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"The Long Shots of Sarajevo" 1914

Ereignis – Narrativ – Gedächtnis

0215
2016
978-3-7720-5578-2
978-3-7720-8578-9
A. Francke Verlag 
Vahidin Preljevic
Clemens Ruthner
10.24053/9783772055782

Was ist ein historisches Ereignis? Wie wird es ein Narrativ in Literatur und anderen kulturellen Medien? Und wie werden die Narrative Teil des kulturellen Gedächtnisses bzw. (supra)nationaler Gedächtnispolitiken? Das sind die Forschungsfragen, denen die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Sammelbandes anhand einer der 'Urszenen' in der Geschichte des "kurzen" 20. Jahrhunderts nachgehen: des Attentats von Gavrilo Princip und seiner Gruppe auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger und dessen Ehefrau am 28. Juni 1914 - ein Ereignis, das den Anfang einer Verwicklung markiert, die zum Ersten Weltkrieg führte. Präsentiert werden die Ergebnisse einer von der EU mitgetragenen, interdisziplinären wie internationalen Tagung zum Thema im Juni 2014 vor Ort, bei der Historiographie, Literatur-, Kultur- und Sozialwissenschaften in einen Dialog traten.

9783772055782/9783772055782.pdf
<?page no="0"?> Ereignis - Narrativ - Gedächtnis K U LT U R - H E R R S C H A F T - D I F F E R E N Z 22 Vahidin Preljević / Clemens Ruthner (Hrsg.) „The Long Shots of Sarajevo“ 1914 <?page no="1"?> KULTUR-HERRSCHAFT-DIFFERENZ Herausgegeben von Moritz Csäky, Wolfgang Müller-Funk und Klaus R. Scherpe Band 22 • 2016 <?page no="3"?> „The Long Shots of Sarajevo" 1914 Ereignis - N arrativ - Gedächtnis Herausgegeben von Vahidin Preljević und Clemens Ruthner na \f ranck exatte mpto <?page no="4"?> Umschlagabbildung: Titelseite der Zeitung La Domenico del Corriere, 5. Juli 1914, Illustration: Achille Beltrame (1871-1945). ■■■0000000 T RI NI TY COLLEGE D U B L I N EUROPA IN T E G R A T IO N ÄUSSERES BUNDESMINISTERIUM REPUBLIKÖSTERREICH bmCTCT i a on 14 GEDENKEN ! WELTKRIEG austria kultur"" This project is funded by the EU. This publication has been produced with the assistance of the European Union. The contents of this publication are the sole responsibility of the authors, editors and the publisher and can in no way be taken to reflect the views of the European Union. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothekverzeichnetdiese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. © 2016 ■Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 ■D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier. Internet: www.francke.de E-Mail: info@francke.de Printed in Germany ISSN 1862-2518 ISBN 978-3-7720-8578-9 <?page no="5"?> Inhalt Vorwort der Herausgeber......................................................................... 9 ANNÄHERUNGEN C lemens R uthner (D ublin / B erkeley ) KriegsErklärungen. The Notions o f 'Event', 'Narrative' and 'Memory' as Critical Tools for this Volume and Beyond................ 15 V ah id in P reljević (S arajevo ) Das Attentat von Sarajevo: Helden, Apokalypse, Opferkult. Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses......................................................... 27 DAS ATTENTAT VON SARAJEVO ALS PARADIGMA I van Č olović (B eograd ) Das Attentat von Sarajevo und der Kosovomythos.............................. 59 W olfgang M üller -F unk (W ien ) Über die Bedeutsamkeit des Datums 1914. Kraus, Musil, Roth, Andrić und Iwaskiewicz mit Hans Blumenberg gelesen.............. 77 EREIGNIS, IDEOLOGIE, ÖKONOMIE Z ijad Š ehić (S arajevo ) Der Tag, der die Welt veränderte. Das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914........................................ 99 D žemal S okolović (B ergen ) Sarajevo 1914-Ursachen und Folgen. Attentat, Kriege, Nationalismen............................................................ 125 B oris N. K ršev (N ovi S a d ) Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (1878-1918)................................. 149 D ževad J uzbašić (S arajevo ) Wirtschaftsbeziehungen auf dem Balkan eine der Hauptursachen des Krieges zwischen Österreich-Ungarn und Serbien.......................... 173 <?page no="6"?> 6 Inhalt M arcela P ožarek (P rag / W ien ) Thron, Tratsch und Treibjagd oder wie man auf Tannen schießt. Franz Ferdinands Frau.......................................................................... 189 DAS ATTENTAT VON SARAJEVO IN DISKURSEN UND MEDIEN V edad S mailagic (S arajevo ) Das Attentatvom 28. Juni 1914-a m Tag danach. Eine Untersuchung der Berichterstattung in deutschsprachigen Zeitungen der österreichischen Reichshälfte.........................................205 A dela F ofiu (C luj ) Rene Girard's modern apocalypse. A Case Study on the fears of 1914 in the Romanian print media from Transylvania...................... 217 N orbert R ichard W olf (W ürzburg ) Aggressive Intelligenz. Deutsche Professoren zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.................................................... 227 H ans -P eter G rosshans (M ünster ) Vom Fortschrittsoptimismus zur Kulturkritik. ZurVerarbeitung des Ersten Weltkriegs im deutschsprachigen Protestantismus..............241 M ilka C ar (Z agreb ) Gastspiel der Zagreber Oper in Sarajevo im Juni 1914.......................... 253 I rm a D uraković (S arajevo ) Schuss und Gegenschuss. Antun Valid und seine Aufzeichnungen rund um das Attentat von Sarajevo................... 269 M arina A ntić (P ittsburgh ) "Bosnian Spring": a Young Bosnia Movement 2.0? The HistoryofUneven Development on the European Margins from Princip to the Plenums........................ 285 NARRATIVE DES ATTENTATS VON SARAJEVO IN ZENTRALEUROPÄISCHEN KULTUREN B oris P revišić (B asel ) Ideologisierung historischer Rekonstruktion. Der Mehrwert literarischer Rekonstruktion des 28. Juni 1914......................................305 N orbert C hristian W olf (S alzburg ) Die Dichter und ihr Krieg. Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914...........................................317 <?page no="7"?> Inhalt 7 A lmir B ašović (S arajevo ) Literarische Bilder von Gavrilo Princip.................................................. 355 N aser Š ečerović (S arajevo ) Der Mensch in der Geschichte. Die Suche nach dem "neuen Menschen" in den Dramen Das Gelobte Landw n Borivoje Jevtić und Die Blutdämmerung von Ahmed Muradbegović.................. 389 S anjin K odrić (S arajevo ) "Überschwang und Martyrium". Das Attentat von Sarajevo und seine Reflexionen im literarischen Werkvon Ivo Andrić................ 405 M arijan B obinac (Z agreb ) "Revolutionäre Tat" oder "ordinärer Mord"? Zur Textualisierung des Attentats von Sarajevo und des Ersten Weltkriegs im essayistischen Werk Miroslav Krležas............................. 423 D ana P feiferovä (P lzen ) Vom Trauerhaus zum Mythos Cimrman. DerTod des Thronfolgers im böhmisch-tschechischen Kulturkontext............... 441 R o m an K o priv a (B rno ) "Der 28. Juni [...] sollte ein denkwürdiger Tag werden". Zu figuralen und lokalen Aspekten der Darstellung eines symbolträchtigen Datums in Ludwig Winders Roman Der Thronfolger sowie bei einigen anderen Autoren............................ 453 T hom as G rob (B asel ) Der huzulische Blick. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Wahrheit der Peripherie in Jözef Wittlins Salz der Erde (Söl ziemi)........................................................................ 471 E dit K iräly (B udapest ) Die langen Schüsse und ihr verkürzter Widerhall..................................491 D a n iela S trigl (W ien ) Die Geschichte umschreiben. Milo Dors Roman Der letzte Sonntag/ Die Schüsse von Sarajewo.......................................505 L uigi R eitani (U din e ) "Ein dunkler, knatternder Marsch von Elfsilbern" Gilberto Fortis Verserzählung A Sarajevo H28 giugno........................... 517 M arta W im m er (P o zna n ) Das Geschehene ungeschehen machen. Zu Hannes Steins Geschichtslogik am Beispiel des Romans Der Komet............................ 527 <?page no="8"?> 8 Inhalt T omislav Z elić (Z adar ) Der "weltberühmte Schnappschuß von Sarajevo" in W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn (1995)........................................537 S tun V ervaet (G ent ) Revolutionaries or Terrorists, Heroes or Victims? Young Bosnia and Gavrilo Princip in Biljana Srbljanović's Theater Play Mali mije ovaj grob......................................................... 551 ERINNERUNG UND KULTURELLES GEDÄCHTNIS G ünther K ronenbitter (A ugsburg ) Schock und Erwartung. Der Sommer 1914 in der Erinnerung.............. 569 S tanislav S retenović (B eograd ) The 28 June 1914 between Serbian memory and the construction of Yugoslav identity, 1918-1991.......................... 581 U ubinka P etrović -Z iemer (S arajevo ) Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip im Kontext konflikthafter Erinnerungskulturen in Bosnien und Herzegowina................................................................597 N icolas M oll (S arajevo ) Die Mutter aller Attentate? Sarajevo 1914, Marseille 1934, Dallas 1963, Twin Towers 2001....................................617 A mälia K erekes (B udapest ) | K atalin T eller (W ien ) Jahr-Markt der Schüsse. Das Gedenkjahr 1924 in Texten und Bildern aus Österreich und Ungarn.................................635 E lena S ukhina (M oskau ) Der Große Krieg als Eigenes und Fremdes in der russischen Folklore......................................................................651 S elma H arrington (D ublin ) A Girl Called Bosnia, the Prince and the Villain. How we remembered the Sarajevo Assassination................................663 C hristoph A ugustynowicz (W ien ) Die langen Schüsse von Sarajevo in Galizien/ Polen. Impressionen aus den aktuellen Narrativen......................................... 683 C hristine P unz (B anja L uka ) | F lorian H aderer (S arajevo ) Sarajevo 2014. Arena des Gedenkens................................................... 693 <?page no="9"?> V orw ort der Herausgeber Vom 25.-28. Juni 2014 fand unsere internationale Tagung THE LONG SHOTS OF SARAJEVO 1914 statt. Unser Plan war freilich nicht, eine weitere Konferenz zu organisieren, die den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren in allgemeiner Hinsicht thematisieren, Kriegsgründe und Anlässe, Ziele und Folgen regional und global analysieren sollte. Zahlreiche Symposien wurden in diesem Sinne während des ganzen 'Jubiläumsjahres' 2014 abgehalten und einige haben bereits ihre Ergebnisse publiziert.1 Im Gegensatz zu den meisten dieser Projekte fand unsere Tagung aber vor Ort statt, d.h. in Sarajevo als einem der europäischen Gedächtnisorte (um Pierre Noras viel bemühten Terminus der Iieux de memoire zu verwenden), der unter anderem auch den Schauplatz des Attentats von Gavrilo Princip und seiner Gruppe auf Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie von Hohenberg am St. Veitstag (28.6.) 1914 markiert. Aus diesem Grund entschieden wir uns, das Symposium, das als offizielle Gedenkveranstaltung auch von Österreich, Frankreich, der EU und diversen europäischen Institutionen m itsubventioniert wurde, eben jenen "Schüssen von Sarajevo"2 zu widmen: einer jener mythisch aufgeladenen politischen Gewalttaten der europäischen Moderne, ein Ereignis, das gleichsam das kurze, gewaltvolle 20. Jahrhundert einleitete, indem es den Vorwand für einen österreichisch-ungarischen 'War on Terror' gegen Serbien bot, aus dem heraus der 'W eltenbrand' des Ersten Weltkriegs entstehen sollte. Um ein mehrdimensionales, facettenreiches Bild des Attentats auf seinem Weg in und durch die Geschichte zu entwerfen, entschlossen wir uns aufgrund der mehrheitlich kulturwissenschaftlichen Ausrichtung unserer Teilnehmer/ innen, drei Ebenen zu berücksichtigen, die bei der historisch-kulturellen Dialektik von Faktizität und Repräsentation eine Rolle spielen: 1) das Ereignis selbst, d.h. eine Beschreibung und Rekonstruktion dessen, was eigentlich um den 28. Juni 1914 herum vorgefallen ist, sofern dies noch immer möglich und sinnvoll ist nach so vielen Publikationen zum Thema; 1 Vgl. etwa den Sonderband von Prilozi/ Contributions [Univ. Sarajevo] 43 (2014). 2 Die Mehrdeutigkeit der englischen Formulierung ließ sich in keine deutsche Übersetzung übertragen, deutet doch ‘ long shots' nicht nur die longue duree des Ereignisses bzw. seiner Auswirkungen an, sondern spielt auch mit Termini technici der Cinematograhe und des Ballsports. <?page no="10"?> 10 Vorwort der Herausgeber 2) die verschiedenen Narrative, die das Attentat bis heute in den Medien, der Literatur, in Film, Historiografie und politischen Schriften produziert hat, um ihm einen wie auch immer gearteten Sinn zu geben; 3) Erinnerungspolitiken, welche die Narrative in sich aufgenommen bzw. sie im Rahmen der kulturellen Gedächtnis-Konstruktionen bestimmter Gruppen, Regionen, Epochen, Staaten und schließlich Europa als Ganzem fokussieren. Bei diesem Versuch zu zeigen, wie aus einem kontingenten und chaotischen Vorfall ein Ereignis von historischer Tragweite wird, das sich in komplexe, ja widersprüchliche narrative und diskursive Sinnstiftungssysteme einfügt, konnten w ir auf die multi- und interdisziplinäre Orientierung der zahlreichen Beiträger/ innen unserer Konferenz und des hiermit vorliegenden Sammelbands zählen; sie decken nahezu die gesamte Palette geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Herangehensweisen ab. Darüber hinaus war unsere erklärte Absicht, Vortragende aus verschiedenen nationalen Kontexten zusammenbringen (d.h. aus mehr als zwanzig Ländern)-gemeinsam mit internationalen Studentengruppen, die ein EU-Stipendium dafür erhielten, um an einer friedlichen wie fruchtbaren Diskussion dieses sonst sehr kontroversen Themas teilzunehmen. Dies war unser Beitrag zu den offiziellen Gedenkfeiern von 1914-2014 in Sarajevo: Aber nicht als eine quasi mit dem Fallschirm abgeworfene Veranstaltung 'von außen' so wie jene internationalen Intellektuellen, die während der Belagerung von 1992- 1995 die Stadt sporadisch besuchten, um eine Erklärung abzugeben und sie schleunigst wieder zu verlassen sondern als Projekt eines Dialogs, der Bosnien-Herzegowina, die westlichen Balkanstaaten, Zentraleuropa wie den ganzen Kontinent er- und umfassen sollte. Im Rückblick sind wir immer noch überwältigt vom Medienecho, das unsere Veranstaltung in Europa, Nordamerika und Asien, in TV-Nachrichtensendungen, Zeitungsartikeln und Blogs fand. Schon während der Tagung war es interessant zu beobachten, welche Facetten der vorher erwähnten drei Ebenen als Arbeitsvorgabe von den Vortragenden thematisiert wurden und welche eher unbehandelt blieben; weiters, wie das Modell von Ereignis, Narrativ und Gedächtnis sich gleichsam in actu weiterentwickelte. In jedem Fall müssen wir das Projekt trotz aller Unkenrufe, es würde Unbehagen und Zwietracht säen, und trotz emsiger Versuche zweier nationaler Lager, es zu verhindern, als großen Erfolg betrachten. Jetzt ist es an unseren Leser/ innen, das Resultat dieser Anstrengungen, deren Ergebnissejetzt in doppelter3 Buchform vorliegen, zu ermessen. 3 Es existiert auch eine bosnische/ kroatische/ serbische Version des vorliegenden Konferenzbands; vgl. Preljević, Vahidin / Ruthner, Clemens: Sarajevski dugi pucnji 1914. Događaj narativ pamćenje. Zenica: Vrijeme 2015. <?page no="11"?> Vorwort der Herausgeber i i Für die finanzielle und logistische Ermöglichung dieses groß angelegten Vorhabens möchten wir deshalb auch den Geldgebern und anderen Unterstützern danken: dem World University Service Austria (WUS), zwei österreichischen Ministerien (BMEIA und BMWF, Wien), der Philosophischen Fakultät Sarajevo und der Universität Sarajevo und dem Trinity College Dublin, und ganz besonders der Europäischen Union sowie der Stiftung Sarajevo Heart o f Europe. Darüber hinaus sind wir allen Individuen zu großem Dank verpflichtet, die es zu einer Sache persönlichen Engagements gemacht haben, an der Planung und Durchführung unseres Symposiums mitzuarbeiten: all unseren emsigen Dolmetscher/ innen, Übersetzer/ innen und conference facilitators ebenso wie Kulturattachee Brigitte Sitzwohl- Pfriemer und Botschafter Martin Pammer von der österreichischen Botschaft Sarajevo sowie unserem bosnischen Verleger Muamer Spahić und seiner formidablen layouterin Fatima Zimić. Zum Schluss bleibt uns nur noch zu hoffen, dass dieser Sammelband das intellektuelle Vergnügen, das die Tagung uns allen bereitete, vermitteln möge. Vahidin Preljević | Clemens Ruthner Sarajevo - Würzburg - Wien - Berkeley - Dublin, 2014/ 15 <?page no="13"?> ANNÄHERUNGEN <?page no="15"?> C lemens R uthner (D ublin / B erkeley ) KriegsErklärungen The Notions o f'Evenf, 'Narrative' and 'M em ory' as Critical Tools for this Volume and Beyond This introductory text examines existing definitions of 'event', 'narrative' and (cultural) 'memory' in philosophy, literary/ cuItural theory and historiography, capitalizing on Martin Heidegger, Alain Badiou, Slavoj Žižek, Mieke Bai, Jurij Lotman, Arno Borst and many other (secondary) sources: a cursory discussion of the general topic and central focus of this edited volume, which is meant to operationalize the terms in a pragmatic way with respect to the case studies to come. "Das Ereignis er-eignet das Seinlose in das Sein." (M artin Heidegger1) As already laid out in our Preface, this volume is based on the assumption that there are three structural layers, as it were, that constitute the "(Long) Shots of Sarajevo", i.e. the Attentat that caused the death of the heir to the Habsburg throne, Archduke Franz Ferdinand, and his wife, Sophie von Hohenberg, on the streets of Sarajevo on 28 June, 1914. Accordingly, three research tasks were assigned to the authors of the following case studies: 1) to describe and reconstruct the event its e lfas far as this is possible and innovative; and/ or 2) to analyze some of the numerous narratives the A ttentat has produced so far in the media, literature, film, historiography and politics; and/ or 3) to investigate the way how these narratives have been used and instrumentalized in the cultural memory formation, or memory politics, respectively, of groups, regions, states and nations, and eventually, in Europe as a whole. Thus, in order to create some theoretical and methodological clarity for the book chapters to come, it might prove useful to define the central no- Martin Heidegger: Das Ereignis [1941/ 42]. (= Gesamtausgabe, Bd. 71, ed. Friedrich-Wilhelm V. Herrmann.) Frankfurt/ Main: V. Klostermann 2009, p. 197. <?page no="16"?> 16 Clemens Ruthner tions involved in this undertaking first, namely Event, Narrative, and Cultural Memory. These three terms, which are so central to cultural studies and theory as a whole, have to be thought of as inter-related. This means, for instance, that calling something an 'event', as it has probably occurred in an unpredictable, contingent, sometimes overwhelming and rather opaque manner for the onlookers and bystanders, only seems to be possible in hindsight: as soon as you have words and a narrative ready to make sense of it, which is then immediately subject to a collective debate of what representation and interpretation of the event is exactly going to be incorporated in cultural memory, particularly in agonistic cases. ("9/ 11" is a very striking example for this cultural process, but also the Shots of Sarajevo which share some traits with the American event of 2001 that triggered a not very successful 'War on Terror' as well.) Along these lines, I chose the German title for my theoretical sketch that plays with the double meaning of the word KriegsErkIarungen, which can be read as 'declarations', but also as 'explanations' of war. What narratives and cultural memory formations do to an event, can be both: surprisingly, they seem to exercise a performative function even a posteriori, i.e. they let the event 'happen' again, but in the first place, they make sense of it. You can ask yourself here sophistically to what extent the event exists as such w ithout the intervention of the narratives and memories that created it out of a mere occurrence. For the heuristic sake of the following, however, the three terms in question will be treated and presented apart from each other, with a clear focus on the event which is the most recent and least theorized notion in cultural theory among them. I. Event (Historicity) Ein Ereignis schafft eine Realität nicht durch sich selbst; [...]. Es zeigt uns an, dass eine Möglichkeit existiert, von der man nichts wusste. Das Ereignis ist auf gewisse Art nur ein Vorschlag. [...] Alles hängt dann von der Art und Weise ab, wie diese Möglichkeit [...] in der Welt ergriffen, bearbeitet, inkorporiert und entfaltet wird.2 Thisdefinition by Alain Badiou, stemming from a dialogue about his oeuvre with Fabien Tarby, sums up a few important aspects for a definition of an 'event'. What is crucial for the French philosopher is the unique and novel Badiou, Alain / Tarby, Fabien: Die Philosophie und das Ereignis. Mit einer kurzen Einführung in die Philosophie Badious. Vienna, Berlin: Turia + Kant 2012, p. 17. <?page no="17"?> The Notions of'Event'. 'Narrative' and *l*M em or/ ' as CriticaITooIs 17 potentiality its occurence introduces, which cannot be controlled even by the ruling powers; 3 to put it in a Heideggerian way, it is "a figure of enablement".4 Badiou clearly conceptualizes the event here with an eye on radical politics, social change and revolution, in an enthusiastic intellectual Adventism of sorts (and at this point already, it becomes evident why an A ttentat like the one in Sarejevo would become the epitomy of it5). Not only in Badiou, the definition of what makes an event in terms of philosophy, historiography and the humanities is very often implicitely or outspoken sought along the lines of Martin Heidegger, who in 1941/ 42 wrote Das Ereignis, probably the first influential philosophical sketch on the subject matter.6Slavoj Žižek, for instance, defines the event in a recent book publication as something shocking, out of joint that appears to happen all of a sudden and interrupts the usual flow of things; something that emerges seemingly out of nowhere, w ithout discernible causes, an apperance without solid being as its foundation. [...] at first approach, an event is thus the effect that seems to exceed its causes.7 From a French Poststructuralist perspective, the event, through its "m urky randomness" and Otherness ("seinen Schlamm der Zufälligkeit" und "Bodensatz des Andersseins"), brings uncertainty and contingency to prevailing structures.8 And, according to the German sociologist and philosopher Niklas Luhmann, the continuous disintegration through the occurrence causes permanent change to the constellation of the past, present and future.9 The event is thus basically the carrier, or even the Ibid., pp. 20-21. "Auf ein Ereignis vorbereitet sein, heißt, in einer subjektiven Disposition zu sein, in derman die neue Möglichkeit erkennt. [...] Aufein Ereignis vorbereitet zu sein heißt, in einem Geisteszustand zu sein, in dem die Ordnung der Welt, die herrschenden Mächte nicht die absolute Kontrolle über die Möglichkeiten haben." 1 "eine Figur der Ermöglichung" (Naumann, Barbara: Zur Entstehung von Begriffen aus dem Ungeordneten des Gesprächs. In: Rathmann, Thomas (ed.): Ereignis. Konzeptionen eines Begriffs in Geschichte, Kunst und Literatur. Cologne, Weimar, Vienna: Böhlau 2003, pp. 103- 118, cit. p. 109.) Demandt, Alexander: Das Attentat als Ereignis. In: A.D. (ed.): Das Attentat in der Geschichte. Frankfurt/ M ain: Suhrkamp 1999 (st 2936), pp. 535-552, esp. p. 549. 6 Cf. Eleidegger 1941/ 2009. - It would be interesting to discuss in depth the circumstances that made Eleidegger raise the question of 'the event' in philosophical terms during the Second World War. 7 Žižek, Slavoj: What is an Event? Elarmondsworth: Penguin 2014, pp. 4-5. 8 From Dialogues between Georges Duby and Guy Lardreau (1980), qtd. after Biti, Vladimir: "Ereignis". In: V.B.: Literatur- und Kulturtheorie. Ein Lexikon gegenwärtiger Begriffe. Reinbek: rororo 2001, pp. 193-197, here p. 195. 8 "Die durchgängige Desintegration des Ereignisses bedingt eine ständige Veränderung in der zeitlichen Konstellation von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft." (Biti 2001, p. 197, re- <?page no="18"?> 18 Clemens Ruthner invasion of tem porality itself into social and historical life as well as into literary texts, as we will see. At this point, also the question of human agency comes into play. Metaphorically speaking, every new hand of cards changes a play of Poker, but it is mostly out of the hands of the player. But then the event is also (according to Žižek, quoting Badiou again) "contingency which converts into necessity"10: "a radical turning point"11 which also causes a structural change "of the very frame through which we perceive the world and engage in it".12Thus, "the space of an event is that which opens up by the gap that separates effect from its causes".13 Further descriptors can be listed as follows, capitalizing on the books by Suter & Hettling (2001), Thomas Rathmann (2003), Kulcsar-Szabo & Lorincz (2014), and Rowner (2015); 14according to these publications, what constitutes an event in terms of a theory and philosophy of history is: the relation between the occurrence of an event and a period of latency prior to it in a philosophical but maybe also in a psychoanalytical sense; 15 the event is thus the driver of an underlying principle of becoming; 16 however, the event is also always characterized by a moment of surprise (as mentioned before already), which challenges existing horizons of expectation,17 and creates a "rupture; a momentary excess or lack of sense"; 18 fening to Niklas Luhmann; also see ibid., pp. 195f.) Also see Naumann 2003, p. 107: "Das Ereignis würde den Verlauf der Zeit (i.e., den 'Lauf der Dinge', CR) in ein Vorher und in ein Nachher zerlegen, und dabei eine Veränderung initiieren, deren Resultate im Ereignis selbst noch nicht ablesbar seien." 10 Žižek 2014, p. 160. 11 Ibid., p. 159. 12 Ibid., p. 12. 13 Ibid., p. 5. 11 Cf. Suter, Andreas / Hettling, Manfred (eds.): Strukturund Ereignis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001; Rathmann 2003; Kulcsär-Szabö, Zoltän / Lörincz, Csongor (eds.): Signaturen des Geschehens. Ereignisse zwischen Öffentlichkeit und Latenz. Bielefeld: transcript 2014; Rowner, llai: The Event. Literature and Theory. Lincoln, London: University of Nebraska Press 2015 (kindle edition). Also see Ricoeur, Paul: Time and Narrative I. Transi. Kathlin McLaughlin and David Pellauer. Chicago: Univ. of Chicago Press 1984, pp. 9 6 -9 7 - The increasing number of publications indicates a certain boom of interest in the topic and its discussion in recent years. 15 Cf. Kulcsär-Szabö, Zoltän: Einleitung. In: Kulcsär-Szabö & Lörincz 2014, pp. 9-20, here p. 9. 16 Cf. Rowner 2014, pos. 116, 635. 17 Cf. ibid., pos. 1982, 1985. 18 Ibid., pos. 208, cf. pos. 67; italics mine. <?page no="19"?> The Notions of'Event', 'Narrative' and 'Memory' as CriticalTooIs 19 there is also the factor of the collective, or public/ ity, respectively, at work through which an occurrence gains the status of an recognized event19it is "a question of social production by mass communication", as Pierre Nora puts it; 20 and last, but not least, the interdependence of historical structure and event should be stated and investigated: the former brings about the latter, but is interrupted, changed or sometimes even destroyed by it as well whereupon the event produces new structure again.2122 In the history of Western historiography, the insistence on the event as a phenomenon of the Lebenswelt22 and, as a consequence, its "return" to the theory of the discipline are the reaction to two trends in the last decades of the 20th century: on the one hand, it was meant as a countermovement to the general focus of historiography on writing the history of social and cultural structures rather than "Ereignisgeschichte" after Fernand Braudel and the French Ecole des Annales; on the other hand, as opposition against the Postmodern concept of history as being purely a narrative construction.23 However, as historian Arno Borst in Koselleck's and Stempel's trendsetting German volume Geschichte - Ereignis und Erzählung of 1973 concludes, in a way many of his successors have found noteworthy: '"lite rarische Ereignisse' gibt es, geschichtliche nicht."24 Something that occurs needs someone to write it down; otherwise it will be lost and become insignificant. Borst thus reinforces the mutual dependence of Ereignis and narrative; as Ilai Rowner resumes forty years later: "The literary event cannot be reduced either to an extralinguistic reality or to its existence inside 19 Cf. Kulcsar-Szabo 2014, p. 14. Another author writes: "Ereignisse sind Vorfälle, denen eine bestimmte Signifikanz zugeschrieben wird." (Flaig, Egon: Ein semantisches Ereignis inszenieren, um ein politisches zu verhindern. In: Rathmann 2003, pp. 183-198, cit. p. 184). 20 Quoted after Rowner 2015, pos. 269. 21 This relation is something Reinhart Koselleck and Paul Ricoeur have dealt with, cf. Rathmann 2003, pp. 8, 48. Also see Suter & Hettling 2001. 22 Rathmann, Thomas: Ereignisse Konstrukte Geschichten. In: Rathmann 2003, pp. 1-19, cit. p. 3. 23 See Morin, Edgar: Le retour de l'evenement. In: Communications 18 (1972), pp. 6-20; Nora, Pierre: The Return of the Event (1972). In: http: / / de.scribd.com/ doc/ 142676797/ The-Return-of-the-Event-Pierre-Nora#scribd; Koselleck, Reinhart / Stempel, Wolf-Dieter (eds.): Geschichte - Ereignis und Erzählung. Munich: Fink 1973. 24 Borst, Arno: Das historische 'Ereignis'. In: Koselleck & Stempel 1973, pp. 536-540, cit. p. 540. Borst also deconstructs the opposition of structure and event by stating (in a re-assessement of Ranke's Über die Epochen der neuen Geschichte (1854): "sie galten ihm nicht als punktuelle Begebenheiten, sondern als Wirkungszusammenhänge" (ibid., p. 539); events can be thus also seen as brackets and conjunctions, not necessarily as interruption of historical structures. Cf. Cramer, Thomas: Vom Vorfall zum Ereignis. Wie Caritas Pirckheimer Geschichte zur Raison bringt. In: Rathmann 2003, pp. 223-242. <?page no="20"?> 20 Clemens Ruthner the linguistic realm."25As a consequence, Rowner's book itself "constructs the event as a dynamic in-between entity, a Iiminal movement",26 which makes sense in the light of what has been said so far. Thus, our focus, too, will have to shift towards cultural construction and representation. II. Narrative (TextuaIity) An oeuvre is an event, to be sure; there is no oeuvre without singular event, without textual event, if one can agree to enlarge this notion, beyond its verbal or discursive limits. But is the oeuvre the trace of an event, the name of the trace of the event that will have instituted it as an oeuvre? Or is it the institution of the event itself? 27 In his essay Typewriter Ribbon, Jacques Derrida answers this sophisticated hen-egg question with "both at once",28 pointing at the circularity of the relation between event and work, which, upon scrutiny, seem to mutually constitute each other; thus the oeuvre becomes the trace, but at the same time the "institution" of the event, and its "testament",29as it were. However, the event as a literary term also plays an important part in narrative theory. In her Narratologyl Mieke Bal, for instance, defines it as a basic element of story-telling and plot-building [fabula): A fabula is a series of logically and chronologically related events that are caused or experienced by actors. An event is the transition from one state in another state. Actors are agents that perform actions. They are not necessarily human. To act is defined here as to cause or to experience an event.30 As Bal observes further, every event, whether it is an element in the plot of a literary text or a constituent part of history, entails a 'triple C', namely the factors of "Change, Choice and Confrontation".31 Her definition follows 25 Rowner 2015, pos. 64. 26 Ibid. 27 Derrida, Jacques: Typewriter Ribbon: Limited Ink (2). In: J.D.: W ithout Alibi. Ed., Transi, and lntrod. by Peggy Kamuf. Stanford: Standford University Press 2002, pp. 71-160, cit. p. 132- 133. Also see Deleuze, Gilles, Logic of Sense. Transi, by Mark Lester and Charles Stivale, ed. by Constantine V. Bundes. New York: University of Columbia Press 1969; cf. Rowner 2015, pos. 220. 28 Derrida 2002, p. 133. 29 Lörincz, Csongor: Einleitung. In: Cs. L. (ed.): Ereignis Literatur. Insbtubonelle Disposibve der Performabvität von Texten. Bielefeld: transcript 2011, pp. 7-30, cit. p. 11. 30 Bai, Mieke: Narratology. Introducbon to the Theory of Narrabve. Toronto, Buffalo, London: University of Toronto Press, p. 5. 31 Ibid., p. 13. <?page no="21"?> The Notions of'Event' 'Narrative' and lM em or/ ' as CriticaITooIs 21 a prominent one by Jurij Lotman who conceives of an event as the movement of a character across the boundaries of a semantic field set up in the fictitious world of the text, for instance from life to death.32 Accordingly, an event causes a situation to change or, in other words, is the dynamic transition from one situation to another. An event, particularly a historical one, thus creates a Iiminal stage of sorts; it is a threshold, the crossing of a borderline in space and time and the agents generally have no idea (yet) what is coming out of it.33This holds particularly true for spectacular, transgressive political acts, such as forms of protest, revolution, tyrannicide and acts of terrorism and particularly an Attentat like the one in question has its own aesthetics and is meant to be spectacular and to trigger something of historic consequences,34 although those involved don't know (yet) where it is going to lead them. It takes hindsight to decide what a historic event is, and you need a narrative to make sense of its inherent complexity be it in the media or in literature. So, although the A ttentat seems like the epitomy of an event and Gavrilo Princip like the role-model assassin,35 it even took him a retrospective point of view to make his deed meaningful in his self-defense during police interrogation and at the trial. Furthermore, it took a w riter like Ivo Andrić (1892-1975), the later Nobel prize laureate who in 1914 had sympathized with Princip and his group, and who, during an interview in the 1930s, spoke of the Sarajevo Assassination as "our Thing [...] which was terrible and glorious and great", changing the summer of 1914: "jener hitzige und ruhige Sommer mit seinem Geschmack des Feuers und seinem kalten Atem der Tragödie, den man überall spürte: er ist unser wahres Schicksal."36 Repeating Mieke Bal's and Roland Barthes's claims, a narrative is the chain that ties events together in order to create a chrono-logical order and, with it, causality and teleology, to turn contingency into something that makes sense. This happens through a process the US historian Flayden W hite calls "em plotm ent": the way contingent events are turned into a meaningful storyline with characters and a plot structure following cultur- 52 Lotman, Jurij M.: The Structure of the Artistic Text. Transi, by Gail Lenhoff & Ronald Vroon. Ann Arbor: University of Michigan Press 1977, p. 238; cf. Rowner 2015, pos. 567. 53 In the case of a trauma, the event can also be something that is rather concealed than exposed in a text, or gradually revealed, as something that is lacking in the narrative order first, but still setting it into motion. Cf. Rowner 2015, pos. 2321ff. 34 Cf. Demandt 1999. 35 Cf. Demandt 1999, esp. pp. 536-537. Also see Sösemann, Bernd: Die Bereitschaft zum Krieg. Sarajevo 1914. In: ibid., pp. 350-381. 36 Quoted after Preljević, Vahidin: "Unsere Sache von 1914". Zur jugoslawischen Idee und zum Attentat von Sarajevo. In: Konkret, nr. 7/ 2014, p. 46. <?page no="22"?> 22 Clemens Ruthner al templates, not only in literature, but also in historiography.37That's how narrative changes the irreducible asymmetry of the event into an ordered sequence and overwrites Otherness (which entered our world through the event) with similarity: 38 Auf der einen Seite zeigt sich das punktuelle Ereignis, das Einzelne und Unerhörte, das zufällig Begegnende, das 'Abenteuer' im Wortverstande, dasjenige, was [...] unwillkürlich 'zustößt' und 'passiert'; demgegenüber findet sich der Kontext, die Sinnhaftigkeit der Welt, jenes Entworfene einer'Ganzheit' aus Anfang, Mitte und Ende (nach der Formulierung des Aristoteles), das-wiederum nach der klassischen Episteme - System-Charakter besitzt, die Ordnung der Dinge stiftet.39 Narrative thus transcribes the unique incident into the familiar scripts of our knowledge, enabling us to process an event of any kind cognitively; at the same tim e we are tempted to reduce its complexity to what we already know. (Here, maybe a heuristic distinction should be made in terms of size and importance between the great (historic) Events and the small, mundane events (actions, occurrences) that e.g. change a situation in a story, such as 'leaving the house' changes my day; the latter are very often described as plot elements, narrative atoms, literary motifs etc.40) If we now look back to the "Shots of Sarajevo" in 1914, then this event can be easily turned into a narrative that reads like the epitomy of a movie plot, almost perfectly suited for a Hollywood script, with a potential storyline that is so multi-faceted it can carry numerous interpretations. First, you have a gang of angry young men who are in Sarajevo to kill a highranking person whom they consider to be a symbol of colonialism and oppression. In the center of the image, you have the young assassin Gavrilo Princip and his target, the Habsburg crown prince Franz Ferdinand. Furthermore, we have a second victim, Franz Ferdinand's wife, about whom we barely speak, since there seems to be gender politics as well in narrative representation until recently.41 However, there are other interesting side-characters involved, depending on the actual version of the narrative: 37 Cf. White, Hayden: Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe. Baltimore: John Hopkins UP 1973. 38 Biti 2001, pp. 196-197, summarizing Jean-Frangois lyotard. 39 Neumann, Gerhard: Begriff und Funktion des Rituals im Feld der literaturwissenschaft. In: G.N . / Weigel, Sigrid (eds.) Die lesbarkeit der Kultur. Iiteraturwissenschaften zwischen Kulturtechnik und Ethnographie. Munich: Fink 2000, pp. 20 52, cit. p. 42. 40 Cf. Rowner 2015, pos. 435ff; Ruthner, Clemens: Am Rande. Kanon, Kulturökonomie und die Intertextualität des Marginalen am Beispiel der (österreichischen) Phantastik im 20. Jh. Tübingen: Francke 2004, chapter IV. 41 In most versions, the Attentat is related as a duel of sorts between two males, treating the killing of Sophie von Hohenberg as collateral damage, as it were. <?page no="23"?> The Notions of'Event', 'Narrative' and ‘MemoiV as CriticaITooIs 23 General Oskar Potiorek, for instance, the Austro-Hungarian governor of Bosnia-Herzegovina, the investigating Austrian magistrate, Leo Pfeffer, or the Czech driver who misses his way, almost a literary m otif for Jaroslav Hasek, Bogumil Hrabal and their likes. Point of view and focus, to use tw o more technical terms from narratology w ith respect to the ways how the (hi)story o f the Attentat is told, make a lot of difference when it comes to a potential interpretation. Here the toolsets stemming from literary analysis can prove extremely helpful to show that no narrative is innocent, but all of those stories are told for a reason, employing certain narrative and rhetorical strategies; which brings us to the ideologies behind narratives. In that respect, the crucial point for all Sarajevo Assassination narratives seems to be to identify who actually the perpetrator was and who the victim. Ethically speaking, what happened will always remain murder. However, in the narratives the Attentat has produced in history so far. Archduke Franz Ferdinand is either seen as a Habsburg martyr who might have made a change for the better within the empire, had he become Kaiser, or an oppressor and passionate animal-killer who was to be murdered in an act of Slavic self-sacrifice. Gavrilo Princip, the assassin, saw himself as a freedom fighter, whose great deed was supposed to lead all Yugoslav people(s) on the road to liberation or only the Serbs among them? 42 There are some who see him as a victim as well, if not a martyr, since he was not handed out a death sentence by the Austro-Hungarian tribunal due to his minor age during the assassination, but left to rot alive in Theresienstadt where he died from tuberculosis only months before the end of the First World War. From a bird's-eye perspective, one can say that the high amount of ambiguity and ambivalence stored in the event of the assassination itself has created a virtual narrative m atrix of sorts not only for two, but for dozens of narratives which emerge therefrom. This is particularly important when it comes to the ideologically biased incorporation of the Attentat narratives into the cultural memory formations of groups and societies that proclaim themselves nations. What is striking though is the unequal share of narrative focus and empathy, as it were: most available literary accounts of the Attentatfocus rather on the assassin Princip than on his victims. This in a way reduplicates the contemporary attitude even in Austria-Hungary towards Franz Ferdinand who was seen as "unsympathisch"; 43 on the other hand, the perpetrator's 42 According to Dedijer, Princip said at his trial: "I am a Yugoslav nationalist, aiming for the unification of all Yugoslavs, and I do not care what form of state, but it must be free from Austria." (Dedijer, Vladimir: The Road to Sarajevo. New York: Simon & Schuster 1966, p. 341) 42 Cf. e.g. the contribution of Vedad Smailagic in this volume. <?page no="24"?> 24 Clemens Ruthner mind, in its opaqueness and ambiguity, seems to be much more appealing for narrative than the Habsburg hunter and bureaucrat, particularly through the mentioned tragic circumstances of Princip's early death. Very often, the authors of narratives thematizing the Attentat or the assassin's perdition resort to the aesthetic device of the Sublime (das Erhabene) as a mode of representation (if you recall e.g. Andrić's words, for instance). This happens seemingly in a similar vein to William B. Yeats's contemporary verses about the Irish Easter Rising in 1916: "[...] and a terrible beauty / was born." This is also the case in Dževad Karahasan's Princip Gavrilo [The Principle Gabriel, 2007], a tale that tries to catch the last words of the assassin in prison.44The lines which Karahasan makes one of his protagonists utter here, however, might be paradigmatic for the enterprise of narrativizing an event like the Shots of Sarajevo, 1914, namely "daß die Kunst den Stoff durch die Form überwinde, notfalls sogar negiere; Kunst überführe den Stoff in eine Form, in der er über sich hinauswächst und ihm überhaupt erst Sinn zufällt."45 III. Cultural M emory (Politics) Ourghostswill walkthrough Vienna And roam through the Palace Frightening the Lords.46 Them etaphorofghostsandtheirhauntings which Gavrilo Princip'planned' in his last written statement, scratched with a spoon on the wall of his prison cell before his death, surprisingly corresponds w ith the answer the Austrian w riter Robert Musil gave in the 1920s to the question "what are you working on": Die reale Erklärung des realen Geschehens interessiert mich nicht. Mein Gedächtnis ist schlecht. Die Tatsachen sind überdies immer vertauschbar. Mich interessiert das geistig Typische, ich möchte geradezu sagen: das Gespenstische des Geschehens.47 The ghastly simulacrum the Event is turned into by its narratives is also due to collective / cultural memory formation which, if we follow Maurice 44 Cf. Das Prinzip Gabriel. In: Karahasan, Dževad: Berichte aus der dunklen Welt. Prosa. Transi, by Brigitte Döbert. Frankfurt/ Main, Leipzig: Insel 2007, pp. 127-159, esp. pp. 151-157. Also seethe contributions of Naser Šećerović and Almir Bašovićto this book. 45 Karahasan 2007, p. 133. 46 Gavrilo Princip in 1918; qtd. after Dedijer 1966, p. 365. " Musil, Robert: Was arbeiten Sie? In: R.M.: Prosa und Stücke. Reinbek: Rowohlt 2000, pp. 939-942, cit. p. 939. <?page no="25"?> The Notions of'Event', 'Narrative1and ‘MemoiV as CriticaITooIs 25 Halbwachs, Jan and Aleida Assmann, or other theoreticians,48 is a sort of meta-narrative that governs a bundle of stories that tell the past of a group, society, or nation in a way that is supposed to deliver a convincing interpretation of the present and future; they depend on power relations and the political agendas of the stakeholders involved when they incorporate the narratives of great historic Events in their roadmaps. This becomes particularly virulent in the case of aggressive nationalisms and totalitarianisms of any kind, but even holds true for more peaceful liberal democracies.49 Thus, as our book will be trying to show how, already after the event in 1914, but particularly after the fall of Yugoslavia in the 1990s, conflicting narratives of the Sarajevo Attentat created different perspectives on the assassination and provided ideological interpretations through their stories in a political climate increasingly loaded with tensions. As the US historian Robert Donia has demonstrated, there are at least five types of narratives employed and circulating about Gavrilo Princip, depending on the main characterization ascribed to him over the past century; they focus on him being a terrorist (the official Austrian narrative, 1914-1918), a Yugoslav national hero (the narrative of the first Yugoslavia, 1918- 1941), a degenerate criminal (the Nazi/ Ustasha narrative, 1941-1945), a revolutionary youth hero (the second Yugoslav/ Communist narrative 1945-1970), and a celebrity (particularly in regional pop cultures, 1970-present).50 Although Donia observes that the last interpretation is "likely henceforth to be the dominant and most durable of Princip's attributed personas, dooming rival interpretations to oblivion",51 maybe tw o more narratives should be counted in: namely Princip as a victim (of circumstances? ) and the imperial justice system (e.g. in Karahasan's cited tale) and as a rolemodel Serb (in nationalist narratives from the 1980s onwards to our day). In any case, these representations of Princip and the instrumentalization of his action for a particular memory politics have emerged out of a specific focalization within the concomitant narratives. 48 Cf. ErII, Astrid / Nünning, Ansgar / Young, Sarah B. (ed.): A Companion to Cultural Memory Studies. Berlin, New York: de Gruyter 2010. 49 I am keeping this section short due to the following second intro to this volume by co-editor Vahidin Preljevicwho is also going to deal with this question. 50 Donia's text was originally given as a keynote lecture at our conference in Sarajevo on 28 June 2014, but published elsewhere. Cf Donia, Robert J.: Iconography of an Assassin. Gavrilo Princip from Terrorist to Celebrity. In: Prilozi / Contributions 43 (2014), pp. 59-80. 51 Ibid. <?page no="26"?> 26 Clemens Ruthner Neither at the Sarajevo conference in June 2014 nor in this edited volume of its proceedings, however, it has been our intention to provide a new single key narrative 'how to' analyze or interpret the Shots of Sarajevo 'properly'. What we could and can do here is rather to establish a forum for the critical analysis of existing narratives of th e / Attentat and its political repercussions, instrumentalizations and biases in the politics of cultural memory in the Balkan region and in Europe: Victrix causa deis placuit, sed victa Catoni.52 This rather skeptical approach is supposed to be our contribution not only to the commemoration of 1914 in Sarajevo and worldwide, but also to a democratic discussion of history, to reconciliation and peace in the Balkans and in Europe as a whole. 52 LUCAN: Pharsalia, 1.128: "The Gods love the victorious case, but Cato that of the defeated.' <?page no="27"?> V a h id in P reljević (S arajevo ) Das A ttentat von Sarajevo: Helden, Apokalypse, O pferkult KuItu rwissenschaftl iche Einfü hrung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses How do the event, narrative and memory of the 'Attentat' of Sarajevo relate to each other? An analysis of texts from the circle of the Young Bosnian movement shows that a 'normal' causality between the three is not evident. Discussing the dominant, apocalyptic/ heroic narratives from contemporary sources (that connect Bogdan Žerajić failed assassination attempt of 1910 with Princip's shots) reveals a much more complex relationship between 'real' history, its narrative modelling and memoralization. In our case, namely, narrative and memory preexisted the assassination of Franz Ferdinand. In this context one might speak of an 'imaginary event' that arises from narrative and memory, being translated into the 'real' event. I. Ereignis, Narrativ, Gedächtnis: einführende Bemerkungen Ereignis Das Attentat von Sarajevo gehört zu jenen Ereignissen, in denen sich die Prägnanz geschichtlicher Strömungen einer Epoche verdichtet. Handlungstheoretisch gesehen, markiert es einen Wendepunkt in der bestehenden Konstellation, der die geschichtliche Entwicklung in eine bestimmte Richtung treibt, die sich als unumkehrbar erweisen wird. Christopher Clark bezeichnet die Julikrise, die aus dem Doppelmord in Sarajevo hervorging, "als ein modernes Ereignis [...], als das komplexeste Ereignis der heutigen Zeit, womöglich bislang aller Zeiten".1 Herfried Münkler merkt in einer neueren Studie an, dass die Historiographie lange die Bedeutung des Ereignisses ignoriert habe, was sich unter anderem an der Vernachlässigung des Attentats von Sarajevo in den Darstellungen des Ersten Weltkriegs zeigt, in denen es zu einem bloßen Anlass degradiert wird; der Weltkrieg wäre, so diese Denkschule, auch ohne dieses konkrete Ereignis ausgebrochen. Sowohl Clark als auch Münkler lehnen diese These als zu deterministisch und unhaltbar ab.2 1 Clark, Christopher: Schlafwandler. Wie Europa in den ersten Krieg zog. München: DVA 2013, P-17. 2 Münkler, Herfried: Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918. Reinbek: Rowohlt 2013, p. 25. <?page no="28"?> 28 Vahidin Preljevic Die populäre Unterscheidung zwischen Anlass und Ursache, die ein Jahrhundert lang gerade am Beispiel des Attentats von Sarajevo exerziert wurde, erscheint heute merkwürdig anachronistisch. Der "Prädeterminismus" (Münkler), der lange die historiographischen Darstellungen dieses Ereignisses dominierte, wäre einerseits als ein Erbe des naturwissenschaftlichen Paradigmas, andererseits als pseudohegelianisches Geschichtsmodell zu verstehen, in dem alles, was geschieht, eine "vernünftige" Ursache haben muss, die manchmal verborgen aber grundsätzlich erkennbar ist. Theodor Lessing hat gerade angesichts der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs in seiner Schrift Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen von 1919 dieses Verfahren des nachträglichen Hineinlesen der logischen Folgen in die Sinnlosigkeit und das Chaos des Geschehens als "logificatio post festum'e bezeichnet. Die Geschichte an sich ist nicht logisch, die kausalen Verbindungen und Strukturen, in denen sie uns lesbar erscheint, stammen vom Akt der Geschichtsschreibung und deren narrativer Modellierung.4 Robert Musil hat dieses Denkmodell ironisch und einprägsam in einer Szene des Mannes ohne Eigenschaften thematisiert, in der Ulrich mit Arnheim über die Vernünftigkeit oder Sinnlosigkeit der Geschichte streitet: "Ohne Zweifel"; erwiderte Arnheim "große Geschehnisse sind immer der Ausdruck einer allgemeinen Lage! " Diese sei heute gegeben; und schon die Tatsache, daß eine Zusammenkunft wie die heutige irgendwo möglich gewesen sei, beweise ihre tiefe Notwendigkeit. Da sei aber etwas schwer zu Unterscheidendes dabei, meinte Ulrich. Etwa angenommen, der Komponist des letzten Operettenwelterfolgs wäre ein Intrigant und würde sich zum Weltpräsidenten aufwerfen, was doch bei seiner ungeheueren Beliebtheit im Bereich des Möglichen läge: wäre dies ein Sprung in die Geschichte oder ein Ausdruck der geistigen Lage? "Dies ist ganz unmöglich! " sagte Dr. Arnheim ernst. "Ein solcher Komponist kann weder ein Intrigant noch ein Politiker sein; es ließe sich sein komisch-musikalisches Genie sonst nicht begreifen, und in der Weltgeschichte geschieht nichts unvernünftiges." "In der Welt aber doch so viel I" "In der Weltgeschichte niemals! "5 Noch in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde im Kreis Eiermeneutik und Kritik über das Verhältnis von Struktur und Ereignis debattiert.6 Lessing, Theodor: Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen. München: Beck 1919, p. 18. 1 White, Hayden: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt am Main: Fischer 1991. Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften. Reinbek: Rowohlt 1987, p. 173f. 6 Siehe: Koselleck, Reinhart / Stempel, Wolfdieter (Hg.): Geschichte - Ereignis und Erzählung München: Fink 1973 (= Poetik und Hermeneutik V). <?page no="29"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses 29 Es ging dabei unter anderem um die Frage: Ist das historische Ereignis erst eine Folge dauerhafter Strukturen oder sind diese Strukturen ein Produkt großer Ereignisse? M it anderen Worten: Ist die bestehende Konstellation der Kräfte primär und das Ereignis sekundär? Ist das historische Ereignis wie das Attentat von Sarajevo ersetzbar? Oder aber haben historische Ereignisse ihre Singularität, Einzigartigkeit, und damit eine unersetzbare historische Bedeutsamkeit? Nach Reinhart Koselleck hebt sich ein Ereignis vom Strom des Geschehens ab, weil es eine Differenz zwischen Vorher und Nachher m arkiert.7 Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Ereignis ex nihilo kommt; es wäre ohne die es voraussetzende Struktur nicht möglich gewesen, genauso wie es selbst neue Strukturen generieren kann.8 Eine Formel, die die Anteile von Struktur und Ereignis genau bestimmen würde, ist natürlich unmöglich zu definieren. Vielmehr muss die Gewichtung und das Verhältnis zwischen den beiden Faktoren selbst als geschichtlich gelten. In manchen historischen Situationen kommt es vor, dass die Strukturen schwach und die Ereignisse stark sind, in anderen ist es umgekehrt, bemerkt Christopher Clark in einer Rede, wobei aus seiner Sicht für die Konstellation vor dem Ersten Weltkrieg eher die erste Option ausschlaggebend ist.9 Es sollte in diesem Zusammenhang ein 'poetisches Moment' des konkreten Ereignisses in Sarajevo 1914 hervorgehoben werden: der 'Zufall'. Auch hier scheinen Münklers Überlegungen relevant: Wenn man die deterministische Option für 1914 ausschließt und wenn man des Weiteren ausschließt, dass eine der Großmächte tatsächlich einen großen Weltkrieg unbedingt wollte und was noch wichtiger ist die Fähigkeit hatte, diesen Willen umzusetzen, das Geschehen vollständig zu lenken, dann, so Münkler weiter, kehrt die Kontingenz in die Ereignisse zurück- und das 20. Jahrhundert hätte einen ganz anderen Verlauf nehmen können, wenn es in Sarajewo nicht zu einer Verkettung unglücklicher Umstände gekommen wäre.... Die Vorstellung von der Wirkmacht des Zufalls hat etwas ebenso Verführerisches wie Entsetzliches. Es hätte dann weder die zehn Millionen Gefallenen gegeben noch die Millionen Toten, die infolge des Krieges an Hungerkatastrophen und Pandemien gestorben sind, ebenso wenig die Opfer des russischen Bürgerkriegs als indirekter Kriegsfolge oder die Opfer des Stalinismus, weiterhin nicht die Opfer von Faschismus und Nationalsozialismus und auch keinen Zweiten Weltkrieg.10 7 Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995, p. 151. 8 Vgl., ibid., p. 159f. 9 Nach meiner Mitschrift der Rede, die Christopher Clark in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin am 12. September gehalten hat. 10 Münkler 2013, p. 26f. <?page no="30"?> 30 Vahidin Preljević Aus dieser Perspektive scheint es schwer erträglich, sich vorzustellen, dass die Katastrophen des 20. Jahrhunderts möglicherweise ausgeblieben wären, hätte uns der Zufall am 28. Juni 1914 nicht böse mitgespielt. Daher tendiert möglicherweise das Denken nach den zwei Weltkriegen, die Rolle der Kontingenz zu minimisieren, und die amorphe Masse des Geschehens in eine historiographische Erzählung m it einer strukturierten Folge von Ursachen und Folgen zu verwandeln, in der auch die 'Schuldökonomie' eine wichtige Motivationslinie bildet. Die Kategorie der historischen Ursache in Verknüpfung m it der Schuldfrage, zumindest in jener Intensität, wie sie zahlreiche Zeitgenossen formulierten, durfte abgesehen von dem sicher tief- und lange nachwirkenden theologischen Paradigma der Erbschuld vor allem das Ergebnis einer neueren ideen- und diskursgeschichtlichen Entwicklung sein. In einem wegweisenden Artikel über die Kausalität, den Elans Georg Gadamer für das Lexikon Religion in Geschichte und Gegenwart, verfasst hat, stellt der Autor in dem Abschnitt zur historischen Ursache fest, dass die Frage nach der historischen Ursache, Verantwortung und Schuld den diskursgeschichtlichen Kontext der objektivierten Freiheitsidee voraussetzt, wie sie z.B. das Zeitalter der Aufklärung hervorgebracht und während des bürgerlichen Zeitalters im organisierten Liberalismus vertreten wurde. Unter solchen Umständen erscheint das "Wollen" und "Planen der Handelnden", d.h. die politische Macht, als ein entscheidender Faktor der Geschichte. Besonders brisant wird diese Frage nach großen "Ereignissen": Es ist die Erfahrung der Geschichte, daß etwas mit uns geschieht und daß wir nicht wissen, wie uns geschieht. So erwächst angesichts großer geschichtlicher Katastrophen, z. B. dem Ausbruch mörderischer Kriege oder der Entstehung oder dem Untergang großer Weltreiche, die Frage des Menschen nach den Ursachen so gewaltiger, alle einzelnen bestimmender Ereignisse.11 Diese Frage, meint Gadamer weiter, ist im wesentlichen eine "Schuldfrage" auch wenn sich dieser juristische Terminus bei Anwendung auf die "großen Ereignisse der Geschichte" als problematisch erweist, da diese in der Regel eine Vielzahl von Akteuren und Entscheidungsträgern nach sich ziehen, bei der die Folgen von Handlungen nicht kalkulierbar bleiben können. Wohl unter solchen Umständen etabliert sich auch jener Hiatus zwischen der Oberfläche und der Tiefe des Ereignisses, bzw. zwischen Anlass und Ursache, zwischen archq und aitia. Diese Unterscheidung, so folgert Gadamer, schließt "immer schon ein teleologisches Moment ein, insofern 11 Gadamer, Hans-Georg: Kausalität in der Geschichte. In: Galling, Kurt u.a. (Hg.): Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG3). Handwörterbuch fürTheologie und Religionswissenschaft. Tübingen: J. C. B. Mohr(PauISiebeck) 31956-1965, Bd. 3. pp.1230-1232, hier p. 1230. <?page no="31"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetileines geschichtlichen Ereignisses 31 es offenkundig die Größe, der Folgenreichtum, mithin die geschichtliche Bedeutung des Ereignisses ist, die überhaupt erst die Frage nach seiner Verursachung m otiviert".12 M it anderen Worten: offenbar steht die Frage der Bedeutsamkeit eines Ereignisses am Anfang die (Re)Konstuktion einer Kausalkette und die Auffindung von Ursachen hinter dem Ereignis erfolgt dann im zweiten Schritt.13 Narrativ Das Attentat von Sarajevo selbst erweist sich als ein Ereignis, das schon auf der Ebene des Stoffes, in der bloßen chronologischen Folge die einzelnen Elemente des Geschehens sind relativ gut dokumentiert die Kontingenzen und Koinzidenzen so sehr verdichtet, dass sie eine starke Prägnanz, um diesen Schlüsselbegriff in der Mythentheorie Elans Blumenbergs wieder aufzugreifen, als "Fleraustreten aus dem diffusen Umfeld der Wahrscheinlichkeit" entwickelt.14 Eine solche Prägnanz steht nach Blumenberg im Gegensatz zur Indifferenz aber auch zur Evidenz; sie ist "erweiterungsfähig": das bedeutet, sie weist einen hohen Grad der Erzählbarkeit auf. Welche Geschichten, welche Narrationstypen versammelt in sich dieses Ereignis? Doch zunächst gilt grundsätzlich und im Anschluss an Elans Robert Jauss: Das Ereignis an sich bedeutet noch nichts.15 Das gilt trotz der schon angesprochenen Prägnanz auch für das Attentat von Sarajevo; erst die Transposition dieses Ereignisstoffes in die Geschichte erzeugt Bedeutsamkeit. Diese Transposition vollzieht sich bekanntlich nicht von selbst, sondern sie wird von einer Instanz des Erzählens und in einem bestimmten Medium oder Diskurs geleistet. Die ersten narrativen Verarbeitungen des Attentats von Sarajevo stammen naturgemäß von der Polizei, den Zeitungen, den juristischen Organen; später kommen die historiographischen und fiktiven Erzählungen hinzu. Entwicklungsstadien und komplexe Verformungen dieser Narrationen in der Literatur und in anderen Medien thematisieren einige Beiträge in diesem Sammelband.16 12 Ibid., p. 1231. 13 Ausführlicher dazu in meinem Vortrag, den ich am 24.09. im Österreichischen Forum in Prag gehalten und der unter dem Titel Unfall der Geschichte und Spaltung des Ereignisses. Sarajevo 1914 m it Robert Musil gelesen im Sammelband Frieden und Krieg im mitteleuropäischen Raum. Historisches Gedächtnis und literarische Reflexion der Österreich-Bibliotheken im Ausland, hg. MiIanTvrdik u.a., erscheinen soll. 11 Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. Frankfurrt am Main: Suhrkamp 1996, p. 78. 15 Jauss, Hans Robert: Analogie von historischem und literarischem Ereignis. In: Koselleck/ Stempel 1973, pp. 535f. 16 Siehe die Beiträge von Previšić, Bašović, Strigl, Kodrić und Šečerović in diesem Band. <?page no="32"?> 32 Vahidin Preljević Das Attentat von Sarajevo weist eine solche Ereignisprägnanz auf, da seine Basis, sein Stoff äußerst signifikant ist. Das hat wohl mit zahlreichen mythologischen Präfigurationen und Motiven zu tun, die schon im Rohzustand erkennbar sind und spannungsreiche semantische Oppositionen aufweisen: der arme Bauer gegen den zweitmächtigsten Mann eines Kaiserreichs, David gegen Goliath; eine mysteriöse revolutionäre Gruppe gegen ein konservatives System; idealistischer Fanatismus vitaler Balkanvölker gegen die faule Dekadenz Alteuropas; Freiheit gegen die Tyrannei, aber auch: die balkanische Barbarei gegen die europäische Zivilisation, zerstörerischer Terror gegen die Sicherheit der Ordnung... (Die Reihe ließe sich noch fortsetzen.) Neben der mythologischen Motivik mag als eine weitere Kategorie der Erzählbarkeit hier das Potenzial fungieren, den Stoff in mehreren unterschiedlichen Modi oder Genres zu erzählen: Geschichtstragödie, Katastrophe, Pleldendichtung, Apokalypse (Princip als Engel Gabriel/ Gavrilo), politischer Thriller, Romanze usw. Flinzu kommt das Interesse der politischen Macht an der narrativen Aufbereitung des Stoffes. Einige der erwähnten Erzählungsmodelle sind in politischen Diskursen dieser Zeit, aber auch in späteren Perioden, auch politisch wirksam gewesen. Die großen Veränderungen, die der Erste Weltkrieg verursacht hat, bedeuteten den Zusammenbruch alter und die Entstehung neuer Ordnungen (Staaten), die ihre eigenen Legitimationserzählungen brauchten. Nirgendwo ist das Attentat von Sarajevo so zentral gewesen wie in jugoslawischen (verstärkt allerdings erst nach 1948) und österreichischen Narrativen; doch auch in anderen Erzählgemeinschaften beansprucht es einen gewissen Stellenwert (mehr darüber in den Beiträgen unserer Autoren). Zur Narrativität dieses geschichtlichen Ereignisses gehört die Polarisierung zwischen Täter und Opfer: zwischen Gavrilo Princip und den Genossen auf der einen und Franz Ferdinand auf der anderen Seite. Diese Kontrastierungsfigur erfährt in politischen Legitimationsdiskursen eine besondere Zuspitzung. Die Schlüsselfiguren der Narrationen über das Attentat von Sarajevo erscheinen je nach Perspektive als Freiheitshelden oder Tyrannen, Mörder oder Gerechten, als Erlöser oder weise politische Visionäre. Dabei scheinen zwei Diskursstrategien entscheidend zu sein: die Heroisierung undDämonisierung. In beiden Fällen handelt es sich, wie wir später sehen werden, um Optionen des apokalyptischen Fleldennarrativs, das sich als besonders wirksam erweisen wird, und zwar nicht nur als Folgenarrativ, sondern als Erzählung, die dem betrachteten Ereignis vorausgeht und dieses vielleicht auch mitbestimmt, wie w ir das in konkreter Analyse der Texte aus dem Umkreis der Attentäter belegen wollen. W ir haben schon am Beispiel des Attentats von Sarajevo das Problem der Gewichtung von Struktur und Ereignis angesprochen. Der Stoff eignet <?page no="33"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetikeines geschichtlichen Ereignisses 3 3 sich jedoch auch dazu, eine andere Frage zu stellen: Ergibt sich das Narrativ immer aus dem Ereignis, oder folgt das Ereignis in mancher Elinsicht dem Narrativ? Das apokalyptische Eleldenmodell, das in den meisten jugoslawischen Darstellungen des Attentats dominiert, war, wie schon gesagt, ein vorherrschender Diskurs im jungbosnischen Kreis um Gavrilo Princip vor dem 28. Juni 1914; wir werden im zweiten Teil zu belegen versuchen, wie diese Narrationen (und Bilder) in überlieferten Quellen zum Selbstverständnis des Attentäters offenbar sehr wirksam werden. Ist es möglich, dass Gavrilo Princip, dessen Figur Gegenstand zahlreicher (Anti-) Fleldengeschichten ist, selbst eine Art Produkt oder Bestätigung des mächtigen heroischen Narrativs ist? Ist er Ietzlich jemand, der (bewusst) wie ein mythischer Field handelt und sich damit in eine bestehende Präfiguration einfügt? Gedächtnis Selten konzentrieren sich in einem Ereignis und dessen narrativen Modellierungen die wichtigsten mythomotorischen Kraftlinien des kulturellen Gedächtnisses wie im Ersten Weltkrieg, und auch in dem Teilereignis, das am Angang des großen Geschehens steht. Die Mythom otorik bestimmt auf lange Dauer die Erinnerungskultur einer Gemeinschaft als jene "orientierende Kraft", die eine "selbstformende, handlungsanleitende Bedeutung"17 besitzt. Nach Bernhard Giesen bilden in den Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg die Kategorien Triumph und Trauma die Achse jener M ythom otorik.18 Nichts hinterlässt eine so tiefe Spur im Gedächtnis wie Siege und Niederlagen; wobei die Niederlagen, wenn sie mit Schmerz und Leiden verbunden sind, eine noch tiefere Wirkung im individuellen wie kollektiven Bewusstsein wie auch im Unterbewusstsein hinterlassen.19 Kaum ein historisches Ereignis trennt die Erinnerungsgemeinschaften so strikt von einander und hinterlässt so widersprüchliche Eindrücke wie der Erste Weltkrieg. Seine Rolle im 'offiziellen Gedächtnis' ist demnach als völlig unterschiedlich einzuschätzen. Aus der Perspektive der Reiche, die vorwiegend multinationalen Charakter hatten und 1918 zusammenbrachen, war dies das Ende der Welt, Untergang des Abendlandes, ein postapokalyptischer Zustand; auf der anderen Seite war der erste Weltkrieg für einige alte, insbesondere aber für neue Nationen (zu denen auch Jugosla- 17 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frü hen Hochkulturen. München. Beck 1992, p. 79f. 18 Giesen, Bernhard: Triumph and Trauma. London: Paradigm 2004. 19 Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: Beck 1997, p. 2581 <?page no="34"?> 34 Vahidin Preljević wien gehört), der Triumph jahrhundertelanger Freiheitsträume, die Niederlage der Tyrannei und Fremdherrschaft, ein neues Zeitalter, das nach einer finsteren Periode gekommen ist.20 Wie sich die Paradigmen im Gedächtnis verändern und die Ereignisse einander im imaginären Gedächtnisraum verdrängen oder verschieben, so überdeckte und überformte der Zweite Weltkrieg als eine noch größere Katastrophe die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Das gilt vor allem für den schon erwähnten Schuldimperativ, der in einflussreichen historiographischen Studien vom Zweiten auf den Ersten Weltkrieg übertragen wurde. Da die Generation der Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs gegenwärtig ausstirbt, wird auch das Jahr 1914 definitiv aus dem kommunikativen in das kulturelle Gedächtnis übergehen, so dass sich in der Geschichtsschreibung die Tendenz abzeichnet, den Ersten Weltkrieg vom hermeneutischen Schlüssel des Zweiten Weltkriegs zu befreien. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass eine Art Neubestimmung des Umgangs mit der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts im Gange ist, wobei sie nach den ersten Eindrücken nicht nur eine Revision der Rolle des Nationalismus, wie Clark sie vornim m t,21bedeutet, sondern auch von einer abermaligen Zuspitzung und Vulgarisierung des heroischen Narrativs in einigen Ländern mit der triumphalen Erinnerung an den Ersten Weltkrieg gekennzeichnet ist, die sich in Feierlichkeiten anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Ersten Weltkriegs im Jahr 2014,22aber auch danach zeigte.23 Der Triumph und das Trauma bezeichnen im Kontext des Ersten Weltkriegs die neue Ordnung der Zeit. Im kulturellen Gedächtnis der Nationalstaaten, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind, wie etwa in Jugoslawien, markiert das Ende des Ersten Weltkriegs die Begründung und Anfang einer neuen Ordnung, eines leuchtenden Zeitalaters, während in den Staaten und, besser gesagt, Gebieten, die eine Niederlage erlitten 20 Zahlreiche Beiträge im Kapitel Erinnerung und kulturelles Gedächtnis in unserem Sammelband thematisieren die kulturellen Differenzen in Erinnerungsparadigmen im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg. 21 Vgl. Clark 2013, p. 16. 22 Siehe dazu die Beiträge von Selma Harrington und Stijn Vervaet in diesem Sammelband. 23 Im Augenblick der Entstehung diesei Zeilen, um Vidovdan 2015, bringt die bosnische Tageszeitung Oslobođenje in dei Ausgabe vom 29.06.2015 zwei interessante Berichte. Der erste trägt die Schlagzeile: "Gavrilo-Princip-Denkmal in Belgrad eingeweiht" mit dem Haupttitel "Symbol freiheitlicher Ideen und Tyrannenmords". Das Denkmal wurde in Anwesenheit von Tomislav Nikolić, dem Präsidenten Serbiens, und von Milorad Dodik, dem Präsidenten der bosnisch-heizegowinischen Teilrepublik Republika Srpska, sowie anderer hoher Gäste. Der zweite Aitikel berichtet über ein Ereignis in Sarajevo: Die Kranzniederlegung vor der Vidovdan-Kapelle, die in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts für die Attentäter in Sarajevo errichtet wurde. In den Reden wurde, ähnlich wie in Belgrad, unterstrichen, dass Gavrilo Princip kein Terrorist, sondern ein Freiheitskämpfer gewesen sei. <?page no="35"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses_____ 35 hatten24 in den Vordergrund publizistischer und künstlerischer Dikurse die Figuren des Endes und des Niedergangs rücken. Anfang und Ende sind nicht nur zentrale narratologische, sondern auch anthropologische Kategorien, deren Imagination die Identität des Subjekts, des individuellen wie des kollektiven, wesentlich mitbestimmt.25 Daher können die Figuren des Anfangs und des Endes als zwei Seiten des apokalyptischen Narrativs betrachtet werden.26 Während in den neuen Staaten das Zeitalter der Selbstbestimmung der Völker gefeiert wird, ist in dem deutschen und österreichischen Kontext die kulturelle Semantik, insbesondere in der literarischen Verarbeitung des Ersten Weltkriegs, aber auch im philosophischen und historiographischen Diskurs, von einer "Poetik des Verfalls"27geprägt. Etwas später, seit den dreißiger Jahren, meldet sich in der österreichischen Literatur auch das Motiv der Nostalgie.28 M it dem apokalyptischen steht das heroische Narrativ in einem engen Zusammenhang.29 Das Licht der Neuen Zeit stellt sich unter den Bedingungen der Moderne nicht von selbst ein, geht auch nicht aus dem Wil- 24 Zur Kultur der Verdrängung in Deutschland nach 1918 vgl. u.a. Heinemann, Ulrich: Die verdrängte Niederlage. Politische Öffentlichkeit und die Kriegsschuldfrage in der Weimarer Republik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1987. Im Sammelband Krieg und Erinnerung. Fallstudien zum 19. und 20. Jahrhundert (Göttingen: Va ndenhoeck& Ruprecht 2000), der von Helmut Berding, Klaus HeIIerundWinfried Speitkamp herausgegeben wurde, beschäftigt sich die Studie PeterAIberts mit der Rolle des Ersten Weltkriegs in der englischen Erinnerungskultur: "Im öffentlichen Gedenken an die Gefallenen und Vermißten des Krieges (und des Sieges) unter Beteiligung der Spitzen von Staat und Gesellschaft erschien die Nation geeint, waren hinlänglich bekannte soziale Gegensätze und Unzufriedenheit, Arbeitslosigkeit und Streikunruhen zumindest temporär überdeckt." (p. 120). Auf der anderen Seite sucht die deutsche Erinnerungskultur lange, einen Modus für das Gedenken an die Gefallenen zu finden, bis sie dann das Konzept des "Denkmals für den Unbekannten Soldaten" findet: Das geht aus der Studie von Benjamin Ziemann im selben Sammelband hervor. Dieses Denkmalkonzept stellte wegen der Aufhebung des Individuellen im Kollektiven eine gedächtniskulturelle Grundlage für nationalistische und revisionistische Bewegungen in den 20er und 30er Jahren dar. 25 Friedrich, Udo/ Hammer, Andreas/ Witthöft, Christiane: Anfang und Ende, in: Diess. (Hg.); Anfangund Ende. Formen narrativei Zeitmodellierung in der Vormoderne. Berlin: Akademie Verlag 2014, p. 11. 26 Als Einführung in das apokalyptische Narrativ siehe Müller-Funk, Wolfgang: Die Kultur und ihre Narrative. München: Fink 2007. Müller-Funk bezeichnet die Apokalypse als "zentrales abendländisches Narrativ" (p. 287). 27 "Poetik des Verfalls" ist der Arbeitstitel meines neuen Forschungsprojektes, das das Verhältnis von Dekadenzästhetik und philosophischen bzw. (populär)wissenschaftlichen Diskursen (z.B. bei Spengler) analysiert, die ein Verfallsmotiv enthalten und politische Impikationen im Sinne des kollektiven Imaginären entfalten. 28 Vgl. z.B. die Analyse der Nostalgie bei Joseph Roth: Amthor, Wiebke / Brittnacher, Hans Richard (Hg.): Joseph Roth. Zur Modernität des melancholischen Blicks. Berlin, Boston: de Gruyter 2012. 29 Zum heroischen Narrativ am Beispiel des deutschen Hermannkultes vgl. Müller-Funk 2007, pp. 225-249. <?page no="36"?> 36 Vahidin Preljević len Gottes hervor, sondern ist unter anderem ein Ergebnis des heroischen Handelns, eines Opfers, das der herausragende Einzelne bringt. Gerade der Erste Weltkrieg kann als jene Wegmarke betrachtet werden, auf der das Konzept des Heroismus eine entscheidende Verwandlung erfährt.30 Das Motiv des Heroischen ist gleichzeitig ein Schlüsselmoment des Attentatsdiskurses wenn wir unter diesem Begriff die affirmativen Texte über die Täter, die nach dem Attentat entstanden sind, wie auch die aktionistischen Schriften aus dem unmittelbaren Umkreis der Princip-Gruppe zusammenfassen dürfen. Dieser Diskurs umfasst nicht nur die nachträgliche Glorifizierung Gavrilo Princips als Held und Befreier im kommunikativen und später auch im kulturellen Gedächtnis, sondern auch die Schriften, in denen das Attentat als entscheidendes Element und M otiv des heroisch-apokalyptischen Paradigmas entfaltet wird. Entscheidend für die Genese des Attentatsdiskurses ist die Zeit nach 1910, nach dem gescheiterten Attentat und Selbstmord von Bogdan Žerajić; seine Entwicklung und konkrete Zuspitzung kann man in einer Reihe von einflussreichen Schriften und Briefen studieren, die nachweislich im unmittelbaren Umfeld der Verschwörer zirkulierten. Die Forschungsliteratur zu den apokalyptischen Narrativen und M otiven gerade im Zusammenhang m it dem Ersten Weltkrieg ist inzwischen stark angewachsen, es ragen aber nach wie vor die Studien Klaus Vondungs31 und Jürgen Brokoffs32 hevor, die einen wesentlichen Beitrag zur Rekonstruktion dieses ästhetischen und ideengeschichtlichen Phänomens geleistet haben. Das Konzept des Heroismus wurde auch ausführlich in der soziologischen, Iiteratur- und kulturwissenschaftlichen Literatur behandelt.33 Für das Ereignis des "Attentats von Sarajevo" als 30 Gampei nennt den Eisten Weltkrieg einen Transformator des Großen und Heldischen": "Der Erste Weltkrieg war ein Transformator des Großen und Heldischen. Er hat das Phänomen, dass herausragende Individueen als Orientierungsfiguren des Sozialen dienen, nicht ausgelöscht, aber doch entscheidend verändert." Die Hauptthese des Aitikels besteht darin, dass der Heroismus vorheriger Epochen immer noch an eine Persönlichkeit gebunden, während er, unter anderem bei Ernst Jünger, anonym wird. (Gamper, Michael: Der "große Mann" im Krieg. In Wagner, Karl u.a. (Hg.): Der Held im Schützengraben. Zürich: Chronos 2014, pp. 17-27. 31 Vondung, Klaus: Die Apokalypse in Deutschland. München: DTV 1988. 32 Brokoff, Jürgen: Die Apokalypse in der W eimarer Republik. München: Fink 2001. 33 Siehe die Studie von Naumann, Michael: Strukturwandel des Heroismus. Vom sakralen zum revolutionären Heldentum. Königstein: Athenäum 1984. Vom neueiwachten Interesse am Heroismus als kulturellem und ästhetischem Phänomen zeugen neue Publikationen und Projekte, wie z.B. Weigel, Sigrid (Hg.): Märtyrer-Porträts. Von Opfeitod, Blutzeugen und heiligen Kriegern. München: Fink 2007; Immer, Nicolas / van Marwyck, Mareen (Hg.): Ästhetischer Heroismus. Konzeptionen und figurative Paradigmen des Helden. Bielefeld: Transcript 2013; auch das elektronische Journal Helden/ Heroes/ Heros, das von Ulrich Bröckling, Barbara Koite u. Birgit Studt hg. wird, siehe: https: / / www.sfb948.unifreiburg.de/ e-journal/ ausgaben/ 012013/ helden.heroes.heros.2013-0, eingesehen am 29.06.2015. <?page no="37"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetikeines geschichtlichen Ereignisses 37 narrativem Ausgangspunkt des Ersten Weltkriegs indes fehlen solche Untersuchungen. Der vorliegende Sammelband versucht dieses Desiderat zu beheben. Im zweiten Teil wollen wir versuchen, uns mit den motiv- und diskursgeschichtlichen Analysen der Texte, die im unmittelbaren zeitlichen und rezeptioneilen Kontext des 28. Juni 1914 entstanden sind, einer Einsicht in die Komplexität der Verflechtung von Ereignis, Narrativ und Gedächtnis, die die kulturelle Tatsache des Attentats von Sarajevo auszeichnet, zu nähern. Da die diesem Text vorangehende Skizze von Clemens Ruthner eher allgemein gehalten ist, sollen die Beobachtungen nun weiter konkretisiert werden. II. Das große Ereignis und die heroisch-apokalyptischen Narrative in jungbosnischen Texten Apokalypse now: Slijepčević erinnert sich an Gaćinović Eines der ersten Dokumente, das das Attentat von Sarajevo bereits als ein historisches Narrativ entwerfen, wurde in Genf 1917 veröffentlicht. Es handelt sich um die Gedenkschrift Pomen Vladimiru Gaćinoviću, die anlässlich des vierzigsten Todestags dieses bosnisch-serbischen Publizisten, der in der Literatur oft als geistiger Vater der Attentäter bezeichnet wird,34 erschienen ist. Aber eigentlich handelt es sich dabei um eine Rede, die der Germanist Pero Slijepčević am vierzigsten Todestag gehalten hat, und die der bekannte kroatische Maler Jozo Kljakovic in eine Broschüre verwandelt hat.35 In der einführenden Anmerkung wird unterstrichen, dass die Schrift von den "Kroaten aus Südamerika" herausgegeben wurde, was das Konzept der serbisch-kroatischen Einheit betonen und dem Dokument einen jugoslawischen Charakter verleihen soll. Der Anlass der Entstehung dieses Textes, die orthodoxe Totenfeier, verschiebt die Rede ein wenig in die Sphäre des (para)religiösen Diskurses und eröffnet damit den Spielraum für die Sakralisierung von Person und Werk. Gaćinović wird als der "rassigste Mensch in unserer ganzen jungen Generation dargestellt" als "Inkarnation unserer rassischen Seele" und als Höhepunkt der "Evolution der serbischen Dichter- und Heiduckenseele".3651 51 Siehe unter anderem die Darstellung seiner Rolle bei Ljubibratić, Dragoslav: Vladimir Gaćinović. Belgrad: Nolit 1961. 55 Slijepčević, Pero: Pomen Vladimiru Gaćinoviću. Genf: Hrvati iz Južne Amerike 1917. 56 Ibid., p. 14. <?page no="38"?> 38 Vahidin Preljević Der Rassendiskurs des südslawischen Nationalismus, von dem später etwas mehr die Rede sein wird, unterstreicht die naturalistische Dimension der Kultur, wozu auch die Verwendung des Evolutionsbegriffs dienen soll. Dennoch ist diese Verwendung weit vom rationalistischen 'wissenschaftlichen Naturalismus' entfernt: Nation und Rasse erscheinen als natürliche, schicksalhafte Kraft aus mystischen und metaphysischen Regionen, so dass die moderne Rhetorik der Rasse bruchlos an die vormoderne mythische Redeweise gebunden werden kann. Gerade das tut auch Slijepčević, wenn er Gaćinović und dessen historische Rolle des "rassigsten Menschen" in der Kontinuität des Kosovomythos sieht, der, wie Slijepčević bezeichnenderweise anmerkt, seinen "historischen Charakter verloren und sich in eine Volksphilosophie und -religion verwandelt hat".37 Nach Roland Barthes verwandelt der Mythos "Antinatur" in "Pseudonatur" der Augenblick und Zufall werden in ihm zur "Ewigkeit", während die historische und künstliche Dimension kultureller Phänomene verdrängt werden.38 Der Gang durch die "Geschichte", die auf ein Ziel reduziert und ihrer Komplexität beraubt wird, wird zur Erfüllung des Vermächtnisses aus dem Mythos: "Die Guslaren fühlen unsere ganze Geschichte hindurch, und wir fühlen es auch, dass da ein Feuerstrom des messianischen Gedankens tobt, der ganze Generationen beansprucht, bricht, verschmilzt, und sie dann aufrichtet und wieder verbrennt."39 In diesem "messianischen" Muster kommt es zunächst auf das Bewusstsein eines gemeinsamen Ziels des Guslars und des Intellektuellen, der "authentischen" Volksstimme und des Vertreters der Modernität. Diese Einheit ist nicht nur abstrakt, sondern sehr konkret in der Person Gaćinović verkörpert, der hier als "Dichter- und Heiduckenseele" in einem genannt wird, wom it auf die Komplementarität seines publizistisch-literarischen und konspirativ-subversiven Wirkens als Mitglied der Narodna odbrana und der Schwarzen Hand, bzw. der Vereinigung "Vereinigung oder Tod", angespielt ist. In dieser Konstruktion werden die Widersprüche und Diskontinuitäten der Geschichte und der Moderne abgeschafft. Es handelt sich um eine typische Figur der Überwindung sozialer Spaltungen, um die Rückverwandlung der Gesellschaft in die Gemeinschaft", um hier auf die bekannten Begriffe von Ferdinand Tonnies40zurückzugreifen. Des Weiteren interessiert hier die sprechende Beschreibung der historischen Erfüllung als Opferung. Um das Vermächtnis zu erfüllen, müssen Generationen am Altar der kollektiven Identität 'aufgebraucht' werden - ■7 Ibid., p. 15. 58 Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Vollständige Ausgabe. Berlin: Suhrkamp 2010, p. 294ff. 59 Slijepčević 1917, p. 14. 40 Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Kulturformen. Leipzig: Fues 1887. <?page no="39"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses _____ 39 dieser ganze Prozess wird in der Metapher des "Feuerstromes" verdichtet, der unerbittlich alles verbrennt, um sein Ziel zu erreichen. Der Fleldentod trägt hier eindeutig die Züge des Opferritus, der gemeinschaftsstiftenden Charakter haben soll. Nach Rene Girard hatte das Opfer noch in alten religiösen Ritualen die Funktion, die Gemeinschaft zu erlösen bzw. im ritualisierten Gewaltakt die Identität zu heiligen und diese m it der göttlichen Sphäre zu vernetzen.41 Das Opfer ist also jene Instanz, die die Kommunikation m it dem Göttlichen verm ittelt.42 Doch hier geht es nicht mehr um kosmische Mächte, wie in primitiven Religionen: die Gottheit, der nun geopfert wird, ist die Nation. Jedenfalls wird der Opfer-Fleld als M ittel der historischen Sendung eingesetzt, wobei er diese Rolle mehr oder weniger willentlich annimmt. Die Selbstaufopferung wird zu einem sakralen Akt, der das nationale geschichtliche Vermächtnis heiligt jenseits von ethischen Normen. Aus dieser Perspektive der Opferung und des Martyriums sieht der Autor der Broschüre auch die südslawischen Attentäterfiguren, darunter vor allem Bogdan Žerajić und Gavrilo Princip: Schau, ich rief, wie Tausende Wellen, von der Sonne beschienen, zum Wasserfall stürmen, in Untergang und Abgrund stürzen, und ewig so! Und du antworte langsam: Unsere Jugend tu t es auch so. Indem sie in sich den Abglanz der Träume tragen, unsere Žerajić, Princip, Živanović, Jukic stürzen auch in den Abrgund, wie wahnsinnig, als hätten sie im Kopf nichts außer dem Reiz der Gefahr, als würden sie sich nicht kümmern, aus aus ihnen werden wird.43 Die Figur der Unerschrockenheit und kompromisslosen Selbstaufopferung setzt ein heroisches Subjekt voraus, dem die individuelle Dimension und jede Art von Widersprüchlichkeit entzogen werden; der Field wird identisch mit seiner Aufgabe, die er im Namen der imaginären Gemeinschaft erfüllt. Damit ist eine vollständige Einheit zwischen Innen und Außen erreicht, da das Erstere sich der objektiven, heiligen Mission völlig untergeordnet hat, einer Mission, die viel wichtiger sei als einzelne Existenzen und individuelle Regungen. Das Bild des Wasserfalls aus der zitierten Stelle lässt noch einen wichtigen Aspekt hervortreten, den wir schon in der Metapher des "Feuerstroms" gefunden haben. Er hat eine zentrale Rolle für das Verständnis des Attentatsdiskurses und Fleldennarativs: die apokalyptische Figur des Sturzes in den Abgrund, die die andere Wahrnehmungsrichtung des apokalyptischen Flandelns markiert: während der "Feuerstrom" das große Bild 41 Vgl. Girard, Rene: Das Heilige und die Gewalt. Zürich: Benziger 1987, p. 18. 42 Ibid., p. 17. 42 Slijepčević 1917, p. 12. <?page no="40"?> 40 Vahidin Preljevic der (nationalen) Geschichte das objektive Geschehen beschreibt, betont die Abgrundmetaphorik die "individuelle" Perspektive des Helden, der sich nun opfert oder geopfert wird. Den apokalyptischen Bildern der Zerstörung und Opferung werden andere, scheinbar konträre Visiotypen an die Seite gestellt, die sich am vom anderen Pol der apokalyptischen Redeweise stammen: die von der Sonne beschienen Flusswellen. Sie stürzen zusammen mit den nationalen Märtyrern selbst in den Abgrund, die sie eigentlich rhetorisch verdoppeln. Die Helden schwimmen so auf diesen Lichtwellen m it einem Abglanz der Träume in sich, was die Hoffnung symbolisieren soll, dass dieses Licht ein Funken der neuen, gerechteren Ordnung werden wird. Diese neue Ordnung nennt Slijepčević "Jugoslawien". Dieser telelogischen Bestimmung widerspricht die Denkfigur der zeitlosen Zirkulation ("und ewig so"): Trotzdem werden die endgültige Befreiung und Vereinigung als Möglichkeit angedeutet, diese schlechte Unendlichkeit durchzustoßen. Doch die Verbindung von organologischer Metaphorik der ewigen Wiederkehr des Gleichen und der teleologischen Grundkonzeption ist zwar widersprüchlich, aber konsequent. Die Rhetorik der Zirkulation stellt den nationalen Kampf in den Rahmen der naturalisierten Geschichte, und die "nationale Mission", wie sie Slijepčević beschreibt, sorgt für den allgemeinen "Sinn der Geschichte", der wie in der christlichen Heilsgeschichte kein genaues Datum zukommt, dafür eine mobilisierende Naherwartung, wie Vondung das darstellt.44 Das apokalytpische Denken setzt ja voraus, dass der Geschichte "Sinn" zukommt oder vielmehr zukommen soll, denn gerade aus der Erfahrung der "Defizienz", des Mangels an Sinn und aus einer Atmosphäre der Leere, erwächst die Sehnsucht nach einem Zeitalter der Sinnerfüllung, na einem "neuen Zustand vollkommener und ewiger Fülle" werden, der letztlich die Geschichte aufheben soll.45 Der Broschüre sieht man das Entstehungsjahr 1917 deutlich an. Es herrschte immer noch die Ungewissheit vor, ob die jahrhundertelangen nationalen Bestrebungen fruchten würden, es war noch nicht klar, ob das Licht, das die Attentäter mit in den Abgrund gerissen haben, zu einem Funken der Neuen Ordnung wird. Doch dieser Text dokumentiert den Beginn der Historisierung und gleichzeitiger Mythologisierung des Attentats von Sarajevo und seiner zentralen Figuren. Der messianisch-apokalyptische Modus mit dem heroischen Märtyrer im Mittelpunkt, den wir in der diskursiven Matrix bei Slijepčević antreffen, stellt jedoch erst eine Modifikation "jungbosnischer" und südslawischer nationalistischer Narrative, die*15 11 Vondung 1988, p. 86. 15 Ibid., p. 96. <?page no="41"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses 41 sowohl in der Öffentlichkeit als auch in konspirativen Kreisen vor 1914 in Bosnien-Herzegowina zirkulierten. Diese Diskurse, denen wir uns in einer Art Krebsgang, von der Erinnerung zum Ereignis, nähern wollen, konstruieren ein imaginäres Attentat in der mythischen Zeitlosigkeit, bevor das realgeschichtliche Attentat tatsächlich scheinbar als Erfüllung seines imaginären Widerparts eintritt. Konstruktion des Heldentums: Gaćinović erinnert sich an Bogdan Žerajić Um zum Ausgangspunkt des "heroisch-apokalyptischen Narrativs" des Attentats von Sarajevo vorzustoßen, muss man einen Schritt zurückgehen, in die Zeit vor dem Attentat, gewissermaßen in die "vorapokalyptische Periode"- und zwar zur Person, die der Gegenstand des ersten Erinnerungstextes ist, nämlich Vladimir Gaćinović, dem Schlüsselideologen und Aktivisten der nationalistischen Bewegung in Bosnien-Herzegowina. Slijepčević benutzt in seinem vorher erwähnten Text von 1917 Figuren, die in sog. "jungbosnischen" Kreisen auch vor der "großen Tat" dem Attentat verbreitet waren, was auf eine imaginäre Kontinuität im Rhetorischen verweist. Gerade Vladimir Gaćinović kann als jener Autor betrachtet werden, der dem teilweise abstrakten nationalistischen Diskurs der Vorkriegspublizistik und -essayistik eine entscheidende aktivistische Note gibt, indem er alle wesentlichen Bestimmungen des heroisch-apoalyptischen Narrativs beibehält und vertieft. Sein Text Der Tod eines Helden (Smrt jednog heroja) aus dem Jahr 1912, der Bogdan Žerajić gewidmet und als Broschüre gedruckt ist, welche auf illegalen Wegen in den diversen nationalistischen Jugendvereinen distribuiert wurde, stellt nach fast einhelliger Einschätzung der Zeitzeugen vielleicht auch den wichtigsten textuellen Beitrag zur Bildung des Bewusstseins von der Notwendigkeit unmittelbarer Aktionen in Bosnien-Herzegowina vor dem Attentat. Von der Wirkung des Textes sprechen zahlreiche Quellen und Zeugnisse. Der Zeitgenosse Ratko Parežanin gibt folgendes Urteil ab: "Seine [= von Vladimir Gaćinović, V.P.] Broschüre Der Tod eines Helden wurde zum Evangelium junger nationaler Fanatiker, die mitten in einer Protest- und Revolutionspsychose mit Waffen und anderen M ittel m it verschiedenen Exponenten der österreichisch-ungarischen Monarchie abrechnen."46 Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch Borivoje Jevtić,47 und im Stenogramm des Prozesses gegen die Attentäter vom 46 Parežanin, Ratko: Gavrilo Princip u Beogradu.Mlada Bosna i Prvi svetski rat. Beograd: CATE- NA MUNDI 2013, p. 31f. 47 Jevtić, Borivoje: Sarajevski atentat. Sarajevo: Štamparija i izd. Petra N. Gakovića 1923, pp. 20-21. <?page no="42"?> 42 Vahidin Preljevic 28. Juni wird die nämliche Broschüre als Beweismaterial vorgelesen. Nach dem Verlesen eines Absatzes aus der Broschüre im Gerichtssaal ruft Princip aus: "Hoch lebe Žerajić! "48 Der Text entsand als eine Art Hommage auf den gescheiterten Attentäter Bogdan Žerajić, der am 15. Juni 1910 versuchte, den österreichisch-ungarischen Militärstatthalter Marijan Varešanin zu töten. Gaćinović verfasst den Text in Wien; gedruckt wird er im Piemont, dem Zentralorgan der Organisation Vereinigung oder Tod, dessen Chefredakteur Ljubomir Čupa Jovanović ist, der engste M itarbeiter von Dragutin Dimitrijević Apis. Gaćinović selbst wird Mitglied der Schwarzen Hand im Sommer 1911.49 Die propagandistische Orientierung des Textes überrascht kaum; der Autor unterstreicht gleich am Anfang seine Intention: Das Ziel dieses Aufsatzes besteht in erster Linie darin, eine Revolution im Geist und Denken junger Serben hervorzurufen, sie von dem katastrophalen Einfluss gewisser antinationaler Ideen zu befreien und sie dafür vorzubereiten, Ketten zu sprengen und Eisen zu biegen, eine gesunde Grundlage für ein leuchtendes nationales zu kommendes Leben zu schaffen.50 Das Figurenarsenal ist aus der revolutionären Rhetorik bekannt: Aufstand, Sprengen der Ketten, Einrichten der neuen Ordnung. Diesem Kern gesellen sich noch zwei Nuancen hinzu: der innere Kampfgegen "antinationale Ideen", die Metaphorik von Krankheit und Gesundheit, wobei jene künftige zu schaffende Ordnung als gesund und die gegenwärtige als krank, faul und dekadent inszeniert wird, was auf den morphologisch-naturalistischen Hintergrund der Denkrichtung Gaćinovićs verweist, die wir auch bei Slijepčević beobachtet haben. Diese "biologische" Basis wird um eine ethische Dimension erweitert, so dass die neue Ordnung als "leuchtend", dh. von Wahrheit und Gereichtigkeit erfüllt, bezeichnet wird. Doch schon jetzt zeigt sich, in welchem Schlüssel diese revolutionäre Rhetorik zu lesen ist: es ist weniger die Rede von einem Kampf um die Bürgerrechte, als vielmehr um die Begründung einer neuen ethnonationalen Ordnung: Das wird spätestens im nächsten Absatz deutlich, in dem der Autor die Hoffnung für die Erneuerung des "gegenwärtigen kranken und der Schaffung eines neuen Lebens" in der neuen Generation erblickt, die bereit ist, für die "Idee, Freiheit und das gekettete Volk" zu sterben. Zum ersten Märty- 18 Bogićević, Vojislav: Sarajevski atentat. Stenogram Glavne rasprave protiv Gavrila Principa i drugova. Sarajevo: Državni Arhiv NR BiH 1954, p. 314. 19 Vgl. Dedijer, Vladimir: Sarajevo 1914. Beograd: Prosveta 1966, p. 639; Ljubibratić. Drago: Gavrilo Princip. Beograd: Nolit 1959, p. 128. 50 Gaćinović, Vladimir: Bogdan Žerajić (Smrt jednog heroja). In: Palavestra, Predrag: Književnost Mlade Bosne II. Sarajevo: Svjetlost 1965, p. 229. <?page no="43"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses 43 rer dieser Bewegung ernennt er Bogdan Žerajić, "dessen B lu t'[...] auf den Straßen von Sarajevo am 15. Juni 1910 vergossen wurde."51 Hier schließt der Autor an seine zweite metatextuelle Bestimmung an: Sein Text hat nämlich selbstredend eine mnemokulturelle Funktion: "die Erinnerung an diesen Helden aufzufrischen, die undankbar aus unseren Herzen zu verschwinden droht" doch gleichzeitig hat dieses Gedächtnis einen Gebrauchscharakter, denn es stellt, wie der Autor anführt, eine "gewisse materielle Basis für weitere Arbeit" (ibid.).52 Der Ausbau des Gedächtnisbildes des Helden ist deswegen eine wichtige Funktion dieser Schrift, weil Žerajić nach Gaćinović nach nur zwei Jahren in Vergessenheit geraten war, was selbst von dem desolaten Zustand seiner Gemeinschaft zeugt und die anfangs angedeutete Notwendigkeit der Revolution unterstreicht. Gemeinschaften, die sich nicht an ihre Helden erinnern, befinden sich in einem Zustand der "Verwahrlosung" so die Schlussfolgerung, die man aus GacinovicsText ziehen kann. Die Heldenvergessenheit ist ein Zeichen der Dekadenz. Gleichzeitig wird gar nicht verhehlt, dass dieses Gedächtnis etwas mit dem Helden als Person zu tun hat; es hat wie gesagt die Funktion einer Basis für die "weitere Arbeit". Selbst der Autor sagt, dass der kommemorative Impetus, im Sinne eines persönlichen Gedenkens, eigentlich nur ein "Nebenziel dieser Zeilen" ist. Die Funktionalisierung des Gedächtnisses im Zusammenhang mit der Konstuktion von Heldentum ist kein unbekanntes Thema in der Forschung, doch selten sind Beispiele, wo dieser Prozess, von dem "Ereignis", der Heldentat, bzw. dem Opfertod, über seine literarische Verarbeitung, Aufnahme, Verwendung und endgültige Wirkung in einem zweiten Ereignis (der zweiten Heldentat) so genau in einzelnen Phasen und Segmenten studiert werden kann wie in der Rezeptionsgeschichte des konstruierten Heldenbildes "Bogdan Žerajić" in Gaćinovićs Text im Hinblick auf seine Funktion im Kontext südslawischer nationalistischer Agitation und seiner konkreten Wirkung im Kreis der Sarajevo-Verschwörer. So werden auch Princip und Čabrinović im Gerichtssaal die Schlüsselrolle des Žerajić-Kults unterstreichen: "Weißt du etwas über Žerajić? " Princip: "Das war mein erstes Vorbild. Nachts ging ich als sechzehnjähriger Junge an sein Grab und schwörte, dass ich es ihm nachmachen werde." Čabrinović: "Ich tat dasselbe, als ich nach Sarajevo kam. Ich ritzte seinen Namen auf dem Grabstein." Princip: "Das Grab war verwahrlost und w ir haben es in Ordnung gebracht."53 52 53 Ibid. Ibid. Bogićević: Sarajevski atentat 1954, p. 85. <?page no="44"?> 44 Vahidin Preljević Das was nach dieser Einleitung folgt, ist nicht die Faktenpräsentation, die für die positivistische Biographistik des 19. Jahrhunderts charakteristisch wäre, sondern eine verdichtete Deutung des Lebens Žerajićs und die Rahmensetzung für ein M ärtyrerporträt. Der Autor bringt die biographischen Realia (Geburtsdatum und -Ort, Studienjahre an der Zagreber Universität) erst am SchIussTextes unter, nachdem er in der Erörterung des Kontextes erreicht hat, dass die einzelnen Linien des Fleldenlebenslaufs im Einklang m it der grundlegenden eschaotologischen Konzeption in dem endgültigen Ziel und der großen Tat zusammenlaufen. Mögliche andere Elemente der biographischen Narration werden ausgeschlossen. Flier ist das M otiv der Prädestination entscheidend: "Žerajić war vorherbestimmt für eine hohe nationale Konzeption und vorbereitet für das nationale Opfer."54 Dieses Vorbereitetsein für das "nationale Opfer" ist nicht nur ein gewöhnliches Motiv, sondern es prägt auch den Rahmen für die Lektüre der Heldenbiographie.55 Die ganze Existenz des Helden ist auf das nationale Opfer ausgerichtet, ihm ist alles untergeordnet, so dass er als reine Funktion erscheinen muss, bar jeder Indvididualität. Es handelt sich natürlich um einen vormodernen, apsychologischen Typus des literarischen Helden, wie ihn Tzvetan Todorov56 genannt hat wenn wir Bogdan Žerajić als einen fiktiven Helden auffassen würden, was er ja als Erfindung des nationalistischen Diskurses auch ist. Da im Nationalhelden die Individualität völlig suspendiert ist, binden sich die Eigenschaften der Figur auschließlich an den kulturellen Code, wie ihn Roland Barthes in S/ Z bestim m t; 57 diese Eigenschaften sind nicht konkret persönlich, sondern allgemein-kollektiv: Die Figur des Helden wird zum Projektionsort des kultur-nationalen Imaginären. 54 Gaćinović, in: Palavestia Il 1965, p. 230. 55 In der Einleitungzum Sammelband Ästhetischer Heroismus verweisen die Hg. auf Münklers Einsicht, dass die Selbstopferung ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal ist, dass die heroischen von postheroischen Gesellschaften trennt. Sie selbst kommen zu dem Schluss: "Während die heroische Gesellschaft über die Ideologie der Verausgabung charakterisiert wird, da ihr der Untergang bevorsteht und sie deshalb den Heldentod als hohen ideellen W ert etabliert, ist in postheroischen Gesellschaften die Vorstellung des Opfertodes obsolet geworden/ ' (Immer, Nicolas / van Marwyck, Mareen: Helden gestalten. Zur Präsenz und Peiformanz des Heroischen, in: Dies. (Hg.): Ästhetischer Heroismus. Konzeptionelle und figurative Paradigmend des Helden, pp. 11-28, hier p. 22.) 56 Todorov, Tzvetan: Erzählpersonen. In: Ders.: Poetik der Prosa. Frankfurt a.M.: Athenäum 1972. pp. 77-89. 57 Barthes, Roland: S/ Z. Übersetzt von Jürgen Hoch. Frankfurt am Main: Surhkamp 1998 (1987), p. 24. <?page no="45"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poedleines geschichtlichen Ereignisses 45 Ausdruck der völkischen Tiefe und der apokalyptische Einzelgänger Trotz dieser semantischen Blässe enthält das Konstrukt des nationalen Opfers einige greifbare Bestimmungen. Zuerst wäre da das Phantasma der völkischen Authentizität: Der apokalyptische Nationalheld ist mit dem Volk verwachsen. So wird im Text kolportiert, Žerajić stamme aus einem "kleinen Provinzort, der das atavistische Gefühl der Freiheit und Rebellion bewahrt hat"; er hatte "eine Seele voller Liebe und Mitgefühl für die Leiden seines Vaterlandes". Žerajić sei ein authentischer Ausdruck seines Volkes. Doch gleichzeitig und scheinbar paradox erscheint er trotz dieser Symbiose m it dem Volk als "Einzelgänger"-, zur Freiheit ruft er mit seinem "hohen einsamen Schrei" auf.58 Die große Verzweiflungstat, die aus der Einsamkeit und aus dem Schweigen eines großen Herzensgekommen ist, wegen des nationalen, persönlichen und sozialen Gefangenschaft, wurde schändlicherweise als ein persönliches Problem und Fehler interpretiert! 59 Die Figur des einsamen apokalyptischen Flelden kommt in den jungbosnischen Texten oft vor. In einem Essay von Borivoje Jevtić taucht das Motiv schon im Titel auf (Budućnost usamljenih / Die Zukunft der Einsamen); die Einsamen sind jene, die "den Sieg der Seele und Gerechtigkeit propagieren", und auf der anderen Seite stehen jene, die "vergiftet" sind, da sie nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Doch der "Sieg der Seele" steht außer Frage: "Die kommenden Einsamen werden triumphieren, denn sie haben verstanden."60Der nationalistische Field hat die Rolle, die eingeschlafene Nation durchzurütteln, ihre unwürdige Lage bewust zu machen. Wichtig dabei ist das Motiv der Erweckung, das wir sowohl bei Jevtić als auch bei Gaćinović antreffen. Jevtić stellt Wachsein als ein Kennzeichen der (apokalyptischen) Einsamen dar, die zu Opfern bereit sind: "schwer ist es den Wachen und Einsamen"6162. Die erstorbene und verkrustete Gemeinschaft, die hier Gaćinović als Kontext der Reifung Bogdan Žerajićs skizziert, nimmt besorgniserregende Züge an: "Unter diesem Regime stockt die Volksseele, erstorben ist das Volkslied, erloschen der Instinkt der Freude und Vitalität; es herrscht eine traurige Totesstille."52 Gaćinovićs Bild der bosnisch-serbischen bürgerlichen Gesellschaft entspricht den Sichtweisen in anderen jungsbosnischen Quellen, in denen 58 Gaćinović, in: Palavestra Il 1965, p. 230. 59 Ibid. 60 Jevtić, Borivoje: Budućnost usamljenih. In: Palavestra Il 1965, p. 23. 61 Ibid., p. 22. 62 Gaćinović, in: Palavestra Il 1965, p. 23. <?page no="46"?> 46 Vahidin Preljevic eine leblose Gemeinschaft geschildert wird, die einer tiefen Dekadenz, dem Individualismus und Egoismus verfallen ist. Dieser Topos taucht auch bei Borivoje Jevtić auf, der in seiner Schrift Die Zukunft der Einsamen behaupten wird, dass die "nationale Seele beispiellos leidet", da das Gemeinschaftsgefühl verloren gegangen und die "Philosophie des Eigennutzes und Selbstzufriedenheit" vorherrschend geworden ist, in der alles auf "eigene Befriedigungen" reduziert wurde.63 Dagegen gilt es zu erkennen, dass das einzige wahre Glück "nationales Glück" ist.64 Gleichzeitig wird der Held als Opfer die heute in der Auflösung begriffene Gemeinschaft wieder vereinigen. Auch das ist ein weiteres wichtiges apokalyptisches Moment: die heldenhafte Aufopferung tritt im Augenblick einer völligen Dekadenz oder Spaltung auf.65 Der Widerspruch zwischen der kollektiven Mission des Helden und seiner erhabenen und gleichzeitig entleerten Persönlichkeit spiegelt sich auch in der Rezeption des Ereignisses. Ist die Rede von einem individuellen Akt, der aus privaten Regungen begangen wurde - oder ist diese Tat ein Ausdruck des kollektiven Strebens und Volkswillens? Obwohl für Gaćinović die Antwort klar zu sein scheint, steckt in seinem Text selbst ein Widerspruch: die Einsamkeit, die Erhabenheit, die Kontrastierung von "weiter Seele" und der armseligen "serbischen Gegenwart", die von Engstirnigkeit und Kleinmut gekennzeichnet ist, markiert eine eindeutige Differenz zu den Zeitgenossen, die im übrigen auch für die Heldenvergessenheit verantwortlich sind. Aus seltenen authentischen Quellen über Bogdan Žerajić zeichnet sich ein ganz anderes Bild als das eines Kollektivhelden, der seine Persönlichkeit selbstlos eingebüßt haben soll, ab. In einem Brief, den er ironischerweise gerade an Vladimir Gaćinović am 12. Januar 1910, einige Monate vor dem Attentat auf Varešanin, geschickt hat, steht Folgendes zu lesen: Wundere dich nicht darüber, aber ich leide seelisch; schrecklich sind diese Empfindungen, und ich habe keine Kraft, sie einem anderen anzuvertrauen. ich bin Skeptiker geworden, ich glaube an nichts, ich glaube nur, dass es Malheur gibt und Leute, die Pechvögel sind. Ich gehöre zu denen.66 Die Konstruktion des Helden, der einzig danach strebt, sich am Altar der Nation opfern zu lassen, der jedweder innerer Konflikte oder Zweifel beraubt ist, steht im krassen Gegensatz zu der Stimme aus diesem Brief, die 63 Jevtić, Borivoje: Budućnost usamljenih. In: Palavestra Il 1965, p. 22. 64 Ibid., p. 23. 65 Vgl. dazu Girard, Rene: Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses. Erkundungen zu Mimesis und Gewalt mit Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort. Übers, von Elisabeth Mainberger-Ruh. Freiburg i. B.: Herder 2009, p. 50. 66 Bogićević, Vojislav (Hg): Mlada Bosna. Pisma i prilozi. Sarajevo: Svjetlost 1954, p. 43. <?page no="47"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses 47 tiefere Widersprüche in der Persönlichkeit des künftigen Attentäters andeutet. Gleichzeitig findet sich in dieser Quelle keine Spur von nationaler Rhetorik, auch kein Bewusstsein, dass die Tat in irgendeinem Zusammenhang m it Zielen des Kollektivs steht. Einzig an einer Stelle scheint das persönliche Leiden m it dem Kollektiven gleichgesetzt zu werden: Nur Eines tröstet mich, dass ich Kraft habe und haben werde, wie mir scheint, wenn ich bis zum Äußersten gehe. Ich spüre die Last der Lage, in der ich mich befinde. Elend ist unser Zustand. Der Geist ist in Ketten des allgemeinen Willens gelegt. Alles was groß und heilig ist, recht und wahrhaftig, ist stumm geworden.676869 Doch auch an dieser Stelle wird klar, dass das Verfahren der Gleich-Setzung in Žerajićs Brief das Individuelle nicht als eine Verkörperung des Allgemeinen erscheinen lässt, sondern umgekehrt: das allgemeine Elend steht für das eigene Leiden. Nicht also pars pro toto sondern totum pro parte. Dieses Verhältnis wird jedoch gerade von Gaćinović, dem Adressaten dieses Briefs, in seiner Heldenkonstruktion umgekehrt. In diesem metonymischen Sinne totum pro parte ist auch die Sehnsucht nach dem "Großen" und "Heiligen" zu verstehen, und selbst wenn wir annehmen, dass die Kommunikation zwischen den Konspiratoren aus Angst vor der Polizei zum Teil chriffriert gewesen ist, steht das Zeugnis der realgeschichtlichen Figur Žerajić, in dem vom "persönlichen Leiden", "Skepsis", "Glaubensverlust" die Rede ist" und allgemein den Eindruck einer unsicheren labilen Person hinterlässt, im diametralen Gegensatz zu Gaćinovićs ideologischer Konstruktion eines "Mannes mit Seele aus Eisen", eines "revolutionären Apostels", "der große Schlachten und schicksalvolles Blutvergießen für das nationale Leben gesucht hat".58 Die ideologische Reduktion der Person Žerajić, die, wie schon betont, kein anderer als der Empfänger seines einzigen bekannten Briefes, unternimmt, folgt der Strategie der Kollektivierung persönlicher Empfindungen und Regungen, die nun zum authentischen Ausdruck der Volkssele avanceren. Das Subjekt, das sich selbst als Nationalopfer darbringen wird, soll auch keinen anderen Inhalt haben als revolutionäre Träume von der Befreiung und Erhebung der Nation. DerTod des Helden bildet ein entscheidendes Strukturmoment in Gaćinovićs Konstruktion. Das Opfer für die Nation wird zum Telos des Heldentums, jener Punkt, in dem es zur Erfüllung der Existenz kommt, der die Heldenbiographie abschließt. Auch in den meisten Epen ist der Heroentod ein umumgängliches Motiv. Im Tod "vollendet er seinen Lebenskreis".59 Doch 67 Ibid. 68 Gaćinović, in: Palavestra Il 1965, p. 230. 69 Bowra, C.M.: Heldendichtung. Eine vergleichende Phänomenologie der heroischen Poesie aller Völker und Zeiten. Stuttgart: Metzler 1964, p. 142. <?page no="48"?> 48 Vahidin Preljević der Tod Bogdan Žerajićs verselbständigt sich in Gaćinovićs biographischer Erzählung vom Rest der Geschichte, so wie auch vom Referenten, dem realgeschichtlichen Ereignis des Attentats auf Varešanin, so dass der Zweck seiner Aktion unwichtig wird. Im Kontext der konkreten Handlung ist das Opfer eigentlich vergeblich gewesen, denn das Attentat misslingt; außerdem weist der Vorgang einigen schwarzen Humor auf: Žerajić bringt sich nämlich sofort nach seinen Schüssen selbst um, im Glauben, er hätte seine Mission erfüllt. Gaćinović wird über diesen Suizid, der im Zustand der Selbsttäuschung begangen wurde, sagen, dass es ein "schöner intellektueller Tod"70sei. Gerade im Hinblick auf die außerordentlich wichtige Rolle des Opfers in der jungbosnischen Konstruktion des Heldentums kann man von einem "Todeskult" sprechen, dessen Spuren wir nicht nur in Gaćinovićs Glorifizierung der Tat von Žerajić, sondern auch in zahlreichen anderen zeitgenössischen Texten finden, auch in jenen, die direkt aus dem Verschwörerkreis kommen. Nirgendwo kommt das prägnanter zum Ausdruck als in einem apokryphen Text, der von Žerajićs Opfer inspiriert wurde. Die Rede ist von Versen, die Gavrilo Princip auf sein Blechgefäß geritzt haben soll: In deutscher reimlosen Übersetzung: Tromo se vreme vuče I ničeg novog nema Danas sve kao ijuče Sutra se isto sprema Träge schreitet die Zeit Nichts Neues ist a u f der Welt Heute gleich wie gestern Morgen noch einmal dasselbe AI pravo je rekao pre Žerajić soko sivi Tko hoće da živi nek mre, Tko hoće da mre nek živi. Doch zurecht sagte er, Žerajić, der graue Falke, Wer leben will, soll sterben Wersterben will, soll leben.71 Das Gedicht fokussiert auf die Schlusspointe, die mit einer chiastischen Sentenz die gewöhnliche Ordnung der Dinge auf den Kopf stellt: der Tod ist ein höherer Wert als das Leben, der Tod ist wirkliches Leben, während das Leben, das man augenblicklich lebt, falsch, eine llusion, eigentlich: der Tod ist. Diese Todesehnsucht muss jedoch im Kontext der Verse aus der ersten Strophe betrachtet werden: dort ist die Rede vom trägen Fortschreiten der Zeit, der ewigen Wiederkehr des Gleichen, einer Figur, die wir schon bei Slijepčević gefunden haben. Doch das Heldenopfer aus der folgenden Strophe kann auch als Unterbrechung der ewigen Kreisläufigkeit betrachtet werden: 70 Gaćinović, in: Palavestia Il 1965, p. 231. 71 Bogićević: Mlada Bosna 1954, p. 455. <?page no="49"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses 49 jemand muss sterben, um eine Diskontinuität zu erzeugen und die scheinbar eiserne zykische Struktur aus den Fugen zu bringen. Die Diskontinuität im Tod (Bataille) ermöglicht die Verschiebung der Ordnung, dh. eine neue Erfahrung, die die triste Monotonie überwinden kann. Die Beschwörung Žerajićs hat die Funktion, eine klare Kontinuität zwischen zwei Attentaten in Sarajevo herzustellen, während einige andere Elemente, wie das Syntagma "der graue Falke", das in südslawischen Volksliedern oft vorkommt, beide Attentäter in die lange Dauer mythologischer Narrationen einreiht. Heldenblut, Begründung der Gemeinschaft, totale Mobilmachung Im Todeskult und Opferdiskurs als Bestandteilen des heroisch-apokalytpischen Narrativs nimmt das Blutmotiv eine zentrale Funktion ein. Dieses weist verschiedene semantische Aspekte auf. Zunächt verweist die sanguine Metaphorik auf die Dauer und das Kontinuum der Nationalgemeinschaft: Das Blut erscheint als ein Medium des kollektiven Gedächtnisses, das die Gegenwart quasi materiell und direkt m it der Tiefe der Vergangenheit verbindet. So sagt Gaćinović für Žerajić, dass er in seinem Blut alles trägt, "was erlebt und ertragen wurde", die Leidensgeschichte seiner Gemeinschaft. Das Blut, obwohl Metapher, erzeugt einen besonders intensiven "Effekt des Realen" (Barthes), und verweist darauf, dass sich die Vergangenheit einer Gemeinschaft, die Geschichte der Nation, in den Körper des Einzelnen, des Helden, einschreibt. In der Variante von Gaćinović: wenn die Leiden der Vorfahren ins Blut übergangen sind, übernehmen sie die Macht, und der Held wird zum bloßen Werkzeug einer fatalistischen Gewalt, die sich in seinem Körper verdichtet h a t-a u c h das entspricht dem apokalyptischen Code des Heldennarrativs. Gleichzeitig erscheint das Blut in vielen Mythologien und Ritualen als eine Metonymie der Lebenskraft, die für Vitalität und Erneuerung steht.72 In der narrativen Konstruktion bei Gaćinović finden wir auch das "kochende Blut" der neuen revolutionären Generationen, die als Gegengewicht zur dekadenten Trägheit der gegenwärtigen Gemeinschaft inszeniert wird. Das ist ein "warmes, aufgewalltes Blut, das nach Zerstörung schreit, nach Brüchen und Gesundungen, das donnert, wie Sturm m ittnim m t und die Ketten in Staub zerfetzt, es ist das heiße Heiduckenblut, das große Blut, das zu Schlachten auffordert, Sterben predigt".73 72 Siehe den Beitrag zum Blut im Lexikon Hans Dieter Betz u.a. (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch fürTheologie und Religionswissenschaft. Tübingen: Mohr Siebeck 1998-2007, Bd.l, pp. 1327-1328. ’ ’ Gaćinović, in: Palavestra Il 1965, p. 232. <?page no="50"?> 50 Vahidin Preljević Das Blut ist nicht nur Medium der langen Dauer und Träger nationalen Gedächtnisses, sondern auch das Gegenteil davon, eine dynamische Macht, bloße Kraft an sich, Vitalität und Energie, die irgendwo verbraucht und ausgelebt werden muss. In dieser Formulierung scheint der ideologische Gehalt zunächst etwas nebelhaft, doch das "aufgewallte Blut" ist offenbar gegen die bestehende Ordnung, die es zu zerstören gilt, gerichtet. Im Vordergrund steht also der destruktive Aspekt der Lebenskraft. Doch es gibt ein Verbindungsglied mit der scheinbaren konträren Dimension der nationalen Kontinuität. Der Ausdruck "Heiduckenblut", das auch beim jun gen Ivo Andrić in einem Gedicht aus dem Jahr 1914 zu finden ist,74verweist auf die Tradition des Rebellentums, auf den aufständischen und revolutionären Charakter und freiheitlichen Geist der Nation. So wird in den neuen Generationen das Blut der Ahnen "wiedererweckt" das nun danach schreit, Rache zu nehmen für jahrhundertelange Leiden. Die Gewalt, die nun aus der Tiefe der Zeit, vordringt, konzentriert sich im Blut des Helden-Märtyrers. Hier kommen wir nun zu einer weiteren, diesmal ästhetischen Dimension der apokalyptischen Blutmetaphorik: zum Blutvergießen. In Gaćinovićs Beschreibung des Attentats und des Selbstmords Žerajićs, stellt das Blutvergießen und Sterben kein nebensächliches oder konsekutives M otiv dar, sondern bildet den M ittelpunkt der Szene: Indem er einen traurigen und großen Blick auf die Landschaften seines geliebten Landes richtet, stürzt er sich in einer seelischen Agonie auf die Vertreter der Gewalt und Ketten, und fällt dabei, erfüllt von der großen Inspiration der Revolution, die seine Religion war. Das Blut strömte in Wellen, auf seinen Lippen schwebte das große Wort: Serbische Befreiung. Unter den Todekrämpfen bricht der schon gestürzte Körper zusammen, er strengt sich an und zuckt im seligen Schmerz und stößt letzte Schwanenworte aus: "Meine Rache überlasse ich dem Serbentum". Einige Momente später finden die österreichischen Gendarmen eine Leiche im Meer aus Blut: das war der Körper Bogdan Žerajićs, auf einer kleinen Brücke an einer Kreuzung in Sarajevo.75 Die "Wellen aus Blut, die im Augenblick der Selbstopferung zu fließen beginnen, das "Blutmeer", das die Straßen von Sarajevo überströmt und auf dem der Körper des Helden treibt: wozu diese exzessiven Bilder und wie sind sie m it anderen Aspekten der sanguinen Metaphorik verbunden? Die Wellenmotive verweisen auf die Kraft, eine gewaltige Eruption, und beinhalten das Moment einer Katastrophe, die die Welt ganz zu erfassen droht. Diese Katastrophe, könnte man deuten, steht in einer engen 74 Siehe den Beitrag von Sanjin Kodric in diesem Sammelband. 75 Gaćinović, in: Palavestra Il 1965, p. 239. <?page no="51"?> kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses _____ 51 Verbindung mit der Codierung dieses Ereignisses als einer Racheaktion. Gleichzeitig legt der Misserfolg des Attentats nahe, dass seine Effizienz auch nicht das Ziel war; das Ziel war vielmehr das Blutvergießen selbst, das im Einklang mit der Bestimmung des Bluts als dem Kondensat der Geschichte des Volksleidens die endültige Befreiung und Erlösung ankündigt. Eine Reihe von Elementen in dieser Darstellung verweist auf Parallelen mit dem Tod Jesu (Sakralisierung der Schmerzen, Visualisierung der Körperleiden, österreichische Gendarmen als römische Soldaten usw.), so dass sich die Schlussfolgerung aufdrängt, dass Žerajićs sterbender Körper als Körper des Erlösers inszeniert wird, der Rettung bringt aus einer dunklen Zeit. Das umso mehr als Žerajić als reine, unschludige Person dargestellt wird, deren Seele nur von Idealen erfüllt ist. Girard hebt den reinigenden Charakter des Blutvergießens in Opferritualen hervor: das Blut könne, so Girard, sichtbar machen, dass es ein und dieselbe Substanz ist, die gleichzeitig beschmutzt und reinigt, die Menschen zur Gewalt und Zerstörung treibt wie ihnen Leben gibt.76 Die Unschuld des Blutopfers ist ein altes Element, das in einem engen Zusammenhang mit dem Erlöserblut steht.77Als eine Grundlage kann man sicher die alttestamentarische Geschichte über die (im letzten Augenblick ausgesetzte) Opferung Isaaks, die in einer literaturtheoretischen Interpretation als grundlegendes "Narrativ der ethischen Herausforderung" gedeutet wird, einer Herausforderung, die die Gemeinschaft zur Selbstüberprüfung zwingen soll.78 Gleichzeitig hat das Blutvergießen nach Christine von Braun die Funktion der Gemeinschaftsstiftung,79 die Schaffung eines corpus mysticum, eines Nationalkörpers, der ein Garant für die "Realität des Transzendenten" darstellt.80 Diese Symbolik des Bluts w irkt auch in ersatzreligiösen Kontexten,81wie zum Beispiel in der nationalistischen Metaphorik. Das vergossene Erlöserblut Bogdan Žerajić hat auch die Funktion, die Gemeinschaft wachzurütteln, zu erneuern, und die Kontinuität m it der alten ruhmreichen Vergangenheit herzustellen. 76 Siehe Girard: Das Heilige, p. 59. 77 Siehe etwa Knortz, Karl: Der menschliche Körper in Sage, Brauch und Sprichwort. Würzburg: C. Kabitzsch 1909, pp. 186-215. 78 Niehaus, Michael: Die Opferung Isaaks, in: Öhlschläger, Claudia (Hg.): Narration und Ethik. München: Fink 2009, pp. 161-182. 79 von Braun, Christine: Versuch überden Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht. Zürich; München: Pendo 2001, p. 348. 80 Ibid., p. 350. 81 "Das Auftauchen von Blut transportiert immer die Botschaft 'Wirklichkeit'. So wie das Blut dem verklärten Leibzur Realität verhalt, wirkt es in den sekulären Gesellschaften der medial bedingten 'Unwirklichkeit' oder 'Simulation' der technischen Bilder entgegen." von Braun: Schwindel, p. 356. <?page no="52"?> 52 Vahidin Preljevic Im Text heißt es dann auch wörtlich: Das vergossene Blut und die Revolution, die von einigen Generationen des serbischen Volkes durchgeführt warden würde, schüfe eine neue Harmonie, neue Proportionen und ein neues Leben.52 An diesem "großen Werk" würde die ganze Gemeinschaft teilnehmen, "ein unsichtbares Genie, das überall zugegen ist, unter dem Regenmantel des Soldaten, dem Anzug des Bürgers, dem Talar des serbischen Popen, im Leben des serbischen Mädchens, in der Diplomatie, in der Kleinstadt, auf dem Land" (ibid). Eine solche "große Verschwörung" ist das Modell einer allumfassenden nationalen Revolution, die in alle Poren der Gemeinschaft eindringt, alle ihre Elemente antreibend. Vergleichbar ist das etwa mit der Imagination der totalen Mobilmachung, die von Ernst Jünger im gleichnamigen Essay aus dem Jahr 1931 als ein Epochenphänomen analysiert wird. Indem er tiefgreifende Wandlungen analysiert, die nicht nur im politischen sondern in der Tiefe der Geschichte der Erste Weltkrieg verursacht hat, kommt Jünger zu dem Schluss, dass für einen totalen Krieg nicht mehr möglich ist, dem Soldaten einfach die Waffen in die Hand zu drücken, sondern die Bewaffnung muss viel tiefer greiefen, die innere Welt des Subjekts erfassen: Es ist eine Rüstung bis ins innerste Mark, bis in den feinsten Lebensnerv erforderlich. Sie zu verwirklichen, ist die Aufgabe der totalen Mobilmachung, eines Aktes, durch den das weit verzweigte und vielfach geäderte Stromnetz des modernen Lebens durch einen einzigen Griff am Schaltbrett dem großen Strom der kriegerischen Energie zugeleitet wird.8283 Obwohl bei Gaćinović die technische Metaphorik fehlt, und obwohl Jüngers Diskurs eher analytisch und Gaćinovićs Intetion propagandistisch, sind die Parallelen doch verblüffend. Die Einspannung der gesamten Energie der Massen zu einem bestimmten, nationalen Ziel, jenseits von Klassenunterschieden oder anderen Differenzen, dieser Augenblick des gemeinsamen Strebens ist der Augenblick, in dem die amorphe Masse zum "Volk" wird, in eine Gemeinschaft, in der alle Spaltungen und Konflikte der modernen Gesellschaft abgeschafft sein würden, in der, die "Selbstsucht" des Individualismus den Platz für das "nationale Opfer" räumen würde. Interessant ist eine weitere Beobachtung in Jüngers Essay, die den Vergleich m it den Attentatsdiskursen vor 1914 noch plausibler erscheinen lässt. Denn Jünger wird gerade im Ereignis des Attentats von Sara- 82 Gaćinović, in: Palavestia Il 1965, p. 239 83 Jünger, Ernst: DieTotaIe Mobilmachung, in: Werke Bd.5, Essays I, Stuttgart: Klett 1978-1983. pp. 123-148, hier, p. 130. <?page no="53"?> Kulturwissenschaftiiche Einführung in die Poetik eines geschichtlichen Ereignisses 53 jevo den symbolischen Beginn einer neuen Epoche der totalen M obilmachung ansetzen: Dem äußeren Anlaß des Weltkrieges, wie zufällig er auch anmuten möge, wohnt eine symbolische Bedeutung inne, insofern in den Tätern von Serajewo und ihrem Opfer, dem Erben der habsburgischen Krone, das nationale Prinzip mit dem dynastischen zusammenstieß — das moderne »Selbstbestimmungsrecht der Völker« mit dem auf dem Wiener Kongreß durch eine Staatskunst alten Stils mühsam restaurierten Prinzip der Legitimität.84 Das Attentat - "Auferstehung der Nation" Kommen wir nun zu dem letzten Abschnitt unserer Betrachtungen, der sich diskursgeschichtlich auf die Texte nach dem Attentat fokussiert. Bemerkenswert ist die Kontinuität des Bilder- und Figurenarsenals: Oben beschriebene Motive des Blutvergießens, Opferdarbringung, Begürundung oder Wiedergeburt der Nation finden wir auch in den Texten der Gymnasiasten, die vom Attentat von Sarajevo inspiriert, und während der polizeilichen Durchsuchungen konfisziert wurden. Diese Dokumente sind insoweit bemerkenswert, als sie von einer Zirkulation und Dissemination der Motive des heroischen Narrativs zwischen Gadnovićs Verarbeitung des missglückten Attentats von Žerajić und Princips erfolgreicher Aktion. In einer Notiz des Gymnasiasten Mladen Stojanovićs, die am Tag des Attentats niedergeschrieben wurde, wird die Verbindung zwischen dem Blutvergießen und der Begründung der Nation komprimiert, während das apokalyptische Motiv einer Geburt aus dem Tod exzessive Dimensionen annimmt: Lieder, die Gott gesungen hat, beginnt nun die Nation zu singen, und die blutigen Wurzeln ihrer Jugen [...] spüren, dass die Stunde der Nation gekommen ist, sie spüren das Blut, das vergossen wurde um die Geburt der Nation zu manifestieren, die ohne dieses sterben würde. - Das Blut, das Blut erlöst die Nation [...] Im Blut ist das Leben der Rasse, im Blut ist der Gott der Nation. DerTod ging der Auferstehung Tod voraus! Das Attentat ist die Auferstehung der Nation.85 Der parareligiöse Zug der nationalistischen Metaphorik wird hier explizit. Die Nation nimmt göttliche Attribute an. Eine ähnliche Formulierung treffen wir in dem bereits zitierten Text Neue Generationen von Borivoje Jevtić. Er entwickelt dort eine geschichtsphilosophische These zum Verhältnis von Nation und Religion. Die Nation als rassische Gemeinschaft ist 84 Ibid., p. 137. 85 Bogićević: Mlada Bosna 1954, pp. 392-393. <?page no="54"?> 54 Vahidin Preljevic ihm zufolge eine primäre Gemeinschaft, aber sie "wurde durch die Religion ersetzt, oder sie war so eng verbunden m it ihr, dass sie in ihr aufgegangen ist".86 Erst in neuerer Zeit, als der Nationalismus eine Kategorie des Bewusstseins geworden ist, emanzipert sich das "nationale Rassegefühl" von der Religion und wird sie endgültig verdrängen. Diese rassisch begründete nationalistische Ideologie soll wie jede Ideologie nach Karl Mannheim87 das Bewusstsein des Individuums ganz durchdringen, sein ethisches System in ihrem Sinne umcodieren. Besonders wichtig ist das, wie Jevtić anführt, für den "Nationalismus der nicht befreiten Völker". Er muss, so Jevtić weiter, "das ganze Menschenleben durchdringen"88. Borivoje Jevtić wird 1924 eine der ersten Studien über das Attentat von Sarajevo veröffentlichen und darin wird er die Tat vom 28.06.1914 ausdrücklich als ein Generationenwerk der nationalistischen Jugend bezeichnen und nicht als eine spontane "Einzelgängeraktion". Die Tat wurde "von langer Eland vorbereitet, es ist das Werk einer ganzen Generation, die bereit war, für ihre Menschen- und Nationsrechte bis auf den Tod zu kämpfen, m it einem Feind, der Usurpator der Menschenwürde und nationaler Ehre war".89 Im Aufsatz von Todor llić, Schüler der Vlll Gymnasialklasse, der ebenfalls am Vidovdan 1914 entstanden ist, finden wir die Bestätigung dieser These. Noch einmal ist das Blutvergießen ein Ausdruck der nationalen Mission, und der Märtyrertod wirkliche Erfüllung des Lebens: Ein junger Mann darf nicht für sich selbst leben, auch nicht für andere. Er muss wissen, dass das Leben eine Mission und eine Geste ist [...] Es ist keine Geste, zwischen Weiberbeinen zu vergehen. [...] Aber es ist schon eine Geste, zu sterben mit einer Kugel im Kopf, die man für die nationale Freiheit bekommen hat, es ist eine Geste, das Blut des Despoten zu vergießen, und erhängt werden, es ist eine Geste, ein Attentat zu verüben mit einem Revolver, mit einer Bombe, und dann kalt und bewusst erlauben, gefangen genommen zu werden, denn du hast deine Mission erfüllt.90 Im selben Text wird auf eine interessante Art und Weise die Verbindung zwischen Žerajićs und Princips Attentat hergestellt: Man spürt, dass Žerajićs Botschaft kein bloßes Wort bleiben konnte, sondern sie drang in das Mark unseres jungen, noch nicht entwickelnden, gerade er- 86 Jevtić: Nove generacije, Palavestra Il 1965, p. 12. s' Mannheim, Karl: Ideologie und Utopie. Frankfurt: Klostermann 1985. ss Jevtić: Nove generacije, Palavestra Il 1965, p. 13. 89 Jevtić: Sarajevski atentat 1924, p. 3. 90 Bogićević: Mlada Bosna 1954, p. 388. <?page no="55"?> Kulturwissenschaftliche Einführung in die Poetikeines geschichtlichen Ereignisses 55 weckten Lebens. Žerajić scheiterte formal als erster, aber er war faktisch erfolgreich, denn heute, nach vier Jahren Schweigen ertönten am Kai von Sarajevo zwei Bomben und einige Revolverschüsse, die die Hauptwurzel des infamen österreichischen Herrscherhauses ausgerissen haben.91 Indem hier der faktische Erfolg dem formalen Misserfolg des Attentats von Žerajić gegenüber gestellt wird, wird auf die Spannung zwischen dem realhistorischen und symbolischen Ereignis in Žerajićs Tat aufmerksam gemacht. Der erwähnte Gymnasiast bemerkt dabei, dass der empirische Effekt weniger wichtig ist, dass er nur formal ist, während sich das "Faktische", das Wirkliche auf der Ebene der Symbole, der Narrationen und ihrer Wirkung in der Kommunikationsgemeinschaft befindet. Das amateurhafte Attentat von 1910, wahrscheinlich begangen im Zustand psychischer Instabilität, wurde in Gaćinovićs Broschüre zwei Jahre später zu einer kompakten heroischen Narration mit charakterischen Motiven und Bildern, in denen die empirischen Tatsachen fast völlig verdrängt wurden; das reale, gescheiterte Attentat wurde zum Anlass für das imaginäre Attentat in den jungbosnischen Texten und der Phantasie einer ganzen Generation, um dann am Vidovdan von 1914 wieder in die Realität einzudringen. * * * Das apokalyptisch-heroische Muster in der "jungbosnischen" Variation, wie uns all diese Beispiele und Analysen zeigen, verbindet Narration, Ereignis und Erinnerung/ Gedächtnis in eine hochkomplexe Struktur, in der weder die gewöhnliche chronologische Reihenfolge noch die vorausgesetzte kausale Ordnung, wonach aus dem Ereignis die Narration folgt, aus der Narration sich das Gedächtnis bildet, aufrechterhalten werden kann. Unsere Untersuchungen zeigen vielmehr, dass die Trias in diesem Fall, der zwar nicht verallgemeinert, aber auch nicht als Sonderfall behandelt werden darf, auch alternativ zu denken sind. Die mythologischen Narrationen im nationalistischen Diskurs der Verschwörerkreise vor dem Attentat von Sarajevo sind ein Beispiel dafür, wie ein reales Ereignis aus der vom apokalyptischen Heldennarrativ beherrschten Imagination hervorgehen kann, einem Narrativ, in dem wiederum das Attentat von Žerajić eigentlich das beste Beispiel eines Nicht-Ereignisses als Authentifizierungsgrundlage diente. Die Beschwörung der Figur Žerajić hatte die Funktion, ein ideologisches Muster m it dem Heldenopfer und Todeskult zu aktivieren. 41 ibid. <?page no="56"?> 56 Vahidin Preljevic Die Erinnerung an Žerajić und sein Nicht-Ereignis, die m it der realen Person und dem eigentlichen realgeschichtlichen Vorfall nicht mehr viel zu tun hatte, führte zur Konzepdon eines apokalyptischen Narrativs und eines imaginären Ereignisses, das dann am 28. Juni 1914 in die Wirklichkeit überführt wurde. <?page no="57"?> DAS ATTENTAT VON SARAJEVO ALS PARADIGMA <?page no="59"?> I v a n Č o l o v i ć ( B e o g r a d ) Das A ttentat von Sarajevo und der Kosovomythos This contribution investigates the role of the Vidovdan (St. Vitus Day) myth and the commemoration of the battle of Kosovo Polje (1389) as ideological motivation for the Shots of Sarajevo in 1914. Some sources insinuate that the assassins saw themselves in the tradition ofth a t medieval heroism cult. The analysis of literary and historical documents, however, reveals that the link between the Kosovo legend and the Sarajevo Assassination can be regarded as a ideological construction of later historiographical interpretations (e.g. by Vladimir Dedijer). Unter den in den letzten Jahren vorgebrachten Stellungnahmen zum Attentat von Sarajevo hört man auch solche, in denen die These vertreten wird, dass die Attentäter die Inspiration für ihre Tat im Kosovo-Mythos gefunden hätten. An dieser These halten sowohl die Autoren fest, für die der Kosovomythos die geistige Grundlage der serbischen Nation ist, als auch diejenigen, die in ihm das Mittel politischer Manipulationen sehen. Im ersten Fall wird behauptet, Gavrilo Princip und andere Verschwörer hätten bei der Planung ihrer Tat am 28. Juni 1914 das Beispiel Miloš Obilićs, jenes mutigen Mörders von Sultan Murad am Amselfeld am 28. Juni 1389, vor Augen gehabt, und diese Behauptung dient dazu, das Attentat von Sarajevo als eine weitere Bestätigung des freiheitsliebenden Geistes des serbischen Volkes zu deuten, der in Obilić und anderen Helden der Amselfeldschlacht symbolisiert wird. Im anderen Fall soll die These, die Attentäter seien vom Kosovo-Mythos inspiriert worden, belegen, dass die Mörder und Ermordeten Opfer nationalistischer Instrumentalisierung der Erinnerung an die Amselfeldschlacht waren. Obwohl sie unterschiedliche Schlussfolgerungen aus der Eingangsthese ziehen, finden ihre Verfechter sie in einer gemeinsamen Quelle, nämlich in dem Buch Sarajevo 1914 des Historikers Vladimir Dedijer. Das ist verständlich, denn in dieser umfangreichen 1966 veröffentlichten Studie über das Attentat von Sarajevo wurde zum ersten Mal der Standpunkt vertreten und begründet, das Ereignis des Attentats sei nur zu fassen, wenn der Einfluss des Amselfeld-Mythos auf die Attentäter berücksichtigt werde. Aus diesem Grund hat Dedijer ein ganzes Kapitel mit dem Titel "Kosovo-Tyrannenmord" einer der wichtigsten Episode dieses Mythos, der Ermordung Sultan Murads gewidmet. Seine Schlussfolgerung, dass die geistige Wur- <?page no="60"?> 60 Ivan Čolović zel des Attentats auf Franz Ferdinand im Amselfeld-Mythos zu finden sei, wurde meines Wissens bis heute weder kommentiert noch überprüft geschweige denn kritisiert - und die offizielle Geschichtsschreibung hält diese Behauptung für eine erwiesene Tatsache. So dachte der Flistoriker Dimitrije Đorđević zweifelsohne an diese Studie Dedijers, als er schrieb, dass die "Erforschung des Attentats von Sarajervo 1914 gezeigt hat, wie tief verwurzelt dieTradition des Kosovo-Epos und des Miloš-Obilić-Mythos im Flandeln des Jungen Bosniens und in Princips Attentat war".1 M it Kropotkin und Stepniak gegen Ferdinand Man sollte sagen, dass Dedijer in dieser Studie neben der These vom entscheidenden Einfluss des Amfelfeld-Mythos auf Gavrilo Princip, Nedeljko Čabrinović und ihre Mitstreiter, die in die Ermordung des österreichischen Thronfolgers verwickelt waren, auch andere mögliche Motive des Attentats von Sarajevo erörtert, darunter diverse politische und philosophische Ideen, die die Täter dazu hätten bewegen können, ihre Tat zu begehen, einschließlich der Idee des Mordes als legitimem Mittel politischen Kampfes. Er zeigt dabei, dass die künftigen Attentäter und ihre Geistesverwandten aus diversen literarisch-politischen Gruppen, die nach dem Vorbild von Mazzinis Jungem Italien die Sammelbezeichnung Mlada Bosna erhalten werden, in ihren politischen Ideen und geistigen Dispositionen kaum zu unterscheiden waren von anderen ähnlichen revolutionären Jugendgruppen im damaligen Europa, deren Ziel der Umsturz war, der durch individuellen Terror, d.h. die Ermordung der Machthaber und Könige verwirklicht werden sollte. So führt Dedijer an, dass sich Princip und Čabrinović nach dem Attentat mehrere Male auf Mazzini als Vorbild eines Freiheits- und Einigungskämpfers berufen haben. Und Mazzini hat daran erinnert uns Dedijer seine Anhänger immer wieder belehrt, dass der erste Schritt in diesem Kampf der Tyrannenmord ist.2 Er erläutert ausführlich auch den großen Einfluss, den russische Anarchisten, vor allem Kropotkin, auf die Attentäter hatten. Er verweist auch darauf, dass Princip seinem Gefängnisarzt in Theresienstadt anvertraute, er habe in der Nacht vor dem Attentat einen Artikel von Kropotkin gelesen, sowie auf die Aussage einer Verwandten von Čabrinović, dass dieser in dieser Nacht ebenso einen ähnlichen Lesestoff hatte: das Buch Das unterirdische Russland des russischen Anarchisten Sergei 1 Đorđević, Dimitrije: Ogledi iz novije balkanske istorije. Belgrad: SKZ 1989, p. 102. 2 Dedijer, Vladimir: Sarajevo 1914. Belgrad: Prosveta 1966, p. 297-298. <?page no="61"?> DasAttentat von Sarajevo und der Kosovomythos 61 Michailowitsch Stepniak-Krawtschinski, der seine Idee des Terrors als bestem Mittel des revolutionären Kampfes am 16. Januar 1876 in die Tat umsetzte, als er General Nikolai Mesenzow ermorderte. Čabrinović hatte dieses Buch bei sich, als er zum Ort des Attentats ging.3Auf die Frage des Untersuchungsrichters, was ihn dazu bewogen habe, das Attentat zu begehen, antwortete er: Ich bin ein Anhänger der radikal-anarchistischen Idee, die darauf abzielt, das heutige System durch Terrorismus zu vernichten, damit daraufhin ein freies System eingeführt werden könnte. Daher hasse ich alle Vertreter der verfassungsmäßigen Ordnung, und zwar nicht diese oder jene Person als solche, sondern als Proponenten einer unterdrückenden Macht. Ich habe mich in diesem Geiste durch Lektüre aller sozialistischen und anarchistischen Schriften gebildet; ich kann sagen, dass ich nahezu sämtliche in serbokroatischer Sprache zugängliche LiteraturdieserArtgeIesen habe.4 Doch trotz dieser Dokumente, die verlässlich davon zeugen, dass die Attentäter von Sarajevo die Ideen europäischer Revolutionäre ihrer Zeit verinnerlicht und ihren Diskurs beherrscht hatten, und dass für sie kein Problem war, sich selbst als Terroristen zu bezeichnen, schätzt Dedijer diesen Aspekt als sekundär ein. Denn seiner Meinung nach kam den Attentätern die Idee vom Recht auf Tyrannenmord, die sie dazu gebracht hat, Franz Ferdinand zu ermorden, nicht aus dem Ausland. Sie haben sie quasi schon als Erben einer natürlichen Philosophie aus ihrer Fleimat mitgenommen, wo angeblich die Flaltung überlebt hatte, die Dedijer "ursprüngliche serbokroatische folkloristische Theorie des Tyrannenmordes" nennt.5 "Ihre Ideen vom permanenten Aufstand und dem Recht auf Tyrannenmord", so seine Erklärung, "entstanden vor allem unter dem Einfluss der einheimischen folkloristischen Philosophie, die im Fleldenepos und der Poesie von Petar Petrović Njegoš vorgebildet waren."6 "Folkloristische Theorie des Tyrannenmordes" Die Jungbosnier hätten also nicht darauf gewartet, bei Mazzini oder dem russischen Dichter Mark Natanson die Ideen von der Notwendigkeit des Individualterrors oder persönlichen Opfers zu finden, denn sie hätten sie schon in sich gehabt: "Mazzini und Natanson haben" so Dedijer - "nur ! Ibid., p. 525f. 4 Ibid., p. 546. 5 Ibid., p. 51. 6 Ibid., p. 393. <?page no="62"?> 62 Ivan Čolovic auf eine abstrakte Weise bestätigt, was die Jungbosnier schon m it der folkloristischen Philosophie ihrer Dörfer verinnerlicht hatten."7Daher können sie, so auch der Titel eines Kapitels in Dedijers Buch, als "urtümliche Rebellen" bezeichnet werden. Äußere ideologische Einflüsse auf Princip und andere Verschwörer sowie deren Gleichgesinnte waren demnach sekundär und oberflächlich, wogegen der Einfluss der bosnischen Eleimat und des angeblich in der Foklore bewahrten Kultes des Tyrannenmords als primär und tie f einzustufen seien. "Die Jungbosnier waren nicht frei von äußeren Einflüssen", sagt Dedijer, doch ihre Ideen können nicht mit den Bestrebungen des Jungen Italiens Mazzinis, der deutschen Burschenschaften, der russischen Volkstümlichen gleichgesetztwerden, auch wenn gewisse Gemeinsamkeiten nicht abzustreiten sind. Sie waren aber eigentlich eine Frucht bosnischer Umstände, der Tradition des Amselfeld-Mythos in Zeiten scharfer imperialistischer Auseinandersetzungen, die die Welt zu Anfang des 20. Jahrhunderts erschütterten.8 Zur Unterstützung der These von der Präsenz des Amselfeldmythos in Bosnien-Elerzegowina bzw. in der Traditionskultur des bosnisch-herzegowinischen Dorfes bringt Dedijer nur ein einziges Dokument: den Aufsatz des britischen Forschers und Reisenden Arthur Evans, der sich jedoch nicht auf eine Zeit bezieht, in der die Generation der Attentäter heranwuchs, sondern auf die 1870er Jahre. Während seiner 1875 unternommenen Reise durch Bosnien bemerkte Evans, dass hier wie auch in anderen Teilen des Balkans über die Amselfeldschlacht "ein großes nationales Trauerlied" erklinge, welches "begleitet wird von traurigen Tönen der Gusla", und dass die "Lieder über die schicksalvollen Kosovo-Tage täglich gesungen werden".9 Dieser Artikel von Evans ist für Dedijer Beweis genug, dass zur Zeit des Attentats von Sarajevo in der bosnisch-herzegowinischen Folklore epische Lieder über die Amselfeldschlacht und die Ermordung des Sultans Murad durch Miloš, die er als Tyrannenmord deutet, noch sehr lebendig waren. Das ist für ihn ein historisches Faktum, auf dessen Basis er den weitreichenden Schluss vom jugoslawischen Bauern als latentem Attentäter gegen volksfremde Machtträger ziehen wird. "Es ist eine historische Tatsache " so Dedijer - "dass nirgendwo in Europa im 20. Jahrhundert die Idee des Tyrannenmords in breiten Volksschichten so lebendig war wie im jugoslawischen Bauerntum, vor allem in Bosnien, der Herzegowina, Montenegro und der Lika."10 7 Ibid., p. 352. 8 Ibid., p. 785. 9 Ibid., p. 431. 10 Ibid., p. 398. <?page no="63"?> DasAttentat von Sarajevo und der Kosovomythos 63 Doch Dedijer bringt keine Beispiele aus bosnisch-herzegowinischen Volksliedern, m it denen er zeigen könnte, wie diese Idee im folkloristischen Text funktioniert, so dass der Leser rätseln muss, ob es solche Beispiele überhaupt gibt; er zitiert und analysiert vielmehr Volkslieder über die Amselfeldschlacht aus der Sammlung von Vuk Stefanović Karadžić und dann auch die betreffenden Verse von Njegoš. Eine solche indirekte Darstellung der bosnischen Folklore mit Hilfe der Analyse der Lieder aus Karadžićs Sammlung fußt auf der Voraussetzung, dass die Folklore ein statisches und homogenes Reservoir ursprünglicher Ideen und Überzeugungen eines Volkes ist, die im Grunde unverändert bleibt, unabhängig davon, wann und wo einzelne Folkloretexte entstanden sind. Da demnach die Folklore der Südslawen angeblich eine eigene Idee des Tyrannenmords hat, kann man auch über die Präsenz dieser Idee in der bosnisch-herzegowinischen Foklore auf Basis der Beispiele urteilen, die in Karadžićs Sammlung oder Njegoš' Versen zu finden sind, wobei auch die letzteren obwohl ein Kunstprodukt als authentischer Ausdruck der sogenannten fokloristischen Philosophie gelten können. Neben diesen Verweisen auf die methodologischen Schwächen dieses Ansatzes, die der veralteten Auffassung der Foklore in Dedijers Werk entstammen, kann man auch den Einwand formulieren, dass seine These vom Amselfeld-Mythos als der Quelle der folkloristischen Theorie des Tyrannenmordes von der strittigen Voraussetzung ausgeht, dass in Volksliedern auch in denen aus der Karadžić-Sammlung die Ermordung des Sultans Murad durch Miloš tatsächlich als Tyrannenmord dargestellt wurde. Dedijer behauptet, dass in den Liedern des Kosovo-Zyklus die Idee zum Ausdruck gebracht wird, dass die Ermordung des Fremdherrschers eines der edelsten Ziele des Lebens sei.11 Doch in diesen Liedern findet sich dafür kein Beleg. Von Murad ist nicht die Rede als einem Fremdherrscher, noch weniger als einem Tyrannen, sondern er erscheint bloß als Feind, der eine große Armee an der Grenze des Staates von Lazar versammelt und m it einem Krieg droht. Dementssprechend gibt es hier auch keinen Tyrannenmörder. Wenn er sich aufs Amselfeld begibt, um den Sultan zu ermorden, wird Miloš nicht von dem Wunsch geleitet, das Land vor einem fremden Okkupator zu retten, sondern er möchte m it seiner Heldentat die Loyalität gegenüber seinem Fürsten zeigen der sie in Zweifel gezogen hat - und somit seine ritterliche Ehre retten. In vielen Aufzeichnungen folkloristischer Texte über die Amselfeldschlacht wie in der Priča o boju kosovskom ("Geschichte über die Kosovoschlacht"), Tronoški rodoslov ("Tronoša-Geneaologie") oder das Lied von Filip Višnjić Početak bune na dahije ("Anfang des Aufstandes gegen die Dahija") ist 11 Ibid., p. 41 7-418. <?page no="64"?> 64 Ivan Čolović Murad voller Respekt gegenüber seinem mutigen Mörder und behauptet sogar, dass er ihn gerne in seine Dienste genommen hätte. Čabrinović, Žerajić und Obilić Ein anderes Problem m it Dedijers These besteht darin, dass sich in Zeugnissen der Attentäter, in dem, was sie über ihre Motive und politische Überzeugungen gesagt oder was sie gelesen haben, nirgendwo eine Bestätigung findet, dass die im Kosovo-Mythos wurzelnde "folkloristische Theorie des Tyrannenmords" irgend eine Rolle gespielt hat. Nirgendwo lässt sich belegen, dass sie ihren Attentatsplan aus Volksliedern über die Kosovoschlacht geschöpft hätten. Es gibt zwar eine Äußerung Nedeljko Čabrinovićs aus dem Prozess, aus der hervorgeht, dass ihm die Lektüre dieser Lieder empfohlen worden war. Als er nämlich Anfang 1912 nach Belgrad kam, um finanzielle Unterstützung von der Narodna odbrana (Volksabwehr) zu erlangen, bemerkte Major Vasić, der Sekretär dieser paramilitärischen und patriotischen Organisation, dass er in der Tasche eine Erzählsammlung Maupassants stecken hatte, und riet ihm, eine solche Lektüre zu unterlassen, und gab ihm stattdessen eine Sammlung von Heldenliedern, die die Narodna odbrana zusammen mit anderen Broschüren gedruckt hatte. Es gibt keinen Zweifel, dass diese Volkslieder Teil des Propagandamaterials waren, das von dieser Organisation vertrieben wurde, aber Čabrinović und andere Jungbosnier wurden intellektuell und politisch von anderer Lektüre geprägt, in der die Volkslieder keinen besonders wichtigen Platz einnahmen. Andererseits hinterließ die Nachricht, dass Franz Ferdinand ausgerechnet am St.-Veits-Tag nach Sarajevo kommen sollte, einen starken Eindruck auf Čabrinović und Princip. In einem Brief, den er einen Tag vor dem Attentat an einen Freund schrieb, beschwor etwa Čabrinović den Empfänger: "Morgen ist Vidovdan. Erinnerst du dich an das Gelöbnis Miloš'? Erinnere dich auch meiner und vergiss mich nicht! " Er erwähnte auch im Untersuchungsverfahren den Sankt-Veits-Tag: Als ich in Sarajevo in der Zeitung las, dass der Thronfolger ausgerechnet am Vidovdan, der für uns Serben der größte Nationalfeiertag ist, nach Sarajevo kommen soll, haben Princip und ich darüber ein besonderes Gespräch gehabt. Dieser Umstand hat mich besonders motiviert, das Attentat zu verüben. Die mündliche Überlieferung besagt, dass vor dem Vidovdan dem Helden Miloš Obilić gesagt wurde, dass er ein Verräter sei, worauf er antwortete: 'Am Vidovdan wird sich erweisen, wer gläubig und wer ungläubig ist', und Obilić ist der erste Attentäter, denn erging am Vidovdan ins Feindeslager und tötete Kaiser <?page no="65"?> DasAttentat von Sarajevo und der Kosovomythos 65 Murad. Auch mich beschimpften die hiesigen Sozialisten, wie auch meinen Vater, als Spion, nachdem mir nach dem Typografenstreik die Rückkehr nach Sarajevo erlaubt worden war.12 Diese Äußerung von Čabrinović zeigt, dass für ihn Murad weder den Typus Tyrann darstellte, den Franz Ferdinand in seinen Augen zweifelsohne verköperte, sondern einen Kriegsfeind aus der Legende, so dass Obilić, obwohl er ihn als "ersten Attentäter" bezeichnet, kein Tyrannenmörder sein konnte. Es stimmt zwar, dass er sich m it ihm identifiziert, aber nicht, weil Obilić das Modell des Freiheitskämpfers gegen die das eigene Volk unterdrückende Tyrannei ist, wie Čabrinović selbst einer ist, sondern weil er sich selbst als verleumdeten Helden erlebt, der wie Obilić durch eine verwegene Tat die Denunziation zurückweist, er sei ein Verräter. Im übrigen hatten Čabrinović, Princip und andere Verschwörer die Entscheidung, den Erzherzog zu töten, viel früher getroffen, noch bevor sie erfuhren, dass diese Gelegenheit sich am Vidovdan anbieten würde. Die Nachricht, dass der Erzherzog nach Sarajevo gerade an diesem Feiertag kommen würde, hörten sie zum ersten Mal in Tuzla, als sie, m it Bomben und Revolvern ausgerüstet, schon auf dem Weg nach Sarajevo waren. Es gibt keinen Beleg, dass sie vorher diesen Feiertag, die Amselfeldschlacht und deren Helden auch nur erwähnt hatten. M it den Waffen trugen sie in ihren Taschen auch explosives Textmaterial, aber das waren sicherlich keine Volkslieder aus dem Kosovo-Zyklus. Auch Dedijers Deutung des missglückten Attentats des Studenten Bogdan Žerajić auf General Varešanin am 15. Juni 1910 in Sarajevo wirkt nicht überzeugend. Auch diesen Anschlag, der mit dem Selbstmord des Attentäters endete, verband Dedijer mit dem Amselfeldmythos, indem er behauptete, dass die "Jungbosnier mit dem Kosovo-Mythos vor allem das Opfer Bogdan Žerajićs, eines der Begründers ihrer Bewegung, verband", denn es handelte sich um einen "Selbstmord in der Tradition jenes Mythos".13 Sie wollten, so Dedijer an anderer Stelle, "den Weg Žerajićs beschreiten, der sich mit der letzten Kugel erschossen hat. Diese Konzeption der Aufopferung ist sicherlich die Grundlage des ganzen Kosovoepos."14 Es bleibt unklar, wie Dedijer zu dieser Meinung gelangte. Sollte man überhaupt betonen, dass sich unter den Helden der Kosovolieder kein einziger Selbstmörder findet, und es gibt auch keinen Hinweis, dass Žerajić selbst, während er das Attentat vorbereitete, an die Kosovohelden dachte. Im Gegenteil. Es ist eine Aufzeichnung überliefert, die eher belegt, dass er 12 Ibid., p. 535. 12 Ibid., p.398f. 14 Ibid., p. 548. <?page no="66"?> 6 6 van Ćolović über die Folklore sehr schlecht dachte, weil sie nach seiner Meinung das "Fleldentum der Flerde" und den "Stammesstolz" feiert, und dass sein Ideal kein folkloristischer Stammesheros war, sondern eine andere Kategorie: der Nationalheld. Überliefert sind seine Worte, dass für das Erscheinen eines solchen Nationalhelden eine "größere Kultur, ein stärkeres nationales Gefühl, als es der Stammesstolz ist", notwendig sei, so dass "die Stämme ihre Fleroen haben, die Nation aber auf ihre Flelden die es noch nicht gibt wartet " 15 In Anbetracht dessen war Žerajić nicht der Mann, der seine Inspiration in der folkloristischen Philosophie suchen würde, sondern er wollte, wie er seinem Onkel schrieb, in die Schweiz und nach Russland reisen, um dort "die Grundsätze der neuen kommenden Freiheit zu studieren". Man kann nicht sagen, dass er sich besonders für Volkslieder interessierte; dafür blieb er im Gedächtnis als belesener junger Mann, der Carduccis und Nadsons Gedichte auswendig kannte, und in dessen Notizheft nach dem Selbstmord Schiller-Zitate gefunden wurden.16 Alle diese Daten und Zeugnisse sind in Dedijers Studie angeführt auch um zu zeigen, dass Žerajić, das Vorbild der künftigen Attentäter auf Ferdinand, intellektuell und politisch von umstürzlerischen Ideen der Zeit geprägt wurde. Aber der Autor der Monographie dachte offenbar trotzdem nicht, dass diese Belege seine These erschüttern könnten, wonach Žerajić und auch andere Jungbosnier entscheidend von sozialpsychologischen Faktoren des Umfelds, aus dem sie stammten, beeinflusst wurden, dass sie egal, was sie lasen oder diskutierten eigentlich ein Ausdruck der Mentalität sind, von der angeblich die serbokroatische Folklore zeugt, und der dieser entstammenden Idee des Tyrannenmords. Die Quelle dieses folkloristischen Kultes der Rebellion und des Tyrannenmords findet Dedijer also im Kosovo-Mythos, bzw. in einigen epischen Liedern über die Amselfeldschlacht, aber er stützt die These auch m it der Legende von den unerschrockenen bosnischen Heiducken. Die Attentäter und andere Jungbosnier werden in seinem Buch als moderne Sprößlinge der Heiduckentradition dargestellt, die der Autor als "agrarischen Terror" subsumiert. Um dies zu unterstreichen, wählt Dedijer für das M otto seines Kapitels "Authentische Rebellen aus Bosnien" den Satz von Vladimir Gaćinović, in welchem er vom serbischen Revolutionär verlangt, er möge "ein Mann von europäischen Manieren und Heiduck zugleich" sein.17Auch die Sarajevoer Attentäter schlüpfen in die Rolle der Heiducken auch am Ende des Kapitels, wo beschrieben wird, wie das Attentat ausgeführt wurde: 15 Ibid., p. 406. 16 Ibid., p. 417. 17 Ibid., p. 291. <?page no="67"?> DasAttentat von Sarajevo und der Kosovomythos 67 Das war ein richtiger Hinterhalt der bosnischen Heiducken, dieser Agrarterroristen. Das Attentat auf Franz Ferdinand wurde nach dem Vorbild der Ahnen von Gavrilo Princip, die den Namen Čeke [= die Lauernden] bekommen haben, weil sie auf den Feind im Hinterhalt lauerten, um ihn dann direkt auf den Kopf zu schlagen.15 Damit wird die Schlussfolgerung nahegelegt, dass Princip unabhängig von Ideen des individuellen politischen Terrors, die er von außen empfing - Impulse der gerechtigkeitsliebenden Gewalt, die er von seinen Heiducken-Ahnen aus der Familie Čeka geerbt hatte, quasi in den Genen trug. Aber der Leser, der sich daran erinnert, was Dedijer am Anfang seiner Studie über Princips Vorfahren gesagt hat, wird stutzig werden. Denn Dedijer hat, als er zum ersten Mal die Čeke erwähnt, das über sie gesagt, was er in einem Artikel von Božidar Tomić gefunden hat, dass nämlich Princips Vorfahren nicht nur keine Heiducken waren, sondern eine Art Heiducken-Verfolger, d.h. Helfer der türkischen Besatzung an der Grenze bei Grahovo, die dafür zuständig waren, die Grenze gegen die Heiducken und Uskoken aus Österreich und Venedig zu schützen. "Sie hatten die Fähigkeit" schreibt Dedijer - "die wahrscheinlichste Durchgangstelle der Räuberbanden von der anderen Seite der Grenze zu erahnen. Sie saßen im Hinterhalt und lauerten. Daher haben Princips Vorfahren den Spitznamen 'Čeka' bekommen."*19 Aber auch ohne diesen Fehler und Widerspruch bleibt die Verbindung der Jungbosnier m it den Heiducken überzogen und wenig überzeugend. Viel überzeugender scheint die Meinung des Historikers Milorad Ekmečić, dass das Auftauchen der Jugendbewegung in Bosnien, aus der die Attentäter stammen, das Ende einer Tradition markiert, die Heiducken feiert. "Zum ersten Mal in der jugoslawischen Kultur" so schreibt Ekmečić - "wurde eine Rebellenfigur im urbanen Umfeld geschaffen, welche den Kult der alten sich in Höhlen versteckenden Dorf-Heiducken stürzen wird."20 Jungbosnier im Vidovdantempel Kann man einen Beleg für die These Dedijers, dass die tiefste Quelle des Attentats im Amselfeldmythos liegt, möglicherweise in Schriften und Dokumenten der herausragendsten Vertreter des Jungen Bosnien finden, bei enjenigen, die als ihre Ideologen gelten: bei Dimitrije Mitrinović, Vladimir Gaćinović, Borivoje Jevtić, Miloš Vidaković? Dedijer verliert darüber kein 15 Ibid., p. 540. 19 Ibid., p. 60. 20 Ekmečić, Milorad: StvaranjeJugosIavije 1790-1918. Belgrad: Prosveta, p. 532. <?page no="68"?> 6 8 Iv a n Č o lo v ić Wort, er hat Argumente für seine These von mythischen Wurzeln des Attentats nicht in den Schriften der Jungbosnier gesucht. Das ist auf den ersten Blick erstaunlich, denn hier konnte er tatsächlich die Idee finden, dass die neue Generation der bosnischen Jugend in sich die Kampf- und Widerstandsimpulse der heldenhaften Ahnen entdeckt und wiederbelebt. Die Jungbosnier bezeichneten das als "rassischen Atavismus" oder als "rassisches Gefühl", denn zu der Zeit, als sie sich bildeten und intellektuell geform t wurden, schenkten die Geisteswissenschaften große Aufmerksamkeit den sogenannten rassischen oder überhaupt natürlichen Faktoren, die in dieser Hinsicht den Schlüssel für das Verständnis einzelner Völker, ihrer Geschichte und Kultur lieferten. So findet man im Artikel, den Vladimir Gaćinović 1912 Bogdan Žerajić widmete, die Behauptung, dass dieser vorherbestimmt für das "nationale Opfer" war, weil er in Nevesinje geboren worden war, einer Umgebung "die das atavistische Gefühl der Freiheit und Rebellion bewahrt hat".21 Später werden m it Hilfe von Bogdan Žerajić wenn man einem anderen Jungbosnier, Borivoje Jevtić, Glauben schenken darf auch seine M itstreiter diesen Atavismus in sich entdecken. Unter dem starken Eindruck des Selbstmordes von Žerajić, "wurde in uns" so Jevtić 1913 - "unser rassischer Atavismus geweckt und in unseren Adern floss wieder nervös das Blut unserer Großväter".22 Ebenso fanden einige Jungbosnier diesen angeblichen Atavismus auch in der Folklore, genauer gesagt in epischen Heldenliedern. Noch vor Gaćinović und Jevtić schrieb auch Dimitrije Mitrinović in einem Artikel über den Maler Ivan Meštrović aus dem Jahr 1911 über die Rasse und das rassische Gefühl, das angeblich in Ideen und Werken der neuen Generation zum Vorschein komme. In den Werken des erwähnten Künstlers fand er ein "starkes rassisches Gefühl und tiefe nationale Religiosität" und erklärte dies damit, dass Meštrović in einer "Uskoken-Gegend" geboren wurde, wo er "in einem primitiven Umfeld einer moralisch gesunden, geistig unzivilisierten, körperlich unverdorbenen Rasse" aufwuchs.23 Dieser Essay wurde in der Zeitschrift Bosanska vila veröffentlicht, nach Meštrovićs Teilnahme an Ausstellungen in Zagreb und Rom, die ebenfalls 1911 stattfanden und seine von Volksepen inspirierte Skulpturen vorgestellten, worüber M itrinović in eigenen Rezensionen die Leser der Zeitschrift Srpski književni glasnik inform iert hatte. Wenn er davon spricht, dass die "Rasse selbst durch Meštrović sprechen wollte", hat er die Helden aus den Volksliedern im Sinne, m it denen der junge Meštrović in Karadžićs Liedersammlung kon- 21 Palavestra, Predrag: Književnost Mlade Bosne II. Hrestomatija, 3. izdanje. Banja Luka: Matica srpska 2012, p. 3. 22 Ibid., p. 16. 23 Ibid., p. 179. <?page no="69"?> DasAttentat von Sarajevo und der Kosovomythos 69 frontiert wurde, und welche, so Mitrinović, "im Bewusstsein und im Unbewussten des Künstlers lauerten [...] mit dem Wunsch, durch seine Seele neugeboren zu werden".24 Unter diesen Gestalten, die der Künstler wiederbeleben sollte, sind am zahlreichsten jene, die mit der Amselfeldschlacht in Verbindung stehen, m it so Mitrinović - "traurigen Erinnerungen an den Zerfall des serbischen Reiches". Das sind Kosovo-Helden, ihre Mütter und Witwen, die der Rezensent jedoch meist ohne Beachtung übergeht. Unter den Figuren, denen Mitrinović keine besondere Aufmerksamkeit schenkt, ist auch Miloš Obilić, obwohl dieser Held in einer monumentalen Statue dargestellt wurde, für die vom Künstler ein besonderer Platz im Vidovdan-Tempel, dem von Meštrović selbst geplanten Pantheon der jugoslawischen Nationalreligion, vorgesehen wurde.25 Mitrinović begnügte sich damit, an dieser Skulptur "den gewaltigen Schwung des Riesen, der nicht ungläubig war",26 zu bemerken. Zlopogleda der Böseblickende Volle Aufmerksamkeit und begeisterten Kommentar verdient nur Meštrovićs Porträt von Srda Zlopogleda [der Böseblickende], eines Kosovohelden, dem in Karadžićs Liedersammlung nur vier Verse gewidmet sind: Koji ono dobar junak bješe što dva i dva na koplje nabija preko sebe u Sitnicu tura? Onojeste Srda Zlopogleđa. Welcher Held war es noch Der zwei zugleich mit der Lanze aufspießt Sie alle in die Sitnica wirft? Sein Name ist Srda Zlopogleđa Es gibt keinen Zweifel, dass der grauenerregende Name dieses Helden Meštrović genügte, um dessen Kopf zu meißeln, um aus dem Nomen das Omen zu gewinnen -a b e r er hat ihn trotzdem nicht allen anderen vorangestellt, wie Mitrinović dies tun wird. Dieser erblickt nämlich in jenem Porträt des Helden mit dem gefährlichen Blick den besten und vollkommensten Ausdruck dessen, was er Meštrovićs "rassisches Gefühl" nennt. Da für ihn ein solches Gefühl der Rasse, der angeblich das serbische und kroatische Volk angehören, vor allem ein Gefühl der Macht und Kraft ist, und der Künstler bloß ein Medium dieser Rasse ist, wird er als "Dichter des vergangenen Geschicks, als Prophet künftiger Auferstehung vorgestellt, als Dichter 24 Ibid., p. 18. 25 Borić, Tijana: Umetnički opus Ivana Meštrovića u dvorskom kompleksu na Dedinju. In: Spomeničko nasleđe IX (2008), p. 179-191. 26 Palavestra 2012 II, p. 187. <?page no="70"?> 70 van Čolović der Kraft" der "die vergangene Kraft des Kampfes feiert" "zum gegenwärtigen Kampf erm utigt" und den "Sieg der künftigen Kraft prophezeit ".21 Nur Meštrovićs Zlopogleđa erregte in Mitrinovic das Gefühl einer vollen und starken Identifikation mit dem serbischen Volk als Teil des serbisch-kroatischen Ganzen: "Ich muss gestehen" schreibt er, "dass ich mich nie tiefer, schöner und mächtiger als Serbe gefühlt habe als vor dem göttlichen Zlopogleđa von Meštrović. Niemals klopfte mein Herz serbischer und niemals fühlte ich erschütternder das Heiligtum der Rache, die die Schamlosen mit der ganzen zerstörerischen Wucht erschlagen wird, wenn aus unserem Blut solche Zlopogledas wie bei Meštrović wieder erwachen..."2728. Und einer derjenigen, in dessen Blut Zlopogleđa erwacht, war Bogdan Žerajić. An sein Attentat und seinen Selbstmord erinnerte sich Mitrinović, als er in Bewunderung vor der Skulptur verharrte: "Unser und Žerajićs verachtender Rachezorn", schreibt er, "ist der riesige verachtende Rachezorn von Srđa Zlopogleđa."29 Wie groß dieser Held in Mitrinovićs Augen wurde, sieht man daran, dass er auch in Meštrovićs Werk Marko Kraljević auf dem Schecken, über welches er in der Rezension der Internationalen Ausstellung in Rom 1911 schrieb, einen weiteren Zlopogleđa erblickt hat, mit denselben Zügen des zornigen Helden m it dem schrecklichen Blick, "m it dem vor Zorn entstellten Gesicht, dem gerechten Gesicht eines Erzürnten, der mit seinem Blick Feinde besiegt".30 Mitrinović hat eigentlich eine eigene Hierarchie der Kosovo-Helden erstellt. Ganz oben an der Spitze steht Zlopogleđa, während Obilić der Tyrannenmörder von Kosovo, wie Dedijer ihn nennt irgendwo unten rangiert und kaum der Rede wert ist. Den Zlopogleda-Kult übertrug M itrinović auch auf andere Jungbosnier. Sicherlich unter Mitrinovićs Einfluss hob Miloš Vidaković die urtümliche, hünenhafte Kraft und die Gewalt des Rachezorns als das Erlebnis hervor, das von dem Modell des ganzen Vidovdan-Tempels Meštrovićs ausgelöst wird, über welches Vidaković in der Rezension der XI. Biennale in Venedig schreibt, die 1914 stattfand und wo dieses Modell auch vorgestellt wurde. Der Rezensent veranschaulicht es als ein Symbol des Vokes, das mit seiner wilden Kraft und Größe einen "riesigen Rausch" schafft und den Frieden der schon müden italienischen Kunst stört, und als den "erzürnten Golliath", der neben die "flehenden Glockentürme der frommen und überlebten Kirchen" Venedigs tritt.31 27 Ibid., p. 189. 28 Ibid., p. 188f. 29 Ibid., p. 188. 50 Ibid., p. 156. ” Ibid., p. 144. <?page no="71"?> DasAttentat von Sarajevo und der Kosovomythos 71 Eigentlich fanden Dimitrije Mitrinovic - und nach ihm auch Miloš Vidaković die Quellen dessen, was sie "rassischen Atavismus" und "rassisches Gefühl" nannten, nicht unmittelbar in der Folklore, d.h. in den Liedern, sondern in Meštrovićs künstlerischer Transposition folkloristischer Motive. Erst als sie in die Sprache der modernen Kunst übersetzt wurden, konnten die Figuren der Volkslieder mit ästhetischen und politischen Ideen der Jungbosnier korrespondieren, mit ihrem Modernismus in Literatur und Kunst, mit ihrer modernen Auffassung nationaler Kraft und Aktion, die in ihren Augen notwendig war, um "unsere Rasse" bzw. das gespaltene südslawische Volk zu befreien und zu vereinigen. Das ist um so verständlicher, wenn man weiß, dass in den Augen Mitrinovićs und anderer Jungbosnier die Folklore ein Symbol der konservativen, lokalpatriotischen, provinziellen Kultur war, und dass sie in dem sogenannten Volksgeist, in dieser "Zärtlichkeit für das Serbische und Volkhafte nur die "Angst vor M odernität" sahen, die sie belächelten. Unsere Schriftsteller und Kritiker, schreibt Mitrinović an anderer Stelle, lieben es, anstatt moderner erotischer Lyrik "jenes hübsche Volksliedchen über die Pferde zu singen Igrali se vrani konji und würden sich riesig freuen, wenn die gesammelten Werke von Janko Veselinović unter dem Titel Jes, jakako, o brale, o najo erscheinen würden".3233Das Folkloristische konnte nur als wertirrelevantes lokales Material gelten, das nur ein von der europäischen Kultur geprägter Künstler zu den Höhen der richtigen Kunst erheben kann. Neben Meštrović zählte Mitrinović zu solchen Künstlern auch Njegoš und Ivo Vojinović, der nach seinem Urteil im Drama Majka Jugovića ["Die M utter der Jugović"] "Zeilen geschrieben hat, die nach der reinsten serbischen Seele duften und die zärtlichste und raffinierteste Kultur abgeben".” Wozu braucht Dedijer den Kosovo-Mythos? Zum Schluss sollten wir noch zwei Fragen beantworten: Erstens, warum bestand Dedijer auf der These, dass ohne die serbische Folklore und den Kosovo-Mythos das Attentat von Sarajevo nicht verstanden werden könne, wenn er schon zu Gunsten dieser Behauptung wie wir gesehen haben keine verlässlichen Dokumente oder Zeugnisse ins Feld führen konnte? Und zweitens, warum versäumte er angesichts einer solchen spärlichen Quellenlage die Argumente dort zu suchen, wo er wenigstens etwas davon finden konnte, nämlich in den Texten Mitrinovićs über Meštrović? Nur hier 32 Ibid., p. 39. 33 Ibid., p. 45. <?page no="72"?> 72 Ivan Čolović konnte er wenn nicht die Bestätigung der These von der vermeintlichen "folkloristischen Theorie des Tyrannenmords" und deren Einfluss auf die Attentäter so doch wenigstens ein Zeugnis dafür finden, wie begeistert ein Jungbosnier von dem Pantheon der Kosovohelden bzw. von Meštrovićs Vidovdan-Tempel war. Aber er widmet diesen Texten nur einen einzigen Satz: "M itrinović bemerkte", so Dedijer, "auch die Schönheit des kroatischen Bildhauers Ivan Meštrović, der Motive aus der serbokroatischen Volkspoesie, insbesondere aus dem Kosovo-Zyklus in damals modernen Formen ausdrückte".34 Den Antworten auf diese Fragen werden w ir uns annähern, indem wir Dedijers Studie über das Attentat von Sarajevo im Kontext der Zeit betrachten, in der sie entstanden ist. Und in dieser Zeit - M itte der 1960er Jahre wurde im sozialistischen Jugoslawien jener Gavrilo-Princip-Kult erneuert, welcher im Königreich Jugoslawien nach dem Ersten Weltkrieg aufgebaut worden war. Aber in der Erinnerungspolitik im Königreich Jugoslawien hatten Princip und die Jungbosnier keine größere Bedeutung erlangt. Die sterblichen Überreste der Attentäter und ihrer Eielfer, wie auch die von Bogdan Žerajić wurden zwar schon 1920 nach Sarajevo überführt und am alten christlich-orthodoxen Friedhof in Koševo beigesetzt und einige Jahre später in die zu diesem Zweck nach dem Entwurf von Aleksandar Derok errichtete Kapelle gelegt. Auf der Tafel über der Grabplatte, über elf Namen (Gavrilo Princip, Danilo llić, Mihailo Miško Jovanović, Jakov Milović, Bogdan Žerajić, Nedeljko Čabrinović, Veljko Čubrilović, Neđo Kerović, Trifko Grabež, Mitar Ćerović und Marko Perić) steht die Überschrift "Die Helden des Vidovdan", und gleich daneben ein Kreuz wie auch ein Vers von Njegoš: Blago onom ko dovijeka živi, imao se rasta i roditi [sinngemäß: "Wohl dem, der ewig lebt, er wurde nicht umsonst geboren"]. In diese Kapelle wurden später auch die sterblichen Überreste von Vladimir Gaćinović überführt. Für die Vidovdanfeiern jedoch, die in der Zwischenkriegszeit zu m ilitärischen, folkloristischen und Sportparaden avancierten, wurden weder diese Grabstelle noch die spätere Kapelle, in denen die Gebeine der Attentäter von Sarajevo lagen obwohl sie Vidovdan-Helden genannt wurden wichtige Iieux de memoire. Das gilt ebenso für die Lateinerbrücke, obwohl sie in Principbrücke umbenannt wurde, wie auch für den Ort, von dem Princip geschossen hatte, obwohl dort eine Tafel angebracht wurde, auf der Folgendes stand: "An diesem historischen Ort verkündete Gavrilo Princip die Freiheit am Vidovdan, dem 15. (28) Juni 1914." In Zeitungen, die über die Vidovdanfeiern in der Zwischenkriegszeit berichteten, wird 51 Dedijer 1966, p. 390. <?page no="73"?> DasAttentat von Sarajevo und der Kosovomythos 73 der Friedhof von Koševo manchmal als einer der Orte erwähnt, wo dieser Feiertag in Sarajevo begangen wurde. Auch Dimitrije Mitrinović der sich inzwischen zu einem der Ideologen des sog. integralen Jugoslawenturns unter der Karađorđević-Krone gewandelt hat erwähnt in seinem am 28. Juni 1930 in Politika abgedruckten Artikel Der Vidovdan Jugoslawiens weder Princip noch das Junge Bosnien. Sie fehlen oder werden nur beiläufig in Texten und Büchern genannt, die zum 550. Jahrestag der Amselfeldschlacht erscheinen; das gilt auch für Essays und Studien über Persönlichkeiten, Symbole oder wichtige Daten in der jugoslawischen Monarchie, die in den 1930-er Jahren erscheinen. So merkt zum Beispiel Vladimir Dvorniković in seinem Werk Charakterologie der Jugoslawen an, dass die Begeisterung für die jugoslawische Idee die noch die Generation von Bogdan Žerajić, Luka Jukić, Gavrilo Princip, Vladimir Gaćinović und Oskar Tartalja beherrschte im "verwirklichten Jugoslawien" nachgelassen hat.35 Und das war im Übrigen auch das Einzige, was er über die Jungbosnier zu sagen hatte. Im Pantheon des jugoslawischen Kommunismus Im Unterschied zu dem behandelten Zeitraum verlieh die Erinnerungspolitik des kommunistischen Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg dem Attentat von Sarajevo eine viel größere Bedeutung. Gavrilo Princip und Genossen wurden als Sprößlinge und Rächer der versklavten und unterdrückten Volksmassen in Bosnien-Flerzegowina zu Beginn des 20. Jahrhunderts dargestellt, als eine Art Vorläufer kommunistischer Revolution in Jugoslawien. In den 1950er Jahren wurden Straßen in vielen Städten nach Mlada Bosna, Gavrilo Princip und anderen Jungbosniern benannt. Am Ort des Attentats wurde eine neue Tafel angebracht, und vor ihr symbolische Fußabdrücke, ein Werk des Bildhauers Vojo Dimitrijević. In Sarajevo wurde 1953 auch das Museum der Mlada Bosna gegründet. Zur selben Zeit beginnt die Veröffentlichtung historischer und literarischer Dokumente zum Attentat und zum Leben der Attentäter, sowie zur jungbosnischen Bewegung. Das bosnisch-herzegowinische Staatsarchiv veröffentlichte das Stenogramm der Flauptverhandlung des Prozesses zum Attentat von Sarajevo. Schon 1945 erschien die Abhandlung Mlada Bosna von Veselin Masleša. Predrag Palavestra veröffentlichte 1965 eine Studie zur Literatur der jungbosnischen Bewegung sowie eine Sammlung ausgewählter Texte ihrer Flauptvertreter. 55 Dvorniković, Vladimir: Karakterologija Jugoslovena. Belgrad: Geca Kona 1939, p. 898. <?page no="74"?> 74 Ivan Čolovic Zu Anfang seiner Studie gibt Palavestra auch seine Einschätzung des Attentats von Sarajevo, wonach es sich um eine Tat handle, in der sich das "jahrhundertelange Begehren nach Freiheit"36 inkarniere, und er verwendet dabei beinahe die identische Formulierung, die auch auf der neuen Gedenktafel zu finden ist: "An diesem Ort äußerte am 28. Juni 1914 Gavrilo Princip m it seinem Schuss einen Volksprotest gegen die Tyrannei und das jahrhundertelange Streben unserer Völker nach Freiheit." Etwas später wird Palavestra auch eine erweiterte Version dieses Topos formulieren, indem er das Attentat als "heroischen Ausdruck und den unm ittelbarsten Vollzug des rebellischen freiheitlichen Geistes und der Stimmung der ganzen Vorkriegsjugend" darstellt.37 Indem er die Betonung auf diese allgemein progressiven aber ideologisch unpräzisen Werte setzt, wie "freiheitlicher Geist" und "Streben des Volkes nach Freiheit", folgt Palavestra den Schlussfolgerungen der marxistischen Analyse der Jungbosnier von Veselin Masleša, wonach bei ihnen noch kein Bewusstsein der Revolution und des Klassenkampfes vorhanden sei, aber dafür die Bereitschaft und der Wunsch gegen die österreichisch-ungarische Flerrschaft zu agieren.38 Denselben Weg beschreitet auch Dedijer. Auch er deutet in seinem Buch Sarajevo 1914 das Attentat typologisch als spontane revolutionäre Errungenschaft, der der jugoslawische Kommunismus entspringen wird. Auch er deutet die Affinität zwischen Jungbosniern und Kommunisten nicht als Verwandtschaft sozialistischer, anarchistischer und anderer progressiver Ideen, die die Jungbosnier angenommen haben sollen, auf der einen, und der Ideologie des jugoslawischen Kommunismus auf der anderen Seite, sondern als Verwandtschaft zwischen spontanen und autochtonen Rebellen gegen die Tyrannei zu Anfang des 20. Jahrhunderts und der nun an der Macht sitzenden kommunistischen Partei in Jugoslawien, wom it suggeriert wird, dass der jugoslawische Kommunismus nicht von außen gekommen ist, sondern in dem authentischen und autarken Freiheitsbegehren begründet sei. Aber erst der Kommunismus werde auf eine richtige Art und Weise das spontane Aufbegehren der Unterdrückten atikulieren und dabei verständliche, wenn auch für die organisierte Arbeiterklasse unangemessene Methoden, wie Attentate auf hochgestellte Persönlichkeiten verwerfen. Nach dem Erscheinen politischer und gewerkschaftlicher Massenorganisationen wird der individuelle Terror also überflüssig und eigentlich schädlich: "Unter diesen Umständen", sagt Dedijer, "schaden Akte des individuellen Terrors der Arbeitermassenbewegung. Die verwegensten Revolutionäre haben sich m it ihren Taten politischer 36 Palavestra 2012 I, p. 5. 37 Ibid., p. 9. 38 Ibid., p. 239f. <?page no="75"?> DasAttentat von Sarajevo und der Kosovomythos 75 Morde von der revolutionären Bewegung entfremdet; sie haben sich von den Hauptaufgaben des Proletariats entfernt, die Ziele des Kampfes entstellt und damit in die Hände der Machthaber gearbeitet."39 Dies ist meiner Meinung nach der Grund, warum Dedijer, indem er die Vorstellung von den Schüssen von Sarajevo als Heldentat der Vorläufer ju goslawischer Kommunisten bekräftigt und weiter entwickelt, sich bemüht, primäre Motive der Attentäter an den einheimischen Boden zu binden, an die einheimische Tradition des Kampfes und Widerstands, um sie so vom Einfluss "äußerer Ideologien" zu befreien. Bei diesem Unterfangen hat er keine verlässlicheren Dokumente gefunden, die von einem vermeindlichen entscheidenden Einfluss einheimischer Traditionen zeugen, von der "Sozialpsychologie" der Umgebung, aus der die Attentäter stammen, als eben Heldenvolkslieder und den Kosovo-Mythos. So wurde er der erste, der in das Narrativ des Attentats von Sarajevo die Kosovohelden als Vorfahren der Attentäter eingebunden hat, was nur die Tatsache untermauert, dass man auch seine Geschichte über dieses Ereignis als (historiographischen) Mythos lesen muss. Dedijers Verbindung von Princip und Obilić spielte zudem in die Hände, dass der jugoslawische Kommunismus, als er sein imaginäres Pantheon und seinen Tempel erbaute, darin auch Platz für die Amselfeldhelden gefunden hat. Auch sie wurden schon, wie auch die Jungbosnier sozusagen in die Partei aufgenommen. An der Wand im Konferenzsaal in der damaligen Regierung Serbiens hing schon seit den 1950er Jahren das Gemälde Kosovski boj [Amselfeldschlacht] Petar Lubardas, und am Gazimestan wurde 1953 ein großes Denkmal für die Amselfeldhelden errichtet; auch dieses stammt von Aleksandar Derok. Der Literaturkritiker Zoran Mišić veröffentlichte 1961 den Essay Was ist eine Einstellung im Kosovo-Geist? , der zu dieser Zeit als Modell korrekter Evokation der Amselfeldschlacht galt. "Das Amselfeld ist", schreibt Mišić, "ein kriegerischer Mythos eines kriegerischen Stammes, um in seinen äußerst entstellten Formen in einen Kriegsruf kriegerischer Stammeshäuptlinge auszuarten. Es wurde ein staatstbildender Mythos einer staatsstiftenden Nation, um dann hegemonistisches Eroberungsprogramm einer Klasse zu werden. Wer macht diese Klasse aus? Das sind", so Mišić weiter, "diejenigen, die den Kosovo-Mythos vereinnahmt haben, um in den pompösen, imperialen und imperialistischen Vidovdantempel einzuziehen."40 Dieser Essay von Mišić bringt uns zur Antwort auf unsere zweite Frage: Warum Dedijer im weiten Bogen die Verbindung der Jungbosnier mit 59 Dedijer 1966, p. 283. 40 Mišić, Zoran: "Staje to kosovsko opiedeljenje", in: Reći vreme Il (1961), p. 197. <?page no="76"?> 76 Ivan Čolovic Meštrović umging. Er hätte es freilich nicht getan, wäre Mišić mit seiner Meinung allein gewesen. Lange vor ihm hatte ein anderer Autor den notorischen Vidovdantempel von Meštrović und dessen Kosovo-Skulpturen als Ausdruck einer "lächerlichen balkanischen staatstragenden Megalomanie"41 bezeichnet. Ein Schriftsteller, der im kommunistischen Jugoslawien eine weit größere Autorität als Mišić in Fragen der Kulturpolitik war, insbesondere im Bereich der Erinnerungspolitik: Miroslav Krleža. Also konnten die Jungbosnier sich den Kosovohelden dazugesellen, aber nur als Helden, die dank der Tatsache, dass sie in der Erinnerung des Volkes weiterlebten, klassenmäßig akzeptabel wurden, und nicht weil die Bourgeoisie sie in ihrem prätentiösen imperialen Tempel gefeiert hatte. Zum Abschluss werde ich nun anstatt eine endgültige Schlussfolgerung zu ziehen unterstreichen, dass für heutige Diskussionen über das Attentat von Sarajevo wirklich wichtig ist, seine Verbindung m it dem Kosovo-Mythos zu berücksichtigen. Nicht deswegen, weil die Attentäter sich selbst als neue Kosovohelden gesehen haben, sondern weil sich unterschiedliche Erinnerungspolitiken, die in den letzten hundert Jahren hintereinander folgten, bemüht haben, Gavrilo Princip und seine Mitstreiter ins alte epische Kosovo zu schicken. Aufmerksamkeit verdienen aber auch Anzeichen, dass die traditionelle Kosovisierung des Attentats von Sarajevo vielleicht ein wenig nachlässt. Heutige Versionen des Narrativs einer sogenannten serbischen Heldenvertikale, die Obilić und Princip verbindet, und beide wiederum m it einigen zeitgenössischen vermeintlichen Helden, von denen einige in Den Haag und einige in hiesigen Gefängnissen sitzen, fin den wenig Nachklang beim jungen gebildeten Publikum, das empfänglich ist für andere, viel verlässlichere Geschichten und Bilder, in denen Princip und seine Freunde in einem anderen "Format" des Mythos aus der emanzipatorischen Jugendkultur dargestellt werden: als etwas gefährlichere Vorläufer rebellischer Rocker oder Punker. Übersetzt von Vahidin Pretjevic 11 Krleža, Miroslav: "0 Ivanu Meštroviću", in: Književnik, god. 1, broj 3, lipanj 1928, Zagreb, p. 73-85. cit. p. 79. <?page no="77"?> W o l f g a n g M ü l l e r - F u n k ( W i e n ) Über die Bedeutsamkeit des Datums 1914 Kraus, Musil, Roth, Andric und Iwaskiewicz mit Hans Blumenberg gelesen Bedeutsamkeit (meaningfulness) is a term the German philosopher Flans Blumenberg has adapted from Martin Fleidegger. As Blumenberg lays out in his book Die Arbeit am Mythos (The Working of Myth), it is a narrative element which creates a post-mythical structure. It is connected with the phenomenon of the calendar date. My essay will analyse how different European authors make use of the date of the beginning of the First World War and how they discuss causality and contingency. Thus, critical (re-)readings of Kraus, Musil, Roth, And rid and Iwaskiewicz will be presented, focusing on how authors refer to meaningfulness and neutralize it at the same time. I . Ein längerer methodischer Vorspann: Überlegungen zur Bedeutsamkeit In seinem prominenten Buch Die Arbeit am Mythos, das sich heute als ein gewichtiger Beitrag zu einer Theorie des Narrativen lesen lässt, hat Blumenberg der zuerst von Heidegger und Rothacker entfalteten Kategorie der Bedeutsamkeit ein ganzes Kapitel gewidm et1 und bringt diese in engen Zusammenhang m it der Wirksamkeit mythischer Elemente oder, wie er später sagen wird, von "Mythologemen". Die symbolische Kapazität des Mythos besteht darin, dass er "bei verminderten Ansprüchen an Zuverlässigkeit, Gewißheit, Glauben, Realismus, Intersubjektivität" "intelligente Erwartungen" befriedigt. Er verleiht den Dingen eine Form von Bedeutung, die stets einen heimlichen subjektiven Vektor in sich trägt. Bedeutsamkeit ist die jeweils relative und kontextuelle Bedeutung für jemanden und für eine Gruppe. Die Bedeutsamkeit dessen, was Blumenberg unscharf als Mythos bezeichnet, wird durch eine Reihe von formalen Prozeduren bewerkstelligt: "Gleichzeitigkeit, latente Identität, Kreisschlüssigkeit, Wiederkehr des Gleichen, Reziprozität von Widerstand und Daseinssteigerung, Isolierung des Realitätsgrades bis zur Ausschließlichkeit gegen jede konkurrierende Realität."2 1 Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos. Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1979, pp. 69-126. 2 Ibid., p. 77-80. <?page no="78"?> 78 Wolfgang Müller-Funk Blumenbergs Begriff des Mythos ist einigermaßen unscharf. So wird nicht klar, in welcher Weise sich der Mythos als Sonderform des Narrativen von nicht-mythischen Modi des Narrativen unterscheidet und ob es nicht unter ihnen auch solche gibt, die einige der Operationen des Mythos in der Generierung von Bedeutsamkeit und der Vertreibung von Furcht vor dem, was Blumenberg den "Absolutismus der W irklichkeit" nennt, gemeinsam haben, einen Zustand, der ganz offenkundig m it völliger Sinnentblößtheit und einem drastischen Mangel an Distanz einhergeht. Denn die Arbeit allen Erzählens scheint auf die paradoxe Operation hinauszulaufen, durch Distanznahme zugleich eine symbolische Heimat zu schaffen, die vor dem "Absolutismus der W irklichkeit" schützt. Auch wenn es Blumenberg nicht eigens ausspricht, ist der Tod, das reale und symbolische Nichts, jenes vielleicht einzige existenzielle Phänomen, das Zentrum und Grenze kat'exochen darstellt. (Vorweg gesprochen, ist ein Attentat wie jenes von 1914 selbstverständlich ein derartiger absoluter Nullpunkt, der wie prädestiniert scheint, zu einem Kristallisationspunkt von Bedeutsamkeit zu werden.) In seinen Überlegungen zur Bedeutsamkeit hat sich bei Blumenberg ein ganz erstaunlicher Widerspruch eingeschlichen. Denn an mehreren Stellen betont er ganz zu Recht und ganz ähnlich wie Michail Bachtin die Ort- und vor allem die Zeitlosigkeit mythischen Erzählens3, in den Beispielen indes, an denen er die "Bedeutsamkeit" erläutert, spielt das Datum als Kristallisationspunkt eine maßgebliche Rolle, etwa wenn Goethe sein Geburtsdatum m it den entsprechenden Sternkonstellationen in einen sanft ironischen Zusammenhang bringt. Blumenberg selbst, ein versierter Erzähler anekdotischer und antiquarischer Geschichten, ein Sammler von scheinbar nebensächlichen Episoden, der wie alle anderen stolz seine Fundstücke vor dem Lesepublikum ausbreitet, operiert fast immer mit je nen heimlichen Korrespondenzen, die ja auch in der mythischen Generierung von Bedeutsamkeit prominent zum Tragen kommen, nämlich in Gestalt von Gleichzeitigkeit oder mittels zeitlich markierten Kreisschlüssen. Kurzum, es kommen nach- und nicht-mythische Erzählformationen, in denen Bedeutsamkeit durch das Spiel mit den Daten erzeugt wird, Formen einer chronologisch operierenden Geschichte in Betracht, die, anders als der klassische Mythos, mit der Magie der Zahl spielt. Die Chronik ist eine Form des Erzählens, die sich auf die Evidenz der Zahlen verlässt: 1789, 1848, 1918, oder eben 1914 und 1989 als Eckpunkte des sogenannten kurzen zwanzigsten Jahrhunderts.4Die Ereignis-*1 ! Ibid, p. 165-191. 1 Hobsbawm, Eric : Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Übers, v. Yvonne Badal. München: dtv 1998. <?page no="79"?> Kraus, Musil, Roth, Anclric unci IwasUewicz mit Hans Blumenberg gelesen 79 se von und nach Sarajevo, die narrativ form ativ und damit a posteriori zu Eckpunkten der erzählten Geschichte avancierten, sind dabei - und das macht ihre Besonderheit aus im Hinblick auf den Grad ihrer Bedeutsamkeit durchaus uneindeutig. Welchem Ereignis gebührt in der Reihe von bedeutsamen Ereignissen die eigentliche Priorität? Ist es das Attentat, ist es der Kriegsausbruch, ist es die O ktoberrevolution von 1917 oder sind es das Kriegsende und seine gewaltigen Folgen von 1918? Eine simple kausale Logik, die zeitliche Aufeinanderfolge und das Prinzip der Kausalität nahtlos miteinander verschränkt, könnte suggerieren, dass ein Ereignis zwingend aus dem anderen hervorgegangen sei. Aber spätestens hier beginnt der Streit der Historiker, vor allem zwischen je nen, die, oft unbewusst, die Unheimlichkeiten der Kontingenz zu bannen versuchen, und anderen, die solchen Kausallogiken misstrauen. Aber nicht jedwedes historische oder gar literarische Erzählen ist auf die Generierung durch Bedeutsamkeit durch das narrative Spiel m it dem Datum von dadurch bedeutsam werdenden Ereignissen aufgebaut. In Sozial- und Kulturgeschichten oder genauer in allen Strukturgeschichten, wie sie etwa die annales-Schule in Frankreich entwickelt hat, spielen solche nachträglich 'großen' Ereignisse keine Rollen. Die Brüche und Revolutionen in der Struktur von Familie, Gesellschaft, Technik, Kunst und Kultur sind nicht mit einem bestimmten Datum verbunden, und wenn ein solches ins Blickfeld rückt, dann ist es nicht identisch mit jenen auf der Bühne der politischen Ereignisse. Für die Geschichte der europäischen Avantgarde etwa ist der Zeitpunkt der Publikation des ersten Futuristischen Manifests bedeutsamer als jenes der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo. In jedem Fall befinden wir uns, wenn wir in diesem Jahr über das Attentat von Sarajevo und den Ausbruch des Ersten Weltkriegs sprechen, im Karussell eines Diskurses, der ohne die Generierung von Bedeutsamkeit durch das Spiel der Zahl nicht auskommt. Das Ereignis ist geadelt durch die konstruierte Rundheit von hundert Jahren und durch die Markierung der kriegerisch-militärischen Geschehnisse als Nummer 1, die ohne die Nachfolge zumindest einer 2 und der Möglichkeit einer 3 absurd wäre. Es ist übrigens schon heute gut denkbar, dass die Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einmal im Sinne eines einzigen, Dreißigjährigen Krieges ganz analog zu jenem im 17. Jahrhundert gelesen werden können. In jedem Fall ist unser modernes kulturelles Gedächtnis nach der sehr einfach gestrickten Logik der zeitlichen Chronik organisiert. Die blanke Zahl scheint den Befehl zu erteilen: Rührt Euch! Erinnert Euch! <?page no="80"?> 80 Wolfgang Müller-Funk 2. Ein Sommer zuvor ein Sommer danach: Robert Musil Am Anfang war, so lässt sich narratologisch behaupten, die Kontingenz. Dem Ereignis ist zunächst nicht anzumerken, dass es eines ist, das Ereignis, das 'Er-Äugnis', wirklich sehenswert und damit nacherzählbar ist. Die Zeitung, die zum Beispiel mein Großvater am 28. Juni 1914 aufschlug und die natürlich den Wetterbericht enthielt, berichtete unter anderem auch über das Attentat in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt, aber mindestens so wichtig könnte für die männlichen Leser auch die folgende Meldung gewesen sein: Im mit 125 000 Mark dotierten Deutschen Derby auf der Galopprennbahn in Hamburg-Horn siegt Gestüt Oppenheims Ariel mit eineinhalb Längen Vorsprung vor Terminus in der Rekordzeit von 2: 33,6 min.5 Es ist also überaus wahrscheinlich, dass, wie es Florian lilies' instruktive Dokumentation 1913. Der Sommer des lahrhunderts nahelegt, die Zeitgenossen anno 1913 von den kommenden Ereignissen so ahnungslos waren wie jene 1988 im Hinblick auf das Jahr 1989.6 Auch Karl Kraus' zwischen 1915 und 1921 verfasste Tragödie, ein bekanntlich opulentes, zehn Abende füllendes Werk Die letzten Tage der Menschheit, operiert m it dem Kontingenzgedanken, damit, dass den Menschen am Tage des 28. Juni 1914 keineswegs die erst durch die nachfolgenden Ereignisse, vor allem aber durch das Werk nachträglicher Narration geschaffene - Bedeutsamkeit, die "Tragweite" des Ereignisses überhaupt nicht bewusst waren, wie die 1. Szene des Vorspiels sinnfällig macht: Wien Ringstraße. Sirk-Ecke. Ein Sommerfeiertagsabend. Leben und Treiben. Es bilden sich Gruppen. Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee - ! Ermordung des Thronfolgers! Da Täta verhaftet! Ein Korsobesucher (zu seiner Frau): Gottlob kein Jud. Seine Frau: Komm nach Haus. (Sie zieht ihn weg.) Zweiter Zeitungsausrufer: Extrauasgabee - Neue Freie Presse! Die Bluttat von Sarajevo! Der Täta ein Serbe! Ein Offizier: Grüß dich Powolny! Also, was sagst? Gehst in die Gartenbau? Zweiter Offizier (mit Spazierstock). Woher denn? G'schlossen! Ein Dritter: Ausg'schlossen. Der Zweite: Wenn ich dir sag! 5 http: / / www.chroniknet.de/ daly_de.0.html? year=1914&month=6&day=28, heruntergeladen am 18.1. 2014. 6 Ilies, Florian: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Frankfu rt/ M ain: S. Fischer 2013. <?page no="81"?> Kraus, Musil, Roth, Anclric und IwasUewicz mit Hans Blumenberggelesen 81 Der Erste: Also was sagst? Der Zweite: Na gehen mr halt zum Hopfner.7 Kraus führt seiner Leserschaft postfestum die Kontingenz und die Kongruenz des Heterogenen vor Augen. Das Ereignis wird von den Menschen zunächst überhaupt nicht als solches wahrgenommen, sondern verschwindet sogleich im Alltagstrott des üblichen Geschehens. Ob jetzt Gartenbau wegen der Ereignisse geschlossen hat, bleibt hier offen, aber die Normalität ist zunächst nur um die Differenz zwischen Gartenbau und Hopner verschoben, jener Lokalität, auf die die Offiziere ausweichen wollen. Aber schon der Titel jenes grotesk-tragischen Spektakels, das Kraus zur Aufführung bringt, enthält eine Fabelkonstruktion, die bereitsauf den "Absolutismus" der Ereignisse reagiert und ihn distanziert. Es gehört zur "Arbeit" des Narrativen, dass die Erzählung, die sie hervorbringt, selbst schon eine Interpretation darstellt. Die letzten Tage der Menschheit operieren ganz eindeutig mit einer säkularisierten Version eines der "erfolgreichsten" und umstrittensten, in seiner Wirksamkeit freilich kaum umstößlichen Narrative unserer Kultur, der Apokalypse. In der religiösen Version des Johannes wird der Schrecken der letzten Tage der Menschheit, die Wiederkehr des Satans, schließlich durch das Heilsgeschehen neutralisiert und aufgehoben.8 Bei Kraus wird indes am Ende des theatralischen Geschehens von einer an Goethes Faust erinnernden Stimme von oben der reifliche Entschluss verkündet, "den Planeten mit sämtlichen Fronten auszujäten"! 9 Vom Mars aus wird der Erde mit einem Meteorregen der Garaus gemacht.10 M it dem Spannungsverhältnis von Kontingenz und Bedeutsamkeit operiert der heute als epochal verstandene Roman von Robert Musil Der Mann ohne Eigenschaften, der mit einem ausführlichen meteorologischen und astronomischen Bericht einsetzt: ' Kraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit. In: ders.: Schriften Band 10. Hrsg, von Christian Wagenknecht. Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1986, p. 45. 8 Müller-Funk, Wolfgang: Die Kultur und ihre Narrative. Wien, New York: Springer ; 2008, pp. 287-308 9 Kraus 1986, p. 766 u.ff. Vgl. auch die Parodie der Erlösung, ibid., p. 769. 10 Ibid., p. 769: "Die Ewigkeit ist bereits angebrochen. Lang wartetet ihr und warteten wir, w ir harrten geduldig, ihr hofftet mit Gier. Und damit doch auf eurer noch hoffenden Erde nun endlich der endliche Endsieg mal werde und damit sich dagegen kein Widerspruch regt haben w irsie erfolgreich mit Bomben belegt! " <?page no="82"?> 82 Wolfgang Müller-Funk Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum, es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. DerAuf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. DerWasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. M it einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.11 Anfänge sind Wegweiser in die Welt des Romans. Bereits der Titel des Kapitels "Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" bringt den Gegensatz von Kontingenz und Bedeutung in Anschlag, dementiert er doch die angenommene Erwartung, dass der Roman mit einem bemerkenswerten Ereignis beginnt. Bekanntlich dienen astronologische und meteorologische Angaben, mythisch-esoterische Erbschaften, zur Verdichtung von Bedeutsamkeit. Der schöne Augusttag anno 1913 erweist sich ungeachtet der ins Technisch-Naturwissenschaftliche verschobenen Aufladung freilich als bemerkenswerter Weise völlig normaler und belangloser Sommertag. Ein irreführender Fall von symbolischer Abrüstung, denn das Lesepublikum weiß bereits um die sich anbahnende historische Katastrophe, für die es freilich kein Zeichen am Elimmel gibt, kein Wetterzeichen und keine Sternkonstellation. Der Augusttag 1913 wird auch deshalb aufgerufen, weil ein anderes Datum nicht zur Sprache kommt: das des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, eben jenes Datum, auf das Musils gigantischer Roman unumkehrbar zusteuert. Sofern dieser von theoretischen Überlegungen, Maximen und Reflexionen überwucherte Roman überhaupt als ein Stück illusionistischer Literatur gelesen werden kann und nicht als eine Art von Spielmodell verstanden werden muss, liegt ihm eine raffinierte Fokalisierung zugrunde. Während die Figuren, die Aktanten auf der Elandlungsebene der Geschichte, noch völlig ahnungslos sind und sich auf ein großes Friedensfest, das im Jahre 1918 stattfinden soll, vorbereiten, weiß der Leser und auch die Erzählinstanz im Roman bereits, dass die exemplarischen, typologisch konzipierten Romanfiguren auf vergangene Zukünfte hinstreben, die nie in der Realität einer Gegenwart eintreten werden. In ihrem ideologischen Eifer haben am Ende alle Beteiligten indes, von ihnen 11 Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften. Hg. von Adolf Frise. Reinbek: Rowohlt 1979, p. 9. <?page no="83"?> Kraus, Musil, Roth, Andric unci IwasUewicz mit Hans Blumenberg gelesen 83 gänzlich unbemerkt, zur Katastrophe beigetragen, was ein Notat aus dem Nachlass auch expressis verbis ausführt: "Die Mauern der Stadt", heißt es da, "strahlen Ideologien aus". In diese energetische Aufladungen der symbolischen Systeme ist letztendlich auch die private Utopie des Protagonisten, Ulrichs, m it eingeschlossen: "Krieg ist das gleiche wie aZ, aber (lebensfähig) gemischt aus dem Bösen."12 M it diesem Kommentar aus den Arbeitsskizzen wird jenseits der Schuldzuweisungen für die Ursache des Ersten Weltkriegs auf der Ebene der sogenannten Realpolitik ein ganz anderer, letztendlich kultureller Befund ausgemacht, der das Attentat von Sarajewo und den sich daran (nicht notwendig) anschließenden Krieg als eine unbewusste Reaktion auf die Krise der Moderne deutet, die strukturell Bedeutsamkeit untergräbt und die Sehnsucht nach verbindlichen gemeinsamen Ideen hervorbringt. Was der Nationalsozialismus zwei Jahrzehnte später als "totalen Krieg" feiern sollte, ist dessen symptomatischer Ausdruck. Denn das Totale bezieht sich nicht nur auf die Totalität des Raumes und die Mobilmachung kollektiver Energien, sondern zielt auch auf die Sehnsucht nach der Renaissance einer Ganzheit, in der die Menschen eingebunden sind diese Sehnsucht reagiert auf eine Welt eines leeren Individualismus, in der sich jeder im Kampf m it dem anderen befindet und das Ganze nur mehr durch die Abneigung aller gegen alle zusammengehalten wird. Der Roman interpretiert Nationalismus und übrigens auch Sozialismus in eben diesem zwiespältigen Sinn, als einen Gruppenegoismus, der zugleich Gemeinschaft verspricht. Da sind die Gesinnungstäter am Werk, die uns im Roman begegnen, sie haben sprechende Namen, Feuermaul, Elans Sepp und Schmeißer: die Namen der jungen, symbolisch bewaffneten Ideologen, deren aggressive und destruktive, zu jedem Anschlag bereite Elaltung ganz unverhohlen und unverkennbar ist. Ihnen steht der Romanprotagonist höchst ambivalent gegenüber, weil er (ähnlich wie die Schwester, mit der er eine Art von Doppel-Elelix bildet) zum einen die Verachtung der alten paternalistischen Ordnung teilt, zum anderen aber nicht an ihre Erlösungsversprechungen zu glauben vermag. Sarkastisch heißt es in einem Fragment aus dem Nachlass: "Die Welt geht vielleicht zugrunde oder in eine lange Hölle."13 Auch hier klingt, wie bei Karl Kraus, eine apokalyptische Interpretation jener Ereignisse an, die mit dem Attentat in Sarajevo ihren Anfang nahmen. Was sich also, um auf den Anfang des fragmentarischen Romans zurückzukommen, gleichsam meteorologisch entlädt, sind aufgestaute kollektive Energien. Die Gewalt der Worte geht den Schüssen von Sarajevo, dem Kanonendonner der Schlachtfelder und dem Giftgas voraus. Ibid., p. 1932. Ibid. <?page no="84"?> 84 Wolfgang Müller-Funk Die Sitzungen der Parallelaktion versinnbildlichen den repräsentativen und zugleich gleichnishaften Ort der radikalen Kultur- und Sinnkrise. Der Mehrheit der Beteiligten, die auf eine Totallösung drängen, geht jener Möglichkeitssinn ab, den der Romanprotagonist verficht und der, von heute aus gesprochen, doch auch die Möglichkeit in sich einschließt, in der Kontingenz dieser Welt leben zu lernen. Wenn Ulrich in einer entscheidenden Sitzung die Schaffung eines Generalsekretariats der Genauigkeit und der Seele fordert, dann lässt sich das unstrittig als paradoxe, ja unmögliche Intervention verstehen, als eine Zumutung, auf die die Anwesenden auch mehr oder minder verständnislos reagieren, aber zugleich lässt diese Sentenz sich selbstreferentiell als Anspruch, den der Roman geltend machen möchte, lesen: "Weil die Menschheit sich nicht auf Ahnen und Wissen verlegt, sondern die meisten Aufgaben in der Form des Glaubens löst, entstehen Streitigkeiten und Krieg."14 Die schonungslose Selbstanalyse, die ungeachtet Musils Polemik gegen Freud strukturelle Ähnlichkeiten mit der Psychoanalyse aufweist, wäre vielleicht die einzige Möglichkeit gewesen, die Katastrophe zu vermeiden ob aber eine solche kollektiv möglich ist, steht freilich auf einem anderen Blatt. UIrichsVerhaIten ist indes höchst inkonsequent, denn ungeachtet seiner skeptischen Befunde ist sein eigenes Projekt des anderen Zustands einer exemplarischen Menschheit ä deux selbst total, stellt es doch eine kulturelle Therapie gegen jenen Zustand dar, den das bereits zitierte Fragment so darstellt: "Außerhalb der Bindungen deformiert jeder Impuls augenblicklich den Menschen."15 Von daher bedeutet das Ende des Romans endgültig das Scheitern des utopischen Lebensexperiments m it der Schwester, das letztendlich auch zur Gattung all jener Totallösungen gehört, die im Roman dekonstruiert werden. Ulrich zieht - und an diesem Ende wollte der Autor unbedingt festhalten in den Krieg und seine einstmalige Geliebte Gerda, die Tochter eines jüdischen Bankiers, vertauscht den Salon ihrer Eltern mit einem Kriegslazarett. 3. Solferino und Sarajewo: Joseph Roth Kreisförmigkeit, Identität und Ausschließlichkeit sind einige der Zuschreibungen, die Hans Blumenbergjenen Formen des Erzählens zuschreibt, die Bedeutsamkeit generieren und denen der deutsche Philosoph eine mythische Struktur zuweist. In diesem Sinn ist Roths bis heute prominentester 14 15 Ibid, p. 1931. Ebd. <?page no="85"?> Kraus, Musil, Roth, Andnc und Iwaskiewicz mit Hans Blumenberg gelesen 85 Roman Radetzkymarsch über die landläufige Verwendung des Begriffs "M ythos" wie sie auch Claudio Magris berühmten Buch16zugrunde liegt von mythologischen Momenten durchtränkt. Unübersehbar ist beispielsweise die Kreisform des Romans. Wie am Anfang, so steht auch am Ende der Krieg. Obschon im Roman Zeitangaben vermieden werden, so ist doch klar, dass die Schlacht von Solferino im Jahre 1859 mit dem Ausbruch des Krieges von 1914 verschränkt wird. M it dem Marsch und ihrem Namensgeber kommt noch ein anderes historisches Datum ins Spiel, das Jahr 1848 und die Tatsache, die der Marsch feiert und die der slowenische Bezirkshauptmann und der tschechische Kapellmeister im Roman jeden Sonntag inszenieren: den Bestand der kaiserlichen Ordnung. Deren Überleben anno 1859 basiert auf einem erfundenen Gründungsakt zu Anfang des Romans, nämlich der Rettung des Lebens von Kaiser Franz Joseph durch den slowenischen Leutnant Trotta. Dass dies eine historische Erfindung ist, die nichtsdestotrotz im Spiel des Romans ihre Wirksamkeit entfaltet, weiß die Leserschaft, sofern sie historisch informiert ist. Zur heimlichen Ironie des Werkes gehört fernerhin, dass dem erfundenen Gründungsakt im Radetzkymarsch eine historische Episode zugrunde liegt, das gescheiterte Attentat auf den jungen Kaiser Jahre zuvor, das bekanntlich zum Bau der Wiener Votivkirche geführt hat. Diese historische Episode wird im Roman durch die zeitliche, räumliche und symbolische Verschiebung des lebensrettenden Tat mit Bedeutsamkeit angereichert. Wenn wir für einen Moment die Welt des Romans verlassen, aber den Rothschen Gestus der Bedeutsamkeit beibehalten, dann ließe sich sagen, dass die franko-josephinische Epoche mit einem niedergeschlagenen Attentat beginnt und mit einem gelungen Anschlag auf den Thronfolger endet; ein weiterer Höhepunkt wäre was den Autor übrigens nicht interessiert die Ermordung von Kaiserin Elisabeth. All diese Ereignisse gehören in die Geschichte des modernen Terrors, mit dem wir heute aufs Neue konfrontiert sind und den man etwas zynisch als einen erfolgreichen Kulturtransfer in die arabische Welt bezeichnen könnte. Die Grenze des literarischen Erklärungsmodell Roths liegt - und das betrifft den Identitätsaspekt seiner mythisierenden Geschichte ganz offenkundig in der Linearität seines Niedergangsnarrativs. Identitätsbildung misslingt im Roman nämlich, weil die Enkel und Söhne den Vätern und Großvätern nicht mehr genügen können. So wie der Vater, der Bezirkshauptmann, nicht die soldatische Größe des Großvaters, des "Helden von Solferino" erreicht, so der Enkel, der unglückselige Leutnant im Stile Saars 16 Magris, Claudio: Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur. Salzburg: 0. Müller 1966. <?page no="86"?> 8 6 Wolfgang Müller-Funk und Schnitzlers, nicht die Statur des gemächlichen Bürokraten-Vaters. In diesem Sinn ist die Szene von 1914, in der der Enkel des "kleiden von Solferino", gleichsam vom Freudschen Todestrieb erfasst, an der Latrine erschossen wird, das plastische Gegenbild zu jener Geistesgegenwart, mit der der Großvater dem jungen Kaiser das Leben rettet. Von der von Blumenberg ins Feld geführten Daseinssteigerung durch Widerstand kann an dieser Stelle keine Rede mehr sein. Die Wiederkehr des Gleichen entpuppt sich auf Grund des enormen Abstandes zwischen Großvater und Enkel als eine Karikatur. Während der eine das Leben des anderen und darüber hinaus die Monarchie erhält, ist der andere nicht willens oder imstande, sein eigenes Leben zu schützen. Die tödlichen Schüsse auf den jungen Leutnant besiegeln somit das Schicksal der alten Ordnung der Monarchie, der in Roths Werk immer wieder literarische Trauerrituale zuteil werden, etwa in der Erzählung Die Büste des Kaisers oder in Roths fingierter Erinnerung über die Beerdigung des Kaisers, in der nicht nur die Menschen, sondern auch der Himmel weint. Der Regen ist es also, der diesem Datum eine ganz spezifische Bedeutsamkeit verleiht.1718 Zu Roths franco-josephinischem Gründungsmythos gehört auch die durchgehende Wunschvorstellung, dass die Ungarn die Zerstörer des Reichs und die Slawen überwiegend dessen loyalen Träger gewesen seien. Wenn sich also im Roman an dem schwülen und gewitterträchtigen Tag so wenigstens ist das Wetter am 28. Juni bei Roth - 1Sdas Ereignis von der Ermordung des Thronfolgers in der Garnison am östlichen Rand der Monarchie wie ein Lauffeuer verbreitet, so sind es arrogante ungarische Offiziere, die sich in ihrer Sprache freudig über den Tod Franz Ferdinands verbreiten, um sodann einen von ihnen auf Deutsch sagen zu lassen: "Wir sind übereingekommen, meine Landsleute und ich, daß wir froh sein können, wenn das Schwein hin ist."19 Gegen derlei Schmähungen tritt nun ein Slowene auf, der den beredten Namen Jelacich (! ) trägt. Wie so oft bei Roth wird die unverkennbare sentimentale Stimmung von komischen Momenten ge- und durchbrochen: Jelacich, ein Slowene, geriet in Zorn. Er haßte die Ungarn ebenso, wie er die Serben verachtete. Er liebte die Monarchie. Er war ein Patriot. Aber er stand da, die Vaterlandsliebe in ausgebreiteten, ratlosen Händen, wie eine Fahne, 17 Cf. Müller-Funk, Wolfgang: Joseph Roth. Besichtigungen eines Werkes. Wien: Sonderzahl 2012 . 18 Joseph Roth: Radetzkymarsch. In: ders.: Romane. 2 Bde. Köln: Kiepenheuer&Witsch 1975/ 1984, vol. 1, p. 624: "[...] in diesem Vorraum, den er mit seinen Kerzen nur spärlich beleuchten konnte und der nach jedem der heftigen, bläulichweißen Blitze in eine noch befere braune Dunkelheit versank. Schwere Wellen geladener Luft lagen im Raum, das Gewitter zögerte." 19 Ibid., p. 629. <?page no="87"?> l-'.raus. Musil, Roth, Andric und IwasMewicz mit Hans Blumenberg gelesen 87 die man irgendwie anbringen muß. Und für die man keinen DachbYst findet. Unmittelbar unter der ungarischen Herrschaft lebte ein Teil seiner Stammesgenossen, Slowenen und ihre Vettern, die Kroaten. Ganz Ungarn trennte den Rittmeister Jelacich von Österreich und von Wien und vom Kaiser Franz Joseph. In Sarajevo, beinahe in seiner Heimat, vielleicht gar von der Hand eines Slowenen, wie der Rittmeister Jelacich selbst einer war, war der Thronfolger getötet worden. Wenn der Rittmeister nun anfing, den Ermordeten gegen die Schmähungen der Ungarn zu verteidigen (er allein in dieser Gesellschaft verstand Ungarisch), so konnte man ihm erwidern, seine Volksgenossen seien ja die Mörder. Erfühlte sich in der Tat ein bisschen schuldig. Erwusste nicht warum. Seit etwa hundertfünfzig Jahren diente seine Familie redlich und ergeben der Dynastie der Habsburger. Aber schon seine beiden halbwüchsigen Söhne sprachen von der Selbständigkeit aller Südslawen und verbargen vor ihm Broschüren, die aus dem feindlichen Belgrad stammen mochten.20 Dass im Roman den Ungarn die Hauptschuld für die Implosion des Habsburgischen Imperiums zufällt, hat seinen historischen Kern wohl in dem Umstand, dass die Privilegierung der Ungarn Hand in Hand m it der Exklusion der west- und südslawischen Völkern von der Beteiligung an der politischen Macht gegangen ist: ein Konstruktionsfehler, den zuweilen auch das Herrscherhaus man hat auch dem ansonsten nicht übermäßig beliebten Erzherzog Franz Ferdinand, der m it einer tschechischen Gräfin verheiratet war, nicht grundlos "Slawophilie" nachgesagt zu beseitigen trachtete, w om it sie fast zwangsläufig Widerstand bei den ungarischen Eliten hervorriefen. Roths 'slawische' Version der Habsburger Monarchie, die ja schon m it der Rettung des Kaisers durch einen slowenischen Offizier beginnt, schließt die Serben (wenn auch unausgesprochen) aus seinem positiven Zuschreibungssystem zwangsläufig aus. Dem jugoslawischen Panslawismus stellt der Roman eine Version eines dynastischen Austro-Slawismus entgegen, der freilich im Roman durch den Generationswechsel in Frage gestellt wird. Immerhin macht die Ansicht des slowenischen Rittmeisters klar, dass die Monarchie, vom ungarischen Nationalismus abgesehen, von einer nationalen Utopie bedroht ist, die nicht allein serbisch, sondern eben jugoslawisch ist und bei Slowenen und Kroaten durchaus Anklang findet. Ich fürchte, m it diesem Zitat befinden w ir uns noch immer auf symbolisch vermintem Gebiet, denn die Ereignisse von 1914 lagern, um Karl Marx zu zitieren, wie ein historischer Albtraum auf den Lebenden dieser Region.21 Die verschiedenen, zum Teil konträren Erzählungen, die bis heute 20 Ibid., p. 628. 21 Marx, Karl: Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon (1852). In: Marx-Engels Studienausgabe. Hg. von Iring Fetscher. Bd IV: Geschichte und Politik 2. Frankfurt/ Main: Fischer 1966, p. 34. <?page no="88"?> 8 8 Wolfgang Müller-Funk in Geschichte, Literatur und Alltag über die Ereignisse 1914 im post-jugoslawischem Raum im Umlauf sind, haben noch immer im Hinblick auf die Handlungsweisen der politischen Akteure eine Iegitimatorische Bedeutung. Sie bestimmen noch immer deren politisches Handeln und dessen Rechtfertigung. 4. Die Brücke zerbricht: Wischegrad um den 28. Juni 1914 War das Wetter am 28.Juni 1914, das dem historischen Wetterkalender zufolge unspektakuläre 1,2 Grad unter der üblichen Sommertemperatur lag, bei Joseph Roth schwül und unheilverkündend, so ist das Wetter in dem wohl berühmtesten, auch programmatisch jugoslawischen Roman Die Brücke über die Drina (Na Drini Ćuprija) von überwältigender Helligkeit: Der Sommer 1914 wird in der Erinnerung jener, die ihn hier verlebten, als der strahlendste Sommer seit Menschengedenken bleiben, denn in ihrem Bewusstsein glänzt und leuchtet er auf einem gewaltigen und düsteren Horizont des Todes und Unglücks, der sich bis in das Unabsehbare erstreckt. Ein solches Ausnahmejahr mit einem besonders glücklichen und günstigen gegenseitigen Zusammenwirken von Sonnenwärme und Erdfeuchte war angebrochen, da diese breite Wischegrader Niederung vor Überfluß an Kraft und allgemeinem Bedürfnis, Frucht zu tragen, erbebte. Die Erde schwoll auf, und alles, was in ihr lebte, das keimte, trieb Knospen, setzte Blätter an und trug hundertfach Frucht. Förmlich sah man diesen Atem der Fruchtbarkeit, wie er als warmer, bläulicher Dunst über jeder Furche und jeder Scholle zitterte. Kühe und Ziegen spreizten die Hinterbeine und gingen schwer von strotzend prallen Eutern.22 Die sommerliche Heiterkeit (und m it ihr die komisch überbordende Fruchtbarkeit) hat, wenn man die Zwischentöne im Text wahrnimmt, eine doppelte Bedeutung. Denn dieses Datum verweist auch jene gesamtjugoslawische Nationsbildung, die Zentrum des dritten Teils der Romans ist. Die Helligkeit hat aber auch eine ganz andere Seite: Der Sommer 1914 erscheint als so strahlend und produktiv, weil er sich in der kollektiven Erinnerung vom Dunkel des Krieges und seiner Gewalt abhebt. Ivo Andric ist ein Romancier, der in seiner Chronik über die bosnische Stadt Wischegrad wie und doch ganz anders als Joseph Roth Bedeutsamkeit ins Spiel bringt, ist, der seit 1992 mehr als je zuvor die politischen 22 Andrić, Ivo: Die Brücke über die Drina. Eine Wischegrader Chronik. Übers, von Ernst E. Jonas. Frankfurt/ Main: Suhrkamp 2003, p. 343. Original: Na Drini Ćuprija. Belgrad: Prosveta 1963, p. 292. <?page no="89"?> Kraus, Musil, Roth, Anclric und IwasUewicz mit Hans Blumenberg gelesen 89 Gemüter in seiner Heimat, Bosnien-Herzegowina, entzweit. Lässt sich Joseph Roth als der Mythologe des Habsburgischen Mythos begreifen, so Andrić umgekehrt als der Vertreter eines gesamtjugoslawischen Mythos, in den die kleine religiöse Vielvölkerprovinz Bosnien-Herzegowina m it eingeschlossen ist. Das Kernstück der mythischen Bedeutsamkeit bildet ein technisch-architektonisches Meisterwerk aus Osmanischer Zeit, eben jene Brücke, die über die Drina führt, die den Ort in das damalige Verkehrsnetz einbindet und die vor allem die mehrheitlich muslimisch bewohnte Stadt m it dem christlich bewohnten Umland verbindet. Wischegrad ist synekdochisch konzipiert; die heterogene kleine Stadt an der Drina steht stellvertretend für das ganze Land Bosnien-Herzegowina. Alles, was sich dort ereignet, ist in der einen oder anderen Art und Weise in der gesamten Region geschehen. Oder m it anderen Worten: Wischegrad erweist sich von Anfang als Ort einer historischen Chronik, die von Mythologien und Mythologemen überwuchert ist, die uns ein chronikalischer Erzähler, der Chronologie und Mythos kräftig mixt, in identitätsstiftender Absicht 'm it-teilt'. Eine Verbreiterung der Brücke, die Kapija, bildet einen Treff- und Zwischenraum der verschiedenen Teile der Bevölkerung. Die Brücke mitsamt der Kapija stellt den Dreh- und Angelpunkt der Chronologie dar, jenen Ort, an denen sich die Geschichte in Variationen wiederholt und schließt. Der Bau der Brücke steht am Anfang und ihre Zerstörung in den ersten Kriegstagen nach dem Attentat von Sarajevo am Ende des Romans. Man tut dem Autor von Na Drini ćuprija kein Unrecht, wenn man den Roman einem spezifisch serbisch geprägten Jugoslawismus zuordnet. Denn die Brücke ist ein Ort, der verbindet, aber auch trennt. Sie ist für das serbische Lesepublikum und die Erzählinstanz auch ein schmerzhafter Erinnerungsort, der die Unterdrückung der christlich-slawischen Bevölkerung durch das Osmanische Reich mnemotechnisch fixiert. Es ist ein ehemaliger, in der Hierarchie der Macht weit nach oben gekommener Christ, Mehmet Pascha, der diese Brücke in seiner Heimat errichten lässt, was zeitweilig auf den heftigen Widerstand der örtlichen christlichen Bevölkerung stößt. So spaltet das historische Projekt über Jahrhunderte Christen und wie die muslimische Bevölkerung im Roman heißt - "Türken". Denn die sozial benachteiligten orthodoxen Bauern sind es, die in Zwangsarbeit die Brücke bauen müssen und zugleich von der Macht ausgeschlossen bleiben. So wird das herrschaftliche Projekt immer wieder zum Zankapfel und auch zum Objekt subversiver Aktionen. Die Herrschaft der Osmanen wird über weite Strecken als monströs und gewalttätig geschildert, ihre Opfer sind vornehmlich die christlich-orthodoxe Bevölkerung, während die muslimische Population als Teil der Un- <?page no="90"?> 90 Wolfgang Müller-Funk terdrückungsmaschinerie erscheint, die an ihr ökonomisch und politisch partizipiert. Kernstück ist, ganz im Sinn der nationalen und nationalistischen Narrative des 19. Jahrhunderts, das Bild vollkommener Enteignung und Machtlosigkeit der christlich-orthodoxen bosnischen Bevölkerung. Die sogenannte Knabenlese, Sinnbild einer gewalttätigen patriarchalen symbolischen Ordnung, bildet die sinnfällige Erzählung hinter dem Brückenbau. Denn ihr Erbauer war eben Opfer dieser "Knabenlese", die darin besteht, christliche Knaben aus der Peripherie des Reiches an den Elof nach Istanbul zu bringen und zu beschneiden: Die reale und symbolische Beschneidung wird auf tückische Weise zur Chance auf den sozialen Aufstieg, der freilich m it einem vollständigen Identitätsverlust erkauft ist. Die brutale Einschreibung der fremden Macht in die eigene Bevölkerung ist das effektiv höchst wirksame Grundelement im Roman, das sich hinter dem Wunderwerk der Brücke auftut. In gewisser Weise endet die soziale Topographie der Ungleichheit mit dem Elerrschaftswechsel, der sich 1878 in der zuvor osmanischen Provinz ereignet. M it der Elerrschaft der Elabsburger ändern sich im Roman die Konstellationen vollständig. Elöchst ironisch verschwindet die Privilegierung innerhalb der unterworfenen Bevölkerung. War bis dato im Roman durch den Binarismuszwischen "Christen" und "Türken" maßgeblich, so eröffnet sich nunmehr die Möglichkeit, dass sich alle Volksgruppen unter der Führung der Serben im Kampfgegen den neuen Eindringling, die Österreicher, die "Schwaben", vereinigen: Alle zusammen gegen eine neue, nicht minder verhasste imperiale Fremdherrschaft, die freilich, wie an einigen Stellen deutlich wird, auch einen gewissen Fortschritt, Wohlstand und mittels der Fremden - Urbanität nach Wischegrad bringt. Jene binnen-bosnische Solidarität wird im Roman schon sehr schnell deutlich, wenn die Repräsentanten der vier Religionen, Orthodoxe, Muslime, Katholiken und Juden, beim neuen überaus arroganten österreichischen Statthalter vorstellig werden, um dort ihre gemeinsamen Interessen zu deponieren. Die Ereignisse vom 28. Juni führen in Wischegrad zur Verfolgung von Serben, aber auch zur Flucht von jungen Männern, die sich jener serbischen Armee anschließen wollen, die die Stadt beschießen. Es ist kein Zufall, dass der Roman m it der Zerstörung der Brücke und dem gewaltsamen Tod eines muslimischen Kaufmanns endet: Dort unten singen sie wohl. Dort unten ist auch die zerstörte Brücke, furchtbar und grausam in der M itte zerschnitten. Er braucht sich nicht umzuwenden - und er hätte sich auch um nichts in der Welt umgedreht um das ganze Bild zu sehen; der Pfeiler. Wie ein gewaltsamer Baumstumpf und in tausend Trümmern über die Umgebung verstreut, die Bögen links und rechts des Pfeilers jäh unterbrochen. Zwischen ihnen gähnt eine Leere von fünf- <?page no="91"?> Kraus. Musil. Roth, Andric und Iwaskiewicz mit Hans Blumenberg gelesen 91 zehn Metern. Und die abgebrochenen Seiten der getrennten Bögen streben schmerzlich zueinander.23 Die Brücke hat schon zuvor ihre Funktion verloren, nachdem sich mit dem neuen Imperium auch das Zentrum und damit die Verkehrsverbindungen verändert hatten. So bleibt die Zerstörung der Brücke symbolisch höchst ambivalent, erfährt das einstige Prachtstück Osmanischer Flerrschaft eine Umdeutung als ein Verbindungsstück zwischen den Ethnien der Stadt in einer Epoche, in der die nationalen Träume einer radikalisierten Generation, die in Sarajevo und Belgrad studiert, Wirklichkeit werden. So sagt der Geliebte der Lehrerin Zorka am St. Veits-Tag, unmittelbar nach den Ereignissen von Sarajevo, die geplante Auswanderung des Paars nach Amerika ab, um in den Reihen der serbischen Armee kämpfen: "Der Krieg ist da, und unser Platz ist jetzt in Serbien."24 Es ist nicht unwichtig, zu erwähnen, dass der Roman während des Zweiten Weltkrieges geschrieben ist, also nach dem Scheitern des ersten südslawischen Staates und der Okkupation des Balkans durch die Truppen Hitlers und seiner Verbündeten. Wenn die Leserschaft mit dem Erzähler oder auch mit dem muslimischen Händler über die geborstene Brücke trauert, dann auch deshalb, weil implizit eine erfolgreichere Wiederholung der ersten jugoslawischen Nationsbildung auf die Tagesordung kommt, die nach der Niederwerfung des Nationalsozialismus geschichtliche Wirklichkeit werden soll. Aber wie Erinnerungen bleiben auch Erzählungen, die ja immer auch Interpretationen von Geschehnissen sind, nicht stehen. Dass viele Menschen auch innerhalb des heutigen post-jugoslawischen Raumes die Ereignisse vom 28. Juni 1914 anders erzählen als zum Zeitpunkt der Niederschrift und der Publikation des Romans, hat m it den nachfolgenden Ereignissen grundlegend zu tun. Man kann diesen Roman nicht lesen ohne jene Kriege, die vermutlich unwiederbringlich den jugoslawischen Traum zerstört haben. Die Ereignisse des Sommers 1914 können heute nur schwerlich als schmerz- und gewaltsamer Beginn einer erfolgreich verlaufenen Nationalgeschichte gelesen werden, und man wird auch schwerlich jene Analogien verschweigen können, die sich zwischen der politischen Gewalt von damals und jener von heute auftut. (Im übrigen ist das Phänomen des politischen Terrors schon lange vor dem 11. September wieder ein bedeutsames Ereignis - Robert Musil und einem zugegebenermaßen problematischen Autor, Ernst Jünger, aufgefallen.25) 23 Andric 1993, p. 406; Andric 1963, p. 344. 24 Andric 1993, p. 364; Andric 1963, p. 309. 25 Vgl. Müller-Funk, Wolfgang: Niemand zu Flause. Wien: Czernin 2005. <?page no="92"?> 92 Wolfgang Muller-Funl. Nebenbei bemerkt, sind ich meine jetzt nicht die erfolgreichen Fernseh-Seifenopern auch Revisionen im Gange, die die osmanische Herrschaft nicht schönreden, aber doch modifizieren und differenzieren. Im Sinne eines transnationalen Kulturdialogs sind solche Anstrengungen so schmerzlich wie unvermeidlich. 5. Odessa, einige Tage nach dem 28. Juni 1914: Jaroslaw Iwaskiewicz' Roman Slawa i Chwala M it einem überaus warmen Sommertagen Anfang Juli 1914 beginnt Jaroslaw Iwaskiewicz' Roman Slawa i Chwala (1954-1956, deutsch Ruhm und Ehre, 1960), ein typisches Werk der unmittelbaren Nachkriegszeit, mit dem unbescheidenen Anspruch eines nationalen Epos geschrieben, dessen Vorbild, Tolstojs Krieg und Frieden, unübersehbar ist. Das Werk setzt mit den kritischen Tagen nach dem 28. Juni ein und endet mit dem Kriegsausbruch 1939. Eine Figur der Wiederholung; der Roman ist in die folgende Kreisform gepasst, beginnend mit "Es war in den ersten Julitagen des Jahres 1914"26 und zum Abschluss mit dem ebenso kurzen Satz: "Die ersten Bomben des Tages explodierten dumpf irgendwo in der Ferne."27 Dazwischen ist eine pralle Flandlung von verschiedenen Familien gestellt, Adligen, Bürgerlichen, Arbeitern und Künstlern. Es sind wie für die männliche Flauptfigur des Romans, den jungen Adligen Janusz, Lehrjahre des Lebens in Zeiten katastrophal bedeutsamer Ereignisse. Iwaskiewicz bedient sich der Technik des Datums, um Bedeutsamkeit zu schaffen. Die einzelnen Daten seiner polnischen Chronik sind im Roman strukturbildend, etwa das Jahr 1914, der Ausbruch der Oktoberrevolution 1917, 1918 das Jahr der Staatsgründung, 1926 der Beginn des autoritären Regimes Pilsudski, 1933 und 1939. Es ist dies die überaus komplexe Geschichte eines kulturell heterogenen Raumes, in der verschiedene Völker und Akteure eine Rolle spielen, Russen, Deutsche, Österreicher, Ukrainer und eben - Polen. Politisch sind es die Vertreter diverser Nationalismen, die Repräsentanten der untergehenden Imperien sowie im Roman durchaus prominent die Bolschewiken. M it Roth und Andrić hat der Roman gemein, dass er an einem peripheren Ort einsetzt, im Schwarzmeer-Hafen Odessa, dessen ethnische Zuordnung auf Grund der kulturellen Heterogenität durchaus unsicher ist. 26 Iwaskiewicz, Jaroslaw: Ruhm und Ehre. Übers, von Klaus Staemmler: München. Langen 1960, p. 8. Polnische Ausgabe: Slawa i Chwala. Warszawa: Panstwowy Inst. Wydawn 1985. 27 Ibid., p. 817. <?page no="93"?> Kraus, Musii, Roth, Andrić und iwaskiewicz mit Hans Blumenberggeiesen 93 Anders als im Radetzkymarsch ist zunächst die Distanz zum Krisengebiet, das den Weltbrand auslöst, unverkennbar, so etwa wenn sich der spätere Bolschewik Wolodja und der spätere Anhänger der polnischen Nationalbewegung Janusz Myszinski nach einem Vortrag über die Schlacht bei Tannenberg über die Ereignisse unterhalten: Wolodja lächelte ein wenig spöttisch. "Also haben Sie nichts gemerkt? " "Nichts, gar nichts." "Glauben Sie, daß es Krieg gibt? " "Was? Krieg? " fragte Janusz erstaunt. "Wieso Krieg? Menschen sollen auf Menschen schießen und sich deshalb totschlagen? Das kann doch in Europa nicht mehr Vorkommen. Die Menschen haben sich den Krieg abgewöhnt! " "Sie glauben also, der Frieden sei ewig? "28 Damit wird ein Narrativ in Gang gesetzt, das davon erzählt, wie unerwartet die kriegerische Zuspitzung der Ereignisse für die meisten Menschen kommt. Anders als Wolodja trifft seinen Freund der Kriegsausbruch vollkommen unvorbereitet. Der Krieg ist in dem scheinbar pazifizierten Europa das schier Unvorstellbare schlechthin und stellt sich so schon von Anfang an als ein großes Rätsel dar. Die Bedeutsamkeit der Tage vor dem Kriegsausbruch in Slawa i Chwala besteht indes nicht allein in der Plötzlichkeit und dem Schock eines unerwarteten Ereignisses, sondern vor allem auch darin, dass sie ein weiteres markantes Ereignis auf den Plan ruft, die Oktoberrevolution von 1917 und den Separatfrieden von Brest-Litowsk: ein Ereignis, das zwei Fenster öffnet, eines zu einer radikalen sozialen Revolution, und das andere hin beinahe hundertfünfzig Jahre nach der polnischen Teilung zur polnischen Nationsbildung. Das Besondere des magischen Jahres 1914 liegt in seiner auslösenden Kraft, die das Geschehen von Sarajevo und selbst die sich daran anschließenden Kriegshandlungen in den Schatten stellt. Die Bedeutsamkeit historischer Ereignisse mag nicht zuletzt darin gegründet sein, dass diese den einzelnen Menschen übersteigen, jenen einzelnen, der von ihnen erfasst, gestoßen, niedergedrückt und deplatziert wird. Dies alles widerfährt den scheinbar auf sicherem Boden gegründeten Adels- und Bürgersfamilien in Odessa und in der Ukraine denn erst zu einem späteren Zeitpunkt, wird sich der Raum der Flandlung nach Westen, nach Warschau und seine Umgebung verlagern, dorthin, wo die Protagonisten und Protagonistinnen Fremde im eigenen Land sind. Manche von ihnen verschlägt es weiter nach New York oder Paris. 28 Ibid., p. 37. <?page no="94"?> 94 Wolfgang Müller-Funk Janusz, die wichtigste Figur in Werk, ist ein Nachfahre der Helden des Bildungsromans. In romantische Liebe zur Schwester eines Bolschewiken das mag Joseph Roth-Leser an Die Flucht ohne Ende erinnern verstrickt, schließt sich dieser späte, polnische Pierre Besuchow zunächst den Kommunisten an, um sich schließlich für die polnische Nationalarmee rekrutieren zu lassen. In einer weiteren Volte wird der soziale und fortschrittliche Gutsherr im Unterschied zu vielen seiner Standesgenossen - und das ist das passende Narrativ für das kommunistische Nachkriegspolen polnisches Nationalbewusstsein und soziales Engagement miteinander verbinden; diese exemplarische Entwicklung des Protagonisten zielt auf die in den 1950er Jahren aktuelle Ideologie der Versöhnung von nationalem Bewusstsein und sowjetischem Sozialismus. Heute ist sie selbstredend historische Makulatur. Als hochkarätige literarische Quelle historisch gewordener Zeitströmungen liest sich dieser vor allem in seiner Figurenpsychologie überzeugende Roman, der wie aus dem 19. Jahrhundert ins 20. gekommen ist, allemal m it Gewinn er funktioniert wie eine mental map jenes Zwischenraumes, der heute symbolisch im wesentlichen von den Nationalstaaten Polen und Ukraine bestimmt ist. Interessant an Jaroslaw Iwaskiewicz' Roman ist indes noch ein ganz anderes Moment, legt er doch nahe, die Jahre zwischen 1914 und 1939 bzw. 1945 als eine einzige Epoche zu begreifen, als eine Abfolge von Kriegen, Bürgerkriegen, ideologischen Kämpfen, Deplacierungen und Emigrationen, von denen diejenigen, die das Attentat von Sarajevo planten, ebenso wenig Ahnung hatten wie die europäische Politik, die die Kettenreaktion auslöste, die zum Krieg führte. Es könnte also sein, dass, wie schon eingangs bemerkt, jener Krieg, der mit dem Attentat von Sarajewo begann, im Sinne einer einzigen Erzählung gefasst wird, die diesen als einen 30-jährigen Krieg des 20. Jahrhunderts begreift. In diesem Sinne rückten der Prager Fenstersturz und das dilettantische Attentat vom 28. Juni in ein Verhältnis der Ähnlichkeit ein. Um aber noch einmal zur Frage der Bedeutsamkeit und des Datums zurückzukommen: Es ist sinnfällig, dass die überwiegende Mehrzahl moderner Romane nicht sonderlich an der Magie der Daten großer Ereignisse interessiert ist. Die hier behandelten Romane kreuzen zwar die zeitlich fixierten 'historischen' Ereignisse, aber ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in ihnen. Denn recht eigentlich interessiert die moderne Literatur, die den traditionellen historischen Roman weit hinter sich gelassen hat, nicht die Oberbühne des politischen Geschehens, sondern doch viel eher die Tiefenstruktur, die ganz andere Veränderungen und Wandlungen zutage fördert als den Alltag der Politik, der durch das Spiel von Zahl und Korrespondenzen, durch das Verschleifen von Zeit und Kausalität Bedeutsamkeit erlangt. <?page no="95"?> Kraus, Musil, Roth, Andrić und Iwaskiewicz mit Hans Blumenberg gelesen 95 Eckdaten wie der 28. Juni können dabei gleichsam als Rahmen für Erzählungen fungieren, die sich mit Notwendigkeit ändern. Flauberts Field etwa verschläft Revolution in Paris anno 1848 im Bett einer Kokotte. Auch wenn wie im Fall literarischer Texte die narrative Struktur scheinbar ein für allemal fixiert ist, dann ändern sich doch deren Interpretationen, die immer auch Formen verändernden Nacherzählens in sich tragen. Kraus' unmäßiges Theaterstück weiß noch nichts vom Kriegsausbruch anno 1939, Robert Musils Roman ist nicht zuletzt daran gescheitert, dass die Zeitläufe - 1933 und 1939 erbarmungslos über die narrative Komposition hinweggegangen sind und der Zeithorizont bei Ivo Andric und Jaroslaw Iwaskiewicz verläuft sich in der absurden Epoche des realen Sozialismus. Aber jedes der späteren europäischen Daten, 1933, 1939, 1945, 1956, 1968 oder 1989, hat den Ereignissen, die mit dem höchst laienhaften Attentat in Sarajevo begannen, neue Bezugsmöglichkeiten erinnernden Erzählens verschafft, die zum Zeitpunkt des crimen unabsehbar waren. 1930 gab es noch keinen weiteren Krieg, der retrospektiv den vergangenen als den ersten erschienen ließ und wer unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg über die epochalen Ereignisse schrieb, der wusste noch nichts von jener Wende von 1989, als deren Vorboten man heute unzweifelhaft 1956 und 1968 betrachten kann. <?page no="97"?> EREIGNIS, IDEOLOGIE, ÖKONOMIE <?page no="99"?> Z i j a d Š e h i ć ( S a r a j e v o ) Der Tag, der die W e lt veränderte Das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 This contribution discusses the historical basis for the Shots of Sarajevo with a special focus on the political processes in South-Eastern Europe until 1914. Particularly the role of international diplomacy will be analyzed, whereby the aspect of public and closet national endeavors and plans deserves special attention. The impact and aftermath of the Sarajevo Attentat will be treated as well, as will be its perception within the Yugoslav State until his final dissolution in 1992. Am Morgen des 28. Juni 1914 wurde Sarajevo zum Epizentrum des Weltgeschehens. Die Stadt bereitete sich auf den Empfang des Oberbefehlshabers der österreichisch-ungarischen Armee, des Thronfolgers und Erzherzogs Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie vor. Zuvor hatten auf dem Gebiet zwischen dem Berg Igman und Sarajevo große Armeemanöver stattgefunden, bei denen auch der Erzherzog anwesend war. An diesem Morgen waren die Straßen geschmückt und voll von Bürgern. Unweit der Brücke Ćumurija wurde das Attentat verübt. Nedjeljko Čabrinović warf eine Bombe auf den Wagen, in dem der Erzherzog m it seiner Gattin fuhr. Das Attentat störte nicht den weiteren Programmablauf und der prominente Gast setzte seinen Weg zum Stadtrathaus fort. Nachdem der offizielle Protokollempfang dort abgeschlossen war, machte sich der Erzherzog m it seiner Gefolgschaft auf demselben Weg auf die Heimrreise. Bei der Lateinerbrücke wurde das zweite Attentat verübt. Gavrilo Princip schoss und tötete den Erzherzog und seine Ehefrau Sophie.1 Am 28. Juni 1914 fanden die Vorbereitungen für die Sankt-Veits-Tag- Feier statt. Auf diesen Tag fiel der 525. Jahrestag der Schlacht am Amselfeld, der als die "Befreiung" des serbischen Volks gefeiert wurde. Vier volle Monate arbeitete ein besonderer Ausschuss daran, diese Feier so feierlich wie möglich zu gestalten, als eine grandiose serbische Volksvorführung. Die Propagandaaktionen für diese Feier begannen zeitgleich in Kroatien, Dalmatien und Bosnien-Herzegowina, und den Teilnehmern wurde eine kostenlose Fahrt m it den serbischen Staatseisenbahnen sowie günstige Unterkunft und Verpflegung in Aussicht gestellt. Die Gäste wurden mit 1 Redžić, Enver: Omladinski pokret i Sarajevski atentat. In: Prilozi za istoriju Bosne i Hercegovine II. Sarajevo: ANUBiH 1987 (= Sonderausgaben, Band LXXIX, Odjeljenje društvenih nauka, Buch 18), p. 326f. <?page no="100"?> 100 Zijad Šehić Sonderzügen zur Feier gebracht. Verschiedene feierliche Ansprachen waren von historischen Reminiszenzen durchsetzt, die auf den Ort der Feier bezogen waren, und sie variierten mehr oder weniger das Thema der Vereinigung aller Serben und der "Befreiung der unterjochten Brüder" jenseits der Donau und der Save sowie in Bosnien und Dalmatien. Als sich am Abend die Nachricht vom Sarajevoer Attentat verbreitete, machte sich unter den fanatisierten Massen in Belgrad, Niš, Priština und Skopje Begeisterung breit.2 Der russische Publizist Nikolai Jakowlewitsch Danilewski hatte im Jahre 1870 in einer in der Zeitschrift Zarja veröffentlichten Artikelserie unter dem Titel Russland und der Balkan den "Untergang des dekadenten Europa" angekündigt, "dessen Führung das moralisch mächtigere Russland übernehmen wird." Danilewski hielt den Balkan für ein Gebiet, der den Großmächten als historische Aufgabe zugedacht war, und behauptete, dass hier die Südslawen von den Osmanen vor der Germanisierung und dem Katholizismus bewahrt wurden, während die k.u.k. Monarchie den Westen wiederum vor dem Osmanischen Reich und dem Islam bewahrte. Da diese historischen Aufgaben erfüllt waren, behauptete er, hätten diese zwei Großmächte den Sinn ihrer weiteren Existenz verloren, und deren Platz sollte vom mächtigeren und moralischeren Russland übernommen werden. Danilewski hatte schon damals die geographische Karte abgesteckt, die sich 1919 erfüllen sollte: Darauf waren der tschechoslowakische Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, Bulgarien, Rumänien und der ungarische Staat verzeichnet. Danilevskis Manuskript stellte in Russland das Konzept für die praktische Politik dar und wurde für die "politische Bibel m it den zehn Geboten der kaiserlichen Außenpolitik"3gehalten. In der Zeit, als Danilewski seine Schrift verfasste, machte man sich in Serbien an die Verwirklichung der früher formulierten außenpolitischen Ziele, die auf einen Anschluss der historisch und ethnisch für serbisch gehaltenen Gebieten ausgerichtet waren. In diese Richtung gingen auch die Bemühungen, "die Idee von Bosnien-Flerzegowina als einem serbischen Land unter der orthodoxen Bevölkerung zu verbreiten."4 Beim Berliner Kongress konnte nur Österreich-Ungarn Serbien helfen. Für die versprochene Flilfe Unterzeichneten der serbische Minister Ristić und k.u.k. Außenminister Andrassy am 26. Juni 1878 ein Abkommen, mit dem Serbien sich verpflichtete, eine Eisenbahnstrecke Belgrad - Niš mit 2 Austrougarska crvena knjiga diplomatske isprave kojima se objašnjava kako je došlo do rata. 1914. godine. Zagreb: Kraljevska zemaljska tiskara 1915, p. 8. 3 Šehić, Zijad: Atentat, mobilizacija, rat. Sarajevo: Prilozi, Institut za istoriju 2005 (Bd. 34), p. 23. 4 Diese Ziele datieren seit der Gründung des neuen serbischen Staates 1830, und an ihre Verwirklichung machte man sich in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. <?page no="101"?> DerTagi der die Welt veränderte 101 Anschlüssen nach Pirot und Vranje zu bauen und m it Österreich-Ungarn einen Handelsvertrag abzuschließen oder eine Zollunion zu gründen.5 Durch die am 28. Juni 1881 in Wien abgeschlossene Geheimkonvention verpflichtete sich Fürst Milan, ohne Einwilligung Österreich-Ungarns keinerlei Agitation aus Serbien gegen Österreich-Ungarn zuzulassen, wobei er auch das besetzte Bosnien-Herzegowina und den Sandschak meinte. Die Monarchie nahm dieselben Verpflichtungen auf sich und versprach, die serbischen Interessen im Süden zu unterstützen und Fürst Milan als König anzuerkennen.6 Dieser Geheimvertrag, der auf zehn Jahre abgeschlossen und am 9. Februar 1889 bis zum 13. Januar 1895 verlängert wurde, wurde durch die Verpflichtung Österreich-Ungarns ergänzt, sich bei Bedarf auch m it Waffengewalt den Anfeindungen Montenegros gegen Serbien und dessen Dynastie zu widersetzen und auch das Osmanische Reich zu einer ähnlichen Haltung zu bewegen.7 Zu Veränderungen kam es im Jahre 1889, als die erste radikale Regierung gebildet wurde, die gegen Bosnien-Herzegowina gerichtet war. Seitdem betonte man ganz besonders die Souveränität des Sultans, wodurch man die Gunst der Muslime gewinnen wollte, um somit den Weg für die Vereinigung Serbiens und Bosnien-Herzegowinas, in dem "ein serbisches Volk m it drei Glaubensgesetzen" lebe, zu ebnen. Diese Haltung stand im Gegensatz zur kroatischen Nationalpropaganda, die gleichfalls die These vom kroatischen Charakter Bosnien-Herzegowinas und vom kroatischen Nationalgefühl der Muslime vertrat, was den Weg für die Vereinigung der kroatischen Länder ebnen sollte ein Konzept, das auch Bosnien-Herzegowina einschloss. Da dies innerhalb der Monarchie verwirklicht werden sollte, hielt die österreichisch-ungarische Verwaltung diese Tendenzen "für weniger gefährlich als die großserbischen."8 Im Gegensatz zur offiziellen austrophilen Politik Serbiens versuchten die serbischen Radikalen, das Interesse der europäischen Öffentlichkeit für Bosnien-Herzegowina zu wecken. In Paris wurde 1899 das Buch La Popović, Vasilj: Istočno pitanje - Istorijski pregled borbe oko opstanka osmanske carevine u Levantu i na Balkanu. Sarajevo: Zavod za izdavanje udžbenika '1965, p. 178; Gooß, Roderich: Das österreichisch-serbische Problem bis zur Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, 28. Juli 1914. DieVorgeschichte des Weltkrieges. Bd.X. Berlin: Deutsche Gesellschaft für Polibk und Geschichte 1930, p. 57. 6 Pribram, Francis: Die polibschen Geheimverträge Österreich-Ungarns 1879-1914. Wien: Braumüller 1924, Bd. 1, pp. 18 -23. Nachdem Rumänien sich im Mai 1881 zum Königreich erklärt hatte, wurde auch Fürst Milan im März 1882 zum König ausgerufen. 7 Popović 1965, p. 183. * Juzbašić, Dževad: Polibka i privreda u Bosni i Hercegovini pod austrougarskom upravom. Sarajevo: Akademija nauka i umjetnosb Bosne i Hercegovine 2002 (=Sonderausgaben, Band CXVI, Odjeljenje društvenih nauka, Buch 35), p. 198. <?page no="102"?> 102 Zijad Šehić Bosnie et I'Herzegovine von Miroslav Spalajković veröffentlicht, seine drei Jahre zuvor verteidigte Dissertation. Dort wurde behauptet, dass sich "in Bosnien und der Herzegowina der wertvollste Teil der serbischen Rasse befindet und dass für Serbien und Montenegro die Frage der Aneignung dieser Länder von existenzieller Bedeutung ist."9Spalajković betonte, dass Österreich-Ungarn sein Mandat entzogen werden müsse, und zwar wegen der Unfähigkeit seiner Regierung, in Bosnien-Herzegowina eine stabile Ordnung einzurichten und die Agrarfrage zu lösen, sowie wegen der Tatsache, dass die Bevölkerung eine Rückkehr unter die osmanische Herrschaft ihrer Lage unter der österrreichisch-ungarischen Verwaltung vorziehe.10 Spalajkovićs Idee, der Monarchie ihr Besatzungsmandat entziehen zu müssen, war auch in den propagandistischen Antiregierungspublikationen der muslimischen Bewegung vertreten, die von der Druckerei von Svetozar Miletić in Novi Sad herausgegeben wurden. So wurde in der Broschüre Bezakonja okupacione uprave u Bosni i Hercegovini (Gesetzlosigkeiten der Besatzungsregierung in Bosnien-Herzegowina), die von Ehli Islam herausgegeben und geschrieben wurde (Novi Sad 1901), unter anderem betont, "dass die Unzufriedenheit des Volkes solange andauern wird, bis Bosnien-Herzegowina wieder unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches steht, oder bis diese Gebiete eventuell eine Selbstverwaltung erlangen". Es wurde ebenfalls betont, dass "das islamische Volk sich dessen bewusst ist, dass der Herrscher Bosnien-Herzegowinas derjenige ist, der zugleich auch das Haupt des islamischen Glaubens ist, und das ist seine Majestät, der türkische Sultan."11 Die Herrschaft von Aleksandar Obrenović in Serbien stellte noch mehr eine Kette von Erfolglosigkeiten dar als die Herrschaft seines Vaters. Den Höhepunkt der Unzufriedenheit löste sein Privatleben aus, allem voran seine Ehe, welche die öffentliche Meinung und die bis dahin loyalen Offiziere herausforderte. In Folge ermordete eine aus Militärs bestehende Verschwörergruppe mit Dragutin Dimitrijević Apis an der Spitze in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai 1903 König Aleksandar und Königin Draga. Dieser Mord stürzte die Dynastie der Obrenović vom Thron, und zusammen mit ihr auch die austrophile Politik, die Serbien wirtschaftlich und politisch an Österreich-Ungarn band.12 Die Ermordung des serbischen Königspaares bedeutete auch eine starke Kehrtwende in den Beziehungen zwischen Wien und Belgrad. 9 Südland, L von: Južnoslavensko pitanje. Prikaz cjelokupnog pitanja. Varaždin: Izdanje Matice hrvatske 1943, p. 295. 10 Ibid. 11 Juzbašić 2002, p. 198. 12 Gladt, Karl: Kaisertraum und Königskrone. Aufstieg und Untergang einer serbischen Dynastie. Graz, Wien, Köln: Styria 1972, pp. 4 0 2-42 6. <?page no="103"?> DerTag, der die Welt veränderte 103 Der neue Kurs der Regierung in Belgrad und die Emanzipation von der österreichisch-ungarischen Vorherrschaft führten zu einer Verschärfung der Beziehungen zur Habsburger Monarchie. Durch die politischen und wirtschaftlichen Zusammenschlüsse, die sich von 1904 bis 1906 auf dem Balkan ereigneten, vom kroatisch-serbisch-ungarischen Kampf für die Unabhängigkeit bis hin zur serbisch-bulgarischen Zusammenarbeit die von einer inneren Krise Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reichs begleitet waren zeichnete sich allmählich der Rahmen der künftigen Ereignisse auf dem Balkan ab. Im Jahre 1904 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen der Monarchie und Serbien. Nachdem Serbien seine propagandistischen Bemühungen in den südslawischen Gebieten der Monarchie verstärkt hatte, unternahm diese militärische und politische Maßnahmen, um diese Bemühungen zu bekämpfen, denn sie stellten immer mehr die Integrität und Autorität der Monarchie in Frage.13 Bei einer Sitzung des gemeinsamen Ministeriums vom 30. April 1908 kritisierte Minister Aehrenthal Serbiens Außenpolitik, die "im kroatischen Slawonien und Bosnien-Herzegowina großserbische Ideen verbreitet hatte." Bei derselben Sitzung betonte der ungarische Regierungspräsident, dass "die subversive Bewegung in den südslawischen Ländern nicht zum Schweigen gebracht werden wird, bis die Annexion erfolgt ist."14 Solche Meinungen wurden auch von der Presse unterstützt. Die Regierung in Wien war der Meinung, dass die aus Belgrad geführte Agitation und Propaganda die Hauptursache der verstärkten Unruhen unter der südslawischen Bevölkerung darstelle. Tagtäglich erschienen in Wien warnende Meldungen über das "revolutionäre Ziel der serbischen Geheimorganisationen, die subversiven Agentenaktivitäten und die Hetze der Belgrader Presse."15 Im Rahmen der Vorbereitungen auf die Annexion von Bosnien-Herzegowina spielte die Presse eine außerordentlich wichtige Rolle. Als ein erprobtes Mittel 13 Đorđević, Dimitrije: Srbija i Balkan na početku XX veka. In: Jugoslovenski narodi pred prvi svetski rat. Beograd: SANU 1967, p. 228. 14 Suppan, Arnold: Zur Frage eines österreichisch-ungarischen Imperialismus in Südosteuropa. Regierungspolitik und öffentliche Meinung um die Annexion Bosniens und der Herzegowina. In: Wandruszka, Adam et al. (Hg.): Die Donaumonarchie und die südslawische Frage von 1848 bis 1918. Texte des ersten österreichisch-jugoslawischen Historikertreffens Gösing 1976. Vienna: ÖAW 1978, pp. 103-131, cit. p. 118; Baernreither, Joseph Maria: Fragmente eines politischen Tagebuches. Die südslawische Frage und Österreich-Ungarn vor dem Weltkrieg. Berlin: Verlag für Kulturpolibk 1928, p. 77. 15 Südland 1943, p. 504. Die österreichisch-ungarischen Diplomaten, Militärberichterstatter und Konfidenten brachten belastendes Material gegen Serbien ans Tageslicht. Immer häufiger wurden auch in der Presse Überschriften zur Situabon in Bosnien-Herzegowina. So schrieb die Neue Freue Presse in einem Artikel unter dem Titel Bosnische Zustände am 21. März 1908: "Aus Sarajevo kommen seltsame Meldungen. Fast könte man glauben, sie seien nicht aus dem Jahre 1908, sondern aus Venedig und aus dem Jahre 1859." (zit. ibid.) . <?page no="104"?> 104 Zijad Šehić für die Unterstützung von politischen Zielen sollte sie den diplomatischen Aktivitäten vorangehen.16 Minister Aehrenthal wollte in Bosnien-Herzegowina ebenfalls eine publizistische Kampagne mit dem Ziel der "Schaffung freundschaftlicher Gefühle der Monarchie gegenüber sowie einer scharfen Reaktion gegen Serbien" beginnen. M it diesem Ziel setzte sich die Wiener Regierung m it dem Chef der Redaktion des bosnischen Blattes Bosnische Post Hermengild Wagner in Verbindung und ließ ihm Informationen, Anweisungen und entsprechende finanzielle Mittel zukommen.17 Am 25. Juli 1908 brach die Jungtürkische Revolution aus. Die Möglichkeit der Einführung einer Verfassung bedeutete gleichzeitig auch die Gefahr, dass das Osmanische Reich seine Rechte auf Bosnien-Herzegowina geltend machen könnte. Deswegen beschleunigte Aehrenthal die Vorbereitungen für die Annexion. Am 4. August 1908 vereinbarte Baron Rauch m it Dr. Weckerle die Einzelheiten im Zusammenhang mit der Verhaftung von serbischen 'Hochverrätern'. Am 6. August legte Aehrenthal mit Minister Buriän die Vorbereitungen für die Annexion fest, und bereits am 7. August fand die Verhaftung des ersten der 53 Mitglieder der Serbischen Unabhängigen Partei statt.18Zwecks Durchführung der geplanten politischen Entscheidungen betonte Minister Aehrenthal am 19. August 1908 bei der Eröffnung der Sitzung des Ministerrats, dass wegen der Veränderungen im Osmanischen Reich zwei Fragen oberste Priorität erlangt haben, die nach einer dringenden Lösung verlangten: die Annexion Bosnien-Herzegowinas und der Rückzug der österreichisch-ungarischen Garnisonen aus dem Sandschak. Aehrenthal hob weiters hervor, dass "die wichtigste Voraussetzung für die Arbeit an der Annexion die Erlangung einer Vereinbarung über die staatsrechtlichen Fragen zwischen den Regierungen Österreichs und Ungarns darstellte."19 Da er die Folgen der Annexion von Bosnien-Herzegowina abschwächen wollte, versuchte Aehrenthal, Bulgarien zu einer Unabhängigkeitserklärung zu bewegen. Auf Einladung Kaiser FranzJosephs hielt sich das bulgarische Fürstenpaar am 23. und 24. September in Budapest auf. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Vereinbarung getroffen: Österreich-Ungarn würde Bosnien-Herzegowina annektieren und Bulgarien seine Unabhängigkeit erklären.20 Minister Iswolski hatte seine diplomatische Mission noch 16 Gemeinhardt, Alfred Heinz: Deutsche und österreichische Pressepolitik während der Bosnischen Krise 1908/ 1909. Husum: Matthiesen 1980 (= Historische Studien 137), p. 402f. 17 Ibid., p. 90. 18 Gross, Mirjana: Povijest pravaške ideologije. Zagreb: Institut za hrvatsku povijest 1973, p. 359. 19 ÖUAP, I, Nr. 40. 20 Vinogradov, Kirill B.: Bosnuskn krizis 1908-1909 gg. Prolog pervot mirovol votny. Leningrad: Izd-vo Leningradskogo universiteta 1964, p. 78. <?page no="105"?> DerTag, der die Welt veränderte 105 nicht zu Ende geführt, als die Annexion und die Unabhängigkeitserklärung erfolgten. Der österreichisch-ungarische Souverän Unterzeichnete am 5. Oktober die Dokumente für die Annexion Bosnien-Herzegowinas. In der Presse wurde sie am 6. Oktober verkündet, und in der amtlichen Wiener Zeitung am 7. Oktober.21 Durch einen eigenhändigen Briefdes Kaisersvom 5. Oktober wurde Buriän die Vollmacht für die Ausarbeitung einer bosnisch-herzegowinischen Verfassung erteilt.22 Durch die Verkündigung der Annexion von Bosnien-Herzegowina und die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens brachen auf dem Balkan zwei Feuer aus, die sich zu einem Großbrand auszudehnen drohten. Die Großmächte hatten eine schwere Aufgabe vor sich: die gefährliche Situation auf die bestmögliche Art und Weise zu lösen, ohne dabei ihren Einfluss zu verlieren oder zu schwächen. Obwohl die Annexion von Bosnien-Herzegowina in den politischen Zentren Europas große Aufmerksamkeit auslöste, kamen aus Serbien besonders heftige Reaktionen. Die Nachricht von der Annexion Bosnien-Herzegowinas wurde in Belgrad am 2. Oktober 1908 verkündet. In einer Sondernummer inform ierte das Blatt Politika im Artikel Das bulgarische Königreich die Annexion Bosniens die Belgrader Öffentlichkeit vom bevorstehenden Schritt der österreichisch-ungarischen Regierung. Am selben Tag fand in Belgrad das erste Protestmeeting statt, das eine ganze Serie von in den nächsten Tagen abgehaltenen Treffen und Demonstrationen auslösen sollte.23 Die füh renden Politiker aller Parteien und die Presse verlangten von Minister Milovanović ein energisches Eintreten für die serbische Bevölkerung in Bosnien-Herzegowina.24 Bereits während der Annexionskrise erschienen zahlreiche Werke von Politikern, Wissenschaftlern und angesehenen Menschen aus dem öffentlichen Leben, vor allem von unmittelbar Beteiligten aus Österreich-Ungarn und Serbien, die ihre Meinungen im Zusammenhang mit den aktuellen politischen Ereignissen kundtaten. Diese Werke sollten zugleich die offiziellen Standpunkte der Regierungen unterstützen und der europäischen Öffentlichkeit eine Sicht der bestehenden Probleme liefern, die vor allem 21 Popovic 1965, p. 198. 22 Kapidžić, Hamdija: Pripremanje ustavnog perioda u Bosni i Hercegovini (1908-1910). In: Godišnjak Istohjskog društva BiH X (1959), p. 126. 22 Miličević, Jovan: Javnost Beograda prema aneksiji Bosne i Hercegovine. In: Jugoslovenski narodi pred prvi svjetski rat. Beograd: SANU 1967, p. 553f.; vgl. Lepsius, Johannes / Mendel- Bertholdy, Albrecht Mendelssohn / Thim m e, Friedrich (Hg.): Die Grosse Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914. Sammlung der diplomatischen Dokumenten des Auswärtigen Amts. 40 Bde. Berlin: 1922-27, Bd. 26/ 1 (1925), Nr. 9090 und ÖUAP I, Nr. 147. 24 Đorđević, Dimitrije: Carinski rat Austro-Ugarske i Srbije 1906-1911. Beograd: Istorijski institu t 1962, p. 530. <?page no="106"?> 106 Zijad Šehić an den eigenen politischen Bedürfnissen ausgerichtet war.25 Als etwa der Vortrag von Professor Ferdo Šišić über die Annexion von Bosnien-Herzegowina, den er in Ljubljana gehalten hatte, veröffentlicht wurde, antwortete Professor Stanoje Stanojević: Nachdem ich das Buch, in dem Sie aufgrund von historischen Rechten Bosnien-Herzegowina für die Kroaten fordern, gelesen hatte, fiel mir eine bedeutende und lehrreiche Episode aus der Vergangenheit ein. Als einst die Gallier gegen Rom zogen, konnten die in den Rechtswissenschaften gut bewanderten Römer nicht verstehen, wie denn die Gallier Rom stürmen können, wenn sie dafür keine einzige Rechtsgrundlage haben. Der Abgesandte des römischen Volkes und Senats fragte daher mit dem Pathos des gallischen Heerführers: Was für ein Recht habt ihr denn auf Rom? - Unser Recht befindet sich auf den Spitzen unserer Schwerter erwiderte der gallische Heerführer. Dieselbe Antwort werden die Serben den Kroaten an dem Tag erteilen, wenn es zum großen Kampf um Bosnien-Herzegowina kommt. Unser Recht ist die Kraft unseres Volkes. Das Recht der Kraft unseres Volkes und das Recht unserer Bajonette wird wichtiger und stärker sein als Ihr Recht, das mit der Waage gewogen werden kann. Der Kampf des serbischen Volkes in Bosnien-Herzegowina wird ein großer Volkskampf sein. Fallen Sie und Ihre Herren nicht einem Wahne zum Opfer. Wenn unser Volk und unsere Armee in diesen großen heiligen Krieg zieht, ziehen wir in dieses Gemetzel nicht, um Länder zu erobern oder Rechte zu verteidigen. Nein, in diesen Kampf ziehen wir, um unser Leben zu verteidigen. Denn ohne Bosnien-Herzegowina gibt es kein Leben fürSerbien und Montenegro. Denn Bosnien-Herzegowina ist das sollten Sie und Ihre Herren sich gut merken dem serbischen Volke dasselbe wie Serbien oder Montenegro.26 Auch auf dem diplomatischen Parkett zeigte Serbien große Aktivitäten. Bereits am 7. Oktober 1908 schickte die Regierung an alle Großmächte, die den Berliner Vertrag unterzeichnet hatten, eine Protestnote, in der sie energisch gegen die Annexion von Bosnien-Herzegowina protestierte, und verlangte "die Wiederherstellung der vorherigen Verhältnisse oder eine entsprechende Entschädigung für Serbien und Montenegro, die Serbien ein unabhängiges Staatsleben und das Überleben des serbischen Volkes 25 Es handelt sich vor allem um die Polemik zwischen Wien und Belgrad über die historische Zugehörigkeit von Bosnien-Heizegowina. Siehe unter anderem: Cvijić, Jovan: Aneksija Bosne i Hercegovine i srpski problem. Beograd: Državna štamparija Kraljevine Srbije 1908; Doutchich, Jovan: L'Annessione della Bosnia e dell' Eizegovina e Ia questione Serba. Roma: Tipografia Iabicana 1909; Georgewitsch, Wladan.: Die serbische Frage. Stuttgart, Berlin, Leipzig: Deutsche Verlagsanstalt 1909; Markowitsch, Božidar: Die serbische Auffassung der bosnischen Frage. Berlin: Ebering 1908; Fournier, August: W ie wir zu Bosnien kamen. Wien: Reisser 1909; Nemecek, Ottokar: Der wirtschaftliche Aufschwung Bosniens und der Herzegowina. Wien: Reisser.1909; Sax, Carl: Die Wahrheit über die serbische Frage und das Serbentum in Bosnien. Wien, leipzig: Klinkhardt 1909; Šišić, Ferdinand: Nach der Annexion. Agram: Kroabsche Rechtspartei 1909; Vgl. Radojčić, N.: Die wichbgsten Darstellungen der Geschichte Bosniens. In: Südost-Forschungen XIX (1960), pp. 146-163. 26 Südland 1943, p. 360-361. <?page no="107"?> Der Tag, der die Welt veränderte 107 zumindest in dem Ausmaße, wie ihm das durch den Berliner Vertrag zugesichert wurde, gewährleisten würde."27 Die serbischen Politiker reisen in die europäischen politischen Zentren, um dort nach Unterstützung für ihre Forderungen zu suchen und Informationen über die Stimmungslage der Großmächte einzuholen. Minister Milovanović reist nach Berlin, London, Paris und Rom; Nikola Pašić und der Thronfolger Dorde reisen nach Sankt Petersburg und Stojan Novaković nach Istanbul. Im Oktober 1908 wurden in ganz Serbien Meetings, Straßendemonstrationen und Protestversammlungen abgehalten. Der österreichisch-ungarische Abgesandte Graf Forgäch meldete am 27. Oktober nach Wien, "das ganze Land ähnelt einem Irrenhaus und alle sind bereit zu sterben."28 Die Belgrader Öffentlichkeit war in kämpferischer Laune, allen voran ihre Jugend. Dies konnte man vor allem an der Aktion der Anmeldung und Vorbereitung der Freiwilligen für den gegen Österreich-Ungarn prognostizierten Krieg sehen.29Als die Bewegung für die Freiwilligenanmeldung immer stärker in Erscheinung trat, machte man sich an die Gründung einer Organisation, die die Aktionen im Kampf gegen die Annexion führen würde. So wurde bereits am 9. Oktober 1908 in Belgrad Die Volksabwehr gegründet, und bei der ersten Sitzung des Hauptausschusses wurde auch das Arbeitsprogramm verabschiedet.30 27 Gr. Pol., 26, 1, Nr. 9.091. 28 ÖUAP, I, Nr. 418. 29 Über die Haltung der serbischen Gesellschaftsschichten zur Annexion berichtete der belgische Abgesandte aus Belgrad: "Der serbische Bauer, ein im Allgemeinen konservatives Element, ist von der Idee beherrscht, dass der Freiheitskampf kein Ende finden wird, solange seine Blutsbrüder einem fremden Herrscher unterjocht sind. Der Krieg erscheint ihm unausweichlich. In den intellektuellen Kreisen wurde derG riffzu den Waffen als einziges Mittel für die Befreiung vom österreichisch-ungarischen Umfeld und für die Erschaffung des großserbischen Vaterlandes gesehen. Die Händler bleiben ausgeschlossen, größtenteils sind sie friedlich und wegen schlecht laufender Geschäfte entmutigt, sie verlangen Sondermaßnahmen als das einzige Mittel, das Land aus der Sackgases zu führen." (Zit. n.: Schwertfeger, Bernhard (Hg.) Die belgischen Dokumente zur Vorgeschichte des Weltkrieges. Bd. I. Berlin: Deutsche Verlagsgesellschaft f. Politik u. Geschichte 1925, Bericht aus Belgrad v. 27.11.1908, Nr. 28). 30 M iličević 1967, p. 561-562. Vgl. Davidović, M. Ljuba: Narodna odbrana. In: Die Kriegsschuldfrage. Berliner Monatshefte V (1927), p. 192-225. Im I. Kapitel Entstehung und Arbeit des ersten Volksschutzes heißt es, diese Gesellschaft sei aufgrund der in Serbien wegen der Annexion von Bosnien-Herzegowina ausgelösten Volksbewegung gegründet worden, und zwar mit den folgenden Zielen: 1. Erweckung und Stärkung des Volksgefühls; 2. Eintragung und Versammlung von Freiwilligen; 3. Formierung von Freiwilligeneinheiten und ihre Vorbereitung auf den bewaffneten Kkampf; 4. Einsammeln von Spenden, Geldern und anderen Bedürfnissen für die Verwirklichung dieser Idee; 5. Organisation, Ausrüstung und Einübung, insbesondere der für besondere und selbständige Kriegsführung bestimmten Ustasa-Einheit (Komitadschen); 6. Aktionsentwicklung in allen anderen Zweigen der Verteidigung des serbischen Volkes. Im II. Kapitel Derneue heutige Volksschutz sind die zukünftigen Aufgaben ausgelegt: Vorbereitung des Volkes für Kämpfe in allen Richtungen, Stärkung des Volksbe- <?page no="108"?> 108 Zijad Šehic Die Volksabwehr hatte seine Wurzeln in einem Ausschuss, der auch früher seine Aufgaben in Mazedonien, im Sandschak und auf dem Kosovo erfüllt hatte. Um eine bessere Erscheinung zu haben, wurde er als Privatgesellschaft gegründet, aber unter der Schirmherrschaft von offiziellen Kreisen, von denen er völlig anhängig war. Die Gründer der Volksabwehr waren unter anderem auch der General Božo Janković, der frühere Minister Ljuba Jovanović, Ljuba Davidović und Velislav Vulović, der Direktor der staatlichen Druckerei Živojin Đačić sowie die damaligen Hauptleute und späteren Majore Voja Tankosić und Milan Pribičević.31 Der Hauptzweck wusstseins, Leibesübungen, gutes Wirtschaften und Gesundheit, Hebung der Kultur etc. Am Beginn des III. Kapitels betonte man, die erste Aufgabe der Gesellschaft sei es, das Volksbewusstsein zu stärken, die zweite Leibesübungen zu pflegen, und die dritte zu versuchen, den wahren Wert dieser sportlichen Arbeit zu verstehen. Im IV Kapitel betonte man den Wert einer guten Schießausbildung, speziell für serbische Verhältnisse, denn "einem neuen Schlag, wie die Annexion einer war, muss ein neues Serbien entgegentreten, in dem jeder Serbe vom Kinde bis zum Greis ein guter Schütze sein wird." "Was w ir in Vorträgen wollen" lautet die Überschrift des VII. Kapitels, und seine wesentliche Aussage steckt im Satz: "Die Volksabwehr veranstaltete Vorträge, die mehr oder weniger agitatorische Vorträge waren. Es entwickelte sich das Programm unserer neuen Arbeit. In jedem Vortrag sprach man von der Annexion, von der Arbeit des alten Volksschutzes und von den Aufgaben des neuen. Die Vorträge dürfen niemals aufhören, agitatorische Vorträge zu sein, aber sie werden sich mehr in den jeweiligen Fachbereichen entwickeln und mit allen Fragen unseres gesellschaftlichen und völkischen Lebens befassen." In den Kapiteln Vlll Die Arbeit der Frau im Volksschutz, IX Geringe und kleine Arbeit und X Wiedergeburt der Gesellschaft geht man auf die Aufgaben des Volksschutzes ein auf die Vorbereitung, Erweiterung und Stärkung der gesellschaftlichen Arbeit und auf das Bedürfnis der Regeneration des Einzelnen, des Volkes und des Staates. Im XI. Kapitel unter dem Titel Die neuen Obilics und Sindelics hieß es in der Einleitung: "Es ist falsch, wenn man behauptet, Kosovo sei gewesen und vergangen." Daran anknüpfend und auf die Heldentaten von Obilic und Sinđelić hinweisend, betont man die Notwendigkeit von Opfern im Dienste des Volkes. Über die Verbindung mit Brüdern und Freunden spricht das XII. Kapitel, in dem betont wird, dass zu den Hauptaufgaben des Volksschutzes die Erhaltung der Beziehungen "m it näheren und ferneren Brüdern jenseits der Grenze und mit anderen Freunden in der W elt" gehöre. Im XIII. Kapitel unter dem Titel Zwei Hauptaufgaben hieß es, die Monarchie sei der erste und größte Feind. Dem Volke sollte gesagt werden: "Die Befreiung unserer unterjochten serbischen Gebiete und ihre Vereinigung mit Serbien ist eine Notwendigkeit für unsere Herrschaften, unsere Händler, unsere Bauern wegen den Grundbedürfnissen der Kultur und des Handels, wegen Brot und Raum. Wenn es dies erkannt hat, wird das Volk sich mit größerer Aufopferung an die Volksarbeit machen. Unserem Volke muss gesagt werden, dass die Freiheit Bosniens ihm eine Notwendigkeit und eine Aufgabe ist, dass es durch die Bewahrung von vollkommen heiligen Volkserinnerungen dieses neue, gesunde und in allen seinen Folgen starke Verständnis von Nationalismus und der Arbeit für Befreiung und Vereinigung ins Volk trägt." Das XIV. Abschlusskapitel beginnt mit einem Aufruf an die Regierung und das Volk in Serbien, sich mit all seinen Mitteln für den Kampfvorzubereiten (Ausschitt aus dem Gesellschaftsorgan des Volksschutzes, dervom Zentralausschuss der gleichnamigen Gesellschaft herausgegeben wird). (Narodna odbrana, Ausgabe des Zentralausschusses des Volksschutzes, Belgrad: Neue Druckerei Davidović 1911. Zit. n. Austrougarska crvena 1915, pp. 39-42). 31 Ibid., p. 25. <?page no="109"?> Der Tag, der die Welt veränderte 109 dieser Gesellschaft war die Organisation und die Ausrüstung von Komitadschen für den Kampf gegen die Monarchie. Diese zukünftigen freiwilligen Tschetniks wurden in einer Sonderschule in Schießen, Bombenwerfen, M inenlegen, Zerstören von Eisenbahnen, Tunneln und Brücken unterrichtet. Sie hatten die Aufgabe, ihre Kenntnisse praktisch in Bosnien-Herzegowina anzuwenden, wo sie sich im Falle des Krieges einschleusen sollten, und das aufständische Volk sollte sich ihnen anschließen, so dass die Monarchie in Bosnien-Herzegowina wie in einem feindlichen Staat Krieg führen müsste. Der Programm des Volksabwehr enthielt auch kulturelle Bestrebungen, die geistige und körperliche Entwicklung des serbischen Volkes, seine Stärkung aber das war nur ein Vorwand, um das Volk für den Kampf bis zur Vernichtung der Monarchie zu organisieren und zu erziehen. Die Agitation war nicht auf das Königreich Serbien beschränkt, sondern wurde auch in den jugoslawischen Gebieten der Monarchie, vor allem in Bosnien-Herzegowina, das sich von der Monarchie trennen und mit Königreich Serbien vereinigen sollte, durchgeführt.32 Nach der Verlautbarung der Annexion erstellte die serbische Regierung einen Vorschlag von Kompensationen, die Serbien und Montenegro im Falle einer Anerkennung der Annexion gegeben werden sollten. Nach diesem Vorschlag sollte Österreich-Ungarn dem Volk Bosnien-Herzegowinas dieselben öffentlichen und politischen Rechte garantieren, die auch die anderen Bürger Österreich-Ungarns hatten, eine innere Autonomie mit einem allgemeinen Landtag, eine freie Entwicklung der Wirtschaft und der Kultur, sowie eine besondere Organisation der Kirche und des Schulwesens. Österreich-Ungarn sollte seine Garnisonen aus dem Sandschak Novi Pazar zurückziehen und auf die dortigen Stationierungsrechte, die ihm durch den 25. Artikel des Berliner Vertrages gewährleistet werden, verzichten, sowie erklären, dass es sich keiner sich auf den Sandschak beziehenden Vereinbarung zwischen dem Osmanischen Reich, Serbien und Montenegro widersetze. Serbien und Montenegro sollten laut diesem Vorschlag den Sandschak in zwei gleiche Hälften aufteilen und von Österreich-Ungarn die Korrektur der Grenzen in ihrem Interesse verlangen.335253 52 Ibid., p. 26f. 53 Als Spalajkovics Plan gegenstandslos wurde, tauchte eine neue Grundlage mit neuen Zielen und einer neuen Taktik auf. Es wurde dann eine Broschüre unter dem Titel Die Annexion von Bosnien-Herzegowina und das serbische Problem des Professors der Universität Belgrad Jovan Cvijić publiziert, die Ende 1908 in der staatlichen Druckerei in Belgrad gedruckt wurde. Darin wurde behauptet, dass Serbien auf Bosnien-Herzegowina nicht verzichten könne, denn Bosnien-Herzegowina sei Serbiens Nationalmittelpunkt und auf jeden Fall das Minimum seiner Ansprüche. Wenn dies nicht sofort erreicht werden könne, dann müsse Serbien als Garantie für die Möglichkeit des eigenen Lebenserhalts bei der Konferenz Kompensationen verlangen, und zwar das fruchtbarste Gebiet Ostbosn iens sowie den Zugang zur Adria. <?page no="110"?> H O Zijad Šehić Bei der Regierungssitzung in Belgrad am 25. Dezember 1908 sprach nur Minister Milovanović. In seiner zweistündigen Rede meinte er, die Annexion von Bosnien-Herzegowina werde von zwei Standpunkten aus verurteilt. Sie traf auf der einen Seite die Souveränität des Sultans, auf der anderen Europa beziehungsweise die Unterzeichner des Berliner Vertrags. Von irgendwelchen Ansprüchen und Rechten an Serbien kann nicht die Rede sein. Im internationalen positiven Recht spielt die Nationalität leider überhaupt keine Rolle. Deswegen ist es die Pflicht der serbischen Regierung, die Annexion von Bosnien-Herzegowina als eine unmittelbare Gefahr für das politische Leben und die Existenz Serbiens darzustellen. Es ist notwendig, die Annexion als eine serbische Frage vor das europäische Forum zu tragen. Wenn die programmatische Frage anerkannt ist, kann die serbische Frage nach Bedarf erweitert oder verändert werden.34 In Belgrad tagte am 2. und 3. Januar 1909 die Nationalversammlung und erörterte außenpolitische Fragen. Inmitten der Bemühungen, die Spannungen abzubauen, löste die serbische Reaktion in den europäischen politischen Zentren außerordentliche Aufmerksamkeit aus. Bereits in seiner einleitenden Rede sagte Minister Milovanović, begleitet von einem stürmischen Applaus, dass "der Balkan und seine Völker keinen größeren Feind haben als Österreich-Ungarn.35 Sein durch die Annexion durchgeführter Angriff bedeute nachgerade einen Schlag ins Gesicht der serbischen Nation, denn er sei gegen lebenswichtige Interessen Serbiens und gegen unantastbare Nationalrechte gerichtet.36 Somit sei dies der erste Schritt der österreichisch-ungarischen Monarchie auf dem Balkan, Serbien und Montenegro zu versklaven. Deswegen sei in näherer und fernerer Zukunft für Cvijic behauptete, dass es Bestrebungen gebe, den gesamte südslawischen Komplex, angefangen von Ljubljana und Triest, bis hin zum tiefen Mazedonien, in einer Volkseinheit zu vereinigen und dessen Kultur auf einer nationalen Grundlage zu entwickeln. Er behauptete, dass die verschiedenen Konfessionen vom Prinzip der Nationalität zurückgedrängt werden würden. Am Ende schlussfolgerte Cvijić, dass das serbische Problem mit Gewalt gelöst werden müsse (Südland 1943, p. 308). Die Grundlage von Cvijics Projekt war die Herstellung einer Verbindung zwischen der Adriaküste und Serbien und Montenegro durch das Abtreten eines Gürtels auf dem Gebiet Bosnien-Herzegowinas mit einer Fläche von insgesamt 10.519,8 km2. Eine so projektierte Staatsgrenze zwischen Serbien und Montenegro auf der einen und Bosnien-Herzegowina auf der andern Seite verlief fast direkt in südlicher Richtung von Brčko bis zum Gebiet südöstlich von Dubrovnik. Die im Durchschnitt 30 Kilometer breite Zone hatte 317.717 Bewohner und erstreckte sich auf die Orte Brčko, Bijeljina, Zvornik, Srebrenica, Rogatica, Višegrad, Čajniče, Gacko, Bileća, Trebinje und Nevesinje. Im Projekt war auch die Regulierung des Küstenstreifens Spica vorgesehen (Cvijić 1908, p. 49f.). " Lončarević, Dušan: Jugoslawiens Entstehung. Zürich: Amalthea 1929, p. 253. 35 Georgewitsch 1909, p. 85. Siehe auch Bosna i Hercegovina u Narodnoj skupštini Kraljevine Srbije 1908-1909. Belgrad 1909. (Sitzung vom 20. i 21. Dezember 1908 sowie 2. und 3. Januar 1909). 36 Georgewitsch 1909, p. 82. <?page no="111"?> Der Tag, der die Welt veränderte m das gesamte Serbentum ein großer Kampf unausweichlich, "ein Kampf auf Leben und Tod."37 Minister Milovanović griff auch den Berliner Vertrag an, "der für Serbien bösartig war und der tränenlos beweint wird, weil er gegen die serbischen Interessen gerichtet war."38Auch die anderen Redner griffen Österreich-Ungarn an, "dessen Appetit von Jahr zu Jahr größer geworden war", und den Berliner Vertrag, "durch den sich Österreich-Ungarn in Bosnien-Herzegowina eingeschlichen hatte."39 Minister Novakovic sagte, dass "von allen Seiten Fallstricke und Hinterhalte lauern, die der Berliner Vertrag so machiavellistisch errichtet hatte, und die seitdem ganze dreißig Jahre das serbische Volk martern."40Scharfe Worte gegen die Monarchie richtete auch der Anführer der Altradikalen, Stojan Protić. "Beim derzeitigen Stand der Dinge", betonte Protić, "müssen wir unsere Existenz wollen, und wenn wir uns als ein unabhängiges Land erhalten wollen, dann müssen wir erschüttert sein, wenn wir sehen, dass Österreich-Ungarn einen Versuch unternimmt, uns noch stärker zu drücken und noch fester zu umzingeln, weswegen es auch versucht, Bosnien-Herzegowina definitiv zu annektieren."41 Alles, was Österreich-Ungarn als Abkommen über die Annexion anbietet, sei reines Gespött. So sei der Verzicht auf Sandschak eine Täuschung, die politisch nur Kinder täuschen könne. "Zwischen uns und Österreich-Ungarn, zwischen den Balkanstaaten und der Monarchie können Frieden und gute nachbarschaftliche Beziehungen herrschen, betonte Protić, "nur wenn Österreich-Ungarn aufhört, eine Großmacht zu sein."42 Der liberale Abgeordnete Bojinović sagte, dass "die Serben nicht vergessen können, dass in Bosnien-Herzegowina die Gebeine ihrer Väter liegen, die 1876 dorthin gegangen waren, um für die Befreiung dieser Länder zu kämpfen. Das ganze serbische Volk wird wie ein Mann auf den Wällen seiner Rechte stehen und wird es nicht erlauben, dass der österreichische Arm sich über die Save und über die Donau streckt." Am Ende betonte Bojinović: "W ir werden alle in den Kampf für Serbentum und Slawentum ziehen."43 Das serbische Parlament bedankte sich bei Russland, Italien, Großbritannien und Frankreich dafür, dass sie mit der serbischen Frage sympathisierten. Das Parlament hoffte, dass diese Länder alle Schritte unternehmen würden, damit während der Revision des Berliner Vertrags die vollständige politische und ökonomische Unabhängigkeit für Serbien und Montenegro 37 Ibid., p. 83. 38 Ibid., p. 97. 39 Ibid., p. 91. 40 Ibid., p. 90. 41 Ibid., p.101. 42 Ibid., p. 97. 43 Ibid., p.103. <?page no="112"?> 112 Zijad Šehić erreicht werden könne. Insbesondere zählte man hierbei auf die Hilfe des brüderlichen Russland; man erwartete von ihm moralische und materielle Unterstützung.44 Der Verlauf der Debatte in der Skupština wie auch die offizielle Stellungnahme zur Autonomie Bosnien-Herzegowinas erregte am Ballhausplatz große Unzufriedenheit. Als unmittelbarer Anlass für eine entschiedenere Aktion gegen Serbien sollte der Inhalt der Rede von Minister Milovanović dienen, der als provozierend eingeschätzt wurde, vor allem in dem Teil, in dem von Kolonialbestrebungen Österreich-Ungarns auf dem Balkan die Rede war. Die österreichisch-ungarische Presse drohte Serbien sehr scharf und alarmierte damit auch die Diplomatie.45 Nachdem Deutschland Russland eine diplomatische Note geschickt hatte, mit der Forderung Serbien für die Annexion Bosnien-Herzegowinas zu gewinnen, meldete Minister Iswolski am 23. März nach Paris und London, dass Russland entschieden habe, den Vorschlag Deutschlands anzunehmen. In der Vereinbarung mit dem Zaren beschloss er am 24. März, endgültig nachzugeben, und kündigte an, der Abschaffung des Artikels 25 des Berliner Abkommens zuzustimmen, wenn sich Wien diesbezüglich an die Großmächte wende. Gleichzeitig forderte er von Deutschland, Wien möge in den Verhandlungen mit Serbien etwas zuvorkommender sein.46 Mit dem russischen Einlenken beruhigte sich die Annexionskrise allmählich. Nach den Worten von Bülows brach Deutschland hier eine Lanze für seinen österreichisch-ungarischen Verbündeten, mittelbar auch für die Erhaltung des europäischen Friedens, und vor allem für das deutsche Ansehen und die deutsche Lage in der Welt.47 Der serbische Gesandte in Wien Simić reichte am 31. März 1909 eine Note ein, mit deren Inhalt sich zuvor Minister Grey und Aehrenthal einverstanden erklärt hatten.48 Indem er sich auf die frühere Note der serbischen Regierung für die österreichisch-ungarische Regierung berief, und zum Zwecke der Beseitigung der Missverständnisse, erklärte der serbische Gesandte dem k.u.k. Außenministerium: Serbien erkennt hiermit an, dass mit der Annexion Bosnien-Flerzegowinas seine Rechte nicht verletzt werden und es sich der Entscheidung der Großmächte bezüglich des Artikels XXV des Berliner Abkommens fügen wird. Den Rat der Großmächte befolgend verpflichtet sich Serbien seinen Widerstand gegen die Annexion aufzugeben; darüber hinaus wird es die Stoßrichtung seiner bisheri- 44 Ibid., p. 106. 45 Lončarević 1929, p. 269. 46 Ibid. " Deutsche Politik, Berlin 1916, p. 60. 48 Zu den Vediandlungen Großbritanniens in Wien und Belgrad über die Note der serbischen Regierung vgl. Gottschalk, Egon: Die diplomatische Geschichte der serbischen Note vom 31. Mälz 1909. In: Berliner Monatshefte IX (1932), pp. 77 6-803. <?page no="113"?> DerTag, der die Welt veränderte 113 gen Politik gegenüber Österreich-Ungarn ändern und mit ihm fortan in guten nachbarschaftlichen Beziehungen leben. Im Sinne dieser Äußerungen und im Vertrauen auf friedfertige Absichten Österreich-Ungarns wird Serbien seine Armee in den Zustand vor dem Frühling 1908 zurückversetzen; das bezieht sich auf die Organisation, Truppenaufstellung und die Anzahl der Soldaten, Auflösung der Freiwilligeneinheiten und anderer irregulärer Verbände auf seinem Gebiet.49 Nach der Annexionskrise konzentrierten sich die politischen Diskussionen in Russland auf die militärische und wirtschaftliche Unterstützung und die Frage künftiger Bündnisse. Man war der Ansicht, dass der große Kampf zwischen dem Slawen- und Germanentum unvermeidlich sei und in der nahen Zukunft bevorstehe. Noch Anfang 1909 äußerte Minister Izwolski gegenüber dem deutschen Botschafter Pourthales, dass die Ostfrage nur durch einen Krieg gelöst werden könne, welcher in fünf oder zehn Jahren ausbrechen werde und unvermeidlich sei.50Angesichts der diplomatischen Niederlage verstärkte Russland seine militärischen Aktivitäten. "Der Zar, Stolypin, die Diplomaten und Offiziere verlangten, dass die Armee erneuert und zu einem Instrument der großen Politik wird, was Russland ermöglichen würde wieder seinen Platz in der Welt einzunehmen"51, schrieb General Suchomlinow in seinen Memoiren. Man war sich in Petersburg durchaus bewusst, dass ohne eine vorbereitete Armee keine aktive Politik zu machen war. Suchomlinow war davon überzeugt, dass im Falle der Auseinandersetzungen Deutschland auf der Seite Österreich-Ungarns stehen würde. Daher sollte Deutschland in seinen Augen der Hauptmaßstab für die militärische Vorbereitung sein und es sollte das Ziel verfolgt werden, eine Armee zu schaffen, die sich m it der deutschen messen könnte.52 Die Annexionskrise schweißte Russland und Serbien noch mehr zusammen und bildete die Grundlage für das Balkanbündnis.53 49 ÖUAP, II, Ni. 1425 (Der Inhalt der Note ist in französischer Sprache). 1.0 A ufdie Frage, was sein Ende sein würde, antwortete Izwolski: "Die Gedenktafel im Schlosse Buchlau, die Graf Berchtold in dem berühmten Konferenzzimer hatte anbringen lassen, sollte Z U I Grabplatte der österreich-ungarischen Monarchie werden." (Taube, Michael: Der Großen Katastrophe entgegen. Berlin; Leipzig: Neuner 1929, p. 210). 1.1 Suchomlinow, Wladimir: Erinnerungen. Berlin: Hobbing 1924, p. 228. 52 Ibid., p. 233. "! Nach der Krise schrieb das Blatt Birsevija Vedemosti, dass dieguten nachbarlichen Beziehungen zwischen Wien und Petersburg Vergangenheit seien; dagegen seien die Solidarität und Freundschaft mit den Slawen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. (Hölzle, Erwin: Die Selbstentmachtung Europas. Frankfurt/ M., Zürich: Musterschmidt 1975, p. 51). Derdeutsche Militärbeuftragte in Petersburg, Hauptmann von Hinze, berichtete nach Berlin, dass Russland unbesiegbar auf dem Balkan wäre, wenn es sich rechtzeitig vorbereiten und vorstoßen würde, was in drei bis fünf Jahren geschehen könnte (Baumgard, Winfried: Deutschland im Zeitalter des Imperialismus 1890-1914. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer^1986, p. 106). <?page no="114"?> 114 Zijad Šehić Die Annexionskrise brachte also wesentliche Veränderungen im internationalen politischen Leben. Die diplomatische Kraftprobe der Machtblöcke endete mit einem Erfolg der Politik von Bülows. Das Bündnis stand fest, die Nibelungentreue des deutschen Verbündeten war unter Beweis gestellt. Der augenblickliche Erfolg des Zweibundes strich die Gegensätze in Europa noch mehr hervor. Der Balkan wurde zum gefährlichsten Gebiet, das die größten Möglichkeiten für diplomatische Kämpfe bot. Bald konstatierte man in Wien, dass trotz der in der Note vom 31. März 1909 gegebenen Versprechen Serbien seine bisherige Politik der Abtrennung einiger Gebiete der Monarchie fortsetzte. Es wurden geheime Organisationen und deren Filialen gegründet, die daran arbeiteten, Unruhen in der Monarchie auszulösen. Ihre Mitglieder waren Generäle, Diplomaten, Staatsbeamte und Prominente. Die serbische Presse befand sich fast ausnahmslos im Dienste dieser Propaganda und rief ihre Leser zum Hass auf die verachtenswerte Monarchie auf, und auch dazu, Attentate gegen ihre Sicherheit und Integrität zu verüben. Eine große Anzahl der Agenten wurde beordert, mit allen Mitteln die Agitation gegen die Monarchie zu unterstützen und die Jugend zu indoktrinieren. Die Berichte, die die Narodna odbrana in die Monarchie schickte, erreichten ihre Adressaten auf geheimen Wegen und benutzen geheime Chiffrenschriften. Die Propaganda arbeitete zunächst daran, die Serben sozial, kulturell und ökonomisch von den Kroaten und Slowenen zu trennen, predigte die Vereinigung aller Serben, und trachtete danach zu beweisen, dass insbesondere Bosnien-Herzegowina ein rein serbisches Land ist, in dem keine anderen Ethnien leben. Als man einsah, dass diese Grundlagen zu schwach waren, entwarf man den Plan einer serbisch-kroatischen und slowenischen Volkseinheit. Diese Bewegung erfasste vor allem die Jugend in Gymnasien, in denen geheime Vereine unter den Namen Volksvereinigung (Narodno ujedinjenje) oder Serbische Schülerjugend (Srpska đačka omladina) gegründet wurden, die sich nicht nur für die kulturelle, sondern auch die politische Vereinigung einsetzte m it dem Ziel, Kroatien, Slowenien, Dalmatien, Istrien, Bosnien-Herzegowina von der Monarchie abzutrennen und dem Königreich Serbien anzugegliedern.54 Der Ausgang der Annexionskrise 1908/ 1909 veränderte auch die Kampfmethode der serbischen Organisationen, so dass sie nun zur Taktik des Individualterrors übergingen. M it diesem Ziel wurde auch die Organisation Vereinigung oder Tod ("Ujedinjenje ili smrt") gegründet, deren Programm aus zwei Dokumenten bestand, der Konstitution und der Geschäftsordnung. Im Artikel 1 der Konstitution steht geschrieben, dass die 54 Austrougarska crvena knjiga 1915, p. 32f. <?page no="115"?> Der Tag, der die Welt veränderte 115 Organisation zum Ziel der Verwirklichung der Volksideale der Vereinigung des Serbentums gegründet wird, deren Mitglied jeder Serbe sein kann, unabhängig von Geschlecht, Glauben, Geburtsort, sowie jeder, der dieser Idee "aufrichtig" dienen will. Im Artikel 2 wird angeführt, dass die Organisation den revolutionären dem kulturellen Kampf vorzieht, so dass ihre Institutionen ein absolutes Geheimnis für Außenstehende bleiben müssen. Im Artikel 3 steht, dass die Organisation den Namen "Ujedinjenje ili sm rt" tragen soll, und im Artikel 4 werden ihre Aufgaben definiert: Der Charakter der Organisation besteht darin, Einfluss zu nehmen auf alle offiziellen Akteure in Serbien, auf alle Gesellschaftsschichten und das gesamte gesellschaftliche Leben; eine revolutionäre Organisation auf allen Territorien, auf denen Serben leben, aufzubauen; gegen alle Feinde dieser Idee außerhalb der Staatsgrenzen zu kämpfen, freundschaftliche Beziehungen zu den Staaten, Völkern, Organisationen und Personen zu pflegen, die gegenüber Serbien und dem serbischen Stamm freundschaftlich gesinnt sind; jenen Völkern und Organisationen zu helfen, die für ihre eigene nationale Befreiung und Einigung kämpfen.55 Im Artikel 5 steht, dass das wichtigste Organ die "Oberste Zentralleitung" (Vrhovna centralna uprava) m it Sitz in Belgrad ist, die über Durchführung der Beschlüsse wacht, und im Artikel 7 wird definiert, dass diese Führungsetage sich wie folgt zusammensetzt: aus acht Mitgliedern aus dem Königreich Serbien und je einem Bevollmächtigten der Organisation aus allen serbischen Ländern: aus 1) Bosnien-Herzegowina, 2) Montenegro, 3) Altserbien und Mazedonien, 4) Kroatien, Slawonien, Srem, 5) Vojvodina und 6) der Adriaküste.56 Im Artikel 30 wird ausgeführt, dass jedes Mitglied mit seinem Eintritt seine Persönlichkeit verliert: er darf keinen Ruhm, keinen persönlichen Nutzen, weder materiellen noch moralischen, erwarten. Wenn demnach jemand von den Mitgliedern versucht, die Organisation für persönliche oder Klassen- und Parteiinteressen, auszunutzen, wird er bestraft werden. Wenn daraus ein Schaden für die Organisation erwachse, wird er mit dem Tod bestraft. Im Artikel 31 heißt es: "wer einmal der Organisation beitritt, kann sie nicht mehr verlassen oder seine Mitgliedschaft kündigen", und im Artikel 33 steht, dass sich bei der "Verhängung des Todesurteils die Oberste Zentralleitung daran orientieren wird, dass dieses zuverlässig vollstreckt wird, ohne Rücksicht auf das dabei zu verwendende M ittel".57 Nach Artikel 35 legte man beim Beitritt zur Organisation folgendes Gelöbnis ab: Ich, der in die Organisation Vereinigung oder Tod eintrete, schwöre bei der Sonne, die mich wärmt, bei der Erde, die mich nährt, vor Gott, beim Blut mei- 55 Ustav i Poslovnik organizacije Ujedinjenje ili smrt. In: Nova Evropa, V.6, 21.10. 1922, p. 182. 56 Ibid., p. 183. 57 Ibid., p. 184. <?page no="116"?> 116 Zijad Šehić ner Väter, bei meiner Ehre und bei meinem Leben, dass ich von diesem Augenblick an bis zu meinem Tode die Satzung dieser Organisation treu befolgen und stets bereit sein werde, ihr alle Opfer zu bringen. Ich schwöre vor Gott, bei meiner Ehre und bei meinem Leben, dass ich allen Weisungen und Befehlen widerspruchslos folgen werde. Ich schwöre vor Gott, bei meiner Ehre und bei meinem Leben, dass ich alle Geheimnisse dieser Organisation mit ins Grab nehmen werde. Mögen Gott und meine Kameraden in dieser Organisation über mich zu Gericht sitzen, wenn ich wissentlich diesen Eid breche oder umgehe.55 Die Satzung definiert auch die Pflichten ihrer Mitglieder: Der 1. Artikel sah vor, dass jedes Mitglied der Organisation fünf neue Mitglieder anzuwerben hatte. Im 3. Artikel wird die Prozedur beschrieben, nach der neue M itglieder angelobt werden: Sobald ein Mitglied fünf bzw. drei neue Mitglieder anwirbt, legt er seinen Schwur zusammen mit ihnen ab. Der Schwur wird wie folgt abgelegt: das Gründungsmitglied bestimmt in Vereinbarung mit seinem Bürgen der dem Gelöbnis als Gesandter der Obersten Zeltralleitung beiwohnt, sofern nicht anders angeordnet wird die Zeit und den Ort. Das Zimmer, in dem der Schwur abgelegt wird, befindet sich im Dunklen. In der Mitte steht ein Tisch, über den eine schwarze Decke ausgebreitet ist. Auf dem Tisch stehen ein Kreuz, ein Messer und ein Revolver. Das Zimmer wird beleuchtet von einer kleinen Wachskerze. Das Gründungsmitglied hält eine Rede, in der er große Aufgaben der Organisation darstellt, ihre Hauptprinzipien aus der Konstitution und Satzung wie auch Gefahren, denen sich die Mitglieder aussetzen. Zum Schluss fragt er sie, ob sie bereit sind, den Schwur abzulegen. Wenn sie zustimmen, erscheint aus dem Nebenraum plötzlich ein anderer streng verhüllter Mann, Mitglied höherer Gruppen, das besonders dazu bestimmt wurde. Dann legt das Gründungsmitglied und mit ihm neue Mitglieder das Gelöbnis ab. Danach grüßen sich die neuen Mitglieder gegenseitig und der verhüllte Mann gratuliert ihnen, indem er ihnen die Hand schüttelt, ohne ein Wort zu sagen. Er zieht sich sodann in seinen Raum zurück, und das Schwurzimmer wird beleuchtet. Im beleuchteten Zimmer unterschreiben die neuen Mitgliederje einen TextdesSchwurs und überreichen ihn dem Gründungsmitglied, das jedem von ihnen seine Nummer und ein vereinbartes Zeichen gibt. (Das vereinbarte Zeichen wird zuweilen verändert und im Befehl der Obersten Zentralleitung mitgeteilt.) Dann wird jeder angespornt und ermutigt, neue Gruppen zu bilden und diese auf eine ähnliche Art und Weise anzugeloben, zu Sitzungen und Treffen zu kommen, an denen neue Befehle erteilt werden. Dann werden die Bestimmungen aus der Konstitution und Geschäftsordnung verlesen, die er zu diesem Zweck von der Obersten Zentralleitung bekommt...5859 58 Ibid., p. 185. 59 Ibid., p. 186 <?page no="117"?> Der Tag, der die Welt veränderte 117 Der Ausgang der Annexionskrise bestärkte auch die Absicht der Balkanstaaten, m it dem Osmanischen Reich abzurechnen. Nach langen diplomatischen Verhandlungen wurden im Frühling 1912 die endgültigen Geheimvereinbarungen getroffen, denen auch Russland und Frankreich zustimmten. Später demonstrierte auch Italien seine Bereitschaft, die Balkanstaaten zu unterstützen. Zuerst wurde am 13. März ein Abkommen zwischen Serbien und Bulgarien erzielt, wonach die Offenisve gegen die osmanische Armee im Süden gestartet werden sollte, während man im Norden gegenüber Österreich-Ungarn in der Defensive bleiben sollte. Es wurde eine territoriale Teilung Mazedoniens und eine umstrittene Zwischenzone vereinbart, bei der der russische Zar Nikolaus II. die Verm ittlerrolle spielen sollte. Serbien, Bulgarien, Griechenland und das Osmanische Reich riefen am 30. September 1912 eine allgemeine Mobilmachung aus. Montenegro erklärte am 08. Oktober dem Osmanischen Reich den Krieg und begann seinen Angriff auf Shkodra. Die Nähe des Kriegsschauplatzes und die Stärke der eingesetzten Truppen erregten Besorgnis in maßgeblichen Kreisen der Monarchie.606162 Das Kriegsgeschehen hatte bedeutende Folgen auf die politische Entwicklung in Bosnien-Flerzegowina und vertiefte die Kluft zwischen der serbischen und muslimischen Politik, in der die Agrarverhältnisse eine zentrale Rolle spielten. Das Kriegsgeschehen wurde von der Angst der Muslime begleitet, es könnte zu einer Lösung der Agrarfrage wie in Serbien und Montenegro kommen; da sie ein solches Schicksal im Fall einer der Niederlage und eines Rückzugs der Monarchie aus Bosnien-Flerzegowina befürchteten, wurde die Bindung der Muslime an die Monarchie noch stärker, da sie in ihr die einzige Schutzmacht sahen.51 Die politischen und militärischen Siege Serbiens in den Balkankriegen verstärkten die nationale Begeisterung und sorgten gleichzeitig für die Unterstützung der orthodoxen Bevölkerung in der Flabsburgermonarchie. Die Maßnahmen, die Österriech-Ungarn traf, zwangen den montenegrinischen König Nikola aus Angst vor einer österreichisch-ungarischen Intervention nachzugeben, so dass es in Montenegro teilweise zu einer Demobilisierung kam. Durch Anordnung der Landesregierung für Bosnien-Flerzegowina vom 15. Mai wurden dann die außerordentlichen Maßnahmen für beendet erklärt.52 Nach der Einschätzung politischer Organe der Monarchie führten die Balkankriege in Kroatien zu einer Festigung des serbisch-kroatischen Na- 60 Deutschmann, Wilhelm: Die militärischen Massnahmen in Oesterreich - Ungarn während der Balkankriege 1912/ 1913. Wien: Diss . (masch.) 1965, p. 20. 61 Weinwurm, Franz: FZM Oskar Potiorek. leben und Wirken als Chefder landesregierungfür Bosnien und der Herzegowina in Sarajevo 1911-1914. Wien: Diss. (masch.) 1964, p. 357. 62 Deutschmann 1965, p. 213f. <?page no="118"?> 118 Zijad Šehić tionalismus, der sich besonders bei der Jugend zum Irredentismus steigerte. Obwohl man auch von einer gewissen Unterstützung des jugoslawischen Programms sprechen konnte, hatte die offizielle serbische Politik hauptsächlich das Ziel, den serbischen Staat zu vergrößern und zu erweitern.53 Durch die Balkankriege wurde ein Teil der serbischen Aspirationen verwirklicht; Serbien bekam den erwünschten Teil des Osmanischen Reichs, aber seine Absichten gegen die Monarchie konnte es nicht Umsetzen. Daher wurden die Kroaten, Slowenen und Serben in der Monarchie als "nicht-befreite Brüder" bezeichnet; die Erfolge in den Balkankriegen wurden als Verwirklichung eines Teils des Plans angesehen, man glaubte dabei, dass Bosnien-Herzegowina als serbisches Land zur Gänze Serbien zufallen werde.54 Anfang 1914 erlebte die Militärindustrie in Belgrad einen Aufschwung, was ein Zeichen für die baldige Fortsetzung der Balkankriege war. Die Unterstützung kam vom österreichischen Bankierkapital; die Wiener Bodencreditanstalt beteiligte sich mit 20% an serbischen Rüstungsanleihen. Im Frühling 1914 sprangen die österreichischen und deutschen Waffen hersteiler für die französischen ein, da diese eine vereinbarte Lieferungen nach Serbien wegen Überlastung nicht mehr realisieren konnten: 200.000 Stück modernster Militärgewehre wurden im Frühling nach Belgrad geliefert.63*65 Im April 1914 traf General Potiorek als Landeschef von Bosnien Herzegowina einen Serben, der den Militärkreisen in Belgrad nahestand. Dieser äußerte, dass Serbien ein Jugoslawien gründen wolle, das die ganze Balkanhalbinsel umfassen würde - Bosnien, Herzegowina, Dalmatien, Istrien, Kroatien, Slawonien, einen Teil Ungarns, Krains, Kärntens und der Steiermark. Die Teilung würde so vollzogen werden, dass drei rein serbische Gebiete, ein kroatisches und ein slowenisches geschaffen würden. Die Regionen würden nach Konfessionen von einander abgegrenzt, so dass die Bevölkerung entsprechend umgesiedelt werden würde: 400.000 Katholiken aus Bosnien-Herzegowina würden nach Kroatien umgesiedelt, während die Serben aus der Lika und Slawonien (ca 20%) nach Bosnien-Herzegowina zögen. Dieses Angebot wurde noch durch die Warnung unterstrichen, dass es besser sei, eine Vereinbarung zu erzielen, bevor die Serben mit Kanonen bis nach Zagreb Vorstößen, und dazu würde es sicher kommen, denn alle Vorbereitungen wären schon getroffen worden. Der Balkanbund hatte das Ziel, diese Aufgabe auszuführen. Russland würde dadurch gehol- 63 Jelavich, Charles: Južnoslavenski nacionalizmi. Zagreb: Globus 1992, p. 47. 61 Optužnica, p. 96. 65 Wagner, Wilhelm J.: Der Große Bildatlas zur Geschichte Österreichs. Wien: Kremayr & Scheriau 1995, p. 182f. <?page no="119"?> DerTagi der die Welt veränderte 119 fen werden, dass die Serben ihre Mobilmachung ausrufen und damit Österreich-Ungarn zwingen würden, 500.000 Soldaten an die Südgrenze zu schicken, was den Verbündeten ermöglichen würde, erfolgreich zu kämpfen. Das sollte 1914 tatsächlich geschehen und Serbien damit sein Versprechen gegenüber Russland erfüllen.66 In diesem Plan sah Potiorek die Realisierung der Idee von "Großserbien", was sich aufseine im Dezember 1914 vorgetragenen Pläne einer Teilung Bosnien-Herzegowinas zwischen Ungarn und Österreich auswirkte.67 Nach den Manövern bei Tarčin am 26. und 27. Juni 1914, an denen sich die Truppen des XV. Sarajevo-Corps wie des XVI. Dubrovnik-Corps beteiligte, traf Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni, zum orthodoxen St.-Veits-Tag, in Sarajevo ein. Neben den Würdenträgern erwarteten ihn auch die Attentäter; die Sicherheitsmaßnahmen waren nicht ausreichend. Die Bombe, die Nedeljko Čabrinović warf, verfehlte ihr Ziel, doch der erste Schuss Gavrilo Princips traf Erzherzog Franz Ferdinand tödlich und der zweite, der eigentlich für den Fandeschef General Potiorek gedacht war, tötete Ferdinands Gatttin Sophie, die Herzogin von Hohenberg.68 Die Aussage von Đuro Šarac, die sein enger Freund Dušan Slavić verfasst und 1928 im Depot der Matica Srpska in Novi Sad hinterlegt hatte, war später im Archiv zugänglich und ermöglichte Vladimir Dedijer, die Frage der Organisation des Attentats von Sarajevo detaillierter zu analysieren. Hier wird erwähnt, wie beim Treffen vom 31. März 1914 in dem Kaffeehaus Moruna in Belgrad Šarac, Slavic und Ciganović vereinbarten, ein Attentat auf Franz Ferdinand zu verüben.69 Am nächsten Tag wurde die Geheimorganisation Tod oder Leben ("Smrt ili život") gegründet, deren Regeln Šarac im Einklang mit den Regeln der Gesellschaft Vereinigung oder Tod entwarf; ihre Hauptbestimmungen Iauteteten wie folgt: Die Oberste Leitung setzt sich aus sieben Mitgliedern zusammen, die, sobald sie ihre ihren Verpflichtungen zustimmen, ein geheimes Gelöbnis ablegen, dass die das Geheimnis der Organisation Tod oder Leben nicht verraten werden, nicht dem Bruder, nicht dem Freund, nicht dem Vater oder der Mutter, der Schwester oder der Geliebten, keinem Lebewesen. Nach dem Gelöbnis 66 Šehić, Zijad: Atentat, mobilizacija, rat. In: Prilozi 34 (2005), pp. 23-38 cit. 24. Über den Plan einer Teilung Bosnien-Herzegowinas im Dezember 1914 siehe ausführlicher: Šehić, Zijad.: LajosThaIIoczy über die Ereignisse in Bosnien-Herzegowina nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914" In: In: Juzbašić, Dževad / Reiss, Imre (Hg.): Lajos Thallöczy, der Historiker und Politiker. Die Entdeckung der Vergangenheit von Bosnien-Herzegowina und die moderne Geschichtswissenschaft. Budapest, Sarajevo: Verlag der Akad. der Wiss. 2010. 67 Staatsarchiv Wien, Abt. Kriegsarchiv (KA-W), Nachl. Potiorek, B. 1503, Karton 5, Doc. 31, Poborek an Bilinski, 22.04.1914. 68 Tomac, Petar: Prvi svetski rat. Beograd: Vojnoizdavački zavod 1968, p. 11. 69 Dedijer 1966, p. 476. <?page no="120"?> 120 Zijad Šehić ist jeder "Geist" verpflichtet, eigenhändig die Erklärung zu schreiben, dass er sich selbst umbringen wird, aus welchen Gründen auch immer. Diesen Brief wird der Altmeister der Organisation an einem geheimen Ort aufbewahren. Die ausführenden Mitglieder, die Kosovo-Rächer genannt werden, schwören neben dem Gelöbnis, das auch die Geister ablegen, noch zusätzlich: Alle Befehle des Geisterrats werde ich gewissenhaft ausführen, auch wenn es mich mein Leben kostet. In die Organisation Tod oder Leben können nur Serben aus Bosnien-Herzegowina aufgenommen werden, von denen der Altmeister die Überzeugung gewonnen hat, dass sie ehrlich sind und zur Trunksucht nicht neigen.70 Obwohl in der Darstellung einige Ungenauigkeiten enthalten sind, ist es unbestreitbar, dass das Attentat auf Franz Ferdinand von der Organisation Tod oder Leben organisiert wurde, deren Regeln im Einklang mit den Regeln der Organisation Vereinigung oder Tod stand. In seiner Kritik dieser die Einschätzung Dedijers, führt Cvetko Popovic in seinem Buch über das Attentat von Sarajevo einige Fakten an, die sich überhaupt nicht auf die betreffende Thematik beziehen, so dass sich sein Relativierungsversuch als misslungen erweisen dürfte.71 Sechzehn Jahre nach dem Attentat von Sarajevo enthält der Expertenbericht von Roderich Gooß Das österreichisch-serbische Problem bis 1914 folgende hier zusammengefasste Behauptungen: Man ging von dem Geständnis der Verschwörer aus, die in zwei Gruppen geteilt waren: Princip, Čubrinović und Grabež, die in Belgrad eine Einigung über das Attentat erzielt hatten, sowie llić, Vaso Čubrilović, Popović und Mehmedbašić, die sich nachträglich, unter der Führung von llić der Verschwörung anschlossen. Sie widersprachen der Ansicht, dass die Idee von Attentat von außerhalb gekommen war, und behaupteten, sie wollten m it dem Thronfolger einen gefährlichen Gegner der Serben beseitigen.72 Im Herbst 1913 beschloss Oberst Dimitrijević die Ermordung des Thronfolgers. Den Mord sollte die Organisation Vereinigung oder Tod verüben. Im November 1913 kam Čabrinović nach Belgrad, wo er nach dem Gespräch m it Dn Orlić die Entscheidung traf, Franz Ferdinand zu töten. Dimitrijević gab Ende November oder Anfang Dezember 1913 Major Tankosić die Anweisung, diesen Plan umzusetzen. Daraufhin schrieb Tankosić an Gaćinović nach Lausanne, er solle m it seinen Leuten über das Attentat reden. Zu diesem Zweck berief 70 Ibid., p. 481. 71 Popović, Dj. Cvetko: Oko Sarajevskog atentata. Sarajevo: Svjetlost 1969, p. 116f. 72 Gooß, Roderich: Das österreichisch-serbische Problem bis zur Kriegserklärung Österreich-Ungarns, 28. Juli 1914. In: Das W erk des Untersuchungsauschusses der Verfassunggebenden Dt. Nationalversammlung, und des Dt. Reichstages 1919-19130. Reihe 1: Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs. Berlin 1930, p. 198f. <?page no="121"?> DerTag, der die Welt veränderte 121 Gaćinović im Dezember 1913 verlässliche Leute wie Mustafa Golubić, Muhamed Mehmedbašić, Pavle Bastajić und Jovan Živanović nach Toulouse ein. Die Gespräche wurden Mitte Januar 1914 geführt; Bastajić und Živanović waren nicht dabei. Es wurde beschlossen, dass das Attentat auf den Thronfolger verübt werden soll. Ende Januar oder Anfang Februar wurden Ilić und Princip über Mehmedbašić und einen Briefvon Gaćinović mit dem Attentatsplan bekanntgemacht. Der ursprüngliche Plan, der vorsah, dass die Attentäter nach Lausanne fahren und sich dort mit dem Plan vertraut machen, wurde geändert und man beschloss, dass sie weitere Instruktionen in Belgrad bei Tankosić bekommen sollten. Ende Februar oder Anfang März 1914 reiste Princip nach Belgrad, wo ihm Tankosić erklärte, dass seine und llićs Reise nach Lausanne nicht notwendig sei und dass sie sogleich ihre Vorbereitungen für das Attentat aufnehmen sollen. Im März 1914 trat Princip in Verbindung m it Čabrinović und Grabež und erwirkte ihre Beteiligung am Attentat. Ilić warb die übrigen Attentäter in Bosnien an. Der Plan des Attentats nahm eine feste Form an, als die Nachricht veröffentlicht wurde, dass in Bosnien-Herzegowina Militärmanöver stattfinden würden, llićs Kreis in Sarajevo schickte einen Zeitungsausschnitt nach Belgrad, der die Nachricht über die Manöver enthielt als Anregung zur Ausführung des Attentats. Im Mai wurden zwischen Tankosić, Ciganović, Princip, Čabrinović und Grabež Einzelheiten geklärt. Dann ging man zur Beschaffung der Waffen über. Dass sich die Verschwörung so abgespielt haben musste, resümierte Dr. Wiesnernach den Erklärungen und Äußerungen von Jevtić, Stanojević, Wendel, und Seton-Watsona, m it der Anmerkung, dass in der Chronologie noch einige nebensächliche Tatsachen auftauchen könnten, dass jedoch die wesentliche Fakten über jeden Zweifel erhaben seien.73 Die Ermittlung, die in Sarajevo gegen die Beteiligten am Attentat geführt wurde, offenbarte die Tiefe der Kluft im Bildungs- und Schulsystem in Bosnien-Herzegowina und die Ausmaße der Jugendbewegung, die die österreichisch-ungarische Herrschaft in Frage stellte. Die österreichisch-ungarischen Behörden führten Ermittlungen durch, verhafteten verdächtige Mittelschüler und strengten Gerichtsverfahren gegen sie an. Nach Auffassung der österreichisch-ungarischen Zentralbehörden kam es in den Mittelschulen in Bosnien-Herzegowina zu einer Krise, zum Nachlassen der Disziplin und zu Auseinandersetzungen zwischen Schülern.74 Da sich die Zwischenfälle in der Schuljugend mehrten, erwiesen sich außerordentliche Maßnahmen als unabdingbar. Es wurde festgestellt, dass die 73 Ibid., p. 199. 74 Kapidžić, Hamdija: Austrougarske centralne vlasti i omladinski pokret u Bosni i Hercegovini neposredno poslije sarajevskog atentata. In: Glasnik arhiva i Društva arhivskih radnika BiH, IV-V (1965), p. 398. <?page no="122"?> 122 Zijad Šehić Zwischenfälle, von feindlichen Elementen angestiftet, sich hauptsächlich gegen die loyalen Elemente in Schulorganen richteten.75 Das Militärkommando in Mostar kam zu der Einschätzung, dass die serbenfreundliche Propaganda, die früher durch drakonische Maßnahmen beseitigt wurde, nach der Mobilmachung wieder in vollem Gange sei. Als Beleg für diese Behauptung diente das Senden von Lichtsignalen an die serbische und montenegrinische Armee, wie auch die Stimmung der serbisch-orthodoxen Bevölkerung, die ihre Freude auch nach geringsten Misserfolgen der österreichisch-ungarischen Soldaten offen an den Tag legte. Infolge dessen forderte das Militärkommando Präventivmaßnahmen in in einem größeren Umfang.7677 Fünfzehn Tage vor seiner Absetzung, am 15. Dezember, rechtfertigte General Potiorek in einem Bericht für das Gemeinsame Finanzministerium die scharfen Maßnahmen, die in Bosnien-Herzegowina nach dem Attentat von Sarajevo getroffen wurden. Er stellte fest, dass es nach den Erkenntnissen der letzten Monate durchaus gelungen sei, die Mehrheit der serbisch-orthodoxen Bevölkerung für die serbische Staatsidee zu gewinnen; er merkte an, dass die beobachteten Phänomene im Verwaltungsgebiet nicht nur bei einigen exaltierten Politikern anzutreffen seien, sondern dass der umstürzlerische Geist in bisher ungeahnten Ausmaßen alle Schichten der Bevölkerung erfasst habe. Der größere Teil der Geistlichen, der Lehrer in den Konfessionsschulen und der Intelligenz in freien Berufen wie auch der Stadtwirte wären von diesem Geist infiziert und dieser verbreite sich vielfach auch unter Landesbeamten und -angestellten aller Kategorien, trotz ihres Amtseides. Die konservative und loyale Bevölkerung wäre von dieser irredentistischen Bewegung verführt worden und lief im Grenzgebiet m it Waffen zur serbischen Armee über. Nach Potioreks Meinung zeigte der Prozess gegen die Attentäter, dass Serbien die nationale Leidenschaft bei den bosnisch-herzegowinischen Serben und ihre größenwahnsinnigen Aspirationen angestachtelt habe. Er beschuldigte den Slawischen Süden (Slavenski jug), aus dem die Narodna odbrana hevorgegangen ist, alle Kulturinstitutionen zum Werkzeug ihres politischen Zieles gemacht zu haben. Als Hauptgrund für das Erstarken des serbischen Nationalismus nannte Potiorek die Nachgiebigkeit gegenüber den früheren Forderungen der Serben, insbesondere nach dem Ende der Bürgerbewegung für die kirchlich-schulische Selbstverwaltung. Die Genehmigung der Satzung über 75 ABH, ZMF, Präs. BH 1914,1078. Entwurfeines Gesetzes womit die Bestimmungen des zweiten Hauptstückes des dritten Teiles des Strafgesetzes ergänzt werden. Zemaljska vlada za Bosnu i Hercegovinu Zajedničkom ministarstvu finansija, Sarajevo, 26. 07 1914. 77 ABH, ZMF, Präs. BH, 1914, 1.996. Milit. Komando Mostar, 1 9 .1 1 .1 9 1 4 . Zemaljska vlada Zajedničkom ministarstvu finansija, Sarajevo, 29 .11. 1914. <?page no="123"?> Der Tag, der die Welt veränderte 123 die kirchlich-schulische Autonomie schätzte er als einen fatalen Fehler der Verwaltung ein, denn dies hätte zur Errichtung einer Nationalkirche und schule geführt, wie auch das Bewusstsein bei den Serben geschaffen, dass sie keine Bosnier orthodoxen Glaubens und Angehörigen der Monarchie mehr seien, sondern ein eigenes, privilegiertes Element, das sich im Recht wähnte, einen Anspruch auf separatistische Aspirationen erheben zu dürfen, wom it eine geeignete Plattform für subversive Tätigkeiten geschaffen worden wäre.77 Die Interpretation der Geschichte des Ersten Weltkriegs im Rahmen des jugoslawischen Staates wurde bis zu äußersten Grenzen instrumentalisiert, m it schrecklichen Folgen in den Krisenzeiten. Es stellt sich die Frage, wo die Wurzel dieser Interpretationen liegt. Eine Teilantwort gibt uns die folgende Tatsache: Neben sozialen Momenten hatte im Zusammenspiel der Faktoren, die die Zustände in der Monarchie 1918 komplizierten, auch die Propaganda der Entente einen wichtigen Stellenwert. Nach dem Projekt einer internationalen Propagandakommission wurden am Kongress der Völker der österreichisch-ungarischen Monarchie, der vom 8. bis zum 10. April 1918 in Rom stattfand, Beschlüsse über die Verbreitung von Propaganda unter den österreichisch-ungarischen Truppen getroffen, wie auch über die Entsendung von Pazifisten und Defätisten, die im Stande wären, die Öffentlichkeit zu beeinflussen; es sollten auch verschiedene Komitees in Paris und London wie auch die nationalistische Agitation in der Flabsburgermonarchie unterstützt werden.7778 Die jugoslawische Sektion der Kommission sollte die ethnische und sprachliche Einheit der Jugoslawen, die Korfu-Deklaration und die Schaffung eines südslawischen Staates propagieren; es sollte über Flochverratsprozesse, jugoslawische Opfer der deutschen Ambitionen, Verbrechen der österreichisch-ungarischen Behörden geschrieben werden etc.79 Gerade diese Themen wurden später auch von der Geschichtswissenschaft aufgegriffen, während andere nur fragmentarisch berührt wurden. Ein Produkt dieser Absichten war auch das Werk von Vladimir Ćorovićs unter dem Titel Crna knjiga (Das Schwarzbuch), das bis in die neueste Zeit bedenkliche Folgen zeitigen sollte. Es wurde 1989 wieder veröffentlicht, als es darauf ankam, die Nation zu homogenisieren, um bestimmte politische Ziele zu erreichen; und auch ohne diese Dimension war das Buch die Flauptquelle für zahlreiche andere Werke, die sich mit dieser Problematik 77 ABH, ZMF, Präs. BH 1994,1914, Izvještaj šefa Zemaljske vlade Zajedničkom ministarstvu finansija, Sarajevo, 1 5 .1 2 .1 9 1 4 . 78 Hrabak, Bogumil: Jugoslovenizarobljenici u Italiji i njihovo dobrovoljačko pitanje 1915-1918. godine, Novi Sad: Filozofskifakultet 1980, p. 166. 79 Ibid., p. 167. <?page no="124"?> 124 Zijad Šehić auseinandersetzten.80 Darüber hinaus diente es als Hauptquelle für zahlreiche Presseberichte, die einen Schlüsselfaktor in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung bildeten. Der überwiegende Teil der bosnisch-herzegowinischen, jugoslawischen und auch der andersprachigen Literatur über das Attentat von Sarajevo geht davon aus, dass die Täter und Hintermänner Mitglieder der Organisation Junges Bosnien waren. Der Begriff "Junges Bosnien" kam erst nach Ende des Ersten Weltkriegs in Gebrauch, vor allem aus ideologischen Gründen, um zu zeigen, wie positiv das Attentat die Schaffung des jugoslawischen Staates beeinflusst habe. Aber es gab auch andere Ansichten. Veselin Masleša war der Meinung, dass es sich eigentlich um ein "serbisches Junges Bosnien" handle, was an einigen Stellen in seinem Werk mehr oder weniger offen zur Sprache kommt.81 Die Einführung einer Auszeichnung in der Republika Srpska, die Tapferkeits-Gold- und Silbermedaille "Gavrilo Princip" kann als Beleg dafür dienen, wie richtig Masleša den Charakter dieser Bewegung eingeschätzt hat. Außerdem zeugen fünf Gedenktafeln für die Attentäter, von denen ein Teil in Museen erhalten ist, von der Wahrnehmungsgeschichte des Attentats von Sarajevo. Das "Sühne"-Denkmal für Ferdinand und Sophie, das man offiziell am 28. Juni 1917 eingeweiht hatte, wurde nach Ende des Ersten Weltkriegs entfernt.82 Übersetzt von Vahidin Preljević und Naser Šečerović 80 Ćorović, Vladimir: Crna knjiga. Patnje Srba Bosne i Hercegovine za vreme svetskog rata 1914-1918. Beograd: Đurđević 1920; Beatović, Đ o rđ e / Mićunović, Dragoljub: Veleizdajnički procesi Srbima u Austro-Ugarskoj. Beograd: Književne novine 1989; Banjanin, Jovan: Južni Sloveni u Austrougarskoj i rat. Beograd: Književne novine 1989. 81 Popović, 1969, p. 226. 8; Ibid., pp. 239ff. <?page no="125"?> D ž e m a l S o k o l o v i ć ( B e r g e n ) Sarajevo 1 9 1 4 - Ursachen und Folgen Attentat, Kriege, Nationalismen The approaches to Sarajevo Assassination are controversial. Historiography apparently is not the only one responsible and not quite sufficient to ensure an impartial explanation. This article reaches out for an answer in socio-political theory. The purpose of defining accurate causes for this particular event is to identify far-reaching consequences stretching up to our age. This more fundamental approach, unlike historiography, is looking for causes and consequences in a wider European context. While historiography points to Serbia and Austro-Hungary as being responsible for the Great War, the starting hypothesis here is that Sarajevo 1914, as well as the FirstWorId Warand further developments, are the consequences of fundamental conflict having taken place in the political theater of Europe: the clash between two irreconcilable political concepts-the nation state and multi-ethnic (and/ or civil) state. The Balkan wars, the "Eastern Question", the Young Turkish revolution, the occupation and annexation of Bosnia, the Berlin Congress 1878 are only immediate causes of the Sarajevo event. Therefore, only the cleavage dividing Europe, i.e. the conflict between the emerging nation states and the old multiethnic empires can provide a clear response to the question of all consequences of the Shots of Sarajevo: WWI, the creation of Yugoslavia as a triple-nation state, the dismemberment of Yugoslavia and other multi-ethnic states, up to the formation of Bosnia as a triple nation-state as well. Thus the Shots of Sarajevo shots have not only long history in the past but are echoing up to present 0. Einleitung Was eine Sache bestimmt, egal welche, also auch ein Ereignis, sind die Ursachen auf der einen sowie ihre Folgen auf der anderen Seite. Das Sarajevoer Attentat im Jahr 1914 kann nur dann verstanden werden, wenn man auch die letzten und tiefsten Ursachen dieses Ereignisses entdecken und wenn wir seine weitreichenden Folgen feststellen. Die Schüsse von Gavrilo Princip und die Ermordung Franz Ferdinands, des Thronfolgers der österreichisch-ungarischen Monarchie, und dessen Frau Sophie, lösen jedoch bereits seit hundert Jahren verschiedene, kontroverse und widersprüchliche Deutungen aus. Wenn die im ersten Satz aufgestellte Prämisse richtig ist, dann liegt der einzige Grund für die verschiedenen Interpretationen dieses Ereignisses, sowohl in der Wissenschaft als auch <?page no="126"?> 126 Džema I Sokolović in der Politik, in den verschiedenen Wahrnehmungen der Ursachen und Gründe dieses Ereignisses. Die Geschichtsschreibung ist besessen von der Frage, ob das Attentat von Sarajevo die Ursache des Ersten Weltkriegs oder ob er nur ein w illkommener Anlass für seinen Beginn war. Fügt man dem die ideologischen Neigungen der Geschichtswissenschaft hinzu, dann ist das Einzige, was die sie in Abhängigkeit von ihrem jeweiligen Standpunkt bieten kann, dass die Ursache des Großen Kriegs Serbien und dessen territoriale Aspirationen in Bosnien-Flerzegowina bzw. Österreich-Ungarn und seine militaristische Arroganz hinsichtlich serbischer Eroberungsambitionen war. Die Geschichtsschreibung bietet also zwei unwiderlegbare Tatsachen: Erstens stand Serbien hinter dem Attentat in Sarajevo, und zweitens erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Die sozialpolitische Theoriejedoch geht von einem viel weiteren Kontext aus: davon, was sich hinter diesem Ereignis befand und, vielleicht in einem höheren Maße, davon, wie sehr dieses Ereignis für die zeitgenössische Entwicklung der politisch-sozialen Wirklichkeit relevant und indikativ ist. M it anderen Worten, die sozialpolitische Theorie sucht nach weit in der Vergangenheit liegenden Ursachen, und die Folgen sind für sie noch heute lebendig. Wenn wir uns dem Attentat induktiv nähern, sehen wir, da es offensichtlich ist, dass ein Mensch getötet wurde, weil ihn ein anderer Mensch hasste. Aber bereits auf dieser Ebene ist es schwer zu akzeptieren, dass der Flass eines Menschen den Tod von 17 Millionen Menschen verursacht hat. Der Flass, wegen dem Millionen von Menschen, auch weitab von Sarajevo, Bosnien und dem Balkan, getötet wurden, muss, auch wenn wir auf der sozial-psychologischen Ebene bleiben, älter als Princips Flass und kollektiv gewesen sein.1Wenn der Mord in Sarajevo die Bedeutung einer Ursache von solch radikalen späteren Entwicklungen hätte, könnten wir daraus schließen, dass das Attentat in Sarajevo ein Ereignis sui generis war, also eine Erscheinung ohne Ursachen, oder zumindest eine Erscheinung ohne Ursachen in einem weiteren Kontext. Das ist natürlich nicht der Fall. Daher ist die Deduktion die einzige Methode, mit der man zu einer Antwort auf die Frage der wahren Natur des Anschlags von Sarajevo gelangen kann. Bis Sarajevo kann man also nur kommen, wenn man von einer allgemeinen Ursache ausgeht. Flinter den unmittelbaren Ursachen der Schüsse von Sarajevo, die auf jeden Fall sowohl in Serbien als auch in Österreich-Ungarn gefunden werden können, stehen die wahren, tieferen und radikale- 1 Und als würde er jemals aufhören: "If irritations with the US were powerful, they paled into insignificance behind the wave of Germanophobia the war in Bosnia unleashed among some MPs." (Simms, Brendan: Unfinest Hour, Britain and the Destruction of Bosnia. London: Allen Lane/ Penguin 2001, p. 281) <?page no="127"?> Attentat, Kriege, Nationalismen 127 ren Ursachen. Die Ursachen des Attentats müssen weitab von Sarajevo, ja sogar von Wien gesucht werden. Nur unter der Bedingung ihrer Entdeckung wird es möglich sein, auch die wahren, d.h. viel weiteren, viel tieferen Ursachen, sowie die Folgen, die ohne Aussicht, bald aufzuhören, heute noch andauern, zu entdecken. Die Entdeckung der allgemeinen Ursache wird uns dabei helfen, dass auch der Erste Weltkrieg nicht die endgültige Folge war und dass das Echo dieser Schüsse in Sarajevo, in Bosnien, auf dem Balkan, aber auch europaweit noch immer gehört werden kann. Man muss nur Ohren haben, die in der Lage sind, politischen Ultraschall zu hören. Unser Standpunkt zu den Ursachen und Folgen des Attentats von Sarajevo ist von unserer theoretischen, wenn auch sehr radikalen Hypothese bestimmt. Das Attentat von Sarajevo ist die Folge des unversöhnlichen Konflikts zwischen zwei theoretisch-politischen Konzepten: dem nationalen und dem multiethnischen Staat bzw. der multiethnischen Gesellschaft. Dieser Konflikt erschüttert bereits seit zwei Jahrhunderten die politische Szene Europas. Die Hypothese, mag sie noch so vage, abstrakt und theoretisierend klingen, kann ihre Bestätigung sowohl in den Ursachen als auch in den Folgen dieses tragischen Ereignisses finden. Diese führen uns zwingend zur endgültigen Antwort: Nationalismus stand hinter den Schüssen eines jungen Mannes, dessen Hand vom Fanatismus eines im Entstehen begriffenen Nationalstaates geführt wurde, und hinter der Ermordung eines Mannes, der den Thron eines aristokratischen europäischen Staates und seiner multiethnischen Gesellschaft hätte besteigen sollen. In diesem Sinne sollte man auch die Worte von Clemens Ruthner auffassen, wenn er behauptet, dass Gavrilo Princip sowohl Täter als auch Opfer der Umstände ("victim of circumstances") war. Das W ort "Umstände" gefällt mir besonders, weil es nichts - und alles bedeutet.2 In diesem Wort, gerade weil es alle Ursachen umspannt, befindet sich der Schlüssel des Sarajevoer Attentat genannten Rätsels. Um seine volle Bedeutung zu haben, muss das W ort "Umstände" genauer bestimmt werden. I. Der politische Schauplatz Europas: nationaler vs. multiethnischer Staat Die Französische Revolution 1789 weckte die Hoffnung auf die Möglichkeit einer bürgerlichen Gesellschaft und eines bürgerlichen Staates in Europa. Die verführerischen Worte Iiberte, fraternite, egalite begeister- 2 Siehe: C. Ruthner: 'Princip u isto vrijeme i počinilac zločina i žrtva okolnosti.' In: Vijesti, 27.06.2014, http: / / www.vijesti.ba/ vijesti/ bih/ 224334-Ruthner-Princip-isto-vrijeme-pocinilac-zlocina-zrtva-okolnosti.html. <?page no="128"?> 128 Džemal Sokolović ten auch G. W. F. Hegel, denn er war überzeugt, dass seine Ideen zur bürgerlichen Gesellschaft, deren Fundament das Individuum darstellt, sich endlich zu verwirklichen begonnen haben. Die Begeisterung währte gedoch nicht lange und wurde von einer tiefen Enttäuschung abgelöst: 3 Anstelle des Friedens, der Brüderlichkeit und der Gleichheit kam etwas Anderes. Das, was das bürgerliche Frankreich Europa angeboten hatte, verwandelte sich bald in eine Zeit des Terrors, der Napoleonischen Kriege und des Nationalismus. A u fd e r politischen Ebene sollte der aristokratisch-theokratische Staat vom Nationalstaat abgelöst werden. Die politische Form, die diesen Wechsel hätte sichern sollen, war die Demokratie. Dies konnte nur auf zweierlei Arten bewerkstelligt werden: 1. Entweder durch die Auslöschung der ethnischen Vielfältigkeit durch die repressive Einrichtung einer nationalen Einheitlichkeit; 2. Oder durch den Zerfall der aristokratisch-theokratischen Staaten entlang ihrer ethnischen Nähte, und zwar durch aggressive, sezessionistische, alias Befreiungsbewegungen, die jedoch auch mit einer repressiven Antwort des zentralistischen Staates rechnen mussten. Auf beide Arten käme die Errichtung des Nationalstaates in einen ernsthaften Konflikt m it dem Grundprinzip der Demokratie, die auf dem Bürger, d. h. Individuum gegründet ist und nicht auf irgendeiner Kollektivität, also auch nicht der nationalen. Zuerst Frankreich, das Vereinigte Königreich und später dann Deutschland stehen paradigmatisch für die erste, und die Habsburger Monarchie und das Osmanische Reich für die zweite Art der Errichtung eines Nationalstaates. Im Grunde standen sowohl die alte Türkei als auch Österreich-Ungarn der Realisierung dieses politischen Prinzips eines modernen Europa im Wege und wurden als anachronistisch und dekadent aufgefasst. Die restlichen Staaten, einschließlich der Balkanstaaten, folgten diesem Trend nur und entwickelten eigene spezifische Richtungen bei der Errichtung von Nationalidentitäten, d. h. bei der Ausmerzung von ethnischer Vielfältigkeit und beim Bau von Nationalstaaten. Hiermit soll natürlich nicht gesagt werden, dass der Nationalismus ein französisches Phänomen ist.4 Noch weniger, dass der konzeptuelle politische Konflikt zwischen einem nationalen und einem multiethnischen Hegel, Georg W. F: Werke in 20 Bänden mit Registerband. Bd. 7: Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Hg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel. Frankfurt/ M.: Suhrkamp 2004s (stw 607). s Aberes soll gesagt werden, dass der französische Nabonalismus das Paradigma des europäischen ist, genauso wie Ernest Renan (und sein Arbkel Qu'est-ce qu'une nation? vonl882) das Paradigma der europäischen Theorie der Nabon. Sogar in der Bretagne, will der Arme uns ein reden, die Zugehörigkeit zu einer Nabon sagen w ir einmal der französischen fuße auf dem freien Willen ihrer Einwohn er fußt. Vgl. BaIakrish na n, Gopal (Hg.): Mapping the Nabon. Introducbon by Benedict Anderson. London, New York: Verso & New Left Review 1996. <?page no="129"?> Attentat, Kriege, Nationalismen 129 Staat auf einen Konflikt zwischen Staaten beschränkt ist. Der Konflikt trug sich auch, und trägt sich noch immer, innerhalb von Staaten zu, sowohl denjenigen m it ausgesprochen multiethnischen Gesellschaften als auch denjenigen mit einer dominant monoethnischen Gesellschaft, der für ein Zusammenleben m it anderen innerhalb eines gemeinsamen m ultiethnischen Staates, und einen zweiten, der für eine politische Abgrenzung von den anderen oder deren Assimilation ist. Schlussendlich verläuft die Grenze, die diese zwei politischen Konzepte trennt, häufig durch jeden einzelnen von uns, und spaltet uns in einen Bosnier und einen bosnischen Nationalisten, einen Serben und einen serbischen Nationalisten, einen Österreicher und einen österreichischen Nationalisten. Der Nationalismus ist zwar ein soziales, aber auch ein anthropologisches Phänomen, und nur die Umstände (! ) bestimmen, wann er eskalieren und an die Oberfläche gelangen wird. Der Nationalstaat ist demnach zwar ein Spiegelbild des Gesellschaftszustands, aber er ist auch ein anthropologisches Resultat, also ein Spiegelbild des Bewusstseins, der Moral und des Geistes eines jeden einzelnen Mitglieds der Gesellschaft. II. Die Ursachen des Attentats von Sarajevo Warum ist es wichtig, die Ursachen des Attentats von Sarajevo festzustellen? Vor allem deswegen, weil wir nur dadurch die wahre Natur dieses Ereignisses enthüllen können. Aber die exakte Feststellung der Ursache ist auch wegen der exakten Feststellung der Folgen notwendig. Aufgrund dessen wird es möglich sein zu sehen, dass diese Folgen auch heute noch fortdauern. Deswegen brauchen wir neben der Geschichtsschreibung auch die sozial-politische Theorie. Die Offenlegung der Vergangenheit hat die Enthüllung der Wahrheit dieses Moments zum Zweck, dessen, was mit uns hier und jetzt passiert. Daher ist es nicht prätentiös zu sagen, dass die Theorie im Grunde auf die zukünftige Entwicklung hinweisen möchte. 1. Die unmittelbaren Ursachen des Attentats von Sarajevo: Die Balkankriege Die unmittelbare Ursache des Attentats von Sarajevo waren die Balkankriege. Dies impliziert angesichts der anfangs aufgestellten Flypothese, dass auch die Balkankriege eine Folge des Konflikts zweier politischer Konzepte waren: des nationalen und des multiethnischen Staates. Der Erste Balkankrieg begann m it dem Angriff Bulgariens, Montenegros, <?page no="130"?> 130 Džema I Sokolović Griechenlands, Rumäniens und Serbiens auf die Türkei. (Alle diese Staaten waren Nationalstaaten, jedoch nicht aristokratisch, auch wenn an ihrer Spitze Könige standen.) Der Konflikt sollte hypokritisch als ein zivilisatorischer Konflikt dargestellt werden, ja, es sollte ein Krieg für die Befreiung der christlichen und slawischen Brüder sein. Der Krieg der kleinen, kürzlich entstandenen balkanischen orthodoxen Staaten gegen die muslimische Türkei sollte damit a priori die Huntingtonsche 'These' von der zivilisatorischen Unverträglichkeit bestätigen. Das erste und unm ittelbare Hindernis für das Prinzip des Nationalstaates ist auf jeden Fall die kulturelle Vielfalt; es mussten erst einmal die zivilisatorisch Distinktiven beiseite geschafft werden. Dies erklärt die wohlwollende Haltung der europäischen Staaten zu den territorialen Ansprüchen der Balkanstaaten, aber auch die tolerante Haltung zu den Verbrechen, die diese Staaten vor allem auf dem Gebiet Albaniens und im Kampf um Adrianopel verübt hatten. Davon zeugt The Report o f the International Commission to Inquire into the Causes and Conduct o f the Balkan Wars, der von einer unabhängigen internationalen Kommission zusammengestellt als ein Dokument des Carnagie Endowment for International Peace in Washington 1914 veröffentlicht w urde.5 Aus diesem Grund wurde die "Orientfrage", d.h. die Frage des Fortbestands der Türkei in Europa erfunden.6 Es sollte im Grunde bewiesen werden, dass die einzige Europa trennende Linie die zivilisatorische ist, also die Linie zwischen der europäischen Türkei und dem Rest des Kontinents. Dadurch wollte Europa verschleiern, dass es auch durch zahlreiche andere Nähte, Klüfte und Risse gespalten ist; der Westfälische Frieden hatte nur die tiefste Kluft verdeckt. Neben der "östlichen" existierte bereits damals auch die Frage der Kluft zwischen Europa und dem europäischen, dazu auch christlichen Russland, zwischen "Europa" und Osteuropa, zwischen Westeuropa und Mitteleuropa, zwischen dem "richtigen", modernen, westlichen Europa und dem Europa der "drei Kaiser", und es existierte auch der eben erst zugeheilte Riss zwischen dem napoleonischen Frankreich und Europa. All dies sollte durch die "tiefste" Europa spaltende Kluft die erfundene "Orientfrage" verdrängt werden. Die Grundlage all dieser Teilungen war die Spaltung Europas in zwei Konzepte: in das moderne 5 Siehe: (http: / / archive.org/ details/ reportofinternatOOinteuoft). 6 Die "Orientfrage", d.h. die Frage des muslimischen Osmanischen Reiches in Europa, ist nur die konsequente Anwendung der Errungenschaften des Westfälischen Friedens, der die konfessionelle Toleranz zwischen den Staaten, jedoch nicht innerhalb der Staaten ermöglicht hatte. Das Osmanische Reich sollte sich mit Europas "Errungenschaft" abfinden, wonach der Staat sich mit den konfessionellen in diesem Fall: islamischen- Grenzen - oder vice versa decken sollte. <?page no="131"?> Attentat, Kriege, Nationalismen 131 Europa der Nationalstaaten und die anachronistischen, aristokratischen Staaten von Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Die Balkankriege waren zwar die unmittelbare Ursache des Attentats von Sarajevo, der Schüsse eines Nationalisten auf einen Aristokraten, aber auch eine Folge genau dieser fundamentalen Spaltung Europas. Konnten die Balkankriege also mit einer gewissen Dosis Legitimität rechnen? Vor meiner Antwort werde ich zwei Hypothesen aufstellen, die Sie entweder bestätigen oder verwerfen werden. 1. Die Balkankriege waren Kriege für die Befreiung der Balkanvölker, vor allem also der südslawischen, von der osmanischen Herrschaft. Aber die Balkankriege waren auch -Verbrechen, also eine Folge der Freiheit in ihrer negativen Gestalt. 2. Die Balkankriege waren gegen die osmanische Herrschaft und den osmanischen Staat gerichtet, die als eine Okkupationsherrschaft wahrgenommen und dargestellt wurden. Aber die Balkankriege endeten doch in neuen Okkupationen, endeten also in einer Freiheit, welche die Gewinnerstaaten der Türkei vorenthielten. Diese beiden Hypothesen werfen die Frage nach der Legitimität der Balkankriege auf. Die Legitimität der Balkankriege hängt jedoch nicht nur von davon ab, ob diese Hypothesen bestätigt werden, sondern auch vom endgültigen Ausgang dieser Kriege: Ob nämlich der Balkan ohne die Türken zu etwas Besserem geworden ist? Diese Frage enthält im Grunde die Quintessenz einer anderen Frage, welche bereits seit 200 Jahren die Aufmerksamkeit der europäischen Öffentlichkeit auf sich zieht und ein Dilemma der europäischen Staatsmänner ist. Nach den Worten von L.S. Stavrianos: "Sie gaben die Degeneration des Osmanischen Reiches zu, aber auf die Frage, was stattdessen kommen sollte, konnten sie keine Antwort geben. Dies ist der Kern dessen, was später als "Orientfrage" bekannt werden sollte."7 Die Antwort auf die oben gestellte Frage hängt also davon ab, was das Osmanische Reich abgelöst hat. Vor dieser Ungewissheit warnte Jahrzehnte zuvor der russische Botschafter in Istanbul Nikolai Ignatjew, ein guter Kenner der Situation auf dem Balkan und im Osmanischen Reich zur Zeit der Gründung des ersten Balkanbundes (1860). Er warnte prophetisch davor, dass "nichts Stabiles auf der Balkanhalbinsel aufgebaut werden wird, bevor viele Jahre vergangen sein werden."8Viele Jahre sind vergangen und seine Worte klingen immer noch prophetisch. 7 Stavrianos, Leften Stavros: The Balkans since 1453. London: Hurst & Co. 2000, p. 286f. 8 Ibid., p. 535 (Wie alle anderen Zitate vom Übersetzer des Beitrags ins Deutsche übertragen.). <?page no="132"?> 132 Džemal Sokolović 2. Die Ursachen der Balkankriege: die sogenannte "Orientfrage" Bevor wir etwas mehr über die sogenannte "Orientfrage" als Ursache der Balkankriege, also auch des Attentats von Sarajevo und der späteren Entwicklung sagen, möchte ich einige Ereignisse anführen, von denen ich denke, dass sie unmittelbar zu den Balkankriegen geführt haben. Das ist die Jungtürkische Revolution, die Okkupation und Annexion von Bosnien-Herzegowina sowie natürlich der Berliner Kongress. 2.1. Die Jungtürkische Revolution - Nationalstaat Türkei Es wird etwas ungewöhnlich anmuten, die Analyse der Ursachen der Balkankriege m it der Türkei, also mit dem Opfer dieser Kriege zu beginnen. Es wollten nämlich nicht nur die vom Osmanischen Reich befreiten balkanischen Nationalstaaten etwas m it der Türkei machen. Das Bewusstsein von der Notwendigkeit von Veränderungen kam auch in der Türkei selbst auf. Sie wurde noch während der osmanischen Periode im 19. Jahrhundert und m it dem Tanzimat geboren. Es war das Nationalbewusstsein einer anderen, modernen Türkei, die den europäischen Staaten ähneln wollte. Der Unterschied lag nur darin, dass der türkische Nationalismus nicht m it einer Opferung der territorialen Integrität rechnete, während die Nationalismen in den Balkanstaaten vor allem auf die 'Befreiung' zielten, m it anderen W orten, auf die territoriale Expansion der eigenen Territorien. Man sollte vor allem im Kopf behalten, dass die Bildung der türkischen Nation, genauso wie die Bildung der Nationen in den Balkanstaaten, in Europa begann. Die Diaspora spielte bei der Bildung der Balkannationalismen, einschließlich des türkischen, die Initial-, ja vielleicht die Schlüsselrolle. Eine vergleichende Studie über den Nationalismus und das nation building in Griechenland und der Türkei von Umut Özkirimli und Spyros A. Sofos weist unmissverständlich auf dasselbe Vorbild und dieselbe Ursache der Balkannationalismen auf beiden Seiten der damaligen Grenze des Osmanischen Reiches hin.9 Obwohl im Zustand eines wirtschaftlichen Kollaps, schickten sowohl reiche Türken als auch reiche Griechen, Serben und andere ihre Kinder in den Westen, vor allem nach Paris, aber auch nach Wien und in andere europäische Metropolen. Dort erlernten sie viele Fächer, aber auch etwas Gemein- 9 Özkirimli, U m ut/ Sofos, Spyros A.: Tormented by History, Nationalism in Greece and Turkey. London: Hurst & Co. 2008. <?page no="133"?> Attentat. Kriege, Nationalismen 133 sam es-den Nationalismus. Zusammen mit der politischen Emigration, die bereits dort war, entstand so eine politische Kraft, die dem Balkan manchmal unerwartete und ungewollte - Veränderungen bringen sollte. Während Europa auf der "Orientfrage" bestand, versuchte die türkische Diaspora in Europa das Osmanische Reich in Europa zu behalten und es so europäisch wie möglich zu machen. Je mehr der europäische Nationalismus versuchte, die Türkei aus Europa zu verdrängen, desto mehr versuchte dertürkische Nationalismus zu beweisen, dass er europäisch ist. In Paris agierten zwei Gruppen von Jungtürken, Flüchtlingen, die entweder m it der anachronistischen, aristokratischen Ordnung oder mit dem Sultans unzufrieden waren. Es ist sehr bezeichnend, worin der Unterschied lag. Die von Ahmed Riza geführte Gruppe "setzte sich für die türkische Prädominanz und eine zentralisierte Regierung ein", während die von Prinz Sabaheddin, also einem Aristokraten und Verwandten des Sultan geführte Gruppe "ein dezentralisiertes Reich favorisierte, in dem ein Untertanenvolk volle Autonomie hätte"10. Was sie also unterschied, trennte und gegeneinanderstellte, war der Grad der Toleranz gegenüber nichttürkischen Völkern: DerAristokrat, mag er noch so unzufrieden mit dem alten Regime sein, ist mit der Zentralisierung des Staates und der Unterdrückung des multiethnischen Charakters der Gesellschaft nicht einverstanden. Die Spaltung innerhalb der jungtürkischen Bewegung wird vor allem bei der Definition ihres politischen Ziels zum Ausdruck kommen: "Sie beteuerten oft ihren Wusch, dass alle Bürger des Reichs in dem Sinne Osmanen werden sollen, wie alle Bürger Frankreichs Franzosen waren."11 Und tatsächlich, im Juli 1908 umarmten Muslime und Christen einander auf den Straßen. Aber es zeigte sich sehr bald, was es denn heißt, wenn Türken auf französische Weise zu Türken werden. "Der Anführer der Jungtürken, Enver Pascha, rief: 'Es gibt keine Bulgaren, Griechen, Rumänen, Juden, Muslime. W ir alle sind Brüder unter dem gleichen blauen Flimmel. W ir sind alle gleich, w ir sind stolz darauf, Osmanen zu sein.' Diese euphorische Atmosphäre hielt nicht lange an."12 Es zeigte sich sehr bald, dass der türkische Nationalismus das genaue Gegenteil von dem erreicht hat, was er wollte. Anstelle der Begründung der nationalen Einheit, also der Auslöschung der ethnischen Vielfältigkeit, wurde sogar die territoriale Integrität des Landes in Frage gestellt. Die osmanische Politik nach 1908 trug so zur gegenseitigen Annäherung der Balkanstaaten und der Gründung des Balkanbundes bei. Die 10 Stavrianos 2000, p. 525. 11 Ibid., p. 527 12 Ibid., p. 526. <?page no="134"?> 134 Džema I Sokolović "Türkifizierung" der Jungtürken "als Anhänger eines westlichen Nationalismus" versuchte nämlich, "die Zentralisierung und Hegemonie der Türken in ihrem polyglotten Reich zu fördern." Das Resultat war aber nicht "Einheit, sondern vielmehr Unzufriedenheit und Revolte."13 So zeigte es sich, dass der türkische Nationalismus, der einen Nationalstaat, der per definitionem ethnische Vielfältigkeit ausschließt, anstelle eines Bürgerstaates, der per definitionem mit einer multiethnischen Gesellschaft rechnet, aufzubauen versuchte, die Nationalismen der anderen Balkanstaaten bestärkte. Die jungtürkische Revolution beflügelte die Gründung des Balkanbundes, und anstatt ihn gegen den Einfluss Österreich-Ungarns auf dem Balkan zu steuern, was Russlands Absicht war, unterstützte sie den Krieg der Balkanstaaten gegen die Türkei. Die türkische nationale Identität der Gesellschaft aufbauend, bereitete der Nationalstaat Türkei dadurch gewissermaßen das raison d'etre der "Orientfrage" vor, und legitim ierte beinahe den Krieg der Balkanstaaten. In ihren Bestrebungen, ein moderner europäischer Staat zu werden, trug die Türkei solchermaßen zu den europäischen Bemühungen bei, sich ihrer zu entledigen. Kurz zusammengefasst, trug der Nationalismus der jungtürkischen Bewegung, und nicht nur der Expansionismus der nationalen Balkanstaaten, zu den Balkankriegen und somit auch zum Attentat von Sarajevo und dem Großen Krieg, der in Kürze folgen sollte, bei. Der Erste W eltkrieg und die Teilnahme der Türkei in diesem Krieg war eine neue Anregung für den Nationalismus und die Fortsetzung der Gründung eines Nationalstaates. Die Formung des türkischen Nationalstaates während und nach dem Großen Krieg bestätigt in seiner kemalistischen Version unsere These: das Ende derjenigen Fundamente, auf denen das Osmanische Reich existierte - M ultiethnizität, Aristokratie und die theokratische, islamische Ordnung. In einem aristokratischen und theokratischen Staat wie dem osmanischen konnten nichttürkische Völker und Nichtmuslime Jahrhundertelang leben; der Nationalstaat musste rein türkisch sein. Das Resultat dessen waren Deportationen und vernichtende Massaker an Hunderttausenden osmanischen Armeniern 1915, die Flucht von Christen Anatolien in Richtung des Ägäischen Meers und Russlands nach dem Rückzug der griechischen Armee vor den türkischen Streitkräften im Jahre 1920, sowie schließlich "der Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland", laut einem besonderen Kapitel des Vertrags von Lausanne 1923.14*11 13 Ibid., p. 532. 11 Özkirimli / Sofos 2008, p. 132f. <?page no="135"?> Attentat, Kriege, Nationalismen 135 2.2. Okkupation und Annexion Bosnien-Herzegowinas Die jungtürkische Revolution und das Aufblühen des türkischen Nationalismus hatten ihre Ursachen nicht nur im Wirken der Diaspora und der türkischen Intelligenz, welche die türkische Nationalidentität formte. Der Nationalismus fand auch im endgültigen Verzicht Europas auf eine Anerkennung der territorialen Integrität des Osmanischen Reiches seine Stütze. Die endgültige Desintegration des Osmanischen Reiches eröffnete nicht der Balkanbund, sondern die europäischen Mächte durch die Okkupation Bosnien-Herzegowinas. Dieses Ereignis war der endgültige Beweis, dass Europa seine Prinzipien und sogar die eigenen offiziellen Abkommen preisgibt. Durch den Pariser Frieden 1856 nach dem Krimkrieg, wurde das Osmanische Reich als ein europäischer Staat anerkannt und man garantierte für seine Integrität und Unabhängigkeit.15Nur etwa zwanzig Jahre danach erlaubte man Österreich-Ungarn, aufgrund eines Beschlusses des Berliner Kongresses, d.h. der europäischen Mächte, einen Teil des Territoriums des Osmanischen Reiches zu okkupieren, wodurch Europa seine eigene Garantie der territorialen Integrität der Osmanen preisgab. Vom Standpunkt unserer Untersuchung bezeichnete die Okkupation den Anfang vom Ende eines aristokratischen Staates, der zumindest davor auch ein m ultiethnischer Staat war, und vermutlich auch den Anfang vom Ende einer multiethnischen Gesellschaft. Vom selben Standpunkt gesprochen, sollte betont werden, dass hinter dem Beschluss der Okkupation das Europa der Nationalstaaten stand, von denen einige noch immer, obwohl nur formal, auch aristokratisch waren. Was Bosnien angeht, kann man in Anbetracht aller Umstände, in denen es sich befand, sagen, dass die Okkupation, und später die Annexion das Beste war, was ihm hätte passieren können. Dennoch muss angesichts der Tatsache, dass die Okkupation auch eine Provokation des serbischen Nationalismus (desjenigen in Serbien, aber auch desjenigen in Bosnien) darstellte, zugegeben werden, dass die Okkupation für das multiethnische Gebiet einen Urteilsspruch bedeutete, den später Gavrilo Princip vollstrecken sollte.16Auf der anderen Seite sollte man nicht aus den Augen verlie- 15 Vgl. Stavrianos 2000, p. 393: "The Treaty of Paris admitted the empire into the European concert of nations and explicitly guaranteed its integrity and independence." 16 Gavrilo hat zwar auf Franz Ferdinand geschossen, aber er hat auch auf Bosnien geschossen, auf das multiethnisch tolerante Österreich-Ungarn, aber auch auf die proklamierten Prinzipien hinsichtlich der ethnischen Toleranz Europas. Dass zu den Mitgliedern des "Jungen Bosnien" auch Kroaten und Muslime zählten, ist irrelevant. Dieser "multiethnische" Charakter der Organisabon war nur ein Indikator des im Entstehen begriffenen bosnischen Nationalismus. <?page no="136"?> 136 Džemal Sokolović ren, dass hinter Princips Schüssen auch die Spannungen und der Konflikt zwischen den unversöhnlichen Rivalen Russland und Österreich-Ungarn in Bezug auf den Balkan und vor allem Bosnien standen. Hinter all dem stand aber im Grunde der verborgenste und tiefste Konflikt zwischen West- und Mitteleuropa, also der Konflikt zwischen zwei unversöhnlichen politischen Konzepten: demjenigen des Nationalstaates und demjenigen des multiethnischen Staates. Die Schüsse von Gavrilo Princip waren also die Schüsse Europas auf sich selbst, und damit war der Beschluss über die Okkupation Bosniens selbstmörderisch für den Kontinent. Der Herrschaftswechsel in Bosnien sieht nur auf den ersten Blick wie ein lokales Phänomen aus. Der Einzug Österreich-Ungarns anstelle des Osmanischen Reiches, also eines binationalen Staates anstelle eines aristokratischen, stellte einen viel radikaleren Schritt und eine bedeutende Veränderung für den gesamten politischen Schauplatz in Europa dar. Um klar zu sein und auch von denen verstanden zu werden, die unsere Meinung nicht teilen, oder noch besser, damit auch diejenigen uns zustimmen, die diesen Aspekt nicht beachtet haben, ist es nun nötig, einen Vergleich zwischen der osmanischen und der österreichisch-ungarischen Regierung in Bosnien-Herzegowina anzustellen. Es sollte zwar beachtet werden, dass Bosnien über vier Jahrhunderte unter osmanischer Herrschaft war, und unter Österreich-Ungarn nur 40 Jahre. Dennoch ist der Unterschied auffallend offenkundig und sollte nicht außer Acht gelassen werden. Beide Länder hatten außerordentlich multiethnische Gesellschaften. Während jedoch Österreich-Ungarn ein heimlicher Nationalstaat war, und zwar schon unter der aristokratischen Bezeichnung Habsburger Monarchie, war das Osmanische Reich ein wirklich multiethnischer Staat, solange es aristokratisch und theokratisch war. Die Aristokratie war die einzige europäische Gesellschaftsschicht, die multiethnisch war; das war sowohl bei den Habsburgern als auch bei den Osmanen so. Und wie die Habsburgische Monarchie, begann auch der Staat der Osmanen im 19. Jahrhundert, noch während er aristokratisch war, seinen multiethnischen Charakter einzubüßen und einen nationalen anzunehmen. Aber das, was aus dem Osmanischen Reich einen multiethnischen Staat machte, war im Unterschied zu Österreich-Ungarn nicht die Tatsache, dass die Osmanen besonders multiethnisch und immer weniger türkisch waren, sondern dass ihre Untertanen auf allen Ebenen an der politischen Macht teilnehmen konnten, unbeachtet ihrer ethnischen Identität. Das Beispiel der Bosnier ist exemplarisch. Im 16. Jahrhundert herrschten sie fast das ganze Jahrhundert über das Reich. Immerhin neun der türkischen Großwesire waren Bosnier, und drei davon aus der Familie Sokolović. Die vermutlich herausragendste politische Figur in Istanbul zu <?page no="137"?> Attentat, Kriege, Nationalismen 137 dieser Zeit war kein Türke, sondern ein Bosnier.17 Die Zahl der aus Bosnien stammenden Wesire war sogar noch größer. Der Großwesir war der höchste Träger der ausführenden Gewalt im Staat.18 Man darf auch nicht vergessen, dass die bosnische Sprache zu dieser Zeit eine der fünf diplomatischen Sprachen an der Pforte, dem Weißen Haus der damaligen Zeit, war. Und schließlich war auch der Mann, der die türkische Armee bis Wien, dem weitesten Punkt der osmanischen Eroberungen in Europa, geführt hatte, kein Türke, sondern Bosnier. Ähnliches könnte man auch über die Albaner, Serben usw. sagen. Das Osmanische Reich war zwar, wie ich bereits gesagt habe, nicht nur ein aristokratischer und multiethnischer, sondern auch ein theokratischer Staat. Das heißt, dass alle politischen Positionen im Staat ausschließlich für Muslime reserviert waren. Praktisch hieß das, dass die Konversion zum "richtigen Glauben"19 den Weg zu allen staatlichen Funktionen öffnete, während die ethnische Identität dabei kein Hindernis darstellte. So war es an der Spitze der politischen Hierarchie, und so war es auch an ihrem unteren Ende. Nur Muslime waren zum Militärdienst verpflichtet, und die anderen waren von dieser Pflicht befreit. Nichts Ähnliches kann man von Österreich-Ungarn sagen, bis auf eine Ausnahme: Die bosnischen Muslime konnten - oder vielmehr: mussten ihren Militärdienst in der österreichisch-ungarischen Armee leisten. Auch alle anderen Untertanen aus Bosnien taten das, und alle mit dem Fez auf dem Kopf, ungeachtet ihrer religiösen Zugehörigkeit. Dies bestätigt am eindrucksvollsten, dass Österreich-Ungarn ein Nationalstaat war. Die Annexion Bosniens war nur eine notwendige formal-rechtliche Folge der jungtürkischen Revolution. Da durch den Beschluss des Berliner Kongresses über die österreichisch-ungarische Okkupation vorgesehen war, dass der Sultan die formale Souveränität über Bosnien behalten sollte, machte die jungtürkische Wende 1908 in Istanbul auch dies rechtlich nichtig. 2.3. Der Berliner Kongress 1878 Die Okkupation Bosnien-Herzegowinas war zwar einer der Beschlüsse des Berliner Kongresses, aber nicht der wichtigste. Die Österreicher, vor allem aber die Ungarn waren lange Zeit gegen eine Okkupation Bosniens. Sowohl 17 Samardžić, Radovan: Mehmed Sokolović. Beograd: Srpska književna zadruga 1975. 18 Der Sultan war zwar der Träger der Souveränität, aber die ausführende, und das heißt die wirkliche Gewalt lag in den Händen der Hohen Pforte. 19 Esposito, John L.: Islam, the Straight Path. New York, Oxford: Oxford University Press 1998. <?page no="138"?> 138 Džemal Sokolović die einen als auch die anderen zögerten aus einer zweifachen Befürchtung heraus: Im Falle einer Annexion Bosniens würde das slawische Element innerhalb der Monarchie anwachsen und noch stärker den binationalen Charakter des Staates bedrohen. Bosnien Serbien zu überlassen hieße andererseits, die Möglichkeit der Entstehung eines großen slawischen Staates, oder noch schlimmer die Entstehung Großserbiens zu eröffnen. Man kann aber getrost sagen, dass die Entscheidung über die Okkupation Bosniens eine Nebenentscheidung war, auch wenn diese später eine Schlüsselrolle für die Zukunft Europas spielen sollte. Der Berliner Kongress wurde auch nicht wegen Bosnien einberufen, ebenso wenig wegen Bulgarien, das von Russland geschaffen wurde, sondern vielmehr wegen Russland und seinem endlich erreichten Ziel, durch die Gründung Großbulgariens bis zum Mittelmeer zu kommen. Die europäischen Mächte, vor allem Großbritannien, stoppten auch dieses Mal wie schon im Krimkrieg Russland und demontierten schleunigst Großbulgarien beim Berliner Kongress. Dadurch zeigte es sich, dass die Kluft zwischen Europa und Russland wirklich existierte, genauso wie die Kluft zwischen Europa und dem Osmanischen Reich. Aber der Berliner Kongress zeigte auch, dass die größte Kluft diejenige innerhalb Europas selbst war: die Kluft zwischen West- und Mitteleuropa. So wie Österreich-Ungarn sich vor einem großen slawischen Staat auf dem Balkan fürchtete, wie Russland sich sowohl vor Österreich-Ungarn als auch vor dem Panserbismus, der den Platz des Panslawismus einnehmen könnte, fürchtete, und so wie sich im Grunde niemand vor dem Osmanischen Reich fürchtete, obwohl alle gerade das Osmanische Reich als Ausrede für ihre nationalistischen Expansionen nutzten, genau so existierte noch eine Furcht, die größte, europäische. Europa, das 'richtige', fürchtete sich weder vor Österreich-Ungarn, noch vor Preußen oder Russland, solange dieses sich vom Bosporus fernhielt. Europa fürchtete sich vor der Vereinigung der europäischen Mächte aus der zweiten Liga: Preußen, Russland und Österreich-Ungarn. Großbritannien fürchtete sich vor dem Dreikaiserbund, der genau die Hauptzielscheibe des Berliner Kongresses war. Großbulgarien und der Zugang Russlands zum M ittelm eer nach dem russisch-türkischen Krieg 1877-1878 waren nur der Anlass, zu zeigen, wer in Europa der Chef ist. Vom Standpunkt Großbritanniens aus wurde ein noch größerer Erfolg verbucht, als es die Distanzierung Russlands vom M ittelm eer war: der Zerfall der Liga der drei großen europäischen Reiche. M it den Worten Disraelis, des damaligen britischen Premierministers: "Ich denke, dass niemals irgendein großes diplomatisches Resultat vollständiger realisiert wurde."20 So wurde das grundsätzliche politische 20 Stavrianos 2000, p. 412. <?page no="139"?> Attentat, Kriege, Nationalismen 139 Prinzip Europas, das auf dem Nationalstaat begründet war, erfolgreich auf dem Balkan erprobt. Der Berliner Kongress wurde also einberufen, um eine Integration Europas mit einem aristokratischen Charakter zu verhindern, die als solche die multiethnische Gestalt der europäischen Gesellschaft hätte bewahren können. Die Alternative zu einem solchen Europa war eine Union der Nationalstaaten Europas. Die heutige politische Situation bestätigt nur, dass sie eine Folge von noch im Jahre 1878 gelegten Fundamenten sowie von Ursachen ist, die bereits vor den schicksalsträchtigen Entscheidungen in Berlin existierten. 3. Die Ursachen der sogenannten "Orientfrage" Die "Orientfrage", d.h. die Frage der Stellung der nichttürkischen Völker und der nichtmuslimischen Minderheiten im Osmanischen Reich wurde von einem keinesfalls prinzipiellen Standpunkt aus gestellt. Der europäische Nationalismus, d.h. der Standpunkt, von dem aus diese Frage gestellt wurde, konnte als Folge nichts anderes als wiederum Nationalismus haben und zwar Kriege in der vollen Bedeutung des Wortes - und neue Okkupationen der "befreiten" Balkanvölker seitens der Balkanstaaten. Das ist der Grund, aus dem ich die sogenannte "Orientfrage" für die Ursache der Balkankriege, des Attentats von Sarajevo usw. halte. Keinem einzigen der Balkanvölker, die Bluts- oder Glaubensbrüder waren, wurde die Freiheit in ihrem eigenen Staat zum Geschenk gemacht. Das einzige Volk, das nach den Balkankriegen seinen Staat bekam, waren die Albaner, also ein nichtslawisches und größtenteils muslimisches Volk hauptsächlich nicht durch den eigenen Kampf, sondern dank Österreich-Ungarn und Italien, in deren strategischem oder nationalem Interesse es war, Serbiens Zugang zum Meer zu verhindern. Dabei ist es bezeichnend, dass einer der ersten, der den Befreiungsprozess der Balkanvölker in den 1860er Jahren unterstützte, Napoleon III., "der Verfechter des Nationalitätsprinzips" war, also der Souverän eines Staates, der seine nationale Integrität durch die Verdrängung der ethnischen Vielfältigkeit gewann. Es ist ebenfalls bezeichnend, dass dies auch dann geschah, als Österreich-Ungarn, ein aristokratischer Staat und eine multiethnische Gesellschaft, "ein großer Opponent der Revolution und der Veränderung auf dem Balkan war".21 Europa stellte also die Frage und begann, sie zu lösen auf die europäische Art und Weise. 21 Stavrianos 2000, p. 395. <?page no="140"?> 140 Džemal Sokolović Die Lösung der "Orientfrage" bestand jedoch weder in der Befreiung der Balkanvölker, der Griechen, der Serben, der Bulgaren usw. was noch vor dem Berliner Kongress geschah, noch in der territorialen Zerstückelung der Türkei, was schließlich mit den Balkankriegen passierte. Die endgültige Lösung der "Orientfrage" musste ein brutaler türkischer Nationalstaat sein, genauso wie die nationalen Balkanstaaten Montenegro, Serbien, Griechenland usw. brutal waren. Die Türkei sollte türkisch sein, ohne Armenier, Griechen, Christen. Die Politik der nationalen Homogenisierung erreichte ihren europäischen Höhepunkt in der Abmachung zwischen Griechenland und der Türkei über den Bevölkerungsaustausch in Lausanne 1923. Zwischen 1922 und 1924 mussten ca. 1.200.000 orthodoxe Christen die Türkei verlassen, während ca. 350.000 Muslime, von denen einige Griechisch sprachen, das Königreich Griechenland verlassen mussten. Riza Nur, der die Türkei in einer Spezialkomission vertrat, die sich in Lausanne mit der Frage der Minderheiten auseinandersetzte, schrieb dazu in seinen Memoiren: 22 To save Turkey from elements who have engaged in armed rebellions and become a tool of foreign powers, elements who have been a source of weakness for centuries, thus to make the country uniformly Turkish was the most important thing to do [...]. This was a hard and unprecedented task. It was difficult to propose it, let alone to get them [the international community, DŽ. S.] agree to it. Thank God, they were the ones who proposed it! 23 Dies klingt bekannt und irgendwie zeitgenössisch, vor allem in Bosnien. In Lausanne zeigte die Türkei, dass sie endlich die europäische Lektion, wie man einen Nationalstaat macht, gelernt hatte. Die 'internationale Gemeinschaft' (Europa) bestätigte jedoch bloß, von wem es immer noch zu lernen galt. Der Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, und nicht die Balkankriege und die territoriale Zerstückelung der europäischen Türkei, war die endgültige "Lösung" der sogenannten "Orientfrage". DerTausch von Christen für Muslime oder umgekehrt bestätigte den westfälischen Charakter des europäischen Nationalismus und des europäischen Nationalstaates. Schließlich fiel der türkische Nationalismus, in seiner Nachahmung des Europäismus und seinen Modernitätsbestrebungen genauso naiv wie einige andere balkanische Nationalstaaten, noch einem Extremismus zum Opfer. Nach dem Befreiungskrieg und der Ausrufung der Republik 1923 wurde der Säkularismus eines der Ziele, die der neue Staat erreichen sollte. "Die neue Türkei, die sie [die Nationalisten, Dž. S.] zu errichten versuchten. 22 Özkirimli / Sofos 2008, p. 133. 23 "Aktar, Ayhan: Vai Iik Veigisi ve 'Türklestirme' Politikalari. Istanbul: lletisim, 2000. Zit. n. Der engl. Übers, bei Özkirimli / Sofos, p. 133. <?page no="141"?> Attentat, Kriege, Nationalismen 141 hatte säkular, verwestlicht und, am allerwichtigsten, monolithisch zu sein befreit von allen ethnischen sowie Klassen oder Sekteninteressen."24 Der Säkularismus des türkischen Nationalismus war vor allem gegen den Osmanismus und dessen nichtnationalen und überethnischen Charakter gerichtet. Der Islamismus wurde als ein Hindernis oder als ein Rivale des Türkismus erlebt. So verstand der türkische Nationalismus die Hypokrisie des europäischen Nationalstaates und deren Trennung vom Glauben und der Kirche zu wörtlich, oder er verstand sie gar nicht. Diese Naivität kann man bereits bei einem Vergleich m it dem nächsten Nachbarn sehen. Während die griechischen Eliten "die Orthodoxie in die griechische Nationalkultur inkorporierten, war die Ausschließung des Islams aus den offiziellen Definitionen des Türkismus oder zumindest die Unterdrückung einiger islamischer Manifestationen eine Option, die der Kemalismus in allen seinen Varianten favorisierte."25 In Anbetracht all dessen lässt sich auch die "heilige" Ähnlichkeit zwischen dem Prozess der Errichtung der griechischen und der serbischen Nation damals und heute erklären.26 Bevor sie auf europäische Weise ein Nationalstaat geworden war, war die Türkei etwas ganz anderes. Und trotz des Zustands der "Degeneration" des Osmanischen Reichs während der letzten zwei Jahrhunderte seiner Existenz ist es dennoch schade, dass Europa die zivilisatorischen Errungenschaften dieses aristokratisch-theokratischen Gebildes nicht verstanden hat, vor allem auf dem Gebiet der Toleranz, der Menschenrechte und der Multikulturalität. Einige in Europa waren dennoch beeindruckt.27 III. Die Folgen des Attentats von Sarajevo 3.1. Der Erste Weltkrieg Die unmittelbare Folge des Attentats von Sarajevo war die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien. Die Beteiligung der restlichen europäischen Staaten machte diesen Krieg zum europäischen und Großen Krieg. Wenn der Beginn des Ersten Weltkriegs eine Folge des Mordes in Sarajevo 24 Özkirimli / Sofos 2008, p. 56. 25 Ibid., p. 75. 26 Vgl. Michas, Takis: Unholy Alliance. Greece and Milosevic's Serbia. Austin: Texas A&M University Press 2002, p. 143: "The Greek-Serb alliance was not "holy." It was an "unholy alliance" emanating from the secular ideology of nationalism...The Orthodox Church in Greece is not a "religious" but a political institution, having been totally "nationalized" during the last century. Its role has consisted less in the salvation of souls than in th e creation of the ideological preconditions that would ensure the cultural homogeneity of the Greek nation." 27 Todorova, Maria: Imagining the Balkans. New York, Oxford: Oxford University Press, 1997, p. 69. <?page no="142"?> 142 Džema I Sokolović war, dann ist die logische Schlussfolgerung, dass das Attentat von Sarajevo bzw. Serbien, das hinter diesem Attentat stand, die Ursache des Krieges war. Die Logik kann jedoch auch täuschen. Als logisch erweisen sich nämlich auch die Zweifel eines großen Teils der Historiker in Serbien daran, dass Serbien hinter dem Mord stand, da Serbien gerade aus zwei Kriegen gekommen und sowohl militärisch als auch wirtschaftlich erschöpft war. Und dennoch, wenn wir analytisch, und vielleicht auch dialektisch an die Sachen herangehen, kann sich erweisen, dass Serbien trotz des Zustands, in dem es sich befand, einem neuen Krieg, neuem Expansionismus, einem neuen Abenteuer zugeneigt gewesen sein konnte. Und sollte Serbien schlussendlich für einen Krieg gegen Österreich-Ungarn nicht bereit gewesen sein, und sollte es gar keine Unterstützung von Russland gehabt haben, so kann man Serbien ankreiden, dass es das Junge Bosnien in dessen Vorbereitungen des Attentats nicht gezügelt und das Attentat unterbunden hat, um diesen im Zusammenhang mit Srebrenica verwendeten, modernen Ausdruck des internationalen Rechts zu benutzen. Es gibt zwei Argumente, die darauf hindeuten, dass Serbien, obwohl sowohl militärisch als auch wirtschaftlich erschöpft, gewillt gewesen sein könnte, Österreich-Ungarn zu provozieren. Erstens hatte Serbien sein Territorium nach den erst beendeten Balkankriegen um 82% vergrößert, mehr als alle anderen Balkanstaaten, die an den Kriegen teilgenommen hatten. Serbien konnte endlich sagen, dass es nicht mehr klein war. Das Land war nach den Siegen über die Türkei und über Bulgarien in einem Zustand der Begeisterung und daher psychisch bereit für noch größere Kriegsabenteuer. Zweitens hatte Serbien, auch wenn es das Siegerland war, auch in diesen Kriegen sein strategisches Ziel nicht erreicht: den Zugang zum Mittelmeer, sei es zur Adria im Ersten, sei es zum Ägäischen Meer im Zweiten Balkankrieg. Parallel zur Begeisterung herrschte in Serbien somit auch Enttäuschung. Das sind zwei Faktoren, weshalb sich sagen ließe, dass es einfach war, Serbien zumindest zu überreden, seine nationalistischen, militaristischen und expansionistischen Pläne fortzusetzen. Fügt man dem hinzu, dass Russland nach der Niederlage Bulgariens Serbien wieder als seinen Favoriten auf dem Balkan betrachtete, dann drängt sich eine solche Schlussfolgerung von selbst auf.28 28 Die Meinung von Sergej A. Romanenko, dem russischen Historiker, dass nicht Serbien von Russland zum Krieg verleitet wurde, sondern Russland von Serbien, ist ebenfalls einseitig. Hatte Russland Gründe, Serbien nach zwei zermürbenden Balkankriegen zum Krieg gegen eine europäische Großmacht zu verleiten? Ja: Russland hatte das strategische Ziel, sich einen Zugang zum M ittelm eerzu verschaffen, Konstantinopel zu erobern und die Meerenge zu besetzen. Beide Male verhinderte Großbritannien das Erreichen dieses Ziels: im Krimkrieg 1853-56, zusammen mit Frankreich, und im russisch-türkischen Krieg 1877. Russland hatte einen Grund, böse auf das Vereinigte Königreich zu sein. Es hatte auch einen Grund, <?page no="143"?> Attentat, Kriege, Nationalismen 143 Die Natur des Ersten Weltkriegs und somit auch des Attentats von Sarajevo bestimmen jedoch nicht nur die Ursachen, sondern auch seine Folgen. M it anderen Worten, die Natur der Ursachen wird weitestgehend von deren Folgen verraten. Vom Standpunkt unserer Untersuchungen aus werden wir uns nur darauf beschränken, was mit Sarajevo und Bosnien passierte. Die Folgen oder die Resultate des Ersten Weltkriegs bestätigen am eindrucksvollsten unsere Flypothese zu den Ursachen der Schüsse von Sarajevo. Auf der einen Seite endete der Krieg m it der Auflösung Österreich-Ungarns, eines Staates, der zwar nicht multiethnisch war, aber einer multiethnischen Gesellschaft, deren Kohäsion vom aristokratischen sowie vom rechtlichen Charakter des Staates gesichert wurde. Auf der anderen Seite endete der Krieg m it der Gründung von zwei Staaten, die bis dahin auf der politischen Karte des Kontinents nicht existierten. Beide Staaten waren slawisch. Die Gründung der zwei slawischen Staaten sollte bestätigen, dass die Doppelmonarchie, obwohl sie ein aristokratischer Staat war, die Gleichberechtigung des dritten konstitutiven Elements der österreichisch-ungarischen Gesellschaft der Slawen nicht gewährleistet hatte. Damit wurde das Wilson-Fenin'sche Prinzip eines Selbstbestimmungsrechts der Völker befriedigt. Es ist schwer zu sagen, inwiefern die Gründung der Tschechoslowakei und Jugoslawiens tatsächlich ein Ausdruck des Willens und des Interesses der Völker war, und inwiefern die Realisierung des politischen Konzepts des Nationalstaates. Die Kurzlebigkeit dieser Staaten bestätigt am besten, wie sehr dieses Dilemma begründet ist. Wenn das M otiv die Befriedigung der Bestrebungen der Slawen nach politischer Gleichberechtigung war, warum wurde dann nicht ein großer slawischer Staat gegründet? Stattdessen entstanden die binationale Tschechoslowakei und das trinationale Jugoslawien. Im Staat der Serben, Kroaten und Slowenen, der auch nach der Umbenennung in Jugoslawien dies geblieben war, lebten auch andere Völker, einschließlich slawischer, die nicht denselben politischen Status hatten. Bosnien verlor zum ersten Mal in seiner politischen Geschichte, also innerhalb des brüderlichen slaauf Österreich-Ungarn wütend zu sein. Bevor es den Krieg mit der Türkei 1877 begann, vereinbarte Russland mit Österreich, dass es diesem Bosnien überlassen würde, falls Österreich neutral bliebe. Nach der Teilung Großbulgariens und nachdem Russland alles verlor, was es durch den Krieg erobert hatte, waren vom russischen strategischen Standpunkt aus Serbien und seine territorialen Ansprüche in Bosnien wieder aktuell geworden. Die Beschlüsse des Berliner Kongresses und die Okkupation Bosniens sind der dritte Grund, aus dem Russland wieder Interesse hätte haben können, Serbien zu einem Krieg zu verleiten oder zumindest Österreich-Ungarn zu provozieren. Russland hatte also Gründe, mit dem naiven serbischen Nabonalismus und serbischen Staat, der den Machenschaften der Großmächte und ihren Nabonalismen nicht gewachsen war, zu manipulieren. Vgl. h ttp : / / w w w . oslo bodjenje.ba/ vijesb/ intervju/ sergej-a-roman enko-ruski-h isto ricar-srbij a-je-rusiju-gu rnula-u-rat-ne-obrnuto. <?page no="144"?> 144 Džema! Sokolović wischen Staates, jene politische Subjektivität, die es im Rahmen des Osmanischen Reiches und innerhalb Österreich-Ungarns noch hatte. Wenn also die die Folgen die Natur eines Ereignisses definieren, dann bestätigt der Zerfall einer multiethnischen Gesellschaft und die Gründung von zwei Nationalstaaten, dass der Erste Weltkrieg ein Konflikt zweier politischer Konzepte war: des Nationalstaates und des multiethnischen Staates wobei das erste den Sieg davontrug. Deswegen ist es ebenfalls logisch zu schlussfolgern, dass hinter dem Attentat von Sarajevo etwas ebenfalls Irrationales stand, etwas viel Weiteres und Breiteres: der Nationalismus. Die Folgen sind nicht nur im Einklang mit den Ursachen, sondern auch viel radikaler. Die Schüsse in Sarajevo waren Schüsse auf eine multiethnische Gesellschaft und auf jegliche Möglichkeit eines multiethnischen Staates. Princip schoss nicht nur auf einen Staat, der nicht multiethnisch war, und weil dieser nicht multiethnisch war, sondern auch auf eine Gesellschaft, die ethnisch äußerst vielfältig war, weswegen seine Schüsse nicht nur seine Schüsse waren. Die Schüsse von Sarajevo 1914 waren auch Schüsse auf Bosnien-Flerzegowina und seine m ultiethnische Gesellschaft. Kann man ihr Echo noch immer in Bosnien hören, auch heute, wo Bosnien ein unabhängiger und international anerkannter Staat ist? Und vor allem: Sind die Ursachen noch immer dieselben, und an demselben Ort in Europa? 2. Jugoslawien Die Schüsse von G. Princip fielen nicht vergeblich. Jugoslawien war eine Folge des Ersten Weltkriegs, also auch des Attentats von Sarajevo und seiner Folgen, wie wir sie bereits ausgeführt haben. Wie allgemein bekannt ist, vermutlich auch denjenigen, die es nicht zugeben wollen, wurde de facto Großserbien, de jure der Staat (das Königreich) der Serben, Kroaten und Slowenen gegründet. Der Staat wurde offiziell am 1. Dezember 1918 ausgerufen, nach der Vereinigung des Staates der Slowenen, Kroaten und Serben und der Königreiche Serbien und Montenegro. Das heißt, dass der neue Staat auch formal, in seinem Titel, ein politisches Gebilde der Kroaten und Slowenen sowie der Serben von beiden Seiten der Grenze, jener aus Serbien und jenen aus Österreich-Ungarn, war. Der Name des Staates sollte multiethnisch klingen. Aber Namen können häufig hypokritisch und täuschend sein. Im neugeschaffenen Staat war für alle anderen Völker, einschließlich einiger slawischer (Bosniaken, Montenegriner, Mazedonier, Goranen) ein anderes Schicksal bestimmt. Drastisch ist der Fall der muslimischen Bosniaken. Für <?page no="145"?> A tten tat Kriege, Nationalismen 145 sie war schon auf Korfu 1917, beim Treffen der Mitglieder des Jugoslawischen Komitees aus london m it Vertretern der serbischen Regierung, (verbal) ein vom Säbel bestimmtes Schicksal vorgesehen, sollten sie nicht zum Glauben ihrer Urgroßväter zurückkehren. Darüber unterrichtet uns der große Verfechter der Idee des Jugoslawentums und Gegner Österreich-Ungarns Ivan Meštrović in seinen politischen Memoiren, die er verfasste, nachdem er sowohl von der Idee als auch von der Realisierung dieser Idee in ihren beiden Varianten enttäuscht wurde.29 Der Staat der Südslawen war bereits vom ersten Tag an nicht multiethnisch, auch wenn die Gesellschaft ethnisch außerordentlich vielfältig war und auch große Gruppen nichtslawischer Völker beherbergte. Obwohl ein trinationaler Staat, war er also national. Der trinationale Staat (und vielleicht auch mononationale, je nachdem, von welchem Standpunkt aus man die Dinge betrachtet) änderte selbst nach der Änderung des Namens in einen allgemein-südslawischen im Jahre 1929 seinen Charakter nicht. M it dem Namen Jugoslawien sollten alle Südslawen diesen Staat als ihren eigenen empfinden. Selbst wenn in Jugoslawien nur Südslawen gelebt hätten, war die wirkliche Situation jedoch anders. Der König selbst, ein Serbe, sagte in Zagreb in einem vertraulichen Gespräch m it seinem Freund, dem großen südslawischen Bildhauer Ivan Meštrović, dass er sich um die Existenz Jugoslawiens Sorgen mache und dass, wenn niemand sonst, seine eigenen Nationalisten Jugoslawien den Kopf kosten würden. Wie denn auch nicht, nach der Ermordung von kroatischen Abgeordneten im Belgrader Parlament 1928. Das Nachkriegseuropa lehnte sich also in Versailles nicht gegen die Gründung Jugoslawiens als eines trinationalen Staates auf, weil es selbst ein Kontinent nationaler Staaten war. Das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker, wofür sich in seinen berühmten 14 Punkten der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, genauso wie W ladimir Iljitsch Lenin,30einsetzte, sollte das politische Chaos, in dem sich Europa befand, lösen. Dieses Selbstbestimmungsrecht der Völker resultiert im Grunde in einem Nationalstaat. Diese theoretische Annäherung eines Demokraten und eines Kommunisten ist interessant. Es hat den Anschein, als hätte beiden etwas theoretisch Substantielleres gefehlt. Obwohl Wilson aus einem Land kam, dessen Staat bürgerlich war, und obwohl das Land nominell Union heißt, erschafft dieses Prinzip einen Staat, aber nicht im Einklang mit der europäischen Rechtsphilosophie, also nach den Maßstäben der Vernunft und der Gerechtigkeit (Flegel), d.h. einen Bürgerstaat, sondern 29 Meštrović, Ivan: Uspomene na političke ljude i događaje. Zagreb: Matica hiv/ atska 1969. 30 Lenin, Vladimir lljic: The Right of Nations to Self-Determination. In: Collected Works. Moskow: Progress Publ. 1972, vol. 20, pp. 393-454. <?page no="146"?> 146 Džemal Sokolović im Einklang m it der europäischen politischen W irklichkeit einen trinationalen Staat, besser bekannt unter dem Name Jugoslawien. Das Problem des Ersten Jugoslawien war nicht nur sein nationaler, d.h. tri- oder mononationaler Charakter, egal. Dieser Staat erfüllte auch die Erwartungen der Serben nicht. Schwer vorstellbar, dass auch Gavrilo Princip, obwohl 19-jährig, nicht auf eine solche Folge seiner Schüsse verzichtet hätte. Das Jugoslawien genannte politische Gebilde verwarf sogar ein Mann, der noch vor Princip dafür gekämpft hatte, und zwar in seinen reifen Jahren. Pop Simo Begović, den Österreich-Ungarn 1916 zum Tode verurteilte, führte nach dem Krieg und nach der Befreiung "eine Bauerndelegation aus Pale in die Residenz des Bans in Sarajevo, um sich über diese Veränderungen [nach 1929, Dž. S.] zu beschweren. Er verlangte vom Ban, dass dieser ihm 4000 Dinar auszahle. 'Wozu brauchst du 4000 Dinar? ', fragte ihn der Ban. 'Ich möchte mir eine Fahrkarte nach Wien kaufen', antwortete Begović, 'und das Grab Franz Ferdinands besuchen, um ihm zu sagen: 'Weißt du, Franz, wenn ich bloß gewusst hätte, in was für einem Chaos Bosnien nach deinem Tod versinken würde, hätte ich niemals an deiner Absetzung gearbeitet'."31Gavrilo hatte leider keine Gelegenheit, seine Schüsse zu bereuen. Vielleicht hätte er sie gar nicht bereut, denn seine Schüsse waren, wie ich bereits sagte, auch gegen Bosnien und seinen multiethnischen Charakter gerichtet. Die Folge des Ersten Weltkriegs, und das heißt des Attentats von Sarajevo, war ein Jugoslawien, in dem Bosnien zum ersten Mal in seiner tausendjährigen politischen Geschichte jegliche politische Subjektivität verlor, und in dem die Bosniaken dermaßen in politische "Entitäten" aufgeteilt wurden, dass sie in keiner einzigen eine Mehrheit hatten.32 Noch einmal, sehr bald darauf, m it der Formierung des Unabhängigen Staates Kroatien, wurde Bosnien ebenfalls politisch ignoriert. Beide Male, was doch bezeichnend ist, innerhalb von politischen Gebilden, die von 'Brüdervölkern', von Serben und Kroaten, gegründet wurden. Die Folge eines solchen Jugoslawiens war auch das Zweite Jugoslawien, jenes, das noch während des Zweiten Weltkriegs und des antifaschistischen Kampfs für die Befreiung des Landes, von Kommunisten und auch von Nichtkommunisten gestaltetet wurde. Auch die Kommunisten dachten, dass die ungelöste, d.h. nationale Frage ein großes Problem des Ersten Jugoslawiens war. Das Land wurde eine Föderation von fünf Republiken, also fünf föderalen, durch den Namen des jeweils die Mehrheit bildenden Volkes definierten Einheiten, plus Bosnien. Sogar das ursprüngliche Wappen ,l Dedijer u.a.. History of Yugoslavia, Zitiert nach Malcolm, Noel: Bosnia, a Short History. London: Papermac, 1994, p.169. Malcolm, Noel: Bosnia, a Short History, p. 169 <?page no="147"?> Attentat, Kriege, Nationalismen 147 Jugoslawiens hatte, das ethnische Prinzip symbolisierend, nur fünf Flammen, "allen zu erzählen, dass unser Land fünf Völker zählt". Das Spezifikum Bosniens bestand darin, dass es nur dort kein Mehrheitsvolk gab, und somit auch keine ethnischen Minderheitengruppen. Unsere kritische Reserve bezieht sich natürlich nicht nur auf Bosnien: in allen der ethnisch definierten Republiken lebten zahlreiche Andere, und die Frage ihrer Stellung ist nicht unbegründet. Kommunisten konnten sich auch im Falle Bosniensdem ethnischen Prinzip nicht widersetzen. Der BegriffVoIk klang in ihrer Terminologie, genauso wie im Vokabular von Wilson, unschuldig und attraktiv. Sie rechneten nicht damit, dass das Volk in eine Nation ausarten könnte.33 Bosnien definierte man also als "weder serbisch, noch kroatisch, noch muslimisch, sondern sowohl serbisch, als auch kroatisch, als auch muslimisch."34 Auch die Kommunisten hatten offenbar den Grundcharakter eines bürgerlichen Prinzips der Organisation des Staates nicht verstanden, je nes Prinzips, wofür Flegel sich eingesetzt hatte. Und obwohl Lenin auch Flegel für eine der "Quellen und Bestandteile des Marxismus" hielt, fehlte den jugoslawischen Kommunisten, genauso wie Europa, offenbar eine Rechtsphilosophie. Die Gleichberechtigung von Völkern nämlich, wie von allen anderen Kollektiven auch, schließt nicht eine Gleichberechtigung von Individuen ein. Selbst wenn die Kroaten im Ersten Jugoslawien gleichberechtigt mit den Serben gewesen wären, heißt das nicht, dass sowohl die einen als auch die anderen gegenseitig gleichberechtig gewesen sind. Das Allgemeine kann nur als das Kon/ cret-Allgemeine erreicht werden (Flegel). Ich, als Bosniake, Serbe oder Kroate, fühle mich nicht dadurch gleichberechtigt, dass mich im Parlament, im Präsidium oder in der Regierung ein Bosniake, Serbe oder Kroate repräsentiert, der weder vernünftiger noch charakterfester ist als ich. Im Einklang mit unserem methodologischen Prinzip, dass die Folgen, genauso wie die Ursachen, die Natur einer Sache bestimmen, kann dasselbe auch von Jugoslawien behauptet werden. W ir haben gezeigt, dass auch Jugoslawien, einschließlich des kommunistischen, eine Folge der Schüsse Princips war. Dies erklärt, warum ihm auch die Kommunisten in Sarajevo für seine Verdienste für das Volk Ehre erwiesen haben.35 Es lässt sich die ” Siehe Sokolović, Džemal: Nation vs. People. Newcastle: Cambridge Scholars Press 2006 bzw. Sokolović, Džemal: Nacija protiv naroda. Beograd: Biblioteka XX vek 2006. 54 Sokolović, Džemal: Twelve hours of democracy. In: Balkan Forum, Vol I, No. 5 (Dez. 1994; ) bzw. Ders.: Dvanajst ur demokracije. In: Teorija in praksa, Let 30, No. 1-2 (Jan./ Feb. 1993), pp. 120-129; Ders.: ZwölfStunden Demokratie. In: Ost-West, No 1/ 94. 55 Über diesen kommunistischen Mythos von Princip schreibt Ivan Čolović in seinem großartigen Artikel: Sarajevski atentat i kosovski mit, http: / / pescanik.net/ 2014/ 06/ sarajevski-atentat-i-kosovski-mit/ Siehe auch den Beitrag von Čolović in diesem Sammelband. <?page no="148"?> 148 Džemal Sokolović Schlussfolgerung nicht vermeiden, dass die Folge eines solchen Jugoslawiens, also auch die Folge der Schüsse von Princip, die sie verursacht und die sie als solche gemacht haben, auch ihr Zerfall war, einschließlich des Zerfalls des Rests von Jugoslawien (jenes aus den "zwei Augen im Kopf" zusammengesetzten), das ebenfalls auf diesem Prinzip aufgebaut war. Der Zustand der nach dem Zerfall Jugoslawiens entstandenen Staaten, wobei auch Slowenien keine Ausnahme darstellt, eröffnet heute, zwanzig Jahre später, eine viel ernstere Frage: die Fähigkeit der südslawischen Völker, einen Staat zu errichten. Auf den unpolitischen Charakter ihrer Mentalität hatte bereits Flegel aufmerksam gemacht, und auch Friedrich Engels hatte daran erinnert. Und tatsächlich, was ist, wenn die Südslawen wirklich irgendeinen Flabsburger oder Osmanen brauchen, um zu funktionieren? Es ließe sich wieder bei Flegel eine Antwort finden, und zwar in seiner Idee des Fürsten. Leider ist die unmittelbare Folge des Zerfalls Jugoslawiens unter anderem auch die Gründung des unabhängigen, souveränen und international (sic! ) anerkannten Daytoner Bosnien. Auf demselben Prinzip gegründet, könnte Bosnien das Endresultat der Entwicklung des Nationalstaat genannten politischen Konzepts werden. Oder, um optimistisch zu sein: Falls dieses Konzept im Falle Bosniens an seinem Tiefpunkt angelangt ist, könnte Bosnien die letzte Versuchung dieses Konzepts und die Chance auf den Bürgerstaat als die dominante politische Form Europas sein. Übersetzt von Naser Šečerović <?page no="149"?> B oris N. K ršev (N ovi S a d ) Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien bis zum Ende des Ersten W eltkriegs (1878-1918) This paper deals with a particular segment of the financial policy in Serbia during the period of gaining independence at the Congress of Berlin until the end of the First World War public debts, i.e. the timing and conditions under which these loans were taken and spent. Most of them were received for specific use, but spent for unallocated purposes. While taking these loans, the conditions of indebtedness were not important and the only relevant thing was to get money by all means. It made Serbia one of the most indebted countries in Europe on the eve of WWI. Through the prism of money and its chronic lack, Serbia did not want the war against Austro-Hungarian Empire. In principle, Serbia accepted all the conditions of ultimatum but the wish of the Monarchy to solve all its internal problems in a minor war, had been made much earlier. During the war, Serbia continued the similar policy of indebtedness, believing that all debts would be settled through the war reparations. Nevertheless, it did not happen and Serbia forwarded all its debts as a d o w ry both pre-war and w a rinto the new state, the Kingdom of Serbs, Croats and Slovenes. Eines der komplexesten Probleme, mit dem Serbien unmittelbar nach der Anerkennung der Unabhängigkeit beim Berliner Kongress konfrontiert wurde, waren die Finanzen allen voran die Finanzierung des eigenen Staates, aber auch die Regulierung der während der Befreiungskriege gegen die Türken entstandenen Schulden sowie der laut Vertrag vom 13. Juli 1878 übernommenen Verpflichtungen. Serbien bestritt bis zu den Kriegen 1876-1878 sein bescheidenes Budget m it den Einnahmen aus nur zwei Arten von Steuern der Personensteuer und der Grundsteuer - , so dass der unvermittelte Zuwachs an staatlichen Verpflichtungen eine dringende Reform des gesamten Finanzsystems, in erster Linie der Fiskalpolitik nach sich ziehen musste. Außerdem erbte Serbien auch die Verpflichtungen, die die Flohe Pforte gegenüber Österreich-Ungarn und der Societe Generale pour ГExploitation des Chemins de Fer Orientaux eingegangen war und zwar innerhalb der Gebietsgrenzen, über die man Souveränität erlangt hatte - , nämlich neue Eisenbahnverbindungen zu schaffen und bereits angefangene zu vollenden. Die Versuche der damaligen liberalen Regierung, das Steuersystem zu reformieren und neue Steuern einzuführen die sogenannte "patentari- <?page no="150"?> 150 Boris N. Kršev na" (eine Art Solidaritätssteuer), die nur wohlhabendere Bürger (Handwerker, Kaufleute und Gastwirte), Staatsbeamte und Militärpersonen (auf Einkommen und Rente) sowie die Kirche (auf Einkommen von Kirchen- und Klostergütern) zahlen würden, scheiterten und wurden bald fallengelassen. Die neue (fortschrittliche) Regierung ohne etwas an ihrem Plan der indirekten Steuern verändern zu wollen führte das System der direkten Steuern ein, m it dem man begann, Straßen-, Fahrten- und Marktgebühren einzukassieren, sowie Salz-, Tabak-, Streichholz- und Petroleumsteuern (die unter das staatliche Monopol gestellt wurden) und Steuern auf alkoholische Getränke zu erheben. Aber es zeigte sich, dass dies nicht genügte, um die immer größeren und zahlreicheren staatlichen und öffentlichen Ausgaben zu finanzieren, und so wurden Haushaltsdefizite in Serbien zu regelmäßigen Erscheinungen seit dem Beginn seiner Konstituierung als unabhängiger Staat.1 Daher treffen die Fortschrittlichen, und nach ihnen auch alle anderen Regierungen, den Entschluss, die angehäuften finanziellen Probleme durch Verschuldungen bei ausländischen Gläubigern zu lösen. So beginnt in Serbien bereits 1881 eine Periode großer Staatsschulden, die bis zum Ende des Ersten Weltkrieges dauern sollte. Die Grundcharakteristik der gesamten Verschuldung machten Zweckdarlehen aus, die nicht zweckgebunden ausgegeben wurden, was jedoch die kreditgebenden Banken selbst ermöglichten - und dies durch die verschiedensten reziproken Maßnahmen und durch spekulative Begünstigungen bedingten. Das Jahr 1881 bezeichnete nicht nur eine Veränderung im Kurs der Führung der serbischen Finanzpolitik, sondern auch den Beginn seiner absoluten wirtschaftlichen (und m it ihr auch politischen) Gebundenheit an Österreich-Ungarn. Am 28. Juni wurde nämlich aufgrund von Dynastieinteressen und m it dem Ziel der Umwandlung Serbiens in ein Königreich die sogenannte "Geheimkonvention" unterschrieben, die ein gewisses Protektorat Österreich-Ungarns über Serbien begründete.2 1 Vgl. Privredna istorija Srbije do Prvog svetskog rata, Belgrad: Univerzitet u Beogradu, 1955, pp. 233-239. Hvostov, V. M. Mine, I. I: Istorija diplomatije II, Beograd: Arhiv za pravne i društvene nauke 1949, pp. 53 59; Istorija srpskog naroda VI I , Beograd: Srspka književna zadruga 1983, pp. 77-78; Vrkatić, lazar: Pojam i biće srpske nacije, Novi Sad: Prometej 2004, pp. 435 440. Zuvor wurde am 18. Juni 1881 der Vetrag zur Erneuerung des Dreikaiserbündnisses zwischen Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn unterschrieben. Durch das geheime, sogenannte "Balkan-Protokoll" behielt Österreich-Ungarn das Recht, Bosnien-Herzegowina zu annektieren, sobald es dies für nötig erachte. Aufgrund dieses Vertrages hei der Zentralbalkan in die Einflusssphäre der Habsburgischen Monarchie. Da ersieh dessen bewusst war, schlug König Milan vier Jahre später, Anfang Juni 1885, Rudolf Khevenhüller, dem Wiener Gesandten in Belgrad vor, die "Geheimkonvention" um neue Punkten zu erweitern, um sich für sich und seinen Sohn Aleksandar zusätzliche Garantien seitens der Doppelmonarchie zu <?page no="151"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien (1878-1918) 151 Dank den gegebenen Umstände erlangte Serbien jedoch im März 1881 sein erstes ausländisches Darlehen in Höhe von 100 Millionen Dinar, mit einer Tilgungsfrist von 50 Jahren und einem Jahreszins von 5%, für den Bau der Eisenbahnverbindung Belgrad-Vranje, und zwar m it einem französischen Bankenkonsortium, durch Vermittlung der Societe Generale Union aus Paris. Für die Rückzahlung des Darlehens bürgte Serbien m it seinen Eisenbahn- und Zolleinnahmen, und wenn diese M ittel nicht ausreichen würden, sollte die jährliche Annuität aus den im Rahmen der Personensteuer erhobenen Mitteln ergänzt werden. Unmittelbar danach wurde mit demselben Gläubiger auch ein zweiter Kredit der sogenannte "Lotteriekredit" in Höhe von 33 Millionen Golddinar unterschrieben, mit einem Zinssatz von 3% und einer Tilgungsfrist bis 1938. Der Kredit war für die Rückzahlung von Schulden an Russland in Höhe von 30 Millionen Dinar bestimmt, die Russland für die Finanzierung der Kriege Serbiens gegen die Türkei in der Periode 1876-1878 einforderte. Aber bereits Anfang des nächsten Jahres ging die Societe Generale Union Bankrott und ihr Präsident Eugene Bontoux wurde wegen "Amtsmissbrauch und Missbrauch des ihm gewährten Vertrauens" verhaftet. Die Österreichische Länderbank als neuer Gläubiger die Verpflichtungen der Societe Generale Union, was die Überzeugung der serbischen Offiziellen, die "Geheimkonvention" genau zur rechten Zeit unterschrieben zu haben, noch mehr stärkte. Dank der Intervention dieser Wiener Bank in Serbien vermied man einen Skandal wegen Bestechungen des Fürsten und der Regierung seitens der Societe Generale Union und Eugene Bontoux und ihrer Beziehungen zueinander.3Aber man öffnete dadurch eine "Büchse der Pandora" da sich nämlich die Länderbank diesen Interventionismus in Zukunft gut bezahlen lassen sollte, indem sie die königliche Obrenović-Familie und nach ihnen auch die Karađorđevićs in ihre Geschäfte verwickelte. Im selben Jahr nahm Serbien zwei neue Kredite auf. Einen für die Rüstung bei der Anglo-Österreichischen Bank in Höhe von 5,6 Millionen Dinaren (mit einer Tilgungsfrist von 15 Jahren und einem Zinssatz von 6%) und einen zweiten sogenannten "Agrarkredit" bei der Länderbank in Höhe von 6 Millionen Dinar, mit einem etwas niedrigeren Zinssatz von 5%, aber einer erheblich längeren Tilgungsfrist von 25 Jahren, für die Auszahlung der sichern. Den Vorschlag des serbischen Souveräns ablehnend, bewertete ihn der österreichische Außenminister Gustav Kalnoki als den Versuch eines "Zockers und Verschwenders", mit welchen Mitteln auch immer an Geld zu kommen, und meinte, dass dieses Vorgehen eines Herrschers unwürdig sei. Nedeljković, Milorad: Istorija srpskih državnih dugova. Belgrad Štamparija "Štampe" Steve M . Ivkovića 1909, pp. 28 80. <?page no="152"?> 152 Boris N. Kršev čitluk und spohiluk, d.h. der türkischen Feudalgüter bei den muslimischen Besitzern in den neubefreiten Gebieten.4 Einen wichtigen Moment bei der Konsolidierung der finanziellen Situation im Lande stellte die Gründung der Privilegierten Nationalbank des Königreichs Serbien (Privilegovana Narodna banka kraljevine Srbije) im Jahre 1884 dar. Die Bank wurde als eine Aktiengesellschaft m it einem auf 40.000 Aktien m it einem Nominalwert zu jeweils 500 Dinar verteilten Anfangskapital von 20 Millionen Dinaren gegründet. Das Vorrecht beim Kauf der Aktien erhielten die einheimischen privaten Kapitalbesitzer, was diese dann auch wahrnahmen, zur großen Verwunderung der Öffentlichkeit.5 Unmittelbar danach kam auch der erste Papiergeldschein von 100 Dinar in Umlauf (mit der Verpflichtung der Bank, dem Inhaber dafür 100 Dinar in Gold auszuzahlen), was ein allgemeines Misstrauen in das Währungssystem auslöste. Da die Menschen nämlich an das "Klimpern" in der Tasche gewohnt waren, tauschten sie die Papiergeldscheine sofort für Goldmünzen um. Eine häufige Erscheinung war, dass Kreditnehmer in der Volksbank ihren Kredit in Papierscheinen an einem Schalter in Empfang nehmen, um die Scheine am nächsten Schalter sofort in "echtes klimperndes" Geld umzutauschen. Unter diesen Umständen durfte die Volksbank den Papiergeldumlauf nicht mehr erhöhen, was in einer Abnahme der allgemeinen wirtschaftlichen Aktivität und einer Kreditpolitikführung auf niedrigster Ebene resultierte. Nach nur 16 Monaten gab man den "Goldstandard" auf, und im November 1885 wurde der erste 10-Dinar-Geldschein in Silber ausgestellt. So wurde der Geldmarkt im Königreich Serbien allmählich normalisiert, da geprägte Silbermünzen nicht so populär wie der "M ilandor" waren. Die Naäonalbank begann bald, das Geld nicht nur in größeren 4 Jovanović, Slobodan: Vlada Milana Obrenovića II, Belgrad: Geca Kon 1990, p. 157ff. Als eine spezifische Sicherung für die erhaltenen Darlehen blieb die progressive Regierung des Königreichs Serbien passiv, als Anfang 1882 der Aufstand in der Herzegowina ausbrach. Ihre Loyalität zur Geheimkonvention unter Beweis stellend, tat die Regierung alles, um keinerlei Aktivitäten zu unterstützen, die gegen die Interessen Österreich-Ungarns hätten gerichtet sein könnten. 5 Krsev, Boris: Bankarstvo u Dunavskoj banovini. Novi Sad: Prometej 1998, pp. 19-30. Nach der internationalen Anerkennungtrat Serbien mit dem Ziel, sein Währungssystem zu regulieren, der "Lateinischen Münzunion" bei. Es wurde die Abmachung getroffen, dass ein Dinar 0,165% Gold und 0,835% Silbei enthalten und ein Gewicht von 5 Gramm haben sollte. Auf diese Art und Weise erhielt man zum ersten Mal einen fixen Kurs, mit dem der Dinar mit dem französischen Franken gleichgesetzt wurde. Bald darauf wurde am 10. Dezember 1878 auch das Gesetz Überdas serbische Volksgeld verabschiedet, aufgrund dessen man 10 Millionen Golddinare in Münzen zu jeweils 10 und 20 Dinar prägte, den sogenannten "M ilandor", da auf dem Avers Fürst Milan abgebildet war. Die Goldmünzen waren tatsächlich eine "feste" Währung und sogar viel gefragter (aufgrund der Feinheit der Ausarbeitung und dem reinen Gold) als derfranzösische "Napoleon d'or". <?page no="153"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien (1878-1918) 153 Banknoten zu emittieren (die an Silber gebunden waren), sondern auch in größeren Mengen, als dies ihre (goldene) Basis erlaubte.6 Der unrühmliche Start der Nationalbank zwang die Regierung dazu, Ende 1884 ein neues internationales Darlehen für die Regulierung der Staatsfinanzen abzuschließen. Das war die sogenannte "Goldene" oder "Serbische Rente", wobei es sich um einen ausgeprägten Wucherkredit handelte. Da der Regierung nämlich 25 Millionen Dinar im Haushalt fehlten, um den aufgrund von früheren Verschuldungen fälligen Verpflichtungen nachzukommen, nahm man bei der Länderbank ein Darlehen mit einem Nennwert von 40 Millionen Dinar auf (um effektiv 25 Millionen zu erhalten), und der Staat zahlte dafür einen Zinssatz von 5% mit einer Tilgungsfrist von sogar 70 Jahren. Als Garantie bot der Staat die Einnahmen aus den administrativen und gerichtlichen Gebühren, einen Teil der Einnahmen aus den Ladengebühren (Wirtshausgebühren) und, falls das erforderlich sein sollte, aus Personensteuern eingenommene Mittel. Aber nur ein Viertel dieses Kredits wurde auch tatsächlich für die Sanierung der Staatsfinanzen bzw. für die Abzahlung der fälligen Verpflichtungen verwendet, während etwa drei Viertel der effektiv erhaltenen Mittel für die laufenden Kosten ausgegeben wurden. Das nächste Jahr brachte ein (neues) Abenteuer von König Milan: den unnötigen Krieg m it Bulgarien, für den Serbien weder in militärischer noch in finanzieller Hinsicht bereit war wobei es sich wieder bei der Länderbank und dem Comptoir Nationale d'Escompte aus Paris um neue 25 M illionen Dinar verschulden musste. Auch dieser Kredit war (wie der vorherige) ein Wucherkredit, da für effektive 25 Millionen ein Darlehen auf nominelle 40 Millionen Dinar abgeschlossen wurde, m it einem Zinssatz von 5% und einer Tilgungsfrist von 49 Jahren. Als Garantie dafür bot der Staat die Einnahmen vom Tabakhandelsmonopol (daher auch die Bezeichnung "Tabakrente"), m it der Verpflichtung der Banken bzw. Gläubiger, bei einer eventuellen "Überbezahlung" den Differenzbetrag auf das Haushaltskonto einzuzahlen. Der Kredit wurde am wenigsten für die Bedürfnisse des M ilitärs verwendet, da das Kriegsfiasko, das nur 15 Tage dauerte, dank einer internationalen Intervention vermieden wurde. Bald stellte sich in der Öffentlichkeit die Frage, wie und unter welchen Bedingungen die "Tabakrente" abgeschlossen wurde, da die Banken bzw. Gläubiger in ihren Bilanzen eine negative Differenz zwischen den aus dem Tabakverkauf eingenommenen Mitteln und den jährlichen Verpflichtungen Serbiens ihnen gegenüber zu zeigen begannen. Laut statistischen Angaben, über die der Staat verfügte, dotierte der Staat die Kreditgeber regelmäßig m it einer Million 6 Jovanović 1990, p. 83ff. <?page no="154"?> 154 Boris N. Kršev Dinar, anstatt dass diese einen jährlichen Differenzbetrag von ca. 3,5 M illionen Dinar in die Staatskasse einzahlten.7 Bald folgte eine neue Verschuldung Serbiens für die "Heilung" des Finanzwesens; 1886 wurde bei der Berliner Handelsgesellschaft ein Kredit in Höhe von 12 Millionen Dinar mit einem Zinssatz von 5% und einer Amortisationsdauer von 37,5 Jahren aufgenommen (als Garantie gab man staatliche verzinsliche Wertpapiere des Verwaltungsfonds, des Schul- und des Gesundheitsfonds), und zwei Jahre später bekam man von der Länderbank für denselben Verwendungszweck weitere 30 Millionen, mit einem Zinssatz von 5% und einer Tilgungsfrist von 50 Jahren. Als Garantie für diesen Kredit gab der Staat die Einnahmen aus den Handwerkergeschäften und Tätigkeiten, so dass der gesamte Kredit den Namen "Handwerksrente" erhielt. Auch diese Kredite wurden nicht dem bewilligten Zweck gemäß verwendet, sondern für die "täglichen ad hoc Bedürfnisse" der Koalition der liberal-radikalen Regierung ausgegeben.8 Während der Vorbereitung für seine Abdankung wollte König Milan seinem minderjährigen Sohn Aleksandar eine möglichst günstige politische und wirtschaftliche Situation hinterlassen. Dies gelang ihm auch einigermaßen mit der Verabschiedung der am 21. Dezember 1888 angenommenen prodemokratischen Verfassung, die auch ein "kleines" Darlehen (auf die sogenannten "Tabakscheine") mit einem Nominalbetrag von 10 Millionen Golddinar beim Wiener Bankverein, m it einem Zinssatz von 5% und einer Tilgungsfrist von 65 Jahren, ratifizierte (mit dem man das von der Länderbank gehaltene Monopol auf den Tabakhandel abgolt).9 Serbien schloss dann von 1881 bis 1895 dreizehn große (langfristige) Kredite mit einer Gesamtsumme von ca. 323 Millionen Dinar ab, sowie eine größere Anzahl von kleineren, sogenannten "fliegenden" (kurzfristigen) Krediten, deren Wert 32 Millionen Dinar überstieg (so dass die Außenverschuldung bei über 355 Millionen Dinar lag). Da aufgrund einer zu großen Verschuldung fast nichts mehr als Garantie für den Erhalt neuer Kredite aufgeboten werden konnte, vollzogen die ausländischen Gläubiger durch das sogenannte "Karlsbader Protokoll" eine Konversion der Staatsschulden und bewahrten Serbien dadurch vor dem totalen Bankrott. Durch diese Vereinbarung wurden alle staatlichen Einnahmen (allen voran die Einnahmen von den Eisenbahnen, vom Tabak-, Salz- und Petroleummonopol, so- 7 Gnjatović, Dragana: Stari državni dugovi. Prilog ekonomiji i političkoj istoriji Srbije i Jugoslavije 1862-1941. Beograd: Ekonomski institut 1991, pp. 102-110. * Mitrović, Andrej: "Berliner HAndelsgeseIIschaft i Srbija". In: Zbornik Filozofskog fakulteta u Beogradu 15. Beograd: Filozofski fakultet u Beogradu, pp. 165-168. 9 Arhiv Jugoslavije (Al), Fond ministarstva finansija (70) 265-478, Nasledeni dugovi Kraljevine Srbije. <?page no="155"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien (1878-1918) 155 wie die Zolleinnahmen) unter die Verwaltung von ausländischen Gläubigern gestellt, während die gesamte Staatsverschuldung des Landes in den Betrag von 355.292.000 französische Franken in Gold konvertiert wurde, m it einer Tilgungsfrist bis zum Jahr 1974 und einem Zinssatz von 4%.10 Die übermäßige Verschuldung Serbiens verursachte auch die Unfähigkeit seiner unzureichend entwickelten Wirtschaft, Kapital zu akkumulieren und den für ein mehr oder weniger normales Funktionieren des Staates notwendigen M ehrwert zu schaffen. Obwohl nämlich das Handelskapital dominant war, war Serbien nicht in der Lage, sich in Industriekapital zu transformieren, um dadurch einen Aufschwung in der gesamten w irtschaftlichen Entwicklung zu ermöglichen. Daher war Serbien noch an der Schwelle des XX Jahrhunderts ein ausgeprägtes Agrarland, in dem von der Gesamtbevölkerung an die 2,5 Millionen Menschen gerade 15% in Städten und Städtchen lebten, und der Rest auf dem Land. So lebte auch fast ganz Serbien, oder fast 85% seiner Bevölkerung, von der Landwirtschaft, während vom Rest der Bevölkerung 6,5% Handwerker, 4,6% Händler und 4,7% Staatsbeamte waren.11 In der Zwischenzeit, nach der Abdankung von König Milan, setzte man Anfang 1889 statt des minderjährigen Aleksandar eine dreiteilige Statthalterschaft ein. Die Situation wurde Mitte 1892 komplizierter, als die politischen Akteure nach dem Tod des dritten Statthalters, des Generals Kosta Protić, sich nicht über die Ernennung des neuen Mitglieds einigen konnten. Dies nahm der minderjährige Thronfolger Aleksandar zum Anlass, am 1. April 1893 den ersten von einer ganzen Reihe von Staatsstreichen, die seine Herrschaft geprägt haben, auszuführen. Sich selber (vorzeitig) für volljährig erklärend, fasste König Aleksandar den Entschluss, die Statthalterschaft aufzuheben sowie die Regierung und die Nationalversammlung aufzulösen. Diese Tat rechtfertigte er als eine Rettung des Staates, seiner Souveränität und territorialen Integrität. Das Ansehen der Dynastie fiel auf den tiefsten Stand nach Aleksandars Entscheidung, im Juli 1900 die Hofdame und Freundin seiner M utter Draga Mašin zu heiraten, die nebenbei gesagt W itwe und zehn Jahre älter als er selbst war. Alle waren gegen diese "morganatische" Ehe sowohl die El- 10 Kršev, Boris: Finansijska politika Jugoslavije 1918-1941, Novi Sad: Prometej 2007, p. 164ff. Serbien schaffte es zwar, sich 1899 von der Konzession auf die Einnahmen der Eisenbahn zu befreien, indem es stattdessen die Einnahmen aus dem Streichholz- und Zigarettenpapiermonopol (die als neue Artikel eingeführt wurden) verpfändete. So sicherte sich Serbien mit der Zeit durch die Erweiterung der Liste der Waren, die unter das staatliche Monopol fielen (wie Zucker, Alkohol und Feuerstein), Garantien bei ausländischen Gläubigern für die Bewilligung neuer Kredite. 11 Vučo 1955, p. 171ff. <?page no="156"?> 156 Boris N. Kršev tern als auch die Regierung, die zurücktrat, österreichische und deutsche Offizielle sowie einige Teile der Offizierskorps, die eine Verschwörung zu schmieden begannen, um Aleksandar m it Gewalt vom Thron zu stoßen. Im Bereich des Außenhandels erreichte der Austausch mit Österreich-Ungarn seinen Höhepunkt - 90% des gesamten serbischen Exports (hauptsächlich landwirtschaftliche Rohstoffe) gingen auf den österreichisch-ungarischen Markt, während 60% des Imports (vor allem fertige Industrieprodukte) von dort kamen. Der Gesamtwert des Außenhandelsverkehrs betrug für das Jahr 1901 über 120 Millionen Dinar.12Dessen ungeachtet verlief die Einbindung von Serbien in internationale Prozesse und den internationalen Waren- und Kapitalaustausch außerordentlich langsam. Angesichts der fast absoluten Abhängigkeit vom dominanten Markt Österreich-Ungarns blieb der Kapitalismus in Serbien am Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Niveau eines "landwirtschaftlichen Anhängsels" der Doppelmonarchie. In der festen "Umarmung" Österreich-Ungarns stellte man in den politischen Kreisen Serbiens immer häufiger die Frage, ob denn der Staat überhaupt Souveränität besitze und um welche es sich denn handle, wenn keine einzige Entscheidung unabhängig getroffen werden könne.13 Auf dem finanziellen Plan war dies eine Periode der "inneren" Staatsverschuldung bei den privilegierten Geldinstituten vor allem bei der Nationalbank (Narodna banka), aber auch bei anderen Banken, die diesen Status hatten (Handelsbank, Exportbank, Belgrader Kreditamt u.a. [Trgovačka banka, Izvozna banka, Beogradski kreditni zavod]). Die Folge von außerplanmäßigen, unter politischem Druck bewilligten Krediten war eine Inflation, die durch das Drucken von ungedecktem Geld verursacht wurde.14 Serbien unternahm auch mehrere erfolglose Versuche, sich ein ausländisches Darlehen zu sichern, aber aufgrund des "Karlsbader Patronats" über die staatlichen Geldquellen und der ständigen Obstruktionen und Erpressungen der Großmächte konnte Serbien im Bereich der Regulierung der eigenen Finanzen nichts selbstständig unternehmen. So wurde m it der Zeit die Bewilligung eines größeren internationalen Kredits, mit dem die Staatsfinanzen "auf eigenen Beine" zu stehen kommen würden, 12 Istorija Srpskog naroda VI-1, p. 14f. 13 Kršev, Boris: Osnivanje Francusko srpske banke 1910. godine. In: Novosadski bankar 25 26 (1994), pp. 27-32. Die wirtschaftliche Abhängigkeit war bereits pejorativ geworden, so dass man immer häufiger hören konnte, dass "Österreich-Ungarn seine Armee nicht bewegen muss, um Serbien zum Gehorsam zu zwingen, sondern nur sein Grenzveterinärsamt zu mobilisieren hat". In der Periodevon 1881 bis 1901 wurden nämlich für Serbien wegen angeblicher Viehseuchen gleich sechs Mal die Grenzen geschlossen, und dabei handelte es sich um verschiedene Formen von politischem Druck. м Kršev, Boris: Osnovne karakteristike bankarstva u Srbiji do Prvog svetskog rata: Novi Sad: 2013 (Civitas 5), pp. 190-204. <?page no="157"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien [1878-1918) 157 zu einer erstrangigen diplomatischen Frage. Die gegenseitige Verflechtung der Interessen der Großmächte zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem auf dem Balkan hatte negative Folgen für die selbstständige Entwicklung Serbiens. Deutsche und österreichische Banken forderten von Serbien als Konzession für eine Finanzhilfe den letzten Trumpf, den Serbien hatte die Einnahmen aus den Eisenbahnen, während hingegen Russland wegen der austrophilen Politik der Obrenovićs-je d e n Versuch der Vereinbarung eines Darlehens m it französischen Banken sabotierte.15 Die Chance, einen größeren und günstigen Kredit zu erhalten, ergab sich für Serbien Anfang 1902, und zwar m it einem belgischen Bankenkonsortium. Die Summe, die Serbien am Ende hätte bekommen sollen, betrug 36,75 Millionen Dinar, zu einem außerordentlich günstigen Kurs und mit einem Zinssatz von 5%. Die einzige Bedingung, die der Gläubiger stellte, war, dass im Gegenzug in Belgrad (am Topčider) ein Spielkasino eröffnet würde. Dem Staat wurde sogar für die Übertragung dieses "Spielrechts" auch ein Teil des Reingewinns vom Glücksspiel in Flöhe von 25% auf Jahresebene angeboten. Da jedoch bald die Affäre um die "falsche Schwangerschaft" der Königin Draga publik wurde und die oppositionelle Presse gegen die Eröffnung des Spielkasinos war, gab man den ganzen "Spielkred it" auf, um einem weiteren Skandal aus dem Wege zu gehen.16 Die Entscheidung der Regierung, diesen Kreditvertrag mit der Gruppierung belgischer Banken aufzulösen, führte zum Rücktritt des Finanzministers Mihailo Popović. Der neue Minister Milovan Milovanović wandte sich an Pariser Banken um Hilfe, die Serbien (unter Vermittlung der russischen Diplomatie)17 ein Darlehen in nominaler Höhe von 60 Millionen Franken m it einer Tilgungsfrist von 50 Jahren und einem jährlichen Zinssatz von 5% gewährten. Aber obwohl das Darlehen während der Periode des letzten Obrenović abgeschlossen wurde, wurde es erst nach dem Regierungsantritt von Petar Karađorđević realisiert. Dank diesem Kredit schaffte es Serbien zum ersten Mal nach 25 Jahren, aus der Periode der ständigen Verschuldung und des ständigen Haushaltsdefizits herauszukommen, was in der Öffentlichkeit als ein erster Schritt der neuen Dynastie in Richtung einer Regulierung vor allem der finanziellen Situation im Staat ausgelegt wurde.18 15 Jovanović 1990, p. 61f. 16 Ibid., p. 248f. 17 Ibid., p. 173ff. Da fast alle relevanten Faktoren, die einen Einfluss auf das öffentliche Leben in Serbien hatten, gegen eine Ehe des Königs mit Draga Mašin sprachen, wandte sich Aleksandar an den Russischen Gesandten in Belgrad, Pavel Mansurov, der ihm die Einwilligung von Nikolaus Il Romanow, Draga Mašin zu segnen", verschaffte. So bezeichnete die (abgenötigte) Patenschaft des russischen Zaren eine Änderung im Kurs der Führung der Außenpolitik Belgrads. 18 Vojvodić, Mihailo: Srbija u međunarodnim odnosima krajem XIX i početkom XX veka. Belgrad: Srpska akademija nauka i umetnosti 1988, p. 359ff. <?page no="158"?> 158 Boris N. Kršev Die Machtübernahme der Karađorđevićs nach dem "Mai-Umsturz" bedeutete sowohl innenals auch außenpolitisch eine Änderung des Kurses in der Politikführung. Die prioritäre Aufgabe des neuen Regimes war die "Heilung der kranken Finanzen" durch eine Förderung von nationalen Sparmaßnahmen, eine durchdachte Kreditpolitik, die Umgestaltung der staatlichen Finanzbuchhaltung sowie eine Abgeordnetenaufsicht über Haushaltsposten und allgemeine Entwicklungsrichtungen der gesamten wirtschaftlichen Aktivität. Immer mehr spürte man die Anwesenheit von französischem und englischem Kapital bei der Finanzierung der Erweiterung des Eisenbahnnetzes, im Bergbau, im Handel sowie bei der Gründung von neuen gemischten Bankinstituten.19 Im Bereich der Sicherheit war die Aufrüstung der Armee prioritär, wofür noch ein günstiges ausländisches Darlehen gesichert werden musste. Die Auswahl der Kreditgeber wurde zur wichtigen politischen Frage, weil sie gleichzeitig auch den zukünftigen strategischen Partner bestimmte, auf den Serbien international rechnen konnte. Ein solcher Kredit konnte angesichts einer immer stärkeren Verschärfung der Beziehungen der Großmächte auf dem Balkan nicht mit einem eventuellen politischen Gegner abgeschlossen werden. Auch die finanziellen Bedingungen des Darlehens spielten eine große Rolle bei der Wahl des Partners, da jede weitere ungünstige Verschuldung katastrophale Konsequenzen für die wirtschaftliche und damit auch für die politische und die Sicherheitslage haben würde. Daher waren das Darlehen und die Anschaffungen zwei miteinander verknüpfte Geschäfte, da jeder Gläubiger die Bedingung aufstellte, alle Anschaffungen bei Herstellern aus seinem Land zu machen. M it anderen Worten, die Banken waren bereit, die eigene Militärindustrie zu kreditieren, und nicht, ein Darlehen zu geben, m it dem die Konkurrenz mittelbar finanziert werden würde. So knüpften alle sowohl österreichische als auch deutsche, französische und englische Bankiers die Bewilligung des Darlehens an die Anschaffung von Militärausrüstung und -bewaffnung bei ihren eigenen Herstellern, und nicht bei Konkurrenzunternehmen die Österreicher bei "Skoda", die Deutschen bei "Krupp" und "Erhardt", die Franzosen bei "Schneider-Creusot" und die Engländer bei "Armstrong". Vorläufer der neuen Verschärfung der Beziehungen zwischen Belgrad und Wien war das serbisch-bulgarische Zollbündnis (abgeschlossen im Juni 1905), das die Hauptstadt Österreichs mit Argwohn zur Kenntnis nahm, weil dadurch der Einfluss Russlands auf dem Balkan zunahm. Da das Zollbündnis sich bald zu einem Militärbündnis entwickelte (mit dem Ziel einer "endgültigen" Lösung der Ostfrage) und Bulgarien in der Zwi- ,: i Aleksić-Pejković, Ljiljana: Odnosi Srbije sa Francuskom i Engleskom 1903-1914. Belgrad Istorijski institut 1965, pp. 253-263. <?page no="159"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien (1878-1918) 159 schenzeit Kanonen und schwere Artillerie über "Schneider-Creusot" erworben hatte, war es völlig natürlich zu erwarten, dass auch die serbische Regierung sich entschließen würde, bei demselben Hersteller Rüstungsgüter für die eigene Armee zu beziehen. Aber Wien betrachtete die Frage der Bewaffnung Serbiens als eine "Angelegenheit, in der ihnen kein anderer Staat Konkurrenz machen" dürfe. Der Außenminister Agenor Gotuchowski verlangte von Serbien, das Bündnis mit Bulgarien aufzulösen und das "Prioritätsrecht" Österreich-Ungarns in jeglicher Hinsicht einzuräumen. Infolgedessen bietet der Vertreter des Wiener Bankvereins Wilhelm von Adler in den Verhandlungen m it dem serbischen Finanzminister Lazar Paču ein fast zinsloses Darlehen in Höhe von 30 Millionen Dinar an, aber unter der Bedingung, dass Serbien seine schwere Bewaffnung beim österreichischen Hersteller "Skoda" aus Pilsen erw irbt.20 Da jedoch die Wahl von Serbiens Regierung trotzdem auf den französischen Hersteller "Schneider-Creusot" fiel, rechtfertigte das offizielle Belgrad die Anschaffung der schweren Bewaffnung als eine rein technische Frage (angesichts der schlechteren Qualität der Skoda-Kanonen im Vergleich zu den französischen), die mit den restlichen Handels- und anderen Abkommen, die mit der Doppelmonarchie geschlossen wurden, nicht in Beziehung gesetzt werden sollten. Eine solche Haltung Belgrads stellte für Wien einen ausreichenden Grund dar, um AnfangJuIi 1906 die nordwestlichen Grenzen Serbiens wieder zu blockieren. So war die "Kanonenfrage" Anlass für den Beginn des Zollkriegs bzw. für das Embargo serbischer Produkte, das bis zum Jahre 1911 dauern sollte.21 20 Dedijer, Vladimir: Sarajevo 1914, Beograd: Prosveta 1966, p. 620. Anlässlich der Audienz bei König Petar im Dezember 1904 deutete Adler an, dass "die Haltung der serbischen Regierung in der Frage des Darlehens und der Anschaffung der Kanonen eine Art Barometer für dessen Beziehungzu Österreich-Ungarn sein und dass die Monarchie ihre Haltung in allen Fragen im Zusammenhang mit Serbien im Einklang damit einnehmen wird". Es handelte sich dabei um Druckausübung auf die serbische Regierung, ihre Bewaffnung über Skoda, das sich bereits längere Zeit in einer Krise befand, zu realisieren. Allein dessen Verschuldung bei der Creditanstalt in einer Höhe von 4 Millionen Kronen waren ein ausreichendes Signal für alle anderen Banken, äußerste Voisicht bei der Kreditierung des böhmischen Unternehmens walten zu lassen. Auf der anderen Seite war die Produkbon für die Bedürfnisse der österreichisch-ungarischen Armee "zu gering, um die Fabrik am Leben zu erhalten". Wenn man weiß, dass die Staatsspitze selbst, mit Eizheizog Franz Ferdinand an der Spitze, große Akbenpakete von Skoda besaß, dann ist völlig klar, warum man auf Serbien Druck ausüben musste, seine Kanonenanschaffung über den österreichischen Hersteller zu realisieren wobei man selbst vor den schwersten Zwangsmaßnahmen nicht zurückschrak. Vgl. Dumba, Constanbn: Dreibund Und Entente-Polibk in DerAIten Und Neuen Welt. Wien: Amalthea 1931, p. 218f. 21 Đorđević, Dimitrije: Carinski rat Austro Ugaiske i Srbije 1906 1911. Beograd: Istorijski insbtut 1962, p. 1 0 1 1 0 5 . Die Schließung der österreichisch-ungarischen Grenze sollte Serbien "in die Knie zwingen" ihm einen solchen wirtschaftlichen Schlag versetzen, von dem es sich jahrelang nicht erholen würde. Aberes geschah das G egenteil-Serbien gelang es, eine Alternabvlösungzu bilden und den Exportseiner Produkteaufneue Märkte zu organisieren. <?page no="160"?> 160 Boris N. Kršev In der Zwischenzeit erhielt die serbische Regierung von einem Pariser Bankenkonsortium (Banque de Paris et des Pays-Bas, Societe Generale und Comptoir d'Escompte) ein Rüstungskreditangebot in Höhe von 95 M illionen Goldfranken, mit einer Tilgungsfrist bis 1956 und einem Zinssatz von 4,5% auf Jahresebene, der im November 1906 realisiert wurde (mit der Anmerkung, dass Serbien für dieses Darlehen keinerlei Garantien geben musste). Den augenscheinlich günstigen Kredit erhielt man auch aufgrund der Hast und der Befürchtungen der französischen Bankiers, dass es wegen dem russisch-japanischen Krieg zu einer Krise auf dem weltweiten Geldmarkt kommen würde, die alle internationalen Finanzflüsse und Kreditarrangements paralysieren könnte.22 Da der Zugang zum Meer und der Bau der Adria-Eisenbahn unter den neuen Bedingungen (angesichts der Blockade der Grenzen) die prioritäre Aufgabe der serbischen Regierung war, konnte man erwarten, dass Wien sich aller Mittel bedienen würde, um diesen Plan zu vereiteln. Dem neuen Außenminister Baron Alois Aehrenthal gelang es denn auch, die Verbindung Belgrads mit der Adria und mit dem Hafen Bar in Montenegro über den Sandschak, sowie die Verbindung über Priština und Prizren mit San Giovanni di Medua (Shengjin) in Albanien und mit dem Ägäischen Meer über Thessaloniki vorübergehend zu verhindern. Die Wiener Diplomatie schaffte es, in den internationalen Kreisen den Zugang Serbiens zum Meer m it der Erlangung der Konzession für den Bau der Eisenbahn für das eigene Kapital über die Orientbahn und die Hirsch-Kompanie zu bedingen.23 Auf der anderen Seite stellte die Finanzierung des Eisenbahnbaus unter serbischer Regie eine fast "unmögliche Mission" für den Staatshaushalt dar. Serbien wurde mit dem Beginn des "Zollkriegs" mit einem bis dahin ungesehenen, durch die Exportblockade sowie die Rekonstruierung des Handels und der gesamten Wirtschaft verursachten Geldmangel konfrontiert. Deswegen wandte sich die serbische Regierung bereits im Sommer 1907 wieder an die französischen Geldgeber mit der Bitte um einen neuen Kredit. Da jedoch erst wenige Monate seit dem Abschluss des letzten Darlehens ver- Deswegen musste es sich einen Zugang zum M eer verschaffen, was eine neue (politische) Frage aufwerfen sollte - "die Frage der Adriaeisenbahnen". 22 Ćorović, Vladimir: Odnosi između Srbije i Austro-Ugarske u XXveku. Beograd: Biblioteka grada Beograda 1992, p. 94. 23 Ibid., pp. 551-558. Als Vermittler zwischen Österreich-Ungarn und Serbien trat eine Gruppierung von französischen Bankiers mit dem Vorschlag auf, dass, wenn man schon auf der Konzession bestehe, 2/ 3 der Aktien der Orientbahn Iosgekauftwerden sollten, und zwar so, dass Österreich-Ungarn nur 1/ 3 der Aktien besitzen sollte, während das zweite Drittel Serbien gehören würde, und das dritte Drittel würden Russland und Frankreich untereinander aufteilen. Dieser von Russland und Frankreich unterstützte Vorschlag sollte das serbische Problem des Zutritts zum M eer "internationalisieren". <?page no="161"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien [1878-1918) 161 gangen waren, wurde dieser Antrag abgelehnt. Auch im darauffolgenden Jahr schickte Serbien eine neue Bitte um eine Kreditgenehmigung, aber aufgrund der Annexionskrise wurde der Antrag wieder abgelehnt. Erst als sich Anfang April 1909 die Situation im Zusammenhang mit Bosnien-Herzegowina gewissermaßen "beruhigt" hatte, bewilligte das französische Bankenkonsortium mit der Banque de Paris et des Pays-Bas, der Societe Generale und dem Comptoir d'Escompte an der Spitze ein Darlehen für der Bau der Adriabahn in Höhe von 150 Millionen französischen Franken in Gold, m it einer Tilgungsfrist von 50 Jahren und einem Zinssatz von 4,5%. Der Staat bürgte dafür, dass er die jährliche Annuität in Höhe von 7,5 Millionen Dinar aus dem Überschuss aller Monopoleinnahmen begleichen würde. Der Kredit sollte ein spezifische "Belohnung für Serbien für seine Haltung in der Annexionskrise" darstellen, da dem Staat, nach Meinung der französischen Diplomaten, "bis dahin niemand nicht einmal danke gesagt hatte."24 Die Nettosumme des Darlehens betrug jedoch am Ende 123,75 Millionen Dinar, von denen 56 Millionen für den Eisenbahnbau verwendet wurden, während 44 Millionen für die Bewaffnung, 13 Millionen für die Förderung und Erteilung von Handelskapital an einzelne Unternehmer sowie 10 Millionen für die Auszahlung fälliger Schatzwechsel ausgegeben wurden. In einem Teil der Öffentlichkeit stieß diese Verschuldung Serbiens auf scharfe Kritik, während die Regierung selbst sich damit rechtfertigte, dass man bei der Situation auf dem Geldmarkt keinen besseren Kredit hatte bekommen können und dass für die Bewaffnung der Armee alles, was zur Verfügung steht, gegeben werden müsse egal was es koste. Auch die Belgrader Politika äußerte sich positiv zur neuen Staatsverschuldung und kommentierte sie mit den folgenden Worten: "Wer weiß, ob uns die M illionen, die w ir jetzt für die Armee ausgeben, in kurzer Zeit nicht mit großem Gewinn zurückgezahlt werden."25 Da der Markt an chronischem Geldmangel litt, war die Regierung gezwungen, sich auch bei der Naäonalbank zu verschulden, die aufgrund dessen die Geldmasse erhöhen musste, was zu einer Inflation führte. In nur vier Jahren erhöhte sich der Geldumlauf um mehr als das Doppelte von 37 Millionen (im Jahr 1906) auf 75 Millionen Dinar (am Ende des Jahres 1910). Eine Kuriosität war, dass der Dinar trotz der hohen Inflationsrate seine Parität und Gleichwertigkeit mit dem französischen Franken aufrechterhalten konnte vor allem dank der positiven Außenhandelsbilanz (im Jahr 1910 belief sich der Gesamtexport auf 98,3 Millionen 24 Aleksić-Pejković 1965, pp. 223-230. Nach Meinung der französischen Diplomatie "sollte die Kreditbewilligung die Unzufriedenheit der öffentlichen Meinung in Serbien mildern", sowie ihre Enttäuschung wegen der ausgebliebenen Unterstützung der Entente. 25 In: Politika, 26.11.1909. <?page no="162"?> 162 Boris N. Kršev Dinar, und der Import auf 84,6 Millionen) und dem hohen Goldstandard (der sogenannten "Goldbasis"), der für das Jahr 1910 rund 33,6 Millionen Dinar in Gold (oder fast 45% vom Gesamtgeldumlauf) betrug. Allgemein betrachtet kommen die serbischen Finanzen Anfang 1910 in eine Periode der Stabilität, vor allem dank dem energischen Finanzminister Lazar Paču, des Weiteren aufgrund der Sparsamkeit und rationellen Verwendung der Haushaltsmittel, der Aufsicht der Nationalversammlung über die Haushaltspositionen und der rechtzeitigen Kapitaldienstdeckung ausländischen Gläubigern gegenüber was insgesamt das Ansehen und das Kreditrating Serbiens steigerte.26 Aufdem Außenpolitischen Parkett entwickelte sich das serbisch-bulgarische Bündnis zu einem Balkanbündnis, dem sich Montenegro und Griechenland anschlossen. Da sich der "Tag der großen Abrechnung" der endgültigen Lösung der Ostfrage näherte, hoben alle Mitgliedsstaaten ihre Kampfbereitschaft auf das höchste Niveau und stellten fast eine M illionenarmee auf. Serbien mobilisierte 1912 für den Ersten Balkankrieg insgesamt 335.000 Soldaten und für spätere Bedürfnisse im Kampf noch 67.000 Soldaten. Durch die Beschlüsse der Londoner Botschafterkonferenz im Dezember 1912 und des Friedensabkommens von Bukarest vom 10. August 1913 erhielt Serbien keinen Zutritt zum Meer, wurde aber flächenmäßig um 39.000 km2 vergrößert das Gebiet von Kosovo (Altserbien), die Region Vardar in Mazedonien (Südserbien) und ein Teil des Sandschak (Region Raška) wo eine größtenteils nichtserbische Bevölkerung von etwa 1,3 Millionen Menschen lebte.27 Während der "finalen Abrechnung" erklärten die Großmächte ihre politische Neutralität, die sich auch auf eine gewisse "finanzielle Neutralität" bzw. ein Finanzierungsverbot der sich bekriegenden Parteien erstreckte. Mangel an Kapital und an finanzieller Unterstützung für die Kriegsführung spürte man allenthalben. Die serbische Regierung schaffte es während der Balkankriege, durch Verschuldung bei "eigenen" Finanzinstitutionen bei der Fondverwaltung (18 Millionen), bei der Französisch-Serbischen Bank (30 Millionen) und durch eine "endlose" Erteilung von Schatzwechseln durch die Nationalbank zusätzliche Mittel zu sichern. Aber das reichte nicht aus, um alle wachsenden Bedürfnisse des Staates abzudecken. 26 Istorija srpskog naroda V l-l, p,177f. 27 Ekmečić, Milorad: Stvaranje Jugoslavije 1790-1918. Bd. 2. Beograd: Prosveta 1989, pp. 628- 659. Die Balkankriege hatten unermessliche Folgen für die weitere Entwicklung der Völker, die in diesem Gebiet lebten. Die spätere Politik stellte die historische Frage, ob es sich dabei um Befreiungs- oder Eroberungskriege gehandelt habe. Aufjeden Fall haben diese Kriege den Freiheitsgeist der ostslawischen Völker in der Flabsburger Monarchie, vor allem bei Jugendlichen, die "berauscht den Gedanken von der jugoslawischen Vereinigung erzählten", in unermessliche Flöhen gehoben. <?page no="163"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien [1878-1918) 163 Man sollte so bald wie möglich alle Kriegshandlungen beenden, um von den ausländischen Gläubigern einen größeren Kredit, m it dem man die Staatsfinanzen regeln könnte, bewilligt zu bekommen. So brachten also ihre finanziellen (Un-)Gelegenheiten Serbien und Bulgarien dazu, den Friedensvertrag zu schließen, der den Zweiten Balkankrieg beendete. Die Bedingung der Pariser Bankiers, Serbien solle zuerst Frieden schließen und erst danach einen Kredit beantragen, versuchten englische und russische Geldgeber auszunutzen, um ihr Kapital auf dem serbischen Markt zu platzieren. Jedoch wurde beim Besuch von Nikola Pašić in Paris M itte August 1913, nach Unterzeichnung des Friedens von Bukarest, ein prinzipielles Einverständnis m it den französischen Partnern erlangt. Das größte Darlehen, das Königreich Serbien je zugewiesen bekam, wurde am 26. August 1913 in Belgrad zwischen der serbischen Regierung und der Französisch-Serbischen Bank, die das Konsortium von Societe f i nanciers d'Orient, Banquefrangaise pour Ie commerce et l'industrie, Banque Imperiale Ottomane, Banque de Paris et des Pays-Bas und Comptoir National d'Escompte de Paris vertrat, abgeschlossen. Der Kredit betrug nominell 250 Millionen Goldfranken, wobei er in zwei gleiche Tranchen zu jeweils 125 Millionen geteilt war, mit einer Tilgungsfrist von 50 Jahren und einem Zinssatz von 5%. Die jährliche Annuität betrug 13,55 Millionen, und als Garantie gab Serbien sein Alkoholmonopol, und falls dies nicht ausreichen sollte, konnten die Gläubiger mit direkten Mitteln aus dem Haushalt rechnen. Der Kredit war deklarativ zweckgebunden: der erste Teil für die Liquidierung der Kriegskosten, und der zweite für die Bedürfnisse der Funktionalität staatlicher Organe, Investitionen in die Wirtschaft und für die Integration der neuen Gebiete. Der gesamte Kredit sollte bis zum 1. April 1914 realisiert werden.28 Nach Abzug aller Kosten erhielt Serbien aber nur 207.720.000 Franken, und dafür sollte es bis 1964 ganze 677,5 Millionen Franken zurückzahlen. Der Finanzminister Pacu rechtfertigte die ungünstigen Kreditbedingungen mit der internationalen Krise und der Blockpolarisierung der europäischen Mächte, was eine Teuerung nach sich zog, aber auch mit dem dringenden Bedürfnis Serbiens, seinen Verpflichtungen aufgrund früherer Verschuldungen sowie einem Teil der türkischen Staatsverschuldung als ihr Sukzessor nachzukommen. Das, was am Ende der serbischen Regierung noch zur Verfügung stand, war dermaßen belanglos, dass man umgehend das Terrain für ein neues Darlehen vorbereiten musste.29 Serbien war damit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs einer der meistverschuldeten 28 Aleksić-Pejković 1965, p. 348f. 29 Ibid., pp. 352-367. <?page no="164"?> 164 Boris N. Kršev Staaten in Europa seine Außenverschuldung belief sich auf 910.292.000 Millionen französische Franken in Gold und 43 Millionen Golddinar.30 Von der Situation in Serbien vom Ende 1913 und vom Anfang 1914 legen vielleicht die Berichte der russischen und österreichischen Gesandtschaft am besten Zeugenschaft ab. So heißt es in einem Schreiben Nikolaus Hartwigs, dass "Serbien nach Frieden lechzt und bereit ist, in freundschaftliche Beziehungen zu allen Nachbarn zu treten", während im Referat des Militärattaches Otto Gelinek steht, "Serbien ist für eine gewisse Zeit in einen Schwächezustand geraten, sowohl in finanzieller als auch in militärischer Hinsicht [...] Bewaffnung und Ausrüstung müssen sie von neuem anschaffen, denn alles ist alt und abgenutzt [...] Das Land braucht in den nächsten paar Jahren unbedingt Frieden." Auch im Bericht des Gesandten Wladimir Giesl vom 24. Februar 1014 heißt es, dass "die militärischen und finanziellen Umstände im Königreich dermaßen beschaffen sind, dass sie die Führung einer abenteuerlichen Politik verhindern", während im nächsten Bericht (vom 10. April) bestätigt wird, dass in Serbien bei der gesamten Bevölkerung und beim Militär eine ehrliche Liebe zum Frieden dominiert [...] Serbien will Frieden haben, denn jetzt kann es keinen Krieg führen [...] Es ist durch den Gewinn neuer Gebiete sowohl in militärischer als auch in wirtschaftlicher und politischer Flinsicht geschwächt, was noch Jahre dauern wird, denn es wendet sowohl seine militärische als auch finanzielle Kraft auf, die neuen Gebiete zu bewahren...31 Fast gleichzeitig, M itte Mai, erreichten die serbische Regierung Informationen "über eine Gruppe Jugendlicher aus Bosnien-Herzegowina, die ohne Reisedokumente und unter dem Schutz von Grenzoffizieren die Grenze an der Drina überqueren, und dass einige von ihnen Vorbereitungen anstellen, den Thronfolger Franz Ferdinand umzubringen" Pašić wies auf die Probleme hin, die solche geheimen Grenzüberquerungen bei der österreichischen Regierung auslösen könnten, und verurteilte auch einzelne Offiziere, die dahinter standen: "Solche Beziehungen unserer Offiziere aus der Gruppe 'Die schwarze Hand', die mit den exaltierten Jugendlichen aus Bosnien-Herzegowina die von großserbischer Propaganda begeistert sind das Monopol auf den Patriotismus für sich beanspruchen, können sehr gefährlich sein", lauteten seine bei der Regierungssitzung Ende Mai 1914 notierten Worte. Die Regierung ahnte, die Jungbosnier könnten "irgend eine unangenehme Demonstration oder ein Abenteuer bei den bevorstehenden großen Sarajevoer Manövern, welche die österreichisch-ungarische Armee m it einer frapanten Anzahl von 250.000 Mann m it dem Thron- 30 A l,70-265-478, Nasleđeni dugovi Kraljevine Srbije. 31 Ćorović 1992, p. 648. <?page no="165"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien [1S7S-191S) 165 folger Franz Ferdinand an der Spitze demonstrativ entlang der westlichen Grenze organisiert, anstellen".32 Pašić und die Regierung waren sich der Situation, in der sich Serbien befand, bewusst, und dass "keine seiner Institutionen sich auf ein so gefährliches Unternehmen einlassen dürfte, da Serbien gerade aus zwei schweren Kriegen gekommen war, in denen es sowohl in menschlicher als auch in materieller Flinsicht schwere Verluste erleiden musste". Daher sei dem Land, so dachten sie, "eine mehrjährige Pause für die Erneuerung und finanzielle Konsolidierung sowie für die Gewinnung der Souveränität aufseinen neuerhaltenen Gebieten unentbehrlich."33 Aber das Attentat geschah dennoch und Österreich-Ungarn schmiedete trotz des Berichts von Professor Friedrich Wiesner, dass es keinerlei Beweise für die (direkte) Einmischung der serbischen Regierung in das Attentat gebe den Plan, die Lösung seiner großen inneren Probleme und seine Selbstbestätigung als europäische Großmacht durch einen kleinen Krieg mit Serbien zu bewerkstelligen. Obwohl der russische Gesandte in Berlin einen solchen Ausgang als "Zündung" charakterisierte, die ganz Europa entfachen könne, versicherte ihm der deutsche Staatssekretär im Auswärtigen Amt Gottlieb von Jagow, dass es sich dabei "nicht um einen Krieg, sondern um die Exekution in einer lokalen Affäre handeln würde."34 Nachdem Wien bereits Anfang Juli eine (unwiderrufliche) Entscheidung für den Krieg getroffen hatte, zeigte es sich, dass die Armee der Monarchie nicht bereit war (obwohl soeben die Manöver beendet waren), so dass der Chef des Generalstabs Conrad Flötzendorf etwa zwanzig Tage für die Vorbereitung der Mobilisierung verlangte. Es sollte Zeit gewonnen und ein solches Ultimatum geschrieben werden, das "überzeugende Anschuldigungen und inakzeptable Forderungen enthalten müsste - und dennoch gemäßigt in seiner Form".35Im Ultimatum von Alexander Musulin demonstrierte man eine Pax Austriciae sondergleichen in zehn Punkten wurde die serbische Regierung (mittelbar) beschuldigt, die Arbeit einzelner Organisationen geduldet zu haben ("Volksabwehr" und "Vereinigung oder 32 Dedijei 1966, p. 664ff. 33 Istorija srpskog naroda VI-2, Belgrad 2000, p. 20-22. Obwohl die serbischen Offiziellen sich für die Einheit des Staates und dessen Erneuerung und Konsolidierung einsetzten, war der Staat innenpolitisch dennoch gespalten zwischen dem König und der Regierung auf der einen, und der Geheimorganisation Die schwarze Hand auf der anderen Seite. Überzeugt davon, das größte Verdienst für den Machtantritt Karađorđevićs zu haben, agieren deren Mitglieder eigenmächtig, weil über ihnen keine Institution im Staat steht. 34 Ćorović 1992, p. 780. 35 ! storija sprskog naroda, VI-2, p. 31f. <?page no="166"?> 166 Boris N. Kršev Tod"), die subversive Tendenzen der Monarchie gegenüber zeigten - und dass an dieser Arbeit auch einige Staatsbeamte (Milan Ciganović) und Offiziere (Voja Tankosić) teilgenommen hatten sowie den ungebändigten Ton bestimmter Presseorgane (Pijemont) nicht verhindert zu haben. Von den Bedingungen, die im Ultimatum angeführt wurden, war der fünfte Punkt der problematischste, denn dort verlangte die österreichisch-ungarische Regierung für ihre gerichtlichen und polizeilichen Organe, auf dem Territorium Serbiens ungehindert Untersuchungen durchführen zu können. Die serbische Regierung willigte ein, die restlichen neun Punkte zu erfüllen, den fünften jedoch nicht, m it der Antwort, sie würde "eine Zusammenarbeit im Einklang m it dem internationalen Recht und Strafverfahren akzeptieren, sowie dass diese Frage dem internationalen Gericht in Haag vorgetragen werde."36 Der österreichische Außenminister Graf Leopold Berchtold war der Meinung, die serbische Antwort sei "nicht ehrlich" und habe die "Absicht, nur ein trügerisches Bild bei den europäischen Mächten zu schaffen, dass die serbische Regierung die an sie gestellten Forderungen in großem Maße zu erfüllen bereit sei".37Angesichts einer solchen Haltung folgte m it moralischer Unterstützung Berlins die Kriegserklärung an Serbien, und da Russland versprochen hatte, den "kleinen Bruder" auf keinen Fall im Stich zu lassen, wurde bald ein "Domino-Effekt" ausgelöst, der Europa in den Großen Krieg führen sollte. In Serbien löste die Kriegserklärung keine größere Panik aus, obwohl die Regierung wusste, dass man nicht einmal für die Mobilisierung, geschweige denn für den Krieg die Mittel hatte. Daher informierte unmittelbar nach dem Empfang des Telegramms mit der Kriegserklärung (am selben Tag) Pašić den serbischen Botschafter in Paris Milenko Vesnić, dass er sich mit der Bitte um finanzielle Unterstützung an die französische Regierung wenden solle. Obwohl der Regierungschef Rene Viviani sich im Zusammenhang mit der serbischen Anfrage positiv äußerte, war der Finazminister Noulens dagegen, "weil diese Ausgaben im Haushalt für das 36 Vrkatic 2004, pp. 588-591. Obwohl Wien sofort die Frage der Verantwortung Belgrads aufwarf, ist es eine Tatsache, dass eine Verantwortung der österreichisch-ungarischen Regierung niemals zur Debatte stand. Warum wurden die Informationen und Warnungen der serbischen Regierung nicht ernst genommen, warum waren die Schutzmaßnahmen für den Thronfolger vollkommen ideenlos, da die Ermittlungen ergaben, dass die Vorbereitung und der Verlauf des Attentats auf einer außerordentlich niedrigen Ebene der Professionalität waren j a sogaraufeineramateurhaften Ebene, sind nur einige der Fragen, die unbeantwortet geblieben sind. Es ist sogar strittig und zweifelhaft, ob die ganze Aktion überhaupt von der "Schwarzen Hand" organisiert wurde? (Kazimirović, Vasa: Crna ruka. Novi Sad: Selbstverlag [fotomech.] 2013.) 37 Ćorović 1992, p. 782. <?page no="167"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien (1878-1918) 167 laufende Jahr nicht vorgesehen waren" worauf sich auch der Ministerrat m it dieser Einschätzung einverstanden erklärte und es ablehnte, Serbien zu helfen. Auch Präsident Clemenceau, der Druck auf den französischen Senat ausübte, Serbien zu helfen, konnte nichts bewirken. Aber der 'lokale' Krieg, den die Monarchie wollte, dauerte nur drei Tage. In Berlin wartete man nur auf die Nachricht von der allgemeinen Mobilisierung Russlands, um dies als casus belli aufzufassen und Russland am 1. August Krieg zu erklären mit dem das System casus foederis ausgelöst wurde.38 So erklärte zwei Tage später Deutschland Frankreich den Krieg, worauf in einem Eilverfahren der erste Kriegskredit für Serbien in Flöhe von 100 Millionen französischen Franken in Gold bewilligt wurde.39 Die Art und Weise, wie dieser erste Kriegskredit Serbiens bei den Verbündeten realisiert wurde, legt auch unmissverständlich Zeugnis davon ab, wie und unter welchen Bedingungen Serbien finanzielle Hilfe für die Kriegsführung bekam. In den Wirren des Krieges verfolgten sowohl Frankreich als auch England vor allem eigene Interessen, und erst dann die Interessen der Verbündeten, so dass das Geld und die militärische Ausrüstung, welche die serbische Regierung bestellte, stets Gegenstand einer Überprüfung waren.40 Die Finanzierung der Militäroperationen im Jahr 1914 bestritt Serbien auch aus einem Teil des Flaushalts für das laufende Jahr, dessen Einnahmen nur zum Teil realisiert wurden (von den geplanten 214,3 Millionen wurden nur 124,3 Millionen Dinar eingenommen). Unter Kriegsbedingungen konnte man nicht erwarten, dass der Haushaltsplan erfüllt würde, und von weiteren Plänen zu einer Haushaltsnivellierung konnte keine Rede sein.41 Aus den Briefen von Faza Paču an Nikola Pašić und Stojan Protić im August und September 1915 kann man erfahren, dass Serbien von den Verbündeten die Bewilligung eines größeren Kredits verlangte, und nicht den sukzessiven Erhalt der Mittel von Fall zu Fall. So wurde Ende Juli 38 Kisindžer, Henri: Diplomatija, Beograd 2011, p. 174-188. Bereits seit dem Ende des XIX Jahrhunderts w ar in der Diplomatie und in Militärkreisen aufgrund des Fortschritts der Militärtechnologie die traditionelle Art und Weise, wie der casus belli definiert wurde, überholt. Viel wichtiger war, w er als erster eine Mobilisierung durchgeführt, und nicht, w er den ersten Schuss abgegeben hatte. Die Mobilisierung konnte nicht m ehr als eine Friedenshandlung aufgefasst werden im Gegenteil, sie stellte den unmittelbarsten Akt einer Kriegserklärung dar. 39 Al, Fond Milana Stojadinovića (37), p. 33-243. Poreklo prvog srpskog zajma u Francuskoj. (Das Dokument stellt die schriftliche Aufzeichnung des Ende November 1924 in Paris geführten Gesprächs zwischen Miladin Stojanovicund dem französischen FinancierGaston Buni dar). 40 Becii, Ivan M.: Ratni dugovi Kraljevine Srbije u svetlu politike. In: Istorija 20. veka. Belgrad 2010, vol. 28, Nr. 3, p. 45-56. 41 Gnjatovi ć Stari državni dugovi, p. 111. <?page no="168"?> 168 Boris N. Kršev 1915 bei den Verbündeten ein Antrag auf eine Kreditbewilligung in Höhe von 150 Millionen französischen Franken gestellt. Aber der englische Finanzminister sagte, dass sie ihren Anteil (50 Millionen) und die Hälfte des zugehörigen russischen Anteils (25 Millionen) "als Akontozahlung für die Militärausrüstung im Gesamtbetrag von 130 Millionen Franken, die der serbische Militärminister bei der englischen Regierung bestellt hat, behalten werden". Paču war überrascht, denn weder er noch der Rest seines Kabinetts wussten etwas von diesen Bestellungen. Die Überraschung war noch größer, als Pašić auf die Frage, was denn für dieses Geld bestellt wurde, eine negative Antwort vom Minister General Petar Bojinović persönlich bekam. Paču verlangte von Pašić, dass der Militärminister wegen dieses eigenmächtigen Vorgehens zur Verantwortung gezogen werden und seinen Rücktritt erklären müsse, aber die Situation am Kriegsschauplatz machte die Sanktionierung dieses und ähnlicher Fälle sekundär.42 M it dem Rückzug der serbischen Armee, der Regierung und des Königs aus dem Land wurden auch die Nationalbank des Königreichs Serbien, die Fondverwaltung und andere größere Belgrader Banken evakuiert.43 Zwischenzeitlich in Marseille stationiert, setzte die Nadonalbank auch im Krieg die Emission von Dinaren, die dank französischen und englischen Krediten (und den Garantien der Verbündeten) weiterhin eine relativ stabile Währung blieben, fort. Alle während des Krieges emittierten Dinarscheine hatten eine Deckung in Gold oder in einer anderen ausländischen Währung (dem französischen Franken, dem englischen Pfund und dem amerikanischen Dollar).44 Auf der anderen Seite bewahrte der Besatzer selbst die Konvertibilität des Dinars, der im Land geblieben war, denn er devalvierte ihn zwangsweise um 50%, indem er ihn für Kronen auf einer Grundlage von 2: 1 wechselte und völlig aus dem Verkehr verdrängte -d .h . die eigene Währung als Zahlungsmittel einführte. So blieb der serbische 42 Marković, Nikola: Dr Laza Paču životopisne crtice, Belgrad 1923, p. 41-47. In den Briefen bringt Paču ein solches Verhalten des Militärministers in Beziehung zur "Schwarzen Hand" dessen Exponent er war -, die sich seiner Überzeugung nach von der Kontrolle der staatlichen Regierungsorgane vollkommen losgelöst hatte, wodurch sogar der Ausgang des Krieges in Frage kam. 42 Glomazić, Momir: Istorija državne hipotekarne banke 1862-1932, Belgrad 1933, p. 15-17. Während der Evakuierung der Nationalbank und anderer Bankinstitutionen aus dem Land verschwanden viele Dokumente, die für die Beziehung von Schuldnern und Gläubigern von Bedeutung waren, sowie Intabulationsbücher nach Gerichten aus dem Landesinneren. Nach dem Krieg dauerte die Rekonstruierung und Identifizierung von Schuldnern und Gläubigern, die niemals zu Ende gebracht wurde, mehr als zwei Jahre. 44 Arhiv Narodne banke Srbije (ANBS), Izveštaj Upravnog odbora Narodne banke Kraljevine SHS za 1920. Die evidentierte Menge an Dinaren im Umlauf am 31. Dezember 1913 betrug 262.583.129,19. Vor der Vereinigung, am 1. Dezember 1918 ging man davon aus, dass das im Umlauf befindliche Geld nicht die Summe von 600 Millionen Dinar übersteige. <?page no="169"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien [1878-1918) 169 Dinar für eine gewisse Zeit 'konserviert' während die andere Währung, die sogenannte 'serbische Krone', in Serbien während des Krieges um etwa 60% im Vergleich zu ihrem Anfangswert entwertet wurde.45 Im Juni 1916 wurde in London ein Abkommen unterzeichnet, mit dem sich Großbritannien und Frankreich verpflichteten, Serbien monatlich gemeinsam mit insgesamt 9 Millionen französischen Franken zu unterstützen, und zwar bis zum Ende des Kriegs. Als 1917 auch die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten, begann Serbien auch von ihnen eine regelmäßige monatliche hülfe in Flöhe von 12 Millionen Dollar zu beziehen. Das Ziel war die Finanzierung und materielle Unterstützung der serbischen Armee, um die "Salonikifront" aufrecht zu erhalten. So wurden drei Staaten zu Flauptgläubigern des Königreichs Serbien für die Kriegsfinanzierung: die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien und Frankreich.46 In seiner nicht gerade beneidenswerten Lage akzeptierte Serbien alle gestellten Bedingungen der Kreditierung und kalkulierte damit, dass es nach dem Krieg seine Verschuldung durch Reparationszahlungen würde kompensieren können. Serbien machte sich im Grunde nicht allzu viele Gedanken um den finanziellen Ausgang des Krieges, wie dies die anderen Länder taten, denn es dachte, dass es nach dem Krieg in Anbetracht der erlittenen Opfer zu einer Schuldenbereinigung kommen würde. Die Kredite wurden entweder in Waren oder in einheimischen Währungen der Gläubigerländer gegeben und auf die Konten der Nationalbank des Königreichs Serbien eingezahlt, die diese bei den dortigen Bankkorrespondenten besaß. Die Darlehen wurden für die Amortisation der fälligen Verpflichtungen (bis auf die fälligen Zahlungen an den Wiener Bankverein, die Berliner Handelsgesellschaft und die Länderbank, die eingestellt worden waren), für die Soldaten- und Offiziersgehälter, für die materielle Versorgung der Armee, für die Finanzierung des Staatsapparats sowie für Flilfsleistungen an Flüchtlinge und die Einwohner im Land verwendet.47 45 AJ, 37-32-238. Auf einen Befehl von Graf Salis, dem Gouverneur der Österreichisch-ungarischen Bank in Belgrad, die statt der Nationalbank von Königreich Serbien formiert wurde, wurde der Dinar in der Periode von 1. bis zum 14. Juli 1916 einer Stempelung unterzogen, um danach wieder in Umlaufzu kommen. Der Umlaufvon nichtgestempelten Dinarscheinen warverboten. 46 Stojadinović, Milan: Naš državni dug. In: Novi život, Band III, Heft 9, Belgrad 1921, p. 277-282. " ANBS, Izveštaj Upravnog odbora Narodne banke Kraljevine SHS za 1920. Die Nationalbank von Königreich Serbien hatte offene Konten bei neun Banken, die ihren Sitz oder eine Filiale in Paris hatten. Auf diesen Konten befanden sich am 3. November 1919 insgesamt 37.471.842.88 Franken, und zwar bei der Banque de France (186.341,37), Banque Frangaise pour Ie commerce et Findustrie (2.464.586,05), Comptoir National d'Escompte (8.016.225,20), Credit Lyonnais (bei der Filiale in Paris 15.499.274,80 und bei der Filiale in Marseille 237.880,90), Societe Generale (5.559.794,56), Banque Internationale de Corn- <?page no="170"?> 170 Boris N. Kršev Die Verbündeten finanzierten auch Montenegro, aber indirekt über Serbien, das auf der Grundlage dessen einen fixen Betrag von 55.000 Dinar täglich auf das Konto der montenegrinischen Regierung einzahlen sollte. A ufder anderen Seite finanzierte Serbien den Jugoslawischen und Montenegrinischen Ausschuss sowie die Arbeit der restlichen politischen Emigration, m it dem Ziel der Schaffung des zukünftigen jugoslawischen Staates.48 Die Kriegsschulden bei den Vereinigten Staaten wurden m it dem in Washington Unterzeichneten Abkommen vom 3. Mai 1926 reguliert, als die Schuld auf 62.850.000 Dollar (3,5 Milliarden Dinar) festgesetzt wurde, m it einem verrechneten jährlichen Zinssatz von 5%. Die Schulden mussten innerhalb von 62 Jahren beglichen werden, d. h. bis zum Jahr 1987, und zwar durch jährliche Einzahlungen von 200.00 Dollar bis zum Jahr 1931, danach sollte die Rate jedes Jahr um 25.000 Dollar steigen.49 Die Kriegsschulden bei Großbritannien wurden durch die am 8. und 9. August 1927 Unterzeichneten Verträge geregelt. Die Kriegsrestschuld wurde auf 25.591.428 Pfund Sterling festgesetzt-ebenfalls m it einer Tilgungsfrist von 62 Jahren (mit den dazugehörigen Zinsen in Höhe von 6% betrug die Verschuldung 32,8 Millionen Pfund Sterling [9,05 Milliarden Dinar], während die jährlichen Annuitäten progressiv von 150.000 auf 600.000 Pfund Sterling stiegen).50 Die größten Forderungen hinsichtlich der Kriegsschulden Serbiens erhob Frankreich, das sich in einer Note vom 31. Mai 1928 an die Regierung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen wandte, mit der Behauptung, dass Frankreichs Einforderungen sich auf 1.747,3 Millionen Goldfranken oder 19,3 Milliarden Dinar belieffen. Da es sich beim französischen Kriegsdarlehen in den meisten Fällen nicht um Geld, sondern um Waren (Bewaffnung und Ausrüstung) gehandelt hatte, wandten sich die zwei Parteien im Januar 1930 an das internationale Gericht in Haag, das die Höhe der Verschuldung auf 1.024 Millionen französische Franken mit einer Tilgungsfrist von 37 Jahren festsetzte. Außerdem "band" das Gericht merce de Petrograde (126.956,80), Banque de Paris et des Pays-Bas (5.378.186,20), Lander Bank (1.358.50) und Banque Imperiale Ottomane (1.256,50), sowie bei der The Russian Commercial Industrial! Bank (10.000.000) mit dem Sitz in London. 48 Kršev, Boris: Uloga političke emigracije u stvaranju prve jugoslovenske države. In: TheShared History the Faith of Refugees and Emigrants from the Territory of Former Yuogoslavia, Sremska Kamenica 2008, p. 193-208. 44 llić, Miomir: Saveznički i naš dug Sjedinjenim Državama. In: Novi život, Band IV, Heft 2, Belgrad 1921, p. 57-59. 50 AJ, 37-33-242. Izveštaj o konsolidaciji ratnih dugova kod savezničkih vlada. Die englischen und französischen Einforderungen stellten ein einheitliches Paket dar, aber die Briten verlangten aufgrund des Wertverlustes des französischen Franken, dass ihr Teil gesondert behandelt und in Pfund verrechnet wird. <?page no="171"?> Staatsschulden und die finanzielle Lage in Serbien [1878-1918) 171 die Abzahlung der französischen Schulden an die jugoslawischen Forderungen aus den deutschen Reparationszahlungen.51 Schlussendlich hat Serbien also alle seine Vorkriegs- (953,3 Millionen französische Franken) und Kriegsschulden (62.850.000 amerikanische Dollar, 25.591.428 Pfund Sterling und 1.024 Millionen französische Franken) in den neuen Staatsverband, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das auch die geerbten Schulden der sezessionistischen Provinzen aus Österreich-Ungarn (die 413,4 Millionen französische Franken und 52,2 Millionen österreichische Kronen betrugen)52 übernahm, mitgenommen. Die geerbten Schulden 'vor der Ehe' beeinflussten wesentlich nicht nur die finanzielle, sondern vor allem die politische Stabilität des neugeschaffenen Staates.53 Übersetzt von Naser Šečerović 51 Jozo Tomašević, Financijska politika Jugoslavije 1929-1934, Zagreb 1935, p. 37-38. 52 AJ, 70-241-436. Nasleđeni dugovi Austro-Ugarske. Triva Militär, Listići iz moje autobiografije, Flandschriftenabteilung der Mabca srpska, M. 12.444. Nach Meinung von Jaša Tomić selbst war die Vereinigung zu früh erfolgt, weil man sowohl die Serben, als auch die Kroaten und Slowenen ihre Leben hätte leben lassen sollen, bis sie auch in der wirtschaftlichen Entwicklung ein gemeinsames Niveau erreicht hätten. So sind die nichtgeregelte Geld-, Finanz- und Fiskalpolibk sowie die geerbten Schulden zu den tödlichsten Waffen der Feinde des neuen Staates geworden. <?page no="173"?> D ževad J uzbašić (S arajevo ) W irtschaftsbeziehungen auf dem Balkan eine der Hauptursachen des Krieges zwischen Österreich-Ungarn und Serbien This article analyzes the economic relations in the Balkans on the eve of the First World War. It focuses on the respective economic interests of the great powers of Europe and the other countries that played a crucial role in the 'July Crisis' of 1914. In this respect, central attention will paid to plans for further railroad construction the Dual Monarchy had at the time. Die politischen und wirtschaftlichen Interessen Österreich-Ungarns waren auf Grund von dessen geographischer Lage, nationaler und ökonomischer Struktur viel größer als die irgend einer anderen Großmacht auf dem Balkan, so dass die Donaumonarchie am unmittelbarsten vom Geschehen in diesem Gebiet betroffen war. Für sie waren die Nationalstaaten auf dem Balkan und die europäische Türkei traditioneller Markt und Objekt ökonomischer Expansion und politischer Einflussnahme. Obwohl es zu Großmächten zu zählen war, blieb Österreich-Ungarn doch wirtschaftlich hinter den führenden Industrienationen Europas zurück. Die Monarchie beteiligte sich mit etwa 6,3% an der europäischen Industrieproduktion, obwohl sie einen Anteil von 15,6% der Gesamtbevölkerung Europas aufzuweisen hatte (diese Prozentzahlen beziehen sich auf den Kontinent ohne Russland). Deutschland, Frankreich und England waren für 72% der europäischen Industrieproduktion (ohne Russland) verantwortlich.1Daher war die Doppelmonarchie nicht in der Lage, sich in den Kampf um Kolonien erfolgreich einzumischen, so dass für sie nur der Balkan als Hauptquelle für Rohstoffe und Absatzmarkt für Industrieprodukte blieb. Die österreichisch-ungarische Ausfuhr nach Deutschland betrug 1912 39% des Gesamtexports. Auch wenn es selbst die Rolle des landwirtschaftlichen Exporteurs nach Westen spielte, in erster Linie nach Deutschland, blieb Österreich-Ungarn weitestgehend von der W irt- 1 Berend, T. Ivan / Ranky, György: Das Niveau der Industrie Ungarns zu Begin des 20. Jahrhunderts im Vergleich zu dem Europas. In: Sändor, V ilm o s/ Hanak, Peter (Hg.): Studien zur Geschichte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Budapest: Akademiai Kiadö 1961, p. 268ff. <?page no="174"?> 174 Dževad Juzbašić schaftspolitik seines wichtigsten Handelspartners abhängig.2 Außerdem geriet es selbst in Abhängigkeit vom ausländischem, in erster Linie deutschem Finanzkapital, welches die bedeutendsten ökonomischen Positionen in der Monarchie eingenommen hatte. Im Jahr 1914 entfiel auf Österreich-Ungarn fast ein Viertel der deutschen Gesamtinvestionen in Europa. Sie erreichten das höchste Niveau in den Jahren 1913 und 1914. In Ermangelung der Wirtschaftskraft zur Expansion des Monopolkapitals außerhalb der Staatsgrenzen entwickelte sich in Österreich-Ungarn eine besondere Form des Monopolismus, der abhängig war vom ausländischen Imperialismus. Sein Hauptmerkmal bestand darin, dass sich das Finanzkapital der herrschenden und wirtschaftlich entwickelten Nationen auf Kosten weniger entwickelter Nationalitäten innerhalb der Monarchie verbreitete.3Im Unterschied zu anderen führenden Ländern erschien die Kapitalausfuhr aus Österrreich-Ungarn meist in Form der Warenausfuhr und Kreditvergabe im Bereich des Handels,4 was eine besondere Bedeutung für die Haltung der maßgeblichen k.u.k. Akteure im Verlauf der Balkankrise seit 1912 hatte. Die ökonomische Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts war von einer abermaligen Verschärfung der Agrarschutz-Politik geprägt, was weitreichende wirtschaftliche und politische Folgen zeitigte. Die Industrie der Monarchie musste die Beschränkung der Einfuhr der Lebensmittel aus den Balkanstaaten, insbesondere aus Serbien, mit dem Verlust eines großen Teils seines traditionellen Marktes zugunsten Deutschlands und westeuropäischer Staaten bezahlen. Dazu trugen vor allem der Zollkrieg m it Serbien und der türkische Boykott gegen österreichische Waren zur Zeit der Annexionskrise bei. Und während Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts als immer stärkerer Konkurrent seine Waren in Balkanländer absetzte, beherrschte Frankreich deren Geldmarkt.5Auch in Bulgarien, wo Österreich-Ungarn fast bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die Stellung des stärksten Einfuhrlandes beibehalten konnte, verringerte sich relativ der Anteil am bulgarischen Import.6*1 Đoiđević, Dimitiije: Raspad Habsburške monarhije 1918. Slučajnost ili neizbežnost. \n: Jugoslovenski istorijski časopis (JIČ) 1 -2 (1968), p. 26f. Vgl. Wekeile, Sändor: Der Charakter der Abhängigkeit Ungarns im Zeitalter des Dualismus. In: Hanak & Sändor 1961, pp. 322f.; löding, Dörte: Deutschlands und Österreich-Ungarns Balkanpolibk 1912-1914, unter besonderer Berichtsichbgung ihrer Wirtschaftsinteressen. Hamburg: Diss. [masch.] 1969, p. 3f. 1 Aleksić-Pejković, ljiljana: Odnos Srbijesa Francuskom i Engleskom 1903-1914. Beograd: Istorijski insbtut, 1965, p. 44. Đoiđević 1968, p. 27. 6 Zwischen 1904 und 1908 betrug der österreichisch-ungarische Anteil an der bulagirschen Einfuhr 33,8%, um vordem Ausbruch des Balkankrieges auf 24,19% zu fallen. Vgl. Paskaleva, <?page no="175"?> Wirtschaftsbeziehungen auf dem Balkan 175 Im Unterschied zu den Balkan-Nationalstaaten, die mehr oder weniger eine Politik des hohen Zollschutzes vertraten und oft auch prohibitive Zolltarife für die Einfuhr einzelner Industrieartikel zum Schutze ihrer eigenen Industrie einführten, war in der Türkei ein gemäßigter Zolltarif in Kraft (11%), der einen rein fiskalen Charakter hatte. Im Übrigen erstreckte sich das System türkischer Kapitulationen bis ins Gebiet des internationalen Austauschs und ermöglichte den Großmächten besondere Erleichterungen in Bezug auf Verkehrs- und Handelstarife. Die Handelsverträge zwischen Istanbul und den unabängigen Balkanstaaten waren kurzfristig und unbedeutend.78Der Handel der Großmächte nutzte nicht nur die Begünstigungen des türkischen Zollsystem aus, sondern er war auch von sonstigen Abgaben freigestellt. Ihre Schiffe hatten Sonderrechte in türkischen Häfen und ihre Staatsangehörigen waren von der Steuer befreit und genossen den Konsularschutz vor lokalen türkischen Behörden. Die europäische Türkei spielte eine sehr bedeutende Rolle in der k.u.k. Industrieinfuhr. Die österreichisch-ungarische Beteiligung am Import in die Türkei, sowohl in den europäischen als auch in den asiatischen Teil, die 1901 21,1% ausmachte, kletterte trotz spürbarer Rückschläge während der Annexionskrise (1908-17,8% ; 1909-17,9% ) im Jahr 1910 wieder auf 20,2%.s Während England bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs den größten Anteil an der gesamten türkischen Einfuhr, der 1910 noch 35,1% betrug9, beibehalten konnte, kletterte der Anteil Österreich-Ungarn in der Gesamteinfuhr nur für den europäischen Teil der Türkei 1911 auf 36%, da nur ein geringer Teil der Einfuhr aus der Monarchie auf die asiatische Türkei entfiel.10 Der internationale Handel mit der europäischen Türkei vollzog sich hauptsächlich über Thessaloniki. Der dortige Hafen hatte in dem Sinne eine größere Bedeutung als irgendein anderer in der europäischen Türkei einschließlich Konstantinopels.11 Im Jahr 1911 vollzog sich 88% der öster- Viizinija Stefanova: Uber den wirtschaftlichen Einfluss Österreich-Ungarns in Bulgarien 1878 bis 1918.In: Klein, Fritz (Hg.): Österreich-Ungarn in der Weltpolitik 1900 bis 1918, Berlin: Akademie-Verl. 1965, p. 189. ' Stojanović, K.: Vorwort zu Dimitrijević. Mito: Privreda i trgovina u novoj Srbiji. Beograd: Nova štamparija Save Radenkovića 1913, p. 3. 8 Vgl. Dimitrijević 1968, p. 112. 9 Ibid. Vgl. Taylor, Alan / Perivale, John: Borba za prevlast u Evropi, 1848-1918. Sarajevo: Vese- Iin Masleša 1968, p. 455; Skoko, Savo: Drugi balkanski rat 1913. Bd. 1. Beograd: Vojnoistorijski institut 1968, p. 41. 10 Im Jahr 1910 betrug die österreichisch-ungarische Einfuhr in die europäische Türkei 100,5 Milionen Kronen, in die asiatische Türkei nur 32,8 Milionen. Im Jahr 1911 betrug die österreichisch-ungarische Einfuhr in die euuropäische Türkei 98,1 Milionen Kronen, in die asiatische Türkei 32,8 Milionen Kronen; vgl. Dimitrijević 1913, p. 113. 11 Ibid., pp. 78-115. <?page no="176"?> 176 Dževad Juzbašić reichisch-ungarischen Einfuhr in die europäische Türkei auf dem Seeweg, während nur 12% des Imports auf dem Eisenbahnwege durch Serbien abgewickelt wurde.12 In den Jahren vor den Balkankriegen nahm die Doppelmonarchie den ersten Platz in der gesamten Einfuhr über Thessaloniki ein,13von wo die österreichisch-ungarische Waren den Landweg in das Innere des Balkans antraten. Österreich-Ungarn verfolgte sehr aufmerksam die Entwicklung der Lage vor dem Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Balkanstaaten und der Türkei. Außenminister Graf Berchtold vertrat an der Sitzung des gemeinsamen Ministerrates vom 8. und 9. Juli 1912 in Bezug auf den italienisch-türkischen Krieg und die Gefahr einer Aktion der Balkanstaaten den Standpunkt, dass die Truppen an der Grenze verstärkt werden müssten, um als Machtfaktor aufzutreten und so zu verhindern, dass Entscheidungen in einem für die wirtschaftliche Expansion der Monarchie nächsten Gebiet ohne ihre Mitsprache getroffen werden würden.14 Deutschland hatte keine eigene Balkanpolitik, während diese Frage für Österreich-Ungarn lebenswichtig war. Das deutsche Kaiserreich versuchte den Konflikt m it Frankreich zu lokalisieren, während Österreich-Ungarn die Absicht hatte, Serbien durch M ittel der W irtschaftspolitik zu verdrängen und seine Aktionen auf dem Balkan zu verhindern. Darin scheiterte die Monarchie. Für eine kriegerische Abrechnung mit Serbien waren in Österreich-Ungarn nicht nur die Kriegspartei, sondern auch andere Faktoren; es war nur eine Frage der Zeit, wann es so weit sein würde.15 In Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs vor dem Ausbruch der Balkankrise erweckte der Tripolitanienkrieg in österreichischen Geschäftskreisen den Wunsch, die Situation zu nutzen, um ohne Opfer und erfolgreicher als Italien die eigene Interessensphäre zu auszuweiten. So tauchte Anfang 1912 im Zuge der Verhandlungen über das Engagement des Wiener Bankvereins in der Realisierung eines Industrie-Programms für Bosnien-Herzegowina die größenwahnsinnige Idee auf, den Wirkungskreis des österreichischen Kapitalsvon Bosnien auf Albanien und Mazedonien auszuweiten, und somit deren große Wald- und Mineralienvorkommen 12 Đorđević, Dimitrije: Izlazak Srbije na Jadransko more i konferencija ambasadora u Londonu 1912. godine. Beograd: S. Jović 1956, p. 32. 13 Die Angaben über die Einfuhr in Thessaloniki sind von Dimitrijevic 1913, p. 133f., der publizierte Bel ichte der österreichisch-ungarischen Konsulate benutzte; vgl. Hallgarten, G. W. F.: Imperialismusvor 1914. Bd. II. München: C.H. Beck 1963, p. 328f. Hallgarten bringt Angaben zur Einfuhr in den Hafen von Thessaloniki nach englischen Quellen. 11 Haus-, Hofund Staatsarchiv (HHStA), Polibsches Archiv (PA), XL Interna, 310 Kart. Gemeinsame Ministerratsprotokolle (GMKPZ) 494 v. 08. und 09.07.1912; Hantsch, Hugo: Leopold Graf Berchtold-Grandseigneurund Staatsmann. Wien, Graz, Köln: Böhlau 1963, Bd. 1, p. 281. 15 löding 1969, p. 35f.u. 160. <?page no="177"?> Wirtschaftsbeziehungen auf dem Balkan 177 "wirtschaftlich zu okkupieren".16 Wie diese Bestrebungen der kapitalistischen Kreise mit den außenpolitischen Zielen der Monarchie im Einklang standen, illustrieren am besten die Auslegungen Graf Berchtolds über die Probleme der österreichisch-ungarischen Außenpolitik, die er Anfang 1912 während einer Audienz beim Kaiser vortrug, unmittelbar bevor er zum Außenminister ernannt werden sollte. Berchtold äußerte dabei, dass Österreich-Ungarn nur die Balkanhalbinsel als Wirkungssphäre verbleibe und deren westlichen Teil als eigenes Einflussgebiet betrachten solle: 1. als Hinterland der nichtitalienischen Adria; 2. als natürlichen Markt und 3. als eine Verbindung mit dem Orient. Berchtold war der Ansicht, dass die Aufgabe der österreichisch-ungarischen Diplomatie sein sollte, fremde Ansprüche von diesem Gebiet abzuwenden und dort die wirtschaftliche Vorherrschaft Österreich-Ungarns abzusichern.17 Doch die ökonomischen Beziehungen entwickelten sich im Gegensatz zu den beschriebenen Wünschen des österreichischen Kapitals. Der österreichisch-italienische Konflikt führte zur Abschwächung des ökonomischen Einflusses der Monarchie in Albanien zugunsten Italiens. So waren noch 1900 von dem gesamten Handelsumsatz Shkodras 86% auf Österreich und 14% auf Italien entfallen; 1905 fiel der österreichische Anteil auf nur noch 23,8%, während der italienische Anteil 56,7% erreichte.18 Durch die Annexion Bosnien-Herzegowinas und die Abschaffung des Artikels 29 des Berliner Vertrags befreite sich Montenegro von der österreichisch-ungarischen Seepolizeiaufsicht im Hafen von Bar und am ganzen montenegrinischen Ufer. Das führte unter anderem dazu, dass sich Italien in Fragen des Handels Montenegro wie auch anderen Balkanstaaten annäherte.19 Die Einfuhr aus Italien stieg vor dem Ersten Balkankrieg kontinuierlich. Auf der anderen Seite gelang es dem französischen Kapital in den letzten Jahren der türkischen Herrschaft, das österreichische Kapital aus den Gebieten zu vertreiben, die später Serbien zufallen sollten.20 Der Ausbruch der Balkankriege und ihr überraschender Verlauf zwang die Diplomatie der Monarchie, die Politik der Erhaltung des Status quo auf dem Balkan aufzugeben. Sie wurde bekanntlich von einer Strategie abgelöst, die darin bestand, von Serbien und Montenegro weitreichende Kompensationen im ökonomischen Bereich für die Anerkennung ihrer ter- 16 Arhiv Bosne i Hercegovine u Sarajevu (ABH), Privregistratur (Pr iv. Reg.), Ni. 104/ 1912: Benzian an Bilinski, 21. 03 .191 2. 17 Hantsch 1963, Bd. 1, p. 244. 18 Sosnosky, Theodor v.: Die Balkanpolitik Österreich-Ungarns seit 1866. Bd. II. Stuttgart, Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt 1914, p. 257f. 19 Dimitrijevic 1913, p. 114f. 20 Aleksić-Pejković 1965, p. 295. <?page no="178"?> 178 Dževad Juzbašić ritorialen Vergrößerungen zu verlangen, und gleichzeitig entschieden die Prätensionen Serbiens auf Nordalbanien und dessen territorialen Zugang zur Adria abzuwehren. Damit sollten gewissermaßen die Siege der Balkanverbündeten, die vitale politische und wirtschaftliche Interessen Österreich-Ungarns verletzten, neutralisiert werden. Die Exponenten der "Kriegspartei", deren Kern die höchsten M ilitärkreise bildeten, betrachten es als conditio sine qua non für die Erhaltung der Monarchie, benachbarte slawische Staaten in die Einflusssphäre Österreich-Ungarns einzugliedern. Als ersten Schritt in diese Richtung sollten eine Zollunion und Militärkonventionen mit diesen Ländern erzielt werden.21 Die Kriegspartei bestand während der Balkankrise auf der Notwendigkeit einer militärischen Auseinandersetzung mit Serbien mit dem Ziel, die jugoslawische Frage radikal zu lösen. Das Landesoberhaupt Bosnien-Flerzegowinas, General Oskar Potiorek, vertrat den Standpunkt, dass das Ziel einer Zollunion mit Serbien und Montenegro auch durch einen Krieg erreicht werden könnte.22 Doch die Idee einer Zollunion wurde auch am Ballhausplatz wiederbelebt, und zwar im Rahmen der Forderungen nach ökonomischen Kompensationen und Absicherung wirtschaftlicher Interessen Österreich-Ungarns auf dem Balkan.23 Für die Zollunion mit Serbien und Montenegro wie auch m it Bulgarien setzten sich einflussreiche österreichische politische und wirtschaftliche Kreise ein. Die Befürworter waren prominente österreichische Politiker wie Josef Redlich und Joseph M. Baernreither, die sich für die Lösung der jugoslawischen Frage innerhalb der Monarchie einsetzten, während Baernreither insbesondere eine Politik der Verständigung und Versöhnung m it Serbien bevorzugte. Auch die Führer der tschechischen Opposition wie Tomaš G. Masaryk und Karel Kramar, wie auch deutsche liberale Politiker, die an einer Entspannung der Beziehung zwischen der Monarchie und Serbien arbeiteten, schlugen vor, die Forderungen nach einer engeren ökonomischen Gemeinschaft der Monarchie und der Balkanstaaten anzunehmen.24 In der Forschungsliteratur wird allgemein unterstrichen, dass die Forderungen des Finanzkapitals und der Industriellen den außenpolitischen Kurs der österreichisch-ungarischen Diplomatie und die Pläne des Militärs 21 Conrad V . Hötzendoif, Franz: Aus meiner Dienstzeit. Bd. 2, Wien: Rikola 1922; vgl. Ćorović, Vladimir: Odnosi Srbije i Austro-Ugarske u XX veku. Beograd: Štampa državne štamparije Kraljevine Jugoslavije 1936, p. 371f., 391. Baernreither, Joseph Maria: Fragmente eines politischen Tagebuches. . Berlin: Verlag für Kulturpolibk 1928, p. 928, 165, 182; vgl. Kapidžić, Hamdija: Skadarska kriza i izuzetne mjere u Bosni i Hercegovini u maju 1913. In: Godišnjak Društva istoričara BiH 13 (1962), pp. 14-17. 23 Ćorović 1936, pp. 376-397; Đorđević 1956, p. 28ff.; Hantsch 1963, Bd. 1, pp. 323-338. 24 Đorđević 1956, p. 3 3 , 106f.; vgl. Hantsch 1963, Bd. 1, pp. 36 9-372. <?page no="179"?> Wirtschaftsbeziehungen auf dem Balkan 179 vor dem Ersten Weltkrieg beeinflussten. Dabei wird auf eine Verschmelzung der alten militaristisch-dynastischen Tradition und der imperialistischen Tendenzen der neuen Epoche hingewiesen.25 W ir haben nun die Gelegenheit, auf Grund eines Memorandums der Industriekorporationen Österreich-Ungarns konkret zu belegen, dass hinter der im übrigen völlig unrealistischen - Idee von 1912, eine Zollunion zwischen der Monarchie und den Balkanstaaten zu schließen, führende österreichische Industriellenkreise standen, die auch tatsächlich Initiatoren gewisser Schritte der österreichisch-ungarischen Diplomatie in diese Richtung waren. Die österreichischen Industriellen befürchteten besonders, den Markt in früheren Gebieten der europäischen Türkei zu verlieren, aber vertraten einen realitätsfernen Standpunkt, dass der Moment gekommen sei, im Zuge der Neuordnung der Verhältnisse auf dem Balkan ihre Märkte in dieser Region nicht nur zu verteidigen, sondern auch wesentlich zu erweitern.26 Im Herbst 1912 forderte der Ständige Ausschuss der drei zentralen Industriellenverbände Österreichs in einem umfangreichen Memorandum von Graf Berchtold, dass die österreichisch-ungarische Diplomatie eine Zollunion mit Serbien und Bulgarien erwirken solle. M it dem Hinweis auf die Notwendigkeit einer Erweiterung der Mörkte für die österreichische Industrie erkannten sie ihre vollständige Unterlegenheit gegenüber der mächtigen Konkurrenz der europäischen Industriegroßmächte an und sahen ein, dass der Vertrag m it den größtmöglichen Begünstigungen für sie keine Garantie auf den Märkten des Balkans sei.27DieVertreter der österreichisch-ungarischen Industrie waren der Ansicht, dass nur die Erweiterung des Markts, auf dem sie unter besonderen Vorzugsbedingungen auftreten würden, die Grundlage für eine bessere Nutzung der Industriekapazitäten und Spezialisierung der Produktion schaffen würde. Dabei unterzogen sie die Politik eines hohen Agrarschutzes in der Monarchie einer scharfen Kritik und sahen in ihr ein Hindernis für die Interessen der Industrie und die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt.28(Im Unterschied zu anderen imperialistischen Staaten beschränkte sich die Kapitalausfuhr aus Österreich-Ungarn hauptsächlich auf Warenausfuhr und Kreditierung des Handels.) Im Memorandum verlangte man vor allem eine solche Regulierung der Verkehrsbeziehungen m it Serbien und den Bau neuer Verkehrswege, die 25 Vgl. Winogradov, Kirill Borisovič/ Pisarev, Jurij Alekseevič: Die internationale Lage der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in den Jahren 1900 bis 1918. In: Klein 1965, p. 13f. 26 ABH Gemeinsames Finanzministerium (GFM), PrBH Nr 1762/ 1912. Der ständige Ausschuss der drei zentralen industriallen Verbände an Berchtold, mit einer Kopie an Bilinski im November 1912, vermerkt im Protokoll des GFM am 23. XI. 1912. 27 Ibid. 28 Ibid. <?page no="180"?> 180 Dževad Juzbašić ermöglichen sollten, dass die österreichische Ware die Vorzüge der geographischen Lage gegenüber anderen Industriestaaten nutze und sich auf dem kürzesten kontinentalen Weg Zugang zum ehemaligen türkischen Territorium verschaffe. Insbesondere wurde der Bau einer besseren Verbindung der österreichischen Eisenbahnen mit Mazedonien verlangt und eine dauerhafte Sicherung der Tarifbegünstigungen für österreichischen Export und Im port29 (Diese Forderungen sollten etwas später ihren Platz im Balkan-Eisenbahnprogramm Österreich-Ungarns finden.). Als ihr letztes Ziel markierten die Autoren des Memorandums die wirtschaftliche Durchdringung des Balkans seitens der Monarchie und die Schaffung eines geschlossenen Wirtschaftsraumes, in dem die österreichische Industrie ungestört dominieren und sich weiter entwickeln würde, nachdem sie Märkte, Rohstoffe, und Produktion von Lebensmitteln abgesichert hätte.30 Dies war jedoch eine illusorische Idee, deren Realisierung unmöglich schon im Hinblick auf bestehende innenpolitische und ökonomische Verhältnisse in der Monarchie und den Widerstand der Grundbesitzer vor allem in Ungarn war. Sie war ebenso inakzeptabel für Serbien und andere Balkanstaaten und europäische Länder. Ernsthafte Vorbehalte gegenüber ihrer Realisierung äußerten auch ihre Anhänger unter den österreichischen Politikern, so dass die Monarchie am Ende versuchte, ihre Forderungen um einiges zu reduzieren. Diese Versuche wurden auch von der Einstellung Deutschlands als dem Hauptkonkurrenten Österreich-Ungarns im serbischen Handel beeinflusst. Die offizielle deutsche Politik war allgemein reserviert, aber weder Deutschland noch andere Staaten waren damit einverstanden, dass Österreich-Ungarn eine begünstigte Position im Handel m it Serbien bekommen sollte. Dies führte dazu, dass sich Berchtold in der zweiten Novemberhälfte 1912 auf die Erneuerung des Handelsabkommens m it Serbien aus dem Jahr 1908 konzentrierte. Anfangs strebte man nur eine Zollunion m it Montenegro an, aber dann gab man die Idee auf, weil man Handelsverträge m it den Balkanländern auf Basis der maximalen Begünstigung schließen wollte.31 Auf der Plattform, die durch eine Vereinbarung zwischen dem Außenminister und den österreichischen und ungarischen Regierungschefs im November 1912 festgelegt wurde, entstand Anfang 1913 ein detalliertes "Programm für Wirtschaftsvereinbarungen m it den Balkanstaaten" als Ergebnis langwieriger Kommissionsberatungen. Es konnte jedoch erst nach Bereinigung übriggebliebener Unterschiede, in der Sitzung des Gemein- 30 31 Ibid. Ibid. Löding 1969, pp. 4 0 -4 7 . <?page no="181"?> Wirtschaftsbeziehungen auf dem Balkan 181 samen Ministerrats vom 16. und 17. Februar 1913 endgültig festgelegt und angenommen werden.32 Doch auch dann waren nicht alle Ursachen für Unstimmigkeiten zwischen einzelnen einflussreichen Fraktionen in der Monarchie beseitigt. In einem Teil des Programms über die Zollpolitik nahm die Frage des Abkommens m it Serbien einen zentralen Platz ein. Es sah faktisch die Erneuerung des Flandelsvertrags von 1908 vor, außer in Fällen, in denen der Vertrag von 1910 weitere Zugeständnisse an Serbien beinhaltete.33 Darüber hinaus sah das Programm weitere Zugeständnisse an Serbien im Flinblick auf den Eisenbahntransport von Vieh durch Österreich-Ungarn vor, wie auch die Vergrößerung des Viehkontingents für die Einfuhr aus Serbien, 85.000 Schweine und 35.000 Rinder, was bis dato ein Streitpunkt zwischen der österreichischen und ungarischen Regierung war. Ziel dieser Zugeständnisse war die verspätete Absicht, den serbischen Bestrebungen, sich von der wirtschaftlichen Einflusssphäre der Monarchie zu emanzipieren, Einhalt zu gebieten. Andererseits wollte man sich auch der serbischen Eisenbahnpolitik widersetzen, die Österreich-Ungarn als schädlich für seine Verkehrsinteressen ansah. Weiters sah das Programm vor, Sonderkonventionen über den wirtschaftlich-juristischen Schutz mit Serbien, Bulgarien und Griechenland zu schließen, sowie Maßnahmen zum Schutz der Landesangehörigen von Österreich und Ungarn und deren auf Basis osmanischer Gesetze erworbenen Rechte in Gebieten, die nun den Balkanstaaten zufallen sollten. Österreich-Ungarn rechnete mit der Unterstützung Deutschlands und Italiens für seinen Standpunkt, das Kapitulationsregime in den ehemaligen türkischen Gebieten beizubehalten.34 Doch der wirtschaftliche und politische Nutzen dieses Regimes war für Deutschland nicht sonderlich groß; dies gilt erst recht für Italien, dem die neue Konstellation auf dem Balkan die Möglichkeit für wirtschaftliche und politisches Einflussnahme bot, so dass Österreich-Ungarn nicht bei seinem Standpunkt bezüglich des Kapitulationsregimes bleiben konnte. Dazu trug vor allem der russische Widerstand gegen den österreichisch-ungarischen Vorschlag bei. Gemeinsame Ministerratesprotokolle GMKPZ 503, Beilage 3, HHStA PA XL interna K. 311. Über die Entstehung des Programms fü r Wirtschaftsabkommen mit den Balkanstaaten und die vorangehenden Diskussionen über das Thema siehe Löding 1969, pp. 40-47. ” Über Handelsabkommen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien aus den Jahren 1908 und 1910 siehe Đorđević, Dimitrije: Carinski rat Austro ugarske i Srbije 1906-1911. Beograd: Istorijski institut 1962, pp. 447ff, 626ff. 51 Bittner, Ludwig u.a. (Hg.): Österreich-Ungarns Aussenpolitik von der Bosnischen Krise 1908 bis zum Kriegsausbruch 1914. Diplomatische Aktenstücke des österreichisch-ungarischen Ministeriums des Äussern. Wien, Leipzig: Österr. Bundesverlag 1930, VI, Nr. 6665, 6670 [im folgenden zit als ÖUA 1930], <?page no="182"?> 182 Dževad Juzbašić Die russischen Pläne konzentrierten sich auf die Meerengen, und die Balkanstaaten, vor allem Serbien, sollten die Rolle des Störfaktors bei einem deutsch-österreichischen Vordringen spielen. Für die Haltung Russlands war von besonderer Bedeutung, dass sein Anteil am türkischen Außenhandel, der türkischen Wirtschaft und den türkischen Finanzen überhaupt ein geringer war.35 Russland konnte gar nicht von der Liquidation der Privilegien der europäischen Mächte in Gebieten der früheren europäischen Türkei betroffen werden, so dass es auch deswegen eine solche entschiedene und vorbehaltslose Haltung gegenüber der Frage einer Beibehaltung des Okkupationsregimes vertrat. Obwohl zutiefst interessiert für die Erhaltung der Beziehungen aus der Zeit der türkischen Herrschaft, konnte Österreich-Ungarn nicht mehr darauf bestehen, dass auf den Territorien, die der Türkei entrissen worden waren, das türkische Zollsystem beizubehalten, da dies völlig unrealistisch war. Es konnte sich höchstens dafür einsetzen, dass wie zum Beispiel im Entwurf des Abkommens m it Serbien von Juli 1913 seit der Eingliederung der neuen Gebiete in das serbische Zollgebiet keine höheren Zolltarife für die österreichisch-ungarischen Waren anfielen.36 Österreich-Ungarn musste sich an direkten Verhandlungen m it den Balkanstaaten auf Grundlage des im Februar 1913 formulierten Programms orientieren. Doch äußerte Pašić bekanntlich im Herbst 1913 bei einem Treffen m it Minister Berchtold in Wien in der Diskussion über die W irtschaftsbeziehungen zwischen Serbien und der Monarchie die Ansicht, dass m it dem Anschluss dieser Gebiete an Serbien die Kapitulationsrechte erloschen waren.37 Dieses Problem blieb offen, wie auch eine Reihe anderer wirtschaftlicher und politischer Fragen in den österreichisch-serbischen Beziehungen. Ein bedeutendes finanzielles Interesse hatten beide Staaten der Monarchie an der Erhaltung des Status quo beim Kauf, der Produktion, dem Verkauf und der Ausfuhr des mazedonischen Tabaks. Das wertvollste Exportprodukt in Thessaloniki war nämlich der Tabak. Nach Einschätzung eines lokalen österreichisch-ungarischen Funktionärs aus Bosnien konnte Serbien allein mit dem hochwertigen Tabak aus den neuen Gebieten, den es als Monopol in Pacht geben würde, 80 Millionen Franc jährlich verdienen.38 Die österreichischen und ungarischen Tabakregien hatten bis zum 55 Vgl. Taylor/ Perivale 1968, p. 438, 455; Aleksić-Pejković 1965, p. 27f.; Skoko 1968, pp. 45, 48. 56 ABH, ZMF, PrBH, Nr. 1125/ 1913: Nachtragsübereinkommen zum Handelsvertrag von 27/ 14. 07. 1910. 57 ÖUA 1930, VII, Nr. 8813; vgl. Hantsch 1963, Bd. 2, p. 490. ! S ABH, Priv. Reg. Nr. 39/ 1913: Teftedarevic an Potiorek, Sarajevo, 03. 01.1913. <?page no="183"?> Wirtschaftsbeziehungen auf dem Balkan 183 Balkankrieg und auf Grundlage des österreichisch-türkischen Abkommens von 1862 eine Reihe von Begünstigungen bei der Anschaffung von mazedonischem Tabak, so dass die Erhaltung des bisherigen Regimes auch im Programm für die Wirtschaftsbeziehungen mit den Balkanstaaten vom 16. und 17. Februar 1913 als besonderes Ziele der österreichisch-ungarischen Politik form uliert wurde. Die europäischen Großmächte hatten außer dem Schutz ihrer unmittelbaren materiellen Interessen auf ehemaligen türkischen Territorien, die man sollte es betonen nicht identisch waren, auch weitere strategisch-politische und wirtschaftliche Ziele im Blick. Es zeigte sich daher sehr schnell, dass Österreich-Ungarn nicht mit der Solidarität der Großmächte rechnen konnte. Frankreich befürchtete eine ökonomische Vorherrschaft Österreich- Ungarns auf dem Balkan, welche die Interessen des eigenen Kapitals treffen würde. Die französische Industrie hatte ihre Positionen in Serbien befestigt. Ihre Interessen, wie auch die Interessen der Banque Franco-Serbe und schließlich auch das Bündnis von Frankreich und Serbien, waren nach den Worten Flallgartens die drei Säulen, auf die sich der französische Imperialismus in Serbien und auf dem Balkan stützte.39 Die Stärkung der Balkanstaaten bedeutete für das französische Kapital neue Möglichkeiten, sich zu verbreiten: Neben Serbien war es auch in Bulgarien und insbesondere in Griechenland eingedrungen.40 Dagegen war das investierte Kapital in der Türkei unsicher wegen allgemeiner Instabilität und der deutschen Konkurrenz.41 Für die französische Schwer- und Rüstungsindustrie wurde Russland erstrangige Priorität, und nicht mehr das türkische Gebiet, das in vielen Bereichen vom deutschen Kapital schon monopolisiert worden war. M it einer verhältnismäßig geringen Beteiligung an der gesamten türkischen Wareneinfuhr (10,8% im Jahr 1910) und einem viel deutlicheren Engagement in der asiatischen Türkei, war Frankreich als Hauptgläubiger der Türkei in erster Linie am Schicksal des in die türkischen Finanzen investierten Bankkapitals interessiert. Es beeinflusste m it seiner Einstellung sehr stark die Orientierung der Balkanstaaten Richtung Entente.42 Da nun England im Konkurrenzkampf m it Deutschland in der Türkei ständig Rückschläge erfuhr, verlagerte auch diese Großmacht ihren Schwerpunktaufdie Balkanstaaten m it einer gleichzeitigen Intensivierung Hallgarten 1963, p. 467; vgl. Fay, Sidney Bradshaw: The Origins of th e World War, Bd. I . New York: Macmillan 1929, p. 40. 40 Skoko 1968, p. 38. 41 Đorđević 1956, p. 39. 42 Vgl. Taylor/ Perivale 1968, p.440f., 455; Aleksić-Pejković 1965, pp. 27, 83f.; Hallgarten 1963, p. 373f. <?page no="184"?> 184 Dževad Juzbašic des Handels mit ihnen. Da sie im Balkanbündnis ein Hindernis für das österreichisch-deutsche Vordringen sowie die russische Einnahme Konstantinopels und der Meeresengen erblickte, versuchte sie ihren Einfluss darauf verstärken, ohne dabei die englisch-russischen Beziehungen zu gefährden.43 Während die Interessen des deutschen Kapitals, das die ganze Türkei durchdrang, auf den Bau der Bagdadbahn, sowie auf Konstantinopel und Kleinasien konzentriert waren, interessierten sich die Engländer ökonomisch besonders für das Gebiet des Persischen Golfs. Im Vergleich zum Gewinn in der asiatischen Türkei, war der ökonomische Profit auf dem Balkan relativ gering. (Und die Balkankriege aktualisierten die Frage der asiatischen Türkei in internationalen Beziehungen.) Obwohl Deutschland kein besonderes Interesse an den politischen Verhältnissen in der Monarchie zeigte, erregten die sich mehrenden Anzeichen einer Auflösung Österreich-Ungarns schon 1905 die Befürchtung der deutschen Hochpolitik, sie könnte ihren einzigen Verbündeten verlieren. Dies wurde besonders aktuell ab 1913. Die große Sorge deutscher Politiker galt dem Bündnis m it einem Staat, dessen Existenz von der 'slawischen Gefahr' bedroht wurde. Der deutsche Kaiser setzte sich für eine radikale Abrechung m it den Slawen ein, und Jagow sprach vom deutschen Charakter der Monarchie. Deutschland brauchte das Bündnis mit der Monarchie für den Fall eines Kriegs mit Russland, mit dem es im Frühling 1914 zu einer Verschlechterung der Beziehungen kam. Aus denselben Gründen brauchte auch Österreich-Ungarn das Bündnis mit Deutschland. Die österreichisch-ungarischen politischen Player waren sich durchaus bewusst, dass im Falle einer Aktion gegen Serbien zur Lösung der südslawischen Frage das Risiko eines Kriegs gegen Russland bestand. Dafür brauchten sie das Bündnis mit Deutschland. In derzweiten Maihälfte 1914 schrieb Tschirschky an Jagow, dass ohne das Bündnis mit Österreich-Ungarn Deutschland gezwungen sein würde, einer Teilung der Monarchie zuzustimmen. Seiner Meinung nach würde das Land sehr schnell auseinanderfallen, wenn man die verschiedenen Kräfte in den Ländern der Monarchie nicht stärker verbinde. In diesem Fall müsste Deutschland seine Politik anders einstellen.44 Indem es die slawische Gefahr hervorhob, war Deutschland besonders interessiert an der Erhaltung der Habsburger Monarchie als Großmacht und einzigem Bündnispartner. Doch im ökonomischen Bereich verdrängte das deutsche Kapital zunehmend das österreichische, wie es auch das französische gefährdete. In Deutschland, das die Türkei schützen wollte und an der Erhaltung Österreich-Ungarns interessiert war, verbreitete 43 Aleksić-Pejković 1965, pp. 26, 280f., 530, 535, 562, 569; Skoko 1968, p. 42ff. 44 Vgl. Löding 1969, pp. 236ff., 261f. <?page no="185"?> Wirtschaftsbeziehungen auf clem Balkan 185 sich aber auch die Überzeugung, dass die Siege der Balkan-Nationalstaaten doch von Nutzen sein könnten.45 Im Verlauf der Balkankrise blieben gewisse Schritte der deutschen Diplomatie zur Gewinnung der Zuneigung der Balkanstaaten, darunter auch Serbiens, nicht aus, während sie gegenüber Griechenland aus dynastischen Gründen eine besondere Rücksicht zu nehmen hatte. Den wichtigsten Stellenwert in diesem Programm hatte die Eisenbahnpolitik, die als Hauptfaktor wirtschaftlicher Penetration und politischer Einflussnahme der Monarchie auf dem Balkan fungieren sollte nach tiefgehenden politischen Veränderungen, die sich aus der Niederlage der Türkei ergeben hatten. Schon gleich zu Anfang des Balkankriegs war man am Ballhausplatz der Meinung, dass die serbisch-montenegrinische Besetzung des Sandschaks als Ausgangstor österreichisch-ungarischer Wirtschaftsexpansion durch entsprechende verkehrspolitische Abkommen bis zu einem gewissen Grad für die Monarchie kompensiert werden könnten.46 Bald wurden einzelne österreichisch-ungarische Pläne zum Bau einiger Eisenbahnstrecken auf dem Balkan aktualisiert. Zunächst wurde im österreichisch-ungarischen Außenministerium die Idee der bosnischen Transversale wiederbelebt, mit dem Ziel, einen territorialen Zugang Serbien zum Meer zu verhindern und durch den Bau einer kürzeren Strecke auf serbischem Territorium (Užice-Vardište) Serbien einen Zugang zur Adria über dalmatinische Häfen zu ermöglichen.47 Doch in Berchtolds politischen Kombinationen wurde im Dezember 1912 wieder der Bau einer Sandschak-Eisenbahn als Bedingung für die Zustimmung der Monarchie zum Bau einer serbischen Donau-Adria-Eisenbahnstrecke erwähnt.48 Im Programm, das am 17. Februar 1913 angenommen wurde,49 wurde an erster Stelle vorgesehen, dass grundsätzlich das Recht Österreich-Ungarns festgelegt wird, drei Eisenbahnlinien zu bauen und zu exploitieren, und zwar über eine noch zu bestimmende Gesellschaft und bei Gewährleistung seines entsprechenden Einflusses auf die Tarifbildung. Dies waren Strecken, denen das österreichisch-ungarische Außenministerium aus politischen Gründen große Bedeutung beimaß: 1. die Bahnlinie durch Montenegro und Albanien bis zum Anschluss an das griechische Eisenbahnnetz mit der Verpflichtung Griechenlands, notwendige Anschlüsse zu bauen; 15 Taylor / Perivale 1968. p. 422; vgl. Đorđević 1956, p. 42f. 16 ÖUA 1930, IV, Nr. 4118; Siehe Ćorović 1936, p. 376ff.; Uebersberger, Hans: Österreich zwischen Russland und Serbien. Köln, Graz: Böhlau 1958, p. 88. 17 ÖUA 1930, IV, Nr. 4170, 4317, 4351; Ćorović 1936, p. 380, 391; Đorđević 1968, p. 20-21. 18 ÖUA 1930, V, Nr. 4924. 19 Gemeinsame Ministerratsprotokolle GMKPZ 504, Beilage 3, HHStA PA XL Interna K. 311. <?page no="186"?> 186 Dževad Juzbašić 2. die Sandschak-Strecke, Uvac-Mitrovica oder eine andere günstige Verbindung zwischen bosnischem und orientalischem Eisenbahnnetz; 3. die Verlängerung der Eisenbahnstrecke von Bitola in Richtung Adria. Die Erhaltung des Anspruchs auf bestehende Privateisenbahnen in der europäischen Türkei war eines der Ziele der österreichisch-ungarischen Politik, dem eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Im Programm wurde besonders unterstrichen, dass die Balkanstaaten als Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches alle Vertragsverpflichtungen akzeptieren sollten, welche in Bezug auf die Privateisenbahnen die Türkei übernommen hatte. Das bezog sich in erster Linie auf die Orientbahn, die auch auf die EisenbahnlinienThessaIoniki-BitoIa und Thessaloniki-Dedeagag: . Im übrigen sollten alle Verpflichtungen in Bezug auf Eisenbahnbau und Eisenbahnpolitik überhaupt, die für die Balkanstaaten aus dem Programm hervorgingen, in separaten Eisenbahnkonventionen Österreich-Ungarns mit Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland festgehalten werden. Das ganze Programm wutde von Graf Berchtold stark geprägt; er dachte den Eisenbahnen die Rolle eines besonderen außenpolitischen Instruments zu. Berchtold stellte sich selbst die Aufgabe, politischen und w irtschaftlichen Einfluss der Monarchie in den Balkanstaaten zu erhalten und zu stärken, und zwar so gut es ging m it friedlichen M itteln.50 Weitere außenpolitische Schritte der Monarchie in Bezug auf das Problem der Balkaneisenbahnen wurden im Geiste der im Programm festgelegten Intentionen unternommen, doch sie konnten zu keinen konkreten Ergebnissen führen. Die Verhandlungen m it Serbien, die 1914 geführt wurden, wurden vom Attentat in Sarajevo unterbrochen, und zwar in einem Moment, als sie in der Endphase standen und schon eine grundsätzliche Einigung erzielt war, dass die Strecken der Ostbahnen in Serbien in staatlichen Besitz übergehen sollten bei einer entsprechenden Kompensation für Österreich-Ungarn auf dem Gebiet der Verkehrspolitik.51Während also die österreichisch-ungarische Diplomatie große Anstrengungen unternahm, die politische und ökonomische Position der Monarchie als Großmacht auf dem Balkan, zu verteidigen, vollzogen sich auf Territorien der ehemaligen europäischen Türkei bedeutende wirtschaftliche Veränderungen. Die Balkanstaaten versäumten keinen Augenblick, Vorteile aus der Besetzung Mazedoniens und anderer vormals osmanischer Regionen zu ziehen. Der Ausbruch der Balkankriege richtete für die Monarchie unmittelbar einen großen wirtschaftlichen Schaden an; die Ausfuhr in den Balkan musste eingestellt werden und es wurde in den Staaten zudem ein Moratorium 50 Ibid. 51 Vgl. Ćorović 1936, pp. 5 1 1-51 6; Aleksić-Pejković 1965, pp. 770-800. <?page no="187"?> Wirtschaftsbeziehungen auf dem Balkan 187 für alle Zahlungen eingeführt. Das bedeutete einen plötzlichen Abbruch der Wirtschaftskonjuktur in Österreich-Ungarn, das in die Periode einer schweren Depression eintrat.52 Das Außenhandelsdefizit der Monarchie erreichte im jahr 1912 eine Rekordsumme von 743 Milionen Kronen.53Viele Industriezweige gerieten in eine äußerst schwierige Lage, insbesondere die Textil- und Papierindustrie. Im Sommer 1914 konnte man das Ende der ökonomischen Depression noch nicht absehen. Die Ausfuhr in die Balkanländer wurde noch nicht begonnen, die Investitionen in die Industrie ließen nach, und die Massenarbeitslosigkeit, die durch die Migration etwas sank, nur etwas war chronisch geworden.54 Die einzige Kompensation stellte die Orientierung der Industrie an den Kriegsbedürfnissen, was letztendlich der Wirtschaft viel mehr schadete als nützte.55 Die schwere Lage der Industrie und Finanzen wirkte sich auf die Verschärfung nationaler und sozialer Gegensätze in der Monarchie aus und bedingte den Anstieg einer allgemeinen inneren Unzufriedenheit. Die Versuche Österreich-Ungarns in den Jahren 1913/ 14 für die eigene Wirtschaft neue Wirkungsfelder durch Teilung der Türkei in Kleinasien zu erschließen, endeten m it Misserfolg, da Deutschland keine Bereitschaft zeigte, der Monarchie auch nur eine Interessensphäre in Südanatolien zu überlassen.56 Andererseits verschloss sich der Balkan immer mehr für Österreich-Ungarn, wozu vor allem das französische Kapital beigetragen hatte. Österreich-Ungarn konnte in Serbien das französische Kapital nicht gefährden, sondern musste selbst Kreditverhandlungen mit den französischen Finanziers aufnehmen. Im politischen Geschehen auf dem Balkan erblickten österreichisch-ungarische Handelskreise eine der wichtigsten Ursachen für den ökonomischen Verfall der Monarchie, so dass gerade aus diesen Kreisen der Aufruf immer lauter wurde, die Situation durch ein entschiedenes Vorgehen zu klären.57 Dies hatte einen wesentlichen Einfluss auf den Ausbruch des Kriegs 1914. Die österreichisch-ungarischen Prätensionen auf dem Balkan erlebten einen endgültigen Zusammenbruch mit der Niederlage der konservativen Doppelmonarchie im Ersten Weltkrieg, wonach ihre Auflösung folgte. Doch 52 Benedikt, Heinrich: Die wirtschaftliche Entwicklung in der Franz-Josef-Zeit. Wien, München: Herold 1958, p,178ff. 53 Werner, Karl H.: Österreichs Industrie- und Außenhandelspolitik 1848 bis 1948. In: Mayer, Hans (Hg.): Hundert Jahre österreichischer Wirtschaftsentwicklung 1848-1948. Wien: Springer 1949, p. 439. 54 W inogradov/ Pissarev 1965, p. 31. 55 Hallgarten 1963, p. 375f. 56 ÖUA 1930, VII, Nr. 9285; W inogradov/ Pissarev 1965, p. 14. 57 Hantsch 1963, Bd. 2, p. 522. <?page no="188"?> 188 Dževad Juzbašić die politischen und wirtschaftlichen Strukturen der Balkanstaaten waren nicht in der Lage, konstruktiv und zeitgemäß die Probleme anzupacken, die sich aus der Notwendigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung und des allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritts ergaben. Die Rückständigkeit blieb auch weiterhin weitestgehend erhalten. Dies wurde von reaktionären politischen Entwicklungen und nationaler Unterdrückung begleitet. So hat Bosnien-Herzegowina mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs unter anderem auch darunter gelitten, dass bereits gesetzlich angenommene Investitionen, worunter auch der Bau der normalspurigen Bahnstrecken gehörte, nicht mehr realisiert wurden. Daran hätten sich Österreich und Ungarn m it eigenen finanziellen Mitteln beteiligen sollen. Damit wären teilweise die Mittel zurück investiert worden, welche auf Kosten des okkupierten Landes für strategische Interessen der Monarchie eingesetzt worden waren. Übersetzt von Vahidin Preljević <?page no="189"?> M arcela P ožarek (P rag / W ie n ) Thron, Tratsch und Treibjagd oder w ie man auf Tannen schießt Franz Ferdinands Frau The article examines the complicated role of Sophie, Duchess of Hohenberg, the wife of Archduke Franz Ferdinand. Although the countess came from the ancient Bohemian noble family of Chotek of Chotkov and Vojnin, according to the Habsburg nuptial laws she was not of equal birth to her husband since she did not belong to a sovereign dynasty. Her morganatic marriage to Franz Ferdinand was one of the major reasons for the poor relations between him and Emperor Franz Joseph. Franz Ferdinand kept up an emphatically aristocratic lifestyle, as expressed in his love of hunting. A typically Habsburg passion, in him the thrill of the chase took on an almost pathological character: Franz Ferdinand was the most trigger-happy of the Habsburgs, as attested by his meticulously kept hunting ledgers which record a total of 274 511 kills. These characteristics - Franz Ferdinand's pathological passion of hunting and the rather bourgeois mannerisms of his wife create the perfect setting for the narrative decline of the Habsburg monarchy culminating in the assassination of the couple in Sarajevo. Bleich, mit farblosen Lippen unterbrach ihn die Baronin: "Und die Herzogin Sophie? " "Ebenfalls ermordet. Slawisches Blut, vergossen von slawischer Hand, zu unserer ewigen Schmach! " kommentierte der Erzpriester und trat in die Kirche.1 In der prägnant inszenierten und pointiert formulierten kleinen Szene aus Fulvio Tomizzas Roman Franziska. Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts wird das plötzliche Ableben der Gattin des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand von Österreich-Este auf banale und gleichzeitig melodramatische Weise dargestellt, was in nuce sowohl das Wesen dieser böhmischen Adeligen, als auch ihr Schicksal zu charakterisieren scheint. Die Passage beginnt m it der lapidaren Bemerkung eines Kutschers: "Böse Nachrichten aus Wien",2worauf Tomizzas Protagonistin, eine mysteriös matronenhafte Baronin auf einem Kirchplatz im slowenischen Elinterland von Triest aussteigt und von einem echauffierten Erzpriester m it den Worten 1 Tomizza, Fulvio: Franziska. EineGeschichteausdem 20. Jahihundert. Wien: Zsolnay 2001, p. 62. 2 Ibid., p. 62. <?page no="190"?> 190 Marcela Požarek empfangen wird: "Wie? Sie wissen von nichts? Der Thronfolger ist ermordet worden."3 Die Baronin erwidert gleichzeitig entsetzt und bestimmt: "Der Ferdinand! "4und lässt ihr Gebetsbuch fallen. Selbstverständlich wird, dem Rang der Gattin an Erzherzog Ferdinands Seite entsprechend, deren Tod erst an zweiter Stelle erwähnt: "Und die Flerzogin Sophie? "5 Die mit der einfachen Konjunktion "und" elliptisch eingeleitete Nachfrage w irft ein sehr klares Licht auf die Position dieser Frauenfigur: ganz im Geiste der Doppelmonarchie handelt es sich um eine doppelte Marginalisierung. Sophie Chotek stand lebenslänglich durch ihre Flerkunft im Schatten ihres Mannes, der wiederum selbst nur Thronfolger war und eine Frau ehelichte, die als Böhmin zu Lebzeiten wenig Sympathien am kaiserlichen Flof genoss und durch das morganatische Ehebündnis a priori benachteiligt war. Im Folgenden soll deshalb untersucht werden, wie die Stellung dieser Frau ein spezielles Licht auf die ohnehin schon prekäre Position ihres berühmt-berüchtigten Gemahls w irft, wie Thron und Tratsch hierbei eine höchst faszinierende Allianz bilden und wie das ad absurdum getriebene aristokratische Flobby ihres Gatten Ferdinand, die Treibjagd, als Schlüssel verstanden werden kann, um diese als Liebesheirat deklarierte und geltende Ehe zu analysieren, die im Attentat von Sarajevo gipfelte. Die Position des Thronfolgers innerhalb des habsburgischen Machtgefüges war von Anfang an eine schwierige, wie Christopher Clark knapp festhält: "Franz Ferdinand occupied a complex but crucial position within the Habsburg leadership structure. At court, he was an isolated figure. His relations with the Emperor were not warm."6 Clark erklärt Franz Ferdinands labiles Verhältnis zu Kaiser Franz Joseph durch die Abwesenheit von Kronprinz Rudolf, nach dessen Selbstmord der Lückenbüßer Franz Ferdinand geraume Zeit warten musste, um offiziell als Thronfolger zu gelten,7 3 Ibid. 4 Ibid. 5 Erzherzogin Sophie wird hier auf eine Weise beschrieben, als wäre sie durch ihre zweitrangige Position nicht erwähnenswert, so als könne man sie genauso gut auch auslassen, oder wie Carlo Ginzburg in einer Studie zu Flaubert im Zusammenhang mit der Education sentimentale analysiert: "Einerseits eine unvermittelte Beschleunigung durch eine Auslassung; andererseits eine unvermittelte Verlangsamung durch ein unerwartetes Abschweifen, verstärkt durch den brüsken Abschluss des Kapitels, vor dem unmittelbar bevorstehenden Gefühlsausbruch." (Ginzburg, Carlo: Die Wahrheit der Geschichte. Rhetorik und Beweis. Eine Auslassung entziffern. Berlin: Wagenbach 2001, p. 105) 6 Clark, Christopher: Sleepwalkers. Flow Europe went to war in 1914. London: Penguin 2013, p. 106. 7 Interessanteweise beschreibt die Flistorikerin Alma Flannig in ihrer Franz Ferdinand-Biografie die Nachfolge Odyssee ambivalenter, so dass Franz Ferdinands staatspolitische Mängel klar zu Tage kommen, gleichzeitig aber auch relativiert werden: "Erst nach dem Tod seines Vaters, Erzherzog Carl Ludwig, und der eigenen Genesung nach einer langjährigen Krankheit <?page no="191"?> Franz Ferdinands Frau 191 wobei Sophie Chotek keinesfalls eine vermittelnde Rolle im Verhältnis von Franz Ferdinand zum Kaiser spielen konnte. Im Gegenteil: The scandal of Franz Ferdinand's marriage to the Czech noblewoman Sophie Chotek in July 1900 was a further burden on his relationship with the Emperor. This was a marriage of love contracted against the wishes of the Emperor and the Flabsburg royal family.5*** Die Liebesheirat schien auch in den Augen des von Machtkalkülen besessenen Papst Leo XIII. keine vorteilhafte gewesen zu sein, wie sich dem Tagebuch von Jaroslav Thun entnehmen lässt: Rom (17.10.1902): Papstaudienz: "Er nennt Eh. Franz immer Ferdinand, erkundigte sich, wie er sei, ob Sophie einen guten Einfluss auf ihn habe, ob ihre Stellung schwierig sei..."9 Diese genaue Berichterstattung verdanken wir der monumentalen Franz- Ferdinand-Biografie von Wladimir Aichelburg, in der die Amouren des Erzherzogs, wie überhaupt sämtliche Details seines Lebens akribisch verzeichnet werden, was den Rezensenten des Wiener Standard zur hymnischen Aussage verführt: herzzerreißend die Liebesgeschichte mit der späteren Ehefrau, der Ehefrau zur Linken, Sophie C h o te k -beider amourösen Kommunikation verbrannt von den eigenen Kindern in Artstetten! Ich kann mit der Flundertschaft telegrafischer Innigkeit, von Aichelburg für die Nachwelt gerettet, nur ahnen, was zwischen beiden hin und her funkte an Leidenschaften und Feuer.10 Unbeeindruckt hingegen von dieser Leidenschaft und Liebesheirat war, wie bereits erwähnt, Kaiser Franz Joseph.11 Dieser Umstand verleitet Dawurde Franz Ferdinand im Alter von 34 Jahren offiziell Thronfolger. Durch die späte Ernennung hatte er keine Monarchenerziehung genossen. W ie die meisten Eizheizöge wurde er militärisch ausgebildet, was ihn nur bedingt auf das künftige Herrscheramt vorbereitet hatte. Es stellt sich also die Frage, welche Schritte unternommen wurden, um dieses Dehzit später auszugleichen. W ie hat sich der Erzherzog selbst im Laufe der Jahre auf den Thronwechsel vorbereitet und wer hat ihn dabei unterstützt? " (Hannig, Alma: Franz Ferdinand. Die Biografie. Wien: Amalthea Signum 2013, p. 12) 0 Clark 2013, p. 106. 9 Zit. n. Aichelburg, Wladimir: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este 1863-1914. Horn: Berger 2013, p.147. 10 Roos, Peter: Franz Ferdinand, famos. In: Der Standard, Album, p. A l l , 28.06.2014. 11 Alma Hannig konstatierte denn auch in einem Interview pragmatisch: "Nachdem Franz Ferdinand dem Kaiserdie Heirat mit Sophie abgepresst hatte, konnte diese Beziehung natürlich nicht mehr besser werden. Katharina Schratt, die Gefährtin des alten Franz Joseph, schreibt, dass der KaiserjederAudienz mit dem Thronfolger entgegen bange. Am liebsten würde er ihn gar nicht mehr sehen." (Riedl, Joachim: Franz-Ferdinand-Biografin: Erwar nie ein Kriegsgegner. In: Die Zeit, 06.03.2014, http: / / www.zeit.de/ 2014/ ll/ franz-ferdinand-biografin-alma-hannig abgerufen: 25.8.2014) <?page no="192"?> 192 Marcela Požarek vid James Smith zur lapidaren Bemerkung: "The emperor did not like Franz Ferdinand and cared less fort the 'common' wife he had married. Fle had not attended their marriage. Nor would he attend their funeral either."12 In der direkten Gegenüberstellung von Fleirat und Begräbnis kommt bei Smith auf makabere Art der krönende Abschluss dieser Ehe im Attentat zur Sprache, ein Akt, der gleichzeitig wie ein blinder Fleck in der Geschichte des Paares figuriert. Nach ihrer Fleirat zur Fürstin von Flohenberg avanciert, ließ sie sich 1908 auf dem böhmischen Sitz der Familie vom in Paris geschulten Porträtmaler František Dvorak malen. Dieses monumentale Porträt, welches sie in imperialer FHaltung, mit Flermelinmantel und Krone auf dem Flaupt in inszenierter Flerrscherpose zeigt, wird im Folgenden mit einem berühmten Vorläufer einer solchen Darstellung, Louis Toques Porträt von Maria Leszczynska (1740) im Krönungsornat verglichen, um damit nicht nur die dahinterliegende Symbolik, sondern auch die raffiniert dargestellten Machtnarrative zu dechiffrieren: Insofern sie etwas repräsentieren, das wie die Macht nicht nur unsichtbar ist, sondern auf den ungreifbaren und imaginären Akten eines Glaubens an ihre Wirksamkeit beruht, sind Flerrscherporträts Bilder, die immer etwas enthalten und auf etwas aufbauen, was in ihnen nicht zu sehen ist. Sie verweisen auf ein Zeichensystem, einen Diskurs, eine Erzählung, die unabhängig von ihnen und außerhalb ihrer besteht - und doch in sie mündet und damit die Bedingung der Möglichkeit bestimmt, ein Herrscherporträt richtig zu sehen.13 Louis Tocque zeigt die gebürtige polnische Adelige Maria Leszcynska, die durch eine von Machtkalkül bestimmte Heirat mit Ludwig XV. zur Königin von Frankreich avancierte, klassisch in einer m it floralen Motiven üppig bestickten Robe m it Spitzenbesatz und einem Hermelin unterfütterten und mit Lilienmotiven verzierten Mantel, den Insignien des französischen Herrscherhauses. Die Königin wird in einer interessanten Raumanordnung gezeigt, vor einem theatralisch drapierten Vorhang und diskret im Hintergrund stehenden Thron als majestätischem Attribut, kontrastierend dazu 12 Smith, James David: One Morning in Sarajevo, 28 June 1914. london: Weidenfeld & Nicolson 2008, p. 6 7 - Die Hochzeitszeiemonie selbst fand fernab des W iener Hofprotokolls in Böhmen statt: "Die Hochzeit des Thronfolgers mit der Gräfin Sophie Chotek war für den 1. Juli 1900 in Schloss Reichstadt angesetzt. Schloss Reichstadt diente Maria Theresia, der Stiefmutter Franz Ferdinands, als Witwensitz. Die Hochzeit des Thronfolgers war dessen Privatangelegenheit. Sie sollte nicht einmal den Anschein eines offiziellen Festaktes haben. Auf Wunsch Franz Josephs sollte kein Mitglied des Kaiserhauses der Trauung beiwohnen." (Weissensteiner, Friedrich: Franz Ferdinand. Der verhinderte Herrscher. Wien: Kremayr & Scheriau 2007, p. 134) 13 Horn, Eva: Vom Porträt des Königs zum Antlitz des Führers. ZurStrukturdes modernen Herrscherbildes. In: Honold, Alexander, Simon, Ralf (Hg.): Das erzählende und das erzählte Bild. München: Fink 2010, p. 129. <?page no="193"?> Franz Ferdinands Frau 193 dorische Säulen und eine architektonische neoklassizistische Konfiguration, was als eher ungewöhnlich für ein weibliches Porträt zu werten ist. Laut Analyse der Kunsthistorikerin Inge Boer ist jedoch insbesondere die Assemblage auf dem Empire-Tisch auffallend: "M ost interesting as a feature in the painting however is the gesture with which Marie Leczinska points at the crown, placed on a little cushion."14Was macht die Faszination dieser Krone auf dem Samtkissen im Kontext eines Machtnarratives aber aus? Während die Königin von Frankreich auf Ihre eigene Krönung hinweist, zeigt ihre Geste zugleich, welches ambivalente Verhältnis sie zu diesem Objekt hat. Sie präsentiert es stolz und gleichzeitig als etwas, das nicht ganz in der Sphäre ihres Wirkungskreises zu liegen scheint, was wiederum darauf zurückzuführen ist, das Maria Leczinska die Krone nur verliehen wurde, weil es politisch opportun erschien, sie zur Königin zu ernennen. So w irkt die Flaltung, die die Königin von Frankreich gegenüber ihrer eigenen Krone ein, nimmt nicht nur distanziert, sondern geradezu entfremdet; sie präsentiert sie wie ein nahezu beliebiges Objekt, das je doch von fundamentaler Wichtigkeit für ihre Funktion ist, oder wie Boer schreibt: "Marie Leczinskas gestures towards her crown, because the crown provides her with a raison d'etre, the officially assigned position of queen [...]."15 Die Position der Königin ist also nur insofern stark, als dass sie dazu gemacht wird, die Stellung wird ihr zugeschrieben, sie selbst ist wie ihre eigene Krone nur ein Attribut der Staatsmacht und ihre Position labil. František Dvoraks Monumentalbild von Sophie Chotek wiederum positioniert die Porträtierte in der Mitte des Bildes, somit kommt ihre matronenhaft majestätische Statur besser zu Geltung. Der Fürstin wird prima vista ein zivileres, weniger pompöses Aussehen verliehen, was laut der Kunsthistorikerin Marie Mlykovä durchaus beabsichtigt war: Es geht hier nicht um pathetische Repräsentation barocken Charakters; Würde und Glaubhaftigkeit des Porträts führen zu einem zivileren Ausdruck; die Malerei musste sich mit den Möglichkeiten der Fotografie konfrontieren so wie sie der mondäne tschechische Pariser, František Dvorak einsetzte. Sein Porträt von Sophie Flerzogin von Flohenberg aus dem Schloss Konopischt, huldigt einerseits die problematische Würde der morganatischen Ehefrau des 14 E. Boer, Inge: Culture as a gendered battleground. The patronage of Madame Pompadour. In: Akkoman, Tjitske / Stuuman, Siefs: Perspectives on Feminist Policitical Thought in European History. From the MiddIeAgesto the Present. London: Routledge 1998, pp. 104-105. Siefährt in ihrer Ausführung mit den Fragen fort: "Why, one might ask, this gesture, as so many details already indicate that we are dealing with a royal figure? Is it not enough to demonstrate by the ermine mantle and the proliferating fleurs de Iys that this woman is not just any woman, but the queen herself? So why the abundance of references to royalty, why this hysterical repetition of the fleurs de Iys as if to drum their importance into our heads? " (ibid.) 15 Boer 1998, p. 104. <?page no="194"?> 194 Marcela Požarek František Dvorak: Sophie Fürstin von Hohenberg, 1910, Öl, 251 x 143.5 cm Sammlung des Schlosses Konopischt. Quelle: Privatarchiv der M a rie M iy k o v a li 16 Mzykovä, Marie: Kfidla slavy. Dil II: Vojtech Hynais. Češti Parižane a Francie. Praha: Galerie Rudolfinum 2001, p. 234. <?page no="195"?> Franz Ferdinands Frau 195 Thronfolgers Ferdinand d'Este, andererseits ist sie das Paradebeispiel orthodox interpretierter, technisch brillant ausgeführter akademischer Malerei.17 Die Raumkonstellation, in der die Herzogin in Pose steht, ist eine sehr ähnliche, wie die der Königin von Frankreich, nur spiegelverkehrt. Als überraschend banales Attribut steht allerdings auf dem imposanten Empire-Tisch keinesfalls eine Krone, sondern eine Vase mit Rosen, wie sie auf Schloss Konopischt gezüchtet wurden. So forsch und souverän Sophies Blick auf dem Porträt, so passiv und geradezu statuenhaft ihre Körperhaltung, bei der die gekünstelt elegante rechte Handbewegung darauf schließen lässt, dass sie es nicht gewohnt ist, einen Hermelinmantel zu tragen, noch dazu in einem Arrangement, das zwar aristokratisch wirken soll, aber gleichzeitig ein Milieu mit unzweifelhaft bürgerlichem Anstrich suggeriert, bei dem alles Imperiale wie Staffage wirkt. Aus dem ästhetisch inszenierten Rahmen fällt hierbei das merkwürdig aufgesetzt wirkende Blumengebilde am Taillengürtel, wobei es sich um weiße Trichterwinden handelt, deren Sorte in violetter Farbe als Prunkwinde bezeichnet wird, einer sehr schnell dahinwelkenden Blumenart eine bezeichnende Symbolik für ein majestätisches Bild, das als Hinweis für die Stellung Sophie Choteks am Habsburger Hof gelesen werden kann, ist sie doch eine Adelige, die auf Umwegen ins Herrscherhaus kam.18 Sie musste sich zuerst als Hofdame verdingen: "Nichtsdestotrotz konnte letztendlich auch die vorher nicht besonders begehrte Gräfin Chotek eine Partie machen - und mit dem Thronfolger noch dazu die beste in der ganzen Monarchie."19 Verschiedenste Quellen sind sich darin einig, dass selbstverständlich Sophie Choteks passables Ausse- 17 Ibid., p.233: "Nejde však o patetickou reprezentativnost barokniho typu; düstojnost a poitretni verohodnost smeruje k civilnejšimu vyrazu; malba se zäroven vyiovnävala s možnostm ifo to g ra fie -ja k to prijal a uplatnil jeden z monden ich ceskych Pafižanfl, František Dvorak. Jeho portret Žofie vevodkyne z Hohenbergu, ze zamku Konopište, pfedstavuje hold prob- Iematicke dustojnosti morganaticke choti naslednika trimu, Ferdinanda d'Este, na druhe strane je dokladem ortodoxniho pojeti reprezentativni, technicky svrchovane akademicke malby." (Übers. M.P.) 18 Hannig 2013, p. 57: "Die Choteks gehörten zum böhmischen Uradel, waren jedoch kein regierendes Haus und somit für eine Heirat mit den Habsburgern nicht standesgemäß." 19 Vgl. Winkelhofer, MartinaiAdeI verpflichtet. Frauenschicksale in der k.u.k. Monarchie. Wien: Amalthea 2004, p. 113. "Der bekannteste und spektakulärste Fall einer Aristokratin, die sich ursprünglich als Ledige ihren Unterhalt bei Hof verdiente, war jener der böhmischen Gräfin Sophie Chotek, die den österreichischen ThronfoIgerFranz Ferdinand heiratete. Obwohl aus einer der ältesten und vornehmsten böhmischen Adelsfamilien stammend, hatte Sophie Chotek Schwierigkeiten auf dem Heiratsmarkt. Die Familie w ar nicht vermögend und die junge Gräfin, deren Liebe zum Thronfolger schon vor ihrer Verlobung begann, musste sich bis zur Bekanntgabe der erst heimlichen Beziehung als Hofdame verdingen. So angenehm in der Regel eine Stelle als Hofdame sein mochte, Sophie Chotek hatte nicht das beste Los gezogen: Sie kam als Hofdamezu Erzherzogin Isabella, die für ihre ruppige und herablassende Art bekannt war." <?page no="196"?> 196 Marcela Požarek hen ihre Heiratschancen erheblich steigerten, was scheinbar auf Gemälden gut zur Geltung kam. Ein Familienölgemälde (das der Erzherzog selbst immer etwas zu affektiert fand) zeigt, warum sie überall eine gute Figur machen würde: sehr große, dunkle braune Augen unter einer zum Knoten gebundenen Fülle dazu passenden dunklen Flaares, dessen glänzende Farbe einen vollendeten Teint hervortreten ließ. Die Augen deuteten sowohl auf klaren Verstand, als auch auf verborgenes Feuer: Eswareinewirkungsvolle Kombination.20 In dieser Beschreibung wird Sophie Choteks Matronenhaftigkeit durch dunkle, Wärme symbolisierende Augen charakterisiert und das prachtvoll üppige Haar als untrügliches Zeichen eines standhaft soliden Charakters gelesen, oder wie die Historikerin Monika Kubrova im Zusammenhang m it adeliger Erziehungskultur attestiert: "Die inkorporierten Tugenden fügsam und gerade spiegeln symbolisch familien-und adelserhaltende Verhaltensanforderungen an die einzelne."21 Erstaunlicherweise werden hier die Peripetien eines adeligen Frauenschicksals des 19. Jahrhunderts in einer Weise definiert, die absolut keine alternativen Lebenswege zuzulassen scheint, geschweige denn, diese auch nur in Erwägung zieht, wie es so selbstverständlich der Fall im postrevolutionären Frankreich des 18. Jahrhunderts war, wie Elisabeth Badinter in ihrer Frauenbiografie Emilie, Emilie konstatiert: Cependant, Ie XVIIIe siede constitue une sorte de paradoxe dans l'histoire des femmes privilegiees. Tout en maintenant a celles-ci ! 'obligation de se marier et d'avoir des enfants, ! Ideologie dominante Ieur accordait Ie droit a Ia negligence. L'inconstance conjugale n'etait pas un vice on peut meme dire que Ia fidelite etait consideree comme une valeur desuete, presque ridicule et Ies soins du maternage n'etaient pas juges dignes des preoccupations d'une femme du monde.22 Wiewohl Erzherzog Franz Ferdinand ursprünglich durchaus mondänere Partien als potenzielle Heiratskandidatinnen ins Auge fasste, ermangelte es ihm unter anderem wohl an Fremdsprachenkenntnissen, um eine Adelige aus höheren, kosmopolitischeren Kreisen zu ehelichen, so wie im Falle Helenes von Orleans: Der Thronfolger hatte die hübsche Prinzessin während seines Besuchs in England kennengelernt. Das Gespräch mit ihr gestaltete sich wegen seiner be- 20 Brook-Shepard, Gordon: Die Opfer von Sarajevo: Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie von Chotek, Stuttgart: Engelhorn 1988, p. 68f. 21 Kubrova, Monika: Vom guten Leben. Adelige Frauen im 19. Jahrhundert. EIitenwandel in der Moderne. Berlin: Akademie 2011, p. 110. 22 Badinter, Elisabeth: "Emilie, Emilie " L'ambition feminine au XVIII eme siede. Paris : Flammarion 1983, p. 105. <?page no="197"?> Franz Ferdinands Frau 197 scheidenen Französisch-Kenntnisse jedoch eher mühsam und von weiteren Treffen oder gar Heiratsplänen war nicht mehr die Rede.23 Gordon Brook Shepard beschreibt die Heiratsambitionen von Franz Ferdinand äußert detailliert unter der Kapitelüberschrift "Sophie": Bevor er sein Herz an die dynastisch unebenbürtige Dame verlor, war Franz Ferdinands Name unter wechselnden Graden an Glaubwürdigkeit mit drei königlichen Prinzessinnen in Verbindung gebracht worden. Die erste und am ehesten in Frage kommende war Prinzessin Mathilde von Sachsen aus der katholischen Dynastie der Wettiner gewesen, die über Jahrhundert hin Bräute für viele Habsburger Erzherzoge (einschließlich natürlich seines eigenen Vaters) zur Verfügung gestellt hatte.24 Franz Ferdinands Frauengeschmack war aber keineswegs aristokratisch, vielmehr suchte er nach einem ganz anderen, geradezu bürgerlichen Typus von Gattin und Mutter, der Landedelfrau: Bis ins 20. Jahrhundert hinein existierten im Adel zwei verschiedene, sich zum Teil widersprechende Frauenideale, jedes in einem der beiden Lebensbereiche des Adelsstandes-Landsitz und Hof-verankert: das Bild der Landedelfrau und das Bild der höfischen Dame. Das Ideal der Landedelfrau entsprach dem der altständischen Hausmutter, die umsichtig, fleißig und sparsam das Gutshaus leitete. Innerhalb der patriarchalischen Familien- und Gesellschaftsstruktur unterstand die Gutsfrau der Herrschaft ihres Gatten, des Hausvaters. Dennoch übte sie im Bereich des Gutes eine gewisse ökonomische und moralische Machtaus.25 Dieser Charakterisierung entsprach Sophie Chotek nahezu perfekt und paarte sich in idealer Weise m it Rollen, die böhmische Frauen traditionell im Wiener Bürgertum spielten: Ihre Funktion oszillierte leicht simplifizierend form uliert zwischen Köchin, Kindermädchen oder Prostituierter.26 23 Hannig 2013, p. 55. Selbstverständlich waren des Eizherzogs Heiratsabsichten ein großes Politikum, wie Hannig ausführlich dar legt: "Da die Frage der erzherzoglichen Brautwahl eine durchaus politische war, verwundert es nicht, dass die anderen Großmächte regen Anteil an den Entwicklungen nahmen und sogar versuchten, diese in ihrem Sinne zu beeinflussen. In Deutschland zeigte man sich grundsätzlich über die Russophilie Franz Ferdinands besorgt, aber als Gerüchte aufkamen, der Thronfolger könnte Helenevon Orleans heiraten, befürchtete man im Auswärtigen Amt in Berlin bei einer solchen Verbindung künftig gar eine Österreich ische-russisch-französische Koalition." 24 Brook-Shepard 1988, p. 64f. 25 Diemel, Christa: Adelige Frauen im bürgerlichen Jahrhundert. Hofdamen, Stiftsdamen, Salondamen, 1800-1870, Frankfurt am Main: FTB 1998, p. 120. 26 Beasley-Murray, Tim: German-Language Culture and the Slav Stranger Within. In: Central Europe, Vol. 4, No. 2 (Nov. 2006), p.131-145, hier p. 134: "The most extreme example of the way in which the Slav could come to stand for the repressed, on purely sociological grounds, isto be found in the pairing of the Czech nursemaid and the Czech prostitute. For many male members of th e German-speaking Viennese upper-middle classes there were two ways in which they were Iikelyto encounter Czechs: first, in the form of their Czech nursemaids, and, second, in the form of a Czech prostitute." <?page no="198"?> 198 Marcela Požarek Franz Ferdinands eigene Brautwahl bewegte sich zwischen den Polen aristokratischer Gepflogenheiten und bürgerlich privaten Geschmackspräferenzen, einem Balanceakt zwischen Anpassung und Aufbegehren also, in dem es galt, strategisch pragmatisch vorzugehen, wie es Norbert Elias am Beispiel Louis XIV. aufzeigte: "Die Fülle der Machtchancen, die ihm kraft seiner Position zur Verfügung stand, ließ sich nur aufrechterhalten durch eine überaus sorgfältige und berechnete Manipulierung der komplexen, multipolaren Spannungsbalance seines weiteren und engeren Herrschaftsfeldes."27 Franz Ferdinands Charakter war aber für raffinierte Machtkalkulationen im Stile von Louis XIV zu labil, ließ doch auch sein Gesundheitszustand oft zu wünschen übrig und so war er nach einer Lungentuberkulose28 zu wiederholter Bettlägerigkeit gezwungen. Bei einem solchen Kuraufenthalt kam es zu folgender, in der Forschungsliteratur vielfach zitierter und kommentierter Episode: Nur zu bald langweilte es den Erzherzog, auf einer Pritsche oder einem Liegestuhl im Garten zu liegen und die prachtvolle Aussicht über das Etsch- und Eisacktal zu genießen. Eine Ablenkung fand er sofort, und zwar, mit einem kleinen Luftgewehraufdie zarten Äste einer etwa 30 Schritte entfernten Lärche zu schießen. Erschoss Plünderte von ihnen a b -s o sauber, dass der Baum schließlich aussah, als wäre er mit der Gartenschere bearbeitet worden.2930 Einerseits illustriert diese Szene in genialer Weise die biedere Akkuratesse, m it der er ans Werk ging, und thematisiert gleichzeitig sehr hintergründig seine perverse Passion und Faszination für Schieß- und Jagdunternehmungen mannigfaltigster Art einem Hobby, das er mit seiner Gattin durchaus teilte. W ladimir Aichelburg konstatiert in seiner Franz Ferdinand Biografie im Kapitel "Der letzte Jagdtag": Tatsächlich war seine Jagdleidenschaft außergewöhnlich; der Thronfolger war aber auch ein außergewöhnlicher Schütze. Wie alles, was er tat, betrieb er auch die Jagd nie oberflächlich. Die Natur interessiert ihn als Ganzes. Die Jagd war nur ein äußerlicher und nur für die vielen Uneingeweihten verabscheuungswürdiger, weit sichtbarer Teilaspekt seines Gesamtinteresses für die Umwelt.90 27 Elias, Norbert: Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zurSoziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie. Bd.2. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002, p. 239. 28 Biografin Alma Flannig beschreibt seine gesundheitlichen Gebrechen in rührendem Duktus: "Nachdem er seit Monaten bereits kränklich gewesen war, brach Ende 1894 beim Thronfolger die Lungentuberkulose aus. Mehr als zwei Jahre sollte sein Kampf gegen die tödliche Krankheit andauern. Auch wenn er sie am Ende besiegt hatte, musste er sich in Zukunft schonen und blieb asthmaanfällig. Offiziell ließ der Erzherzog verlauten, dass er als Folge seiner Weltreise an Tropenfieber erkrankt sei." (Hannig 2013, p. 49) 29 Brook-Shepard 1988, p. 79. 30 Aichelburg 2013, p. 1209. <?page no="199"?> Franz Ferdinands Frau 199 Dieses "Gesamtinteresse für die Umwelt" ist auch der Biografin Alma Hannig ein eigenes Kapitel "Exkurs: Jäger und Sammler" wert, in dem sie die abartige Obsession des Thronfolgers als üblichen aristokratischen Zeitvertrieb zu legitimieren versucht.31 Schlussendlich muss das Attentat in Sarajevo als ein symbolisches "Ende der Jagd" gesehen werden, das durch Dramatik und Pathos so sehr besticht, dass die eher kompliziert uneindeutigen Beweggründe der ganzen Sarajevo-Expedition verblassen.32 Sophie von Hohenberg begleitete ihren Gemahl auf einer Reise, die sehr idyllisch begann und von keinerlei Gefahren getrübt zu sein schien: The archducal couple were strikingly unconcerned about their own safety. Franz Ferdinand hat spent the last three days with his wife in the little resort town of llidze, where he and Sophie had seen nothing but friendly faces. There had even been time for an impromptu shopping visit to the Sarajevo bazaar, where they had walked unmolested in the narrow crowded streets. What they could not know was that Gavril Princip, the young Bosnian Serb who would shoot them dead just three days later, was also in the bazaar shadowing their movements.33 Bezeichnend an dieser Beschreibung ist die eindeutige Jagdterminologie, die Beobachtung sämtlicher Bewegungen der zu erlegenden Beute, die minutiöse Genauigkeit auch, mit der in allen Attentat-Diskursen sehr pedantisch und akribisch die Vorbereitung, die im Tod des Thronfolgerpaars gipfelt, beschrieben wird. So kulm iniert beispielsweise der Anschlag auf das Paar im sentimental religiös gefärbten Erinnerungsblatt des österreichischen Geistlichen Eduard Fischer S.J. in einer pathetisch knappen Wendung: "Erzherzog Franz Ferdinand und seine erlauchte Gemahlin Herzogin Sophie von Hohenberg wurden am 28. Juni 1914 in Sarajevo von ruchloser Mörderhand dahingerafft."34 Die sentimentale Beschreibung des Jesu- 31 Hannig kommentiert politisch korrekt einige Abweichungen von Franz Ferdinands natürlichem Jagdtrieb, indem sie darauf hinweist: "Makaber klingt es, wenn der Erzherzog sein Jagdgewehr liebevoll "meine treue Freundin" nennt. Allerdings müssen, die Bräuche bestimmter Länder und das Verhalten vergleichbarer Personen berücksichtigt werden, um ein möglichst objektives Urteil zu treffen." (Hannig 2013, p. 48.) 32 "The emperor broadly told the Archduke he could do as he wished, but seems to havesubliminally made his feelings known, that IiethoughttheArchduke ought to go. Ferdinandthen asked if Sophie could accompany him, to which there was no objection. Some suggest that it was Sophie's anxieties which prompted Ferdinand to approach the emperor. It was she who was troubled by the effect of the heat on his health and perhaps too she was afraid for his safety, insisting that if he was going, she would go as well." (Smith 2008, p. 154) 33 Clark 2013, p. 369. 34 Fischer, Eduard: Ein Erinnerungsblatt an Se. kaiserliche und königliche Hoheit Erzherzog Franz Ferdinand und seine erlauchte Gemahlin Herzogin Sophie von Hohenberg. Für das liebe Volk. Zum Besten der Canisiuskirche in Wien IX. Wien: Buchdruckerei Austria F. Doll 1914, p. 4. <?page no="200"?> 200 Marcela Požarek itenpaters w irft ein theatralisches Licht auf eine Szene, in der die Herzogin Sophie von Hohenberg im Grunde eine marginale Rolle spielte; sie wurde von den Anwesenden des Attentats auch kaum beachtet: "Harrach and General Potiorek were not worried about the archduchess. They believed that she had fainted from fright. Instead, the tw o turned their attention to gravely injured archduke."35 Bei der Gerichtsverhandlung der Attentäter wird über die Todesszene sogar noch lapidarer gesprochen: "And the Archduke's wife, Nedjo was asked at his trial, did you plan to kill her too? Oh no, said Nedjo, they agreed to make every effort to spare her."36 Diese kurzen Bemerkungen zeigen in exemplarischer Weise, wie Herzogin Sophie von Hohenbergs Tod als ein Symptom37 gelesen werden kann, als eine genaue Beschreibung ihres Untergangs an der Peripherie der Monarchie. Während sie am kaiserlichen Hof in Wien nicht wirklich hoffähig war, konnte sie an der Seite Ihres Gatten in Sarajevo zwar prim a vista standesgemäß ihren repräsentativen Pflichten nachkommen und schien doch in einer absolut marginalen Rolle zu einer zweitrangigen Statistin verdammt zu sein. Die Rolle, Funktion und das Ende der Thronfolger Gattin kann aber auch ganz anderes gelesen werden, denn die quasi-bürgerliche Sophie Chotek als Vorbotin des Niedergangs der Monarchie ist keine Figur, der Einflussnahme auf die politische Taktik des Thronfolgers fremd gewesen ist, im Gegenteil, wie Hannig festhält: "Vor allem in Deutschland scheint sich die Meinung durchgesetzt zu haben, dass Sophie der Schlüssel zum Thronfolger in jeder Hinsicht war."38 Im streng patriarchalisch hierarchischen Milieu der Habsburger Monarchie war somit die Matrone Sophie Chotek durchaus kein diplomatisches Leichtgewicht. Sie war keine banale Tochter aus gutem Haus, sondern der eher schwachen Figur des Thronfolgers ebenbürtig, wenn nicht in geschichtsträchtiger Weise in ihrer Rolle als Fremdkörper im Getriebe der Adelskreise sogar überlegen, oder wie Elisabeth von Samsonow prägnant in ihrer Analyse von M atronen zum Schluss kommt: Mein Konzept vom Ende der guten Tochter war vom Wunsch getragen, dass die Rückkehr zur Matrone eine Art von Horrorfigur, den Teufel, erlösen würde, den Teufel, der eben nicht, so wie Freud das meint, pervertierter Vater, sondern natürlich pervertierte M utter ist. Dass w ir unsere Teufel, die ihre 35 Doak, Robin S.: Assassination at Sarajevo. The SparkThat Started World War I. Minneapolis, Minnesota: Compass Point Books 2009, p. 14. 36 Smith 2008, p. 67. 37 "Die aphoristische Literatur ist per Definition der Versuch, Urteile über den Menschen und die Gesellschaft auf der Basis von Indizien und Symptomen zu formulieren: über einen Menschen und eine Gesellschaft, die krank, in Krise sind." (Ginzburg 1995, p. 37) 38 Hannig 2013, p. 75. <?page no="201"?> Franz Ferdinands Frau 201 Hochzeit im abendländischen imaginaire schon hinter sich gebracht haben, in aller Ruhe wieder auf ihr ursprüngliches Format zurückbringen, und in ihnen die übermächtige Matrone den Patronen gegenübergestellt werden dürfte, tatsächlich so etwas wie ein Equilibrium zwischen den Geschlechtern ermöglichen könnte.39 So sehr also die marginale Matrone Sophie Chotek lebenslänglich bis zu ihrem spektakulären Tod in der Adelshierarchie eine prekäre Position inne hatte, so sehr ist sie doch integraler Bestandteil der äußerst komplexen und letztlich ins Leere laufenden Machtambitionen ihres Gatten. Insofern spielt sie eine absolut zentrale Rolle bei der Demontage der Habsburger Monarchie: sie ist die perfekte Figur an der Schnittstelle von zerfallendem Imperium und beginnendem bürgerlichem Zeitalter. Samsonow, Elisabeth von: "Das Bild ist etwas sein, sehr Merkwürdiges". In: Mahr, Peter (Hg.): Österreichische Ästhetik. Klagenfurt: Ritter 2003, pp. 130 145, hier p. 138. <?page no="203"?> DAS ATTENTAT VON SARAJEVO IN DISKURSEN UND MEDIEN <?page no="205"?> V e d a d S m a i l a g i ć ( S a r a j e v o ) Das A ttentat vom 28. Juni 1914 am Tag danach Eine Untersuchung der Berichterstattung in deutschsprachigen Zeitungen der österreichischen Reichshälfte This contribution applies the tools of critical linguistic analysis to the Austrian newspaper coverage of the Sarajevo assassination in order to obtain a better understanding about the role of the print media on the eve of WWI and their intended effects on contemporary readers. The analysis of the use of expressive terms, the perpetrator/ victim dichotomy and the ways to insinuate the complicity of the Serbian state show how media construct reality and direct public opinion. Through its methodology, my article also tries to show the contribution of linguistics as an academic discipline to a better understanding of history. Dieser Beitrag verfolgt das Ziel, die deutschsprachigen Zeitungen Cisleithaniens vom Tag des Attentats auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo und vom Tag danach durch genaue linguistische Analyse der Inhalte und Formulierungen auf ihre Rolle im historischen Kontext zu untersuchen. Zeitungen sind wichtig, denn generell spricht man ihnen entweder das Abbilden oder das Konstruieren der Wirklichkeit zu. Außerdem soll gezeigt werden, wie mit den Mitteln der linguistischen Textanalysejener Konflikt, der zum ersten Weltkrieg führen sollte, ein Stück mehr erhellt werden kann. Kurt Lewin hat schon 1943 den Ausdruck Gatekeeping geprägt, der darauf abzielt, dass Medien in ihrer Selektionsfunktion was wird veröffentlicht, was nicht kontrollieren, welche Informationen der Öffentlichkeit verm ittelt werden und welche nicht.1 Damit sind die Medien diejenige Instanz, die bestimmt, was gesellschaftlich so relevant ist, dass es diskutiert wird. Information unter dem Gesichtspunkt der Selektion von Inhalten ist jedoch nicht die einzige Funktion von (Massen)medien, denn: Eine zentrale Rolle bei der Wirklichkeitskonstruktion durch Massenmedien spielen Bewertungen, da sie per definition über ein Ereignis nicht neutral informieren, sondern diesem einen bestimmten Wert und somit eine bestimmte Bedeutungzuschreiben. Bewertungen beeinflussen so maßgeblich die Repräsentationen des Ereignisses und damit die mediale Realität, die in einem Medientext konstruiert wird.2* 1 Cf. Bölin, Andreas/ Seidler, Andreas: Mediengeschichte. Tübingen: GNV 2008, p. 68. 2 Luginbühl, M aitin / Baumberger, Thomas / Schwab, Kathrine, Burger, Harald: Medientexte zwischen Autor und Publikum. Zürich: Seismo 2002, p. 81. <?page no="206"?> 206 Vedad Smailagic In diesem Zusammenhang sind die Ausführungen von Dieter Kroppach hilfreich, der die Sprache der Presse beschreibt, indem er vom Konzept der journalistischen Aussageweisen ausgeht. Diese lassen sich demnach aufgrund ihrer sprachlichen Merkmale in tendenziell repressive und emanzipatorische Aussageweisen einteilen3. Dietendenziell repressive Form weist Merkmale einer subjektiven oder propagandistischen Einstellung (emotional, pathetisch, werbend, affirmativ usw.) auf, während die emanzipatorische eher zur Objektivität in der Themenbehandlung neigt. Vor dem Hintergrund dieser Analysen und Überlegungen zur Zeitungssprache scheint es nun sinnvoll, die Berichterstattung über das Attentat auf den Thronfolger aus dem Zeitraum unmittelbar danach zu untersuchen, um durch Feinanalyse der Sprache dieser Berichterstattung bzw. der Inhalte und ihrer Präsentation auf die "wahren" Absichten der Zeitungen schließen zu können und darüber hinaus auch auf die mögliche Wirkung, die diese Texte bei den Rezipienten bzw. den Lesern erzielen. Brinkerspricht in diesem Zusammenhang von Textfunktion, wahrer Absicht des Emittenten und Textwirkung.4 Zunächst soll es um Textfunktionen gehen, die Klaus Brinker in Anlehnung an Searles Klassifizierung des illokutiven Teils der Sprechakte in 4 bzw. fünf Klassen einteilt: Informations-, Appell-, Obligations-, Kontakt- und auch Deklarationsfunktion5. M it Brinker halte ich es für notwendig zwischen Textfunktion und "wahrer Absicht" des Textproduzenten zu unterscheiden, denn in einem informativen Text kann eine appellative Absicht des Emittenten stecken, die vom Rezipienten nicht unbedingt als solche erkannt werden muss. M it der Analyse dieser Texte möchte ich gerade hier ansetzen und zeigen, wie diese beiden Funktionen bei brisanten Nachrichten über das Attentat auf den Thronfolger miteinander verflochten sind und somit beim Rezipienten, dem Zeitungsleser, am Tag danach bestimmte Wirkungen auslösen. Für meine Analyse sind also nur die ersten zwei Funktionen von Bedeutung: die Informationsfunktion und die Appellfunktion. Die Informationsfunktion meint, dass der Emittent bei den Lesern neues Wissen vermitteln bzw. sie über etwas informieren will.6Da es sich bei der Nachricht über den Tod des Thronfolgers am Tag danach tatsächlich um eine neue Nachricht handelt, sollen diese Texte zunächst für Texte mit Informationsfunktion gehalten werden. Dieser Vorfall, der Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand kurz vor Mittag in Sarajevo, war damals eine sehr brisante Nachricht und deshalb gibt es bereits am Nachmittag des selben Tages fast bei al- Cf. Kroppach, Dieter: Journalistische Aussageweisen. Ein Beitrag zur Sprache der Presse. In: Publizistik, 21 (1976), pp. 196-207. 1 Bl inker, Klaus: linguistische Textanalyse. ESV. Berlin. ESV. 2001, p. 83-128. 5 Ibid. 6 Ibid., p. 108. <?page no="207"?> Eine Untersuchung der Berichterstattung in deutschsprachigen Zeitungen 207 len Tageszeitungen Sonderausgaben, in denen über das Attentat berichtet wird. Am Tag danach ist es dann die Nachricht des Tages. Die von mir untersuchten Printmedien Marburger Zeitung, Bukowinaer Post, Salzburger Chronik, Arbeiter Zeitung, Prager Tagblatt, Pilsener Tagblatt, Allgemeiner TiroIerAnzeiger, Arbeiterwille, Innsbrucker Nachrichten (Linzer) Tages-Post, Reichspost, Teplitz-Schönauer Anzeiger, Neue Freie Presse, Fremden-Blatt, Linzer Volksblatt, Wiener Neueste Nachrichten und WienerZeitung berichten darüber. Die Analyse dieser Printmedien unmittelbar nach dem Attentat ergibt das auffällig häufige Vorkommen von expressiven Ausdrücken, Extremformulierungen und quer durch alle Zeitungen das Vorkommen identischer Topoi, die letztendlich die "wahre Absicht" erkennen lassen. Expressive Ausdrucksweise Die Untersuchung beginnt m it der Analyse der Aufmacher. Das Attentat kommt auf der Titelseite aller Zeitungen am 29. Juni vor bei denjenigen, die schon am Vorabend über das Attentat berichten, ebenfalls. Die Titelseiten aller Zeitungen zeichnen sich durch starke grafische Betonung aus. Eine Möglichkeit sind Abbildungen, selbst bei den Zeitungen, die sonst nie ein Foto auf der Titelseite haben: Por ТУ ои 1 о Г јкг yon Qitorrofct M m O— Iito cto Htn oato von Hotowbara «л ко гм! _ _ S i r n t r Jtlontno53oumnf ftUNu« Andere Zeitungen machen lediglich mit schwarzer Umrahmung auf: <?page no="208"?> 208 Vedad Smailagic finjcr-Volt. lUienrr^S? 3ritun0. e----f <w - -------------------------- Andere wiederum betonen die Nachrichten desTages durch Schriftgröße, die so als besonderer Blickfang dient: Bilder, Fotos und andere grafische Mittel zählen heute zu den "semiotischen Elementen" der Medien, d.h. zu den besonderen Zeitungszeichen, m it denen bestimmte Botschaften an die Leserschaft verm ittelt werden.7 Somit ist ein Zeitungstext auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts multimedial. Die regelmäßigen Leser dieser Zeitungen sehen hier besondere Zeichen, die sie sonst aus anderen Ausgaben nicht kennen und erkennen darin eine Botschaft: "Etwas Brisantes ist passiert! " Die auffallend schwarze Umrahmung verspricht zudem nichts Gutes. Schon hier ist zu sehen, wie diese Zeitungen ihre zweitwichtigste Aufgabe bewerkstelligen, nämlich wie sie den Vorfall bewerten: als brisant und auch traurig. Die expressive Ausdrucksweise bei diesem Thema setzt sich mit den Überschriften fort. Sie lauten meistens so: бтогђипд Des Sfironfolgers. £гзђсгзо0 £гапз ^erfcinattt> unfc ^ е г з о д т Čjoltenbcrtj tot. Burger zählt sie zu den statischen semiotischen Elementen, cf. Burger, Harald: Mediensprache. Berlin: WdG 2005, p. 65f. <?page no="209"?> Eine Untersuchung der Berichterstattung in deutschsprachigen Zeitungen Per Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand nnd Gemahlin ermordet. Wttentat auf Oen ШропОДег und ljadjüeflfen (ШетађПп! Beide tot. Sprachlich auffällig ist hier das fehlende finite Verb, das in diesem Falle entweder wurde ermordet oder (eher unwahrscheinlich) ist ermordet heißen könnte. In der Sprachwissenschaft spricht man in solchen Fällen von sog. Ellipsen. Dies sind sprachliche Abweichungen, die in Überschriften sehr häufig Vorkommen. Ihre kommunikative Leistung ist die Verdichtung von Informationen sowie die expressive Ausdrucksweise, die dann gleich im Text fortgesetzt wird. Es sind folgende Formulierungen vorzufinden, die als Belege für weitere Überlegungen zugrunde stehen: Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Frau Herzogin von Hohenberg sind heute in Sarajevo das Opfer eines Attentates geworden. (Freie Presse) Der Erbe der Kronen Oesterreichs und Ungarns und seine durchlauchtige Gefährtin im Leben, die ihm auch im Tode treu blieb, sind das Opfer ruchloser Mörderhände gefallen. (PragerAbendbIatt) Der Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger in den habsburgischen Ländern, ist heute in Sarajevo ermordet worden. (Arbeiter Zeitung) Aus Sarajevo kommt die Schauerkunde, daß Oesterreichs Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand einem grauenerregenden Attentate zum Opfer gefallen ist. (Salzburger Chronik) Ein jäher grausamer Schicksalsschlag hat das Allerhöchste Erzhaus, die Monarchie und ihre Völker betroffen und die Gemüter im tiefsten erschüttert. (WienerZeitung) <?page no="210"?> 210 Vedad Smailagic Man kann das Ungeheuerliche gar nicht schaffen. Unser Erzherzog-Thronfolger, der Mann, an den die Völker des Habsburgerreiches all ihre Hoffnungen, ihre ganze Zukunft gehängt haben, er ist nicht mehr. (Reichspost) Bei diesen Sätzen, die in dieser Form in den meisten Zeitungen Vorkommen, können wir einen auffälligen Gebrauch von Lexemen wie Opfer, grausam, ungeheuerlich, Schauer u.Ä. feststellen. Der Gebrauch der expressiven Ausdrücke kann einerseits als Ausdruck der Einstellung von Emittenten selbst stehen, andererseits zeigt uns der Gebrauch dieser stark wertenden Lexeme, die im Vorfeld der eigentlichen Nachricht Vorkommen, dass sie als Interpretationsanleitungen verstanden werden wobei eine sehr gefühlsbetonte Leseart und konkrete Wertung gemeint ist. Es wird kein Raum gelassen für eine andere Interpretation, denn alle Rezipienten sollen das Attentat so verstehen und mitempfinden. Solche drastischen und direkten Formulierungen sollen den Leser emotional beeinflussen, indem er z.B. traurig, und wütend wird. Solche Gefühle sind die erste Wirkung, die diese Texte auf die Rezipienten ausüben. Opfer und Täter Dass der Thronfolger als Opfer bezeichnet wird, ist zunächst sehr nachvollziehbar, aber im nächsten Interpretationsschritt sucht der Rezipient gleich nach einem Täter. Somit wird die Dichotomie Opfer - Täter konstruiert. In den Zeitungen vom Tag nach dem Attentat werden beide charakterisiert. Das Opfer ist an sich schon bekannt, trotzdem wird der Thronfolger in den Texten folgendermaßen beschrieben: Freund des Landes (Bosniens), der neugeborene Stammhalter, das Blut von 112 Ahnengeschlechtern, mutig (hat die erste Bombe zurückgestoßen, küm m ert sich um andere, h a lf Armen, sehr intelligent, gläubig (Ferdinand der Katholische genannt), Zukunft, gut gesinnt den Südslawen gegenüber u.Ä. Der unbekannte Täter, Gavrilo Princip, dessen Name, Herkunft und Lebenslauf schon gleich an dem Tag bekannt gemacht werden, wird m it folgenden Formulierungen dargestellt: Bube, Südslawe, Anarchist; Fanatiker, ein Serbe aus Bosnien, 19-jähriger Gymnasiast aus Grahovo, Serbe, fana tisch, zynisch, serbischer Abstammung, unselig, großserbischer Irredentist, der in Belgrad zur Schule ging. Damit wird m it der Dichotomie Opfer - Täter auch die Dichotomie von Gut und Böse konstruiert, wobei m it Gut der Thronfolger, jedoch stellvertretend für Österreich und die Österreicher, und m it Böse Gavrilo Princip eben metonymisch für Serbien und Serben gemeint sind. <?page no="211"?> Eine Untersuchung der Berichterstattung in deutschsprachigen Zeitungen 211 Diese Dichotomie wird durch weitere Formulierungen etwas verändert. Auffallend ist nämlich das Vorkommen der Pronomen der ersten Person Plural wir, uns, unser usw. Noch sind wir betäubt von der furchtbaren Schreckenstunde, die heute gleich einem Blitzstrahl aus heiterem Himmel auf uns niederfuhr. (Das Fremdenblatt) Unser Thronfolger, m it ihm teilen wir den Schmerz und von ihm hoffen wir [...]. (Bukowiner Post) Dieser Gebrauch unterscheidet sich vom w ir in früheren Ausgaben dieser Zeitungen, z.B.: Wie wir erfahren Vom Festausschüsse werden wir um Aufnahme folgender Zeilen ersucht. (Linzer Volksblatt 27.6.1914) Hiermit war meist der Bezug auf die Redaktion oder den Autor gemeint. Das Wir nach dem Attentat indessen spricht alle österreichischen Leser an und lässt eine Art Gruppenzwang entstehen. Damit werden die Leser mobilisiert, das gleiche Empfinden und die gleiche Meinung m it den Zeitungen zu teilen - Wer bei dieser Nachricht nicht traurig ist, sich nicht betroffen und auch persönlich angegriffen fühlt, gehört nicht zu uns oder Werzu uns gehört, muss bei dieser Nachricht traurig und wütend sein. M it diesen Formulierungen wird die Dichotomie etwas anders konstruiert: wir versus die Serben, wobei m it w ir zunächst die Bürger Österreichs gemeint sind. Aber durch weitere Formulierungen, nämlich Extrem-Formulierungen, wird der Kreis derjenigen, die das Pronomen w ir einschließen, erweitert. In der Berichterstattung vom Tatort finden sich solche Sätze: Die beiden Attentäter wurden von der Menge beinahe gelyncht. (Innsbrucker Nachrichten) Die erbitterte Menge hat die beiden Attentäter nahezu gelyncht. (Arbeiterzeitung/ Arbeiterwille) Dies ist eine Formulierung, die in beinahe allen Zeitungen vorzufinden ist. Die Bedeutung von Menge ist zunächst eine große Zahl von Personen, die nicht näher definiert wird, so dass man sich darunter alle Personengruppen in Sarajevo vorstellen muss. Diese Menge ist gegen den Attentäter und damit implizit auf der Seite Österreichs. Sie steht für die Sarajevoer bzw. für die Bevölkerung in Bosnien-Herzegowina. Der Täter wird aus der bosnischen Menge isoliert. Da der Täter Serbe ist und die Menge Bürger Bosnien-Herzegowinas, entsteht hier der Eindruck, dass jene Bürger, indem sie auf der Seite Österreichs sind, auch durch wir mitgemeint werden. <?page no="212"?> 212 Vedad Smailagic Damit werden sprachlich die Südslawen voneinander gespalten. Das geht auch weiter, wenn z.B. von Demonstrationen in Zagreb berichtet wird: Nieder m it den serbischen Mördern, an den Galgen m it ihnen, nieder mit der serbisch-kroatischen Koalition. (Linzer Volksblatt) Für die österreichische Berichterstattung in diesem Moment ist es besonders wichtig, das zu dem Zeitpunkt immer stärker werdende Gemeinschaftsgefühl der Südslawen ins Schwanken zu bringen, damit die Serben von anderen Gruppen isoliert werden. Solche propagandistischen Formulierungen in den Zeitungstexten gleich nach dem Attentat mit dem Ziel, die Serben sprachlich als isoliert, allein gegen alle darzustellen, nehmen durch die Extrem-Formulierungen an Intensivität zu: Ein großer Trauertag fü r alle Völker des Reiches. (AIlg. Tiroler Anzeiger) Tiefgebeugt, ins Innerste getroffen, empfangen die Völker der Monarchie diese grausame Fügung. (Wiener Zeitung) Ihren Schmerz teilt die ganze gesittete Welt, die einig ist in dem Abscheu vor dem unmenschlichen Verbrechen [...]. (WienerZeitung) Alle Welt steht unter dem erschütternden Eindrücke der Kunde von dem verruchten Attentate (Deutsches Volksblatt) Der ganzen Menschheit Jammerfasst uns an. (TirolerAnzeiger) M it ihrem untrüglichen Instinkt erwartete die Menschheit Bedeutendes von diesem Erben. (Pester Lloyd) In diesen Sätzen werden Konstruktionen wie alle oder die ganze Welt erweitert durch Partizip-Adjektive wie gesittet oder zivilisiert gebraucht, um dem Rezipienten deutlich zu machen, dass Österreich die Unterstützung der ganzen Welt besitzt, während Serbien allein bleibt. Die Emittenten nutzen die Sprache, um zumindest und zunächst sprachlich, die Südslawen zu spalten, aber um auch die Serben aus der internationalen Gemeinschaft zu isolieren. Es war Serbien Parallel mit der Argumentation in Richtung einer Spaltung der damaligen europäischen Gemeinschaft werden auch implizite Argumente präsentiert, die beweisen sollen, dass hinter dem Attentat eigentlich der serbische Staat steht. Diese Argumentation beginnt mit der fast ausnahmslosen <?page no="213"?> Eine Untersuchung der Berichterstattung in deutschsprachigen Zeitungen_____ 213 Identifizierung der Attentäter als Serben, auch wenn die Formulierungen ganz unterschiedlich sind: Es ist eine Bombe serbischer Faktur. (Neues Wiener Journal) Es liegen Anhaltspunkte dafür vor, daß es sich um serbische Einflüsse handelt. (Illustriertes Wiener Extrablatt) Die Bluttat ist in Sarajevo, in der Hauptstadt Bosniens, erfolgt und derjugendliche Mörder ist ein Serbe. Und es wurden zwei Attentate verübt. Beweis genug, daß es sich bei dem Mordanschlag, [...] nicht um die Tat eines einzelnen Wahnwitzigen handelt, sondern offenbar um eine planmäßige Verschwörung. (LinzerTages-Post) Ein zweites Attentat - Eine serbische Verschwörung. (Linzer Volksblatt) Alle drei hatten abgetragene Kleider an und trugen die serbische Trikolore im Knopfloch. (Neue Freie Presse) Wird das Wort serbisch benutzt, dann relativ oft serbisch-nationalistisch und serbisch-irredentistisch. Das Neue Wiener Journal führt ein sehr merkwürdiges Argument an, indem dort von einem Zeugen berichtet wird, der zwei Männer gehört haben will, die sich in "serbischer Sprache" über das Attentat unterhalten hätten. In der Anlehnung an Wengelers Topos-Analyse8 meint Stein, dass die Begriffe nicht isoliert auftauchen, "sondern gerade im Bereich der politischen Kommunikation häufig in bestimmte Argumentationsmuster eingebettet sind [..]"9. Folgen wir dieser Meinung, so können wir schließen, dass diese häufige Nennung von Serben als Argument gebraucht wird, und zwar dafür, dass hinter dem Attentat das politische Serbien steht man kann dies als Flerkunfts-Topos bezeichnen, nach dem Modell: "Weil die Mörder Serben waren, stehen alle Serben hinter dem Attentat." Laut Wengeler muss ein Topos meist nicht explizit ausgesprochen, sondern vom Textrezipienten interpretativ erschlossen werden10. Er muss nicht unbedingt etwas mit der Wahrheit zu tun haben, sondern lediglich plausibel und überzeugend sein.11 Die Topos-Analyse in einem Diskurs bringt Aufschlüsse über kollektives, gesellschaftliches Wissen, welches im Rahmen thematisch bestimmter öffentlicher Diskurse, bspw. was das Attentat ist, entweder explizit zum Ausdruck kommt, oder in sprachlichen Äußerungen 8 Cf. Wengeier, Martin: Topos und Diskurs. Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960-1985). Tübingen: Niemeyer. 2003. 8 Stein, Christina: Die Sprache der Sarazzin-Debatte. Eine diskurslinguistische Analyse. Marburg: Tectum 2012, p. 24. 10 Vgl. Wengeler 2003, p. 181. 11 Stein 2012, p. 26. <?page no="214"?> 214 Vedad Smailagić in Texten als verstehensrelevantes Hintergrundwissen zugrunde gelegt und evoziert wird.12 In einem Diskurs werden also nur diejenigen Argumente vorzufinden sein, die eine Gesellschaft oder eine Kultur kennt, versteht und akzeptiert. D.h., die Formulierung des Typs weil die Mörder Serben waren, stehen alle Serben dahinter, ist ein Topos, der damals überhaupt möglich und den Rezipienten zumutbar war. Dieser Topos ist allerdings doch etwas schwach, denn im politischen Diskurs sollen politische Akteure angegriffen werden, also Serbien als Ganzes, und nicht das Volk als solches. Daher reicht dieser Topos allein nicht als Argument dafür aus, dass dahinter der serbische Staat steht, und es werden weitere Topoi in den Texten konstruiert. Die ethnische und die Herkunfts-Bezeichnung des Täters werden oft durch Bezeichnungen wie jung, 19 Jahre alt oder Schüler und Gymnasiast ergänzt. Viele Anzeichen aus den letzten Jahren weisen daraufhin, daß namentlich die serbische Jugend ganz unterwühlt undfanatisiert ist. (Linzer Volksblatt) Indem das junge Alter des Täters und sein damals doch hohes Bildungsniveau so ausführlich und intensiv beschrieben werden, wird der Topos des gebildeten Revolutionärs konstruiert. Solche Leute waren politisch interessiert, ideologisch stark geprägt und auch gut organisiert. Eine Verbindung, eine Institution oder am wahrscheinlichsten ein ganzer Staat muss hinter ihnen stehen. Der Topos, der also als Bildungs-Topos hier konstruiert wird, lautet: "Weil sie jung, gebildet und fanatisch sind, ist es eine Verschwörung." Auch dass es mehrere Mord-Versuche gegeben hat, was immer wieder thematisiert wird, soll die Verschwörung beweisen. Hinter der fanatisierten, gut organisierten und gebildeten Jugend muss jemand stehen, der dafür verantwortlich ist. Es ist eine sehr gut organisierte und geplante Verschwörung. In den von mir analysierten Texten lassen sich auch andere Formulierungen finden, deren Ziel es ist, den Serben die "Neigung" zum Königsmord und zur Verschwörung zu unterstellen: Und nach knapp vierundzwanzig Stunden hat sich in Sarajevo eine Fürstentragödie abgespielt, von solcher Schaurigkeit, wie sie vielleicht nur noch den Königsmord in Serbien begleitete. (Neues Wiener Journal) Die von mir im Laufe der Arbeit erkannten Topoi der Herkunft und der Bildung des Attentäters zusammen mit weiteren in den Texten belegten Formulierungen sollen den Rezipienten implizit suggerieren, dass die Serben 12 Wengeier, Martin: Topos und Diskurs- Möglichkeiten und Grenzen dertopologischen Analyse gesellschaftlichen Debatten. In: Warnke, Martin (Hg.): Sprachgeschichte als Zeitgeschichte. Hildesheim/ New York: Olms 2007, pp. 185-236, hier p.165. <?page no="215"?> Eine Untersuchung der Berichterstattung in deutschsprachigen Zeitungen ___ 215 Königsmörder und Verschwörer per se sind und dass hinter dem Attentat auf den Thronfolger eine Organisation steht, was weiter suggeriert, dass das politische Serbien daran beteiligt gewesen sein muss - und sei es nur als Mitwisser. In den Texten werden keine konkreten Beweise genannt, sondern Serben charakterisiert, d.h. allein der serbische Charakter ist der Beweis für deren Schuld. Manche Formulierungen werden auch expliziter, so dass sich, selbst wenn bei der ersten Nachricht vom Nachmittag des 28.6. über den Mord z.B. in der Salzburger Chronik nicht gemutmaßt wird, wer hinter dem Mord steht, schon am nächsten Tag folgende Formulierung findet: Ganz Oesterreich und m it ihm die gesamte gesittet Welt steht unter dem niederschmetternden Eindrücke, den die verruchte Mordtat am Sonntag in Sarajevo überall hervorrief. Es ist selten ein Mord vollbracht worden, der so fluchwürdig und so unnütz war, wie dieser. Selbst derfanatischste serbische Nationalismus sollte noch so viel Einsicht haben, daß die Ermordung des Thronfolgers unserer Monarchie unmöglich den serbischnab'onalen Bestrebungen nützen kann. Aber die Serben sind im höllischen Hass gegen alles, was österreichisch ist und heißt, hineingesetzt worden; Rußland hat in Belgrad und von Belgrad aus den Haß der Serben bis zur Siedehitze geschürt, und wenn sich in Sarajevo eine serbische Mörderbande bilden konnte m it dem Zweck, den Thronfolger Oesterreich-Ungarns zu ermorden, so laufen die Fäden, an denen diese Bande gelenkt wurde, zweifellos nach Belgrad und darüber hinaus. Dieser Textabschnitt lässt keinerlei Zweifel, dass Serbien (und darüber hinaus Russland) dahinter stecken. DerText ist so formuliert, als würden schon alle wissen oder zumindest denken, dass Serbien für das Attentat verantwortlich ist und es nur noch eine Frage der Folgen und nicht mehr der Täter ist. Das führt auf der Rezipientenseite dazu, dass der Verdacht auf Serbien als bewiesen verstanden wird, auch in anderen Texten: ... es muß dies offen ausgesprochen werden die eigentlichen Schuldigen sind nicht die zwei Meuchelmörder, sondern die wirklich Schuldigen sind die Leiter und Schürer jener seit den Balkankriegen so maßlos auftretenden großserbischen irredentischen Agitation, denen die Zerstörung des Donaureiches das einzige Ziel und Streben ist. (Innsbrucker Nachrichten) Das Attentat scheint die Gelegenheit zu sein, um es offen auszusprechen, was wohl alle schon denken. So werden Serben bzw. Serbien, auf das/ die unterschiedlich metonymisch referiert wird, als Täter und die Donaumonarchie, für die in diesem Moment der Thronfolger metonymisch steht, als Opfer dargestellt. Zumindest für die österreichische Öffentlichkeit ist hiermit alles eindeutig klar. Damit war die propagandistische Absicht, die eigene Seite von einer Idee zu überzeugen, vollbracht und die Unterstützung aus den eigenen Reihen schien gesichert. <?page no="216"?> 216 Vedad Smailagić Fazit Anhand meiner kurzen Analyse konnte ich feststellen, dass die Sprache der Berichterstattung zum Attentat auf den Thronfolger am 28.6. und 29.6.1914 sehr expressiv und sehr suggestiv ist. Sie zeichnet sich durch zahlreiche bewertende Formulierungen sowie Extremformulierungen aus. Wenn wir uns an die Einteilung von Aussageweisen von Kroppach erinnern, dann sollen die von mir untersuchten Texte zu tendenziell repressiven Aussageweisen gehören d.h. die Texte sind stark subjektiv, was in dem Maße vorhanden ist, dass es einem sehr schwer fällt, die Fakten von Wertungen zu trennen. Wie gezeigt, wird über das Attentat nicht objektiv, sachlich sondern sehr subjektiv, emotional und expressiv berichtet. Es werden sprachlich zwei Seiten konstruiert; dabei werden Serben als die Bösen dargestellt, die wiederum isoliert vom Rest Europas da stehen (mit noch nicht gewisser Unterstützung Russlands), während die ganze Welt auf der Seite der Guten, der Österreicher ist. In Anlehnung an Neubert13, der 1974 seine Überlegungen zur Sprache und Geschichte präsentierte, kann gesagt werden, dass aus der Sprache, der sich die Menschen bedienen, welche Wörter sie benutzen, und welche neuen Bedeutungen, welche Wertungen, emotionale und voluntative sie in einem konkreten Text ihren Wörtern geben, das Wesen einer historischen Situation erkannt werden kann. Demzufolge zeigt uns die Analyse der österreichischen Zeitungstexte vom 28. und 29.6. 1914 nicht nur, dass die Situation sehr emotional war, sondern auch, dass die Zeitungen wesentlich dazu beigetragen haben, dass schon gleich am Anfang der sogenannten Juli-Krise Serbien sowohl implizit als auch explizit als der Schuldige abgestempelt wird und zwar nicht, weil die objektiven Beweise das zeigen, sondern weil die Serben an sich sowie ihr Staat wegen ihrer Charaktereigenschaften dazu bereit sind. Aber die Leser sollen auch davon überzeugt werden, dass die ganze Welt das so sieht, wom it die zukünftigen Schritte der k.u.k.-Regierung im Voraus als notwendig, legal und legitim gerechtfertigt werden. Auch wenn manche vermuten würden, dass die erste Berichterstattung über das Attentat nur informativ war, konnte die genauere Analyse doch zeigen, dass diese Texte sehr appellativ sind und bei den Lesern einen starken Einfluss ausüben sollten. 13 Neubert, Albrecht: Überlegungen zum Thema Sprache und Geschichte. In: Linguistische Arbeitsberichte 10 (1974), pp. 78-87, hier p. 85. <?page no="217"?> A dela F ofiu (C luj ) Rene Girard's m odern apocalypse A Case Study on the fears of 1914 in the Romanian print media from Transylvania This research develops an exploratory study of apocalyptic narratives re: interethnic themes in periodicals published in the province of Transylvania a site of prolonged nationalist struggles between two cultural worlds, Flungary and Romania developed through media accounts of the events in Sarajevo in the beginning of the FirstWorId War. A hundred years after the outburst of the Great War, western cultures have experienced other media discourses on the apocalypse: the Mayan 2012, the apocalyptic fears of peak oil, the survivalist fear of the global crisis of 2008. This repetition has brought to my attention the apocalyptic fears, since war, even more so on a global scale, is a tangible form of the apocalypse both as termination, for some, and as change, for others. I thus use Rene Girard's theory of mimetic violence to discuss the media coverage of the shots of Sarajevo. In this context, by the means of content analysis, patterns of inter-cultural contact are explored and will be further used in a larger project developed by the Institute for Global Studies at the Babes-Bolyai University: Clash o f Civilizations or Peaceful Co-evolution? Intercultural Contact in the Age o f Globalization. This larger project aims at creating a transdisciplinary theory of intercuItural contact, through analyzing historical, archival and online records of intercultural relations in Transylvania and Banat in 1867-1927, with the support of artificial intelligence and computer modeling. Introduction Rene Girard's work is well known nowadays as a strong contribution to the anthropology of religions. Still, as he notes himself, most of his analysis and critique of Christianity focused not on the religious factor itself but on how violence has evolved into an essential component of modernity through religion and inter-denominational contact. Violence, for Girard, is endemic and ubiquituous, since it grows through mimesis. In this essay, I discuss the media representations of the shots of Sarajevo and the advent of the Great War in Transylvania as apocalyptic, as framed by and built on fears of the revelation of the end. I also use Girard's theory of mimetic violence to dis- <?page no="218"?> 218 Adela Fofiu cuss why the sacrifice from Sarajevo started a "total war",1instead of healing violent outbursts. Girard interprets sacrifice in archaic communities as cathartic for violent impulses, as vital for harmony and peace. Why did the shots of Sarajevo escalate into violence, then? The Great War, in this sense, was the first glimpse of what the modern man-made apocalypse can look like. Girard himself was overwhelmed by his own theory of mimetic violence and became pessimist when he comprehended that "technology in the twentieth century made apocalyptic war indisputably possible."2 In his book, Je vois Satan tomber comme I'eclair, Girard gives voice to his pessimism: "A somewhat careful examination shows us that all that can be said against our world is true: it is, by far, the worst of all."3 This is so because humans no longer have the possibility, nor the capacity to control and limit their violence. The desacralized modern world has lost the balancing mechanism of sacrificial rituals. Violence can flow freely, unrestrained, unchanneled. In a world in which imitation is the hard wired reactive behaviour, this is a recipe for disaster. In an archaic community, violence, as channeled through rituals, produced the feeling of sacredness. Nowadays, violence only reproduces itself. This is why Girard envisions in his analysis of Clausewitz's On War that armed conflicts in the twentieth century are apocalyptical.4They have the capacity of becoming "ideal wars", "to tal wars", in which the opponents are entirely focused on destroying each other. In previous armed conflicts, war was always restrained by social dynamics, by politics, by cultural limitations. Modern warfare, however, goes beyond defeating the enemy: it asks for the enemy to be destroyed.5 This is a strong premise for how the Great War evolved, eventually, a hundred years ago. But, stepping outside politics and adopting a larger perspective on our modern history, we need to ask an important question: why did the sacrifice of Franz Ferdinand start a war? Why were the Sarajevo Shots perceived as apocalyptical? In order to answer these questions, I interpret the media coverage of the Sarajevo Shots in front page articles in the Transylvanian periodicals Romanul (published in Arad) and Unirea - Foaie bisericeascä §i politico (published in Blaj).6 1 Cf. Reineke, Martha J.: A fterthe Scapegoat. Rene Girard's ApocaIypticVision and the Legacy of Mimetic Theory. In: Philosophy Today, vol. 56, no. 2 (2012), p. 141, available via Questia. 1 Ibid. Girard, Rene: Präbujirea Satanei. Bukuresti: Ed. Nemira, 2006, p. 189, my translation. 1 Girard, Rene: On War and Apocalypse, online (August 2009), available at http: / / www.firstthings.com/ article/ 2009/ 08/ apocalypse-now, accessed on 25.05.2014 Reineke 2012. 6 This work is supported by the Romanian national research project Clash o f Civilizations or Peaceful Co-Evolution? Intercultural Contact in the Age o f Globalization, financed by the National Authority for Scientific Research, CNCS - UEFISCDI. Project identification PN-II-ID- <?page no="219"?> A Case Study on the fears of 1914 in the Romanian print media from Transylvania 219 Amrt IV - Аи^втг Arad, MtiH 1)14 lulle 1914. Pe uo u i . 40.—Iranci T « U l i ) pealru oraj •>iatxrajbxo Kr TM- __ ROMANUL Nr. 142 CTCTfTt... A D M IN IS T R A T IA St-t-dx Zrinji M-rnl 1/ x INSERTIUNILE ИPriBMC U utmlnt- VgItBBiIe poMoeti Let J tK h ii CBiti «(nil 20 (! I A j i u g f e c v ..IdtOBtnltle de r ip Xceall. Ild t C. Ci poporol romin dolB*tit. »Л i f bocciie. Deocaradaii uzeli coniine dla TransOvanla b x t ! si Nsslim i idtlDdaiarex Ctnrti Л - Ätv. Rob ' Vestea atentataludda Serajevo a tost prlm itflcu diieritc tcaneiste Ia diferitele neamuri ? i grupSri de ineese politice in Europa, ia r urm flrile M i fost calculate In fei $i chip. Presa din Qermaii, — spre Iauda Qermaniei fie zis, nu tcnai cea mai serioasä, — gäseste cä tripla lanja nu mai are rost. Constatarea aceas«4 Indemn Qermanilor re a lis ti, čari spuneatfl fdnä acum, cä trip la alianfä eto iluzie, si ilncaz de conflict Germania se va trezl ce giavä dezrluzie, sä izhucneaacä färä jenä„Oit das er to t is t! ” Presa ruseascä niiicÄ. Presa francezä geieroasä. Prosa italianä : ce* englezä vorbesc, academic dar cu m il iguranfä, de o apropiatä parcdare a nnahiei. Presa särbeascJWträ, рго»и«%л «i «имnm|ä, asemenea zinio „m ondiale" dm Vleпа $i din Budapes, i spirate de guvernde lor, sau de prosti priprie. In ora$de ma- Kfiiare. chiar si ln .Jaml nostru, lucnea maghiarfl s’a pus pe cefri. Ia vestea atenfatului. Scenele dln pa^Rntul budapestan sunt cunoscute. Presa romän<s<ädin Ardeal1 Ungarla Si Bucovina —. b<4t Pe c flt de sellWft sunt aocentele presei i b o c e t e l e ! germane, $i frivolitatta presei sflrbesti $i a parlamentului „maghiar", pe atflt de nebärbätesti sunt bocetele in trim irilo r si a presei noastre. O singurä scizä mare au de: Iirea espanzivä si sincerä a rassei romflne. Dar bocetele noastre trebuie ncapärat Iflmurite; almintrea s’ ar pärea, cä noi ne-am perdut capul cu desävärsire, si cä am descurajat si nu mai stim ce sä facem. Nu-i asa. N’am descurajat si nu ne-am pierdut firea. $thn foarte bine ce avem de fäcut; calea, pe care avem sä urmäm, stä luminoasä fnaintea noasträ. E o cale cunoscutä. E calea cea veche. Atentatul dda Serajevo, a adus el oarecare schimbare In s itia jia noasträ de axi? N'a adus nici o schimbare. Dacä poate fi vorba de schimbäri. itu n c i numai asteptärile noastre d in v iito r au suferit o simtitoare atingere. Dar situafia de azi rämflne acoias. Si* rämflnänd situafia, rämflne sl ati- Iudinea noasträ In $i ft f ä de ea. V'/ Tvem decät sd continuäm ca arm ele de lu p td de pdnd a a m , pe ie re n u l de lap td, pe ca re ne-am rds b oit pdnd axi. S i nu vorbim deci de zflpäcealfi, de perdere de cap, de neorientare. Am ajuns Ia räspflntie, sl trebuie sä alegem: Ia dreapta sau Ia stflnga? Nu. Umblflm pe-o cale veche, pe-o singurä cale, pe care am sträbätut’o de jumätate, poate am stribätut’o aproape chiar Intrcagfl. M ergern pe aeeia$ cole, Inainte/ A r putea fi vorba de-o schimbare a situaflei, dacä in urma atcitatului s’ ar face o schimbare in sistemul de guvernameet, Inspre mai räu. Decät o schimbare In spre mai räu n’a urmat §i nu va urma. De una, nu. pentrueä mai räu decum e, nici cä se mai poate. De alta, nu, pentrueä astäzi oricare politician maghiar, orieflt de sovinist si de necopt ar fi, I$i dä seama. mstinctiv sau prin lafionament. cä o politicä de opresiune ad extremis inseamnä accoerarea terapeuticä a descompunerii! § i asta nu o vrea nici un politician maghiar, cäci prin descompunerea monarhiei noi, Romflnii $i slavii, pierdem foarte pufin, Qermanii pierd ceva? mai mult, Maghrarii insä pierd — foarte mult, pierd totul. Kärolyi, Justh, Andrässy, Tisza et tu tti quanti, stiu foarte bine, cä dacä diplomafia europeanä vorbetfe azi de monarhia austro-ungarä ca de al doilea „ m a re boln a v " , de Ungarla In dependentd si im p ila to are va vorbi Ia capitolul nortaütäfii infantile... latä de ce opozjfia maghiarä se iasä bucuros Infrflntä, iatä de cc, astdxi poiiticiariii maghiari, rflnd pe rflnd, devin dualisti „convinsi” , ? i iatä de ce, ca m dne, cu siguranffl se va gäsi un partid maghiar, nesträin de ideile federaliste. Instinctele popoarelor desteaptä m mod biologic, deci in mod fatal, o politicä de conservare. Iar dacä nu? ... Pentru aceste motive nu trebuie sä primim seriös ameninfärHe Iui Tisza, etalate In ultimul consiliu de ministri, despre care ne vestea scrisoarca din Viena, publicatä ln numärui nostru de Sflmbätä. T ot pentru accste motive nu este iertat sä ne Ifisflm ademenifi de politicä. ce urmeazfi guvernul Tisza faffi de noi, tn vremea din irm fi, p o litic i care t Dnirtl P kc MI i . Dr. 0 . QhltNi. Numanrl ultlni i , Cunvorblrllor Ilierare'' a adeverit svonul rjpe care Pam auzit acum vre-o douä säptätl Säliste. In adevfij profesor dcla Bi vH... ID. PuschUa ei oameni säraci, cu dln satul lor, *u vflrsta de 7—8 In satul meu i____... litru Pusclilla, tflnärul l>i nu mai e prlntre cei rar din Sfiliste. Copil de a lost siliti sä emigreze Ila a pflrflsit SÄJ/ stea Ia cirflnd dupfl ce IntriS In ilii sflu, de care a räinns Ii moerte. In Bucuresli ...— ... — iituatle foarte modestä, Puschiia a urmt I ul, IndurAnd Iipsuri pestc lipsuri. de car In nn s'a plflns nici cflnd. Vara, n vacant, mit imeori sä-sl revadfi satul »I putinck ( erli, carl nhiu emtgrat. Hrinlre noi .,StdsJ' de acum 10-12 anl aparlfla Iu Push/ trezea totdeauna simpatil sincere si amiaita k i a rflmas via prlntre top cel de-o scu cu «V La 1905 s’a Ip ll la umversitatea dln Bucurestl, sectia fcofko. Clne nu-i cunoVea mai de aproapeÜ n i r fi bflniUt de cfltfl In- Ielegere $1 de c t rflvai era capabil acel W ita j pläpänd, C! m> Iaica totdeauna impres'a de slab hrfin it.ir n’a trecut un an sl profesoru Iul l-au gäP »coala prim ari i legat suüetestepä Ii und« DArintH ata §l-a Ierminat apoi iiudille universitäre *1 a Iuat o catedrä Ia nn stiu rare Ilceu. unde а Iunctionut vr’o J - . i am. In aerst timp a continual sä lucres« pe UronuI ! Kolo»; ! «! , afirmiindu-se ca un muncitor original sl metodic. „ Dotut cu c d mal desävflrsit spirit de obs^rvafiel capabil de concentrare sulleteascä Intr'un grad superior, Puschila a lost cel mal distins dev al Universität! ! din Bucaresti In ordinea pregätirii Iilologice In domeniul romanic $1 gerinanlc” , — dupfl cum zice d. D. Stefänescu In „Convorbiri llterare" (i* . 579 a. c.) n'a lost mirare deci, dacä ministerul de culte si instructlo Ta Iuat dda catedra sa pc accst tflnflr, care ce c drept publlcase pflnfl aci abia un stndiu ln „Anuarul de Geografie” ; i ccva In „Convorbiri Iiterare'', — si l'a trimis sä studieze mal departe, Ia Berlin. In capitata Oermaniei tflnärul filolog a Iucrat mai muh pentru pregätirea Iul metodlcä. deeflt penlru a se Inloarce cu Iucrflri gata. Dar iatä cä, toemai cflnd se apropla de sfflrsitul studiilor sale strälucite, trebuind sä se Intoarcä pentru cfltäva vreme In tarfl, tn orum J a granitS, o IntArziere neprev&zutS, frigul, — o pneumonic gräbitä" — Ii pune capflt zilelor... La Iocul prim „Convorbirile Iiterare" dln Mal a. c. aduc un studiu postum alui PnscitUa despre „Purca de tors". E o lucrare. care va pilstra nutnele tflnärulul ei autor de abia 26 de anl. prlnlre reprezentanfl: cei mal devotafl al Stiinfd romflnesti. Dormi In pace, scumpe prieten! Amintirea ta va rämänea Intre pufinii cari te-au cunoscut Si iubit. Sibliu, 27 Iunie 1914. Sonet. Am strdtfdiut sl eu de-alung Ddmdntut In Koand oartfd diipd lertclre, In suJlet pard, Iar In s in d nestlre, Po m ll sä-ml oflu proda sea mormdntuL In calea mea Intrat am In palate Strdlacltoare, pllne dt lamlnd $1 In bördele stunde, fr» rulnd; Bdtat-am cdt pustit ; f seumblate. SI m'am Inters Ia vatra mea uttatd SI lnima-ml stdlea sd n t se spargä In van cäuldnd norocu n Iumea largd. SI IstovJt de dramul lung. Oe odaid Un Nor ndprainle Im l treeu prin vtne... Sl-atuncI aflat am IeHdrea 'n mine. I o m AI. <fo L«m«ny. Romänul, periodical published in Arad, Romania (1911-1938), caption of front page, issue I Julyl914. Available at http: / / dspace.bcucluj.ro/ handle/ 123456789/ 16376 PCE-2011 -3 -0 7 7 1 .1thank ProfessorSpariosu for his support. I also thank the CENDARI (Collaborative European N etw orkfor Digital Archives and Research Infrastructure) team of the Long Room Elub Arts and Elumanities Institute at Trinity College Dublin for their supportive feedback on this work during my study visit. <?page no="220"?> 220 Adela Fofiu АлиЈ X X IV . B la j, M a rti 30 Iu n ie 1914. N u m a ru l 66. A B O N A M E N T U L Pcatru m o n s r h i c : f t i n 18 co r V» on ♦ cor. 1 4 4 '5 0 fil. ■ B Pentru s t r A in A t a t c : Pe nn an 24 согоадс 'I, Sn 12 cor. Vt s o 6 corosne. INSERTION! . U n $tr g a r m o n d : o d a ti 14 fil.. a dotta oarA 12 fil., a trci* o a ri 10 fil. Toe cc p rirc ftc foara s i sc adrcsczc la: Redacfiunea fi adm ini. siratiunca .U n i r e i* in Blskf. Foaie bisericeascä'politicä. — A p are: Marta, Joia $i SAmbAta. Asasinarea mostenitorului nostru đe tron. N« ni s'a dat incä, sä inregisträm un atentat atät de infam, o tragedie atät de sguduitoare, ca aceea ce s'a desfäfurat Duminecä, in Serajevo. Mostenitorul noetru de tron F R A N C I S C F E R D I N A N D fi sofia sa, arhi* ducesa S O F I A de H O H E N B E R G , au cäzut victima unui atentat, cu ocazia manevrelor, ce s’au terminat acolo, cu sfärfitul säptämänii trecute. Bätränul nostru Monarh, dupä o boalä atät de primejdioasä pentru värsta Lui, a fost destinat de soartä, sä indure, Ia adänci bäträneje, fi aceastä loviturä. N 'au fost de ajuns nenorocirile, ce s'au descärcat asupra acestui cap inco* ronat? A trebuit sä urmeze fi acest act sängeros, pentru a turbura, Incä odatä, liniftea senilä a Domnitorului, asupra cäruia s'au descärcat, cu nemiluita, cele mai groaznice lovituri, ce pot sä ajungä pe un om pämäntean? Stäm Incremeniti in fafa acestei nenorociri, ce s'a descärcat asupra noasträ, ca un träsnet din senin. Incercäm sä ne reculegem, sä infieräm dupä vrednicie pe criminal; sä scormonim toate amänuntele acestei tragedii, cu urmäri incalculabile. D ar nu putem. Judecata ! impede a realitäfii ni se intunecä; ne simfira cutropiti, sub povara unei nenorociri, ce ne*a venit färä veste, cum vin toate nenorocirile. Resimtim — in aceste clipe de grea Incercare — tot entuziasmul, cu care pärintii fi sträbunii noftri fi*au värsat sängele pentru „patrie fi impärat“. Ne gändim Ia toate nädejdile frumoase, ce ni»le fäuriam, in legäturä cu urcarea pe tron a Clironomului, in cea mai maturä värstä a bärbäfiei Lui — fi nädejdile aceste ni-se spulberl acum, ca un vis de dimineafä, ca un nour ce se distramä... Concretizäm, ln douä vorbe durerea noasträ: „Flere possumus! . . Aceste douä cuvinte ezprimä tot ce putem spune, in clipa acestui cataclism, ce ne»a sguduit adänc. Ele vor tälmäci neclintita alipire a neamului nostru pentru tronul habsburgic, doveditä — in eure de atätea veacuri — cu cele mai gräitoare pagini ale istoriei. Elc ne vor face sä uitim — in aceste zile de obfteascä fi nefäfäritä jale — tot ce am indurat vreodatä; fi vor aduna in preajma aceluias sicriu pe tofi fiii patriei noastre. Vom avea, altädatä, prilej, sä ne däm seamä de grozävia acestei lovituH. Acum rämänem, cu capetele descoperite, cu ochii umezi in faja osemintelor — Aceluia, care avea menirea sä conducä — probabil spre un viitor mai fericit — deetinele mult incercatei noastre fA ri! Unireo - Fooie bisericeoscö §i politicä, periodical published in Blaj, Romania (1891-1945), caption of front page, issue 30 June 1914. Available at http: / / dspace.bcucluj.ro/ handle/ 123456789/ 36575 <?page no="221"?> A Case Study on the fears of 1914 in the Romanian print media from Transylvania 221 The apocalyptic cycle of mimetic violence At the core of the cycles of mimetic violence is the scandal/ the conflictual mimetism. It is in scandals that we can see the allmightiness of the collective. The Sarajevo Shots became very soon on the next days, 30 June-1 July 1914s a powerful media event. All important social and political periodicals in Transylvania reported the incident. It is remarkable, then, to observe that the first page articles in the sample I have analysed in our research on intercultural contact as harmony or conflict were opinions about the Sarajevo Shots, not reports. In this sense, the media coverage of the shots contributed to the contagion of the scandal throughout the region. As Girard puts it, scandals elicit a mimetic crisis in which everyone turns against everyone, a critical moment in which the community can be annihilated*9. Indeed, the Sarajevo Shots are reflected in the Transylvanian media as scandalous, as critical: Unirea, 30 June 1914, page I: "Nu ni s'a dot incä, sä inregisträm un atentat atät de infam, o tragedie atät de sguduitoare, ca aceea ce s'a desfä§urat Duminecä, in Serajevo "We have never registered such an infamous attack, such a disturbing tragedy, as the one that happened on Sunday in Sarajevo." The crisis they produce is so strong and so deep, that the order of the world is affected. The shots create chaos, they break the balance and the order of their times. The disturbance is received and reflected as shocking, as creating awe and an emotional standstill, beyond which no action is possible: Romanul, I July 1914, page 2: "Se va isca o tulburealä complectä, o babilonie modema [...]" "There will be a complete chaos, a modern Babylon [...]" Unirea, 30 June 1914, p. I ; "Stam increm ent in fa ta acestei nenorociri, ce s'a descärcat asupra noasträ, ca un träsnet din senin. Jncercäm sä ne reculegem, sä infieräm dupä vrednicie pe criminal; sä scormonim toate amänuntele acestei tragedii, cu urmäri incalculabile. Dar nu putem. Judecata ! impede a realitätii ni se intunecä; ne simftm cutropiji, sub povara unei nenorociri, ce ne'a venitfärä veste, cum vin toate nenorocirile." 1 Giiaid 2006, p. 34-35. * The 28 June issue of Romänul did not cover the Sarajevo crisis. Onlythe next issue, on I July 1914 presented a reaction to the public. 9 Girard 2006, p. 40. <?page no="222"?> 2 2 2 Adela Fofiu "We stand frozen in front of this disaster that has fallen upon us, like a lightning out of the blue sky. We try to recollect ourselves, to punish the criminal; to search for all the details of this tragedy, with unbelievable effects. But we can not. The clear judgement of reality is getting blurry; we feel conquered, under the burden of a disaster that came without notice, as do all disasters." This discourse is both anticipative and reflexive. On one hand, for the authors of Romanul, the crisis has started, there is no turning point and all the community can do is wait for the modern Babylon to happen. As Reineke elaborates, the apocalypse is not limited to destruction, it is also wisdom.10 Wisdom that comes from the revelation of the possibility of the end: the Sarajevo Shots started a crisis, a disorder that will unfold into the future. On the other hand, the authors in Blaj, writing for Unireal construct a different image: those that are far away from Sarajevo, yet not that far, also perceive the attack as a disaster that is already unfolding. Its dimension is incomprehensible, there can be no understanding of how disorder happens and how chaos will affect the community. The future is hidden, inaccessible, yet the present is a pressing burden that conquers and upsets the community. The apocalypse in this discourse takes a dystopian dimension: it is a lived dystopia, it is lived even if the events that have caused it happened in a different space. The apocalyptic narratives in Unirea foresee no possibility for reaction or for recollection. All the community can do is weep: Unirea, 30 June 1914, p. I: "Vom avea, altädatä, priiej, sä ne däm seamä de grozävia acestei lovituri. Acum rämänem, cu capetele descoperite, cu ochii umezi in fafa osemintelor Aceluia, care avea menirea sä conducä — probabil spre un viitor m aifericit — destinele m ult incercatei noastre färi." "Some othertim e, we will have the chance to understand the horror of this hit. Now we stand with our heads uncovered, with misty eyes, before the remains of the One that was meant to lead probably toward a happier future the destiny of our wretched country." The apocalyptic character of the narratives around the Sarajevo Shots is multifold: it reveals the possibility of the end as a result of a sudden crisis; it already unfolds into the present, creating a lived, concrete dystopia; it creates a standstill in which the negative emotions of the crisis are nuanced, nurtured, grown and in which the future, the continuation is passively anticipated. The revelation, thus, comes with sadness, with the need to mourn for a future that did not happen, even before trying to imagine a different future. 10 Reineke 2012. <?page no="223"?> A Case Studyon the fears of 1914 in the Romanian print media from Transylvania 223 Romänul, I July 1914, page I: "Atentatu! deld Serajevo, a adus el oarecare schimbare in situapa noasträ de azi? N'a adus nici o schimbare. Daca poate f i vorba de schimbäri, atunci numai a§tepta rile noastre din viitor au suferit o simptoare atingere." "The Serajevo shots, did they bring any change in our current situation? No, they didn't bring any change. If we can talk about changes, then only our expectations toward the future have suffered a sensible touch." Unirea, 30 June 1914, page I: "Ne gändim Ia toate nädejdile frumoase, ce ni'le fäuriam, in legäturä cu urcarea pe tron a Clironomului, in cea mai maturä värstä a bärbäpei Lui — $i nädejdile aceste ni'se spulberä acum, ca un vis de dimineajä, ca un nour ce se distramä..." "We think of all beautiful hopes that we were nurturing, about the ascendance to the throne of the Heir, in the most mature age of His manhood and these hopes are shattered now, like a dream early in the morning, like a cloud that breaks away..." The crisis affects not only the present, but also the future. The community is well aware of how a critical trigger such as the Sarajevo Shots, can do and undo trajectories. It is interesting and meaningful to observe that the Transylvanian media of 1914 build a deeply emotional discourse about the crisis of the Balkans. On one hand, these emotions are lived at high intensity. On the other hand, the emotional experience is not prolongued endlessly. The discourse in Romanul shows as that the awe is slowly melting down and the community is able to recollect: Romänul, I July 1914, page 2: "[...] insä in scurtä vreme elementele se vor alege. Ndmoiui se va a$eza Iafund, iar apa va curge, lini$tit §i ! impede, deasupra." "[...] shortly, though, the elements will sepparate. The mud will settle on the bottom, and the water will flow, calm and clear, above it." The water will flow, clear and calm the apocalypse will unfold and will restore order in this chaotic world. There is a sense of confidence in a fu ture that will regulate itself, that will rearrange the world which has been disturbed. Or, as the narratives in Romänul break again with victimhood, the community will be the one to regulate the future: Romänul, I July 1914, p. I: "N'am descurajatp nu ne-am pierdutfirea. ^rim foarte bine ce avem defäcut; calea, pe care avem sä urmäm, stä luminoasä inaintea noasträ. Eo cale cunoscutä. E calea cea veche. [...] N'avem decät sä continuäm cu armele de iuptä de pänä acum, pe terenuI de Iuptä, pe care ne-am räsboit pänä azi." <?page no="224"?> 224 Adela Fofiu "We are not discouraged and we did not lose our temper. We know very well what we have to do; the path that we need to walk on is bright in front of us. It is a well known path. It is the old path. [...] We need to continue with the weapons we used so far, on the battle field that we fought on until today." This is a strong cue for mimetic violence as reaction to the events in Sarajevo. As representations of reality, even as constructed reality, these narratives prove to play the card of mimeticism in times of crisis. As Girard puts it, each generation refuses to see the power of imitation and this is the strongest source of violent repetitions.11There is, though, a constructive side of this mimeticism: starting from the premise that the Balkans were, by the time of the Sarajevo Shots, fragmented in an all-against-all dynamic, the crisis of the attack itself, in spite of the chaos it generated, has facilitated the solidarity of communities in an attitude of all-against-one.12The violence of all-against-all has the potential to annihilate the world, while the violence of all-against-one can restore the unity. As Unirea writes: 30 June 1914, p. I: "Ftesimpm — in aceste clipe de grea incercare — tot entuziasmul, cu care pärinpi $i strabunii no§tri p'au värsat sängele pentru 'patrie j / impärat'." "We feel in these times of ordeal the enthusiasm of our parents and ancestors who have shed their blood for 'country and emperor'." The memory of the parents and of the ancestors, and the memory of their sacrifices for the unity expressed as "the country and the emperor" is a discursive expression of unity within the community. The suffering, past and present, brings "us" together. When the Sarajevo Shots happened, they facilitated the media expression of community convergence around the scandal. Girard discusses the value of scandals as strongly dependent of the prestige of those involved in them. There are small scandals and big ones: "There is a mimetic competition between scandals that continues until the most polarising scandal isthe only one on the stage " 13Inthe context of the Sarajevo Shots, the scandal of the attack itself became the most polarising in the Balkan, the true "powder keg". On the one hand, the media of that tim e elaborate the image not the inocent victim when they write about the death of the Archduke. On the other hand, they describe the peoples as reuniting, as gathering to weep, not to forget and to act. "There are victims in general, but the most interesting victims are always those who allow us to blame our neighbors."14 11 Girard 2006, p. 35. 12 Ibid. 13 Ibid., p. 38, my translation. 14 Girard 2006, p. 189. <?page no="225"?> A Case Study on th e fears o f 1914 in th e Romanian p rin t media fro m Transylvania 225 As Girard elaborates, we always lament about the victims we accuse each other of sacrificing, or the victims we allow to be sacrificed, and this lamentation leads towards polarisation and then blaming. This is the trigger point of violent mimeticism. But, since sacrifices are meant to restore order in a chaotic world, let us return to the starting question of this discussion: why did the Sarajevo Shots the sacrifice of the Archduke as it were start a war instead of restoring order? The media discourses around the Sarajevo Shots in the tw o periodicals herein discussed have a strong common point: they show us that sacrifices are efficient in melting down violence only when both parts engaged in conflict agree that the scapegoat was innocent. This, clearly, is not the case. Both periodicals lament about the sacrifice. The front page articles of Romanul and Unirea construct a deeply apocalyptic image of the Sarajevo Shots. The narratives of the revelation of a potential end play the card of mimetic violence as response to the horror of the attack on the Archduke. The discourse in Romanul is mobilising and promotes an active reaction of the 'people', while Unirea describes a wide array of emotions of shock and awe and the impossibility to react. Clearly, though, the Archduke is presented as an innocent victim only on this side of the polarisation. How history played out after this sacrifice raises the question whether the other side agreed on the innocence of the victim or not. Conclusions In this short paper, I analysed front page articles from Unirea (BIaj) and Romanul (Arad), exploring the apocalyptic narratives of the Sarajevo Shots. Girard's mimetic violence served as a valuable frame to interpret the dimensions of the media discourses around the event, pointing out that Romanul developed a mobilizing discourse that stressed the importance of fight to redeem the harm caused by the attack. Unirea had a more passive discourse, constructing the image of Romanians as indirect victims of the Sarajevo Shots, while mimetic violence had an emotional dimension expressed in the memory and respect of ancestors who fought for the country. In both discourses, the experience of the Sarajevo Shots is dystopic: they shattered the world and produced chaos. My argument, using Girard's theory of mimeticism, is that the Sarajevo Shots did not represent the paroxism of a crisis the identity crisis of the Balkans so as to solve it and restore order. Instead, it was the trigger o f a crisis which was perceived as certainly unfolding into the future. For this reason, the media representations of the event were apocalyptical and developed around elaborate emotions <?page no="226"?> 226 Adela Fofiu towards the uncertainty of the future based on the tensions of the present. Beyond the newspapers, the way the Great War unfolded and played out after the Sarajevo Shots is an illustration of how the ideal, apocalyptic war that engulfs the world and gains totality can happen in modernity. Since Clausewitz's time the Napoleonic wars and Girard's tim e the World Wars man-made apocalypse has found expression several times in the combination of technology, emotions and the desire to imitate violence. <?page no="227"?> N orbert R ichard W olf (W ürzb urg ) Aggressive Intelligenz Deutsche Professoren zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs The events at the beginning of World War I, above all the attack on Belgium and the destruction of Louvain caused many intellectuals, professors and artists, to state their views on the events and to try to justify themselves and the military actions. My article analyses 13 manifestos by German professors at the beginning of the war, particularly examining their key words. I have found many terms denoting dienen/ Dienst (serving and service) and Militarismus (militarism), signifying an apparently intellectual discourse. These texts and discourses implicitly and explicitly defend the war by denoting and evaluating these terms, Militarismus above all, positively. Am 16. Oktober 1914 erschien, verfasst vom berühmten Altphilologen Ulrich von W ilam owitz-M oellendorff,1 eine Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reichs, die von insgesamt 3016 Professoren und Hochschullehrern aus 53 deutschen Universitäten und Hochschulen unterschrieben wurde; von meiner Universität Würzburg, um ein Beispiel anzuführen, Unterzeichneten 63 Personen. Der Text ist auf zwei Spalten gedruckt, die linke auf Deutsch, die rechte auf Französisch. Daneben gab es "noch drei weitere Varianten mit englischer, italienischer und spanischer Übersetzung".2 Der deutsche Text ist in Fraktur gesetzt, der französische in Antiqua. Die deutschen Hochschullehrer tun damit deutlich kund, dass sie sich auch in typographischen Äußerlichkeiten an den überkommenen deutschen Usus halten wollen. Der Text ist leicht greifbar in einer Sammlung von Aufrufen und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg, die als Reclam-Büchlein im Jahre 1975 von Klaus Böhme3herausgegeben wurde. Aus aktuellem Anlass ist diese Sammlung samt Vorwort, zusätzlich versehen mit einem Nachwort von Hartmann Wunderer, im Jahre 2014 in zweiter Auflage erschienen. 1 Vgl. Böhme, Klaus: Einleitung zu: Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten W eltkrieg. Stuttgart: Reclam 2014, pp. 5-45, hier p. 13. 2 de.wikisource.org/ wiki/ Erkl%C3%A4rung_der_Hochschullehrer des Deutschen Reiches [16.06.2014]. 3 Vgl. Böhme 2014. <?page no="228"?> 228 Norbert Richard Wolf Diese Textsammlung enthält neben der Erklärung der Hochschullehrer 33 weitere Texte aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Ich werde nun in der Folge die 'Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches' etwas genauer lesen und zwölf weitere Texte, die in den Jahren 1914 und 1915 erschienen sind und auf den Beginn des Krieges Bezug nehmen, analysierend und vergleichend heranziehen. Es sind dies (die Ziffern vor den Titeln beziehen sich auf die Nummerierung in der Ausgabe von Klaus Böhme (siehe Anm. 3): (1) An die Kulturwelt (04.10.1914) (2) Die Erklärung der Hochschullehrer (3) Aufruf Bonner Historiker (01.09.1914) (4) Kundgebung deutscher Universitäten (Oktober 1914) (5) Erklärung gegen die Oxforder Hochschulen (03.12.1914) (6) Ulrich von M ilam owitz-M oellendorf: Krieges-Anfang (veröff. 1914) (7) Otto von Gierke: Krieg und Kultur (veröff. 1915) (8) Erich Mareks: Wo stehen wir? Die politischen, sittlichen und kulturellen Zusammenhänge unseres Krieges (Vortrag 13.10.1914, veröff. 1914) (9) Adolf von Harnack: Was wir schon gewonnen haben und was wir noch gewinnen müssen (veröff. 1915) (10) Hermann Oncken: Die Deutschen auf dem Wege zur einigen und freien Nation (veröff. 1915) (11) Gerhard Anschütz: Gedanken über künftige Staatsreformen (veröff. 1915) (12) Reinhard Seeberg: 'Seeberg-Adresse' (20.06.1915) (13) Delbrücks Gegenerklärung (09.07.1915) Diese 13 Texte werden von mir als ein kleines Korpus behandelt, und ich werde einigen Phänomenen nach den korpuslinguistischen Prinzipien der "Exhaustivität", der "Frequenzorientiertheit" und der "Kontextsensitivitä t"4 nachgehen. Zunächst aber ist aufschlussreich, dass unter den Autoren dieser Texte nur Geisteswissenschaftler vertreten sind: 1* 1 Mukherjee, Joybrato: Anglistische Korpuslinguistik. Eine Einführung. Berlin: E. Schmidt 2009, p. 24f. <?page no="229"?> Deutsche Professoren zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 229 Fach Autoren Text Nr. Philologie Ulrich von W ilam ow itz-M oellendorf (2), (6) Jura Otto von Gierke (7) Gerhard Anschütz (11) Erich Mareks (S) Geschichte Hermann Oncken (10) Hans Delbrück (13) Theologie Adolf von Harnack 0 ) Reinhard Seeberg (12) Dieses Bild ändert sich nicht grundsätzlich, wenn wir die weiteren Texte in der Sammlung von Klaus Böhme heranziehen: Die meisten Autoren waren Historiker, hinzu kommen Philosophen und ein Nationalökonom. Dass gerade die Geschichtswissenschaft so stark vertreten ist, überrascht nicht, denn die Vertreter dieses Faches beanspruchten (und beanspruchen) in rebus politicis die Deutungshoheit schlechthin. Unter den Theologen fin den wir nur Protestanten, die ja seit Luther ein besonderes Nahverhältnis zur jeweiligen Landesherrschaft pflegten (und die preußischen Hohenzollern pflegten ihrerseits diese Beziehung ebenfalls intensiv). Naturwissenschaftler sind unter den Autoren nicht zu finden, wohl aber unter den Unterzeichnern; sie waren sicherlich derselben politischen Auffassung wie ihre geisteswissenschaftlichen Kollegen. Zudem fällt auf, dass viele der Autoren von der Berliner Universität kamen. Diese Hohe Schule, die 1810 als Reformuniversität gegründet worden war, hatte sich durch eine gezielte Berufungspolitik besonders seit der Reichsgründung zu einer regimetreuen Einrichtung entwickelt. Doch für den "Professorenstand" insgesamt gilt, dass er "völlig in das Gefüge des 2. Reichs integriert" war und dass sich die Professoren "als politische Mentoren sahen".5 Ob ihre Manifeste große Wirkung hatten, muss dahingestellt bleiben; 6 doch kann gesagt werden, dass diese Äußerungen einem gesellschaftlichen und sicherlich von 'oben' gesteuerten 'Diskurs' entstammen. (Unter 'Diskurs' verstehe ich eine "[v]irtuelle Gesamtheit von Äußerungen" zu einem gesellschaftlichen Problem.7) Die Professoren fühlten sich offensichtlich dazu berufen, in einem solchen Diskurs ihre Stimme zu erheben. 5 Böhme 2015, p. 6. 6 Vgl. Wunderer, Hartmann: Nachwort zur Neuausgabe 2014. In: Böhme 2014, pp. 247 251, hier p. 248. 7 Niehrj Thomas: Einführung in die linguistische Diskursanalyse. Darmstadt: WBG 2014, p. 29. <?page no="230"?> 230 N orbert Richard W olf Die Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches ist jedenfalls ein ziemlich kurzer Text, der in einer Spalte Platz hat. Er besteht aus zehn syntaktischen Einheiten, die durch einen Punkt voneinander abgegrenzt sind; grammatisch gesehen handelt es sich um zwölf Sätze, wobei die Sätze (3) bis (5) nur durch Kommas voneinander getrennt sind: (3) In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke, (4) denn beide sind eins, (5) und wir gehören auch dazu. Auf diese Weise, verstärkt durch die Konnektoren denn und und, wird signalisiert, dass diese drei Sätze sehr eng Zusammenhängen. Der Text beginnt mit einem Aussagesatz, der ein Selbstbild der Unterzeichner liefert: Wir Lehrer an Deutschlands Universitäten und Hochschulen dienen der Wissenschaft und treiben ein Werk des Friedens. Dieser Satz enthält zwei Prädikate, die durch und miteinander verbunden sind. Die Konjunktion und drückt aus, dass, wie schon gesagt, die beiden Prädikationen eng zusammengehören, ein genaueres semantisches Verhältnis wird damit nicht ausgedrückt. Der Autor hätte auch sagen können: W ir Lehrer [...] dienen der Wissenschaft und treiben so / dadurch / a u f diese Weise ein Werk des Friedens. Dies wird indes nicht gesagt, sondern die beiden Aussagen über zwei Tätigkeiten werden einfach nebeneinandergestellt; der Hörer bzw. der Leser kann oder muss sich eine Relation selber hersteilen. Andererseits wird durch die Konjunktion und signalisiert, dass die beiden Sachverhalte miteinander sehr wohl kompatibel sind. Zudem ist die Wortwahl in diesem ersten Satz aufschlussreich: Die Lehrer treiben nicht Wissenschaft, sondern ein Werk des Friedens. Die Wendung Wissenschaft treiben hätte es im frühen 20. Jahrhundert ohne Zweifel gegeben. Das Grimm'sche Wörterbuch bucht unter der Bedeutung "etwas 'gewohnheitsmäszig betreiben' als dauernde beschäftigung oder beruf"8. Und Daniel Sanders, der Zeitgenosse unserer Professoren, notiert in seinem Handwörterbuch: "Etwas als Geschäft, als gw. Beschäftigung üben, z.B.: Ein Gewerbe t. [...] u. (wobei der Begriff des Erwerbs zurücktritt od. verschwindet) eine Kunst, ein Studium, eine Wissenschaft treiben".9 Doch die Hochschullehrer wollen gar nicht Wissenschaft treiben, sondern etwas Anderes, etwa Edles: Indem ein Werk des Friedens getrieben wird, drückt der Text aus, dass dies 1.) gewohnheits-, wenn nicht berufsmäßig gemacht wird und dass 2.) Keiner an Geldverdienen 8 Grimm, Jacob/ Grimm Wilhelm: Deutsches Wörterbuch Bd. 11/ 1/ 2. Von ludwig Denecke. Leipzig: S. Hirzel 1932, p. 60. 9 Sanders, Daniel: Handwörterbuch der deutschen Sprache. 8. Aufl. von J. Ernst Wülfing. Leipzig, Wien: Otto Wigand 1912, p. 715. <?page no="231"?> Deutsche Professoren zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 231 denkt. Die Professoren charakterisieren sich auf subtile, aber unmissverständliche Weise als Betreiber eines sehr edlen Werkes. Die Hochschullehrer sagen, dass sie der Wissenschaft dienen. Das Verbum dienen hat nach dem 'Handwörterbuch' von Daniel Sanders die Bedeutung "Sklave; Einem unterworfen sein; dann allmählich in weiterem Sinn: in abhängigem, oft unter gewissen Bedingungen freiwillig übernommenem Verhältnis sein; Einem seine Untergebenheit od. auch nur Ergebenheit tätig beweisen"10. Als Kontextbelege bringt Sanders (ebd.): "Gott, einem Götzen übrtr.: der Wahrheit, Gerechtigkeit, der Sünde, den Lüsten, dem Mammon dienen." In diesen Sinn verwendet die Erklärung der Hochschullehrer das Verbum dienen m it Wissenschaft als Dativobjekt in übertragener Bedeutung. Das metaphorische Konzept, das dahinter steht, sagt uns, dass die Wissenschaft herrscht und dass die Hochschullehrer ihr untertan sind. Satz (7) unseres Textes bringt den Begriff dienen, diesmal in Form des Verbalabstraktums Dienst m it dem Werk des Friedens und mit der Wissenschaft in einen Zusammenhang: (7) Der Dienst im Heere macht unsere Jugend tüchtig auch für alle Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft. Wenn w ir unser ganzes Korpus durchgehen, dann sind es immer Begriffe, die von den Dienenden für positiv gehalten werden und die als Adressaten des Dienens fungieren; in Subjektfunktion stehen immer Personenbegriffe: Subjekt: Personen, die zu a lt oder zu ju n g oder nicht rüstig genug f ü r das W affenhandwerk sind Adressat: Heer Subjekt: die deutschen Frauen Adressat: Heer {Heeresdienst) Wer aber zu alt oder zu jung oder nicht rüstig genug für das Waffenhandwerk war, suchte in irgend anderer Weise dem Heere zu dienen und war beglückt, wenn es ihm gelang, eine Stellung zu finden, die ihn zur M itarbeit an dem ungeheuren Werke berief. Und mit den Männern zugleich wuchsen die deutschen Frauen zu heldenhafter Größe empor und wetteiferten m it ihnen an freudigem Opfermut und vaterländischer Begeisterung. Auch sie leisten an unzähligen Stellen in friedlicher Arbeit und vielseitiger Liebestätigkeit ihren Heeresdienst! (p. 71) 10 Sanders 1912, p. 144. <?page no="232"?> 2 3 2 Norbert Richard W oif Subjekt: w ir (= der Redner Otto von Gierke) und die angesprochenen teuren Volksgenossen) Adressat: W eltkultur Retten, verjüngen, erhöhen w ir die deutsche Kultur, so dienen w ir zugleich der W eltkultur. Denn jäm m erlich und flach wäre die W e ltkultur ohne den befruchtenden Einschlag der deutschen Kultur, (p. 78) Subjekt: die einzelnen Glieder des Staates Adressat: der Staat so wenig der Staat als solcher eine Gegengabe dafür verlangt, daß er seinen einzelnen Gliedern Schutz gewährt, können diese eine Gegengabe dafür in Anspruch nehmen, daß sie sich m it Gut und Blut in seinen Dienst stellten; die tiefe Zusammengehörigkeit des Ganzen und aller seiner Teile, die unsere Nation erlebt hat, kann nicht in der Form eines Handels ihren Abschluß finden, (p. 111) Subjekt: Steuerpflicht (= Verpflichtung des Volkes durch die Regierer) Adressat: Wehrpflicht, Kriegsbereitschaft und Grundlagen der Kriegsbereitschaft All das zu pflegen und fortzuentwickeln, darin liegt ein unermessliches Arbeitsprogramm fü r die Regierer unseres Staates, darin aber auch eine gigantische Last, welche auf unserem Volke immerdar ruhen wird. Eine höchstgesteigerte W ehrpflicht, eine nicht minder starke Steuerpflicht im Dienste der Wehrpflicht, der Kriegsbereitschaft und der Grundlagen der Kriegsbereitschaft, das sind Lasten, wie sie in diesem Ausmaß kaum irgendeinem Kulturvolke auferlegt sind und auch künftig auferlegt werden müssen. Viel fordert unser Staat von seinem Volke, [...] (p. 116f.) Subjekt: Unser Kaiser Adressat: Nation Unser Kaiser hat unlängst (in einer Kundgebung an den Reichsbankpräsidenten nach dem glänzenden Ergebnis der zweiten Reichsanleihe) das, nicht mit lautem, aber m it tiefinnerlichem und um so nachhaltigerem Jubel aufgenom mene W ort gesprochen: es ist eine Ehre für mich und ich bin stolz darauf, der erste Diener einer solchen Nation zu sein. (p. 119) W ir brauchen und wollen einen Kaiser, der in derTat der erste Diener, das oberste Organ des Reiches und nicht das zweitoberste ist, neben und unter den verbündeten Regierungen; einer sei Herrscher: das ist der Kaiser. Und dieser Herrscher sei nach dem Geist und Sinne der Institution, die er vertritt, zugleich ein Diener, wie es einst Preußens größter König von sich sagte. Der erste Diener der im Reiche sich verkörpernden Volksgesamtheit, der gekrönte Vertrauensmann der Nation. Ein deutsches Kaisertum, so echt monarchisch, wie ehrlich konstitutionell, das sei das Ziel der Zukunft. Es ist der Traum unserer Väter, derer, die in den Jahren 1848 und 1849 der deutschen Einheit und Freiheit eine erste Bahn brachen, der Plan der Frankfurter Nationalversammlung: das Kaisertum auf demokratischer Grundlage und mit demokratischen Einrichtungen, (p. 119) <?page no="233"?> Deutsche Professoren zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 233 Zweimal kommt die Wendung den Zielen dienen bzw. etw. in den Dienst von Zielen stellen vor, die semantisch nicht so festgelegt ist, wie die sieben obigen Beispielfälle: Deutschland ist in den Krieg nicht mit der Absicht auf Eroberung gegangen, sondern zur Erhaltung seines von der feindlichen Koalition bedrohten Daseins, seiner nationalen Einheit und seiner fortschreitenden Entwicklung. Nur was diesen Zielen dient, darf Deutschland auch bei einem Friedensschluß verfolgen, (p. 135f.) Für diesen Zweck stellt die von Eduard VII. angebahnte Politik hohe und niedere Ziele der Völker in ihren Dienst und verbrüdert sich in kühler Gleichgültigkeit gegen das Gemeingefühl der europäischen Völker mit deren unerbittlichstem und verschlagenstem Feinde aus der mongolischen Welt. (p. 51) In diesen Kontexten werden das Verb (dienen), das Nomen agentis (Diener) und das Nomen actionis (Dienst) zu 'Fahnenwörtern', also zu positiv konnotierten 'Schlagwörtern'. Ein Schlagwort ist ein auf "öffentl. Wirkung abzielender, häufig ideologieabhängiger, wertender Ausdruck, m it dem sich ein Programm bzw. eine Zielsetzung von besonderer gesellschaftl. Aktualität verbindet"11. Satz (2) der 'Erklärung der Flochschullehrer' beginnt m it der adversativen Konjunktion aber, die einen Kontrast ankündigt: (2) Aber es erfüllt uns mit Entrüstung, daß die Feinde Deutschlands, England an der Spitze, angeblich zu unsern Gunsten einen Gegensatz machen wollen zwischen dem Geiste der deutschen Wissenschaft und dem, was sie den preußischen Militarismus nennen. Während Satz (1) ein w/ r-Gefühl formuliert, kommen jetzt die Feinde Deutschlands zur Sprache. Von den Feinden wird nur England direkt genannt, wobei auffällt, dass zunächst die Personenbezeichnung Feinde im Plural verwendet wird, dann aber nicht die Engländer genannt werden, sondern der Ländername in metonymischer Funktion gesetzt wird. Es ist dies ein Sprachgebrauch, wie er im Krieg oder kriegsähnlichen Spielen (wie etwa Fußball) üblich ist: Es kämpfen nie Individuen gegen Individuen, sondern Kollektive wie Länder/ Staaten gegen vergleichbare Kollektive. Deshalb heißt es auch die Feinde Deutschlands und nicht unsere Feinde. Damit ist auch angedeutet, dass es im Folgenden um einen Gegensatz gehen wird, der von den Feinden konstruiert worden ist, um den Gegensatz zwischen dem Geiste der deutschen Wissenschaft und dem preußischen Militarismus. Die Feinde Deutschlands sehen einen Widerspruch zwischen zwei Haltungen, zwischen dem Geist der Wissenschaft und dem Militaris- 11 Schaeder, Burkhard: Schlagwort. In: Metzler Lexikon Sprache. Hg. von Helmut Glück. CD-ROM-Ausgabe. Berlin: Digitale Bibliothek '2000. <?page no="234"?> 234 N orbert Richard W olf mus. Die eine Haltung bzw. der Begriff dafür wird durch ein Syntagma beschrieben, die andere durch eine Wortbildungskonstruktion benannt. Wir können daraus schließen, dass es für den einen Begriff keine Nominationseinheit im Sinn eines Wortes gibt, wohl aber für dem Militarismus. Die Erklärung der Hochschullehrer zitiert dieses W ort gewissermaßen, wobei die Feinde es, wie schon gesagt, im Gegensatz zum Geist der Wissenschaft sehen. Militarismus ist somit, zumindest für die Feinde Deutschlands, ein 'Stigmawort', ein negativ konnotiertes Schlagwort. "Bildungen mit -ismus" haben "in Zeitungstexten und geisteswissenschaftlichen Schriften eine vergleichsweise hohe Frequenz, da sie leicht eine grobe Einordnung bestimmter Phänomene im geistigen oder politischen Raum ermöglichen, ohne daß sich die Verfasser immer darauf einlassen müssen, genauer zu bestimmen, was denn nun [Militar-ismus] wirklich bedeutet".12 Das W ort Militarismus "ist vermutlich Ende der 60er Jahres des [19.] Jahrhunderts aus frz. militairisme 'Militärherrschaft; Militärwesen' übernommen, das in Frankreich seit etwa 1860 als abwertendes Schlagwort verwendet wurde, m it dem die liberalen und linken Parteien den Zustand des bewaffnetes Friedens unter Napoleon III. kritisierten".13 Im Deutschen hat Militarismus von Anfang an die Bedeutung "Vorherrschaft der militär. Macht, Überbetonung des Militärwesens, übersteigerte militär. Gesinnung".14 Da das W ort bzw. die Wortbildung bewusst als "unscharfe ^ ] und vieldeutige[r] Ausdruck"15 verwendet wird, eignet es sich zum 'Stigmawort' oder, wie ich es auch nennen möchte, zum 'Reizwort'; darunter verstehe ich ein Wort, bei dessen Verwendung die Konnotationen, die wertenden Nebenbedeutungen, die Denotation, den begrifflichen Kern, überlagern. Bei Reizwörtern ist es besonders leicht, die wertenden Konnotationen zu ändern, weil ja der denotative Kern kaum betroffen ist. Die Erklärung der Hochschullehrer tut dies; sie ist als Verteidigungstext geradezu darauf angelegt, Vorwürfe des Gegners zu widerlegen oder zumindest zurückzuweisen. Der Kriegsbeginn, vor Allem auch der Einmarsch ins neutrale Belgien und die Zerstörung von Löwen waren der Anlass für "den Vorwurf der Barbarei und des Militarismus"16. Der französische Philosoph Henri Bergson äußerte als Communis Opinio der französischen Intelligenz am 8. August 1914: "Der begonnene Krieg gegen Deutschland ist der eigentliche n Erbenjohannes: Einführung in die deutsche Wortbildungslehre. Berlin: E. Schmidt ‘’2006, p. 56. 13 Strauß, Gerhard/ Ulrike Haß/ Gisela Harras: Brisante Wörter von Agitabon bis Zeitgeist. Ein Lexikon zum öffentlichen Sprachgebrauch. Berlin, New York: de Gruyter 1989, p. 248. 14 Wahrig. Deutsches Wörterbuch. CD-ROM-Ausgabe. Gütersloh/ München: Wissensmedia ’ 2012. 15 Strauß/ Haß/ Harras 1989, p. 248. 16 Münkler, Herfried: Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Berlin: Rowohlt 2013, p. 248. <?page no="235"?> Deutsche Professoren zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 2 3 5 Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei. Jeder fühlt das."17 Der bekannte englische Schriftsteller Arthur Conan Doyle, "der Erfinder des Sherlock Holmes", schrieb im September 1914 in einem Zeitungsartikel: W ir kämpfen für das starke, tiefe Deutschland der Vergangenheit, das Deutschland der Musik und der Philosophie, gegen das jetzige monströse Deutschland von Blut und Eisen. Für die Deutschen, die nicht der regierenden Klasse angehören, wird unser Sieg dauernde Erlösung bringen. Aus den Trümmern des Reiches wird sich der Deutsche dann jenes herrliche Juwel heraussuchen: das Juwel der persönlichen Freiheit, das höher steht als der Ruhm der Eroberung fremder Länder.18 Dagegen will die Erklärung der Hochschullehrer ar\kätr\pfer\, indem sie zentrale Begriffe des Gegners umdeutet; die Umdeutung wird dabei als Richtigstellung dargestellt. Der Aufruf An die Kulturwelt! vom 4. Oktober 1914 ist solch ein prototypischer Verteidigungstext, dessen Hauptaufgabe darin besteht "Lügen und Verleumdungen" zu "widerlegen": AN DIE KULTURWELT! W ir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskämpfe zu beschmutzen trachten. Dereherne Mund der Ereignisse hat die Ausstreuung erdichteter deutscher Niederlagen widerlegt. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein. Der A ufruf beginnt mit einer fett und in großen Lettern gedruckten Überschrift, die die Adressaten nennt; die Typographie und das Ausrufezeichen, das die Überschrift beschließt, sind ausdrucksseitige Signale einer starken Emotionalität, die durch das Pathos, das den ganzen Text stilistisch markiert, fortgesetzt wird. Wie auch die Erklärung der Hochschullehrer beginnt der A ufruf mit dem Personalpronomen w ir der 1. Person Plural. Diese Pronominalform referiert auf eine Gruppe, für die in der Regel den Chor im antiken Drama und in der Oper ausgenom m en-ein SprecherdasWort ergreift. In den beiden Manifesten bezieht sich das Pronomen wir auf die Unterzeichner, also auf die 3016 Hochschullehrer der 'Erklärung' und die 93 Wissenschaftler und Künstler, darunter 56 Professoren, des Aufrufs. In beiden F ä llen-w ie in anderen auch wissen wir, dass einzelne Personen als Verfasser tätig waren: der A ufruf wurde vom Autor Ludwig Fulda verfasst, die Erklärung, 17 Ibid. 18 Der Krieg der Geister. In: Sp/ ege/ -Online 30.03.2004, www.spiegel.de/ spiegelspecial/ a-295458-2.html [17.06.2014], <?page no="236"?> 2 3 6 Norbert Richard Wolf wie gesagt, vom Altphilologen Wilamowitz-Moellendorf. In beiden Fällen wird das w ir durch eine Apposition präzisiert: Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst19 und Wir Lehrer an Deutschlands Universitäten und Hochschulen.20Die Nennung der Unterzeichner dient der Legitimation und der Kundgabe der Qualifikation der unterzeichnenden Personen. Hier eine höchst subjektive Auswahl: Professoren Alois Brandl Andreas Heusler Max Planck W ilhelm Röntgen Karl Voßler Ulrich von W ilam ow itz-M oellendorf W ilhelm W undt Autoren Richard Dehmel Ludwig Fulda Gerhard Hauptmann Maler Franz von Defregger Friedrich August von Kaulbach Franz von Stuck Komponisten Engelbert Humperdinck Theatermänner Max Reinhardt Siegfried Wagner Unter den Unterzeichnern waren auch zahlreiche katholische Theologen sowie eine Reihe von Männen jüdischen Glaubens: Paradoxerweise waren die treibenden Kräfte hinter dem Aufruf aber nicht etwa notorische Chauvinisten oder servile Untertanen des Kaisers. Das Gegenteil ist richtig: Gerade die Hauptbeteiligten hatten sich in den beiden Vorkriegsjahrzehnten als herausragende liberale Widersacher der reaktionären Kulturpolitik Wilhelms II. hervorgetan. Dasgilt vor allem für den Verfasser des Aufrufs, Ludwig Fulda (1862 bis 1939). Sein Leben und Wirken zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus bezeichnet die Tragödie eines hoch begabten jüdischen Deutschen und geistigen Weltbürgers, der sich zeit seines Lebens als deutscher Patriot verstand.192021 Der Hauptteil des Aufrufs besteht aus sechs Absätzen, die alle m it dem fett gedruckten Hauptsatz Es ist nicht wahr beginnen. Was nicht wahr ist, folgt 19 Aufruf, p. 47. 20 Erklärung, p. 49. 21 W ieA nm . 18. <?page no="237"?> Deutsche Professoren zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 237 dann in einem dass-Satz in der Funktion eines Subjektsatzes. Der sechste Absatz des Aufrufs geht auf den Militarismus ein: Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampfgegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei, (p. 48) Schon der A u fru f erhebt gegenüber den Feinden den Vorwurf, den Deutschen Militarismus zuzusprechen. Das W ort Militarismus ist in diesem Kontext negativ konnotiert; der A u fru f versucht nun nicht, das W ort umzudeuten, zu einem positiv zu bewertenden Begriff zu machen, sondern formuliert vielmehr, dass der Militarismus für das Überleben der deutschen Kultur notwendig sei. Deutschland wurde jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht, was eine bedeutungsvolle Konsequenz hatte: Deutsches Fleer und deutsches Volk sind eins. Der A u fru f geht m it den Feinden nicht zimperlich um. Selbst vor rassistischen Klischees macht er nicht Halt: Es ist nicht wahr, daß unsere Kriegführung die Gesetze des Völkerrechts mißachtet. Sie kennt keine zuchtlose Grausamkeit. Im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kinderdie Erde, und im Westen zerreißen Dum-Dum-Geschosse unseren Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbündeten und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen, (p. 48) Für den 'Aufruf' ist Militarismus ein notwendiges Übel. Die 'Erklärung der Flochschullehrer' hingegen will den Begriff Militarismus mit positiven Merkmalen versehen: Unser Glaube ist, daß für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Siege hängt, den der deutsche 'Militarismus' erkämpfen wird, die Manneszucht, die Treue, der Opfermut des einträchtigen freien Volkes, (p. 50) Militarismus ist demnach nicht mehr die "Vorherrschaft der militär. Macht", die "Überbetonung des Militärwesens" und die "übersteigerte militär. Gesinnung",22 sondern eine moralische Haltung, die man durch den Dienst im Fteere erlernt: 22 Wie Anm. 14. <?page no="238"?> 238 Norbert Richard Wolf (7) Der Dienst im Heere macht unsere Jugend tüchtig auch für alle Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft. (8) Denn er erzieht sie zu selbstentsagender Pflichttreue und verleiht ihr das Selbstbewußtsein und das Ehrgefühl des wahrhaft freien Mannes, der sich willig dem Ganzen unterordnet. Militarismus als moralische Haltung äußert sich demnach in selbstentsagender Pflichttreue und freiwilliger Unterordnung. M it Begriff und W ort Militarismus gehen weitere Begriffe und Wörter aus dem Referenzbereich Militarismus einher, wodurch die Begriffsdefinition von Militarismus plausibler werden soll: In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke, denn beide sind eins, und w ir gehören auch dazu. Unser Heer pflegt auch die Wissenschaft und dankt ihr nicht zum wenigsten seine Leistungen. Der Dienst im Heere macht unsere Jugend tüchtig auch für alle Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft. Denn er erzieht sie zu selbstentsagender Pflichttreue und verleiht ihr das Selbstbewußtsein und das Ehrgefühl des wahrhaft freien Mannes, der sich willig dem Ganzen unterordnet, (p. 49) Und wenn das Ergebnis stimmt, dann wird sogar ein Krieg ein göttliches Gnadengeschenk: So war der Krieg von 1870 mit allen seinen Opfern an Blut und Gut für unser Volk ein göttliches Gnadengeschenk! Was wären wir ohne ihn? Ihm verdanken wir, daß w ir die unselige Zerklüftung von Jahrhunderten in unzerreißbarer Einigkeit für immer überwunden haben. Ergab uns die uns einst geraubte Westmark Elsaß-Lothringen zurück, verschaffte uns die Vormachtstellung auf dem europäschen Kontinent und gewährte uns die Möglichkeit, als ihren Hüter unsere siegreiche Armee zu dem unüberwindlichen Volksheer auszubauen, vor dem heute die Feinde beben. (Sp 67) Die im deutsch-französischen Krieg eroberten Gebiete werden zur Westmark; das alte W ort Mark bezeichnete ursprünglich einen Grenzstreifen und war nicht militärisch gemeint. Erst der Nationalismus des 19. Jahrhunderts nutzte die Möglichkeit, zum Wort Grenze, einer Entlehnung aus dem Westslavischen, ein militaristisches Synonym auszudrücken. DerText, dem diese Stelle entnommen worden ist, ist eine Rede des Berliner Juristen Otto von Gierke an die Teure[n] Volksgenossen. Es ist hier nicht der Platz, sämtlichen Belegen für Militarismus und ihm zuzuordnenden Begriffen nachzugehen. Festzuhalten aber ist, dass in allen Texten unseres Korpus das W ort Militarismus nur positiv konnotiert vorkommt. Signifikant erscheint mir zudem, dass dass nur das Abstraktum Militarismus vorkommt, nicht aber die Personenbezeichnung Militarist. In dem Verteidigungsdiskurs der deutschen Professoren geht es um Haltungen, Strömungen und Überzeugungen, nicht um Individuen oder einzelne <?page no="239"?> Deutsche Professoren zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 239 Personen, die eine solche Haltung repräsentieren könnten. Lediglich das Heer wird mehrfach erwähnt, denn dies ist eine Kollektivbezeichnung, die m it dem umfassenden Kollektiv Volk in engem Zusammenhang steht: Das Heer ist die vollkommene Realisierung eines idealen Volkes, in dem sich der Einzelne, der wahrhaft freie Mann willig dem Ganzen unterordnet, sodass Otto von Gierke die Einheit von Heer und Volk, von der Wilamowitz- Moellendorf in seiner Rede m it dem Titel 'Krieges Anfang' gesprochen hatte, in einem unüberwindlichen Volksheer sieht. Als Grammatiker möchte ich formulieren: Die gedachte Einheit von Heer und Volk führt direkt zu einem einheitlichen Wort, zum Kompositum Volksheer. Die Professoren sind bekanntlich nicht die Einzigen, die sich im Diskurs, zum Diskurs und aus dem Diskurs heraus äußern. Bekannt ist der Thomas Manns Essay Gedanken im Kriege21, der im November-Heft 2014 der Neuen Rundschau erschienen ist. Darin form uliert Mann Gedanken, die sich nur im Zusammenhang mit dem Verteidigungsdiskurs erklären lassen: Es ist wahr: der deutschen Seele eignet etwas Tiefstes und Irrationales, was sie dem Gefühl und Urteil anderer, flacherer Völker störend, beunruhigend, fremd, ja widerwärtig und wild erscheinen lässt. Es ist ihr "Militarismus", ihr sittlicher Konservativismus, ihre soldatische Moralität, ein Element des Dämonischen und Heroischen, das sich sträubt, den zivilen Geist als letztes und menschenwürdigstes Ideal anzuerkennen, (p. 19) Der Diskurs findet nicht nur in intellektuellen Kreisen statt, sondern er fin det auch Eingang in die Alltagskultur, wofür ich zum Abschluss ein Beispiel bringen möchte: Die Werbeanzeige eines Korsettherstellers hat die Überschrift Deutscher Sieg, die gleichzeitig das Subjekt des ersten Satzes ist: Deutscher Sieg a u f dem Gebiet der Frauenkultur ist unaufhaltsam.2324 In der Folge erfahren wir, dass die französischen Korsettmoden [...] fast alle deutschen Frauen zu Kranken gemacht hätten. Wenn ich Kabarettist wäre, würde ich jetzt sagen, dass das deutsche Korsett als Produkt des deutschen Militarismus ein hohes Kulturgut ist: Das einzige deutsche Erzeugnis, welches ohne Anlehnung an französische Modelle einzig und allein die Entwicklung wirklicher Schönheit ohne Schädigung der Gesundheit erreicht, ist der längst bekannte ges. gesch. Thalysia-Edelformer. Die deutsche Frau wird durch den Edelformer wahrhaft frei und schön: 23 Mann, Thomas: Gedanken im Kriege. In: ders.: Politische Schriften und Reden. Bd. 2. Frankfurt (Main), Hamburg: Fischer 1968, pp. 7-20. 24 Kruse, Wolfgang: Kriegsideologie und moderne Massenkultur, www.bpb.de/ geschichte/ deutsche-geschichte/ ersterweltkrieg/ 155308/ kriegsideologieundmodernemassenkultur [21.06.2014] <?page no="240"?> 240 Norbert Richard Wolf Er ist [...] nicht schamlos, wie diese [= die Pariser Korsetts], sondern er verwandelt ins Zarte und Deutsch-Sinnliche selbst eine zu üppig gediehene Form. Für die Männer ist also der Militarismus, für die Frauen hingegen das Korsett Ausdruck der wahren Moralität. <?page no="241"?> H ans -P eter G rosshans ( M ünster ) Vom Fortschrittsoptimismus zur Kulturkritik Zur Verarbeitung des Ersten Weltkriegs im deutschsprachigen Protestantismus In cultural studies reflecting WWI and the cultural transformations caused by it not much awareness is given to the role of religions despite the fact that in the first decades of the 20th century secularization had not progressed much and the European societies and cultures were still strongly shaped by religious attitudes and practices. In a paradigmatic case study, this article reflects the transformations which Protestant Christianity in Germany has gone through in coming to terms with the experience of the First World War and its inhumanity. Before WWI Protestant Christianity in Germany was a state religion and had a very optimistic understanding about the cultural, economic, political and scientific progress of society. Protestant Christianity understood itself and its religious activities almost in identity with the general developments in culture and society and tried to contribute to the perfection of the present culture and society. But Protestant Christianity of the pre-War time was not aware of the apocalyptic mindsets and trends among many contemporary artists, some of whom even hoped for a world war. With the disillusioning experience of WWI, Protestant Christianity became more critical to culture and society; especially to all attempts to create a perfect society and culture. So the apocalyptic trends among pre-War (expressionist) artists were indirectly adapted in German Protestant Christianity bringing forth a principally critical relation to culture and society. Kulturen sind seit jeher in hohem Maße von Religionen nicht nur beeinflusst, sondern auch gestaltet worden. In heutigen säkularisierten Gesellschaften mag dies vielleicht nicht mehr so ausgeprägt der Fall sein und öffentlich nicht mehr so auffallen, doch vor und nach dem Ersten Weltkrieg war der Prozeß der Säkularisierung, der heute die Wahrnehmung der Religionen in Europa prägt, noch nicht wirklich in Gang gekommen. Deshalb stellt sich in einer kulturwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Rekonstruktion des am 28. Juni 1914 verübten Attentats von Sarajevo und des darauffolgenden Ersten Weltkriegs auch die Frage, wie in den Religionen der beteiligten Gesellschaften mit diesen Ereignissen umgegangen wurde, welche Einstellungen die Repräsentanten der Religionen zu diesen Geschehnissen und insbesondere dann zum Ersten Weltkrieg vor, <?page no="242"?> 242 Hans-Peter Grosshans während und nach dem Krieg hatten, und welche Rolle die Religionen bei diesen Geschehnissen insgesamt spielten. M it den Religionen ist dabei in erster Linie das Christentum m it seinen verschiedenen Konfessionen und Kirchen gemeint, aber auch das Judentum und der Islam. Das Judentum war in den europäischen Gesellschaften in unterschiedlicher Weise präsent; der Islam war vor allem innerhalb von Österreich-Ungarn und dort besonders in Bosnien präsent, aber auch in der Türkei, die im Ersten Weltkrieg eng mit Deutschland kooperierte. Die so form ulierte Aufgabe bedürfte einer umfassenden Studie und kann für einen Tagungsbeitrag in einem Sammelband nur paradigmatisch und nur in Grundzügen bearbeitet werden. Ich werde mich deshalb meinen Kompetenzen entsprechend im Folgenden auf eine Untersuchung des deutschsprachigen Protestantismus beschränken und mich dabei vor allem auf die ideengeschichtlichen Umformungen konzentrieren, die durch den Ersten Weltkrieg in der deutschsprachigen evangelischen Theologie im Blick auf das Verhältnis von Christentum und Kultur bzw. Gesellschaft vollzogen wurden. Analoge Untersuchungen zur Stellung zum Ersten Weltkrieg und dessen theologischer Verarbeitung in Judentum und Islam, aber auch im katholischen1 und orthodoxen Christentum wären höchst wünschenswert für ein umfassendes Bild vom Verhältnis der europäischen Religionen und Konfessionen zum Ersten Weltkrieg, aber auch für ein besseres Verständnis der Transformationsfähigkeit von Religionen und Konfessionen in der Verarbeitung epochaler, geschichtlicher Ereignisse. I. Religiöse Legitimierung des Kriegs und expressionistische Kriegssehnsucht 1. Es ist erstaunlich, wie wenig in kulturgeschichtlichen und kulturwissenschaftlichen Untersuchungen zum Ersten Weltkrieg die Rolle der christlichen Kirchen, ja, überhaupt der europäischen Religionen, und ihre Thematisierung und Verarbeitung des Krieges thematisiert wird. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war der Prozess der Säkularisierung, der heute die Wahrnehmung der Religionen in Europa prägt, noch nicht wirklich in Gang gekommen. In den damaligen Staatskirchensystemen waren die Geistlichen, die Pfarrer, Priester und Bischöfe für die Regierungen und Monarchien diejenigen, die den Staatswillen in die breite Bevölkerung kommunizierten. In Deutschland wurde der sogenannte Burgfrieden, den der 1 Vgl. dazu u.a.: Lätzel, Martin: Die Katholische Kirche im Eisten Weltkrieg. Zwischen Nationalismus und Friedenswillen. Regensburg: F. Pustet 2014. <?page no="243"?> Zur Verarbeitung des Ersten Weltkriegs im deutschsprachigen Protestantismus 243 deutsche Kaiser m it allen Parteien am 4. August 1914 schloss, intensiv von religiösen Aktivitäten begleitet, in denen vor allem zum Ausdruck kommen sollte, dass das deutsche Volk ein von Gott erwähltes Volk sei. Der 5. August 1914 wurde zu einem deutschlandweiten Buß- und Bettag, an dem von den Kanzeln der Kirchen die Botschaft des Kaisers ans deutsche Volk verlesen und in den Predigten der Krieg legitim iert wurde. Der aufs Alte Testament zurückgehende Wahlspruch des preußischen Königshauses und der deutschen Kaiser "Gott m it uns" wurde von den Kanzeln der deutschen Bevölkerung neu ins Bewusstsein gerufen in ähnlicher Form geschah dies auch in anderen Ländern. Die Geistlichen begründeten, dass Deutschland einen gerechten Krieg führe und Gott deshalb an seiner Seite sei; dies auch deshalb, weil Deutschland ein bußfertiges Volk und Gott auch schon m it den Vorfahren gewesen sei. Auch diejenigen, die einem Krieg m it Befürchtungen entgegen sahen, wollten ihn dann doch als ein reinigendes Gewitter verstehen. Nicht nur beim Kriegseintritt, sondern durch den ganzen Ersten Weltkrieg hindurch betätigten sich die Geistlichen als erfolgreiche Propagandisten, die den vorhandenen Zeitgeist vielleicht zwar nicht erzeugten, aber doch zu seiner Überhöhung maßgeblich beitrugen. In Deutschland wurde die Verbreitung einer Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung im Wesentlichen von den Geistlichen betrieben. Im Rückblick stellt sich ja die Frage, wie es trotz Bedenken in der Bevölkerung zu dem Narrativ von einem einmütig vom Krieg begeisterten Volk gekommen ist. In Deutschland haben dazu wesentlich die Pfarrer beigetragen, von denen die ersten Berichte über das zum Krieg bereite und vom Krieg begeisterte Volk geschrieben wurden. Das sogenannte "Augusterlebnis", also das Gefühl der Einigkeit aller Deutschen und ihre Kriegsbegeisterung im August 1914, war eine kulturelle Inszenierung, die in Deutschland vor allem von den Geistlichen der christlichen Kirchen betrieben wurde. Dies galt in erster Linie von der evangelischen Pfarrerschaft. Doch auch die Geistlichen der katholischen Kirche waren involviert; nach dem Kulturkampf unter Bismarck sahen die Katholiken die Chance, durch die aktive Mitwirkung an dieser kulturellen Inszenierung und durch die Unterstützung des Krieges endlich im Deutschen Reich richtig anerkannt zu werden. Ähnlich verhielt es sich mit den Juden in Deutschland. Die Kirchen konnten in ihrer Legitimierung des Krieges und der Inszenierung der Kriegsbegeisterung besser als alle anderen Akteure in der Gesellschaft längerfristig wirkende Empfindungen und Überzeugungen der Bevölkerungen ansprechen und auf Deutungsmuster zurück greifen, die in den europäischen Bevölkerungen tie f verankert waren. Es ist interessant, dass die dabei von den Kirchen verwendeten Deutungsmuster in den ver- <?page no="244"?> 244 Hans-Peter Grosshans schiedenen Nationen, aber auch in den diversen Konfessionen erstaunlich ähnlich waren. Dominierend war dabei die Verbindung von Christentum und Nationalismus. Diejeweilige nationale Identität wurde m it religiösen Deutungen aufgeladen. Von einer Entzauberung der Welt durch die Modernisierung konnte hier keine Rede sein; vielmehr kam es zu einer massiven Resakralisierung: Die Geistlichen aller großen Konfessionen des Westens unterstützten materiell und erst recht moralisch die Kriegsanstrengungen ihres jeweiligen Landes, während katholische, protestantische und jüdische Nichttheologen ihre Glaubensbrüder mit ebenso wenig Schuldgefühlen erschlugen wie die Atheisten ihre ungläubigen Kollegen umbrachten. M it Inbrunst begriffen sich die Kirchen und die großen Mehrheit der Christen in sämtlichen kriegführenden Staaten nicht nur als Verteidiger ihres Vaterlandes, sondern der Kultur und des Christentums insgesamt. Und mit enormer Selbstverständlichkeit sahen sie dabei Gott als Kombattanten, als den Mitstreiter im eigenen Lager.2 2. Der Siegener Germanist und Literaturwissenschaftler Klaus Vondung hat jüngst in einem Vortrag3*gezeigt, dass der Erste Weltkrieg nicht nur in den Köpfen und Herzen von serbischen Nationalisten und Anhängern eines südslawischen Großreiches, sondern unter anderem auch in Deutschland schon längst vor dem Attentat in Sarajevo in vielen Köpfen und Herzen begonnen hatte und sich in apokalyptischen Vorstellungen in Literatur, Malerei und Musik artikulierte. Bei den deutschen Schriftstellern und Künstlern, die dem Expressionismus zugerechnet werden, kann schon in den zehn Jahren vor 1914 eine wachsende Faszination für den Krieg, ja, geradezu eine Sehnsucht nach einem Krieg beobachtet werden. Für die einen war die vorhandene bürgerliche Welt Langeweile pur; für die anderen war sie eine falsche Welt. Der Krieg erschien als eine Möglichkeit, ja, als die einzige Chance, nicht nur der Langeweile des wohl geordneten, bürgerlichen Lebens zu entfliehen, sondern überhaupt zu einer erstrebenswerten Gesellschaft zu gelangen. Dazu, so schien es, musste die alte Welt grundlegend destruiert werden. 2 Greschat, Martin: Der Erste Weltkrieg und die Christenheit. Ein globaler Überblick, Stuttgart: Kohlhammer 2014 (Kohlhammer-Urban-Akademie), p. 13. Predigten zum Kriegsbeginn und aus dem Verlauf des Ersten Weltkriegs sind reichlich publiziert worden. Eine inhaltliche und stilistische Analyse der evangelischen Kriegspredigten mit reichlich Literaturangaben findet sich u.a. bei: Pressei, Wilhelm: Die Kriegspredigt 1914-1918 in der evangelischen Kirche Deutschlands. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 1967. Der SchweizerTheoIoge Karl Barth hat von der sicheren Schweiz aus den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seinen Predigten vorwiegend kritisch kommentiert. Eine Analyse darüber findet sich in: Fahler, Jochen, Der Ausbruch des 1. Weltkrieges in Karl Barths Predigten 1913-1915. Bern u.a.: Peter Lang 1979. 3 Vondung, Klaus: "Apokalyptische Visionen des Kriegs-vorund nach 1914", Vortrag gehalten 6. April 2014 in Münster. <?page no="245"?> Zur Verarbeitung des Ersten Weltkriegs im deutschsprachigen Protestantismus 245 Ein schönes Beispiel ist Alfred Lichtensteins Gedicht Sommerfrische von 1913: Der Himmel ist wie eine blaue Qualle. Und rings sind Felder; grüne Wiesenhügel - Friedliche Welt■du große Mausefalle, Entkäm ich endlich d ir ... O hätt ich Flügel! - Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten. Ein jeder übt behaglich seine Schnauze. Die Erde ist ein fe tte r Sonntagsbraten, Hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce. War doch ein W ind... Zerriss m it Eisenklauen Die sanfte Welt. Das würde mich ergetzen. War doch ein Sturm ... der müsst den schönen blauen Ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.4 Alfred Walter Heymels Gedicht Eine Sehnsucht aus derZeit endet mit den Zeilen: Im Friedensreichtum wird uns tödlich bang. Wir kennen Müssen nicht noch Können oder Sollen Und sehnen uns und schreien nach dem Kriege.5 Der Dichter der späteren Nationalhymne der DDR Johannes R. Becher schrieb 1912 die Verse: So aber w ir faulen an hohen Pultsitzen Und bröckeln zu Mehlstaub in Wartsälen bang. Wir horchen a u f wilder Trompetdonner Stöße Und wünschten herbei einen großen Weltkrieg.6 Aus theologischer Sicht werden hier und in den vielen anderen ähnlichen Texten und Kunstwerken apokalyptische Vorstellungsmuster verwendet, die aus biblischen Texten und der Geschichte des Christentums vertraut sind. Es ist die Vorstellung, dass sich eine wirklich bessere Welt und Gesellschaft nicht kontinuierlich aus der gegenwärtigen Welt und Gesellschaft heraus entwickeln lasse, sondern nur auf der Basis einer Zerstörung der vorhandenen, faulen und falschen Welt und Gesellschaft. In der Lehrbildung der Theologie spricht man von der annihilatio mundi (der Vernichtung der Welt). Dieser Vorstellung steht im Gegensatz zu der alternativen 1 Lichtenstein, Alfred: Sommerfrische. In: Vietta, Silvio (Hg.): Lyrik des Expressionismus, M ünchen: DTV 1976 (Deutsche Texte 37), p. 123. Heymel, Alfred Walter: Eine Sehnsucht aus der Zeit. In: Der Sturm, Nr. 85 (1911), p. 677. 6 Becher, Johannes R.: Beengung. In: Ders.: Verfall und Triumph. Teil 1: Gedichte, Berlin: Hyperionverlag 1914, p. 52. <?page no="246"?> 246 Hans-Peter Grosshans eschatologischen Vorstellung, dass die bessere Welt und Gesellschaft durch eine Vollendung einer bereits begonnenen Entwicklung hin zum Besseren erlangt werde. Man spricht dann von der consummatio mundi, der Vollendung der Welt zum Reich Gottes. Die Apokalyptik war in den Staatskirchen Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht populär und entsprechend konnte und kann dann auch ein Attentat wie das in Sarajevo am 28. Juni 1914 aus theologischer und kirchlicher Sicht nur kritisiert werden. Das apokalyptische Denken und Hoffen, wie es sich insbesondere bei den jüngeren Expressionisten vor 1914 artikulierte, war auch unter den religiösen Menschen Europasjener Zeit wenig verbreitet. Vielmehr war unter ihnen und den großen christlichen Kirchen, denen in ihren Gesellschaften die Mehrheit der Bevölkerung angehörte, im Blick auf die Hoffnung auf eine bessere Welt die andere eschatologische Konzeption verbreitet - und zwar in einer durchaus irdischen Variante: Die bessere Welt und Gesellschaft wurde hier und jetzt auf Erden erhofft - und nicht nur im Jenseits. Während die damalige Apokalyptik sich eine neue, lebenswerte Welt und Gesellschaft nur vorstellen konnte unter der Voraussetzung der Destruktion der alten Welt und Gesellschaft, setzten die christlichen Kirchen, insbesondere die evangelischen Kirchen, auf eine kontinuierliche Entwicklung der Gesellschaft hin auf ein Reich Gottes auf Erden. In der apokalyptischen Gesinnung der Künstler artikulierte sich der revolutionäre Geist, der sich einen Fortschritt nur in einer diskontinuierlichen Entwicklung mit Abbrüchen und dialektischen Entgegensetzungen -vorstellen konnte; in der kirchlichen Reich-Gottes-Eschatologie vor dem Ersten Weltkrieg artikulierte sich dagegen ein religiöses Bewusstsein, das sich einen Fortschritt einer Gesellschaft nur als kontinuierliche Entwicklung vorstellen konnte und dem jede revolutionäre Bewegung - und auch deren Inszenierung durch ein Attentat als ein dramatischer Rückfall in der Fortschrittsbewegung der Gesellschaft erscheinen musste. II. Vom Fortschrittsoptimismuszur Kulturkritik 1. Die Hoffnung, das eigentliche Thema der Religionen, konzentriert sich im Christentum neben den individuellen Hoffnungen gesellschaftlich auf das Reich Gottes. Immanuel Kant hatte in seiner späten Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft die Hoffnung auf das Reich Gottes ganz auf die irdische Gegenwart bezogen und von der Idee des "Reiches Gottes auf Erden" und dessen irdischer Realisierung gespro- <?page no="247"?> Zur Verarbeitung des Ersten Weltkriegs im deutschsprachigen Protestantismus 247 chen.7 Realisiert wird dieses Reich Gottes auf Erden in Form der Kirche. Kant folgt der alten, spätestens durch Augustinus populär gewordenen Auffassung, dass "die Idee eines Volks Gottes ... nicht anders als in der Form einer Kirche auszuführen" ist.8 Es handelt sich dabei um eine "Gesellschaft nach Tugendgesetzen"9, die von Kant parallel zu dem vertragstheoretisch konzipierten staatlichen Gemeinwesen aus einem Urzustand konstruiert wird, um die Moralität der Menschen guten Willens gegen die Anfechtungen aus dem Vergleich m it den Mitmenschen abzusichern eine Feistung, die ein die Fegalität sichernder Staat, der die Flerzen der Menschen nicht erreichen kann und darf, nicht erbringen kann. Kant ist besonders in der evangelischen Theologie des 19. Jahrhunderts intensiv rezipiert worden. Natürlich teilen die von Kant inspirierten deutschen Protestanten des 19. Jahrhunderts diese Floffnung auf ein Reich Gottes auf Erden nur m it einem letzten Vorbehalt: Die Vollendung eines solchen Reiches Gottes kann der Mensch nicht leisten, sondern diese liegt letztlich in Gottes Eland. So hat Friedrich D. E. Schleiermacher formuliert: "Da die Kirche in dem Verlauf des menschlichen Erdenlebens nicht zur Vollendung gelangen kann: so hat die Darstellung des vollendeten Zustandes unmittelbar nur den Nutzen eines Vorbildes, welchem wir uns nähern sollen."10 Bei dem für die evangelische Theologie des 19. Jahrhunderts höchst einflußreichen Albrecht Ritschl er gilt "als der Kulturtheologe des Kaiserreichs"11können w ir Ähnliches lesen: Indessen ist es nicht möglich, eine Gemeinschaft der Vollkommenen als solcher herbeizuführen ... Deshalb entspringt aus ihm die Überzeugung, daß die in ihrer Art vollkommenen Christen ihr gemeinschaftliches Ziel des Lebens und der Seligkeit unter anderen Bedingungen des Daseins erreichen, als in der erfahrungsmäßigen Weltordnung. [...] Als das übernatürliche und überweltliche Ziel der im Reiche Gottes zu vereinigenden Menschheit ist es... nur dann zu begreifen, wenn die natürlichen Bedingungen, an die unser geistiges Leben in der gegenwärtigen Weltordnung gebunden ist, dereinst wegfallen oder verändert werden.12 7 Kant, Immanuel: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. In: Deis.: Werke in sechs Bänden. Hg. von Wilhelm Weischedel, Bd. 4: Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie. Darmstadt: WBG 1956, pp. 64 9-879, hier p. 753. 8 Ibid., p. 759. 9 Ibid., p. 752. 10 Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhänge dargestellt (2. Auflage 1830/ 31). Erster und Zweite r Band. Hg. von Rolf Schäfer. Berlin, New York: de Gruyter 2008, p. 456 (§ 157 Leitsatz). 11 Graf, Friedrich Wilhelm / Tanner, Klaus: Art. Kultur II. Theologiegeschichtlich. In: Theologische Realenzyklopädie. Bd. 20 (1990), pp. 187-209], p. 194. 12 Ritschl, Albrecht: Unterricht in der christlichen Religion. Studienausgabe nach der 1. Auflage von 1875 nebst den Abweichungen der 2. und 3. Auflage. Hg. von Christine Axt-Piscalar. Tübingen: MohrSiebeck 2002 (UTB 2311), p. IO lf. (§§ 76 .77). <?page no="248"?> 248 Hans-Peter Grosshans Trotz des letzten theologischen Vorbehalts gibt die Hoffnung auf eine Realisierung des Reiches Gottes auf Erden die Richtung vor: Die Christen sollen alles dafür tun, dass eine Gesellschaft sich dem vollendeten gesellschaftlichen Zustand annähert. Der deutsche Protestantismus des 19. Jahrhunderts entwickelte dem entsprechend eine Vorstellung vom Zustand eines perfekten gesellschaftlichen Miteinanders und hielt eine Annäherung an eine bessere Welt und Gesellschaft für möglich. Dabei ist von Bedeutung, dass der deutsche Protestantismus diese Annäherung ans Reich Gottes in die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft hinein projizierte: Die Kirche sollte also nicht selbst die perfekte Gegenwelt zu Gesellschaft und Staat bilden. Sie sollte jedoch auch keine religiöse Politik entfalten und Gesellschaft und Staat zu dominieren versuchen. Vielmehr sollte das Christentum seine Hoffnung auf das Reich Gottes so in die gesellschaftlichen Verhältnisse einbringen, dass diese nicht nur von Recht und Gesetz geordnet, sondern auch noch vom Geist der Liebe bestimmt sind. So schreibt Albrecht Ritschl: Die sittliche Aufgabe des Reiches Gottes wird nur dann als die allgemeinste Aufgabe in der christlichen Gemeinde gelöst, wenn das Handeln aus der Liebe gegen den Nächsten der letzte Beweggrund des Handels ist, welches man in den natürlich bedingten sittlichen Gemeinschaften engeren Umfanges (Ehe, Familie, bürgerliche Gesellschaft, nationaler Staat) nach den auf jeder Stufe derselben geltenden besonderen Grundsätzen ausübt.13 Der Protestantismus verstand also seine Aufgabe darin, die Qualität der Verhältnisse in einer Gesellschaft zu verbessern unter Anerkennung der jeweiligen Eigenlogik der Lebensbereiche. Gerade so sollte ein Beitrag zur Annäherung der gesamten Gesellschaft an den gesellschaftlichen Idealzustand, der im Modell des Reiches Gottes vorgestellt wurde, geleistet werden. Vorausgesetzt ist dabei, dass über Bildungsprozesse ein Fortschritt in der Erziehung des Menschengeschlechts, aber auch in der Bildung jedes einzelnen Menschen ebenso möglich erscheint wie eine Verbesserung in den gesellschaftlichen Institutionen. Der deutsche Protestantismus identifizierte sich nach 1870, nach dem Kulturkampf in Deutschland, m it dem Kulturfortschritt, den er im deutschen Nationalstaat auf gutem Wege sah. Die KuIturprotestanten deuteten "auf dem Hintergrund einer intensiven Kant-Rezeption [...] Religion als jene kulturtranszendente Macht in der Kultur, die allein deren Humanität garantieren könne."14 13 Ibid., p. 42f. (§ 27). Ritschl fährt fort: "Denn das Allgemeine wird immer nur innerhalb der besonderen Arten verwirklicht. Im umgekehrten Fall, wenn man die christliche Aufgabe außerhalb der natürlichen Ordnungen des Lebens erfüllen wollte, würde man dasjenige, was allgemein gültig sein soll, zu einer falschen Besonderheit, zu etwas Absonderlichem ausprägen." 14 Graf/ T ann er 1990, p. 194f. <?page no="249"?> Zur Verarbeitung des Ersten Weltkriegs im deutschsprachigen Protestantismus 249 2. Die positive Synthese von Religion und Kultur im deutschen Protestantismus und andere Formen einer christlichen Kultursynthese wurden in der evangelischen Kirche und Theologie durch die Erfahrung des Ersten Weltkriegs grundsätzlich in Frage gestellt. Nach 1918 etablierte sich durch die theologische Verarbeitung der Erfahrung des Ersten Weltkriegs eine grundsätzliche Kulturkritik in der protestantischen Theologie und es kam zu diversen Versuchen, das Verhältnis von Christentum und Kultur neu zu bestimmen. Hier ist insbesondere die sogenannte Dialektische Theologie ein loser Zusammenschluss überwiegend jüngerer protestantischer Theologen zu nennen, die bis in die Gegenwart hinein ihre Wirkung entfalten und die aus christlicher Sicht eine grundsätzliche Kritik der bürgerlichen Kultur entwickelten. Zu nennen sind aber auch konservative theologische Kreise, religiöse Sozialisten oder liberalprotestantische Kulturtheologen, die neu über das Verhältnis von Christentum und Kultur nachdachten. Die kulturkritischen protestantischen Theologen der Nachkriegsjahre teilten m it dem expressionistischen Kulturpessimismus der Vorkriegsjahre vor allem die radikale Antibürgerlichkeit. Der bürgerliche Kulturoptimismus wurde grundsätzlich kritisiert. "Der Weltkrieg wird als 'die große 'Krisis' [...] alle(r) Wirklichkeiten und Werte der 'K ultur" bzw. als Offenbarung der 'Dämonien der Kultur'" erlebt.15 Entsprechend lassen sich in der evangelischen Theologie der Nachkriegsjahre apokalyptische Muster und Motive identifizieren, die vor dem Ersten Weltkrieg unter expressionistischen Künstlern und Literaten verbreitet waren. Die Vorstellung von einer kontinuierlichen geschichtlichen Entwicklung in Kultur, Wirtschaft und Politik hin auf eine bessere und humanere Welt und Gesellschaft (Reich Gottes) wurde mehr oder weniger aufgegeben. Der Menschheit wurde nicht mehr die Kraft und der Glauben zugeschrieben, aus sich selbst heraus, z.B. durch Bildungsprozesse, zu dem erhofften paradiesischen Zustand auf Erden selbst zu kommen. Vielmehr wurde nun auch in der protestantischen Theologie m it apokalyptischen Elementen zum Ausdruck gebracht, dass die Gesellschaft einer revolutionären Unterbrechung bedarf, wenn sie sich zum Bessern hin entwickeln solle. Allerdings wurde damit nicht die Hoffnung verbunden, dass das Resultat einer gesellschaftlichen Revolution das Reich Gottes auf Erden sein könnte. Vielmehr wurde nun die Realisierung des Reiches Gottes grundsätzlich nicht mehr als eine von Menschen zu realisierende Möglichkeit betrachtet, ja selbst eine gesellschaftliche Annäherung an das Reich Gottes wurde nicht mehr für möglich gehalten. Es wurde nun angenommen und geglaubt, dass das Reich Gottes, diese perfekte Form menschlichen Zusammenlebens, nur von Gott selbst gewis- 15 Ibid., p. 198. <?page no="250"?> 250 Hans-Peter Grosshans sermaßen revolutionär herbeigeführt werden könne. Damit wurden zugleich alle Versuchen, einen gegebenen gesellschaftlichen Zustand religiös zu überhöhen und ihn so der Kritik zu entziehen, disqualifiziert. Vielmehr galt nun - und gilt bis heute - , dass das evangelische Christentum grundsätzlich gesellschaftskritisch zu sein hat. So schrieb der Schweizer Theologe Emil Brunner 1922 in einem Text über Die Grenzen der Humanität: Nicht schrittweise sich realisierende Freiheit, sondern Schuld und Erlösung, nicht der immanente Denkprozeß, sondern der schroffste Dualismus vor Gott und Mensch, nicht die gerade stolz aufsteigende Linie der Entwicklung, sondern die gebrochene Linie des Kreuzes das sind die jedem humanistischen Ohr widerwärtigen Themata der Religion [...] Im drohenden Zusammenbruch einer Kultur beginnt die Religion wieder ihres transzendenten Inhalts sich zu erinnern und dringlicher als je erhebt sich die Frage nach der Bedeutung der Grenzen der Flumanität.16 Gerade um der Humanität willen, an der dem Protestantismus vor dem Ersten Weltkrieg und das ganze 19. Jahrhundert hindurch gelegen war der Ermöglichung einer von der Liebe geprägten humanen Gesellschaft! wurden nun aus religiöser Sicht die Grenzen der Humanität bestimmt. Darin artikulierte sich die Erfahrung, dass das ganze Streben nach einer von der Liebe geprägten humanen Gesellschaft die humane Katastrophe des Ersten Weltkriegs nicht hatte verhindern können. Der gerade im Kulturprotestantismus verbreitete allgemeine Humanismus konnte die Humanität im Konfliktfall nicht gewährleisten. Es setzte sich deshalb im Protestantismus die Überzeugung durch, dass eine wirkliche Humanität der Menschen einer Begründung jenseits humanistischer Überzeugungen bedarf: in einer Transzendenz, die nicht von der Tagespolitik oder den diversen Ideologien abhängig ist. Zum Symbol für solche Humanität wurde das Kreuz Christi, das dem humanistischen Selbstbewusstsein entgegen gesetzt wurde, eine bessere Welt aus eigner Kraft zu schaffen, und in dem sich die Menschheitserfahrung verdichtete, dass Freiheit ohne Schuld, die der Vergebung bedarf, nicht zu erlangen sei. Karl Barth, auch er ein Schweizer Theologe, der schon während des Krieges diesen von der Schweiz aus kritisch kommentierte, betonte ebenfalls nun das Diskontinuierliche, das durch ein recht verstandenes Christentum erzeugt werde: "der Protest gegen das jeweilige Seiende und Bestehende ist ... ein integrierendes Moment im Reich Gottes, und es waren dunkle, dumpfe, gottlosen Zeiten, wo dieses Moment des Protestes unterdrückt 16 Brunner, Emil: Die Grenzen der Humanität. In: Moltmann, Jürgen (Hg.): Anfänge der dialektischen Theologie. Teil 1: Karl Barth, Heinrich Barth, Emil Brunner. München: Kaiser 1962 (Theologische Bücherei 17,1), p. 264. <?page no="251"?> Zur Verarbeitung des Ersten Weltkriegs im deutschsprachigen Protestantismus 251 und verhüllt werden konnte".17 Natürlich gründet auch das Bestehende in Gott und ist insofern zuerst einmal hinzunehmen, so wie es ist. Die bestehende Welt und Gesellschaft ist in dieser theologischen Sicht nicht grundsätzlich böse oder gar widergöttlich. Sie enthält immer auch Gutes. Und doch verstand Barth dann "das Reich Gottes" als "A ngriff auf die Gesellschaft"18. Der Angriff artikuliert sich in einer Reihe schlichter Fragen: Morgen, morgen soll es besser werden? Warum stehen w ir immer nur in den Vorbereitungen zu einem Leben, das nie anfangen will? Warum können wir nicht triumphierend, im Sonnenschein des Humanismus, auf zwei Füßen, mit zwei Händen und zwei Augen ins Reich Gottes eingehen, sondern bestenfalls als Lahme, Krüppel und Einäugige, als die Erniedrigten, Gedemütigten und Zerknirschten? ... Warum können w ir uns ... gerade im letzten Grunde nicht verschließen gegenüber dem Protest, den Kierkegaard gegen Ehe und Familie, den Tolstoj gegen Staat, Bildung und Kunst, den Ibsen gegen die bewährte bürgerliche Moral, den Kutter gegen die Kirche, den Nietzsche gegen das Christentum als solches, den der Sozialismus mit zusammenfassender Wucht gegen den ganzen geistigen und materiellen Bestand der Gesellschaft richtet? 19 M it solchen Fragen wird die bestehende Gesellschaft und Kultur in Frage gestellt und eine neue kritische Positionierung und ein Neubeginn in Gesellschaft, Kultur und auch in der Religion gesucht. So ist für Karl Barth das richtige Verhältnis des Christentums zu Kultur und Gesellschaft immer ein zweifaches: "Neben die schlichte sachliche Mitarbeit im Rahmen der bestehenden Gesellschaft ist die radikale Opposition gegen ihre Grundlagen getreten."20 Doch er warnt sogleich vor dem Missverständnis, durch gesellschaftliche Opposition könne das Reich Gottes auf Erden vorangebracht werden: "[...] so müssen wir uns jetzt sichern gegen den Irrtum, als wollten wir durch Kritisieren, Protestieren, Reformieren, Organisieren, Demokratisieren, Sozialisieren und Revolutionieren [...] etwa dem Sinn des Gottesreiches Genüge leisten."21 Das Reich Gottes, dieser Zielpunkt aller gesellschaftlichen Floffnung im Christentum, wird nun in der theologischen Verarbeitung der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, der als eine humanitäre Katastrophe und als Versagen jeglicher humanen Kultur erfahren wurde, als etwas ganz anderes begriffen als sich hier auf Erden als menschliches Unternehmen realisieren ließe. "Die Kraft der Thesis und die Kraft der Antithesis wurzeln in der 11 Barth, Karl: DerChrist in der Gesellschaft (1920). In: Ders.: Das W ort Gottes und die Theologie. Gesammelte Vorträge. München: Kaiser 1924, p. 50. 18 Ibid., p. 60. 19 Ibid., p. 61. 20 Ibid., p. 64f. 21 Ibid., p. 64. <?page no="252"?> 252 Hans-Peter Grosshans ursprünglichen, absolut erzeugenden Kraft der Synthesis", die nach Barths theologischer Überzeugung jedoch gerade nicht in der Welt und Gesellschaft ist, sondern transzendent sein muß. "Nur in Gott ist die Synthesis zu finden ..., die Synthesis, die in der Thesis gemeint und in der Antithesis gesucht ist."22 Kein gesellschaftlicher Zustand kann theologisch legitimiert werden und beanspruchen, in irgendeiner Form die abschließende Synthese zu sein. Gesellschaftlich ist alles, was realisiert wird, immer nur These und Antithese. Es ist aus der Sicht protestantischer Theologie dieser Zeit anzunehmen, der kritische gesellschaftliche Prozess könnte zu einem Abschluss kommen. So hat der Erste Weltkrieg dem protestantischen Christentum eine grundsätzliche Gesellschafts- und Kulturkritik eingeschrieben und ein Misstrauen gegenüber zu viel Einigkeit in einer Gesellschaft. In dem Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg wurde diese Auffassung freilich nur von einer sich als Avantgarde verstehenden Minderheit evangelischer Theologen vertreten; und dies auch noch in einer geschichtlichen Phase, in der die junge Demokratie in Deutschland mehr als Kritik kräftige Unterstützung jeglicher Art gebraucht hätte. Allerdings bewährte sich diese vor allem von der sogenannten Dialektischen Theologie vertretene gesellschafts- und kulturkritische Auffassung evangelischer Theologie in der Zeit ab 1933, als es galt, einem nationalistisch und religiös sich überhöhenden Staat (bzw. der regierenden Partei) kritisch entgegen zu treten. 22 Ibid., p. 65f. <?page no="253"?> M i l k a C a r ( Z a g r e b ) Gastspiel der Zagreber Oper in Sarajevo im Juni 1914 This paper discusses the often repeated hypothesis that until the July crisis in 1914, the National Theatre in Zagreb functioned as the "centre of spiritual life for all South Slavs" and "a mediator between Serbs and Slovenes" (AGRAMER TAGBLATT, February 5th 1914). Departing from this hypothesis, the paper will analyze the national-integrative role of theatre in pre-war times using the a guest performance of the Zagreb Opera in Sarajevo as a case study. The extremely important role ascribed to the National Theatre and the Opera is justified by the historical role the theatre had in the struggle to homogenize the nation. The main goal of this paper is therefore to present emancipatory discourses as patterns of emotional activation in the process of creating an imaginary community of South Slavs in pre-war times of crisis. In doing so, the paper uses the methodology of comparative literature and history of theatre reception. Das Phänomen des Gastspiels wird in Theaterenzyklopädien und Lexika1 zumeist in einer kurzen Notiz behandelt und als kommerziell lukrativer A uftritt außerhalb des Stammtheaters beschrieben oder, was in der kroatischen Enzyklopädie2 der Fall ist, in einem unkommentierten chronologischen Überblick über die Frequenz der Dramen- Opern- und Ballettgastspiele behandelt. Demgegenüber soll das Gastspiel in der vorliegenden Arbeit als ein kulturelles Phänomen untersucht werden, das Interkulturalitätsprozesse impliziert, ausgehend von der Einsicht, dass die Spielarten kultureller Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Bereichen aufs Engste verbunden sind und dabei nicht immer konfliktfrei erfolgen, sondern die latenten Konfliktquellen im symbolischen Feld der Kultur aufdecken. Das Phänomen 'Gastspiel' wird im Konzept des kulturellen Transfers3 1 So z. B. Schumacher, Horst: Gastspiel. In: Brauneck, Manfred (Hg.): Theaterlexikon. Begriffe und Epochen. Bühnen und Ensembles. Reinbek: Rowohlt 2001, p. 4 H f. ; B.P.F.: Gostovanja. In: Cindrić, Pavao (Hg.): Enciklopedija Hrvatskoga narodnoga kazališta u Zagrebu, 1894-1969. Zagreb: Naprijed 1969, pp. 307-334. Vgl. dazu: Takäcs, Dori: Gastspiele als kulturelle Transfers. Die Wiener Moderne auf Budapests Bühnen. In: Mitterbauer, Helga / Katharina Scherke (Hg.): Ent-grenzte Räume. Kultu- <?page no="254"?> 254 Milka Car als direkte Begegnung zweier Kulturen verstanden, das ein ganzes Spektrum an symbolischen Bedeutungen im nationalen, historisch-politischen und sozialen Haushalt aktiviert. Damit eröffnet das Phänomen Gastspiel und v.a. seine Rezeption die Möglichkeit, die Kultur als Besinnungsraum für die Stiftung kollektiver und nationaler Identitäten zu verstehen, so dass in diesem Fall Gastspiel als ein Sammelbecken des Erfahrungswissens über die multiethnischen Gebiete Österreich-Ungarns fungiert. DieTradition der Gastspiele beschreibt der kroatische Theaterhistoriker Slavko Batušić als eine wohl organisierte und gesetzlich legitimierte Praxis, die im Rahmen der Monarchie nicht nur von der Aufgabe getragen wird, einen repräsentativen Ausschnitt aus rezenter Theaterproduktion dem Publikum zu präsentieren, sondern vielmehr noch als "national-politische Propagandatätigkeit" verstanden wird, mit dem Ziel, "das patriotische Bewusstsein in durch Assimilationstendenzen gefährdeten Gegenden zu erheben"*1**4. So kann das Phänomen des Gastspiels vor allem in krisengeschüttelten Zeiten als ein kulturwissenschaftlich brisantes Muster gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion beobachtet werden. Zudem wird das damals "rege Gastspielwesen"5 von immanent politischen Faktoren begleitet, denn in ihrer Rezeption zeichnet sich in der Regel die Tendenz ab, die vorhandenen Nationalitätenkonflikte auf das Theater zu projizieren. Die Funktion der Gastspiele wird in zeitgenössischen Printmedien zweifach definiert: Einerseits geht man davon aus, dass die Gastspiele als eine bedeutende kulturelle und künstlerische Innovation zu betrachten sind so wird das Zagreber Landestheater von prominenten Namen und Gruppen besucht, wie z. B. im Jahre 19086 von Sofija Borštnik Zvonarjeva aus dem Slowenischen Theater in Ljubljana, von Dobrica Milutinovic aus dem königlichen Serbischen Theater in Belgrad und Ankica Krnic vom Berliner Theater. Andererseits werden mit der hier exemplarisch angeführten Wahl der Gastspiele zugleich die benachbarten Kontexte und kulturell ähnliche Zonen Umrissen, denn am Anfang des 20. Jahrhunderts soll die Idee der slawischen Zugehörigkeit betont werden, wobei die exogene Ergänzung des Repertoires in Form des Gastspiels mit dieser Idee korrespondiert. Als Grund für die frequenten Gastspiele werden in der Presse an erster Stelrelle Transfers um 1900 und in der Gegenwart. Wien: Passagen 2005 (Studien zur Moderne 22), pp. 377-393. 1 Batušić, Slavko: Vlastitim snagama (1860-1941). In: Cindrić, Pavao (Hg.): Enciklopedija Hrvatskoga narodnoga kazališta u Zagrebu, 1894-1969. Zagreb: Naprijed 1969, pp. 79-140, hier p. 107. Batušić, Slavko: Das kroatische Theater. In: Kindermann, Heinz (Hg.): Theatergeschichte Europas. X. Band/ Ill. Teil. Naturalismus und Impressionismus. Salzburg: O. Müller 1974, pp. 242-262, hier p. 247. 6 In: Hrvatsko pravo, Nr. 3775 (2.4.1908), p. 3. <?page no="255"?> Gastspiel der Zagreber Oper in Sarajevo imJuni 1914 255 Ie die Ideen über "Patriotismus" und "slawische Einheit"7 angeführt. Erst an zweiter Stelle kommen die Herausforderungen der "neuen modernen Epoche"8. Demzufolge soll das Nationaltheater gleichzeitig die "künstlerischen, patriotischen und sozialen Ideale"9 verfolgen. Die hier zitierte Reihenfolge spiegelt getreu die damaligen Auffassungen über das Gastspiel wieder, denn das Theater als Institution wird nicht an eine autonome Kunstkonzeption gebunden, sondern vor allem durch exogene Faktoren determiniert. In Einklang mit dieser ausgeprägten sozial-repräsentativen Rolle des Theaters betrachtet Slavko Batušić die Gastspiele als "Symptome für das politische Engagement des Theaters, für den Untergang der Monarchie und eine Wiedervereinigung der Völker des slawischen Südens in einem neuen Staat."10 Es lassen sich darin die integrativen Tendenzen erkennen, die u. a. schon im Jahre 1899 zum Tragen kommen, als die Schauspieler des Zagreber Theaters in Kooperation mit bosnischen Schauspielern am 2. Januar 1899 mit Franz Grillparzers Drama Medea das neue Theatergebäude [Narodno pozorište im Vereinshaus] in Sarajevo feierlich eröffnen konnten. Ein weiteres herausragendes Beispiel für die Mobilisierung der kulturellen Institution Theater für nationalintegrative Zwecke findet im Jahre 1914 m it dem Gastspiel des Zagreber Nationaltheaters in der Landeshauptstadt Sarajevo statt. Angekündigt wird ein Gastspiel des zagreber Sprechtheaters, es wird jedoch infolge ausgebrochener ideologischer Auseinandersetzungen abgesagt, was im zweiten Teil dieser Arbeit näher erläutert wird. Schließlich kommt es doch zu einem Gastspiel der Zagreber Oper im Juni 1914. In der Vorbereitungsphase dieses Gastspiels wird auf der Titelseite der Zeitung Male novine11 in einem Artikel unter dem Titel "Zagreb und Sarajevo" eine "Bildungsaktion" des Zagreber Theaters für die "Brüder im Süden" angekündigt, in deren Rahmen Sarajevo sich "nervös" vorbereitet, der "sanftäugigen Frau Thalia ein neues Heim" zu eröffnen. Auffallend ist einerseits der Bildungsauftrag des schon traditionsreichen Zagreber Landestheaters, wie anderseits die nicht konfliktfreien Versuche, die Theaterentwicklung in Sarajevo voranzutreiben. 7 "Bio bi to jedan lijepi korak na polju kulturnog zbližavanja Slavena, koje je tako sjajno manifestirano na nedavno svršenoj sveslavenskoj konferenciji." Anonym: Zašto hrvatsko kazalište nije išlo u Prag? In: Novosti, Nr. 249 (19.7.1908), p. 5. * N.N.: Nekrolog dr. Stjepanu pl. Miletiću. In: Obzor, Nr. 249 (10.9.1908), p. 2. 9 "umjetničke, patriotičke i društvene idejale" J.B-ć [Julije Benešićj: Naša prošla dramska sezona. In: Narodne novine, Nr. 154 (9.7.1909), p. 34. 10 Batušić 1974, p. 252. 11 "Sarajevo se nervozno sprema, da milovidnoj gospodji Thaliji, koja hoće da se udomi među našom braćom na jugu spremi što dostojniji dom" Zagreb i Sarajevo. In: M ale novine. List napredne Demokratske stranke, Nr. 49 (19.2.1914), p. 1. <?page no="256"?> 256 Milka Car Daraus kann man schließen, dass sich in diesem Gastspiel der Zagreber Oper zwei unterschiedliche Entwicklungslinien widerspiegeln, die jede für sich Schlaglichter auf die miteinander verflochtenen und oft antagonistischen theater- und kulturpolitischen Entwicklungen in der letzten Phase der Österreichisch-Ungarischen Monarchie an ihrer südslawischen Peripherie werfen. Das Gastspiel kann als eine regelrechte Parallelaktion gedeutet werden: Einerseits sollen daraus wichtige Entwicklungsimpulse im Kampf für die Europäisierung des kulturellen Lebens in Bosnien und Herzegowina erfolgen. Andererseits kommt es dazu in einem von der österreichisch-ungarischen Zentralregierung oktroyierten und als fremd empfundenen Rahmen, so dass die Aktion im Geiste südslawischer Solidarität wahrgenommen wird, damit Zagreber Opernensemble nicht zu einem Element der von Benjamin Källay propagierten und durchgeführten österreichisch-ungarischen kulturellen Mission wird. Wie strikt die Ablehnung kultureller Aktionen der Okkupationsmacht auch nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie gewesen ist, geht aus dem Artikel des serbischen Theaterhistorikers Alojz Ujes in Kindermanns einflussreicher Theatergeschichte hervor. In seinem Überblick der Theaterperiode bis zur Entstehung eines ständigen Theaters in Serbien im Jahre 1919 hebt er die "enge Zusammenarbeit der Theater in Novi Sad, Beograd, Zagreb" hervor. Rückblickend detektiert er im gleichen Artikel, dass die genannten Theaterhäuser "ein gemeinsames Auflehnen gegen das Fremde verbindet, außerdem sind sie durch die Sprache, die Traditionen und die Pläne für eine neue gemeinsame Zukunft miteinander verbunden."12 Um die divergierenden Entwicklungslinien und die mit ihnen verbundene Zukunftsprojektionen im peripheren südslawischen Raum zu erklären, muss zuerst die Rolle des Zagreber Theaters historisch kontextualisiert werden, um sie mit der Situation in Sarajevo im Jahre 1914 vergleichen zu können. Die Rolle des Zagreber Landestheaters muss in diesem Zusammenhang auch deshalb besonders dargestellt werden, da das Argument für das Gastspiel in der kroatischen Presse von der Annahme ausgeht, dass das Zagreber Nationaltheaters "dem Brudervolke"13 Orientierung anbieten und kulturelle Entwicklungshilfe leisten könne. Damit wird die oft vorkommende These aktualisiert, das Zagreber Theater sei bis zur Julikrise 1914 12 Ujes, Alojz: Das serbische Th eater. In: Kindeimann 1974, pp. 263 283, hier p. 269. 13 "[...] da se udomi medju našom braćom na jugu spremi što dostojniji dom" N. N.: ,Zagreb i Sarajevo'. In: Narodne novine, Nr. 65 (20.3.1914), p. 4. <?page no="257"?> Gastspiel der Zagreber Oper in Sarajevo imJuni 1914 257 das "Zentrum des geistigen Strebens aller Südslawen" und "Vermittler zwischen den Slowenen und Serben"14. Gerade deshalb müsse es m it seinen künstlerischen Leistungen an der Spitze seiner Zeit bleiben. Zagreb sei "die kulturellste Stadt in den südslawischen Ländern" und dürfe seine integrative Führungsposition nicht hergeben, lässt sich im Feuilleton des Agramer Tagblattes lesen, worin die stark ausgeprägte und immer wieder betonte nationalbildende und nationalintegrative Funktion des Theaters hervorgehoben wird. Der kroatische Dramatiker und Dramaturg Milan Ogrizović15 betont die Notwendigkeit, "guten Schritt mit dem, was draußen bei großen Kulturvölkern hervorgebracht w ird "16zu halten, und so ein dem Landestheater angemessenes Niveau zu behalten. Ähnlich wird im 1914 veröffentlichten und positiv intonierten Bericht aus der Wiener Zeit die repräsentative Funktion des Zagreber Theaters betont. In seinem kurzen historischen Überblick erwähnt der anonyme Berichterstatter die Wurzeln des Zagreber Theaters im illyrischen Programm der politischen und kulturellen Vereinigung aller Südslawen und damit auch seine herausragende kulturelle Funktion. Der umfassende Artikel schließt mit folgender Feststellung: "W ir können kühn behaupten, dass unser heutiges Repertoire m it jenem Europas einherschreitet."17 In Zusammenhang damit kann die Frage gestellt werden: Woher kommt die hohe Wertschätzung der eigenen Position? Sie findet ihre Rechtfertigung vor allem in der geschichtlichen Rolle, die das nationale Theater im Kampf um die kulturelle Emanzipation und Homogenisierung der Nation gespielt hat. Die Sendung des kroatischen Nationaltheaters, die aus dem Schwung der illyrischen Bewegung hervorgeht, wird für die Bestätigung der nationalen Repräsentationsbedürfnisse mit nationalen und integrativen Elementen aufgeladen, was ein langfristiger Prozess ist, der die ganze erste Hälfte des 20. Jahrhunderts kennzeichnet und auf engste m it allgemeinen sozialen Entwicklungen in der letzten Phase in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie verbunden ist. Die klaffenden Unterschiede zwischen dem industrialisierten Zentrum und den unterentwickelten Randgebieten der Habsburger Monarchie verschärfen die ungelösten nationalen Fragen, während sich die Innenpolitik in Versuchen erschöpft, das immer stärkere Drängen nach nationaler Emanzipation zu verhindern. Dadurch erstarken die Autonomiebestrebungen der Völker zusätzlich. Als Antwort auf die Machtpolitik Wiens und die Durchsetzung imperialis- 11 Z. R.: Literarische Revuen. In: Agramer Tagblatt, Nr. 28 (5.2.1914), pp. 1-2. Dr. M. 0: Feuilleton. In: Agramer Tagblatt, Nr. 46 (31.4.1914), pp. 1-2. 16 Z. R.: Literarische Revuen. In: Agramer Tagblatt, Nr. 28 (5.2.1914), pp. 1-2. 17 N.N: Königl. Kroatisches Landestheater in Agram (Zagreb). In: Die Zeit, Nr. 4360 (15.11.1914) P- 25. <?page no="258"?> 258 Milka Car tischer Ziele nach dem 1879 geschlossenen Bündnis der Monarchie mit dem Wilhelminischen Deutschland als "Drang nach Osten" bezeichnet und gefürchtet werden die proslawischen integrativen Tendenzen immer stärker, wom it die Idee der Zusammengehörigkeit und potentieller Vereinigung virulent wird. Damit eng verbunden ist ein weiteres Merkmal des kroatischen Nationaltheaters, das in seiner Entstehungsphase von kulturell und sozialgeschichtlich vielfach belasteten Kontakten m it der deutschsprachigen Dramatik stark geprägt war. Die Ambivalenz gegenüber dem deutschsprachigen Theater geht aus der Tatsache hervor, dass das Nationaltheater in Zagreb starken Einflüssen der deutschsprachigen Dramatik unterliegt, zugleich aber im Zuge der Artikulation nationaler Identität große gesellschaftliche Integrationskraft bekommt. So ist die Feststellung richtig, dass das Theater vom Phantasma eines einheitlichen nationalen Theaters auch in seiner weiteren Entwicklung hypnotisiert18 bleibt. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wird im andauernden Primat der exogenen Sphäre eine neue Ausrichtung erkennbar, in der versucht wird, v. a. an die slawischen Theatermodelle anzuknüpfen, die dem Publikumsprofil und den neuen national-integrativen Ideen mehr entsprächen. Somit wird das Theater für die Ideen der südslawischen Solidarität instrumentalisiert. Exemplarisch für diese Tendenz ist ein Artikel der Zeitung Novosti zur neuen Balkankrise191913, in der der Sieg "unserer Brüder aller drei Konfessionen" nach der "fünfhundertjährigen Periode türkischer Versklavung"20 gefeiert wird. Da in diesen Jahren das Laibacher Theater nicht tätig war, falle dem Zagreber Theater die "Rolle eines Kulturzentrums" am Balkan zu. Es hätte damit zehn Millionen Südslawen zu repräsentieren, sodass es sich nicht leisten könne, "nur die Aufgabe eines Durchschnitts-Provinztheaters" zu erfüllen, sondern sich als ein "vollwertiges Kulturinstitut"21 behaupten müsse. Dies ist allerdings nur mit einer größeren Beachtung des kroatischen bzw. slawischen Repertoires zu erreichen. Damit wird die geschichtlich verankerte Rolle des Theaters in Flinblick auf dessen zukünftige Mission im Projekt der einheitlichen südslawischen Nationenbildung22for- 18 Čale Feldman, Lada: "Teorija", transdisciplinarnost i (nacionalno) kazalište. In: Biti, Vladim ir/ Nenad Ivic (Hg.): Prošla sadašnjost. Znakovi povijesti u Hrvatskoj. Zagreb: Naklada MD 2003, pp. 292-323, hier p. 313. 14 Zur Einstellung der kroatischen Öffentlichkeit zu Balkan-Kriegen vgl. Despot, Igor: Balkanski ratovi 1912.-1913. i njihov odjek u Hrvatskoj. Zagreb: Plejada 2013. 20 "Naša braća svih triju vjeroispovijesti na Balkanu oslobodjena su iz turskog jarma poslije robovanja od petstotina godina." N. N.: Nova kriza na Balkanu. In: Novosti, Ni. 142 (29.5.1913), p. lf. 21 Zd. V. [Vernić, Zdenko]: Ein kritischer Rückblick. Dererste Monat der Theatersaison. In: Agramer Tagblatt, Nr. 2284 (10.1913), pp. 1-3. 22 Zu verwickelten Antagonismen und Einheitlichkeitsdiskursen vgl. Kann, Robert A.: Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie. Geschichte und Ideengehalt der nationalen <?page no="259"?> Gastspiel der zagreber Oper in Sarajevo imJuni 1914 259 muliert. Im Theater wurden in der Folge die Forderungen nach der "Pflege der kroatischen Kunst, der kroatischen dramatischen literarischen Produktion und der kroatischen Darstellerkunst" noch lauter, um sein "Daseinsrecht als kroatisches Landestheater zu erwerben",*23so der damals einflussreiche Theaterkritiker Zdenko Vernić. Zu einem Loyalitätsbruch der Monarchie gegenüber kommt es mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges vorerst nicht, die klare südslawische Orientierung wird erst ab dem Jahr 1917 virulent, als auch im Theater die Verkündungen südslawische Solidarität nicht mehr von Zensurmaßnahmen verhindert werden können. Damit wird die Rolle des Theaters "nicht nur als Tempel unserer Bildung, sondern auch unseres nationalen und politischen Bewusstseins"24aufgefasst. Darin sind die gleichen Mechanismen erkennbar, die die Institution Theater unmittelbar mit dem nationalbildenden Diskurs verknüpfen und in damalige unterschiedlich akzentuierte Flomogenisierungsprojekte überführen. Im so umrissenen Rahmen werden die Gastspiele als eine Möglichkeit angesehen, diese sozial verankerte repräsentative Rolle des Theaters zu bestätigen. Auch die besonders repräsentative Rolle der Oper wird anlässlich der Ernennung des neuen Intendanten des kroatischen Landestheaters Vladimir Treščec Branjski, der mehrere Jahre als Verwaltungsbeamter in Bosnien tätig war, betont. In der Wiener Zeit konnte man über seine Verdienste lesen: "Unter der Leitung unseres gegenwärtigen Intendanten stieg der Ruf unserer Oper wie nie zuvor: ihre Gastspiele in Belgrad, Sarajevo, Dalmatien und Laibach feierten wahre Triumphe."25 Das Ziel solcher feierlichen Ankündigungen ist, emphatisch die repräsentative Funktion des Theaters zu beleuchten und damit insgesamt "unserem kleinen Lande mehr Aufmerksamkeit [zu] widmen",26womit im Versuch, den hohen künstlerischen Status der kroatischen Oper hervorzuheben, unbemerkt die eigene periphere Lage fixiert wird. Das Opernensemble gastierte in der Vorkriegssaison 1913/ 14 in Ljubljana, da die Oper im damaligen Herzogtum Krain aufgelöst27wurde. Bestrebungen vom Vormärz bis zu ! Auflösung des Reiches im Jahre 1918.2. Bde. Graz, Köln: Böhlau 1964. 23 Zd. V.: Kroatische Dramaturgie. In: Agm m er Tagblatt, Nr. 135 (14.6.1913), pp. 1-2. 24 "Hrvatsko nas je kazalište probudilo, osvjestilo kulturno i nacijonalno, otreslo zauvijek tudjinštine iza težkog doba absolutizma i pokazalo nama i cielom svietu i onima, koji su nas barbarima zvali, d a je i hrvatski duh i hrvatski jezik dorastao za velika umjetnička djela. Hrvatsko narodno kazalište je dakle ne samo hram prosvjete naše, nego isviesti naše naše nacijonalne i političke." Lj. M: Proslava dvadesetogodišnjice nove kazalištne zgrade. In: Hrvatska. Glavno glasilo stranke prava za sve hrvatske zemlje, Ni. 1187 (15.10.1915), p. 1. 25 In: Die Zeit, Nr. 4360 (15.11.1914), p. 25. 26 Ibid. 27 "So gab es vom 30. März 1913 bis zum 21. November 1918 keine slowenischen Opernaufführungen." Noll, Josip/ Fran Gerbič: Slowenien. In: Kindermann 1974, pp. 214 241. <?page no="260"?> 260 Milka Car Auch diese Gastspiele werden als ein Kohäsionsfaktor für die südslawische Bevölkerung innerhalb der Monarchie angesehen, denn unterstützt werden sie "nicht mehr von den äußerst konservativen Landesbehörden, sondern von dem liberal gesinnten Stadtrat."28 Daraus ist zu schließen, dass die für das 19. Jahrhundert in kroatischen Landen typische Situation politischer Unterdrückung und wirtschaftlicher Rückständigkeit dazu führt, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts die Kultur von politischen und ideologischen Faktoren entscheidend geprägt wird und im Dienste unterschiedlicher nationaler oder unitaristischer Programme stand. Die oft gebrauchte Wendung vom Sendungsbewusstsein des Theaters ist in ähnlich programmatischer Form in Reaktionen auf das angekündigte Gastspiel in Sarajevo zu lesen. Das Theater erweist sich in dieser Perspektive als Medium für ideologische und nationale Inhalte, wobei ausdrücklich gefordert wird, die neuen südslawischen Identitäten kroatischen, bosnischen, serbischen oder jugoslawischen zu kontextualisieren. III. Von ganz anderen Voraussetzungen ausgehend, jedoch vergleichbar ist die Rolle des erst zu gründenden Theaters in Sarajevo, das auch als ein "künstlerisches und erzieherisches Institut"29* definiert wird, jedoch keine klare historische Entwicklungslinie vorzuweisen hatte. Zudem wird noch vor der offiziellen Theatergründung aus einer kulturellen Theaterfrage eine politische Frage gemacht. In seinen theatergeschichtlichen Arbeiten geht der Theaterhistoriker Josip Lešić von der Notwendigkeit aus, Kontinuitätslinien zu entwickeln, denn am Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgt die Gründungsphase des ständigen Theaters in Sarajevo oft nur "ad hoc, zufällig, ohne System, gebrochen, in zerrissenen und gebrochenen Linien".80Erschwerend kommt hinzu, dass die Gründung einer ständigen Bühne stets vom starken politischen Druck begleitet wird. Lešić betont in diesem Zusammenhang weiter, die "Theaterkunst in Sarajevo war nie frei von Politik".31 Den politischen Druck in der Zeit nach der Annexion Bosniens erklärt Lešić mit Formel von der "österreichisch-ungarischen Politik der Entfrem- 28 Ibid., p. 224. 29 In: Hrvatski dem, Nr. 92 (24.04.1914), p. 1. 50 "ad hoc, od slučaja, bez sistema, iskidano, u vrludavim i nepovezanim linijama, bez jasne umjetničke koncepcije" Lešić, Josip: Skica za (ne) napisanu istoriju pozorišta Bosne i Hercegovine. In: Ders. (Hg.): Savremena drama i pozorište. Novi Sad: Sterijino pozorište 1984, pp. 5-41, hier p. 5. ” Ibid., p. 6. <?page no="261"?> Gastspiel der Zagreber Oper in Sarajevo imJuni 1914 261 dung". Er versteht das Ziel der neuen Macht als "totale Okkupation", die mittels der "kulturellen und geistigen Domination"32durchzuführen gewesen wäre. In seiner kurzen Theatertypologie zählt Lešić die Jahre von 1908 bis 1914 zur dritten Periode der Theaterentwicklung in Sarajevo, die vor allem durch Abwesenheit eines ständigen Theaters gekennzeichnet war. Diese Phase charakterisiert er als Periode der Epigonalität und der Dekadenz, vor allem deshalb, weil das Theater "nicht nur das deutsche Provinzrepertoire, sondern auch die deutsche Provinzmentalität übernim m t".33 Der andere Chronist des Sarajevoer Theaters Dragoljub Vlatković erklärt diese Gründungsabsichten ohne ideologische Markierung als einen "kulturellen Entwicklungsschub unter der schwarz-gelben Fahne"34, denn die damalige bosnisch-herzegowinische Landesregierung hat offiziell das erste professionelle Theater35 gegründet. Bilinski erwog die Idee, diese neue kulturelle Institution "Franz Joseph Nationaltheater" zu nennen, was davon zeugt, dass diese Institution als "Instrument im Kampf gegen alle Formen freiheitlicher und revolutionärer Ideen"36 geplant wurde. Zum Intendanten wurde Mihailo Marković und zum technischen Direktor der kroatische Dramatiker Milan Begović37*ernannt. Der zagreber Intendant Treščec Branjski riet dem neu ernannten Intendanten Marković, den kroatischen Dramatiker und damaligen Lektor Milan Ogrizović zum Dramaturgen im Zagreber Theater zu berufen. Er wird in der kroatischen Presse als ein "kreativer und reform orientierter" Theatermensch dargestellt, der imstande wäre, dem erst zu gründenden Theater 32 Ibid. 33 Die erste Periode bezeichnet er als die Periode des romantischen Nationalismus nach der Okkupabon Bosnien und Herzegowinas im Jahr 1878, die zweite Periode umfasst die Jahre von 1895 bis 1908, in denen die Formen des bürgerlichen Theaters, u. a. auch mit zahlreichen Gastspielen entwickelt werden. Schon in dieser Periode verzeichnet er den immer stärkeren Einfluss des deutschsprachigen Theaters, den er in Hinblick auf die nabonalintegrabven Prozesse nur negabv beurteilt. Vgl. dazu Lešić 1984, p. 10. 34 Vlatković, Dragoljub: Počeci rada sarajevskog pozorišta. Sarajevo: Sonderdruck 1972, pp. 54- 90, hier p. 54. 35 Vgl. dazu Kapidžić, Hamdija: Pokušaj osnivanja stalnog pozorišta u Sarajevu 1913. g. In: Život, Nr 10 (1958), pp. 665-662; Dizdar, Hamid: Osnivanje Prvog državnog pozorišta u Bosni i Hercegovini. In: Pozorište Nr 1 (1967), pp. 33-40. 36 "instrument za borbu probv svih oslobodilaćkih i revolucionarnih ideja" Dizdar 1967, p. 33. 37 "Po mišljenju ove vlade bilo bi najzgodnije pozvab za upravnika g. Milana Begovića. On je već godine 1914. namešten u bos.herc. službi u svojstvu profesora sarajevske Gimnazije i to prema godinama službe u Vili činovnom razredu [...] neko vrijeme u Gimnaziji sarajevskoj kao nastavnik, a kad je 1915. određena evakuacija stanovništva iz Sarajeva, obšao je u Beč, gde je uzet u vojničku službu odakle se do danas nije vrabo na svoje mjesto. U februaru 1919. pozvan je Begović da se vrab u Sarajevo s primjedbom da će mu se obustavib isplaćivanje prinadležnosti." In: Hrvatski don, Nr 92. (24.04.1914), p. 1 <?page no="262"?> 262 Milka Car in Sarajevo "eine feste und solide Basis für seine organische Entwicklung"38 zu bürgen. Dieser Vorschlag wird m it einem Veto aus der Redaktion des Srpske Riječi abgelehnt, da Ogrizovic politisch exklusiv kroatische Ideen3940 vertreten hat. Daraufhin werden die geplanten Vorbereitungen unterbrochen und zum angekündigten Gastspiel des Zagreber Dramenensembles kommt es nicht. Stattdessen findet in der ersten Hälfte des 1914 das Gastspiel des Zagreber Opernensembles unter Leitung Srećko Albinis in Sarajevo statt. Die Zeitung Male novine40 aus Zagreb hat einen Artikel aus der Slowenischen Illustrierten Wochenzeitung übernommen, in dem der Status des angesehenen Dirigenten und Opernleiters Srećko Albinis erklärt wird. Nicht nur, dass er der Zagreber Oper in seiner Amtszeit ihr künstlerisches Renommee nach einer längeren Pause in der sogenannten dritten Opernperiode41zurückerobert hat, vielmehr werden seine Operettenerfolge hervorgehoben, m it denen er zugleich die Ideen der südslawischen Solidarität m ittransportiert und somit als "jugoslawischer Künstler"42 das bosnische, serbische und kroatische Publikum ansprechen konnte. Diesmal hat auch die Zeitung Srpska riječ*3das Gastspiel begrüßt und das große Interesse für Zagreber Oper hervorgehoben. Im Sarajevoer Tagblatt wird das Gastspiel des Zagreber Opernensembles m it Begeisterung angekündigt. Betont wird, dass die Karten schon im Vorverkauf vergriffen seien, wom it ein "lebendiges Interesse" "dem Agramer Ensemble" entgegengebracht wird, da das Publikum in Sarajevo "dessen erstklassige künstlerische Darbietungen [...] wohl zu schätzen weiß" und deshalb ihm "besonders gewogen ist".44 In der Bosnischen Post wird "im Festsaale des Vereinshauses ein auf sechs Abende berechnetes Gastspiel" der Zagreber Oper angekündigt, das "von einem eigenen Empfangskomitee begrüßt werden"45 solle. Dadurch wird diese später als 58 "U sporazumu s intendantom hrvatskog kazališta g. Trešćecom odlučio se onda, da uzme za dramaturga i literarnog upravitelja sarajevske drame profesora dra Milana Ogrizovića [...] kao stvaralac i reformator, koji će bosansko kazalište postaviti na stalnu i solidnu bazu i osigurati mu trajnu budućnost i organički razvoj" Ibid. 59 Zur Genese der exlusiv kroatischen Ideologie vgl.: Gross, Mirjana: Povijest pravaške ideologije. Zagreb: Hrvatski institut za povijest 1973. 40 Slovenci o ravnatelju naše opere Srećku Albiniju. In: M ale novine, Nr. 109 (22.4.1914), p. 2. 11 So heißt es in der Festschrift des kroatischen Nationaltheaterszum50-jährigen Jubiläum der Zagreber Oper. Vgl. Uprava narodnog kazališta: Hrvatska opera (1870.-1920.) O pedesetoj godišnjici njezina vijeka. Zagreb: Kr. zemaljska tiskara 1920. 42 Vgl. ibid. 43 Zagrebačka opera. In: Srpska riječ, 24.4.1914. 44 Die Agramer Oper in Sarajevo. In: Sarajevoer Tagblatt, 24.4.1914. 45 Das Gastspiel der Zagreber Oper. In: Bosnische Post, 24.4.1914. <?page no="263"?> Gastspiel der Zagreber Oper in Sarajevo im Juni 1914 263 "ruhmvoll" bezeichnete Tournee der Zagreber Oper angekündigt, aus der sie "moralisch und materiell"46 gestärkt ihre repräsentative Funktion und ihr Sendungsbewusstsein bestätigen kann. In Sarajevo entwickelt sich je doch aus diesem Impuls in diesem Jahr kein ständiges Theater, denn die Krise explodiert im Juni, so dass die geplante Theatergründung auf das Jahr 192047verschoben wird und im Zeichen des integralen Jugoslawismus erfolgt. Auch in diesem Fall wird die kulturelle Entwicklung von exogenen Faktoren entscheidend beeinflusst. Angekündigt wurden Opern aus dem erwarteten kosmopolitischen Repertoire wie Traviata und Tosca, wie auch die populären slawischen Operetten Polenblut [Poljačka krv] von Oskar Nedbal und Franz Lehars Endlich allein [Napokon sami]. Gesungen wurde von prominenten Ensemblemitgliedern, u. a. von Sängerinnen wie Mira Korošec, Irma Polak, Maja de Strozzi und Krista Zupančić, wie auch von Opernsängern wie Zvonimir Strmac, Marko Vušković, Marijan Kondracki, Davor Lesić-Križa und Aleksander Binički. Daraufhin berichtet die Zagreber Zeitung Obzor vom "kolossalen"48*Erfolg des Gastspiels und vom besonders warmen Empfang in Sarajevo. Die kroatischen Künstler werden nicht nur von einer riesigen Menschenmasse bei ihrer Ankunft begrüßt, sondern auch von einem hohen Empfangskomitee, angeführt vom Sarajevoer Bürgermeister Fehim Ćurčić, dem Parlamentspräsident Safvetbeg Bašagić, dem StadtpoIitikerJosip Vancaš, wie auch von Abgeordneten Vasić und Besarovic und anderen. Alle Opernaufführungen wurden positiv und sogar begeistert aufgenommen, die Zagreber Zeitung Narodne novine49 schreibt von Ovationen, Geschenken und Blumen, die die Künstler entgegennehmen. Nach dem Abschluss des Gastspiels werden die Dankesbriefe der kroatischen Leitung in allen bosnischen Zeitungen publik gemacht: Der Direktor des bosnisch-herzegovinischen Landestheaters Mihajlo Markovih erhielt vom Direktor des königlich-kroatischen Landestheaters Felix Albini nachstehendes Telegramm: Ich bitte Sie, dem ganzen Ausschüsse die Gefühle unserer tiefsten Dankbarkeit für die uns erwiesenen Sympathien und das Entgegenkommen anlässlich des Gastspiels der kroatischen Oper ausdrücken. Wir danken allen! AufWiedersehen! 50 46 Vgl. Uprava narodnog kazališta: Hrvatska opera, p. 42. 47 Vgl. dazu: Isović, Kasim: Pitanje osnivanja pozorišta u Sarajevu 1919 godine. In: Život, Nr. 10 (1967), p. 776-780. 48 Gostovanje zagrebačke opere u Sarajevu. In: Obzor, Nr. 120 (2.5.1914), p. 4. 44 "Oduševljenje neopisivo; poslije pmog čina umjetnici su obdareni skupocjenim darovima. Kiša vienaca ih je zasula i pozdravila na pozornici, a odobravanju nije bilo kraja." In: Narodne novine, Nr. 274 (6.4.1914), p. 2. 50 Der Dank der Zagreber Oper. In: Bosnische Post, 11.5.1914. <?page no="264"?> 264 Milka Car In der Zeitung Vakat wird der Originalwortlaut übertragen, in dem Srećko Albini emphatisch bei dem "lieben Brudervolke sich bedankt"51und dam it die damals virulent gewordenen Diskurse der Brüderlichkeit aktiviert. Die begeisterte Aufnahme zeugt davon, dass das Gastspiel zu einem tem porär befristeten Interferenzraum wird, in dem die Hoffnung auf Neubeginn im Zeichen kultureller Kooperation m it dem kroatischen Nachbarn im Rahmen der Monarchie als eine reale Möglichkeit für die weitere Modernisierung der Gesellschaft erscheint. Jedoch sind in der Presse auch dissonante Tone zu vernehmen, so schreibt die exklusiv kroatisch nationalistische Zeitschrift Hrvatska von der Zukunft des erst zu gründenden Sarajevoer Theaters, das als eine "neue kulturelle Errungenschaft" in der bosnischen Provinz m it klarem "erzieherisch-national-kulturellen Zweck"52 erfolgen solle. Betont wird das kulturelle Prestige des Theaters, das Sarajevo zu einer europäischen Stadt machen würde. Gleichzeitig werden die in einem Teil der damaligen kroatischen Öffentlichkeit präsenten Diskurse von dem völligen Verlust der kroatischen Einflusssphäre in Bosnien und Herzegowina angesprochen, die m it der Angst vor serbischer Dominanz infolge expansiver serbischer Kulturpolitik untermauert werden. So ist in der Zeitung Male novine53zu lesen, dass die kroatische Sprache im neuen Theater in Sarajevo vernachlässigt wird. Damit werden die ideologischen Kämpfe zwischen der schon ausprofilierter Idee der südslawischen bzw. jugoslawischen Solidarität auf der einen und den historischen Ideen eines exklusiv kroatischen bzw. serbischen Nationalismus auf der anderen Seite angesprochen. Wie stark die ideologische Markierung auch im künstlerischen Bereich war, zeigt allein die Tatsache, dass daraufhin im neu gegründeten SHS-Königreich im Vorbereitungsprogramm der neuen bosnischen Landesregierung für die Gründung des Theaters 1919 steht, dass die erst zu gründende Institution nach dem Modell des serbischen Theaters erfolgen und dadurch tatsächlich zu einer "Filiale des Belgrader 51 "Pod dojmom onih krasnih časova, koje smo među svojom milom braćom sproveli i koji će ostati vječno usađeni u našim srcima šaljemo Vam kao pročelniku Sarajeva najsrdačnije pozdrave. Zahvaljujemo svim Sarajlijama na Ijubeznom gostoprimstvu i susretanju i Vas, da ova naša čuvstva zahvalnosti primite kao maleni znak naše duboko osjećanje harnosti. Živilo šeher Sarajevo! Živio njegov dični načelnik! " Zahvala zagrebačkog kazališta Sarajevu. In: Vakat, 2.5.1914. 52 "Početkom listopada treba da se Sarajevu otvori Bosansko-Hercegovačko "pozorište" kako je to već strane uprave najavljeno. Eto nas u predvečerje otvorenja te naše nove kulturne tekovine, koja treba u prvom redu, da posluži odgojnoj nacionalno-kulturnoj svrsi; čistom narodnom riječi i umjetničkim predavanjem. U drugom pak redu treba da nam taj naš dramsko-glasbeni umjetnički zavod podigne u svijetu ugled, da postane naše Šeher-Sarajevo Evropski grad." J. K. Budućnost sarajevskog kazališta. In: Hrvatska, Nr. 896 (25.7.1914), p. 27. 53 In: Male novine, Nr. 33 (3.2.1914), p. 2. <?page no="265"?> Gastspiel der Zagreber Oper in Sarajevo im Juni 1914 265 Theaters"54werden sollte. So spiegelt das Gastspiel der kroatischen Oper in Sarajevo die ideologischen Differenzen im südslawischen Raum wider, wobei sie im bosnischen Fall infolge der komplexen historischen Entwicklung, die Miranda Jakiša in ihrer Studie treffend als "Bosniens vervielfachte Zwiegerichtheit"55beschreibt, äußerst komplex sind und weiter potenziert werden. In diesem Zusammenhang führt der bosnische Theaterhistoriker Josip Lešić aus, dass gerade die österreichisch-ungarische Administration das erste Theater in "serbokroatischer Sprache"56 organisiert habe, jedoch bringt er diese "kulturelle Mission" m it der politisch-ideologischen Situation im okkupierten Bosnien in Verbindung. Er leitet die Entwicklung des Theaters in Sarajevo aus zwei entgegengesetzten Tendenzen ab: Einerseits soll das Theater indigenen Faktoren entspringen und anhand der Initiative der einheimischen Kulturträger und Theaterleute entstehen, andererseits wird es seitens österreichisch-ungarischer Kulturpolitik vorangetrieben. Lešić deutet diese kulturpolitische Initiative als einen Kontrollmechanismus, denn die Gründung eines aus dem Zentrum der Monarchie gesteuerten Theaters würde den "leidenschaftlichen Wunsch"57 nach Entwicklung eines Nationaltheaters paralysieren und somit die eigenständige Kulturentwicklung verhindern. Die im Jahre 1913 von der österreichisch-ungarischen Leitung initiierte Theatergründung deutet er als "Bedürfnis nach Eliminierung des immer stärkeren serbischen Einflusses auf das Kulturleben in Bosnien und Herzegowina".58 Er zitiert dazu den Briefwechsel zwischen dem Gemeinsamen Finanzminister Leon Bilinski und dem Landeschef General Oskar Potiorek, in dem es heißt, das Theater "solle dem Regime dienen und sich möglichst eng mit ihren politischen Auffassungen verbinden, d. h. mit der sgn. Großpolitik" wie die kulturelle und politische Mission59 Österreich-Ungarns auf dem Balkan genannt wurde. Als Ziel dieser Aktion wird angeführt, "das serbische Prestige in Hinblick auf das kulturelle Leben 54 Darüber schreibt ausführlich Dragoljub Vlatković in seinem Artikel über die Anfänge des Sarajevoer Nationaltheaters. Vgl. Fußnote 34, hier insbesondere p. 56f. 55 Jakiša, Miranda: Bosnientexte. Ivo Andrić, Mesa Selimović, Dževad Karahasan. Berlin et al.: P. Lang 2009 (Slavische Literaturen), p. 13. 56 Lešić, Josip: Sarajevsko pozorište između dva rata (1918-1929). Sarajevo: Svjetlost 1976, hier p. 13. 57 Ibid., p.9f. 58 Ibid., p. 19. 59 Flamdija Kapidžić hat in seiner Arbeit den privaten Brief von Bilinski an Pocorek aus August 1913, in dem es heißt: "M ir läge aber aus Rücksichten der grossen Politik der Monarchie daran, dass mit der obigen Aktion, deren Popularität wohl durch keine Kraft, sei es in Bosnien, sei es in Serbien, untergraben werden könnte, schon in der jetzigen, für die Monarchie und die süd-slavischen Völker so kritischem Zeitpunkte begonnen werden mochte." Arhiv Bosne i Flercegovine. Priv. reg. br. 672/ 13, zit. nach: s. Fn. 34. <?page no="266"?> 266 Milka Car in Bosnien und Herzegowina einzudämmen". Damit soll - und dieses Zitat ist äußerst signifikant für die baldige Entwicklung in Sarajevo verhindert werden, dass diese "politisch heikle Materie, die in der Öffentlichkeit immer stärker vertreten wird, im Theater Verbreitung findet und so zu einer unangenehmen Explosion führt".60 Das kleine Gastspiel der kroatischen Oper hat zu einer Explosion der Begeisterung geführt, die jedoch die unterschiedlichen Visionen nicht miteinander versöhnen konnte. Dasvon österreichischer Landesregierung organisierte Landestheater hat nach dem Ausbruch des Krieges nie als ständiges Theater61funktioniert. In seiner Kulturgeschichte Bosniens geht Ivan Lovrenović von einem ähnlichen Befund aus und schreibt vom Versuch der k. u. k. Macht, angeführt vom Reichsfinanzminister und dem Hauptarchitekten der Religions- und Nationalitätenpolitik in Bosnien und Herzegowina Benjamin Källay (1882- 1902), die "Modernisierung und Europäisierung der Gesellschaft"6263 im "Namen einer zivilisatorischen Mission" durchzuführen. Jedoch würden in seinem Plan die komplexen ethnischen, religiösen und historisch-sozialen Implikationen nicht beachtet, denn "längst sind die unterschiedlichsten, nationalen Identifikationsprozesse aller drei Nationen im Gange", so dass der Versuch, "Bosnien von allen politischen Integrationsprozessen im breiteren südslawischen Raum abzuschneiden"53scheitern muss. Ivan Lovrenović schließt mit der Feststellung, dass der komplexe "Prozess der nationalen Selbstidentifikation nicht zu stoppen"64 war. Diesen integrativen Zielen ist auch die Gründung der Bühne in Sarajevo gewidmet, die sich erst im Jahre 1919 konsolidiert und von der Aufgabe getragen wird, "ein Theater fürs Volk zu werden, das Aufklärung verbreiten, das Nationalbewusstsein wecken und Kunst pflegen würde",65wie es in der damaligen Presse heißt. Abschließend kann man daraufhin in Zagreb die Formen der proklamierten "nationalen südslawischen Kulturpolitik"66in ihrer nationalen und 60 "trebala da služi režimu i da se što uže poveže sa političkim shvatanjima njegovih nosilaca, tako zvanoj velikoj politici", kako je bila nazvana kulturna i politička misija Austro-Ugaiske na Balkanu, ali i "suzbijanju srpskog prestiža u oblasti kulturnog života BiH" spriječiti da "politički zapaljiva materija, koja se u javnosti nagomilala, povećava preko pozorišta i da dovede do neprijatne eksplozije" Ibid., p. 20. 61 "Planirano stalno austro-ugarsko pozorište nije uopšte radilo kao stalno pozorište." Markovih, Marko: Trideset godina Narodne republike Bosne i Hercegovine. In: Bilten Narodnog pozorišta. Sarajevo: Narodno pozorište 1951, p. 3. 62 Lovrenović, Ivan: Bosnien und Herzegowina. Eine Kulturgeschichte. Übers. Von Klaus Detlef Olof. Wien, Bozen: Folio 1999, p. 142f. 63 Ibid., p. 144. 64 Ibid. 65 "jedno narodno pozorište koje bi širilo prosvjetu, budilo nacionalnu svijest i njegovalo umjetnost." Isović, Kasim: Pitanje osnivanja pozorišta u Sarajevu 1919. g. In: Život 8 (1958), p. 77. 66 Vernić, Zd.: ,Theaterpolitik'. In: Agramer Tagblatt, Nr. 28 (16.3.1920), p. 4. <?page no="267"?> Gastspiel der Zagreber Oper in Sarajevo im Juni 1914 267 integrativen Funktion m it verfolgen, indem die symptomatischen Rezeptionswandlungen nachgezeichnet werden, die von der emphatischen Nähe "dem Brudervolke"67 gegenüber bis zur kriegsbedingten Distanzierung in der traditionsreichen Beziehung des Zagreber und Sarajevoer Theaters reichen. Die Reflexe einer "nationalen südslawischen Kulturpolitik"68werden insbesondere seit der Proklamation von Korfu, einem von der serbischen Regierung und dem Jugoslawischen Komitee am 20. Juli 1917 Unterzeichneten Manifest der zukünftigen südslawischen Vereinigung, im kroatischen Nationaltheater in Zagreb manifest. Die integrative und identitätsstiftende Rolle des Theaters wird als "die große Mission der Volksbildung bei einem werdenden Kulturvolk" beschrieben, wobei "seine Tätigkeit einen integrierenden, höchst wichtigen Bestandteil der Kulturarbeit am Volke"69 bilde. Stärker denn je wird eine slawische Ausrichtung der Bühne gefordert. Das Theater zollt dem patriotischen Utilitarismus den schuldigen Respekt, seine Doppelgesichtigkeit zwischen dem Streben nach Autonomie einerseits und der nationalen Selbstverpflichtung anderseits prägt insbesondere die Rezeption der Kriegszeit. Diesem Mechanismus folgend, werden auf das Gastspiel die interethnischen Beziehungen in einer krisenhaften Situation projiziert, die zwischen Konkurrenz, Fremdinteressen und Solidarität oszillieren. Das Phänomen des Gastspiels lässt einen Raum erscheinen, in dem sich sprachliche, nationale und politisch-historische Identifikationsangebote vielfach überlagern. Somit lässt es auch die Möglichkeit zu, die unterschiedlichen Differenzkonstruktionen in ihren konkreten Erscheinungsformen zu analysieren. Zugleich kann das erstellte Raster der binären Oppositionen in ein dynamisches Netz des kulturellen Transfers transponiert werden, das die grundsätzliche Ambivalenz jeglicher Grenzziehungen und konfliktreichen Kontakte markiert und damit deren Instabilität zum Vorschein bringt. Diese neuen Interpretationen bieten einen Ausweg aus Partikularismus und Provinzialismus, wom it die unheilige Allianz zwischen einer indigenen Theaterentwicklung und dominanten exogenen Konflikten abgekoppelt wäre. So stellt das hier besprochene Gastspiel einerseits die festen kulturellen Grenzen dar, weist zugleich aber auch deren Instabilität bzw. ihre ambivalente Flerkunft und ihre umstrittene Gegenwart auf. Die Verflechtung theaterästhetischer Normen m it einer durch Spannungen zwischen südslawischer Vision und unterschiedlichen, in Bosnien und Flerzegowina erst ausformulierten politischen und nationalen Programmen bleibt charakte- 67 "[...] da se udomi medju našom braćom na jugu spremi što dostojniji dom" N. N.: Zagreb i Sarajevo. In: Narodne novine, Nr. 65 (20.3.1914), p. 4. 68 Vernić, Zd.: Theaterpolitik. In\ Agramer Tagblatt, Nr. 28 (16.3.1920), p. 4. 69 Ibid. <?page no="268"?> 268 Milka Car ristisch für diese Periode. Die kontroverse Rezeption des Gastspiels m itsamt seinen Kontexten ist als eine symbolische Vorwegnahme bzw. kulturpolitische Antizipation der kommenden Konflikte anzusehen, denn nicht nur die sozial bedingte Abhängigkeit des Theaters als Institution kommt zum Vorschein, sondern vielmehr noch die konfliktgeladenen nationalen und integrativen Diskurse in ihrer Vehemenz. Vor allem wird die Tatsache sichtbar, dass das Theater als Institution starke normative Anhaltspunkte mittransportiert. So können die Modi der Reflexion auf geschichtliche Transformationsprozesse anhand dieses Gastspiels beobachtet werden, das permanente Krise und soziale Umbrüche indexiert, die bald im Weltkriegsgemetzel kulminieren. <?page no="269"?> I rm a D uraković (S arajevo ) Schuss und Gegenschuss Antun Valić und seine Aufzeichnungen rund um das Attentat von Sarajevo Where does the history of early Bosnian-Herzegovinian cinematography start, and who wrote it? In this contribution, these two questions will be discussed, concentrating on 28 June 1914, the day of the Shots of Sarajevo, when the most important documentary footage in the era of early Bosnian film was shot as well. Along with the life and work of the early local film pioneer Antun Valid, his images of the Archduke and his wife at the Sarajevo City Hall reception will be analyzed. But how does a film about a film articulate itself? Answering this question, the second part of this paper concentrates on the cinematographic interpretation of the making of Valics film, produced by Nikola Stojanović in the 1990s, which was to become the last Yugoslavfilm ever, ironically. In der Eröffnungsszene von Nikola Stojanovićs Film Belle Epoque ili posljednji valcer u Sarajevu (Belle Epoque or the Last Waltz in Sarajevo, 1990,) führt der Kinooperateur Fabrizio Marinetti' den Zuschauer in die Stadt Sarajevo ein. Marinetti trägt seine Kamera und erzählt, wie er auf dem Weg von Italien nach Wien in der charmanten orientalischen Stadt haltgemacht und sich entschlossen hat zu bleiben. In knappen Sätzen berichtet er, dass der Fandtag in Sarajevo feierlich eröffnet und Bosnien-Flerzegowina endgültig der Doppelmonarchie angeschlossen worden ist. Nur wenige Sekunden darauf wird der Zuschauer Zeuge, wie auf dem Weg zum Rathaus auf den Statthalter Marijan Freiherr Varešanin ein Attentat verübt wird. Der Prolog von Belle Epoque wird somit m it dem 15. Juni 1910 eröffnet, dem Tag als Bogdan Žerajić sich nach dem missglückten Attentat das leben nimmt. Marinetti ist also nicht zufällig mit seiner Kamera vor Ort, sondern möchte den Empfang filmen und m it den ersten Schüssen auf Varešanin schaltet er auch erst seine Kamera ein. Wie Stojanović im Vorspann anführt, widmet er seinen Film den Pionieren der Kinematografie. Indem er sich teilweise an die geschichtlichen Fakten hält, rekonstruiert er die Tage vor dem Atenttat von Sarajevo und setzt in den M ittelpunkt des Geschehens den bosnischen Filmpionier Antun Valić, an dessen Erwachsenwerden in der kulturell auflebenden Stadt der Zuschauer teilnim m t. Es wird klar, dass der Anfang des bosnischen Kinos ohne den österreichisch-ungarischen Kontext nicht denkbar wäre. Beide <?page no="270"?> 270 Irma Duraković Geschichten die Geschichte der Stadt unter der österreichisch-ungarischen Herrschaft und die Anfänge des Kinos verlaufen parallel zueinander, um am Ende mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges voneinander zu scheiden. Diese Trennung setzt Stojanović symbolisch in Szene durch einen Zug, der m it Valić den Bahnhof verlässt. Während also am Anfang der Filmära bei den Gebrüdern Lumiere der Zug in die Station einfährt, lässt der Regisseur seinen ins Unbekannte davonziehen. Und mit dieser Anspielung eines ins Ungewisse verschwindenden Zuges, der die Soldaten und unter ihnen auch den Filmpionier Valić an die Front bringt, wird eine Frage angedeutet, die sich erst Jahrzehnte später Filmhistorikern stellen wird: Wo liegt der Anfang der bosnischen Filmgeschichte und wer war Antun Valić? Hatte er, der den Empfang Franz Ferdinands und seiner Gattin Sophie vor der Vijećnica aufnahm, vielleicht etwas m it dem Attentat von Sarajevo zu tun oder wollte er nur für sein Kino filmen? Um das Leben und Schaffen des Filmpioniers annähernd rekonstruieren zu können, führen die wenigen Spuren an die immer noch sehr unerforschte Anfangszeit der bosnischen Filmgeschichte zurück, in die Zeit der Doppelmonarchie und mithin zum folgenchweren Datum, dem 28. Juni 1914. Einige Notizen über die Anfänge der bosnischen Kinogeschichte Die Geschichte der Filmkultur in Bosnien-Herzegowina fängt in der österreichisch-ungarischen Monarchie an. Schon zwei Jahre nach der Geburtsstunde der siebten Kunst sind in Bosnien die ersten Wanderkinos unterwegs, die aus und über Österreich im Land eintreffen. Durch die Tatsache, dass das Land Bestandteil verschiedener staatlich-politischer Strukturen war, wurde die kinematografische Entwicklung dadurch mittelbar und unmittelbar bedingt, schreibt der serbische Filmhistoriker Dejan Kosanović im einleitenden Kapitel seines Buches Kinematographie in Bosnien und Herzegowina 1897-1945.1 Die erste Filmvorführung, m it der das Kino in Bosnien seinen Anfang feiert, stellt am 27. Juni 1897 der Edison Kinematograph vor. Kosanović schreibt, dass sie von einem gewissen Angelo Curriel vorgeführt wurde, der zunächst in Kroatien und danach in Sarajevo unterwegs war.2 In den Anfangsjahren kommen die Kinovorführer größtenteils aus der Doppelmonarchie, Deutschland oder, wie Curriel, aus Italien. Dass Curriel in seiner ersten Vorführung angekaufte Filme der Brüder Lumiere 1 Kosanović, Dejan: Kinematografija u Bosni i Hercegovini 1897 1945. Sarajevo: Kino savez Bosne i Hercegovine 2003, p. 8. 2 Ibid., p. 14. <?page no="271"?> Antun Valić und seine Aufzeichnungen rund um das Attentat von Sarajevo 271 nach der Zagreber-Vorführung auch in Sarajevo zeigte, dokumentiert die Bosnische Post in ihrer Ansage am 30. Juni: "Es sind bewegte Bilder. Dann ist auch eine Gruppe spielender Kinder zu sehen, ein Zug, der ankommt, eine humorvolle Szene im Garten usw."* 1*3 Bis zum Jahr 1907, als sich in Sarajevo das Edison's American Bioscope niederlässt, führen Wanderkinos regelmäßig Filme vor. Was in dieser Zeit gefilmt und dem Publikum gezeigt wird, arbeitet in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts teilweise Bosa Slijepčević in der ersten wegbereitenden kleinen Studie zur Kinematographie in Bosnien-Herzegowina von 1896 bis 1918 auf. Da Filmaufnahmen als eigentliche Primärquellen in Bosnien größtenteils entweder verschollen, oder als Kopien nicht erhalten sind, forschten Slijepčević und auch Kosanović in Archiven und Zeitungen und stellten anhand von Aufzeichnungen und Zeitungsnotizen die Filmgeschichte zusammen.4Ähnliches unternimmt auch der österreichische Filmhistoriker Walter Fritz bei der Erörterung der Dokumentarfilme der Doppelmonarchie, die in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zurückführen und verloren gegangen sind. Um auf die Spur der Anfänge und der Entwicklung des österreichischen Dokumentarfilms zu kommen, versucht der Historiker ebenfalls aus Zeitungen ein annäherndes Bild zu gewinnen. So schreibt er im Vorwort seiner Arbeit: Die ersten Filmaufnahmen in Österreich machten nicht österreichische Firmen sondern ausländische, speziell französische. Und das blieb so über ein Jahrzehnt. Als nach 1906 einige Österreicher ihre ersten Filmversuche unternahmen und ab 1908 auch Spielfilme hergestellt wurden, war die Vormachtstellung der Ausländer noch lange nicht gebrochen. [...] Der Durchbruch des österreichischen Films konnte nur erreicht werden durch den Kriegsbeginn und die Ausweisung der Firmen aus Feindstaaten. Die Vorherrschaft der ausländischen Filmwirtschaft war damit gebrochen.5 Dass der österreichische Film seinen Durchbruch erst durch den Kriegsbeginn erreichen konnte, ist mit Filmunternehmen verbunden, die den internationalen Filmhandel weltweit dominierten und die wichtigsten Anbieter waren. So wurde in den Jahren von 1903-1909, wie der französische Filmhistoriker Georg Sadoul schreibt, der internationale Filmhandel von "Pathe [...] beherrscht: in jedem Land drohten seine Zweiggeschäfte ihre Rivalen zu erdrücken. Die Tausenden Meter Film, die täglich in Vincennes verkauft Bosnische Post, 30. 06.1897. 1 Kosanovic 2003, p. 112. Fritz, Walter: Dokumentarfilme aus Österreich 1909-1914. Hg. von österreichischen Gesellschaft für Filmwissenschaft, Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wien: Schriftreihe des Österr. Filmarchivs 1980, p. IOf. Wie Fritz zeigt, machen Naturaufnahmen, Reise- und Städtebilder fast 40 % des österreichischen Filminventars aus den Jahren 1909-1914 aus, während die restlichen 60 % aktuelle repräsentative Berichte (z.B. offizielle Besuche der Staatsmänner), Kriegsberichte und diverse Berichte zur Kultur, Technik, Wirtschaft darstellen. <?page no="272"?> 272 rma Duraković werden, waren tonangebend für die Welt."67Das gleiche Schicksal trifft auch Bosnien: erst nach dem Kriegsbeginn wird sich die bosnische Kinematographie teilweise autonom entwickeln, doch bis 1918 wird sie ebenfalls vorwiegend von französischen und österreichischen Filmfirmen beherrscht. Was gefilmt und in Kinos vorgeführt wurde... Bevor in Sarajevo das erste geplante und im Jahr 1912 erbaute Apollo-Kino-Theater eröffnet wird - Betreiber ist die Familie Valid - und damit auch die ersten einheimischen Aufnahmen entstehen, brennt nur knapp ein Jahr zuvor das bereits erwähnte Edison's American Bioscope7 mitsamt allen seinen Filmen und Maschinen völlig nieder. Auch hier ist der Kinobesitzer ein Italiener namens Giovanni Fabris8, der mit seinen Ersparnissen nach Sarajevo gezogen ist. In Stojanovids Film Belle Epoque wird ebenfalls dem eingangs erwähnten Kinooperateur Marineth' sein Kinotheater am Zirkusplatz von Flammen verschluckt, und als diese Nachricht die überaus dominante und zielstrebige M utter von Antun Valid erreicht, die sich zum Zeitpunkt des Brandes im Bett mit dem PoIizeichefViktor Ivasjuk befindet, sagt Paulina Valid in dieser Szene, der Brand passe ausgezeichnet zu ihrer Idee. Was ihre Idee ist, spricht sie in dieser Szene zwar nicht aus, aber dem Zuschauer wird klar, dass sie damit die Eröffnung ihres Kinos meint und nun keine Konkurrenz mehr für sich sieht. Später im vorliegenden Text werden wir untersuchen, wie die Figur der M utter des Kinopioniers Valid und der Pionier selbst in Stojanovids Film charakterisiert werden und wie der Regisseur zwischen Faktizität und Fiktion jongliert. Flier ist aber interessant, wie Stojanovid dieses geschichtliche Detail aussondert und auf eine bestimmte Interpretation hinweist, die auch zwar nicht direkt aber dennoch nach dem Brand in einer Zeitung erwähnt wird. Der Brand vom März 19119 wird nämlich in der Sarajevoer Zeitung Hrvatski Dnevnik 6 Sadoul, George: Geschichte der Filmkunst. Wien: Schönbrunn-Verl. 1957, p. 55. 7 Laut Kosanovic wurde das Edison's American Bioscope von einem nicht identifizierbaren J. Roland Muehlhaus eröffnet, dersich in seinen ersten Anzeigen als "Besitzei von Edison amerikan bioskop" ausgab; doch bald darauf übernimmt Giovanni Fabris sein Unternehmnen. Vgl. Kosanovic 2003, p. 21. 8 Slijepčević, Bosa: Kinematografija u Srbiji, Crnoj Gori, Bosni i Hercegovini 1896 1918. Belgrad: Institut za film u Beogradu 1982, p. 283. Der Kulturhistoriker Risto Basarović nennt in seinem Buch Iz kulturnog života u Sarajevu pod austrougarskom upravom einen anderen Vornamen des Kinobesitzeis, nicht Giovanni Fabris, sondern Ivan Fabrio, vgl. hierzu: Basarović, Risto: Iz kulturnog života u Sarajevu pod austrougarskom upravom. Sarajevo: Veselili Masleša 1974, p. 219 (das Kapitel Prvi kontakt sa film om pp. 2 1 1 2 3 1 ). 9 Im Dezember 1912 brennt auch das Goller'sches Grand EIektro Bioskop nieder. Vgl. dazu Basarović 1974, p. 219. <?page no="273"?> Antun Valid und seine Aufzeichnungen rund um das Attentat von Sarajevo 273 als ein absichtlicher Vorfall interpretiert: "Der allgemeinen Meinung nach wurde das Feuer gelegt."10Auch nachdem das Apollo-Kino-Theater eröffnet worden ist, sind weiterhin fast ausschließlich ausländische Filme vertreten, die vorwiegend von ausländischen Kameramännern gedreht worden sind. Wie Kosanovićs Recherchen ergeben haben, stieg das filmische Interesse für das Land Bosnien erst nach der Annexionskrise, sodass von insgesamt 38 Filmen, die in Bosnien-Flerzegovina aufgenommen wurden, nur drei Filme vor 1908 datiert sind.11 Während die französischen Filmfirmen sich besonders auf das Land und die Sitten konzentrieren, zeigen die Österreicher großes Interesse für Armee, Manöver und Heerführer. Die in Kinos angebotenen Vorstellungen wurden zunächst von denjenigen besucht, die nach 1878 nach Bosnien kamen, also von der österreichisch-ungarischen Armee, den Offiziers- und Beamtenfamilien. An zweiter Stelle folgen Kinder und Jugendliche und erst an dritter und letzter Stelle die ältere Generation des bosnischen Publikums.12 Das Desinteresse des einheimischen Publikums an der neuen Kunst war m it der Sprachbarriere bzw. der Germanisierung in Bosnien verzahnt, die auch im Kino präsent war. Wie bekannt, wurden in früheren Filmen Zwischentitel einmontiert, die ein besseres Verständnis beim Publikum erzielen sollten und die bewegten Bilder, die das Publikum anfangs ohnehin überforderten, kommentierten. Filme wie auch Filmplakate, die für die ersten wichtigsten Informationen sorgten, waren in deutscher Sprache und nur gelegentlich gefolgt von bosnisch/ kroatisch/ serbisch. Hierdurch wurde deutlich, dass die Germanisierung auch im Film Oberhand nahm. So thematisiert z.B. das Blatt Hrvatski dnevnik in einigen Artikeln das filmische Sprachproblem in den Monaten März und April 1917. Das Blatt kritisiert vor allem die Kinos Imperial und Apollo - Kinos also, die die Familie Valid betreibt. Am 25. August 1917 steht zu lesen: "Trotz unserer Proteste überfluten diese Kinos unserer Stadt zu unserem Nachteil tagtäglich mit riesengroßen deutschen Anzeigen, die ab und zu auch einige kleingedruckte kroatische Wörter erhalten, die aber kaum sichtbar sind. Filme sind nur auf Deutsch betitelt, die zwei Drittel der Besucher überhaupt nicht versteht."13Wie aus diesem Ausschnitt hervorgeht, hat sich im Gegensatz zu Kroatien Bosni- 10 Hrvatski dnevnik, Sarajevo, 02. 12. 1912, zit. n. Basarovic 1974, p. 219f. (Übers. Falls nicht anders vermerkt immer von der Verfasserin, I.D.) 11 Kosanovic 2003, p. 231. 12 Vgl. Slijepčević 1982. p. 29lf. 12 Hrvatski dnevnik, 25. 08. 1917, zit. nach Slijepčević 1982, p. 291. Das selbe Blatt wird am 28. August 1917 die Sarajevoer Kinos aufrufen, den ersten kroatischen Film Breko u Zagrebu (1917: Arsen Maasa / Mazoff) zu kaufen und ihn zu zeigen. "In Sarajevo sind die Titel nur auf deutscher Sprache", schreibt das Blatt, "die Kinobesitzer respektieren nur wenig das Volk, unter dem sie leben." <?page no="274"?> 274 Irma Duraković en der Germanisierung im Kino wohl nicht widersetzen können. Auffällig jedoch ist, dass in diesem Zusammenhang immer wieder die zwei führenden Kinos Apollo und Imperial kritisiert werden und sogar der Vorschlag gemacht wird, ein Kino in Sarajevo zu eröffnen, dass nur Filme aus Zagreb zeigen sollte. Sicherlich wird hier eine Politisierung des Kinos aus nationalkroatischer Perspektive angestrebt mit dem Ziel u.a. die deutsche Sprache aus den Kinos auszuschließen, doch die Tatsache, dass in beiden Kinos die ersten bosnischen Filme entstehen, zeigt wiederum, dass trotz der Germanisierung Bosnier endlich die Möglichkeit bekamen zu filmen und ihre Aufnahmen in Kinos vorzuführen. Der Pionier und seine Kinos Über das Schaffen des Filmpioniers Antun Valic ist bis heute noch vieles unbekannt. Die einzigen Quellen, die Auskunft über das Leben des ersten bosnischen Kinobesitzers und Kameramannes geben, gehen auf Interviews m it Familienmitgliedern zurück. Slijepčević und Kosanović haben in den 1980er Jahren alle uns heute bekannten Angaben aus Gesprächen mit Albert Metz' Sohn und seiner Tochter gewonnen, die zu dieser Zeit noch in Sarajevo lebten.14So wissen wir, dass Antun Valid15im Jahr 1893 in Travnik geboren wurde; wann er m it seiner Familie nach Sarajevo übersiedelte und ob die Familie aus Österreich nach Travnik gekommen ist, ist nicht bekannt. Antuns Vater, Gustav Valid, war Inhaber eines Sarajevoer Kaffeehauses und lange Zeit gelähmt, so dass das Geschäft seine zielstrebige Frau Pauline, geborene Metz, übernahm und weiterführte. Im Auftragvon Paulines Bruder Albert Metz, der ein österreichischer Bauunternehmer war, wurde 1912 das Kino Apollo erbaut, in das auch Paulina Valid investierte und somit Mitinhaberin eines kleinen Teils wurde. Zum Kinoleiter und Filmvorführer wurde Paulinas Sohn Antun ernannt. "Nach damaligen sehr strengen Gesetzvorschriften", so Kosanovid, "die die österreichisch-ungarische Regierung im Jahr 1906 brachte, musste Antun Valid die Fachprüfung für den Kinooperateur bestehen, was damals in Sarajevo nicht möglich war. Deswegen schickt ihn die Familie nach W ien."16 Anlässlich der Eröffnung des Apollo-Kinos schreibt Sarajevski list am 3. September 1912, dass 14 Siehe Slijepčević 1982, p. 314 und Kosanović 2003, p. 36. 15 Sein Name wird auch als Anton Walits geschrieben. Es könnte sein, dass die Familie ihren Namen eingedeutscht hat, wie es zu dieser Zeit üblich war, und dass es so u.a. zu unterschiedlichen Schreibweisen gekommen ist. Ob Valics Vater aus Österreich nach Bosnien gezogen ist oder nicht, konnten Kosanović und auch Slijepčević nicht in Erfrahrung bringen. Vgl. Slijepčević 1982, p. 300. 16 Kosanović 2003, p. 36. <?page no="275"?> Antun Valic und seine Aufzeichnungen rund um das Attentat von Sarajevo 275 der Theaterleiter Antun Valić "in Wien seine Ausbildung abgeschlossen und die Prüfung bestanden" habe.17Sehr bald gewinnt der zwanzigjährige Valić in Sarajevo ein großes Ansehen als einziger einheimischer Kinooperateur. Seine erste Kamera beschafft sich der junge Kinoleiter im Jahr 1913 und fängt im selben Jahr m it dem Filmen an. Während in Serbien nur drei Jahre vor dem Großen Krieg über sechzig einheimische Filme entstehen, darunter vier Spielfilme, die größtenteils vom ungarischen Kameramann und serbischen Filmpionier Louis Pitrolfde Beerygedreht werden, sind in Bosnien vor 1914 insgesamt drei Filme dokumentiert, die Valić zugeschrieben werden. Sein erster Film entstand anlässlich der Eröffnung des Hauses Napredak in welchem die Familie das zweite Kino Imperial eröffnette. Wie Kosanović schreibt, ist der Film verlorengegangen und über seine Länge und Inhalt lässt sich nur rätseln. In den Zeitungen wird der Film vorerst nicht erwähnt, erst zwölf Tage später schreibt ein Blatt: "Für uns Sarajevoaner sind die Aufnahmen von der feierlichen Eröffnung des Hauses Napredak von zweierlei Bedeutung. Erstens ist es der erste und erfolgreiche Versuch der Direktion des 'Imperial Kinos' hier in Sarajevo mit eigenen Apparaten zu filmen. Zweitens werden die Filmbilder in das Filmjournal Pater Frer aufgenommen und in allen größeren Kinos der Welt gezeigt."18 Das es für die Kinoleiter wichtig war eigene Aufzeichnungen dem Publikum vorzuführen, zeigt auch Valić m it seinen weiteren selbstgedrehten Aufnahmen, in denen sich obwohl in der kurzen Zeitspanne von nur knapp zwei Jahren-sein Interesse an visueller Geschichtsaufschreibung herauskristallisiert. So film t er am 26. März Ustoličenje reis-ul-uleme (die Amtseinsetzung des Reis-ul-ulema) in Sarajevo und am I. Mai 1914 die Sozialistische Feier des 1. Mais. Erst mit dem 28. Juni. 1914 entstanden jedoch seine bedeutendsten Aufnahmen, die im Filmgedächtnis eingeschrieben sind und in den 1990er Jahren den serbischen Regisseur Stojanović bewegen, die bosnische Filmgeschichte und die Ereignisse um das folgenschwere Datum zu visualisieren und interpretieren. Valics Aufzeichnungen während und nach dem Attentat von Sarajevo Sarajevo. Die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand lautet der Titel von Valićs Aufzeichnungen, die die Bosnische Post am 4. Juli ankündigt und bekannt gibt, dass sie im Kino Imperial die ganze Woche über gezeigt werden würden. Zwei Tage darauf erscheint eine gemeinsame Anzeige für beide Kinos der Familie Valić. 17 Sarajevski list, 03. 09.1912, zit. n. Slijepčević 1982, p. 300. 18 Zit. n. Kosanović 2003, p. 38; den Namen der Zeitung nennt der Verf. nicht. <?page no="276"?> 276 Irma Duraković jj IMPERIAL-KINO-THEATER S Dk кШет fctJm S E * In Suilcr» Programm für den 6., 7., 8; und 9. Iuli 1914; „ Qaumontwothe. ah »«»». Kakennanihrtt mit 4tm vertllcheeen Eabtttag Pram ГегЉпажЈ. — Der u5t 1914. (Nach dt« trsim AUanlat“ Die PreUamfenaigdei Stai —We TiteMii iueüanleiir, —Des Wlintr Ulebenbeglfijnli 8« Thronfols . .В Д м ^ р ј ј ј ј д о de« loptiIalkiooa). Das Todesgeläute. ^ rama I ^ s Akten. . ' jtin5fcT _ e Hose. U1HfWhJAMM.. «if MHimtaHm-toBc-t. D er Q endarm Dir HlfIniUir WEgUMffllt ■ а а ш ч и а ч и а . . . AP0LL0-K1N0-TH EATER Programm fUr den 6., 7. und 8. Juli 1914; S. M. unser Kaiseru. Königauf einer Inspektionsreise. Uute KimmtTegiapMatlK Auliuhmt- №. [ Neutaie» Se.-u*Uoa*df«4e .Ia 3 Akttn mit Prltz FeWr in der HanptroUg. Der Lumpenbaran. Ein Lustspiel Ia 2 Aktu. m m n k i A b b .l Anzeigevom 6. Juni 1914 fü r Imperial- und Apollo-Kino-Theater, Bosnische Post Zwar werden im Apollo-Kino keine selbstgedrehten Aufnahmen gezeigt, doch das Publikum kann die letzten Aufnahmen von einer Inspektionsreise des Kaisers sehen. Schon zwei Tage nach dem Attentat am 30. Juni 1914 gibt Valić in der Bosnischen Post die Anzeige auf: und erweist damit dem Erzherzog und der Monarchie die letzte Ehre. Dass beide Kinos sich pro-österreichisch zeigen, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass Valićs M utter und sein Onkel Österreicher waren. Das Kinoprogramm, das regelmäßig in der Bosnischen Post erscheint, illustriert, wie oft deutschsprachige Stücke im Programm liefen und wie präsent Militärkonzerte in den Vorführungen waren.19 I M P E R I A L - K I N 0 - T H E A T E R _ Е и и и м Е н а в н и в и и и и а в а и и к к в ч и а д в а а и Е A P O L L O K I N O - T H E A T E R K d e g e s c h lo s s e n . H e u t e g e s c h lo s s e n . Abb. 2 Aus: Bosnische Post Kehren wir aber zurück zu den Aufzeichnungen vom 28. Juni 1914 zurück. Aus der Anzeige der Bosnischen Post geht nämlich hervor, dass Antun Valid den Empfang vor dem Rathaus nach dem ersten Attentatsversuch gefilmt hat, zudem die Proklamierung des Standrechts in Sarajevo und die Krawalle in Sarajevo. Nach seinen Erinnerungen, die er im Jahr 1944 im Hrvatskislikopis veröffentlicht, hat der Pionier seine Aufzeichnungen an das französische Filmunternehmen Eclair für einen guten Preis verkauft. Valid, der nach dem 19 So schreibt die Bosnische Post am 3. August "Patriotische Kundgebung im Apollo-Kino. Bei den sechs gestern stattgefundenen, beinahe durchwegs ausverkauften Vorstellungen im Apollo-Kinotheater löste der patriotische Film Unser Kaiser jedesmal frenetischen Jubel aus. Dasvon der MusikgespieItejGott erhalte' sowie das,Prinz- Eugenlied' wurden mitgesungen und mit Jubel begleitet. Auch der Deutsche Kaiser, der ebenfalls im Film erscheint, wurde stürmisch bejubelt. Das Piogiamm bleibt auch noch heute." Bosnische Post, 0 3 .0 8 .1 9 1 4 . <?page no="277"?> Antun Vaiić und seine Aufzeichnungen rund um das Attentat von Sarajevo 277 Ersten Weltkrieg nach Zagreb zieht und dort weiterhin als Kinooperateur und Kinotechniker arbeitet, greift nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr zur Kamera. Er stirbt 1977 in völliger Anonymität, so dass "niemand von den jugoslawischen Filmhistorikern mit ihm persönlich sprechen konnte".20 Mit seinen ersten Filmversuchen wird er indes als Pionier der bosnischen Filmgeschichte und als der erste bosnische Kameramann gefeiert. Doch da er sein gefilmtes Material, das er seinem Publikum zeigte, selbst geschnitten und geordnet haben muss, wäre sicherlich nicht falsch zu behaupten, dass er auch der erste bosnische Filmemacher war und mit seinen ersten Filmen auch die ersten dokumentaristischen Streifen schuf. "Ein Dokumentarfilm", schreibt Tom Gunning, entsteht erst im Moment, in dem das filmische Material neu geordnet wird, also durch Schnitt und Zwischentitel in einen diskursiven Zusammenhang gestellt wird. Der Dokumentarfilm ist nicht mehr eine Abfolge von Aufnahmen, er entwickelt mithilfe der Bilder entweder eine artikulierte Argumentation, wie in den Filmen aus Krieg, oder eine dramatische Struktur, die auf dem Vokabular der continuity editing und dem Spielfilm entlehnten Gestaltung von Charakteren beruht.21 Obwohl wie bereits gesagt bis dato noch unbekannt ist, wie Valics Film um das Attentat von Sarajevo genau aussieht dazu ist eine detaillierte Nachforschung in den gesamten ex-jugoslawischen Archiven erforderlich kann anhand der Angaben, die wir aus Zeitungen und Anzeigen haben, die Bildersequenz und damit also ein annäherndes Bild des geschnittenen und in seinem Kino gezeigten Films gewonnen werden. Valićs erste Aufnahmen zeigen, wie das erzherzögliche Ehepaar nach dem ersten Attentatsversuch vor dem Rathaus empfangen wird. Interessant ist hier die Zufälligkeit "der flüchtigen Erscheinung",22 die sich in dieser Episode der Kamera und dem Zuschauer zeigt. Während sich das Ehepaar, dass wir zwar nicht direkt sehen können, vorbereitet, den Wagen zu verlassen, um die Treppen hinaufzusteigen, schaut der Chauffeur abwechselnd in Richtung des Paares und hinter sich in jene Richtung, wo sich das erste Attentat abgespielt hat. Nach einem groben Schnitt sitzt er wieder aufrecht, sieht vor sich hin und dann wieder das Ehepaar an. Als der Erzherzog zusammen mit seiner Ehegattin die Treppe hinaufgeht, verlässt auch der Chauffeur mit raschen und nervösen Bewegungen den Wagen. 20 Kosanovic 2003, p. 39. 21 Gunning, Tom: Vor dem Dokumentarfilm. Frühe non-fiction-Filme und die Ästhetik der "Ansicht". In: KINtop 4. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films: Anfänge des dokumentarischen Films. Hg. von Frank Kessler, Sabine Lenk u.a. Basel, Frankfurt am Main: Stroemfeld / Roter Stern 1995, pp. 111-121, hier p. 118. " Kracauer, Siegrfried: Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985, p. 99. <?page no="278"?> 278 Irma Duraković Abb. 3 Loyka schaut nach dem Ehepaar Abb. 4 Das Ehepaar geht die Treppe hinauf Abb. 5 Loyka prüft den Wagen Abb. 6 Und noch einmal Wagencheck Die Nervosität des Chauffeurs Leopold Loyka wird mit der Kamera festgehalten. M it schnellen Schritten prüft er von allen Seiten den Wagen, der nach der folgenschweren Einbiegung,23 die sich nur kurze Zeit später ereignen wird, gemeinsam mit ihm selbst im filmgeschichtlichen Dokument eingeschrieben ist. Verglichen mit den zwei folgenden Episoden "Demolierungen in Sarajevo" und "Proklamierung des Standrechts in Sarajevo" wird augenfällig, wie das Objekt durch die Kameranähe subjektiviert wird. Die Kamera saugt nahezu alle Blicke vorbeigehender junger Männer, Kinder und Frauen ein, die an den demolierten Läden Vorbeigehen. Ein leichter Schwenk in Richtung Gassenlänge zeigt ein sehr imposantes Bild der Verwüstung. An der Gasse, die von Möbeln und Sachen überdeckt ist, stehen Soldaten, während eine weitere Schar der Kamera mit großen Schritten entgegenkommt. "Chauffeur Loyka, der einfach dem Wagen vor ihm folgte, schickte sich zum Einbiegen an. General Potiorek bemerkte zu spät, was vor sich ging und fährt den Chauffeur an, dem Polizeiwagen nicht zu folgen, sondern zurück zum Appel-Kai zu fahren. Während dieser mit den Gängen hantierte, stieg Potiorek auf eines der in jenen Tagen außen angebrachten Trittbretter des Auots, und während dieses fü r einige Sekunden anhielt, und zwar in nur ganz kurzer Entfernung von der Menge auf dem Bürgersteig, gingen die Schüsse los." (Brook-Shepherd, Gordon: Die Opfer von Sarajevo. Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie von Chotek. Übers, von Christian Zinsser. Stuttgart: Engelhorn 1988, p. 328f.) <?page no="279"?> Antun Valic und seine Aufzeichnungen rund um das Attentat von Sarajevo 279 Abb. 7 Neugierige Blicke der Passanten Abb. 8 Demolierungen von Läden Abb. 9 Verwüstete Gasse Abb. 10 ...und Soldaten Und auch in der dritten Aufzeichnung, die zwar nur wenige Sekunden dauert, wird bei der Proklamierung die Kamera direkt in die Masse gesetzt und damit zum Teil des Geschehens. Abb. 11 Bei der Proklamierung Abb. 3 - 1 Г ’ Ausschnitte, die Valic gefilm t hat24 24 Das A ttentat au f den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo, 1914. Sascha-Film / La Revue Eclair, Filmarchiv Austria. <?page no="280"?> 280 Irma Duraković Obwohl bis heute diese Aufzeichnungen nicht näher untersucht und analysiert wurden und sie sogar nicht immer Valid zugeschrieben werden bzw. sein Name, wie Kosanovid bemerkt, nicht immer genannt wird,25 kann man schon anhand der Kameraführung und der Kamerapositionierung so in den letzten beiden Aufnahmen ein bewusstes Ins-Geschehen-Setzen den gleiche Kameramann vermuten. Außer der Frage, wie das Filmoriginal des Imperial-Kinos aussieht, ob Zwischentitel einmontiert sind oder sogar weitere Aufnahmen der Ereignisse nach dem Attentat, bleibt weiterhin die wichtige Frage offen, ob auch tatsächlich nur die oben drei genannten Filme der Filmpionier in der kurze Zeitspanne von 1913-1914 hinterlassen hat. Eine ähnliche Frage stellt sich der serbische Regisseur Nikola Stojanovid in seinem Film Belle Epoque: Wie verlief Valids kinematographischer Werdegang und wie geschah es, dass er am 28. Juni 1914 mit seiner Kamera beim Rathaus war? Belle Epoque oder: Anfang und Ende einer Filmära Stojanovid konzentriert sich in seinem Film auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und darauf, wie die Anfänge des Kinematographen und des Filmpioniers Antun Valid u.a. mit dem Attentat von Sarajevo miteinander verschränkt sind. In bunten Bildern visualisiert der Regisseur die Kinogeschichte der Stadt unter der Flerrschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie. Nicht nur die Attraktion der siebten Kunst wird anvisiert, sondern auch das langsame Absterben des Varietes und der Aufschwung der neuen Technik, die u.a. durch Automobile eine moderne und vielschichtige Stadt zeigt. Dass Stojanovids Protagonist Valid den Umbruch einer Epoche m it seiner Filmkamera dokumentiert, ist in dieser filmischen Interpretation kein Zufall. Auf die Frage, ob die Politik in seinem Film erst an zweite Stelle rückt, sagt Stojanovid für das serbische Blatt Politika: "Dieser Film ist eine künstlerische Vision und in ihm gibt es keine politische Rhetorik. Seit Beginn der Arbeit an dem Film habe ich gesagt, dass es sich nicht um eine Rekonstruktion der Epoche handelt, sondern um eine Rekonstruktion meiner Sicht dieser Epoche. Dadurch habe ich mich von der Politik nicht distanziert, aber meine Sicht gehört der Kunst."26 In seiner Interpretation wird Valid aber zwischen allen möglichen herrschenden politischen Positionen hin- und hergerissen, die hauptsächlich von Frauen repräsentiert sind. An erster Stelle tr itt Valids M utter als selbstbewusste und energische Frau mit 25 Kosanović 2003, p. 40. 26 http: / / www.politika.rs/ rubrike/ intervjui-kultura/ t34227.lt.html (letzterZugriff: 10.01.2015). <?page no="281"?> Antun Valić und seine Aufzeichnungen rund um das Attentat von Sarajevo 281 geschäftlichen Ambitionen hervor, die sich m it der k.u.k. Ordnung arrangiert und eine Affäre m it dem Polizeichef Viktor Ivasjuk hat. Die M utter fördert und ermöglicht Antun eine Ausbildung in Wien. Gleichzeitig versucht ihr Liebhaber ihn als seinen Schnüffler zu gewinnen. Das sehr symbolische Ambiente des Polizeichefs, der in dieser Szene an seinem Tisch sitzt und hinter sich das Porträt des Kaisers Franz Joseph I. hängen hat, soll Valić beeindrucken. Am Beispiel des Schädels von Bogdan Žerajić, der auf seinem Tisch als Aschenbecher dient, will Ivasjuk zeigen, dass alle Jungbosnier Flohlköpfe sind und man sich der herrschenden Ordnung nicht widersetzen soll. Doch bei dem jungen Valić hinterlässt Ivasjuk keinen Eindruck, denn er möchte kein Spion sein und zeigt sich sonst unpolitisch. Auf der anderen Seite versucht ihn seine große Jugendliebe Jovanka Čabrinović, die Schwester des späteren Attentäters Nedeljko Čabrinović, für die Jungbosnier zu gewinnen. Er soll keine Unterhaltungsfilme drehen, sagt sie ihm, sondern Erziehungsfilme, die nicht die Wirklichkeit verdrehen. Um seinen Patriotismus Jovanka gegenüber unter Beweis zu stellen, entschließt sich Valić in Wien den Jungbosniern eine Geheimbotschaft in Versen zu überbringen und lernt so einige der wichtigsten Vertreter nur kurz kennen. An dritter und letzter Stelle der dominanten Frauenfiguren ist noch die Varietekünstlerin Erži zu nennen, die sowohl für den jungbosnischen Ideologen und Aktivisten Vladiimir Gaćinović als auch für Dragu- <?page no="282"?> 282 Irma Duraković tin Dimitrijević Apis, den Chef des serbischen Militärgeheimdienstes und den Führer der Schwarzen Fland, spioniert, dazu aus Wien kommt und den vielversprechenden Nachnamen Jevropa trägt. M it Erži kostet der junge Valić seine ersten sexuellen Erfahrungen aus, und im Gegensatz zu der zielstrebigen Mutterfigur, die nur ihr Interesse um jeden Preis durchsetzen will, und der patriotischen und nach Revolution dürstenden Jugendliebe, unterstützt Erži Valić in seiner künstlerischen Arbeit. So fragt sie ihn am Vorabend des 28. Juni: Erži: Gehst du morgen mit der Kamera zum Empfang? Valić: Du denkst, es wird interessant? Erži: Ich nehme an, dass es unglaublich unterhaltsam sein wird. Du solltest es dir nicht entgehen lassen.27 Da Erži aus Belgrad die Aufgabe bekommt. Danilo llić zu vergiften denn es wird gemeldet, dass die Vorbereitungen für das Attentat abgebrochen werden müssen sie diese Aufgabe jedoch nicht erfüllt, weiß sie, dass am 28. Juni das geplante Attentat verübt werden wird. Sehr schön kommentieren Variete-Nummern einzelne Filmsequenzen, so dass auch im Anschluss an diese Szene Erži singt: 'AufWiedersehen Belle Epoque. Alles hat nun mal sein Ende." Bei Stojanović steht Valić demnach nicht zufällig vor dem Rathaus. Er ist am 28. Juni m it seiner Kamera und dem Kinooperateur Marinetti unterwegs und steht an der historischen Straßenecke, an der Loyka falsch abbiegen und Princip zwei Schüsse abfeuern wird. Während er an dieser Ecke seine Kamera vorbereitet, nähert sich Gavrilo Princip der wartenden Masse und zwischen ihnen beiden, die sich nur oberflächlich kennen einmal geht Valić mit Jovanka zusammen zu llić und trifft dort Princip werden längere Blicke ausgetauscht. Ob Valić etwas weiß, bleibt offen, sicher jedoch ist, dass er etwas ahnt. " S t o j a n o v i ć , N i k o la : Belle Epoque ili Posljednji valcer u Sarajevu (Y U 1 9 9 0 ) 1 : 5 1 : 0 6 . <?page no="283"?> Antun Valic und seine Aufzeichnungen rund um das Attentat von Sarajevo 283 Wie Kosanović schreibt, erwähnt Valid in seinen Erinnerungen nirgends, dass er den Akt des Attentats gefilmt hat.28 Doch bei Stojanovid läuft Valids Kamera sogar noch als Princip fast bewusstlos abgeschleppt wird. j I m Abb. 15. Principwird abgeführt Dass der bosnische Filmpionier dank einem Flinweis einer Varietetänzerin sich entschließt, den Empfang des Erzherzogs vor dem Rathaus zu filmen, und als junger Mann m it den Jungbosniern in Berührung kommt, wird in Stojanovid Film auf eine melancholische Art nuanciert. Denn ganz unpolitisch zeigt sich die Figur des Filmpioniers in Stojanovids Film doch nicht. Obwohl u.a. oben zitierte Kinoanzeigen belegen, dass Valids Kinos nach dem Attentat weiterhin pro-österreichisch bliebt und er ebenfalls selbst Jahrzehnte später sein Unbeteiligtsein am Attentat hervorhebt denn wie alle, wird auch Valid aus der Ankündigung über den Empfang des Erzherzogs in der Vijećnica aus Zeitungen gewusst haben lässt ihn Stojanovid nicht zufällig drehen. "Diese Aufzeichnungen werden auch dann weiterleben, wenn w ir nicht mehr sind", zitiert Valić im Film einen seiner Kollegen. Obwohl der Pionier in Stojanovićs Film wiederauflebt, scheint doch stärker die politische Verstrickung rund um das Attentat in den Vordergrund zu treten als die Gier des Pioniers nach der neuen Kunst selbst. "Für diese Idee haben sie gelebt", sagt Valić über die Jungbosnier, der bis zur Abfahrt des Zuges sein filmisches Dokument bei sich trägt. Interessant ist, dass Stojanovićs Film einer der letzten jugoslawischen Filme sein wird und in einer Zeit eines erneuten Umbruchs entsteht. Zum Blatt Politika sagt der Regisseur: W ir drehten während des Sommers 1990 und als ich die erste Version montie rt habe, waren alle, die den Film gesehen hatten, zufrieden. Als der Krieg anfing, änderten sich auch die Umstände. Wenn wir uns erinnern, hat am 6. April 1992 Deutschland die Unabhängigkeit Bosnien-Flerzegowiens anerkannt, 28 Kosanović 2003, p. 240. <?page no="284"?> 284 rma Duraković genau das Gegenteil von dem, was sich in Sarajevo 80 Jahre früher abgespielt hatte. Über Nacht hat sich das Establishment in Sarajevo verändert, in dem es einen Teil der Geschichte negierte und meinem Film Vorwürfe machte.29 Das Attentat von Sarajevo, wie Stojanovics Vision über die Entstehung der Aufzeichnungen zeigt, ist auch im Filmgedächtnis eingeschrieben. Doch dass die wohl berühmtesten letzten Aufzeichnungen des Erzherzogs und seiner Gattin vor der Vijećnica einem nahezu völlig unbekannten Kameramann zugeschrieben werden, der den Anfang der bosnischen Filmgeschichte markieren wird, scheint noch heute in filmwissenschaftlichen Kreisen von nebensächlicher Bedeutung zu sein. 29 http: / / www.politika.rs/ rubrike/ intervjui-kultura/ t34227.lt.html (letzterZugriff: 10.01.2015). <?page no="285"?> M arina A ntić (P ittsburgh ) "Bosnian Spring": a Young B o s n ia M o v e m e n t 2.0? The History of Uneven Development on the European Margins from Princip to the Plenums Exactly 100 years ago, Gavrilo Princip embodied Bosnia's modernizing, nationalist, and anti-colonial youth's arrival on the world stage. The Molotov cocktails that teenagers hurled at government buildings at the end of January 2014 ignited another popular uprising, but fundamentally different, if not in some ways opposite to Princip's and yet so similar. Both movements were against recently established (neo) colonial orders in the country, the main difference being that the former Young Bosnia movement arose at the beginning of modernization in the region, while the current one arises at the end of the so-called post-socialist transition. This essay presents a comparative, interdisciplinary analysis that relates these two moments in Bosnian history by tracing the history of uneven development that stretched from Princip to today, which isto say, by tracing the history of empires and imperialism in Bosnia and Herzegovina, from late 19th century into the present. What is the real nature of this [native] violence? We have seen that it is the intuition of the colonized masses that their liberation must, and can only, be achieved by force. By what spiritual aberration do these men, without technique, starving and enfeebled, confronted with the military and economic might of the occupation come to believe that violence alone will free them? How can they hope to triumph? (Frantz Fanon1) Once their rage explodes, they recover their lost coherence, they experience self-knowledge through reconstruction of themselves; from afar we see their war as the triumph of barbarity; but it proceeds on its own to gradually emancipate the fighter and progressively eliminates the colonial darkness inside and out. As soon as it begins it is merciless. Either one must remain terrified or become terrifying which means surrendering to the dissociations of a fabricated life or conquering the unity of one's native soil. When the peasants lay hands on a gun, the old myths fade, and one by one the taboos are overturned: a fighter's weapon is his humanity. For in the first phase of the revolt killing is a necessity: killing a European is killing two birds with one stone, eliminating in one go oppressor and oppressed: leaving one man dead and the other man free. (Jean-Paul Sartre2) 1 Fanon, Frantz: The Wretched of the Earth. New York: Grove Press 2007, p. 73. 2 Sartre, Jean-Paul: Preface. In: Fanon 2007, pp. 7-34, cit. p. 21-22. <?page no="286"?> 286 M arina Antić Introduction Gavrilo Princip's legacy is contested: a terrorist, a freedom fighter, a warmonger, a Iiberationist and everything in between. In the days preceding the centennial commemoration of the beginning of World War I in Sarajevo (a series of events funded largely by the European Union and foreign foundations), we witnessed sharp denunciations of the violence of Princip's act. Monarchist nostalgia was on offer as memorial images of the slain royal couple replaced Princip's steps at the infamous Sarajevo corner, while the kitschiest forms of capitalist entrepreneurship prevailed but a few feet away a Franz Ferdinand impersonator offering 'rides' in the royal vehicle replica, all for a modest fee. That the young Bosnian boy smiling on those tourist photos has more in common with Princip than with them, his customers could not imagine. That he perhaps might have the same native hatred of the poverty and backwardness that surrounds him, or that he too could have been one of the kids who had hurled Molotov cocktails at the Bosnian presidency only four months earlier, never crosses the tourist's mind. In the scholarly circles, at the same time, the long-understood distinction between the occasion for the First World War and its cause seems to have slipped away. The media discourse in Princip's home country has tended to veer to the right as post-Dayton nationalist elites define him exclusively through the lenses of their own interconnected nationalist narratives: a Serb nationalist hero celebrated by the Serb elites and despised by the Bosniak and Croat ones. The popular perceptions of Gavrilo Princip and his assassination of the Archduke and the Duchess are more generous, at least insofar as public expression goes. The latter was anecdotally confirmed in the popular reaction to a group of young Bosnians protesting the commemoration on June 28, 2014. Across the river from the newly renovated City Hall where the Vienna Philharmonic Orchestra was playing for the top Bosnian and European political elite, these youths wore Gavrilo Princip masks and held up banners saying 'We are occupied again I' I witnessed Sarajevans approaching them repeatedly, exclaiming 'Good for you! ' and 'finally someone who speaks the tru th ! ' The same scene played out on the corner where Princip's footsteps were once memorialized in concrete, where tw o of the protesting 'Gavrilos' held signs asking 'Where is Gavrilo? ' and 'This is where Gavrilo stood, shot, and removed the occupier' while those passing by sounded the same note of approval. Thus a multitude of narratives seems to be at play here. For one, the scholarly confusion of occasion and cause, or the assassination of the Archduke and the inter-imperialist rivalry in Europe at the beginning of the last century, is based on tw o poles of ahistoricism: first, Eurocentric historiog- <?page no="287"?> The History of Uneven Development on the European Margins from Princip to the Plenums 287 raphy that juxtaposes the 'civilization' of Austria-Hungary with the 'barbarism' of the Balkans; and secondly, monarchist nostalgia based on the reactionary utopian belief that the Yugoslav wars of the 1990s could have been avoided had the imperial rule of Vienna endured in the region. The shortcomings of this type of Eurocentric historicism have been amply demonstrated and catalogued by J. M. Blaut3and I will not repeat them here. The monarchist nostalgia is merely a particular manifestation of the post-socialist European reincarnation of Eurocentric historicism that celebrates a 'united Europe' (sic! ) and attempts to salvage the 'European legacy and civilization.' There are many critiques of this new European project, including my own arguments regarding the Derridian and Habermasian project of 'united Europe' published elsewhere.4 The local discourse about Gavrilo Princip is similarly based on the ahistoricism of its own nationalist rhetoric, which, like many successful ideologies, is based on some truth, namely, that Gavrilo Princip was a Serb and that he was a nationalist.5 However, to identify Princip with Radovan Karadižić or the post-socialist nationalist rhetoric, as the political elites in Bosnia and Herzegovina have done, is to deny any historical development to the national idea or ideology in the last hundred years in the region, and to posit the unchanging and unchangeable Serb nation along with it. To make Princip commensurate with Karadižić or Milošević, one would have to excise much of modern history and development in the region, including the socialist period; transpose Princip's opposition to Austria-Hungary into his opposition to Bosniaks and Croats, as illogical as that sounds; and deny the multi-ethnic nature of the Young Bosnia movement and its antiimperialist goals of national liberation. Not surprisingly, the ideas that allow for such incoherent ahistorical moves are the very foundation of nationalist ideology, namely, that nations originated at some time in the distant past; that they are ahistorical, primary categories of human social organization which travel through time unchanged and unchangeable; and that a Serb nationalist in 1914 is therefore the same as a Serb nationalist in 2014. This essay, on the other hand, posits that Princip and the rest of the Young Bosnia movement belonged to a peripheral modernist intelligentsia, and that their actions, including the assassination, were responses to the Blaut, J.M.: The Colonizer's Model of the World. Geographical Diffusionism and Eurocentric History. New York: The Guilford Press 1993. 1 Antic, Marina: The Balkans and The Other Heading: Identity and Identihcations on the Margins of Europe. In: Spaces o f Identity 6.2 (2006), http: / / www.yorku.ca/ soi/ _Vol_6_2/ _HTML/ Antic.html I take 'Serb' to stand here for Gavrilo Princip's ethnic origin as viewed by both his contemporaries and by today's standards of ethnic and national differentiation in the region. <?page no="288"?> 288 Marina Antić needs of their time and place at the European capitalist periphery. Nothing brought this particular aspect of Princip's legacy better into focus for me more than the recent popular uprising in Bosnia and Herzegovina. In February 2014, the first mass demonstrations in the country since 1992 began as workers' rights protests in the former industrial centre Tuzla and spread throughout the country over the course of two weeks. These new Young Bosnians are, in fact, also peripheral modernists whose movement arose out of socio-economic conditions similar to the ones that pushed the Young Bosnia movement to the world stage in 1914. In what follows, I will elucidate this seemingly spurious comparison of the tw o 'Young Bosnias,' focusing on the socio-economic and political conditions in 1914 and 2014, as well as the cultural and political emancipation presented by these two movements. Princip's Young Bosnia was a movement nurtured on the Herderian concept of 'national enlightenment' and the bitter struggle against the 'old world' empires. It was a moment of Bosnia's modernizing, nationalist, and anti-colonial youth's arrival on the world stage. The Austro-Hungarian Empire proved no less oppressive than the Ottoman one it replaced, and the Bosnian youth, powerless, indigent, and armed with the ideas of national liberation, began plotting its demise. Little did they know that their liberation struggle would spark a world war. And now, the youth in Bosnia are at it again. The Molotov cocktails that the teenagers hurled at government buildings in February 2014 ignited a popular uprising. This generation is different, if not in some ways opposite to Princip's, and yet so similar. This Bosnian Spring of sorts was fundamentally anti-nationalist, even though it preserved some of the same anti-colonial sentiment that inspired Princip to assassinate the Archduke. But while the former Young Bosnia movement arose at the beginning of modernization in the region, the current one arises at the end of the socalled post-socialist transition, a full, if bloody realization of the ideal of 'democracy,' 'market capitalism,' and 'national self-determination' in the ethnicized kleptocracy of post-war Bosnia and Herzegovina. Granted, this movement would not spark a world war, but it did spark a revival of civil society in the short-lived plenums. And yet, even more importantly, it has sparked hope that people can change the conditions of their existence through collective action. Bosnians have proven to them selves, with 93% approval rating for the February events in the Federation and 88% overall, that they can unite and bypass the nationalist bickering that has cemented Bosnia in the impossible post-Dayton no-man's-land.6 6 Većina Građana Podržava Proteste, a Nasilje Predstavlja Preveliku Cijenu Promjena. In: Klix.ba, http: / / w w w .klix.ba/ vijesti/ bih/ vecina-gra dja na-podrzava-protest e-a-n as ilje-predstavljapreveliku-cijenu-promjena/ 140212119. <?page no="289"?> The History of Uneven Development on the European Marginsfrom Princip to the Plenums 289 From Princip to Plenum This parallel between Princip and the Plenums is not as spurious as it might seem. Yes, there are those similarities that follow Marx's dictum of first time as tragedy and second time as farce: 7for example, the first time you get Mr. Kallay, and the second time Mr. Inzko. But there are also similarities in the 'objective conditions' between Princip's time and our own, some of which are deeply structural: the Raiffeisen Bank offers now as then, in the words of another Young Bosnian, that "fata morgana of comfort, security and happiness for all and everyone at reasonable prices and on good credit terms".8While writing of those times, Ivo Andric seems to have been anticipating our own: two thirds of his most celebrated novel covers the precise nature of this fa ta morgana of early, or in our case, late capitalism. One example of such similarity is the only seemingly more bearable state power, such that it hides, in Andrić's words, "all that [is] cruel and predatory" behind "the dignity and glitter of traditional forms."9Thus, the national elites who purport to protect the traditional values of the religious and ethnic life of Bosniaks, Croats, and Serbs, but in reality defraud the Bosnian public with the highest salaries at any level of government, and criminal privatizations after conspiring to devalue all public ownership.10 Andrić continues about Austria-Hungary and capitalism: this new life was not "in any way less subject to conditions or less restricted than in Turkish [or should we say communist? ] times," and the state "got as much or more, even more swiftly and surely."11 Compare, for example, the misuse of public funds by the communist party elites to the corruption rampant in Bosnian political life today. Equally deceiving are the possibilities offered in the new system: wealth is on display, and "the masses of people [can] see something of its glitter, even if only in its trash." The circulation of money on the other hand, "even in the poorest man, induce[s] the illusion that his poverty is only temporary and therefore more bearable."12 And finally, even the desires and gratifications that were now exposed in public and thus seemed more easily obtainable (commodity fetishism in the popular meaning of 7 Marx, Karl: The Eighteenth Brumaire of Louis Bonaparte. Rockville, MD: Serenity Publ. 2008, p. 9. 8 Andrić, Ivo: Na Drini Ćuprija. Sabrana de. Beograd: Prosveta 1976, p. 176. Translabon mine? 9 Ibid. 10 Padalović, Elvir: Grafikon. Poslanici u BiH najplaćeniji u Evropi! In: buka.com, 05.06.2014, http: / / www.6yka.co m/ novost/ 52484/ grafikon-poslanid-u-bih-najplacenijhu-evropi. 11 Andrić 1976, p. 176 [emphasis mine], 12 Ibid. <?page no="290"?> 290 Marina Antić that term), were in fact producing "even more restrictions, order and legal hindrance; vices were punished and enjoyments paid for even more heavily and dearly than before, but the laws and methods were different and allowed the people, in this as in all else, the illusion that life had suddenly become wider, more luxurious, and more free".11 And in the same manner, postsocialist glittering markets, credits, and mortgages seem to make private wealth possible and attainable, but alas, just as illusory, as close to half of unemployed Bosnians today can attest to the fact. Then as now, this capitalist illusion of comfort and possibility also has its dark side, when the market crashes of 1882 and 2008 devastated Bosnia, while the entire system seemed like "a crazy and perfidious game which more and more embittered the lives of more and more people, but in which they could do nothing for it depended on something fa r away; on those same unattainable and unknown sources whence had come also the prosperity o f the firs t years".1'1In other words, just as the arrival of the capitalist empire brought about the illusion of happiness and wealth, so did the economic crash in the centre bring about the economic collapse in the provinces. The larger point being made, of course, is precisely the distance between that centre where all the decisions were being made and the periphery like Bosnia, then and now. This last point is at the heart of my reading of these historical parallels, for it is precisely the history of peripheral, uneven and combined development that explains the uncanny similarities between Princip's times and our own. In what follows, I will offer a reading of this development that includes, rather than occluding, the socialist period. My thesis is that this history of peripherialization continued uninterruptedly since Princip's times, and that we are only now seeing its latest phase. The principal similarity between 1914 and 2014 is the position of Bosnian and Herzegovinian society on the periphery of global capital: then in the form of one 'proper' Austro-Hungarian colony, and now, as is the case with postcolonial nations worldwide, in the position of severe indebtedness to international financial capital with full cooperation of the comprador, post-Dayton elite of Bosnian society. Development of Underdevelopment on the European Periphery: 1914 to 2014 Prior to World War I, regions that would form the first and second Yugoslavia were colonial satellites or dependencies of European empires.1314 13 Ibid, [emphasis mine], 14 Andric 1976, p. 211 [emphasis mine]. <?page no="291"?> The History of Uneven Development on the European Margins from Princip to the Plenums 2 9 1 Slovenia, Croatia and Bosnia-Herzegovina were serving the needs of the Austro-Hungarian monarchy: exporting raw materials and agricultural products and developing only to further facilitate such extraction of goods through, for example the development of transportation infrastructure. On the other hand, Austria-Hungary blocked independent Serbia from establishing protective tariffs necessary for internal development, however corrupt that internal situation might have been at the time. In terms of Western European capital overall, it "developed almost exclusively as usury and trading capital, penetrating and contributing to a transformation of a traditional Ottoman fief-system".15 In Bosnia particularly, "capitalism penetrated agriculture in a more indirect way than it did in the North of the South Slavic region, where Austro-Hungarian imperialism infiltrated the peasant economy and, having ended feudalism, radically transformed it".16The usury and trading capital "seldom influenced the villages and the South Slav peasants' lives directly, but they often made the landowning Muslim lords dependent on [traders and foreign capital]; " the landowners, "in turn increased their exploitation of the peasants through an oppressive quasi-feudal system of land tenure".17 Petrified feudal relations combined with an uneven position in the global capital exchange in the early 20th century led to widespread poverty among the peasants, including the family of young Gavrilo Princip. The pattern of uneven incorporation into structures of global capital had not ceased with the break-up of the occupying empire in 1918. Following WWI, interwar Yugoslavia had such serious internal problems that, in Schierup's words', it "was incapable of implementing a strong and independent foreign policy and was thus unable to achieve one of the most important preconditions for independent socio-economic development, namely a settlement with imperialist domination".18 Specifically, foreign ownership of the richest mineral resources and export of raw, unfinished products to the more developed countries characterized the dependent position of the newly established state.19 French and British interests owned copper, lead and zinc mines, and by 1940 controlled between 75% and 90% of all mining, metal-extracting and chemical industries.20 Foreign 15 Schierup, Carl-Ulrik: Migration, Socialism, and the International Division of Labour. The Yugoslavian Experience. Brookfield et a t: Gower 1990, p. 31-32. ,I: Ibid. 17 Ibid., p. 32. 18 Ibid., p. 35. 19 Cf. ibid., p. 37. 20 Cf. Singleton, Frederick Bernard / Carter Bernard: The Economy of Yugoslavia. London; New York: Croom Helm / St. Martin's Press 1982, p. 66; Schierup 1990, p. 38. <?page no="292"?> 292 Marina Antić control of the royal economy was also evident in international debt. As Singleton states: The state borrowed heavily abroad; large parts of industry were either under direct foreign ownership or their activities were circumscribed by agreements with foreign cartels; and finally, the predominance of Germany after 1935 as the principal trading partner gave that country and its Nazi rulers an overwhelming influence on YU economic development.21 All of these examples are typical of combined and uneven development on the periphery of global capitalism and they hold true for interwar Yugoslavia as much as for any Third World country. It should come as no surprise then that the narrative of Yugoslav resistance to Nazi occupation once again took the form of a national liberation struggle. The armed fight was waged against the Nazi occupiers, while the political struggle included an anti-colonial program of resisting foreign economic domination. The communist leadership materialized this anticolonial program with nationalization of all industry and mines immediately after the war. The second, socialist Yugoslavia, upon inheriting a colonial pattern of development from the first Yugoslavia, and having suffered the devastation of World War II, faced long odds at developing into an independent socialist state. Like other peripheral countries of global capital, Yugoslavia had to answer the first and only question of every developing nation: whether to develop its industry towards export production and thereby gain capital necessary for development, or to turn to allies for the capital needed and develop industrially for its own needs. Yugoslavia, like many newly decolonized countries, chose the latter but was pushed into the form er by the USSR's decision to break ties with Yugoslavia in 1948. Left to their own devices, with no help from friendly powers, the Yugoslavs turned to capitalist countries for help. The centres of global capital negotiated the terms by which Yugoslavia could obtain capital from them, which included compensation for all nationalized industrial property and cooperation with international financial institutions, i.e., a rollback of the nationalization project. Unlike most other socialist states, Yugoslavia was forced very early into integration into global capitalism with all this entailed: International Monetary Fund (IMF) and World Bank membership, lines of credit on beggar's terms and imposition of structural adjustments to internal policies of the state, all of which only deepened the pre-war pattern of combined and uneven development. 21 Singleton / Carter 1982, p. 69. <?page no="293"?> The History of Uneven Development on the European Marginsfrom Princip to the Plenums 293 However, this arrangement worked well for Yugoslavia as long as it was allowed to have protective tariffs for nascent industry, for roughly 20 years, resulting in fast and successful industrialization. The capital contraction in the centre following the end of the Bretton Woods agreement and the oil shocks of the 1970s, however, led to Yugoslavia's rising debt and gradual but steady loss of sovereignty in the economic realm. As was the case with most developing countries, Yugoslavia was indebted to Western banks and governments, producing for export in order to continue servicing its debt and in that way taking away capital needed for further development. The General Agreement on Tariffs and Trade and the IMF controlled much of the internal economic conditions, continued the protectionism and outright economic warfare by Western states, all the while preaching marketization and free trade at all costs. To make matters worse, the Yugoslav international account was divided among the republics in 1975, while the federal government remained the main guarantor of all international borrowing.*22Coupled w ith the rising regionalism, this move almost guaranteed bankruptcy and, importantly, the break-up of the state along republican lines. The 1980s were a ruinous decade for Yugoslavia, as they were for many form er colonial countries. As the Cold War was coming to an end and with it Yugoslavia's strategic value to the US was declining, the international economic system of unbridled free markets was allowed to exert itself fully over Yugoslavia. Combined with its internal socio-economic divisions and a decentralized federation, this spelled an end to the Yugoslav state as such. Following another devastating war, the process of transition from social ownership of the means of production (that is, workers self-management) into free market capitalism has crippled former Yugoslavia, including Bosnia. Just one illustration will do: while Yugoslav foreign debt in 1990 totalled $18 billion (or $32.2 billion in 2012 dollars) with a debt to GDP ratio of 13.18%, the 2012 total for the same geographic region amounted to $177.86 billion with a debt to GDP ratio of 100.7%.23 Drastically higher 22 Woodward, Susan L: Socialist Unemployment. The Political Economy of Yugoslavia 1945 - 1990. Princeton: Princeton UP 1995, pp. 252-253. 22 Slovenia, as the first to accede to the EU, bears the heaviest burden: $61.23 billion or 134.9% of its GDP; Croatia follows with $66.3 billion and 118%; followed by Serbia ($31.53 billion or 82.7%), Macedonia ($6.6 billion or 68.9%), Bosnia and Herzegovina ($10.54 billion or 62.5%), Montenegro ($1.2 billion or 29.6%), and the most recent addition, Kosovo with $.466 billion or 7.2% of its GDP. All GDP data is from the World Bank's World Development Indicators Structure of Output (cf. World Bank: World Development Indicators. Structure o f Output. 14.12.2014, http: / / wdi.worldbank.Org/ table/ 4.2). All external debt data is from the Central Intelligence Agency's The WorldFactbook, https: / / www.cia.gov/ library/ publications/ the-world-factbook/ ; all 1990 data re: Yugoslavia stems from the 1991 edition of this factbook. <?page no="294"?> 294 MarinaAntic indebtedness and ever more draconian austerity measures have made it abundantly clear that South Eastern Europe has not been 'transitioning' into Europe proper, but into a peripheral zone of global capital, characterized by the precarious existence of most of its citizens. In Bosnia and Herzegovina, today's GDP to debt ratio is closer to 45%, while the foreign debt has doubled to about 3.5 billion euros. The path out of what is colloquially known as debt slavery, as Kadrija Hodžić, in an interview with Radio Free Europe, said, lies in changing the current and imposed neoliberal path of economic development. In its stead, a policy of economic development based on production and protection of the overexposed native market, coupled with changes in monetary policy, is the only conceivable way forward for the Bosnian economy.24 However, the 'bad Samaritans' of international financial institutions have no intention of allowing such changes to Bosnian economic policy even if the local elites could be made to endorse such an approach, as the recent Compactfo r Growth and Jobs indicates.25The Delegation of the European Union to Bosnia and Herzegovina effectively the gatekeepers to the promised EU accession for Bosnia produced this document in May 2014, detailing six urgent measures "that would re-ignite the process of modernising the economy."26 It reads instead as the brochure for deepening the neo-liberal intervention already responsible for the devastating conditions on the ground in Bosnia and Herzegovina during the last twenty years.27 The Compact "advises" reductions in government expenditures; "efficiency improvements," i.e., cuts in the health and pensions systems; increase in sales taxes; elimination of seniority in labour contracts; "harmonising" labour legislation; "reforming" collective bargaining; improving the business climate by "streamlining tax procedures; " "stronger insolvency framework to make resolution faster and restructuring easier," i.e., allow for even faster criminal privatizations; and raising the effective retirem ent age.28As The Compact reads, these "reform measures would be implemented by governments after the October [2014] elections".29They have been endorsed by the international financial institutions and the Eu- 24 Nikolić, Maja: Hodžić: BiH klizi ka dužničkom ropstvu. In: Radio Slobodna Evropa, 15.12.2014, http: / / www.slobodnaevropa.org/ content/ hod%C5%BEi%C4%87-bih-klizi-kadu%C5%BEni%C4%8Dkom-ropstvu/ 25307567.html. 25 The full text of The Compact fo r Growth and Jobs can be accessed under: http: / / europa.ba/ News.aspx? newsid=7261&lang=EN. 2,1 Ibid. 27 Ibid. 28 Ibid. Ibid. 29 <?page no="295"?> The History of Uneven Development on the European Marginsfrom Princip to the Plenums 295 ropean Union who have plans ready "to assist with their implementation and to provide financial assistance to alleviate their short-run effects".'0 These short-term effects would be a drastic drop in the already extremely low standards of living in Bosnia. To make matters worse, the June 2014 IMF Letter o f Intent furthermore endorsed new labour laws to, at a minimum: (i) require all collective bargaining agreements to be time-bound, and with sector-specific collective agreements applying only to those enterprises and workers that want to be part of the agreement; (ii) allow differentiated wage setting based on skills, qualifications, experience, and performance; (iii) reduce disincentives for hiring; (iv) step up labor inspections and increase penalties for labor law violations; and (v) protect workers' rights consistent with HO labor standards and EC labor directives.3031 The fight over the new labour law was building up as the unions were actively opposing many of these provisions, including 182.2 that would invalidate all collective agreements unless they are modified to agree with the new law, thereby denying decades of hard-won labour rights and protections. As Kenan Mujkanović of the Metalworkers Union says: We've seen a similar process in Croatia and Serbia, where the [IMF and World Bank] and rating agencies claimed an unacceptably high index of legal protections for workers, as they claim this about us now. [...] Recently, the British Ambassador in Bosnia and Herzegovina, Edward Ferguson, said that the high price of labour in BiH is the cause of our low competitiveness, and a barrier to new investments and job creation. This claim hardly deserves serious consideration, as we know that the average salary in the real sector is between 500 KM and 600 KM, while the consumer basket for a family of four is 1,800 KM a month. However, this statement also clearly points to the interest and significant role the international community plays in the creation of future conditions in labour relations [in Bosnia and Herzegovina].32 In the 1980s, the international partners (IMF, World Bank) proposed a similar neoliberal economic course for Yugoslavia a series of policies later denounced not only for their utter failure to bring about development, but for actually heightening and speeding up the economic collapse of the federal state.33 30 Ibid. [Emphasis mine.] 31 The full text of the Letter o f Intent can be found at http: / / www.imf.org/ external/ np/ loi/ 2014/ bih/ 061314.pdf. 32 Dajić, Mirza: Kenan Mujkanović, pravnik u sindikatu metalaca BiH: sa socijalizmom koketiraju poslodavci, a ne radnici. In: Oslobođenje, 14.12.2014, http: / / www.oslobodjenje.ba/ intervju/ kenan-mujkanovic-sa-socijalizmom-koketi raju-poslodavci-a-ne-radnici. 33 E.g. see Boughton, James M.: Silent Revolution. The International Monetary Fund 1979- 1989 (2001), https: / / www .imf.org/ external/ pubs/ ft/ history/ 2001/ . <?page no="296"?> 296 MarinaAntic What began as modernization by means of colonization in Bosnia in 1878 is reaching the final stages of peripheral uneven development: high indebtedness, imposed austerity measures, foreign direct ownership and free trade to the detriment of native development. While the rhetoric of free market capitalism, combined with an illusionary sense of democratic governance, seems to still woo some Eastern Europeans (for example, Ukrainians), it seems the Bosnians have finally learned their lesson. The protests of February 2014 and the plenums demonstrated that the majority of people understand that this economic and political system is not only fundamentally dependent on the centre and thus unaccountable to the local public, but also that the ethno-nationalist divisions that have paralyzed the country for 30 years must be bypassed if Bosnia is to thrive. As is to be expected, the most North-Western former Yugoslav republic also led the charge in the current wave of protests in former Yugoslavia: the first protests of this different type began in Slovenia in 2011. Starting in large industrial centres like Maribor, and focusing on the very real material consequences of the EU 'transition/ these protests mobilized the energy of the social and economic 'losers'. The former Yugoslav workers have been left behind, as their factories were first illegally appropriated by the state, then artificially devalued, sold in often criminal and corrupt privatization processes, and having been run into the ground by the 'privatization' mafia are now literally cut up and sold for scrap metal, leaving hundreds of thousands of unemployed. What had began in Maribor now spread to Bosnia in 2014, starting once again in industrial centres like Tuzla. What we had on display then, is the worst nightmare of the guarantors of the post-socialist 'transition': the masses of people awakening from this ahistorical, nationalist slumber that we know as the rhetoric of a return to Europe, realizing that the promise of European prosperity cannot apply to the peripheries. Monarchist Revisionism and the Making of the Bosnian Native That was a generation of rebel angels, in that short moment while they still had all the power and all the rights of angels and also the flaming pride of rebels. These sons of peasants, traders or artisans from a remote Bosnian township had obtained from fate, without any special effort of their own, a free entry into the world and the great illusion of freedom. [...] What could especially be said of them was that there had not been for a long time past a generation which with greater boldness had dreamed and spoken about life, enjoyment and freedom and which had received less of life, suffered worse, was more enslaved and perished more often than had this one.34 34 Andric 1976, p. 232. <?page no="297"?> The History of Uneven Development on the European Marginsfrom Princip to the Plenums 297 The starving peasant, outside the class system, is the first among the exploited to discover that only violence pays. For him there is no compromise, no possible coming to terms; colonization and decolonization are simply a question of relative strength.35 The monarchist revisionism that has gone hand in hand with nationalist construction of Gavrilo Princip rests on the construction of the native as such. The violence of the young Bosnian peasant against the symbol of not only the regime that has created these conditions of almost unimaginable poverty, but also of the perpetuation of that regime in royal succession, is now as then, marked as barbaric, terrorist, bloodthirsty, and above all inhumane. The native man, upon whom violence has been impressed as the condition of his very existence, is ironically called out for responding to such violence w ith violence. The discourse of humanity is mobilized in such judgments of Princip's act, ignoring the inhumanity of the very presence of the colonizing force in Bosnia and the very real connection this occupation had with the far more successful and brutal colonisations of Africa, decided at that very same Berlin Congress in 1878. Much in the same way as the British were scandalized by the 'brutality' of the Mau Mau rebellion in Kenya, or the French by the violence of Algerian resistance, so were the Austrians by the political assassination of the heir to the throne. At the same time, the republicanism constitutive of modern Europe is passed over in judgments of the assassination. For how is one to deal with those whose claim to legitimacy as the head of state is nothing but their very existence? What is far more fascinating in Princip's act is his persuasion that an act of violence against the colonizing state can help bring about its end. Flis conviction rests in what Frantz Fanon proposes in The Wretched o f the Earth: that the native, if he is ever to become human, must first exert violence against the settler (see quotation above). The fact that this notion sounds scandalous today is only testament to how little the discourse of European humanity and native inhumanity has changed since 1961 when Fanon wrote about Algeria. Becoming native is a matter of active construction of the native by the colonizing power. The Austro-Flungarian administration in Bosnia did so in a farcical attempt at imitating the centres of global capital and colonization. The Flabsburg Empire remained a mercantile empire whose competition with the developing capitalist empires in the centre was destined for failure. In one last attem pt to play up its significance in the symbolic economy of colonial competition, Austria-Flungary attempted to imple- 35 Fanon 2007, p. 84. <?page no="298"?> 298 MarinaAntic ment its own mission civilisatrice, but in the comically insignificant Bosnia and Herzegovina. It managed to spark a World War in the attempt. That the rebellion against the occupying empire took the form of nationalism is not surprising either, considering the general state of European politics and philosophy in the late 19th century. While Princip's motivations today are being evaluated from the standpoint of inter-ethnic conflict in 1990s Bosnia and Herzegovina, we would be wise to keep in mind that the enemy of Princip's nationalism was first and foremost the Austro-Hungarian occupying empire, and with it, the catastrophic socio-economic conditions for the vast majority of Bosnia's agricultural population. Today's monarchist revisionism follows the well-trodden path of colonial apologetics that in the immediate aftermath of decolonisations proclaime in a self-satisfied tone: 'See, everything is worse since we left! ' conveniently forgetting that the very socio-economic conditions in the postcolonial period were created by the colonizing powers and maintained even after decolonisations by the global regime of capital markets, centres, and peripheries. Today, one can hear not infrequently from both Ottoman and Austro-Hungarian Empire revisionists that the interethnic violence in Bosnia was the reason why they occupied Bosnia to begin with, and that the latest carnage just might have been prevented had the old empires survived these nascent and ugly ethnic nationalisms. Both, of course, conveniently forget that ethnic violence "should [...] be seen not as expressive of primordial ethnic differences, but as a response to unstable historical conditions that catalyzes essentialist identities be they ethnic, generational, gender, class, or urban-rural ones".36 In other words, the savagery of the fratricidal war was not a result of some essentialist nature of Bosnia and Bosnians better managed by foreigners, but rather, a response to the historical conditions, namely the collapse of the federal state and the economy of the 1980s, and the rise of nationalisms that catalyzed ethnic essentialist identities and narratives in its bid for power in the 1990s. Be it in the Balkans or Bantustans, as Rob Nixon points out, the construction of the native (primordial, ethnic, racial, violent, barbaric, etc.) is the very ground upon which the logic of colonialism and imperialism rests.37 The recent Bosnian uprising shows that the Bosnian native the one whose primordial hatred and violence is to be managed by the Dayton Peace Agreements, High Representatives, Delegations of the European Union and the like is ready to become human once again. Recognizing 56 Nixon, Rob: Of Balkans and Bantustans. In: Transition 60 (1993), pp. 4 -2 6 . 57 Cf. ibid., p. 14. <?page no="299"?> The Historyof Uneven Developmenton the European Marginsfrom Princip to the Plenums 299 each other as rightfully meddling in their own lives, disrupting business as usual, concerning themselves with politics, and bypassing the nationalism of the elites, the protesters of February 2014, the Young Bosnia 2.0, were ready to take front stage in Bosnian politics once again. Flere is one of the spokespersons of this new Young Bosnia, the hip-hop artist Frenkie38, summarizing the anti-nationalist and anti-imperialist inspiration for the protests in February 2014; it only indicates the long-standing nature of the Bosnian youth's disenchantment with the current regime: Izgubljen narod, smrdi mržnja i barut U kriznom smo stanju, odavno Treba sa snagom da krenemo hrabro Sa dignutom glavom kroz branu ravno A people lost, the stench o f hatred and gunpowder In a crisis statefor long We should go bravelyforth, with power Head held up high, straight through the wall Buržoazija njihova nacija Kapital trajna okupacija Pravila nisu ista za sve, upali um Pitam se gdjeje "bailout" za Somaliju Gori Wall Street i gori MMF Gori svaka banka i svaki sef Gori Brisel i gori Washington Gori, gori, gori Babilon Bourgeoisie is their nation Capital, permanent occupation The rules are not the samefo r all I wonder where's the bailoutfo r Somalia Wall Street is burning, IMF is burning too Every bank on fire, and every safe too Brussels is burning, Washington is burning too Burning, burning, burning Babylon Ja optimista sam do kraja skroz lako svjetlo na kraju tunela može b iti voz Umjesto zida napravit ću most Ako misliš isto budi mi gost Neće niko doć, neće ništa past s neba ti M i smo ti koje smo čekali Neće niko doć, neće ništa past s neba ti M i smo ti koje smo čekali I'm an optimist all the way to the end Even if the light at the end o f the tunnel could be a train Instead o f a wall. I'll build a bridge Be my guest, i f you think the same No one will come, nothing willfa ll from the sky We are the ones we've been waitingfo r No one will come, nothing willfa llfrom the sky We are the ones we've been waitingfo r 38 Frenkie: Gori. In: Troyanac.Tuz\a\ FmJam Records 2012 [English translation mine]. <?page no="300"?> 300 Marina Antić Gori Dejton, gore Laktaši Dayton is burning. Laktaši are burning Gore njihovi, gore naši Theirfolks are burning, ourfolks are burning Gori Tuzla, vatrajebena Tuzla is burning, a damn goodflame Gore čak i Panonskajezera Even the Pannonian lakes are on fire Gore bašte, gore kafići Patios are burning, cafes are burning Gore pozorišta i umjetnici Theatres are burning, artists on fire Gori B i gori H Bjosnia] is burning, Hjerzegovina] is burning Goriš ti i gorim ja You are on fire, I am on fire too Post Scriptum Today, the sophistication of capitalist centres is not to be underestimated. The same group that is responsible for the development of underdevelopment known as Compact fo r Growth and Jobs designed a brilliant local campaign against the protesters and the new Young Bosnia movement. Just prior to the centennial, Sarajevo was covered with billboards displaying a common, simple 'advice' in local jargon: "Gledaj od čega ćeš živjet! " (Concern yourself with how you'll make a living). With only the website for the conference that was to produce the Compact later in May 2014 in small print at the bottom of the billboards, the implication was that it had somethingto do with the creation of jo b s th e main preoccupation o fth e vast majority of Bosnians today. What was conspicuously missing on the billboards was the second part of that local saying, usually something along the lines of: "a ne kako ćeš rušiti vladu! " (...and not how you'll bring down the government). Because, the local saying that starts with those five words usually ends in more 'sensible' advice not to rock the boat: "Gledaj od čega ćeš živjet a ne politiku I" (Concern yourself with how you'll make a living and not with politics! ), or "Gledaj od čega ćeš živjet' a ne petljaj se gdje ti nije mjesto! " (Concern yourself with how you'll make a living, and quit meddling into others' business! ) and so on. Subtle or not, the advice o fth e international community was clear: do not concern yourself with politics, protests, and the like, that's for others to decide. Keep worrying about your daily survival and we'll take care of the rest. In light of that campaign, the lofty pronouncements by the representatives of the international community during the February 2014 protests sound awfully hollow, but rather familiar. That is to say, when the <?page no="301"?> The History of Uneven Development on the European Marginsfrom Princip to the Plenums 301 natives begin to rebel and take things into their own hands, the imperialists are quick to declare 'independence' or support a 'moderate' national campaign, for fear of more radical and more effective native rebellion taking over the political scene. Hence the pleadings of the international community for peaceful protests, peaceful demonstrations, etc. They forget that tw enty years of peaceful protests have proven fruitless to the vast majority of Bosnians. <?page no="303"?> NARRATIVE DES ATTENTATS VON SARAJEVO IN ZENTRALEUROPÄISCHEN KULTUREN <?page no="305"?> B oris P revišić (B asel ) Ideologisierung historischer Rekonstruktion Der M ehrw ert literarischer Rekonstruktion des 28. Juni 19141 After having attempted an periodical overview over the last hundred years of cultural narration which tries to make sense of the Sarajevo assassination, there are two interesting findings: I. Periods of a rather literary discourse alternate with such of a more historiographical character. 2. Both discourses become more and more ideological and polarize Europe as a result of more and more developed narratives. It remains to analyse the connection between certain types of narration and their level of ideologisation. Überblickt man die hundert Jahre Aufarbeitung des Attentats von Sarajevo, sind zwei Befunde erstaunlich: So lösen sich zum einen eigentliche 'Epochen' literarischer und dann wieder historiografischer Aufarbeitungen ab; zum anderen werden beide Diskursformen mit der zeitlichen Distanz nicht 'objektiver' und 'nüchterner', im Gegenteil um es mit Milo Dor zu formulieren: "Über kein Ereignis in der Geschichte hat man so viel und mit so viel Leidenschaft und oft unverhohlenem Eiaß geschrieben wie über das Attentat von Sarajewo [...]." 2 Sowohl der literarische als auch der historiografische Diskurs werden immer ideologischer, was sich als europäischer Erinnerungsgraben entlang der ehemaligen Kriegsbündnisse - Entente vs Mittelmächte mitten durch ganz Europa zieht, wobei durchwegs auch Selbstbeschuldigungen und Fremdentlastungen zur Tagesordnung gehören: Man denke in diesem Zusammenhang an die herausragenden Beispiele, an Fritz Fischers Griff nach der Weltmacht, worin er 'seinem' Land die alleinige Schuld am Ersten Weltkrieg zuweist,3 oder an Christopher Clarks The Sleepwalkers, worin er das Deutsche Reich wieder entlastet, indem er einen Zusammenhang zwischen großserbischem Wahn, der später zum Genozid in Srebrenica führen sollte, und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs suggeriert.4 1 Dieser Beitrag bildet einen hier leicht erweiterten -T e il in der kleinen Monografie Previšić, Boris: Das Attentat von Sarajevo. Ereignis und Erzählung. Hannover: Hohesufer 2014. 2 So das Vorwort zu Dor, Milo: Die Schüsse von Sarajevo. Roman. Nördlingen: Beck 1989, p. 7. Fischer, Fritz: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/ 18. Düsseldorf: Droste 1961. 1 Clark, ChristophenTheSIeepwaIkers. How EuropeW enttoW arin 1914. London: Penguin 2012. <?page no="306"?> 306 Boris Previšic Folgender Beitrag weist zwei Teile auf: In einem ersten deskriptiven Abschnitt werde ich anhand eines relativen großen Korpus das dichotomische Muster von literarischer und historiografischer Aufarbeitung aufzeigen. Im zweiten Teil geht es dann darum zu plaubilisieren, worin der Mehrwert literarischer Bearbeitungen bestehen könnte. Es geht mir dabei nicht darum zu behaupten, Literatur sei weniger ideologisch untermauert. Im Gegenteil: Beide Beispiele, auf die ich ausführlicher eingehen werde, sind hochgradig ideologisiert. Doch sie relativieren ihre Position in spezifischen literarischen Verfahren die sich letztlich auch die Historiografie vermehrt zu Herzen nehmen und aneignen könnte. 1. Literarisch-historiografische Komplementarität und Ideologisierung der Diskurse In der chronologischen Anordnung der verschiedenen 'Erinnerungsschübe' an das Attentat über die letzten hundert Jahre wird vor allem eines deutlich: Historiografische und literarische Aufarbeitungsphasen sind nicht direkt ineinander verzahnt, sondern lösen sich in den meisten Fällen im 10bis 20-Jahre-Rhythmus ab oder bilden eigentliche Konzentrationspunkte. Abgesehen von einzelnen Quellentexten steht der 28. Juni 1914 in der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg zunächst nicht im Vordergrund. Erst m it der Einspeisung der wichtigsten Quellen zum Kriegsanfang, mit Luigi Albertinis Le origini della guerra 1914 aus dem Jahre 1943 und dem Folgejahr beginnt eine längere gut vierzigjährige Periode, in der man vermeint, das Ereignis immer genauer in den Blick nehmen zu müssen um dadurch den oder die am Krieg Schuldigen eruieren zu können.5 Die literarisch-historiografische Erinnerung vom Ereignis bis heute lässt sich m it relativ hoher Evidenz in sieben Phasen einteilen: 1) Direkte Reaktionen innerhalb der ersten zehn Jahre sind neben Verhörprotokollen und Berichten vor allem literarische Zeugnisse. Dazu gehört die Verehrung Franz Ferdinands in Hermann Bahrs Roman Himmelfa h rt aus dem Jahre 1916. Darin bildet die Nachricht vom Attentat wie auch in vielen anderen Erzählwerken, z.B. in Joseph Roths Radetzkymarsch die eigentliche Klimax in der vergeistigten Liebesgeschichte des Protagonisten Franz. DerThronfoIger wird als der neue Christus inszeniert: "Franz Ferdinand. [...] In den zwei Worten stand die neue Zeit da. [...] Ja, sie ist 5 Albertini, Luigi: Le origini della guerra del 1 9 1 4 .1. Vol.: Ie relazioni europee dal congresso di Berlino all'attenlalo di Sarajevo, 2. Vol.: la crisi del Iuglio 1914. Dall'attentato di Sarajevo alia mobilitazione generale dell'Austria Ungheria, 3. Vol.: l'epilogo della crisi del Iuglio 1914. Le dichiarazioni di guerra e di neutralitä. Milano: Bocca 1943 1944. <?page no="307"?> Der Mehrwert literarischer Rekonstruktion des 28. Juni 1914 307 schon da, man fühlt sie schon überall im Lande; sie ist nur gerade jetzt noch auf der Jagd oder fährt auf dem Meer [...]."6So ironisch die Anspielung auf die häufigen Reisen und die Jagdexzesse des Thronfolgers hier in unseren Ohren auch tönen mag: Das 'Prinzip Franz Ferdinand' und damit das föderale Volksprinzip der 'vereinigten österreichischen Nationen' wird im Folgekapitel transzendiert: "Er mußte nun ganz hinüber, [...] um in Erfüllung zu gehen."78Zu dieser ersten literarischen Phase gehört natürlich auch Jaroslav Hašeks Verwechslungsgeschichte und die erste Verhaftung des Protagonisten zu Beginn des Schwejka 2) Darauf folgt eine zweite Phase der intensiven historiografischen Aufarbeitung. Innerhalb von drei Jahren erscheinen die ersten Standardwerke zum Kriegsausbruch, insbesondere diejenigen von Fay und Schmid.9 3) Phase drei ist lediglich als kurzes literarisches Intermezzo zu verstehen, welches aber im größeren Kontext des sich ankündenden Nationalsozialismus die imperiale Epoche vor dem Ersten Weltkrieg nostalgisiert und das Attentat als Anfang des Endes markiert. Dazu sind die einschlägigen Romane von Friedrich Oppenheimer, Bruno Brehm, Joseph Roth, Jozef W ittlin und Ludwig Winder zu zählen. Sie alle erscheinen im kurzen Zeitfenster zwischen 1931 und 1937.10 6 Bahr, Hermann: Himmelfahrt (1916). Hildesheim: Borgmeyer 1927. 7 Ibid., p. 367, p. 319f. 8 Hašek, Jaroslav: Osudy dobreho vojaka Švejka za svetove välky [Die Schicksale des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges], Prag: Adolf Synek 1921-1923. 9 Vgl. dazu Krumeich, Gerd: Juli 1914. Eine Bilanz. Paderborn: Schöningh 2014, p. 10. Er verweist dort auf: Fay, Bradshaw Sidney: The Origins of the World War. 2 Vols. New York: Macmillan 1928 sowie Schmid, Bernadotte Everly Schmid: The Coming O fT he War, 1914. 2 Vols. New York: Scribner 1930. Auffallend sind weitere IiistorischeAufarbeitungen insbesondere in Deutschland: Nikitsch-Boulles, Paul: Vor dem Sturm. Erinnerung an Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand. Berlin: Verlag für Kulturpolitik 1925; Fischer, Eugen: Die kritischen 39 Tage. Von Sarajewo bis zum Weltenbrand. Berlin: Ullstein 1928 oder Jux, Anton: Der Kriegsschrecken des Frühjahrs 1914 in der europäischen Presse. Berlin: Hendrick 1928. Ebenso in der Sowjetunion mit Poletmika, Nikolaj: Сараевское убииство. Исследование no истории австросербских отношении и балканскои политики России в период 1903-1914 гг [Der Mord in Sarajevo. Studie zur Geschichte der österreichisch-serbischen Beziehungen und zur Balkanpolitik Russlands in den Jahren 1903 bis 1914], Moskau: Mysl' 1930. Dazu gehören auch die Augenzeugen berichte wie derjenige von Tartaglia, Oskar: Veleizdajnik [Hochverräter], Moje uspomene iz borbe protiv crnožutog orla. Zagreb, Split: Albrecht 1928 bzw. von Pappenheim, Martin: Gavrilo Princips Bekenntnisse. Ein geschichtlicher Beitrag zur Vorgeschichte des Attentats von Sarajevo (1916). Wien: R. Lechner & Sohn 1926. Dieser Beitrag dient der jüngsten Biograhe zu Gavrilo Princip als Grundlage: Mayer, Gregor: Verschwörung in Sarajevo. Triu mph und Tod des Attentäters Gavrilo Princip: Salzburg, Wien: Residenz 2014. 10 Oppenheimer, Friedrich: Sarajevo. Das Schicksal Europas. Roman. Wien: Phaidon 1931; Brehms, Bruno: Apis und Este. So fing es an. Ein Franz Ferdinand Roman. München: Piper 1931; Roth, Joseph: Radetzkymarsch. Berlin: Kiepenheuer 1932; Wittlin, Jözef: Sol ziemi <?page no="308"?> 308 Boris Previšić 4) Eine zweite historiografische Aufarbeitung folgt in der vierten Phase in und nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier finden wir die eigentlichen Klassiker wie den bereits genannten Luigi Albertini, aber auch Fritz Fischer und Vladimir Dedijer.11 Darin kündet sich eine weitere künstlerische Auseinandersetzung m it dem Stoff an.12 5) Auf die größtenteils historiografische Aufarbeitung folgt eine hochgradig ideologisierte fünfte Phase, die sich durch ein Ineinander von hoch literarischen, essayistischen und populärwissenschaftlichen Werken auszeichnet: In Ingeborg Bachmanns letzten vor ihrem Tod noch fertiggestellten Erzählung Drei Wege zum See schenkt die Protagonistin Elisabeth ihrem Vater Dedijers Monografie The Road to SarajevoT3 Ingeborg Bachmann konterkariert damit die nostalgisierende Sicht auf den 'Habsburgischen Mythos', den sie m it der Übernahme von Joseph Roths Figurenarsenal einspeist. Der österreichische Journalist Friedrich Würthle hingegen behauptet m it dem bis heute im deutschsprachigen Raum immer noch gültigen Standardwerk zum Attentat das Gegenteil: Die Spur fü h rt nach Belgrad.111Darauf reagiert wiederum Milo Dor mit seinem Dokumentarroman, auf den wir noch genauer eingehen werden: Die Schüsse von Sarajevo. Darin lässt Dor den dem Helden des Romans höchst verhassten Chef der Justiz in Bosnien und Herzegowina sagen: "W ir müssen schnellstens Beweise für die Verantwortung der Serben liefern. Die Sache ist doch klar [und jetzt folgt der Buchtitel von Würthle]: die Spur führt nach Belgrad."15 In diesem topografischen Pingpong zwischen Sarajevo und Belgrad wird eines klar: Die historische Distanz bewirkt keine 'Objektivierung' der Fak- [Das Salz der Erde], 1935; Winder, Ludwig: DerThronfoIger. Ein Franz-Ferdinand-Roman. Zürich: Elumanitas 1937. 11 Dedijer, Vladimir: Sarajevo 1914. godine. Beograd: Prosveta 1966 / The Road to Sarajevo [Die Zeitbombe. Sarajewo 1914. Übers, von Tibor Simänyi. Wien: Europa Verlag 1967], In dieser Monograhe zeigt Dedijer die mit in Indien unter dem British Empire vergleichbaren Verhältnisse in Bosnien und in der Elerzegowina unter der Doppelmonarchie auf. Diese Verhältnisse bildeten folgt man Dedijers Argumentation den eigentlichen Nährboden für das Attentat. Zur selben zweiten historiografischen Aufarbeitungsphase sind zu zählen Bogićević, Vojislav: Sarajevski atentat. Stenogram Glavne rasprave protiv Gavrila Principa i drugova. Sarajevo: Državni Arhiv Narodne Republike Bosne i Elercegovine 1954; Remak, Joachim: Sarajevo. The Story of a Political Murder. London: Weidenfeld & Nicolson 1959 und insbesondere die eingangs erwähnte Monograhe von Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/ 18. Düsseldorf: Droste 1961. 12 Dazu gehört der Film von Fritz Kortner: Um Thron und Liebe. Österreich 1955; zu erwähnen ist ebenfalls die Princip-Biograhe von Ljubibratić, Drago: Gavrilo Princip. Belgrad: Nolit 1959/ 22014. 13 Bachmann, Ingeborg: Drei Wege zum See. In: Dies.: Simultan. Erzählungen. München 1972. 11 Würthle, Friedrich: Die Spurführt nach Belgrad. Die Eiintergründe des Dramas von Sarajevo 1914. Wien: Molden 1975. 15 Doi 1989, p. 73. <?page no="309"?> Der M ehrwert literarischer Rekonstruktion des 28. Juni 1914 309 tizität. Im Gegenteil: Die inzwischen ausgebildeten kohärenten Narrative reagieren nur noch aufeinander, um 'ihre' 'W ahrheit' zu behaupten.16 6) Die darauf folgende sechste Phase ab M itte der 1980er Jahre setzt diese ideologisierte Linie auf beiden Seiten fo rt,17 die selten genug durch literarische Parodien wiederum unterwandert werden.18 Und das Traurige an der Geschichte: Die postjugoslawischen Kriege bestätigen die jew eiligen Positionen nur noch so gegenteilig sie auch sind auf meist populistische Weise. Ich möchte nicht so weit gehen und behaupten, die verhärteten Fronten in der Politik der Erinnerung an das Attentat 1914 seien für die postjugoslawischen Kriege verantwortlich. Doch ein Zusammenhang ist nicht von der Fland zu weisen. Erst seit gut zehn Jahren gibt es wieder eine breitere historiografische Aufarbeitung, welche sich nicht mehr einfach auf das Ereignis konzentriert, sondern dieses in einen größeren Kontext stellt. Dadurch wird zwar wieder die Primordialität der Fakten behauptet. Doch die ideologischen Gräben lassen sich nicht so einfach zuschütten, geschweige denn reflektieren. Dazu ist wohl eine neue Generation gefragt, welche sich in den literarischen Texten neu ankündet und die 'Ideologeme' neu liest. Die chronologische Zusammenstellung der verschiedenen Rezeptionsgenres zeigt in erster Linie die historisch-kulturelle Kontextgebundenheit und die intertextuelle Verknüpfung der Narrative. Es gibt folglich nicht die 16 Neben dei topografischen Positionieiungvon Friedrich Wiirthle und Milo Dorschlägtsich die Einschreibung in ein spezifisches Opfernarrativ zunächst auf ‘serbisch jugoslawischer' Seite in weiteren Werken nieder, so z.B. im Erlebnisbericht von Popović, Cvetko Ć: Sarajevski Vidovdan 1914. Doživlaj i sećanja. Beograd: Prosveta 1969, im Film von Veljko Bulajić: Sarajevski atentat/ T h e DayThatShooktheWorId aus dem Jahre 1975, in der popu lärhistoriografischen Monograhevon Parežanin, Ratko: Die Attentäter. DasJunge Bosnien im Freiheitskampf. München: Jevtic 1976 oder im Drama von Ljubiša Ristić: Tajna crne ruke (UA Belgrad 1983). 17 Gewissermaßen auf 'österreichisch-ungarischer Seite' positionieren sich Werke wie Brook- Shepherd, Gordon: Victims at Sarajevo. The Romance and Tragedy of Franz Ferdinand and Sophie. London: Harvill 1984; Fronius, Hans: Das Attentat von Sarajevo. Graz: Styria 1988; Rauchensteiner, Manfried: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg. Wien, Graz: Styria 1994 / Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie. Wien: Böhlau 2013; Aichelburg, Wladimir: Sarajevo das Attentat 28. Juni 1914. Das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este in Bilddokumenten (1984). Wien: Österreichische Staatsdruckerei 21999. Auf der 'Gegenseite' ist zwar zu nennen der Film Belle epoque ili poslednji valcer u Sarajevu von Nikola Stojanović, der 1990 in Sarajevo gedreht, aber erst 2008 fertiggestellt worden ist. Dieser Film schafft es aber, seine eigene Perspektive als filmische Mise en abyme zu thematisieren. 18 Am eindrücklichsten hebt sich interessanterweise ein brasilianisches Werk, das ins Serbische übersetzt worden ist, von dieser Verhärtung der Fronten ab: Soares, Jo: O homem que matou Getülio Vargas. Säo Paulo: Editora Companhia das Letras 1988. / Čovek koji nije ubio Franca Ferdinanda. Biograhja jednog anarhista. Prevela sa portugalskog Ana Marković [Der Mann, der Franz Ferdinand nicht getötet hat. Die Biograhe eines Anarchisten. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Ana Marković], Beograd: Clio 2003. <?page no="310"?> 310 Boris Previšić Geschichte zum Attentat und dessen Folgen, sondern nur pluraliter Geschichten, die sich nicht auf ein allgemeingültiges historiografisches Narrativ zurückbinden lässt, weil dieses wiederum text- und narrationsgebunden ist und einen entsprechend großen Spielraum für Interpretationen und Reinterpretationen offen lässt. Der Unterschied zwischen historiografischen und literarischen Aufarbeitungen beruht zwar lediglich auf einer äußeren Einordnungskategorie: So steuert das paratextuelle Beiwerk (wie "Roman" im Titel oder ein Stichwortverzeichnis im Anhang) die Zuordnung zur jeweiligen Kategorie. Doch kaum ein fiktionalisiertes Werk erhebt bei diesem konkreten Ereignis weniger Anspruch auf Wahrhaftigkeit als eine historiografische Monografie nur m it dem feinen Unterschied, dass die Literatur diesen Anspruch explizit zu formulieren hat und entsprechend auch form uliert.19 Dies wird gleich zu Beginn des ersten Beispiels deutlich. Die Literatur bietet durch ihren fiktiven 'Möglichkeitssinn' und ihre unterschiedlichen Erzählverfahren wertvolles reflexives Material, das der Überbrückung von Erinnerungsgräben dienen könnte. Darum möchte ich nun im zweiten Teil exemplarisch auf zwei literarische Werke der dritten und fünften Phase eingehen, die für die Aufarbeitungder Erinnerung an das Attentat zentral sind: erstens auf Friedrich Oppenheimers Sarajevo. Schicksal Europas (1931), zweitens auf Milo Dors Roman Die Schüsse von Sarajevo (1982/ 1989). 2. Literarische Perspektivierung des Ereignisses Friedrich Oppenheimers Roman aus dem Jahre 1931 beginnt mit einem Vorspann, der zwar nicht deutlich als Paratext markiert wird, aber zumindest mit einem Ich-Erzähler beginnt, der dem Autor zugeschrieben wird. In der Narratologie spricht man von einem hohen Attachment-Faktor zwischen Autor und Ich, wobei der behauptete Autorname am Schluss wohl entgegen der Autorintention bereits eine erste Distanz zwischen Ich und Autor markiert.20 Der Authentizitätsanspruch wird hier in verschiedenen Punkten behauptet, welche miteinander redlich wenig miteinander zu tun haben, in ihrer Summe jedoch überzeugen sollen: Erstens wird das Argument der eigenen Erfahrung und der eigenen Nachforschungen in Anschlag gebracht: 19 Vgl. dazu den Artikel von Jaeger, Stephan: Erzähltheorie und Geschichtswissenschaft. In: Nünning, Ansgar und Vera (Hg.): Erzähltheorie transgenerisch, intermedial, interdisziplinär. Trier: Wissenschaftl. Verlag 2002, pp. 237-263. 20 Vgl. dazu Stanford Friedman, Susan: The "I" of the Beholder. Equivocal Attachments and the Limits o f Structuralist Nanatology. In: Phelan, James / Rabinowitz, Peter J. (Hg.): A Companion to NarrativeTheory. Oxford: Blackwell 2008, pp. 206-219. <?page no="311"?> Der Mehrwert literarischer Rekonstruktion des 28. Juni 1914 311 In diesem Roman sind die Erlebnisse meiner bosnischen Jahre nachgezeichnet. Als junger Offizier sah ich aus nächster Nähe alle treibenden Kräfte, die schließlich zu den verhängnisvollen Schüssen an der Miljatschka [eigtl. Miljacka] führten. [...] DasWissen um die Machenschaften der Staatsbureaukratie und genaue Kenntnis der Wesensart des südslawischen Volkes ließen dieses Werk erstehen. Umfangreiche Forschung ergänzte das Material.21 Zweitens beteuert der Autor entgegen des Romanplots, dass die Ereignisse gerade nicht fiktiv seien: "Die Ereignisse, die ich darstelle, sind nicht erfunden. Vorgänge, Handlungen und Aussprüche sind historisch getreu." (p. 7) Bereits hier lässt der Vorspann aber offen, worauf sich die historische Treue bezieht auf das Ereignis der "Fabula" oder auf den "Text" und somit auf das 'historische Dokument'. Drittens wird die eigene Erfahrung durch Quellenmaterial gestützt, welches die "Fabula" plausibilisiert: "Umfangreiche Forschung ergänzte das Material. Aus Diplomatenmeldungen, Gedächtnisprotokollen und Geheimbriefen erwuchs mir dann vollends das Ereignis." (ibd.) Aufgrund der Pluralität von Geschichten, die dann im vorliegenden Roman erzählt werden, ist völlig unklar, auf welches Ereignis sich nun der Autor bezieht: auf das Attentat oder auf seine persönlichen Erlebnisse oder letztlich auf seine eigene Fiktion als Ereignis zweiten Grades. Schließlich wird das Material zu einem sonderbaren neuen Leben erweckt: "Schreie gellten aus Schriftzügen; aus knisternden Bogen wurden Menschen, die nun als stumme Ankläger durch die Landschaft des Romans schreiten." (ibd.) Das ästhetisch überzeugendste Argument bürdet sich gleichzeitig ein Paradox auf: Zwar garantiert die Akustik, dass die "Schreie" der bisherigen Texte wahrgenommen werden; doch werden sie im neuen Schriftträger des Romans gleichsam wieder stillgestellt, wenn sie als "stumme Ankläger durch die Landschaft dieses Romans schreiten". Der Roman wechselt von Kapitel zu Kapitel den Schauplatz. Drei völlig unabhängig voneinander erzählte Handlungsstränge lösen sich im Laufe des Romans jeweils ab: Der erste Handlungsstrang des Machtzentrums folgt dem Thronfolger Franz Ferdinand im "Schönbrunner Schlosshof" auf seinem Landsitz "Konopischt" und schließlich auf der Reise nach Sarajevo. Der zweite Handlungsstrang siedelt sich an der imperialen Peripherie an. Er widmet sich den Attentätern bei Versammlungen in verrauchten Hinterzimmern, in Belgrad und ebenfalls auf ihrer Reise nach Sarajevo. Und der dritte Handlungsstrang schließlich hat zunächst nicht viel mit den antagonistischen Kräften von imperialem Zentrum und imperialer Peripherie zu tun. Er ist aber letztlich der interessanteste, nicht nur weil hier der Protagonist der literarischen Fantasie geradezu Flügel verleiht, sondern weil 21 Oppenheimer, Friedrich: Sarajevo. Das Schicksal Europas. Roman. Wien: Phaidon 1931, p. 7. <?page no="312"?> 312 Boris Previšić diese Fantasie eine ganz sonderbare Eigendynamik entwickelt welche in einer selbstreflexiven Volte der Handlung zum Schluss eine unerwartete Wende einleitet, von der her das 'Ereignis' selbst neu zu lesen ist. Dieser dritte Handlungsstrang folgt dem 'verständnisvollen' und 'sensiblen' Soldaten Wolfgang Ulmianus, der im Jahre 1913 in Sarajevo seinen Dienst als Tambour absolvieren muss. Er gerät hier nicht zwischen die militärischen, sondern amourösen Fronten. Wie sich weisen wird, ist das Weibliche hochgradig politisch konnotiert: Kaum in Sarajevo angekommen, sucht unser Soldat das Objekt seiner Begierde man merke sich den Namen - Ulla Wegstreit auf: Er eilt dafür eine für Sarajevo so typische Gasse hoch und erblickt dort gewissermaßen als Präludium durch eine "Lücke im Bretterzaun" eine eigenartige Szenerie, welche die orientalisierende Fantasie unseres Protagonisten noch mehr anregt: "Auf einer Wiese tummeln sich, von einem Eunuchen behütet, an die hundert muselmanische Frauen und Mädchen. Sie sind ohne Schleier, wähnen sich unbelauscht. Ein Reigenspiel ist im Gang." (p. 33) Er reißt sich von dieser orientalisch stereotypisierten Szene los, um seine Ulla Wegstreit doch noch aufzusuchen. Sie ist keine Einheimische, sondern eine typische kakanische Beamtentochter, welche von älteren wohlhabenden Herren in der Stadt aufs Heftigste umworben wird, insbesondere vom Armenier Oramian (p. 36) und von einem einheimischen Adligen, dem Beg Gaduhl. Letzterer erkauft sich von ihr dann auch eine Liebesnacht für tausend Pfunde was zum ersten Eifersuchtsanfall von unserem Soldaten Wolfgang Ulmianus führt, während er im Kasino zum Kaiserwalzer aufzuspielen hat: "Da fällt ihm fast der Bogen aus der Hand: Ulla und Gaduhl tanzen vorüber. Fest hält der Beg das Mädchen. Nun spürt der ihre Brüste." (p. 95) Und just am 2. Dezember, zum 65. Jahrestag des "Regierungsantritts" seines Kaisers, kriegt Ulmianus (wie er mit der Pauke zur Parade antreten muss) mit, wie der Armenier Oramian seine Ulla mit einer Hure vergleicht worauf er "in ohnmächtiger Wut mit blanker Faust das Paukfell" einschlägt (p. 98). In der Folge wird er an die Grenzen zu Montenegro strafversetzt wo er auf die schöne Stojka trifft. Doch so wenig Ulla einheimische Muslimin ist, so wenig handelt es sich bei Stojka um eine einheimische Serbin wie man im ersten M om ent vermuten könnte. Denn das serbische Familienoberhaupt Milan lässt, um seine Unfruchtbarkeit zu verbergen, seine aus dem albanischen Skutari stammende Frau Stojana m it den Grenzoffizieren schlafen: "Albanisches hat sich m it österreichischem Blut vermengt." (p. 107) Das Wissen, dass Stojka einen aristokratischen Vater haben könnte (p. 115), steigert die Fantasie unseres Ulmianus noch einmal. Er wird ihr "Osman" wie sie ihn nennt (p. 123) - , w om it er in <?page no="313"?> Der Mehrwert literarischer Rekonstruktion des 28. Juni 1914 313 ihrer Imagination und in ihrem Spiel quasi zur imperialen Gegenseite, zur Hohen Pforte wechselt. Die nationalen Zuschreibungen werden konsequent durchkreuzt und unterlaufen. Die Attraktivität geht vom Imperialen aus, das national gerade nicht definierbar ist. In der Mimikry des imperialen Gegners eignet sich das Zentrum die Peripherie vermeintlich an wobei der eigentliche Gegner, das Nationale, welches in Reinform als das Serbische aufzutreten hat, vorneweg abgestraft wird: Denn der vermeintliche Vater von Stojka, der in den Balkankriegen auf serbischer Seite gekämpft haben soll, ist und bleibt unfruchtbar. Soweit ist der Roman deutlich ideologisiert. Der Roman kulminiert im Attentat von Gavrilo Princip in der konsequenten Koinzidenz von erstem und zweitem Handlungsstrang. Dieses Ende ist voraussehbar und allgemein bekannt; doch der dritte Handlungsstrang, dem wir bisher konsequent gefolgt sind, verharrt in einer eigenartigen Suspension: So wird Ulmianus, unser Soldat, von der montenegrinischen Grenze wieder nach Sarajevo zurückbeordert, wo er sich ein letztes Mal mit Ulla Wegstreit verabredet, um ihr seine neue Situation zu erklären. Stojka folgt ihm aber heimlich und kommt von wilder Eifersucht getrieben diesem Treffen zuvor. Hoch über Sarajevo auf dem Felsen Erzedol verbeißen sich die beiden Frauen und liefern sich einen erbitterten Kampf. Dem herbeigeeilten Ulmianus gelingt es nicht, Stojka von Ulla zu trennen und die Sache zu klären. Im Gegenteil: "Ein blindwütiger Tritt [von Stojka] schleudert Ulmianus über die Steilwand. M it lautem Pfiff die Stadt grüßend, knirscht der Frühzug aus dem Erzedoltunnel. Einen Todesschrei übertönend. Indes zwei Mädchen im Sonnenglast miteinander ringen." (p. 292) Damit endet nicht nur die inzwischen zentral gewordene Erzählung, welche die beiden anderen Erzählstränge verdrängt hat. Auch der Protagonist wird eliminiert, bevor er Zeuge des Attentats auf den Thronfolger werden könnte. So lose der Konnex zwischen Autor und Figur, zwischen dem jüdisch-österreichischen Friedrich Oppenheimer und dem kroatisch sprechenden Protagonisten Wolfgang Ulmianus auch sein mag, so sehr bestimmt die begehrte Mittlerfigur, selber Opfer seiner oriental-erotischen Projektionen, die Perspektive auf das kulturelle Setting und den historischen Konflikt an der imperialen Peripherie. Die Figur entzieht sich nicht nur ihrer narrativen Funktion für die Schlussszene des Attentats, sondern lässt die beiden Frauen in einem sinnlosen Kampf zurück der wiederum Antizipation des bevorstehenden Kriegs ist. In der Logik des Romans ist der Kampf doppelt sinnlos: Zum einen sind die beiden Frauen Ulla und Stojka sowieso imperiale Österreicherinnen und lassen sich in kein nationales Korsett pressen; zum anderen fällt die vermittelnde Perspektive unseres einfachen Soldaten Ulmianus jäh weg. Genau diese <?page no="314"?> 314 Boris Previšic Perspektive hätte mit ihrem Mehrwissen um die Mimikry aller Figuren -v e rm itte ln und den Konflikt entschärfen können. Doch nun heißt es nur noch "Sarajevo. Schicksal Europas". Während Friedrich Oppenheimers Roman im expressionistischen Gestus die Tragik Europas in einem Eifersuchtsdrama vermeintlich nationaler Missverständnisse veranschaulicht, schlägt Milo Dor, den Weg von der anderen Seite her ein: Der Roman beginnt mit dem Attentat. Er versucht, wie im "Vorw ort" ausgeführt wird, "jede Emotion, soweit das überhaupt möglich ist, zu vermeiden und die nachprüfbaren Fakten für sich sprechen zu lassen".22 Die erste Fassung erscheint 1982 noch unter dem Titel Der letzte Sonntag. Bericht über das Attentat von Sarajewo und unterstreicht damit den Rückgriff auf Quellen. Erst in der Dramatisierung im Titel wird man überhaupt auf seinen "Roman" wie es in der hier zitierten Neuauflage 1989 heißt aufmerksam. M it der Entscheidung, das Attentat aus der Perspektive des historisch verbürgten Untersuchungsrichters Leo Pfeffer erzählen zu lassen, verknüpft Milo Dor den historischen Objektivitätsanspruch mit der literarischen Subjektivierung: "So ist aus diesem Menschen, den es in ähnlicher Form tatsächlich gegeben hat, eine Romanfigur entstanden, die mit ihrer Auffassung von Recht und Gerechtigkeit in einer Welt voller Unrecht und Haß zwangsläufig scheitern muß."23 Die meisten deutschsprachigen Adaptionen im Fernsehen und auf der Bühne, die im Moment zu sehen sind, folgen übrigens genau dem Muster von Milo Dor und stellen Leo Pfeffer ins Zentrum der Handlung um die Aufklärung des Attentats. Wie schon bei Friedrich Oppenheimer erweist sich die M ittlerfigur als tragisch, da sie gegen den Lauf der Dinge - und hier ganz konkret der Beschuldigung Österreich-Ungarns, die serbische Regierung sei für das Attentat verantwortlich nichts ausrichten kann, obwohl seine Verhöre eine andere Sprache sprechen. Die Sympathie, welche Leo Pfeffer für die Attentäter empfindet, begründet sich m it seiner Herkunft. Im dreiteiligen Roman wird gleich zu Beginn des zweiten Teils diese Verbindung hergestellt: Das Attentat, das, einem Sommergewitter gleich, plötzlich über Sarajewo hereingebrochen war, sowie die Vernehmungen der beiden Attentäter [Nedjeljko Tschabrinowitsch und Gawrilo Princip] zwangen ihn, über Dinge nachzudenken, die er bisher als gegeben angenommen hat. Zum Beispiel über seine Herkunft und die Welt, in die er durch den Willen seines Vaters und seiner M utter hineingeboren war. (p. 83) ” Dor, Milo: Die Schüsse von Sarajevo. Roman. Nördlingen: Beck 1989, p. 7. 23 Ibid. <?page no="315"?> Der Mehrwert literarischer RekonstruWon des 28. Juni 1914 315 Es folgt die Geschichte seiner jüdischen Vorfahren, die aus Galizien stammen und sich schließlich im heutigen Osijek niederlassen und zum Katholizismus konvertieren, so dass sich Pfeffer "durchaus als Kroate" fühlt. Der Konnex südslawischer Solidarität wird dabei explizit hergestellt: "Sie [Pfeffers Vorfahren] hatten nur die Zugehörigkeit zu einem verfolgten Volke [der Juden] gegen die Zugehörigkeit zu einem anderen rechtlosen Volke [der Kroaten] eingetauscht." (p. 85) In seiner analytischen Aufarbeitung entzieht sich der Roman einer vermeintlichen Logik der Faktizität, welche den Grund zur Kriegserklärung bilden sollte. Die Dramatik verlagert sich wie schon bei Oppenheimer v o m Objekt, von den 'Schüssen von Sarajevo', zum Subjekt der Betrachtung: zu uns. An uns richtet sich die literarische Verarbeitung. Sie entzieht sich der historischen Faktizität als etwas Gegebenem. Angesichts sich verhärtender Fronten in Erinnerungskriegen - und jeder Krieg ist immer auch ein Erinnerungskrieg bietet hier die Literatur ein 'Drittes', wom it Handke Husserls "Lebenswelt" umschreibt.24 Die Literatur entzieht sich in diesem 'Dritten' der Macht einer historiografischen Rhetorik, ein endgültiges Urteil zu fällen. Damit bleibt die Literatur so klar ihre anfängliche Position auch sein m a g -im m e r wieder offen für das Andere in ihrer Skepsisgegenüber dem Erzählten selbst. ; J Handke, Peter: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit fürSerbien. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1996, p. 51. <?page no="317"?> N orbert C hristian W olf (S alzburg ) Die Dichter und ihr Krieg Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 Thisarticle considers cultural responses to the outbreak of World War I in (mostly essayistic) texts by prominent German and Austrian authors (Bertolt Brecht, Robert Musil, Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal, Georg Trakl and Karl Kraus), written and published before the end of 1914. The style and pattern of argument of these texts reveal a previously unrecognised intellectual mobilization, yet one which is also typical for political, ideological and aesthetic discourses of modernity. The analysis suggests that, in spite of the texts' premodernist heroic elements, their pattern of reasoning reflects problems characteristic of modern artistic practice. Anders, als es manche kulturselige Sonntagsreden und das recht eindimensionale Selbstverständnis vieler Literaten, Literaturwissenschaftler und Deutschlehrer suggerieren, bildeten Kunst und Literatur im 'kurzen' 20. Jahrhundert (Eric Hobsbawm) kein bloß vergebliches Bollwerk gegen die Schrecknisse des politischen Terrors und der äußerst brutal geführten Kriege, sondern waren im Gegenteil oft an vorderster Front aktiv an deren Propagierung beteiligt. Dies gilt im Jahr 1914 nicht allein für die serbischen Attentäter von Sarajewo, die sich auf nur scheinbar archaische Weise einer auch kulturellen Mission verpflichtet wähnten, wie Karl Kraus bereits kurz nach der Mordtat des "ungewaschene[n] lntellligenzbub[en]" Gavrilo Princip in seinem Kurzessay Franz Ferdinand und die Talente hervorgehoben hat: Keine kleineren Mächte als Fortschritt und Bildung stehen hinter dieser Tat, losgebunden von Gott und sprungbereit gegen die Persönlichkeit, die mit ihrer Fülle den Irrweg der Entwicklung sperrt. [...] [S]ie war der Hinterhalt intellektueller Gewalten, und was Druckerschwärze und Talent gegen die Welt vermögen, erfahren die Machthaber erst mit der Schallwirkung.1 Entsprechendes gilt allem anderen Anschein zum Trotz genauso für die deutschsprachigen Autoren jener künstlerischen Moderne, die man lange so ausschließlich wie verkürzend als kulturelle Begleiterscheinung eines friedlichen und gerechten 'Fortschritts' identifiziert hat. Davon zeugt eine schier unüberblickbare Menge von Aufsätzen, Reden, Manifesten und Do- Die Fackel, 16. Jg., Nr. 400-403 (10.07.1914), p. 1-4, hier p. 1. <?page no="318"?> 318 Norbert Christian W olf kumenten, deren Tenor man aus dem historischen Abstand im doppelten Wortsinn als niederschmetternd bezeichnen muss. Dem Fokus der Fragestellung zu den (mittelbaren) Folgen des Attentats von Sarajewo entsprechend beschäftigt sich der vorliegende Beitrag ausschließlich m it Texten, die den ersten Kriegsmonaten offenbar meist in einem Zustand affektiver Erregung und partieller intellektueller Absenz geschrieben und publiziert wurden. Erkenntnisleitend ist dabei die Frage, ob sich darin charakteristische Probleme modernen Künstlertums niederschlagen. Anders form uliert: Inwiefern erweisen sich die Machart und die Argumentationsmuster der äußerst zahlreichen Texte des Jahres 1914 über den Krieg als charakteristisch für die politischen, ideologischen und ästhetischen Diskurse der Moderne? Angestrebt wird mithin eine Spezifizierung jener allgemeineren Fragestellung, die der Flistoriker Ernst Piper seiner Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs mit dem Titel Nacht über Europa zugrundegelegt hat, indem er vor allem die "jeweiligen diskursiven Anstrengungen zur Legitimation des kriegerischen Flandelns beziehungsweise des Handelns in Kriegszeiten" in den Blick nimmt, also die umfangreiche "Literatur im Kontextdergeistigen Mobilmachung".2 Die hier ange- Stellten Überlegungen zielen demgegenüber insbesondere auf die Frage, ob und inwiefern sich in den untersuchten Texten bei aller heroischen Archaik dennoch genuine Aspekte 'moderner' Literatur manifestieren. In seiner großen Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900- 1918 hat Peter Sprengel das eindimensionale Bild einer allgemeinen und die gesamte Bevölkerung umfassenden Kriegsbegeisterung differenziert und dabei auf jene historische Studien über den Kriegsbeginn verwiesen, die "in doppelter Weise die Bedeutung der Medien herausgestellt" haben: Offenbar war die Kriegsbefürwortung in verschiedenen Regionen und Milieus unterschiedlich stark ausgeprägt: Indem die Zeitungen von den kriegsbegeisterten Aufzügen in der Hauptstadt berichteten, suggerierten sie eine allgemeine Verbreitung der Stimmung, wie so sie eigentlich oder ursprünglich nicht zutraf. Die vielerorts bestätigte Ansammlung größerer Menschengruppen vor Zeitungsbüros oder Rathäusern darf dabei kaum schon als politisches Votum erklärt werden; sie versteht sich aus den medialen Bedingungen einer Zeit, in der aktuellste Nachrichten nur über Extraausgaben von Zeitungen oder öffentliche Verkündigungen erfahrbar waren. Die Zeitungen, die nachher die Kunde von den erregten Menschenmassen in die Lande hinaustragen werden, hätten insofern selbst zu ihrer Entstehung beigetragen.3 Vgl. Piper, Emst: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs. Berlin: Propyläen 2013, p. 11. Sprengel, Peter: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900-1918. Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. München: Beck 2004 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd.9/ 2), p. 767. <?page no="319"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 319 Entsprechendes hat Karl Kraus in mehreren Essays schon zu Kriegszeiten angeprangert und vor allem im Monumentaldrama Die letzten Tage der Menschheit (1922 in Buchform veröffentlicht) auf suggestive Weise gestaltet. Dennoch kann kaum geleugnet werden, dass der Beginn des Ersten Weltkriegs in den daran beteiligten europäischen Ländern vor allem unter den Schriftstellern und Intellektuellen eine vordem ungeahnte Welle von Kriegsbegeisterung und Nationalismus ausgelöst hat, an deren Produktion und massenmedialer Vermittlung sie federführend teilhatten. Von den zahllosen Fällen, die zumindest für den deutschsprachigen Raum mittlerweile gut aufgearbeitet worden sind,4 werden im Folgenden die kriegsbejahenden Texte einiger heute prominenter Autoren, nämlich Berto lt Brechts, Robert Musils, Thomas Manns und Flugo von Flofmannsthals gemustert, die 1914 trotz aller ästhetischen und ideologischen Unter- 1 Vgl. Schröter, Klaus: Chauvinism and Its Tradition. German Writers and the Outbreak of the First World War. In: Germanic Review 43 (1968), pp. 120-135; Schröter, Klaus: Der Chauvinismus und seine Tradition. Deutsche Schriftsteller und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In: Ders.: Literatur und Zeitgeschichte. Fünf Aufsätze zur deutschen Literatu r im 20. Jahrhundert. Mainz: v. Flase & Köhler 1970 (Die Mainzer Reihe, Bd. 26), pp. 7-46; Koester, Eckart: Literatur und Weltkriegsideologie. Positionen und Begründungszusammenhänge des publizistischen Engagements deutscher Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. Kronberg: Scriptor 1977 (Theorie, Kritik, Geschichte, Bd. 15); Philippi, Klaus-Peter: Volk des Zorns. Studien zur "poetischen Mobilmachung" in der deutschen Literatur am Beginn des Ersten Weltkriegs, ihren Voraussetzungen und Implikationen. München: Fink 1979; Boschert, Bernhard: "Eine Utopie des Unglücks stieg auf". Zum literarischen und publizistischen Engagement deutscher Schriftsteller fü r den Ersten Weltkrieg. In: August 1914. Ein Volk zieht in den Krieg. Hg. von der Berliner Geschichtswerkstatt. Berlin: Nishen 1989 (Berliner Geschichtswerkstatt, Bd. 7), pp. 127-135; Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich 1914. In: van der Linden, Marcel u.a. (Hg.): Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung. Interdisziplinäre Studien. Berlin: Duncker & Humblot 1991 (Beiträge zur politischen Wissenschaft, Bd. 61), pp. 73-87; Stanzel, Franz K./ Löschnigg, Marbn (Hg.): Inbmate enemies. English and German literary reacbons on the Great War 1914-1918. Heidelberg: W inter 1993 (Beiträge zur neueren Literaturgeschichte. Folge 3, Bd. 126); Sprengel, Peter: Literatur im Kaiserreich. Studien zur Moderne. Berlin: Schmidt 1993 (Philologische Studien und Quellen, Bd. 125), pp. 233-261; Fries, Helmut: Die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in derSicht deutscher Dichter und Gelehrter. Bd. 1: Die Kriegsbegeisterung von 1914. Ursprünge - Denkweisen - Auflösung. Konstanz: Verlag am Hockgraben 1994; Fries, Helmut: Die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter. Bd. 2: Euphorie - Entsetzen - Widerspruch. Die Schriftsteller 1914-1918. Konstanz: Verl, am Hockgraben 1995; Mommsen, Wolfgang J. (Hg.): Kultur und Krieg. Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. München, Wien: Oldenbourg 1996 (Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien, Bd. 34); Segal, Joes: Krieg als Erlösung. Die deutschen Kunstdebatten 1910-1918. München: scaneg 1997 (Punctum, Bd. 11); Flasch, Kurt: Die geisbge Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Ein Versuch. Berlin: Fest 2000; Schneider, Uwe/ Schumann, Andreas (Hg.): "Krieg der Geister". Erster Weltkrieg und literarische Moderne. Würzburg: Königshausen & Neumann 2000. Spezifisch zur österreichischen Situabon: Sauermann, Eberhard: Literarische Kriegsfürsorge. Österreichische Dichter und Publizisten im Ersten Weltkrieg. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2000 (Literaturgeschichte in Studien und Quellen, Bd. 4). <?page no="320"?> 320 N orb e rt Christian W olf schiede plötzlich durch ihr bellizistisches Engagement vereint erschienen. Abschließend soll ihnen dann m it Karl Kraus der schon 1914 dezidierteste Kritiker gegenübergestellt und ein flüchtiger Blick auf den Sonderfall Georg Trakls geworfen werden. 1. "Das ganze Volk steht auf": Bertolt Brecht Einen unverstellten Blick auf den in den ersten Kriegswochen geläufigen Diskurs erlaubt ein kurzer Aufsatz des erst 16-jährigen Gymnasiasten Eugen Berthold Friedrich Brecht (* 10. Februar 1898), der unter dem Pseudonym Berthold Eugen und m it dem Titel Der Untergang der Viktoria Luise am 10. August 1914 in den Augsburger Neuesten Nachrichten erschien. Der Text berichtet vom Untergang eines deutschen Minenbotes, das vom englischen Kreuzer Amphion torpediert worden war, während das größere britische Schiff dann selber durch eine von der Viktoria Luise gelegte Mine beschädigt wurde und anschließend sank: Es ist bei jener Siegeskunde, die gestern übers Meer kam, das seltsam Ergreifende, daß die Braven, die jenen Sieg mit dem Tod bezahlten, schon als sie ausfuhren zu dieser letzten Fahrt, damit rechneten, daß sie nimmer kommen würden. Das macht diesen Sieg so schön und erhebend, daß diese Männer still und ernst in eine bange Nacht hinaussegelten, sie, für die es nur ein Vorwärts, keine Vergangenheit mehr gab.5 Wie diese pathetischen Zeilen mit ihren archaisierenden Vokabular ("hinaussegelten") offenbaren, schrieb der Mittelschüler Brecht, der noch nicht seinen veränderten zweiten Vornamen Bertolt zum ersten Teil seines Künstlernamen erkoren hatte, ganz und gar 'unbrechtisch' über den Krieg, der damals noch kein Weltkrieg war. Der Duktus dieses Textes ist ausgesprochen traditionell gehalten und erlaubt einen Einblick in die damals gängigen schulischen Topoi: Schweigend gingen sie eines Abends, vielleicht ohne daß jemand außer ihnen etwas davon wußte, brachen damit alle Brücken hinter sich ab, vergaßen Weib und Kind, Vater und Mutter und gingen in einen sicheren Tod für die große Sache. / Das waren größtenteils einfache Männer, machten sich keine theoretischen Gedanken um den Zweck eines Staates. Sie fühlten nur, daß sie ihre Kraft für ein unermeßlich Großes einsetzen mußten, und handelten einfach danach.6 5 Blecht, Bertolt: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hg. v. Werner Hecht, Jan Knopf, W erner Mittenzwei u. Klaus-Detlef Müller. Bd. 21: Schriften 1. Bearbeitet V. W erner Hecht u.a. Berlin. Weimar: Aufbau und Suhrkamp 1992, p. 8f., hier p. 8 . 6 Ibid. <?page no="321"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 321 Es ist genau dieses 'atheoretische' Gefühl, gegen das die gesamte Poetik Brechts später gerichtet sein wird. Hier aber noch am Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn stehend folgt er einem traditionellen Narrativ von 'Erhabenheit' und tapferer Pflichterfüllung, dessen Machart in seiner stereotypen Topik gleichsam als Problemvorgabe für sein späteres Schaffen gelten kann: "Und dann, als die Arbeit getan war auf einsamer See, da erfüllte sich ihr Schicksal. Sterbend, während sie versanken in den unergründlichen Fluten, sahen sie noch den Triumph, den Nutzen ihres Werkes: Der Feind ward getroffen. Dann nahm sie der Tod in seine Arme, und sie gingen unter ohne Furcht. ------ " 789Der spätere Brecht etwa jener der KhegsfibeP hätte wohl die Frage gestellt, wer über dieses "Schicksal" entschied und woher der junge Brecht so genau um die Furchtlosigkeit der sterbenden Matrosen wusste. Dieserjedoch glaubte offenbar noch an ein unpersönliches "Schicksal" und an die kollektivierende Kraft der Nation. In einer eher simplistischen Vorwegnahme späterer Verfahrensweisen formuliert er als Fazit seines Berichts eine regelrechte 'Moral der Geschichte': Wir aber, die wir zurückblieben, wir, für die jene Männer ihr Leben opferten, wir müssen staunend, erschüttert stehen vor dieser Nachricht. Wir können ihnen nichts mehr Gutes tun, die in jener Nacht für uns starben. - Aber w ir können, und das ist die Forderung, die Mahnung, die aus den paar Telegrammzeilen, die das Sterben von Hunderten meldet, klingt, wir können und müssen den anderen, denen, die noch da sind und die auch hinausziehen vielleicht heute, vielleicht morgen, noch Gutes tun, sie stärken für ihren schweren Beruf. Laßt uns ihnen zeigen, daß wir ihr Opfer begreifen und es ihnen danken! - Die pathetische Proklamation eines kollektiven Opferwillens verschafft einen Eindruck dessen, was den Schülern eines deutschen Gymnasiums in den ersten Kriegsmonaten verm ittelt wurde. Darüber hinaus veröffentlichte Brecht vom 14. August bis zum 27. September 1914 gleichsam als Antwort auf eine Serie angeblich direkt an der Front verfasster Deutscher Kriegsbriefe aus den Augsburger Neuesten Nachrichten1011*jeweils auf der Titelseite des Konkurrenzblattes München- Augsburger Abendzeitung sieben Augsburger Kriegsbriefe ,n in denen 7 Ibid., p. 9. 8 Vgl. Brecht, Bertolt: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. 12: Gedichte 2. Sammlungen 1938-1956. Bearbeitet v. Jan Knopf. Berlin, Weimar: Aufbau und Suhrkamp 1988, p. 127-283 (Kommentar p. 409-436). 9 Brecht 1992, p. 9. 10 Vgl. Hillesheim, Jürgen: Schriften 1913-1924. In: Knopf, Jan (Hg.): Brecht-Handbuch in fünf Bänden. Bd. 4: Schriften journale, Briefe. Stuttgart, Weimar: Metzler 2003, p. 16-18, hier p. 16f. 11 Fuegi, John: Brecht & Co. Biographie. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt/ Rotbuch 1997, p. 47, berichtet hingegen, daß die Augsburger Kriegsbriefe zuerst ebenfalls in den Augsbur- <?page no="322"?> 322 Norbert Christian Wolf er den Krieg angesichts der "übermächtige[n] Bewegung" in sämtlichen Schichten der Gesellschaft auf ganz charakteristische Weise feierte; ich zitiere nur aus dem ersten: Da sind sie bis über Mitternacht hinaus am Königsplatz gestanden, Tausende und aber Tausende. Sie haben 'hoch, Deutschland, hoch, hurra der Kaiser' geschrien, daß ihnen die Kehlen heiser wurden. Einfache Arbeiter haben mit Offizieren, mit Beamten gestritten und gelacht. Wenn ein neues Telegramm verlesen wurde, ward atemlose Stille, die sich dann in ein ohrenbetäubendes Jubeln kehrte. Dieses Jubeln, das an den äußersten Enden der Stadt hörbar war, diese Gesichter, die in frommer, heiliger Begeisterung glühten, sie zeigten an, daß dieser Krieg, den w ir Deutschen um unsere Existenz führen, ein Volkskrieg, eine Erhebung der Nation ist.12 M it dieser Apostrophierung des Krieges als "Volkskrieg" und "Erhebung der Nation" stellt sich der junge Brecht unüberhörbar in die Nachfolge Heinrich von Kleists und dessen martialischer Prosa aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon. Er präsentiert die Kriegsbegeisterung am Augsburger Beispiel als soziale Entdifferenzierung - und damit als Gegenbewegung gegen die sozialen Begleiterscheinungen der Modernisierung: Das ganze Volk steht auf. / In den Kasernen drängen sich die Freiwilligen zu Tausenden. Ganz junge Leutchen sind darunter, Mittelschüler, Lehrlinge. Das ist ein Wogen und Brausen! Es sind so viele gekommen, daß man seit gestern niemand mehr nimmt. Als sie das hörten, zogen sie betrübt ab, solch ehrlichen Schmerz im jugendlichen Gesicht, daß man fast lächeln mußte.13 Der literarisch ambitionierte Gymnasiast inszeniert sich hier als wohlwollender und altersweiser Beobachter. Allerdings verschweigt er nicht den allmählichen Wandel der Stimmung in der bayerischen Kleinstadt, die nach der ersten Begeisterung wieder vom Alltag, aber auch von Sorgen angesichts des Krieges erfasst wird: Die übermächtige Bewegung ist vorbei. Wohl stürmen die Leute noch die Zeitungskioske und Depeschenstellen, wohl zweifelt auch heute niemand am Sieg, aber die Stimmung ist ruhiger, ernster geworden. In viele Gesichter ist ein eigener Ernst getreten, eine stille, quälende Sorge. / [...] Tag für Tag rücken mehr Reservisten ein, von den Angehörigen bis an die Kasernentore geleitet. Und wenn auch vielen die Familie erhalten bleibt, die Angst der andern stimmt sie trübe.14 ger Neuesten Nachrichten erschienen und dann "von der auflagenstärkeren München-Augsburger Abendzeitung übernommen wurden." 11 Brecht 1992, pp. 10-22 u. 28-33, zit. p. 11. Ibid. 14 Ibid. <?page no="323"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 323 M it solchen Eindrücken verm ittelt der Mittelschüler und spätere Autor recht anschaulich private Bilder des Krieges, betreibt aber daneben auch krude Propaganda im Sinne des von Wilhelm II. ausgerufenen 'Burgfriedens' zwischen den Parteien: So steht das ganze Volk harrend und sorgend. Und all die Augen dieser Tausende ruhen auf einem Mann: dem Kaiser. DeristderHeId allergeworden überNacht. Aller: der stetigen Nörgler, der kühlen Denker und der-Sozialdemokraten. An allen Stammtischen [...], überall ist er der Gegenstand der Bewunderung. Und diese mit Eifer geführten Gespräche über ihn sind gar nicht lächerlich.15 Um dieses Idyll mit jener beißenden sozialkritischen Analytik zu kontrastieren, für die Brecht später berühmt geworden ist, eignet sich das 1935 im dänischen Exil verfasste Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters, das erstmals 1936 in der Zeitschrift Das Wort in Moskau veröffentlicht wurde und folgende Verse enthält: Derjunge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte Untergegangen war. Weinte sonst niemand? Friedrich derZweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer Siegte außer ihm? Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen? 16 Vorweggenommen wird der Geist dieser skeptisch-rhetorischen Fragen allerdings in einem kritischen Schulaufsatz, in dem der junge Brecht anderthalb Jahre nach Kriegsbeginn eine ganz andere Flaltung einnahm als in seinen frühen Kriegstexten; das vom Lateinlehrer vorgegebene Thema war die Erläuterung eines Horaz-Zitats: "Dulce et decorum est pro patria mori"; darauf antwortete der Schüler Brecht im Jahr 1915: Der Ausspruch, daß es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben, kann nur als Zweckpropaganda gewertet werden. Der Abschied vom Leben fällt immer schwer, im Bett wie auf dem Schlachtfeld, am meisten gewiß jun- 15 Ibid. 16 Vgl. Brecht 1988, pp. 29 u. 121. <?page no="324"?> 324 Norbert Christian Wolf gen Menschen in der Blüte ihrer Jahre. Nur Hohlköpfe können die Eitelkeit soweit treiben, von einem leichten Sprung durch das dunkle Tor zu reden, und auch dies nur, solange sie sich weitab von der letzten Stunde glauben. Tritt der Knochenmann aber an sie selbst heran, dann nehmen sie den Schild auf den Rücken und entwetzen, wie des Imperators feister Hofnarr bei Philippi, der diesen Spruch entsann.17 Nur ein Jahr nach den patriotischen Wallungen anlässlich des Kriegsbeginns verabschiedete Brecht sich endgültig von den gängigen chauvinistischen Stereotypen. Der sich abzeichnende Schulskandal konnte durch die Verteidigung des Französischlehrers (ein junger Benediktinerpater! ), es handele sich doch bloß um den Fehltritt eines "vom Krieg verwirrten" Schülergehirns,18 gerade noch verhindert werden. Angeblich hat Brechts Vater der Schule eine erkleckliche Summe gespendet, um die drohende Relegation des Sohnes abzuwenden.19Äußerst knapp ist der achtzehnjährige kritische Geist somit der sonst drohenden "sofortigejn] Einberufung und Verschickung an die Front" entgangen.20 Im Jahr 1914 bediente sich der schreibende Mittelschüler Brecht aber noch keineswegs seiner späteren kritischen Anthropologie oder auch nur einer in der Literatur der Moderne verbreiteten Ästhetik und Semantik, sondern befleißigte sich wie seine Übernahmen von Gedanken aus einer Predigt seines Religionslehrers Hans Detzer zeigen21 allererst einer populären Ausprägung des überkommenen idealistischen Erhabenheitsdiskurses. Es sei hier je denfalls entschieden angezweifelt, dass sich "das nationalistische Pathos der ersten Zeitungspublikationen Brechts" tatsächlich nur einem genialen "Kalkül" verdanke bzw. als bloß "vermeintliche Kriegsbejahung" und "Zugeständnis an die Redakteure" verharmlost werden kann nämlich als rein taktisches Zugeständnis, "das Brecht machen musste, um überhaupt eigene kleinere Arbeiten erstmals [...] in einem größeren Publikationsorgan gedruckt zu sehen", wie es die panegyrische Brecht-Philologie verklärt.22 17 Zit. nach Fuegi 1997, p. 54; vgl. auch Kesting, Marianne: Bertolt Brecht in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt 1959, p. 14. Genaueres dazu in Ludwig, Otto: "Dulce et decorum est pro patria mori". Berthold [sic] Brechts Antikriegsaufsatz aus dem Jahre 1916. In: Haas, Renate/ Klein-Braley, Christine (Hg.): Literatur im Kontext. Festschrift für Helmut Schrey zum 65. Geburtstag am 6 .1 .1 9 8 5 . Sankt Augustin: Richarz 1985, pp. 146-157. 18 Zit. nach Fuegi 1997, p. 54. 19 Vgl. Kesting 1959, p. 14. 20 Fuegi 1997, p. 54. 21 Vgl. den Kommentar in Brecht 1988, p. 593f. 22 So Hillesheim 2003, p. 17. An den bellizistischen Äußerungen des jungen Brecht ändert es wenig, dass er bereits 1913 in einem Aufsatz über Hauptmanns Drama Die Weber "ein Interesse an sozialen Themen" gezeigt hat, wie ebd. zur Verteidigung angeführt wild. Hauptmann selbst ließ sich ja von seiner Kriegsbejahung nicht abhalten und ging damit genau jenen "intellektuellen Rückschritt", den man Brecht aus prinzipiellerSympathie nicht zutrau- <?page no="325"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 325 Nachvollziehbar erscheint allein die Vermutung, dass der zukünftige Autor auch mit diesen Texten seine schriftstellerische Karriere vorantrieb. 2. "Die, welche sterben müssen [...], haben das Leben": Robert Musil Viel 'moderner' argumentierte hingegen im September 1914 der Österreicher Robert Musil (*6. November 1880), der als leitender Redakteur der damals wichtigsten deutschsprachigen Literaturzeitschrift Die neue Rundschau in Berlin lebte und schrieb. Einen Monat nach Kriegsbeginn und zwei Monate vor einem vergleichbaren Aufsatz Thomas Manns, der noch ausführlicher zu würdigen ist, meldete Musil sich mit dem Aufsatz Europäertum, Krieg, Deutschtum in der Neuen Rundschau zu Wort. Darin zeigt sich der im Kriegshandwerk ausgebildete Offizier der k.u.k.-Armee von der allgemeinen Begeisterung angesteckt. Zwar verschweigt er nicht einen gewissen Vorbehalt, wenn er auf seiner "Skepsis" beharrt, die verlange: "w ir wollen nicht vergessen, daß stets auch die andern das gleiche erleben; wahrscheinlich sind die, welche drüben unsre Freunde waren, genau so in ihr Volk hineingerissen".23 Dennoch stimmt er in den schrillen Chor der Feier von 'Schönheit' und 'Brüderlichkeit' des Krieges ein, wenn er diesen von der Vorkriegszeit abgrenzt: Treue, Mut, Unterordnung, Pflichterfüllung, Schlichtheit, - Tugenden dieses Umkreises sind es, die uns heute stark, weil auf den ersten Anruf bereit maen möchte. Es zeugt aber von einem ebenfalls 'unbrechtischen' Kniefall des Philologen vor dem geheiligten Dichter, wenn er die Augsburger Kriegsbriefe begeistert als "erste Beispiele für Brechts Talent" rühmt, "mit dem Leser (in diesem Falle auch mit den Redakteuren) zu spielen, seine Erwartungen zu erfüllen und dabei selbst eine andere Position zu vertreten" (für die es im fraglichen Zeitraum kein belastbares Zeugnis gibt! ). Die ausführlich und mit argumentativen Winkelzügen betriebene Rechtfertigung kruder Kriegspropaganda, die deren Verfasser von jeder Verantwortung für das Geschriebene augenzwinkernd freispricht, stützt sich auf folgende Arbeiten: Grimm, Reinhold: Brechts Anfänge. In: Ders.: Brecht und Nietzsche odei Geständnisse eines Dichters. Fünf Essays und ein Bruchstück. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979, pp. 55-76; Gier, Helmut: Brecht im Ersten Weltkrieg. In: Cisotti, Virginia/ Kroker, Paul (Hg.): 1898-1998. Poesia e politica. Bertolt Brecht a 100 anni dalla nascita. M ilano: Montedit 1999, pp. 39-52. Sie mündet in ein so bezeichnendes wie bedenkliches Fazit: "Die Kriegsbriefe sind nicht Resultat einer tiefen nationalistischen Gesinnung, sondern weitestgehend berechnete Kunstprodukte." Zu Brechts anfänglicher Kriegsbegeisterung vgl. dagegen Fuegi 1997, p. 47f. 21 Musil, Robert: Gesammelte Werke in neun Bänden. Hg. v. Adolf Frise. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978, Bd. 8: Essays und Reden, p. 1021. Relativierende W orte wie diese wird man bei damals ähnlich gesonnenen Schriftstellerkollegen wie Thomas Mann vergeblich suchen; s. unten. <?page no="326"?> 326 N orb e rt Christian W olf chen zu kämpfen. Wir wollen nicht leugnen, daß diese Tugenden einen Begriff von Heldenhaftigkeit umschreiben, der in unsrer Kunst und unsren Wünschen eine geringe Rolle gespielt hat. Teils ohne unsre Schuld, denn wir haben nicht gewußt, wie schön und brüderlich der Krieg ist, teils mit unsrer Absicht, denn es schwebte uns ein Ideal des europäischen Menschen vor, das überStaat und Volk hinausging und sich durch die gegenwärtigen Lebensformen wenig gebunden fühlte, die ihm nicht genügten.24 Zunächst weist Musil auf die fundamentale 'Fremdheit' der archaischen Kriegstugenden für einen dezidiert 'modernen' Künstler hin. Attraktiv an der allgemeinen Kriegsbegeisterung erschien dem Dichter allerdings, dass ein Einstimmen in sie es ihm erlaubte, seinen elitären Dünkel abzulegen und sich endlich als Teil seines 'Volkes' zu fühlen: Ein kleines äußerliches, aber in seiner Gefühlswirkung nicht unbeträchtliches Zeichen dafür war, daß die wertvollsten Geisterjeder Nation meist schon in die Sprache anderer Völker übersetzt wurden, bevor sie in ihrem eigenen eine breite Wirkung erlangten. Geist war die Angelegenheit einer oppositionellen europäischen Minderheit und nicht das von dem Willen der Nachfolgenden getragene und mit Dankbarkeit ermunterte Vorausgehn eines Führers vor seinem eigenen Volke.25 Musil berauscht sich hier an der verlockenden Vorstellung, als Intellektueller eine Führungsaufgabe verliehen zu bekommen, die er sonst in einer modernen, ausdifferenzierten Gesellschaft nicht erstreben hätte können und wollen. Plötzlich erschienen die lange im sozialen Abseits stehenden Schriftsteller als herausgehobene Exemplare der Gattung Mensch. 'M o dern' ist also weniger die affirmative Tendenz der forcierten Argumentation, vielmehr die ihr zugrunde liegende Kritik am bisherigen status quo sowie die Selbstermächtigung des gesellschaftlich marginalisierten Künstlers. Der Biograph Karl Corino hat Musils Essay als "Gegenstück" zu der Kriegsbegeisterung bezeichnet, "wie man sie aus den Manifesten der italienischen Futuristen kannte", doch aus "den Augen der Nachgeborenen" betrachtet zugleich als "eines der deprimierendsten Beispiele der Musilschen Publizistik"; in dessen Ausführungen werde nämlich deutlich, daß selbst "die Klügsten sich der Verführung zum Blutrausch nicht entziehen konnten."26 Aus heutiger Sicht wirken Gedanken wie die folgenden in der Tat befremdlich: Aufgrund der Erfahrung einer von allen umgebenden Staaten auf die deutschsprachigen Länder hereinbrechenden "Verschwörung", in der man deren "Ausrottung beschlossen" habe, sei in der Fleimat "ein neues Gefühl geboren" worden: "Die Grundlagen, die gemeinsamen, über denen wir uns M Musil 1978, p. 1020. 25 Ibid., p. 1020f. 26 Corino, Karl: Robert Musil. Eine Biographie. Reinbek: Rowohlt 2003, p. 493. <?page no="327"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbrüchs 1914 327 schieden, die wir sonst im Leben nicht eigens empfanden, waren bedroht, die Welt klaffte in Deutsch und Widerdeutsch, und eine betäubende Zugehörigkeit riß uns das Herz aus den Händen, die es vielleicht noch für einen Augenblick des Nachdenkens festhalten wollten."2728Kritiklos vertraute der vom Patriotismus trunkene 33-jährige Autor der medial aufgeheizten Berichterstattung der ersten Kriegswochen und berauschte sich am kollektiven Erlebnis nationaler Einswerdung und internationaler Entfremdung: W ir wissen nicht, was es ist, das uns in diesen Augenblicken von ihnen trennt und das w ir trotzdem lieben; und doch fühlen w ir gerade darin, wie w ir von einer unnennbaren Demut geballt und eingeschmolzen werden, in der der Einzelne plötzlich wieder nichts ist außerhalb seiner elementaren Leistung, den Stamm zu schützen. Dieses Gefühl muß immer dagewesen sein und wurde bloß wach; jeder Versuch, es zu begründen, wäre matt und würde aussehn, als müßte man sich überreden, während es sich doch um ein Glück handelt, über allem Ernst um eine ungeheure Sicherheit und Freude. DerTod hat keine Schrecken mehr, die Lebensziele keine Lockung. Die, welche sterben müssen oder ihren Besitz opfern, haben das Leben und sind reich: das ist heute keine Übertreibung, sondern ein Erlebnis, unüberblickbar aber so fest zu fühlen wie ein Ding, eine Urmacht, von der höchstens Liebe ein kleines Splitterchen war.25 Bisher hatten gewollt archaisierende Begriffe wie "Stamm" oder "Urmacht" in Musils Texten keine Rolle gespielt und sollten es auch später nicht mehr tun, jedenfalls nicht in so undifferenziert affirmativem Bezug auf moderne Gesellschaften. Der terminologische Rückgriff veranschaulicht die gedankliche Regression, auf die auch die reichlich naive, aber umso beliebtere Vorstellung einer sozialen Entdifferenzierung durch den Krieg verweist.29Der brillante Diagnostiker moderner Zerrissenheit erweist sich hier selbst als ein "Zerrissener, der Orientierung suchte"; der Krieg erscheint ihm deshalb als "religiös überhöhte[s] Gemeinschaftserlebnis, das eine neue Intensität des Lebens und Erlebens" verheißt.30 Besonders verstörend w irkt auch Musils krude Verklärung des Kriegstodes und der kriegerischen Güterbzw. Wertevernichtung unmittelbar zu Beginn des letzten Satzes: "Die, welche sterben müssen oder ihren Besitz opfern, ha- 27 Musil 1978, p. 1021. 28 Ibid., p. 102I f . 29 Vgl. etwa Troeltsch, Ei nst: Die Ideen von 1914. Rede, gehalten in der "Deutschen Gesellschaft 1914" [1916], In: Ders.: Deutscher Geist und Westeuropa. Gesammelte kulturphilosophische Aufsätze und Reden. Hg. v. Hans Baron. Tübingen: Mohr(Siebeck) 1925, pp. 1-58, p. 42f.: "In der Kriegsarbeit schmolzen alle, Hoch und Niedrig, Gebildete und Ungebildete, zusammen, und die Gliederungen wurden wieder die natürliche Gliederung der Arbeit und der leistung. [...] Es ist die ungeheuere Bedeutung des August, daß er unter dem Druck der Gefahr das gesamte Volk zu einer inneren Einheit zusammen preßte, wie es niemals vorher gewesen war." ! 0 Pipei 2013, p. 253. <?page no="328"?> 328 N orb e rt Christian W olf ben das Leben und sind reich: das ist heute keine Übertreibung, sondern ein Erlebnis".31Das klingt bei aller Emphase doch seltsam überzogen, so als ob der Skeptiker sich selber von seinem Rausch überzeugen müsse. Ernst Piper hat diese Worte, die so gar nicht zur sonstigen Musil'schen Essayistik passen wollen, folgendermaßen kommentiert: Auf den ersten Blick reiht sich dieser Text ein in das Heer der zeittypischen euphorischen Exklamationen, aber eine genaue Lektüre offenbart seine skeptische Gebrochenheit. Musil hatte den Krieg nicht herbeigesehnt, eher war er von ihm überwältigt worden. Er konnte dieses elementare Erlebnis nicht wirklich in seine Lebensordnung einfügen, der Essay blieb ein Solitär in seinem schriftstellerischen Werk.32 Es handelt sich bei dem von Musil durchaus selbst geteilten und (reprodu zierten "Sommererlebnis im Jahre 1914"33 offensichtlich um eine Urszene seiner Schriftstellerexistenz, deren Erinnerung ihm während der aktiven Teilnahme an den äußerst verlustreichen Materialschlachten der italienischen Front bald das ganze Ausmaß jenes Irrsinns offenbarte, der davon neben dem Einheitsgefühl ebenfalls verm ittelt wurde.341919 stellte er bedauernd fest: "Die fünfjährige Sklaverei des Kriegs hat [...] aus meinem Leben das beste Stück herausgerissen."35 Musils anfänglich ostentative Kriegsbegeisterung wich einem anhaltenden Erkenntniswillen, der ihn nach seiner Rückkehr von der Front ins zivile Leben bis zu seinem Tod im Jahr 1942 beschäftigte.36 Er legte ihn als kritische Auseinandersetzung mit dem 'anderen Zustand' auch der satirischen Konstruktion des Mann ohne Eigenschaften zugrunde. Wie andere Autoren machte Musil die Verstörung angesichts der eigenen Blindheit später literarisch produktiv. Noch gegen Ende seines Lebens stütze er in seinem Arbeitsheft 33 auf die etablierte Ausbruchsmetaphorik: "Der Krieg kam wie eine Krankheit, besser wie das begleitende Fieber, über mich."37 31 Musil 1978, p. 1022. 32 Piper 2013, p. 254. 33 So Musil aus dem Rückblick seines Essays DieNation als Idealundals Wirklichkeit. [1921], In: Musil 1978, pp. 1059-1075, hier p. 1060. 34 Vgl. dazu die ausführliche Darstellung in Corino 2003, pp. 497-592. 35 Musil, Robert: Tagebücher. 2 Bde. Hrsg, von Adolf Frise. Reinbek: Rowohlt 21983, Bd. 1, p. 527 [H 19/ 1], 36 Vgl. dazu Rußegger, Arno: "Daß Krieg wurde, werden mußte, ist die Summe all der widerstrebenden Strömungen und Einflüsse, die ich zeige." Erster Weltkrieg und literarische Moderne am Beispiel von Robert Musil. In: Schneider/ Schumann 2000, pp. 229-245; darüber hinaus die einschlägigen Abschnitte in Honold, Alexander: Die Stadt und der Krieg. Raum- und Zeitkonstruktion in Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften". München: Fink 1995 (Musil-Studien, Bd. XXV). 37 Musil 1983 1, p. 956. <?page no="329"?> Publizistische (De-)Legitim ationen des europäischen Ziviiisationsbruchs 1914 329 3. " M it großem Recht hat man die Kunst einen Krieg genannt": Thomas Mann Der damals schon recht etablierte 39-jährige Thomas Mann (*6. Juni 1875) publizierte seine Gedanken im Kriege im November 1914 ebenfalls in der Neuen Rundschau. Es handelt sich laut Peter Sprengel um "die konzentrierteste Zusammenfassung der deutschen Kriegsrhetorik der ersten Stunde".38 Sie wird deshalb im Folgenden ausführlicher gewürdigt, zumal ihr Autor "zum bedeutendsten literarischen Apologeten des gerade beginnenden Krieges"39 erklärt worden ist, wenngleich er sich von ihm konsequent fernhielt: Der ungediente Landsturmmann Thomas Mann wurde bei der auf die Mobilmachung folgenden Musterung von einem wohlmeinenden Stabsarzt, der große Ehrfurcht vor dem berühmten Schriftsteller an den Tag legte, ausgemustert, um ihm Unbequemlichkeiten zu ersparen, und bei einer Nachmusterung im November 1916 wegen Nervosität und Magenschwäche dauerhaft freigestellt.40 Er widmete sich lieber dem geistigen und schriftstellerischen Kriegsdienst, dessen Gefahren nicht dem eigenen Leben galten; sie beschränkten sich vielmehr für den Verfasser bequem auf ideologiegeschichtliche Kontroversen in der Nachwelt. Doch nicht damit beschäftigt sich die folgende Darstellung, sondern m it dem berüchtigten Pamphlet vom Flerbst 1914. Ausgehend von der hochgradig ideologisierten Opposition zwischen 'Kultur' und 'Zivilisation' entwickelte Mann eine typologische Gegenüberstellung der Kriegsgegner Deutschland und Frankreich. Auf der Basis seines konsequent dichotomischen Denkens begrüßte er den Krieg als willkommenen Ausweg aus der Dekadenz geradezu euphorisch. Zunächst stellte er mit Blick auf den durch die westeuropäischen Kriegsgegner nach der Invasion des neutralen Belgien erhobenen Vorwurf einer spezifisch deutschen 'Barbarei' fest: Zivilisation und Kultur sind nicht nur nicht ein und dasselbe, sondern sie sind Gegensätze, sie bilden eine der vielfältigen Erscheinungsformen des ewigen Weltgegensatzes und Widerspieles von Geist und Natur. [...] Kultur ist offenbar nicht das Gegenteil von Barbarei; sie ist vielmehr oft genug nur eine stilvolle Wildheit, und zivilisiert waren von allen Völkern des Altertums vielleicht nur die Chinesen. Kultur ist Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack, ist irgendwie gewisse geistige Organisation der Welt, und sei das alles auch noch so abenteuerlich, skurril, wild, blutig und furchtbar. [...] 38 Sprengel 2004, p. 799. 39 So Piper 2013, p. 145. 40 Ibid., p. 146. <?page no="330"?> 330 Norbert Christian Wolf Zivilisation aber ist Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptisierung, Auflösung, - Geist.41 Mann unternimmt hier eine Dichotomisierung aus dem Geist eines nietzscheanisch definierten Künstlertums, wobei die Sympathieverteilung klar auf der Hand liegt; demnach wird Kultur als dionysisch implizit auf-, Zivilisation als apollinisch aber unmissverständlich abgewertet. In seiner Typologie klingen unter der Hand auch die topischen Einsätze im immer verbissener ausgefochtenen Bruderzwist mit Heinrich Mann an,42 so dass man mit guten Gründen von einem recht persönlichen "Bruder-Krieg" gesprochen hat, den der Weltkrieg für ihn vor allem darstellte.43 Und mit dieser problematischen Überlagerung des Politischen durch das Private sind die Implikationen der mindestens ebenso persönlich aufgeladenen wie staatsvergleichenden Opposition noch lang nicht ausgeschöpft: Ja, der Geist ist zivil, ist bürgerlich: er ist der geschworene Feind der Triebe, der Leidenschaften, er ist antidämonisch, antiheroisch, und es ist nur ein scheinbarer Widersinn, wenn man sagt, daß er auch antigenial ist. / Das Genie, namentlich in der Gestalt des künstlerischen Talents, mag wohl Geist und die Ambition des Geistes besitzen, es mag glauben, durch Geist an Würde zu gewinnen, und sich seiner zu Schmuck und Wirkung bedienen, das ändert nichts daran, daß es nach Wesen und Herkunft ganz und gar auf die andere Seite gehört, - Ausströmung einer tieferen, dunkleren und heißeren Welt, deren Verklärung und stilistische Bändigung w ir Kultur nennen. Die Verwechselung [sic] des Geistigen, des Intellektualistischen, Sinnigen, ja Witzigen mit dem Genialen ist zwar modern; wir alle neigen ihr zu. Doch bleibt sie ein Irrtum.44 Die wiederum typologische Opposition zwischen 'Genie' und 'W itz' steht in einer langen antirationalischen Traditionslinie deutschen Denkens, die vom Sturm und Drang über die Romantik bis tie f ins 20. Jahrhundert reicht, in dem das eigentlich 'Schöpferische' schließlich auf unergründlichen Triebkräften gegründet werden kann. Diese Linie war im deutschsprachigen Raum stets m it einem eindeutigen Wertgefälle versehen gewesen und wird nun m it dem Gegensatzpaar von 'Kultur' und 'Zivilisation' verquickt, das Thomas Mann schon länger beschäftigt hatte.45 Auch in seiner Argu- 41 Vgl. Mann, Thomas: Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Hg. v. Heinrich Detering, Eckhard Heftrich, Hermann Kurzke u.a. Bd. 15.1: Essays II. 1914 1926. Hg. v. Hermann Kuizke [...]. Frankfurt a.M.: Fischer 2002, pp. 27 46, hier p. 27. 42 Vgl. Piper 2013, p. 145f. u. 149f., mehr dazu in de Mendelssohn, Peter: Der Zauberer. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann. Erster Teil: 1875 bis 1918. Frankfurt a.M.: Fischer '1996, pp. 1585 1904. 43 Vgl. Eder, Jürgen: Die Geburt des Zauberbergs aus dem Geist der Verwirrung. In: Schneider/ Schumann 2000, pp. 1 7 1 1 8 7 , Iiiei p. 173. 44 Mann 2002, p. 27f. 45 Vgl. Eder 2000, p. 176. <?page no="331"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 331 mentation wird rasch klar, auf welcher Seite der Opposition er sich selber stehen sieht und wo er die 'geniale' künstlerische Produktivität verortet, wenn er gleichsam ex cathedra ewige Wahrheiten verkündet: "Kunst, wie alle Kultur, ist die Sublimierung des Dämonischen. Ihre Zucht ist strenger als Gesittung, ihr Wissen tiefer als Aufklärung, ihre Ungebundenheit und Unverantwortlichkeit freier als Skepsis, ihre Erkenntnis nicht Wissenschaft, sondern Sinnlichkeit und Mystik. Denn die Sinnlichkeit ist mystischen Wesens, wie alles Natürliche."46 Manns Ausformung eines spezifisch deutschen Antirationalismus folgt freilich allererst der rationalitätskritischen Rhetorik Friedrich Nietzsches. Auf dieser gedanklichen Basis entwickelte der Autor im Geiste der später so genannten "Ideen von 1914", die man "als Antwort auf 1789" und das ideologische Erbe der Französischen Revolution verstand,47 nun eine regelrechte Rechtfertigung des Krieges aus primär ästhetisch-anthropologischen Gründen, indem er auf eine ideologiegeschichtlich höchst prekäre Gleichung abzielt: Die Kunst ist fern davon, an Fortschritt und Aufklärung, an der Behaglichkeit des Gesellschaftsvertrages, kurz, an der Zivilisierung der Menschheit innerlich interessiert zu sein. Ihre Humanität ist durchaus unpolitischen Wesens, ihr Wachstum unabhängig von Staats- und Gesellschaftsformen. Fanatismus und Aberglaube haben nicht ihr Gedeihen beeinträchtigt, wenn sie es nicht begünstigen, und ganz sicher steht sie mit den Leidenschaften und der Natu r auf vertrauterem Fuße, als mit der Vernunft und dem Geiste. Wenn sie sich revolutionär gebärdet, so tu t sie es auf elementare Art, nicht im Sinne des Fortschritts. Sie ist eine erhaltende und formgebende, keine auflösende Macht. Man hat sie geehrt, indem man sie der Religion und der Geschlechtsliebe für verwandt erklärte. Man darf sie noch einer anderen Elementar- und Grundmacht des Lebens an die Seite stellen, die eben wieder unsern Erdteil und unser aller Herzen erschüttert: ich meine den Krieg.48 M it seinem antimodernistischen Votum für die 'bewahrende' Synthese anstelle der vorgeblich 'zersetzenden' Analyse verabschiedet Thomas Mann hier Grundüberzeugungen der aufklärerischen Gesellschaftsphilosophie und Verfassungslehre; er verw irft den perfektibilistischen Fortschrittsgedanken wie auch alle Formen kritischer Analytik und ersetzt sie durch rhetorisch geschickt kombinierte Versatzstücke aus dem Umfeld der vitalistischen Lebensphilosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts sowie des morphologischen Gestaltdenkens. M it ihrer Hilfe entwickelt er auf der Basis seines Postulats der 'Formgebung' die angeblich "völlig gleichnishafte[n] Beziehungen, welche Kunst und Krieg miteinander verbinden", und setzt m it einer bezeichnenden Geschichtsklitterung ein, 46 Mann 2002, p. 28. 47 Vgl. Eder 2000, p. 177. 48 Mann 2002, p. 29. <?page no="332"?> 332 N orb e rt Christian W olf indem er eine Anspielung auf eine Passage aus seiner 1912 publizierten Erzählung Der Tod in Venedig49für einen generellen Befund ausgibt: Mirwenigstens schien von jeher, daß es der schlechteste Künstler nicht sei, der sich im Bilde des Soldaten wiedererkenne. Jenes siegende kriegerische Prinzip von heute: Organisation es ist ja das erste Prinzip, das Wesen der Kunst. Das Ineinanderwirken von Begeisterung und Ordnung; Systematik; das strategische Grundlagen schaffen, weiter bauen und vorwärts dringen mit 'rückwärtigen Verbindungen'; Solidität, Exaktheit, Umsicht; Tapferkeit, Standhaftigkeit im Ertragen von Strapazen und Niederlagen, im Kampf mit dem zähen Widerstand der Materie; Verachtung dessen, was im bürgerlichen Leben 'Sicherheit' heißt [...], die Gewöhnung an ein Gefährdetes, gespanntes, achtsames Leben; Schonungslosigkeitgegen sich selbst, moralischer Radikalismus, Hingebung bis aufs äußerste, Blutzeugenschaft, voller Einsatz aller Grundkräfte [des] Leibes und der Seele, ohne welchen es lächerlich scheint, irgend etwas zu unternehmen; als ein Ausdruck der Zucht und Ehre endlich Sinn für das Schmucke, das Glänzende: Dies alles ist in der Tat zugleich militärisch und künstlerisch.50 Bei den Worten über die "Verachtung dessen, was im bürgerlichen Leben 'Sicherheit' heißt", lässt sich unschwer an kämpfende Autoren wie Ernst Jünger denken, der seine Kriegstagebücher In Stahlgewittern allerdings erst nach dem Krieg publizierte (zuerst 1920). Mann seinerseits hat sich indes von der Front und dem 'unbürgerlichen' Abenteuer konsequent ferngehalten und beschäftigt sich lieber theoretisch mit dem Kriegshandwerk. Er zeichnet ein regelrechtes Porträt des Künstlers als Krieger und überschreibt m it diesem auch jene "Antithese", die für sein eigenes Frühwerk so bedeutend gewesen war: M it großem Recht hat man die Kunst einen Krieg genannt, einen aufreibenden Kampf: schöner noch steht ihr das deutscheste Wort, das Wort 'Dienst' zu Gesicht, und zwar ist der Dienst des Künstlers dem Soldaten viel näher verwandt als dem des Priesters. Die literarisch gern kultivierte Antithese von Künstler und Bürger ist als ein romantisches Erbe gekennzeichnet worden, nicht ganz verständnisvoll, wie mir scheint. Denn nicht dies ist der Gegensatz, den wir meinen: Bürger und Zigeuner, sondern der vielmehr: Zivilist und Soldat.51 Indem Thomas Mann die Kunst hier überraschend als 'Dienst' an der nationalen Sache qualifiziert, w irft er relativ unbedacht den ebenfalls in 'aufreibenden Kämpfen' seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts verteidigten ästhetischen Autonomieanspruch über Bord und setzt an seine Stelle ein planes Abhängigkeitsverhältnis. M ithilfe der typologischen Ana- Iogisierung zwischen Soldaten und Schriftstellern kann er auch seine eigene Kriegsbegeisterung scheinbar motivieren - und zugleich legitimieren: 49 Vgl. Edei 2000, p. 176. 50 Mann 2002, p. 29f. 51 Ibid., p. 30. <?page no="333"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 333 Wie die Herzen der Dichter sogleich in Flammen standen, als jetzt Krieg wurde! [...] Nun sangen sie wie im Wettstreit den Krieg, frohlockend, mit tief aufquellendem Jauchzen als hätte ihnen und dem Volke, dessen Stimme sie sind, in aller Welt nichts Besseres, Schöneres, Glücklicheres widerfahren können, als daß eine verzweifelte Übermacht von Feindschaft sich endlich gegen dieses Volk erhob [...].52 Die hier praktizierte Verschleierung des tatsächlichen Verlaufs der Kriegserklärungen war in der Propaganda der Mittelmächte üblich. Daneben fällt an dieser Passage aber die in der Tradition Herders stehende Stilisierung der Dichter als Stimme des Volkes auf. Thomas Mann bedient sich dabei einer Freud'schen Verneinung, die implizit zum Ausdruck bringt, was sie explizit in Abrede stellt: Es wäre leichtfertig und ist völlig unerlaubt, dies Verhalten der Dichter auch nur in den untersten, bescheidensten Fällen als Neugier, Abenteurertum, und bloße Lust an der Emotion zu deuten. Auch waren sie niemals Patrioten im Hurra-Sinne und 'Imperialisten' [...], so daß auch die Wunder und Paradoxien, welche der Krieg sogleich im Lande zeitigte: das brüderliche Zusammenarbeiten von Sozialdemokratie und Militärbehörde etwa, jene phantastische Neuheit der inneren Lage, die einen radikalen Literaten zu dem Ausruf begeisterte: 'Unterder Militärdiktatur ist Deutschland frei geworden! ' daß auch dies alles den Dichtern wohl keine Lieder gemacht haben würde. Aber wenn nicht Politiker, so sind sie doch stets etwas anderes: sie sind Moralisten. Denn Politik ist eine Sache der Vernunft, der Demokratie und der Zivilisation; Moral aber eine solche der Kultur und der Seele.53 Dass die als oberflächlich diskreditierte Vernunft in dieser Diagnose eine zweifelhafte Rolle spielt, muss nicht eigens betont werden. Die dem Innersten des Menschen zugeordnete Moral hingegen wird zum eigentlichen Gegenstand der Dichtung erklärt. Im Sinne eines primär ästhetischanthropologischen Projekts erscheint der Krieg dem Dichter deshalb als vitalistische Befreiung von ennui und spieen der Vorkriegszeit: "Als sittliche Wesen [...] hatten wir die Heimsuchung kommen sehen, mehr noch: auf irgend eine Weise ersehnt; hatten im tiefsten Herzen gefühlt, daß es so mit der Welt, mit unserer Welt nicht mehr weitergehe."54 Das hier zum Ausdruck gebrachte Grauen an der Zivilisation und der ausdifferenzierten modernen Welt erweist sich als Funktion einer zutiefst antimodernistischen Gesinnung, die zahlreiche Texte der klassischen Moderne prägt und sich mithin als besondere Hervorbringung ebendieser Moderne erweist; Thomas Mann stellt etwa eine Reihe rhetorischer Fragen: 53 54 Ibid. Ibid., p . 31. Ibid. <?page no="334"?> 334 Norbert Chrisban W olf Ist es zuviel gesagt, daß es kein Kriterium des Echten, nicht Mut noch Möglichkeit zur Verdammung mehr gab, daß buchstäblich niemand mehr aus noch ein wußte? Würde? Aber sie war Hochstapelei und Snobismus. Infamie? Aber sie hatte Talent; [...] und sie fächelte sich vor Eitelkeit unter dem Beifall derer, die nur eine Sorge kennen: den Anschluß nicht zu versäumen. Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! 55 Wie später zahlreiche Texte der 'konservativen Revolution' ist auch diese Passage von einem eklatanten Bedürfnis nach ewigen Werten (statt zeitbedingter 'Mode'), klaren Entscheidungen und einfachen Antworten diktiert und mündet in einen begeisterten Ausruf: "Krieg! Es war Einigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung."56 Man kann sich aus dem geschichtlichen Abstand von hundert Jahren und angesichts des heute bestehenden historischen Wissens kaum vorstellen, wie ein Krieg dieser Dimension solche Glücksgefühle auslösen konnte. Zur Beglaubigung dieser Vorstellung argumentiert Mann ganz ähnlich wie Musil: Was die Dichter begeisterte, war der Krieg an sich selbst, als Heimsuchung, als sittliche Not. Es war der nie erhörte, der gewaltige und schwärmerische Zusammenschluß der Nation in der Bereitschaft zu tiefster Prüfung einer Bereitschaft, einem Radikalismus der Entschlossenheit, wie die Geschichte der Völker sie vielleicht bisher nicht kannte. Aller innere Haß, den der Komfort des Friedens hatte giftig werden lassen wo war er nun? Eine Utopie des Unglücks stieg auf...57 An diesen Überlegungen überrascht und verstört die Bedenkenlosigkeit, m it der ein Dichter eigene subjektive Erfahrungen und Nöte auf die gesamte Nation projiziert und diese nur aus dem Gesichtspunkt letzterer zu interpretieren vermag. Im weiteren Verlauf seiner Darlegungen kehrt Mann wieder zur bewährten Antithese zwischen 'Kultur' und 'Zivilisation' zurück, den er mit dem politischen Gegensatz zwischen Deutschland und Frankreich kurzschließt und anhand einer gewagten Analogie zum intrikaten Verhältnis zwischen dem ja äußerst frankophilen und zugleich bellizistischen Preußenkönig Friedrich II. und dem in Deutschland spätestens seit dem Sturm und Drang vielgehassten urbanen französischen Aufklärungsphilosophen Voltaire exemplifiziert: Voltaire und der König: Das ist Vernunft und Dämon, Geist und Genie, trockene Helligkeit und umwölktesSchicksal, bürgerliche Sittigung und heroische Pflicht; Voltaire und der König: das ist der große Zivilist und der große Soldat seit jeher und für alle Zeiten. / Aber da wir den Gegensatz in nationalen Sinnbildern vor 55 Ibid., p. 32. 56 Ibid. 57 Ibid., p. 31. <?page no="335"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbrüchs 1914 335 Augen haben, in den Figuren des zentralen, immer noch herrschenden Franzosen und des deutschen Königs, dessen Seele jetzt mehr als je in uns lebt, so gewinnt er selbst, dieser Gegensatz, nationalen Sinn und aufschließende Bedeutung für die Psychologie der Völker.58 Später hat Thomas Mann selbst die Problematik solcher generalisierender Völkerpsychologie erkannt, ohne sich jemals ganz von ihr zu befreien. So findet sich der hier skizzierte Gegensatz in der Endfassung des Zauberberg als Feindschaft zwischen dem Jesuiten Naphta und dem Zivilisationsliteraten Settembrini wieder, zwischen denen sich der Protagonist Hans Castorp dann allerdings nicht mehr entscheiden wird. Seinem Autor fiel es 1914 hingegen leicht, in Form weiterer rhetorischer Fragen zu suggerieren, daß unser soziales Kaisertum eine zukünftigere Staatsform darstellt als irgendein Advokaten-Parlamentarismus, der, wenn er in Feierstimmung gerät, noch immer das Stroh von 1789 drischt? Ist nicht die bürgerliche Revolution im Sinne des gallischen Radikalismus eine Sackgasse, an deren Ende es nichts als Anarchie und Zersetzung gibt und die vermieden zu haben ein Volk, das Wege ins Freie und Licht sucht, sich glücklich preisen muß? 59 M it den diskreten Vorzügen indirekter Demokratie kann Thomas Mann damals genauso wenig anfangen wie die Populisten unserer Tage (man denke nur an deren Forderung ständiger Volksabstimmungen). Generell vermeint man in seiner begrifflichen Konstruktion eine Vorwegnahme 'konservativrevolutionärer' Gedankengänge der Zwischenkriegszeit zu vernehmen: Die deutsche Seele ist zu tief, als daß Zivilisation ihr ein Flochbegriff oder etwa der höchste gar sein könnte. Die Korruption und Unordnung der Verbürgerlichung ist ihr ein lächerlicher Greuel. [...] Und dieselbe tiefe und instinktive Abneigung ist es, die sie dem pazifistischen Ideal der Zivilisation entgegenbringt: ist nicht der Friede das Element der zivilen Korruption, die ihr [der deutschen Seele, N.C.W.] amüsant und verächtlich erscheint? Sie ist kriegerisch aus Moralität, nicht aus Eitelkeit und Gloiresucht oder Imperialismus. Noch der letzte der großen deutschen Moralisten, Nietzsche (der sich sehr irrtümlich den Immoralisten nannte), machte aus seinen kriegerischen, ja militärischen Neigungen kein Hehl. Zur moralischen Apologie des Krieges haben deutsche Geister das meiste und wichtigste beigetragen [...].60 In der outrierten Feugnung von "Eitelkeit und Gloiresucht" klingt schließlich ein letztes M otiv an, das in Manns Gedanken im Kriege eine tragende Rolle spielt, nämlich das geschlechtstypologische. Nachdem der Autor den deutschen Dichter m it dem 'männlichen' Soldaten gleichgesetzt hat, identifiziert er zuletzt die Haltung der französischen Kriegsgegner als 'weiblich', 58 Ibid., p. 35. 59 Ibid., p. 37. 60 Ibid., p. 39. <?page no="336"?> 336 Norbert Christian Wolf indem er auf deren Bestreben einer Rückgewinnung Elsaß-Lothringens anspielt, das nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 an das Deutsche Reich gefallen war: Es ist auch wenig soldatisch, es ist sogar wenig männlich, ein halbes Jahrhundert lang Revanche zu heischen, m it furchtsamer Sehnsucht endlich in den Krieg zu tappen und dann das Toben der Elemente beständig mit dem dünnen Schrei zu überschrillen, der 'Zivilisation' lautet. [...] Diese Nation nimmt Damenrecht in Anspruch, es ist kein Zweifel. Zart und liebreizend wie es ist, darf das unbedingt entzückendste der Völker alles wagen. Rührt man es aber an, so gibt es Tränen aus schönen Augen, und ganz Europa erbebt in zornigem Rittergefühl.61 Also spricht ein Autor m it unbestreitbar homoerotischen Neigungen, der vor dem Krieg die Kategorien 'Weiblichkeit' und 'Frankreich' durchaus positiv konnotiert hatte.62 Thomas Mann beschließt seine Abhandlung mit einer Apotheose der Eigenart des deutschen Volkes und eine finalen Drohung an dessen (vermeintliche) Verächter: Es ist wahrscheinlich das unbekannteste Volk Europas, sei es nun, weil es so schwer zu kennen ist, oder weil Bequemlichkeit und Dünkel die bürgerlichen Nachbarn hinderten, sich um die Erkenntnis Deutschlands zu bemühen. Aber Erkenntnis muß sein, Leben und Geschichte bestehen darauf, sie werden es als untunlich erweisen, die sendungsvolle und unenetbehrliche Eigenart dieses Volks aus wüster Unkunde gewaltsam zu verneinen. Ihrw olltet uns einzingeln, abschnüren, austilgen, aber Deutschland, ihr seht es schon, wird sein tiefes, verhaßtes Ich wie ein Löwe verteidigen, und das Ergebnis eures Anschlages wird sein, daß ihr euch staunend genötigt sehn werdet, uns zu studieren.63 M it letzterem hat Thomas Mann sicherlich Recht behalten, ohne dass daraus eine besondere Ehre für das deutsche Volk entsprungen wäre. Die theoretische Grundlage seiner Argumentation von 'Beweisführung' wird man hier schwerlich sprechen wollen bezieht er aus der genuin 'deutschen' Ideengeschichte von Herder bis Nietzsche, die er freilich aus der 'modernen' Perspektive des frühen 20. Jahrhunderts ziemlich selektiv deutet und ihrer widerständigen, ja politisch oppositionellen Aspekte weitestgehend entkleidet. So erscheint die subversive Spitze von Nietzsches Rationalitätskritik ins Affirmative, ja Repressive verkehrt, dessen radikaler Tenor eine aus heutiger Sicht unangenehme Iegitimatorische Schlagseite erhält, wenn man bedenkt, dass damit nichts Geringeres als die Zerstörung von Löwen (Leuven) oder die Beschießung der Kathedrale von Reims gerechtfertigt wird. 61 Ibid., p. 41f. 61 Vgl. den Kommentar Kurzkes. In: Mann 2002, p. 10. 63 Mann 2002, p. 46. <?page no="337"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 337 4. "Sie waren eben alle nicht bei Sinnen gewesen": Zwischenbilanz Die ganz unterschiedlichen Rechtfertigungen des Krieges als Volkserhebung, wie ihn der junge Brecht - und zumindest brieflich auch Thomas Mann64 feierte, als Gemeinschaftserlebnis, wie ihn nicht nur Musil annoncierte, aus Genialität oder aus völkerpsychologischen Gründen stehen für ein großes Spektrum von Argumentationsweisen, deren apologetische, ja propagandistische Bemühungen stets auf eine freudige Bejahung des Kriegsbeginns hinausliefen und unzählige Nachahmer und Trittbrettfahrer zu Ähnlichem inspirierten. In seinem am 1. Oktober 1918 erschienenen Aufsatz Wandlung der geistigen Atmosphäre beschreibt der pazifistische Publizist Carl von Ossietzky diese allgemeine Begleiterscheinung des Kriegsanfangs aus dem Rückblick: Jeder Oberlehrer fühlte sich als ein kleiner Fichte und richtete seine storchbeinigen Perioden hübsch bescheiden an die Adresse der ganzen deutschen Nation. Und das schlimmste war: der Erfolg ermunterte. [...] Wer aber denkt heute noch an die Propheten und Sibyllen, die von einem kritiklos geschwätzten Auditorium mit michelangelesken Maßen gemessen wurden, während ihnen nach menschlicher und literarischer Bedeutung kaum ein mikroskopisches Format zukam. Ein jeder rupfte sich aus der Gloriole der großen Zeit ein paar Strahlenbüschel [...].65 Der Krieg erlaubte demnach eine dichterische Selbsterhebung; er ermöglichte noch einmal die Anwendung des schulisch nach wie vor vermittelten, aber ästhetisch längst obsoleten Erhabenheitsdiskurses. Rückblickend resümiert Ossietzky aus seiner Sicht optimistisch: "Das alles ist nun Vergangenheit." Denn: "Der Geist von 1914 hat sich in sein Gegenteil verkehrt."66 Gemeint ist damit jene "österliche W eltstimmung" die sich wenig später mit der Enttäuschung durch die Pariser Vorortverträge und die gebrochenen Versprechungen Woodrow Wilsons jedoch ebenfalls als illusionär erweisen sollte.67 Im Zusammenhang einer Kritik der Kriegsbegeisterung und Apologie spielen auch genderkritische Aspekte eine nicht zu überschätzende Rolle, was schon die aufmerksamen Zeitgenossen nicht übersahen: So leitete die seinerzeit äußerste erfolgreiche Unterhaltungsschriftstellerin Clara Viebig ihren sozialkritischen "Roman aus unserer Zeit" Töchter der Hekuba (1917) 61 Vgl. Eder 2000, pp. 173 u. 177. 65 Ossietzky, Carl von: Sämtliche Schriften. Oldenburger Ausgabe. Bd. 1: 1911-1921. Hg. v. Mathias Bertram, Ute Maack u. Christoph Schottes. Reinbek: Rowohlt 1994, pp. 96f. u. 98. 66 Ibid. 67 Vgl. dazu Robert Musils Bemerkungen aus dem Rückblick seines Essays Die Nation ais Ideal und als Wirklichkeit. In: Musil 1978, p. 1061. <?page no="338"?> 338 Norbert Christian Wolf m it einer erlebten Rede ein, die aus genuin weiblicher Perspektive den von "Schulm eistern]" also von Männern bewirkten "allgemeine[n] Taumel" bei Kriegsausbruch aufs Korn nahm: "Sie waren eben alle nicht bei Sinnen gewesen, die Söhne nicht, die Lehrer nicht, die Väter nicht alle nicht. Nur die M ütter sahen, wie es wirklich war; die ahnten, wie es kommen würde. Gekommen war."68Anders aber die (männlichen) Dichter kaum einer ahnte auch nur ansatzweise, was ihm und seinem 'Vaterland' bevorstand, wie das letzte Beispiel aus dem Reigen kriegsverherrlichender Propaganda von renommierten Schriftstellern zeigt. 5. "Das Ungeheure betäubt jeden Geist": Hugo von Hofmannsthal Hugo Laurenz August Hofmann, Edler von Hofmannsthal (*1. Februar 1874) erhielt zur Vorbereitung der österreichischen Teilmobilmachung vom 28. Juli 1914 bereits "am 26. Juli 1914 seine Einberufung als Offizier zum Landsturm Feld-Regiment Nr. 5 nach Pisino (Pazin) im Hinterland von Istrien".69 Am 27. Juli schreibt er seiner Frau Gerty und seinem Vater aus Wien über die allgemeine Kriegsbegeisterung, diese sei "von solcher Schönheit, solchem Ernst, dabei so zuversichtlich und man muß beinahe sagen heiter, daß man sich wirklich schämen würde, gar nicht dazuzugehören".70Zumindest ein wenig "dazugehören" wollte der Dichter auf jeden Fall. Die durch seine irritierende Einschränkung "gar nicht" bereits merklich distanzierte, doch angeblich uneingeschränkte Begeisterung hinderte den Autor allerdings nicht, schon nach wenigen Tagen Garnisonsaufenthalt und noch vor Einsetzen der Kampfhandlungen systematisch seine Freistellung vom Kriegsdienst zu betreiben.71 "Bereits am 4. August kann er zurück nach Wien fahren, am 12. August wird Hofmannsthal der Pressegruppe des Kriegsfürsorgeamtes zugeteilt, am 1. Oktober erreicht er die gewünschte Superarbitrierung, also die Abberufung vom Truppenin den Lokaldienst. Der offizielle Anlaß ist mit seinem fortgeschrittenen Alter und gesundheitlichen Problemen gegeben - Diabetes und Kurzsichtigkeit lassen ihn als nicht militärtauglich erscheinen."72 Fortan widmet auch er sich der schriftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Krieges, 68 Viebig, Clara: Töchter der Hekuba. Ein Roman aus unserer Zeit. Berlin: Fleischel 1917, p. 2; Flinweis darauf in Sprengel 2004, p. 825. 69 Schumann, Andreas: "Macht mir aber viel Freude". Flugo von Flofmannsthals Publizistik während des Ersten Weltkriegs. In: Schneider/ Schumann 2000, pp. 137-151, hier p. 137. 70 Zit. ibid. 71 Vgl. zum Kontext auch Sauermann 2000, p. 38ff. 72 Schumann 2000, p. 138. <?page no="339"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 339 dessen "materielle[m] Chaos" er eine allererst "geistige, ideelle Dimension abzugewinnen" versucht.73Seine besoldete Tätigkeit im Pressebüro des Kriegsfürsorgeamtes, die er zwischen dem 12. August 1914 und dem 17. Mai 1917 ausübt,74 bietet ihm dafür die besten institutioneilen Voraussetzungen: "Öffentlichkeit erreicht Hofmannsthal durch sein publizistisches Engagement, durch seine Wortmeldungen und Deutungen, die sich mit dem Krieg auseinandersetzen und durch Abdruck in Zeitungen und Zeitschriften wie durch Verlage ihr Publikum finden."75 Die erste essayistische Veröffentlichung Hofmannsthals zu Kriegszeiten stellt sein Feuilleton Appell an die oberen Stände dar, das am 8. September 1914 als Leitartikel auf dem Titelblatt der liberalen Wiener Tageszeitung Neue Freie Presse abgedruckt wurde und mit pathetischen Worten einsetzt: Das Ungeheure betäubt jeden Geist, aber es ist in der Gewalt des Geistes, diese Lähmung wieder von sich abzuschütteln. Unsere Lähmung von uns abzuschütteln, um das geht es jetzt. Das völlig Unfaßliche ist Ereignis geworden; wir erlebens und fassen es nicht, werden es durchstehen, und es wird gewesen sein, wie ein dunkler Traum, durch dessen Finsternisse doch Gottes Licht hinzuckte, Gottes Atem hinwehte, fühlbarer als in öden, stockenden Jahren, die wir zuvor zu ertragen hatten.76 Von neuem figuriert hier unter der Hand eine implizit wertende Gegenüberstellung der "öden, stockenden" Vorkriegszeit und des offenbar auch hier als Erlösung empfundenen Kriegs. Doch im Unterschied zu Thomas Mann richtet Hofmannsthal den Fokus seiner Darlegungen nicht an die "draußen im Felde kämpfenden Soldaten", sondern ausnahmslos auf die Daheimgebliebenen; "über die anderen wird nur berichtet wenn auch wohlwollend, zustimmend und unterstützend. Der Krieg soll als etwas 'Alltägliches' begriffen werden, dem ebenso m it alltäglichem Handeln zu begegnen sei".77 M it Hofmannsthals eigenen Worten: [Jjetzt gilt es weiterzuleben, während dies Ungeheure um uns sich vollzieht. Es gilt, zu leben, als ob ein Tag wie alle Tage wäre. Es gilt, sich zu ernüchtern daß w ir nüchtern werden könnten, ist eine Gefahr. Aber gefährlich ist es und frevelhaft, von Erregungen einzig leben zu wollen und für Erregungen. Gefähr- 73 So Schneider, Sabine: Oi ientieiung der Geister im Bergsturz Europas. Hofmannsthals Hermeneutik des Kriegs. In: Wagner, Karl/ Baumgartner, Stephan/ Gamper, Michael (Hg.): Der Held im Schützengraben. Führer, Massen und Medientechnik im Ersten Weltkrieg. Zürich: Chronos 2014 (Medienwandel - Medienwechsel - Medienwissen, Bd. 28), pp. 185-196, hier p. 186. 74 Vgl. Schumann 2000, p. 138. 75 Ibid., p. 139. 76 Hofmannsthal, Hugo von: Gesammelte Werke. [Bd. 9: ] Reden und Aufsätze II. 1914-1924. Hg. V . Bernd Schoellei in Beratung mit Rudolf Hirsch. Frankfurt a.M.: Fischer 1979, pp. 347- 350, hier p. 347. 77 Schumann 2000, p. 141. <?page no="340"?> 340 Norbert Christian Wolf Iicher wäre es und frevelhafter, in der Absonderung das Ungeheure, das heute Wirklichkeit ist, vergessen zu wollen, an Behagen, an eigensüchtigen Genuß, und wäre es selbst geistiger Art, zu denken. Hier sind Skylla und Charybdis. Aber dazwischen führt ein Weg.78 Welchen Weg Hofmannsthal damit meint, macht er in der Folge klar, wenn er einen kriegerisch unproduktiven Attentismus oder eine bloß abstrakte, pekuniäre Beteiligung an den Kriegskosten anprangert im Sinne von Kriegsanleihen oder des von der Regierung unterstützten Programms "Gold gab ich für Eisen" - und statt dessen ein Höchstmaß an persönlichem Engagementjedes Einzelnen fordert: [Jjetzt muß jeder zurück auf seinen Posten und dem Werktag geben, was des Werktags ist. Wir haben Geld hergeschenkt, und es war viel und war doch wenig [...]. Und das Warten von einem Zeitungsblatt zum andern ist begreiflich aber nicht produktiv. Und es handelt sich darum, produktiv zu sein, jeder auf seinem Posten. Aus sich herauszuholen, was herauszuholen ist, jeder auf seinem Gebiet, darum handelt sichs.79 Jeder Staatsbürger muss demnach alles das geben, was er überhaupt zu geben vermag. Letztlich propagiert Hofmannsthal eine Vorform jener Konzeption des Krieges, die noch die privatesten Lebensbereiche tangiert. Dem Krieg müssen demnach die sozialen und politischen Gegensätze der Donaumonarchie, ja sämtliche Bereiche des privaten Alltagslebens dem öffentlichen Kampf ums Überleben des Staates untergeordnet werden. Der anerkannte Dichter nimmt somit bereits 1914 den Grundgedanken dessen vorweg, was knapp dreißig Jahre später ein anderer, erfolgloserer Dichter namens Joseph Göbbels in seiner berüchtigten Rede vom 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast unter das Motto "W ollt Ihr den totalen Krieg? " stellen wird: In Augenblicken wie dieser, den wir durchleben, gibt es kein gleichgültiges Handeln. Jeder ist vorgerufen, auf jedem ruhen, ohne daß er es weiß, tausend Blicke. Jetzt ist jeder mutig oder feige und also gut oder böse. Und gegen den Feigen, den Bösen ist jedes Mittel recht. Niemand steht heute gegen niemand in diesem weiten Reiche, nicht Nation wider Nation, nicht Klasse wider Klasse. Aberjeder Böse, jeder Feige muß fühlen, daß er diesen Gottesfrieden bricht. Diese Zeilen schreibt nur ein Einzelner, aber es gibt keinen Einzelnen, wo die Not allgemein ist, und wie stets, im Drang, der Entschlossene den Unentschlossenen niederschlägt, wird auch das Mittel gefunden werden, den zu strafen, der böse handelt. Hier versagen die Gesetze, und das Dickicht der sozialen Ordnung scheint auch dem frevelhaft Selbstsüchtigen noch Schutz zu gewähren; aber das Außerordentliche findet einen außerordentlichen Weg, und den Bösen wird eine unerwartete Strafe ereilen.80 78 Hofmannsthal 1979, p. 347. 79 Ibid., p. 348. 80 Ibid., p. 350. <?page no="341"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Ziviiisationsbruchs 1914 341 Hofmannsthal versteht seine Aufgabe darin, "Gemeinschaftsgefühl einzufordern, lebensweltliche Unterschiede in einem 'W ir' verschmelzen zu lassen und seine Leserschaft zu emotionalisieren ohne dabei Verzicht auf eine ständische Gliederung der Gesellschaft zu leisten."81 Dies ist wiederum eine typisch österreichische Position, die sich damals in besonderer Weise herausgefordert sah, sozial und national Heterogenes unter dem Dach der Monarchie und ihrer Armee zu vereinigen: 82 "Unser sind drei Millionen, die heute und morgen ihre Pflicht tun werden bis zum letzten Atemzug. So seien denn nirgends, in keinem Winkel, ihrer auch nur ein paar hundert, die sich gegen die allgemeine Pflicht vergehen. Man würde sie aus dem Winkel hervorziehen und strafen müssen."83 Die martialische Rede von der staatsbürgerlichen "Pflichterfüllung", die in Österreich nach 1945 noch zu zweifelhafter Ehre gelangen sollte, erinnert an Thomas Manns Rede vom 'Dienst' des Dichters an der Gemeinschaft.84Sie hat heute, nach den bitteren Erfahrungen zweier verlorener Weltkriege, ebenso einen schalen Beigeschmack wie die manichäische Unterscheidung zwischen 'gut' und 'böse', die noch durch die Androhung von Strafen für jene verschärft wird, die sich aus welchen Gründen auch im m e r-d e m angeblichen "Gottesfrieden" im Inneren des Staates verweigern. Bezeichnenderweise wird dem österreichischen Analogon zum deutschen 'Burgfrieden' zwischen den Parteien von Hofmannsthal nichts weniger als ein göttlicher Wille unterstellt. Dass die vom Dichter artikulierte Drohung nicht im luftleeren Raum stand, kann erst heute in seiner ganzen Tragweite ermessen werden.85 Doch schon damals zeugten davon etwa jene martialischen Fotos von Hinrichtungen, die Karl Kraus später in der Buchausgabe seines 'Marsdramas' Die letzten Tage der Menschheit abdrucken ließ. Weitere einschlägige Publikationen Hofmannsthals aus den Monaten September bis Dezember 1914 sind die patriotischen und kriegsbejahenden, doch nie blind chauvinistischen Feuilletons Boykott frem der Sprachen? , Die Bejahung Österreichs, Unsere Fremdwörter, Bücher fü r diese Zeit und zur Wehrertüchtigung besonders einschlägig - Worte zum Gedächtnis des Prinzen Eugen. Der zuletzt angeführte Aufsatz erinnert an einen der wenigen erfolgreichen Kriegsführer der österreichischen Ge- 81 Schumann 2000, p. 141f. 82 Mehr dazu in Sauermann 2000, p. 42f. 83 Hofmannsthal 1979, p. 350. 84 Vgl. Schumann 2000, p. 141. Schneider 2014, p. 186, legt Manns Begriff des ‘ Dienstes' "m it der Feder anstelle des Bajonetts" auch Hofmannsthal in den Mund; in Appell an die oberen Stände ist aber nur vom "Bahnhofabladedienst" die Rede; vgl. Hofmannsthal 1979, p. 348. s‘’ Vgl. dazu Leidinger, Hannes/ Moritz, Verena/ Moser, Karin/ Dornik, Wolfram: Habsburgs schmutziger Krieg. Ermittlungen zur österreichisch-ungarischen Kriegsführung 1914-1918. St. Pölten, Salzburg: Residenz 2014. <?page no="342"?> 342 Norbert Christian Wolf schichte, wodurch er thematisch und rhetorisch in einer gewissen Analogie zu Thomas Manns Großessay Friedrich und die große Koalition (1914/ 15) steht. Während dieser Text unter anderem angesichts der darin them atisierten kriegerischen Konkurrenz Preußens zu Österreich ideologisch nicht unproblematisch war,86 ist es jener durch die savoyische also letztlich französische - Herkunft des großen österreichischen Feldherrn gewesen. Beide führen dergestalt unwillentlich die schiere Unmöglichkeit einer umstandslosen Revitalisierung traditioneller Mythologeme in der Moderne vor Augen. Auch Hofmannsthals Darstellung kann die Brüchigkeit ihrer Argumentation nur notdürftig übertünchen und mündet in folgende patriotische Apotheose des Vielvölkerstaats, der sich eben nicht auf eine einheitliche Nation berufen kann: "Dies Österreich ist ein Gebilde des Geistes, und immer wieder will eine neidische Gewalt es zurückreißen ins Chaos; unsäglich viel aber vermag ein Mann, und immer wieder, im gemessenen Abstand, ruft ja die Vorsehung den Mensch herbei, von dem das Gewaltige verlangt wird und der dem Gewaltigen gewachsen ist."87 M it dem "Gebilde des Geistes" verteidigt der Dichter offenbar auch seinen ureigenen Schaffens- und Wirkungsraum. Der von Österreichs führenden Staatsmännern relativ unbedacht ausgelöste Krieg erscheint demnach als ein von einer geistfeindlichen "Gewalt" aufgezwungenes Übel; um ihn doch zu gewinnen, bedarf es also schon wenige Monate nach Kriegsbeginn ganz offensichtlich einer höheren Macht. Ähnlich wie schon im Kaiserlichen Manifest zur Kriegserklärung88findet sich auch in Hofmannsthals Essay "zum Gedächtnis des Prinzen Eugen" ein bezeichnender Satz, der für das litaneihaft wiederholte Selbstverständnis der Habsburgermonarchie im Weltkrieg steht: "Österreich ist das Reich des Friedens, und es wurde in Kämpfen geboren; es ist seine Schickung, daß es Gegensätze ausgleiche, und es muß sich in Kämpfen behaupten und erneuen."89 Hier geht es vor allem um eine 'geistige' Konzeption des Vielvölkerstaates, denn die tatsächliche Politik der Wiener Regierung und des Generalstabes im Jahr 1914 wird durch solche Worte eher verdeckt als angemessen beschrieben. Man könnte den Tenor dieser eigenwilligen Argumentation aber 'gegen ihren Strich' auch so zusammenfassen: Um den inneren Frieden zu bewahren, muss nach außen ein Krieg geführt werden. Es handelt sich also um den Versuch, die im heterogenen Staatsgebilde der Donaumonarchie besonders drastisch zum Ausdruck kommenden 86 Genaueres in Eder 2000, pp. 178-181, bes. p. 179. 87 Hofmannsthal 1979, pp. 375-383, hier p. 383. 88 Der Orginalwortlaut findet sich in: http: / / www.oesta.gv.at/ Getlmagelnfos.aspx7Cobld= 31593. 89 Hofmannsthal 1979, p. 377. <?page no="343"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 343 Zentrifugalkräfte moderner Gesellschaften durch die Bekämpfung eines äußeren Feindes kosmetisch zu kitten. Insgesamt eröffnet der Weltkrieg Flofmannsthal "zunächst die Gelegenheit zu intensiver Beschäftigung mit der politischen Situation, zu einem rückwärtsgewandten, konservativen Entwurf einer geistigen Heimat m it Namen Österreich. Man hat die Frage aufgeworfen, in wie weit dieses Programm durch die Wahrnehmung der Kriegssituation geprägt wird oder diese Wahrnehmung selbst beeinflußt."90 Dem Versuch einer Antwort darauf kann hier aus Platzgründen nicht nachgegangen werden. Bezeichnenderweise erschienen sämtliche der politisch affirmativen Texte Hofmannsthals m it Ausnahme des Feuilletons Die Bejahung Österreichs, das in der Wiener Kulturzeitschrift Österreichische Rundschau veröffentlicht wurde in der Neuen Freien Presse. Es handelt sich dabei um jene berühmte Zeitung, die den bevorzugten Gegenstand der kriegs- und medienkritischen Polemik des damals wichtigsten kritischen Intellektuellen Österreichs darstellte. 6. "Die Depesche ist ein Kriegsmittel wie die Granate": Karl Kraus Eine durchaus singuläre Stimme im stark misstönenden publizistischen Konzert zu Beginn des großen Krieges ist jene des bald entschiedensten Kriegskritikers unter den österreichischen Autoren: Karl Kraus (* 28. April 1874) war Angehöriger desselben (Matura-)Jahrgangs wie Hofmannsthal, im Unterschied zu diesem aber aus medizinischen Gründen wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung immer schon vom Militärdienst befreit gewesen.91 Er hatte zwar unmittelbar auf das Attentat von Sarajewo m it dem (bereits zitierten) kurzen Würdigungsartikel Franz Ferdinand und die Talente reagiert,92 sich hinsichtlich der auf den 28. Juni 1914 folgenden politischen und militärischen Ereignisse aber bis zum Spätherbst 1914 ausgeschwiegen. Erst am 5. Dezember veröffentlichte er in der seit 1912 nur noch m it eigenen Artikeln gefüllten Zeitschrift Die Fackel seine persönliche Abrechnung m it den zitierten und zahlreichen weiteren dichterischen sowie insbesondere m it journalistischen Verlautbarungen. Der rhetorisch streng durchkomponierte Text, der zuvor am 19. November 1914 im mittleren Wiener Konzerthaussaal vorgetragen worden war,93 füllte ein ganzes Heft des Kraus'schen Hausblattes.94 Sein Titel In dieser großen 90 Schumann 2000, p. 139. 91 Vgl. Timms, Edward: Karl Kraus. Satiriker der Apokalypse. Wien: Deuticke 1995, p. 398. 92 Vgl. Die Fackel, 16. Jg., Nr. 400-403 (10.07.1914), pp. 1-4. 93 Vgl. Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 20. 94 Vgl. ibid., pp. 1-19. <?page no="344"?> 344 Norbert Christian Wolf Zeit besteht auf bezeichnende Weise aus einem ironischen Phrasenzitat95 und setzt m it sarkastischen Worten ein: In dieser großen Zeit / die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr dazu noch Zeit bleibt; und die wir, weil im Bereich organischen Wachstums derlei Verwandlung nicht möglich ist, lieber als eine dicke Zeit und wahrlich auch schwere Zeit ansprechen wollen; in dieser Zeit, in der eben das geschieht, was man sich nicht vorstellen konnte, und in der geschehen muß, was man sich nicht mehr vorstellen kann, und könnte man es, es geschähe n ic h t-; 96 Zu diesem rhetorisch fulminanten und noch lang nicht an sein Ende gelangten Einsatz erläutert der Kommentar Sigurd Paul Scheichls: "Hier ist bereits einer der Elauptgedanken Kraus' über den Ersten Weltkrieg form uliert: der Krieg sei die Folge einer durch die Presse bewirkten Phantasiearmut; die Phrasen der Journalisten hätten den Menschen den Zugang zur Wirklichkeit verstellt."97 Angesprochen wird damit insbesondere auch die Unfähigkeit fast aller Beobachter, sich einen modernen, hochtechnisierten Materialkrieg überhaupt vorzustellen ein Versagen der Imagination, das von der Berichterstattung gezielt befördert wurde.98 In Übereinstimmung m it zahlreichen Befunden der neueren Geschichtsschreibung99erscheinen die Gräuel des Krieges bei Kraus sogar als bloße Funktion der Medienberichte über sie, wie aus der unmittelbaren Fortsetzung der langen Eingangsperiode hervorgeht: [l]n dieser ernsten Zeit, die sich zu Tode gelacht hat vor der Möglichkeit, daß sie ernst werden könnte; von ihrer Tragik überrascht, nach Zerstreuung langt, und sich selbst auf frischer Tat ertappend, nach Worten sucht; in dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da mögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten. Keines außer diesem, das eben noch Schweigen vor Mißdeutung bewahrt.100 Durchaus wortreich grenzt Kraus sich von der Inflation der Worte infolge des Kriegsbeginns ab, die für den moralisch rigorosen Sprachkritiker ein Ausdruck tiefster Verlogenheit ist. Während die anderen Schriftsteller und 95 Vgl. dazu die Belege in Scheichl, Sigurd Paul: "In dieser großen Zeit". Ein Kommentar. Unter Mitarbeit von Ulrike Lang. In: Kraus-Hefte 50 (April 1989), pp. 2-19, hier p. 3. Mehr dazu in Scheichl, Sigurd Paul: 'Die Fackel' und der Erst Weltkrieg. In: Lunzer, Heinz/ Lunzer-Talos, Victo ria / Patka, Marcus G. (Hg.): "Was w ir umbringen". 'Die Fackel' von Karl Kraus. [Ausstellungskatalog], Wien: Mandelbaum 1999, pp. 112-123, hier p. 114f. 96 Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 1. 97 Scheichl 1989, p. 5. 98 Vgl. Timms 1995, pp. 370-379. 99 Vgl. ibid., pp. 383-385. .. DieFackeI, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 1. <?page no="345"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 345 Journalisten "die Greueltaten des Krieges als 'heroische' Taten priesen, mußte das Schweigen das, was es an Reinem in der Kunst und der Schrift gab, bewahren."101 Zugleich lässt sich Kraus' Formulierung vom Fehlen jeglichen 'eigenen' Wortes als treffliche Charakterisierung seines eigenen kompositorischen Montage- und Collageverfahrens verstehen, das daraus hinausläuft, gleichsam die Phrasen aufeinander zu hetzen, und zugleich den besonderen Rahmenbedingungen der Publizität in Kriegszeiten Rechnung trägt: "Um der Zensur zu entgehen, begnügte Kraus sich damit, die Sätze der anderen sprechen zu lassen, eine vorrangig aus Zeitungen stammende, mit ein paar kommentierenden Worten versehene Textcollage zusammenzustellen."102 Er legitimiert dies folgendermaßen: Zu tief sitzt mir die Ehrfucht vor der Unabänderlichkeit, Subordination der Sprache vor dem Unglück. In den Reichen der Phantasiearmut, wo der Mensch an seelischer Hungersnot stirbt, ohne den seelischen Hunger zu spüren, wo Federn in Blut tauchen und Schwerter in Tinte, muß das, was nicht gedacht wird, getan werden, aber ist das, was nur gedacht wird, unaussprechlich.103 Wie Thomas Mann setzt auch Kraus auf die Kraft der Moral, aus der er im Vergleich zu jenem freilich vollkommen konträre Schlüsse zieht. Er tut das ebenfalls m it einem gewaltigen Pathos, indem er sich zahlreicher rhetorischen Figuren bedient etwa der des Paradoxons, mittels dessen er der so zeitgemäßen Technik eine zeitlose Ethik gegenüberstellt: Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Weretwaszu sagen hat, trete vor und schweige! Auch alte Worte darf ich nicht hervorholen, solange Taten geschehen, die uns neu sind und deren Zuschauer sagen, daß sie ihnen nicht zuzutrauen waren. Mein Wort konnte Rotationsmaschinen [der Druckerpresse, N.C.W.] übertönen, und wenn es sie nicht zum Stillstand gebracht hat, so beweist das nichts gegen mein Wort. Selbst die größere Maschine hates nicht vermocht und das Ohr, das die Posaune des Weltgerichts vernimmt, verschließt sich noch lange nicht den Trompeten des Tages.104 Indem Kraus hier und in der Folge wiederholt mit Anspielungen auf die neutestamentarische Offenbarung des Johannes operiert und den biblischen Stil gleichsam im itiert, betreibt er einen gewaltigen rhetorischen Aufwand. Auch seine harsche Abrechnung mit der großen "Maschine" und dem seelenlosen "Betrieb"105zielt implizit auf eine moralische Selbsterhö- 101 Pollak, Michael: Aktionssoziologie im intellektuellen Feld. Die Kämpfe des Karl Kraus. In: Pinto, Louis/ Schultheis, Franz (Hg.): Streifzüge durch das literarische Feld. [...] Konstanz: UVK 1997, pp. 235-282, hier p. 254. 102 Ibid., p. 255. 103 Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. lf. 104 Ibid., p. 2. 105 Ibid., p. 6; vgl. dazu Scheichl 1989, p. 10. <?page no="346"?> 346 Norbert Christian Wolf hung, die genauso wie jene Thomas Manns oder Hofmannsthals auf einem manichäischen Denken beruht, nur eben zu entgegengesetzten Zwecken. Dies geht aus Sätzen wie diesem hervor: "Nicht erstarrte vor Schreck der Dreck des Lebens, nicht erbleichte Druckerschwärze vor so viel Blut."106 Kraus, damals noch keineswegs grundsätzlich Pazifist,107 imaginiert einen anderen, nicht weniger konsequenten Krieg, nämlich einen Krieg gegen die verhasste Presse, die er für das Elend des Kriegs und den Gebrechen der Moderne überhaupt und allein108 verantwortlich machte: "Krieg ist mir erst, wenn nur die, die nicht taugen, in ihn geschickt werden."109 Der Satiriker betreibt hier ein rhetorisches Spiel m it der Mehrdeutigkeit des Verbums 'taugen', bezeichnet er damit doch einerseits die aus naheliegenden Gründen gern in Abrede gestellte körperliche 'Tauglichkeit' zahlreicher Schriftsteller und Journalisten zum Kriegsdienst, andererseits aber ihre fragwürdige Moral, die sich darin konkretisiert, dass sie sich privat vor dem drückten, was sie als Bellizisten öffentlich propagierten. Der rhetorische Einsatz von Paradoxen wird in sein Extrem getrieben, wenn der unter den Bedingungen massiver Zensur schreibende Satiriker in einem Akt "unglaubliche[r] Naivität"110in politicis sogar deren Verschärfung fordert: Sonst h a t m ein Frieden keine Ruhe, ich richte mich heim lich au f die große Z eit ein und denke m ir etw as, was ich nur dem lieben G o tt sagen kann und nicht de m lieben S taat, der es m ir je tz t nicht erlau bt, ihm zu sagen, daß er zu to le ra n t ist. D enn w en n e r je t z t nicht au f die Idee kom m t, die sogenannte P re ßfreih eit, die ein paar w e iß e Flecke nicht spürt [g em eint sind die infolge von Zensureingriffen un bedruckten Stellen in den Zeitungen, N.C.W.], zu erw ü rg en , so w ird e r nie m e h r au f die Idee kom m en , und w o llte ich ihn je tz t auf die Id ee bringen, e r vergriffe sich an d e r Idee und m ein Text w äre das einzige Opfer. Also m uß ich w a rte n , w ie w o h l ich doch der einzige Österreich e r bin, der nicht w a rte n kann, sondern den W eltu n te rg a n g durch ein schlichtes A utodafe e rsetzt sehen m ö c h te .111 Eine Bücherverbrennung erscheint hier ironischerweise als letzter Ausweg aus einer allumfassenden Verderbnis, sind es doch nun auch die Dichter, die der 'Lüge' das W ort reden. In diesem Sinn geißelt Kraus die mörderische Rolle der Literaten als moderne Narren der Weltgeschichte, die durch ihr lächerliches Treiben dem kaiserlichen Kriegsmanifest vom 28. Juli 1914 m it der auf Erhabenheit zielenden Überschrift An meine Völker! statt einer 106 Die Fackel" 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 2. 107 Vgl. Scheichl 1999, p. 113. 108 Aus dieser etwas obsessiven Einseitigkeit resultiert aus heutiger Sicht eine Schwäche seiner ansonsten bestechenden Diagnose; vgl. Timms 1995, pp. 379-382. ... Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 2f. "" So Timms 1995, p. 380. 111 Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 2f. <?page no="347"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 347 Krone gewissermaßen eine Geckenmütze aufsetzen: "Über jenem erhabenen Manifest, jenem Gedicht, das die tatenvolle Zeit eingeleitet, dem einzigen Gedicht, das sie bis nun hervorgebracht hat, über dem menschlichsten Anschlag, den die Straße unserm Auge widerfahren lassen konnte, hängt der Kopf eines Varietekomikers, überlebensgroß."112 M it den Mitteln der Satire wettert Kraus hier gegen eine moderne Welt, die systematisch Mittel und Zweck verwechsle, indem er eine seinerzeit spätestens seit Georg Simmels Philosophie des Geldes (1900) ausgesprochen beliebte kulturtheoretische Gedankenfigur polemisch auf den liberalen Leitbegriff 'Fortschritt' projiziert: "Der Fortschritt, unter dessen Füßen das Gras trauert und der Wald zu Papier wird, aus dem die Blätter wachsen, er hat den Lebenszweck den Lebensmitteln subordiniert und uns zu Hilfsschrauben unserer Werkzeuge gemacht."113 Unter dem Zeichen dieses zweifelhaften 'Fortschritts' und mit einigem Sarkasmus spießt Kraus die elende Verquickung von militärischen und wirtschaftlichen Interessen auf; er subvertiert dabei in einer vorweggenommenen Inversion der späteren berühmten Formel Flofmannsthals angesichts des verlorenen Weltkriegs114die überkommene Dialektikvon 'Oberfläche' und 'Tiefe': "Die Oberfläche sitzt und klebt an der Wurzel. Die Unterwerfung der Menschheit unter die W irtschaft hat ihr nur die Freiheit zur Feindschaft gelassen, und schärfte ihr der Fortschritt die Waffen, so schuf er ihr die mörderischeste vor allen, eine, die ihr jenseits ihrer heiligen Notwendigkeit noch die letzte Sorge um ihr irdisches Seelenheil benahm: die Presse."115 Der Sprach- und Medienkritiker schreckt nicht davor zurück, die verheerende performative Wirkung seines Lieblingsgegners mit dem physischen Effekt einer Bombe gleichzusetzen: "Die Depesche ist ein Kriegsmittel wie die Granate, die auch auf keinen Sachverhalt Rücksicht nimmt. Ihr glaubt; aber jene wissen es besser, und ihr müßt daran glauben."116 Das für den gegenwärtigen Zusammenhang aber zentrale Motiv besteht in seiner Auseinandersetzung m it der fragwürdigen Rolle der Schriftsteller und Dichter als Kriegsapologeten. "Viel schlimmer als die Prostitution der Schriftsteller während des Friedens, schlimmer als ihre kleine Korruption aus Karrieregründen, sah Kraus die Kompromittierung der Sprache wäh- 112 Ibid., p. 3. Il! Ibid., p. 6. 114 Vgl. Hofmannsthal, Hugo von: Gesammelte Welke. [Bd. 10: ] Reden und Aufsätze III 1925- 1929. Buch der Freunde. Aufzeichnungen 1889 1929. Hg. v. Bernd Schoeller u. Ingeborg Beyer-Ahleit (Aufzeichnungen) in Beratung mit Rudolf Hirsch. Frankfurt a.M.: Fischer 1980, pp. 233-299, hier p. 268: "DieTiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche." 114 Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 8. 116 Ibid., p. 12. <?page no="348"?> 348 Norbert Christian Wolf rend des Krieges als das absolute Übel, als unentschuldbar, ja als Sünde an."117Verständlich wird seine Polemik aus heutiger Sicht nur dann, wenn man sich vor Augen führt, dass für ihn der Beruf des heteronomen Journalisten der Inbegriffvon Käuflichkeit und Korruption und somit das schiere Gegenteil des autonomen Dichters darstellte, dessen Aufgabe darin bestehe, den sich nicht zuletzt sprachlich niederschlagenden Verlockungen des Ungeistes zu widerstehen: "Aber w ir sehen rings im kulturellen Umkreis nichts als das Schauspiel, wie der Intellekt auf das Schlagwort einschnappt, wenn die Persönlichkeit nicht die Kraft hat, schweigend in sich selbst zu beruhen."118 Auf dieser Basis seiner rigorosen Sprachreinheitslehre inkrim iniert Kraus den Verrat von Dichtern wie Gerhart Hauptmann, Richard Dehmel und Hugo von Hofmannsthal119 an der 'W ahrheit' sowie ihre fatale Vorbildwirkung für eine Vielzahl von vaterländisch erregten, schreibenden Dilettanten: 120 Die freiwillige Kriegsdienstleistung der Dichter ist ihr Eintritt in den Journalismus. Hierstehtein Hauptmann, stehen die Herren Dehmel und Hofmannsthal, mit Anspruch auf eine Dekoration in der vordersten Front und hinter ihnen kämpft der losgelassene Dilettantismus. Noch nie vorher hat es einen so stürmischen Anschluß an die Banalität gegeben und die Aufopferung der führenden Geister ist so rapid, daß der Verdacht entsteht, sie hätten kein Selbst aufzuopfern gehabt, sondern handelten vielmehr aus der heroischen Überlegung, sich dorthin zu retten, wo es jetzt am sichersten ist: in die Phrase.121 Innerhalb der Schriftkultur gilt die Phrase dem Sprachkritiker Kraus als schlimmste Sünde, denn sie dient im Reich der Wahrheit als trojanisches Pferd der Lüge. Die Dichotomie zwischen 'reiner' Literatur und 'phrasenhaftem' Journalismus ist in ihrer abwertenden Stoßrichtung direkt gegen Schriftstellerkollegen ä Ia Hofmannsthal gerichtet. Ganz ähnlich aber wie dessen ideologisches Pendant Thomas Mann operiert auch Kraus mit den topischen Antithesen zwischen 'Kultur' und 'Zivilisation'122sowie zwischen 'Literat' und 'Bürger', die er freilich spezifisch wendet: Trostlos ist nur, wie die Literatur nicht ihre Zudringlichkeit fühlt und nicht die Überlegenheit des Bürgers, der in der Phrase das ihm zustehende Erlebnis findet. Zu einer fremden und vorhandenen Begeisterung Reime und noch dazu 117 Pollak, Michael: Aktionssoziologie im intellektuellen Feld, p. 254. 118 Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 16. ш M ehr dazu in Scheichl 1989, p. 14f. 120 Vgl. ibid., p. 15. 121 Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 16. 122 Vgl. ebd., p. 5: "Kultur ist die stillschweigende Verabredung, das ! ebensmittel hinter dem ! ebenszweck abtreten zu lassen. Zivilisation ist die Unterwerfung des lebenszwecks unte r das ! ebensmittel. Diesem Ideal dient der Fortschritt und diesem Ideal liefert er seine Waffen." Vgl. dazu Scheichl 1989, p. 9. <?page no="349"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 349 schlechte zu suchen, gegen eine Rotte eine Flotte zu stellen und von den Florden zu bestätigen, daß sie morden, ist wohl die dürftigste Leistung, die die Gesellschaft in drangvoller Zeit von ihren Geistern erwarten kann.123 Während der Journalismus idealiter 'faktual' über etwas jenseits der Darstellung bereits 'Vorhandenes' berichtet und der referentiellen Funktion von Sprache verpflichtet ist, bringt die 'fiktionale' Kunst durch ihre spezifische Verfahrensweise ihren Gegenstand erst performativ hervor. Was hingegen in den ersten Kriegsmonaten seitens der Dichter und der Journalisten geschah, zeugt für Kraus von einem makabren, ja verwerflichen Rollentausch, dessen Resultate den vollkommenen Bankrott des Geistes bestätigen. Seine schon vor 1914 bestehende radikale Opposition gegen fast alle etablierten Autoren im österreichischen und deutschen literarischen Feld mag ihm seine kompromisslose Flaltung kurz nach Kriegsbeginn erleichtert haben. Von entscheidender Bedeutung in seiner vernichtenden Diagnose ist wohl folgender Befund, der eine zentrale Einsicht der späteren Medientheorie Marshall McLuhans vorwegnimmt, ohne aber deren Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität und Wertfreiheit zu teilen im Gegenteil: [A]n einem trüben Tage wird es klar, daß das Leben nur ein Abdruck der Presse ist. Flabe ich das Leben in den Tagen des Fortschritts unterschätzen gelernt, so mußte ich die Presse überschätzen. [...] Ist die Presse ein Bote? Nein: das Ereignis. Eine Rede? Nein, das Leben. Sie erhebt nicht nur den Anspruch, daß die wahren Ereignisse ihre Nachrichten über die Ereignisse seien, sie bewirkt auch diese unheimliche Identität, durch welche immer der Schein entsteht, daß Taten zuerst berichtet werden, ehe sie zu verrichten sind [...]. Wieder ist uns das Instrument über den Kopf gewachsen.124 Gegenüber der diagnostischen Formel McLuhans: "The medium is the message"125 hält Kraus verbissen an der Vorstellung einer objektiv bestehenden Wahrheit fest, einer Wahrheit jenseits ihrer medialen Vermittlung durch die alles bestimmende Presse, die er als unbedingt vermeidbares Übel des von ihm perhorreszierten "Fortschritts" sieht. Er erweist sich in dieser Hinsicht mindestens genauso als Erbe der pessimistischkonservativen KulturphilosophieJean-Jacques Rousseaus wie als Prophet der in die postmoderne Philosophie weisenden Medientheorie Marshall McLuhans. Dies ändert wenig an der Triftigkeit seiner "vielschichtige[n] Analyse vom November 1914", in der er freilich bloß jene Argumente zusammenfasst, "die schon seit mehr als einem Jahrzehnt in der Fackel zu 123 Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 16; vgl. Scheichl 1989, p. 15. 124 Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 8f. 125 Unter dieser Überschrift steht das gesamte erste Kapitel in Mcluhan, Marshall: Understanding Media: The Extensions of Man. New York: McGraw-Hill 1964; dt. Übersetzung: Die magischen Kanäle. Düsseldorf: Econ 1968. <?page no="350"?> 350 Norbert Christian Wolf lesen sind"126 und denen eine gewisse auch privat bedingte - Obsessivität nicht abzusprechen ist. Die relative Konservativität der Kraus'schen Position geht nicht nur aus seiner heute bizarr wirkenden Apotheose von "Deutschlands größte[m] neuzeitliche^] Dichter, Detlev v. Liliencron" hervor,127 sondern auch aus der Tatsache, dass er in ästhetischer Hinsicht nach wie vor eine überkommene Ganzheitsvorstellung vertritt, die seinem eigenen, äußerst zukunftsweisenden Montage- und Collageverfahren keineswegs mehr entspricht, wenn er etwa form uliert: "es bleibt abzuwarten, ob unter jenen, die das Erlebnis dieses Krieges hatten, und jenen, die als Dichter erleben können, einer erstehen wird, der Stoff und W ort zur künstlerischen Einheit bringt."128 Gerade sein offenbar gar nicht 'intentional' herleitbarer kompromissloser Verzicht auf stilistische Homogenität kennzeichnet indes die auch ästhetische Avanciertheit seiner damals einzigartigen presse- und kriegskritischen Schriften. 7. "Alle Straßen münden in schwarze Verwesung": Georg Trakl Zum Abschluss dieser Ausführungen sei knapp an einen ganz anders gearteten Text erinnert, der gleichwohl eine bezeichnende Strukturanalogie zur Polemik Kraus' aufweist und ebenfalls im Herbst 1914 verfasst worden ist an Georg Trakls (*3. Februar 1887) berühmtes Gedicht GRODEK: Am Abend tönen die herbstlichen Wälder Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen Und blauen Seen, darüber die Sonne Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht Sterbende Krieger, die wilde Klage Ihrerzerbrochenen Münder. Doch stille sammelt im Weidengrund Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle; Alle Straßen münden in schwarze Verwesung. Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain, Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter; Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes. 0 stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre 126 Timms 1995, p. 385. 127 Die Fackel, 16. Jg., Nr. 404 (05.12.1914), p. 17; vgl. dazu Scheichl 1989, p. 16. 128 Die Fackel, ibid. <?page no="351"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 351 Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz, Die ungebornen Enkel.129 Im Medium lyrischer Sprache versucht Trakl, die grauenhafte Erfahrung seiner Betreuung von 90 schwerverletzten Soldaten seiner Divison in einer Scheune ohne medizinische Versorgung zu verarbeiten. Der psychisch ohnehin labile, drogenabhängige Medikamenten-Akzessist war mit der Situation vollkommen überfordert und brach zusammen.130Grodek gilt als Antikriegsgedicht; indem es allerdings die "Geister der Helden" apostrophiert und in "stolzere[r] Trauer" an die "ehernen Altäre" appelliert, scheint es vorderhand am bellizistischen Diskurs zu partizipieren. Man kann diese Formulierungen des Kraus-Verehrers Trakl allerdings ebenfalls als distanzierte Zitationen der damals gängigen Kriegsrhetorik deuten.131 Demnach wäre sowohl die Formeln "Geister der Helden" (vom 'Geist der Helden' ist häufig in Todesanzeigen die Rede gewesen) und "0 stolzere Trauer" (in Todesanzeigen hieß es häufig 'In stolzer Trauer') als Entlehnungen einzustufen, während das Bild des "Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen" schwankenden Schattens "der Schwester" e in -w e n n auch nicht wörtliches - Selbstzitat ist. Durch das unvermittelte Hereinbrechen von traditionellen Pathosformeln in den ansonsten von Realitätspartikeln durchzogenen Text ("Alle Straßen münden in schwarze Verwesung") entsteht strukturell durchaus ähnlich wie bei Kraus wiederum stilistische Ambivalenz. Nicht zuletzt diese steht für die eminente Schwierigkeit, vor der ein anspruchsvoller Dichter stand, der die radikale vor- und außersprachliche Vernichtungserfahrung des hochtechnisierten Weltkriegs mithilfe überkommener Lyrismen zu vermitteln suchte, ohne die Widersprüchlichkeit, ja Unmöglichkeit dieser Situation zu nivellieren. Auch hier droht die Moderne zu versagen; sie kann jedenfalls keine ungebrochene 'Aussage' mehr vermitteln. 8. Kurzes Fazit Aus den angeführten Beispielen lässt sich folgender ernüchternder Befund ableiten: In den ersten Monaten des Weltkriegs zeigte sich kaum ein deutschsprachiger Schriftsteller in der Lage, von den eigenen persönlichen Interessen und Projektionen abzusehen und eine einigermaßen intersub- 129 Trakl, Georg: Dichtungen und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Walther Killy u. Hans Szklenar. Bd. 1. Salzburg: 0. Müller 21987, p. 167. 130 Genaueres berichtet Weichselbaum, Hans: GeorgTrakI. Eine Biographie. Salzburg: 0. Müller 2014, pp. 166-175. 1! 1 Die folgenden Überlegungen wurden angeregt von Hans Weichselbaum. <?page no="352"?> 352 Norbert Christian Wolf jektive Diagnose der komplexen politischen und militärischen Situation zu entwickeln. Mehr noch: Die Argumentationsweisen für und selbst wider den gesamteuropäischen Zivilisationsbruch erweisen sich als zutiefst abhängig von den jeweiligen künstlerischen Positionen und privaten Situationen. Wie in zahlreichen anderen kultur- und literaturhistorischen Konstellationen scheint auch hier der "Gegensatz" zwischen unterschiedlichen "Schriftstellerkategorien [...] den eigentlich politischen Antagonismen zugrunde" zu liegen, "und nicht umgekehrt".132 Knapp zusammengefasst: Während der junge Brecht publicityträchtig auf den Volkskrieg setzt und damit seine eigene Autorschaft überhaupt erst inauguriert, erhofft sich Musil vom Einheitserlebnis mir der kriegsbegeisterten Masse eine Aufwertung des modernen Schriftstellers in der ausdifferenzierten Gesellschaft. Während Thomas Mann mithilfe eines dichotomischen Bellizismus seine künstlerische, familiäre und sexuelle Verunsicherung zu überwinden sucht, kämpft Elofmannsthal m it großem rhetorischen Aufwand für die Konservierung und Konsolidierung seines traditionellen Produktions- und Wirkungsraums. Während Kraus angesichts des die schlimmsten Befürchtungen unterschreitenden intellektuellen und ethischen Niveaus der Kriegsberichterstattung sein bisheriges Ressentiment gegen die kapitalistisch organisierte Presse in ein neues Extrem treibt und dabei politische Verantwortlichkeiten überhaupt nicht wahrnimmt, bestätigt sich für Trakl im unvorstellbaren Kriegsleid der schon länger empfundene Überdruss an den Verwerfungen einer sich in eminenten sozialen und mentalen Brüchen modernisierenden Gesellschaft. Sämtliche schriftstellerische Antworten auf die Elerausforderung des Krieges tragen die Spuren zutiefst individueller Konflikte, die meist schon länger andauern und zugleich auf überindividuelle Diskurse verweisen. Sie werden überdies im traditionsreichen Genre künstlerischer Essayistik ausagiert. Es handelt sich dabei keineswegs bloß um atavistische 'Regressionen' hinter einen längst erreichten 'geistigen' Entwicklungsstand, sondern um Funktionen der höchst widersprüchlichen Moderne selbst. Insofern können Machart und Argumentationsmuster der betrachteten Texte durchaus als charakteristisch für jene politischen, ideologischen und ästhetischen Probleme gelten, die diese Autoren bereits vor dem Kriegsbeginn beschäftigt haben, ohne dass sie einfach zu 'bewältigen' gewesen wären. Daraus ist jedoch keineswegs zu schließen, dass perse keine einzige historische Stellungnahme von (männlichen) Schriftstellern zum Krieg 132 Bourdieu, Pierre: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfu rt a.M.: Suhrkamp 1999, p. 426. Eine Veranschaulichung dieses häufiger zu beobachtenden Sachverhalts findet sich in Sapiro, Gisele: La Guerre des ecrivains 1940-1953. Paris: Fayard 1999. <?page no="353"?> Publizistische (De-)Legitimationen des europäischen Zivilisationsbruchs 1914 353 und seinen Begleiterscheinungen Triftigkeit beanspruchen dürfte. Am singulären Beispiel des Karl Kraus lässt sich vielmehr zeigen, dass selbst eine partiell aus einem Ressentiment geborene Diagnose unter gewissen Umständen starke Evidenz entfalten kann, wenn sie in einer relativ autonomen Haltung gegenüber den kunst- und literaturfernen, nämlich politischen, militärischen und vor allem ökonomischen Mächten gründet. Dies gilt insbesondere dann, wenn die konkurrierenden Autoren zum selben Zeitpunkt in entwaffnender Konsequenz jeglichen Autonomieanspruch der Literatur weit hinter sich gelassen haben. <?page no="355"?> A lm ir B ašović (S arajevo ) Literarische Bilder von Gavrilo Princip Based on theories of fiction and archetypes, the author deals with the emergence and development of the cultural image of a historical figure, Gavrilo Princip, in literary and cinematographic representations of the Yugoslav cultural space in the 20th century. Firstly, the influential Yugoslav-Czechoslovakfilm by Veljko Bulajic will be investigated as prototype of the official Princip narrative. Further, constructions of Princip as a character across all three main literary genres will be thoroughly analyzed, using Duško Anđić's drama, Abdulah Sidran's poems and a short story by Dževad Karahasan as case studies. Den hundertsten Jahrestag der Schüsse Gavrilo Princips in Sarajevo begleitet eine große Anzahl von literarischen, historiographischen, kulturologischen, ideologischen und anderen Deutungen dieses Ereignisses, was denn der 'Anlass' oder die 'Ursache' des Ersten Weltkriegs sei. Dieses erneuerte Interesse für das Attentat weist darauf hin, dass dieses Ereignis sich so behandeln ließe, wie Aleksandar Veselovskij das Motiv behandelt, wenn er es als eine Formel definiert, "die besonders bemerkenswerte Eindrücke der Wirklichkeit fixiert, die wichtig scheinen oder sich wiederholen."1 In diesem Sinne befasst sich die vorliegende Arbeit mit der literarischen Imagologie von Gavrilo Princip, also mit fiktionalen Bildern desTeilnehmers an einem wirklichen Ereignis, weswegen es wichtig erscheint, sich auf einige Unterschiede zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu besinnen. In ihrem Buch Wahrheit und ästhetische Wahrheit (1979) macht Käte Flamburger darauf aufmerksam, dass die Beschreibung der Schlacht von Waterloo in Victor Hugos Roman Les Miserables (1862), mag sie noch so geschichtstreu sein, nicht als Information für eine historiografische Darstellung dienen kann. Hamburger meint, dass diese Repräsentation, auch wenn darin keine einzige fiktionale Person auftaucht, nicht für einen historiografischen Text von Nutzen sein kann, weil sie als Teil des Romans nur für die Handlung und die Welt des Romans eine bestimmte Funktion hat, und in dieser Funktion an eine bestimmte, und nicht an eine andere Stelle des Romans gesetzt ist. Hamburger resümiert weiterhin, dass in der literarischen Fiktion nur fiktionale Sätze existieren, mögen noch so viele Realien in sie montiert sein oder, im Falle des historischen Romans, ihren Stoff darstellen.2 1 Veselovskij, Aleksandar N.: Istoričeskaja poetika. Moskau: Vyssaja škola 1989, p. 305. ; Vgl. Hamburger, Käte: Istina i estetska istina. Sarajevo: Svjetlost 1982, p. 133. <?page no="356"?> 3 5 6 A lm ir Bašović Man könnte sagen, dass in literarischen Werken irgendein historisches Ereignis nur den Stoff für eine die Form produzierende Gestaltung darstellt. Die Wirklichkeit ist, wie wir wissen, unvollendbar; in ihr kann irgendein Ereignis m it allen, aber auch allen anderen Ereignissen verbunden werden. Etwas als ein lyrisches Gedicht, Erzählung, Drama oder Film zu gestalten, heißt, auf sich die Verantwortung übernehmen, das Ereignis, das diese Formen behandeln (zum Beispiel das Attentat von Sarajevo), im Einklang m it einer bestimmten (Genre-)Logik zu ordnen und es aus der endlosen und ungeordneten W irklichkeit zu lösen. Der Rahmen des literarischen Werks stört die mechanische Reihenfolge der Ereignisse, indem er die Geschichte aus der Wirklichkeit löst, denn gerade über ihn wird die innere Logik des literarischen Werks begründet, die aus seinem Konstruktionsprinzip hervorgeht. Bei der Untersuchung von Werken, die das Attentat von Sarajevo als historisches Ereignis im M ittelpunkt haben, wird nun vor allem auf die Bedeutung des Rahmens als eines Phänomens, m it dem das literarische oder filmische Werk von der endlosen Wirklichkeit gelöst wird, Bezug genommen - und dies bezieht sich auch auf die Art und Weise, wie sich das konkrete Werk als eine Ganzheit herstellt. In Anbetracht der Grundcharakteristiken des Attentats von Sarajevo und seiner Folgen ließen sich die literarischen Bilder von Gavrilo Princip m it archetypischen Motiven verbinden, wie sie der russische Autor Eleazar Meletinskij in seinem Buch Über literarische Archetypen versteht, das auf die Verbindung des Flelden mit dem Kollektiv aufmerksam macht. Meletinskij sagt nämlich, dass der rebellische Charakter als Bestandteil der archetypischen Figur des Flelden zu gelten hat und dass er in einem gewissen Ausmaß die Emanzipation der Persönlichkeit modelliert, dass dabei jedoch stets die Transpersönlichkeit und die Superpersönlichkeit dominieren, weil die "kollektivistischen" Flandlungen des Flelden dermaßen unmittelbar sind.3Neben dem rebellischen Charakter Gavrilo Princips und der Tatsache, dass er im Namen eines Kollektivs den Vertreter eines anderen Kollektivs ermordet hat, sollte man auch die Folgen des Attentats von Sarajevo im Auge behalten, nämlich die Tatsache, dass der Begriff des Ersten Weltkriegs die Einbindung aller Individuen weltweit in irgendwelche kollektivistischen Flandlungen bedeutet. An die Überlegungen von Veselovskij und an die Arbeiten über die Morphologie und die historischen Wurzeln des Märchens von Wladimir Propp anknüpfend, schreibt Meletinskij über die Flerkunft derjenigen beständigen Elemente, aus welchen die Einheiten einer "Sujetsprache" zusammengesetzt sind; die ursprünglichen Elemente, aus denen in spä- 3 M eletinskij, Jeleazar M.: O književnim arhetipovima. Novi Sad: Izdavačka knjižarnica Zorana Stojanovića 2011, p. 42. <?page no="357"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 357 teren Epochen äußerst verschiedenartige Schemata entstehen, nennt er Sujetarchetypen.4 In seinen Überlegungen zu Jungs Archetypen-Begriff in die Literatur und dessen Anwendung in literaturwissenschaftlichen Erörterungen (bei Northrop Frye, Gaston Bachelard und Gilbert Durand) meint Meletinskij, dass diese wegen ihres psychologischen oder rituellen Reduktionismus zu einer Modernisierung des archaischen Mythos oder einer Archaisierung der neuen Zeit führen.5 Ganz im Sinne der russischen Schule, an die er sich anlehnt, kritisiert Meletinskij, dass Jung und die anderen Autoren von Archetypen reden, ohne dabei das Sujet zu beachten, sondern sich nur auf eine Ansammlung von Schlüsselfiguren oder Gegenständen/ Symbolen beziehen, aus denen verschiedene Motive hervorgehen.6 Unter einem archetypischen M otiv versteht Meletinskij "ein Mikrosujet, das ein Prädikat (eine Handlung), ein Agens und ein Patiens enthält sowie Träger eines mehr oder weniger selbstständigen und relativ tiefen Sinnes ist."7 Meletinskijs Überlegungen zu den archetypischen Motiven könnten nun bei der Untersuchung von verschiedenen literarischen Bildern von Gavrilo Princip nützlich sein, weil er den Schematismus der Motive betont, was er von Veselovskij übernimmt. Dabei muss auch beachtet werden, dass Meletinskij die Untrennbarkeit desjenigen, der die Handlung bewegt (in diesem Fall also - Princip) von der Handlung selbst (das Attentat) und des Bildes dessen, der diese Handlung erduldet (Franz Ferdinand und seine Frau Sophie), annimmt. Am Ende dieser Einleitung sollte gesagt werden, dass die Tatsache, dass Gavrilo Princip eine historische Person war, keinesfalls bedeutet, dass ein literarisches Bild von Princip "richtiger" oder "wahrer" als andere ist. Zahlreiche Arbeiten über die Autobiografie und Biografie, also über Formen, die sich mit Personen, deren wirkliche Existenz verbürgt ist, befassen, weisen auf die Problematik und Variabilität der Idee der Person selbst hin. So verweist Andrea Zlatar in ihrem Buch Ispovijest i životopis: srednjovjekovna autobiografija [Bekenntnis und Lebenslauf: m ittelalterliche Autobiografie] darauf, dass die Idee der Persönlichkeit im Mittelalter entstanden ist, aber nicht als eine moderne Individualitätstheorie gedacht war, weil der moderne Typ der Individualität bloß ein historisch konkreter Typ des Persönlichkeitsbewusstseins ist und auf keinen Fall seine einzig mögliche Gestaltungsweise.8 In seinem Text zu "Ich und Kultur in der Au- 4 Ibid., p. 5. 5 Ibid., p. 19. 6 Ibid. 7 Ibid., p. 85. s Zlatar, Andrea: Ispovijest i životopis: srednjovjekovna autobiografija. Zagreb: Antibarbarus 2000, p. 77. <?page no="358"?> 358 A lm ir Bašovic tobiografie" (über Identitätsmodelle und Grenzen der Sprache] beschreibt Paul John Eakin die Autobiografie als eine historische Variable, die "zu den stets veränderlichen Netzen der gesellschaftlichen Praxis, durch die sich das Leben des Einzelnen artikuliert, gehört."9 Die angeführten Thesen sowie die Beobachtungen zahlreicher anderer Autoren, die sich m it der Problematik von Biografie und Autobiografie beschäftigt haben, deuten auf die Unmöglichkeit der Übereinstimmung der wirklichen Person und der Person, über die geschrieben wird, hin, weil diese Beziehung immer durch die Sprache verm ittelt und geschichtlich bedingt ist. Neben der Tatsache, dass Gavrilo Princip eine historische Person war, kann er auch deswegen kein archetypischer Held sein, weil Meletinskij annimmt, dass das Schicksal von Archetypen m it der Erweiterung der Funktionen des Helden, m it der allmählichen Stereotypisierung des Sujets und m it der Übertragung des Akzents vom Weltmodell auf die Sujethandlung verbunden ist, was ungefähr der Bewegung vom Mythos zum Märchen entspricht.10 Princip kann weder ein mythischer noch ein Märchenheld sein, aus dem einfachen Grund, weil die Bilder, m it denen wir uns befassen, aus der Welt denjenigen literarischen Werke entstammen, die von einem einzelnen Autor geschrieben sind. Claude Levi-Strauss stellte in seinem berühmten Buch Mythologica fest, dass Mythen sich selbst in den Menschen denken, und zwar ohne deren Bewusstsein dessen: Mythen, sagt Levi-Strauss, denken sich gegenseitig.11 In seiner berühmten Polemik mit Levi-Strauss, im Nachwort zur italienischen Ausgabe der Morphologie des Märchens, weist Wladimir Propp darauf hin, dass die in seinem Buch vorgeschlagenen Methoden, sowie auch die Methoden der Strukturalisten, ihre Anwendungsgrenzen bei der Untersuchung von literarischer Kunst haben. Im Zusammenhang mit der von einem einzelnen, unwiederholbaren Autor geschaffenen Kunst sagt Propp, dass die exakte Methode nur dann positive Resultate zeitigen kann, wenn "die Erforschung der Wiederholbarkeit mit der Erforschung der Einzigartigkeit, vor welcher wir wie vor der Manifestation eines unbegreiflichen Wunders stehen, verknüpft wird."12 Aufgrund des Gesagten werden die literarischen Bilder Gavrilo Princips hier also als eine Transformation von Archetypen betrachtet werden, wobei die Ähnlichkeit zwischen den Bildern Princips und archetypischen Hel- 9 Eakin, Paul John: Ja i kultura u autobiografiji. In: Milanja, Cvjetko (Hg.): Autor-pripovjedač-lik. Osijek: Svjetla grada 2000, p. 375. 10 Meletinskij 2011, p. 84. 11 Levi-Strauss, Claude: Mitologike I. Presno i pečeno. Beograd: Prosveta - BIGZ 1980, p. 15. 12 Propp, Vladimir: Strukturalno i istorijsko proučavanje bajke. In: Ders.: Morfologija bajke. Beograd: Prosveta 1982, p. 264. <?page no="359"?> Literarische B ild e rvo n Gavrilo Princip 359 den ermöglichen wird, dass die Unterschiede zwischen ihnen beginnen, eine Bedeutung zu generieren. Dies wird anhand des folgenden Korpus geschehen: ein Film (Das Attentat in Sarajevo\ Regie: Veljko Bulajić; Drehbuch: Stevan Bulajić und Vladimir Bor), zwei Gedichte von Abdulah Sidran aus der Sarajevoer Sammlung, außerdem das Drama Princip G. von Duško Anđić und die Erzählung Das Prinzip Gabrielvon Dževad Karahasan. 1. Ein Märchen-Princip am Rande der Parodie Lassen wir die Szenen, die den Rahmen des Films bilden, außer Acht, so konstituiert sich Gavrilo Princip bereits am Anfang von Bulajićs Das Attenta t in Sarajevo (1975) als derjenige Heldentyp aus dem Märchen, den Me- Ietinskij als den "niedrigen" beschreibt: denjenigen, der "keine Hoffnung einflößt" und der allmählich sein "Heldenwesen" entdeckt, indem er seine Feinde und Gegenspieler besiegt.13 Princip sitzt nämlich am Anfang dieses Films in einer Belgrader Kneipe, und während die anderen am Tisch über die Revolution und die Ungerechtigkeit diskutieren, schreibt er Gedichte/ einen Briefan seine FreundinJeIena.14 Diesen Brief entreißt ihm ein Kneipenschläger und lacht Gavrilo aus, indem er den Text allen Gästen vorliest.15 Einige Szenen später sagt Šarac die Figur, die den Attentätern das Schießen beibringt und die in diesem Film bei der Konstituierung des ideologischen Standpunktes eine wichtige Rolle einnimmt über Princip: "Schau ihn an, Haut und Knochen, und macht sich auf, die Welt zu verändern."16 Propp betonte in seinen Studien an mehreren Stellen die Bedeutung, welche die Figur des Reisens im Märchen hat. So sagt er zum Beispiel in den Historischen Wurzeln des Zaubermärchens, dass die Komposition im Märchen auf der räumlichen Verlagerung des Helden aufgebaut wird.17 Da er die Wurzeln des Märchens im Initiationsritual findet und sie mit der symbolischen Reise der Seele ins Jenseits verbindet, weist Propp darauf hin, dass das Märchen den Unterschied zwischen der Welt, aus welcher der Held aufbricht, und der, in die er reist, immer betont. Ähnlich nimmt im Film von Bulajić die Verlagerung einer Gruppe von Helden - Gavrilo Princip, Trifko Grabež und Nedjeljko Čabrinović von Serbien nach Bosnien einen wichtigen Platz ein und auf die Verbindung mit dem Märchen 1! Meletinskij 2011, p. 43. 11 Atentat u Sarajevu (Yu/ CS 1975), Oh 21' 40". 15 Ibid., Oh 23'3 0 ". 16 Ibid., Oh 27'3 5 ". 17 Propp, Vladimir: Historijski korijeni bajke. Sarajevo: Svjetlost 1990, p. 77. <?page no="360"?> 360 A lm ir Bašović weist auch die Betonung des Flusses Drina als einer Grenze hin, meint doch Propp, dass der Übergang in ein anderes Reich die Achse des Märchens darstelle, und im m erein hervorgehobenes, ungewöhnlich betontes kompositorisches Element sei.18Als er ihnen die letzten Instruktionen gibt, ermahnt Šarac die Attentäter, dass es einfach sei, einen Abzug zu drücken und eine Bombe zu werfen, aber schwer, die Grenze mit Waffen beladen zu überqueren.19 Dieselbe Figur sagt zu den Attentätern, dass sie sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite auf jeden Schritt achten müssten, denn es gebe viele Flindernisse; 20 dann beschreibt er ihnen ausführlich, wie ihre Reise nach Sarajevo aussehen wird.21 Gavrilo, Trifko und Nedjeljko reisen auf einem Schiff die Sava entlang und kommen nach Zvornik, auf die Drina, deren Bedeutung wieder betont wird, diesmal in Form von Nedjeljkos Versen: "O du herrlicher und blauer Fluss Drina, Grenze zwischen meinem Bosnien und Serbien, der Tag ist gekommen, an dem ich dich überqueren werde, unsere Fleimat zu befreien [..J ."2223 Wegen Nedjeljkos unernstem Verhalten trennen sich Gavrilo und Trifko von ihm, dann folgt eine lange Szene der Flussüberquerung. In Bosnien empfängt die beiden Regen, in einem Dorf entkommen sie mit Mühe der Verfolgung durch k.u.k. Gendarmen (diese Funktionen nennt Propp: der Held w ird gejagt und der Held rettet sich vor der Verfolgung21), um sich in Tuzla wieder m it Nedjeljko zu treffen. Die Zugreise von Tuzla nach Sarajevo bietet neue Hindernisse, denn der Zug ist voll von Polizeipatrouillen, vor denen sich Gavrilo m it Hilfe von Nedjeljkos Spitzfindigkeit rettet, aber auch das deutet auf Gavrilo als einen "niedrigen" Märchenhelden hin: Das Mädchen, das er im Zug kennengelernt hat und m it dem er kokettiert, wird von Nedjeljko dazu überredet, die rasende Ehefrau des verwirrten Gavrilo zu spielen, um ihn dadurch vor der Polizeipatrouille zu retten. Ungefähr in der Hälfte des Films kommen die Attentäter endlich in Sarajevo an.24 (Bei Propp hieße diese Ankunft: der Held kommt unerkannt nach Hause.) Gleich nach seiner Ankunft aus Serbien trifft Gavrilo am alten Friedhof von Sarajevo Danilo llić.25 Hier werden zwei Sichtweisen auf das Attentat dargelegt, die m itunter am besten von der niedrigen Individualisierungsebene der Figuren in diesem Film und von der betonten Intention des 18 Ibid., p. 309. 19 Atentat u Sarajevu, Oh 27' 05". 20 Ibid., Oh 28' 30". 21 Ibid., Oh 28 '38". 22 Ibid., Oh 32' 40". 23 Propp 1982, p.62ff. 24 Atentat u Sarajevu, Oh 55' 32". 25 Ibid., Oh 57' 04". <?page no="361"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 361 Drehbuchs und des Regisseurs, mit diesem Film einige historische Irrtümer und Ungerechtigkeiten zu korrigieren, Zeugenschaft ablegen. Ilić spricht nämlich zu Princip über seine Zweifel im Zusammenhang mit dem Attentat und sagt: "Es sind große Risiken, Gavrilo, ich denke dabei nicht an unsere Leben, sondern an die Tatsache, dass die Waffen aus Serbien kommen..."26 Darauf antwortet ihm Gavrilo: "Serbien hilft uns nicht, das ist eine Sache von uns Jungbosniern und von niemandem sonst."27 Auch diese erste Szene von Princips Aufenthalt in Sarajevo und der gesamte Sujetverlauf im Zusammenhang mit den zwischen den Attentätern herrschenden Beziehungen weisen ebenfalls auf die Nähe Princips zum Märchenhelden hin. Meletinskij schreibt, dass die Initiation die vorläufige Isolation von der Gesellschaft und Kontakte des Helden mit anderen Welten impliziert.28 Princip versteckt sich in Sarajevo zunächst vor seiner Freundin Jelena, und nachdem Šarac aus Serbien kommt (wo Apis ihn überredet, das Attentat fallen zu lassen, weil Österreich es ausnützen würde, das unvorbereitete Serbien anzugreifen) und nachdem alle anderen Gruppenmitglieder ihre Zweifel im Zusammenhang mit dem Attentat zum Ausdruck gebracht haben, versteckt sich Gavrilo buchstäblich vor allen. Als seine Freundin Jelena den von der Gesellschaft isolierten Gavrilo sucht, findet sie ihn in Kontakt mit dem "Jenseits" am Grab von Žerajić.29 In Anbetracht der Stellung, die Princip hier einnimmt, könnte man in der Struktu r dieses Sujetablaufs das erkennen, was Propp die dreifache Prüfung des Märchenhelden nennt. Gavrilo wird nämlich dreimal vom Attentat abgeraten: zuerst macht das Ilić, dann Šarac, und schließlich auch seine verweinte Freundin Jelena. M it dem Märchen ließe sich auch die Waffe als "Wundergegenstand" verknüpfen, den der Märchenheld, wie Meletinskij schreibt, bekommt, verliert und wieder erhält.30 Die Attentäter bekommen die Waffen in Belgrad, dann lassen Gavrilo und Trifko ihre Waffen beim Händler Jovanović in Tuzla, um sie wieder in Sarajevo zu finden. Meletinskij schreibt, dass die Handlung selbst der Erwerb, der Verlust und der wiederholte Erwerb des Wundermittels sehr ferne Wurzeln hat, und zwar in den Motiven des Erwerbs von kosmischen und Kulturgegenständen bei mythischen und Kulturhelden. Gavrilo betritt die Welt dieses Films, indem wir in der ersten Kameraeinstellung zunächst die Waffe, aus der er schießt, sehen, und erst danach sein Gesicht. Die nächste Einstellung zeigt, dass er auf ein Poster 26 Ibid., Oh 58' 29". 27 Ibid., Oh 55' 44". 28 Meletinskij 2011, p. 33. 29 Atentat u Sarajevu, Ih 29' 30". ! 0 Meletinskij 2011, p. 100. <?page no="362"?> 362 A lm ir Bašović von Franz Ferdinand schießt, und auch Trifko und Nedjeljko werden beim Schießen auf Ferdinands Bild eingeführt. Keinesfalls zufällig erscheint Franz Ferdinand im Film zum ersten Mal, als er aus seinem Jagdgewehr auf Vögel, die aus Käfigen freigelassen werden, schießt. Danach sehen wir auch Sophie, die ein Gewehr in ihren Händen hält und an der Jagd teilnim m t. Nach den Vögeln tötet Franz Ferdinand einen Rehbock, einen Eber, einen Hirsch usw. In den Einstellungen lösen sich das lachende Gesicht Ferdinands und das Röcheln der getöteten Tiere gegenseitig ab. Die Jagd endet mit Fotoaufnahmen Franz Ferdinands, Sophies und ihres Gefolges m it ihren Trophäen den erlegten Tieren. Später, im Gespräch mit dem deutschen Kaiser Wilhelm31, wird offenbart, dass Franz Ferdinand über 5.000 Tiere getötet hat. Dabei sagt Wilhelm zu ihm, m it der Munition, die er beim Töten dieser Tiere verbraucht habe, hätte er sowohl in Serbien als auch in Montenegro Ordnung machen können.32 Das Bild Franz Ferdinands wird in diesem auch m it Hilfe der Aussagen des Kaisers FranzJoseph gestaltet. Unmittelbar nach der Jagdszene sehen wir den nackten Kaiser. Beim Anziehen lehnt er den Vorschlag des Barons Conrad von Hötzendorfs ab, eine Invasion in Serbien durchzuführen; im Anschluss sagt er zu ihm, dass er manchmal unheimlich gerne sterben würde, aber wenn er sich seinen Neffen Franz Ferdinand an der Spitze der Habsburger Monarchie vorstellt, dann möchte er lieber ewig leben.33 Später, bei den Manövern in der Umgebung von Sarajevo, gesteht Franz Ferdinand Potiorek und Hötzendorf, dass er zwar den Krieg gegen Serbien befürworte, es gebe "jedoch alte Männer, die nicht verstehen können, wie nützlich ein Durchbruch Richtung Osten wäre".3435Zwei unterschiedliche Sichtweisen des Krieges gegen Serbien werden keinesfalls zufällig die ganze Zeit von zwei verschiedenen Sichtweisen auf Franz Ferdinands Ehefrau Sophie und deren Ehe begleitet. Der Blick auf militärische Fragen und der Blick auf Sophie werden in der Bankettszene zusammengeführt, als Franz Ferdinand vor versammelten Gästen sagt: "Meine Frau braucht keine Armee, um zu befehlen. Sie befiehlt m ir/ 235 Die Bilder Franz Ferdinands und Sophies werden in diesem Film auch durch ihre Beziehung zu ihren Kindern aufgebaut. Sie treffen diese nämlich in einer Schulstunde, und es ist, als hätte man diese Szene ausgewählt, weil ihre Beziehung zu ihren Kindern distanziert und auf rationales Wis- 31 Atentat u Sarajevu, Oh 17' 20". 32 Ibid., Oh 18' 27". 33 Ibid., Oh 10' 47". 34 Ibid., Ih 19' 21". 35 Ibid., Ih 33' 06". <?page no="363"?> Literarische Bilclervon Gavrilo Princip 363 sen reduziert ist. Die betonte Zurückhaltung von Emotionen bestätigt auch Sophies Replik, die sie an den Lehrer und die an sie heraneilenden Kinder richtet: "Lasst euch nicht unterbrechen",36und aus Sarajevo telefoniert Sophie nach Wien nur, um zu fragen, ob die Kinder ihre Prüfung bestanden haben.37 Lür Lranz Lerdinand ist in der einzigen Szene, in der sie sich mit ihren Kindern zusammen treffen, viel wichtiger als Emotionen die Präge, die der Lehrer an die Tafel geschrieben hat: "M it welchem Datum hat das zwanzigste Jahrhundert begonnen? "38Später in Sarajevo, in einer intimen Szene zwischen Sophie und Lranz Lerdinand, sagt die Ehefrau, das zwanzigste Jahrhundert habe im Jahr 1901 angefangen39, und dies stellt eine Verknüpfung m it dem "dokumentarischen" Rahmen dar, denn der Lilm endet m it einer Stimme aus dem Off, die im Zusammenhang m it dem Ersten Weltkrieg sagt: "Dies war der Beginn einer neuen Ära, der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts."40 Die wichtigste archetypische Motivgruppe spezifisch sowohl für den Mythos als auch für das Märchen, das Epos und den Ritterroman sind nach Meletinskij die Motive des aktiven Widerstands des Helden gegen Vertreter der dämonischen Welt.41 Als er dieses Element des archetypischen Komplexes im Rahmen der Ligur des Kulturhelden erläutert, führt Meletinskij die Verteidigung des Helden gegen dämonischen Mächte als einem Hindernis für ein ruhiges Leben der Menschheit an.42 Aufgrund des bisher Gesagten ließe sich feststellen, dass die Vertreter dieser Welt in Bulajićs Lilm Lranz Lerdinand und Sophie sind, aber am Beispiel dieses Lilms ließe sich auch einwenden, dass einige Elemente archetypischer Motive sich leicht in Elemente des Melodramas transformieren. Das Melodrama entsteht im späten 18. Jahrhundert als Versuch, im Ambiente der bürgerlichen Gesellschaft ein Drama nach Vorbild der klassischen Tragödie zu schreiben. In seiner Arbeit zu einer Poetik des Melodramas betont Sergej Baluhatyj, desssen ästhetische Grundaufgabe sei die Erregung von "reinen und starken Gefühlen", und diese emotionale Teleologie bedinge die Auswahl von begrenzten Mitteln, deren Wirkung sichergestellt seo.43 Als eines der wichtigen Prinzipien des Melodramas 36 Ibid., Oh52'26". 37 Ibid., Ih 28'52". ! S Ibid., Oh52'34". 39 Ibid., Ih 03'34". 10 Ibid., 2h 09' 05". 31 Meletinskij 2011, p. 86. 37 Ibid., p. 29. 3! Baluhatyj, Sergej: Prema poetici melodrame. In: Miočinović, Mirjana (Hg.): Moderna teorija drame. Beograd: Nolit 1981, p. 428f. <?page no="364"?> 364 A lm ir Bašovic führt Baluhatyj die Kontrastierung an, und das gewöhnliche Verfahren bei dessen Gestaltung sei "die Verknüpfung der Schicksale von Figuren, die auf unterschiedlichen Höhen der gesellschaftlichen Stufenleiter stehen".44 Auch in unserem Film lässt sich eine ganze Reihe von Kontrasten erkennen, m it denen die Schicksale von Franz Ferdinand und Sophie auf der einen, und Gavrilo und Jelena auf der anderen Seite verknüpft werden. So wird zum Beispiel der geheimen Reise Gavrilos aus Belgrad und seinem Verstecken vor Jelena die "öffentliche" Reise Franz Ferdinands und Sophies nach Sarajevo gegenübergestellt, die durch Fotografien und Zeitungsberichte "nacherzählt" wird, bis hin zu ihrer zeremoniellen Begegnung vor dem Hotel in llidža.45 Das erzherzögliche Paar redet nackt im Bett liegend über die Vorzüge von gelegentlichen Abschieden,46während Gavrilo und Jelena im Bett nackt darüber sprechen, dass Gavrilo ihr nicht einmal diejenigen Briefe schickt, die er ihr geschrieben habe.47 Des Weiteren möchte Franz Ferdinand nicht ohne Sophie nach Sarajevo fahren und er ist derjenige, der darauf besteht, dass sie während der Parade neben ihm im Wagen sitzt, während Gavrilo die ganze Zeit vor Jelena wegläuft und nach dem Attentat, während er blutend abgeführt wird, zu ihr sagt: "Geh weg! "48DieTrennung und wiederholte Zusammenführung von Franz Ferdinand und Sophie abseits des offiziellen Protokolls führt zu ihrem "Zusammenkommen" im Tod und ist ein Kontrast zu PrincipsTrennung von Jelena. Der Brief, den Gavrilo an Jelena schreibt und der von ihrer Trennung Zeugenschaft ablegt, löst am Filmanfang eine Kneipenschlägerei aus, und ihre Trennung am Filmende ist der quasi der Auslöser des Ersten Weltkriegs. Es ist auch nicht zufällig, dass sich ein Kontrast auch in Sophies und Jelenas Thematisierung des Todes bemerken lässt. Im Hotel in llidža hat Sophie dunkle Vorahnungen und fragt Franz Ferdinand, ob der Tod für ihn eine Realität sei,49 während Jelena am Grab von Žerajić für Gavrilo die Verse zitiert: "Wer leben will, der möge sterben / Wer sterben will, wird ewig leben."50Alle diese Szenen sind charakteristisch für das Melodrama, denn dessen Sujetkonstruktion, so Baluhatyj, sei reich an außerordentlich "sentimentalen" Situationen, die eingeführt werden, damit auch beim Zuschauer eine starke emotionale Reaktion ausgelöst werde.51 44 Ibid., p. 434. 45 Atentat u Sarajevu, Ih OO' 57". 46 Ibid., Ih Ol' 20". 47 Ibid., Ih 41' 58". 48 Ibid., 2h 06' 20". 49 Ibid., Ih 04' 54". 50 Ibid., Ih 40' 14". 51 Baluhatyj 1981, p. 430. <?page no="365"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 3 6 5 Die Transformation von archetypischen Motiven in Elemente des Melodramas ist auch in der Beziehung der Figuren von Gavrilo und Nedjeljko sichtbar. Am Anfang des Films, während Gavrilo Gedichte schreibt, unterhält Nedjeljko mit der Gitarre in der Hand die Gäste der Kneipe, indem er spöttische Lieder über den Kaiser und die politische Situation singt. Der Plauderlust Nedjeljkos (er verrät einer Kellnerin in Zvornik, dass sie nach Sarajevo gehen, um Franz Ferdinand zu töten! ) wird Gavrilos Schweigsamkeit entgegengesetzt. Einen Tag vor dem Attentat treffen in Sarajevo Sophie und Franz Ferdinand die Attentäter, und bei dieser Gelegenheit blicken sich einerseits Sophie und Nedjeljko in die Augen,52 andererseits Gavrilo Princip und Franz Ferdinand.53 Am Tag darauf scheitert Nedjeljkos Attentatsversuch, während Gavrilos Versuch gelingt. Deswegen, aber auch wegen einer ganzen Reihe von Nedjeljkos Eigenschaften, mit denen als Kontrast die Figur Gavrilos beleuchtet wird, könnte man Nedjeljko als eine Art Narren und Zwillingsbruder des ernsthaften Helden betrachten, von dem Meletinskij ausführlich schreibt.54 Nimmt man jedoch den Film als Ganzes, so zeugen die beiden zusammen mit den anderen um das Attentat versammelten Figuren von einer für das Melodrama charakteristischen Figurenverteilung, in der "die positiven Helden eine Gruppe bilden und mit gemeinsamen Kräften einen Kampf um die ihnen eigenen moralischen 'Qualitäten' und das allgemeine Sujetthema führen".5556 Die Figuren von Nedjeljko und Gavrilo kommentieren sich außerdem auch über das Heiratsmotiv. Beim Ausstieg aus dem Zug in Sarajevo sagt Nedjeljko scherzhaft zum Mädchen, die im Zug Gavrilos Ehefrau gespielt hatte, dass Trifkos Vater Pfarrer sei und dass er sie verheiraten könnte. Am Tag des Attentats sagt er in einen schwarzen Anzug zu demselben Mädchen, er warte auf eine andere Dame, wobei er Jelena meint. Setzt man die Parallele zwischen Gavrilo und einem Märchenhelden fort, so lassen sich einige Implikationen aus dem Fehlen der letzten Funktion, die Propp als der Held heiratet und steigt auf den königlichen Thron56 bezeichnet, ziehen, und dies bezieht sich auf den Rahmen in diesem Film. Der Film Attentat in Sarajevo hat nämlich eine Art von 'dokumentaristischen' Rahmen. Am Anfang des Films wechseln sich Fotografien vom Berliner Kongress, die Verlautbarung Franz Josephs an das Volk von Bosnien-Herzegowina, Fotografien des Standgerichts, Galgen und Proteste in Dubrovnik und Zagreb, ein Zeitungsbericht von Žerajićs Attentat etc. mit 52 Atentat u Sarajevu, Ih 11' 46". 53 Ibid., Ih 1 2 '0 6 ”. 54 Meletinskij 2011, p. 63. 55 Baluhatyj 1981, p. 441. 56 Piopp 1982, p. 7Of. <?page no="366"?> 3 6 6 A lm ir Bašovic einander ab. In seinem Buch Die Struktur des künstlerischen Textes sagt Jurij Lotman, dass der Rahmen aus zwei Teilen besteht: dem Anfang und dem Ende,57 wobei der Anfang eine bestimmende modellierende Funktion habe: er ist kein Zeugnis der Existenz, sondern auch der Ersatz der späteren Kategorie der Kausalität.58 Ein solcher Anfang ermöglicht, dass die psychologische Motivation in der Figur Princips durch seine "leidenschaftlichen" Reden ersetzt wird, die nicht nur ein Zeugnis der Existenz des "großen Gefühls" sind, sondern auch zur Betonung des Ereignisablaufs im Sujet dienen, weil "die pathetische Rede sich m it den scharfen, wichtigsten Momenten im Sujetablauf deckt"59. Am Ende des Films, nachdem aufgezählt wurde, wie die Attentäter und ihre Flelfergeendet haben, wird eine 'dokumentaristische' Zusammenfassung des Ersten Weltkriegs gegeben. Sie lautet: Österreich erklärte Serbien den Krieg. Montenegro erklärte Österreich den Krieg. Russland eilte Serbien zu Hilfe. Deutschland erklärte Russland den Krieg. Frankreich blieb im Bündnis mit Russland. Deutschland erklärte Frankreich den Krieg. England erklärte Deutschland den Krieg. Amerika stellte sich an die Seite Englands. In diesem Krieg zerfielen vier Reiche: das österreichisch-ungarische, das deutsche, das türkische und das russische. Dies war der Beginn einer neuen Ära, der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.6061 Lotman behauptet, dass das Ende nicht nur von der Beendigung eines Sujets abhinge, sondern auch von der Konstruktion der Welt als Ganzem.51 Meletinskij schreibt, dass die Heirat mit der Königstochter im Märchen m it verwandelten Details aus traditionellen Eheversuchungen und Hochzeitsritualen korreliere. Als Ausdruck des Resultats der Märchenhandlung, behauptet weiterhin Meletinskij, könne die Heirat mit der Königstochter das Resultat der Manifestation einer ganzen Reihe von Motiven sein, vor allem des Motivs der "schweren Aufgabe".62 Wenn wir ihn mit einem Märchenhelden vergleichen, so bekommt Gavrilo Princip aber nach der Überwindung der schweren Aufgabe keinen Thron und er heiratet nicht die Königstocher, sondern er löst Ereignisse aus, in denen vier Königreiche verschwinden. Im Melodrama, schreibt Baluhatyj, sei das Ende ganz im Einklang mit seinem moralisierenden Sujetaufbau - "glücklich" für die positiven und "unglücklich" für die negativen Helden, und der Zuschauer nehme das als "natürlich", als Abbild "grundlegender" moralischer Geset- 57 Lotman, Jurij: Struktura umetničkogteksta. Beograd: Nolit 1976, p. 281. 58 Ibid., p. 282. 59 Baluhatyj 1981, p. 431. 60 Ibid. 61 Lotman 1976, p. 286. 62 Meletinskij 2011, p. 100. <?page no="367"?> Literarische Bilclervon Gavrilo Princip 367 ze hin.53 Da das Ende dieses Films für den positiven Helden Princip nicht glücklich ist, ließe sich die Figur Princip m it einem Trauerspielhelden vergleichen, wie ihn Walter Benjamin in seinem berühmten Werk definiert: "Wenn der tragische Held in seiner 'Unsterblichkeit' nicht das Leben, sondern den Namen allein rettet, so büßen Trauerspielpersonen mit dem Tode nur die benannte Individualität und nicht die Lebenskraft der Rolle ein. Ungemindert lebt sie in der Geisterwelt auf."6364 Auf Princips Ähnlichkeit mit einem Trauerspielhelden deutet auch sein an die Zellenwand in Theresin aufgeschriebene Satz hin: "Unsere Schatten werden in Wien herumziehen, den Hof durchstreifen, die Herrschaften erschrecken." Da man Franz Ferdinand in diesem Film mit dem Intriganten in einer Barocktragödie, von dem Benjamin behauptet, er sei eine komische Figur, verbinden könnte, bleibt die Frage, ob das Bild Gavrilo Princips deswegen, aber auch wegen der Verknüpfung von kollektivistischen Handlungen nach dem Vorbild des Märchens mit den Eigenschaften des Helden eines Melodramas hier nicht an den Rand der Parodie gelangt ist. 2. Princip als bewaffneter Melancholiker Gavrilo Princip ist das lyrische Ich in zwei Gedichten aus dem Gedichtband Sarajevska zbirka [Die Sarajevoer Sammlung, 1979] von Abdulah Sidran. Das erste Gedicht heißt Brauning 7,65. Vježba gađanja. Drhti Gavrilova ruka [Browning 7,65. Schussübung. Es zittert Gavrilos Hand], der Titel des zweiten Gedichts Gavrilo bunca noć uoči Pucnja [Gavrilo fiebert in der Nacht vor dem Schuss], und es ist, als würden Sidrans Titel die existentielle Situation, in der sich das lyrische Ich befindet, definieren. Im bereits zitierten Buch Wahrheit und ästhetische Wahrheit behauptet Käte Hamburger, dass der Begriff der Fiktion als ästhetischer Begriff den Sinn der Fiktion, d. h. den Schein des Lebens beinhaltet, und dieser nur von der erzählerischen und dramatischen Dichtung, also von Figurendichtung ausgefüllt werde, und sie fügt hinzu, dass der Schein des Lebens nur durch die Figur als Ich-Person, die lebt, denkt und spricht, produziert werde.65 Wegen den Besonderheiten von Sidrans Verfahren nähern sich diese Gedichte nun in großem Maße der Figurendichtung an. In seinem Text über die sprachliche Metamorphose bei Sidran unter dem Titel Die Sprache und das Subjekt in der Poesie von Abdulah Sidran. Ein Abenteurer 63 Baluhatyj 1981, p. 432. 64 Benjamin, Walter: Porijeklo njemačke žalobne igre. Sarajevo: Veselin Masleša 1989, p. 102. 65 Vgl. Hamburger 1982, p. 113. <?page no="368"?> 368 Almir Bašović in den Grenzen des Selbst schreibt Nihad Agić, dass in dieser Poesie "derjenige, der von sich als ein Ich spricht, die Rolle spielt, die ihm von der Sprache vorgeschrieben wurde und der er eine bestimmte Form verleiht".56 Dieses "Ich-mit-Rolle" erkennt Agić in denjenigen Gedichten Sidrans, in denen die Rolle des Subjekts fiktiven und wirklichen Personen aus der bosnischen Kultur und Geschichte verliehen ist, und stellt fest, dass "Sidran in diesen Schaffensphasen systematisch der Partizipation des individuellen Subjekts in der Sprache ausweicht, weswegen seine Sprache keine subjektiv-individuellen Eigenschaften aufweist, es ist nicht 'seine' Sprache, sondern die Sprache der kulturellen und historischen Allgemeinheit."666768 Im Gedicht Browning 7,65. Schussübung. Es zittert Gavrilos Hand6s erkennen w ir diejenige Eigenschaft der modernen Dichtung, die Flugo Friedrich als aggressive Dramatik im Verhältnis zwischen den Themen und Motiven bezeichnet.69 Diese "aggressive Dramatik" spiegelt sich zum Beispiel in Gavrilos Worten, er sei zur gleichen Zeit "hungrig und satt", "so entschlossen und so gebrochen", und vielleicht kommt sie am stärksten am Ende des Gedichts zu Ausdruck, wo Gavrilo den heißen Lauf des Revolvers streichelt und dann von sich sagt, er sei ruhig und möchte bloß noch weinen. Als eine wichtige Eigenschaft der modernen Lyrik führt Friedrich auch die Dramatik zwischen dem Thema und einer unruhigen Stilführung7071an; diese wird im Gedicht wird durch das körperliche Zittern Gavrilos, das im Titel an hervorgehobener Stelle steht, kommentiert, denn er sagt von sich, er habe lange seine Seele geübt, aber er zittere am ganzen Körper; dann sagt er, er zittere, und er weiß, dass er töten würde. Dieses ganze Gedicht ließe sich in gewisser Weise mit der Spannung zwischen dem gegenwärtigen Moment, in dem Gavrilo das Schießen übt, und dem zukünftigen Moment, in dem das Attentat zur Wirklichkeit werden soll, verbinden. Vielleicht wäre es im Grunde richtiger zu sagen, dass dieses ganze Gedicht auf der dramatischen Übertragung dieser zwei Momente aus der Außenwelt in Princips Bewusstsein aufgebaut wird, wo das Verhältnis zwischen gegenwärtigem und zukünftigem Ich zu erahnen versucht wird, was auch in den folgenden Versen sichtbar ist: "Krank ist diese Sehnsucht, aber tot, das weiß ich, / werde ich vor Gesundheit bersten/ 771 66 Agić, Nihad: Jezik i subjekt u poeziji Abdulaha Sidrana. Pustolov u granicama sopstva. In: Sarajevske sveske 35-36 (2011), p. 413. 67 Ibid. 68 Sidran, Abdulah: Sarajevska zbirka. Sarajevo: Svjetlost 1979, p. 55f. 69 Friedrich, Hugo: Struktura moderne lirike. Od sredine devetnaestog do sredine dvadesetog stoljeća. Zagreb: Stvarnost 1989, p. 19. ' п Ibid. 71 Sidran 1979, p. 56. <?page no="369"?> Literarische Biidervon Gavrilo Princip 369 Einen Hinweis darauf bietet auch die Personifikation, die die Dramatik von Gavrilos räumlicher Konfrontation m it den Menschen, auf die er schießen wird, anzukündigen scheint, denn als er auf die Eiche schießt, hört er, wie die abgerissene Eichenrinde winselt, und sich selbst M ut machend, sagt er: "Man muss schießen, nicht denken / über nichts. Wieder, lass die Kugel in den Körper der Eiche eintreten / wie in eine Gebärmutter! "72 Die Auswahl des Moments, in dem Gavrilo dieses Gedicht "ausspricht" ließe sich m it der Thematisierung des Verhältnisses zwischen Kunst und Wirklichkeit verknüpfen. Somerset Maugham erachtet als grundlegenden Unterschied, dass in der Kunst das Medium die Begrenzungen aufstellt, während im Leben dieses Medium nur durch den Tod begrenzt ist, weil dann sein Praktizieren aufhört. In der Kunst kann man eine Fertigkeit erlangen, sagt weiterhin Maugham, aber im Leben kann man nur wenig verbessern, weil die Kunst eine Folge des Denkens ist, während das Leben dermaßen von Möglichkeiten gesteuert ist, dass seine Durchführung bloß eine ewige Improvisation sein kann.73 Indem er das Schießen übt, ist Princip sich des Lebens als einer Improvisation bewusst, und so ist das ganze Gedicht gefärbt von der Furcht vor dem Moment, in dem seine Schüsse nicht mehr eine sich wiederholende Übung sein werden, sondern wo sie sich in die irreversible Wirklichkeit verlegen werden. Von dieser Furcht spricht auch das zweite Gedicht von Sidran, Gavrilo fiebert in der Nacht vor dem Schuss.74 Im bereits zitierten Text sagt Nihad Agić über dieses Gedicht, es sei die Krone des neuen poetischen Programms von Sidran, und setzt fort: In der Technik des dramatischen Monologs wird ein Charakterporträt sowie ein psychologisches Porträt des Mörders in einer Krisensituation gegeben, in der der poetisch-dramatische Charakter mit einer besonderen Intensität seine Furcht und seine Todesgewissheit, seine Zweifel und seine Entschlossenheit entblößt. Diese lyrische Form kann man als ein Selbstporträt des lyrischen Ichs bezeichnen, in dem es sich selbst vor dem stummen Zuhörer entblößt. So wie der Rhythmus und die Sprache des Gedichts menschliches Sprechen imitieren und den Sprecher in einem besonderen geschichtlichen Moment seines Lebens präsentieren, erstickt das Gedicht bewusst die referenzielle Stimme und betont die metaphorische.75 Max Black definierte die Metapher als die "Herstellung einer Beziehung zwischen zwei Begriffssystemen",76und in diesem Sinne könnte man sagen, 72 Ibid., p. 55. 73 Maugham, W. Somerset: Points o f View. Five Essays. Garden City/ New York, 1959, p. 39. 74 Sidran 1979, p. 57f. 75 Agić 2011, p.420f. 76 Black, Max: Models and Metaphors. Ithaca, New York: Cornell University Press 1962, p. 42. <?page no="370"?> 370 Almir Bašović dass in diesem Gedicht das Öl als Metapher eine besondere Rolle spielt. Gavrilo sagt nämlich am Anfang des Gedichts, dass "die Welt, die Häuser und die Dinge in Öl getaucht sind, dann dass man auf den Zehenspitzen die vermoderte Treppe hinuntersteigen und mit der Hand diese Wand, dieses Öl berühren" sollte. In der letzten Strophe sagt er: "Tot werden wir liegen in der Dunkelheit, im Öl..." Sie Bedeutung des Öls im Christentum muss hier nicht besonders betont werden, denn die Etymologie des Wortes Christus steht im Zusammenhang mit der Salbung als einem wichtigen Bestandteil der Einweihung. (Im Neuen Testament sagt Jesus: "Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn der Herr hat mich gesalbt."77) Gleichzeitig evoziert das Öl auch die Bedeutung eines der sieben Sakramente der Heiligen Ölung als der Vorbereitung der Seele für die Reise ins Jenseits. Gerade durch die Wiederholung von Gavrilos Aufruf an die Seele, auf Reisen zu gehen, wird der Rhythmus dieses Gedichts aufgebaut, was gleichzeitig von der Bedeutung des Öls zeugt. Denn Gavrilo wendet sich dreimal an die Seele und sagt: "Gehen wir, Seele, die Waffen holen; dann: Beeilen w ir uns, Seele, die Waffen zu holen"; und das Gedicht endet mit dem Aufruf: "Auf, Seele, die Waffen zu holen! " Dadurch wird auch eine Verbindung zwischen dem Öl als einem Salbungsmittel und als Schmiermittel einer Waffe hergestellt, so dass man im Zusammenhang mit der Waffe von der Verwandlung von sakralen Gegenständen mit einem religiös-mythischen Charakter sprechen könnte. Meletinskij schreibt über diese Gegenstände, dass es sich im Mythos um die primäre Eroberung dieser Objekte handelt, um ihre Herkunft, im Märchen indes handele es sich um die Umverteilung, die Zirkulation dieser Objekte in der Welt, um den individuellen Besitz dieser Gegenstände. Die Bewegung, so Maletinskij weiter, gehe von der kosmischen "Schöpfung" hin zur Psychologie der Wunscherfüllung, die der Zaubergegenstand versprach.78 Gerade der Status der Waffe scheint diese zwei Gedichte von Sidran zu verbinden, denn im ersten Gedicht sagt Gavrilo: "das Magazin leert sich, und ebenso leert sich meine Seele."79 Wenn wir diese Gedichte als eine Art Ganzheit lesen, können wir feststellen, dass sich die Waffe, die Browning 7.65, von einem völlig von außen, durch kalte, technische Angaben zum Kaliber und Hersteller definierten Gegenstand, allmählich in den Grund für die Reise von Princips Seele in eine andere Welt oder zumindest an eine Zeitgrenze verwandelt. Denn gerade Gavrilos Gebrauch der Waffe wird diese Welt verändern. Im ersten Gedicht von Sidran fragt sich Gavrilo, wieviele Probeschüsse er denn noch abgeben müsse vor dem 77 Evangelium nach Lukas, 4: 18. ,s Meletinskij 2011, p. 101. 79 Sidran, p. 55. <?page no="371"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 371 Schuss, "der das Trommelfell der Welt zu Eis erstarren lassen wird", und zum bevorstehenden Schuss sagt er, er wird kurz dauern, "wie das Ziehen eines Zahnes", danach werde ihm alles egal sein, "denn anders wird alles sein in der zusammengestürzten W elt".80 Im zweiten Gedicht sagt Gavrilo, sich selbst Mut machend: "Irgendwo in der Nähe schmiedet man einen wahren Schild", und einem Aufruf an die Seele, die Waffen zu holen, folgt der Vers: "solange unser Gott noch nicht gestorben ist."81 Anlässlich des Bildes Der alte Mann - Die Zeit schreibt Erwin Panofsky, dass die Zeit nur durch die Zerstörung falscher Werte ihre Funktion der Wahrheitsentdeckung erfüllen kann und nur als Prinzip der Veränderung ihre wahre Universalmacht enthüllen könne.82 Die zeitliche Abfolge von Sidrans Gedichten von den Schießübungen im Wald bis zur Nacht vor dem Schuss selbst, den Sidran im Titel mit einem Anfangsgroßbuchstaben schreibt scheint auf die Grenze in der Zeit hinzuweisen und somit die Veränderung zu betonen, die PrincipsTat auslösen wird. Dies bestätigt, in welchem Maße das Prädikat (die Handlung) das Bild des Agens, der diese Handlung noch nicht ausgeführt hat und der in Sidrans Gedichten über den Sinn dieser Handlung nachsinnt, bestimmen wird. In seinem Buch Die Philosophie des modernen Menschen schreibt Bogdan Suhodolski über die berühmte Grafik Albrecht Dürers, dass Dürer die Melancholie als ein Grunderlebnis der Unruhe, der Versenkung und der Erwartung ausgedrückt habe, welche die Bemühungen der Menschen, die ihre Welt selbstständig bauen, begleiten. Der Mensch, sagt Suhodolski, sei nicht nur als handelndes Wesen dargestellt, sondern auch als ein Wesen, das über sein Handeln nachdenkt.83 In seinen beiden Gedichten bietet Sidran das Bild eines Gavrilo Princip als eines Melancholikers, der dramatisch über den Sinn seines Handelns nachdenkt, wobei diese Gedichte in der Nacht vor dem Schuss enden, also vor der Handlung, die Princip jenseits des menschlichen, allzu menschlichen Dilemmas führen sollte. Deswegen ließe sich sagen, dass Sidrans Gedichte ihr Leben nicht so sehr aus ihrem Verhältnis zu Princip als einer historischen Person schöpfen, sondern dass sie ihre volle Bedeutung erst im Verhältnis zu den dominanten Bildern des entschlossenen Princips, von dem auch der Film Das A ttentat in Sarajevo Zeugenschaft ablegt, entfalten, und aus diesen Gründen könnte man von Sidrans Lyrik als einer Poetik der Negation sprechen. 80 Ibid., p. 56. 81 Ibid., p. 58. 82 Panofsky, Erwin: Ikonološke studije. Humanističke teme u renesansnoj umetnosti. Beograd: Nolit 1975, p. 86. 82 Suhodolski, Bogdan: Moderna filozofija čoveka. Beograd: Nolit 1972, p. 322. <?page no="372"?> 372 A lm ir Bašović 3. Princip die Stimme Das Stück Princip G. (1983) von Duško Anđelić besteht aus acht Bildern und das erste Bild spielt in Sarajevo, "an der Ecke bei Schillers Laden", wo der Wagen mit Franz Ferdinand, Sophie und Potiorek fälschlicherweise vor Princip anhält, der eine Pistole zieht und schießt. Diese Sequenz des Attentats, wie es in der Didaskalie heißt, ist musikalisch bearbeitet, mit Akzenten apostrophiert, und die Musik ist "eine Funktion der Tat auf der Szene, die wie eine Erinnerung, eine Retrospektion, als etwas, das irgendwann und irgendwo geschehen ist, anmutet".8485Die zweite Szene spielt am Wiener Flof, wo ein prächtiger Ball mit der einzigen Replik, die in diesem Bild ausgesprochen wird, endet: MANN: Meine Dame! Franz Ferdinand wurde heute in Sarajevo erschossen! 55 Das dritte Bild spielt im Flaus von Danilo llić und ist als Darlegung zweier verschiedener Standpunkte zum Attentat aufgebaut. Dem unruhigen und etwas ängstlichen llić steht der entschlossene Princip gegenüber; llićs Zweifel, ob man zu Frieden und Wohlstand durch das Gerede über Krieg kommen könne, steht Princips Aussage gegenüber, dass man zur Freiheit nur über einen blutigen Weg gelangen kann; llićs Berufung auf die Vernunft und seiner Angst, dass der eventuelle Misserfolg des Attentats zur Erschießung, Flinrichtung, Gefangennahme und Folter von Tausenden von Menschen führen könnte und dass anstelle des einen zwei andere, noch schlimmere Erzherzoge kommen würden, steht Princips Überzeugung gegenüber, dass Europa ein vereiterter Pickel sei, den man durchbohren müsse, um dadurch "sowohl unseren als auch den slowenischen und den kroatischen und den ungarischen" Qualen ein Ende zu bereiten.86 Das vierte Bild spielt im Flotel in llidža und ist außer der Attentatsszene die einzige Stelle im Drama, wo Franz Ferdinand und Sophie auftauchen. Das Bild beginnt mit Sophies Morgengebet, dem sich auch Ferdinand anschließt, dann folgen Zärtlichkeiten zwischen den Eheleuten, die von Franz Ferdinands Bekenntnis, dass er lieber nicht regieren und seine Ehe lieber als eine Leidenschaft denn als eine Verpflichtung sehen würde, unterbrochen werden. Dieses Bekenntnis geht in Ferdinands zerfahrenes Erzählen seines Traums der letzten Nacht über, in dem er bei der Jagd mit einem Rehbock völlig hilflos Aug' in Auge stand, um dann im Schlamm zu versinken. Sophie erinnert Ferdinand daran, dass vor der Tür Potiorek wartet, 84 Anđić, Duško: Princip G. Sarajevo: Zajednica profesionalnih pozorišta BiH 1983, p. 12. 85 Ibid., p. 13. 86 Ibid., p. 21. <?page no="373"?> Literarische Biidervon Gavrilo Princip 373 und Potioreks A uftritt stellt eine Art von komischer Erleichterung dar, denn Ferdinand lacht über die Steifheit des Generals sowie alle Zeremonien und Rituale, zu denen ihn die Flierarchie des Reichs verpflichtet. Nach Potioreks Abgang endet das Bild m it einer Regieanweisung, die wieder den Zustand, in dem sich Ferdinand befindet, suggeriert: "Sophie erscheint in einer Ecke der Szene und schaut stumm der Flysterie ihres ohnmächtigen und verängstigten Mannes zu."87 Den zentralen Teil dieses Dramas von Anđić, seinen M ittelpunkt im buchstäblichen und semantischen Sinn, d.h. eine Art Symmetrieachse, in der sich die zwei Teile dieses Stückes gegenseitig spiegeln, bildet das fünfte Bild, das sich in "Zvono" in der Nacht unmittelbar vor dem Attentat abspielt. Am Beginn dieser Szene unterhalten sich llić, Princip und Mehmedbašić, dann gesellen sich noch Čabrinović und Grabež zu ihnen. Dieses Bild stellt dasjenige dar, was Gustav Freytag in seiner berühmten pyramidalen Struktur des Dramas8889als den Flöhepunkt, die Spitze der Pyramide bezeichnet, es ist auf eine gewisse Weise der Kulminations- und M ittelpunkt dieses Dramas. Flier werden wieder zwei Sichtweisen auf das Attentat dargelegt, und die Initiative hat bis kurz vor dem Ende dieses Bildes llić, der seine Bedenken im Zusammenhang mit dem Sinn des Attentats zum Ausdruck bringt und Meinungen ausspricht wie z. B. dass "der individuelle Terror nicht den Weg für eine Massenrevolution, zu der es kommen muss, ebnen wird, sondern er ist ein Akt der Gewalt, der nicht einmal den richtigen Schuldigen treffen muss, aber dafür kann viel unschuldiges Volk ins Unglück gestürzt werden".39 Vor Ilics Argumenten verlieren die anderen Attentäter allmählich ihre Entschlossenheit (in der Didaskalie steht: "als würde für einen Moment ein Flauch von Ohnmacht und Floffnungslosigkeit über sie kommen, so dass diese jungen und energischen Menschen plötzlich erstarren"90), bis am Ende des Bildes Princip sich mit einer flammenden Rede llić widersetzt (in der Regieanweisung wird betont, dass Princip diese lange Rede "aus dem Bauch hält, wie vom Grund eines belebten Vulkans"91). Begeistert von Princips Ansprache sagen Mehmedbašić, Čabrinović und Grabež, dass sie an Princips Seite sind, und unwillig schließt sich ihnen auch llić an. Das Bild endet mit dem Tanzen des rituellen Reigens, in dem die vier Attentäter stehen, während llić in Gedanken versunken abseits der anderen Figuren sitzt. 87 Ibid., p. 38. 88 Vgl. Freytag, Gustav: Technique of the Drama. An Exposition of Dramatic Composition and Art. Chicago: S. C. Griggs 1896, p. 192-209. 89 Anđić 1983, p. 41. 90 Ibid., p. 50. 91 Ibid. <?page no="374"?> 374 A lm ir Bašović Das letzte Drittel dieses Dramas spielt sich im Untersuchungsgefängnis und im H ofvor dem Gefängnis ab, und das zentrale Figurenverhältnis von llić und Princip wird durch das Verhältnis von Ivasjuk und Princip und von Pfeffer vs. llić verm ittelt. Das sechste Bild spielt sich im Folterzimmer ab, wo gelegentliche Schläge des Inspektors, die auf den blutig geprügelten Gefangenen Princip niedersausen, seinen abstrakten Dialog m it dem Polizeichef Ivasjuk unterbrechen (Ivasjuk erklärt Princip zum Beispiel seine originellen Foltermethoden, sagt ihm, dass er über Deformationen in Žerajićs Schädel, den er in seinem Zimmer hält, promovieren möchte, und Princip trägt unter anderem seine politischen Standpunkte vor und nennt sich selber einen Jugoslawen, einen Nationalisten, der nach einer Vereinigung aller Südslawen strebt.). Das Bild endet m it der Konfrontation zwischen Princip und Čabrinović, wo Princip die gesamte Verantwortung übernimmt; von der Bedeutung, die im Drama das Verhältnis zwischen llić und Princip hat, zeugt auch, dass am Ende des Bildes Princip es ablehnt zu gestehen, dass auch llić am Attentat teilgenommen hat, was Ivasjuk dazu bringt, dass er "durchdreht, herumtobt, brüllt" und befiehlt, dass man Princip kreuzigt.92 Das siebente Bild beginnt m it einem Dialog, in dem die Ideen des Untersuchungsrichter Pfeffer den Ideen des Polizeichefs Ivasjuk gegenübergestellt werden, und durch diesen Dialog wird die Wiedereinführung von llić in das Drama vorbereitet. Aufgebaut als vollkommener Gegensatz zu Ivasjuk, der durch physische Gewaltwendung nichts Nützliches für die Untersuchung erreichen konnte, schafft es Pfeffer durch List, llić ein Geständnis zu den anderen Teilnehmern am Attentat zu entlocken, und dann überredet er llić, für dieses Geständnis Princip vor dem Volk zu beschuldigen und ihn am Kreuz zu bespucken, denn "seine 'Heldentat' und sein Verrat werden sich gegenseitig vernichten."93 Das letzte Bild spielt sich im Gefängnishof ab, der voll von gefangenen Menschen ist, die um "das große Folterkreuz, an dem Princip wie Jesus gekreuzigt ist, bewusstlos und blutig",94 versammelt sind. Anstatt Princip spuckt llić Pfeffer ins Gesicht, und in der letzten Regieanweisung schreibt Anđić: Pfeffer verbirgt mit den Händen das Gesicht. Es ist, als würde sich Princip an seinem Kreuz aufrichten. Zufriedenheit leuchtet auf den Gesichtern der Gefangenen auf und das Bild hält an. AusderTiefe der Seele, wie ein Balsam, das heilt und neue Kraft gibt, strömt ein Lied hervor. Alles gerät in Dunkelheit, aber nicht 92 Ibid., p. 64. 92 Ibid., p. 79. 94 Ibid., p. 81. <?page no="375"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 375 in Vergessenheit. Wenn das Publikum zu einem großen Teil den Saal bereits verlassen hat, beginnt das Bild des Attentats (Bild I.) sich wieder abzuspielen.95 Am Schluss dieses Stücks wird also das erste Bild wiederholt. Das bedeutet, dass das Stück Princip G. auf dem vorwiegenden Kompositionsprinzip begründet ist, das Volker Klotz in seinem Buch Geschlossene und offene Form im Drama als das Prinzip einer kreisenden Variation bezeichnet hat.96 Dieses Drama ist durch eine finale kreisende Handlungsbewegung bestimmt, seine Kreisstruktur deutet auf die Unmöglichkeit der Herauslösung des Attentats von Sarajevo aus der unendlichen Wirklichkeit und suggeriert, dass Gavrilo Princip in einer Welt, in der sich die Geschichte wie ein Albtraum wiederholt, Ferdinand und Sophie immer noch tötet. Dadurch nähert sich dieses Drama dem Drama der manieristischen Linie, wie es Dževad Karahasan definiert, wenn er meint, dass solche Werke der "Geschlossenheit in ihre, die künstlerische Wirklichkeit, anstreben, deren Struktur niemals m it der Struktur der 'objektiven' (außerkünstlerischen) W irklichkeit deckungsgleich ist".97 Auf die Verbindung mit dem manieristischen Drama weist auch dieTatsache hin, dass Princip als handlungstreibende Figur im ersten und im letzten Bild, also über den Rahmen des Dramas, in unmittelbaren Kontakt zu Sophie und Franz Ferdinand, die diese Handlung erleiden, tritt. Auch der Hinweis von Anđić, das Stück Princip G. stelle seinen bescheidenen Beitrag zum Geheimnis der Ermordung des Thronfolgers Ferdinand dar,98 weist darauf hin, dass dieses Drama sich m it seiner Handlung nicht zur Totalität der W irklichkeit öffnet, was beim klassischen Drama stets der Fall ist, sondern dass es sich wie das manieristische Drama m it der Frage der Stellung, die die Kunst in der Welt einnimmt, beschäftigt. Das Bild Gavrilo Princips ist bei Anđić durch die Absicht des Autors bestimmt, ein Drama nach dem Vorbild des existentialistischen Ideendramas zu schreiben, wobei er ein hohes Bewusstsein über die Grundcharakteristiken dieser Dramen demonstriert, so dass man dieses Drama eher ein Drama über der Existentialismus als ein existentialistisches Drama nennen könnte. Peter Szondi schreibt, dass die Affinität des Existentialismus zur Klassik auf der Wiedereinsetzung des Freiheitsbegriffs beruhe,99und Anđić nimmt als Motto für sein Drama nicht von ungefähr Ibsens Satz: "Der Freiheitsbegriff schließt die Tatsache mit ein, dass sie unaufhörlich vergrößert 95 Ibid., p. 82. 96 Klotz, Volker: Zatvorena i otvorena forma u drami. Beograd: Lapis 1995, p. 176. 97 Karahasan, Dževad: Dnevnik melankolije. Zenica: Vrijeme 2004, p. 9. 98 Anđić, p. 7. 99 Szondi, Peter: Teorija moderne drame. Beograd: Lapis 1995, p. 89. <?page no="376"?> 376 A lm ir Bašović werden muss." Im Einklang mit diesem Leitspruch wird der Freiheitsbegriff in fast allen Bildern dieses Stücks thematisiert. So spricht Franz Ferdinand zum Beispiel über die Freiheit, als er Sophie seinen Traum erzählt: [...] Und sie können sich selbst nicht ernähren. Deswegen jagen wir sie... Nichts wird ihnen Brot geben, auch wenn sie frei wären, sondern es wird damit enden, dass sie ihre Freiheit vor meine Füße bringen und bitten werden: 'Ernährt uns, und nehmt die Freiheit wieder'. Und sie werden sich davon überzeugen, dass sie niemals frei sein könne, weil sie schwächer, lasterhafter, nichtswürdiger und Rebellen sind. Deswegen muss man auf sie schießen, pam, pam! schießen! schießen! pam! parni... Ich bin ja oben, nur weil ich es auf mich genommen habe, die Freiheit zu erdulden, vor der sie sich erschreckt haben.100 In Ferdinands Spielchen mit Potiorek wird ebenfalls die Freiheit thematisiert: Franz Ferdinand: Und... was denken sie über die Freiheit, Potiorek? Über dieses für alle Menschen interessante Rätsel? Vor allem unter den Menschen auf diesem, eurem Boden? ! Potiorek (denkt nach, dann selbstbewusst): Es gibt keine unnatürlichere und qualvollere Sorge für den Menschen, als wenn er frei bleibt oder frei wird, Eure Hoheit! 101 Auch in den Dialogen, die das zentrale dramatische Verhältnis von Princip und llić aufbauen, dominiert das Thema der Freiheit. So sagt zum Beispiel Princip im dritten Bild zu llić: "dies ist keine Arbeit für diejenigen, die zweifeln und die sich, einen Sklaven, nicht auf dem Altar der Freiheit zu opfern imstande sind... für diejenigen, die ihren noch ungezeugten Kindern zumindest den Namen SLOBODAN [der Freie] mit Recht und Stolz, ohne Angst werden geben können..."102 Im zentralen Bild des Stücks sagt Princip zu llić, dass viele sich dessen nicht bewusst sein würden, dass ihr Werk ein Opfer auf dem Altar der Freiheit sei, und äußert die Überzeugung, dass der Mensch nur unter anderen freien Menschen frei sein könne, dass die Versklavung eines einzigen Menschen die Freiheit aller anderen negiere.103 Im aristotelisch gedachten Drama hat die Dramenhandlung Vorrang vor den Charakteren oder, wie dies Gustav Freytag ausdrückt: Die Charaktere können ihr inneres Leben nur auf der Begebenheit begründen, und diese Begebenheit, wenn sie nach den Bedürfnissen der Kunst ausgerichtet ist, heißt Handlung.104 In der Renaissance drängt sich der dramatische Charakter als Wertzentrum auf und dies beginnt das europäische Drama 100 Anđić 1983, p. 25. 101 Ibid., p. 37. 102 Ibid., p. 20. 103 Ibid., p. 51. 101 Ibid., p. 32. <?page no="377"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 377 entscheidend zu bestimmen; am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts machen es aber verschiedene deterministische Strukturen für den dramatischen Charakter unmöglich, selbstständig zu handeln, und sie stellen seine Integrität in Frage. Anlässlich des existentialistischen Dramas schreibt Szondi: "die wesentliche Fremdheit der Situation und das Perennierende des menschlichen 'Geworfenseins' kann dramatisch nur in einer Flandlung sinnfällig werden, zu deren Besonderheit diese dem Existentialismus zufolge generellen Züge menschlichen Daseins geworden sind".105 So wird im existentialistischen Ideendrama, wie das in seinem programmatischen Text Für ein Situationstheater Sartre betont, der Vorrang der Flandlung vor den Charakteren zur Ausgangsgrundlage. Sartre sagt buchstäblich, dass die Grundnahrung eines Theaterstücks nicht der Charakter ist, der durch ausgewählte "Theaterworte" ausgedrückt wird, sondern die Situation.106 Brechts These über die Bedeutung der Geste übernehmend, bezeichnet Sartre Gesten, die Taten bezeichnen, als Handlungsbild, und schlussfolgert, dass das Theater eine Tat und nichts anderes darstellt.107 Als er über das Ideendrama schreibt, stellt George Steiner fest, dass es aus der Dramenhandlung eine Parabel über eine philosophische oder politische Abhandlung mache, und seine Theaterform sei dadurch fast zufällig.108Anlässlich des Dramas Princip G. sagt Josip Lešić, dass Duško Anđić den Ideen Vorrang vor den Charakteren gegeben hat, so dass, wie bei einer politischen Moralität, in vielen Bildern statt des Dramatischen das Epische und Deklarative überhandgenommen hat.109 Dies wird zum Beispiel durch die Tatsache bestätigt, dass das dritte Bild von Anđićs Drama sich in kausalzeitlicher Flinsicht vor dem ersten und zweiten Bild "abgespielt" hat, was davon zeugt, dass in diesem Drama keine zeitliche Kontinuität vorherrscht, die im Drama die Abwesenheit der Erzählerfunktion wettmacht und die Ganzheitlichkeit der dargestellten Vorgänge gewährleistet, und das Sujet nicht aus Segmenten gebildet ist, die, wie Aristoteles sagen würde, wahrscheinlich oder notwendig auseinander hervorgehen. Außerdem findet bei Anđić in den Regieanweisungen ein Erzählen statt, und anstatt einer neutralen Sprache, die das subjektive Reden der Figuren einrahmen würde, sind sie in diesem Drama ein M ittel für den Autor, seine Meinung zu den Ereignissen und Figuren auszudrücken. Im ersten Bild, nachdem Fer- 105 Szondi 1995, p. 89. 106 Sartre, J. P.: Za pozorište situacije. In: Sartre, J. P.: Izabrana dela, knj. 5. Beograd: Nolit 1981, p. 389. 107 Vgl. ibid. 108 Steiner, George: Smrt tragedije. Zagreb: Centarza kulturnu djelatnost 1979, p. 233. 109 Lešić, Josip: Dramska književnost II. Sarajevo: Institut za književnost, Svjetlost 1991, p. 226. <?page no="378"?> 378 A lm ir Bašović dinand im Wagen stirbt, folgt etwa die Didaskalie: "Und er starb! Leicht und schnell, ohne Zeit zu haben, noch einmal über alles besser und klüger nachzudenken. Und das hätte man machen sollen, wenn man ungebeten zu diesem oder zu solchen Völkern kommt. Jetzt war es viel zu spät".110 Dann, nachdem der Inspektor im Gefängnis Princip zu schlagen beginnt, steht in Anđićs Didaskalie: "Und er hätte so weiter gemacht, bis er ihn umgebracht hätte, doch zum Glück unterbricht ihn Ivasjuk, als er von seinem Anzug Kaffeeflecken abwischt."111 Eine solche in den Regieanweisungen vertretene Haltung Anđićs hat auch für das Stück als Ganzes eine gewisse Bedeutung, denn wie Lešić feststellt, "existieren Princip und seine Freunde in Anđićs Drama nicht als Menschen, sondern nur als Lautsprecher für die Ideen des Schriftstellers."112 Anđićs Anlehnung an das existentialistische Drama bestimmt natürlich auch das Bild Gavrilo Princips in diesem Stück. So wie er sein Drama als einen Disput über die Möglichkeiten der Freiheit des Grundthemas des existentialistischen Dramas aufbaut, so thematisiert Anđić auch den Status, den der dramatische Charakter im Ideendrama einnimmt. Im dritten Bild nämlich, als Princip zu Ilic über den Sinn des Attentats spricht, ist es, als würde er auch den Status, den seine Figur in diesem Drama hat, definieren: Princip: Ohne meine Idee existieren auch ihre Ideale nicht. Selbst die Idee, die nur Sinn ist, und nicht der Hände Werk ist wertlos. Schau dir den Adler an, während er fliegt. Er ist wie alle anderen Vögel, auch der Größe nach, denn er fliegt viel höher, als alle anderen. Ich habe ihn tagelang über dem Karst der Dinariden beobachtet. Wunderschön und würdig sieht er aus, aber keinerlei Nutzen davon. Erst wenn er sich wie ein Donner vom blauen Himmel stürzt und in einem einzigen Augenblick, so dass du nicht einmal mit der Hand winken kannst, das fetteste Lamm greift, siehst du die riesigen Flügel und die blutigen Fänge, du spürst seine Kraft. Erst dann siehst du den wahren Wert dieser himmlischen Schönheit. Erst dann wird diese Würde, diese Übermacht und die verborgene Weisheit in ihren realen Sinn überführt. (...)113 Gerade weil es sich hier auch um ein Drama handelt, in dem, wie das für Ideendramen George Steiner sagt, "w ir Stimmen hören, und keine Figuren",114 wird Princip als ein Bild aufgebaut, das im Dramaganzen fast durch ein anderes Bild ersetzbar ist. Darauf weist zum Beispiel die Tatsache hin, dass in seinen Überlegungen zur Herrschaft Princip dem Thronfolger näher ist als der Meinung von Danilo llić. Franz Ferdinand sagt zu Sophie, 110 Anđić 1983, p. 11. 111 Ibid., p. 54. ш Lešić 1991, p. 227. 113 Anđić, p. 17. 114 Steiner, p. 233. <?page no="379"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 379 dass er manchmal seine Brüder beneide, dass er manchmal denkt, wie ihn der Fluch des dritten Bruders heimsuche, denn er müsse herrschen; 115 Princip sagt zu Nie, dass er sich dessen bewusst sei, dass "in der Komödie der Herrschaft der Vorhang niemals fällt" und dass er wisse, dass es keine Ordnung gebe, die allen seinen idealistischen Anforderungen gerecht werden würde, aber er habe keine Absicht zu herrschen, denn man könne nicht herrschen und unschuldig bleiben.116 Franz Ferdinands und Princips Stimmen werden auch durch ihre Haltung zum Tod verbunden, denn Ferdinand fragt Sophie, ob die Tatsache, dass sie sich in einem fremden Land befinden, vielleicht nur ein Schicksalsspiel, eine göttliche Versuchung oder eine Versuchung der Menschen um sie herum sei, und dann fügt er hinzu: "Sollen wir töten oder getötet werden? "117 Princip zeigt llić das Kaliumzyanid, das er aus Belgrad mitgebracht hat, und vergleicht seine bevorstehende Tat mit einem Selbstmord. Er schließt seine lange Rede mit den Worten: "Franz Ferdinand und ich verlassen diese Welt zusammen, alle beide schuldig für einiges."118 Im Unterschied zu Sidrans Princip, dessen Verbindung mit Jesus "von innen heraus", durch die Verknüpfung von zwei Begriffssystemen suggeriert wird, kann Anđićs Princip seine Verbindung mit Jesus als dem berühmtesten Mediator zwischen Leben und Tod nur von außen hersteilen, und diese Verbindung muss zusätzlich kommentiert werden. Als er Princip die Originalität seiner Foltermethoden erklärt, sagt nämlich Ivasjuk: Ivasjuk: [...] Das ist dieses Kreuz, an das wir, so... den Behandelten aufhängen, so dass w ir auf diese Weise dieselbe Wirkung aber viel bessere Resultate erreichen. [...] Hier können w ir jedoch die Streckung der Glieder kontrollieren, so dass es uns praktisch unendlich möglich ist, die Zeit zu verlängern, und die Resultate sind entzückend und faszinierend. Schließlich kommt hier auch die Symbolik auf ihre Kosten. Das ist ein Kreuz. Alles geschieht also im Namen Gottes: Gerechtigkeit und Wahrheit kommen zum Vorschein, und der Befragte, auch wenn mancher das Gefühl haben mag, dass er draufgeht-geht am Symbol des Lebens und des Todes drauf, des Gottgegebenen, so dass es ihm zumindest in dieser Hinsicht viel leichter fällt. Tatsächlich, ich habe es noch nicht geschafft, Sie zu fragen, auch wenn Sie mir nicht Gott-weiß-was gesagt haben. Sind sie ein Theist oder ein Atheist? 119 Es ist nicht zufällig, dass die Parallele zwischen Princip und Jesus in diesem Drama durch die Rede und Handlung Ivasjuks eingeführt wird, einer Figur, 115 Anđić, p. 24. 116 Ibid., p.51f. 117 Ibid., p. 24. 118 Ibid., p. 52. 119 Ibid., p.55f. <?page no="380"?> 380 Almir Bašović die von Pfeffer als Idiot und kranker Mensch bezeichnet wird.120 Die Pathologie ist, sagt anlässlich des modernen Dramas György Lukäcs, die einzige Möglichkeit für undramatische Personen und Situationen, dramatisch zu werden, und nur sie kann dem Handeln eine solche Konzentration, den Gefühlen eine solche Intensität geben, dass die Tat und die Situation symbolisch werden, nur das kann die Figuren das Gewöhnliche und Alltägliche überwinden lassen.121 4. Princip und Prinzipien In seiner Erzählung Das Prinzip Gabriel (2007) baut Dževad Karahasan ein Bild von Princip auf, indem er archetypische Motivik und pathologische "Gefühlsintensität" verknüpft. Dieses Bild wird nämlich durch Princips Aussagen über sich selbst und seine Tat erzeugt, die er im Gefängnis im k.u.k. Militärgefängnis Theresienstadt tätigt, wo er im Fieber die letzten Tage seines Lebens verbringt. AufdieVerbindung m it dem archetypischen Helden weist auch die Tatsache hin, dass Princip sich selbst als Erzengel der Verkündigung erlebt (Gavrilo - Gabriel), also als jemanden, der das Chaos 'kosmogonisiert' und ein neues Zeitalter ankündigt. Außer dem eigenen Namen fü h rt er als klares Zeichen seiner Mission auch die Tatsache an, dass er während des Attentats sein Gesicht vom Ziel abgewandt hatte, und dennoch seien diejenigen, auf die er geschossen habe, tot: D.h., er habe zwar geschossen, aber "gezielt hat ein anderer".122 Princip sagt, dass, nachdem sich Gott dreimal gezeigt habe (auf dem Sinai, in Palästina und in Mekka), m it ihm als dem vierten Erzengel Gabriel das Quadrat die Form der Vollendung und der Ganzseins geschlossen würde und som it der Herrschaftszyklus des Einen Gottes vollendet sei.123 Des Weiteren erinnert Princip daran, dass das erste Mal Erzengel Gabriel sich als die Tafel m it den zehn Geboten, das zweite Mal als das W ort und das dritte Mal als der Geist gezeigt habe, während er das vierte Malals Explosion erscheint. Das erste Mal rief er zur Ordnung, das zweite zur Liebe, das dritte Mal rief er zum Frieden, und nun riefe er "zur Gewalt, zum Werk, zur nackten Macht."124Obwohl er in seinem Fieberwahn mehrmals die Worte "Ich verkündige! " wiederholt weiß Princip gar nicht, was er verkündet: 120 Ibid., p. 68. 121 Lukäcs, György: Istorija razvoja moderne drame, Beograd: Nolit 1978, p. 114. 122 Karahasan, Dževad: Izvještaji iz tamnog vilajeta. Sarajevo: Dobra knjiga 2007, p. 132. Deutsche Übers, von Brigitte Döbert: Berichte aus der dunklen Wett. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel 2007. ,2! Ibid. 122 Ibid., p. 133. <?page no="381"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 381 Ich bin die Hand, nur die Hand, das habe ich gesagt. Eine willige, bereitwillige Hand, daran ist kein Zweifel, eine Hand, die freiwillig tat, was sie tun mußte, deswegen glückte das Werk auch so gut, doch trotz allem bleibt die Hand eine Hand. Sie kann nicht wissen, was im Kopfe, in der Seele, was im Willen hinter dem Kopfe und der Seele ist. ich weiß, daß ich mit einer Explosion das neue Zeitalter angekündigt habe, denn das kann nur kommen, wenn es der Erzengel Gabriel verkündet hat, aber ich kann nicht wissen, was es bringt, ich kann nur das wissen, was ich tun mußte.125 Die Art und Weise, auf die in dieser Erzählung die Figur von Gavrilo Princip behandelt wird, ist charakteristisch für Karahasans Poetik im Allgemeinen. Seine Erzähltechnik zeugt nämlich immer von seinem Bestreben, durch die Kombination der Außen- und der Innenperspektive die höchstmögliche Ebene der Objektivität zu erreichen, so dass in dieser Erzählung Princips subjektive Rede, die aufgrund seines Fieberwahns am Rande des Verstehbaren liegt, den Leser in Form des völlig neutralen Berichts von Dr. Levitan erreicht, dem Princips amtlicher Arzt Dr. Pappenheim den Auftrag gibt, "m it dem Patienten so viel Zeit wie möglich zu verbringen und seine Äußerungen so getreu wie möglich niederzuschreiben".126 Den Transkripten von Princips feurigen Reden gibt der Erzähler den Titel "Tagebuch der Beobachtung", was ebenfalls auf eine Kombination der subjektiven, persönlichen (Tagebuch) und der äußeren, auf einem Subjekt-Objekt-Verhältnis begründeten Fierangehensweise (Beobachtung) hinweist. Die Notizen zu Princip umfassen die letzten Monate seines Lebens, und Karahasan wählt einen Zeitpunkt aus, der einige Jahre nach dem Attentat angesetzt ist. Er versetzt Gavrilo also in eine Situation, die im Verhältnis zur Tat zum Attentat durch eine gewisse Distanz gekennzeichnet ist, was die Möglichkeit eröffnet, dass diese Tat in Princips Geist mehr oder weniger eine Form animmt. Princip behandelt an mehreren Stellen seine "kollektivistische" Handlung als eine Tat, die eine klare Trennung in "w ir" und "sie" herstellt. Der Arzt, der Princips Aussagen niederschreibt, aus Novi Sad stammend, hält in seinen Notizen fest: Versuchte herauszufinden, wen er mit "uns" und "ihnen" meint, bin nicht sicher, ob es mir gelungen ist. Vermute, daß "sie" die Westler, "w ir" die Serben, vielleicht auch die Slawen insgesamt sind, kann die Vermutung aber nicht belegen. Würde sagen, daß er mich als einen von "uns" empfindet, was ein gutes Zeichen wäre.127 125 Ibid., p. 133. 126 Ibid., p. 128. 127 Ibid., p. 131. <?page no="382"?> 382 A lm ir Bašovic Indem er die Welt in "w ir" und "sie" trennt, spricht Princip in seinen Monologen verschiedene Bereiche an, wie Ideologie, Politik, Wirtschaft, Geschichte oder Kultur, so dass man fast meinen könnte, dass aus diesen Monologen postkoloniale Grundthesen durchscheinen: Erst schickten sie Händler, dann Soldaten. Heute schicken sie Lehrer und Wissenschaftler. Die Lehrer bräuchten wir, sagen sie, für neue Schulen, sie wollten uns Bildung bringen und eine bessere Zukunft. Aber in ihrer Sprache, so daß unsere Kinder, wenn sie sich für diese Zukunft entscheiden, Gott morgen in der einen und ihre M utter in der anderen Sprache anreden. Wenn das geschieht, wann werden wir uns vereinigen und wiedererkennen? ! 128 Auf die Feststellung des Arztes, dass die Schule immer gut sei, mag sie auch in einer anderen Sprache sein, bemerkt Princip, dass aus Bruchstücken kein Glück erwachse und dass der Mensch zerbrochen sei, wenn sein Verstand in der einen, sein Gefühl in der anderen und die Seele sowie seine Erinnerung in einer dritten Sprache reden; dies ziehe bloß folgende Fragen nach sich: "Wo bleibe ich da? Wie soll ich da jemals m it mir selbst Zusammenkommen? "129 In diesem schmerzhaften Monolog Princips scheint auch eine der wichtigsten Problemstellungen der postkolonialen Kritikangesprochen zu werden die Frage der Spaltung des Subjekts - und durch die Wiederholung der Aussage "sie haben Angst vor m ir"130 scheint Princip auch den heutigen "Zustand der Dinge" in der westlichen Gesellschaft als eines angsterfüllten Kollektivs anzukündigen. Alles, was Princip in dieser Erzählung ausspricht, ist aber bloß ein Teil des Bildes, das Karahasan von ihm darbietet. Durch die Vervielfältigung von Rahmen multipliziert Karahasan auch die möglichen Lesarten der Erzählung und macht dadurch gleichzeitig auch das Bild von Princip in höchstem Maße komplex. Diese Rahmen werden in technischem Sinne als eine spezifische Vervielfältigung der Vermittlerinstanzen zwischen Princips Aussagen und uns Lesern realisiert: Zu den Transkripten von Princips Aussagen kommt der Erzähler nämlich nur, indem er nach Tschechien, in das Gefängnis von Theresienstadt reist und dort zufällig auf einen Wächter namens František Krylin Franta stößt, der ihn in die Zelle, in der Princip gefangen gehalten wurde, führt und ihm am Ende einige Blätter in die Hand drückt. Franta erzählt dem Erzähler mit viel Leidenschaft Fakten aus Princips Leben, und mit Hilfe von Zahlenmystik und deren geheimer Kraft verbindet er das Datum des Attentats, das Datum von Princips Einlieferung ins Gefäng- 128 ibid. 128 ibid. 130 Ibid., p. 135. <?page no="383"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 383 nis und das Datum seines Todes. Das Treffen des Erzählers mit Franta endet m it einem geschäftlichen Gespräch, denn bei ihrem Abschied gesteht Franta dem Erzähler, dass er für ein paar Flundert Dollar ein Transkript aller Notizen über Gavrilo Princip erstellen würde, und für ein paar Tausend Dollar würde er auch das originale Notizbuch und dasTranskript verkaufen.131 Die erhabene Mystik aus Gavrilos Monologen wird somit durch ihre parodistische Komponente ergänzt, denn sie werden aus der Perspektive einer lebhaften, komischen Figur behandelt, die sowohl Princips Lehren als auch den ganzen Fall bloß als eine gute Verdienstmöglichkeit ansieht. Die Besonderheit von Karahasans Rahmenaufbau in dieser Erzählung spiegelt sich auch in der Art und Weise, wie er diese Erzählung beendet: Es werden die Gründe angeführt, warum sich der Erzähler nicht noch einmal m it Franta treffen kann, um eventuell einige Lücken im "Tagebuch der Beobachtung" zu ergänzen. Nachdem er nämlich den Auszug aus den Notizen über Princip, die Franta als Köder für einen eventuellen Käufer betrachtet, gelesen hat, entscheidet sich der Erzähler, auf seinem Weg nach Dresden einen Abstecher nach Theresienstadt zu machen, um dort wieder m it Franta zu reden und um in sich etwas zu überprüfen, "das mir ständig entwischte und sich nicht klar zeigen mochte."132 An der österreichischtschechischen Grenze jedoch wird er aus dem Zug geholt, weil er kein Visum für Tschechien hat. Der Erzähler war auf dem Weg nach Dresden, um dort an der Aufführung einer Oper des russischen Autors Mussorgsky mitzuarbeiten, so dass sich am Ende dieser Erzählung Bosnien, Österreich, Tschechien, Russland und Deutschland 'treffen'; die Unmöglichkeit, die Grenze zu passieren, scheint zu suggerieren, dass Trennungen und politische Zersplitterung auch wichtige Folgen des Attentats von Sarajevo und des Ersten Weltkriegs sind. Das steht ganz im Einklang mit Karahasans Behauptung, dass die Bedeutung eines Ereignisses anhand seines symbolischen Umfangs zu messen sei133, was uns wiederum zu einem neuen Rahmen in dieser Erzählung führt. Im Nachwort zur Erzählsammlung Berichte aus der dunklen Welt erörtert Karahasan gerade diesen symbolischen Gehalt des Attentats von Sarajevo und schreibt, das 20. Jahrhundert habe am 28. Juni 1914 mit der Ermordung des Thronfolgerpaares der Flabsburger Monarchie begonnen und einen unübersichtlichen Ozean von Folgen ausgelöst, so dass es unmöglich sei, sie aufzuzählen. Eine der wichtigeren Folgen sei der Erste Weltkrieg, nach dem sich in vielen Ländern Europas die für das Europa 131 Ibid., p. 129. 132 Ibid., p. 137. 133 Karahasan, Dževad: Dosadna razmatranja. Zagreb: Durieux 1997, p. 30. <?page no="384"?> 384 A lm ir Bašovic des 20. Jahrhunderts charakteristische politische Gesellschaftsform zu entwickeln begann. Den Beginn und das Ende des 20. Jahrhunderts mit Sarajevo, das Attentat von Sarajevo m it der Belagerung dieser Stadt verknüpfend, schreibt Karahasan: Das Intermezzo der für das 20. Jahrhundert charakteristischen bürgerlichen Demokratie endete am 6. April 1992 in Sarajevo, vier Brücken flußabwärts der Lateinerbrücke. An diesem Tag wurden auf der Vrbanjabrücke Suada Dilberović und Olga Sučić ermordet. Sie demonstrierten gegen einen Krieg, der offiziell mit ihrer Ermordung begann. Wieder zwei Opfer, wieder eine Brücke in Sarajevo und wieder ein Krieg, mit dem etwas Neues begann. Wir können noch nicht wissen, was da begann, w ir wissen nur, daß es im Endstadium der politischen Gesellschaftsform einer bürgerlichen Demokratie, wie wir sie im 20. Jahrhundert kennengelernt haben, nicht im geringsten ähneln wird. Und w ir wissen, daß dieses Neue mit dem bosnischen Krieg 1992-1995 begonnen hat, der sich vornehmlich durch eine Gegenaufklärung auszeichnete und jene Werte kompromittierte, auf denen die bürgerliche Demokratie aufbaut.134 Der Rahmen der Erzählung Das Prinzip Gabriel wird also mit dem ganzen Band Berichte aus der dunklen Welt verbunden, und dieses Buch tritt auch m it seinem Titel in einen Dialog m it dem westlichen Blick auf Bosnien, mit dem Konstrukt, der zu großen Teilen auch als ein Resultat der bosnischen Literatur des 20. Jahrhunderts entstanden ist, also einer als 'Vermittlung' oder 'Übersetzung' von Bosnien und der bosnischen Kultur in eine dem Westen verständliche Sprache begriffene Literatur. (In diesem Sinne stellt Karahasans Erzählung Briefe aus dem Jahr 1993 eine unverhüllte Fortsetzung der so häufig missbrauchten Erzählung Briefaus dem Jahr 1920 von Ivo Andrić dar, und die Erzählung Karl der Große und die traurigen Elefanten ließe sich sowohl aufgrund ihres Themas als auch aufgrund ihrer Erzähltechnik als ein Dialog mit Andrics Geschichte vom Elefant des Wesirs.) Karahasan verbindet die dunkle Welt mit der Reise als einem der ältesten Motive in der Literatur, und das "Wesen des dunklen Ortes, der Stimme und der Wahrheit, die es in dieser Geschichte entdeckt, ist im mer im Einklang m it dem Charakter der Reisenden und den Gründen ihrer Reise."135 Karahasan schreibt weiter, dass dies in der Natur des dunklen Ortes ständig etwas verändere, aber dass dessen Sein unveränderlich ist, denn "zu allen Zeiten und in allen Kulturen galt er als Zwischenwelt, als historische (in der Zeit bestehende) Flypostase des ursprünglichen Chaos, aus dem einst alles entstand, als Nicht-Ort oder 'anders gearteter Ort', anders als alle möglichen Orte der materiellen Welt, [...] als 131 Karahasan 2007, p. 184. 135 Ibid., p . 177. <?page no="385"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 3 8 5 Ort also, an dem das Reale eine in der wirklichen W elt unvorstellbare Intensität erreicht."136 Es ist nicht zufällig, dass Karahasan die Tradition des dunklen Ortes am Beginn des Nachworts mit den eleusinischen Mysterien, also mit einem der wichtigsten vegetativen Kulte, verbindet und dass die Erzählung Das Prinzip Gabriel auf den Wechsel der Jahreszeiten referiert, denn die Kapitel in dieser Erzählung haben die folgenden Überschriften: "Eine Beichte im Frühling", "Eine Unterhaltung im Sommer", "Eine Frage im Herbst" und "Ein W inter ohne Folgen". Die Erzählung beginnt im Frühling, also zu einer Jahreszeit, die mit verschiedenen archetypischen Motiven, in deren M ittelpunkt die Auferstehung steht (von der Geschichte von Dionysos bis Jesus), in Verbindung steht, und gerade eine solche Einteilung der Erzählung in Kapitel verbindet sie organisch mit dem Buchganzen. Meletinskij schlussfolgert, als er über den Mythos schreibt: Der Schöpfungsmythos ist der grundlegende Mythos ein Mythos par excellence. Der eschatologische Mythos ist bloß ein umgekehrter Schöpfungsmythos über den zumeist vorübergehenden - Sieg des Chaos (durch eine Sintflut, ein Feuer o. ä., über das Ende der Welt oder das Ende der kosmischen Epoche). Etwas Dazwischenstehendes stellen die Kalendermythen dar, in denen der vorübergehende Tod der Natur, häufig personifiziert in der Gestalt eines Gottes oder Helden, stirbt-wiederaufersteht, deren Erneuerung dient.137 Indem er als Implikationen von Princips Tat den Beginn des 20. Jahrhunderts und die Entstehung eines neuen Zeitalters einführt, führt Karahasan eine Parallele zum Schöpfungsmythos ein, aber m it der Belagerung Sarajevos fü h rt er gleichzeitig die Parallele m it einem eschatologischen Mythos ein und them atisiert das Ende einer Epoche, das Ende der Welt der bürgerlichen Demokratie. Gerade weil sie sich m it einem historischen Ereignis und einer historischen Person befasst, fü h rt diese Erzählung durch ihre vielfachen Rahmen vor Augen, in welchem Ausmaße verschiedene ideologische Konzepte sowohl die dunkle Welt als auch die W irklichkeit, die sich an diesem Ort am intensivsten offenbart, reduzieren. Somit ließe sich sagen, dass die Logik, nach welcher Karahasan sowohl das Bild der dunklen Welt als auch das Bild Gavrilo Princips konstruiert, sich nicht auf einer entweder-oder-Logik des Ausschlusses, sondern auf einem sowohlals-auch-Prinzip der Einbindung, der auch für die Logik des Mythos charakteristisch ist, gründet. Boris Uspenskij verbindet dieses Phänomen, als er über die Bedeutung des Rahmens für die Gestaltung des gesamten Kultursystems schreibt, mit der Darstellung der Art und Weise, wie man 136 Ibid., p. 179. 1! 7 Meletinski 2011, p. 21. <?page no="386"?> 386 A lm ir Bašović die Welt e rle b t/ 38 und davon zeugt noch ein Rahmen in der Erzählung Das Princip Gabriel. Über den Rahmen begegnen sich nämlich Gavrilo Prinzip und der zweite wichtige Held dieser Geschichte der Komponist Viktor Ullmann (1898-1944). Der Erzähler kommt nach Theresienstadt, weil er sich, als er anlässlich des hundertjährigen Geburtstags von Ullmann eine Aufführung vorbereitete, davon überzeugen konnte, dass das Leben dieses Komponisten einer gut erzählten Geschichte ähnelt, und so wollte er das Gefängnis sehen, in dem Ullmann vor seinem Transport nach Auschwitz, wo er zwei Tage später hingerichtet wurde, festgehalten wurde. Ganz im Sinne der Natur von Theresienstadt, die ein Freund des Erzählers wegen der seltsamen Geschichte des Ortes mit einem Spiegel vergleicht,138139 erfährt der Erzähler nichts über Ullmanns letzte Tage, sondern er stößt auf Franta und Princips Geschichte, vor der er sein ganzes Leben lang davongelaufen war. Indem er Ullmanns und Princips Aufenthalt in Theresienstadt verknüpft, stellt Karahasan zwei historische Personen nebeneinander, was wohl mit dem dramatischen Prinzip der Dialogizität, das Michail Bachtin bei Dostojewskij beobachtet hat, zusammenhängt, was wiederum sein Bestreben zeigt, die Etappen in ihrer Gleichzeitigkeit zu begreifen, und sie nicht in eine Reihe zu verbinden.140 So wird aus einer neuen Perspektive, ganz im Einklang mit der Vorstellung von Theresienstadt als einem Spiegel, das Bild von Gavrilo Princip beleuchtet. So hat zum Beispiel der Erzähler mit seinem Freund, einem Regisseur, in eines der Theaterstücke auch Ullmanns Oper Der Kaiser von Atlantis einbezogen, was man als ein Spiegelbild von Princips Verhältnis zum Thronfolger eines Landes, das wie Atlantis in einem Krieg zerfallen war, auffassen könnte. Ebenfalls ist Gavrilo/ Gabriel ein Erzengel, der sich selbst als jemanden begreift, der ein neues Zeitalter ankündigt, und als jemanden, der dramatisch versucht, den gegenwärtigen Zeitpunkt zu reflektieren, und der Erzähler sagt über Ullmann, dass eine der Grundlagen für dessen Größe in dessen M ut und Fähigkeit, unzeitgemäß zu sein, lag, weil er es geschafft hat, sich selbst aus der Perspektive der Ewigkeit zu denken.141 Des Weiteren ist Princip derjenige, der es geschafft hat, wegen seiner Tat in der Außenwelt berühmt zu werden, während Viktor Ullmann im Konzentrationslager ohne Klavier und Notenpaper komponiert und sein Vertrauen in die Natur der ästhetischen Emotion bewahrt, die sich, wie dies beispielsweise Ivor Armstrong 138 Uspenski, Boris: Poetika kompozicije. Semitoika ikone. Beograd: Nolit 1979, p. 194. 139 Karahasan 2011, p. 119. 140 Bahtin, Mihail: Problemi poetike Dostojevskog. Beograd: Zepter Book Wodd 2000, p. 30. 141 Karahasan 2011, p. 114. <?page no="387"?> Literarische Bildervon Gavrilo Princip 387 Richards zeigt, in sich selbst erschöpft und niemals zu einer Aktion in der Außenwelt aufruft.142 In diesem Sinne schreibt Karahasan: "Ullmann war auch im Lager frei, er hatte genug Geist, um den Stoff des Lebens durch die Form zu überwinden, und die künstlerische Form des Lebens ist nichts anderes als die Freiheit."143 Dieses Bild des Komponisten beleuchtet auch das Bild Princips, denn Ullmanns Vertrauen in die Kunst, mit der man das Leben überwindet, steht als Spiegelbild für Princips Überzeugung, die er in den Versen "Wer leben will, soll sterben, / Wer sterben will, wird ewig leben" und im Satz, den er im Gefängnis in Theresienstadt niederschrieb: "Unsere Schatten werden in Wien herumziehen, die Flofburg durchstreifen und die Herrschaften erschrecken" zum Ausdruck brachte. Der Erzähler von Karahasans Erzählung Das Prinzip Gabriel sagt über das Attentat von Sarajevo, es sei "einer der vielen Vorfälle aus der ruhmreichen Vergangenheit meiner Völker, von denen ich nichts wissen und über die ich nicht nachdenken wollte, weil sie zu viel Unentwirrbares, Unbegreifliches, Bedrohliches und Düsteres enthalten, also zu viel von dem, was ich lieber vermeiden wollte."144Vor solchen Ereignissen kann uns, suggeriert Karahasan, nur gute Kunst retten, und das Schicksal von Viktor Ullmann scheint uns vor noch einer aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangenen Implikation zu warnen. Wie ein tiefer Schnitt im kollektiven Erleben der Zeit, und im Einklang m it dem hier erörterten Verhältnis zwischen dem Ereignis, m it dem er begann, und den archetypischen Sujets, veränderte der Erste Weltkrieg nicht nur das Bild der diesseitigen, sondern auch der jenseitigen Welt. Das Schicksal von Viktor Ullmann scheint uns daran zu erinnern, dass im Ersten Weltkrieg, der m it der ganzen Menschheit zu tun hatte, die Idee gezeugt wurde, nach welcher, wie Günther Anders es sagt, wir heutige Menschen nicht sterblich, sondern primär tötbar sind.145 Übersetzt von Naser Šečerović Richards, Ivor Armstrong: Načela književne kritike. Sarajevo: Veselin Masleša 1964, p. 170f. 113 Karahasan 2011, p. 115. 111 Ibid., p. 124. 115 Anders, Günther: Zastarelost čoveka. Beograd: Nolit 1985, p. 254. <?page no="389"?> N aser Š ečerović (S arajevo ) Der Mensch in der Geschichte Die Suche nach dem "neuen Menschen" in den Dramen Das Gelobte Land von Borivoje Jevtić und Die Blutdämmerung von Ahmed Muradbegović Triggered by the major crisis of Modernity in the early 20th century, the search of the Expressionists for a "New (Hu)Man" was not restricted to Germany and Western Europe, but also influenced Bosnian writing, e.g. Borivoje Jevtić and Ahmed Muradbegović with their theatre plays Promised Land. Princip and Blood Dawn. Juxtaposing these two in this paper will reveal two important aspects of Bosnian- Herzegovinian literature and culture in the 20th century. Jevtić's drama, on the one hand, using elements from tragedy and epic along with biblical motifs, stylizes Gavrilo Princip as freedom fighter against foreign occupation and as a martyr: a representation through which the assassin loses all characteristics of an individual, which proved to be very influential for the further reception of this historical figure in Bosnia and Yugoslavia. On the other hand, Muradbegović's drama shows the complete collapse of Ekrembeg returning from war, his wife and the 'old world' represented by his family. The chaos of the armed conflict continues in times of peace and the characters are just "naked humans" reduced to their mere instincts. Das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, also auch die Jahre, in denen der Erste Weltkrieg wütete, wurde im deutschsprachigen Gebiet von der expressionistischen Kunst geprägt, und zwar dergestalt, dass diese Periode häufig als das "expressionistische Jahrzehnt"1bezeichnet wurde auch wenn eine solche Charakterisierung dieser im künstlerischen Sinne außerordentlich heterogenen Epoche etwas übertrieben anmuten mag. Trotz zahlreicher Versuche, den Expressionismus auf eine bestimmte Poetik zurückzuführen oder ihn mit Hilfe seiner stilistischen Eigenschaften zu erfassen, ist dasjenige, was die einzelnen Vertreter dieser Kunstrichtung verbindet, in erster Linie ein Grunderleben "der Erschütterung über den Zustand von Mensch und W elt".2Aufden Bereich der Kunst übertragen, äußert sich 1 Vgl. z. B. Leiß, Ingo / Stadler, Hermann: Deutsche Literaturgeschichte. Band 8: Wege in die Moderne 1890-1918. München: DTV 32004, p. 309. Denkler, Horst: Das Drama des Expressionismus. In: Rothe, Wolfgang (Hg.): Expressionismus als Literatur. Bern: Francke 1969, p. 125. <?page no="390"?> 390 Naser Šečerović diese Erschütterung in einer Weltwahrnehmung, die sich nicht mehr mit den künstlerischen Mitteln der Naturalisten ausdrücken lässt; es handelt sich also um ein vollkommen anderes Verhältnis zwischen der Kunst und der Wirklichkeit, als dies bei den Naturalisten noch der Fall war. Während diese nämlich ihre Kunst als eine Art wissenschaftliches Instrument, das die vollständige Registrierung der Wirklichkeit als Ideal hatte, auffassten hier genügt es, sich die berühmte Formel von Arno Flolz in Erinnerung zu rufen, welche lautet: Kunst = Natur x, wobei x die künstlerischen Reproduktionsmittel und die Flandhabung des Künstlers darstellt und gegen Null zu tendieren hat3- , ist bei den Expressionisten dieses Verhältnis zwischen der Wirklichkeit und der Kunst zerrüttet. Die klassische Auffassung, wonach die sekundäre Kunst die primäre Wirklichkeit nachahmt, genügt ihnen nicht mehr, denn solche Kunst ist nicht mehr in der Lage, die immer komplexere Wirklichkeit und das Chaos, in das sich die Welt verwandelt hatte, zu bewältigen. "Der Expressionismus wächst und nährt sich aus der Chaotisierung der menschlichen Beziehungen",4die ihren Flöhepunkt im Ersten Weltkrieg erlebte. Die schreckliche "Schockerfahrung der Weltkriegsgeneration, die alle vorherigen Maßstäbe von Verhalten und Ethos ungültig werden ließ und in ein Orientierungsvakuum führte",5 machte eine neue Orientierung notwendig, neue Maßstäbe, die in der Lage wären, das neuentstandene Vakuum zu überwinden. Es ist also eindeutig, dass der Expressionismus einen Ausdruck der Krise und den gleichzeitigen Versuch der Überwindung dieser Krise, die Europa am Anfang des 20. Jahrhunderts heimgesucht hatte, darstellte. Der Expressionismus trachtet also nicht danach, die bestehende Welt darzustellen, er möchte sie vielmehr verändern; er möchte in dieser Welt intervenieren. Die Expressionisten versuchen demnach, das naturalistische Konzept der Kunst-Schöpfung umzustülpen, indem sie eine "neue Ästhetik" forderten, "die ihr Ziel in der über das Ästhetische hinausreichenden Wirkung begreift und die von Friedrich Koffka seinerzeit sogar als "ethische Tat"6gedeutet wurde. Der Expressionismus möchte in einem gewissen Sinne das Bild der Welt bieten, wie sie einst aussehen könnte; er ist Ausdruck des "Wille[ns], das Kunstwerk in den Dienst der Idee zu stellen und mit den Mitteln der Kunst für die Idee zu werben".7 Damit eng verbunden ist die Tatsache, dass die Expressionisten sich in ihrer Kunst häufig 3 Vgl. Holz, Arno: Die K unst-IhrW esen und ihre Gesetze. Berlin: Wilhelm Issleib 1892, p. 26f. 4 Hübner, Friedrich Markus: Der Expressionismus in Deutschland. In: Best, Otto F. (Hg.): Theorie des Expressionismus. Stuttgart: Reclam '1982, p. 44. 5 Bayerdörfer, Hans-Peter: Dramatik des Expressionismus. In: Mix, York-Gothait (Hg.): Naturalismus. Fin de siede. Expressionismus. 1890-1918. München, Wien: C. Hansel 2000, p. 549. 6 Zit. nach Denklei 1969, p. 128. 7 Ibid., p. 128. <?page no="391"?> DieSuche nach dem "neuen Menschen' 391 rhetorischer und demagogischer Mittel bedienen, um dem Publikum ihre Ideale schmackhaft zu machen, so dass vermutlich zum ersten Mal in der deutschsprachigen Literatur "die Sprache der Ideologie integrierender Teil der Literatursprache"8 wird. Jedoch verwendet der Expressionismus nicht nur bereits bekannte rhetorische und demagogische Mittel, er neigt auch zu einer "Häufung mythischer, religiöser Bilder und Formeln aus allen Zeitaltern, Religionen und Kulturen"; 9zudem ist ihm auch "ein gewisser Eklektizismus hinsichtlich älterer Formbestände"10 eigen. Daher verwundert es nicht, dass der Faschismus und der Nationalismus es geschafft haben, den Expressionismus bewusst für die eigene Sache einzuspannen.11 Im expressionistischen Einsatz für die Idee ist es besonders wichtig zu betonen, dass im M ittelpunkt des Ganzen der Mensch stand, sowie "die im Expressionismus zur Darstellung kommende grundlegende Strukturkrise des modernen Subjekts, [...] die [...] vielfältig begründet ist: ökonomisch, politisch, sozialpsychologisch, weltanschaulich und wesentlich erkenntnistheoretisch."12 Diese Krise des modernen Subjekts steht im Hintergrund aller expressionistischen Werke. Die bereits angesprochene "expressionistische Revolution spielt sich folglich nicht in der Außenwelt ab, sondern im Menschen selbst, denn sie fordert nicht in erster Linie eine neue politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, sondern den 'neuen Menschen', der durch einen Akt geistiger Reinigung entstehen soll."13 Es sind demnach nicht mehr ästhetische Kategorien, welche die Kunst bestimmen und zu denen sich die Kunst zu positionieren hat. Ganz vorne stehen vielmehr Erneuerung, geistige Reinigung, die Idee, also ausschließlich Kategorien, die ihren Ursprung außerhalb der Kunst haben. Derexpressionistische 'neue Mensch' soll diejenigen Werte in sich verkörpern, die helfen sollen, das existierende Vakuum zu überwinden; aus ihm soll eine neue Welt entstehen. Aber der neue Mensch trägt auch die andere Seite seiner selbst in sich, dasjenige, das überwunden werden muss. Da der Erneuerung eine völlige Zerstörung voranzugehen hat, vereint der Expressionismus in sich "ebensosehr die Sehnsucht nach einem heilen Ich [...] wie seine Aushöhlung und sein[en] Verfall."14Aus eben diesem Grunde 8 Thomas, R. Hinton: Das Ich und die Welt: Expressionismus und Gesellschaft. In: Rothe, Wolfgang (Hg.): Expressionismus als Literatur. Bern: Francke 1969, p. 31. 9 Bayerdörfer 2000, p. 546. 10 Ibid., p. 548. 11 Vgl. Vietta, Silvio / Kemper, Hans-Georg: Expressionismus. München: Fink 1975, p. 198 12 Ibid., p. 186. 13 Viviani, Annalisa: Das Drama des Expressionismus. Kommentarzu einer Epoche. München: Winkler 1970, p. 15. 14 Thomas 1969, p. 23. <?page no="392"?> 392 Naser Šečerović sind für die expressionistische Kunst zahlreiche Darstellungen des menschlichen Körpers charakteristisch. Sie impliziert die Freisetzung des Körpers als menschliche Ursprungsgestalt. [...] Der expressionistische Körper ist der der menschlichen Kreatürlichkeit, es ist nicht der schöne und schon gar nicht der starke Körper. So erscheint in der Dramatik [...] der Körper auch in seiner Zerstörung und Deformation, von der Kriegsverletzung bis zur Verkrüppelung.15 Damit ließe sich sagen, dass der Expressionismus in seiner Darstellung des Menschen sich entlang dieser zwei völlig entgegengesetzten, dennoch notwendig miteinander verbundenen Pole entlang bewegt. * * * Bedenkt man nun alle politischen und anderen Umwälzungen, die sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in und um Bosnien-Elerzegowina ereigneten, so lässt sich mit Sicherheit feststellen, dass die allgemeine Lage alles andere als stabil war. Auch in der bosnisch-herzegowinischen Nachkriegskunst spürt man die Suche nach dem Neuen, verursacht durch das "Chaos, das in unserer Literatur nach der Befreiung entstanden war. [...] Alles ist auf der Suche nach sich selbst, nach seiner Persönlichkeit und seinem richtigen Ausdruck."16 Dass man bei dieser Suche nach dem Neuen auch einen Blick auf die westliche(re) Kunst w irft und darauf, was diese zu bieten hat, ist mehr als sicher. In der Zeitschrift Bosanska vila werden Übersetzungen moderner deutscher Lyrik veröffentlicht,17und Dimitrije Mitrinović, einer der Mitglieder der Bewegung Junges Bosnien, behauptet an einer Stelle: Wir können uns nur freuen, dass sich unter unseren jüngeren Literaten immer mehr von der geistigen Kultur, immer mehr vom Aufstieg zum seelischen Elorizont des modernen Westens beobachten lässt. Ungeachtet ihrer Richtung und ihres Erfolges, verkünden unsere jüngeren Literaten die Morgendämmerung der Modernität und der Freiheit in unserer Literatur.18 15 Bayerdörfer 2000, p. 546. 16 Muradbegović, Ahmed: Smjerovi naše moderne književnosti. In: Ders.: Izabrana djela knjiga III. Eseji i kritike, članci i polemike. Sarajevo: Svjetlost 1987, p. 9 (Übersetzung wie auch im Folgenden vom Verf., N.Š.). " Vgl. Mitrinović, Dimitrije: Iz moderne njemačke lirike. In: Ders.: Sabrana djela I. O književnosti i umjetnosti. Sarajevo: Svjetlost 1991, p. 175. Einer der Übersetzer moderner deutscher Lyrik w ar auch Borivoje Jevtic (Vgl. Palavestra, Predrag: Književnost Mlade Bosne I, Sarajevo: Svjetlost 1965, p. 196). 18 Mitrinović, Dimitrije: Nacionalno tlo i modernost. In: Mitrinović 1991, p. 165. <?page no="393"?> DieSuche nach dem "neuen Menschen" 393 Mitrinović betont dabei ebenfalls, dass die großen Kulturvölker, da sie diesen Weg bereits hinter sich haben, hinsichtlich des Fortschritts und der Entwicklung als Vorbilder aufzufassen seien.19 Zweifellos kamen also die bosnisch-herzegowinischen Schriftsteller dieser Zeit m it der Literatu r des Expressionismus früh in Kontakt, was ihr Schaffen mit Sicherheit auch zutiefst geprägt hat. Es wird interessant sein, dies an zwei bosnischherzegowinischen Dramen aus der Nachkriegsperiode zu erörtern, deren Handlungen sich zum einen am Anfang des Ersten Weltkriegs, zum anderen unmittelbar nach dessen Ende abspielen. Es handelt sich um die Dramen Das Gelobte Land. Princip (1937) von Borivoje Jevtić und Die Blutdämmerung (1923) von Ahmed Muradbegović. Die Schlüsselthemen, die sich dabei aufdrängen, sind die Suche nach den neuen Menschen, sowie die Beziehung zwischen der Wirklichkeit und der Fiktion in der bosnischherzegowinischen Literatur dieser Zeit. Als besonders interessant für die Untersuchung der Beziehung zwischen der W irklichkeit und der Fiktion im Drama Das Gelobte Land. Princip von Borivoje Jevtić erweist sich ein autoreferentieller Kommentar aus der Erzählung Das Prinzip Gabriel (2007) von Dževad Karahasan, wo der Autor unter anderem eben dieses Verhältnis zwischen W irklichkeit und Fiktion sowie die literarische Rezeption von Gavrilo Princip in der bosnisch-herzegowinischen Kunst des 20. Jahrhunderts thematisiert. So ist Kunst nach der Meinung des Erzählers "die Überwindung, bei Bedarf sogar Auslöschung des Stoffes durch die Form, die Überführung des Stoffes in eine Gestalt, in der er sich selbst überwindet, zum Beispiel auch deswegen, weil der Stoff Bedeutung produziert und einen Sinn erhält."20 Bedenkt man, dass der Stoff für das Drama von Jevtić das Attentat Princips und der anderen Mitglieder des Jungen Bosnien auf Franz Ferdinand, die Vorbereitung und der ideologische Hintergrund dieser Tat sowie der gegen die Attentäter geführte Prozess, Princips Gefangenschaft und sein Tod in Theresienstadt ist, stellt sich gerade das Verhältnis zwischen dem Stoff und der Form in diesem Drama als grundlegend für das Verständnis der Bedeutung von Princip als Figur und seiner Position in der bosnischherzegowinischen K u ltu rinsbesondere wenn wir bedenken, dass dieses Drama als die Grundlage für die gesamte spätere Rezeption von Gavrilo Princip in Bosnien-Herzegowina aufgefasst werden kann. Das angeführte Zitat thematisiert zudem unmittelbar das Verhältnis zwischen der Geschichtsschreibung und der Kunst, das im Fall von Gavrilo Princip außerordentlich interessant ist. 19 Ibid., p. 159. 20 Karahasan, Dževad: Izvještaji iztamnog vilajeta. Sarajevo: Dobra knjiga 2007, S. 114 (Übers. N.Š.). <?page no="394"?> 394 Naser Šečerović Das Drama Das Gelobte Land. Princip wurde am 5. Dezember 1936 im Volkstheater 'König Petar II/ in Sarajevo uraufgeführt, und 1937 wurde es auch m it dem ersten Preis aus dem "Fond des Ritterkönigs Aleksandar I. dem Vereiniget' ausgezeichnet. Jevtić selbst schreibt im Prolog, das Bestreben des Autors sei es gewesen, die Haltungeines unvoreingenommenen Beobachterszu bewahren [...]. Daher verteidigt er hier niemanden und er greift auch niemanden an; er präsentiert nur die historische Wahrheit durch eine Reihe von Ereignissen, Gegebenheiten, Figuren, Leidenschaften und die Wirklichkeit vor allem.21 Der Autor versucht also ausdrücklich, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen historischen Fakten und deren künstlerischer Darstellung aufzulösen. Im gleichen Sinne lässt sich auch der geplante weitere Kontext des Dramas deuten. Das Drama Das Gelobte Land ist nämlich als letzter Teil einer "Pentalogie über das letzte Sklavenjahrhundert Bosniens" (p. 384) geplant gewesen, die jedoch niemals vollendet wurde. Andererseits wurde das Drama gleichzeitig als ein "dramatisches Triptychon" (p. 267) angekündigt. Im Einklang damit, besteht das Drama aus drei Teilen m it den Titeln "Der Flug", "Die Tat" und "Die Buße". In der einleitenden Szenenbeschreibung notiert der Autor: Der allgemeine Eindruck der Szene muss antik einfach sein, und gleichzeitig antik monumental: als würde hier eine antike Tragödie aufgeführt. Und mit diesem einen und unveränderlichen szenischen Rahmen ist dieses ganze Drama einer Generation verwoben, (p. 269) Alle angeführten Bemerkungen dienen zweifellos der Schaffung eines Hintergrunds, mit Hilfe dessen der Autor das Lesen oder Zuschauen in eine bestimmte Richtung lenken möchte. Der Titel des Dramas und seine Einbettung in eine Pentalogie über das "letzte Sklavenjahrhundert" weisen eindeutig darauf hin, dass dieses Drama den Anspruch erhebt, einen Wendepunkt in der Geschichte und den Anbruch eines neuen Zeitalters darzustellen, einer Zeit des Friedens und einer neuen Ordnung. Das Motiv des Gelobten Landes stellt das Drama an das Ende einer eschatologischen Entwicklung, die ihre Erfüllung nach dem Zerfall Österreich-Ungarns erleben wird. So findet man bereits am Anfang eine Anspielung auf einen Gründungsmythos, auf den Mythos der Entstehung eines neuen Staates. Außerdem trennt die unlösbare Verbindung eines Triptychons m it dem kirchlichen Altar und m it christlichen Motiven die Handlung dieses Drama eindeutig vom Profanen und versucht, es in die Nähe des Heiligen zu er- 21 Jevtić, Borivoje: Izabrana djela 2. Sarajevo: Svjetlost 1982, p. 381. Im Folgenden werden die Seitenzahlen dieses Dramas im Lauftext nachgewiesen. <?page no="395"?> DieSuche nach dem "neuen Menschen" 395 heben. Auch die bereits erwähnten Titel der einzelnen Teile des Dramas verstärken diesen Eindruck. Zudem lenkt die Bezeichnung des Dramas als Triptychon die Aufmerksamkeit des Lesers auf den M ittelteil, der traditio nell bestimmte Figuren oder Taten betont, also auf Princips "Tat", die als Wendepunkt und Anbruch dieser neuen Zeit aufgefasst werden möchte und die auch im Expressionismus stets einen wichtigen Platz für sich beanspruchte.22 Princip selbst wird auf eine bestimmte Weise in die Nähe des Heiligen gestellt, was ihn zu einer Art Heiligen macht. Die Ermordung Franz Ferdinands wird hierdurch in unmittelbare Nähe zu einem Wunder gebracht. Das ist auch im Kontext der Entstehung einer neuen Gemeinschaft von außerordentlicher Bedeutung, denn, wie Andre Jolles über die Legende schreibt, "w ir haben nicht die Empfindung, daß der Heilige von sich aus und für sich existiert, sondern daß er von der Gemeinschaft aus und für die Gemeinschaft da ist."23 Was wichtig ist, ist nicht der Heilige als solcher, sondern seine nachahmungswürdigen Tugenden sowie das gemeinschaftsstiftende Wunder, denn dabei verhält es sich immer so, "daß sich in einer Person, einem Ding, einer Handlung ein anderes vollzieht, was in ihnen gegenständlich wird und was von dieser Gegenständlichkeit aus nun wieder anderen die Möglichkeit gibt, hineinzutreten und aufgenommen zu werden."24 In diesem Kontext lässt sich eine ganze Reihe von Princips Repliken lesen, in denen seine angebliche Unselbstständigkeit bzw. der Anspruch, durch ihn habe eine höhere Macht gehandelt, thematisiert wird. So behauptet Princip an einer Stelle unmittelbar vor dem Attentat: "Ich bin nicht mehr mein eigener Herr." (p. 332) Auch im Prozess nach dem Attentat sagt er zu seiner Verteidigung: "Ich habe gehandelt im Namen eines höheren ethischen Prinzips, im Namen jener höchsten Gerechtigkeit und des Rechts, das das Land und die Städte aufrechthält..." (p. 364). Gleichzeitig wird seine Tat als ethisch unbedenklich und vollkommen richtig dargestellt: "Jede Arbeit, die ich bis jetzt gemacht habe, war rein. So werden auch alle zukünftigen sein." (p. 331) Der äußerst eklektizistische Ansatz von Jevtić spiegelt sich auch in der Tatsache, dass die Szenenanweisung, die das Drama in der Nähe der antiken Tragödie sehen möchte, dazu dient, die Konnotation aus einem 22 Hier ist es sehr wichtig, Jevtics Überzeugung zu erwähnen, nach welcher das Handeln notwendigerweise mit dem Nationalismus verbunden ist: "ich verstehe ihn (Nationalismus) als Tat, und nicht als Worte, als Leben, und nicht als Bild des Lebens." (Jevtić, Borivoje: Nove generacije. In: Palavestra, Predrag: Književnost Mlade Bosne 2. Sarajevo: Svjetlost 1965, Sp. 14) In dieser Dichotomieverbirgtsichzweifellosauch die Problematik, mit dersich die jungbosnische Bewegung, die sich vor allem als eine künstlerische Bewegung verstand, konfrontiert sah. 23 Jolles, Andre: Einfache Formen. Tübingen: Niemeyer 41968, p. 35. 24 Ibid., p. 38. <?page no="396"?> 396 Naser Šečerović ausschließlich christlichen Kontext zu lösen und auf eine allgemeine mythologisierende Ebene zu heben. Auch die drei Teile des Dramas spielen auf die antike Tragödie an. Außerdem soll zusätzlich der Eindruck verstärkt werden, dass es sich um einen besseren Menschen, wie Aristoteles den tragischen Helden charakterisiert, handelt. Es ist jedoch interessant, dass trotz des ausdrücklichen Hinweises auf die antike Tragödie Princip keinerlei Eigenschaften eines tragischen Helden trägt. Princip wird am Ende der ersten Szene mit der kurzen Replik "Nein! " (p. 291) eingeführt, als Reaktion auf die Bemerkung, er sei vor Angst erstarrt. Er wird festgenommen, weil er im Bosnischen Landtag laut "Nieder mit Österreich! " gerufen hatte. Gavrilo Princip ist ein furchtloser und trotziger Rebell und er ändert sich während der gesamten Handlung des Dramas nicht. Sein ganzes inneres Wesen ist wesentlich durch diese erste Replik definiert, nach welcher er erst seinen Namen ausspricht. Seine Identität ist in erster Linie die des Rebellen, erst danach ist er eine Person mit Vor- und Nachnamen. Dadurch wird die Tatsache betont, dass er vor allem eine Idee und das Kollektiv verkörpert, das sich um diese Idee versammelt. Er besitzt im Grunde keine einzige Eigenschaft, die ihn als eine freie Figur ausweisen würde, obwohl paradoxerweise sein gesamtes Wirken gegen den Tyrannen gerichtet ist. Dies bleibt bis zum Ende des dritten Teils unverändert, wo er mit den folgenden Worten auf den Lippen in seiner Zelle in Theresienstadt stirbt: "Dann, Kameraden, die Fahnen hoch! Die Fahnen des Ruhms vorwärts! Auf die Tyrannen! " (p. 380) Princip erfährt also während des gesamten Dramas keinerlei Entwicklung als Figur. Sein Märtyrertod am Ende des dritten Teils des Dramas stellt bloß den logischen Abschluss der Handlung dar. Er nimmt auch fast überhaupt nicht an den Gesprächen teil, in denen der ideologische Hintergrund des Attentats unterbreitet wird. Er ist zumeist bei diesen Gesprächen anwesend, aber er ist zurückgezogen und ruhig; andere Figuren wie Petar Kočić oder Vladimir Gaćinović führen das Wort. Princip erörtert die Gründe für seine Tat überhaupt nicht, denn "Diese Sachen können einzig mit dem Herzen verstanden werden! " (p. 297) Die erste Replik Princips erlebt ihren Höhepunkt im Schuss auf den Thronfolger im zweiten Akt, als sich zeigt, dass sein inneres Wesen und sein äußeres Handeln bei ihm vollkommen korrelieren. Da sein Wesen je doch auf ein einziges Element reduziert ist, so erfährt er keinerlei Individualisierung als Figur. Gleichzeitig nimmt er auch überhaupt nicht am Aufbau des Sujets teil, er ist nur die ausführende Hand eines höheren Willens, wie es sinngemäß an mehreren Stellen heißt. Was charakterisiert jedoch einen tragischen Helden? Wie Karahasan schreibt: Der tragische Held muss Opfer des eigenen Handelns sein [...]; der tragische Held muss mit seiner Aktion Grenzen überschreiten, die ihm als Menschen <?page no="397"?> DieSuche nach dem "neuen Menschen" 397 durch die Struktur des Universums auferlegt sind [...]; dertragische Held muss aus seinem Willen heraus Opfer des eigenen Handelns werden2526. Da Princip jedoch bloß als ausführende Hand eines höheren Willens fungiert, wie es sinngemäß an mehreren Stellen heißt, kann keine Rede davon sein, dass er Opfer des eigenen Handelns wird. Aus demselben Grund ließe sich auch ein eigener Wille nur schwer bei ihm nachweisen, aber mit der Ermordung Franz Ferdinands Übertritt Princip zweifellos die ihm vom Universum auferlegten Grenzen. Bedenkt man jedoch, wie lächerlich diese Welt dargestellt ist vor allem im Prolog, von dem noch die Rede sein wird, aber auch in zahlreichen anderen Szenen so entpuppt sich Princip in diesem Drama beinahe als eine Parodie seiner selbst, denn seine implizierte tragische Größe wird durch die Lächerlichkeit des Gegenübers völlig relativiert. Bedenken wir jedoch, dass die Figur Gavrilo Princips sich während des gesamten Verlaufs des Dramas überhaupt nicht ändert und dass sein inneres Wesen vollkommen mit seinem Handeln, aber auch mit der Außenwelt übereinstimmt, so führt ihn das in unmittelbare Nähe zum epischen Helden. Auch die Tatsache, dass das Drama den Wendepunkt in der Geschichte eines Volkes zu zeigen beansprucht sowie ein Ereignis zum Mittelpunkt hat, das als kohäsives Element für dieses Volk zu gelten hat, macht diese Nähe Princips mehr als deutlich. Nach Michail Bachtin wird das Epos als Gattung durch drei konstitutive Eigenschaften bestimmt. Erstens: "Gegenstand des Epos ist die nationale epische Vergangenheit, die 'absolute Vergangenheit'"; zweitens: "Quelle des Epos ist die nationale Tradition"; drittens: "die epische Welt ist von der Gegenwärtigkeit, d.h. von der Zeit der Sänger (der Autoren und ihrer Zuhörer), durch die absolute epische Distanz getrennt."“ Die Welt des Epos ist die Welt der "Ersten" und "Besten"27. Epische Heldenlieder, die Zeitgenossen im M ittelpunkt haben, integrieren diese Zeitgenossen "in die Welt der Ahnen, der Anfänge und der Höhepunkte, als würden sie sie, während diese noch am Leben sind, kanonisieren", wobei die Welt der Ahnen "das sich verwirklichende wert-zeitliche Superlativ"28darstellt. Charakteristisch für diese Gattung ist die Erinnerung, und nicht die Erkenntnis. Diese wert-zeitliche absolute Distanzierung wurde im Princip-Drama von Jevtić konsequent und vollkommen im Einklang m it der epischen 25 Karahasan, Dževad: Dnevnik melankolije. Zenica: Vrijeme 2004, p. 67. 26 Bahtin, Mihail: O romanu. Beograd: Nolit 1989, p. 445 (Übeis. N.Š.) 27 Ibid. 28 Ibid., p. 447. <?page no="398"?> 398 Naser Šečerović Gattung durchgeführt. Das Drama hat nämlich einen Prolog m it der Funktion eines Rahmens, der die Dramenhandlung eindeutig von der W irklichkeit trennt, sie objektiviert und ihr Glaubwürdigkeit verleiht. Die Figuren, die hier erscheinen, haben keine Namen, sie sind also nicht individualisiert, sondern sie vertreten allgemeingültige Werte. Das interessanteste in diesem Kontext ist jedoch die Tatsache, dass eine der Figuren aus dem Prolog, der "Kleine Mann aus einem kleinen Volk" (p. 273), gleichzeitig auch der "Erzähler" der Flaupthandlung des Dramas ist. Er "erzählt" das Drama vor einem Wiener Publikum, das sich eingefunden hatte, um den Vortrag einer gewissen Miss oder Fräulein "über die Ursachen des Weltkriegs und die Kriegsverantwortung" (ibid.) zu hören. Der Kleine Mann widerspricht der vom Fräulein vorgelegten, offiziellen in diesem Fall österreichischen - Deutung, denn seiner Meinung nach ist die "historische Tatsache keinesfalls auch die historische W ahrheit! " (p. 278) Letztere wird also von den geschichtlichen Tatsachen losgelöst und als absolut zweifelsfrei hingestellt: Und sollte sich das, was ich euch jetzt erzählen werde, nicht mit eurer historischen Rechnung decken, so ist das nicht meine Schuld. Platon ist mein Freund, wahrlich; aber die Wahrheit ein noch größerer! (p. 280) Der Kleine Mann erzählt also die absolute Wahrheit, die nicht notwendig m it den Tatsachen übereinstimmen muss, denn sie ist mehr als bloßes Fakt; er schafft somit eine absolute Distanz, die jegliche kritische Auseinandersetzung m it der absoluten Vergangenheit von vornherein ausschließt. Indem er Gavrilo Princip in die Welt der Ersten und Besten integriert, drängt er dessen Werte als absolut auf und macht dadurch jedwede Problematisierung von Princip als Person unmöglich. Princip als Persönlichkeit, als historische Person, existiert im Grunde gar nicht. Als epischer Held ist er aus dem historischen Ablauf in die absolute Zeit versetzt und als solcher muss er Erinnerung produzieren, wenn möglich bis in alle Ewigkeit, denn das ist der zeitliche Rahmen, m it dem das epische Bewusstsein hantiert. Alles, was nicht zur Gemeinde, deren Werte durch seine Person und seine Tat verkörpert werden, gehört, ist zwangsläufig außen, ist böse, ist Feind.29 Alle Figuren im Drama sind ausnahmslos nach diesem ideologischen Wertemuster aufgebaut. Man könnte sagen, dass Princip als Person auf diese 29 Die gesamte Problematik einer solchen ideologischen Teilung und ihre Spezifizität im Kontext Bosnien-Herzegowinas im 20. Jahrhundert thematisierte auch Dževad Karahasan in der bereits zitierten Erzählung. An einer Stelle schreibt derfiktionale Dr. Oskar Levitan in seinem Tagebuch der Beobachtung: "Ich habe versucht zu ergründen, wen oder was er (Princip) unte r "uns" und "ihnen" versteht, ich bin nicht sicher, dass ich das geschafft habe. Ich nehme an, dass "sie" Abendländer sind, und "wir" Serben, vielleicht Slawen allgemein, aber es gibt keinerlei Bestätigung für meine Behauptung." (Karahasan 2007, p. 131) <?page no="399"?> DieSuche nach dem "neuen Menschen" 399 Art und Weise völlig aus der Geschichte ausgeschlossen wird. Diese Feststellung wird zusätzlich durch die Tatsache erhärtet, dass die Darstellung des Attentäters in zahlreichen Geschichtsbüchern mit der von Jevtic im Grunde deckungsgleich ist, so dass der Transport seiner sterblichen Überreste aus Theresienstadt nach Sarajevo in einer Monographie über Princip als ein Transport von Heiligenreliquien beschrieben ist.30 Dies alles zeigt unmissverständlich, dass die ideologische Deutung des Ereignisses das Ereignis selbst fast völlig unzugänglich gemacht hat. Das spiegelt sich in fast allen späteren künstlerischen Darstellungen von Gavrilo Princip in der bosnisch-herzegowinischen Literatur. * * * Auch das Drama Die Blutdämmerung von Ahmed Muradbegovid ist von außerordentlicher Bedeutung im Kontext der expressionistischen Suche nach dem neuen Menschen in der Periode nach dem Ersten Weltkrieg. Es handelt sich um ein expressionistisches Theaterstück aus dem Jahre 1923, gleichzeitig war es das erste Drama des Autors. Die Handlung spielt zu Beginn des Jahres 1919 und thematisiert Ekrembegs Heimkehr nach dem Ersten Weltkrieg, damit natürlich auch die Folgen des Kriegs, vor allem in seinem Familienkreis, dadurch aber auch in der Gesellschaft im Allgemeinen. Nach Ekrembegs Heimkehr weist ihn seine Ehefrau Lebiba von sich, weil er, während er verwundet in der Fremde lag, von einer anderen Frau gepflegt wurde. A ufder anderen Seite besteht Ekrembeg darauf, dass Lebiba ihre ehelichen Pflichten erfüllt. In seinem Wahn ist er überzeugt, dass ihre Kinder zwischen ihm und seiner Frau stehen, so dass er seine Tochter Lejla an einen Mann "in seinen sechziger Jahren, ohne jegliche Abstammung, ohne jegliche Klasse, einen Speichellecker der Kreisobrigkeiten" verheiratet.31 Ihren Sohn Asim erwürgt er einer Nacht in einem Wahnanfall m it eigenen Händen, wonach er sich den Gendarmen stellt. Das Drama endet m it einer Replik von Ekrembegs Vater Zijahbeg, in der dieser die neue Zeit beschreibt: Ist denn das das Ende der Welt, dass die Menschen so entartet sind? Kann sich der Mensch in so kurzer Zeit in eine solche Bestie verwandeln? Keine vier Jahre sind vergangen, und alles istauf den Kopf gestellt... Nirgends Frieden, nirgends Freude oder Rechtschaffenheit, fort ist die Liebe, fort ist Gefühl, geblieben sind nur Räuber, Plünderer, Halsabschneiderund Kindermörder... Und warum ist al- 30 Vgl. Ljubibratić, Dragoslav: Gavrilo Princip. Beograd: Nolit 1959, p. 17f. 31 Muradbegović, Ahmed: Drame. Sarajevo: Biblioteka Most 1998, p. 76. Die Seitenzahlen dieser Ausgabe werden im Folgenden im Lauftext nachgewiesen. <?page no="400"?> 400 Naser Šečerović les so? Warum, warum? Ah ja, ich weiß es: Gottes Wille. Gott hat es so gewollt und bestimmt. Es konnte gar nicht anders sein. So ist es bestimmt und so steht es geschrieben... (p. 115) Diese Worte der ältesten Figur im Drama deuten darauf hin, dass das Die Blutdämmerung auch als eine Art anachronistischer Antwort auf das später geschriebene Gelobte Land - oder andersherum gelesen werden kann. Aus der Grundkonstellation des Stückes lässt sich auf den ersten Blick feststellen, dass Muradbegović den Stoff dafür in der noch von Goethe ins Deutsche übersetzten bosnischen epischen Ballade Hasanaginica gefunden hat. Deren abgeschlossener und geordneter Welt setzt Muradbegović einen Plot entgegen, der ganz "offensichtlich das expressionistische Weltgefühl form uliert"32. Dies kommt vor allem dank des epischen Hintergrunds des Dramas zum Ausdruck. Für dieses Drama ist, wie auch für das Drama von Jevtić, ein Aufbau des Sujets "als einer Reihe von einzelnen Szenen, die miteinander durch eine Bedeutungskorrespondenz, und nicht durch eine Ursache-Folge-Beziehung verbunden sind" charakteristisch sowie "eine Formulierung der Handlung als einer wechselseitigen Beziehung dieser relativ selbstständigen Szenen" (p. 268f.), was wiederum auch für das expressionistische Drama charakteristisch ist. Der Zerfall der Welt in der Blutdämmerung wird an drei Generationen, die im Drama präsent sind, dargestellt, und zwar am Beispiel von Ekrembeg und seiner Frau Lebiba, dann seiner Eltern, sowie am Beispiel von Ekrembegs und Lebibas Kindern. Die abgeschlossene Welt der Hasanaginica ist in dieser Adelsfamilie bloß noch in der Erinnerung von Ekrembegs Eltern präsent, denen es, wie es in einer Replik der alte Zijahbeg sagt, nur noch geblieben ist, "in der Einsamkeit die Augen zu schließen und sich diese ganze tote, verfallene Welt in Erinnerung zu rufen, sie uns stunden-, tage- und jahrelang anzuschauen, und zu weinen, weinen weil wir allein sind, weil es uns nicht mehr gibt" (p. 72). Bei der ältesten Generation, die noch immer im Einklang mit den alten Werten lebt, sieht man eindeutig eine Sehnsucht nach alten Zeiten, in denen alles besser war eine nostalgische Erscheinung, die in Bosnien- Herzegowina eines der Kennzeichen des 20. Jahrhunderts werden sollte, und zwar nach jedem Krieg, jeder Krise und jeder Veränderung. Der in diesem Drama thematisierte Bruch ist bei den zwei Hauptfiguren, also bei Lebiba und ihrem Mann Ekrembeg, am stärksten ausgeprägt. Im Unterschied zu Hasanaginica, die in erster Linie durch die in ihrem ganzen Tun zum Vorschein kommende Liebe zu ihrem Mann und ihren Kindern charakterisiert ist, ist es bei Lebiba und Ekrem zu einem völligen Bruch zwischen ihrem Innenleben, d.h. ihren Wünschen und Absichten, und ihrem 32 Karahasan 2004, p. 269. <?page no="401"?> Die Suche nach dem "neuen Menschen" 401 Außenleben, d.h. ihren Taten, gekommen, einem Bruch zwischen dem, was sie sagen, und dem, was sie tun. Werfen w ir jedoch einen Blick auf den Grundantrieb ihres Handelns, darauf, was sie von innen heraus bewegt, so stoßen wir auf eine erstaunliche Ähnlichkeit m it der Figur Gavrilo Princip aus dem Drama von Jevtić. Was Lebiba bewegt, ist ausschließlich der Trotz gegen ihren Mann, der ihr nicht treu war; erst hier zeigt sich ihre wahre Kraft. So sagt auch Ekrembeg zu ihr: "Während du noch um dein Kind weintest, warst du klein, winzig wie ein Weizenkorn, und als du dich auf mich gestürzt hast, für deine Ehre und für deinen Stolz, da branntest du wie eine Löwin, wie Pulver, wie Ekrasit..." (p. 105) Auch Lebiba sagt an einer Stelle: "ich will, dass auch meine Wünsche und meine Rechte anerkannt werden. Ich weiß, dass er nicht als erster nachgeben wird, aber ich gebe mein Kind nicht (den Dienstmädchen), solange noch eine Seele in mir atmet, auch wenn die ganze Welt unter mir einbricht! " (p. 95) Auch wenn diese W orte wie die Worte einer besorgten M utter klingen, so kommt Lebibas innerer Antrieb erst dann richtig zum Vorschein, wenn man ergänzt, dass in einigen vorhergehenden Szenen angedeutet wird, wie die Tochter Lejla zu viel Zeit mit den Dienstmädchen verbringt und Sachen von ihnen hört, die sie nicht hören sollte. So ist die Motivation für Lebibas Handeln nur vordergründig die Sorge um ihr Kind, im Grunde ist ihre Motivation negativ gekennzeichnet. Dies hebt auch Dubravko Jelačić hervor, wenn er schreibt: "Trotz, Übermut, Kult der eigenen Kommodität, hartnäckige Konservativität, religiöser Fanatismus all das bis zu extremen Ausmaßen getrieben das macht die Helden von Muradbegovic so spezifisch in ihren mentalen Eigenschaften"33. Lebibas Liebe zu ihren Kindern ist offensichtlich kleiner als ihre Selbstliebe, was vor allem bei einem Vergleich Lebibas mit Hasanaginica zum Ausdruck kommt. Hasanaginica stirbt nämlich in dem Moment, in dem sie dessen bewusst wird, dass sie das, was sie liebt, unwiederbringlich verloren hat, denn in dem Moment bleibt sie ohne ihr inneres Wesen, ohne das eine klassische Figur nicht existieren kann. Nachdem Hasanaginica ihre Kinder verliert, ist sie als Figur also zum Untergang verurteilt. Bei Lebiba ist die Situation anders: Sie ist zwar Mutter, aber das Muttersein macht ihr inneres Wesen nicht aus. Darauf deutet vor allem die Tatsache hin, dass sie nach dem Verlust ihrer beiden Kinder nicht stirbt. Sie bleibt am Ende am Leben, während ihre beiden Kinder sterben - Lejla wird symbolisch getötet, indem sie an einen alten Mann ohne Abstammung verheiratet wird, Asim wird buchstäblich erwürgt. Der expressionistische Zerfall der Welt 33 Zit. nach lsaković, Alija: Ahmed Muradbegovićživot i djelo. In: Muradbegović, Ahmed: Haremska lirika. Pripovijetke. Sarajevo: Svjetlost 1987 (Biblioteka kulturno nasljeđe BiH), p. 13. <?page no="402"?> 402 Naser Šečerović äußert sich hier vor allem im Zerfall einer Familie, die stirbt, weil sie ohne Nachkommen, d.h. ohne Zukunft bleibt. Auch die bereits zitierten Worte des alten Zijahbeg vom Ende des Dramas, mit denen er entsetzt und resigniert die neue Zeit beschreibt und sie als "Gottes W illen" rechtfertigt, zeigen die ganze Tragik einer Zeit, die nicht mehr die seine ist. Es ist nämlich in dieser Welt "nichts mehr heilig" (p. 55). Die Welt hat jeden Rahmen und alle allgemein gültigen Werte verloren, die die Figuren in eine Gemeinde versammeln könnte. Alle Figuren außer Zijahbeg und seiner Frau sind nur noch auf sich selbst reduziert und sind nichts anderes als leere FHüllen, die bloß im Einklang mit ihren Trieben handeln. Gerade deswegen sind fast alle Flelden bei Muradbegović, nicht nur in diesem Drama, "von einer pathologischen Leidenschaft nach einer absoluten Freiheit der Existenz besessen, und in diesem Begehren monströs von einem Zerstörungstrieb entstellt, der auf alles, was sie umgibt und vor dem sie panische Angst haben, gerichtet ist."34 Man könnte sagen, dass Zijahbeg, der dasganze Grauen einer absoluten Freiheit in sich spürt, einer Welt, die nicht mehr für Grenzen, und somit auch nicht zur Konstituierung einer Figur beziehungsweise einer Identität fähig ist, einen Sinn zu geben versucht. Gerade deswegen sind in dieser Welt alle Figuren eigentlich tot, wie das an einer Stelle Lebiba sagt: "Ich bin eine Tote, eine lebende Tote das bin ich! [...] und von allem, was einst in mir war, ist mir nur noch Flass, Gift und Ekel geblieben..." (p. 60). Der absolute Zerfall der Figur und Welt und kommt bei Ekrembeg am augenfälligsten zum Ausdruck. Seine Liebe zu seiner Frau ist in eine reine körperliche Anziehung verwandelt, seine Liebe zu seinen Kindern ist bloß noch auf die Macht, die er über sie hat, reduziert. Er sagt über sich selbst: Ich bin nun sogar schlimmer als ein Tier mit einem Stück Fleisch im Maul. [...] Esgibt Momente, wo ich wie eine Flyäne aus mir selbst herausspringe [...] und dann würde ich würgen, beißen und töten, nur um so einen menschenfresserischen Durst zu löschen, der mir die Eingeweide entzündet, (p. 88f.) In diesem Kampf von Ekrembeg mit sich selbst sind im Grunde alle Folgen der bereits erwähnten absoluten Freiheit und des Verlusts jedweden Rahmens, der den Figuren eine Orientierung böte, vollkommen sichtbar. Muradbegovićs Dramen stellen somit die "künstlerische Formulierung des 'nackten Menschen' und die Ergründung verschiedener Aspekte der 'inneren Unfreiheit' des Menschen bzw. der verschiedenen Zwang-Mechanis- Duraković, Enes: Pjesničko i pripovjedačko djelo Ahmeda Muradbegovića. In: Muradbegović, Ahmed: Flaremska lirika. Pripovijetke. Sarajevo: Svjetlost 1987 (Biblioteka kulturno nasljeđe BiH), p. 28. <?page no="403"?> Die Suche nach dem "neuen Menschen" 403 men, die das Handeln des Menschen von dessen Bewusstsein und dessen Willen trennen."35 Der äußere Rahmen hat sich in das Innere der Figuren verlegt, mit allen Folgen, die das mit sich bringt, denn der Rahmen wurde von Trieben ersetzt, denen der Mensch schutzlos ausgeliefert ist und denen er sich nur schwer widersetzen kann. Ekrem ist "schwarz, entstellt von innerem Chaos" (p. 57).. Er ist also aus dem Krieg zurückgekehrt, aber das Chaos des Krieges ist immer noch in ihm selbst: In ihn ist der Krieg eingekehrt, wie ein böser Geist, und so fühlt er nichts mehr als sich selbst und sein verdorbenes Blut. Nichts ist ihm mehr heilig, weder Vater, noch Mutter, Bruder, Schwester, nicht einmal sein eigenes Blut. (p. 55) Wieder ist ein Vergleich mit der epischen Ballade äußerst aufschlussreich. Der Krieg stellte in Hasanaginica eine Zeit des Chaos, der vorübergehenden Unterbrechung der Ordnung dar, und das Ende des Krieges bedeutete deren Wiederherstellung. So konnte Hasanaga aus dem Krieg wieder in seine Welt zurückkehren, und für diese Welt war der Krieg bloß eine kurze Episode. In der Blutdämmerung ist der Krieg nicht zu Ende, er brennt weiter in Ekrembeg, denn der alte Rahmen, in den Hasanaga zurückkehren konnte, existiert in seiner Welt nicht mehr. Es gibt aber auch keinen neuen Rahmen. Deswegen kann nur noch Lebiba bzw. ihre Liebe zu ihm Ekrembegs Existenz bezeugen; nur existert auch diese Liebe nicht mehr. Alle Figuren werden bloß noch durch das "Mysterium eines kranken Erotismus und die Mechanik einer blinden Gewalt"36 charakterisiert. Die Unmöglichkeit der Wiederherstellung einer dramatischen Figur im klassischen Sinne, also einer Figur, die eine individuelle Identität herzustellen in der Lage wäre, führt zum Schluss, dass fast alle Figuren in Muradbegovićs Drama "reine Masken"37sind, die das innere Chaos und die innere Leere verdecken. * * * Der Vergleich dieser zwei auf den ersten Blick außerordentlich verschiedenen expressionistischen Dramen zeigt, in welchem Maße sie beide das expressionistische Weltgefühl, das so eng m it dem Ersten Weltkrieg und allem, was er ausgelöst hat, verknüpft ist, zum Ausdruck bringen. An das Problem wird jedoch von zwei verschiedenen Seiten herangegangen. Während sich Muradbegović von innen heraus "bemüht, wegen der zwangs- 55 Karahasan 2004, p. 273. ! 6 Muzaferija, Gordana: Činiti za teatar. Tesanj: Centarza kulturu i obrazovanje 2004, p. 70. w Karahasan 2004, p. 270. <?page no="404"?> 404 Naser Šečerović läufigen Zerstörung das menschlichen Individuums in der Gesellschaft, Geschichte, Familie, Masse den expressionistischen Schrei künstlerisch zu artikulieren",38versucht Jevtić, diesen Schrei von außen zu ersticken. Verstehen w ir diese Dramen als paradigmatisch für das 20. Jahrhundert in Bosnien-Herzegowina dafür gibt es viele Anzeichen - und versuchen wir anhand dieser Dramen, die Stellung des neuen Menschen in der Geschichte zu verstehen, so lässt sich feststellen, dass für diese Beziehung zwei Phänomene charakteristisch sind, die sich, wie auch diese zwei Dramen, als Ausdruck ein und desselben Weltgefühls entpuppen: Dies wären ein Zuwenig des Menschen in der Geschichte und ein Zuviel der Geschichte im Menschen. 38 Ibid., p. 277. <?page no="405"?> S anjin K odrić (S arajevo ) "Überschwang und M a rtyriu m " Das Attentat von Sarajevo und seine Reflexionen im literarischen W erk von Ivo Andrić Understanding literature as a medium of remembrance as well as a medium for observing the production of cultural memory, this paper explores the relation between literature, on the one hand, and the Sarajevo Assassination, on the other hand. It especially focuses on the literary practice of the 'Young Bosnia' movement (1908-1914), whose member was, among others, Ivo Andrić (1892-1975), the most prominent literary author in the former Yugoslavia as well as a Nobel Prize laureate, particularly important in connection with the Iiteraryand cultural image of the Sarajevo Assassination in the South East European context. How did Andrić's literary work represent the Assassination and how did it help its memorialization in the cultural memory, in what ways and with what meanings? These are the research questions the paper deals with when analyzing Ivo Andrić's Iiterarywriting in connection with the Sarajevo Assassination and its cultural-mnemonic legacy. I . Es ist natürlich müßig, darüber zu rätseln, ob das Attentat von Sarajevo, in der Form, in der es Ietzlich geschehen ist, ohne eine wichtige Rolle der Kultur und damit auch der Literatur möglich gewesen wäre, aber es ist beinahe sicher, dass es ohne Literatur ganz andere Bedeutungen gehabt hätte. Denn die Literatur und das Attentat von Sarajevo sind vielfach miteinander verbunden, wobei diese Verbindung noch deutlicher ausgeprägt ist als es für den slawischen Süden üblich ist, wo Literatur sowieso als ein zentraler und besonders privilegierter Kulturdiskurs funktioniert. Dies macht 'Jung-Bosnien' und das Attentat von Sarajevo zu einer dominanten literatur-kulturellen Tatsache - und nicht nur zu einer Tatsache der gesellschaftspolitischen Geschichte. Gerade Literatur hatte eine der Schlüsselrollen in der ideengeschichtlichen und ideologischen Profilierung, der realen Inszenierung und insbesondere in der späteren geschichtlichen Konzeptualisierung und Memorialisierung des Attentats auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Ferdinand vom 28. Juni 1914, die in den letzten hundert Jahren in unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und ideologischen <?page no="406"?> 406 Sanjin Kodric Kontexten vollzogen wurde, wom it Literatur einen äußerst bedeutenden Beitrag in der Gestaltung dessen geleistet hat, was das Attentat von Sarajevo als kulturelle Konstruktion werden sollte. Dabei ist die literarische Praxis eines der wichtigen Schlachtfelder realhistorischer Auseinandersetzungen (wie wir im Sinne des New Historicism schlussfolgern dürfen) was ebenso für die Zeit gilt, als diese Auseinandersetzungen beendet sind, was an der kontinuierlichen Gestaltung der Vorstellung vom Attentat im ersten und dann im zweiten Jugoslawien wie auch in der postujugoslawischen Periode zu sehen ist. Die vorliegende Vermutung wurde auch früher geäußert auch dann, wenn angemerkt wird, dass nämlich ohne Literatur "Princips Attentat nicht heroischer Ausdruck und unmittelbarste Inkarnation des rebellischen freiheitlichen Geistes und der Stimmung der ganzen Vorkriegsjugend gewesen wäre, sondern es wäre bloß ein überstürzter, unbesonnener und ideenloser individueller Akt einer kleinen Gruppe von Unzufriedenen" geblieben, wie zu Anlass des fünfzigsten Jahrestags des Attentats Predrag Palavestra schreibt,1 in einem Stil, der für die Entstehungszeit charakteristisch ist. Erwartungsgemäß wurden diese komplexen, sich während des vorigen Jahrhunderts entwickelnden Bedeutungen des Attentats von Sarajevo auch durch eine besondere Entwicklungslinie der bosnisch-herzegowinischen Literatur in den Jahren vor dem Attentat wesentlich vorgebildet durch die sog. Jungbosnische Literatur, die sich seit der Annexionskrise 1908 entwickelte, bzw. ein Jahr, nachdem keineswegs zufällig gerade der Autor Petar Kočić, damals schon ein berühmter Literat und Nationaltribun, wohl zum ersten Mal die Bezeichnung 'Jung-Bosnien' verwendet hatte. Der Höhepunkt und auch das Ende dieser literarischen Praxis markiert eben das Attentat von Sarajevo, als die literarischen Aktivitäten der Jungbosnier offiziell verboten werden und zugleich historische Wirklichkeit werden die Realität selbst m it weitreichenden und wichtigen Folgen in der Zukunft. Den Hauptstrom der jungbosnischen Literatur macht die Arbeit von Autoren wie Dimitrije Mitrinović, Vladimir Gaćinović, Miloš Vidaković oder Borivoje Jevtić u.a. aus, und obwohl diese Literatur poetisch sehr heterogen sein wird, verdankt sie ihre relative Einheit nur einem grundsätzlichen ideologischen Aspekt (und auch dies nicht ganz). In der jungbosnischen Literatur, jener besonderen kulturellen Formation, aus der der historische Akt des Attentats entsprungen ist, wird inzwischen den herausragendsten Platz die literarische Arbeit eines anderen Autors bekommen die von Ivo Andrić (1892-1975), der in der Jugend ebenfalls ein Angehöriger Jung- Bosniens war und später Literaturnobelporeisträger wurde, der bekann- Palavestra, Predrag: Književnost Mlade Bosne. Bd. I. Sarajevo: Svjetlost 1965, p. 11. <?page no="407"?> DasAttentatvon Sarajevo und seine Reflexionen im literarischen Werk von IvoAndric 407 teste jugoslawische Autor, dessen Werk schon seit Jahrzehnten zur Spitze des südslawischen literarischen Kanons gehört. DieVerbindungvon Ivo Andrić mit Jung-Bosnien, und besonders mit dem Attentat selbst ist nicht einfach, wie man dies auf den ersten Blick vermuten könnte. Trotz ungeheurer Anstrengungen der Biographistik, die Tatsachen in Andrics Leben und damit auch seiner Rolle in der Bewegung Jung-Bosnien zu rekonstruieren,2 ist dieses Segment des Lebenslaufs des Schriftstellers nach wie vor unterbeleuchtet, was auch damit zusammenhängt, dass Andrić immer auf dem Schutz der Privatsphäre insistierte und nicht selten auch alles versteckte, was den öffentlichen Rahmen literarischen Werks verlässt: Nach unserem Tod können Sie untersuchen, was wir waren und was wir schrieben, während unseres Lebens aber nur das letztere.3 Was jedoch mit Sicherheit aufgedeckt und bekannt ist, ist die Tatsache, dass Andrić noch als Schüler des Staatlichen Großen Gymnasiums in Sarajevo Ideen verinnerlicht hatte, die der Ideologie der jungbosnischen Bewegung nahestehen; er war nämlich Vorsitzender der Kroatischen Fortschrittsorganisation, einer in der Reihe vieler Geheimgesellschaften der "fortschrittlichen nationalistischen Jugend" vor dem Ersten Weltkrieg zur selben Zeit, als Gavrilo Princip, der spätere Attentäter, Vorsitzender der Serbischen Fortschrittsorganisaton war. Danach wird Andrić 1911 der erste Vorsitzende der einheitlichen Serbisch-Kroatischen Fortschrittsorganisation, die nach einigen Einschätzungen den "geistigen und revolutionären Kern Jung-Bosniens"4bildete. Viel später, im sozialistischen Jugoslawien, in den berühmten Gesprächen m it Ljubo Jandrić, wird Andrić diesen Lebensmoment als Augenblick des jugendlichen Enthusiasmus bezeichnen, aber zugleich auch als schicksalsvollen Traum von der jugoslawischen Einigkeit und Gleichberechtigung, worin die charekteristische jugoslawisch-sozialistische Idee der " Brüderlichkeit und Einheit" anklingt: Ich bin fürs Jugoslawentum schon seit den Tagen, als es galt, Österreich-Ungarn aus unserer Mitte zu vertreiben. [...] Wir Sarajevoer Gymnasiasten waren gegen den Flegemonismusgleichwelchen GlaubensoderVoIkes.5*1 Vgl. z.B: Đukić Perišić, Žaneta: Pisac i priča. Stvaralačka biografija Ive Andrića. Novi Sad: Akademska knjiga 2012; Karaulac, Miroslav: Rani Andrić. Beograd, Sarajevo: Prosveta-Svjetlost 1980; Palavestra, Predrag: Skriveni pesnik. Prilog kritičkoj biografiji Ive Andrića. Beograd: Slovo Ijubve 1981; Popović, Radovan: Ivo A ndrić-život. Beograd: Jugoslovenska revija 1989. i si. Andrić, Ivo: Znakovi pored puta (Sabrana djela [Ges. Werke], hg. von Vera Stojić u.a., Bd. XVI). Sarajevo: Svjetlost 1981, p. 231. 1 Đukić Perišić 2012, p. 134. Jandrić, Ljubo: Sa Ivom Andrićem. Beograd: Srpska književna zadruga 1977, p. 73. <?page no="408"?> 408 Sanjin Kodrić Wie auch die Biographie des Autors Žaneta Đukić Perišić anmerkt, korrespondiert diese Äußerung Andrićs m it einer der Aussagen von Princip aus dem Stenogramm der Hauptverhandlung gegen die Attentäter von Sarajevo6m it dem wichtigen Unterschied, dass Andrić sich aus dem aktiven Kampf zurückzog und, die eigene Ohnmacht rechtfertigend, den unberechenbaren und gefährlichen Raum der Geschichte vorsichtig anderen überließ. Als ein enthusiastischer Revolutionär, aber auch als ein ängstlicher Mann, der vom Leben noch etwas erwartet, von Ideen getrieben, aber auch von Existenzsorgen geplagt, vom M ut und Heroismus seiner Kameraden exaltiert und zugleich beschämt, weil er Angst hat und den Kampf verlässt dieses Bild Andrićs zeigt sich schon im Tagebucheintrag vom 8. Juni 1912, der aus Anlass des gescheiterten Attentats entstanden ist, das Luka Jukić, ein kroatischer Revolutionär und Angehöriger der Organisation Fortschrittsjugend, nach seiner ideologischen Orientierung Serbo-Kroate, auf den kroatischen Banus Slavko Cuvaj verübt hat, "den Blutsauger und Tyrannen seines eigenen Volkes", wie ihn Miroslav Krleža beschrieben hat: Heute verübte Jukić ein Attentat auf Cuvaj. Wie schön ist es, geheime Fäden des Handelns und Aufstands anzuspannen. Wie fröhlich erahne ich Tage großer Werke. Und das Heiduckenblut steigt auf und brennt. Ohne Unschuld und Güte der Opfer vergeht mein Leben. Aber ich liebe die Guten. Sie sollen auch leben, die auf Bürgersteigen sterben, ohnmächtig vor Zorn und Pulver, schmerzensreich von der gemeinsamen Schande. Sie sollen leben, die zurückgezogen, schweigsam in dunkeln Kammern Aufstände vorbereiten und immer neue Ränke schmieden. So bin ich nicht. Aber sie sollen auch leben.7 Ein ähnlicher Eintrag, undatiert, wenn auch ohne die Zwiespältigkeit im Erleben des Attentats wie hier, aber mit dem Hinweis, dass es sich um Stoff "für eine Erzählung" handelt, wurde in dem zu Andrićs Lebzeiten nicht veröffentlichten literarischen Nachlass im sog. "Schwarzen Buch" gefunden, wo der Autor Einiges anmerkt, das zweifelsohne im Zusammenhang mit seiner jungbosnischen Vergangenheit steht, und seiner Nichtbeteiligung am historischen Geschehen dieser Zeit: Ich bin nicht geboren, für die Freiheit zu kämpfen, Gerechtigkeit zu suchen, Wahrheit zu entdecken. So wie ich bin, gehöre ich zu denen, die auf die Welt kommen, um zum unermeßlichen und unbegreiflichen Werk von göttlicher Größe, ihr eigenes, schwaches Ja zu sagen, oder zu flüstern oder nur durch ihren Atem bejahen. Aber dieses unhörbare und bescheidene "Ja" würde sei- 6 Vgl.: "Ich bin jugoslawischer Nationalist. Mein Streben besteht darin, alle Jugoslawien in gleich welcher Staatsform zu vereinigen und von Österreich zu befreien." (Zit. n.: Đukić Perišić 2012, p. 140.) ' Andrić, Ivo: Sveske (Sabrana djela [Ges. Werke], hg. von Vera Stojić u.a., Bd. XVII). Sarajevo: Svjetlost 1981, p. 242. <?page no="409"?> DasAttentatvon Sarajevo und seine Reflexionen im literarischen Werkvon IvoAndric 409 nen Platz im geräuschvollen Meer von Stimmen haben und würde auf seine Weise in derfernen, endgültigen Abrechnung gelten, genausoviel wie schwere Kämpfe und große Verdienste der Kämpfer und Gerechten. So groß war meine Anstrengungjeden Tag. (Dies schrieb ich gestern nacht, erwacht, im Dunkeln. Heute morgen erscheint mir das weder klar noch berechtigt, und ich lese es als etwas, was jemand anders geschrieben hat, aber ich lasse es so, wie es ist, ich könnte es nicht ändern oder berichtigen.)8 Die Erzählung, die hier skizziert wird, hat Andric nie geschrieben. Und trotzdem bleibt das Leiden daran, dass er an Ereignissen, die er selbst als heroisch erlebt und die die Welt auf globaler wie lokaler Ebene wie auch das Leben des Autors und sein literarisches Werk verändern werden, eigentlich nicht teilnim m t, nicht vergeblich. Denn das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger in Sarajevo mit seinen Folgen wie auch seinen Voraussetzungen ist mehrfach textualisiert und kommemoriert gerade in Andrićs literarischem Werk, und gerade auf diese Weise hat dieses Ereignis eine solch wichtige kulturelle Bedeutung bekommen, mehr als bei irgendeinem anderen Autor der jungbosnischen Bewegung was einerseits der Tatsache zu verdanken ist, dass es sich um einen herausragenden Autor im südslawischen Literaturkanon und Nobelpreisträger handelt, und andererseits m it der besonderen ästhetischen Bearbeitung des jungbosnischen Themas und des Attentats bei Andrić zu tun hat. Neben dem berühmten Roman Die Brücke über die Drina (1945), der gewissermaßen aus einer 1914-Perspektive erzählt wird, wird die Tat der "Vidovdanhelden" mehr oder weniger explizit auch in anderen Werken des Autors thematisiert, so in der Lyrik, insbesondere in Gedichtbänden Ex Ponto (1919) und Nemiri/ Unruhen (1920), und anderen Prosastücken und Erzählungen wie im autobiographischen Text Prvi dan u splitskoj tam nici/ Der erste Tag im Kerker von Split (1924) oder der Erzählung Zanos i stradanje Tome Galusa/ Überschwang und Martyrium des Tomo Galus (1931), bzw. in anderen Erzählungen des sogenannten Gefängniszyklus - Iskušenje u ćeliji broj 38/ Versuchung in der Zelle Nr. 38 (1924), Postružnikovo carstvo/ Postružniks Reich (1933/ 34), Na sunčanoj strani/ Auf der Sonnenseite (1952), Sonne (1960) oder U ćeliji broj 115/ ln der Zelle Nr. 115 (1960) -, wie auch im unvollendeten, postum rekonstruierten Roman mit demselben Titel wie die frühere Erzählung AufderSonnenseite (1994), und an etlichen anderen Stellen in Andrićs umfangreichem literarischen Opus, z.B. in einigen Kapiteln des Romans Gospođica/ Das Fräulein (1945) usw. Es handelt sich nicht nur um ein wichtiges Segment des Werks dieses Autors, sondern überhaupt um ein Ibid., p. 16. <?page no="410"?> 410 Sanjin Kodrić bedeutendes Element der literarischen Repräsentation und Kommemorierung des Attentats von Sarajevo und der jungbosnischen Bewegung als einem äußerst komplexen Zeichen und Erinnerungsphänomen im südslawischen literarischen und kulturellen Kontext im Rahmen einer schon verflossenen Epoche. Deswegen kann man behaupten, dass die Literatur Jung- Bosniens, obwohl offiziell verboten unmittelbar nach dem Attentat, gerade im literarischen Schaffen Ivo Andrićs eine ihrer wichtigsten Fortschreibungen erfährt. Dasselbe gilt auch für den ideologischen Aspekt, trotz poetischen Wandels und anderer Veränderungen im literarischen Schaffen des Autors, und obwohl klar ist, dass sein komplexes Werk eben nicht nur auf die jungbosnische Tradition zurückgeführt werden kann, ungeachtet dessen, wie wichtig und produktiv diese für ihn gewesen sein mag. 2 . Überschwang und M artyrium sind zwei Schlüsselbestimmungen der Textualisierung und Kommemorierung, der Repräsentation des Attentats von Sarajevo und der jungbosnischen Bewegung sowie deren Überführung ins kulturelle Gedächtnis, woraus andere wichtige Bestimmungen dieser A rt hervorgehen sollten, unter anderem die Empfindung des großen Schmerzes und der erhaben-tragischen, schicksalhaften Tragweite. So etwas apostrophiert auch Andrić in einem Interview aus dem Jahr 1934, zum zwanzigsten Jahrestag des Attentats, indem er sich solchermaßen an 1914 erinnert: Wir nehmen den Gang der Entwicklung und die Ordnung der Dinge hin, ohne zu klagen, und verlangen von neuen Generationen nicht mehr Verständnis, als sie haben kann; w ir vom Jahr 1914 blicken einander an, und mit Glut und einer tiefen Melancholie suchen w ir in diesen Blicken unsere Sache von 1914, die schrecklich, herrlich und groß war, als Jahrhundert- und Epochenscheide, und die langsam entschwindet und verblasst, als ein Lied, das nicht mehr gesungen und eine Sprache, die immer weniger gesprochen wird. Aberw ir unter uns, indem w ir einander in die Augäpfel schauen, die Wunder gesehen, richtige Wunder erblickt haben, und weiterleben unter dieser Alltagsonne; wir unterliegen immer dem ewigen Reiz jener Jahre. Wir bekommen dann wieder Flügel und ein Nest für das Leiden und die Opfer der bewältigten Angst und überstandenen Jugend. Und solange w ir leben, werden w ir in uns die Welt danach teilen, wer auf welcher Seite und was sein Schwur 1914 war. Denn dieser Sommer, der Sommer 1914, jener hitzige und ruhige Sommer, mit dem Geschmack des Feuers und dem kalten Atem der Tragödie bei jedem unserer Schritte das ist unser wahres Schicksal.9 9 Zit. n. Đukić Perišić 2012, p. 141. <?page no="411"?> DasAttentatvon Sarajevo und seine Reflexionen im literarischen VVerIvon IvoAndric 411 Durch Unterstreichung der Vorstellung von Überschwang und Martyrium und deren diversen Ableitungen entsteht in Andrics literarischem Werk, aber auch in seinem weiteren Umfeld, eines der wichtigsten südslawischen Erinnerungskonstrukte zum Attentat von Sarajevo und Jung-Bosnien überhaupt, und zwar durch die retroaktive Konstruktion von deren Bedeutung und Sinn im Einklang damit, was anlässlich des 50. Jahrestags des Attentats Predrag Palavestra ahnte, als er die Bedeutung der jungbosnischen Bewegung hervorhob. Trotz seines eigentlichen Rückzugs aus dem unmittelbaren Kampf (diesen Rückzug, versteckt hinter dem Personalpronomen "wir", erwähnt er oben nicht), spricht Andrić indem er, keineswegs zufällig, gerade den Überschwang und das Martyrium apostrophiert auch von einem niegesehenen Wunder und selbstentsagenden Opfer, wom it er die Ebene des Rationalen verlässt und sich in die Sphäre des Emotionalen, äußerst Irrationalen begibt, und das Gefühl eines heiligen Geheimnisses und der Mystik berüht, wobei er vor allem an die Pflicht zur Schulderinnerung der Nachgeborenen appelliert, die gegenüber "großen Vorfahren" in der Schuld stehen, und zweifelsohne emphatisch auf die Gegenwartsdeffizienz hinweist, die es zu überwinden gelte, indem die Vergangenheit durch jenen heiligen und mystischen Sinn erfüllt wird. In Bezug auf die Gegenwärtigkeit des Vergangenen und die Zeitpolitik, haben wir es hier m it etwas zu tun, was Christian Giordano das Gefühl "des Verrats durch die Geschichte" und "Verliervorbildlichkeit" nennt, wom it er die unglückliche Erfahrung der Geschichte meint,10 bzw. jenen Fall, wenn es die "Kollektiverinnerung gewöhnlich vorziehe, in der Vergangenheit der Gemeinschaft zwei Situationstypen beizubehalten: eine mit heldenhaften Siegern oder eine m it unschuldigen Opfern", wie diesTzvetan Todorov konstatiert,11wobei bei Andrić beide Optionen anzutreffen sind. Zusammen mit anderen Bestandteilen des Werks wird sich auch die Poesie Andrićs in einen solchen logischen und sinnhaften Rahmen vor dem Attentat von Sarajevo nachträglich einschreiben; insbesondere gilt das für die lyrischen Arbeiten, die zu der Zeit entstehen werden, als der jungbosnische Enthusiasmus krude historische Realität wurde. Das ist vor allem der Fall mit jenem emblematisch wichtigen Stück lyrischer Prosa Prva proljetna pjesma [Erstes Frühlingslied], einem Gedicht, das im Frühling 1914, fast unmittelbar vor dem Attentat im zweiten Fleft der Zagreber Zeitschrift Vihor [Wirbelsturm] erschienen ist, einem wichtigen Publikationsorgan für die Jungbosnier. Das Gedicht kann man auch als eine besondere Ankündigung und Antizipation des Attentats selbst lesen, obwohl Andrić zu der Zeit in Krakau 10 Vgl.Đordano, Kristijan: Ogledi o inter'kulturnoj komunikaciji, prev. Tomislav Bekić i Vladislava Gordić. Beograd: XX vek 2001, p. 87. 11 Zit. n. Đordano 2001, p. 85. <?page no="412"?> 412 Sanjin Kodrić studierte, und keinesfalls irgendwelche wirklichen Informationen über die Attentatspläne Gavrilo Princips und seiner Kameraden haben und schon gar nicht in konkrete Vorbereitungen eingeweiht gewesen sein konnte: Heute morgen ziehen die Wolken am Himmel, und ich ahne Freuden: wenn die Berge erblühen mit dem schrecklichen Glanz ihrer Waffen, wenn sie Feuerblumen auf Wiesen säen, wenn die erste Posaune ertönt, wenn erste Reiter erscheinen, müde, verstaubt: und von Schaum bespritzt wie in einem alten Lied; oh meine Freude! Wann kommen des Königs Armeen? Für sie weben Frauen still Geschenke, ihrer erwähnen gute Menschen in Gebeten, von ihnen singen die Mädchen an Fenstern und für sie wachsen die Blumen in kleinen Gärten. Muntere Zärtlichkeiten warten auf sie. Wann kommen des Königs Armeen? Wolken ziehen am Himmel wie Soldaten; ich ahne, es kommen die Tage großer Werke. Heute morgen sah ich einen knospenden Zweig. Wann kommen denn des Königs Armeen? 12 Obwohl natürlich auch andere Interpretationen möglich sind, haben die polizeilichen Ermittler, die nach dem Attentat Andrićs Rolle in diesem Ereignis untersucht haben, das Gedicht als Beweis für die Verstrickung des Autors in das Attentat gelesen, insbesondere als Beschwörung des befreienden Anmarsches der serbischen Armee denn in "des Königs Armeen" haben sie den wirklichen serbischen König Petar I. Karađorđević erkannt so dass der Schriftsteller, auch dank einer solchen polizeilichen Lesart seines Gedichts, des Hochverrats beschuldigt wird und im Gefängnis landet, zuerst in Split, dann in Šibenik und Maribor, um dann später in Ermangelung anderer Beweise von diesem Verdacht freigesprochen und in Ovcarevo bei Travnik, und schließlich in Zenica interniert zu werden. Doch 12 "Jutros oblaci nebom idu, a ja slutim radosti: kad procvatu brda strašnim sjajem njihova oružja, kad posiju plamene cvjetove po poljima, kad se začuje prva truba, kad se pojave prvi konjanici, umorni, prašni: i poprskani pjenom kao u nekoj staroj pjesmi; o radosti! Kad će doći kraljeve vojske? Žene tkaju u tišini za njih darove, njih spominju dobri ljudi u molitvama, o njima pjevaju djevojke za prozorima i za njih raste cvijeće u malim vrtovima. Čeka spremnih stotinu nježnosti. Kad će doći kraljeve vojske? Oblaci nebom plove kao vojska; ja slutim dane velikih djela. Jutros sam vidio napu palu granu. Kad Ii će doći kraljeve vojske? " (Andrić, Ivo: Ex Ponto, Nemiri, Lirika (Sabrana djela [Ges. Werke], hg. von Vera Stojiću.a., Bd. XI). Sarajevo: Svjetlost 1984, p. 147. <?page no="413"?> D a s A t t e n t a t v o n S a ra je v o u n d s e in e R e fle x io n e n im lite r a r is c h e n W e r k v o n I v o A n d r i c 413 nachträglich, 1922, als schon das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen existierte, in der Zeit, als er eine immer erfolgreichere diplomatische Laufbahn im Königreich einschlug, sollte Andrić selbst die einstige polizeiliche Deutung des Ersten Frühlingslieds bestätigen in der Zuschrift an den Parlamentsausschussfü r Anerkennung nationaler Arbeit wird er als einen wichtigen Beleg seines nationalen Engagements in der Vorkriegszeit gerade auf das Gedicht verweisen, wobei er den Titel nun nach dem strittigen Refrainvers umbenennen wird, der sich nun nach dieser bemerkenswerten Änderung ganz eindeutig und zweifelsohne bewusst auf die historische Persönlichkeit des serbischen Königs bezieht: "Kad će doći Kraljeva vojska" / "W ann kommt die Armee des Königs".13 So fanden sich Literatur und das Attentat von Sarajevo in einer engen unauflöslichen Beziehung - und in Andrićs nachträglicher Re/ Intepretation wurde Das Erste Frühlingslied gleichsam (auch) ein Gedicht über das Attentat selbst, ein Gedicht, das es, zwar auf eine chiffrierte und verdeckte Art und Weise, aber mit Sicherheit als etwas Unausweichliches ankündigt, aber dies nicht laut sagen darf, und es wird insbesondere ein Gedicht über den befreienden Feldzug der serbischen Armee und ihren Sieg über Österreich-Ungarn, was schließlich dem Gedicht selbst, vor allem dessen feierlichem Überschwang und Märtyrermelancholie, den Charakter jenes vorhin hervorgehobenen Wunders verleiht, jenes apostrophierten heiligen Geheimnisses und jener Mystik, genauso wie die Aura des Opfers und der Aufopferung, zumal der Autor gerade wegen dieses Textes verfolgt und gefangen genommen worden ist. Das Erste Frühlingslied, poetisch auf Elementen der expressionistischen Welt- und Lebenserfahrung beruhend, geprägt von der expressionistischen "namenlosen Sehnsucht", die zum festen Bestand der avantgardistischen Poetik in südslawischen Literaturen gehört, steht das Attentat von Sarajevo in der eigenen Umdeutung des Autors in der Nachkriegszeit auch als Ausdruck und Verwirklichung jener tiefen lyrischen Sehnsucht, mit dem melancholischen, ungeduldigen Begehren, jener wirklichen, feierlichen Freude an der Gewissheit-als wunderwirkender Akt geradezu magischer Verwirklichung dessen, was der schönste und reinste Traum ist, ohne Rücksicht auf Preis und Opfer. Schon im ersten Jahr nach dem Tod des Autors wird diese Deutung durch einen weiteren retroaktiven Interpretationsgestus potenziert, als in eine der ersten Ausgaben gesammelter WerkediesesGedicht in den Band mit dem Titel Wasich träume und was m ir geschieht (1976) aufgenommen wird, was ein weiterer Beleg der gedächtniskulturellen Textualisierung des Attentats von Sarajevo und des jungbosnischen Erbes in Andrićs Fall ist, zumal wir es hier mit einem dichte- 13 Vgl.: Đukić Perišić 2012, p. 170. <?page no="414"?> 414 S a n jin K o clric rischen "Vermächtnis" eines Großschriftstellers zu tun haben, obwohl dies zwar kein auktorialer, sondern ein Herausgeberakt war.14 In der späteren Um/ Deutung des Autors und der Herausgeber wird in dem ideologischen Aspekt des Gedichts die Spur der "Königsarmeen" und (noch mehr die der "Armee des Königs", nach der betonten Umformulierung durch Andrić), zur Grundlage für das Verständnis der "Piemontfunktion" Serbiens: jenes wirklichen Serbien, eines in der Zeit vor dem Attentat immer stärkeren Faktor der gesellschaftlichen Wirklichkeit auf dem Balkan, der daher auch für "Tage großer Werke" gerüstet war, sowie jenes himmlischen Kosovo-Serbiens, das auch auferstehen kann und will und in dieser feierlichen Erwartung gemacht ist. Darauf verweist unter anderem auch die genannte Tagebuchnotiz Andrićs vom 8. Juni 1912 nach Jukics Attentat auf Cuvaj, wo Andrić in einer offensichtlichen Verbindung mit dem Ersten Frühlingsgedicht "Tage großer Werke" erwähnt, mit einer diskreten, aber wichtigen Anspielung auf die Vorstellung von der serbischen Tradition der Rebellionen und Aufstände, die auch sonst in dieser Zeit eine besondere symbolische Bedeutung und einen Wert, gerade aber nicht nur im jungbosnischen Kontext hatte, insbesondere in Bezug auf das Ideal des "Kosovo-Tyrannenmords" von dessen Verbindung zum Attentat von Sarajevo und Jung-Bosnien Vladimir Dedijer schreibt.15 In diesem Sinne ist die Verbindung von "Tagen großer Werke" und einem auferstandenen Serbien noch expliziter in Andrićs Rezension der patriotischen und Kriegslyrik des Autors Vojislav llić Mlađi, wo Andrić 1914, kurz nach dem Attentat, mit einer begeisterten Erinnerung an die Siege der serbischen Armee in den Balkankriegen Folgendes schreibt: Alsam anderen Drinaufer große und unerhörte Werke vollbracht wurden, fürchteten wir uns vor dem, was kommen sollte, und hatten seltsame Gedanken und freudevolle Ahnungen in der Seele. [...] Aber wir betrachteten diese blutige Dämmerung durch Gitterstäbe, ausgeschlossen aus den Tagen großer Werke.16 So gewann endlich das Attentat von Sarajevo und das Ganze des jungbosnischen Projekts eine weitere wichtige Bedeutung, insbesondere in der Sphäre langer geschichtlicher Dauer, aber auch in der epischen bzw. mythischen Dimension der rebellischen serbischen Vergangenheit, wo Überschwang und Martyrium als Konstituenten des historischen wie auch des epischen und mythischen Sinns erscheinen es geht Ietzlich auch um den 14 Vgl. Andrić, Ivo: Šta sanjam i šta mi se događa. Pesme i pesme u prozi, prir. Petar Džadžić. Beograd: Prosveta 1976. 15 Vgl. Dedijer, Vladimir: Sarajevo 1914. Ljubljana, Beograd, Sarajevo: Državna založba Slovenije - Prosveta - Svjetlost 1965. 16 Zit. na. Đukić Perišić 2012, p. 167. <?page no="415"?> DasAttentatvon Sarajevo und seine Reflexionen im literarischen Werk von IvoAndric 415 ganzheitlichen Gestus des Einschlusses des Ereignisses in das System des kulturellen Gedächtnisses. Das alles wird sich als sehr bedeutsam für das spätere literarische Werk des Autors und dessen Erinnerung an das Attentat von Sarajevo erweisen, wobei dieses Werk inzwischen selbst eine der wichtigsten Gedächtnisvorstellungen über das Attentat und die jungbosnische Bewegung überhaupt mitkonstituieren wird. 3. Ungeachtet späterer Umdeutungen durch den Autor selbst kommt das Attentat von Sarajevo in Andrićs Frühlingsgedicht natürlich nicht vor - und es konnte gar nicht Vorkommen aber das Attentat und die Poesie begegnen sich im Werk dieses äußerst umsichtigen und gemäßigten Autors mindestens einmal nach diesem Gedicht, und zwar vor den Schüssen in Sarajevo im Essay A. G. Matoš, das ebenfalls in der Zeitschrift Vihor im Frühling 1914 veröffentlicht wurde, in einem Text, den Andrić anlässlich des Todes des kroatischen Schriftstellers Matoš schrieb und mit einer bezeichnenden Pointe versehen wird: Dasganze Kroatien schnarcht unschön. Wach sind nur Dichter und Attentäter.17 Auch hier dachte Andrić logischerweise nicht an Gavrilo Princip, sondern wahrscheinlich an Luka Jukić und/ oder Bogdan Žerajić, der noch früher, im Jahre 1910, ein ebenfalls gescheitertes Attentat auf den österreichischungarischen Gouverneur Bosnien-Herzegowinas Marijan Varešanin verübt hatte. Dennoch sind Andrićs Begegnungen mit Princip überliefert, und sie stehen in einem Zusammenhang m it der Poesie fanden sie doch in je ner stürmischen Zeit des Überschwangs und Martyriums, der Poesie und Revolution statt. Princip sprach nämlich m it Andrić über seine Gedichte, Andrić verlangte sie zu lesen, aber Princip brachte sie ihm nie, m it dem Vorwand, er hätte sie verbrannt. Zu konkreten, wirklichen Begegnungen Andrićs m it dem Attentat von Sarajevo sollte es erst nach dem Ereignis kommen, als er verdächtig wurde, eine aktive Rolle in diesem Ereignis gehabt und nähere Beziehungen zu den Attentätern unterhalten zu haben und so im Gefängnis landete. Hier in den Kerkern von Split, Šibenik und Maribor liegt die Wurzel der Lyrik aus den Gedichtbänden Ex Ponto und Unruhen, sowie schon das Konzept seines Erzählzyklus aus der Gefangenschaft, wobei hier für Andrić besonders die 17 Andrić, Ivo: Umetnik i njegovo delo (Sabrana djela [Ges. W el ke], hg. von Vera Stojic u.a., Bd. XIII). Sarajevo: Svjetlost 1981, p. 194. <?page no="416"?> 416 S a n jin K o clric FigurToma Galus, seines literarischen Alter ego, wichtig ist,18die dann im Titel der wichtigen Erzählung Überschwang und Martyrium Toma Galus' auftauchen wird. Die ganze frühe Schaffensphase Andrićs, so auch diese Entwicklung des jungbosnischen Narrativs und der Gestaltung des Attentats von Sarajevo, steht im Zeichen eines äußersten Intimismus, eines betonten poetisch-lyrischen Verfahrens, das auch Erzähltexte dominiert. Gerade das wird sich aber auch als bedeutsam im Prozess der Memorialisierung des Attentats und der jungbosnischen Bewegung erweisen, die hier neben der wichtigen epischen Kraft auf diese Weise auch ein charakteristisches, menschliches Gesicht bekommt womit die Vorstellung vom Attentat und dessen Akteuren endgültig humanisiert wird, einen wichtigen emotionalen Charakter annimmt und mit einem besonderen poetisch-lyrischen Pathos versehen wird. Dies zeigt sich auch im ersten Buch Andrićs-se in e r Gedichtsammlung Ex Ponto, die von einem potenzierten jungbosnischen Enthusiasmus und Martyrium schon m it ihrem symbolischen Titel Zeugnis ablegen will, was auch für das Bekenntnis des Autors gilt, das wie er selbst sagt von dem "Schmerz des Opfers" handelt und einer Menschheit "die durchs Leiden der Wahrheit und dem Guten entgegenschreiten will" (es versteht sich jedoch, dass der Erstling des Autors keineswegs auf das initiatorische jungbosnische Narrativ reduziert werden kann): Gab es je Generationen und in diesen Einzelne, die ein solch schweres Erbe und unausweichliche Verdammnisse der Rasse und des Bluts tragen würden? Der Gang der Geschichte ist grausam; zu schwer lasten die Vergangenheit und Forderungen der Zukunft auf diesen schmalen Schultern.19 Doch der Flöhepunkt der Memorialisierung des Attentats von Sarajevo durch Andrić, wie auch der Flöhepunkt der Memorialisierung der ganzen jungbosnischen Bewegung, erfolgt erst ein Vierteljahurndert später in dem Roman Die Brücke über die Drina, der auch maßgeblich dazu beigetragen hat, dass Andrić 1961 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, und zwar gerade "für die epische Kraft, mit der er die Themen bearbeitete und menschliche Schicksale aus der Geschichte seines Landes beschrieb", wie Anders Österling, der Sekretär der Schwedischen Akademie, das literarische Opus des Autors anlässlich der Preisverleihung beschrieb.20 Der Roman ist sowohl eine Chronik der Kleinstadt Višegrad als auch die Chronik der Brücke von Mehmedpaša Sokolović, aber auch ein Ro- 18 Vgl. Đukić Perišić 2012, p. 326ff. 19 Andrić 1984, p. 23. 20 Vgl.: Österling, Anders: Award Ceremony Speech, http: / / www.nobelprize.org/ nobel_prizes/ literature/ laureates/ 1961/ press.html. <?page no="417"?> DasAttentatvon Sarajevo und seine Reflexionen im literarischen Werl, von IvoAncIric 417 man, der pars pro toto, in einer synekdochischen Transformation, durch die Geschichte Višegrads und der Brücke einige wichtige Momente der bosnisch-herzegowinischen Vergangenheit darstellt, vom 16. Jahrhundert bis zum Sommer 1914, bzw. gerade bis zum Attentat von Sarajevo und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs als jenem Zeitpunkt, von dem aus der Roman auch erzählt wird. In der Vielfalt der Themen dieses Textes, der auch genremäßig eine Art Fluss-Roman, der aus einer Reihe von durch den Topos und das M otiv der Brücke verbundenen Einzelerzählungen besteht, thematisiert Andrićs Die Brücke über die Drina auch etwas, was als Geschichte des versklavten Bosniens und dessen Befreiung zumindest aus der Perspektive des Erzählers gelesen werden kann, wobei er auch die Geschichte der gesellschaftlich-politischen und identitären Autoemanzipation einschließt. Dieser Prozess dauert von der osmanischen ("türkischen") Zeit, über die österreichisch-ungarische ("österreichische") Epoche, m it einem Höhepunkt im Attentat von Sarajevo und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In diesem Sinne ist die Klimax des Romans zeitlich auch im Sommer 1914 (mit einigen Vorkriegsjahren) zu verorten, der im M ittelpunktvom XXI. Kapitel bis zum Schluss des Romans steht. Hier findet man eine lange Reihe von Ähnlichkeiten mit Andrićs Erinnerung an den Sommer 1914, wie sie in dem Jubiläumsinterview 1934 präsentiert wurde m it der Einschränkung, dass der in dem auf Višegrad und dessen Brücke fokussierten Roman einen vorwiegend lokalen Blickwinkel hat. Wie schon im erwähnten Interview, erscheint auch hier der Sommer 1914 als "hitziger und ruhiger Sommer", aber auch als ein rascher Sommer "m it dem Geschmack des Feuers und kalten Atem der Tragödie bei jedem Schritt", der von "Glut aber auch einer tiefen Melancholie" gekennzeichnet ist, bzw. als etwas, was gerade "schrecklich, herrlich und groß war, als Jahrhunderten- und Epochenscheide" wie auch von dem Gefühl, dass dies langsam "entschwindet und verblasst wie ein Lied, das nicht nicht mehr gesungen und eine Sprache, die nicht mehr gesprochen wird", obwohl sie ein "Nest für das Leiden und die Opfer der bewältigten Angst und überstandenen Jugend" ist, und schließlich mit der wichtigen, unvermeidlichen Einteilung der Welt danach, "wer auf welcher Seite und was sein Schwur 1914 war": Schließlich war auch das Jahr 1914 herangekommen, das letzte Jahr der Chronik von der Drinabrücke. Eswargekommen wie alle früheren Jahre, im ruhigen Schritt der irdischen Zeitläufe, aber unter dem dunklen Getöse immer neuer und immer ungewöhnlicherer Ereignisse, die einander wie Wellen überstürzten. So viele Jahre Gottes waren über die Stadt neben der Brücke hinweggegangen und ebenso viele werden über sie noch hinweggehen. Allerlei Arten von Jahren waren es und werden es noch sein, aber das Jahr 1914 wird immer einzig dastehen. So wenigstens meinen jene, die es überlebt haben. Ihnen scheint es, als ob man wieviel darüber auch gesprochen und geschrieben <?page no="418"?> 418 Sanjin Kodrić werden mag niemals alles wird sagen können und dürfen, was man damals auf dem Grunde der menschlichen Geschichte, hinter dem Zeitgeschehen erschaut hatte. Wer vermöchte so denken sie! jene kollektiven Zuckungen auszudrücken und zu vermitteln, von denen plötzlich die Massen erschüttert wurden und die von den lebenden Wesen auch auf die toten Gegenstände, auf Landschaften und Gebäude übergingen? Wie sollte man jenes Wogen in den Menschen beschreiben, das von stummer, tierischer Angst bis zu selbstmörderischer Begeisterung, von den niedrigsten Trieben der Blutgier und des hinterhältigen Raubes bis zu den höchsten Taten des Märtyrertums reichte, in denen der Mensch über sich selbst hinauswuchs und für einen Augenblick die Sphären höherer Welten berührte, in denen andere Gesetze walten? Niemals wird das ausgedrückt werden können, denn wer es anschaute und überlebte, der verstummt für immer, und die Toten können ohnehin nicht sprechen. Das sind Dinge, die man nicht ausspricht, sondern vergißt. Denn vergäße man sie nicht, wie könnten sie sich dann wiederholen? In jenem Sommer des Jahres 1914, als die Herren über die Geschicke der Menschen die Völker Europasvom Spielplatz des allgemeinen Wahlrechtes in die schon früher vorbereitete Arena der allgemeinen Wehrpflicht führten, bot die Stadt ein kleines, aber sprechendes Bild der ersten Symptome einer Erkrankung, die mit der Zeit Europa und dann die ganze Welt befallen sollte. Es war die Zeit an der Grenze zweier Epochen der menschlichen Geschichte. Nur sah man viel deutlicher den Abschluß je ner Epoche, die hier endete, als man den Beginn der neuen erkannte, die sich erst eröffnete. Damals suchte man für Gewalttätigkeit noch eine Rechtfertigung und fand für Greueltaten irgendeinen Namen, den man aus der geistigen Schatzkammer des vergangenen Jahrhunderts entlehnte. Alles, was geschah, hatte noch das Aussehen scheinbarer Würde und den Reizdes Erstmaligen, je nen unheimlichen, kurzen und unaussprechlichen Reiz, der später so spurlos verschwand, daß ihn auch diejenigen, die ihn damals so lebhaft empfanden, nicht mehr in der Erinnerung wachrufen können. Aber dies sind Dinge, die wir nur am Rande erwähnen und die die Dichter und Wissenschafter künftiger Epochen mit Mitteln und in Formen, die wir nicht ahnen, und mit einer Klarheit, Freiheit und geistigen Kühnheit, die weit über der unsrigen liegen, untersuchen, deuten und Wiederaufleben lassen werden. Sie werden wahrscheinlich auch für dieses sonderbare Jahr eine Erklärung zu finden wissen und ihm seinen Platz in der Geschichte der Welt und der Menschheitsentwicklung zu bestimmen vermögen. Hier für uns ist es einzig und vor allem das Jahr, in dem sich das Schicksal der Brücke über die Drina erfüllte. DerSommer 1914 wird in der Erinnerung jener, die ihn hier verlebten, als der strahlendste und schönste Sommerseit Menschengedenken bleiben, denn in ihrem Bewußtsein glänzt und leuchtet er auf einem ganzen gewaltigen und düsteren Horizont des Todes und Unglücks, der sich bis in das Unabsehbare erstreckt.21 Ähnliches gilt auch für die Darstellung der Zeit vor dem Sommer 1914 und dem Attentat von Sarajevo sowie für die Darstellung damaliger geistiger 21 Andrić, Ivo: Na Drini ćuprija (Sabrana djela [Ges. Werke], hg. von Vera Stojić u.a., Bd. I). Sarajevo: Svjetlost 1981, p. 328f. Alle Stellen aus dem Roman werden nach der Übersetzung von Ernst E. Jonas wiedergegeben (München: DTV 1953). <?page no="419"?> DasAttentatvon Sarajevo und seine Reflexionen im literarischen Werl, von IvoAncIric 419 Strömungen und komplexer innerer gesellschaftlicher und politisch-ideologischer Regungen, die in der polyphonen Struktur des Romans (die auch der vorige Ausschnitt dokumentiert) keineswegs an Komplexität verliert; Andrić skizziert sie einschließlich der revolutionären Überlegungen der Jungbosnier gerade in ihrer Widersprüchlichkeit und Agonalität. Damit im Zusammenhang steht, dass im Roman gerade die jungbosnische Generation m it ihrem revolutionären Überschwang, wie auch mit der Antizipation ihren späteren Leidens akzentuiert wird: Es gab schon immer bestirnte Nächte über der Stadt, mit üppigen Sternbildern und Mondschein, und es wird sie auch weiterhin geben, noch nie aber gab es solche jungen Menschen, die in solchen Gesprächen, solchen Gedanken und Gefühlen auf der Kapija wachten, und wer weiß, ob es sie jemals wieder geben wird. Dies war eine Generation aufrührerischer Engel, in jenem kurzen Augenblick, da sie noch alle Macht und alle Rechte der Engel und den flammenden Stolz der Aufrührer besitzen.22 Auch hier ist die Ähnlichkeit m it Andrićs literarischem Werk aus der jungbosnischen Phase und m it der jungsbosnischen literarischen Tradition überhaupt unverkennbar, gerade was die Darstellung der jungbosnischen "aufrührerischen Engeln" angeht, und auf eine ähnliche Art und Weise wird auch die wichtige FigurTomo Galus dargestellt. Diese ist in den Erzählungen des Autors aus dem sogenannten Gefängniszyklus vorgebildet, unter anderem auch im Prosastück Postruzniks Reich, bzw. in einem Kapitel des unvollendeten Romans A u f der Sonnenseite, wo Galus Österreich- Ungarn unter anderem Folgendes sagt: "W ir Serben sind in den Grundfesten dieses Kaiserreichs. W ir graben sie ab, und wir können das, denn wir sind klein".23Galus erscheint auch im Roman Die Brücke über die Drina mit derselben revolutionären Idee, deren Ähnlichkeit mit Andrićs Worten aus dem Gespräch mit Ljuba Jandrić ebenfalls offenkundig ist: Mit der ihm angeborenen Lebhaftigkeit und dem Wortschatz, der damals in der nationalen Jugendliteratur herrschte, zählte er die Pläne und Aufgaben der revolutionären Jugend auf. Alle lebendigen Kräfte der Rasse würden geweckt und in Tätigkeit gesetzt werden. Unter ihren Schlägen würde die österreichischungarische Monarchie, dieser Kerker der Völker, ebenso zerfallen, wie die europäische Türkei zerfallen sei. Alle antinationalen und reaktionären Mächte, die heute unsere nationalen Kräfte fesselten, spalteten und einschläferten, würden besiegt und verdrängt werden. Alles dies würde durchführbar sein, denn der Geist der Zeit, in der sie lebten, sei ihr bester Verbündeter und auch die Anstrengungen der anderen kleinen und versklavten Völker seien mit ihnen. 22 Ibid., p. 286. 22 Andrić, Ivo: Na sunčanoj strani (Rekonstrukcija romana), hg. von Žaneta Đukić Perišić. Novi Sad: Matica srpska 1994, p. 93. <?page no="420"?> 420 Sanjin Kodrić Der neuzeitliche Nationalismus werde über konfessionelle Unterschiede und veraltete Vorurteile triumphieren und das Volk von fremden, volksfeindlichen Einflüssen und fremder Ausbeutung befreien. Und dann würde der nationale Staat geboren werden. Galus beschrieb danach die Vorteile und Schönheiten dieses neuen Nationalstaates, der um Serbien wie um Piemont alle Südslawen auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung der Stämme, religiöser Duldsamkeit und staatsbürgerlicher Gleichheit sammeln würde.24 Dieser Überschwang Galus' ist auch der Grund seines Martyriums schuldloser Schuld, wie Andrić dies darstellt was schon im Titel seiner frühen schon erwähnten Erzählung Überschwang und Martyrium Tomo Galus' anklingt, die in einer offensichtlich engen Beziehung zum Brücke-Roman steht. All dies spricht dafür, dass der Roman Die Brücke über die Drina das Schlüsselwerk in der Textualisierung und Erinnerung des Attentats und dam it in der Repräsentation und Memorialisierung dieses Ereignisses (und der jungbosnischen Idee überhaupt), zumal der Roman zusätzlich seine scheinbare Objektivität durch den chronikalen Stil gewinnt, und alle früheren thematischen Stränge dieser Art im Werk des Autors, vom Ersten Frühlingslied an, hier zusammenbringt, memoriert und memorialisiert. Ebenso gilt es zu unterstreichen, dass der Roman auf eine wichtigte Art und Weise die IiterarischeTradition Jung-Bosniens fortsetzt, indem die mehr oder weniger dieselbe Bedeutung und derselbe Sinn mit einem freilich wesentlich anderen literarischen Verfahren und anderen wichtigen poetischen Veränderungen, die sich inzwischen im Schaffen des Autors vollzogen haben, transportiert werden. Und trotzdem muss hier auf einige ebenso wichtige Unterschiede hingewiesen werden: Andrić schreibt den Roman Die Brücke über die Drina im okkupierten Belgrad während des Zweiten Weltkriegs in einer Zeit also, als dieses Jugoslawien, an dessen Verwirklichung auch die Jungbosnier mitgewirkt haben, faktisch nicht mehr existiert. Er besitzt eine große Erfahrung und blickt auf enttäuschte Erwartungen zurück, denn zu diesem Zeitpunkt ist er auch ehemaliger königlicher Botschafter im Dritten Reich, dessen Ideologie er freilich nicht nahe stand. Und aus dieser Perspektive, die innerlich komplex und widersprüchlich ist, in der Zeit, als in ganz Europa und im Rest der Welt ein weiterer großer Krieg wütet, dominiert im endgültigen Bild des Attentats und jungbosnischer Ideale viel mehr Leiden als Überschwang. M it einer eindeutig suggerierten Distanz werden das Attentat von Sarajevo und jungbosnische Ideale mit einer Art mitleidiger (auto)ironischer Relativierung jugendlicher, unerfahrener und auch naiver Träume einer weitreichender Folgen ihrer Taten und der Komplexität des 24 Andrić, Ivo 1981, p. 301f. <?page no="421"?> DasAttentatvon Sarajevo und seine Reflexionen im literarischen Werk von IvoAndric 421 geschichtlichen Verlaufs Ietzlich unbewusster Generation skizziert, was auch an die unterschiedlichen Einstellungen des Autors unter sich verändernden Lebensumständen und geschichtlichen Konstellationen erinnert. Der Roman schließt jedenfalls mit einem sog. offenen ambivalenten Ende, in dem in seiner letzten Szene die Figur des konservativen, aber aufrichtigen Alihodža Mutevelić über dem Bild einer schwer beschädigten Brücke stirbt, während die (serbische) Königsarmee die Stadt besetzt, in einer Situation, die schon im Ersten Frühlingslied vorgezeichnet ist. Damit wird hier die erwünschte Befreiung markiert, aber auch der unumkehrbare Untergang einer ganzen historisch abgelebten Welt. So ähnlich sieht auch Toma Galusdie Entwicklung der jungbosnischen Revolution: "alle antinationalen und reaktionären Mächte, die heute unsere nationalen Kräfte behindern, teilen und einschläfern, werden besiegt und verdrängt werden". Hiermit wird auch der Beginn einer neuen, ersehnten, aber nicht zwangsläufig viel glücklicheren Zeit markiert. Das bezieht sich nicht nur auf die konservative bosnisch-muslimische Gemeinschaft, wie sie im Roman dargestellt wird und deren Symbol gerade Alihodža ist, sondern auch auf den sogenannten "Stamm Princips", dh. die Gemeinschaft, die nach der Verdrängung der "Türken" und der Beendigung jahrhundertelanger osmanischer Herrschaft im Attentat Gavrilo Princips die Verwirklichung eines alten mythischen und epischen Traums vom Amselfeld, gerade am 525. Jahrestag der Kosovoschlacht, wie Galus danach strebte, was "die Vorteile und Schönheiten dieses neuen Nationalstaates [sind], der um Serbien wie um Piemont alle Südslawen auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung der Stämme, religiöser Duldsamkeit und staatsbürgerlicher Gleichheit sammeln". Nun ginge man zu weit zu behaupten, dass Andrićs Vorstellung vom Attentat und der jungbosnischen Bewegung das Vorzeichen wechselt, und sich von einer positiven zu einer negativen wandelt vielmehr ist von einer paradoxen Verbindung von Überschwang und Martyrium die Rede, die Andrić aus eigener menschlicher Vorsicht und Angst noch in der frühen Jugend gespürt und im breiten Rahmen eines komplexen Romans wie Die Brücke über die Drina gedanklich und philosophisch vertieft und literarisch gestaltet hat. Was die Perspektive der serbischen Gemeinschaft betrifft, aus der (neben anderen individuellen und kollektiven narrativen Stimmen) der Roman hauptsächlich erzählt wird,25vollzieht sich hier eine zusätzliche memorialisierende Umgestaltung des Attentatsvon Sarajevo und der jungbosnischen Bewegung. Hier wird nämlich noch mehr die Kosovo-Tragik unterstrichen, wo Überschwang und Martyrium als dauerhafte Kategorien ebenfalls nicht voneinander zu trennen sind, wie Andrić dies in seinem berühmten Essay Njegos als tragischer Held der Kosovoidee (1935) zeigte. 25 Vgl.: Đukić Perišić 2012, p. 417. <?page no="422"?> 422 Sanjin Koclric Trotz dieses geschichtlichen Tragismus und Pessimismus, die am Ende des Romans deutlich genug aufscheinen, wurde der Roman Die Brücke über die Drina unmittelbar nach der Befreiung Belgrads, schon im März 1945, veröffentlicht, als aller Wahrscheinlichkeit nach erster einheimischer Roman im gerade befreiten Jugoslawien. Obwohl dies auf den ersten Blick paradox klingt, ist er damals im Sinne der jugoslawischen real-sozialististischen Deutungsmatrix keineswegs zufällig ganz anders und wesentlich optimistischer vorgestellt worden: als ein Roman über den "ewigen Freiheitskampf unserer Völker und Völkerschaften" bzw. als ein Roman über die ununterbrochene Geschichte der Volksbefreiung und historische Notwendigkeit eines Sieges des Volkes, von der Kosovoschlacht bis zur Gegenwart der Partisanen und des sozialistischen Augenblicks, also wieder als ein Roman über nun einen nur etwas veränderten Überschwang und das Martyrium, wobei seine allgemeinmenschliche und humanistische Seite (ästhetischer Idealismus) besonders unterstrichen wurde. In der neueren Zeit, m it dem Zusammenbruch des gemeinsamen jugoslawischen literarisch-kulturellen Interpretationsraums und unter neuen gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Umständen, treten unterschiedliche zum Teil einander völlig widersprechende Lesarten des Romans auf den Plan. Damit verändern sich auch die Lesarten des Attentats von Sarajevo, das im Roman bearbeitet wird, indem der jungbosnische Überschwang und das jungbosnische Leiden wieder etwas anderes bedeuten. Neben einer ganzen Reihe von anderen Möglichkeiten schließen solche Lesarten auch völlig gegensätzliche Einstellungen ein, wie einerseits die Vorstellung von einem ruhmreichen, heldenhaften jahrhundertealten Kampf um Vereinigung vor allem eines staatstragenden Volkes und dessen Vaterlandes, und andererseits Vorstellungen von einem verhängnisvollen Augenblicke in der langen und komplexen Geschichte einer hartnäckigen nationalistischen Ideologie und eines aggressiven Großstaatprojekts. All dies kompliziert heute, ein Jahrhundert, nachdem die Schüsse von Sarajevo die Welt verändert haben, noch mehr das Bild Jung-Bosniens und des Attentats von Sarajevo, nicht nur im literarischen Werk Ivo Andrićs, sondern in allen postjugoslawischen Kulturen und Gesellschaften. Übersetzt von Vahidin Preljevic <?page no="423"?> M arijan B obinac (Z agreb ) “ Revolutionäre Tat" oder "ordinärer M ord"? Zur Textualisierung des Attentats von Sarajevo und des Ersten Weltkriegs im essayistischen W erk Miroslav Krležas The Croatian w riter Miroslav Krleža (1893-1981) has made up his mind very early about the background and consequences of the Sarajevo Assassination, which in his later years, rather than changing, became stronger. However, he never explained himself with regard to this topic which is even more surprising because World War One and the preceded Balkan Wars were a formative experience for him and because he dedicated countless pages in his fiction and non-fiction texts to these great military conflicts. If one considers further, and particularly the indirect references to the events of Sarajevo and their consequences in other passages in Krleža's opulent oeuvre, it can be shown that especially the dangerous simultaneity of the declining Habsburg Empire on the one hand and the idealistic radical movement of the South Slav youth on the other hand has been crucial for his textualisation of the year 1914. Als der Krieg entflammte, dachte ich, dass Princips Akt eine subjektiv revolutionäre Tat war, vergleichbar mit dem Heldenmut russischer Terroristen, und wollte den Herrn Doktor davon überzeugen, dass die Linie dieser Stimmung und dieser Sehnsüchte jugendlicher Herzen über jene pamphletistische Atmosphäre hoch erhaben war, in der man darum bemüht war, dieses zweifellos starke Zeugnis des Willens und der Kühnheit zu erwürgen.1 Diese Zeilen aus einem politischen Essay aus dem Jahre 1927 gehören zu den seltenen Stellen im umfangreichen und vielfältigen essayistischen Werk Miroslav Krležas (1893-1981), an denen sich der wohl bedeutendste kroatische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zum Attentat von Sarajevo etwas ausführlicher äußert. Ein weiterer Beleg, in dem allerdings jene für viele Essays von Krleža charakteristische dialogisch-polemische Situa- 1 "Kada je [...] rat buknuo, ja sam mislio da je Principov čin objektivno revolucionarno djelo, adekvatno junaštvima ruskih terorista, i htio sam da uvjerim gospodina doktora, kako je linija tog štimunga i tih težnja mladenačkih srdaca visoko uzvišena iznad one pamfletističke atmosfere, u kojoj su nastojali da zadave taj, nema sumnje, jaki dokumenat volje i smionosti." (Krleža, Miroslav: Deset krvavih godina i drugi politički eseji. In: M.K.: Sabrana djela, Bd. 14 -15. Zagreb: Zora 1957, p. 77. Aus dieser Ausgabe wird im Weiteren mit Seitenangabe zitiert, Übersetzung von mir, M.B.) <?page no="424"?> 424 Marijan Bobinac tion fehlt, die Argumentation aber grundsätzlich ähnlich bleibt, stammt aus einer Schrift aus dem Jahre 1960: Die Sarajevoer Ereignisse vom Juni 1914 so Krleža seien keine unmittelbare Ursache für den Ausbruch des österreichisch-serbischen Kriegs gewesen, da die damalige serbische Regierung im Gegensatz zur Geheimorganisation des Obersten Dragutin Dimitrijević Apis und zu deren Auftraggebern im russischen Geheimdienst in die Planung und Durchführung des Attentats nicht eingeweiht war; die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand habe jedoch den aggressiven österreichischen Hofkreisen als willkommener Anlass dazu gedient, eine "glückliche moralische Position" einzunehmen und die spätestens seit der Annexionskrise geplante militärische Abrechnung mit Serbien durchzuführen.2 Obwohl sich Krleža schon sehr früh eine Meinung über die Hintergründe und Folgen des Attentats von Sarajevo gebildet und sie mit der Zeit eher gefestigt als geändert hat, ließ er sich wie erwähnt nur selten auf nähere Explikationen dieses Sachverhalts ein. Dieser Umstand mag umso verwunderlicher wirken, als der Erste Weltkrieg wie auch die beiden ihm vorausgegangenen Balkankriege als formative Erlebnisse für den kroatischen Autor angesehen werden,3 und er selbst unzählige Seiten seiner fiktionalen wie auch nichtfiktionalen Werke diesen großen militärischen Konflikten gewidmet hat. Weitere, vor allem indirekte Aufschlüsse über die Sarajevoer Ereignisse lassen sich daher unschwer an anderen Stellen des opulenten Oeuvres finden, wobei sich für Krležas 'Textualisierung' des Jahres 1914 vor allem das gefährliche Nebeneinander des vom Zerfall bedrohten Habsburger Imperiums auf der einen und der idealistisch gesinnten, sich immer mehr radikalisierenden südslawischen Jugendbewegung auf der anderen Seite als entscheidend zeigt. Diesen beiden Komplexen stand Krleža schon vor 1914 kritisch gegenüber. Der Umstand, dass er in der Donaumonarchie keinen Rahmen für die Emanzipation der Kroaten wie auch anderer südslawischer Völker sah, kann wenig überraschen, hatte er sich doch seit seiner frühen Jugend wie auch sein Zagreber Freundeskreis an aufrührerischen, individualanarchistischen Ideen berauscht und sie zugleich mit dem Wunsch nach der Gründung eines gemeinsamen südslawischen Nationalstaates verbunden. Am politischen Aktivismus der jugoslawisch-nationalistischen Jugendgruppen in Kroatien, der sich seit 1912 auch mit Gewalt gegen exponierte ungarnfreundliche Politiker zu richten begann, konnte sich Krleža, damals Kadett an der ungarischen Militärakademie in Budapest, nicht beteiligen. 2 Vgl. Krleža, Miroslav: Jugoslavensko pitanje u Prvom svjetskom ratu 1914-18. In: M.K.: Sabrana djela. Eseji V, Bd. 23, Zagreb: Zora 1966, p. 318. 3 Vgl. Lasić, Stanko: Krleža. Kronologija života i rada. Zagreb: GZH 1982, p. 97. <?page no="425"?> "R evo lu tio n äre T a t" o der "ord inäre r M ord"? 425 Stattdessen inzwischen auch selbst vom Glauben an die führende Rolle Serbiens im Gründungsprozess des künftigen südslawischen Staates überzeugt entscheidet er sich 1913, am Vorabend des zweiten Balkankriegs, sich der siegreichen serbischen Armee anzuschließen. Das waghalsige Unternehmen, mit dem sich der zwanzigjährige Krleža die Erfüllung seiner Utopien versprach, endet jedoch mit einem Desaster: Von serbischem Geheimdienst als österreichischer Spion verdächtigt, entgeht er knapp der Todesstrafe und wird ins Heimatland ausgewiesen, wo er als Deserteur zunächst verhaftet, dann aber wieder auf freien Fuß gesetzt wird. Für den führenden Krleža-Forscher Stanko Lasić gibt es daher keinen Zweifel daran, dass das Jahr 1913 und nicht 1914 jene tiefgreifende Zäsur darstellt, die die künftige geistige und politische Entwicklung des Autors bestimmen wird.4 Die Verabschiedung von einer der größten Illusionen seiner Generation, vom Glauben an Serbien als südslawisches Piemont, wird Krleža in eine Außenseiterposition auf der kroatischen Intellektuellenszene bringen, die damals zunehmend unter den Einfluss der serbischen nationalen Mythologie geriet und sich von der Vereinigung der Südslawen Österreich-Ungarns m it dem aufstrebenden Balkanstaat eine staatliche Gemeinschaft gleichberechtigter Völker versprach. Vom 'Kleinimperialismus' Serbiens zutiefst verstört, konnte der nun völlig desillusionierte Krleža das Sarajevo-Attentat, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dessen weiteren Verlauf, den Zerfall der Habsburger Monarchie sowie die daraufhin folgende Begründung des SHS-Staates in einem viel differenzierteren Licht betrachten, als dies vielen anderen zeitgenössischen Intellektuellen möglich war. Neben der Wahrnehmung des Kriegs als eines sinnlosen Treibens, die die grundlegend pazifistische Position des Autors markiert und wohl am deutlichsten in dessen frühem Novellenband Hrvatski bog Mars [Der kroatische Gott Mars, 1922) zum Vorschein kommt, kann als eine weitere Konstante seiner Reflexionen über den Ersten Weltkrieg die Thematisierung eigener und fremder Illusionen hervorgehoben werden; als Beispiel dienen häufig die jugoslawisch-integralistischen Illusionen bei den kroatischen Intellektuellen und deren Enttäuschung in der Begegnung mit dem nüchternen Pragmatismus panserbisch orientierter Politiker. Diese Überlegungen werden andererseits auch mit der Denkfigur von der Universalität der menschlichen Dummheit ergänzt, einem Phänomen, das trotz rasanter technisch-zivilisatorischer Fortschritte wie sich Krležas Texten entnehmen lässt immer noch die anthropologischen Befindlichkeiten des Menschen entscheidend prägt und vom Autor an zahlreichen Stellen seines Vgl. ibid., pp. 101-108. <?page no="426"?> 426 Marijan Bobinac Schaffens, so auch in seinen Textualisierungen des Ersten Weltkriegs am Beispiel des opportunistischen kroatischen Intellektuellen einem Menschenschlag, in dem sich das Philistertum mit der moralischen Korruptheit verbindet dargestellt wird. Als repräsentativ für Krležas literarischen Umgang m it diesen Problemfeldern kann die Essaysammlung Deset krvavih godina (Die zehn blutigen Jahre) angesehen werden, deren einzelne Texte zwischen 1924 und 1928 entstanden sind und in Buchform zum ersten Mal 1937 gedruckt wurden. Der ästhetische W ert und die politische Relevanz dieser Essays, die in der Forschung als eine Art Summe von Krležas Reflexionen über historische Ereignisse und Persönlichkeiten aus der Zeit zwischen 1914 und 1926 gelten und darüber hinaus auch als einer der bedeutendsten Beiträge zur kroatischen politischen Publizistik hervorgehoben werden, lassen sich vor allem an der Vermengung von "belletristisch-feuilletonistischem, journalistischchronikalischem und streng sozial-analytischem Zugang"*5festmachen. Die Darstellung charakteristischer Stationen in der Biographie eines typischen kroatischen Intelligenzlers vor dem Hintergrund prekärer politischer Verhältnisse in der zerfallenden Donaumonarchie und im neuentstandenen SHS-Königreich gelingt Krleža auf eine besonders überzeugende Weise in O našoj inteligenciji. Scene iz života jednog našeg hrvatskog izroda (Über unsere Intelligenz. Szenen aus dem Leben einer unserer kroatischen Ausgeburten, Erstdruck 1927), einem Essay, aus dem auch die einführend zitierte Stelle stammt. Die Bezeichnung "Ausgeburt" vor drastischen Wendungen schreckte Krleža nie zurück bezieht sich auf den im Zitat apostrophierten Herrn Doktor, dessen politisch-weltanschauliche Positionen aus der Perspektive eines Ich-Erzählers, einer moralisch und politisch standhaften, häufig auch rebellisch auftretenden und dem Autor Krleža nicht unähnlichen Intellektuellengestalt, aufgerollt werden. Im Einklang m it seinen jeweils aktuellen politischen Interessen bewegt sich der "Herr Doktor", dessen Lebensphilosophie der Ich-Erzähler m it dem Begriff "Chamäleonhaftigkeit" (p. 66) beschreibt, von der magyarophil geprägten Habsburgtreue in den Anfängen seiner Karriere über den austro-slawischen Trialismus gegen Ende des Krieges bis zum royalistischen Jugoslawismus im Karadjordjevid-Königreich: ein ideologisch-politisches Sammelsurium, das dem Herrn Doktor, der sich darüber hinaus für einen kroatischen Patrioten ausgibt, gleichzeitig aber die kroatische Kulturtradition als minderwertig bezeichnet, keineswegs als problematisch erscheint. Im Gegenteil, sich selbst sieht er so der Ich-Erzähler als einen "Idealis- "Deset krvavih godina". In: Krležijana ! .Zagreb: Enciklopedijski zavod Miroslav Krleža 1993, S. 142. <?page no="427"?> "R evolutionäre Tat" oder "o rd inäre r M ord"? 427 ten" an, dem alles "Objektive", "Realistische" fremd sei und daher auch eine "objektive W ahrheit" für unmöglich halte: Das Leben ist für ihn "nur ein Widerschein von Zufälligkeit, Unbestimmtheit, Relativismus"6 (p. 68), eine Auffassung, m it der Herr Doktor offenbar auch die Beliebigkeit in der Auswahl seiner weltanschaulichen Positionen als selbstverständlich, ja historisch notwendig darzustellen sucht. Die erstaunliche Anpassungsfähigkeit dieses 'Talents für die Lebenswirklichkeit' (p. 72) zieht sich als der rote Faden durch die unterschiedlichen Stationen hindurch, auf denen der Ich- Erzähler den Herrn Doktor vor dem Hintergrund turbulenter historischer Ereignisse auftreten lässt. Im verwirrenden Spannungsfeld der ersten Kriegstage, "als in Gesprächen und Worten Kriegsschauplätze eröffnet wurden, als sich der Mensch plötzlich auf der einen, und sein Bekannter auf der anderen Frontseite zu befinden fühlte"7(p. 77), begegnet der Ich-Erzähler dem Herrn Doktor und teilt ihm sein Erstaunen über irrationale Reaktionen der Zagreber Bürger mit, wie etwa der Frau eines hohen Beamten, die ihr Klavier verschlossen habe und bis zum Siege, natürlich dem Siege Österreich-Ungarns, nicht mehr zu spielen beabsichtige. Angesichts solcher und zahlreicher anderer Beispiele der menschlichen Dummheit erscheine ihm "Princips Akt", so der Ich-Erzähler, geradezu als eine "subjektiv revolutionäre Tat", als ein "zweifellos starkes Zeugnis des Willens und der Kühnheit" (p. 77). Die Reaktion des Herrn Doktor ist erwartungsgemäß empört: Was! ? Sie billigen einen ordinären Mord? Mein lieber Herr, mit diesen balkanischen Methoden werden Sie nicht weit kommen. [...] Sie machen sich lustig über Ihre Bekannte, die ihr Klavier verschließt, um erst nach dem Siege wieder zu spielen! Und mir ist das überhaupt nicht komisch! Weil es normal ist, dass man Klavier unter den Umständen nicht spielt, unter denen unschuldige Menschen auf der Straße umgebracht werden.*5(p. 78) In ähnlichem Lichte zeigt sich der Herr Doktor auch im Krieg, den er vor allem in der Etappe als Militärrichter verbringt und bei einem Gerichtsprozess wie der Ich-Erzähler von einem zuverlässigen Zeugen erfährt aus purer Indolenz und Langeweile der Verhängung der Todesstrafe an drei Deserteuren zustimmt. 6 "Život je samo odraz slučajnosti, neodređenosti, relativizma [...]." ' "U toj uznemirenoj pometenosti odnosa i pojmova, kada su se u razgovorima i riječima otvarala ratišta, te se čovjek najednom osjetio na jednoj strani fronte a njegov znanac na drugoj [...]." 5 Štai? Zar vi odobravate jedno prosto umorstvo? Dragi moj gospodine, s tim balkanskim metodama ne čete daleko doči. [...] Vidite, vama je smiješna vaša gospođa znanica, koja zaključava klavir, da bi svirala poslije pobjede! A meni ona nije smiješna! Jer je normalno, da se klavir ne da igrati među prilikama, gdje se nevini ljudi strijeljaju na ulici." <?page no="428"?> 428 Marijan Bobinac Eine Abkehr von der für den Elerrn Doktor lange unantastbaren politischen Position des ungarisch-kroatischen Unionismus wird dem Ich-Erzähler bei ihrer nächsten Begegnung auf einer privaten Teeparty in der zweiten Hälfte des Kriegsjahres 1917 sichtbar: Uniformiert und mit Kriegsorden dekoriert lässt sich Herr Doktor auf eine politische Tirade über die "fünfhundertjährige Kulturmission Österreichs" in Kroatien ein, wobei "w ir Kroaten kein anderes historisches Interesse haben, als uns diesem 'musikalischsten aller Länder der W elt' anzuschließen" ein Umstand, der "heute real durchführbar und der Trialismus eine Frage nicht von wenigen Jahren, sondern von wenigen Monaten ist"9(p. 85). Der Ich-Erzähler, der sich durch die Aussagen des Herrn Doktor zunächst lange nicht provozieren lässt, kann jedoch über dessen "These von einer imaginären österreichischen Kultur" nicht mehr hinweggehen. Dieser, seiner Meinung nach "überaus flachen, alltäglichen [...], von allen Ideologen Mitteleuropas allzu viel abgenutzten These" setzt er einen kroatisch-südslawischen Kulturbegriff entgegen, einen Kulturbegriff, in dem er insbesondere "unsere 'kreative Fähigkeit' bei der Assimilierung einzelner fremder Kulturelemente"10 (p. 86) herauszustreichen sucht und als Beispiel für diese These die mittelalterliche und frühneuzeitliche dalmatinische sowie mazedonische Architektur nennt. Auf die sarkastische Bemerkung des Herrn Doktor, er sei selbst unlängst in Mazedonien gewesen und habe dort keine Architektur, dafür aber "Wanzen, Läuse, Arnauten11, Syphilis"12 (p. 87) gesehen, entgegnet ihm der Ich-Erzähler entrüstet, er, der Herr Doktor, habe auch in Kroatien weder eine kroatische Architektur noch eine nationale Kultur gefunden: "Österreich ist für Sie 'musikalisch', und wir Kroaten sind für SieTamburizzaspieIerohneein eigenes politisches raison d'etre, und Sie wollen mir nun aus dieser Wiener austro-musikalischen Perspektive erklären, was die serbische Architektur in Mazedonien darstellt? "13(p. 87) Das rhetorische Duell wächst sich allmählich zu einem Skandal aus, der sich schließlich ins Politische wendet und den Ich-Erzähler dazu verleitet, den vom Herrn 9 "On je govorio o petstogodišnjoj Misiji Austrije kao takve. [...] a mi Hrvati od marijaterezijanijskog baroka pa do danas, nemamo drugog historijskog interesa nego da se priključimo ‘toj najmuzikalnijoj zemlji na svijetu' - Austriji. A to je danas realno provedivo i trijalizam je pitanje ne od nekoliko godina, nego od nekoliko mjeseci [...]." 111 "Na doktorovu tezu o nekoj imaginarnoj austrijskoj kulturi, tezu nadasve plitku, svakodnevnu, [...] i od svih ideologa Mitteleurope i suviše otrcanu, replicirao sam sa starinskim pojmom naše 'kreativne sposobnosti' kod asimilacija pojedinih stranih kulturnih elemenata." 11 Albanei (veraltet). 12 "Samo stjenice, uši, Arnaute, sifilis." 13 "Vama je Austrija 'muzikalna', a mi Hrvah smo vam tamburaši bez svog političkog raison a d'etre, i vi ćete sada meni iz te vaše bečke austro-muzikalne perspektive objašnjavah što predstavlja srpska arhitektura u Macedoniji? " <?page no="429"?> "Revolutionäre Tat" oder "ordinärer Mord"? 429 Doktor neulich beschworenen Trialismus als Schwachsinn zu bezeichnen: "Schon alle Spatzen pfeifen von den Dächern, dass Österreich im Eimer ist, nur Köpfe wie Herr Doktor können diese Sache nicht sehen."14 (p. 87) Es kann nicht überraschen, dass dem Herrn Doktor im Laufe des Jahres 1918 wie der Ich-Erzähler ironisch bemerkt - "eine kolossale Entwicklung seiner Ansichten und Anschauungen"15 gelingt: Zunächst entwickelt er sich "links-trialistisch" (p. 88), parallel dazu aber bei einem Aufenthalt in Wien, wo er eigentlich die wirtschaftlichen Interessen seiner Verbündeten zu retten sucht, Verbindungen zu serbischen Politikern knüpft und daraufhin als Vertrauensmann des Nationalrates der Slowenen, Kroaten und Serben nach Belgrad kommt, um schließlich in der politischen Abteilung des dortigen Innenministeriums zu landen und seine Karriere bedenkenlos im neuentstandenen südslawischen Gesamtstaat "als nationaler Politiker, als Prophet der Rassenkraft und -energie [...], mit einem Worte als Propagandist der gesunden, nationalen, staatsfördernden Konzeptionen"16(p. 94) fortzusetzen. Die letzte Station, auf der der Ich-Erzähler dem Herrn Doktor begegnet, ist eine Parade der Reserveoffiziere 1926, bei der er ihn, der den ganzen Weltkrieg in k.u.k.-Uniform verbracht hat, nun als königlich-jugoslawischen Artilleriehauptmann in der marschierenden Kolonne entdeckt, "immer noch jung und rüstig, elastisch und hart, in seiner seltsamen ehrgeizigen Ausdauer, sich auf den Straßen der Historie bald in einer, bald in anderer Richtung zu bewegen"17 (p. 90). Als sein Gesprächspartner und Opponent erscheint jetzt aber ein anderer Vertreter der kroatischen Intelligenz, ein alter Bekannter des Ich-Erzählers, der als österreichischer Reserveoffizier im Krieg einen Arm verloren hat: Voll höhnender Verachtung bringt er seine Überzeugung zum Ausdruck, die Parade der "Ihrigen", womit er offenbar auf das M ilitär des SHS-Staates anspielt, verursache mit diesem Aufmarsch nicht nur einen großen wirtschaftlichen Schaden, sondern sei darüber hinaus ein purer Schwindel und weit unter dem Niveau der "Unsrigen", d. h. der ehemaligen k.u.k.-Armee. Damit markiert der Ich-Erzähler eine neue-alte Position der einheimischen Intellektuellen, die den historischen Zyklus kroatischer Abhängigkeiten von fremden Machtzentren wieder an den Anfang bringt: Indem der einarmige Kriegsinvalide seine Verachtung des neubegründeten jugosla- 14 "Već svi vrapci pjevaju po krovovima, da je Austrija otišla do vraga, samo takvi mozgovi kao što je nejgov, ne vide stvari." 15 "[...] on je učinio kolosalan razvoj u svojim pogledima i nazorima." 16 "[...] narodni političar, propovjednik rasne snage i energije [...], u jednu riječ propagandista zdravih nacionalnih, državotvornih koncepcija." 17 "[...] još mlad i krepak, elastičan i tvrd, u svojoj čudesnoj ambicioznoj izdržljivosti da se kreće po historijskim cestama, čas u ovom, a čas u onom smjeru." <?page no="430"?> 430 M arijan Bobinac wischen Staates ausspricht und demgegenüber der Donaumonarchie mit Nostalgie zu gedenken beginnt, verliert er offensichtlich aus dem Gedächtnis, wie bis vor relativ kurzer Zeit kroatische Intellektuelle, womöglich auch er selbst, über die jahrhundertelange subordinierte Stellung ihres Landes im Habsburgerreich geklagt und die nationale Emanzipation herbeigesehnt haben was den Ich-Erzähler zu einer vernichtenden Diagnose der kroatischen intellektuellen Elite bringt: Dieses "Unsrige" hat ihm den Arm genommen und das ganze Leben vernichtet, und trotzdem sieht er all das "Unsrige" mit einer milden Sympathie, und das ist ein hundertprozentiger kroatischer Intellektueller, ein Reserveoffizier; und dort in der Kolonne marschiert ein anderer Typus des Reserveoffiziers und kroatischen Intellektuellen, und zwischen ihnen stehe ich. Und das ist unser gegenwärtiger Zustand.18(p. 93) Doch Krležas Diagnose der kroatischen (und darüber hinaus auch der europäischen) Zustände der letzten 'zehn blutigen Jahre' wird nicht nur durch die Polemik seines literarischen Alter Ego mit skrupellosen intellektuellen Pragmatikern vom Range des Herrn Doktor gestellt. Stark polemisch ist nämlich auch seine Auseinandersetzung m it utopischen Schwärmern, v. a. m it Anhängern einer idealistischen jugoslawischen Idee unter den im Habsburgerreich lebenden Südslawen geprägt einer weltanschaulichen Position, die Krleza in seinem essayistischen Werk am Beispiel ihrer hervorragenden Vertreter unter den kroatischen Intellektuellen darzustellen sucht. Dass ihn dabei gerade der jugoslawische Utopismus und die mit ihm verbundene Desillusionierung im Kontakt mit den historischen Realitäten interessieren, kann nicht verwunderlich sein, hat er sich selbst wie anfangs erwähnt noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vom naiven Jugoslawismus dieser Art verabschiedet. Im Essay Prvi dani apokalipse. Panika i politika puna rodoljubnih nada (Die ersten Tage der Apokalypse. Panik und Politik voll patriotischer Hoffnungen), den er zuerst 1924 mit einigen weiteren Aufsätzen aus dem Zyklus Die zehn bluägen Jahre in einer Zeitschrift veröffentlicht hat, sucht Krleža das im neuen Gesamtstaat rasch entstandene jugoslawisch-integra- Iistische Narrativ als eine bewusst fabrizierte, auf Fälschungen beruhende Anhäufung von Phrasen darzustellen. Von den Vertretern dieser neuen Geschichtsschreibung, die noch wenige Jahre davor in ihren Schriften die unverbrüchliche Verbundenheit der Kroaten mit der Habsburger Dynastie beschworen haben, wird nun die Bedeutung der revolutionären jugoslawi- 18 "Ono 'naše' odnijelo mu je ruku, upropastilo ga za čitav život, a on ipak gleda na ono sve 'naše' s blagom simpatijom, ito je je d a n stopostotni hrvatski inteligent, rezervni oficir; tamo u povorci stupa jedan drugi tipus rezervnog oficira hrvatskog inteligenta, a između njih stojim ja. I to je naše savremeno stanje." <?page no="431"?> "Revolutionäre Tat" oder "ordinärer Mord"? 431 sehen Jugendbewegung als einer breiten nationalen Bewegung übermäßig betont. Die historische Wahrheit habe so Krleža völlig anders ausgesehen: Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Bevölkerung in der Vorkriegszeit, die völlig indifferent, ja apolitisch gewesen sei und sich höchstens für Die lustige Witwe und Sherlock Holmes interessiert habe, war der Einfluss jugendlicher oppositioneller Gruppierungen außerordentlich gering: "Jene zwei-drei Gymnasiasten, die eigentlich wie Marionetten an den Fäden serbischer verschwörerischer Offiziere tanzten, können doch nicht als eine nationale revolutionäre Bewegung verstanden werden."19(p. 18) Auch der Friedjung-Prozess 1909, bei dem die Vertreter der kroatisch-serbischen Koalition, der damals mächtigsten politischen Gruppierung in Kroatien, von Anschuldigungen wegen ihrer angeblichen hochverräterischen Zusammenarbeit m it dem serbischen Staat freigesprochen wurden, könne nicht so Krleža als Argument für eine national-revolutionäre Bewegung verwendet werden. Nicht also um eine Massenbewegung im Sinne der Flypothesen Heinrich Friedjungs20 bzw. der retrospektiven Behauptungen staatstreuer jugoslawischer Flistoriker habe es sich dabei gehandelt, sondern eher um die Faszination junger Menschen angesichts der militärischen Siege Serbiens sowie der serbischen Vidovdan- (St.-Veitstag) und Kosovo-Mythen, einem Phänomen, das in der Konfrontation mit der Realpolitik so Krleža frü her oder später scheitern musste. Wenn der Autor in seinen Essays auf diesen Desillusionierungsprozess zu sprechen kommt, so sucht er ihn häufig am Beispiel seines Jugendfreundes Vladimir Čerina (1891-1932) zu veranschaulichen, eines modernistischen Lyrikers und Publizisten, der sich in der Vorkriegszeit durch seine jugoslawisch-nationalistische Orientierung exponierte, 1912 ins Attentat auf den kroatischen Banus Slavko Cuvaj verwickelt war und nach der Ermordung Franz Ferdinands in die Emigration nach Italien ging. In den Ersten Tagen der Apokalypse erinnert sich Krleža an ein Nachtgespräch mit Čerina einige Tage nach den Sarajevoer Ereignissen (die Datierung des Gesprächs ist allerdings um stritten21), bei dem 19 "[...] ona dva-tri gimnazijalca, koji su igrali kao lutke na nitima srbijanskih oficirskih zavjerenika, ne mogu se uzeti kao narodno revolucionarno gibanje." 20 Heinrich Friedjung (1851-1920), österreichischer Historiker und Publizist, der 1909 in der Wiener Presse die damals in Kroatien dominante politische Gruppierung, die Kroatisch-serbische Koalition, wegen Hochverrat beschuldigt hatte. Beim vielbeachteten Prozess, den die Kroatisch-serbische Koalition gegen Friedjung in Wien eingeleitet hatte, wurden Dokumente, auf denen der Historiker seine Beschuldigungen begründete und die ihm durch den Außenminister Aehrenthal zugespielt wurden, als Fälschungen bloßgestellt; Friedjungs wissenschaftlicher Rufwiederum wurde dadurch völlig ruiniert. 21 Vgl. "Čerina, Vladimir". In: Krležijana I. Zagreb: Enciklopedijski zavod Miroslav Krleža 1993, p. 119. <?page no="432"?> 432 Marijan Bobinac er seinem "alten Schulkameraden" zu beweisen suchte, wie er - Čerina - "in einer historisch hoffnungslos finsteren und aussichtslosen Nacht in den Wind rede" und gleich merkte, wie ihre Ansichten über viele offene Fragen grundsätzlich voneinander entfernt, um nicht zu sagen entgegengesetzt waren. Bei all seinen St.-Veitstag-Phrasen und insbesondere bei dem 'Kult der nationalen Energie' war ich schon damals erfahrungsgemäß überzeugt, dass sie nichts anderes als leere Rhetorik seien, flatternd wie bunte Papierschlangen auf diesem Todeskarneval, der in jedem Augenblick über unseren Köpfen wie ein Teufelsrequiem aufzubrüllen drohte.22(p. 20) Als der völlig desillusionierte Čerina, "seelisch und moralisch zerrüttet", 1919 wieder in Zagreb auftaucht, vertraut er "in einer Nacht in einem tragischen Monolog" Krleža an, "was für ein bitteres Schicksal es darstelle, ein verfolgter Straßenhund zu sein, ohne Heimat, ohne Ideale, ohne Glauben an irgendwelche Illusion, während die Runde unserer Minister, Diplomaten, Ideologen und Chamäleons [...] auf Kosten des Dispositionsfonds im Ausland verweile und heuchlerisch all jenen ins Gesicht lache, die im Sturmwind verschwunden seien"23 (p. 20). M it Sturmwind kroatisch "vihor" spielt Krleža nicht nur auf den Ersten Weltkrieg bzw. auf die Emigrationszeit zahlreicher jugoslawisch-nationalistischer Aktivisten aus habsburgischen ländern an; Vihor hieß auch Čerinas kurzlebige Zeitschrift aus dem Jahre 1914, die als ein "Blatt für die nationalistische Kultur" neben modernistischen und protoavantgardistischen literarischen Texten vor allem jugoslawisch-integralistisch intonierte Publizistik brachte. Nach der Proklamierung des SHS-Königreichs wird, wie Krleža mit Verwunderung beobachtet, die weltanschauliche Linie der Zeitschrift Čerinas von politischen Karrieristen vom Schlage des Herrn Doktor aus dem Essay Über unsere Intelligenz vereinnahmt: Diese 'Chamäleons', die die jugoslawische Idee bis 1918 als Hochverrat, im günstigsten Falle als eine nicht ungefährliche Marotte angesehen haben, suchen nun aus den in Vihor- Beiträgen entworfenen politisch-ideologischen Konzepten "ihre Vidovdan- Verfassung und die sog. 'jugoslawische' Ideologie zusammenzuschustern" 22 "Dokazivao sam svom starom drugu iz gornjogradske gimnazije i uredniku 'Vihora', kako laje u vjetar u jednoj historijski beznadno mračnoj i besperspektivnoj noći, a naši pogledi na mnogobrojna otvorena pitanja bili su principijelno udaljeni, da ne kažem oprečni. Za sve njegove vidovdanske fraze, a naročito za ‘kult nacionalne energije' bio sam tada već po iskustvu uvjeren, da spadaju u ispraznu retoriku, vijoreći kao serpentine od raznobrojnih hartija na ovom karnevalu smrti, koji će zaurlati nad našim glavama kao đavolski rekvijem svakoga trenutka." 23 "[...] kada se vratio u domovinu tjelesno i moralno zgažen, Vlado Čerina izgubio se jedne noći u tragičnom monologu, kako je gorka sudbina biti gonjeno pseto na ulici, bez domovine, bez ideala, bez vjere u bilo kakvu iluziju, a družba naših ministara, diplomata, ideologa i kame- Ieonskih kreatura bijedne karijerističke raje inostranstvuje za račun dispozicionog fonda i judejski kikoće u obraz svima, koji su nestali u Vihoru." <?page no="433"?> "RevolutionäreTat" oder "ordinärer Mord"? 433 (p. 21)Z4. Während die "Plagiatoren des Vihorj', so Krleža weiter, schon längst "österreichische Polizisten aus Büros und Autos herausgeworfen haben und nun in diesen Autos herumfahren und dabei m it Exportgenehmigungen und Zylinderhüten winken" (ibid.), werden Čerina und andere Vorkriegsidealisten des integralen Jugoslawentums falls sie überhaupt Krieg und Exil überlebt haben an den gesellschaftlichen Rand gedrängt. Und trotzdem lasse sich so Krleža - "für Vladimir Čerina nicht behaupten, dass er eine bestimmte, kroatische Konzeption einer nationalen Revolution verkörpere", der Fall Čerina sei höchstens "symptomatisch für eine fast unbedeutende Jugendgruppierung gewesen, welche in ihren Ahnungen zwar die fatale Entwicklung der Ereignisse vorausgesehen, [...] keineswegs aber den Willen breiter Schichten dargestellt habe"2425 (p. 21). Im Gegensatz zu der von aktuellen Geschichtsfälschern vertretenen These von einer sich kontinuierlich verbreitenden projugoslawischen Begeisterung verweist Krleža darauf, dass nach dem Attentat von Sarajevo junge Menschen, vor allem Lehrlinge, auf den Zagreber Straßen "Gebt uns unseren Thronfolger zurück! "2627geschrien haben - und dafür von der k.u.k.-Polizei brutal zusammengeschlagen wurden; die Methoden, mit denen die Behörden "sich selbst und uns den Thronfolger zurückgeben" wollten, nämlich "m it dem Standgericht und den Galgen" (p. 21f.), führten sehr bald dazu, dass die Bevölkerung schon in den ersten Kriegstagen von einer panischen Angst erfasst wurde. Keine Initiativen wurden wiederum entgegen den Behauptungen neujugoslawischer Elistoriker nach der Kriegserklärung ergriffen, diese Tage waren "von einer vollständigen Passivität geprägt, die allerdings aus völlig anderen Gründen als Vihorj127 oder patriotische Poesie entstanden ist. Schlechtes Gewissen habe man damals schon wegen des Besitzes serbischer Bücher gehabt, da die Menschen, die sie auf der Straße offen trugen, für eine kurze Zeit, wie auch Krleža selbst, verhaftet wurden: Schon diese polizeilichen Maßnahmen haben derartigen 'Hochverrätern' eine solche Angst eingejagt, dass sie sich gleich von ihren Kosovo- und St.-Veittag-Träumen verabschiedet haben. 24 "[...] prepisali su nekoliko stranica iz 'Vihora' i po tom e skalu pili svoje vidovdanske fraze it. zv. 'jugoslavensku' ideologiju, izbacili austrijske policajce iz ureda i automobila, vozikaju se tim istim automobilima te mašu izvoznicama i cilindrima." 25 "Za Vladimira Čerinu ne može se tvrditi da predstavlja neku određenu, hrvatsku, narodnu revolucionarnu koncepciju, jer slučaj Vladimira Čerine simptomatičan je za jednu gotovo neznatnu grupu omladinsku, koja je svojim slutnjama predviđala fatalan razvoj događaja, ali za koju se ne bi moglo reći, da je u tom pogledu predstavljala masovnu volju." 26 "Vratite nam našeg Prijestolonasljednika." 27 "[...] da vrati Sebi i nama našeg Prijestolonasljednika prijekim sudom i vješalima. [...] potpuna pasivnost bila je oznaka prvih dana kada je objavljen rat iz razloga, naravna stvar, posve drugih nego što su bili 'Vihor' ili stihovi Mirka Karolije Skadarskoga." <?page no="434"?> 434 M arijan Bobinac Das allgemeine Angstgefühl zu Kriegsbeginn wie Krleža im Kapitel U sjeni genijalnog biskupa (Im Schatten des genialen Bischofs, 1924), einem weiteren Segment der Essaysammlung Die zehn blutigen Jahre, zeigt wurde bei der Zagreber Bevölkerung noch zusätzlich durch das Einrücken eines ungarischen Infanterieregiments vertieft, dessen provisorisches Lager auf dem Platz vor dem Universitätsgebäude aufgeschlagen wurde. Dass das ungewöhnliche Bild des Lagerfeuers und der Schnaps trinkenden und grölenden ungarischen Rekruten an einem symbolträchtigen Ort der kroatischen Hauptstadt bei patriotisch sensibilisierten Betrachtern ein tiefes Unbehagen auslösen musste, liegt auf der Hand. In dem als ein Dramolett konzipierten Essay lässt Krleža einen solchen Betrachter, einen 'lyrischen Jüngling', mit "dessen zehn Jahre älterem Schatten [...] in einem stillen inneren Dialog"28 (p. 38) über die historisch belasteten ungarisch-kroatischen Beziehungen vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Kriegskatastrophe sprechen. Dass die ungarischen Truppen ihr Lager gerade vor den bedeutendsten kroatischen Kulturinstitutionen wie Nationaltheater, Universität und Museen errichtet haben, stellt für den "Jüngling", offensichtlich einen romantisch gesinnten jugoslawischen Nationalisten, einen barbarischen Akt dar, der seiner Meinung nach logisch m it der halbkolonialen Stellung Kroatiens innerhalb der Monarchie Zusammenhänge. Als ein unkonventioneller, kritischer Intellektueller, vergleichbar m it dem Ich-Erzähler und dem Gesprächspartner Čerinas in den beiden anderen, hier verhandelten Essays, vertritt "der Schatten", das vom "Jüngling" imaginierte dialogische Gegenüber, eine völlig andere Meinung: In den eingerückten ungarischen Bauern sieht er nichts anderes als Kanonenfutter, als Menschen, "die unschuldig zu Tode verurteilt sind". Denn, so "der Schatten", "diese Menschen sind keine Angreifer! Angreifer, jene echten Angreifer, sind unsichtbar, und sie saufen sicherlich keinen Schnaps hier vor der Universität. [...] Und ich sehe überhaupt nicht, wen Sie in diesem Augenblick vor diesen Ungarn verteidigen wollen? "2930(39). Als der Jüngling daraufhin, "voll einer gesegneten kindlichen Naivität! ', "unser Land, unser Volk, unsere Zivilisation" ausruft, erscheint im Bühnenhintergrund wie man aus den szenischen Anweisungen zu diesem essayistischen Dramolett erfährt eine idyllische Landschaft als Allegorie Kroatiens, in deren Mitte die Figur des Bischofs Josip Juraj Strossmayer "in der Rolle eines seligen Landespatrons glänzt"10 28 "Do nogu mladića plete se njegova Sjenka, starija deset godina od tog lirskog mladića. Stom Sjenomje mladić u tihom unutarnjem dijalogu." 29 "[...] ovi ljudi nisu nikakvi napadaći, ti su nevidljivi, i sigurno ne loču ovdje rakiju pred sveučilištem! [...] ja ne vidim, što biste vi htjeli da obranite od ovih Madžara, u ovome trenutku? " 30 "Mladić, pun blažene djetinje naivnosti: Našu zemlju, naš narod, našu civilizaciju! [...] pojava genijalnoga biskupa Josipa Jurja, kako blista u ulozi blaženog zaštitnika zemlje Hrvatske." <?page no="435"?> "Revolutionäre Tat" oder "ordinärer Mord"? 435 (p. 39) und in den Händen Kathedralen, Bibliotheken, Gemäldegalerien, Akademien und Archive hält. Das Standbild des bedeutendsten Mäzens der kroatischen Kultur im 19. Jahrhundert und der ganze allegorische Apparat werden allerdings, wie es ebenso in den Bühnenanweisungen heißt, nur vom "Jüngling" gesehen, nicht jedoch von seinem "Schatten", der auch den ebenso nur vom "Jüngling" imaginierten - Angriff der ungarischen Artillerie auf diese kroatischen "Heiligtümer" und deren darauffolgende Zerstörung nicht wahrnehmen kann. Kein Wunder, denn wie Krleža immer wieder herauszustreichen suchte und hier vom "Schatten" zur Sprache kommen lässt-dieses kroatische nationale Narrativ, das eine jahrhundertelange, von fremden Eindringlingen bedrohte kulturelle Kontinuität beschwört, sei nichts anderes als eine Erfindung: Das ist eine Reihevon kleinbürgerlichen Dekorationen, mit denen sich edelmütige Seelen täuschen und sich aus Angst vor der Realität an Lügen berauschen. Unsere [...] Realität ist leider nicht Toskana, sondern Tuberkulose, Trinksucht, Armut, und das Volk, unser Volk, lebt im Elend und schlägt sich wie Schädlinge und Wilderer durch Gefängnisse durch.31(p. 40) Man würde allerdings einem Missverständnis entgegensteuern, wollte man die Ansichten des Autors Krleža nur in den Äußerungen der überlegenen Figur des "Schattens" vermuten. Die auktoriale Perspektive - und darin lässt sich die für Krlezas Werke charakteristische antithetische Struktu r erkennen ist in vielerlei Hinsicht auch in den Worten des "Jünglings" enthalten. Wie Krleža nämlich selbst in seinen zahlreichen Polemiken der kroatischen und südslawischen Kulturtradition häufig ablehnend gegenübersteht und vernichtende Urteile insbesondere über die romantische Wiedergeburtsbewegung ausspricht, so zeigt er sich immer bereit, sich den Verneinern des einheimischen Kulturerbes, die gleichzeitig fremde Kulturen unkritisch verherrlichen, entschieden zu widersetzen. Dieser innere Widerspruch reflektiert sich selbstverständlich auch in seinen Essays, so dass der Ich-Erzähler des Essays Über unsere Intelligenz dem Herrn Doktor gegenüber die authentischen Werte der kroatischen und südslawischen Kultur zu verteidigen sucht; ähnlich, obwohl in einem völlig anderen Kontext, reagiert auch der "Jüngling" im Essay Im Schatten des großen Bischofs auf die vernichtende Diagnose des "Schattens": Wir haben unsere Zivilisation und unsere Tradition, und gerade der Umstand, dass unser Gedächtnis an unsere eigene Vergangenheit so blutarm erscheint, ist eine Folge unseres kolonialen Zustands. Wenn wir auch Pferdediebe sind, 31 "To je niz malograđanskih dekoracija, kojima se blagorodne duše zavaravaju, opijajući se lažima od straha pred stvarnošću. Naša [...] stvarnost nije, na žalost, Toscana, nego sušica, pijanstvo, neimaština, a narod, naš narod, to je bijeda koja se probija kroz apsane kao štetočina i zvjerokradica." <?page no="436"?> 436 M arijan Bobinac so sind w ir daran nicht schuld, denn w ir sind keine Unterdrücker, wir sind Sklaven. Das ist auch unser Schicksal, dass wir seit fünfhundert Jahren mit dem Schwert in der Hand leben, für fremde Interessen kämpfen und für fremde Interessen unser Blut vergießen.32(p. 40) DieThese des "Jünglings" wird daraufhin m it zahlreichen Beispielen bekräftigt, welche vom "Schatten" zugleich auch von seinem Autor Krleža als "Phrasen", als "suggerierte Halluzination" (p. 41) zurückgewiesen werden; und trotzdem wird Krleža diesen Argumentationsstrang, selbstverständlich vom 'romantischen Illusionismus' befreit, in den darauffolgenden Jahrzehnten, und insbesondere im Tito-Jugoslawien, bei seinen großangelegten Versuchen verwenden, ein transnational begründetes, südslawisches Kulturkonzept zu entwerfen. Obwohl Krležas Nationsverständnis dabei in erster Linie seiner spezifischen, marxistisch inspirierten Grundanschauung verpflichtet ist, lässt sich seine Kritik am essentialistischen Nationsbegriff sehr wohl auch als eine Art Vorwegnahme wichtiger Denkansätze der modernen Nationalismusforschung, etwa seiner Überzeugung von der Konstruktiertheit der modernen Nation begreifen. Folgerichtig erscheint es daher, dass sich Krleža bei seiner radikal kritischen Einstellung zum Habsburgerreich nicht dazu verleiten lässt, die Schuld an der prekären Lage Kroatiens ausschließlich an die beiden dominanten Nationen der Doppelmonarchie zu delegieren wie sich auch am Beispiel der vorübergehenden Stationierung ungarischer Truppen am Zagreber Universitätsplatz in den ersten Kriegstagen zeigt, die vom "Schatten" völlig anders als vom feinfühligen jungen Nationalisten eingeschätzt wird: Sie zitieren Strossmayerals Bischof und als Großgrundbesitzer, der die Wälder von Đakovo abholzen ließ, und all das hat keinen Sinn und logischen Zusammenhang mit diesem Geschehen im Universitätshof heute Abend, zumal diese Ungarn sich auf der Reise in den Tod befinden [...]. All dies wird Sie nicht vor dem Dynamit und vor Maschinengewehren retten! WederSie noch diese unschuldigen, zum Tode verurteilten Ungarn! [...] Diesen Menschen sollte man sagen, dass sie unschuldig sind, dass sie zum Tode verurteilt sind, dass sie für fremde Dividenden sterben werden! 33(p. 42) 32 "M i imamo našu civilizaciju i našu tradiciju, to upravo i jeste posljedica našeg kolonijalnog stanja, što nam je pamćenje o našoj vlastitoj prošlosti slabokrvno. Ako smo konjokradice, nismo zato krivi, je r nismo mi porobljivači nego robovi. To i jest naša sudbina, da živimo već pet stotina godina s mačem u ruci za tuđe interese ratujući i za strane džepove krv prolijevajući." 33 "Vi citirateštrosmajera kao biskupa i kao veleposjednika bogataša, koji je posjekao đakovačke šume, a sve to nema mnogo smisla ni logičke veze s ovim zbivanjem večeras u sveučilišnom dvorištu, kad ovi Madžari putuju u smrt, gdje će ih, nota bene, sve poklati! Sve to vas ne će obraniti niti od dinamita niti od strojopušaka! Ni vas, ni ove nevine, na smrt osuđene Madžare! Ovim bi ljudima trebalo objasniti da su nevini, da će umrijeti za tuđe dividende! " <?page no="437"?> "Revolutionäre Tat" oder "ordinärer Mord"? 437 M it diesen Worten, wie den abschließenden Bühnenanmerkungen zu entnehmen ist, verschwindet der "Schatten" von der imaginierten Bühne und lässt den "Jüngling" in seiner Verwirrung allein zurück, während ungarische Soldaten - und somit beendet Krleža sein essayistisches Dramolett ihre Trinklieder weiter grölen und "ein Transport nach dem anderen in den Tod reist..."14 (p. 42). Die Schlussszene bietet nicht nur ein einprägsames Tableau, sondern lässt unschwer auch Parallelen zur Thematik und Figurenkonstellation der beiden anderen Beiträge aus der Essaysammlung Die zehn blutigen Jahre erkennen. Neben dem gemeinsamen historischen Hintergrund des Sarajevoer Attentats und der sich abzeichnenden Kriegskatastrophe sind für alle drei Texte zugleich zwei entgegengesetzte, bei Krleža auch sonst häufig vorkommende Intellektuellen-Positionen konstitutiv: Einem ästhetisch sensiblen sowie politisch und moralisch standhaften, dazu noch skeptischen, ja desillusionierten Intellektuellen werden Kontrahenten gegenübergestellt, deren Denk- und Verhaltensmuster zwar voneinander stark abweichen und dabei von politischem Opportunismus und moralischer Korruptheit bis zum unreflektierten Utopismus und der damit zusammenhängenden politischen Naivität reichen. Das Gemeinsame dieser auf den ersten Blick völlig unterschiedlichen Intellektuellen-Positionen kommt allerdings in ihren Irrtümern und Vorurteilen, in ihrer ideologischen Verblendung oder aber in ihrer moralischen Bedürftigkeit zum Vorschein ein Umstand, der nicht nur auf die Misere der zeitgenössischen Intelligenz hinweist, sondern darüber hinaus auch ein hartes Urteil über den Zustand der gesamten Gesellschaft abgibt: Zu irrationalem Denken und Handeln, zu moralischer Korruptheit und zu politisch-ideologischem Durcheinander neigen nicht nur bestimmte Intellektuellen-Typen; in vielerlei Hinsicht wird dadurch auch das Verhalten der ansonsten was Krleža nie herauszustreichen vergisst politisch und ökonomisch entrechteten Mehrheit der Zeitgenossen gekennzeichnet, wenngleich sie von gesellschaftlichen Eliten, die sich ihrerseits wiederum maßgeblich durch karrieristische Intellektuellen beeinflussen lassen, als Kanonenfutter angesehen wird. Die vernichtende Zeitdiagnose, der man in der Metapher eines sinnlosen, von furchtbaren Katastrophen begleiteten und sich immer von Neuem wiederholenden menschlichen Treibens in Krležas Schaffen oft begegnen kann, weist über den aktuellen Anlass hinaus und lässt auf die eigentümliche geschichtsphilosophische Konzeption des kroatischen Autors schließen, welche worüber auch in der Forschung Einigkeit herrscht wesentlich durch Schopenhauers und Nietzsches Denken beeinflusst ist. Im Grunde handelt es sich um ein zyklisches geschichtsphilosophisches34 34 "Transport putuje za transportom u smrt...' <?page no="438"?> 438 M arijan Bobinac Modell, in dem sich der Laufder Historie-w esentlich "von Diskontinuität, Machtmißbrauch und Dummheit gekennzeichnet"35 in der Form einer 'Wiederkehr des Immergleichen' konstituiert. Obwohl Krleža auch Modelle einer andersartigen, humanen Gesellschaftsorganisation für wünschenswert und möglich hält, wird die bisherige Geschichte von ihm vor allem in skeptischer Sicht beurteilt: Sie begründet sich daher nicht auf einem linearen Kontinuum, das einen Sinn und Endziel hat; sie wird vielmehr von der Erfahrung der Kontingenz, als eine Art "Zirkelbewegung" begriffen, ein Geschichtsverständnis, bei dem der Eindruck von einer Unveränderlichkeit menschlicher Verhaltensweisen über historische Epochen hinweg entsteht und dadurch auch Vorstellung von einer Eigendynamik des geschichtlichen Prozesses suggerieren kann. "Dass dies passieren wird", schreibt Krleža in seinem Tagebuch 1942 über das Sarajevo-Attentat retrospektiv, "wussten wir alle, und wir haben es auch erwartet, mathematisch sicher, ungefähr so, wie auch im Jahre 1934 am 9. Oktober in Marseille".36 Der fanatische Aktivismus der jugoslawischintegralistischen Jugendbewegung im Vorkriegs-Kroatien, den er 1914 in den folgenreichen Aktionen ihrer bosnischen Pendants selbstverständlich in einem völlig anderen Format wiederzuerkennen glaubt, scheint sich ihm zwei Jahrzehnte später bei der Ermordung des Königs Alexander im Kontext der ungelösten kroatischen Frage und dem daraus hervorgegangen extremen kroatischen Nationalismus zu wiederholen. Obwohl Krležas Verweis auf die Wiederholbarkeit und Voraussagbarkeit markanter historischer Ereignisse auf den ersten Blick eine fatalistische Weitsicht nahelegen könnte, lässt sich sein skeptisches Geschichtsverständnis keineswegs m it der Vorstellung verbinden, dass das Geschehen in Natur und Gesellschaft von einem unabänderlichen Schicksal bestimmt wäre. Im Gegenteil, die zitierte Stelle steht in Zusammenhang m it zahlreichen ähnlichen Behauptungen des Autors, wonach die Geschichte als ein sich ständig wiederholendes, häufig gewaltsames und irrationales Geschehen erscheint; doch weder in den Essays aus den 1920er Jahren noch davor oder danach hat er sich m it einer dogmatischen Ideologie identifiziert, dem wohl bedeutendsten Kennzeichen einer deterministischen Weitsicht. Und wenngleich Krleža gelegentlich "eine utopische Tür nach der Zukunft hin"37 55 Žmegač, Viktor: Krležas Geschichtsverständnis im europäischen philosophischen Kontext. In: Bobinac, Marijan (Hg.): Porträts und Konstellationen 1. Deutschsprachig-kroatische Literaturbeziehungen. In: Zagreber germanistische Beiträge (Beiheft 6/ 2001), pp. 3-18, zit p. 13. 56 "Da će se to desiti znali smo svi i svi smo to očekivali, matematski sigurno, otprilike isto tako kao i godine 1934 9. oktobra u Marseilles" (Krleža, Miroslav: Fragmenti iz dnevnika 1942. Zagreb: Rad JAZU 1954, p. 169) w Žmegač 2001, p. 13f. <?page no="439"?> Revolutionäre Tat" oder "ordinärer Mord"? 439 offen lässt, nehmen seine Zukunftsprojektionen selten eine präzise Gestalt an; in der Regel bleibt aber sein Blick auf die bisherige Geschichte gerichtet, die, wie erwähnt, von einer chaotischen Rivalität verschiedener ideologischer Programme und politischer Praxen geprägt ist. Auf diesem Geschichtsverständnis begründen sich naturgemäß auch Krležas essayistische Textualisierungen des Sarajevoer Attentats und der ersten Kriegstage, welche sich wie hier zu zeigen versucht wurde auf repräsentative Intellektuellen-Positionen im zeitgenössischen Kroatien fokussieren und darüber hinaus auch beängstigende Verhältnisse nach der Ermordung Franz Ferdinands und dem darauffolgenden Kriegsausbruch anschaulich verm itteln; in verwirrendem Spannungsfeld verschiedenartiger Denk- und Verhaltensmuster gleichgültig, ob es sich dabei um jene politisch beliebigen, austauschbaren wie beim Flerrn Doktor oder um jene idealistisch bestimmten wie bei Vladimir Čerina und beim romantisch-nationalistischen "Jüngling" (man könnte vielleicht auch die Sarajevo-Attentäter dazu rechnen) handelt drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass sich Kostüme und Konstellationen zwar ändern, nicht aber das Wesen des bisherigen historischen Geschehens eines Tappens im Kreise, bei dem sich die menschliche Dummheit m it einer exzessiven Macht- und Gewaltausübung paart. <?page no="441"?> D an a P feiferova (P lzen ) Vom T ra u e rh a u s zum M ythos C im rm a n DerTod des Thronfolgers im böhmisch-tschechischen Kulturkontext The death of Franz Ferdinand, presumptive heir to the throne, as an incentive of literary texts is the topic of this contribution. It will be investigated how three humoristic examples from Bohemia treat the end of the Flabsburg monarchy allegorically. These case studies are: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk written by Jaroslav FHašek, Das Trauerhaus written by FranzWerfeI and the Jara-Cimrman-Theater written by Ladislav Smoljak and Zdenek Sveräk. Among comical effects they employ humour as a narrative strategy for the banishment of impending death. Welche schwerwiegenden Folgen auch immer das Attentat in Sarajevo für die Weltgeschichte hatte in der Literatur aus Böhmen ist es vor allem mit deren besten humoristischen Werken verbunden. Der Tod des Thronfolgersais Folie odergar Auslöser jener literarischen Texte wird nun in diesem Aufsatz anhand dreier Beispiele behandelt, die alle als Parabeln auf den Untergang der k. u. k.-Monarchie zu deuten sind. Am deutlichsten trifft dies für Das Trauerhaus Franz Werfels zu. Das Bild eines Freudenhauses, in dem Repräsentantinnen aller Völker und sozialer Schichten der k.u.k. Monarchie verkehren, lässt sich leicht als Chiffre für das Haus Habsburg entziffern. Werfels satirische Darstellung erinnert aber auch an zwei Leitfiguren der tschechischen Literatur, die den Topos des Nationalcharakters spielerisch aufgreifen: an den Braven Soldaten Švejk von Jaroslav Hašek und das Universalgenie Jara Cimrman. I . Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk im Weltkrieg (1921-1923) Hašeks vierbändiger, unvollendeter Roman hat in der Literatur der Ersten Tschechoslowakischen Republik für Aufsehen gesorgt und ist bald zum vielzitierten Klassiker geworden. Der Roman wurde bereits 1926 von Grete Reiner ins Deutsche übersetzt. Max Brod und Hans Reimann haben 1927 eine Bühnenfassung geschaffen und in Zusammenarbeit m it Max Brod hat Erwin Piscator den Stoff als Abenteuer des Soldaten Schwejk in <?page no="442"?> 442 Dana Pfeiferovä Berlin dramaturgisch umgesetzt. Franz Werfel, der zwar seit 1913 nicht mehr in Prag gelebt hatte, jedoch einen regen Kontakt m it seinen Schriftstellerfreunden pflegte und auch unter den tschechischen Intellektuellen hoch geschätzt wurde er war ja Träger des Tschechoslowakischen Staatspreises von 1927 muss Schwejk gekannt haben. Ich will in meiner Studie keine intertextuellen Beweise liefern, inwiefern Hašeks Roman Werfels allegorische Darstellung des Untergangs der Monarchie geprägt hat, sondern nur betonen, dass der brave Soldat Schwejk in der Entstehungszeit der Novelle Werfels im böhmisch-tschechischen kulturellen Kontext notorisch bekannt war. Die Handlung des weltberühmten Schelmenromans Hašeks wird mit dem Tod des Thronfolgers eröffnet, wenn die Bedienerin Frau Müller Josef Schwejk informiert: "Also sie ham uns den Ferdinand erschlagen."1 Woraufhin Schwejk nachfragt, um welchen der Ferdinande es sich handle, er kenne deren zwei: den Diener beim Drogisten Pruscha, der "dort aus Versehen eine Flasche m it irgendeiner Haartinktur ausgetrunken" habe, und dann Ferdinand Kokoscha, der "den Hundedreck sammelt. Um beide is kein Schad."2Somit wird das Weltereignis in die 'kleinen Verhältnisse' der Prager Neustadt übertragen und in seiner verhängnisvollen Tragweite zerredet. Schwejks Lokalgeschichten werden von nun an, da er letztendlich in den Weltkrieg wird einrücken müssen, der großen Geschichte als Überlebensstrategie entgegengehalten. Schwejk gibt sich als loyaler Bürger, dessen absoluter Gehorsam die Absurdität der Kriegsbürokratie bloßstellt. "Er ist die leibhaftige gute Miene zum bösen Spiel, ein Geist, der stets bejaht: auch ein wahrhaft mephistophelischer Trick, zu zeigen, daß, was besteht, wert ist des Zugrundegehens."3 Die Persiflage der österreichisch-ungarischen Monarchie wird darüber hinaus durch Situationskomik erreicht, etwa als der vom Rheuma geplagte Schwejk mit einer Militärkappe und mit einem bunten Rekrutensträußchen auf seinem Rockvon Frau Müller im 'Wagerl' geschoben wird, mit seinen Krücken winkt und unter Applaus der Zuschauer "Auf nach Belgrad, auf nach Belgrad! "4 ruft. Als ein weiteres Beispiel der Situationskomik sowie der Redegewandtheit der Hauptfigur kann die Textstelle, als Schwejk beim Verhör auf der Polizeistation das Recht des Soldaten verteidigt, auch in den Handschellen für den Kaiser und das Vaterland schwärmen zu dürfen, erwähnt werden.5 1 Hašek, Jaroslav: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk. Übers, von Grete Reiner. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1956, p. 9. 2 Ibid., p. 10. 3 Polgar, Alfred: Zu diesem Buch (Vorwort). In: Hašek 1956, pp. 1-3, hier p. 2f. 4 Hašek 1956, p. 50. 5 Ibid., p. 38f. <?page no="443"?> DerTod des Thronfolgers im böhmisch-tschechischen Kuiturkontext 443 So witzig oder absurd Schwejks ununterbrochener Redefluss auch sein mag; er ist ein Beweis dafür, dass der brave Soldat noch am Leben ist. Unter dem M otto: "Solange ich rede, lebe ich." Sein Erzählen wird zur Strategie der Bekämpfung des Todes. Insofern könnte man, m it Michel Foucault gelesen, Schwejk als Scheherezade der tschechischen Literatur bezeichnen.6 Auf das Reden als Mittel, den Tod aufzuhalten, oder, zugespitzt gesagt, auf das Erzählprinzip Schwejk, komme ich in Zusammenhang m it dem Jara- Cimrman-Theater wieder zurück. 2. Franz Werfel: Das Trauerhaus (1927) Auch Werfels Novelle fängt m it dem Tod in Sarajevo an, wobei dies den Leserinnen nicht gleich klar ist. Der erste Satz erzeugt Spannung und deutet zugleich die originelle Komposition des Textes an: "Es wäre eine Nacht geworden wie jede andre, wenn nicht zwei einschneidende Ereignisse ihren Gang gestört hätten."7 Erst später wird sich heraussteilen, um welche 'einschneidende Ereignisse' es gehen wird: Um das Attentat in Serajewo [sic! ] und um den Tod des Hausbesitzers, Max Stein, genannt Maxi. Ähnlich wie Hašek in Schwejk fasst Franz Werfel den Tod des Thronfolgers als Ende einer Epoche auf. Bereits im Rahmen der Novelle erfahren wir, dass die Welt nach dem Weltkrieg nicht mehr dieselbe ist, dass das Etablissement in der Gamsgasse 5 als eines der letzten Überbleibsel der Welt von gestern bereits aufgehoben wurde. Die Binnengeschichte wird als "Satyrspiel" und zugleich als Beispiel "für sentimentale Ereignisse"8von 'damals' 6 "ln andererWeise hatte auch die arabische Erzählungich denke an Tausendundeine Nacht -d a s Nichtsterben zur Motivation, zum Thema und zum Vorwand: man sprach, man erzählte bis zum Morgengrauen, um dem Tod auszuweichen, um die Frist hinauszuschieben, die dem Erzähler den Mund schließen sollte. Die Erzählungen Scheherazades sind die verbissene Kehrseite des Mords, sie sind die nächtelange Bemühung, den Tod aus dem Bezirk des Lebens fernzuhalten." (Foucault, Michel: Was ist ein Autor? In: Jannidis, Fotis et al. (Hg.): TextezurTheorieder Autorschaft. Stuttgart: Ph. Reclamjun. 2000, pp. 198-229, hier p. 203f.) 7 Werfel, Franz: Das Trauerhaus. In: Ders.: Die Entfremdung. Erzählungen. Frankfurt am Main: FischerTaschenbuch 1990, p. 142. 8 Werfel 1990, p. 211. In seinem Kommentarzuramerikanischen Ausgabe seiner Eizählungen im Jahre 1937, also zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung der Novelle, geht der Autor auf allegorische Deutung seines Textes ein: "Noch in der letzten Stunde, auf dem spiegelnden Parkett dieses einzigartigen Salons schrieen, sangen, tranken, stritten, tanzten, kosten die bunten, dienstbaren Rassen des Reiches mit ihren Herren in zwangloser Symbolik. Dem großen Schicksal konnte es da in selbigerStunde nicht schwerfallen, sich auch durch diese enge Pforte zu zwängen und mit ebenso zwangloser Symbolik das Freudenhaus in ein Trauerhaus zu verwandeln" (Ibid., S. 213). Als Abgesang auf das Haus Habsburg versteht den Text auch Magris, Claudio: Der habsburgische Mythos in der modernen österreichischen Literatur. Wien: Zsolnay 2000, p. 270. <?page no="444"?> 444 Dana Pfeiferovä erzählt, wobei der Text auf den Aufbau der Pointe ausgerichtet ist: Auf die allegorische Darstellung des Freudenhauses als Vielvölkerstaat der Monarchie, das sich nach dem Ableben des Hausbesitzers Maxi, der unmittelbar auf den Tod des Erben des Hauses Habsburg folgt, in ein Trauerhaus verwandelt. Die Effekte des Komischen werden wie bei Hašek durch Aufhebung der Unterschiede zwischen 'groß' und 'nieder' erreicht, etwa durch die Gegenüberstellung von Franz Ferdinand d'Este und Maxi Stein9, der einer alten, jedoch nicht adeligen Familie entstammt: "Was aber die Decadence anbetrifft, darin gab er den Spätlingen fürstlichster Rassen in nichts nach."10 Zur Aufhebung des Gehobenen und damit zur Komik trägt auch die soziale wie nationale Konzipierung des Etablissements in der Gamsgasse 511als Abbild der k. u. k. -Monarchie bei.12 Einzelne semantische Signale, die auf die Persiflage des Hauses Habsburg hinzielen, sollen nun als Beispiel der nicht gerade subtilen Arbeit Werfels mit der Komik erwähnt werden: Es fällt zwar nirgends der Name Franz Ferdinand, dafür wird über die Kaiser Franz Josef, dessen Bild in der Küche des Freudenhauses hängt,13 und über den Kaiser Josef, dessen Doppelidentität dem Leutnant Kohout als Eintrittskarte in die Armee dient, hergezogen. Leutnant Kohout berichtet in einem Monolog, der durchaus Schwejk hätte entstammen können, wie er bei der Fähnrichsprüfung zwar weder von Cäsar noch von Karl dem Großen eine Ahnung hatte, jedoch wusste, dass es zwei Kaiser Namens Josef gab, was als ausreichend für eine militärische Laufbahn befunden wurde.14 Zu der eigentlichen Spottfigur wird jedoch der Kaiser Ferdinand der Gütige. So erzählt der Klavierspieler Nejedli, der im Freudenhaus für 9 Michael Wagner setzt für mich nicht aufschlussreich genug - Maxi mit dem Kaiser Franz Joseph I. gleich: "Tatsächlich hat Werfel die Figur des Herrn Maxi, wie er von allen genannt wird, in Anlehnung an das Wesen des Kaisers als einsamen und undurchschaubaren Menschen angelegt. FranzJoseph verkörperte das unpersönliche Ideal eines Staatsmannes, Max Stein hingegen das eines Bordellbesitzers. Sein Humor steht ganz offensichtlich Widerspruch zu seiner inneren Stimmung, die er jedoch für die Außenwelt, für die Gäste seines Lokals, überwindet." (Wagner, Michael: Literaturund nationale Identität. Österreichbewußtsein bei Franz Werfel. Wien: Praesens 2009, p. 254) 10 Werfel 1990, p. 157. 11 Laut Jungk diente als reales Vorbild für die Darstellung Werfels der Salon Goldschmidt, genannt "Gogo", in der Gamsgasse Nr. 6; vgl. Jungk, Peter Stephan (Hg.): Das Franz Werfel Buch. Frankfurt am Main: S. Fischer 1986, p. 49. 12 Zur Analyse der sozialen sowie nationalen Zusammensetzung "in Personal und Kundschaft des Etablissements" vgl. Schneider, Vera: Wachposten und Grenzgänger. Deutschsprachige Autoren in Prag und die öffentliche Herstellung nationaler Identität. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009, p. 207. 13 Zu diesem MotivvgL Roth, Joseph: Radetzkymarsch. Köln: Kienpenheuer & Witsch 1998, p. 92f. sowie Hašek 1956, p. 11,15. 14 Vgl. Werfel 1990, p. 144f. <?page no="445"?> DerTod des Thronfolgers im böhmisch-tschechischen Kulturkontext 445 Musikuntermalung sorgt15, von seiner ruhmreichen Vergangenheit als "k. k. Titularwunderkind" am Kaiserhof auf dem Hradschin. Der Kaiser hätte sich durch eine Eigenschaft ausgezeichnet: Er habe jeden, also auch einst das Wunderkind Nejedli nach seinem erfolgreichen Konzert, geohrfeigt: Ich will nichts gegen seine Majestät gesagt haben. Der Kaiser hat ja nichts dafür können. Ich hab genau gespürt, wie er sich gegen die Watschen gewehrt hat, die ihm in der Hand saß. Das Watschen war halt eine Eigenartigkeit von ihm. Sein Adjutant, der Herr Feldzeugmeister Graf Kinsky, hat ihm bei der Ausfahrt immerdie Händ' festgehalten, denn man konnteja nicht wissen. Sie fahren über die Steinerne Brücke. Dort steht der goldene Herrgott, den ein Jud hat bezahlen müssen, weil er vor dem Allerheiligsten nicht den Hut gezogen hat. - Ich will damit ergebenst nichts gegen die Herren Israeliten Vorbringen. - 'Laß mich aus Exzellenz', sagt seine Majestät zum Adjutanten. Der aber hält nur noch fester des Kaisers Hände zusamm'. Seine Majestät bittet immer schöner: 'Laß mich aus, Exzellenz, ich muß mich ja bekreuzigen! ' Da kann der General vorschriftsmäßig laut Exerzierreglement nicht anders und muß die allerhöchsten Händ' loslassen. Und schon hat er eine sitzen! 16 Nejedlis Zuhörer, der Grabsteinagent More, hört den Erzählungen des tschechischen Klavierspielers mit Unbehagen zu. Er ist ein treuer Anhänger der Monarchie und bei den Tschechen wisse man nie, ob sich nicht unter "der Maske harmloser Anekdoten [...] subversive Gesinnung und tschechoslowakischer Hochverrat gegen das Kaiserhaus" verberge.17 Das Misstrauen seines loyalen Zuhörers ahnend schließt Nejedli seine Ausführungen m it einem Wiener Couplet, in dem es um einen Affen in Schönbrunn geht, ab, und bemerkt: "Ein freches Volk das, die Wiener! Überhaupt Kaisertreue, die findet man ergebenst nur bei uns."18 Obwohl Franz Werfel mit dem zeitlichen Abstand von zehn Jahren seinen Text als Satyrspiel bezeichnet hat, wohnt der Novelle ein durchaus ernsthafter Ton inne. Denn die ganze frivole Atmosphäre, die im Kampfder Mädchen, der durch Neid und Eifersucht ausgelöst wurde, gipfelt, schlägt in dem Moment um, als das Haus ein Bote mit den Insignien des Krieges, "m it Helm, Patrontasche, Pallasch und großen Sporenrädern"19, betritt 15 Dei tschechische Kulturhistoriker Hugo Rokyta hat in seinem Vortrag am 17.4.1993 an der Universität Budweis die These aufgestellt, das reale Vorbild für die Figur des alkoholsüchtigen Klavieispielers im Pragervorgenehmen Puff wäre derspätere kommunistische Bildungsminister Zdenek Nejedly gewesen. So effektvoll diese Auswirkung des SatyispieIsWerfeIs in Bezug auf die Wirklichkeit nach 1948 sein mag diese Behauptung konnte nicht verifiziert werden. 16 Ibid., p. 154. 17 Ibid. 18 Ibid. 19 Ibid., p. 169. <?page no="446"?> 446 Dana Pfeiferovä und die Nachricht vom Mord des Thronfolgers in Sarajevo verbreitet. Nun mutet die Szene im Großen Salon, wo sich noch vor Kurzem die Pensionärinnen zum Amüsement der herumstehenden Männer in den Haaren gelegen sind, als ein Vanitas-Bild an, als Vorwegnahme der düsteren Zeiten, die bald kommen sollten: "Der Große Salon war voller Umsturz. Zerbrochene Gläser bedeckten den Boden, umgefallene Stühle versperrten den Weg, überall dunstete vergossener Wein, Kaffee, Schnaps. Schmutziges Gewölk stand in der Luft. Maxi blinzelte in die Verwüstung."20 Die allegorische Lesart dieser Textstelle ist umso deutlicher, als der Große Salon gleich am Textanfang explizit als k. k. -Raum schlechthin dargestellt wurde: Wir haben es ja hier mit einem Etablissement zu tun, das die Bezeichnung ruhig ablehnen kann, die ihm ein ungegliederter und armseliger Sprachschatz verleiht. Zumindest aber müßte man dieser Bezeichnung ein k. k., ein kaiserlich königlich voranstellen, denn Plüschmöbel, Goldschnörkel, Spiegel, Samtvorhänge, die Stiche an den Wänden, die nicht nur heiter-dezente Liebesszenen, sondern auch Pferdewettrennen darstellten, die Prachtrenaissance eines hochnäsigen, damals schon langverschollenen Jahrzehnts, das Kaiserbild in der Küche, aus all dem staubfangenden und schon leicht räudigen Glanz schaute der verlegene Blick der alten Doppelmonarchie den Betrachter an.21 Wie bereits einleitend ausgeführt wurde, wird die Novelle durch die Nachkriegszeit eingerahmt: Das Leben geht weiter, die edle Prostituierte Ludmila macht nun im Prag der Nachkriegszeit Karriere als Gatb'n eines vielversprechenden künftigen Ministers. Trotz des Rahmens, der über den Untergang der Monarchie hinausgeht, liegt der Mittelpunkt der Schilderung in ihren letzten Tagen. So wird der Abschiedsrede des Gräberagenten More eine ernsthafte Symbolik verliehen, als er "in dem Abgeschiedenen das Sinnbild einer genußfrohen, heiteren und unbeschwerten Zeit pries, die nun auf der Bahre liege, um dahinzufahren für immer."22 Im Unterschied von Hašek, dessen Soldat Schwejk als unmittelbare Reaktion auf den Ersten Weltkrieg entstanden ist die Erzählung Der brave Soldat Schwejk in Gefangenschaft wurde bereit 1917 publiziert - , verfasst Werfel seine Novelle als satirischen Abgesang auf das Haus Habsburg neun Jahre nach dessen Untergang. Insofern hat er genug zeitlichen Abstand für eine zeitgenössische Perspektive. In seinem Nachwort zur amerikanischen Ausgabe aus dem Jahre 1937 rückt die Monarchie angesichts der Entstehung des Dritten Reichs noch mehr in Hintergrund, was Werfel zur Relativierung der Weltreiche an sich verleitet: 20 Ibid., p. 171. 21 Ibid., p. 142f. 22 Ibid., p. 188. <?page no="447"?> DerTod des Thronfolgers im böhmisch-tschechischen Kulturkontext 447 Idee, Reich, Untergang, was für tönende Worte für ein ewig gleiches Spiel! Kein irdischer Untergang ist sogroß, daß er nicht auch eines Gelächters würdig wäre. Ablösung, weiter nichts! Wachablösung! Ja, eines Mittags zieht die Kompanie der Burgwache mit klingelndem Spiel zu letzten Male auf.23 3. Ladislav Smoljak, Zdenek Sveräk: das Phänomen Jara Cimrman (seit 1967) Die Instrumentalisierung einer Figur als Repräsentant der österreichischungarischen Monarchie und deren Abgangs als Ende einer Epoche finden wir auch im Jära-Cimrman-Theater bzw. in der Figur Jara Cimrman selbst. Somit komme ich zum dritten Fall der Literarisierung des Attentats von Sarajevo diesmal geht es um die tschechische Literatur nach dem Einmarsch der sowjet-russischen Truppen am 21.8. 1968 in die Tschechoslowakei, in der die Allegorie eines der bewährten Mittel war, um die kommunistische Zensur zu umgehen. Der Name Jara Cimrman taucht zum ersten Mal in der Radiosendung "Vinärna U Pavouka" [Weinstube Zur Spinne] auf, deren Autor Karel Velebny war und deren "Verbindung des Flumors mit Mystifikation" bald zum Fundament der Theaterpoetik werden sollte.24 In dieser Sendung tritt Cimrman noch als Zeitgenosse auf, der eine Dampfwalze fährt und in einem auslaufenden aufblasbaren Zelt seine naiven Plastiken aufstellt. Am 4. 10. 1967 eröffnet das Jära-Cimrman-Theater offiziell seinen Betrieb. Keinerder Akteure ist studierter Schauspieler, alle haben einen anderen Beruf (Lehrer, Filmregisseur, Drehbuchautor, Dirigent, Maler, Arbeiter...). Ihr Laientheater in Form von holprigen schauspielerischen Leistungen trägt einerseits zur Situationskomik bei, andererseits evoziert es die Atmosphäre der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als die Kulturvereine das Leben der Gemeinden prägten. Die Eigenart des Cimrman-Theaters setzt sich aus einer Gratwanderung zwischen dem Patriotismus, vor allem nach dem August 1968, dessen Ironisierung, Verklärung der Vergangenheit und Gesellschaftskritik zusammen. Da diese drei Ebenen oft in einem Satz oder Dialog konträr laufen und sich gegenseitig aufheben, entstehen komische Effekte. Von Anfang an sind die Theateraufführungen zweigeteilt: Im ersten, dem sog. Seminarteil, finden Vorträge der einzelnen Mitglieder des Ensembles statt, die alle m it fiktiven akademischen Titeln versehen sind und 23 Ibid., p. 211. 24 Vgl. Sveräk, Zdenek/ Smoljak, Ladislav: Üvodem [Einleitung], In: Dieselben: Divadlo Jary Cimrmana [Jära Cimrman-Theater]. Praha: Melantrich 1987, p. 9. <?page no="448"?> 448 Dana Pfeiferovä den universitären Diskurs nachahmen. Sie stellen das universale Cimrmansche Werk vor, dessen Spannbreite von Musik, Theater und allen anderen Kunstarten über Politik und Sport bis zu diversen Wissenschaften reicht. Da sie meistens mit detaillierten, jedoch oft irrelevanten Fakten arbeiten, parodieren diese Cimrmanschen Konferenzen auf der Strukturebene den Positivismus eine wissenschaftliche Methode, die in den tschechischen Geisteswissenschaften noch immer dominiert. Der letzte Beitrag in jeder Vortragsreihe ist der Rekonstruktion eines Kunstwerkes des verkannten Genius gewidmet, das dann im zweiten Teil der Aufführung gespielt wird; wir haben es also mit Theater im Theater zu tun, was auch zu komischen Effekten führt, wenn etwa die Schauspieler als Regisseure oder Dramaturgen 'aus der Rolle fallen'. Allen Theaterstücken gemeinsam ist die erfundene Figur Jära Cimrmans eines verkannten Genies, der Robert Musils Behauptung, Kakanien sei kein Land für Genies gewesen, zu erfüllen scheint. Laut seinen Autoren Zdenek Sveräk und Ladislav Smoljak wurde Cimrman im Februar 1857, 1864, 1867,1887 oder 1888 geboren; die Unsicherheit in der Datierung geht auf den Alkoholismus des Matrikelbeamten zurück. Das unklare Geburtsjahr führte das Autorenpaar zur Eröffnung der feierlichen Rede Näs Jära Cimrman [Unser Jära Cimrman] zum Anlass des 20-jährigen Theaterjubiläums durch den Satz: "Auch heuer feiern wir Flundert Jahre seit Cimrmans Geburt."25 Der Geburtsort steht allerdings fest: Cimrman wurde in Wien geboren, seine Mutter war Österreicherin, sein Vater Tscheche. Cimrman treibt sich als wahrer Globetrotter in der ganzen Welt um und prägt maßgeblich den Fortschritt u. a. durch folgende Leistungen: Einreichen des Projekts und der gleichnamigen Oper zum Panamakanal bei der amerikanischen Regierung, Reform des Schulwesens in Galizien, Flilfe bei der Konstruktion des ersten Zeppelins (sein Beitrag war die Gondel aus böhmischen Weidenruten), Gründung des Marionettentheaters in Paraguay (für die damalige Marionettenregierung) oder ein umfangreicher einseitiger Briefwechsel mit G. B. Shaw. Der charakteristischste Zug dieses Weltenbummlers ist allerdings sein tschechischer Patriotismus. Deswegen kommt er, zum Unmut der Bewohner Liptäkovs, immer wieder heim nach Böhmen, deswegen leidet er in den habsburgischen Kerkern, deswegen lernt er fast fließend Tschechisch. Deswegen trennt er sich von seinem besten Freund Alois Jiräsek26, dem er vorwirft, dass er in seinen Böhmens alte Sagen auch die Legende von den 25 Ibid., p. 12. 26 Alois Jiräsek (1851-1930) war der Autor mittelmäßiger historischer Romane, in denen die Tschechen heroisiert und die Deutschen bzw. die Österreicher dämonisiert werden. Erstand übrigens ganz vorne auf den kommunistischen Kanonlisten. <?page no="449"?> DerTocI cles Thronfolgers im böhmisch-tschechischen Kulturkontext 449 im Berg Blanfk schlafenden Rittern aufnimmt.27 Cimrman rügt Jiräsek in einem Brief wie folgt: "Protože za celych tfi sta let habsburkskeho ütlaku nikdy nevyjeli, [...] deprimuješ tak närod vyhlidkou, že to, co prožfva, nem ješte nie proti tomu, co teprve pfijde."28 An dieser Textstelle springt das Bild der Unterdrückungsmaschinerie um. Das Publikum, in den Zeiten der kommunistischen Diktatur gewöhnt, zwischen den Zeilen zu lesen, wusste sofort, was erst hätte kommen sollen: Die sowjetische Okkupation von 1968. Und so komme ich zum Poetikwandel im Cimrmanschen Theater: Während die Stücke vor 1968 nur verspielt sind und an die Situationskomik und den skurrilen Humor von M onty Pythons' Flying Circus erinnern, bekommen die Aufführungen nach dem August 1968 eine zusätzliche politische Note. Seit Flospocla Na mytince (16. 4.1969) [Das Wirthaus a u f der Lichtung] wird auch sprachlich durch Archaismen oder Austriazismen die Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert evoziert. Der Höhepunkt der Lektüre des Cimrmanschen Theaters durch die Folie des Österreichischen wird im Theaterstück Posel z Liptäkova [Der Bote aus Liptäkov] (1977) erreicht. Der Konferenzteil wird mit einer Einführung des Theaterstücks Vizionar [Der Visionär] abgeschlossen. Dieses vom Unfang her kleine Werk falle aus der Reihe der bisherigen Theaterstücke Cimrmans: Nam se zdä, jako by se autor touto hrou loučil se svou dobou. Stou dobou, kdy se tančil Videiisky valčik, kdy se Iide učili Ietat a telefonovat, kdy se tlačili u pokladen prvnich kinematografu. Nezname pfesne datum ani misto Cimrmanovy smrti. Jedno však vime: ve chvili, kdy se onen vidensky valčik ztracf v rachotu vystrelü prvni svetove välky, ztracf se z dejin i stopa našeho Jary Cimrmana.29 Diese Zeilen weisen den Charakter einer allegorischen Lektüre nicht nur dieses Einakters Cimrmans, sondern der ganzen Poetik des Jära-Cimrman- Theaters, auf. Der Untertitel von Visionär, 'Drama aus der brennenden 27 Dies ist eine tschechische Variante der Kyffhäuser-Sage, nach der die im Berg schlafenden Ritter eist dann losreiten werden, wenn es ihrem Heimatland am schlechtesten geht. 28 ["Da sie die ganzen Hundert Jahre während der Habsburgischen Unterdrückung nicht losgeritten sind, [...] deprimierst du das Volk durch die Aussicht, dass das, was es erlebt, noch nichts dagegen ist, was erst kommen soll." Übeisetzt von der Verfasserin.] In: Sveiä k / Smo- Ijak 1987, p. 13. 29 ["Es scheint uns, als ob del Autorvon seinerzeit Abschied genommen hätte. Von einer Zeit, wo man den W iener Walzei tanzte, wo man fliegen und telefonieren lernte, wo man bei den Kassen der ersten Kinematographen Schlange stand. W ir kennen weder das genaue Datum noch den genauen Ort des Todes Cimrmans. Eines wissen w ir doch: In dem Augenblick, wo jener Wiener Walzer im Lärm der Schüsse des Eisten Weltkrieges verloren geht, verliert sich aus der Geschichte auch die Spur unseres Jara Cimrmans." Übersetzt von del Verf.] In: Sveräk / Smoljak 1987, p. 290. <?page no="450"?> 450 Dana Pfeiferovä Vergangenheit', lässt zugleich an den Habsburgischen Mythos nach Claudio Magris und die Verklärung der Vergangenheit denken. Dabei ist das W ort "brennend" wie vieles im Jara-Cimrman-Theater doppeldeutig, denn der Visionär - Bauer Hlavsa kann aus dem glühenden Ofen die Zukunft prophezeien. Außer Hlavsa treten im Theaterstück noch drei andere Figuren auf: sein Sohn František, Kohlenbaron Ptaček und der Sensenmann. Die Handlung ist schnell erzählt: Der Kohlenbaron sucht den Visionär Hlavsa auf, um zu erfahren, welcher der beiden Werber um die Hand seiner Tochter nicht schnarcht und somit die bessere Partie wäre, denn wohlhabend sind sie beide. Inzwischen tr itt der Sensenmann auf und Hlavsa erinnert sich, dass er heute sterben soll. Er erbittet sich vom Tod noch mehr Zeit, um die Prophezeiung abzuschließen und seinen Besitz seinem Sohn zu vererben. Da sich jedoch alles verzögert denn alle Figuren reden ihm in die Prophezeiung und das Vermächtnis drein - , wird auch der Tod um zwei Jahre aufgeschoben. Was sich wie ein Happy End anhört, hat eine tragische Dimension, die allein durch die bewegliche Zeitachse des Dramas gegeben ist: Die Figuren schalten nämlich ständig zwischen der Gegenwart der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges - und der Zukunft um, deren Bilder sie jedoch bis auf den Sensenmann, der wiederum nichts verraten darf nicht verstehen können. Das Publikum schon, wobei das Lachen über die Desinterpretationen der Protagonisten im Hals stecken bleibt, wenn den Zuschauerinnen bewusst wird, wie bitter die inszenierte Zukunft, die sich mit ihrer Gegenwart, d. h. m it dem realen Sozialismus, deckt, sein wird bzw. eigentlich ist. Dabei mutet die Handlung lange harmlos an und es wird viel gelacht. Auch in der Passage, als der Vater seinem Erstgeborenen das ganze Grundstück vermachen will und dieser sich weigert, dies anzunehmen, er wolle nicht reich sein. Der Kohlenbaron findet, dass der Junge spinnt, und belehrt ihn über die Vorteile des Wohlstands. Als der Bauer erwidert, dass er im aufgeheizten Ofen unglaubliche Dinge gesehen hat, präsentiert der Kohlenbaron seine überzeugende Firmenstrategie und seine Zuversicht, dass er die Zukunft in Rosafarben sieht, worauf der Sensenmann loslacht. Nun überlegt der Kohlenbaron, ob man sich gegen eventuelle Geschichtskatastrophen (lies: die Enteignung durch die Kommunisten) nicht versichern könnte. Dies bringt den Sensenmann zu Spekulationen zum Thema "Man kann sich nichts ins Grab mitnehmen" und letztendlich zur Feststellung, er habe sich ablenken lassen, und so kann er seinen Auftrag, den Visionär Hlavsa mitzunehmen, nicht mehr erfüllen. Das Ende des Visionärs ist, trotz der Umgangssprache des Sensenmanns, düster: "No jo. Ja končim. Posledni, co deläm, je nejakej Ferdinand, Sarajevo. A pak jdu na odpočinek a prijde novej. Mladej. Ale to bude sekač, pänove! Ne jako ja. <?page no="451"?> DerTod des Thronfolgers im böhmisch-tschechischen l-'.ulturl-ontext 451 Ten se nezakecä [...] (Kyvne hlavou a odchäzi) Tak na shledanou! (Zastavi se a pohledne do publika) Na shledanou."30 An dieser Stelle eine Schlussbemerkung, die einen Bogen zur Einleitung meines Aufsatzes spannt: Ähnlich wie im Braven Soldaten Hašeks hält die Sprache eigentlich die Rede den Figuren den Tod vom Leibe. Dies funktioniert nur, solange die alte Welt in Ordnung war. Der erste Weltkrieg hat dann jede Form der Verständigung unmöglich gemacht und den Vielvölkerstaat, der seine Genies verkannte und dennoch so viele zur Welt gebracht hat, zum Untergang geführt. Nach dessen Ende gab es für Globetrotter österreichisch-tschechischer Abstammung keinen Platz mehr. 30 ["Na ja. Ich danke ab. Das letzte, was ich mache, ist ein gewisser Ferdinand, Sarajevo. Dann begebe ich mich zur Ruhe und es kommt ein Neuer. Derwird schneidig sein, meine Herren! Nicht wie ich. Derwird kein Wort vergeuden ... (Er nickt mit dem Kopfund geht weg.) Dann auf Wiedersehen! (Er bleibt stehen, zum Publikum) Auf W iedersehen...." Übersetzt von der Verf.] In: S v e rä k / Smoljak 1987, p. 300. <?page no="453"?> R o m an K opriva (B rno ) “ Der 28. Juni [...] sollte ein denkwürdiger Tag w erd en" Zu figuralen und lokalen Aspekten der Darstellung eines symbolträchtigen Datums in Ludwig Winders Roman Der Thronfolger sowie bei einigen anderen Autoren1 In Ludwig Winder's novel DerThronfoIger, 28June appears in the novel as the title of two chapters the theme of which is firstly the assassination of the heir to the throne Franz Ferdinand and his wife in 1914 and secondly the renunciation of the throne by Franz Ferdinand for his wife and progeny in 1900. The same date also brings forth the defeat of the Serbs at the Battle of Kosovo on St.Vitus Day (Vidovdan) in 1389. Marginally it is also reminiscent of the Sokol rally in Brno on 27-29 June 1914, for which the masses of southern Slavs travelled from Serbia and Bosnia to Moravia and which in Winder's novel Sophie Chotek, wife of Franz Ferdinand, encounters on their way to Sarajevo. Not only in this narrative interplay of the fateful date, but also in Bruno Brehm's novel Apis and Este and in Joseph Roth's Radetzky March, those Sokol activities are probably the least known and only marginally reflected in Czech fiction, too. Moravian melancholy, ascribed by Otto Pick to German writers from Moravia in 1927, perhaps goes beyond language and national culture (for example with Rudolf Tesnohlidek) and differs from the much better-known Czech burlesque rendering of the assassination in Sarajevo in Hašek's Schweik. Der 28. Juni als Betitelung eines selbständigen Textes erinnert entfernt an ein Schicksalsdrama in der Art von Zacharias Werners Der vierundzwanzigste Februar (1815). Im Textinneren von Winders erst langsam wiederentdecktem Roman von 19372scheint die Datumsangabe als Kapitelüberschrift eher einer chronikalischen Funktion zu folgen, wie sie auch in Bruno 1 Der Aufsatz entstand im Rahmen des postdoc-Projekts Nektere vyvojove tendence v dile autora Videnske moderny Rudolfa Kassnera (1873-1959)/ Etliche Entwicklungstendenzen im Werk des Autors der Wiener Moderne Rudolf Kassner (1873-1959) der Grantovä agentura Češke republiky (GPP406/ 11/ P229). Für Literaturbeschaffung sei hier namentlich Radana Čeivena vom Archiv der Stadt Brünn, sowie Michal Fajfera und Monika Kratochvilova von der Mährischen Landesbibliothek (Auslandsbibliotheken - Österreich-Bibliothek) Brünn gedankt. 2 Winder, Ludwig: DerThronfoIger. Ein-Franz-Ferdinand Roman. Berlin-Ost: Rütten & Loening 21989, p. 352. Im Folgenden bedient sich der Verfasser dieser Ausgabe, wiewohl ihm die Erstausgabe (Zürich: Humanitass.a./ 1937) und die erste österreichische Ausgabe (P. Zsolnay 2014) zurVerfügungstanden; letztere basiert auf der DDR-Erstausgabevon 1984. Die Orthographie in Titeln und Zitaten wurde nicht modernisiert. <?page no="454"?> 454 Roman Kopriva Brehms auflagestärkstem und dekoriertem Franz Ferdinand-Roman Apis und Este (1931)*1*3durchgehend manifest wird. Die meisten Kapitelüberschriften sind bei Brehm mit Flandlungsorten verbunden, nur eben beim 28. Juni 1914 genügt aus einsichtigen Gründen allein die Zeitangabe. Ludwig Winder hingegen strukturiert seinen Thronfolger-Roman etwas detaillierter und wesentlich einfallsreicher, indem er die sechs Teile des Romans in Kapitel untergliedert, die sich mal einer Zeit-, mal einer Orts-, oder Personenangabe, mal einer Ellipse, mal einer Metapher bedienen. Der 28. Juni findet bei Winder als Kapitelüberschrift eine doppelte Verwendung, außerdem findet das Datum vielfach auch anderswo im Text Erwähnung; es besitzt für verschiedene Personen, Personenkreise und Gemeinschaften verschiedene Wertigkeiten. Aus der Sicht ihrer nationalen Erinnerungskultur galt der 28. Juni als St. Veitstag (Vidovdan) für die Serben als Jahrestag der Niederlage eines serbisch-albanischen Fleeres gegen die Osmanen in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo) 1389 und von Miloš Obilićs darauffolgendem Rachemord an Sultan FHadži Murat, also ein Gedenktag ohnegleichen. Mögen die Kontroversen der Flistoriker um die Zufälligkeit des geplanten Anschlagtermins und spätere Konstrukte des symbolträchtigen Datums,4oder über den Termin des Bosnien-Besuchs (Manövers) der Thronfolgers als einen symbolischen Affront, der nicht unbeantwortet bleiben durfte,5 auch weiterhin andauern und wohl auch des symbolischen Entfaltungspotentials in jüngster Vergangenheit wegen unentschieden ausfallen, so scheint diese Symbolik dennoch einen festen Bestandteil und klar konturierten Rahmen für literarische bzw. publizistische Narrationen6 abzugeben, der jeweils nur in unterschiedlichem Maße akzentuiert wird.7***Aus der Sicht einer Einzelfigur wird hingegen unter anderem auch an den 28. Juni als Geburtstag von Trifko Grabež, einem der Attentäter, erinnert: in Bruno Adlers Reportage Der Schuß in den Weltfrieden (1931) aus der Sicht von Grabež' Vaters, bei Winder in einer für diesen Roman typischen Innenperspektivierung der betreffenden Figur selbst. Der einzelpersonale Aspekt ist für historische Prozesse Brehm, Bruno: Apis und Este. Ein Franz Ferdinand Roman. München: R. Piper s.a. 1 So z.B. Rauchensteiner, Manfried: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914 -1 9 1 8 . Wien, Köln, Weimar: Böhlau22013, p. 87. Clark, Christopher: Die Schlafwandler. W ie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Übers, von Norbert Juraschitz. München: Deutsche Verlags-Anstalt 122014, p. 477, oder Mombauer, Annika: Die Julikrise. EuropasWeg in den Ersten Weltkrieg. München: C.H. Beck 2014, p. 7-8. 6 Adler, Bruno. Der Schuß in den Weltfrieden. Die Wahrheit über Serajewo [sic! ]. Stuttgart: Dieck & Co '1931 p. 92, 98, insb. 136. ' Bei Brehm ist die serbisch-bosnische Perspektive der Verschwörer und Attentäter (Schwarze Hand, Jung-Bosna) auf weite Strecken präsenterund die Frequenz des Vidovdan-Motivs unterstreicht das Konspirativ-Kolportagehafte. <?page no="455"?> "Der 28. Juni [...] sollte ein denkwürdiger Tag werden" 455 zwar von kausaler Kontingenz, doch für die Romanfigur selbst von einer symbolischen Signifikanz, welche ihre Wirkung an der personalen Schnittstelle des Privaten und des Öffentlichen zeitigt und außerdem eine narrativ äußerst wirksame Opposition zwischen den Momenten Tod und Geburt schafft, die der individuelle Leser selber nachvollziehen kann. Bei Adler8wie bei Winder9 wird von diesem privaten Geburtstag des Attentäters Grabež aber auch die Brücke zum Vidovdan als Nationalfeiertag geschlagen. Für das Thronfolgerpaar besitzt das Datum 28. Juni eine doppelte Wertigkeit bzw. Bedeutsamkeit. Zum einen ist der 28. Juni 1900 als vom Kaiser höchstpersönlich angeordneter Termin der Renunziation (Thronfolgeverzichterklärung) für die Nachkommenschaft aus der (geplanten) morganatischen Eheschließung m it der Gräfin Chotek, zum anderen als Termin der Bosnienreise 1914, einem Tag, an dem sich das Thronfolgerpaar auch das Negativ-Erlebnisvon 190010in Erinnerung ruft. In dem ersten dieser beiden so datierten Kapitel in Winders Thronfolger-Roman wird eingangs die Einfädelung einer päpstlichen Empfehlung zu der vom Kaiser verweigerten Eheschließung für das Liebespaar geschildert, welcher Aufgabe sich Franz Ferdinands Stiefmutter Maria Theresia bereitwillig annimmt, dann die Inszenierung der Renunziation im Beisein des Adels selbst und zum Schluss die erzwungene "private" Trauung fast ohne Gäste. Der erste 28. Juni ist für Franz Ferdinand somit eine Demütigung, eine Art symbolische Exekution durch den Kaiser und den intriganten Hof, der im Abstand von 14 Jahren auch die physische Auslöschung des Thronfolgerpaares folgt. Das Zitat im Titel des Beitrags bezieht sich eigentlich auf das Jahr 1900.11 Entgegen der allgemeinen verknappenden Der Thronfolger-Erzählstrategie12 gibt Winder den Verzichtakt nicht schlichtweg als Erinnerung, eingeschoben in das 28. Juni (1914)-Kapitel,13 wieder (eine solche Erinnerung bringt Brehm unmittelbar im Kapitel Sarajevo<, 27. Juni 191414), sondern schildert diesen Akt eben in einem selbständigen 8 Adler 1931, p. 71. 9 Winder 1989, p. 524f. 10 Bei Clark erscheint dieses Datum (28.6.) irrtümlicherweise als Hochzeitstag des Thronfolgerpaares (in Wirklichkeit 1. Juli). Vgl. Clark p. 478. Zur historisch-dokumentarischen (urkundlichen) Darstellung der Renunziation vgl. Aichelburg, Wladimir: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este 1863-1914. Notizen zu einem ungewöhnlichen Tagebuch eines außergewöhnlichen Lebens. Europas Weg zur Apokalypse. Bd. 2: 1900-1914. Horn: Berger 2014, p. 37-43. 11 Winder 1989, p. 352. 12 Vgl. Spirek, Christiane Ida: Von Habsburg zu Heydrich. Die mitteleuropäische Krise im Spät- und Exilwerk Ludwig Winders. Wuppertal: Arco 2005, p. 83. 12 Winder 1989, p. 567. 14 Brehm s.a., p. 384. <?page no="456"?> 4 5 6 Roman Kopriva Kapitel als Vorwegnahme der Katastrophe und der postumen Feindschaft der Flofkamarilla, wie sie wiederum in einem neuen Racheplan von Fürst Montenuovo als führendem Repräsentanten des Schönbrunner "M um ienkabinetts" diesmal bei Vorbereitungen der Trauerzeremonie für das ermordete Thronfolgerpaar in Erscheinung tritt. Das zweite dieser 28. Juni-Kapitel bei Winder wird in dem unmittelbar vorhergehenden Kapitel durch einen unheilverkündenden prophetischen Traum des einstigen geistlichen Beraters und Lehrers Franz Ferdinands, des Bischofs Dr. Länyi in Großwardein (Oradea), gleichsam wie m it einem Omen eingeleitet. Dieser träum t bereits etliche Stunden vor dem tatsächlichen Eintreffen von dem Anschlag und einem an ihn gerichteten Brief des Thronfolgers, in dem der Thronfolger den bevorstehenden "Meuchelmord" an seiner eigenen Person und seiner Gattin m itteilt.15Will man diese Geschichte nicht ohne weiteres in das Reich der Legende verweisen,16 könnte eine Erklärung dieses Erzählmoments im Phänomen bzw. Prinzip der Gleichzeitigkeit / Synchronizität, wie es etwa Schopenhauer oder Carl GustavJung beschreibt, gesucht werden.17Traditionellerweise wurde auch von der Fügung der Vorsehung, was das Amt des Geistlichen nahelegt oder vom Werk des Fatums gesprochen, was durch Selektion und Komposition auch anderer, allgemein glaubwürdigerer historischen Zeugnisse und Fakten und im Verein m it denselben wiederum die fatalistischen Züge und die Atmosphäre von Winders Roman18 stärkt und die Flandlung, aus dem Charakter der jeweiligen Figuren und deren Konstellationen resultierend, als eine unabwendbare erscheinen lässt: Die Reise begann mit einem Mißgeschick. Franz Ferdinand konnte seinen Salonwagen nicht benützen, weil eine der vier Achsen heißgelaufen war. Das Thronfolgerpaar erhielt ein Abteil erster Klasse in einem Waggon, der auch minder hochgeborene Passagiere beherbergte. Franz Ferdinand quittierte die- 15 Winder 1989 p. 562-563, Adler 1931, p. 149-150. 16 DerTraum wird auch anderswo in Literatur überliefert, vgl. Aichelburg 2014, Bd. Bd. 3, p. 672, doch Aichelburg verweist auch auf manche übliche legendenhafte Momente: Doppelgänger, weiße Rehböcke und schwarze Rosen (ibid. p. 556). Soll man dem Interview von Spirek mit Marianne Winder, Tochter des Autors, Glauben schenken, nach dem Winder der Unwahrscheinlichkeit halber nicht alles ins Buch habe aufnehmen können, müsste hier zumindest ein besonderer Grund fü r Exempelwürdigkeit des Berichts (Fama als Zeugnis von der vox po puli? ) vorliegen; vgl. Spirek 2005, p. 69. 17 Jung, Carl Gustav: Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge.In: Jung, Carl Gustav: Die Dynamik des Unbewußten. Zürich, Stuttgart: Rascher 1967 p. 477-591. Schopenhauer, A.: Transcendente Spekulation über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen. In: Ders.: Parerga und Paralipomena I. Zürich: Flaffman 1991, p. 201-224. 18 Nicht von ungefähr wird bei der Charakterzeichnung von Franz Ferdinand von stehenden und eigentlich antizipatorischen Attributen ("düster", "finster") und anderen Stereotypisierungen (Spirek 2005, p. 104-105) Gebrauch gemacht. <?page no="457"?> "Der 28. Juni [...] sollte ein denkwürdiger Tag werden" 457 ses Mißgeschick mit der Bemerkung: "Na, die Reise fängt ja recht vielversprechend an! " In Wien, wo er sich nur zwei Stunden aufhielt, verabschiedete er sich von Sophie. "Jetzt werd ich aber hoffentlich einen Salonwagen kriegen", sagte er auf der Fahrt zum Südbahnhof. Beim Betreten des Bahnhofs erfuhr er, es sei nur ein Salonwagen vorhanden, dessen elektrische Beleuchtungsanlage nicht funktionieren wolle. Der Stationsvorstand meldete, es sei ihm leider nichts andres übrig geblieben, als das elektrische Licht durch Kerzenbeleuchtung zu ersetzen. Es war halb zehn, ein warmer dunkler Juniabend. Ärgerlich betrat Franz Ferdinand den Salonwagen. Die brennenden Kerzen, die den Wagen in düsteres Halbdunkel tauchten, schienen den Thronfolger zu erschrecken. Er blieb in der Tür stehen und sagte zu seinen Begleitern: "Was sagen Sie zu der Beleuchtung? Wie in einer Gruft, nicht? "14****19 Doch noch ein Zeit-Moment, das mit dem Datum des 28. Juni im Thronfolger-Roman konnotiert wird, kann bei seiner Verknappung beinahe überlesen werden. Im Kapitel "Die Reise nach Sarajevo", das dem zweiten 28. Juni-Kapitel unmittelbar vorhergeht, wird das Datum explizit aufgerufen, als Sophie Chotek ihre Angst vor der Sarajevo-Fahrt nicht verbergen kann: Minutenlang vergaß Sophie, daß sie an diese Reise seit vielen Wochen mit Schrecken und Zittern gedacht hatte und daß die Gefahr noch nicht vorüber war, sondern von Stunde zu Stunde näher rückte. Minutenlang vergaß Sophie, daß die Reise durch Ungarn ihre Angst vor dem Besuch in Sarajevo verdoppelt hatte. In jeder Station hatte die sich in ihrem Coupe Verbergende vollbesetzte Gegenzüge gesehen, die aus Serbien und aus Bosnien der mährischen Grenze entgegenrollten: in diesen vollbesetzten Zügen saßen Serben und andere Südslawen, die nach Brünn reisten, um am 28. Juni an dem dortigen großen Sokolkongreß teilzunehmen. Am 28. Juni an dem Tag, den wir in Sarajevo verbringen werden, hatte Sophie gedacht; o wie schrecklich! 20 Es ist die zweite Erwähnung von mährischen Realien in diesem Roman. Die erste wird im ßosn/ en-Kapitel erwähnt und stellt eine Parallele zu der erst nach mehreren Kapiteln folgenden Bosnien-Reise 1914 dar. Sie steht im Zusammenhang m it den Nationalitätenunruhen, die zum sechzigjährigen Regierungsjubiläum von Franz Joseph (am 2. Dezember 1908) in Triest, Prag (wo das Standrecht verhängt wurde), Lemberg und eben auch in der 14 Winder 1989, p. 55 4-55 5. Hervorh. im Original. Vgl. auch historische Darstellungen von Aichelburg 2014, Bd. 2 p. 1218, oder Weissensteiner, Friedrich: Franz Ferdinand. Der verhinderte Flerrscher. München: Piper 1994, p. 17 -18. Winder erwähnt an dieser Stelle nur nicht die der Sophie gegenüber gemachte Bemerkung Franz Ferdinands am Bahnhof in Chlumec (Böhmen) nach der ersten Waggon-Panne, die als Scherz verstanden werden wollte: "zuerst ein heiß gelaufener Waggon, dann ein Attentat in Sarajewo, und wenn das alles nichts hilft, eine Explosion am Viribus [dem für die Reise bestimmten Dreadnought]." Der Ausspruch "Na, diese [sie! ] Reise fängt ja recht vielversprechend an! " ist durch den Privatsekretär des Thronfolgers überliefert. Nikitsch-Boulles p. 210. 20 Winder 1989, p. 557. <?page no="458"?> 4 5 8 Roman Kopriva Landeshauptstadt Mährens ausgebrochen waren: "Und in Brünn kämpften die Deutschen m it den Tschechen auf Tod und Leben."21 Möglicherweise, daß Kakaniens B., "der Ursprungsherd des Weltkrieges",22 eben zu diesem Zeitpunkt von Robert Musil gemeint ist, als im Roman Der Mann ohne Eigenschaften General Stumm von Bordwehr berichtet, dass Graf Leinsdorf, Chef der Parallelaktion, m it seinem Auto in B. bei den Unruhen zwischen Tschechen und Deutschen hineingeraten sei.23 Bezeichnenderweise steht auch die erste Brünn-Erwähnung in Winders Thronfolger-Roman in der Figurenrede der Sophie Chotek, die angesichts von Franz Ferdinands direkter Widerrede (durch Anführungsstriche markiert) zuletzt den Charakter einer direkten Rede (ohne Anführungszeichen) erkennen lässt. In der oben zitierten Stelle hat Sophie mit der Angst, nun schon ohne Gesprächspartner, nur noch in physischer Vereinsamung und Annäherung an bedrohlich empfundene Kräfte anonymer feindlicher Massen zu kämpfen. Es mag scheinen, dass mährische Sujets bei Winder, Autor des engsten "Prager Kreises" (mährischer Abstammung) im Thronfolger-Roman nicht so zum Ausdruck kommen, insofern als vielmehr eine gewisse mährische Melancholie (auch über den Rahmen der Erzählstrategie hinaus) evoziert wird, wie sie vom Schriftstellerkollegen und Übersetzer Otto Pick bereits 1927 deutschmährischen Erzählern als Sonderstilzug im Unterschied zu den böhmischen (und zum in Prag epochemachenden "Spielerische[n] der sogenannten Jung-Wiener Schule") attestiert wird: Dem aufmerksamen Betrachter dürfte es nicht entgangen sein, dass die aus Mähren stammenden deutschen Dichter von den in Böhmen herangereiften vor allem der schwermütige Unterton ihrer Schöpfungen unterscheidet. [...] Hierzu gesellt sich bei den deutschmährischen Erzählern eine Neigung zum Exakten, zur Sachlichkeit, zur prägnanten Objektivität, nicht minder jedoch ein ihnen fast ausnahmslos eigentümliches klares Zurückschauen auf leidvolle Kindheitserlebnisse.24 21 Ibid., p. 461. In Brünn hätte wohl das Jubiläum den Anlass zu einer lokalen 'Parallelaktion', nämlich zur Errichtung einer tschechischen und einer deutschen Universität in der Stadt abgegeben was allerdings deutscherseits abgelehnt wurde. ” Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften. Roman. Bd. 2. Aus dem Nachlaß, hg.von Adolf Frise. Reinbeck: Rowohlt 1986, p. 1439. Ibid., p. 1448. M Pick, Otto: Deutsche Dichter in Brünn und im mährischen Gebiet. In: Prager Presse, Nr. 333, Jg. 7, 4.12.1927, p. 12. Auch in: Musil, Robert: Klagenfurter Ausgabe. Hrsg. v. Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino. Klagenfurt: Robert Musil-Insbtut der Universität Klagenfurt 2009 [DVD], Merkwürdigerweise bleibt in seinem Beitrag der aus Mikulov (Nikolsburg) stammende mährische Schriftsteller und Essayist Elieronymus Lorm (1821-1902) ohne Erwähnung. Sein Schicksal (Taubblindheit) und die davon gezeichnete und sich auf Schopenhauer stützende Abhandlung Der Grundlose Optimismus: Ein Buch der Betrachtung (1894) machten gerade aus ihm ein Paradebeispiel für Picks These. Das Wort grundlos meint hier auch 'unbegründet'. <?page no="459"?> "Der 28. Juni |...| sollte ein denkwürdiger Tag werden 459 Die Reihe, die nach Pick von Robert Musils Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß über Ludwig Winders Novelle Turnlehrer Pravda zu Hermann Ungars Roman Die Klasse führe, könnte um weitere Namen ergänzt werden. Nicht zu vergessen wären auch aus Mähren stammende Psychologen und Psychiater wie Freud (Pffbor/ Freiberg) selbst oder die aus dem südmährischen Grenzort Znojmo (Znaim) gebürtige Angela Rohr (1890- 1985), die ihre literarischen Narrationen m it der psychoanalytischen Fachausbildung zu verbinden wusste; Musil selbst war von seiner Ausbildung her von der Gestalt-Psychologie tangiert. Der in Brünn in der Zwischenkriegszeit Germanistik, später Philosophie und Medizin studierende Leo Eitinger (1912-1996) entwickelte seine psychiatrische Spezialisierung hingegen erst im norwegischen Exil (u.a. mit seiner Arbeit an der Analyse der posttraumatischen Belastungsstörung).25 Aber die Vielfalt literarisch-psychologischer wie fachpsychologischer Narrationen der aus Mähren stammenden oder dort lebenden Persönlichkeiten26sollte den Blick auch nicht für andere Ansätze verschließen. Beinahe zeitgleich (1937) mit Winders Thronfolger-Roman arbeitet der ungarische Psychologe Leopold Szondi (1893-1986),27 an seiner "Schicksalsanalyse"28 als "Genealogie des Unbewußten", einem methodologischen Brückenschlag von der Tiefenpsychologie zur Genetik Gregor Johann Mendels und Zwischenglied ("Analyse des "familiären Unbewussten", der "vorpersönlich verdrängten familiären Ahnenansprüche") zwischen der Freudschen Psy- Otto Pick (1 887-194 0) stellte auch eine auf Tschechisch herausgegebene Anthologie der Kriegsliteratur mit deutschböhmischen und tschechischen Autoren zusammen: Symfonie välky [Sinfonie des Krieges). Praha: Knihy dobrych autorü 1931. 25 Von dieser "mährischen" Anhänglichkeit für psychologische Ansätze sticht der Kulturphilosoph Rudolf Kassner, selber aus Mähren gebürtig, nur scheinbar ab. Zwar hat er nicht viel für Freud und die Psychoanalyse wie auch für Robert Musil übrig, doch sein fehlgeschlagener Versuch die (dynamisch verstandene) Physiognomik als Wissenschaftsdisziplin zu etablieren, liegt von den Bemühungen der anderen im Grunde genommen nicht so weit entfernt. Eine andere Falsihzierung des rein ethnischen Prinzips in Leistungen der mährischen Psychologie dürfte die Persönlichkeit des tschechischen Psychologen, Lyrikers und Prosaisten Robert Konecny (1906-1981), Professor an der Masaryk-Universität, verkörpern. Er beschäftigte sich u.a. mit der Psychologie der Kunst. 26 AuRerAcht gelassen werden hier Romane, Erzählungen und Essays mit Vertreibungsthematik des aus Chemnitz gebürtigen Peter Härtling, die vielfach autobiographische Momente aus der Kindheit in Mähren (Olmütz, Brünn) aufgreifen und in ihrem melancholischen Ton älteren deutsch-mährischen Autoren in nichts nachstehen. Das Attentat in Sarajevo wird in seinem Roman Große kleine Schwester gestreift. 27 Aus der slowakischen Stadt Nitra (Neutra, damals Oberungarn) stammend, Vaterdes Literaturwissenschaftlers Peter Szondi. 28 Szondi, Leopold: Schicksalsanalyse. Erstes Buch: Wahl in Liebe, Freundschaft, Beruf, Krankheit und Tod. Basel: B. Schwabe 21948. Gemeint ist Szondis Werk: Analysisof marriages. Acta psychologica III. Den Haag: M. Nijhoff 1937. Zit. nach Szondi 1948, p. 15. <?page no="460"?> 460 Roman Kopriva choanalyse (verstanden als Beschäftigung mit dem persönlichen Unbewußten) und der Jungschen "Arche-Analyse" die in der Tiefenpsychologie, keine Triebsondern eine "/ Cu/ tur-Psychologie" darstellt.29Szondis methodologischer Ansatz zur Analyse des "Lebensplans des Einzelnen" (Formulierung durch Schopenhauer angeregt) d ürfte-auch zur Thronfolger-Interpretation herangezogen ergiebiger sein als der bemühte Vergleich mit Otto Weininger und Schlussfolgerungen über den jüdischen Selbsthass bei Winder.30 Denn die Wahl des Einzelnen in Liebe, Freundschaft, Beruf, bezieht sich auch auf die Wahl in Krankheit (vgl. die Darstellung der Tbc-Krankheit des Thronfolgers), sogar die Frage der "Mörderwahl" wird bei Szondi angegangen31 und auch bei Winder fehlen die Affinitäten zwischen dem Attentäter (Gavrilo Princip) und seinem Opfer (Franz Ferdinand) nicht, was auch von anderen Thronfolger-Interpreten bereits beobachtet wurde.32Auch die narrative Parallelisierung bei Winder (siehe dazu weiter unten) suggeriert die überindividuelle 'Planmäßigkeit'.33 Es sind, wieder mit Szondi gesprochen, die "latenten Gene", die "primären Triebkräfte", die im Menschen wählen: "m it jedem Gene will ein Ahn von uns 'zurückkehren', die Ahnen wählen in uns und fü r uns."3'1Doch Szondi wehrt den Einwand des deterministischen Fatalismus ab, indem er die persönliche Freiheit in den "vorgeschriebenen Triebkreis" verweist. Er macht sich den Begriff "lenkbarer Fatalismus" zunutze.35Doch es dürfte nicht bei diesen groben und oberflächlichen Skizzen bleiben, sollte die Parallele Winder-Szondi einigermaßen einleuchten. Die Erwähnung des Brünner Sokolturnfestes bei Winder fungiert primär als vorbedeutende Überleitung von dem 'Kammer-Ensemble' der Figuren zu den Menschenmassen und unter ihnen lauernden Attentätern in Sarajevo hin, welche wiederum die Darstellung der Lazzaroni, des Lumpenproletariats in Neapel, im Leser wachrufen und ihn somit auch an Franz Ferdinands Großvater, den König beider Sizilien alias " Re Bomba" als Opfer eines Attentats und an den Attentäter selbst im Initialkapitel des Romans erinnern. Im Schicksal der beiden Blutsverwandtenfiguren schließt sich der Kreis des fatalen Geschehens. Sicherlich braucht Winder, dem es vor allem um individualpsychologische Motivationen seiner Figuren geht, 29 Ibid., p. 20. 30 Siehe bereits die Kritik von Spirek 2005, p. 155ff., an dahingehenden Versuchen bei Kurt Krolop (Dissertation) und bei Judith von Sternburg (Gottes böse Träume). 31 Szondi 1948, p. 389-395. Die Anführungsstriche stammen von Szondi. Bei der Mörderwahl spielt nicht die ß/ ufsverwandtschaft, sondern Genverwandtschaft die ausschlaggebende Rolle. 32 Spirek 2005, p. 135. 33 Windei 1989, p. 23, 582. Vgl. dazu Spirek 2005, p. 157. 34 Szondi 1948, p. 397. Hervorhebungen im Original. 35 Ibid., p. 39 5-403. <?page no="461"?> "Der 28. Juni [...] sollte ein denkwürdiger Tag werden" 461 den Sokol-Kongress nicht so ausführlich wie Bruno Brehm darzustellen.36 Beide Autoren aber greifen bei der Darstellung des Anschlags auf ein Erzählmuster zurück, das bei Ereignissen im öffentlichen Raum vorgegeben ist. Das Attentat wird von einem lokalen Vorgang, einer lokalen Veranstaltung begleitet, die das Leben in mehr oder weniger geordneten (üblichen) Bahnen dokumentieren. So fällt der Tag der Ermordung des Thronfolgers in Wien auf den Tag des Derbys, des Ausklangs der gesellschaftlichen Saisons.37 Bereits im Raum der fiktionalen Texte wird das Attentat in Hans Natoneks Roman Kinder einer Stadt (1932) für Prag m it dem "Sommerfest zum Besten der sudetendeutschen Tuberkulosefürsorge" kombiniert.38 In Joseph Roths Radetzkymarsch (1932) soll in der galizischen Provinz, wo Carl Joseph Trotta, der Enkelsohn des Helden von Solferino, dient, im großen Sommerfest bereits die "große Jahrhundertfeier des Dragonerregiments" -jubiläum sfreudiges Österreich! um ein Jahr (als "Probe für das hundertste Geburtstagsfest") vorverlegt werden. Bei diesen Überlegungen in Roths Roman darf nicht wieder modellhaft ein Konkurrenzunternehmen fehlen: "das Fest eines bekannten Automobilklubs in Wien".39 Bevor der Bezirkshautmann Trotta in der "kleinen Bezirksstadt W.40 den Sohn Carl Joseph in der galizischen Provinz besuchen kann, muss er in der Heimat Anordnungen in puncto Sokolfest, zu dem Delegierte aus "slawischen Staaten" (Serbien und Russland) kommen sollten, treffen und auch dem Wachtmeister Slama Anweisungen geben.41 Es bleibt weiterhin im 36 Vgl. Broukalovä, Jindra: Ludwig Winder als Dichter der menschlichen Seele und der Wirklichkeit. Ein Beitrag zur Betrachtung des Romans "Der Thronfolger. Ein Franz Ferdinand Roman" [sie! ] im Kontext des erzählerischen Werks seines Verfassers. Prag: Univerzita Karlova v Praze, Pedagogickä fakulta 2008 p. 109. Abrufbar unter dem abweichenden Titef'Zur Analyse von Ludwig Winders Roman Der Thronfolger. Ein Franz Ferdinand Roman" im Kontext des erzählerischen Früh- und Spätwerkes seines Verfassers [ältere Fassung der Dissertabon? ] auch online: https: / / is.cuni.cz/ webapps/ zzp/ detail/ 99855/ ? lang=en (abgerufen am 2.5.2015). 37 Johnston, William M.: Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donau raum 1848 bis 1938. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 31992 p. 5 2 , - Wenn die Datumsangabe bei Johnston stimmt. Am Derby nahm Franz Ferdinand nämlich bereits am Monatsanfang teil. Vgl. die Erinnerung seines Privatsekretärs; Nikitsch-Boulles, Paul: Vor dem Sturm. Erinnerungen an ErzherzogThronfoIger Franz Ferdinand. Berlin: Verlag für Kulturpolibk 1925 p. 83. 38 Natonek, Flans: Kinder einer Stadt. Roman. Bücher der böhmischen Dörfer. Hg. von Jürgen Serke. Wien, Flamburg: P. Zsolnay 1987 p. 146. 38 Roth, Joseph: Radetzkymarsch. In: Ders.: Werke in vier Bänden. Hg. von Flermann Kesten. Wien: Buchgemeinschaft Donauland (Lizenzausgabe von Köln: Kiepenheuer & Witsch) s.a., Bd. 2. p. 278, 279, 281. 40 Flinter der Abkürzung wurde neuerdings das von Brünn etwa 30 km entfernte Wischau/ Vyskov vermutet. Nürnberger, Flelmuth: Joseph Roth, Prag und das Prager Tagblatt. In: Roth, Joseph: Fleimweh nach Prag. Feuilletons-Glossen - Reportagen für das Prager Tagblatt. Hg. V. Flelmuth Nürnberger. Götbngen: Wallstein 2012, p. 598f. 41 Roth s.a., p. 149. <?page no="462"?> 462 Roman Kopriva Unklaren, ob Trotta des Sokolfestes wegen aus der galizischen Provinz vorzeitig dienstlich nach Hause abberufen wird und ob m it diesem Fest der Sokolkongress in Brünn (Königsfeld) 1914 gemeint sein könnte.42 Brehm gibt sich deutlicher und scheint m it seiner Erzählstrategie ein direkt konspiratives Konstrukt zu verfolgen: Über Brünn, dieser düstern Stadt am Fuße des Spielbergs, dessen Festung das gefürchtetste Gefängnis des absolutistischen Österreichs barg, liegt die Schwüle vor dem Gewitter. Die Dragonerpferde stehen gesattelt in den Ställen, die Achter, eines der ältesten Regimenter der Armee, die ehemaligen Holkschen Jäger, haben strengste Bereitschaft, aber man bangt davor, dieses tschechische RegimentaIsAssistenz anzusprechen. In kleinen Seitengassen und Durchhäusern wartet die von weither zusammengezogene Gendarmerie und in den Straßen patrouilliert die verstärkte Polizei. Schon seit Tagen kommt es auf der A-B, auf dem deutschen Bummel auf dem großen Platze, zwischen den aus der ganzen Monarchie hier zusammengerufenen deutschen Studenten und den aus allen slawischen Ländern herbeigeströmten Sokoln zu Rempeleien, es ist so, als brächten die narbigen Wangen und die bunten Kappen der Deutschen die Tschechen zur Raserei. Gestern abend sind unter nicht endenwollendem Jubel der Tschechen die serbischen Turner eingezogen, man hat Lieder der Verbrüderung und Küsse der Eintracht getauscht, man hat Fluch und Schande über die Deutschen herabgefleht und von dem künftigen allslawischen Reiche unter dem Schütze des großen, des heiligen Rußland geschwärmt. Heute morgen ist es bei dem Umzug der deutschen Studenten in Wichs und mit Fahnen vor der evangelischen Kirche und der deutschen Technik zu einer gewaltigen, nur mit Mühe von der Polizei unterdrückten Keilerei gekommen. Nun sind die Sokoln in ihren roten Hemden, hohen Stiefeln und Schnürröcken, mit ihren runden, falkenfedergezierten Kappen mit den Gästen draußen auf dem Exosch, wie der Exerzierplatz in jener seltsamen Mischsprache aus Deutsch und Tschechisch heißt, die den SpieIbergSpiIez und den Schreibwald Schreibez nennt. Da auf einmal verstummen die Lieder der deutschen Studenten, werden die blauweißroten Fahnen auf dem Festplatz der Turner eingezogen, die Musikkapellen schweigen, die für den Abend befürchtete Schlacht von Brünn ist abgesagt. Franz Ferdinand erschossen die Herzogin von Hohenberg erschossen lähmende Stille in allen Straßen, Hufegeklapper der berittenen Polizei - und niemand weiß, was erdenken soll, denn hier ist alles so verbogen und verzerrt, alles so weit ab von Reich und Staat, beide Völker dieser Stadt sehen sich im ersten Entsetzen bei solcher Übeltat ertappt, daß vor ihnen das bleiche Antlitz des Toten wie tadelnde Warnung aufsteigt. Zu spät, zu spät! Sie haben auf ihn nicht gehört, die Herzen der einen hielten die Wacht am Rhein, die Herzen der andern schlugen für den großen Zaren und nun wird sich ihr Herzblut auf den fremden Schlachtfeldern vermischen und für ein Reich und einen Gedanken fließen, die sie beide schon lange nicht mehr wahrhaben wollen. 42 Roth s.a., p. 167. <?page no="463"?> D e r 2 8 . J u n i [...] s o llt e e in d e n k w ü r d ig e r T a g w e r d e n " 463 Die Sonne ist hinter den bleiernen Wolken versunken, ein böser Wind fegt durch die verödeten Straßen. Schwarzrotgelbe und blauweißrote Trikoloren werden, ehe sie der Sturm zerfetzt, eingeholt. Am Abend fahren die serbischen Turner ab und die Polizei muß die so jubelnd Begrüßten vor den Steinwürfen der Menge schützen.*41*43 Er gibt sich hier als Experte zu erkennen, der nicht nur in Brünns Topographie bewandert, sondern auch mit der Stadtsprache der Brunner Deutschen, ihrem Lokalkolorit, und durch detaillierte Schilderung der Ereignisse auch mit diesen bestens vertraut ist. Aus seiner Gymnasialzeit im südmährischen Grenzort Znojmo/ Znaim brachte Brehm wohl auch Erfahrungen mit dem Volkstumskampf mit. Als engagierter Verfechter des Sudetendeutschtums (und als Offizier) hat er Sinn für handgreifliche Konfrontation und diesbezügliche Darstellungen und bezeugt dies nicht nur in besagtem Abschnitt, sondern im ganzen Roman. Von dem Faktum her, dass Miško Jovanović, bei dem die Waffen der Attentäter von Tuzla versteckt gehalten wurden, Vorsitzender des dortigen Sokolvereins war, werden bei Brehm konspirative Konnexe zum Sokolkongress in Brünn suggeriert: Der Autor legt Oberst Dragutin Dmitrijević (Apis), dem Anführer der Schwarzen Hand, kaum verifizierbare Formulierungen über das Timing des Attentats in den Mund. Apis verlangt nach dem Racheakt am Veitstag und erwähnt explizit das "große" Sokolfest in Brünn.44 Der auktoriale Erzähler lässt hier die Sokoln in ihrer Kluft mit typisch roten (Garibaldi-)Hemden bereits als Militärformation in die vom Thronfolger der Öffentlichkeit am 14. Juni 1914 geöffneten Konopischter Parkanlagen einmarschieren, von diesem Raum symbolisch Besitz ergreifen und vergisst dabei nicht, das "große Sokolfest" in Brünn wieder einmal - Wink m it dem Zaunpfahl ! zu erwähnen usw.45 In Brünn selbst fanden zum Zeitpunkt des Anschlags auf den Thronfolger tatsächlich zwei in der Presse stärker verfolgte Veranstaltungen statt: der tschechische Sokolkongress (s/ et)46 und das XIII. mährische Landes- 4'' Biehm s.a., p. 45 1-453. 41 Biehm s.a., p. 183. Bruno Adler, der es als Lokalexperte (gebürtig aus Karlsbad) wohl wissen müsste (schrieb er doch sogar ein Buch über den angeblichen Ritualmord in Polnä (eine Art tschechische Dreyfus-Affäre) (vgl. Adler, Bruno: Kampf um Polna. Ein Tatsachenroman. Prag: Kacha 1934), schweigt sich über das Sokolfest in Brünn aus und erwähnt nur Sokol- Aktivitäten von Jovanović auf dem Balkan (z.B. eine öffentliche Veranstaltung der Sokoln am 4. Juni, "Fest des Kaisers Konstantin"), vgl. Adler 1931, p. 88. 4'' Brehm s.a., p. 262 ff. Die Eröffnung der Parkanlagen in Konopischt wird mit dem Kapitel Tuzla, 14. Juni 1914 parallelisiert, in dem über die Zusammenstellung der Listen von Sokolvereinsmitgliedern für die Teilnah me am Sokolkongress in Brünn durch Jovanović u.a. berichtet wird. Ibid, p.280. 46 Der Einfachheit wegen wird der Studententag der deutschen Burschenschafter (Mitsommer- Sonnwendfeier) als Trutz-Kundgebung zum vergeblich obstruierten Sokolkongress hier als <?page no="464"?> 464 Roman Kopriva schießen, ein deutschmährisches Fest,47 letzteres unter der Schirmherrschaft von Erzherzog Karl Franz Josef (dem späteren Kaiser Karl)48. In die Belletristik fand nur ersteres Eingang, das Wettschießen verschwand sang- und klanglos von der Bühne. In den deutschsprachigen Franz-Ferdinand-Romanen wurde der Sokol- Kongress bei Winder und Brehm festgehalten, in der tschechischen Literatur scheint er trotz seiner auch medial stark betonten Bedeutung für den "Kampf um den nationalen Besitzstand" in der deutsch dominierten Landeshauptstadt Mährens es war bekanntlich der einzige Sokolkongress Sondeiveranstaltung ausgespart. Vgl. Brehm s.a., p. 217-218, 323., ferner Lönnecker, Harald: Von "Ghibellinia geht, Germania kommt! " bis "Volk will zu Volk! " Mentalitäten, Strukturen und Organisationen in der Prager deutschen Studentenschaft 1866-1914. Online: http: / / www.burschenschaftsgeschichte.de/ pdf/ loennecker_pragerstudentenschaft.pdf, s.p. (Fußnote 62) (abgerufen am 3. Mai 2015) Weiters Lönnecker, Harald: Jahrbuch für sudetendeutsche Museen und Archive 1995-2001, München 2001, p. 34-77. Ferner müsste hier auch die Sjezd Ligyslovonskych železničnich organised [Tagung der Liga der slawischen Eisenbahnerorganisationen] in Krakau erwähnt weiden, ein Konkurrenzunternehmen zum Sokol-Kongress in Brünn, wo die Veranstalter des Sokolfestes im Vorfeld der Vorbereitungen in Verhandlungen mit den tschechischen Partnereisenbahnervereinen traten, um die unerwünschte Terminüberlappung zu vermeiden. Siet. Vestnik sletu Sokolstva v Brne. Nr. 1. 6. Mai 1914. Brno: Češka obec sokolska, 1914. s.p. DieseGIeichzeitigkeiten erinnern an die bei Roth narrativierte Konkurrenzveranstaltungen im öffentlichen Vereinsleben. Zum Sokolkongress: Kotov, Viktor Viktorovič: The Meeting (Siet) of the Czech Sokol Movement in Brno on June 27-28, 1914 (Doktorand an der Masaryk-Universität Brünn, russisch, die neueste Sekundärliteratur einschließlich der damaligen tschechischen und deutschen Tagespresse). Abrufbar online: http: / / hfiir.jvolsu.com/ index.php/ en/ component/ attachments/ download/ 791 (abgerufen am 15. Januar 2015), Čejka, Jiri: Sokolsky slet v Brne roku 1914. In: Forum Brunense 1994. Sbornik prac iMuzea mesta Brno.Brno: Muzeum mesta Brna 1994, p. 139-148 (tschechisch mit deutscherund englischer Zusammenfassung, untersucht nur die damalige tschechische Tagespresse ohne Konfrontation mit der deutschen, mit dem Sokolverein sympathisierend), ältere Fassung (und ohne Bildmaterial u. Tagespresse): Čejka, Jifk Brnensky sokolsky siet roku 1994. In: Mikulka, Jiri / Schelle, Karel: Prvni svetovä välka a ceskä společnost. Sbornik z vedecke konference Brno, 14. června 1994. Brno: Masarykova univerzita 1994 p. 62-66, Fürst, F(rantišek): Svitäni v Brne. Jakto vypadalo v Brne pred sietem 1914. [Morgendämmerung in Brünn. Wie sah es in Brünn vor dem Sokolkongress 1914 aus? ] Brno: Selbstverlag 1934 (historische Darstellung aus der Sicht der Sokolbewegung), Kunz, Jaroslav: Sokol a Rakousko. [Sokol und Österreich] Praha: Ceskoslovenskä obec sokolska, 1930 (aus der Sicht der Sokolbewegung). Eine Fotodokumentation mit zweisprachigem Text (tschechisch deutsch). Filip, Josef: 1. svetovä välka/ 1. Weltkrieg 1914-1918. Brno: Josef Filip 2014. 17 Aichelburg 2014, Bd. 3, p. 33, Schildberger, Vlastimil jun.: Historie streleckych společnosti' V Brne. [Geschichte der Schießgesellschaften in Brünn], In: Schildberger, Vlastimil jun. (Hg.): Streleckespolky Moravy, Slezska a mesta Brna na prelomu 19. a 20. stoleti. [Schießvereine in Mähren und Schlesien an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert], Brno: Brnensky mestsky strelecky sbor 2004, pp. 133-148. Das Landesschießen war für die Tage 28. Juni bis zum 6. Juli eingeplant, es wurde des Anschlags wegen abgebrochen und auf die Tage 15.-25 August 1914 verlegt und fand nach Kriegsausbruch nicht mehr statt; vgl. ibid., p. 138. 48 Obwohl das Eintreffen des hohen Besuchs in der Tagespresse für den 1. Juli 1914 angekündigt wurde, wurde später der Protektor "infolge Einberufung zu den Artillerie-Schießübungen bei Heimäsker" erst am 5. Juli erwartet. Vgl. Brunner Morgenpost, 26. 06.1914, p. 1. <?page no="465"?> D e r 2 8 . J u n i [...] s o l lt e e in d e n k w ü r d ig e r T a g w e r d e n 4 6 5 (siet)49außerhalb Prags-eine eher marginale Rolle zu spielen. So fehlt jedwede Erwähnung davon in Karel Novys mehrfach (vor allem im Geiste des sozialistischen Realismus) überarbeitetem und verlegtem Roman Atentat, der bereits 1935 erschien.50 Flüchtig wird an das Attentat in Kombination m it dem Sokol-Kongress von den bekannteren Autoren bei Jaroslav Durych51 und Božena Benešova52, und m it einer halben Seite auch bei Helena Malffovä53 erinnert. Von den Brünner Autoren, wo das Interesse am Lokalgeschehen eigentlich an stärksten zu veranschlagen wäre, ließ sich eine solche Darstellung wohl nur bei Rudolf Tesnohlidek54ermitteln, einem 49 Die zeitgenössische Sprachregelung, das Sokolturnfest im Deutschen als 'Sokolkongress' wiederzugeben verschleiert den subversiven paramilitaristischen Charakter der Vereinigung. Die Metapher meint im Tschechischen nicht nur einen ‘Zusammenflug von Vögeln', ‘Vogeltag', sondern auch in der tschechischen Jägersprache-‘Sturzflug' auf die Beute hin, den ‘ Falkenschlag'. Der deutsch dominierte Brünner Magistrat erlaubte die Abhaltung des Turnfestes in der Stadt nicht, aber das Königsfeld (Krälovo Pole) war vor 1918 Brünn noch nicht eingemeindet. Die Demonstration der 'slawischen Stärke' sollte beim Durchzug durch die Stadt (am Großen Platz usw.) zum Ausdruck kommen. 50 Novy, Karei: Atentat. Roman. Praha: Melantrich 1935, später unter dem Titel Sarajevsky atentat [Das Attentat von Sarajevo] verlegt. Die tschechische Nationalbibliographie insg. verzeichnet 7 Nachkriegsauflagen (letzte 1980). Auf Deutsch eine der überarbeiteten Fassungen: Novy, Karel: Das Attentat. Übers, von Rudolf Pabel. Berlin-Ost: Der Morgen 1964. Dieeigentlich ziemlich zutreffende und marktgerechte Bezeichnung Franz Ferdinand-Roman fehlt im Unterschied zu den deutschen Pendants bezeichnenderweise im Untertitel. Wohl ein Anzeichen für den antihabsburgischen Affekt der Tschechen? Weil Novy seit 1912 als Lokalberichterstatter für die PragerTageszeitung Češke slovo tätig war, die über die Auseinandersetzungen zwischen den Deutschen und den Tschechen beim Brünner Sokolfest ebenfalls berichtete, mutet sein Schweigen etwas verwunderlich an. Vielleicht nahm man in Prag (im Unterschied zum Prager Sokolkongress 1912) doch viel stärker die sog. Sviha- Affäre wahr: Dr. Karei Šviha, Abgeordneter der tschechischen National-Sozialen wurde als "Volksverräter", Konfident der PragerStaatspoIizei im Interesse der Regierung in Wien denunziert. In Wirklichkeit arbeitete Šviha bis 1912 diverse Denkschriften über deutsch-tschechische Anliegen im Interesse der tschechischen Polibk für den Thronfolger Franz Ferdinand aus. Die Affäre wurde sogar nicht unum stritten mit dem zeitgleich entstehenden Process von Kafka zusammen gesehen (Vgl. Nuska, Bohumil; Pernes, JirL Kafküv Proces a Švihova afera [Kafkas Proces und die Sviha-Affäre], Brno: BarristerSt Principal 2000 p. 42-46.). 1,1 Durych, Jaroslav: Nejvyssi nadeje [Höchste Hoffnung], Praha: s.l. p. 62. Der katholische Integralist wurde in diesem Zusammenhangvor allem für sein souverän ironisches hohes Lob von Jaroslav Hašeks Svejk-Roman (im EssayCesky pomnik: Dobry vojäkSvejk [Ein tschechisches Denkmal. Der brave Soldat Schwejk]) berühmt. Durych, Jaroslav: Ejhle človek. Praha: L. Kundr 1928 p. 77-91. Benesovä, Božena: Oder [(An)schlag]. Praha: Pokrok 1926 p. 51-53. Nicht gerade eine hochwertige Darstellung der Kriegsereignisse in einer kleinen mährischen Stadt. Malirovä, Helena: Pozehnäni. Roman[Segen. Ein Roman], Liberec: Severografia 21949 (EA 1920), pp. 140-141. Geschichte einer jungen Frau, die sich emanzipieren möchte und vor dem Krieg nach Wien geht und dort ihren Lebensunterhalt mit Tschechischunterricht verdient. Sie erfährt vom Attentat und dem Sokolkongress in dem südmährischen Kurort Luhačovice, wo sie sich gerade aufhält. 1,4 Tesnohlidek dürfte im Ausland vor allem als Autor der Vorlage fü r das Libretto von Leoš Janäceks Oper Das schlaue Füchslein (Libretto vom Komponisten erarbeitet, deutsch von <?page no="466"?> 4 6 6 Roman Kopriva Journalisten und mit dem Sokolverein sympathisierenden Autor.55 In seiner "Chronik der Brünner Peripherie" Kolonia Kutejsih56 die zuerst 1915-1916 in der bekannten Brünner Tageszeitung Udove noviny als Fortsetzungsroman erschien, lassen sich die Ereignisse nur indirekt und vielmehr für den Insider erschließen: aus der Kapitelüberschrift (Geist der Geschichte auf der Straße), dem Straßennamen (Ferdinandstraße), der Klage über den unglücklichen Balkan, die slawischen Brüder und den befürchteten Aktiensturz sowie aus der Schilderung der Männer in Volkstrachten bzw. Kluft mit roten Flemden (d.h. die oben genannten Garibaldihemden der Sokoln). Iesnohlidekgriffdiese Episode explizit in der Erinnerungsskizze Mezikordony (Zwischen den Kordons) wieder auf, die für das Programm-Gedenkbuch des "Gedenksokolkongresses" in Brünn 1924 niedergeschrieben wurde. Das Gedenkbuch (pamätnik) war für den "Bruder" Masaryk, Staatsoberhaupt der neu gegründeten Tschechoslowakei, bestimmt und wurde diesem bei seinem Besuch der Sokoljugend in Brünn (22. Juni 1924) übergeben.57 Der böhmisch burleske 'Rapport' vom Attentat in Sarajevo in Jaroslav Flašeks Švejk-Roman58 ist mittlerweile W eltliteratur geworden, im Falle der oben erwähnten mährischen Melancholie verdient Tesnohlideks pathetisch monumentalisierende Sokol-Kongress-Erinnerung (mindestens auszugsweise) in Übersetzung zitiert und dem allgemeinen Vergessen59 Max Brod) bekannt sein. In seinen Memoiren schreibt auch Čest mir Jefa bek über den Sokolkongress, aber in der Belletristik tat sich dieser Brünner Expressionist vor allem durch den autobiographisch motivierten Kriegsroman Svet hori [Die Welt steht in Brand] hervor. Vgl. Jefäbek, Čestmir: V pameti a srdci. Životni vzpominky. [Im Gedächtnis und Herzen. Lebenserinnerungen] Brno: Krajske nakladatelstvi v Brne, 1961 p. 30. 55 Diesewerden sehr stark in seinen Texten der Sokollieder (z.B. Pisen v ite z n ä - Siegeslied zum "Gedenksokolkongress" in Brünn 1924) oderseinen vom Tschechoslowakischen Sokolverein verlegten Agitprop-Kinderbüchern, mit denen er Kinder zu patriotischen Sokoln erziehen wollte und deren ästhetischer Wert eher problematisch ist, manifest. 56 Tesnohlidek, Rudolf: Kolonia Kutejsik. Roman z brnenskeho predmesti. Brno: Polygrafie 1922. Im Vordergrund steht die Ehescheidung des Protagonisten. Hoch geschätzt wird der Roman bis heute vor allem der souveränen Handhabung der tschechischen Stadtsprache wegen, die äußerst präzise abgelauscht zu sein scheint. 57 Tesnohlidek, Rudolf: Mezi kordony. Brno: Kristian Fanta (im Selbstverlag) 1933. Bruder war die übliche Anrede der Sokoln. Zum Sonderzweck der Erinnerung siehe die Nachbemerkung des Verlegers. Vgl. ibid., p. 18. "s Die Burleske ist nur ein Moment im Švejk-Roman, die Opposition eine relative. Vgl. Richterovä, Sylvie: Hasek, komickya tragicky autor Švejka. [Hašek, ein komischer und tragischer Autor von Švejk], In: Richterovä Sylvie: Ticho a smich. Studie z češke literatury. [Stille und Lachen. Studien zur tschechischen Literatur], Praha: Mladä fronta 1997, p. 43 -66. 59 Das Wort pamätnik meint im Tschechischen nicht nur "Gedenkbuch" bzw. "Stammbuch", wie es Mädchen zu führen pflegen, sondern auch "Denkmal", "Gedenkstätte", das damit verwandte Adjektiv "pamätny" dann "denkwürdig". Allein das Wort vermag bereits eine gewisse räumliche Ausdehnung, das Monumentale zu evozieren. Obwohl die Zuschauerzahl bei der Eröffnung des Sokolkongresses mit 70-100.000 veranschlagt, und die Zahl der <?page no="467"?> 'Der 28 Juni [...] sollte ein denkwürdiger Tag werden" 467 entrissen zu werden, denn sie liefert ein seltenes, kaum zugängliches und beachtetes Zeugnis von dem schwermütigen Erzählduktus und der Narrativierung des Attentats in Sarajevo auch in der tschechischen Literatur (literarisch ambitionierten Memoiristik60) und verbindet den Journalisten, Lyriker und Prosaisten Tesnohlidek zumindest in der Tongebung m it dem Mährer Ludwig Winder und seinem Thronfolger-Roman (eigentlich nach der Poetik der Neuen Sachlichkeit) über die Grenzen der Sprache hinweg: Am Haupttag des Turnfestes vor zehn Jahren, zur Mittagszeit, sah der Große Platz in Brünn einer blühenden Wiese ähnlich. Es war schwül, die sengende Sonne stand über den Köpfen im Zenit, und der offene Raum spielte, geschmückt mit hellen Frauenkleidern, in bunten Farben. Im Norden sammelten sich mährischslowakische Trachten zu Büscheln dazwischen flammten die Sokolhemden auf; wie Schattenstreifen schlängelten sich hingegen die dunkleren Männeranzüge durch die Menge. Es herrschte Ruhe und Stille, die spürbare Ruhe der Sicherheit und das Gefühl der Überlegenheit. Der Süden kochte und bebte vor Unruhe und Leidenschaft. Stetig blitzten hie und da die Mützen deutscher Studenten. Die lebende Wiese war zu bunt. Wie die Wiesen vorm Abmähen. In der Mitte war der Platz durch einen Gendarmeriekordon durchschnitten. Die Sonnenstrahlen brachen sich an den glänzenden Doppeladlern der hellgelben Helme ab; in Reih und Glied standen die Männer und mit den geschulterten Gewehren. Der Anblick war unvergesslich durch die heranflutenden Leidenschaften hindurch ein gestrenger, gradliniger, unbeirrbarer Pfad des Gesetzes. Schimpfwörter flogen hin und her, des öfteren schwangen sich Stöcke drüber, häufig drohte ein Zusammenstoß, doch der Kordon wurde dicht und machte das zündelnde Entladen zunichte. Ab und zu glitt aber ein Hieb auf einem Ordnungswächter runter, und der Gendarm griff ein. Noch ahnte niemand, dass irgendwo in der Ferne sich die Wolke eines künftigen Gewitters in mörderischen Schüssen entladen hatte. Brünn verwandelte sich in diesen Stunden mit einem Schlag. Am Abend vor dem Haupttag des Turnfestes brannten Feuer zur Begrüßung der Gäste aus dem Königreich Böhmen und Mährens Landen den Eisenbahnstrecken entlang. Sokoln beim Umzug durch die Stadt mit 8.982 und die der Turner (5.800) und Turnerinnen (2.500) beinahe genauso hoch wie letztere angegeben wurde (vgl. Čejka 1994, p. 139, 140, 146, 147), scheint das damalige massive Event heutzutage nur noch in der Erinnerungskultu r des Sokolvereins fortzuleben, und von dort aus wurde es vom Tschechischen Fernsehen (Lokalfernsehen) anlässlich des 100. Jahrestages des Attentats in Sarajevo im Juni 2014 abgerufen (Interview mit der Tochter einer Zeitzeugin): http: / / www.ceskatelevize.cz/ ct24/ regiony/ 278461-sokolsky-slet-z-roku-1914-se-rozletl-po-vystrelu-v-sarajevu/ (abgerufen am 15. Mai 2015) Es wurde auch ein Filmstreifen Sokolskysiet [Sokolkongress 1914-1934] (offensichtlich über den "Gedenksokolkongress" 1934 im Internet (You Tube) gepostet: https: / / www.youtube.com/ watch? v=elA20VgxSzE (abgerufen am 14. Mai 2015). 1,0 An Erinnerungen dürfte es sonst wohl nicht fehlen. Bei Kotov sind aber wohl nicht alle relevanten verzeichnet. Des breiteren politischen Kontextes wegen wäre etwa die folgende beachtenswert: Budinsky, Jaroslav: Morava za välky. Ze vzpominek na domäci odboj. Brno: Moravsky Iegionär 1936, p. 25-29. <?page no="468"?> 4 6 8 Roman Kopriva Je näher man Brünn kam, desto mehr nahmen sie zu. Aber auf einmal, blieben sie abrupt aus, und die Züge liefen in die Zone der Finsternis ein. In manchen Vororten Brünns war es düster und unheimlich, als ob sich dort ein Grab aufgetan hätte. Uns, die Einheimischen, überraschte es keineswegs. Was allerdings überraschen mochte, das war das Herausputzen der Häuser. Wir dachten, in der Innenstadt werden nur ein paar Fahnen zu sehen sein, und es gab sie in Dichte, viele Häuser prunkten in herrlichem Schmuck, doch am schönsten waren Wimpel in den Fenstern bis zum Dachgeschoss hinaus. Der tschechische Mieter und Untermieter fühlte sich als Herr seiner Wohnung und seiner Familie. Eswurde angeordnet, die Flaggen zu entfernen, doch kaum jemand hörte auf den Hausherrn. Es ist passiert, dass ein renitenter Mieter gekündigt wurde. Er nahm die Kündigung hin, doch seine Fenster blickten freundlich denen entgegen, die gekommen waren, das tschechische Brno in Augenschein zu nehmen. Vor der Stadt wehten riesengroße Fahnen auf Anhöhen. Eine von ihnen auf BNa Hora bei Židenice wurde in der Nacht gestohlen, doch keiner gab sich entrüstet. Weder Schimpfwörter noch Schläge vermochten jemanden zu entrüsten. Man versprach einzig und allein, alles heimzuzahlen. Nach sechs Stunden setzte sich an diesem denkwürdigen Tag ein mächtiger Strom vom Turnfestplatz in Richtung Stadtmitte in Bewegung. Er wälzte sich in eisiger Stille dahin. Unter jubelnden Fahnen traten die ersten schwarzen in Erscheinung. Die ersten Kolkraben stieben über der blühenden Wiese, auf die der Hagelschlag fiel, auseinander. Man ging aufgerichteten Hauptes. Hinterdem Schutzkordon bekam man das neue Schimpfwort "Königsmörder"61 zu hören. Doch die Gendarmen waren überflüssig. Es war klar, dass die Feierlichkeiten aus und die Tage des Herrn vorbei sind. Die Welt wurde vom Wandel ergriffen. Der Sokolkongress in Brünn wurde abgebrochen. Das Abschlussfest, das Mährische Jahr62, wurde durch gewitterliche Sturmfluten vereitelt. Die Linden in der langen Neugasse waren im Verblühen. In einem Monat sollte dort ein anderer Umzug einherwälzen: Hunderte von Pferden, von Bauern und Knechten begleitet. Die Ernte ins Haus, und das Landvolk nahm von seinen Helfern Abschied. Nicht das Kornfeld, das Schlachtfeld forderte den Mann. Vom Großen Platz aus gingen nun die Soldaten in verschiedenen Richtungen an die Front. [...]63 Der 28. Juni als denkwürdiger Tag scheint in der Erinnerungskultur wie auch in literarischen Narrationen und deren Fortschreibungen in diversen Nationalkulturen und -Iiteraturen abweichend dazu zu funktionieren, als 61 Im tschechischen Originaltext deutsch. 62 Das Programm dieses Volksfestes (Darstellung des tschechischen Jahreslaufbrauchtums aus diversen Gegenden Mährens, "das Jahr im mährischen Dorf"), angekündigt für den 29. Juni wurde des Attentats wegen auf den 12. Juli verlegt. Das vorgesehene Programm (samt Beschreibungen einzelner Volksbräuche, Fotos und entsprechenden Liedern zum jeweiligen Fest) in der Broschüre Moravsky rok. Brno: sletovy vybor 1914. Ferner etwa Moravsky den za sletu Sokolstva v Brne. In: Siet. Vestnik sletu Sokolstva v Brne. Nr. 2. Brünn: 22. Mai 1914 s.p. Es wurden auch andere KultuweranstaItungen, Ausflüge usw. geplant. 63 Tesnohlidek 1933, p. 9-13. Libers, von R.K. <?page no="469"?> "Der 28, Juni [„,] solite ein denkwürdiger Tag werden' 469 politische, kulturelle und literarische Strategien es bei der Festschreibung des für die Nachwelt kanonisch Denkwürdigen gern vermocht hätten.64 Die deutsch-tschechischen Konfrontationen in Brünn wurden durch den 'Brünner Todesmarsch' im Mai 1945 und die Zwangsaussiedlung der Deutschen aus dem Lande abrupt beendet. In Brünn wie überall in Böhmen und Mähren (Tschechoslowakei) blühte bereits nach dem kommunistischen Umsturz von 1948 die "Blume des Vergessens", wie sie der Brünner Milan Kundera in seinem Buch vom Lachen und Vergessen treffend beim Namen nannte. Diese überwucherte Ruinen der Vergangenheit auch nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes im August 1968. Der Orpheus von Königsfeld (1994), bzw. die Figurenstimmen in der gleichnamigen Erzählung6566von Jin Kratochvil (1940-), leben in der Normalisierungszeit der 1970-1980er Jahre in Brünn in den Tag hinein, schweigen sich über die dahingeschwundene Donaumonarchie und den Sokolkongress von dereinst aus und auch im Mauerputz wie dem Stadttext blieben kaum sichtbare Spuren davon. Bei Bedarf konnte man in den 1980er Jahren zu Joseph Roths Radetzkymarsch oder zu der neuen Übersetzung von Ludwig Winders Roman greifen wer aber täte es einer lokalen Episode wegen? Nach der Wende von 1989 wurde in der Tschechoslowakei der 28. Oktober als denkwürdiger Tag (Staatsfeiertag) wiederhergestellt, weil er 1918 die Lostrennung und Verselbständigung vom Flabsburgerreich brachte - und man behielt ihn in Tschechien auch noch nach 1993, als der tschechoslowakische Bund aufgelöst wurde, als sozusagen amputiertes Fest weiterhin bei, doch nicht in der Slowakei. Damit war der 28. Juni endgültig überschrieben, ein Palimpsest. Der Anschlag auf Franz Ferdinand blieb nur noch eine weit entrückte Erscheinung wie die Ermordung Wallensteins in Böhmen (1634), und seine Figur lebte nur noch nostalgisch etwa in Stücken des Prager Jdra Cimrman-Theater66 weiter. Über den Topos der mährischen Stille trug der bramarbasierende Plebejer Svejk seinen humorig-ironischen globalen Endsieg davon. 64 Winder selbst war der tschechoslowakische Nationalfeiertag am 28. Oktober (Ausrufung der selbständigen Tschechoslowakei 1918) als eine Bekundung der Loyalität zum tschechoslowakischen Staat wichtig. Vgl. Winder, Ludwig: Loyalität. Zum 28. Oktober. In: Deutsche Zeitung Bohemia. Jg. 108, Nr. 251. Prag 27.10.1935 S. 1. Siehe auch unter: http: / / kramerius.nkp.cz/ kramerius/ PShowlssue.do? it=0&id=988765 (abgerufen am 20. Mai 2015). Mit einer etwas abgewandelten Sinngebung in seinem 1943 vollendeten Roman Die Pflicht: als Zeichen des Widerstandes gegen die deutsche Okkupation (Kundgebung am 28. Oktober 1939). Winder, Ludwig: Die Pflicht. Wuppertal: Arco 2003 p. 61 ff. 65 Kratochvil, Jiri: Orfeus z Kenigu. Brno: Atlantis: 1994. 66 Vgl. dazu den Beitrag meiner Kollegin Pfeifferovä im vorliegenden Sammelband. <?page no="471"?> T h o m a s G rob (B asel ) Der huzulische Blick Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die W ahrheit der Peripherie in JozefWittIins Salz der Erde (SoIziemi) The two most famous novels on WWI in Slavonic literatures are probably Jaroslav Haseks The Good Soldier Švejk and Jćzef Wittlins Salt o f the Earth. While the first was written immediately after the war, Witt- Iins novel was written in a timespan of over ten years and published in 1935 only. S altofthe Earth shows traces of the literary positions of the author in the postwar years, especially of German expressionism, but it was finished under rather different circumstances. Polish researchers tend to negate the parallels between Wittlins text and Haseks burlesque Švejk, but the novels have many elements in common, and Wittlin refers openly to the Czech predecessor. The way they include the assassination of Franz Ferdinand is of interest: The explicit, but absurd mentioning in the beginning of Švejk corresponds in a strange way to the deliberately recessed theme in Saltofthe Earth. As in Švejk, the world view in Wittlin's novel is built on a peripheral perspective on WWI, but in a different way. The aim of the paper is to show how this perspective belongs to a narrative voice meandering between the author and the culturally and geographically marked, peripheral Huzul hero and how a literary text can construct a complex and open view on national and transnational spaces, the latter threatened by modernization and, in the first place, the war and its mentality. Wittlin, Hasek und der slavische Blick auf den Anfang des Ersten Weltkriegs Die literarische Produktivität der Thematik des Ersten Weltkriegs in den slavischen Literaturen ist nicht zu vergleichen m it derjenigen Frankreichs oder Deutschlands. Was die überregionale Berühmtheit anbelangt, gibt es zu diesem Ereignis, das Europa nicht nur erschütterte, sondern gerade im östlichen Teil auch umgestaltete, vor allem zwei 'große' slavische Romane. Beide stammen aus dem westslavischen Bereich; zwar erscheint das Thema auf dem Balkan nicht weniger relevant, doch blieb entsprechenden Texten1eine breite internationale Rezeption verwehrt. In Russland wiede- S. v.a. die im Erzählband Derkroatische G ottM ars (Hrvatski Bog Mars) versammelten Erzählungen Miroslav Ki ležas sowie Crnjanskis Tagebuch über Čarnojević (Dnevnik o Čarnojeviću) <?page no="472"?> 472 Thomas Grob rum haben Revolution und Bürgerkrieg den traumatischen Ersten Weltkrieg als Ort von Erinnerung und Aufarbeitung weitgehend überdeckt und seine allgemeine Semantik gleichsam überschrieben; im Rückblick eignete er sich nicht einmal als direkte Vorgeschichte zur Revolution, die sich im Bilde ihrer Protagonisten ganz anders motivierte und ihn gleichsam in eine vergangene Zeit zu versetzen schien. Auch in Polen könnte man erwarten, dass der Gewinn einer neuen Staatlichkeit nach Kriegsende und die militärischen Auseinandersetzungen darum der polnisch-ukrainische Krieg 1918/ 1919, der polnisch-sowjetische Krieg von 1920/ 1921den Weltkrieg in den Hintergrund drängen würden. Dies war tatsächlich weitgehend auch der Fall, und der Zusammenbruch der k. u k. Doppelmonarchie war hier, anders als in Österreich, fast sofort nicht nur Geschichte, sondern Geschichte einer anderen Welt. Die beiden slavischen Romane, die rasch nach ihrer Publikation international als sinnbildlich für eine repräsentative Kriegserfahrung, sogar mehr noch als Auseinandersetzung mit dem Krieg als solchem wahrgenommen wurden, sind einerseits der tschechische Roman Osudy dobreho vojaka Švejka za svetove valky (Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk) von Jaroslav Hašek und andererseits der polnische Roman Söl ziemi (Salz der Erde) von Jozef W ittlin. Ersterer entstand direkt nach Kriegsende aus der Kriegserfahrung heraus er erschien ab 1921 bis Hašeks Tod 1923*2-, der letztere über ein Jahrzehnt später, nämlich 1935 (wenn auch mit dem Datum 1936) in Warschau, zudem mit einem gewissen Abstand in der Resonanz. W ittlins Roman, um den es im Folgenden gehen soll, ist für den polnischen Kontext tatsächlich eher untypisch. Sein Titel sollte eigentlich nur für den ersten Band einer Trilogie stehen, die Powieic o cierpliwym piechurze (Roman vom duldsamen Infanteristen) hätte heißen sollen. Die Folgebände erschienen aber nie; der Entwurfzum zweiten Band ist offenbar im Krieg verloren gegangen, der dritte wurde wohl nie geschrieben.3 Dieser Trilogietitel - und das ist für die folgenden Überlegungen von Be- und seine späteren "Kommentare" dazu, zudem seine Lyrik von Ithaka (Lirika ! take). Vgl. für einen Übei blickzu weniger bekannten serbischen Autoren, die über ihre Kriegserfahrungen schrieben, Nie Marković, Gordana (Hg.): Veliki rat / Der große Krieg. Der Erste Weltkrieg im Spiegel der serbischen Literatur und Presse. Wien: Promedia 2014; für ein weit breiteres Spektrum Previšić, Boris: DasAttentatvon Sarajevo 1914. Ereignis und Erzählung. Hannover: Hohesufer 2014. 2 Vgl. zur Problemabk der Übersetzung die Anmerkungen von Antonin Brousek in Hašek, Jaroslav: Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk im Weltkrieg. Aus d. Tschechischen v. Antonin Brousek. Stuttgart: Redam 2014; in Bezug auf den Titel p.894, auf die Wiedergabe der tschechischen Umgangssprache des Romans p. 981ff. Ich zittere im Folgenden aus seiner neuen Übeisetzung. 3 Vgl. Wiegandt, Ewa: Wstijp. In: Wittlin, Jözef: Söl ziemi. Hg. v. Ewa Wiegandt. W rodaw et al.: Zaklad narodowy im. Ossilinskich 1991, pp. V-LXXXV, hier p. XLVIlf. <?page no="473"?> Der huzulische Blick 473 deutung variiert unübersehbar den Titel des Švejk, der bereits in den ersten Jahren nach seinem Erscheinen Weltruhm erlangt hatte und zum Modell vieler Nachahmungen, später auch von Verfilmungen wurde.4 W ittlin zitiert dieses Modell im Titel, um dann doch deutlich davon abzuweichen. Dadurch wird der Bezug doppelt bedeutsam, was uns später noch beschäftigen wird. SlavischeTextezum Ersten Weltkriegsindthematisch meistauch'österreichische' Texte, und sehr oft ist Galizien dabei ein wichtiger Handlungsschauplatz. Dies ist in den Erlebnissen des Pragers Švejk ebenso der Fall wie beim 1893 geborenen Crnjanski, der ebenfalls Kriegsdient in Galizien leistete, und sogar-w enn auch nurfürkurze Z e it-b e i Krleža. Diese Rolle Galiziens-das eine tatsächlich von Kämpfen besonders betroffene Gegend darstellte ist teilweise in den Kriegsbiographien der Autoren begründet, doch wird sie literarisch erst möglich durch die besondere multiethnische Bevölkerungsstruktur Ostgaliziens und der darauf aufbauenden semantischen Füllung. Da diese nicht zuletzt in der Literatur entstand, hat der Einsatz dieser Galizienbilder immer auch einen intertextuellen Charakter. Diese W elt zeichnet sich aus durch ihre komplexe Vielfalt, auf die man nach dem Ersten Weltkrieg ganz anders blickte als vorher, da sie nun bereits ein Stück weit verschwunden war; der nächste Weltkrieg wird die Eliminierung dieser Vielfalt vollenden. Die Vielfalt Galiziens ist eine ethnischkulturelle, sie beruht aber auch auf einer differenten Partizipation an der europäischen Modernisierung. Galizien gilt, seit es österreichisch ist, als kulturelle Schwelle nach Osten; es ist mehrfach peripher (auch stark jü disch geprägt) und gerade wegen seiner Entfernung zu Wien besonders geeignet, als literarische Bühne für den Untergang des Habsburgerreiches und die Dynamik von Peripherie und Zentrum zu dienen. Die Narrative zum Ersten Weltkrieg, die hier angesiedelt sind, verbinden sich wohl immer mit diesem Untergang. Galizien ist diesbezüglich beispielsweise Bosnien semiotisch verwandt: Auch Galizien ist annektiertes Gebiet, wenn auch schon seit der ersten Teilung Polens 1772, es ist nicht homogen und kulturell trotz der langen Zugehörigkeit zur Monarchie nicht deutsch-österreichisch, sondern slavisch in diesem Fall polnisch dominiert. Da Ga- 1 Zur reichen deutschen Rezeption des Švejk bzw. Schwejk vgl. Hanshew, Kenneth: Švejkiaden. Švejks Geschichte in der tschechischen, polnischen und deutschen Literatur. Frankfurt a.M.: P. Lang 2009 (Slavische Literaturen. Texte und Abhandlungen, 41), p. 251ff; zur polnischen ibid., pp. 213-249; zusammenfassend auch Bömelburg, Hans-Jürgen: Der andere Untertan. Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hasek (1921-1923). In: van Laak, Dirk (Hg.): Literatur, die Geschichte schrieb. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2011, pp. 182-197. Hanshew 2009, der sich dem Phänomen der 'Švejkiaden' widmet, nennt Salz der Erde nicht, erwähnt aber eine Übersetzung Wittlins der deutschen Švejk- Bühnenbearbeitung von Erwin Piscator (ibid., p. 206). <?page no="474"?> 474 Thomas Grob Iiziens Integration in das Habsburgerreich aber wesentlich fortgeschrittener war, bietet es sich mehr als Bosnien an, die österreichisch-ungarische Zerfallsthematik zu entfalten. Der Roman Jozef Wittlins, der selbst ein polnischer 'Galizier' war, kann sogar in verstärktem Maße als Galizienroman gelten; das Erzählen des Textes selbst verortet sich auf verschiedene Weise in Galizien, auch wenn die Handlung über dessen Grenzen hinausführt. Die biographische Verankerung, die bei W ittlin oft manifest wird, mag da eine besondere Rolle spielen. W ittlin wurde 1896 im kleinen Ort Dmytrow in Galizien, nahe der Wolhynischen (und damit russischen) Grenze in eine jüdische Familie geboren; sein Vater war Gutspächter. 1906-1914 besuchte er ein Gymnasium in Lwow (Lemberg), 1915 ging er nach Wien, wo er einige Zeit Germanistik, Romanistik und Kunstgeschichte studierte, um 1918, nach seinem freiwilligen Kriegsdienst, wieder zurückzukehren. Im Jahr 1922 begann ein unstetes Leben in verschiedenen Ländern: er war in tćdž, dann in Italien, zurück in Polen in Warschau und danach in Frankreich, von wo er 1940 vor der deutschen Besatzung über Spanien und Portugal nach NewYork flüchtete. Dort verbrachte er die Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1976, ohne sich je wieder der fiktionalen Prosa zu widmen.5Er verfasste aber weiterhin Essayistik und 1946 erschienen seine Erinnerungen Mein Lemberg (Moj Lwow). Im Folgenden soll W ittlins einziger Roman vor allem im Hinblick auf die Rolle der huzulischen Peripherie im Text vorgestellt werden, die hier den Raum für die galizische Thematik bietet. Dies erlaubt, so meine ich, einen besonderen Blick auf die Deutung des Kriegsanfangs und des Attentats von Sarajevo; dabei soll auch, insbesondere in Bezug auf die Romananfänge, die umstrittene Beziehung zu Hašeks Švejk berücksichtigt werden. Es ist zu vermuten, dass literarische wie historische Bilder des Kriegsbeginns, die das Attentat von Gavrilo Princip als relevant einsetzen sei er nun 'Serbe' oder 'Bosnier' - , damit Vorentscheidungen über die Relevanz ethnischer Kriterien treffen. W ittlin dreht in seinem Roman dieses Prinzip gleichsam um, indem er das Attentat als Leerstelle ausspart, was sich gerade im Vergleich zum musterbildenden Švejk gut erkennen lässt. Wenn es gilt, der Frage nachzugehen, was nationale Zugehörigkeit in Roman heißen könnte und wie sie sich narrativ manifestiert, dann bedeutet dies auch zu fragen, Wittlin machte sich einen Namen als Lyriker (vgl. Opacki, Ireneusz [Hg.]: Studia o Jözefa Wittlina. Katowice: Uniwersytet Slqski 1990) wie als Essayist. Vor allem aber hinterließ er bedeutende Übersetzungen, angefangen mit dem Gilgamesch-Epos; am bekanntesten wurde seine über viele Jahre entstandene Odyssee. Übersetzt hat er auch einzelne Werke von Joseph Roth (z.B. die Kapuzinergruft) oder Hesses Steppenwolf. Dass er aber den Švejk übersetzt hätte, wie man in gewissen Lexika lesen kann, ist ein Irrtum; Hanshew 2009, p. 206, erwähnt beiläufig, dass Wittlin 1929 Piscators Bühnenfassung übersetzt habe, die deutlich vom Original abweiche. DerSvejk erschien in Polen ebenfalls ab 1929. <?page no="475"?> Der huzulische Blick 475 wie und warum das Attentat in W ittlins Kriegsroman als Leerstelle inszeniert und provokativ, als 'Minuspriem' im Sinne Jurij Lotmans,6 aus dem eigentlichen Kriegsdiskurs ferngehalten wird. WittIinsSo/ ziemi und die Frage nach der Rolle des Huzulischen Einige polnische Forscher meinen, Wittlins 1935 erschienenen Roman Salz der Erde kenne man im Ausland besser als in Polen selbst.7Gleichzeitig wird der Roman gelegentlich als einer der bedeutendsten polnischen Romane des 20. Jahrhunderts gewürdigt.8 Diese ambige Einschätzung kennzeichnet recht gut die Sonderstellung, die der Roman in der polnischen Thematisierung des Ersten Weltkriegs und im nationalen Diskurs spielt. Die Peripheriethematik im Roman spiegelt eine periphere Position des Autors, die keineswegs in dessen galizischer Herkunft liegt, wie des Romans selbst. Für letzteres allerdings ist die Galizienthematik mitverantwortlich, war es doch im Unterschied zur deutsch-österreichischen Literatur nach 1 9 1 8 höchst ungewöhnlich, einen national gefärbten polnischen Diskurs von Galizien aus zu führen. Die Handlung des Romans Salz der Erde spielt zwischen dem 28. Juli 1914 m it der Kriegerklärung Österreich-Ungarns an Serbien einen Monat nach dem Attentat - und endet abrupt am 25. August desselben Jahres, praktisch zeitgleich m it dem Beginn der Kampfhandlungen in Galizien. Schon damit wird deutlich, dass es in diesem Roman in diesem ersten Teil der geplanten Trilogie, der nun als eigenständiger, abgeschlossener Roman wahrgenommen werden wird noch nicht um eigentliche Kriegshandlungen gehen kann. Diese sind sogar noch vollständig absent, und der Roman spielt in der Phase der österreichischen Mobilmachung. Im Zen- 6 "[...] wenn die Nichtverwendung dieses oderjenes Elements, ein bedeutungshaltiges Fehlen [...] zu einem organischen Bestandteil des graphisch fixierten Textes wird" (Lotman, Jurij M.: Die Struktur des künstlerischen Textes. Hrsg. v. R. Grübel, übers, v. R. Grübel, W. Kroll, H.-E. Seidel. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1973, p. 86). 7 Die rasche internationale Rezeption war tatsächlich erstaunlich; sie beflügelte auch die zuerst zurückhaltende polnische. 1938 erfuhr die polnische Ausgabe ihre vierte Auflage und W ittlin erhielt den Preis der polnischen Akademie der Literatur; zu diesem Zeitpunkt gab es schon deutsche, dänische, tschechische und russische Übersetzungen. 1939 folgten die englische, französische, italienische, schwedische und ungarische; weitere kamen später dazu (Wiegandt 1991, LXXX). In Polen wurde der Roman dennoch weitgehend vergessen, und er musste 1956 wiederentdeckt werden. Wirklich wahrgenommen wurde aber Wittlin, so die Flerausgeberin Ewa Wiegandt, erst nach seinem Tod 1976 - und das in eher bescheidenem Rahmen (ibid., LXXXII). 8 So etwa Jakowska, Krystyna: Z dziejöw ekspresjonizmu w Polsce. Woköt "Soli ziemi". Wroclaw et al.: Wyd. Polsk. Akad. Nauk 1977, p. 5 (die allerdings wohl weniger einen Konsens zitiert als eineThese vertritt). <?page no="476"?> 476 Thomas Grob trum steht ein unverheirateter, 41-jähriger Mann aus dem Karpatenvolk der Huzulen. Seine M utter war auch eine Huzulin, die "bis ins späte Alter ihre Pfeife [rauchte]" (p. 39/ 31),9 der Vater war "angeblich Pole" (ibid.), vermutlich der illegitime Sohn eines polnischen Adligen, was seinen Namen Niewiadomski (Unbekannt) erklären würde. Die Hauptfigur Piotr Niewiadomski selbst assoziiert m it ihrem Namen trotz dieser angedeuteten Begründung unübersehbar den 'Unbekannten Soldaten'. Zu Anfang der Handlung dient Niewiadomski als Träger an der Bahnstation Topory-Cziernelica bei Snjatyn (dem heutigen ukrainischen Snjatyn) an der galizisch-bukowinischen Grenze. Doch seine Bahnlinie Lemberg- Czernowitz, welche "die entlegenen Gebiete mit der Welt" verbinden soll (p. 37/ 29), damit für huzulische Begriffe "von Unendlichkeit zu Unendlichkeit" läuft (ibid.), bringt den gänzlich lokal verwurzelten Huzulen den Metropolen und Zentren keineswegs näher: Die Züge halten hier "kaum drei Minuten" oder verlangsamen nicht einmal ihre Geschwindigkeit (p. 38/ 30), und wenn jemand aussteigt, sind es "irgendwelche Herrschaften aus der Stadt" (ibid.). Immerhin sah Piotr schon "Wagen, [...] die aus der Türkei kamen, wo das Meer ist und die Heiden sind, die mehrere Frauen gleichzeitig haben dürfen", oder solche, "die aus Wien zurückkehrten, wo der Kaiser lebt" (p. 44/ 36); manchmal darf er mit seinem Hammer Räder abklopfen, "die über ausländische Schienen zu rollen gewohnt waren" (ibid.). Dennoch gehörte alles, was außerhalb seines engen Radius bleibt, für Niewiadomski bisher zum "Geheimnis der Welt [...], das er nie kennenlernen würde" (p. 45/ 36). Piotr fühlt sich als "Kaiserlicher": "Niemals verließ ihn das Bewusstsein, wem er diene" (p. 42/ 34). Es ist die symbolische Figur des Kaisers, die seine Identifikation mit dem Rest des Reichs begründet; die österreichische Kappe, die auch der Kaiser sich manchmal aufsetzt, die zu erlangen man aber ein echter Bahnwärter werden muss, repräsentiert seinen unerreichbar scheinenden Traum (p. 43/ 34). So sind Piotr Niewiadomskis Hoffnungen daraufhin ausgerichtet, einmal selbst Bahnwärter zu werden dann würde er vielleicht heiraten, wenn auch wohl nicht Magda, die Waise, die ihm im Haus hilft und manchmal über Nacht bleibt. Er hätte dann sogar ein eigenes Haus (p. 45f./ 36f.) und würde nicht in demjenigen seiner Schwester Paraszka wohnen, die nach Meinung der Priesters in einem Etablissement "verkam" (p. 39/ 31). 9 Ich zitiere im Folgenden mit leicht angepasster Orthographie aus dem Roman nach der deutschen Übersetzung von Izydor Berman (überarbeitet von Marianne Seeger): Wittlin, Joseph: Das Salz der Erde. In: Wittlin, Joseph: Die Geschichte vom ungeduldigen Infanteristen. Das Salz der Erde. Ein gesunder Tod, Fragment. Essays. Gedichte. Frankfurt a.M.: Suhlkamp 1986, pp. 11-293. Im Gegensatz zu früheren Ausgaben dieser Übersetzung sind hier die polnischen Namen belassen. Die erste Seitenzahl bezieht sich darauf, die zweite auf den polnischen Text in Ewa Wiegandts Ausgabe in der Biblioteka Narodowa (Wittlin 1991). <?page no="477"?> Der huzulische Blick 477 Bei Kriegsausbruch wird Niewiadomski, da man niemanden sonst mehr zur Verfügung hat, tatsächlich ersatzweise Wärter im Bahnwärterhäuschen Nr. 86. Doch als er wie durch ein Wunder seinen Traum in Erfüllung gehen sieht und sich die langersehnte kaiserliche Kappe aufsetzen darf, bereitet ihm dies keine Freude mehr, ist er doch nur "als Notbehelf" (p. 55/ 46) und temporär zum Bahnwärter geworden. Ohnehin wird er kurz darauf unerwartet selbst eingezogen, obwohl er vorher in drei Musterungen für dienstuntauglich erklärt worden war (p. 58/ 49). Piotr Niewiadomski, die durchgehende Bezugsfigur in dem Roman, kann nicht lesen. Deswegen hängt er auch am Bahnhof das Plakat m it den offiziellen Verlautbarungen zu Kriegsbeginn verkehrt herum auf (p. 53/ 44), und er versteht ohne Hilfe seinen eigenen Stellungsbefehl nicht. Buchstaben sind für ihn, der in einer Verbindung von biblischen und pagan-mythischen Mustern denkt, des Teufels und der Grund der meisten Übel, die in die Welt kommen, da der Teufel "in jeder Schrift sitzt, sogar in der Fleiligen Schrift" (p. 62/ 52). So ist es kaum ein gutes Omen, wenn Piotr seinen Stellungsbefehl in Fländen hält und sein Schicksal nun "von schwarzen, kleinen bauchigen Kreisen" abhing (p. 68/ 57). Diese für ihn undurchschaubaren Zeichen stehen, was er nicht wissen kann, für eine Moderne, die den Bezug zum Individuum, zu einem lokal nachvollziehbaren Sinn verloren hat. Sie sind die ersten Boten von modernen imagined communities, die hier gleichzusetzen wären mit abstrakten Gemeinschaften, die jeden ausschließen, der ihre kommunikativen Techniken nicht beherrscht. Der Krieg ist in diesem Roman der Kulminationspunkt dieser anonymisierenden Moderne, die exnegativo an der Figur des Fluzulen Piotr Niewiadomski vorgeführt wird.10 Der Prozess, in dem er zum Soldaten gemacht werden soll - und der im Grunde die Flandlung des Romans ausmacht -, beginnt mit einer Entwurzelung: In einer Kaserne in der Nähe von Budapest wird eine gewaltsame Entpersönlichung, De-Individualisierung vollzogen, die im fanatischen Feldwebel Bachmatjuk personifiziert ist. Dieser hat es keineswegs nur auf die äußere Form soldatischen Verhaltens abgesehen, sondern auf die Seele der Soldaten selbst, auf totale Unterwerfung unter die militärische Ordnung. Das Erstaunliche an dieser typisierten Figur ist, dass sie selbst - und in diesen Passagen verlässt der Roman den Bewusstseinshorizont Piotrs ein eigenes psychologisches Profil erhält und in ihren inneren Konflikten gezeigt wird. Bachmatjuk bleibt, wie zu Recht betont 10 Sein Name scheint hier auch eine weitere Assoziation anzunehmen, die Negierung nämlich nicht nur des Bekannten, sondern auch des Wissens ('wiadomo' im Sinne von ‘es ist bekannt'). Piotr stünde damit fü r diejenigen, die nicht über das moderne Wissen verfügen. Wenn man so weit gehen darf, dann wäre der Krieg auch die Gewalt, die am ehesten die zerstört, die nicht an der Moderne teilhaben können. <?page no="478"?> 478 Thomas Grob wird, ein Mensch, "capable of suffering, fear and guilt",11 was vielleicht durch seine ukrainische Herkunft bedingt ist: Er stammt selbst aus der Peripherie, auch wenn er den vermeintlichen Dienst am Zentrum zu seinem Lebensinhalt macht, seine "Nationalität" (narodowosd) hat sich denn auch bereits "aufgelöst" (p. 241/ 214). Er wird zum "Kaplan der Subordination", ein treuer Vollstrecker der Mission, "aus Menschen Menschen" zu machen und aus allen ungeachtet ihrer Herkunft "Österreicher zu formen" (p. 241/ 2141; vgl. p. 197/ 176). Die letzte Spur einer Widerständigkeit liegt darin, dass er sich das Recht nimmt, immer sonntags zu verschwinden und am Abend betrunken, in diesen Momenten "gleichgültig gegen alles Militärische", zurückzukehren (p. 197f./ 176). Doch gerade in der bezwungenen inneren Spaltung ist er ein "devoted servant of the goddess Subordination"12 und als solcher das Zentrum einer Fabrik der Dehumanisierung: This microcosm opposed to the idyllic Topory-Czernielica is governed by fear and blind obedience. It is void of any trace of freedom or human life in general. It is a plant located between a slaughterhouse and cemetery that produced mechanical people, devoid of heart and soul, ready to go to the front and kill or be killed.13 Niewiadomski wiederum, den wir im 'äußerlichen' Krieg nicht erleben, repräsentiert keinen intellektuellen, ja im Grunde überhaupt keinen Widerstand gegen den Krieg. Er steht so wurde er jedenfalls immer gesehen f ü r ein naives Bewusstsein, in dem sich die ihm unverständliche Welt spiegelt,14mithin für ein Denken, das keineswegs dasjenige des Autors sein kann. Tatsächlich meinte W ittlin aus der Distanz späterer Emigrationsjahre, er habe diesen Huzulen, der so wenig eine besondere Völkerschaft repräsentiere wie Charlie Chaplin die Amerikaner, als Verfahren der verfremdenden Wahrnehmung der Wirklichkeit eingesetzt.15 Doch war zum Zeitpunkt dieser Äußerung sein Roman bereits ein Stück universalisierter W eltliteratur geworden; W ittlin beschränkt rückblickend das Deutungspotential auf die abstrakte 'humanistische'16 Dimension, die dem Roman 11 Yurieff, Zoya: Joseph W ittlin. New York: Twayne 1973, p. 75. 12 Yurieff, Zoya: The image of World War I in "The Salt of the Earth" by Jozef Wittlin and in "August 1914" by Alexander Solzhenitsyn. In: Frajlich 2011, pp. 3-23. 13 Ibid. 11 Man hat den Roman deswegen immer wieder, was mir allerdings problematisch erscheint, in den Kontext des Primitivismus gestellt; vgl. auch Thirouinova, Marie-Odile: Postava "idiota" ve stfedoevropskem romänu 20. stoleti: Josef Svejk a Piotr Niewiadomski. In: Češko literatura 6 (2011), 812-826. 15 Vgl. Wiegandt 1991, p. LXI. 16 Vgl. Etwa die auf Zivilisationskritik bzw. Kritik an der 'Dehumanisierung' ausgerichtete Analyse bei Trubicka, Hanna: Problem kryzysu humanizmu w "Soli ziemi" Jözefa Wittlina. In: Zagadnienia Rodzajdw Literackich 2 (2011), pp. 209-228. <?page no="479"?> Der huzulische Blick 479 sicher inhärent ist, und abstrahiert selbst, wie die Rezeption, vom präzise gesetzten räumlichen Setting. Die Frage bleibt offen, was die Wahl des Huzulen zum eigentlichen Erzählprisma des Romans literarisch bedeutet. Die oft erwähnte Anlehnung W ittlins an ein mythisch-episches Erzählen die m it W ittlins langjähriger Arbeit an der Übersetzung von Homers Odyssee verbunden wird - 17 kann dies jedenfalls nicht hinreichend erklären. Der Prolog und die expressionistische' Sicht auf dem Kriegsanfang Salz der Erde ist fraglos ein pazifistischer Roman, sein Generalthema die Mechanik des Krieges w eit über seine physische Zerstörungskraft hinaus und die Dehumanisierung des Menschen. Literarisch zeigt sich dies auch in einem letztlich anklägerischen Gestus m it deutlichen Spuren des expressionistischen Umfeldes, in dem sich W ittlin, damals noch vorwiegend Lyriker, in den frühen 1920er Jahren bewegte.18 Diese Spuren scheinen sich jedoch im Verlauf des Romans zu verwischen, was wohl auch aus der Entstehungsgeschichte erklärt werden kann: W ittlin schrieb zehn Jahre an seinem einzigen Roman, bevor offenbar sein Verleger ihm das Manuskript abnötigte und es 1935 publizierte. W ittlin tilgte die Spuren dieser langen Entstehungszeit nicht, die trotz allem den Eindruck eines geschlossenen Romans nicht beeinträchtigen. Doch sind die Veränderungen seiner Interessen während dieser Jahre ebenso wie diejenigen des Umfelds beträchtlich; W ittlin, immerhin aus einer assimilierten jüdischen Familie stammend, beendete seinen Roman bereits unter dem Eindruck des deutschen Faschismus. Sich selbst nennt er schon 1930 einen "ehemaligen Pazifisten".19 17 Dies nimmt Tischner, Eukasz: "Sötziemi", czyli tpsknota do eposu. In: Pamiqtnik Iiteracki Clll (2012), z. 1, pp. 87-109, noch einmal auf. 18 Am offensichtlichsten gilt das fü r seine Hymnen (erstmals 1920). Zu Wittlins 'Expressionismus' vgl. Yurieff 1973, p. 18ff., zurSchwierigkeit der Bestimmung aber schon Jakowska 1977, insbes. pp. 6ff. u,132ff. Analybsch scheint die 'expressionishsche' Ausgangsfrage im Hinblick auf den Roman diesen aber doch sehr einzuengen; er nimmt ihm vor allem gänzlich seine ‘ mentale Geographie'. 18 Vgl. den Essay Ze wspomnieti bylego pacyfisty (Aus den Erinnerungen eines ehemaligen Pazifisten, in: Wiadomosci literackie. Warszawa, 05.01.1930, p. If.); der zivilisabonskribsche Essay richtet sich weniger gegen frühere Ideale, denen er treu geblieben sei, als gegen den "falschen Frieden" (ibid., p. 2) der Gegenwart. In seinem früheren Essay Wojna, pokoj i dusza poety (Krieg, Frieden und die Dichterseele, 1929; dt. in W ittlin 1986, pp. 327-365) wird deutlich, dass er dem Pazifismus eine gewisse Naivität zuschreibt, dass er aber keineswegs davon ablässt, den Krieg als Verbrechen und die Armee als "mörderische Maschine" (ibid., p. 347) im Dienste von Staaten zu sehen, die den Menschen "mechanisieren" (p. 348) und Handlungen lehren, die sie selbst als Verbrechen ansehen (p. 345). <?page no="480"?> 480 Thomas Grob So sind die (deutsch-)expressionistischen Spuren20 im Roman m it Abstand am deutlichsten im mehrteiligen Prolog erkennbar. Der im Hinblick auf die Frage von Kriegsbeginn und Kriegsbegründung vor allem interessierende zweite Teil dieses Prologs zeigt in einer fiktiven Szene eine Zusammenkunft, die sich wohl in Schloss Schönbrunn abspielt, jedenfalls auf höchster Reichsebene: Die Erklärung "An meine Völker" soll vom greisen habsburgischen Kaiser Franz Joseph unterzeichnet werden. Danach geht es schlaglichtartig um die Verbreitung der Kriegsnachricht und die beginnende Mobilisierung. In einem Vorgriff auf die Romanhandlung wird schließlich der Träger am Bahnhof Snjatyn eingeführt, der plötzlich provisorisch ein Wärterhäuschen betreuen muss, was ihn durch die vorbeifahrenden Züge m it den Weiten und der Sprachenvielfalt des Reichs konfrontiert. Zum Schluss wird noch kurz der Beginn der Kriegshandlungen in der Region durch die Schüsse auf Belgrad evoziert. In diesem Prolog gibt es eine metaphorisierende Drastik. Besonders die Schloss-Szene ist in einem sarkastisch-karikierenden, ja grotesken Ton gehalten. Ähnlich, wie dies später m it Piotr geschieht, wandert hier die Perspektive zwischen dem außenstehenden, also heterodiegetischen Erzähler, dem anwesenden kahlen, "hageren Elegant" (p. 17/ 5) gemeint ist der später noch genannte Berchtold, dem es um die Karriere und nicht zuletzt um sein Pariser Parfüm geht - , und schließlich dem Kaiser selbst, dessen Wahrnehmung durch seine Sklerose getrübt ist und dessen Manövererfahrung weit zurückliegt (p. 21/ 10). Er freut sich, als er erfährt, er habe 38 Divisionen, und wird zur Unterschrift gedrängt. Diese Szene gehorcht ganz offensichtlich noch nicht dem biblischen "Ihr seid das Salz der Erde", das den Titel und das M otto darstellt, sondern dem ebenso biblischen "Denn sie wissen nicht, was sie tun". Das Thema eines Kriegsgrundes wird dabei in den Hintergrund gedrängt: die Situation ist bewusst abgelöst von rationalen Entscheidungsprozessen, und den Akteuren ist in keiner Weise bewusst, was sie hier leichtfertig in Gang setzen. Der Krieg erscheint schon in diesem Vorfeld des Prologs als sinnfreie Angelegenheit, ausgelöst von greisen Generälen, einem Kriegsminister, der nie einen Krieg gesehen hat und einem Kaiser, der vergessen hat, wie seine Soldaten eingekleidet sind. Zum wichtigen Leitmotiv wird der Ausdruck "meine Völker": Der Kaiser ist gerührt, dass seine Völker so vieles zu fordern haben, auch wenn er sich nicht erinnern kann, worum es ihnen dabei ging. 20 Zur bestimmenden Rolle der deutschen Literatur für Wittlin vgl. Lawaty, Andreas: Wittlin and German Literature. Friends in an unfriendly world. In: Frajlich, Anna (Hg.): Between Lvov, New York and Ulysses' Ithaca. Jözef Wittlin, poet, essayist, novelist. Toruri: Nicholas Copernicus University/ New York: Columbia University 2001, pp. 147-155. <?page no="481"?> Der huzulische Blick 481 In dieser Entstehungsgeschichte des Krieges kommen keine anderen europäischen Mächte vor. Einmal stammelt der Kaiser in Gedanken etwas von Belgrad, doch ist ihm selbst unklar, was das mit seiner Erklärung zu tun haben könnte. Das Attentat selbst scheint sogar dem Kaiser keineswegs entscheidend: Er beschwört die letzten Paraden herauf, an denen er teilgenommen hat. [...] sein Gegner war kein anderer als der vor vier Wochen ermordete Franz Ferdinand, der Thronfolger. [...] Für eine Weile verspürte der Greis von neuem den alten Unwillen gegen diesen fiktiven Feind aus den Manövern, dessen wirklichen Tod er jetzt zu rächen hat, er und das ganze kaiser- und königliche Heer. Das Blut stieg dem alten Kaiser zu Kopf bei dem Gedanken, dass ihm dieser hartnäckige Franz Ferdinand nicht einmal nach dem Tode Ruhe gebe, der Thronfolger, der so viele Jahre auf des Kaisers natürlichen Tod vergeblich gewartet hatte. Irgend etwas in dem Alten rief: "Und ich habe ihn überlebt! " (p. 2 1 f./ llf.) Die politische Entscheidung über Leben und Tod von Millionen von Menschen beruht auf persönlichem Stolz. Die "Völker", die in der Deklaration, vor allem dann aber im Roman ein zentrales Thema sind, sind auf dieser Ebene bloße Dekoration eines egozentrierten Denkens. Bereits die Frage nach den Ursachen des Krieges würde diesen zu einem kausalitäts- und sinngebundenen Ereignis nobilitieren, das er in dieser Sichtweise gerade nicht ist. Umso präziser wird später der Ablauf der Ereignisse nach der Kriegserklärung beschrieben, mit Fokusaufdie Mobilmachung und unter Umgehung der internationalen Dynamiken. Die nicht mehr zu bremsende Entwicklung verläuft nun aber, ganz im Gegensatz zum unbestimmt-emotionalen Anfangsmoment, mit der Präzision und Unerbittlichkeit einer Maschine. Hašeks Svejk und das Attentat Bezogen auf den Kriegsbeginn wird W ittlins Bezug auf Hašeks Švejk besonders bedeutsam.21 Dieser Roman um einen ebenfalls vorher dienstuntauglichen Soldaten nennt das Attentat von Sarajevo schon im ersten Satz: "Die haben uns also den Ferdinand umgebracht", sagte die Zugehfrau zu Herrn Švejk, der vor Jahren den Militärdienst quittiert hatte, nachdem er von 21 Ich werde hier nicht auf die wie ich meine einigermaßen obsolete Diskussion eingehen, ob man die beiden Romane wirklich vergleichen könne. Die Reserve der polnischen Wittlin- Arbeiten diesbezüglich stellt jedenfalls eher ein wertendes als ein analytisches Problem dar, da man den 'poetischen' Wittlin vom eher klamaukhaften Švejk fernhalten möchte (so auch etwa Yurieff 1973, p. 75). Der beträchtliche Unterschied zwischen den Romanen schließt eine Nähe in anderen Dingen - und dies weit über die Anti-Kriegs-Haltung hinaus nicht aus. Im Falle Wittlins ist diese Assoziabon nicht nur offensichtlich, sondern offensichtlich gewollt. <?page no="482"?> 482 Thomas Grob einer militärärztlichen Kommission endgültig für geistesschwach erklärt worden war [...]. (p. 7/ 13)” Švejk geht daraufhin die Ferdinande durch, die er kennt und um die es nicht schade sei. Als er versteht, dass der Erzherzog in Sarajevo in einem Automobil erschossen wurde, spricht er von der Gefährlichkeit des Autofahrens - und von Bosnien: Da schau her, Frau Müllerovä, in einem Automobil. Ja, so ein Herr, der kann sich das erlauben und denkt nicht einmal daran, dass so eine Fahrt im Automobil unglücklich enden kann. Und noch dazu in Sarajevo, das ist in Bosnien, Frau Müllerovä. Das haben wohl die Türken gemacht, (p. 7f./ 14) Die Geschichte, die Švejk imaginiert und belehrend weitergibt, impliziert gleich mehrere Faktoren der Distanzierung zu diesem vermeintlich epochalen Ereignis. Auf den betroffenen Erzherzog selbst kommt Švejk erst gar nicht zu sprechen auch hier spiegelt sich das M otiv der anonymen imagined community des Kaiserreichs, die nicht wirklich zu ihren 'Rändern' vordringt. Dann ist er ihm sozial offenbar so fremd, wie es das Ereignis des Attentats regional und kulturell ist. In Švejks eigener Manier übersetzt er alles in seine eigene Welt, und so werden nun in einem scheinbar unkontrollierten assoziativen Erzählen die Arbeit erörtert, die so ein Attentat darstellt, die oft nicht funktionierenden Revolver, oder dass man einen dicken Thronfolger vielleicht immer noch besser treffe als einen dünnen. Alle dies zeugt von einer völligen Absenz innerer Betroffenheit, ja eines Urteils: das Attentat hat mit Švejk, so wird einem vorgeführt, eigentlich nichts zu tun. Stattdessen erzähle man sich, meint er, dass eine Zeit komme, "wo diese Kaiser einer nach dem anderen draufgehen" (p. 9/ 15). In Švejks Kneipe, wo sich die Gespräche fortsetzen, merkt man rasch, dass diese Gespräche in politisch heikle Zonen führen: "Aber irgendein Sarajevo, Politik oder der verstorbene Erzherzog, das ist nichts für unsereins, da kommt nichts bei raus als Knast" (p. 11/ 17). Tatsächlich erweisen sich die auf das Attentat folgenden Ereignisse als äußerst relevant auch für Švejks Leben, dessen neuer Abschnitt mit der Verhaftung aufgrund seiner unbedachten Äußerungen und der folgenden Mobilisierung als Soldat beginnt. Geht Hašeks Roman vom Attentat aus, um es sogleich ad absurdum zu führen, wird es bei W ittlin so gezielt ausgespart und aus der Dynamik der Kriegsbeginns ausgeschlossen, dass es jedem Leser auffallen m u ssumso mehr, als sein Roman ganz offensichtlich die Folie des Švejk aufruft. Wie sehr sich diese Verfahren äquivalent sind, indem sie die Bedeutung des22 22 Die erste Seitenzahl bezieht sich auf die zit. Übersetzung Hasek 2014, die zweite auf die Originalausgabe Hašek, Jaroslav: Osudy dobreho vojaka Švejka za svetove valky. Praha: Československ/ spisovatel 1990. <?page no="483"?> Der huzulische Blick 483 Attentats für die weiteren relevanten - Ereignisse gleichsam zerstäuben, zeigt sich im parallelen Einsatz ihrer betont peripheren Perspektive. Differente Peripherien Josef Švejk, Träger einiger Merkmale des Autors selbst, ist wie Piotr Niewiadomski eine peripher markierte Figur. Beide haben zu allem eine affirmierende Haltung und werden dennoch zu literarischen Symbolen einer radikalen Antikriegs-Position. Švejk lässt sich so widerstandslos verhaften, wie Niewiadomski einrückt; er findet alle Aktionen der Polizei nach dem Attentat so richtig wie Niewiadomski seinen Dienstbefehl. Bei beiden wird dem Leser aber das Gegenteil suggeriert, auch bei Piotr, der nicht einmal, wie Švejk, das System in seinen Handlungen untergräbt. Die Paradoxie von Affirmation und Subversion stammt aus dem Einsatz der peripheren Sicht, und der verfremdende Blick des "amtlichen Idioten" Švejk (p. 25/ 33) auf die Gesellschaft ist darin dem des analphabetischen Huzulen Piotr in gewisser Weise - und gerade als verfremdende Perspektiven auf Armee und Krieg-äquivalent. Doch wird in diesem Vergleich der gezielte Einsatz der räumlichen Peripherie bei W ittlin besonders deutlich. Sie entfaltet sich im Text auch dadurch, dass ein großer Teil des Romans die Reise zum Ausbildungsort in Ungarn und damit Piotrs Eindrücke von ihm fremden Teilen der Monarchie beschreibt; dies gilt aber weitgehend auch für den Švejk. Doch ist der periphere Ort (und Blick) Josef Švejks ganz anders definiert als derjenige Piotr Niewiadomskis: Švejk ist sozial peripher, seine Überlebensschlauheit kommt aus einer urbanen Nische, die im Zentrum Prag verortet ist. Niewiadomskis regional-kulturell periphere Position hingegen führt eine eigene Thematik in den Roman ein. Dieser rückt damit in die Nähe zu den Galizientexten Joseph Roths, mit dem W ittlin in Wien befreundet gewesen war: Roth und W ittlin hatten sich 1916 zusammen als Freiwillige für die österreichische Armee gemeldet, und Joseph Roth verfasste 1937 das Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe von Salz der Erde. Doch gibt es auch zwischen diesen beiden Autoren markante Unterschiede, und diese liegen nicht zuletzt darin, dass sich bei W ittlin keine ausgeprägte Nostalgie gegenüber dem Habsburgerreich entwickelt.23 Der scheinbar so naive, kaisertreue Niewiadomski hat ein paradoxes Verhältnis 23 Eine genauere Gegenüberstellung der beiden Galizien-Autoren, die sicher lohnend wäre, steht noch aus; einen Anfang macht Maurer, Jadwiga: The demise of the Austro-Hungarian Empire. JozefWittIins "Söl ziemi" and Joseph Roths "Radetzkymarsch". In: Frajlich 2011, pp. 139-145. <?page no="484"?> 484 Thomas Grob zum Reichsganzen. Er traut den Ungarn nicht, weil sie nur einen König und keinen Kaiser haben, er ist entsetzt, dass Juden ohne Uniform eine Brücke bewachen können, er bindet ethische Vorstellungen an seine Religion und vermutet, dass die Weltgerechtigkeit nur bis Delatyn reicht (p. 167/ 149) all dies steht für einen Prozess der Dekomponierung seines Reichsbegriffs. So muss Piotr auch erleben, dass seine Regel, dass alle Kaiserlichen sich sprachlich immer verstehen ("und sei es auf deutsch", p. 180/ 160), nicht auf die Ungarn zutrifft, und er beobachtet, wie es unterwegs im Durcheinander der Sprachen beinahe zum "großen Krieg zwischen den Völkern des Kaisers und den Völkern des Königs" (p. 182/ 161) gekommen wäre: Wegen Brunnenwasser, das verseucht war was die Ungarn den Huzulen nicht erklären können, weil ihre Sprache unverständlich ist und deswegen keine menschliche sein konnte (180/ 160) - "erwachte [...] in den Seelen der ruthenischen Bauern, der slowakischen Bauern und der ungarischen Bauern eine Feindschaft" (p. 178/ 158). Derverseuchte Brunnen war vielleicht "der Same jenes berüchtigten Hasses der galizischen Soldaten, die in ungarischen Einheiten untergebracht waren, gegen die einheimische Bevölkerung, insbesondere gegen die Honveds und die Husaren" (p. 182/ 162). Niewiadomski ist andererseits keineswegs ein engstirniger oder gar chauvinistischer Vertreter seines huzulischen Galizien. Er hat bei aller Skepsis durchaus Respekt vor anderen Konfessionen und an sich auch kaum Probleme mit der Sprachenvielfalt. Er ist selbst Huzule, aber auch "Ruthene", also Ukrainer, und er lebte immer als Grenzexistenz nahe der rumänisch-ukrainisch-jüdischen Bukowina. Schon durch seinen wohl polnischen Vater, den er nicht kannte, und seine huzulische M utter ist er selbst eine Mischexistenz. Niewiadomski repräsentiert im mehrfacher Hinsicht dieses Vielvölkergebilde, das von oben, nicht von unten in seiner Existenz bedroht ist. Es ist die Assoziation zu einem anderen Attentat als demjenigen von Sarajevo, die Piotr an seine 'nationale' Zugehörigkeit erinnert: zu demjenigen nämlich des 1908 von einem nationalistischen Ukrainer der im Text nur "Rusin-Ukrainiec" genannt wird ermordeten Grafen Andrzej Potocki (p. 148/ 132), dessen "Blut über das ganze ruthenische Volk kam" (ibid.). Ein primäres Interesse daran gibt es bei ihm jedoch nicht, worauf der Erzähler in einer der kommentierenden Passagen explizit hinweist: Das Nationalbewusstsein war nie Piotrs starke Seite. Wenn man so sagen darf, blieb Piotr hart an der Schwelle des Nationalbewusstseins stehen. Er sprach polnisch und ukrainisch, er glaubte an Gott nach griechisch-katholischem Ritus, er diente dem österreichisch-ungarischen Kaiser [...]. Piotr Niewiadomski aß die ukrainische Wurst, die als Wahlgeschenk verteilt wurde, er aß auch die altruthenische, aber seine Stimme gab er dem Grafen. Ein Graf ist sicherer. Es ist klar: Grafen, Fürsten, Magnaten haben die Welt immer regiert und werden sie auch weiter regieren. Und sie stehen dem Kaiser nah. (p. 148/ 1321) <?page no="485"?> Der huzulische Blick 485 Es sind die Kriegsvorbereitungen, die nicht nur die Menschen zu unifizieren versuchen, sondern auch den politischen Raum der Monarchie gewaltsam homogenisieren. Dies aktiviert, so deutet der Roman an, die ethnische Konflikthaftigkeit in der Region, die vorher nicht eigentlich das Problem der einfachen Bevölkerung war. Nimmt man Piotrs Sicht ernst, dann liegt die Lüge des Ausdrucks "meine Völker", mit welcher der Roman beginnt, nicht darin, dass es unkorrekt wäre, diese Völker gleichsam im Pluraletantum zu nennen; sie liegt vielmehr im Personalpronomen und präziser darin, dass die Regierung selbst die Verantwortung für die Vielfalt missachtet. Nicht nur das Attentat, auch der Konflikt, der hinter dem Attentat steht, kann aus dieser Sicht keinesfalls die Ursache für den sich abzeichnenden Untergang der Doppelmonarchie sein. Niewiadomski ist ein echterer 'Kaiserlicher' als der Kaiser selbst, gerade weil er ein Skeptiker gegenüber anderen Völkerschaften ist und die Vielheit bei ihm wirklich eine Vielheit ist und kein Vorstadium der Einheitlichkeit. Ihn hindert diese Skepsis auch nicht am Festhalten an einer Reichskonzeption, die sich als komplexer als diejenige der Regierung erweist; Nationalbewegungen kommen im Text übrigens kaum vor. Allerdings ist Piotrs Vorstellung von Kaiser und Reich, die seine Identifizierung m it letzterem garantiert und die mythische Züge trägt, für den Leser bereits im Prolog als Illusion entlarvt worden. Der Krieg nun kann auf die Vielheit überhaupt keine Rücksicht mehr nehmen, ja muss bestrebt sein, sie zu eliminieren. Armee und Krieg stehen insofern der Reichsidentifizierung des Huzulen, sei es trotz oder wegen seines schwachen Nationalbewusstseins, diametral entgegen. Die Lösung dieses Problems führt zur unweigerlichen Selbstzerstörung des Vielvölkerstaats: "Seitdem aber auf der Welt Krieg ist verwirrte sich alles, offensichtlich hatte der Teufel beschlossen, den Menschen den Rest ihres Verstandes zu rauben" (149/ 133). Niewiadomski und sein Erzähler In dieser Konstellation ist die Frage des Verhältnisses der Figur Niewiadomski zu seinem Autor einerseits, zum Erzähler im Roman andererseits bedeutsam. Diese Interrelation ist komplex, obwohl sie so gestaltet ist, dass sie den meisten Lesern überaus organisch Vorkommen wird. Die Erzählstimme, die präsent ist in einem deutlich markierten Stil oder in deutenden Passagen, die keiner Figur zugeordnet werden können, mäandert zwischen einer heterodiegetischen Position, die einem 'allwissenden Erzähler' entspricht, und der Innensicht Piotrs, die in Varianten der erlebten Rede oder in der Nähe davon wiedergegeben wird. So ist das Erzählen keineswegs auf Piotrs Gedanken- <?page no="486"?> 486 Thomas Grob weit beschränkt, die allerdings seinen bevorzugten Raum darstellt. Vieles an Beschreibungen oder Kommentaren kann keinesfalls dem Bewusstsein Niewiadomskis zugeschrieben werden, doch dringt das 'huzulische' Denken immer wieder in alle Erzählschichten ein und macht die Verwischung der Perspektiven zwischen Erzähler und Piotr zum vielleicht hervorstechendsten Merkmal dieses Erzählens. Die ruhige, manchmal leicht ironische, manchmal sanft erklärende, oft 'poetisierende' Erzählstimme begibt sich in fließenden Übergängen immer wieder in die Perspektive Niewiadomskis hinein. So gibt der Erzähler mehrheitlich Piotrs Weitsicht - oder wenigstens eine von Piotr gefärbte Weitsicht wieder, und die auktoriale, autornahe Stimme verschmilzt manchmal untrennbar mit der Figur des analphabetischen Huzulen. Mehr noch: Das galizische Land Piotrs ist, in einer metonymisch überblendeten Perspektive von Piotr und dem Erzähler, huzulisches Land. Der polnische Autor nimmt sich hier ganz zurück, um das Differente dieser peripheren Zone, das gleichzeitig poetisiert wird, zu betonen: Stille herrschte am Himmel, und Stille herrschte auf der Erde; es bellten keine Hunde, und es krähten keine Hähne, als der Kaiser FranzJoseph seine Soldaten einberief. Die Stimme des Kaisers drang zwar nicht bis ins Huzulenland, wohl aber reichte dahin die kaiserliche Post. Und wohin auch die nicht Vordringen konnte, dorthin fanden Gemeindeschreiber und die Gendarmen, (p. 58/ 48) Das'naive', vormoderne, ungebildet-mythische Bewusstsein Niewiadomskis ist Teil dieser kriegsfernen, vor einer individuumsfeindlichen Moderne scheinbar geschützten Welt; in dieser erzählerischen Begleitung wird es zu einer Art höherer Wahrheit. Wenn die Huzulen etwa anlässlich der Sonnenfinsternisvon Weltuntergang sprechen, dann erhält dies im Roman eine durchaus konkrete Bedeutung. Die Weitsicht Niewiadomskis, der selbst keine Metaphern verstehen kann, wird selbst zur deutenden Metapher der diabolischen Weltereignisse. Sogar die teuflischen Buchstaben Piotrs erhalten eine höhere Bestätigung in der Erklärung des Kaisers, die nachher durch die Setzereien geht die Buchstaben des Wortes 'Krieg' setzen den Untergang der Welt in Gang. Schon bei der Abfassung gleitet der "kalte Blick des Monarchen" über "die steifen Reihen der Buchstaben" und unterzieht diese einer "Musterung" (p. 23/ 13). Die Buchstaben nehmen die diabolische Wandlung des Menschen zum Soldaten vorweg. Hašek und W ittlin: Autoren im Spannungsfeld 'nationaler' Loyalitäten Die Frage nach der Position von W ittlin selbst ist komplexer, als dies auf den ersten Blick etwa angesichts des Genres des 'Antikriegsromans' erscheinen könnte. Sie zu stellen, suggeriert aber auch der Roman selbst, der im <?page no="487"?> Der huzulische Blick 487 Extremfall der mäandernden Sprecherrollen ganz in einen auktorialen Ich- und Wir-Gestus fallen kann, in dem Soldat und Erzähler zusammenfallen: Und wundere dich nicht, Enkel, Urenkel, dem ich diese Geschichte erzähle, dass in jenen fernen Zeiten Millionen von Männern strammstehen und fremde Menschen grüßen mussten, nur weil auf ihnen Sterne glänzten. Wir mussten alle Herren Gefreiten und Herren Korporale und Herren Zugführer und Herren Feldwebel grüßen [...]. (p. 221/ 197) Doch ist der biographische Kontext in vieler Hinsicht nicht sehr klar; er deutet auf eine Offenheit hin, die sich narrativ im Roman entfaltet. In W ittlins Biographie gibt es in seinem Bezug zu Österreich-Ungarn den erstaunlichen Aspekt, dass dem Akt, in die österreichische Armee zu gehen schon dies ist für einen erklärten Pazifisten erstaunlich - , die Selbstrekrutierung in die v.a. gegen die russischen Einheiten gerichtete polnische Legion vorausgeht; dieser Truppenverband war erst Teil der österreichischen Armee, kam dann widerwillig unter deutsche Führung, wurde schließlich aufgelöst und gilt als Kern der künftigen nationalen polnischen Armee. In Hašeks Verhalten wiederum spiegeln sich die schwankenden, volatilen Zugehörigkeiten dieses Milieus in der Zeit noch ausgeprägter: der Autor des Švejk diente zuerst als Freiwilliger in einem böhmischen Infanterieregiment der österreichisch-ungarischen Armee, aus dem er aber desertierte, bevor er in russische Gefangenschaft geriet; dann ging er in die tschechische Legion, schloss sich schließlich aber der Roten Armee an, wo er offenbar auch gegen die tschechischen Legionen kämpfen musste. Zurück in Prag, wo er nun seinen Roman schrieb, war er dem Vorwurf des Verräters an der nationalen Sache ausgesetzt.24 Ich verzichte darauf, die ideologischen Hintergründe dieser Verhaltensweisen, die m it Überlagerungen anarchistisch-pazifistischer, imperialnationaler, bei W ittlin humanistisch-ethischer, im Falle Hašeks auch sozialistischer Positionen verbunden waren, zu rekonstruieren. Jedenfalls war 24 Vgl. zusammenfassend Bömelburg 2011, p. 186f.; s. dort auch zum Faktum, dass in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit selbst auch Hašeks sofort erfolgreicher Roman bei Kritikern höchst umstritten war (ibid., p. 189, vgl. auch Brousek, in Hasek 2014, p. 970). Die positive deutsche Rezeption förderte hier die Anerkennung. Der eiste, dei die beiden Romane in einen Zusammenhang stellte, war übrigens Alfred Döblin, dies bereits 1 9 3 6 noch vor der ersten deutschen Übersetzung durch den jüdischen Lemberger Izydor Berman (1937) in seinem Feuilleton Der polnische Soldat Schwejk. ZuJoseph Wittlins Roman 'Das Salzder Erde' in der Pariser Tageszeitung (Nr. 139) (Döblin, Alfred: Kleine Schriften IV. Hg.von A. W. Riley, Ch. Althen. Düsseldorf: W alter 2005, pp. 77 81). Eine tragische Parallele bilden die jü dischen Erstübersetzer: Izydor Bermans Spuren verlieren sich 1939 (vgl. Pollack, Martin: Jüdische Übersetzer, Autoren und Kritiker als Mittler zwischen der deutschen und polnischen Literatur. In: Trans. Internet-Zeitschrift fü r Kulturwissenschaften, Nr. 15, April 2004, h ttp : / / w w w .inst.at/ trans/ 15N r/ 03_5/ pollackl5.htm ; unpaginiert), die Prager Jüdin Grete Reiner stirbt 1939 im KZ in Auschwitz. <?page no="488"?> 488 Thomas Grob W ittlins 'Patriotismus', soweit er zu bestimmen ist, von einer Art, die eher an Niewiadomski als an einen typischen intellektuellen Polen der Zeit erinnert; seine eher schwierige Rezeption in Polen ist sicher auch diesem Umstand, d.h. dem Fehlen der 'großen' patriotischen Signale geschuldet.25 W ittlin zeigte eine Verbundenheit weniger Polen gegenüber das polnisch-nationale Thema fehlt im Roman fast vollständig als zu seiner quasi-Fleimatstadt Lemberg, in der er bis 1922 wohnte und die er als polnische Stadt verstand, aber auch als Ort der ethnischen Vielfalt.26Sein Roman macht deutlich, dass sein Patriotismus kein exklusiv-nationalistischer, ja nicht einmal primär ein territorialstaatlicher war. Das Land der Huzulen, das dem Roman das fiktionale Bild von 'Heimat' bietet, ist Eigenes und Fremdes zugleich und der Selbstzuordnung des Autors entzogen. Auch diesbezüglich wird das nationale Thema trotz der Geographisierung der Peripherie aus der aktiven Kriegsthematik herausgehalten. Schluss W ittlins Positionen zu den slavischen nationalen Bestrebungen der Zeit sind offensichtlich nicht widerspruchsfrei oder zumindest nicht scharf festgelegt. Sie müssen teilweise seine Sympathie genossen haben und waren für ihn sicher nicht Teil der Begründung des Ersten Weltkriegs, den er, obwohl er sich freiwillig mobilisieren ließ, immer klar ablehnte. Nebenbemerkungen im Roman legen nahe, dass die nationalen Bestrebungen der Zeit auch seine Skepsis provoziert haben, wohl auch, da sie mit seinen humanistischen Grundsätzen nicht unbedingt vereinbar waren. Zum imperialen österreich-ungarischen Gebilde war W ittlins Einstellung, wie es scheint, ambivalent; auch wenn wie gesagt keine Nostalgie zu erkennen ist, so erscheint es im Roman keinesfalls als Fehlstruktur an sich oder gar als 'VöIkerkerker'. Man müsste sogar aus dem Roman interpolieren, dass 25 Vgl. dazu Wiegandt 1991, p. LXXVII ff. Die hauptsächlichen Kritikpunkte der frühen polnischen Rezeption waren ein als mangelnder Patriotismus verstandenes "überpolnisches" Element und der Pazifismus (ibid., p. LXXIX). 26 W ittlin kommt auch in seinem Erinnerungsbuch Mein Lemberg ohne eigentliche Polen- Nostalgie aus. Zwar wird die weitgehend polnische Stadt seiner Jugend mit ihrer komplexen, architektonisch fassbaren Geschichte beschrieben. Als typisch beschworen wird aber die frühere, nun verlorene Vielfalt: "[...] was ist das fü r eine buntscheckige Mischung! Das eben ist Lemberg. Vielfältig, gemustert, blendend wie ein orientalischer Teppich. Griechen, Armenier, Italiener, Sarazenen, Deutsche verlembergen unter den polnischen, ruthenischen und jüdischen Einheimischen" (W ittlin, Joseph: Mein Lemberg. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1994, p. 43). Der thematisierte Verlust gilt dem Jüdischen: "O Gott! Gott der Polen, Ukrainer, Armenier, Gott der Lemberger Juden, die völlig ausgerottet wurden! " (ibid., p. 45). <?page no="489"?> Der huzulische Blick 4 8 9 die österreichische Konstellation W ittlins Huzulenfigur eine größere Lebensfreiheit bietet als alle nationalen Modelle der Zeit. Die politische Haltung W ittlins und der Roman sind dennoch sehr verschiedene Dinge, schon da man aus dem narrativ verschränkten, perspektivisch mehrschichtigen Text keine politische, höchstens eine ethische Haltung ableiten kann. Diese trägt aber eine ganz klare ethnisch-geographische Markierung. Der Roman findet einen Weg, ideologische Widersprüchlichkeiten in einen erzählenden Diskurs zu überführen, der in seiner Komplexität nichts verwischt, der sich aber auch nicht 'politischen' Entscheidungen unterwirft, die aus auktorialer Sicht in jedem Fall falsch sein müssen. Der Huzule wird in der erzählenden Einbettung nicht nur zu einer Stimme der Wahrheit, er verliert auch seine Naivität und wird zur Stimme des literarischen Erzählens und seiner Möglichkeiten selbst. Gerade darin liegt die eigentliche Nähe von Autor und Erzähler zu ihrem 'Helden'. <?page no="491"?> E dit K iräly (B udapest ) Die langen Schüsse und ihr verkürzter W iderhall Apart from its immediate political effects, the assassination of archduke Franz Ferdinand and his wife at Sarajevo also had an enormous symbolic impact on Hungarian public imagination. In the postwar period it served as a narrative turning point in various biographies, autobiographies and autobiographically inspired novels (e.g. by Banffy, Herczeg, Kosztolanyi, Möricz, Märai). The circumstances and details of the double murder were almost always ignored and the event was reduced to one shot and its devastating effects. The 'Long Shots of Sarajevo' became a symbolic turning point not because they explained the war, but because they made its irrationality tangible. Nach einer langen Periode der vermeintlich abgeschlossenen historiografischen Diskussionen, als die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo aus sozialgeschichtlicher Perspektive in die Klamottenkiste einer verstaubten Ereignisgeschichte verwiesen wurde, scheint der Doppelmord als Ereignis derzeit wieder an historischer Relevanz gewonnen zu haben. "Schließlich dürfte heute kaum jemand auf die Idee kommen, die beiden Morde in Sarajevo als ein bloßes Unglück abzutun, das unmöglich gewichtigere Folgen zeitigen konnte."1 Aus historiografischem Gesichtspunkt mag man Christopher Clark auch darin zustimmen, dass die Kette von Ereignissen, die vom Attentat zum Kriegsausbruch führte, nicht "von der Notwendigkeit getrieben" wurde und stattdessen eher "die Entscheidungen zu erkennen [wären], die den Krieg herbeiführten" 2 doch literaturhistorisch gesehen hat man m it jenen Urteilen der Zeitgenossen zu tun, die sich zu den Vorurteilen der nächsten Generation verfestigen. Im kulturellen Gedächtnis jedenfalls hat der Konnex zwischen Attentat und Krieg noch in der Zwischenkriegszeit seinen symbolischen Ort erlangt. Mein Aufsatz möchte die allmähliche Verfertigung dieses Topos in der ungarischen Publizistik und Literatur nachzeichnen. Dabei gilt mein vordringlichstes Interesse der Frage, welche Zeitvorstellungen sich mit dem Attentat und dem Kriegsbeginn verbanden und wie diese zwischen Publizistik und Literatur changierten. 1 Clark, Christophen Die Schlafwandler. W ie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Übers, von Norbert Juraschitz. München: DeutscheVerIags-AnstaIt 2013, p. 16. 2 Ibid., p. 18. <?page no="492"?> 492 Edit Kiräly Bemerkenswerterweise entstand die symbolische Verortung des Attentats nicht durch die genaue Erwägung von Zusammenhängen, sondern gerade durch ihre Ausklammerung. Bei aller Bemühung um Informationen (und teilweise auch um Analysen) hat bei dieser Symbolisierung des Ereignisses die Presse entscheidend mitgewirkt. Als am 28. Juni 1914 der habsburgische Kronprinz und seine Gemahlin ermordet wurden, gab es im Sinne des Nachrichtenwesens keine Entfernungen mehr. Berichterstatter gaben Meldungen am Telegrafenamt durch, die Durchlaufzeit der Druckereien betrug nur wenige Stunden ein Tempo, mit dem täglich bzw. täglich zweimal erscheinende Zeitungen nicht mehr mithalten konnten. Das Attentat wie später auch die Antwort auf das Ultimatum und die Kriegserklärung sorgten für eine Inflation der "Extraausgaben", die daher geradezu emblematisch für den Ausbruch des ersten Weltkriegs wurden.3 Das Ereignis war in der Wahrnehmung der meisten Zeitgenossen immer schon durch Medien vermittelt. Diese setzten die Nachricht in verschiedene Einrahmungen, sie boten verschiedene Narrativen und manche Informationen, die Ursachen und Folgen des Attentats beleuchteten oder auch bis zur Unkenntlichkeit verzerrten. Dennoch waren nicht diese Informationen, sondern eher der Sensationscharakter der Nachricht, die sich allmählich zu jenem Bündel von Motiven verfestigte, die im kulturellen Gedächtnis so oft den Ausbruch des Ersten Weltkrieges markierte. Die Schüsse von Sarajevo wurden m it einer metonymischen Verschiebung zum Schnellgeschoss der Nachrichten verlängert, die nicht weniger unerwartet einschlugen, wie jene Kugeln, die für den Thronfolger bestimmt waren. Wie Sändor Märai in einem emblematischen Satz aus dem Jahre 1937 formulierte: "Ciril hat gut gezielt. Mitten in unser Leben."4 Die Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo scheint seltsamerweise gerade dadurch zu einer historischen Zäsur stilisiert worden zu sein, dass das Ereignis selbst fast vollständig ausgeklammert oder genauer: durch den Schrecken oder die Freude, die die Nachricht auslöste, ersetzt wurde. Das Attentat von Sarajevo in der zeitgenössischen ungarischen Presse Kaum war die Nachricht vom Attentat offiziell, schon war sie auch öffentlich und binnen kürzester Zeit auch in entfernten Gegenden der Monarchie und des Kontinents zu lesen. Manchmal sogar einen Augenblick früher, wie in einer typischen Presseanekdote vom Anfang des 20. Jahrhunderts*1 Kraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit, I. Szene; Bänffy, Miklös: Erdelyi törtenet. [Siebenbürger Geschichte], Bd. Ill: Darabokra szaggattatol [Zerstückelt wirst du werden], Teil VI. 1 Marai, Sandor: Belgradi kepeslap [Ansichtskarte aus Belgrad], In: PestiHirIap, 02.04.1937. <?page no="493"?> Die langen Schüsse und ihr verkürzter Widerhall 493 erzählt wird. Der Redakteur der Budapester Blattes Az Est [Der Abend] erfuhr die Nachricht vom Doppelmord um die Mittagszeit von einem Kaffeehauskellner so berichtet er zumindest in seinen Lebenserinnerungen - und stieß m it seinen prompten Anrufen bei offiziellen Stellen auf völlige Verständnislosigkeit.5 Die ersten Extraausgaben mochten, sofern man ihm Glauben schenkt, noch vor der offiziellen Bestätigung der Nachricht in Druck gegeben worden sein. Denn man wusste aus Erfahrung, dass "nicht die Politiker und Staatsmänner die bestinformierten Menschen [waren], sondern die Kaffeehauskellner."6 Die sensationelle Nachricht vom Mord am Kronprinzen wurde von Stunde zu Stunde um neue Einzelheiten und Zusammenhänge ergänzt. Die atemberaubende Neuigkeit wurde in ein sensationelles Tempo umgesetzt. Manche Zeitungen7 brachten am Nachmittag des 28. Juni sogar mehrere Extraausgaben heraus, viele steigerten auch ihre Auflagezahlen erheblich. Die Schnelligkeit war aber nicht nur Reaktion auf die Bedeutsamkeit der Nachricht, sie wurde auch zu deren Gradmesser. Die Selbstreflexion des Mediums tat ihr Übriges, um das Attentat als Weltsensation zu inszenieren. Schon am nächsten Tag war die Promptheit, mit der die Presse vom blutigen Ereignis berichtete, wie auch die Aufregung, mit der diese aufgenommen wurde, selbst Teil, wenn nicht sogar Ausgangspunkt der Berichterstattung. So verklammert Az Est schon am 29. Juni das Ereignis mit der Nachricht und deren Wirkung: Sonntagvormittag um 11 Uhr geschah es in der Stadt von Sarajevo, dass der serbische Gymnasiast mit zwei Pistolenschüssen die Monarchie ihrer Thronfolger und Thronfolgerin beraubt hat. Und am Nachmittag um zwei Uhr wusste die ganze ungarische Hauptstadtvon dem schrecklichen Vorfall. Man kann diese Schnelligkeit und den chaotischen Schrecken, den die Nachricht verursacht hatte, kaum erklären.8 Die Aufregung war so die Berichte unbeschreiblich.9Telefonleitungen liefen heiß, in vielen Kaffeehäusern wurde die Nachricht laut vor der sich Szabö, Läszlö: Szegeny ember gazdag elete [Das reiche Leben eines armen Mannes]. Budapest: Atheneum 1928, vol. 3, p. 19. 6 "En azonban mär tapasztalatböl tudtam, hogy Magyaroroszägon nem a politikusok es ällamferfiak a Iegjobban informält emberek, hanem a kävehäzi pincerek." Ibid., p. 19. 7 Az Est, BudapestI Hirlap, Nagyvärad Naplo u.a.m. 8 "Vasärnap delelött tizenegy örakor törtent Szerajevö värosäban, hogy Gavrilo Princip szerb gimnazista ket revolverlövessel megfosztotta a monarchiät trönörökösetö'l es trönörökösnöjetöl es delutän ket örakor az egesz magyar fö'väros tudott mär a szörnyü esetrö'l. Szinte meg se Iehet magyaräzni ezt a gyorsasägot es alig Iehet Ieirni a zürzavaros megdöbbenest, amit a hir okozott." {Az Est, 29.06.1914) 9 "Az izgalom leirhatatlan." (Budapests Hirlap, 29.06.1914) <?page no="494"?> 494 Edit Kiräly versammelnden Menschenmenge vorgelesen.10 Die am nächsten Tag veröffentlichten Interviews zu der Person des Thronfolgers enthalten dann wie selbstverständlich die Angabe, um wieviel Uhr und aus welcher Quelle der Betroffene die Schreckensbotschaft erhalten hatte. Es gab viele interessante (vielleicht sogar brisante) Einzelheiten, die die Presseberichte der nächsten Tage aufzudecken oder eben zu verdecken bemüht waren. So eine war zum Beispiel die Person des Kronprinzen und seine äußerste Unbeliebtheit in Ungarn.11 Diese hätte nach seinem tragischen Tod ein Tabuthema sein müssen, dennoch wurde sie nicht durchwegs verschwiegen. Az Est befragte Franz Ferdinand nahestehende ungarische Persönlichkeiten,12 ob das Gerücht stimme, dass der Verstorbene die Ungarn nicht hatte riechen können (was die beiden Befragten selbstverständlich verneinten). Das literarisch-kulturelle Wochenblatt Vasärnapi Üjsäg [Sonntagszeitung] ging so weit, dass es über die Parallele mit Kaiser Tiberius und der Charakterologie des Misanthropen das aussprach, was es direkt nicht hätte dürfen das man den Kronprinzen gehasst habe: "[D]a stand er in seiner kalten Steifheit, wie ein unlösbares ewiges Rätsel."13Vielleicht ist es auch diesem Rätselcharakter zu verdanken, dass man Franz Ferdinand keineswegs als den Kriegsgegner wahrnahm, als welchen ihn Flistoriker von heute sehen,14sondern als Soldaten oder zumindest als einen, den die Politik nur soweit interessierte, wie sie mit der Institution des Militärs in Berührung kam.15 10 So etwa in Nagyvämd (Oradea) in den Kaffeehäusern am Bremerplatz die Extraausgaben der Nagyväradi Naplö. Cf. A gyäszhir hatäsa Nagyväradon [Wirkung der Trauernachricht in Nagyvärad], In: Nagyväradi Naplö, 2 9 .0 6 .1 9 1 4 . Zit. n. Gero, Andräs: Merenylettöl a hadüzenetig. A beke utolsö hönapja a Monarchia Magyarorszägän [Vom Attentat bis zur Kriegserklärung. Der letzte Monat des Fliedens im Ungarn der Monarchie]. (1914. Jünius 28.-1914. Julius 28.) Budapest: Habsburg Törteneti Intezet 2014, pp. 62f. 11 In den Erinnerungen der Moricz-Tochtei heißt es unverblümt: "Das ganze Land hasste den hundsgemeinen Königskandidaten, wii waren ganz berauscht, dass wir ihn Iosgeworden sind. Zrumeczky [ein bildender Künstler Freund des Vaters] hat aus Freude ein wunderbares Sekler Märchenschloss auf die Eisentür der Veranda in Leänyfalu gezeichnet." [Übersetzt von E. K.] Im Original: "Az egesz orszäg gyülölte a komisz kirälyjelöltet, valösägos m äm ortört ki, Iiogy megszabadultunktöle.Zrumeczkyöiömeben csodässzekelymesevärat rajzolt a leänyfalusiveranda vasajtajära." (Möricz, Viräg: Apam regenye [Der Roman meines Vaters]. Budapest: Szepirodalmi 1979 [1953], p. 140.) Ähnlich kommentiert die Reaktionen auf die Nachricht Bänffy, Miklös: Erdelyi törtenet. Bd. Ill: Darabokra szaggattatol. Budapest: Helikon 2006, pp. 203f. 12 Graf Jenö Kaiätsonyi, Fürst-Primas Jänos Csernoch In: Az Est, 29. 06 .191 4. 13 "ott ällott hideg merevsegeben, mint egy megoldhatatlan örök rejtely" (Vasärnapi Üjsäg, 05. 07 .191 4). 14 Cf. Clark 2013, pp. 150ff. 15 "a politika csak annyiban erdekelte [...] amennyiben a hadsereg intezmenyevel jött kapcsolatba" (Vasärnapi Üjsäg, 05. 07 .191 4). Ähnlich wild die Einstellung des Kronprinzen auch in <?page no="495"?> Die langen Schüsse und ihr verkürzter Widerhai 495 Die Zeitungen behandelten zudem ausführlich die Person des neuen Kronprinzen wie auch die Bestattung des verstorbenen, wobei nicht unterschlagen wurde, dass Franz Ferdinand nicht das seinem Rang angemessene Begräbnis zuteil wurde.*16 Außer den hochgestellten Opfern und der kaiserlichen Familie, schrieben die Zeitungen auch von den Attentätern und ihren serbischen Verbindungen eingehend, sie berichteten von den Ausschreitungen gegen die serbische Bevölkerung in Sarajevo und von dem Verlauf der Untersuchung. Auch Belgrader offiziellen Reaktionen auf das Attentat sowie Belgrader Stimmungsbildern wurde Platz eingeräumt. Man kann hierbei eine feine Unterscheidung beobachten, je nachdem, ob Gavrilo Princip, Nedeljko Čabrinović und die anderen als Attentäter oder einfach als Mörder oder gar als Meuchelmörder bezeichnet wurden. Die Bezeichnung 'Attentäter' wies ihnen zumindest eine politische Überzeugung zu (so etwa Az Est) oder aber verpasste ihnen die Etikette von Kriminellen (Budapesti Hirlap). Doch bei aller teils aufrichtigen Bemühungen der Presse, das Attentat und seine Hintergründe aufzudecken, wurde das Ereignis von Anfang an auch in einen symbolischen Rahmen eingefügt, in dem die beteiligten Personen durch politische Kräfte und Bestrebungen ersetzt wurden. In dieser symbolischen Gegenüberstellung galten die Sympathien, wenn auch nicht dem Thronfolger, so jedenfalls dem Status quo der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, während das hinter den Attentätern vermutete Serbien als deren drohender Gegner wahrgenommen wurde.17 anderen Zeitungen eingeschätzt. (Cf. "Roväs". In-.Az Ujsäg, 30. 06. 1914. "Agyonlöttek...". In: PestiNaplö, 2 9 .0 6 .1 9 1 4 ). 16 "Fast heimlich hätte manjenen Menschen in die Familiengruftvon Artstetten geschmuggelt, vor dem man sich, so lang er lebte, gefürchtet und gezittert hat. Da man dies doch nicht hat tun können, hat man von seiner letzten Ehrung die Lorbeerblätter der Großzügigkeit und der Flingabe abgeklaubt. Nachts hat man ihn aus der Kaiserstadt in jenes kleine Dorf gebracht, wohin ersieh in seinem Leben so sehr gesehnt hatte. Aufdem Bahnhofdes Dörfchens haben an seinem Sarg Lakaien und zu Gendarmen gewordene Knechte gewacht, Lakaien und Gendarmen - und sonst niemand! [...] Er möge den Schlaf der großen Herren nicht stören [...]." Im Original: "Majdnem Iopva szerettek volna az artstetteni kriptäba beesusztatni azt az embert, akitö'l eleteben feltek es remegtek. Hogy ezt meg nem tehettek, vegsö' tisztessegerö'l a nagyszerüseg es odaadäs baberlombjait csipegettek le. Ejszakänak idejen szällitottäk el a csäszärvärosböl abba a kis faluba, ahovä eleteben kivänkozott. A kis falu vasüti ällomäsän lakäjok es szolgalegenyekböl Iett zsandärok virrasztottak mellette. Lakäjok es zsandärok senki mäs! [...] Ne zavarja nagyurak älmät [...]." ("Temetesröl hazafele bieegö nenikek összedugjäk fejüket" [Vom Begräbnis heimhinkende alte Tanten stecken ihre Köpfe zusammen]. In: Esti Ujsäg, 05. 07.1914.) u.a. 17 "Als ob mit jenem Revolverschuß das Herz der Monarchie getroffen worden wäre." Im Original: "Mintha azzal a revolverlövessel sziven talältäk volna a monarchiät [...]" und: "W ir sind jetzt hier im Feindesland." Im Original: "Ellenseg földjen vagyunk itt most [...]." (Keri, Pal: A monarchia sorsa Szerajevöban [Das Schicksal der Monarchie in Sarajevo], In: Az Est, 05. 07 1914, p.3. [Übersetzt von E.K.]) u.a. <?page no="496"?> 496 Edit Kiräly Doch so eindrücklich die Bedeutsamkeit des Ereignisses den Zeitungslesern vor Augen geführt wurde, so deutlich schieden sich die Geister in Bezug auf ihre Bedeutung. Was die Einschätzung dieser betrifft, ergibt sich selbst im Rückblick ein recht widersprüchliches Bild. Das Attentat im Rückblick Die in der Zwischenkriegszeit veröffentlichten oder verfassten Erinnerungen, Bekenntnisse oder Memoiren von literarisch und politisch interessierten Personen sagen sicherlich oft mehr über den Kontext ihrer Entstehung aus als von den erzählten Ereignissen; dennoch sind sie wichtige Dokumente dessen, wie der Krieg beziehungsweise der Ausbruch des Krieges in das Narrativ einer persönlichen Biografie eingegliedert wird. Lebenserinnerungen und Biografien neigen dabei dazu, Lücken zu füllen, das Zerstreute zu einer Einheit zu bündeln und das Widersprüchliche zu glätten, um ihren Helden eine klare Identität zu verleihen. Doch weisen sie zugleich beliebte Konfigurationen und eingebürgerte Topoi in Bezug auf die von ihnen erzählte Vergangenheit auf. Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht die Darstellung der Wochen vor dem Ausbruch des Krieges im 1940 veröffentlichten dritten Band der autobiographisch inspirierten Romantrilogie des schriftstellernden Grafen Miklos Bänffy: In Sarajevo wurde Ende des vergangenen Monats der Thronfolger ermordet. Eine erschütternde Tragödie, in der Franz Ferdinand im selben Augenblick gestorben ist, wie seine Frau, das einzige Wesen, das er je geliebt hatte. Allerdings hat ihn auch niemand geliebt. Die ungarische Öffentlichkeit ist auf die Nachricht von seinem Tode hin geradezu aufgeatmet. Daran hat niemand gedacht, dass dieser Mord auch einen Krieg verursachen könnte. Umso weniger hat man daran gedacht, als man sah, wie die Wiener Offiziösen ihn begraben haben, wie sehr dies unter seinem Rang erledigt wurde, wie auch die Gleichgültigkeit, mit der sie den Tod des Kronprinzen verbuchten. Nur wenige, die, wie auch Bälint, wussten, dass die Monarchie, wenn sie ihre Autorität als Großmacht bewahren möchte, nicht ignorieren kann, dass der Mord Ergebnis einer serbischen Verschwörung ist, deren Fäden nach Belgrad führen nur diese machten sich Sorgen um die weitere Zukunft.18 Von der Überzeugungskraft und Popularität dieses Symbolisierungsprozesses zeugt auch eine Nachricht der Esti Ujsäg, der zufolge breite Kreise der Öffentlichkeit der Meinung waren, dass die Szerb utca [Serbenstraße] in der Budapester Innenstadt in Franz-Ferdinand- Straße unbenannt werden sollte. Cf. Szerb-utcäböl Ferenc-Ferdinänd utca. [Von derSerbenstraße zur Franz-Ferdinand-Straße]. In: Esti Ujsäg, 04. 07.1914. 18 Im Original: "[...] Szarajevöban m ült hö vegen meggyilkoltäk a trönörököst. Megräzö tragedia, ahoi ugyanabban a pereben a nejevel együtt halt meg Ferenc Ferdinand, az egyedüli lennyel, akit valaha szeretett. Igaz, hogy ö't se szerette senki. A magyar közvelemeny haläla hirere <?page no="497"?> Die langen Schüsse und ihr verkürzter Widerhai 497 Bänffy ist in diesem Stück fiktionaler Literatur um vieles genauer und ausgewogener als viele Memoiren, die über das Zeitalter berichten. Der Siebenbürger Graf, der selbst politisch aktiv war, hat auch Wissen in seinen Text eingearbeitet, das er sich erst nachträglich durch historiografische Lektüre angeeignet hatte, aber projizierte dieses nicht auf die Vergangenheit zurück.19 Weit mehr im Dienste der Idealisierung ihrer Helden stehen jene biografischen Texte, die Verwandte über zwei berühmte ungarische Schriftsteller verfasst haben. Dennoch scheint mir durchaus interessant, welche Bedeutung sie dem Tag, der Nachricht und dem Verhalten ihrer Helden beimessen. Die Frau des ungarischen Schriftstellers Dezso Kosztolänyi erzählt in der 1938 veröffentlichten Biografie ihres verstorbenen Mannes, wie dieser am 28. Juni 1914 zu seinen Eltern in Szabadka (Subotica) fahren wollte und sie ihm auf den Bahnhof mit der soeben erhaltenen Nachricht nacheilte. Kosztolänyi stieg unverzüglich aus dem Zug und änderte seine Pläne. Frau Kosztolänyi zufolge wusste er genau, was passieren würde und sprach mehrmals vom bevorstehenden Krieg.20 Auch die Tochter des Schriftstellers Zsigmond Moricz berichtet in dem 1953 veröffentlichten "Roman" über ihren Vater, dass in ihrer Sommerfrische in Leänyfalu an dem Tag eine größere Gesellschaft beisammensaß. Als sie vom Tod des Thronfolgers erfuhren, soll Möricz gesagt haben: der Krieg ist ausgebrochen (in Perfektform! ), was ihm keiner glauben wollte.21 In beiden biografischen Narrativen fällt auf, dass den jeweiligen Verwandten es darum zu tun war, die besondere (ja, wie es bei Frau Kosztolänyi steht: nur dem Genius zustehende22) Weitsicht ihrer Schriftstellerhelügyszölvän föllelegzett. Arra a közönsegben nem gondolt senki, Iiogy häborüt okozhat ez a gyilkossäg. Annäl kevesbe gondolt, midön tapasztalta, mikent temettek el a becsi Iiivatalosak, mennyire langjän alul inteztek, es ältaläban milyen egykedvüen könyveltek el a Iionoiokos megöleteset. Csak nehänyan, akik, mint Bälint is, szämba vettek, Iiogy a Monarchia, ha nagyhatalmi tekintelyet meg akaija tartani, nem Iiunyhat szemet arra, Iiogy a gyilkossäg szerb összeesküves mü've, aminekszälai Belgiädba vezetnek-csak azok aggödtak a toväbbi jövöert." (Bänffy, Miklös: Erdelyi törtenet, vol III., p. 203f. [Übersetzt von E.K.]) 19 So etwa dass der ungarische Ministerpräsident Istvän Tisza anfänglich (im Kronrat am 7. Juli 1914) gegen den Krieg Stellung nahm. "Sie konnten es nicht wissen, dass Tisza gegen den Krieg war."[Übersetzt von E.K.] Im Original: "Nem tudhattäk, IiogyTisza ellene volt a häborünak."(Bänffy, Miklös: Erdelyi törtenet, vol. III., p. 209). 211 Kosztolänyi Dezsöne: Kosztolänyi Dezsö'. Eletrajzi regeny [Dezsö Kosztolänyi. Biograhscher Roman], Budapest: Holnap 1990 [1938], p. 174. 21 Möricz, Viräg: Apäm regenye [Der Roman meines Vateis]. Budapest: Szepirodalmi 1979 [1953], p. 140. ” "Genie sein bedeutet alles besser, schärfer, klarer spüren, sehen und wissen." Im Original: "längesznek Ienni azt jelenti: jobban, elesebben, tisztäbban erezni, lätni, tudni mindent." (Kosztolänyi Dezsöne 1990, p. 174. [Übersetzt von E.K.]) <?page no="498"?> 4 9 8 Edit Kiräly den herauszustreichen. So wird die Einsicht in die möglichen Folgen des Attentats nachträglich zu einem Distinktionsmerkmal des Genies. Wie wenig eindeutig die Konsequenzen des Doppelmordes selbst für gut informierte Menschen waren, geht hingegen aus den Lebenserinnerungen eines Redakteurs hervor, der in diesen Monaten bei Az Est, der vielleicht bestinformierten ungarischen Zeitung, arbeitete. Läszlö Szabo berichtet, dass er paar Tage nach dem Attentat ohne böse Vorahnungen seine Familie in die Sommerfrische brachte, weil es ihm gar nicht in den Sinn kam, dass aus den "Ereignissen in Sarajevo" ein Krieg werden könnte.23 Die Bedeutung des Attentats wurde in dem Maße auf eine symbolische Bedeutung hin festgelegt, wie ihr Flintergrund und deren Einzelheiten verblassten. Die Nachricht verlor ihre enge Bindung an einen präzise beschreibbaren Ort und die entsprechenden Personen und wurde mit einer metonymischen Verschiebung immer mehr auf das Eintreffen der Nachricht reduziert, das stellvertretend für den auslösenden Moment einer Katastrophe genommen wurde. Man könnte hier von einer allmählichen Verfertigung von Motiven beim Vergessen sprechen. Denn zu einem Anfang wurde das Attentat erst, als der Krieg schon ausgebrochen war, zu einem Ende, als er schon vorbei war. Während die zeitgenössische Presse die interessanten (oder: vermeintlich interessanten) Umstände, Flintergründe und Folgen des Ereignisses weidlich auszuschlachten suchte, wurde das Attentat von Sarajevo später (vor allem in der Zwischenkriegszeit, teils aber auch schon während des Krieges) auf wenige Elemente reduziert und in Verbindung mit bestimmten Topoi zu jenem historischen Augenblick stilisiert, der eine Welt unter sich begrub. Attentat versus Kriegserklärung - Inszenierungen des bedeutsamen Augenblicks in der zeitgenössischen Presse und in der Literatur Die Verbindung des Attentats mit dem Krieg, seine Definition als der eigentliche Anfang und Auslöser des Krieges wurde erst nachträglich, nach der Kriegserklärung hergestellt. Es wurde einerseits problemlos in eine Kette von Ereignissen eingegliedert, die unvermeidbar zum Krieg geführt haben und zum Krieg führen mussten. Man findet schon in den ersten Kriegsmonaten chronologische 23 "unbekümmert, da es uns nicht in den Sinn kam, dass aus den Ereignissen von Sarajevo ein Krieg werden könnte". Im Original: "minden gond nelkül, mert eszünkbe se jutott, hogy häborü is Iehet a szerajevöi esemenyekböl" (Szabö 1928, vol. Ill, p. 23. [Übersetzt von E.K.]) <?page no="499"?> Die langen Schüsse und ihr verkürzter Widerhai 4 9 9 Tafeln, so etwa eine in einer August-Nummer der Vasärnapi Üjsäg, wo das Attentat als erstes Ereignis des Krieges figuriert, aus dem unaufhaltsam alles andere folgt.24 Doch darüber hinaus wurde dem Attentat noch eine andere Bedeutung unterschoben: Rückblickend besaß es in den Textzeugnissen etlicher Zeitgenossen die Qualität des einschneidenden Ereignisses, eines, das die Dauer nicht gliedert oder teilt, sondern sie unterbricht.25 Nicht umsonst war seine Botschaft etwas Explosives, etwas, das die Geschehnisse aus ihrer Bahn zu werfen fähig war. Die Vorstellung des Augenblicks, der um die Jahrhundertwende etliche bemerkenswerte Neukonzipierungen erfuhr, war ein notwendiges Korrelat der langen Dauer; mit ihr zusammen bildeten sie jenes Gegensatzpaar, in das der Begriff der historischen Zeit am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts spektakulär auseinanderfiel. Der Augenblick setzte sein Gegenteil, die lange Dauer oder die stillstehende Zeit, stillschweigend voraus. Gerade weil, wie Ulrich Raulff schreibt, Zeit "ein Deutungsphänomen" ist, "eine Tatsache der Auslegung und der (kulturellen und sozialen) Konstruktion",26 war die Adaptierung der Vorstellung vom Augenblick für die Ereignisse in Sarajevo in sich schon eine Auslegung. Anstatt sie als eine Folge von Ereignissen zu verstehen, wurde sie immer wieder als etwas schlechthin Irrationales aufgefasst, das in die geregelten Verhältnisse der Vorkriegszeit einbrach und diese zerstörte. Als Kriegsanfang wurde jener historische Augenblick wahrgenommen, der dem langen Frieden ein Ende setzte. Gerade auch aus seiner Kürze folgte die Unfassbarkeit, die Kraft und Intensität des Augenblicks. Das erklärt auch, warum das Attentat meistens mit den beiden Schüssen (oder in einer metonymischen Verkürzung auch mit einem Schuss) oder aber mit dem Eintreffen der Nachricht und ihrer augenblicklichen Wirkung gleichgesetzt wurde. Der Minutenstillstand der Überraschung oder des Entsetzens wird zum Bildkorrelat einer aus der Fugen geratenen Zeit. Obwohl Elemente dieser Formel schon in den Presseberichten der Julikrise vorgefertigt waren, entfalten Princips Pistolenschüsse erst in autobiografischen Rückblicken auf den Sommer des Jahres 1914 ihre volle explosive Kraft. 24 A häborü napjai [Tage des Krieges], In: Vasärnapi Ujsag1 16. 08.1914, p. 653. 25 "Erst von der Kontinuität hebt sich die Plötzlichkeit, dieser Zeitmodus des terroristischen Zugriffs, ab." (Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1993, p. 93. Raulff, Ulrich: Der unsichtbare Augenblick. Zeitkonzepte in der Geschichte. Göttingen: Wallstein 1999, p.32.) 26 Raulff 1999, p.9. <?page no="500"?> 500 Edit Kiraly Noch wird in den ersten Kriegsmonaten meistens die Kriegserklärung als Anfang des Krieges verstanden und zum historischen Augenblick stilisiert.27 Interessant ist, dass dies teils mit eben demselben Deutungsmuster und denselben Motiven geschieht, die auch dem Attentat unterlegt werden. Franz Molnär etwa beginnt seine Erinnerungen eines Kriegsberichterstatters (November 1914 - November 1915), die er in gesammelter Form 1916 veröffentlichte und deren "Berichte" er bekanntlich aus dem Material geschrieben hatte, die er beim Kartenspiel mit Offizieren hinter der Front gesammelt hatte, mit einer (angeblichen) Tagebucheintragung vom 23. Juli 1914. Darin wird die ungeheure Anspannung, mit der die serbische Antwort auf das Ultimatum erwartet wurde, eindrucksvoll wiedergegeben, indem Anspannung wie Erleichterung sehr gekonnt mit der Erwartung und dem Ausbruch eines Sommersturmes in Parallele gesetzt wird. "Und dann auf einmal: ein Donnern, Krachen, Stürzen, ein fürchterlicher Knall, kein Regen, kein Gewitter, nur erschreckend fliegende Wasserfetzen in der Luft, dann einzelne Kriegsfahnen aus Wasser, [...] Von der Stadt her hört man Trompeten."28 Natürlich impliziert diese Metaphorik, dass der Krieg nicht von Menschen gemacht wurde, sondern dass er lediglich ausbrach! So einmalig der Zustand zu sein scheint, so austauschbar sind die Elemente, mit denen er geschildert wird. Doch Molnär übersetzt das Bild auch in eine von der Kriegsbegeisterung der ersten Wochen erfüllte Botschaft: er habe 20 Jahre lang im Bewusstsein gelebt, dass er in die eintönige Ruhe eines armen kleinen Landes geboren worden sei, weit weg von den Leidenschaften der großen Nationen, und siehe da, er gehe heute mit dem Bewusstsein schlafen, im M ittelpunkt der Welt zu sein.29 Von der Übereinanderblendung des Attentats und des Kriegsbeginns wie auch von dem allmähliche Verblassen der Einzelheiten und Hintergründe des Attentats zeugen Oszkär Jäszis Erinnerungen, die, in der progressiven gesellschaftswissenschaftlichen Zeitschrift Huszadik Szäzad [20. Jahrhundert] veröffentlicht, die Kriegserklärung und ein anderes Attentat des Jahres 1914 übereinander blenden. Jäszi hat auf dem italienischen Strand in den Zei- 27 Cf. Kosztolänyi, Dezsö: A pillanat. [Der Augenblick] In: Nyugat 18-19/ 1914, p. 335. Der Augenblick, den Kosztolänyi in dieser Glosse meint, war jener, der am 25. Juli 1914 um 7 Uhr 15 Minuten begann. 28 Im Original: "Aztän egyszerre: dörges, recseges, roppanäs, egy irtözatos csattanäs, sehol eso', sehol zäpor, csak nagy ijesztöen repülö vizrongyok a levegoben, majd egy-egy nagy hadilobogö vizböl, felhörongyböl, amint nekicsapödnak a felevelek sirö rengetegenek es a földig süjtja öket. Valahol trombitälnak a väros felo'l." [Übersetzt von E.K.] (Molnär, Ferenc: Egy haditudösltö emlekei [Erinnerungen eines Kriegsberichterstatters] Budapest: Pallas Studio 2000, p. 14.) 29 Ibid. <?page no="501"?> Die langen Schüsse und ihr verkürzter Widerhall 501 tungen gleichzeitig die Nachricht von der Kriegserklärung und vom Attentat gelesen, wenngleich dieses das Attentat gegen Jean Jaures war.30 Ein allmähliches Ausblenden von Einzelheiten und historischen Zusammenhängen, wie auch die apokalyptische Auslegung der historischen Zeitenwende ist in der Literatur schon während des Krieges zu vermerken. Im dritten Kriegsjahr entsteht Endre Adys wohl berühmtestes Kriegsgedicht Erinnerung an eine Sommernacht, das in einer Reihe von geheimnisvollen, apokalyptischen Zeichen die einbrechende, in der Sommernacht von 1914 erst noch bevorstehende Katastrophe lesbar macht und diese m it einer einzigen Zeitangabe verbindet: "Es war eine seltsame-seltsame Sommernacht". Die aneinandergereihten apokalyptischen Zeichen ergeben zusammen m it der wiederkehrenden Zeitangabe eine Vorahnung des bevorstehenden Zeitenwechsels.31 Das Attentat von Sarajevo als Anfang vom Ende in literarischen Werken der Zwischenkriegszeit Der Weltkrieg gehörte nicht zu den vordringlichen Themen der ungarischen Literatur der Zwischenkriegszeit,32 noch weniger das Attentat von Sarajevo. Daraus den Schluss zu ziehen, dass er auch in der symbolischen Ordnung keinen Platz hatte, wäre jedoch weit verfehlt. In etlichen biografischen Narrativen scheint der Krieg bzw. der Kriegsausbruch als historische Zäsur seinen symbolischen Ort bekommen zu haben. In etlichen autobiografisch angelegten Werken der Zwischenkriegszeit - und hier wäre neben der Romantrilogie von Miklos Bänffy Erdelyi törtenetvor allem an Ferenc Elerczegs Lebenserinnerungen^ sowie an Sändor Märais Bekenntnisse eines Bürgers34 zu denken, die alle in den zehn 50 Cf. Oszkär, Jäszi: Jean Jaures. In: HuszadikSzazad, 10-12/ 1914, p. 282. ” Ady, Endre: Emlekezes egy nyärejszakära / Erinnerung an eine Sommernacht. In: Endre Ady: Gib mir deine Augen: Gedichte. Deutsch/ Ungarisch. Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste. Wuppertal, Wien: Arco 2011, pp. 226-229. 52 Obwohl es zahlreiche Werke zum ersten Weltkrieg gab, haben kaum einige Platz im literarischen Kanon gefunden. Cf. Den Aufsatz von Amalia Kerekes und Katalin Teller in diesem Band sowie Szekfu Andräs: Efilmeknek csak ürügy a haborü. Beszelgetes Ormos Mariaval. In: Filmviläg, 9/ 2014. ” Elerczeg, Ferenc: Emlekezesei. A götikus häz [Lebenserinnerungen. Das gotische Elaus, gemeint ist das ungarische Parlament] Budapest: Singer & Wolfner 1939, und Elerczeg, Ferenc: Emlekezesei. Hüvösvölgy ["das kühleTal", Name einer Villengegend in Buda] Budapest: Szepirodalmi 1993. 51 Marai, Sandor: Bekenntnisse eines Bürgers. Erinnerungen. Übers, von Elans Skirecki. München: Piper 2000 [ungar. EA 1934-35], <?page no="502"?> 502 Edit Kiräly Jahren vor dem zweiten Weltkrieg erschienen sind wurde er zu einem gewichtigen End- oder Wendepunkt des biografischen Narrativs. Miklos Bänffy lässt seine Romantrilogie, die die Jahre 1904 bis 1914 umfasst, m it dem Kriegsausbruch und m it dem Einrücken seines Helden enden. Sein Abschied am Ende des Romans vom Ort seiner Kindheit in Siebenbürgen wird als ein Abschied von einer Epoche inszeniert und der aufflammende Himmelsrand am Ende des dritten Bandes zum Auftakt eines apokalyptischen Weltbrandes stilisiert.35 Ferenc Herczeg lässt den zweiten Band seiner Lebenserinnerungen mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges enden und den dritten m it diesem anfangen. Den Krieg selbst fängt er in das emblematische Bild eines Blutgrabens ein, der das Leben aller in zwei Teile schneidet.36 Bemerkenswert ist die Schilderung des Kriegsausbruchs in Sändor Märais Bekenntnissen eines Bürgers aus den Jahren 1934-1935. Man fin det bei ihm alle vorhin schon erwähnten, m it dem Kriegsausbruch verbundenen Motive, wie den einzigartig schönen Sommer, den Ausbruch eines Gewitters, oder das Anhalten der Zeit für einen Augenblick, wo die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers eintrifft, zu einem einzigen atmosphärischen Bild gebündelt wieder. Die Nachricht von dem Attentat bekommt in der Komposition der Bekenntnisse eine strukturierende Rolle, weil sie den ersten Band abschließt und zugleich die bis zu diesem Punkt mehr oder weniger vorhandene Kontinuität des Erzählens unterbricht. Denn nach dem ersten Band folgt der zweite mit einem Zeitsprung. Er setzt nach dem Krieg mit der Reise des Ich-Erzählers nach Deutschland ein. Damit spart Märai nicht nur die Kriegsjahre aus, sondern auch seine Tätigkeit zur Zeit der Räterepublik. Im 11. Kapitel am Ende des ersten Bandes wird die Erinnerung an einen Sommer vergegenwärtigt, an einen "wahren" Sommer, "strahlend und wolkenlos, wie ich ihn vielleicht nie wieder erlebe". Im Sog der Beschreibung wird andeutungsvoll auch der Wald erwähnt, an dessen Rande damals die Familie die Sommerfrische verbracht hatte und der "seine letzten Tage" erlebte; "einige Wochen später vernichtete ihn am gesamten Hang, bis hinab zur Sägemühle im Tal, mit Stamm und Wurzeln ein Sturm ."37 35 Bänffy, Miklös: Erdelyi törtenet Bd. III. pp. 203-220. 36 "Ein breiter Blutgraben wird unser aller Leben in zwei Teile schneiden." Im Original: "Egy szeles verärokfogja kettevä Iasztani mindannyiunk eletet." Herczeg: Emlekezesei. A götikus häz, p. 341. [Übersetzt von E.K.] Bei der Stilisierung des Krieges zum einschneidenden Erlebnis spielt bei Herczeg, ähnlich wie bei Kosztolänyi und Bänffy auch das persönliche Verlustgefühl eine Rolle, da seine Heimatstadt im Friedensvertrag von Trianon Jugoslawien angeschlossen wurde. 37 Märai 2000, p. 196. <?page no="503"?> Die langen Schüsse und ihr verkürzter Widerhall 503 Entsprechend ist auch der Held der Geschichte am Rande der Zeit, in einem Nirgendwo angesiedelt, er ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen: "Ich mochte in jenem Sommer ein halbwüchsiger Bengel mit vielen Armen und vielen Armen gewesen sein; die Kinder nahmen mich in ihr geheimes Reich nicht mehr auf, die Erwachsenen ließen mich noch nicht in ihrer Nähe; so lungerte ich zwischen zwei Ufern [...]." 3S Neben der recht unzweideutigen Natursymbolik wird auch ein dramaturgischer Wendepunkt herbeigeführt. Die kleine Gesellschaft in der Sommerfrische, die großen Anteil an einer sich vor ihren Augen entwickelnden Liebe nimmt, wartet am Sonntagnachmittag gerade darauf, dass sich der junge Mann der jungen Frau gegenüber erklärt, und bereitet sich mit Feuerwerk und allem Nötigen auf das Fest vor. Der Vizegespan bekommt je doch plötzlich einen Brief und als er ihn gelesen hat, ist er "kreidebleich; er trug einen schwarzen Kossuthbart, aus diesem Trauerrahmen leuchtete uns jetzt totenblaß sein erschrockenes Gesicht entgegen." Als ihn der Vater des Ich-Erzählers fragt, was es gibt, antwortet er "m it gereizter Handbewegung 'man hat den Thronfolger getötet.'" Auch hier wird das Eintreffen der Nachricht zu einem Einschnitt, zu einem erstarrten Augenblick stilisiert: "In der tiefen Stille klang die Zigeunermusik so nahe, als spielte sie in unserem Garten. Die Zwiebelmustertassen in der Hand, saßen wir regungslos um den Tisch, irgendwie erstarrt an einem toten Punkt, wie in einer Pantomime."3839 So m utiert das Attentat von seinem Status als angebliche Kriegsursache zum Zeichen einer aus den Fugen geratener Zeit, im Roman markiert durch eine Leerstelle, von der nicht berichtet wird. In einer Glosse aus dem Jahre 1937, mit dem Titel Ansichtskarte aus Belgrad wird der Doppelmord mit seinen Einzelheiten und vor allem die Frage nach seinem Grund von Märai aufs Korn genommen. Anlass der Überlegungen ist eine Ansichtskarte aus Beograd mit der letzten Fotografie von Gavrilo Princip, aufgenommen im Gefängnis. Die Fotografie reizt den Autor zu Fragen: Wie hat er es sich vorgestellt? Was hat er von seiner Tat erwartet? Was wusste er überhaupt vom Leben? Hatte er ein Weltbild oder war er eine fanatisierte ahnungslose Seele? Dabei nennt er Princip konsequent ein Kind und stilisiert ihn zu einem Rätsel der Weltgeschichte, das allen aufgegeben ist, die in der Geschichte nach den großen Zusammenhänge suchen. Obwohl hier Märai anders als in seinen Bekenntnissen das Attentat und nicht die Nachricht von dem Attentat zu seinem Thema macht, ist er auch hier mit dem inkommensurablen, mit dem Unverhältnismäßigen des 38 Ibid. 39 Ibid., p. 195f. <?page no="504"?> 504 Edit Kiräly Ereignisses befasst. Wie kann ein feuriger Blick eine ganze Welt in Flammen setzen, ein Schuss zehn Millionen Menschen das Leben kosten? Dennoch bleibt auch hier die Unverhältnismäßigkeit von zwei unvereinbaren Tatsachen (ein Kind nimmt eine Pistole, und 10 Millionen sterben), was im fotografischen Augenblickaufriss von Princips Gesicht als unlösbares Rätsel festgehalten wird. Durch die Kunst der Aussparung, hier konkret durch den rhetorischen Griff der Elipse, wird Attentat und der Weltkrieg von Märai in eins gedacht: "Prinzip hat gut gezielt. Genau in die M itte unseres Lebens".40 Obwohl das Attentat von keinem anderen einheimischen Autor so eingehend besprochen wurde, scheint für die ungarische Literatur der Zwischenkriegszeit Märais Diagnose symptomatisch zu sein: Die Schüsse von Sarajevo sind nicht deswegen der Ausgangspunkt des ersten Weltkrieges, weil sie diesen erklären würden, sondern weil in ihnen das schlechthin Unbegreifliche greifbar wird. 40 Im Original: "Princip jöl celzott. Pontosan az eletünk közepebe." Märai, Sändor: Belgrädi kepeslap [Ansichtskarte aus Belgrad]. In: Pesti Hirlap, 02.04.1937. <?page no="505"?> D a n ie la S trigl (W ien ) Die Geschichte umschreiben M ilo Dors Roman Der letzte Sonntag/ Die Schüsse von Sarajewo Milo Dor's novel Der letzte Sonntag ("The Last Sunday") was published in 1982 and republished under the title Die Schüsse von Sarajewo ("The shots of Sarajevo") in 1988. In his story about the historical figure of the investigating magistrate Leo Pfeffer, the ethnic Serb Dor, who was born in Budapest, tried to achieve nothing less than a revision of history. According to Dor's exposition the Serbian government was not positively involved in the assassination plot, which has been maintained by Austrian historians until recently. Milo Doremphasises the historical accuracy of his novel which is based on Yugoslav archival research, ie. the original interrogation protocols. Dor's contribution to the "faction" genre also inspired two recent adaptations of the plot: Milan Dor and Stephan Lack wrote the play Die Schüsse von Sarajevo, Andreas Prochaska made the television film Das Attentat Sarajevo 1914 (ORE), both rewriting the historical events and, in accordance with the Zeitgeist, transforming them into fiction. Im Juli 2004, ein Jahr vor seinem Tod, publiziert der österreichische Schriftsteller Milo Dor in der Wochenzeitung Die Furche einen Essay zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in dem er das Attentat von Sarajewo in den Fokus rückt. In diesem Text resümiert er die widersprüchliche und auf allen Seiten revanchistische Literatur zum Attentat und meint, erst die "jüngsten Veröffentlichungen im ehemaligen Jugoslawien sowie die Möglichkeit, alle zeitweise verschlossenen, 'verlegten' und regelrecht entführten Dokumente einzusehen", vor allem die Verhörprotokolle des "um Sachlichkeit und Wahrheit bemühte[n]" Untersuchungsrichters Dr. Leo Pfeffer, erlaubten ein "etwas objektiveres Bild".1 Der Titel des Artikels M it geschlossenen Augen bezieht sich auf die kolportierte Aussage Gavrilo Princips, er habe ohne zu zielen, ja mit geschlossenen Augen auf den Thronfolger geschossen. Seltsamerweise erwähnt Dor hier mit keinem Wort sein eigenes Buch, das 1982 unter dem Titel Der letzte Sonntag. Bericht über das Attentat von Sarajewo erschien und 1988 unter dem Titel Die Schüsse von Sarajewo, diesmal mit der Gattungsbezeichnung "Roman", neu aufgelegt wurde. Be- 1 Dor, Milo: M it geschlossenen Augen. Milo Dor zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 90 Jahren. In: Die Furche v. 23.7.2004. <?page no="506"?> 506 Daniela Strig reits im Vorwort dieses Textes beruft Dor sich auf die "Aussagen der Attentäter, die sie vor dem Untersuchungsrichter Leo Pfeffer gemacht haben, sowie die Aufzeichnungen Pfeffers und anderer unmittelbarer Zeugen".2 Im Klappentext ist von "unveröffentlichten Prozeßakten" die Rede. Dors Roman bildet die Grundlage für zwei dramatische Produktionen der jüngsten Zeit: den von ORF und ZDF produzierten Fernsehfilm Das Attentat (Regie: Andreas Prochaska, Drehbuch: Martin Ambrosch) und das von Milo Dors Sohn Milan und Stephan Lack verfasste Stück Die Schüsse von Sarajevo, ein Auftragswerk des Wiener Theaters in der Josefstadt, mit dem Titelzusatz "Nach Motiven des Romans Der letzte Sonntag von Milo Dor". Im Programmheft der Produktion findet sich der Vermerk, Milo Dors Roman gehe wiederum auf ein offenkundig nicht realisiertes Drehbuch zurück, das der Autor gemeinsam mit seinem Sohn Ende der siebziger Jahre geschrieben hatte.3 Milo Dor, recte Milutin Doroslavac, wurde 1923 als Sohn eines serbischen Arztes in Budapest geboren, wuchs im Banat auf und besuchte das Gymnasium in Belgrad, wurde Mitglied der Kommunistischen Jugend, maturierte 1941 und schloss sich der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer an.4 Nach Verhaftung, Folter und Lageraufenthalt wurde er als Fremdarbeiter nach Wien deportiert, dort neuerlich verhaftet. Nach der Befreiung Österreichs blieb er in Wien und etablierte sich als deutschsprachiger Autor am bekanntesten wurde Die Raikow-Saga - , aber auch als Übersetzer aus dem Serbokroatischen und als Literatur-Funktionär. Im Vorwort des Romans betont Dor, er habe versucht, "jede Emotion, soweit das überhaupt möglich ist, zu vermeiden und die nachprüfbaren Fakten für sich sprechen zu lassen" (p. 7). Angesichts seiner Biographie erscheint dies als ein ehrgeiziges Unterfangen. I . D ie S toryu n dih rH eId Dor erzählt die Geschichte des Attentats und seiner Untersuchung aus der Perspektive des Gerichtssekretärs Dr. Leo Pfeffer, der von seinem Vorgesetzten m it der Untersuchung des versuchten wie des geglückten Mordanschlags vom 28. Juni 1914 betraut wird. Das Buch gliedert sich in drei 2 Dor, Milo: Die Schüsse von Sarajewo. München: dtv (I. Aufl.) 1989, p. 7. DieSeitenzahIen der Zitate werden im Folgenden direkt im Text angegeben. 3 Dor, Milan / Lack, Stephan: Die Schüsse von Sarajevo. Programmheft Theater in der Josefstadt 2013/ 2014. 4 Die biographischen Angaben folgen Niederle, Helmuth A. (Hg.): Milo Dor. Beiträge und Materialien. Wien u.a.: Zsolnay 1988, p. 77, sowie Dor & Lack 2013/ 14. <?page no="507"?> Milo Dors Roman D e r l e t i t e S o n n ta g / D ie S c h ü s s e v o n S a r a je w o 507 Teile: Der erste ist den Ereignissen des ersten Ermittlungstages gewidmet, der zweite umfasst die folgenden drei Tage, der dritte Teil den weiteren Fortgang der Untersuchung, der Epilog berichtet von der Verlesung der Anklageschrift zum Abschluss des Vorverfahrens. Ganz am Ende sind die wesentlichen Punkte des nach Durchführung der Flauptverhandlung (vom 12. bis 23.10.1914) am 28. Oktober verkündeten Urteils sowie die danach erfolgten teilweisen Begnadigungen durch den Kaiser zusammengefasst. Leo Pfeffer wird von Dor als korrekter, dem rechtsstaatlichen Prinzip verpflichteter Staatsbeamter geschildert, der in seinen Vernehmungen der Verschwörer Princip, Tschabrinowitsch, Grabesch und Ilitsch5 durch geduldige Befragung wesentliche Informationen zur Tat und zu ihrem Hintergrund erm ittelt und den von seinen Vorgesetzten insinuierten Wunsch, Verbindungen der Attentäter zur serbischen Regierung nachzuweisen, als unzulässigen Vorgriff auf sein Ermittlungsergebnis betrachtet. Pfeffer meint, er müsse durch besonders gewissenhafte und gründliche Arbeit verhindern, dass die Interpretation der Ereignisse in Sarajewo der Monarchie einen Kriegsgrund liefert. Als sein Gegenspieler fungiert der Polizeiinspektor Viktor Iwassiuk6, der versucht die Untersuchung an sich zu ziehen und durch Einschüchterung und körperliche Misshandlung zu schnelleren Resultaten zu gelangen. Gerichtspräsident und Justizchef treiben Pfeffer zwar zur Eile an, stehen aber letztlich doch hinter ihm. Pfeffer - "er verabscheute jede Art von Gewalt" (p. 28) gelingt es, die Namen der übrigen Verschwörer und einiger serbischer Hintermänner ausfindig zu machen, er kommt aber zu dem Schluss, dass die Attentäter aus eigenem Antrieb gehandelt hätten, und zwar Kontakte zu Angehörigen der serbischen Armee und zur Organisation "Narodna Odbrana" nachweisbar seien (von deren Mittelsmännern die Burschen ihre Waffen erhielten), nicht aber eine Verbindung zu serbischen Regierungskreisen. Milo Dor erzählt die Geschichte des Attentats, indem er einerseits den langsamen Fortschritt einer immer mehr Zusammenhänge enthüllenden kriminalistischen Analyse nachzeichnet und andrerseits die emotionale 5 Die Schreibweise der Namen folgt hier jener von Milo Dor in Die Schüsse von Sarajewo. 6 Viktor Iwassiuk/ Ivasiuk wurde Ende 1918 von einem jugoslawischen Volkstribunal in Abwesenheit zum Tode verurteilt und brachte es im österreichischen Staatsdienst unter dem Namen Viktor Ingomarzum Sicherheitsdirektor von Salzburg. Iwassiuk soll den präparierten Schädel des 1910 durch eigene Hand gestorbenen Attentäters Bogdan Žerajić als Tintenfass verwendet und zur Einschüchterung von Verdächtigen eingesetzt haben. Der Schädel tauchte später in dem von Iwassiuk gegründeten Kriminalmuseum auf und wurde Žerajićs kopfloser Leiche beigegeben. Nach dem Tod von Čabrinović 1916 im Gefängnis Theresienstadt forderte der Kriminalreferent dessen Schädel wiederum "zu Musealzwecken" an, das Gemeinsame Finanzministerium verweigerte dies jedoch aus ethischen Gründen. Vgl. Würthle, Friedrich: Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Ergänzungsbd. 9 (1978), pp. 26f., 34, 85f. <?page no="508"?> 508 Daniela Strigl Reaktion des Ermittlers ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit rückt. So ist Die Schüsse von Sarajewo eben kein bloßer Bericht, angereichert mit den Aussagen von Zeugen und Beschuldigten, sondern sehr wohl ein Roman, der die Geschichte eines tragischen Helden erzählt, der wider besseres Wissen hofft, durch seine Suche nach der Wahrheit einen Weltkrieg verhindern zu können, und der sich zusehends als zwischen den Fronten der österreichischen Obrigkeit und der idealistischen Terroristen stehend erlebt. Am Schluss erkennt der Untersuchungsrichter sein totales Scheitern, als er in einem offiziellen Akt den Beschuldigten die Anklage in ihrer M uttersprache vorlesen soll, während in deutlicher Symbolik auf der anderen Seite des Saales die Vertreter des Staates stehen: "Und er, Pfeffer, stand dazwischen, m it dem Rücken zur Wand, und wußte auf einmal nicht, warum er eigentlich da war. Er hatte sich noch nie so einsam und verloren gefühlt wie in diesem Augenblick." (p. 293) Romanhaft ist außerdem Dors Bemühen um atmosphärische Dichte und Anschaulichkeit, aber auch um die detaillierte Darstellung des Pfefferschen Privatlebens. So setzt das Buch am Morgen jenes "letzten Sonntags" im Juni ein, der in die Geschichte eingehen sollte, und zeigt den Richter als umgänglichen Familienvater beim Frühstück mit Frau und Töchtern, ehe er m it seiner Ältesten in Richtung Rathaus aufbricht, um dem Thronfolger am Appel-Kai7die Ehre zu erweisen. Als Kroate aus Esseg/ Osijek beherrscht Leo Pfeffer das Serbokroatische, die offizielle Sprache der gerichtlichen Untersuchung wie auch des späteren Prozesses. Bereits sein Großvater war vom mosaischen Glauben zum Katholizismus konvertiert, und auch Pfeffers Ehefrau Mara, eine Serbin, war vor der Heirat zum katholischen Glauben übergetreten. Mit seinen besten Freunden, dem Polizeiarzt Dr. Sattler und dem sozialdemokratischen Anwalt Dr. Zistler, trifft Pfeffer sich regelmäßig zum Tarock und, wiederum ein Beitrag zum bosnischen Lokalkolorit, zum Mittagessen im Garten des Gasthauses "Zum goldenen Faß". Auch sie sind Juden, was dem Gerichtssekretär erst jetzt, nach dem Attentat, auffällt: "Vielleicht rückten sie näher zusammen, weil sie alle irgendwie Außenseiter waren und sich zudem in einem fremden Land befanden." (p. 134 ) Milo Dor zeichnet seinen Protagonisten als lauteren Charakter, jedoch nicht als heldenhaften Rebellen. Pfeffer fühlt sich seiner Aufgabe zunächst nicht gewachsen, die offene wie verdeckte Einmischung hoher Herrschaften schüchtert ihn ein, ja, er überlegt ernstlich, um seine Suspendierung zu bitten. Doch just sein k.k. Beamtenethos verleiht ihm das nötige Selbstvertrauen, um 7 In Dois Roman ist wiederholt fälschlich vom Appellkai die Rede, der Kai hieß jedoch Appel- Kai nach dem österreichischen General Johann Nepomukvon Appel, Landeschefvon Bosnien-Heizegowina 1882-1893. <?page no="509"?> Milo Dors Roman Der letzte Sonntag / Die Schüsse von Sarajewo 509 gegen die Zumutungen Höhergestellter zu opponieren. Gegen die unkalkulierbare Entwicklung der Politik, auch der Weltpolitik, hält er das Prinzip des Rechtsstaats. Pfeffer weigert sich, seine Unterschrift unter das Obduktionsprotokoll der Ermordeten zu setzen, denn er war bei der Obduktion nicht dabei. Er entlässt etliche willkürlich Verhaftete aus dem polizeilichen Gewahrsam. Und er liefert nicht das von der Kriegspartei in Wien und Bosnien- Herzegovina gewünschte Ergebnis: "Er war schließlich nicht da, um irgendwelche [...] Wünsche seiner Vorgesetzten zu erfüllen, sondern dem Gesetz zu dienen, nein, seinen Mitmenschen zu ihrem Recht zu verhelfen." (p. 155) 2. Strategien des Erzählens Um etwas über Dors narrative Strategien aussagen zu können, ist es nötig, das Verhältnis zwischen historischen Fakten und literarischer Umsetzung zu beleuchten. Im Vorwort erklärt der Autor, "für die Phantasie eines Erzählers" sei "genügend Spielraum geblieben", so sei aus "diesem Menschen, den es in ähnlicher Form tatsächlich gegeben hat", eine "Romanfigur" geworden (p. 7). In der Tat hält Dor sich erstaunlich eng an die historischen Dokumente wie das historische Personal. Seine Quellen gibt er freilich nicht exakt an, es ist etwa nicht klar, ob Dor nach dem Tod Titos die gesammelten polizeilichen Vernehmungsprotokolle im Alten Rathaus von Sarajewo einsehen konnte.8Jedenfalls zugänglich waren ihm die in deutscher Übersetzung im Wiener Haus- Hof- und Staatsarchiv vorliegenden gerichtlichen Untersuchungsprotokolle.9 Offenkundig benutzte der Autor auch die 1938 in serbokroatischer Sprache erschienenen und bis dato nicht übersetzten Aufzeichnungen des pensionierten Richters Leo Pfeffer (Istraga u sarajevskom atentatu), der zum Zeitpunkt des A tte n ta ts-w ie sein Roman-Pendant- 3 8 Jahre alt war.10 Nahezu alle Akteure des Textes sind historisch verbürgt, die Kraftprobe zwischen Iwassiuk und Pfeffer ist aktenkundig, die Verhör- Dialoge folgen den offiziellen Protokollen. Roland Barthes hat in seinem Essay Le discours de l'histoire in die Diskussion um die Historiographie den "Effekt des Realen" eingeführt: Dieser ergibt sich, wenn die Vorstellung des Realen das Signifikat ersetzt und der Historiker als Berichterstatter direkt in Beziehung zum Signifikanten tritt. Die Geschichtsschreibung lebt so von der Suggestion, das Reale sei mehr als nur ein Signifikat. Hinsichtlich der Bedeutung des Narrativen ist laut 8 Cf. Würthle 1978, p. 27f. 8 Cf. ibid., p. 38. 10 Cf. ibid., p. 45. <?page no="510"?> 510 Daniela Strigl Barthes eine historische Umkehrung eingetreten: War die Erzählung im Zeitalter des Mythos Fiktion, so beansprucht die im 19. Jahrhundert herausgebildete Gattung der Geschichtsschreibung die Narration als Repräsentation des Realen.11 Indem Milo Dor seine Darstellung der Ereignisse um den Doppelmord zunächst "Bericht" nennt und deren dokumentarischen Charakter betont, macht er sich diesen "Effekt des Realen" bewusst zunutze. Er setzt auf die Autorität der Geschichtsschreibung zur Beglaubigung seiner literarischen Interpretation. Dors Roman Die Schüsse von Sarajewo lässt sich nicht als Propagandatext für die serbische Sache bezeichnen, er ist aber ohne Zweifel ein Tendenzroman. Zwischen den Zeilen lässt der Autor durchblicken, der Tod des Thronfolgers sei höchsten Kreisen in Wien willkommen gewesen.12 So differenziert, ausführlich und reflexiv Dor seine Erzählung angelegt hat, so ist doch die Absicht unverkennbar, die persönlichen und politischen Beweggründe der Attentäter zumindest plausibel zu machen und zuletzt auch die Überzeugung ins Wanken zu bringen, die serbische Regierung sei sehr wohl für den Doppelmord verantwortlich gewesen dies gilt wohl bis heute, aber jedenfalls zur Entstehungszeit des Romans, als Common Sense österreichisch-deutscher Geschichtserzählung. Dabei ist Dor einerseits bestrebt, die k.k. Verwaltung und Rechtsprechung insgesamt zwar nicht als die eines Unrechtsstaates darzustellen, aber doch die Auswüchse repressiver Polizeiarbeit zu zeigen. Dr. Leo Pfeffer steht für den mustergültigen pflichtbewussten Beamten, zugleich wird das staatstragende Ethos der Pflicht hinterfragt: "Die ganze Monarchie schien darauf zu beruhen, dass jeder seine Pflicht tat, ohne sich zu fragen was er damit bezweckte. Die Pflicht war ihr eigener Zweck." (p. 179) Dors Panorama gibt auch jenen Raum, die die Verwaltung Bosnien-Herzegowinas durch Österreich im Vergleich mit der türkischen Herrschaft für segensreich erachten. Er bringt aber in erster Linie die Defizite der habsburgischen Politik (etwa die fehlende Bodenreform, die Unterdrückung der Proteste in Kroatien, die Begünstigung der Magyarisierungspolitik) ausführlich zur Sprache, nicht nur in den Aussagen der Attentäter, sondern namentlich durch die Position des Sozialdemokraten Dr. Zistler. Der historische Dr. Rudolf Zistler machte beim Attentatsprozess als einziger Anwalt Furore, 11 Cf. Jaeger, Stephan: Historiographisch-Iiterarische Interferenzen. Möglichkeiten und Grenzen des Diskursbegriffes. In: Fulda, Daniel / Tschopp, Silvia Serena (Hg.): Literatur und Geschichte. Ein Kompendium zu ihrem Verhältnis von der Aufklärung bis zur Gegenwart. BerIinjNew York: de Gruyter 2002, pp. 61-86, hier p. 64f. 12 Cf. Ivanji, Ivan: Realität und Fikbon in den Romanen Dors. In: Lajarrige, Jacques (Hg.): Milo Dor. Budapest-Belgrad-Wien. Wege eines österreichischen Schriftstellers. Symposium, Paris 16.-17. Mai 2003. Salzburg, Wien: O. Müller 2004, pp. 92-108, hier p. 104. <?page no="511"?> M ilo Dors Roman D e r le tz t e S o n n ta g / D ie S c h ü s s e v o n S a r a je w o 511 der sich eine offensive Verteidigung seiner Mandanten herausnahm; Dor spielt auf dessen spätere Argumentation an: der Vorwurf des Hochverrats sei unsinnig, weil Bosnien-Herzegowina völkerrechtlich gar nicht als Teil des österreichisch-ungarischen Staatsgebietszu betrachten sei (p. 186).13 Bei der Frage nach der prinzipiellen Legitimität des Tyrannenmordes ertappt Pfeffer "sich bei einem seltsamen Gefühl, das ihn beinahe mit dem jungen Attentäter solidarisch machte" (p. 229). Pfeffers Lektüre eines Nachrufs auf den Thronfolger wird so kommentiert: Es war eine imposante Zahl von namentlich bekannten Vorfahren, die der ermordete Thronfolger aufzuweisen hatte. Leo Pfeffer konnte sich schwer irgendwelche Gesichter, aber um so leichter den immensen Reichtum vorstellen, der durch Raub, dubiose Geschäfte oder Heirat zustandegekommen war und [...] mit selbstverständlicher Protzigkeit zur Schau gestellt wurde. Franz Ferdinand hatte seine Macht ausgekostet. [...] Dementsprechend massig und gewichtig sah er auch aus. In völligem Kontrastzu ihm stand der Attentäter, ein schmächtiger, blauäugiger Jüngling, der einem namenlosen Geschlecht entstammte. [...] David gegen Goliath, dachte Leo Pfeffer schläfrig, (p. 205) Dor scheut sich also nicht, aus der Perspektive des Richters Täter und Opfer einander so gegenüberzustellen, dass die Antipathie des Ermittlers gegen den Ermordeten offen zu Tage tritt. Das Bekenntnis der Verschwörer zum Terror als dem Mittel ihrer politischen Wahl ist historisch verbürgt, ebenso Tschabrinowitsch' Selbstverständnis als radikaler Anarchist. Im Roman sagt er auf Befragen des Untersuchungsrichters: "Man muß das heutige System durch Terror vernichten, um an dessen Stelle ein liberales System zu errichten" (p. 66). Dors Freund und Übersetzer Ivan Ivanji stellt einen indirekten biographischen Bezug zwischen den Attentätern und dem Autor her, der als Jungkommunist in Belgrad 1941 gleichsam auf derselben Seite wie Princip und dessen M itverschwörer aus dem Verein "Mlada Bosna" gestanden war: Doroslovac- D o rhatte damals eine schußbereite Pistole in der Manteltasche und beschreibt, wieso er, Pardon, sein Held, Mladen Raikow [aus der Raikow- Saga, D.S.], nicht im Stande war, einen deutschen Offizier zu erschießen. Er hat aber darüber nachgedacht. Damals, während des Krieges, in der blutigen Realität, und nachher, seinen Roman schreibend, eine fiktive Welt schaffend, vom neuen. Deshalb weiß er besser, was Leute wie Princip [...] gedacht und gefühlt haben, als andere Autoren.14 13 Cf. Würthle 1978, p. 62,- Zum Prozeß und zur Haft der Verurteilten vgl. auch Hans Hautmann: Princip in Theresienstadt. In: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 3.20 (Sept. 2013), http: / / www.klahrgesellschaft.at/ Mitteilungen/ Hautmann_3_13.pdf. 14 Ivanji 2004, p. 103. <?page no="512"?> 512 Daniela Strigl Milo Dor zeichnet die jugendlichen Terroristen als Idealisten und Romantiker: "Sie hielten die Wirklichkeit für ein Theaterstück, in dem sie den Part der Freiheitshelden übernommen hatten." (p. 191) Die tatsächliche Begeisterung der "Mlada Bosna" für Friedrich Schiller, m it dem die bosnischen Schüler in den österreichischen Gymnasien bekannt gemacht wurden,15 spiegelt sich in Die Schüsse von Sarajewo, wenn Pfeffer im Gespräch mit seinen Freunden aus Wilhelm Teil zitiert (p. 185) und sich beziehungsvoll daran erinnert, dass man ihm schon im Schülertheater die Rolle des Landvogts zugewiesen hat, obwohl er lieber den Teil gespielt hätte (p. 190). Vor allem aber steht am Ende von Pfeffers Untersuchung so etwas wie ein juristischer Freispruch für die serbische Regierung, für deren Schuld er "keine Beweise" gefunden habe: "Im juristischen Sinn ist sie also nicht schuldig." (p. 287) Pfeffer exponiert sich aber über ein "In dubio pro reo" hinaus: Er veranlasst den aus Wien als Revisor angereisten Sektionsrat des k.u.k. Außenministeriums Dr. Friedrich von Wiesner, in seinem Bericht vom 13. Juli über das Ergebnis der Ermittlungen, diese Ansicht nicht nur zu übernehmen, sondern sogar noch zuzuspitzen. Von Wiesner, hier folgt Dors Text einmal mehr dem historischen Wortlaut, telegraphiert nach Wien: "M itwisserschaft serbischer Regierungsleitung an Attentat oder dessen Vorbereitung [...] durch nichts erwiesen oder auch nur zu vermuten. Es bestehen vielmehr Anhaltspunkte, dies als ausgeschlossen anzusehen." (p. 239) Ausgeschlossen sei dies, so argumentiert Pfeffer im Roman, weil die Geheimorganisation der "Schwarzen Hand", die ihre Finger bei der Vorbereitung des Meuchelmordes im Spiel gehabt habe, sich aus Gegnern der serbischen Regierung rekrutiere (p. 241). Dieser Punkt stellt zunächst eine der wenigen Abweichungen vom historischen Sachverhalt dar: Die Verbindungen der Beschuldigten zur "Schwarzen Hand"/ "Crna ruka" waren den Ermittlern 1914 nicht bekannt, auch im österreichischen Ultimatum an Serbien und in der Anklageschrift des Sarajewo-Prozesses ist nur von der "Narodna Odbrana" die Rede. In der Sache unternim m t Dor hier den dezidierten Versuch, die in Österreich verbreitete historiographische Darstellung umzuschreiben. Dabei ignoriert er offensichtlich bewusst die auf gründlicher Quellenkritik basierenden Erkenntnisse von Fritz Würthle, dessen Studien Die Spur fü h rt nach Belgrad (1975) und Dokumente zum Sarajevoprozeß (1978) zumindest eine Mitwissenschaft des serbischen Ministerpräsidenten Paschitsch belegt hatten, für den der Waffenlieferant der Attentäter (Milan Ziganowitsch) als Spitzel tätig war. 15 Cf. ibid., p. 15. Diedeutschen Aufsatzthemen bezogen sich zum Teil explizit auf den Komplex Freiheit, Tyrannenmord und Märtyrertum, im Wilhelm Teil wie in Die Verschwörung des Fiesko zu Genua, aber auch in Goethes Egmont. <?page no="513"?> Milo Dors Roman Der letzte Sonntag / Die Schüsse von Sarajewo 513 Zugleich läuft eine Conclusio des Romans aber darauf hinaus, dass die Frage nach der tatsächlichen Mitschuld der serbischen Regierung letztlich irrelevant sei in einem Szenario, dessen Akteure so oder so auf den Krieg fixiert sind. Die geradezu überkorrekt zurückhaltende Depesche des Sektionsrats Dr. Wiesner vermochte gegen die "Falken" auch nichts mehr auszurichten. Der Groll des Erzählers richtet sich dementsprechend vor allem gegen die österreichische Seite. So finden sich im dritten Teil des Romans, durchaus ungewöhnlich für ein fiktionales Werk, sowohl das Ultimatum Österreich-Ungarns als auch die serbische A ntw ort im vollen W ortlaut abgedruckt. M it seinem Protagonisten Pfeffer scheint Milo Dor bezüglich der absichtlichen Unzumutbarkeit der im Ultimatum verlangten Mitwirkung österreichischer Organe bei der Strafverfolgung Verdächtiger auf serbischem Boden einer Meinung. Die im Ton und in der Sache in acht von zehn Punkten entgegenkommend anmutende serbische Antwortnote soll den Leser von der Mutwilligkeit Österreich-Ungarns überzeugen: Pfeffer bemerkt ausdrücklich den ruhigen Ton der Antw ort und zugleich die darin spürbare Angst vor der Drohung durch die Großmacht. In jüngster Zeit hat allerdings Christopher Clark den Charakter der Note völlig anders bewertet: die Behauptung, "diese Antwort sei einer fast vollständigen Kapitulation vor den österreichischen Forderungen gleichgekommen", sei "von Grund auf falsch. Es handelt sich hier um ein Dokument, das für Serbiens Freunde geschrieben wurde, nicht für seine Gegner. [...] In Wirklichkeit handelt es sich um eine hübsch verpackte Ablehnung der meisten Forderungen."16 3. Neue Bedürfnisse Dass im Jahr 2014 gleich zweimal österreichische Autoren auf Milo Dors Bemühung zurückgreifen, im deutschen Sprachraum um Verständnis für die serbisch-jugoslawische Seite zu werben, ließe sich als Zeichen postnationaler Versöhnung deuten. Sowohl das Theaterstück Die Schüsse von Sarajevovon Dor jun. und Lack als auch der Film D asAttentatvon Prochas- 16 Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Übers, v. Norbert Juraschitz. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2013, p. 597f.- Clarks Werk enthält, z.T. wohl durch die Übersetzung verschuldet, einige Fehler oder zumindest Ungeschicklichkeiten. So heißt das Schloß Schönbrunn wiederholt "Palast Schönbrunn" (etwa p. 164), der Thronfolger "Thronerbe" (etwa p. 475). Der Adelige Dr. Andreas Freiherr von Morsey war nicht Franz Ferdinands "Kammerdiener" (p. 485), sondern sein Dienstkämmerer, also so etwas wie sein Kammerherr oder Privatsekretär. Und der 28. Juni, sein Todestag, wird als irrtümlich als Franz Ferdinands und Sophies Flochzeitstag bezeichnet (p. 478), das war aber der 1. Juli (1900). <?page no="514"?> 514 Daniela Strigl ka/ Ambrosch gehen jedoch noch darüber hinaus - und bleiben dabei in literarischer Hinsicht hinter der Vorlage zurück. Beide Adaptionen setzen zunächst handwerklich an den vermeintlichen dramaturgischen Schwachstellen des Romans an: Ein Stück, ein Film ohne Liebesgeschichte scheint einem größeren Publikum nicht zumutbar. So machen die Autoren aus der braven Ehefrau eine serbische Geliebte, die in gewisser Weise dem kolonialen Klischee vom (süd)slawischen Vollweib entspricht. Im Stück hat Marija einen Sohn, der verhaftet wird, was Pfeffer für den Schurken Iwassjuk erpressbar macht. Der Untersuchungsrichter lässt aus politischer Räson das Geständnis eines Hauptverdächtigen - Danilo llić verschwinden und macht seine Unterschrift unter den Bericht des machiavellistischen Dr. Wiesner von der Enthaftung des jungen Mannes sowie von Serbien entlastenden Textänderungen abhängig. Leo Pfeffer setzt sich damit, im Widerspruch zur historischen Realität, durch die Obrigkeit rächt sich an ihm, indem sie, kaum glaublich, den hier dem Pensionsalter nahen Gerichtssekretär in den Schützengraben schickt und den Sohn der Geliebten zwingt, sich freiwillig zur Armee zu melden. Einiges von dem, was Milo Dors Roman in seiner Ambivalenz belässt, regelt das Stück ziemlich eindeutig: Die Autoren bevorzugen die Schwarz-Weißzeichnung, auch als Tribut an die Bühnenrealität. Noch kühner dichtet der Drehbuchautor des Films, Martin Ambrosch, die Geschichte um. Hier ist Marija (Melika Foroutan) die Tochter eines reichen Serben und wird m it ihrem Vater (Juraj Kukura) von den antiserbischen Ausschreitungen nach dem Attentat und den Übergriffen der Behörde in die Emigration getrieben. Auch hier wird die Geliebte zur Achillesferse des Ermittlers (Florian Teichtmeister): Er muss nachgeben, um ihre Ausreise zu ermöglichen. Prochaska und Ambrosch gehen aber in ihrem "investigativen Thriller"17 noch weiter, indem sie sich an die historischen Ereignisse selbst wagen und ein deutsch-österreichisches Geheimdienst-Komplott mehr oder weniger frei erfinden: Hier wird Pfeffer in der Folge nicht einfach zur Feststellung einer Verwicklung der serbischen Regierung gedrängt, um den erwünschten Kriegsgrund zu liefern, sondern um von den wahren Tätern abzulenken: Österreichische und deutsche Militärkreise haben sich der jungen serbischen Patrioten bedient, um einerseits Franz Ferdinand, den Freund 17 Andreas Prochaska zit. bei: Sebastian Hammelehle: Weltgeschichte als Kaiserschmarrn. ZDF-FiIm über Franz Ferdinand, http: / / www.spiegel.de/ kultur/ tv/ das-attentat-sarajevo- 1914-zdf-film-ueber-anschlag-auf-franz-ferdinand-a-966106.html. Hammelehle kommentiert: "Dabei übersieht er, dass der Begriff 'investigativ' nicht für Eifindung steht, sondern für Enthüllung." <?page no="515"?> M i l o D o rs R o m a n Der letzte Sonntag / Die Schüsse von Sarajewo 515 der Slawen, loszuwerden und andererseits mit dem Bau der Bahnlinie Berlin-Bagdad lukrative Expansionspolitik zu betreiben. - "Wer will sich der deutschen Tatkraft in den Weg stellen? " Damit sich der bosnische Justizchef dieses Nachkriegsszenario glaubwürdig ausmalen kann, bekommt er im Film einen deutschen Namen: Fiedler statt Chmielewski. Der Filmheld Leo Pfeffer erfüllt das heutige Idealbild eines kritischen Staatsbürgers, ja beinahe schon des Grünwählers: als Radfahrer (kaum vereinbar mit der Würde eines k.k. Untersuchungsrichters) und Nichtraucher. Außerdem muss er, der wohlrespektierte höhere Justizbeamte, wie auch der Pfeffer des Theaterstücks als Objekt antisemitischer Attacken herhalten. Die jüngsten Dramatisierungen des Stoffs erwecken also den Eindruck, als würde das deutsch-österreichische Projekt fortschreitender Vergangenheitsbewältigung quasi um die Epoche des Ersten Weltkriegs erweitert und der gegenwärtige Opferdiskurs auf die Vorkriegsperiode ausgedehnt. Der deutsche "Sündenstolz" wie Elfriede Jelinek mit einem Begriffvon Flermann Lübbe den Flang zu kollektiver Zerknirschung und Ze- Iebration der eigenen Verbrechen genannt hat,18 führt zu dem Paradox, dass die gegenwärtigen deutsch-österreichischen Geschichtserzählungen sich im Vergleich zum Roman des keineswegs unparteiischen serbischen Immigranten Milo Dor einseitig und plakativ ausnehmen. Die bosnischen Serben werden dabei zum Opfervolk stilisiert und narrativ mit den Juden gleichgesetzt: "Die Österreicher wollen uns vernichten, alle, auch dich, Leo", sagt die Serbin Marija prophetisch im Film, und der drogensüchtige Dr. Sattler (Heino Ferch) figuriert als deutscher Agent und Protonazi. Der wackere Richter Dr. Pfeffer erscheint in den Neubearbeitungen des Stoffs als Büttel eines Unrechtsstaates, als einer, der im Theaterstück, vor seiner 'Läuterung' durch das Ewigweibliche, etwa dem Verdächtigen (anders als im Roman) das erbetene Glas Wasser verweigert oder die Beschuldigten bedenkenlos duzt im Roman rechtfertigt der Richter die Vorgangsweise m it der möglichen Verwechslung von "Ihr" und "Sie" im Serbokroatischen (p. 191) und duzt außerdem nur die Schüler, nicht den ehemaligen Lehrer llitsch. Im Stück darf Pfeffer immerhin das übernationale Ideal des Vielvölkerstaats verkörpern, wenn er als Credo form uliert: "In meinen Adern fließt weder slawisches, noch deutsches, noch jüdisches, noch ungarisches Blut in meinen Adern fließt Blut der Blutgruppe A und B, Rhesusfaktor Positiv! "19 Allerdings wurde der Rhesusfaktor durch Karl Landsteiner erst 1940 entdeckt. 18 Jelinek, Elfriede: Rechnitz (Der Würgeengel). Reinbek: RowohItTheatei Verlag 2009, p. 131. 14 Dor & Lack 2013/ 14, p. 32. <?page no="516"?> 516 Daniela Strigl Während Milo Dor sich auf dem Boden gesicherter Fakten bewegt und Deutung und Gewichtung durch das Ausblenden gewisser Aspekte erzielt, schrecken die jüngsten Bearbeitungen auch vor einer Umschreibung historischer Texte (nicht nur ihrer Interpretation) nicht zurück: Milan Dor und Stephan Lack ändern etwa den W ortlaut der Depesche des in Wahrheit überaus skrupulösen Sektionsrats Dr. Wiesner ab. Im besten Fall kann man diese Nonchalance einem geschichtsphilosophischen Relativismus zuschreiben, wie Pfeffer ihn im Theaterstück form uliert: "Ich habe mich immer an Fakten gehalten. Aber wer weiß, ob sich die Wirklichkeit aus Fakten zusammensetzt. Die Wirklichkeit entsteht hier, in unseren beschränkten Hirnen."20 Man könnte freilich auch zu dem Schluss kommen, dass Milo Dor mit seinem Versuch, mithilfe der Dokumente eine Umwertung der österreichischen Geschichte zu erreichen, erfolgreich oder zumindest seiner Zeit voraus war jedenfalls, was das populäre historische Narrativ betrifft. Dor selbst war als literarischer Geschichtsschreiber freilich nicht naiv. Auf Pfeffers Bemerkung, er wolle die "ganze W ahrheit" herausfinden, lässt der Autor dessen Freund Dr. Sattler erwidern: "Aber ich bitte dich. Es gibt keine Wahrheit, die für alle verbindlich ist. Jeder glaubt nur an seine eigene Wahrheit oder daran, was er dafür hält." (p. 187) 20 Ibid., p. 47. <?page no="517"?> L uigi R eitani (U dine ) "Ein dunkler, knatternder Marsch von Elfsilbern" Gilberto Fortis Verserzählung A Sarajevo il 28 giugno In Italian literature, the Southern front (by the river Isonzo) figures prominently when it comes to representations of WWI. The War was only thematized after Italyjoined the Entente in their fight against the Central Powers in May 1915. This might explain why the Sarajevo Assassination did not get the resonance it had in other countries. However, there is a literary work which is exclusively dedicated to the event: Gilberto Forti's tale in verse A Sarajevo H 28 giugno which was published in 1984 only. The book is organized in 11 chapters, everyone of which is narrated from a different point of view by fictitious characters. This process of fictionalizing a historic event can be understood through the conventions of the outdated genre which gives the occurences a peculiar 'patina'. The assassination is perceived as historical cesura which brings an end to the old imperial world pre-1914. In der italienischen Literatur spielt der Erste Weltkrieg vor allem mit den Darstellungen der Ereignisse an der Süd-Front eine Rolle. Die grausamen Schlachten am Isonzo und in der Hochebene von Asiago sowie der zermürbende Stellungskrieg in den Schützengräben im Karst stehen im Zentrum von Gedichten, Erzählungen, fiktiven oder authentischen Tagebuchsaufzeichnungen und Briefen, und hier seien nur als signifikante Autoren die Namen von Giuseppe Ungaretti, Emilio Lussu oder Giani Stuparich erwähnt. Der Krieg wurde freilich erst m it dem Eintritt des Königreichs Italien auf Seite der Entente im Mai 1915 zum Thema der Stunde. Die Euphorie (oder auch die besorgte Skepsis) wegen der Mobilmachung fand also im Vergleich zu den meisten Ländern Europas m it einer Verspätung von fast einem Jahr statt. Der in der Publizistik so genannte "strahlende Mai" (maggioradioso), als sich die Befürworter des Kriegseintritts durch Massendemonstrationen schließlich durchsetzen konnten, entzündete sich an den prahlerischen nationalistischen Reden eines d'Annunzio und speiste sich aus einer lang tradierten Haltung, welche die österreichische-ungarische Monarchie als tyrannische, die Freiheit der Völker unterdrückende Macht abstempelte. Das kann vielleicht erklären, warum das Attentat von Sarajevo in Italien nicht diejenige Resonanz fand, welche es andernorts hervorrief. Als d'Annunzio im November 1915 seine von Pathos und Rhetorik strotzende Ode an die <?page no="518"?> 518 Luigi Reitani serbische Nation schrieb,1wies er m it keinem W ort auf die Ermordung des Thronfolgers hin. Nur die Irredentisten sahen in Gavrilo Princip einen Helden. "Sein Name", so der spätere Sekretär der faschistischen Partei Giovanni Giuriati, "ist vielleicht ein gutes Omen".2Sonst zeigte sich die italienische Presse um die möglichen Wirkungen des Attentats in Sarajevo nicht besonders besorgt. Allgemein galt die Überzeugung, dass Österreich nicht den europäischen Frieden gefährden würde. Es waren vielmehr die internen politischen Ereignisse, die zur Diskussion standen, so z.B. die kommunalen Wahlergebnisse, bei denen am 28. Juni die Sozialisten in mehreren Städten einen klaren Erfolg erzielt hatten.3 Dass das Attentat eine historische Zäsur darstellte, wurde in Italien erst nach der Kriegserklärung Österreichs klar. So sind mir keine nennenswerten Darstellungen des Attentats von Sarajevo in der italienischen Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts bekannt. Umso interessanter ist deshalb die Tatsache, dass 70 Jahre nach der Ermordung Franz Ferdinands in Italien ein literarisches Werk veröffentlicht wurde, das sich ausschließlich mit diesem Thema befasst: Gilberto Fortis A Sarajevo il 28 giugno (In Sarajewo am 28. Juni).4 Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Zunächst einmal handelt sich um eine Verserzählung, präziser um 11 Versgeschichten, die rund um das Attentat kreisen, und die von 11 fiktiven Figuren erzählt werden. Zu dem Zeitpunkt der Publikation galt eine solche Form als überholt und problematisch. Zwar hatten bedeutende Dichter wie Athlio Bertolucci Gedichtbände verfasst, die einen erzählerischen Duktus aufwiesen, so etwa in dem gleichzeitig m it dem Buch Fortis veröffentlichten poetischen Familienepos La camera da Ietto (Das Schlafzimmer, 1984-1988); ein langes Gedicht mit einem erzählerischen Charakter ist aber etwas anderes als eine Erzählung in Versen, zumal wenn es sich dabei um eine bedeutende, ja berühmte historische Episode der Weltgeschichte handelt. Entscheidend ist hier das narrative Moment, "das unerhörte Ereignis", um das bekannte Diktum Goe- 1 D'Annunzio, Gabriele: Ode alia nazione serba. In: Deis.: Versi d'amore e di gloria. Hg. von Annamaria Andreoli und Niva Lorenzini. Milano: Mondadori 1984, pp. 785-798. Das Gedicht das die ganze Mythologie der serbischen Nation aufrollt und mit dem Appell an Italien endet, Serbien gegen Österreich zu unterstützen erschien zunächst im Ausschnitten in der Tageszeitung Il Corriere della sera am 24.11.1915 und ungekürzt im selben Monat in Venedig. Das Manuskript ist on-line abrufbar: <http: / / dati.acs.beniculturali.it/ MRF/ ? IT-ACS- F107003727-04-02026>. 2 Zit. n. Ceschin, Daniele: Quadro degli avvenimenti. In: Isnenghi, Mario / Ceschin, Daniele (Hg.): La Grande Guerra. Uomini e Iuoghi del T 5 -1 8 . Torino: Utet 2008, pp. 20-44, hier p. 20. 3 Vgl. ibid. 4 Forti, Gilberto: ASarajevo il 28 giugno. Milano: Adelphi 1984. In Hinkunft im laufenden Text nur mit der Seitenangabe zitiert. Alle Übersetzungen stammen vom Verfasser dieses Beitrags. Für die Materialien aus dem Archiv seines Vaters, die er mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, möchte ich mich bei Prof. Gabrio Forti (Mailand) herzlich bedanken. <?page no="519"?> Gilberto Fortis Verserzahlung A S a r a je v o i i 2 8 g i u g n o 519 thes zu zitieren. Wozu also die Versform? Ließ sich 1984 die Geschichte des Attentats nicht mehr in Prosa erzählen? Gilberto Forti verwendete einfache ungereimte Elfsilber, durchaus in der Tradition der italienischen Lyrik. Der Satzaufbau ist einfach und besteht oft aus ganz kurzen Einheiten. Starke Enjambements sind rar. Der Wortschatz entspricht dem sozialen Status der je weiligen Erzählfigur. So entsteht zunächst der Eindruck, dass den Verstrennungen keine andere Funktion zugeschrieben wird, als einen anfänglich in Prosa verfassten Text rhythmisch aufzugliedern. In der Tat markieren aber die Verse die Literarizität der Erzählung, die keine historische Authentizität, sondern einen ästhetischen Wert beansprucht. Forti beabsichtigt nicht, das Attentat zu rekonstruieren und die Wahrheit der Fakten darzulegen. Weder will er eine alternative Version der Sachverhältnisse vorschlagen, noch versucht er, dem tatsächlich Geschehenen eine imaginierte Geschichte gegenüberzustellen wie zum Beispiel Guido Morselli in seinem Roman Contropassato prossimo (Das Licht am Ende des Tunnels, posthum 1975), der für den Ersten Weltkrieg einen ganz anderen Ablauf erfindet. Vielmehr erscheint das Attentat als Anlass einer diffusen und mehrstimmigen Narration, welche sinn- und identitätsstiftend wirkt. Nicht das Ereignis an sich, sondern seine Erzählbarkeit wird signifikant. Der Vers entzieht der Vergangenheit ihre Faktizität und lässt sie als Erinnerung und Zeugenaussage der Menschen weiterleben. So steht am Anfang des Buchs als Motto: Venne dopo molti anni un testimone e poi un altro... Furono ascoltati, e ciascuno offri Ia sua versione, con circostanze, nomi, altri dati. Si, tutti erano testi volontari, giunti da varie parti dell'impero. Benche fossero testi immaginari, pure ognuno di essi era nel vero. (p. 9) (Nach vielen Jahren kam ein Zeuge und dann ein anderer [...] Sie wurden gehört und jeder bot seine eigene Fassung der Ereignisse, mit Umständen, Namen, weiteren Angaben. Jawohl, sie meldeten sich alle freiwillig und kamen aus den verschiedensten Gebieten des Kaiserreichs. Obwohl sie nur fiktive Zeugen waren, hatte jeder von ihnen Recht.) In einer scharfsinnigen Rezension im Corriere della sera zeigte sich der italienische Schriftsteller Giorgio Manganelli (1922-1990) von den Elfsilbern Fortis besonders angetan. Dabei hob er die Zweisprachigkeit mancher Verse hervor. Sie hätten die doppelte Wirkung, die historischen Ereignisse einerseits als Wunder und andererseits durch ihren "frigiden Versgang", der die höchste Genauigkeit anstrebt, als etwas Privates erscheinen zu lassen: "Die Katastrophe wird zum Unfall erhoben". "Der Tod Franz Ferdinands", so steht es am Schluss, "ist die Erfindung eines Dichters, nichts anderes als ein dunkler, knatternder Marsch von Elfsilbern".5 5 Manganelli, Giorgio: Un fantasma di nome Europa. In: Il Corriere della sera, 07.11.1984. <?page no="520"?> 520 Luigi Reitani Forti bedankte sich für diese feinsinnige Besprechung wiederum mit witzigen zweisprachigen Elfsilbern, diesmal unter Verwendung des Englischen, einer Sprache, aus der Manganelli bedeutende Klassiker übersetzt hatte: La ringrazio di cuore - / warm ly thank you per l'attenzione e il penetrante esame f o r your attention and the piercing scrutiny che ha dedicato al mio libretto giallo sull'arciduca ucciso a Sarajevo which you devoted to th a t yellow booklet concerning Francis Ferdinand's last trip. E m i perdonera Se m i abbandono - You'll pardon me if I again indulge al bilinguismo anche per salutarla in these bilingual verses to greet you6 Auch nach Ansicht des Germanisten Italo Alighiero Chiusano hatte Forti die riskante Wette gewonnen, eine Verserzählung zu schreiben, ohne an Prägnanz einzubüßen. Vor allem aber betonte Chiusano die Polyphonie der Geschichte, die eine endgültige "W ahrheit" in Frage stellt. Vielmehr seien die erzählten Episoden schwer in Einklang zu bringen. Das zeige, dass der Autor nur anscheinend auf alte Traditionsformen zurückgehen würde. In Wirklichkeit arbeite er m it typischen Verfahren der literarischen Moderne, wie der Montage.7 Die elf "fiktiven Zeugen", die an diesem Gericht der Geschichte teilnehmen, sind in der Reihenfolge: Dr. Friedrich Frankenfeld-Castelli, kaiserlichköniglicher Flofrat; Pater Adam Kowalski, katholischer Geistlicher in Sarajewo; Frau Maria Magdalena Gobec, Kunstführerin im Schloss Artstetten; Frau Polyxena Singer, geboren als Gräfin Stolzenberg von Friedland in Pressburg, gestorben 1958 in New York; Flugo Kaspar Dunkelblatt, Archivar in Wien; Josef Koppenstätter, ehemaliger Gefreiter und Offiziersdiener Franz Ferdinands; Ferenc Szigeti, Maschinenbauingenieur; Gregor Svoboda, Psychoanalytiker und Universitätsprofessor in Prag; Anton Czambel, Jagdaufseher in Konopischt; Cornelius Bach, Botaniker; Košta Vasić, Arzt in Sarajevo. Man merkt: Nicht ohne Ironie spielt der Autor m it Namen und Bezeichnungen, die auf die verschwundene Welt des Vielvölkerstaates hinweisen. Diese Erzählfiguren sind insofern fiktiv, als sie eher aus der Feder eines Stefan Zweigs oder eines Joseph Roths zu kommen scheinen als 6 Unveröffentlichter Brief Gilberto Fortis an Giorgio Manganelli vom 27.11.1984. Ich danke Gabrio Forti fü r die Genehmigung, den Brief veröffentlichen zu dürfen. 7 Chiusano, Italo Alighiero: Morte di un arciduca. In: la Repubblica vom 23.11.1984. <?page no="521"?> Gilberto Fortis Verserzählung ASarajevo il 28 giugno 521 aus der sozialen Wirklichkeit der Doppelmonarchie. Sie bilden eine Art von exemplarischer Kabinettsammlung, welche ein Kakanien en miniature darstellen möchte. Einer nach dem anderen legen sie ihr Zeugnis ab. Sie tun es auf unterschiedlichen Weise: Durch Berichte, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Erinnerungen, Ansprachen, Memoiren, Vorlesungen, argumentative Ausführungen. Jeder Zeuge hat seine eigene Perspektive und seine eigene Meinung. Die Polyphonie der Erzählung ermöglicht eine differenzierte Darstellung der Ereignisse, wobei der Leser oft mehr als die einzelnen Figuren Bescheid weiß und durch ihre irrtümlichen Spekulationen ein Bild der Epoche erhält. So ist der k.-k. Hofrat Frankenfeld-Castelli sicher, dass der Krieg nur wenige Wochen dauern wird (vgl. p. 39). Im Zentrum des Buchs stehen die Figur des Thronfolgers Franz Ferdinand und sein Tod in Sarajewo, der sein ganzes Leben rückwärts zu bestimmen scheint. Das Hauptinteresse richtet sich nicht so sehr auf die politischen Hintergründe des Attentats, sondern auf die Psychologie des Opfers und des Täters. Hervorgehoben werden z.B. die fast pathologische Leidenschaft Franz Ferdinands für die Jagd sowie seine botanischen Kenntnisse. Besondere Aufmerksamkeit wird seiner morganatischen Ehe m it Sofia Chotek geschenkt. Es entsteht somit das Porträt eines trotzigen Menschen, dessen Wille zur Macht von dem langen Warten auf den Tod des Kaisers und von der Hofetikette gehemmt wurde, so dass er schließlich eine Kompensation in anderen Bereichen wie eben der Jagd fand. M it Spitzfindigkeit vertritt der fiktive Prager Psychoanalytiker Svoboda die These, dass Franz Ferdinand in Sarajewo den Tod gesucht habe. Wie lässt sich sonst sein Verhalten erklären, das gegen die Evidenz der Gefahr war? Warum verließ der Thronfolger nicht sofort die Stadt, nachdem eine erste Bombe ihn verfehlt hatte? Und warum hatte er überhaupt Sarajewo besuchen wollen, obwohl er sich dessen bewusst war, dass er sich damit dem Risiko eines Attentats aussetzte? Si potrebbe perfino sospettare che in qualche caso vengano a coincidere Ia Todeslust e il senso del dovere, e che qualcuno, nel seguire quella che reputa Ia voce del dovere, l'appello delTonore, in realtä segua soltanto un istinto di morte, di autodistruzione, un Todestrieb, (p. 161) (Man könnte sogar argwöhnen, dass manchmal Todeslust und Pflichtgefühl zusammenstimmen, und dass einer. <?page no="522"?> 522 Luigi Reitani welcher der Stimme der Pflicht, dem R ufder Ehre zu folgen glaubt, in Wirklichkeit lediglich dem Todestrieb nachkommt.) Eine weitere Interpretation wird von dem Gefreiten Koppenstätter nahegelegt, der gern erzählen möchte, welche die "wahre Ursache des Weltkrieges" wäre ("Kennen Sie, meine Herren, die Ursache, / aber die wahre Ursache des Weltkrieges? " [p. 125. Deutsch und Hervorhebung im Original]). Er meint, Franz Ferdinand sei wegen der zugenähten Uniform gestorben. Um die Fettleibigkeitzu verdecken, habe sich nämlich der Thronfolger seine Galauniformen zunähen lassen. So ließ sich nach den Schüssen Gavrilo Princips der Rock nicht gleich öffnen, wodurch Franz Ferdinand verblutete. Daraus zieht der Gefreite die Folgerung: [...] Sua Altezza Francesco Ferdinando se ne va, e con Iui se ne va Ia disciplina, Ia stessa disciplina che Kha ucciso, Ia disciplina delle cuciture che tenevano insieme H vecchio impero. Cos1Francesco Ferdinando e morto, so starb der Frieden, ach, so starb der Frieden, cosi e m orta Ia pace, m iei signori, (p. 137) ([...] Seine Hoheit Franz Ferdinand geht hin, und m it ihm jene Disziplin, die ihn getötet hat, die Disziplin der Nähte, die das alte Reich zusammenhielten. So ist Franz Ferdinand gestorben, so starb der Frieden, ach, so starb der Frieden, so starb der Frieden, meine Herren.) In dieser Metaphorisierung der "wahren Ursache des Weltkriegs", die der ehemalige Offiziersdiener ausführt, wird deutlich, dass das Schicksal Franz Ferdinands m it jenem des alten Österreichs, ja des alten Europas gleichgesetzt wird. Die Kette der Zufälle, menschlicher Fehler und Pläne, die zum überraschenden Erfolg des Attentats führten, wird als Stunde des Schicksals dargestellt. Der Tod Franz Ferdinands ist der Tod des Friedens und somit Europas. Und dieser Tod ist m it Freud als Selbstmord, als To- <?page no="523"?> Gilberto Fortis Verserzählung A Sarajevo il 28 giugno 5 2 3 destrieb einer vermorschten Welt deutbar, die sich wegen ihrer erstarrten Machtstrukturen nicht mehr renovieren ließ. Das Schicksalshafte der Ereignisse wird auch in der Erzählung des Ingenieurs Ferenc Szigeti hervorgehoben. Nach seiner Meinung ist der Krieg wegen eines "technischen Fehlers" ausgebrochen, lächerlich und jedoch tragisch, der auf der Fahrt des Thronfolgers in Sarajewo passiert sei. Die sechs Meter, die dafür notwendig waren, damit der Chauffeur, der eine falsche Route eingeschlagen hatte, zurückfahren konnte, hätten das Leben von Millionen Menschen gekostet. So wendet sich der Ingenieur an einen "Freund" m it der Frage: [...] Ora dimmi: dov'e il bivio tra quello che e avvenuto e quello che non e accaduto mai? Solo In un >se<. La sce lta fa tta al bivio determina il presente e Vavvenire. (p. 143) ([...] Nun sag mal: wo ist die Trennlinie zwischen dem Geschehenen und dem nie Stattgefundenen ? Justin einem Wenn'. Die Entscheidung am Scheideweg bestim m t die Gegenwart und die Zukunft.) In einer Rezension fasste Franco Ziliani die Verserzählung Fortis als eine Neudeutung der Geschichte auf. Wäre er dem Attentat entgangen, hätte Franz Ferdinand die alte österreichische Monarchie renovieren können und Europa eine bessere Zukunft ermöglicht.8 Damit wird am Mythos einer im Prinzip harmonischen, wenn auch brüchig gewordenen Welt weiter gearbeitet, dem eine Kette von vermeidbaren Zufällen, die zum Schicksal wurden, ein tragisches Ende setzt. Einer solche Interpretation widerspricht aber die Autorintention. In einem anlässlich der Bucherscheinung gegebenen Interview zeigte sich Forti seiner Arbeit am Mythos vollkommen bewusst. Dem Attentat wird hier die Aura der Einmaligkeit entzogen. "Der Krieg", so Forti im Gespräch, wäre ohnehin aus irgendeinem anderen Anlass ausgebrochen. Eswar eine Zeit, in der hinter einem Anschein von ruhigem Leben der Abgrund die Menschheit anzog. Die Katastrophe lag in der Luft". Insofern kommt dem Ereignis in Sarajevo nur eine auslösende Funktion zu. Nüchtern betrachtet Forti auch die Rolle des Kaisers Franz Joseph, welcher "im Grunde ein ziemlich unpersönlicher Aktenmensch war, der gerade aus diesem bürokratischen Geist Kraft und Mut schöpfte, so dass er das Aussehen und das Benehmen einer führenden Per- Ziliani. Franco: Endecasillabi per Ferdinando. In: Il Giornale, 18.11.1984, p. IV. <?page no="524"?> 524 Luigi Reitani sönlichkeit zeigte. Er glaubte, eine Mission zu erfüllen, die eigentlich nur darin bestand, alles so zu lassen, wie es war.9 Forti baut seine Erzählung auf gründlichen historischen Lektüren auf, wie aus den Anmerkungen am Ende des Buches ersichtlich sind, in denen etliche Quellen zitiert werden, darunter die Memoiren von Paul Nikitsch- Boulles, dem langjährigen Privatsekretär Franz Ferdinands, oder das an Anekdoten reiche Werk Der Weg nach Sarajewo von Roland Krug von Nidda. Ein Namenverzeichnis (aus dem die erfundenen Figuren freilich ausgeschlossen sind) ermöglicht auch eine Suche nach historischen Personen, was in einem literarischen Werk ungewöhnlich ist. Der Autor verwendet in erster Linie deutschsprachige Quellen, zeigt aber auch eine sehr gute Kenntnis englischer und italienischer Arbeiten. In seinem Nachlass befindet sich auch eine Liste von 28 Fotos, die Forti während der Arbeit am Buch gesichtet hatte und die vielleicht für die Publikation bestimmt waren. Davon fanden im Buch jedoch nur zwei Bilder Platz: jenes, das die blutige Uniform des Thronfolgers (das sich im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien befindet) zeigt, und einen Stadtplan Sarajewos mit der Fahrtroute Franz Ferdinands und der Ortsangabe der Attentate. Der Umgang mit Bildmaterialien ist aber in den elf Erzählungen auch ohne deren Reproduktion spürbar. Sie beziehen sich auf Bilder, die die Vergangenheit festhalten und versuchen, sie lebendig zu machen. Insofern sind die Texte erfinderische Bildbeschreibungen, die der Phantasie großen Raum lassen. Das Dokumentarische verliert seine primäre Funktion, die Wahrhaftigkeit eines Ereignisses zu beglaubigen und wird zur Initialentzündung einer Erzählung, welche jedoch beansprucht, authentisch zu sein. Die narrative Fiktion schließt das Faktische der Geschichte nicht aus. Der 1922 als Sohn jüdischer Eltern in Rom geborene Forti hatte einen besonderen Zugang zur deutschsprachigen Kultur. Er war vor allem als Übersetzer aus dem Deutschen und aus dem Englischen tätig. Unter anderem übersetzte er Werke von Elias Canetti', Gregor von Rezzori und Iosif Brodskij. Von Goethe gab er auf Italienisch eine Auswahl der Lyrik, die Iphigenie a u f Tauris und den Torquato Tasso heraus. Als er 1999 starb, arbeitete er gerade an einer Übersetzung der Gedichte Georg Trakls, mit der er sich schon lange beschäftigt hatte. Als Autor hat er nur wenige Werke hinterlassen: neben dem Sarajevo-Buch noch eine zweite Verserzählung, die den Titel I l piccolo almanacco di Radetzky (Der kleine Radetzky-Almanach) trägt und in einer Reihe emblematischer Episoden die österreichischen Schriftsteller im ersten Weltkrieg darstellt. Dieses Buch erschien 1983 und 9 Alberini, Mariella: Un giornalista tra i segreti della lingua di Goethe. In: Il Tempo, 01.03.1985, p. 18. <?page no="525"?> Gilberto Fortis Verserzählung A Sarajevo il 28 giugno 525 zeigt eine klare Verbindung zu dem ein Jahr später herausgekommene Buch über das Attentat. Posthum ist unter dem Titel / Iatitanti (Die Untergetauchten) noch eine Sammlung autobiographischer Prosa herausgekommen, die sich vor allem über die eigene Erfahrung im Widerstand gegen die Nazis verbreitet. Man kann nur schwer die beiden Verserzählungen Fortis begreifen, wenn man nicht den neuen ästhetischen Erwartungshorizont berücksichtigt, den das in Italien schon 1963 erschienene Buch von Claudio Magris über den "habsburgischen Mythos in der österreichischen Literatur" eröffnet hatte.10 Erst diese Interpretation macht es möglich, dass auch in Italien der Erste Weltkrieg als eine entscheidende kulturelle Zäsur wahrgenommen wird, als Krise der Grundlagen eines alten vergangenen Wertesystems. In einem Gespräch mit der Journalistin Mariagrazia Cucco bekannte sich Forti ausdrücklich zu jenem "Genre" der mitteleuropäischen Literatur, welches den Untergang einer Welt darstellte. "Davon zu sprechen bedeutet heute nicht zuletzt eine Sehnsucht zum Ausdruck zu bringen: Eine Sehnsucht nach einer anderen Art der menschlichen Verhältnisse innerhalb des Staates."11 Die "fiktiven Zeugen", welche über Franz Ferdinand und seinen Tod berichten, sprechen gleichzeitig von einer Welt, die für sie sinn- und identitätsstiftend war. Ihr Verlust wird klagend als irreversibel erklärt. Durch ihre mythisierende ästhetische Rekonstruktion erscheinen jedoch in der Erinnerung ein Sinn und eine Identität noch möglich. 10 Vgl. dazu: Reitani, Luigi: La nuova Cimmeria. Mitteleuropa e narrativa italiana. In: Comparatistica. Annuario italiano. Nr. 3 (1991), S. 63-84. 11 Cucco, Mariagrazia: Narrato in endecasilIabi il delitto che carnbiö il mondo. In: Famiglia cristiana vom 18.11 1984, S. 138. <?page no="527"?> M arta W im m er (P oznan ) Das Geschehene ungeschehen machen Zu Hannes Steins Geschichtslogik am Beispiel des Romans DerKom et This article focuses on the conceptualisation of historical events in context of the alternate history genre in literature. In Hannes Stein's alternative fictional universe, for instance, Franz Ferdinand decides to leave Sarajevo after the first unsuccessful attempt on his life. As a consequence. World War I never takes place and the Austro-Hungarian Empire stays a cultural and scientific powerhouse. Thus, the question has been raised if the analysed novel that ranges between a historical novel, science fiction and an utopian narrative can be considered as a critical reflexion on the Habsburg Myth. "Die Geschichte kennt keinen Konjunktiv, keine M öglichkeitsform -sie stellt den ehernen Ist-Zustand von Vergangenheit und Gegenwart dar, die von Menschen gemachte und entweder begrüßte oder erlittene Wirklichkeit",1 konstatiert Ralph Giordano. Das bei den Historikern nicht unumstrittene Manöver, über "das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche" (Aristoteles)2 hinauszugehen, scheint in der fiktionalen Literatur in Mode gekommen zu sein. Das Wirkliche besitzt eindeutig einen modalen Vorsprung vor dem Möglichen aus diesem Grund wird oft geringschätzig von "bloßer" Möglichkeit gesprochen.3 Markante Abweichungen vom historisch verifizierten Ereignisgang sind für Historiker eine Fälschung, Philologen würden dagegen von "Kontrafaktur" sprechen und eben dieses Verfahren, d.h. reale Begebenheiten durch eine Alternativgeschichte zu ersetzen, steht im Mittelpunkt der anvisierten Textanalyse. Die Entwicklungsmöglichkeiten, die das historische Material nahelegt, sind mannigfaltig. Autoren parahistorischer Literatur, die Faktualgeschichten in Fiktion umwandeln, streben aber nicht primär nach historiographischen Erkenntnisgewinn, sondern werfen ein interessantes Licht auf die Rezeption von Geschichte in einer breiten Öffentlichkeit und in der Populärkultur.4 1 Giordano, Ralph: Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg. München: Knaur 1991, p. 9. 2 Aristoteles: Poetik. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Ph. Redam jun. 1982, p. 29. 3 Vgl. Demandt, Alexander: Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn...? Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010, p. 54. 4 Vgl. Rupnow, Dirk: Vernichten und Erinnern: Spuren nationalistischer Gedächtnispolitik. Göttingen: Wallstein 2005, p. 45f. <?page no="528"?> 528 Marta W immer Besagte Gattung der parahistorischen Literatur, die ein Kennzeichen nichtdeterministischen Denkens ist und der historiographischen Neigung zu kausaler Geschichtsverknüpfung und Teleologie widerspricht,5 ist ein Phänomen, das bereits im viktorianischen England entstanden ist, seine Blütezeit jedoch erst im 20. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten und in England erlebt hat. Die signifikante Häufung von Darstellungen alternativer Geschichtsverläufe nach 1945 mag ihre Ursache in den tiefgreifenden, traumatischen Ereignissen und der m it diesen verbundenen historischen Krise haben. Vor allem der Zweite Weltkrieg ist zum Anknüpfungspunkt von diversen alternativen literarischen Szenarien geworden, was größtenteils auf den utopischen Charakter der nationalsozialistischen Ideologie zurückzuführen sei.6 Jörg Helbig weist darauf hin, dass die erste durchgängige Auseinandersetzung m it dieser Thematik, der Roman It M ay Happen Yet: A Tale of Bonaparte's Invasion o f England von Edmund Lawrence (1899) darstellt,7 obwohl sehr häufig (fälschlicherweise) angenommen wird, dass es die von John Collings Squire herausgegebene Anthologie If It Had Happened Otherwise (1931) ist. Die in diesem Band, der u.a. Aufsätze von Winston Churchill, GeorgeTreveIyan und Emil Ludwig beinhaltet, angesprochenen historischen Themen sind breit gefächert. Unter anderem wird darüber spekuliert, was gewesen wäre, wenn Kaiser Friedrich III. nicht an Krebs erkrankt worden wäre oder wenn Napoleon die Schlacht bei Waterloo gewonnen hätte. Die angeführten literarischen Beispiele erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sollen kein Beweis darstellen, dass zuvor keine vereinzelten alternativgeschichtlichen Fragestellungen in literarischen Werken oder Essays vorgekommen sind.8 Der Großteil parahistorischer Literatur stammt aus dem angelsächsischen Sprachraum, was implizieren könnte, dass den Engländern und Amerikanern diese Gedankenspielerei und der spielerische Umgang mit der Geschichte leichter als den Deutschen zu fallen scheint. Im deutschsprachigen Raum begann diese Entwicklung erst in den ausgehenden 80er und den beginnenden 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Man könnte so- 5 Friedrich, Hans-Edwin: Science Fiction in der deutschsprachigen Literatur: Ein Referat zur Forschung bis 1 9 9 3 .Tübingen: Niemeyer 1995, p. 112. 6 Vgl. Rupnow 2005, p. 43. 7 "Die erste durchgängige erzählerische Behandlung dieser Thematik im angelsächsischen Sprachraum liegt, soweit erkennbar, mit dem 1899 publizierten Roman [...] von Edmund Lawrence vor. In der Folgezeit verlagert sich die Publikationsform parahistorischer Literatur zunächst auf das Essay.", so Helbig, Jörg: Der parahistorische Roman. Ein literaturhistorischer und gattungstypologischer Beitragzur Allotopieforschung. Bern, New York, Paris 1988, p. 78f. 8 Cf. Salewski, Michael (Hg.): Was Wäre Wenn. Alternativ- und Parallelgeschichte: Brücken zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Stuttgart: Franz Steiner 1999, p. 17f. <?page no="529"?> Zu Hannes Steins Geschichtslogik am Beispiel des Romans Der Komet 529 gar die Feststellung wagen, dass erst mit dem internationalen Erfolg des Romans Fatherland des Londoner Journalisten Robert Harris, der 1992 auch ins Deutsche übersetzt worden ist, der mit dem Irrealis spielende, parahistorische Roman in Deutschland angekommen zu sein scheint (bzw. dass der Erfolg dieses Romans dazu beitrug). Der Weg dahin war aber kein leichter. Die anfänglichen Rezensionen ließen nichts Gutes ahnen, man bezeichnete den Roman als "frivole Geschmacklosigkeit",9 für die sich kein deutscher Verlag hergeben sollte und für die sich auch keiner hergegeben hat.10 Nach fünfundzwanzig Absagen seitens deutscher Verlage, ist der Roman, der ein fiktives Drittes Reich kreiert, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die Welt dominiert hat, im Flerbst 1992 im Schweizer Flaffmans Verlag erschienen. Drei Jahre später machte der Roman 1945 von William R. Forstchen auf sich aufmerksam, nicht zuletzt durch seinen Co-Autor, den Politiker und potenziellen Präsidentschaftswahlkandidaten Newt Gingrich. Nach und nach wagten sich ebenfalls deutschsprachige Autoren auf das Terrain des Spekulativen. DerKomet des 1965 in München geborenen, in Österreich aufgewachsenen und heutzutage in den USA lebenden Publizisten Flannes Stein, ist die zweite "alternative Geschichtsfiktion" die binnen eines halben Jahres in Deutschland veröffentlicht worden ist. Im Flerbst 2012 erschien der Debütroman des deutschen Journalisten und Buchautors Timur Vermes Er ist wieder da, eine Polit-Satire, in der Adolf Flitler 2011 in einer Berliner Baulücke aufwacht. Nach anfänglicher Verwirrung, die das moderne Deutschland bei ihm auslöst, bietet sich dem ehemaligen Diktator, der für einen begnadeten Parodisten gehalten wird, eine Bühnenkarriere als Comedy-Star an. 2013 erschien dann in Verlag Galiani Berlin Der Komet, der ebenfalls auf Korrektur des historischen Weltlaufs aufbaut und phantasievoll und spekulativ m it kontrafaktischen Fragen experimentiert. In Steins parahistorischer Geschichtsschreibung fällt das Attentat auf den Kronprinzen Franz Ferdinand aus und somit auch seine verheerenden Neben- und Nachwirkungen. "Nach dem (allerdings grauenhaften) deutschfranzösischen Gemetzel anno 1871 war das christliche Abendland im 20. Jahrhundert von der Geißel des Krieges weitgehend verschont worden (wenn man [...] vom "Anschluss" des Jahres 1938 und der "Fleimholung" von 1941 absah)",11 heißt es im Roman. Der Erste und Zweite Weltkrieg sowie der Kalte Krieg finden nicht statt, ebenso wenig wie der Plolocaust. 9 Janssen, Karl-Heinz: Frivoler Politthriller. In: Die Zeit, 5.06.1992. Verfügbar über: h ttp : / / www.zeit.de/ 1992/ 24/ frivoler-politthriller [Letzter Zugriff: 30.06.2014], 10 Vgl. ibid. 11 Stein, Hannes: Der Komet. Roman. Berlin: Galiani 2013, p. 81. Die Seitenzahlen werden im Folgenden im Lauftext nachgewiesen. <?page no="530"?> 530 Marta W immer Wien ist und bleibt "centru von Kosmos" (p. 29), das Land hinter dem Atlantik dagegen eine Provinz, die kulturell keine Rolle spielt und in der der österreichische Almdudler dem einheimischen Erfrischungsgetränk vorgezogen wird. Lenin ist als unbekannter Journalist in Zürich verstorben, Freud hat nie den Todestrieb erforscht und Hitler bleibt ein unbedeutender Postkartenmaler aus Braunau, ebenfalls wie Franz Kafka, dessen Werk einem breiteren Publikum vorenthalten wird. Albert Einstein, der "geliebte Sohn des deutschen wie des jüdischen Volkes [ist] anno 1955 auf der erdabgewandten Seite des Mondes gestorben" (p. 96). Anne Frank dagegen ist, "seit sie im vergangenen Jahr den Literaturnobelpreis für das Deutsche Kaiserreich geholt hatte" (p. 143), im Fernsehen zu sehen und "babbelte munter den Dialekt ihrer Vaterstadt Frankfurt, genoss ihre Berühmtheit und tat auch ungefragt ihre Ansicht zu jedem Thema unter der Sonne kund: seien es Frauenrechte, der Sozialismus oder Molekularkraftwerke" (ibid.). Auschwitz indes bleibt nur ein Bahnknotenpunkt in Galizien, um den die Weltgeschichte bisher einen großen Bogen gemacht hat (p. 82). Stein zeichnet - oder besser gesagt: denkt die Welt von Gestern weiter. Es ist eine Welt, in der Stefan Zweig 1963 in Salzburg stirbt und sich nicht 1942 aus Gram über den Verlust dieser Welt umbringt. Dem Roman liegt eine unterschwellig strukturierende Frage zugrunde: "Was wäre gewesen wenn? " Oder um es präziser auszudrücken: Wie hätte die europäische Geschichte verlaufen können, wenn es den Anlass zum Ersten Weltkrieg nicht gegeben hätte? Der Autor schildert eine Gegenwart, die aus einer anderen Vergangenheit hervorgegangen ist und versetzt den Leser in ein fiktives 20. Jahrhundert mit einer blühenden k. u. k. Monarchie. Den für jede alternate history obligaten point o f divergence, also den zentralen Punkt der Abweichung in der Geschichte, stellt bei Stein die Umkehr Franz Ferdinands und seiner Gattin nach dem ersten gescheiterten Attentatsversuch dar. Im Roman wird dies wie folgt geschildert: Frühsommer 1914, Truppeninspektion in Sarajewo. Die Wagenkolonne fuhr von der Westgrenze der Stadt ins Zentrum. Der Attentäter wartete schon. Eine Bombe kam geflogen. Franz II. hob den Arm, die Bombe prallte ab, rollte über das zurückgelegte Verdeck nach hinten und explodierte auf der Straße. Mehrere Verletzte. Und dann hatte Franz II. (damals noch Erzherzog Franz Ferdinand) die gesamte Wagenkolonne wenden lassen mit dem längst historisch gewordenen Ausspruch: "Ich bin doch ned deppat, i for wieder z'haus." (Für Reichsdeutsche: Ich bin doch nicht bescheuert, ich fahre wieder heim.) (p. 222) Wäre Gavrilo Princip, dem "dumme[n] nationalistische[n] Student[en], der den Abzug durchdrückte und damit versehentlich ein Jahrhundert ins Unglück stürzte" wie man in dem im Roman enthaltenen Glossar (p. 270) lesen kann das Attentat auf den Kronprinzen nicht gelungen, hätte es <?page no="531"?> Zu Hannes Steins Geschichtslogik am Beispiel des Romans Der Komet 531 in Steins Geschichtslogik überhaupt keinen Weltkrieg gegeben. Im Paralleluniversum des Autors "organisiert Franz Ferdinand den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn neu, verwandelt ihn in ein lockeres Konglomerat von Kronländern, das von Wien aus eher beaufsichtigt als regiert wird, und so herrscht im Jahr 2000, in dem [der] Roman spielt, augusteischer Friede auf der W elt."12 In Wien wird auf den Straßen Ruthenisch, Jiddisch und Armenisch gesprochen, in der Leopoldstadt und der Josefstadt manifestieren Talmundschüler ihre Anwesenheit. Die von Stein geschilderte Welt ist voller Kultur, jüdische Maler stehen hoch im Kurs, die Literatur blüht, die Psychoanalyse hat in ihrem Zentrum Wien auch die turbulenten 60er und 70er Jahre überstanden und die Filmindustrie entwickelt sich ungestört auf dem europäischen Boden statt in Plollywood. Die Wirklichkeit, die hier kreiert wird, ist eine durchaus moderne: Flomosexuelle Ehen gibt es in der österreichischen Reichshälfte schon seit Jahren, es wird gerade ein striktes Rauchverbot an allen öffentlichen Plätzen eingeführt, auf den Straßen fahren Elektromobile und Strom wird in Molekularkraftwerken hergestellt. Seit dem Jahr 1940 hatten die Deutschen "m it überlegener Ingenieurkunst [...] die Herrschaft im Luftreich der Utopie erstritten" (p. 32f.) d.h. den Mond kolonialisiert und somit die Verse des Poems Deutschland. Ein Wintermärchen von Heinrich Heine buchstäblich wahr werden lassen: Franzosen und Russen gehört das Land, Das Meer gehört den Briten. W ir aber besitzen im Luftreich des Traums Die Flerrschaft unbestritten, (zit. n. p. 31) Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts bleiben nicht ausgespart, doch sie tauchen in dem Romantext nur in Form von Untergangsphantasien eines paranoiden Patienten - Diplom-Ingenieur Biehlolawek - , die er wie ein Menetekel fantasiert. Biehlolawek, dessen "Neigung zu Zerstörung, Auflösung und Vernichtung, [...] sich in wüsten Träumen äußerte" (p. 168), halluziniert seit einigen Monaten, "Europa sei von einem oder zwei [...] Kriegen verwüstet worden, die Kultur liege in rauchenden Trümmern, der Kaiser residiere nicht mehr in Schönbrunn; von der Alten Welt sei nicht einmal mehr eine Erinnerung übrig geblieben (p. 80) In Biehlolaweks "mitternächtlich blühender Phantasie" wälzen "Stahlkolosse a u f Raupen" (ibid.) Menschen und Staaten nieder, Soldaten tragen "Uniformen in den Farben von Schlamm" (ibid.), um sich somit zu tarnen, was allerdings, laut Anton Wohlleben, dem gojischen Psychoanalytiker, jedem Soldat der 12 Hannes Stein: Der Autor hat das Wort. Hannes Stein interviewt sich selbst zu seinem Waswäre-gewesen-wenn-Roman. In: Jüdische Allgemeine, 14.03.2013. Verfügbar über: http: / / www.juedische-allgemeine.de/ article/ view/ id/ 15475 [Letzter Zugriff: 23.06.2014], <?page no="532"?> 5 3 2 Marta W im m e r k. u. k. Armee als unheldisch, feige und unritterlich gegolten hätte (ibid.). In weiteren Visionen, von denen der Patient heimgesucht wird, tauchen Stacheldraht etwas, was der behandelnde Analytiker erst im Lexikon nachschlagen muss - , Flugzeugbomben, die massenhaft auf bewohnte Städte abgeworfen worden sind oder das Kreuz des Antichrist auf. In einem den Patienten neuerdings plagenden Albtraum, tritt ein Trommler mit einem lustigen Bürstenbart, [...] dessen Trommel mit der Haut von Juden [...] bespannt worden war auf. [...] Flankiert wurde der Trommler von einem Riesen und einem Zwerg: Links von ihm stolzierte also ein opiumsüchtiger Fettwanst mit sieben Uniformen [...]; zu seiner Rechten aber sei ein keifender Lügner mit Klumpfuß gehumpelt, ein kleinwüchsiger Teufel, (p. 91) Begleitet wird das "Triumvirat" (ibid.) von einem marschierenden Menschenwald Reichsdeutscher und Deutschösterreicher. Auch der Ortsname Auschwitz wird während der psychoanalytischen Behandlung erwähnt, als der Schauplatz des Bösen, an dem angerichtet worden ist, was weder ein Mensch noch Gott wiedergutmachen können, berichtet Biehlolawek. All die symbolträchtigen Stichwörter bilden ein eindeutiges Assoziationsgerüst und fungieren gleichzeitig als ein Bindeglied zwischen dem Romanplot und den wahren Gegebenheiten der faktischen Historie. Diesen ungewöhnlichen Fall Biehlolawek stellt der Psychoanalytiker Wohlleben einer Gesprächsrunde dar, was allerdings auf borniertes Unverständnis stößt: Auf alle Fälle träumt B. davon, dass die Geschichte aus irgendwelchen Gründen anders verlaufen ist als in der Wirklichkeit. In letzter Zeit träumt ihm übrigens häufig, dass es in Europa einen Riesenpogrom, quasi eine Bartholomäusnacht gegen die Juden, gegeben hat. "Und wer hat diese Bartholomäusnacht in seinen Träumen verübt? ", erkundigte sich der Rabbi, "die Franzosen? " "Nein", antwortete Anton Wohlleben, "die Deutschen". "Aber nicht wirklich? ", fragte der Oberrabbiner von Wien rhetorisch und lachte. "Läppisch! Die Deutschen sind ein Kulturvolk. Die Deutschen haben den wunderbarsten von allen Komponisten hervorgebracht: Johann Sebastian Bach. Und den herrlichen Richard Wagner. [...] Ein Volk, das solche Genies, solche Musik hervorgebracht hat, wäre doch zu einer echten Bestialität gar nicht fähig. Die Franzosen dagegen..." (p. 91) Einer der Gesprächspartner spricht die theologische Dimension des Problems an und meint: Eine Bartholomäusnacht im europäischen Maßstab an den Kindern Israels", sinnierte der Kardinal von Wien. "So etwas wäre für uns Christen ja ein ungeheures theologisches Problem. Warum? Jeder Theologiestudent lernt heute <?page no="533"?> Zu Hannes Steins Geschichtslogik am Beispiel des Romans D e r K o m e t 533 im ersten Semester: Die Israeliten sind das Volk von Gottes erster Liebe. [...] Wenn es nach all den fruchtbaren Pogromen, die doch bitte hoffentlich für immer der Vergangenheit angehören, noch einmal eine Judenverfolgung gegeben hätte, müsste man geradewegs an Gottes Liebe zweifeln. Nein, ich muss es schon brutaler sagen: Nicht nur zum Zweifeln hätte man dann Grund, sondern auch zum Verzweifeln. Wir Christen hätten uns obendrein eine gehörige Watschen verdient, (p. 142) Dem Unbewussten von Biehlolawek, das diese Horrorvisionen stur repetiert, wird in Folge Wiederholungszwang attestiert, denn in der heilen Welt Steins gibt es keinen Platz für das Grauen und die Bestialität, die durchaus ein Bestandteil der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts waren. Dennoch stellt der Fall dieses Patienten, dem nicht mehr zu helfen ist, das psychoanalytische Dogma, dass alle Träume Wunscherfüllung sind, in Frage. Der alternative Entwurf Steins ist somit überwiegend ein sarkastischer. Indem der literarische Text auf die europäische Geschichte rekurriert, regt er zu einer kritischen Revision des Geschehenen und relativiert gleichzeitig die Selbstverständlichkeit historischer Fakten. Wie bereits erwähnt, wird die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts zur Phantasmagorie, die als ein Ergebnis psychischer Krankheit betrachtet wird. In den Romantext wird ebenfalls ein Brief aus Grusinien eingebettet, eine Antwort des Präsidenten der psychoanalytischen Vereinigung im Kaukasus auf die von Wohlleben veröffentlichte Studie Schriften zur angewandten Seelenkunde, und in dem auf einen weiteren Krankheitsfall hingewiesen wird, der deutliche Ähnlichkeiten mit Biehlolawek aufweist. Gabriel Leviaschwili berichtet von seinem Patienten D., der glaubt, "Europa bzw. die Welt sei in einem Kataklysmus untergegangen: einer alles zerstörenden Katastrophe" (p. 178). In seinen Träumen sei "Soselo zum Herrscher avanciert - und nicht nur zum Herrscher von Grusinien, nein, gleich des ganzen Zarenreiches! Soselo also als imperialer Herrscher, ein wenig aber auch als Robespierre" (ibid.). Soselo "habe Verbrechen begangen, die jenen der Jakobiner gleichen, sie aber weit in den Schatten stellen. So habe er Bewaffnete geschickt, die den Ruthenen all ihr Saatgut und ihr Vieh raubten, worauf Millionen von ihnen kläglich verhungerten" (ibid.). Der Patient, der direkt mit Soselo verwandt war, schildert im Weiteren wie dieser, ‘‘Abermillionen Russen, Polen, Balten, Juden, Deutsche, auch Grusinier nach Sibirien depo rtie rt-d a n n pferchte es sie in unmenschliche Lager, und sie mussten hungrig, im ewigen Frost, m it ihren bloßen Händen nach Gold graben." (p. 179) Die "morbiden Fantastereien" (ibid.), die beide Patienten zur Sprache bringen, bleiben in Steins Romanuniversum ein wüster Traum, sind aber gleichzeitig die wenigen Stellen, an denen der Autor die wahre Wirklichkeit durchblitzen lässt. Die größte, der Erde drohende Gefahr stellt dagegen, ein Komet, der "aus der Tiefe des eiskalten Raumes" (p. 97) auf die Erdkugel unweigerlich zusteuert, dar. <?page no="534"?> 534 Marta W immer Der Reiz des Traummotivs in der Literatur besteht darin, unterschiedliche, nicht selten widersprüchliche Deutungen anstellen zu können. Hierbei rufen diese Träume, die als "die Sprache des Unbewussten" gelten und eins der wenigen Realitätssignal in dem ganzen Romangewebe sind, einen Verfremdungseffekt im Brecht'schen Sinne hervor. Eine Art Übergang zwischen dem Romanplot und den wahren Gegebenheiten stellt auch das dem Roman angehängte Glossar von über dreißig Seiten, in dem der Autor ausführlich und unnachsichtig die historische Realität erklärt. Der Rest der Fabel weicht in evidenter Weise von der historischen Vorlage ab, indem sie diese, im Sinne eines variierten Plots, literarisch überschreibt. Nicht ohne Bedeutung für die Komposition des Romans bzw. für dessen Grundidee ist die auf der Handlungsebene aufgeworfene Frage nach der Rolle des Zufalls. Gibt es ihn wirklich oder handelt es sich gewissermaßen nur um eine optische Täuschung? (p. 136) Ein Rabbi, der ebenfalls ein Mitglied der um Anton Wohlleben versammelten Diskussionsrunde ist, behauptet: "Meine Frau hat mir erklärt, dass wir seit Max Planck und seiner Quantenmechanik wissen: Die Welt ist keine Großvateruhr, die Gott am Schöpfungstag aufgezogen hat und die seither mechanisch-gemütlich herunterschnurrt." (ibid.) "Gott würfelt naturgemäß nicht. Aber er hat eine Welt erschaffen, die selber würfelt. In einer Tour. Unaufhörlich." (p. 137) Bei dem Erklärungsversuch, dass nichts hätte so kommen müssen, wie es kam, überrascht der Autor m it einer weiteren kühnen Geschichtsspekulation, die bis in die Römerzeit reicht. Hätte Hannibal im Jahre 202 vor der verhängnisvollen Geburt jenes Jeschu Ben Joseph in Nordafrika gesiegt [...], wären weder das Christentum noch der Islam entstanden. [...] Andererseits wiederum: Ohne Christentum, ohne Islam, ohne Auseinandersetzung zwischen beiden auch keine Donaumonarchie. Und darum wäre es doch furchtbar schade gewesen, (p. 141) Die angestellten Überlegungen über die Rolle des Zufalls in der Geschichte und im menschlichen Leben, scheinen für das Plotprinzip des Romans programmatisch zu sein, das auf dem Fortschreiben der ironisch übersteigerten Idylle Steins basiert. So wird auch die Figur des Philosophen Andre Malek einerseits selbst zum Opfer des Schicksals, denn sein Hinterkopf befindet sich just in der Flugbahn eines Blumentopfes, der seinen Schädel wie ein Eisenhammer zertrüm m ert (p. 223) Andererseits aber wird ihm von dem Autor eine Aussage in den Mund gelegt, die den Grundeinfall des Romans enthüllt: "W ir sind durch ein Kaninchenloch aus der Realität herausgefallen, jetzt bilden w ir uns ein, wir lebten noch in der Kaiserzeit. Die Wahrheit ist vermutlich: Ich träume diese Scheiße nur. Malek im Wunderland." (K221) <?page no="535"?> Zu Hannes Steins Geschichtslogilam Beispiel des Romans D e r K o m e t 535 "Ungeschehenes ist ein Aspekt jeder Geschichte": 13 Deswegen werfen auch unverwirklichte Möglichkeiten ein interessantes Licht auf die erforschte Menschheitsgeschichte. M it seinem Roman setzt Hannes Stein literarisch die Historie der zugleich reaktionären und fortschrittlichen k. u. k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn bis in die Gegenwart fort und versammelt in seinem Universum reale Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts (außer der schon erwähnten wären vielleicht noch Szczepan Szpilberg und Henryk Goldszmit zu erwähnen), projiziert aber deren gemütliches Leben auf den Horizont seiner sarkastischen Geschichte.14 Die parahistorische Fiktion, deren sich der Autor bedient, macht die Figuren zu Inszenatoren einer Handlung, die mit einem realen Ereignishorizont kaum Berührungspunkte besitzt. Die von historischen Fakten ausgehende Spekulation imaginiert einen anderen (besseren? ), jedenfalls aber einen friedlichen Lauf der europäischen Geschichte. Das so geschaffene Imperium ist eine idyllische heile Welt, die nur einer außerirdischen Bedrohung ausgesetzt ist, was als ein Ausdruck des banalen Zweckoptimismus betrachtet werden kann.15 Der Autor dichtet eine tragische Realität in eine glückliche Fiktion um, was in einer alternate history fiction eigentlich nicht vorgesehen ist. Das Kaiserreich Österreich-Ungarn ist eine politisch und kulturell führende Nation, ein Weltmodell im Kleinformat. Diese Utopia ist dermaßen gefestigt, dass eine dem Land drohende Gefahr nur in Form eines gewaltigen Kometen auftreten kann. Würde es diese nicht geben, könnte diese Gesellschaft noch viele Jahre in Frieden leben. Das von Stein skizzierte Universum scheint "das goldene Zeitalter der Sicherheit"16zu sein und das alte habsburgische Österreich fasst der Autor als eine glückliche und harmonische Zeit auf. Lässt man das der Steins Uchronie angehängte Glossar außer Acht, wird man bei der Lektüre des Romans das Gefühl nicht los, dass in diesem Gegenentwurf zur realen Welt eine spürbare Dosis Wehmut mitschwingt, was wiederum eine Brechung des Habsburgischen Mythos (Claudio Magris) zu hintertreiben vermag. Die in einem Interview aufgeworfene Frage, ob er ein Nostalgiker sei, konnte Hannes Stein nicht beantworten. Zu dem Grundeinfall seines Romans äußerte er sich dagegen folgendermaßen: "Es geht mir nicht darum, dass ich die Vergangenheit wiederbringen will. Aber die Donaumonarchie hat doch 13 Demandt 2010, p. 49. 14 Vgl. Biermann 2013. 15 Vgl. Jaschke, Bruno, Eine"humane Hinternationale". In: WienerZeitung, 14.06.2013. Verfügbar unter: h ttp : / / w w w .w ie n e rz e itu n g .a t/ th e m e n _ ch a n n e l/ lite ia tu i/ b u e c h e r_ a k tu e ll/ 2 e m _cnt=554469 [Letzter Zugriff: 15.09.2014]. 16 Magris, Claudio: Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur. Salzburg: O. Müller 1966, p. 7. <?page no="536"?> 536 Marta W immer besser funktioniert als alles, was danach kam."17 Laut Stein hat sie deswegen besser funktioniert, [w]eil sie diese grundsätzliche schlampige Toleranz hatte gegenüber den über 20 Völkern, die dazu gehörten. Hier hat das Zusammenleben, wenn auch oftmals mit großem Ächzen, funktioniert. Es gab nicht diesen mörderischen Nationalismus, der das 20. Jahrhundert vergiftet hat und auch kaum diese totalitären Strömungen bei den Linken.18 Die Konzeptualisierung von historischen Ereignissen im Kontext alternativgeschichtlicher Literatur bietet eine durchaus interessante Perspektive, die auch trotz seines ein wenig dünnen Plots der Text von Hannes Stein zu bieten hat. Allerdings bleibt die Frage, ob der zwischen dem historischen Roman, der Science-Fiction-Literatur und der utopischen Erzählung rangierende Roman als eine Art ironischer Reflexion des Habsburgischen Mythos zu lesen ist, nicht ganz geklärt. 17 Becker, Dirk: "Eine grundsätzliche schlampige Toleranz". Interview mit Hannes Stein. In: Potsdamer Neueste Nachrichten, 7.10.2013. Verfügbar unter: http: / / www.pnn.de/ potsdamkultur/ 794087/ [Letzter Zugriff: 20.09.2014]. Ibid. 18 <?page no="537"?> T o m isla v Z elić (Z adar ) Der “w eltb erü h m te Schnappschuß von Sarajevo“ in W . G. Sebalds D ie R in g e des S a tu rn (1995) This contribution takes Sebald's travelogue The Rings o f Saturn (1995) as an example for an attempt at giving answers to the questions as to how the Assassination of Sarajevo presents itself intermedially by use of texts and images in contemporary auto-fictional German literature and whether the connections established between this historic event and the past, present, and future are clear, enigmatic, or ideologically questionable. Während der Kriege in den Republiken Kroatien und Bosnien-Herzegowina 1991-1995 verfasste der deutschsprachige Autor Winfried Georg "Max" Sebald (1944-2001) in seiner englischen Wahlheimat Norwich 1995 einen ungewöhnlichen und eigensinnigen Reisebericht unter dem Titel "Die Ringe des Saturn. Eine englische W allfahrt."1In der Rahmengeschichte berichte t er, er sei auf seiner Wanderung durch die südostenglische Grafschaft Suffolk einem Bandscheibenvorfall erlegen und sehe sich daher zu einem längeren Krankenhausaufenthalt gezwungen. Bei dieser Gelegenheit beginnt er m it der Abfassung seines Reiseberichts, der nicht nur gattungstypisch Land und Leute porträtiert, denen der Reisende begegnete. In dessen Zentrum steht nämlich eine Iabyrinthische Binnengeschichte über verschiedene Episoden aus der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Geschichte. So etwa die rätselhaften Grübeleien über die geometrische Figur Quincunx, die Intrigen hinter der Einführung der chinesischen Seidenraupenkultur in Europa im 17. Jahrhundert, das Leben und Werk des britischen Universalgelehrten Thomas Browne (1605-1682), Sohn eines Seidenhändlers und praktizierender Arzt in Norwich, Sebalds eigner W irkungsstätte als Professor für Germanistik und Schriftsteller. Sebald geht vor allem auf Brownes Hauptwerk DerGarten von Cyrus von 1658 ein, insbesondere auf die darin enthaltene Abhandlung über Urnenbestattungen. Browne soll der Anatomiestunde des Amsterdamer Arztes und Bürgermeisters Dr. NicoIaesTuIp (1593-1674) beigewohnt haben, die Rembrandt in seinem weltberühmten Gemälde verewigte. Diese Anekdote veranlasst 1 Sebald, W.G.: Die Ringe des Saturn. Eine Wallfahrt. Frankfurt/ Main: Fischer 2003. Seitenzahlen werden im Folgenden im Text nachgewiesen. <?page no="538"?> 538 TomislavZelic den Autor als autofiktionale Erzählerinstanz2gelegentlich einer Bildanalyse und -kritik, die unrealistisch wirkende Vergrößerung des untersuchten linken Unterarms zu bemerken. Diese Kombination von Bildanalyse und -kritik m it poetologischen Selbstreflexionen durchzieht den ganzen Text. Von den körperlichen, seelischen und geistigen Erschütterungen durch solche und ähnliche ästhetische Erfahrungen und historische Betrachtungen hatte Sebald sich bei einer seiner vorhergehenden Reisen nach Amsterdam m it der Betrachtung von anderen Bildern erholt. Der ideale Aussichtspunkt, "auf einem künstlichen, ein Stück über der Welt imaginierten Punkt" (p. 103), so schreibt er, den Jacob Isaackszoon an Ruisdaels (ca. 1629-1682) Gemälde unter dem Titel Blick a u f Haarlem m it Bleichwiesen (ca. 1670) dem Betrachter böte, um die Welt zu überschauen, sozusagen in der Totalaufnahme, bleibe ihm, so beklagt er, verwehrt. Der englische Begriff für die Totalaufnahme, long shot, ist mehrdeutig. In der Umgangssprache bezeichnet er eine rein spekulative Wette und im Sportjargon einen Weit-, Fern- oder Distanzschuss. In dem vorliegenden Zusammenhang sind zwei weitere Konnotationen von größerer Bedeutung. In Photographie und Film bezeichnet er einerseits räumlich und wortwörtlich die Totalaufnahme m it Panorama- oder Weitwinkelansicht und andererseits zeitlich und bildlich reine, weit hergeholte Spekulationen. In diesem Sinne widm et sich Sebald unter Ausfall der Totale historischen Spekulationen, die im Fall von Südosteuropa ideologisch fragwürdig erscheinen. Die Unübersichtlichkeit der Geschichte stürzt Sebald geistig und beim Irren durch ein Labyrinthauch raumzeitlich in saturnische Melancholie über die ewige Wiederkunft des Gleichen: Die Ringe des Saturn oder die "Naturgeschichte der Zerstörung", wie es in seinem Essay über Luftkrieg und Literatur später heißen sollte.3 In der Kleinstadt Lowestoft gedenkt Sebald der untergangenen Fischerkultur und lässt sich über die Natur- und Kulturgeschichte des Flerings aus. Er gedenkt des Massensterbens bei der Seeschlacht von Solebay 1672 vor der Nordseeküste von Suffolk und greift bei dieser Gelegenheit poetologischselbstreflexive Fragen nach Mimesis und Poiesis, Realismus und Antirealismus in historiographischen und literarischen Erinnerungsdiskursen über die vergangene und gegenwärtige Geschichte.Krisen und Katastrophen verschiedenen Ausmaßes geraten ihm dabei zu einem ästhetischem und historischen Faszinosum, so der transatlantische Sklavenhandel zwischen Afrika und Nordamerika, der Erste Weltkrieg und Zweite Weltkrieg sowie der da- Aufgrund der distanzlosen Nähe zwischen dem Autor und der autofiktionalen Erzählerinstanz erübrigt sich die ansonsten in der Erzähltheorie übliche Unterscheidungzwischen Autor und Erzähler. Sebald, W.G.: Luftkrieg und Literatur. Frankfurt/ Main: Fischer 2001, p. 38. <?page no="539"?> Der "weltberühmte Schnappschuß von Sarajevo" in W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn 539 malige Krieg in Kroatien und Bosnien-Herzegowina in Folge der großserbischen Expansionspolitik und des Zerfalls der jugoslawischen Föderation. Auf seiner Wanderschaft durch die südostenglische Grafschaft Suffolk kommt Sebald schließlich im Sailors' Reading Room in Southwold zur Ruhe. Es handelt sich dabei um "eine gemeinnützige Einrichtung, die seit die Seeleute am Aussterben sind, in erster Linie als eine Art maritimes Museum dient." (p. 114) Die Räumlichkeit ist nach Sebalds Empfinden "fast immer leer"und "besonders still" (p. 115). "Wenn ich in Southwold bin, " so der Wanderer, "ist der Sailors' Reading Room bei weitem mein liebster Ort." (ibid.) Seiner "Gewohnheit entsprechend" ist er "gleich am ersten Morgen nach [...] Eintreffen in Southwold in den Reading Room hineingegangen in der Absicht, ein paar Notizen zu dem am Vortag Erlebtem zu machen." (ibid.) Beim Durchblättern eines "Logbuchs des Wachschiffs Southwold, das ab Herbst 1914 vor dem Pier vor Anker lag", zeigt er sich "jedesmal", wenn es ihm gelingt "eine dieser unleserlichen Aufzeichnungen" zu entziffern, erstaunt darüber, "daß eine in der Luft oder im Wasser längst erloschene Spur hier auf dem Papier nach wie vor sichtbar sein kann." (p. 116) Hierin ist ein erster Hinweis auf die dekonstruktive Struktur der Schriftspur und die saturnische Melancholie und Magie des Palimpsests zu erkennen: "Als ich an jenem Morgen, nachdenkend über das rätselhafte Überdauern der Schrift, vorsichtig den marmorierten Deckel des Logbuchs schloß, fiel mir, etwas abseits auf dem Tisch, ein dicker, zerfledderter Foliant in die Augen, den ich bei meinen früheren Besuchen im Reading Room noch nie gesehen hatte." (ibid.) Es handelt sich dabei um "eine photographische Geschichte des Ersten Weltkriegs, zusammengestellt und veröffentlicht im Jahr 1933 von der Redaktion des Daily Express, sei es zum Andenken an das zurückliegende Unheil, sei es zur Warnung vor dem, das jetzt heraufzog" (p. 116). Nach dem herkömmlichen poetischen Grundsatz zeitigen Sebalds ebenso realistische wie antirealistische Bilderbeschreibungen Realitätseffekte einerseits durch die metonymische Verschiebungen im Raum und andererseits durch metaphorische Verdichtungen in der Zeit: 4 Sämtliche Kriegsschauplätze sind in dem umfangreichen Konvolut dokumentiert, vom Vall' Inferno an der österreich-italienischen Alpenfront bis zu den flandrischen Feldern, und gezeigt ist jede nur erdenkliche Form des gewaltsamen Todes, vom Absturz eines einzelnen Luftpioniers über der Mündung der Somme bis zum Massensterben in den galizischen Sümpfen. Es sind zu sehen die in Schutt und Asche gelegten französischen Städte, die im Niemandsland zwischen den Schützengräben verfaulenden Leichen, vom Artilleriefeuer niedergemähte Wälder, unter schwarzen Petroleumwolken versinkende Schlacht- 4 Barthes, Roland: Der Wirklichkeitseffekt. (1968) In: ders.: Das Rauschen der Sprache. Kritische Essays IV. Frankfurt/ M ain: Suhrkamp 2005, pp. 164-172. <?page no="540"?> 540 Tomislav Zelić schiffe, marschierende Heereskolonnen, endlose Flüchtlingsströme und zerbrochene Zeppeline, Bilder aus Prszemysl und St. Quentin, aus Montfaucon und Gallipolli, Bilder der Zerstörung, der Verstümmelung, der Schändung, des Hungers, des Feuers, der eisigen Kälte, (p. 116f.) Außerdem hebt Sebald die Kommentare der Herausgeber hervor: "Die Überschriften sind fast ausnahmslos geprägt von bitterer Ironie - When Cities Deck Their Streets for War! This was a Forest! This was a Man! There is a Corner in a Foreign Field that is Forever Englandl"(p. 117) Sebald weist darauf hin, dass die britische Zeitung Topoi des Balkanismus bemüht, wenn Südosteuropa m it vorder- und mittelasiatischen Weltregionen gleichgesetzt wird: Ein besonderer Abschnitt des Bandes ist den chaotischen Verhältnissen auf dem Balkan gewidmet, einer Weltgegend, die von England damals weiter entfernt war als Lahore oder Omdurman. Seite um Seite reihen sich da Abbildungen aus Serbien, Bosnien und Albanien, Aufnahmen von versprengten Bevölkerungsteilen und von Einzelpersonen, die dem sogenannten Kriegsgeschehen auszuweichen versuchen mit Ochsenkarren in der Hitze des Sommers über staubige Landstraßen oder zu Fuß durch Schneeverwehungen, mit einem zu Tod schon erschöpften Pferdchen, (p. 117f.) In dieser "Unglückschronik" finde sich, so Sebald ausdrücklich, "der weltberühmte Schnappschuss von Sarajevo" (p. 118) abgebildet. Das ist faktisch nicht richtig, denn die Photocollage zeigt links oben zwei Zeitungsausschnitte, je einen Zeitungsausschnitt aus der österreichischen Freien Presse und dem britischen Daily Express. Darunter sieht man nicht das, was der Autor behauptet, denn bei dieser Photographie, die damals sogleich um die Welt ging,5soll es sich laut dem österreichischen Historiker Anton Holzer um eine Fälschung handeln.6Vielmehr ist auf einer Schnappschuss-Photographie zu sehen, wie polizeiliche Ordnungskräfte einen Unbekannten festnehmen. AufSebaIds "weltberühmten Schnappschuss von Sarajewo" sind die Schüsse von Sarajewo also paradoxerweise nicht zu sehen.7 Darüber hinaus lässt Sebald in seinem Buch eine grobkörnigere Reproduktion dieser Photographie abdrucken, die jene leitmotivisch thematisierte Verschwommenheit, 5 Hirschfeld, Gerhard: Sarajevo 1914. Das bilderlose Attentat und die Bildfindungen der Massenpresse. In: Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder. Göttingen: Vandenhoek & Rupprecht 2009, pp. 148-155. M it Dank an Boris Previšić für diesen Hinweis. 6 Holzer, Anton: Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern. Darmstadt: Primus 2013. M it Dank an Clemens Ruthner für diesen Hinweis. 7 Der deutsche Begriff 'Schnappschuss' ist zweideutig. Ursprünglich stammt er aus der Jägersprache und meint wortwörtlich das Aus-der-Hüfte-Schießen ohne sicheres Zielen. Im übertragenen Sinne bezeichnet er die spontane Photographie ohne künstlerische Inszenierung, was Standortwahl, Belichtung, Motiv und Arrangement usw. angeht. Vgl. Duden. Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim: Bibliographisches Institut 2011. <?page no="541"?> Der "weltberühmte Schnappschuß von Sarajevo" in W. G. Sebalds D ie R in g e d e s S a tu r n 541 wie die krankheits- und betäubungsbedingten "Schleier"im Gesichtsfeld oder das absichtliche Augenzudrücken im Geiste eines Neoimpressionismus, intermedial wiederaufgreift und für raumzeitliche, historische und ideologische Desorientierung beim Autor und Leser sorgt. In diesem Falle ließ es sich die Redaktion des Daily Express nicht nehmen, das ironisch-lakonische Epigraph "Princip Lights the Fusel" hinzuzufügen. Dabei handelt es sich bekanntlich um eine idiomatische Redewendung aus dem Englischen, die wortwörtlich 'die Zündschnur anzünden' bedeutet und auf das seit den Balkankriegen 1912/ 13 im Vorfeld des Ersten Weltkrieges in ganz Europa verbreitete Bild vom Balkan als Pulverfass anspielt. Im übertragenen Sinne spricht sich darin der Gemeinplatz aus, Gavrilo Princip habe mit dem Attentat auf den Erzherzog Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg ausgelöst, was ohne die Mechanik der hegemonialen Bündnispolitik in Europa allein wohl nicht ausgereicht hätte, um in einer Kettenreaktion der Bündnisverpflichtungen eine Katastrophe solchen Ausmaßes herbeizuführen. Dieses historische Narrativ unterschreibt Sebald, wenn er sich bei seiner antirealistischen Bilderbeschreibung in Lakonismus übt: "Es ist der 28. Juni 1914, ein sonnenheller Tag, um zehn Uhr fünfundvierzig an der Lateinerbrücke. Man sieht ein paar Bosniaken, einige österreichische Militärpersonen und den Attentäter, wie er gerade festgenommen wird." (p. 118) Sebald liefert an dieser Stelle eine nüchterne und sachliche Bildbeschreibung sowie einen Erzählbericht über das auf dem Bild angeblich dargestellte, historische Ereignis: die Festnahme des Attentäters unter genauer Angabe von Zeit und Ort, Bestimmung der Tageszeit und der herrschenden Wetterverhältnisse. Die angeblich abgebildeten Personen und deren Handlungen werden identifiziert. Es deutet alles darauf hin, es handle sich um eine realistische Bildbeschreibung, ohne die poetische Einbildungskraft großartig zu strapazieren: descriptio sine imaginatio. In Wahrheit ist er jedoch der medialen Täuschung aufgesessen und präsentiert darüber hinaus seine eigene antirealistische Bildbeschreibung. Dasselbe gilt uneingeschränkt für das zweite Bild. Zunächst heißt es zwar noch nüchtern und sachlich das Bild beschreibend: "Die gegenüberliegende Seite zeigt den durchlöcherten, m it erzherzoglichem Blut getränkten Uniformrock Franz Ferdinands." (ibid.) Das gibt Sebald jedoch Anlass zu den folgenden freien Assoziationen und gewagten Spekulationen unter Verwendung von reichlich Redeschmuck zur anschaulichen Bildbeschreibung und poetischen Ausschmückung der Hintergrundgeschichte zum Bild. "Offenbar war dieses Kleidungsstück seinerzeit eigens für die Presse photographiert worden, nachdem man es dem toten Thronfolger abgezogen und in einem eigenen Behältnis, wie ich vermute, per Bahn befördert hatte in die Hauptstadt des Imperiums, wo es zusammen m it Stulphut und <?page no="542"?> 542 Tomislav Zelić Hose in einem schwarz gerahmten Reliquienschrein des heeresgeschichtlichen Museums heute noch zu besichtigen ist." (p. 118f.) Indem er die auf politische Öffentlichkeitswirksamkeit angelegte Inszenierung der Photographie herausstellt, greift Sebald ein anderes gängiges historisches Narrativ auf. Diesem zufolge sei der Mörder ein politisch motivierter Terrorist gewesen, wie ihn die Habsburger zeichneten, und die Mordopfer, Franz Ferdinand und Sophie, im Gegenzug zu quasireligiösen Märtyrern stilisierten. Bei Reliquien handelt es sich bekanntlich um Körperteile oder Gegenstände aus dem persönlichen Besitz eines Menschen, dem von einer religiösen Gemeinschaft Verehrung als Heiliger widerfährt und ein Schrein ist das entsprechende Behältnis für dessen Gebeine. Dieses historische Narrativverwandeltden nostalgischen Erinnerungsdiskurs geradezu in eine politische Religion. Der Thronfolger und seine Gattin wurden zwar tatsächlich in schwarzen Totenschreinen aus Sarajewo abtransportiert. Heutzutage ist nach wie vor ein "schwarz gerahmter Reliquienschrein" (ibid.) aus Glas im Heeresgeschichtlichen Museum zu sehen.8 Sebald selbst entbehrt nicht der Ironie, wenn er an dieser Stelle religiös geprägte Begriffe bemüht, um die individuelle und politische Andacht zu charakterisieren. Diese Ironie ist wie jede Ironie zweischneidig: handelt es sich um die Affirmation oder Kritik der habsburgischen Heiligenverehrung oder nicht vielmehr um die Pietät des unbeteiligten Beobachters vor der Religion der Anderen? Welche ideologiepolitischen Instrumentalisierungen lassen solche Ansichten in der Gedenkkultur zu? Die Ironie potenziert sich unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Sebald in dem vorhergehenden Kapitel von seiner in der Vorvergangenheit liegenden Wallfahrt an die Grabstätte seines Namens- und Schutzpatrons, des Heiligen Sebaldus, in Nürnberg berichtet hatte. Was nun den Mordtäter betrifft, so liefert Sebald zunächst die wichtigsten, biographischen Eckdaten zur Person: "Der zum Zeitpunkt des Attentats gerade erst neunzehnjährige Gavrilo Princip, ein Bauernsohn aus dem Grahovo-Tal, der bis vor kurzem das Gymnasium in Belgrad besucht hatte, wurde nach seiner Verurteilung in die Kasematten von Theresienstadt gesperrt, wo er im April 1918 der ihn seit seiner Jugend langsam zerfressenden Knochentuberkulose erlag." (p. 119) Zunächst übt sich Sebald wiederum in Lakonismus, indem er ein gegenwartsgeschichtliches Ereignis registriert: "Die Serben feierten 1993 seinen fünfundsiebzigsten Todestag." (ibid.) Damit ruft er jedoch zugleich ein anderes gängiges historisches Narrativ auf, das Gavrilo Princip nicht so sehr als antihabsburgischen Terroristen verurteilt, sondern vielmehr als jugoslawischen und serbischen Freiheitskämpfer und Nationalhelden feiert. Vgl. http: / / www.hgm .at und http: / / www.panaustria.com/ vt/ 110106/ index.html (Letzter Zugriff: 09.01.2015). <?page no="543"?> Der "weltberühmte SchnappschuBvon Sarajevo" in W. G. Sebalds D ie R in g e d e s S a tu r n 543 Die historische Tatsache, dass der Attentäter von Sarajewo in den "Kasematten von Theresienstadt" (p. 119) eingesperrt worden war, nimmt Sebald als Anlass zu weiteren freien Assoziationen und kühnen Spekulationen: In Folge des Habsburgischen Erbfolgekrieges (1740-1748) und des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war unter der Herrschaft des aufgeklärten Absolutisten Joseph II. als Teil eines ausgedehnten Verteidigungssystems in Böhmen und Mähren unter anderem auch die zu Ehren seiner M utter Maria Theresia so benannte Festungsanlage Theresienstadt entstanden. Sie diente zunächst als Garnisonsstadt und später als Gefängnis für militärische und politische Feinde, bevor die Nationalsozialisten dort 1940-1944 ein Konzentrationslager betrieben. Eine Kasematte ist ursprünglich ein vor Artilleriebeschuss geschütztes Gewölbe in einem Festungsbau. Das Kompositum ist ein Lehnwort aus dem Spanischen mit zwei Hauptwörtern, casa, dt. Haus, und matar, dt. töten. Darauf lässt sich die alte Bezeichnung für diesen Teil der Kleinen Festung in Theresienstadt als 'Mordkeller'und 'Mordgrube' zurückführen. Damit erzeugt Sebald ein bizarres historisches Narrativ über das Attentat von Sarajewo, demzufolge Gavrilo Princip nicht nur ein Opfer der damaligen politischen Zeitumstände gewesen sei, sondern vielmehr als erstes Opfer des Holocaust in Südosteuropa anzusehen ist. Nach einem kurzen Zeitsprung begegnen wir Sebald am Nachmittag desselben Tages allein bei der Teestunde im Bar-Restaurant des Crown Hotel. Beim Anblick einer Standuhr, die eine ästhetische Eigenzeitlichkeit schafft, gerät Sebald in einen meditativen und kontemplativen Zustand: Das Tellergeklapper in der Küche hatte sich längst gelegt, in der mit einer auf- und niedergehenden Sonne und einem zur Abendzeit erscheinenden Mond eingerichteten Standuhr griffen die Zahnräder ineinander, der Perpendikel bewegte sich gleichmäßig hin und her, Ruck für Ruck ging der große Zeiger durch seine Runde [...] und ich fühlte mich schon wie im ewigen Frieden, als ich, bei meiner eher achtlosen Durchsicht der Wochenendausgage des Independent auf einen langen Artikel stieß, der in unmittelbarem Zusammenhang stand m it den Balkanbildern, die ich am Morgen im Reading Room angeschaut hatte, (ibid) Er wähnt sich ironischerweise "schon wie im ewigen Frieden", als ihn quälende historische Erinnerungen aus der Vergangenheit und Gegenwart jäh wieder einholen, da er bei seiner "eher achtlosen Durchsicht der Wochenendausgage des Independent auf einen langen Artikel stieß, der in unmittelbarem Zusammenhang stand m it den Balkanbildern", die er "am Morgen im Reading Room angeschaut hatte." (p. 119)9 Diesen Zeitungsar- 9 Dabei handelt es sich um den Artikel des britischen Journalisten Robert Fiskvom 15.08.1992 untei dem Titel "'Cleansing' Bosnia at a camp called Jasenovac: Hundredswerestrungup like thrushes from gallows, 700,000 w ere murdered in concentration camps nearby. Most were <?page no="544"?> 544 Tomislav Zelić tikel als Vorlage nutzend fabriziert Sebald ein rein poetisches Palimpsest mit freien Assoziationen und gewagten Spekulationen über das Konzentrations- und Vernichtungslager Jasenovac sowie die umliegenden Lager Prijedor, Stara Gradiška und Banja Luka, die von dem Unabhängigen Staat Kroatien als nationalsozialistischem Marionettenstaat zwischen 1941 und 1945 betrieben wurden, sowie die nationalsozialistische Kozara-Offensive, die so genannte "Operation Westbosnien" von 1942, gegen die südslawischen Partisanen. Der Artikel über ethnische "Säuberungsaktionen" damals und heute "begann", so Sebald, mit einer Beschreibung einer von Milizmännern der kroatischen Ustascha offenbar zu Erinnerungszwecken aufgenommenen Photographie, auf der die in bester Stimmung sich befindenden, teilweise in heroischen Posen sich präsentierenden Kameraden einem Serben namens Branco Jungić mit einer Säge den Kopf abschneiden. [...] Ein zweites, spaßeshalber gemachtes Photo zeigt dann den bereits vom Leib getrennten Kopf mit einer Zigarette zwischen den vom letzten Schmerzenslaut noch halb offenen Lippen, (p. 119f.) Diese schrecklichen Bilder werden weder in der Vorlage noch in Sebalds Bearbeitung abgedruckt; die Bildbeschreibungen übernimmt Sebald größtenteils aus der Vorlage. Sebald folgt dem britischen Journalisten Robert Fisk, der als Autor des Artikels im Independent zeichnet, in der unkritischen Übernahme der jugoslawischen und großserbischen Geschichtsklitterung, insbesondere was die Übertreibung der Opferzahlen im Unabhängigen Staat Kroatien betrifft.10 Während Fisk in seinem Feuilleton das Massaker und die Todesmärsche von Bleiburg in einem Satz beiläufig erwähnt, verschweigt sie Sebald und richtet die Aufmerksamkeit stattdessen ausschließlich auf den Flolocaust in Südosteuropa. Aus aktuellem Anlass kommt bei Sebald wie bei Fisk außerdem die Waldheim-Affäre der späten 1980er und frühen 1990er Jahre in den Blick: In den Jahren nach dem Krieg soll der schon zu Beginn seiner Laufbahn so vielversprechende, verwaltungstechnisch überaus versierte Offizier aufgestiegen sein in verschiedene hohe Ämter, unter anderem sogar in das des Generalsekretärs der Vereinten Nationen. In dieser letzten Eigenschaft ist es angeblich auch gewesen, daß er, für allfällige außerirdische Bewohner des Universums, Serbs, their oppressors Croats and Nazis. Robert Fisk puts today's events in Bosnia in historical perspective." Siehe http: / / www.independent.co.uk/ lifestyle/ cleansingbosnia-at-a-campcalledjasenovachundreds-were-strung-up-like-thrushesfromgallows 700000-were-murderedinconcentrationcamps-nearby-most-were-serbstheiroppressorscroats-and-nazisrobertfiskputstodaysevents-in-bosnia-in-historical-perspectivel540544.html (Letzter Zugriff: 9.1.2015). 10 Jurčević, Josip: Die Entstehung des Mythos Jasenovac. Probleme bei der Forschungsarbeit zu den Opfern des II. Weltkrieges auf dem Gebiet von Kroatien. Zagreb: Dokumentacijsko informacijsko središte 2007. <?page no="545"?> Der "weltberühmte Schnappschuß von Sarajevo" in W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn 545 eine Grußbotschaft auf Band gesprochen hat, die jetzt, zusammen mit anderen Memorabilien der Menschheit, an der Raumsonde Voyager Il die Außenbezirke unseres Sonnensystems ansteuert, (p. 122f.) Im Gegensatz zu Fisks Feuilleton bezieht sich Sebald auf die historischen Tatsachen, dass die NASA Raumsonde Voyager Il zur Erforschung des äußeren Planetensystems, wozu neben Jupiter, Uranus und Neptun auch der Saturn gehört, m it einer Datenplatte aus vergoldetem Kupfer ausgestattet ist, neben einer Gebrauchsanweisung und einer Karte, in der die Position der Sonne in Relation zu 14 Pulsaren zu sehen ist, sich auch Bild- und Tonmaterial der Menschheit befindet, darunter auch eine von dem UN- Generalsekretär Kurt Waldheim gesprochene Audiobotschaft an etwaige außerirdische Lebensformen. Nach dem Leitsatz "schon zeigen sich in der Historiographie die unbestreitbaren Vorteile einer fiktiven Vergangenheit" (p. 91) verfremdet Sebald aber selbst die historische Wirklichkeit angesichts ihrer Unfassbarkeit zur phantastischen Unwirklichkeit und umgekehrt die phantastische Wirklichkeit zur historischen Unwirklichkeit, ja Science Fiction. Die poetische ekphrasis im Medium der Schrift nimmt sich meistens ein bedeutendes Werk der bildenden Kunst zum Gegenstand. Sie ist teils mimetisch und imitativ, teils poetisch und konstruktiv, teils nüchtern und sachlich, teils erfinderisch und phantasiereich. Im besten Falle entsteht durch die Brillanz der sprachlichen Beschreibung des Bildes ein poetisches Kunstwerk mit Eigenleben. Seit Homer ist sie eine literarische Kleingattung, deren Poetik von Platon und Horaz sowie G.E. Lessing und Georg Lukäcs philosophisch und poetologisch aufgearbeitet worden ist. Ein moderner Höhepunkt ist das poetologische Manifest über die realistische Bildbeschreibung, das sich bei Herman Melville im dritten Kapitel seines Romans Moby-Dick von 1851 unter der Überschrift "The Spounter Inn" findet. Dort beschreibt die heterodiegetische Erzählerfigur Ishmael ein Gemälde an der Wand eines Walfischergasthauses als ausweglos unklar und undeutlich, überkritzelt und entstellt. Trotz oder gerade wegen dieser Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit reizt es den Betrachter zu allerlei Lesarten, bis sich all diese Möglichkeiten zu der einen Lesart verdichten, das Bild stelle einen Wal dar, worin alle möglichen Lesarten begründet und enthalten seien. Sebald geht über diese literarische Tradition weit hinaus, denn er beschreibt nicht nur, was auf den Bildern, die er betrachtet, zu sehen ist, sondern er erzählt überdies, was darauf nicht zu sehen ist. Er erweitert derart Sinn und Bedeutung des Bildes teils realistisch, teils antirealistisch. Abbildung und Abgebildetes unterzieht er einer kritischen Beurteilung. Sebalds intermediale Poetik verbindet Texte in Form von frei assoziativen und <?page no="546"?> 546 Tomislav Zelle spekulativen Bilderbeschreibungen und rein poetischen Palimpsesten, die Sinn und Bedeutung aufschieben und damit in die Unendlichkeit verweisen, mit unscharfen Schnappschussbildern, deren Herkunft, Gegenstand, Sinn und Bedeutung höchst vermittelt, ideologiepolitisch fragwürdig und äußerst auslegungsbedürftig sind. Neben die sachliche und realistische Bilderbeschreibung (ekphrasis) treten rhetorische und poetische Formen der antirealistischen Bilderbeschreibung, die das Abgebildete entgegen einer bloß nüchternen und sachlichen Darstellung im Vergleich zur bildlichen Vorlage anschaulicher und lebhafter erscheinen lassen. Sie heben abgebildete Details und Sachverhalte hervor und verdeutlichen die abgebildeten Ereignisse und Handlungen erzählerisch. Tendenziell wird so die Erzählung (narratio) durch die Beschreibung (descriptio), zumal die Bildbeschreibung (ekphrasis),ersetzt. Neben die Schnappschussphotographie tritt außerdem die künstlerische Lomographie, das heißt, die technische Bearbeitung des Bildmaterials, beispielsweise die durch Grobkörnigkeit der technischen Bildentwicklung absichtlich hervorgebrachte Verschwommenheit, die Sebald in seinem Texten leitmotivisch thematisiert. Die künstlerische Bearbeitung des Feuilletons, das er als Vorlage für seinen poetischen Text verwendet, sprengt jedoch den engen Rahmen, den Gerard Genette dieser literarischen Form im Geiste des Strukturalismus gesetzt hatte.11 Sebalds Reisebericht und Fisks Feuilleton als dessen Vorlage stehen zwar in einer Beziehung der "Intertextualität" zueinander in Genettes Sinne der "effektiven Präsenz eines Textes in einem anderen".12 Es handelt sich dabei jedoch weder um ein Zitat, denn es fehlen trotz der genauen Quellenangabe die Anführungszeichen, noch sich um ein Plagiat, denn die teilweise wortwörtliche Übernahme ist angezeigt, geschweige denn um eine Anspielung, denn Sebalds Text ist zwar fragmentarisch, aber die angezeigte Entlehnung lässt sich unschwer erkennen und verstehen, auch ohne Kenntnis des Bezugstextes. Man wird die Anspielung nicht überlesen und muss sie nicht vermuten. Die Beziehung zwischen Vorlage und Gegenentwurf ist weder paratextuell, denn Sebalds Text ist nicht bloß Kommentar zur Vorlage, der ihr zur Steuerung der Lektüre Informationen hinzufügt, noch epitextuell, denn er ist nicht bloß eine Mitteilung über die Vorlage. Die Beziehung ist weder metatextuell, denn Sebalds Text kommentiert seine Vorlage nicht, wie die Literaturkritik die Literatur, noch hypertextuell, denn Sebalds Text ist weder eine Transformation noch eine Imitation der Vorlage. Außerdem zieht Sebald keines der drei Register nach Genette: spielerisch, satirisch oder ernst; die Beziehung seines Tex- 11 Genette, Gerard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1993. Ibid., p. 10. <?page no="547"?> Der "weltberühmte Schnappschuß von Sarajevo" in W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn 547 tes zu dessen Vorlage ist nicht ironisch, polemisch oder humoristisch. Es handelt sich weder um eine Parodie, Travestie oder Transposition noch ein Pastiche, eine Persiflage oder Nachbildung.13 Die Beziehung ist schließlich auch nicht architextuell, denn Sebald Reisebericht und Fisks Feuilleton gehören nicht derselben Gattung an. Es handelt sich daher um ein rein poetisches Palimpsest. Sebald reiht den "weltberühmten Schnappschuß von Sarajevo" nicht nur in eine spezifische west-, ost- und südosteuropäische Geschichte ein, sondern in eine allgemeine "Naturgeschichte der Zerstörung".14 In einem elegisch-melancholischen Tonfall trägt er diesen Katastrophendiskurs essayistisch und experimentell vor und bedient sich der intermedialen Kombination von gefälschten historischen Schnappschüssen und ! omographisch bearbeiteten, teils verwackelten und verschwommenen, teils gestochen-scharfen Geschichtsbildern einerseits und andererseits, wie sie Klaus K. Scherpe äußerst treffend bezeichnet, "Exerzitien"15 der realistischen und antirealistischen Bildbeschreibungen (descriptio bzw. ekphrasis) sowie rein poetischen Palimpsesten, wodurch herkömmliche Erzählformen fast vollständig ersetzt werden. Die poetisch als Labyrinth angelegten und selbstreflexiv-poetologisch als solches ausgelegten Bildund-Text-Collagen-und-Montagen sorgen bei Urheber und Empfänger gleichermaßen für raumzeitliche und ideologiepolitische Desorientierung, eine epistemische und ästhetische Krise der historischen und narrativen Wahrnehmung und Kommunikation über die historischen und aktuellen Katastrophenzeiten. Sebald stellt verschiedene historische Narrative über ein und dasselbe Ereignis gegenüber, ohne eins vor dem anderen als einzig wahr und richtig hervorzuheben. Stellt man nun Sebalds Die Ringe des Saturn in den kulturgeschichtlichen Zusammenhang der frühen 1990er Jahre und berücksichtigt dabei z.B. Hans-Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas und Peter Handke, so lässt sich beobachten, wie westeuropäische Linksintellektuelle durch die Kriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina in eine epistemische Krise geraten sind. Enzensbergers Essay Aussichten auf den Bürgerkrieg von 1993 etwa enthält 13 Ibid., p. 44. 14 Sebald, W.G.: Luftkrieg und Literatur. Frankfurt/ Main; Fischer, p. 38. 15 Scherpe, Klaus R.: Dem Realen auf der Spur. Exerzitien der Beschreibung in der deutschen Nachkriegsliteratur. In: Öhlschläger, Claudia/ Perrone Capano, Lucia/ Borsö, Vittoria (Hrsg.): Realismus nach den europäischen Avantgarden. Ästhetik, Poetologie und Kognition in Film und Literatur der Nachkriegszeit. Bielefeld: transcript, 2012, 141 163. Vgl. Scherpe, Klaus R.: Beschreiben, nicht Erzählen! Beispiele zu einer ästhetischen Opposition: von Döblin und Musil bis zu Darstellungen des Holocaust. Antrittsvorlesung 20. Juni 1994. Humboldt- Universität zu Berlin. Philosophische Fakultät II. Institut für deutsche Literatur. http: / / edoc. hu-berlin.de/ humboldt-vl/ scherpe-klaus/ PDF/ Scherpe.pdf (9.1.2015). <?page no="548"?> 548 TomislavZelic eine ganze Reihe von groben Verallgemeinerungen, wobei die historischen und kulturellen Spezifika aus dem Blickfeld geraten und zu undifferenzierten Stellungnahmen führen.16 Dasselbe gilt für die politische Publizistik eines Jürgen Habermas, ganz zu schweigen von der anhebenden "Serbien-Kontroverse" (1996-2008) um Peter Handke. Während des Kalten Krieges verliefen die ideologiepolitischen Konflikte in Westmitteleuropa (England, Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland) zwar entlang der Bruchlinien von Antifaschismus und Antikommunismus, es herrschte jedoch zugleich ein antitotalitärer Konsens zwischen dem sozialdemokratischen Liberalismus und dem christdemokratischen Konservatismus. M it dem Kriegsausbruch in Kroatien und Bosnien-Herzegowina änderte sich das schlagartig. Der politische Habitus westeuropäischer Linksintellektueller mit Lippenbekenntnis zu prinzipiellem Pazifismus, "postumen Antifaschismus"17 und Anti-Antikommunismus in Verbindung mit Jugoslawien-Mythologie und Sympathien für die Bewegung der blockfreien Staaten aus einer internationalistischen Perspektive wurde angesichts der neuartigen Gegenwartssituation unterkomplex. Der dritte Weg, den Jugoslawien angeblich zwischen Kapitalismus und Sozialismus, parlamentarischer Demokratie und sowjetischem Einparteienstaat beschriften hatte, konnte nicht mehr als alternatives Modell für die europäische Integration herhalten. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Ackermann spricht in diesem Zusammenhang von einem sich wiederholendem Muster nach 1945,1968 und 1989.18Der australische Germanist Peter Morgan diagnostiziert in Anlehnung an Erich Kästners Begrifflichkeit bei Sebald einen Gemütszustand der "linken Melancholie," ohne Erläuterung, wie die räumlich-metaphorische und politische Differenz zwischen links und rechts zu verstehen sei.19 Die Darstellung des Attentats von Sarajewo bei Sebald ist für diese Ununterscheidbarkeit zugleich symptomatisch und paradigmatisch. Angesichts des permanenten Konflikts zwischen selbsternannten Freiheitskämpfern und Terroristen einerseits und der nationalen, imperialen und internationalen Friedens- und Sicherheitspolitik mittels Polizei und Militär andererseits, samt den ihnen innewohnenden objektiven Ironien und logischen Paradoxien, gehen die historischen Narrative über das Attentat von Sarajewo ideologisch äußerst weit auseinander. Die zahllosen Querverweise zwischen den Texten und Bildern auf- und gegeneinander, die vor einem zukunftsoffenen Horizont in die Unendlich- 16 Enzensberger, Hans-MagnusiAussichten auf den Bürgerkrieg. Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1993. 17 Ackermann, Ulrike: Sündenfall der Intellektuellen. Der deutsch-französische Streit nach 1945. Stuttgart: Klett-Cotta 2000. 18 Ibid., p. llf f . 19 Morgan, Peter: The Sign of Saturn. Melancholy, Homelessness and Apocalypse in W.G. Sebald's Prose-Narratives. In: German Life and Letters 58 (2005), pp. 76-92. <?page no="549"?> Der "weltberühmte Schnappschuß von Sarajevo" in W. G. Sebalds D ie R in g e d e s S a tu r n 549 keit verweisen, so wie die Spur der Schrift zwar anwesend ist, jedoch auf etwas verweist, das abwesend ist, wie die NASA-Raumsonde, deren Datenplatte über eine geschätzte Lebensdauer von 500 Mio. Jahre verfügt, bis heute durch das Weltall irrt und Daten an die Erde sendet, ein zielloses Projektil, eine Prognose der Zukunft ohne Ankunft,wie die unscharfen Abbildungen, wie "verschüttete Erinnerungen, die die eigenartige Überwirklichkeit dessen erzeugen, was man im Traum sieht [...], etwa Nebel- und Schleierhaftes, durch das hindurch, paradoxerweise, im Traum alles viel klarer erscheint [...]" (p. 98f.), so dass sich Sinn und Bedeutung aufschieben, untergraben m it den ihnen innewohnenden, unlösbaren Spannungen und Widersprüchen Sinn und Bedeutung solcherlei historischen Gedenkens. Aus ideologiekritischer Perspektive gilt es, Sinn und Unsinn in den verschiedenen historischen Narrativen zu unterscheiden und die historischen Verzerrungen und ideologiepolitischen Überhöhungen zu entlarven. <?page no="551"?> S tun V ervaet (G ent ) Revolutionaries or Terrorists, Heroes or Victims? Young Bosnia and Gavrilo Princip in Biljana Srbljanovic1STheater Play M a li m i je ovaj grob This paper examines the way in which the memory of Young Bosnia and Gavrilo Princip has been mediated by the recent theater play M a lim ije ovaj grob (This Tomb is Too Sm allfor Me, 2013) by contemporary Serbian playwright Biljana Srbljanović. In his close reading of the play, the author demonstrates that the play contains some striking, interrelated historical inconsistencies and points the implications they have for the cultural memory of Young Bosnia. The three major inconsistencies discussed are: (I) the relation between Young Bosnia and Serbian colonel Dragutin Dimitrijevic Apis; (2) the way in which the play connects the assassination of Franz Ferdinand with the assassination of Zoran Đinđić; and (3) the way in which the play understands the 'young' in Young Bosnia. It is argued that the main reason for the play's weaknesses lies in Srbljanović's attempt to make Princip and Young Bosnia fit her own views on Serbia's recent past and political history. However, in order to create such a usable past, Srbljanović inevitably had to gloss over many of Young Bosnia's ideological contradictions and ambiguities, and, in addition, conflated two extremely different historical contexts. In this respect, the play seems to illustrate that the way in which the past is being remembered in the present often reveals more about the current political views and collective self-fashioning of the group or society that remembers than about the past itself. Introduction On 22 April 2014, the famous film director Emir Kusturica unveiled a statue to Gavrilo Princip in Tovariševo, a small village in the Vojvodina region, about 100 kilometers the north-east of Belgrade. The local villagers, some of whose ancestors came from Princip's home village Bosansko Grahovo and moved to the municipality of Bačka Palanka immediately after the Second World War (end 1945 beginning 1946), had erected the statue and invited Kusturica to unveil the monument. On this occasion, Kusturica recalled that in his hometown Sarajevo, the bridge called after Princip was only five steps away from the street in which he was born, while, unfortunately, in the recent past many of these street names had been <?page no="552"?> 552 Stijn Vervaet changed. He concluded by saying that in Serbia, a similar trend could be discerned, which was a shame, because "w ithout Gavrilo Princip, modern Serbia [sic! ] would not exist," after which he kissed Princip's bronze cheek.1 A rather significant slip o f the tongue, in which Yugoslavia was replaced by Serbia? At any rate, Kusturica's words show us that Princip has become an icon that, even 100 years after the assassination of Franz Ferdinand, is interpreted in the most various ways and used to make rather incongruous historical claims. In this paper, I will explore how the 2013 theater play M ali m i je ovaj grob (This Grave is Too Sm allfor Me) by contemporary Serbian playwright Biljana Srbljanović someone whose political views differ quite a bit from Kusturica's2contributes to shaping and circulating the cultural memory of Young Bosnia and Gavrilo Princip. Vilified as a terrorist by some, glorified as a hero by others, Princip is a historical figure that inspires the most contradictory associations. As Robert Donia has shown, Princip's legacy in Bosnia and Herzegovina, and in Sarajevo in particular, has been shaped since the very end of the First World War, with each subsequent political regime adding another ideological Iayertothe palimpsest.3Biljana Srbljanović's This Graveis TooSmaIIfor Me can be seen as yet another layer, or rather, another actor that helps shape the cultural memory of Young Bosnia and Princip. Moreover, her play illustrates that Princip's memory today is not bound to static monuments, but very much, and in this case quite literally so, performed by the interaction between different media (monuments, texts, images/ photographs, films, popular culture, etc.) and actors of memory (the playwright, the theater director, the actors and the audience).4 In what follows, I will try to find an answer to the question what kind of Princip Srbljanović wants us to 1 Preradović, Lj.: Spomenici Principu i solunskim dobrovoljcima. In: Večernje novosti, 21.04. 2014, http: / / www .novosti.rs/ vesti/ naslovna/ drustvo/ aktuelno.290.html: 488306-Spomenici-Principu-i-solunskim-dobrovoljcima; Mitrović, Miloš: Kusturica Reveals Monument to Gavrilo Princip. In: Independent Balkan News Agency, 22.04.2014, http: / / www.balkaneu. com/ kusturica-reveals-monument-gavrilo-princip/ . 2 Since he permanently moved to Serbia, Kusturica has played the nationalist card, during the 2000s openly supporting right-wing politicians such as Vojislav Koštunica. More recently, he has grown intimate with the Bosnian Serb Republic premier Milorad Dodik, who, in turn, offers significant financial and Iogisticsupportfor Kusturica's megalomaniac project And rib's Town [Andrićgrad] in Višegrad. Srbljanović, on the other hand, profiled herself as an antinationalist public intellectual, close to urban, liberal-democratic circles, and in 2008 she was even a candidate for the elections of the Belgrade mayor on the list of Cedomir Jovanović's Liberal Democratic Party (Liberalno-demokratska partija). 3 Donia, Robert J.: Sarajevo. A Biography. London: Hurst & Co. 2006, pp. 126, 169, 209. 4 For a performative understanding of cultural memory, see Plate, Liedeke, / Smelik, Anneke: Performing Memory in Art and Popular Culture: An Introduction. In: Performing memory in Art and Popular Culture. London: Routledge 2013, pp. 1-22. <?page no="553"?> Young Bosnia and Gavrilo Princip in Biljana Srbljanović's M a l i m i j e o v a j g r o b 553 remember, why, and to what effect: Why would she wish to stage this particular Princip rather than reviving one of the older historical versions? And, in a broader sense, what would be the political implications of the image of Young Bosnia and Princip staged by the play? While Srbljanović claimed in an interview with BH Dani that she had done a lot of research for the play, and even studied archival materials in the Archive of Bosnia and Herzegovina,5 I will demonstrate that she produced a confused, historically not very well informed and esthetically not engaging play. To be sure, the play contains clear references to historical sources and literature on the subject, specifically to Vladimir Dedijer's famous study The Road to Sarajevo, to the transcripts of the trial against Princip and his fellow conspirators, to a much-quoted passage from Ivo Andrić's diary, etc. Nevertheless, it contains some major inconsistencies that eventually produce an unconvincing and historically distorted image of Young Bosnia. This distortion, I believe, is not a mere side effect of the fictionalizing of history. As we know from memory studies, the way in which the past is being remembered in the present often reveals more about the current political views and collective self-fashioning of the group or society that remembers than about the past itself. As Jan Assmann reminds us, following the views of Maurice Halbwachs, "the past [...] is a social construction whose nature arises out of the needs and frames of reference of each particular present."6 I will argue that the main reason for the play's weaknesses lies in Srbljanović's attempt to create a usable past out of Princip and Young Bosnia, i.e. to make them fit her own views on Serbia's recent past and political history. However, the creation of such a usable narrative inevitably has a price: to achieve this, Srbljanović not only had to gloss over, give a weird twist to, or even efface many of Young Bosnia's ideological contradictions and ambiguities. Moreover, she also conflated two extremely different historical contexts. After a brief overview of the plot of the play, I will have a look at the most striking, interrelated historical inconsistencies of the play and point at the implications they have for the cultural memory of Young Bosnia. I will lim it my discussion to three main issues: (I) the relation between Young Bosnia and the Serbian colonel Dragutin Dimitrijević Apis, with particular attention for the Young Bosnians' Yugoslav ideology compared to the Greater Serbian views of The Black Hand as presented in the play; (2) the way in which the play connects the assassination of Franz Ferdinand Interview with Tamara Nikčević in BH Dani, 10.07.2013, http: / / pescanik.net/ 2013/ 07/ biljana-srbljanovic-intervju/ . 6 Assmann, Jan. Cultural Memory and Early Civilization. Writing, Remembrance, and Polibcal lmaginabon. Cambridge: Cambridge UP 2012, p. 33. <?page no="554"?> 554 Stijn Vervaet with the assassination of Zoran Đinđić; and (3) the way in which the play understands the 'young' in Young Bosnia.7 After this, I will briefly discuss the way in which theater director Dino Mustafić staged the play, and indicate some points where he tried to cover up some of the weaknesses of the text as well as some missed chances to improve it. Finally, I will have a quick look at the reception of the play. I . Structure and plot of the play The main characters of the play are Gavrilo Princip and Nedeljko Čabrinović, Milica llić, who is the sister of Danilo llić, and Apis. The first, longer part of the play opens with the student demonstrations of 1912 and shows us how Gavrilo and Nedeljko meet Milica (she negotiates with them about the room they want to rent from her mother) and become friends (go to the movies, smoke weed); this is supposed to give us an idea of a meetings of Young Bosnia. The scenes in Sarajevo alternate with scenes set in Belgrade: we see how Danilo llić informs Apis about the actions of Young Bosnia, how Apis initiates Danilo into the secret organization Ujedinjenje ili sm rt (Unification or Death), how llić (who has now become a 'real' man) brings the guns from Apis in Belgrade. Finally, the characters of Nedeljko, Gavrilo, Milica, and Danilo tell us how they took part in or became witness of the assassination attempt. After an intermezzo of newspaper clippings and quotes by high officials (such as the German Emperor Wilhelm Il and the Russian Czar Nicholas II) as well as of simple citizens from June and July 1914, the play's focus shifts to the prison in Theresienstadt, where Princip and Čabrinović are interned, and to Thessaloniki, where Apis (accompanied by Danilo llić, as a Serbian soldier) is court-martialed and sentenced to death. Shortly before he is shot, Apis says "This grave is too small for me."8And this is how the play got its title. ' To be sure, I am not the first northe only one who has recognized the importance of these issues. In a similar yet different way, two reviewers in the Serbian press have also identified these three interrelated historical (mis) interpretations as the underlying logic of the play: (I) Young Bosnians are presented as Apis's puppets; (2) Young Bosnianswere The Black Hand's puppets because they were young and naive, and (3) the influence of The Black Hand on Serbian politics continues until today. See Paković, Zlatko: Princip i interpretacija. In: Danas, 04.10.2013, http: / / www.danas.rs/ dodaci/ nedelja/ princip_i_interpretacija.26.html2news_ id=268756 and, in a more elaborated way, Bazdulj, Muharem: Jugoslavija ili ništa? Ništa! In: Vreme, No. 1216-1217 (24.04.2014), http: / / www.vreme.com/ cms/ view.php? id=1192334&. 8 Srbljanović, Biljana: Mali m ije ovaj grob. Belgrade: Samizdat B92 2013, p. 145. In what follows, I will give references to this edition between brackets in the text. <?page no="555"?> Young Bosnia and Gavrilo Princip in Biljana Srbljanovic's M a l i m i j e o v a j g r o b 555 2. Apis and Young Bosnia: Greater Serbian Terrorism versus Noble but Vague Yugoslavism It is no coincidence that Apis gave the play its title since he really gets a lot of weight in Srbljanović's drama. In the play, Danilo Ilic has the bad luck to be the sole connection between Young Bosnia and The Black Hand, and to be depicted as a servile underling of Apis.9 Apis, on the other hand, patronizes him, and when Danilo leaves, "gives him a pat on the head as if he were a dog or a kid and says: You're a grown up now. You've become independent." ("Protrlja glavu Danilu kao detetu ili psu: Poraslo dete. Osamostalilo se.", p. 40) Moreover, after his initiation into The Black Hand, Danilo takes over Apis's Great-Serbian ideas, and when he gets back to Sarajevo, he presents the cause of the Young Bosnians as a Serbian struggle only: "Croats for Croats, and we for our own." ("Hrvati za Hrvate, a mi za nas", p. 50).10 He behaves in an aggressive, male-chauvinist manner towards his sister, etc.11 While llić seems to be a puppet on a string of The Black Hand's aggressive Great-Serbianism, which does not shy away from terrorist methods and requests full servility of its members, Gavrilo Princip and Nedeljko Čabrinović, who are representatives of the noble ideology of Yugoslavism. (Trifko Grabež, the third participant in the assassination, for some reason is not included into the play.) They want to achieve something big and beautiful, but allegedly do not want to have anything to do w ith those Serbian nationalists who had been butchers in Macedonia during the Balkan 9 Nevertheless, Ilic behaves rather frightened during th e initiation ritual and even has to vomit after he has given th e oath, an act which somehow reminds us of Oliver Frljić's play Zoran Đinđić. 10 Discussing with Princip th e sense and nonsense of participating in the predominantly Croat student demonstrations in Sarajevo (in February 1912) and Zagreb (in March 1912), Danilo stresses the suffering of the Serbs. According to him, "In your whole Zagreb, only Serbian shops and Serbian inns are burning" (p. 47). Historically speaking, Danilo's claim would have made sense if he were referring to earlier anti-Serb riots in Zagreb in 1903 or 1908, but not when talking about th e student demonstrations of 1912, either in Zagreb or in Sarajevo. 11 Paradoxically, it was Ilic who in the very last days before th e assassination abandoned the plan and wanted even to flee Bosnia (probably aware of the fact that he would get the death sentence, since he was 24 years old and hence the only one who would be regarded as an adult by the court). Forthis reason, Ilicwas depicted as a coward in much of the postwar Yugoslav historiography, an interpretation which Srbljanovic (unwittingly? ) seems to take over uncritically. Most of the accusations against llić can be traced back to the work of historian Dobrosav Jevđević, who proclaimed llić to be a traitor; and partly to the memoirs of his contemporary and fellow Young Bosnian Borivoje Jevtić, who in 1924 published his own memories of the assassination attempt. For Jevđević's and Jevtić's role in creating a myth about Princip and distorting the picture of the other assassins, see Dedijer, Vladimir: The Road to Sarajevo. New York: Simon & Schuster 1966, pp. 302, 331-332, 348. <?page no="556"?> 556 Stijn Vervaet Wars, as Čabrinović and Princip seem to perceive the Serbian soldiers who had come back from the Balkan wars: Nedeljko: Do you remember when we were sitting in the pubs on the Zeleni venae, and all around us these greasy guys with their beards and knives, which had just arrived from the front, with their terrible faces that stank of evil and blood? Gavrilo: I do. Nedeljko: Well, I that's not what I want. Gavrilo: Neither do I. (p. 55-56) Historically speaking, the above quoted discussion is rather implausible. The 'Yugoslavism' of Young Bosnia was very heterogeneous and ambiguous: if we look at the writings of Vladimir Gadnović, one of the intellectual fathers of the Young Bosnians, we see that the boundary between Serbian and Yugoslav nationalism was often very thin.12 The Young Bosnians (and many young pro-Yugoslav Croats! ) saw Serbia, especially after its successes in the Balkan Wars, as the Piemont, the liberated land around which all South Slavs should unite.13 In addition, in the piece itself, the audience/ readers are told that Princip himself had tried to join these very same armed forces, but that he was rejected because he was not strong enough (p. 48-49). While Princip's rejection by paramilitary leader Vojislav Tankosić seems to be historically attested and is mentioned by Dedijer,14 Srbljanović seems to have overlooked an important detail also mentioned by Dedijer, namely that Princip hung around a lot in Belgrade with Bosnian komite (irregular soldiers) who had just returned from the Balkan Wars, and that it were actually those same komite from Bosnia and Herzegovina, Đuro Šarac and Milan Ciganović, who taught Princip and his fellow assassins to use weapons.15 It seems that 12 Fora discussion of the ambiguous mix of Serbian nationalist and Yugoslav ideas in the w ritings of some of the major ideologues of Young Bosnia, such as Vladimir Gaćinović, see Vervaet, Stijn. Centar i periferija u Austro-Ugarskoj. Dinamika izgradnje nacionalnih identiteta u Bosni i Flercegovini od 1878. do 1918. godine na primjeru književnih tekstova. Sarajevo, Zagreb: Synopsis 2013, pp. 331-339. Gaćinović's selected writings were edited and published in 1956 by Todor Kruševac; see Gaćinović, Vladimir: Ogledi i pisma. Sarajevo: Svjetlost 1956. To be sure, Gaćinović was not the only one who influenced the Young Bosnians: another highly influential figure was the literary critic Dimitrije Mitrinović who was a staunch advocate of the cultural and national rapprochement of Serbs and Croats; on him, cf. Palavestra, Predrag: Dogma i utopija Dimitrija M itrinovića. Belgrade: Zavod za udžbenike 2003. 13 After the outbreak of the Balkan Wars, many Bosnians went to Serbia to join the Serbian army as volunteers, among them some Young Bosnians. Danilo Ilić, for example, worked as a male nurse and took care of soldiers stricken by cholera at the end of the Second Balkan War; see Dedijer 1966, p. 185. Another Young Bosnian and close friend of Princip who fought in both Balkan Wars was Dulaga Bukavac; see Dedijer 1966, pp. 288-289. 14 Dedijer 1966, pp. 196-197. 15 Ibid., p. 290. <?page no="557"?> Young Bosnia and Gavrilo Princip in Biljana Srbljanovics M a l i m i j e o v a j g r o b 557 Srbljanović not only neglects this background, but at all costs wants to make a clear-cut distinction between the 'bad', Greater-Serbian nationalism (of the komite fighting in the Balkan Wars and of Apis) and the 'good' Yugoslav nationalism of Princip and Čabrinović.16Apparently, from her contemporary point of view, Srbljanović cannot understand why the Young Bosnians could have possibly been so enthusiastic about Serbia. This neglect of the historical context, in turn, leads her to overstress Apis's influence on llić and The Black Hand's assistance to the Young Bosnians and their plans to carry out an assassination attempt on Franz Ferdinand. Moreover, from the play it is not clear why Princip's Yugoslavism is 'good' or 'noble'. For example, there is no hint whatsoever that could help the audience/ reader to frame it as an in essence anti-colonial, emancipatory movement. The play stages a collective meeting of Young Bosnia at which the members have a heated but naive-sounding discussion about national ideology ("from a national point of view, we are nationalists, but not chauvinists. Our national idea is Croato-Serbian, our nationality Serbo- Croatian.", p. 57) and the democratic and atheist or at least anticlerical nature of the movement ("We are democrats, free and radical. Our w orldview is neither dogmatic, nor religious. It is based on science, and as a group we are areligious", p. 58). The question whether the future state they envisage should be a kingdom or a republic receives a lot of attention and causes fierce debate among the Young Bosnians in the play: Voice one: As all people under conquerors we also have the right to selfdetermination. It is our whish to unite all Yugoslavs in any state-structure whatsoever and to free ourselves from Austria! Voices: That's right! Princip's voice: Not in any state-structure, but in a republic! In a Yugoslav republic! ! ! Voice two: What is he saying? What are you saying, Gavrilo? Even in spite of a living king? Voice one: What king! Nedeljko's voice: "I shit on your king! " General laughter and noise, (p. 59) However, the issue of the future political organization of the envisaged Yugoslav state was a minor issue for the Young Bosnians. This point has 16 Incidentally, such a distinction-betw een the bad Serbian nationalism o fth e Black Hand and the noble Yugoslav nationalism of Young Bosnia appears as a kind of leitmotivthroughout Dedijer's Road to Sarajevo (1966), which could be explained by th e fact that the communist authorities appropriated and presented Princip and Young Bosnia as the forerunners of communist Yugoslavism. It seems that Srbljanović copied this in essence ideological disctinction uncritically from Dedijer. <?page no="558"?> 5 5 8 Stijn Vervaet also been made by Muharem Bazdulj, who illustrated his claim w ith a nice quote from Ivo Andrić's 1918 newspaper article Nezvani neka šute ("Those who are not asked should keep quiet") published in the Zagrebbased Novosti. In this article, Andrić vehemently argued that the unity of the South Slavs was the primary goal of the struggle against Austria, and that those who deem it necessary to discuss the form of the future political unit at the point when the war is not even over, are actually raising doubts about "our national unity", and as such are "foe[s] of [the South Slavs'] freedom and traitor[s] of our just liberated fatherland".17 The transcripts from the trial against the assassins confirm that this view was not only held by Andrić but shared by most Young Bosnians, including Princip, llić, and Grabež: their priorities were the destruction of Austria- Hungary and the unification of the South Slavs, and they didn't actually think about the political form in which the South Slavs would have been united.18 In other words, the question of a republic or monarchy was not deemed im portant at all. On the way towards political unification of the South Slavs, raising the cultural level of the population and stimulating the awareness that Serbs and Croats were one people was the first step in the eyes of the Young Bosnians. However, the literary activities of the Young Bosnians as well as their extensive reading of and discussions about contemporary Western and Russian literature and philosophy, which were at the core of their meetings, are totally neglected in the play.19 Moreover, in the play there is no mention whatsoever of the agrarian question, which was one of the most important reasons of the dissatisfaction of the Young Bosnians with Austro-Hungarian rule.20 In addition, the group discussion staged in the play contains well-sounding, but shallow quotes (taken at random, it seems, from the court interrogation and from texts written by Young Bosnians quoted by Dedijer) that do not provide insight into the complexity of the Young Bosnian movement. Decontextualized and hence meaningless 17 See Bazdulj 2014. 18 Dedijer 1966, pp. 337-338, 341. See also Bogićević, Vojislav. Sarajevski atentat. Izvorne stenografske bilješke sa glavne rasprave protiv Gavrila Principa i drugova, održane u Sarajevu 1914. G. Sarajevo: Državni arhiv NR BiH 1954, pp. 64, 70, 313, 336. Actually, the difference with regard to political views was much bigger between the generation of the Young Bosnians and th e generation of intellectuals that preceded them than among the Young Bosnians. The older generation did neither favor the destruction of the Austro-Hungarian Monarchy, nor understand the views of the Young Bosnians that Serbs and Croats were one Yugoslav people. 19 Dedijer 1966, pp. 228, 230. For a sustained discussion of Young Bosnia's Iiteraryactivities see Palavestra, Predrag. Književnost Mlade Bosne. 2 vols. Sarajevo: Svjetlost 1965. 20 See Dedijer 1966, p. 337. <?page no="559"?> Young Bosnia and Gavrilo Princip in Biljana Srbijanović's Mali mije ovaj grob 559 quotes figure also later in the play, for example Gaćinović's "We shall either die alive or live in death" 55), which is in the play pronounced by Princip.21 The final part of the play shows us Princip and Čabrinović suffering in Theresienstadt. In other words: they were good boys, they actually didn't want to be terrorists, but became the victims of bad Serbian nationalists. Interestingly, the claim that "Princip and the other conspirators were the victims of pan-Serb propaganda from Belgrade", was literally what the Austrian state attorney, Franjo Svara, wanted Princip and the others to admit at the trial in 1914, an argument that was adopted by Princip's attorney Max Feldbauer in his defense.22 In this way, Srbljanovic paradoxically aligns herself with the Austro-Flungarian court that convicted Princip and sentenced him to the suffering she depicts in such detail in her own play. 3. Franz Ferdinand and Zoran Đinđić: Conflating tw o divergent historical contexts Secondly, Srbljanovic assumes, or rather, establishes a historical continuity between the nationalism of the conspiracy organization The Black Hand and the Serbian nationalism of the 1990s and early 2000s. The proof for this, or the linking point, Srbljanović finds in the 2003 assassination of Zoran Đinđić, the Prime Minister of Serbia at the time. She directly links Apis and The Black Hand as the trademark of a mafia-like way of doing politics allegedly characteristic of Serbia to those whom she believes to be politically responsible for Đinđić's assassination. In the play there are not only many references to the murder of Đinđić (e.g quotes from his autopsy) and direct quotes from Đinđić ("few are countries like ours, where constitutional affairs are tense as a criminal novel, abounding with various conspiracies, crimes, and deliberately entangled traces", p. 103), but also several direct references to those who are assumed to be in the political background of the assassination but who were never interrogated by the court, such as Đinđić's political opponent, Vojislav Koštunica, then president of the truncated Yugoslavia (i.e. Serbia and Montenegro), or the head 21 Čerović, Božidar. Bosanski omladinci i Sarajevski atentat. Sarajevo: Trgovačka štamparija 1930, p. 16. Dedijer 1966, p. 343. ForSvara's elaboration of his claim of the influence of Greater-Serbian propaganda on the assassins, see Bogićević 1954, pp. 333-343, esp. 336: "But unfortunately the Greater Serbian propaganda did not only blossom and flourish in Serbia, but also acquired victims here, namely those victims who sit on the benches of th e accused today." Feldbauer agreed with Svara that "he [Princip] was a nationalist victim, more specifically, a victim of the GreaterSerbian movement." Cf. Bogićević 1954, p. 344. <?page no="560"?> 560 Stijn Vervaet of the national intelligence service Bezbednosno-informativna agencija (BIA), Aleksandar Bulatović, and the head of the Military Security Service (Službe vojne bezbednosti), Aco Tomić. One of the most interesting is uttered by Apis, who says to Danilo llić: Apis - Why don't you join us? D anilo-W ho do you mean with you? Apis - Us, us, of course. What makes you hesitate? The fact that we wear uniforms? But that's normal, that's because the job we're doing requires it. This is our working outfit and everyday clothing, which means, doctors go out on the streets in white doctor's coats, mine workers in miner's overalls, and so on. You see? (pp. 38-39) Apis's words are almost an exact replica of those uttered by Milorad 'Legija' Ulemek (the form er commander of the Red Berets who was later convicted of the assassination of Đinđić); he qualified the rebellion of his form er paramilitary forces in November 2001, tw o years before the assassination attem pt on Đinđić, as a normal and justified strike, commenting that "if medical doctors have the right to strike in their white coats, the special forces have the same right to wear their professional cloths when striking."23 Ulemek's words were more or less echoed by president Vojislav Koštunica, who, even though the heavily armed Red Berets had blocked a part of the highway Belgrade-Novi Sad, said that, apart from the fact that they caused traffic problems, he did not see the protest of the Red Berets as an armed insurrection or rebellion, or an act that threatened the safety in the country, because "The job they do is of such nature, and one of them also said that they don't have other uniforms except for those they have. They showed up in clothes that are their everyday working clothes."24 Connecting Apis with Ulemek 'Legija', The Black Hand with The Red Berets, the play establishes a direct causal relation between the right-wing paramilitary in early 20th and early 21st century Serbia, creating the illusion of historical continuity and skipping w ithout problems almost a century of historical developments, including the tw o Yugoslav states that did exist despite the political influence of The Black Hand and their likes. Thus the play conflates tw o entirely different historical and geo-political contexts: Austro-Hungarian rule in Bosnia, particularly the final years before World War I, and the first years after the end of Milošević's era. As a consequence, the play equates tw o different political murders, tw o different 23 Podsećanje na štrajk JSO-a: Crvene beretke i zemunski klan. In: Vesti B92, 22.04.2003, http: / / w w w .b 92.net/ info / vesti/ index.php? yyyy=2003& m m =03& dd=22& nav_category =ll& nav_id =104084. 24 Ibid. <?page no="561"?> Young Bosnia and Gavrilo Princip in Biljana Srbljanović's M a li m i je ovaj grob 561 political actors with a very different meaning to South-Slav politics, a very different political and symbolical weight on the international and South- Slav scene of their time, and with entirely different political views. In what follows, I will look more closely at some of these differences. Regardless of his real political views and (at least compared to the military circles in Vienna and to Franz Joseph himself) anti-militarist attitude, Franz Ferdinand was perceived by the Young Bosnians as a symbol of the colonial, anti-social (in particular the agrarian question) and anti-national politics (compared to Austrians and Flungarians, the Slavs in the Habsburg Empire had no equal political rights) of the Double Monarchy.25 Đinđić was perceived by many progressive Serbs, especially by the young urban population, as the one who would lead Serbia out of the isolation in which Milošević's politics, wars and populist propaganda had brought it, and lead the country to the European Union.26 In the Young Bosnians' (badly informed) perception, Franz Ferdinand was an obstacle for the cultural and political unification of the South Slavs (autonomy under Austria was not sufficient for them ),27while Đinđić was perceived as an obstacle by ultranationalist and conservative political circles that did not agree with the transparency and the pro-European course of Đinđić's politics, especially his agreement to collaborate with the ICTY in the Hague.28 25 Dedijei pointed out that Franz Ferdinand did not agree with the pro-war military circles in Vienna (to which belonged also Franz Joseph himself) who insisted on a 'tough course' against Serbia and in Iinesuch a politics argued for a military intervention against Serbia long before 1914. See Dedijer 1966, chapters Vl and VIII. 26 See also Đinđić's own writings dealing with this issue, e.g. Đinđić, Zoran: Serbiens Zukunft in Europa. Bonn: Zentrum für Europäische Integrabonsforschung 1998. (This text shows once more that while Đinđić regarded the muIbethnic character of Serbia as problemahc, i.e. as "an unclear(ed) nabonal status" which should ideally be solved by a mono-ethnic nabon state, he was against nabonal self-determinabon for the Kosovo Albanians, because an independent Kosovo would allegedly open a Pandora's box in Macedonia, Montenegro and Southern Serbia.) 27 As Nedeljko Čabrinović's statement at the trial reveals, the Young Bosnians were actually not very well informed about Franz Ferdinand's polibcal views and believed that Ferdinand actually planned a federabve Austriato which Serbia and Montenegro would be annexed, as well as that he prepared a war against Serbia and Russia. See Bogićević 1954, pp. 37-38. Andrej Mitrović menbons that shortly before the assassinabon attempt, in the public opinion in Serbia there was a similar widespread belief that Franz Ferdinand was an archenemy of the Serbs and a military hawk. See Mitrović, Andrej: Serbia's Great W ar 1914-1918. london: Hurst & Co. 2007, p. 9. 28 Nevertheless, Đinđić also believed in the nabon-state as the only possible solubon out of the impasse in which Yugoslavia found itself at the end of the 1980s, a problem on which he in 1988 published a long philosophical essay undei the btle Yugoslavia as an Unfinished State [Đinđić, Zoran: Jugoslavija kao nedovršena država. Novi Sad: Književna zajednica Novog Sada 1988]. However, as Ozren Pupovac has argued, this text soon began to funcbon <?page no="562"?> 562 Stijn Vervaet Franz Ferdinand was killed by a young student who had no criminal or war record whatsoever, while Đinđić was killed by a member of Serb paramilitary forces that had been founded in 1991 in Knin by war criminal Dragan Vasiljković as a special unit of Serb police forces, whose members fought in the wars in the 1990s and had been involved in the most severe war crimes, such as massacres of the civilian population in Kosovo, war profiteering and other criminal activities.29 In this respect, a comparison between the assassination of Đinđić and the 1903 assassination of king Aleksandar Obrenović and queen Draga Mašin30 would have probably been more convincing to substantiate the claim of continuity of 'Black Fland'-conspiracy in Serbian politics. 4. Young Bosnia: Students then. Teenagers now? Although the members of Young Bosnia are clearly portrayed as characters with whom the audience is expected to sympathize except for llić, who has been brainwashed by Apis the play fails to explain why we could or should feel sympathy for the Young Bosnians, except for the fact that they are young. We get no information whatsoever about the school system at the time, the literary and cultural activities of Young Bosnia, which would show that they were much more mature than the teenagers presented in the play.31 as "one [of] the principle philosophical mouthpieces for liberal-democracy", and actually introduced the idea that Yugoslavia could not function as a state because of its multi-national character. See Pupovac, Ozren: Present Perfect, or the Time of Post-Socialism. In: Eurozine1 (12.05.2010, http: / / www.eurozine.eom/ articles/ 2010-05-12-pupovac-hr.html#. Taking into account these political views, the contrast with Young Bosnia (and partly also with Franz Ferdinand) is all the bigger: Đinđić was never even in favor of a multi-national state, but an adherent of the political principle that requires that all members of the nation be united on one national territory; in other words, of nationalism, which, as Ernest Gellner put it, "is primarily a political principle, which holds that the political and the national unit should be congruent", see Gellner, Ernest: Nations and Nationalism. Oxford: Blackwell, 1983, p. I. 29 On the history of the Red Berets, see Švarm, Filip: Dete službe. In: Vreme1 No. 818 (07.09.2006) http: / / www.vreme.com/ cms/ view.php? id=464243. As an Australian citizen, Vasiljković is currently held in detention in Sydney and opposes extradition to Croatia, where he is accused of war crimes against civilians; cf. http: / / www.balkaninsight.com/ en/ article/ captain-dragan-asks-for-his-release and http: / / www.vecernji.hr/ svijet/ australska-vlada-nakapetana-draganapotrosila-2-milijuna-dolara-952953. 30 Cf. Clark, Christopher: Sleepwalkers. How Europe W entto war. London: A. Lane 2013, chapter I. 31 Srećko Džaja mentions, for example, that the final high school exam (matura) in Bosnia was more difficult than in Serbia, and was considered to be among th e heaviest in the Double Monarchy. See Džaja, Srećko: Bosna i Hercegovina u austrougarskom razdoblju (1878-1918). Mostar: Ziral 2002, pp. 138-139. <?page no="563"?> Young Bosnia and Gavrilo Princip in Biljana Srbijanović's Mali mije ovaj grob 5 6 3 More importantly, the play deprives the members of Young Bosnia of their agency. Princip and the likes turn out to be poor, naive guys who are misled by a paramilitary branch of the Serbian secret services! Given the pre-history of assassination attempts in the South-Slav Lands of the Habsburg Empire, one thing is sure: the Young Bosnians would have found a pistol or bombs anyway, with or w ithout the help of The Black Hand. Or, as Muharem Bazdulj ironically remarked, it would be more correct to claim that Young Bosnia took advantage of The Black Hand than the other way around.32 Indirectly, Srbljanović aligns herself (unwittingly? ) with certain historical interpretations, especially those of mainstream postwar Austrian and German historiography, which tended to blame Serbia for the outbreak of the war rather than the pro-war military circles in Vienna and Berlin, Saint Petersburg and Paris. In the final outcome, such an interpretation of the past seems to lead to historical fatalism. As if Srbljanović wants to tell us that, in the region of the former Yugoslavia and Serbia, political action is pointless. However noble and progressive your goals and ideas are, they will be abused by the ideologists of Greater Serbia, and in the end, you will be just another victim of these dark forces. Protesting against hegemony, political or economic suppression, dreaming of another world, it all makes no sense - The Black Hand will get you either way, and in the end, the Apises, Ulemeks and Koštunicas will smile. 5. Princip on Stage: Dino Mustafić's Play and its Reception Commissioned by the Viennese Schauspielhaus, the play was directed by Mihal Zadar in Vienna, while a Serbian-Bosnian-Croatian co-production was put on stage by Dino Mustafić in Belgrade (Bitefteatar) and Sarajevo (Kamerni teatar).33 In what follows, I will have a quick look at the way in which Mustafić staged the play, and indicate some points where he tried to cover up some of the weaknesses of the text as well as some missed chances to improve it. 32 Bazdulj 2014. 33 Specifically, the play was a co-production of the Heartefact-Foundation, BitefTheatei (Belgrade), Kamerni teatar 55 (Sarajevo), and Theater Ulysses (Brijuni). The play was performed by the actors Ermin Bravo and Amila Terzimehic from Sarajevo and Milan Marie, Marko Janketić, and Svetozar Cvetković from Belgrade. Draško Adžić composed th e music for the play which was played by the cellists Nebojša Janković and Aleksandar Latković, the Iatterof which played several parts on stage during th e play in Sarajevo. <?page no="564"?> 564 Stijn Vervaet Very much in line with the Srbljanović's script, the actors most of the time perform as teenagers who easily fall in love, prefer having fun, going to the movies and smoking a joint over having serious discussions about politics behavior that contradicts the ascetic way of life most Young Bosnians led and that appears as completely ridiculous if we look at the seriousness with which the historical Young Bosnians discussed contemporary politics, literature, and philosophy, a maturity that clearly speaks from their writings. Even though Mustafic had a mixed Bosnian-Serbian crew at his disposal, he choose to let them all speak in ekavian a choice that is all the more weird because Srbljanović's play seems to argue against a (centurylong) Greater Serbian hegemony in South Slav matters rather than trying to portray a historically accurate picture of Young Bosnia. (To be sure, many Young Bosnians, such as Danilo llić, Miloš Vidaković or Borivoje Jevtić wrote their articles and pamphlets in ekavian; while others, such as Dimitrije Mitrinović and at the time also Ivo Andric did not change their ijekavian. And while it is one thing to switch to ekavian in writing, it is rather implausible that the Young Bosnians in Sarajevo would have held conversations in ekavian.)34 If Mustafic wanted to make a point about contemporary South-Slav solidarity and against (20th and 21st-century) Serbian hegemony, it would have been more convincing to let the Bosnian actors (who incidentally spoke ekavian with a strong Sarajevan diction) speak their native ijekavian, and the Serbian actors ekavian. The only scene in which Mustafić differs significantly from Srbljanović's play is the intermezzo between the first and the second part. While in Srbljanović's text, the intermezzo consists merely of an amalgam of newspaper clippings, quotes from the correspondence between important political actors and statements by the common man, Mustafić opted for a more active scene. In his arrangement of the interlude, all actors (regardless of their roles in the first and second part of the play) are disguised as butchers who cut and bone large pieces of meat, everyone in his turn stepping forward to sing one of the quotes. Even though it is a rather pompous scene and a rather banal metonymy for the slaughterhouse of WWI, it can be seen as an attempt to 'upgrade' the script. Finally, at the two performances of the play in Sarajevo which I saw, it became clear that Srbljanović's situational humor, i.e. her allusions to the Belgrade political scene and the peculiarities of the background of Đinđić's murder were not grasped by the Sarajevo audience. 34 This can be easily verified in the anthology of texts by Young Bosnians put together by PaIavest ra. <?page no="565"?> Young Bosnia and Gavrilo Princip in Biljana Srbljanovic s M a l i m i j e o v a j g r o b 565 The Reception of the Play It makes sense to talk about a work of literature as a medium of cultural memory only if it is read, circulated, discussed, and so on and so forth. Thus I will lim it myself here to the play's reception in Serbia and Bosnia, because I am mostly interested in the cultural memory of Princip in the former Yugoslavia. In Serbia, the play has been well received by the general audience and has been awarded tw o prizes at the 2014 Sterija Theater Festival in Novi Sad.35* On 16 June, Biljana Srbljanovic was awarded the annual prize of the festival Dani Sarajeva u Beogradu (Days o f Sarajevom Belgrade) for her entire oeuvre, and in particular for the play This Grave is Too Sm allfor Me.16 Not unimportantly, she received both awards in Serbia, in liberal circles which seem to think in a rather unhistorical or metaphorical way about The Black Hand which "as a dark and invisible force prevents progress and the development of better relations in the region" and "blows up the bridges" which idealists try to build between the South Slav people, as the jury of the festival Days o f Sarajevo in Belgrade explained their decision.37 In Sarajevo, the play has been generally received well both by the bigger part of the audience and by the press.38 In Serbia, both the (text of the) play and Mustafić's production were received more critically. Zlatko Paković not only pointed at the ideological contradictions and confusion of Srbljanović's text, but also argued convincingly that some of these contradictions, such as the tension to present Princip's attem pt on Franz Ferdinand at the same tim e as a heroic deed which deserves our admiration and as a terrorist act which needs to be rejected, are even put to the fore by Mustafić's mise en scene, which culminated in the scene in which Princips points his gun at the audience.39 55 Biljana Srbljanovic received th e award for the best contemporary drama text, and Michal Zadar the award for th e best mise en scene at the 2014 Sterija Theater Festival in Novi Sad http: / / w w w .seecult.org/ vest/ neoplantanajboljana59sterijinom pozorju. 56 The prize is usually awarded to artists and/ or public intellectuals for their commitment to building better relations between Sarajevo and Belgrade. See http: / / samizdatb92.rs/ v/ eab- 9b5a9-5769-47a8-blf9-6f9505d27f2a/ Nagrada-festivala-Dani-Sarajeva-Biljani-Srbljanovic. aspx#.U6KhhKwgLDk and http: / / www.radiosarajevo.ba/ novost/ 155342. See http: / / www.seecult.org/ vest/ biljanisrbljanovicnagradadanasarajeva. 58 See e.g. th e (brief) review in Oslobodjenje, 07.05 2014, p. 26. 59 Cf. Paković, Zlatko: Šta je Princip nama. In: Danas, 17.03.2014., http: / / www.danas.rs/ dodaci/ nedelja/ staje_princip_nama.26.html? news id=278007. <?page no="566"?> 566 Stijn Vervaet Conclusion By way of conclusion, it seems to me that Srbljanović has neglected three important, closely interrelated aspects of the historical era in which Young Bosnia and Princip came to maturity. First and foremost, she has overlooked that Bosnia was a quasi-colonial province of the Habsburg Empire, and that the conditions of Austro-Hungarian rule in Bosnia to a large extent explain the revolutionary zeal of the Young Bosnians. Secondly, she has simplified the quintessence of the political views they held, and third ly, she has not taken sufficiently into account their cultural and literary activity, three aspects that are closely interrelated. As a result of this, we get a Princip who is indeed, as Srbljanović states in the interview to BH Dani, "neither a terrorist, nor a hero, but foremost a victim".40 Such a flattened, ideologically 'clean' character might be 'useful' from a contemporary liberal-democratic Serbian perspective but is ways less interesting and convincing than the historical Princip. This is not to say that, different from Srbljanović, I do know the historical Princip wie er eigentlich gewesen quite on the contrary. What I intend to say is: aren't both historical and fictional characters captivating in particular because of their difference to us, because "the past is a foreign country: they do things different there"? 41 To get back to the commemoration in Tovariševo to which I referred at the beginning of this paper if Princip had to choose between Kusturica's Muslim-turned-Serbian brotherly kiss and Srbljanović's patronizing embrace, I bet Princip would have dismissed them both. 40 Interview with Tamara Nikčević, http: / / pescanik.net/ 2013/ 07/ biljana-srbljanovic-intervju/ . 11 Opening sentence from L.P. Hartley's novel The Go-Between, quoted by Lowenthal, David: The Past is a Foreign Country. Cambridge: Cambridge UP 1985, p. xvi. <?page no="567"?> ERINNERUNG UND KULTURELLES GEDÄCHTNIS <?page no="569"?> G ünther K ronenbitter (A ugsburg ) Schock und Erwartung Der Sommer 1914 in der Erinnerung The summer of 1914, from June 28th to August I, became a defining moment in ego documents, written during and after the Great War. By analyzing autobiographical texts and letters of Austro-Hungarian officers, patterns of dramatizing the impact of the Sarajevo assassination become visible. Great Power politics and biographical narratives were closely intertwined and were mustered to make sense of personal memories in the context of this political drama. Those narratives also reflect the different ways in which members of the military elite framed their position in the decision-making process of the Habsburg Monarchy's security policy and dealt with questions of responsibility. Wohl kein anderer Zeitzeuge beschwor im Rückblick die Atmosphäre des Sommers 1914 m it solcher Treffsicherheit herauf wie Stefan Zweig, der im amerikanischen Exil der untergegangenen Welt "Europas von Gestern" und damit seiner eigenen Generation ein literarisches Denkmal setzte. Dem Einbruch der Zerstörungskräfte, denen Ordnung und Sinn von Gesellschaft, Staat und Kultur schließlich zum Opfer fallen sollten, in die scheinbar so wohl geordnete Welt der Sicherheit Alt-Europas verleiht Zweig dramatisches Gewicht durch das Evozieren einer schwerelos-leicht anmutenden Stimmung sommerlicher Sorglosigkeit. "Jener Sommer 1914 wäre auch ohne das Verhängnis, das er über die europäische Erde brachte, uns unvergesslich geblieben", so beginnt Zweig das Kapitel über "Die ersten Stunden des Krieges von 1914".1 Und er sagt auch gleich warum: "Denn selten habe ich einen erlebt, der üppiger, schöner, und fast möchte ich sagen, sommerlicher gewesen. Seidenblau der Himmel durch Tage und Tage, weich und schwül die Luft, duftig und warm die Wiesen, dunkel und füllig die Wälder m it ihrem jungen grün; heute noch", so Zweig fast vier Jahrzehnte später, "heute noch, wenn ich das W ort Sommer ausspreche, muss ich unwillkürlich an jene strahlenden Julitage denken, die ich damals in Baden bei Wien verbrachte."2Auch der 28. Juni war dort besonders schön: "Der Tag war lind; wolkenlos stand der Himmel über den breiten Kastani- 1 Zweig, Stefan: DieW eItvon Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Frankfurt am Main: FTB 1996, p. 246. 2 Ibid. <?page no="570"?> 570 G ünther K ronenbitter enbäumen, und es war so ein rechter Tag des Glückseins."3 Bis die Nachricht von der Ermordung Franz Ferdinands in diese Sommer-Idylle platzte. Dass mit dem Eintreffen der Meldung über das Attentat von Sarajevo eine Epoche zu Ende ging, erscheint im Rückblick naheliegend. In vielen Selbstzeugnissen der Zeitgenossen von 1914 ist dieser Augenblick festgehalten, auch wenn er selbst in später verfassten Texten zumeist nicht mit der suggestiven Kraft von Zweigs Erinnerungen in Szene gesetzt wird. Es war der "defining moment" einer Generation, die sich dem Eindruck nicht entziehen konnte, Zeuge einer dramatischen Wendung der europäischen, ja der Weltgeschichte geworden zu sein.4 Zumindest für US- Amerikaner dürfte die Ermordung John F. Kennedys ähnliche Bedeutung in der Selbstpositionierung der Generation im historischen Prozess gehabt haben immer auch geprägt von der Verknüpfung des Allgemeinen, der Historie, m it dem Besonderen, der individuellen Biographie. Zweigs meteorologische Erinnerung war allerdings auch ein Indikator dafür, dass es m it der Nachricht von der Ermordung Franz Ferdinands keineswegs gleich zum Klimasturz in Mitteleuropa gekommen war auch im Juli gab es noch sommerlich-heiße Tage, allerdings auch mehr Regen, wie 1914 übrigens in Westeuropa überhaupt nicht von besonders schönen Wetter geprägt war. Josef Roth hat in seinem Roman Radetzkymarsch immerhin der festlichen Abendgesellschaft im fernen Galizien, welche die Nachricht aus Sarajevo erfährt, ein Gewitter spendiert, als passende Untermalung für den Aufbruch der Armee und des Reiches der Habsburger in den Untergang.5 In Wahrheit - und das macht auch Zweig in seinen Erinnerungen deutlich, wenn er seine Ferienreise schildert lag zwischen dem Attentat und der Kriegserklärung an Serbien ja ein voller Monat und es sollte noch einmal eine Woche mehr dauern, bis dann ein Weltkrieg ausbrach. Zumindest für Offiziere spielte dann die Mobilmachung die Rolle des zweiten Hakens, an dem die Erinnerung sich befestigen ließ. Was Offiziere insbesondere solche höherer Ränge - , aber auch Diplomaten und Politiker auszeichnete, war ihre Nähe zu den Mechanismen der Machtpolitik. Wie sie Wahrnehmungs- und Erinnerungsmuster herausbildeten und das Drama des Sommers 1914 festhielten, soll hier kurz beleuchtet werden. Es geht dabei nicht zuletzt darum, Wege der narrativen Selbstverortung im historischen Prozess zu skizzieren, die jeweils von der Position abhingen vor allem von der Position im Verhältnis zu den Entscheidungsprozessen. Dabei spielen*1 ' Ibid., p. 247. 1 Platt, Kristin (Hg.): Generation und Gedächtnis. Erinnerungen und kollektive Identitäten. Opladen: Leske + Budrich 1995. Roth, Joseph: Radetzkymarsch. Roman. In der Fassung von 1932. Zürich: Manesse 2010, pp. 549-561. <?page no="571"?> DerSommer 1914 in der Erinnerung 571 stets auch einordnende und wertende Reflexionen eine Rolle, wie sich an einigen konkreten Beispielen zeigen lässt. * * * Eduard Zanantoni kommandierte seit 1912 eine Feldartilleriebrigade und hatte den Rang eines Generalmajors erreicht. Der spätere Stadtkommandant von Prag schildert den Sommer 1914 in seinen gut vier Jahre nach Kriegsende verfassten Memoiren so: In meiner Familie wurde besprochen, dass im Sommer dieses Jahres sich meine Frau und unsere Tochterzu längerem Aufenthalte an die See u[nd] zw[ar] nach Binz auf der Insel Rügen in der Ostsee begeben. Als Abreisetag wurde der 29. Juni festgelegt. An diesem Tage 2h nachmittags es war ein Feiertag fuhren beide von Leitmeritz mit dem Eilzuge über Teschen-Dresden u[nd] Berlin ab. Die Familie war kaum abgereist, als in Leitmeritz die Fliobsbotschaft eintraf, dass unser Thronfolger E[rz]h[erzog] Franz Ferdinand und seine Frau [...] gestern (am 28. 6.) in Sarajevo einem Attentate erlegen sind.6 Diese Beobachtung ist so ungewöhnlich wie interessant, suggeriert sie doch eine bemerkenswerte Langsamkeit in der Informationszirkulation in einigen Teilen der Habsburgermonarchie, die im Gegensatz zur viel häufiger vermerkten raschen, fast hektischen Verbreitung der Sensationsnachricht aus Bosnien steht. Zanantoni fährt fort: Die Bestürzung war eine unbeschreibliche. Meine Frau erfuhr diese Schreckensbotschaft in Teschen und die Karte, welche sie mir von dort schrieb, enthielt unter anderem die Frage: 'Bedeutet dies nicht einen Krieg? ' Damals lachte ich über diese inhaltsschwere Frage, weil ich nach allem, was ich seit 1908 mit angesehen und miterlebt habe, absolut nicht daran glauben wollte, dass unser alter Kaiser sich je zu einem Kriege entschließen könnte. Er hat in seinen jungen Jahren die Gräuel des Krieges kennengelernt u[nd] war viel zu viel ein friedliebender Kaiser als dass ich ihm den Entschluss, einen Krieg zu provozieren, zumuten konnte. Zudem hatte ich das Empfinden, dass wir für einen Krieg noch nicht genügend vorbereitet waren. Leider behielt meine Frau Recht.7 Wie schwer sich gerade die vermeintlichen Experten aus der Militärelite zunächst taten, wenn es darum ging, die Konsequenzen des Attentats einzuschätzen, davon berichten auch die Erinnerungen anderer Offizier der Habsburgerarmee. * * * 6 Zanantoni, Eduard: Erinnerungen aus meinem Leben(Ms.). Vorbemerkung datiert 15.12.1922. Nachlass Zanantoni, B / 6 : l, Österreichisches Staatsarchiv/ Kriegsarchiv, p. 230 f. 7 Ibid., p. 231. <?page no="572"?> 572 G ünther K ronenbitter Generalstabsoffizier Theodor Ritter von Zeynek, 1913/ 14 Bataillonskommandant im 2. Regiment der Tiroler Kaiserjäger, das vom langjährigen Chef der Militärkanzlei Franz Ferdinands Alexander Brosch von Aarenau befehligt wurde, erinnerte sich gut ein Vierteljahrhundert nach den Ereignissen: "Am 28. Juni 1914 wanderte ich m it meiner Frau von Madonna di Campiglio zum Brentajoch, als ein Tourist uns erzählte, der Thronfolger sei in Sarajevo ermordet worden. W ir kamen mittags zur Schutzhütte und waren überrascht, als wir eintraten."8Offensichtlich war von Trauer wenig zu spüren, auch wenn Zeynek das nicht sagt, aber er fährt fort: Abends in Madonna di Campiglio wurde im FHotel, das von Reichsdeutschen überfüllt war, getanzt und gelacht. Ich begriff das nicht, denn ich sah ungeheure Ereignisse herannahen, allerdings war ich selbst wie betäubt von dem Ereignis, das ich für etwas ganz Unmögliches hielt: ein Fürstenmord in Europa, gar die Ermordung des Slawen freundlichen Thronfolgers durch Slawen! Mir war klar, dass dieses Attentat der Auftakt zu unabsehbaren Konsequenzen sein müsse, weil es nach meinem Gefühl eine Kampfansage Serbiens an die Monarchie bedeutete. Wir fuhren sofort nach Bozen zurück, wo man aber auch nichts wusste.9 Ein Gespräch mit Brosch, der sich durch den Tod des Thronfolgers aller Floffnungen auf eine innere Erneuerung der Flabsburgermonarchie und wohl auch eine wichtige eigene Rolle bei diesem Unterfangen beraubt sah, verstärkte offenkundig den Schock der Neuigkeiten. In Anlehnung an Shakespeare resümierte Zeynek: "Ich stehe heute noch unter dem Druck eines furchtbaren Gefühls, wenn ich an diese Ereignisse zurückdenke: 'Landsleute, was für ein Fall war das! Nun werdet ihr und ich und alle werden fallen! '"10 Das war entlehnt aus Julius Caesar (III: 2), wo Marcus Antonius das Volk angesichts des Getöteten sagt: "O, what a fall was there, my countrymen! / Then I, and you, and all of us fell down, / Whilst bloody treason flourish'd over us."11Zeynek war wohl schon zum Zeitpunkt der Arbeit an den Erinnerungen, also um 1940, ein Verehrer Shakespeares; nach dem Zweiten Weltkrieg brachte er sogar eine Übersetzung des Julius Caesar heraus.12 Unter direktem Rückgriff auf seine Tagebuchnotizen erinnert sich Zeynek aber auch, wie sehr schon nach wenigen Tagen wieder der Eindruck vorherrschte, die Flabsburgermonarchie könne sich zu keinem Krieg aufschwingen: "Es soll auf das Resultat der Untersuchung in Sarajevo ge- 8 Broucek, Peter (Hg.): Theodor Ritter von Zeynek. Ein Offizier im Generalstabskorps erinnert sich. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2009, p. 157. 9 Ibid., p. 157 f. 10 Ibid., p. 158. 11 Shakespeare, William: Julius Caesar. Harmondsworth: Penguin 1967, p. 106. 12 Broucek 2009, p. 83. <?page no="573"?> DerSommer 1914 in der Erinnerung 573 wartet werden. Es wird dann gewiss nichts geschehen, außer sie bringen unseren Gesandten in Belgrad um".13 Und "so spielte sich bei uns in Bozen das Leben normal ab; noch am 24. Juli marschierte ich m it meinem Bataillon zu einer 24-stündigen Übung in das Gebirge bei Waidbruck"14. Am 25. kam der Befehl zur Teilmobilmachung, und am 28. schließlich erhielt Zeynek vom zuständigen Generalstabschef der Tiroler Infanterie-Division "einen Brief, der nur die Worte enthielt: 'Allgemeine Mobilisierung angeordnet.' Der Weltkrieg begann. Für das in Sarajevo vergossene Blut" floß, so fügte Zeynek in größtmöglichem Kontrast zur Lakonik der militärischen Sprache an, "ein Strom von Blut und ein Meer von Tränen, unabsehbar, ohne Ende."15So wird die allgemeine Mobilmachung zum Haltepunkt der Erinnerung daran, dass der nach den Erfahrungen der Vorjahre unwahrscheinliche Krieg schließlich doch ausbrach. * * * Edmund Glaise von Horstenau, der 1914 als Generalstabsoffiziere Dienst im Kriegsarchiv versah und der später eine politisch-militärische Karriere im Dienste des NS-Regimes machen sollte, schilderte mit dem Abstand von drei Jahrzehnten das Friedensende: "Der Juni 1914 war ein Unglücksmonat. Am 24., dem Custozatag" also an jenem Ehrentag der Armee, an dem des Sieges über das italienische Heer 1866 gedacht wurde - , "verbrannte über Fischamend ein 'Parsival-Flugzeug' in der Luft; zwei Dutzend wackerer Militärflieger kamen ums Leben."16 Eigentlich hatte es sich um den Zusammenstoß eines Flugzeugs und eines Lenkballons gehandelt, bei dem neun Menschen ums Leben gekommen waren, aber Glaise schrieb seine Memoiren viel später und vollendete sie in Erwartung seines Prozesses vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal 1945/ 46. Immerhin war ihm in Erinnerung geblieben, was er als Mitarbeiter des Kriegsarchivs zu tun gehabt hatte: "Ich musste", so schrieb er, natürlich einen Nachruf schreiben und knüpfte an den billigen Vergleich mit dem unglückseligen Ikarus an. Am Sonntag, den 28. Juni nachmittags, ging ich mit meiner M utter in dem Schönbrunner Park spazieren. Als w ir an die Ecke Grünbergstraße-Schönbrunner Straße kamen es war ein herrlicher, heißer Tag-, da stürzte uns ein Zeitungsverkäufer entgegen: Extraausgabe! Im nächsten Augenblick wusste ich, was geschehen war: Franz Ferdinand und Flerzogin Sophie in Sarajevo von einem Serben ermordet! Meine Mutter, mit dem Ins- 13 Ibid., p. 160. 14 Ibid. 15 Ibid., p. 161. 16 Broucek, Peter (Hg.): Ein General im Zwielicht. Die Erinnerungen Edmund Glaises von Horstenau. Bd. I: K. u. k. Generalstabsoffizier und Historiker. Wien, Köln, Graz: Böhlau 1980, p. 274. <?page no="574"?> 574 Günther Kronenbitter tin kt der Frau, rief sofort entsetzt: 'Das ist der Krieg! ' Ich muss gestehen, dass ich nicht so weitsichtig war, und wollte ihr ihre Besorgnis ausreden. Sie ließ aber nicht locker.17 Als Mitarbeiter des Kriegsarchivs und Freund von Offizieren aus dem Operationsbüro des Generalstabs erfuhr Glaise, dass ein Krieg tatsächlich immer wahrscheinlicher wurde. Auch die Presse nährte diesen Verdacht in ihm. Insgesamt war die Krise des Juli 1914 auch für ihn fühlbar, so meinte er im Rückblick: "Eine lange Reihe düsterer und spannungsvoller Tage folgte" auf den 28. Juni.18Am Tag der Überreichung der befristeten Note in Belgrad durch den Gesandten Österreich-Ungarns, also am 23. Juli, fuhr Glaise noch zu einem Kurzurlaub nach Salzburg, kehrte aber umgehend nach Wien zurück, als der Text des Ultimatums bekannt wurde: "Es war mir klar: das war der Krieg, wenn Serbien ablehnte, was es natürlich nur bei sicherem Beistand Russlands tun konnte. Das Unglück meiner Generation setzte ein."19 Am 25. machte er sich auf den Weg von Salzburg nach Wien: In der Eisenbahn war alles in höchster Aufregung. In Linz stieg ich aus. Da hieß es auf dem Bahnhof, Serbien habe bedingungslos angenommen. Ich wagte meinen Ohren nicht zu trauen, hätte die Nachricht aber doch zu gerne geglaubt. Schon überlegte ich, ob ich nicht mit dem nächsten Zug nach Salzburg zurückfahren sollte. Aber ich beschloss, die Reise nach Wien fortzusetzen. Ich stieg in Hütteldorf-Hacking auf die Stadtbahn über und fuhr noch spätabends in die Stadt, wo in den Kaffeehäusern die Abendblätter keinen Zweifel mehr bestehen ließen: Serbien hatte nur unter großen Vorbehalten angenommen, das heißt eigentlich abgelehnt, unser Gesandter Wladimir Freiherr von Giesl Belgrad mit dem gesamten Gesandtschaftspersonal verlassen.20 Gerüchte und Zeitungen stellten die wesentlichen Quellen dar, aus denen sich das Neue, der Weg in den Krieg ablesen ließ. Das Extrablatt fungierte als Schicksalsbote. * * * Betonte Glaise im Schatten der Niederlage 1945 seine geringe Kriegsbegeisterung 1914, so findet sich öfters die Sorge vor dem Nachgeben Österreich-Ungarns. Recht eindrucksvoll ist die Schilderung des Sommers 1914 in den Memoiren Alfred Jansas, des späteren Feldmarschallleutnants und NS-Gegners, der vor Kriegsausbruch als Generalstabsoffizier in der bosnischen Hauptstadt Dienst tat. Aus nächster Nähe hatte er als Mitglied der 17 ibid. 10 Ibid., p. 276. 14 Ibid., p. 282. 20 Ibid. <?page no="575"?> DerSommer 1914 in der Erinnerung 575 Manöverleitung den Thronfolger kennengelernt und sah am Vormittag den Salonwagen Franz Ferdinand an sich vorüberfahren, der den Erzherzog und seine Frau in Stadt transportierte: Am Morgen des 28. Juni schwang ich mich in den Sattel meines schönen ungarischen Halbblutfuchsen Ada und ritt, vom Pferdewärter auf meinem Gebirgspferd Hlap begleitet, nach Sarajevo. Als ich an die Bahnkreuzung etwa 10 km westlich von Sarajevo kam, ging gerade der Schranken nieder; es war 9h vorbei. Beim Warten dachte ich an nichts besonderes, sondern klopfte meinem Pferd den Hals, weil es Maschinen nicht liebte. Wie groß war mein Erstaunen, als plötzlich von Illidze der Hofzug mit den schönen Salonwagen angerollt kam. In der Mitte des zweiten Wagens stand der Erzherzog am offenen Fenster. Ich salutierte auf versammeltem Pferde. Der Erzherzog erkannte mich sogleich und winkte mirfreundlich und lange zu; darauf sah ich ihn noch nach hinten zu seiner Gemahlin etwas sagen; dann entschwand der Zug meinen Augen. Mein braver Pferdewärter Kern, ein Niederösterreicher aus der Gegend von Ybbs-Jauerling [also aus der Nähe von Franz Ferdinands Schloss Artstetten, G.K.] sagte etwa zu mir: 'Na so a Glück; der hat Ihna erkannt, Herr Hauptmann; und wia freundlich er war! ' Das war mein letztes, unvergessenes Bild vom Erzherzog.21 Da er den Ritt von der Eisenbahnstation Tarčin bis zur Bahnkreuzung im Trab zurückgelegt hatte, ließ Jansa nun sein Pferd im Schritt gehen und näherte sich der Stadt langsam. Als er schließlich beim Korpskommando in Sarajevo eingetroffen war, erfuhr er aus dem Munde des Korpskommandanten Appel vom gelungenen Attentat; eine Szene, die Jansa im Präsens schildert: Vor dem Korskommando sehe ich v. Appel stehen. Er läuft auf mich zu mit der Frage: 'Wann kommen endlich die Truppen, es ist Aufstandsgefahr! ' Ich machte einen Blick auf die Uhr, es ist halb 12, und antworte: 'Die 9. Gebirgsbrigade wird eben in ihr Lager einrücken, die 10. eine Stunde später hier sein. Was ist los, Exzellenz? Warum Aufstandsgefahr? Ich merkte am ganzen Wege keinerlei Anzeichen! ' Darauf Appel: 'Ja, wissen Sie denn nicht, der Erzherzog ist erschossen! ' Ich glaubte, vor Schreck vom Pferd zu fallen. Dann gebe ich dem Gaul die Sporen und galoppiere an seinem Stall vorbei direkt in den Konak. Dort ist ein Menschenauflauf und eine große Aufregung; aber man kennt mich.22 Nun erlebte Jansa im Büro Oskar Potioreks, mit welcher Ruhe der Landeschef die erforderlichen Maßnahmen traf. Die Erwartung, der Mordanschlag würde unmittelbar in den Krieg gegen Serbien münden, war, so Jansa, bei ihm und seinen Kameraden sofort da, aber dann dämpfte die langsame Untersuchung des Attentats diese Erwartung wieder.23 Es waren die Erinnerungen an die friedliche Krisenbeilegung in den Jahren 1909, 21 Broucek, Peter (Hg.): Ein österreichischer General gegen Hitler. Feldmarschalleutnant [sic] Alfred Jansa. Erinnerungen, Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2011, p. 221. 22 Ibid. 2! Ibid., p. 222. <?page no="576"?> 576 Günther Kronenbitter 1912 und zuletzt noch 1913, die dazu führten, dass an der Willenskraft der Führung gezweifelt wurde. Diese Einschätzung gehörte ganz offenkundig zum Selbstbild der militärischen Elite. * * * In den Korrespondenzen aus dem Umfeld des ermordeten Thronfolgers finden sich beispielsweise Belege für die Verzagtheit nach dem Attentat wie für das Gefühl, Franz Ferdinand sei nicht umsonst gestorben, sobald klar geworden war, dass es zum Krieg kommen würde. Im der Umgebung des Außenministers Leopold Graf Berchtold, vor allem unter seinen jüngeren M itarbeitern, herrschte gleichfalls zunächst Skepsis, dann aber auch Staunen darüber, dass sich der Minister von seinem Kriegskurs nicht abbringen ließ.24 Sektionschef Johann Graf Forgäch etwa schrieb dem Botschafter Österreich-Ungarns in Rom, Kajetan Merey von Kapos-Mere, am 8. Juli 1914: "Der Minister ist entschlossen -fa lls dieses Wort bei ihm angewendet werden d a r fdie grauenhafte Unthat von Sarajevo zu einer kriegerischen Bereinigung unseres impossiblen Verhältnisses zu Serbien zu nutzen."25 Die Nachrichten über den Kriegskurs drangen einige Tage später auch ans Ohr von Josef Redlich, dem Rechtsgelehrten und Politiker, dessen Tagebuch zu den besten Quellen der politischen Geschichte der späten Flabsburgermonarchie zählt.26Seine Informationsquelle war der Kabinettschef Berchtolds Alexander (AIek) Graf Floyos, der die wichtige, in der Geschichtsschreibung nach ihm benannte diplomatische Mission nach Berlin unternommen hatte und der sich später, im Laufe des Krieges, mehrfach selbst dafür anklagte, den Krieg angezettelt zu haben, der Österreich-Ungarn in den Untergang zu führen drohte. Redlich steht für jene Mitglieder der Machteliten, die zwar in die Vorgänge eingeweiht wurden, selbst aber keine Akteure in den Entscheidungsprozessen waren. Seine Notizen wie beispielsweise auch die Aufzeichnungen und Briefe des deutschen Militärattaches spiegeln vor allem Neugier und Aufregung des 'Adabeis'.27 Aufregung gehör- 24 Kronenbitter, Günther: "Nur los lassen". Österreich-Ungarn und der Wille zum Krieg. In: Burckhardt, Johannes u.a. (Hg.): Lange und kurze Wege in den Ersten Weltkrieg. München: E. Vögel 1996, pp. 159-187. 25 Forgach an Merey, 8.7.1914, NL Merey, Karton 10, Österreichisches Staatsarchiv, Haus-, Hof- und Staatsarchiv. 26 Fellner, Fritz / Corradini, Doris A. (Hg.): Schicksalsjahre Österreichs. Die Erinnerungen und Tagebücher Josef Redlichs 1869-1936. Bd. 1: Erinnerungen und Tagebücher 1869-1914. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2011, p. 608-617. 27 Kronenbitter, Günther: Die Macht der Illusionen. Julikrise und Kriegsausbruch 1914 aus der Sicht des deutschen Militärattaches in Wien. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 57 (1998), pp. 519-550. <?page no="577"?> D e r S o m m e r 1 9 1 4 in d e r E r in n e r u n g 577 te zum Erleben eingeweiht zu sein bedeutete zugleich, mit fieberhafter Erwartung entscheidenden Veränderungen entgegenzublicken, falls nicht doch noch die Entscheidungen verändert würden. An der Spitze von Diplomatie und Militär herrschte hingegen demonstrative Gelassenheit. Berchtold war vom Tod des Thronfolgers, dem er auch persönlich relativ nahe gestanden hatte, durchaus berührt. Dennoch bemühte sich Berchtold im Sommer 1914 um eine Haltung kühler Entschlossenheit. An Selbstdarstellung durch Publikationen begann der ehemalige Minister erst nach dem Kriegsende zu denken. Die Memoiren strahlen in Duktus und Argumentation eher das Gegenteil politischer Dramatik aus. Sie müssen aber im Kontext der Kriegsschulddebatte als Verteidigungsschriften gelesen werden, in denen die entscheidenden Größen seines politischen Handelns als schicksalhaft vorgegeben erscheinen. Die 'Macht des Schicksals' stellt den dramatischen Kern der Memoiren dar und dient der Rechtfertigung desjenigen, der zusammen m it dem Monarchen die Verantwortung dafür zu tragen hatte, dass Österreich-Ungarn einen Krieg vom Zaun gebrochen hatte, der die Habsburgermonarchie verschlingen und Europa zerrütten sollte.28 Unaufgeregtheit ist daher das Kennzeichen der Wahrnehmungsmuster und Erinnerungen der eigentlichen Entscheidungsträger. Ihnen, wie auch den Eingeweihten und den Außenstehenden, geriet die Schilderung des Sommers 1914 zur Reflexion ihrer eigenen Position im Gefüge der Donaumonarchie. Dies galt gerade auch für das Militär. * * * Dass die Militärführung ihren Sommerurlaub antrat, war auch Element einer politischen Taktik, aber eben nur auch, nicht ausschließlich. Franz Conrad von Hötzendorf, Generalstabschef und jahrelanger Mahner in der Wüste, der vergeblich zu Präventivkriege aufgerufen hatte, erklärte seinem Stellvertreter in Wien, er würde den Urlaub bei seiner Geliebten nur abbrechen, wenn der Krieg auch gewiss sei, bestimmt jedoch nicht, wenn nur sinnlose Mobilisierungsmaßnahmen wie 1912/ 13 getroffen würden. Als derjenige in der Wiener Machtelite, der schon jahrelang vor den Folgen einer zurückhaltenden Politik gewarnt hatte, erschien der Tod Franz Ferdinands vor allem als Bestätigung seiner Ansichten, denen sich der Thronfolger zumeist widersetzt hatte. Die Ermordung des Erzherzogs war die Bestätigung, Recht gehabt zu haben; Schock war sie hingegen keiner.29Zur 28 Cf. Kronenbitter, Günther: Amnesia and Rembrance-Count Berchtold on 1914. In: Contemporary Austrian Studies 23 (2014), pp. 77-90. 29 Cf. Dornik, Wolfram: Des Kaisers Falke. Wirken und Nach-Wirken von Franz Conrad von Flötzendorf, Innsbruck, Wien, Bozen: StudienVerIag ; 2013, p. 1231; Kronenbitter, Günther: <?page no="578"?> 578 Günther Kronenbitter Dramatisierung seiner Rolle und der Entscheidungen im Juli 1914 genügten Conrad daher Gesprächsnotizen und Akten, in denen er als klarer Analytiker der Sicherheitsprobleme Österreich-Ungarns in Erscheinung treten konnte. Er blieb dabei ganz der Argumentationslogik treu, die sich durch jenes Erinnerungswerk zieht, in dem Conrad aus Dokumenten und Zwischentexten das Bild seines Wirkens für die Nachwelt festzulegen versuchte und das den demonstrativ nüchternen Titel "Aus meiner Dienstzeit" trägt.*30 Eine unvollendet gebliebene Sammlung von Einsichten und Deutungen aus der Feder Conrads lässt die spezifische Variante eines fatalistischen Denkens besonders deutlich werden, die sich hinter den bis 1914 immer wieder vorgetragenen Forderungen des Generalstabchefs nach Präventivkriegen verbarg. Im Rückblick form ulierte Conrad etwa zum Attentat von Sarajevo und dessen Folgen nur: Der Zerfall des alten Reiches mochte ja im Geiste und Gange geschichtlicher Entwicklung unvermeidlich gewesen sein, uns war es Pflicht, das Schwert zu ziehen, als dessen Bestand tätlich angegriffen wurde. Es geschah durch Serbien und Rußland. Sie hatten ihren Angriff politisch schon vor Jahrzehnten begonnen, der Fürstenmord in Sarajevo war das auslösende Moment, ihn auch mit den Waffen aufzunehmen.31 Halkyonische Tage, eine Welt der Sicherheit dafür war in Conrads sozialdarwinistisch grundierter Dramatisierung internationaler Konflikte nie Platz gewesen. 1914 bedeutete nur, dass der von Conrad verlangte, von Politikern, Thronfolger und Monarch jedoch 1909 und 1912/ 13 verweigerte Krieg nun doch geführt wurde, unter verschlechterten Bedingungen zwar, aber nicht ganz ohne Siegeschance. Diese Deutung bot den Rahmen, um der Erinnerung an den Sommer 1914 eine Struktur zu geben, die zum Selbstbild der einstigen Militärelite der Habsburgermonarchie passte, der durch den verlorenen Krieg ihr Bezugspunkt abhanden gekommen war. Das Argumentationsmuster war schon vorgegeben, bevor es zum Krieg kam. Gabriel Tänczos, Österreich- Ungarns Militärattache in Athen, brachte die weltanschauliche Basis dieses Gedankengangs kurz nach dem Attentat von Sarajevo in einem Brief an Conrad auf den Punkt: "Krieg im Frieden". Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906-1914. München: Oldenbourg 2003, p. 462. 30 Conrad [von Flötzendorf], [Franz]: Aus meiner Dienstzeit 1906-1918. Bd. 4: 24. Juni bis 30. September 1914. Die politischen und militärischen Vorgänge vom Fürstenmord in Sarajevo bis zum Abschluß der ersten und bis zum Beginn der zweiten Offensive gegen Serbien und Rußland. Wien, Leipzig, München: Rikola 1923, pp. 13-161. 31 PebaII, Kurt (Hg.): Conrad von Hötzendorf. Private Aufzeichnungen. Erste Veröffentlichungen aus den Papieren des k.u.k. Generalstabs-Chefs. Wien,München: Amalthea 1977, p. 201. <?page no="579"?> DerSommer 1914 in der Erinnerung 579 Sollen w ir zuwarten, bis die Bedrohung noch greifbarere Formen annimmt? W ir müssen den 1909 versäumten Krieg gegen Serbien nachholen. Dieser Krieg braucht keine weitgesteckten Ziele zu haben: Einschüchterung des Gegners für 30 Jahre als äußeres, Hebung unseres Ansehens vor unserer eigenen teils verirrten, teils wankel- und kleinmütigen Bevölkerung als inneres Ziel. Dieser Krieg kann / : muß n ic h t: / die Einleitung einer längeren kriegerischen Epoche und der Ausgangspunkt großer Verwicklungen sein. Die Völker der Monarchie müßen das tragen und durch geraume Zeit auf die Segnungen des Friedens verzichten. Sie würden dafür den immer mehr verschwindenden kriegerischen Geist wiedergewinnen und zur Überzeugung kommen, daß nicht nur das üppige Genußleben, sondern auch der ernste Kampf um die eigenen Interessen seine Reize hat. Der Krieg würde uns über Nacht zu einem Staate machen, der es 'wagt', einen Krieg zu führen. Bei der wahnwitzigen Angst, die den Balkan ausgenommen ganz Europa vor dem Kriege hat, würde uns allein der Mut, den Krieg erklärt zu haben, ein solches Ansehen geben, daß unser Besitzstand das so bescheidene Ziel unserer äußern Politik auf Jahrzehnte hinaus gesichert wäre.32 Und er fügte abschließend hinzu: "M it der Möglichkeit des Mißerfolges habe ich nicht gerechnet: I. Da ich an den Erfolg glaube, 2. Da selbst ein parzieller [! ] Mißerfolg kaum schwere Konsequenzen haben würde, als die weitere Untätigkeit."33 Bei partiellen Misserfolgen sollte es jedoch nicht bleiben, sondern die Streitkräfte Österreich-Ungarns erlitten gleich zu Kriegsbeginn so schwere Niederlagen, dass die Habsburgermonarchie nur durch massive deutsche Unterstützung den Kampf fortsetzen konnte. * * * Viereinhalb Jahre später war der Krieg endgültig verloren und die Habsburgermonarchie zerfallen. Der Rückbezug auf die Erfahrung des zuvor schon mehrfach "versäumten" Krieges, der im Sommer 1914 unter den Militärs dazu geführt habe, auch nach dem Attentat nicht mit einem Krieg zu rechnen, bildete einen wichtigen Topos der Erinnerung an die dramatischen Tage der Julikrise. Die Experten bewiesen nach Eintreffen der Meldung über das Attentat ihre Kennerschaft in der Relativierung der Kriegsgefahr eine Haltung, die sich als falsch heraussteilen sollte. Wohl nicht zufällig blieb in einigen Memoiren den Frauen die Rolle derjenigen Zeitzeugen, die intuitiv erkannten, dass m it dem Attentat von Sarajevo eine Zäsur der europäischen Großmachtpolitik eingeleitet worden war. Ihre Erwartungen wurden wahr, nicht die der Offiziere, die in den Erfahrungen der Vorjah- 32 Tänczos an Conrad, 3.7.1914, zit. in: Kronenbitter 1996, p. 186. 33 Ibid., p. 187. <?page no="580"?> 580 Günther Kronenbitter re gefangen blieben und den Einbruch einer radikal neuen Gefahr für die Ordnung und Sicherheit der "W elt von Gestern" nicht wahrhaben konnten, ohne auf das Legitimationspotential zu verzichten, das m it dem Lamento über immer wieder "versäumten" Krieges verbunden war als Rechtfertigung des Kriegsentschlusses wie als Entschuldigung der Niederlage. <?page no="581"?> S tanislav S retenović (B eograd ) The 28 June 1914 betw een Serbian m em ory and th e construction of Yugoslav identity, 1918-1991 In this paper the author deals with symbolic and political, internal and external, aspects of the memory of 28 June 1914, during the existence of the common South Slav State as a monarchy (1918-41) and as a socialist republic (1945-91). In the Kingdom of Serbs, Croats and Slovenes/ Yugoslavia, the memory of the Sarajevo assassination was maintained on the private basis by the Yugoslav nationalists mostly from Bosnia and Dalmatia. This memory was in a constant symbolic rivalry with the memory of the Serbian peasants-soldiers who realized the victory in the First World War leading to the creation of the new state; their memory relied on the tradition of Vidovdan, the Serbian Orthodox religious holiday celebrated during the 19th century and officially supported and maintained in the Kingdom of Yugoslavia. In fact, it was a construction of Yugoslav identity at stake, in a country that had difficulties to constitute itself internally and in international scene. After 1945, the memory of the Sarajevo assassination reemerged with new ideological weight as the 'precursor of the communist revolution'. It served to legitimize the new regime in its foreign and domestic politics especially after the Tito - Stalin split of 1948. Thus, this memory has never served the appeasement of spirits during the existence of the common South Slav state. The discussions and controversies stirred up by the popular question that could be simplified as "Gavrilo Princip, a hero or a murderer? " attracted a large public and a number of specialists across Europe around the centenary of the Great War; it actually reflects the preoccupations of our time with war and peace and directly implicates Southeastern Europe. In that region, during Yugoslavia's existence (1918-1991), the memory of the Sarajevo assassination could be a stake in the internal and external policies of the common South Slavic state. Created in the aftermath of the First World War, as a consequence of Serbian war victories, the Kingdom of Serbs, Croats and Slovenians became Yugoslavia in 1929, a country which grouped Serbs, Croats and Slovenes, and several national minorities with different cultures, religions, traditions and experiences of war. This could have been a factor of weakness during internal crisis and external pressures. Many wishes and activities of the officials and citizens of that period had <?page no="582"?> 5 8 2 Stanislav Sreten ović to be addressed to make this new country viable internally and externally. Thus, one of the country's most serious problems was its national cohesion. The deadly shots fired in Sarajevo on 28 June 1914 by Gavrilo Princip, a young Serb w ith Yugoslav tendencies, citizen of Austria-Hungary, which resulted in the Austro-Hungarian declaration of war to Serbia a month later, would serve as a heroic reference for constructing a common integrative narrative that should spread across the society of the new South Slavic Kingdom. But, at the same time, the shot that Princip fired could be perceived as a criminal act menacing every legitimate ruler, the kind of act that should not be repeated. By basing our research mostly on the sources that exist in the Archives of Yugoslavia (Arhiv Jugoslavije) in Belgrade and on the writings about the Sarajevo assassination published in Politika, a Cyrillic daily newspaper from Belgrade with a nationwide distribution network, we will try to give answers to the central question, namely: what was at stake in the memory of the Sarajevo assassination during the existence of the common South Slavic state. Furthermore, we would also try to explain how the perceptions of this event evolved in relation to the internal and external policies of the country. I . The place of 28 June 1914 in the process of "national liberation and unification" After the First World War, in the Kingdom of Serbs, Croats and Slovenians (KSCS) / Yugoslavia, the Sarajevo assassination didn't attract much interest of the public and officials. Contrary to this, the date of 28 June, the Saint Vitus day (Vidovdan), was a Serbian orthodox holiday celebrated regularly, every year, just like before the war. In pre-war Serbia, it was celebrated on 15 June according to the Julian calendar that was in use at the time. From 1919 onwards, it was celebrated on 28 June according to the Gregorian calendar adopted across the new Kingdom of SCS. Vidovdan, as a religious holiday, served the honoring of all Serbian War victims beginning with the Battle of Kosovo in 1389. In the new Kingdom of SCS, Vidovdan was more about the respect for the Serbian War losses from 1912 to 1918, the period of the two Balkan Wars and the First World War. In the official ideology of the new state, the six-years-long period of war was represented as a founding event of the "national liberation and unification" process of the South Slavs.1 Thus, at the basis of the official ideology after 1918 in Cf. Sretenovic, Stanislav: Les enjeux politiques et memoriels du soldat inconnu Serbe. In: Cochet, Francois/ Grandhomme, Jean-Noel (ed.): Les soldats inconnus de Ia Grande Guerre. La mort, Ie deuil, Ia memoire. Paris: Belin 2012 (Editions SOTECA 14-18), pp. 207-239. <?page no="583"?> The 2S June 1914 between Serbian memory and the construction of Yugoslav identity 583 the Kingdom of SCS/ Yugoslavia stood a victorious Serbian soldier-peasant within a society consisting almost 90% of agrarian populace. However, the fact that the person who claimed to be Gavrilo Princip's father was a peasant didn't have any influence on the court to provide the financial aid he sought. In his letter sent to king Alexander I Karadjordjević on 28 February 1922, the farmer, signing as Milan Princip from the village of Preodac near Bosansko Grahovo, demanded financial help in the name of the merits of his son Gavrilo "who died in 1914 liberating his weary homeland from one Habsburg tyrant".2 Gavrilo Princip's alleged father didn't know the exact year and the way of his son's death (at the military prison of Terezin in 1918), but he called upon King Alexander's care for the "sons of this country" during the war years. From 1921 onwards, 28 June was symbolically linked to voting for the first Constitution of the Kingdom, which happened on the same day, known as the Constitution of Vidovdan. The king and the government wanted to represent the soldier-peasant as the pillar of the state which was designed as a parliamentary, democratic and liberal monarchy. On the occasion of 28 June 1922, several religious ceremonies were organized in Serbia to commemorate the human losses of 1912-19183. Next to an article about the ceremonies on the front page, Politika published a text which was dedicated to the first anniversary of the Constitution of Vidovdan, in the spirit of the official interpretation of this supreme legal document.4 The state did not exclusively refer to Gavrilo Princip's legacy, and his image was a contradictory one. The state's reluctance was linked not only to its domestic, but also to its foreign policies. In the post-war period, at times, particularly in discussions on German reparations (1924: Dawes Plan, 1929: Young Plan, 1931: Hoover Moratorium), several university professors and journalists from the US, Great Britain and Germany deliberating the responsibility for the outbreak of the WWI, accused Nikola Pašić's government from 1914 of being familiar with the preparations of the Sarajevo assassination.5The royal government and the Serbian intellectual elite refused every direct link between the Sarajevo assassination and the 2 Archives of Yugoslavia (AY), 74 (Court), HO: Milan Princip Njegovom Veličanstvu Kralju Aleksandru [Milan Principto His Majesty King Alexander], Sarajevo, 28 February 1922, written by hand, in Cyrillic. 3 Vidovdan [Saint Vitus Day], Politika, 28 June 1922, p. 1-2. 4 Ibid., p. I . 5 Инострани [The foreigner], Политички преглед [Political survey]. In: Српски књижевни гласник [Serbian Utterary Messenger] XIV.5 (1925), pp. 391-392; Jovanović, Jovan M.: Odgovornost za svetski rat [The responsability for the world war], Politika, 22 August 1930, p. I.; Janković, Velizar: Jedna tendenciozna kampanja [One tendentious campaign]. In: Politika, 9 July 1931, p. I. <?page no="584"?> 5 8 4 Stanislav Sretenović Great War. In fact, they were afraid that such accusations would contribute to the diminution in the percentage of German reparations agreed on in 1920, which they were satisfied with. At the same time, the Serbian war allies demanded the repayment of Serbian debts, refusing to link it to German reparations. Furthermore, the problem of German reparations and inter-allied debts reflected domestic politics: the Croats refused to participate in the repayment of Serbian war debts while the Serbs' response was that they spilled blood for the common liberation and thus deprived the Croats of paying their reparations.5 In the context of the heated discussions about the reparations and debts, which culminated in the assassination of several Croatian MPs by a Serbian deputy from Montenegro in the Parliament on 20 June 1928, the local administration in Bosnia showed interest in the financial conditions of Princip's parents. An official of the district administration (srez) in Bosansko Grahovo informed the chief of the region (veliki župan) about the names of Princip's parents (Pero and Marija), their place of residence (village of Obijaj) and their extremely poor financial situation and hard life.67 Fle reported that Princip's parents lived in an old house together with their livestock and suggested that they needed help to build a new solid home. It seems that the local official's recommendation did not have more success with the government than the letter of Princip's alleged father had in court in 1922. The attitude of the government towards the memory of Gavrilo Princip relaxed a bit after the assassination of King Alexander I in Marseilles (1934), during the government of Milan Stojadinovic (1935-39). In 1933, while King Alexander I was still alive, the group of friends and admirers of Gavrilo Princip from Bosansko Grahovo region organized themselves in Sarajevo, into a society called Krajišnik [Frontiersman], with the aim to erect a monument and a memorial center dedicated to him in Bosansko Grahovo, the capital of the district where he was born.8**11The seat of the society was in Sarajevo. It Iargelyconsisted of Serbs, including one orthodox priest and several intellec- 6 Cf. Sretenović, Stanislav: Reparacije pobeđenih, dugovi pobednika: slučaj Francuske i Kraljevine Srba, Hrvata i Slovenaca/ Jugoslavije [The reparations of the defeted, the debts of the victors. The case of France and the Kingdom of Serbs, Croats and Slovenians], In: Filozofijo i društvo I (2009), pp. 223-243. 7 AY, 66 (Ministarstvo prosvete/ Ministry of Education) 112: Izveštaj starešine sreske ispostave u Bosanskom Grahovu od 13 Vl 1928 Velikom županu Travničke oblasti, pov. br. 159, prepis [The report of th e chief of the branch in Bosansko Grahovo from the 13 June 1928 to the chief oftheTravnik region, confidential no. 159, copy], * AY, 66, 480: Pravila Krajišnik društva za podizanje doma i spomenika Gavrilu Principu u Bosanskom Grahovu [Rules of the Krajisnik society for the erection of the memorial and the monument to Gavrilo Princip in Bosansko Grahovo], Sarajevo: Štamparija Risto J. Savić 1934. 11 pp. <?page no="585"?> The 28 June 1914 between Serbian memory and the construction of Yugoslav identity 585 tuals, and published its regulations registered by the regional administration in Sarajevo in July 1934.9 It had representatives in some cities of Yugoslavia, mostly in regions with a Serbian absolute majority (Belgrade, Novi Sad, Niš), with the aim to collect voluntary donations for the planned construction. At the end of 1936, the Society's representative in Belgrade requested from the Ministry of Education a permission to collect gifts in money in primary and secondary schools across the Kingdom.10 The argument was that the planned memorial center would be the "heart of educational and cultural activity" of the district known as one of the poorest in the country. In fact, the Society could not collect the necessary money on a private basis during its three years of activity (1933-36) and hence turned to the state for help. In the Society's perception, the argument of educational and cultural progress should attract Stojadinović's government which tried to reform the whole country in crisis with strong economic and cultural activities. The Ministry of Education partly responded to the Society's demand trying not to implicate itself in the action of this private initiative. It only allowed secondary school teachers in the cities to inform students about the Society's project. The collection of donations was allowed only outside the schools by the representatives of the Society, not by the teachers.11Aside from Belgrade, the ministry's decision was sent out to the educational administration in Novi Sad and Niš,12as the centers of the Danube and Morava regions (banovine) according to the administrative reform of 1929. The exclusion of villages and regional administrative units with no Serbian majority is significant. It showed that the government perceived agricultural regions as extremely poor and not interested in projects dedicated to Bosansko Grahovo. The Ministry of Education expected that the Society would get support only from the Serbian elites in the cities of the Danube and Morava regions. Despite modest support of the Ministry of Education, during 1937, the Society did not collect the necessary amount of money. That is why, in October 1937, the Society asked directly the Prime Ministerand Minister of Foreign Affairs Milan Stojadinovic for financial support "to pay a tribute to the memory of the great hero" and to help his poor village.13 In May 1938, Stojadinović decided to give 20.000 9 Ibid., p. 11. 10 AY, 66, 480: Ilija P. Marie Ministru prosvete [Ilija P. M arićto Minister of Ecucation], Belgrade, 9 December 1936. 11 AY, 66, 480: Ministarstvo prosvete Kraljevskoj banskoj upravi [Ministry of Education to the Royal Regional Administration, Department of Education], Prosvetno odeljenje, Belgrade, 24 December 1936. 12 AY, 66, 480: Ministaistvo prosvete Upravi grada Beograda [Ministry of Education to th e Belgrade city administration], Belgrade, 25 December 1936. 13 AY, 37 (M . Stojadinović), 69: "Krajišnik" to Prime Minister, Minister of Foreign Affairs, Sarajevo, 29 October 1937. <?page no="586"?> 586 Stanislav Sretenović dinars to help the project, but a month later, he recalled his decision without explanation.11**14We can only speculate about the change in the Prime Minister's attitude; it was probably due to financial reasons. After the change of the government in February 1939 and the arrival of Dragiša Cvetković in power as Prime Minister, the Society renewed its demand for financial support for a memorial center and a monument dedicated to Gavrilo Princip in Bosansko Grahovo. In the meantime, the Society had strengthened its structure and created its board in Belgrade under the presidency of Božidar V. Marković,15 consisting of a jurist, a university professor and a politician from Serbia. The board sent three letters of demand for financial support to the Ministry of Education and Minister Stevan Ćirić personally.16 The representation of Gavrilo Princip in these letters as the "greatest Yugoslav hero" and a m artyr who died for "the goodness and the liberty of his people" did not persuade the M inistry to extend financial help. A request from September 1940 by Muhamed Mehmedbašić, one of the participants in the Sarajevo assassination of 1914, to the Ministry of War and Navy suffered the same fate.17 Mehmedbašić asked for the "volunteer" status which could bring material income according to the law in the name of his "national work linked to the self-sacrificing w ith which I contributed and helped the liberation and unification" of the country. So, according to the available sources, the state turned a deaf ear to all demands linked to the history and memory of the Sarajevo assassination. 2. The celebrations of 28 June 1914 in Sarajevo and its significance The memory of Gavrilo Princip was maintained by a private initiative w ithout decisive support by the state, which on the other hand did not object to keeping the memory alive. Pero Slijepčević (1888-1964), one of 11 Ibid. On the back side of the document on 13 May 1938 it was written by hand and signed: 20.000 din; than it was crossed out and on 11 June 1938, it was written by hand and signed: "M ister President recalled his decision to give the aforementioned help". 15 Cf. Radojević, Mira: Naučnik i političar. Politička biografija Božidara V. Markovića (1874-1946) [Scientist and Politician. A political biography of Božidar V. Markovih]. Belgrade: Filozofski fakultet 2007. 16 AY, 37, 69: Pododbor društva "Krajišnik" u Beogradu gospodinu Stevanu Ćiriču, Ministru prosvete [The board of "Krajisnik" in Belgrade to Stevan Ćirić, Minister of Education], Belgrade, 5 May 1939; Ministarstvu prosvete (to the Ministry of Education) i Poštovanom gospodinu (and to Dear Sir), nonam eand date. 17 AY, 335, 55: Muhamed Mehmedbašić to the Ministry of War and Navy, Butmir near llidža, 27 September 1940. <?page no="587"?> The 28 June 1914 between Serbian memory and the construction of Yugoslav identity 5 8 7 Princip's fellows who did his PhD at the University of Freiburg in Switzerland during the war (1917), wrote in 1918 about the importance of the private initiative in the "national work" of liberation and unification.18 In fact, after the war, the memory of Princip was actively supported by Yugoslav nationalists from ex-Austria-Hungary. From 1919 onward, they were organized in the Union o f Sokols ['Falcons'] of Serbs, Croats and Slovenes who worked on the strengthening of Yugoslav "national consciousness" by physical and moral education. The origins of this movement were in Bohemia in the second part of 19th century where the first Sokol organization tried to develop Czech national identity within the Habsburg monarchy. The movement expanded among the Slavic, i.e. particularly South Slavic, populace in the monarchy as opposed to Austrian and Hungarian influences. W ith the disappearance of Austria-Hungary, the movement strengthened its ties within and between the new Slavic states. On the occasion of the 7th Pan-Slavic Rally in Prague in 1920, the Yugoslav Sokols organized the solemn transfer of Gavrilo Princip's remains and five of his followers and helpers (Trifko Grabež, Nedjeljko Čabrinović, Jakov Milović and M itar and Nego Kerović) from the prison in Terezin (now located in allied Czechoslovakia) to Sarajevo.19The burial at the Orthodox cemetery was organized symbolically on 7 July 1920, i.e. on Saint John the Baptist Day, a holiday that has a considerable importance for the Serbian orthodox population. The funeral procession was planned to begin in front of the General Post Office Sarajevo, continue to the place of the assassination and then, through the city, head towards the cemetery in Koševo. The speeches were given by Vasilj Grđić and Lujo Novak, Yugoslav nationalists from Bosnia and Dalmatia. They called Princip and his friends "the heroes of Vidovdan" with the aim to put them symbolically at the same level with the perished peasants-soldiers of the Serbian regular army in whose memory the celebrations of Vidovdan across the country were held. The Sarajevo assassination was represented as im portant because it would start the process which led to the Yugoslav unification. Princip and his friends were represented as the protagonists of Yugoslavism20 which contributed to the "liberation and unification of our three-named people", following the example of how the history of Serbs, Croats and Slovenes was interpreted according to official ideology. The memory of Sarajevo assassination continued to be evoked by a group of war survivors, originally from Bosnia and Herzegovina, who 18 Перо Слијепчевић, Приватна иницијатива у националном раду (The private initiative in the national work), Женева, Друштво Просвета, 1918, 28 c. 19 Danas u Sarajevu [Today in Sarajevo], Politika, 7 July 1920, p. I. 20 Djokic, Dejan (ed.): Yugoslavism. Histories of a Failed Idea, 1918-1992. London: Hurst 2003. <?page no="588"?> 588 Stanislav Sretenovic supported the action of Princip at the time. The most significant were the works of Pero SIijepčević21 and Borivoje Jevtić (1894-1959). Jevtić was arrested after the Sarajevo assassination as an accomplice and spent three years in prison.22Slijepčević wrote about Vladimir Gaćinović (1890- 1917), the oldest friend of the organizers of the assassination, whom he represented as the ideologist of the whole group, le v Trotzky also wrote about the Sarajevo assassination from a Marxist point of view, inspired by his discussion with Gaćinović in Paris in 1915, in a text published in Serbo-Croatian in Vienna in 1922.23According to this interpretation, the group around Princip was not sufficiently "conscious" to carry out a social revolution. In the interwar period, the remembrance of the Sarajevo assassination took place on the occasion of 'round' anniversaries, on 28 June, every five years: in 1924 (tenth), 1929 (fifteenth), 1934 (twentieth) and 1939 (tw enty-fifth anniversary). On other anniversaries, this day was not necessarily marked. In his text A fter 10 years published on the first page of Politika, Borivoje Jevtić, a w riter and a literary critic, gave his interpretation of the Sarajevo assassination and evoked the victim, Frantz Ferdinand, calling him "one of the most explicit and most exasperated enemies of our people".24 For Jevtić it was the Yugoslav people who were, in Bosnia and other Yugoslav regions, the slaves of Austro-Flungarian imperialism. The mission of Serbia was historical and "Piemontese", and w ith its inexorable historical development it led Yugoslavia toward unification. In fact, Jevtić's interpretation was a simplified combination of Christian and Socialist views. Fle gave arguments to justify the act of Gavrilo Princip, being aware that those were not sufficient for the historians who were not involved in the field of moral interpretations. For him. Princip acted as Agnus Dei, who scarified himself for the love of oth ers, not because of personal material gain. Princip's act was necessary to awaken the consciousness of the whole society in Bosnia, which, Jevtić admitted, was generally horrified by the assassination in 1914. Making reference to Dostoyevsky's Crime and Punishment, the author of the text 21 Cf. Слијепчевић, Перо (ed.): Споменица Владимира Гаћиновића [Commemorative volum eto Vladimir Gaćinović], Сарајево: Штампарија Петра H. Гаковића 1921; Слијепчевић, Перо / Ћоровић, Владимир / Поповић, Васиљ (ed.): Hanop Босне и Херцеговине за особођење и уједињење [The effort of Bosnia and Herzegovina fo rth e liberation and unification], Сарајево: Обласни одбор Народне одбране 1929. ” Јевтић, Боривоје: Сарајевски атентат: сећања и утисци [The Sarajevo assassination: memories and impressions]. Сарајево: Штампарија Петра H. Гаковића 1923. 23 Cf. Trocki, Lav: Sarajevski atentat, pod Kotorom, kroz Albaniju [Sarajevo assassination, under Kotor, through Albania], Vienna: Edition slave 1922. 24 Jevtić, Borivoje: Posle deset godina [After ten years], Politika, 28 June 1924, p. 1-2. <?page no="589"?> The 28 June 1914 between Serbian memory and the construction of Yugoslav identity 589 argued that Princip paid for his sin by suffering in the Terezin's prison. However, on Vidovdan 1914, this young man had hinted at the first day of the new and free country. In fact, Jevtić's text was addressed to the citizens of the Kingdom of SCS in the context of the political tensions between the Serbs and the Croats. He called for homogenization around Yugoslav nationalism: as Princip showed how one should live and die for the imagined Yugoslav fatherland, once this has been achieved, the citizens should live and die for it. In this spirit of Jevtić's interpretations, articles in Politika were w ritten on 28 June 1926 and 1927.25 On 28 June 1929, in the context of the dictatorship of King Alexander, Jevtić's interest turned from Princip to Young Bosnia, a group to which the conspirators belonged.26 In his view, the assassination was now an act of Yugoslav national-revolutionary youth organized in Young Bosnia that was dissatisfied w ith the political and economic situation in Bosnia. Gavrilo Princip was only their exponent. During the dictatorship, the interpretation of the assassination as an act of a young idealist who sacrificed himself for the others could be misinterpreted by the adversaries to the personal rule of the king. Furthermore, the insistence on Yugoslav origins of the conspirators reflected Jevtić's wish to support the official ideology of "Integral Yugoslavism", the view that the Yugoslav nation-state existed, introduced from above by King Alexander after establishing dictatorship. Next to Jevtić's text on the first page, Politika published an article discussing the refusal of the Serbian army back in 1912-1913 to recruit Gavrilo Princip and his friends as volunteers. It was an argument in favor of Serbian regular army and Serbia's non-involvement in the Sarajevo assassination.27 In this text, the Yugoslav heroes of Vidovdan were the Serbian soldiers of the regular army, not the group around Princip. In fact, the most affirmative attitude towards the participants in the Sarajevo assassination existed in Bosnia, especially in Sarajevo, but it was not the result of a systematic action to shape public opinion. The memory of the Sarajevo assassination was regularly maintained by the group of Yugoslav nationalists from Bosnia and Dalmatia who before and during WWI had worked against Austria-Hungary. Among them were Vasilj Grđić, Milan Božić, Savo Ljubibratić, Hamdija Nikić and Borivoje Leontić. They cynically called themselves "the traitors who committed high treason" (veleizdaj- 25 Cf. Princip o sebi [Princip about himself], Politika, 28 June 1926, p. I; Vidovdan Gavrila Principa [Gavrilo Princip's Vidovdan], Politika, 28 June 1927, p. 1. 26 Jevtić, Borivoje: Atentatje delo mlade Bosne [The assassination is the act of Young Bosnia], Politika, 28 June 1929, p. I. 27 Krajšumović, Košta: Sarajevski Vidovdan [The Sarajevo's Vidovdan], Politika, 28 June 1929, p. 1-2. <?page no="590"?> 590 Stanislav Sretenović nici), making reference to the Austro-Hungarian trial in 1915-16, which had condemned them. They were also known as the "leaders of the liberation movement in Bosnia", making reference to their activity against Austria-Hungary before 1914. On the 2 February 1930, one day before the 15th anniversary of the death penalty of three participants in the Sarajevo assassination (Danilo llić, Miško Jovanović, Veljko Čubrilović), they organized the unveiling of a memory plaque for Gavrilo Princip at the place in Sarajevo where he committed the assassination,28 at the corner of King Petar I Karadjordjević Street known as "The Liberator" and Obala Stepe Stepanovića, Serbian army's vojvoda who entered Sarajevo in 1918. Just as with the memorial plaque set up tw o years earlier in 1928, the unveiling ceremony was organized privately, with no one representing the state, in an almost clandestine way, in presence of Princip's admirers. The reasons for the inauguration of the plaque two years after it was set up could be explained by interior politics of 1928: due to extremely tense relations between the Serbs and the Croats, it was difficult to organize such commemoration. The inauguration during the dictatorship could have served Yugoslavism proclaimed by the state. The commemoration started at the Serb-Orthodox cathedral in Sarajevo in the presence of archbishop of Bosnia, Peter, w ith a requiem for the conspirators who were condemned and executed by Austria-Hungary. After the requiem, the victims' relatives and other people visited the spot of the assassination. After tw o short talks on the heroism of Princip, given by Vasilj Grđić and a representative of the Dalmatian youth, the youngest among the Yugoslav nationalists removed the veil from the plaque. The inscription on the plaque was the following: "At this historical place Gavrilo Princip announced liberty on 15/ 28 June 1914." Thus, Princip was placed at the beginning of the liberation process, the process that had been achieved by Serbian peasant-soldiers; Princip thus obtained the same symbolical importance as them. For the authors of the plaque, the reference to the Julian and Gregorian calendars symbolized the religious equality achieved in Yugoslavia in contrast to Austria-Hungary. At the same time, the official ideology was based on the memory of the Serbian peasant-soldiers who had to become a Yugoslav Unknown Hero for whom King Alexander, a few years later, laid the first stone of the new temple on Avala mountain near Belgrade on 28 June 1934.29One month later, in August 1934, the remains of Vladimir Gaćinović, the ideologist of the national-revolutionary youth in 28 Otkrivanje spomen-ploče Gavrilu Principu [The unveil of the plaque to Gavrilo Princip], Politika, 3 February 1930, p. I.; Pomen Gavrilu Principu u Sarajevu [Commemoration to Gavrilo Princip in Sarajevo], Vreme, 3 February 1930, p. 3. 29 Cf. Sretenović 2012. <?page no="591"?> The 28 June 1914 between Serbian memory and the construction of Yugoslav identity 591 Bosnia before the war, were privately transported from Switzerland where he died in 1917 to Sarajevo where the burial was organized.30 After the assassination of King Alexander I in Marseilles in October 1934, the memory of the Sarajevo assassination was integrated into the official celebration of Vidovdan to "all Kosovo heroes and to all the fighters who fell for freedom" in the whole country. Occasionally, on 28 June, Borivoje Jevtić continued to write about Princip, laying emphasis on his suffering in the prison in Terezin.31On 28 June 1938, the celebration in Sarajevo dedicated to "all heroes of Vidovdan" was organized at the Serbian Orthodox cathedral in presence of civil and military authorities.32After the end of the official ceremony at the church, a group of citizens organized themselves and went to Princip's grave where a new religious service was held. Two separate ceremonies, one official and the other private, were organized on 28 June 1939 in Sarajevo, on the occasion of the 550th anniversary of the Battle of Kosovo and the 25th anniversary of the Sarajevo assassination.33A fe w months later, in October 1939, for the first time after 1918, high state representatives were sent to a event linked to the memory of Princip and his friends. At the end of the month, a new chapel of remembrance to the Heroes of Vidovdan, where their remains had been moved, was consecrated on Koševo Orthodox cemetery34. This new burial place was constructed w ith the financial support of the local Serbian traders and with the participation of the Serbian Orthodox Church. In the context of the beginning of the World War II, the state sent a high civil and military delegation to the chapel inauguration ceremony trying to homogenize the country wherever it was possible in the menacing external and internal situation. During the Second World War, immediately after the German occupation of Yugoslavia in April 1941, the German troops entering Sarajevo removed the plaque dedicated to Princip to offer it to Hitler as a war trophy for his 52 birthday.35 ! 0 Danas će u Sarajevu biti sahranjeni posmrtni ostaci Vladimira Gaćinovića [Today in Sarajevo will be buried the remains of Vladimir Gaćinović], Politika, 12 August 1934, p. 6. 31 Jevtić, Borivoje: Umiranje u mraku i samoći Gavrila Principa u Terezinu [The dying of Gavrilo Princip in the dark loneliness of Terezin], Politika, 28 June 1936, p. 6. 32 Proslava Vidovdana u unutrašnjosti [The celebration of Vidovdan in province], Politika, 28 June 1938, p. 3. 33 Pomen na grobu vidovdanskih heroja [The requiem on the graves of the heroes of Vidovdan], Politika, 29 June 1939, p. 2. 34 Osvećenje spomen-kapele vidovdanskim herojima [The consecration of the chapel of remembrance to the Vidovdan heroes], Politika, 30 October 1939; Mitrović, Dojčilo: Sarajevo sejuče odužilo prvim svojim borcima za slobodu [Yesterday, Sarajevo repaid a dept to its first freedom fighters], Vreme, 30 October 1939. 35 Bazdulj, Muharem: Srećan rodjendan gospodine Hitler [Happy Birthday, Mister Hitler], Vreme, 31 October 2013, p. 42 49. <?page no="592"?> 592 Stanislav Sretenović 3. The Sarajevo assassination as a precursor of Tito's Yugoslavia After 1945, the Sarajevo assassination came back into the public sphere but with a different connotation than in the monarchy. During communism in Yugoslavia, Princip was seen not only as an ordinary young and courageous man, fighting for liberty against foreign imperialism, but also as a predecessor of the communist revolution. The importance was also given to Young Bosnia36 represented in the manner of Trotsky's Marxist tradition as a predecessor-though not a 'conscious' o n e o f the Communist party of Yugoslavia which achieved the liberation of the country from foreign invaders and carried out a social revolution. Equating Young Bosnia with Princip could be explained by the wish of Yugoslav communists not to jeopardize the leader cult of the only 'true' hero of the people and the revolution: Josip BrozTito.37 The reemergence of Princip's memory came with the first partisan units that liberated Sarajevo. On 7 May 1945, one day before the capitulation of Hitler's Germany, the partisan authorities unveiled a new memory plaque for Gavrilo Princip in Sarajevo at the place of the assassination and of the plaque that the German troops had taken down in April 1941.38The new plaque had the following text inscribed in golden letters: "As a sign of eternal gratitude to Gavrilo Princip and his comrade fighters against Germanic conquerors, this plaque is dedicated to the youth of Bosnia Herzegovina. Sarajevo, 7 May 1945". The inscription established the continuity of the fight, from Princip and his friends, who in the communist discourse became comrades, to the victorious young partisans of the Second World War w ithout mentioning the contribution of the Serbian soldiers in the Great War. In fact, the new regime wanted to forget the memory of the Serbian peasant-soldiers against "the foreign invaders" during the First World War linked with the "fallen Great-Serbian bourgeoisie" whose interests, in the interpretation of Yugoslav partisans, the peasant-soldiers served. After Sarajevo, the capital of Belgrade also got memorials that made reference to Princip. In 1946, the city assembly changed the name of a street in the city center from Bosanska to Gavrila Principa.39 36 Маслеша, Веселин: Млада Босна [Young Bosnia], Сарајево: ДИП БиХ 1945. 37 Sretenović, Stanislav: The Leader Cults in the Western Balkans (1945-90). Josip Broz Tito and Enver Hoxha. In: Apor, Balazs et al. (ed.): The Leader Cult in Communist Dictatorships. Stalin and Eastern Block. London: Palgrave MacMillan 2004, pp. 208-223. 38 Cf. Bazdulj 2013. 39 Službeni glasnik, god. 2, br. 16, Beograd, 20.04.1946, p. 134. In 1957, one street in Zemun on the other side of the rivers Sava and the Danube was named after Gavrilo Princip [cf. Ćorović, Ljubica et al.: Ulice i trgovi Beograda [Streets and squares of Belgrade], vol l-ll. Beograd 2004-2005). <?page no="593"?> The 2S June 1914 between Serbian memory and the construction of Yugoslav identity 593 However, the memory of the Sarajevo assassination became a stake in domestic as well as in foreign politics of Yugoslavia only after Tito-Stalin break-up in 1948. Probably not only by chance, the resolution of Komintern against the Communist party of Yugoslavia was published symbolically on 28 June 1948. In opposition to the, up until that moment, adored Soviet ally and a role model, the Communist Party of Yugoslavia, aiming to homogenize the society under its leadership, presented the Soviet Union as a new imperialistic retrograde power that bore resemblance to Austria- Hungary and Ottoman Empire. By organizing an exhibition about the army and the liberation during the war in Sarajevo by the end of 1948, Tito's regime sent out a strong message to all internal opponents who dared to try to imitate Princip's act against the regime, that 1948 was not 1918 and that the army was ready to react owing to the loyalty of its members.40 In the context of the pressure from the Eastern Block, trying to homogenize society, the regime seized the memory of Vidovdan that remained w ithin the Serbian Orthodox Church, under attack by the Communist authorities like all others religions in the country. On 28 June, from 1951 to 1955, the ceremonies supported by the regime in honor of Princip and his comrades became a regular event in Sarajevo. On the 37th anniversary of the Sarajevo assassination a commemoration to the "Heroes of Vidovdan" was organized in 1951 at the remembrance chapel at the cemetery in Kosevo.41 It was preceded, just like before the war, by the commemoration of the "Martyrs of Kosovo" given by the archbishop of Bosnia at the Serbian Orthodox Cathedral in the center of Sarajevo. This ceremony was preceded by the unveiling of a plaque dedicated to the Orthodox archbishop executed by the Ustašas, and to "all victims of fascism" during the war. The following year, in 1952, wreaths were laid on the crypt of Princip and comrades, who were for the first time called "the Bosnia's patriots".42After that, the commemoration was organized on the spot of the assassination in the presence of local communist authorities, Yugoslav People's Army, students and the People's Youth. There were also survivors of the assassination who organized themselves into the circle called Young Bosnia. The council of Sarajevo decided to create a remembrance room in the house at the place of the assassination. After the 6th Congress of the Communist party of Yugoslavia in 1952, the party proclaimed its turning to Marxist sources and changed its name 40 Archives du ministere des Affaires etrangeres et europeennes (AMAEE), La Courneuve, Z-Europe 1944 49, Yugoslavia, 12: Jean Payartto Robert Schuman, Belgrade, 28 December 1948. 41 N. H.: U Sarajevu je održan pomen Gavrilu Principu [The commemoration was given to Gavrilo Princip in Sarajevo], Politika, 29 June 1951, p. 2. 42 N.M.: Položeni su vend na zajedničku grobnicu bosanskih rodoljuba [The wreaths were put on the common crypt of Bosnia's patriots], Politika, 29 June 1952, p. 3. <?page no="594"?> 594 Stanislav Sreten ovi ć to the Union of Communists of Yugoslavia. Marx was added to the list of the revolutionary literature that Princip and his friends had read. Princip became an inspiration for artists, poets and represented a young idealistic fighter for freedom, a model for the Yugoslav youth who the communist system counted on in the future. In fact, Princip and Young Bosnia became a model in the fight against Stalin. That is why the celebration of the 39th anniversary of the Sarajevo assassination in 1953 was particularly well prepared by the organizational committee under the authority of the Committee of the Sarajevo Communist Union.43. On 28 June 1953, the Museum of Gavrilo Princip and the Young Bosnia, the work of the architect Juraj Neidhardt, born in Zagreb and educated in Vienna, opened in Sarajevo at the house in front of which the assassination had been carried out. Inside was a bust of Princip that inspired artists and literary critiques to all sorts of artistic-political reflections that, in fact, celebrated Tito's regime44. Probably on that occasion, the plaque from 1945 was replaced by a new one that excluded the direct mention of Germanic imperialism and underlined the role of people in the struggle for freedom that was well rooted in history. The inscription was the following: "From this place on 28 June 1914, Gavrilo Princip fired a shot that stands as a symbol of the People's protest against tyranny and their secular aspirations for liberty." During the celebration, many wreaths were laid beside Princip and his friends' crypt by the authorities of Bosnia and Herzegovina and Sarajevo.45 An evening in the memory of Princip and his comrades was organized at the workers' club in presence of the members of the circle Young Bosnia. The Politika daily marked the 40th anniversary of the Sarajevoassassination in 1954 with a large number of articles on diverse aspects of the event, ranging from the history of the assassination to re-editing Veselin Masleša's work from 1940 on Young Bosnia, published for the first time in 1945 and representing the basis of the Titoist interpretation of the Sarajevo assassination.46 43 Proslava vidovdanskog atentata u Sarajevu [The celebration of Vidovdan assassination in Sarajevo], Politika, 25 June 1953, p. 4. 44 Tošović, Risto: Mi smo voljeli svoj narod [We loved our people], Politika, 28 June 1953, p. 5. 45 Položeno je više venaca na kosturnicu u kojoj su sahranjeni Gavrilo Princip i njegovi drugovi [Several wreaths were put on the crypt in which Gavrilo Princip and his comrades are buried], Politika, 29 June 1953, p. 3. 4,1 Pilja, D.: Beleške o atentatu [Notes on the Assassination], Politika, 26 June 1954, p. 4.; Masleša, Veselin: Mlada Bosna [Young Bosnia], Politika, 26 June 1954, p. 4.; Ilić, Danilo: Naš nacionalizam [Our Nationalism], Politika, T l June 1954, p. 5.; Čubrilović, Vasa: Sarajevski atentat [The Sarajevo assassination], Politika, 27 June 1954, p. 7.; Palavestra, Jovan: Princip i Gaćinović [Princip and Gaćinović], Politika, 27 June 1954, p. 7.; Kranjčević, Ivo: Terezin, Politika, 28 June 1954, p. 4.; Bogićević, Vojislav: Sudjenje atentatorima [The trial to the assassins], Politika, 28 June 1954, p. 5.; Vujasinović, Todor: "Omladina je tražila svoj put..." ["The youth searched its own way..."], Politika, 28 June 1954, p. 5. <?page no="595"?> T h e 2S J u n e 1 9 1 4 b e t w e e n S e r b ia n m e m o r y a n d t h e c o n s t r u c t i o n o f Y u g o s la v i d e n t it y 595 As the tension in the strained relations with the Soviet Union eased in 1955, the memory of the Sarajevo assassination paled into insignificance and was totally overshadowed by two state holidays with proximate dates both of which had direct reference to the Second World War: 4 July the day of the fighters of Yugoslavia and 7 July the day of the insurrection in Serbia. The memory of the Sarajevo assassination became linked to the "round anniversaries" held every ten years (1964,1974,1984). The fiftieth anniversary in 1964 was organized in Sarajevo in presence of a large number of foreign journalists and guests.47The ceremonies aspired to promote tw o ideological achievements which were the milestones of the regime's internal and external policy: self-management and non-alignment. The ceremonies laid emphasis on Young Bosnia as the predecessor of the unity of Serbian, Croatian and Muslim youth in Bosnia-Herzegovina achieved, according to the authorities, only in Tito's Yugoslavia. The house of Danilo llić, one of the conspirators, was remodeled into a memorial, and two plaques were uncovered in honor of Nedeljko Čabrinović, who attempted an assassination before Princip on 28 June 1914 and Bogdan Žerajić, whose assassination attempt in 1910 against the Austro-Hungarian governor of Bosnia-Herzegovina had failed.48The newspaper Politika became aware of its continuity ever since the period of the hated monarchy and started re-editing its texts from 1914.49 It also published historical texts with Marxist interpretations of the Sarajevo assassination.50The Sarajevo assassination marked by Politika in 1974 was characterized by the attitude that the national and social ideas of Young Bosnia were achieved only through the socialist revolution in Yugoslavia. For some young writers, the texts published by the members of Young Bosnia became the cornerstone of the whole Yugoslav modern literature.51 In 1984, on the seventieth anniversary of the assassination, Politika expressed interest in the reasons and responsibilities for the outbreak of the First World War from a historical point o f view.52 47 Gruhonjić, Asim: Mlada Bosna borac za jedinstvo srpske, hrvatske i muslimanske omladine [Young Bosnia t h e fighter fo r the unity of Serbian, Croaban and Muslim youth], Politika, 29 June 1964, p. 5. 48 Ibid. 44 Polibka pre pedeset godina-smrt Franje Ferdinanda [Polibka fifty years ago - The death of Franc Ferdinand], Politika, 21 June 1964, p. 8. 50 Gledović, Bogdan: Sarajevski atentat [The Sarajevo assassinabon], Politika, 21-29 June 1964. 51 Petrov Nogo, Rajko: Jerebci i sanjari [Flerebcs and Dreamers], Politika, 29 June 1974, p. 14. 52 Opačić, Petar: Izgovor za početak svetskog rata [The excuse for the beginning of the war], Politika, 28 June 1984, p. 4. <?page no="596"?> 596 Stanislav Sreten ovi ć Conclusion The memory of the 28th June 1914 had its periods of continuities and discontinuities in monarchist and communist Yugoslavia. However, during all periods of the common South Slavic state, this memory supported the official Yugoslav ideology. In the monarchy, this memory was maintained by a few groups of Gavrilo Princip's friends and admirers mostly from Bosnia, who organized their commemoration privately, receiving no support from the state. The state used this memory to make the country homogenous only in the context of the beginning of the Second World War. It was Communist Yugoslavia that tried to take this memory away from private groups and adapt it to its own internal and external aims. It re-emerged clearly in the context of the Tito-Stalin split-up from 1948-1955. After the reconciliation w ith the Soviet Union, festivities went on to be mentioned only during "round" anniversaries. In fact, however, this memory has never contributed to the appeasement of the spirits in the South Slavic state and became the subject of a "war of memories" during the tragedy of war in ex-Yugoslavia in the 1990s. <?page no="597"?> L jubinka P etrović -Z iemer (S arajevo ) Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip im Kontext konflikthafter Erinnerungskulturen in Bosnien und Herzegowina The paper aims to promote and advance the discourse on cultures of remembrance that address historical events in Bosnia and Herzegovina (BiH) still controversially discussed. Focusing on the period of WWI, the historical figure of Gavrilo Princip and the informal group of Mlada Bosna, the article examines how in a society that has to deal with the heritage of recent armed violence, even remote historical occurences are deeply affected by conflicting interpretations of the recent war and failed post-war expectations. The methodology used for this analysis combines theories from cultural and social memory studies that explore the function and dynamics of cultures of remembrance and politics of memory in post-conflict societies. The article is divided in four sections. The first part highlights the different approaches to the past from the perspective of history and memory studies, and assesses the need for complementing each other. This section is followed by an short overview of current politics of memory and the cultures of remembrance in BiH. The third section analyses the historical figure of Gavrilo Princip within the context of presently contested cultures of remembrance in BiH, whereas the final part explores three concrete examples of publically remembering Gavrilo Princip and Mlada Bosna in both parts of BiH. Einleitung Das vorrangige Anliegen der im vorliegenden Aufsatz dargebotenen Überlegungen und Analysen ist es, einen Beitrag zur Weiterentwicklung und Beförderung erinnerungskultureller Diskurse zu leisten, in denen konflitktbeladene und auch weiterhin kontrovers diskutierte historische Ereignisse in Bosnien und Herzegowina thematisiert werden. Dieser Artikel beansprucht daher nicht, die wissenschaftliche Forschung zum Ersten Weltkrieg m it gänzlich neuen Tatsachen und Erkenntnissen zu bereichern, sondern bedient sich vielmehr einer historischen Begebenheit aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit, um beispielhaft illustrieren zu können, wie aktuelle Geschichtspolitiken und Erinnerungskulturen in Bosnien und Herzegowina die Bewertung vergangener Epochen beeinflussen sogar noch jener, die der relativen und absoluten Vergangenheit zuzurechnen <?page no="598"?> 598 Ljubinka Petrović-Ziemer sind. Methodologisch ist diese Arbeit auf kultur- und sozialwissenschaftlich fundierte Erinnerungstheorien gestützt und durch Einsichten aus der Forschung über die Entwicklung und Rolle von Erinnerungskulturen in Nachkriegsgesellschaften erweitert. Im ersten Abschnitt werden die Unterschiede zwischen einem geschichtswissenschaftlichen und erinnerungskulturellen Zugang zur Vergangenheit kontrastiert, wobei der gegenseitige Ergänzungsbedarf hervorgehoben werden soll. Der zweite Teil bietet einen Überblick über gängige Erinnerungspraktiken in Bosnien und Herzegowina. Anschließend wird die historische Gestalt des Gavrilo Princip im Kontext konflikthafter Erinnerungskulturen in Bosnien und Herzegowina verortet. Der letzte Abschnitt analysiert konkrete Beispiele, anhand derer die Aktualisierung bzw. das öffentliche Erinnern an Gavrilo Princip und die Bewegung Mlada Bosna ("Junges Bosnien") veranschaulicht werden kann.1 1. Methodologische Abgrenzungen und Ergänzungen Das methologische Instrumentarium für meine Überlegungen, Analysen und Einschätzungen fußt auf kultur- und sozialwissenschaftlich ausgerichteten Erinnerungs- und Gedächtnistheorien (social and cultural memory studies), angereichert mit Forschungserkenntnissen über kollektives Erinnern und Gedächtnis in Nachkriegsgesellschaften. Erst jüngst hat die Anglistin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann darauf verwiesen, dass in fachspezifischen und öffentlichen Debatten über den Umgang mit Vergangenheit "[d]ie polemische Gegenüberstellung von 'Gedächtnis' und 'Geschichte' zu einem Topos der 1990er Jahre [wurde]".2 Eine Mehrzahl von Wissenschaftler/ -innen, die in ihren vergangenheitsbezogenen Untersuchungen auf historiographische Methoden zurückgreifen, begegnen Begriffen wie Erinnerung, Gedächtnis, Erinnerungskulturen, und folglich auch dem aus den Memory Studies entwickelten Methodenapparat mit sichtlicher Reserve. Von dieser Annahme ausgehend, werde ich im Folgenden die in den erwähnten Debatten als zentral erkennbaren Argumentationsstränge in Kürze nachzeichnen. Erinnerungskulturen dienen als öffentliche Vermittlungsinstanz von vergangenen Inhalten, die von der gesellschaftlichen Relevanz kollektiver Erfahrungen Zeugnis ablegen. In solch einem zwangsläufig selektiven Verfahren, so lautet eine der häufig formulierten Warnungen der Historiker/ -innen, wird Geschichtswissen auf einen begrenzten Satz von ein- 1 Alle in diesem Text verwerteten Zitate in bosnischer/ serbischer/ kroatischer oder englischer Sprache wurden von der Autorin des Aufsatzes ins Deutsche übertragen. 2 Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. München: C.H. Beck 2013, p. 22. <?page no="599"?> Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip 599 prägsamen Symbolen und Metaphern reduziert, zudem werden durch ihren Gebrauch komplexe historische Ereignisse deutlich vereinfacht dargestellt. Sehr verkürzt formuliert, stellen kulturelles Gedächtnis und Erinnerung eine dynamische Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart einer Gemeinschaft her, sie stärken das Zugehörigkeitsgefühl, soziale Loyalitäten und Solidarität, ermöglichen die Bildung von kollektiven Identitäten, bieten Orientierung für das eigene, konstruktive gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Handeln. Die vermittelten Erinnerungsinhalte setzen auf Grund ihrer identitätsstiftenden Wirkung nicht nur Selbstreflexionsprozesse in Gang, sondern betonen und rufen auch die emotionale Verbundenheit unter den Mitgliedern einer Gemeinschaft ins Bewusstsein. Die Befürworter/ innen eines geschichtswissenschaftlichen Zugangs zur Vergangenheit sind der Meinung, dass Erinnerungskulturen gerade wegen ihrer identitätsstiftenden Wirkung und emotional stark besetzten Symbolik und Gedenkkultur einen distanzierten, auf rationaler Argumentationsführung beruhenden Analysevorgang erschweren, in dem man/ frau sich den zur Verfügung stehenden Fakten zunächst mit einer gewissen wissenschaftlichen Skepsis nähert. Geschichtswissenschaften und -Schreibung beschäftigten sich mit Vergangenheit vornehmlich auf Grund eines mit wissenschaftlichen Methoden ermittelten, überprüften und bearbeiteten Datenmaterials zwecks einer systematisierenden Beschreibung und eines gründlichen Verständnisses von vergangenen Zeiten, historischen Ereignissen und Akteuren in ihrer Komplexität, Mehrdeutigkeit und wechselhaften Bezogenheit. Vor diesem Erklärungshintergrund wird in den Erinnerungskulturen ein Umgang mit Vergangenheit wahrgenommen, bei dem der Fokus sehr oft ausschließlich nur auf eine Perspektive des evozierten Ereignisses oder einer gesellschaftlichen Gruppe (z. B. Opfer) gerichtet bleibt, wodurch das wissenschaftliche Forschungsfeld und -interesse gravierend eingeengt werden muss.3 Im oben skizzierten Argumentationsverlauf scheint mir die nicht direkt vollzogene Gleichsetzung von Erinnerungskulturen und dem für deren Erforschung eingesetzten wissenschaftlichen Instrumentarium problematisch. Dies mag möglicherweise an dem negativen Urteil über den Forschungsgegenstand der Memory Studies liegen. Aleida Assmann, unermüdlich in ihren Bestrebungen um dialogisch ausgerichtete Vermittlung zwischen dem An- 3 Zu dieser Problematik siehe unter anderem Jarausch, Konrad H. / Sabrow, Martin (Hg.): Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt. Frankfurt, New York: Campus 2002; Ju reit, U lrike/ Schneider, Christian: Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung. Stuttgart: Klett-Cotta 2010; Knigge, Volkhard: ZurZukunft der Erinnerung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 25-26 (2010), pp. 10-16; Reemtsma, Jan Philipp: Wozu Gedenkstätten? In: Aus Politik und Zeitgeschichte 25-26 (2010), pp. 3-9; Giesecke, Dana / Welzer, Harald: Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur. Hamburg: Edition Köber-Stiftung 2013. <?page no="600"?> 600 Ljubinka Petrović-Ziemer schein nach unversöhnlichen Positionen und Zugängen, bewertet die Fachkritik der Kolleginnen und Kollegen als eine erforderliche und hilfreiche Bündelung ernsthafter interdisziplinärer Probleme und Missverständnisse. Nach Assmann wird in Gedächtnis- und Erinnerungstheorien das Bedürfnis Einzelner ernstgenommen, nämlich in einem oder mehreren Kollektiven zu leben und sich ihnen zugehörig zu fühlen, Beziehungen aufzubauen, die durch gemeinsame Erfahrung in der Vergangenheit und Gegenwart geprägt sind und die ihnen eine Legitimationsbasis für ihre Existenz und Gemeinschaft liefern. Kollektive und individuelle Identitätsbildung ist nicht möglich ohne Rückgriff auf Geschichtsbewusstsein und -wissen sowie das kulturelle Gedächtnis. Die Memory Studies bezeichnen in Assmanns Auslegung einen Meta-Diskurs und ein Instrumentarium, mit dem gedächtnisgestützte und erinnerungskulturelle Konstruktionen einer kritischen Analyse unterzogen werden, die von der Überzeugung getragen wird, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit der Vergangenheit und Inhalten öffentlicher Erinnerungskulturen in wissenschaftlich validierten historischen Fakten verankert sein muss. Es ist die Aufgabe der Geschichtswissenschaften wie auch der Memory Studies, Entwicklungen und den öffentlichen Gebrauch von Mnemokulturen fachlich und kritisch zu begleiten. Assmann ist ferner der Überzeugung, dass eine Geschichtswissenschaft und -Schreibung, die neben sich keinen anderen Weg zulässt, mit der Vergangenheit in ein dialogisches Verhältnis zu treten, sich selbst zum Zweck wird und die Geschichte ihrer Kollektive und Gemeinschaften enteignet, in denen sie entstanden ist und gedeutet wird.4 Die hier in komprimierter Form angedeuteten kritischen Bemerkungen der Flistoriker/ -innen werden im weiteren Verlauf meiner Arbeit Berücksichtigung finden, um zu versuchen, einen einseitigen Blick auf die Vergangenheit zu vermeiden. Gleichzeitig ist es ein Anliegen der nachfolgenden Analysen und Einschätzungen, das wissenschaftliche Potential der Erinnerungstheorien zu unterstreichen, welches das Spektrum an Perspektiven auf belastende Vergangenheiten erweitert, mit denen gegenwärtig auch die bosnisch-herzegowinische Gesellschaft konfrontiert ist. 2. Erinnerungkulturen in der bosnisch-herzegowinischen Nachkriegsgesellschaft Der Umgang mit der Vergangenheit und ihr diesbezügliches Deutungsangebot sind relativ verlässliche Aussagen über die Bedürfnisse, Prioritätensetzungen und Erfahrungen der Gegenwart sowie der jüngsten Vergangenheit 1 Vgl. Assmann 2013. <?page no="601"?> Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip 601 einer Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist daher eine Handlung, der es immanent ist, ausschließlich von einer Gegenwartsperspektive aus vollzogen zu werden, mit der Absicht, den verfügbaren Faktenbestand über die Vergangenheit zu rekonstruieren, (re-)interpretieren und (neu) zu bewerten. Vor diesem Hintergrund soll dieser Abschnitt einen Einblick in die aktuellen, von den Kriegserlebnissen der 1990er Jahre hochgradig geprägten Erinnerungskulturen und -praxen in Bosnien und Herzegowina (BiH) bieten. Zudem geben im öffentlichen Raum wirksame Erinnerungsmuster Aufschluss über die mögliche Reichweite, die mit der Aufarbeitung von schwieriger Kriegsgeschichte vorläufig erzielt werden kann. Erinnerungskulturen in der Kriegs- und Nachkriegszeit von Bosnien und Herzegowina sind Symptome unserer tie f gespaltenen Gesellschaft. Dem amerikanischen Soziologen Louis Kriesberg zufolge manifestiert sich diese Gespaltenheit in folgenden Erscheinungen (Erwähnung finden hier nur diejenigen, die auch für BiH kennzeichnend sind): die Relativierung oder das Leugnen von Kriegsverbrechen, die Dominanz einander ausschließender Identitätskonzepte gegenüber offenen und plural angelegten Modellen, ein noch nicht vereinbarter Minimalkonsens darüber, was sich im Krieg ereignet hat, und demzufolge die Koexistenz mehrerer diametral entgegenstehender Kriegsnarrative.5 Experten, die der Frage nachgehen, wie Mechanismen von Übergangsgerechtigkeit (Transitional Justice) und Erinnerungskulturen Konflikte in Nachkriegsgesellschaften transformieren können, fügen dem oben angeführten Merkmalkatalog noch weitere Elemente hinzu: Misstrauen in Staatsinstitutionen und politische Eliten, gescheiterte Verhandlungen über vitale Angelegenheiten, ein vollständiges oder partielles Missachten des gemeinsamen Staates, vereitelte Erwartungen in der Nachkriegszeit, wie beispielsweise die Wiederherstellung von Gerechtigkeit und Schuldannahme.6 Anlehnend an eigene Forschungsergebnisse7 über Vergangenheitsaufarbeitung, könnte die Liste durch einige präzisierende Beispiele aus der hiesigen Wirklichkeit vervollständigt werden, die den Prozess der Friedenskonsolidierung im Land verzögern: die Rückkehr ehemaliger für Kriegsver- 5 Kriesberg, Louis: External Contributionsto Post-mass-crime Rehabilitation. In: Pouligny, Beatrice / Simon Chesterman / Schnabel, Albrecht (Hg.): After Mass Crime. Rebuilding States and Communities. Tokyo, New York, Paris: UN University Press 2007, pp. 243-270. 6 Vgl. Boraine, Alexander: Transitional Justice. A Holistic Interpretation. In: Journal fo r International Affairs 60 (1/ 2006), pp. 17-27; Greift, Pablo de: A Normative Conception of Transitional Jusitice. In: Politorbis. Zeitschrift fü r Aussenpolitik No. 50 (3/ 2010), pp.17-30; Sisson, Jonathan: A Conceptual Frameworkfor Dealing with the Past. Ibid., pp. 11-16. 7 Vgl. Fischer, Martina / Petrović-Ziemer, Ljubinka (Hg.): Dealing with the Past in the Western Balkans. Initiatives for Peacebuilding and Transitional Justice in Bosnia-Herzegovina, Serbia and Croatia. Berlin: Berghof Foundation 2013 (Berghof Report 18). <?page no="602"?> 602 Ljubinka Petrović-Ziemer brechen Verurteilter nach der verbüßten Gefängnisstrafe in ihre Wohnorte der Vorkriegszeit und die Fortsetzung ihrer Fleroisierung, die selektive Annahme von Gerichtsurteilen über Kriegsverbrechen, die intergenerationelle Übertragung von Kriegstraumata und ethnisch geteilte Schulen, von denen laut einer Untersuchung des Menschenrechtszentrums an der Universtität zu Sarajevo in der Föderation von Bosnien und Flerzegowina aktuell 42 in Betrieb sind.8 M it diesen Charakterisierungen ist zugleich der gesellschaftlich-politische Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen sich Erinnerungspraxen und Geschichtspolitiken in BiFI entfalten. Bestimmend für die Entstehung von Erinnerungskulturen seit den 1990er Jahren sind Umbruchssituationen und traumatische Ereignisse wie der Zerfall der SFR Jugoslawien, der Sieg der nationalistischen Parteien bei den ersten Mehrparteienwahlen und der Ausbruch des Kriegs, der in einem Völkermord kulminierte. In Krisenzeiten wird das kulturelle Gedächtnis reorganisiert und den Bedürfnissen und Strategien der neuen herrschenden Eliten angepasst. So folgen die offiziellen Geschichtspolitiken seit dem Krieg im wesentlichen dem ethnonationalen Paradigma. Der Prozess der Memorialisierung begann schon im Krieg. In seinen Untersuchungen über Geschichtspolitiken in BiFI und dem offiziellen Umgang mit dem Erbe des Volksbefreiungskampfes und des Zweiten Weltkriegs hält der Flistoriker Darko Karačić fest, das revisionistische Verhältnis gegenüber der Ideologie des kommunistischen Regimes habe schon mit dem Wahlsieg der nationalistischen Parteien eingesetzt. Der Regimewechsel wurde begleitet von einer Beseitigung "visueller Erinnerungsspuren an die bestehenden Narrative, wie z. B.: die Umwidmung von Gedenkstätten und Museen, die Verwahrlosung und Zerstörung von Denkmälern und Gedenkanlagen sowie die Umbenennung von Staßen, deren Namen an Ereignisse und Persönlichkeiten aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern und vom sozialistisch-jugoslawischen Regime als relevant erachtet wurden."9 Das Verhältnis der post-jugoslawischen Länder gegenüber der kommunistischen Vergangenheit hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten gewandelt und wird zunehmend durch Versuche verkompliziert, faschistoide Politiken und militärische Einheiten aus dem Zweiten Weltkrieg zu rehabilitieren, indem zugleich eine angebliche Kontinuität zwischen dem antifaschistischen Kampf der Partisanen mit dem Kampf der neu gebildeten Armeen in den 1990er Jahren für die staatliche bzw. nationale Souveränität konstruiert wird. 8 Vgl. Madacki, Šaša / Karamehić, Mira (Hg.): Dvije škole pod jednim krovom. Studija o segregaciji u obrazovanju. Sarajevo: Centar za ljudska prava Univerziteta u Sarajevu/ ACIPS 2012. 9 Karačić; Darko: Od promoviranja zajedništva do kreiranja podjela. Politike sjećanja na partizansku borbu u Bosni i Hercegovini nakon 1990. godine. In: Ders. / Banjeglav, Tamara / Govedarica, Nataša: Re: vizija prošlosti. Politike sjećanja u Bosni i Hercegovini, Hmatskoj i Srbiji od 1990. godine. Sarajevo: ACIPS/ Friedrich-Ebert-Stiftung 2012, pp. 17-89, Zit. p. 23. <?page no="603"?> Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip 603 lm letzten Jahr veröffentlichte das Balkan Investigative und Reporting Network (BIRN) eine Studie über Memorialisierungsprozesse auf dem westlichen Balkan und stellte fest, dass allein in BiH seit Kriegsausbruch mehrere hunderte Denkmäler errichtet wurden, um an Ereignisse des jüngsten Krieges zu erinnern. Die Denkmäler werden prinzipiell für das Gedenken an Opfer und gefallene Soldaten ausschließlich einer nationalen Gruppe erbaut. Zum jetzigen Zeitpunkt wird von offizieller Stelle keine einzige gemeinsame Gedenkfeier für zivile Kriegsopfer aller ethnischer Gemeinschaften organisiert. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass eine auffällig kleine Zahl von gemeinsamen Memorials errichtet wurde, wie beispielsweise das Denkmal für die während der Belagerung von Sarajevo getöteten Kinder. Die von BIRN durchgeführten Untersuchungen,10 die Studien der Expert/ -innen-Gruppe für Transitional Justice des Justizministeriums von BiH11 sowie des Universitätsdozenten für Übergangsgerechtigkeit, Goran Šimić,12 belegen, dass der unkoordinierte, unkontrollierte und ausufernde Bau von Denkmälern und Gedenkstätten sowie das Anbringen von Gedenktafeln im öffentlichen Raum die Spannungen, vor allem in Gegenden mit Rückkehrer/ -innen, nur noch erhöhen. Auch wenn Denkmäler und Gedenkfeiern für die einzelnen Erinnerungsgemeinschaften eine symbolische Wiedergutmachung darstellen, erschweren sie gleichzeitig vertrauensbildende Prozesse in ethnisch geteilten Gemeinden. Erwähnt seien an dieser Stelle nur kurz einige problematische Erinnerungspraxen. Der Denkmalbau und das Anbringen von Gedenktafeln für die jeweils eigenen Opfer und gefallenen Soldaten an Orten, an denen Bürger/ -innen anderer Nationalitäten (z. B. das ehemalige Todeslager "Trnopolje")13 zu Opfern von Verbrechen wurden, und in Schulen mit 10 Dievom BIRN Team emelten Foischungsiesultatewurden der Öffentlichkeit im Juni 2013 in Sarajevo unter dem Titel "Stihija gradnje spomenika na Balkanu" vorgestellt. Die Analyse über Memorialisierungsprozesse in den post-jugoslawischen Ländern ist unter folgendem Link zugänglich: http: / / www.balkaninsight.com/ is/ article/ stihija-podizanja-spomenika-na-balkanu. 11 Ministarstvo za ljudska prava i izbjeglice Bosne i Hercegovine i Ministarstvo pravde Bosne i Hercegovine: Strategija tranzicijske pravde u Bosni i Hercegovini. Sarajevo 2012. Die veröffentlichte Arbeitsversion ist unterfolgendem Link abrufbar: http: / / www.mpr.gov.ba/ aktuelnosti/ propisi/ konsultacije/ Strategija%20TP%20-%20bosanski%20jezik%20fin%20doc.pdf. 12 Šimić, Goran: Suđenja za ratne zločine u Bosni i Hercegovini. Sarajevo: Dobra knjiga 2013. 13 Ein notorisches Beispiel für solch eine diskriminierende und revisionistische Praxis ist das für serbische gefallene Soldaten errichtete Denkmal im ehemaligen Todeslager "Trnopolje" bei Prijedor, in dem überwiegend bosniakische und kroatische Bürger/ -innen gefangen gehalten, gefoltert und getötet wurden. Vgl. hierzu das ICTY Gerichtsurteil: Presuda Međunarodnog krivičnog suda za bivšu Jugoslaviju "Kvočka et al. Logori Omarska, Keraterm i Trnopolje". Predmet br. IT-98-30/ 1T, Den Haag 2. 11. 2001, http: / / www.icty.Org/ x/ cases/ kvocka/ tjug/ bcs/ 011102.pdf. <?page no="604"?> 604 Ljubinka Petrović-Ziemer Rückkehrer/ -innenkindern wird sehr oft als Strategie eingesetzt, um eigene Kriegsverbrechen zu verschleiern und als Methode, Menschen anderer ethnischer Zugehörigkeiten erneut öffentlich zu demütigen und sie einzuschüchtern. Verwiesen wird in den angeführten Studien ebenfalls auf Gedenktafeln m it verletzendem und inakzeptablem Inhalt, weil über ihn tendeziell eine Kollektivierung von Schuld und die Kriminalisierung einer ganzen Volksgruppe vorgenommen wird. M it solchen öffentlichen erinnerungskulturellen Praktiken wird im Grunde genommen der Prozess der Individualisierung von Schuld revidiert, der in erster Linie durch die strafrechtliche Verfolgung von Kriegsverbrechen initiiert wurde. Vor diesem Hintergrund erhalten solche Gedenktafeln den Status eines öffentlichen und dauerhaften Dokuments m it zweifacher Funktion: zu erinnern und anzuklagen. Die gesellschaftliche Akzeptanz einer Kollektivschuldthese erzeugt und erhält eine Atmosphäre eines fehlenden Rechtsschutzes auch für unschuldige Bürger/ -innen. Ein bekannteres Beispiel für die Praxis selektiv gewährten Rechtsschutzes ist der ehemalige, damals minderjährige Soldat der Armee der Republika Srpska Dragan Opačić, der am 16. Mai 1995 vom Hohen Gericht in Sarajevo ohne Beweismaterial und valide Zeug/ -innenaussagen wegen Genozids und Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung im Todeslager "Trnopolje" bei Prijedor verurteilt wurde.11**14 Parallel zu den offiziellen Geschichtspolitiken und Erinnerungskulturen haben sich vor allem in der Zivilgesellschaft auch Bürger/ -innen-lnitiativen herausgebildet, die als alternative Erinnerungmodelle wahrgenommen werden können. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe "Jer me se tiče" ("Denn es geht mich etwas an"), die ungefähr 50 Initiativen und junge Menschen aus ganz BiH versammelt. Primäres Ziel dieser Vereinigung ist es, der zivilen Kriegsopfer zu gedenken, ungeachtet ihres ethnischen und religiösen Hintergrunds. Am 27. April 2013 besuchten einige junge Menschen ehemalige Lager auf dem gesamten Territorium von BiH, und zwar in Hadžići, Čelebići, Jablanica und Dretelj; in der Nacht von Freitag auf Samstag, den 25. Oktober 2013, bringt "Jer me se tiče" drei Gedenktafeln für zivile Opfer von Kriegsverbrechen in Foča, Konjic und Bugojno an. Vertreteter/ -innen der dortigen Stadtverwaltung veranlassten, dass die Gedenktafeln wieder entfernt wurden. Die Initiative setzt allerdings ihre öffentlichen Aktionen fort. Das Hauptmotiv solcher Initiativen ist die Solidaritätsbezeugung mit und Unterstützung von 11 Sogar Blanko Todorović, der Leiter des Helsinki Committee for Human Rights in Bijeljina, hat öffentlich darauf hingewiesen, dass das schwerwiegende Urteil gegen Opačić auf mangelhaftem Beweismaterial beruht. Die Kronzeug/ innen, selbst Lagerüberlebende, konnten nicht bestätigen, dass der Verurteilte die Verbrechen verübt hat, für die er belangt wurde. M ehr hieizu Marie, B.: Odbio da lažno svedoči u Hagu. In: Glas javnosti, 24.05.2000. <?page no="605"?> Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip 605 Kriegsopfern, das Bedürfnis, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, sich öffentlich den Strategien des Leugnens zu widersetzen und sich zu den Verbrechen, die von Angehörigen der eigenen Gemeinschaft verübt wurden, kritisch zu verhalten.15Das Engagement solcher und ähnlicher Initiativen, integrative Erinnerungskulturen m it zu gestalten, beruht auf einer normativen Bestimmung, die der deutsche Politologe Jan-Werner Müller eine "Ethik des Erinnerns"16 nennt. Auf der Grundlage der hier skizzierten Problemlagen gelten die offiziellen Geschichtspolitiken und Erinnerungskulturen in BiH auch weiterhin als regressiv. Laut dem Soziologen und Anthropologen HeribertAdam 17befinden sich Erinnerungskulturen in Nachkriegsgesellschaften in einem langen Wandlungsprozess vom regressiven zum progressiven Erinnern und Gedenken. Allerdings lässt sich bei einigen dieser Gesellschaften beobachten, dass sie auch Jahrzehnte nach einem ausgehandelten Waffenstillstand die Schwelle vom regressiven zum progressiven Vergangenheitsbezug nicht überschreiten, so dass die Auseinandersetzung m it der Vergangenheit in einen verlängerten Kampf um Existenzberechtigung und politischer Partizipation ausartet. In regressiven Erinnerungskulturen und Geschichtspolitiken wird Geschichte zu einem Fundus umfunktionalisiert, aus dem jene Segmente isoliert werden, die sich als dienlich erweisen, um Erfahrungen von Viktimisierung, Märtyrertum und Heldentum des eigenen Kollektivs m it vergleichbaren geschichtlichen Erfahrungen und Konstellationen in ein Analogverhältnis zu überführen. Parallel dazu werden Ausschnitte aus der Geschichte hervorgehoben, mit denen sich die These vom Anderen als der beständigen Gefahren- und Angstquelle rechtfertigen lässt. Der deutsche Soziologe Harald Welzer behauptet, dass Erinnerung, die per definitionem eine dreistellige Relation von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist, unter bestimmten Umständen einseitig enggeführt werden kann, und er schlussfolgert: "Wenn eine solche Vereinseitigung stattfindet, schrumpft der Zukunftshorizont und weitet sich im selben Maß die Vergangenheitsbezogenheit."18 Im Gegensatz dazu erwachsen progressives und kritisches Erinnern aus einem distanzierten und analytischen Verhältnis zur eigenen Ver- 15 Mehr Informationen über die Organisation "Jer me se tiče" und ihren Aktivitäten unter folgendem Link: https: / / www.facebook.com/ jermesetice. 16 Müller, Jan-Werner: Introduction. The Power of Memory, the Memory of Power and the Power over Memory. In: Dens. (Hg.): Memory and Poweron Post-War Europe. Studies on the Presence of the Past. Cambridge: University Press 2002, pp. 1-35, Zit. p. 31. 17 Adam, Heribert: Divided Memories. How Emerging Democracies Deal with the Crimes of Previous Regimes. In: Karstedt, Susanne (Hg.): Legal Insbtubons and Collecbve Memories. Oxford, Portland: Hart 2009, pp. 79-100. 18 Giesecke / Welzer 2013, p. 18. <?page no="606"?> 606 Ljubinka Petrovic-Ziemer gangenheit. Eines der Anliegen einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist es, begangene Ungerechtigkeiten zu ermitteln und Verantwortung für das zugefügte Leid zu übernehmen, um Vertrauen als Grundvoraussetzung für die Gestaltung einer sicheren Zukunft wieder aufzubauen zu können. Dieser Weg kündigt nach dem irischen Politologen und Friedensforscher David Bloomfield eine Entwicklung von einer "geteilten Vergangenheit zur gemeinsamen Zukunft"19 an. In Studien, die an der Schnittstelle von Memory Studies und Konfliktforschung angesiedelt sind, wurden mehrere Modelle ausgearbeitet, um einen Ausweg aus dem circulus vitiosus der Regression vorzuschlagen. Adam kommt zum Schluss, dass in Fällen, in denen sich die regressive Phase über Jahrzehnte erstreckt und die Last der Vergangenheit auf die jüngeren Generationen übertragen wird, eine Trennung der politischen Einheiten ernsthaft zu erwägen wäre, somit Perspektiven für eine geteilte, wenn schon nicht für eine gemeinsame Zukunft eröffnend. Wird eingeschätzt, dass eine Teilung den Schaden potentiell erhöhen könnte, sollte versucht werden, in Verhandlungsbemühungen ein für alle Konfliktparteien akzeptables Maß an Erinnern und Stille festzulegen, um Möglichkeiten für das Ausbrechen von paralysierenden Retraumatisierungen zu reduzieren. Untersuchungenderdeutschen Friedens-und Konfliktforscherin Susane Buckley-Zistel (Universität Marburg) zufolge haben beispielsweise Mitglieder von einigen ethnisch geteilten Gemeinden in Ruanda beschlossen, das öffentliche Gedenken an die Genozidopfer wegen des Zusammenlebens und der Zukunft ihrer Kinder auf eine jährliche Gedenkfeier zu beschränken. Diese bewusst getroffene Entscheidung für ein minimales öffentliches Erinnnern, oder in den Worten von Buckley-Zistel für eine "bewusst gewählte Amnesie",20, sollte keinesfalls mit Strategien des Leugnens gleichgesetzt werden. Nach einer Phase des Schweigens oder Leugnens sollten sich Gesellschaften, so Aleida Assmann, einem "dialogischen Erinnern"21 zuwenden. Dieses ist als kommunikativer Zustand zu beschreiben, in dem die einst verfeindeten Seiten die eigenen Verbrechen und die Opfer dieser Untaten in ihr kolletives Gedächtnis integrieren. Zudem betont Assmann die Möglichkeit, in einem Dialogprozess zur Einsicht 19 Bloomfield, David: On Good Terms. Clarifying Reconciliation. Berlin: Berghof Research Cente rfo r Contructive Conflict Management 2006, p. 7. 20 Buckley-Zistel, Susanne: Between Pragmatism, Coercion and Fear. Chosen Amnesia afterthe Rwandan Genocide. In: Assmann, Aleida &Shortt, Linda (Fig.): Memoryand Political Change. Hampshire, New York: Palgrave Macmillan 2012, pp. 72-88. 21 Assmann 2013. Ausführlicher zum Umgang mit traumatischer Vergangenheit Kapitel 7: "Vier Modelle für den Umgang mit traumatischer Vergangenheit", pp. 180-203. Zum dialogischen Modell siehe pp. 195-203. Vgl. auch Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: C.H. Beck 2006. <?page no="607"?> Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip 607 gelangen zu können, dass die Verhältnisse von Dominanz und Unterordnung sowie die Opfer-Tater-Konstellationen im Laufe der gemeinsamen Geschichte von einem steten Wechsel gekennzeichnet waren. In solchen Fällen wäre es laut Assmann erforderlich, die Thesen von einer historisch begründeten Kontinuität von Täter- und OpferkolIektiven zu revidieren. In Zeiten ausbleibender Dialogbereitschaft sollten nach Expert/ -innen wie Boraine,22 Misztal,23Teršelić,24 Dan Bar-On,25 Levy und Sznaider26um nur einige zu nennen - , jene gesellschaftlichen Akteure gestärkt werden, die sich bemühen, Gegen-Erinnerungen in den öffentlichen Raum einzuführen, da in ihnen meist die aus der offiziellen Erinnerungskultur bereinigten Kriegsereignisse, da diskreditierend für das eigene Kollektiv, evoziert werden. DesWeiteren werden integrative und multiperspektivische bzw. multivokale mnemonische Modelle suggeriert. Der integrative Zugang ist auf Gedenkkulturen zugeschnitten, die allen zivilen Kriegsopfern Ehre erweisen möchten, während das multiperspektivische Konzept Räume eröffnet für die Präsentation und Gegenüberstellung divergierender Interpretationen über umstrittene Ereignisse in der Vergangenheit. 3. Die Geschichtsfigur Gavrilo Princip und seine Kontextualisierung im Rahmen der aktuellen Erinnerungskulturen in BiH Bei dem Versuch, das Jubiläumsgedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Kontext der aktuellen Mnemokulturen zu verorten, werde ich mich auf die Gestalt des Gavrilo Princip und die Bewegung der Mlada Bosna beschränken. Ein Blick auf die öffentlichen Debatten um die Vorbereitung der Gedenkveranstaltungen offenbart, dass Prinicip als ideale Projektionsfläche für zahlreiche ungeklärte Dilemmata unserer Gegenwart fungiert. Nach Beendigung des jüngsten Kriegs in BiH bleiben die Schuldfrage und die Übernahme von Verantwortung auch weiterhin offen und sind immer noch ein Stein des Anstoßes in der inter-ethnischen Kommunikation. Es verwun- 22 Vgl. Boraine 2006. 23 Misztal, Barbara: Theories of Social Remembering. Maidenhead, Philadelphia: Open University Press 2003. 24 Teršelić, Vesna: Uvod u suočavanje s prošlošću. In: Bužinkić, Emina (Hg.): Rad na suočavanju s prošlošću. Zagreb: Documenta 2012, pp. 10-15. 25 Bar-On, Dan: Die "Anderen in uns". Dialog als Modell der interkulturellen Konfliktbewältigung. Sozialpsychologische Analysen zur kollektiven israelischen Identität. Hamburg: Edibon Köber-Sbftung 2001. 26 Levy, Daniel / Sznaider, Natan: Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust. Frankfurt a. M: Suhrkamp 2007. <?page no="608"?> 608 Ljubinka Petrović-Ziemer dert daher nicht, dass aus dem Fragenkatalog, der nun mehr als ein Jahr in den öffentlichen Debatten und Polemiken kursiert, die stärkste emotionale Ressonanz und Kontroversen gerade Fragen nach der Schuld Serbiens für den Ersten Weltkrieg, der politischen und nationalen Identität Gavrilo Princips, der politischen Ziele und Motive der Mlada Bosna und ihrer Beziehung zur terroristischen Organisation Ujedinjenje ili sm rt auslösen. Der Leiter des Instituts für Geschichte in Sarajevo, Flusnija Kamberović, gab nur einige Wochen vor der Eröffnung einer von ihm mit organisierten internationalen Historiker/ -innen-Konferenz unter dem Titel "Der Ort des Ersten Weltkriegs in der europäischen Geschichte"27 ein Interview für die Tageszeitung Oslobođenje, in dem er die Tagungsziele präzisierte, nämlich unter anderem sich über viele offene Fragen und divergierende Interpretationen auszutauschen. Kamberović selbst charakterisiert die Mlada Bosna als eine informelle, gemischte Organisation mit offener Strukur. Bei der Beschreibung Princips betonte er seine körperliche Schwäche, die angeblich Geltungsbedürfnisse generiert, und seine Verblendung durch den serbischen Nationalismus.28 In seinen weiteren Auslegungen vergleicht Kamberović Princip mit Mevlid Jašarević, dem Mitglied der wahhabitisehen Bewegung, der am 28. Oktober 2011 einen Angriff auf die amerikanische Botschaft in Sarajevo verübte: "Mevlid Jašarević hat auf die amerikanische Botschaft geschossen, hat niemanden umgebracht, aber seine Tat wurde als eine terroristische eingestuft, während Gavrilo Ferdinand und seine Frau getötet hat, und dabei soll nun bewiesen werden, dass es sich nicht um Terrorismus handelte."29 Gavrilo Princips Selbstaussagen über seine jugoslawische Identität, schätzt der Flistoriker aus Sarajevo als unglaubwürdig ein: "Princip hat im Gerichtsprozess davon gesprochen, dass er Jugoslawe sei, aber wer glaubt schon Aussagen vor Gericht. Auch Milošević erklärte, er habe für Jugoslawien gekämpft, und wir alle wissen doch, wie dieses Jugoslawien ausgesehen hat."30 In Anbetracht der Tatsache, dass Meinungen akademischer Autoritäten in der breiteren Öffentlichkeit über (wenn überhaupt) medial verm ittelte Auftritte, seltener durch aufmerksame Lektüre von wissenschaftlichen Aufsätzen, rezipiert werden, verdienen Aussagen dieser Art, die dazu in 27 Die Konferenz wurde vom 18.-21.6.2014 in Sarajevo abgehalten. 28 Kamberović beschreibt die "Mlada Bosna" folgendermaßen: "Die Mlada Bosna hatte keine feste Idee, sie war eine Gruppe von unterschiedlichen jungen Männern, physisch wie intellektuell waren die einen kräftiger, die anderen schwächlicher. Nun, Gavrilo gab im Großen und Ganzen eine schwächliche Figur ab, [...]. Er unterlag dem Einfluss der nationalistischen Rhetorik einiger Kreise in Serbien." Kamenica, Edina: Intervju. Flusnija Kamberović. Sarajevski atentat je (samo) povod. In: Oslobođenje, 24./ 25.05.2014, pp. 26-29, Zit. p. 28. 29 Ibid., p. 28f. 50 Ibid., p. 29. <?page no="609"?> Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip 609 einer der meistgelesenen Tageszeitungen abgedruckt erscheinen, Aufmerksamkeit, da sie öffentliche Meinungsbildung befördern und steuern (können). Kamberović zieht oberflächliche und assoziative Analogien zwischen Princip und Jašarević und versäumt dabei, tiefere Einsichten in Differenzen und Ähnlichkeiten zwischen den historischen Gegebenheiten, den politisch-gesellschaftlichen Kontexten, den politischen und persönlichen Biographien der beiden jungen Männer und deren soziale Stellung zu bieten. Der Historiker deutet vielmehr entweder historische Ungerechtigkeiten oder die moralische Überlegenheit der nicht-serbischen (vielleicht der bosniakischen) Gemeinschaft an. Kriminelle Handlungen von S e rb in n e n werden in Kamberovics Auffassung offensichtlich gerechtfertigt, während bosniakische B ü rg e rin n e n sogar für minder schwerwiegende Verbrechen verurteilt werden. Die zweite Interpretation des Zitats könnte auf die These der moralische Überlegenheit abheben. Die serbische Gemeinschaft verfügt anscheinend noch nicht über eine moralische Kraft oder Reife, m it eigenen Verbrechen abzurechnen. Die nicht-serbischen Gemeinden dagegen (aus dem Text geht nicht eindeutig hervor, ob die bosniakische Bürgerschaft gemeint ist) hat bisher eigene Verbrechen angeblich weder relativiert noch negiert. Der Vergleich des ehemaligen Präsidenten der Bundesrepublik Jugoslawien und später Serbiens mit Princip potenziert die Überzeugung, dass Falschaussagen eines Präsidenten eines kriminogenen Regimes generalisierende Behauptungen über die Glaubwürdigkeit auch der anderen M itglieder der nationalen Gemeinschaft zulässt, zu der sich der hier erwähnte, schon verstorbene serbische Präsident ebenfalls zugehörig fühlte. In Kamberovićs Überlegungen zum Ersten Weltkrieg, als einer "Begebenheit, die sich schon vor langer Zeit zugetragen hat und nicht entscheidend auf unser Handeln von heute Einfluss nehmen sollte",31 hallen die jüngsten Kriegserfahrungen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in den Interpretationen zu einem anderen Kriegwieder, den die jüngeren Generationen nicht als Zeitzeug/ -innen m it erlebt haben und dem sie sich lediglich über erhaltenes Archivmaterial und andere dokumentarische Bestände, wissenschaftliche Studien, Kunst und Literatur nähern können. In einer Nachkriegsgesellschaft, in der die Tendenzen zur Kollektivierung von Verbrechen nicht nur stark sind, sondern auch vertrauensbildende Prozesse unter jungen Menschen erheblich beeinträchtigen können, sollten Erinnerungskulturen und die wissenschaftliche Beschäftigung m it Geschichte deeskalierend und korrektiv auf Rhetoriken und Diskurse wirken, in denen Thesen von unveränderlichen Täterkollektiven propagiert werden. Diesbe- ! 1 Ibid., p. 28. <?page no="610"?> 610 Ljubinka Petrović-Ziemer züglich stellt sich jedoch die Frage, ob es angesichts der Genoziderfahrung in BiH und der Präsenz von Kriegsopfern des letzten und noch des Zweiten Weltkriegs in diesem Augenblick legitim ist, Gavrilo Princip und die M lada Bosna außerhalb der gängigen binären Oppositionspaare "serbischer Held" vs. "serbischer Terrorist" zu betrachten. Ist es möglich zu vermeiden, der Bewegung eine unverbesserliche Unredlichkeit zu unterstellen, wenn über die unbestimmten, kontradiktorischen, radikalen und gleichzeitig schwankenden Haltungen zur eigenen Identität ihrer Mitglieder verhandelt wird? Ist es möglich zu glauben, dass sie mehr Suchende als Wissende waren? Ist es möglich, den jüngeren Generationen in BiH, die Mitglieder von Mlada Bosna als eine Gruppe von jungen Menschen darzustellen, die unter den Zwang geraten sind, sich eine eindeutige nationale Identität an- Iegen zu müssen und zugleich zerrissen waren von inneren Kämpfen, ohne dabei einem Geschichtsrevisionismus und einer naiven Glorifizierung anheimzufallen? Ist es möglich, dass die jungen Menschen in BiH zu einem differenzierteren Verständnis der Konflikte der Mlada Bosna fähig sind, als wir es im Moment zu glauben wagen? 4. Die Vervielfältigung und der Verlust des historischen Gavrilo Princip Das öffentliche Erinnern bzw. die Aktualisierung von Mlada Bosna und Gavrilo Principaufdem gesamten Gebietvon BiH ist bunt gefächert, auch wenn deren Instrumentalisierung für nationalistische Zwecke noch recht vital ist. Im Folgenden werde ich drei sehr unterschiedliche Beispiele beschreiben, die alle unter dem diesjährigen Jubiläumsdiktat entstanden sind. Das erste Beispiel ist der Dramentext M ali m i je ovaj grob ("Dieses Grab ist mir zu klein") der Theaterautorin Biljana Srbljanović. Das Stück feierte in Sarajevo im Kamerni teater Premiere, Regie führte der aus Sarajevo stammende Regisseurs Dino Mustafić. Das zweiteilige Drama lese ich hier im Sinne von Aleida Assmann32 und Astrid Erll33 als literarische Inszenierung von kulturellem und kollektivem Gedächtnis, da sich das Stück auf ein Datum bezieht, das für einen breiteren Kulturkontext von Bedeutung ist und sich in die konkurrierenden Nar- 32 Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: C.H. Beck 1999. 33 Erll, Astrid / Gymnich, Marion / Nünning, Ansgar (Hg.): Literatur - Erinnerung - Identität. Theoriekonzeptionen und Fallstudien. Trier: WVT 2003; Erll, Astrid / Nünning, Ansgar u.a. (Hg.): Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft. Berlin, New York: de Gruyter 2005; Erll, Astrid: Narrative and Cultural Memory. In: Heinen, Sandra & Roy Sommer (Hg.): Narratology in the Age of Interdisciplinary Narrative. Berlin, New York: de Gruyter 2009, pp. 212-227. <?page no="611"?> Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip 611 rative über Mlada Bosna und Gavrilo Princip einschreibt. Literatur als symbolische Form ist ein wichtiges Medium des kollektiven Gedächtnisses. Analog zu anderen Vermittlungsinstanzen des kulturellen und kollektiven Gedächtnisses verfährt auch sie selektiv, indem sie bestimmte Aspekte der Vergangenheit isoliert, akzentuiert und in neue sinnstiftende narrative Strukturen zusammenfügt, wobei der Literatur das Privileg Vorbehalten bleibt, Reales mit Imaginärem zu kombinieren. Im Theatertext M ali m ije ovaj grob34 versucht Srbljanović, die Figuren Gavrilo Princip, Danilo llić und Nedeljko Čabrinović jenseits der in der Öffentlichkeit dominierenden Narrative darzustellen, in denen die Mlada Bosna und Gavrilo Princip vorwiegend auf einen terroristischen Flintergrund und den Mythos von heldenhaften Märtyrern reduziert werden. Der Text widersetzt sich zunächst einer Gleichsetzung der Mlada Bosna mit der terroristischen Organisation Ujedinjenje ili smrt, ihrer politischen Motive und Ziele und ihrer intellektuellen Sensibilität. Nach mehrmonatigen Forschungen über die Mlada Bosna entscheidet sich die Belgrader Autorin, in ihrem Stück das emanzipatorische, revolutionär-romantische Potential sowie die laizistische und südslawische Orientierung dieser heterogenen, informell organisierten Gruppe von jungen Menschen zu unterstreichen. In ihrer Konzeption der Gavrilo-Figur folgt Srbljanović fast getreu historischem Faktenmaterial, nimmt jedoch bei den anderen Gestalten teilweise auch erhebliche Modifikationen vor. Die Autorin zeichnet Princip im Theatertext als Jünglingsfigur, die auch nach Anraten aus Belgrad, vom Attentat zum gegenwärtigen Zeitpunkt Abstand zu nehmen, und trotz Danilos und Nedeljkos grundsätzlichen Zweifels an der Attentatsidee seinen besten Freunden den eigenen Willen aufzwingt. Srbljanović lenkt die Aufmerksamkeit von der im öffentlichen Diskurs forcierten Betonung der Beziehung zwischen Udjedinjenje ili sm rt und Mlada Bosna auf den Topos der freundschaftlichen Loyalität, die im Text von einer tieferen Verbindlichkeit zeugt als die Treue zu General Apis, der Inkarnation der Belgrader Terror- Organisation. Das Attentat selbst ist in seiner mehrfachen Tragik inszeniert, allerdings unterlässt es Srbljanović, bei der Konzeptualisierung von Gavrilo die Figur eines tragischen Flelden zu bemühen, sondern versucht, einen sehr ambivalenten Protagonisten zu gestalten. M it dem Schuss auf den Erzherzog Ferdinand und seine Gemahlin Sophie, einem Mord also an einem Ehepaar, verlässt Gavrilo seine untergeordnete soziale Stellung, die er als höchst ungerecht empfindet, erlangt er jedoch nicht die ersehnte Freiheit, sondern nur einen Augenblick pervertierter Macht. M it dem Attentat kündigt er gleichsam seinen Gehorsam gegenüber Belgrad auf, auch dies 51 Srbljanović, Biljana: Mali m ije ovaj grov. Drama u dva dela. Beograd: Samizdat B92 2013. <?page no="612"?> 612 Ljubinka Petrović-Ziemer ein symbolisches Verlassen der untergeordneten Position. Indem Gavrilo unbedingt seinen Willen durchsetzen muss, ist er bereit, sogar seine besten Freunde in den Abgrund zu ziehen, die ihm auch in Momenten von Meinungsverschiedenheiten treu zur Seite stehen. Im Text wird daher eine Figur gezeichnet, die Gutes will und meint Gutes zu tun, aber sein Flandeln löst ein Unglück nach dem anderen aus. Diese Doppelbewegung führt und entfernt ihn gleichzeitig von einer tragischen Figur, zumal er für seine Untat im Gerichtssaal volle Verantwortung übernimmt. Für den Mord an Franz Ferdinand zeigt er keine Reue, während sich bei Gavrilo in Bezug auf Sophie und seine Freunde ein Reuegefühl einstellt, und er Schuld bekennt: "Ich habe allein gehandelt und bin einzig und allein schuldig. Ich habe Gutes gewollt. [...] Niemand sonst ist schuldig. Ich beschuldige niemanden. Ich habe sie alle dazu gezwungen. Das alles habe ich alleine getan."35 Diese Spannung zwischen Schuldabwehr und -annahme wird im Stück nicht aufgelöst, damit wird auch der Leserschaft weder reine Identifikation mit noch völlige Ablehnung der Flauptfigur suggeriert. Das Drama endet nicht m it dem Attentat, sondern folgt Nedeljko, Danilo und Gavrilo auf ihrem Weg von den Gerichtsprozessen durch die Jahre ihrer Gefangenschaft in Theresienstadt bis zu ihrem Tod. Es werden im Theatertext neben Fragen nach konfligierenden und unabgeschlossenen Identitäten der Figuren und der Mlada Bosna auch Fragen nach dem Verhältnis von Verbrechen und Strafe aufgeworfen. Zudem führt Srbljanovic das Verschwinden einer real existierenden Person in schnelllebigen und nachhaltigen Prozessen von Medialisierung, Chiffrierung und Instrumentalisierungen vor. Vordergründig ist aber dieses Drama eine Einladung, das eigene Verhältnis zur Bewegung Mlada Bosna und ihren Mitgliedern zu reflektieren. Das zweite und ernsthaft irritante Exempel ist die Kitsch-Konstruktion einer Kunststadt, bekannter unter dem Namen "Andrićgrad", die bei ihrer feierlichen Eröffnung am 28. Juni 2014 in Višegrad als künftiges geistiges, kulturelles und wissenschaftliches Zentrum der Republika Srpska affirmiert wurde. An der Jubiläumszeremonie anlässlich des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg und der Einweihung der Kirche, gewidmet dem Fürsten Lazar und den serbischen Märtyrern, nahmen neben dem Ideenvater, Emir Kusturica, einem gebürtigen Sarajevoer, auch die politische Spitze der Republika Srpska sowie das Oberhaupt der Serbisch orthodoxen Kirche, Patriarch Irinej, teil, der die bischöfliche Liturgie feierte. Die öffentliche Zeremonie trug den Charakter eines Gründungsakts, denn am Veitstag/ Vidovdan 2014 wurde in Andrićgrad eine Pseudo-Flistoriographie für eine Entität geschaffen, die auf symbolischer Ebene ihre Un- 55 Ibid., p. 122. <?page no="613"?> Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip 613 abhängigkeit vollzieht und sich aus der gemeinsamen Geschichte von Bosnien und Herzegowina ausschreibt. Auf der mythologischen Ebene wird in Andrićgrad die Vereinigung aller serbichen Helden und Märtyrer an einem künstlich geschaffenem Ort über eine urbanistische Lösung verwirklicht. Den Stadteingang markiert ein Tor, erkennbare als Zitat des Višegrader Tors. Die erste Straße rechterhand ist der Bewegung der Mlada Bosna gewidmet und auf der Inselspitze erhebt sich idyllisch die zum Gedenken an den Fürsten Lazar errichtete Kirche. Die Schlacht von Kosovo und der Befreiungskampf der Mlada Bosna bilden den Beginn und das Ende dieser mythologischen Narration als Legitimationsbasis für die Abspaltung und Staatsgründung der Republika Srpska. Andrićgrad avanciert daher zum Zentrum eines künftigen Staates, der zum einen Kompensationsfunktion für alle territorialen Verluste in der serbischen Geschichte übernehmen soll, zum anderen kündigt Andrićgrad die Bildung eines Staates an, für den dieser Narration zufolge auch die Mlada Bosna gekämpft haben soll. Laut Pierre Nora36 beglaubigen Erinnerungsorte die Authentizität eines für ein Kollektiv relevanten historischen Ereignisses. Dass das Attentat an der Stelle verübt wurde, an der einst die Fußabdrücke von Gavrilo Princip angebracht waren, daran wird auch in der Republika Srpska nicht gezweifelt. Umstritten ist folglich nicht der Erinnerungsort und das Ereignis selbst, sondern das Narrativ des politischen Sarajevo, das Kustrica als "Falsifikat"37 erklärt. Genau dieses angebliche Falsifikat bietet Anlass genug, um das wahre Narrativ über Gavrilo und das Attentat aus einem Territorium verfälschter Interpretationen auszulagern, und ihm unter den anderen Helden eines tapferen balkanischen Märtyrervolkes ewigen Frieden und Eintracht zu schenken. Das dritte Beispiel kreist um das experimentelle Dokumentartheater- Projekt, entstanden im Rahmen eines größeren Vorhabens unter der Leitung des Goethe-Instituts in Sarajevo. Das Projekt trägt den Titel: "100 Jahre 1914/ 2014. Ein Ereignis-viele Perspektiven"38. Das gemeinsame Arbeiten und Forschen des Teams aus deutschen und bosnisch-herzegowinischen Schauspieler/ -innen und Regisseur/ -innen bestand aus dem Zusam- 56 Vgl. Nora, Pierre: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt: Fischer 1998 [1990]; Nora, Pierre (Hg.): Erinnerungsorte Frankreichs. München: C.H. Beck 2005; Nora, Pierre: Između sjećanja i povijest. In: Diskrepancija 8 (12/ 2007), pp. 135 165. Stanišić, D.: Kustui ica: Gavrilo Principje branio ideju slobode. In: Politika online, 05.12.2013, http: / / www.politika.rs/ rubrike/ region/ Kusturica-Gavrilo-Princip-je-branio-ideju-slobode. It. html. 58 Die Performance wurde im Theater SARTR am 2.5.2014 in Sarajevo aufgeführt. Die Analyse der Vorstellung beruht auf persönlichen Notizen der Autorin dieses Textes und Informationen auf der Webseite des Goethe-Instituts in Sarajevo, zugänglich unter folgendem link: http: / / www.goethe.de/ ins/ gr/ lp/ prj/ eri/ sch/ deindex.htm . <?page no="614"?> 614 Ljubinka Petrović-Ziemer mentragen des Datenmaterials (historische Quellen, Gerichtsprotokolle, Zeitungsartikel, offizielle Dokumente, literarische Texte der Mlada Bosna, Reiseführer), in dem das Attentat, die Bewegung, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im europäischen Kontext ausdrücklich thematisiert werden. Im zweiten Schritt sichtet das Team das Material und trifft gemeinsam die Entscheidung, welches Textkorpus der Performance zu Grunde liegen soll. Bei der Textauswahl wurde darauf geachtet, eine Perspektivenverengung durch eine einseitige Fokussierung allein auf das Attentat und den weiteren Verlauf zu vermeiden. Um Perspektivenvielfalt zu erzeugen, wurden aus der Materialfülle Stellen extrahiert, die Sichtweisen, Meinungsbilder, Einschätzungen Wiedergaben, wie sie zu jener Zeit in den einzelnen Ländern der Österreich-Ungarischen Monarchie, dem deutschen Reich und Serbien verbreitet waren. Während der Performance lesen zwei Schauspieler die ausgewählten Textstellen, ohne jedoch den Inhalt zu kommentieren. Das Vortragen erfolgt multilingual, die einzelnen Sequenzen der Texte werden alternierend monolog und duolog gesprochen. Im dialogischen Sprechen ist es schwerer, den Inhalt zu erfassen, so dass das Zuhören übergeht von einem Modus der Sinnerkenntnis in einen der Klangerkennung. Die ästhetische Intervention in diesem Dokumentartheater-Projekt minimal gehalten begrenzte sich auf Textauswahl und -arrangement sowie das Einkomponieren von musikalischen Einlagen. Das verwendete disparate Quellenmaterial aus mehreren Ländern wird während der gesamten Performance im Theaterraum ausgestellt. Nach der Aufführung kann das Publikum das Material sichten und mit dem Projekt- Team über die Entstehung des Theaterexperiments, die Performance und das Thema selbst ins Gespräch kommen. Ziel der Präsentation des Materials ist es nicht, es in narrative Strukturen und interpretative Einheiten zu überführen, sondern im Ausstellen der verschiedenartigsten Quellen die unterschiedlichen Perspektiven zur Geltung kommen zu lassen, auf Grund welcher ein und dasselbe Ereignis verschiedenen Deutungen unterliegt und ihm in der Bedeutungshierarchie gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen unterschiedliche Prioritäten zugewiesen werden können. In einem so wie in diesem Projekt konzipierten Erinnerungsraum werden Narrative aus separaten nationalen Kontexten zusammengeführt. Genau in dieser räumliche Nähe kommen die Unterschiede und Ähnlichkeiten noch am deutlichsten zum Ausdruck. Dieses Dokumentartheater-Projekt liefert keine fertigen Deutungen, sondern stellt vor dem Publikum eine unübersichtliche Materialfülle aus. Allein der Anblick dieser Dokumentarmasse hinterlässt den Eindruck, dass mit jeder beliebige Auswahl und Formgebung ein Narrativ konstruiert wird, das zwangsläufig eine andere narrative Option ausschließt. Der Austausch am Ende der Performance bietet den Zuschauer/ -innen die Gelegenheit, sich mit eigene Überlegun- <?page no="615"?> Die ambigue Geschichtsfigur des Gavrilo Princip 615 gen in den Reflexionsprozess einzubringen, in dem historische Ereignisse, die Vermittlung von Informationen und die Entstehung von Narrativen und Plots kritisch hinterfragt werden. 5. Schlussbemerkung Anhand des Beispiels vom Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnten die in dieser Arbeit dargebotenen Überblicke und Analysen zeigen, wie in Nachkriegsgesellschaften zahlreiche ungeklärte Dilemmata der Gegenwart, vereitelte Erwartungen der Nachkriegszeit, vor allem die Relativierung und/ oder Leugnung des Völkermords, die inter-ethnische Kommunikation in dem Maße belasten, dass die eigenen negativen Kriegserfahrungen entscheidend das Interesse und die Aufmerksamkeit bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einer sogar abgeschlossenen Vergangenheit steuern. Nicht ausschließlich, aber häufig genug, beläuft sich die wissenschaftliche Beschäftigung auf die Ermittlung von weiteren Argumenten, mit denen die These von Täter- und Opferkollektiven aufrechterhalten werden kann. Unter diesen Bedingungen ist es erforderlich, dass die fachliche und wissenschaftliche Beschäftigung mit Erinnerungskulturen und Geschichte auch weiterhin versucht, sich in Gestaltungsprozesse von alternativen Erinnerungsmodellen korrektiv und kreativ einzubringen. Die bleibende Aufgabe der akademischen Gemeinschaft ist es, ernsthaft Möglichkeiten zu erkunden, wie die eigenen Forschungsresultate der breiteren Öffentlichkeit verständlich vermittelt werden können und in der praktischen Umsetzung dienlich sein können. Zu diesem Zweck müssten sich akademische Kreise der Kommunikation mit anderen Akteur/ -innen in der Zivilgesellschaft öffnen, die schon seit Jahren nur ungenügend beachtet und angestrengt an der Gestaltung alternativer Modelle des öffentlichen Erinnerung arbeiten. Viele wertvolle und nützliche Bürger/ -innen-lnitiativen könnten von einer fachlichen Begleitung und Unterstützung seitens der akademischen Gemeinschaft nur profitieren. In ähnlicher Weise können auch theoretische Überlegungen zu Mnemokonzepten ihre gesellschaftlicher Relevanz durch stärkere empirische Verankerung erhöhen. <?page no="617"?> N icolas M oll (S arajevo ) Die M u tte r aller Attentate? Sarajevo 1914, Marseille 1934, Dallas 1963, Twin Towers 2001 To what extent has 'Sarajevo 1914' become a central reference and benchmark of comparison in the history of political assassinations in the 20th and 21st century? This question will be discussed through three case studies: the assassination of King Alexander of Yugoslavia in 1934 in Marseille, the murder of John F. Kennedy in 1963 in Dallas and the attacks on New York and Washington on September 11, 2001. In each case the analysis examines how and for which reasons reference to 'Sarajevo 1914' was made in the public discussion in Europe and the USA in the aftermath of these events. The second part analyses what the specificities in the public interpretations of 'Sarajevo 1914' and of the three other assassinations are in a comparative perspective. The aim of the text is to contribute to a better understanding of collective representations and interpretations of 'Sarajevo 1914' and the three other assassinations, and to a discussion about the role of historical analogies for the interpretation of events in sociopolitical discourses. Inwieweit stellt 'Sarajevo 1914' in der an politischen Mordanschlägen reichen Geschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts eine zentrale Referenz und Vergleichsgrösse dar? Anders gefragt: Wie sehr hat die Erinnerung an das Sarajevoer Attentat vom 28. Juni 1914 die Interpretation späterer Attentate beinflusst? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt des vorliegenden Textes und sollen anhand von drei Fallbeipielen diskutiert werden: dem Attentat auf König Alexander von Jugoslawien 1934 in Marseille, der ErmordungJohn F. Kennedys 1963 in Dallas, und den Anschlägen in NewYork und Washington am 11. September 2001. Für jedes dieser drei Fallbeispiele wird analysiert werden, inwieweit in der öffentlichen Diskussion in Europa und in den USA nach diesen Anschlägen ein Bezug zu 'Sarajevo 1914' hergestellt wurde, aus welchen Gründen dies erfolgte bzw. nicht erfolgte, und, wenn ein Bezug hergestellt wurde, welche Dimensionen des Sarajevoer Attentats hervorgehoben wurden. Darauf aufbauend wird im zweiten Teil des Textes herausgearbeitet werden, welche spezifische Bedeutung 'Sarajevo 1914' und den drei anderen Attentaten im Vergleich untereinander in gesellschaftspolitischen Diskursen beigemessen wurde und wird. Insgesamt soll diese Analyse zu zweierlei beitragen: zum besseren Verständnis kollektiver Wahrnehmungen von 'Sarajevo 1914' und anderer Attentate sowie zur Reflexion über die Rolle historischer Analogien bei <?page no="618"?> 618 Nicolas Moll der Interpretation von Ereignissen in gesellschaftspolitischen Diskursen. Im vorliegenden Text geht es somit weniger um das Attentat von Sarajevo und die anderen genannten Attentate als solche, als vielmehr um deren Wahrnehmungen und Interpretationen im öffentlichen Raum. Dassdie Fragedes Sarajevo-Bezugs ausgerechnet anhand der Beispiele Marseille 1934, Dallas 1963 und Twin Towers 2001 diskutiert wird, hängt damit zusammen, dass es sich bei allen dreien um sehr spektakuläre Ereignisse handelte, die zum Zeitpunkt ihres Geschehens eine breite öffentliche Resonanz auslösten. Neben dieser Gemeinsamkeit mögen vor allem die Unterschiede zwischen den drei Attentaten ins Auge fallen: unterschiedliche Zeitpunkte und Epochen (1934, 1963, 2001), unterschiedliche Länder und Kontinente (Frankreich und USA), unterschiedlicher Charakter (Individualattentat und Massenterror). Aber um zu analysieren, wie präsent und wie prägend die Erinnerung an 'Sarajevo 1914' in der Diskussion nach späteren Attentaten gewesen ist, ist gerade diese Unterschiedlichkeit aufschlussreich. Tatsächlich wurde die Sarajevo-Referenz nach allen drei genannten Attentaten in der öffentlichen Diskussion genutzt mal mehr, mal weniger - , was bereits einen signifkanten Indikator für die symbolische Breiten- und Tiefenwirkung des Sarajevo-Attentats darstellt. Was die Quellen betrifft, stützt sich der vorliegende Text vor allem auf öffentliche Medien, insbesondere aus Europa, mit einem Schwerpunkt auf Deutschland und Frankreich, und aus den USA. Es geht also in erster Linie um Wahrnehmungen in der westlichen Welt. Die Frage inwieweit 'Sarajevo 1914' auch in der nicht-westlichen Welt als Referenz dient(e), nach anderen Attentaten und im Allgemeinen, wird hier also nicht behandelt werden und bedürfte einer eigenen Untersuchung. Fallbeispiel 1: Marseille, 9. Oktober 1934 - Der omnipräsente Sarajevo-Vergleich Das Attentat am 9. Oktober 1934 in Marseille, bei dem König Alexander von Jugoslawien zu Beginn seines Staatsbesuchs in Frankreich von kroatischen und mazedonischen Separatisten ermordet wurde, ist ein heute in der westlichen Welt weitgehend vergessenes Ereignis. Aber dieser spektakuläre Mord, bei dem auch der französische Aussenminister Louis Barthou starb, bestimmte zum Zeitpunkt seines Geschehens die Schlagzeilen der gesamten europäischen Presse und führte zu einer zweimonatigen internationalen Krise.1Unmittelbar nach dem Attentat und in der darauffolgenzu Verlauf, Hintergründen und Folgen des Marseiller Attentats siehe Moll, Nicolas: Kampf gegen den Terror. DasAttentatgegen den jugoslawischen König Alexander in Marseille 1934. In: Damals 6/ 2012, pp. 72-77. <?page no="619"?> Sarajevo 1914, Marseille 1934, Dallas 1963, Twin Towers 2001 619 den Krise war die Referenz 'Sarajevo 1914' in zahlreichen europäischen Ländern omnipräsent. Dies lässt sich anhand von Diplomaten-Berichten, Zeitungsartikeln und Tagebucheinträgen feststellen. " Nach der Ermordung von König Alexander fragten sich viele Menschen in England, ob sich Europa nicht, wie 1914, am Vorabend bluäger Konflikte befindet", hielt so die französische Botschaft in London fest.234"Hoffentlich w ird dieses Verbrechen nicht wie das von Sarajevo das Pulverfass zur Explosion bringen"/ schrieb ihrerseits die Gattin des französischen Präsidentin in ihr Tagebuch, und eine deutsche Exil-Zeitschrift kommentierte: "Ob man die Schüsse von Marseille einst in Parallele setzen w ird m it den Schüssen von Sarajevo? ! "'' "Wird Marseille zu einem neuen Sarajevo? " lautete zusammengefasst die Frage, die viele Zeitgenossen explizit oder implizit formulierten, und dabei wird auch deutlich, welche Interpretation von Sarajevo in der damaligen Wahrnehmung dominierte: Sarajevo war ein Synonym für drohende Kriegsgefahr, galt als Menetekel für ein Ereignis mit katastrophalen Folgen. Warum war die Sarajevo-Referenz nach dem Attentat von Marseille so stark? Zum einen ist die zeitliche Nähe zu Sarajevo und zum Ersten Weltkrieg zu nennen und die Tatsache, dass die Erinnerung an den Weltkrieg m it seinen verheerenden Menschenverlusten das kollektive Gedächtnis in Europa dominierte.56Zum anderen ist die angespannte internationale Situation in der ersten Hälfte der 1930er Jahre anzuführen, aufgrund derer schon vor dem Attentat immer wieder über einen möglichen neuen Krieg in Europa spekuliert wurde.5 Des weiteren notierten Zeitgenossen faktische Ähnlichkeiten im Verlauf beider Attentate: Sie betrafen beide den Balkan, fanden beide während eines offiziellen Besuchs statt, das Opfer wurde in einem offenen Wagen von Revolverschüssen niedergestreckt, und trotz Warnungen waren die Sicherheitsmassnahmen in beiden Fällen sehr lax gewesen.7 Dazu wurden Parallelen in den auf die Attentate folgenden Krisen wahrgenommen: Auch nach dem Marseiller Anschlag kam der Verdacht über die 2 Archiv des französischen Außenministeriums, Serie Europe 1918-1940, Yougoslavie, Vol. 183, Bericht derfranzösischen Botschaft in London, 25.10.1934. 3 Tagebucheintrag Marguerite Lebrun, zit. in: Lreysselinard, Eric: Albert Lebrun, Ie dernier President de Ia Illeme Republique. Paris: Belin 2013, p. 398. 4 In: Die deutsche Revolution, 14.10.1934. Über die traumatischen Auswirkungen des Ersten Weltrkiegs in den 1920/ 30er Jahren siehe zum Beipiel Beaupre, Nicolas: Das Trauma des großen Krieges, 1918-1932/ 3. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 2009. 6 DerTiteI eines Buches des US-JournaIisten Hubert Knickerbocker, das Anfang 1934 veröffentlicht wurde, lautete bezeichnenderweise: "Will war come in Europe? " (London: The Bodley Head 1934). ' DieAbwesenheit von Sicherheitsmaßnahmen in beiden Fällen wird beispielsweise unterstrichen von Adamic, Louis: Who Killed the King? In: The Nation, 10.10.1936, pp. 417-418. <?page no="620"?> 620 Nicolas Moll Beteiligung ausländischer Regierungen auf (Italien und Ungarn, analog zu Serbien 1914), und damit verbunden die Befürchtung einer internationalen Eskalation. Als die jugoslawische Regierung dann im November 1934 Ungarn öffentlich als Drahtzieher anklagte, wurde dies von manchen mit Österreichs Vorgehen gegen Serbien 20 Jahre vorher in Verbindung gebracht.8 Schliesslich wurde die Parallelisierung beider Attenate auch durch eine Rollen-Umkehrung vereinfacht: der (vermeintliche) Täter von damals war jetzt das Opfer (Serbien / Jugoslawien), und das Opfer von damals war jetzt der (vermeintliche) Täter (Ungarn, 1914 als Teil von Österreich-Ungarn).9 Wie verbreitet die Sarajevo-Parallelisierung und die öffentliche Nervosität im Hinblick auf eine mögliche Kriegseskalation waren, zeigt sich auch in den starken Bemühungen, den Vergleich zurückzuweisen und zu beschwören, dass Marseille nicht Sarajevo werden würde. Ein frappierendes Beipiel dafür ist, dass sich der britische Aussenminister am 19. Oktober veranlasst sah, öffentlich die Unterschiede zwischen Sarajevo und Marseille zu betonen, um die generelle Atmosphäre zu beruhigen: "/ cannot too strongly insist that the tw o cases do not provide a parallel, but a contrast."10 Die Interpretation "Marseille ist NICHT Sarajevo" gewann schließlich die Oberhand mit dem friedlichen Ausgang des Konflikts: Nachdem die jugoslawische Anklage gegen Ungarn im Dezember 1934 im Völkerbund diskutiert wurde, wurde dort eine Kompromiss-Resolution ausgehandelt, die sowohl Ungarn als auch Jugoslawien akzeptierten und durch die die internationale Krise friedlich beigelegt wurde. In den öffentlichen Kommentaren zum Ende der Krise tauchte erneut regelmäßig die Referenz 1914 auf, wobei nun alle die Unterschiede zwischen beiden Ereignissen und Situationen hervorhoben -."Twenty years ago, an affair like the assassination o f King Alexander would have been settled with cannon shots. Today, thanks to the Geneva institution, the tw o opponents have been reaching hands", schrieb beispielsweise der Journalist K.S. Chandan,11 und eine britisch-indische Zeitung fasste zusammen: "We have indeed travelled a long road from Sarajevo to Marseilles."12 Marseille wurde nicht Sarajevo: Durch den sym- 8 Siehe beispielsweise folgendes Zitat: "One cannot but be struck by the remarkable resemblance of the present accusation to that brought against Serbia after the assassination of the archduke Franz Ferdinand and his wife at Sarajevo on June 28, 1914." Kuhn, Arthur K.: The complaint of Yugoslavia against Flunga ry. In: The American Journal o f International Law, 29.1.1935, pp. 87-92, zit.p. 90. 8 "Ein umgekehrtes Sarajevo" nennt signifikanterweise das MarseiIIerAttentat La nation beige, 22.10.1934. 10 Simon flouts fear of a new Sarajevo. In: New York Times, 20.10.1934. 11 Chandan, K.S.: Le terrorisme devant Ia S.D.N. Paris France - Les Balkans 1935, p. 235 (Übersetzung N.M.). 12 The Hindu (India), 12.12.1934. <?page no="621"?> Sarajevo 1914, Marseille 1934, Dallas 1963, Twin Towers 2001 621 bolischen Sieg der "Marseille ist nicht Sarajevo"-Einstellung verschwand dann auch die Vergleichs-Frage sehr schnell aus der öffentlichen Diskussion. Dass m it der Beilegung der Marseille-Krise nur noch auf die Unterschiede hinsichtlich Sarajevos verwiesen wurde und die Vergleichs-Diskussion dann verebbte, verdeutlicht auch, wie sehr das Sarajevo-Attentat als Metapher für dessen Folgen steht und hauptsächlich, wenn nicht sogar exklusiv, von seinen Folgen her definiert wird. Die zunächst festgestellten Ähnlichkeiten zwischen beiden Attentaten und den daraus entstandenen Situationen bestanden ja de facto weiter aber sie spielten keine Rolle mehr, weil Marseille eben nicht zum Krieg führte, was als der entscheidende Unterschied zu Sarajevo 1914 gesehen wurde. Auch wenn sich mit dem Ende der Marseille-Krise 1934 die öffentliche Diskussion um die Sarajevo-Analogie erledigt hatte, so erfuhr die Parallelisierung beider Attentate nach 1945 bei manchen Zeitzeugen, Flistorikern und Journalisten interessanterweise ein gewisses Revival. Denn inzwischen hatte der Zweite Weltkrieg stattgefunden und in dessen Ursachenforschung gingen dabei manche bis Marseille zurück: "The firs t shots o f the second world w a r" nannte der britische Außenpolitiker Anthony Eden die Schüsse von Marseille in seiner 1962 erschienenen Autobiographie,13 und der amerikanische Flistoriker Keith Brown schrieb 2001: "The course set by the Marseilles murders brought Europe to 1939."14 Implizit oder explizit wird dabei Marseille dieselbe oder eine ähnliche Bedeutung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beigemessen wie Sarajevo für den Ersten Weltkrieg. Besonders explizit erscheint dies in einem 1971 veröffentlichten Buch zweier französischer Journalisten, in dem das Attentat von Marseille als "das Sarajevo des Kriegs von 1939-45" bezeichnet w ird.15Von denjenigen, die diesen Vergleich hersteilen, werden dabei meist zwei Argumente angeführt: dass zum einen mit dem Tod Barthous der letzte starke französische Aussenminister verschwand, der bereit und fähig gewesen sei, Hitler entgegenzutreten, und dass es zum anderen nach dem Attentat zu einer Annäherung Jugoslawiens an das Dritte Reich kam, und dass somit Marseille insgesamt einen entscheidenden Moment der Mächteverschiebung in Europa zugunsten des Dritten Reichs dargestellt habe. Über diese Interpretation lässt sich streiten, und sie wird auch von den meisten Histo- 13 Eden, Sir Anthony: The Eden Memoirs. Vol. 2: Facing the Dictators. London: Cassell 1962, p. 108. 13 Brown, Keith: The King is Dead, Long Live the Balkans! Watching the Marseilles Murders of 1934. Providence: Watson Institute 2001, http: / / www.watsoninstitute.org/ pub_detail. cfm? id=132. 15 Colombani, Roger / Laplayne, Jean-Pierre: La m oil d'un roi. La verite sur I'assassinat d'Alexandre de Yougoslavie (Marseille 9 octobre 1934). Paris: Albin Michel 1971, zit. Klappentext (Übersetzung N.M.). <?page no="622"?> 622 Nicolas Mol rikern nicht geteilt, die zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs arbeiten und dem Marseiller Attentat dabei meist gar keine Beachtung schenken. Aber auch wenn sich diese retrospektive Marseille-Sarajevo-Parallelisierung nicht durchgesetzt hat: der in den letzten 60 Jahren mehrmals unternommene Versuch, einen direkten oder indirekten Bezug zwischen Marseille und 1939 herzustellen und das Attentat in Frankreich damit zu einer Art Sarajevo des Zweiten Weltkriegs zu machen, zeigt die durchgehende Attraktivität der Sarajevo-Referenz, und wie sehr sich 'Sarajevo' als Metapher für kriegsauslösende und weltverändernde Ereignisse etabliert hat. Fallbeispiel 2: Attentat auf Kennedy 1963 -S arajevo oder Reichstagsbrand? Auch nach dem Attentat auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas tauchten in der öffentlichen Diskussion Vergleiche mit Sarajevo auf, wenngleich letzteres Ereignis bereits fast 50 Jahre zurücklag. Wie nach Marseille war es erneut die kriegsauslösende und weltverändernde Dimension, die mit Sarajevo 1914 assoziiert wurde. So schrieb beispielsweise die FAZ zwei Tage nach dem Attentat: Berlin trauert und in die Trauer mischt sich sehr deutlich Furcht. In den Gesprächen mit Berlinern hört man immer wieder das Wort Sarajewo, wird immer wieder Angst vor Kriegsgefahr spürbar. In keiner Stadt der Welt wohl spürt man so deutlich, daß dieser mörderische Tod ein weltgeschichtliches Ereignis ist, eine Untat, die unsere Epoche verändern kann.16 Insgesamt waren die Sarajevo-Vergleiche im öffentlichen Diskurs nach Dallas aber doch selten: Sie waren teilweise in der Bundesrepublik zu finden, aber nicht in Frankreich und auch nicht in den USA. Obwohl es durchaus gewisse Ähnlichkeiten im Verlauf gab: Auch beim Kennedy-Mord fand das Attentat während eines offiziellen Besuchs statt, und das Opfer wurde in einem offenen Wagen m it einer Schusswaffe umgebracht. Wie ist die Seltenheit des Sarajevo-Vergleichs nach dem Attentat auf Kennedy zu erklären? Ein möglicher Grund ist die größere zeitliche Distanz zu Sarajevo und zum Ersten Weltkrieg, dessen Erinnerung inzwischen durch den Zweiten Weltkrieg überlagert war; ein anderer ist, dass gerade in den USA der Bezug zu Sarajevo 1914 generell nicht so stark war und ist wie in Europa. Vor allem aber ist anzuführen: Der Sarajevo-Vergleich erscheint ja vor allem als Referenz im Flinblick auf eine gefürchtete internationale Eskalation, als Metapher für ein auslösendes Moment in einer ohnehin angespannten Si- 16 FAZ, 25.11.1963. <?page no="623"?> Sarajevo 1914, Marseiile 1934, Dallas 1963, Twin Towers 2001 6 2 3 tuation, wie auch das genannte MZ-Zitat verdeutlicht. Der internationale Kontext zur Zeit der Ermordung Kennedys war aber seit der Lösung der Kuba-Krise im Jahr davor im Entspannungs- und nicht im Zuspitzungs-Modus. In den USA provozierte das Attentat signifkanterweise vor allem Fragen über die innenpolitischen Konsequenzen und weniger über die Folgen für den W eltfrieden.17 Dass in der Bundesrepublik die Sarajevo-Referenz als Symbol der Kriegsfurcht eher präsent war, hat vor allem mit der sehr fragilen Lage der Bundesrepublik im Kalten Krieg zu tun, wo jede Veränderung im internationalen Kontext, gerade beim wichtigsten Verbündeten, mit besonderer Nervosität registriert wurde. Das Kennedy-Attentat hatte dabei durchaus das Potential für eine viel stärkere Mobilisierung der Sarajevo-Referenz als Metapher der Kriegsbefürchtung; dass es aber nicht dazu kam, liegt auch am Verhalten der Regierungen der USA und der UdSSR unmittelbar nach dem Attentat. Warum? Sehr schnell war bekannt geworden, dass der kurz nach dem Attentat festgenommene und zwei Tage später seinerseits ermordete Tatverdächtige Lee Harvey Oswald 1959 in die Sowjetunion ausgewandert und erst 1962 in die USA zurückgekehrt war, wo er eine pro-kubanische politische Tätigkeit entfaltet hatte. Inwieweit gab es kommunistische Hintergründe für die Ermordung Kennedys, inwieweit waren gar die Sowjetunion und Kuba in das Attentat verwickelt? Sofort zirkulierten entsprechende Gerüchte und rechtskonservative Kreise in den USA begannen mit einer antikommunistischen Kampagne. Um internationale Komplikationen und eine eventuell friedensbedrohende Krise zu vermeiden, tat Kennedys Nachfolger Johnson sofort alles, um solche Gerüchte zum Schweigen zu bringen und hat auch deswegen die Untersuchungs-Kommission angewiesen, sich auf die Alleintäterschaft von Lee Harvey Oswald zu konzentrieren.18 Auch die sowjetische Führung fürchtete, m it dem Attentat in Verbindung gebracht zu werden und hat dagegen versucht, ultrarechte und rassistische Hintergründe des Mordes in den Vordergund zu stellen. Interessanterweise wurde von sowjetischer und 17 So sah es beispielweise auch die französische Zeitung Le Figaro, die in ihrem Leitaitikel am 23./ 24.11.1963 festhielt, die Konsequenzen des Attentats würden wohl für die Innenpolitik der USA größer sein alsfürdie internationale Politik. Eine historische Referenz, die in den USA nach dem 22.11.1963 mitunter bemüht wurde, war die Ermordung von Abraham Lincoln 1865, z. B. durch den früheren US-Senator Elerbert El. Lehmann: "This isthe greatest catastrophe that our nation has suffered since the assassination of President Lincoln", New York Times, 23.11.1963. Auch Lincolns Ermordung wird in der amerikanischen Öffentlichkeit vor allem mit der Frage der innenpolitischen und nicht der weltpolitischen Konsequenzen assoziiert. 18 Vgl. Posener, Alan: 22. November 1963: EinTag, der die Welt veränderte ? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 45-46, 4.11.2013, sowie Piereson, James: The Kennedy phenomenon. In: The N ew Criterion, 32, 3/ 2014. <?page no="624"?> 624 Nicolas Moll kommunistischer Seite rasch ein anderes historisches Ereignis in Stellung gebracht: der Reichstagsbrand 1933. So wie die Nazis den Reichstagsbrand instrumentalisert hätten, um von eigener Schuld abzulenken und Kommunisten zu verfolgen, so würden jetzt amerikanische Erzkonservative, um von eigener Schuld abzulenken, Lee Harvey Oswald und den Kommunisten alles in die Schuhe schieben wollen. "Eine seit langem geplante Provokations-Kampagne ist im Gange, die an die Affaire des Reichstagsbrands 1933 erinnert, derer sich die deutschen Faschisten bedient hatten, um die progressiven Kräfte in Deutschland zu zerschlagen", schrieb z.B. die Pravda zwei Tage nach dem Attentat.19 Und im Neuen Deutschland hieß es: " Die Behörden in Dallas wollen fü r das Attentat einen Kommunisten verantwortlich machen und den wahren Schuldigen verstecken. Siesuchen einen amerikanischen Van der Lubbe."20 In der Tat kam es nach Dallas dann auch zu keiner internationalen Krise, was sicherlich der Hauptgrund ist, warum der Sarajevo-Vergleich im öffentlichen Diskurs kaum auftauchte, bzw. da wo er verwandt wurde, wie in der Bundesrepublik, schnell wieder verschwand. Fallbeispiel 3: Der 'Elfte September' - Pearl Harbor oder Sarajevo? Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington haben sofort im öffentlichen Diskurs in den USA einen historischen Vergleich hervorgerufen, doch handelte es sich nicht um Sarajevo, sondern um Pearl Harbor.21 Für den Rückgriff auf den japanischen Angriff von Pearl Harbor gegen die amerikanische Pazifikflotte im Jahre 1941 lassen sich drei Gründe anführen: Erstens stellt Pearl Harbor für die amerikanische Geschichte und das kulturelle Gedächtnis ein zentrales Ereignis und auch viel bedeutenderes Ereignis als Sarajevo 1914 dar. Zweitens sah man zwei frappierende Ähnlichkeiten zwischen '9 / 1 T und Pearl Harbor: zum einen der Überraschungs-Charakter des Angriffs, zum anderen dessen Massivität und die hohe Zahl der Toten. Drittens wurden die Anschläge des 11. September in den USA sofort als Kriegserklärung gegen die USA interpretiert und auch von der Notwendigkeit eines amerikanischen Gegenangriffs gesprochen, und dabei wurden immer wieder Analogien zum japanischen Angriff 1941 und der amerikanischen Gegenreaktion hergestellt. 19 Zit. nach Le Monde, 26.11.1963 (Übersetzung N.M.). 20 Zit. nach Le Figaro, 25.11.1963 (Übersetzung N.M.). 21 Siehe z.B.: "This is a second Pearl Harbor": US-Senator Charles Hagel, zit. in New York Times, 12.09.2001, oder: "It's a terrorists' Pearl Harbor": Wayne Downing, ehemaliger 4-Sterne- Gerneral, zit ibid. Am 15.9.2001 kommentierte die New York Times: "This week everyone has been comparing Tuesday's events to Pearl Harbor." <?page no="625"?> Sarajevo 1914, Marseille 1934, Dallas 1963, Twin Towers 2001 6 2 5 Die Kriegsanalogie war sehr präsent, auch die И/ e/ tkriegs-AnaIogie: So wie Pearl Harbor die USA in einen Krieg geführt hatte, so würde nun der Elfte September die USA in einen Krieg führen, in einen Weltkrieg gegen den Terror.22 Dass trotz der Weltkriegsanalogie in den USA nicht an Sarajevo und 1914-1918 gedacht wurde, erklärt sich damit, dass Pearl Harbor eben im Zweiten Weltkrieg stattfand und nicht im Ersten, und dass im Ersten Weltkrieg der 1917 erfolgte Kriegseintritt der USA überhaupt nichts mit dem Attentat von Sarajevo zu tun hatte. Man könnte noch argumentieren, dass der unterschiedliche Charakter beider Attentate - Individualattentat hier, Massenterrorismus dort eine Parallelisierung verbot. Aber dies ist nicht der Fall. Denn auch wenn die Pearl Harbor-Analogie den öffentlichen Diskurs dominierte, so war 'Sarajevo 1914' als Referenz in der öffentlichen Diskussion nach dem Elften September nicht abwesend, insbesondere in Europa. Mehrere Zitate mögen dies verdeutlichen: "Der tragische Tag des 11. September hat gleichzeitig etwas von Pearl Harbor, am 7. Dezember 1941, aufgrund des blitzartigvernichtenden Charakters des Angriffs, von der Versenkung der Lusitania 1915 aufgrund der Wahl der zivilen Opfer, und vom Attentat von Sarajevo, am 28. Juni 1914, aufgrund seiner großen Symbolkraft', kommentierte der französische Journalist Nicolas Baverez.2324Die FAZ schrieb am 13. September: "Nach dem 11. September wird die Welt nicht mehr so sein, wie sie war. Leicht gesprochen. Schon einmal hat ein terroristischer Akt ein Zeitalter jäh beendet. Am 26.(sic! ) Juni 1914 tötete der serbische Anarchist Gavrilo Princip in Sarajewo den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und löste den ersten Weltkrieg aus."14 Drei Tage später schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung-. "Amerika spricht von einem zweiten Pearl Harbor, und in Berlin denken manche an den August 1914, als m it einem Terrorakt in Sarajevo der Erste Weltkrieg begann."2526Der französische Philosoph Paul Virillio wiederum kommentierte: "Dieses Attentat stellt fü r den Weltfrieden eine genauso große Bedrohung dar wie das Attentat von Sarajevo im Jahre 1914 fü r den Frieden in Europa."25 Es lassen sich noch weitere Beispiele finden, die zeigen, dass unmittelbar nach dem Elften September der Sarajevo-Vergleich in Europa präsent war, wobei die Zitate wiederum die beiden bereits festgestellten zentralen Funktionen 22 "World Wai Three" lautet der Titel eines Textes von Thomas L. Friedman in der N YT vom 13.9.2001, in dem esu.a. heißt: "If this attack was th e Pearl H arborofW orId W ar III, it means there is a long, long war ahead." 23 Le M o n d e , 14.9.2001 (Übersetzung N.M.). 24 FAZ, 13.9.2001. 25 FAS, 16.9.2001. 26 Virilio, Paul: Vom Terror zur Apokalypse. In: L e ttre Internationale 54 (Herbst 2001), p. 5. <?page no="626"?> 626 Nicolas M oll der Sarajevo-Analogie illustrieren: zum einen die Kriegsgefahr zu beschwören, zum anderen den Aspekt 'Zeitenwende' zu unterstreichen. Weil es nach den Anschlägen des Elften September dann tatsächlich zum Krieg kam, zum "Krieg gegen den Terror" im allgemeinen, und zum dritten Golfkrieg 2003 im speziellen, wurde auch in der Folgezeit der 'Sarajevo I914'-Vergleich immer wieder bemüht.27 Dabei wurde regelmäßig der Aspekt 'Zeitenwende' aufgegriffen, teilweise um ihn im Hinblick auf den Elften September und mit Hilfe des Sarajevo-Vergleichs kritisch zu hinterfragen. Zum zehnten Jahrestag des 11. September fragte so Dominique Moisi: "Is 9/ 11 a historical turning point, one that ushered us into the 21st century ju st as the Sarajevo assassination in July 1914 marked our entrance into the 20th? " Moisi argumentierte dagegen, dass die Welt entgegen mancher Prophezeiungen weder in ein Zeitalter des "clash of civilziations" noch in eins des "Hyper-Terrorismus" eingetreten sei. Gleichwohl könne man den Elften September aber aus anderen Gründen als einen zentralen historischen Moment ansehen, und zwar weil es "das Ende des amerikanischen Jahrhunderts beschleunigt" habe.28 In seinemText weist Moisi also interessanterweise einerseits die Sarajevo-Analogie zurück, und stellt sie dann doch in einem anderem Teil zumindest implizt wieder her, den Niedergang der USA parallelisierend m it dem Niedergang Österreich-Ungarns nach 1914. In einer Replik auf Moisi griff der amerikanische Historiker Ted W idmer diese Parallelisierung auf: "[In his text] Moisi asked leading questions about the fa ll o f empires, wondering i f 9/ 11 was a historical disaster on the order o f the assassination o f Archduke Franz Ferdinand in Sarajevo in 1914." W idmer weist die Gleichsetzung aber generell zurück, damit argumentierend, dass die Folgen nach dem Elften September weit weniger dramatisch gewesen seien als nach Sarajevo.29 Der Austausch zwischen Moisi und Widmer verweist darauf, dass beim Sarajevo-Vergleich in der Diskussion nach dem Elften September die Frage der amerikanischen Reaktion auf die Anschläge eine zentrale Rolle spielte, wobei der Bezug zu 'Sarajevo 1914' meist benutzt wird, um die Haltung der Bush-Regierung zu kritisieren. Kurz vor Beginn des dritten Golfkriegs schrieb 27 S i e h e z . B . D a v i s , M i k e : W e n d e p u n k t 9 / 1 1 . I n : Le M o n d e D ip lo m a t iq u e , 6 . 1 1 . 2 0 1 1 : " V o r z e h n J a h r e n w u r d e L o w e r M a n h a t t a n z u m S a r a j e v o d e s K r i e g e s g e g e n d e n T e r r o r i s m u s . " 28 M o i s i , D o m i n i q u e : " A n I n f a m y i n H i s t o r y " , N e w Y ork T im e s 7 . 9 . 2 0 1 1 . 22 " B u t S a r a j e v o ? A l o t o f t e r r i b l e t h i n g s h a v e h a p p e n e d i n t h e l a s t 1 0 y e a r s , b u t n o t h i n g o n t h e s c a l e o f W o r l d W a r ! . T h e G r e a t W a r m a y h a v e k i l l e d a s m a n y a s 2 0 m i l l i o n p e o p l e , d e s t r o y e d t h r e e e m p i r e s a n d p e r m a n e n t l y d i s r u p t e d a p o w e r s t r u c t u r e t h a t h a d r u l e d m u c h o f t h e w o r l d f o r c e n t u r i e s . [ . . . ] M o s t s u r v e y s i n d i c a t e t h a t 1 0 0 , 0 0 0 h a v e b e e n k i l l e d i n I r a q , a s m a l l c o u n t r y i n t h e M i d d l e E a s t . T h a t i s n o t t o m i n i m i z e i t s c o n s e q u e n c e s - V i e t n a m w a s a s m a l l c o u n t r y t o o , a n d S a r a j e v o a d i s t a n t B a l k a n o u t p o s t . B u t s t i l l , i t i s n o t t h e s a m e . " W i d m e r , T e d : " W a s 9 / 1 1 a h i s t o r i c a l t u r n i n g p o i n t ? " , N e w Y ork T im e s , 1 6 . 9 . 2 0 1 1 . <?page no="627"?> S a r a j e v o 1 9 1 4 , M a r s e i l l e 1 9 3 4 , D a l l a s 1 9 6 3 , T w i n T o w e r s 2 0 0 1 627 so Paul Virillo in einem "Wie im August 1914" übertitelten Leserbrief: "Die Situation heute ist nicht weniger neu, als esjene damals nach dem Attentat in Sarajevo vor dem Ersten Weltkrieg war. Europa hat allen Grund, sich gegen die verfehlte amerikanische Entschlossenheit zum Krieg zu stellen, die auch das sehr fra g il gewordene Amerika in den Abgrund stürzen könnte! '10 Auch in der inneramerikanischen Diskussion tauchte Sarajevo als Argument mitunter auf, mit der kritischen Parallelisierung der Reaktion Östereich-Ungarns nach Sarajevo mit derjenigen der USA nach '9/ 11'. Als sich die Bush- Regierung 2003 anschickte, den Irak anzugreifen, kritisierte Adlai Stevenson IN deren Haltung, indem er unter anderem anführte: Bereits 1914 hätten Terroristen in Sarajevo das Attentat verübt mit dem Ziel, Östereich-Ungarn zu einer Gegenreaktion zu provozieren, und Wien habe auf das Attentat unangemessen reagiert und damit den Weltkrieg und seinen eigenen Untergang eingeläutet. Stevenson bezieht sich dann auf die Kuba-Krise, in der Kennedy nicht denselben Fehler begangen habe, und führt aus: "In 1962, President Kennedy read Barbara Tuchman's book The Guns o f August, a history o f the unintended chain o f consequences that led to the devastation o f World War I. He wanted to avoid similar missteps. The Bush administration would benefit by the same lesson. Sept. 11 was not all that different from Sarajevo at the turn o f the century [...j"31Der Text von Stevenson ist doppelt interessant: Zum einen deutet er an, dass in der Kuba-Krise die Erinnerung an Sarajevo 1914 innerhalb der amerikanischen Regierung präsent war und auch als ein Leitfaden für die amerikanische Krisenbewältigung diente.32 Zum anderen verdeutlicht er die Differenzierung zwischen dem Attentat einerseits, und der Reaktion auf das Attentat andererseits, und wie der Verweis auf den zweiten Aspekt benutzt wird, um die Politik der amerikanischen Regierung zu kritisieren. Ebenfalls ist hervorzuheben, dass hier gleichzeitig eine Parallelisierung der Attentäter von 1914 und von '9/ 1 T vorgenommen wird, die als selbstverständlich angesehen und nicht kritisch hinterfragt wird. Die M utter aller Attentate? Die Position von Sarajevo 1914 im Vergleich mit Marseille, Dallas und EIfterSeptember Die Beispiele Marseille, Dallas und Twin Towers verdeutlichen: Wenn ein spektakuläres Attentat passiert, ist im öffentlichen Diskurs der Griff zur Sarajevo 1914-Analogie nicht weit. Wie stark dies der Fall war, und ist hängt 50 FAZ, 2 4 . 1 . 2 0 0 3 . ” S t e v e n s o n III, A d l a i E . : D i f f e r e n t M a n , D i f f e r e n t M o m e n t . I n : N e w Y ork T im e s , 7 . 2 . 2 0 0 3 . ’J S i e h e d a z u z . B . a u c h K e n n e d y , R o b e r t F. : T h i r t e e n D a y s : A M e m o i r o f t h e C u b a n M i s s i l e C r i s i s . N e w Y o r k : W . W . N o r t o n 1 9 6 9 . <?page no="628"?> 628 Nicolas Moll von verschiedenen Faktoren ab: vom Land, in dem sich der Diskurs entwickelt in Europa offensichtlich stärker als in den USA ; von der Situation und Befindlichkeit der diskursierenden Personen in der Bundesrepublik ist im Jahre 1963 die Nervosität offensichtlich größer als im gaullistischen Frankreich zum selben Zeitpunkt; vom zeitlichen Abstand aber auch nur bedingt, denn nach dem Elften September war die Referenz stärker präsent als nach dem Kennedy-Mord. Vor allem aber sind zwei weitere Faktoren zu nennen: Zum einen der politische Kontext in international angespannten Situationen fällt der Griff zum Sarajevo-Vergleich besonders leicht. Und zum anderen die vorgesehenen oder tatsächlich festgestellten Folgen des Attentats: Wenn ein Attentat keine dramatischen Folgen nach sich zieht, verschwindet die Sarajevo-Analogie auch weitgehend, wie die Beispiele Marseille und Kennedy zeigen. Bei den Sarajevo-Vergleichen in den drei genannten Beispielen wird auch eine Kontinuität deutlich, nämlich dass 'Sarajevo 1914' weitgehend mit zwei Attributen verbunden wird: 'kriegsauslösend' und 'weltverändernd'. Das gibt ihm auch seine herausragende symbolische Bedeutung, wenn man die Gesamtgeschichte der Attentate im 20. Jahrhundert betrachtet. Aufgrund der Verbindung m it dem Ersten Weltkrieg hat sich 'Sarajevo 1914' im laufe des 20. Jahrhunderts zum Inbegriff des folgenreichen, gar weltverändernden Attentats entwickelt. Natürlich hat es Attentate davor und danach gegeben, aber keines wird m it solchen Folgen assoziiert wie Sarajevo. "Das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 gilt als das folgenschwerste der Geschichte. Es löste den Ersten Weltkrieg aus."33 Ein solches 'Ergebnis' kann kein anderes Attentat vorweisen, und das sichert 'Sarajevo 1914' einen Spitzenplatz in der imaginären Attentats-Hierarchie der westlichen Welt und macht es zu einer gerne zitierten Referenz. Deswegen kann Sarajevo auch durchaus als 'M utter aller modernen Attentate' gesehen werden. Nicht in dem Sinne, dass der Mord von Sarajevo für spätere Mordanschläge verantwortlich zu machen wäre, sondern in dem Sinne, dass die Interpretation des Sarajevo-Attentats ein Raster geprägt hat, durch das die Wahrnehmung späterer Attentate beeinflusst wurde. Man könnte auch argumentieren, dass die Verbindung von Sarajevo m it dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs dazu beigetragen hat, dass in der Wahrnehmung von Attentaten generell der Frage ihrer Folgen eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.34Anders ausgedrückt: Andere Attentate scheinen erst*31 53 " A t t e n t a t ! 5 0 M o r d e , d i e d i e W e l t b e w e g t e n . " I n : G/ Geschichte, S o n d e r h e f t N r .7 , 2 0 1 0 , p . 6 1 . 31 A t t e n t a t e , d i e d i e W e l t v e r ä n d e r t e n ' is t s o e i n e b e l i e b t e F o r m e l in P u b l i k a t i o n e n u n d M e d i e n b e i d e r T h e m a t i s i e r u n g v o n A t t e n t a t e n , s i e h e z .B . Bild, 2 8 . 6 . 2 0 1 4 : " N i c h t n u r S a r e j e v o [...] V o n J u l iu s C a e s a r ü b e r S is s i u n d J F K b is z u m P a p s t in R o m : 1 0 M o r d a n s c h l ä g e , d i e d i e W e l t v e r ä n d e r t e n . " <?page no="629"?> S a ra je v o 1 9 1 4 , M a r s e ille 1 9 3 4 , D a lla s 1 9 6 3 , T w in T o w e r s 2 0 0 1 629 ernst genommen zu werden, wenn sichtbare und möglichst einschneidende Folgen in sie hineininterpretiert werden. Dem ist auch das Attentat von Marseille zum Opfer gefallen: Es erscheint als der Prototyp des folgenlosen Attentats, was auch einer der Gründe ist, dass Marseille im Vergleich zu anderen Attentaten viel stärker in Vergessenheit geraten ist.35* "1914 Sarajevo ein Toter; dann Millionen weltweit.": 16 Dieses Zitat eines Leserbriefschreibers der FAZ illustriert nicht nur in einer komprimierten Fassung die dominierende Vorstellung der verheerenden Folgen des Sarajevoer Attentats, es verweist auch auf einen anderen Punkt, den die Verwendungen von Sarajevo nach Marseille, Dallas und Elfter September deutlich machen. Zwar wird m itunter zwischen dem Attentat selbst und der Reaktion auf dieses Attentat differenziert, und es ist manchmal der Wille erkennbar, keinen Automatismus zwischen dem Attentat selbst und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs herzustellen. Aber oftmals werden 'Sarajevo' und 'Kriegsausbruch' doch synonym verwandt, werden beide Ereignisse im Sinne der Komplexitätsreduktion gleichgesetzt bzw. verschmelzen ineinander. Signifikant ist hierfür auch, dass mitunter die Zeitspanne von mehreren Wochen zwischen den Schüssen von Sarajevo und dem Kriegsausbruch verschwindet, und die Schüsse von Sarajevo und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beide in den August 1914 gelegt werden.37 Große Folgen produzieren in unserer Wahrnehmung ein großes Ereignis: Auch wenn nach dem 28. Juni 1914 niemand die katastrophalen Ausmaße und Verluste des Weltkriegs erahnen konnte, so wird durch die Rückprojizierung der Folgen auf das Attentat dieses Attentat selbst im nachhinein zu einem herausragenden Ereignis und symbolisch überhöht, damit es zu den Folgen passt. Zwar erklärt sich die Faszination von 'Sarajevo 1914' si- 55 V g l. M o l l , N ic o la s : La m e m o i r e d e L o u is B a r t h o u e t d e l ' a t t e n t a t d e M a r s e i l l e e n F r a n c e e t e n E u r o p e d e 1 9 3 4 ä n o s j o u r s . L e s r a is o n s d 'u n o u b l i . I n : S a g e t, J e a n - F r a n p o is ( F lg .) : L o u is B a r t h o u . A s p e c t s m e c o n n u s e t d o c u m e n t s in e d i t s . P a u : S o c ie t e d e s S c ie n c e s , L e t t r e s e t A r t s d e P a u e t d u B e a r n 2 0 1 3 , p p . 2 2 1 - 2 4 4 . - W e i t e r f ü h r e n d e L i t e r a t u r ü b e r A t t e n t a t e u n d ih r e s y m b o l i s c h e B e d e u t u n g : D e m a n d t , A l e x a n d e r ( F lg .) : D a s A t t e n t a t in d e r G e s c h ic h t e . K ö ln : B ö h la u 2 0 0 2 ; S o m m e r , M i c h a e l : A t t e n t a t e in d e r W e l t g e s c h i c h t e : W a s h a b e n s ie b e w i r k t ? I n : A P U Z 4 5 - 4 6 , 4 . 1 1 . 2 0 1 3 ; F r e e m a n , S i m o n / P a y n e , R o n a ld : D o A s s a s s in a b o n s A l t e r T h e C o u r s e O f H is t o r y ? In : The European, 2 4 - 2 6 . 5 . 1 9 9 1 , p . 9 ; S c h n e id e r , M a n f r e d : D a s A t t e n t a t . K r ib k d e r p a r a n o is c h e n V e r n u n f t . B e r l in : M a t t h e s & S e it z 2 0 1 0 ; G e h le r , M i c h a e l / O r t n e r , R e n e ( F lg .) : V o n S a r a j e w o z u m 1 1 . S e p t e m b e r . E i n z e l a t t e n t a t e u n d M a s s e n t e r r o r i s m u s . I n n s b r u c k : S t u d i e n - V e r l a g 2 0 0 7 , d a r i n i n s b e s o n d e r e : O r t n e r , R e n e : A t t e n t a t e , T e r r o r u n d T e r r o r is m u s : B e g r i f f e u n d T h e o r i e . I b id . , p p . 9 - 2 3 ; G e h le r , M i c h a e l : V o m m o d e r n e n E i n z e l a t t e n t a t d e r n e u e r e n G e s c h ic h t e z u m p o s t m o d e r n e n M a s s e n t e r r o r i s m u s d e s 2 1 . J a h r h u n d e r t s . Flis t o r i s c h e r Ü b e r b l i c k u n d a k t u e l l e E n t w i c k l u n g e n . I b id . , p p . 3 6 1 - 4 8 7 . 36 FAZ, 2 0 . 0 9 . 2 0 0 1 . 37 S ie h e o b e n d a s Z i t a t d e r FAS ( A n m . 2 5 ) o d e r f o l g e n d e s Z i t a t v o n J a n A s s m a n n : " E s s c h e i n t , d a ß e r s t m i t d e m 1 1 . S e p t e m b e r d a s 2 1 . J a h r h u n d e r t b e g o n n e n h a t , s o w i e d a s z w a n z ig s t e m i t d e n S c h ü s s e n v o n S a r a j e v o im A u g u s t 1 9 1 4 . " (FAZ, 1 . 1 0 . 2 0 0 1 ) <?page no="630"?> 630 Nicolas M oll cherlich auch durch die enorme Diskrepanz zwischen der Ermordung eines Thronfolgers durch einen Gymnasiasten in der europäischen Peripherie auf der einen Seite, und w eltweit katastrophalen Folgen auf der anderen Seite. Anderseits kann man auch argumentieren, dass gerade diese Diskrepanz das Bedürfnis zu beflügeln scheint, das Attentat zu einem viel größeren Ereignis zu machen, als es vielleicht war. Die einzigartige Stellung des Sarajevoer Attentats in den westlichen Vorstellungswelten heißt nicht, dass alle späteren Attentate im Schatten von Sarajevo standen oder stehen, und auch nicht dass die Dimension 'kriegsauslösend' und 'weltverändernd' die einzigen Aspekte sind, m it denen Attentate im 20. Jahrhundert im öffentlichen Diskurs assoziiert werden. Das Kennedy-Attentat ist hierfür aufschlussreich, wie folgendes Zitat von RudoIfAugstein anlässlich seines 30. Jahrestags illustriert: "Kein M ord des 20. Jahrhunderts hat bis heute soviel Aufsehen erregt und Spekulationen hochgewirbelt wie der an dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in Dallas am 22. November 1963, noch nicht einmal die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand im bosnischen Sarajevo 1914."ls Augstein spricht nicht von den Folgen des Attentats, sondern von zwei anderen Faktoren, die dem Kennedy-Attentat seine symbolische Bedeutung geben und durch die es seiner Meinung nach auch das Sarajevo-Attentat übertrifft: Zum einen die mediale Aufmerksamkeit, verbunden auch m it dem Schock-Charakter der Nachricht.39Zum anderen die Spekulationen über die Flintergründe und Drahtzieher, die zwar bei vielen Attentaten zum Interpretationsbegleitprogramm gehören, doch sucht die Bandbreite und Langlebigkeit der Verschwörungstheorien beim Kennedy- Attentat sowie die Vehemenz, mit der diese diskutiert werden, zweifelsfrei ihresgleichen. Dazu kommt ein entscheidender dritter Punkt: die Persönlichkeit des Opfers und seine symbolische Bedeutung. Es ist bezeichnend, dass dieses Attentat in der Regel das 'Kennedy- Attentat' genannt wird, und nicht 'das Attentat von Dallas', analog zum 'Attentat von Sarajevo', das zuerst mit dem Ort assoziiert wird und nicht mit dem Opfer, Franz Ferdinand. Diese personen- und nicht ortsbezogene Bezeichnung unterstreicht, wie zentral in der kollektiven Wahrnehmung hier die Persönlichkeit des Opfers ist. Das erklärt sich dadurch, dass zum einen mit Kennedy der mächtigste Staatsmann der Welt ermordet wurde, und zum anderen Kennedy bereits zu Lebzeiten zu einem Symbol für Jugend, Aufbruch und Floffnunggeworden war. Im Unterschied zu Sarajevo 1914 steht der Kennedy-Mord als Symbol nicht für reale Folgen, sondern ! S D e r S p ie g e l, 1 . 1 1 . 1 9 9 3 . n D e r S a t z " J e d e r k a n n s i c h e r i n n e r n , w o e r w a r , a l s e r d i e s e N a c h r i c h t g e h ö r t h a t " w i r d z w a r h e u t e f ü r v i e l e E r e i g n i s s e v e r w a n d t , b e s o n d e r s h ä u f i g a b e r im H i n b l i c k a u f d e n K e n n e d y - M o r d . <?page no="631"?> Sarajevo 1914, Marseille 1934. Dallas 1963, Twin Towers 2001 631 als Symbol für zerstörte Hoffnung, für ein unerfülltes Versprechen, als Bedauern nicht darüber, was danach passiert ist, sondern für das, was hätte passieren sollen, wenn Kennedy weitergelebt hätte. Das macht das Attentat zu einem ebenfalls herausragenden symbolischen Ereignis, aber eben aus anderen Gründen als das von Sarajevo.40 Kommen wir nun zum Elften September, der in unserer Wahrnehmung von Attentaten auch einen herausragenden Platz eingenommen hat. Dessen Singularität zeigt sich ebenfalls bereits in seiner Benennung: Wenn Attentate oftmals nach Orten benannt werden, wie bei Sarajevo, oder nach dem Namen des Opfers, wie bei Kennedy, so ist bei den Anschlägen vom 11. September 2001 weder das eine noch das andere der Fall. 'Elfter Septem ber' bzw '9 / 1 Г : Das Datum ist hier das Entscheidende, und der Verzicht auf die Nennung der Jahreszahl, 2001, unterstreicht noch mehr den herausragenden symbolischen Ort des Ereignisses. Wie wir gesehen haben, wurde von vielen der Elfte September sofort auf dieselbe Ebene gehievt wie Sarajevo, indem er als weltveränderndes Ereignis eingeschätzt wurde, als "turning point of history", als Zeitenwende, als Beginn des 21. Jahrhunderts wobei diese Sichtweise sicherlich auch dadurch vereinfacht wurde, dass dieser Anschlag ein Jahr nach dem Millenium stattfand. Wie wir ebenfalls festgestellt haben, wird diese Idee vom "turning point of history" zwar mittlerweile von einigen Beobachtern in Frage gestellt, dennoch wird das Attentat weiter weitgehend als einschneidendes Ereignis mit weitreichenden Folgen wahrgenommen: Tatsächlich ist auch kaum von der Hand zu weisen, dass '9/ 11' weitreichende internationale Folgen hatten, die vor allem im Afghanistan-Krieg und im dritten Golfkrieg zum Ausdruck kamen.41 Was dem Elften September aber darüber hinaus in der imaginären Attentats-Hierarchie der westlichen Welt einen herausragenden Platz verschafft hat, ist noch etwas anderes: Es stellt eine Veränderung und neue Qualität in der modernen Attentatsgeschichte dar, ist zum Symbol geworden für den Übergang vom Individualattentat zum Massenterror.42 Zwar 40 V g l . P o s e n e r 2 0 1 3 . D i e F r a g e , w e l c h e p o l i t i s c h e n F o l g e n d a s K e n n e d y - A t t e n t a t e i g e n t l i c h h a t t e , i s t b i s h e u t e u m s t r i t t e n . P o p u l ä r i s t d i e A u f f a s s u n g , d a s s s i c h d i e U S A i n n e n p o l i t i s c h a n d e r s e n t w i c k e l t h ä t t e n u n d z . B . d e r V i e t n a m - K r i e g v e r h i n d e r t w o r d e n w ä r e , w e n n K e n n e d y w e i t e r g e l e b t h ä t t e , a u c h w e n n F l i s t o r i k e r h e r a u s g e r a r b e i t e t h a b e n , d a s s g e r a d e u n t e r K e n n e d y d a s U S - E n g a g e m e n t i n V i e t n a m v e r s t ä r k t w u r d e . D i e F r a g e , o b s i c h d i e U S A u n d d i e W e l t g a n z a n d e r s e n t w i c k e l t h ä t t e n , w e n n K e n n e d y n i c h t e r m o r d e t w o r d e n w ä r e , o d e r o b v i e l l e i c h t g a r n i c h t s a n d e r s g e k o m m e n w ä r e , w i r d v o n S t e p h e n K i n g g e s c h i c k t u n d i n s p i r i e r e n d v e r a r b e i t e t i n s e i n e m R o m a n : D e r A n s c h I a g . M ü n c h e n : F l e y n e 2 0 1 3 . 41 Z u r F r a g e d e r F o l g e n d e s E l f t e n S e p t e m b e r : G u b e r t , A l b a n : ' I c h w e r d e n i c h t a b w a r t e n , b i s e t w a s g e s c h i e h t ! ' D i e w e l t p o l i t i s c h e n F o l g e n d e r A n s c h l ä g e d e s 1 1 . S e p t e m b e r 2 0 0 1 . I n : G e h l e r / O r t n e r 2 0 0 7 , p p . 3 4 7 - 3 6 0 . 42 V g l . d a z u i b i d , p p . 3 6 1 - 4 8 7 . <?page no="632"?> 632 Nicolas M oll hat es schon vorher Massenanschläge gegen Zivilisten gegeben, aber keiner annähernd in der Grössenordnung des Elften September, m it einer so hohen Anzahl von Toten, m it einer solchen Mediatisierung und m it solchen direkten Folgen. Der Elfte September ist somit zu einem neuen und herausragenden Inbegriff des modernen Attentats geworden und zu einer immer wieder zitierten Referenz, ähnlich wie 'Sarajevo 1914' und auch unabhängig davon. 'Das ist unser Elfter September' ist eine Redensart, die seit 2001 regelmäßig für andere dramatische Ereignisse verwandt wird, innerhalb der USA und anderswo.43 Wie stark seine symbolische Kraft geworden ist, zeigt sich auch darin, dass der Elfte September dabei ist, rückwirkend unsere Wahrnehmung vom Sarajevo 1914 zu beinflussen. Die Attentäter vom 28. Juni 2014 als moderne Selbstmord-Attentäter, organisiert in transnationalen Netzwerken m it Unterstützern in ausländischen Regierungen, nach dem Muster von AI Qaeda: Diese Interpretation haben mehrere Historiker in neuen Darstellungen zum Kriegsausbruch 1914 vertreten, im Rahmen des hundertsten Jahrestags des Ersten Weltkriegs. In ihrem Buch The War That Ended Peace parallelisiert Margaret MacMillan explizit "Mlada Bosna" und die "Schwarze Hand" mit AI Qaeda.4445Und in seinem Buch Die Schlafwandler schreibt Christopher Clarke offen, wie '9/ 11' seinen Blick auf das Attentat von Sarajevo beeinflusst hat, was zum Beispiel auch im folgenden Satz deutlich wird: "Allesfing m it einem Kommando von Selbstmordattentätern und einem Autokorso an.'"'5 Dieser Satz ist im übrigen interessant, weil er sich nicht nur auf '9/ 11' bezieht, sondern auch, mit dem Autokorso, auf Dallas 1963, und damit ebenfalls die symbolische Breitenwirkung des Kennedy-Mords illustriert. Die Parallelisierungen des Elften September mit Sarajevo 1914 sind nicht neu, sondern haben sofort nach den Anschlägen 2001 eingesetzt, wie bereits einige oben erwähnte Zitate zeigen. Diese Parallelisierung hat auch im ehemaligen Jugoslawien Verbreitung gefunden: In einem Artikel der NZZ aus dem Jahre 2004 wird ein Museums-Kurator aus Sarajevo zitiert, 43 " D i e s e r T a g w a r u n s e r e l f t e r S e p t e m b e r " , k o m m e n t i e r t e s o e i n P o liz i s t in d e r a m e r i k a n i s c h e n K l e i n s t a d t N e w t o n , n a c h d e m in d e r d o r t i g e n G r u n d s c h u l e v o n e i n e m A m o k s c h ü t z e n 2 6 M e n s c h e n u m g e b r a c h t w u r d e n . Südkurier, 1 7 . 1 2 . 2 0 1 2 . " S p a n ie n s E l f t e r S e p t e m b e r " w i r d d a s A I Q a e d a - A t t e n t a t v o m 1 1 . M ä r z 2 0 0 4 in M a d r i d g e n a n n t , s i e h e B a u m a n n , M a r c e l : S c h l e c h t h i n b ö s e ? T ö t u n g s l o g i k u n d m o r a l i s c h e L e g i t i m i t ä t v o n T e r r o r i s m u s . W i e s b a d e n : S p r i n g e r V S 2 0 1 3 , p . 2 5 1 . S i e h e a u c h s e in K a p it e l: W i e v i e l e ‘ E l f t e S e p t e m b e r ' g i b t e s ? Ü b e r V e r g l e ic h e , d i e m a n e i g e n t l i c h n i c h t m a c h e n d a r f . I n : ib i d . , p p . 2 2 5 2 4 0 . 44 M a c M i l l a n , M a r g a r e t : T h e W a r t h a t E n d e d P e a c e . T h e R o a d t o 1 9 1 4 . N e w Y o r k : R a n d o m H o u s e 2 0 1 3 , p . 5 1 3 . 45 C la r k , C h r i s t o p h e n D ie S c h la f w a n d le r . W i e E u r o p a in d e n E r s t e n W e l t k r i e g z o g . M ü n c h e n : D V A 2 0 1 4 , p . 1 5 . <?page no="633"?> S a r a je v o 1 9 1 4 , M a r s e iil e 1 9 3 4 , D a lla s 1 9 6 3 , T w in T o w e r s 2 0 0 1 633 der sich von der positiven Interpretation des Attentats vom 28. Juni 1914 aus jugoslawischen Zeiten distanziert: "Als eine patriotische Tat könne das A ttentat aus heutiger Sicht unmöglich gelten. Es handle sich um einen Akt von organisiertem Terror. Eine Analogie zum 11. September 2001 in den USA sei absolut berechtigt."46 Regelmäßig wird von bosniakisch-nationa- Iistischer Seite Gavrilo Prinzip als Vorläufer von Bin Laden dargestellt, um erstgenannten zu diskreditieren.4748Insgesamt ist hier interessant, dass bei der Wahrnehmung von 'Sarajevo 1914' durch die '9 / ll'- B r ille der Fokus nicht, wie sonst üblich, auf den Folgen liegt, sondern auf den Organisatoren. Dennoch ist anzunehmen, dass in der allgemeinen Wahrnehmung die Dimension 'kriegsauslösendes, weltveränderndes Ereignis' weiter dominieren wird, wenn man an 'Sarajevo 1914' denkt. Dafür spricht auch, dass die Ermordung Franz Ferdinands und seiner Frau nicht nur bei Attentaten als Referenz verwandt wird, sondern auch im Rahmen anderer Ereignisse: So haben während des Ukraine-Konflikts 2014 verschiedene Beobachter Sarajevo und 1914 als Metapher für unberechenbare Kriseneskalation und drohende Weltkriegsgefahr benutzt. Eine amerikanisch-russische Internetpublikation titelte z.B. im Juni 2014: "Ukraine's Pandora box: Is 2014 Kiev next 1914 Sarajevo? "46 Drei Monate vorher hieß es in einer südafrikanischen Publikation: "Crimea 2014 is not Sarajevo 1914".49 Wobei man sich hier auch fragen kann, ob der Vergleich vor allem deswegen so beliebt ist, weil 2014 genau ein Jahrhundert nach Sarajevo liegt und ohnehin viel von 1914 die Rede ist. Anders gefragt: Würde man im Hinblick auf die Ukraine auch so viel von 1914 reden, wenn der Konflikt 2010 und nicht 2014 stattgefunden hätte? Dass es keine leichte Aufgabe darstellt, die Hintergründe für die Verwendung historischer Analogien genau zu erklären, mag auch durch einen Tagebuch-Eintrag des französischen Schriftsteller Julien Green kurz nach dem Attentat von Marseille illustriert werden: "Man hat befürchtet, dass nach der Tragödie von Marseille ein Krieg ausbrechen würde, man hat dies befürchtet, weil die meisten Leute in Analogien denken und man sich an Sarajewo erinnertfü h lte ."50Dieses Zitat w irft eine stimulierende Frage auf, 46 NZZ, 2 6 . 6 . 2 0 0 4 . 47 S i e h e b e i s p i e l w e i s e Dnevni Avaz, 4 . 9 . 2 0 1 3 . 48 Russia Direct 6 . 6 . 2 0 1 4 , h t t p : / / w w w . r u s s i a d i r e c t . o r g / c o n t e n t / u k r a i n e % E 2 % 8 0 % 9 9 s p a n d o r a b o x - 2 0 1 4 k i e v n e x t - 1 9 1 4 s a r a j e v o . 4" Daily Maverick, 2 7 . 3 . 2 0 1 4 , h t t p : / / w w w . d a i l y m a v e r i c k . c o . z a / a r t i c l e / 2 0 1 4 0 3 2 7 c r i m e a - 2 0 1 4 i s n o t s a r a j e v o - 1 9 1 4 / # . V A b i x K M 3 8 f 8 . 50 G r e e n , J u l i e n : T a g e b ü c h e r 1 9 2 6 - 1 9 4 2 . Ü b e r s e t z t a u s d e m F r a n z ö s i s c h e n v o n B r i g i t t a R e s t o r f f , A l a i n C l a u d e S u I z e r u n d C h r i s t i a n V i r a g h M ä d e r . M ü n c h e n , L e ip z ig : L i s t V e r I a g 1 9 9 1 , p . 3 8 9 ( 1 3 . 1 0 . 1 9 3 4 ) . <?page no="634"?> 634 Nicolas Moll die auch für andere historische Kontexte und andere historische Analogien diskutiert werden kann: Fürchteten die Menschen einen Krieg und dachten deswegen an Sarajevo - oder dachten sie an Sarajevo und fürchteten deswegen einen Krieg? <?page no="635"?> A m alia K erekes (B udapest ) | K atalin T eller (W ien ) J a h r-M a rk t d e r Schüsse Das Gedenkjahr 1924 in Texten und Bildern aus Österreich und Ungarn Laconicwordings in titles of articles, such as "The Dayofthe Dead" (Arbeiter-Zeitung) or "ASundayAfternoon in Summer 1914" (Vildg), designate the beginning of the summer season of the press in Vienna and Budapest in the year 1924, the 10th anniversary of the Shots of Sarajevo. This journalistic period featured a number of reminiscences that proved to be ambitious as pieces of historiography and daily politics as well. Thus, our paper discusses the question of how influential this caesura was both in terms of quality and quantity and how diverse cultural phenomena allow for exemplifying an Austrian-Hungarian comparison in the sense of 'ten years after'. Symptoms of stabilizing the political consensus, initiatives to centralize the politics of memory and to mobilize the readers for pacifistic and revisionist aims are critically analyzed in order to highlight both the temporal variability and the omnipresence of war memory. Untersuchungen zu erinnerungspolitischen Themen laufen immer wieder Gefahr, normative Erwartungen stärker als üblich ins Spiel zu bringen (erwähnt sei nur der heuristische Horror angesichts der mehrmals fehlenden Leitartikel zum Jahrestag von Sarajevo in der Presse) und/ oder zugunsten einer referentialisierenden Lektüre weite Teile der belletristischen Produktion ausgrenzen zu müssen, um Begriffe wie die Kriegsliteratur zumindest als operative Kategorien zu behalten. Bei komparatistisch ausgerichteten Untersuchungen kommen noch die von Hannes Leidinger unlängst beschriebenen Reibungsverluste der vergleichenden Weltkriegsforschung hinzu, die Ausblendung von Kontinuitäten, Kontexten und Singularitäten, der die systemtheoretisch begründete Schärfung des Blicks für kaum gesehene Details nur bedingt aufwiegen kann.1 Diese drei Faktoren haben zur Folge, dass unsere Analyse die erhoffte Komplexität des Themas gleichermaßen steigern und reduzieren wird, oder ohne Luhmann form uliert: Die Praktiken des Erinnerns in W ort und Bild rufen einfache, einen vorhandenen Konsens suggerierende Antworten ebenso hervor wie zahlreiche offene Fragen, die vor allem die Quantität und den direkten Bezug der Erinnerungen auf den Weltkrieg betreffen. 1 C f. L e i d in g e r , H a n n e s : V e r g l e i c h e n d e W e l t k r i e g s f o r s c h u n g - A n a ly s e e i n e s T r e n d s . I n : D o r n i k , W o l f r a m / W a l l e c z e k - F r i t z , J u l i a / W e d r a c , S t e f a n ( H g . ) : F r o n t w e c h s e l . Ö s t e r r e i c h - U n g a r n s " G r o ß e r K r i e g " im V e r g l e ic h . W i e n , K ö ln , W e i m a r : B ö h la u 2 0 1 4 , p p . 3 7 - 4 7 . <?page no="636"?> 636 A m a l i a K e r e k e s | K a t a l i n T e l l e r Die Kon- und Divergenzen, das sei vorausgeschickt, müssen vor dem Hintergrund der detailreich nachgewiesenen und gesamteuropäisch geltenden historiografischen Tendenzen gesehen werden: Bis in die 1960er Jahre, wie dies die Studien beispielsweise von Jay W inter und Antoine Prost belegen/ dominierte in der akademischen Geschichtsschreibung, die auf einen relativ engen Kreis sozial bevorteilter Wissenschaftler beschränkt war, ein politik-, militär- und diplomatiegeschichtlicher Zugang mit Fokus auf die Kriegsschuldfrage, der sich vornehmlich der von offiziellen Stellen stammenden Quellen bediente.23 Ausgeblendet blieben dabei eben jene Textsorten, die v.a. seit dem Cultural Turn vermehrt in den Mittelpunkt rückten und eine Auseinandersetzung mit der "Geschichte von unten" förderten: Erzähltexte, Ego-Dokumente, Feldpostbriefe oder auch pressegeschichtliche Funde und populärkulturelle Erzeugnisse. In der Zwischenkriegszeit, so eine Anmerkung von W inter und Prost, transportierten gerade die massenmedialen Produkte die Elemente der öffentlichen Erinnerung an den Krieg ("agents of memory"), die sich m it dem historiografischen Diskurs der Zeit nur punktuell berührten.4 Unser Beitrag will dementsprechend den mitunter spärlichen Spuren des Zehnjahrestags des Attentats in der ungarischen und österreichischen Publizistik, Belletristik und Filmproduktion vergleichend nachgehen, um den Stellenwert der Schüsse zu ermessen. "Ein schreckensvolles Datum" M it Blickaufdie Publizistiken zum Jahrestag der Schüsse von Sarajevo bietet sich eine einfache Antwort auf die Frage nach der Ausprägung der jeweiligen Erinnerungsstrategie an, nämlich dass ein tendenzieller Unterschied zwischen der Budapester und der Wiener Presse besteht, und zwar hinsichtlich der weit- und innenpolitischen Kontextualisierung des Ereignisses. In den ungarischen Artikeln erkennt man unschwer die Akzentuierung der innenpolitischen Vorgeschichte -je n e r demokratie- und nationalitätenpoli- 2 C f . W i n t e r , J a y / P r o s t , A n t o i n e : T h e G r e a t W a r i n H i s t o r y . D e b a t e s a n d C o n t r o v e r s i e s , 1 9 1 4 t o t h e P r e s e n t . C a m b r i d g e e t a t : C a m b r i d g e U P 2 0 0 5 ( S t u d i e s i n t h e S o c i a l a n d C u l t u r a l H i s t o r y o f M o d e r n W a r f a r e 2 1 ) , p p . 6 - 1 5 . C f . a u c h L e i d i n g e r , H a n n e s / M o r i t z , V e r e n a : D e r E r s t e W e l t k r i e g . W i e n , K ö l n , W e i m a r : B ö h l a u 2 0 1 1 ( U T B 3 4 8 9 ) , p p . 1 2 f f . 2 U n t e r s c h i e d e z w i s c h e n d e n ( h i e r : w e s t e u r o p ä i s c h e n ) L ä n d e r n b e s t e h e n i n d e r P r o f i l i e r u n g d e r f r ü h e r e n H i s t o r i o g r a f i e i n R i c h t u n g d e r P o l i t i k u n d M i l i t ä r g e s c h i c h t e , g e m e i n s a m b l e i b t a l l e r d i n g s d a s I n t e r e s s e a n d e r K u l t u r g e s c h i c h t e s e i t d e n 1 9 8 0 e r J a h r e n . C f . B a u e r k ä m p e r A r n d / J u l i e n , E l i s e : E i n l e i t u n g : D u r c h h a l t e n ! K r i e g s k u l t u r e n u n d H a n d l u n g s p r a k t i k e n i m E r s t e n W e l t k r i e g . I n : D i e s . ( H g . ) : D u r c h h a l t e n ! K r i e g u n d G e s e l l s c h a f t i m V e r g l e i c h 1 9 1 4 - 1 9 1 8 . G ö t t i n g e n : V a n d e n h o e c k & R u p r e c h t 2 0 1 0 , p p . 7 - 2 8 . 4 C f . W i n t e r / P r o s t 2 0 0 5 , p . 1 7 3 f f . <?page no="637"?> D a s G e d e n k ja h r 1 9 2 4 in T e x te n u n d B ild e r n a u s Ö s te r r e ic h u n d U n g a r n 637 tischen Krise, aus der die auf Schwächung Ungarns abzielende Balkanpolitik von Franz Ferdinand profitierte die unverblümt als Balkanisierung des Landes und folglich der Nachkriegsordnung bezeichnet wird, mit denen die Konzessionen für die anderen Nationalitäten gemeint sind. In der Wiener Presse dominieren hingegen die Erwägung der weltpolitischen Zusammenhänge und jener diplomatie- und militärgeschichtliche Zugang, der taktische, sicherheitspolitische Fehlentscheidungen in den Vordergrund stellt. Um dies mit je einem charakteristischen Zitat zu belegen: Die ungarische liberale Tageszeitung Viläg meinte, Franz Ferdinand sei "kein Freund der dualistischen Verfassung der Monarchie" gewesen, und weiter, die Nationalitäten, die sich nach Abspaltung sehnten, erwarteten die Erfüllung ihrer Floffnungen von ihm. Aus den Memoiren der Offiziere aus seinem Umfeld ist seitdem deutlich geworden, dass diese Annahmen eine reelle Grundlage hatten, dass die Floffnungen der Nationalitäten keine Wunschbilder waren, dass der Thronfolger die Staatsstruktur der Doppelmonarchie radikal ummodeln wollte. Sein Freund war Kaiser Wilhelm, sein Ideal das föderalistische Deutschland, und wäre sein Idealbild in Erfüllung gegangen, würden die Grenzen Ungarns auch ohne verlorenen Krieg in etwa dort verlaufen, wie sie vom Frieden von Trianon gezeichnet wurden.5 Der ehemalige österreichische Kriegsminister legte die Ereignisse in der Neuen Freien Presse ebenfalls als gleichsam gottgewollte Notwendigkeit aus: Es mag nun als transzendental beurteilt werden, daher nicht nach jedermanns Geschmack sein, vielleicht sogar ein Lächeln auslösen, wenn ich die Ansicht ausspreche, daß die kraftvolle Persönlichkeit des Erzherzogs der schließlichen Lösung, wie sie vom Weltschicksal geplant war, im Wege stand und daher souverän ausgeschaltet wurde. Ausgeschaltet just in einem Moment, der dem Schicksal am geeignetsten schien.6 M it den klaren Unterschieden in der Größenordnung der Kontexte vergleichbar artikuliert sich die retrospektive Einschätzung der Flabsburgermonarchie: In Budapest erscheint sie mit einem betonten "trotz allem" und vor dem Flintergrund der Friedensverträge von Trianon als Inbegriff der Friedenszeit, in einer melancholischen Tonalität in den Feuilletons und mit konkreten Korrekturvorschlägen in der politischen Publizistik. Wenngleich die Wiener Reichspost das Attentat und den Weltkrieg ebenfalls als Einschnitt in das Reformprojekt von Franz Ferdinand sehen lässt, als Vereitelung der "schöne[n] Floffnung auf eine ruhige, gerechte Entwicklung der Völkerschicksale" die nun einen "langen Irr- und Umweg werden gehen 5 N . N . : N y ä r i v a s ä r n a p d e l u t ä n 1 9 1 4 b e n [E in S o n n t a g n a c h m i t t a g im S o m m e r 1 9 1 4 ] , In : Viläg, J g . 1 5 , N r. 1 2 7 V. 2 8 . 6 . 1 9 2 4 , p p . 1 - 2 . 6 A u f f e n b e r g v o n K o m a r ö w , M [ o r i t z F r e ih e r r ] v .: In M e m o r i a m . A m z e h n t e n J a h r e s t a g e d e s 2 8 . J u n i 1 9 1 4 . I n : Neue Freie Presse, J g . 6 0 , N r. 2 1 4 6 8 v. 2 8 . 6 . 1 9 2 4 , p p . 2 - 3 , h i e r p . 2 . <?page no="638"?> 638 Amalia Kerekes | KataIinTeIIer müssen" um an dem ursprünglich geplanten Ziel anzukommen/ lässt sich in der Wiener Presse der republikanische Konsens eindeutig erkennen, der die Fatalität des Untergangs und die entsprechende Akzentverschiebung zugunsten des Totengedenkens in den Vordergrund stellt. Die Arbeiterzeitung argumentierte z.B., dass der Untergang der Flabsburgermonarchie eine geradezu willkommene geschichtliche Notwendigkeit darstellte und des Todes des Thronfolgers ausschließlich wegen der im Krieg Leidenden gedacht werden soll: *8 Franz Ferdinand ist nicht als Märtyrer in die Geschichte eingegangen; zu viel Blut ist wegen seines Todes und nach seinem Tode vergossen worden, als daß sich ein Einzelschicksal im Bewußtsein der Menschen hätte festsetzen können. [...] So ist die Mordtat in Sarajevo nur ein schreckensvolles Datum, eines freilich, das nicht vergessen werden wird, solange sie alle, die Kinder und Männer und Frauen und Greise, die das fünfjährige Morden miterlebt und miterlitten haben, auf Erden wandeln.9 Die Abschwächung des Attentats als Referenzpunkt zugunsten der Herausstellung systematischer Entscheidungsprozesse in der historischen Kasuistik und in den mnemotechnischen Empfehlungen zeigt sich auch in der Montage von Karl Kraus, der seine Auslese aus den Dokumenten der zehn Jahre auf die Aussage hinführt, dass "Österreich, das Angenehme m it dem Nützlichen verbindend [...] den Mord als Kriegsgrund [feierte]."10 Ähnlich vehement und m it unnachahmlicher Schärfe bezichtigte der linksliberale Morgen die österreichische Führungselite des blinden M ilitarismus und Patriotismus und ließ als einziger in der Presse die M ittäterschaft weiter Teile der Bevölkerung, die "skrupellose Loyalität" der Untertanen nicht unerwähnt, die somit auf "bleichen Leichenhügeln" ihr wohlverdientes Ende fanden.11 Soweit die einfache Antwort, die aus der unterschiedlichen Position der beiden Länder in der Nachkriegsordnung folgt und konstant präsent ist, komplexer wird die Frage und offener die Antwort erst dann, wenn das historisierende und tagespolitisch aktualisierende, mobilisierende Potenzial des Jahrestags ermessen wird, überhaupt der Akt des Gedenkens. Die Erinnerungen in der Wiener Presse schreiben sich nämlich in die Do- ' P o s c h , A n d r e a s : V o r z e h n J a h r e n . I n : R e ic h s p o s t, J g . 3 1 , N r . 7 7 v . 2 8 . 6 . 1 9 2 4 , p p . 1 - 2 , h i e r p . 2 . 8 C f . N . N . : W i e s i e u n s g e t ä u s c h t h a b e n ! I n : A r b e i t e r - Z e i t u n g , J g . 3 6 , N r . 2 0 6 v . 2 7 . 7 . 1 9 2 4 , p p . 1 - 2 . 9 N . N . : D e r K r i e g s v o r w a n d . E i n e E r m o r d u n g u n d d a s W e l t m o r d e n . I n : A r b e i t e r z e i t u n g , J g . 36, N r . 178 V. 29.6.1924, pp. 1-2, h i e r p. 1. 10 K r a u s , K a r l : I n d i e s e r k l e i n e n Z e i t . I n : D ie F a c k e l, H . 6 5 7 v . 8 . 1 9 2 4 , p p . 1 - 4 5 , h i e r p . 3 1 . 11 P i s z k , K a r l O s k a r : D i e l o y a l e T e u f e l s f r a t z e o d e r " Z u r f r e u n d l i c h e n E r i n n e r u n g a n d e n W e l t k r i e g " . I n : D e r M o r g e n , J g . 1 5 , N r . 3 0 v . 2 8 . 7 . 1 9 2 4 , p p . 4 - 5 , h i e r p . 4 . <?page no="639"?> D a s G e d e n k ja h r 1 9 2 4 in T e x te n u n d B ild e r n a u s Ö s te r r e ic h u n d U n g a r n 639 kumentation einer breiteren Erinnerungskultur ein, in die Denkmal- und Protestkultur, die die beiden Jahrestage im Sommer 1924 umgeben. Die Formenvielfalt der zahlreichen österreichischen Denkmäler, mit militanter bis hin zur resignativen Symbolik, stellt nicht nur zeitlich gesehen, sondern auch wegen ihrer Verankerung in lokalen Initiativen ein anderes Phänomen dar,12 als die restlos zentralisierte Denkmalkultur in Ungarn, die erst nach einem im Mai 1924 erlassenen Gesetz im wortwörtlichen Sinne ausgebaut wird, und zwar im Kontext der Festlegung des letzten Maisonntags als Nationalfeier zu Ehren der Fielden des Weltkriegs, die zugleich die allmähliche Ablösung der christlichen mit einer revanchistischen Formensprache einleitet.13Die pragmatisch motivierte Entscheidung für einen neutralen, mit Blick auf die zu Ende gehende Schulzeit bzw. die Ruhepause in der Landwirtschaft günstigen Tag ließe sich vermutlich mit denselben Gründen erklären wie der relativ späte Zeitpunkt der Intensivierung der Denkmaleinweihungen,14und zwar m it dem offenen Ende des Weltkriegs, den stets in Anführungszeichen gesetzten Friedensverträgen, die mit einer abschließenden Geste durch die Anknüpfung an ein symbolisches Datum nicht kompatibel waren.15 Die trotz oder wegen der allmählichen Konsolidierung des Florthy-Regimes um 1924 beibehaltene generelle Unterbindung der Benützung öf-*11 12 S c h o n w ä h r e n d d e s K r ie g s k a m e s v .a . in lä n d li c h e n G e m e in d e n z u e i n e m r e g e l r e c h t e n D e n k m a l b o o m , w o r a u f d a s G e w e r b e f ö r d e r u n g s a m t u n t e r M i t a r b e i t v o n f ü h r e n d e n K u n s t s c h a f f e n d e n m i t L e i t s ä t z e n z u r D e n k m a l g e s t a l t u n g u n d e i n e m m i n i m a l i s t i s c h a g i e r e n d e n M u s t e r b u c h r e a g i e r t e ( K a i s e r l ic h - K ö n ig l ic h e s G e w e r b e f ö r d e r u n g s - A m t , W i e n [ H g . ] : S o l d a t e n g r ä b e r u n d K r i e g s d e n k m a l e . W i e n : S c h r o l l 1 9 1 5 , c f. K a h le r , T h o m a s : " G e f a lle n a u f d e m F e ld d e r E h r e ..." K r i e g e r d e n k m ä l e r f ü r d i e G e f a l le n e n d e s E r s te n W e l t k r i e g s in Ö s t e r r e ic h u n t e r b e s o n d e r e r B e r ü c k s i c h t ig u n g d e r E n t w i c k l u n g in S a lz b u r g b is 1 9 3 8 . In : R i e s e n f e lln e r , S t e f a n ( H g . ) : S t e i n e r n e s B e w u ß t s e i n I. D ie ö f f e n t l i c h e R e p r ä s e n t a t i o n s t a a t l i c h e r u n d n a t i o n a l e r I d e n t i t ä t Ö s t e r r e ic h s in s e i n e n D e n k m ä l e r n . W i e n , K ö ln , W e i m a r : B ö h la u 1 9 9 8 , p p . 3 6 5 - 4 1 0 , h i e r p . 3 7 0 ) . D a s J a h r 1 9 2 4 w a r e b e n f a l ls v o n e i n e r la n g e n R e ih e v o n E in w e ih u n g e n g e k e n n z e i c h n e t : D a s B i ld u n d T e x t m a t e r i a l d e s Interessanten Blattes l i e f e r t e in e i n d r u c k s v o ll e s G e s a m t b i ld d a v o n u n d b e z e u g t e i n m a l m e h r d i e T h e s e R e in h a r t K o s e lle c k s v o n d e r " D e m o k r a t i s i e r u n g d e s T o d e s " in d e r D e n k m a l k u l t u r d e s E r s te n W e l t k r i e g s (c f. K o s e lle c k , R e in h a r t : K r i e g e r d e n k m a l e a ls I d e n t i t ä t s s t i f t u n g e n d e r Ü b e r l e b e n d e n . In : M a r q u a r d , O d o / S t i e r l e , K a r l- H e in z [ H g . ] : I d e n t i t ä t . M ü n c h e n : F in k 1 9 7 9 [ P o e t i k u n d H e r m e n e u t i k 8 ] , p p . 2 5 5 - 2 7 6 ) . Cf. K o v a lo v s z k y , M ä r t a : K e g y e le t s z o I g ä la tä s [ E h r e n d i e n s t ] , In : K o v ä c s , Ä k o s ( H g . ) : M o n u m e n t u m o k az e ls ö h ä b o r ü b ö l . B u d a p e s t : C o r v i n a 1 9 9 1 , p p . 9 1 - 1 0 3 . 11 Cf. K o v ä c s , Ä k o s : " E m e l j ü n k e m l e k s z o b r o t h ö s e i n k n e k ! " [ " E r r i c h t e n w i r e in D e n k m a l f ü r u n s e r e H e l d e n ! " ] I n : K o v ä c s 1 9 9 1 , p p . 1 0 7 - 1 2 4 . In d e r A u s e i n a n d e r s e t z u n g m i t d e m W e l t k r i e g a n d e r O s t f r o n t w i r d in d e n n e u e r e n F o r s c h u n g e n g e r a d e d i e s e s A r g u m e n t s t a r k g e m a c h t : F ü r d i e o s t e u r o p ä i s c h e n S t a a t e n la s s e n s ic h n ä m li c h d i e e m b l e m a t i s c h e n J a h r e s z a h le n 1 9 1 4 u n d 1 9 1 8 n u r b e d i n g t a ls E c k p u n k t e s e t z e n . Cf. B ö h le r , J o c h e n / B o r o d z i e j , W l o d z i m i e r z / P u t t k a m e r , J o a c h im v o n : I n t r o d u c t i o n . In : D ie s .: L e g a c ie s o f V i o l e n c e . E a s te r n E u r o p e 's F ir s t W o r l d W a r . M ü n c h e n : O l d e n b o u r g 2 0 1 4 ( E u r o p a s O s t e n im 2 0 . J a h r h u n d e r t 3 ), p p . 1 - 6 . <?page no="640"?> 640 A m a lia K e re k e s | K a ta Iin T e IIe r fentlicher Räume für politische Zwecke16 ist möglicherweise ein ebenso gewichtiger Grund und zeigt einen deutlichen Unterschied zu Österreich: Die Demonstration der Invaliden am Jahrestag des Attentats am Rathausplatz für die Erhöhung der Rente unter Berücksichtigung der Teuerungsverhältnisse sowie für das Mitbestimmungsrecht der Behandlungen17 bzw. die sozialdemokratische Kundgebung am Jahrestag der Kriegserklärung ebenda18 zeugen von der Notwendigkeit der eindeutigen Stellungnahme gegen jene Stimmen, die bezeichnenderweise in den illustrierten Blättern wahrzunehmen sind und gegen die Friedenspolitik agitieren. Reime wie "In London gesundet Europas Wesen: / Ein Schiedsgericht hindert, daß Krieg ausbricht / Weshalb nur stand irgendwo tückisch zu lesen: / Schießgericht...? "19 signalisieren ein Gefälle zwischen der Tonlage der Leitartikel in den Tageszeitungen und der Kommentare in den Boulevardblättern, wenngleich - und dies gilt auch für Ungarn speziell zum Jahrestag von Sarajevo auch in der seriösen Presse die Adaptierung der Techniken des Enthüllungsjournalismus aufscheint. Die sich auf mehrere Seiten erstreckenden Montagen aus Leitartikeln, Zeitzeugenberichten und sensationellen Archivmaterialien, die quantitativ gesehen ein eindeutiges Novum im Vergleich zu den vorangehenden Jahren darstellen, haben einen nivellierenden Effekt, der den Problemkomplex der Verantwortung personalisierend, anekdotisch verwischt. Dass die Schlafwandlerthese von Christopher Clark20im Jahre 1924 vermutlich eine wohlwollende Aufnahme gefunden hätte, wird inzwischen durch vergleichbare Auslegestrategien in den beiden Exreichshälften suggeriert: Es handelt sich einerseits um die tendenziell ruhige Tonalität der politischen Presse, um das m it Sarajevo symbolisch zusammengefasste ungarische Dilemma Magyarisierung versus eine allseits zufriedenstellende Nationalitätenpolitik vor dem Hintergrund einer revisionistischen Politik, die ihr friedfertiges Gesicht zeigen und Ungarn von der Kriegsschuld entlasten möchte, ohne dabei an einer allgemeinen Opferthese auf Kosten von Österreich zu kratzen, wie es im Pester Lloyd hieß: "Nun, da zehn Jahre seit der nichtswürdigen Mordtat verflossen sind, darf man wohl hoffen, daß die Siegerstaaten die geschichtliche Wahrheit erkennen und die falschen Anklagen gegen Oesterreich-Ungarn, und in erster Reihegegen Un- 16 C f . S z a b ö , M i k l ö s : P o l i t i k a i e v f o r d u l ö k a H o r t h y r e n d s z e i b e n [ P o l i t i s c h e J a h r e s t a g e i m H o i t h y S y s t e m ] . I n : L a c z k ö , M i k l ö s ( H g . ) : A k e t v i l ä g h ä b o r ü k ö z ö t t i M a g y a i o r s z ä g i ö l . B u d a p e s t : K o s s u t h 1 9 8 4 , p p . 4 7 9 - 5 0 4 . 17 C f . N . N . : I n v a l i d e n d e m o n s t r a t i o n a u f d e r R i n g s t r a ß e . I n : N e u e F re ie P re s s e , J g . 6 0 , N r . 2 1 5 1 0 V . 2 9 . 6 . 1 9 2 4 , p . 1 2 . 18 C f . N . N . : H e r a u s a u f d i e S t r a ß e ! I n : A r b e i t e r z e it u n g , J g . 3 6 , N r . 2 0 5 v . 2 6 . 7 . 1 9 2 4 , p . 1 - 2 . H e l l e r , F r e d : C h r o n i k i n v i e r Z e i l e n . I n : D as In te r e s s a n te B la tt, J g . 4 3 , N r . 3 3 v . 1 4 . 8 . 1 9 2 4 , p . 1 4 . 20 C l a r k , C h r i s t o p h e r : D i e S c h l a f w a n d l e r . W i e E u r o p a i n d e n E r s t e n W e l t k r i e g z o g . M ü n c h e n : D V A 2 0 1 3 , p p . 2 9 8 f f , 4 8 8 f f . <?page no="641"?> Das G e d e n k j a h r 1 9 2 4 in T e x te n u n d B ild e r n a u s Ö s te r r e ic h u n d U n g a r n 641 garn, fallen lassen werden."21Andererseits geht es dabei um sein trotz aller Unterschiede doch sichtbares Pendant in Österreich mit der Beteuerung des allgemeinen "Triebwerks" des Krieges.22 Die Ansätze zum Sensationsjournalismus im Fahrwasser der eher vorsichtig formulierten Vorbehalte gegenüber der Nachkriegsordnung deuten darauf hin, dass das alle verfügbaren Darstellungstechniken der Presse auslotende Reenactment vom 28. Juni 1914 der Verzerrung der Kontinuitäten und einer wahren Zäsursetzung zuarbeiten soll (die stichprobenartige Überprüfung dieser These in den folgenden Jahren, die keine vergleichbaren Erinnerungsrituale zu Tage förderte, bestätigt diesen Befund). Die Neue Freie Presse schätzte die zeitliche Entfernung des Kriegsausbruchs bereits als einen Garanten für eine neue objektive Historiografie ein: Nicht die zehn Jahre, die zwischen uns und dem Mord an Franz Ferdinand liegen, wohl aber die gänzliche Umwälzung aller Verhältnisse in unserem Vaterland, der Zusammenbruch des Reiches lassen uns heute trotz aller persönlichen Nähe des Erlebnisses die junge Vergangenheit von damals doch schon als Vergangenheit empfinden, als Geschichte, die uns den nötigen Abstand gibt, um die Figuren und Ereignisse mit der Freiheit des Blickes und des Urteils zu erfassen.23 "... nicht als Schauköder benützt werden" Historische Rekonstruktionsarbeit sei es in noch so tendenziöser Form wie in manchen Illustrierten und Tagesblättern der Zeit - und v.a. die Referentialisierung des Attentats hinterlassen dagegen in der postmonarchischen literarischen und filmischen Ernte zehn Jahre nach Sarajevo lediglich sporadisch ihre Spuren. Dies kann nur beschränkt verwundern: Die krisenhaften finanziellen Zustände in der ungarischen und österreichischen Filmproduktion24 und die tendenzielle belletristische Ausblendung der Kriegsthematik begünstigen keinesfalls die Suche nach erinnerungspolitisch verwertbaren Funden. 21 N.N.: DasAttentat von Sarajevo. In: PesterUoyd, Jg. 71, Ni. 127 v. 28.6.1924, pp. 1-2, hier p. 2. ” Cf. M.G.: Beim Grafen Berchtold. Eine Prophezeiung der Gräfin. In: Neues Wiener Journal, Jg. 32, Nr. 11023 V. 27.7.1924, pp. 11-12. 23 N.N.: Ein trauriger Gedenktag. Zehn Jahre seit dem Morde in Sarajewo. In: Neue Freie Presse, Jg. 60, Nr. 21479 V. 28.6.1924, pp. 1-2, hier p. 1. 24 Nach einem Höhepunkt 1921 und 1922 konnte die österreichische Filmproduktion der Flut von Hollywood-Filmen nicht mehr standhalten, cf. Fritz, Walter: Im Kino erlebe ich die Welt. 100 Jahre Kino und Film in Österreich. Wien: Brandstätter 1996, pp. 102-105 und pp. 115- 118; für ähnliche Entwicklungen in Ungarn cf. Balogh, Gyöngyi/ Gyürey, Vera/ Honffy, Pal: A magyai jätekfilm törtenete a kezdetektö'l 1990-ig [Die Geschichte des ungarischen Spielfilms von den Anfängen bis 1990]. Budapest: Mtiszaki 2004, pp. 43-65. <?page no="642"?> 642 Amalia Lerekes | KataIinTeIIer Die Kinokultur ist nämlich in der M itte der 1920er Jahre von deutschen und amerikanischen bzw. in geringerem Maß von französischen und sowjetischen Importwaren dominiert, die allerdings mit aufschlussreichem Kontextwissen für unsere beiden ungarischen und österreichischen Beispiele aufwarten. Die Flut von deutschen Militärschwänken und Habsburgernostalgiefilmen sowie die unterschwellige amerikanische Infiltration des österreichischen und ungarischen Filmmarktes m it Weltkriegsthematik und eine Reihevon sowjetischen RevolutionsfiImen25Steckenjenes Feld ab, auf dem der Regisseur Geza von Bolväry Sensationslust, Sentimentalitätsbedürfnis und oberflächliches historisches Interesse befriedigen konnte. Dies stand zugleich im Sinne der Filmpolitik, die sich im Zeichen der Landespropaganda programmatisch den Klassikern der ungarischen Literatur zuwandte. Bolväry, selbst ein ehemaliger Husar,26 lieferte mit seiner Verfilmung einer 1886 verfassten Novelle von Kalman Mikszäth27 ein grundsätzlich zeitenthobenes, aber in den Kritiken im Kontext der Kriegs- und Nachkriegserfahrungen ausgelegtes Stück. Die Hälfte eines Knaben, in dem der verwitwete und wieder verheiratete Landadelige die Söhne aus seinen beiden Ehen erst im Alter von fünf Jahren der neuen Gattin unter die Fittiche gibt, um eine egalitäre Erziehung der beiden zu garantieren, stellt das Mutterherz gerade m it einer Kriegsepisode auf die endgültige Probe: Von den beiden Söhnen stirbt der eine an der Front, woraufhin die M utter doch darauf verzichtet, die wahre Identität ihres eigenen Sohns erfahren zu wollen, um zumindest "die Hälfte des Knaben" behalten zu können. Die von Mikszäth anekdotenhaft erzählte Geschichte verwandelt sich unter den Kameraaugen Bolvärys in einen witzig-sentimentalen Streifen, der das Kriegsgefecht neben dokumentarischen Aufnahmen mit etwas chaotisch wirkenden Schnitten veranschaulicht, aber so stark die zeithistorischen Bezüge meidet, dass weder die Soldaten (anhand ihrer Uniformen) noch das ländliche Milieu identifiziert werden können. Der Zwischentitel der einschlägigen Szene lautet denn auch: "Die Zerstörung 25 Neben den USA punktete auch Frankreich mit Kriegsfilmen, die, den Hollywood-Produktionen ähnlich, nie auf einen melodramatischen Strang verzichten konnten. Cf. D as P a ra d ie s d e s N a r r e n (USA 1923, R: Cecil de Mille). In: P a im a n n 's F ilm lis te n , Jg. 8, Nr. 386 v. 31.8.1923, s. p.; K ö n ig s m a r k (Frankreich 1923, R: Leonce Perret). In: P a im a n n 's F ilm lis te n , Jg. 9, Nr. 416 V. 28.3.1924, p. 58f. und D ie S c h la c h t (Frankreich 1924, R: Edouard-Emile Violet). In: P a im a n n 's F ilm lis te n , Jg. 9, Nr. 417 v. 4.4.1924, p. 67. Zu den deutschsprachigen Filmproduktionen im Zeichen der Monarchie- und Kriegsverherrlichung cf. Moritz, Verena: Vergangenheitsbewältigung. In: Dies./ Moser, Karin/ Leidinger, Hannes: Kampfzone Kino. Film in Österreich 1918-1938, pp. 141-172 und dies.: Krieg. In: ibid., pp. 255-276. 26 Zur Biografie Bolvärys cf. Sas, Äron: Ein Leben fü r den Film. Das Leben Geza von Bolvärys. Wien: Univ., Dipl.Arbeit (unveröff.) 2007. 27 Für die deutsche Übersetzung der Novelle cf. Mikszäth, Kälmän: Die Hälfte des Knaben. Übers. V. Robert Täbori. In: A n d e r S c h ö n e n B la u e n D o n a u , Jg. 2, H. 7 v. 1.4.1887, pp. 152-154. <?page no="643"?> Das G e d e n k j a h r 1 9 2 4 in T e x te n u n d B ild e r n a u s Ö s te r r e ic h u n d U n g a r n 643 des Schönen. Der Untergang des Guten. Ernte des Todes. Hölle auf Erden. Krieg! Krieg! "28 Kein Wunder, dass der international vertriebene Film in der Fassung, die aus der Sammlung der Jugoslavenska Kinoteka 2011 restauriert und auf der Webseite Europeana zugänglich gemacht wurde,29die ungarischen Personennamen mühelos in englische umwandeln konnte. Die einhellig positiven Kritiken klammerten den Krieg weitgehend aus,30einzig die Besprechung einer weit rechts stehenden Zeitung pries die ästhetisch einwandfreie, weil auf Grausamkeiten und unangenehme Reminiszenzen verzichtende Gefechtsdarstellung als Hauptleistung des Filmes.31 Das Ideal einer gegen den Naturalismus gerichteten, stilisierenden Darstellung des nur angedeuteten Kriegs und daneben das Schweigen darüber dürften einmal mehr auf den prekären Status der Todesthematik in den öffentlichen Diskussionen hinweisen, die melodramatisch in die Sphäre der ewigen menschlichen Werte erhoben wird: Die Trauer kombiniert mit der Einsicht in die Ersetz- und Austauschbarkeit des Individuums impliziert allerdings Elemente, die zeitgleich mit der Presse auf den heroisierenden Totenkult ohne pazifistische Note hindeutet. Bolvärys Karriere in den Gefilden der leichten Unterhaltung führte noch im selben Jahr weiter in die Bavaria-Film und zu seiner ersten Münchner Produktion. Die Königsgrenadiere, die es unter dem Titel Grenadiere der Arbeit nach Österreich schafften,32 fügten sich nahtlos in die Reihe einschlägiger militaristisch gesinnter Filme, die m it ihrer Heeresverherrlichung, so Fritz Rosenfeld in der Arbeiter-Zeitung, einen "durchwegs reaktionären, monarchistischen Einschlag"33aufwiesen. 28 Für die englischsprachigen Zwischentitel cf. http: / / w w w .p od nap isi.n et/ fina kafelee gy- 1924 subtitles-p2795826 (zuletzt eingesehen am 27.8.2014). 29 Cf. Egyfiünakafele. In: http: / / w w w .europeanal9141918.eu/ hu/ europeana/ record/ 08606/ 290029464 (zuletzt eingesehen am 27.8.2014). 30 Cf. N.N.: Mikszäth-premier a Mozgökep-Otthonban, Omniäban es Uiäniäban [Mikszäth-Premiete in Mozgökep-Otthon, Omnia und Urania], In: Az Ujsagl Jg. 22, Nr.56 v. 7.3.1924, p. 8 (dieserBericht wurde zeitgleich und beinahe wortgleich in PestiNapIo und f/ Z/ ag veröffentlicht); N.N.: Mikszäth filmen (egy finak a feie). A Corvin filmgyar mäsodik filmje [Mikszäth auf Film (die Hälfte eines Knaben). Derzweite Film der Filmfabrik Corvin]. In: Nepszava, Jg. 52, Nr. 58 V . 9.3.1924, p. 15; N.N.: Koloman Mikszäth verfilmt! — Die Hälfte eines Knabens. In: Pester Lloyd, Jg. 71, Nr. 55 V . 6.3.1924, p. 11. Der Rezension dei Tageszeitung zufolge sei der Film eine "Manifestation des ungarischen Genius", "mit solchen Waffen ausgerüstet, werden wir die Welt von der ungarischen Kulturüberlegenheit übeizeugen können". 31 Papp, Jenö: A Mikszäth-film kitünöen sikerült [Der Mikszäth-Film ist ausgezeichnet gelungen]. In: Magyarsäg, Jg. 5, Nr. 57 v. 8.3.1924, p. 10. 52 Die Dreharbeiten begannen Ende 1924 (cf. Der Filmbote, Jg. 7, Nr. 47 v. 22.11.1924, p. 13), die Presseaufführung fand noch unter dem Originaltitel des Films im März 1925 statt (cf. Paimann's Filmlisten, Jg. 10, Nr. 467 v. 20.3.1925, p. 39), zur Titeländerung für Österreich kam es mit der öffentlichen Zulassung (cf. Paimann's Filmlisten, Jg. 10, Nr. 471 v. 17.4.1925, p. 74). 53 F. R. [Fritz Rosenfeld]: Die Filme der Woche. In: Arbeiter zeitung, Jg. 37, Nr. 121 v. 3.5.1925, pp. 1 3 1 4 , hier p. 14. Im Gegensatz zu den einschlägigen Filmbesprechungen der Neuen <?page no="644"?> 6 4 4 Amalia Kerel.es | KataIinTeIIer Die Kriegsthematik etwas abwandelnd und die vermeintlichen historischen Bezüge auslotend kam indessen der Film Oberst Redl. Der Totengräber der Monarchie des österreichischen Regisseurs und ehemaligen k. u. k. Hauptmanns Hans Otto Löwenstein mit einstigen Offizieren und jetzigen Kriegskrüppeln als Statisterie*34 in die Kinos: Die Kriegsschuldfrage stand dabei im Zentrum, was den Film samt seiner Fortsetzung an den zeitgleichen historiografischen Diskurs näher rückt. Der ehemalige militärische Geheimdienstler Emil Seeliger, ein M itautor des Drehbuchs, lastete den Untergang der Monarchie, ja sogar den gesamten Weltbrand dem wohlgemerkt nicht österreichischen, sondern "fanatisch nationale[n] Ruthene[n]"35 - Oberst Redl an. Trotz Fritz Rosenfelds vernichtender Kritik (die Regie sei "ungewöhnlich schlampig", die Darstellerinnen "blutige Dilettantinnen") wurde der Film zu einem Bombengeschäft und spornte nicht nur eine theatralische Wiederverwertung m it dem gleichen Hauptdarsteller, sondern auch eine filmische Fortsetzung an: Max Neufeld drehte m it sich selber in der Hauptrolle als Rasputin den Film Die Brandstifter Europas (auch unter den Titeln Oberst Redls Erben und Ein Beitrag zur Kriegsschuldlüge vertrieben),36 der die Auswirkungen der Spionagetätigkeit von Redl und insbesondere der von seiner Liebhaberin im zaristischen Milieu fortspann, wobei die Perspektive natürlich bei der der "spekulativen Groschenheftromane"37 blieb. Die Neue Freie Presse, die den erhöhten Fiktionsgehalt des Films sanft anprangerte, lobte die Zurückhaltung Freien Presse kam eine eindeutige Kritik an der Einfuhr von mal blutrünstig, mal nostalgisch gestalteten Militärfilmen sogar von Friedrich Porges, dem Chefredakteur der Filmbeilage der eher konservativ ausgerichteten Wiener Zeitschrift Die Bühne, der mit Zuversicht aber ohne Richtigkeit die Erfolglosigkeit derartiger Importwaren prophezeite (cf. N. N. [Friedrich Porges]: Flausse in Militärfilmen. In: Die Bühne, Jg. 2, Nr. 16 v. 26.2.1925, pp. 38-39). Zu deutschen Militärschwänken im kulturpolitischen und filmgeschichtlichen Kontext cf. Flickethier, Knut/ Bier, Marcus: Das Unterhaltungskino I: Militärschwänke im Kino der zwanziger Jahre. In: Segeberg, Flarro (Hg.): Die Perfektionierung desScheins. Das Kino derWeimarer Republik im Kontext der Künste. Mediengeschichte des Films, Bd. 3. München: Fink 2000, pp. 67-93. 34 Cf. Martin, Gunther: Im Dienste seiner Majestät. Das M ilitär als Gesellschaftsfaktor. In: Sotriffer, Kristian (Fig.): Das größere Österreich. Geistiges und soziales Leben von 1880 bis zur Gegenwart. Plündert Kapitel mit einem Essay von Ernst Krenek. Wien: Ed. Tusch 1982, pp. 42-45, hier p. 42. 35 Seeliger, Emil/ Otto, Elans: Oberst Redl der Spielfilm. Ein Elauptschuldiger unseres Unglücks. Wien: Eigenverl. Austria-Film [um 1920], p. 8. Zu unterschiedlichen Aufarbeitungen und dem politischen Nachleben von Redls Geschichte in den 1920er Jahren cf. Leidinger, Flannes: Kontext und Konsequenzen. In: Ders./ Moritz, Verena: Oberst Redl. Der Spionagefall, derSkandal, die Fakten. St. Pölten, Salzburg, Wien: Residenz-Verl. 2012, pp. 197-295. 36 Cf. Loacker, Armin: Max Neufeld: Schauspieler, Regisseur, Produzent. Ein biografischer Abriss. In: Ders. (Hg.): Kunst der Routine. Der Schauspieler und Regisseur Max Neufeld. Wien: Filmarchiv Austria 2008, pp. 11-87, hier p. 36f. 37 Kasten, Jürgen: Ein launiger Plauderer vertrackter Ereignisse. Max Neufelds Stummfilm- Inszenierungen. In: Loacker 2008, pp. 141-193, hier p. 174. <?page no="645"?> Das Gedenl-jahr 1924 in Texten und Bildern aus Österreich und Ungarn 645 der Regie in Sachen Kriegsdarstellung, was der ungarischen Rezeption der Hälfte des Knaben sehr nahekommt: Da der Zar unter Rasputins Einfluß versagt, legt sie [die russische Kriegspartei] die Lunte an das Pulverfaß (so deutet der Film an): in Sarajevo fällt Österreichs Thronfolger. Handlungsmittelpunkt ist der Krieg. Aber dafür volles Lob kein einziges Kriegsbild wird gezeigt. Woran Hunderttausende qualvoll verblutet, des bittersten Todes gestorben sind, soll nicht als Schauköder benützt werden.38 Selbst wenn der immer kritische Kritiker der Arbeiter-Zeitung die Regie- und Kameraarbeit ebenfalls als versprechungsvoll einstufte, hatte er am Drehbuch und an der Stoffwahl einiges auszusetzen: Der Verfasser dieses österreichischen Films hat nach dem Prinzip Knoblauch und Schokolade gearbeitet: Oberst Redl ist schön, Rasputin ist schön, wie schön muß erst Oberst Redl und Rasputin sein! [...] Es ist ein Jammer, dass sich entwicklungsfähige künstlerische Kräfte durch die Ignoranz des Wiener Filmkapitals, das für bessere Sujets nicht zu haben ist, an solche Stoffe verzetteln müssen.39 Diese Filmbeispiele aus Ungarn und Österreich und ihre Rezeption legen nahe, dass die Kriegsthematik geschweige denn die Reinszenierung des Attentats gleichsam tabuisiert und stark fiktionalisiert oder sentimenta- Iisiert wurde. Deutschlands Militärnostalgie, die in die Vorkriegszeit führt, die raum- und zeitenthobene Behandlung von kriegerischen Auseinandersetzungen in Ungarn und die mystifizierende Strategie in Österreich weisen demnach auf einen Mangel hin, den Bernard von Brentano, ein Berliner Journalistenkollege von Joseph Roth, anlässlich der Aufführung eines den Weltkrieg inszenierenden Ufa-Films wie folgt auf den Punkt brachte: Der Fehler des Films bestehe in seiner Feigheit, denn wie "die Katze um den heißen Brei sind die Verfasser um die Sache herumgegangen. Man kann es ohne weiteres anerkennen, sie wollten niemandem wehe tun. Sie verletzen alle. Ihr Film zeigt den Krieg wie das Messeamt eine Wochenend- Ausstellung. Die Verfasser nehmen ihn historisch und vergessen, daß die Spieler im Parkett sitzen." 40 Die mutige und eindeutige sprich republikanische - Stellungnahme müsse "unser Schicksal als Neutrum" kritisch überprüfen, um der "unbekannten M utter" und dem "unbekannten Soldaten" Recht widerfahren zu lassen.41 38 -nd-: "Die Brandstifter Europas". In: Neue Freie Presse, lg. 61, Nr. 21875 v. 8.10.1925, p. 18. 39 F. R. [Fritz Rosenfeld]: Filme der Woche. Die Brandstifter Europas. In: Arbeiter zeitung, Jg. 38, Nr. 278 V . 10.10.1925, p. 20. 40 Brentano, Bernard von: Der Weltkrieg als Ufa-Film. In: Ders.: Wo in Europa ist Berlin? Bilder aus den zwanziger Jahren. Frankfurt a. M.: Insel 1981, pp. 84-87, hier p. 86. 41 Ibid. <?page no="646"?> 646 Amalia Kerekes | l-'.atalin Teller "Zwittergeneration" Offensichtlich blieb der kritisch-rekonstruktive Anspruch in diesen Unterhaltungsstücken weit außen vor, und gerade in dieser Perspektive bieten die spärlichen belletristischen Aufarbeitungen des Themas um 1924 ein spannendes Gegenbild: Denn während die relevante ost- und mitteleuropäische Produktion bereits M itte der 1920er Jahre ein nicht unbedeutendes Quantum an Filmen aufzuweisen hatte, jedoch insgesamt im Zeichen der Verharmlosung, der Nostalgie oder, wie Brentano andeutete, der Unverantwortlichkeit stand, rückten die in diesem Jahr publizierten literarischen Texte die Frage nach den Figuren, den Auswirkungen und Ursachen des Ersten Weltkriegs vermehrt in den Vordergrund. Dabei ist der Einfluss der expressionistischen oder auch der naturalistischen Uteratur nicht zu übersehen, aber noch mehr sticht es ins Auge, dass die einschlägige belletristische Produktion in den beiden ländern zum Teil außerhalb der Grenzen entsteht. Angesichts der bereits in den 1930er Jahren in Angriff genommenen bibliografischen Erfassung der Kriegsdarstellungen in Ungarn lässt sich m it einiger Sicherheit die Aussage riskieren, dass es in der ersten Hälfte der 1920er Jahre keine nennenswerten belletristischen Werke zu verzeichnen sind, was auch für die österreichische Literatur gilt.42 Die wenigen Repräsentanten der Gattung bewegen sich auf einem Spektrum vom kolportageartigen Liebesroman bis hin zur dokumentaristischen Heimkehrerliteratur.43 In der ungarischsprachigen Literatur der Nachfolgestaaten, deren kritische, selbstkritische Tonalität als Kritik gegen Ungarn vom jeweiligen Staat gefördert wurde, findet man hingegen zahlreiche Variationen auf die avantgardistischen Prosatechniken. DasThemenfeId des Antimilitarismus in Form des Generationenkonfliktes oder als Kapitalismuskritik wird nicht selten als künstlerisches Problem in Form von Künstlerromanen, Künstlererzählungen konzipiert, was speziell im Kontext der ungarischen Literaturgeschichte, die wie die österreichische kaum einige expressionistische Autoren aus der Zeit vor dem Krieg aufzuweisen hat, als stilistische Enklave 42 Cf. Ton eil i, Sändor: A häborüs irodalom härom fäzisa [Die drei Phasen der Kriegsliteratur]. In: Szephalom 1929, pp. 326-327; Töth, Läszlö: A magyar häborüs regeny törtenete. A vilaghäborü a magyar regenyben [Die Geschichte des ungarischen Kriegsromans. DerWeItkrieg im ungarischen Roman], Budapest: Mate 1940; Andraschek-Holzer, Ralph: Österreichische Prosa zum Ersten Weltkrieg im Vergleich. In: Dornik/ Walleczek-Fritz/ Wedrac 2014, pp. 163- 189, v.a. pp. 163-172. 42 Cf. den populärsten und von der Presse allseits positiv aufgenommenen Kriegsroman von Komäromi, Jänos: Züg a fenyves. Budapest: Magyar Irodalmi Tärsasäg 1924. Auf Dt.: Teri. Übersetzt v. Alexander von Sacher-Masoch. Berlin: Büchergilde Gutenberg 1929 (online: http: / / mek.oszk.hu/ 08300/ 08314/ 08314.pdf, zuletzt eingesehen am 01.09.2014). <?page no="647"?> Das Gedenl-jahr 1924 in Texten und Bildern aus Österreich und Ungarn 647 gelten darf.44 Eine in der Wojwodina publizierte Erzählung verfolgt z.B. den Racheakt dreier Kriegskrüppel gegen einen Fabrikanten in expressionistischer Manier, schließt jedoch nicht mit einer Apotheose der Leidenden, sondern mit einem apokalyptischen Bild, das kaum noch Hoffnung suggeriert: "Sie entfachten die Fackeln wie schreckliche Lampions am Todesfeier und zündeten ihre Holzbeine und Krücken in der ohnmächtigen Nacht an. Als der schreckliche Scheiterhaufen bereits in riesigen Flammen brannte, legten sie sich lautlos, ohne Klagerufe in die umschlingende Feuerwelle. Der Scheiterhaufen der Hunderttausenden malte den trauernden nächtlichen Himmel blutrot."45 Auch der kurze und in der Presse der Nachfolgestaaten m it Begeisterung aufgenommene Roman von Sändor Märai A meszäros (Der Fleischer),46 den der im mittlerweile tschechoslowakischen Kaschau geborene Autor in Wien veröffentlichte, verdankt einiges der expressionistischen Praxis der Montage und der Berliner Großstadtthematik: Der unter gewalttätigen Umständen empfangene und seine latente Aggression im Fleischerberuf auslebende Protagonist aus Deutschland wird im Kriegseinsatz ausdrücklich in seiner Ordnungs- und Autoritätsliebe bestärkt, bis die Kriegsniederlage einen pathologischen Identitätsverlust bei ihm zeitigt, um schließlich als Lustmörder in Berlin zu enden. Um nachkriegsbedingten Identitätsverlust geht es auch in Joseph Roths Fortsetzungsroman Die Rebellion: Das lebensweltliche Scheitern und die da- 11 Cf. v.a. die Hommage an Franz Marc von Szäntö, György: A kek Iovas [Der blaue Reiter], In: G e n iu s (Arad), Jg. 1 (1924), H. 7, pp. 4 -5 .Szäntös im selben Jahr erschienener Künstlerroman S e b a s tia n u s u t ja e lv e g e z t e t e t t [Der Weg von Sebasban wurde vollendet] stellt den Krieg ebenfalls in den Kontext der avantgardisbschen Todesvisionen. 15 Laszlö, Ferenc: A faläbak halala [Der Tod der Holzbeine]. In: Vajdasagi Magyar Irak Almanachja. Hg. v. Jänos Dettre, Imre Radö. Subobca: Minerva 1924, pp. 87-92, hier p. 92. Cf auch das Heft der avantgardisbschen Zeitschrift L it (Novisad) zum Jahrestag v. 20.8.1920, das Princip in die lange Reihe der Entrechteten stellt als "fanabschen Studenten, der dem eisernen Soldaten des Kriegs in das Herz schoss". Zur Apokalypse als durchgängiges und ideologisch sowohl rechts als auch links auslotbares Mobv und rhetorischer Griff in der Kriegsprosa Deutschlands cf. Vondung, Klaus: Apokalypbsche Deutungen des Ersten Weltkriegs in Deutschland. In: Stanzel, Franz Karl/ Löschnigg, Martin (Hg.): Inbmate Enemies. English and German Literary Reacbons to the Great War 1914-1918. Heidelberg: W inter 1993 (Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Folge 3, 126), pp. 59-69. 16 Märai, Sändor: A meszäros. Wien: Pegasus 1924; zur Rezepbon cf. Komlös, Aladär: Irok es könyvek. Szlovenszköi level [Schriftsteller und Bücher. Brief aus der Slowakei], In: G e n iu s (Arad), Jg. 1 (1924), H. 5, pp. 54-55; Jarno, Jänos: A meszäros. (Märai Sändor regenye) [Der Fleischer. (Roman von Sändor Märai)]. In: G e n iu s , Jg. 1 (1924), H. 8, p. 113; N.N.: Märai Sändor uj könyve [Das neue Buch von Sändor Märai], In: K a s s a iN a p lö , Jg. 40, Nr. 70 v. 23.3.1924, p. 5; -roo: A meszäros. In: K a s s a i N a p lö , Jg. 40, Nr. 81 v. 6.4.1924, p. 11. Zur fehlenden Polyphonie des Romans im Kontext von Märais CEuvre cf. Lörinczy, Huba: A demonok elszabaduläsa. Märai Sändor: A meszäros - Bebi vagy az elsö szerelem - A sziget [Die Entfesselung der Dämonen. Sändor Märai: D e r F le is c h e r - B e b i o d e r d ie e rs te L ie b e - D ie In s e l], In: Ir o d a l o m t ö r t e n e t i K ö z le m e n y e k , 11 (2006), pp. 614-649, hier pp. 617-624. <?page no="648"?> 648 Amalia Kerekes | KataIinTeIIer rauffolgende imaginative Rebellion des Andreas Pum, eines verkrüppelten, aber zunächst staatstreuen und -gläubigen Opportunisten, wurde v.a. als zeithistorisch emblematisch ausgelegt: Wie Pum (oder auch der Titelheld des Romans Zipper und sein Vater aus 1928), so ist auch Roth für Manfred Georg ein "Sproß der Frontgeneration, die zwischen eine bereits geprägte und eine noch völlig form-, ja fast noch lebenslose Generation geriet".47 Die Gabe der realistisch-verdichteten Beobachtung des "Zwischenzeitlers", der "Zwittergeneration eines geistigen Inflationsgewinnlertums"48weist auf ein soziografisch-publizistisches Interesse hin. Das Berliner sozialdemokratische Tagesblatt Vorwärts begann mit der Publikation von Roths zweitem Roman um den Jahrestag des deutschen Kriegseintritts,49 konnte aber nicht dafür sorgen, dass er auch gelesen wurde. Die Rezeption des Werks setzte zwar in der Sowjetunion bereits mit seiner frühen Übersetzung an,50 das deutschsprachige Fachpublikum würdigte ihn jedoch erst nach und mit der Publikation des Romans Flucht ohne Ende und widmete ihm nur ein mäßig andauerndes Interesse.51Dies lässt sich wohl auf zwei Umstände zurückführen: Zum einen gehört Die Rebellion Roths zu frühen Fingerübungen, mit denen er in die belletristische Überproduktionskreise zunächst mit mäßigem Erfolg einzubrechen versuchte, zum anderen, und das mag wesentlicher sein, steigert sich das Interesse an der Kriegsthematik (und damit die Zahl der diesbezüglichen deutschsprachigen Romane) erst mit der Erstarkung von faschistischen und nationalsozialistischen Tendenzen bzw. mit der verstärkten linken Gegenreaktion darauf. Dementsprechend wird der Krieg entweder als programmatischer Erklärungsgrund für die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Pazifizierung oder umgekehrt als Beweggrund für die Revision der Pariser Verträge thematisiert. Gemeinsam diesen Texten ist nicht nur die Umschichtung der Publikations- und Handlungsorte, sondern auch der Befund, dass die Schüsse 47 Georg, Manfred: Der Romanschriftsteller Joseph Roth. In: Preußische Jahrbücher, 1929/ 217, pp. 320-324, hier p. 321 und 323. 48 Ibid. 45 DerText erschien zwischen dem 27. Juli und dem 23. August 1924. 50 Cf. Lunzer, Heinz/ Lunzer-Talos, Victoria: Joseph Roth 1894 1939. KatalogzurAussteIIung des Jüdischen Museums der Stadt Wien, 7. Oktober 1994 bis 12. Februar 1995. Wien: Dokumentationsstelle für Neuere Österreichische literatur 1994 (Zirkular: Sondernummer 42), p. 95. 51 Cf. die bezeichnende Bekenntnis Franz Bleis: "Ich weiß nicht, wie es den beiden Romanen, die Roth bis zu diesem neuen dritten [gemeint ist Rechts und links, Roths fünfter Roman] veröffentlicht hat, beim deutschen Publikum ergangen ist. Ich glaube, nicht besonders. Keine Inserate verkünden das so und so vielteste Hunderttausend." Blei, Franz: Rechts und links. In: Prager Presse, 1930/ 10, p. 21, cit. n. Deutsche Bibliothek, Frankfurt am Main: Joseph Roth. 1894-1939. Eine Ausstellung der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main. Frankfurt/ M.: Buchhändler-Vereinigung 1979 (Sonderveröffentlichungen der Deutschen Bibliothek 7), p. 432. <?page no="649"?> Das G e d e n k j a h r 1 9 2 4 in T e x te n u n d B ild e r n a u s Ö s te r r e ic h u n d U n g a r n 649 von Sarajevo mit ihrer vermeintlichen Zäsurfunktion überhaupt nicht zitiert werden. Die erste Konvergenz ist allerdings nur eine scheinbare: Während die ungarischsprachigen Werke die historischen Zäsuren zeitlich und räumlich entgrenzten und sich durch eine abstrahierende expressionistische Formensprache und/ oder durch die Modellierung von Kontinuitäten auszeichneten, werden beispielsweise bei Roth aber auch Bettauer52 die gesellschaftskritischen, soziografischen Akzente intensiviert und die Exterritorialität außer Acht gelassen. Noch schwerwiegender scheint aber ein dritter Schnittpunkt zwischen den Werken zu sein: Sie wurden nämlich kaum wahrgenommen und verhärten damit die eingangs angedeutete aporetische Situation, indem die Arbeitshypothesen bezüglich des Zäsurcharakters von Sarajevo und des konsensualen Bildes vom Ersten Weltkrieg erschüttert werden. Sch(l)uss Die Omnipräsenz des Kriegs und der Kriegsfolgen verminderte demnach die Bedeutung des Jahrestags als Kulminationspunkt: In Österreich ist es der fassbaren Präsenz der Sozialdemokratie zu verdanken, die fortwährend eine klare Gegenposition vertritt, wie dies in der politischen Presse und in den Filmkritiken erkennbar ist. In Ungarn hingegen sieht man eine Alternativlosigkeit der staatlichen Erinnerungspolitik, die das irgendwie mobilisierende Potenzial der Presse bis zum äußersten einschränkte. Die mediale Pluralisierung einer Erinnerungskultur, die sich an Jahrestagen orientiert, ist im Jahre 1924 ebenfalls nur in einigen Ansätzen erkennbar; die im engsten Sinne politische Publizistik wird höchst selten mit feuilletonistischen Beiträgen ergänzt, die Positionierung der wenigen belletristischen W erkeentbehrtjedwederspeziellen Betonung. Dietiefergreifenden Erinnerungsrituale mit Bezug auf die Schüsse von Sarajevo bleiben einstweilen mehrheitlich den Militär- und Diplomatiegeschichte dokumentierenden Formen Vorbehalten. 52 Cf. die sozialdemokratische Wendung einer Offiziersgattin in Bettauer, Hugo: Tragödie des Hasses. In: Bettauers Wochenschrift, Nr. 6 v. 19.6.1924, pp. 5-6. <?page no="651"?> E lena S ukhina (M oskau ) Der Große Krieg als Eigenes und Fremdes in der russischen Folklore This article looks at Russian folk songs and "chastushki" which give an insight into the perception of World War I and its meaning for national identity. The assassination of Archduke Franz Ferdinand in Sarajevo plays rather a marginal part, whereas the consequences of the assassination and further events come to the forefront. In Russian folklore you can see an evolution from the excitement for Panslavic and messianic feelings to disappointment and terror, from the apotheosis of the Selftothe rejection of the radically Other. Es ist bemerkenswert zugleich aber auch bedauernswert, dass der Erste Weltkrieg, der Anfang des 20. Jahrhunderts mit Ehrfurcht als "Großer" oder "Zweiter Vaterländischer Krieg" bezeichnet wurde, heutzutage nicht selten als "Vergessener Krieg" in Russland fungiert. So viel über den Zweiten Weltkrieg auch geschrieben, gesungen, geredet und recherchiert worden ist, so wenig Aufmerksamkeit gilt dem Ersten Weltkrieg als einer der größten bewaffneten Auseinandersetzungen in der Geschichte der Menschheit. In Russland gab es bis vor kurzem kein einziges Denkmal zur Erinnerung an die Soldaten, die im Laufe der Kriegshandlungen 1914-1918 gefallen sind. Trotz einiger positiver Änderungen fehlen offensichtlich immer noch die Iieux de memoire - Gedächtnisorte, die laut Pierre Nora1 für die Kontinuität des historischen Wahrnehmens sorgen könnten. Die Werke der Dichter, Schriftsteller, Publizisten und Philosophen, die damals an der Kriegsberichterstattung beteiligt waren oder sich zum Tagesgeschehen geäußert haben, sind zum größten Teil zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Dies betrifft die Werke von Maximilian Woloschin, Wjatscheslaw Iwanow, Dmitrij Merezhkowskij, Walerij Brjusow, Alexej Tolstoj, u.A. "M it keinem anderen großen Krieg", so Anatolij Liferow, "ist wahrscheinlich so viel Verschwiegenheit und so viel bewusste Entstellung des nationalen Selbstbewusstseins verbunden, wie m it dem Krieg von 1914-1918."2 Es hat verschiedene Gründe für diese "historische Amnesie" gegeben. Einerseits wurde der Erste Weltkrieg von der Revolution 1917, dem darauffolgenden Bürgerkrieg und auch vom späteren Geschehen überschat- 1 Nora, Pierre: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Berlin: Wagenbach 1990, p. 12. Koltonowskaja, Jelena: Otstojawschejesja (Wojna I derewnja). In: Russkaja misl, 9/ 1916, p. 95. <?page no="652"?> 652 Elena Sukhina tet. "Das Volksgedächtnis hat nämlich die schrecklichsten Schrecken festgehalten darin liegt der Grund" schreibt Alexander Goltz, zeitgenössischer Politologe und Soziologe.3Andererseits wurde der Große Krieg nach der Machtübernahme der Bolschewiken als "imperialistisch" stigmatisiert und dementsprechend künstlich und gewaltsam mit politischen und ideologischen Waffen aus dem russischen (oder eher gesagt "aus dem sowjetischen") nationalen Bewusstsein verdrängt. Bedeutet es, dass dieser Krieg den Russen fremd war, ist und bleibt? Die Antwort ist eindeutig, "Nein". Es gibt Stützpunkte, die wir bei der Rekonstruktion der damaligen Ereignisse, Wahrnehmungen und Reaktionen und dem Wiederaufleben des kulturellen Gedächtnisses heranziehen können. Die Lücke im kulturellen und historischen Gedächtnis kann unter anderem mit Hilfe von Volksliedern und Tschastuschki aus den Jahren 1914- 1918 gefüllt werden. So wie im Titel dieses Artikels form uliert, erhellen sie auch die Opposition von "Eigenem und Fremden" in der Wahrnehmung und Interpretation des Großen Krieges. Während die Volkslieder als Genre aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Zweifel erregen sollten, bedürfen die Tschastuschki einer näheren Betrachtung und Erklärung. Wissenschaftlich definiert, stellen sie "ein Produkt oraler Volkspoesie dar, meist aus zwei oder vier Reimen gefügt, lyrisch, aufrührerisch oder scherzhaft im Inhalt und in charakteristischer Weise gesungen".4Anders ausgedrückt, ist die Tschastuschka ein kurzes, meist drolliges Lied, das von Generation zu Generation mündlich übertragen wird. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es authentisch und expressiv ist und immer sehr schnell und akut auf das Zeitgeschehen reagiert. Pawel Florenskij bezeichnet die Tschastuschka poetisch als "Lyrik des Augenblicks", wenn er den spontanen, improvisatorischen Charakter dieser Gesangsform und deren engen Zusammenhang m it dem Tagesgeschehen hervorhebt.5 Ursprünglich beinhalteten die Tschastuschki nicht selten den Beginn eines Liedes und bestanden aus acht oder mehr Strophen. Später hat sich eine kürzere Variante etabliert, so dass sich der heutige Text der Tschastuschka in der Regel aus vier Strophen zusammensetzt. Interessanterweise werden diese kurzen lustigen Lieder manchmal m it deutschen "Schnaderhüpfeln" verglichen, m it denen sie tatsächlich einige Gemeinsamkei- 3 Goltz, Alexander: Perwaja mirowaja. Potschemu "sabitaja"? In: Diletant, 27. M äiz 2014, http: / / www.diletant.ru/ articles/ 20516024/ ? sphrasejd=848762. 4 Oschlies, Wolf: Gesungene Glasnost. Russische "Tschastuschki" über alte und neue Krisen. In: Eurasisches Magazin 2/ 2010, http: / / www.eurasischesm agazin.de/ pdf/ em0210.pdf. 5 Florenskij, Pawel: Sobranijetschastuschek Kostromskoj gubernii Nerechtskogo ujezda. Moskau: Sowetskaja Rossija 1989, p. 8. <?page no="653"?> Der Große Krieg als Eigenes und Fremdes in der russischen Folklore 653 ten aufweisen, aber die Gleichsetzung trifft nicht ganz zu. Die spezifischen Charakteristika des russischen Volksgenres wurden in unterschiedlichem Ausmaß und unter verschiedenen Blickwinkeln in den Werken von Sergej Lasutin, Iwan Sirjanow, Michail Bachtin, Natalja Kolpakowa, Alexander Gorelow, Wladimir Anikin, Olga Meschkowa und anderen Literatur- und Kunstwissenschaftlern analysiert. Als eine der Besonderheiten wird die Tatsache erwähnt, dass die Tschastuschki fast immer als Serie von kurzen Liedern zur selben Melodie in Begleitung entweder mit der Balalaika oder mit der Harmonika gesungen werden. Am ausführlichsten sind diese und andere Besonderheiten der Tschastuschka in den Monographien von Sergej Lasutin6, Iwan Sirjanow7, Olga Meschkowa8u.A. dargestellt. Laut einigen Forschern hat diese Erscheinung eine ziemlich lange Geschichte hinter sich, weil sie auf die im 17. und 18. Jahrhundert von Skomorochen wandernden Musikern gesungenen Lieder zurückzuführen ist. Anderen Recherchen zufolge findet man die ersten Spuren der Tschastuschka nicht früher als Mitte des 19. Jahrhunderts vor, und zwar zu der Zeit, als die städtische Musikkultur aufs bäuerliche Leben einen wesentlichen Einfluss ausgeübt hat. Wenn man davon ausgeht, dass die Tschastuschka unvermeidlich die wichtigsten Ereignisse, Höhe- und Tiefpunkte des Volkslebens widerspiegelt, erscheint die zweite Vermutung glaubwürdiger. Thematisch gesehen sind laut Maria Strelkowa keine Tschastuschki bis zu uns überliefert worden, die der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 gewidmet wären.9 Sie handeln dagegen vom späteren historischen Ereignissen: vom russisch-japanischen Krieg, von der ersten russischen Revolution 1905 u.A. Lasutin zufolge kristallisieren sich M itte des 19. Jahrhunderts "neue Prinzipien der künstlerischen Widerspiegelung des Lebens", d.h. Prinzipien des Realismus, heraus. Sie schlagen sich in der Tschastuschka nieder, die sich in dieser Periode erst richtig als selbständiges Genre des Gesangs aus der allgemeinen Masse von Liedern ausgliedert.10 Den realistischen Charakter der Tschastuschka zählt Lasutin zu den wichtigsten Merkmalen dieser Gesangsform neben der 6 Lasutin, Sergej: Russkaja tschastuschka. Woprosi proishozhdenija i formirovanija zhanra. Woronezh: Isdatelstwo Woronezhskogo universiteta 1960. 7 Sirjanow, Iwan: Poetika russkoj tschastuschki. Perm: Isdatelstwo Permskogo gosudarstwennogo pedagogitscheskogo universiteta 1974. 8 Meschkowa, Olga: Estetitscheskaja priroda tschastuschki. Tscheljabinsk: Tscheljabinskij gosudarstwennij universitet 2000. 8 Strelkowa, Maria: Die russische Tschastuschka. http: / / german.ruvr.ru/ radio_broadcast/ 4002630/ 4069878/ . 10 Lasutin, Sergej: Russkaja tschastuschka. Woprosi proishozhdenija i formirovanija zhanra. Woronezh: Isdatelstwo Woronezhskogo universiteta 1960, p. 72. <?page no="654"?> 654 Elena Sukhina Kürze, Spontaneität, Neigung zur tiefst persönlichen Besinnung aufs Gesellschaftliche und Allgemeinmenschliche, und dem fast unbegrenzten thematischen Umfang.111213 Anfang des 20. Jahrhunderts war dieses mündliche Volksgenre bereits vollkommen ausgeformt und sehr beliebt in Russland. Die politischen und sozialen Erschütterungen der Jahrhundertwende haben einen weiteren Impuls für die Popularität derTschastuschka gegeben und als Beweis dafür gedient, dass sie als Spiegel des Tagesgeschehens höchst gefragt ist. Während des russischen Bürgerkrieges erschien unter anderem die bekannte Tschastuschka Jablotschko ("Apfel"), die sich großer Beliebtheit erfreute. Aber schon in den Jahren des Ersten Weltkrieges erlebte die akut und zeitkritisch klingende Tschastuschka einen neuen Aufschwung. Als Quelle für die vorliegende Analyse haben die Volkslieder und Tschastuschki gedient, die vorwiegend den Sammelbänden Zeitgenössischer Krieg in der russischen Poesie12 und Tschastuschki über den Krieg, die Deutschen, die Österreicher, Wilhelm, die Kosaken, das Monopol, die Rekrutenpflicht, und LiebestschastuschkP entnommen worden sind. Zur zusätzlichen Primärliteratur zählen die Sammelbände von Soldatenbriefen und Kriegsberichten, die Kriegstagebücher (1927), die Bände der Sowjetischen Kriegsenzyklopädie (1976-1979) und die Sammelbände der Volkslieder aus verschiedenen Jahren, darunter aus den Jahren des Ersten Weltkrieges, die in den 80er-90er Jahren des 20. Jahrhunderts herausgegeben wurden.14 Einen besonderen Stellenwert nehmen die handschriftlichen Archive des Instituts für Russische Literatur (Rukopisnij Otdel Instituta Russkoj Literaturi) ein. Die Volkslieder- und Tschastuschki-Sänger haben als Chronisten die wichtigsten Etappen des Ersten Weltkrieges begleitet und festgehalten. Zu den weißen Flecken in der kulturellen Verarbeitung der Ereignisse von 1914-1918 gehört jedoch der Ausgangspunkt dieses Konfliktes das Attentat von Sarajewo (obwohl sich fast jeder Russe seit der Schulbank daran erinnert, dass die Sarajewo-Schüsse als Anlass für den Ersten Weltkrieg benutzt wurden). Dies trifft auch auf die Chronik des Geschehens zu, so wie sie in den Volksliedern und Tschastuschki registriert wird. 11 Ibid. 12 Glinskij, Boris: Sowremennaja wojna w russkoj poesii. Petrograd: Tipografija T wa A.S. Suworina "Nowoje wremja" 21915. 13 Simakow, Wasilij: Tschastuschki pro wojnu, nemtsew, awstrijtsew, Wilgelma, kasakow, monopoliju, rekruttschinu, ljubownije. Petrograd: Parowaja tipografija L.W. Gutmana 1917. 14 Alle im Text des Artikels angeführten VolksliederundTschastuschki wurden von der Verf. ins Deutsche übersetzt. <?page no="655"?> D er Große Krieg als Eigenes und Fremdes in der russischen Folklore 655 Ax, убили Фердинанда; Ax, пропал он ни за грош! Cecmpy Сербино спасаем - Hac ничем тш не возбмешб.15 Ach, wurde Ferdinand ermordet. Er ist umsonst gestorben. W ir retten Schwester Serbien, Und da könnte uns nichts stoppen. Bei näherer Recherche findet man kaum andere überlieferte Tschastuschki, in denen der Name Franz Ferdinands und die damit verbundenen Ereignisse erwähnt würden. Es lässt sich dabei eine eher neutrale Einstellung zum Geschehen registrieren, wie zu etwas ganz Fernem (nicht Fremdem, sondern eben Fernem, das noch eine Deutungsdimension in der Konstellation "das Eigene und das Fremde" darstellt). Das Attentat hat an und für sich keinen Bezug zum Leben des einfachen Menschen; es ist so wie es später interpretiert wurde nicht ein Grund, sondern ein künstlicher Anlass für den Ausbruch des Konfliktes und wird in diesem Sinne in keinen unmittelbaren Zusammenhang m it der weiteren Eskalation der Auseinandersetzung gebracht. Die Folgen des Attentats brechen jedoch schon bald gewaltsam ins Leben des einfachen Menschen ein und bringen eine neue Version und neue Schilderung der Ereignisse mit sich. Der Nerv der Kriegstschastuschki und Lieder, die auf 1914 zurückzuführen sind, war der Patriotismus des russischen Soldaten. Davon zeugen bereits die Titel vieler Lieder - "Für Rus und für den Zaren", "Für die Heimat und die Ehre", "Wer seine Heimat liebt" u.a. So heißt es in Signalmarsch: За царл u за Pycb Сладко u CMepmb npuHnmb.16 Für den Zaren und fü r Rus Ist sogar der Tod uns süß. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die russische Gesellschaft von einem patriotischen Rausch ergriffen. Der Krieg wurde als gerechter Krieg, als Befreiungskrieg bezeichnet und sogar dem Vaterländischen Krieg von 1812 gleichgestellt (und dementsprechend als etwas durchaus Eigenes erlebt). Ein Zeitgenosse, der französiche Botschafter Maurice Paleo- 15 Rukopisnij Otdel Instituta Russkoj Literaturi, r. V, f. 280, op. 1, № 52, p. 13. 16 Mantulin, Walentin: Pesennik rossijskogo woina, 1683-1983, Band II. New York: Pearl River 1985, p. 58. <?page no="656"?> 656 Elena Sukhina logue, schrieb dazu, "Alle waren von einem patriotischen Rausch vereinigt. Es fanden spontane Manifestationen im Land statt vieltausendköpfige Massen trugen russische nationale Fahnen, Porträts von Nikolaus II, Thronfolger Alexej, dem großen Fürsten Nikolaus Nikolajewitsch, Ikonen in verschiedenen russischen Städten. Es schlugen alle Glocken und es fanden Gottesdienste statt, wobei die russische Nationalhymne "Gott, schütze den Zaren! " ununterbrochen auf der Strasse und bei allen Versammlungen gespielt wurde. In fast allen Zeitungen handelte es von der Einheit der Nation angesichts der germanischen Gefahr".17 Es gab allerdings verschiedene Gründe für diesen Patriotismus. Der Krieg wurde zu Beginn generell als etwas durchaus Eigenes empfunden und besungen. In diesem Zusammenhang kann das Eigene im Anschluss an Rolf-Peter Janz als "Projektionsfläche definiert werden, die durch die Zugehörigkeitsanerkennung, das Einschließen in den Selbst-Bereich und das Ausschließen vom Fremden entsteht."18 Man fühlte sich im wahrsten Sinne des Wortes zugehörig; das Tagesgeschehen wurde ohne Bedenken in den "Selbst-Bereich" eingeschlossen; als Gegenpol existierte auch ein klar definierter Feind, der das Fremde verkörperte und aus dem schutzbedürftigen Selbst-Bereich ausgeschlossen war. Am Anfang des Krieges verbreitete sich die Stimmung der Verwegenheit, die mit dem Wunsch verbunden war, eigene Tapferkeit und Mut zu demonstrieren. Собираи-Komecb, ребпта, Kmo K военнои службе гож. Зададим Mbi немцу перцу, Пропадет он ни за грош! 1920 Tut euch, Burschen, alle zusammen. Diefü r den Kriegsdienst geeignet sind. Werden w ir dem Deutschen zeigen. Wo es langgeht und was w ir sind. Mbi c Ипониеи булнили, C Германиеи идем. Кулаки у нас бoлbшue, Mbi нигде не пропадем.10 17 Paleologue, Maurice: Zarskaja Rossija wo wremja mirowoj wojni. Moskau: Mezhdunarodnije otnoschenija 1991, S. 35. 18 Janz, Rolf-Peter (Hg.): Faszination und Schrecken des Fremden. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001, S. 8-9. 19 Simakow, Wasilij: Tschastuschki pro wojnu, nemtsew, awstrijtsew, Wilgelma, kasakow, monopoliju, rekruttschinu, ljubownije. Petrograd: Parowaja tipografija L.W. Gutmana 1917, p. 10. 20 Ibid., p. 12. <?page no="657"?> Der Große Krieg als Eigenes und Fremdes in der russischen FoIUore 6 5 7 W ir haben schon m al m it Japan, Nun m it Deutschland Krawall gemacht; Große Fäuste haben w i r - Die haben uns im m er den Sieg gebracht. Ein verbreitetes M otiv der Kriegsfolklore war auch die Hilfe, die man den Brüdervölkern leisten sollte. Es handelte vom "Kampf um die Ehre und Freiheit der beleidigten Länder, um den Ruhm des Volkes, um die slawischen Brüder". Die Idee der Verteidigung der slawischen Völker, die von fremden (und als fremd empfundenen) Mächten bedrängt seien, kam den Tschastuschki- und Volksliedersängern ganz gerechtfertigt vor. Австрилк спозналсл c немцем, Обижанот всех славлн. He дадим славлн в обиду. M u , француз u англичан.2122 Der Österreicher und der Deutsche Haben zusammen alle Slawen beleidigt. Wir, der Engländer und der Franzose Lassen die Slawen aber nicht im Stich. Es wurde eine sehr nahe Verwandschaft der slawischen Völker behauptet, die als Brüder und Schwestern positioniert werden. Die Folklore der damaligen Zeit weist eine große Anzahl von Vokabeln auf, die die Zugehörigkeit zu einer Familie signalisieren und die Einschließung in den Selbst-Bereich vermuten: браља, cecTpbi, ребата, ребатки, смночки, мама, папаша (Brüder, Schwestern, Kinder, Burschen, Söhne, Mutter, Vater). Tbi не mpozaü, немец, русских, Ихних öpambee u cecmep. He даст pyccxuü их в обиду, И тесак его востер Du, Deutscher, rühr die Russen nicht an. Lass ihre Brüder und ihre Schwestern. Lässt der Russe sie nicht im Stich, Scharf sind seine Äxte und Messer. Das System der Propaganda hat viel dazu beigetragen, dass im Bewusstsein der Soldaten-Bauern, die kaum etwas von Serbien gehört hatten, die Gestalt der Schwester Serbien geschaffen wurde. 21 Glinskij, Boris: Sowremennaja wojna w russkoj poesii. Petrograd: Tipografija T-wa A.S. Suworina "Nowoje wremja" 1915, p. 227. 22 Ibid., p. 228. <?page no="658"?> 6 5 8 Elena Sukhina Приказал нам u,apb россиискии Cecmpy Сербикз cnacamb, И пошли Mbi с австрилком, fla n b iu e с немцем eoeeam b.23 Der Zar hat uns befohlen, Schwester Serbien zu retten. Und w ir sind gegen den Deutschen Und den Österreicher aufgetreten. Die Gründe für diesen Befehl des Zaren wurden in den Tschastuschki und Volksliedern nicht hinterfragt: es war genug zu wissen, dass die "Familienmitglieder" - "Brüder und Schwestern" in Gefahr gekommen waren. Wenn die meisten Tschastuschki aus dem Jahre 1914 eher positiv konnotiert waren und als unerschöpfliche Quelle des Optimismus dienten, gab es auch einige, die bereits tragische Schattierungen enthielten und deren Zahl sich mit der Zeit stark vermehren sollte. Dies galt auch für die Volkslieder der damaligen Zeit mit dem einzigen Unterschied, dass sie von Anfang an gleich viel mehr von Kummer und Trauer durchdrungen waren als die Tschastuschki. Das war aber individuelle Betrübnis, die mit dem positiven und kraftspendenden Bewusstsein verflochten war, eigene Pflicht im Dienste der Heimat, des Zaren und des Gemeinwohls erfüllen zu müssen. Es ging um den Verlust des lokal verstandenen Eigenen des Heims, der Familie, des gewohnten Lebens zugunsten höherer Ideale: Heimat statt des Heims, Zar statt der Familie, Gemeinwohl statt des persönlichen Wohlergehens. "Зачем, маманл, зачем, роднал, Менл на свет mbi родила, Cydböoü несчастнои наградила, Шинелб мне серукз дала? " [...] Bom санитар к нему подходит: "Даваи тебл перевлжу." A mom негромко ему промолвит: "A л за родину умру."24 "W arum hast du mich, meine Mutter, Meine Liebe, a u f diese Welt gebracht. Wo du m ir nur ein trauriges Schicksal M it einem Soldatenmantel verliehen hast? " 23 Ibid. 24 Kulagina, Alla; Seliwanow, Fedor: Gorodskije pesni, balladi, romansi. Moskau: Filologitscheskij fakultet MGU im. M.W. Lomonosowa 1999, p. 33. <?page no="659"?> Der Große Krieg als Eigenes und Fremdes in der russischen FoIUore 659 [...] Da kom m t der Sanitäter zum Armen und sagt. Dass er die Wunde verbinden werde. Und h ö rt eine leise A ntw ort: "Ich werde f ü r die Heimat sterben". M it der Zeit hat sich diese individuelle Betrübnis in den Volksliedern und Tschastuschki in eine Art verzehrenden kollektiven Kummer verwandelt, als das Zeitgeschehen als globale, allgemeine Katastrophe verstanden wurde. Es gab keinen Platz mehr für das Eigene, ob auf lokaler oder globaler Ebene; es deuteten sich langsam, aber sicher die Zeichen der Entfremdung an. Wenn wir die theoretischen Ansätze von Michael Elofmann25 in Bezug auf das Fremde etwas modifizieren, kann es aus linguistischer und kulturwissenschaftlicher Sicht folgendermaßen definiert werden: 1) als “ e x te rn u m ” , “ p e re g rin u m ", "fo re ig n " etwas, was außerhalb des eigenen Bereichs existiert bzw. wahrgenommen wird. In diesem Fall spielt ein topographischer Aspekt eine entscheidende Rolle, was sich auch an der Etymologie des deutschen Wortes " fre m d " zeigt: das althochdeutsche “fr a n " hatte die Bedeutung "fe rn "; 2) als "a lienus", "a lie n ", d.h. nicht zugehörig. "Fremd ist in diesem Sinne, was einem anderen gehört, wobei in diesem Verhältnis auch der Aspekt der Nationalität eine wichtige Rolle spielt"; 3) als "e tra n g e ", "s trä n g e " etwas, was komisch, sonderbar, eigenartig ist oder, eher gesagt, als solches empfunden und eingeschätzt wird. Anders ausgedrückt, etwas, was von fremder Art ist und als fremdartig wahrgenommen wird. 4) Hier könnte noch eine Deutungsebene hinzugefügt werden: das Fremde als "desconocido", "u n k n o w n " eine Sache oder eine Erscheinung, die unbekannt ist oder wirkt. Ins Russische kann man das W ort "fremd" auch auf viele verschiedene Weisen übersetzen, darunter: " ч у ж о и " " ч уж е з е м н иш ", " и н о ст р а н н м и ", н е з н а к о м иш " "п о ст о р о н н и и ". All diese Vokabeln unterstreichen diverse Aspekte des Fremdseins bzw. des Fremd-Wirkens, die sich in der späteren Schilderung des Krieges widergespiegelten. Der Krieg wurde zunehmend als "Hölle", als "verdammte" Macht, als Quelle des Leids, des Todes und des Waisentums dargestellt. Es war ein Krieg der Technologien, der neuen Waffen, die beängstigend auf die Psyche der Soldaten wirkten. Die 25 Hofmann, Michael: Interkulturelle Literaturwissenschaft: eine Einführung. Paderborn: Fink UTB 2006, p. 15. <?page no="660"?> 660 Elena Sukhina Gefühlspalette hat sich also im Laufe des Ersten Weltkrieges sehr stark verändert vom ursprünglichen Rausch des Patriotismus, der Einbeziehung und Mitwirkung bis hin zur tiefsten Depression, Gleichgültigkeit und Distanzierung vom Krieg als Erscheinung am Ende. Die Gestalt des Krieges, der ursprünglich zum eigenen Anliegen gemacht und als Herzenssache besungen wurde, hat sich zum radikal Fremden deformiert. Es ist noch eine Erscheinung, die in der Folklore deutlich wird und von Michael Hofmann als „radikales Fremdsein"26 bezeichnet wird. Unter dem radikalen Fremden versteht er in seinem Band das Lebensfremde, also den Tod. In den Volksliedern und Tschastuschki lässt sich diese Lebensfremdheit erkennen, die die Soldaten an die Schwelle des Todes bringt. Распроклнтши цари-германеи, Много горкшЈка навел: У баб мужеи, у девок милшх Ha позиции увелР7 Der verdammte Germanenkaiser Hat viel Kummer gemacht - Weg von Weibern und Geliebten M änner an die Front gebracht. Bemerkenswert ist die Gestalt des Feindes, die durchaus als fremd dargestellt wird und alle charakteristischen Züge des Fremden in sich vereint, aber im Endeffekt ohne Hass und ohne Aggression wahrgenommen wird. Es gibt zwar einige Stellen besonders in den späteren Liedern und Tschastuschki - , wo der Kriegsgegner dämonisiert wird ("Die Österreicher - Blutsauger; die Deutschen - Dämonen",28 liest man beispielsweise in einer Tschastuschka), aber zum größten Teil bleibt die menschliche Dimension im Porträt des Feindes erhalten. Er ist ein naher Fremder, der in die Konstellation "Du und Ich" oder, eher gesagt, "Du und W ir" einbezogen wird und im Endeffekt sehr nah am russischen Volk existiert. Er wird als Leidensgefährte, als Elendsbruder geschildert. Man kann in diesem Zusammenhang von einer gewissen Art Kameraderie sprechen, denn zwischen dem lyrischen "W ir" und dem Gegner familiäre Beziehungen hergestellt werden, die einen fröhlichen, ungezwungenen, sogar freundschaftlichen Ton erlauben. Nicht selten wird der Feind mit sehr viel Humor dargestellt: 26 Ibidem, p. 16. " Russkije Tschastuschki. Moskau: Eksmo 2007, p. 211. 28 Rukopisnij Otdel Instituta Russkoj Literaturi, r. V, f. 280, op. 1, № 52, p. 15. <?page no="661"?> Der Große Krieg als Eigenes und Fremdes in der russischen Folklore 661 Hy какие c них волки, 1Цеи da каши не признанзт, A заместо нашеи каши У накладку кофеи ribiom.23 Was f ü r Krieger sind das. Ohne Brei und ohne Schtschi? Und anstatt von unserem B re i- Süßen Kaffee trinken sie. Interessant ist jedoch, dass das russische Volk immer als Gruppe, als Gemeinschaft, als Menge abgebildet wird, wobei alle Kriegsgegner meistens vereinzelt auftreten: Das sind "W ir" und "Du". Anstatt des einsamen Ritters von gestern rückt die Figur des kollektiven Kämpfers in den Vordergrund, der als einzige reale Macht angesichts der Schrecken des Ersten Weltkrieges auftritt. Es deuten sich die Probleme des fremden Raums und der fremden Zeit an. Man beklagt sich in den späteren Liedern und Tschastuschki darüber, dass man fehl am Platz sei, aus der gewohnten Welt verstoßen, von frem den Landschaften umgeben; man bedauert es, in der falschen Zeit geboren zu sein. Außer der räumlichen Entfremdung wird man also mit dem Problem der fremden Zeit konfrontiert, die die Grundlagen des menschlichen Daseins erschüttert und die Eskalation der Gewalt im brutalen Kriegs- und Mordrausch mit sich bringt. Die Volkslieder und Tschastuschki entstehen in diesem Kontext zuerst in der Antizipation und dann in der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der räumlichen und zeitlichen Krise. Vor dem Elintergrund der heraufziehenden Katastrophe wird die Vorahnung vom Verlust des Eigenen der vertrauten Welt, der als eigen empfundenen Zeit und der verinnerlichten Werte immer deutlicher. Der Zusammenbruch der alten Weltordnung steht am Elorizont. Dies ist eine Vorahnung, die bald darauf Wirklichkeit wird und die Verarbeitung der Fremdheit zur notwendigen Bedingung des Überlebens macht. Много елок, много елок, Много вересиночек. За прокллтого германца Много сиротиночекT0 29 Ledino, Vasilij: Soldatskije tschastuschki, zapisannije so slow ranenich. Moskau: Tipografija T wa I.D. Sitina 1915, p. 7. Rukopisnij Otdel Instituta Russkoj Literaturi, r. V, f. 280, op. 1, № 50, p. 47. <?page no="662"?> 662 Elena Sukhina Viele Tannenbäume, Tannenbäume Und Wacholder um mich herum. Wegen des verdammten Germanen Gibt's viele Waisen wiederum. Die Motive des Verlustes und des Wanderns, des transitorischen Seelenzustandes und der fatalen Entfremdung durchziehen untergründig die spätere Folklore. In dieser Zeit wird die Entfremdung zunehmend als existentielle Grunderfahrung aufgefasst. Es verbreitet sich die Stimmung, die sich am besten m it den Worten von Maximilian Woloschin aus dem Gedicht Zeitungen (aus dem Gedichtband Der brennende Dornbusch von 1915) ausdrücken lässt: He 3Hamb, не слшшатб u не eudemb... 3acmbimb, как conb... yümu в снега... Дозво/ ib не pa3nio6umb врага И брата не возненавидетиР1 Nichts wissen, hören oder sehen... Zum Salz versteinern, im Schnee verschwinden... Lass mich den Feind im m ernoch lieben Undkeinen Bruderhass empfinden! Um kurz zusammenzufassen: Das Attentat von Sarajewo an sich spielt also in der russischen Folklore eher eine marginale Rolle, wobei die Auswirkungen dieses Ereignisses und das weitere Geschehen in den Vordergrund rücken. Die Wahrnehmung des Krieges, die von Anfang an gleich nicht ganz eindeutig war, erw irbt im Laufe der Zeit eine deutliche tragische Färbung. In der russischen Folklore beobachtet man die Evolution vom Rausch der panslawistischen und messianischen Stimmungen bis hin zum Schrecken und der Enttäuschung, von der Apotheose des Eigenen zur Ablehnung des radikal Fremden. Die Folklore zeugt auch davon, dass der Erste Weltkrieg der Entwicklung des nationalen Selbstbewusstseins neuen Antrieb gegeben hat. Die Volkslieder und die Tschastuschki bleiben Iieux de memoire, die wiederhergestellt werden sollen, um die Lücken in der historischen Kontinuität und im kulturellen Gedächtnis zu füllen. 31 Woloschin, Maximilian: Stichotworenija, statji, wospominanija sowremennikow. Moskau: Prawda 1991, p. 99. (Übersetzung E. S.) <?page no="663"?> S elma H arrington (D ublin ) A Girl Called Bosnia, th e Prince and th e V illa in 1 How we remembered the Sarajevo Assassination This paper examines the visual memory constructs synonymous with the Sarajevo Assassination since the beginning of the First World War. Acknowledging the complex symbolism assumed by the key historical actors of the Assassination, its victims and perpetrators, it focuses on the analysis of the official and public aspects of the commemorations in Sarajevo. Attention is given to the creation of a "place of memory" as illustrated by the establishment and transformation of the museum originally dedicated to the commemoration of the Mlada Bosna/ Young Bosnia conspiracy and Gavrilo Princip, which is now the Muzej Sarajevo 1878-1918. This is a part of a study into the role of museums within the formulation, preservation and safeguarding of embodiments of national or group identities in the context of the current critical heritage discourse among the emerging or transforming communities in Central and Eastern Europe. Sarajevo's Centenary M emory Contest The gradual build-up of commemorations on the occasion of the centenary of the Sarajevo Assassination over the last few years had its official crescendo at a concert performed by the Viennese Philharmonic in the newly renovated City Hall (Vijećnica) and enjoyed in vivo by a group of local, regional and European political representatives. A live recording of the concert was televised and transmitted via large screen at the square across the river Miljacka to a casually assembled audience basking in the late June afternoon sun.2 "A [selected] repertoire [was] harking back to the days of the Habsburg Empire, including Haydn, Schubert, Berg and Brahms", reported The Guardian, hinting at the symbolic reconnection of Bosnia-Herzegovina with its Austro-Hungarian past, and perhaps by association with Europe.3 1 My title refers to the stereotypical folk tale protagonists: the always courrageous and resourceful Prince; the Baš-Čelik (Steel Barshaw) as the typical supernaturally strong villain who always loses in the end; and the Princess-victim who always gets rescued by her Prince. Cf. Kurtović, Velida: Baš-Čelik, narodna bajka. In: Lektire, http: / / lektiregimnazija.blogspot. ie/ 2013/ 05/ bas-celik-i-razred.html [17.03.2014], pp. 1-3. 2 Rawlinson, Kevin: Serbs boycott Archduke Franz Ferdinand assassination centenary. In: The Guardian, 28.06.2014, pp. 1-3. 3 Ibid. p. 2. <?page no="664"?> 664 Selma Harrington However, there was a notable absence of Bosnian Serb officials among the invited guests in Sarajevo, who instead chose to attend a series of parallel commemorations organized by the Republika Srpska (RS), their political entity in the country.4Their boycott of the Sarajevo commemorations was announced in advance, proclaiming that these would be used to demonize the Bosnian Serbs, by equalizing the 1990s war with Serbia's perceived guilt for the First World War. Instead, a different form of commemoration took place in Sarajevo's Dobrinja suburb (now known as Eastern Sarajevo). For the first time in hundred years, Gavrilo Princip was symbolically resurrected in the form of a two-m eter high personalised bronze monument, accompanied by a re-enactment of the Shots of Sarajevo in front of a gathering of officials from the Republika Srpska and important dignitaries from Serbia. According to Sarajevo's daily Oslobođenje, Milorad Dodik, President of the RS, underlined in his opening speech that "the monument is our clear message that our past struggle was just, justified, legitimate and legal", while Nebojša Radmanović, a salaried member of the Bosnia-Herzegovina's tripartite Presidency, stated that "St. Vitus Day not only is coloured red in a calendar, but is a holy day when all the Serbs across the globe gather to remember their glorious battles for freedom. St. Vitus Day is an inspiration for all of us in our struggle for liberation, for sacrifice, for our common state, which we haven't yet managed to create."5 Figure I: "The Street corner that started the 20th century", Museum Sarajevo 1878-1918, Corner Zelenih beretki and Obala Kulina Bana. Photo by th e author, 22 June 2014 4 Kamenica, Edina: Novi park i spomenik, Dobro došao, Gavrilo. In: Oslobođenje, 28.06.2014, p. 7. 5 Kamenica 2014, p. 7. Original quote in Bosnian: "Vidovdan nije samo crveno slovo u kalendaru, nego svetac kada se Srbi širom svijeta sastaju i prisjećaju svojih slavnih bitaka za svoju slobodu. Vidovdan jeste nadahnuće svih nas u borbi za slobodu, za žrtvovanje, za našu državu koju još nismo uspjeli da stvorimo" (translation mine). <?page no="665"?> H o w w e r e m e m b e r e d t h e S a ra je v o A s s a s s in a d o n 665 Figure 2: Cornerofformer Appel Quay and Franz Josef Strasse, 7 December 1908, Public Announcement of the Annexation of Bosnia-Herzegovina by Austria-Hungary. Taken from Bogićević, Vojislav: Sarajevski atentat, Stenogram glavne rasprave protiv Gavrila Principa i drugova. Sarajevo: Državni arhiv NR BiH, 1954. Photo © Sarajevo City Archives In contrast, the freshly cleaned and redecorated building at the site of the Assassination in Sarajevo was beamed with a bandana-like mural enveloping which was stretching across its two street fronts. Mimicking a billboard, the new wall mural came over as if it were announcing a feature film entitled "The Street corner that started the 20th century" in English, starring the tw o key players Gavrilo Princip and Franz Ferdinand, their enlarged faces placed on each opposing side of the facade above the infamous street corner (see Figure I). After one hundred years, the victim and perpetrator have thus been evoked together in text and image on location for the first tim e.5While Princip's gaze was directed down along the Assassination spot, Franz Ferdinand's was overviewing the Latin bridge [Latinska ćuprija] and the former Appel Quay [Ulica Zelenih beretki] where he and his wife were driven in an open limousine minutes before their death. On the centenary day, a replica car was stationed in front of the M useum Sarajevo 1878-1918, allowing for a few unofficial street performances and installations. Some passers-by got snapshots taken while sitting in the car behind the young driver in a period military uniform, while a group of Austrian tourists placed photos of Franz Ferdinand and Sofia with flowers6 6 The street corner is a public site of commemoration since 1914, but its form and spirit had a number of diametrically opposed expressions in the past. <?page no="666"?> 666 Selma Harrington and candles along the Museum wall.7 For the day, the impromptu memory enactment on location emphasised commemorations of the victims, while the famous replica of Princip's footsteps could be seen in the Museum. Tourists with an appetite to further immerse in W W l narratives could reside in the vicinity in a newly redecorated period apartment building, aptly named Franz Ferdinand Hostel, with rooms themed from the Sarajevo Assassination to Gallipoli, Verdun and other battlefields. Depending on the preference, they could choose to repose under the intimate gaze, being watched from the oversized archival photos that had quietly enveloped the whole space by smiling Franz and Sofie or Princip and his Mlada Bosna comrades. A well-known Sarajevan theatre director, Flaris Pašović, staged another public spectacle around the Latin bridge on the same evening while numerous other events stretched into the city. It all fitted into the general concept of commemorating the Centenary by conveying messages of peace and reconciliation with the complex past. Accordingly, the main funders of these cultural projects from France, Austria and the EU tried to coordinate their actions, to demonstrate the official European centenary narrative in which the Assassination memory was placed under the conciliatory umbrella of other complex narratives of the First World War, designed to overcome the memories of carnage and animosities, but also gesturing to Bosnia-Flerzegovina where it should see its future.8 As a parallel action, the second and main rival commemoration to Sarajevo took place in the town of Višegrad, which was "the scene of some of the worst atrocities of the 1992-95 war by Bosnian Serb forces driving out Muslim Bosniaks".9This time, it was a stage for the launch of the newly built artificial town Andrićgrad which in the words of its key developer, Emir Kusturica, "embodied all the segments of our history" and was honouring Princip as "hero of the Serbian people".10W ith full backing by the Prime Minister of Serbia, Aleksandar Vučić, the President of the Bosnian Republika Srpska, Milorad Dodik, and in presence of the Serbian Orthodox Patriarch Irinej, other Serbian ministers as well as Prince Aleksandar Karađorđević and a member of Serbian Academy of Science, Matija Bećković, the theme park was formally inaugurated as a place of the selected symbols of Serbian history, culture and "a fresh reminder of its identity". In line with a fundamentalist Serbian nationalism, Bećković summed 7 MacDowall, Andrew: Sarajevo. City commemorates ‘end to a century of conflict', but divisions still run deep. In: The Observer, 28.06.2014. p. 2. 8 Milanović, Jelena: "Prvi svjetski rat je odnio 10 miliona života" [Interview with Ronald Gilles, Ambassadorof Franceto BiH]. In: Oslobođenje, Pogledi, 20.07.2013, p. 38. 9 Rawlinson 2014, p. 2. 10 (Tanjug): Svečano otvoren Andrićgrad. In: Blic, 28.06.2014, pp. 2 1 7 . <?page no="667"?> How we remembered the SarajevoAssassination 667 up the essence of the commemorations which were supposed to unite all Serbs under a tight-knit shroud "w ith the church as one and only roof St. Vitus Day as one and only sacred day, Kosovo Polje as one and only field, and the red poppy as one and only flow er".11This was a brandnew history in the making, according to Kusturica, a former film director from Sarajevo and a convert to Orthodox Christianity, whose work is now literally and metaphorically cementing over the ruins of houses and bones of slain Bosnians, ensuring a new materiality and reality of eradication of their previous existence in the area. The Place of Memory This following draws from my Master's thesis on the politics of memory of the Sarajevo Assassination examined through the lens of visual memory constructs.12 As an architect observing from a cultural studies perspective and referencing from the relevant and extensive historical analysis of the events by others, I shall sketch a tentative answer to the question: Who killed Mlada Bosna/ Young Bosnia? This question is a mental trigger borrowed from the title of a popular American TV series from the 1990s, showing the surreal and complex story of a murder in a small town, which gripped the television-watching public's imagination in Bosnia at the tim e.13 In the series, the story of an elusive victim got overshadowed by more and more complex other stories and gave ample proof about the critical importance of the point o f view and emphasis, as main clues for understanding the narrative. It seems fitting to me to use this as analogy for the shifting Bosnian narratives of the Sarajevo Assassination whereby the memory character pool including the organization Young Bosnia [Mlada Bosna], has been reduced and largely silenced through extraction and appropriation of various fragments of the Assassination memory by many. It can be argued that the current main Bosnian narratives of the Assassination are extremely polarised, ranging from idealistically cohesive to insistantly exclusive. In order to understand the recurrent memory enactments, it is helpful to establisth the retrospective patterns of the visual figurations of the Sarajevo assassination memory, in anticipation that reinterpretation of such patterns could hold a message for the future. What is 11 Ibid. p. 4. 12 Harrington, Selma: The Politics of Memory. The Museum "Sarajevo 1978 1918" and the Centenary of th e Catastrophe'. Dublin: Trinity College Dublin [unpublished MPhiI Thesis] 2013, pp. 15-66. 13 Frost, M ark/ Lynch, David: Twin Peaks. ABC TV series, 1990-1991. <?page no="668"?> 668 Selma Harrington the significance of visual forms of the assassination commemorations and what can we make of their past and present forms? The existing photo of the later crime scene (see Figure 2) was taken on the day of the announcement of the Annexation of Bosnia-Herzegovina by the Austro-Hungarian Monarchy in 1908. The depicted location, as suggested by the architectural forms of the building with classic pillars, pediments and medallions typical of the period, shows a part of a Central European townscape. There was a pastry shop at the corner on the ground floor, with a name plate above the entrance and a short text in German: Moritz Schiller Delicatessen. Higher up, the frieze above the ground floor carries an advertising board along the corner of the building with inscriptions in Hebrew and Arabic, possibly aimed at pilgrims to Mecca and the Holy Land. Altogether, there are four languages and four alphabets on the same facade of the building, as the group of people are reading the Proglas [Announcement] in Serbo-Croatian Cyrillic. The orderliness of architectural forms is contrasted by a plurality of dress codes in the group, with people wearing a European suit, Bosnian baggy trousers, or a soldiers' uniform, cap or fez. These visual signs of quite a complex "ephemeral film of actuality", to borrow Pierre Nora's term ,14 are a small ad-hoc evidence of the plurality of meanings, identities and possible interpretations of the reality frozen in the snapshot. Commemoration of the Victims and the Place Memory-Making After the Assassination on 28 June 1914, which was immediately termed a catastrophe, its site was publicly marked with various spatial-visual elements of mourning and ceremony, including black flags at half-mast and a flower arrangement demarcating the position of the Archduke's car at the moment the shots were fired. This was accompanied with memorial stamps, postcards, popular literature and publications, often with a cross sign indicating the assassination spot. Within a short period of time, a simple stone memorial plaque was placed above the corner shop's window as a first permanent visual commemoration of the victims of the Assassination (see Figure 3). Some alterations to the facade of the building had to be made to accommodate the plaque, and the corner window lost its arch in the process. There were other, more ambitious plans for a permanent commemorative mark, including a memorial church in a neo-Gothic/ Alpine style on an un-identified location, which never materialised, as seen on the model designed by the Hungarian sculptor Eugen Boryfrom Budapest (see Figure 4).11 11 Nora, Pierre (Ed.): Les Iieux de memoire. Paris: Gallimard 1984, p. 18. <?page no="669"?> How we remembered the Sarajevo Assassination 669 Figure 3: Viewto Latinska Ćuprija (then Latin Bridge), opposite from the place of the assassination. The newly fixed wall plaque above the corner shop-window commemorates the victims, 1914. Photo © Sarajevo CityArchives Figure 4: Spomenik okaju / Sophie's Home (a charity orphanage) with a memorial church for the Archduke and Duchess Model by Professor Eugen Bory, 1914. Photo © Sarajevo CityArchives On 28 June 1917, the third anniversary of the assassination, the Spomenik Umorstvu ("M onum ent to M urder") was officially unveiled, followed by a public Catholic consecration. Also designed by Bory, this was a monumen- <?page no="670"?> 670 Seima Harrington tal composition consisting of 12-meter high two-pillar structure in a late Secession style, crowned w ith royal insignia and towering over its humble surroundings.15 It includes a still remaining bench at the opposite corner at the mouth of the Latin Bridge. The monument incorporated tw o medallions w ith busts of the Archduke and Duchess and a black granite sculpture of a Pieta, as can be seen on the photographs and memorial postcards from the period (see Figure 5). Little was known about this monument until its mentioning by Ibrahim Krzović in the catalogue of his 1987 exhibition Architecture in Bosnia-Herzegovina 1878-1918, curated for the National Art Gallery of Bosnia-Herzegovina during the late Yugoslav period.16 This may well be the first discrete broadening of the narrative, given the singularity of the official Assassination memory in the socialist era. Indira Kučuk Sorguč, who gave a detailed description of the Monument to Murder more recently, calls for a balanced commemoration versus the selective 'distribution of memory' of the socialist period.17 Figure 5: View of the Spomenik Umorstvu (Monument to M u rd e rjw ith double pillar and bench at Latinska Ćuprija / Lateiner Brücke erected to commemorate Archduke Franz Ferdinand and Duchess Sophievon Flohenberg, 28 June 1917. Photo © Sarajevo CityArchives 15 Krzović, Ibrahim: Arhitektura Bosne i Flercegovine 1878-1918. Sarajevo: Umjetnička galerija BiH, 1987, p. 242. 16 Ibid. 17 Kučuk-Sorguč, Indira: Prilog historiji svakodnevnice. Spomenik umorstvu-Okamenjena prošlost na izdržavanju stoljetne kazne. In: Prilozi 34 (Sarajevo 2005), pp. 61-66. <?page no="671"?> How we remembered the Sarajevo Assassination 671 Reversal of M em ory (1918-1941): The Herald of Freedom The alterations to the Latin Bridge structure to support the heavy columns of the Monument to Killing and the bench have survived, however the actual commemoration of the victims of the Assassination was short-lived. The establishment of the Kingdom of Serbs, Croats and Slovenes (SHS), brought the implementation of the new administration's policy of erasing the visual iconography belonging to the former regime.18This included the monuments, the portraits of the Emperor, the plaques and place names, parallel to the 'cleansing' of official language and communication from German terms. The instruction was issued to all local authorities for the removal of "all photographs, sculptures, coats of arms [and] plaques that remind of the old regime [...] in keeping with the spirit of our people and w ithout offending the dignity of others".19The actual date of the dismantling of the Monument, 19 March 1919 (or 7 March according to the Julian calendar), can be established thanks to Sonja Dujmović's paper on the politics of national mobilisation of the Serbs examined through the writings in the Srpska riječ ["Serbian Word"] periodical.20 She quotes that "finally the last traces of the monument had been removed the previous day", that the royal bust[s] were sent to the family of the deceased in Konopište, Bohemia (Czechoslovakia), while the columns and all the rest would be stored in the [unspecified] museum.21 The removed fragments were indeed stored and forgotten for a couple of decades, only to be rediscovered, w ith some stir and controversy after the 1990s war in Bosnia. Fragments of the columns are still kept in the National Art Gallery, while the Pieta sculpture from the monumental composition is currently lent to the Historical Museum of Bosnia-Herzegovina for display in the exhibition Bosnia in World War One.22 While after the war, the new Yugoslav Kingdom had officially distanced itself from direct association w ith the M lada Bosna organization and publicly and diplomatically always condemned the Assassination, the popular opinion in Serbia and parts of Bosnia was that Gavrilo Princip and the others 'sacrificed their lives for freedom'. Furthermore, the 18 Dujmović, Sonja: "Srpska riječ" i 1914. godina-sistem nacionalne mobilizacije. In: Prilozi 34 (2005), pp. 49-59. 19 Rodinis, Andrej: Recikliranje memorije naroda. Odnos prema uredskim arhivima nakon 1918. Godine. In: Historijska traganja 3 (2009), p. 246. 20 Ibid. Also see Skidanje spomenika. In: Srpska riječ, br. 6 (8/ 20 March 1919), pp. 49-59. 21 Ibid., p. 53. 22 Exhibition Bosnia in World War One, Historical Museum of Bosnia-Herzegovina, Sarajevo, opened on 26 June 2014. <?page no="672"?> 672 S e lm a H a r r in g to n young age of the conspirators, their conduct, the scale and harshness of their trial, sentences and executions, all these commanded attention and empathy, respect and admiration, not only among the South Slavs, but also among a number of international supporters until present. At the same time, large segments of the population in Bosnia-Herzegovina, some of whom fought in the First World War under the Flabsburg flag, felt excluded by the new regime which harboured many antagonistic, nationalistic and expansionists tendencies at the expense of Bosnia, whose identity almost disappeared in the newly liberated and unified Southern Slav state. Popular support by youth clubs predates any official commemoration of Princip and his M lada Bosna fellows, most of whom were dead by the end of WW1. Princip's remains were exhumed on 9 June 1920, and to gether w ith those of Čabrinović, Grabež and others who had died in the m ilitary prisons of Theresienstadt and Möllersdorf were transported to Sarajevo and buried in a common grave on Sarajevo's graveyard Koševo. They were joined by the remains of llić, the elder Čubrilović, Jovanović and Žerajić, and commemorated as "St. Vitus Day's Heroes". The Kingdom of Yugoslavia officially marked the place of the Assassination in Sarajevo in 1930, with a simple black stone plaque, most likely in the same place from where Franz Ferdinand's plaque was removed. Rebecca West, who saw it in Sarajevo, described it as "a very modest black tablet [...] to record the exact spot of the assassination for historical purposes, [...] placed so high above the street-level that the casual passer-by would not remark it".23 The text on the plaque in Cyrillic declared Princip the Herald of Freedom (see Figure 6). It created a linguistic link between Princip - Freedom - St.Vitus (M artyrdom ), and reference both to the Julian and Gregorian calendars, thus for the initiated placing it in the Serbian nationalist narrative. Later in 1939, the Serbian-Orthodox Church Community in Sarajevo commissioned a Belgrade professor of architecture, Aleksandar Deroko, to design a chapel for the common grave of the St. Vitus's Heroes. It was built through private donations in the Serbian-Orthodox Cemetery in Koševo, using recycled headstones laid in a mix two-coloured course reminiscent of the Byzantine style of older churches in Old Serbia (nowadays: Kosovo). The inscription with names of eleven members of Young Bosnia [Mlada Bosna], all Bosnian Serbs, and the text in Cyrillic, arched around 23 West, Rebecca: Black Lamb and Grey Falcon. A Journeythrough Yugoslavia. Edinburgh, New York, Melbourne: Canongate 2006, pp. 351-352. <?page no="673"?> How we remembered the SarajevoAssassination 673 the Orthodox cross, reads: 'Blessed is the one w ith the eternal life, he had a reason to be born', reinforcing the self-sacrifice and martyrdom as a path to eternity, as narrated in the poetry of the Montenegrin Prince- Bishop Njegoš.24The associative link created here is simple and clear: St. Vitus - M artyrdom - Eternity, embedding a fundamentalist religious and nationalist code and om itting any reference to Young Bosnia. At the tim e the only Bosniak member of Mlada Bosna, Muhamed Mehmedbašić, who escaped imprisonment, was still alive, but his association gradually faded away from the group identity of conspirators, and was absent from any visual symbols. The evolving narrative of Princip as leader and martyr set him gradually apart from the other members, contributing to the realisation that the elusive self-proclaimed Yugoslavism of the group has been laid on weak foundations.25 Figure 6: First plaque to Gavrilo Princip, shown here after having been taken down from location during Nazi occupation in 1941. Photo from Savich, Carl; Sarajevo, 1941: The Removal of the Gavrilo Princip Plaque, 12 May 2013, http: / / serbianna.com/ blogs/ savich/ archives/ 2489 [12.05.2014] 24 Miller, Paul B.: Yugoslav Eulogies. The Footprints of Gavrilo Princip. In: The Carl Beck papers in Russian and East European Studies, No. 2304 (Pittsburgh 2014), p. 18. 25 Cf. Savich, Carl: Gavrilo Princip and Patrick Pearse. Nationalism, Patriotism and R ebellion-A Comparison. In: http: / / www.srpskoblago.org/ serbian-history/ gavrilo-princip-and-patrickpearse-nationalism-patriotism-and-rebellion-a-comparison.html [01.03.13], p. 6. <?page no="674"?> 674 Selma Harrington 'Beheading' of the M emory (1941-1945) The international symbolism of the Assassination could not have taken a starker twist than in April 1941, when the Princip plaque was removed from the wall in Sarajevo and sent as a birthday gift to Adolf Hitler.26The orderly removal was carried out by a group of Yugoslav Volksdeutsche (ethnic Germans) under the watch of tw o Wehrmacht officers, and the process was filmed by Hitler's personal photographer, Heinrich Hoffmann. Hitler saw the plaque as a symbol of anti-German sentiment in the Balkans; he associated it with the German defeat in the First World War and, according to blogger Carl Savich, was personally obsessed with the Sarajevo Assassination.27 He disliked Franz-Ferdinand for his "Slavicization" of Austria-Hungary and for the plans to create a trialist Austrian-Hungarian- Slavic country, while he viewed Princip and comrades as "Slav fanatics".28 This episode of the Assassination memory was recently publicised by a number of journalists and often implied 'guilt by association', namely mischievously suggesting the exclusive alliance between the Bosnian Muslims or Croats with Nazi Germany, as has been recently implied in Radmanović's speech during the unveiling of the monument to Princip.29 Partisans' Canonization of Princip (1945-1991) After the end of the Second World War, the new federal Yugoslav socialist state and its political structure in Bosnia-Herzegovina proclaimed the clear connection and ideological continuity between the partisan freedom fighters and Gavrilo Princip. Immediately after the liberation of the country on 7th May 1945, thus before the actual anniversary in June and linking the event with the day of the defeat of Fascism in Europe, a second plaque to Princip was mounted on the wall. The message on it read: 'The youth of Bosnia and Herzegovina dedicate this plaque as a symbol of eternal gratitude to Gavrilo Princip and his comrades, the fighters against the Germanic conquerors. Sarajevo, 7 May 1945.'30While the text is devoid of any direct reference to the Orthodox-Serbian patron saint Sv. Vid (St. Vitus) in keep- 26 Kamberović, Husnija: Ubojstvo Franza Ferdinanda u Sarajevu 1914.devedeset godina poslije. In: P r ilo z i 34 (2005), p. 14. Savich, Carl: Sarajevo 1941. The Removal of the Gavrilo Princip Plaque. In: http: / / serbianna. com/ blogs/ savich/ archives/ 2489 [12.05.2014], p.8. 28 Ibid. p.8. 29 Cf. Tanjug 2014. 50 Miller, Paul.B.: Le souvenir de l'attentat de Sarajevo ä Sarajevo meme, 1914-2005. In: I n t e r n a t io n a ! C o llo q u iu m : M e m o r y a n d H is t o r y i n C e n tr a ! a n d E a s te rn E u ro p e (2006), p. 4. <?page no="675"?> How we remembered the Sarajevo Assassination 675 ing with the officially promoted atheism among partisans and communists the young communist Borko Vukobrat not only connected Princip's and his own birthplace Grahovo w ith the revolutionary tradition in his salutary speech, but more importantly, his message ensured the continuity and vitality of the St. Vitus's Heroes myth: "W hat Gavrilo Princip and comrades have started on St. Vitus Day in 1914, the youth who liberated Bosnia from the Germans have completed," reported the Oslobođenje article on St. Vitus Day in 1945.31 It can be said that the early official socialist Yugoslav narrative (that otherwise distanced itself from 'the old Yugoslavia) practically recycled, appropriated and rejuvenated the old narrative rooted in Serbian folk mythology, continuing and expanding its associative power as a linguistic memory trigger constructed with words and symbols: 'Princip - Freedom - St. Vitus - Youth - Liberation'. In effect, a Serbian national religious narrative was implicitly translated into a new Serbo-Yugoslav narrative, narrowing down the possibility of the heart-felt inclusion of others in identification with it, regardless of Princip's own publicly stated "Yugoslav nationalist" identity.32 Mlada Bosna: Modernist's Museumification of M emory The official opening of the Muzej Mlada Bosna [Museum of Young Bosnia] on 28 June 1953, the 39th anniversary of the Assassination by the President of the National Committee [Narodni Odbor], Dane Olbina, born in Bosansko Grahovo like Princip, in the building near the venue of the Assassination, literally 'cemented' the site into a place of memory, with the famous footsteps imprinted onto the pavement and the new memorial plaque on the newly renovated walls. The plaque was carved in a rough Bosnian Hreša stone with a text inscribed in Cyrillic and placed low on the wall above the footsteps. The wording in Cyrillic is more explicit in use of militant terms and cumbersome in style: 'From this place, on 28 June 1914 Gavrilo Princip expressed w ith his shot a popular protest and the eternal aspiration of our people for freedom.'33 But aside from the political agenda surrounding the Museum opening, there was a more subtle cultural subtext that shaped the space. Its key creator was a Zagreb-born architect, Juraj Najdhart, who had worked in Europe 31 Ibid. p. 5. 32 Cf. Savich 2013. 33 Qtd. after Miller 2006, p. 5: "Sa ovog mjesta 28 juna 1914 godine Gavrilo Princip svojim pucnjem izrazi narodni protest protiv tiranije i vjekovnu težnju naših naroda za slobodom" (Translation mine, S.H.). <?page no="676"?> 6 7 6 Seima Harrington with the well-known modernist Swiss-French architect Le Corbusier until 1936 and returned to Bosnia-Herzegovina in 1938. Being commissioned by the National Committee to head the design team, he saw the Muzej Mlada Bosna project as a real opportunity to make "a big step towards the renaissance of interior architecture and applied arts in the country".34 With a team of the best artists and craftsmen in the country, he set out to creatively interpret and build on the Assassination narrative, interweaving it with a minimalist adaptation of traditional Bosnian architectural forms shaped in the Ottoman period. The idealised bust of Princip sculpted by Andrija Kostović was a key feature in the small museum space. In lieu of the first memorial plaque for Franz Ferdinand and later for Princip, there was a modern low-relief Mlada Bosna motif, showing a group of young people holding hands as if advancing towards some imaginary goal.35 In Najdhart's own writing about the project, including seemingly unedited English translations, one can observe his reliance on the performativity qualities of the interior architecture elements, when he describes his design of the exhibition: The leading idea here is th e line of m ove m en t: en tranc e-exit. B etw een th e se tw o extre m itie s th e w h o le architectural design is unfolding like a film strip [film ska traka ] as follows: The Young Bosnian m o v e m e n t (re lie f on th e fro n t m ad e by M u jezin ović and Kostović), m ilita ry m ano euvres, assassination, trial (p ainting by V. Dim itrijević), prosecution and d e a th , m o n u m e n t to th e dead (Princip's head by A. Kostović and mosaics surrounded by children's drawings, w o rk by Radenko and Olga M išević); and fin ally conn ection o f th e w h o le ev e n t w ith today. U ntil now, sim ilar m e m o ria l spaces w e re designed as "m e m e n to mori", "dark space", according to Christian tra d itio n . How ever, in this concept, th e piety is expressed w ith serenity. O ne of th e alcoves contains th e mosaic sym bolising slavery, w h ile children's drawings around are full o f jo y and innocence. T h e re fo re , it is a dual display: slavery fre e d o m . Princip's head as a symbol of revolution grows out o f th e stone w all, as opposed to th e tra d itio n a l torso on pedestal, and a static and conventional m ann er.36 According to Jelica Kapetanović, the local conoscenti including the design team members highly valued the quality of Najdhart's design for the museum, declaring it one of the most inventive interior adaptations in Sarajevo.37 Grabrijan, Dušan / Najdhart, Juraj: Arhitektura Bosne i put u savremeno. Ljubljana: Državna založba Slovenije uz pomoć N.R. Bosne i Hercegovine 1957, p. 437. 35 Ibid., pp. 436-441. 36 Ibid., pp. 437-438. Kapetanović, Jelica: 'Stvaralaštvo arhitekte Juraja Najdharta'. Sarajevo: Faculty of Architecture (unpubl. doctoral thesis) 1988, pp. 344-348. <?page no="677"?> How we remembered the Sarajevo Assassination 677 She also reveals the story about the making of the footsteps: one of Najdhart's team, sculptor Mirko Ostojić, who worked on the facade relief of the Mlada Bosna Museum, had a small shoe size which earned him the honour to facsimilate Principal38 In contrast to the local appraisal of the Museum's design, we learn from Paul Miller, quoting from Eleanor Roosevelt's M y Day column from 1953, that to the foreign eye, the Museum came across as "a rather depressing spot".39 The records about the Museum's work until its closure in 1992 are sketchy at present. Judging by the catalogue, the Assassination narrative was expanded to include documents and artefacts from the Second World War partisan epic, together with a Mlada Bosna documentation.40 Najdhart's fine interiors seem to have been reduced and in tim e replaced with a more austere display, losing the intended air of elegance and serenity. But, by the 50th anniversary, the official Yugoslav authorities' appetite for glorifying the Assassination had faded, as well as the local public interest. At the same time, the predictable influx of foreign visitors on occasions demanded preparations and continuation of commemorations. However, all figurations of memory, Princip's footsteps, the museum display, street names and other memories of the Assassination remained in Sarajevo all throughout the 70th anniversary and the 1984 Olympic Games until the 1990s war. In the siege of Sarajevo, this form of memory was rejected, the footsteps removed and thrown into the river Miljacka, and the Museum closed. The Mlada Bosna collection survived unharmed though, due to the extraordinary dedication of its curator, the late Bajro Gec.41 Instead of Conclusions: Rebranding the Past, Reframingthe M emory In 2004, the city authorities reinstated a memorial plaque marking the spot of the Assassination. Its chosen wording was restrained and factual, but for the first time, apart from Gavrilo Princip, it mentioned the victims of the assassination, Franz Ferdinand and his wife Sophie.42A slab with the replica imprint of footsteps awaits and greets the visitors at the entrance to the new Museum, in recognition of the meaning this 'fake artefact' had acquired in the past. This new permanent exposition was themed Muzej- 58 Ibid. p. 347. 59 Miller 2014, p. 27. 40 The author is grateful to Mirsad Avdić, curator in Sarajevo City Museum, for the photo copy o f this catalogue. 11 Miller 2006, p. 5. 42 Miller 2014, p. 3. <?page no="678"?> 678 Selma Harrington Museum'Sarajevo 1878-1918 and opened in 2007 in the same building of the previous Muzej Mlada Bosna. The limited space still allows the exposition to commemorate the period rather than the event that marked it, moving the earlier narrative into a broader context of the First World War, and cataclysmic political and military power realignments. This has been achieved by displaying some previously closed artefacts and documents, arranged along the internal walls and glass vitrines, to depict the sharp contrasts of protagonists and events which have dominated the short and significant period of Austro-Flungarian administration in Bosnia-Flerzegovina. The exhibition is accompanied by the catalogue with a historic narrative and illustrations, as well as with the recording from the film Sarajevski atentat (The Sarajevo Assassination) directed by Veljko Bulajic in 1975 and commissioned during the socialist period of Yugoslavia. The current exposition introduces many more headings of the period narrative with a factual and understated illustration of the many strands of cultural clash that have shaped the history of Bosnian people during the period of Austria-Flungary rule. The Flero/ Terrorist, the Victim/ lmperial Heir, the Mayor of Sarajevo/ disenfranchised Bosnian Oriental landlord, the European urban facelift/ capitalist exploitation, the social awakening, the local press, the Emperor's Bosnians fighting for the lost cause: all is there in sequence and facing one another with an open invitation to the viewer to freely weave in the treads of interpretation. The modelling of the display here follows the older tradition of lifestyle exhibiting in the ethnographic department of the now closed Zemaljski muzej / Landesmuseum in Sarajevo, where the simulation of living quarters in a Muslim house and a traditional courtroom was created with life-size mannequins. This is no surprise, as the professional museum circles in Sarajevo have traditionally always cooperated.43The space is also dominated by the figures of Archduke and Duchess exiting the Town Flail, allegedly shown in a dignified way to counterbalance the well-known images photographed in moments before and after the assassination. Directly across the mannequins, the imposing portrait of the first Mayor of Sarajevo, Mustajbeg Fadilpašić from 1878, stares behind glass, surrounded by the maps and drawings illustrating the unsuccessful Bosnian resistance to the Occupation. It is a more complex material showing the lesser known aspects of national heritage which no longer fit in the simplified Serbo-Yugoslav one. The ambiguity, controversy and conflict of the 43 Accordingto an interview on 8 July 2013 with a retired conservationist of the Zemaljski M u zej, MsJasna ŠišićSaradžić, who worked on the conservation of the trousers Principwore at the trial, a number of other specialists from the Zemaljski muzej took part in preparing the exhibits in the Museum Sarajevo 1878-1918. <?page no="679"?> How we remembered the Sarajevo Assassination 6 7 9 past is offered here as embodiment of complex and multi-layered narrative, a form of 'interwoven memories', to borrow an expression from Matthew Rampley describing the emerging discussion within Central European cross-cultural heritage studies.44The flow, the selection of artefacts, the visual and textual material demonstrates a more inclusive approach, abandons the singularity of the earlier Museum's narrative, opening gaps for new interpretations to emerge. The 2014 centenary commemoration competition in Bosnia-Herzegovina stems from those three key narratives: tw o internal to Bosnia-Herzegovina and a third external. The first official narrative is mainly located within the Bosnian Federation's authority which seems to be courting cultural Europe and its official representatives while attempting to balance the contested memories among a m ulti-ethnic population. Then the Sarajevo commemorations of 2014, particularly in their permanent form, have contextualised and demythologised Princip, while retaining his historic place, balanced by other previously lesser known narratives. These in the extreme include an acquired nostalgia for the perceived 'civilised' Habsburg past and an outright condemnation of Princip's myth, while the moderates use conciliatory argumentation describing the complexity of the past allegiances and alliances, mindful of present day politics. Asked to comment on the absence of the government's third (Serbian) partner's representatives in the in the official commemorations, Sarajevo's Mayor Ivo Komšić replied: "They demonstrate their attitude not to the past but to the future."45 While the first Bosnian narrative can be seen as evolutionary, the other one is regressive, as it has radically broken away from the once shared official narrative. Espoused by Republika Srpska leadership, and consistently placing the Assassination memory under its fundamentalist nationalist and clerical cloak, it can be described as singular and exclusive. It can hardly escape comparisons with pre-war manifestations with various aggressive religious references designed to galvanize Serb national unity at the time of a gradual collapse of the secular Yugoslav Communist Party and the rise of Slobodan Milošević in Serbia, leading into the 1990s war. One such manifestation included an attempt to carry the relics of the Serbian Prince La- 44 Rampley, Matthew (ed.): Heritage, Ideologyand Identity in Central and Eastern Europe. Contested Pasts, Contested Presents. Suffolk, UK and Rochester, US: Boydell Press 2012, p. 17; Rampley uses the translation o fth e German ‘verflochtene Erinnerungen', from a volume on the intervowen historical memories of Poland, Germany, Russia, the Soviet Union and Lithuania - Aust, Martin et al. (ed.): 'Verflochtene Erinnerungen'. Polen und seine Nachbarn im 19. und 20. Jahrhundert. Vienna, Cologne, Weimar: Böhlau 2009. 45 Rawlinson 2014, p. 2. <?page no="680"?> 680 Selma Harrington zar from the Kosovo Battle across Yugoslavia, almost as a replacement of the once unifying Rally of Youth that traditionally marked President Tito's birthday. Reacting to such forceful and segmented formation of a new collective memory in 1988, Nijaz Duraković, a former Bosnian politician, gave a prophetic statement to the press: "A smell of insence is spreading across Yugoslavia and if it continues, I'm afraid it will choke us all! "46 Thus, the rivalery between the Bosnian narratives is ultimatelly a te rritorial one and we are witnessing a staged process of new Iieus de memoire in the making. This can be observed through the following phases: - The planting and the subsequent abandonment of the socialist Assassination narrative; - The broadening and contextualising of the Assassination narrative in post-Dayton official Bosnia-Herzegovina as a work in progress; it is ranging from the outright demonization of Princip to new revisionism captured by a recent book title Ne dam ja Gavrila, 7 am not letting go [the memory] o f Gavrilo', and even to the ocassional displays of Habsburg nostalgia; 47 - The revision of the Assassination narrative by the official Repulika Srpska, now firm ly narrowed to the Serb fundamentalist nationalist myth, with the exclusive appropriation of Princip as a freedom fighter endorsed by St. Vitus and all associated symbolism and religious connotations; - The Mlada Bosna commemoration as part of the partisan nationalliberation myth and its alleged 'Yugoslavism' is almost completely abandoned; - The translocation of the Assassination narrative symbol to new location(s) in order to mark and signify the territory, thus formulating a new lieu or Iieus de memoire; - The translocation of the Assassination narrative symbol and construction of a hybrid replica context in order to reframe the narrative, as evidenced by the new memory figurations in Dobrinja/ East Sarajevo and Višegrad/ Andrićgrad; - Finally, a recurring external narrative can be traced in the repeated journalistic re-enactments of the Young Bosnia conspirators' jour- 46 Duraković, Nijaz: Prevara Bosne. Sarajevo: DES 2004, p. 28, translation mine; original wording: "Miris tamjana se širi Jugoslavijom i ako se ovako nastavi, bojim se da će nas sve zajedno pogušiti." 47 Cf. Luter / Orlović [blog]: Sevkow Princip (I i Il dio). In: http: / / luteriorlovic.blogger.ba/ arhiva / 201 4/ 06 / 03/ 3 670 291 [22.12.2014], reference to a text by Kadić, Ševko: Atentat u Sarajevu. Ne dam ja Gavrila (2014). <?page no="681"?> How we remembered the Sarajevo Assassination 681 ney, which slide between personal/ romantic and commercial/ opportunistic popular accounts, following literally 'in the footsteps of the Assassin', usually with help of local guides.48 (However, it is hard to surpass the vibrant historical epic of the journey of the conspirators and the Assassination, written in English by Yugoslav historian Vladimir Dedijer.49) Given the complexity, vitality and certain exoticism of the narrative, it is safe to say that new similar popular works, with appeal to the international audience, can be expected in the future in regular intervals. In parallel, it can be argued that the Assassination narrative in Bosnia-Herzegovina, albeit in flux, has a limited public interest. It is kept active as a valuable commodity which will continue to be manipulated according to the specific political agendas, each one competing for physical and territorial validation, hence the title of this paper points to the old local folk heroes and tales that inspired or terrified, but always eluded. 48 The latest being: Butcher, Tim: The Trigger. London: Chatto & Windus 2014. 49 Dedijer, Vladimir: The Road to Sarajevo. London: Macgibbon & Kee 1966. <?page no="683"?> C hristoph A ugustynowicz (W ien ) Die langen Schüsse von Sarajevo in Galizien/ Polen Impressionen aus den aktuellen Narrativen This article em phasises th a t G alicia/ P oland rem ains m arginalized as a scene o f th e First W o rld W a r in th e co m m on w estern perception; its tr e a tm e n t is lim ite d to special publications. Concerning th e actors, it is significant th a t G avrilo Princip as individual rem ains u n m e n tio n e d in Polish historiography; in general, not Sarajevo, but alte rn a tiv e spaces o f m e m o ry (Polish legions, ulica O le a n d ry in Cracow ) stand at th e fo re fro n t. The m ore specialised recent Polish research makes th e claim th a t th e central te rm to capture th e atm o sp h e re of 1 9 1 4 is not 'euphoria' being rath er a projection o f elites th an a general social fe a tu re - , but 'loyalty'. The Polish ethnic group is seen as pragm atically loyal to its re spective im perial centres, but in no w ay as uncondition ally as to w ards its ow n ethnic group, w ithin which tra d itio n a l differences and bias in te rm s of socio-econom ical conditions continued to exist. In th a t sense, loyalty was linked to strong se ntim en ts of uncertainty, resulting occasionally in denu ncia tion , collaboration, or particip ation in pogroms. Die aktuell zum Annuarium 1914/ 2014 erschienenen Überblicke und Synthesen machen klar: Der nordöstliche Rand der Habsburgermonarchie, Galizien, bleibt in der Wahrnehmung des Geschehens rund um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der entsprechenden politischen und gesellschaftlichen Konstellationen peripher; auch das russländisch beherrschte Polen wird eher (mit)berücksichtigt als behandelt. Im vorliegenden Beitrag wird diesem Desiderat eine Umkehr der Perspektive entgegengehalten und die Frage gestellt: Wie sieht die jüngere/ aktuelle polnische Historiographie1die Schüsse von Sarajevo? Dazu wird in drei Schritten vorgegangen: 1) Eine Heranführung an das Jahr 1914 anhand des Kronlandes Galizien. 2) Sarajevo oder Oleandry? Die Schüsse von Sarajevo in der jüngeren polnischen Historiographie. 3) Loyalität statt Euphorie. Das Jahr 1914 in der aktuellen polnischen Historiographie. 1 Die Berücksichtigung ukrainischer Perspektiven muss weiteren Betrachtungen Vorbehalten bleiben. <?page no="684"?> 684 Christoph Augustynowicz 1. Eine Heranführung an das Jahr 1914 anhand des Kronlandes Galizien 1914 war in zweierlei Hinsicht ein galizisches Jahr: Zum einen wurden hier bis zur Jahresmitte Schritte zu einer ausgeglichenen Repräsentanz ethno-politischer Gruppen mittels Personalautonomie in der cisleithanischen Reichshälfte getan; am 8. Juli 1914 wurde der sogenannte Galizische Ausgleich verabschiedet2. Bereits seit 1867/ 8 wurde unter dem Schlagwort der Galizischen Autonomie das polnische Element gegenüber dem ruthenisch-ukrainischen in Galizien ausdrücklich bevorzugt: Die Zentrale in Wien protegierte durch Zulassung des Polnischen als Verwaltungs- und Bildungssprache Karrieren polnischer Politiker, die steile Laufbahnen machten; diese Bevorzugung wurde durch die Wahlordnung von 1907 de facto noch forciert. Polen wirkten im Wien der Jahrhundertwende als Minister, Parlamentarier, Beamte, aber auch als Journalisten, Ärzte und Kulturschaffende, hatten also reichliche Möglichkeiten zur politischen und gesellschaftlichen Profilierung. An politischen Institutionen und Instanzen in Wien sind in diesem Zusammenhang der Polenklub im Reichsrat, die Person des eigenen Ministers für Galizien und das seit Minister Julian Dunajewski (1880-1891) polnisch dominierte Finanzministerium Cisleithaniens hervorzuheben. Hervorgehoben seien ferner Ministerpräsident Kazimierz Badeni (1895-1897), Außenminister Agenor Gotuchowski der Jüngere (1895-1906)3sowie der letzte Minister für Religion und Wissenschaft der Monarchie, Ludwik Ćwikliriski (1917-1919)4. Zum anderen war das Land ab der späten M itte des Jahres 1914 zentraler Schauplatz des Krieges zwischen Habsburgermonarchie und Russländischem Reich sowie der Raum, von dem aus polnische bewaffnete Verbände (Legionen) unter der Führung Jozef Pitsudskis auf Errichtung eines souveränen Polen hinarbeiteten. Erstaunlich ist, wie wenig diese zentrale Lage Galiziens an den Ostfronten des Ersten Weltkrieges in der zum Anlass erschienenen Literatur evident wird. Zu dieser Ansicht führen Überblicke zum Ersten Weltkrieg und zum Jahr 1914, wie sie das Annuarium in deutscher und/ oder englischer Sprache in ansehnlicher Zahl hervorge-1 Vgl dazu Kuzmany, Börries: Theorie, Praxis und Transfer national-personaler Autonomiekonzepte in der Habsburgermonarchie und der Zwischenkriegszeit, http: / / hom epage. univie.ac.at/ boerries.kuzmany/ Nationale%20Ausgleiche/ Nationale%20Ausgleiche.html, Zugriff am 23. September 2014. Vgl. dazu Maner, Hans-Christian: Galizien. Eine Grenzregion im Kalkül der Donaumonarchie im 18. und 19. Jahrhundert. München: IKGS 2007, pp. 139-146. 1 Vgl. dazu Leitsch, Walter: Ludwig Lwikliriski (1853-1943), Sektionschef und Minister im k.k. Ministerium fü r Kultus und Unterricht. In: Leitsch, Walter/ Trawkowski, Stanislaw (Hg.): Polen im alten Österreich. Kultur und Politik. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1993 (WienerArchiv für Geschichte des Slawentums und Osteuropas 16), pp. 56-78. <?page no="685"?> Die langen Schüsse von Sarajevo in Galizien/ Polen 685 bracht hat. Sie alle sind verdienstreich, wenn auch gelegentlich zueinander schwach differenziert; in vielen jedoch spielt Galizien keine nennenswerte oder gar exponierte Rolle. Einigermaßen ergiebig zum Konfliktherd und Kriegsschauplatz Galizien sind lediglich Jörn Leonhards Büchse der Pandora5 und Herfried Münklers Großer Krieg56; ferner bearbeitete Neuausgaben von Standardwerken der beiden militärhistorischen Veteranen Hew Strachan7 aus britischer und vor allem Manfred Rauchensteiner8 aus österreichischer Perspektive; hinsichtlich neuerer, räumlich, zeitlich und thematisch breit vergleichender Ansätze österreichischer Provenienz ist auf aktuell erschienene Sammelbände zu verweisen9. Ansonsten bleibt der (nord)östliche Schauplatz des Ersten Weltkriegs auch im Jahr 2014 auf eigene Publikationen konzentriert; als Beispiele seien der von Jochen Böhler, Wtodzimierz Boroziej und Joachim von Puttkamer herausgegebene Sammelband Legacies o f Violence1011, sowie Sean McMeekins 2011 in englischer Sprache erschienene und nun in deutscher Übersetzung vorliegende Monographie Russlands Weg in den Krieg11 genannt. Die bislang letzte polnischsprachige monographische Darstellung des ersten galizischen Kriegsjahrs aus militärhistorischer Perspektive stammt von Juliusz Baton12 Eine mittelbis langfristige Heranführung an das Jahr 1914 unter Berücksichtigung des Konfliktherdes Galizien bietet Christopher Clarks Schlafwandler an, wo die Schauplätze in Südosteuropa und in Galizien bereits in der Vorgeschichte und vor allem unter Berücksichtigung der Balkan-Winterkrise 1912/ 13 verflochten werden.13 Symptomatisch für die Fokussie- 5 Leonhard, Jörn: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. München: C.H. Beck 2014. 6 Münkler, Herfried: Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918. Berlin: Rowohlt 2014. 7 Strachan, Hew: Der Erste Weltkrieg. Eine neue illustrierte Geschichte. München: Goldmann 2014. 8 Rauchensteiner, Manfred: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914-1918. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2013. 8 Vgl. etwa Haid, Elisabeth: Nationalitätenproblematik und Kriegspropaganda. Die galizischen Ruthenen aus der Perspekbve Österreich-Ungarns und Russlands. In: Dornik, Wolfra m/ Walleczek-Fritz, Julia/ Wedrac, Stefan (Hg.): Frontwechsel. Österreich-Ungarns "Großer Krieg" im Vergleich. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2014, pp. 259-282. 10 Böhlerjochen/ Borodziej, Wtodzimierz/ Puttkamer, Joachim von: Legacies of Violence. Eastern Europe's First World War. München: Oldenbourg 2014 (Europas Osten im 20. Jahrhundert. Schriften des Imre Kertes Kollegs Jena 3). 11 Zu Galizien 1914 vgl. McMeekin, Sean: Russlands Weg in den Krieg. Der Erste Weltkrieg. Ursprung einerJahrhundertkatastrophe. Berlin, München, Wien: Europa Verlag 2014, pp. 132-143. 12 Bator, Juliusz: Wojna galicyjska. Dziatania armii austro-wpgierskiej na froncie pötnocnym (galicyjskim) w Iatach 1914-1915. Krakow: Libron 2005. 12 Vgl. Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München: DVA 2013, pp. 348, 352. <?page no="686"?> 686 Christoph Augustynowicz rung sowohl der zeitgenössischen als auch der historiographischen Aufmerksamkeit auf den Kriegsschauplatz Bosnien/ Serbien ist die während der Kriegsvorbereitungen in der Habsburgermonarchie geführte und von Clark aufgezeigte Diskussion, ob Galizien für den Kriegsfall als Schauplatz (Plan R) vorzusehen sei oder nur Bosnien (Plan B). Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf war ein klarer Fürsprecher von Plan B.14 Als aussichtsreich hin zu einer thematischen und methodischen Differenzierung des Themas Erster Weltkrieg erweist sich auch mit Blick auf Galizien ein kulturgeschichtlicher Ansatz: Krieg wird dabei als Kultur fokussiert, der Zusammenleben und Weltdeutung prägt. Diese Perspektive eröffnet eine Gelegenheit, daran zu erinnern, in welchem Ausmaß die ersten Kriegsmonate in Bosnien und Galizien gleichermaßen exzessive Gewalt der k.-k.-Administration gegen die verdächtige Zivilbevölkerung bedeuteten; dies leisten in den aktuell erschienen Positionen vor allem Steffen Bruendels Zeitenwende und Münklers Großer Krieg.15 In Galizien wurden nämlich im Herbst 1914 Ruthenlnnen ohne auch nur stand- oder feldgerichtliche Verfahren der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt und hingerichtet- Bruendel kolportiert in diesem Zusammenhang die Zahl von etwa 30.000 Opfern. 2. Sarajevo oder Oleandry? Die Schüsse von Sarajevo in der jüngeren polnischen Historiographie In der polnischen Historiographie wird Galizien als einer der eventualen und prozessualen Kristallisationspunkte bzw. -räume des Jahres 1914 aufgefasst. In wieweit daneben das Attentat von Sarajevo überhaupt eine explizite Rolle spielt, muss differenziert werden. In der Darstellung des Historikers Tomasz Nat^cz (*1949) in einer einbändigen Zusammenschau der polnischen Geschichte "Polen im Lauf der Jahrhunderte"16 klingt dies beispielsweise folgendermaßen: "Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni 1914 durch serbische Verschwörer ("przez serbskich spiskowcöw") gab Österreich- Ungarn den Grund zur Auslösung des Krieges" ("do wywotania w ojny").17 14 Ibid., p. 580. 15 Vgl. Bruendel, Steffen: 1914 Zeitenwende. Künstler, Dichterund Denker im Ersten Weltkrieg. München: Herbig 2014, p. 95; Münkler 2014, p. 189. 16 Nat^cz, Tomasz: 1904 1939. In: Samsonowicz, Henryk/ Wyczahski, Andrzej/ Tazbir, Janusz/ Staszewski, Jacek/ Kizwalter, Tomasz/ NatQcz, Tomasz/ Paczkowski, Andrzej/ Chwalba, Andrzej: Polska na pizestrzeni wieköw. Warszawa: Wydawnictwo naukowe PWN 2006, 497-621. 17 Ibid., p. 521. <?page no="687"?> Die langen Schüsse von Sarajevo in Galizien/ Polen 687 Diese Perspektive folgt den Tendenzen der eingangs zitierten aktuellen Überblicke nur bedingt: Die Einbettung der Aktion Gavrilo Princips in weiterläufige Untergrundtätigkeiten ist heute unbestritten und vor allem die Frage serbischer Beteiligung gründlich diskutiert und differenziert, wobei in der aktuellen Literatur Clark serbische Indikatoren am ausführlichsten behandelt.18 Signifikant am polnischen Narrativ ist der Umstand, dass Princip namentlich und somit als Individuum ungenannt bleibt. Die von Nat^cz vorgenommene ausschließliche Verortung der Initiative und damit implizit auch der Verantwortung für den Kriegsausbruch bei Österreich- Ungarn ist längst dem komplexeren Bild eines Geflechts von "Konflikträumen und Flandlungslogiken"19 gewichen. Ältere polnische Darstellungen, etwa von Jozef Buszko (1925-2003) in der "Großen Geschichte Polens"20 lesen sich noch emotionaler; hier wird die Ermordung zum Funken, der die Konfrontation zwischen den imperialistischen Blöcken zum Ausbruch gebracht habe, die Sprache des Kalten Krieges klingt dabei noch unmissverständlich nach. In den aktuellen umfassenden Synthesen zur polnischen Geschichte des 19. Jahrhunderts von Andrzej Chwalba (*1949)21 und Jerzy Zdrada (*1936)22 kommt Sarajevo als Ereignismoment und -ort überhaupt nicht vor. Dennoch bleibt die Ereignisebene im historiographischen Konzept vorherrschend: Die Mobilisierung und der Einsatz der Polnischen Legionen Pitsudskis in den ersten Augusttagen 1914 (und ihr mangelnder Erfolg) sind die zentralen Ereignisse; das Überschreiten der galizisch-polnischen Grenze durch die Erste Kader-Kompanie am 6. August 1914 von der Krakauer ulica Oleandry aus wird der zentrale Heu de memoire des Kriegsbeginns. 3. Loyalität statt Euphorie. Das Jahr 1914 in der aktuellen polnischen Historiographie Wtodzimierz Borodziej (*1956) und Maciej Gorny (*1976) sind derzeit die zentralen Beiträger der polnischen Historiographie zum Gedenkjahr 1914; ihr opus magnum m it dem durchaus ironisch-reflektierenden Titel "Un- 18 Vgl. etwa Clark 2013, pp. 80-88; Leonhard 2014, pp. 84-86, Münkler 2014, p. 29f. 19 Leonhard 2014, p. 48. 20 Buszko, Jözef: Od niewoli do niepodlegtošci. Krakow: Fogra oficyna wydawnicza 2000 (Wielka Historia Polski 8), p. 335f. 21 Chwalba, Andrzej: Historia Polski 1795-1918. Krakow: Wydawnictwo Literackie 2001, pp. 569-575. 22 Zdrada, Jerzy: Historia Polski 1795-1914. Warszawa: Wydawnictwo Naukowe PWN 2005, p. 816 f. <?page no="688"?> 688 Christoph Augustynowicz ser Krieg"23 wurde in den letzten Junitagen 2014 veröffentlicht. Wie auch Chwalba und Zdrada blenden die beiden Autoren in einem bis dahin vorliegenden und im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehenden Text24 Sarajevo aus; in der Monographie wird der Schauplatz des Attentates an Franz Ferdinand kurz erwähnt25. Diese Marginalisierung des Ereignisortes erfolgt allerdings weniger mit dem Ziel, Galizien in den Vordergrund zu stellen, als vielmehr im Sinne einer weitläufigen, europäischen Perspektive einerseits sowie einer Loslösung von der politischen Ereignisebene andererseits. So sind hier ungeachtet der Knappheit des Textes auch deutsche, englische, polnische, russische, serbische und tschechische Perspektiven berücksichtigt, dementsprechend breit eingebettet ist der Schauplatz Polen/ Galizien in die weiteren Zusammenhänge. Der Topos allgemeiner Euphorie wird von Borodziej und Görny gründlich differenziert, zentrale Referenz ist Stefan Zweig. Vielmehr gehen die Autoren unter Berufung auf Jeffrey Verhey26von einer lärmenden, vor allem hauptstädtischen und studentischen Minderheit einerseits und einer schweigenden Mehrheit andererseits aus und folgen so Verheys Dekonstruktion des "Geistes von 1914" zu einer Projektion der Regierungen. Der zentrale Begriff, unter dem das Jahr 1914 nach dem 28. Juni von Borodziej und Gornyverhandelt wird, lautet Loyalität(en). In der Flabsburgermonarchie standen die Loyalitäten zur Ethnie, zum Zentrum Wien und zur (groß)deutschen Zivilisierungsmission in Konkurrenz zueinander, woraus Unsicherheit resultierte. Für das Verhalten der Polen im Rahmen des Russländischen Reiches zitieren die Autoren das Manifest des Großfürsten Nikolaj Nikolajevic vom 14. August 1914, in welchem dem polnischen Volk eine Vereinigung unter der Flerrschaft des Zaren in Aussicht gestellt wurde, "frei in seinem Glauben, seiner Sprache und seiner Selbstverwaltung"2728. Im Vordergrund stehen aber auch hier nicht die Begeisterung, sondern etwa die Skepsis der Sozialisten, exemplifiziert in den Erinnerungen des Tadeusz Flotowko, die Leszek Moczulski in seine Monographie Der unterbrochene polnische Aufstand2s einarbeitete, ferner die Zurückhaltung im Warschau- 23 Borodziej, Wiodzimierz/ Görny, Maciej: Nasza Wojna. Tom I. Imperia 1912-1916. Warszawa: Grupa Wydawnicza Foksal 2014 (a). 24 Borodziej, Wiodzimierz/ Görny, Maciej: "In der Feuerlinie sind alle gleichberechtigt." Zur Loyalität der Nationen im Ersten Weltkrieg". In: Totentanz: Der Erste Weltkrieg im Osten Europas. Osteuropa 64 (2014[bj), pp. 91-108. 25 Borodziej/ Görny 2014a, p. 43. 26 Verhey, Jeffrey: The Spirit of 1914. Militarism, Myth and Mobilizabon in Germany. Cambridge, New York: Cambridge University Press 2004. 27 Zit. nach Boroziej/ Görny 2014b, p. 94. 28 Moczulski, Leszek: Przerwane powstanie polskie 1914. Warszawa: Bellona 2010, p. 395f. <?page no="689"?> Die langen Schüsse von Sarajevo in Galizien/ Polen 689 er Alltag oder in den Erinnerungen des kaschubischen Schriftstellers und Arztes Aleksander Majkowski29. Die Autoren legen ferner Wert auf den Moment der Bewährung: Immerhin war das Vorgehen der polnischen Legionen von galizischem Gebiet aus auch ein Angriff auf die polnische Bevölkerung unter russischer Oberhoheit. Diese bewies Loyalität zum Russländischen Reich: Angestrebte Aufstände blieben aus, erst die regulären österreichisch-ungarischen Einheiten konnten die polnische Empörung gegen die Legionen und ähnliche Organisationen beruhigen. Die polnische Historiographie machte dazu die Erinnerungen von Legionären wie etwa Felicjan Sktadkowski zugänglich.30 Ferner wurde die Reaktion der polnischen Bevölkerung auf den häufigen habsburgisch-russländischen Herrschaftswechsel vor allem im ersten Kriegsjahr aufbereitet; dabei wurde eine ausgeprägte Skepsis vor allem der bäuerlichen Bevölkerung gegenüber der adelig-feudalen Attitüde der polnischen Legionen herausgearbeitet.31 Als überspitzte Loyalitätsbezeugung wird von Borodziej und Görny die Artikulation von Spionageverdacht durch die breite Bevölkerung gesehen, die sich daraus wirtschaftlich-gesellschaftliche Vorteile erwartete. Referenz dazu ist die These von Andrej Mitrović32 über entsprechend motivierte antiserbische Ausschreitungen in kroatischen und bosnischen Städten. In Analogie dazu sehen die Autoren Anzeigen polnischer Bauern gegen polnische Adelige und Priester im russisch beherrschten Polen wegen deren angeblicher Unterstützung der österreichisch-ungarischen Behörden, sowie die Beteiligung polnischer Zivilbevölkerung an antijüdischen Pogromen die Verantwortung für deren Initiierung schreiben Borodziej und Gorny ausschließlich der russischen Armee zu. Wie die Autoren betonen, waren polnische Untertanen des Russländischen Reiches, die sich bei Kriegsausbruch auf dem Gebiet des Deutschen Reiches etwa in Berlin befanden, ähnlich karnevalesk inszenierten und somit pogromartigen Misshandlungen ausgesetzt. Aber auch aus der top-down-Perspektive richteten sich Repressionen häufig gegen ethnische Gruppen. Erwiesene politische Loyalität schützte 29 Majkowski, Aleksander: Pamiptnik z wojny europejskiej roku 1914. Z rpkopismu odczytat i opracowat, wstppem i przypisami opatrzyt Tadeusz Linkner. Wejherowo, Pelplin: Muzeum Pismiennictwa i Muzyki Kaszubsko-Pomorskiej, Bernardinum 2000 (Biblioteka Kaszubska 1). 50 Sktadkowski, Stawoj Felicjan: Moja stužba w Brygadzie. Pamiptnik polowy. Warszawa: Bellona 1990. ” Vgl. dazu etwa Przeniosto, Marek: Postawy chtopöw Krölestwa polskiego wobec okupanta niemieckiego i austriackiego (1914-1918). In: Grinberg, Daniel/ Snopko, Jan/ Zachiewicz, Jan (Hg.): Lata Wielkiej Wojny. Dojrzewanie do niepolegtošci 1914-1918. Biatystok: Wydawnicto Uniwersytetu w Biatymstoku 2007, pp. 198-214. ’’ Mitrović, Andrej: Serbia's Great War 1914-1918. London: Hrust & Co. 2007, pp. 11-23. <?page no="690"?> 690 Christoph Augustynowicz nicht vor den Akteuren in den imperialen Zentralen, sondern wurde noch durch deren Forderung nach ethnischer Homogenisierung überlagert. Als Beispiel führen die Autoren den zitierten Kaschuben Aleksander Majkowski an, der trotz seiner Loyalität gegenüber dem Deutschen Reich verhaftet wurde, weil er sich dem Skandieren von Parolen verweigert hatte und sein Tagebuch in polnischer Sprache führte. Der Mythos vom tschechischen Verrat an der österreichisch-ungarischen Armee ist ebenso Teil dieses Narratives wie die im Herbst 1914 einsetzenden militäradministrativen Repressionen vor allem in Ostgalizien gegen russophile Ruthenen; dazu weisen die Autoren etwa die Memoiren einer Helena Jabtohska, geborene Seifert hin33. Juden schließlich wurden sowohl österreichischerals auch russischerseits wegen Angst vor Spionage aus den Frontgebieten vertrieben; die zentrale Monographie dazu von Frank Schuster34aus der Schule von Heiko Haumann, die sich mit der Erforschung ostjüdischer lebensweiten beschäftigte, wird von Borodziej und Görny in ihrer Monographie ausgewiesen.35 Eingeblendet wird von den beiden Autoren schließlich die Situation in Lemberg, wo die ethnische Heterogenität Galiziens räumlich verdichtet war; hierzu zitieren sie Christoph Micks grundlegende Studie.36 Es wird deutlich, dass die Polen hier auch unter russländischer Herrschaft dominant gegenüber ukrainischen und jüdischen Elementen blieben, also mit den russischen Besatzern kollaborierten. Die führende politische und gesellschaftliche Stellung der polnischen Bevölkerung wirkte auch auf die lokale Wahrnehmung zurück: Nach der Wiederimplementierung der k. k.-Behörden in Lemberg richteten sich Anzeigen wegen Kollaboration m it der russischen Armee vor allem gegen Juden und wurden vor allem von Ruthenen betrieben; die russische Armee ihrerseits nahm bei ihrem Rückzug ukrainische und jüdische Geiseln mit wie die Autoren betonen, blieb die polnische Bevölkerung davon weitgehend verschont. 33 Jabioriska, Helena z Seifertöw: Dziennik z oblQzonego Pnzemysla 1914-1915. Do druku przygotowaia i wstQpem poprzedziia Hanna Imbs. Przemysl: Poiudniowo-Wschodni Instytut Nauk 1994. 34 Schuster, Frank M.: Zwischen allen Fronten. Osteuropäische Juden während des Ersten Weltkriegs (1914-1919). Köln, Wien, Weimar: Böhlau 2004 (Lebenswelten Osteuropäischer Juden 9). Borodziej/ Görny 2014, p. 446. 36 Mick, Christoph: Kriegserfahrungen in einer multiethnischen Stadt. Lemberg 1914-1917. Wiesbaden: Harrassowitz 2010 (Quellen und Studien des Deutschen Historischen Insbtuts Warschau 22). <?page no="691"?> Die langen Schüsse von Sarajevo in Galizien/ Polen 691 * * * Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Kriegsschauplatz Galizien/ Polen in der allgemeinen Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs peripher bleibt, in den aktuell zum Annuarium erschienen Synthesen nicht adäquat abgebildet und in eigene Publikationen ausgelagert wird. Hinsichtlich der Akteure fällt auf, dass in der polnischen Historiographie der Attentäter Gavrilo Princip als Individuum unerwähnt bleibt, wie hier überhaupt die polnischen Legionen und die ulica Oleandry in Krakau und nicht Sarajevo als Erinnerungsort(e) im Vordergrund stehen. Die hier vor allem untersuchten Autoren Wtodzimierz Borodziej und Maciej Gorny nehmen Loyalität und nicht Euphorie als den zentralen Begriffzur Erfassung der Stimmung im Jahr 1914 wahr. Die polnische Ethnie wird dabei als womöglich pragmatisch loyal zur jeweiligen Reichszentrale gezeichnet, aber sicher nicht bedingungslos loyal gegenüber der eigenen Ethnie, innerhalb derer sich traditionelle sozio-ökonomische Unterschiede und Befangenheiten fortsetzten; Loyalität war in diesem Sinn m it einer starken Unsicherheit konnotiert. Begeisterung wird als Projektion vor allem der Eliten, aber nicht als Eigenschaft der breiten Bevölkerung charakterisiert. Schließlich werden auch Momente und Aspekte von Eigennutz polnisch-ethnischen Verhaltens (Denunziation, Kollaboration, Beteiligung an Pogromen) eingestanden. <?page no="693"?> C hristine P unz (B anja L uka ) | F lorian H aderer (S arajevo ) Sarajevo 2014 Arena des Gedenkens Sarajevo was used as a playground for remembering and retelling different narrative layers of World War One in 2014. Not only the assassination of Archduke Franz Ferdinand and his wife Sophie turned the city into the hotspot of these memorial events, Sarajevo's and Bosnia's history of 20th/ 21st century offer as well a tight net of traces that leads back to the crucial dispositions of WWI, which were reactivated in processing the events that were to take place. The article reflects on this kind of politics of memory shown in the main memorial events in Sarajevo and Banja Luka in 2014. Die großen politischen, historischen oder ideologischen Ereignisse sind im Rückgang, sie sind dabei, sich im Gedächtnis zu vergraben und in anderer Gestalt wieder aufzuleben, nämlich als Gedenkfeier.1 Nach Aleida Assmann gelangt eine Gemeinschaft (Gruppe, Nation etc.) zu einer reflektierten und kritischen Erzählung ihrer selbst, indem das Archiv der Gemeinschaft sorgsam gepflegt und daraus das kollektive Gedächtnis gespeist wird. Ein wichtiges Mittel, dieses Gedächtnis wach und vital zu halten und das Archiv zu sichten, sind nach Assmann offizielle Gedenktage. Hier könne dem Gedächtnis ein gemeinsamer Raum gegeben werden und was darin Platz finde, sei mit einem starken normativen Wert verbunden und werde Teil der kollektiven Identität. Gedenktage stehen so für Werte, die der gedenkenden Gemeinschaft wichtig sind, weil sie Negativ- (z.B.: Niemals wieder! ) und Positivbeispiele aus der Gesellschaftsentwicklung wiedererzählen und somit den Kompass zur ethisch-moralischen Orientierung einer Gemeinschaft kalibrieren sollen.2 Die europäische Gemeinschaft nach 1989 legitimiert ihre Existenz bis heute mit dem Narrativ der Arbeit am "Friedensprojekt Europa" und feierte dieses 2014 in Sarajevo. Daswarjedoch nur möglich, indem sie ihre Ver- 1 Baudrillard, Jean: Die Revolution und das Ende der Utopie. In: taz v. 04. 04. 1989, online unter: http: / / www.egs.edu/ facuIty/ jean-baudrillard/ articles/ die ievolution-und-das-endeder utopie/ [Stand 20.08.2014]. Vgl. Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit - Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: C.H. Beck 2006, pp. 15ff. u. 277ff. <?page no="694"?> 694 Christine Punz | Florian Haderer antwortung für Missstände in ehemaligen Kolonialgebieten zum Beispiel auf dem Balkan (Bosnien und Herzegowina definiert als eine Habsburger Kolonie), in (Klein-)Asien oder in (Nord-)Afrika im Archiv beließ oder gar negierte. Auch wenn die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts als eine einzelne Ereigniskette betrachtet werden, so war 2014 das Gedenken an den Beginn dieser Kriege unter dem Banner "Nie wieder Krieg" durch die postjugoslawischen Kriegsereignisse der 1990er Jahre desavouiert. Unter diesen Vorzeichen suchte das kollektive Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Sarajevo, das maßgeblich aus Fördermitteln der EU finanziert wurde, seine Gestalt: Welches Banner, welche Form des Gedenkens wurde 2014 in Sarajevo gefunden? Gedenkanlass 1914 Der Große Krieg, der gemeinsam m it seinen Folgekatastrophen das letzte Jahrhundert der Geschichte und ihrer Schreibung maßgeblich mitgeprägt sowie das globale Mächteverhältnis unwiderruflich verändert hat, jährte sich zum hundertsten Mal. Ein guter Anlass nachzudenken. Spätestens seit 2014 weiß nun auch wirklich jede/ r, welche Rolle Sarajevo, die Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas, in der Tragödie des Ersten Weltkriegs gespielt hat, und die Stadt verpflichtete sich auch dem Gedenken. Mit "1914 - 2014 / Sarajevo Heart of Europe" drückte eine aus EU-MitteIn mitgespeiste Stiftung dem Ort ein M otto auf, das sich 2014 für ein Jahr in der ganzen Stadt wiederfinden sollte. Unter dem Titel "Stoljeće mira nakon stoljeća ratova" (Ein Jahrhundert des Friedens nach einem Jahrhundert der Kriege) als weiteres Beispiel veranstaltete die Stadt eine große Musiktheaterperformance auf der Lateinerbrücke, ein rührseliges Operettenmusical. PIakatiertesTestimoniaI für beide Veranstaltungen war der Nationalbarde Dino Merlin, der kurz darauf ein neues Album präsentieren sollte. In Banja Luka wurde in der Zwischenzeit an einer Neuauflage von Vladimir Dedijers Die Zeitbombe. Sarajevo 1914г gearbeitet, ein in den 1960er Jahren in mehreren Sprachen erschienenes Werk, welches bis heute als eines der umfangreichsten und detailliertesten Untersuchungen der komplexen Umstände des Ersten Weltkriegs betrachtet wird. Unter dem Namen "Odjeci" (Echos) bereitete man zudem eine Ausstellung internationaler Medientexte der Zeit rund um den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor. Den Ausstellungkatalog schmückte ein Vorwort des Schriftstellers Miljenko Jergović, worin er zum sorgfältigen Lesen und Zitieren von Medientexten aufruft, zum Lesen, das auch zwischen den* ! Dedijer, Vladimir: Die Zeitbombe. Sarajevo 1914. Wien, Frankfurt, Zürich: Europa Verlag 1967. <?page no="695"?> Sarajevo 2014 - Arena des Gedenkens 695 Zeilen stattfinde: "Die Zeitungen machen Unterschiede, und sie sind ein Spiegel einer sozialen Gemeinschaft, Schicht und eines Standes sowie am Ende oder zu Beginn des Staates (Reichs), sein militärisches Potential und seine nationale Ideologie."4 Er sieht die historischen Medientexte und ihren Vergleich als Beispiel, da bereits in ihnen nach Inhalt und Ton herauszulesen gewesen wäre, wer gegen wen in nächster Zeit Krieg führen würde. Eine Tatsache, die gerade heute im tertiären Medienzeitalter mehr denn je zu denken geben dürfte. Einen kritischen Beitrag zum Gedenken leistete auch die in Belgrad lebende Künstlerin Vahida Ramujkić im Rahmen des vom Land Steiermark finanzierten, in Banja Luka veranstalteten interdisziplinären Kunstsymposiums "Art Guerilla Camp" das unter dem Titel "Franz Ferdinands Princip - Synthese zweier Feindbilder"5 das Gedenken m it dem M otto "Conspiracy Praxis" ad absurdum führte. Die Künstlerin verglich in ihrem Projekt Sarajevski Atentat österreichische, jugoslawische, kroatische, bosnische und serbische Schulbücher aus verschiedenen Jahrzehnten hinsichtlich der Darstellung des 1. Weltkrieges und legte offen, dass die Interpretation dieses Krieges heute wieder eine wichtigere Rolle als noch einige Jahrzehnte zuvor spielt. Im Zuge ihres Vergleichs spannte sie einen Bogen zur Rolle des Balkankonflikts und wie sich m it ihm der Ton der Schulbücher entscheidend änderte. Sie sieht darin das langsame, aber sichere Verlöschen einstiger Kapitalistismus- und Imperialismus-Kritik, während Konflikte, die auf nationalen Interessen aufbauen, in den Vordergrund gedrängt würden. Profitmaximierung, Kapitalismus, ebenso aktuelle geopolitische Tendenzen am Balkan, in Europa und w eltweit würden dadurch nach und nach unantastbarer, so ihr Fazit.6 Unterschiedlichen Narrativen rund um das Attentat und den historiographischen wie literarischen Verarbeitungen widmete sich aus interdisziplinärer und transnationaler Perspektive eine kulturwissenschaftliche Konferenz in Sarajevo unter dem Titel "TEHE LONG SHOTS OF SARAJEVO: Events - Narratives - Memories of 1914"; sie versuchte "die ersten Toten von 1914 gemeinsam aus dem Keller der Geschichte zu holen, ihre Geschichte fair und multiperspektivisch zu diskutieren und dann ihr Grab so zu schließen, dass keine weiteren Gespenster austreten können," wie die beiden Organi- 4 Jergović, Miljenko: Vorwort. In: Odjeci. Evropska štampa o sarajevskom atentatu ijulskoj krizi. [Austeilungskatalog], Banja Luka: NUB Republika Srpska 2015, p. 7: " Novine čine razliku, a novine su uvijek ogledalo društvene zajednice, sloja i staleža, te na kraju ili na početku države, njezinog vojnog potencijala i nacionalne ideologije." 5 Vgl. Petković, Igor F.: Franz Ferdinands Princip - Synthese zweier Feindbilder, online: http: / / web59.webbox333.server-hom e.org/ portfolio/ a rt-guerilla-camp-und-blart-fesbval-banjaluka-2014/ [Stand 10.07.2015], 6 Vgl., Vahida: Sarajevski atentat, online: http: / / disputedhistories.irabonal.org/ sarajevski_ atentat/ [Stand 10.07.2015], <?page no="696"?> 696 Christine Punz | Florian Haderer satoren in einem Zeitungskommentar schrieben.7 M it der ursprünglich von Frankreich initiierten Stiftung "Sarajevo - Fleart of Europe" wurde im Vorfeld um die Schirmherrschaft der Konferenz gestritten, was darin endete, dass die Tagung zwar finanziert wurde, jedoch ohne aktive französische Beteiligung blieb. Dass nur wenige Vortragende aus Serbien und keine aus der bosnischen Republika Srpska auf der Tagung sprachen, lag auch an einem offiziellen Verbot aus dem Präsidialamt Banja Luka, sich an Gedenkveranstaltungen zum Ersten Weltkrieg in Sarajevo zu beteiligen. Unter ähnlichen Vorzeichen scheiterte die Finanzierung einer Flistorikerlnnenkonferenz in Sarajevo, die dennoch abgehalten wurde, wiederum ohne Beteiligung von serbischen Intellektuellen. Die Arena des Gedenkens forderte ihren Tribut. Dabei verstellte für viele Menschen am Westbalkan ohnehin die Auseinandersetzung mit den Folgen der Kriege der 1990er Jahre den Zugang zu diesen Gedenkveranstaltungen oder sistierte zumindest die Bereitschaft, sich dem Thema Krieg in einer anderen Form zu widmen zu präsent und schmerzhaft waren und sind die eigenen Erfahrungen noch, was nicht auf die Empathie aller im Frieden geborenen (Gedenk-)Ausländerlnnen zu stoßen vermochte. Die unmittelbaren Erfahrungen des Verlusts von sozialen wie materiellen Sicherheiten und Zukunftsperspektiven hielten und halten Bosniens Nachkriegsgesellschaft in Bann und Existenznöten. Sarajevo wurde zwar als Geburtsort des Ersten Weltkrieg in viele Geschichtsbücher eingetragen, wodurch sich aber nichts an der Tatsache änderte, dass dieser Erste Weltkrieg für viele Menschen vor Ort als Reflexionsort sehr weit weg, für andere noch viel zu nahe liegt. Mitmachkultur Anders die Lage im anderen Europa, wo sich ganz zeitgemäß in diesem Gedenkjahr auch freiberufliche, eifrige, geschichtsinteressierte, gut gebildete Bürgerinnen, Kunst- und Kulturschaffende durch kleinere Geldpakete locken ließen und den zahlreichen Aufrufen folgten, sich am Gedenken zu beteiligen oder das Gedenken mitzugestalten. Dann füllten sich die zahlreichen Projektanträge wie Multiple-Choice-Tests beinahe von selbst aus, wenn man nur die richtigen Gedächtnisprothesen und Geschichtsbücher verwendet hatte, um sich im Zuge eines wahrhaftig beeindruckenden Gedächtnisaktes an einen Zeitraum, der über hundert Jahre zurücklag, zu erinnern; um sich ein Jahr lang oder länger einzulesen, m it modernem Sozialisierungshintergrund versuchte den Hintergründen dieses vor über 100 Jah- Preljević, Vahidin / Ftuthner, Clemens: Wem gehört 1914? . In: Die Presse v. 06.07.2013, online unter: http: / / diepresse.com/ home/ spectium/ zeichenderzeit/ 1427160/ Wem gehort l9 1 4 . <?page no="697"?> Sarajevo 2014-Arena des Gedenkens 6 9 7 ren stattgefundenen Komplotts auf die Spur zu kommen, das man damals für nicht vollständig aufklärbar befunden hatte. Und ehe man sich versah, steckte man mitten drin bereits im Vorfeld feststehende Meinungen zu interpretieren und zu reproduzieren, zu verbreiten und damit zu legitimieren. Die Fleißigsten kannten die richtige Antwort, die richtige Literatur und das Geheimnis, die richtigen Schlagwörter aus der Ausschreibung selbst zu reproduzieren, und so konnte guter Hoffnung auf ein wenig Budget mit der Projektbeschreibung begonnen werden, im optimalsten Fall m it der romantisch verklärenden Attributierung des Landes Bosnien und Herzegowina und der Stadt Sarajevo "zwischen Orient und Okzident"; und damit hatte man nicht nur in rhetorischer Hinsicht aufs richtige Pferd gesetzt, sondern auch gleichzeitig noch exotisierende Assoziationen von Tausendundeiner Nacht betrieben und eine der real gewordenen Hyperrealitäten Sarajevos außerhalb Bosnien und Herzegowinas benannt. Die zwei Gesichter Gavrilos Der internationale mediale Hype um den Krieg war beeindruckend, ebenso die zahlreichen, beinahe deckungsgleichen Kurzerklärungen, warum es eigentlich zum Krieg gekommen war - und diese begannen, wie so viele Geschichten aus dem Fernsehen, mit einem Doppelmord: Plötzlich durchschlug ein Projektil die Fahrzeugwand, traf Sophie in den Unterleib. Ein zweiter Schuss verletzte Franz Ferdinand am Hals, zerriss seine Fialsvene. Es waren zwei verhängnisvolle Schüsse ein folgenschwerer Doppelmord, mit dem Europa unterging. Das Attentat in der bosnischen Schicksalsstadt löste zunächst die Julikrise und vier Wochen später den Ersten Weltkrieg aus.5 Die beiden Todesschüsse vom 28. Junil914 in Sarajevo wurden zum Auslöser ernannt und somit ein Datum für den Beginn des Ersten Weltkrieges gefunden. Princips Schüsse von Sarajevo haben einen festen Platz in der Erzählung der Stadtgeschichte, ebenso wie sie ihren Platz in der Erzählung der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", zu der der Erste Weltkrieg geprägt wurde, haben. Das "Ur-" benennt einen historisch weit vorgelagerten Ausgangspunkt einer Entwicklung, die Katastrophe benennt in der Narratologie der aristotelischen Tragödie den letzten Akt einer für die Protagonistlnnen meist tödlichen Lösung einer Konfliktkonstellation. In dieser Klammer machten die bestehenden Narrative Gavrilo Princip zum personifizierten Handlungsträger der europäischen Konfliktlagen im jungen 3SAT: 1914-2014, online: http: / / www.3sat.de/ page/ ? source=/ musik/ 177309/ index.html [Stand 04.08.2014], <?page no="698"?> 698 Christine Punz | Florian Haderer 20. Jahrhundert und nutzen ihn als Projektionsfläche. Der Täter, ein damals erst 19-jähriger Student, wurde zu einer ambivalenten Symbolfigur, zu einem Medienstar m it zwei Gesichtern für die einen der befreiende Retter, Kämpfer für die Freiheit und Selbstbestimmung der Völker und antiimperialistischer Revolutionär, für die anderen der Inbegriff des Bösen, nationalistischer Attentäter und radikaler Terrorist, der sich ab den 90ern auch immer öfter m it dem Attribut 'großserbisch' schmücken durfte. Für alle war es aber ein Name, der komplexe politische Zusammenhänge des letzten Jahrhunderts pars pro toto ersetzen musste. In dieser Rolle tauchte er und taucht bis heute in vielen der Geschichten auf, die anstelle des Kollektivsingulars der Geschichte treten. Im Zentrum stand ein Name, der sich selbst zum Oxymoron geworden ist. Der reale Mann hinter diesem Signifikanten konnte diesen Rummel um die Signifikate von "Gavrilo Princip" nicht mehr miterleben, da er noch 1918, vor dem offiziellen Ende des Ersten Weltkriegs, während seiner Isolationshaft in Theresienstadt verstarb, länger überlebte das Echo, also die symbolischen Gesichter einer Person, die nach einem Baudrilliardschen Simulationsbegriff die Frage nach dem Unterschied zwischen "Wahrheitsgetreuem" und "Erfundenem", zwischen "W irklichem" und "Imaginärem"9 aufwerfen könnte. Die zeitliche Distanz zum Geschehen sowie die m ittelbare Distanz der Rezipientlnnen zu den Gedenkfeiern könnten unter diesem Gesichtspunkt zur Vorsicht vor schnellen Schlüssen mahnen. Nach jedem Machtwechsel in Sarajevo schwebten die Bilder Gavrilos, in der jeweils entsprechenden Position und Färbung, zur Vergewisserung des Eigenen oder einfach nur um Definitionsmacht zu demonstrieren, über allen und überall: im Pflichtschulunterricht, im Zuge des Gedenkens m it feierlichen Aufmärschen, in den gefälligen und zugänglichen Medien. Der gute und der böse Gavrilo Princip beides Signifikate, deren Kohärenz zum Signifikanten längst verloren ist wetteiferten derart das gesamte letzte Jahrhundert hindurch wegen konkurrierender Regimes und einem nicht enden wollenden Seilziehen zwischen mindestens zwei Versionen der zu schreibenden Geschichte. Vielleicht kann ein kurzer Abriss über die Akteure darüber Auskunft geben. Den noch von der Flabsburger Monarchie Verurteilten ernannte das "Königreich Jugoslawien (Königreich der Serben, Kroaten, Slowenen)" nach Ende des Ersten Weltkriegs zum Helden, den Tatort zur Gedenkstätte und montierte eine Gedenktafel an genau jener Stelle, wo die Schüsse gefallen waren. Nur wenige Jahrzehnte später, unter verändertem politischem Umfeld (faschistisches Ustaša-Regime als Satellitenstaat des Dritten Rei- 9 Bodrijai, Žan [Baudrillard, Jean]: Simulakrumi i simulacija. Novi Sad: Svetovi 1991, p. 7. <?page no="699"?> Sarajevo 2014 - Arena des Gedenkens 699 ches), schenkte man diese Tafel niemand Geringerem als Adolf Hitler, als Kriegstrophäe und Geburtstagsgeschenk, als Symbol für die Übermacht des deutschen Volkes über die Südslawen und als Genugtuung für die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg. Das nachfolgende System, die "Föderative Sozialistische Republik Jugoslawien", gedachte des mittlerweile beinahe ein halbes Jahrhundert lang Toten als Befreiungskämpfer und hauchte dem Ort der Erinnerung neuen Atem ein. Gavrilos Fußstapfen wurden in den Asphalt gegossen und eine neue Gedenktafel montiert. Weniger als 30 Jahre später erinnerte man sich an die andere Geschichte aus aktuellen politischen Anlässen an das zweite Gesicht des Helden und riss das Denkmal wütend ab, verwischte seine Spuren im Asphalt. Nach Ende des Bürgerkriegs der 1990er Jahre entschied man sich dazu, dem Attentäter vor Ort doch wieder zu gedenken vielleicht auch deswegen, da man begonnen hatte, das Attentat als Unique-Selling-Point der Stadt für den Tourismus miteinzubeziehen? Die Nachfolgestaaten der großen Kriegsparteien haben sich in den letzten hundert Jahren mühsam wieder diesem Ort angenähert und so rangen nun im Jahr 2014, bewirtet von den gastgebenden Bosnierlnnen, bosniakische, serbische, österreichische, deutsche, französische, englische und anderere Akademikerlnnenkreise, Friedensarbeiterinnen und Menschenrechtspraktikantinnen mit diplomatischer Unterstützung um die Austragung von Konferenzen und die Deutungshoheit im Gedenkdiskurs. Die Trennlinien des (Ge)Denkens im Vorfeld verliefen, fast gemäß den Koalitionen wie sie vor 100 Jahren vorgefunden worden waren (unter anderem verstärkt durch die in den 90er Jahren tiefer gezogenen Gräben), und so kommemorierten in Sarajevo alle, nur bis auf wenige Ausnahmen keine Intellektuellen russischer, serbischer oder türkischer Provenienz. Dafür wurde an der Attentatsstelle überlegt, ob man nicht die Fußstapfen wieder in Auftrag geben und einlassen soll. Die Überlegung wurde im Stadtparlament auch gleich wieder verworfen. In Istočno Sarajevo (Ost- Sarajevo), das zur Verwaltungsdomäne der bosnischen Serben (Republika Srpska) gehört, wurde ein Heldendenkmal für Princip aufgestellt, 2015 geschah desgleichen in Belgrad. Pompös und luxuriös manifestierte sich daneben unweit vom damaligen Tatort ein deutlich geschrumpftes Österreich mit der Veranstaltung eines klassischen Konzerts. Wieder im Konzert der Kak(an)ophonie Gedenkjahre verkommen somit zu einer Leistungsschau in der Arena der Bedeutungsproduktion und nähren Simulationen: Simulationen der zwei Gesichter Gavrilos. Ein Hoch also auf Europas kollektive Gedächtniskultur, welches uns Licht im Dunklen vorgaukelt; nicht zuletzt dank der medial <?page no="700"?> 700 ChristinePunz | Florian Haderer Überfliegenden, sprich denjenigen, die sich im Wissenschafts- und Kulturbetrieb am erfolgreichsten erinnerten, wie es vor fünfzig Jahren Vladimir Dedijer m it Die Zeitbombe: Sarajevo 1914 getan hatte oder wie es im Jahr 2014 Christopher Clark m it seinem in der Pose der Enthüllung der wahren Hintergründe vorgebrachten Text Die Schlafwandler: Wie Europa in den 1. Weltkrieg zog10tat. Aber: Eine für alle anerkennbare und somit als real zu erachtende "Geschichte" ist nicht mehr erzählbar, hat sich diese doch längst verdoppelt, hat sich wie Baudrillard schreibt längst im Hyperrealismus aufgelöst: Die Realität geht im Hyperrealismus unter, in der exakten Verdoppelung des Realen, vorzugsweise auf der Grundlage eines anderen reproduktiven Mediums - Werbung, Photo etc. - , und von Medium zu Medium verflüchtigt sich das Reale, es wird zur Allegorie des Todes, aber noch in seiner Zerstörung bestätigt und überhöht es sich: es wird zum Realen schlechthin, Fetischismus des verlorenen Objekts nicht mehr Objekt der Repräsentation, sondern ekstatische Verleugnung und rituelle Austreibung seiner selbst: hyperreal.11 In einer bestehenden Fülle an zur Verfügung stehenden Medien stellen eben gerade herausragende wissenschaftliche Publikationen das perfekte reproduktive Medium dar, welche die Simulation braucht, um eben die Legitimierung und den Wirklichkeitsanspruch im Öffentlichen zu gewähren. Die Simulation generiert sich so auf der Folie der als legitim ventilierten Narrative, um sich dann abgelöst von diesen ungehemmt verbreiten zu können. Neben der Wissenschaft erfüllen diesen Auftrag auch Demonstrationen der "kulturellen Macht". Das kulturelle "Schmankerl" dieses Gedenkspektakels 2014 bedient all diejenigen, die noch immer den Mut haben, sich Österreich als Kulturnation großzudenken. In diesem Sinne fand am 28. Juni 2014, dem St.-Veits-Tag bzw. Franz Ferdinands und Sophies Todestag, das imposante Konzert der Wiener Philharmoniker in Sarajevo statt. Die 400 Sitzplätze in der Vijećnica, dem einstigen 1894 von der Habsburger Okkupationsverwaltung errichtete Rathaus, welches während der Belagerung Sarajevos 1992 niedergebrannt wurde und dessen Restaurierung mit Mitteln der EU und vor allem Frankreichs und Österreichs 2014 noch gerade rechtzeitig beendet wurde, waren von Anfang an der diplomatischen und (kultur-)politischen Elite Vorbehalten. Für die Stadtbevölkerung und Touristinnen vor der Tür wurde das Konzert auf einer Leinwand in der Nähe des Rathaus übertragen. Das ganze Arrangement wiederholte in seinen Grundzügen einen kakanischen kolonialen Habitus und war gleich- 10 Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München: DVA 2013. 11 Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod. Übers, von Gerd Bergfleth, Gabriele Ricke und Ronald Voullie. München: Matthes & Seitz 1982 (= Batterien 14.), p. 1131 <?page no="701"?> Sarajevo 2014-Arena des Gedenkens 701 zeitig die Simulation einer kollektiven Gedächtnisfeier an die gemeinsam überwundene Katastrophe. Die eine Katastrophe, der gedacht wurde, lag hundert Jahre zurück und war dennoch weiter virulent. Die andere war tagesaktuell und ungedacht, führte man sich vor Augen, dass nur knapp ein Monat vor dem teuren Konzert, im Mai 2014, eine Flut viele Teile Bosniens erfasst und der Staat um Geldmittel gerungen hatte, um den Menschen, die ihr gesamtes Flab und Gut verloren hatten, helfen zu können. Der Kritik an dieser exklusiven Form der Gedächtniskultur wurde von Seiten der Veranstalter damit begegnet, dass die mediale Aufmerksamkeit, die man m it diesem Spektakel (Fernsehübertragungen beispielsweise) den Bürgerinnen von Bosnien und Flerzegowina beschert habe, als wahres Geschenk hätte erachtet werden müssen, welches doch mehr W ert gehabt habe, als beim Konzert selbst zuzuhören. Außerdem wäre die bosnische Flauptstadt so im Kontext eines positiven Ereignisses in der internationalen Medienberichterstattung präsentiert worden. Diese Darstellung erwirkte die Simulation eines friedlichen, 100 Jahre nach der Urkatastrophe endlich (mit Wien) ausgesöhnten Sarajevos, wodurch unter Walzerklängen europäische Schaulustige, neue Touristinnen und Investorlnnen angelockt werden sollten. Dabei überlagerte die Simulation weitere Narrative der Stadt, des Landes und Europas wie beispielsweise die noch vorherrschenden innerstaatlichen weiterhin ethnisch motivierten Konflikt- und Trennlinien, sowie die besser gewussten, nicht implementierfähigen außerstaatlichen (internationalen) Lösungsvorschläge, oder die Armut der Menschen innerhalb der herrschenden korrupten Verwaltungen, oder die Verantwortung der EU für die von ihr geforderte Privatisierung und Marktöffnung, die die ehemaligen staatlichen Betriebe zu Spekulationsobjekten degradierte andere Narrative, die ein anderes Bosnien, ein anderes Europa, vermuten ließen; die eine andere Auffassung des Friedens vorschlagen würden. Zurückgreifend auf den Begriffder Urkatastrophe, der ja nur im Wissen um nachfolgende negative Ereignisse sinnstiftend ist, wirkt es wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass die Spaziermeile der Stadt Sarajevo, die Vilsonovo Šetalište, nach dem US-Präsidenten W oodrowWiIson (Amtszeit von 1913 bis 1921) benannt ist, nach dessen Imperativ des Selbstbestimmungsrechts der Völker die Landkarte Europas nach ethnokulturellen Prinzipien neu geordnet wurde. Wilsons Überzeugungen waren einem romantischen liberalen Idealismus entsprungen, doch wies die Logik des ethnokulturellen Nationalismus, die in einer homogenen Nation das Ideal einer gereinigten, gesunden Gemeinschaft gespeichert hatte, auf kommende Konflikte und Katastrophen voraus. Für Dževad Karahasan, einen wichtigen Intellektuellen Sarajevos, beginnt in einer Variation von Flobsbawms Diktum das kurze <?page no="702"?> 702 Christine Punz | Florian Haderer 20. Jahrhundert an der Lateinerbrücke mit den Schüssen Princips und endet keine zwei Kilometer flussabwärts an der Vrbanjabrücke, auf deren Höhe die Vilsonovo Šetalište beginnt.12 Die Brücke heißt heute auch "Suadas und Olgas Brücke", wurden auf ihr doch am 5. April 1992 die ersten zwei Stadtbürgerinnen, Suada Dilberović und Olga Sučić, von Scharfschützen getötet, was als Auslöser für die ersten Kriegshandlungen des Bosnienkriegs und für die Belagerung Sarajevos erachtet wird lesbar auch als die Pervertierung von Wilsons Ordnungswunsch, begleitet vom letzten Stück des Konzerts der Wiener Philharmoniker im Sarajevoer Rathaus: dem Schlusssatz von Beethovens Neunter Symphonie, der heutigen Europahymne. Gedenkanlass 2014 Unterliegen die Meilensteine von 2014 nach wie vor eindimensionalen Erinnerungsperspektiven? Einmal mehr liegt der Gedanke nahe, dass das Gedenken weil in persona erinnern kann sich ohnehin keine/ r mehr nur dem einen Zweck dient, nämlich der Argumentation und Legitimation aktueller Politik und der Motivdarlegung, warum man sich das Recht einräumt, diesen Weg einzuschlagen, den man politisch schon seit hundert Jahren wenn auch dazwischen einige Male aufgefrischt geht. Die zwei Gesichter Gavrilos und die damit verbundenen beiden Perspektiven auf die "Urkatastrophe" könnten so gesehen auch ein Indiz dafür sein, dass es noch keinen klaren Sieger gibt, die jeweiligen Kontrahenten in der Arena der Geschichtsschreibung zwar ihre offiziellen Bezeichnungen geändert haben, aber nach wie vor demaskierbar wären. Anstelle aus dem jetzigen Ist-Zustand und der Erkenntnis über Ambivalenzen eigener Geschichte und aktueller politischer Versäumnisse unsere Schlüsse zu ziehen, wird mit lediglich aktualisierten Versionen dieser Geschichten unter Miteinbeziehung neuester Kulturtechniken um sich geworfen. Für die dafür abhängigen Rezipienten bleibt aus immer weiterer Distanz das Abbild des Abbildes auf dem Screen haften. Fundierte Geschichtsreflexion bleibt dabei ebenso wie zukunftgerichtetes, emanzipatives Lernen auf der Strecke. Trotz beeindruckender internationaler Präsenz in Sarajevo kann man sich die Frage danach stellen, wo die konstruktiven Dialoge im Jahr 2014 geblieben sind, die Referenzen auf das Jetzt, ein Jetzt, welches wir durch das Gestern, durch den Akt des Erzählens von Geschichte an und für sich verstehen wollen könnten, damit der Gedenkakt kein schnell verpuffendes Feuerwerk bleibt. 12 Vgl. Karahasan, Dževad: Nachwort. In: Ders.: Berichte aus der Dunklen Welt. Frankfurt/ M., Leipzig: Insel 2007, p. 212f. <?page no="703"?> KULTUR - HERRSCHAFT - DIFFERENZ H e ra u s g e g e b e n von M o ritz C säky, W o lfg a n g M ü lle r-F u n k und K la u s R. S c h e rp e Bisher sind erschienen: Band 1 Wolfgang Müller-Funk / Peter Plener / Clemens Ruthner (Hrsg.) Kakanlen revisited Das Eigene und das Fremde (in) der österreichisch-ungarischen Monarchie 2002, VIII, 362 Seiten €[D] 39 ,- ISBN 978-3-7720-3210-3 Band 2 Alexander Honold / Oliver Simons (Hrsg.) Kolonialismus als Kultur Literatur, Medien, Wissenschaft in der deutschen Gründerzeit des Fremden 2002, 291 Seiten €[D] 39 ,- ISBN 978-3-7720-3211-0 Band 3 Helene Zand Identität und Gedächtnis Die Ausdifferenzierung von repräsentativen Diskursen in den Tagebüchern Hermann Bahrs 2003, 207 Seiten €[D] 3 9 ,- ISBN 978-3-7720-3212-7 Band 4 Helga Mitterbauer Die Netzwerke des Franz Blei Kulturvermittlung im frühen 20. Jahrhundert 2003,165 Seiten €[D] 3 8 ,- ISBN 978-3-7720-3213-4 Band 5 Klaus R. Scherpe / Thomas Weitin (Hrsg.) Eskalationen Die Gewalt von Kultur, Recht und Politik 2003, XV, 215 Seiten €[D] 49 ,- ISBN 978-3-7720-8006-7 Band 6 Amälia Kerekes / Alexandra Millner / Peter Plener / Bela Räsky (Hrsg.) Leitha und Lethe Symbolische Räume und Zeiten in der Kultur Österreich-Ungarns 2004, X, 297 Seiten €[D] 39,90 ISBN 978-3-77208063-0 Band 7 Vera Viehöver Diskurse der Erneuerung nach dem Ersten W eltkrieg Konstruktionen kultureller Identität in der Zeitschrift Die Neue Rundschau 2004, 352 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-77208072-2 Band 8 Waltraud Heindl / Edit Kiräly / Alexandra Millner (Hrsg.) Frauenbilder, feministische Praxis und nationales Bewusstsein in Österreich-Ungarn 1 8 6 7 - 1 9 1 8 2006, VIII, 273 Seiten €[D] 3 9 ,- ISBN 978-3-77208131-6 <?page no="704"?> Band 9 Endre Hars / Wolfgang Müller-Funk / Ursula Reber / Clemens Ruthner (Hrsg.) Zentren, Peripherien und kollektive Identitäten in Österreich-Ungarn 2006, VI, 295 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-7720-8133-0 Band 1 0 Telse Hartmann Kultur und Identität Szenarien der Deplatzierung im Werk Joseph Roths 2006, XI, 213 Seiten €[D] 39 ,- ISBN 978-3-7720-8170-5 Band 1 1 Wladimir Fischer / Waltraud Heindl / Alexandra Millner / Wolfgang Müller-Funk (Hrsg.) Räume und Grenzen in Österreich-Ungarn 1 8 6 7 - 1 9 1 8 Kultunwissenschaftliche Annäherungen 2010, 409 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-7720-8239-9 Band 12 Marijan Bobinac / Wolfgang Müller-Funk (Hrsg.) Gedächtnis - Identität - Differenz Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext 2008, VIII, 293 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-7720-8301-3 Band 13 Gerald Lind Das Gedächtnis des „Mikrokosmos“ Gerhard Roths Landläufiger Tod und Die Archive des Schweigens 2011, 447 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-7720-8366-2 Band 1 4 Daniela Finzi / Ingo Lauggas / Wolfgang Müller-Funk / Marijan Bobinac/ Oto Luthar / Frank Stern (Hrsg.) Kulturanalyse Im zentraleuropäischen Kontext 2011, 257 Seiten €[D] 4 9 ,- ISBN 978-3-7720-8434-8 Band 1 5 Emilija Mančić Umbruch und Identitätszerfall Narrative Jugoslawiens im europäischen Kontext 2012,198 Seiten €[D] 4 5 ,- ISBN 978-3-7720-8466-9 Band 1 6 Angelika Baier „Ich muss meinen Namen In den Himmel schreiben“ Narration und Selbstkonstitution im deutschsprachigen Rap 2012, 348 Seiten €[D] 58 ,- ISBN 978-3-7720-8467-6 Band 17 Daniela Finzi Unterwegs zum Anderen? Literarische Er-Fahrungen der kriegerischen Auflösung Jugoslawiens aus deutschsprachiger Perspektive 2013, 326 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-7720-8475-1 Band 1 8 Thomas Grob / Boris Previš ić / Andrea Zink (Hrsg.) Erzählte M obilität im östlichen Europa (Post-)lmperiale Räume zwischen Erfahrung und Imagination 2013, 308 Seiten €[D] 54,- ISBN 978-3-7720-8484-3 <?page no="705"?> Band 1 9 Daniel Romuald Bitouh Ästhetik der M arginalität im W erk Joseph Roths Ein postkolonialer Blick auf die Verschränkung von Binnen- und AußerkoloniaIismus 2016, 354 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-7720-8520-8 Band 2 0 Boris Previšić / Svjetlan Lacko Vidulic (Hrsg.) Traumata der Transition Erfahrung und Reflexion des jugoslawischen Zerfalls 2015, 230 Seiten €[D] 52,- ISBN 978-3-7720-8526-0 Band 2 1 Matthias Schmidt / Daniela Finzi / Milka Car / Wolfgang Müller-Funk / Marijan Bobinac (Hrsg.) Narrative im (post)imperialen Kontext Literarische Identitätsbildung als Potential im regionalen Spannungsfeld zwischen Habsburg und Hoher Pforte in Zentral- und Südosteuropa 2015, 264 Seiten €[D] 64,99 ISBN 978-3-7720-8547-5 Band 22 Vahidin Preljevic / Clemens Ruthner (Hrsg.) „The Long Shots of Sarajevo“ 1 9 1 4 Ereignis - Narrativ - Gedächtnis 2016, 702 Seiten €[D] 98 ,- ISBN 978-3-7720-8578-9 <?page no="707"?> ISBN 978-3-7720-8578-9 Was ist ein historisches Ereignis? Wie wird es ein Narrativ in Literatur und anderen kulturellen Medien? Und wie werden die Narrative Teil des kulturellen Gedächtnisses bzw. (supra)nationaler Gedächtnispolitiken? Das sind die Forschungsfragen, denen die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Sammelbandes anhand einer der ‚Urszenen‘ in der Geschichte des ‚kurzen‘ 20. Jahrhunderts nachgehen: des Attentats von Gavrilo Princip und seiner Gruppe auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger und dessen Ehefrau am 28. Juni 1914 - ein Ereignis, das den Anfang einer Verwicklung markiert, die zum Ersten Weltkrieg führte. Präsentiert werden die Ergebnisse einer von der EU mitgetragenen, interdisziplinären wie internationalen Tagung zum Thema im Juni 2014 vor Ort, bei der Historiographie, Literatur-, Kultur- und Sozialwissenschaften in einen Dialog traten.