange vor Schluß verließen.“ 33 1.1 Kohler und die Vorarlberger Konservativen im ausgehenden 19.-Jahrhundert Durch das Zensuswahlrecht begünstigt, dominierten die Vorarlberger Liberalen um den Fabrikanten Carl Ganahl ab 1861 im neu eingerichteten Landtag. Die Städte und größeren Gemeinden des Rheintals und Walgaus waren die liberalen Hochburgen Vorarlbergs, aber auch in den ländlich geprägten Seitentälern spielten liberal gesinnte Persönlichkeiten aus den gebildeten bäuerlichen Schichten wie etwa ein Franz Michael Felder oder ein Kaspar Moosbrugger immer wieder eine prominente Rolle. 34 Vorarlberg galt in jenen Jahren als liberales Musterland der Monarchie. Dies änderte sich jedoch mit den Landtagswahlen 1870, die einem politischen Erdbeben gleichkamen. Die Liberalen verloren ihre Mehrheit - sie konnten lediglich in Bregenz, Feldkirch, Bludenz und der Handelskammer ihre Mandate halten, während die meisten Landgemeinden und Dornbirn an die Konservativen fielen - und sahen sich nunmehr einer eindeutigen katholisch-konservativen Mehrheit gegenüber. Den Liberalen blieben nur mehr vier, statt wie bisher 14 Abgeordnete, während die Konservativen 15 (den Bischof nicht miteingerechnet) anstatt der bisherigen fünf Abgeordneten stellten. Trotz dieser vernichtenden Niederlage wurde der Liberale Sebastian von Froschauer von Kaiser Franz Joseph, der in seiner Entscheidung frei war, erneut zum Landeshauptmann ernannt. 35 Der Niedergang des Liberalismus war nicht auf Vorarlberg beschränkt. Mit der schritt‐ weisen Ausweitung des Wahlrechts sicherten sich die Konservativen, personifiziert durch den Ministerpräsidenten (1869 bis 1870 und 1879 bis 1893) bzw. Statthalter von Tirol (1871 bis 1879) Eduard Graf Taaffe, nach und nach die Vormachtstellung. 36 Innerhalb der eigenen politischen Gesinnungsgemeinschaft geriet der Liberalismus im Laufe der 1880er- und 1890er-Jahre gegenüber dem massentauglicheren Deutschnationalismus immer mehr Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 97 <?page no="98"?> 37 J U D S O N , Habsburg, S.-350-351. 38 H A F F N E R , Die gehemmte Demokratie, S.-72-73. 39 H A F F N E R , Kasiner, S.-152. 40 Die kurzlebige Mittelpartei hatte sich die Vermittlung zwischen Konservativen und Liberalen zum Ziel gesetzt. Kohlers Schwiegervater Gebhard Schwärzler, weit stärker auf Konsens fokussiert als sein Schwiegersohn, wandte sich der Partei zu. Wie innerhalb der Familie mit diesem Konflikt umgegangen wurde, ist nicht überliefert. Vgl. Hans K O H L E R , Zeitenwende. Gebhard Schwärzler - Ein Unternehmer des 19. Jahrhunderts (Institut für Sozialwissenschaftliche Regionalforschung 15). Regensburg 2017, S.-79-80. 41 Herausgeber und Redakteur der „Dornbirner Zeitung“ war Rudolf Freiherr von Manndorff - ein ehemaliger Redakteur des „Volksblatts“ -, der in seiner 1880 veröffentlichten Schrift „Wer will die Spaltung? “ Johannes Thurnher, Johann Kohler und die „Scharfen“ heftig attackiert hatte. „Volksblatt“-Redakteur Bernhard von Florencourt reagierte ein Jahr später mit der Publikation „Schriftstücke zur Geschichte der Konservativen Partei von Vorarlberg im Jahre 1880“, in der er von Manndorffs Anschuldigungen zu entkräften suchte und einen Gegenangriff auf die „Dornbirner Zeitung“ und die „Milden“ startete. Eine Parteispaltung konnte nur mit Mühe verhindert werden. 42 So suchte er zu nützen eben, hg. von S C H N E I D E R , S.-100-102. ins Hintertreffen. 37 Wie Leo Haffner festhielt, war die Konservative Partei nur aufgrund der Existenz des Liberalismus ins Leben gerufen worden, denn „Konservatismus und Liberalismus bedingten einander“. Die Konservative Partei diente dabei allen Gegnern des Fortschrittglaubens liberaler Intellektueller als Sammelbecken. 38 Trotz ihrer mittlerweile mehr oder weniger unangefochtenen Stellung in Vorarlberg (vielleicht aber auch gerade deswegen) wurden die innerparteilichen Konflikte im Laufe der 1880er-Jahre immer schwerwiegender, bis sie die Bewegung beinahe in die Spaltung trieben. Den Anlass dazu bildeten neben der unterschiedlichen Herangehensweise an die politischen Herausforderungen auch ideologische und organisatorische Differenzen. Während für einen Flügel die Ausmerzung des Liberalismus, des liberalen Gedankenguts und der liberalen Gesetze oberste Priorität genoss, wodurch praktische Fragen der Politik in den Hintergrund traten, gab es auch einen gemäßigteren Flügel, der die Dinge eher pragmatisch anzupacken versuchte. 39 Dieser Gegensatz zwischen der „milden“ und der „scharfen“ Tonart fand im sogenannten Bistumsstreit seinen Höhepunkt und letzten Endes auch seinen Abschluss. Auseinandersetzungen über die Parteilinie bzw. die inneren Machtverhältnisse waren nicht neu. Bereits in den 1870er-Jahren gelang es nur mit Mühe die Etablierung einer sogenannten Mittelpartei zu verhindern. 40 1880 kam es wegen der durch den späteren Landeshauptmann Adolf Rhomberg, der den tonangebenden „Scharfen“ rund um Johannes Thurnher und Kohler als „Milder“ ein Dorn im Auge war, gegründeten „Dornbirner Zeitung“ zum Eklat. 41 Er endete mit einer zeitweiligen Niederlage Rhombergs und der Einstellung der Zeitung. Für einige Jahre schwelte der innerparteiliche Konflikt unter der Oberfläche, um dann erneut offen auszubrechen. So geschehen während des Landtags‐ wahlkampfs 1884, als Johannes Thurnher und Johann Kohler über das „Volksblatt“ heftig gegen Adolf Rhomberg agitierten. Rhomberg wurde dennoch in den Landtag gewählt und dort umgehend zum Landeshauptmannstellvertreter bestimmt. Kohler warf Rhomberg anschließend öffentlich vor, sich mittels „Geldspenden“ (also Bestechung) Stimmen gekauft zu haben. 42 1887 verschärfte sich der Konflikt erneut. Auslöser war diesmal die Forderung einiger Oberländer Kleriker, welche die Unterstützung des Dornbirner Kasinos genossen, 98 Severin Holzknecht <?page no="99"?> 43 Karin S C H N E I D E R , Strategien öffentlicher Einflussnahme. Das Dornbirner Industriebürgertum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Stadt und Bürgertum im Bodenseeraum, hg. von A L B R I C H / M A T T / P L A T Z G U M M E R , S.-137-164, hier S.-150. 44 In manchen Quellen auch als „Zobel“ geführt. 45 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-74-75. 46 H A F F N E R , Geschichte der Konservativen Partei, S.-259-268. 47 H A F F N E R , Kasiner, S.-197-199. 48 Zur 16. Generalversammlung des kath. Polit. Volksvereins im Vereinshause zu Dornbirn am 8. Februar, Vorarlberger Volksblatt, 14.2.1888, S. 2. Die letzte Aussage ist insofern irritierend, da Aichner sich nach seiner Berufung zum Bischof des Bistums Brixen 1884 aus dem Vorarlberger Landtag zurückzog. Seine Virilstimme (so die Bezeichnung für die Stimmen des im Landtag stimmberechtigten hohen Klerus) übernahm laut den Landtagsprotokollen sein Nachfolger als Generalvikar von Feldkirch, Johannes Zobl. nach einer eigenen, vom Bistum Brixen losgelösten Diözese. Im Hintergrund ging es um mehr kirchliche, aber auch politische Unabhängigkeit Vorarlbergs von Brixen. 43 Das Ansinnen wurde von den „Scharfen“ um den Geistlichen Bernhard von Florencourt (dem berühmt-berüchtigten Redakteur des „Volksblatts“), Johannes Thurnher und Johann Kohler aufgegriffen und unterstützt, während die „Milden“ um Adolf Rhomberg es strikt ablehnten. Junge Priester begeisterten sich für Florencourts Unterfangen, während sich der Fürstbischof von Brixen Simon Aichner und der bischöfliche Generalvikar, Weihbischof Johann Nepomuk Zobl 44 in Feldkirch, in ihrer Autorität angegriffen sahen. Die Bistumsfrage entwickelte sich in kurzer Zeit von einem kirchenpolitischen Konflikt zu einem handfesten Kräftemessen um die Ausrichtung und die Machtverhältnisse innerhalb der Konservativen Partei. Bemerkenswert genug, trat der Geistliche Florencourt für eine Stärkung der Laien ein, während der Laie Rhomberg eine Beibehaltung der dominierenden Stellung des Klerus innerhalb der Partei favorisierte. 45 Generalvikar Zobl missbilligte vor allem das Vorgehen des Kasinos Dornbirn, in dem Martin Thurnher - eigentlich ein „Milder“ und Unterstützer Rhombergs - eine gewichtige Rolle spielte. Das Kasino hatte im November 1887 dem Landtag eine Resolution überreicht, in der es die selbständige Vorarlberger Diözese verlangte. Zobls Ärger bezog sich weniger auf die Forderung selbst, sondern auf die Übergabe der Resolution an den Landtag, der sich daraufhin damit befassen musste. Er sah darin eine „Tendenz zur Demokratisierung und Verstaatlichung der Kirche“, die er kategorisch ablehnte. Auch eine Unterredung Johann Kohlers und Martin Thurnhers mit Fürstbischof Aichner und dem Statthalter des Kronlandes Tirol, zu dessen Verwaltungsgebiet Vorarlberg gehörte, Bohuslav Baron von Widmann, führte zu keiner Annäherung. Im Gegenteil: Die beiden wurden in ihre Schranken gewiesen. 46 Der Streit eskalierte weiter, am Ende sahen sich sowohl Johannes Thurnher als auch Johann Kohler veranlasst, von ihren Funktionen im Volksverein zurückzutreten, womit die Partei führungslos und die Krise perfekt war. Sie zu überwinden gelang erst nach einigen Jahren und unter großen Anstrengungen. 47 Der Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war, laut Ludwig Schmadl, einem konservativen Politiker, die öffentliche Kritik einiger hochrangiger Kirchenführer Vorarlbergs und Tirols an Kohler und Thurnher gewesen. Besonders der Brixener Bischof Aichner hatte den konservativen Parteiführern öffentlich und wenig subtil sein Vertrauen entzogen, indem er im Landtag gegen die konservative Majorität gestimmt hatte. 48 In seiner Abschiedsrede auf Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 99 <?page no="100"?> 49 Ebenda, S.-1-2. 50 Ebenda, S.-2. der Generalversammlung des Volksvereins vom 8. Februar 1888 in Dornbirn stellte Johann Kohler einige Fragen, auf die er selbst auch gleich Antworten gab: „Was muß eine konservative Partei sein? Was muß sie thun können? Wie weit muß sie selbstständig sein? Wie weit abhängig? Das alles sind doch Grundfragen, und doch ist man hierüber verschie‐ dener Ansicht. Unsere Auffassung in diesen Fragen ist bekannt, ist in unserer Presse, und gerade von dieser Stelle zur Zeit ähnlicher Krisen längst bestimmt ausgesprochen und immer so gehandelt worden. Wir sehen in einer konservativen Parthei die Organisation des katholischen Volkes, in der kath. Männer zur Wahrung ihrer Interessen auf politischem Gebiete thätig sind, wobei natürlich die Ueberzeugung derselben zum Ausdruck kommt. In einer solchen Organisation muß nun eine gewisse Freiheit und Selbstständigkeit sein. Alle sind Katholiken, stehen auf diesem Boden, müssen nach kath. Grundsätzen handeln, unterstehen dem Bischofe und den kirchlichen Obern als Partei in gleicher Weise wie jeder einzelne von uns, Geistliche wie Laien. Selbstverständlich ist eine solche Partei mit dem Bischofe immer, weil grundsätzlich einig, in einem gewissen Kontakte; aber sie ist nicht eingefügt in eine kirchliche Ordnung, erhält nicht die Befehle von ihrem kirchlichen Obern, sondern arbeitet in eigener freier Organisation selbstständig […] Ja wir halten es nicht für gut, daß man kirchliche Autorität auf politisches Gebiet übertrage, weil es nur zu ihrem Schaden geschieht. Man soll nicht von einer klerikalen Partei, einem klerikalen Blatte reden. Das sieht ja aus, als handelte es sich lediglich um Interessen des Klerus. Das ist falsch. Es handelt sich um die Interessen des ganzen katholischen Volkes! […] In unserer Zeit ganz besonders, wo das Prinzip der Autorität so gefährdet ist, würde es dann nicht bloß durch die Angriffe von unten leiden, sondern auch durch falsche Anwendung von oben.“ 49 Diese Ausführungen sind durchaus interessant, da sie Kritik am Vorgehen der Kirche im Feld der Politik enthalten, was zumindest oberflächlich dem entgegenläuft, wie Kohler sonst in den Quellen fassbar wird. Er war ein loyaler Kämpfer für die katholische Sache (dazu passt, dass er Generalvikar Zobl oder Bischof Aichner mit keinem Wort direkt angriff), sah sich jedoch nicht als willenloser Exekutor der Wünsche des Klerus. Er wollte selbst gestalten, beeinflussen und entscheiden und die Interessen des katholischen Volkes (was immer er darunter verstand) vertreten. Nach Kohler sprach Parteikollege Ludwig Schmadl. In dessen Aussagen schimmerte durch, dass sich Kohler und Johannes Thurnher - möglicherweise allzu sehr auf das parteiinterne Machtgerangel konzentriert - in der Bistumsfrage zu weit aus dem Fenster gelehnt hatten. Wäre „die 18 jährige segensreiche Thätigkeit des Volksvereins von irgend einem Laien oder einem Hrn. Pfarrer angegriffen und verurtheilt worden“, waren sich Schmadl und das „Volksblatt“ sicher, hätten sich Kohler und Thurnher gewehrt. Nachdem „nun aber die oberste kirchliche Behörde das Verdikt über die Führer des Volksvereines ausgespro‐ chen und dieselben demgegenüber sich nicht vertheidigen dürfen, ist es für dieselben unmöglich, länger an der Spitze zu stehen […] Gegen den hochw. Bischof die konservative Partei zu regieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit und darum glaube ich, es soll die bisherigen Führer niemand am Rücktritte hindern.“ 50 100 Severin Holzknecht <?page no="101"?> 51 Eintrag zum 20.11.1887. Privatarchiv Hans Kohler, Kohlersche Hauschronik, S.-24. 52 Eintrag zum 25.12.1888. Ebenda, S.-26. 53 Dornbirn. Landtagswahl, Feldkircher Zeitung, 26.7.1884, S.-2. 54 Vgl. Anton B E N T E L E , Jodok Fink 1853-1929. Phil. Diss. Innsbruck 1995. 55 Einige Notizen aus meinem Leben, hg. von S C H N E I D E R , S.-77. 56 H A F F N E R , Kasiner, S.-229-230. 57 H A F F N E R , Geschichte der Konservativen Partei, S.-115. 58 W A L S E R , Johann Kohler, S.-59. Diese offene Zurückweisung durch die höchsten Kirchenvertreter des Landes war für Kohler nicht nur politisch, sondern auch persönlich ein schwerer Schlag. In der Kohler‐ ’schen Hauschronik berichtete er von „schmerzlichen Erfahrungen“ 51 und charakterisierte das Jahr 1888 „politisch als ein Jahr der Verwirrung und Entmutigung“. 52 Die liberale Presse frohlockte hingegen, sah sie doch im Duo Thurnher-Kohler die „Diktatoren der konser‐ vativen Partei“ und in deren Wirken im Landtag eine „Terrorisierung des ehrwürdigen Hauses“. 53 Letzten Endes verlief die Diskussion um die Errichtung eines Bistums im Sande. Was blieb, war eine beschädigte und zerstrittene Konservative Partei. Der Konflikt ebnete allerdings den Weg für den Aufstieg Adolf Rhombergs. Rhomberg gelang es, u. a. mit der Hilfe Martin Thurnhers und des Jungpolitikers Jodok Fink, die Partei wieder zu stabilisieren. Der 1853 geborene Fink zog in den Landtag, dem Kohler nun nicht mehr angehörte, ein. 54 Kohler hatte, so ist der Hauschronik zu entnehmen, die ihm womöglich als Zeichen der Aussöhnung angebotene Weiterführung seines Landtagsmandats 1890 abgelehnt. Auch wenn Trotz und Wut in der Entscheidung möglicherweise eine Rolle gespielt haben, steht zu vermuten, dass Kohlers Ablehnung in erster Linie Resultat kühler Berechnung war. Er wollte den „Milden“ zeigen, dass es nicht ohne Johannes Thurnher und ihn ging. Als deren Scheitern ausblieb - den Memoiren Martin Thurnhers ist zu entnehmen, dass mit Ausnahme der Städte und Dornbirns ein Wahlkampf im Grunde unnötig war -, 55 versuchte Kohler über den Reichsrat einen Neustart. Nach dem Rücktritt Thurnhers und Kohlers gewannen die „Milden“ für den Moment nicht nur innerparteilich die Oberhand. 56 Adolf Rhomberg - er war den Dogmatikern um Kohler und Florencourt spätestens seit der Episode um die „Dornbirner Zeitung“ als möglicher Spaltpilz der Partei suspekt 57 - wurde als Nachfolger des Liberalen Karl Graf Belrupt-Tissac 1890 von Kaiser Franz Joseph zum Landeshauptmann ernannt. Kohler-Biograf Josef Walser vertritt in seinem Buch den Standpunkt, dass Johann Kohler, wäre er 1890 im Landtag vertreten gewesen, an Rhombergs Stelle ernannt worden wäre. 58 Mit Blick auf die damals herrschenden innerparteilichen Gegebenheiten, die Haltung des Kaisers und nicht zuletzt Kohlers Charakter darf dies bezweifelt werden. In einer Zeit, in der die Konservativen Vorarlbergs um Einigkeit rangen, erschien wohl weder der Partei noch dem Kaiser der „Verlierer“ Kohler als geeigneter Kandidat für eine solche Position. Ihm fehlte im Gegensatz zu Jodok Fink oder Adolf Rhomberg das Talent und wohl auch der Wille, innerparteiliche Gräben zuzuschütten und gegenüber dem politischen Gegner ausgleichend zu wirken. Ein Grund für diese doch augenscheinlichen Unterschiede zwischen Kohler und Politi‐ kern wie Rhomberg oder Fink mag die politische Sozialisierung der jeweiligen Akteure gewesen sein. Während Kohler in einer Zeit politisch geprägt worden war, in der die Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 101 <?page no="102"?> 59 H A F F N E R , Geschichte der Konservativen Partei, S.-197. 60 So suchte er zu nützen eben, hg. von S C H N E I D E R , S.-48-53. 61 Angelobung der Abgeordneten, Eröffnungssitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 9. April 1891. Bibliothek des Österreichischen Staatsarchivs (fortan: BibÖStA), Stenographische Protokolle des Abgeordnetenhauses im österreichischen Reichsrat (fortan: Sten. Prot. Abg.Haus), Bd. I, S.-2. 62 Einige Notizen aus meinem Leben, hg. von S C H N E I D E R , S.-86. 63 Ernst B R U C K M Ü L L E R , Sozialgeschichte Österreichs. Wien 2001, S.-331. Liberalen noch ernstzunehmende Gegner und die Konservativen meist in der Defensive gewesen waren, fehlte jüngeren Politikern diese Erfahrung. 59 Gerade am Beispiel Adolf Rhomberg lässt sich veranschaulichen, wie wichtig innerhalb des damaligen politischen Gefüges Vorarlbergs - bei all der harten Rhetorik - eine gewisse Geschmeidigkeit und Kompromissbereitschaft waren. Als Textilindustrieller ein Außenseiter innerhalb der konservativen Bewegung, deren Funktionärsriege mehrheitlich aus dem „einfachen Volk“ oder dem Klerus stammte, 60 gelang es Rhomberg, dennoch bis an die Spitze der Partei aufzusteigen. Johann Kohler verfügte ungeachtet seines Rückzugs aus dem Volksverein und der Landespolitik noch immer über einen gewissen Rückhalt in den eigenen Reihen. Mithilfe der „Scharfen“ erhielt er nach kurzem „Exil“ in Schwarzach die Möglichkeit für einen politischen Neuanfang. Er wurde im Rahmen der Reichsratswahlen 1891 als Vertreter der Landgemeinden der Bezirke Bregenz und Bregenzerwald als einer von drei Vorarlbergern in das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrats gewählt und am 9. April desselben Jahres im Parlament in Wien angelobt. 61 Laut Martin Thurnher wollten die „Milden“ zunächst beide konservativen Mandate Männern aus ihren Reihen zuweisen, was allerdings durch die „Nebenregierung“ - so Thurnher mit gewohnt spitzer Feder - der „Scharfen“ verhindert wurde. 62 Die Entsendung von Martin Thurnher und Johann Kohler als Vertreter der beiden Lager belegt die offensichtliche Spaltung der Partei. Von Wien aus arbeitete Kohler dann zielstrebig an seinem politischen Comeback in Vorarlberg. 1892 war der Katholisch-politische Volksverein durch Johannes Thurnher - Kohlers Weggefährte von Anfang an - offiziell aufgelöst worden, um einer neuen katholischkonservativen Sammelpartei Platz zu machen. Kohler engagierte sich stark in diesem Prozess, der 1893 in die Gründung des „Christlich-sozialen Volksvereins für Vorarlberg“ mündete. Die Partei entstand aus der Wiener Handwerkerbewegung der 1880er-Jahre und wurde vor allem durch einen rabiaten Antisemitismus bekannt. 63 Die Gründung dieser Sammelpartei aller deutschsprachigen konservativen Katholiken muss auch im Zusammenhang mit dem Erstarken der Sozialdemokratischen Partei Victor Adlers in den Jahren nach dem Hainfelder Parteitag 1888/ 89 gesehen werden. Die Christlichsoziale Partei richtete sich nicht nur gegen den „alten“ Gegner Liberalismus und dessen radikalen Abkömmling, den Deutschnationalismus, sondern auch gegen die „neue“ Sozialdemokratie und versuchte sowohl die katholisch geprägte Arbeiterschaft als auch das katholische Kleinbürgertum für sich zu gewinnen. In Vorarlberg machte sich die neue Partei folgerichtig die Reform der Arbeiter- und Gewerbegesetze sowie die Einführung einer progressiven Einkommenssteuer zum Ziel. Die Lösung der sozialen Frage (verstanden als die Bekämp‐ fung der durch Industrialisierung und Modernisierung entstandenen Krisenphänomene 102 Severin Holzknecht <?page no="103"?> 64 B I L G E R I , Geschichte Vorarlbergs, S.-458-459. 65 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S. 44. Auffallend ist, dass beispielsweise das Montafon, der Raum Bludenz und auch der Bregenzerwald keine Ortsvereine vorweisen konnten, was speziell im Falle des Bregenzerwaldes seltsam anmutet, hatte es dort doch schon seit längerem katholisch-konservative Kasinos gegeben, bei deren Aufbau Johann Kohler einst tatkräftig mitgeholfen hatte. 66 Einige Notizen aus meinem Leben, hg. von S C H N E I D E R , S.-86. wie etwa dem Niedergang bestimmter Handwerks- und Gewerbeberufe durch Nachfrage- und Preisverfall oder der schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken) wurde als die drängendste Aufgabe angesehen. In diesem Bereich war für die Christlichsozialen sogar eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten möglich, sofern diese bereit waren, sich von ihren revolutionären Elementen loszusagen. Dies behauptete zumindest Benedikt Bilgeri in seiner „Geschichte Vorarlbergs“. Am 17. Juli 1893 fand in Dornbirn die offizielle Gründungsversammlung des christlichsozialen Volksvereins statt, auf dem der abwesende Kohler zum Vorstand gewählt wurde, während Pfarrer Samuel Haller aus Höchst zu seinem Stellvertreter und Adolf Rhomberg, Jodok Fink sowie sechs weitere Männer (darunter zwei Geistliche) in den Ausschuss bestimmt wurden. Johannes Thurnher fungierte als Ersatz‐ mann. 64 Die Zusammensetzung des Führungsgremiums zeigt, wie bedacht alle Beteiligten darauf waren, ein neuerliches Aufflammen des Konflikts zwischen „Milden“ und „Scharfen“ zu verhindern. Von einer Partei mit klaren Strukturen und festen Hierarchien konnte allerdings auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede sein. Aber spätestens mit seiner Wahl zum Vorstand war Kohler die politische Rehabilitierung geglückt. Im Unterschied zu ihrer konservativen Vorgängerpartei war ein ausgeprägter Antisemi‐ tismus ein zentrales Merkmal der christlichsozialen Bewegung, der im Unterschied zum klassischen katholischen Antijudaismus - dem man in den meisten Fällen durch die Taufe entkommen konnte - in erster Linie auf den pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen dieser Epoche fußte. Personifiziert wurden sowohl dieser „moderne“ katholische Antise‐ mitismus als auch die Christlichsoziale Partei in den Anfangsjahren vor allem durch den späteren langjährigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs sollten in Vorarlberg christlichsoziale Ortsvereine in Bregenz, Götzis, Feldkirch (alle 1894), Höchst, Rankweil, Altenstadt (alle 1897), Hohenems, Lustenau (beide 1903), Dornbirn (1908) und Lauterach (1913) gegründet werden. 65 Es scheint in der Entwicklung von den Kasinos zur Christlichsozialen Partei also zu einer Verschiebung der konserva‐ tiven Hochburgen von den Seitentälern in Richtung der Industriezentren des Rheintals gekommen zu sein. 1.2 Kohlers Wechsel in den Reichsrat nach Wien Zwischen dem 2. und 4. März 1891 fanden Wahlen zum Abgeordnetenhaus des Reichsrats statt, die Johann Kohlers politisches „Exil“ beendeten. Während die Vertreter der Städte mittels Kurienwahlrecht bestimmt wurden, fällten im Bereich der Landgemeinden Wahl‐ männerkollegien die Entscheidung. Kohler war von den Konservativen als Nachfolger des bereits 80-jährigen Josef Anton Ölz bestimmt worden, der seit 1870 im Abgeordnetenhaus gesessen war. 66 Der Triumph der Konservativen in den beiden ländlichen Wahlbezirken Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 103 <?page no="104"?> 67 B I L G E R I , Geschichte Vorarlbergs, S.-408. 68 Wahl des Gewerbeausschusses, 4. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 20. April 1891. BibÖStA, Sten. Prot. Abg.Haus, Bd. I, S.-111. 69 Wahl des Pressausschusses, 15. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 25. April 1891. Ebenda, Bd. I, S.-474. 70 Wahl des Ausschusses für die Seemannsordnung, 59. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 27. Oktober 1891. Ebenda, Bd. III, S.-2743. 71 Protokolle des Gewerbeausschusses 1891 bis 1897, XI. Session, 24.2.1893. Parlamentsarchiv Wien, Abgeordnetenhaus 1861-1918, Schachtel 34. 72 Einträge der Jahre 1891 bis 1896. Privatarchiv Hans Kohler, Kohlersche Hauschronik. 73 Einige Notizen aus meinem Leben, hg. von S C H N E I D E R , S.-184. 74 H A F F N E R , Kasiner, S.-228-229. war überwältigend. Sie erhielten insgesamt 209 von 216 Wahlmännerstimmen. 67 Für Kohler bedeutete die Wahl die Rückkehr auf das politische Parkett (seine Funktion als Gemein‐ devorsteher von Schwarzach, die er seit Herbst 1888 innehatte, einmal ausgenommen). Kohler sollte jedoch nur für eine Legislaturperiode bis zum Ende des Jahres 1896 im Reichsrat bleiben. Im Abgeordnetenhaus betätigte er sich u. a. in drei Ausschüssen, dem Gewerbeausschuss, 68 dem Pressausschuss, der sich mit allen Themen auseinandersetzte, die das Pressewesen betrafen, 69 sowie dem Ausschuss für die Seemannsordnung. 70 Die meiste Zeit dürfte Kohler dem Gewerbeausschuss gewidmet haben, der am häufigsten von den drei Ausschüssen tagte und an dem er laut Anwesenheitslisten regelmäßig teilnahm. Die kurz gehaltenen Ausschussprotokolle lassen wenig Rückschlüsse auf Kohlers Engagement zu. Dass sein Name in den Protokollen kaum Erwähnung findet, legt die Vermutung nahe, dass er anderen Abgeordneten wie etwa Karl Lueger die Themenführerschaft überließ und sich nur ergänzend in die Diskussion einbrachte. 71 Kohler hielt sich während seiner Zeit als Reichsrat nicht durchgehend in Wien auf. Der Hauschronik der Familie ist zu entnehmen, dass er beispielsweise zwischen dem 19. Juli und dem 8. Oktober 1891 in Schwarzach weilte, was wohl auch damit erklärt werden kann, dass der sonst beinahe durchgehend tagende Reichsrat jedes Jahr in den Sommermonaten eine längere Pause einlegte. Aber auch Absenzen während der laufenden Sessionen sind der Chronik zu entnehmen. Immer wieder wurde Kohler darüber hinaus von Mitgliedern seiner Familie in Wien besucht. 72 Martin Thurnher wiederum berichtet in seinen Memoiren von gemeinsamen Reisen mit Kohler nach Wien, u. a. bestaunten die beiden Abgeordneten 1891 Johannisfeuer in Tirol und Salzburg vom Zug aus. 73 Durch Kohlers Nominierung war verhindert worden, dass die „Milden“ beide Mandate besetzten, die den Konservativen im Abgeordnetenhaus zustanden. Neben Kohler wurde mit Martin Thurnher, der für die Landgemeinden der Bezirke Feldkirch und Bludenz in den Reichsrat einzog, somit nur ein Vertreter der pragmatischen Parteilinie entsandt. 74 Dies kann als ein Versuch des Ausgleichs zwischen den beiden Parteiflügeln nach den Ereignissen des Bistumsstreits gedeutet werden. Eine persönliche Feindseligkeit existierte zwischen Kohler und Thurnher offenbar nicht. Zumindest wirkten sich eventuell vorhan‐ dene Aversionen nicht auf die Zusammenarbeit aus. Beide setzten sich im Reichsrat stets gemeinsam für die Interessen ihres Landes bzw. der Konservativen Vorarlbergs ein. Zumindest lässt diesen Schluss das Studium der stenographischen Protokolle des 104 Severin Holzknecht <?page no="105"?> 75 H A F F N E R , Geschichte der Konservativen Partei, S.-207-209. 76 Mittheilungen an das Volksblatt. Lustenau, Vorarlberger Volksblatt, 9.3.1893, S.-3. 77 Martin Thurnher Kurzbiografie, Vorarlberger Landtag, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ -/ thurnher-martin-franz-martin (31.8.2024). 78 Johann Georg Waibel Kurzbiografie, Vorarlberger Landtag, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ -/ waibel-johann-georg-dr-med-buergermeister (31.8.2024). 79 Einige Notizen aus meinem Leben, hg. von S C H N E I D E R , S.-142. 80 Die neuen Abgeordneten, Neue Freie Presse, 22.3.1891, S.-2-3. 81 Kohler wechselte, so behauptete zumindest Martin Thurnher, nach der Gründung der Christlichso‐ zialen Partei für kurze Zeit in die katholische Volkspartei des Baron Josef Di Pauli. Hierfür existiert jedoch kein weiterer Beleg. Einige Notizen aus meinem Leben, hg. von S C H N E I D E R , S.-143. Abgeordnetenhauses im Reichsrat zu, die u. a. offenbaren, dass Thurnher und Kohler meist die gleichen Interpellationen unterstützten. Martin Thurnher war in Vorarlberg bekannt als fleißiger Arbeiter und gewiefter Stratege, was sich auch im Reichsrat bemerkbar machte, in dem er sich um einiges öfter als Kohler zu Wort meldete. 75 Kohler scheint dagegen im Reichsrat eine eher blasse Erscheinung geblieben zu sein. Dies ist umso auffallender, als er sich davor im Landtag stets aktiv in den politischen Prozess eingebracht hatte. Als Abgeordneter des Reichsrats verhielt er sich auffallend passiv. Kohler ergriff in rund fünf Jahren im Plenum lediglich fünfmal das Wort, wobei es sich stets um Themen handelte, die Vorarlberg direkt betrafen. Ansonsten unterstützte er hauptsächlich Interpellationen (Anfragen an die Reichsregierung) von Parteifreunden, die sich mit seinen eigenen Überzeugungen deckten. Auch medial wurde über den Reichsrat Kohler - im Unterschied zum Landtagsabgeordneten - nur sporadisch berichtet. Meist handelte es sich dabei um kurze Artikel. Ein Beispiel dafür findet sich im „Volksblatt“ vom 9. März 1893. Die Gemeindevertreter von Lustenau hatten Thurnher und Kohler ein Memorandum der Rheingemeinden überreicht, welches das Abgeordnetenhaus auf die notwendige Rheinregulierung aufmerksam machen sollte. 76 Ein Grund für Kohlers Zurückhaltung mag die Erkenntnis gewesen sein, dass er als einer von 341 Abgeordneten im Rahmen des in viele Fraktionen zersplitterten Reichsrats mit seinen komplizierten Verhältnissen nur wenig bewirken konnte. Vorarlberg entsandte 1891 insgesamt drei Mandatare in das Abgeordnetenhaus. Kohler und Thurnher als Neulinge (im Gegensatz zu Kohler sollte Thurnher allerdings bis 1918 in Wien bleiben) 77 sowie den Liberalen Johann Georg Waibel, der als Abgeordneter der Vorarlberger Stadtgemeinden bereits seit 1878 im Amt war und zudem noch als Landtagsabgeordneter und Dornbirner Bürgermeister wirkte. 78 Kohler und Thurnher waren wenig überraschend Teil derselben Fraktion. Von der „Neuen Freien Presse“ als „klerikal“ bezeichnet, zählte sie insgesamt 26 Abgeordnete aus den Kronländern Ober- und Niederösterreich, Tirol, Steiermark, Salzburg und dem Land Vorarlberg. Thurnhers Memoiren ist zu entnehmen, dass sich Kohler und er zunächst dem damals im Reichsrat einflussreichen Hohenwart-Club des ehemaligen Ministerpräsidenten Karl Sigmund von Hohenwart anschlossen, 79 bevor sie einige Zeit später zu Karl Lueger (dieser war 1891 noch bei einer „Partei der Antisemiten“) 80 und dessen neuer Christlichsozialer Partei wechselten, 81 wo sich ab 1893 der Großteil der deutschsprachigen Konservativen sammelte. Kohlers erste Fraktion der Klerikalen stellte nach den Wahlen 1891 nach den 109 deutschen Liberalen, dem Polenclub (56 Mitglieder) und den Jungtschechen (35 Mitglieder) Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 105 <?page no="106"?> 82 Die neuen Abgeordneten, Neue Freie Presse, 22.3.1891, S.-2-3. 83 B R U C K M Ü L L E R , Sozialgeschichte Österreichs, S.-331. 84 Helmut R U M P L E R , Chancen und Grenzen des Parlamentarismus in der Konfliktzone zwischen cisleithanischem Reichszentralismus und böhmischer Landesautonomie. In: Hohes Haus! 150 Jahre moderner Parlamentarismus in Österreich, Böhmen, der Tschechoslowakei und der Republik Tsche‐ chien im mitteleuropäischen Kontext, hg. von Franz A D L G A S S E R / Jana M A L I N S K A / Helmut R U M P L E R / Lubos V E L E K . Wien 2015, S.-13-34, hier S.-17. 85 Rainer N I C K / Anton P E L I N K A , Parlamentarismus in Österreich. Wien 1984, S.-27. die viertstärkste Gruppe innerhalb des Abgeordnetenhauses, das durch 21 Konservative, 17 Deutschnationale, 14 Antisemiten, elf liberale Italiener, zehn Alttschechen, jeweils acht Kroaten und Ruthenen, sechs Vertreter der mährischen Mittelpartei, drei klerikale Italiener, jeweils zwei Deutschkonservative und Rumänen sowie einem Serben und einem Armenier komplettiert wurde. 82 Sozioökonomisch betrachtet, waren im Abgeordnetenhaus während seiner gesamten Existenz hauptsächlich Angehörige der gehobenen Schichten vertreten, was wiederum vor allem ein Resultat des auch auf Landesebene noch sehr restriktiven Wahlrechts darstellte. 83 Die Fraktionen innerhalb des Abgeordnetenhauses waren im Vergleich zur heutigen Zeit besonders durchlässig, wodurch sich immer wieder Machtverschiebungen im Reichsrat ergaben. Ein Zeichen für die sich erst findenden politischen Lager der Donaumonarchie. Generell stark zersplittert, waren klare Mehrheiten im Abgeordnetenhaus nicht vor‐ handen, obwohl die deutschen Liberalen (immer noch) eine relative Mehrheit vorweisen konnten. Im Herrenhaus, welches sich mehrheitlich aus dem österreichischen Hochadel und dem hohen Klerus zusammensetzte, war hingegen stets eine konservative Mehrheit gegeben. Gemeinsam oblag den beiden Kammern die Oberhoheit über Budget- und Rekrutenbewilligung, womit der Reichsrat durchaus Einfluss ausüben konnte, denn ohne „Budgetmehrheit“ konnte keine Reichsregierung bestehen. Die Ernennung der Reichsre‐ gierung blieb aber auch in der Dezemberverfassung von 1867 das Privileg des Kaisers und lag nicht im Einflussbereich des Reichsrats. Deshalb konnte es durchaus sein, dass eine Reichsregierung keine Mehrheit in den beiden Kammern hinter sich hatte, was wiederholt dazu führte, dass der Kaiser mittels Notverordnungen regieren musste bzw. durfte. Diese durch Kaiser Franz Joseph berufenen Regierungen waren seit Ende der 1870er konservativ geprägt. 84 Im Unterschied zu den meisten anderen Ländern Europas war die Reichsregierung in Österreich dem Reichsrat keine Rechenschaft schuldig. Die Gesetzgebungsfunktion des Parlaments war derart stark eingeschränkt, dass sie im Verbund mit den beschriebenen Besonderheiten der cisleithanischen Verfassung verhinderte, dass sich der Reichsrat als kontrollierendes Gegengewicht zur Krone bzw. zur Reichsregierung etablieren konnte. 85 All dies erleichterte die Arbeit des Reichsrats und der Reichsregierung naturgemäß nicht, was zur Folge hatte, dass die Kabinette häufig wechselten: Die Regierung Graf Eduard Taaffes, die zu Kohlers Amtsantritt regierte, sollte 1893 durch jene des Fürsten Alfred zu Windisch-Grätz abgelöst werden, welche wiederum im Juni 1895 durch die Regierung des Grafen Erich von Kielmansegg ersetzt wurde. Kielmansegg wurde bereits im Oktober desselben Jahres durch den Grafen Kasimir Felix Badeni als Ministerpräsident abgelöst. Badeni blieb ebenfalls nicht lange im Amt. Ihm folgte im November 1897 Paul 106 Severin Holzknecht <?page no="107"?> 86 Brigitte M A Z O H L , Die Habsburgermonarchie 1848-1918. In: Geschichte Österreichs, hg. von Thomas W I N K E L B A U E R . Stuttgart 2016, S.-391-476, hier S.-415-420. 87 Alfred Ebenhoch Kurzbiografie, Österreichisches Biographisches Lexikon, Akademie der Wissen‐ schaften, URL: https: / / www.biographien.ac.at/ (31.8.2024). 88 Interpellation Alfred Ebenhochs an Ministerpräsident und Innenminister Taaffe, 33. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 30. Juni 1891. BibÖStA, Sten. Prot. Abg.Haus, Bd. II, S.-1391. 89 Interpellation Karl Luegers an Justizminister Schönborn, 144. Sitzung der XI. Session des Abgeord‐ netenhauses am 24. Juni 1892. Ebenda, Bd. VI, S.-6633. 90 Interpellation Karl Luegers an Justizminister Schönborn, 159. Sitzung der XI. Session des Abgeord‐ netenhauses am 19. Juli 1892. Ebenda, Bd. VI, S.-7396. Gautsch Freiherr von Frankenthurn. 86 Eduard Taaffe bezeichnete die äußerst schwerfällige österreichische Politik mit ihren schnell wechselnden Kabinetten einmal passenderweise als „Fortwursteln“. Wie bereits erwähnt, unterstützte Johann Kohler im Reichsrat in erster Linie Interpella‐ tionen anderer Abgeordneter (es handelte sich dabei in der Regel um Parteifreunde), die Vorarlberg oder sein katholisches Weltbild tangierten. Er unterzeichnete beispielsweise eine Interpellation des gebürtigen Bregenzers Alfred Ebenhoch (von 1895 bis 1907 Lan‐ deshauptmann von Oberösterreich und von 1907 bis 1908 Ackerbauminister), 87 in der die unterzeichnenden konservativen Abgeordneten bei Ministerpräsident Taaffe dagegen protestierten, dass in Wien an Sonn- und Feiertagen Bauarbeiten durchgeführt wurden, was nicht nur „öffentliches Ärgernis“ erregen, sondern Wien auch „den Charakter einer christlichen Stadt“ nehmen würde. 88 Kohler offenbarte aber auch einen Sinn für Pressefrei‐ heit: Im Fall der „Kremser Zeitung“ etwa, die im Juni 1892 gegen das gerade abgeschlossene - und von Kohler kritisch betrachtete - Handelsabkommen mit dem Königreich Italien angeschrieben hatte, das nach Meinung der Zeitung die österreichische Weinproduktion gefährdete. Die entsprechende Ausgabe der Zeitung war konfisziert worden, was in den Augen der Abgeordneten eine Gefahr für die Pressefreiheit in Österreich darstellte. 89 Kohler unterstützte allerdings auch eine Interpellation Karl Luegers gegen die Beschlagnahme einer Ausgabe der „Wiener Neustädter Zeitung“, aufgrund von zutiefst verleumderischen und antisemitischen Behauptungen und Verunglimpfungen. 90 Die Freiheit der Presse war für Kohler ein schützenswertes Gut - es sei denn, sie kritisierte die katholische Kirche. Am 29. Mai 1894 kam es zu einer der wenigen Wortmeldungen Kohlers, in der er einerseits zur Pressefreiheit und andererseits zum grundsätzlichen Staatsverständnis der nun in der Christlichsozialen Partei vereinten deutschsprachigen Konservativen Stellung bezog. Kohler wandte sich gegen das gängige „Vorurtheil, dass wir Conservative infolge unserer Grundsätze einer Pressreform in freiheitlicher Richtung ablehnend gegenüberstehen […] Es ist ja richtig, wir Conservativen, auf dem Boden einer christlichen Weltanschauung stehend, nehmen es mit dem Princip der Autorität sehr genau (Bravo! ), aber ganz in Consequenz unserer Auffassung nehmen wir es mit dem Princip der Autorität nicht nur genau in seiner Anwendung von unten nach oben, sondern auch in seiner Anwendung von oben nach unten. In diesem Punkte ist daher auch der Widerspruch gegeben, in welchem wir einerseits zu dem Princip der Volkssouveränität und andererseits zum Princip des staatlichen Absolutismus stehen […] Wenn ich sage, wir sind Gegner des Princips des staatlichen Absolutismus [gemeint ist hier der sogenannte Neoabsolutismus, der in Österreich zwischen 1851 und 1861/ 66 Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 107 <?page no="108"?> 91 Rede Johann Kohlers zur Pressefreiheit und dem christlichsozialen Staatsverständnis, 301. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 29. Mai 1894. Ebenda, Bd. XII, S.-14703-14704. 92 Interpellation Johann Kohlers an Justizminister Gleispach, 436. Sitzung der XI. Session des Abgeord‐ netenhauses am 6. Dezember 1895. Ebenda, Bd. XVII, S.-21869. vorherrschte; Anm. SH], der sich ja in unserem früheren Polizeistaat so ganz verkörpert hatte, so sind wir ebenso Gegner des Absolutismus, wenn derselbe nicht durch einen Herrscher, sondern wenn er zufällig durch eine Majorität einer Volksvertretung oder eine Partei repräsentirt und ausgeübt wird.“ 91 Als gegen das „Vorarlberger Volksblatt“ im Dezember 1895 wegen vermeintlicher Störung der öffentlichen Ruhe Ermittlungen eingeleitet wurden, richtete Kohler eine Interpellation an Justizminister Johann Nepomuk Graf Gleispach. U. a. waren Hausdurchsuchungen in den Räumlichkeiten der Redaktion durchgeführt und die Redakteure vor dem Kreisgericht in Feldkirch verhört worden. Bei den Hausdurchsuchungen seien, so Kohler, Polizisten mit aufgepflanztem Bajonett anwesend gewesen, was seiner Ansicht nach absolut unver‐ hältnismäßig und übertrieben gewesen war. Anlass für die Aufregung war eine Reihe von Artikeln des „Volksblatts“, die interne Informationen zur Wiener Bürgermeisterfrage (Karl Lueger war trotz seines Wahlsiegs zwischen 1895 und 1897 durch den Kaiser mehrmals die Ernennung zum Bürgermeister verweigert worden) preisgegeben hatten. Die Polizei forderte nun die Nennung der Informanten in Wien, was das „Volksblatt“ jedoch ablehnte. Auch der Vorstand des Vorarlberger Pressvereins und Herausgeber des „Volksblatts“, Kohlers Parteifreund Josef Ölz, wurde verhört, er verweigerte die Aussage ebenfalls. Kohler und seine Unterstützer protestierten gegen die Vorgehensweise von Polizei und Staatsanwaltschaft auf das Schärfste und forderten von Justizminister Gleispach Wiedergutmachung für die Betroffenen. 92 Johann Kohlers Wirken im Abgeordnetenhaus war überschaubar. Kohler scheint nur auf eine Möglichkeit gewartet zu haben, wieder in die Landespolitik zurückkehren zu können. Diese eröffnete sich, nachdem der konservative Landtagsabgeordnete Bartholo‐ mäus Berchtold am 11. August 1895 verstorben war. Für Kohler war es jedoch kein Wechsel im eigentlichen Sinne, da er sein Reichsratsmandat noch bis Ende der Session 1896 behielt. Ob es noch weitere Gründe für Kohlers Abgang aus dem Reichsrat gab, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Die Doppelbelastung war aber insofern wohl kein Grund, da der Landtag pro Jahr nur einige Wochen tagte, die Sitzungen sich zudem nicht über das gesamte Jahr verteilten, sondern en bloc durchgeführt wurden. Abgeordnete wie Martin Thurnher, Jodok Fink oder Johann Georg Waibel übten etwa über Jahre hinweg gleichzeitig Funktionen im Landtag und Reichsrat aus, offenbar ohne dabei in größere logistische Schwierigkeiten zu geraten oder unter der Arbeitslast zusammenzubrechen. 1.3 Kohler, das Wahlrecht und die Wahlordnung Das Wahlrecht ist ein Aspekt der politischen Kultur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der eines genaueren Blickes bedarf, da die Ausweitung des Wahlrechts essentiell für die Wende von der liberalen zur konservativen Dominanz war. Dem klassischen österrei‐ chischen Liberalismus gelang es nie, seine Bewegung auf ein gesellschaftlich breiteres 108 Severin Holzknecht <?page no="109"?> 93 Gernot S T I M M E R , Deutschnationale Parteien 1914 zwischen Irredenta und Mitteleuropakonzeption. In: Parteien und Gesellschaft im Ersten Weltkrieg. Das Beispiel Österreich-Ungarn, hg. von Maria M E S N E R / Robert K R I E C H B A U M E R / Michaela M E I E R / Helmut W O H N O U T . Wien 2014, S.-71-92, hier S.-71. 94 B R U C K M Ü L L E R , Sozialgeschichte Österreichs, S.-335-338. 95 Vasilij M E L I K , Zusammensetzung und Wahlrecht der cisleithanischen Landtage. In: Die Habsbur‐ germonarchie 1848-1918, Bd. VII, 2. Teilband, hg. von R U M P L E R / U R B A N I T S C H . S. 1311-1352, hier S.-1315-1319. 96 B U ẞ J Ä G E R , Zwischen Februarpatent und 3. November, S.-35-38. Fundament zu stellen. Er blieb stets ein Phänomen der oberen Schichten, weshalb er durch die Reform des Wahlrechts immer mehr an Einfluss verlor und letztendlich durch radikalere und nationalistischere Parteien abgelöst wurde. 93 Einen ähnlichen - wenn auch weit weniger radikalen - Prozess durchlief gleichzeitig die konservative Bewegung, der 1893 in der Gründung der Christlichsozialen Partei gipfelte. Die Entwicklungen bei Liberalen und Konservativen waren Teil eines größeren Prozesses, der - begünstigt durch die Ausweitung des Wahlrechts - in die Etablierung von Massenparteien mündete und die alten Honoratiorenparteien überflüssig werden ließ. 94 Als Johann Kohler 1870 in den Vorarlberger Landtag einzog, existierte dieser - ebenso wie der Reichsrat in Wien - erst rund neun Jahre. Insgesamt waren ab 1861 zwanzig Mandate - ab 1884 waren es 21, ab 1902 24 und ab 1909 26 - zu vergeben, von denen 19 durch Wahlen bestimmt wurden. Fünf Landtagsabgeordnete entsandten die Städte Bregenz, Feldkirch und Bludenz, die Marktgemeinde Dornbirn und die Handelskammer mittels Direktwahl durch die Wahlberechtigten, die 14 weiteren der Landgemeinden wurden indirekt mittels Wahlmännern bestimmt, wobei auf fünfhundert Einwohnerinnen und Einwohner ein Wahlmann kam. Der zwanzigste Abgeordnete war der bischöfliche Generalvikar (die sogenannte Virilstimme). Die Kurie der Großgrundbesitzer fehlte in Vorarlberg im Unterschied zu den anderen Kronländern. Der Anteil der Abgeordneten aus den Landgemeinden war mit rund siebzig Prozent reichsweit der höchste. Im österrei‐ chischen Schnitt waren es rund zwei Fünftel. 95 Ermittelt wurden die 19 Mandatare durch das sogenannte Zensuswahlrecht, welches in erster Linie steuerpflichtigen Männern über dreißig das Wahlrecht (in ihren jeweiligen Kurien) zusprach und in drei Wählerklassen einteilte, die gleich viele Abgeordnete wählen durften. Die notwendige Steuerleistung war derart hoch angesetzt, dass weite Teile der Bevölkerung von der Wahl ausgeschlossen blieben. Die Bestimmungen zu Wahlalter und notwendiger Steuerleistung änderten sich über die Jahre mehrmals. Das Wahlrecht vermögender Frauen oder Minderjähriger, die unter bestimmten Gegebenheiten ebenfalls wahlberechtigt waren, wurde durch einen männlichen und volljährigen Vertreter (meist der Ehemann oder der Vater) ausgeübt. Das Wahlrecht war zu Beginn nicht geheim. Im Laufe einer Wahl rief die Wahlkommission den jeweiligen Wähler auf, der dann nach Vorzeigen seiner Legitimationskarte bekanntgeben musste, für wen er seine Stimme abzugeben gedachte. Diese Vorgehensweise wurde bereits 1866 durch die Stimmabgabe mittels Stimmzettel abgelöst. 96 Johann Kohler lehnte geheime Wahlen noch 1871 ab, da diese lediglich Resultat eines Wunschs eines Teils der Bevölke‐ rung seien, entsprungen der „angeborenen Schwäche des Menschen in der angeborenen Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 109 <?page no="110"?> 97 Rede Johann Kohlers, 9. Sitzung des III. Vorarlberger Landtages am 10. Oktober 1871. Vorarlberger Landesarchiv (fortan: VLA), Stenographische Protokolle des Vorarlberger Landtages (fortan: Sten. Prot. Vlg. LT), 1871a, S.-98. 98 Markus B A R N A Y , Die Erfindung des Vorarlbergers. Ethnizitätsbildung und Landesbewußtsein im 19. und 20.-Jahrhundert (Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 3). Bregenz 1988, S.-208. 99 „Mittheilungen an das Volksblatt“. Schwarzach, Vorarlberger Volksblatt, 27.11.1874, S.-5. Muthlosigkeit“. 97 Wahlordnung und Zusammensetzung des Landtags offenbarten recht offensichtliche Spuren des alten feudalen Systems, das nicht nur zwischen Städten und Landgemeinden unterschied, sondern auch der katholischen Kirche eine Sonderstellung einräumte. Diese erst rund zehn Jahre alte und nach heutigen Maßstäben recht undemokratische Wahlordnung war bei Kohlers Einzug in den Landtag wenig überraschend Objekt ausgie‐ biger Debatten. Während die sich benachteiligt fühlenden Konservativen für eine Vergrö‐ ßerung des Wahlvolks plädierten, versuchten die Liberalen, den Kreis der Wählerschaft möglichst klein zu halten. Nachdem es ihnen mittels „Volksblatt“ und Kasinos nach 1870 gelungen war, ihre Dominanz auf Landesebene zu sichern, wurde die Überwindung der liberalen Mehrheiten in Feldkirch, Dornbirn und Bregenz das erklärte Ziel der Vorarlberger Konservativen. Die Wahlrechtsreform von 1909 führte letztendlich dazu, dass mit Aus‐ nahme von Bregenz diese bis dahin liberalen Hochburgen auf Dauer an die Konservativen (bzw. zu diesem Zeitpunkt bereits Christlichsozialen) fielen. 98 Johann Kohler selbst stand dem liberalen Parlamentarismus kritisch gegenüber. Im Rahmen einer Versammlung des Katholisch-politischen Volksvereins in seiner nunmeh‐ rigen Heimatgemeinde Schwarzach am 23. November 1874 bezeichnete er diesen als eine „weder aus der Natur und Vernunft, noch aus der Geschichte zu rechtfertigende Erschei‐ nung“, die ihren „Ursprung und ihre consequenteste Folge in den aufs höchste ausgebildeten Grundsätzen des Jahres 1789 [habe], wo die ‚Vertreter‘ des französischen Volkes dahin gelangten ihren Mandanten die Köpfe abzuhacken“. Er betonte, dass er ebenfalls eine Volksvertretung und eine Verfassung wolle, „aber keine fremdländische, dem Geiste und der Geschichte des deutschen Volkes entgegenstehende ‚Constitution‘, sondern eine auf den Grundsätzen des Christenthums und der Geschichte aufgebaute und den Bedürfnissen und Interessen des Volkes entsprechende Verfassung“. 99 Der Parlamentarismus liberaler Prägung galt Kohler als fremdländisch, undeutsch und nicht im Interesse des katholisch geprägten Volkes. Gleichzeitig manifestierte sich in seiner Ablehnung wohl auch Skepsis im Hinblick auf die Erscheinungen bzw. Konsequenzen von Aufklärung und Moderne. Nichtsdestotrotz scheint sich Kohler - ab und an auch Pragmatiker - über die Jahre mit dem vorherrschenden politischen System arrangiert zu haben. Die Wahlrechts-Thematik wurde bisweilen gemeinsam mit der grundsätzlichen Situa‐ tion des Landes diskutiert, denn der Spielraum des Landtags war begrenzt, da Vorarlberg kein vollwertiges Kronland der Monarchie war. Die Befugnisse des Landtags und des Landes im Allgemeinen waren durch die zwischen 1861 und 1918 geltende beschränkte autonome Selbstverwaltung bestimmt. Einige Bereiche der Landesverwaltung wurden durch die Statthalterei in Innsbruck kontrolliert und geleitet, andere wiederum von Vorarlberg aus. Zu den Landesangelegenheiten zählten neben der Kultur etwa die Erhaltung und Errichtung öffentlicher Bauten, die Finanzierung von Wohltätigkeitseinrichtungen, die Verwaltung 110 Severin Holzknecht <?page no="111"?> 100 B U ẞ J Ä G E R , Zwischen Februarpatent und 3. November, S.-36-37. 101 R U M P L E R , Chancen und Grenzen, S.-15-23 . 102 B U ẞ J Ä G E R , Zwischen Februarpatent und 3. November, S.-39-41. 103 Adresse mehrerer Landtagsabgeordneter an Landeshauptmann Anton Jussel, 5. Sitzung des IV. Vorarlberger Landtages am 17. April 1877. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1877, S.-38-39. 104 A B L E I T I N G E R , Die historische Entwicklung des Liberalismus, S.-144-146. 105 B I L G E R I , Geschichte Vorarlbergs, S.-376. und Erstellung des Landesbudgets sowie die Mitwirkung bei der Landesverteidigung (vor allem die Erhaltung der Schießstände). Die Hauptaufgabe des Landtags lag aber im legislativen Bereich: einerseits in der Beratung und letztendlich der Annahme von Gesetzesvorschlägen der Reichsregierung und andererseits in der Diskussion und Annahme der Landesgesetze. 100 Der Landesausschuss wiederum war, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, bis 1918 das oberste Vollzugsorgan. Eine nicht nur in Vorarlberg praktizierte Doppelgleisigkeit in der politischen Verwaltung zwischen den direkt dem Reich unterstehenden Statthaltereien und den Landtagen war typisch für die Spätzeit der Donaumonarchie, die versuchte, zentralistische Elemente mit föderalistischen zu verbinden, wodurch alle Entscheidungen in die Kompetenz der Länder fielen, die nicht dezidiert Sache des Reiches waren. 101 Vorarlberg konnte allerdings nicht wirklich als eigenständig bezeichnet werden, da - neben der Abhängigkeit von der Statthalterei - auch jedes neue Landesgesetz und jede Gesetzesänderung des kaiserlichen Einverständnisses bedurfte. 102 Johann Kohler und der Vorarlberger Landtag setzten sich über Jahre hinweg - erfolglos - für eine Ausweitung der Kompetenzen des Landtags ein, denn es habe, wie sie 1877 in einer Adresse an Landeshauptmann Anton Jussel ausführten, den Anschein, dass die Regierung in Wien die Absicht hege, die Initiativen der Kronländer zu blockieren und „die Thätigkeit der Landtage in dieser Richtung nicht bloß zu erschweren, sondern unmöglich zu machen“. 103 Die liberale Verfassung von 1867 hatte - in der Voraussicht auf zu erwartende konservative Mehrheiten in den meisten österreichischen Kronländern - den Landtagen im Vergleich zu den Reichsbehörden in Wien nur begrenzte Rechte zugestanden, um so die Machtposition der Liberalen und die bereits erkämpften Errungenschaften nicht zu gefährden. 104 Das kaiserliche Vetorecht war wiederum vor allem im Bereich des Schulwesens von Bedeutung, da Kaiser Franz Joseph wiederholt Vorschläge des Landtags ablehnte, die die Aufweichung bzw. Revidierung des Reichsvolksschulgesetzes zur Folge gehabt hätten. Aber zurück zum Wahlrecht auf Landesebene, das in den Kompetenzbereich des Land‐ tags fiel und wo 1871 eine Reform anstand. Johann Kohler trat seit seinem Einzug in den Landtag dafür ein, das Wahlrecht zu Gunsten von Geringverdienern auszuweiten. Allerdings konnte man sich innerhalb der Konservativen Partei nicht auf eine Vorgehens‐ weise einigen. 105 Kohler argumentierte im Landtag gegen die Einführung eines weiteren Wahlkörpers für Hochbesteuerte auf Landesebene damit, dass dies „nicht den im Lande Vorarlberg bestehenden sozialen Verhältnissen“ entspreche, da das Land „eine derartige auf Besitz und Vermögen beruhende Scheidung seiner Bürger, beziehungsweise privilegierte Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 111 <?page no="112"?> 106 Bericht Johann Kohlers und Ferdinand von Gilms als Vertreter des Wahlordnung-Komitees betref‐ fend einer Reform der Wahlordnung, 6. Sitzung des III. Vorarlberger Landtages am 28. September 1871. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1871a, S.-44-45. 107 Replik des Statthaltereirats Schwertling auf Johann Kohlers Bericht, 6. Sitzung des III. Vorarlberger Landtages am 28. September 1871. Ebenda, S.-46-48. 108 B I L G E R I , Geschichte Vorarlbergs, S.-376. 109 Wortmeldung Johann Kohler betreffend der Wahlreform, 9. Sitzung des VII. Vorarlberger Landtages am 24. Jänner 1896. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1896, S.-111. 110 Die Landtagswahlreform vor dem Landtage, Vorarlberger Volksblatt, 18.7.1902, S.-3. Sonderstellung der Meistbesitzenden niemals gekannt“ habe. Mit Sicherheit fürchtete Kohler vor allem ein Wiedererstarken der Liberalen. 106 Der im Landtag als Vertreter der Statthalterei für gewöhnlich anwesende Statthaltereirat Carl Schwertling wies die Einwände der Konservativen gegen die nach Kohlers Meinung einseitige Wahlordnung zurück und betonte, dass es bei der Erstellung des Wahlordnung- Reformpapiers zu keinerlei einseitiger Einflussnahme einer politischen Partei gekommen sei. Nach der alten Wahlordnung war vorgesehen gewesen, dass ein Vertreter der Handels‐ kammer einen Sitz im Vorarlberger Landtag erhielt (in der Regel handelte es sich dabei um einen Liberalen). Nun sollte die Regelung dahingehend abgeändert werden, dass ein Vertreter der Industrie über den neuen Wahlkörper in den Landtag einzog. 107 Am Ende lehnten beide im Landtag vertretenen Parteien den Reformvorschlag ab. 108 Die Wahlordnung war nach Kohlers Rückkehr aus Wien in den Landtag 1896 immer noch Thema von Landtagssitzungen. Kohler sprach sich im Vorfeld der anstehenden Land‐ tagswahlen 1897 gegen das mittlerweile vieldiskutierte direkte und für das existierende Wahlrecht aus: „[Die] indirecte Wahl [hat] für mich auch noch eine andere Seite, nämlich nur durch diese Wahl der Wahlmänner ist es jeder einzelnen Gemeinde möglich, sich als selbständigen Theil im politischen Leben des Landes geltend zu machen. Das ist jetzt auch der kleinsten Gemeinde möglich. Die Gemeinde Warth-Hochkrumbach hat nur wenige Häuser, aber einen Wahlmann hat sie doch. Jede Gemeinde muss ihre Rechte haben.“ 109 Der Gemeindevorsteher der kleinen Hofsteiggemeinde Schwarzach fürchtete bei Einfüh‐ rung des direkten Wahlrechts vermutlich einen Einflussverlust der kleineren Gemeinden, aber auch seiner Partei, da diese in den größeren Siedlungen traditionell schwächer ab‐ schnitt als auf dem „flachen Land“. Mit ein Grund war jedoch wahrscheinlich auch Kohlers grundsätzliche Ablehnung des allgemeinen Wahlrechts. 110 Kohler favorisierte eine nach Ständen organisierte Volksvertretung. Nichtsdestotrotz kritisierte er - was seinen Sinn für Polemik aufzeigt - die Haltung der Liberalen als inkonsequent, da diese ja die allgemeinen Freiheiten propagieren würden: Die Sozialdemokraten würden hier im Gegensatz zu den Liberalen konsequenterweise sowohl das allgemeine als auch das Frauenwahlrecht fordern. In anderen Ländern habe sich gezeigt, dass durch das allgemeine Wahlrecht das Volk „nicht klüger und politisch besser“ handle. Es würde die meisten Aufgaben „nicht vollständig verstehen“, so Kohler, der ausführte, dass das Volk „seine Pflichten und seine Arbeit [habe], aber dasselbe mit allen möglichen Aufgaben zu behelligen, mit Dingen die ihm zu entfernt liegen, ist nicht sachgemäß. Jeder wird sich für seine Gemeinde 112 Severin Holzknecht <?page no="113"?> 111 Wortmeldung Johann Kohler betreffend der Wahlreform, 9. Sitzung des VII. Vorarlberger Landtages am 24. Jänner 1896. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1896, S.-111-112. 112 Wortmeldung Johann Kohler betreffend der Wahlreform, 12. Sitzung des VIII. Vorarlberger Landtages am 16. Juli 1902. Ebenda, 1902, S.-148. 113 B U ẞ J Ä G E R , Zwischen Februarpatent und 3. November, S.-37-39. 114 Ludwig R E I C H H O L D , Jodok Fink und Nepomuk Hauser. Von der Monarchie zur Republik. Wien 1989, S.-16. 115 J U D S O N , Habsburg, S.-472-479. interessieren, aber weiter hinaus mit der Ausübung seines Wahlrechtes zu gehen, das gelingt nur bei starken politischen Strömungen, Agitationen.“ 111 Ein generelles allgemeines Wahlrecht lehnte Kohler auch mit Blick auf Frankreich ab, wo seinem Empfinden nach „die Katholiken ihrer wichtigsten Rechte fast vollständig beraubt“ worden waren. Großbritannien und die Vereinigten Staaten, die gerade erst einen Krieg gegen das katholische Spanien geführt hätten, galten ihm ebenfalls als Beweis, dass das allgemeine Wahlrecht zu keiner Hebung der Kultur führe. 112 Die Kritik fußte also vor allem auf zwei Argumenten: Zweifel daran, dass die Masse des Volkes politische Problemstellungen verstehen und dementsprechend handeln würde und der Blick auf Länder, wo zumindest alle Männer wählen durften, die als tendenziell feindselig gegenüber der katholischen Kirche erschienen. Kohler kämpfte hier einen letzten Endes auch innerparteilich aussichtslosen Kampf. Der Landtag beschloss im Jahr 1902 die Einführung einer allgemeinen Wählerklasse (sie bestimmte drei der 24 Abgeordneten) und verabschiedete drei Jahre später sogar ein Gesetz, das die Wahlpflicht sowie das allgemeine und nun auch direkte Wahlrecht für alle Männer vorsah. Dadurch wurde versucht, der durch eine niedrige Wahlbeteiligung entstandenen Legitimationskrise, in der sich der Landtag zu jener Zeit befand, entgegenzuwirken. 1896 hatten etwa in vielen Landgemeinden weniger als zehn Prozent der Wahlberechtigten an den Landtagswahlen teilgenommen, was u. a. damit zusammenhing, dass dort das indirekte Wahlrecht zur Anwendung kam. Die Reform des Wahlrechts 1905 scheiterte letzten Endes am Veto des Kaisers. 113 Im Vorarlberger Landtag war Jodok Fink der Wortführer der Befürworter des allgemeinen Wahlrechts. Dieser betonte in einer Landtagsrede im März 1906, dass die Christlichsozialen eine Ausweitung des Wahlrechts - vor allem auf Gemeinde- und Landesebene - seit jeher begrüßten. Zwar sei aus christlichsozialer Sicht das beste Wahlrecht das berufsständische, man müsse sich aber realistischerweise mit dem nächstbesten, dem allgemeinen arrangieren. 114 Das Abgeordnetenhaus des Reichsrats sollte erstmals 1907 auf Basis des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts für Männer über 24 beschickt werden. In Vorarlberg wurde der Landtag, wie gesagt, erstmals 1919 auf dieser, nun auch auf Frauen ausgeweiteten Basis gewählt. Der Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer 1907 auf Reichsebene waren reichsweite Demonstrationen für die Ausweitung vorangegangen. Mancherorts - etwa in Prag - war es sogar zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen war. Auch in den Landtagen, dem Reichsrat und den zahlreichen Zeitungen der Monarchie verliefen die De‐ batten intensiv. Hauptprofiteure des neuen Wahlrechts waren die neuen Massenparteien, vor allem die Sozialdemokraten und die katholischen Parteien. 115 Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 113 <?page no="114"?> 116 Wortmeldungen Carl Ganahls und Johann Kohlers betreffend der Rolle der Pfarrer, 3. Sitzung des III. Vorarlberger Landtages am 25. August 1870. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1870, S.-18-19. 117 Unser gegenwärtiger Landtag, Vorarlberger Volksblatt, 3.10.1871, S.-2. 118 Stadt und Land. Zu den Landtagswahlen, Vorarlberger Tagblatt, 14.4.1909, S.-2. 1.4 Kohler als Politiker. Eine Zwischenbilanz Bestimmte Eigenschaften Johann Kohlers sind nicht nur aus seinem Agieren innerhalb der konservativen Bewegung herauszulesen, sondern vor allem aus seiner Art mit den gegnerischen Liberalen umzugehen. Kohler ließ sich bereits in einer seiner ersten Sitzungen im Landtag auf einen Schlagabtausch mit Carl Ganahl ein, dem Industriellen, langjährigen Führer der Liberalen im Landtag und in den 1870er-Jahren großen Gegenspieler Kohlers im Bereich des Volksschulwesens. Ganahl hatte der Priesterschaft vorgeworfen, die Gläubigen gezielt zu belügen und generell die „verwerflichsten und verabscheuungswürdigsten Mittel zu gebrauchen […]. Diese Herren scheuten sich nicht, den Nachbar gegen den Nachbar, die Frau gegen den Mann, die Kinder gegen die Eltern und die Schwester gegen den Bruder aufzuhetzen“. Er trug seine Kritik sehr emotional vor, sodass Landeshauptmann Froschauer sich mehrere Male veranlasst sah, den Redner zur Ordnung zu rufen. Kohlers Replik war bemerkenswert: Betont gelassen meinte der um dreißig Jahre Jüngere in Richtung des liberalen Wortführers, dass „vom Standpunkte der Freiheit, und nicht vom religiösen Standpunkte aus“ er es als „unwürdig [erachte], in einem hohen Landtage mit derlei nicht begründeten und nicht bewiesenen Anklagen aufzutreten“. 116 Diese verbale Reaktion war typisch für Kohler: Stets die Fassung bewahrend erläuterte er seinen Kontrahenten auf schulmeisterliche Art - sie dürfte gerade im Umgang mit Älteren auch arrogant gewirkt haben - deren vermeintliche oder tatsächliche Irrtümer. Für die Zuhörerschaft und die Medien besaß dieser Diskussionsstil nicht zuletzt Unterhaltungswert und verschaffte Kohlers Auseinandersetzungen vor allem in den ersten Jahren seines politischen Schaffens viel Aufmerksamkeit. Je nach politischem Lager fiel dabei die Beurteilung seiner Rhetorik positiv oder negativ aus. Der Politiker Kohler kann zusammenfassend wohl am besten als machtbewusst, konfron‐ tativ, hartnäckig und durchsetzungsfähig, vor allem aber als prinzipientreu charakterisiert werden. Machtpolitiker im eigentlichen Sinne war er keiner, dazu fehlte es ihm an Ge‐ schmeidigkeit. Dies erklärt, weshalb er trotz seines schnellen Aufstiegs in den 1870er-Jahren und der durchaus einflussreichen Rolle in den eigenen Reihen für höchste Ämter nicht infrage kam. Das „Vorarlberger Volksblatt“ hatte den als Jungstar und Zukunftshoffnung Gehandelten nach seinem ersten Jahr im Landtag wie folgt stilisiert: „Kohlschwarz ist seine Gesinnung […] Kohler gehört zu jenen Wenigen, die durch eigenes Privatstudium die Bildung einer Mittel- und Hochschule ersetzen, er besitzt im Ausdruck mehr Ge‐ wandtheit, als manche sog. Studierte. Wiewohl er sich zur besitzenden Klasse emporgeschwungen, so hat er doch seine Vorliebe für die Armen behalten.“ 117 Als der 66-jährige Kohler im November 1905 seine Funktion im Landesausschuss nieder‐ legte, wurde er von Landeshauptmann Adolf Rhomberg - über viele Jahre einer seiner innerparteilichen Gegner - als ein Mann gewürdigt, der stets durch „großen Eifer und seltene Pflichttreue“ herausgestochen sei. 118 „Kohlschwarze“ Gesinnung, großer Eifer und 114 Severin Holzknecht <?page no="115"?> 119 J U D S O N , Habsburg, S.-387-396. 120 Interpellation mehrerer klerikaler Landtagsabgeordneter betreffend einer Aussage von Landes‐ schulrat Nachbaur, 2. Sitzung des III. Vorarlberger Landtages am 22. August 1870. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1870, S.-8-9. 121 W A N N E R , Geschichte der Lehrerbildung, S.-33. 122 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-191. 123 O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule, S. 37. Der Landesschulrat setzte sich zusammen aus dem Landeshauptmann bzw. dessen Vertreter (er hatte den Vorsitz inne), zwei katholischen und einem evangelischen Geistlichen, einem Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde von Hohenems, drei Mitgliedern des Landesausschusses, einem Referenten für die ökonomischen und administrativen Angelegenheiten und zwei Lehrern. Der Landesschulrat war direkt dem Unterrichts‐ ministerium in Wien unterstellt und dafür zuständig, dass das Schulwesen in Vorarlberg im Sinne der Gesetze gefördert wurde. 124 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-191. Pflichtbewusstsein - die zentralen Eigenschaften des Politikers - sind damit zweifellos benannt. Deren Konsequenz in der Praxis drückte auch dem Konflikt um das Volksschul‐ wesen seinen Stempel auf. II. Das Volksschulwesen Bereits mehrfach wurde in diesem Beitrag erwähnt, dass das Schulwesen - und hier in erster Linie das Volksschulwesen - für den ehemaligen Lehrer jener Bereich war, in dem er sich mit besonderem Elan engagierte. Staatlicherseits wurden als Antwort auf rapide fortschreitende Veränderungen in Wirtschaft, Technik und Wissenschaften grundlegende Reformen als dringend notwendig erachtet. Das Schulwesen avancierte dadurch zu einem der Politikfelder in Cisleithanien, in denen sich Ideologien genauso wie die Volksgruppen am härtesten befehdeten, schließlich stand damit auch der Einfluss auf die kommenden Generationen auf dem Spiel. 119 Schulen waren und sind stets Orte der Bewusstseinsbildung bzw. auch der Indoktrination, was die Kontrolle über Lehrpläne und Lehrerschaft für politische Parteien derart bedeutend machte und macht. Ein erster großer „Aufreger“ nach Kohlers Einzug in den Landtag hatte folgerichtig mit dem Schulwesen - konkret mit dem Feldkircher Gymnasiallehrer Karl Nachbaur - zu tun. Kohler unterstützte in einer seiner ersten Landtagssitzungen eine Interpellation, die den Lehrer für seine Rede auf der Generalversammlung des liberalen Vereins der Verfassungs‐ freunde im Sommer 1870 maßregelte. 120 Nachbaur hatte u. a. die konservative Agitation gegen das Reichsvolksschul- und andere Verfassungsgesetze als „einen Verrath an ihrem Heimatlande Vorarlberg“ 121 angeprangert und die Verbannung jedweden konfessionellen Unterrichts aus den Schulen gefordert. 122 Besonders brisant machte die Angelegenheit Nachbaurs Mitgliedschaft im Landesschulrat, der höchsten Schulaufsichtsbehörde des Landes, der alle drei Bezirksschulräte unterstanden, denen wiederum die Ortsschulräte untergeordnet waren. 123 Die Generalversammlung der Verfassungsfreunde lieferte zudem noch einen weiteren Anlass für Entrüstung, weil der Industrielle Josef Andreas Tschavoll, „Ultramontanismus, Feudalismus und Bürokratismus“ als „Schmarotzerpflanzen“, die „am Mark des Vaterlandes zehren“, bezeichnet hatte. 124 Tschavoll - ab 1872 Ritter von Tschavoll - sollte zwischen 1873 und 1880 als Bürgermeister von Feldkirch amtieren und von 1878 Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 115 <?page no="116"?> 125 Christoph V O L A U C N I K , Feldkirch: Macht und Einfluss der bürgerlichen Unternehmer. In: Stadt und Bürgertum im Bodenseeraum, hg. von A L B R I C H / M A T T / P L A T Z G U M M E R , S.-113-136, hier S.-130. 126 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-192. 127 O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule, S.-112-113. 128 J U D S O N , Habsburg, S.-361-370. 129 Das „Schule-Kind-Gesetz“ vom 25. Mai 1868, Reichsgesetzblatt, Nr. XIX, 25. Mai 1868, S.-97. 130 Ludwig B O Y E R , Elementarschulen und Elementarunterricht in Österreich. Illustrierte Chronik der Schul- und Methodengeschichte von den ältesten Quellen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Graz 2012, S.-268-269. bis 1884 für die Liberalen im Landtag sitzen. 125 Die Besonderheit der beiden Reden lag weniger in ihrer Schärfe (die Tonlage war für die Epoche geradezu typisch), sondern in ihrer - aus Sicht der Gegner skandalösen - Breitenwirkung, weil sowohl die „Vorarlberger Landeszeitung“ als auch die „Feldkircher Zeitung“ diese abgedruckt hatten. Die Proteste der konservativen Abgeordneten, der hohen Kirchenvertreter, mehrerer Gemeinden und diverser katholischer Organisationen und Vereine verhallten ungehört. Als Nachbaur schließlich 1878 nach Brünn versetzt wurde, feierten die Vorarlberger Konservativen dies frenetisch. 126 Die Bedeutung der Nachbaur-Kontroverse lag letztendlich darin, dass durch sie im medialen Schlagabtausch zwischen Konservativen und Liberalen eine weitere Eskalationsstufe erreicht wurde, auch bescherte sie den Konservativen willkommenen Rü‐ ckenwind. 127 Einerseits hat sie als Fallbeispiel in einer langen Reihe von ähnlich gelagerten Konflikten zu gelten, die sich im gesamten Reich zwischen liberalen Regierungsvertretern und der konservativen Opposition abspielten, 128 andererseits entsprach sie ganz allgemein der Vehemenz, mit der die Auseinandersetzungen über das Schulwesen in den 1870ern in Vorarlberg ausgefochten wurden. Kohler bzw. die Konservativen arbeiteten genauso wie die Liberalen mit harten Vorwürfen, Polemik und Diffamierungen, um so ihre Maximalforde‐ rungen durchzusetzen. Es war das erklärte Ziel der Liberalen, die Volksschulen stärker unter staatliche Kontrolle zu bringen und die Kirche aus der Erziehung der Jüngsten hinauszudrängen. Bereits 1868 hatte der Reichsrat das sogenannte „Schule-Kind-Gesetz“ beschlossen, das „grundsätzliche Bestimmungen über das Verhältnis der Schule zur Kirche“ 129 enthielt. Das Gesetz bildete die Grundlage für das laizistisch-liberale Reichsvolksschulgesetz (RVG), das ein Jahr später in Kraft trat. 130 Das RVG sprach die oberste Leitung und Aufsicht über das gesamte Unterrichtswesen dem Staat zu und beendete damit die im Konkordat von 1855 verankerte Oberhoheit der katholischen Kirche über das Volksschulwesen endgültig. Der Einfluss der Kirche wurde beträchtlich verringert, auch wenn er aus heutiger Sicht noch immer hoch blieb. Weswegen war die konservative Empörung in weiten Teilen der Monarchie gegen das neue Gesetz dennoch derart groß, schließlich bestimmte § 1 des RVG, dass die Volksschule zur Aufgabe habe, „die Kinder sittlich-religiös zu erziehen“? Ein Teil der Antwort auf diese Frage fand sich in § 2: Jede Volksschule, die öffentliche Mittel erhielt, musste Kindern unabhängig von deren religiösem Bekenntnis offenstehen, was der konservativen Überzeugung von getrennten Schulen strikt entgegenlief. Schulen, die 116 Severin Holzknecht <?page no="117"?> 131 Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869, Reichsgesetzblatt, Nr. XXIX, 20. Mai 1869, S. 277. Weiter‐ führend siehe Helmut E N G E L B R E C H T , Geschichte des österreichischen Bildungswesens. Erziehung und Unterricht auf dem Boden Österreichs, Bd 4: Von 1848 bis zum Ende Monarchie. Wien 1986; Helmut S E E L , Einführung in die Schulgeschichte Österreichs. Innsbruck/ Wien 2010. 132 O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule, S.-25-26. 133 Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869, Reichsgesetzblatt, Nr. XXIX, 20. Mai 1869, S.-277-278. 134 Ebenda, S.-286. 135 E N G E L B R E C H T , Geschichte des österreichischen Bildungswesens, S.-115. gänzlich ohne öffentliche Mittel gegründet oder erhalten wurden, galten als Privatanstalten; sie konnten ausschließlich katholische Kinder aufnehmen. 131 Die Vorarlberger Konservativen der 1860er-Jahre fürchteten, dass mit dem Inkrafttreten des RVG eine schrittweise Entfremdung der Bevölkerung von der Religion eingeleitet würde. Vor der Einführung des RVG 1869 waren Volksschullehrer dem jeweiligen Orts‐ pfarrer unterstellt, was häufig dazu führte, dass die schulische Bildung gerade der Land‐ jugend eher oberflächlich ausfiel, da sowohl der Klerus als auch die meisten Eltern sich „keinen aufgeklärten Sonderling“ wünschten. 132 § 5 des RVG bestätigte, dass der Religionsunterricht auch weiterhin durch die betreffenden Kirchenbehörden bzw. Kultus‐ gemeinden besorgt werden sollte. Sowohl die Kirchenbehörden als auch die Religionslehrer waren jedoch verpflichtet, „den Schulgesetzen und den innerhalb derselben erlassenen Anordnungen der Schulbehörden nachzukommen“. Verfügungen der Kirchenbehörden und die Art der Unterrichtsführung im Fach Religion mussten im Vorfeld mit der jeweiligen Schulbehörde akkordiert werden. Falls die Verfügungen der Kirchenbehörde mit dem RVG unvereinbar waren, hatte die Schulbehörde den Auftrag, die Umsetzung der besagten Verfügung zu verhindern. Des Weiteren umfasste der nun vom Kulturministerium festge‐ legte Lehrplan der Volksschulen mit Natur- und Erdkunde, Geschichte und geometrischer Formenlehre, Gesang, Leibesübungen und für Mädchen ergänzend Handarbeit und Haus‐ haltskunde eine Handvoll neuer Fächer. Ziel dieser Maßnahmen war die „Heranbildung tüchtiger Menschen und Mitglieder des Gemeinwesens“ im Sinne des Reiches. 133 Das RVG bestimmte auch die Ausdehnung der Schulpflicht vom sechsten bis zum vollendeten 14. Lebensjahr. Als besonders wichtige Neuerung normierte das Gesetz die bis dorthin äußerst mangelhafte Lehrerausbildung und es versuchte zudem die sehr schlechte finanzielle Lage der Lehrerschaft zumindest im Ansatz zu verbessern, um damit nicht zuletzt das gesellschaftliche Ansehen des Berufsstandes zu heben. § 66 legte außerdem fest, dass die Länder die Kosten für das Volksschulwesen bestreiten sollten, falls die Gemeinden nicht dazu in der Lage waren. 134 Ein Passus, der in Vorarlberg allerdings heftig umkämpft war. Mit der anspruchsvolleren Volksschulausbildung war auch die staatliche Intention verbunden, die Zahl der Kinder, die nach einer höheren Ausbildung als der Volksschule strebten, zu vermehren. Zu diesem Zweck wurden sogenannte Bürgerschulen eingerichtet, die die vormaligen Hauptschulen ersetzten. 135 Johann Kohler wurde in Vorarlberg zu einem der engagiertesten Gegner des RVG. Der Generalvorwurf von liberaler Seite, wie ihn auch Gymnasialprofessor Nachbaur ins Treffen führte, lautete, dass sich die Konservativen im Allgemeinen und Kohler im Speziellen der Hebung der Qualität des Schulwesens verweigerten. Kohler wies dies bei seinen zahlreichen Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 117 <?page no="118"?> 136 Die Versammlung des kath. polit. Volksvereines im Zwing bei Krummbach, Vorarlberger Volksblatt, 26.4.1872, S.-1. 137 Landtags-Rückblicke, Vorarlberger Landeszeitung, 21.12.1872, S.-2. 138 Bregenzerwald, Feldkircher Zeitung, 5.9.1894, S.-2. 139 Mittheilungen an das „Volksblatt“. Alberschwende, Vorarlberger Volksblatt, 23.7.1872, S.-6. 140 Oesterreich. Dornbirn, Feldkircher Zeitung, 20.8.1873, S.-2. 141 Kurzbericht des Gemeindeausschusses von Schwarzach an den Vorarlberger Landtag betreffend der Umsetzung der Schulgesetze, 7. Sitzung des IV. Vorarlberger Landtages am 7. Dezember 1872. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1872, S.-234. öffentlichen Auftritten mit den stets selben Argumenten unermüdlich zurück, so auch auf einer Versammlung des Katholisch-politischen Volksvereins in Krumbach Ende April 1872. Er meinte, dass „wir ‚Ultramontane‘“ nicht gegen eine Verbesserung des Schulwesens wären, „aber wir wollen zuerst das Nothwendige in der Verbesserung der Schulfrage, dann das Nützliche und schließlich das Angenehme […] Es frägt sich hier nicht, wer zahlt? - sondern: wer schickt die Kinder in die Schule? Vater und Mutter müssen Rechenschaft für das Kind geben und darum haben sie hauptsächlich mitzureden. Das ist unser Standpunkt. Nicht der Staat alleine hat darein zu reden. Der Staat muß uns Bürgschaft geben, das Vater und Mutter Rechenschaft geben können. Der Staat kann uns nur die Kirche als Bürgen geben, nicht den Reichsrath, nicht den Landtag. Das kann er nur dadurch, daß er der Kirche das Aufsichtsrecht über die Schule gibt. ‚Das ist die Frage.‘ Und dann sind wir zufrieden - und vorher sind wir unbedingt gegen entgegengesetzte Schulgesetze.“ 136 Solche Auftritte brachten es mit sich, dass Kohler u. a. von der „Vorarlberger Landeszeitung“ als Hauptagitator gegen das neue Volksschulgesetz bezeichnet wurde, gleichzeitig aber als Marionette von Johannes Thurnher, seinem Abgeordnetenkollegen und - laut der „Landeszeitung“ - „Souffleur“, abgetan wurde. 137 Seinen Parteifreunden galt er als einer ihrer fähigsten Wortführer gegen das RVG. Der „Wanderapostel“ 138 Kohler wurde gezielt zu Kasino-Versammlungen entsandt und trat im Landtag als Hauptredner gegen das RVG auf. Im Juli 1872 referierte er laut „Volksblatt“ etwa auf einer Kasino-Versammlung in Alberschwende vor dreihundert bis vierhundert Gästen „in ganz vorzüglich grüntlicher und populärer Weise“ über das Schulgesetz. 139 Die „Feldkircher Zeitung“ versuchte Kohlers Reden hingegen ins Lächerliche zu ziehen. Am 20. August 1873 war beispielsweise über eine Kasino-Versammlung in Dornbirn zu lesen, dass der „größte Schulmann der Jetztzeit […] in seiner zum hundersten [sic! ] Male abgeleierten Weise“ das RVG kritisiert habe. 140 Bei der Agitation gegen das RVG spielten nicht zuletzt die ganz konkreten Auswirkungen eine wichtige, die Bevölkerung mobilisierende Rolle: dass es die Schuljahre und die Dauer des Unterrichts ausdehnte (beides wurde als zu lange erachtet) oder dass es den Messdienst zu Unterrichtszeiten verbot (dies wurde als „unredlich“ erachtet). Vor allem die ökonomischen Konsequenzen der Reformen lagen für die unteren Schichten auf der Hand. Kinder, die länger in der Schule waren, konnten weniger auf den Höfen ihrer Eltern (oder in Fabriken) arbeiten, eine Mithilfe, die aber vielen armen Familien unverzichtbar erschien. Kann es da überraschen, dass auch der Gemeindeausschuss von Schwarzach, wo Kohler lebte, 1872 in einem Bericht nach Bregenz zum Ausdruck brachte, dass diese Eingriffe zur „stets weiter um sich greifenden Unzufriedenheit“ führen würden? 141 118 Severin Holzknecht <?page no="119"?> 142 Antrag des Schulkomitees um Johannes Thurnher und Johann Kohler betreffend der Rücknahme der Schulgesetze, 7. Sitzung des IV. Vorarlberger Landtages am 7. Dezember 1872. Ebenda, S.-234. 143 Bericht des Schulkomitees um Johannes Thurnher und Johann Kohler betreffend der Rolle der Kirche im Schulwesen, 9. Sitzung des IV. Vorarlberger Landtages am 9. Oktober 1874. Ebenda, 1874, S.-118. 144 Wortmeldung Johann Kohlers betreffend des Schulwesens, 9. Sitzung des IV. Vorarlberger Landtages am 4. April 1876. Ebenda, 1876, S.-106. 145 Wortmeldung Johann Kohlers betreffend des Schulwesens, 12. Sitzung des IV. Vorarlberger Landtages am 7. Mai 1875. Ebenda, 1875, S.-216-220. 146 Wortmeldung Johann Kohlers betreffend des Schulwesens, 9. Sitzung des IV. Vorarlberger Landtages am 4. April 1876. Ebenda, 1876, S.-106. Im selben Jahr stellten die Konservativen im Landtag den Antrag, das RVG, das „den Verhältnissen, den Bedürfnissen und gerechten Anforderungen des Volkes von Vorarlberg nicht entsprechen“ würde, zurückzunehmen. 142 Die Vereinnahmung des „Volkes“ - wobei das bäuerliche Milieu bzw. die einkommensschwachen Schichten schon aus wirtschaftli‐ chen Erwägungen heraus empfänglich für die Botschaften der Konservativen waren - stellte allerdings kein Alleinstellungsmerkmal der Konservativen dar. Auch die Liberalen sprachen gerne und oft vom „Willen des Volkes“, wenn sie ihre politischen Überzeugungen argumentieren wollten. Im Oktober 1874 fassten Johannes Thurnher und Johann Kohler für den Landtag einmal mehr das für sie „ewige Prinzip“ der Erziehung, in drei Punkten zusammen: „I. Die gesamte, sowohl körperliche als geistige Erziehung des Kindes, zu welcher besonders die Bildung durch den Unterricht als unerläßliches Mittel gerechnet werden muß, ist naturrechtlich eine Pflicht, und daher ein unveräußerliches Recht der Familie. II. Die Pflicht der katholischen Familie ist: eine katholische Erziehung des Kindes. - Katholisch erziehen kann die Familie das Kind nicht ohne die Kirche - Die Kirche hat daher auf Grund des Familienrechtes, wie auf Grund ihrer göttlichen Mission das Recht auf Erziehung des Kindes durch Ertheilung des Unterrichtes in Glaubens- und Sittenlehre und Spendung der Gnadenmittel, sowie durch Ueberwachung jedes anderen Unterrichts insoweit, daß derselbe in Harmonie mit ihrer eigenen Erziehungsthätigkeit verbleibe. III. Aufgabe des Staates ist: sowohl die Familie, als die Kirche in ihrem Rechte auf Erziehung zu schützen.“ 143 Nach dieser Auffassung war es widerrechtlich, wenn der Staat damit begann, die Kinder selbst zu erziehen, wie Kohler es ausdrückte. 144 Mit der Absicht, die liberale Schulpolitik zu diskreditieren, bezeichnete er an anderer Stelle die staatliche Oberhoheit über das Schulwesen und das Herausdrängen der Kirche sogar als sozialistisch und führte als ver‐ meintlichen Beleg an, dass Ferdinand Lassalle oder Karl Marx derartige Reformen gutheißen würden. 145 Kohler warf den Liberalen darüber hinaus nicht allzu subtil Scheinheiligkeit vor, da diese ihre Kinder oftmals in private (und teilweise sogar katholische) Schulen schickten, anstatt in staatliche Einrichtungen. 146 Johann Kohler war eine Art der Politik nicht fremd, die man heute als Populismus bezeichnet. Für kleinere, finanzschwache Gemeinden brachten die Reformen im Volksschulwesen mehrere Probleme mit sich. U. a. wurden durch die Ausweitung der Schulpflicht vielerorts größere Schulgebäude erforderlich, während gleichzeitig die Lehrergehälter bestritten werden mussten, was viele Gemeinden ohnehin nur mit Mühe bewältigten. Den Gemeinden Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 119 <?page no="120"?> 147 Josef W Y S O C K I , Die österreichische Finanzpolitik. In: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. I: Die wirtschaftliche Entwicklung, hg. von Alois B R U S A T T I . Wien 1973, S.-68-104, hier S.-75-77. 148 Antrag des Schulkomitees um Johannes Thurnher und Johann Kohler betreffend der Gewährung von Subventionen für die Gemeinde Gaißau, 13. Sitzung des V. Vorarlberger Landtages am 9. Juli 1880. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1880, S.-107-108. 149 O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule, S.-58. 150 Antrag des Schulkomitees um Johannes Thurnher und Johann Kohler betreffend der Gewährung von Subventionen für mehrere Gemeinden, 23. Beilage vom 4. September 1883. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1883. 151 W A N N E R , Geschichte der Lehrerbildung, S.-39. waren zwar durch das reichsweit gültige Gemeindegesetz von 1862 Anteile an den direkten Steuern zugesprochen worden und auch die Einführung eigener Abgaben war theoretisch möglich (dies erwies sich aber in der Regel nur für größere Gemeinden als einträgliche Option). Einen Finanzausgleich zwischen Reich, Ländern und Gemeinden, wie er heute existiert, gab es in der Donaumonarchie aber noch nicht. 147 Die zusätzlichen Ausgaben für das Schulwesen sorgten in vielen Gemeinden für Unmut. Die Schulreform hatte, wie am Beispiel der Gemeinde Gaißau ersichtlich wird, dazu geführt, dass sich die Ausgaben der Gemeinde für das Schulwesen bis 1880 auf 1.900 Gulden pro Jahr vervierfachten. Der Bau einer neuen Schule machte zusätzliche Ausgaben in Höhe von 6.000 Gulden notwendig, was für die Gemeinde, die zu dieser Zeit unter einer Missernte und den Folgen eines Bodenseehochwassers litt, nicht zu finanzieren war. 148 Da es den Gemeinden per Gesetz verboten war Schulgelder einzuheben, 149 kamen im Laufe der 1870er-Jahre immer mehr vor allem kleinere Gemeinden in eine prekäre Lage. Immer mehr Gemeinden suchten daher beim Landtag um Unterstützung bei der Bestreitung der Kosten für das Schulwesen an. Die Konservativen hatten zunächst eine Unterstützung der Gemeinden durch den Landtag begrüßt, revidierten jedoch mit Blick auf das Budget ihren Standpunkt bald. 150 Einer der größten Kostenfaktoren der Gemeinden im Bereich des Schulwesens waren die Gehälter der Lehrerschaft. Diese waren zwar durch das RVG angehoben worden, blieben aber dennoch unzureichend, da sich viele Gemeinden (vor allem die kleineren) nicht an die im RVG vorgeschriebene Mindestentlohnung hielten, welche den Verzicht auf Neben‐ tätigkeiten und den Erhalt einer Familie ermöglichte. Im Vorarlberger Landtag blockierte die konservative Mehrheit als Reaktion auf die kaiserliche Verweigerung, flächendeckend die rein konfessionellen Schulen wieder einzuführen (trotz mehrerer dementsprechender Landtagsbeschlüsse), über viele Jahre eine Erhöhung der Lehrergehälter, deren genaue Regelung gemäß RVG durch die Landesgesetzgebung zu erfolgen hatte. In dieser Sache zeigt sich die Ambivalenz, die ab und an in Kohlers politischem Handeln zu beobachten war. Die Verbesserung der Lebensumstände der Lehrerschaft war ihm ein Anliegen, welches hier jedoch seinem bildungspolitischen Primärziel, der Aushebelung des RVG, geopfert wurde. Der spitzzüngige Martin Thurnher - selbst ehemaliger Lehrer - meinte hierzu reichlich zy‐ nisch, dass sich Lehrer eben Nebenberufe oder eine wohlhabende Ehefrau suchen müssten, was sogar den katholischen Lehrerverein zum Protest nötigte. 151 Der Landtag änderte erst aufgrund des gemeinsamen Drucks der christlichsozialen und freisinnigen Lehrerschaft, erneut gestiegener Lebenshaltungskosten und der Abwanderung vieler Lehrer in andere 120 Severin Holzknecht <?page no="121"?> 152 Ebenda, S.-35-40. 153 Leo H A F F N E R , Die Aufklärung und die Konservativen. In: Nachträge zur neueren Vorarlberger Landesgeschichte, hg. von Meinrad P I C H L E R (Beiträge zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 1). Bregenz 1983, S.-10-31, hier S.-27. 154 W A N N E R , Geschichte der Lehrerbildung, S. 44; siehe auch Margret F R I E D R I C H , „Ein Paradies ist uns verschlossen …“. Zur Geschichte der schulischen Mädchenerziehung im „langen“ 19. Jahrhundert (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 89). Wien 1999. 155 Margret F R I E D R I C H / Brigitte M A Z O H L / Astrid von S C H L A C H T A , Die Bildungsrevolution. In: Die Habs‐ burgermonarchie 1848-1918, Bd. IX: Soziale Strukturen, Teilband 1/ 1: Lebens- und Arbeitswelten in der Industriellen Revolution, hg. von Helmut R U M P L E R / Peter U R B A N I T S C H . Wien 2010, S. 67-107, hier S.-74-75. 156 O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule, S.-143. Teile der Monarchie seine Position und ermöglichte 1906/ 07 eine merkliche Anhebung und die Subventionierung der Gemeinden im Bereich der Lehrergehälter. 152 Die begabtesten Lehrer verließen Vorarlberg in diesen Jahren jedenfalls in Richtung der anderen Kronländer, wo sie bedeutend besser verdienten. 153 Den Preis für diesen ideologischen „Grabenkampf “ zahlten die Jungen. So wies Vorarlberg nach Tirol unter den Alpenländern noch 1912/ 13 das niedrigste Bildungsniveau auf. Ganze 54 Prozent der Schülerinnen und Schüler wurden beispielsweise in einklassigen Volksschulen mit acht Schulstufen unterrichtet (der österreichische Schnitt lag bei 31,1 Prozent). Vorarlberg besaß auch die geringste Anzahl an Bürgerschulen, wobei drei dieser sechs Schulen von Ordensschwestern geführt wurden. Für Mädchen gab es in Vorarlberg überhaupt keine Bürgerschule. 154 2.1 Die Aushöhlung des RVG 1883 kam es zu einigen Entschärfungen des RVG durch die Regierung Taaffe. Bäuerlichen Familien wurde etwa eine sogenannte Schulbesuchserleichterung für Kinder ab zwölf zuge‐ standen, um so den Widerstand der Bauernschaft (aber auch von Teilen der Arbeiterschaft) abzuschwächen, die aufgrund der verlängerten Schulpflicht länger auf die Arbeitskraft ihrer Kinder verzichten mussten. Eine neuerliche Novellierung des RVG im Jahr 1905 adaptierte weitere Bereiche des Volksschulwesens im Sinne der Christlichsozialen. 155 Ein Etappensieg war den Konservativen und der katholischen Kirche zudem im Laufe der 1880er gelungen, als sie die Wiedereinführung der 1869 abgeschafften Sonntagsschulen für 14bis 16-Jährige durchsetzen konnten. Von den Pfarreien geleitet, sollten sie nicht zuletzt die unbeaufsichtigte Freizeit einschränken und das „Unabhängigkeitsgefühl“ der Jugendlichen im Zaum halten. Unterrichtet wurde in den eineinhalb bis zwei Stunden pro Woche in erster Linie in Religion, Rechnen, Lesen und Schreiben. Die Initiative war aus Sicht der Kirche und der Konservativen ein Erfolg. 1897 gab es in Vorarlberg bereits 61 Sonntagsschulen mit 75 Klassen und insgesamt 763 Schülern sowie 945 Schülerinnen. Die Zahl stieg bis 1900 auf 80 Schulen mit 95 Klassen und 784 Schülern bzw. 1.170 Schülerinnen. 156 Zwar gelang es den Konservativen bzw. Christlichsozialen bis zum Ende der Monarchie nicht, das RVG zur Gänze rückgängig zu machen, so scheiterten sie etwa mit der Wieder‐ einführung der Konfessionsschulen und auch das Lehramt blieb ein öffentliches Amt, das Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 121 <?page no="122"?> 157 Bericht des Schulkomitees um Johannes Thurnher und Johann Kohler betreffend der Lehrerfreizü‐ gigkeit, 16. Sitzung des IV. Vorarlberger Landtages am 9. Dezember 1872. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1872, S.-268. 158 Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869, Reichsgesetzblatt, Nr. XXIX, 20. Mai 1869, S.-284. 159 Ulrich N A C H B A U R , Lehrerinnenzölibat. Zur Geschichte der Pflichtschullehrerinnen in Vorarlberg im Vergleich mit anderen Ländern (Institut für sozialwissenschaftliche Regionalforschung 8). Regens‐ burg 2011, S.-37-45. 160 Wortmeldung Johann Kohlers betreffend der Ordensschwestern als Lehrerinnen, 11. Sitzung des V. Vorarlberger Landtages am 26. Oktober 1881. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1881, S.-131. 161 O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule, S.-161. 162 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-207. allen Staatsbürgern unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit offenstand. Eine katholischkonservative Dominanz über das Volksschulwesen etablierte sich dennoch. In Vorarlberg kam hierfür der Errichtung der privaten Lehrerbildungsanstalt in Tisis im Jahr 1888 eine Schlüsselfunktion zu. In den 1860er- und 1870er-Jahren herrschte akuter Lehrermangel. Dennoch sprach sich der Landtag bzw. dessen Schulkomitee am 9. Dezember 1872 gegen die von der Reichsregierung geplante Lehrerfreizügigkeit, sprich die Möglichkeit für Lehrer in der gesamten österreichischen Reichshälfte eine Anstellung zu suchen, aus. Johann Kohler begründete dies damit, dass „das Volk von Vorarlberg an der möglichsten Selbständig‐ keit des Landes unerschütterlich festhält, folgerichtig auch Leitung und Ordnung des Volksschulwesens nach seiner politischen Seite als Landessache betrachtet wissen will“, weshalb es im Interesse des Landes sei, „für seine Volksschulen seine eigenen Lehrkräfte und nur in soweit diese nicht ausreichend sein sollten, fremde herbeizuziehen“. 157 Ganz prinzipiell strebte Kohler danach, dass die Landesschulbehörde die Oberhoheit über die Bestellung der Lehrerinnen und Lehrer erhielt. Auch hier stand er in Opposition zum RVG (§ 50), demzufolge die Bestellung einvernehmlich und kollegial durch die Schulerhalter (Gemeinden) und die Landesschulbehörde erfolgen sollte. 158 Der Zuzug von Lehrern von außerhalb Vorarlbergs konnte aufgrund der Gesetzeslage zwar durch das Land bzw. die Landesschulbehörde nicht verhindert, aber aufgrund des Kollegialitätsprinzips in der Praxis durchaus kontrolliert werden. Dass vielerorts Ordensschwestern als Lehrerinnen, die billiger als Lehrer waren, einsprangen, 159 störte zwar die Liberalen, war aber durchaus im Sinne Kohlers. In einer Landtagsrede vom 26. Oktober 1881 betonte er einmal mehr ganz offen, dass so der befürchteten „Entchristlichung der Schule“ und der damit einhergehenden „Entchristlichung der Bevölkerung“ entgegengewirkt werden könne. Das Volk habe die Ordensschwestern „kennen und dann würdigen gelernt“ und sehe in ihnen „nicht blos die Lehrerinnen, sondern vor allem die Erzieherinnen seiner Jugend“. 160 Mit den Ordensschwestern allein ließ sich der Lehrermangel indessen nicht beseitigen. Die doppelte Zielsetzung - nicht nur für mehr, sondern auch für linientreue Lehrer zu sorgen - klar vor Augen, wurde daher ein anderer Plan entwickelt. In Bregenz existierte die 1869 gegründete staatliche Lehrerbildungsanstalt, deren Besuch den mittellosen Lehramts‐ kandidaten staatliche Stipendien ermöglichten, u. a. war Johann Kohler selbst Absolvent der Vorgängerinstitution. Die Bregenzer Lehrerbildungsanstalt verzeichnete jedoch seit dem Studienjahr 1880/ 81, als sie mit 93 Schülern ihren Höchststand erreichte, 161 einen immer geringeren Zulauf, bis sie 1888 geschlossen wurde. 162 Dieses Phänomen der schrumpfenden 122 Severin Holzknecht <?page no="123"?> 163 O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule, S.-161-163. 164 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-207. 165 H A F F N E R , Kasiner, S.-175. 166 O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule, S.-175. 167 W A N N E R , Geschichte der Lehrerbildung, S.-51. 168 Tatsächliche Berichtigung Johann Kohlers zur Rede Josef Bendels über die Lehrerbildungsanstalt Tisis, 199. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 10. Februar 1893. BibÖStA, Sten. Prot. Abg.Haus, Bd. VIII, S.-9238-9239. 169 Wortmeldung Martin Thurnhers, 199. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 10. Februar 1893. Ebenda, Bd. VIII, S.-9235-9236. Einschreibungen war zur selben Zeit auch in anderen Kronländern zu beobachten und hing in den meisten Fällen damit zusammen, dass der ehemals herrschende Lehrermangel behoben worden war, weshalb nicht mehr so viele Lehrer ausgebildet werden mussten. Dies traf auf Vorarlberg allerdings nicht zu. Wie die Liberalen richtig vermuteten, arbeiteten die Konservativen darauf hin, eine private katholische Anstalt zu errichten, weswegen sie die Lehrerbildungsanstalt in Bregenz vernachlässigten und finanziell aushungerten. 163 Lehramtskandidaten hätte es gegeben, denn viele angehende Vorarlberger Lehrer wichen in den 1880er-Jahren in die Lehrerbildungsanstalten in Bozen und Innsbruck aus. 164 1888 öffnete schließlich die private katholische Lehrerbildungsanstalt für angehende männliche Lehrer in Tisis ihre Pforten. Der Landtag hatte auf Basis eines Beschlusses einen Zuschuss von 10.000 Gulden gewährt und auch prominente Konservative spendeten aus ihren privaten Mitteln große Summen. Adolf Rhomberg steuerte beispielsweise 5.000 Gulden bei und übernahm darüber hinaus eine Bürgschaft in der Höhe von 50.000 Gulden. 165 Lehramtskandidaten, die die Kosten der Ausbildung nicht aufbringen konnten, bewilligte der Landtag 1890 ein Stipendium in der Höhe von 1.000 Gulden pro Jahr (ab 1892 sogar 1.500 bis 2.000 Gulden), was ironischerweise bedeutend mehr Geld war, als viele fertig ausgebil‐ dete Lehrer damals verdienten. 166 Neben der Kontrolle über die Lehrerausbildung waren ab Ende der 1880er-Jahre in den Orts-, Bezirks- und Landesschulräten auch wieder mehr Geistliche vertreten. Zumindest abseits der legislativen Ebene hatten die Konservativen und die Kirche wieder stärkeren Einfluss auf das Vorarlberger Schulwesen gewonnen. 167 Die Kritik an der Lehrerbildungsanstalt Tisis war nicht gering. Sogar der Reichsrat widmete sich der Thematik. Der böhmische deutsch-freiheitliche Reichsratsabgeordnete Josef Bendel zweifelte im Februar 1893 etwa an der Qualität der Anstalt und stellte fest, dass das österreichische Schulwesen allgemein einer tiefgreifenden Klerikalisierung ausgesetzt sei. Johann Kohler reagierte in einer Entgegnung auf Bendel, indem er die ersten Absolventenzahlen der Lehrerbildungsanstalt präsentierte. Er warf dem Deutsch‐ freiheitlichen außerdem vor, mit seinen „übelwollenden Bemerkungen“ die Anstalt nur schlechtreden zu wollen. 168 Martin Thurnher wiederum riet Bendel, „die ihm doch entfernt liegenden Angelegenheiten Vorarlbergs uns Vorarlbergern selbst zu überlassen. Wir haben uns bisher auch nicht in die böhmischen Angelegenheiten gemischt.“ 169 Widerspruch kam erwartungsgemäß auch vom dritten Vorarlberger Reichsratsabgeordneten, dem Liberalen Johann Georg Waibel, der Kohler und Thurnher ausrichtete, als Landtagsabgeordnete ihre Arbeit nicht ordentlich erledigt zu haben, wenn sie nun die Errichtung einer privaten katholischen Lehrerbildungsanstalt priesen, während sie als Abgeordnete des Vorarlberger Landtags seinerzeit nichts gegen den Niedergang und die Schließung der staatlichen Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 123 <?page no="124"?> 170 Wortmeldung Johann Georg Waibels, 199. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 10. Februar 1893. Ebenda, Bd. VIII, S.-9239. 171 Einige Notizen aus meinem Leben, hg. von S C H N E I D E R , S.-145. 172 N A C H B A U R , Lehrerinnenzölibat, S.-80-84. 173 O B E R K O F L E R , Vorarlbergs Weg zur modernen Schule, S.-188-193. 174 Gerhard W A N N E R , Zur Sozialgeschichte von Kindheit, Jugend und Familie im Spiegel der Vorarlberger Presse. In: Kindheit, Jugend und Familie in Vorarlberg 1861 bis 1938, hg. von der R H E T I C U S G E S E L L ‐ S C H aft (Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft 57). Feldkirch 2012, S.-9-244, hier S.-34-38. Lehrerbildungsanstalt in Bregenz getan hatten. 170 Bis zum Sturz der Regierung Taaffe 1893 blieb die Kritik an der Lehrerbildungsanstalt bestehen. Unterrichtsminister Paul Gautsch von Frankenthurn verweigerte der Anstalt das Öffentlichkeitsrecht, wogegen Thurnher und Kohler sogar den Wiener Erzbischof mobilisierten. Ohne Erfolg. Erst die Abberufung des Ministers infolge des Rücktritts Taaffes brachte 1894 den erwünschten Durchbruch. 171 Für Vorarlberger Lehramtsaspirantinnen befand sich derweil die nächstge‐ legene Ausbildungsmöglichkeit weiterhin außerhalb Vorarlbergs, genauer gesagt in Zams, wo die Barmherzigen Schwestern seit 1887 ein Institut betrieben. 172 Mit der Verabschiedung des Landesschulgesetzes von 1899 kehrte in die Volksschulde‐ batte schließlich ein wenig Ruhe ein. Das neue Gesetz, welches von der Statthalterei und damit von der Krone abgesegnet worden war, verstärkte u. a. den Einfluss des Landesaus‐ schusses und des Landtags auf die Bezirks- und Landesschulräte dadurch, dass die Zahl der Mitglieder in den entsprechenden Gremien zu Gunsten des Landesausschusses abgeändert wurde. Gleichzeitig wurde die Stellung von als Lehrerinnen wirkenden Ordensschwestern gefestigt; diese waren nun berechtigt, nicht nur provisorisch zu unterrichten. Während die Bestellung von Ordensleuten als Lehrkräfte den Gemeinden überlassen wurde, oblag die Bestellung weltlicher Lehrer auch weiterhin dem Landesschulrat. 173 Dadurch konnte zwar das „Eindringen“ von unliebsamen Lehrpersonen effizient verhindert werden, andererseits blieb - trotz Tisis - der Mangel an qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern bestehen. Dass jedoch die „Umfärbung“ der Vorarlberger Lehrerschaft gelungen war, verdeutlichte die Ent‐ wicklung der Mitgliederzahl des 1896 gegründeten katholischen Lehrervereins. Zwischen 1899 und 1912 stieg sie von 140 auf 324 Mitglieder, während der einst einflussreiche liberale Lehrerverein bei kaum mehr als einhundert Mitgliedern stagnierte. 174 Johann Kohlers Beharrlichkeit und Kompromisslosigkeit, mit der er für den Einfluss der katholischen Kirche auf das Volksschulwesen kämpfte und die nicht nur die Erziehung weiterer Generationen guter Katholiken und Katholikinnen zum Ziel hatte, sondern auch den Christlichsozialen treue Wähler sichern sollte, sprechen für sich. Indessen brachte es die erfolgreiche Aushöhlung des RVGs durch die Konservativen mit sich, dass Kohler an politischer Bedeutung verlor, sobald sein oberstes Ziel erreicht war. 2.2 Die Forderung nach konfessionellen Volksschulen Auch im Reichsrat blieb Johann Kohler seiner Linie stets treu und unterstützte zahlreiche Interpellationen, die die Rolle der Kirche im Schulwesen stärken sollten. Im November 1892 befürwortete er etwa eine Anfrage Karl Luegers, in der dieser einen Beschluss des Bezirksschulrats von Wien, der katholischen Kindern im Rahmen des Schulgebets 124 Severin Holzknecht <?page no="125"?> 175 Interpellation Karl Luegers an Unterrichtsminister Gautsch von Frankenthurn, 163. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 8. November 1892. BibÖStA, Sten. Prot. Abg.Haus, Bd. VII, S.-7631. 176 Antrag Johannes Thurnhers und Johann Kohlers betreffend der israelitischen Schule in Hohenems, 13. Sitzung des V. Vorarlberger Landtages am 9. Juli 1880. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1880, S. 104-105. 177 Ebenda, S.-104. 178 W A N N E R , Geschichte der Lehrerbildung, S.-30. 179 Rede Johann Kohlers zu den Volksschulen, 65. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 10. November 1891. BibÖStA, Sten. Prot. Abg.Haus, Bd. III, S.-3031-3032. 180 Ebenda, S.-3032. das laute Beten der Kreuzformel untersagt hatte, empört beanstandete. 175 Lueger, Kohler und die anderen unterzeichnenden Abgeordneten nutzten diesen Vorfall, um erneut die Trennung von katholischen und nichtkatholischen Schülern bzw. Schülerinnen zu fordern. Eine Forderung, die Kohler schon in Vorarlberg vehement vertreten hatte. Aus dieser Überzeugung heraus hatte er 1880 auch die israelitische Gemeinde von Hohenems in ihrem Bestreben unterstützt, die bisher staatliche hebräische Volksschule als Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht zu erhalten. 176 Hintergrund war die Zusammenlegung der zuvor in po‐ litischer Hinsicht unabhängigen christlichen und israelitischen Gemeinden von Hohenems im Jahr 1879. 177 Kohler und seine Konservativen verstimmte allerdings, dass die Schule auch katholische Kinder aufnahm, deren Eltern eine liberalere und hochwertigere Erziehung wünschten, als sie an der christlichen Volksschule in Hohenems vermittelt wurde. 1892 verabschiedete der Landtag - gegen den Protest der Liberalen in- und außerhalb Vorarlbergs - schließlich ein Gesetz, das der Schule die Aufnahme katholischer Kinder verbot. 178 Johann Kohlers erste Reichsratsrede vom 10. November 1891 hatte bezeichnender Weise ebenfalls die konfessionellen Volksschulen zum Thema. Kohler bezog sich in seiner Argumentation auf einen Fünf-Punkte-Katalog der österreichischen Bischöfe vom 12. März 1890, der bekannte Forderungen enthielt: Erstens müssten die öffentlichen Volksschulen Vermischungen katholischer Kinder mit Kindern anderer Konfessionen verhindern. Zwei‐ tens müssten alle Lehrer an solchen Schulen katholisch sein, ihre Ausbildung an einer katholischen Lehrerbildungsanstalt genossen haben und darüber hinaus befähigt sein, den Religionsunterricht zu erteilen. Drittens sollte bei der Anstellung von Lehrern die Kirche das letzte Wort haben. Viertens dürfe der Lehrstoff in keiner Weise im Gegensatz zum katholischen Charakter der Schule stehen. Fünftens sollte die Beaufsichtigung über die Schulen und die Lehrerbildungsanstalten der Kirche überantwortet werden. 179 Dieses Programm war eine an die Maximalforderungen der Kirche und der Konserva‐ tiven Partei angepasste Variante der von Kohler bereits 1874 im Landtag vertretenen Positionen. Es scheint, dass Kohler und vermutlich auch seine Partei sich bis 1891 ein Stück weit radikalisierten, was zu einem Teil wohl darauf zurückzuführen war, dass die Liberalen in diesen 17 Jahren nochmals an Einfluss verloren hatten, was die Rücksicht auf deren Befindlichkeiten unnötig machte. Kohler begrüßte den „autoritativen Charakter“ der Erklärung der Bischöfe ausdrücklich als etwas, was „für uns Katholiken noch das wichtigste“ sei, denn die Katholiken seien auf die Autorität der katholischen Kirche angewiesen. „Für Vorarlberg“ sei die Erklärung der Bischöfe überdies eine Bestätigung der eigenen Grundsätze. 180 „Vorarlberg“ fühle sich darin bestärkt, den bereits eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Kohler meinte: Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 125 <?page no="126"?> 181 Ebenda, S.-3033. 182 Ebenda. 183 Tatsächliche Berichtigung Johann Georg Waibels zu Johann Kohlers Rede zu den Volksschulen, 67. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 14. November 1891. Ebenda, S.-3116. 184 Wortmeldung Martin Thurnhers, 67. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 14. November 1891. Ebenda, S.-3117-3118. „Wir Vorarlberger werden allezeit, wie bisher unsere politischen Freiheiten, unsere Selbständigkeit, unsere Unabhängigkeit immerfort wahren und die Grenzen dieser Freiheit mit einer gewissen Eifersucht bewachen. Dafür gelten wir überall und sind manchmal selbst auch bei unseren Nachbarn nicht gut angeschrieben, und schon Kaiser Josef II. hat unsere Väter vielleicht nicht umsonst die Unmöglichen genannt. Aber so eifersüchtig, wie wir die Grenzen unserer politischen Freiheiten bewahren, so wollen wir auch die Grenzen der kirchlichen Autorität als Katholiken wahren und gewahrt wissen auf jedem Gebiete und somit auch auf dem Gebiete des Schulwesens. Da wollen wir ganze, nicht halbe Katholiken sein. Wir wissen sehr wohl, dass wir als Katholiken in gewissen Punkten an die kirchliche Autorität gebunden sind und ein großes Gebiet der Freiheit haben. Wir wollen unsere Freiheit und wahren sie ängstlich und eifersüchtig, aber wir wollen auch, dass das Gebiet der Autorität mit eben solcher Genauigkeit eingehalten wird.“ 181 Eine politische Unabhängigkeit Vorarlbergs präsentierte Kohler hier als Garant für die Absicherung eines autoritären Katholizismus, wie er abschließend in seiner Rede schluss‐ folgerte, die Sicherung der Existenz der konfessionellen Volksschulen bedeute gleichzeitig die Sicherung der Existenz der katholischen Kirche. 182 Johann Georg Waibel ließ Kohlers Auftritt nicht unwidersprochen. Er stellte klar, dass Kohler - im Gegensatz zu dessen Behauptung - nicht die Meinung des ganzen Landes vertrete, denn der in der Zahl nicht geringe, „unbefangene und unabhängige Theil der Bevölkerung Vorarlbergs“ sei „mit der bestehenden Schulordnung einverstanden“ und die konfessionelle Volksschule durchaus umstritten. Waibel pflichtete immerhin Kohlers Beobachtung bei, die Lehrergehälter seien zu niedrig, betonte aber, dass diesbezüglich gesetzliche Regelungen in Kraft seien, was Kohler nach dem Dafürhalten des Liberalen in seiner Rede in Abrede gestellt hatte. Alles in allem gäbe es in Vorarlberg, so Waibel, „keinen sehnlicheren Wunsch“, als „einmal von dieser clericalen gemeinschädlichen Schulhetze Ruhe zu bekommen“. 183 Auf Waibel replizierte Martin Thurnher, der dem Dornbirner die Verbreitung von Unrichtigkeiten unterstellte, denn die überwiegende Mehrheit der Vorarlberger seien gläubige Katholiken, weshalb sie die Schulordnung folgerichtig auch ablehnen würden. 184 Er lieferte damit ein weiteres Beispiel für die Vereinnahmung des „Volkes“ durch die beiden politischen Lager. Im Unterschied zu manch anderem schulpolitischen Ziel blieb ein nach Konfessionen eingeteiltes Volksschulwesen ein Desiderat. III. Die letzten Jahre Mit der Rückkehr in den Landtag 1896 schien Johann Kohler einen Teil seiner gewohnten Energie zurückzugewinnen. Zumindest begann er sich wieder vermehrt aktiv in aktuelle Debatten einzubringen, wobei er jedoch nie wieder diesen Elan entwickelte, der ihn in den 1870ern und 1880ern ausgezeichnet hatte. Dies kann - wie angemerkt - mit dem 126 Severin Holzknecht <?page no="127"?> 185 Interpellation der christlichsozialen Abgeordneten betreffend antiklerikaler Zeitungen, 9. Sitzung des VIII. Vorarlberger Landtages am 18. Februar 1897. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1897, S.-98-103. 186 J U D S O N , Habsburg, S.-400-406. mehr oder weniger gewonnenen Kampf gegen das liberale Volksschulwesen in Verbindung gebracht werden. Am auffälligsten war weiterhin Kohlers kompromissloser Einsatz für das Ansehen der Kirche. Die Pressefreiheit, die Kohler im Reichsrat noch so standhaft verteidigt hatte, stieß bekanntlich dort an ihre Grenzen, wo Zeitungen oder Personen sich gegenüber der Kirche im Ton vergriffen oder den Religionsunterricht schmähten. Folglich unterstütze Kohler nach seiner Rückkehr in den Landtag im Februar 1897 auch eine Interpellation christlichsozialer Landtagsabgeordneter gegen Lehrervereine bzw. Lehrer, die kirchenkritische Zeitungen propagiert und die Abschaffung des Religionsunterrichts gefordert hatten. Diese spöttischen Angriffe, die „das Ansehen des Priesters in den Augen der Bevölkerung herabzusetzen [drohten] und seine noch so billigen und gerechten religiösen Forderungen als von der Herrschsucht und dem Eigennutz dictiert“ darstellten, brachten Kohler und seine Fraktionskollegen in Rage. Sie forderten das Einschreiten des Vorarlberger Landesausschusses gegen die betont antiklerikalen deutschnationalen Blätter, die sich im „Kampf gegen die katholische Religion [befänden], welche [von ihnen] constant als Clericalismus bezeichnet“ werde. 185 Die 1890er-Jahre standen in der österreichischen Reichshälfte ganz im Zeichen des aufflammenden Sprachenstreits zwischen Tschechen und Deutschen. Obwohl die Thematik Vorarlberg nicht direkt betraf, wurde der tschechisch-deutsche Gegensatz dennoch auch im Vorarlberger Landtag diskutiert. Während Kohler nicht näher darauf eingehen wollte, wie er zur Badenischen Sprachenverordnung stand - Ministerpräsident Graf Kasimir Badeni hatte in den Ländern der böhmischen Krone das Tschechische dem Deutschen in der inneren Verwaltung (also im Verkehr der verschiedenen Behörden untereinander) gleichstellen wollen, womit er letztlich scheiterte -, 186 erklärte er seine Bedenken gegenüber dem allgemein immer stärker werdenden Nationalismus recht ausführlich: „Es ist ja richtig, die nationale Idee ist in unserer Zeit zu einer gewaltigen Stärke angewachsen, zu einer Stärke, wie sie vielleicht seit dem alten Heidenthume kaum jemals angewachsen war, und wir nähern uns in der That in dieser Beziehung wieder den Anschauungen der vorchristlichen Zeit. An und für sich ist es ja ganz richtig, es hat auch die nationale Idee ihre Berechtigung, wer wollte das leugnen. Es ist gleichsam die Idee einer Völkerfamilie durch das Band gleicher Sprache, Abstammung, Sitte, Gewohnheit und Gesetze verbunden. Wer wollte nicht der nationalen Idee ihre Berechtigung zuerkennen. Aber das Übel liegt in der Übertreibung dieser Idee. Wie die alten Römer und Griechen jeden, der nicht ihrer Nation angehörte, mit dem kurzen Namen ‚Barbar‘ bezeichneten, sind wir jetzt auch wiederum bald dahin gekommen. Es hat wirklich jetzt eine na‐ tionale Uberhebung bei den Völkern platzgegriffen, die viel weiter geht als sie berechtiget, ja die so weit geht, dass die Nationalität selbst als Grundlage der Staatenbildung betrachtet wird. Wir dürfen sagen, die Ausbildung der Nationalitätsidee zu diesem Riesenumfange charakterisiert unsere Zeit, Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 127 <?page no="128"?> 187 Wortmeldung Johann Kohler betreffend der Badeni’schen Sprachenverordnung und des Nationa‐ lismus, 15. Sitzung des VIII. Vorarlberger Landtages am 8. Februar 1898. VLA, Sten. Prot. Vlg. LT, 1898, S.-180. 188 Ebenda, S.-180-184. 189 J U D S O N , Habsburg, S.-306. 190 Vorarlberger Landtag. 12. Sitzung, Vorarlberger Volksblatt, 11.11.1905, S.-1. 191 Stadt und Land. Zu den Landtagswahlen, Vorarlberger Tagblatt, 14.4.1909, S.-2. 192 Johann Kohler Kurzbiografie, Vorarlberger Landtag, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ -/ kohle r-johann-gemeindevorsteher (31.8.2024). hat ihr aber auch die ganze öffentliche Unsicherheit und den erdrückenden Militarismus auf den Hals gebracht.“ 187 Die nationale Idee stellte für Kohler eine Bedrohung der Einheit der Monarchie und der Herrschaft des Hauses Habsburg dar. Sie konnte in seinen Augen nur durch das Christentum gebannt und in vernünftige Bahnen gelenkt werden, was Johann Georg Waibel empörte und zu einem Zwischenruf „Ultramontanismus! “ veranlasste. Kohler begründete seinen Standpunkt damit, dass das Christentum es den Deutschen nicht gestatte, andere Völker als minderwertig zu bezeichnen, sondern sie vielmehr dazu anhalte, anderen Völkern mit Achtung und Liebe zu begegnen und dadurch einen dauerhaften Frieden ermöglichen könne. Die Krise um die Sprachenverordnung bot Kohler zudem die Gelegenheit, sich in die aufflammende Debatte um eine Ausweitung der Länderautonomie einzubringen und für einen Föderalismus zu plädieren, den er als „Centralismus, wie er eben im Interesse der Machtstellung Österreichs nothwendig ist“, charakterisierte. Das Reich müsse die „Verschiedenheit der Völker, Nationen und Länder und ihre geschichtliche Entwicklung“ respektieren und nicht versuchen, sie in eine Schablone zu zwängen. Die aktuelle Krise war in seinen Augen eine Folge dieses Zwangs. 188 Leitgedanke war hier einerseits der Wunsch der Vorarlberger Christlichsozialen nach größerer Selbständigkeit des Landes gegenüber der Statthalterei in Innsbruck und dem Reich. Andererseits war die Auseinandersetzung bezüglich einer zentralistischen vs. föderalistischen Ausrichtung des Reichs bereits seit den 1860er-Jahren immer wieder Streitthema zwischen Liberalen und Konservativen, wobei erstere stets für ein möglichst zentralistisch organisiertes Reich eintraten, um so ihre Reformwünsche leichter um- und durchsetzen zu können. 189 Im November 1905 informierte der mittlerweile 66-jährige Johann Kohler Landeshaupt‐ mann Adolf Rhomberg darüber, aus Altersgründen und beruflicher Überlastung seine Funktion im Landesausschuss zurücklegen zu wollen. Rhomberg versuchte Kohler zwar zum Weitermachen zu bewegen, musste letztendlich jedoch akzeptieren, dass dessen Entschluss feststand. 190 Sein Nachfolger wurde der Dornbirner Kaufmann und langjährige Wegbegleiter Kohlers im Vorarlberger Pressverein, Josef Ölz. Nach dem Ende der Legisla‐ turperiode im April 1909 und seinem Abgang als Gemeindevorsteher von Schwarzach ein Jahr später setzte sich der mittlerweile 70-Jährige endgültig zur Ruhe, wobei die Ankündigung des Rückzugs des in den 1870ern und 1880ern so prominenten Politikers von Freunden und Gegnern nur am Rande in Nebensätzen erwähnt wurde. 191 Im Jahr seines Rücktritts wurde Kohler aber in Anerkennung seiner zahlreichen Verdienste noch das Ritterkreuz des Franz-Josephs-Ordens verliehen (das Martin Thurnher bereits neun Jahre vor ihm erhalten hatte). 192 Die Verleihung wurde von seinen Freunden und Verwandten mit 128 Severin Holzknecht <?page no="129"?> 193 Eintrag zum 16.5.1909. Privatarchiv Hans Kohler, Kohlersche Hauschronik, S.-57. 194 Dorle P E T S C H E -R Ü S C H , Die Entwicklung der politischen Parteien Vorarlbergs von 1870 bis 1918. Dornbirn 1948, S.-27. 195 H A F F N E R , Kasiner, S.-198. 196 Siehe dazu den Beitrag von Simone Drexel in diesem Band. einem Fest gewürdigt und auch die Zahl der Gratulanten aus Kohlers politischem Leben war groß. 193 Ein Resümee über den Politiker Johann Kohler fällt zwiespältig aus. Einerseits kann Kohler wohlwollend als Mann mit festen Überzeugungen charakterisiert werden, der sich mit beachtlicher Schaffenskraft öffentlichen Aufgaben widmete. Wenn man Kohlers Charakter und Wirken andererseits jedoch kritisch beurteilen will, kann man ihn durchaus als reaktionären Dogmatiker und erzkatholischen Hardliner mit Hang zur Fundamen‐ talopposition bezeichnen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Kohler war ein facettenreicher Mensch, dessen Wirken nicht in Schwarz-weiß-Kategorien beurteilt werden kann. Er setzte sich aus einer tiefen sozialkonservativen Überzeugung heraus stets für die Belange der einfachen Bevölkerung und hier vor allem jene der Bauernschaft ein, die den umwälzenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Misstrauen begegnete. Auch deswegen beharrte Kohler wohl derart auf der Sicherung der Stellung der katholischen Kirche, da diese für ihn persönlich ein Anker und Wegweiser in turbulenten Zeiten war und er ihr diese Rolle auch in der sich verändernden Gesellschaft zuwies. In seiner Bedeutung für die katholisch-konservative Bewegung Vorarlbergs ist Kohler jedenfalls nicht zu unterschätzen. Dorle Petsche-Rüsch vergleicht Kohler in ihrer 1948 erschienenen Dissertation als prägende Figur seiner Zeit gar mit Carl Ganahl, seinem ewigen Kontrahenten im Kampf um das Schulwesen. 194 Ein Vergleich, der mit Blick auf Ganahls Bedeutung für den Vorarlberger Liberalismus und Kohlers Rolle innerhalb der konservativen Bewegung des Landes bestimmt zu hochgegriffen ist. 195 Eine klar heraus‐ ragende Führungsgestalt bzw. ein „Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg“, wie sich Josef Walser ausdrückte, war Kohler nicht. Er war aber aktiv an der Festigung der Vormachtstellung der Kirche im Volksschulwesen beteiligt, unterstützte den Ausbau der Valduna in Rankweil und die Verbreitung der Raiffeisen-Bewegung in Vorarlberg. 196 Kohler war darüber hinaus ein lautstarker Förderer des Straßenbaus, der Fluss- und Wildbachre‐ gulierungen und versuchte die Bauernschaft vor ihrem finanziellen Ruin zu bewahren, weshalb er sich auch für die Gründung einer Vorarlberger Hypothekenbank stark machte. Nicht zu unterschätzen ist außerdem seine Rolle bei der Formierung der Konservativen bzw. Christlichsozialen Partei Vorarlbergs inkl. deren Vorfeldorganisationen. Auch dem Titel „Windthorst Vorarlbergs“ wurde Kohler nicht gerecht. Er war im Gegensatz zu Ludwig Windthorst keine integrierende Figur, die die verschiedenen Flügel der konservativen Bewegung zusammenhielt und versöhnte, sondern vielmehr ein uner‐ bittlicher Streiter für die „gerechte Sache“, der sich - wie der Bistumsstreit oder die Opposition gegen Adolf Rhomberg Mitte der 1880er zeigen - nicht davor scheute, auch gegen Kontrahenten oder Andersdenkende in den eigenen Reihen zu Felde zu ziehen. Johann Kohlers offensichtliche „Limitierungen“ ändern allerdings nichts daran, dass Kohler Johann Kohler - der „Windthorst von Vorarlberg“? 129 <?page no="130"?> in den drei letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts den Wandel des Landes von einem liberalen Musterland zu einer Hochburg des Konservatismus entscheidend mitgestaltet hat. 130 Severin Holzknecht <?page no="131"?> 1 Das „Vorarlberger Volksblatt“ erschien von 1866 bis 1886 zwei Mal pro Woche, seit dem Jahrgang 1887 täglich außer montags. Die Gründung erfolgte durch den Vorarlberger Klerus, ab 1875 wurde die Zeitung durch den Katholischen Pressverein für Vorarlberg getragen, in dem neben dem Klerus auch Laien, die sich aus dem Volksverein, der Spitzenorganisation der katholisch-konservativen Be‐ wegung, rekrutierten, vertreten waren. Die Zeitung galt damit als deren Parteiorgan. Die Ausgaben des Jahrgangs 1888 hatten einen Umfang von vier bis acht Seiten. Ein großer Teil des Inhalts bestand aus Zuschriften von zumeist anonymen Lesern und Korrespondenten. 2 Bernhard von Florencourt war Priester, Publizist und umstrittene Führungsfigur der katholischkonservativen Bewegung Vorarlbergs. Ab 1870 verantwortete er - mit mehrjähriger Unterbrechung - die Redaktion des „Volksblatts“, das unter seiner Führung zum politischen Kampfblatt mutierte. Seine Tätigkeit zog zahlreiche Prozesse und Verurteilungen wegen Aufwiegelung und Ehrenbeleidi‐ gung nach sich - kurzzeitig wurde er Ende der 1870er-Jahre sogar des Landes verwiesen. Im Frühjahr 1888 musste Florencourt auf Druck der kirchlichen Obrigkeit seine Redakteurstätigkeit aufgeben. Umkämpfte Öffentlichkeit Johann Kohler und die Gründung des Vorarlberger Pressvereins 1888/ 89 Nikolaus Hagen I. Einleitung Am Dienstag, den 11. Dezember 1888, traf eine kleine Gruppe führender katholischkonservativer Politiker in Bregenz zusammen, um ein provisorisches Hilfskomitee für die konservative Landespresse zu gründen. Die konservative Presse befand sich zu diesem Zeitpunkt, wie die konservative Bewegung Vorarlbergs insgesamt, in einer ernsten poli‐ tischen Krise und zeigte Auflösungserscheinungen. Dem „Vorarlberger Volksblatt“, der wichtigsten konservativen Zeitung des Kronlandes, 1 drohte gar die Einstellung. Unter den Initiatoren des Hilfskomitees befand sich Johann Kohler, der seit den 1870er-Jahren in die Presseaktivitäten des konservativen Lagers involviert war. Das knappe Protokoll dieses offenbar eilig anberaumten Zusammentreffens verfasste der Geistliche Bernhard von Florencourt (1835-1890), der berüchtigte frühere Redakteur des „Volksblatts“, 2 der ansonsten ungenannt blieb: „Die Herren Landesausschußmitglied Franz Josef Schneider von Höchst, Landesausschußmitglied Johann Kohler von Schwarzach, Landtagsabg. Jos. Gorbach in Bregenz, und Josef Ölz, Kaufmann in Bregenz, konstituierten sich heute als provisorisches Konservatives Landespreß-Hilfskomité von Vorarlberg zu dem Zwecke, dem anwesenden Buchdruckereibesitzer Herrn Ferdinand Findler in Bregenz seinem Wunsche gemäß vom 1. Jänner 1889 ab bei Herausgabe des ‚Vorarlberger Volksblatt‘ im alten Sinne u. eventuell später auch des ‚Landboten‘, mit Rath und That zur Seite <?page no="132"?> 3 Protokoll der ersten konstituierenden Sitzung des konservativen Landespreß-Hilfskomité von Vor‐ arlberg, Bregenz, 11.12.1888. Vorarlberger Landesarchiv (fortan VLA), Pressverein (Mikroverfilmung; Originale im Privatarchiv Hans Kohler, Rankweil), fol. 2. zu stehen u. auf diese Weise unter den veränderten Verhältnissen die konservative Landespresse zu erhalten und zu kräftigen.“ 3 Abb. 1: Protokoll der ersten Sitzung des Vorarlberger Pressvereins, 11. Dezember 1888, Vorarlberger Landesarchiv 132 Nikolaus Hagen <?page no="133"?> 4 Vermutlich handelte es sich um den 1840 in Dornbirn geborenen und in Götzis wohnhaften Anton Kopf. Dieser war mit Maria Anna Thurnher (geb. 1839), einer Schwester des konservativen Land‐ tagsabgeordneten Johannes Thurnher, verheiratet. Eintrag Kopf Anton, Dornbirner Familienbuch, URL: https: / / www.wer-wir-waren.at/ daten? source=SOURdornbirnXfbX (31.8.2024). 5 Anton Kopf an Josef Gorbach, Dornbirn 27.12.1888. VLA, Pressverein, fol. 11-12. 6 Privatarchiv Hans Kohler, Kohlersche Hauschronik, fol. 26. 7 Zum politischen Vereinswesen und den damit verbundenen Medien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Hubert W E I T E N S F E L D E R , „Römlinge“ und „Preußenseuchler“. Konservativ-Christ‐ lichsoziale, Liberal-Deutschnationale und der Kulturkampf in Vorarlberg, 1860 bis 1914. Wien/ Köln/ Weimar 2008, S. 32-71. Zum „Volksblatt“ um 1888/ 89: Leo H A F F N E R , Die Kasiner. Vorarlbergs Weg in den Konservativismus. Bregenz 1977, S. 206-212; zur antisemitischen Berichterstattung des „Volksblatts“: Werner D R E I E R , „Rücksichtslos mit aller Kraft“. Antisemitismus in Vorarlberg 1880- 1945. In: Antisemitismus in Vorarlberg. Regionalstudie zur Geschichte einer Weltanschauung, hg. von Werner D R E I E R (Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 4). Bregenz 1988, S. 132-249, hier S. 141-143; Kurt G R E U S S I N G , Die Erzeugung des Antisemitismus in Vorarlberg um 1900. Bregenz 1992. 8 Vgl. den von Ulrich Nachbaur verfassten Aktenvermerk zur Sicherungsverfilmung des Bestands (datiert 14.5.2003), VLA-43.08. VLA, Pressverein. Mit der provisorischen Führung der Präsidialgeschäfte betraute die Runde Josef Gorbach (1829-1892) und beschloss zudem, rasch weitere Unterstützer zu rekrutieren. Zwei Wochen nach dem Gründungstreffen erreichte Gorbach ein Schreiben des Dornbirners Anton Kopf 4 , der dem Komitee die Überlassung des „Landboten“, der zweiten konservativen Zeitung, anbot, unter der Bedingung, dass dieser „in demselben Geiste fortzuführen [sei,] in welchem derselbe bisher geleitet wurde“. 5 Noch vor dem Jahreswechsel hatte das provisorische Hilfskomitee damit die Weichen für den Weiterbestand der konservativen Presse des Landes gestellt. In seiner Hauschronik vermerkte Johann Kohler, der spiritus rector des ganzen Unternehmens, die ambivalente Stimmung der damaligen Wochen - zwischen bitterer Enttäuschung über die politischen Ereignisse des vergangenen Jahres auf der einen und zarter Hoffnung ob der Entwicklungen kurz vor Jahresende auf der anderen Seite: „Das Jahr 1888 war der Witterung wegen ein Mißjahr im Lande, politisch ein Jahr der Verwirrung und Entmuthigung. Zusammenbruch des Volksvereins. Auflösung des Preß-Ausschusses. Neubildungen aber im Gange.“ 6 Auch wenn es Kohler und den weiteren Proponenten des Hilfskomitees zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht bewusst war, legten sie damals den ersten Grundstein für den Wiederaufbau der katholisch-konservativen Bewegung, deren bereits ein Jahrzehnt andauernde Krise in den Jahren 1888 und 1889 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Der Vorarlberger Pressverein, der im ersten Halbjahr 1889 aus dem provisorischen Hilfskomitee entstand und bis in die jüngste Vergangenheit Bestand hatte, ist bislang meist nur am Rande Gegenstand von Untersuchungen geworden und eine größere Studie zu seiner Tätigkeit, auch zu seiner Vor- und Wirkungsgeschichte, steht noch aus. 7 Die turbu‐ lente Gründungsphase dieses Vereins ist bislang überhaupt nicht näher beleuchtet worden, obwohl dieser neue Pressverein bis zur Gründung des Christlichsozialen Volksvereins im Jahr 1893 die einzige feste Organisation war, die der konservativen Bewegung in diesen Jahren zur Verfügung stand. Diese Forschungslücke lässt sich aber leicht daraus erklären, dass sich die frühen Vereinsunterlagen bis zur Jahrtausendwende in Privatbesitz befanden. 8 Dieser Beitrag fokussiert folglich auf das erste Jahr dieses Vereins, der Zeitspanne zwischen Dezember 1888 und dem Spätherbst 1889, einer besonders kritischen Periode für die Umkämpfte Öffentlichkeit 133 <?page no="134"?> 9 Kohler war, wie weiter unten noch dargestellt, bereits 1872 an der Gründung des Katholischen Pressvereins für Vorarlberg, der aber erst 1875 behördlich zugelassen wurde, beteiligt gewesen. Er war einer der Vertreter des Volksvereins und damit der Laien in dessen Vereinsausschuss. Der Katholische Pressverein zeichnete zwischen 1875 und 1888 für die Herausgabe des „Vorarlberger Volksblatts“ verantwortlich. 10 Der folgende Abschnitt stützt sich im Wesentlichen auf Haffners Darstellung: H A F F N E R , Kasiner, S.-205-212. 11 Vgl. die Beiträge von Severin Holzknecht und Karin Schneider in diesem Band. katholisch-konservative Bewegung in Vorarlberg. Im Mittelpunkt des Beitrags steht die Rolle von Johann Kohler, der über Jahre hinweg, zumeist hinter den Kulissen, die Geschicke der konservativen Presse mitverantwortet hatte und im Frühjahr 1889 schließlich an die Spitze des neugegründeten Pressvereins trat. II. Dezember 1888 - Am Höhepunkt der Krise Die Gründer des Hilfskomitees, die im Dezember 1888 zusammentrafen, waren, wie ihre politischen Funktionen schon zeigen, allesamt keine Unbekannten in der Vorarlberger Landespolitik. Die meisten waren - Johann Kohler allen voran - zuvor schon jahrelang federführend in die Herausgabe des „Volksblatts“ und in die Leitung des Volksvereins, der regionalen Spitzenorganisation der katholisch-konservativen Bewegung, involviert gewesen. 9 Das Hilfskomitee war allerdings keineswegs eine nahtlose Fortführung dieser früheren Tätigkeiten. Anfang des Jahres 1888 war es bekanntlich zu großen Verwerfungen und einem daraus resultierenden Führungswechsel innerhalb des katholisch-konservativen Lagers in Vorarlberg gekommen. Eine Konsequenz dieses innerparteilichen Konflikts war, dass sich bis dahin führende Vertreter des Volksvereins, das heißt Johann Kohler und der langjährige Parteiführer Johannes Thurnher (1838-1909), aus dem Herausgebergremium des „Volkblatts“, das bis dahin de facto als Parteiorgan gedient hatte, zurückziehen mussten und - zumindest nach außen schien das so - an Einfluss in der Partei und auf ihre Presse verloren. Dass Kohler zu Ende desselben Jahres plötzlich wieder maßgeblich in die katholische Pressearbeit involviert war, ja seine Machtposition gegenüber der früheren sogar noch stark ausbauen sollte, musste angesichts der Entwicklungen in den Monaten zuvor überraschen. Der Historiker Leo Haffner hat die vorangehenden Ereignisse des Jahres 1888 in seiner zum Klassiker gewordenen Studie zu den „Kasinern“ unter dem Schlagwort „Krise des Volksblatts“ beschrieben. 10 Für das Verständnis der Entwicklungen zum Jahreswechsel 1888/ 89 ist eine kurze Rekapitulation dieser Ereignisse notwendig. Die „Krise des Volksblatts“ war ein Symptom des in diesem Buch bereits an anderer Stelle ausführlich thematisierten jahrelangen Richtungsstreits zwischen verschiedenen Strö‐ mungen des katholisch-konservativen Lagers und des katholischen Klerus in Vorarlberg. 11 Um den Jahreswechsel 1887/ 88 eskalierte dieser Konflikt, der zweifelsohne komplexe Gründe hatte und nicht zuletzt auf lange kultivierte persönliche Animositäten zwischen verschie‐ denen Parteiakteuren zurückzuführen war, im sogenannten „Bistumsstreit“. In diesem Streit ging es vordergründig um die kirchenadministrative Zugehörigkeit Vorarlbergs zur Diözese Brixen. Die sogenannte „scharfe“ Fraktion innerhalb des konservativen Lagers, gleichzeitig 134 Nikolaus Hagen <?page no="135"?> 12 Zur Gründung siehe W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-57. 13 Vgl. Josef Walser, Die Gründung des Vorarlberger Volksblatts, Vorarlberger Volksblatt, 15.10.1927, S.-9-11, hier S.-10. 14 Die Zulassung des Vereins zog sich tatsächlich über mehrere Jahre hin. Vereins-Blüthen, 14.7.1876, S.-171. 15 J. H., Der katholische Pressverein. Eine populäre Abhandlung über Wesen, Zweck u. Wichtigkeit desselben. Krems 1874. 16 Aufruf zum Beitritte zu dem katholischen Preßverein für Tirol und Vorarlberg, Beilage zu den Tiroler Stimmen, 5.2.1868. auch die radikalsten und unversöhnlichen Gegner der Liberalen, forderte vehement eine von Tirol unabhängige und eigenständige Diözese Feldkirch, die „milde“ Fraktion wollte sich der kirchlichen Autorität, in diesem Fall dem Brixner Fürstbischof, fügen. Eine der Arenen dieser Auseinandersetzung war nicht zuletzt das „Volksblatt“, das der „scharfen“ Position inhaltlich und personell nahestand. Im Hintergrund wurde folglich erbittert um die Ausrichtung der reichweitenstärksten konservativen Landeszeitung gefochten. Dabei wurde rasch deren problematische Eigentumsstruktur virulent. Die Finanzierung der Zeitungsgründung hatten 1866 Teile des Vorarlberger Klerus, größtenteils mit privaten Geldern, sichergestellt. 12 Das Blatt entwickelte sich rasch zum inoffiziellen Sprachrohr der aufstrebenden katholisch-konservativen Bewegung und schließlich des 1870 gegründeten Volksvereins. Eine Entwicklung, die durch den damals verantwortlichen Redakteur Florencourt maßgeblich gefördert und unterstützt wurde. Da die Zeitung, nicht zuletzt aufgrund zahlreicher gerichtlicher Auseinandersetzungen, welche die keineswegs zimperliche und nicht vor persönlichen Diffamierungen zurückschreckende Berichterstattung nach sich zog, rasch in finanzielle Schieflage geriet, sprangen Propo‐ nenten des Volksvereins finanziell ein. 13 Bald waren es überwiegend Laien aus dem Umfeld des Volksvereins, die den finanziellen Aufwand für die wirtschaftlich unprofitable Zeitung trugen. Zum Interessensausgleich zwischen Klerus und Laien, das heißt letztlich zwischen der Generalversammlung der Vorarlberger Geistlichen und dem Volksverein, formierte sich in den 1870er-Jahren ein katholisches Pressekomitee, auch Ausschuss genannt, das die Herausgabe forthin verantwortete. Dieses Lenkungsgremium setzte sich aus führenden Vertretern des Volksvereins und des Klerus - zuerst paritätisch, später mit klerikaler Zwei‐ drittelmehrheit - zusammen. Hinter dem Ausschuss stand der 1875 zugelassene Katholische Pressverein für Vorarlberg, dessen Mitglieder sich ebenfalls aus dem Volksverein und dem Klerus rekrutierten, und der als De-facto-Eigentümer der Zeitung fungierte. Langjähriger Kassier dieses Vereins war Johannes Thurnher, der auch dem Ausschuss angehörte. Der zweite durch viele Jahre vom Volksverein nominierte Vertreter im Ausschuss war Johann Kohler, der bereits 1872 die ersten Statuten für den katholischen Pressverein mitverfasst und bei der Statthalterei eingereicht hatte. 14 Ähnliche Pressvereine entstanden um dieselbe Zeit in den meisten deutschsprachigen Diözesen. 15 Beim Vorarlberger Verein handelte es sich gewissermaßen um eine Abspaltung des bereits 1868 gegründeten Katholischen Pressvereins für Tirol und Vorarlberg. 16 Der Zweck dieser Vereine bestand ursprünglich vor allem darin, die Finanzierung der Zeitungsherausgabe sicherzustellen. In der Auseinandersetzung zwischen „milder“ und „scharfer“ Strömung innerhalb des Vor‐ arlberger Konservativismus wurde das „Volksblatt“ rasch zum Streitobjekt. Die politischen Trennlinien verliefen zwar nicht streng zwischen Laien und Klerus - der niedere Klerus Umkämpfte Öffentlichkeit 135 <?page no="136"?> 17 Vorarlberger Volksblatt, 15.2.1917, S.-4. 18 Zit. n. „So suchte er zu nützen eben, auch viel im öffentlichen Leben“. Die Memoiren des Vorarlberger Landeshauptmanns Adolf Rhomberg, Edition und Kommentar, hg. von Karin S C H N E I D E R (Quellen zur Geschichte Vorarlbergs 5). Regensburg 2002, S.-106. 19 Zit. n. Walser, Gründung, S.-11; siehe auch: H A F F N E R , Kasiner, S.-209. dürfte mehrheitlich sogar die „scharfe“ Richtung, der auch die Redaktion des „Volksblatts“ anhing, unterstützt haben -, allerdings wurde die Eigentumsfrage an der Zeitung gestellt. Im Februar 1888 traten Thurnher und Kohler, die beiden führenden Vertreter der „scharfen“ Richtung (das „Volksblatt“ nannte sie posthum „die Generäle des christlichen Volkes von Vorarlberg“ 17 ), aufgrund von Druck des Brixner Fürstbischofs Simon Aichner (1816-1910) von der Führung des Volksvereins zurück. Beide verließen als Folge dessen auch das Pressekomitee, das damit, ebenso wie der Katholische Pressverein, dem die Vertreter der Laien abhandenkamen, funktionsunfähig wurde. Kurz nach Thurnhers und Kohlers erzwungenem Rücktritt erwirkte die Generalversammlung des Vorarlberger Klerus einen bischöflichen Spruch, wonach allein dem Klerus - und nicht dem Katholischen Pressverein - das ungeteilte Eigentumsrecht an der Zeitung zukam. Da das „Volksblatt“ wiederholt eine von Brixen unabhängige Vorarlberger Diözese propagiert hatte - eine Linie, die auch Thurnher und Kohler vertraten -, war aus Aichners Sicht mit deren Rücktritt und der Überantwortung der Zeitung in das Eigentum des Klerus, und damit unter seine mittelbare Kontrolle, eine doppelte Gefahr gebannt. Adolf Rhomberg (1851-1921), ein gemäßigter Konservativer und Gegner der „Scharfen“, notierte zufrieden, das „energische Eingreifen des hochwürdigsten Bischofs Zobel und des hochwürdigsten Fürstbischofs Dr. Aichner und […] eine gründliche Aenderung des Florencourt’schen Geistes in der Redaktion des ‚Volksblatts‘“ habe zumindest im Jahr 1888 die „Luft in politischen Kreisen“ gereinigt. 18 Die Zeitung stand kurzzeitig unter alleiniger Verantwortung der Generalversammlung des Vorarlberger Klerus, was sich aber aus bischöflicher Sicht rasch als Pyrrhussieg erweisen sollte. Die Herausgabe des „Volksblatts“, das sich wirtschaftlich nicht annähernd selbst trug, verursachte der Generalversammlung, die nun ohne Unterstützung des Volksvereins für die Finanzierung aufkommen musste, hohe Kosten. Nachdem im Herbst 1888 die erneute Indienstnahme von Laien für die Finanzierung des Blatts ergebnislos diskutiert worden war, erklärte die Generalversammlung am 10. Dezember 1888 überraschend, sie hätte „für die nächste Zukunft nicht im Sinne, das Vorarlberger Volksblatt von ihrer Seite aus erscheinen zu lassen“. 19 Eine Mehrheit zeigte sich offenbar weder willens noch in der Lage, die Finanzierung weiterhin zu stemmen. Die keineswegs einstimmige Entscheidung in der Generalversammlung war wohl nicht nur auf finanzielle Gründe allein zurückzuführen, denn ein Teil des Klerus hatte, wie erwähnt, immer mit Thurnhers und Kohlers Linie sympathisiert und sich damit gegen den Bischof und die „milde“ Fraktion gestellt. Der Beschluss, der die Entscheidung des Fürstbischofs effektiv hintertrieb, wurde sofort dem Volksverein bekannt gegeben. Am Tag darauf konstituierte sich bereits das provisorische Hilfskomitee in Bregenz und leitete die Übernahme in die Wege. Die „Krise des Volksblatts“ war damit aber noch längst nicht überwunden. 136 Nikolaus Hagen <?page no="137"?> 20 Noch Jahrzehnte später wurde Thurnher diese Antwort nachgetragen. Vgl. Walser, Gründung, S. 11. 21 Protokoll der zweiten Sitzung, Bregenz, 21.12.1888. VLA, Pressverein, fol. 15-6. III. Die Konstituierung des Vorarlberger Landespressvereins In den nächsten Wochen und Monaten trat das provisorische Hilfskomitee regelmäßig zusammen. Im Vorfeld dieser Treffen wurden Einladungen an handverlesene Personen verteilt und so der Kreis der Mitglieder kontinuierlich erweitert. Die Gruppe um Kohler und den Vorsitzenden Gorbach ging dabei - wie man den Einladungslisten und Protokollen entnehmen kann - sehr vorsichtig vor. Es waren zuerst Vertreter der „scharfen“ Richtung, die zur Mitwirkung eingeladen wurden - bald machte man sich aber daran, die innerpar‐ teilichen Risse zu kitten und nahm auch einzelne Vertreter der gemäßigten Strömung auf. Die Protokolle dieser Zusammentreffen fielen in der Regel sehr knapp aus. Heikle Themen wurden entweder nur selten offen angesprochen oder wohlweislich nicht protokolliert. Auf den offiziellen Tagesordnungen standen zu Beginn zumeist nur organisatorische Fragen: die Absegnung früherer Protokolle, die Aufnahme neuer Mitglieder, die Organisation weiterer Treffen, einzelne Entlohnungsangelegenheiten und nicht zuletzt Abonnentengewinnung. Nur zwischen den Zeilen lässt sich die tiefe Krise der Vorarlberger Konservativen aus den Protokollen herauslesen - etwa dann, wenn es um die Aufnahme von Priestern oder von umstrittenen politischen Akteuren wie Johannes Thurnher ging. Freilich war bereits die Existenz des Hilfskomitees ein Krisensymptom: Der Volksverein war in Auflösung begriffen und die konservativen Zeitungen drohten ohne Finanziers im Hintergrund bald eingestellt zu werden. Auf der zweiten Sitzung am 21. Dezember berichtete der Verleger Ferdinand Findler (1842-1895), langjährige Führungsfigur des Bregenzer Kasinos, über seine Sicht auf die Hintergründe, die ihn über Nacht zum Alleineigentümer des „Volksblatts“ gemacht hatten. Findler, in dessen Betrieb, der Bregenzer Druckerei J. N. Teutsch, die Zeitung produziert wurde, hatte dem alten Presseausschuss offenbar versprochen, die Zeitung jedenfalls fortzuführen, sollte sich die Generalversammlung des Vorarlberger Klerus zur Einstellung entschließen. Mit diesem Wissen und im Vertrauen, dass Findler das Blatt auch weiterhin produzieren werde, habe letztere am 10. Dezember auf die weitere Herausgabe verzichtet. Auf eigene Rechnung und Verantwortung konnte und wollte Findler das aber nicht tun. Noch am selben Tag habe er Johannes Thurnher über die Entscheidung des Klerus informiert, offenbar im Glauben, der Volksverein werde rasch einspringen. Allerdings habe ihm Thurnher nur lakonisch erklärt, er werde ihm bei der Übernahme keine Steine in den Weg legen. 20 Findler hatte sich offensichtlich eine völlig andere Antwort erwartet. Zwischen Findler und Thurnher war es zudem zu einem Missverständnis über die Eigentumsverhält‐ nisse am zweiten konservativen Blatt, dem „Landboten“, der unmittelbar unter Kontrolle des Volksvereins gestanden war, gekommen. Die Hintergründe lassen sich nicht mehr ganz rekonstruieren, aber offenbar hatte der sich in Auflösung befindliche Volksverein den „Landboten“ Anfang Dezember abgestoßen. Findler berichtete dem Hilfskomitee, dass dieser anders als das „Volksblatt“ nicht in seinem Besitz sei, sondern in die Hände des Dornbirners Anton Kopf übergegangen war. 21 Es liegt nahe, dass sich Findler unmittelbar nach Thurnhers Absage an Kohler wandte. Jedenfalls trat das Hilfskomitee, auf Findlers ausdrücklichen Wunsch, bereits am Folgetag Umkämpfte Öffentlichkeit 137 <?page no="138"?> 22 Vorarlberger Volksblatt, 14.12.1888, S.-1. 23 Protokoll der zweiten Sitzung, Bregenz, 21.12.1888. VLA, Pressverein, fol. 6-7. 24 Vorarlberger Volksblatt, 4.1.1889, S.-3. 25 Diese traten im August des Folgejahres offen zu Tage. Das „Volksblatt“ warf Düringer vor, er plane eine eigene Zeitung herauszugeben. Düringer entgegnete, dass er tatsächlich mit der Zeitung „in einem Punkte […] durchaus nicht einverstanden sei“, er sich durchaus in der Lage sehe, eine eigene Zeitung herauszugeben, dies aber nicht beabsichtige. Ebenda, 27.8.1889, S.-4. 26 Bregenzer Tagblatt, 9.2.1889, S.-2. ins Leben und Kohler war der entscheidende Akteur. Es war wohl strategischen Gründen geschuldet, dass Gorbach anstelle Kohlers das Präsidium übernahm und das Hilfskomitee vorerst nicht öffentlich beworben wurde: Kohler sofort nach außen in Erscheinung treten zu lassen, hätte als direkter Affront gegen den Fürstbischof aufgefasst werden können. Im „Volksblatt“ war am 14. Dezember zu lesen, dass „der hochw. Clerus des Landes […] beschlossen hat, das Blatt von sich aus und so weit er in Betracht kommt nicht weiter herauszugeben“, Findler forthin allein verantwortlich zeichne und gedenke, im neuen Jahr „eine Zusammenkunft von Parteiangehörigen aus dem geistlichen und weltlichen Stand“ zu organisieren, damit die Zeitung der Partei erhalten bleibe. 22 Die Existenz des Hilfskomitees und die Absprachen vom 11. Dezember wurden verschwiegen. Im Anschluss an Findlers Bericht beschäftigte sich das Hilfskomitee in seiner zweiten Sitzung mit einigen heiklen Fragen. Eine betraf Johannes Thurnher, der bislang nicht zur Mitarbeit eingeladen worden war und dessen Haltung gegenüber dem „Volksblatt“ und dem „Landboten“ bei den Mitgliedern Fragen aufwarf. Zudem wurden ihm, wenigstens von Teilen des Komitees, die Handlungsunfähigkeit des Volksvereins und der zwischenzeitliche Verlust des „Volksblatts“ persönlich angelastet. Es folgte der Beschluss, mit seiner Einladung „zu warten, bis die besondere persönliche Stellung Thurnher’s in der Frage des Landboten u. des Volksvereins klargestellt sei, damit das Preßhilfskomité zu seinen ohnehin großen Aufgaben nicht auch noch in andere Fragen verwickelt werde, die das Komité bei Lösung der zunächst vorliegenden Schwierigkeiten behindern könnte.“ 23 Auch die Frage, wer ab dem 1. Jänner 1889 die Redaktion des „Volksblatts“ übernehmen solle, musste geklärt werden. Offenbar hatte der Feldkircher Generalvikar Weihbischof Johann Nepomuk Zobl (1822-1907), ein innerparteilicher Gegner der „scharfen“ Richtung, eine zukünftige Weiterbeschäftigung des bisherigen Redakteurs Pfarrer Johann Peter Düringer (1862-1947), der in Bregenz lebte, ausgeschlossen. Tatsächlich musste Düringer auf Zobls Anweisung noch am Silvestertag von Bregenz auf die Fluh übersiedeln 24 und war damit außer Reichweite. Für das Hilfskomitee kam das nicht ungelegen. Einerseits dürfte man mit Düringer gewisse politische Differenzen gehabt haben, 25 andererseits war es eine willkommene Gelegenheit, Bernhard von Florencourt als Redakteur - wenn auch nicht namentlich genannt - zu reaktivieren. Dass Florencourt im „Volksblatt“ wieder die Feder führte, blieb der Öffentlichkeit allerdings nicht lange verborgen. Jedes Land habe „die Redacteure, die es verdient, ob sie sich nun nennen oder aus guten Gründen ‚ungenannt‘ bleiben müssen“, polemisierte das liberale „Bregenzer Tagblatt“ Anfang Februar 1889. 26 Die dritte Sitzung des Hilfskomitees am 4. Jänner 1889, erneut in Bregenz, stand ganz im Zeichen des „Landboten“. Am 27. Dezember hatte, wie eingangs erwähnt, der Buchhalter 138 Nikolaus Hagen <?page no="139"?> 27 Anton Kopf an Gebhard Gorbach, 27.12.1888. VLA, Pressverein, fol. 11-12. 28 In seinen Memoiren erwähnt Martin Thurnher seinen Beitritt zum Pressverein nicht. „Einige Notizen aus meinem Leben“. Die Memoiren des Vorarlberger Landtags- und Reichsratsabgeordneten Martin Thurnher (1844-1922), hg. von Karin S C H N E I D E R (Quellen zur Geschichte Vorarlbergs 7). Regensburg 2005, S.-76. 29 Von den Treffen im Oberland sind keine Protokolle überliefert. 30 Protokoll der vierten Sitzung, Bregenz, 22.1.1889. VLA, Pressverein, fol. 15. 31 Protokoll der fünften Sitzung, Bregenz, 12.2.1889. Ebenda, fol. 19. Anton Kopf einen schriftlichen Antrag an den Vorsitzenden Gorbach auf Übernahme dieser Zeitung durch das Hilfskomitee gestellt. 27 Seinen schriftlichen Ausführungen zufolge hatte er nur wenige Wochen zuvor, am 8. Dezember, das Eigentum an der Zeitung vom Volksverein übertragen bekommen. Einzige Bedingung sei gewesen, das Blatt im selben Sinne wie bisher fortzuführen. Auffällig ist, dass diese Übertragung zwei Tage vor dem Entschluss des Klerus, das „Volksblatt“ aufzugeben, stattgefunden hatte. Weshalb es dazu gekommen war, geht auch aus Kopfs Schreiben nicht hervor, aber offenbar hing es mit der Abwicklung des Volksvereins zusammen. Kopf ersuchte nun das Hilfskomitee, wie es schon zuvor Findler getan hatte, die Zeitung in dessen Eigentum zu übernehmen. Ein Ansuchen, das ohne weitere Diskussionen angenommen wurde. Zur vierten Sitzung am 22. Jänner wurde erstmals auch Johannes Thurnher eingeladen und als Mitglied aufgenommen. Weiters traten der Reichsratsabgeordnete Josef Anton Ölz (1812-1893) sowie die Landtagsabgeordneten Martin Thurnher (1844-1922), 28 Gottfried Schapler (1840-1912), Franz Josef Kilga (1838-1911) und Mathäus Vonbank (1820-1898) bei. Damit war das Komitee innerparteilich deutlich breiter aufgestellt als zuvor. Als politisches Signal konnte insbesondere die gleichzeitige Aufnahme von Johannes und Martin Thurnher, die jeweils als prononcierte Vertreter der „scharfen“ bzw. der „milden“ Richtung galten, verstanden werden. Insgesamt zählte das Hilfskomitee nun 23 Mitglieder. Etwas weniger als die Hälfte davon stammte aus dem Oberland, weshalb beschlossen wurde, zukünftig regelmäßig ein zweites Treffen in Feldkirch unter Vorsitz des Mühlenbesitzers und späteren Landtagsabgeordneten Josef Wegeler (1842-1916) einzurichten. Nichtsdesto‐ trotz wurden die Oberländer aufgefordert, auch weiterhin den Treffen in Bregenz beizu‐ wohnen. 29 Von großer symbolischer Bedeutung war zudem der Beschluss, am Mittwoch vor dem „schmutzigen Donnerstag“, also am 27. Februar 1889, im Dornbirner Vereinshaus eine Großversammlung Vorarlberger Konservativer anstelle der früheren Veranstaltung des Volksvereins zu diesem Datum abzuhalten. Damit begann das Hilfskomitee, das sich noch nicht einmal als Verein konstituiert hatte, den Platz der früheren Parteiorganisation einzunehmen. 30 Die dazwischen liegende fünfte Sitzung, am 12. Februar, beschränkte sich im Wesentlichen auf die Neuaufnahme weiterer Mitglieder und die Vorbereitung der Veranstaltung in Dornbirn. Sämtliche inhaltlichen Tagesordnungspunkte wurden auf einen späteren Termin verschoben. 31 Am 27. Februar fand schließlich die große „Versammlung konservativer Vorarlberger in Pressefragen“, wie sie offiziell hieß, in Dornbirn statt. Wer dazu persönlich eingeladen wurde und was auf dieser Versammlung besprochen wurde, bleibt unklar. Zwar wurde ein Protokoll angefertigt und bei der siebten Sitzung des Hilfskomitees am 2. April verlesen - Umkämpfte Öffentlichkeit 139 <?page no="140"?> 32 Protokoll der siebten Sitzung, Bregenz, 2.4.1889. Ebenda, fol. 27. 33 Vorarlberger Volksblatt, 26.2.1889, S.-3. 34 Protokoll der sechsten Sitzung, Dornbirn, 27.2.1889. VLA, Pressverein, fol. 21. 35 Einladung zur siebten Sitzung am 2. April, Bregenz, 20.3.1889. Ebenda, fol. 23-25. 36 Vorarlberger Volksblatt, 27.3.1889, S.-4. das Protokoll selbst ist allerdings nicht überliefert. 32 Im „Volksblatt“ wurde im Vorfeld für die Teilnahme geworben: „Wer zur Verhandlung conservativer Vorarlberger, die in Sachen ihrer Presse abgehalten wird, namentlich eingeladen ist, möge nun kommen, wenn er kann, denn er braucht es, und man braucht ihn. Jeder bringe seine Ohren mit und seinen Kopf, also auch seine Zunge. Mit dem Volksverein ist die Parteileitung, das wesentliche Stück der Partei-Organisation, gefallen; es hat also jeder Conservative wie das Recht, so die Pflicht, aus eigenem Antriebe das Seinige zum Gemeinwohle vorzubringen.“ 33 Eine anschließende Berichterstattung unterblieb, aber bereits der Aufruf verdeutlicht, welche symbolische Bedeutung dieses Treffen für die krisengeschüttelte konservative Bewegung hatte. In örtlichem und zeitlichem Zusammenhang mit dieser Großveranstal‐ tung trat jedenfalls auch das Hilfskomitee zu einer sechsten Sitzung zusammen. Ein im Protokoll ungenannt gebliebenes Mitglied äußerte dabei den Vorschlag, man möge aus den zu dieser Großveranstaltung in Dornbirn erschienenen Personen, insbesondere von den anwesenden Lehrern und Geistlichen, die bislang nicht im Hilfskomitee vertreten waren, neue Mitglieder auswählen. Dieser Vorschlag löste bei Johannes Thurnher „lebhaften Widerspruch“ aus, weshalb die Angelegenheit vorerst vertagt wurde. 34 Das große Treffen in Dornbirn dürfte jedenfalls zum Entschluss geführt haben, das nach wie vor nur provisorische Hilfskomitee rasch in einen ordentlichen Verein umzuwandeln. Angesichts der Tatsache, dass die konservative Partei zu diesem Zeitpunkt ohne jede funktionstüchtige Organisation dastand, wurde die Vereinsgründung wohl als besonders dringend empfunden. Jedenfalls wurden zur darauffolgenden siebten Sitzung, die für den 2. April in Bregenz angesetzt war, zusätzlich zu den bereits zuvor Eingeladenen 98 weitere Personen eingeladen - überwiegend Geistliche sowie einige Schulleiter. Auf der Tagesordnung, die am 20. März ausgesendet wurde, stand die „definitive Constituirung des prov. Konservativen Landespreß-Hilfskomite“. 35 Wie passte die Einladung so vieler Geistlicher mit Thurnhers „lebhafte[m] Widerspruch“ im Monat zuvor zusammen? Offen‐ sichtlich gar nicht. In der Folge kam es zum Bruch zwischen dem Hilfskomitee und Thurnher. Am 27. März sah sich das „Volksblatt“ veranlasst zu berichten, dass kürzlich „zweierlei Einladungen in Preßsachen ergangen sind. Eine betrifft den Preßverein und rührt von Johannes Thurnher privatim und persönlich her, eine andere vom Preßcomité, gez. Gorbach, und ist Werk derselben Gruppe aus welcher die Versammlung vom 27. Februar herrührte.“ 36 Thurnher hatte offenbar, ohne Absprache mit dem Hilfskomitee, eine eigene Einladung im Namen des alten Katholischen Pressvereins versandt. Für das Hilfskomitee eine unerwünschte Konkurrenz. Thurnher entgegnete in einer Zuschrift an die Zeitung, es handle sich keineswegs um eine persönliche Angelegenheit, sondern es gehe darum, den offiziell noch immer bestehenden Katholischen Pressverein zusammentreten zu lassen, um „über sein weiteres Schicksal durch eine entsprechende Reform oder seine legale 140 Nikolaus Hagen <?page no="141"?> 37 Ebenda, 4.4.1889, S.-3-4. 38 Ebenda, 21.5.1889, S.-3-4. 39 Vorarlberger Landeszeitung, 5.3.1892, S. 7; 21.4.1892, S.-3. 40 Protokoll der siebten Sitzung, Bregenz, 2.4.1889. VLA, Pressverein, fol. 27. 41 Protokoll des Statutenausschusses, Bludenz, 25.4.1889. Ebenda, fol. 29. 42 § 1 Zweck des Vereins, Statuten des Vorarlberger Preßvereines (1889). Ebenda, fol. 35-37. Auflösung“ zu beraten. 37 Die Redaktion, die das eindeutig als Angriff auf das Hilfskomitee und dessen intendierte Vereinsgründung interpretierte, nützte die Gelegenheit zu einer schonungslosen Abrechnung mit dem ehemaligen Parteiführer. Dieser habe im Vorjahr „privatim und persönlich“ den Bistumsstreit und damit den „Fall des Volksvereins“, die Zersplitterung des eigenen Lagers und die Krise des „Volksblatts“ ausgelöst. Nur aus Parteidisziplin sei man ihm damals beigestanden. Jetzt drohe - so zumindest die Darstellung der Redaktion - erneut eine Zersplitterung, diesmal des Pressewesens. Mit Beistand konnte Thurnher nicht mehr rechnen. Dieser nahm die „Fußtritte“, die ihm das „Volksblatt“ seinem Empfinden nach verpasst hatte, in einem weiteren Brief an die Redaktion merklich beleidigt zur Kenntnis. 38 Am Hilfskomitee dürfte er sich in der Folge nicht mehr beteiligt haben; ein offizieller Austritt ist aber nicht protokolliert. Der alte Katholische Pressverein blieb weiter bestehen, entfaltete aber keinerlei Tätigkeit mehr. Offiziell wurde er erst im Februar 1892 aufgelöst. 39 Zur siebten Sitzung des Hilfskomitees am 2. April 1889 erschien tatsächlich nur ein Bruchteil der neu eingeladenen Geistlichen und Lehrer. Ein Zeichen dafür, dass die Risse in der Bewegung nach wie vor groß waren und große Teile des Klerus sich vorerst abwartend, möglicherweise auch ablehnend verhielten. Unbeeindruckt davon bestimmte die Versamm‐ lung „zur Abfassung u. Einreichung von Statuten für den Vorarlberger Preßverein […] die Herren Johann Kohler, Josef Andr. Thurnher und Josef Ölz“. 40 Dieser Statutenausschuss trat am 25. April 1889 in Bludenz zusammen, wählte Kohler zum Obmann und Schriftführer und beriet sodann über die Statuten des zukünftigen Vereins. Kohler und Ölz legten einen gemeinsamen Entwurf vor, der „in einer 3 ½ stündigen Verhandlung eingehend berathen und schließlich mehrmals überprüft, endlich mit unwesentlichen Änderungen in allen 16 §§ einstimmig angenommen“ wurde. Obmann Kohler fiel die Aufgabe zu, die Statuten anschließend bei der Landesbehörde in Innsbruck einzureichen. Damit hatte Johann Kohler wieder dieselbe Rolle inne, wie schon 1872 bei der Gründung des alten Katholischen Pressvereins. Anfang Juni genehmigte die k. k. Statthalterei in Innsbruck schließlich die Gründung des „Vorarlberger Preßvereins“. 41 Der statutarische Vereinszweck der Neugründung war bewusst weit gefasst und ging über die im Namen eigentlich angelegte Förderung des Pressewesens hinaus: „1. Die Wahrung und Pflege der religiösen, politischen und wirthschaftlichen Interessen des Vorarlbergerischen Volkes auf Grundlage der historischen und rechtlichen Eigenberechtigung (Autonomie) des Landes. 2. Die Förderung aller jener Bestrebungen, die auf dieses Ziel gerichtet sind.“ 42 Der erste Absatz, in dem auf die Autonomie gepocht wurde, konnte leicht und wohl nicht ganz unberechtigt als direkter Angriff auf die Brixner Diözese gewertet werden. Umkämpfte Öffentlichkeit 141 <?page no="142"?> Abb. 2: Statuten des Vorarlberger Pressvereins 1889, Vorarlberger Landesarchiv Am 17. Juni fand die konstituierende Sitzung des Vorarlberger Pressvereins im Bregenzer Hotel Montfort statt. Im „Volksblatt“ wurde im Vorfeld Werbung für diese Versammlung gemacht: 142 Nikolaus Hagen <?page no="143"?> 43 Vorarlberger Volksblatt, 12.6.1889, S.-3. 44 Bregenzer Tagblatt, 13.6.1889, S.-2. 45 Thurnher war zwischen 1880 und 1884 Redakteur des „Volksblatts“ gewesen, ehe er 1884 als Pfarrer nach Dalaas wechselte. Thurnher Josef Andreas (Dekan), Vorarlberger Landtag, URL: https: / / vorarl berg.at/ web/ landtag/ -/ thurnher-josef-andreas-dekan (31.8.2024). 46 Vorarlberger Volksblatt, 19.6.1889, S.-3. 47 Ebenda, 28.6.1889, S.-3. 48 Ebenda, 17.7.1889, S.-3. „Wem nun an der Sache liegt, an Erhaltung und Kräftigung der konservativen Landespresse, der stelle sich, wenn es ihm möglich ist, persönlich ein und mache seine Ansicht geltend. Eingeladen sind selbstverständlich alle bisherigen Mitglieder des provisorischen Comités, gez. Gorbach, ferner alle, die schon früher eingeladen worden sind, ohne bisher zu kommen, endlich alle, welche von ihnen als vertrauenswürdige und gleichgesinnte Männer gekannt und mitgebracht werden.“ 43 Auch das liberale „Bregenzer Tagblatt“ kündigte die Konstituierung des Pressvereins „unter der Ägide der Herren Joh. Kohler in Schwarzach, Pfarrer Thurnherr [sic! ] in Dalaas und Josef Oelz hier“ an. 44 Zwar ist das Protokoll dieser konstituierenden Sitzung ebenfalls nicht erhalten, aber das „Volksblatt“ berichtete über die wesentlichen Beschlüsse. So wurden Jo‐ hann Kohler und Josef Andreas Thurnher (1848-1938) 45 zum Vereinsvorstand und zu dessen Stellvertreter gewählt. Zudem wurde ein Ausschuss bestimmt, dem neben Kohler und Pfarrer Thurnher auch Josef Ölz, Josef Gorbach, Ludwig Schmadl (1846-1921), Engelbert Luger (1861-1926), Jakob Nägele (1834-1912), Alois Kohler, Pfarrer Josef Heinrich sowie Martin Reisch (1840-1925) angehörten. Im Gegensatz zum alten Katholischen Pressverein dominierten nun die Laien eindeutig den Vereinsvorstand. Als ersten offiziellen Akt verfasste der Verein ein Telegramm an den Vatikan, in welchem Papst Leo XIII. „Liebe und Anhänglichkeit“ versichert wurde. 46 Ein Vereinsmitglied, der Lustenauer Katechet Eugen Hillmann (1855-1936), der damals in Rom studierte, erlangte kurz darauf eine Audienz am Heiligen Stuhl - womit man sich des Segens Gottes und seines irdischen Stellvertreters für den Pressverein sicher war. Überhaupt wähnte man sich in einem geistigen Kampf gegen den Teufel, denn die Verhältnisse im Land seien dergestalt, „daß der armselige kleine Preßverein mit seiner beschränkten Aufgabe“ kaum etwas ausrichten könne. „Der Erfolg steht in Gottes Hand, menschlicherweise ist nichts zu erwarten“, hieß es im „Volksblatt“. 47 IV. „Eine absolut nothwendige Organisation des katholischen Volkes“ War diese Bemerkung über die Menschen, von denen nichts zu erwarten sei, auf die eigenen Gesinnungsgenossen gemünzt gewesen? Die Aufnahme des neuen Vereins innerhalb der katholisch-konservativen Bewegung war jedenfalls durchaus nicht einhellig positiv. Aus dem Lustenauer Kasino berichtete ein Korrespondent des „Volksblatts“ im Juli zunächst, dass dort die Gründung des Pressvereins, nach der zehnjährigen „Krisis“ der eigenen Bewegung, freudig zur Kenntnis genommen worden sei und dieser sich der Unterstützung der örtlichen Parteivertreter sicher sein könne. 48 Ein Schreiber aus dem Bregenzerwald musste allerdings kurz darauf berichten, dass die Stimmung im Kasino Andelsbuch „dem neuen Vereine nicht so günstig [sei] wie es in Lustenau […] am gleichen Tage der Fall war“. Unter den zusammengetretenen Mitgliedern und Sympathisanten herrsche Unverständnis darüber, Umkämpfte Öffentlichkeit 143 <?page no="144"?> 49 Ebenda, 21.7.1889, S.-2-3. 50 Ebenda, 27.7.1889, S.-4. 51 Ebenda, 2.8.1889, S.-4-5. 52 Ebenda, 30.7.1889, S.-4-5. 53 Ebenda, 10.7.1889, S.-3. 54 Ebenda, 15.8.1889, S.-5. 55 Bregenzer Tagblatt, 10.9.1889, S.-2. weshalb die bisherigen Organisationen, der Volksverein und der Katholische Pressverein, aufgelöst wurden. 49 Ein Bauer aus Egg, der ebenfalls an der Kasinoversammlung in Andels‐ buch teilgenommen hatte, drückte in einer Zuschrift seine Verwunderung darüber aus, dass ausgerechnet die seinerzeitigen Gründer des Volksvereins und des alten Pressvereins diese nun zu Grabe tragen würden, anstatt die Organisationen in andere Hände zu übergeben. Nichtsdestotrotz akzeptiere er den neuen Verein und frage sich: „Warum giebt es Geistliche, welche nicht für den Preßverein gestimmt sind, nachdem er doch ka‐ tholisch-conservativer Verein ist, welcher die gute Sache fördern soll und der so stark vertretenen liberalen Presse hie und da Wahrheit reden muß und ja so oft vor liberalen Schriften gewarnt wird? Was sollen wir dann lesen, wenn das Volksblatt einginge? Nur noch der Landbote aus Vorarlberg wäre doch nach jeder Richtung wenig nach meiner Ansicht.“ 50 Einen anderen Korrespondenten veranlasste der Bericht aus Andelsbuch zu einer Polemik über das dortige Kasino und die Konservativen des Bregenzerwalds überhaupt. Die Existenz des neuen Pressvereins hänge „kaum von ihnen ab, sonst stände er auf schwachen Füßen“. Ein wahrer Konservativer, so behauptete der Schreiber in biblischen Worten, sei sich der Herrlichkeit dieser neuen „Schöpfung“ bewusst und unterstütze deshalb den Verein auch uneingeschränkt. 51 Aus dem Großen Walsertal berichtete ein anonymer Zuträger der Zeitung, womöglich handelte es sich um denselben wie zuvor, das „Volksblatt“ sei dort weiterhin in kaum einem Dorf zu finden, da es vom Blonser Pfarrer, der überdies den liberalen „Feldkircher Anzeiger“ unterstütze, heftig bekämpft werde. Trotz dieses geistlichen Widerstands seien sechs „hervorragende Männer des Thales“ dem Pressverein beigetreten, da sie „von der Nothwendigkeit seiner Existenz und Aktionsfähigkeit“ überzeugt seien. 52 Der Blonser Pfarrer war offenbar keine Ausnahme unter den Geistlichen. Im Juli und im August echauffierte sich die Redaktion des „Volksblatts“ über den Kennelbacher Pfarrer Alois Bell (1838-1904). Dieser hatte angeblich öffentlich behauptet, das liberale „Bregenzer Tagblatt“ sei besser als die konservative Zeitung. 53 Im Monat darauf hieß es: „[…] wie nachweislich feststeht, that derselbe Alois Bell, Pfarrer in Kennelbach den Ausspruch, das ‚Volksblatt‘ sei schlechter als die ‚Feldkircher Zeitung‘“. 54 Dass ausgerechnet ein Priester der liberalen Konkurrenz das Wort redete, musste man im Pressverein als besonderen Affront empfinden. Das „Bregenzer Tagblatt“ dagegen freute sich über den Geistlichen, der „sich öffentlich vom ‚Volksblatt‘ losgesagt“ habe und behauptete, „im Geheimen haben es schon viele vor ihm gethan“. 55 Zur selben Zeit kursierten in katholisch-konservativen Kreisen erneut schwerwiegende Vorwürfe gegen das „Volksblatt“ und den Pressverein. Die dortigen Akteure würden, wie schon im Vorjahr, gegen den Feldkircher Weihbischof Zobl agitieren. Auch Gerüchte über die anstehende Gründung einer gemäßigten katholischen Zeitung in Konkurrenz zum 144 Nikolaus Hagen <?page no="145"?> 56 Vorarlberger Volksblatt, 17.8.1889, S.-4. 57 Ebenda, 11.10.1889, S.-3-4. 58 Ebenda, 16.10.1889, S.-2. „Volksblatt“ wurden verbreitet. Kohler sah sich darauf am 15. August gezwungen, namens des Pressvereins öffentlich Stellung zu nehmen. Er sehe sich „nun verpflichtet, den Vorwurf, es arbeite der Vorarlberger Preßverein gegen den hochwürdigsten Bischof, als unbegründet zurückzuweisen und wofern er weiterhin erhoben würde, als eine tendenziöse schwere Verläumdung zu erklären, die um so unverantwortlicher ist, als sie sich gegen eine absolut nothwendige Organisation des katholischen Volkes richtet, ohne welche eine wirksame Pflege seiner Interessen heutzutage nicht denkbar ist.“ 56 Diese Beteuerung zeitigte nicht die gewünschte Wirkung. Anders gesagt: Sie dürfte an entscheidender Stelle als wenig glaubhaft empfunden worden sein. Ende September verfassten sechs Vorarlberger Dekane ein Schreiben, in dem sie Weihbischof Zobl ihre Treue bekundeten und die Führung des „Volksblatts“ in deutlichen Worten verurteilten: „Wir verwahren uns gegen die Verdächtigung, als wenn die Mitglieder des Clerus, welche mit dem derzeit das ‚Vorarlb. Volksblatt‘ leitenden Geiste nicht durchwegs einverstanden sind, vom Liberalismus angekränkelt seien. Ebensowenig erkennen wir überhaupt dem Leiter des Volksblattes das Recht zu, sich als ausschließlichen Richter zu geriren in der Beurtheilung dessen, was korrekt katholisch-konservativ ist.“ 57 Das Schreiben wurde auch von zahlreichen weiteren Geistlichen unterzeichnet. Damit nicht genug. Wenige Tage darauf, am 16. Oktober 1889, füllte ein bitterer Brief des Fürstbischofs Simon Aichner das Titelblatt und die erste Innenseite des „Volksblatts“. Sämtliche Sünden und Vergehen gegen die kirchliche Obrigkeit wurden der Zeitung und ihren Machern darin vom obersten Diözesanhirten zur Last gelegt, insbesondere die Agitation gegen die führenden Kleriker des Generalvikariats: „Trotz aller Versicherungen des schuldigen ‚Respektes‘ tadelt man auf Grund des verfänglichen Satzes: ‚In der Politik ist man frei,‘ wiederholt das politische Verhalten des Hochwürdigsten Bischofs [Zobl, Anm.], schreibt den Mißerfolg von Wahlen auf seine Rechnung und behauptet, unter ihm sei die konservative Partei geschädigt worden.“ Priester, die zum Episkopat, also zu Aichner und Zobl, hielten, würden in der Zeitung als Liberale diffamiert, die Haltung in der Bistumsfrage sei nach wie vor unverändert separatistisch und nur darauf aus, „Entfremdung und Abneigung hervorzurufen“. Das „Volksblatt“, namentlich der Priester Bernhard von Florencourt, den der Fürstbischof als Verantwortlichen offen benannte, sähe Zwietracht und lähme dadurch die kirchliche Arbeit in Vorarlberg und im gesamten Bistum: „Nichts zu sagen von der Uneinigkeit im Cleruse, von der Erhitzung der Gemüther, von der Verwirrung im Volke, welche durch diesen Zwiespalt nothwendig herbeigeführt wird - kann, wenn dieser Geist im Clerus zur Herrschaft kommt, von einer gedeihlichen Führung des Oberhirtenamtes ebenso wenig die Rede sein, als von einer ersprießlichen Ausübung des Hirtenamtes der einzelnen Seelsorger.“ 58 Umkämpfte Öffentlichkeit 145 <?page no="146"?> 59 Dr. Bernhard v. Florencourt. In: ebenda, 3.10.1890, S.-1. 60 Josef W A L S E R , Johann Kohler, ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg. Wien/ Inns‐ bruck/ München 1918, S.-67. 61 Vgl. Alois N I E D E R S T Ä T T E R , Seit wann erscheinen in Vorarlberg Zeitungen? In: Vorarlberg kompakt. Für Fortgeschrittene, hg. von Alois N I E D E R S T Ä T T E R . Innsbruck 2019, S.-96-100. Vom Pressverein oder von Kohler ist keine Antwort überliefert. Im „Volksblatt“ hieß es unter dem Schreiben nur, dass man sich dem Bischof füge und den Brief widerspruchslos zur Kenntnis nehme. Im Jahr darauf starb Florencourt, der „eigentliche Gründer und Schöpfer der konservativen Partei im Lande Vorarlberg“, wie das „Volksblatt“ anlässlich seines Tods behauptete. Die katholisch-konservative Bewegung verlor eine ihrer einflussreichsten, schillerndsten, aber auch problematischsten Figuren. Wie man im hymnischen Nachruf nun offen zugab, war er es gewesen, der „ein volles Jahr in kritischer Zeit das ‚Volksblatt‘ und zwar ohne jegliches Entgelt“ redaktionell verantwortet hatte. 59 Florencourt war mitverantwortlich gewesen für die tiefen Risse in der Partei, die auch den neuen Pressverein plagten. Es wäre aber verkürzt, ihm die alleinige Verantwortung, auch für die geharnischte Kritik des Bischofs und der Dekane, umzuhängen. Schließlich war Johann Kohler damals der Vereinsobmann und hatte schon zuvor, gemeinsam mit den anderen Gründern des Hilfskomitees, Florencourt als De-facto-Redakteur im „Volksblatt“ wiedereingesetzt. Es wäre dem Verein als offiziellem Eigentümer der Zeitung wohl auch ein Leichtes gewesen, auf die inhaltliche Ausrichtung der Redaktion Einfluss zu nehmen. Dass man das nicht tat, zeigt, dass Kohler und die anderen Ausschussmitglieder Florencourts Linie mittrugen. Die Kritik des Bischofs und der Dekane musste also zu gleichen Teilen auch den anderen führenden Akteuren des Pressvereins gelten. In Josef Walsers Nachruf auf Kohler hieß es Jahre später vielsagend, dieser wahrte „die dem Bischof geziemende Ehrfurcht, ging aber mit seinen Freunden die politischen Wege weiter, die er nach seiner damaligen Überzeugung als die richtigen erkannte“. 60 Die Überzeugung überwog wohl die Ehrfurcht. IV. Presse und Öffentlichkeit im ausgehenden 19.-Jahrhundert Der Kampf um das „Volksblatt“ war ein Kampf um die Herstellung von bzw. Dominanz der Öffentlichkeit. Im ausgehenden 19. Jahrhundert zeigte sich in Vorarlberg noch keine ausgeprägte Mediengesellschaft - aber die Entwicklung war absehbar. In der Probenummer des „Volksblatts“ vom 15. Juni 1866 hieß es, im Verlaufe des aktuellen Jahrhunderts sei „die Presse zur gewaltigen Macht geworden. Insbesondere ist es die politische Tagespresse, welche zuvörderst die öffentliche Meinung über die politischen und sozialen Fragen im Staatsleben begründet und den Einfluß dieser öffentlichen Meinung auf die das Schicksal der Völker bestim‐ menden Prinzipien ununterbrochen aufrecht erhält“. Eine Einschätzung, die zu diesem Zeitpunkt wohl mehr prophetisch als real war, besonders wenn man sich die damalige Lage der Presse in Vorarlberg vergegenwärtigt. Bis in die 1860er-Jahre gab es - mit Ausnahme der kurzlebigen „Vorarlberger Zeitung“ - überhaupt kein mehrmals wöchentlich erscheinendes Periodikum in Vorarlberg. 61 Die meisten Blätter, die im Land verbreitet waren, wurden in Tirol produziert. Als 1861 wieder ein eigener Landtag eingerichtet wurde, war das der Anlass zur Gründung eines liberalen Blatts, der 146 Nikolaus Hagen <?page no="147"?> 62 Walser, Gründung, S.-9. 63 Peter W O L F , Die Zeitungen von Tirol und Vorarlberg 1814-1860. Phil. Diss. Innsbruck 1957, S.-184. 64 Johann W I N C K L E R , Die periodische Presse Österreichs. Eine historisch-statistische Studie. Wien 1875, S.-174. 65 Jörg R E Q U A T E , Einleitung. In: Das 19. Jahrhundert als Mediengesellschaft/ Les médias au XIXe siècle, hg. von Jörg R E Q U A T E . München 2009, S.-7-18, hier S.-10. 66 Ernst Viktor Z E N K E R , Geschichte der Journalistik. Wien 1900, S. 71. Vgl. Gabrielle M E L I S C H E K / Josef S E E T H A L E R , Die Tagespresse der franzisko-josephinischen Ära. In: Österreichische Mediengeschichte, hg. von Matthias K A R M A S I N / Christian O G G O L D E R , Band 1: Von den frühen Drucken zur Ausdifferen‐ zierung des Mediensystems (1500-1918). Wiesbaden 2016, S.-167-192, hier S.-170. 67 Reichs-Gesetz-Blatt für das Kaiserthum Österreich 1863, Nr.-6, S.-145. „Feldkircher Zeitung“. 1863 folgte in Bregenz die ebenfalls liberale „Vorarlberger Landes‐ zeitung“. Das konservative Meinungsspektrum deckten weiterhin nur Tiroler Zeitungen ab, die allerdings nicht übermäßige Verbreitung fanden. Die katholischen „Tiroler Stimmen“ sollen, so heißt es in einem späteren Bericht über die Gründung des „Volksblatts“, in den 1860er-Jahren „nur in 42 Exemplaren in Vorarlberg verbreitet“ gewesen sein. 62 Ein weiteres konservatives Blatt, das den Vorarlberger Markt bediente, war das „Volksblatt für Tirol und Vorarlberg“ - „ein massiver Dreschflegel“ des politischen Katholizismus, wie Peter Wolf in seiner Dissertation aus dem Jahr 1957 pointiert urteilte. 63 Diese Zeitung war nicht nur Namenspatron, sondern offenbar auch stilistisches Vorbild für das 1866 von Brixner Seminaristen gegründete „Vorarlberger Volksblatt“, das den liberalen Landesblättern ent‐ gegentreten wollte. In seiner zeitgenössischen Studie von 1875 zur periodischen Presse Österreichs schrieb Johann Winckler: „Was in Tirol das ‚Tiroler Volksblatt‘, ist im kleinen Vorarlberg das ‚Vorarlberger Volksblatt‘ […]; an Entschiedenheit föderalistisch-klerikaler Gesinnung und an Urwüchsigkeit des Ausdrucks lassen beide Blätter nichts zu wünschen übrig.“ 64 Die Gründung des „Volksblatts“ und die ersten Jahrzehnte seines Bestehens fallen in eine Periode, die der Medienhistoriker Jörg Requate als Übergang zwischen der frühneuzeitli‐ chen „Kommunikationsrevolution“ des 17. und 18. Jahrhunderts und der „voll ausgeprägten medialen Moderne des 20. Jahrhunderts“ charakterisiert. 65 Die technischen Grundlagen ebenso wie die Transformation von einer rein mündlichen zu einer hybriden mündlichschriftlichen Kommunikationsgesellschaft waren bereits in der Frühen Neuzeit angelegt, auch das breitenwirksame Phänomen der Zeitung erlangte zur Mitte des 19. Jahrhunderts einen ersten Höhepunkt, aber erst am Übergang ins 20. Jahrhundert wurde die Tagespub‐ lizistik tatsächlich zu einem Massenphänomen. In seiner im Jahr 1900 veröffentlichten Geschichte der österreichischen Journalistik charakterisierte Ernst Viktor Zenker (1865- 1946) die Zeitspanne zwischen dem Revolutionsjahr 1848 und den 1870er-Jahren als „Sturm und Drang“-Periode der Pressepublizistik, die anschließenden Jahrzehnte bis zur Jahrhundertwende als deren Konsolidierungsphase. 66 Angefacht wurde dieser „Sturm und Drang“, in den auch die Gründung des „Vorarlberger Volksblatts“ hineinfällt, durch das liberale Pressegesetz vom Dezember 1862, das die neoabsolutistische Presseordnung von 1852 ersetzte und die Herausgabe von Periodika erheblich erleichterte. 67 Schließlich garantierte Artikel 13 des heute in weiten Teilen noch gültigen Staatsgrundgesetzes von 1867 die Pressefreiheit: Umkämpfte Öffentlichkeit 147 <?page no="148"?> 68 Reichs-Gesetz-Blatt für das Kaiserthum Österreich 1867, Nr.-142, S.-395. 69 Zahlen nach M E L I S C H E K / S E E T H A L E R , Tagespresse, S.-173. 70 W I N C K L E R , Periodische Presse, S.-115. 71 Ebenda, S.-174. 72 Ebenda, S.-175. 73 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-62. 74 Handschriftliche Notiz auf der Einladung zur vierten Sitzung des Hilfskomitees, 14.1.1889. VLA, Pressverein, fol. 13. Zum Vergleich: 1935 erschien das „Volksblatt“ schließlich in einer Auflage von 4.000 Stück. Walther H E I D E , Handbuch der deutschsprachigen Zeitungen im Ausland. Berlin/ Leipzig 1935, S.-153. 75 Bevölkerung: 102.702 (1869), 107.373 (1880). Statistik Austria, Volkszählung 2001, Wohnbevölkerung nach Gemeinden (mit der Bevölkerungsentwicklung seit 1869), URL: https: / / www.statistik.at/ servic es/ tools/ services/ publikationen/ detail/ 871 (31.8.2024). „Jedermann hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck oder durch bildliche Darstellung seine Meinung innerhalb der gesetzlichen Schranken frei zu äußern. Die Presse darf weder unter Censur gestellt, noch durch das Concessions-System beschränkt werden. Administrative Postverbote finden auf inländische Druckschriften keine Anwendung.“ 68 Die Zahl der herausgegebenen Zeitungen stieg als Folge dieser legistischen Reformen in den 1860er-Jahren in der österreichischen Reichshälfte deutlich an. Das explosive Wachstum am Zeitungsmarkt flaute aber bereits in den 1870er-Jahren krisenbedingt wieder ab. Erst zur Jahrhundertwende nahmen die Zahl der Zeitungstitel und die Auflagen wieder stark zu. So erschienen 1869 in Österreich 16,2 Tageszeitungen auf 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner, 1880 waren es noch 13,5, 1890 bereits 30,1 und im Jahr 1900 schließlich 45,7. 69 Nach Johann Wincklers Berechnung entfiel im Jahr 1872 in Tirol und Vorarlberg ein periodischer Pressetitel auf 25.312 Einwohnerinnen und Einwohner. Zum Vergleich: In Niederösterreich, einschließlich der Reichshauptstadt Wien, war es einer auf 5.515, in der Bukowina, dem Kronland mit der am schwächsten ausgeprägten Presselandschaft, gar nur einer auf 263.000 Einwohnerinnen und Einwohner. 70 In den Alpenländern der Monarchie bezogen, nach einer jüngeren Berechnung von Gabrielle Melischek und Josef Seethaler, im Jahr 1869 knapp ein Viertel der Haushalte eine Zeitung. Um das Jahr 1900 waren es bereits deutlich über vierzig Prozent der Haushalte. 71 Herausgabe und Bezug von Zeitungen waren freilich regional und zwischen den Kronländern stark differenziert, wobei - wenig erstaunlich - der Grad der Urbanisierung den entscheidenden Faktor für die Zahl der Zeitungstitel darstellte. 72 Trotz einer geringen Urbanität hatten die beiden westlichen Kronländer Tirol und Vorarlberg einen vergleichsweise starken und ausdifferenzierten Pressemarkt, mit mehreren konkurrierenden konservativen und liberalen Zeitungen. Deren Auflagen blieben allerdings über Jahrzehnte hinweg gering. Einige Jahre nach der Grün‐ dung des „Vorarlberger Volksblatts“, im Jahr 1870, soll die Auflage bei 1.300 Stück gelegen haben, 1883 war sie sogar auf 1.100 zurückgegangen 73 und zu Beginn des Jahres 1889, in dem der Pressverein neu gegründet wurde, gab es offenbar nur 511 tägliche Abonnenten. 74 Im Jahr 1870 kam demnach ein Exemplar der Zeitung auf 77 Vorarlbergerinnen und Vorarlberger, zehn Jahre darauf war es eines auf 97 Personen. 75 Die Pro-Kopf-Auflage verringerte sich also ausgehend von einem schwachen Niveau deutlich. Der geringe Absatz konnte, selbst wenn man die bereits erwähnten Prozesskosten infolge diffamierender Berichterstattung außer Acht lässt, die Kosten für die Erzeugung nicht decken. Die zahlende 148 Nikolaus Hagen <?page no="149"?> 76 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-63. 77 Nichtsdestotrotz hielten sich das „Volksblatt“ und vor allem Florencourt einen populären Schreibstil zugute, der auf das einfache Volk ziele und dieses nicht überfordere. Letzterer habe es „meisterhaft verstanden, die jeweiligen politischen Ereignisse durch kurze aber inhaltsschwere Bemerkungen zu illustrieren und selbst dem weniger gebildeten Leser verständlich zu machen“, hieß es im Nachruf. Vorarlberger Volksblatt, 3.10.1890, S.-2. 78 Den Begriff der „guten Presse“ prägte insbesondere die katholische Publizistik für die eigenen Erzeugnisse. Zu bekämpfen galt es die liberale „schlechte Presse“. Siehe bspw. Die Bedeutung der guten und schlechten Presse. Erlaß der vereinigten Bischöfe der Schweiz vom Jahre 1872, Ingenbohl 1886. 79 Franz Michael F E L D E R , Aus meinem Leben, Frankfurt 1987 [1904], S.-139. Leserschaft war dafür schlicht zu gering. Wie die Redaktion freimütig zugab, verursachte das Blatt bis in die 1890er-Jahre hinein jährlich Verluste zwischen 1.000 und 1.700 Gulden, 76 die folglich durch Klerus und Volksverein, später durch den Pressverein zu tragen waren. Auch die liberale Konkurrenz konnte nur mit politischer Unterstützung finanziell am Leben erhalten werden. Konnte man, angesichts dieser Lage am Vorarlberger Pressemarkt vor der Jahrhundertwende, wirklich von einer „gewaltigen Macht“ mit einem ebenso gewaltigen „Einfluß auf die öffentliche Meinung“ sprechen, wie es in der zitierten Probenummer des „Volksblatts“ 1866 geheißen hatte? Vielleicht gilt es zuerst zu hinterfragen, was unter dieser „öffentlichen Meinung“ überhaupt verstanden werden könnte. Es waren wohl nicht in erster Linie die breiten Massen gemeint, deren Möglichkeit zur politischen Partizipation, nicht zuletzt aufgrund des diskriminierenden Klassenwahlrechts, ohnedies höchst eingeschränkt waren. 77 Viel eher waren es wohl Multiplikatoren in der Gesellschaft, die Meinungsmacher oder „Influencer“, wie man sie heute nennen würde, jene, welche die Botschaften der „guten Presse“ 78 unter das Volk tragen würden. Es war eine kleine Schicht an Lesern und nur in zweiter Linie Leserinnen, auf die eine konservative Vorarlberger Zeitung hoffen und um die sie werben konnte. Der soziale Raum der politischen Kommunikation war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gerade im ländlichen Raum, weiterhin stark mündlich geprägt. Politische Agitation erfolgte nicht rein medialisiert, wie das heute weitgehend der Fall ist, sondern vielfach direkt von der Kanzel, bei Versammlungen und öffentlichen Zusammentreffen, in Gastwirtschaften, liberalen Clubs und konservativen Casinos. Zeitungen, insbesondere die Tagespresse, traten zunehmend in Konkurrenz zu dieser mündlichen politischen Kommunikation, ergänzten diese aber auch und führten damit zur Ausbildung einer hybriden mündlich-schriftlichen Kommunikationsgesellschaft. Die Lebenserinnerungen Franz Michael Felders (1839-1869), eines Zeitgenossen Johann Kohlers, enthalten mehrere Beispiele für die Funktionsweise dieser Hybridität im ländlichen Vorarlberg. Als Felder im Jahr 1854 zum ersten Mal eine Ausgabe des „Illustrierten Dorfbarbiers“, einer Leipziger Satirezeitung, in seine Bregenzerwälder Heimat zugestellt bekam, erwartete den jugendli‐ chen Leser schon eine große Zuhörerschaft: „Ich fand die Stube voll Tabakqualm und sah, als ich mich ein wenig daran gewöhnt hatte, die an den Wänden sich hineinziehenden Bänke ringsum von jüngeren und älteren Dorfbewohnern besetzt. Sie alle waren gekommen, meine Zeitung mit ihren Bildern anzusehen und mich ein klein wenig daraus vorlesen zu hören.“ 79 Umkämpfte Öffentlichkeit 149 <?page no="150"?> 80 Franz Michael F E L D E R , Aus meinem Leben [1863]. In: Ich, Felder. Dichter und Rebell, Ausstellungs‐ katalog, hg. von Ulrike L Ä N G L E / Jürgen T H A L E R (vorarlberg museum 7). Lengwil 2014, S. 32-53, hier S.-42. 81 M E L I S C H E K / S E E T H A L E R , Tagespresse, S.-180. 82 W I N C K L E R , Periodische Presse, S.-144. In einem früheren Lebensbericht beschrieb Felder, wie diese Vorleserunden in den Folge‐ jahren zum festen Ritual wurden. „Die österreichischen Kriege in Italien 1859 brachten in unser Ländchen noch eine größere Bewegung als die Revolution des Jahres 1848 […] mehrere junge Männer kamen jetzt alle Wochen, um sich das Neueste aus der Zeitung erzählen zu lassen.“ 80 Felder war in diesem Sinne ein Multiplikator jener Botschaften und Nachrichten, die sich in den Zeitungen fanden. Freilich keiner im Sinne des „Volksblatts“, das noch Jahre nach seinem Tod gegen ihn polemisierte. Die politische Presse im ausgehenden 19. Jahrhundert zielte auf „eine gebildete Elite, die in der Ausformung von Öffentlichkeit als Raum für eine rationale, allgemein zugängliche Debatte ein Prinzip politischer Legitimation erkannte“, so Melischek und Seethaler. 81 Ihr Ziel sei es gewesen, den Staat und seine Institutionen dem „Rampenlicht der Publizität“ zu unterwerfen, diesen vor den Augen der Öffentlichkeit zur Rechtfertigung der eigenen Handlungen und Entscheidungen zu zwingen. Diesen hehren Anspruch muss man für das „Volksblatt“ und andere politische Regionalblätter in Westösterreich wohl stark relati‐ vieren. Die Berichterstattung dieser Blätter war mehr von Diffamierung und Polemik als von rationaler Debattenführung und dem sachlichen Austausch von Argumenten geprägt. Eine Distanz zu den jeweils nahestehenden politischen Akteuren war kaum auszumachen. Eine „neutrale“ Plattform, die sich kritisch gegen alle Seiten verhalten hätte, existierte nicht. Insofern ging der zweifelsohne doch vorhandene Anspruch, einzelne staatliche und politische Akteure - meist jene der Gegenseite - zur Rechtfertigung zu zwingen, zumeist im parteipolitischen Geplänkel unter. Nichtsdestotrotz lässt sich gerade am Beispiel des „Volksblatts“ zeigen, dass dieses nicht unidirektional als Sprachrohr einer Partei in die Öffentlichkeit wirkte, sondern mindestens so sehr innerparteiliche Politik machte und sich zu diesem Zweck des Hebels der Öffentlichkeit bediente. Ein explizites Tendenzblatt wie das „Volksblatt“ konnte kaum damit rechnen, die politischen Gegner zu überzeugen, aber es konnte darauf hoffen, das eigene Lager zu mobilisieren und zu festigen. Nach der zeitgenössischen Einschätzung von Johann Winckler hatte auch der Klerus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannt, dass die Kanzel nicht mehr der einzige Ort war, „von dem das lebendige Wort unmittelbar zum Volke gelangen konnte“ und die Kirche, nicht zuletzt aufgrund der allgemein gestiegenen Alphabetisierung, folglich ihr Monopol auf Öffentlichkeit verloren hatte: „Da griff dann der Klerus nach dem Grundsatze similia similibus ebenfalls zur Druckerpresse, um die Wirkungen der ‚glaubenslosen und sittenverderbenden Tagesliteratur‘ durch Hebung und Förderung der ‚christlich-gläubigen Presse‘ möglichst zu paralysieren.“ 82 Die Gründung der zahlreichen katholischen Pressvereine, die in diese Zeit fällt, war der sichtbarste Ausdruck davon. Wie das Beispiel des „Volksblatts“ zeigt, war die katholische 150 Nikolaus Hagen <?page no="151"?> 83 Vorarlberger Volksblatt, 25.3.1890, zit. n. W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-85. 84 Ebenda, S.-65. 85 Ein Beispiel: Unsere Pflicht gegen unsere Presse, Vorarlberger Volksblatt, 2.10.1900, S.-1-2. 86 W E I T E N S F E L D E R , Römlinge, S.-72-114. 87 Vgl. G R E U S S I N G , Erzeugung. Presse aber nicht reine Verlängerung der Kanzel in den medialen Raum. Tatsächlich verhalf sie Laien zu einer neuen Machtposition innerhalb des katholisch-konservativen Lagers, welche die vormalige Dominanz des Klerus als Wort- und Meinungsführer des Konservatismus ernsthaft in Frage stellte. Das „Volksblatt“ und seine Krise 1888/ 89, die unter den Auspizien Johann Kohlers in die Gründung eines von Laien dominierten und kontrollierten Pressevereins mündete, ist ein Beispiel dafür. Das „Volksblatt“ war aber nicht nur intern umkämpft, es musste auch nach außen darum kämpfen, seine Leser und Leserinnen - auch die Vorleser und Vorleserinnen - zu erreichen. Die wiederkehrenden Lamentos des „Volksblatts“ über Vorarlberger Cafés und Gastwirtschaften, in denen nur liberale Blätter, aber keine katholischen Zeitungen aufliegen würden, werden vor diesem Hintergrund nachvollziehbar. Um Öffentlichkeit zu erzeugen, musste das Blatt öffentlich zugänglich sein. Damit zählte tatsächlich jedes einzelne Wirtshaus, um das folglich gekämpft werden musste. „Eine Partei ohne Presse“, so zitierte das „Volksblatt“ 1890 den Pfarrer Josef Heinrich, ein Ausschussmitglied des Pressvereins, „wäre heutzutage wie ein Mensch ohne die Gabe der Sprache; er kann sich nicht mittheilen, er kann für seine Ideen, und wären sie die besten der Welt, niemanden gewinnen, er bleibt für immer auf sich angewiesen, ganz isolirt.“ 83 Das spaltenfüllende Geplänkel zwischen den unterschiedlichen Zeitungen, die gegen‐ seitigen Polemiken, die in den Vorarlberger Blättern beinahe täglich vorkamen, waren Ausdruck dieses Kampfs um die begrenzte Leserschaft. Ein Kampf in dem, wie Hubert Weitensfelder zurecht festgestellt hat, ökonomische Motive wohl häufig den Vorrang vor politischen hatten. 84 Hinter Warnungen vor liberalen und areligiösen Irrlehren der Konkur‐ renz, mochte sich in Wahrheit manchmal die Hoffnung und Aussicht auf neue Inserenten und Abonnenten verstecken. Dieser Kampf um Öffentlichkeit wurde durch das „Volksblatt“ keineswegs nur mit rationalen Argumenten geführt. Neben den schrillen Warnungen vor den geistigen Gefahren der Konkurrenz setzte die Redaktion zur Jahrhundertwende zunehmend auch auf antisemitische Diffamierung und hysterische Warnungen vor der feindlichen „Judenpresse“. 85 Den Übergang von der katholisch-konservativen zur christlichsozialen Bewegung hat Weitensfelder in einer Regionalstudie für Vorarlberg ausführlich dargestellt. 86 Im Bereich der Pressepublizistik begann diese Übergangsphase in Vorarlberg bereits 1888. Dass damit auch eine Verschiebung der politischen Positionen einherging, zeigt sich auch am „Volksblatt“: In den 1890er-Jahren wurde der Antisemitismus zum festen redaktionellen Programm. 87 Eine Charakteristik, die das „Volksblatt“ bis zur erzwungenen Einstellung der Zeitung im Jahr 1938 prägte. Umkämpfte Öffentlichkeit 151 <?page no="152"?> 88 W A L S E R , Johann Kohler, S.-42. 89 Im Impressum des „Volksblatts“ wurde der Vorarlberger Pressverein allerdings erst ab 1. Jänner 1895 genannt. 90 VLA, Pressverein, fol. 114. V. Schlussbemerkungen In seiner Kohler-Hagiographie von 1918 widmete der vormalige Schwarzacher Pfarrer Josef Walser Kohlers Tätigkeit auf dem Gebiet des Pressewesens nur einen längeren Absatz. Der wesentliche Abschnitt war der folgende: „Eine überaus schwierige Aufgabe oblag Kohler auf dem Gebiete der Presse. […] Ihm wurde die Würde und gewaltige Bürde aufgeladen, am ‚Volksblatt‘ Vaterstelle zu vertreten. Damit hatte er einen dornenvollen Weg betreten. Durch viele Jahre brachte er nun große Opfer an Geld, Zeit und Mühe und bitteren Sorgen für die katholische Presse. Als dann das ‚Volksblatt‘ nach peinlichen Wirren an den neugegründeten Preßverein überging, wurde er wieder dessen Vorstand und nahm sich von neuem des ‚Volksblattes‘ und des ‚Landboten‘ an.“ 88 Es mag gut sein, dass das Engagement für das „Volksblatt“ und den Pressverein Kohler immer wieder Sorgen bereitete. Die Schuldenlast des Blattes war erdrückend und schließ‐ lich fand es, auch unter neuer Verantwortung des Vorarlberger Pressvereins, keineswegs immer das Wohlgefallen der kirchlichen Obrigkeit. Es ist nachvollziehbar, dass letzteres einem deklariert katholischen Politiker wie Johann Kohler ein gewisses seelisches Unbe‐ hagen verursachen konnte. Das Jahr 1888 hätte Kohler einen Weg geboten, sich dieser „Bürde“ und der daraus erwachsenen „Sorgen“ ein für alle Mal zu entledigen. Er schied damals, wie erwähnt, aus der Parteileitung und dem alten Presseausschuss aus. Die Ereignisse im Dezember 1888, die Gründung des Hilfskomitees, zeigen allerdings, dass Kohler nur scheinbar die Führungsspitze des katholisch-konservativen Lagers in Vorarlberg verlassen hatte. Tatsächlich war seine Position ab dem Dezember 1888 stärker als zuvor. Die „Krise des Volksblatts“ erwies sich im Nachhinein als Glücksgriff für Kohler und die sogenannte „scharfe Fraktion“. Das „Volksblatt“ ging als Resultat eindeutig in den Besitz des Vorarlberger Pressvereins und damit in die Kontrolle der katholisch-konservativen Laien über. 89 Eine völlige Emanzipation von den kirchlichen Autoritären und den durch diese gesetzten Grenzen bedeutete das freilich nicht und die innerparteiliche Kritik am „Volksblatt“ verstummte ebenfalls nicht unmittelbar. Auch die politische Krise der Vorarlberger Konservativen sollte erst 1893 endgültig überwunden werden. Mit dem Vorarlberger Pressverein, einer aus der Not geborenen Vereinigung, stand der katholisch-konservativen Bewegung in der Zwischenzeit die einzige funktionstüchtige landesweite Organisation zur Verfügung. Die Bedeutung dieses Vereins als eine Art Ersatz‐ parteiorganisation in einer ernsten Krisenphase zeigt sich daran, dass der Ausschuss des Vereins am 22. Juni 1893 in Dornbirn tagte und dort die Gründung des Christlichsozialen Volksvereins beschloss, der forthin die offizielle Parteiorganisation darstellte. 90 Johann Kohler war zu diesem Zeitpunkt zwar nicht mehr Obmann des Pressvereins, aber er war derjenige gewesen, der die Weichen in diese Richtung gestellt hatte. 152 Nikolaus Hagen <?page no="153"?> 1 Erik E Y B L , Von der Eule zum Euro. Nicht nur eine österreichische Geldgeschichte. Klagenfurt/ Ljubl‐ jana/ Wien 2005, S.-37. Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg Johann Kohler und Wendelin Rädler Simone Drechsel Johann Kohler und Wendelin Rädler prägten die Raiffeisengeschichte in Vorarlberg wie keine anderen. Ihrem Engagement, ihrer Ausdauer und Tatkraft und nicht zuletzt ihren Netzwerken war es zu verdanken, dass die Idee der Selbsthilfe nach den Vorstellungen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu einem Erfolgsmodell wurde. Was die beiden antrieb, waren die ökonomischen Probleme der ländlichen Bevölkerung. Durch die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich beschleunigende Modernisierung und Einbindung der regionalen in internationale Märkte stand das Bauerntum unter vielfachem Anpassungs‐ druck. Die Mehrheit der Vorarlbergerinnen und Vorarlberger war trotz fortschreitender Industrialisierung noch immer im agrarischen Sektor tätig und sie sorgte für die katholischkonservative Mehrheit im Landtag. Dieser Kernwählerschicht sollte mithilfe von Genos‐ senschaftsbanken, die sich als soziales, nicht am maximalen Gewinn orientiertes Projekt verstanden, unter die Arme gegriffen werden. Doch bis es soweit war, benötigte es ein Hochwasser, die daraus resultierenden Geldnöte der Betroffenen und den Umstand, dass keine Bank da war, die Geld zur Verfügung stellte. I. Die Anfänge des Bankwesens in Vorarlberg - eine Einführung Banken lassen sich in drei große Blöcke unterteilen: in die Privatbanken, die öffentlichrechtlichen Geldinstitute und die Genossenschaftsbanken. Unter Privatbanken werden dabei Kreditinstitute verstanden, deren Gesellschafter weder die öffentliche Hand noch Mitglieder einer Genossenschaft sind. Die Entscheidungsbefugnis liegt alleinig beim Eigen‐ tümer, der auch persönlich haftet. Der Privatbankier ist die älteste Unternehmensform im Bankwesen und sie lässt sich bis in die Zeit der Kreuzzüge zurückverfolgen. 1 Bis Mitte des 19. Jahrhunderts blieben die Geldhäuser von Privatbankiers (meistens Familienunter‐ nehmen) die vorherrschende Organisationsform. Es handelte sich um Universalbanken, die jede gewünschte Kreditform vermittelten. Danach nahm die Zahl und die Bedeutung der Privatbanken stetig ab. Die erste Vorarlberger Privatbank war jene der Familie Brettauer in Hohenems. Herz Lämle Brettauer hatte sich 1774 dort niedergelassen und unterhielt neben einem Juwelier‐ <?page no="154"?> 2 Die beiden anderen Söhne, Hermann (1804-1883) und Samuel (1813-1879), stiegen zusammen in die Textilbranche ein und gründeten die Firma H. L. Brettauer, die später ebenfalls in die Bankbranche wechselte. 3 Aron T Ä N Z E R , Die Geschichte der Juden in Hohenems und im übrigen Vorarlberg. Triest 1905, Nachdruck Bregenz 1971, S. 479-481; Christoph V A L L A S T E R , Die Anfänge des Finanzplatzes in Vorarlberg. In: Bodensee-Hefte 46 (1996) 4, S. 32-34; Michael F O R C H E R , 75 Jahre Bank für Tirol und Vorarlberg. 1904-1979. Innsbruck 1979. 4 T Ä N Z E R , Geschichte der Juden in Hohenems, S.-495-496. 5 Als Bank für „kleine Leute“: 1778 wurde in Hamburg die erste Sparkasse der Welt gegründet, 25.1.2019, URL: https: / / www.stern.de/ lokal/ hamburg/ 1778-wurde-in-hamburg-die-erste-sparkasse -der-welt-gegruendet-8543120.html (31.8.2024). handel auch eine Wechselstube. Seine drei Söhne Emanuel, Leopold und Jonas Brettauer gründeten 1837 die Firma „Ludwig Brettauer sel. Erben“, zu der neben dem Lederhandel, den sie betrieb, auch ein Bank- und Wechselgeschäft gehörte. 2 Zwischen 1875 und 1877 wurde der Lederhandel aufgelassen und das Bankgeschäft mit Josua Brettauer, dem Sohn von Emanuel, als Kompagnon weitergeführt. 1888 wurde das Stammhaus in Hohenems aufgelassen und der Firmensitz in die von Heinrich Brettauer gegründete Bregenzer Filiale verlegt. Aus dieser Bankiersfamilie entstammte auch Ferdinand Brettauer, der sich große Verdienste als Mitbegründer und Direktor der Bank für Tirol und Vorarlberg erwarb. Diese übernahm 1904 das Bankhaus der Firma Brettauer. 3 Ein weiteres Privatbankhaus war jenes der Gebrüder Schwarz; wie die Brettauers entstammten auch sie der traditionsreichen Hohenemser jüdischen Gemeinde. Der Gründer war der 1848 aus Bozen in seinen Geburtsort zurückgekehrte Ernst Schwarz. Was im bescheidenen Rahmen begonnen hatte, war 1876 bereits ein über die Grenzen Vorarlbergs hinaus tätiges Unternehmen. In diesem Jahr übernahmen die Söhne Arnold und Siegmund unter dem Namen „Ernst Schwarz Söhne“ die Geschäftsführung. 1883 wurde der Sitz nach Feldkirch verlegt und 1904 von der „K.k. priv. oester. Creditanstalt für Handel und Gewerbe in Wien“, später Creditanstalt Bankverein, übernommen. 4 Daneben gab es noch weitere kleinere Geldhäuser von Privatbankiers wie Carl Veith und Oscar Sohm, später Oscar Sohms Witwe, in Bregenz oder das der Familien Löwenberg in Hohenems. Gemeinsam war allen genannten Beispielen, dass sie Kredite nur an wohlhabende Privatpersonen und Un‐ ternehmen vergaben und auch Einlagen erst ab einer gewissen Summe entgegennahmen. Die ärmeren Schichten hatten keinen Zugang. Die Gesellschafter öffentlich-rechtlicher Banken sind entweder der Staat (Nationalbank), die Länder (Landesbanken) oder die Gemeinden (Sparkassen). Sie üben ihre Geschäftstä‐ tigkeit auf Grundlage eines öffentlichen Auftrags und des Gemeinnützigkeitsprinzips, das keine maximale, sondern eine angepasste Gewinnerzielung vorsieht, aus. Die weltweit erste öffentliche Bank war die 1401 als Abteilung der Stadt Barcelona gegründete „Taula de cambi“. Im deutschsprachigen Raum wurden die ersten Sparkassen ab 1778 noch in privater Rechtsform gegründet; 5 später bestanden von Privatpersonen gegründete Vereinssparkassen und Gemeindesparkassen nebeneinander. Über Jahrhunderte hinweg bedeutete Sparen für die einfachen Leute, in Notfällen über Reserven zu verfügen. Das wenige erwirtschaftete Geld wurde in Truhen oder Kleidungsstücken versteckt. Dies änderte sich mit der Industrialisierung und den damit verbundenen Lohnauszahlungen. Der Wiener Pfarrer Johann Baptist Weber (1776-1848) warnte vor den Gefahren des Geldes 154 Simone Drechsel <?page no="155"?> 6 Wien, am Graben 21. 150 Jahr Erste österreichische Spar-Casse. 150 Jahre österreichische Geschichte, hg. von E R S T E Ö S T E R R E I C H I S C H E S P A R - C A S S E . Wien 1969, S.-34-36. 7 Geschichte der Sparkasse Bregenz. In: Feierabend, Wochenbeilage zum Vorarlberger Tagblatt, 20. Folge 1930, S.-286-288. 8 V A L L A S T E R , Anfänge des Finanzplatzes Vorarlberg, S.-33-34. 9 Herwig T H U R N H E R , Die Entstehung des Kreditwesens in Vorarlberg. In: Jahresbericht Bundeshan‐ delsakademie/ Bundeshandelsschule Feldkirch 1968/ 69, S. 79-83, hier S. 79; Simone D R E C H S E L , 125 Jahre Volksbank Vorarlberg. Rankweil 2013, S.-11-13. 10 Johann B R A Z D A / Robert S C H E D I W Y / Tode T O D E V , Selbsthilfe oder politisierte Wirtschaft. Zur Ge‐ schichte des österreichischen Genossenschaftsverbandes (Schulze-Delitzsch) 1872-1997. Wien 1997, S.-219. 11 Spar- und Vorschussverein Rickenbach und Umgebung registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung. In: Raiffeisenbank Wolfurt 1881-1981, hg. v. der R A I F F E I S E N B A N K W O L F U R T . Wolfurt 1981, S.-16. für die breite Bevölkerung, und so wirkte er auch tatkräftig bei der Errichtung der „Ersten österreichischen Spar-Casse“ 1819 mit. Diese sollte den Menschen eine Möglichkeit bieten, ihr Geld sicher zu verwahren und auch anzulegen. 6 Die „Erste“ initiierte auch die Gründung von weiteren Sparkassen in der ganzen Monarchie und bis in die 1850er-Jahre blieben sie neben den Privatbanken die einzigen Kreditinstitute. Als drittälteste in ganz Österreich und als erste in Vorarlberg entstand 1822 die Sparkasse Bregenz. Die Bevölkerung brachte der anfänglich in Vereinsform gegründeten Sparkasse jedoch nicht das nötige Vertrauen entgegen. Erst als die Stadt Bregenz sie 1848 übernahm und nun für sie haftete, begannen die Geschäfte zu laufen. 7 Anders verhielt es sich bei der 1842 in Feldkirch gegründeten Sparkasse. Deren Geschäfte waren von Anfang an auf das Engste mit der Stadtverwaltung verbunden. 8 In Dornbirn hatte es bereits 1839 Bestrebungen gegeben, eine Sparkasse zu errichten. 1853 legte die Gemeindevertretung den Behörden erstmals Statuten zur Genehmigung vor, doch vergingen erneut Jahre, bis die Dornbirner Sparkasse 1867 ihren Geschäftsbetrieb aufnahm. Rasch entwickelte sie sich aber zur größten des Landes. 9 Die heutigen österreichischen Genossenschaftsbanken umfassen die Raiffeisen- und Volksbanken. Letztere gehen auf das System Schulze-Delitzsch zurück, das sich als Angebot für Handwerk und Gewerbe verstand; die ursprüngliche Bezeichnung lautete „Spar- und Vorschußkassen“. 10 Die ersten genossenschaftlichen Bankgründungen in Vorarlberg fielen in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1868 entstand der erste Vorschussverein in Feldkirch, später folgten weitere in Hohenems und Wolfurt-Rickenbach. 11 Das 1873 in Kraft getretene Genossenschaftsgesetz verbesserte die Rahmenbedingungen und noch im April des Jahres wurde die Spar- und Vorschußkassa für Egg und Umgebung gegründet, über die das „Vorarlberger Volksblatt“ wenige Wochen später nur Positives zu berichten wusste. „Die Volksthümlichkeit des Institutes zeigt sich thatsächlich durch die rege Theilnahme an demselben. Man hat in dieser kurzen Zeit einen kleinen Einblick erlangt, wie viel Geld auf der einen Seite oft todt liegen bleibt, das durch den Kredit dieser Kasse nutzbringend angelegt wird und wie ausgedehnt auf der anderen Seite die Geschäftsthätigkeit der hiesigen Bevölkerung ist, zu deren profitablen Betrieb ihr aber gerade billige Geldvorschüsse von großem Vortheil sind. […] Es wäre daher für den Aufschwung des Volkswohlstandes die Gründung mehrerer Spar- und Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 155 <?page no="156"?> 12 Vorarlberger Volksblatt, 30.5.1873, S.-3; 110 Jahre Sparkasse Egg, hg. v. der S P A R K A S S E D E R G E M E I N D E E G G , Egg 1973, S.-12-14. 13 D R E C H S E L , 125 Jahre Volksbank Vorarlberg, S.-11-13. 14 Friedrich Wilhelm R A I F F E I S E N , Die Darlehenscassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung, sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter. Praktische Anleitung zur Bildung solcher Vereine, gestützt auf sechszehnjährige Erfahrung als Gründer derselben. Neuwied 1886, S.-1. Vorschußkassen gewiß sehr zuträglich und die konservative Parthei könnte wieder einmal durch die That zeigen, was die liberale so gern blos im Munde führt.“ 12 Trotz dieses Erfolgs sollten 15 Jahre verstreichen, bis ein weiteres Kreditinstitut auf genossenschaftlicher Basis dazu kam - die von Gewerbetreibenden und Wirten 1888 initi‐ ierte Spar- und Vorschußkasse der Kollektivgenossenschaft Rankweil. Trotz anfänglicher bürokratischer Schwierigkeiten und Hürden lief die Volksbank Rankweil gut an. Bis 1952 blieb sie die einzige Volksbank in Vorarlberg, da Egg 1907 in eine Gemeindesparkasse umgewandelt worden war. 13 II. Die Idee der Selbsthilfe von Friedrich Wilhelm Raiffeisen Der Sozialreformer und Kommunalpolitiker Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde 1818 in Hamm geboren. Als Bürgermeister der ärmlichen, ländlichen Gemeinden von Weyerbusch im Westerwald (1845-1848), Flammersfeld (1848-1852) und Heddesdorf (1852-1865) war er mit viel Armut und Elend konfrontiert: „Die guten alten Zeiten, wo der Nachbar dem Nachbar auf ’s Wort, ohne Schuldschein, aus der Not half, sind vorüber. Mißtrauen ist an Stelle des Vertrauens getreten, ein Bruder hilft kaum noch dem andern; in Geldangelegenheiten hört alle Gemüthlichkeit auf. […] Es ist wirkliche Not, große Noth vorhanden, als die als unteren Volksschichten ferner Stehenden oberen Volksschichten […] glauben mögen.“ 14 Durch die Gründung von Hilfsvereinen versuchte er die Lage zu verbessern. In Weyerbusch brachte er begüterte Bürger dazu, etwas von ihren Ersparnissen in einen Hilfsverein einzuzahlen, um damit Getreide kaufen und dieses gegen Schuldscheine an die ärmere Bevölkerung ausgeben zu können. In Flammersfeld wiederum war es üblich, dass Händler Vieh gegen hohe Preise auf Kredit an die Bauern verkauften. So gründete Raiffeisen den „Flammersfelder Hilfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“. Über den Verein konnten die Mitglieder Geld anlegen, aber auch Darlehen für den Kauf von benötigten Gerätschaften und Vieh aufnehmen. In der etwas größeren Gemeinde von Heddesdorf dominierte die Fabrikarbeiterschaft, die zum Überleben aber zusätzlich kleine Landwirtschaften betreiben musste. Um diesen Familien zu helfen, rief Raiffeisen 1854 den „Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein“ ins Leben. Wie bei allen anderen Vereinen war es ihm wichtig, dass keine Almosen an die Mitglieder verteilt, sondern günstige Kredite zur Selbst‐ hilfe vergeben wurden. Diese Basis erweiterte er im Laufe der nächsten Jahre und wandelte schließlich den Wohltätigkeitsverein in den „Heddesdorfer Darlehenskassenverein“ um, der als erste Genossenschaftsbank gesehen werden kann. In jedem Dorf gäbe es reichere Bürger, die mehr Geld hätten, als sie direkt benötigten. Diese sollten nun ihr überschüssiges 156 Simone Drechsel <?page no="157"?> 15 Joseph K O L B , Praktische Winke und Ratschläge zur Gründung und Leitung Raiffeisen‘scher Darle‐ henskassenvereine. Würzburg 1894, S.-4. 16 Friedrich S C H M I D , Die Genossenschaftssystem Schulze-Delitzsch und Raiffeisen. Wien 1988, S. 29-31. 17 Engelbert K E S S L E R , Dr. Hermann Schulze-Delitzsch. Begründer und Anwalt der deutschen Genos‐ senschaften. Wien 1883, o. P. 18 Die Vorschusskassen nach dem System Raiffeisen, Feldkircher Zeitung, 23.3.1889, S.-1. Geld zum Darlehenskassenverein bringen, der damit anderen Mitgliedern wiederum „die zu ihrem Geschäfts- und Wirtschaftsbetriebe nötigen Geldmittel in verzinslichen Darlehen beschaffe“. Des Weiteren sollten alle „Mitglieder sich unter einander verbindlich machen, für alle Vereinsanleihen sowie auch für alle Verbindlichkeiten des Vereines und unmittelbar den Gläubigern desselben solidarisch mit ihrem ganzen Vermögen haften.“ 15 Dadurch war auch hinreichende Sicherheit gegeben. Im Idealfall musste kein Geld von außerhalb besorgt werden, die Leute im Dorf oder der Gemeinde halfen sich gegenseitig. Vereinfacht lässt sich Raiffeisens Idee der Selbsthilfe in vier Punkte zusammenfassen: 1. Überschaubarkeit (in jedem Dorf gibt es einen eigenen Darlehenskassenverein), 2. ehrenamtliche Leitung des Vereins, 3. unbeschränkte Haftung aller Mitglieder und 4. Verbindung von Geld- und Warengeschäft. Der Genossenschaftsgedanke war sicherlich nicht neu, aber Friedrich Wilhelm Raiffeisen orientierte sich an den Erfordernissen, denen er täglich begegnete und traf damit den Nerv der Zeit. 16 Raiffeisen fand rasch viele Anhänger und Förderer, so dass Hermann Schulze-Delitzsch Konkurrenz durch diese neuen Genossenschaften, deren Modell er ablehnte, befürchtete und deshalb auch massiv gegen Raiffeisen agitierte. Der Jurist und Politiker Schulze- Delitzsch hatte 1849 in Delitzsch in Sachsen eine Schuhmachergenossenschaft gegründet, die erste Genossenschaft als unternehmerische Rechtsform. In weiterer Folge propagierte er Spar- und Konsumvereine, Kredit- und Vorschussvereine und die Gründung von Produk‐ tionsgenossenschaften. In seinem 1855 verfassten Werk „Vorschuß- und Kreditvereine als Volksbanken“ schuf er Musterstatuten für die Volksbanken, die ein wichtiges Element in seinem System der Selbsthilfe darstellten. 17 Dieses beruhte auf der Solidarhaftung, dem Kauf von Genossenschaftsanteilen, der Reduzierung der Vorteile auf Mitglieder und keiner direkten Unterstützung durch den Staat. Dadurch geriet er in Konflikt mit Raiffeisen und Ferdinand Lassalle, dem Pionier der frühen deutschen Arbeiterbewegung, und musste sein Modell vehement verteidigen. Bei Schulze-Delitzsch trat der Aspekt des Karitativen zugunsten der Selbsthilfe und der Wirtschaft in den Hintergrund. Raiffeisen hingegen hielt daran fest, was mit christlichem Gedankengut unterlegt in seinen Mustersatzungen Einzug fand. Die beiden waren sich außerdem bei der Vergabe von Krediten und der Rückzahlungszeit uneinig. Dies hing vor allem mit den unterschiedlichen Zielgruppen zusammen. Gewerbetreibende benötigten Kredite, um kurzfristige Geldengpässe über‐ brücken zu können, denn durch den schnelleren Umlauf der Handelsgüter waren sie rascher wieder liquide. Daher vergaben die Vorschussvereine Kredite auf drei Monate. Da die Geldflüsse in der Landwirtschaft andere waren, belief sich die Kreditlaufzeit bei den Spar- und Darlehenskassen auf fünf bis zehn Jahre. Doch in dieser langfristigen Vergabe sah Schulze-Delitzsch ein Risiko für die Liquidität des Vereins. 18 Ein weiteres Konfliktfeld lieferte die Frage nach der Eigenkapitalbindung. Während Friedrich Wilhelm Raiffeisen ein Gegner der Geschäftsanteile war, sah Hermann Schulze-Delitzsch in ihnen Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 157 <?page no="158"?> 19 S C H M I D , Genossenschaftssysteme Schulze-Delitzsch und Raiffeisen, S.-29-31. 20 Ebenda. 21 Meinrad P I C H L E R , Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015 (Geschichte Vorarlbergs 3). Innsbruck 2015, S.-40. 22 Franz Michael F E L D E R , Nümmamüllers (Ausschnitt). In: Franz Michael Felder (1839-1869). Katalog zur Ausstellung im Felder Museum Schoppernau, hg. vom F E L D E R M U S E U M S C H O P P E R N A U u. a., bearb. von Jürgen T H A L E R . Lengwil 2005, S.-55-57, hier S.-55. ein Element des Sparens. Auch war er der Meinung, dass eine angemessene Verzinsung der Geschäftsanteile die kleinen Anleger locken würde. 19 Damit die einzelnen Vereine nicht alleine dastanden, hatte Raiffeisen Anstrengungen unternommen, einen Überbau zu schaffen und 1872 die „Rheinische Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank“ gegründet, die als Geldausgleichsstelle (als „Bank für Banken“) dienen sollte. Bereits zwei Jahre später ging diese in der „Deutschen Landwirtschaftlichen Generalbank“ auf. Auf Betreiben von Schulze-Delitzsch musste diese wieder liquidiert werden. Raiffeisen schuf daraufhin 1877 die „Landwirtschaftliche Central-Darlehenskasse“ in Form einer Aktiengesellschaft. Dieser Dachverband bildete die Grundlage für die weitere Entwicklung und weltweite Ausbreitung des Genossenschaftswesens. 20 III. Die ersten Spar- und Darlehenskassenvereine in Vorarlberg entstehen Ab den 1860er-Jahren wurde der genossenschaftliche Gedanke auch in Vorarlberg disku‐ tiert. Es waren vor allem der Bauer und Dichter Franz Michael Felder, der Feldkircher Bürgermeister Andreas Ritter von Tschavoll und die beiden Lehrer und Politiker Wendelin Rädler und Johann Kohler, die diesen Gedanken aufgriffen und durch zahlreiche Initiativen einer breiteren Bevölkerungsschicht zugänglich machten. Der 1839 in Schoppernau geborene Franz Michael Felder erlebte die Armut der ländlichen Bevölkerung am eigenen Leib. Durch die Erbregelung der Realteilung waren die Höfe vielfach so klein geworden, dass sie für eine Existenz kaum mehr ausreichten. Dazu kam, dass die Hoferben die anderen Erbberechtigten, die nicht mit Grund abgefunden wurden, auszahlen mussten, was meistens zur Verschuldung führte. 21 Um diese Schulden begleichen zu können, waren die Landwirte auf private Geldverleiher, wie Wirte, Händler oder im Fall des Bregenzerwaldes, auf Kreditgeber aus dem Tiroler Lechtal angewiesen. Am Katharinentag (25. November) mussten die Zinsen bezahlt werden. Über diesen Tag schrieb Franz Michael Felder in seinem „Nümmamüller und das Schwarzokaspale“: „In der Au ist am Katharinentag ein großer Markt. Fast alle Krämer des Waldes und alle die, welche im hintern Wald Geld zu zahlen oder einzuziehen haben, kommen hier zusammen. Da geht es dann zu! Der eine sucht ‚seinen Lechtaler‘, ein anderer will sich vor dem seinen verstecken, nicht weil er die Absicht hat, heuer nicht zu bezahlen, aber er hat den auf der Alp verdienten Sommerlohn noch nicht erhalten, und daher kann er sich noch nicht regen und nicht bewegen. Wieder einer tröstet seinen Gläubiger mit der Versicherung, ‚daß er bei weitem nicht der einzige sei, dem er heut’ noch nichts gegeben habe‘. In den Wirtshäusern sitzen die großen Kapitalisten und absolvieren ihre Schuldner, einen nach dem andern, wie der Pfarrer im Beichtstuhl.“ 22 158 Simone Drechsel <?page no="159"?> 23 Walter M E T H L A G L , Der Traum des Bauern. Franz Michael Felder. Bregenz 1984, S.-54-55. 24 Franz Michael F E L D E R , Konsum-Verein oder Produktiv-Assoziation. In: Franz Michael Felder (1839- 1869), hg. vom F E L D E R M U S E U M S C H O P P E R N A U u.-a., S.-149-153, hier S.-151. 25 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-43. 26 Für seine Verdienste in der Landwirtschaft wurde Tschavoll in den erblichen Adelsstand erhoben. Monika K Ü H N E , Wohlgeordnet aufgestapelt. Privatbibliotheken im 19. Jahrhundert - Josef Andreas Ritter von Tschavoll und Franz Xaver Moosmann (Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft 75). Feldkirch 2018, S.-44, 47, 50, 72. 27 Josef Andreas von Tschavoll, Ueber Volksbanken. In: Beilage zur Feldkircher Zeitung Nr. 35, Feldkirch 1870, S.-1. Um diese Zinsen bezahlen zu können, liehen sich viele Bauern das Geld bei Gallus Moosbrugger, dem „Käsegrafen“ aus Schnepfau. Dieser forderte im Gegenzug die nächst‐ jährige Milchproduktion, und zwar zu einem von ihm diktierten Preis. War der Bauer dann nicht in der Lage, die geforderte Milchmenge zu liefern, musste er für Gallus Moosbrugger unbezahlt arbeiten. Franz Michael Felder las zahlreiche ökonomische und auch sozialpolitische Studien, darunter die Schriften Ferdinand Lassalles, und versuchte diese in seine eigenen politischen Unternehmungen zu integrieren. Die Konsum- und Sparvereine von Schulze-Delitzsch lehnte er ab, denn dieser habe die Arbeiterschaft durch Kompromisse an die Unternehmer verraten. 23 Sein eigenes Ziel lautete, „das Volk rührig, nicht es zum ‚sparenden‘ Philister [zu] machen.“ 24 Um bessere Milchpreise erzielen zu können, versuchte Felder zunächst, Gallus Moos‐ brugger zu einer Zusammenarbeit mit den Bauern in einer gemeinsamen Genossenschaft zu bewegen. Dieser ging auf den Vorschlag jedoch nicht ein, dennoch gründete Felder 1866 eine Käsehandlungsgenossenschaft. Bei dieser hatte jeder Bauer, unabhängig von der Höhe der Einlage, bei der Vollversammlung eine Stimme. Die Erträge hingegen wurden nach der Einlagenhöhe berechnet. - Unter dem Namen „Alma“ sollte aber erst 1921 eine konkurrenzfähige Milchverwertungsgesellschaft entstehen. 25 Einen anderen Zugang zu Hermann Schulze-Delitzsch und dessen genossenschaftlichen Vorschusskassen hatte Andreas Ritter von Tschavoll. Geboren 1835 in Feldkirch, studierte er Ackerbau und Chemie an der Universität Gießen; seine fachtechnische Ausbildung erhielt er am Wiener Polytechnikum. Nach dem Tod des Vaters 1859 wurde er Gesell‐ schafter der Textilunternehmen Getzner & Comp. bzw. Getzner, Mutter und Cie. mit Standorten in Feldkirch, Nenzing und Bludenz. Sein öffentliches Engagement mündete in viele Funktionen und Ämter: 1863 war er Mitbegründer des Landwirtschaftlichen Vereins für Vorarlberg, 1866 der erste Präsident des Landes-Viehversicherungsvereins; er setzte sich für die Gründung der Landwirtschaftlich-chemischen Versuchsanstalt Feldkirch im Jahr 1875 ein, von 1873 bis 1880 bzw. 1883 bis 1884 amtierte er als Feldkircher Bürgermeister und von 1878 bis 1884 gehörte er als liberaler Abgeordneter auch dem Vorarlberger Landtag an. 26 Im Jahr 1870 unterbreitete Josef Andreas von Tschavoll in mehreren Ausgaben des „Feldkircher Anzeigers“ der Leserschaft die Vorteile einer Volksbank: „Meine Devise lautet: Weg mit ungläubigen Zweifeln über die Lebensfähigkeit solcher Anstalten! Angefaßt und ausgeharrt! Energie und Beharrlichkeit im Guten fördert Wohlstand und Gewinn! “ 27 Wichtig bei den Kreditvereinen war auch ihm die Selbsthilfe, die sich in der Vereinstätigkeit bzw. in dessen Aufgabengebiet widerspiegeln müsse. Es sei daher darauf zu achten, dass die Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 159 <?page no="160"?> 28 Ebenda, S.-3. 29 Ebenda, S.-20. 30 Siegfried H E I M , Wendelin Rädler 1835-1913. Ein Leben für die Gemeinschaft. In: Raiffeisenbank Wolfurt, hg. v. der R A I F F E I S E N B A N K W O L F U R T , S. 6-11, 10; Siegfried H E I M , Wendelin Rädler. In: Heimat Wolfurt, 1993, Heft 12, S.-33-46. 31 Zit. n. ebenda, S. 38. Dies war eine Anspielung auf die damals schlechte Entlohnung der Lehrer. Während der Sommermonate verdiente sich Wendelin Rädler als Vertreter für Teigwaren ein zusätzliches Einkommen. 32 Simone D R E C H S E L , Selbsthilfe - von der Idee zur Praxis. Von Hermann Schulze-Delitzsch über Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu den ersten 50 Jahren des Raiffeisenverbandes in Vorarlberg. In: Allmeinde Vorarlberg, hg. von Rita B E R T O L I N I . Bregenz 2012, S.-26-33. Vereine zu keinen „Almosenanstalten“ verkommen würden. Hier orientierte sich Tschavoll an Hermann Schulze-Delitzsch: „So lange Jemand noch den eigenen und der Seinigen Unterhalt, sei es auch kümmerlich, durch Arbeit zu erschwingen im Stande ist, nehme man ihn auf; sobald ihm aber diese Eigenschaft abgeht, ist eine solche Person in wirthschaftlicher Hinsicht für die Gesellschaft todt und fällt der öffentlichen oder Privatmilde anheim.“ 28 Der Nutzen der Kreditvereine liege nicht darin, einzelne zu unterstützen, sondern die Lage ganzer Bevölkerungsklassen zu verbessern. In seinem Statuten-Entwurf nannte Tschavoll in § 1 als Zweck eines solchen Vereins „a. den Mitgliedern durch gemeinschaftlichen Credit Vorschüsse auf kürzere oder längere Zeit zu gewähren und denselben dadurch zu ihrem Geschäftsbetriebe Kapitalien zu verschaffen; b. durch verzinsliche Spar-Einlagen in die Kasse des Vereins und Annahme von Geldern in laufender Rechnung Gelegenheit zur Ansammlung größerer Kapitalien zu geben; c. den Geldverkehr des Handwerks, der Gewerbe und des Grundbesitzes in möglichst einfacher, wenig zeitraubender Weise zu vermitteln.“ 29 Dieselben genossenschaftlichen Grundgedanken und fortschrittlichen Ziele hatte auch der Lehrer und Politiker Wendelin Rädler. Geboren 1835 in Hirschbergsau, erfolgte 1845 die Übersiedelung nach Kennelbach. Noch keine 17 Jahre alt, wurde er Lehrer. 1876 zum Oberlehrer und Schulleiter in Wolfurt bestimmt, blieb er in dieser Stellung bis zu seiner Pensionierung 1895. Schon als aktiver Lehrer sozial engagiert, ließ er sich dann in den Gemeinderat wählen, um so Einfluss auf die lokale Politik nehmen zu können. 30 Obwohl sie für die gleichen Ziele kämpften, unterschieden sich Franz Michael Felder und Wendelin Rädler in ihrer Weltanschauung und brachten die Verachtung für den jeweils anderen auch zum Ausdruck. So bezichtigte Rädler Felder als „im Solde der Freimaurer stehend“, und dieser wiederum beklagte sich bei seinem Schwager Kaspar Moosbrugger über den „Lehrer von Kennelbach, der im lieben langen Sommer für ein Nudelgeschäft reist.“ 31 Während Felder den Theorien Ferdinand Lassalles anhing und Tschavoll ein Befürworter von Hermann Schulze-Delitzsch war, machte Wendelin Rädler das Genossenschaftssystem nach Raiffeisen, das auf die bäuerliche Bevölkerung abgestimmt war und karitative bzw. christliche Grundwerte stärker betonte, zu seiner Sache. Dabei hatte er von Anfang an in Johann Kohler, der im Nachbardorf lebte, einen Mitstreiter. Ab 1888 hielten die beiden im Vorarlberger Unterland Vorträge über Raiffeisen und dessen Spar- und Darlehenskas‐ senvereine. 32 Traten sie gemeinsam auf, übernahm Johann Kohler den allgemeinen Teil 160 Simone Drechsel <?page no="161"?> und anschließend erklärte Wendelin Rädler die konkreten, praktischen Aspekte einer Gründung. Der Vorabdruck im „Vorarlberger Volksblatt“ eines solchen Vortrags, der am 24. Februar 1889 im Gasthaus Rößle in Wolfurt über die Bühne ging, bei dem wir aber nicht wissen, ob Kohler alleine sprach, liefert einen Eindruck von der Argumentation, mit der versucht wurde, das Publikum zu gewinnen: „[…] Als Zweck der letzteren wird in den Normalstatuten angegeben, daß diese Cassen-Vereine, die sich auf kleine Distrikte, meist nur eine Gemeinde begrenzen, bestimmt sind die ‚Verhältnisse ihrer Mitglieder in sittlicher und materieller Beziehung zu verbessern.‘ Augenblickliche oder zeitweilige Geldnoth führt den kleinen Mann im Volke, den Landmann, den Gewerbetreibenden, den Arbeiter, entweder in die Hände von wuchernden hochprozentigen Menschenfreunden, oder zur kostspie‐ ligen Hypothekar-Creditnahme, oder ins Pfandhaus, oder zur Verschleuderung nothwendiger Bedarfsstücke, oder ins Elend. Dem kann nun ein billiger Personal-Credit, ein Darlehen auf das persönliche Vertrauen abhelfen, welch letzteres der Einzelne trotz seiner zeitweiligen materiellen Nothlage besitzt. Raiffeisen ging zu selben Zeit, als Schulze-Delitzsch in Berlin seine städtischen ‚Spar- und Vorschußkassen‘ begründete, die eigentliche kleine Bankgeschäfte mit Wechsel-Thä‐ tigkeit und Dividenden-Gewinn sind, daran, seine ‚Darlehenskassen-Vereine‘ als uneigennützige Hilfsvereine zur Steuerung der Geldnoth reeler Leute ins Leben zu rufen. Dem Wesen nach sind seine Kassen gegenseitige Spar- und Vorschußvereine einer abgegrenzten Gemeinde, wobei der Geldüberschuß der Einen dem zeitweiligen Geldbedarfe Anderer gegen möglichst billigen Zins zu Nutzen kommen soll, während für die Vereinsgeschäfte alle Cassamitglieder gemeinsam haften. Wo in einem Orte solche Raiffeisensche Cassen entstanden sind, die nur sittlich unbescholtene Mitglieder aufnehmen, und bloß an diese Mitglieder Geld verleihen, da war in diesem Bereiche der Wucher und ernstliche Geldnoth unterbunden. Raiffeisens Plan ging dahin, daß in einem Dorfe alle selbständigen Familienmitglieder, vom Bauer bis zum Handwerker und Taglöhner, Mitglieder dieser Darlehenskassen durch die Einzahlung von Geschäftsantheilen per je 5 fl. [Gulden] bis 10. fl. werden sollten. Diese Einlagen sammeln das überschüssige Geld in der Gemeinde, bilden den Darlehens-Fonds, und werden landesüblich, z. B. mit 3-4 pCt. [Prozent] verzinst. Darlehen sollen aber nur gegen mäßig höhere Zinsen, etwa um ½ oder 1 pCt. mehr abgegeben werden, und zwar lediglich als billiger Personalcredit gegen eine einfache Schuldurkunde, im Nothfall unter Bürgschaftstellung, also ohne kostspielige hypothekarische Sicherung und ihre dann folgende Löschung im Grundbuche. Dadurch wird dem Geldbedarfe reeller Leute rasch und billigst durch wohlwollende Gegenseitigkeit abgeholfen. Um aber diese billige Creditgewährung zu ermögli‐ chen, werden in Raiffeisen’schen Vereinen für Geschäftsantheile grundsätzlich keine Dividenden bewilligt, sondern die kleinen Reinerträge lediglich dem Gesammtvereine als Reservefonds für eventuelle kleine Verluste, oder für weitere Herabsetzung des Darlehens-Zinsfußes zugeführt. Weiter sind alle Vereinsämter unbesoldete Ehrenämter, mit Ausnahme des Geschäftsführers, der besoldet wird. Trotz aller Billigkeit arbeiten dabei diese Darlehenskassen sehr sicher, weil sie ihren Geschäftsbereich auf einen kleinen Umkreis wohlbekannter Personen beschränken; weil sie sich von riskanten Spekulationsgeschäften grundsätzlich fernhalten, weil sie nur ihren Mitgliedern, und diesen nach dem Maße ihrer moralischen und wirthschaftlichen Zuverlässigkeit, leihen, zunächst von ¼-1 Jahr, eventuell dann bis 10 Jahre, und weil sie diesen mit Rath und That zur prompten Rückzahlung an die Hand gehen, während gleichzeitig die Solidarhaft aller Vereinsmitglieder die beste Oberaufsicht gegen bedenkliche Cassa-Gebahrung bildet. Die Probe Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 161 <?page no="162"?> 33 Vorarlberger Volksblatt, 22.2.1889, S.-1. 34 Bericht des Landeshilfs-Ausschusses für Vorarlberg in Bregenz über die aus Anlass der Wasserver‐ heerung im Herbste des Jahres 1888 durchgeführte Hilfsaction. Bregenz 1889, S.-5. 35 Ebenda; Eduard Alge, Die Rheinüberschwemmungen in den Jahren 1888-1890. In: Feierabend, Wochenbeilage zum Vorarlberger Tagblatt, 9. Folge 1930, S. 112-113; 75 Jahre Raiffeisen in Lustenau, hg. von der R A I F F E I S E N B A N K L U S T E N A U . Lustenau 1963. 36 Auf Grund der unterschiedlichen Benennungen und Bezeichnungen der Spar- und Darlehenskas‐ senvereine wird im Folgenden die Bezeichnung Raiffeisenkassen verwendet. 37 Zit. n. den publizierten Musterstatuten, die lediglich noch mit den ortsbezogenen Angaben befüllt werden mussten: Statuten des Spar- und Darlehenskassen-Vereins für … registrierte Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung, o.-O. o.-J. (im Besitz der Verfasserin). auf ’s Exempel ist bekanntlich der beste Beweis für dessen Richtigkeit. Die Raiffeisenschen Darlehenskassenvereine haben sich seit fast 40 Jahren, besonders auf dem Lande für die bäuerliche Bevölkerung, im Rheinlande und dann in Deutschland zahlreich vermehrt, und sie haben beim Festhalten ihrer ursprünglichen Organisation sich allerorts trefflich erprobt. Seit 2 Jahren beginnen sie sich nun auch in Oesterreich einzubürgern, und wir zählen solche Kassen bereits in Nieder- und Oberösterreich, in Böhmen und Schlesien, und die Regierung fördert sie im Interesse der Wohlfahrt des kleinen Mannes und besonders des bäuerlichen Creditbedarfes nach besten Kräften. […]“ 33 Dass Rädler und Kohler Gehör fanden, lag letztlich aber weniger an ihrer Überzeugungs‐ kraft, sondern an den großen Hochwasserschäden, welche eine Rheinüberschwemmung 1888 verursachte. Im Herbst jenes Jahres überflutete der Rhein mehrere Gemeinden in Vor‐ arlberg, doch besonders schlimm war Lustenau betroffen. Von insgesamt 889 Wohnhäusern blieben am 11. September 1888 nur 57 verschont. Einzelne Häuser standen bis zum Dach unter Wasser und viele Grundstücke lagen bis zu 2,5 Meter unter dem Wasserspiegel. 34 Stickmaschinen, die vielen Lustenauer Familien die Existenz sicherten, hatten Schaden genommen und begannen bald zu rosten. Die Obstbäume inkl. Ernte waren vernichtet, die Felder und Fluren versandet oder verschlammt, die Wege unbenutzbar. Vieh musste aus Futtermangel notgeschlachtet werden. Die Menschen brauchten dringend Geld, um Häuser instand zu setzen und Maschinen zu ersetzen oder zu reparieren, denn nur ein Teil des Schadens konnte durch staatliche oder private Notstandsaktionen behoben werden. Doch woher das Geld nehmen? Die bestehenden Banken waren nicht bereit, der verarmten Gemeinde Geld zu leihen. Die Idee der Selbsthilfe schien die Rettung zu sein und so wurde beschlossen, eine Spar- und Darlehenskasse nach dem Prinzip Raiffeisen zu gründen. 35 Der 3. Januar 1889 war die Geburtsstunde der „Spar- und Darlehenskasse 36 Lustenau“. Die Versammlung, bei der 37 Gründungsmitglieder anwesend waren, fand im Gasthaus Sonne statt; Paragraph 2 der Statuten benannte den Zweck des Vereins: „Die Verhältnisse seiner Mitglieder in sittlicher und materieller Beziehung zu verbessern, indem er insbesondere a) seinen Mitgliedern zu ihrem Wirtschafts- und Geschäftsbetriebe nach Maßgabe ihrer Kreditfähigkeit und Kreditwürdigkeit, sowie des wirklichen Erfordernisses Darlehen gewährt und die hiezu notwendigen Geldmittel unter gemeinschaftlicher Haftung beschafft; b) durch Annahme von Spareinlagen Gelegenheit gibt, müßig liegende Gelder verzinslich anzulegen; c) den gemeinschaftlichen Bezug landwirtschaftlicher Bedarfsartikel für seine Mitglieder vermittelt; d) die Bildung von Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften im Vereinsgebiete zu fördern sucht.“ 37 162 Simone Drechsel <?page no="163"?> 38 Die Raiffeisenkasse Lustenau. Spar- und Darlehnskasse, regionale Genossenschaft mit unbe‐ schränkter Haftung. In: Feierabend, Wochenbeilage zum Vorarlberger Tagblatt, 9. Folge 1930, S. 141-142; 100 Jahre Raiffeisenbank Lustenau 1889-1989, hg. von der R A I F F E I S E N B A N K L U S T E N A U . Lustenau 1989. 39 Am 26. Dezember 1881 war auf Initiative von Johann Walter Zuppinger bereits der Spar- und Vorschußverein Rickenbach und Umgebung nach dem System Schulze-Delitzsch gegründet worden (siehe dazu Fußnote 11), die 1941 mit der Spar- und Darlehenskasse Wolfurt fusionierte. 40 Raiffeisenbank Wolfurt 1881-1981, hg. von der R A I F F E I S E N B A N K W O L F U R T , passim. 41 Die Harder Raiffeisenkasse. Spar- und Darlehenskassenverein Hard reg. Genossenschaft mit un‐ beschr. Haftung. In: Feierabend, Wochenbeilage zum Vorarlberger Tagblatt, 9. Folge 1930, S. 516-517; Alfons J. K O P F , 100 Jahre Raiffeisen in Hard. In: ,Z‘ Hard am See. Geschichte, Geschichten, Bilder, hg. von der M A R K T G E M E I N D E H A R D . Hard 1990. 42 Vorarlberger Volksblatt, 16.11.1890, S.-1447. 43 Der Landbote von Vorarlberg, 25.4.1890, S.-135-136. 44 Vorarlberger Volksblatt, 15.4.1890, S.-463. 45 Der Landbote von Vorarlberg, 9.5.1890, S.-152. Zum Vorstand wurde der Engelwirt Gebhard Grabherr gewählt. In seinem Gasthaus startete dann vier Monate später der Geschäftsbetrieb mit Öffnungszeiten sonntags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 18 bis 20 Uhr. Der Anfang war schwer. Allein durch Einlagen und Geschäftsanteile ließ sich der große Kreditbedarf nicht decken und es musste Geld bei in- und ausländischen Geldinstituten besorgt werden. Um die Jahrhundertwende hatten jedoch schon hunderte von Lustenauern und Lustenauerinnen Kredite erhalten und die „Raiffeisenkasse“ war zu einem festen Bestandteil der lokalen Wirtschaft geworden. 38 Die zweite Raiffeisenkasse des Landes entstand in Wolfurt. Am 31. März 1889 trafen sich Gemeindebürger im Gasthof Stern zu ersten konkreten Vorbereitungen. 39 Kohler und Rädler hielten Vorträge und anschließend wurde ein Komitee bestellt, das die Aufgabe bekam, die Gründungsversammlung zu organisieren. Sie fand am 26. Mai 1889 statt, zum Obmann wurde Fidel Kalb gewählt. Die Beitrittsgebühr zur Genossenschaft betrug einen Gulden, ein Geschäftsanteil kostete fünf Gulden und das Nichterscheinen bei der Generalversammlung eine Strafe von einem Gulden. Der Zahlmeister Johann Martin Böhler führte am 1. Juli 1889 in seiner Stube den ersten Kassentag durch. 1891 folgte Wendelin Rädler Fidel Kalb als Obmann nach und er blieb es bis 1912. 40 1890 kamen noch drei weitere Raiffeisenkassen hinzu. Am 31. Jänner 1890 wurde der Spar- und Darlehenskassenverein Hard errichtet und Anton Schwärzler zum ersten Obmann gewählt. Die Aufnahme der Geschäftstätigkeit erfolgte am 1. April; jeden Sonntag war die Bank zwischen 15 und 16 Uhr im alten Schulhaus in der Kirchstraße geöffnet. 41 Am 16. November wurde die erste Herbst-Vollversammlung im Gasthaus Sonne in Hard abge‐ halten, auf der auch Johann Kohler sprach. Zuvor hatte es zahlreiche Gerüchte gegeben, dass die Namen der Einleger und Darlehensnehmer dort verlesen werden würden. 42 In Götzis übernahm der Kaufmann Hueber den Vorstand für die am 13. April 1890 gegründete Spar- und Darlehenskasse. 43 Die Statuten für die Raiffeisenkasse Höchst wurden im April beim Handelsgericht eingereicht und um die Bevölkerung zu gewinnen, hielt Kohler einen Vortrag in der „Frohen Aussicht“. 44 Anlässlich der Eröffnung am 4. Mai 1890 schrieb der „Landbote“: „Jetzt kann jeder Sticker und jede Fädlerin, die von den Eltern überlassenen Sparkreuzer - wenn‘s nur 1 fl. ist - sicher und zinsbringend anlegen.“ 45 Dass anfangs der Andrang noch nicht besonders groß war, störte das „Volksblatt“ nicht: Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 163 <?page no="164"?> 46 Vorarlberger Volksblatt, 9.5.1890, S.-578. 47 R A I F F E I S E N V E R B A N D V O R A R L B E R G , Festschrift anläßlich der Fertigstellung des Raiffeisenhauses 1981. Bregenz 1981, S.-9. 48 V O R A R L B E R G E R G E N O S S E N S C H A F T S V E R B A N D , 60 Jahre Vorarlberger Genossenschaftsverband. 1895- 1955. Chronik der landwirtschaftlichen Genossenschaften in Vorarlberg. Bregenz 1955, S.-14. 49 Wendelin Rädler. Nachruf. In: Nachrichten des Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Vorarlberg, 27.12.1913, S.-1. 50 Vorarlberger Volksblatt, 5.12.1913, S.-3. 51 In weiterer Folge kurz „Raiffeisenverband“ genannt. „Das Hauptstreben des jungen Vereins liegt zunächst in der richtigen Handhabung der Raiffeisen‘schen Grundsätze, geschieht dies, so kommt Vertrauen und Gebrauch mit der Zeit von selber.“ 46 Trotz intensiver Bemühungen Rädlers und Kohlers kam es 1890/ 91 zu keinen weiteren Gründungen mehr. Ziemlich sicher auf Betreiben Kohlers begann aber das Land die Idee von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu fördern und bestellte Wendelin Rädler am 14. März 1892 auf Grundlage eines Landtagsbeschlusses zum offiziellen Kassenberater. 47 Bei den Raiffeisenkassenversammlungen vom 17. August 1892 und 1. März 1893 wurden seine umfassenden Agenden fixiert. Demnach hatte er 1. bei einer Neugründung der betreffenden Gemeinde mit Rat und Tat zur Seite zu stehen; 2. mindestens einmal im Jahr eine Revision bei den Raiffeisenkassen durchzuführen; 3. als Vermittler zwischen Landesausschuss (= Landesregierung) und Raiffeisenkassen zu fungieren und bei einschlägigen Angelegen‐ heiten für den Landesausschuss als Auskunftsperson zur Verfügung zu stehen. 4. sollte er die Gründung eines Raiffeisenverbandes, einer Geldausgleichsstelle sowie die Organisation eines gemeinsamen Warenbezugs vorantreiben. 48 Mit seiner ihm eigenen Zähigkeit ging er ans Werk. „Viele Tausend Gänge, sehr oft beim schlechtesten Wetter und bei Nacht, unternahm er, um in irgend einer Gemeinde einen kleinen Kreis für seine Idee zu gewinnen, die Gründung einer Raiffeisenkasse anzubahnen […] [Er] war so durchdrungen und überzeugt von der materiellen und sittlichen Kraft der Genossenschaften, daß er selbst dort, wo sich einer Gründung zunächst unüberwindliche Schwierigkeiten ‚entgegentürmten‘ immer wieder anklopfte und nichts unver‐ sucht ließ, der Gründung die Wege zu ebnen. Selbst persönliche Kränkung, deren er mancherlei erleiden mußte, konnte ihn nicht abschrecken.“ 49 Von seinem erfolgreichen Wirken, bei dem es jedoch zu unterstreichen gilt, dass es ohne die „Rückendeckung“ der Landespolitik nicht möglich gewesen wäre, zeugten die insgesamt fünfzig neuen Raiffeisenkassen, die allein zwischen 1892 und 1898 in Vorarlberg entstanden. 50 IV. Die Gründung des „Verbandes der Spar- und Darlehenskassenvereine in Vorarlberg“ 51 Als Kassenberater war Wendelin Rädler beauftragt, der Gründung von Dachstrukturen den Weg zu bereiten. Auch hier arbeitete das Duo Rädler/ Kohler in altbewährter Weise zusammen. Während Kohler die benötigte politische Unterstützung organisierte und entsprechendes Lobbying für das Projekt betrieb, machte sich Wendelin Rädler an den 164 Simone Drechsel <?page no="165"?> 52 Protokollbuch des Verbandes der Spar- und Darlehenskassenvereine in Vorarlberg 1895, Nr. 1, lose Beilage. Das Original befindet sich im Archiv des Vorarlberger Raiffeisenverbandes in Bregenz. 53 Ebenda. 54 Ebenda. 55 Ebenda. praktischen Teil. Zunächst galt es, die bereits bestehenden, einzelnen Kassen von der Idee zu überzeugen. Auf einer Versammlung am 20. Februar 1894 im Hotel Montfort in Bregenz wurde der erste Grundstein gelegt. Es waren rund hundert Vertreter von 18 Kassen erschienen, die per Akklamation zunächst Kohler zum Vorsitzenden der Zusammenkunft wählten. Er hielt auch gleich eine ausführliche Rede, in der es um die Notwendigkeit von angemessenen Reservefonds für jede einzelne Kasse ging. Einmal mehr betonte er, dass die „Raiffeisenkassen nicht eigenen Gewinn im Auge haben dürfen, sondern in christlicher Nächstenliebe den Mitmenschen in der Not des Lebens auszuhelfen bestimmt sind.“ 52 Anfänglich sei die Begeisterung immer groß, lasse im Laufe der Zeit aber immer mehr nach, wenn sich kein sichtbarer Erfolg einstelle. Dies werde auch von den Gegnern der Raiffei‐ senkassen ausgenutzt, um aufzuzeigen, dass diese in der realen Welt nicht lebensfähig seien. Dies schüre bei den Mitgliedern wiederum Angst, für einen etwaigen Verlust mit ihren Geschäftsanteilen einstehen zu müssen. Um diesen Gefahren vorzubeugen, müsse ein angemessener Reservefonds angelegt werden, und zwar zum Schutz vor Schaden und nicht des finanziellen Gewinnes wegen. In der anschließenden Abstimmung wurde jede Kasse zur Bildung eines Reservefonds verpflichtet. 53 Dann sprach Wendelin Rädler über die Notwendigkeit und die Vorteile eines gemein‐ samen Verbandes als Geldausgleichsstelle und für den gemeinsamen Warenbezug. Im Vorfeld hatte er andere Raiffeisenkassen in der österreichischen Monarchie, unter anderem in Böhmen, Mähren und Schlesien, besucht und zahlreiches Material gesammelt. Als bestes Beispiel präsentierte er die Zentralkasse von Österreichisch-Schlesien, die von zwanzig Raiffeisenkassen gegründet worden war. Auch in Vorarlberg seien nun genügend Kassen vorhanden, die ihr überschüssiges Geld an eine zentrale Einrichtung abführen könnten. Aktuell seien die Kassen genötigt, ihre Überschüsse bei anderen Banken zu einem niedrigen Prozentsatz einzulegen und diese Institute brächten es zu einem höheren Prozentsatz wieder auf den Vorarlberger Markt. Eine Zentralkasse habe dagegen den Vorteil, dass das Geld dort eingezahlt und zu einem niedrigen Zinssatz wieder an die Bevölkerung zurückgegeben werden könne - „eine Herabsetzung des Zinsfußes hätte unserer Land‐ bevölkerung, welche so viele Hypothekarschulden zu verzinsen hat, längst schon Not getan.“ 54 Als weiteren Vorteil führte Rädler den gemeinsamen Bezug von Düngemitteln und anderen in der Landwirtschaft benötigten Waren ins Treffen. Durch diesen könne der Preis so gesenkt werden, dass den Mitgliedern ein Gewinn entstehe. Nach einer hitzigen Debatte im Anschluss an die Rede erteilte eine Mehrheit von zwölf Kassen vorläufig der Gründung einer Zentralkasse und der Beratung von Statuten eine Zustimmung, wozu ein Dreierkomitee, dem Kohler und Rädler angehörten, eingesetzt wurde. 55 Dass über die Struktur und Verwaltung des Verbandes Uneinigkeit herrschte, spiegelte sich in zahlreichen Zeitungsartikeln wieder, die in den folgenden Monaten erschienen und in denen die unterschiedlichsten Meinungen zum Ausdruck kamen. Ein weitreichender Vorschlag lautete, den Verband als Genossenschaft mit beschränkter Haftung zu gründen Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 165 <?page no="166"?> 56 Vorarlberger Landes-Zeitung, 16.3.1895, S. 2-3. Rädlers Replik darauf in: Vorarlberger Volksblatt, 22.3.1895, S.-375-376. 57 Ebenda, 19.4.1895, S.-500-501. 58 Ebenda, 23.4.1895, S.-516-517. 59 Vorarlberger Landes-Zeitung, 23.4.1895, S.-2. 60 Von den 18 dem Verband beigetretenen Kassen waren 13 Delegierte anwesend. 61 Vorarlberger Volksblatt, 1.5.1895, S.-559. 62 V O R A R L B E R G E R G E N O S S E N S C H A F T S V E R B A N D , 60 Jahre, S.-15-16. und zwar zu je hundert Gulden Anteil und fünffacher Haftung. Für die Mitglieder solle sich der Verband um eine einheitliche Geschäftsgebarung, eine jährliche Revision, um Rechtsschutz und Rechtsberatung sowie den gemeinschaftlichen Warenbezug kümmern, eine Zentralkasse mit eigenständiger Buchhaltung um die Geldvermittlung. Ein alternatives Szenario sah vor, den Verband als freie Genossenschaft zu gründen, mit den gleichen Aufgaben, allerdings ohne eine Zentralkasse. 56 Ein anderer Beitrag im „Volksblatt“ machte auf die unterschiedliche Situation der einzelnen Kassen aufmerksam. Nicht alle hätten die gleichen Geldmittel zur Verfügung. Der Artikelschreiber plädierte dafür, das Land in sechs Bezirke mit jeweils einer Zentralstelle aufzuteilen, die die Anliegen der zugehörigen Raiff‐ eisenkassen bearbeiten würde, und darüber könne es dann noch eine Landeszentralstelle geben. 57 In ihren Ausgaben vom 23. April 1895 berichteten sowohl das „Volksblatt“ als auch die „Landes-Zeitung“ erneut über die geplante Verbandsgründung. Im „Volksblatt“ lehnte Wendelin Rädler die Bezirksvereinigungen als kompliziert und kostenintensiv ab. Auch wunderte er sich über die Uneinigkeit. Jenen Raiffeisenkassen, die für sich blieben, drohe Schaden und der Verlust an Vertrauen, denn sie würden keine Unterstützung durch den Verband erhalten und auch der Landesausschuss würde die Kontrolle dieser Kassen nicht übernehmen. 58 Die „Landeszeitung“ wiederum veröffentlichte ein Schreiben aus dem Bregenzerwald, das energisch für den Erhalt der Selbständigkeit der einzelnen Raiffeisen- Vereine eintrat. Gegenseitige Hilfe und Rat auf administrativer Ebene reiche vollkommen aus. Eine Zentralkasse, wie sie Wendelin Rädler wolle, sei zu kostspielig und umständlich, kurzum überflüssig. 59 Ungeachtet der kontroversen Standpunkte wurde am 29. April 1895 im Vereinshaus in Dornbirn der Raiffeisenverband aus der Taufe gehoben. Dem war eine rund sechsstündige Sitzung am 3. Januar 1895 im Gasthaus Rose in Bregenz vorausgegangen, bei der 15 Raiffei‐ senkassen für und noch immer neun gegen das Unterfangen votiert hatten. Beim nun ersten Verbandstag in Dornbirn wurde Johann Kohler einstimmig zum Anwalt des Verbandes gewählt. 60 Er stand damit dem Anwaltsrat (Vorstand) vor, dem neun weitere Vertreter aus den Vorarlberger Regionen angehörten; einer der für das Unterland Gewählten war Rädler, der auch das Amt des Anwaltstellvertreters übernahm. 61 Die Aufgabe des Gremiums war es unter anderem, die im Verband eingerichtete Geldausgleichsstelle zu verwalten und den Mitgliedern gegenüber den Behörden und in Gesetzesbzw. Rechtsfragen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. 62 Die einstimmige Wahl von Johann Kohler zum Verbandsanwalt erklärte Josef Walser, der Verfasser einer zeitnahen Biografie über Kohler, damit, dass er bereits im Vorfeld seinen ganzen politischen Einfluss für die Gründung des Verbandes geltend gemacht hatte und die Mitglieder sich die nahtlose Fortsetzung dieses erfolgreichen Engagements 166 Simone Drechsel <?page no="167"?> 63 Josef W A L S E R , Johann Kohler. Ein Führer des katholischen Volkes in Vorarlberg. Wien/ Inns‐ bruck/ München 1918, S.-56. 64 Nachrichten des Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Vorarlberg, 15.1.1897, S.-2. 65 Die „Nachrichten des Verbandes der Spar- und Darlehenskassenvereine in Vorarlberg“ kamen von 1897 bis 1915 als eigenständige Monatszeitschrift heraus, zwischen 1924 und 1972 erschienen mit kriegsbedingten Unterbrechungen als Beilagen (1924-1927 in „Der Vorarlberger“, 1927-1931 in den „Vorarlberger Landesstimmen“, 1932-1938, 1948/ 49 in den „Mitteilungen der Vorarlberger Bauernkammer“, 1950-1972 in den „Mitteilungen der Landwirtschaftskammer für Vorarlberg“). 66 Die frühen Sparbüchsen waren aus Metall und nur gegen Kaution erhältlich. Zu Hause wurden sie gefüllt und wichtig dabei war, dass sie nur in der Raiffeisenkasse mit einem speziellen Schlüssel geöffnet werden konnten. 67 Nachrichten des Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Vorarlberg, 21.5.1904, S.-2. 68 1895 wurde allerdings beschlossen, beim Landtag ein Subventionsansuchen zur Deckung der Kosten für die Verbandsleitung zu stellen. Vermutlich waren Taggelder und Reisespesen gemeint. R A I F F E I S E N V E R B A N D V O R A R L B E R G , Festschrift, S.-11. versprachen. Laut Walser vertrat Kohler den Verband vor allem nach außen. Dabei „stets bestrebt, seine Erfahrungen zu bereichern und seinen Gesichtskreis auch auf genossen‐ schaftlichem Gebiete zu erweitern, besuchte er die verschiedensten Versammlungen, Kurse und Kongresse des In- und Auslandes“ 63 und konnte dank seiner Kontakte namhafte Referenten zu den Verbandstagen nach Vorarlberg bringen. 64 Wendelin Rädler hingegen war der „Macher“ innerhalb des Verbandes, erledigte in den ersten Jahren die Buchhaltung, führte Revisionen durch und gab ab 1897 die eigene Verbandszeitung heraus, die über das Genossenschaftssystem, Verbandssowie Kassenangelegenheiten berichtete und darüber hinaus landwirtschaftliche Ratschläge, Gedichte und belehrende Geschichten enthielt. 65 Letztere nahmen einen besonderen Platz in der Verbandszeitung ein. Sie sollten zeigen, wie sicher Ersparnisse bei den Raiffeisenkassen aufgehoben waren und wie wichtig Sparsinn war. Sparen galt als Tugend - zu ihrer Förderung hatten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Sparvereine gebildet, die das gemeinschaftlich gesparte Geld zwar zinsbringend bei den Sparkassen oder Raiffeisenkassen anlegten, aber nicht gegen Zinsen an ihre Mitglieder verliehen. Diese Sparvereine ermöglichten der Kirche, die Bevölkerung zum Sparen und damit einhergehend zum moralischen, christlichen Leben aufzufordern, ohne gegen das Zinsnehmverbot aus der Bibel zu verstoßen. Der Höchster Pfarrer Josef Hiller veröffentlichte 1896 seine Schrift „Die Sparvereine, deren Einrichtung, Nutzen und Nothwendigkeit“, in der er gegen Genuss- und Vergnügungssucht auf Pump wetterte, die das Ende christlichen Lebens bedeute. Auf diesen moralischen Zug sprang auch Rädler mit seinen Geschichten auf. Dazu passte, dass er sich für „Heimsparkassen“, Vorläufern der Sparbüchse, stark machte, welche die Raiffeisenkassen 1907 einführten. 66 Für seine redaktionelle Tätigkeit erhielt Wendelin Rädler ab 1904 ein Honorar. 67 Alle Tätigkeiten im Anwaltsrat basierten jedoch auf Ehrenamt. 68 Das „Gesetz betreffend die Revision der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften und anderer Vereine“, das der Reichsrat 1903 verabschiedete, bedeutete auch für den Verband eine Zäsur. Es machte neue Statuten erforderlich. Am 17. Dezember 1903 trafen sich 54 von 61 Kassen zu einer außerordentlichen Generalversammlung in Feldkirch, um diese zu beschließen und anzunehmen. Der Anwaltsrat wurde durch zwei Gremien ersetzt: einen vom Verbandstag auf die Dauer von fünf Jahren gewählten siebenköpfigen Vorstand, an dessen Spitze weiterhin der Anwalt und dessen Stellvertreter - in der Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 167 <?page no="168"?> 69 Gemäß den Statuten zählten zu den Aufgaben des Vorstands u. a. die Verwaltung der Mitglieder und die Bestimmung des Zinsfußes im Kontokurrent für Einlagen, Darlehen und Anleihen, dem Anwalt oblag die Leitung der Verbandsgeschäfte und die Vertretung des Verbandes, außerdem die Berichterstattung über dessen Tätigkeit auf den vom ihm einzuberufenden Verbandstagen. Statuten des Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Vorarlberg, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung, Bregenz 1904. 70 Ebenda; V O R A R L B E R G E R G E N O S S E N S C H A F T S V E R B A N D , 60 Jahre, S.-16. 71 R A I F F E I S E N V E R B A N D V O R A R L B E R G , Festschrift, S.-15. 72 H E I M , Wendelin Rädler 1835-1913, S.-10. bewährten Konstellation Johann Kohler bzw. Wendelin Rädler - standen, sowie einen alle drei Jahre neu zu wählenden, neunköpfigen Aufsichtsrat, der die Geschäftsführung des Vorstandes überwachte. 69 Der jährlich zusammentretende Verbandstag nahm weiterhin die Rechte der Verbandsmitglieder wahr. Waren bisher die Revisionen von Mitgliedern des Anwaltsrates durchgeführt worden, so übernahm auf Grundlage des neuen Gesetzes ein vom Landesausschuss entsandter Genossenschaftsrevisor diese wichtige Aufgabe. 70 Die neuen Statuten erlaubten es, nun auch landwirtschaftliche Genossenschaften sowie unter besonderen Bedingungen landwirtschaftliche Vereine und juristische Personen mit Grundbesitz in Vorarlberg in den Verband aufzunehmen. Bei seinem Vortrag zum zehnjährigen Bestehen des Verbandes am 1. Juli 1905 sprach Rädler ausführlich über die Molkereigenossenschaften, von denen es in Vorarlberg 81, neben 184 Privatsennereien, gab. 71 Im selben Jahr gründete er die Molkerei Bregenz und wurde Vorsitzender in dessen Aufsichtsrat. 72 V. Der Bau des Verbandshauses in Bregenz 1910 Das größte Vorhaben unter der Verbandsleitung von Kohler und Rädler stellte sicher der Bau eines eigenen „Genossenschaftshauses“ in Bregenz dar. Dieses war notwendig geworden, da durch den gesteigerten Warenbezug mehr Lagerräumlichkeiten benötigt wurden. Der gemeinsame Warenbezug war ein wichtiger Punkt bei der Gründung des Verbandes gewesen. Viele Raiffeisenkassen boten ihren Kundinnen und Kunden neben dem Einlagen- und Darlehensgeschäft auch die Möglichkeit, landwirtschaftliche Bedarfsartikel wie Kunst‐ dünger, Obstbäume, Futtermittel für das Vieh usw. zu erwerben. Durch die gemeinsame Bestellung sollten diese günstiger werden und vor allem auch qualitativ abgesichert sein. Seit 1897 war das Vorstandsmitglied Egidius Schregenberger für das Warengeschäft verantwortlich. Beim Verbandstag am 30. März 1897 entspann sich eine längere Diskussion darüber, ob das Sortiment erweitert werden sollte, man kam aber schließlich überein, sich vorrangig auf die Beschaffung von Kunstdünger zu möglichst guten Konditionen für die Mitgliedskassen zu konzentrieren. Die Verwendung von Kunstdünger zur Ertragssteigerung hatte in der Landwirtschaft erst vor zwei Jahrzehnten Einzug gehalten, wurde aber immer wichtiger. Besonders mit den böhmischen Thomaswerken, die das phosphatreiche Thomasmehl als Nebenprodukt der Stahl- und Eisenerzeugung herstellten, schloss der Verband mehrere große Lieferver‐ träge ab. Begleitend dazu suchte er beim Eisenbahnministerium um Frachtermäßigung für landwirtschaftliche Produkte und beim Ackerbauministerium um Subventionen an; 168 Simone Drechsel <?page no="169"?> 73 Protokoll des 3. bzw. des 5. ordentlichen Verbandstages. In: Protokollbuch des Verbandes der Spar- und Darlehenskassenvereine in Vorarlberg ab 1895, Nr.-1, S.-9-10, 17. 74 Protokoll des 6. ordentlichen Verbandstages. In: ebenda, S.-19-20. 75 Nachrichten des Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Vorarlberg, 19.2.1910, S.-5. 76 Ebenda, 14.4.1911, S.-1. 77 Vorarlberger Volksblatt, 1.6.1911, S.-2; V O R A R L B E R G E R G E N O S S E N S C H A F T S V E R B A N D , 60 Jahre, S.-20. 78 Vorarlberger Volksblatt, 13.12.1912, S.-1. 79 Ebenda, 27.4.1913, S.-5. außerdem organisierte er Vorträge über das Kunstdüngewesen. 73 Die große Bedeutung des Geschäftszweiges für den Verband zeigt eine Aufstellung für das Jahr 1899: Von insgesamt 100 Waggons Waren im Wert von 30.000 Gulden waren allein 57 Waggons Thomasmehl und weitere 31 Waggons mit anderen Düngerfabrikaten bezogen worden. Der Verband hatte aber auch zwei Waggons Viehsalz, neun Waggons Briketts und einen Waggon mit 1.017 Obstbäumen importiert. 74 Die Fortsetzung dieses Kurses mündete schließlich in einen außerordentlichen, von Kohler geleiteten Verbandstag im Januar 1910, wo beschlossen wurde, in Bregenz in Bahnhofsnähe ein neues Genossenschaftshaus zu errichten und auch die Verbandsleitung, die ihren Sitz in Wolfurt hatte, sowie die Verbandsbuchhaltung, die sich in Lauterach befand, dorthin zu verlegen. Die Stadt Bregenz hatte sehr günstig ein Grundstück zur Verfügung gestellt, auf dem ein dreistöckiges Gebäude mit Lagerräumen im Erdgeschoß entstehen sollte. 75 Bereits am 1. Mai des nächsten Jahres wurde die Amtstätigkeit im neuen Gebäude aufgenommen. 76 Im selben Jahr stellte sich Kohler nicht mehr für das Amt des Verbandsanwalts zur Verfügung. Der 71-Jährige wollte Platz für die jüngere Generation machen, Vorstands‐ mitglied blieb er allerdings. 77 Als solches war er noch in die Erbauung eines weiteren Lagerhauses in Bregenz eingebunden, da sich insbesondere durch das stark expandierende Futtermittelgeschäft, das der Verband seit einigen Jahren betrieb, die Lagerräume in der Bahnhofsstraße bald als unzureichend erwiesen. 78 Auf dem 19. ordentlichen Verbandstag am 26. April 1913 wurde der Kauf eines Baugrunds mit doppelgleisigem Bahnanschluss im Ortsteil Vorkloster mitgeteilt. Es war dies zugleich der letzte Verbandstag, an dem Kohler und Rädler gemeinsam teilnahmen. 79 VI. Johann Kohler und die Gründung der Hypothekenbank Ungeachtet seines Eintretens für die Raiffeisenkassen war sich Johann Kohler darüber im Klaren, dass deren Finanzkraft nicht ausreichen würde, um das zentrale Problem lösen zu können, unter dem der Vorarlberger Bauernstand, der in den meisten Fällen ein Kleinbauernstand war, litt: die Verschuldung. Diese wiederum ließ sich im Kern auf zwei Faktoren zurückführen: die Produktion und Produktivität gleichermaßen ein‐ schränkenden Bedingungen der Berglandwirtschaft sowie die Tradition der Realteilung im Erbweg. Wie oben bereits beschrieben, waren viele Hoferben, um ihre weichenden Geschwister auszahlen zu können, gezwungen, sich Geld von Privatpersonen, geistlichen oder weltlichen Institutionen zu leihen. Die Kleinheit der Betriebe ließ die Rückzahlung der Kredite aber kaum zu. Schulden häuften sich an, die über Generationen hinweg abbezahlt Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 169 <?page no="170"?> 80 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S. 41; Ulrich N A C H B A U R , Die Hypothekenbank des Landes Vorarlberg 1897 bis 1925. In: Montfort 60 (2008) 1/ 2, S.-52-81, hier S.-52-55. 81 Ebenda, S.-56. 82 W A L S E R , Johann Kohler, S.-41. Siehe dazu auch den Beitrag von Ingrid Böhler in diesem Band. 83 N A C H B A U R , Hypothekenbank, S.-56. werden mussten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts griffen immer mehr Gläubiger bei Nichtbezahlung der Zinsen oder fällig gestellten Kredite auf die Realitäten der Schuldner zurück und so stieg die Zahl der Zwangsversteigerungen an. Neben den Bauern waren auch kleine Gewerbetreibende von dieser negativen Entwicklung betroffen. Die konservative Landtagsmehrheit und der Landesausschuss machten es sich daher zum Anliegen, für diese Gruppen, die ihre Stammwählerschaft darstellten, langfristige und unkündbare Hypothekarkredite über ein öffentliches Kreditinstitut, für das in anderen Kronländern bereits Vorbilder existierten, zu ermöglichen. In der Sitzung vom 26. Oktober 1881 beauftragte der Landtag den Landesausschuss, der Gründung einer Hypothekenbank - noch sprach man von einer „Landesrentenbank“ - nachzugehen. 80 Voraussetzung für eine solche Institution, die mit Realitäten abgesicherte Kredite gewährte, wären aber einwandfrei geführte, öffentliche Bücher gewesen. Seit 1817 gab es in Vorarlberg die Verfachbücher. In ihnen wurden zwar Grundstücksbelastungen verzeichnet, allerdings auf sehr unübersichtliche Weise, auch war die Vollständigkeit nicht garantiert. Daher ließ es sich nicht ausschließen, dass Kredite mit einem Pfand besichert wurden, das bereits belastet war, ohne dass sich ein Kreditgeber oder eine -geberin dessen bewusst waren. Auf die Einführung eines Grundbuchs sollte man sich im Landtag jedoch erst 1897 einigen. Vorerst begnügte sich der Landtag damit, 1882 die so genannte Hypotheka‐ rerneuerung zu beschließen, die aufgrund ihrer Verzahnung mit der Gesetzgebung des Reichstags jedoch erst 1887/ 88 durchgeführt werden konnte. Sie stellte „eine Art Inventur“ dar, mit der alle bestehenden Hypotheken neu registriert wurden. 81 Johann Kohler war in diesen Vorgang stark eingebunden, in seiner Heimatgemeinde Schwarzach als Obmann der Identifizierungskommission und als Delegierter des Landesausschusses für den Bezirk Bregenz. 82 Mit der Gewissheit, dank der Hypothekarerneuerung, die zugleich die anhaltende Dynamik der Überschuldung des bäuerlichen Besitzes offenbarte, nun über eine sichere Datengrundlage zu verfügen, griff der Landtag auf Antrag des konservativen Abgeordneten Martin Thurnher 1888 erneut die Frage der Gründung einer Hypothekenbank auf. Wie Ulrich Nachbaur betont, war es aber vor allem Johann Kohler, der bis 1890, als er wegen eines parteiinternen Konflikts aus Landtag und Landesausschuss ausschied, das Projekt der Bankgründung vorantrieb. 83 Sein Nachfolger in dieser Angelegenheit wurde der 1890 in den Landtag gewählte Abgeordnete und Hoffnungsträger der katholisch-konservativen Partei, Jodok Fink. Unter seiner Ägide wurden in der Zeitspanne bis zum Herbst 1897 nun alle notwendigen politischen Entscheidungen und rechtlichen Schritte vorgenommen sowie schließlich auch die kaiserliche Genehmigung für die Hypothekenbank des Landes mit Sitz in Bregenz erwirkt. 170 Simone Drechsel <?page no="171"?> 84 Von 1898 bis 1912 gehörte Johann Kohlers Schwager Carl (Karl) Schwärzler, von 1919 bis 1925 Kohlers Sohn, der 1870 geborene Stefan, dem Direktorium an. Wie sein Onkel war er von Beruf geschäftsführender Gesellschafter der Firma Pircher in Bregenz. 85 Ulrich N A C H B A U R , Zur Entschuldung der Bauern. Aufbau und Existenzkrise der Hypothekenbank 1897 bis 1923. In: 111 Hypo Vorarlberg. Ein historischer Kassasturz 1897-2008, hg. von der V O R A R L ‐ B E R G E R L A N D E S - U . H Y P O T H E K E N B A N K AG, red. von Meinrad P I C H L E R . Bregenz 2008, S. 38-67, hier S.-41-43; Norbert S C H E P K E , Die Hypothekenbank des Landes Vorarlberg. Innsbruck 1972, S.-27-29. 86 Nachrichten des Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Vorarlberg, 7.5.1897, S.-3. 87 Ebenda, 20.3.1914, S.-10-11. Die Statuten der Bank regelten u. a. die Geschäftsverwaltung. Der Landtag übte die oberste Aufsicht aus und bestellte das geschäftsleitende Direktorium, 84 der Landesaus‐ schuss wiederum bildete die Aufsichtsbehörde und nominierte aus seiner Mitte einen Kommissär, der bei den Direktoriumssitzungen zwar kein Stimm-, aber ein Vetorecht hatte. Diese Aufgabe übernahm der in Landtag und Landesausschuss zurückgekehrte Johann Kohler von 1898 bis 1905. In dieser Eigenschaft konnte Kohler bei der Präsentation des ersten Geschäftsberichts der Hypothekenbank im Landtag im April 1900 auch gleich die Erwirtschaftung eines kleinen Überschusses, mit dem niemand so rasch gerechnet hatte, verkünden. 85 VII. Schluss Auf dem Verbandstag am 26. April 1913 endete die erfolgreiche Zusammenarbeit von Johann Kohler und Wendelin Rädler, der wenige Monate später verstarb. Die beiden hatten innerhalb eines Vierteljahrhunderts die Idee der Selbsthilfe zu einem sozialpolitischen Erfolgsmodell gemacht. Johann Kohlers Rolle war dabei vor allem die des „Promotors“ ge‐ wesen, der seine vielfältigen Erfahrungen und Beziehungen als politischer Multifunktionär zur Geltung brachte. Wendelin Rädler, für den das Genossenschaftswesen viel mehr, als dies bei Kohler der Fall war, zum zentralen Betätigungsfeld wurde, verschrieb sich dagegen - als unermüdlicher Kommunikator an der Basis und Ratgeber mit enormer Expertise in den praktischen Belangen - der Detailarbeit bei der Umsetzung. Es gab nun in nahezu jeder Gemeinde eine Raiffeisenkasse. Wenig verwunderlich, waren die beiden auch aktiv am Zustandekommen einer solchen in ihren Heimatorten beteiligt. Sieben Jahre später als in Wolfurt fand am 3. Mai 1897 im Gasthaus Adler in Schwarzach die Gründungsversammlung der Spar- und Darlehenskasse statt. 86 In dieser engagierte sich Johann Kohler bis 1914, als er die Obmannschaft aus Altersgründen zurücklegte. Zu seinem Nachfolger wurde Eduard Flatz jr. gewählt und über dessen Ersuchen „ließ sich Herr Kohler bewegen, als Obmann-Stellvertreter noch weiter im Vorstande zu verbleiben.“ 87 Die Bedeutung des Raiffeisenverbandes, mit dem „Gründungsanwalt“ Kohler an der Spitze, lässt sich auch an der Liste der an Verbandstagen teilnehmenden Ehrengäste er‐ kennen. Darunter finden sich Landeshauptmann Adolf Rhomberg, Reichsratsabgeordneter Jodok Fink, Landesgerichtsräte, Bezirkshauptmänner, Priester oder auch Prälat Willibald Kaiser, der als „bayerischer Raiffeisen“ galt. Am 6. Oktober 1915 trat Kohler zum letzten Mal bei einem Verbandstag in Erscheinung. Bei dieser Sitzung in Bludenz gab er sein Ausscheiden aus dem Vorstand bekannt. Damit war die Ära Kohler/ Rädler endgültig vorbei. Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 171 <?page no="172"?> 88 Hans K O H L E R , Ignaz Kohler 1883-1962, Rankweil 2022 (Eigenverlag), S. 28-35. Auch Ignaz sollte die Position des Verbandsanwalts an seinen Sohn „vererben“. 89 Alle Daten wurden der Statistischen Tabelle über die Geschäftsgebarung der Vorarlberger Raiffeisenkassen und anderer Verbandsvereine nach dem Stand vom 31. Dezember 1909 entnommen. Nachrichten des Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Vorarlberg, 3.9.1910, S. 42-43. Die Familie Kohler sollte die Vorarlberger Raiffeisengeschichte jedoch weiterhin prägen. Kohlers jüngster Sohn Ignaz, Gesellschafter und Prokurist bei der Firma Pircher in Bregenz, aber in Schwarzach wohnhaft, bekleidete zwischen 1930 und 1938 die Position des Verbandsanwalts, von 1945 bis 1951 amtierte er als Aufsichtsratsvorsitzender des nun so bezeichneten „Vorarlberger Genossenschaftsverbandes“. Sein Einstieg in das Raiff‐ eisenwesen war schon im Jahr 1900 erfolgt. Als 17-Jähriger hatte ihn sein Vater als Zahlmeister der Schwarzacher Kasse eingesetzt. Damit oblagen ihm die Abhaltung der Kassastunden, die Kontenführung für die Kundinnen und Kunden sowie die Erstellung der jährlichen Abrechnungen, somit die Erledigung der fortlaufenden Arbeit. Er blieb bis 1930 Zahlmeister; kurz vor seiner Wahl zum Verbandsanwalt war er - wie schon sein Vater - Obmann der Spar- und Darlehenskasse Schwarzach geworden. 88 Anhang Gründungen der Spar- und Darlehenskassenvereine in Vorarlberg 89 Kassen‐ vereine Grün‐ dungs‐ jahr/ Geschäfts‐ beginn Zahl der Mit‐ glieder Beim Ver‐ band seit Obmann Vorsitzender des Aufsichtsrates Zahlmeister Alber‐ schwende 1895.01.03 214 1895 J. Martin Flatz Joh. Georg Bereuter Johann Schedler Altach 1893.06.01 212 1900 Josef Giesinger Engelbert Giesinger Albert Kopf Altenstadt 1894.09.01 598 1900 Martin Herburger Stefan Allgäuer Ferd. Rheinberger Andels‐ buch 1894.01.01 177 1895 Fr. Xav. Mätzler Josef Jäger J. Kaspar Metzler Au-Schop‐ pernau 1892.06.01 267 1895 Gallus Natter Jos. Anton Kohler Josef Erath Bezau- Reuthe 1894.01.01 235 1896 Leopold Meusburger Frz. Jos. Feurstein Peter Meus‐ burger Bildstein 1904 53 1904 Klemens Böhler Joh. Widmer Ferdinand Gasser Bizau 1898.11.29 100 1898 Michael Meusburger J. Jos. Erath Fr. Jos. Fechtig 172 Simone Drechsel <?page no="173"?> Bludenz 1900.02.01 127 1900 Anton Fritz Anton Weckerle Anton Gaßner Brand 1900.01.01 59 1900 Alois Gaßner B. Gaßner Wilhelm Nesler Braz 1898.08.01 110 1898 Friedrich Wiederin Wilhelm Vonbank Josef Schwald Bregenz 1904 104 1904 E. Schregen‐ berger Ferdinand Keck Anton Walser Buch 1904 41 1904 Gustav Eberle Josef Böhler Fidel Eberle Bürs 1896.07.01 85 1896 Anton Vonbank Hermann Jenny Johann Sähli Bürserberg 1900.02.11 68 1900 Josef Schwald August Neier Bernh. Neyer Dalaas 1899.01.01 80 1899 Christian Neßler Josef Engstler Ignaz Stemmer Doren 1894.01.01 84 1901 Anton Schmidinger Josef Gieselbrecht Gebhard Baldauf Eichenberg 1897.02.21 56 1897 Gebhard Degasper J. C. Mayer Bart. Bern‐ hard Feldkirch Tisis-Tos‐ ters 1900.01.01 242 1900 Guido Müller Joh. Bapt. Marte Anton Sigmund Frastanz 1896.06.01 189 1896 Franz Josef Welte Hilar Leißing Josef Prünster Fußach 1907 48 - Josef Schneider Joh. Georg Hellbock Alois Hell‐ bock Gaißau 1898.01.04 55 - Fr. Josef Nagel Jos. Anton Lutz Franz Sahler Gaschurn 1909 79 - Fr. Josef Rudigier Roman Batliner, Pfarrer B. J. Wittwer Göfis 1896.07.23 170 1896 Josef Lampert Frz. Josef Türtscher Frz. Josef Amann Götzis 1890.03.23 266 1895 Alois Fend Josef Ellensohn Anton Kopf Großdorf- Egg 1898.03.20 147 1898 Joh. Josef Fetz Johann Bitsche Fr. A. Feurstein Hard 1890.04.01 212 1896 Josef Hartmann Joh. Mayer Franz Jussel Hatlerdorf- Dornbirn 1898.07.31 198 1898 Josef Thurnher Ferdinand Ilg Josef Thurnher Hittisau- Bolgenach 1895.04.01 235 1905 Eduard Fink Kaspar Steurer Peter Bilgeri Hohenems 1894.07.01 762 1901 Anton Amann August Waibel Joh. Georg Amann Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 173 <?page no="174"?> Hohen‐ weiler 1906 49 Anton Kohler Chr. Fritsche Phil. Frick Höchst 1890.05.04 286 1895 Joh. Georg Küng Norbert Gehrer Ulrich Gehrer Hörbranz 1893.12.24 143 1900 J. Ender Anton Werner J. Grabher Kennel‐ bach-Fluh 1899.05.01 - 1899 Joh. Georg Sieber Bernhard Rist Adolf Graninger Klaus 1895.02.01 113 1895 Fr. Josef Lercher Josef Simon Ebenhoch Josef Zech Klösterle 1897.01.01 67 1897 Gebhard Drißner Sales Burtscher J. Fritsche Koblach 1896.09.27 130 1896 Michael Kräutler Joh. Jakob Flatz Heinrich Kräutler Krumbach 1895.03.03 145 1900 Martin Österle Eduard Mennel Konrad Raid Langen b. Bregenz 1896.11.01 94 1896 Josef Heim Josef Oesterle Franz Xaver Schmid Laterns 1895.04.07 113 1895 Ferdinand Breuß Lorenz Matt Alexander Vith Lauterach 1893.12.01 209 1895 Wilhelm Witzemann Wilhelm Pfanner Mart. Natter Lech- Warth 1901 83 1900 Wilhelm Schneider Josef Anton Gaßner Franz Schneider Lingenau 1890.04.03 166 1895 J. Peter Fink Gabriel Lässer Oskar Pfanner Lochau 1906 62 - Ludwig Bickel Kaspar Stadler Anton Hackspiel Ludesch 1896.06.01 121 1896 Markus Oehre Jakob Schneider Joh. Josef Fritsche Lustenau 1889.05.01 699 1899 Gebhard Grabherr Eduard Alge Franz Bösch Mäder 1897.04.04 84 1898 Peter Ender Josef Pümpel Xaver Kilga Meiningen 1907 58 - Jakob Walser Xaver Lutz Josef Müller Mellau- Schnepfau 1895.04.11 212 1895 Jos. Jak. Feurstein J. Martin Lenz Mathias Wüstner Mittelberg 1894.10.01 188 1899 Leopold Matt Fr. Leopold Riezler Max Drechsel Montafon (Schruns) 1892.05.01 386 1895 Franz Walser Josef Fischbach Ignaz Sander Möggers 1907 38 - Wilhelm Feßler Josef Kalb, Pfarrer Josef Fink 174 Simone Drechsel <?page no="175"?> Nenzing 1897.05.23 254 1897 Josef Heim‐ gärtner Raimund Zaggl Christian Jussel Nüziders 1901 82 1901 Jakob Moos‐ brugger Baptist Steu Josef Häusle Oberdorf- Markt Dornbirn 1898.07.01 227 1898 Josef Klocker Albert Winsauer Karl Fußen‐ egger Oberu. Unterlan‐ genegg 1895.05.12 131 1895 Josef Mang Konrad Eberle Ludwig Nußbaumer Rankweil 1895.03.01 312 1895 Josef Längle Josef Schöch W. Graber Rieden- Vorkloster 1897.07.04 131 1898 Johann Bernhart Josef Fritz Jakob Mathis Riefens‐ berg 1895.01.01 116 1895 Konrad Sinz Josef Schmid Josef Schmelzen‐ bach Röthis-Vik‐ torsberg 1892.01.31 98 1895 Ludwig Breuß Alois Welte Josef Knünz St. Gallenkirch 1910 32 - Fr. Josef Brugger Pius Huber, Pfarrer J. Josef Kasper Satteins 1896.09.15 150 1896 Lorenz Hosp Mathias Schwarz Jak. Tschavoll Schlins- Röns 1896.07.01 100 1896 Fr. Josef Dörn J. B. Rauch Josef Mähr Schnifis- Düns-Dün‐ serberg 1896.08.16 144 1896 Mathäus Amann P. Plazidus Banz, Pfarrer Jakob Nigg Schwar‐ zach 1897.10.01 54 1897 Johann Kohler Josef Walser, Pfarrer Ignaz Kohler Schwar‐ zenberg 1894.07.01 178 1905 Fr. Xaver Metzler Josef Anton Greber Franz Natter Sibratsgfäll 1904 49 1904 Jakob Dobler, Pfarrer Jakob Scheuring Franz Natter Sulzberg 1894.07.01 181 1898 Joh. Georg Gieselbrecht Michael Schmid J. Georg Haller Sulz-Röthis 1892.12.09 119 1903 Michael Knecht Anton Schwärzler Josef Baur Thal 1910 39 - Konrad Bern‐ hard Martin Sinz, Pfarrer Josef Kresser Thüringen- Bludesch 1895.01.27 136 1898 Stefan Walter Gregor Loacker Martin Winkler Tschag‐ guns 1910 29 - J. J. Neyer Jos. Ant. Schedler August Jo‐ chum Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 175 <?page no="176"?> Übersaxen 1904 50 1904 Jos. Barth. Fritsch Hermengild Scherrer Joh. Stefan Breuß Walserthal (Blons) 1892.12.01 196 1895 Alois Boll Pirmin Schäfer Fr. Anton Müller Weiler-Fra‐ xern 1895.02.01 174 1895 Jos. Ant. Nä‐ gele Fr. Josef Morscher J. G. Seyfried Wolfurt 1889.08.01 214 1895 Wendelin Rädler Jakob Schertler R. Böhler Zwischen‐ wasser 1893.04.01 172 1898 Peter Schnetzer Josef Künzle Julius Bach‐ mann Die ordentlichen Verbandstage unter Anwalt Kohler Jahr Datum Verbandstag- Nr. Verbandsname Vorsit‐ zender Ort 1895 29. April 1. Verbandstag Spar- und Darlehenskassenver‐ eine Vorarlbergs Johann Kohler Dornbirn 1896 14. Juli 2. Verbandstag Vorarlberger Raiffeisen’sche Spar- und Darlehenskassenver‐ eine Johann Kohler Feldkirch 1897 30. März 3. Verbandstag Verband der Spar- und Dar‐ lehenskassenvereine in Vorarl‐ berg Johann Kohler Feldkirch 1898 20. Juli 4. Verbandstag Verband der Spar- und Dar‐ lehenskassenvereine in Vorarl‐ berg, eingetr. Gen.m.b.H. Johann Kohler Feldkirch 1899 26. April 5. Verbandstag wie oben Johann Kohler Bregenz 1900 26. April 6. Verbandstag wie oben Johann Kohler Feldkirch 1901 24. April 7. Verbandstag wie oben Johann Kohler Dornbirn 1902 14. Juli 8. Verbandstag wie oben Johann Kohler Bregenz 1903 29. Juli 9. Verbandstag wie oben Johann Kohler Bludenz 1904 4. Mai 10. Verbandstag Verband der Spar- und Darle‐ henskassenvereine und anderer landwirtschaftlicher Genossen‐ schaften in Vorarlberg, eingetr. Gen.m.b.H. Johann Kohler Bregenz 176 Simone Drechsel <?page no="177"?> 1905 1 Juli 11. Verbandstag wie oben Johann Kohler Dornbirn 1906 27. Juni 12. Verbandstag wie oben Johann Kohler Ho‐ henems 1907 5. Juni 13. Verbandstag wie oben Johann Kohler Feldkirch 1908 3. Juni 14. Verbandstag wie oben Johann Kohler Götzis 1909 26. Mai 15. Verbandstag Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften in Vorarlberg, reg. Gen.m.b.H. Johann Kohler Lustenau 1910 22. Juni 16. Verbandstag wie oben Johann Kohler Bludenz 1911 31. Mai 17. Verbandstag wie oben Engelbert Luger Bregenz Pioniere des Raiffeisenwesens in Vorarlberg 177 <?page no="179"?> 1 Kurzbiografie Johann Kohlers, Vorarlberger Landtag, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ -/ kohler -johann-gemeindevorsteher (31.8.2024). 2 Wahlprotokolle 1882 und 1885. Gemeindearchiv Schwarzach (fortan: GASch), W 1 Wahlakten der Gemeinde, W 1/ 15 Protokolle der Gemeindewahlen 1870 bis 1885. Zum Wahlrecht siehe auch meinen zweiten Beitrag in diesem Band. 3 Aufschlüsselung der Ergebnisse der Gemeindewahl 1888, 6.10.1888. GASch, W 1 Wahlakten der Gemeinde, W 1/ 16 Gemeindewahlen 1888. 4 Sitzungsprotokoll des Gemeindeausschusses, 19.10.1888. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Ge‐ meindeausschuss, HBS 1/ 2 Protokolle der Sitzungen des Gemeindeausschusses in Schwarzach in der Periode 1888 bis 1891. 5 Josef W A L S E R , Johann Kohler. Ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg. Wien/ Innsbruck/ München 1918, S.-68. 6 Ernst C. H E L B L I N G , Die Landesverwaltung in Cisleithanien. In: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. II: Verwaltung und Rechtswesen, hg. von Adam W A N D R U S Z K A / Peter U R B A N I T S C H . Wien 1975, S.-190-269, hier S.-219-229. 7 Jiri K L A B O U C H , Die Gemeindeverwaltung in Österreich 1848-1918. Wien 1968, S.-124-127. Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne Severin Holzknecht Johann Kohler war nicht nur über viele Jahre Landtagsabgeordneter und Mitglied des Reichsrats, sondern auch auf Gemeindeebene politisch aktiv. Von 1867 bis 1869 in Egg, damals von Beruf Volksschullehrer, und ab 1888 in Schwarzach, wo der nunmehrige Kaufmann und versierte Landespolitiker am 6. Oktober 1888 zum Gemeindevorsteher gewählt wurde. 1 Kohler war kommunalpolitisch in Schwarzach kein unbeschriebenes Blatt, denn bereits bei den beiden vorangegangenen Gemeindewahlen hatte er erfolglos kandidiert. 1882 belegte er im II. Wahlkörper mit 27 Stimmen den 6. Platz. 1885 wurde er im III. Wahlkörper mit 61 Stimmen Vierter. Beide Male war er zudem Mitglied der Wahlkommission gewesen. 2 Im Anschluss an die Gemeindewahlen 1888 setzte sich Kohler in der vom Gemeindeausschuss vorgenommenen Vorsteherwahl gegen den Amtsinhaber Johann Georg Troll mit acht zu drei Stimmen durch. 3 Seine erste Sitzung leitete er am 19. Oktober desselben Jahres. 4 Gleichzeitig übte er die Funktionen des Gemeindeschreibers und -kassiers aus. Kohler sollte all diese Rollen bis zum 17. Jänner 1910 - also mehr als 21 Jahre - innehaben. 5 Kohlers Amtszeit war geprägt von großen gesellschaftlichen, ökonomischen, technolo‐ gischen und auch politischen Umwälzungen. Auch die liberalen Reformen der 1860er- und 1870er-Jahre stellten die Gemeinden vor immer größere Herausforderungen und machten eine Modernisierung und Professionalisierung der kommunalen Verwaltungsebene unum‐ gänglich. Diese Veränderungen brachten neue finanzielle Belastungen mit sich, 6 die - im Verbund mit den sozioökonomischen Entwicklungen dieser Zeit - teils krisenhaften Charakter annahmen. 7 <?page no="180"?> 8 Privatarchiv Hans Kohler, Kohlersche Hauschronik 1896-1911 (im Folgenden „Hauschronik“), S. 25. 9 Siehe hierzu den Beitrag von Nikolaus Hagen in diesem Band. 10 Verschiedenes. Etwas über Raiffeisen’sche Darlehenskassen, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwar‐ zach, 18.8.1889, S. 266-267; mehr zu Kohler und den Genossenschaften im Beitrag von Simone Drechsel in diesem Band. 11 Der Einfachheit halber wird das „Gemeindeblatt“ hier unter seinem ersten Namen als „Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach“ zitiert und die Miteinbeziehung anderer Gemeinden wie Lauterach, Hard, Rieden, Buch, Bildstein, Fluh, Langen, Lochau, Hörbranz, Möggers und Hohenweiler unter‐ lassen. Als eine der Hauptquellen für diesen Beitrag diente das seit 1888 erscheinende „Ge‐ meindeblatt“ der Hofsteiggemeinden. Johann Kohler war als frisch gebackener Gemein‐ devorsteher gemeinsam mit dem aus dem Vorderwald stammenden Lehrer Wendelin Rädler aus Wolfurt verantwortlich für die Gründung der Zeitung und beeinflusste deren Entwicklung auch als Mitglied von Redaktion und Verwaltungsrat entscheidend. 8 Das „Gemeindeblatt“ diente unter anderem der Veröffentlichung von Bekanntmachungen und ersetzte das althergebrachte mündliche Ausrufen von Kundmachungen auf dem Kirchplatz. Zudem wurden darin die Beschlussprotokolle der Gemeindeausschusssitzungen und Mitteilungen von Vereinen veröffentlicht. Als langjähriges Vorstandsmitglied des Katholischen Pressvereins 9 war Kohler die politische Bedeutung von Printmedien bewusst. Es ist also davon auszugehen, dass das „Gemeindeblatt“ auch als Mittel der Einflussnahme auf die Schwarzacherinnen und Schwarzacher gedacht war. Als Indiz hierfür kann die von Kohler und Rädler geförderte Raiffeisenbewegung herangezogen werden, die mittels verschiedenster abgedruckter Geschichten der Bevölkerung nähergebracht wurde. 10 Vor allem sollte das „Gemeindeblatt“ der Gemeindepolitik aber Anerkennung verschaffen. Zunächst diente die Zeitung nur als Amtsblatt von Wolfurt und Schwarzach; über die Jahre wurden immer mehr Gemeinden miteinbezogen, bis sie im Laufe des Ersten Weltkrieges beinahe alle Landgemeinden des Bezirks Bregenz umfasste. 11 Weitere wichtige Quellenbasis für diesen Aufsatz bildeten der „Historische Aktenbestand Schwarzach“ des Schwarzacher Gemeindearchivs sowie die Berichterstattung zu Schwar‐ zach in weiteren zeitgenössischen Printmedien. Aus der Hauschronik der Familie Kohler konnten ebenfalls wertvolle Einsichten gewonnen werden. Um Kohlers Amtszeit und Schwarzachs Entwicklung in dieser Epoche entsprechend einordnen zu können, wurde ergänzende Sekundärliteratur verwendet, wobei vor allem der von Thomas Albrich, Werner Matt und Hanno Platzgummer herausgegebene Sammelband „Stadt und Bürgertum im Bodenseeraum“ sowie diverse Beiträge in der durch die Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Reihe „Die Habsburgermonarchie 1848-1918“ hervorzuheben sind. Dem Schwarzacher Heimatbuch „Heimat Schwarzach“ konnten ergänzend Informationen über das Schwarzach der Jahrhundertwende entnommen werden. Literatur zu Johann Kohler selbst ist hingegen kaum vorhanden. Erwähnt werden muss an dieser Stelle die Kohler- Biografie „Johann Kohler. Ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg“ aus dem Jahr 1918 von Josef Walser, der zwischen 1900 und 1911 Pfarrer von Schwarzach war. Aufgrund der unkritischen Nähe zu Kohler ist Walsers Werk allerdings nur eingeschränkt verwendbar. 180 Severin Holzknecht <?page no="181"?> 12 Von 1890 bis 1910 stieg die Bevölkerungszahl Vorarlbergs um 25,3 Prozent von 116.073 auf 145.408, wobei der Bevölkerungsanstieg im Rheintal mit 38,5 Prozent von 64.814 auf 89.771 überdurchschnitt‐ lich hoch ausfiel. Kurt K L E I N , Daten zur Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung der Vorarlberger Gemeinden seit dem 18.-Jahrhundert. In: Montfort 43 (1991) 4, S.-281-302, hier S.-294-301. 13 Ebenda. 14 In einem Häuserverzeichnis aus dem Jahr 1874 wurden Kohlers wohlhabendem Schwiegervater Gebhard Schwärzler von 125 Gebäuden insgesamt sieben zugeschrieben, Johann Kohler nur eines. Häuserverzeichnis der Gemeinde Schwarzach von 1874. GASch, HBS 2 Gemeindeverwaltung - Grundstücke, HBS 2/ 7a Häuserverzeichnis 1874. I. Schwarzach um die Jahrhundertwende. Eine Gemeinde im Aufbruch Schwarzach war bei Johann Kohlers Amtsantritt 1888 ein vergleichsweise kleines Dorf, dessen Bevölkerung in den Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs allerdings wie jene des gesamten Rheintals rapide wuchs. 12 - 1880 1890 1900 1910 Schwarzach - - - - Häuser 125 134 145 159 Einwohnerzahl 800 883 995 1.084 Alberschwende - - - - Häuser 354 369 388 186 Einwohnerzahl 1.766 1.806 1.922 1.714 Bildstein - - - - Häuser 142 142 140 138 Einwohnerzahl 773 721 682 672 Dornbirn - - - - Häuser 1.457 1.615 1.955 2.221 Einwohnerzahl 9.464 10.810 13.193 16.320 Lauterach - - - - Häuser 233 241 261 301 Einwohnerzahl 1.452 1.603 1.712 1.954 Wolfurt - - - - Häuser 272 284 298 344 Einwohnerzahl 1.623 1.892 2.070 2.265 Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung Schwarzachs und seiner Nachbargemeinden 1880-1910 13 Zwischen 1880 und 1910 stieg die Einwohnerzahl Schwarzachs von 800 auf 1.084, während sich die Häuserzahl im gleichen Zeitraum von 125 auf 159 erhöhte. 14 Das bedeutete einen Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 181 <?page no="182"?> 15 K L E I N , Daten zur Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung, S.-294-299. 16 Hans K O H L E R , Zeitenwende. Gebhard Schwärzler - Ein Unternehmer des 19.-Jahrhunderts (Institut für sozialwissenschaftliche Regionalforschung 15). Regensburg 2017, S.-54. 17 Die Herstellung von Wetzsteinen hatte in Schwarzach Tradition. Entlang der Schwarzach entstanden im Tobel, das der Bach von Alberschwende kommend durchfloss, über die Jahre mehrere Betriebe, die sich der Herstellung dieses Produkts widmeten. Die Familie Troll war seit ungefähr 1740 in der Wetzsteinherstellung tätig und der Troll‘sche Betrieb entwickelte sich mit der Zeit zum größten lokalen Unternehmen in diesem Gewerbezweig. Emil G M E I N E R , Die Schwarzacher Wetzsteinschleifer. In: Heimat Schwarzach, hg. von der G E M E I N D E S C H W A R Z A C H . Lochau 1991, S.-201-208. 18 Hans N A D L E R , Gewerbe und Industrie. Geschichte des Schwarzacher Orgelbaues. In: ebenda, S. 208-209. Anton Behmann stand der Familie Kohler besonders nahe. Er war nicht nur 1882 Taufpate von Johann und Anna Kohlers sechster Tochter Franziska Rosalia, sondern über Jahre hinweg auch Kohlers Vertrauter und Verbündeter im Gemeindeausschuss. Hauschronik, S.-16-17. 19 Christian F E U R S T E I N , Wirtschaftsgeschichte Vorarlbergs von 1870 bis zur Jahrtausendwende. Konstanz 2009, S.-379-380. Bevölkerungszuwachs von 35,5 Prozent in dreißig Jahren, derweil nahm der Häuserbestand im selben Zeitraum um nur 26,4 Prozent zu. Die Bevölkerung Lauterachs vermehrte sich zwischen 1880 und 1910 um 34,6 Prozent und jene von Wolfurt um 39,6 Prozent. Dass der Hauptfaktor für diesen rasanten Bevölkerungsanstieg in erster Linie die voranschreitende Industrialisierung des Rheintals war, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der eher abseits gelegenen und ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Gemeinden Alberschwende und Bildstein. In Alberschwende sank die Einwohnerzahl zwischen 1880 und 1910 um 2,9 Prozent und in Bildstein sogar um 13,1 Prozent. Während sich Schwarzachs Wachstum auf einem ähnlichen Niveau befand wie in den benachbarten Hofsteiggemeinden, lag es gleichzeitig weit unter jenem des Textilzentrums Dornbirn, dessen Einwohnerzahl im selben Zeitraum um ganze 72,4 Prozent zunahm. 15 Mit Blick auf das produzierende Gewerbe waren der Textilbetrieb von Kohlers Schwie‐ gervater Gebhard Schwärzler - den er nach dem Tod seines als Nachfolger auserkorenen Sohnes Josef Gebhard 1883 an das Dornbirner Großunternehmen F. M. Hämmerle verkaufte 16 - und die Wetzsteinfabrik Josef Anton Trolls die bedeutendsten Schwarzacher Betriebe. 17 Ein weiteres über die Grenzen Schwarzachs hinaus bekanntes Unternehmen war die 1878 gegründete Orgelbauwerkstätte des gebürtigen Schwarzenbergers Anton Behmann. 18 Die Arbeitsbedingungen in diesen Betrieben waren nach heutigen Maßstäben für gewöhnlich hart. 1885 wurde in Österreich-Ungarn per Gesetz ein Maximalarbeitstag von elf Stunden verordnet, was eine Arbeitswoche von höchstens 66 Stunden erlaubte. Gleichzeitig wurden die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren sowie die Nachtarbeit in Fabriken für Frauen und Jugendliche verboten. In der Realität lag die Arbeitszeit jedoch weiterhin oftmals über der neuen Obergrenze. In der für Vorarlberg so wichtigen Textilindustrie blieb - vor allem im Bereich der Heimarbeit - auch Kinderarbeit keine Seltenheit. 19 Im Gegensatz zu anderen Gemeinden wie etwa Hard, die in dieser Zeit die Zuwanderung zahlreicher italienischsprachiger Trentinerinnen und Trentiner erlebten, war der Anteil fremdsprachiger Personen in Schwarzach zu Kohlers Zeiten gering. Das Gemeindelexikon von 1900 weist für Schwarzach unter 995 Personen 18 als fremdsprachig aus (elf italienisch, sieben nicht näher definiert). In Wolfurt wohnten zum Vergleich zur selben Zeit 231, in Hard 519 und in Dornbirn 379 Italienischsprachige, wo sie vornehmlich in Textilfabriken 182 Severin Holzknecht <?page no="183"?> 20 Gemeindelexikon der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder. Bearbeitet auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung vom 31. Dezember 1900. Wien 1907, S.-10-16. 21 Spezialrepertorium von Tirol und Vorarlberg. Bearbeitet auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung vom 31. Dezember 1910. Wien 1917, S.-6-7. 22 Werner B U N D S C H U H , Kreist das „Blut der Ahnen“? In: Dornbirner Statt-Geschichten. Kritische Anmerkungen zu 100 Jahren politischer und gesellschaftlicher Entwicklung, hg. von Werner B U N D S C H U H / Harald W A L S E R (Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 1). Dornbirn 1987, S.-29-82, hier S.-42. 23 Unter den 52 Namen befanden sich neun Frauen, die ledig bzw. verwitwet nach Schwarzach zogen, sowie 13 Familien. 24 Johann Stathmann aus Hermagor, Valentin Sigl aus Glödnitz und Nikolaus Gasser aus Vilnius in Litauen. 25 Verzeichnis über den Erwerb des Heimatrechts in Schwarzach, 31.12.1909. GASch, HBS 5 Bürger‐ schaft, HBS 5/ 5 Verzeichnis über den Erwerb des Heimatrechts. 26 Verzeichnis über die Ablegung des Heimatrechts von Schwarzach, Ende 1931. GASch, HBS 5 Bürgerschaft, HBS 5/ 4 Verzeichnis von Personen, die das Heimatrecht abgelegt haben. 27 Anzeige Johann Georg Seebergers für Schuhe, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 5.4.1891, S.-133; 18.10.1891, S.-385. beschäftigt waren. 20 1910 lebten in Schwarzach ausschließlich Deutschsprachige, wobei 83 „Staatsfremde“ gezählt wurden. Ob die 1900 ermittelten Fremdsprachigen verzogen oder sich auch sprachlich assimiliert hatten, geht aus den Quellen nicht hervor. In Wolfurt sank die Zahl der Italienischsprachigen im gleichen Zeitraum auf 126, während sie in Hard auf 782 und in Dornbirn auf 588 stieg. 21 Dass in Schwarzach der Anteil Fremdsprachiger so gering war, mag mit einem ausrei‐ chenden Arbeitskräftepotenzial für die vorhandenen Betriebe zu tun gehabt haben. Ob auch die Personalpolitik der Dornbirner Industriellenfamilie Hämmerle eine Rolle spielte, ist nicht zu klären. Die liberal-deutschnational geprägte Unternehmerfamilie legte besonderen Wert darauf, „bodenständige“ - also alteingesessene oder zumindest deutschsprachige - Arbeiterinnen und Arbeiter zu beschäftigen. 22 Die positive wirtschaftliche Entwicklung und der damit verbundene Zuzug von Men‐ schen ist mittels vereinzelt erhaltener Verzeichnisse über den Erwerb oder die Ablegung des Schwarzacher Heimatrechts nachvollziehbar. Im Gemeindearchiv findet sich eine Liste mit 52 Namen von Personen, 23 die zwischen 1901 und 1909 das Heimatrecht in der Hofsteiggemeinde erhielten, womit sie auch den Anspruch erwarben, im Falle des Falles von der Gemeinde versorgt zu werden. Unter diesen Neubürgerinnen und -bürgern befanden sich nur drei Personen, die vorher in einer Gemeinde außerhalb Vorarlbergs heimatberech‐ tigt gewesen waren. 24 Elf kamen aus Bildstein, fünf aus Dornbirn und insgesamt zehn weitere aus den übrigen Nachbargemeinden Schwarzachs. Somit stammte mehr als die Hälfte der Antragsstellerinnen und Antragsteller aus der unmittelbaren Nachbarschaft. 25 Über Schwarzacherinnen und Schwarzacher, die ihr Heimatrecht gegen das einer anderen Gemeinde eintauschten, existiert aus der Zeit Kohlers kein Verzeichnis. Aus einer Liste, die den Zeitraum von 1910 bis 1931 abdeckt und in der 38 Fälle notiert sind, lässt sich allerdings ableiten, dass auch „Auswanderer“ meist in der Region blieben. 26 In Schwarzach waren zudem verschiedene kleinere Gewerbe ansässig. Der Kaufmann Johann Georg Seeberger handelte in seinem Geschäft an der Kreuzung Hofsteigstraße- Schwarzachtobelstraße beispielsweise mit Strohhüten, Schuhen, 27 aber auch mit Hemden, Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 183 <?page no="184"?> 28 Anzeige Johann Georg Seebergers für Hemden, Krawatten und Manschetten, ebenda, 26.3.1899, S.-153. 29 Schwarzach in alten Bildern, hg. von der G E M E I N D E S C H W A R Z A C H . Bezau 2002, S.-124. 30 Anzeigen Johann Köbs für verschiedene Produkte, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 18.3.1891, S.-99; 17.5.1891, S.-189; 12.7.1981, S.-261. 31 Mit „Zuschg“ wurde im liechtensteinisch-vorarlbergischen Raum traditionell ein Gebäude be‐ zeichnet, das als Warenlager diente, aber auch als Übernachtungsmöglichkeit für Kutscher und zur Unterbringung von Pferden genutzt wurde. Klaus B I E D E R M A N N , Das Rod- und Fuhrwesen im Fürstentum Liechtenstein. Eine verkehrsgeschichtliche Studie mit besonderer Berücksichtigung des späten 18. Jahrhunderts. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein 97 (1999), S.-7-183, hier S.-55-58. 32 Anzeige Johann Kohlers, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 5.1.1908, S. 4; 15.3.1908, S. 82. 33 Anzeige Josef Stadlers, ebenda, 12.3.1899, S.-127. 34 Mittheilungen an das „Volksblatt“. Schwarzach, Das landwirtschaftliche Fest, Vorarlberger Volksblatt, 12.10.1869, S.-2. 35 Der Vorarlbergische Landwirtschafts-Verein widmete sich der „wirksamen Belehrung und Aneife‐ rung der Viehbesitzer“, was sich vor allem in der Gründung zahlreicher Genossenschaften manifes‐ tierte, von denen zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs insgesamt 39 existierten. Barnabas F I N K , Die Wirtschaftsverhältnisse in Vorarlberg. In: Wirtschaft und öffentliches Leben, hg. vom V O R A R L B E R G E R L A N D E S M U S E U M (Heimatkunde von Vorarlberg 6). Leipzig/ Wien/ Prag 1931, S.-11-182, hier S.-35. 36 Mittheilungen an das „Volksblatt“. Schwarzach (Das landwirtschaftliche Fest), Vorarlberger Volks‐ blatt, 5.10.1869, S.-2. Manschetten und Krawatten. 28 Ein vielseitiges Sortiment war im ausgehenden 19. Jahr‐ hundert keine Seltenheit. Ein in dieser Hinsicht besonders erwähnenswerter Schwarza‐ cher Kaufmann war Johann Köb. Köb verkaufte in seinem Geschäft am Eingang zum Schwarzachtobel 29 von Zement und Kunstdünger über Kautschukstempel und Drucksachen bis zu verschiedensten Sorten Käse alles Mögliche. 30 Seine Waren lagerte er in der nebenan gelegenen „Zuschg“. 31 Und auch in Johann Kohlers Handlung wurden bisweilen Gebrauchsgegenstände verkauft, die man dort nicht erwarten würde. Neben Eisenwaren wurden zum Beispiel Briketts, aber auch Damen- und Herren-Kleiderstoffe feilgeboten. 32 Die meisten der kleineren Gewerbetreibenden sind in den Quellen allerdings nur schwer fassbar. Ein Beispiel ist der Schuhmacher Josef Stadler, der im März 1899 eine Anzeige im „Gemeindeblatt“ schaltete, in der er für sein neueröffnetes Schuhmachergeschäft warb. 33 Das prosperierende Schwarzacher Gewerbe führte zur Entstehung einer kleinen Schicht selbstbewusster Geschäftsleute. Diesem sich entwickelnden Selbstverständnis wurde Rech‐ nung getragen: Auf Initiative des damaligen Gemeindevorstehers Gebhard Schwärzler wurde die Gemeinde Anfang Oktober 1869 Schauplatz der ersten Vorarlberger Industrie- und Gewerbeausstellung, zu der alleine am Eröffnungstag 1.200 Personen - die Eintritts‐ karten waren nach sechs Stunden vergriffen - nach Schwarzach kamen. 34 Die Schau - deren Schirmherr der 1861 gegründete Vorarlbergische Landwirtschafts-Verein war 35 - fokussierte sich vor allem auf agrarische Erzeugnisse und Gerät, das für die Landarbeit genutzt wurde (beispielsweise Häckselmaschinen), 36 was ein Indiz für die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer noch vorhandene Dominanz des Agrarsektors lieferte und zugleich Zeugnis dafür ablegte, dass in Vorarlberg die Landwirtschaft - ähnlich wie in anderen alpinen Regionen - Ende des 19. Jahrhunderts in starkem Wandel begriffen war. In der Milchwirtschaft wurde die Zucht von leistungsfähigeren Milchkühen vorangetrieben, 184 Severin Holzknecht <?page no="185"?> 37 Meinrad P I C H L E R , Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015 (Geschichte Vorarlbergs 3). Innsbruck 2015, S.-42-44. 38 Zu Josef Lasser von Zollheim, der ab 1868 für kurze Zeit als Statthalter in Innsbruck amtierte, siehe: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, hg. von Constantin von W U R Z B A C H , 14. Theil. Wien 1865, S.-174-179. 39 Die Ausstellung in Schwarzach, Feldkircher Zeitung, 6.10.1869, S.-1. 40 Zu Sebastian von Froschauer siehe Kurt T S C H E G G , Sebastian Ritter von Froschauer, erster Landes‐ hauptmann von Vorarlberg 1861-1873. Die Anfänge des Parlamentarismus in Vorarlberg. Feldkirch 2006. 41 Zu Karl von Belrupt-Tissac siehe den Eintrag zu ihm in der Vorarlberg Chronik, URL: http: / / apps.v ol.at/ tools/ chronik/ viewpage.aspx? viewtype=artikel&id=75 (31.8.2024). 42 Nichtamtlicher Theil. Inland. Schwarzach (Von der Ausstellung), Vorarlberger Landeszeitung, 5.10.1869, S. 2. Höhepunkt der Industrie- und Gewerbeausstellung war die Vergabe von Preisen in sechs Kategorien. Gebhard Schwärzler erhielt in der Kategorie Obstanbau die Auszeichnung für den dritten Platz für verschiedene von ihm gezogene Obstsorten. Bezirk Dornbirn. Schwarzach, Feldkircher Zeitung, 6.10.1869, S.-3. 43 Mittheilungen an das „Volksblatt“. Schwarzach, Vorarlberger Volksblatt, 15.10.1869, S.-2. 44 Im Schwarzach des ausgehenden 19. Jahrhunderts existierten mit dem Hirschen in der alten Riedgasse (heute Bahnhofstraße), der Sonne am heutigen Dorfplatz, dem Löwen - in dem sich auch das Postamt befand - am Eingang in das Schwarzachtobel, der Linde in der Riedgasse, dem Adler neben der Dorfbrücke, dem Schwarzen Adler neben der alten Mautstelle im Schwarzachtobel, dem Schwanen, an dessen Stelle hinter dem alten Gemeindehaus heute ein Parkplatz mit Müllcontainern während im Obstbau neue Veredelungstechniken perfektioniert wurden. All dies war begleitet von einer langsam auch auf den Primärsektor übergreifenden Mechanisierung. 37 Johann Kohler stand seinem Schwiegervater bei der Organisation und Durchführung der Veranstaltung tatkräftig zur Seite und nahm im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten unter anderem Statthalter Josef Lasser Freiherr von Zollheim 38 - einer von zahlreichen Ehrengästen - in der festlich geschmückten Gemeinde in Empfang. Er begrüßte den Statthalter „mit einer gutgemeinten Ansprache“, so die „Feldkircher Zeitung“. Zollheim bedankte sich im Gegenzug für die Gastfreundschaft und beglückwünschte die Ausrichter für die gelungene Ausstellung, die zeige, „daß Vorarlberg gleichen Schritt mit anderen Ländern halte […] Es will nicht viel heißen, wenn Böhmen, Niederösterreich und andere Länder, die über so ungeheure Mittel zu gebieten haben, fortgeschritten sind, was aber Zeugniß gibt von der Tüchtigkeit seines Volkes ist der Umstand, daß das kleine Land Vorarlberg mit so geringen natürlichen Mitteln so Großes leistet. Ja man darf kühn behaupten, daß Vorarlberg seinen Nachbarländern voranleuchtet.“ 39 An dem am Eröffnungstag im Gasthaus Krone stattfindenden Festessen nahmen unter anderem Landeshauptmann Sebastian von Froschauer 40 und der spätere Landeshauptmann Karl von Belrupt-Tissac 41 - zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender des Vorarlbergischen Land‐ wirtschafts-Vereins - teil. 42 Nach zwölf Tagen wurde die Ausstellung am 13. Oktober mit dem „Hofsteig’schen Freischießen“ beendet. 43 Alles in allem war die Industrie- und Gewerbeausstellung 1869 ein Erfolg und stellte für Schwarzach und Gebhard Schwärzler einen beträchtlichen Prestigegewinn dar. Es steht zu vermuten, dass in den verschiedenen Schwarzacher Wirtshäusern in den rund zwei Wochen, die die Ausstellung dauerte, ein geschäftiges Kommen und Gehen herrschte. Gast- und Wirtshäuser gab es in Schwarzach zu Kohlers Zeit mehrere. 44 Sie sind ein Indiz für Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 185 <?page no="186"?> zu finden ist, dem Hotel Bregenzerwald am Bahnhof, der Krone gegenüber dem neuen Gemeinde‐ haus, an dessen Stelle heute ein Supermarkt steht, und dem Engel, der allerdings noch zu Kohlers Amtszeit dem Kirchenneubau weichen musste, bis zu zehn Gast- und Wirtshäuser. Die Betreiber des Engel tauschten 1898 mit der Gemeinde ihren Grund gegen die Krone und benannten diese in Engel um. Emil G M E I N E R , Ehemalige Gaststätten. In: Heimat Schwarzach, S.-234-238. 45 Meldung an die BH Bregenz, 18.3.1904. Vorarlberger Landesarchiv (fortan: VLA), BH Bregenz I, Sch. 132, 76/ 1904. 46 Ankündigung der Versteigerung, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 12.3.1899, S.-132. 47 F E U R S T E I N , Wirtschaftsgeschichte Vorarlbergs, S.-24-25. 48 Christoph V O L A U C N I K , Feldkirch: Macht und Einfluss der bürgerlichen Unternehmer. In: Stadt und Bürgertum im Bodenseeraum. Ein Problemaufriss, hg. von Thomas A L B R I C H / Werner M A T T / Hanno P L A T Z G U M M E R . Dornbirn 2008, S.-113-136, hier S.-128-129. 49 Hauschronik, S.-19. 50 In den rund zwanzig Jahren von Kohlers Vorsteherschaft sank der Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten Männer und Frauen an der Gesamtbevölkerung in Österreich-Ungarn von 63 auf 55 Prozent (in den Alpenländern waren es 45 bzw. 35 Prozent), während der Anteil der in der Industrie Beschäftigten von 20 auf 23 Prozent stieg (in den Alpenländern von 30 auf 33 Prozent). Die Grenzziehung zwischen den beiden Klassen ist jedoch nicht leicht, da der Anteil derer, die etwa neben ihrer Arbeit in einer Fabrik noch eine kleine Landwirtschaft betrieben, durchaus bedeutend war. Ernst B R U C K M Ü L L E R , Sozialgeschichte Österreichs. Wien 2001, S.-290. die Bedeutung Schwarzachs innerhalb des regionalen Verkehrsnetzes. Gasthäuser dienten den Schwarzacherinnen und Schwarzachern zudem als Orte des Zusammenkommens, sei es im Rahmen der Vereinsarbeit, der Traditionspflege, von Versteigerungen und sonstigen Anlässen. Im Hirschen gründete sich beispielsweise 1904 der Gemeinnützige Verein für Schwarzach und Umgebung, 45 während im Engel 1899 Sommerweideplätze auf der Alpe Weißenfluh bei Dornbirn feilgeboten wurden. 46 In Gasthäusern fanden Bälle und Feste statt, wurden Rekruten verabschiedet oder Geschäfte und Konkurse abgewickelt. Sie waren zentral für das Funktionieren einer Gemeinde. Der Börsenkrach von 1873 und die darauffolgende Wirtschaftskrise bremsten das rasante Wachstum für einige Jahre ein. Spätestens ab Mitte der 1890er-Jahre war die Krise aber endgültig überwunden und die Donaumonarchie trat in eine neue Phase wirtschaftlichen Aufschwungs ein, in der vor allem die verschiedenen neuen Industriezweige wie die Elek‐ trizitätswirtschaft, die auch in Schwarzach ihre Spuren hinterließ, stark expandierten. 47 Gleichzeitig wurden im Bereich der Kommunikation und des Transportwesens weitreichende Modernisierungsmaßnahmen durchgeführt, die die beschauliche Hofsteiggemeinde noch stärker in das überregionale Verkehrs- und Informationsnetz miteinbezogen. Speziell für den Verkehr nach und aus dem Bregenzerwald war Schwarzach, das seit 1872 über einen Bahnhof verfügte, von zentraler Bedeutung, was seine wirtschaftliche Entwicklung - vor allem nach der Eröffnung der Arlbergstrecke 1884 und der damit verbundenen Anbindung des Rheintals an das österreichische Schienennetz - enorm förderte. 48 An den dem Bau vorangegangenen Verhandlungen war Johann Kohler als Landtagsabgeordneter beteiligt gewesen, wofür er sogar eine kaiserliche Ehrung in Form einer Erinnerungsmedaille erhielt. 49 Obwohl Schwarzach wuchs und das produzierende Gewerbe konstant an Bedeutung gewann, war die Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts immer noch stark von der Landwirt‐ schaft geprägt. 50 1900 waren von den 491 ha bzw. 4,9 km 2 , die das Gemeindegebiet umfasste, 186 Severin Holzknecht <?page no="187"?> 51 F I N K , Wirtschaftsverhältnisse in Vorarlberg, S.-14-17. 52 Viehstandsverzeichnisse der Gemeinde Schwarzach aus den Jahren 1889, 1894, 1899, 1905 und 1908. GASch, HBS 19 Viehhaltung, 19/ 6 Statistik Viehzählung. 53 Ebenda. 68 ha als Ackerland (13,8 Prozent), 224 ha als Wiesen (45,6 Prozent), 123 ha als Wald (25,1 Prozent) und 47 ha als Hutweiden (9,4 Prozent) ausgewiesen. 51 - 1889 1894 1899 1905 1908 Pferde 35 54 67 40 35 Zuchtpferde 4 6 5 5 4 Kühe 158 162 198 228 183 Kalbinnen 49 49 84 42 34 Kälber/ Rinder 72 73 62 58 43 Schafe 3 11 7 15 2 Ziegen 25 44 65 35 34 Schweine 66 82 128 97 109 Hühner 324 545 678 502 557 Enten 3 11 8 9 8 Tabelle 2: Entwicklung des Viehbestands in Schwarzach 1889-1908 52 Aussagekräftiger ist allerdings ein Blick in die Viehbestandsverzeichnisse. Bei den Pferden machte sich in den Jahren 1894/ 99 das Fuhrwerkunternehmen Josef Natters stark be‐ merkbar. Von den 54 bzw. 67 Pferden in Schwarzach gehörten Natter 24 respektive 29. Nach der Inbetriebnahme des „Wälder-Bähnles“ 1902, das von Bregenz entlang der Bregenzer Ach nach Bezau fuhr, brach Natters Unternehmen jedoch ein Großteil des Geschäfts weg, weshalb die Zahl der Pferde bis 1905 mehr oder weniger auf den Stand von 1889 zurückging. - 1889 1894 1899 1905 1908 1-4 Stück 51 44 54 53 53 5-10 Stück 13 20 20 27 19 11-15 Stück 3 3 6 2 1 Über 15 Stück 1 0 0 0 0 Gesamt 68 67 80 82 73 Tabelle 3: Personen, die in Schwarzach Rindvieh besaßen 1889-1908 53 Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 187 <?page no="188"?> 54 Viehstandsverzeichnis der Gemeinde Schwarzach aus dem Jahr 1908. Ebenda. 55 F I N K , Wirtschaftsverhältnisse in Vorarlberg, S.-14-17, 38-39. 56 Die Verschuldung war in den meisten Fällen Resultat der unrentablen Betriebsgrößen sowie einer Reihe von Missernten, hatte allerdings auch weltwirtschaftliche Ursachen. Alleine auf dem Gebiet des heutigen Österreichs führte die steigende Verschuldung zwischen 1868 und 1892 zu 70.000 bis 80.000 Zwangsversteigerungen von landwirtschaftlichen Gütern, die wiederum zu einem großen Teil von anderen Bauern übernommen wurden. B R U C K M Ü L L E R , Sozialgeschichte Österreichs, S.-295. 57 Mitteilungen aus den Kassenvereinen. Schwarzach (Vollversammlung), Nachrichten des Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Vorarlberg, 20.3.1914, S. 2-3. Siehe auch den Beitrag von Simone Drechsel in diesem Band. Die Zahl der Rinder haltenden Schwarzacherinnen und Schwarzacher schwankte zwischen 67 (1894) und 82 (1905). Im Viehstandsverzeichnis von 1889 sticht besonders Gebhard Schwärzler heraus: Mit 50 Kühen, 14 Kalbinnen und 22 Kälbern/ Rindern gehörten ihm rund 30 Prozent des örtlichen Rindviehbestands. Zudem besaß er 9 Ziegen, 14 Schweine und 61 Hühner, womit er auch bei diesen Nutztierarten an der Spitze stand. Nach Schwärzlers Tod 1896 dürften die Erben das meiste Vieh verkauft haben. Laut den Viehstandsverzeichnissen betrieben sie mehrheitlich zwar ebenfalls kleinere „Ökonomien“, jedoch nicht in der Größenordnung wie der verstorbene Alt-Ortsvorsteher. Wenn man davon ausgeht, dass jene, die Rinder hielten, auch jeweils ein eigenes Haus besaßen, kann mit Blick auf die Bevölkerungsstatistik (Tabelle 1) der Schluss gezogen werden, dass sich rund die Hälfte der Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer während Kohlers Amtszeit in der Landwirtschaft be‐ tätigten. Bei der überwiegenden Mehrheit dieser bäuerlichen Haushalte (65 bis 75 Prozent) standen jedoch maximal vier Stück Vieh im Stall, weswegen zusätzliche Einkommens‐ quellen in fast allen Fällen anzunehmen sind. Auch unter den Landwirten der zweiten Kategorie (19 bis 33 Prozent) gab es Nebenerwerbsbauern. Beispiele sind die Mitglieder der Familie Troll oder auch der Schreinermeister und Gemeinderat Gebhard Köb. 54 Das Viehstandsverzeichnis erlaubt also den Schluss, dass im Schwarzach der Jahrhundertwende die Vollerwerbsbauern nicht mehr sehr zahlreich waren, eine Entwicklung, die für das gesamte Rheintal zutraf. 55 Dies hatte damit zu tun, dass durch die Industrialisierung Arbeitsalternativen entstanden waren, andererseits steckte der österreichische Agrarsektor grundsätzlich seit längerem in der Krise. Eine steigende Verschuldung der Höfe war die Folge. 56 Den Ausweg aus der Krise sahen Johann Kohler und viele seiner Zeitgenossen in der Gründung von Hypothekenbanken und Genossenschaften, die Kleinbauern den Zugang zu Investitionskrediten ermöglichen und ihnen mehr Gewicht auf dem Markt verschaffen sollten. Kohler war ein energischer Förderer der Genossenschaftsbewegung und stellte sich auch in der Gemeinde in den Dienst der Sache, indem er beispielsweise 1897 den Sparu. Darlehenskassenverein für Schwarzach mitbegründete und diesem bis 1914 als Obmann vorstand. 57 Die Zahl der Vereine nahm seit Einführung des liberalen Vereinsgesetzes 1867 auch in Vorarlberg rasant zu. Der Großteil der zu jener Zeit in Schwarzach gegründeten Vereine setzte sich, ähnlich wie der Sparu. Darlehenskassenverein, hauptsächlich mit praktischen Fragen auseinander. So existierten, wie verschiedenen Beiträgen im „Gemeindeblatt“ zu 188 Severin Holzknecht <?page no="189"?> 58 Nicht zu verwechseln mit den sozialdemokratischen Arbeiterkonsumvereinen. Ein solcher existierte beispielsweise in Wolfurt. Anzeige des Arbeiter-Konsumvereins Wolfurt, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 15.3.1908, S.-77. 59 Anzeige für Veranstaltung der Sticker- und Fergger-Gewerbe-Genossenschaft, ebenda, 9.2.1908, S. 41. 60 Bericht über Rekruten-Verabschiedungen im Gasthaus „Engel“, ebenda, 27.9.1908, S. 274. Das Militär prägte Schwarzach auch durch das Schützenwesen. In der Gemeinde existierte mit dem 1893 erbauten und 1896 nochmals adaptierten neuen Gemeindeschießstand im Eulentobel eine Anlage, die dem letzten Stand der Technik entsprach und auch optisch durchaus ansprechend war. Dokumente und Pläne zum Schwarzacher Gemeindeschießstand, 1893-1896. VLA, BH Bregenz I, Sch. 29, 45/ 1893. 61 Eigenberichte. Schwarzach, Vorarlberger Volksblatt, 29.5.1903, S. 3; Schreiben Vinzenz Kohlers an die Gemeindevertretung, 15.9.1909. GASch, HBS 6, 6/ 10 Schützen. 62 Kurzbiografie Johann Kohlers, Vorarlberger Landtag, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ -/ kohl er-johann-gemeindevorsteher (31.8.2024). 63 Johann Z I S C H K I N , Der Verein vom heiligen Vinzenz von Paul in Oesterreich. Sein Entstehen und sein Wirken. Wien 1927, S.-8-9. 64 Ingmar F R A N Z , Der Vinzenzverein im kirchenpolitischen Diskurs deutscher katholischer Zeitungen und Zeitschriften zwischen 1842 und 1851. In: Konfessionelle Armutsdiskurse und Armenfürsor‐ gepraktiken im langen 19. Jahrhundert, hg. von Bernhard S C H N E I D E R . Frankfurt am Main 2009, S.-119-154. 65 Zur Geschichte des Vinzensvereins in Vorarlberg, Vorarlberger Volksblatt, 9.9.1927, S.-5. 66 Johannes L A M P E R T , Die Diözesancaritas in Vorarlberg. Ursprünge - Geschichte - Ausblick. Phil. Dipl.-Arb. Innsbruck 1994, S.-12. 67 Mittheilungen. St. Vinzenz-Conferenzen, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 15.7.1888, S.-18. entnehmen ist, in Schwarzach unter anderem ein Konsumverein, 58 ein Viehversicherungs‐ verein, eine Vereinssennerei, ein Bienenzuchtverein sowie eine Sticker- und Fergger- Gewerbe-Genossenschaft. 59 Das Entstehen solcher anwendungsorientierter Vereine ent‐ sprach ganz dem Zeitgeist. Vereine, die sich freizeitgestalterischen oder philanthropischen Zwecken widmeten, gab es in der Gemeinde hingegen nur wenige. Zu nennen sind vor allem der Musikverein und die Turner. Für kurze Zeit war zudem noch ein zweiter Musikverein namens „Cäcilia“ aktiv, der unter anderem bei Verabschiedungen von Rekruten auftrat. 60 Außerdem existierten in Schwarzach eine freiwillige Feuerwehr, ein Schützensowie ein nach Erzherzog Karl Ferdinand benannter Veteranen- und Reservistenverein, wobei den ersten beiden Vereinen um die Jahrhundertwende mit Stefan und Vinzenz Kohler zwei Söhne Johann Kohlers vorstanden. 61 Kohler war zudem Mitbegründer der St. Vinzenz- Konferenz Vorarlberg, die sich verschiedensten karitativen Tätigkeiten widmete. 62 Ziel des Vereins war nach Eigendefinition die Bekämpfung der Wurzeln von Armut, worunter nicht nur Krankheit und materielle Missstände verstanden wurden, sondern vor allem sittliche, religiöse oder geistige „Mängel“, wie zum Beispiel Trunksucht. 63 Die Vinzenz-Konferenzen betrachteten sich als Orte der Selbstheilung und als Treffpunkt von Arm und Reich. Eine kritische Betrachtung der gesellschaftlichen Rolle der katholischen Kirche war nicht vorgesehen. 64 Die im Juli 1877 durch den damaligen Schwarzacher Pfarrer Josef Stöckler und Kohler gegründete St. Vinzenz-Konferenz von Schwarzach und Wolfurt - später weitete sie ihren Wirkungsbereich noch auf Kennelbach aus 65 - war die älteste in ganz Vorarlberg. 66 Im „Gemeindeblatt“ wurden immer wieder Anzeigen der Vinzenz-Konferenz geschaltet. In der Ausgabe vom 15. Juli 1888 etwa fand sich eine Ankündigung der bevorstehenden Generalversammlung im Wolfurter Gasthof Rößle. 67 Auch Frauen wurden dazu eingeladen, allerdings unter der Bedingung, dass sie sich während der Sitzung in einem separaten Raum Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 189 <?page no="190"?> 68 St. Vinzenz-Conferenzen von Schwarzach und Wolfurt, ebenda, 22.7.1888, S.-31. 69 Schreiben Statthalterei an BH Bregenz, 4.3.1908. VLA, BH Bregenz I, Sch. 133, 49/ 1908. 70 Meldung an die BH Bregenz, 22.5.1911. VLA, BH Bregenz I, Sch. 272, 8/ 1911. 71 Pieter J U D S O N , Habsburg. Geschichte eines Imperiums 1740-1918. München 2017, S.-445-447. 72 Hubert W E I T E N S F E L D E R , Interessen und Konflikte in der Frühindustrialisierung. Dornbirn als Beispiel (Studien zur historischen Sozialwissenschaft 18). Frankfurt am Main 1991, S.-11. 73 Jiri K L A B O U C H , Die Lokalverwaltung in Cisleithanien. In: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. II, hg. von W A N D R U S Z K A / U R B A N I T S C H , S.-270-305, hier S.-285. aufhielten und nicht an der Besprechung teilnahmen. 68 Dezidiert christlichsoziale Vereine gab es in Schwarzach mit Ausnahme der 1908 gegründeten Filiale des Piusvereins zur Förderung der katholischen Presse in Österreich 69 zumindest zu Kohlers Amtszeit keine. Eine Ortsgruppe des den Christlichsozialen nahestehenden Schutzvereins Ostmark wurde erst 1911 gegründet. 70 Liberal eingestellte Schwarzacherinnen und Schwarzacher mussten, sofern sie sich in dieser Gesinnung eindeutig zuordenbaren Vereinen engagieren wollten, nach Dornbirn oder Bregenz ausweichen. II. Anmerkungen zu den finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Gemeindeverwaltung Der Ausbau der öffentlichen Infrastruktur wurde um die Jahrhundertwende in der ge‐ samten Monarchie stetig vorangetrieben und sorgte für entsprechend hohe Ausgaben. Die Gemeinden sahen sich vielfach gezwungen, einzelne Projekte zu priorisieren und ansonsten Zurückhaltung walten zu lassen. Die von seinem Biografen Josef Walser in diesem Zusammenhang gepriesene Sparsamkeit Kohlers war wohl keine exklusive Cha‐ raktereigenschaft. In der ganzen Monarchie rühmten sich Politiker ihrer Besonnenheit im Umgang mit öffentlichen Geldern. 71 Die Gemeindeausgaben mussten - wenn möglich - ohne Zuwendungen von Landesebene bestritten werden. Haupteinnahmequelle war dabei vielerorts das Gemeindegut (Waldungen, Weiden, Fischteiche usw.), das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aus der mittelalterlichen Allmende entwickelt hatte. 72 Falls diese Einnahmen nicht ausreichten, um die Ausgaben zu stemmen, besaßen die Gemeinden das Recht, Naturalleistungen oder ergänzende Gemeindeabgaben einzufordern bzw. Zuschläge zu Verbrauchs- und direkten Steuern einzuheben. Die Verwaltung des Gemeindevermögens oblag den Gemeinden selbst. 73 Eine Schwarzacher Gemeinderechnung (eine Aufstellung von Einnahmen und Aus‐ gaben) aus der Amtszeit Kohlers ist lediglich für das Jahr 1889 überliefert. Sie wird im Folgenden mit jener aus dem Jahr 1888 - dem Jahr, in dem Kohlers Wahl zum Vorsteher erfolgte - verglichen. 190 Severin Holzknecht <?page no="191"?> 74 Auszug aus der vom Gemeindekassier Josef Anton Fischer gelegten Gemeinderechnung, 19.3.1889. GASch, HBS 3 Gemeinderechnungen, 3/ 2 Gemeinderechnungen 1866-1888. 75 Auszug aus der vom Gemeindekassier Josef Anton Fischer gelegten Gemeinderechnung, 21.4.1890. VLA, Vorarlberger Landesausschuss, SF 135 Gemeindefinanzen Schwarzach 1864-1918. Hauptempfang Summe Neuer Empfang Summe Kapitalien bei öffentlichen Fonds 850,00 Interessen von Aktivkapitalien 142,10 Kapitalien bei Körperschaften und Privaten 10.713,06 Ertrag der Realitäten 892,65 Realitäten laut Inventar 14.100,00 Nutzbare Rechte 2,00 Mobilien laut Inventar 1.500,00 Eingehobene Umlagen 2.773,95 Nutzbare Rechte im kapitalischen Anschlage 140,00 Verschiedene Einnahmen 3,06 Aktivrechnungsrest vom letzten Jahr 1.172,69 - - Gesamtsumme 28.475,75 Gesamtsumme 3.813,76 Tabelle 4: Einnahmen der Gemeinde Schwarzach 1888 in fl. (= Gulden) 74 Hauptempfang Summe Neuer Empfang Summe Kapitalien bei öffentlichen Fonds 0,00 Interessen von Aktivkapitalien 137,20 Kapitalien bei Körperschaften und Privaten 3.077,31 Ertrag der Realitäten 1.168,90 Realitäten laut Inventar 14.100,00 Nutzbare Rechte 0,00 Mobilien laut Inventar 1.500,00 Eingehobene Umlagen 3.799,72 Nutzbare Rechte im kapitalischen Anschlage 140,00 Verschiedene Einnahmen 15,30 Aktivrechnungsrest vom letzten Jahr 437,08 - - Aktivrückstände nach der vorjäh‐ rigen Stellung 143,12 - - Gesamtsumme 19.337,51 Gesamtsumme 5.121,51 Tabelle 5: Einnahmen der Gemeinde Schwarzach 1889 in fl. (= Gulden) 75 Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 191 <?page no="192"?> 76 Auszug aus der vom Gemeindekassier Josef Anton Fischer gelegten Gemeinderechnung, 19.3.1889. GASch, HBS 3 Gemeinderechnungen, 3/ 2 Gemeinderechnungen 1866-1888. Ausgaben Summe Zurückbezahlte Passivkapitalien 500,00 Steuern und Abgaben 19,14 Besoldungen und Remunerationen 239,54 Erhaltung der Gebäude 534,35 Brücken-, Straßen- und Wasserbauten 265,10 ½ Schulanstalten 792,24 Armenversorgung 52,27 Polizei- und Feuerlöschwesen 46,72 Militär- und Schießstandwesen 5,59 Kirchenerfordernisse 198,77 Angekaufte Realitäten und Mobilien 1.165,31 Bemänglungsersätze und Abschreibungen 25,64 Geleistete Vorschüsse 44,25 Verschiedene Ausgaben 473,07 ½ Gesamtsumme 4.385,13 Tabelle 6: Ausgaben der Gemeinde Schwarzach 1888 in fl. (= Gulden) 76 Ausgaben Summe Zurückbezahlte Passivkapitalien 500,00 Steuern und Abgaben 88,92 ½ Besoldungen und Remunerationen 260,13 Erhaltung der Gebäude 680,99 Brücken-, Straßen- und Wasserbauten 1.272,60 Schulanstalten 961,23 Armenversorgung 268,11 Polizei- und Feuerlöschwesen 39,25 Militär- und Schießstandwesen 99,45 Kirchenerfordernisse 223,45 192 Severin Holzknecht <?page no="193"?> 77 Auszug aus der vom Gemeindekassier Josef Anton Fischer gelegten Gemeinderechnung, 21.4.1890. VLA, Vorarlberger Landesausschuss, SF 135 Gemeindefinanzen Schwarzach 1864-1918. 78 Ähnlich lautende Kritik hatte Thurnher bereits in den vorangegangenen Jahren geäußert. Zusam‐ menfassender Bericht Martin Thurnhers über Mängel an die Gemeinde Schwarzach, 30.7.1890. VLA, Vorarlberger Landesausschuss, SF 135 Gemeindefinanzen Schwarzach 1864-1918. 79 Hierbei handelt es sich vermutlich um jene Einnahmen, die in den Jahren zuvor unter „Eingehobene Umlagen“ liefen. 80 Auszug aus dem Voranschlag 1898, 10.10.1897. GASch, HBS 3 Gemeinderechnungen, 3/ 6 Rechnungen 1853-1938. Angekaufte Realitäten und Mobilien 0,00 Bemänglungsersätze und Abschreibungen 5,67 Geleistete Vorschüsse 13,50 Verschiedene Ausgaben 337,09 Angelegte Aktivkapitalien 373,60 Zinse für Passivkapitalien 299,48 Gesamtsumme 5.423, 47 Tabelle 7: Ausgaben der Gemeinde Schwarzach 1889 in fl. (= Gulden) 77 Den bedeutendsten Einnahmeposten stellten 1888 und 1889 die Umlagen dar. Ihnen standen vergleichsweise hohe Ausgaben etwa für den Unterhalt der Schulen, die Instandhaltung von Straßen und Brücken oder auch für Rückzahlungen gegenüber. Mit 548,24 bzw. 301,96 Gulden schlug zwar in beiden Jahren ein Minus zu Buche, Kritik an der Buchführung äußerte der Vorarlberger Landtag 1890 in Person von Martin Thurnher jedoch aus einem anderen Grund. Er bemängelte unter anderem die mehrfache Verwendung von Belegen bzw. deren Zuordnung zu den falschen Posten. 78 Einen zumindest punktuellen Vergleich mit den späteren Jahren von Kohlers Amtszeit erlauben die Einnahmen und Ausgaben für 1896, die einem ebenfalls erhalten gebliebenen Voranschlag für das Jahr 1898 beigelegt sind. Neuer Empfang Summe Interessen von Aktivkapitalien 125,27 Ertrag der Realitäten 675,20 Nutzbare Rechte 8,60 Beiträge aus Rückständen 79 2.444,19 Verschiedene Einnahmen 761,47 Gesamtsumme 4.014,71 Tabelle 8: Einnahmen der Gemeinde Schwarzach 1896 in fl. (= Gulden) 80 Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 193 <?page no="194"?> 81 Auszug aus dem Voranschlag 1898, 10.10.1897. GASch, HBS 3 Gemeinderechnungen, 3/ 6 Rechnungen 1853-1938. 82 Für das Jahr 1882 existiert ein Inventar, in dem die Gemeindebesitzungen genauer angeführt werden. Inventar über das gesamte Vermögen der Gemeinde Schwarzach, 27.12.1882. VLA, Vorarlberger Landesausschuss, SF 135 Gemeindefinanzen Schwarzach 1864-1918. 83 Peter Lässer und Jakob Gasser ersteigerten jeweils drei Felder, während Josef Gmeiner und Andreas Stadelmann für zwei Äcker den Zuschlag erhielten. Die restlichen 15 Felder wurden einzeln vergeben. Versteigerungsprotokoll über die Gemeindegrundstücke 1906 bis 1910, 18.3.1906. GASch, HBS 2 Gemeindeverwaltung - Grundstücke, 2/ 3 Gemeinde-Grundstücke - Versteigerungsprotokolle. Ausgaben Summe Zurückbezahlte Passivkapitalien 500,00 Steuern und Abgaben 88,55 Besoldungen und Remunerationen 385,00 Erhaltung der Gebäude 137,58 Brücken-, Straßen- und Wasserbauten 2.861,86 Schulanstalten 1.046,24 Armenversorgung 362,39 Polizei- und Feuerlöschwesen 86,24 Militär- und Schießstandwesen 36,87 Kirchenerfordernisse 217,95 Sanitätswesen 50,00 Verschiedene Ausgaben 275,15 Gesamtsumme 6.196,39 Tabelle 9: Ausgaben der Gemeinde Schwarzach 1896 in fl. (= Gulden) 81 Im Unterschied zur Einnahmenseite kann bei den Ausgaben eine konstante Steigerung in fast allen Bereichen und insgesamt von knapp fünfzig Prozent beobachtet werden. Beson‐ ders belasteten die Wege- und Wasserbauten, somit ein Bereich, der starken Schwankungen unterlag, das Budget des Jahres 1896. Zur genaueren Zusammensetzung der Gemeindeeinnahmen liegen kursorische Hin‐ weise vor. Die Gemeindegrundstücke wurden beispielsweise in unregelmäßigen Abständen an Interessenten verpachtet. 82 So geschehen etwa am 18. März 1906 im Gasthaus Bregen‐ zerwald am Bahnhof, wo Interessenten für die Dauer von vier Jahren Felder ersteigern konnten. An diesem Tag kamen 25 Wiesen und Äcker ohne genauere Angabe von Lage und Größe unter den Hammer, wodurch sich die Gemeinde bis 1910 jährliche Einnahmen von 310 Kronen sicherte. 83 310 Kronen stellten eine vergleichsweise hohe Summe dar, die in Kohlers Amtszeit noch nie erreicht worden war. Auch das Holz aus den Gemeinde‐ waldungen in den Parzellen Wolfensberg, Obertellenmoos, Kella und Sonderwald wurde regelmäßig am Stock feilgeboten. Am 1. Juni 1908 wurden im Gasthof Sonne 58 Tannen 194 Severin Holzknecht <?page no="195"?> 84 Versteigerungsprotokoll über Holz aus den Gemeindewaldungen, 1.6.1908. GASch, HBS 18 Forst, 18/ 7 Holzerträgnisse aus Gemeindewaldungen. 85 Holzerlös aus der Kellawaldung, 24.1.1909. Ebenda. 86 Versteigerungsprotokoll über Holz aus den Gemeindewaldungen 1900, 4.6.1900. Ebenda. Die Krone wurde 1892 eingeführt, allerdings blieb der Gulden noch bis 1900 im Umlauf. Erst mit der Jahrhun‐ dertwende löste ihn die Krone endgültig als alleingültige Währung ab. Ein Gulden hatte den Wert von zwei Kronen. Roman S A N D G R U B E R , Die Anfänge der Konsumgesellschaft. Konsumgüterverbrauch, Lebensstandard und Alltagskultur in Österreich im 18. und 19.-Jahrhundert. Wien 1982, S.-465. 87 Jagdpachtvertrag zwischen Bernhard Troll jun. und der Gemeinde Schwarzach, 17.8.1908. GASch, HBS 18 Jagd und Fischerei, 18/ 11 Jagdpacht-Vertrag 1908-1913. 88 Jagdversteigerungsprotokoll, 17.8.1908. Ebenda. Anzunehmen ist, dass der jährliche Jagdpachtzins - wie heute - anteilsmäßig auf die Waldbesitzenden aufgeteilt wurde. 89 Einzugsliste für die Gemeindesteuerzuschläge, 30.7.1890. GASch, HBS 9 Steuerwesen, 9/ 13 Steuer- und Fremdensteuerakten 1891-1911. 90 Fremdensteuer-Liste 1910, 1911. Ebenda. 91 Fremdensteuer-Liste 1895, 26.1.1896. Ebenda. 92 K L A B O U C H , Lokalverwaltung in Cisleithanien, S.-275-280. und Fichten im Kella-Wald in drei Partien an die Höchstbietenden - es handelte sich dabei in allen drei Fällen um die ein Jahr zuvor gegründete Schifflestickerei Mäser & Hefel - veräußert. Insgesamt lukrierte die Gemeinde dadurch 1.355 Kronen. 84 Im selben Jahr kam es noch zu zwei weiteren Auktionen, was bedeutete, dass die Gemeinde aus Holzverkäufen - abzüglich der entstandenen Kosten - 1908 insgesamt 4.929 Kronen einnahm. 85 1900 waren es sogar 2.950 Gulden gewesen. 86 Die Gemeinde schloss zudem Jagdpachtverträge ab. Für einen Fünfjahresvertrag bezahlte der Wetzsteinfabrikant Bernhard Troll jun. 1908 beispielsweise 265 Kronen jährlich. 87 Troll hatte sich bei der Versteigerung der Jagdrechte gegen sechs Konkurrenten durchgesetzt. Der Vertrag erlaubte es ihm, im Schwarzacher Genossenschaftsjagdgebiet - dies entsprach der gesamten Ortsgemeinde - zu jagen. 88 Aus der Gemeindesteuer erhielt Schwarzach alljährlich ebenfalls eine bedeutende Summe. Die Gemeindesteuer, welche die Bürgerinnen und Bürger zu entrichten hatten, berechnete sich anhand von Gebäude- und Grundbesitz, Erwerb etc. 1890 beliefen sich die Einkünfte aus dieser Taxe auf 1.555,11 Gulden. 89 Die Fremdensteuer, die an die Zahl der Übernach‐ tungen gekoppelt war und als Indiz für die zunehmende Einbindung Schwarzachs in die (über-)regionale Wirtschaft gedeutet werden kann, bildete eine weitere, durchaus ergiebige Einnahmequelle. 1910 flossen etwa 3.571,77 Kronen in die Gemeindekasse; 90 1895 hatte die Summe noch 1.118,65 Gulden betragen. 91 Die Höhe der Gemeindeerträge und der dadurch definierte budgetäre Rahmen waren von vielen Faktoren abhängig, was einen sorgsamen Umgang mit den Finanzen notwendig machte. Johann Kohler und der Schwarzacher Gemeindeausschuss scheinen dieses Austarieren zwischen Investitionen und Sparsamkeit beherrscht zu haben. Es sind keine Unmutsbekundungen der Steuern Zahlenden über zu hohe Umlagen überliefert und die Gemeinde geriet während Kohlers Amtszeit trotz großer Investitionen nie in gröbere finanzielle Schwierigkeiten. Die Dezemberverfassung von 1867 hatte die bis dahin zwischen Reich und Ländern gültige Kompetenzteilung im Bereich der Gemeindegesetzgebung beendet und die gesamte Verantwortung den Landtagen überantwortet. 92 Die Gemeinden blieben im gesetzgeberi‐ schen Bereich weiterhin ohne Einfluss. Ihre Aufgaben umfassten die Umsetzung der Vorgaben der übergeordneten Behörden, die Instandhaltung der auf Gemeindegebiet Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 195 <?page no="196"?> 93 Georg S C H M I T Z , Organe und Arbeitsweise, Strukturen und Leistungen der Landesvertretungen. In: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. VII: Verfassung und Parlamentarismus, 2. Teilband: Die regionalen Repräsentativkörperschaften, hg. von Helmut R U M P L E R / Peter U R B A N I T S C H . Wien 2000, S.-1353-1544, hier S.-1388. Siehe dazu auch den Beitrag von Ingrid Böhler in diesem Band. 94 K L A B O U C H , Lokalverwaltung in Cisleithanien, S.-281-286. 95 Hauschronik, S.-26. 96 Auszug aus der Tagesausgabe. Unpolitisches, Vorarlberger Volksblatt, 10.11.1903, S.-5. 97 Es darf nicht vergessen werden, dass im I. Wahlkörper die wenigsten Stimmen abgegeben wurden. Gebhard Schwärzler errang bei den Gemeindewahlen 1894 in dieser Wählerklasse mit 13 Stimmen beispielsweise Platz 1. Johann Kohler trat derweil im III. Wahlkörper an und erhielt 75 Stimmen. Bekanntmachung der Gemeinde, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 14.10.1894, S.-427. 98 Mittheilungen. Schwarzach, Vorarlberger Volksfreund, 19.10.1894, S.-6. 99 Die Gemeinderäte bzw. der Gemeindevorstand waren nach dem Reichsgemeindegesetz von 1862 das verwaltende und vollziehende Organ, während der Gemeindeausschuss das beschließende und befindlichen Straßen, Wege und Brücken, die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung etc. Insgesamt nahm der Bereich der Selbstverwaltung zu, was die Vormachtstellung lokaler Eliten festigte. Dafür sorgte der Grundsatz, dass Gemeindefunktionäre ihre Arbeit unent‐ geltlich oder zu einem sehr kleinen Gehalt leisteten, was einkommensschwache Personen de facto von öffentlichen Ämtern ausschloss. 93 Neben der fehlenden Bezahlung war auch das Kurienwahlrecht mitverantwortlich dafür, dass es den lokalen Führungsschichten gelang, ihre Position zu sichern. 94 III. Gemeindepolitik und Gemeindeverwaltung um die Jahrhundertwende Als Johann Kohler 1888 Gemeindevorsteher von Schwarzach wurde, war er bereits seit rund 18 Jahren Landtagsabgeordneter und ein einflussreicher Mann innerhalb der katholischkonservativen Bewegung Vorarlbergs. Auch wenn ein Eintrag in der Hauschronik der Fa‐ milie Kohler, dass er zu den „vielen Arbeiten u. Sorgen dieses Amt auch noch übernehmen“ musste, 95 eigentlich nahe legt, dass er die Vorsteherschaft nur widerwillig übernommen hatte, war viel eher das genaue Gegenteil der Fall. Kohler versteckte seine Ambitionen zeitlebens hinter Phrasen des Sich-Aufopferns und inszenierte sich selbst als selbstlosen und unermüdlichen Arbeiter. Kohler und seine Konservativen dominierten in der Gemeinde, denn in „Schwarzach gibt’s weder Liberale noch Radikale“, so das „Volksblatt“ anlässlich der Gemeindewahlen 1903. 96 Diese Erklärung traf jedoch nicht für die gesamte Amtszeit Kohlers zu. Bei den Gemeindewahlen 1894 forderte eine liberale Fortschrittspartei die regierende Kohler- Schwärzler-Partei - so die Bezeichnung für die Schwarzacher Konservativen - heraus. Während Kohler und seine Unterstützer im I. und III. Wahlkörper gewannen, siegte die Fortschrittspartei im II. Wahlkörper. In der I. Wählerklasse war der Sieg der Kohler‘schen mit nur vier Stimmen Vorsprung denkbar knapp. 97 Nichtsdestotrotz hielt die Partei nach den Wahlen bei zehn von zwölf Mandaten. 98 Mit dem Schreinermeister Gebhard Köb wurde jedoch überraschenderweise anstelle von Anton Behmann - und mit Stimmen von Kohlers Liste - ein Vertreter der Fortschrittspartei zu einem von insgesamt zwei Gemeinderäten gewählt. 99 Dies und der Umstand, dass Kohler mit lediglich sieben Stimmen von den Man‐ dataren zum Vorsteher gewählt wurde, lässt den Schluss zu, dass zu diesem Zeitpunkt auch 196 Severin Holzknecht <?page no="197"?> überwachende Gremium war. Artikel XII des Reichsgemeindegesetzes von 1862, URL: https: / / www .gemeindearchiv.at/ mandatare/ gemeindegesetze/ gemeindegesetz-1862 (31.8.2024). 100 Gebhard Schwärzler war bis kurz vor seinem Tod im März 1896 politisch aktiv. Seine letzte Gemeinde‐ ausschusssitzung besuchte er am 28. September 1895 im Alter von achtzig Jahren. Sitzungsprotokoll des Gemeindeausschusses, 28.9.1895. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Gemeindeausschuss, HBS 1/ 4 Protokolle der Sitzungen des Gemeindeausschusses in Schwarzach in der Periode 1894 bis 1897. 101 Mittheilungen. Schwarzach, Vorarlberger Volksfreund, 2.11.1894, S.-9. 102 Briefkasten. Schwarzach, ebenda, S.-14. 103 Eigenberichte. Schwarzach, Vorarlberger Volksblatt, 5.11.1897, S.-4. 104 J U D S O N , Habsburg, S.-438-441. 105 Peter U R B A N I T S C H , Die Gemeindevertretungen in Cisleithanien. In: Die Habsburgermonarchie 1848- 1918, Bd. VII, 2. Teilband, hg. von R U M P L E R / U R B A N I T S C H , S.-2199-2281, hier S.-2230. 106 Verzeichnis des Christlichsozialen Volksvereins, 1895. VLA, BH Bregenz I, Sch. 131, 1/ 1895. 107 Hubert W E I T E N S F E L D E R , „Römlinge“ und „Preußenseuchler“. Konservativ-Christlichsoziale, Liberal- Deutschnationale und der Kulturkampf in Vorarlberg, 1860 bis 1914. Wien 2008, S.-44. innerhalb der Kohler-Schwärzler-Partei 100 eine gewisse Unruhe herrschte und Kohler zu Zu‐ geständnissen gezwungen war. 101 Die konservativen Zeitungen „Volksblatt“ und „Landbote“ berichteten dennoch von einem überwältigenden Sieg der Schwarzacher Klerikalen, was bei Liberalen und Deutschnationalen für Belustigung sorgte. Der „Volksfreund“ veröffentlichte einen Leserbrief, in dem ein Sympathisant der Fortschrittspartei amüsiert feststellte: „Noch ein solcher Sieg in Schwarzach und Kohler ist verloren! “ 102 Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Lagern gestaltete sich in den Folgejahren dennoch harmonisch, was bei den Gemeindewahlen 1897 zur Bestätigung Kohlers und der beiden Gemeinderäte führte. 103 Das Gemeindewahlrecht blieb bis zum Ende der Monarchie äußerst exklusiv. In den 1860er- und 1870er-Jahren konnten österreichweit im Schnitt nur 18 bis 20 Prozent der Bevölkerung an Kommunalwahlen teilnehmen und auch als 1907 auf Reichsebene bereits das Allgemeine Wahlrecht für alle Männer über 24 eingeführt worden war, blieb das Kurienwahlrecht auf Gemeindeebene bestehen. 104 Dass sich abseits der großen Gemeinden nur selten „Parteien“ im eigentlichen Sinne formierten, war dem auf Kommunalebene besonders stark auf Personen zugeschnittenen Wahlrecht geschuldet. 105 Dementsprechend darf die Kohler-Schwärzler-Partei nicht als Liste mit ideologisch engem klerikal-christlich‐ sozialem Weltbild, auch nicht als Organisation mit einem fest definierten Parteiprogramm im heutigen Sinne verstanden werden, sondern vielmehr als Wahlverein von im weitesten Sinne gleichgesinnten Männern, die sich um die beiden einflussreichen Schwarzacher Gebhard Schwärzler und Johann Kohler scharten. Die auf kommunaler Ebene an den Tag gelegte Zurückhaltung war wohl mit ein Grund dafür, dass die Zusammenarbeit zwischen Kohler-Schwärzler-Partei und Fortschrittspartei im Gemeindeausschuss relativ friktionsfrei funktionierte. Die Christlichsoziale Partei - deren Mitbegründer Kohler in Vorarlberg war - tat sich schwer, sich in Schwarzach zu etablieren. 1895 stammten von den mehr als 2.300 eingeschriebenen Mitgliedern des Christlichsozialen Volksvereins in Vorarlberg nur zwei aus Schwarzach: Johann Kohler und Ortspfarrer Martin Matt. 106 Eine Ortsgruppe der Partei formierte sich bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs nicht. 107 Gewählt wurde der Gemeindeausschuss im Normalfall alle drei Jahre. Das Kurienwahl‐ recht teilte die mehrheitlich männliche Wählerschaft in drei Klassen ein. Die Einteilung der Wahlkörper fand anhand der erbrachten Steuerleistung statt. In der I. Wahlklasse Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 197 <?page no="198"?> 108 Elmar H Ä U S L E R , Bemerkungen zur Entwicklung des Gemeindewahlrechts in Vorarlberg von 1864 bis 2008. In: 200 Jahre Gemeindeorganisation in Vorarlberg. Almanach zum Vorarlberger Gemeindejahr 2008, hg. von Ulrich N A C H B A U R / Alois N I E D E R S T Ä T T E R . Bregenz 2009, S.-57-72, hier S.-59. 109 U R B A N I T S C H , Die Gemeindevertretungen in Cisleithanien, S.-2218. 110 Dabei handelte es sich um Personengruppen, die aufgrund ihres gesellschaftlichen Status oder ihrer Ausbildung wahlberechtigt waren. Darunter fielen unter anderem Offiziere i. R., Doktoren, die ihren akademischen Grad an einer österreichischen Universität erhalten hatten, aber auch Priester und Oberlehrer. H Ä U S L E R , Bemerkungen zur Entwicklung des Gemeindewahlrechts, S.-58. 111 U R B A N I T S C H , Die Gemeindevertretungen in Cisleithanien, S.-2208-2210. 112 1878 entrichtete Gebhard Schwärzler Steuern in Höhe von 218,61 Gulden, während es bei Johann Kohler „nur“ 47,36 Gulden waren, womit er sich auf dem Niveau des Großteils der Mitglieder der ersten Wählerklasse befand. Wählerliste für Wahlmännerwahl zur Landtagswahl 1878. GASch, W 4 Wahlakten der Gemeinde, W 4/ 3/ 4 Landtagswahlen 1878. 113 Ob von Zollheim abgesehen von seinem Besuch 1869 eine Verbindung zu Schwarzach besaß und sein Wahlrecht jemals in Anspruch nahm, ließ sich nicht in Erfahrung bringen. Die Ehrenbürgerschaft erhielt er jedenfalls 1869. Nichtamtliche Theil. Inland. Schwarzach, Vorarlberger Landeszeitung, 18.12.1869, S.-2. 114 Wählerliste für Wahlmännerwahl zur Landtagswahl 1878. GASch, W 4 Wahlakten der Gemeinde, W 4/ 3/ 4 Landtagswahlen 1878. 115 Wählerliste für Wahlmännerwahl zur Landtagswahl 1901. GASch, W 4 Wahlakten der Gemeinde, W 4/ 3/ 9 Landtagswahlen 1901. 116 Wählerliste des II. Wahlkörpers 1894, 30.9.1894. GASch, W 1 Wahlakten der Gemeinde, 1/ 18 Gemein‐ dewahlen 1894. Der Aufstieg Anna Kohlers in den I. Wahlkörper stand mit großer Wahrscheinlichkeit in Zusammenhang mit ihren Anteilen am Erbe des Vaters sowie an der von der mütterlichen Seite stammenden Firma Pircher in Bregenz. befanden sich die besonders wohlhabenden Bürger und Honoratioren, während im III. Wahlkörper die Masse der steuerzahlenden Bevölkerung zusammengefasst wurde. Beide Klassen repräsentierten jeweils rund ein Drittel der geleisteten Steuern. 108 Da jede Wäh‐ lerklasse ein Drittel der Mandate bestimmte, war die zweite Kurie dank ihrer relativ starken sozialen Durchmischung in umkämpften Gemeinden oftmals wahlentscheidend. 109 Zu diesen gehörte Schwarzach mit Ausnahme der Wahlen von 1894 allerdings nicht. Unter bestimmten Voraussetzungen waren auch „Ehren- und Intelligenzwähler“ 110 oder Frauen als sogenannte „Steuerwähler“ (auf Basis von zuvor entrichteten Steuern) zur Wahl zugelassen, wenn auch nur durch einen männlichen Vertreter. 111 Ein Blick auf die Wählerlisten dieser Zeit verdeutlicht, wie elitistisch das Kurienwahl‐ recht tatsächlich war. Kohler befand sich in der konstant zwischen zwei bis drei Dutzend Personen umfassenden ersten Wählerklasse und gehörte zu den zehn Männern, die in Schwarzach am meisten Steuern entrichteten, auch wenn er im Gegensatz zu seinem Schwiegervater Gebhard Schwärzler dabei niemals herausstach. 112 Wenn man sich bei‐ spielsweise die Wählerliste des Jahres 1878 ansieht, finden sich in der ersten Wählerklasse neben Schwärzler, Kohler, einigen Unternehmern wie Johann Georg Troll, dem Vorgänger Kohlers als Gemeindevorsteher, und Honoratioren wie dem Ehrenbürger Josef Lasser Freiherr von Zollheim 113 noch eine Anzahl wohlhabender Bauern und Gastwirte. 114 Ein Blick auf die Listen darauffolgender Wahlen zeigt, dass sich zwar die Steuerleistung der Gelisteten beträchtlich erhöhte, die Namen aber mehr oder weniger die gleichen blieben und nur punktuell durch Neuzugänge ergänzt wurden. Erwähnenswert ist, dass Kohlers Ehefrau Anna ab 1901 ebenfalls in der ersten Wählerklasse aufscheint. 115 Bei den vorangegangenen Wahlen war sie noch im II. Wahlkörper gelistet gewesen. 116 Wer am Wahltag ihre Stimme 198 Severin Holzknecht <?page no="199"?> 117 Alleine im III. Wahlkörper wurden bei den Wahlen von 1894 vierzig Stimmen mittels Vollmacht - sprich von Männern für Frauen oder Minderjährige - abgegeben. Der „Volksfreund“ merkte kritisch an, dass von diesen rund achtzig Prozent an die Kohler-Schwärzler-Partei - womöglich entgegen des Willens der Frauen - gegangen waren und zog dadurch die demokratische Legitimität der Wahl in Zweifel. Mittheilungen. Schwarzach, Vorarlberger Volksfreund, 19.10.1894, S.-6. 118 Wählerliste des I. Wahlkörpers 1894, 30.9.1894. GASch, W 1 Wahlakten der Gemeinde, 1/ 18 Gemeindewahlen 1894. 119 Mittheilungen. Schwarzach, Vorarlberger Volksfreund, 19.10.1894, S. 6. Von den vier Hämmerles hatten 1894 allerdings nur zwei ihr Wahlrecht ausgeübt. Gebhard Schwärzler hatte neben seiner eigenen Stimme auch für minderjährige bzw. weibliche Verwandte gewählt. 120 Kundmachung der Gemeindevorstehung von Schwarzach, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwar‐ zach, 6.10.1889, S.-320-321. 121 Kundmachung der Gemeindevorstehung von Schwarzach, ebenda, 26.2.1899, S.-95. 122 Der Ortsschulrat setzte sich laut § 34 des Gesetzes über die katholischen Volksschulen des Landes Vorarlberg aus dem Pfarrer, dem Gemeindevorsteher und dem Gemeindeschulaufseher zusammen. Der Pfarrer stand dem Gremium vor. Gesetzes-Entwurf über die katholischen Volksschulen des Landes Vorarlberg, 13. Sitzung des IV. Vorarlberger Landtages, 10.4.1877. VLA, Stenographische Protokolle des Vorarlberger Landtages, 1876, S.-49. 123 Kundmachung des Ortsschulrats in Schwarzach, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 3.11.1889, S. 355. Die diesem Vorgang zugrundeliegende Debatte wird in meinem zweiten Beitrag in diesem Band genauer beleuchtet. abgab, ist den Quellen nicht zu entnehmen. 117 Das Wahlrecht war nicht an den Wohnort gebunden. Die in Dornbirn lebenden Teilhaber der Firma F. M. Hämmerle besaßen aufgrund der Produktionsstätte in Schwarzach ebenfalls das Wahlrecht. Als Einzelpersonen waren die vier Brüder im II. Wahlkörper stimmberechtigt. 118 Bei den Gemeindewahlen 1894 sorgte das mehrfache Stimmrecht der berüchtigt antiklerikalen Dornbirner Industriellenfamilie auf Seiten des christlichsozialen „Volksblatts“ für Empörung, woraufhin der „Volksfreund“ darauf hinwies, dass Gebhard Schwärzler sogar viermal hatte wählen dürfen: „Was über dem Bach recht ist, soll doch herüber auch wenigstens billig sein“, so das deutschnationale Blatt. 119 Johann Kohler musste sich als Gemeindevorsteher von Schwarzach mit einer Viel‐ zahl von kleineren und größeren Problemen auseinandersetzen, von denen hier einige Erwähnung finden sollen, um so einen Einblick in seinen Alltag zu ermöglichen. Die Aufrechterhaltung von „Ruhe und Ordnung“ nahm Gemeindeverwaltung und -vorsteher regelmäßig in Anspruch. 1889 sah sich Kohler beispielsweise veranlasst, mittels einer Verordnung dafür zu sorgen, dass die Sperrstunde (23 Uhr) eingehalten wurde. 120 Vor allem stellungspflichtige junge Männer waren in diesem Zusammenhang wiederholt negativ aufgefallen, nachdem sie alkoholisiert - und wohl dementsprechend laut - den Zapfenstreich missachtet hatten. Stellungspflichtigen wurde infolgedessen mit Geld- und Arreststrafen gedroht, falls dieser „Zustand flegelhafter Rohheit“ weiter anhalten sollte. 121 Im selben Jahr musste der Ortsschulrat, dem Kohler als Gemeindevorsteher ebenfalls angehörte, 122 die Eltern schulpflichtiger Kinder dazu anhalten, ihren Nachwuchs in die Volksschule zu schicken. 123 1903 untersagte der Ortsschulrat schulpflichtigen Knaben die Mitgliedschaft im Musikverein und den Besuch von Gasthäusern ohne elterliche Beglei‐ Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 199 <?page no="200"?> 124 Kundmachung des Ortsschulrats in Schwarzach, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 12.7.1903, S.-177. 125 Kundmachung der Gemeindevorstehung von Schwarzach, ebenda, 11.9.1892, S.-358-359. 126 S C H M I T Z , Organe und Arbeitsweise, Strukturen und Leistungen der Landesvertretungen, S.-1447. 127 Werner D R O B E S C H , Ideologische Konzepte zur Lösung der „sozialen Frage“. In: Die Habsburgermon‐ archie 1848-1918, Bd. IX: Soziale Strukturen, 1. Teilband: Von der feudal-agrarischen zur bürgerlichindustriellen Gesellschaft, 2. Teil: Von der Ständezur Klassengesellschaft, hg. von Helmut R U M P L E R / Peter U R B A N I T S C H . Wien 2010, S.-1419-1463, hier S.-1419-1428. 128 Zu erwähnen sind hier unter anderem das Unfallversicherungsgesetz von 1887, das Krankenversiche‐ rungsgesetz von 1888 oder das Bruderladengesetz von 1889. Letzteres regelte die Sozialversicherung im Bergbau. Roman S A N D G R U B E R , Ökonomie und Politik. Österreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Österreichische Geschichte X). Wien 1995, S.-303. 129 D R O B E S C H , Ideologische Konzepte zur Lösung der „sozialen Frage“, S.-1445-1456. 130 K L A B O U C H , Lokalverwaltung in Cisleithanien, S.-283-284. tung. Der Musikverein verweigerte allerdings die Kooperation, woraufhin der Ortsschulrat die Eltern dazu ermahnte, die Bestimmungen in Eigenverantwortung durchzusetzen. 124 Eine weitere Verordnung der Gemeinde sah vor, dass Ortsfremde binnen drei Tagen an- und - nachdem sie wieder abgereist waren - abgemeldet werden mussten. Bei Unterlassung drohten Strafen von fünf bis hundert Gulden. Diese Verordnung richtete sich hauptsächlich an potentielle Arbeitgeber und Hauseigentümer. Die Meldevorschriften waren bis dahin offenbar nicht allzu rigoros eingehalten worden. 125 Als Gemeindevorsteher war Johann Kohler außerdem Mitglied des Schwarzacher Ar‐ menrats, der die Versorgung von Hilfsbedürftigen administrierte. Die Armenfürsorge war seit Inkrafttreten des Reichsgemeindegesetzes 1862 Angelegenheit der Kommunen. In einigen Kronländern - unter ihnen Vorarlberg und Tirol - gab es ergänzend zu dem durch die Gemeinden betriebenen Fürsorgewesen noch die Pfarramtsinstitute, die bis 1862 alleine für die Betreuung Bedürftiger verantwortlich gewesen waren. 126 Die Beanspruchung der existierenden Sicherungsnetze war enorm und eine Reform des Armenfürsorgewesens notwendig, denn der durch die sich entwickelnde industrielle Massenproduktion fortschrei‐ tende Niedergang des einfachen Handwerks und der anhaltende internationale Wettbewerb in der Landwirtschaft führten in vielen Regionen zur Verarmung größerer Bevölkerungs‐ schichten. 127 Erste Schritte in Richtung des Aufbaus eines engmaschigeren sozialen Netzes erfolgten nach der Ernennung Eduard Graf Taaffes zum Ministerpräsidenten Cisleithaniens 1879. Die Reformen der 1880er-Jahre bedeuteten die Abkehr vom bisher beschrittenen Pfad des Laissez-faire der Deutschliberalen und bereiteten gleichzeitig den Weg für die Christlichsoziale Partei. 128 Aus katholisch-konservativer Sicht wurde diese Hinwendung zur Sozialpolitik vor allem durch die Enzyklika „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 ideologisch unterfüttert. 129 Anspruch auf Versorgung durch die Gemeinde hatten nicht alle in Schwarzach wohn‐ haften Personen, sondern lediglich Gemeindeangehörige, die durch Geburt, Heirat oder nach Verleihung durch die Gemeinde das Heimatrecht besaßen. Alle anderen waren auf die Versorgung durch ihre jeweilige Heimatgemeinde angewiesen (sofern „Fremde“ Steuern zahlten, besaßen sie in Schwarzach immerhin das Wahlrecht). 130 Die Jahresausgaben der Gemeinde für das „Armenwesen“ beliefen sich gegen Ende von Kohlers Amtszeit auf zwischen 2.900 und 3.400 Kronen im Jahr, wobei die Rücklagen für die Versorgung von 200 Severin Holzknecht <?page no="201"?> 131 Sitzungsprotokoll des Armenrates, 28.1.1909. GASch, HBS 8 Armenfürsorge, HBS 8/ 6 Armenfürsorge - Protokolle der Armenratssitzungen 1889-1910. 132 Sitzungsprotokoll des Armenrates vom 17.1.1910. Ebenda. 133 Günter H Ö F L E , Die Entwicklung des Volksschulwesens in Schwarzach. Hausarbeit für die Lehramts‐ prüfung für Volksschulen an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Vorarlberg. Feldkirch 1988, S.-76. 134 Sitzungsprotokoll des Armenrates vom 19.10.1908. Ebenda. 135 „Einige Notizen aus meinem Leben.“ Die Memoiren des Vorarlberger Landtags- und Reichsrats‐ abgeordneten Martin Thurnher (1844-1922), hg. von Karin S C H N E I D E R (Quellen zur Geschichte Vorarlbergs 7). Regensburg 2005, S.-60. Bedürftigen um einiges höher waren als die Ausgaben. 131 1910 betrugen sie etwas mehr als 9.000 Kronen. 132 Offenbar hatte Schwarzach keine Probleme mit der Finanzierung der Armenfürsorge, was wohl vor allem mit der geringen Zahl an Menschen, die den Status von Hilfsbedürftigen aufwiesen, erklärt werden kann. Durch die Gemeinde wurden im Schnitt weniger als zehn Personen pro Jahr versorgt. Diese Menschen lebten mehrheitlich bei Verwandten, wurden aber auch in der Heil- und Pflegeanstalt Valduna in Rankweil, im Leprosenhospital in Rieden oder im Schwarzacher Armenhaus betreut, das sich im sogenannten „Vögelschen Haus“ (Engelareal) befand. 133 Die Gemeinde hatte die Möglich‐ keit, die Höhe der Ausgaben zu beeinflussen. Bürgerinnen und Bürger mussten bei der Gemeinde vorsprechen und um Unterstützung ansuchen. Ein gewisser Ludwig Ihler erbat beispielsweise 1908 Unterstützung für eine fünfzig Kronen teure Operation, durch die seine Erwerbsfähigkeit gewährleistet werden sollte. 134 In Anbetracht des komplizierten und manche Gemeindekasse überfordernden Systems hatte Kohler im Landtag bereits 1882 gemeinsam mit seinem innerparteilichen Kontrahenten und Wegbegleiter Martin Thurnher die Gründung eines Armenfonds angeregt, aus dessen Mitteln die Gemeinden unterstützt werden sollten. Der Antrag kam jedoch nicht zur Beschlussfassung. 135 Auch wenn die Möglichkeiten und Befugnisse Kohlers als Gemeindevorsteher durchaus ihre Grenzen hatten, verfügte er über genügend Spielraum, um die Gemeinde im Sinne seines sozialkonservativen und katholischen Weltbildes zu beeinflussen und weiterzuent‐ wickeln. Sei es durch die Förderung der Vinzenz-Konferenz, des Genossenschaftswesens oder durch die Aufrechterhaltung von „Sitte und Ordnung“. Gleichzeitig versuchte er die infrastrukturelle Modernisierung Schwarzachs voranzutreiben. IV. Straßen, Brücken und Bäche. Die Entwicklung der Schwarzacher Infrastruktur Der Ausbau des Straßen- und Brückennetzes war ein zentraler Bestandteil von Johann Kohlers Aufgabengebiet als Gemeindevorsteher. Dies war allerdings nicht das Resultat einer persönlichen Laune oder Eingebung, sondern viel mehr eine Notwendigkeit. Die Modernisierung der Infrastruktur war unumgänglich, um den Anforderungen des lokalen Gewerbes und dem überregionalen Verkehrsnetz zu genügen. Die Schwarzachtobelstraße wurde dabei zusehends zu Kohlers Sorgenkind. Die Tobelstraße war 1837 eröffnet worden. Planung und Bau fielen in die Zeit des großen Straßenbaubooms der 1820erbis 1840er- Jahre, in der das österreichische Straßennetz massiv verbessert und erweitert worden Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 201 <?page no="202"?> 136 Karl B A C H I N G E R , Das Verkehrswesen. In: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. I: Die wirtschaft‐ liche Entwicklung, hg. von Alois B R U S A T T I . Wien 1973, S.-278-322, hier S.-306. 137 Hubert W E I T E N S F E L D E R , Fabriken, Kühe und Kasiner: Dornbirn im Zeitraum von 1770 bis 1914. In: Geschichte der Stadt Dornbirn. Von der Frühindustrialisierung bis zur Jahrtausendwende, hg. von Werner M A T T / Hanno P L A T Z G U M M E R . Dornbirn 2002, S.-11-128, hier S.-68. 138 F I N K , Wirtschaftsverhältnisse in Vorarlberg, S.-114. 139 Gemeinsame Note von elf Gemeinden an die BH Bregenz, undatiert (vmtl. Mai 1888). VLA, BH Bregenz I, Sch. 98, 39/ 1887. 140 P I C H L E R , Land Vorarlberg, S.-33-34. war. Erst der Aufstieg der Eisenbahn setzte diesem Aufschwung ein Ende. 136 Die Straße befand sich im Besitz der sechs Hofsteiggemeinden Lauterach, Hard, Wolfurt, Schwarzach, Bildstein und Buch und war an verschiedenen Abschnitten stark renovierungsbedürftig, was vor allem an den zahlreichen und teils achtzig bis einhundert Zentner schweren Fuhr‐ werken lag, die die Straße tagtäglich nutzten. 137 Für die Verkehrsteilnehmer entwickelte sich die Situation aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse und sich dadurch häufender Unfälle zunehmend zu einem Ärgernis. Ungemach drohte auch noch von anderer Seite. 1892 baute die Marktgemeinde Dornbirn eine Straße über den Achrain nach Alberschwende, um der Schwarzachtobelstraße ihre Rolle als Hauptverkehrsader in den Bregenzerwald streitig zu machen. 138 In Schwarzach, aber auch in anderen Gemeinden des Hofsteigs und des Bregenzerwalds war die Nervosität groß, da man die Verlegung der Poststrecke sowie einen Rückgang des Verkehrs und damit des Handels befürchtete. In einer gemeinsamen Protestnote an die zuständige Bezirkshauptmannschaft Bregenz drückten insgesamt elf Gemeinden ihre Besorgnis aus. Argumentiert wurde vor allem wirtschaftlich: „Die Post wurde in den Bezirk Bregenzerwald seit ihrem Bestande früher von Bregenz aus u. seitdem die Vorarlbergbahn in Betriebe ist, unmittelbar von der Station Schwarzach aus befördert. Die Gemeinden des Bregenzerwaldes haben in den 1830er Jahren in Verbindung mit den Hofsteig‘schen Gemeinden Schwarzach, Lauterach u.s.w. mit einem bedeutenden Kostenaufwande zuerst eine eigentliche Fahrstraße durch das Schwarzachtobel nach Alberschwende hergestellt u. es wurde an diese anschließend successive die Straße nach Egg u. endlich jene nach Bezau mit Umgehung der Bezegg errichtet […] In den letzten Jahren wurde die Straße durch das Schwarzach‐ tobel von den hierbei betheiligten Gemeinden mit unverhältnismäßig großen, mehrere Tausend Gulden betragenden Kosten theilweise verbreitert, u. überhaupt in einen guten Stand gestellt […] In Folge dessen haben sich in Schwarzach selbst u. weiters an den Straßen Geschäftsniederlagen u. gewerbliche Unternehmungen überhaupt entwickelt, welche beweisen, daß die Straße ihren Zweck erfüllt, die andererseits aber auch Anspruch auf Berücksichtigung von Seite der hohen Regierung haben.“ 139 Die Mautstraße über den Achrain wurde letzten Endes zwar unter großem finanziellen Aufwand gebaut, konnte die Rolle als Hauptroute in den mittleren und hinteren Bregenzer‐ wald jedoch nicht an sich reißen. Erst die Inbetriebnahme des „Wälder-Bähnles“ 1902 führte zu einer merklichen Abnahme des Verkehrs im Schwarzachtobel. Von da an verlagerte sich der Verkehr aus und in den Bregenzerwald zunehmend von Dornbirn und Schwarzach nach Bregenz. 140 Die im Zusammenhang mit dem mangelhaften Zustand der Tobelstraße an die Gemeinde Schwarzach gemachten Vorwürfe wurden um die Jahrhundertwende immer lauter, weshalb 202 Severin Holzknecht <?page no="203"?> 141 Vermischte Nachrichten. Schwarzach, Vorarlberg Volksblatt, 1.10.1901, S.-4. 142 Schwarzach, Wolfurt, Lauterach, Hard, Bildstein und Buch. Auszug aus der Rechnung über die Schwarzachtobelstraße, 25.2.1911. GASch, HBS 14 Bau - Straßenbau, HBS 14/ 9 Tobel-Konkurrenz. 143 Die autonome Verwaltung des Landes, Vorarlberger Volksblatt, 9.10.1903, S.-2. 144 Eigenberichte, Schwarzach, ebenda, 26.4.1902, S.-3. 145 Stadt und Land. Bregenz, Vorarlberger Tagblatt, 24.5.1906, S.-3. 146 Auszug aus der Rechnung über die Schwarzachtobelstraße, 25.2.1911. GASch, HBS 14 Bau - Straßenbau, HBS 14/ 9 Tobel-Konkurrenz. 147 Aufstellung der Straßenkosten 1898 bis 1902, 25.8.1903. GASch, HBS 15 Bau - Straßenbau, HBS 15/ 9 Straßen-Erhaltung. sich der Gemeindevorsteher gezwungen sah, am 1. Oktober 1901 eine Richtigstellung im „Volksblatt“ zu veröffentlichen: Er hielt darin fest, dass sich die Straße nicht in der alleinigen Zuständigkeit seiner Gemeinde befinde, weshalb es „wohl schwer einzusehen [sei], wie Schwarzach eine Schuld haben soll, an den heutigen bedauerlichen Zuständen dieser Straße. Oder will man die Gemeinde mit der Firma Troll & Comp. identificieren, deren Schritt man hier allgemein verurtheilt hat? Die Schuld liegt ganz anderswo.“ 141 Die Firma Troll hatte zuvor gemeinsam mit der Gemeinde Bezau gegen die Wiedereinführung einer Wegmaut protestiert, während Alberschwende und die Hofsteiggemeinden aufgrund der steigenden Kosten sich dafür aussprachen. Diese Episode war eine der wenigen öffentlich zur Schau gestellten Unstimmigkeiten zwischen dem Gemeindevorsteher Kohler und Schwarzacher Gewerbetreibenden. Die Schwarzachtobel-Konkurrenz - der Verband der sechs Gemeinden, die die Straße betrieben 142 - nahm 1903 schließlich einen Kredit auf, um Instandsetzungsarbeiten durchführen zu können. 143 Die Schwarzachtobelstraße blieb auch in den folgenden Jahren kostspielig und gefährlich. Berichte über Unfälle mit Todesfolge 144 oder durch Schlechtwetter beschädigte Straßenabschnitte waren keine Seltenheit. 145 Zu einer Wiedereinführung der Maut kam es trotz aller Widerstände. Die Gebühren stellten von da an wieder die bedeutendste Einnahmequelle der Konkurrenz dar. Im Jahr 1910 beliefen sich die Gesamteinnahmen beispielsweise auf 2.722,94 Kronen, wovon 2.508,40 Kronen der Maut zuzuordnen waren. Die Gesamtausgaben beliefen sich im gleichen Jahr auf 9.237,25 Kronen, wobei 4.336,68 Kronen zur Behebung von Unwetterschäden aufgewendet werden mussten. Auch wenn die Ausgaben in einem gewöhnlichen Jahr niedriger waren, war die Instandhaltung der Schwarzachtobelstraße aufwändig. Der Fehlbetrag musste von den Gemeinden übernommen werden. Auf Schwarzach entfielen dabei 1910 728,60 Kronen. 146 Auch der Erhalt des übrigen Straßennetzes war kostenintensiv. Zwischen 1898 und 1902 gab die Gemeinde hierfür 16.816,68 Kronen aus. 147 Ein weiteres spektakuläres Verkehrsgroßprojekt wurde in Vorarlberg Ende der 1890er- Jahre diskutiert. Es handelte sich dabei um eine zwischen Bregenz und Feldkirch geplante Kleinbahn, die - ergänzend zur Eisenbahnlinie und der Straßenbahn zwischen Dornbirn und Lustenau - dem Straßenverlauf folgend die Gemeinden des oberen und unteren Rheintals miteinander verbinden sollte. Von Hohenems und Lustenau ausgehend waren zudem zwei Verbindungsstrecken mit der St. Galler Lokalbahn geplant. Forciert wurde dieses Projekt vornehmlich durch den Dornbirner Bürgermeister Johann Georg Waibel. In Schwarzach kam es zur Einsetzung eines Komitees und im März 1898 traf sich Kohler mit Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 203 <?page no="204"?> 148 Abschrift eines Sitzungsprotokolls, 14.3.1898. GASch, HBS 22 Verkehr, HBS 22/ 7 Kleinbahn Schwar‐ zach - Dornbirn - Lustenau 1897-1900. 149 Kostenschätzung, vmtl. 1897. GASch, HBS 22 Verkehr, HBS 22/ 7 Kleinbahn Schwarzach - Dornbirn - Lustenau 1897-1900. 150 W A L S E R , Johann Kohler, S.-69. 151 Eigenberichte aus Vorarlberg und Liechtenstein. Schwarzach (Einseitiger Dammbau), Vorarlberger Volksblatt, 30.8.1905, S.-3. 152 W A L S E R , Johann Kohler, S.-58. 153 Emil G M E I N E R , Wasserversorgung. In: Heimat Schwarzach, S.-159-160, hier S.-159. 154 An die Gemeindevorstehung in Wolfurt und Schwarzach, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwar‐ zach, 21.6.1908, S.-181-182. 155 Kundmachung, ebenda, 15.3.1908, S.-81. seinen Amtskollegen, um die Angelegenheit zu besprechen. 148 Die Unternehmung gelangte allerdings nie über die frühe Planungsphase hinaus. Grund hierfür waren wohl in erster Linie die veranschlagten Kosten in Höhe von geschätzten 935.000 Gulden. 149 Das grundsätzlich freundschaftliche Verhältnis zwischen Schwarzach und Wolfurt wurde während Kohlers Amtszeit immer wieder durch Meinungsverschiedenheiten ge‐ trübt, bei denen es meist um die drei Bäche Schwarzach, Minderach und Rickenbach ging, die beide Dörfer von Schwarzach kommend durchflossen. Die Gewässer waren um die Jahrhundertwende noch nicht reguliert, traten bei entsprechender Witterung regelmäßig über die Ufer und verursachten erheblichen Sachschaden. 150 Aufgrund seiner landespolitischen Funktionen besaß Kohler mehr Einfluss, als dies für den Vorsteher einer Gemeinde von der Größe Schwarzachs üblich war. Immer wieder warf er sein Gewicht in die Waagschale, um für Schwarzach einen Vorteil erringen zu können. Ein Umstand, dem von Seiten der Nachbargemeinden bisweilen mit Neid und Missgunst begegnet wurde. Als im August 1905 Schwarzach aufgrund rasch ergriffener Maßnahmen von einem Hochwasser verschont blieb, während es in Wolfurt Schaden verursachte, war die Kritik an Kohler und der Gemeinde von Wolfurter Seite groß, weshalb sich ein namentlich nicht genannter Schwarzacher gezwungen sah, im „Volksblatt“ auf die Vorwürfe zu reagieren und Kohler in Schutz zu nehmen: „Die Schwarzach und der Rickenbach gehen die Wolfurter zweimal soviel an als uns, auch ist Wolfurt zweimal so groß als Schwarzach, hat auch einen Vorsteher und rührige Berichterstatter und doch haut ein Wolfurter nur auf unsern Vorsteher, weil der Rickenbach noch nicht in Ordnung sei. Sind denn unsere Leute allmächtig und die Wolfurter gar nichts? “ 151 Eine Vorbedingung für die Regulierung der beiden Wasserläufe war nach Kohler-Biograf Josef Walser die Gründung einer Brunnengenossenschaft, die bei ihrer Konstituierung zwanzig Mitglieder vorweisen konnte. 152 Der Wasserspeicher befand sich am Linzenberger Rebsteig. 153 1906 wurden Verhandlungen über die Regulierung der Schwarzach und des Rickenbachs aufgenommen, die bis Juni 1908 dauerten - unter anderem mussten Abmachungen mit den Grundbesitzern getroffen werden - und dazu führten, dass die Bezirkshauptmannschaft Bregenz der Gründung einer Genossenschaft zum Zwecke der Regulierung der beiden Bäche zustimmte. 154 Die Gesamtkosten dieses Projekts beliefen sich auf rund 24.000 Kronen. 155 In den darauffolgenden Jahren wurden beide Fließgewässer verbaut. Die verheerenden Auswirkungen von Hochwassern veranlassten Kohler zudem, 204 Severin Holzknecht <?page no="205"?> 156 Hauschronik, S.-28-29. 157 In sich über Jahre zwischen der Schweiz und Österreich-Ungarn hinziehenden Verhandlungen war festgestellt worden, dass eine Regulierung des Rheins nicht die gewünschte Wirkung erzielen würde, ohne dass auch die Flüsse und Bäche, die dem Rhein zuflossen, verbaut, begradigt und gebändigt würden. Ferdinand W A I B E L , Die Binnengewässerkorrektion im Vorarlberger Rheintal. In: Der Alpenrhein und seine Regulierung, hg. von der I N T E R N A T I O N A L E N R H E I N R E G U L I E R U N G R O R S C H A C H . Buchs 1992, S.-288-293, hier S.-288-289. 158 Interpellation Martin Thurnhers an Innenminister und Ministerpräsident Badeni, Finanzminister Bi‐ linski und Ackerbauminister Ledebur-Wicheln, 511. Sitzung der XI. Session des Abgeordnetenhauses am 1.10.1896. Bibliothek des Österreichischen Staatsarchivs, Bd. XXI, Stenographische Protokolle des Abgeordnetenhauses im österreichischen Reichsrat, S.-26091-26092. 159 Brunnenverzeichnis, 22.8.1908. GASch, HBS 17 Wasserrechte - Wasserbauten, HBS 17/ 8 Brunnen. 160 Hans H E I S S , Gärten der Bürgerlichkeit? Kleinstädte im Westen Österreichs 1830 bis 1914. In: Stadt und Bürgertum im Bodenseeraum, hg. von A L B R I C H / M A T T / P L A T Z G U M M E R , S.-15-50, hier S.-33. 161 W E I T E N S F E L D E R , Fabriken, Kühe und Kasiner, S.-69-70. 162 S A N D G R U B E R , Ökonomie und Politik, S.-275. 163 H E I S S , Gärten der Bürgerlichkeit? , S.-35. 164 Der gelernte Schlosser Albert Loacker wurde 1873 im trentinischen Cavalese geboren. Aufgrund seiner „niederen Herkunft“ war Loacker in den zur damaligen Zeit großbürgerlich geprägten Kreisen des Elektroingenieurwesens eine Ausnahmeerscheinung. Er gründete 1901 die Firma Elektra, die er zwei Jahre später an den Fabrikanten und Elektropionier Friedrich Wilhelm Schindler verkaufte. Das Unternehmen firmierte von da an als Elektra Bregenz. Reinhard M I T T E R S T E I N E R , Kraftfelder. Strom prägt ein Jahrhundert - 100 Jahre VKW. Schwarzach 2001, S.-72-76. sich sowohl im Landtag als auch im Reichsrat für die Wildbachverbauung und die Regulie‐ rung von Flüssen und größeren Bächen einzusetzen. Sein Einsatz für die Rheinregulierung resultierte 1891 sogar in einer Audienz bei Kaiser Franz Joseph. 156 Im Oktober 1896 unter‐ stützte Kohler eine Interpellation Martin Thurnhers im Reichsrat, in der dieser einerseits die Maßnahmen der Vorarlberger Landesregierung im Bereich der Wildbachverbauung lobte und andererseits die Reichsregierung dazu aufforderte, sich an den Kosten dieser Arbeiten 157 und der Rheinregulierung stärker zu beteiligen. 158 Eine weitere infrastrukturelle Errungenschaft der Amtszeit Kohlers war die Inbetrieb‐ nahme der ersten modernen Trinkwasserleitung Schwarzachs 1901. Mit der Verlegung moderner Wasserleitungen wurden jedoch weder öffentlich zugängliche Brunnen - 1908 wurden 14 gezählt - noch private Quellfassungen obsolet, schließlich erreichte das Rohrnetz erst einen Teil der Häuser. 159 Die Modernisierung von Kanalisationen und Wasserleitungen beschäftigte um die Jahrhundertwende viele Gemeinden, da die alten Brunnen und Wasserrohre für die Versorgung der wachsenden Bevölkerung nicht mehr ausreichten und die mangelhafte Hygiene die Seuchengefahr erhöhte. 160 1892 brach in Dornbirn etwa noch eine Typhusepidemie aus. 161 Die Nachfrage nach elektrischem Strom wurde in Vorarlberg um 1900 ebenfalls immer größer. Während in einigen Regionen der Donaumonarchie auf Kohle als Energieträger gesetzt wurde, war es in den Alpenländern vor allem die Wasserkraft, die für die Strom‐ erzeugung genutzt wurde. Meist ging die Initiative dabei nicht vom Staat aus, sondern von privaten Unternehmern. 162 So auch in Vorarlberg, wo Gewerbetreibende in vielen größeren und kleineren Gemeinden ab den 1880er-Jahren Elektrizitätswerke errichteten. 163 Einer von mehreren Vorarlberger Elektropionieren war Albert Loacker. 164 In Schwarzach wurde Loacker um 1900 aktiv. Ab 1897 waren in der Gemeinde erste Überlegungen über Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 205 <?page no="206"?> 165 Kundmachung der Firma „Gebrüder Gunz“, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 12.12.1897, S.-572. 166 M I T T E R S T E I N E R , Kraftfelder, S.-75. 167 Ebenda, S.-46. 168 Eigenberichte aus Vorarlberg und Liechtenstein. Wolfurt (Elektrizitätswerk), Vorarlberger Volksblatt, 21.3.1905, S.-4. 169 Sitzung der Handels- und Gewerbekammer, Vorarlberger Landeszeitung, 20.10.1905, S.-2. 170 W A L S E R , Johann Kohler, S.-69. 171 H Ö F L E , Entwicklung des Volksschulwesens in Schwarzach, S.-36. die Errichtung eines Kraftwerks im Schwarzachtobel angestellt, der Verlauf der Leitungen geklärt und die Grundeigentümer zur Zusammenarbeit eingeladen worden. 165 Das Unter‐ nehmen Gebrüder Gunz, das in Wolfurt-Rickenbach eine Mühle betrieb und ursprünglich das Werk errichten und führen hatte wollen, stieg allerdings aus dem Projekt aus, wodurch der Weg für Loacker frei wurde. Dieser nahm das Werk gemeinsam mit Placidus Gunz (einem der „Gebrüder“) 1900 in Betrieb. 166 Schwarzach war aber keineswegs Vorreiter in Sachen Stromerzeugung. In Vorarlberg wurden zwischen 1884 und der Jahrhundertwende 47 größere und kleinere Kraftwerke gebaut. Das Schwarzacher Kraftwerk gehörte jedoch mit seinen 160 (Wasser-) bzw. 220 (Dampf-)PS Leistung zu den leistungsstärksten im ganzen Land. Mithilfe des Werks wurden Schwarzach, Wolfurt und später auch Teile Lauterachs mit Strom versorgt. 167 Im März 1905 gedachte Loacker aufgrund von anhaltenden Problemen bei der Stromerzeugung und Konflikten mit den an der Schwarzach liegenden Betrieben und Verbrauchern, das Kraftwerk an die durch die Gemeinden Schwarzach und Wolfurt gegründete Licht- und Kraftgenossenschaft zu verkaufen, 168 entschied sich am Ende aber um und sicherte sich stattdessen im Oktober desselben Jahres die Konzession für die Benutzung der Schwarzach auf neunzig Jahre. 169 Die Gründung der Licht- und Kraftgenossenschaft stellte wohl auch den ersten Schritt in Richtung einer elektrischen Straßenbeleuchtung für Schwarzach dar. Die erhielt die Gemeinde 1912, also rund zwei Jahre nachdem Johann Kohler seine politischen Funktionen niedergelegt hatte. Zuvor befanden sich lediglich an den wichtigsten Plätzen der Gemeinde sechs Petroleumlampen. Dass Schwarzach erst nach dem Abtreten Kohlers eine elektrische Beleuchtung bekam, war laut Josef Walser auf dessen charakteristische Sparsamkeit zurückzuführen. 170 Mit Blick auf die vielen anstehenden Investitionen in die Infrastruktur war es tatsächlich so, dass Kohler und der Gemeindeausschuss Projekte nach Dringlichkeit reihen mussten. Infrastrukturprojekte waren und sind oftmals nicht nur das Resultat sachlich-fundierter Überlegungen, sondern haben häufig auch einen ideologischen bzw. propagandistischen Hintergrund. Kohler war hier keine Ausnahme. Auch er versuchte Schwarzach im best‐ möglichen Licht zu präsentieren. Die Gemeinde sollte als mustergültig verwaltete, den Herausforderungen der Zeit in puncto Modernisierung gerecht werdende Kommune respektiert und bewundert werden. Der Bau der Kirche und der Volksschule sind bis heute steingewordene Zeugen dieses Strebens und zugleich von Prioritäten, die Kohlers Weltbild widerspiegeln. Unter Verweis auf den eigenen Beitrag zum Kirchenbau in diesem Band soll hier nur die Errichtung der neuen Knabenschule kurz beleuchtet werden. In Schwarzach existierten bei Kohlers Amtsantritt zwei „Schullocale“ in einem Gebäude, an dessen Stelle sich heute das nach dem Zweiten Weltkrieg erbaute alte Gemeindehaus befindet. 171 In den zwei Großklassen wurden bis zur Einrichtung der Mädchenschule im 206 Severin Holzknecht <?page no="207"?> 172 Ebenda, S.-73-76. Siehe auch den Beitrag von Hans Kohler zum Kirchenneubau in diesem Band. 173 Bericht Johann Kohlers und Johannes Thurnhers als Vertreter des Schul-Komitees betreffend eine Revision des Schulaufsichtsgesetzes, 10. Sitzung des III. Vorarlberger Landtages am 11.10.1871. VLA, Stenographische Protokolle des Vorarlberger Landtages 1871a, S.-113-114. 174 H Ö F L E , Entwicklung des Volksschulwesens in Schwarzach, S. 78. Die private Mädchenschule wurde nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 geschlossen und die Stiftung aufgelöst. Nachdem das Gemeindehaus 1943 abgebrannt war, übersiedelte die Gemeindeverwaltung in die ehemalige Schule und blieb dort bis zur Fertigstellung einer neuen Gemeindestube an der Hofsteigstraße. Das neue Gemeindehaus in Schwarzach, Vorarlberger Nachrichten, 28.11.1949, S.-3. 175 Hauschronik, S.-43. 176 Detail-Conscription der Volksschulen in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern. Nach dem Stande vom Ende des Schuljahres 1865. Wien 1870, S.-336. 177 Beschlussprotokoll der Sitzung vom 22.5.1897. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Gemeindeaus‐ schuss, HBS 1/ 4 Protokolle der Sitzungen des Gemeindeausschusses in Schwarzach in der Periode 1894 bis 1897. 178 Beschlussprotokoll der Sitzung vom 28.3.1898. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Gemeindeaus‐ schuss, HBS 1/ 5 Protokolle der Sitzungen des Gemeindeausschusses in Schwarzach in der Periode 1897 bis 1900. 179 Schreiben des Bezirksschulrats an die Gemeindevorstehung, 16.5.1898. GASch, HBS 13 Bau, HBS 13/ 10 Schulhaus-Neubau. „Vögelschen Haus“ 1884 teils weit über hundert Kinder beiderlei Geschlechts unterrichtet. Die Mittel für die Privatschule für Mädchen stammten aus der Paulina-Schwärzler-Stiftung - benannt nach Kohlers Schwägerin. Geführt wurde die Schule durch die Barmherzigen Schwestern. 172 Denn dass „der Kirche nach ihrer Mission in der Gesellschaft und im Interesse und zur Beruhigung der Familien das Aufsichtsrecht über die Jugenderziehung und den Unterricht“ zukam, stand für Kohler außer Frage. 173 Aus diesem Grund hatte er seine Schwägerin ermuntert, die Stiftung ins Leben zu rufen, aus deren Mitteln nach Paulina Schwärzlers Tod 1895, unterstützt durch die Gemeinde, 1897/ 98 auch ein neues Schulgebäude inklusive einer Schwesternwohnung hinter der gerade in Planung befindli‐ chen Kirche errichtet werden konnte. 174 Kohler stand der Stiftung zu diesem Zeitpunkt als Obmann vor. 175 Schwarzachs Schülerinnen und Schüler hatten bis zur Gründung der Volksschule für Mädchen aufgrund des Bevölkerungswachstums unter erheblichem Platzmangel zu leiden - 1865 wurden in der Schwarzacher Volksschule 105 Mädchen und Jungen im Alter von 6 bis 14 unterrichtet - 176 und auch die Einweihung der Mädchenschule sorgte nur kurze Zeit für Entlastung, weswegen die Planungen zum Bau einer neuen Knabenschule Ende der 1890er-Jahre intensiviert wurden. 1897 wurde eine Stiftung ins Leben gerufen, die die Errichtung eines neuen Schulgebäudes unterstützen sollte. 177 Ein Ziel der Gemeinde war es, das Projekt hauptsächlich durch private Mittel zu finanzieren. Zu diesem Zweck wurde ein Fonds eingerichtet, der, so der Plan, innerhalb von zwei Jahren 5.000 Gulden Kapital aufweisen sollte. Durch den Verkauf des alten Schulgebäudes sollten nochmals 3.000 Gulden aufgebracht werden. Der Bau wurde am 28. März 1898 im Gemeindeausschuss mit neun zu drei Stimmen beschlossen. 178 Die Baubewilligung des Bezirksbauamtes und die Absegnung durch das Bezirksschulamt folgten im Mai des selben Jahres. 179 Die vorbereitenden Arbeiten gingen also rasch vonstatten, die Verwirklichung des Vorhabens verzögerte sich jedoch, da die Gemeinde den Bau der neuen Kirche priorisierte. Dies sorgte beim Bezirksschulrat für Unmut. Er forderte die Verantwortlichen im Jänner 1899 auf, schnellstmöglich mit dem Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 207 <?page no="208"?> 180 Schreiben des Bezirksschulrats an die Gemeindevorstehung, 17.1.1899. Ebenda. 181 Beschlussprotokoll der Sitzung vom 21.3.1904. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Gemeindeaus‐ schuss, HBS 1/ 7 Protokolle der Sitzungen des Gemeindeausschusses in Schwarzach in der Periode 1903 bis 1906. 182 Eigenberichte aus Vorarlberg und Liechtenstein. Schwarzach (Schulweihe), Vorarlberger Volksblatt, 17.11.1905, S.-4. 183 Beschlussprotokoll der Sitzung vom 6.11.1899. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Gemeindeaus‐ schuss, HBS 1/ 5 Protokolle der Sitzungen des Gemeindeausschusses in Schwarzach in der Periode 1897 bis 1900. 184 Eigenberichte aus Vorarlberg und Liechtenstein. Schwarzach (Schulweihe), Vorarlberger Volksblatt, 17.11.1905, S.-4. 185 Generalversammlung des Vorarlberger Landes-Viehversicherungs-Vereins, Vorarlberger Landeszei‐ tung, 2.3.1904, S.-4. Bau zu beginnen. 180 Vergebens. Erst nach der Einweihung der neuen Kirche im Herbst 1903 wurde das von Johann Kohler geleitete Schulbau-Komitee aktiv. In seiner Sitzung vom 21. März 1904 beschloss der Gemeindeausschuss die Umsetzung des Projekts einzuleiten. 181 Das Gebäude wurde unter Aufsicht des Feldkircher Architekten Josef Kröner - er hatte bereits den Kirchenneubau geplant - errichtet. Das 140 Knaben Platz bietende neue Schulgebäude wurde am 14. November 1905 feierlich eröffnet. Es diente nicht nur dem Unterricht, sondern war - wie man heute sagen würde - ein Mehrzweckbau. Im Hochparterre des Gebäudes befanden sich das zukünftige Sitzungszimmer des Gemeindeausschusses, die Gemeindekanzlei, das Gemeindearchiv sowie ein Turnsaal. 182 Zudem waren zwei Wohnungen errichtet worden, die den Lehrern zur Verfügung gestellt wurden. 183 An der festlichen Einweihung des Schulgebäudes nahm unter anderem Bezirksschulinspektor Jodok Mätzler teil. Kohler dankte in seiner Ansprache der versammelten Bevölkerung für die erbrachten Opfer und das „Volksblatt“ stellte sich anlässlich der Eröffnung begeistert die Frage, welche „Städte und Märkte des Landes, wo schon Jahrzehnte Schulfreundlichkeit, Fortschritt etc. sich breit machten, könnten sich mit Schwarzach messen“? 184 Ein unverschleierter Seitenhieb in Richtung der sich traditionell bildungsfreundlich gebenden Liberalen und den von diesen regierten Vorarlberger Städten. Der Schwarzacher Neubau sollte bezeugen, dass auch konservativ verwaltete Gemeinden die Voraussetzungen für ein modernes Schulwesen zur Verfügung stellen konnten. IV. Johann Kohler, der Gemeindevorsteher von Schwarzach Im Jänner 1910 übergab der 70-jährige Johann Kohler sein Amt nach rund 21 Jahren an seinen Nachfolger, den Bauern Johann Schwendinger, der bis dahin nicht nur zeitweise als Vorsitzender des Schwarzacher Konsumvereins fungiert hatte, sondern auch im Be‐ zirksausschuss des Vorarlberger Landes-Viehversicherungsvereins tätig gewesen war. 185 In seinem Wirken als Gemeindevorsteher von Schwarzach werden Kohlers sozialkonservative Wertvorstellungen, die ihm auch in seinen anderen politischen Funktionen als Leitstern dienten, klar erkennbar. Einer notwendigen Modernisierung der Gemeinde verschloss er sich dennoch nicht. Die Aufrechterhaltung katholischer Sittsamkeit und der Erhalt der Autorität der ka‐ tholischen Kirche waren für Kohler zentral. Diese rigide Geisteshaltung mag ihn auf 208 Severin Holzknecht <?page no="209"?> 186 W A L S E R , Johann Kohler, S.-70. 187 „Einige Notizen aus meinem Leben“, hg. von S C H N E I D E R , S.-109. 188 Nachruf auf Johann Kohler, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 26.11.1916, S.-351. Gemeindeebene nicht derart oft in Konflikt mit Wegbegleitern gebracht haben, wie dies im Landtag der Fall gewesen war, dennoch musste Kohler auch in Schwarzach immer wieder Hindernisse überwinden. Josef Walser schrieb rückblickend: „Ein Dorfpascha, der in wichtigen Angelegenheiten selbstherrlich vorgeht und sich um die Gemeindevertretung nicht kümmert oder höchstens hinterdrein nach der Durchführung einer Gemeindeangelegenheit sich Ja winken läßt, ein Dorfpascha in diesem Sinne war Kohler nicht. Er brachte die Angelegenheit rechtzeitig zur Beratung und Beschlußfassung vor die Gemeindever‐ tretung; aber es mag mehr als einmal vorgekommen sein, daß Ausschüsse, ohne sich den Kopf zu zerbrechen, den Anträgen des Vorstehers beistimmten, ja, daß sogar Ausschüsse Ja nickten, wenn sie innerlich nicht einverstanden waren; es mag sogar vorgekommen sein, daß Kohler zu zähe an den einmal gefaßten Anschauungen festhielt. Das sind eben Menschlichkeiten, die überall vorkommen.“ 186 Wie die Abstimmung über den Neubau der Schule oder die Gemeindewahl 1894 belegen, war Kohler wiederholt mit Widerstand konfrontiert, seine Autorität im Gemeindeausschuss blieb allerdings unangefochten. Seine durchaus sehenswerte Bilanz widerlegt bis zu einem gewissen Grad Martin Thurnhers Einschätzung, der seinem langjährigen Kollegen und zeit‐ weiligen Kontrahenten zwar unbestechlichen Idealismus bezeugte, aber auch einen Mangel an tatkräftigem Pragmatismus. 187 Ein Urteil, das mit Blick auf Kohlers Amtszeit und die Entwicklung Schwarzachs keine Bestätigung findet. Viel mehr bezeugen die Baugeschichte von Kirche und Schule oder die Modernisierung der Infrastruktur, dass Kohler durchaus ein Mann der Tat war, der in der Gemeinde seine Spuren hinterließ. Die Rolle Gebhard Köbs, des Kandidaten der Fortschrittspartei 1894, im Gemeindeausschuss ist zudem ein Indiz dafür, wie geschickt Kohler sein konnte, wenn es darum ging, kritische Ausschussmitglieder in die Gemeindearbeit einzubinden, um so drohende Konflikte zu entschärfen. Nachdem Kohler am 23. November 1916 gestorben war, wurde im „Gemeindeblatt“ ein Nachruf veröffentlicht, der die Verdienste Kohlers für die Entwicklung Schwarzachs, aber auch für die Zeitung ehrend hervorhob: „In treuem Gedenken! Das heutige ‚Gemeindeblatt‘ enthält u. a. auch die Todes-Anzeige des Herrn Johann Kohler, der Altvorsteher etc., in Schwarzach, dessen, als dem Begründer des ‚Gemeinde‐ blattes‘, das unter des Verstorbenen Förderung und treuer Fürsorge erfreulich gedieh, und zu einem nun so viele Gemeinden umschließenden, wertvollen Bindeglied und Publikationsmittel sich entwickelt hat, außer seiner vielen Verdienste im öffentlichen Leben, auch dieser Gründung wegen an dieser Stelle dankbar gedacht werden soll. Er ruhe in Frieden! “ 188 Johann Kohlers kommunalpolitische Leistungen waren nicht das Produkt eines Visionärs oder das Werk eines besonders weitschauenden Politikers, sondern das Ergebnis der Berücksichtigung existierender Notwendigkeiten. Kommunalpolitiker dieser Epoche, egal ob liberal oder konservativ, waren durch die Entwicklungen im Bereich der Technik und Kommunikation beinahe dazu gezwungen, massiv in den Ausbau und die Moderni‐ Johann Kohler, Schwarzach und die Moderne 209 <?page no="210"?> sierung der Infrastruktur ihrer Gemeinden zu investieren. Entsprechend setzte Kohler in Schwarzach in vielerlei Hinsicht die Arbeit seiner Vorgänger, vor allem jene seines Schwiegervaters Gebhard Schwärzler fort, was seine Bedeutung für Schwarzach jedoch keineswegs schmälert. 210 Severin Holzknecht <?page no="211"?> Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach Hans Kohler Abb. 1: Ansichtskarte, o.-J. [vor 1913], Herstellung J. G. Seeberger, Schwarzach <?page no="212"?> 1 Emil G M E I N E R , Aus der Kirchengeschichte. In: Heimat Schwarzach, hg. von der G E M E I N D E S C H W A R ‐ Z A C H . Lochau 1991, S.-94-105; siehe auch Fußnote 3. 2 Siehe hierzu meinen Beitrag zum Kirchenmaler Johann Kohler in diesem Band. I. Vorbemerkung Die Pfarrkirche St. Sebastian ist das Wahrzeichen von Schwarzach, einer 4.000-Seelen- Gemeinde (Anfang 2023) im Vorarlberger Rheintal. Als eines der wenigen unter Denkmal‐ schutz stehenden Gebäude besitzt sie allein durch Größe und Höhe prägenden Charakter für das Ortsbild. Als im Jahr 1903 das markante Bauwerk vollendet werden konnte, stellte dies eine enorme Leistung dar. Genau hundert Jahre vorher war die Vorgängerkirche eingeweiht worden. Vis-à-vis gelegen, hatte sie sich rasch als zu klein erwiesen. Die Erbauung der Schwarzachtobelstraße gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, welche die Ge‐ meinde zu einer Drehscheibe des Verkehrs in den Bregenzerwald machte, die einsetzende Industrialisierung durch den Webereibetrieb des Gebhard Schwärzler, die große, auf den überregionalen Markt ausgerichtete Wetzsteinproduktion und nicht zuletzt die Anbindung an die Eisenbahn im Jahre 1872 führten zu einem starken Anstieg der Bevölkerung, sodass die ursprüngliche Pfarrkirche nicht mehr genügte. Von ersten Gedanken und Gesprächen bis zum Bau einer neuen Pfarrkirche war es jedoch ein langer Weg voller Hindernisse. Bereits im Buch „Heimat Schwarzach“ aus dem Jahr 1990 findet sich ein Text über die Pfarrgeschichte, allerdings ist dieser unreflektiert aus der Zeitschrift „Holunder“ von 1932 übernommen worden, zum Kirchenbau geht er ohnehin nicht ins Detail. 1 Diese Lücke möchte der vorliegende Beitrag schließen und stellt die Vorbereitungen, die Bauphase 1901 bis 1903 und die Schritte bis zur Vollendung der Kirchenausstattung in den Mittel‐ punkt. Anhand des in den Archiven vorhandenen Schriftguts wird dabei versucht, die Überlegungen und Maßnahmen zur Umsetzung des für die damalige Gemeinde sehr groß dimensionierten Bauprojekts aufzuzeigen und den Intentionen der Gemeindeoberen mit Vorsteher Johann Kohler an der Spitze nachzugehen. Dieser verfügte nicht nur über viel politische bzw. organisatorische Erfahrung, gepaart mit großer Beharrlichkeit, sondern brachte zudem Vorkenntnisse über sakrale Bauten und Architektur mit. Als junger Mann war er von 1859 bis 1865, noch vor seiner Verehelichung mit Anna Schwärzler und der Übersiedlung nach Schwarzach 1869, in seiner Zeit als Lehrer in Egg, in den schulfreien Sommermonaten als Kirchenmaler vor allem in Tirol unterwegs gewesen. 2 II. Die alte Kirche Obwohl lange Zeit keine eigene Pfarrei, besaß Schwarzach sehr früh ein eigenes Kirchen‐ gebäude. Möglicherweise gab es bereits im 13. Jahrhundert eine Kapelle in der in den Appenzellerkriegen Anfang des 15. Jahrhunderts zerstörten und dann abgegangenen Burg Schwarzach, deren Standort nicht lokalisiert ist. Kurze Zeit danach erhielten die Schwarzacherinnen und Schwarzacher jedenfalls einen Stiftsbrief des Abtes von Mehrerau, eines gebürtigen Schwarzachers, mit der Erlaubnis, eine Kapelle zu bauen. Diese Kapelle war schon den Heiligen Sebastian, Bartholomä und Rochus geweiht und befand sich auch 212 Hans Kohler <?page no="213"?> 3 Siehe Holunder, Wochen-Beilage der Vorarlberger Landeszeitung, Nr. 43, 22.10.1932, S. 1-3 (wort‐ ident mit einem Artikel im Vorarlberger Volksblatt, 6.1.1904, S.-2); Nr.-44, 29.10.1932, S.-3-4. an derselben Stelle wie ihre Nachfolgerkirche, die am 23. Oktober 1803 dem Hl. Sebastian geweiht wurde. Heute liegt dort der Friedhof. 3 Die alte Kirche war ein schlichter Barockbau mit überschaubaren Maßen - so betrug die Länge vom Eingang bis zur Kommunionbank lediglich knapp 17 Meter, die Breite rund elf Meter, und bis zum ebenen Gipsplafond waren es gerade einmal sieben Meter. Die drei Altäre aus Marmorstuck sowie die Chor- und Beichtstühle hatte man für wenig Geld vom aufgehobenen Kloster Mehrerau erworben. Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 213 <?page no="214"?> Abb. 2-4: Die alte Pfarrkirche St. Sebastian, Ansicht, Grundriss und Querschnitt, Vorarlberger Landesarchiv, BH Bregenz, Bau und Wasser, 73/ 1898 214 Hans Kohler <?page no="215"?> 4 Zit. n. Holunder, Nr.-43, S.-3; Kurt K L E I N , Daten zur Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung der Vorarlberger Gemeinden seit dem 18. Jahrhundert. In: Montfort 43 (1991) 4, S. 281-302, hier S. 296. 5 Meinrad T I E F E N T H A L E R , Die Berichte des Kreishauptmannes Ebner (Schriften zur Vorarlberger Landeskunde 2). Dornbirn 1950, S.-119. 6 Copir-Buch in Gemeindeangelegenheiten, S. 257-259. Vorarlberger Landesarchiv (fortan: VLA), Vorlass Hans Kohler, Fasz. 3. 7 Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 8.4.1893, S. 150. Zum Gemeindeblatt bzw. dessen Namensänderungen siehe den Beitrag von Severin Holzknecht über den Ortsvorsteher Kohler in diesem Band. Noch war die Bevölkerung drei verschiedenen Pfarreien zugeteilt - die rechtsseitig der Schwarzach Wohnenden gehörten zur Pfarrei Wolfurt, diejenigen linksseitig zur Pfarrei Dornbirn, für die Bergweiler Obertellenmoos und Ingrüne war jene von Bildstein zuständig. Anfang 1821 setzten Bemühungen um eine eigene Pfarrei ein, die nicht unbelohnt blieben. Eine kaiserliche Entscheidung erhob Schwarzach am 10.-Juli-1824 zur selbständigen Kirchengemeinde. In den hierfür notwendigen Eingaben waren Zustand der Gemeinde und des Gotteshauses in den schönsten Farben geschildert worden: „Die Kirche steht auf einem freien Platze, ist nach neuerem Geschmack solid und symetrisch gebaut, ist sehr hell, hat drei Altäre, einen Turm mit zwei Glocken und faßt bequem 7-800 Menschen.“ In Wirklichkeit fanden nur rund zweihundert Personen Platz; die Einwohnerzahl betrug in dieser Zeit ca. 450. 4 Ein weniger rosiges Bild liefern auch die Be‐ obachtungen, die der hohe Verwaltungsbeamte Kreishauptmann Johann Nepomuk Ebner im Jahre 1835 in seinem Tagebuch festhielt: „In Schwarzach bedürfen der Kirchturm und das finstere, mit schlechten Bänken versehene Schulhaus einiger Reparationen.“ 5 Dass die Instandhaltung der Kirche die Gemeindevertretung immer wieder beschäftigte, ist dokumentiert - allein für die Jahre 1862 bis 1865 handelte es sich um folgende Maßnahmen: Die ganze Kirche wurde ausgeweißelt, der Haupteingang erhielt neue Bodenplatten, das Kirchendach musste umgeschlagen und neue Dachrinnen angebracht, der Turm neu geschindelt und angestrichen werden, Turmkreuz, Kugel, Hahn und Uhrenblätter wurden ebenfalls restauriert. 6 Dass das zu geringe Fassungsvermögen der Kirche für die gewachsene Bevölkerung als sittlicher Missstand galt und immer mehr Kopfzerbrechen bereitete, bezeugt eine Kundmachung, die Ortsvorsteher Johann Kohler im April 1893 im Gemeindeblatt abdrucken ließ: „Nachdem in letzter Zeit in der Umgebung der Kirche wieder Unordnung einzutreten beginnt, wird hiemit öffentlich kundgemacht, daß während des sonntäglichen Gottesdienstes der Aufenthalt in den sämmtlichen Räumen des Friedhofes und der Arkaden strengstens untersagt ist, und diejenigen, welche in der Kirche selbst eventuell nicht Platz finden sollten, haben sich vor der großen Kirchenthüre anzuschließen. Unter keinen Umständen ist aber der Aufenthalt vor den beiden Seitenthüren oder in der weiteren Umgebung der Kirche gestattet.“ Zuwiderhandelnden wurde mit dem „Strafrechte“ der Gemeindevorstehung gedroht. 7 Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 215 <?page no="216"?> 8 Protokoll Gemeindeausschuss, 22.5.1897. Gemeindearchiv Schwarzach (GASch), HBS 1 Gemeinde‐ verwaltung - Gemeindeausschuss, HBS 1/ 5. Abb. 5: Die alte Pfarrkirche auf einer Schützenscheibe, im Hintergrund der Pfarrhof, vis-à-vis das Gasthaus Engel, Heimat Schwarzach, hg. von Gemeinde Schwarzach, S.-251 III. Die neue Kirche - vorbereitende Maßnahmen und Grundstücksfrage Schon seit 1876 existierte ein Baufonds für eine neue Kirche, initiiert durch den im Vorjahr als Pfarrer von Schwarzach eingeführten Josef Stöckler. Dank großzügiger Spenden hatte dieser 1897, als man ernsthaft mit der Umsetzung des Vorhabens begann, laut einer Notiz im Protokoll der Gemeindevertretung bereits eine Höhe von 35.000 Gulden erreicht. 8 Ob in diese Summe zwar gegebene, aber nicht einbezahlte Zusagen von Spendern, den soge‐ nannten „Garanten“, eingerechnet waren, bleibt offen, es erscheint jedoch wahrscheinlich. In einem Artikel zur Pfarrgeschichte aus dem Jahr 1904 heißt es nämlich über den Baufonds, 216 Hans Kohler <?page no="217"?> 9 Vorarlberger Volksblatt, 6.1.1904, S.-2. 10 Protokoll Gemeindeausschuss, 26.1.1884. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Gemeindeausschuss, HBS 1/ 6. 11 Im Widerspruch dazu heißt es in einem 1910 erstellten Kirchen-Inventarverzeichnis „die Orgel von Anton Behmann 1890 neu“. Diözesanarchiv Feldkirch (fortan: DiözA), Pfarrarchiv Schwarzach (fortan: PASch), AT ADF3 PA S4, Akt Kirchenbau, Orgelsachen. dass er „in 25 Jahren bei der Grundsteinlegung auf beiläufig 54.000 Kronen anwuchs“ 9 - 1892 war bei einem Umrechnungskurs von 1: 2 von Gulden auf Kronen umgestellt worden. Zu dieser Annahme passen außerdem die weiter unten noch darzustellenden Diskussionen über die Finanzierung vor der Erteilung der Baubewilligung. Lange gehegte Neubau- Absichten lässt ebenfalls ein Beschluss im Jahr 1884 erkennen, als es um die Anschaffung einer Orgel ging. Diese sollte so konstruiert sein, dass sie „im Falle eines Kirchen Neubaues nur übersetzt u. ohne Änderung des Werkes selbst entsprechend vergrößert werden könnte.“ 10 Beim heimischen Orgelbauer Anton Behmann bestellt, wurde sie 1885 in Betrieb genommen (und später tatsächlich in die neue Kirche übersiedelt). 11 Abb. 6: Briefkopf Orgelbau Behmann, Diözesanarchiv Feldkirch, Pfarrarchiv Schwarzach, AT ADF3 PA S4, Akt Kirchenbauverein Das Bevölkerungswachstum konfrontierte die Gemeinde jedoch nicht nur mit der Notwen‐ digkeit der Errichtung einer größeren Kirche, auch in der nahe der bisherigen Pfarrkirche gelegenen Volksschule herrschten beengte Verhältnisse. Eine zeitweilige Entlastung war indessen Paulina Schwärzler zu verdanken, die offenkundig auf Betreiben ihres Schwagers Johann Kohler 1884 eine eigene „Private Mädchenschulstiftung“ ins Leben gerufen hatte. Dadurch konnten die Mädchen in Räumlichkeiten unterrichtet werden, die sich im ehemaligen Anwesen des Johann Georg Vögel befanden, das die Gemeinde 1879 erworben hatte und Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 217 <?page no="218"?> 12 Günter H Ö F L E , Die Entwicklung des Volksschulwesens in Schwarzach. Hausarbeit Pädagogische Aka‐ demie Feldkirch 1988, S.-76. 13 Zu Leben und Wirken Gebhard Schwärzlers siehe Hans K O H L E R , Zeitenwende. Gebhard Schwärzler - Ein Unternehmer des 19. Jahrhunderts (Institut für sozialwissenschaftliche Regionalforschung 15). Regensburg 2017. 14 Schwärzler war auch Initiator und Errichter der Friedhofsarkaden. Ebenda, S.-81-87. 15 Testament und kompl. Inventarverzeichnis. VLA, Landgericht und Bezirksgericht Bregenz Verlassen‐ schaften 1810-1961, 192/ 156 1896. 16 Der größere Teil dieser Wiese ist heute als Sportplatz in Verwendung. 17 Protokoll Gemeindeausschuss, 8.2.1896. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Gemeindeausschuss, HBS 1/ 4. 18 Protokoll Gemeindeausschuss, 3.4.1897. Ebenda. 19 Vögel war Amtsvorgänger Schwärzlers als Gemeindevorsteher gewesen. Die Bezirkshauptmannschaft hatte ihn aufgrund eines heftigen Streits mit dem Pfarrer auf der Kirchenstiege nach der Messe 1857 abgesetzt und Schwärzler zum Nachfolger ernannt. Dies sowie zahlreiche Konflikte in gemeindepoliti‐ schen Fragen führten zum dauerhaften Zerwürfnis. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Pikanterie, dass Schwärzler 1879 aus der Verlassenschaft, aus der die Gemeinde das Anwesen ersteigerte, selbst die Liegenschaft 139/ 1 erwarb, die er dann für den Kirchenbau vorsah. Mehr zum Zwist mit Vögel siehe K O H L E R , Zeitenwende, S.-57-66. gleichzeitig als Armenhaus nutzte. 12 In weiterer Folge stiftete Paulina Schwärzler, die 1895 verstarb, zusätzlich 5.000-Gulden zum Bau eines eigenen Schulgebäudes - diese Stiftung sollte bei der Frage der Situierung der neuen Kirche und damit der Gestaltung des Ortszentrums noch eine wesentliche Rolle spielen. Einen weiteren Impuls setzte ihr Vater, der Fabrikant Gebhard Schwärzler, der kurz nach seiner Tochter im März 1896 verstarb. 13 In seiner langjährigen Amtszeit als Gemeindevorsteher (1857-1872) intensiv um Friedhof und Kirche bemüht, 14 hinterließ er testamentarisch nicht nur eine Summe von 3.500-Gulden, sondern auch ein aus seiner Sicht geeignetes Grundstück für den Bau einer neuen Pfarrkirche: „Überdies trete zur leichteren und wohlfeileren Erwerbung eines Kirchbauplatzes von meiner 2-mäh‐ digen Wiese in Baumgarten GStNr. 139/ 1 […] und von dem A. Behmannschen Garten so viel Grund als für einen entsprechenden Kirchenbauplatz erforderlich ist, unentgeldlich ab, u. erwarte daß auch Herr A. Behmann einen Theil seines Gartens zu diesem Zweck ebenfalls unentgeldlich abtretten werde, wodurch sich dann ein ganz passender und allen Anforderungen entsprechender Kirchenbauplatz herausstellen wird, und sich die Möglichkeit zum Kirchenbau viel günstiger gestalten würde, weil dann die Erwerbung eines kostbilligen Bauplatzes nicht mehr zur Aufgabe gemacht wäre.“ 15 Die genannte Wiese 16 lag vis-à-vis eines noch immer vorhandenen Wohnhauses, das einst sein Vater errichtet hatte (mittlerweile Gebhard-Schwärzler-Straße 5), besaß eine Fläche von rd. 4.400 m 2 und wurde im Norden von der heutigen Weidachstraße begrenzt. Unabhängig von diesem Testament, aber in Umsetzung des Legats von Paulina Schwärzler, hatte der Gemeindeausschuss schon im Februar 1896 beschlossen gehabt, „Grund für ein Schulhaus mit Lehrerinnenwohnung und Garten mit Spielplatz“ abzutreten. 17 Im April 1897 folgte die Unterzeichnung eines dementsprechenden Vertrags, der als Bauplatz das Grundstück Nr.-139/ 2 (darauf steht heute ein Gebäude, das vor einigen Jahrzehnten als Postamt errichtet wurde) vorsah, welches direkt an jenes angrenzte, das Gebhard Schwärzler als Bauplatz für die Kirche ins Spiel gebracht hatte. 18 Die Grundparzelle Nr. 139/ 2 hatte früher ebenfalls Johann Georg Vögel 19 gehört. Dieser hatte das Gasthaus Krone betrieben, das bis zum Bau der Schwarzachtobelstraße am wichtigen Übergang vom Rheintal in den Bregenzerwald lag, 218 Hans Kohler <?page no="219"?> 20 Protokoll Gemeindeausschuss, 28.3.1879. Privatarchiv Hans Kohler. 21 Privatarchiv Hans Kohler, Kohler’sche Hauschronik 1869-1911 (fortan: „Hauschronik“), S.-39. der über das Farnach, Alberschwende und den Lorenapass führte. Mit dem Bau der Straße durch das Schwarzachtobel kam es abseits des Verkehrsweges zu liegen und geriet angeblich dadurch in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Schließlich erwarb die Gemeinde das Anwesen 1879 im zweiten Anlauf bei einer Versteigerung aus der Verlassenschaft. 20 Unmittelbar nach dem Abschluss mit der Paulina-Schwärzler’schen-Mädchenschul-Stiftung entwickelten sich die Dinge, nicht nur den Schulbau betreffend, allerdings in rascher Folge in eine ganz andere Richtung. Warum auch das Anbot für den Kirchenbau aus dem Testament des Gebhard Schwärzler nicht weiterverfolgt wurde, kann aufgrund fehlender Unterlagen nur vermutet werden. War es die von Schwärzler angenommene Bereitschaft zur Grundabgabe des Nachbarn, die Mühe bereitete, oder gab es andere Motive? Vieles spricht für zweiteres bzw. dafür, dass dem Gemeindevorsteher Johann Kohler eine andere räumliche Orientierung der Kirche und damit auch des Zentrums vorschwebte. Schließlich hätte sich die Kirche an dem von Gebhard Schwärzler angedachten Ort nicht mehr an der Hauptstraße befunden und auch die direkte Verbindung zum Friedhof und dem Pfarrhof daneben wäre verloren gegangen. In seiner Hauschronik, die hauptsächlich Familienangelegenheiten enthält, vermerkte Kohler manchmal andere, für ihn wesentliche Ereignisse, so auch im Mai 1897: „Im Monat Mai Beginn des Schulhausbaues der Stiftung der Paulina sel., dann Verhandlungen wegen Ankauf des Engelwirtsanwesens.“ 21 Die Transaktion, auf die Kohler hier anspielte, beinhaltete als wesentlichsten Punkt den Tausch des ehemaligen Gasthauses Krone im Gemeindebesitz gegen die Liegenschaft, auf der das Gasthaus Engel direkt gegenüber der alten Pfarrkirche stand und Peter Meusburger gehörte. Diese Investition stellte für die Gemeinde alles andere als eine Bagatelle dar; sie ist auch nur als Abschluss schon länger dauernder Bemühungen um die Übernahme des Engelwirt-Besitzes denkbar. Die Notiz in der Hauschronik demonstriert indessen - neben der Bedeutung, die Kohler dem Tauschgeschäft beimaß - auch, dass sie für den Gemeindevorsteher unmittelbar mit dem anstehenden Bau der Mädchenschule verknüpft war. Unerwähnt ließ Kohler jedoch, dass es dabei genauso um den Bau der Kirche ging. Durch den Gemeindeausschuss-Beschluss vom Februar des Vorjahres, die Mädchenschule aus der früheren Krone herauszunehmen, war das Gebäude für einen Tausch jedenfalls disponibler geworden. Lieferte nun der fixierte Baubeginn für die Mädchenschule auf einem Grund, der ebenfalls Teil des Krone-Areals war, den Anlass, die Verhandlungen - unter Einbezug auch dieser Parzelle - rasch zu finalisieren? Man kann dies annehmen, wurde doch mit dem Beschluss über den Tausch mit dem Gasthaus Engel auch gleichzeitig die neue Situierung der Mädchenschule beschlossen und das dadurch freigewordene Grundstück in das Tauschgeschäft einbezogen. Nachdem am 21. Mai 1897 eine große Bürgerversammlung einberufen worden war, fand tags darauf eine Sitzung des Gemeindeausschusses statt, bei der entscheidende, bis in die Gegenwart wirkende Weichen für die Entwicklung Schwarzachs getroffen wurden. Dass der Gemeindevorsteher sich der Tragweite der in dieser Sitzung fixierten Entscheidungen bewusst war, ist aus der Abfassung des Protokolls ersichtlich. Während Kohler in all den Jahrzehnten, die er im Amt zubrachte, Beschlüsse normalerweise in wenigen dürren Worten ohne viel Erläuterungen protokollierte, ging er hier ins Detail. So schrieb er: Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 219 <?page no="220"?> 22 Protokoll Gemeindeausschuss, 22.5.1897. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Gemeindeausschuss, HBS 1/ 4. „Diese Anträge, deren Inhalt bereits in der gestern den 21. Mai stattgefundenen Versammlung der Gemeindebürger in eingehendster Weise Erörterung gefunden, werden nun nochmals allseitiger Beratung unterzogen. Die aus 11 Mitgliedern bestehende Majorität des Gemeindeausschusses fand sich in der Ansicht geeinigt, daß die Gemeinde im Interesse einer schnellen und glücklichen Lösung der Kirchenbaufrage, der Frage des Schulhausbaues wie der Paulina Schwärzler’schen Schulstiftung auf die Erwerbung der Meusburger’schen Realität eingehen und das finanzielle Opfer übernehmen müsse, und dessen Größe bei angenommenen Tilgungsplan die Kraft der Gemeinde keineswegs übersteige.“ 22 Lediglich ein Mitglied des Gemeindeausschusses war demnach der Meinung gewesen, dass mit dem Legat des Gebhard Schwärzler das Auslangen zu finden sei. Was war geplant? Kohler hatte über ein umfassendes Paket an Grundstückstransaktionen abstimmen lassen. So kaufte bzw. tauschte die Gemeinde die komplette Liegenschaft des Engelwirts, bestehend aus Gasthaus und großem Grundstück, mit dem sogenannten Vögel‘schen Anwesen (damit verbunden war die Verlegung des Gasthauses Engel an den früheren Sitz der Krone, wo es noch viele Jahrzehnte bestehen bleiben sollte). Abb. 7: Ansichtskarte, o. J. [vor 1903] Das Gasthaus Engel, früher Krone, nach dem Grundstückstausch mit der Gemeinde, Herstellung Purger & Co, München 220 Hans Kohler <?page no="221"?> 23 Ebenda. 24 Hauschronik, S.-39. Die Gemeinde hatte sich auf diese Weise ein Grundstück gesichert, auf dem nicht nur die neue Kirche mitten im Ort errichtet werden konnte, die Fläche war außerdem ausreichend, um neben der Kirche eine mittlerweile ebenfalls dringend benötigte, größere öffentliche Volksschule zu planen und hinter diesen beiden Baukörpern blieb noch genügend Platz für die Mädchenschule. Heute würde man das wohl als gelungenes räumliches Entwick‐ lungskonzept bezeichnen. Darüber hinaus kann das gesamte Projekt als Beispiel für den immer wieder beschworenen unbeugsamen Willen Johann Kohlers gelten, der gesteckten Zielen alles andere unterordnete und sie mehr oder weniger im Alleingang umsetzte. Auf die Vorgeschichte der denkwürdigen Entscheidung deutet nämlich in den offiziellen Unterlagen nichts hin - keine Diskussionspunkte im Gemeindeausschuss, auch keine sonstigen Schriftstücke in den Archiven. Abb. 8: Auszug aus der Urmappe 1857 mit alter Kirche und Friedhof sowie dem Gasthaus Engel auf der anderen Straßenseite, neben dem Friedhof in nördlicher Richtung der alte Pfarrhof, der 1968 einer Friedhofserweiterung weichen musste, Urmappe Schwarzach, Vorarlberg Atlas, Basiskarten & Bilder, URL: https: / / atlas.vorarlberg.at/ Es überrascht nicht, dass die Paulina Schwärzler’sche Stiftung der Neulozierung ihres Schulstandorts auf einem Teil der nunmehrigen Kirchenbauparzelle Nr.-159 zugestimmt hatte, war doch Johann Kohler auch deren Vorsitzender. Teil der getroffenen Vereinba‐ rung bildete, dass Schulhaus und Lehrerinnenwohnung mit 1. November 1898 bezugs‐ fertig zu sein hatten, damit die bisherige Schulunterkunft an Meusburger übergeben werden konnte. Es hatte diese Terminvorgabe sicherlich noch den weiteren praktischen Grund, dass dieser rückwärts gelegene Bau vor dem Kirchenbau durchzuführen war, um abwicklungstechnische Probleme zu vermeiden. 23 Dass rasch ans Werk geschritten wurde, lässt sich wiederum der Kohler’schen Hauschronik entnehmen: „1897 / Im Monat November kam der Rohbau des Schulhauses unter Dach“ 24 sowie im Jahr darauf: Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 221 <?page no="222"?> 25 Ebenda, S.-43. 26 Kostenvoranschlag Serafin Pümpel, 29.3.1898. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Kirchenbauverein. „1898 / mit Ende Oktober war auch das Haus der Paula Schwärzler-Stiftung vollendet und konnte mit dem Schulanfang bezogen werden.“ 25 Damit waren die Rahmenbedingungen für den Kirchenbau endlich geschaffen. Abb. 9: Plan aus dem Jahr 1901 von Kröner, Kirche bereits situationsrichtig eingezeichnet, noch steht das Gasthaus Engel inkl. Wirtschaftsgebäude, Diözesanarchiv Feldkirch, Pfarrarchiv Schwarzach, AT ADF3 PA S4, Akt Baupläne IV. Die neue Kirche - Planungen, Verfahren und Genehmigung Anfang 1898 lagen bereits Pläne der Feldkircher Firma Serafin Pümpel vor, gefolgt von einem Kostenvoranschlag, der sich auf rund 60.000 Gulden belief. 26 222 Hans Kohler <?page no="223"?> 27 Hauschronik, S.-43. Abb. 10: Außenansicht (nur diese überliefert) des nicht zur Ausführung gelangten Entwurfs Pümpels, datiert 29. Januar 1898, Wirtschaftsarchiv Vorarlberg, Firmenbestände, Serafin Pümpel, Sig. 118: 06 (AT-WAV-01-016) Dennoch vermerkte Johann Kohler in seiner Hauschronik unter dem Jahr 1898: „In der Frage des Kirchenbaues fanden noch vorbereitende Schritte statt, Pläne, Eingaben, Versammlung, Berathungen etc aber vorwärts wollte es nicht gehen.“ 27 Zwei Punkte waren es, die zu dieser Aussage über eine offensichtlich frustrierende Situation veranlassten. Da waren einmal die Budgetfragen. Kohler hatte den Ehrgeiz, die Finanzierung der Kirche nicht mit öffentlichen Geldern, sondern mit der Bevölkerung zu bewerkstelligen. Pfarrer Josef Walser, sein Mitstreiter beim Kirchenbau, zitiert in der Biografie über Kohler, die er bald nach dessen Tod verfasste, die Leitsätze, nach denen dieser ans Werk ging: Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 223 <?page no="224"?> 28 Der junge Kohler hatte ab 1859 mehrere Jahre hintereinander in den Sommermonaten als Kirchen‐ maler hauptsächlich in Tirol gearbeitet. Siehe die Beiträge von Markus Wurzer und mir in diesem Band. 29 Unklar bleibt die Quelle, die Walser hier benützte. Josef W A L S E R , Johann Kohler. Ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg. Wien/ Innsbruck/ München 1918, S.-74. 30 Generalvikariat an Pfarre, 11.11.1899; Pfarre und Gemeinde, 24.10.1899. VLA, BH Bregenz, Bau und Wasser, 73/ 1898; auch Protokoll Gemeindeausschuss, 20.10.1899. GASch, HBS 1 Gemeindeverwal‐ tung - Gemeindeausschuss, HBS 1/ 4. Zur Finanzierung der katholischen Kirche siehe: Hans H E I M E R L / Helmuth P R E E unter Mitwirkung von Bruno P R I M E T S H O F E R , Handbuch des Vermögensrechtes der katholischen Kirche unter besonderer Berücksichtigung der Rechtsverhältnisse in Bayern und Österreich. Regensburg 1993; Sebastian R I T T E R , Die kirchliche Vermögensverwaltung in Österreich. Von Patronat und Kongrua zum Kirchenbeitrag. Salzburg 1954; Kirchliches Finanzwesen in Öster‐ reich. Geld und Gut im Dienste der Seelsorge, hg. von Hans P A A R H A M M E R . Thaur/ Tirol 1989; Vermögensverwaltung in der Kirche (Ritter-Festschrift), hg von Hans P A A R H A M M E R . Thaur/ Tirol 1989. „1. Nach den Erfahrungen, die ich in Tirol gemacht habe, 28 gereicht es einer Gemeinde nicht zum Wohle, wenn ein geistlicher Herr allein die Kosten eines Baues oder einer Restauration auf sich nimmt, sei es, daß er es aus eigenen Mitteln tut, sei es, daß er sie durch Sammlung außer der Gemeinde aufbringt. Die Leute sind in solchen Fällen eher zum Kritisieren als zur Dankbarkeit geneigt. 2. Es wäre aber auch nicht gut, wenn eine Gemeinde einen Kirchenbau nur durch Umlagen decken wollte; auch in diesem Falle würden nur wenige Leute durch den Kirchenbau sich Verdienste für Gott erwerben, da eben nur wenige die erzwungenen Opfer freudig bringen würden. 3. Die Leute einer Pfarrgemeinde sollen alle freiwillig nach ihren Kräften beitragen, dann wächst ihnen die neue Kirche ganz anders ans Herz […] 4. Der Bau und die Ausstattung sollen nach den vorhandenen Mitteln voranschreiten, auf Schulden hin sollen keine Anschaffungen gemacht werden.“ 29 Bis hin zur Zeitspanne von mehr als zwei Jahrzehnten, welche die Vervollständigung der Kirche in Anspruch nahm, lässt sich die konsequente Einhaltung dieser Handlungsma‐ ximen nachvollziehen. Gegenüber kirchlichen und behördlichen Stellen betonte Kohler immer wieder, dass der Kirchenbau ohne Inanspruchnahme von öffentlichen Mitteln erfolgen werde. Als das Baukomitee im Oktober 1899 bei der Bezirkshauptmannschaft erstmals um Erteilung eines Baubescheids ansuchte, wurden Verzichtserklärungen der lo‐ kalen Kirchenvermögensverwaltung und der Gemeinde auf das sogenannte Patronatsdrittel miteingereicht - die Kosten für den Bau würden aus Vermächtnissen und freiwilligen Beiträgen bestritten. Ein Schreiben des Generalvikariats, das den Verzicht auf den Beitrag aus diesem staatlich verwalteten Religionsfonds bestätigte, lag ebenfalls bei. 30 Zwar konnte zu diesem Zeitpunkt keine Rede von einem ausfinanzierten Projekt sein, aber es blieb beim eingeschlagenen mühsamen Weg des Spendensammelns. In seiner Eigenschaft als Gemeindevorsteher rechnete Kohler im Mai 1902, als bereits gebaut wurde, Pfarrer Walser, dem das Finanzierungsmodell wohl Sorgen bereitete, mögliche Auswirkungen eines Rück‐ griffs auf Gemeindegelder in einem sehr persönlich gehaltenen Brief vor. Im Jahr 1901 stünden einem Abgang in Höhe von ca. 13.000 Kronen direkte Steuern in Höhe von rund 6.000 Kronen gegenüber, was einen Steuerzuschlag für alle Steuerzahlenden von über 224 Hans Kohler <?page no="225"?> 31 Zu den Einnahmen der Gemeinde aus Steuern und Abgaben siehe den Beitrag von Severin Holzknecht über den Ortsvorsteher Kohler in diesem Band. 32 Johann Kohler an Pfarrer Walser, 1.5.1902. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Kirchenbausachen. 33 Gemeinde an Bischöfl. Ordinariat Brixen, 10.7.1898. DiözA AT ADF3 PA S4, Akt Entwürfe zu Eingaben. 34 Generalvikariat an Gemeinde, 23.8.1898. VLA, BH Bregenz, Bau und Wasser, 73/ 1898. 35 Gemeinde und Pfarrer Walser an BH Bregenz, 4.10.1898. Ebenda. 36 K.k. Bezirksbauamt Feldkirch an BG Bregenz, 22.10.1898. Ebenda. 37 Baucomitee an BH Bregenz, 17.11.1899; Protokoll Bauverhandlung, 27.11.1899. Ebenda. 38 K.k.Statthalterei Innsbruck an BH Bregenz, 14.1.1900. Ebenda. zweihundert Prozent erforderlich mache. 31 Der aktuelle Kostenvoranschlag für die Kirche liege - ohne Glocken - bei 170.000 Kronen, was bedeute, dass den Steuerpflichtigen die 13-fache Höhe der Jahresumlage aufgebürdet werden müsste. 32 Als Obmann des Kirchenbaukomitees kämpfte Kohler noch an einer zweiten Front. In der Retroperspektive entsteht der Eindruck, dass Schwierigkeiten mit dem Bauplan das Unternehmen noch mehr als das Budget in zeitlichen Verzug brachten. Im Juli 1898 sandte das Baukomitee den Entwurf von Serafin Pümpel an das Bischöfliche Ordinariat in Brixen. Ersucht wurde um Stellungnahme und gleichzeitig die Genehmigung, die Kirche - anders als im Plan ausgeführt, welcher gemäß der liturgischen Vorschrift den Altar auf den Sonnenaufgang (als Symbol der Auferstehung) ausgerichtet hatte - drehen zu dürfen. Nicht der Altar, sondern der Eingang sollte im Osten und damit auf der Straßenseite liegen. 33 Die Antwort des Generalvikariats, das den Sitz in Feldkirch hatte und als „Außenstelle“ Brixens fungierte, signalisierte in diesem Punkt Entgegenkommen, fand aber sonst an Pümpels Vorschlag wenig Gefallen. 34 Trotzdem suchten Gemeinde und Pfarre gemeinsam mit diesen Plänen bei der Bezirkshauptmannschaft um Baugenehmigung an. Die eingelangten Bedenken wurden dabei nicht unterschlagen, aber man wolle vor einer Planänderung zuerst das Gutachten der politischen Baubehörde einholen. Die Kirche biete Raum für 650 bis 700 Personen, von den veranschlagten Kosten in der Höhe von 60.000 Gulden seien 20.000 Gulden noch nicht gedeckt, man rechne aber binnen weniger Monate mit entsprechenden Bürgschaften. 35 Wie sich zeigte, kam das zuständigkeitshalber beigezogene K. k. Bauamt in Feldkirch bezüglich der fachlichen Qualität der Pläne zu einem ähnlich ungünstigen Urteil. 36 Überhaupt nahm die Korrespondenz mit der Behörde, die auch vom Finanzierungsmodus erst überzeugt werden musste, Zeit in Anspruch. Im November 1899 ergriff das Baukomitee erneut die Initiative und beantragte die Durchführung eines Lokalaugenscheines. Vorläufig ging es nur mehr darum, zumindest die Eignung des vorgesehenen Bauplatzes bestätigt zu erhalten. Zumindest in dieser Hinsicht konnte Klarheit geschaffen werden; der Eingang zur Kirche in Richtung Straße wurde in diesem Zuge mit einem Abstand von zwanzig Metern zu dieser festgelegt. 37 Eine neuerliche Verzögerung entstand im Januar 1900 durch eine Rückfrage der Statthalterei Innsbruck an das K. k. Bauamt, ob wohl die Vergrößerung der alten Kirche als bessere Lösung geprüft worden sei. Auch sie ging nicht von einer Baureife des Pümpel-Plans aus. 38 Diese Einsicht hatte sich mittlerweile in Schwarzach ebenso durchgesetzt. Details der Kontaktaufnahme mit dem Diözesanbaumeister Peter Huter von der Firma Johann Huter & Söhne in Innsbruck, der im Juni 1900 Entwurfspläne für eine neugotische Kirche vorlegte, sind nicht überliefert, allerdings kannte Kohler Peter Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 225 <?page no="226"?> 39 Siehe hierzu meinen Beitrag über Johann Kohler als Kirchenmaler in diesem Band. 40 K.k. Bauamt an Gemeinde Schwarzach, 11.8.1900. VLA, BH Bregenz, Bau und Wasser, 73/ 1898. 41 Hauschronik, S.-46. 42 Vorarlberger Volksblatt, 6.1.1904, S.-2. 43 Ebenda. Huter aufgrund seiner früheren Tätigkeit als Kirchenmaler in Tirol. 39 Huters Vorschlag gelangte über die Bezirkshauptmannschaft wiederum zum K. k. Bauamt, das im August 1900 antwortete. Dieses stellte zunächst mit Blick auf die Anfrage der Statthalterei klar, dass am Neubau kein Weg vorbeiführe, weil eine Vergrößerung dem ohnehin schon zu kleinen Friedhof noch mehr Platz wegnehmen würde, um dann auf Huters Entwurf zu kommen, der „als vollkommen entsprechend“ akzeptiert wurde. 40 Doch schon bald türmten sich neue Probleme auf. Kohler notierte darüber in seiner Haus‐ chronik: „1900 / In diesem Sommer begannen Stein- und Sand-Zufuhr zum Kirchenbau und mühsame Verhandlungen betreffend Plan u. Kosten. Reise nach Württemberg.“ 41 Ausführlicheres verrät ein Artikel, den Pfarrer Walser nach Fertigstellung der Kirche für das „Vorarlberger Volksblatt“ verfasst haben dürfte: „Im folgenden Jahr stellten sich 17 Garanten zusammen und wurde Peter Huter, Baumeister in Innsbruck, beauftragt, definitive Pläne auszuarbeiten. Dieser legte im Sommer 1900 dem Baukomitee prachtvoll gezeichnete Pläne für einen monumentalen Bau in frühgotischem Stile vor. Sie gefielen allgemein. Schon wurden Steine und Sand auf den Bauplatz geführt und man gab sich der Hoffnung hin, im Herbste mit dem Bau beginnen zu können. Plötzlich aber trat eine unüberwindliche Schwierigkeit, nach diesen Plänen zu bauen, ein. Hr. Huter überreichte die Baubeschreibung und nannte darin die Bausumme und die lautete auf rund 200.000 K. Nun war darin alles einig, diese Summe könne nicht aufgebracht werden, also könne man nach diesen Plänen nicht bauen. Das Baukomitee faßte daher den Beschluß, mit dem Architekten Cades in Stuttgart in Verhandlung zu treten und von ihm neue Pläne ausarbeiten zu lassen, die bedeutend billiger ausgeführt werden könnten.“ 42 Kohler begab sich also ins Württembergische, um Joseph Cades zu treffen. Als Planer der Herz-Jesu-Kirche in Bregenz war auch er kein Unbekannter. Dieser Bau befand sich gerade in Vorbereitung und Kohlers Schwager Karl Schwärzler agierte als dortiger Obmann des Kirchenbaukomitees. Es sollte jedoch nicht zu verbindlicheren Gesprächen mit Cades kommen. Mittlerweile hatte der rührige Josef Walser die Pfarrei Schwarzach übernommen und den Feldkircher Baumeister Josef Kröner ins Spiel gebracht. Mit ihm war nun endlich der für den Auftrag Richtige gefunden. Auf den Plänen Huters aufbauend, sollte er eine von der Kubatur her zwar gleich große, aber kostengünstigere Kirche entwerfen. 43 Pfarrer Walser stammte nicht nur aus Weiler, wo Fidel Kröner, der Vater von Josef, zwei Jahrzehnte zuvor für die Ausführung einer neugotischen Kirche verantwortlich gezeichnet hatte. Als ehemaliger Pfarrprovisor der Gemeinde Silbertal war Walser bereits mit den Herausforderungen eines Kirchenneubaus direkt konfrontiert gewesen. Auch dort war Kröner ausführende Baufirma gewesen. Überhaupt konnte die Baufirma Kröner eine ganze Reihe von Sakralbauten in 226 Hans Kohler <?page no="227"?> 44 Christoph V O L A U C N I K , Die Baumeisterfamilien Kröner aus Levis. In: Agrargemeinschaft Altgemeinde Altenstadt, Vollversammlung 2009, S. 33-52, URL: http: / / www.agraraltenstadt.at/ files/ Innenteil-2009. pdf (31.8.2024). 45 Josef Kröner an Pfarrer Walser, 8.1.1901. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Kirchenbau, Orgelsachen. Vorarlberg als Referenzen vorweisen. 44 Bereits im Januar 1901 teilte Josef Kröner mit, dass er mit den Plänen fertig sei und nun mit dem Kostenvoranschlag beginne. 45 Es lohnt sich an dieser Stelle, die ursprünglichen Pläne Huters mit den reduzierten, aber noch immer eindrucksvollen Plänen Kröners zu vergleichen. Besonders augenfällig ist, dass er zur Vereinfachung der Frontfassade eine schlicht gestaltete Fenster-Rosette schuf. Die in puncto Einsparungen wirkungsvollere Maßnahme bildete aber die Verlegung der von Huter vorgesehenen seitlichen Anbauten mit den Aufgängen zur Empore nach vorne neben den Haupteingang. Damit verbunden war auch eine schlichtere Gestaltung der Vorhalle. Abb. 11: Plan Huter, Vorderansicht, Diözesanarchiv Feldkirch, Pfarrarchiv Schwarzach, AT ADF3 PA S4, Akt Baupläne (Abb. 12-15 ebenda) Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 227 <?page no="228"?> Abb. 12: Plan Kröner, Vorderansicht 228 Hans Kohler <?page no="229"?> Für Turm und Seitenstreben schlug Kröner ebenfalls eine weniger prunkvolle Ausführung vor. Abb. 13: Plan Huter, Seitenansicht Abb. 14: Plan Kröner, Seitenansicht Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 229 <?page no="230"?> Abb. 15: Plan Huter, Grundriss 230 Hans Kohler <?page no="231"?> Die aufwändigen seitlichen Aufgänge, die Huter gezeichnet hatte, sind vor allem im Grundriss gut sichtbar. Mit Blick auf die Endausführung interessant ist die Situierung der Kanzel auf der linken Seite vorne, an der Kröner festhielt. Erst nachträglich rückte sie auf die rechte Seite und etwas weiter nach hinten. Abb. 16: Plan Kröner, Grundriss Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 231 <?page no="232"?> 46 Kröner an Pfarrer Walser, 9.2.1901. Ebenda. 47 Pfarre und Gemeinde an Ordinariat Brixen (Entwurf), 28.2.1901. Ebenda; Original, 28.2.1901. Diözesanarchiv Brixen (DAB), KA II 1901, Fasz. 17, Nr.-5. 48 Generalvikariat Feldkirch an Ordinariat Brixen, 5.3.1901. Ebenda. Über die strengen gesetzlichen Regelungen und Vorschriften, die insbesondere die Finanzierung von kirchlichen Bauten betrafen, und die hohen Strafen, die bei Zuwiderhandlung drohten, siehe: Brixner Diözesanblatt XXVI (1882), 27.3.1882, S. 42-45. Mag sein, dass neben der persönlichen Haltung hier ein weiteres Motiv vorlag, warum Kohler darauf bestand, auf die Inanspruchnahme öffentlicher Mittel zu verzichten. 49 Gemeinde an BH Bregenz, 16.3.1901. VLA, BH Bregenz, Bau und Wasser, 73/ 1898. 50 K.k. Statthalterei Innsbruck an BH Bregenz, 1.5.1901; Gemeinde und Pfarrer an BH Bregenz (inkl. Ansuchen um Baubewilligung), 25.5.1901. Ebenda. Der Entwurf für dieses Ansuchen (dat. 5.5.1901) findet sich auch: DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Entwürfe zu Eingaben. 51 Vorarlberger Volksblatt, 6.1.1904, S.-3. Im Februar 1901 übermittelte Kröner auch den Voranschlag der Kosten, die er in der alten Währung angab und mit rund 84.000 Gulden (168.000 Kronen) bezifferte. Für den Baubeginn schlug er Mitte März vor. 46 Noch aber waren sowohl die Zustimmung des Bischöflichen Ordinariats als auch die Baugenehmigung der Bezirkshauptmannschaft ausständig. Genauso hatte Kröner noch keinen über die Planerstellung hinausreichenden Auftrag erhalten. Zunächst richteten Kohler und Pfarrer Walser ein umfangreiches Ansuchen zur Ertei‐ lung der Genehmigung des Neubaus an das Generalvikariat Feldkirch zur Weiterleitung an das Bischöfliche Ordinariat in Brixen. Sämtliche Argumente wurden erneut ins Treffen geführt, von der gewachsenen Bevölkerung, über den Hinweis auf den vorhandenen Baufonds, die mittlerweile erfolgte Abänderung der Pläne Huters, den vorliegenden Kostenvoranschlag und die Zusicherung, dass der Baufortschritt nur nach Maßgabe der verfügbaren Geldmittel erfolgen werde. Der nunmehrige Standort, für den die Gemeinde den Grund unentgeltlich zur Verfügung gestellt habe, sei eindeutig die beste Lösung und nach Fertigstellung der neuen Kirche werde die alte abgerissen. Einmal mehr wurde zudem die Ausrichtung der Kirche gegen Westen begründet. 47 Das Generalvikariat leitete die Unterlagen einschließlich einer ausführlichen Stellungnahme weiter, welche die Not‐ wendigkeit des Neubaus bestätigte. Gleichzeitig wies es darauf hin, dass die Vorschrift einer gesicherten Finanzierung nicht eingehalten sei, schenkte aber den diesbezüglichen Versprechungen und Vorkehrungen Kohlers und Walsers offenbar genügend Vertrauen, um eine insgesamt positive Erklärung abzugeben. 48 Mitte März wurde dann bei der Bezirkshauptmannschaft um die Erteilung der Bauge‐ nehmigung angesucht. 49 Diese musste wiederum ein Gutachten des K. k. Bauamts einholen; datiert mit 1. Mai 1901 fiel es dieses Mal positiv aus. In Sachen Finanzierung verlangte die Bezirkshauptmannschaft indessen eine weitere Bestätigung aus Schwarzach, sodass das Verfahren erst gegen Ende Mai entscheidungsreif war und zum Abschluss kam - allerdings hatte man bereits Anfang des Monats zu bauen begonnen. 50 Wie der Genehmigungsablauf bezeugt, deckten sich vorgeschriebene Formalakte nicht immer mit der Realität. Laut Pfarrer Walser war „nach vorausgegangener Offertausschreibung dem Herrn Josef Kröner und Fid. Kröner sen.“ am 25. April der Bau übertragen worden. 51 Kohler selbst vermerkte über diese entscheidende Etappe des großen Bauunterfangens, dem er sich seit mehreren Jahren widmete, in seiner Hauschronik: „1901 / Am 1. Mai wurde mit dem Bau der neuen Kirche durch Baumeister Josef Kröner in Feldkirch begonnen. Am 23. Juni war 232 Hans Kohler <?page no="233"?> 52 Hauschronik, S.-46. Grundsteinweihe durch den Hochw. Bischof Dr. Johannes Zobl aus Feldkirch, zugleich Firmung. Bildhauer Rudhart machte den herrlichen Altar.“ 52 Abb. 17: Grundsteinlegung 1901, vorne Bischof Zobl, hinter ihm Johann Kohler, Privatbesitz Hans Kohler Abb. 18: Grundsteinlegung 1901, rechts vorne noch das Gasthaus Engel, rückwärts die Paulina Schwärzler’sche Mädchenschule, Privatbesitz Hans Kohler Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 233 <?page no="234"?> 53 Ebenda, S.-47. 54 Vorarlberger Volksblatt, 23.1.1903, S.-5. 55 Pfarrer Walser und Vorsteher Kohler nahmen an dessen Beerdigung teil. Ebenda, 21.3.1903, S. 5; siehe auch Würdigung des Poliers Stieger in: ebenda, 6.1.1904, S.-3. 56 Hauschronik, S. 49. Zum Wechsel der Autorenschaft der Hauschronik siehe die Überlegungen von Margret Friedrich in diesem Band. Friedrich vermutet, dass die Tochter Franziska ab 1902 diese Aufgabe übernahm. 57 Vorarlberger Volksblatt, 6.1.1904, S. 3. Der Artikel enthält auch bauliche Details und gibt über verwendete Materialien und deren Herkunft Auskunft. 58 Protokoll Gemeindeausschuss, 31.8.1903. GASch, HBS 1 Gemeindeverwaltung - Gemeindeausschuss, HBS 1/ 6. Es ging nun sehr zügig voran. Bereits im November 1901, nach nur sieben Monaten, war der Rohbau unter Dach. 53 Auch im nächsten Jahr wurde eifrig gebaut und zu Beginn des Jahres 1903 meldete das „Volksblatt“, dass sich das Baukomitee das ehrgeizige Ziel gesetzt habe, „anfangs März mit dem Weiterbauen der neuen Kirche zu beginnen […], um noch künftigen Herbst ins neue Gotteshaus einziehen zu können. Die ersichtliche Jahreszahl 1803 am Haupteingang der alten Kirche […] beweist den Einzug in dieselbe vor einhundert Jahren, folglich wird es zum hundertjährigen Jubiläum gewiß auch ein seltenes Fest geben.“ 54 In der Schlussphase des Baus galt es den plötzlichen Tod des Poliers der Firma Kröner zu verkraften. 55 Kohlers Tochter beschreibt das Jahr der Fertigstellung in der Hauschronik für den Vater als sehr belastend, „manches Unangenehme“ habe allerdings die gute Kooperation mit Pfarrer Walser erleichtert. 56 Dieser fasste für das „Volksblatt“ die dreijährige Bauphase folgendermaßen zusammen: „Im ersten Jahr wurde der Bau unter Dach gebracht und der Turm etwas über das Dachgesims aufgeführt. Im zweiten Jahr wurden Schiff, Chor und Sakristeien mit Bauziegel solid eingewölbt und die schönen Maßwerke in den meisten Fenstern und der Rosette eingesetzt und zum Teil die Kirche innen und außen verputzt, im dritten Jahr wurde der Turm weiter gebaut und vollendet, die Steinstiegen angebracht, die Empore vollendet, ein Terazzoboden gelegt, Fenster aus Kathedralglas eingesetzt, die Stühle erstellt, kurz der Bau so weit vollendet, daß er am 18. Oktober, am Kirchweihfeste, 1903 unter dem Jubel der ganzen Gemeinde benediziert und bezogen werden konnte.“ 57 Wenige Wochen zuvor hatte die Gemeinde noch ihre Zusagen bzw. einen Beschluss des Gemeindeausschusses umgesetzt und die alte Kirche für 6.000 Kronen von der Pfarre gekauft, um damit Raum für die notwendige Friedhofserweiterung zu haben. Hierfür wurde beim gemeindeinternen Schulhausfonds ein Darlehen aufgenommen. 58 234 Hans Kohler <?page no="235"?> 59 Hauschronik, S.-49. 60 Vorarlberger Volksblatt, 23.10.1903, S.-6. V. Kircheinzug und Kirchweihe Abb. 19: Einladung zum Einzug, Gemeindeblatt für Wolfurt und Schwarzach, 10. Oktober 1903 Der 18. Oktober 1903 war für die Gemeinde ein großer Tag. Viele Freiwillige hatten bei den Vorbereitungen für den Einzug in die neue Pfarrkirche mitangepackt, auch die Mitglieder der Kohler-Familie. „Am Vorabend wie die letzte Zeit vor dem Einzug gab es alle Händ voll zu tun bis die neue Kirche soweit war daß sie bezogen werden konnte“, schrieb eine der Töchter. 59 Laut „Vorarlberger Volksblatt“ stand „vor der Kirche ein kunstvoller Triumphbogen, mehrere Hundert Meter Guirlanden schmückten den Platz, das Aeußere und Innere der Kirche, besonders aber der Hochaltar glich einem künstlerisch schönen Blumenhügel.“ 60 Am Vorabend war die Bevölkerung mit Böllerschießen, Blasmusikkonzert und einem Feuerwerk eingestimmt geworden. Zwei Musikkapellen, der Veteranenverein, die Standschützen und die Feuerwehr waren in die Choreographie des Einzugs ebenso eingebunden wie mehr als zwanzig angereiste Geistliche. „Der hochw. Herr Dekan Stöckler von Bludenz, der hier am Kirchweihfeste 1876 mit der Gründung des Baufondes begann, trug das Allerheiligste, 4 Priester Reliquien auf einer bekränzten Bahre, Jungfrauen das Bildnis der Unbefleckten, Jungschützen die Statue des hl. Sebastian, des Kirchen‐ Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 235 <?page no="236"?> 61 Ebenda. 62 Ordnung des Festzuges, 18.10.1903. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Neueres, Kirchenbau betreffend. patrons. In der neuen Kirche hielt der hochw. P. Thüssing S. J. die erste Predigt. […] Der durch Gäste verstärkte Kirchenchor sang die Festmesse […]. Unter den Festgästen befand sich auch der Herr Bezirkshauptmann Graf Schaffgotsch, und nachmittags auch der Herr Landeshauptmann. Außer dem guten Wetter fehlte zur schönen Feier ein entsprechendes Geläute.“ 61 Tatsächlich hatte es dem Wettergott gefallen, die Feierlaune der versammelten Bevölkerung und der Festgäste ein wenig zu trüben. Pfarrer Walser, der die Reihenfolge des Festzuges akribisch ausgearbeitet hatte - bis hin zur 21. Stelle, wo es „die übrigen Männer“ und dann noch lapidar „Frauen“ hieß -, notierte anderntags auf seiner Planungsunterlage: „Der Einzug am 18. Oct. 1903 gänzlich verregnet so daß auf dem kürzesten Weg die Flucht in die Kirche genommen wurde.“ 62 Außer für Glocken, ließ das „Volksblatt“ im oben zitierten Artikel über den „Jubeltag“ in Schwarzach das Lesepublikum abschließend wissen, würden für den Ersatz der bislang provisorischen Altäre ebenfalls noch große Spenden benötigt. Tatsächlich fehlte bis auf die Kirchenbänke der allergrößte Teil der Inneneinrichtung. Am 18. Oktober 1903 erfolgte deshalb erst die Benediktion (Segnung) der Kirche, aber noch nicht die eigentliche Kirch‐ weihe. Diese wurde eineinhalb Jahre später „nachgeholt“. Abb. 20: Die für den Einzug feierlich geschmückte Kirche, noch befindet sich die Kanzel auf der linken Seite, Ansichtskarte, Herstellung J. G. Seeberger, Schwarzach 236 Hans Kohler <?page no="237"?> 63 Reihenfolge des Festzuges zum Empfang des Fürstbischofs bzw. Ablauf des Einzuges beim Kirch‐ weihfeste, 21./ 22.5.1905. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Kirchweihe; Vorarlberger Volksblatt, 26.5.1905, S.-3. 64 Hauschronik, S.-51. 65 Vorarlberger Volksblatt, 26.5.1905, S.-3. 66 Die Feier der Kirchweihe und Altarweihe (Studienausgabe), hg. von den L I T U R G I S C H E N I N S T I T U T E N S A L Z B U R G , T R I E R , Z Ü R I C H . Freiburg 1981. Am 22. Mai 1905 war es endlich soweit. Erneut hatte sich die Gemeinde mit Fahnen und allerhand Dekorationen festlich herausgeputzt; aufs Neue befand sich mehr oder weniger die gesamte Bevölkerung auf den Beinen. Bereits am Vorabend, einem Sonntag, war der Brixner Fürstbischof Joseph Altenweisel feierlich in der Gemeinde begrüßt worden. Wiederum sorgte Pfarrer Walser für eine genaue Planung des Ablaufs. 63 Auch diesmal war das Wetter ungnädig, „doch die Feier der Einweihe sehr erhebend und brauchte dieser Tag eine tüchtige Arbeitswoche zur Vorbereitung,“ 64 wie die Kohler’sche Hauschronik festhielt. Am Empfang im Gasthaus Hirschen im Anschluss an den dreieinhalbstündigen Gottesdienst nahm auch der Landeshauptmann teil. 65 Abb. 21: Nachdem sie beim feierlichen Einzug mitgetragen worden waren, wurden - wie es der Römische Ritus bei einer Kirchweihe vorsah - Märtyrerreliquien des Hl. Protus und der Hl. Aemilia in die Altäre eingebracht und dies vom Fürstbischof bestätigt. 66 Attest, 22.5.1905, Diözesanarchiv Feldkirch, Pfarrarchiv Schwarzach, AT ADF3 PA S4, Akt Kirchweihe Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 237 <?page no="238"?> 67 Inventur, 1.10.1910. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Kirchenbau, Orgelsachen. 68 Vorarlberger Volksblatt, 10.9.1911, S.-1. 69 Zu den Werken Schlachters und Reichs im Detail: Andreas R U D I G I E R , St. Sebastian Schwarzach/ Vor‐ arlberg (Kleine Kunstführer 2539). Regensburg 2003. Einige kleinere Korrekturen sind bzgl. der Datierung der Altäre anzubringen (siehe oben), auch schuf Schlachter 1908 die Kanzel (nicht Reich 1911), die Stationen wiederum sind ein Gemeinschaftswerk von Schlachter und Reich. Zu ergänzen ist darüber hinaus, dass das Chorgestühl ebenfalls von Schlachter stammt und in zwei Etappen angefertigt wurde. 70 Vorarlberger Volksblatt, 14.11.1924, S.-4. 71 Inventur, 1.10.1910. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Kirchenbau, Orgelsachen. 72 Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen, Dt. Bischofskonferenz 2002, S.-9. 73 Franz-Heinrich B E Y E R , Geheiligte Räume. Theologie, Geschichte und Symbolik des Kirchengebäudes. Darmstadt 2013, S.-149. VI. Die Innenausstattung Für die Innenausstattung zeichnete vor allem der Ravensburger Holzbildhauer und Kir‐ chenausstatter Moriz Schlachter verantwortlich. Dass die Wahl auf diesen Künstler fiel, überrascht nicht, denn von ihm bzw. aus seiner Werkstätte stammten in Vorarlberg (in Egg, in Riezlern, Schruns, Lauterach und auch in Silbertal, wo Pfarrer Walser Provisor gewesen war) bereits eine ganze Reihe von hölzernen Altären und Kanzeln. Im Laufe mehrerer Jahre schuf Schlachter nun für die Schwarzacher Kirche den Hochaltar (1904), die Kommunionbank (1905), die beiden Seitenaltäre (1905 und 1906) und die Kanzel (1908) mit aufwändigen Schnitzereien als charakteristischem Stilelement der neugotischen For‐ mensprache. Als Zwischenlösung waren außerdem bereits preisgünstig zwei Beichtstühle der „Jesuiten-Kapelle“ in Feldkirch (d. h. wohl vom Jesuiten-Gymnasium Stella Matutina) erworben worden. 67 Seit 1911 schmückten Kreuzwegstationen die Wände; sie stellten eine Zusammenarbeit von Schlachter (Rahmen) mit Alois Reich (Reliefs) dar. 68 Bei Reich, einem geborenen Bregenzerwälder, handelte es sich ebenfalls um einen akademischen Bildhauer, dessen Können frühere Werke, etwa in den Kirchen von Langen, Egg oder Ho‐ henweiler, dokumentierten. 69 Für das 100-jährige Pfarrjubiläum, das 1924 begangen wurde, erhielt Anton Marte aus Schnifis den Auftrag, die bis dorthin kahlen Wände mit seiner Dekorationsmalerei zu verzieren. Möglich gemacht hatte dies eine Spendensammlung in der Gemeinde. 70 1926 wurden schließlich als letztes Werk Schlachters zum neugotischen Gesamtkonzept passende Beichtstühle eingebaut. 71 Erst jetzt war die Ausgestaltung des Kircheninnenraums komplett. Johann Kohler lebte da bereits seit zehn Jahren nicht mehr. Mehr als zwanzig Jahre nach ihrer Errichtung hatte die Pfarrkirche ihr endgültiges Erscheinungsbild erhalten. Mit Ausnahme der Entfernung des Außenputzes im Rahmen der Sanierung 1975 bietet es sich in seinem Originalzustand auch heute noch Besuchern und Passantinnen als Zeugnis einer Epoche dar. Die Neugotik, die im 19. Jahrhundert in der Sakralarchitektur dominierte, brachte viel vom Selbstverständnis der Kirche zum Ausdruck. War dem Barock als Kirchenraum noch ein „himmlischer Thronsaal“ 72 vor Augen, galt den Vertretern des neugotischen Historismus dann die gotische Kathedrale „als Inbegriff der Formwerdung des Geistes von Gemeinsinn und Gottesverehrung“. 73 In ihrer kommunikativen bzw. appellativen Funktion idealisierte die neugotische Architektur zudem das Mittelalter als Bezugsepoche des Ultramontanismus, d. h. des auf den Vatikan be‐ 238 Hans Kohler <?page no="239"?> 74 Werner K. B L E S S I N G , Staat in Kirche und Gesellschaft. Institutionelle Autorität und mentaler Wandel in Bayern während des 19. Jahrhunderts (Kritische Studien zur Gesellschaft 51). Göttingen 1982, S.-133. 75 Ebenda. 76 Neben Schwarzach sind weitere Beispiele die Pfarrkirchen von Frastanz, Weiler, Egg, Kennelbach, Gaißau, Fraxern, Meschach/ Götzis, Innerlaterns und Silbertal sowie die Herz-Jesu-Kirche in Bregenz. zogenen politischen Katholizismus, der das liberale Erbe von Aufklärung und Französischer Revolution ablehnte. 74 Anders formuliert, verkörperten die zahlreichen Kirchenneubauten, die auch in Vorarlberg im neugotischen Stil verwirklicht wurden, einen „streng päpstlichen neuscholastischen, asketisch-kämpferischen Katholizismus“ 75 zu einer Zeit, als seitens der Konservativen und Christlichsozialen um die Einheit von Kirche und Staat gerungen und heftige Kämpfe mit der anfangs noch vorhandenen liberalen Mehrheit im Landtag ausgefochten wurden. 76 Abb. 22: Beichtstuhl-Plan von Moriz Schlachter, Januar 1926, Diözesanarchiv Feldkirch, Pfarrarchiv Schwarzach, AT ADF3 PA S4, Akt Kirchenbau, Orgelsachen Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 239 <?page no="240"?> Abb. 23: Innenansicht 1924, Ansichtskarte, Herstellung (Öst.) Lichtbildverlag, L. Heim, Dornbirn 240 Hans Kohler <?page no="241"?> 77 Vorarlberger Volksblatt, 6.1.1904, S.-4. 78 Angebot Firma Grassmayr, 16.3.1903. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Glocken. 79 Laut des Zeitungsberichts über diesen Besuch waren die Glocken in Bürserberg das erste Gesamt‐ geläute, das Grassmayr für Vorarlberg anfertigte. Vorarlberger Landeszeitung, 12.3.1904. Mit Blick auf das Schicksal von Kirchenglocken im Ersten Weltkrieg sei angemerkt, dass das Metall für dieses Geläut von Kanonen aus dem Krieg von 1870 stammte. Ebenda. 80 Notiz, o. D. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Glocken. VII. Die Glocken „Noch fehlen die Glocken und die gesamte innere Ausstattung. Wir werden uns damit auch nicht beeilen, sondern immer wieder im kleinen sammeln, auf größere Wohltäter und Vermächtnisse warten. Wird uns der Segen Gottes so wie bisher zu teil, so wird die Kirche in 20 Jahren schön ausgestattet sein und die Leute sind nicht ärmer an Vermögen, aber reicher an Verdiensten geworden,“ 77 schrieb Pfarrer Walser im Jahr 1904 im „Vorarlberger Volksblatt“ - in puncto notwendiger Ausdauer bis zur Vollendung aller Maßnahmen sollte er recht behalten. Auf die Glocken musste allerdings nicht so lange gewartet werden. Schon vor dem „Umzug“ in die neue Kirche lagen, nach der Kontaktaufnahme von Johann Kohler und Pfarrer Walser mit der Glockengießerei J. Grassmayr in Innsbruck im März 1903, Offerte für drei verschieden gestimmte Geläute vor. Jenes, auf das dann die Wahl fiel, umfasste sechs Glocken, die „a kg K[ronen] 2.40 franco dortiger Station, Montierung hiezu pro 100 kg Glockengewicht K 40,-“ kosten sollten: Nominal Gewicht H 2200 kg D 1250 kg E 1000 kg Fis 660 kg a 400 kg h 300 kg 78 Grassmayr war in Vorarlberg noch wenig präsent, konnte aber die Pfarrkirche in Bürserberg als Referenz anführen, wohin sich eine Delegation aus Schwarzach zwecks Besichtigung des Geläuts auch begab. 79 Bevor jedoch eine Bestellung getätigt wurde, war die Finanzierung sicherzustellen. Das Angebot belief sich auf rund 18.000 Kronen. Das entsprach in etwa zehn Prozent der Gesamtkosten für den Kirchenbau - eine gewaltige Summe also. Das Kirchenbaukomitee hatte aber einmal mehr ausreichend freigiebige Spenderinnen und Spender an der Hand. Dafür, dass die größte und teuerste Glocke, deren Preis mehr als ein Drittel des Auftrags ausmachte, von der Firma Pircher in Bregenz gestiftet wurde, hatte mit Sicherheit Johann Kohler gesorgt, besaßen das Unternehmen doch seine Frau, sein Schwager Karl und die Schwägerin Franziska. Die Glocke wurde dann dem Hl. Josef geweiht - vermutlich im Gedenken an den verstorbenen Onkel und Firmengründer - und neben den Namen der beiden Stifterinnen bzw. des Stifters ein Sinnspruch eingegossen: „Sei uns Beschützer immerdar - An Seel und Leib uns stets bewahr - Komm uns zu Hilf in aller Not - Hilf uns im Leben und im Tod“. 80 Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 241 <?page no="242"?> 81 Aufstellung der tatsächlichen Einnahmen, o. D. Ebenda. 82 Vorarlberger Volksblatt, 18.6.1904, S. 3. Der Verfasser des Artikels erwähnt nur fünf Glocken, im Kirchturm wurden aber tatsächlich sechs installiert. 83 Hauschronik, S.-50. Die Datumsangabe ist nicht korrekt, siehe Rechnung des Hirschenwirts. Wie der Endabrechnung, die eine Zusammenstellung der Einnahmen enthält, zu ent‐ nehmen ist, gingen für die Glocken weitere recht stattliche Einzelspenden ein: 81 „Die Glocken kosteten zusammen 18000 K Einnahmen: - Firma Pircher 2302-kg a 2.80 K 6445.60 K Geschwister Hefel für die - Agatha Glocke (Glocke Stimmung „E“) 1000.00 K Geschwister Hiller (kleine Glocke, 284-kg) 795.20 K alte Glocken 1888.00 K Johann Künz 2000.00 K Theresia Hämmerle 2000.00 K Sammelgeld vom Jahr 1903 2000.00 K Bernhard Troll 600.00 K Agatha Sieber 400.00 K Geschwister Fischer + Agatha Messlang 400.00 K Johann Troll 200.00 K Heinrich Troll’s Kinder 200.00 K Geschwister Dietrich 150.00 K Fr. Xaver Leithe 120.00 K - 19998.80 K Es bleiben mithin von den obigen Posten - für die Uhr 1998“ Für die drei alten Glocken vergütete Grassmayr pro Kilogramm 1,60 Kronen. Zusammen hatten sie 1.180 Kilogramm gewogen, somit nur ein Fünftel des Gewichts der neuen. Welchen Eindruck muss da anfangs das Läuten erweckt haben! Feierlich und würdig gestaltete sich auch die Ankunft der Glocken im Juni 1904. Mit einem langen Zug, gebildet von beiden Musikkapellen Schwarzachs, dem Kirchenchor, den Standschützen und den Veteranen sowie der Feuerwehr und der ganzen Gemeinde wurden die geschmückten Glocken am Bahnhof abgeholt und zum Kirchplatz geleitet. Tags darauf wurden sie „ohne Unfall in den hohen Turm aufgezogen. Selbstverständlich waren die Kinder möglichst vollzählig dabei und zogen jubelnd am Seil“, berichtete das „Volksblatt“. 82 Das Ereignis fand in der Kohler‘schen Hauschronik ebenfalls seinen Niederschlag: „Am 21. Juni wurde das Glockenfest gehalten unter sehr großer Teilnahme des Volkes mit Festgottesdienst. Beim Hochamt wurde an Stelle des Benedictus nur die große Glocke geläutet und war dies ein ganz erhebender Genuß! Im Hirschen war nachmittags gemütliche Feier von Geistlichkeit und Volk.“ 83 Die Rechnung des Gasthauses hat sich erhalten und offenbart Standesunterschiede, die sich nicht zuletzt darin zeigten, dass das noblere Getränk Wein den Angehörigen des gemeinen Volks vorenthalten wurde. Geistlichkeit und Kirchenchor, zusammen 41 Personen, konsumierten „Kultur Aufschnitt mit Brot“ und sieben Liter 242 Hans Kohler <?page no="243"?> 84 Rechnung des Jos. Ant. Hefel, zum Hirschen, 31.71904. DiözA, PASch, AT ADF3 PA S4, Akt Glocken. Hier wird als Datum des Glockenfests der 19. Juni angegeben. Dieser Tag war ein Sonntag. 85 Ausweis über die vorhandenen Glocken, 31.1.1916. DiözA AT ADF3 PA S4, Akt Glockenabfuhr zu Kriegszwecken. 86 Ebenda. 87 Im Jahr 1922 lieferte die Firma Böhler Stahlwerke Kapfenberg neue Stahlglocken, die seit nunmehr hundert Jahren das Geläute der Pfarrkirche Schwarzach darstellen. Kalterer See sowie 56 Glas Bier. Für die 24 Blasmusikanten gab es je „2 mal warme Schübling mit Brot“, die sie mit 68 Liter Bier hinunterspülten. 84 Was in diesen geselligen Stunden niemand wissen konnten - die Freude am schönen Geläute sollte nur zwölf Jahre währen. 1914 begann der „Große Krieg“, wie der Erste Weltkrieg genannt wurde, bevor es zum zweiten kam. Die Waffenproduktion litt bald schon an Rohstoffknappheit und so mussten die Kirchenglocken als Material für Schrap‐ nelle, Granaten und Munition herhalten. Anfang 1916 meldete der nunmehrige Pfarrer Leopold Berchtold dem Militärkommando Innsbruck Anzahl, Größe und Gewicht der Schwarzacher Glocken, nicht ohne deren künstlerischen Wert und emotionale Bedeutung zu betonen: „Harmonisches, melodisches, sehr schönes Geläute, aus der Gebr. Grassmayer’schen Gießerei Wilten, Innsbruck, reich verziert mit Ornamentik, Bittschriften und Sinnsprüchen. Die frommen Stifter sind die meisten noch am Leben und würde die Wegnahme der Glocken sowohl besonders diesen, wie auch allen Pfarrkindern sehr schwerfallen! “ 85 Doch das Argumentieren nützte nichts - lediglich drei Glocken, die mit der Stimmlage A, Fis und E, erachteten die Militärbehörden als für Kultuszwecke notwendig. Die beiden großen und die kleinste Glocke, zusammen erbrachten sie fast 4.000 Kilogramm Bronze, holte ein Fuhrunternehmer im September 1916 ab. 86 Als Johann Kohler am 23. November 1916 in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche in seinem Wohnhaus verstarb, konnten sie nicht mehr für ihn auf seinem letzten Weg zum Friedhof läuten. 87 Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 243 <?page no="244"?> 88 Fälschlicherweise wurde dieses Foto in „Heimat Schwarzach“ (hg. v. G E M E I N D E S C H W A R Z A C H . Lochau 1991), S. 103, und nochmals in „Schwarzach in alten Bildern“ (hg. v. G E M E I N D E S C H W A R Z A C H . Bezau 2002), S. 28, mit dem Aufzug der neuen Glocken in Verbindung gebracht. Dagegen spricht, dass lt. „Vorarlberger Volksblatt“ (18.6.1904, S. 3) Schulkinder beim Hochziehen der Glocken mithalfen, das Fehlen des feierlichen Rahmens sowie die auf dem Foto erkennbaren Verwitterungsspuren am Außenputz. 89 Als erstes wurde der kurz nach der Geburt verstorbene Sohn Jos. Vinzenz Kohler 1879 bestattet. Abb. 24: Glockenabnahme im September 1916, Gemeindearchiv Schwarzach, o. Sign. 88 Exkurs: Das Kreuz am Familiengrab Schon früh hatte Johann Kohler in den Friedhofsarkaden, die errichtet worden waren, als sein Schwiegervater Gebhard Schwärzler die Gemeindegeschicke lenkte, eine Fami‐ liengrabstätte erworben. 89 Für sie ließ er 1904, zu einer Zeit, als er sich ohnehin viel mit Sakralkunst zu beschäftigen hatte, vom Feldkircher Bildhauer und Altarbauer Fidelis 244 Hans Kohler <?page no="245"?> 90 Vorarlberger Volksblatt, 11.11.1904, S. 4; Albert E ẞ , Rudhart/ Rebholz - eine Künstlersippe aus Altenstadt. In: Agrargemeinschaft Altgemeinde Altenstadt, Vollversammlung 1996, S.-21-30 (Kopie im Besitz des Verfassers). 91 Bundesdenkmalamt an den Verfasser, Zl. 518/ 88. VLA, Vorlass Hans Kohler. Rudhart ein Kreuz anfertigen. Für eine entsprechende Zeitungsnotiz wurde ebenfalls gesorgt: „Unser schöner Friedhof ist gestern durch ein neues Kunstwerk bereichert worden. In der Arkade des Herrn Vorstehers Kohler erhebt sich das Bildnis des Gekreuzigten in Lebensgröße. Es ist von Meister Rudhard (Levis) nach einem Modell Michael Angelos aus Holz geschnitzt. Das Haupt ist sanft zurückgelehnt und zeigt die Züge des sterbenden Heilandes. Der Anblick ist tief ergreifend.“ 90 In den 1960er-Jahren fielen die nördlichen Arkaden, wo sich das Kohler-Grab befand, der Friedhofserweiterung zum Opfer (wie das Bundesdenkmalamt über den „ziemlich brutalen Eingriff “ später kritisch urteilte, sei damit auch der „räumliche Sinn der Anlage verloren gegangen“). 91 Als in den 1990er-Jahren im Zuge der südlichen Erweiterung des Friedhofs eine Aufbahrungskapelle errichtet wurde, fand das Kreuz, das einst die Kohler-Arkade geschmückt hatte, dort einen neuen Platz. Auf der symbolischen Ebene kann es auch als Reminiszenz an den Initiator des Kirchenbaus von 1903 gewertet werden. Abb. 25: Familiengrabstätte Kohler unter den Arkaden, Glasnegativ, Privatarchiv Hans Kohler Abb. 26: Aufbahrungskapelle (innen) auf dem Friedhof, Aufnahme Hans Kohler 2020 Die Pfarrkirche St. Sebastian in Schwarzach 245 <?page no="246"?> 92 Vorarlberger Volksblatt, 6.1.1904, S.-3. VIII. Zusammenfassung „Ein weltlicher Herr aus dem Lande erschien einmal auf dem Bauplatz noch lange bevor die Kirche vollendet war und habe sich dann also geäußert: Ich bewundere den herrlichen Bau, aber noch mehr staune ich, daß eine Gemeinde mit 1000 Einwohner, ohne das Land anzubetteln und ohne Schulden zu machen, so ein Werk zustande bringt,“ berichtete Pfarrer Walser im Jahr 1904, in seiner Eigenschaft als örtlicher Korrespondent des „Volksblatts“. 92 Ob er sich damit ein wenig der Sünde der Eitelkeit schuldig machte, sei dahingestellt. Tatsache bleibt, dass die neue Pfarrkirche, deren Turm mit seinen 64 Metern der dritthöchste von ganz Vorarlberg sein soll, das Resultat einer beachtlichen Kraftanstrengung aller Beteiligter war, ermöglicht durch eine Reihe von Faktoren und Umständen zu einer Zeit, in der sich nicht nur in Schwarzach gerade im Bereich öffentlicher Bauten vieles bewegte. Die Betreiber des Projekts konnten sicherlich auf die damals in dörflicher Verbundenheit stärker ausgeprägte Opferbereitschaft der Bevölkerung, insbesondere der wohlhabenderen Mitbürger und Mitbürgerinnen, setzen. Ohne Persönlichkeiten, die mit großem Engage‐ ment, um nicht zu sagen Leidenschaft, den Kirchenbau vorantrieben, wäre es aber mit Sicherheit auch nicht gegangen. Pfarrer Walser, der offenkundig über Manager-Fähigkeiten verfügte und in vielen Detailangelegenheiten eine Führungsrolle einnahm, spielte zweifels‐ ohne eine wichtige Rolle. Es war aber Johann Kohler, der - ausgestattet mit Eigenschaften wie Prinzipientreue, Ehrgeiz, starkem Willen und einer unerschütterlichen Religiosität - dem Unternehmen einen ganz entscheidenden Stempel aufdrückte. So setzte er den Verzicht auf staatliche Zuschüsse durch, weil es ihm wichtig war, auf diese Weise das fromme Werk als gemeinsame Leistung des gesamten Orts erlebbar zu machen. In diesem Punkt wie auch in anderen Belangen dürften, mehr als es in den Quellen fassbar ist, Kohlers Vertrautheit mit der Materie, das Wissen und vermutlich der künstlerische Geschmack, die sich seiner Tätigkeit als Kirchenmaler Anfang der 1860er-Jahre verdankten, in den Kirchenneubau eingeflossen sein. Hinzu kam die Routine des Vollblutpolitikers, reich an Erfahrungen und Beziehungen aus einer Vielfalt an Funktionen und Ämtern. Dass er strategisch dachte und nicht zuletzt die langfristige raumplanerische Ortsentwicklung im Auge hatte, zeigen die Vorgänge im Zusammenhang mit der Bauplatz-Suche. Dass er ohne Scheu vor Verantwortung und vom gesteckten Ziel zutiefst überzeugt war, legt wiederum der Umstand nahe, dass noch vor Erlassung eines Baubescheids zu bauen begonnen und erst nach diesem um das endgültige Behördenverfahren angesucht wurde. 246 Hans Kohler <?page no="247"?> 1 Hierzu ausführlich, mit Informationen auch zu den Kindern und Enkeln Gebhard Schwärzlers, Hans K O H L E R , Zeitenwende. Gebhard Schwärzler. Ein Unternehmer des 19. Jahrhunderts (Institut für sozialwissenschaftliche Regionalforschung 15). Regensburg 2017. 2 1885-1888 übernahm er dieses Amt nochmals. 3 1858 stammten bei einem Gesamtsteueraufkommen von 175 Gulden 136 von ihm. Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? Margret Friedrich Während das Leben Johann Kohlers, wie das seines Schwiegervaters Gebhard Schwärzler, gut dokumentiert ist, weiß man über die Ehefrau bzw. Tochter Anna wenig, zunächst nur, was dem Verwaltungsschriftgut zu entnehmen ist: Wir kennen ihren Geburts- und Tauftag, die Angaben zu ihren Geschwistern, zur Eheschließung und zu den Geburten ihrer Kinder. Ein einziges Schulzeugnis hat überdauert, ihre persönlichen Vermögensverhältnisse erschließen sich aus den Testamenten von Vater und Ehemann und schließlich aus ihrem eigenen Letzten Willen. Anna Kohler wurde 1840 als zweites von elf Kindern des Ehepaares Maria Anna Viktoria Pircher (1814-1867) und Gebhard Schwärzler (1815-1896) geboren. 1 Marianne Pircher war die Tochter eines Bregenzer Eisenhändlers und Spediteurs, der schon vor der Heirat 1838 Baumwollwaren für das Unternehmen von Joseph und Gebhard Schwärzler in Schwarzach transportierte. Gebhard Schwärzlers Vater Joseph hatte erfolgreich als Fergger und Verleger agiert. Er selbst erhielt eine für die damaligen Schulverhältnisse gute Bildung, durfte die Kreishauptschule in Bregenz besuchen, dann die dritte und vierte Klasse der Normalschule in Rovereto, was auch dem Erlernen der italienischen Sprache förderlich war, und wurde dann noch für einige Monate nach Fribourg geschickt, um mit Französisch vertraut zu werden. Früh stieg er in das Geschäft des Vaters ein, arbeitete als Verleger und Handels‐ mann, übernahm 1843 die (1823 verliehene) Berechtigung zur Baumwollwarenerzeugung vom Vater und war zunächst in der Handweberei tätig. Schließlich baute er eine eigene Textilfabrik auf, die er nach dem frühen Tod seines Sohnes und Erben Josef Gebhard (1843-1879) an die Firma F. M. Hämmerle verkaufte. Im Vormärz schien er verdächtig, da er die in St. Gallen erscheinende Zeitung „Der Wahrheitsfreund“ bezog. Durch seine Reisetätigkeit blickte er weit über den damaligen Zwiebelkirchturm Schwarzachs hinaus, nahm mit seiner Firma ab 1845 an Gewerbe- und Industrieausstellungen teil und initiierte eine solche für das Jahr 1869 in seinem Heimatort. Ab 1850 war er Mitglied des Gemeindeausschusses, ab 1857 Gemeindevorsteher, wobei er auf eine Entschädigung für seine Tätigkeit verzichtete und unerbittlich und erfolgreich für den Schuldenabbau im Gemeindebudget agierte. 2 Er war bei weitem der größte Steuerzahler der Gemeinde. 3 Von 1865 bis 1870 war er Landtagsabgeordneter. Er erkämpfte <?page no="248"?> 4 Siehe dazu den Beitrag von Hans Kohler in diesem Band. 5 Diese Charakteristik verwendete Brigitte Mazohl für Beamtengattinnen des 19. Jahrhunderts in einem sehr frühen Aufsatz zur historischen Frauenforschung: Brigitte M A Z O H L -W A L L N I G , Die Beamtenfrau als historisch absente Größe. In: Frauenbilder - Frauenrollen - Frauenforschung, hg. von Christa G Ü R T L E R / Brigitte M A Z O H L -W A L L N I G / Katrin B A C H I N G E R / Hanna W A L L I N G E R -N O W A K (Veröffentlichungen des Historischen Instituts der Universität Salzburg XVII). Wien/ Salzburg 1987, S.-78-91. 6 Ansonsten wäre dies sicher in einem der Briefe ihrer Töchter, die Lehrerinnen geworden waren, einmal zur Sprache gekommen. 7 Der 26. Juli war auch Annas Namenstag. den Eisenbahnanschluss Schwarzachs, war aber auch sozialkaritativ tätig, z. B. mit einer großzügigen Spende für die geplante Wohltätigkeitsanstalt Valduna. Seine Katholizität belegte er nicht zuletzt mit seinem Engagement für den geplanten Kirchenneubau sowie mit großzügigen Geldspenden für dessen Ausführung. 4 Ist also die in diesem Milieu aufgewachsene Anna, die nach ihrer Eheschließung mit Johann Kohler 1869 zwischen 1870 und 1886 zwölf Kinder zur Welt brachte, die Geschäfts‐ frau, die Vorsteherin einer umfangreichen Hauswirtschaft, die Ehefrau eines langjährigen Ortsvorstehers und Landtagsabgeordneten, eines Reichstagsabgeordneten für eine Periode, eines kämpferischen Vertreters des politischen Katholizismus und in diesem Sinn Initiators bzw. Unterstützers zahlreicher Vereine und anderer Aktivitäten, wie Kirchenneubau und Glockenausstattung, eines Teilnehmers an Schulungen zur christlichen Sozialpolitik u. v. m., ist also Anna Kohler als „historisch absente Größe“ 5 einzustufen? Aus dem erhaltenen Schulzeugnis geht hervor, dass sie eine intelligente und fleißige Schülerin war, da sie in allen Fächern ein Sehr gut erhielt. Da es sich um ein Dokument der Hauptschule Bregenz handelt, ist auch klar, dass ihr Vater sich für sie um eine bessere Bildung, als sie an der einfachen Volksschule in Schwarzach möglich war, kümmerte. Vielleicht sollte sie ihn daheim im Geschäft unterstützen? Es ist anzunehmen, dass Anna in Bregenz bei der Familie ihrer Mutter wohnte, da die Bahnverbindung noch nicht eingerichtet war. Über die Dauer ihres dortigen Schulbesuchs gibt es keine Informationen, ebenso wenig, ob sie anschließend einen Weiterbildungskurs besuchte. Der Unterricht in einem Frauenkloster für eine weiterführende Bildung oder die Ausbildung zur Lehrerin waren sicher kein Thema. 6 Will man sich ihren Lebensverhältnissen und ihrer Lebensgestaltung nähern, so ist man auf Selbstzeugnisse und andere private Quellen angewiesen, die sehr wohl vorhanden sind, wobei jedoch die erwartete Auskunft auf diese Fragen nur über Umwege erschlossen und nur schlaglichtartig beleuchtet werden kann. I. Die Crux mit der Hauschronik Offensichtlich als Geschenk zu ihrer Hochzeit am 26. Juli 1869 7 erhielten Anna Schwärzler und Johann Kohler eine gebundene Hauschronik der „Lithogr. Anstalt Friedr. Gutsch Karls‐ ruhe“. Dieses Buch wird von Bildszenen eines christlichen Haushalts, mit Gebet, Gedicht und Begleitworten, u. a. von Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897) zur Rolle der Familie und 248 Margret Friedrich <?page no="249"?> 8 Aus einem Nachruf auf Johann Kohler geht hervor, dass er in seinem Selbststudium Publikationen Wilhelm Heinrich Riehls gelesen hatte. Riehl trauerte der frühneuzeitlichen Hauswirtschaft nach, wo Arbeits- und Wohnstätte nicht getrennt waren, die Familie und alle Mitarbeitenden im „Ganzen Haus“ vereint lebten. Johann Kohler+. Ein Charakterbild gezeichnet von J.[osef] W.[alser], Vorarl‐ berger Volksblatt, 23.1.1917, S. 1-3; 26.1.1917, S. 1-4; 30.1.1917, S. 1-3; 2.2.1917, S. 1-2; 6.2.1917, S. 1-3; 9.2.1917, S. 1-3; 12.2.1917, S. 1-5, hier 2.2.1917, S. 2. Generell inhaltlich sehr ähnlich: Josef W A L S E R , Johann Kohler, ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg. Wien/ Innsbruck/ München 1918. 9 Privatarchiv Hans Kohler, Kohlersche Hauschronik (im Folgenden Hauschronik). 10 Die Frühneuzeithistorikerin Heide Wunder prägte dafür den Begriff „Arbeitspaar“. 11 Nicht nur das relativ einheitliche Schriftbild, auch vorausweisende Aussagen über das spätere Leben bestätigen dies, so z. B. 1870: „[…] hatte das langwierige Uebel dadurch eine wohlthätige Folge fürs ganze Leben, daß der Kranke diese lange Zeit hauptsächlich dazu verwenden konnte, Nicolais philosophische Studien über das Christenthum durchzumachen.“ Teilweise finden sich Freiräume für den Eintrag von Daten, die offensichtlich erst wieder recherchiert werden mussten, so S. 2: „Am . Febr. wurde das Anwesen des Josef Lerchenmüller angekauft“. Dies gilt auch für Todesdaten aus der Verwandtschaft. zur Sinnhaftigkeit einer Hauschronik eingeleitet. 8 Im Mittelpunkt des Titelbildes steht ein nicht mehr junger, stilisierter Kreuzritter, der eine Fahne mit der Aufschrift „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens“ und einen mit der Prägung „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ versehenen Schild in Händen hält. Diese zentrale Darstellung wird umrahmt von Szenen eines christlichen Haushalts, in dem die Hausmutter unverzichtbar ist. Johann Kohler hingegen schrieb in das für den Namenseintrag vorgesehene Feld lediglich „Johann Kohler in Schwarzach 26. Juli 1869“. 9 Haben wir es also mit einem der Tradition verbundenen Haus ohne Hausmutter zu tun? Tatsächlich sind in dieser Hauschronik, in der jede zu beschreibende Seite am oberen Rand mit einem verzierten Bibelspruch, fast ausschließlich aus dem Alten Testament, geschmückt ist, vorwiegend Berichte über Johann Kohlers Aktivitäten und Präferenzen nachzulesen, was mit dem traditionellen bzw. von W. H. Riehl idealisierten Ganzen Haus wenig gemein hat. Der Hausvater, wie sich Kohler mit diesem eher antiquierten Begriff durchgehend bezeichnet, steht in seiner Darstellung nicht in unverzichtbarer arbeitsteiliger Verbindung mit der Hausmutter, was der beschworenen Tradition entsprochen hätte, 10 vielmehr kommt seine Ehefrau Anna kaum vor. Die Hauschronik wurde nicht tages- oder monatsaktuell geschrieben. 11 Sie setzt mit der Eheschließung ein. Hier wird „Mr. Anna Schwärzler von Schwarzach“ als Braut erwähnt. Am Nachmittag des Hochzeitsfestes brachen die „Brautleute“ zu ihrer dreiwöchigen Hochzeitsreise auf, die mit der alljährlichen Geschäftsreise verbunden wurde. In der Folge berichtet Johann Kohler von seinen Taten und Leiden. Tätigkeiten von Anna Kohler sind offensichtlich nicht der Rede wert. Ihre zwölf Geburten werden im Passiv festgehalten, die Namen von Pfarrer und Taufpatinnen bzw. -paten hingegen sehr wohl erwähnt. „Am 11. Juni [1870] abends 4 Uhr wurde geboren und am 12. Juni durch den Pfarrer Fr. Xav. Bitschnau im Beisein der beiden Pathen: Kaspar Ig. Hammerer, Vorsteher in Egg und Franziska Schwärzler v. Schwarzach getauft: Gebh. Stefan Kohler.“ Der folgende Satz lautet: „Am 9. Juli waren die Neuwahlen in den Landtag von Vorarlberg, und die Wahl des Johann Kohler brachte Mühen und Sorgen in die Familie, die Landtagssession 1870 dauerte jedoch nur vom 20. Aug. bis 2. Septbr.“ Kurz darauf reisten „Gatte und Gattin […] zum Einkaufe Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 249 <?page no="250"?> 12 Hauschronik, S. 3. Die Patin war die jüngste Schwester der Mutter. Da der aufgenommene Sohn Pio gerade zwei Jahre alt wurde, der eigene Erstgeborene drei Monate zählte, ist diese Reise auch ein Hinweis dafür, dass zur Versorgung der Kleinen zuverlässige Personen im Haus verfügbar waren. 13 Ebenda. 14 Ebenda, S.-4. 15 Ebenda, S.-5. 16 Johann Kohler verehrte Pius IX., daher wurde auch sein Sohn aus erster Ehe auf den Namen Pius/ Pio getauft. 17 Volksmissionen (missiones internae) sollten in regelmäßigen Abständen (in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts alle zehn Jahre) zur Festigung und Vertiefung des katholischen Glaubens abgehalten werden. Die darauf spezialisierten Patres wurden festlich empfangen, wohnten im Pfarrhof, hielten täglich besonders aufrüttelnde und bewegende einstündige Predigten und nahmen die Beichte ab. 18 Hauschronik, S.-4-6, 9, 13 usw. 19 Im September 1873. Ebenda, S.-6. 20 Ebenda, S.-12-13. 21 Der Onkel Josef Pircher war kinderlos verstorben. 22 Hauschronik, S. 23. Die Schreibung des Schwagers/ Bruders variiert zwischen Carl und Karl. Außerhalb von Quellentexten wird ausschließlich Carl verwendet. 23 Johann Kohler bezeichnete sich seit seiner Eheschließung als Kaufmann. für das eigene Geschäft nach Wien“. 12 Beim Bezug des eigenen Hauses Ende Oktober 1870 schrieb Johann Kohler von der 1866 gegründeten Familie, die nun endlich „ein eigenes Obdach“ habe. 13 1866 hatte er seine erste Frau geheiratet! Auch die Eröffnung der eigenen Gemischtwarenhandlung 1870 wird im Passiv berichtet, 14 obwohl (weil? ) hier Herkunft, Vermögen und Arbeitskraft seiner Ehefrau gefragt waren? Dem Satz über die Geburt des zweiten Kindes, erneut im Passiv und ohne Erwähnung der Mutter, folgen wieder die Thematiken Landtag und eigene Beschwerden. 15 Penibel werden Festtage des Papstes, 16 Priesterwechsel und Primizfeiern sowie die Volksmissionen 17 berichtet. Erstkommunion und Firmung der eigenen Kinder sind verzeichnet, allerdings wieder ohne Erwähnung der Mutter. In den ersten Jahren der Hauschronik werden auch noch Geschäftserweiterungen und die jährliche Inventur festgehalten, 18 ohne darauf einzugehen, inwieweit hier die Ehefrau beteiligt war. Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in der Monar‐ chie schien für die Familie keine Rolle gespielt zu haben: 1873 war Johann Kohler laut Hauschronik mit seinem Vetter für zwei Wochen auf der Wiener Weltausstellung, 19 den vorangegangenen Börsenkrach erwähnt er nicht. Erst für 1878 gibt er eine kurze Charak‐ teristik der generellen wirtschaftlichen Lage: „Das abgelaufene Jahr war eine Zeit des allgemeinen Rückganges in Gewerbe und Handel und der beginnenden Güter-Entwertung, die übrigens in letzten Jahren [sic] sich vorbereitet hatte.“ Ein Jahr später hielt er fest, dass durch „die Stockung in Handel und Gewerbe“ „die soziale Gefahr bedeutend gewachsen“ sei. 20 Mögliche Bezüge zur Situation der eigenen Familie wurden nicht hergestellt. Die Übernahme der Pircher’schen Eisenwarenhandlung in Bregenz 21 durch Anna Kohler und deren zwei Geschwister im Jahr 1886 klingt, als ob es sich um Fremde handelt: „Nach beendigter Inventur des Geschäftes in Bregenz wurde mit Ende des Jahres auch die Jos. Pircher’sche Eisenhandlung ins gemeinschaftliche Eigenthum der Anna, Karl und Franziska Schwärzler übernommen.“ 22 Als zehn Jahre später sein Schwiegervater Gebhard Schwärzler, der Johann Kohlers ökonomischen „Neustart“ in Schwarzach (mit)ermöglicht hatte, 23 verstarb, hieß es „Viele Arbeit mit Ordnung des Nachlasses.“ und lapidar „Die 250 Margret Friedrich <?page no="251"?> 24 Hauschronik, S.-37-38. 25 Testament Gebhard Schwärzler: „Nach Ausführung vorstehender Bestimmungen 1 bis 7 setze ich über mein noch verbleibendes Vermögen meine übrigen drei Kinder Anna verehel. Kohler, Carl Schwärzler u. Fanny verehel. Gmeiner als Universal-Erben ein u. sollen dieselben über meine sämmt‐ lichen Realitäten, sei es an Gebäuden oder an Grundstücken, sowie Hauseinrichtung, Fahrniße u. über meine Forderungen, in was sie immer bestehen mögen, u. überhaupt über mein hinterlassendes Gesammt-Eigenthum das freie Verfügungsrecht haben, wobei bemerkt wird, daß mein Sohn Karl Schwärzler schon einen Theil der ihm zufallenden Erbschaft bei meinen Lebzeiten bezogen hat, wie dieses ebenfalls in meinem Privatbuche ersichtlich gemacht ist [tatsächlich einmal Carl und einmal Karl geschrieben]. verfaßt in Baden bei Zürich, 14.8.1895.“ Vorarlberger Landesarchiv (fortan VLA), Bezirksgericht Bregenz (Verlassenschaften), Sch. 192/ Nr. 156. 26 Hauschronik, S.-44. 27 Z. B. ebenda, S.-13. 28 Es dürfte sich schon um den Beginn ihres tuberkulösen Leidens gehandelt haben. 29 Hauschronik, S. 30. Anna kam wenige Tage nach der Heimreise der Mutter, am 18. Juni, in Schwarzach an, am 5. September reiste sie wieder nach Wien ab. 30 Vom 4.-25. Juli 1892 war sie dort mit ihrer Schwester Theresia und der Base Marie Huber, vom 1.-22. August mit ihrer Schwester Maria. Hauschronik, S. 30; im Juli 1893 war sie mit ihrer Schwester Theresia in Bad Reuthe. Ebenda, S.-32. 31 Ebenda, S.-48. 32 Anna Kohler hatte sich bei den Verabredungen zur Eheschließung bereit erklärt, den knapp zweijährigen Pius aufzunehmen. Mutter übernimmt das Haus Nr.-48.“ 24 Anna Kohler und ihre zwei den Vater überlebenden Geschwister, der Bruder Carl und die Schwester Fanny, waren allerdings zu Universalerben eingesetzt worden. 25 1899 findet sich mit Bezug auf „Restaurationen und Malerarbeiten“ der Hinweis, dass man im Besitz von drei Häusern war. 26 Jeweils kurze Berichte gibt es, ob die Familie von Krankheiten im betreffenden Jahr verschont geblieben war oder nicht. 27 Anna Kohler scheint gesund gewesen zu sein. Ob sie von der einen oder anderen ihrer zwölf Schwangerschaften belastet, bei den Geburten gefährdet war, erfährt man nicht, ebenso wenig, ob sie, wie in der Familie sehr gebräuchlich, bei Ermüdung, Unpässlichkeit oder Krankheit auf Kur in eines der nahegelegenen Bäder in der Habsburgermonarchie, im Deutschen Kaiserreich oder in der Schweiz ging. Erwähnung findet Anna Kohler erst wieder, als ihre Tochter Anna Angela, die 1890 bei den Armen Schulschwestern in Wien eingetreten war, erkrankte, 28 und sie ihre kranke Tochter 1892 für einige Tage besuchte. 29 In diesem und im folgenden Jahr weilte Anna Angela Juli und August wieder zur Erholung daheim und fuhr mit einer ihrer Schwestern zur Kur nach Bad Reuthe. 30 Über die Rolle der Mutter in dieser Situation erfährt man nichts. Beim Eintritt ins Kloster in Wien war Anna 1890 vom Vater begleitet worden. „Die Trennung der Tochter Maria von der Familie“ wird dann 1893 als „das wichtigste Ereigniß dieses Jahres“ bezeichnet. Sie war bei den Barmherzigen Schwestern in Graz eingetreten und ebenfalls mit dem Vater dorthin gereist. Über die „Mutter“ liest man erst wieder, als sie und ihre acht Jahre jüngere Schwester Fanny, die Taufpatin, zur Einkleidung Marias 1894 nach Graz und 1898 zur Einkleidung Annas nach Wien fuhren. Im selben Jahr begab sich „die Mutter“ für eine Woche nach Terlan, wo der erste Enkel zur Welt gekommen war, 31 das erste Kind des Sohnes aus der ersten Ehe Johann Kohlers. 32 Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 251 <?page no="252"?> 33 Ebenda, S.-23. 34 Ebenda, S.-25. 35 Ebenda, S.-40. 36 Ebenda, S.-45. 37 Ebenda, S.-46. 38 Ebenda, S. 24. Pius wurde zu den Kaiserjägern assentiert und rückte am 1. Oktober 1887 in Bozen ein. 39 Hauschronik, S. 50. Ignaz wurde am 8. Oktober 1904 zum Militär nach Niederdorf/ Pustertal eingezogen. 40 Ebenda, S.-48. 41 Ebenda, S.-35. Der Tod des jüngsten Kindes von Anna und Johann Kohler mit 7 1/ 2 Monaten habe großes Leid bei seinen Eltern und seinen elf Geschwistern verursacht, heißt es 1887. 33 Als ein Jahr später nach zehntägiger schwerer Krankheit „unsere liebe unvergeßliche Tochter Franziska Xaveria“ verstarb, gibt es keinen Hinweis auf Ängste und Sorgen der Mutter (und Geschwister) während der Krankheit oder auf die Trauer über den Verlust der Zehn‐ jährigen. 34 Vielmehr folgt unmittelbar darauf die Information, dass das erste Gemeindeblatt erschienen sei, „dessen Redaktion+Administration nun auch besorgt werden mußte.“ Erst der Meldung vom Tod der Tochter Theresia im Alter von 23 Jahren 1897 folgt eine längere emotionale Passage über den Umgang der Familie damit: „Zu unser aller tiefstem Schmerze [hat] der lb. Gott uns die liebe Tochter Theresia aus unserer Mitte genommen. Ihr Zustand war seit Monaten hoffnungslos. Ihr Herzenswunsch, der Schwester Maria im Lebensberufe folgen zu können, ging nicht in Erfüllung.“ Sie möge als „Familienschatz“ weiterleben, als „des Hauses guter Engel, der sie schon im Leben war“. 35 Als zwei Jahre später die 29-jährige Tochter Anna in Wien im Mutterhaus der Schulschwestern im Sterben lag, besuchten sie „Mutter und Patin“, später der Vater und ihre Schwester Aloisia sowie öfter ihr Bruder Sebastian, der schon in Wien studierte. „Der Tod schloß ihren Lebenslauf, das Leben eines seelenguten Kindes einer eifrigen Lehrerin u Ordensschwester! “ 36 Der unmittelbar folgende Satz informiert über die Vorsteherwahl und Johann Kohlers fünfte Periode in diesem Amt. 37 Jeweils einen Satz gibt es auch über Todesfälle in der engeren oder weiteren Familie, vereinzelt auch beim Ableben von langjährigen treuen Dienstmägden. Die Bildungswege der Söhne sind in der Hauschronik notiert. Über das Verhältnis der Mutter zu ihren Söhnen enthält sie nichts, auch dann nicht, als die Tauglichkeitsprüfung und das Einrücken zum dreijährigen Militärdienst von Pius 38 und später Ignaz anstanden. Bei Ignaz hieß es lediglich: „[…] und wird die Familie seine Abwesenheit sehr stark fühlen! “ 39 Ihre Urlaube und die Rückkehr wurden registriert, ebenso, dass der an Herzbeschwerden und (nach damaliger Diagnose) Gelenkrheumatismus erkrankte Vinzenz für untauglich befunden wurde. 40 Hochzeiten der engeren Verwandtschaft wurden ebenfalls festgehalten. Beim großen Ereignis im eigenen Haus, der Feier der Silberhochzeit von Anna und Johann Kohler am 26. Juli 1894 „im Kreise der Familie“, mit Hochamt und einem Ausflug nach Bregenz, ist die Ehefrau keiner Erwähnung wert. 41 Die „Mutter“ fand ihren Platz in der Hauschronik erst ab 1902/ 03. Es ist anzunehmen, dass die Chronik nun von jemand anderem, vielleicht der daheim mitarbeitenden jüngsten 252 Margret Friedrich <?page no="253"?> 42 Das Schriftbild ist leicht verändert, ebenso der Stil. Die Einträge werden systematischer und emotionaler gestaltet. Z. B. ist die Jahreszahl auf jeder Seite oben angegeben, mehr Ausrufezeichen und Emotionen charakterisierende Adjektive werden verwendet. 43 Hauschronik, S.-48. Sie heiratete den Landgerichtsrat Karl Kelz aus Feldkirch. 44 Ebenda, S.-49. 45 Ebenda, S.-51. 46 Ebenda. 47 Ebenda, S.-55. 48 Ebenda, S.-57. 49 Ihr Vater war Arzt in Schruns. 50 Hauschronik, S.-64. Tochter Franziska (1882-1945), geführt wurde. 42 Die „Mutter“ war bei der Hochzeitsfeier ihrer Nichte Viktoria Schwärzler in Vaduz. 43 Bei der Silberhochzeit ihrer Schwester Fanny, einer „gemütlichen Familienfeier“, wurde nun die Mutter mitgezählt: „Von uns war Vater, Mutter, Vinzenz, Franziska, Ignaz bei der Feier.“ Dass auch der Landeshauptmann Rhomberg mit Gemahlin kam, durfte nicht unerwähnt bleiben. Und der Eintrag endet, anders als bei Annas Silberhochzeit, mit einem Segenswunsch für das „Jubelpaar“. 44 Als Anfang 1905 der bedenkliche Krankheitszustand ihrer Tochter Aloisia/ Vinc.[entia] Ferreria gemeldet wurde, reiste Anna Kohler mit ihrer Schwester für eine gute Woche nach Wien. Im Herbst fuhr Vinc. Ferreria zur Kur nach Bad Wörishofen, und die Mutter beglei‐ tete sie bis Lindau. Nach einer alarmierenden Nachricht über die Verschlechterung des Zustandes von Aloisia fuhr die Mutter noch am Silvestertag zu ihr nach Bad Wörishofen. 45 Mit Hilfe des in Bregenz lebenden Sohnes Stefan brachte sie die Tochter „mit Mühe“ ins Mutterhaus nach Innsbruck, 46 wo sich ihr Gesundheitszustand langsam besserte. Die Mutter wurde wieder erwähnt, als „wir die äußerst freudige überraschende Nachricht [erhielten], daß Schwester Xaveria von Konstantinopel nach Graz zurückberufen wurde. Am 1.10. [1908] erhielten wir diese Freudenbotschaft! Brachte sie ja auch die frohe Hoffnung eines Wiedersehens.“ „Am 15. Dezember reisten Mutter und Gota [Patin] nach Graz und gab es ein seliges Wiedersehen zwischen Mutter und Kind nach 14 Jahren! “ 47 Ein Jahr später „feierten unsere lieben guten Eltern das vierzigjährige [Hochzeits-]Jubiläum.“ „[…] mit dankerfüllten Herzen begingen die anwesenden wie die abwesenden Kinder, Schw. Xaveria u. Sebastian, mit den teuren Eltern das liebe ersehnte Familienfest.“ 48 Die Hauschronik endet mit dem Jahr 1911 und der Verlobung des Sohnes Sebastian mit Elsa Hefel 49 „und freut sich die ganze Familie besonders die lieben Eltern über die glückliche Wahl.“ 50 Auf den 64 Seiten der Hauschronik finden sich also kaum Hinweise auf das Leben der „Mutter“, wie sie durchgehend bezeichnet wird. Für die Suche nach mehr Informationen über Anna Kohler bietet sich jedoch ein weiterer Quellenbestand an. II. Ein Karton voller Briefe In der Familie blieben Briefe und Karten erhalten, die an Anna und Johann Kohler gerichtet waren, ein Brief aus dem Jahr 1892, zahlreiche ab 1904, am dichtesten ist die Sammlung Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 253 <?page no="254"?> 51 Der Briefbestand befindet sich, neben zahlreichen Karten und vereinzelten Briefen von anderen Verwandten und Bekannten, nach Jahren geordnet, in einem Karton im Privatarchiv Bernhard Schertler, Schwarzach. 52 Daher macht es auch keinen Sinn, Häufigkeiten zu skizzieren. 53 Johann Kohler schrieb den Brief am 17. Mai 1906, als er bei seinem Sohn Pio in Terlan (kurz) zu Besuch war, dann nach Bozen und Brixen weiterreiste und schon zwei Briefe von seiner Frau erhalten hatte. Anrede: „Teuerste Gattin! “ Verabschiedung: „Gott befohlen. Herzliche Grüße Dein Gatte“. Außerdem gibt es eine Korrespondenzkarte von ihm an seine Frau vom 11. Mai 1904, als er in Innsbruck mit seinem Schwager Carl beim Guss der Schwarzacher Glocken zugegen war, die Tochter Aloisia besuchte und sich in Schloss Ambras seine vor vierzig Jahren gemachte Arbeit als Dekorationsmaler ansah. 54 Sie war die Ehefrau von Johann Kohlers Sohn Pius aus erster Ehe mit Theresia Ritter (geschlossen 1866), dessen Mutter zwei Wochen nach der Geburt im September 1867 verstorben war. Pius hatte im Mai 1894 den Staindlhof in Terlan gekauft und sich mit Agnes Prieth (1862-1918) aus Graun verehelicht. 55 Franziska Gmeiner, geb. Schwärzler, (1848-1926) heiratete 1878 Dr. med. Franz Josef Gmeiner aus Alberschwende. Das Paar lebte zunächst in Schwarzach, anschließend in Dornbirn und ließ sich schließlich in Bregenz nieder. Es wohnte in der Pircher’schen Villa, Rathausstr. 2, ebenso wie Franziskas Bruder Carl und dessen Tochter Ida, verh. Kleiner, mit Familie. Josef Gmeiner war das älteste von elf Kindern einer Bauern- und Hafnerfamilie. Ihm wurde der Besuch des Gymnasiums in Innsbruck ermöglicht, anschließend studierte er ab 1872 an der 1868 eröffneten Medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck, unterstützt von Stipendien, da er als „arm“ ausgewiesen wurde. (Dank an Peter Goller vom Archiv der Universität Innsbruck für diese Informationen). Die Ehe blieb kinderlos. Franz Josef Gmeiner unterstützte mittellose Studenten, Fanny Gmeiner nahm Kinder in Pflege. Für diese Aktivitäten dürfte auch ihr Vermögen eine Rolle gespielt haben. Fanny begleitete vereinzelt ihren Vater auf Reisen, später ihre Schwester, dann auch ihren schwerkranken Bruder Carl und andere Angehörige auf Kur. Idas Ehemann Viktor Kleiner hatte es als Autodidakt bis zum Landesarchivar in Bregenz gebracht. 56 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, Sommer 1911). 57 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1912). von 1904 bis 1912 bestückt. 51 Allerdings ist nicht klar, ob es sich um alle Briefe und Karten dieser Jahre handelt. 52 Es ist z. B. nur ein Brief Johann Kohlers an seine Frau vorhanden, 53 für einige Jahre liegen nur wenige Briefe vor, für 1909 nur ein Brief der Schwester Fanny. Es überwiegen Briefe der Schwiegertochter Agnes 54 aus Terlan, der beiden Töchter Aloisia (Schwester Vincentia Ferreria) und Maria (Schwester Xaveria) aus den Klöstern, der daheim mitarbeitenden Tochter Franziska, wenn sie zu Besuch bei ihren Schwestern war, also alles Briefe, die aufgrund einer größeren räumlichen Entfernung geschrieben wurden. Eher ephemer, das alltägliche Gespräch ersetzend, erscheinen die oft knappen, kursorischen Schreiben von Annas Schwester Fanny 55 , die mit ihrem Ehemann, dem Arzt Dr. Franz Josef Gmeiner, in Bregenz lebte: „Es würde mich freuen Dich wieder einmal sprechen zu können. In Liebe Deine Schwester Fanny“. 56 Ihre Schreiben waren nicht selten in Eile verfasst, oft nicht einmal datiert, und verraten auch, dass wichtige persönliche Angelegenheiten bei Besuchen von Fanny in Schwarzach besprochen wurden. Die Briefe (und Pakete) wurden wohl meist nicht per Post versandt, sondern von jemandem mitgenommen, der/ die zwischen Schwarzach und Bregenz, den beiden Geschäftssitzen, pendelte. „Da ich heute der Böthin den Brief nicht mitgeben konnte sende ich dir jetzt noch p. Post herzliche Grüße.“ 57 Leider sind in diesem „Karton voller Briefe“ nur die Briefe an Anna Kohler erhalten, nicht die von ihr verfassten. Dass sie eifrig korrespondierte, ist aus dem jeweiligen Dank für ihren Brief/ ihre Briefe zu ersehen. Ihre Schwiegertochter Agnes entschuldigte sich z. B., 254 Margret Friedrich <?page no="255"?> 58 Agnes, Reschen, 23.6.1904. Sie hatten allerdings in den fünf Wochen nach dem vorangegangenen Brief das Hotel in Terlan für den Hochsommer geschlossen und waren mit den drei Kindern nach Reschen in die Sommerfrische gereist, wo sie ebenfalls Pensionsgäste (maximal zehn) aufnehmen konnten. 59 Informationen über ihr Leben in den späteren Jahren der Kriegs- und Nachkriegszeit fehlen ebenfalls. Bekannt ist, dass Johann Kohler in seinen letzten Lebensjahren körperlich und geistig verfiel, also bis zu seinem Tod 1916 gepflegt werden musste. Walser, Charakterbild, Vorarlberger Volksblatt, 12.2.1917, S.-5. 60 Xaveria, Konstantinopel, 18.2.1904. 61 Franziska Theresia 1897 23-jährig, Anna Angela 1900 29-jährig. dass sie nicht gleich geantwortet hatte. „Sie sind es schon bald gewohnt liebe Mutter das ich immer lange brauch bis ich zum Brief schreiben komme.“ 58 Außerdem war Anna Kohler 1904, bei Beginn dieser erhalten gebliebenen, mehrjährigen dichteren Überlieferung, bereits im 64. Lebensjahr. Über ihr Leben in den vorangegangenen Jahrzehnten gibt es in diesem Corpus keine Informationen. 59 Doch kann angenommen werden, dass diese regen brieflichen Kontakte nicht aus dem Nichts entstanden waren, sie vielmehr auch schon früher mit den aufgrund ihrer Ausbildung abwesenden Kindern gepflegt wurden, worauf z. B. die Einleitung des ersten erhaltenen Briefes der Tochter Maria/ Schwester Xaveria verweist: „Theuerste Beste Eltern! Recht innigen Segensgruß durch Maria unsere süße unbefleckte Mutter! Nun endlich kommt doch wieder einmal ein Briefchen aus der Türkei, das werden Sie sich gewiß denken Theuerste beste Eltern, aber jetzt will ich Sie auch wirkllich nicht mehr länger warten lassen.“ 60 Da keine der Töchter Anna Kohlers geheiratet hatte, scheint ihr ihre Schwiegertochter Agnes lebensweltlich am nächsten gestanden zu sein. Sie hatte nicht nur die Erfahrungen von Schwangerschaft und Geburt und vom Tod von Kindern im Babybzw. Kleinkindalter sowie in der Kindererziehung mit ihr gemein, sondern auch die Verbindung von Ehefrau, Mutter und Geschäftsfrau. Sie hätte ihr darüber sicher nicht immer wieder relativ ausführ‐ lich geschrieben, wenn sie nicht auf ein offenes Ohr und auf Verständnis gestoßen wäre, wahrscheinlich auch Trost, Zuspruch und gute Ratschläge erhielt. Die Tochter Maria, Schwester Xaveria, berichtete ausführlich über ihre Arbeit in Konstantinopel und Wien und bezog die Mutter mit ein. Die Briefe von Tochter Aloisia, Schwester Vinc. Ferreria, waren mit vielen von tiefer Religiosität zeugenden (in Schriften der Barmherzigen Schwestern vorformulierten? ) Sätzen geschmückt. Da ihre Briefe zur Zeit ihrer letztendlich todbringenden Erkrankung geschrieben wurden, handelten sie v. a. von den therapeutischen Maßnahmen, immer verbunden mit Versuchen der Beruhigung. Hier kann man die (Für-)Sorge Anna Kohlers, die schon zwei an Tbc erkrankte Töchter im Erwachsenenalter verloren hatte, 61 sehr gut erkennen. Quellenkritisch muss beachtet werden, dass der Briefverkehr von Klosterschwestern von der Oberin gelesen werden konnte, bzw. - wie Aloisia mehrmals schrieb - sie die Erlaubnis zum Schreiben eines Briefes erst erhalten musste. Schwester Xaveria scheint in Konstantinopel unabhängiger gewesen zu sein, später war sie selbst in leitender Position. Die Tochter Franziska, die daheim in Haus und Geschäft arbeitete und sich in der Pfarrgemeinde engagierte, erstattete jeweils unmittelbar brieflich Bericht, wenn sie auf Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 255 <?page no="256"?> 62 Erhalten sind Briefe von Sebastian, u. a. als er im März 1912 die Advokatenprüfung bestanden hatte und sich, 36-jährig, in Wien als Strafverteidiger selbstständig machen wollte, wozu er finanzielle Unterstützung benötigte, aber auch Schreiben der Söhne Stefan, Ignaz und Vinzenz sowie Briefe und Karten entfernterer Verwandter und knappe Schreiben von Oberinnen der Barmherzigen Schwestern. 63 Aus Bemerkungen in einzelnen Briefen geht hervor, dass die Geschwister sich manchmal unterein‐ ander oder an die Patin Franziska Gmeiner (die als Arztensgattin auch medizinische Ratschläge geben und Medizin schicken konnte) schrieben. 64 Dies erschließt sich z. B. aus einem Schreiben ihrer Schwester Fanny: „Liebe theure Schwester! Von der l. Agnes [der Schwägerin] in Thüringen erhielt der Carl [ihr Bruder] einen Brief, sende ihn dir zum lesen.“ Fanny, Bregenz, 20.8.1906. 65 Zum politischen Katholizismus als „wichtigster oppositioneller Kraft zum Liberalismus“, der „die kulturelle Leitfunktion der katholischen Kirche“ anerkannte und verteidigte, siehe Hanns H A A S , Der politische Katholizismus in Salzburg. In: Salzburg zur Gründerzeit. Vereinswesen und politische Partizipation im liberalen Zeitalter, hg. von Hanns H A A S (Schriften des Vereins Freunde der Salzburger Geschichte). Salzburg 1994, S.-185-216. Besuch bei den Schwestern war. Schreiben der Söhne finden sich auch in diesem Karton. Aus diesen kann allerdings kaum die Lebenswelt der Mutter erschlossen werden. 62 Das Briefpapier der fünf Briefeschreiberinnen war, wenn überhaupt als solches defi‐ nierbar, schlicht, kariert oder liniert im DIN A5-Format, Schmuckränder oder andere Verzierungen gab es nicht. Wenn die Schreiberin sehr in Eile bzw. krankheitsbedingt schwach war, wurde sogar nur der Bleistift benutzt. Rechtschreibung und Grammatik beherrschten die Schreiberinnen (eine kleine Ausnahme machte hier die Schwiegertochter Agnes), ihr Stil war tadellos. Die Briefe waren z. T. an Johann und Anna Kohler adressiert, doch betrafen sie, abgesehen von den mit vielen Dankesbezeigungen und Segenswünschen überladenen Grüßen an den Vater zu seinem Namenstag, ausschließlich die Mutter und ihre Aktivitäten. Mutter wie Vater wurden in allen Briefen gesiezt, die Schreiben sind insgesamt beherrscht von einem ehrfurchtsbezeugenden Ton und streng verwurzelt im katholischen Glauben. Die beiden Klosterschwestern betonten immer wieder ihren Kindstatus. Auch wenn Anna Kohlers eigene Briefe nicht sorgsam aufbewahrt wurden, so können aus den vorliegenden Briefen an die „Teuerste Mutter“, „Liebe gute Mutter“, „Liebste Mutter“, oder „Liebe Schwester“ begründete Vermutungen über Einstellungen und Lebens‐ gestaltung von Anna Kohler abgeleitet werden. Aus dem Briefcorpus geht hervor, dass Anna Kohler das Zentrum der Familie war und mit starker Hand die Familie zusammenhielt. Sie erfuhr die guten (und schlechten) Nachrichten von den Kindern, die zur Zeit dieses Briefwechsels längst erwachsen waren, und sollte sie den anderen berichten. 63 An sie wurden Wünsche und Bestellungen gerichtet, die, wie aus dem Dank der nachfolgenden Briefe hervorgeht, im wahren und übertragenen Sinne postwendend (über)erfüllt wurden. Die Mutter informierte über wichtige Geschehnisse in der Familie und dem Heimatort, wie die zu dieser Zeit stattgehabte Glocken- und Kirchenweihe oder die Volksmissionen, und gab die erhaltenen Informationen innerhalb der Familie weiter. Auch ganze Briefe wurden weitergereicht. 64 Manchen Briefen wurden „Bilder“ beigelegt, vermutlich Heiligenbilder mit Gebeten. Aber es wurden auch Fotos verschickt bzw. erbeten. Geht aus den das Leben Johann Kohlers betreffenden Quellen v. a. hervor, wie er sich (kultur-)kämpferisch für den politischen Katholizismus engagierte, 65 so zeigt sich 256 Margret Friedrich <?page no="257"?> 66 Vieles davon wurde noch bis weit ins 20.-Jahrhundert hinein ähnlich ge- und erlebt. 67 Das Cassianeum wurde vom katholischen Publizisten und Pädagogen (ursprünglich als Lehrer tätigen) Ludwig Auer (1839-1914) 1875 gegründet. Wichtigster Bestandteil war die pädagogische Abteilung mit ihrer reichen Publikationstätigkeit zur katholischen Volksbildung, u. a. mit den Zeitschriften „Monika“ und „Schutzengel“, die beide auch im Hause Kohler kursierten und der für Herstellung und Vertrieb gegründete Verlag Auer. Im Cassianeum befand sich aber auch ein Kna‐ beninstitut zur Berufsvorbereitung nach abgeschlossener Volksschulbildung, später „Bürgerschule“ benannt. 68 Fanny, Bregenz, 3.2.1904. 69 Fanny, Bregenz, o. D. (1905). Die Tochter Anna Angela/ Schwester Theresina, Lehrerin bei den Armen Schulschwestern, war bereits 1900 an Tuberkulose verstorben. bei den Schreiben dieser Frauen zweier Generationen, wie die traditionelle katholische Religiosität und Lebensweise des dörflichen Milieus die Basis für ihre Lebensgestaltung und -bewältigung bildete und sorgsam gepflegt wurde. 66 2.1 Gott geweihte Kinder Im katholisch geprägten Milieu war es durchaus üblich, ein Kind Gott zu weihen, um eine/ n FürsprecherIn bei Gott zu haben. Ein Sohn wurde ins Internat und nachfolgend ins Priesterseminar gegeben, eine Tochter ins Kloster. Inwieweit Ende des 19. Jahrhunderts noch Versorgungsgedanken für den Sohn oder bei Töchtern der Umstand, dass die Aus‐ stattung für eine „Braut Christi“ geringer war als die Mitgift für eine (standesgemäße) Ehe, eine Rolle spielten, kann nur für den Einzelfall festgestellt werden. In der Familie Kohler wurden die Söhne in die (nach 1848 gegründeten) Vorarlberger katholischen Bildungseinrichtungen geschickt bzw. ins Cassianeum 67 nach Donauwörth. Von ihnen ergriff keiner einen geistlichen Beruf. Dies konzentrierte sich auf drei Töchter, die vierte war vor dem gewünschten Eintritt bei den Barmherzigen Schwestern verstorben. Für das Ordensleben wurden weder die altehrwürdigen Frauenorden noch die traditionellen Schulorden der Englischen Fräulein oder Ursulinen gewählt, sondern die relativ jungen, auf Armenversorgung, Krankenpflege und Elementarunterricht ausgerichteten und im ländlichen Raum stark vertretenen Kongregationen. Die Bedeutung einer Ordensschwester für die Familie geht aus einem Schreiben Fanny Gmeiners an Anna Kohler hervor: „Wie oft habe ich dich liebe Schwester um eine Gottesbraut beneidet bis auch uns die große Freude zu theil geworden.“ 68 Sie tröstete ihre Schwester während der schweren Erkrankung der Tochter Aloisia auch mit der Hoffnung auf die Erfüllung der Fürbitten der verstorbenen Schulschwester Theresina, „wenn es in Gottes Rathschlusse steht“. 69 2.2 Die Rolle des Gebetes Obwohl die Familie Kohler keinen Mangel litt, auch nicht existentiell von (in der Haus‐ chronik wie in Briefen thematisierten) Unwettern und Überschwemmungen betroffen war, waren ihre Angehörigen dennoch diversen Krankheiten ausgeliefert, gegen die es keine wirksamen Medikamente gab. Der Tod war immer noch in allen Lebensaltern präsent. Man begab sich daher gläubig vertrauend in Gottes Hand. Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 257 <?page no="258"?> 70 Agnes, Terlan, 18.1.1905. 71 Aloisia Kohler, geb. 1875, starb nach jahrelanger Krankheit 1909. „Mit Erlaubnis des Hw. Herrn Superior [wurde sie] in die Heimat überführt und in unserer Familien Grabstätte beigesetzt.“ Hauschronik, S. 59. Der Vater konnte noch telegrafisch verständigt werden und eilte ans Sterbebett. Er „überbrachte von ihr die letzten Grüße“. Ebenda, S. 58. Ende Oktober 1901 war sie ins Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in Innsbruck eingetreten. Ebenda, S.-47. 72 Xaveria, Konstantinopel, 20.1.1905. 73 Xaveria, Konstantinopel, o. D. (wohl Anfang September 1905). 74 Xaveria, Konstantinopel, 2.7.1906. 75 Xaveria, Konstantinopel, November 1907. 76 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1906). 77 Fanny, Bregenz, 26.1.1905. 78 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1911). 79 Fanny o.-O., o. D. (Bregenz, 1905). 80 Fanny, o. O., o. D. (Bregenz, 1907). Es handelte sich um die Kirche des Klosters der Dominikanerinnen, mit welchen Franziska Gmeiner sehr verbunden war. Diese hatten 1796 das säkularisierte ehemalige Franziskanerinnenkloster in Bregenz erworben. 81 Agnes, Terlan, 17.2.1911. Aus den Briefen lässt sich eine regelrechte Gebetsgemeinschaft der weltlichen Ehefrauen und Mütter und der beiden Klosterschwestern samt ihrer nächsten Ordensangehörigen erschließen. Gebete waren und blieben Ausweg und Trost in schwierigen, mit den ver‐ fügbaren Mitteln nicht bewältigbaren Situationen. Die Verbundenheit im gemeinsamen Gebet vermittelte wohl auch eine besondere Art der Geborgenheit. Die Gebetsgemeinschaft intensivierte sich 1905, als Vinc. Ferreria schwer erkrankte. Schwiegertochter Agnes berichtete, dass neben den Angehörigen sogar ihre beiden Kinder täglich für die Kranke beteten. 70 Die Bitte ums Gebet und die Versicherung, dass sie ihrerseits alle Angehörigen in ihre Gebete einschließt, sind fester Bestandteil aller Briefe Vinc. Ferrerias. 71 Xaveria schien immer in Eile und fasste sich am Schluss ihrer Briefe kurz, indem sie „tausend Grüße mit Gebet“ verband 72 oder die „allerherzlichsten Segenswünsche mit Gebet“ schickte. 73 Als sie sich durch die viele Arbeit überlastet fühlte, schrieb sie der Mutter, sie benötige „Kraft von Oben um nicht zu erliegen“ und bat sie ums Gebet, 74 auch später: „Beten Sie weiter für Ihre Maria, welche im hl. Berufe so glücklich ist.“ 75 Fanny bedankte sich bei ihrer Schwester „fürs Gebet“ (wohl für ihren erkrankten Ehemann) und grüßte sie „innig“. 76 „Liebe Schwester! Unser aller Sorgen hat keinen Wert, der lb. Gott fügt doch Alles nach seinem Willen u gewiss wird die gute Kraft dem Orden erhalten, dies ist ganz mein Denken“, 77 versuchte Franziska Gmeiner anlässlich der lebensbedrohlichen Erkrankung Schwester Vinc. Ferrerias, ihre Schwester zu trösten. Als Kinder ihrer beider Nichten schwer erkrankt waren und sie mit der Pflege befasst war, bat sie ihre Schwester „Bete für die Erhaltung der Kinder.“ 78 Während der schweren Erkrankung Vinc. Ferrerias schrieb sie, sie habe zum Hl. Josef ganz besonderes Vertrauen und daher eine neuntägige Andacht gestiftet, was schon einmal geholfen habe. 79 Für Annas Sohn Vinzenz habe sie ebenfalls eine neuntägige Andacht begonnen, versuchte sie, ihre Schwester zu beruhigen: Sie gehe jeden Tag ins „Thalbachkirchlein“ zur Messe. 80 Gebete konnten auch Dank oder Geschenk bedeuten. Schwiegertochter Agnes bedankte sich für Gratulationen und Geschenke zu ihrem Namenstag mit Gebeten. 81 Den Namens‐ 258 Margret Friedrich <?page no="259"?> 82 Agnes, Graun, 24.7.1911. 83 Xaveria, Konstantinopel, 18.1.1906. 84 Vinc. Ferreria, Innsbruck Marienheim, 5.10.1904. 85 Vinc. Ferreria, o.-O., 16.4.1905. 86 Ebenda. 87 Xaveria, Konstantinopel, 21.8.1905. 88 Xaveria, Konstantinopel, 18.1.1906. 89 Xaveria, Wien, 24.7.1912. 90 Vinc. Ferreria, Valduna, 24.7.1907. tagswünschen für ihre Schwiegermutter schloss sie ebenfalls das Gebet an: „[…] wir werden am Annatag auch Ihrer im hl. Gebete gedenken und den lb. Gott bitten das Sie diesen schönen Tag recht oft und gesund erleben.“ 82 Die beiden Barmherzigen Schwestern bedankten sich für Annas großzügige Geschenke mit ihren Gebeten und denen ihrer Mitschwestern und der betreuten Kinder. 83 In diesem Kontext ist nicht selten eine Verbindung mit dem Opfergedanken zu finden. Vinc. Ferreria schrieb ihrer Mutter, dass der Weg zu einer guten Barmherzigen Schwester mit vielen Opfern gepflastert sei. Sie wollte den Kranken und Armen „eifrig und opfer‐ freudig“ dienen. 84 Als sie auf der Rückkehr von einer Kur in Meran nach Innsbruck auf Einladung ihrer Schwägerin Agnes in Terlan Station machen wollte, habe ihr das die Oberin verboten. Sie dürfe jetzt auch nicht mehr so oft schreiben, da sie ja genesen sei und es daher „ganz gegen klösterlichen Brauch u. nicht notwendig“ sei. 85 Anna Kohler konnte aus den Briefen ihrer Tochter herauslesen, wie diese litt und sich damit tröstete, dass „der lb. Gott“ sie nirgends „anwachsen“ lassen wolle, doch wisse er am besten, „was für uns gut ist“. 86 Vielleicht vermutete sie darin auch einen Grund für die nicht zu stillenden tuberkulösen Leiden ihrer Tochter. Auf jeden Fall hatte sie befürchtet, dass Vinc. Ferreria im Kloster nicht gut versorgt werde, und Xaveria geschrieben, dass sie sich mit dem Gedanken trage, ihr Kind nach Hause zu holen. Doch hier verlangte Xaveria unerbittlich Opfer und Entsagung von Mutter und Tochter. Sie sei erschrocken über diesen Plan und flehe „inständig zu Gott, Er möge dieses verhüten. Tausendmal bitte ich Sie, teuerste, beste Eltern, verschonen Sie doch die teure Schwester mit der Heimat! ! “ Ihr [eigener] ganzer „Berufsgeist“ sträube sich dagegen, denn was vielleicht körperlich helfen würde, könnte „auf ihren Geist nachteilig einwirken“. Nicht „Herzlosigkeit“ lasse sie so sprechen, sie habe Verständnis für die „große Liebe“ der Mutter. Doch solle die Mutter in ihrer Sorge nicht zu weit gehen und die Ordensoberen nicht „zu einer solchen Erlaubnis drängen“. Sie selbst wolle alles Gott überlassen und „recht bitten“, er möge Vinc. Ferreria „ohne die heimatliche Luft gesund machen“. 87 Sie tröstete ihre Eltern, wenn Vinc. Ferreria nicht gesund würde, „so dürfen sie ja um so sicherer die ewige Belohnung erwarten“. 88 Anna Kohler holte ihre Tochter dann auch nicht nach Hause, sondern versuchte, sie im Kloster bestmöglich zu versorgen. In den Namenstagswünschen für die 72-jährige Mutter bedankte sich Xaveria bei der „heißgeliebten Mutter“ „für Alles, Alles, was Sie für mich getan, geopfert und auch gelitten haben! “ 89 Im Rahmen ihrer Namenstagswünsche für die Mutter hatte schon Vinc. Ferreria von der „starkmutige[n] u. opferfreudige[n] Liebe Ihres Mutterherzens“ gesprochen 90 - Sätze, die wohl nicht nur als Floskeln abgetan werden können. Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 259 <?page no="260"?> 91 Z. B. Vinc. Ferreria, Valduna, 5.7.1907. 92 Xaveria, Konstantinopel, 17.10.1904. 93 Xaveria, Konstantinopel, 18.2.1904. 94 Auch der Sohn ihres verstorbenen Bruders Gebhard, Julius Schwärzler, wurde Arzt, lebte mit der Mutter und der unverheirateten Schwester Anna in Feldkirch, praktizierte dort und war Stadtarzt. Ein weiterer findet sich in der Verwandtschaft von Bruder Carls Ehefrau Anna Lipburger. 95 Anna Kohlers Mutter, Maria Anna Viktoria Schwärzler, geb. Pircher, starb 1867, 53-jährig. Sie hatte elf Kinder geboren, wovon vier Söhne im Säuglingsbzw. Kleinkindalter starben, einer mit 19 Jahren, zwei, Gebhard und Josef, als Mittbzw. Enddreißiger, so dass nur der Sohn Carl ein höheres Alter, 68 Jahre, erreichte. Von den drei Töchtern wurde Anna, als ältestes überlebendes Kind, 86 Jahre alt, ihre nächstältere Schwester Pauline nur 50, ihre jüngste, Fanny, starb im selben Jahr wie Anna, 1926, mit 78 Jahren. Der Vater Gebhard Schwärzler hatte fast das gesamte 19. Jahrhundert erlebt (1815-1896). 96 Hauschronik, S.-15. 97 Ebenda, S.-13. Aber auch so Profanes wie die Übernahme der Kosten für Kuraufenthalte, Zahnarztbe‐ handlungen oder andere Ausgaben, die von den Klosterschwestern selbst nicht beglichen werden konnten, galten als Opfer der Eltern. 91 Auch die Einberufung des Sohnes Ignaz zum dreijährigen Militärdienst wurde als „Opfer der lb. teuren Eltern“ gesehen, das Gott segnen und „zum Besten des lb. Bruders gedeihen lassen“ möge. 92 Und ihr Bruder Vinzenz schien Xaveria aufgrund seines Leidens „ein besonderer Liebling Gottes zu sein“. 93 2.3 Sorge um die Gesundheit, Erkrankungen, Tod, Trauer Anna Kohlers Gläubigkeit, die täglichen Rituale und die Feste des Jahreskreises, Gebet, Messbesuch und häusliche Festgestaltung bildeten die Basis für die Bewältigung ihres Alltags. Da während ihrer gesamten Lebensspanne die Pflege von Erkrankten wie auch das Sterben fast ausschließlich daheim erfolgte, verwundert es nicht, dass in fast allen Briefen an Anna Kohler der Gesundheitszustand der Verfasserinnen und, so vorhanden, ihrer Familie thematisiert wurde, sei es zur Beruhigung, mit der Bitte ums Gebet, um medizinische Ratschläge oder um Leid und Sorge zu teilen. Auch wenn Ärzte konsultiert wurden - mit ihrem Schwager Franz Josef Gmeiner hatte Anna Kohler sogar einen in der Familie, 94 der sich wiederum auch mit Fachkollegen besprechen konnte -, so gehörten doch der Bereich der Pflege und die Kenntnis von wirksamen Hausmitteln zum Aufgabenbereich der Ehefrauen und Mütter. Dass Schwester, Töchter und Schwiegertochter bei Anna Kohler auf Verständnis und guten Rat hoffen konnten bzw. sie selbst auch auf dem Laufenden gehalten werden wollte, geht aus den Briefen hervor. Sie hatte im Elternhaus den Tod von mehreren Geschwistern und ihrer Mutter erlebt, später den frühen Tod zweier erwachsener Brüder, auch ihre Schwester Paulina starb noch vor dem Vater. 95 Eigene Kinder hatte sie im Babybzw. Kindes- und Erwachsenenalter verloren. Aus der Hauschronik erfährt man nichts über die Belastungen und Gefühle der Mutter bei Krankheit und Tod der Kinder, z. B. wird nur knapp referiert, dass 1880 die Tochter Theresia an Diphterie erkrankte und drei Wochen isoliert werden musste, 96 von September bis Dezember 1879 alle sechs Kinder Keuchhusten hatten, beides Krankheiten, die tödlich verlaufen konnten, die „Rothsucht“ dazu kam und die gesamte Familie darnieder lag. 97 Aus den Briefen lässt sich schließen, dass sich Anna Kohler sehr um ihre an Tuberkulose erkrankte Tochter Aloisia sorgte. Ihre Schwester Fanny versuchte sie zu beruhigen: Der 260 Margret Friedrich <?page no="261"?> 98 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, Jänner 1904). 99 Vinc. Ferreria, Innsbruck, 25.3.1904. Das Datum des Briefes wurde von ihr mit dem „höchsten Ehrentag“ Mariens (Maria Verkündigung) in Verbindung gebracht. 100 Vinc. Ferreria, o.-O., 27.4.1904. 101 Profess: Feierliches Ordensgelübde. 102 Sie war körperlich offensichtlich so geschwächt, dass sogar ihre Monatsblutung ausgeblieben war. „Wenn dann wieder einmal die P. in Ordnung ist, werde es durch ein x unter meinen Namen Ihnen andeuten. Sie lassen dieses Briefl auch nicht lesen nicht wahr liebste Mutter? “ Die damals nicht unbedingt übliche Thematisierung dieser Intimität weist auf ein enges (Vertrauens-)Verhältnis zur Mutter hin. 103 Vinc. Ferreria, Eben, 1.9.1904. 104 Vinc. Ferreria, Innsbruck, 26.1.1905. 105 Vinc. Ferreria, Meran, 25.2.1905. 106 Es dürfte sich um ein gegen Magenbeschwerden eingesetztes Elixier aus der Klosterapotheke des Kapuzinerinnenklosters St. Ottilien Grimmenstein (Diözese St. Gallen) handeln. 107 Vinc. Ferreria, Bozen, 29.5.1905. behandelnde Arzt in Innsbruck sei ein guter Freund ihres Mannes und würde sie auf dem Laufenden halten. Sie gedenke „dein in großer Theilnahme da es doppelt schwer ist, die Kranke nicht pflegen zu können.“ 98 Die Fürsorge der Mutter spiegelte sich auch in den Briefen der kranken Tochter, die v. a. von ihrem Gesundheitszustand handelten und immer beruhigend, optimistisch wirken sollten. Anna Kohler hatte sogar an die Oberin geschrieben, und Vinc. Ferreria wurde umgehend aufgefordert, in deren Auftrag Nachricht über ihr Befinden zu geben. „Sie dürfen ganz außer Sorge sein, denn unsere liebe Wohlerw. Schwester Oberin ist überaus besorgt u. aufmerksam, da fehlt es mir gewiß an Nichts! “ 99 Vinc. Ferreria wiederholte ihre Beruhigungsversuche: „Liebste Mutter sorgen Sie sich doch nicht so sehr um mich, Sie wissen ja, daß ich so gut aufgehoben bin, u. es ist mir auch wirklich besser“. Die Oberin habe sie auch beauftragt zu bestätigen, dass sie die „lb. Briefe u die Medicamente richtig erhalten habe“. 100 Sie dankte ihrer Mutter für den Besuch noch vor der Profess 101 und „für alle damit verbundenen Beweise Ihrer Liebe u. Güte, für Alles sage recht innig ‚Vergelt’s Gott! ‘“ Sie hatte die Ratschläge und die Medikamente der Mutter angenommen und verbreitete Optimismus. 102 Schließlich versuchte sie, ihre Mutter damit zu trösten, man solle „den „lb. Bräutigam Jesus“ für ihre Gesundheit sorgen lassen. 103 Im folgenden Auf und Ab von Besserung und Verschlechterung besuchte sie Anna Kohler wieder in Innsbruck. Vinc. Ferreria bedankte sich für „Ihren langen, lieben Besuch“ und das Geschenk. 104 Anna Kohler war offensichtlich ständig in Sorge, dass ihre Tochter nicht gut versorgt werde. Diese beruhigte sie auch von ihrer Kur in Meran aus, dass das Fieber zwar „noch nicht ganz Ruh’ geben“ wolle, sie aber „mit warmen Sachen u. allem Erdenklichen“ sehr gut ausgestattet sei. Die Oberin habe sie mit einem bewährten Mittel versorgt: Weißwein „mit verschiedenen Kräutern aus der Apotecke anzusetzen“. 105 Als sie nach Befolgung aller von der Mutter erhaltenen Ratschläge und Hausmittel wegen ihrer starken Bauchschmerzen die Zusendung von „Grimmenstein“ 106 erbat, denn dann hätte sie wirklich alles Menschenmögliche für ihre Genesung getan, 107 besorgte Anna Kohler diese Medizin sofort. Diese half allerdings auch nicht, und Vinc. Ferreria erbat wieder die Zusendung der üblichen Medikamente von Dr. Gmeiner und tröstete die Mutter: „Haben Sie aber keinen Kummer um mich, ich bin gewiß gut aufgehoben - die volle Gesundheit will mir Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 261 <?page no="262"?> 108 Vinc. Ferreria, Bozen, o. D. (zw. 14. u. 24.7.). 109 Vinc. Ferreria, Bad Wörishofen, 2.12.1905. 110 Im Jahr 1858 richtete Pfarrer Jochum bei Rankweil die private „Wohltätigkeitsanstalt Valduna - zur Pflege geistig kranker Menschen“ ein, eine Gründung, die Gebhard Schwärzler sehr gefördert hatte. 1868 wurde diese Einrichtung von der öffentlichen Hand als „Landesirrenanstalt Valduna“ übernommen. 111 Diese war bei Johann Kohler, als er noch Lehrer an der Winterschule in Egg war, in die Schule gegangen. 112 Vinc. Ferreria, Valduna, 8.5.1906. 113 Vinc. Ferreria, Valduna, 30.3.1907. 114 Vinc. Ferreria, Valduna, 19.5.1907. 115 Vinc. Ferreria, Valduna, 28.10.1907. 116 Vinc. Ferreria, Valduna, 5.11.1907. 117 Vinc. Ferreria, Valduna, 15.11.1907. 118 Heute Burgazada, drittgrößte der Prinzeninseln im Marmarameer. 119 Xaveria, Konstantinopel, 21.12.1904. Brief an die Mutter. Am selben Tag schrieb sie den Namens‐ tagsbrief an ihren Vater, bedankte sich für dessen Schreiben und fügte hinzu „[…] möge mir Gott die Gnade geben in Ihre Fußstapfen zu treten und auch mit solchem Mut und Ausdauer in schwierigen Dingen zu Gottes Ehre zu arbeiten.“ 120 Xaveria, Konstantinopel, 20.1.1905. 121 Xaveria, Konstantinopel, 27.10.1905. jetzt einmal d. lb. Gott nicht geben! “ 108 Der Briefkontakt blieb weiterhin eng. Während ihres Kuraufenthalts in Bad Wörishofen - organisiert und bezahlt von den Eltern - wurde sie von diesen immer wieder ermahnt, sich nichts abgehen zu lassen, was ihrer Besserung dienlich sein könnte. 109 Als sich nach einem langen Auf und Ab und wiederum vielen besorgten Briefen der Mutter und beruhigenden der Tochter der Zustand Vinc. Ferrerias allmählich besserte, wurde sie an die Wohltätigkeitsanstalt Valduna versetzt, 110 als Hilfskraft für eine dortige Schwester. 111 Nun hatte sie „nur leichte Beschäftigung“ und konnte viel an der frischen Luft sein. 112 Die Abstände der Briefe wurden etwas größer, stattdessen besuchte sie Anna Kohler dort. 113 Den nötigen Zahnarztbesuch organisierte ihr Bruder. 114 Nach einigen Rückfällen versuchte sie wieder, ihre Mutter zu beruhigen. Ihr Befinden habe sich „seit einiger Zeit bedeutend gebessert“ 115 und bleibe „immer recht befriedigend“ 116 bzw. „recht ordentlich bei fleißigem Gebrauche der Kräftigungsmittel, mit welchen ich ja so wohl versehen bin.“ 117 Anna Kohlers Tochter Maria, Schwester Xaveria, war offensichtlich eine gute Mischung aus zierlich und zäh. Sie schwor auf Homöopathie und Kneipp-Kuren. Zwar bedeutete der sommerliche Aufenthalt im ordenseigenen Haus auf der Insel Antigoni 118 zusätzliche Arbeit, aber sie genoss die schöne Aussicht, die „herrliche Luft“ und die täglichen Meer‐ bäder. Anna Kohler fragte auch bei ihr um Mittel gegen das Leiden der Schwester Vinc. Ferreria an, was eine sehr differenzierte medizinische Antwort zur Folge hatte. Sie selbst sei „trotz des schwächlichen Aussehens“ gesund, „übrigens hat man bei den Kindern gar keine Zeit krank zu sein“. 119 Im Winter wiederum schrieb Xaveria von Schnee und Kälte in Konstantinopel und vielen Grippekranken (sie verwendete den Begriff Influenza), aber sie sei „Gott Lob recht gesund“. 120 Mehrfach setzte sie sich ausführlich mit den eingelangten Berichten der Mutter über Vinc. Ferrerias Gesundheitszustand auseinander und gab Anleitungen zur Behandlung von Vinc. Ferrerias Darmerkrankung, die ihr selbst nach erfolgloser Behandlung durch die Ärzte geholfen hatten. 121 262 Margret Friedrich <?page no="263"?> 122 Xaveria, Konstantinopel, 14.3.1905. 123 Xaveria, Konstantinopel, 21./ 24.7.1905. 124 Xaveria, Konstantinopel, 10.3.1905. 125 Xaveria, Konstantinopel, 15.2.1906. 126 Xaveria, Konstantinopel, 10.4.1906. 127 Xaveria, Konstantinopel, 19.7.1906. 128 Xaveria, Konstantinopel, 23.8.1906. 129 Xaveria, Konstantinopel., 2.(-6.)10.1906. 130 Xaveria, Konstantinopel, 26.11.1906. 131 Xaveria, Konstantinopel, 20.12.1906. 132 Xaveria Konstantinopel, 22.10.1907. 133 Xaveria, Konstantinopel, November 1907. 134 Xaveria, Wien, 26.1.1911. 135 Wundrose, verursacht durch eine bakterielle Infektion. 136 Xaveria, Wien, 24.5.1912. Auf Wunsch der Mutter beschrieb sie einige wirksame Kneippanwendungen gegen die hartnäckige Erkältung ihrer Schwester Franziska und ein Heilmittel gegen die Augen‐ entzündung des Bruders Sebastian. 122 In einem Namenstagsbrief an die Mutter gab sie Hinweise zu (bei ihr selbst erfolgreichen) Anwendungen gegen Halsentzündungen. 123 Wenn sie Medikamente für ihre Arbeit benötigte und in Konstantinopel nicht bekam, bat sie ihre Mutter um die Besorgung. 124 Sie berichtete über Nachtwachen bei kranken Kindern, die Therapie eines schwierigen Fußleidens, wofür sie mit Wörishofen Verbindung aufnahm und Erfolg hatte, 125 sowie über die Besorgnis erregende Verbreitung von Scharlach und Diphterie. „Es ist hier so notwendig alles geheim zu halten, denn sobald es in der Stadt bekannt würde, nimmt man uns die Kinder fort und wir müßten dann auch mit Sorge an die Ernährung der armen Kinder denken.“ 126 Ausführlicher wurde das Schreiben zum Namenstag, einem „Freudentag“ und „Familienfest“. Dem detaillierten Bericht „aus dem Türkenlande“ folgte ein „Gott sei Dank, ich bin gesund und keiner Erholung bedürftig“. 127 Da sie unvermutet die Aufgaben der Oberin übernehmen musste und außerdem eine Hitzeperiode auszuhalten war, meinte sie, „es war bereits zum verschmachten, wir sind alle ganz abgemagert vor lauter schwitzen, aber dabei unendlich glücklich im Dienste Gottes unsere Kräfte verzehren zu dürfen.“ 128 Die Sorge um die gesamte Einrichtung hatte ihr allerdings so zugesetzt, dass sie lange an Appetitlosigkeit litt, gegen die kein Mittel wirkte, und die sie „ungemein“ schwächte. Nun gehe es ihr wieder gut, und ab Mitte Oktober werde ihr „ein stilles ruhiges Plätzchen“ zum Kraft schöpfen gewährt, denn „hier bei uns ist es schon hl. Gewohnheit, wer S.X. sieht, der braucht sie.“ 129 Die ruhige Zeit der Exerzitien hätte ihr „so unaussprechlich wohl“ getan, auch ihre Gesundheit sei „recht ordentlich“. 130 „Über meine Gesundheit möchte doch lieb’ Mütterchen ohne Sorge sein, ich bin recht gut beisammen und wird ja überhaupt viel zu viel auf mich Acht gegeben.“ 131 Sie erkundigte sich immer wieder nach dem Bruder Vinzenz und hoffte, dass die Kur ihre Wirkung tue, 132 fragte nach dem Heilungserfolg im folgenden Brief und teilte mit, dass ihre Gesundheit allen Strapazen standhalte. 133 Auch aus Wien, wo sie nun eingesetzt war, berichtete Xaveria, dass sie gesund sei, aber kranke Mitschwestern habe, „muß daher überall ein bischen sein“. 134 1912 erkrankte sie selbst an Rotlauf 135 . Ihr Bruder Sebastian kümmerte sich um sie, und sie schrieb den Eltern erst, als sie wieder genesen war. 136 Zu Neujahr 1913 wünschte sie den Eltern Gesundheit, Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 263 <?page no="264"?> 137 Xaveria, Wien, 27.12.1912. 138 Agnes, Terlan, 28.2.1904. 139 Agnes, Terlan, 14.5.1904. 140 Agnes, Reschen, 1.9.1904. 141 Agnes, Terlan, 1.4.1905. 142 Agnes, Terlan, 25.2.1907. 143 Agnes, Terlan, 13.2.1905. 144 Agnes, Terlan, 7.10.1905. Beide „nein“ verstärkte sie im Brief mit einer Unterstreichung. 145 Agnes, Terlan, 18.1.1905. 146 Agnes, Terlan, 2.12.1907. 147 Agnes, Terlan, 19.1.1911. so dass sie inmitten „unseres lb. Familienkreises ein recht friedliches sorgenloses Alter“ verleben könnten. 137 Für ihre Schwiegertochter Agnes, deren Eltern zur Zeit dieses Briefwechsels bereits verstorben waren, war Anna Kohler wohl eine Art mütterliche Ansprechpartnerin. Auch bei Agnes waren Gesundheit und Krankheit in den meisten Briefen Thema, wobei Sätze wie „Wir leben gesund und zufrieden“ oder „Von unsern [sic] Ergehen kann ich Gott lob alles Gute berichten“ in fast allen Briefen zu finden sind. Sie schrieb offen und emotional über Probleme ihrer Schwangerschaft, 138 die unkomplizierte Geburt und den liebevollen Umgang mit dem Baby im Jahr 1904. 139 Wenige Monate später bedankte sie sich bei der „Mutter“ für die Anteilnahme am unerwarteten Tod der kleinen Ida, der trotz der Konsultation von zwei Ärzten nicht zu verhindern gewesen war. 140 Sie erwähnte auch ihre erneute Schwangerschaft und ihre Befürchtung, dass, „wie schon öfter bei mir“, ein „Abortus eintretten“ könnte, und erinnerte traurig an den Tod ihres kleinen Mädchens, das nur ein Jahr alt geworden war. 141 Ihre Befürchtung hatte sich wohl bewahrheitet, da kein weiteres Kind folgte. Über die wenigen Erkrankungen ihrer beiden Kinder Peppi und Marianne hielt sie Anna Kohler ebenso auf dem Laufenden wie über die schwereren Krankheiten, die in der Region kursierten, wie Diphterie oder Influenza und das Gerücht von Blatternfällen in Bozen. „Es wäre wohl recht schlimm wenn eine solche Krankheit ausbrechen würde, denn da würde auch der Fremdenverkehr ausbleiben.“ 142 Agnes besuchte Vinc. Ferreria in Meran 143 und an deren neuem Arbeitsort, dem Spital in Bozen, und berichtete der Mutter ausführlich darüber, auch, dass sie nachgefragt habe, „ob es ihr am End gar auf der Lungen fehle? “ Die Oberin habe dies, ebenso wie der Arzt, verneint. 144 Als sich der Gesundheitszustand von Vinc. Ferreria wieder bedenklich verschlechtert hatte, schrieb Agnes sehr offen, dass „Bluthusten“ bei den Barmherzigen Schwestern „eine allgemeine Krankheit“ sei, versuchte aber auch, Optimismus zu ver‐ breiten: Ihre eigene Schwester habe zweimal an Bluthusten gelitten und sei wieder ganz gesund geworden. 145 Sie drückte ihre Freude aus, dass sich der Zustand von Vinzenz gebessert habe und ihm hoffentlich der geplante Aufenthalt in Terlan mit Ruhe und mildem Klima guttun werde. 146 Als sich Anna Kohler erkundigt hatte, wie es denn ihr, Agnes, selbst gehe, beruhigte sie, sie sei selten krank, nur manchmal „etwas nervös und schlafe manchmal schlecht“. Sie könne nicht mehrere Stunden zu Fuß gehen und habe im Winter allein zum Reisen keine Lust, da ihr mögliches Eilen und Nachfragen am Bahnhof dann nicht gut tun würden. 147 264 Margret Friedrich <?page no="265"?> 148 Franziska, Steinach, 7. u. 8.6.1904. 149 Franziska, Innsbruck, o. D. (1906). 150 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1904). 151 Fanny, o. O., o. D. (Bregenz, 1904). Idas Mutter Maria Anna, geb. Lipburger, war bereits 1887 bei der Geburt ihres sechsten Kindes 32-jährig verstorben. Kohler, Zeitenwende, 147. Der Sohn Karl Anton kam im Oktober 1904 zur Welt, war später Generalabt des Zisterzienserordens und starb erst 1995. 152 Anna starb 1904 an Tuberkulose. Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1904). 153 Fanny, Bregenz, o. D. (1911). 154 Z. B. Fanny, Bregenz, (ca. Anfang Juli 1911); Fanny, o. O., o. D. (Bregenz, ca. Anfang Dezember 1911). Das Thema zog sich durch das ganze Jahr. 155 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1912). 156 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1912). 157 Erster Brief: 16.6.1912. Da sie Zeit zum Schreiben hatte, schilderte sie den Kurbetrieb sehr ausführlich. 158 Fanny, Karlsbad, 8.7.1912. Während ihres mehrtägigen Aufenthalts im Erholungsheim der Barmherzigen Schwes‐ tern in Steinach bei ihrer Schwester Aloisia im Juni 1904 berichtete Franziska ausführlich und positiv über deren Gesundheitszustand. 148 Auch 1906 schrieb Franziska gleich über ihren Krankenbesuch im Kloster bei der Schwester: Diese habe kaum mehr Fieber gehabt und die Schmerzen seien „nicht bedeutend“ gewesen; und sie kritisierte deren (über)vor‐ sichtige Rücksichtnahme: „Aloisia meinte nun wir sollten nicht mehr gar zu oft kommen, sie fürchtet, die andern Schwestern hätten nicht gar so gern sie seien geniert doch muß man dem lieben Schwesterle nicht gleich glauben […]“. 149 Wenn Fanny Gmeiner, die Arztensgattin, in speziellen Angelegenheiten nicht ihren Mann konsultieren wollte, fragte sie ihre Schwester um Rat, so z. B. ob es zu vertreten sei, dass die Nichte Ida in der Schwangerschaft täglich „Schnäpsle nehme, wegen dem Magen“. Fanny war damit nicht einverstanden, befürchtete gesundheitliche Probleme für das Kind und bat die Schwester, „[…] sage dann auch der Ida deine Meinung, daß sie in ihrer Unerfahrenheit nicht unkluges thue.“ 150 Die Geburt verlief aber ohne Komplikationen. Der Arzt war vorsichtshalber präsent, da man befürchtete, dass Ida „gleich schwacher Natur wie ihre Mutter sein könnte“, teilte sie ihrer Schwester mit. 151 Über den Zustand ihrer Nichte Anna, der ihr große Sorge machte, korrespondierte sie ebenfalls mit ihrer Schwester. 152 Da sie ausgiebig in die Pflege von Idas Kindern eingebunden war, konnte sie ihre Schwester darüber ebenso auf dem Laufenden halten 153 wie über die nicht auszuheilenden Erkrankungen ihres Bruders Carl, den sie pflegte. 154 „Es ist eine Sorge, die mich nicht mehr schlafen läßt. Gebe Gott, daß das Leiden heilbar ist.“ 155 Als dieser alleine zur Kur nach Karlsbad reisen wollte, hielt sie ihre Begleitung für nötig und argumentierte, dass sie Erholung brauchen könnte. 156 Auch dort konnten sich die Ärzte seine Krankheiten nicht erklären; ihr eigenes Befinden sei gut, schrieb sie. 157 Als keine große Besserung zu erkennen war, fürchtete sie, dass sich der Kuraufenthalt ausdehnen werde. Da Carl sich im vorangegangenen Jahr dort seine Zähne hatte sanieren lassen und sehr zufrieden war, nahm sie dies für sich in Angriff. Ihr selbst tat die Kur gut, auch wenn sie nach Hause drängte. „Bitte dem Carl gegenüber nichts zu erzählen bezüglich meines Heimdenkens. Für mich war es wirklich gut, daß ich hieher kam.“ 158 Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 265 <?page no="266"?> 159 Fanny, Bregenz, 6.10.1912. 160 Ihr Ehemann hatte einen Bauernhof auf dem Stollen geerbt, der auch als Sommerfrischeort für die Familie und als Ferienkolonie genutzt wurde. Offensichtlich erwuchs dadurch ein Bezug Fannys zu Familien in Langen. 161 Fanny, o.-O., o. D. (1912). 162 Fanny, Bregenz, o. D. (1906). 163 Fanny, Bregenz, 11.1.1906. 164 Fanny, o.-O., 26.1.1906. 165 Fanny, Bregenz, 30.1.1906. 166 Fanny, Bregenz, o. D. (1906). 167 Fanny, o.-O., o. D. (Oktober 1907). 168 Siehe undatierte, oft knappe und kursorische Schreiben von Fanny Gmeiner 1905. 169 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1907); o.-O., o. D. (Bregenz, Anfang Februar 1911). 170 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, Jänner? 1911). 171 Fanny, o.-O., o. D. (1912). 172 Fanny, o. O., o. D. (Bregenz, später Frühling 1911? ). Sie bezog dies wohl auf den Gelenksrheumatismus ihres Neffen Vinzenz. 173 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1904). Sie berichtete Anna weiterhin über Carls Befinden, der im Oktober offensichtlich in einem Krankenhaus oder Sanatorium lag. Fanny fand sich nur schwer damit ab, dass sie nun nicht mehr selbst täglich nach dem Kranken schauen konnte. 159 Auch andernorts half sie in Hauswesen und Kinderversorgung mit: „Derzeit bin ich Krankenschwester in Langen.“ 160 Sie selbst sei „ganz gut bei einander u thue gerne Liebesdienste“. 161 Auch wenn Fanny von Behandlung und Pflege vieler Kranker in ihrem Umfeld, speziell auch im Telegrammstil von Erkrankungen der Mägde und Knechte und Bekannten, berichtete, stand ihr vor der Geburt der Kinder Idas, die im selben Haus wohnten, niemand so nahe wie die Kinder ihrer Schwester Anna. Die Verschlechterung des Zustands ihres Patenkindes Aloisia machte ihr große Sorgen. 162 Außerdem war sie sehr verärgert über die Klosterfrauen, da sie den Eltern so lange nichts Genaueres mitgeteilt hatten. 163 Nachdem sie ihre Nichte besucht und sehr abgemagert vorgefunden hatte, 164 fragte sie bei Anna nach, ob sie von Innsbruck keine Berichte habe - „wie oft denke ich an die liebe Kranke u. bin im Geiste an ihrem Bette.“ 165 Nach der Versetzung Vinc. Ferrerias nach Valduna beruhigte Fanny ihre Schwester, dass sie und ihr Mann Vinc. Ferreria „wohl u. gesund“ angetroffen hätten. 166 Besorgt war sie auch um ihren Neffen Vinzenz. Dieser schrieb ihr dann vom Jordanbad in Baden-Württemberg aus, dass es ihm „recht ordentlich“ gehe. 167 Fanny Gmeiner versandte nicht nur die für Vinc. Ferreria gewünschten Medikamente, sondern versorgte auch die Familie in Schwarzach und wünschte „Euch die Influenza fern vom Leibe“. 168 Die Influenza blieb bei ihr alljährlich Thema. 169 Auch schickte sie immer wieder (homöopathische) Medizin (z. B. „in Tropfen u auch aufgelöst, wie Du es wünschest“ 170 ), auch aus der „homöopat. Apotheke in Leipzig“, 171 und gab Ratschläge. So solle Anna Kastanienblütenschnaps ansetzen, denn Einreiben mit diesem helfe gegen Rheumatismus. 172 Ein leiser Triumph lässt sich bei der Erkrankung des Ehemannes heraushören. „Liebe Schwester! Heute steht mein lieber Mann in meiner Gewalt, er muss nun unbedingt schwitzen, da er Nachts sehr viel hustete […]“. 173 Auch in der Folge berichtete sie vom 266 Margret Friedrich <?page no="267"?> 174 Fanny, Bregenz, 23.2.1904. 175 Fanny, homöopathisches Sanatorium Davos, 10. u. 14.9.1906. 176 Fanny, Davos, 14.9.1906. 177 Fanny, Obladis, 21.7.1907. 178 Fanny, o.-O., o. D. (1907). 179 Fanny, Pfäffers-Bad, 19.8.1904. 180 Z. B. Fanny, Sulz-Röthis, 15.7., 9. u. 20.8.1911. Aus diesen Schreiben geht auch hervor, dass das Auto inzwischen ein leistbares Transportmittel geworden war. Z. B. Brief v. 20.8.: „Wir gedenken ein Fuhrwerk zu nehmen, da doch die Züge u auch Auto überfüllt sein wird.“ 181 Fanny, Bregenz, 6.10.1912. 182 Fanny, Bregenz, 8.4.1904. 183 Vinc. Ferreria, Innsbruck, 29.3.1906. Bronchialkatarrh ihres Mannes und der nötigen Präsenz ihrerseits „[…] die Männer brau‐ chen eine Pflege u müssen auch an das Einnehmen gemahnt werden. Bei dem schlechten Wetter musste er heute unbedingt einige Patienten besuchen, was freilich nicht gut für ihn war.“ 174 Da offensichtlich auch Fannys Ehemann von der Tuberkulose bedroht war, verbrachten sie im Spätsommer 1906 einige Wochen in einem Sanatorium in Davos, wo er, wie sie ihrer Schwester berichtete, an Gewicht zunahm und der Husten im Abklingen war. 175 Den Aufenthalt in Davos schilderte sie ihrer Schwester sehr genau, auch dass sie vielleicht gerne früher abgereist wäre, aber: „Wenn ich fortgehe ist es dem Doktor wieder langweilig u will er überhaupt nicht mehr hier sein u wenn das Heimweh kommt, schlägt es nicht mehr an.“ 176 Zu seiner Kur nach Obladis war sie erst angereist, als ihr Ehemann ihr geschrieben hatte, wenn sie unabkömmlich sei, werde er die Kur bald beenden. 177 Letztendlich „[… ] haben mir die Tage der Ruhe sehr wohl gethan“. 178 Über ihre eigenen Beschwerden hielt sie die Schwester ebenso auf dem Laufenden. Sie ging öfter auf Kur - "Gestern Abend gut angekommen, haben wir gleich unsere Badcur begonnnen“ 179 -, gönnte sich auch einen Sommeraufenthalt in Sulz-Röthis mit Marie Huber, der Base, die in Anna Kohlers Haushalt lebte und arbeitete, und schrieb Anna in mehreren Briefen von dieser Sommerfrische: „Ich befinde mich recht gut, habe Apetit u die Luft ist herrlich u auch Gesellschaft angenehm.“ 180 Die Begriffe bzw. Diagnosen Tuberkulose, Schwindsucht und andere dafür gängige Ausdrücke wurden in fast schon abergläubisch anmutender Art vermieden, als ob man der Tatsache nicht ins Auge schauen wollte. Es wurden immer die einzelnen Phänomene wie Bluthusten, Blutbrechen, Fieber, Gewichtsverlust, Schwäche, massive Beschwerden im Magen-/ Darmbereich und schwere Hautausschläge berichtet, obwohl aus der Alltagser‐ fahrung allen Korrespondentinnen klar sein musste, worauf diese hinwiesen. Im gesamten Briefcorpus taucht erst im Brief Fannys vom 6. Oktober 1912 die Bezeichnung „Tubercou‐ lose“ auf! 181 Es ging dabei um ihren Bruder Carl. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass sein Zustand hoffnungslos war. Er starb kurz darauf, am 28. November 1912. Anna Kohler selbst scheint kaum krank gewesen zu sein (oder machte nicht viel Aufhebens davon). Es wäre sicher jeweils in den Briefen thematisiert worden, wie 1904: „morgen Montag hoffe ich doch dich endlich besuchen zu können. Gott sei Dank […] dass du wieder munter bist.“ 182 1906 thematisierten Fanny, Xaveria und Vinc. Ferreria 183 ein Fußleiden Annas. Xaveria mahnte die Mutter, „ja Acht zu geben auf Ihre uns allen so teure Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 267 <?page no="268"?> 184 Xaveria, Konstantinopel, 19.4.1906. 185 Xaveria, Wien, 8.8.1911. 186 W A L S E R , Kohler, S. 83; Kurzer Bericht über das erbauliche Leben der ehrw. Schwester Maria Xaveria Kohler. Visitatorin der Barmherzigen Schwestern vom heil. Vinzenz von Paul in Graz, Graz 1937, S.-7-8 (Kopie im Besitz der Verfasserin). 187 Zählung einschließlich Pius’, des Sohns aus der ersten Ehe von Johann Kohler; das 8. Kind der Eheleute Kohler war 1879 als Säugling verstorben, das 12. Kind kam erst 1886 zur Welt. 188 Hauschronik, S. 20. Auch die älteren wechselten von der öffentlichen gemischten Volksschule noch dorthin. Als Lehrerin fungierte über Jahrzehnte die Barmherzige Schwester Leandera Wüstner, die einen engen Kontakt zur Familie hatte. Die Statistik der öffentlichen und Privat-Volksschulen in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern nach dem Stande des Schuljahres 1880, Wien 1882, liefert folgende Zahlen (Seitenangaben in Klammern): 1880, also kurz vor der Gründung der Mädchenvolksschule in Schwarzach, gab es im Bezirk Bregenz 65 öffentliche Volksschulen (S. 92) und vier private (S.-292). Im Bezirk Bregenz existierte zu dieser Zeit nur eine Privatschule für Mädchen, und diese mit Öffentlichkeitsrecht, an der neun Nonnen und eine weltliche Lehrerin unterrichteten (S. 300). An den öffentlichen Volksschulen waren 92 Lehrer tätig, davon nur ein Ordensgeistlicher, und 15 Lehrerinnen, davon 14 Nonnen (S.-98, 100). Gesundheit“. 184 Xaveria warnte auch ihre inzwischen 71-jährige Mutter davor, bei der Hitze draußen im Garten zu arbeiten. 185 2.3 Frauenarbeit Der Arbeitsalltag Anna Kohlers kann aus den verfügbaren Quellen nur vorsichtig und sehr begrenzt rekonstruiert werden. In der Hauschronik finden sich in den ersten Jahren noch Hinweise auf das Geschäft, speziell die jährliche Inventur, dann scheint der Gatte primär von seinen Aufgaben als Ortsvorsteher, Abgeordneter und vom Kampf für den politischen Katholizismus beansprucht gewesen zu sein. Wie oft er wirklich Zeit fand, am Sonntagvormittag seine Kinder zu unterrichten - wie von seinem Biograph Josef Walser behauptet -, während Anna mit ihren Helferinnen das Mittagessen vorbereitete, sei dahingestellt. 186 Es dürfte klar sein, dass Anna Kohler dafür sorgte, dass Haushalt und Geschäft gut funktionierten. Inwieweit sich ihr Vater Gebhard Schwärzler noch einbrachte bzw. einmischte, kann nicht mehr rekonstruiert werden. Doch scheint er mit seinem Schwiegersohn durchaus Konflikte gehabt zu haben, denn in seinem Testament verpflichtete er seine drei ihn überlebenden Kinder, also auch Anna, für den Bau der Lourdeskapelle nach seinem Willen und nicht nach Johann Kohlers Vorstellungen zu sorgen. Anna Kohlers Töchter wurden, ihrem Alter entsprechend, zur Mithilfe herangezogen. Aber nicht nur aufgrund des Altersunterschieds waren selten alle Kinder gleichzeitig daheim, wie auch eine Notiz in der Hauschronik 1885 zeigt: „Es waren alle 11 Kinder zu Hause, was wohl kaum noch in einem Jahre später der Fall sein wird.“ 187 Den Mädchen war nach der Volksschule - sie besuchten die im Schuljahr 1884/ 85 eröffnete, im Wesentlichen von ihrer Tante Paulina finanzierte Privatvolksschule der Barmherzigen Schwestern im Ort 188 - nur ein Jahr Fortbildungskurs in weiblichen Arbeiten bei den Schulschwestern in Pfaffenhofen vergönnt: Anna Angela (1871-1900) wurde 1886 dorthin geschickt, Maria (1872-1936) 1887, 1888 bzw. 1890 folgten Theresia (1874-1897) und Aloisia (1875-1909). Maria besuchte 1891 noch einen Kochkurs in Dornbirn, Aloisia 268 Margret Friedrich <?page no="269"?> 189 Die Kochschule war eine Gründung Viktor Hämmerles, Teilhaber des damals größten Vorarlberger Textilunternehmens F.M. Hämmerle, und wurde von Anna Maria Wehinger (1853-1922) geleitet, die das in zahlreichen Auflagen erschienene „Dornbirner Kochbuch“ verfasst hat. 190 Hauschronik, S.-35. 191 Ebenda, S. 38-39. Es ist anzunehmen, dass sie die Prüfung an der staatlichen Lehrerinnenbil‐ dungsanstalt ablegte, um an Schulen mit Öffentlichkeitsrecht unterrichten zu können. Sie wurde nach Pfaffenhofen versetzt. Zur Lehrerinnenbildung in Vorarlberg siehe auch Ulrich N A C H B A U R , Lehrerinnenzölibat. Zur Geschichte der Pflichtschullehrerinnen in Vorarlberg im Vergleich mit anderen Ländern (Institut für sozialwissenschaftliche Regionalforschung 8). Regensburg 2011. Für die Lehrerinnenbildung in Vorarlberg war die Ausbildung durch die Barmherzigen Schwestern in Zams bzw. im Mutterhaus Innsbruck zentral. 1900 betrug der Anteil der Nonnen an den vollbeschäftigten Lehrerinnen an öffentlichen Schulen knapp 77 %. Dazu kamen noch (wenige) private Mädchenvolksschulen. Ebenda, S.-31, 37. 192 Hauschronik, S.-32, 36-37. 193 Ebenda, S.-47. 194 Eine weitere Tochter, Franziska Xaveria (1878-1888), war zehnjährig verstorben. 195 Josef Vinzenz starb 1879 mit knapp fünf Monaten, Josef Karl 1887 mit siebeneinhalb Monaten. Hauschronik, S.-13, 23. 196 Als Pius 1894 heiratete und den Staindlhof in Terlan kaufte, war dies offenbar Anlass dafür, im Hause Kohler die bis dorthin betriebene Landwirtschaft aufzugeben. Ebenda, S.-31. 197 Ebenda, S.-20. 198 Ebenda, S.-25. 199 Ebenda, S.-45. 200 Ebenda, S.-48. 201 Ebenda, S. 36. Die Gründung dieser katholischen Lehrerbildungsanstalt hatte Johann Kohler forciert. 202 Ebenda, S.-37. 203 Ebenda, S.-38. war 1895 für zweieinhalb Monate dort. 189 Anna, die 1890 bei den Schulschwestern in Wien eingetreten war, legte 1894 die Reifeprüfung an der Lehrerinnenbildungsanstalt der Barmherzigen Schwestern in Zams ab und unterrichtete dann eine erste Klasse in Freistadt/ OÖ. 190 Nach den zwei erforderlichen Praxisjahren bestand sie 1896 die Lehramtsprüfung in Innsbruck. 191 Maria trat 1893 bei den Barmherzigen Schwestern in Graz ein und ging 1895 nach Konstantinopel, 192 Aloisia 1901 in deren Kloster in Innsbruck. 193 Franziska Theresia war bereits 1897 23-jährig an Tuberkulose verstorben. 194 Das jüngste Mädchen, Franziska (1882-1945), blieb unverheiratet daheim, übernahm die Arbeit in der Gemischtwarenhand‐ lung. Die überlebenden Söhne hingegen kamen ins Internat. 195 Pius (1867-1941), später Hotelier, wurde 1876 in die vom Orden der Jesuiten geführte Stella Matutina nach Feldkirch geschickt und besuchte 1886/ 87 die Landwirtschaftsschule in Rotholz. 196 Stefan (1870-1951) kam 1881 ebenfalls in die Stella, absolvierte dort drei Klassen und wurde anschließend daheim ins Geschäft eingebunden. 197 1888 und 1889 verbrachte er dann noch in Fribourg zum Erlernen der französischen Sprache. 198 Sebastian (1876-1935) ging zunächst, 1890, in die Vorbereitungsklasse der katholischen Privatlehrerbildungsanstalt nach Tisis, ab 1892 in die Stella, wo er 1900 maturierte und anschließend das Studium „als Jurist“ 199 an der Universität Wien aufnahm, das er 1906 mit der Promotion abschloss. 1902 war er zur Vertiefung des Französischen ebenfalls in Fribourg. 200 Vinzenz (1881-1937) begann 1894 im Lehrerseminar Tisis mit der Vorbereitungsklasse, 201 wechselte aber 1895 nach Bregenz, in die Klosterschule Mehrerau, 202 und schon 1896 ins Cassianeum nach Donauwörth. 203 Er Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 269 <?page no="270"?> 204 Vinzenz (1881-1937) heiratete erst 1923 Johanna Salcher. 205 Hauschronik, S.-40, 42. 206 Ebenda, S.-47. 207 Fanny, Bregenz, 18.1.1905. 208 „Es ist doch gut, das Sie für die 2 armen Kinder [einer jung verstorbenen Base] sorgen.“ Agnes, Terlan, 22.10.1912. 209 Hauschronik, S.-24. 210 Ebenda, S.-27. 211 Ebenda, S.-38, 47. 212 Xaveria, Konstantinopel, 27.12.1907. 213 Fanny, Schwarzach, 17.1.1905. 214 Fanny, Karlsbad, 8.7.1912. blieb nach dieser eher kaufmännisch orientierten Ausbildung in Schwarzach und kümmerte sich um die Eisenwarenhandlung. 204 1897 wurde Ignaz (1883-1962) in die Realschule ins Kloster Mehrerau geschickt, wo er zwei Klassen absolvierte. 205 1900 übersiedelte er nach Turin zum Erlernen des Italienischen. 206 Pio zog 1894 nach Terlan. Stefan übersiedelte 1898 nach Bregenz, wo er Mitarbeiter und schließlich Nachfolger seines Onkels Carl wurde. Anna Kohlers Schwester Fanny konnte in familiären Notfällen als Aushilfe einspringen. Sie war z. B. mit Anna nach Innsbruck gefahren, um Aloisia zu besuchen, kehrte aber früher zurück und machte Station in Schwarzach, um dort ihre Schwester v. a. bei den Vorbereitungen für das Kirchenpatrozinium (Hl. Sebastian) zu ersetzen. 207 Außerdem lebten Töchter von Verwandten, nicht selten solche, bei denen die Mutter verstorben war, 208 bzw. andere Frauen im Haus, die in Haushalt und Gemischtwarenhandlung mitarbeiteten (oder versorgt wurden). Eine schwerkranke „Base“ wurde aufgenommen und gepflegt. 209 Das Mündel Margarethe Flatz hatte bis 1889 in der Familie gelebt. 210 1896 wurde gefeiert, dass die „Base Maria Huber“ seit 25 Jahren in der Familie arbeitete und „Freud und Leid als treue Seele mitgemacht“ habe, fünf Jahre später das 30-jährige Jubiläum. Sie war als 16-Jährige ins Haus gekommen. 211 Wie viele Personen jeweils im Haushalt lebten, konnte nicht eruiert werden. Offensichtlich lud Anna Kohler auch ärmere Frauen der Gemeinde ein, denn Xaveria sprach von den „lb. armen Kaffeefrauen“, denen sie ebenfalls Grüße bestellte. 212 Wie sehr Anna Kohler das Heft in der Hand hatte und offensichtlich rastlos tätig war, zeigen Briefstellen in Schreiben von Tochter oder Schwester, als sie, nun bereits Mitte Sechzig, Anfang 1905 bei Aloisia in Innsbruck weilte. Sie beruhigten sie, sie könne ruhig noch ein wenig bleiben, denn daheim gehe alles seinen geordneten Gang. 213 Der 72-Jährigen schrieb die jüngere Schwester aus Karlsbad: „Ich denke mir oft, wie du so ein Curleben schwer ertragen würdest u so 4 Wochen nichts thun.“ 214 Durchsucht man die Briefe nach weiteren Angaben zur weiblichen Lebenswelt, so bildeten - abgesehen von der Einbettung ins Gebet und der Sorge um Gesundheit und Krankheit - die große Wäsche und die Hoffnung auf gutes, beständiges Wetter zum Trocknen (zumindest für alle mit Hausarbeit befassten Schreiberinnen) sowie saisonale Belastungen wiederkehrende Themen, sei es im Hotel, in der Arztpraxis, im Kloster. Solche Arbeiten betrafen alle Schreibenden geradeso, wie sie der Adressatin Anna Kohler vertraut waren. Auch dürfte sie an den Tätigkeiten und der Gestaltung des Arbeitsalltags der Briefeschreiberinnen große Anteilnahme gezeigt haben, sonst wären sie nicht so ausführlich geschildert worden. 270 Margret Friedrich <?page no="271"?> 215 Xaveria, Konstantinopel, 18.2., 30.4.1904. Die Schule erfahre großen Zuspruch, da das Erlernen der deutschen Sprache für wichtig erachtet werde. „Wer eine gute Stellung haben will, wird bevorzugt, wenn er die deutsche Sprache auch kann.“ Xaveria, Konstantinopel, 17.10.1904. 216 Xaveria, Konstantinopel, 22.12.1905. 217 Xaveria, Konstantinopel, 23.8.1906. 218 Xaveria, Konstantinopel, 2.10.1906. 219 Xaveria, Wien, 24.7.1911. 220 Xaveria, Wien, 24.5.1912. 221 Vinc Ferreria, Innsbruck, 25.2.1904. 222 Vinc. Ferreria, Innsbruck, 5.10.1904. 223 Vinc. Ferreria, Innsbruck, 4.12.1904. 224 Vinc. Ferreria, Meran, 25.2.1905. 225 Vinc. Ferreria, Meran, 16.4.1905. 226 Vinc. Ferreria, Bozen, 2.5.1905. Aus Xaverias Briefen geht ihre (über)große Arbeitsleistung im Kloster in Konstantinopel und später in Wien hervor. „Ich habe ein so bewegtes Leben, das meine Geisteskräfte vollauf in Anspruch nimmt und könnte man ein Tagebuch schreiben, so vielerlei kommt vor.“ 84 Waisen- und 40 Kostkinder mussten versorgt werden. 215 Ihre beruflichen Pflichten seien immer schwieriger, die Verantwortung immer größer geworden. 216 Ab August 1906 musste sie nicht nur die Oberin vertreten, 217 sondern auch neu angekommene Kinderschwestern für das voll besetzte Waisenhaus und Pensionat einarbeiten und unterstützen. 218 1908 wurde Xaveria nach Graz zurückberufen und schließlich in Wien zur Leiterin der „Kinderbewahr‐ anstalt“ des Ordens bestellt, wo sie rasch wieder „in vollster Berufsarbeit“ lebte. 219 Auch 1912 berichtete sie, dass sie mit Arbeit überhäuft sei und verwies auf den Hl. Vinzenz, der die Schwestern Oberinnen als die „Lasttiere der Genossenschaft“ bezeichnet habe. 220 In die Zeit der erhaltenen Briefe fielen die schweren Erkrankungen der Tochter Aloisia. Vor deren Ausbruch war sie zunächst im Spital eingesetzt und entschuldigte sich etwa Anfang 1904 für einen späten und dann im Schreiben nochmals acht Tage unterbrochenen Brief, da es sehr viel Arbeit, mehrere schwere Operationen mit nachfolgenden Tag- und Nachtwachen gegeben hatte. 221 Sie war wohl ganz auf die Krankenpflege eingestellt, doch wurde sie gleich nach ihrem Ordensgelübde ins Marienheim, einem Wohnheim der Barmherzigen Schwestern in Innsbruck, versetzt, wo sie sich um 29 Mädchen zwischen 16 und 24 Jahren zu kümmern hatte, von denen 18 die Handelsschule besuchten und die anderen als Näherinnen oder in Geschäften arbeiteten. Sie sah sich der Aufgabe, diese „jungen lebenslustigen Leutchen mit verschiedenen Charakteren“, die keine solche Erziehung wie sie und ihre Geschwister gehabt hatten, im Zaum zu halten, nicht gewachsen - „bin halt noch keine erfahrene Erzieherin“. 222 Eine ähnliche Einschätzung schrieb sie zwei Monate später. 223 Als sie krankheitsbedingt zunächst in Innsbruck darniederlag, dann nach Meran auf Kur geschickt wurde, dankte sie Gott, dass sie den Fasching nicht im Marienheim erleben musste, denn: „Dieses Jahr sorgte ich mich auf die Fasching wie nie zuvor, denn das durfte ich erwarten, daß meine Quecksilberkinder fast, od. gar nicht zu befriedigen sein werden.“ 224 Ende April 1905 wurde sie nach Bozen ins dortige neue Spital berufen. „Freue mich wieder ins thätige Leben zu kommen […] Zu welcher Art von Beschäftigung ich kommen werde, weiß ich nicht“. 225 Sie arbeitete dann in der chirurgischen Abteilung, wo es ruhiger als in Innsbruck war, auch nur selten schwere Operationen durchgeführt wurden. 226 Da sich ihr Gesundheitszustand nicht auf Dauer besserte, wurde sie Anfang Mai 1906 an die Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 271 <?page no="272"?> 227 Vinc. Ferreria, Valduna, 15.10., 16.12.1906, 15. u. 24. 11.1907. 228 Z. B. Vinc. Ferreria, Valduna, 29.12.1906. 229 Wann die ersten Frühkartoffeln verspeist wurden, teilte sie ebenfalls gerne mit. 230 Agnes, Terlan, 17.2.1911. 231 Agnes, Terlan, 10.5.1903. 232 Agnes, Terlan, 14.5.1904. 233 Agnes, Reschen, 23.6.1904. 234 Agnes, Reschen, 24.7.1905. 235 Agnes, Terlan, 14.11.1905. 236 Diese Bahnverbindung von Meran nach Mals war von der AG Vinschgerbahn gebaut und am 1.7.1906 eröffnet worden. 237 Agnes, Reschen, 4.7.1906; Terlan, 17.2.1911. 238 Z. B. Agnes, Terlan, 23.11.1906, 20.5., 2.12.1907, 22.10. 1912. 239 Agnes, Terlan, 25.2.1907. 240 Ebenda. Valduna bei Rankweil als Gehilfin versetzt und überwiegend als Schreibkraft beschäftigt. Auch sie berichtete von der großen Wäsche im Oktober, der Arbeit zur Vorbereitung der Nikolausfeier und des Weihnachtsfestes. 227 Insgesamt schätzte sie ihre „Berufsarbeit“ nun als „recht gering“ ein. 228 Näher am Wirtschaften von Anna Kohler als Geschäftsfrau, Hausfrau und Mutter war ihre Schwiegertochter Agnes, die immer wieder recht ausführlich von ihren Tätigkeiten, aber auch über die jeweilige wirtschaftliche Situation, die Auslastung des Hotelbetriebs oder über die Witterung berichtete, was bei ihr für die Zahl der Übernachtungen und für die hauseigene Versorgung mit Obst, Gemüse und Wein relevant war. 229 Auch die Haltung von Hühnern und Schweinen, die vor Ort geschlachtet und verwertet wurden, erwähnte sie. 230 „Die Fremdensaison war heuer sehr gut, und waren viel Leute hier der Staindlhof war eine längere Zeit von über 50 Personen bewohnt da gab es Leben genug, auch brauchten wir uns nicht zu grämen, wie man die Zeit herum bringen könnte, jede Woche gabs große Wäsche.“ 231 Ein Jahr später schrieb sie, einen Monat nach der Geburt der kleinen Ida, sie sei „von Morgen Früh bis Abends spät in Anspruch genommen“. 232 In ihrer „Sommerfrische“ in Reschen hatten sie ein Übernachtungsangebot für zehn Personen und konnten dort den eigenen Wein verkaufen. In Terlan war nur der Knecht verblieben, der in der Nachbarschaft „in Kost“ war. 233 Von der eigenen Sommerfrische merke sie nicht viel, „doch das selber kochen freut mich sehr, und besonders wenn man sieht daß ein Geschäft geht und auch die Gäste zufrieden sind.“ 234 Sie schrieb der Schwiegermutter auch über Renovierungs- und Modernisierungsarbeiten im Hotel („Man muß halt bei unsern Geschäft auch mit der Zeit mit.“ 235 ) und über die positive Wirkung der Vinschgerbahn 236 für das Geschäft in Reschen. Örtliche Festlichkeiten, wie Primizen oder größere Kaffeekränzchen, belebten das Geschäft ebenfalls. 237 Stolz berichtete sie über besondere Gäste wie „Herrschaften“ aus England, Adelige, einen bayerischen Minister mit Familie. 238 In den Zwischensaisonen wurde das Personal reduziert, so dass Agnes sehr viel Arbeit blieb, „[…] ich komme die ganze Woche nie aus dem Hause außer zur Kirche“. 239 Als Pio zum Gemeindevorsteher gewählt wurde, befürchtete sie, dass er mit seinen „Ämtern“ beschäftigt sein werde, „und sein Weiberl wird beim Geschäft allein hängen können.“ 240 Ihre Arbeit wurde nicht weniger, da Pio sich in der Folge auch in der 272 Margret Friedrich <?page no="273"?> 241 „[…] und mit all seinen Ämtern“ beschäftigt war. Agnes, Terlan, 15.1.1912. 242 Agnes, Terlan, 25.2.1907. 243 Agnes, Terlan, 17.2.1911. 244 Agnes, Reschen, 24.7.1904. 245 Agnes, Terlan, 22.10.1912. 246 Agnes, Terlan, 23.6.1912. 247 Fanny, Bregenz, 1904: „Den Augustin begleitete ich nur bis zum Bahnhof nicht nach Feldkirch. Es ist mir eine große Freude mein Pathenkind am Ziele zu sehen, er hatte auch zu kämpfen, u ist über aus glücklich, jetzt seinem Berufe entgegen gegangen.“ 248 Z. B. Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz 1907). 249 Fanny, Bregenz, 19.2.1904. 250 Fanny, Bregenz, 1911. 251 Fanny, Bregenz, Frühling 1911. 252 Fanny, Bregenz 1906. 253 Fanny, Bregenz, 1.3.1906. Raiffeisenkasse engagierte. 241 Eine direkte Beziehung zum Los ihrer Schwiegermutter stellte sie zwar nicht her, 242 aber Anna Kohler war die Situation vertraut. Zwei Töchter ihrer Schwester arbeiteten im Betrieb mit, auch die bewährte Köchin kam zur Hauptsaison. 243 Verwandte, wie die Nichte Karolina, wurden zum Kochen lernen geschickt. 244 Dazwischen war sie allein als Köchin und Kellnerin gefordert, auch mit Personalproblemen geplagt. So klagte sie ihrer Schwiegermutter, dass sie nur von einem neuen „Küchen Mädchen die anfangs so dum war wie ein Kalbl“ (aber guten Willen zeigte), unterstützt werde. 245 Auch geplante Besuche bei der Familie in Schwarzach gingen sich aufgrund der Arbeits‐ belastung nicht immer aus. Und sie würde gerne einmal nach Wien reisen und Xaveria besuchen, die sie nach 18 Jahren Ehe mit Pio immer noch nicht kennengelernt habe. Aber ihr Mann sei kein Freund des Reisens, daher „sieht er auch gerne, wenn seine Frau schön daheim bleibt.“ 246 Fanny Gmeiners Arbeit im Haushalt, in dem Pflegekinder und Bedienstete lebten, ihr Einsatz als Patin nicht verwandter Kinder - eine Aufgabe, die sie sehr ernst nahm -, 247 als Schwester und Tante der im gleichen Haus wohnenden Familie Carls, besaßen vielleicht die größte Ähnlichkeit zu Anna Kohlers Aufgaben in diesem Bereich. Die Arbeit thematisierte Fanny in ihren kurzen Schreiben meist dann, wenn sie dadurch von einem geplanten Besuch bei Anna in Schwarzach abgehalten worden war. Auch bei ihr war die große zweitägige Wäsche im Frühjahr und Herbst ein Thema. Im Herbst fielen auch das Reinigen der Winterfenster, das „Garten einräumen“ und das Waschen der Grabsteine (für Allerheiligen) an. 248 Ein Großteil der Kleidung wurde daheim genäht bzw. geflickt, gebügelt oder sonstig aufbereitet. 249 Wenn die „Hausnäherin“ für eine ganze Woche da war, konnte Fanny „die andere Arbeit thun“. 250 Zwischendurch berichtete sie über die „Büglerei“, wobei allerdings eine Büglerin zur Aushilfe mitarbeitete, „den Mädchen“ alles beibrachte, sie daher nicht damit beschäftigt war, denn sie habe „mit der Hauswirtschaft“ genug zu tun. 251 Wenn ihr Mann außer Haus war, musste sie, als Arztensgattin, offensichtlich daheim die Stellung halten. Sie half in der Praxis, der eine Apotheke angeschlossen war, mit. 252 Auch Operationen wurden in der Praxis durchgeführt, wobei der Patient dann „stationär“ bleiben konnte. In schwierigen Fällen leistete sie Nachtwachen in den betroffenen Familien. 253 Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 273 <?page no="274"?> 254 Fanny, Bregenz 1906. 255 Fanny, Bregenz, 12.1.1905, 11.1.1906. 256 Fanny, Bregenz, 2.3.1911. 257 Fanny, Bregenz, 16.7.1911. 258 Z. B. Fanny, Bregenz, 11.7.1904. 259 Fanny, Bregenz, 21.6.1905. 260 Fanny, Bregenz, 16.7.1911. 261 Z. B. Fanny, 11. u. 18.1.1906. 262 Z. B. Fanny, Bregenz, 20.8., 4.10.1906. 263 Fanny, Bad Pfäfers, 19. u. 23.8.1904. 264 Fanny, Bregenz, 6.3.1911. 265 Fanny, Bregenz, o. D. (Anfang 1906? ). Bei den erforderlichen Impfungen unterstützte sie den „Doktor“ und führte auch das Protokoll. 254 Die Abrechnungen für die Praxis schrieb ebenfalls sie und war froh, wenn diese Arbeit erledigt war, damit sie „wieder andere Arbeit thun“ konnte. 255 Außerdem lebte eine ständig kränkelnde Verwandte im Haus. Eine Bekannte nahm sie „aus Rücksicht für das alleinstehende kranke Geschöpf “ auf, „aus Liebe u Erbarmen“, und verpflegte sie im Haus. 256 Die verwandtschaftliche Aushilfe bei ihrer Nichte war gefragt, „so sind die zwei Buben viel bei mir“. 257 Die Übersiedlung auf den Stollen im nicht weit entfernt gelegenen Langen zur Som‐ merfrische musste gut geplant sein. 258 Das Anwesen auf dem Stollen stellte sie auch für Ferienkolonien zur Verfügung, was die Vorbereitung der Zimmer und die Organisation der Kräfte zur Beaufsichtigung notwendig machte. 259 Doch tröstete sie ihre ältere Schwester, sie solle sich nicht sorgen, „da ich nicht mehr arbeite als ich mag“. 260 Zu ihrer Zeit war es für Frauen nicht nur üblich, regelmäßig zur Hl. Messe zu gehen, son‐ dern auch an Begräbnissen von Personen aus dem engeren Bekanntenkreis teilzunehmen und im Ort als Vertreterin des Hauses, in dem Fall des Arzthaushaltes, präsent zu sein. 261 Außerdem war sie im katholischen Gemeinde-/ Klosterleben engagiert. 262 Sie scheint mit diesen Arbeiten und Zuständigkeiten voll ausgelastet gewesen zu sein. Lange könne sie nicht von zu Hause fort sein, meinte sie in einem Schreiben vom Kuraufenthalt in Bad Pfäffers an ihre Schwester, „… ich darf gar nicht daran denken, was für Arbeit daheim wartet.“ 263 Als sie selbst Anzeichen einer Erkrankung spürte, meinte sie: „Gebe doch Gott, daß nichts neues mehr kommt, u ich im Hauswesen regieren kann.“ 264 Die Arbeitsbelastung ihrer Schwester geht aus einem ihrer Briefe unmittelbar hervor: „Bin die letzte Zeit nicht nach Schwarzach gekommen, weil ich dich bei der vielen Arbeit nicht stören wollte“. 265 2.4 Bestellungen bei der Besitzerin der Gemischtwarenhandlung Anna Kohler war nicht nur Ansprechpartnerin bei Themen weiblicher Arbeit und Sorge, sondern auch als Besitzerin eines Ladens gefragt, der neben Lebensmitteln und Eisenwaren Stoffe, Wolle, Garne, Tücher, Tisch- und Bettwäsche, Decken und Betten sowie alles für weibliche Arbeiten Nötige im Angebot hatte. Diese Waren wurden von Töchtern, Schwie‐ gertochter und Schwester bestellt, mussten ausgesucht und für den Versand verpackt werden - und wurden nicht selten ergänzt mit zusätzlichen nützlichen Gaben. Ohne 274 Margret Friedrich <?page no="275"?> 266 Xaveria, Konstantinopel, 18.2.1904. 267 Xaveria, Konstantinopel 17.10.1904, 17.11.1905. 268 Xaveria, Konstantinopel, 21.12.1904. 269 Xaveria, Konstantinopel, 18.1.1906. 270 Xaveria, Konstantinopel, 30.4.1904. 271 Im gedruckten Nachruf wurde das Kloster in Konstantinopel als „sehr arm“ bezeichnet. Kurzer Bericht über das erbauliche Leben der ehrw. Schwester Maria Xaveria Kohler, S.-15. 272 Xaveria, Konstantinopel, 2.10., 26.11.1906. 273 Xaveria, Konstantinopel, 30.4.1904. 274 Xaveria, Konstantinopel, 8.11.1904. 275 Xaveria, Konstantinopel, 13.2.1907. 276 Konstantinopel war zu dieser Zeit ein „Konglomerat von Religionen, Ethnien, Nationen, Sprachen und Sitten“. Laut einer Zählung von 1885 waren ca. 15 % der Bevölkerung keine türkischen Untertanen. Von den osmanischen Staatsbürgern waren nur 44 % Muslime; Griechisch-Orthodoxe und armenische Christen machten jeweils mehr als 17 % aus, Juden ca. 5 %, Katholiken, Protestanten und Bulgarisch-Orthodoxe bildeten kleinere Gruppen. Johannes P A U L M A N N , Globale Vorherrschaft und Fortschrittsglaube. Europa 1850-1914 (C.H. Beck Geschichte Europas). München 2019, S.-27. Bestellung verschickte Anna Kohler an Schwester und Töchter in der näheren Umgebung ihre Produkte aus dem Blumen-, Gemüse- und Obstgarten. Im ersten erhaltenen Brief von Xaveria bedankte diese sich für die reichhaltigen Weihnachtsgeschenke für das Kloster, die dort betreuten Kinder und die auswärtigen Ma‐ rienkinder. 266 Da sie selbst Armut nie gekannt habe, falle es ihr besonders schwer, die Kinder „unordentlich und schmutzig zu sehen“. Daher legte sie immer schon im Herbst ihrem Brief einen „Bedürfniszettel“ für Weihnachtsgeschenke bei (Reste von Kleiderstoffen aus Wolle oder Baumwolle, Strickgarn, Tücher, für einige größere Mädchen „etwas Nettes für Kleider“, auch Messer, Näh- und Stricknadeln, Scheren). Was immer im Laden nicht mehr gut zu verkaufen sei, sie könne es gebrauchen. 267 Für die großen Weihnachtspakete bedankte sich die Tochter überschwänglich, auch für die liebevolle Auswahl und Verpackung, was sie sich ganz zu Hause fühlen lasse. Dem Dank schloss sich die Oberin an. 268 Und die Mitschwestern hätten sich über die warmen Wolltücher sehr gefreut und das mitgesendete Kletzenbrot genossen. 269 Außerdem wünschte sie sich „eine Kleinigkeit“ für ihre Erstkommunikanten, zwei Dutzend Kommunionbildchen. 270 Selten bestellte sie etwas für sich selbst. Das Kloster sei „nach Gottes Fügung recht arm“, 271 und nicht alle ihre Mitschwestern hätten das Glück, so sorgende Eltern zu haben. Patin Fanny frage ebenfalls immer wieder nach, was sie brauchen könne. 272 Da sie sich auch um die kranken Kinder und um ihre Mitschwestern kümmerte und selbst immer wieder homöopathische Medikamente benötigte, bat sie die Mutter um alles, was in der Türkei nicht verfügbar war. 273 Umsichtig, wie sie war, gab sie Hinweise, wie Medikamente und Tees zu verschicken seien, damit sie rasch und unversehrt ankämen. 274 Zur Ausstattung von Mädchen, die in die Berufstätigkeit entlassen wurden, waren die Sendungen der Mutter ebenfalls wichtig. 275 Für ihre „Ziehtochter“ Sophie Papadopoulos, die wohl aus besseren Verhältnissen in Konstantinopel stammte, 276 sich begabt zeigte, bereits als Hilfslehrerein mitarbeitete und in ein Kloster eintreten wollte, hatte Xaveria die Auf‐ nahme bei den Schulschwestern in Wien erwirkt. Sie plante, die gesamte Ausstattung und die Fahrtkosten aus ihrem eigenen Vermögen zu bezahlen, wozu sie aber die Einwilligung der Eltern haben wollte. Diese stimmten zu bzw. übernahmen wohl die Kosten selbst. Die Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 275 <?page no="276"?> 277 Xaveria, Konstantinopel, 8. u. 20.2., 14.3.1905 (mit Auflistung des Nötigen). 278 Xaveria, Konstantinopel, 15.2.1906. 279 Xaveria, Wien, 1912. 280 Xaveria, Wien, 19.10.1911. 281 Xaveria, Wien, 28.11.1912. 282 Vinc. Ferreria, Innsbruck, 4.12.1904. Auch im Jahr davor hatte die Mutter ein großes Weihnachtspaket geschickt. „Wie gut kann man diese Sachen gar alle brauchen im neuen Hauswesen des Herz Jesu=Heimes! “ Innsbruck, 29.12.1903. 283 Vinc. Ferreria, Meran, 8.2.1905. Am 17.2. bedankte sie sich für die Briefmarken, nun könne sie jede Woche schreiben. 284 Vinc. Ferreria, Innsbruck, 13.4.1906. 285 Vinc. Ferreria, Valduna, 28.10.1907. 286 Vinc. Ferreria, Valduna, 5.11.1907. 287 Vinc. Ferreria, Valduna, 30.12.1907. Die Oberin schloss sich immer mit Dank und Grüßen an. 288 Agnes, Terlan, 1912. Pio hatte in einem eigenen Brief vom 4.2.1904 den erkrankten Vinzenz zu einer mehrwöchigen „Frühjahrskur“ nach Terlan eingeladen und gleichzeitig Tisch- und Bettwäsche und Handtücher bestellt. Allerdings konnten diese nicht umgehend bezahlt werden, „es wird dann schon auch wieder die Zeit kommen wo wir die Rechnung dafür begleichen.“ Agnes, 28.2.1904. 289 Agnes, Terlan, 15.1.1912. gesamte Ausstattung sollte in Schwarzach vorbereitet und dann gleich nach Wien geschickt werden. 277 Außerdem wünschte sie sich Klaviernoten für Sophia, die ziemlich teuer waren. Der in Wien lebende Bruder Sebastian könne sie gleich in Wien besorgen und sie sich von den Eltern bezahlen lassen. 278 Schließlich wurde auch Sophia, nun als Schwester Fr. Sales, mit Weihnachtsgaben versorgt. 279 Als sie selber in Wien stationiert war, erbat sich Xaveria für das Heim, in dem sie nun wirkte (156 Schulkinder und 180 Kinder zwischen drei und sechs Jahren, „alles arme Kinderchen“), und sich selbst ähnliche Weihnachtsgeschenke. 280 Warme Kleidung und Betten für sich und ihre Mitschwestern waren und blieben Thema. „Bei den Nachtwachen haben wir recht kalt“. 281 Da Vinc. Ferreria nur noch die Hälfte der Zeit des erhaltenen Briefwechsels lebte, außerdem schon sehr an ihren Erkrankungen litt und nur wenig in die Klosterarbeit eingebunden war, gab es von ihr kaum Bestellungen - abgesehen von den Medikamenten, die aber weniger bestellt, sondern von der besorgten Mutter und der Patin zugesandt wurden. Mit Erlaubnis der Oberin des Marienheims bat sie um Stoffe und für den Alltag nötige Kleinigkeiten. 282 Während ihres Kuraufenthalts in Meran wünschte sie sich Briefmarken, damit sie öfter schreiben könne. 283 Sie fragte um winterharte Blumen für den Garten im Mutterhaus an, Phlox habe man allerdings genug, 284 auch ein Kneipp-Buch als Überraschung für die Oberin zum Namenstag wurde erbeten. 285 Die Mutter schickte nicht nur das, sondern auch Garne und Eier. 286 Auch sandte sie jährlich ein größeres Weihnachtspaket, ohne dass Vinc. Ferreria dies sich zu wünschen gewagt hatte. 287 Waren die Sendungen an die Klöster Geschenke, so spielten sich die Bestellungen von Agnes Kohler im Rahmen des Geschäftlichen ab. Sie und ihr Mann bestellten die benötigten Textilien in Anna Kohlers Gemischtwarenhandlung, z. B. Leinen und Baumwolle, „liebe Mutter weiß schon wie wir immer hatten, und bitte ich, sobald es sein kann zu senden“ 288 , Betten und Kissen. Neben der Bezahlung kam als Dank auch Wein vom hauseigenen Weingarten. 289 Für persönliche Gaben (zu Weihnachten oder zum Namenstag) fragte Anna Kohler Agnes nach ihren Wünschen bzw. sandte eigenständig Stoffe und Spitzen als 276 Margret Friedrich <?page no="277"?> 290 Agnes, Terlan, 18.2.1907, 17.2.1911. 291 Agnes, Terlan, 23.1.1912. 292 Fanny, Bregenz, 1904, 1905, 1907. 293 Fanny, Bregenz, 1907. 294 Fanny, Bregenz, 26.1.1905. 295 Fanny, Bregenz, 1905. 296 Fanny, Bregenz, 1905, 1907. Es ist anzunehmen, dass sie bei ihren Besuchen in Schwarzach auch persönlich aussuchte und einkaufte. 297 Fanny, Bregenz 1904. 298 Fanny, Bregenz, vor Ostern 1905. Immer wieder bestellte sie Stoffe und Zubehör für Kleidung für diverse Anlässe sowie Bettwäsche. Z.-B. Fanny, Bregenz 1911. 299 Fanny, Bad Pfäfers, 23.8.1904, Bregenz, 26.1.1905, Bregenz 1912. 300 Fanny, Bregenz, 3.12.1911. 301 Fanny, Bregenz, 1904. 302 Fanny, Bregenz, 1.3.1906. 303 Fanny, Bregenz, 10.12.1904. Strumpfgarn, Sommer- und Wintergarn um 4-5 Gulden. 304 Fanny, Bregenz 1907. 305 Kurzer Bericht über das erbauliche Leben der ehrw. Schwester Maria Xaveria Kohler, S.-9. Geschenk. 290 Doch nicht nur um Bettfedern und Textilien ging es, auch Samen und Knollen für Blumen wurden nach Südtirol versandt. 291 Schwester Fanny bedankte sich für Obst aus dem Schwarzacher Obstgarten, 292 für Salat und Bohnen, 293 für den übersandten Speck 294 sowie für Gebäck. 295 Kaffee für die Bregenzer Haushalte wurde im Schwarzacher Geschäft bestellt. 296 Ein großes Thema waren auch bei ihr die Betten - Bettfedern, Unterbetten, Stoffe für Bettzeug. 297 Fanny erhielt Stoffmuster, nach denen sie dann bestellen konnte 298 , auch zur Ausstattung für ihre Pflegekinder. 299 An‐ fang Dezember kam von ihr ein großer Auftrag für die geplanten Weihnachtsgeschenke. 300 Bestellungen für Angehörige ihres Ehemannes in Alberschwende 301 oder für den Knecht auf dem Stollen 302 sind ebenfalls verzeichnet, auch ein Geschenk für die Klosterschwestern im Waisenhaus wurde nicht vergessen. 303 Offensichtlich bat umgekehrt auch Anna Kohler ihre Schwester um Besorgungen in Bregenz: „Sende dir das Gewünschte, die Rechnung über Fleisch lege ich bei. Werde nicht leicht fort können zur Festlichkeit, sonst würde mich freuen, daran theilzunehmen.“ 304 2.5 Katholische Festkultur, Familienfeste, familialer Zusammenhalt Der Jahreslauf war im katholischen Milieu durch die katholische Festkultur strukturiert, wobei diese Feste immer auch Familienfeste waren. Vorbereitung wie Durchführung bedeuteten ein gerütteltes Maß an Frauenarbeit. Das Weihnachtsfest wurde in den Briefen der abwesenden Klosterschwestern jeweils besonders erwähnt, die Erinnerung an daheim ebenso wie die Freude im Kloster über die reichlichen und offensichtlich auch schön verpackten Geschenke der Mutter. Die liebevolle und aufwändige Gestaltung des Weih‐ nachtsfestes durch Anna Kohler fand sogar Berücksichtigung im gedruckten Nachruf auf Schwester Xaveria. Die Kinder hätten Wunschzettel geschrieben, ein ganzes Zimmer sei für die Geschenke vorbereitet und eine Krippe mit lebensgroßen Figuren sei aufgestellt worden. 305 Auch von Nikolausbescherungen wurde gesprochen. „Liebe Schwester! Der Nicolaustag ist nun bald zu Ende. Alles war erfreut u danke ich Gott, dass er uns die Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 277 <?page no="278"?> 306 Fanny, Bregenz, 6. Dezember 1904. 307 Fanny, o.-O., o. D., Bregenz, 1907. 308 Fanny, Bregenz, 1911. 309 Xaveria, Konstantinopel, Dezember 1906. 310 „Liebe Schwester! Du bist immer so aufmerksam auf meinen Geburtstag u ich lasse den deinen unbemerkt wirst es mir aber nicht übel nehmen.“ Fanny, Bregenz, 1907. 311 Kurzer Bericht über das erbauliche Leben der ehrw. Schwester Maria Xaveria Kohler, S.-9. 312 Fanny, Bregenz, 1905. 313 Fanny, Bad Pfäfers, 23.8.1904. 314 Dass er mit ihrem Namenstag zusammenfiel, hätte kein Hinderungsgrund sein müssen. 315 Fanny, Karlsbad, 2.7.1912. 316 Fanny, Karlsbad, 24.6.1912. Mittel gegeben, so viele Herzen zu erfreuen. Dein Nicolausgeschenk hat mich innig erfreut u nimm meinen herzlichsten Dank entgegen.“ 306 Fanny Gmeiner berichtete nicht nur über die Vorbereitung von Nikolausgeschenken für viele (arme? ) Frauen und Kinder. 307 Offensichtlich organisierte sie auch eine Studentenbescherung: „Es gibt der Nicolaus überall große Freude.“ „Jetzt geht‘s für das Christkindle an bei Carl u dann Vinzenzverein.“ 308 Für die Kinder im Hause Kohler hat es wohl Überraschungen am Nikolausmorgen gegeben, wie sich Xaveria beim Auspacken der Geschenke in Konstantinopel erinnerte: „es gieng beinahe so zu, wie bei uns vor Jahren, am St. Nicolaus-Morgen“. 309 Als persönliches Fest wurde weniger der Geburtstag gefeiert, auch wenn Xaveria der Mutter, manchmal auch dem Vater gratulierte und Anna regelmäßig ihrer Schwester Fanny, 310 sondern der Namenstag, der Tag des/ der Schutzheiligen. Beide Klosterschwestern schickten ergebene Briefe an den Vater zu seinem Namenstag am 27. Dezember. Dieser hatte früher am Vorabend, als die Kinder schon gratulierten, jeweils eine Ansprache an seine Familie gehalten, „in der er so recht sein Herz sprechen ließ“. 311 Liebevoll dankbare Schreiben gingen an ihre Mutter zum 26. Juli. Aus den Briefen geht auch hervor, dass Anna immer zum Namenstag gratulierte. Fanny hob ihre (eigene) Namenstagsfeier bei Anna im großen Familienkreis besonders hervor. „Es war eine große Gesellschaft an meinem Namenstage, aber alle hatten sich gefreut, in deinem Hause zusammen kommen zu können u ist ein Familienfest doch das einzig schöne.“ 312 Selbst der Namenstag des verstorbenen Vaters Gebhard Schwärzler wurde offensichtlich in Schwarzach weiterhin gefeiert: „Soll ich also wirklich an unsern l. sel. Vaters Namenstag nicht zu Hause sein? “ 313 Fanny Gmeiner erwähnte in ihren Briefen jedes Jahr die Feier ihres Hochzeitstages. Über Anna Kohlers Hochzeitstag wurde nicht geschrieben. 314 Aus einem Brief Fannys geht hervor, dass Anna Blumen und Musik liebte. „Jetzt ist hier die schönste Rosenzeit, u auch die Gärten mit vielen Granien u anderen Blumen. Du hättest eine Freude daran.“ 315 „In der Früh um 6 Uhr beginnt die Musik mit einem Coral […] Diese Musik ist wie ein Morgengebet, man lauscht mit Andacht u ich stehe gerne um 5 Uhr auf um rechtzeitig in die Colonaden zu gehen. Schöne Musik thätest Du auch gerne hören.“ 316 Neben der besonderen Festgestaltung blieb den Kindern die traditionelle, strenge und konsequente Erziehung in Erinnerung. Xaveria sah sie im Nachhinein sehr positiv - mit dem Elend armer, wohl teils auch verwahrloster Kindern in den Großstädten Konstanti‐ nopel und Wien als Kontrastfolie. Sie berichtete über ein Gespräch mit Sebastian; sie 278 Margret Friedrich <?page no="279"?> 317 Xaveria, Wien, 27.12.1912. 318 Kurzer Bericht über das erbauliche Leben der ehrw. Schwester Maria Xaveria Kohler, S. 7-8; wortident auch bei W A L S E R , Kohler, S.-83. 319 Kurzer Bericht über das erbauliche Leben der ehrw. Schwester Maria Xaveria Kohler, S. 5-6; W A L S E R , Kohler, S.-82. 320 Familienchronik Bertel, erstellt von Dr. Erich Bertel (1906-1980), S. 27. Die Familienchronik ist im Besitz von Dr. Gotthard Bertel, Feldkirch. Dr. Erich Bertel war der Enkel von Josef Schwärzler, eines Bruders von Anna Kohler. 321 Familienchronik Bertel, o. S. 322 Familienchronik Bertel, o. S. 323 Vinc. Ferreria, Innsbruck, 27.4.1904. seien beide froh gewesen, „aus einer so zufriedenen Familie zu sein […]. Man lernt eben heutzutage ganz andere Familienverhältnisse kennen“. 317 Über das Familienleben im Hause Kohler finden sich im Nachruf auf Schwester Xaveria Informationen, die möglicherweise mit deren Erzählungen korrespondierten, sich aber in erster Linie an die idealisierenden Beschreibungen aus der Kohler-Biographie von Josef Walser halten. Demnach litten die Kinder keinen Mangel, aber Nahrung und Kleidung waren bescheiden und einfach. An Schultagen hatten sich alle schulpflichtigen Kinder um sechs Uhr morgens zu Morgengebet und Frühstück einzufinden. Der Vater war streng, „sobald da oder dort sich Eigensinn, Widerspenstigkeit usw. zeigten, griff der Vater entschieden ein.“ Eine Rute war im Haus und wurde auch verwendet. 318 Die Mutter wird als „eine sanfte, stille Frau“, als „verständig und teilnehmend“, als eine „treffliche Mutter ihrer Kinder“ 319 geschildert, „unermüdlich und treu besorgt“. Ihr Gatte, heißt es über Anna in einer Familienchronik aus der Bregenzer Verwandtschaft, sei ein Patriarch gewesen, „ein Wahrer der althergebrachten Tradition, die ihm aber durch und durch lebendig war.“ 320 Anna Kohler war wohl bestrebt, ihre Familie möglichst lange strikt zusammen- und Einflüsse von außen fernzuhalten. Mit dem Haus- und Grundbesitz, dem Geschäft und der sozialen Position in Schwarzach sowie der Teilhabe an der Bregenzer Firma war hierfür eine solide Basis gegeben. Es wird berichtet, dass sie nach dem Tod ihres 1878 kinderlos verstorbenen Onkels Josef Pircher mit ihrem Ehemann das Geschäft in Bregenz hätte übernehmen sollen, sich aber unerbittlich weigerte. 321 Vielleicht war es eine generelle Abneigung gegen „die Stadt“, vielleicht war es ihr auch bewusst, dass es schwieriger wäre, sich in der dortigen Honoratiorenschicht zu etablieren, und die Kinder stärker Einflüssen von außen ausgesetzt wären als im Dorf. Sie wollte wohl ihre eigene gesicherte Umgebung bewahren und verteidigen. So verbot sie ihren Töchtern Freundschaften außerhalb der Familie. Die intelligente und lebhafte Tochter Maria durfte einer Freundin aus der Zeit des Fortbildungskurses nur noch einmal schreiben. Bei so vielen Geschwistern hätte sie es nicht nötig, „draußen“ weiteren Umgang zu suchen. 322 Die Töchter hingen an ihrer Mutter, die Söhne erwarteten wohl Anerkennung vom Vater, der kaum Briefe an seine Kinder schrieb oder sie besuchte. Vinc. Ferreria erbat den Besuch der Mutter im Frühjahr und nicht erst zur Feier der Profess, da hier eine bessere Gelegenheit „zu einer ruhigen gegenseitigen Aussprache u. wie es liebste Mutter bei solch einem Besuche wünschen“ [sic] gegeben sei. 323 Während ihrer Kur sehnte sie sich sehr nach dem Besuch der Mutter, denn ein ungestörtes Beisammensein sei leichter Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 279 <?page no="280"?> 324 Vinc. Ferreria, Bad Wörishofen, 2.12.1905. 325 Vinc. Ferreria, Meran, 8.4.1905. 326 Vinc. Ferreria, Valduna, 8.5.1906. 327 Vinc. Ferreria, Valduna, 15.10.1906. 328 Vinc. Ferreria, Meran, 20.3.1905. 329 Hauschronik, S.-54, 57. 330 Xaveria, Wien, 24.7.1911. 331 Sophie, Wien, 29.12.1911. 332 Franziska an Eltern Wien, 8., 9. u. 13.8.1911, jeweils mit Grüßen von Xaveria. 333 Z. B. Xaveria, Wien, 26.1.1911. 334 Xaveria, Wien, 6.3.1912. 335 Fanny, Bregenz, 22.8.1905. 336 Fanny, Bregenz, 1.3.1906. möglich als während der Berufstätigkeit. 324 „Doch auf lb. Vaters Briefchen u. Franciscas ganz schönes Bildchen warte ich noch, verzichte nicht gerne darauf.“ 325 Sie hätte sich über einen Besuch des Vaters noch im Mutterhaus gefreut, umso mehr, als die Oberin aus Bozen, die dort den ganzen vergangenen Herbst den Vater erwartet hatte, nun im Mutterhaus als Vikarin agierte. 326 Vinc. Ferrerias Familienverbundenheit, vielleicht sogar Sehnsucht nach der Familie zeigten sich nicht zuletzt darin, dass sie immer Grüße an alle Familienmitglieder „von Konstantinopel bis Bregenz“ schickte, auch an alle, die „Gebet u. Grüße“ ausgerichtet hatten. 327 Vinc. Ferreria teilte der Mutter auch mit, dass sich Pio bei ihr beklagt habe, dass zwar die Mutter, nicht aber der Vater schreibe, nicht einmal seinen Neujahrsbrief habe er beantwortet. Er nehme auch die Einladungen nicht an, obwohl er leicht einmal zu Besuch kommen könnte. 328 Xaveria wiederum hatte gebeten, dass sich Anna Kohler um ihre „Ziehtochter“, die sie von Konstantinopel nach Wien geschickt hatte, kümmere. Die Familie war dann auch Auffangnetz für Sophie Papadopoulos in Österreich. Sie durfte die Sommerferien 1908 und 1909 in Schwarzach verbringen. 329 Sophie fühlte sich Anna sehr verpflichtet und entschuldigte sich, dass sie ihre Prüfungen bei den Schulschwestern im ersten Anlauf nicht bestanden hatte. Sie wechselte mit Unterstützung Xaverias zu den Karmelitinnen und lud die Familie zu ihrer Einkleidung im Sommer 1911 ein. Franziska reiste aus Schwarzach an, Sebastian und Xaveria kamen ebenfalls. 330 Sophie bezeichnete Anna Kohler als „liebes Großmütterchen“. 331 Die Verbindungen der Kinder und der Patin liefen nicht nur über Anna Kohler, sondern wirkten auch untereinander, doch wurde der Mutter immer berichtet. So etwa vom Besuch Franziskas bei ihrer Schwester in Wien. Diese zeigte ihr die Stadt, und es gab ein Geschwistertreffen mit Sebastian. 332 Xaveria schrieb der Mutter immer wieder von ihren Kontakten mit Sebastian in Wien, dessen Berichten von daheim. 333 Er komme oft zu ihr, „um mir Freuden und Sorgen mitzuteilen, was mir natürlich recht lieb ist.“ 334 Fanny hatte im Sommer Besuch von ihren Verwandten auf dem Stollen. Bei der Gelegenheit monierte sie, dass Johann Kohler noch nie dort gewesen war. 335 Das enge Verhältnis Fannys zu ihrer älteren Schwester zeigte sich auch, wenn sie einen geplanten Besuch absagen musste. „Es kommt mir immer etwas dazwischen, daß ich nicht nach Schwarzach kann.“ 336 „Es war alles aufregend u. wäre ich Abends gerne ein Sprüngle zu 280 Margret Friedrich <?page no="281"?> 337 Fanny, Bregenz, 11.7.1904. Der Nichte Anna ging es sehr schlecht, Bügelwäsche war zu erledigen und der Fuhrmann für die Übersiedlung auf den Stollen kam früher als erwartet. 338 Fanny, Bregenz, 18.5.1907. 339 Fanny, Bregenz, 1911. 340 Fanny anlässlich ihres 37. Hochzeitstages. Bregenz, Anfang Februar 1911, Hervorhebung MF. 341 Fanny, Bregenz, 1911. 342 Fanny, Bregenz, 16.7.1911. 343 Fanny, Bregenz, 9.6.1912. 344 Fanny, Bregenz, 12.9.1912. Den Grund ihrer Sorge gab sie nicht an, darüber hatten sie offensichtlich mündlich gesprochen. Vielleicht ging es um die Erkrankung ihres Bruders Carl, wo klar wurde, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. 345 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1911). 346 Fanny, Bregenz, 4.1.1912. 347 Fanny, o.-O., o. D. (Bregenz, 1912). 348 Fanny, Bregenz, 4.1.1912. 349 Xaveria, Wien, 6.3.1912. 350 Xaveria, Wien, 27.12.1912. dir gekommen um mein Herz auszuschütten doch bin ich zu sehr im Hause nothwendig.“ 337 „Freue mich sehr, dich morgen endlich nach langer Zeit wieder einmal zu sehen.“ 338 Und nach diversen Verschiebungen „Es würde mich freuen dich wieder einmal sprechen zu können.“ 339 „Liebe Schwester! Danke dir für deine Gratulation auch mein l. Mann dankt herzlich.“ 340 „So manches hätte ich dir wieder zu erzählen, du bist ja meine einzig vertraute Schwester aber ich kann jetzt nicht hinauf kommen.“ 341 „Liebe Schwester! Du bist immer so aufmerksam gegen mich u ich schreibe dir so selten.“ 342 In schwierigen Situationen wollte sie sich mit Anna im persönlichen Gespräch austauschen, „es ist mein Herz so schwer u sorgenvoll. Wenn nichts dazwischen kommt werden wir Dienstag […] reisen. Wenn dir möglich ist komme noch ein Sprüngle herunter. Ich hätte noch manches zu besprechen.“ 343 „Bezüglich der Angelegenheit meiner Sorge, bitte nichts zu unternehmen als zu beten.“ 344 Wichtig war bei diesem engen Familienzusammenhalt auch, dass die Schwiegertöchter in die Familie passten. Fanny kommentierte die bevorstehende Hochzeit von Sebastian: „Die Hefel Familie hat allseitig guten Eindruck gemacht u die Braut [ein Wort unleserlich] unverdorben u hat jugendlichen Schmelz, wozu Sebastian zu gratulieren ist.“ 345 Später schickte sie „[…] zugleich auch aufrichtige Gratulation zur Wahl des guten Ignaz; wenn ich auch die Auserwählte nicht kenne, so ist mir die beste Gewähr, daß er auf seine Eltern geschaut, um ihnen eine brave Schwiegertochter ins Haus, in die Familie zu bringen.“ 346 Die Braut von Ignaz, Aloisia Winsauer, hatte dann tatsächlich einen guten Eindruck hinterlassen „u freuen wir uns mit Euch u dem Bräutigam über die gute Wahl.“ 347 Ein andermal urteilte sie über eine mögliche, aber dann nicht erwählte Heiratskandidatin: „Eine solch gestaltete Frau würde in Eure Familie nicht passen […].“ 348 Xaveria fasste das Verhältnis der noch lebenden sechs Kinder zu ihren über siebzigjäh‐ rigen Eltern zusammen: „Ist doch bei Allem, was da kommt, dieses unser Hauptwunsch, daß lieb Vater und Mutter alle ihre Kinder recht glücklich sehen und ein ruhiges sorgenfreies Alter haben. Der Weg dazu ist geöffnet, nun hoffen wir weiter.“ 349 Als aufgeweckte, intelligente Frau hatte sie in Wien sicherlich die sozialen Umwälzungen ebenso verspürt wie die politisch instabile Lage, als sie Ende 1912 schrieb: „Es wird wieder manches in sich bergen, das neue Jahr, was gewiß recht gut ist nicht im Voraus zu wissen“. 350 „Der Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 281 <?page no="282"?> 351 Xaveria, Wien, 28.11.1912. Sie habe ein „stilles Heimweh“ nach Konstantinopel und würde dort gerne die armen Verwundeten pflegen. 352 Anna Schwärzler, 19.2.1926. Anna Kohler verschied am 25. April 1926 „nach geduldig ertragenem Leiden“, wie es auf dem Sterbebild hieß. Sie hatte 16 Enkel und eine Urenkelin. Ihre Schwester Fanny Gmeiner war kurz vor ihr, am 11. April 1926, verstorben. 353 Zur „biographischen Illusion“ siehe Pierre B O U R D I E U , Die biographische Illusion. In: Pierre B O U R D I E U , Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt am Main 1998, S.-75-83. 354 Die Bildungssituation in der Habsburgermonarchie war zur Zeit ihrer Kindheit und Jugend generell schlecht und für Mädchen nochmals schlechter. Es galt immer noch die Politische Schulverfassung von 1804/ 06. Universität und Gymnasium wurden 1848/ 49 reformiert, eine Reform der Volksschulen war noch geplant, wurde dann aber nicht mehr durchgeführt. Volksschulen mit einem zeitgemäßen Unterrichtsangebot, besser qualifizierende Bürgerschulen und eine qualitätsvolle Lehrerbildung in den vierjährigen Anstalten, die mit einer Reifeprüfung abschlossen, wurden erst mit dem Reichs‐ volksschulgesetz 1869 eingeführt. Dies wurde in Tirol und Vorarlberg von konservativer/ kirchlicher Seite in Bausch und Bogen abgelehnt, da die Schulaufsicht von der Kirche in die Hand des Staates überging und so mancher der Gegner auch ein besseres Bildungsangebot für alle für schädlich hielt. 355 Familienchronik Bertel, S.-27. lb. Gott allein weiß, was uns die nächstkommende Zeit noch bringt - nun, wir sind ja in Seiner Hand.“ 351 Wie Anna Kohler die folgenden Kriegsjahre (während der 1916 ihr Ehemann verstarb) und die Umbruchzeiten erlebte, wissen wir nicht. Sie hatte ihren Haus- und Grundbesitz nicht verloren und war wohl aufgehoben im Kreis ihrer Familie, die sie so engagiert versorgt und zusammengehalten hatte. Das letzte überlieferte Schreiben kam von der Nichte Anna, die mit Mutter Agnes und Bruder Julius Anna Kohler zum ersten Urenkelkind gratulierte. 352 III. Fehlende Puzzle-Teile Auch wenn Johann Kohler sich als „Hausvater“ bezeichnete und als „Patriarch“ charakte‐ risiert wurde, so war es doch Anna Kohler, die mit ihrer Arbeit, ihrer Fürsorge und ihrer intensiven brieflichen Kommunikation für das Wohlergehen und den Zusammenhalt der Familie gesorgt hatte. Von ihr weiß man nichts, über sie wenig, so dass ihre Biographie einerseits nur sehr fragmentarisch zu rekonstruieren ist, andererseits die Gefahr der „biographischen Illusion“ 353 , der Konstruktion einer kohärenten (Lebens-)Geschichte nicht besteht. Über ihre eigene Kindheit und Jugend, ihre (Aus-)Bildung und ihre Rolle im väterlichen Haushalt ist nichts bekannt. Gab es Privatstunden? Ihre Schwester Fanny hatte offensicht‐ lich Klavierunterricht. Auf jeden Fall bestand weder in ihrer Herkunftsfamilie noch in ihrer eigenen ein Naheverhältnis zu den Englischen Fräulein oder den Ursulinen, die in ihren „inneren Schulen“, den Internaten, ein etwas breiter gefächertes Bildungsangebot für Mädchen geboten hätten und in Tirol in Meran und Brixen bzw. Innsbruck und Bruneck vertreten waren. 354 Offen bleibt weiters, ob Anna Schwärzler Einblick in den Alltag des Vaters, eines erfolg‐ reichen Unternehmers, hatte, in seine Arbeit einbezogen oder völlig auf die Hauswirtschaft ausgerichtet war. Sie lebte bis zu ihrer Heirat immerhin 29 Jahre daheim. In einer Quelle wird sie als „im väterlichen Geschäft wohlbewandert“ charakterisiert. 355 282 Margret Friedrich <?page no="283"?> 356 Das Ansehen eines Volksschullehrers war nicht besonders hoch, die Bezahlung gering. Siehe dazu den Beitrag von Hans Kohler zum Kirchenmaler Kohler in diesem Band. 357 Auf jeden Fall gehörte sie nicht zu den im Bürgertum „entlasteten Frauen“, die nicht mehr mit der Berufsarbeit der Männer unmittelbar verbunden waren und daher freie Zeit zur Gestaltung der bür‐ gerlichen Kultur- und Bildungsarbeit hatten. Zur Rolle dieser Frauen Thomas N I P P E R D E Y , Kommentar: „Bürgerlich“ als Kultur. In: Bürger und Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert, hg. von Jürgen K O C K A . Göttingen 1987, S. 143-148. Nichtsdestotrotz pflegte Anna Kohler mit ihrer Familienfestgestaltung und ihrer ausgeprägten Korrespondenz einen Teil der bürgerlichen Kultur des 19. Jahrhunderts. Doch trat bei ihr „Kultur“ noch keineswegs an die Stelle von Kirche und Tradition, Nachbarschaft und Autorität, wie es Nipperdey mit seiner Feststellung, dass sich Bürgertum als „Kultur“ konstituierte, beschrieb. Ebenda, S.-143, 147. 358 Gründung und Leitung von „damals als groß und modern zu bezeichnenden Unternehmen“, „Wohlstand, Ehrgeiz und überregionale Orientierung“ flossen in die Charakteristik der „relativ neuen, relativ kleinen“ bürgerlichen Kategorie des Wirtschaftsbürgertums, der Bourgeoisie ein. Jürgen K O C K A , Bürgertum und Bürgerlichkeit als Probleme der deutschen Geschichte vom späten 18. zum frühen 20.-Jahrhundert. In: Bürger, hg. von K O C K A , S.-21-63, hier S.-25. 359 Staatsgrundgesetz über die Rechte der Staatsbürger, 21.12.1867, Art. 12 (Vereins- und Versammlungs‐ freiheit), Art. 13 (Pressefreiheit). 360 Für die Bürgertumsforschung grundlegend: Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäi‐ schen Vergleich, 3 Bde., hg. von Jürgen K O C K A . München 1988. Jüngste Überlegungen: Bürgertum. Bilanzen, Perspektiven, Begriffe, hg. von Manfred H E T T L I N G / Richard P O H L E . Göttingen 2019. Auch wenn das Heiratsalter von Frauen in Vorarlberg zu ihrer Zeit relativ hoch war, drängt sich doch die Frage auf, warum sie, eine gute Partie, so spät heiratete und noch dazu einen keineswegs wohlhabenden Witwer mit Kind? 356 Für die folgenden Jahrzehnte fehlen Informationen zu fast allen Bereichen ihrer Lebens‐ welt: Wer erledigte die Arbeiten im Kohler‘schen Haus und Geschäft? Wieviel Personal, das in den vorhandenen Quellen nur punktuell erwähnt wird, war verfügbar? Stand Anna Kohler jeden Tag im Geschäft? Wie war ihr Selbstverständnis? Es scheint, dass sie als traditionelle Hausmutter agierte, die einer umfangreichen Hauswirtschaft vorstand, in die auch entferntere Verwandte eingebunden waren, und im Geschäft mitarbeitete (bzw. es führte? ). 357 Wo positionierte sie sich zwischen ihrem durchaus dem neuen Wirtschaftsbür‐ gertum zuzurechnenden Vater mit seinem Unternehmergeist 358 und dem Ehemann, der sich als Autodidakt weitergebildet hatte, liberale Errungenschaften wie Vereinsrecht und Pressefreiheit für seine Ziele nutzte, 359 generell aber liberale Vorstellungen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfte? 360 Welche Arbeiten fielen für den sich seit der Heirat als „Kaufmann“ bezeichnenden Ehemann an? Wie gestaltete sich das Verhältnis zwischen Vater Gebhard und Ehemann Johann? Viele Wege, die Johann Kohler beschritt und in der Hauschronik so stolz beschrieb, waren bereits von seinem Schwiegervater gebahnt worden, der erfolgreicher Gemeindevorsteher und Landtagsabgeordneter war, die Gewerbeausstellung in Schwarzach organisiert, sich für den Eisenbahnbau und speziell den Bahnhof in Schwarzach eingesetzt und sich um den Neubau der Kirche bemüht hatte. Jahre nach der Einheirat von Johann Kohler gab es heftige Auseinandersetzungen, nicht nur um den Bau der von Gebhard Schwärzler versprochenen Lourdeskapelle, sondern vor allem auch um das Warenlager des früh verstorbenen Schwagers Josef Schwärzler. Es folgte ein heftiger Briefwechsel zwischen Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 283 <?page no="284"?> 361 Johann Kohler schrieb an seinen Schwiegervater, nachdem er einen Vorschlag gemacht hatte: „Nachdem Sie nun diesen Vorgang, den wohl alle anderen für den richtigen hielten, nicht eingehalten, sondern in einer mir ganz räthselhaften Weise gerade diesen meinen Vorschlag zu einer Waffe gegen mich verwenden […]“, fordere er sein Papier zurück und werde sich hüten, künftig „selbst über Aufforderung“ irgendeinen Vorschlag zu machen. Zit. n. K O H L E R , Zeitenwende, S.-23. 362 Hauschronik, S.-25. 363 Walser, Charakterbild, Vorarlberger Volksblatt, 12.2.1917, S.-4. 364 Die ältere, Ida, wäre gerne Lehrerin geworden, musste aber nach dem frühen Tod der Mutter daheim mitarbeiten. K O H L E R , Zeitenwende, S. 149. Allerdings meldete die Statthalterei für Tirol und Vorarlberg noch 1900, dass die Frage des höheren Unterrichts für Mädchen die Öffentlichkeit weniger beschäftige als anderswo. Die Förderung dieses Bereiches schien nicht einmal im Rahmen von Fort‐ bildungskursen möglich, da selbst die Ansprüche der Volksschullehrer auf Anhebung ihrer „kargen Bezüge“ kaum erfüllt werden könnten. Außerdem lägen die Bedürfnisse dieses Kronlandes weniger in Mädchenmittelschulen als in speziellen Mädchenschulen, welche die religiös-sittliche Bildung förderten und auf eine Tätigkeit im Berufsleben bzw. zur Führung eines Haushaltes vorbereiteten. Hier seien bereits Frauenorden aktiv und die Statthalterei hoffte zusätzlich auf das Engagement von Frauenvereinen. Siehe hierzu Margret F R I E D R I C H , „Ein Paradies ist uns verschlossen …“. Zur Geschichte der schulischen Mädchenerziehung im „langen“ 19. Jahrhundert (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 89). Wien 1999, S.-107-108. 365 Die Barmherzigen Schwestern waren in Vorarlberg ab 1837 tätig. N A C H B A U R , Lehrerinnenzölibat, S.-27. 366 Hierzu ausführlich: Elisabeth D I E T R I C H -D A U M , In Barmherzigkeit dienen - in Demut sterben. Die Tuberkulose bei den Barmherzigen Schwestern in Zams (1835-1945). In: Geschichte und Medizin. Forschungsberichte - Fachgespräche. Dokumentation zur internationalen Tagung „Geschichte und Medizin“, 5. Dornbirner Geschichtstage, 9. bis 12. Juni 1999, hg. von Elisabeth D I E T R I C H -D A U M / Werner M A T T / Hanno P L A T Z G U M M E R . Dornbirn 2001, S. 122-150; Elisabeth D I E T R I C H -D A U M , Tuber‐ kulose und Tuberkulosefürsorge in Österreich. In: Tiroler Heimat 65 (2001), S. 159-197; Elisabeth D I E T R I C H -D A U M , Die „Wiener Krankheit“. Eine Sozialgeschichte der Tuberkulose in Österreich (Sozial- und wirtschaftshistorische Studien 32). Wien/ München 2007. Schwiegervater und Schwiegersohn. 361 In der Hauschronik sprach Johann Kohler von „langen mühsamen Vorverhandlungen“. 362 Wie war das Verhältnis zwischen den Eheleuten, einem sich als Patriarch verstehenden Ehemann und einer relativ vermögenden Ehefrau? Wie gestaltete sich die Vermögensver‐ teilung? War Anna Kohler mit dem politischen Engagement ihres Gatten einverstanden? Schufen ihm ihr Vermögen und ihre Arbeit in Geschäft und Hauswirtschaft erst die Mög‐ lichkeit, dass er sich, nicht behindert durch das Erfordernis eines Broterwerbs für die große Familie, der Propagierung des politischen Katholizismus widmen konnte? Beschränkte sich ihr Auftreten mit dem Ehemann in der Öffentlichkeit auf den zweimaligen sonntäglichen Kirchgang 363 oder war sie als „Frau Gemahlin“ des Ortsvorstehers, des Abgeordneten bei offiziellen Anlässen dabei? Wieso erhielten die Töchter keine bessere (Aus-)Bildung, die von staatlicher wie kirch‐ licher Seite inzwischen angeboten wurde? Gerade die aufgeweckte Maria wäre dafür prädestiniert gewesen. Anna Kohlers Bruder Carl schickte seine beiden Töchter zu den Englischen Fräulein nach Lindau bzw. Bamberg. 364 Wieso heirateten alle Söhne und keine der Töchter? Dass eine Tochter zu Hause bleiben und die Mutter bei der Arbeit bzw. die Eltern im Alter unterstützen musste, war üblich. Heute unverständlich ist, dass man drei Töchter zu den Schulschwestern bzw. Barmherzigen Schwestern 365 gab, wo es doch kein Geheimnis war, dass viele dieser Schwestern bereits sehr jung verstarben, 366 Tbc in der eigenen Familie hautnah erlebt wurde 284 Margret Friedrich <?page no="285"?> 367 Ein drastisches Beispiel: „Innerhalb 5 Jahren waren sämmtliche 3 Schwestern Adele, Martha u. Katharina [Ritter, jeweils als „liebe Base“ bezeichnet] in der Blüthe ihres Alters [noch nicht einmal 30-jährig] als barmherzige Schwestern gestorben, in welchem Orden sie alle 3 als Lehrerinnen wirkten.“ Hauschronik, S.-7. 368 D I E T R I C H - D A U M , Barmherzigkeit, S.-123. 369 Hierzu an einem niederösterreichischen Beispiel ausführlich: Hanns H A A S , Drei Generationen Spar‐ holz - Bürgerliches Landleben in Rosenburg am Kamp. In: Kleinstadtbürgertum in Niederösterreich. Horn, Eggenburg und Retz um 1900, hg. von Hannes S T E K L (Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich). Wien 1994, S.-177-208, Zitate S.-179. 370 Sie gehörte sicher nicht zu den Unternehmerinnen des 19. Jahrhunderts, wie sie von Irene Bandhauer- Schöffmann charakterisiert werden. Irene B A N D H A U E R -S C H Ö F F M A N N , Geschäft und Geschlecht. Eco‐ nomic Citizenship für Geschäftsfrauen. In: Menschen Regionen Unternehmen. Festschrift für Franz und auch in der Verwandtschaft vorkam? 367 Die unverhältnismäßig hohe Sterblichkeit bei den Pflege- und Schulorden war in Tirol spätestens seit den 1870er-Jahren bekannt. In der Stadt Innsbruck wurde sogar der Aussagewert der Statistik zur Sterblichkeit aufgrund von Tuberkulose angezweifelt, da die ungewöhnlich hohe Rate im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern das Bild verzerre. 368 Wie ging Anna Kohler mit den massiven wirtschaftlichen, technischen und sozialen Um‐ wälzungen um (Eisenbahn, Telefon, Automobil, Bevölkerungswachstum, „sociale Frage“, Auseinandersetzungen der sich formierenden politischen Parteien)? War der Gemischt‐ warenladen krisensicher? Gab es Verluste im und nach dem Ersten Weltkrieg? Wurden Kriegsanleihen getätigt, wie überstand man die Inflation? Laut ihrem Testament hatte sich der Besitz von „Realien“ als vorteilhaft erwiesen. Die Häuser mit Grundbesitz und die Waldparzellen gingen an die Söhne Vinzenz und Ignaz, Franziska erhielt das Wohnrecht. Alle anderen Liegenschaften in Schwarzach und Lauterach sowie ihren Geschäftsanteil an der Firma Josef Pircher in Bregenz vererbte sie an alle sechs noch lebenden Kinder ins gemeinsame Eigentum. Anna Kohler entstammte einer „landbürgerlichen“ Familie. War das neue Bürgertum zunächst ein urbanes Phänomen, so entwickelte sich allmählich auch in ländlichen Re‐ gionen diese neue Form von Bürgerlichkeit, auch wenn sich dies schwierig gestaltete, da das Bürgertum „in enger alltäglicher Verflechtung mit nichtbürgerlichen Schichten“ lebte, „Betriebsstrukturen mit vorindustriellen Arbeits- und Sozialbeziehungen durchzogen“ blieben, „Arbeit und Freizeit nur unzulänglich voneinander separiert, bürgerliche Binnen- und Nahkontakte wenig dicht und zahlreich“ waren und „die ererbte ländliche Mentalität den schwierigen Prozeß der bürgerlichen Selbsterziehung“ bremste. 369 Gebhard Schwärzler war ein Paradebeispiel dafür. Ausgehend von einer guten ökonomischen Basis war er lernbegierig, aufgeschlossen und neugierig, erweiterte seine Schulbildung, ging auf Reisen, schätzte die neuen technischen Möglichkeiten und setzte sie als Unternehmer für seine Firma geradeso ein wie zur Verbesserung der Infrastruktur für den Ort und die Region und gestaltete das politische Leben mit. Wie in bürgerlichen Haushalten des 19. Jahrhunderts üblich, blieb die (Aus-)Bildung der Töchter auf das Haus reduziert, die (perfektionierte) Füh‐ rung des Haushalts und, wo es die berufliche Situation des Ehemannes (noch) ermöglichte, die Mitarbeit im Geschäft. Anna Kohler war einerseits die traditionelle Hausmutter, Vorste‐ herin einer großen Hauswirtschaft und Mitarbeitende in der Gemischtwarenhandlung mit einer Abneigung gegen städtisches Leben. 370 Andererseits pflegte sie bereits Teilbereiche Anna Kohler, geb. Schwärzler - eine historisch absente Größe? 285 <?page no="286"?> Mathis, hg. von Helmut A L E X A N D E R / Elisabeth D I E T R I C H -D A U M / Wolfgang M E I X N E R . Innsbruck 2006, S.-7-29; Irene B A N D H A U E R -S C H Ö F F M A N N , Finanz- und Wirtschaftsautonomie österreichischer Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. In: Frauen - Außer Konkurrenz, hg. von Gabriele M I C H A L I T S C H / Erna N A I R Z - W I R T H (Frauen, Forschung und Wirtschaft 12). Frankfurt am Main 2002, S.-13-53. 371 Letztwillige Anordnung von Anna Kohler v. 10.6.1921, zit. n. Protokoll der Verlassenschaftsabhand‐ lung, 24.7.1926. VLA, Bezirksgericht Bregenz, Verlassenschaften, Sch. 230/ Nr. A 258/ 26. 372 Familienchronik Bertel, o. S. der neuen bürgerlichen Kultur, einen wohlorganisierten Haushalt, eine ausgeprägte Fest‐ gestaltung, den intensiven Kontakt (und Zusammenhalt) der Familie gewissermaßen in Wort und Tat, aber auch etwas entferntere verwandtschaftliche Beziehungen. Ihr Geschäft dürfte ein „landbürgerlicher“ Kommunikationsort gewesen sein. Zeigt sich in ihrem Letzten Willen - „Für mein Seelenheil bestimme ich zweihundert heilige Messen, ferner für meinen bereits verstorbenen Gatten und mich einen gestifteten Jahrtag mit 4 heiligen Messen sowie ein Rorate“ 371 - ihre tiefe traditionelle Religiosität, so wird sie nicht nur von ihrer Tochter, sondern auch in einer später verfassten Familien‐ chronik aus der entfernteren Verwandtschaft als „eine sanfte, stille, ruhige, friedliche Frau, verständig, teilnehmend, unermüdlich und treu besorgt“ charakterisiert. 372 Wenn auch viele Fragen zu Anna Kohlers Leben offen blieben, so ist sie nun doch zu einer historisch präsenten Größe geworden. 286 Margret Friedrich <?page no="287"?> 1 Alle Aufnahmen stammen aus dem Privatarchiv Hans Kohler. Anna und Johann Kohler - ein gemeinsames Leben in Bildern 1 Ingrid Böhler und Margret Friedrich (Zusammenstellung) Abb. 1: Die erste Seite der von Johann Kohler ab 1869 geführten Hauschronik <?page no="288"?> Abb. 2: Anna Kohler als junge Frau (Datum unbekannt) 288 Ingrid Böhler/ Margret Friedrich <?page no="289"?> Abb. 3: Johann Kohler mit seinem Sohn Pius (1868) Anna und Johann Kohler - ein gemeinsames Leben in Bildern 289 <?page no="290"?> Abb. 4: Das 1870 erbaute Wohn- und Geschäftshaus der Familie Kohler Abb. 5: Dörfliches Leben in Schwarzach, Festumzug an der Einmündung der Schwarzachtobelstraße in die Hauptstraße (Datum unbekannt) 290 Ingrid Böhler/ Margret Friedrich <?page no="291"?> Abb. 6: Anna und Johann Kohler mit ihren Kindern (ca. 1884) Abb. 7: Die konservativen Abgeordneten des Vorarlberger Landtags 1885, Johann Kohler sitzend, 3. von rechts Anna und Johann Kohler - ein gemeinsames Leben in Bildern 291 <?page no="292"?> Abb. 8: Anna Kohler (ca. 1893) Abb. 9: Johann Kohler (1893) Abb. 10: Anna und Johann Kohler anlässlich ihrer Silberhochzeit 1894 mit allen Kindern und zwei (zukünftigen) Schwiegertöchtern, von links nach rechts vordere Reihe: Aloisia, Franziska, Johann Kohler, Anna Kohler, Ignaz, hintere Reihe: Theresia, Maria, Anna, Stefan mit Paulina Fässler (das Paar wurde vermutlich nachträglich eingefügt), Agnes Prieth mit Pius, Sebastian, Vinzenz 292 Ingrid Böhler/ Margret Friedrich <?page no="293"?> Abb. 11: Anna Kohler (ca. 1903) Abb. 12: Johann Kohler (ca. 1903) Abb. 13: Drei Generationen der Familie Kohler (ca. 1914) Anna und Johann Kohler - ein gemeinsames Leben in Bildern 293 <?page no="294"?> Abb. 14: Anna Kohler mit ihren Enkeln Hans, Hedwig, Oskar und Paula (ca. 1918) Abb. 15: Franziska (Fanny) Gmeiner, geb. Schwärzler, die acht Jahre jüngere Schwester von Anna Kohler (Datum unbe‐ kannt) Abb. 16: Handschriftliche Nachricht der 77-jährigen Anna Kohler an ihre Nichte in Bregenz (1917) 294 Ingrid Böhler/ Margret Friedrich <?page no="295"?> Abb. 17: Todesanzeige Johann Kohler Abb. 18: Todesanzeige Anna Kohler Anna und Johann Kohler - ein gemeinsames Leben in Bildern 295 <?page no="297"?> 1 Hans K O H L E R , Zeitenwende. Gebhard Schwärzler - Ein Unternehmer des 19. Jahrhunderts (Institut für Sozialwissenschaftliche Regionalforschung 15). Regensburg 2017, S.-54, 41. Von Beruf Kaufmann Das Geschäft und die Vermögensverhältnisse des Politikers und sozialen Aufsteigers Johann Kohler Ingrid Böhler Der Landschullehrer Johann Kohler aus Egg im Bregenzerwald heiratete Ende Juli 1869 Anna Schwärzler, die Tochter Gebhard Schwärzlers und dessen bereits 1867 verstorbener Frau Anna Pircher. Nicht nur in privater Hinsicht begann damit ein neues Leben. Es war die zweite Ehe des 30-jährigen Witwers und Vaters eines kleinen Sohnes, der nach dem amtierenden Papst auf den Namen Pius getauft worden war. Er heiratete in vermö‐ gende Verhältnisse ein. Sein dynamischer Schwiegervater zählte zur Aufbaugeneration der Vorarlberger Textilfabrikanten. Schwärzler besaß in Schwarzach, das im Rheintal an einem der Eingänge in den Bregenzerwald liegt, eine mechanische Weberei. 1883, zum Zeitpunkt des Verkaufs an das Unternehmen F.M. Hämmerle, waren dort ca. 85 Personen, branchenüblich vor allem Frauen, beschäftigt. Die Firma Jos. Schwärzler (nach dem Vater Gebhard Schwärzlers) betrieb außerdem eine Tuchhandlung im Ort. 1 Der Familie der verstorbenen Schwiegermutter gehörte eine große Eisenhandlung in Bregenz. Kohler selbst stammte aus geordneten, aber bescheidenen Verhältnissen. Was unternahm er, ambitioniert und ehrgeizig, wie er war, um sich in diese Umgebung nicht nur einzufügen, sondern sich in ihr durchzusetzen? Welche Möglichkeiten boten sich ihm, um voranzu‐ kommen? Hatte er Erfolg? Wie sehr war er dabei von Anna und ihrer Familie abhängig? Wie gut vertrug sich Kohlers ausufernde politische Tätigkeit mit der Anforderung, einen Beruf auszuüben und eine Familie zu erhalten? Einerseits berührt die Frage, womit jemand sein Geld verdient, einen Punkt, der für jeden Lebenslauf Bedeutung besitzt; andererseits geht es im Folgenden um exemplarische Einblicke in den sozio-ökonomischen Hintergrund konservativ-christlichsozialer Politiker bzw. Parlamentarier. Darf doch vermutet werden, dass zwischen der eigenen Situation dieser politischen Elite, die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Habsburgerreich entstand, und ihrem öffentlichen Handeln Wechselwirkungen bestanden. <?page no="298"?> 2 Ebenda. Zur Hauschronik, die einen Rückblick auf Kohlers Leben vor der zweiten Ehe enthält, siehe auch die Überlegungen von Margret Friedrich in ihrem Beitrag in diesem Band. 3 Kohler verließ Egg als engagierter Funktionär der Kasino-Bewegung. Dort war er 1867 auch als Gemeindemandatar gewählt worden. Als solcher hatte er das Amt eines von insgesamt zwei Gemeinderäten innegehabt, die dem Gemeindevorsteher zur Seite standen und gemeinsam die „Gemeinderegierung“ bildeten. Siehe hierzu den Beitrag von Markus Wurzer in diesem Band; Gemeindevorsteher Hammerer (Egg), an BH Bregenz, 22.7.1869. Vorarlberger Landesarchiv (fortan: VLA), BH Bregenz 1869-1885, L 123/ 1869. 4 Siehe den Beitrag von Hans Kohler in diesem Band. 5 Privatarchiv Hans Kohler, Kohlersche Hauschronik (fortan: Hauschronik), Anmerkungen. 6 Zit. n. Josef W A L S E R , Johann Kohler. Ein Führer des katholischen Volkes von Vorarlberg. Wien/ Innsbruck/ München 1918, S.-81. 7 Hauschronik, 1869. I. Vom Lehrer zum Kaufmann: die Gemischtwarenhandlung in Schwarzach Anlässlich der Gründung seines neuen Haushalts begann Kohler eine Hauschronik zu führen - solche schön aufgemachten Alben waren ein beliebtes Hochzeitsgeschenk und im Bürgertum verbreitet. Dass Kohler nun anfing, die leeren Seiten über viele Jahre hinweg mit kurzen Notizen zum Geschehen in Haus und Familie sowie gelegentlich zu anderen, ihm wichtigen Ereignissen zu befüllen, mag als Indiz für den erfolgten Klassen- oder Milieuwechsel Kohlers gelten. Dafür hatte er zunächst dem Bregenzerwald den Rücken kehren und mit Pius nach Schwarzach ziehen müssen; „der schmerzlichste Schritt“ in seinem bisherigen Leben, notierte er dazu. 2 Für den vielversprechenden Nachwuchspolitiker 3 war die Heirat nach 13 Jahren im Schuldienst aber auch mit einem Berufswechsel verbunden. Als mager besoldeter Lehrer war Kohler auf einen Nebenverdienst angewiesen gewesen; diesen hatte er in den schulfreien Sommermonaten als Kirchenmaler in Tirol gefunden. 4 Nachdem er Ende Mai 1866 Maria Theresia Ritter geheiratet hatte, blieb der frischgebackene Ehemann in Egg und erledigte „nebenbei und im Sommer […] Arbeiten der Gemeinde‐ vorstehung“. Eine Dauerlösung zur Existenzabsicherung war dies jedoch nicht und so dachte Kohler bereits damals an die Eröffnung eines Geschäfts, wenngleich es dafür nicht nur an Erfahrung, sondern offenbar auch noch an der zündenden Idee gefehlt hatte. 5 In Schwarzach, mit der Unterstützung der Familien Schwärzler und Pircher, fiel die berufliche Neuorientierung viel leichter. Dass schon vor der Hochzeit feststand, dass aus dem Lehrer ein Kaufmann werden sollte, belegt ein Brief des Bräutigams an seine Braut, aus dem Kohlers Biograf Josef Walser zitiert: „Eines macht mir oft etwas Sorge; mit einem Male in ein mir ganz fremdes Geschäft geworfen, werde ich mich in gehöriger Weise zurecht finden können? […] Doch ich tröste mich dann wieder ganz gut - ich habe ja dich auch zum Lehrmeister und wo Liebe lehrt, wird Liebe auch lernen.“ 6 Für kurze Zeit kam der „Lehrling“ Kohler im Unternehmen seines Schwiegervaters unter. Anzunehmen ist, dass er weniger in der Fabrik, sondern in erster Linie im firmeneigenen Warenhaus, das als Detailverkauf diente, aber auch andere Artikel anbot, eingesetzt wurde. Bereits die Hochzeitsreise mit den Stationen München, Salzburg, Linz, Wien, Graz, Brixen und Innsbruck war mit der „alljährlichen Geschäftsreise“ verknüpft. 7 Wie sich Kohler als 298 Ingrid Böhler <?page no="299"?> 8 W A L S E R , Kohler, S.-81. 9 Kaufvertrag, 8.2.1870. VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1870, fol. 430. 10 Testament Anna Witwe Kohler, geborene Schwärzler (1921/ 26). VLA, Bezirksgericht (fortan: BG) Bregenz, Verlassenschaften, A 258/ 26. 11 Siehe hierzu die Schlussbemerkungen in Margret Friedrichs Beitrag in diesem Band. 12 Ziemlich sicher stand die Aufgabe der Landwirtschaft in Zusammenhang mit der Heirat und dem Umzug des Sohnes Pius, der 1887 in Rotholz einen landwirtschaftlichen Meisterkurs besucht hatte. Hauschronik 1894, 1887. Zum Viehbesitz Johann Kohlers siehe Statistik-Viehzählung 1839-1908. Gemeindearchiv Schwarzach (fortan GASch), HBS 19/ 6, Fasz. Nst46. 13 Hauschronik, 1870. 14 BH Bregenz an Johann Kohler, 16.10.1870. Privatarchiv Hans Kohler. 15 Nr. 109: Kohler Johann, Gemischte Warenhandlung, Ertheilung der Befugnis 16.11.1870. VLA, Handschriften, Steueramt Bregenz, Hs 4, Erwerbsteuer-Kataster Bregenz. 16 Hauschronik, 1870. 17 W A L S E R , Kohler, S.-82. Vertreter der Firma Jos. Schwärzler schlug, wissen wir nicht, aber er hatte Anna, „als älteste Tochter im Geschäfte des Vaters wohlbewandert“, 8 an seiner Seite. Im Februar 1870 begannen dann die Pläne für ein eigenes Geschäft Gestalt anzunehmen. Kohler kaufte im Zentrum des Ortes ein Wohnhaus mit angeschlossenem Wirtschaftsge‐ bäude, Garten und zweimähdiger Wiese. 9 Das ursprünglich bäuerliche Haus wich einem Neubau, im Erdgeschoß entstanden die Geschäftsräume, bestehend aus „drei Magazinen“, 10 in den beiden oberen Stockwerken wohnte die rasch größer werdende Familie. Stadel und Stall blieben erhalten, wurden aber abgetragen und hinter dem Neubau freistehend wieder aufgestellt. Das Haus, das bis heute weitgehend im Originalzustand erhalten ist, war zweckmäßig und solide, luxuriös wirkte es nicht. Allzu sehr hob es sich von der dörflichbäuerlichen Baukultur, von der Schwarzachs Ortsbild zu dieser Zeit geprägt war, nicht ab. Die Tatsache, dass Mensch und Tier nicht mehr gemeinsam unter einem Dach lebten, setzte jedoch ein weiteres Signal der Zugehörigkeit des Erbauers zum Bürgertum. Vieh hielt man in einer „landbürgerlichen Familie“ 11 trotzdem noch ganz selbstverständlich. Erst 1894, also viele Jahre später, sollte „die eigene Oekonomie“ - bestehend aus zwei Kühen und einem Kalb - aufgegeben werden. 12 Ob sich der „Hausvater“ aber je selbst zum Melken in den Stall begeben hat? Gekonnt hätte er es als Bauernsohn bestimmt. Im September, während es auf der Baustelle zu Hause rasch voranging, unternahmen die Eheleute erneut eine Reise nach Wien, dieses Mal zum Einkauf für das eigene Geschäft. 13 Im Oktober stellte die Behörde auf Johann Kohler einen Gewerbeschein „zum Betrieb einer Handlung mit Schnitt- Spezerei-Glas und Eisenwaaren in loco Schwarzach“ aus. 14 Als vorhandenes Betriebskapital hatte Kohler die nicht geringe Summe von 10.000 Gulden angegeben. 15 Ende Oktober wurde das neue Haus bezogen und am 15. November die „Gemischtwarenhandlung“ eröffnet: 16 „Im neuen Geschäfte wurden vorzugsweise Eisen- und Schnittwaren vertrieben. Das Betriebska‐ pital war vorhanden, beim Einkauf wurde auf solide Waren gesehen, die Bedienung war eine freundliche, die Frau war meistens selbst im Laden, später an ihrer Seite auch die Kinder; die Buchführung war eine genaue; als zwei Jahre wurde das Inventar aufgenommen und so das Soll und Haben überprüft. So erfreute sich das Kohlersche Geschäft bald des besten Rufes. 17 Von Beruf Kaufmann 299 <?page no="300"?> 18 Hauschronik 1873. Josef Pircher war Anna Kohlers Onkel. 19 Kurt K L E I N , Daten zur Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung der Vorarlberger Gemeinden seit dem 18. Jahrhundert. In: Montfort 43 (1991) 4, S. 281-302, hier S. 296. Zu Bahnbau und Bahnhof siehe K O H L E R , Zeitenwende, S. 99-113; Notizen über die Entstehung der Eisenbahn durch Vorarlberg im Allgemeinen insbesondere aber über das Zustandekommen eines Bahnhofes in Schwarzach und der zu demselben führenden Zufahrtsstraßen, gesammelt und zusammengestellt von Gebhard S C H W Ä R Z L E R . Bregenz 1890, S. 68, 147; zur Wirtschaftsentwicklung Meinrad P I C H L E R , Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015 (Geschichte Vorarlbergs 3). Innsbruck 2015, S.-29-50. So fasste Josef Walser Kohlers wirtschaftlichen Neuanfang zusammen. Zum Zeitpunkt der Eröffnung lebten in Schwarzach ca. 700 Personen und alles deutete in dieser Phase des von Industrialisierung, technischem Fortschritt und Spekulation getriebenen, internationalen Wachstums auf den anhaltenden Aufschwung der Gemeinde hin. Als Höhe- und zugleich Endpunkt dieser Epoche der Gründerzeit gilt die Weltausstellung 1873 in Wien, die über sieben Millionen Menschen anlockte. Auch Johann Kohler und sein „Vetter“, der Eisenhändler Josef Pircher aus Bregenz, ließen sich dieses Ereignis nicht entgehen. 18 Zwar setzten in Schwarzach die vorhandenen Wasserkräfte dem Bau und Betrieb von Fabriken Grenzen, aber es profitierte trotzdem von seiner Lage in der Region, wo die Vorarlberger Textilindustrie konzentriert war. Die gute Konjunktur wirkte zudem als Impulsgeber für die lokale, exportorientierte Wetzsteinproduktion. Vor allem aber beförderte der Bau der Vorarlberg-Bahn, die das Land zunächst an das deutsche und Schweizer Eisenbahnnetz anschloss, den Zukunftsoptimismus. 1872 dampften die ersten Züge durch Rheintal und Walgau. Mit Hartnäckigkeit gelang es dem damaligen Ortsvor‐ steher Gebhard Schwärzler durchzusetzen, dass sie auch in seiner Gemeinde stehenblieben. Für die Errichtung der privat finanzierten Zufahrtsstraße zum neuen Bahnhof stellte er sogar Grund zur Verfügung, den er eigens dafür erworben hatte. Schwärzler nahm aber nicht nur sehr viel eigenes Geld in die Hand, sondern andere Gemeindebürger ebenfalls in die Pflicht. Unter denjenigen, die sich mit freiwilligen Unterstützungszahlungen beteiligten, stammte mit 350 Gulden der größte Einzelbetrag für das Straßenprojekt von seinem neuen Schwiegersohn. 19 300 Ingrid Böhler <?page no="301"?> 20 Der Faszikel enthält zwei Listen; die erste (ohne Überschrift) umfasst 89 männliche Wahlberechtigte inkl. Berufsangaben, die zweite (Wähler Liste für die Wahl eines Wahlmanns der Gemeinde Schwar‐ zach am 13.3.1873) führt insgesamt 140 Namen inkl. der dazugehörenden Steuerleistung an. Neben den in der ersten Liste bereits genannten Männern umfasst sie auch die ebenfalls wahlberechtigten Beruf Zahl Anmerkung Bauer 49 - Wirt 9 - Fabrikant 4 Gebhard Schwärzler (Steuerleistung: 308,41 ½ fl.) Sohn Carl (Steuerleistung: 20,40 fl.) Sohn Gebhard jun. (Steuerleistung: 35,73 fl.) Sohn Josef (Steuerleistung: 20,40 fl.) Bäcker 3 - Schuster 3 - Krämer 2 Jacob Fröwis (Steuerleistung: 19,10 ½ fl.) Jacob Flatz jun. (Steuerleistung: 14,23 ½ fl.) Schneider 2 - Wetzsteinfabrikant 2 - Gemeindediener 1 - Gerber 1 - Hafner 1 - Kaufmann 1 Johann Kohler (Steuerleistung: 65,70 fl.) Messmer 1 - Metzger 1 - Müller 1 - Pfarrer 1 - Sattler 1 - Schlosser 1 - Schmied 1 - Schreiner 1 - Strumpfer 1 - Stückfergger 1 - Wagner 1 - - 89 - Tabelle 1: Berufe lt. Wählerliste der Gemeinde Schwarzach für die Reichsratswahlen 1873 20 Von Beruf Kaufmann 301 <?page no="302"?> Frauen, Minderjährigen (bis zum Alter von 24 Jahren) und vereinzelte juristische Personen. GASch, W4 Wahlakten der Gemeinde, W4/ 7/ 1 Reichsratswahlen 1873. 21 Josef U L B R I C H , Reichsraths-Wahlordnung. In: Österreichisches Staatswörterbuch. Handbuch des gesammten österreichischen öffentlichen Rechtes, hg. von Ernst M I S C H L E R / Josef U L B R I C H , Bd. 2/ 2. Wien 1897, S. 928-946. Zum Wahlrecht siehe weiter unten bzw. die Beiträge von Severin Holzknecht in diesem Band. 22 Zur Berufsstruktur in Vorarlberger Städten und Dörfern siehe Hubert W E I T E N S F E L D E R , Hebammen, Sticker, Orgelbauer. Berufliche Tätigkeiten in Vorarlberg im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: Vorarlberger Landesmuseumsverein Jahrbuch 2022, S.-63-74. 23 K O H L E R , Zeitenwende, S.-140. 24 Ebenda, S.-133-134; Hauschronik 1884, 1896. 25 Nr. 21309, Ausstellung Gewerbeschein Geschwister Kohler, 10.10.1908. 16.11.1870. VLA, Hand‐ schriften, BH/ LR Bregenz, Hs 3, 1908-19013. Schwarzach war für eine Gemischtwarenhandlung mit einem vielfältigen, kapitalinten‐ siven Lager, das darauf reagierte, dass in Städten und industrialisierten Regionen selbst bei den weniger wohlhabenden Schichten die Nachfrage nach Gebrauchs- und Verbrauchsgü‐ tern zunahm, aber noch aus einem anderen Grund ein guter Standort - es gab wenig Konkurrenz. Dies geht aus den Wahlunterlagen für die Reichsratswahlen 1873 hervor. Eine Liste mit den 89 männlichen Wahlberechtigten 21 in der Gemeinde enthält auch Be‐ rufsangaben. Sie bestätigen die Dominanz der Landwirtschaft zumindest im Haupterwerb, legen aber genauso Zeugnis davon ab, wie sehr Handwerk und Handel noch an den Bedürfnissen einer bäuerlichen Lebensweise ausgerichtet waren. 22 Neben dem Kaufmann Johann Kohler sind nur noch die beiden Krämer Flatz und Fröwis angeführt, bei denen es sich in Anbetracht der Steuerleistung wohl um kleinere Händler mit Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs handelte. Darauf, dass sich das Kaufhaus Kohler und die Tuchhandlung, die Gebhard Schwärzler ergänzend zu seiner Weberei führte, nicht gegenseitig die Kundschaft streitig machten, wurde sicherlich ebenso geachtet. Kohler selbst äußerte sich in der Hauschronik kaum über Geschäftliches. Inventuren finden Erwähnung oder die allmähliche Erweiterung des Sortiments durch neue Eisenar‐ tikel. Als mithelfendes Familienmitglied benennt Kohler einzig seinen Sohn Stefan, trotz der zentralen Rolle, die Anna Kohler offenkundig im Geschäft innehatte. Gleiches trifft auf die ledig bleibende Tochter Franziska zu, die laut Familienüberlieferung „zeitlebens in der Handlung beschäftigt“ war. 23 Der 1870 geborene Stefan beendete 1884 nach drei Klassen den Besuch des Jesuiten-Gymnasiums Stella Matutina in Feldkirch, „blieb dann zu Hause und wurde im Geschäft verwendet“, bis er 1896, dem Jahr seiner Heirat, zur Jos. Pircher’schen Eisenhandlung wechselte, die sich seit 1886 im Besitz von Anna Kohler und ihren Geschwistern Carl und Franziska befand. Stefan machte in Bregenz Karriere, wurde Firmenleiter und Stadtrat. 24 Es waren dann auch die jüngeren Geschwister, die das väterliche Geschäft übernahmen: 1908 trat der bald 70-jährige Kohler die Hälfte seines Handelsgeschäfts an die Söhne Ignaz (1883 als 11. und vorletztes Kind der Eheleute Kohler geboren) und Vinzenz (geb. 1881) sowie an die Tochter Franziska (sie war 1882 zur Welt gekommen) ab. 25 Auch die Laufbahn der jüngeren Söhne spricht für in der Praxis fließende Übergänge zwischen dem viel größeren mütterlichen Betrieb in Bregenz und der väterlichen Handlung in Schwarzach. Ignaz, der zwei Jahre in der Realschule des Klosters Mehrerau zubrachte, begann 1900 für 302 Ingrid Böhler <?page no="303"?> 26 Hauschronik passim; K O H L E R , Zeitenwende, 140, 142. 27 Vermögensstand der Firma Johann Kohler Handlung in Schwarzach mit Stand 1.10.1908 (gez. Johann Kohler, dat. 19.11.1910). Privatarchiv Hans Kohler. 28 Der Verkauf von Zucker bedurfte behördlicher Genehmigung. Kk. Finanz-Bezirks-Direction Feld‐ kirch, Gefällsamtliche Bestätigung, 31.10.1890; Bestätigung K. k. Finanzwache-Kontrolls-Bezirkslei‐ tung, 7.11.1908. Ebenda. die Firma Pircher zu arbeiten, lebte aber wie sein Bruder Vinzenz weiterhin in Schwarzach. Vinzenz, der in der Mehrerau, im Cassianeum in Donauwörth und zum Erlernen des Italienischen in Turin seine Ausbildung erhalten hatte, folgte ihm ab 1910 für einige Zeit dorthin, doch „blieb er nebenbei im Elternhause“, womit wohl die Fortsetzung seiner Tätigkeit im Geschäft gemeint war, das er bis zu seinem frühen Tod 1937 dann leiten sollte. 26 Die 1908 vorgenommene Änderung in der Rechtsform der Gemischtwarenhandlung durch die Hereinnahme der drei Kinder - sie wandelte sich zur Offenen Handelsgesellschaft - machte es erforderlich, für die behördliche Registrierung den Vermögensstand der Firma bekanntzugeben. Die dafür angefertigte Aufstellung des Warenlagers, das zum 1. Oktober 1908 einen Wert von 35.760,14 Kronen aufwies, hat sich erhalten: 27 „An Aktiven (in Kronen): I. Wollwaaren 11.706,49 II. Baumwollwaaren 6.237,21 III. Wirkwaaren 1.529,03 IV Leinenwaaren 3.324,93 V. Seidenwaaren 411,01 VI Bettfedern 923,14 VII. Posamentierwaaren 2.231,31 VIII. Spezereiwaaren 706,13 IX. Kohlen 762,75 X. Hauseinrichtung 2.702,36 XI. Baubeschläge 2.290,46 XII. Werkzeuge 1.355,36 XIII. Landwirthschaft 1.032,21 XIV. Diverse Waaren 547,75 Summe - 35.760,14 […] - - Gesamtwert der Aktiven 38.913,21“ Die Liste wirft ein bezeichnendes Licht auf das Konsumverhalten eines lokalen Kunden‐ kreises, der sich Anspruchsvolles nur in Ausnahmefällen leistete. Im Kaufhaus Kohler gab es in erster Linie Nützliches für Haushalt und Hof zu erwerben. Das Angebot war breit, besonders gut verkauften sich offenbar Textilwaren aller Art. Wie es Josef Walser beschrieben hat, stellten Gegenstände aus Metall das zweite zentrale Standbein dar; hinter der Position X („Hauseinrichtung“) verbargen sich jedenfalls auch Töpfe, Schüsseln, Pfannen und andere Küchengerätschaften. Lebensmittel („Spezereien“) scheinen dagegen für den Umsatz weniger wichtig gewesen zu sein. Dass in diesem Produktsegment außer Zucker 28 jedenfalls Kaffee geführt wurde, geht aus Briefen hervor, die Töchter und Von Beruf Kaufmann 303 <?page no="304"?> 29 Siehe hierzu Kapitel II.4 im Beitrag von Margret Friedrich in diesem Band. 30 Gustav F R E I B E R G E R , Handbuch der österreichischen directen Steuern in systematischer Darstellung. Wien 1887; [ Josef] D R A C H O V S K Ý , Personalsteuern, direkte. In: Österreichisches Staatswörterbuch. Handbuch des gesamten österreichischen öffentlichen Rechtes, hg. von Ernst M I S C H L E R / Josef U L B ‐ R I C H , Bd.-3. Wien 1907, S.-800-893. 31 Die ausgewerteten Wählerlisten finden sich in GASch, W1, Gemeindewahlen 1894, 1891, 1888, Reichsratswahlen 1885; W2, Gemeindewahlen 1909, 1903, 1900, 1897; W4, Reichsratswahlen 1873. Zur Einschätzung des Werts (im Sinne von Kaufkraft) der von Kohler entrichteten Steuersummen: Historischer Währungsrechner der Oesterreichischen Nationalbank, https: / / finanzbildung.oenb.at/ docroot/ waehrungsrechner/ #/ (31.8.2024). andere weibliche Verwandte nach Hause schrieben und dabei regelmäßig Artikel aus dem Geschäft bestellten. An Familienmitglieder verschickt wurden außer Kaffeebohnen u. a. Bettfedern, Unterbetten, Kissen, Handtücher, Tisch- und Bettwäsche, Stoffe und Zubehör für Kleidung, Spitzen, Wolltücher, Strumpf- und Strickgarn, Messer, Näh- und Stricknadeln oder Scheren. 29 Wir wissen mangels überlieferter Geschäftsunterlagen weder welche Umsätze noch welche Gewinne die Firma Johann Kohler erzielte. Wir verfügen jedoch über Einblicke in Kohlers Steuerleistung. Dies verdankt sich dem zu Kohlers Lebzeiten gültigen Wahlrecht, das auf zwei Prinzipien aufbaute: Wer keine Steuern zahlte, war von Wahlen ausgeschlossen und unter denen, die dies taten, wogen die Stimmen jener mehr, deren Steuerleistung höher war. Hierzu mussten die Steuerzahlenden (unter ihnen auch Frauen, für die jedoch männliche Vertreter die Stimme abgaben) in drei „Wahlkörper“ eingeteilt werden. Dieser Umstand brachte es mit sich, dass Gemeinden über die von den Wahlberechtigten im jeweiligen Wahljahr entrichteten Steuern genau Buch führten. Wir finden Johann Kohler in den Wahlunterlagen, die im Schwarzacher Gemeindearchiv zu sieben Gemeinde- und zwei Reichsratswahlen vorhanden sind und die Zeitspanne von 1873 bis 1909 abdecken, mit seiner Steuerleistung immer unter den ersten acht. 1885, 1897 und 1903 rangierte er sogar auf dem dritten Platz. Dies lässt Rückschlüsse auf Kohlers relativen Wohlstand - und gewiss auch sein Ansehen - in einer Gemeinde zu, deren Oberschicht keine „Superreichen“ kannte (wie es sie etwa in Dornbirn in Form der Textilfabrikatendynastien gab). Das österreichische System der direkten Besteuerung im ausklingenden 19. Jahrhundert ruhte auf vier Säulen: der Grund-, Gebäude-, Einkommen- und Erwerbsteuer. Kohler hatte in jedem dieser Bereiche etwas zu versteuern. Insbesondere die Erwerbsteuer, die bei der Ausübung eines Gewerbes fällig war, und die Einkommensteuer, die einerseits als eine Art Zuschlag auf die Erwerbsteuer, andererseits auf das vorhandene persönliche Vermögen eingehoben wurde, standen mit seiner Tätigkeit als Kaufmann in Verbindung. Die von ihm bezahlten Summen erlauben dennoch keine direkten Rückschlüsse auf seinen unter‐ nehmerischen Erfolg. Gründe hierfür liefern sehr schematische, aber dennoch komplexe Methoden der Bemessung ebenso wie Änderungen in den gesetzlichen Regelungen. 30 Was die Analyse der Zahlen allerdings doch zeigt, ist der stetige Anstieg von Kohlers Steuerleistungen. Verglichen mit 1873 hatte sich ihr Wert 1903 mehr als verdreifacht. Einzig Steuererhöhungen, die der Staat in diesem Zeitraum erließ, dafür verantwortlich zu machen, erscheint wenig wahrscheinlich. 31 In ungewissem Ausmaß steuerschmälernd dürften sich für Schulden zu zahlende Zinsen ausgewirkt haben. Die oben genannte Vermögensaufstellung der Firma Kohler zum 1. Ok‐ 304 Ingrid Böhler <?page no="305"?> 32 Vermögensstand der Firma Johann Kohler Handlung in Schwarzach mit Stand 1.10.1908 (gez. Johann Kohler, dat. 19.11.1910). Privatarchiv Hans Kohler. 33 Hauschronik 1888; K O H L E R , Zeitenwende, S.-23, 118. 160. 34 Hauschronik 1896, 1901. Marie Hubers Vater war der Krämer Joseph Anton Huber, ihr Taufpate Gebhard Schwärzler gewesen. Matricula online, Vorarlberg: Matriken (Land Vorarlberg), Pfarre Schwarzach, Taufbuch mit Index 1736-1887, fol. 124, URL: https: / / data.matricula-online.eu/ de/ oes terreich/ vorarlberg/ schwarzach/ (31.8.2024). Zu Marie Huber siehe auch den Beitrag von Margret Friedrich in diesem Band. tober 1908 32 gibt nicht nur über den Wert des Warenlagers Auskunft, sie beziffert genauso die vorhandenen Passiva, die sich mit 32.000 Gulden zu Buche schlugen. „Am 1. Okt. 1908 vorhandene Passiven (in Kronen): 1. Hauptbuch fol 358 Anna M. Gmeinder 2400 2. “ “ 359 Kreszenz Schiffer 2600 3. “ “ 360 Rosalia Köb 2700 4. “ “ 361 Maria Huber 7000 5. “ “ 362 Gebhard Köb 4500 6. “ “ 363 Peter Bechter 1200 7. “ “ 364 Agata Köb 4700 8. “ “ 365 Jos. Schwärzler Erb. 6000 9. “ “ 366 Raiffeisenkasse 900 - - - Summe 32000 und ergibt sich somit ein Aktivum des am 1. Okt. 1908 übernommenen Geschäftes mit K 6913“ Eine Interpretation dieser Liste an Verbindlichkeiten ist nur begrenzt möglich. Ein Teil verdankte sich bestimmt noch nicht bezahlter Ware und war vermutlich eher kurzfristiger Natur. Mehrere Forderungen blieb Kohler aber über lange Zeiträume schuldig. So ist davon auszugehen, dass es sich bei der Position 8 um eine Schuld oder Teilschuld handelte, die von der 1888 erfolgten Übernahme des Warenlagers seines 1886 jung verstorbenen Schwagers Josef Schwärzler herrührte, der den weiter oben bereits erwähnten, nach seinem Tod aufgelassenen Schwärzler’schen Stoffladen in Schwarzach geführt hatte. 33 Auch zu Maria (Marie) Huber bestand ein Naheverhältnis. Die in der Hauschronik als „Base“ und „treue Seele“ bezeichnete Marie arbeitete seit 1871 für die Kohler-Familie, die der 16-jährigen Waise zum neuen Zuhause für ein ganzes Leben wurde, denn sie heiratete nie. 34 War Marie Hubers Geld, das sie möglicherweise geerbt hatte, in das Kaufhaus Kohler investiert bzw. dort angelegt worden? Nachvollziehen lässt sich lediglich, dass es dort blieb, denn noch in Kohlers Verlassenschaft aus dem Jahr 1917 wird unter den „Nicht verbücherten Schulden“ Marie Huber mit 6.225,72 Kronen geführt. Genauso scheinen dort auch noch Creszentia Schiffer (Elbigenalp) mit 2.031,39, Marianne Gemeiner (Dornbirn) mit 2.508,- und Gebhard Köb (Klösterle) mit einer nun gegenüber 1908 deutlich höheren Summe von 8.273,11 Kronen auf. 1908 stand Kohler neben Gebhard Köb noch bei dessen beiden Schwestern Rosalia und Agata in der Kreide. Die drei stammten aus Schwarzach, Gebhard wurde Priester, Agata und Rosalia Pfarrersköchinnen. Agata sorgte dreißig Jahre für ihren Bruder, Rosalia lebte in Schwarzachs Nachbargemeinde, dem Wallfahrtsort Bildstein. Sie verstarb 1913, also vor Von Beruf Kaufmann 305 <?page no="306"?> 35 Eidesstättiges Vermögens-Bekenntnis der erblasserischen Kinder nach dem verstorbenen Johann Kohler, Kaufmann in Schwarzach, 30.6.1917. VLA, BG Bregenz, Verlassenschaften, A 640/ 16; Matricula online, Vorarlberg: Matriken (Land Vorarlberg), Pfarre Schwarzach, Taufbuch mit Index 1736-1887, fol. 118, 120, URL: https: / / data.matricula-online.eu/ de/ oesterreich/ vorarlberg/ schwar zach/ (31.8.2024). Kohler, was vermuten lässt, dass ihre Forderungen an Kohler auf den Bruder übergegangen waren. 35 Wie weiter unten im Zusammenhang mit Kohlers Realitäten-Besitz noch viel klarer zu Tage treten wird, beruhte Kohlers ökonomische Existenz in beträchtlichem Umfang auf Fremdfinanzierung. Dafür belastete er die Liegenschaften, die er erwarb. Offenbar benützte er aber auch den Wert, den sein Geschäft zweifellos darstellte, um an zusätzliche Mittel zu gelangen. Es ist weiters davon auszugehen, dass Kohler die in den Geschäftsbüchern ausgewiesenen Kreditgeber mit Kalkül auswählte. Wenn sie der Familie nahestanden, man sich aus der Gemeinde kannte, es sich um Priester und ledige Frauen im Dienst der Kirche handelte, was zusätzlich für weltanschauliche Übereinstimmung bürgte, war das Risiko, dass sie ihr Geld kurzfristig aus dem Geschäft abzogen und es dadurch in Gefahr brachten oder ihre Kredite als Druckmittel für sonstige Interessen einsetzten, relativ gering. Auch in diesem Punkt werden sich die Beobachtungen in Kapitel III noch stärker verdichten. II. Ein Leben für die Politik - nicht von der Politik? Johann Kohlers öffentliches Wirken erfolgte in einer Vielzahl von Ämtern und Funktionen, die im Laufe seiner Jahre in der Politik immer mehr wurden. Als Parlamentarier verbrachte er 35 Jahre im Vorarlberger Landtag (1870-1890, 1896-1909) und sechs Jahre im Abgeord‐ netenhaus des Reichsrates (1891-1897). Zwischen 1884 und 1890 bzw. 1897 und 1905 war Kohler Mitglied des Landesausschusses, der eine Frühform der Landesregierung darstellte, davor (1870-1884) hatte er diesem als Ersatzmitglied angehört. Seine Amtszeit als Gemeindevorsteher von Schwarzach umfasste ebenfalls mehr als zwei Jahrzehnte (1888- 1910). Zu verweisen ist außerdem auf das Engagement in der eigenen Partei und in einer Reihe weiterer Vereine und Initiativen, die zum Erfolg des konservativ-christlichsozialen Lagers einen essentiellen Beitrag leisteten. All die Hingabe und Zeit, die Kohler der Politik widmete, musste ihm zwangsläufig in seinem Brotberuf fehlen. Das Geschäft, das unter seinem Namen lief, hielten andere am Laufen. Anhand der Unterlagen, die zur Verfügung stehen, lässt sich nicht sagen, ob es in ökonomischer Hinsicht klüger gewesen wäre, sich mehr der dörflichen Gemischtwarenhandlung und weniger den öffentlichen Belangen zu widmen. Fest steht lediglich, dass Kohler zumindest einen Teil seiner politischen Tätigkeiten nicht allein für „Gottes Lohn“, an dem ihm aber ungeheuer viel gelegen war, ausübte. Kohlers Einstieg in die Politik erfolgte zu einer Zeit, als das Berufsbild des Politikers als Volksvertreter erst in Ansätzen existierte. Diese Entwicklung war eng verknüpft mit der Verfassungsreform von 1861, deren Ergebnis das so genannte „Februar-Patent“ bildete und die den Parlamentarismus in Form der beiden Häuser des Reichsrats und der Landtage im Habsburgerreich erst begründete. Um den Eindruck zu vermeiden, dass ein Mitwirken in diesen Parlamenten allzu sehr von individuellen materiellen Spielräumen abhängig 306 Ingrid Böhler <?page no="307"?> 36 Josef U L B R I C H , Reichsrath. In: Österreichisches Staatswörterbuch. Handbuch des gesammten österrei‐ chischen öffentlichen Rechtes, hg. von Ernst M I S C H L E R / Josef U L B R I C H , Bd. 2/ 2. Wien 1897, S. 916-928, hier S. 927-928; Heinrich N E I S S E R / Harald W Ö G E R B A U E R , Die Diskussion um Politikergehälter und Politikerprivilegien im Lichte von Geschichte und Gegenwart. In: Österreichisches Jahrbuch für Politik 1990, S.-325-348. 37 Protokolle der 10. bzw. 7. Sitzung des I. Vorarlberger Landtages 1861, 18.4.1861 bzw. 15.4.1861. 38 Protokoll der 4. Sitzung des VII. Vorarlberger Landtages 1892, 5.3.1892. 39 Solche Angaben können dem Landtagsinformationssystem - Land Vorarlberg (LIS-V), Recherche in den parlamentarischen Materialien, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ lis (31.8.2024), ent‐ nommen werden. Zur Geschäftsordnung des Landtags siehe Protokoll der 2. Sitzung des I. Vorarl‐ berger Landtages 1863, 9.1.1863; Geschäfts-Ordnung für den Landtag in Vorarlberg (Druckfassung), endgültig angenommen in 3. Lesung, 31.1.1863. VLA, Vorarlberger Landesausschuss 2/ 1864 (siehe diesen Akt auch zu Änderungen). war, wurden daher Entschädigungen in Form von Taggeldern („Diäten“) und Reisespesen festgelegt. Der Zwiespalt, Politik eher als Ehrenamt aufzufassen, das finanziell abgesicherte Männer ausüben sollten, oder mehr als professionelle Tätigkeit, die wie jede andere eine Entlohnung verdiente, bestand dabei von Anfang an, genauso wie der Generalverdacht, dass nicht nur Monarchen, sondern auch gewählte Politiker privilegiert waren und es sich auf Kosten der Steuern Zahlenden gut gehen ließen. 36 Weil man von fixen Politikergehältern noch weit entfernt war, lassen sich Kohlers Einkünfte, die ihm aus seinem öffentlichen Engagement blieben, nur bedingt rekonstru‐ ieren bzw. nur punktuell beziffern. Die Quellenüberlieferung ist jedoch gut genug, um schlussfolgern zu können, dass sie aus ihm wohl einen angesehenen, aber keinen reichen Mann machten. Am längsten aktiv war Kohler als Landtagsabgeordneter - eine Funktion, für die nicht viel und vor allem nicht regelmäßig Geld floss. Der Vorarlberger Landtag, der sowohl für die Besoldungen der Abgeordneten als auch der Mitglieder des Landesaus‐ schusses zuständig war, hatte 1861 für erstere ein Taggeld in der Höhe von vier, für zweitere in der Höhe von fünf Gulden festgelegt. 37 Ab 1892 erhielten beide Gruppen fünf Gulden. Als Begründung für die Aufstockung wurden die Auslagen der Abgeordneten ins Treffen geführt, die aus weiter entfernten Ortschaften ohne Bahnanschluss stammten. Diese mussten in Bregenz Quartier nehmen, um an den Sitzungen teilnehmen zu können - Kohler konnte, so er wollte, in seinem eigenen Bett in Schwarzach oder bei der Bregenzer Verwandtschaft übernachten, kam aber genauso in den Genuss der Erhöhung. 38 Der Fünf- Guldenbzw. ab 1890 Zehn-Kronen-Satz (aufgrund der Währungsumstellung mit einem Wechselkurs von 1: 2) sollte über sein Ausscheiden aus der Politik hinaus Gültigkeit behalten. Seine Arbeit erledigte der Landtag in Sessionen, d. h. in Zusammenkünften, die in der Regel einmal jährlich in Bregenz stattfanden. Sie gliederten sich in Sitzungen des Plenums bzw. der so genannten Landtagsausschüsse, die während der Dauer des Landtags eingesetzt waren, um bestimmte Gegenstände für die beschlussfassenden Landtagssitzungen vorzu‐ bereiten. Für mindestens zwei Landtagsausschüsse parallel eingeteilt zu werden, konnten die Mandatare nicht ablehnen. Termine und Dauer der Sessionen variierten nach Umfang der Aufgaben. 39 Im Jahr 1900 begann die Session beispielsweise am 26. März und endete am 28. April, das waren insgesamt 34 Tage, für welche die Abgeordneten - so sie sich nicht hatten Von Beruf Kaufmann 307 <?page no="308"?> 40 Abrechnung der Tagdiäten und Reisegebühren der Landtagsabgeordneten der IV. Session der VIII. Periode 1900 (Aufstellung). VLA, Vorarlberger Landesausschuss 1202/ 1900. 41 Oesterreichische Nationalbank, Historischer Währungsrechner, URL: https: / / finanzbildung.oenb.at / docroot/ waehrungsrechner/ #/ (31.8.2024). 42 Instruction für den Landes-Ausschuss in Vorarlberg, 1. Landtag (4.6.1861-29.12.1866), eingelangt in der Landtagsdirektion 31.3.1864, Beilagennummer 015/ 1864, LIS-V, Recherche in den parlamentari‐ schen Materialien, URL: https: / / vorarlberg.at/ web/ landtag/ lis (31.8.2024). 43 VLA, Einlaufs Protokoll des Vorarlb. Landesausschusses 1888, GZ 640, 641, 905, 2170, 2999; 1889, 573, 592, 2099, 3111. 44 Ulrich N A C H B A U R , Die Hypothekenbank des Landes Vorarlberg 1897 bis 1925. In: Montfort 60 (2008) 1/ 2, S.-52-81, S.-56. beurlauben lassen - Diäten in Anspruch nehmen konnten. Kohler hatte offenbar nur einen Tag gefehlt und rechnete 33 Tage zu je zehn Kronen ab. Er erhielt 330 Kronen plus 1,52 Kronen „Reisegebühren“. 40 330 Kronen im Jahr 1990 hätten 2023 einer Kaufkraft von 2.829 Euro bzw. der dieser Berechnung zugrunde liegende Zehn-Kronen-Tagsatz einer Kaufkraft von 86-Euro entsprochen. 41 Zu bedenken ist, dass Kohler 1900 ebenso als Mitglied des Landesausschusses fungierte. Als das „verwaltende und ausführende Organ der Landesvertretung“ kam dieses Gremium auch außerhalb der Sessionen zusammen, 42 wofür ebenfalls Taggelder plus Reisespesen anfielen. Gleiches galt für Tätigkeiten so genannter Sub-Komitees oder anderer Kommis‐ sionen, in welche der Landesausschuss seine Mitglieder entsandte. Mitglied des Landesausschusses war Kohler bereits von 1884 bis 1890 gewesen. In den exemplarisch ausgewählten Jahren 1888 und 1889, die zugleich den unterschiedlichen Zeitaufwand dokumentieren, den die Landesausschuss-Mitglieder erbrachten, zahlte die Kanzlei des Landesausschusses an Kohler 285 (Kaufkraft 2023: 4.863 Euro) bzw. 173 Gulden (Kaufkraft 2023: 2.905 Euro) aus. 43 01.03.1888 Landesausschuss-Subkomitee (1887) 37 Fl 40 Kr 01.03.1888 Delegierter Hypothekenerneuerung 109 Fl 86 Kr 24.03.1888 Landesausschuss (1887) 80 Fl 57 Kr 19.08.1888 Landesausschuss 41 Fl 30 Kr 26.11.1888 Landesausschuss-Subkomitee 16 Fl 20 Kr - - 285 Fl 33 Kr 20.02.1889 Landesausschuss (1888) 44 Fl 50 Kr 21.03.1889 Identifizierungskommission [= Hypothekenerneuerung] (Schlussabrechnung für 1888) 32 Fl - 29.07.1889 Landesausschuss 69 Fl 85 Kr 26.11.1889 Landesausschuss-Subkomitee 27 Fl - - - 173 Fl 35 Kr Im arbeitsreichen Jahr 1888 wurden landesweit alle Hypotheken, mit welchen Liegen‐ schaften belastet waren, neu erhoben - eine Maßnahme, die zur Vorgeschichte der Einfüh‐ rung des Grundbuchs zählt. 44 Wie Kohler in der Hauschronik notierte, waren das ganze Jahr über „die Kräfte und Sorgen in Anspruch genommen durch die Hypothekenerneuerung als Obmann der Identifizierungs-Commission in Schwarzach und als Delegierter des 308 Ingrid Böhler <?page no="309"?> 45 Hauschronik 1888. 46 Gemeinde-Rechnung für das Jahr 1888, 30.3.1889. GASch, HBS 3 Gemeinderechnungen, 3/ 2 Gemein‐ derechnungen 1866-1888. 47 Rechnung über die Schulanstalten der Gemeinde Schwarzach, und den hiefür bestehenden Schulfond, als Theilrechnung zur Gemeinderechnung 1888, 28.2.1889. Ebenda. 48 Siehe hierzu den Beitrag von Severin Holzknecht über den Ortsvorsteher Kohler in diesem Band. 49 Hauschronik 1890. 50 Ebenda, 1891, 1892. 51 Gesetz in Betreff der Taggelder und Reisegebühren für die Mitglieder des Abgeordnetenhauses des Reichsrathes, RGBl. XXXI. Stück/ 1861. 52 „Einige Notizen aus meinem Leben.“ Die Memoiren des Vorarlberger Landtags- und Reichsrats‐ abgeordneten Martin Thurnher (1844-1922), hg. von Karin S C H N E I D E R (Quellen zur Geschichte Vorarlbergs 7). Regensburg 2005, S.-88. Landesausschusses für den Bezirk Bregenz, dessen 18 Gemeinden in diesem Jahr wiederholt bereist werden mußten.“ 45 Dem nicht genug, löste Kohler 1888 auch noch seinen Schwiegervater als Gemeindevor‐ steher von Schwarzach ab. Dafür ließ ihm die Gemeinde ein Jahresgehalt von 40 Gulden (Kaufkraft 2023: ca. 683 Euro) zukommen (die gleiche Summe erhielt auch der Gemeinde‐ diener, die Hebamme bekam 45, der Waldaufseher 25 Gulden). 46 Dagegen entlohnte die Gemeinde ihre beiden Lehrer, die ebenfalls weit von einem Spitzenverdienst entfernt waren, 1888 mit insgesamt 804 Gulden (540 für den Ober-, 264 für den Unterlehrer). 47 Die Aufgaben eines Ortsvorstehers einer Landgemeinde waren in der damaligen Zeit überschaubar, zu tun gab es dennoch genug. 48 1890 schied Kohler nach parteiinternen Turbulenzen für einige Jahre aus dem Vorarlberger Landtag aus. „Also mehr Ruhe“ hielt der kurzzeitig nur noch lokalpolitisch Wirkende dazu in der Hauschronik fest. 49 Mag sein, dass Kohler sich diese tatsächlich wünschte, vielleicht war dem Kommentar aber auch eine Prise Trotz beigemischt. Mit der Ruhe war es ohnedies nicht weit her, u. a. weil bereits im März 1891 Kohlers Wahl in den Reichsrat erfolgte, welchem er bis 1897 angehören sollte. Sie bedeutete auch, dass er nun jährlich mehrere Wochen am Stück von zu Hause abwesend war: Am 8. April 1891 begab er sich nach Wien zur Angelobung, die eigentliche Session dauerte dann bis zum 17. Juli. Im darauffolgenden Jahr begann der Reichsrat am 5. November, die Heimreise fand am 20. Dezember statt. Laut diesen Angaben aus der Hauschronik hatte er somit 1891 101 bzw. 1892 46 Tage in Wien verbracht. 50 Als Reichsratsabgeordneter konnte Kohler ebenfalls Reisegebühren und Diäten in Rechnung stellen, wobei in Wien die Tagsätze nun angenehmerweise doppelt so hoch waren. 51 Parteikollege Martin Thurnher aus Dornbirn, der mit Kohler 1891 in den Reichsrat einzog und anders als Kohler bis zu seiner Auflösung 1918 darin verblieb, berichtet in seinen Memoiren offen von den materiellen Vorzügen dieser Tätigkeit: „Abgesehen von dem letzten Abschnitt meiner reichsratlichen Thätigkeit war es in Wien […] billig, und ich konnte von den 10 fl. beziehungsweise 20 K. nicht unbedeutende Ersparnisse machen, so daß ich auch in materieller Beziehung mit der Reichsratszeit zufrieden sein kann.“ 52 Thurnher und Kohler miteinander zu vergleichen, ist sowohl grundsätzlich als auch in finanziellen Belangen lohnend. Wie Kohler war Thurnher eine der zentralen Persönlich‐ keiten der konservativen bzw. christlichsozialen Bewegung in Vorarlberg. Ihre politischen Von Beruf Kaufmann 309 <?page no="310"?> 53 Ebenda, S.-87. 54 Tatsächlich beschloss der Landtag erst 1913 eine „jährliche Funktionsgebühr für den Landeshaupt‐ mann“ in der Höhe von 10.000 Kronen. Protokoll der 15. Sitzung des X. Vorarlberger Landtages 1913, 5.4.1913. 55 Protokoll der 4. Sitzung des VII. Vorarlberger Landtages 1892, 5.3.1892. 56 Gerhard W A N N E R , Lehrerbildung in Vorarlberg. Fundamente, Fakten und Episoden 1777-1967. Feldkirch 2008 (zugleich Vierteljahresschrift der Rheticus-Gesellschaft 30 (2008) 2), S.-39-40. 57 Oesterreichische Nationalbank, Historischer Währungsrechner, URL: https: / / finanzbildung.oenb.at / docroot/ waehrungsrechner/ #/ (31.8.2024). Biografien sind nicht nur eng miteinander verschränkt, sie ähneln sich auch darin, dass beide aus kleinen Verhältnissen stammten und Lehrer wurden. Thurnher blieb allerdings viel länger als Kohler in diesem Beruf aktiv. Um seine Familie versorgen zu können, besserte er sein Lehrergehalt u. a. als Vieh- und Feuerversicherungsvertreter auf. Von 1882 bis 1914 saß er ununterbrochen im Vorarlberger Landtag, zum Mitglied im Landesausschuss avan‐ cierte er 1890 (dies blieb er bis 1914) und auch sofort zum Landeshauptmannstellvertreter. Dass er erst aus dem Schuldienst ausschied, nachdem zu diesen Funktionen das Mandat als Reichsratsabgeordneter dazugekommen war, spricht für sich. In den folgenden Jahren gab er nach und nach auch seine anderen Verdienstquellen außerhalb der Politik, wie etwa die Versicherungsagentur, auf. 53 Es ist nicht zu übersehen, dass Thurnher in politische Positionen strebte, die etwas einbrachten, und es lag ihm daran, diese zu behalten. Er dürfte in einer Zeit, als nicht einmal der Landeshauptmann in den Genuss eines fixen Jahresgehalts kam, 54 zu den wenigen Politikern Vorarlbergs gezählt haben, denen es gelang, schließlich von der Politik zu leben. Ein anderes, hinsichtlich der Einkünfte aus der Politik eine Ausnahme darstellendes Beispiel war der liberale Landtags- und Reichsratsabgeordnete Dr. Johann Georg Waibel, dem Anfang der 1890er-Jahre allein als Dornbirner Bürgermeister ein Jahresgehalt von 1.500 Gulden zustand. 55 Bei Kohler ist davon auszugehen, dass er auch in den Jahren, als sich seine politische Karriere voll entfaltet hatte, von den Diäten, die er aufgrund seiner Funktionen in Anspruch nehmen konnte, den Lebensunterhalt seiner großen Familie und die Ausbildung seiner vielen Kinder keinesfalls hätte finanzieren können. Er war aber auch in andere wirtschaft‐ liche Verhältnisse eingebettet als Martin Thurnher. Schließlich war ihm gelungen, was im Kontext einer Debatte über den schlechten Verdienst der Lehrer, die der zynische Thurnher losgetreten hatte, als Option, anstatt sich zu beklagen, vorgeschlagen wurde: nämlich eine wohlhabende Ehefrau zu finden. 56 Kohler hatte dieses Kunststück sogar zweimal zu Wege gebracht. III. Wie man zu etwas kommt … Johann Kohlers Besitz und Vermögen Als Kohler 1916 starb, galt es die Verlassenschaft zu regeln und hierfür sein Vermögen exakt zu benennen und zu beziffern. Das Erbe traten seine sieben noch lebenden Kinder an, Anna Kohler verzichtete auf ihren Anteil, erhielt aber den Fruchtgenuss am gesamten Nachlass. Kohlers Aktiva wurden mit knapp 70.000 Kronen bewertet (was lt. Historischem Währungsumrechner 2023 einer Kaufkraft von ca. 140.000 Euro entsprochen hätte). 57 Er hinterließ Bargeld, Privatpersonen schuldeten ihm ebenso Geld wie Geschäftskunden; das Warenlager des Geschäfts, das er bereits 1908 zur Hälfte an seine Kinder Vinzenz, Ignaz 310 Ingrid Böhler <?page no="311"?> 58 Eidesstättiges Vermögens-Bekenntnis der erblasserischen Kinder nach dem verstorbenen Johann Kohler, Kaufmann in Schwarzach, 30.6.1917. VLA, BG Bregenz, Verlassenschaften, A 640/ 16. 59 Gewerbeschein-Löschung, Kohler Hans, 22.7.1980. VLA, BH Bregenz, II-1373/ 1980. 60 W A L S E R , Kohler, S.-39. 61 VLA, BG Bezau, Verfachbuch 1862, fol. 731. und Franziska abgetreten hatte, war mit rd. 21.000 Kronen am meisten wert, gefolgt von dem auf 20.000 Kronen geschätzten Wohnhaus der Familie. An Realitäten besaß Kohler darüber hinaus noch einige kleinere landwirtschaftliche Flächen und zwei Waldungen; alle lagen im Gemeindegebiet von Schwarzach. Insgesamt beliefen sich die Aktiva auf 69.573,38 Kronen. Ihnen standen allerdings Passiva im Umfang von 33.661,46 Kronen gegenüber, die den Nachlass auf 35.911,92 Kronen schmälerten. 58 Wirklich überraschend ist das nicht, denn Schulden drückten Kohlers ökonomischem Handeln über Jahrzehnte ihren Stempel auf. Es lässt sich sehr klar belegen, dass Kohler die weiter oben bereits behandelte Geschäftsgründung und die Bildung von Vermögen vorantrieb, indem er sich dafür bei anderen Geld borgte. Da er weder auf ein üppiges Erbe oder Einkommen zurückgreifen konnte, um sich etwas aufzubauen, blieb ihm auch keine andere Möglichkeit. Kohler dürfte über genügend Selbstvertrauen und Tatkraft verfügt haben, so dass er vor Schulden nicht zurückschreckte. Der Erfolg gab ihm auch recht. Dieser manifestierte sich nicht zuletzt darin, dass sein Handelsgeschäft - dann von seinen Nachkommen geführt - über hundert Jahre bestand. 59 Zu betonen ist aber ebenso, dass Kohler die Schulden, die er gemacht hatte, um als Kaufmann und Hausbesitzer in Schwarzach auf eigenen Beinen zu stehen und eine Familie zu versorgen, ein Leben lang nicht mehr loswurde. Sie kosteten ihn auch nicht wenig Zinsen. In wirtschaftliche Schieflage geriet er trotzdem nie. In den Quellen tritt er uns als genauer Rechner entgegen, dem das Risiko der Über‐ schuldung bewusst war. Ob es um die Aufnahme frischen Geldes oder um notwendig werdende Umschuldungen ging - Kohler galt bestimmt als seriöser, sparsamer und somit guter Schuldner. Er tat sich aber nicht allein deswegen leicht, geduldige Kreditgeber zu finden. Dank einer besonderen Quelle, den so genannten Verfachbüchern, den Vorläufern des später bei den Bezirksgerichten angesiedelten Grundbuchs, in denen Verträge über Rechte an Liegenschaften registriert wurden (was Gebühren kostete, die bei „einfachen“, nichtverbücherten Schuldscheinen wegfielen), lässt sich der Nachweis führen, dass Kohlers Weg zum respektablen Kaufmann, der nicht von seinem Schwiegervater und auch nicht vom Geld seiner zweiten Frau abhängig war, viel mit seiner ersten Frau zu tun hatte. Theresia Ritter war die Tochter des Braumeisters Johann Ritter gewesen, der in An‐ delsbuch, Chur und Chiavenna Brauereien betrieben und so ein bedeutendes Vermögen erworben hatte. 60 Dafür, dass Theresia Ritter keine schlechte Partie gewesen war, finden sich im Verfachbuch Hinweise, aus denen zweierlei hervorgeht: Zum einen besaß Theresia Ritter, deren Testament sich nicht erhalten hat, offenbar eigenes Vermögen. Sie - bzw. ihr Vater in ihrem Namen, da sie als Frau einen männlichen Vertreter benötigte - gewährte nämlich 1862 Kaspar Kohler ein Darlehen von 800 Gulden; 61 dieser war wiederum der Vater ihres späteren Ehemanns. Zum anderen lässt sich im Verfachbuch das Einantwortungsde‐ kret finden, mit dem der Besitz von Johann Ritter, der seine Tochter Theresia um ein Jahr überlebte, in das Eigentum der Nachkommen überging. Der ehemalige Bräumeister und Von Beruf Kaufmann 311 <?page no="312"?> 62 VLA, BG Bezau, Verfachbuch 1868, fol. 461. 63 Hauschronik, Anmerkungen; VLA, BG Bezau, Verfachbuch 1868, fol. 549. Wirt hinterließ ein Vermögen von 24.512 Gulden, ein Sechstel davon ging an seinen Enkel Pius Kohler. 62 Johann Kohler brachte, als er von Egg nach Schwarzach zog, aber nicht nur Pius, den kleinen Erben der reichen Ritter-Familie, sondern offenkundig auch eigenes Geld mit. Aber wieviel es war und woher es genau stammte, lässt sich nicht benennen. Hatte Theresia Ritter eine Mitgift erhalten? War es Kohler gelungen, in seinen Jahren als Lehrer und Kirchenmaler nennenswerte Ersparnisse auf die Seite zu legen? Bekannt ist, dass er noch 1868 in Egg einen Baugrund erworben und darauf ein Haus errichtet hatte, das er jedoch wegen des Umzugs nach Schwarzach nie bezog, sondern wieder verkaufte. 63 In Schwarzach angekommen, wurde Kohler umgehend aktiv, sich neuerlich Besitz - ein Haus zur Unterbringung des Geschäfts und der Familie, einige Grünflächen und Waldparzellen zum Betrieb einer kleinen, auf Selbstversorgung ausgerichteten Landwirtschaft - zu schaffen, den er über die Jahre weiter zu vermehren suchte. Wie die beiden Aufstellungen weiter unten zeigen, war Kohler bei seinen Erwerbungen aber in den wenigsten Fällen in der Lage, den vollen Kaufpreis aus eigener Tasche zu bezahlen. Für das 1870 gekaufte neue Familienanwesen konnte er offenkundig zwei Drittel des Preises selbst abdecken; in den übrigen Fällen fehlte ihm mehr. Um seinen Zahlungsverpflichtungen dennoch nachzukommen, behalf er sich mit fremdem Geld. Es stammte allerdings durchwegs aus derselben Quelle - von seinem Sohn. Pius war noch minderjährig und Kohler sein gesetzlicher Vertreter. Als solcher verwal‐ tete er auch dessen Vermögen und ließ es für Pius arbeiten, indem er es verlieh. In den Verfachbüchern ist greifbar, dass er im Namen seines Sohnes immer wieder verschiedenen Personen mit deren Grundstücken besicherte Kredite gewährte. Mit Abstand Pius’ größter Schuldner war er jedoch selbst. Das hatte auf der Hand liegende Vorteile, beginnend mit dem unkomplizierten Zugriff auf das Geld, aber genauso wegen seiner langfristigen Verfügbarkeit. Kohler konnte darauf vertrauen, dass die halbjährigen Kündigungsklauseln, welche die in den Verfachbüchern registrierten „Schuld- und Pfandurkunden“ standard‐ mäßig enthielten, zumindest bis zu Pius’ 24. Geburtstag, an dem er volljährig wurde, bedeutungslos blieben. Außerdem verlangte Kohler bei anderen für Pius’ Geld den allge‐ mein üblichen Zinssatz von fünf Prozent, bei sich selber viereinhalb Prozent. Unbekannt ist, wie regelmäßig er gegenüber seinem Sohn den Zinszahlungen nachkam. Obwohl Kohler im Umgang mit Pius’ Geld unter Aufsicht des zuständigen Bezirksgerichts Bezau stand, entsteht der Eindruck, dass Kohler Entscheidungen recht frei treffen konnte, solange er über in den Verfachbüchern eingetragene Pfandrechte für eine ordentliche Besicherung der Forderungen sorgte. 312 Ingrid Böhler <?page no="313"?> 64 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1869, fol. 3540. 65 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1870, fol. 430; 1871, fol 736, 738. 66 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1872, fol. 1157. 67 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1879, fol. 3036. 68 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1886, fol. 416, 1223; 1887, fol. 1413-1417. Für Acker- und Wiesenflä‐ chen ist in der Quelle als Maß 1 Joch 1.311 Quadratklafter angegeben. 69 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1883, fol. 163; 1886, fol. 565-566; 1888, fol. 15671; 1894, fol. 4221. In den Quellen wird das Flächenmaß „1 Viertel Riedstück“ verwendet. Von Johann Kohler erworbene Liegenschaften (alle in Schwarzach): - Jahr des Erwerbs Objekt Preis (Gulden) Bezahlmodus lt. Ver‐ fachbuch 1 1869 Waldstück im Pfeller (= Lippentobel), 6.677 m² 64 300,00 bar 2 1870 Wohnhaus, Stadel (zus. 712 m²), Garten (277 m²), Wiese (2.464 m²), Waldstück (1.392 m²) im Seilertobel (= Linzenberg) 65 3.900,00 ab 1872 mit 2.021,25 fl be‐ lastet (Pius) keine weiteren Pfandrechte 3 1872 Wiese im Schwarzacherried (= Stelle), 4.686 m² 66 200,00 bar 4 1879 Wiese und Obstgarten im Weidach, 3.823-m² 67 1.420,77 unklar ab 1881 mit 1.200 fl belastet (Pius) keine weiteren Pfandrechte 5 1886 Wohnhaus mit Stadel auf der Helbern mit dabeiliegenden Äckern und Wiesen, 10.470 m² (ohne Bauflächen) 68 2.200,00 unklar ab 1887 mit 2.000 fl belastet (Pius) keine weiteren Pfandrechte 6 1888 Acker im Ochsenmahd, ca. 900 m² 69 655,00 teilweise bar, bereits bei Ersteigerung mit 2 Pfand‐ rechten über 400 fl belastet (Pius) keine weiteren Pfandrechte - - - 8.675,77 - Anm.: Bis auf Liegenschaft Nr. 5, die 1894 um 2.900 Gulden wieder verkauft wurde, befanden sich alle anderen bei Kohlers Ableben noch in seinem Besitz. Von Beruf Kaufmann 313 <?page no="314"?> 70 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1872, fol. 1437; 1888, fol. 9001; Rückzahlung: 1894, fol. 4229. 71 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1874, fol. 3014; 1888, fol. 8999; Rückzahlung: 1904, fol. 2896. 72 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1874, fol. 3016; 1888, fol. 9005; Rückzahlung: 1904, fol. 2896. 73 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1881, fol. 1557; 1888, fol. 8997; Rückzahlung: 1894, fol. 4225. 74 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1888, fol. 8027; Rückzahlung: 1894, fol. 4227; 1895, fol. 4147, 4149. 75 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1888, fol. 16956, 16958; Rückzahlung: 1894, fol. 4223. Verbücherte Schulden von Johann Kohler bei seinem Sohn Pius: Jahr Betrag (Gulden) Sicherung Rückzahlung 1872 -2.021,25 70 Nr.-2 1894 1873 -2.400,00 71 Nr.-1, 2, 3 1904 1873 -2.400,00 72 Nr.-1, 2, 3 1904 1881 -1.200,00 73 Nr.-4 1894 1887 -2.000,00 74 Nr.-5 1894: 500 1895: 1.500 1888 - 400,00 75 Nr.-6 1894 - 10.421,25 - - Anm.: Die Verfachung der Schulden erfolgte nachträglich, bis zu 1,5 Jahre nach der Übergabe des Kapitals und des Beginns des Zinsdienstes. Die in der zweiten Aufstellung ausgewiesene Gesamtsumme, die allein Kohler bei Pius aufgenommen hatte, verrät, dass Pius weit mehr besaß, als das weiter oben erwähnte Erbe, das er 1868 als Einjähriger von seinem Großvater erhalten hatte. Es muss daher auch eine Hinterlassenschaft seine Mutter gegeben haben. Zu fragen ist darüber hinaus, wofür Kohler die mehr als 10.000 Gulden verwendete, die er als Schulden bei Pius anhäufte. Ein wesentlicher Teil der Antwort lautet, dass er damit Liegenschaften kaufte. Bis 1888, dem letzten Jahr, in dem Erwerbungen stattfanden, wuchs sein Besitz auf zwei Häuser (das eigene Wohn- und Geschäftshaus und das Bauernhaus in der Helbern) und rd. drei Hektar Grund (davon bestanden 2,3 Hektar aus Wiesen, Weiden und Ackerland, 0,8 Hektar waren Wald). Deren Gesamtkosten reichen als Erklärung allerdings nicht aus. Waren im Geschäft Anschaffungen zu tätigen, für die die laufenden Einnahmen nicht ausreichten? Verursachten die Kinder Ausgaben? Waren höhere Zinszahlungen fällig geworden oder (Teil-)Rückzahlungen von Krediten, die nicht verfacht wurden? Wie bereits oben gezeigt werden konnte, vermochte sich Kohler auch auf diese Weise Kapital zu guten Bedingungen zu beschaffen. Solche Überlegungen mögen zwar nicht unplausibel sein, bleiben bis zum Jahr 1894 aber reine Spekulation. Dann trat jedoch eine familiäre Veränderung mit finanziellen Folgen ein, die in den Verfachbüchern Niederschlag fand. Pius verließ in diesem Jahr endgültig das Elternhaus. 1887 hatte er in Bozen seinen dreijährigen Militärdienst angetreten und nun heiratete der mittlerweile 27-Jährige eine Südtirolerin. Er ließ sich in Terlan nieder, wo er für 314 Ingrid Böhler <?page no="315"?> 76 Martin L A I M E R , Kulturführer Terlan. Terlan 2017, S. 26-27; Kaufvertrag, 29.5.1894. Privatarchiv Hans Kohler. 77 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1895, fol. 1984, 4147, 4149. 78 Siehe hierzu den Beitrag von Simone Drechsel in diesem Band sowie P I C H L E R , Land Vorarlberg, S. 45. 79 VLA, BG Bregenz, Verfachbuch 1904, fol. 2114, 2896. 27.000 Gulden den Steindlhof, ein Weingut, das dem Orden der Dames du Sacrè Coeur bei Wien als Erholungsheim gedient hatte, kaufte, um es zu einem Hotel auszubauen. Es sollte 1908 über 35 Zimmer bzw. 50 Betten verfügen. 76 Für die Realisierung dieses ehrgeizigen Vorhabens benötigte Pius nun sein Erbe. Auch der davon betroffene Vater half, so gut er es vermochte und zahlte ihm 1894/ 95 rd. 5.600 Gulden, das war etwas mehr als die Hälfte des von Pius geliehenen Geldes, samt Zinsen zurück. Allerdings musste dafür das 1886 erworbene Anwesen in der Helbern wieder veräußert werden. 77 Die restlichen 4.800 Gulden bzw. 9.600 Kronen, die noch immer ausständig waren, erhielt Pius erst 1904 von seinem Vater retour. Eine Umschuldung machte es möglich. Nicht zuletzt dank der eigenen Vorarbeit in Landtag und Landesausschuss in den 1880er-Jahren gab es seit 1897 die Vorarlberger Hypothekenbank im Besitz des Landes, deren Geschäftsleitung Kohler bis 1905 auch als (nicht stimmberechtigter) Vertreter des Landesausschusses ange‐ hörte. Die Bank war gegründet worden, um speziell der ländlichen Bevölkerung, die zwar häufig Realitäten besaß, aber fast ebenso häufig unter existenzbedrohender Verschuldung litt, langfristige und unkündbare Hypothekarkredite zur Verfügung zu stellen. 78 1904 nahm Kohler selbst bei der Hypothekenbank ein Darlehen mit einer Verzinsung von 4,5 Prozent und einer Laufzeit von 54,5 Jahren in der Höhe von 10.000 Kronen auf. Als Pfand diente sein gesamter Immobilienbesitz. Als Kohler starb, betrug sein Schuldenstand bei der Lan‐ deshypothekenbank noch immer rd. 9.200 Kronen. 79 Mit rund 23.000 Kronen war die Last aus nicht verbücherten Verbindlichkeiten - die das Erbe seiner Kinder weiter schmälerten, aber vermutlich in der Hyperinflation der frühen 1920er-Jahre dahinschmolzen - jedoch bedeutend höher. IV. Schlussbemerkung Kohlers wirtschaftliches Agieren lässt sich nur eingeschränkt beurteilen. Obwohl die überlieferten Unterlagen sehr lückenhaft sind, erlauben sie aber trotzdem einige aussage‐ kräftige Beobachtungen. Fest steht, dass es Kohler gelang, sich als Kaufmann eine neue Existenz aufzubauen, die nicht nur für ihn selbst, sondern für die (mithelfende) Familie ein Einkommen garantierte. Sie gewährleistete auch im Positiven eine soziale Verortung - eine im Bürgertum fest verankerte Identität. In Schwarzach, dessen dörfliche Struktur die geschäftlichen Möglichkeiten einer Gemischtwarenhandlung allerdings begrenzte, zählte Kohler zu den Wohlhabenden. Kohlers Finanzkraft, die sich aus dem Ertrag der Gemischt‐ warenhandlung und seinen Einkünften aus den verschiedenen politischen Tätigkeiten ergab, reichte jedoch zu keinem Zeitpunkt aus, die Schulden zu tilgen, die er machen musste, um in seiner neuen Heimatgemeinde Fuß zu fassen. Dass er damit recht geschickt umzugehen wusste, ist indessen eine weitere Tatsache. Es fällt auf, dass es keine Hinweise gibt, wonach sich Kohler mit dem Geld seiner zweiten Frau oder des Schwiegervaters beholfen hätte. Es ist dennoch nicht auszuschließen, dass etwa im Betriebskapital, das Von Beruf Kaufmann 315 <?page no="316"?> gegenüber den Behörden bei der Gründung des Geschäfts mit 10.000 Gulden beziffert wurde, auch Geld von Anna steckte. Ob darüber hinaus Lebenshaltung und Lebensstil der Familie von ihrem Vermögen und Einkommen aus der Eisenhandlung in Bregenz, die sie seit 1896 zusammen mit ihren beiden Geschwistern besaß, profitierte, ist eine weitere Frage, die sich anhand des gesichteten Materials nicht beantwortet lässt. Kohlers entscheidende Verdienste beim Aufbau des Raiffeisenwesens und auch bei der Gründung der Hypothekenbank des Landes sind in diesem Band in einem eigenen Beitrag dargestellt. Gerade die bäuerliche Bevölkerung und die Kleinhandwerker in den Dörfern, denen die Konservativen (die ab 1893 als Christlichsoziale antraten) das Gros der Stimmen verdankten, litten in besonderem Maße unter Geldnot und Verschuldung. Diese durch Genossenschaftsbanken und eine Landesbank, die Hypothekarkredite gewährte, vor der Abhängigkeit von privaten Geldverleihern oder vor Zwangsversteigerungen zu schützen, machte daher politisch Sinn. Motivierend wirkte bestimmt, dass man dieses Thema nicht den weltanschaulichen Gegnern, die ebenfalls Interesse daran zeigten, überlassen wollte; darüber hinaus ließen sich Macht und Einfluss der Partei durch die Etablierung eines christlichsozial dominierten Banken- und Genossenschaftssystems weiter ausbauen. Die eigene Betroffenheit dürfte Kohlers Engagement aber ebenso geleitet haben. Im Lichte des Bildes, das der vorliegende Sammelband zeichnet, erscheint es als eine für ihn typische „Verarbeitungsstrategie“, persönliche Erfahrungen in ein der Gemeinschaft dienendes, gleichsam höheres Ziel unter dem Vorzeichen des politischen Katholizismus zu verwandeln. Zumindest in dieser Hinsicht blieb Kohler mehr ein Lehrer als er jemals zum Kaufmann oder Selfmademan wurde. 316 Ingrid Böhler <?page no="317"?> Literaturverzeichnis A B L E I T I N G E R , Alfred, Die historische Entwicklung des Liberalismus in Österreich im 19. und begin‐ nenden 20.-Jahrhundert. In: Der deutsche und österreichische Liberalismus. Geschichts- und politikwissenschaftliche Perspektiven im Vergleich, hg. von Helmut R E I N A L T E R / Harm K L U E T I N G (Innsbrucker Historische Studien 26). Innsbruck 2010, S.-121-148. A L B R E C H T , Karlheinz, Beiträge zur Geschichte Feldkirchs vom Jahre 1814 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Diss. Innsbruck 1977. 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Eine Militärge‐ schichte von unten, hg. von Wolfram W E T T E . München/ Zürich 2 1995, S.-9-50. 328 Literaturverzeichnis <?page no="329"?> W I N C K L E R , Johann, Die periodische Presse Österreichs. Eine historisch-statistische Studie. Wien 1875. W I S T H A L E R , Sigrid, Karl Außerhofer - Das Kriegstagebuch eines Soldaten im Ersten Weltkrieg (alpine space - man & environment 8). Innsbruck 2 2011. W O L F , Peter, Die Zeitungen von Tirol und Vorarlberg 1814-1860. Phil. Diss. Innsbruck 1957. W U R Z B A C H von, Constantin, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, 60 Bde., Graz 1856-1891. W U R Z E R , Markus, „Nachts hörten wir Hyänen und Schakale heulen“. Das Tagebuch eines Südtirolers aus dem Italienisch-Abessinischen Krieg 1935-1936 (Erfahren - Erinnern - Bewahren 6). Inns‐ bruck 2016. W U R Z E R , Markus, „Reisebuch nach Afrika“. Koloniale Erzählungen zu Gewalt, Fremdheit und Selbst von Südtiroler Soldaten im Abessinienkrieg. In: Geschichte und Region/ Storia e regione 25 (2015) 1, S.-68-94. W Y S O C K I , Josef, Die österreichische Finanzpolitik. In: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. I: Die wirtschaftliche Entwicklung, hg. von Alois B R U S A T T I . Wien 1973, S.-68-104. Z E N K E R , Ernst Viktor, Geschichte der Journalistik. Wien 1900. Z I S C H K I N , Johann, Der Verein vom heiligen Vinzenz von Paul in Oesterreich. Sein Entstehen und sein Wirken. Wien 1927. Literaturverzeichnis 329 <?page no="331"?> Autorinnen und Autoren Ingrid Böhler, Mag. Dr., Senior Scientist am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck und seit 2018 dessen Leiterin. Simone Drechsel, Mag., Tätigkeiten als freie Historikerin in verschiedenen Bibliotheken und Gemeindearchiven, seit 2016 Mitarbeiterin der Vorarlberger Landesbibliothek. Karin Schneider, Mag. Dr., war wissenschaftliche Projektleiterin (FWF) an der Österreichi‐ schen Akademie der Wissenschaften und ist seit 2019 Mitarbeiterin im Parlamentsarchiv. Margret Friedrich, Mag. Dr., Ao. Univ.Prof. am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck i. R., ehemalige Institutsleiterin, Studiendekanin und Vizerektorin für Lehre und Studierende. Nikolaus Hagen, Mag. Dr., war u. a. Saul Kagan Fellow in Advanced Shoah Studies, Claims Conference, New York, seit 2023 Assistenzprofessor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. Severin Holzknecht, Mag. Dr., als freischaffender Historiker zahlreiche Aufsätze und Bücher zu unterschiedlichen Aspekten der Geschichte Vorarlbergs im 20. Jahrhundert, seit 2022 Mitarbeiter der Vorarlberger Landesbibliothek. Hans Kohler, Ausbildung im Bank- und Versicherungsbereich im In- und Ausland, lang‐ jähriger Bürgermeister der Marktgemeinde Rankweil und Mitglied des Vorarlberger Land‐ tages, mehrere genealogische Publikationen über Vorfahren. Markus Wurzer, Mag. Dr., war Postdoctoral Researcher am Max-Planck-Institut für ethno‐ logische Forschung in Halle (Saale) (2020-2023) und ist seit 2023 Lecturer am Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz. <?page no="333"?> Namensverzeichnis Adler, Victor-102 Aichner, Georg-83 Aichner, Simon-20, 99 f., 136, 145 Alge, Eduard-174 Allgäuer, Stefan-172 Amann, Anton-173 Amann, Frz. Josef-173 Amann, Joh. Georg-173 Andreas Stadelmann-194 Augustinus von Hippo-56, 60 Bachmann, Julius-176 Badeni, Kasimir Felix, Graf-106, 127 Baldauf, Gebhard-75, 173 Banz, P. Plazidus (Pfarrer)-175 Bartenstein, Michael-77 Batliner, Roman (Pfarrer)-173 Baur, Josef-175 Bechter, Peter-305 Behmann, Anton-182, 196, 217 f. Bell, Alois-144 Bellrupt-Tissac, Karl-101, 185 Bendel, Josef-123 Berchtold, Bartholomäus-108 Berchtold, Leopold-243 Bereuter, Joh. Georg-172 Bernhard, Konrad-175 Bernhart, Johann-175 Bickel, Ludwig-174 Bilgeri, Peter-103, 173 Bismarck, Otto von-93 Bitsche, Johann-173 Böhler, Johann Martin-163 Böhler, Josef-173 Böhler, Klemens-172 Böhler, R.-176 Boll, Alois-176 Bösch, Franz-174 Brettauer, Emanuel-154 Brettauer, Ferdinand-154 Brettauer, Heinrich-154 Brettauer, Herz Lämle-153 Brettauer, Jonas-154 Brettauer, Josua-154 Brettauer, Leopold-154 Breuß, Ferdinand-174 Breuß, Joh. Stefan-176 Breuß, Ludwig-175 Breyer, Thiemo-41 Brugger, Fr. Josef-175 Burtscher, Sales-174 Cades, Joseph-226 Creutz, Daniel-41 Degasper, Gebhard-173 Dobler, Jakob (Pfarrer)-175 Döllinger, Johann-56 f. Dörn, Fr. Josef-175 Drechsel, Max-174, 180, 188 Drißner, Gebhard-174 Düringer, Johann Peter-138 Ebenhoch, Alfred-107 Ebenhoch, Josef Simon-174 Eberle, Fidel-173 Eberle, Gustav-173 Eberle, Konrad-175 Ebner, Johann Nepomuk-215 Eckardt, Ludwig-59 Ellensohn, Josef-173 Elsensohn, Josef-13 Ender, J.-174 Ender, Peter-174 Engstler, Josef-173 Erath, J. Jos.-172 Erath, Josef-172 Fechtig, Fr. Jos.-172 Felder, Alois-77, 80, 83 Felder, Franz Michael-60, 97, 149, 158 ff. Fend, Alois-173 Ferdinand I., Kaiser-13 <?page no="334"?> Feßler, Josef Franz Michael-56 Feßler, Wilhelm-174 Fetz, Joh. Josef-173 Findler, Ferdinand-131, 137 ff. Fink, Eduard-173 Fink, J. Peter-174 Fink, Jodok-93, 101, 103, 108, 113, 170 f. Fink, Josef-174 Fischbach, Josef-174 Flatz, Anna-43 Flatz, Eduard jun.-171 Flatz, J. Martin-172 Flatz, Jacob jun.-301 Flatz, Joh. Jakob-174 Flatz, Margarethe-270 Flirs, Alois-56 Florencourt, Bernhard von-98 f., 101, 131, 135 f., 138, 145 f., 149 Franz Joseph, Kaiser 23, 29, 97, 101, 106, 111, 205 Frick, Phil.-174 Fritsch, Jos. Barth.-176 Fritsche, Chr.-174 Fritsche, J.-174 Fritz, Anton-173 Fritz, Josef-175 Froschauer, Sebastian von-97, 114, 185 Fröwis, Jacob-301 f. Fußenegger, Karl-175 Ganahl, Carl-18, 22 f., 97, 114, 129 Gasser, Ferdinand-172 Gasser, Jakob-194 Gasser, Nikolaus-183 Gaßner, Alois-173 Gaßner, Anton-173 Gaßner, B.-173 Gaßner, Josef Anton-174 Gautsch, Paul, Freiherr von Frankenthurm-107, 124 Gebhard, Joseph Bernhard von 31, 98, 173 f., 198, 260, 262, 301, 305 Gehrer, Norbert-174 Gehrer, Ulrich-174 Gellert, Christian Fürchtegott-60 Getzner & Comp. (Getzner, Mutter und Cie.) 159 Gieselbrecht, Josef-173 Giesinger, Engelbert-172 Giesinger, Josef-172 Gleispach, Johann Nepomuk Graf von-108 Gmeinder (Gmeiner), Anna M.-305 Gmeiner, Franz Josef, Dr. med.-254, 260 f. Goethe, Johann Wolfgang-59, 62 f., 65 Gorbach, Josef-131, 133, 137-140, 143 Graber, W.-175 Grabher, J.-174 Grabherr, Gebhard-163, 174 Graninger, Adolf-174 Grassmayr, J., Glockengießerei-241 f. Greber, Josef Anton-175 Gregor, der Große-56, 175 Gunz, Placidus-206 Hackspiel, Anton-174 Haffner, Leo-92, 98, 134 Hahn, Sigmund-42, 215 Haller, J. Georg-175 Haller, Samuel-103 Hammerer, Kaspar Ignaz-43, 249 Hämmerle, F. M.-31, 182, 199 Hartmann, Josef-173 Häusle, Josef-175 Hefel, Elsa-253, 281 Heim, Josef-45 f., 174, 276 Heimgärtner, Josef-175 Heinrich, Josef-143, 151, 174 Hellbock, Alois-173 Hellbock, Joh. Georg-173 Herburger, Martin-172 Herder, Johann Gottfried-59 Hiller, Josef-167 Hillmann, Eugen-143 Hosp, Lorenz-175 Huber, Marie (Maria)-251, 267, 270, 305 Huber, Pius (Pfarrer)-175 Hueber, Kaufmann-163 Huter, Peter ( Johann Huter & Söhne)-80, 225 ff., 231 f. Ihler, Ludwig-201 Ilg, Ferdinand-173 Jäger, Josef-172 334 Namensverzeichnis <?page no="335"?> Jenny, Hermann-173 Jochum, August-175 Jochum, Josef Anton (Pfarrer)-262 Jussel, Anton-111 Jussel, Christian-175 Jussel, Franz-173 Kaiser, Willibald-171 Kalb, Fidel-163 Kalb, Josef (Pfarrer)-174 Kasper, J. Josef-175 Keck, Ferdinand-173 Kempens, Thomas von-56 Ketteler, Wilhelm Emmanuel von-56, 58 Kielmannsegg, Erich von, Graf-106 Kilga, Franz Josef-139 Kilga, Xaver-174 Kinz, Ferdinand-19 Kleiner, Viktor-254 Klocker, Josef-175 Knecht, Michael-175, 272 Knünz, Josef-175 Köb, Agata-305 Köb, Gebhard-188, 196, 209, 305 Köb, Johann-184 Köb, Rosalia-305 Kohler, Agnes (led. Prieth)-254-259, 264, 272, 276, 292 Kohler, Alois-143 Kohler, Aloisia (Schwester Vinc.[entia] Ferreria)-80, 252-255, 257-262, 264-271, 276, 279 f., 292 Kohler, Anna (Maria Anna Franziska)-11 ff., 42, 45, 94, 198, 212, 247-289, 291-295, 297, 299 f., 302, 310, 316 Kohler, Anna Angela (Schwester Theresina)-80, 251, 255, 257, 268 Kohler, Anton-174 Kohler, Franziska (Rosalia)-80, 182, 234, 253 ff., 263, 265, 269, 280, 285, 292, 302, 311 Kohler, Franziska Xaveria-252 Kohler, Hans, Urenkel von Johann Kohler-9-12, 46 Kohler, Ignaz (Taufname Kaspar Ignaz) 172, 175, 252 f., 256, 260, 270, 281, 285, 292, 302, 310 Kohler, Jos. Anton-172 Kohler, Kaspar-43, 311 Kohler, Maria Grazia (Schwester Xaveria)-80, 251-255, 258 ff., 262 f., 267-271, 273, 275-282, 284, 292 Kohler, Pius (Pio) (Taufname Johann Pius)-44, 250 ff., 254, 264, 269, 272 f., 289, 292, 297, 299, 312, 314 f. Kohler, Sebastian ( Josef) 252 f., 256, 263, 269, 276, 278, 280 f., 292 Kohler, Stefan (Taufname Gebhard Stefan)-171, 189, 249, 253, 256, 269 f., 292, 302 Kohler, Theresia (Taufname Franziska Theresia)-80, 251 f., 255, 260, 268 f. Kohler, Vinzenz ( Josef)-189, 244, 252 f., 256, 258, 260, 263 f., 266, 269 f., 276, 285, 292, 302 f., 310 Kopf, Albert-172 Kopf, Anton-133, 137, 139, 173 Koselleck, Reinhart-41 Kräutler, Heinrich-174 Kräutler, Michael-174 Kresser, Josef-175 Kröner, Fidel-226, 229, 231 f. Kröner, Josef-208, 226 f., 232 Küng, Joh. Georg-174 Künzle, Josef-176 Lampert, Josef-173 Landsteiner, Karl-56, 60, 62 Lang, Johann-54 Längle, Josef-175 Lassalle, Ferdinand-119, 157, 159 f. Lässer, Gabriel-174 Lasser, Josef, Freiherr von Zollheim-185, 198 Lässer, Peter-194 Leißing, Hilar-173 Lenz, J. Martin-174 Leo XIII., Papst-20, 32, 143, 200 Lercher, Fr. Josef-174 Lessing, Gotthold Ephraim-60 Lipburger (verh. Schwärzler), Anna-260, 265 Loacker, Albert-205 f. Loacker, Gregor-175 Löwenberg, Wilhelm-154 Lueger, Karl-103 ff., 107 f., 124 f. Namensverzeichnis 335 <?page no="336"?> Luger, Engelbert-143, 177 Lutz, Jos. Anton-173 Lutz, Xaver-174 Mader, Georg-70, 80, 82 f. Mähr, Josef-175 Mang, Josef-175 Manndorff, Rudolf Freiherr von-98 Marte, Anton-238 Marte, Joh. Bapt.-173 Marx, Karl-119 Mathis, Jakob-175 Matt, Leopold-174 Matt, Lorenz-174 Matt, Martin-197 Mätzler, Jodok-208 Mayer, J. C.-173 Mayer, Joh.-173 Melischek, Gabrielle-148, 150 Mennel, Eduard-174 Menzel, Wolfgang-56 Meßmer, Alois-55, 60-63, 71 Metzler, Fr. Xaver-175 Metzler, J. Kaspar-172 Meusburger, Leopold-172 Meusburger, Michael-172 Meusburger, Peter-172, 219 Moosbrugger, Gallus-159 Moosbrugger, Jakob-175 Moosbrugger, Kaspar-97, 160 Morscher, Fr. Josef-176 Müller, Fr. Anton-176 Müller, Guido-173 Müller, Josef-174 Münch, Matthäus Cornelius-56 Nachbaur, Karl-115 f. Nachbaur, Ulrich-170 Nagel, Fr. Josef-173 Nägele, Jakob-143 Natter, Franz-175 Natter, Gallus-172 Natter, Josef-187 Natter, Martin-174 Neier, August-173 Nesler, Wilhelm-173 Neßler, Christian-173 Neyer, J. J.-175 Nigg, Jakob-175 Nußbaumer, Ludwig-175 Oehre, Markus-174 Oesterle, Josef-174 Ölz, Josef-108, 128, 131, 141, 143 Ölz, Josef Anton, Dr. med.-17, 103, 139 Österle, Martin-174 Papadopoulos, Sophie (Schwester R. Sales)-275, 280 Pfanner, Oskar-174 Pfanner, Wilhelm-174 Pircher, Josef-250, 279, 285, 300 Pircher (verh. Schwärzler), Maria Anna Viktoria (Marianne)-94, 247, 260, 297 Pius IX., Papst-19, 250 Plattner, Franz-70 f., 80 Prünster, Josef-173 Pümpel, Josef-174 Pümpel, Serafin-222, 225 Rädler, Wendelin-153, 158, 160, 162-169, 171, 176, 180 Raid, Konrad-174 Raiffeisen, Friedrich Wilhelm 25, 129, 153, 156 f., 160 ff., 164, 171, 176 Rauch, J. B.-175 Reich, Alois-92, 128, 189, 238 Reichensperger, August-56, 58 Reisch, Martin-143 Requate, Jörg-147 Rheinberger, Ferd.-172 Rhomberg, Adolf-20, 22 f., 29, 91, 93, 98 f., 101 ff., 114, 123, 128 f., 136, 171 Rhomberg, Maria Anna-23 Richter, Johann Paul Friedrich-60 Riezler, Fr. Leopold-174 Rist, Bernhard-174 Ritter, Johann-311 Ritter, Maria Theresia-44, 298, 311 f. Rousseau, Jean-Jacques-60 Rudhart, Fidelis-233, 245 Rudigier, Fr. Josef-173 Sahler, Franz-173 336 Namensverzeichnis <?page no="337"?> Sähli, Johann-173 Salcher (verh. Kohler), Johanna-270 Salis-Seewis, Johann Gaudenz von-60 Sander, Ignaz-174 Schäfer, Pirmin-176 Schapler, Gottfried-139 Schedler, Johann-172 Schedler, Jos. Ant.-175 Scherrer, Hermengild-176 Schertler, Jakob-176, 254 Scheuring, Jakob-175 Schiffer, Kreszenz (Creszentia)-305 Schiller, Friedrich-59 f., 62 f. Schlachter, Moriz-238 Schmadl, Ludwig-99 f., 143 Schmelzen-bach, Josef-175 Schmid, Franz Xaver-174 Schmid, Josef-175 Schmid, Michael-175 Schmidinger, Anton-173 Schneider, Franz-174 Schneider, Franz Josef-131 Schneider, Jakob-174 Schneider, Josef-173 Schneider, Wilhelm-174 Schnetzer, Norbert-46 Schnetzer, Peter-176 Schöch, Josef-175 Schregenberger, Egidius-168, 173 Schulze-Delitzsch, Hermann-155, 157-161, 163 Schwarz, Ernst-154 Schwarz, Mathias-175 Schwärzler, Anna-260, 282 Schwärzler, Anton-163, 175 Schwärzler, Carl (Karl) Bernhard-171, 226, 241, 250 f., 254, 256, 260, 265 ff., 270, 273, 278, 281, 284, 301 f. Schwärzler, Gebhard-31, 45, 98, 181 f., 184 f., 188, 196-199, 210, 212, 218 ff., 244, 247, 250 f., 260, 262, 268, 278, 283, 285, 297, 300 ff., 305 Schwärzler, Gebhard, jun. (Taufname Josef Gebhard)-182, 247, 260 Schwärzler, Josef-260, 279, 283, 301, 305 Schwärzler, Joseph, Vater v. Gebhard Schwärzler-247, 297, 299 Schwärzler, Julius (Taufname Karl Julius)-260, 282 Schwärzler, Pauline (Taufname Franziska Paulina)-207, 217-221, 233, 260, 268 Schwärzler (geb. Bertel), Agnes Franziska, Frau v. Gebhard Schwärzler jun.-256, 282 Schwärzler (verh. Gmeiner), Franziska (Fanny)-241, 249 ff., 253 f., 256 ff., 260, 265 ff., 270, 273, 275, 277 f., 280 ff., 294, 302 Schwärzler (verh. Kelz), Viktoria-253 Schwärzler (verh. Kleiner), Ida (Taufname Maria Barbara Ida)-254, 265 f., 284 Schwendinger, Johann-208 Schwertling, Carl-112 Seeberger, J. G.-183 Seethaler, Josef-148, 150 Seyfried, J. G.-176 Shakespeare, William-60 Sieber, Joh. Georg-174 Sigl, Valentin-183 Sigmund, Anton-42, 105, 173 Sinz, Konrad-175 Sinz, Martin (Pfarrer)-175 Sohm, Oscar-154 Springer, Anton-71 Stadler, Josef-184 Stadler, Kaspar-174 Stathmann, Johann-183 Stemmer, Ignaz-173 Steu, Baptist-175 Steurer, Kaspar-173 Stöckler, Josef-43, 189, 216, 235 Stolz, Alban Isidor-56, 272 Stremayr, Karl von-93 Taaffe, Eduard Graf von-97, 106 f., 121, 124, 200 Thurnher, Johannes-45, 96, 98-103, 118 f., 133- 141, 207 Thurnher, Josef-173 Thurnher, Josef Andreas (Pfarrer)-141, 143 Thurnher, Martin 9, 16, 27, 91, 93, 99, 101 f., 104 f., 108, 120, 123 f., 126, 128, 139, 170, 193, 201, 205, 209, 309 f. Troll, Bernhard jun.-195 Namensverzeichnis 337 <?page no="338"?> Troll, Johann Georg-179, 198 Troll, Josef Anton-182 Tschavoll, Jakob-115, 159 f., 175 Tschavoll, Josef Andreas Ritter von-115, 158 f. Türtscher, Frz. Josef-173 Uz, Johann Peter-60 Veith, Carl-154 Vith, Alexander-174 Vögel, Johann Georg-217 f., 220 Vogelsang, Karl von-20 Vonbank, Anton-173 Vonbank, Mathäus-139 Vonbank, Wilhelm-173 Vonstadl, Johann-88 Waibel, August-173 Waibel, Johann Georg, Dr. 105, 108, 123, 126, 128, 203, 310 Walser, Anton-173 Walser, Franz-174 Walser, Jakob-174 Walser, Josef (Pfarrer)-18, 37, 42 f., 46, 54, 64, 77, 91, 101, 129, 146, 152, 166 f., 175, 180, 190, 204, 206, 209, 223 f., 226, 232, 234, 236 ff., 241, 246, 268, 279, 298, 300, 303 Walter, Stefan-163, 175 Weber, Johann Baptist-154 Weckerle, Anton-173 Wegeler, Josef-139 Weilenmann, Johann Jakob-30 Weitensfelder, Hubert-44, 62, 92, 151 Welte, Alois-175 Welte, Franz Josef-173 Welti, Ludwig-42 Werner, Anton-174 Wicke, Elisabeth-77 Widmann, Bohuslav Baron von-99 Widmer, Joh.-172 Wiederin, Friedrich-173 Wieland, Christoph Martin-59 Wilhelm, Josef-68, 75, 77, 173 f. Winckler, Johann-147 f., 150 Windisch-Grätz, Alfred Fürst von-106 Windthorst, Ludwig-93, 129 Winkler, Martin-175 Winsauer, Albert-175 Winsauer (verh. Kohler), Aloisia-281 Wittwer, B. J.-173 Witzemann, Wilhelm-174 Wolf, Peter-147 Wörndle, August, von Adelsfried-70 f., 73, 80, 82-88 Wüstner, Mathias-174, 268 Zaggl, Raimund-175 Zech, Josef-174 Zenker, Ernst Viktor-147 Zobl, Johann Nepomuk-20, 99 f., 138, 144 f., 233 Zumtobel, Anton Dr.-33 338 Namensverzeichnis <?page no="339"?> Ortsverzeichnis Alberschwende-13, 22, 97, 118, 172, 181 f., 202 f., 219, 254, 277 Altach-172 Altenstadt-14, 103, 172 Andelsbuch-75, 77, 88, 143 f., 172, 311 Au-22, 77, 143, 158, 172, 226, 283 Au-Schoppernau-172 Bad Pfäffers-274 Bad Reuthe-251 Bad Wörishofen-253, 262 Bamberg-284 Bezau-22, 68, 172, 187, 202 f., 312 Bezau-Reuthe-172 Bildstein-172, 180-183, 202, 215, 305 Bizau-172 Bludenz-14 f., 17, 21, 30, 54, 97, 103 f., 109, 141, 159, 171, 173, 176 f., 235 Bozen-24, 72, 89, 123, 154, 254, 264, 271, 280, 314 Brand-173 Braz-78, 173 Bregenz-14, 19, 22, 25, 28 f., 31, 43, 54, 68, 94-97, 102 f., 109 f., 118, 122, 124, 131, 136, 138 ff., 147, 154 f., 165 f., 168-174, 176 f., 180, 187, 190, 198, 202 ff., 226, 232, 239, 241, 247 f., 250, 252 ff., 268 ff., 277, 279 f., 285, 297, 300, 302, 307, 309, 316 Brixen-20, 99, 134, 136, 225, 232, 254, 282, 298 Bruneck-82, 89, 282 Brünn-116 Buch-37, 134, 173, 180, 202, 248 Bürs-16, 173 Bürserberg-173, 241 Chiavenna-311 Chur-311 Dalaas-143, 173 Damüls-14, 22 Davos-267 Donauwörth-257, 269, 303 Doren-173 Dornbirn 14 f., 18, 22 f., 25 f., 28, 30-33, 54, 77, 97, 99 ff., 103, 109 f., 118, 133, 139 f., 152, 155, 166, 173, 175 ff., 181 ff., 186, 190, 199, 202 f., 205, 215, 254, 268, 304 f., 309 Egg 14, 19, 43 ff., 48, 50, 68, 75, 77, 91, 94, 96, 144, 155 f., 179, 202, 212, 238 f., 249, 262, 297 f., 312 Egg-Unterbach-94 Eichenberg-173 Elbigenalp-305 Feldkirch-14 f., 18, 20, 23, 28, 54, 97, 99, 103 f., 108 ff., 115, 135, 139, 154 f., 159, 167, 173, 176 f., 203, 225, 232, 238, 260, 269, 273, 302 Feldkirch Tisis-Tosters-173 Frastanz-173, 239 Freistadt-80, 269 Fribourg-247, 269 Fußach-173 Gaißau-120, 173, 239 Gaschurn-173 Göfis-173 Götzis-77, 103, 133, 163, 173, 177, 239 Graz-251, 253, 269, 271, 298 Großdorf-Egg-173 Hard-15, 21, 163, 173, 180, 182, 202 Heiterwang-77 Hindelang-77 Hittisau-77 Hittisau-Bolgenach-173 Hochkrumbach-77, 88, 112 Höchst-103, 131, 163, 174 Hohenems-103, 115, 125, 153 ff., 173, 177, 203 Hohenweiler-174, 180, 238 Hörbranz-174, 180 Immenstadt-77 Innsbruck-77 f., 80 ff., 86, 88 f., 110, 123, 128, 141, 185, 225 f., 241, 243, 253 f., 259, 261, 266, 269 ff., 282, 285, 298 Iowa-15 Kennelbach-15 f., 144, 160, 174, 189, 239 <?page no="340"?> Kennelbach-Fluh-174 Klaus-174 Klösterle-174, 305 Koblach-174 Konstantinopel 253, 255, 260, 262 f., 269, 271, 275, 278, 280, 282 Krumbach-77, 118, 174 Kundl-72 Landeck-78 Langen-22, 174, 180, 238, 266, 274 Laterns-174 Lauterach-103, 169, 174, 180 f., 202, 238, 285 Lech-Warth-174 Lindau-30, 253, 284 Lingenau-174 Linz-298 Lochau-174, 180 Ludesch-174 Lustenau-26, 103, 105, 143, 162, 174, 177, 203 Mäder-174 Mehrerau-212 f., 269, 302 Meiningen-174 Mellau-Schnepfau-174 Meran-259, 261, 264, 271 f., 276, 282 Mils i. O.-78, 88 Minnesota-15 Mittelberg-174 Möggers-174, 180 Montafon (Schruns)-31 f., 35, 103, 174 München-298 Nassereith-71, 77 Nenzing-159, 175 Nesselwängle-77 Nüziders-21, 175 Oberstaufen-77 Oberu. Unterlangenegg-175 Obladis-267 Pfaffenhofen-78 ff., 88, 268 f. Prag-113 Rankweil-46, 70, 103, 129, 156, 175, 201, 262, 272 Rieden-Vorkloster-21, 175 Riefensberg-175 Rom-143 Röthis-Viktorsberg-175 Rotholz-269, 299 Rovereto-247 Salzburg-104 f., 298 Satteins-175 Schlins-Röns-175 Schnifis-Düns-Dünserberg-175 Schröcken-14 Schruns-70, 174, 238 Schwarzach-14, 22, 31, 35, 37, 45 f., 64, 68, 77, 80, 94 f., 102, 104, 110, 112, 118, 128, 131, 143, 170 ff., 175, 179-189, 191-210, 212, 215 f., 225 f., 232, 236, 239, 241, 243, 246-249, 251, 254, 266, 268, 270, 273 f., 276, 278 ff., 283, 285, 297-302, 305-309, 311 ff., 315 Schwarzenberg-32, 175 Schwaz-83, 89 Sibratsgfäll-175 Sonthofen-77 St. Gallen-33, 54, 77, 175, 247, 261 St. Gallenkirch-175 Steinach am Brenner-265 Sulzberg-75, 88, 175 Sulz-Röthis-175, 267 Tannheim-77 Telfs-72 Terlan-251, 254 f., 259, 264, 269 f., 272, 314 Thal-175 Thüringen-Bludesch-175 Tiers am Schlern-73, 83, 89 Tschagguns-175 Turin-270, 303 Übersaxen-176 Vaduz-253 Volders-89 Walserthal (Blons)-176 Weiler-Fraxern-176 Wien-28 f., 32 ff., 44, 95, 102, 104 f., 107 ff., 111 f., 115, 124, 148, 154, 250-253, 255 f., 263, 269, 271, 273, 275 f., 278, 280 f., 298 ff., 309, 315 Wolfurt-15, 155, 160 f., 163, 169, 171, 176, 180- 183, 189, 202, 204, 206, 215 Wörgl-71, 84 f., 87, 89 Zams-124, 269, 284 Zürich-54 340 Ortsverzeichnis <?page no="341"?> Zwischenwasser-176 Ortsverzeichnis 341 <?page no="342"?> Das Projekt wurde g efördert durch: Land Vorarlberg Stiftung Pro Vorarlberg Raiffeisen Landesbank Vorarlberg Gemeinde Schwarzach Nachlass nach Ilga Kohler Universität Innsbruck Gedruckt mit Unterstützung des Landes Vorarlberg <?page no="343"?> Herausgegeben vom Vorarlberger Landesarchiv Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs 14 Johann Kohler (1839 -1916) war einer der prägendsten Protagonisten der konservativ-christlichsozialen Partei Vorarlbergs in einer Zeit tiefgreifender sozio-ökonomischer und politischer Veränderung und Modernisierung. Kohler entfaltete sein Engagement für den politischen Katholizismus in vielerlei Kontexten - im Landtag und Reichsrat, als Ortsvorsteher in Schwarzach, wohin er durch die Einheirat in eine wohlhabende Unternehmerfamilie zog, im Presse- und Bildungswesen und in der Raiffeisenbewegung. Elf Beiträge nehmen nicht nur das öffentliche Wirken und die ihm zu Grunde liegende Weltsicht in den Blick, sondern auch die Wanderjahre des jungen Volksschullehrers und das private Umfeld. Sie „entdecken“ einen aus kleinbäuerlichen Verhältnissen stammenden Mann, dessen Karriere sich Ehrgeiz, Tatkraft sowie prinzipienstrenger Religiosität verdankte und der machtpolitische Strukturen mitbegründete, die Vorarlberg bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestimmten. ISBN 978-3-7398-3187-9
