Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte
0101
1988
978-3-8233-0541-5
978-3-8233-4000-3
Gunter Narr Verlag
Klaus Herbers
10.24053/9783823305415
CC BY-SA 4.0https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
Waren es Kavaliersfahren, fromme Märsche oder bequeme Reisen, die unsere Vorfahren während des Mittelalters in das ferne Santiago de Compostela unternahmen? Was veranlasste die Menschen zu einer solchen Pilgerfahrt; wie erlebten sie die Fremde? Teilten die Pilger auch noch im Spätmittelalter den Glauben an die wundersamen Kräfte der Jakobus-Reliquien?
Der nun vorliegende erste Band der neuen Reihe "Jakobus-Studien" geht diesen Fragen aus der Sicht der deutschen Pilger nach. Im Vordergrund stehen besonders diejenigen, die ihre Erfahrungen als Berichte aufzeichneten und so ein eindrucksvollen Bild von den Pilger- und Reiseerlebnissen jener Zeit vermitteln.
Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen (Germanisten, Romanisten, Historiker, Volkskundler und Theologen) trugen ihre Arbeitsergebnisse zu diesem Thema erstmals 1987 in Aachen vor. Dabei behandelten sie das Thema unter verschiedenen methodischen Aspekten, sodass vor den Augen des Lesers am Ende der Lektüre ein facettenreiches Bild der deutschen Jakobuspilger entsteht.
9783823305415/9783823305415.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-8233-4000-3 - www.narr.de Waren es Kavaliersfahren, fromme Märsche oder bequeme Reisen, die unsere Vorfahren während des Mittelalters in das ferne Santiago de Compostela unternahmen? Was veranlasste die Menschen zu einer solchen Pilgerfahrt; wie erlebten sie die Fremde? Teilten die Pilger auch noch im Spätmittelalter den Glauben an die wundersamen Kräfte der Jakobus-Reliquien? Der nun vorliegende erste Band der neuen Reihe „Jakobus-Studien“ geht diesen Fragen aus der Sicht der deutschen Pilger nach. Im Vordergrund stehen besonders diejenigen, die ihre Erfahrungen als Berichte aufzeichneten und so ein eindrucksvollen Bild von den Pilger- und Reiseerlebnissen jener Zeit vermitteln. Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen (Germanisten, Romanisten, Historiker, Volkskundler und Theologen) trugen ihre Arbeitsergebnisse zu diesem Thema erstmals 1987 in Aachen vor. Dabei behandelten sie das Thema unter verschiedenen methodischen Aspekten, sodass vor den Augen des Lesers am Ende der Lektüre ein facettenreiches Bild der deutschen Jakobuspilger entsteht. Klaus Herbers (Hrsg.) Klaus Herbers (Hrsg.) DEUTSCHE JAKOBSPILGER UND IHRE BERICHTE DEUTSCHE JAKOBS- PILGER UND IHRE BERICHTE Klaus Herbers (Hrsg.) <?page no="1"?> Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte <?page no="2"?> ~ J akobus-Studien 1 im Auftrag der Deutschen St.Jakobus-Gesellschaft herausgegeben von Klaus Berbers und Robert Plötz <?page no="3"?> Deutsche J akobspilger und ihre Berichte herausgegeben von Klaus Herbers ~ Gunter Narr Verlag Tübingen <?page no="4"?> ClP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte/ hrsg. von Klaus Herbers. - Tübingen : Narr 1988 O akobus-Studien ; Bd. 1) ISBN 3-8233-4000-X NE: Herbers, Klaus [Hrsg.); GT Gedruckt mit Unterstützung der Diözesen Aachen, Freiburg, Köln und Rottenburg. © 1988 • Gunter Narr Verlag Tübingen Dischingerweg 5 • D-7400 Tübingen 5 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Druck: Müller+ Bass, Tübingen Verarbeitung: Braun+ Lamparter, Reutlingen Printed in Germany ISSN 0934-8611 ISBN 3-8233-4000-X <?page no="5"?> Inhalt Vorwort .......................................................................................................... VII ROBERT PLöTZ Deutsche Pilger nach Santiago de Compostela bis zur Neuzeit............ 1 KLAUS HERBERS Der erste deutsche Pilgerführer: Hermann Künig von Vach ................. 29 HARTMUT BECKERS Die Reisebeschreibung Arnolds von Harff ............................................... 51 VOLKER HONEMANN Sebastian Ilsung als Spanienreisender und Santiagopilger (mit Textedition)........................................................................................... 61 MICHAEL STOLZ Die Reise des Leo von Roimital ............................ ... .................................. 97 KARL ZAENKER Wirklichkeit und Fiktion in der spätmittelalterlichen Reiseliteratur ................................................................................................. 123 HANS-WILI-IELM KLEIN Karl der Große und Compostela ................................................................ 133 JosEFNOLTE Wege und Wandlungen ............................................................................... 149 Register der Orts- und Personennamen .................................................... 165 <?page no="7"?> Vorwort Was verbindet Deutschland mit dem Kult des hl. Jakobus in Spanien? Wohl mehr als gemeinhin angenommen. Jedenfalls kann man dies hoffentlich nach der Lektüre der Beiträge sagen, die der vorliegende Sammelband vereint. Schon mehrfach sind Versuche unternommen worden, die Frage nach dem deutschen Anteil an der spanischen Jakobusverehrung zu beantworten. Die Arbeiten von KoRTH, HAEBLER, Sa-rREIBER und HÜFFER können als Meilensteine der deutschen Jakobusforschung bis in die 50er Jahre dieses Jahrhunderts bezeichnet werden. Nachdem es dann einige Zeit lang ruhiger geworden ist, setzte in den ausgehenden 70er Jahren eine Renaissance der Jakobusforschung ein, an der auch deutsche Forscher maßgeblich beteiligt waren. Trotz dieser wichtigen Einzelstudien fehlte bisher jedoch eine zumindest vorläufige - Bilanz zu den speziell deutschen Aspekten der Jakobus-"peregrinatio", die auch neuere Forschungsansätze und -tendenzen berücksichtigt. Der Stand der Vorarbeiten ließ es als möglich erscheinen, dort anzuknüpfen, wo HÜFFER aufgehört hatte. Deshalb war es letztlich nur konsequent, nachdem es seit Februar 1987 eine deutsche Jakobusorganisation gibt, daß die erste Tagung dem speziell deutschen Aspekt des Jakobuskultes und den Santiagopilgerfahrten galt. Der vorliegende Band vereint bis auf den Beitrag von STOLZ die Vorträge, die im September 1987 in Aachen auf dieser ersten Tagung gehalten und diskutiert worden sind. Dabei konnte verständlicherweise nicht das gesamte Spektrum der deutschen Jakobusforschung abgedeckt werden. Der Akzent lag mit Ausnahme des übergreifenden Schlußvortrages von NoLTE auf den einzelnen mittelalterlichen deutschen Pilgern und auf deren Berichten. Wirkungen des Kultes im Patrozinienwesen, in Bruderschaften, im Hospiz- und Hospitalwesen, in Redensarten und Literatur, in der Musik blieben hier weitgehend unbeachtet und sind weiteren Bänden vorbehalten. Die Vorträge wurden für den Druck überarbeitet und mit einem wissenschaftlichen Apparat versehen. Besonders hervorzuheben ist der Beitrag von HoNEMANN, der durch seine Textedition auch neues Quellenmaterial erschließt. Der Herausgeber hat versucht, die Texte weitgehend formal zu vereinheitlichen; eine weitere inhaltliche Vereinheitlichung schien nicht geboten. Es zeigte sich nämlich, daß die unterschiedliche wissenschaftliche Herkunft der Autoren aus Geschichte, Volkskunde, Germanistik, Romanistik und Theologie auch mit unterschiedlichen Vorstellungen und Zielsetzungen verknüpft war. Doch diese Vielfalt trug maßgeblich zu den anre- VII <?page no="8"?> genden Diskussionen der Tagung bei. Wenn auch die jetzt vorgelegten schriftlichen Fassungen nicht mehr diese Auseinandersetzungen in ihrer Lebhaftigkeit widerspiegeln können, so dürften sie doch sicher von diesem interdisziplinären Gespräch profitiert haben. Der Band wäre ohne die Unterstützung der genannten Ordinariate in Rottenburg, Freiburg, Aachen und Köln nicht in dieser Form und zu diesem Preis zustande gekommen, wofür auch hier herzlich gedankt sei. Möge dieses Bändchen der Beginn einer neuen Reihe sein, die in der Fachwelt u n d beim interessierten Leser Anklang findet und uns so bestärkt, den begonnenen Weg fortzusetzen. Robert Plötz Klaus Herbers VIII <?page no="9"?> Deutsche Pilger nach Santiago de Compostela bis zur Neuzeit ROBERT PLÖTZ Sumario: Partiendo de una definici6n del termino "peregrinus/ peregrino", se bosqueja la evoluci6n de la "peregrinatio ad loca sancta" hasta el siglo XIII. En la peregrinaci6n a Santiago de Compostela existfa una dimensi6n espafi.ola y otra occidental-europea, de las cuales se trata con mas exactittld la europea. La segunda parte de la disertaci6n esta dedicada a los peregrinos alemanes a Santiago de Compostela de los que hay pruebas a partir de la segunda mitad de! siglo XI. Santos y reyes, nobleza y clero, libertos y pobres, peregrinos delegados ("ex voto") y aquellos para los que la peregrinaci6n constitufa una penitencia ("poenalitater causa"), patricios y comerciantes se ponfan en marcha "sobre el duro camino", provinientes de las mas alejadas regiones donde se hablaba el aleman (p. ej. Reval). Se trajeron reliquias y se llevaron donaciones y presentes ("oblationes") a Compostela. Corrientes espirituales (veneraci6n de reliquias, reforma monastica y hermandades de rogativas), asf como acontecimientos polfticos (guerras, intereses dinasticos, etc.), trajeron al sepulcroun flujo de peregrinos, al parecer sin fin, que provinientes de Europa central iban al sepulcro del ap6stol Santiago. Siel perfodo de los siglos XI y XII se caracterizaba mas por unos peregrinos de origen noble o religioso, los siglos XIII y XIV fueron testigos de una avalancha de peregrinos an6nimos, pudiendose llevar a cabo el registro de sus orfgenes de un modo meramente numerico por parte de las instituciones quese dedicaban a la asistencia de los peregrinos. A finales de la Edad Media y de su cultura material y espiritual unitaria, destacan ante todo los relatos de los comerciantes y patricios que recorrian las rutas peregrinas de un modo casi cortesano. En vfsperas de la Reforma ya se notaba entre los peregrinos un cierto escepticismo respecto a las antiguas tradiciones y en especial en lo referente a la autenticidad del sepulcro del ap6stol. Der Pilger Bevor wir die Pilger aus dem deutschsprachigen Raum anhand ausgewählter Beispiele auf ihrer beschwerlichen Reise begleiten, soll der Begriff Pilger selbst geklärt und ein kurzer Abriß der historischen Entwicklung des Heiligen Orts Compostela und der "peregrinatio" dorthin gegeben werden. Der oft zitierte Codex Calixtinus1, der als einzigartiges Zeugnis der "peregrinatio ad limina Beati Jacobi" des 12. Jahrhunderts gelten kann, 1 W.M. WHJTEffiLL (Hg.), Liber Sancti Jacobi, Codex Calixtinus, I. Text (Santiago de Compostela 1944). Vgl. dazu: K. HERBERS, Der Jakobuskult des 12. Jahrhunderts und der "Liber Sancti Jacobi" (Historische Forschungen 7, Wiesbaden 1984); M.C. DfAz Y DfAz, Jacobus- Literatuur tot in de 12de eeuw, in: Santiago de Compostela, Gent 1985, S. 169-171; undJ. VAN HEERWAARDEN, L'integritii di testo del Codex Calixtinus, in: Il Pellegrinaggio a Santiago de 1 <?page no="10"?> definiert auszugsweise den Begriff "peregrinus/ Pilger" folgendermaßen: "Als erster Pilger gilt Adam, weil er das göttliche Gesetz mißachtete und in die Verbannung dieser Welt geschickt wurde, ... Auch der Patriarch Abraham war Pilger, weil er, wie es ihm der Herr geheißen hatte, von seinem Vaterland in die Fremde ging: 'Ziehe fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft in das Land, das ich dir zeigen werde, und ich will dich zu einem großen Volk werden lassen.' 2 ... Ebenso gilt der Patriarch Jakob als Pilger, weil er seinVaterland verließ, nach Ägypten ging und dort verweilte. So wie Jakob in Ägypten wohnt, d.h. in Trauer und Dunkelheit, so soll der Pilger, der seine Heimat verläßt, um die Fürbitte der Heiligen zu erlangen, in Erinnerung an seine Sünden in Trauer des Geistes und seiner Augen und in der Finsternis der Buße leben. Auch die Söhne Israels waren Pilger, als sie von Ägypten ins Gelobte Land zogen, geprüft durch verschiedene Mühen und schlimme Kriege .... So war es auch unser Herr Jesus Christus nach seiner Auferstehung von den Toten der erste Pilger bei seiner Rückkehr nach Jerusalem, als die Jünger, die ihn trafen, ihm sagten: 'Du bist der einzige Fremdling Pilger in Jerusalem.' 3 ••• Die Apostel waren Pilger, weil der Herr sie ohne Geld und ohne Schuhwerk in die Fremde schickte." 4 Pilger, das heißt "Fremde mit einem religiösen Ziel" 5 durchziehen im wörtlichen Sinn die ganzen Schriften christlicher Tradition. Der Pilgerstand 6 drückt sich in der christlichen Anthropologie in dem Satz aus: "Vita Compostela et la letteratura jacopea, Atti del convegno intemazionale di studi (Perugia 23- 25 Settembre 1983, Perugia 1985) S. 251-270. 2 Gen 12, 1. 3 Lk 24, 18. 4 Primus peregrinus Adam habetur, quia ob transgressionem precepti Dei a paradiso egressus in huius mundi exilio mittitur, et per Christi sanguinem et gratiam ipsius saluatur. ... Abraham patriarcha peregrinus fuit, quia de patria sua in aliam profectus est, sicut illi a domino dictum est. 'Egredere de terra et de cognacione tua,et ueni in terram quam monstrauero tibi, et faciam te crescere in geu(! )tem magnam.' ... Jtem Jacob patriarcha peregrinus extitit, quia de patria sua egressus in Egipto peregrinatur et commoratur. Sicut Jacob in Egipto que interpretatur meror et tenebre commoratur, sie peregrinus a patria sua egressus sanctorum suffragia postulans, ob delictorum suorum recordationem in merore mentis et occuli et tenebris penitencie debet commorari. Jtem filii Jsrahel peregrini fuere, dum ab Egipto in terrram promissionis per diuersa laborum et bellorum prauorumque experimenta profecti sunt. ... Jpse dominus noster Jhesus Christus postquam suscitauit a mortuis a Jherosolimis rediens primus peregrinus extitit, ut discipuli obuiantes illi dixerunt: 'Tu solus peregrinus es in Jherusalem.' ... Et apostoli inde peregrini fuere, quos sine peccunia etcalciamenta dominus misit (WHJTEHILL, LiberSanctiJacobi [wie Anm. 1] alle ZitateauiS. 154 f.). Zur deutschen Übersetzung vgl. K. HERBERS, Der Jakobsweg, Mit einem mittelalterlichen Pilgerführer unterwegs nach Santiago de Compostela (Tübingen 1986) S. 67 f. 5 Zur Problematik des Pilgers vgl. u.a. R. PLörz, Peregrini - Palmieri - Romei, Untersuchungen zum Pilgerbegriff der Zeit Dantes, Jahrbuch für Volkskunde NF 2 (1979) S. 103-134; N. FosrER, Die Pilger, Reiselust in Gottes Namen (Frankfurt/ Main 1982); E.-R. LABANDE, "Pauper et Peregrinus", Les problemes du pelerin chretien d'apres quelques travaux recents, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen, Aufsatzband (München-Zürich 1984) S. 23-32. 6 Pilgerstand meint Pilgerschaft als konkretisierte religiöse Haltung, Caesarius von Heisterbach nennt im 13. Jahrhundert die zahlreichen Kölner Jacobus-Pilger fratres [Caesarius von Heisterbach, Dialogus Miraculorurn, ed. J. 51RANGE, 2 Bde. (Köln 1851) Index (Koblenz 2 <?page no="11"?> est peregrinatio". Das Erdenleben ist für den "homo viator" Durchgangsstation zu seinem eigentlichen, außerirdischen Ziel, zu Gott. Schon frühzeitig erfuhr die Pilgerfahrt als "peregrinatio pro Christo" im Nachvollzug des Erdenlebens von Christus ihre spirituelle Realisierung. Die iroschottischen Wandermönche der mitteleuropäischen Missionszeit lebten nach diesem Ideal; sie hatten die Heimatlosigkeit von den frühen Mönchen des Ostens gelemt.7 Ihre lokale Konkretisierung fand die Pilgerschaft zuerst an den Heiligen Stätten des Lebens und Leidens Christi in Palästina. In deren Nachfolge stehen dann der Besuch entfernter Plätze mit Apostel- und Heiligengräbem, wie z.B. die "peregrinatio ad limina Beati Jacobi" nach Compostela. 8 Bis allerdings der Begriff Pilger nach unserem heutigen Sprachgebrauch Verwendung fand, verging noch einige Zeit. Noch in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts bezeichnet "peregrinus" vor allem den Fremden, den im Exil Lebenden. Erst das Hochmittelalter identifizierte den Reisenden, der heilige Stätten aufsuchte, mit dem Fremden und dem sich aus vielerlei Gründen außerhalb seiner Heimat Befindenden und verwendet so den Begriff Pilger in seinem modernen Verständnis als weit verbreitete Erscheinung des aus religiösen Motiven zeitweise oder dauernd heimatlos Wandernden. 9 Unser deutscher Begriff Pilger wurde aus der romanischen Volkssprache abgeleitet und nicht, wie die Germanistik vergangener Tage behauptete, als Lehnwort aus dem Lateinischen. 10 Das, was wir unter Pilger heute verstehen, gab es sicherlich schon früher, aber weder die diplomatischen noch die erzählenden Quellen erfassen dieses Phänomen vor dem 11. Jahrhundert, 1857) zit. nach Distinctio und Capitulum, hier V, 39 u. VIII, 58] und an anderer Stelle einen Dieb, der sich in die Pilgergruppe nach Compostela einschlich, falsus frater (ebd., VI, 25). 7 Vgl. u.a. H. VON CAMPENHAUSEN, Die asketische Heimatlosigkeit im altkirchlichen und frühmittelalterlichen Mönchtum (Sammlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und Religionsgeschichte 149, Tübingen 1930); J. LECLERCQ, Monachisme et peregrination du IX"au XII" siede, Studia monastica 3 (1961) S. 33-52; P. McNULTY / B. MALITON, Orientale lumen et magistra Latinitas-Greek lnfluences of Western Monasticism (900-100), in: Le millenaire du mont Athos (933-1933) 1 (Chevetogne 1963) S. 197-204 u. G. CoNSTABLEMonachisme et pelerinage au Moyen Age, Revue Historique 258 (1977), S. 3-27, Nachdruck: DERS., Religious Life and Thought (11 th- 12 th Centuries (London 1979) Nr. III. 8 Aus der Fülle der in den letzten Jahren zu verzeichnenden Literatur: L. VAZQUEZ DE PARGA/ J.-M. LACARRA/ J. URfA Rfu, Las peregrinaciones a Santiago de Compostela, 3 Bde. (Madrid 1948-49); H.J. HÜFFER, Sant'Jago, Entwicklung und Bedeutung des Jacobuskultes in Spanien und in dem Römisch-Deutschen Reich (München 1957); E. MULLINS, Tue Pilgrimage to Santiago (London 1974); R. PLörz, Santiago-peregrinatio und Jacobuskult mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Frankenlandes, in: Spanische Forschungen der Görresgesellschaft, 1. Reihe, Gesammelte Aufsätze zur Kulturgeschichte Spaniens 31 (Münster 1984) S. 25-135; J. VAN HERWAARDEN (Hg.), Pelgrims door de eeuwen heen, Santiago de Compostela (Turnhout 1985) u. Y. BornNEAU, Der Weg der Jakobspilger, hg. von K. HERBERS (Bergisch Gladbach 1987). 9 Meyers Enzyklopädisches Lexikon 18 (Mannheim 1976) Sp. 689. 10 Vgl. PLöTZ (wie Anm. 5) S. 105 f. 3 <?page no="12"?> danach auch nicht immer mit der erwünschten Eindeutigkeit. "Peregrinus" nahm in dieser Zeit den neuen Bedeutungsinhalt auf, ohne den alten jedoch zu verlieren.11 Zuerst läßt sich die Anwendung des Wortes "peregrinus" für Pilger in der "Gallia Christiana", in Frankreich 12 also, feststellen. Die frommen Reisen zu heiligen Stätten haben im Hochmittelalter offensichtlich so sehr die Erscheinungsform der "peregrinatio" und des "peregrinus" bestimmt, daß sowohl die ursprüngliche Bedeutung (Fremder) wie auch die ziellose Pilgerschaft ("peregrinatio" als asketisches Prinzip der Heimatlosigkeit) in den Hintergrund traten. Das eigentliche Pilgerwesen, wie wir es zu sehen glauben, hat erst im 13. Jahrhundert seine volle Ausprägung als Massenphänomen des christlichen Abendlandes erfahren.13Die Menschen des Hoch- und Spätmittelalters liebten die großen Reisen leidenschaftlich. Sie werden zur typischen Eigenschaft, der Krieger wird zum Reisigen, der "peregrinus" zum Pilger, der Schüler zum Vaganten, der als Grundsatz seines unsteten Ordens aussprach: Cum inorbem universum decantatur: Ite, sacerdotes ambulant, currunt coenobitae/ 14 Der Pilger ist als typische Figur des europäischen Mittelalters verewigt worden in den Werken Dantes, Chaucers und Cervantes'. Fast jedermann ging damals wenigstens einmal im Leben auf Pilgerfahrt. Als Beispiel möge die Aussage des Webers Peter Sabatier aus Varhiles bei Montaillou dienen, die er am 6. November 1318 vor der Inquisition machte: "Ich bin ein guter und getreuer katholischer Christ ... Letztes Jahr pilgerte ich mit meiner Frau zur Jungfrau von Montserrat, dieses Jahr ziehen wir nach Santiago de Compostela." 15 Unter den Pilgern waren Frauen wie Kinder vertreten, annähernd die Hälfte der "peregrini" des Hochmittelalters waren nach 11 Vgl. E.-R. LABANDE, Pelerinages et pelerins dans l'Europe des XI• et XII" siecles, in: Pelerins et chemins de Saint-Jacques en France et en Europe du dixieme siede ii. nos jours (Paris 1965). 12 Eindeutig im Sinn von Pilger ist der Beleg im französischen Alexius-Lied (um 1040): 5oz mon degret gist uns morz pelerins (Th. VATKE, Das Leben des heiligen Alexis, mit Beifügungen des altfranzösischen Originals, Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literatur, hg. von L. HERRIG, Jg. 39, Bd. 73 [1885) S. 290-324, spez. 309, Vers 71). 13 Vgl. J. LEGoFF, Das Hochmittelalter (Fischer Weltgeschichte 11), Frankfurt/ Main 1965, S. 9 ff., J.-M. LACARRA, Espiritualidad del culto y de la peregrinaci6n a Santiago antes de la primera cruzada, in: Pellegrinaggi e culto dei Santi in Europa fino alla 1• Crociata, Todi 1963, S. 115-144; Ptörz, Strukturwandel der peregrinatio im Hochmittelalter, Rheinisch.westfälische Zeitschrift für Volkskunde 26/ 27 (1981/ 82) S. 130-151; W. BRücKNER, Zu Heiligenkult und Wallfahrtswesen im 13. Jahrhundert, Einordnungsversuch der volksfrommen Elisabeth-Verehrung in Marburg, in: Sankt Elisabeth, Fürstin, Dienerin, Heilige (Sigmaringen 1981) S. 117-127 u. LABANDE "Pauper et Peregrinus" (wie Anm. 5) S. 23-32. 14 Carmina Burana, hg. v. J.A. ScHMELLER (Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart 16, Stuttgart 1847) S. 251. 15 ... dixit quod ipse est bonus christianus catholicus et fidelis, et quod anno preterito ivit causa peregrinationis ad beatam Mariam de Monte Serato cum uxore sua, et hoc anno cum eadem uxore sua ad sanctum Iacobum de Compostella .. ., J. DUVERNOY (Hg.), Le Registre d'Inquisition de Jacques Fournier, eveque de Pamiers (1318-1325), 3 Bde. (Toulouse 1965) Bd. 1, S. 145. 4 <?page no="13"?> Aussage der Mirakelberichte Frauen. 16 Der Anzahl der Pilger nach und der Beliebtheit in allen Schichten stand das Apostelgrab des Jacobus in Compostela an erster Stelle. Könige pilgerten dort ebenso hin wie Bauern, Scholaren, Kaufleute, Gesellen machten sich auf den "Harten Weg", wie Petrarca es nennt, 17 Söldner, Bettelmönche, Kanoniker, Bischöfe oder Verurteilte nicht weniger. So ist es erklärlich, daß für Dante in Florenz im Jahr 1293 die eigentlichen "peregrini" diejenigen waren, die ihre Heimat verließen, um St. Jacobus am Ende der Alten Welt zu besuchen. 18 Bei der Behandlung unseres Themas werfen sich gleich zu Anfang folgende Fragen auf: Welchen spirituellen und materiellen Raum erfaßt die Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jacobus in Galicien? Wer waren die mobilen Protagonisten, deren Spuren wir nachzuvollziehen versuchen und woher kamen sie? Welches waren die Beweggründe, daß sie aus ihrer Identität heraus den homogenen Raum verlassen und in den heterogenen Raum sich begeben, mit dem Heiligen Ort als Ziel? Der Heilige Ort und seine frühe Entwicklung 19 Quellen wie "De ortu et obitu Patrum", der asturische Hymnus" 0 Dei uerbum", das "Martyrologium Gellonense" oder das "Chronicon" des 16 Dieser überraschende Befund ergibt sich aus der Auswertung von Mirakelberichten des 11. bis zum 13. Jahrhunderts. Vgl. Robert C. F! NUCANE, Miracles and Pilgrims, Popular Beliefs in Medieval England (London 1977); C. RENDTEL, Hochmittelalterliche Mirakelberichte als Quelle zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte sowie zur Geschichte des Wallfahrtswesens, Diss. phil. (Berlin 1982) u. D. GoNlHIER/ C. LE BAs, Analyse socio-economique de quelques recueils de miracles dans la Normandie du XI• au XIII" siede, Annales de Normandie 24 (1974) S. 33-36. 17 Im Text des 57. Kapitels "Von dem harten Weg" im zweiten Buch "Von Artzneydes bösen Glücks" beklagt sich "Schmerz" über den langen Fußweg, den er statt zu reiten zurücklegen muß (Francesco PETRARCA, Von der Artzney bayder Glück des guten und widerwertigen, unnd wess sich ain yeder inn Gelück und Unglück halten sol, P. STAHEL u. G.B. SPALAT! NUS (Augsburg 1532) 2° Buch 2, Bl. 68. 18 Aus "La Vita Nuova": Dante, Opere a cura di Manfredi P0RENA e Maria PAZZAGLIA (Oassici Italiani, collana diretta da Walter Binni 3) (Bologna 1966) S. 979; vgl. PLÖTZ (wie Anm. 5) S. 103 ff. u. I. BAUMER, Wallfahrt als Metapher, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen, Aufsatzband (München-Zürich 1984) S. 56f. Dante dürfte bei seiner Sicht des Pilgers von den "Partidas" des Königs von Le6n und Kastilien, Alfons X., der Weise (1226-1284), beeinflußt gewesen sein, die ihm aus "Li livres dou tresor" des Florentiners Brunetto Latini (um 1220-1294) bekannt gewesen sein dürften. In den "Partidas" unterscheidet Alfonso X. zwischen dem "Romero", der "va a Roma para visitar los santos Logares, en que yazen los cuerpos de Sant Pedro e Sant Pablo", und dem "Peregrino", den er als "ome estrafio" bezeichnet, "que va a visitar el Sepulcro Santo de Hierusalem, e los otros Santos Logares, en que nuestro Sefior Jesu Christo nascio, biuio, e tom6 muerte e pasi6n por los pecadores; o que andan en pelegrinaje a Santiago, o a Sant Salvador de Oviedo, o a otros logares de luenga e de estrafia tierra" (alle Zitate in: Partidas I, XXIV, Ley 1 ff.). Alfons X. verweist im Textverlauf jedoch einschränkend darauf hin, daß im allgemeinen Sprachgebrauch "Peregrino" und "Romero" zum großen Teil synonym verwendet werden (ebd.). Vgl. Vazquez de Parga, Peregrinaciones (wie Anm. 8) Bd. 1, S. 119 f. 19 Vgl. dazu: L. DUCHESNE, Saint Jacques en Galice, Annales du Midi 12 (1900) S. 145-179; 0. 5 <?page no="14"?> Frechulf von Lisieux erwähnen vorn Ende des 7. Jahrhunderts bis um 840 die spanische Mission des Apostels. Die früheste Notiz über das Apostelgrab in Galicien findet sich im Martyrologium des Usuardus von St. Gerrnaindes- Pres (t 877), das um 865 vollständig vorlag. 20 Ein wichtiges und authentisches Zeugnis für den Kult und dessen Pflege ist eine Königsurkunde von Alfons III. von 885. 21 Das Dokument drückt den festen Glauben an die Existenz des Apostelgrabes aus und berichtet von einer Mönchsgerneinschaft am gleichen Ort, die mit dem Auftrag der Kultpflege in der Kirche, die sich über das Grab erhob, betraut schien und unter der Aufsicht des Bischofs Sisnandus ( v. 879-ca. 920) stand, den auch die Chronik Albeldense für 881 erwähnt. 22 In der Folgezeit mehren sich die Schenkungen und Stiftungen, die auf ein ständiges Anwachsen des Jacobus-Kultes schließen lassen. Während der langen Regierungszeit von Alfons III. (866-909) und des Pontifikats von Sisnandus wurden die spirituellen und devotionalen Grundlagen für die Entwicklung und die Bedeutung des Jacobus-Kultes gelegt. 23 In den Anfängen verbreitete sich der Jacobus-Kult relativ schnell in Galicien und im übrigen Königreich Asturien. Doch dauerte es noch längere Zeit, bis sich der Jacobus-Kult auf der christlichen Iberischen Halbinsel durchsetzte, wie es die späte Aufnahme des Jacobusfestes in toledanischen liturgischen Büchern und Kalendarien zeigt. 24 Von Anfang an hatte der Jacobus-Kult zwei Dimensionen, eine französisch-europäische und eine spanische. 25 Die europäische Ausrichtung des ENGELS, Die Anfänge des spanischen Jakobusgrabes in kirchenpolitischer Sicht, Römische Quartalschrift 75 (1980) S. 146-170; J. V AN HERWAARDEN, The Origins of the Cult of St. James of Compostela, Journal of Med.ieval History 6 (1980) S. 1-35; DERS., Saint James in Spain up to the 12th Century, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen, Aufsatzband (München-Zürich 1984) S. 235-247, R. PLörz, Der Apostel Jacobus in Spanien bis zum 9. Jahrhundert, in: Spanische Forschungen der Görresgesellschaft, 1. Reihe, Gesammelte Aufsätze zur Kulturgeschichte Spaniens 30 (Münster 1982) S. 19-145; DERS., Trad.itiones Hispanicae Beati Jacobi, in: Santiago de Compostela, Ausstellungskatalog (Gent 1985) S. 27-29 u. neuerdings J. CHOCHEYRAS, Saint Jacques a Compostelle, Rennes 1985, der allerdings stark der teilweise auch von DUCHESNE (wie oben) S. 160~162 und C. SANCHEZ-ALBORNOZ, Espafia, un enigma hist6rico, 2 Bde., (Buenos Aires 1956) hier Bd. 1, S. 270-73, vertretenen These zuneigt, daß sich anstelle des Apostels Jacobus der wegen häretischer Ansichten verurteilte und 384 in Trier hingerichtete Priscillianus im Grab in Compostela befände. 20 Vgl. VAN HERWAARDEN, Origins (wie Anm. 19) S. 18-20 u. J. DUBOIS, Le martyrologe d'Usuard, Brüssel 1965. 21 Text bei H. FL6REZ, Espafia Sagrada, Teatro geografico-hist6rico de la Iglesia de Espafia, 51 Bde. (Madrid 1747-1886) hier Bd. XIX, S. 339 f. u. A. L6PEZ FERREIRO, Historia de laSanta A.M. lglesia de Santiago de Compostela, 11 Bde. (Santiago de Compostela 1898-1911) hier Bd. 2, Anhang XVII, S. 32 f. 22 Sisnandus Iriae Sancto Iacobo pollens, M. G6MEZ MORENO, Cr6nicas latinas de la Reconquista, EI ciclo de Alfonso III, Buletin de la Real Academia de la Historia 100 (1932) S. 605. 23 Zur Kultentwicklung der Frühzeit vgl. VAZQUEZ DE PARGA, Peregrinaciones, Bd. 1 (wie Anm. 8) S. 27 ff. u. PLärz, Der Apostel Jacobus (wie Anm. 19) S. 81 ff. 24 Ebd., S. 77-88. 25 Vgl. u.a. LACARRA, Espiritualidad del culto (wie Anm. 13) S. 115 u. PLörz, Santiagoperegrinatio (wie Anm. 8) S. 24 ff. 6 <?page no="15"?> Kultes zeigte sich vor allem nach der Jahrtausendwende in ausgeprägter Form, als er zum bedeutenden Bestandteil der Propaganda für die christliche Reconquista von Spanien an der Seite des damals mächtigen Cluny wurde, das seine größte Bedeutung während der ersten großen Blütezeit der "peregrinatio ad Sanctum Jacobum" hatte. 26 Im gleichen Jahrhundert unternahm die römische Kirche die sogenannte Gregorianische Reform (nach Gregor VII.: 1073-85) u.a. zur Anerkennung ihrer Primatsansprüche und erreichte durch Unterstützung des "cluniazensischen Imperialismus" 27 und der Reconquista in Spanien eine schon oben erwähnte Reorganisierung der spanischen Kirche gemäß römischer Prinzipien. 28 Die spanische Dimension des Kultes schritt progressiv mit der Reconquista fort, bis sich der Jacobus-Kult in einen echten Nationalkult verwandelte. Beide Ausrichtungen der galicischen Sakralbewegung zeigen sich am deutlichsten zur Zeit des ersten Kreuzzuges (1096-99). Die "peregrinatio", die der Jacobus-Kult hervorbrachte, dauerte als europäische und nationale Bewegung mit kürzeren Unterbrechungen bis heute an, während sich der kriegerische Aspekt des Kultes im Mittelalter auf die Iberische Halbinsel beschränkte. 1000 Jahre europäischer Pilgerfahrt haben dann ihren Anfang genommen, als die wesentlichen Bestandteile der ''Traditiones Hispanicae" schon ausgeformt waren. Nach deren Verbreitung durch Martyrologien und andere liturgische Schriften sowie später durch den "Liber Sancti Jacobi" und die verschiedenen Legendensammlungen wurde das mutmaßliche Jacobus-Grab im westlichen Abendland bekannt und zog unter Hilfestellung einer Reihe von kultfördernden Faktoren sehr früh Pilger aus allen sozialen Schichten an. 29 Seit dem 12./ 13. Jahrhundert konnte man die 26 Vgl. E. LAMBERT, Le pelerinage de Compostelle (Paris-Toulouse 1957/ 58) S. 128; J. MATlDSO, Le monachisme iberique et Cluny, (Löwen 1968); P. SEGL, Königtum und Klosterreform in Spanien, Untersuchungen über die Cluniazenserklöster in Kastilien- Le6n vom Beginn des 11. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts (Kallmünz 1974) u. L. VoNES, Die 'Historia Compostellana' und die Kirchenpolitik des nordwestspanischen Raumes 1070-1130, Ein Beitrag zur Geschichte der Beziehungen zwischen Spanien und dem Papsttum zu Beginn des 12. Jahrhunderts (Kölner Historische Abhandlungen 29, Köln- Wien 1980) spez. Register. 27 Vgl. A. CASTRO, La Realidad Hist6rica de Espafia (5. Aufl., Mexiko D.F. 1973) S. 352 f. 28 Vgl. u.a. A. BRACKMANN, Zur politischen Bedeutung der cluniazensischen Bewegung (Darmstadt 1958) S. 18; PLörz, Santiago-peregrinatio (wie Anm. 8) S. 36 f., 48 f. u. VAN HERWAARDEN, Pelgrims (wie Anm. 8) S. 45 ff. 29 Aufgrund der dürftigen Quellenlage für die Zeit des 11. bis 12. Jahrhunderts ist es m.E. sehr schwierig, eine soziale Schichtung der Pilger vorzunehmen. Die offizielle Geschichtsschreibung (Chroniken, Annalen, etc.) erwähnt z.B. arme Pilger überhaupt nicht, und die anhand der Auswertung französischer Mirakelberichte bei P.A. SIGAL, Pauvrete et charite aux 11 eme et 12em• siecles d'apres quelque textes hagiographiques, in: Etudes sur l'histoire de Ja pauvrete, hg. v. M. MoLLAT, Publications de Ja Sorbonne, Etudes 8, Bd. 1 (Paris 1974), S. 141, angeführte Relation von etwa 1: 10 im Verhältnis arm zu reich hat für die "peregrinatio ad Sanctum Jacobum" nur bedingt Aussagekraft. 7 <?page no="16"?> Pilgerfahrt zum Apostelgrab in Compostela als "peregrinatio rnaior" einstufen, deren Kultdynamik und Sakralität auch schon zu dieser Zeit die Bildung und den Besuch sekundärer Heiligtümer propagierte. 30 Die Pilgerwege nach Compostela und Rom vereinten wie Sakrallinien entfernte Orte in ganz Europa und trugen auf ihre Weise zu einer europäisch-universalen Kultlandschaft bei. 31 Der Weg zum Heiligen Ort 32 Die ''Historia Turpini" oder "Historia Karoli Magni et Rotholandi" schreibt Karl dem Großen die Anlage und Freisetzung des Jacobus-Weges zu. Ebenso steht es in den romanischen Epen des Mittelalters: Adobe los caminos del ap6stol Santiaque3 3 lassen sie Karl den Großen sagen. In Wahrheit aber gibt es keinen konkreten Hinweis über eine Route, der die Pilger vor dem 11. Jahrhundert folgen konnten. Die erste, etwas vage gehaltene Anspielung auf den Jacobus-Weg erreicht uns relativ spät. Der wahrscheinlich asturianische Verfasser der "Historia Silense", deren Abfassung frühestens 1110 erfolgte, berichtet von dem großen Herrscher Navarras, Sancho dem Großen, und erwähnt dabei den Jacobus-Weg: "Von den Pyrenäen bis zur BurgNajera nahm er der Macht der Heiden soviel, wie sich Land dazwischen befindet, legte er den "camino de Santiago" ohne Umgehung an, die von den Pilgern vorher aus Furcht vor den Mauren benutzt wurde, die sich über Alava wandten." 34 Diese Notiz der "Historia Silense" wiederholt sich in späteren Texten, immer wird dabei der Jacobus-Weg erwähnt. 35 30 Vgl. K. KösTER, Pilgerzeichen und Pilgermuscheln von mittelalterlichen Santiagostraßen, Saint-Leonard, Rocamadour, Saint-Gilles, Santiago de Compostela (Ausgrabungen in Schleswig, Berichte und Studien 2, Neumünster 1983). 31 Vgl. u.a. G. 5cHREIBER, Deutschland und Spanien, Volkskundliche und kulturkundliche Beziehungen (Forschungen zur Volkskunde 22/ 24, Düsseldorf 1936) S. 94 ff. u. H. FISCHER, Die Geburt der westlichen Zivilisation aus dem Geist des römischen Mönchtums {München 1959) S. 118. 32 Vgl. dazu L. u. R. KRiss-RETIENBECK/ 1. lLLICH, Homo Viator - Ideen und Wirklichkeiten, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen (wie Anm. 4) S. 10-22 u. F. HASSAUER, Eine Straße durch die Zeit, Die mittelalterlichen Pilgerwege nach Santiago de Compostela, in: Epochenschwellen und Epochenstrukturen im Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie (Suhrkamp Taschenbuch der Wissenschaft 486, Frankfurt/ Main 1985) S. 409-422. 33 R. MENENDEZ PIDAL, "Roncesvalles", un nuevo cantar de gesta espai\ol del siglo XIII, Revista de Filologfa Espafiola 4 (1917) S. 151 ff. 34 ... ab ipsis namque Pirineis iugis adusque castrum Nazara quidquid terre infra continetur a potestate paganorum eripiens, iter Sancti Iacobi quod barbarico timore per deuia Alave peregrini declinabant absque retractionis obstaculo currere fecit, Historia Silense, ed. SANTOS Coca (Madrid 1921) S. 63 f. 35 Z.B. in: Genealogfas Najerenses, Bulletin Hispanique (1911) S. 436: caminum Sancti Jacobi, in: Cr6nica Najerense, ebd., S. 430: quam caminum Sancti Jacobi uocamus u. in Chronicon 8 <?page no="17"?> Dem navarresischen Herrscher Sancho dem Großen 36 ist also der klassische Verlauf des Jacobus-Weges zuzuschreiben, ganz so wie ihn auch der Führer des "Codex Calixtinus" beschreibt. Der Ursprung der von der alten Römerstraße, die quer durch ganz Spanien führte, abweichenden Straße dürfte in ihrer politischen, militärischen und wirtschaftlichen Bedeutung liegen, die mit der Entwicklung der christlichen Reiche, die im Verlauf der Reconquista entstanden, immer größer wurde. Im 11. Jh. kann man anhand der Häufung historischer Belege den Verlauf des Jacobus-Weges, oder besser gesagt der Jacobus-Wege, mit aller Sicherheit festlegen. Ab Mitte des 11. Jhs. wird dann auch verstärkt der Hospital- und Herbergsbau vorangetrieben. Brücken werden errichtet, die allgemeine Reisesicherheit und -bequemlichkeit erhöht sich. 37 Großzügige Stiftungen sorgen in der Folgezeit für das leibliche Wohl der Reisenden und Pilger. Die ersten Pilger und Besucher des Heiligen Ortes Die gesamteuropäische Verwurzelung des Jacobus-Kultes wird am eindrucksvollsten durch den Liber IV des "Codex Calixtinus", den Pseudo- Turpin, manifestiert, der Compostela mit der karolingischen Welt und dem Kreuzzugsgedanken in Verbindung bringt. Im Eingangskapitel erscheint Jacobus dem fränkischen Herrscher im Traum mit dem Auftrag, Karl solle das Apostelgrab von der Herrschaft der heidnischen Araber befreien und dabei dem durch die Sterne gekennzeichneten Weg folgen: "Der Sternenweg, den du am Himmel sahst, bedeutet, daß du von hier aus nach Galicien gehen sollst mit einem großen Heer, um gegen die Heiden zu kämpfen und meinen Weg und mein Reich zu befreien sowie meine Kirche und mein Grab zu besuchen. Und nach dir werden alle Völker dorthin kommen, über die Meere hinweg, um Vergebung für ihre Sünden zu erlangen und um den Herrn und seine Werke zu loben. Von deiner Zeit an bis zum Ende der Zeitrechnung werden die Pilger kommen. Mache dich nun auf den Weg sobald du kannst; ich werde dir beistehen und für deine Werke werde ich für dich vom Herrn im Himmel eine Krone erlangen und dein Name wird immer gelobt werden." 38 Mundi, A. ScHoIT, Hispaniae Illustratae, 4 Bde., (Frankfurt 1603-1608) hier Bd. 4, S. 91: iter Sancti Jacobi. 36 Vgl. V AZQUEZ DE PARGA, Peregrinaciones (wie Anm. 8) Bd. 2, S. 11 ff. 37 Vgl. dazu L. ScHMUGGE, Zu den Anfängen des organisierten Pilgerverkehrs und zur Unterbringung und Verpflegung von Pilgern im Mittelalter, in: Gastfreundschaft, Taverne und Gasthaus illl Mittelalter, Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 3 (München-Wien 1983) S. 37-60; H.C. PEYER, Von der Gastfreundschaft zum Gasthaus, Studien zur Gastlichkeit im Mittelalter, (MGH, Schriften 31, Hannover 1987) spez. S. 51-59. 38 Caminus stell.arum quem in celo uidisti hoc significat quod tu cum magno exercitu ad expugnan- 9 <?page no="18"?> Entsprechend diesem Programm im Eingangskapitel wird in den weiteren vier Abschnitten des Pseudo-Turpin beschrieben, wie Karl der Große Spanien unterwarf und den Pilgerweg 'öffnete'. Zweimal half der Apostel bei der Eroberung von Städten. Nach dieser Tradition besuchte Karl den Grabort des hl. Jacobus und galt als erster Pilger. Er soll auch mit der Pilgertasche in Aachen beigesetzt worden sein: ... super vestimentis imperialibus pera peregrinalis aurea positum est, .... 39 Die erste authentische Nachricht über einen ausländischen Pilger verdanken wir einem Mönch namens Comes, der aus dem unter mysteriösen Umständen verschwundenen Kloster Albelda (Rioja) stammte. Er beschrieb die Pilgerfahrt des Bischofs Gotescalcus aus Aquitanien, die jener im Jahr 950 vornahm: "erfüllt von großer Frömmigkeit und begleitet von einer großen Gefolgschaft, um demütig die Barmherzigkeit Gottes und den Zuspruch des Apostels zu erlangen." 40 Gotescalcus kehrte nach Durchführung seiner "peregrinatio" im Januar des Jahres 951 in seine Heimat zurück. 41 Einige Jahre später, gegen 959, erschien in Compostela der Abt von Santa Cecilia von Montserrat. Er unternahm, gedeckt durch die Autorität des Apostelgrabes, den Versuch, die Bistümer Kataloniens von der gallischen Kirchenprovinz Narbonne zu lösen, um die alte westgotische Kirchenprovinz Tarragona wiederherzustellen. 42 Obwohl Abt Caesarius damit erfolgdam gentem paganorum perfidam et liberandum iter meum et tellurem et ad uisitandam basilicam et sarcofagum meum ab his horis usque ad Galleciam iturus es, et post te omnes populia mari usque ad mare peregrinantes, ueniam delictorum suorum a domino impetrantes illuc ituri sunt, narrantes laudes domini et uirtutes eius et mirabilia eius que fecit. A tempore uero uite tue usque ad finem presentis seculi ibunt. Nunc autem perge quam cicius poteris, quia ego ero auxiliator tuus in omnibus, et propter labores tuos impetrabo tibi coronam a domino in celestibus, et usque ad nouissimum diem erit nomen tuum in laude, Liber Sancti Jacobi, ed. WHITEHILL (wie Anm.1) S. 303. Vgl. auch den Text der Aachener Karls-Vita, die kurz nach der Kanonisation Karls, also nach dem 29. Dezember 1165, entstanden sein muß: H.-W. KLEIN, Die Chronik von Karl dem Großen und Roland, Beiträge zur Romanischen Philologie des Mittelalters 13 (München 1986) S. 30. Das Motiv des Sternenwegs, des in den Himmel versetzten Weges, gehört dem internationalen Katalog der mythologischen Motive an (vgl. J. GRIMM, Deutsche Mythologie [Ullstein Materialien], 3 Bde. [Frankfurt/ Main - Berlin - Wien 1981] hier Bd. 1, S. 295-298). Ein signifikantes Beispiel bietet die Erwähnung des Sternenweges bei Widukind von Corvey (um 925-973), als er sich auf den Berater des Thüringischen Königs Irmenfried, Iring, bezieht: ... quem (lringi) ita vocitant, lacteus coeli circulus usque in praesens sit notatus (MGH SS, Bd. 8, S. 176-178). Herz! . Dank für den Hinweis an Herrn J. Ferreiro Alemparte. 39 MGH SS, Bd. 4, S. 118, addit. 2. 40 ... devotione promtissima, magno comitatu fultus ad finem Gallecie pergebat concitus, Dei misericordiam sanctique Iacobi apostoli suffragium humiliter imploraturus, ..., V. BLANCO GARcfA, San Ildefonso, De Virginitate Beatae Mariae (Madrid 1937) Prolog S. 33-35. 41 ... diebus certis Ianuarii videlicet mensis, discurrente feliciter era D CCCC LXXXVIIIIa (ebd., s. 35). 42 Text bei L6PFZ F'ERRE! Ro, Historia (wie Anm. 21) Bd. 2, Anhang LXXIV; S. 172-175. Vgl. P. 10 KEHR, El papat i el principat de Catalunya, Estudis Universitaris 12 (1927) S. 333 und neuerdings J.M. MARTf BoNET, Las pretensiones metropolitanas de Cesareo, abad de Santa <?page no="19"?> los blieb, so zeigt das Beispiel doch die zunehmende Bedeutung Compostelas für den christlichen Westen. Dann brachten die Feld- und Beutezüge Al-Mansiirs, die dieser gegen die christlichen Königreiche der Iberischen Halbinsel unternahm, den Reiseverkehr zum Erliegen. Im Jahr 997 wird sogar Compostela eingenommen und die Basilika aus der Zeit Alfons III. zerstört. 43 Unruhen im Omaijadenreich in C6rdoba, Fortschritte in der Reconquista und der Wiederbesiedelung der zurückgewonnenen Gebiete förderten in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts in entscheidendem Maß die Pilgerfahrt zur Tumba des Apostels Jacobus. Noch waren es nicht die Pilgermassen des ausgehenden 12. und des 13. Jahrhunderts. Adel und Klerus zog es zunächst zu dem neuen Kultort, dessen Attraktivität auf das ganze christliche Europa ausstrahlte und der bald den gleichen Rang wie Rom und Jerusalem einnahm. Es war gerade das 11. Jahrhundert, in dem der Jacobus- Kult im westlichen Abendland richtig Fuß faßte. Altar- und Kirchenpatrozinien in der Schweiz, 44 in Österreich, 45 im mittelalterlichen Sachsen, 46 in Franken 47 und im Elsaß 48 seien hier beispielsweise erwähnt. Die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts sieht dann auch vermehrt Pilger aus Frankreich, Flandern und aus Deutschland in Compostela. Aus dem Jahr 1056 wird ein großer Pilgerzug aus Lüttich erwähnt, den der Mönch Robert aus dem dortigen Jacobus-Kloster anführt. 49 Bei dieser Gelgenheit soll der Kirchenschatz der Kathedrale von Lüttich eine wertvolle Armreliquie des Apostels erhalten haben. 50 Cecilia de Montserrat, Anthologica Annua 21 (1974), S. 157-182, der die Urkunde für eine Fälschung des 11. Jahrhunderts betrachtet, u. VoNFB, "Historia Compostellana" (wie Anm. 26) S. 278, Anm. 20, der diese Meinung nicht teilt. 43 Vgl. u.a. M. FERNANDEZ R0DRIQUEZ, La expedici6n de Almanzor a Santiago de Compostela, Cuadernos de Historia de Espafia 43-44 (1967) S. 345-363 u. R. P. DE AZEVEDO, A expedi<; äo de Alman<; or a Santiago de Compostela em 997, e a de piratas normandos a Galiza em 1015-1016, Revista Portuguesa de Historia 14 (1974) S. 73-93. 44 Vgl. u.a. R. HENGGELER, S. Jacobus Major und die Innerschwe1z, in: Spanische Forschungen der Görresgesellschaft, Gesammelte Aufsätze zur Kulturgeschichte Spaniens 20 (1962) S. 283-294 u. H. BAUCKNER, Die Wallfahrt nach Santiago de Compostela, Spuren in unserer Heimat, Das Markgräflerland H. 2 (1985) S. 60-90. 45 Vgl. L. ScHMIDT, Die V_~lksvereh~g des hl. Jacobus major als Pilgerpatron mit besonderer Berücksichtigung Osterreichs, Osterreichische Zeitschrift für Volkskunde N.S. 31, Gesamtserie 80 (1977) H. 2, S. 69-99. 46 Vor allem unter dem Einfluß der Gorze-Trierer-Reform wurden zahlreiche Kirchen und Klöster zu Ehren des hl. Jacobus gegründet. Vgl. K. HALLINGER, Gorze-Klun y, Studien zu den monastischen Lebensformen und Gegensätzen im Hochmittelalter 1 (Rom 1950) u. HÜFFER, Sant'Jago (wie Anm. 8) S. 42-46. 47 Vgl. PLärz, Santiago-peregrinatio (wie Anm. 8) spez. S. 60 ff. 48 L. PFLEGER, Die St. Jakobsbrüder und der Jakobikult im Elsaß, Elsaßland 5 (1925) S. 207. 49 Unum a fratribus Robertum nomine huic destinat itineri .. . ,MGH SS, Bd. 25, 1880, S. 82-86, hier S. 82. Vgl. L. SERRAN: O, EI obispado de Burgos y Castilla primitiva, desde el siglo Val XIII, 3 Bde., (Madrid 1935/ 36) hier Bd. 2, S. 209, der ebenfalls den Pilgerzug erwähnt: En 1056 se hosped6 en Burgos una caravana originaria de Lieja. 50 Im selben Jahr vollzieht sich auch der Patroziniumswechsel von Jacobus Minor zu Jacobus 11 <?page no="20"?> Pilger aus den deutschen Sprachgebieten 51 Im September des Jahres 1072 machte sich der Mainzer Erzbischof Siegfried 1. auf den Weg nach Compostela quasi causa orationis. 52 Der Bischof war wohl seiner Amtsgeschäfte müde geworden, wie aus dem Quellenbericht Lamberts von Hersfeld zu schließen ist. 53 Die Pilgerfahrt kam allerdings nicht zum Abschluß, denn Siegfried gelangte nur bis zu dem burgundischen Reformkloster Cluny, in dem er als Mönch den Rest seiner Tage verbringen wollte; ein Vorhaben, das scheiterte, weil ihn Volk und Klerus von Mainz auf seinen Bischofssitz zurückriefen. Etwa um dieselbe Zeit kam auch schon die erste deutsche Pilgerin nach Compostela. Die Gräfin Richardis von Sponheim gelobte nach dem Tod ihres Mannes auf einer Pilgerreise im heiligen Land, zum heiligen Jacobus zu ziehen, ein Vorhaben, das sie im Gegensatz zum Mainzer Erzbischof durchführte. 54 GrafEberhard V. von N ellenburg ( t 1078 / 79) unternahm mit seiner Frau Ita ebenfalls in den 70er Jahren des 11. Jahrhunderts eine Pilgerfahrt zum Apostelgrab in Galicien. Den Quellen zufolge taten sie dies, weil sie den hl. Jacobus so sehr lieb hatten. 55 Der 1075 zum Abt in Fulda gewählte Mönch Ruthard begab sich aller Wahrscheinlichkeit nach 1076 / 77 zum Jacobus-Grab, also genau in der Zeit des Ausbruchs des Investiturstreits. Abt Ruthard schloß eine Gebetsverbrüderung zwischen seinem Kloster und dem Kapitel der Kathedrale von Compostela ab. Der Verbrüderungsbrief wurde dabei auf dem Altar über dem Apostelgrab niedergelegt, um auf ihm täglich die Messe zum Gedächtnis der Fuldaer Mönche zu feiern. Außerdem wollte man sich gegenseitig die Namen der Mönche bzw. Kanoniker mitteilen und für sie nach ihrem Tod besonders beten. 56 Maior. Trotzdem meldet A. GEORGES, Le pelerinage a Compostelle en Belgique et dans le Nord de la France (Brüssel 1971) 5. 101-4, seine Zweifel hinsichtlich dieser Translation an. 51 Vgl. zu den Pilgern aus dem deutschsprachigen Raum u.a. L6PEZ FERREIRO, Historia (wie Anm. 21) passim; K. HÄBLER, Das Wallfahrtsbuch des Hermannus Künig von Vach und die Pilgerreisen der Deutschen nach Santiago de Compostela (Straßburg 1899); ScHREIBER, Deutschland und Spanien (wie Anm. 31) 5. 94 ff.; H.J. HÜFFER, Die spanische Jacobus- Verehrung in ihren Ausstrahlungen auf Deutschland, Historisches Jahrbuch 74 (1955); DENGL., Sant'Jago, (wie Anm. 8); L. DIE1ZE, Das Pilgerwesen und die Wallfahrten des Mittelalters, Diss. masch. (Jena 1957) spez. 5. 196-202; I. MIECK, Les temoignages oculaires du pelerinage a Saint-Jacques de Compostelle, Etude bibliographique (du XII" au XVII" siecle), Compostellanum 22 (1977) 5. 201-232 u. K. HERBERS, Deutschland und der Kult des hl. Jakobus, in: BoTTINEAU, Der Weg der Jakobspilger (wie Anm. 8) 5. 252-270. 52 Marianus Scottus, Chronicon, MGH 55, Bd. 5, 5. 560. 53 Lambert von Hersfeld, Annalen, MGH 55, Bd. 5. 5. 500 ff. 54 HÄBLER (wie Anm. 51) 5. 20 f. 55 HÜFFER, Sant'Jago (wie Anm. 8) 5. 59. 56 J. LEINWEBER, Die Santiago-Wallfahrt in ihren Auswirkungen auf das ehemalige Hochstift Fulda, Fuldaer Geschichtsblätter 52 (1976) 5. 137 f. 12 <?page no="21"?> In den Anfängen der deutschen Pilgerbewegung war es offensichtlich nur Adeligen und hohen geistlichen Würdenträgern möglich, sich eine solche Reise zu leisten. 57 Von einigen Heiligen, die im 11. Jahrhundert das Apostelgrab besucht haben sollen, sind uns Berichte überliefert. Die entsprechenden Viten berichten von Besuchen der hl. Wilhelm von Vercelli, 58 Theobald von Provins (1033-1066/ 67) 59 und der seligen Paulina 60 , die sich nach Aussagen ihres Beichtvaters Sigebotus mit ihren Eltern und ihrem ersten Mann in Compostela aufhielt. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes zog sie sich von der Welt zurück und gründete das der Reform nahestehende Doppelkloster Zell. Die uns überlieferten Quellen aus dem hier behandelten Zeitraumerwähnen generell aufgrund ihres sparsamen Informationscharakters nur die Pilgerfahrten bekannter und für die Chronisten interessanter Personen. Pilger einfacher Herkunft sind aus der Informationsstruktur der Zeit um 1100 heraus fast nicht faßbar, wohl auch nicht ausgeprägt vorhanden.Wenn schon, dann muß es sich um ein außergewöhnliches Ereignis handeln, das ein allgemeines Interesse erregt. So berichtet eine Nachricht aus dem Jahr 1072 von einem nicht näher bezeichneten Blinden namens Folbert, der sich auf dem Weg nach Compostela befand. Während seines Aufenthaltes in Trier hatte er eine Vision, die das Auffinden der Reliquien der Märtyrer von Trier in der Kirche des hl. Paulinus zur Folge gehabt haben soll. 61 Welche Vorsicht allerdings bei der Beurteilung von Pilgerreisen früher Heiliger vonnöten ist, zeigt das Beispiel des hl. Evermarus von Tandem, der in Friesland geboren ist und zur Zeit Pippin des Mittleren lebte. Er wurde um 700 ermordet. Nach seiner Vita, die Martin Hamconius im 12. Jahrhundert schrieb, also in der Blütezeit der "peregrinatio" nach Compostela, soll der Heilige das Apostelgrab in einer Zeit besucht haben, in der das Grab noch gar nicht aufgefunden worden war. 62 57 Vgl. SIGAL, Pauvrete (wie Anm. 29) u. E.-R. LABANDE, Recherches sur les pelerins dans l'Europe des 11 i'me et 12i'm• siecles, Cahiers de civilisation rnedievale 1 (1958) S. 168. 58 Relicta patria, una contentus chlamyde, nudis etiam pedibus ad B. Jacobi aliorumque sanctorum sacra visendum lumen impiger est iter aggressus (AA SS Junü, Bd. 5, S. 115). 59 AA SS Junii, Bd. 6, S. 543-6. 60 ... Sed ne laborem peregrinationis citius terminasse videretur, dimisso patre et matre eorumque comitatu, cum maritu versus Hispaniam ad Sanctum Jacobum iter cum paucis arripuit ... (Vita Paulinae, MG SS, Bd. 30, S. 914). 61 [Fobbertus] hac facta exhortatione, gratias Deo pro fraterno quem apud eos invenerat hospitalitatis receptu, referens, eos humiliter rogavit ne quas diutius in hoc loco manendi occasiones tune ei innecterent, quia destinatum diu iter ad sanctum Jacobum perficere libenter vellet, Historia rnartyrurn Treverensiurn (Acta S. Tyrsi et sociorurn, MG SS, Bd. 8, S. 221). 62 Ingreditur itaque vir Dei viam, quae Galaecium tendit ad S. Jacobum ingresssusque ecclesiam St. Jacobi, et expetitis ejus suffragiis, regreditur ad partes Galliae inferiores (AA SS Julii, Bd. 6, S. 35, 1 und AA SS Maii, Bd. 1, S. 120). 13 <?page no="22"?> Besuche heiliger Orte und von Gräbern vorbildlicher Heiliger stellen in vielen Heiligen-Viten ein "Cliche" 63 dar, das zur Pflichtübung vieler Heiliger gehörte. Auch die Übertragung späterer Verhältnisse auf frühere Zeiträume ist in der Hagiographie keine Seltenheit. Trotz allem kann gefolgert werden, daß aus all diesen Quellen teils obskurer Herkunft, teils seriöser Geschichtsschreibung eine gesamteuropäische Bedeutung und Verflechtung der "peregrinatio" zum Grab des Apostels Jacobus in Compostela sichtbar wird. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ist die "peregrinatio ad limina Beati Jacobi" fest in der Sakralgeographie Europas verwurzelt, so sehr, daß selbst Rom eifersüchtig die Entwicklung dieses bedeutenden Gnadenortes verfolgt. Der "Codex Calixtinus", die wesentliche Propagandaschrift des 12. Jahrhunderts für die "peregrinatio" nach Compostela, erwähnt die Internationalität der Pilger und zählt die Nationen auf, die aufgrund der Wu_ndermächtigkeit und der sichtbaren Gnadenerweise Gottes diesen heiligen Ort besuchen: "Franken, Normannen, Schotten, Iren, Gallier, Teutonen, ... Friesen, ... Sachsen, ... und unzählige Menschen aller Sprachen, Stämme und Nationen ... " 64 werden in epischer Breite erwähnt. Man darf den Quellenwert dieser Aussage natürlich nicht überbewerten, weil damit ein gewisser Anspruch und eine enzyklopädische Zusammenfassung der damals bekannten Völker verbunden ist. Man kann allerdings auch annehmen, daß die Internationalität innerhalb des christlichen Westens schon so weit gediehen war, daß Compostela eine bevorzugte Stellung unter den Gnadenorten Europas einnahm. Dafür spricht auch der "Libellus Miraculorum" im "Codex Calixtinus", unabdingbarer Bestandteil einer Kultpropaganda, dessen 22 Mirakel alle wichtigen Länder Europas miteinbeziehen. 65 Unter den wahrscheinlich zwischen 1140 und 1150 zusammengestellten Mirakelberichten befindet sich das auf 1090 datierte Galgen- oder Hühnermirakel, in dem deutsche Pilger-66 die Hauptrolle spielen. Schon vorher wurde auf politischer und kirchenpolitischer Schiene die europäische "Vernetzung" hergestellt. Von besonderer Bedeutung war dabei die Allianz, die das kastilisch-leonesische Herrschergeschlecht unter Alfons VI. (1072-1109) mit dem Herrscherhaus von Burgund und der 63 Vgl. H. DELEHA YE, Cinq lec; ons sur la methode hagiographique (Brüssel 1934) Kap. 2. 64 ... scilicet Franci, Normanni, Scoti, Hiri Galli, Theutonici, ... Saxones, ... et cetere gentes innumerabiles cuncte lingue tribus et naciones ..., Llber Sancti Jacobi (wie Anm. 1) S. 148 f .. 65 Ebd., S. 261-287. 66 Vgl. R. PLÖTZ, "der hunlr hinder dem altar saltu nicht vergessen", Zur Motivgeschichte eines Flügelaltars der Kempener Propsteikirche, in: Epitaph für Gregor Hövelmann (Geldern 1987) S. 119-170. 14 <?page no="23"?> Klostergemeinschaft von Cluny einging. 67 Das führte so weit, daß man 1095 auf dem Bischofsthron in Compostela einen Vertrauten des Abtes Hugo von Cluny, Dalmatius, sah, der von Papst Urban II., einem ehemaligen Clunazenserprior, ernannt wurde und die Erlaubnis erhielt, die offizielle Überführung des Bischofssitzes von Iria nach Compostela vorzunehmen. 68 Überhaupt setzte sich besonders zu Beginn des 12. Jahrhunderts ein starker französischer Einfluß im Kathedralkapitel in Compostela durch. Man hat die "Durchdringung" der iberischen Halbinsel mit ausländischen Einflüssen oft als "Europäisierung" bezeichnet, obwohl der adäquatere Begriff sicher "Französisierung" wäre. Es waren nicht immer nur rein religiöse Gründe, die Pilger nach Compostela führten. Der Kreuzzugsgedanke, der zur Integration des Kriegerischen mit dem Religiösen führte, begünstigte ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts das Fortschreiten der Reconquista und führte dazu, daß zahlreiche Kreuzfahrer ihre Reise an der zweiten Sarazenenfront unterbrachen, um sich an den Kämpfen gegen die Mauren zu beteiligen. 69 Unter den Kreuzfahrern, die sich im April 1147 in Dartmouth versammelten, befanden sich Flamen, Niederländer, Engländer und Deutsche, die rheinabwärts und über den Kanal zu dem Konvoi gestoßen waren. Die "Annales Sancti Disibodi" 70 haben uns den originellen und anschaulichen Bericht erhalten, in dem Duodechinus von Longinstein dem Abt Cuno die Ereignisse des Unternehmens bis zur Einnahme von Lissabon schildert. Nach achttägiger stürmischer Fahrt war ein Teil der Flotte in den ersten Junitagen in einem Hafen der spanischen Nordküste unweit von Vivero eingelaufen. Die Kreuzfahrer segelten von dort zum Fluß Tambre (Ria de Muros) und pilgerten gemeinsam zu der Stadt des hl. Jacobus, an dessen Altar sie feierlich das Pfingstfest begingen. Erst dann nahmen sie ihren Kreuzzug wieder auf. Aber nicht nur vom Tod im Kampf gegen die Ungläubigen oder vom plötzlichen Hinscheiden durch eine Krankheit waren die Pilger jener Zeit 67 S. S. 4, vgl. u.a. LACARRA, Espiritualidad (wie Anm. 25) u. M. DEFOURNEAUX, Les Fran~ais en Espagne aux XI• et XII° siecles (Paris 1949). 68 Erst 1094 kam Dalrnatius als Visitator der cluniazensischen Klöster nach Galicien. Vgl. zur Exemtionsurkunde Historia Compostelana, ed. H. FL6REZ, Espafia Sagrada, Bd. 20, (Madrid 1765) Lib. 1, Cap. 5, S. 20-22 u. zum Gesamtgeschehen VoNES, Die 'Historia Compostellana' (wie Anm. 26) S. 80-99 u. R.A. FLETCHER, Saint James' Catapult, The Life and times of Diego Gelrnfrez of Santiago de Compostela (Oxford 1984) S. 107. 69 So 1147 (s. unten) und 1217 (Chronicon Emonis, MGH SS, Bd. 23, S. 478 u. Annales Colonienses maxirni, MGH SS, Bd. 17, S. 892. Vgl. L. KoRTI-I, St. Jakobsfahrten und St. Jakobslegenden im deutschen Mittelalter, in: Mittagsgespenster, hg. v. K. HOEBER (Köln 1915) s. 32. 70 Annales Sancti Disibodi, MGH SS, Bd. 27, S. 17, u. Annales Magdeburgenses, MGH SS, Bd. 6, S. 389. Vgl. A. PIMENTA, Fontesmedivaisda Historia de Portugal ! (Lissabon 1948) S. 107- 140. 15 <?page no="24"?> bedroht. Sie hatten stets gegen räuberisches Gesindel, betrügerische Wirte und Naturgewalten zu kämpfen. In der Predigt zum "Veneranda dies", dem Apostelfest am 30. Dezember, berichtet der "Codex Calixtinus" über die betrügerischen Wirte und andere Gefahren und Versuchungen, denen der Pilger ausgesetzt war, und verurteilt sie sogleich: "Ebenso treffe der Bann die Wirtsmägde, die sich aus Hurerei und Geldgier auf teuflisches Geheiß nachts den Pilgerbetten zu nähern pflegen. Die Dirnen, die aus diesem Grund zwischen der Miii.o-Brücke und Palas del Rey an waldreichen Orten den Pilgern häufig entgegentreten, müssen nicht nur exkommuniziert, sondern von allen geplündert und durch Abschneiden der Nase öffentlich geächtet werden. Einzeln pflegen sie sich immer einem einzelnen darzubieten." 71 Auch auf die soziale Zusammensetzung der Pilger "ad limina Beati Jacobi" in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts geht der "Codex Calixtinus" ein: "Dorthin (zum Apostelgrab) wenden sich die Armen, die Reichen, die Kriminellen, die Ritter, die Fürsten, die Regierenden, die Blinden, die Lahmen, die Wohlhabenden, die Edlen, die Helden, die hochgestellten Persönlichkeiten, die Bischöfe, die Äbte, viele barfuß und ohne Mittel, andere beladen mit Ketten aus Strafgründen." 72 Aus diesem Personenkreis sollen im folgenden Beispiele gebracht werden, soweit dies aufgrund der schon oben erwähnten dürftigen Quellenlage möglich ist. Zu den frühen Zeugnissen der wachsenden Beliebtheit des Apostels Jacobus im deutschen fränkischen Raum zählt der Bericht über die Fegfeuervision des fränkischen Adeligen Heinrich von Ahorn, Bruder des Bischofs Burchard von Worms. Während einer Krankheit macht Heinrich von Ahorn einen unfreiwilligen Besuch im Purgatorium, weil er eine gelobte Pilgerfahrt nach Compostela nicht durchführte.7 3 Als kundiger Führer geleitet der Apostel Jacobus den Adeligen durch das Fegfeuer. Von großem lokalhistorischen Wert sind die Erwähnungen von Personen der Zeitgeschichte und die Einblicke in das kirchliche Leben der Zeit um 1130. Heinrich von Ahorn 71 Pedisseque hospitum itineris sancti Iacobi que stuprandi causa peccuniamque adquirendi ad cuiuslibet peregrini lectum nocte intinctu diaboli accedere solent, omnino dampnantur. Meretrices que huius re causa inter Pontem Minee et Palacium in nemorosis locis obuiam peregrinis uenire solent, non solum excomunicande sunt, uerum etiam ab omnibus deprendande, nasibu(! ) que uerecundande. Sola enim soli aparere solet, Liber Sancti Jacobi, (wie Anm. 1) S. 161. Vgl. zur Übersetzung HERBERS, Der Jakobsweg, (wie Anm. 4) S. 73. 72 Jlluc etiam tendunt pauperes, felices, feroces, equites, pedites, satrapes, ceci, manci, obtimates, nobiles, heroes, proceres, presules, abates, alii nudis pedibus, alii sine_proprio, alii causa penitencie liguati ferro, Liber Sancti Jacobi (wie Anm. 1) S. 149. Vgl. zur Ubersetzung HERBERS, Der Jakobsweg (wie Anm. 4) S. 62. 73 Ed. in E. STEINMEYER/ E. SIEVERS, Altdeutsche Glossen IV (Berlin 1898) S. 491-493. 16 <?page no="25"?> kehrt unter die Seinen zurück und berichtet über die Fegfcuervision. Er gesundet und tritt nach Regelung seiner Angelegenheit die Pilgerfahrt nach Compostela an. 74 Ein Beispiel für die Bedeutung des Reliquienkultes im Hochmittelalter bietet uns die "peregrinatio" des Würzburger Bischofs Embricho. 75 Die außerordentliche Zuordnung thaumaturgischer Kräfte an die Heiligenreliquien führte in jener Zeit dazu, daß Reliquien als Zahlungsmittel in der Gunst höher standen als Gold und Silber. "Gold und Silber habe ich selbst zur Genüge, aber ich bitte dich, daß du mir den Körper des hl. Zoylus schenkst" sagt Graf Fernando de Carri6n schon 1047 und erbittet sich als Belohnung für seine Kriegshilfe den Körper des hl. Zoylus.7 6 Selbst vor dem "pio latrocinio" schreckte man nicht zurück, wie es das Beispiel des Erzbischofs Gelmfrez zeigt, der einen Teil des Reliquienschatzes der Kirche von Braga in Nordportugal raubte, um ihn nach Compostela zu überführen. 77 Im Jahr 1138 soll jedenfalls Embricho nach Belegen vom Ende des 16. Jahrhunderts in Compostela gewesen sein, um "l roer de corpore S. Jacobi Apostoli" 78 für das Schottenkloster in Würzburg zu erwerben. Die abwechslungsreiche Geschichte dieser Reliquie läßt sich über mehrere Zwischenstationen bis ins 18. Jahrhundert verfolgen. Von Würzburg aus kam die Reliquie auf unbekannte Weise in den Besitz des Augsburger Bischofs Johann Eglof von Knöringen und später in die Hände Wilhelms V., der sie König Philipp II. schenkte und im portugiesischen Grenzort Elvas überreichen ließ. König Philipp vermachte die wertvolle Armreliquie testamentarisch dem Ordenskonvent der Santiago-Ritter in Ucles, der sie nach dessen Ableben verwahrte und nur während der Feierlichkeiten des Generalkapitels des Ordens zur Schau stellte und in mehreren Orten Kastiliens zeigte. Wahrscheinlich überstand die Reliquie die Wirren des spanischen Unabhängigkeitskrieges (1808-1813) nicht. 79 Die Motive für die Fahrten deutscher Pilger sind oft nur schwer zu ermitteln, da die Quellen dazu schweigen odernur knapp religiöse Gründe in den 74 Ebd., S. 493. Vgl. M. HOFMANN, Heinrich von Ahorn im Fegfeuer (um 1130). Ein fränkischer Nachtrag zum Dante-Gedenkjahr 1965, Jahrbuch für fränkische Landeskunde 26 (1966) S. 199-215 u. PLörz, Santiago-peregrinatio (wie Anm. 8) S. 95. Eine Neuausgabe befindet sich in Vorbereitung. 75 Vgl. ebd., S. 95 f. 76 Aurum et argentum satis est mihi, sed peto, ut dones mihi corpus sancti Zuyli, FL6REZ, Espana Sagrada, Bd. 10 (Madrid 1753) S. 495. 77 Historia Compostelana (wie Anm. 68) S. 39. Vgl. L6PEZ F'ERREIRO, Historia (wie Anm. 21) Bd. 3, Anhang 20, S. 64-67. 78 Vgl. M. WIELAND, Das Schottenkloster zu St. Jakob in Würzburg, Archiv für Unterfranken 16 (1863) S. 46. 79 Vgl. R. PLörz, '1 roer de corpore S. Jacobi Apostoli', Würzburger Diözesangeschichtsblätter 40 (1978) S. 95-10'2 u. neuerdings DENGL., Sancti Jacobi maioris reliquiae verae, in: Pistoia eil Cammino di Santiago, Una dimensione europea nella Toscana medioevale (Atti de! Convegno Intemazionale di Studi Pistoia 1984, Perugia 1987) S. 34J..357. 17 <?page no="26"?> Vordergrund stellen. Ob die Pilgerfahrt des Grafen Friedrich von Pfirt im Jahr 1144 wirklich der Sühne halber stattfand, der sich der Graf angeblich unterzog, weil er die Klosterfrauen von Kleinlützel belästigt hatte, bliebe noch zu überprüfen. 80 Die Wahl des Pilgerziels Compostela könnte in diesem Falle allerdings auf den Einfluß des hl. Morandus aus Cluny, des Patrons des Sundgaus ( t 1115), zurückzuführen sein, der selbst in Compostela gewesen sein soll. 81 Das im Ruf der Mirakelmächtigkeit stehende Apostelgrab in Galicien zog schon aufgrund der besonderen spirituellen Bedeutung von Jacobus als erstem Blutzeugen des neuen Glaubens unter den Aposteln weiterhin Kleriker und hohe Würdenträger der Kirche an. Zunächst ist es wieder ein Erzbischof von Mainz, der zum Grab des Apostels Jacobus aufbrach. Im Winter 1164/ 65 befand sich Erzbischof Konrad, Graf von Wittelsbach und Domherr zu Salzburg, in Compostela. Während seiner Rückreise schloß er sich so eng an den Gegenpapst Alexander III. an, daß Konrad, als sich die Feindseligkeiten zwischen dem Kaiser und Alexander erhärteten, von Mainz fliehen und den Rest seines Lebens an dem päpstlichen Hof verbringen mußte. 82 Bei der Pilgerreise des Bischofs Anno von Minden ( t 1185) zur Jahreswende 1174/ 75 trug man sich mit der Vermutung, der Bischof habe sich der Heeresfolge für den Italienzug von Friedrich Barbarossa (1152-1190) entziehen wollen. 83 Die zahlreichen Gebetsverbrüderungen, die Anno unterwegs und in Compostela schloß, beweisen jedoch, wie sehr religiöse Heilssuche die Reise des Bischofs veranlaßte. 84 Ein weiterer Fuldaer Abt, der Compostela besuchte, war Heinrich von Cromberg, der 1190 wohl nur durch die Gunst des Königs die Fuldaer Abtwürde erlangt hatte. 85 Auf seiner Reise nach Galicien schloß er am 29. Mai 1197 eine Gebetsverbrüderung mit der 80 Vgl. HERBERS, Deutschland und der Kult des HI. Jakobus (wie Anm. 51) S. 255. 81 Et convocatis suis hominibus, domestias et parentibus, eorum se commendans orationibus, ad memoriam D. Jacobi perrexit ..., AA SS Junii, Bd. 1, 349-51, spez. S. 349. 82 Electus Mogontiensis domnus Chuonradus, frater Ottonis palatini comitis, qui ante obedientiam fecerat per se Alexandra Papae, dum iret ad limina Sancti Jacobi, solus nocte de curia fugiens venit in Franciam ad Alexandrum, Annales Reicherspergenses, MGH 55, Bd. 17, S. 472. Vgl. ScHREIBER, Deutschland und Spanien, (wie Anm. 30) S. 98. 83 Vgl. D. PoECK, Zur Reise des Bischofs Anno nach Santiago (1175), in: An Weser und Wiehen, Beiträge zur Geschichte und Kultur einer Landschaft, Fs. für W. Brepuhl, (Mindener Beiträge 20, Minden 1984) S. 101-108. 84 Text des Verbrüderungsbriefes bei St. A. WDRDTWEIN, Subsidia diplomatica X (Francofurti et Lipsiae 1777) S. 9 f. Auch mit den Abteien Gorze, Ouny, Saint Gilles, Saint Denis bei Paris und Saint Martin (Tours) schloß Anno Gebetsverbrüderungen. Der Verbrüderungsbrief von Compostela wurde ebenfalls (vgl. S. 12) auf dem Grab des hl. Jacobus niedergelegt und auf dem Altar darüber täglich die Messe zum Gedächtnis der Fuldaer Mönche gefeiert, Chr. BROWER, Fuldensium antiquitatum libri IV (Antwerpen 1612) S. 150. 85 Vgl. K. LÜBECK, Die Fuldaer Äbte und Fürstäbte des Mittelalters (Veröffentlichungen des Fuldaer Geschichtsvereins 31, Fulda 1952) S. 154-58. 18 <?page no="27"?> Abtei Cluny, nachdem er bereits 1193 mit dem cluniazensischen Ellwangen eine Konfraternität geschlossen hatte. Nach seiner Rückkehr ausCompostela stiftete er für die Mitglieder des Fuldaer Konvents je eine Karitat, d.h. ein besonders gutes Essen mit Wein auf seinen Todestag und auf den Vigiltag des Jacobus-Festes. 86 Mit mirakelhaften Motiven versehen ist die Geschichte der Pilgerfahrt der Gräfin Sofia von Holland. Bei der Rückkehr von Santiago de Compostela geriet die Gräfin in einen Hinterhalt von Wegelagerern, die in Kastilien den Jacobus-Weg unsicher machten. Diese wollten sie töten, aber, obwohl sie mit allen Kräften versuchten, die Gräfin und ihre Begleitung zu erstechen, verursachten die Messerklingen nicht den geringsten Schaden. Die Übeltäter bekehrten sich ob dieser wunderhaften Umstände, warfen sich der Gräfin zu Füßen und baten sie um Gnade. 87 Um die gleiche Zeit erschien Friedrich 1. von Österreich am Apostelgrab. 88 Auch Herzog Heinrich der Löwe, der Begründer Münchens und Lübecks, pilgerte nach seiner Absetzung als Herzog von Sachsen und Bayern durch Friedrich Barbarossa vom Hof seines englischen Schwiegervaters in Rouen 1182 nach Compostela. 89 Ein Dokument vom 12. Juni 1207 vermittelt uns eine realistischere Sicht von dem, was die Pilgerfahrt im 12./ 13. Jahrhundert tatsächlich darstellte, als alle anderen Belege. Die Urkunde bezieht sich auf einen Brief von Papst Innozenz III. an den Erzbischof von Compostela, in dem dieser den Papst um einen Hinweis auf ein Mittel der 'Kirchenreinigung' gebeten hatte, das schneller zu bewerkstelligen sei als eine neue Kirchenweihe. Vorhergegangen waren wiederholt Streitigkeiten mit zum Teil tödlichem Ausgang oder schweren Verletzungen, die sich Pilger aller Nationen zufügten, als es um die Verteilung der Nachtwachen am Altar des Apostels ging, venientibus ad ecclesiam beati Jacobi ex diversis regionibus 90 erwähnt der Briefwortlaut. Das heißt: Die eigentlichen Pilger jener Zeit waren nicht die Heiligen, die Bischöfe und Kleriker, sondern die zahlreichen namenlosen Pilger, die anonyme, turbulente und vielschichtige Masse von Leuten, die aus allen Regionen des "orbis Christianus" nach Compostela kamen, um Erlösung 86 J.F. SaiANNAT, Historia Fuldensis (Frankfurt/ Main 1729) 5. 186. Vgl. LEINWEBER, Die Santiago-Wallfahrt (wie Anm. 55) 5. 138. 87 ... Anno 1176 obiit Sophia comitissa Hollandensis ... Cujus meritum quale fuerit apud Deum vel in hoc miraculum perpendi potest, quia cum in reditu esset viae Sancti Jacobi, incidit in latrones, qui viae eius comites seorsum ductos extractis longis cultellis, sicut eiusmodi homines consuetudo est lateri suo appendere, cum occidere temptassent, minime potuerunt, licet cultellos vi tota in ipsa impegissent. Unde latrones in admiratione conversi, tanti reatus veniam pedibus eius postrati rogaverunt ..., Annales Egmundani, MGH 55, Bd. 16, S. 468. Vgl. AA 55 Julii, Bd. 6, 5. 34. 88 Vgl. HOfFER, Sant'Jago (wie Anm. 8) 5. 59 f. 89 MGH 55, Bd. 27, 5. 104. 90 AA 55 Julii, Bd. 6, 5. 34. Vgl. V AZQUFZ DE P ARGA, Peregrinaciones (wie Anm. 8) Bd. 1, 5. 71 f. 19 <?page no="28"?> von den Sünden, Heilung von Gebrechen, zu erhalten oder um einGelübde einzulösen, oder auch um der Unfreiheit ihrer Lebensverhältnisse zu entfliehen. Diesem Thema sei der nächste Abschnitt gewidmet. Als Beispiel für die enge Kultverflechtung Compostelas mit der "peregrinatio maior" zum hl. Petrus in Rom mag der Bericht einer armen Besessenen aus der Kölner Gegend stehen, die nach jahrelangem Pilgern von einem Heiligtum zum anderen der Überlieferung nach vom hl. Thomas Becket von Canterbury (t 1170) das Versprechen ihrer Genesung erhielt, falls sie die Grabstätten der hll. Jacobus und Petrus besuchen würde. 91 Die Quellen erwähnen auch einen Bettler, der in einem Kloster zu Münster des Diebstahls verdächtigt und zur Strafe geschunden wurde, dann ins Wasser geworfen werden sollte, aber durch Vermittlung des hl. Leodegarius gerettet und geheilt wurde. Zum Dank für die Rettung zog er nach Compostela. 92 Eine Lausanner Chronik führt den Fall einer vom Teufel besessenen Frau aus Schwaben an, der am Altar des hl. Jacobus die Befreiung von den bösen Geistern zuteil wurde. Im Jahr 1233 kehrte sie über die von Kunig von Vach beschriebene "Oberstraße" in ihre Heimat zurück. 93 Und im Jahr 1203 zog ein ganzer Pilgerzug aus dem Rheingau zum Apostelgrab in Compostela. 94 Nach SCHMUGGE erlebte das 13. Jahrhundert einen Tiefpunkt der frommen Übung des Pilgerns. Die Kreuzzüge seien langsam unglaubwürdig geworden, nach 1291 sei Jerusalem unerreichbar gewesen. Die 'Erfindung' des periodischen Pilgerns und die Verleihung großer, seit den Kreuzzügen nicht mehr verliehener Ablässe an Pilgerorten sollten diese Krise überwinden helfen, sagt SCHMUGGE. Andere Kultformen eucharistischer und mariologischer Art entsprachen wohl mehr der Tendenz der Zeit. 95 Man wandte sich neueren Interzessoren zu, und vor allem das marianische Thema trat verstärkt in den Vordergrund und entsprach wohl auch mehr den Bedürfnissen der Volksfrömmigkeit des 12./ 13. Jahrhunderts. 96 Daneben bleibt dennoch der große Zustrom der Pilger zum Sakralzentrum in Galicien durchaus erhalten. Die bestehende Infrastruktur und die 91 MGH 55, Bd. 27, S. 34. 92 MGH 55, Bd. 2, S. 425. Vgl. AA 55 Octobris, Bd. 1, S. 4. 93 MGH 55, Bd. 24, S. 785. Vgl. HÄBLER, Das Wallfahrtsbuch (wie Anm. 51) S. 24. 94 Vgl. Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 16 (1864) S. 490, K. Rossa, Urkundenbuch der Abtei Eberbach, 2 Bde., (Wien 1862-64) hier Bd. 1, S. 114 u. 141, u. A. FARINaLI, Viajes por Espafia y Portugal desde la Edad Media hasta el siglo XX, Nuevas y antiguas divagaciones bibliograficas, Bd. 1 (Rom 1942) S. 79. 95 L. ScHMUGGE, Die Pilger, in: Unterwegssein im Spätmittelalter, hg. v. P. MoRAW, Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 1 (1985) S. 18 f. 96 Vgl. PLöTZ, Strukturwandel der peregrinatio (wie Anm. 13) S. 138. 20 <?page no="29"?> gesicherte materielle Versorgung trugen dazu bei, daß auch im 13. Jahrhundert die Pilgerfahrt "ad Sanctum Jacobum" nicht abreißt. Erste Verbindungen nach Ungarn tauchen auf. Ein Beleg des Jahres 1212 berichtet über ein Grab in der St. Albanus-Kirche von Namur, in dem ein ungarischer Bischof lag, qui pergere proficiscens ad sanctum Jacobum obiit Namurci. 97 Hier deutet sich schon die Sakralbindung zu ungarischen Pilgern an, die ab 1238 in Anschluß an die Aachenfahrt verstärkt nach Compostela gehen, 98 um der Gnaden des Apostelgrabes teilhaftig zu werden. Der Ruhm der Jacobus-Pilgerfahrt war in jenen Jahren so sehr verbreitet, daß es nicht verwundert, wenn der Franziskanermönch Wilhelm von Ruysbroek, den der hl. Ludwig von Frankreich ins Land der Tataren geschickt hatte, dort einen nestorianischen Mönch traf, der seit zehn Jahren eine Pilgerfahrt nach Compostela vorbereitete und das gegen 1253. 99 Aus den Arbeiten von I. MÜLLER sind uns aus der deutschen Schweiz die Pilger Wilhelm von Englisberg für 1250 und H.Walliseller aus Zürich für das Jahr 1279 bekannt. 100 Wie tief die Auffassung von einer gnadenbringenden Wirkung der Pilgerfahrten in der Vorstellung spätmittelalterlicher Menschen verwurzelt war, läßt sich gut an ihren Testamenten ablesen. Im 13. Jahrhundert war es kanonischer Gemeinplatz geworden, die Pilgerfahrt von drei individuellen Möglichkeiten her zu begründen: als freiwilligen Akt, als Gelübde und als Buße. Eine Pilgerfahrt "ex voto" konnte man auch für die Zeit nach dem Tod geloben, durch ein Testament. In der Tat ordneten besonders Bürger aus norddeutschen Handelsstädten zahlreiche Pilgerfahrten vor allem nach Rom und Compostela an. 101 In den Jahren 1305 bis 1363 sind z.B. in Lübecker Testamenten 23 Fahrten zum hl. Jacobus belegt. Im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts wurde durchschnittlich in jedem dritten Lübecker Testament eine "peregrinatio" verfügt. 102 Auch aus dem süddeutschen Raum, aus Rothenburg ob der Tauber, sind solche letzten Verfügungen bekannt. Der 97 Vita Odiliae, Liber III de Triumpho S. Lamberti in Steppes (MGH 55, Bd. 25, S. 179). 98 Vgl. R. PLörz, Unsere Wallfahrtsstätten, Deutschlanddas unbekannte Land, hg. v. R. PöRTNER, Bd. 7 (Frankfurt/ Main 1988) S. 98. 99 Vgl. Itinerarium Wi! helmi de Rubruc, O.F.M. ad partes orientales anno gratiae 1253, (Recueil de Voyages et de Memoires publies par Ja Societe de Geographie, Bd. 4, Paris 1839), u. J. VILLAAMIL YCASTRO, La peregrinaci6n a Santiago de Galicia, Revista Crftica de Historia y Literatura espafiola, portuguesa y hispano-americana 2 (1897) S. 113. 100 I. MÜLLER, Santiagopi! ger aus der Innerschweiz, Innerschweizerisches Jahrbuch für Heimatkunde, Bd. 17/ 18 (1954) S. 189 ff. 101 Vgl. u.a. J.G. KOHL, Ueber die Verehrung des heil. Jacobus in den norddeutschen Städten und namentlich in Bremen, Zeitschrift für Kulturgeschichte N.F., Jg. 2 (1873) S. 103-118; B. HEYNE, Von den Hansestädten nach Santiago: Die große Wallfahrt des Mittelalters, Bremisches Jahrbuch 52 (1972) S. 65-84 u. neuerdings N. ÜHLER, Zur Seligkeit und zum Troste meiner Seele, Lübecker unterwegs zu mittelalterlichen Wallfahrtsstätten, Zeitschrift für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde 83 (1983) S. 83-103. 102 Vgl. ebd., S. 92 ff. 21 <?page no="30"?> Leineweber Cuntz Helff bestimmt nach seinem Ableben als "Seelgerät" zwei Pilgerfahrten, nach Aachen und nach Compostela. 103 Die gleiche Sakralverbindung findet sich in einem Wismarer Testament aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Der dortige Bürger Thiedeke Bemewater bestimmt in seinem letzten Willen, daß alles, was nach Befriedigung der verschiedenen Ansprüche von seinem Vermögen übrig bliebe, zum Besten der Armen verwendet werden sollte, mit der Bedingniss, daß sie semper je einen Pilger zum heiligen Jakob und einen nach Aachen schicken sollten. 104 Im Jahr 1306 taucht auch die erste Notiz über einen Center Pilger auf, der sühnehalber nach Compostela zog. 105 Die Möglichkeit einer Pilgerfahrt "ex poenitentia" zu den bekannten Pilgerzielen wurde zunächst nur auf Kleriker angewandt, bis sie dann vor allem in den Niederlanden auch als Strafmaß für alle weltlichen Übeltäter eingesetzt wurde. Man betrachtete Strafpilgerfahrten als eine Art städtischer "Sozialhygiene". 106 Der GeldernerSchöffe Evert Worchem wurde z.B. 1462 zu einer Pilgerfahrt nach Compostela verurteilt. Hintergrund dieses 'politischen' Urteils waren schwere Vergehen gegen ein Grundrecht der Stadt Geldern, unabhängig vom jeweiligen Landesherrn die Schöffen ihres Gerichts selbst bestellen zu dürfen. 107 Ein Gerichtsprotokoll von 1428 aus Heidingsfeld bei Würzburg gibt uns Auskunft über einen Totschlag und dessen Sühnung. Der Täter erhielt die Auflage, ein steinernes Kreuz zu setzen, 20 Pfund Wachs für gottesdienstliche Zwecke für die Seelenruhe des Erschlagenen zu stiften, und ferner drei Sühnepilgerfahrten zu machen: nach Aachen, Einsiedeln und Santiago de Compostela. 108 Eine Gruppe für sich bilden die delegierten Pilger, die im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts zuerst im niederländischen Grenzgebiet Erwähnung finden. Von dort ausbürgerte sich das Verfahren auch in deutschsprachigen 103 Stadtarchiv Rothenburg B 299 fol. 198r. Vgl. PLöTZ, Santiago-peregrinatio (wie Anm. 8) S. 101. 104 Mecklenburgisches Urkundenbuch, Bd. 6, S. 264. Vgl. HÄBLER, Das Wallfahrtsbuch (wie Anm. 51) S. 34 f. 105 Vgl. E. VAN CAUWENBERGH, Les pelerinages expiatoires et judiciaires dans le droit communal de Ja Belgique au moyen age, Universite de Louvain, Recueil de travaux publies par ! es membres des conferences d'histoire et du philologie, 48• fascicule (Löwen 1922) S. 66 f. u. allgemein J. VAN HERWAARDEN, Opgelegde Bedevaarten, Een studie over de praktijk van opleggen van bedevaarten (met name in de stedelijke rechtspraak) in de Nederlanden gedurende de late middeleeuwen (ca. 1300-ca. 1550) (Van Gorcums Historische Bibliotheek nr. 95, Amsterdam 1978). 106 St. RUNCIMAN, The Pilgrimages to Palestine before 1095, in: K.M. SETION (Hg.), A History of the Crusades I (Madison-London 1969) S. 73. 107 Vgl. H. RECKMANN, Kampf um ein Grundrecht der Stadt Geldern, Neues Licht auf den Fall des Schöffen Evert Worchem (1460-1462), Geldrischer Heimatkalender 1971, S. 123- 129. 108 Vgl. P.J. )ÖRG, Der Heidingsfelder Sühnebildstock, Ein Beitrag zur fränkischen Rechtsgeschichte (Würzburg 1948) u. PLöTZ, Santiago-peregrinatio (wie Anm. 8) S. 100. 22 <?page no="31"?> Regionen ein. Als der Knappe Marquard von Westensee von Bürgern aus Lübeck erschlagen worden war, bestimmte das für die Aburteilung dieses Falles besonders gebildete Schiedsgericht im Jahr 1354, daß der Rat zu Lübeck unter anderen je einen Pilger nach Jerusalem, nach Rom, nach Santiago, nach Rocamadour und nach Aachen schicken solle. 109 Eine ähnliche Entscheidung wurde im Jahr 1355 in Bremen gefällt, wobei allerdings 1369 die Ablösung dieser delegierten Pilgerfahrt durch eine Kapellen- und Altarstiftung erfolgte. 110 Neben delegierten und verurteilten Pilgern, die bald zur normalen Verkehrserscheinung auf dem "camino de Santiago" zählten, zogen natürlich auch weiterhin alle schon erwähnten Kategorien von Pilgern zum Apostelgrab am Rand der damals bekannten Welt. Pilger einfacher Herkunft und geringen Standes waren u.a. zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Santiago de Compostela häufig anzutreffen. Zumindest dürfen wir das anhand der Belege der Bruderschaft der Geldwechsler annehmen, deren Rechnungsbücher zahlreiche Spenden meist materieller Art in Form von Fußbekleidungbelegen: Afia 1303: A un aleman XL V saldas en sus zapatas. - Das pares de zapatas para das alemanes LIV saldas. -A un aleman pobre V saldas, etc. erwähnen die Quellen. 111 Mit großer Wahrscheinlichkeit setzte auch Abt Heinrich von Hohenberg die Tradition der Fuldaer Abte fort und begab sich vermutlich im Frühsommer 1315 auf Pilgerfahrt nach Compostela. Nach seiner Rückkehr versah er den Hauptaltar der Jacobuskapelle, auf die ich unten noch zurückkehren möchte, mit einem Benefizium. 112 Ein schreckliches Schicksal war norddeutschen Pilgern beschieden. Der Schiffsmeister Tideman Sticker war mit verschiedenen preussischen und lübeckischen Gefährten im Jahr 1378 in Danzig aufgebrochen, um nach Compostela zu seglen, aus geschäftlichen wie aus frommen Gründen. Die Reisenden wurden auf ihrer Rückkehr in der Nähe von Kap Finisterre von englischen Freibeutern überfallen. Tideman Sticker wurde dabei am ärgsten mißhandelt. Nachdem ihn die Piraten niedergeschlagen hatten, schnitten sie ihm die Finger ab, um sich seiner Ringe zu bemächtigen und warfen 109 Codex diplomaticus Lebecense, Bd. 3, S. 200. Vgl. HÄBLER, Das Wallfahrtsbuch (wie Anm. 51) S. 30. Vgl. zu Lübeck W. MANTELS, Beiträge zur Lübisch-Hansischen Geschichte, Ausgewählte Historische Arbeiten (Jena 1881) S. 162-165, 174,348, 353-355. 110 Bremer Urkundenbuch, Bd. 3, Nr. 266 (28. Juni 1366), Nr. 376 (6. Dezember 1369) u. Nr. 429 (13. Dezember 1372). Vgl. HEYNE, (wie Anm. 101) S. 82. 111 V AzQUEZ DE PARGA, Peregrinaciones (wie Anm. 8) Bd. 1, S. 79, Anm. 30. 112 Zur Vita von Heinrich von Hohenberg, vgl. J.F. Sa-! ANNAT, Historia Fuldensis (wie Anm. 86) Cod. Prob., S. 234-239. Zum Gesamtgeschehen vgl. LEINWEBER, Die Santiago-Wallfahrt (wie Anm. 55) S. 138 f. 23 <?page no="32"?> ihn anschließend ins Wasser. Er und drei seiner Begleiter blieben tot zurück, die anderen retteten das nackte Leben. 113 Wie sehr Pilgerbrauchtum entlang des Jacobus-Weges zu europäischem Brauchtum wurde, läßt sich anhand des Hühner- oder Galgenmirakels belegen. In der Jacobus-Kirche an der Südseite der alten Stiftskirche in Fulda wird seit dem 14. Jahrhundert ein Altar "auff der Hünner Hort" genannt. Der Tradition nach soll ein Fuldaer Pilger ein lebendiges Exemplar oder ein oder mehrere Eier der berühmten weißen Hühner von Santo Domingo de la Calzada, das am Pilgerweg liegt, nach Fulda gebracht haben, damit sich die Pilger nach Compostela schon dort als Reisesegen die Federn der Hühner an den Hut stecken konnten, wie es heute wieder in Santo Domingo geschieht. 114 In diesem Zusammenhang ist auch noch das Beispiel des volksheiligen Pilgers von Baunach bei Bamberg, des sel. Überkorn (t 1440), erwähnenswert. Nach seiner Legende soll Überkorn in Compostela gewesen sein und nach seiner Rückkehr eine Kapelle gestiftet haben. In seiner letzten Bestimmung solle er angeordnet haben, daß man seinen Leichnam auf einen Wagen legen, seine beiden Pferde davorspannen und an der Stelle, wo diese stehen blieben eine Kapelle errichten und dort seinen Körper begraben solle. Überkorn wurde also in seiner Legende wie der Apostel Jacobus in der "translatio Sancti Jacobi" zur letzten Ruhestätte gebracht. 115 Gegen Ende des 14. und im 15. Jahrhundert erfuhr die "peregrinatio" nach Compostela wie auch die anderen internationalen Pilgerfahrten einen Strukturwandel, der im 16./ 17. Jahrhundert noch deutlicher in Erscheinung trat und mit der Aufklärung sein Ende fand. Mit Beginn der Neuzeit begegnet uns ein neuer Pilgertypus auf dem "camino de Santiago". Für ihn ist der fromme "motif" der mittelalterlichen Heilsfahrt nur Vorwand, um Gelegenheit zu haben, sich an ausländischen Höfen aufzuhalten, Länder mit fremden Sitten kennenzulernen, Handelsgeschäften nachzugehen oder seine Geschicklichkeit auf ritterlichen Turnieren zu beweisen. Bereits im Jahr 1387 gibt uns ein Geleitbrief für fünf buchonische Ritter und deren Gefährtinnen, den die Kanzlei von Arag6n ausgestellt hatte, Hinweise auf die neue Motivation: Die Aufgeführten wenden sich versus partes Castelle gracia peregrinacionis et ut patrie mores videant.11 6 113 Hanse-Recesse I, 3, 5. 106 u. 192, zit. bei HÄBLER, Das Wallfahrtsbuch (wie Anm. 51) 5. 35 f. 114 Vgl. LFJNWEBER, DieSantiago-Wallfahrt (wieAnm.55)S.152f. u. PLörz, "derhunlrhinder dem altar" (wie Anm. 66) S. 130 f. 115 Vgl. 0. MFJER, Überkorn, der volksheilige Pilger von Baunach, Eine Kultdeutung nach den Aufzeichnungen des Jesuiten J. Gamans, Fränkische Blätter 5 (1953) S. 97-104, u. PLärz, Santiago-Peregrinatio (wie Anm. 8) S. 99 f. 116 Archivo de la Corona de Arag6n, Barcelona, Reg. 1675 fol. 63v (für den 3. März 1387), ed. bei J. VINCKE, Geleitbriefe für deutsche Pilger in Spanien, in: G. ScHRFJBER, Wallfahrt und 24 <?page no="33"?> Als wohl eindrucksvollstes Beispiel für den höfischen Charakter mancher Pilgerfahrt des 15. Jahrhunderts wäre der berühmte "Paso Hrinroso" anzuführen, der 1434 an der Brücke des Ortes Orbigo in der Provinz Le6n stattfand. Der tapfere "caballero" Suero de Quinones forderte vom 10. Juli bis 9. August alle vorbeiziehenden Ritter, darunter auch Deutsche, zum Kampf um den Übergang auf. Insgesamt 166 Lanzen splitterten, bis sich jener Vorläufer des Don Quijote verletzt zurückziehen mußte. Nach seiner Genesung stattete er auf einer Pilgerfahrt zum Grab des hl. Jacobus dem Apostel seinen Dank ab. 117 Ein glücklicher Zufall sichert uns den Beleg für die Pilgerfahrt des Nürnberger Nicolaus Rummel, die er mit einem Freund 1408 oder 1409 unternahm. Der Empfehlungsbrief des Brügger Korrespondenten des Handelshauses Datini aus Prato an die Niederlassung der Firma in Barcelona legt der dortigen Geschäftsführung die gute Behandlung von Nicolaus Rummel und seines Freundes Goino di Bona ans Herz. Dabei wird auch auf den Zweck der Reise eingegangen: Eine "peregrinatio" nach Compostela und der Besuch verschiedener anderer Orte, was nur bedeuten kann, daß Rummel in Spanien auch geschäftliche Interessen wahrgenommen hat. 118 Mit Rummel treten nun auch aus Franken die Vertreter des wohlhabenden Bürgertums, vor allem aus Nürnberg, immer stärker in Erscheinung. Der Nürnberger Patrizier Peter Rieter reitet im Jahr 1428 mit Gefolge nach Compostela und verzehrt dritthalb hundert Dukaten. Auf dem Rückweg über Astorga besucht Rieter auch die spanischen Heiligtümer San Salvador in Oviedo, Virgen del Pilar in Zaragoza und Montserrat in Katalonien.11 9 1462 hält sich sein Sohn Sebald mit seinem Schwager Axel von Lichtenstein für einige Zeit in Compostela auf und läßt das von seinem Vater gestiftete Gemälde im Chor der Kathedrale erneuern und "den lieben herrn Jakob" neben den Bildern seiner Eltern, seiner Frau und seinem eigenen hinzumalen und ihre Wappen darüber anbringen, alss die erbarn pilgram pflegen ZU ffzon! 1 20 Volkstum in Geschichte und Leben (Forschungen zur Volkskunde 16/ 17, Düsseldorf 1934) s. 263. 117 Vgl. L6PEZ FERREIR0, Historia, Bd. 7 (wie Anm. 21) Anhang 15, S. 56-58, Bd. 8, S. 152 f. u. V AZQUFZ DE PARGA, Peregrinaciones (wie Anm. 8) Bd. 1, S. 93. 118 Vgl. K. GRUBER, Nicholaio Romolo da Noribergho, Ein Beitrag zur Nürnberger Handels-geschichte des 14./ 15. Jahrhunderts aus dem Archivo Datini in Prato (Toskana), Mitteilungen des Vereins für die Geschichte der Stadt Nürnberg 47 (1956) S. 416-425 u. PLörz, Santiago-peregrinatio (wie Anm. 8) S. 97. 119 Das Reisetagebuch der Familie Rieter, hg. v. R. RÖHRICHT u. H. MEISSNER (Bibliothek des litterarischen Vereins Stuttgart 168, Tübingen 1884) Text auf S. 9. Auch Peter Rieter nahm auf seiner Pilgerfahrt Geschäfte wahr. Eine Stadtrechnung von Freiburg (Schweiz) verzeichnet für 1428 Zahlungen für Salpeter. Vgl. WE.v. STROMER, Oberdeutsche Unternehmen im Handel mit der iberischen Halbinsel im 14. und 15. Jahrhundert, in: H. KELLEN- BENZ, Fremde Kaufleute auf der iberischen Halbinsel (Köln-Wien 1970) S. 165. 120 RöHRICHT, Das Reisetagebuch (wie oben) S. 12. 25 <?page no="34"?> Als Pilger im mittelalterlichen Sinn mag noch Wilhelm von Reval gelten, der im Jahr 1429 von der äußersten Grenze des deutschen Sprachgebietes zum Grab des hl. Jacobus aufbrach. Er hatte in höchster Seenot das Gelübde abgelegt, eine "peregrinatio" nach Rom und nach Compostela zu unternehmen, wenn sein Schiff glücklich den Bestimmungshafen erreichen würde. Seine Bitte war erhört worden, und Wilhelm ließ sich am Michaelistag von dem Revaler Diakon ein lateinisches Beglaubigungs- und Empfehlungsschreiben mitgeben auf seine weite Pilgerreise. 121 Im Jahr 1438 besucht der Klever Herzog Johann, Sohn Adolfs von Kleve und Marias von Burgund, myt allen sijnen guden mannen Compostela, wobei er unterwegs bei König Alfonso V. von Arag6n einkehrt. 122 Über die Reise Georgs von Ehingen existiert ein längerer Bericht, der von den Kämpfen des schwäbischen Ritters gegen die Mauren in Granada und später in Ceuta erzählt und auch dessen Besuch am Grab des hl. Jacobus erwähnt, ehe er verwundet die Rückreise nach Schwaben antritt. 123 Von 1465 bis 1467 unternahm der böhmische Edelmann Leo von Rozmithal, der Schwager des böhmischen Königs Georgs, eine "Ritter-, Hof- und Pilgerreise", in deren Verlauf er sich in fröhlicher Gesellschaft mehr mit Turnieren und Festen beschäftigte als mit dem Pilgergedanken. 124 Uns liegen zahlreiche Reiseberichte, darunter viele deutsche, aus jener Zeit vor, die einen intensiven Einblick in Zeitumstände, Denkweisen und Religionsausübung geben, die zu erfassen hier nicht möglich ist. Ich erwähne Namen wie Nopar II. Seigneur von Caumont, Bartolome Fontana, Felix Fabri, Arnold von Harff, Andrew Boorde, William Wey, Künig von Vach und Gillaime Manier, die alle auf ihre Weise auf die europäische Dimension des Weges und des Heiligtums in Compostela eingingen und insgesamt ein realistisches Bild des bedeutendsten Pilgerortes des europäischen Mittelalters geben. 125 Das Thema lautete: Deutsche Pilger bis zur Neuzeit. Darum soll am Schluß dieser Ausführungen die Reise des Nürnberger Arztes Hieronymus Münzer stehen, der noch dem Mittelalter verhaftet ist, aber 121 Liv.-Esth.u. Kurländisches Urkundenbuch VIII; S. 62, zit. bei HÄBLER, Das Wallfahrtsbuch (wie Anm. 51) S. 37. 122 R. ScH0LTEN (Hg.), Die Oevische Chronik des Gert van der Schueren (Kleve 1884) S. 147. Vgl. W. u. W. VAN HEUGTEN, Het Land van Kleef en Santiago de Compostela, Kalender für das Klever Land auf das Jahr 1988, Jg. 38 (1987) S. 157 f. 123 Vgl. E. KLUCKERT (Hg.), Georg von Ehingen, Höfling-Ritter-Landvogt, Tübinger Kataloge 28 (Tübingen 1986). 124 J.A. SCl-IMELLER (Hg.), Des böhmischen Herrn Leo's von Rozmithal Ritter, Hof- und Pilgerreise durch die Abendlande 1465-67 (Bibliothek des literarischen Vereins Stuttgart 7, Stuttgart 1844) S. 145-196; vgl. den Beitrag von M. STOLZ in diesem Band. 125 Vgl. V AZQUEZ DE PARGA, Peregrinaciones (wie Anm. 8) Bd. 1, S. 89-110 u. 201-245; MlECK, Les temoignages oculaires (wie Anm. 51) u. P.G. CAuca voNSAUCKEN, Reisen pelgrimsverhalen over Compostela, in: Santiago de Compostela, Ausstellungskatalog (Gent 1985) s. 173-181. 26 <?page no="35"?> trotzdem schon als Vertreter der Neuzeit gelten kann. 1494 brach Münzer mit drei sprachgewandten Freunden zu einer Reise nach Frankreich und Spanien auf, um der Pest zu entfliehen, von der Nürnberg damals bedroht wurde. Vom 17. September 1494 bis zum 9. Februar 1495 hielt sich die Reisegesellschaft auf der Pyrenäenhalbinsel auf. Von Anfang an schien es um nichts anderes zu gehen als alle sehenswerten Plätze, darunter viele Heiligtümer, zu besuchen. An den wichtigsten Stationen verweilte man nicht länger als einen oder zwei Tage. Barcelona, Granada, Sevilla, Toledo, Madrid und auch Compostela wurden in rascher Reihenfolge absolviert. Beim Besuch der Kathedrale in Compostela am 13. Dezember 1494 äußert er leichte Zweifel am Vorhandensein der Apostelreliquien: Corpus autem a nullo visum esset, ... non vidit, um aber dann ganz im mittelalterlichen Sinn eines gläubigen Pilgers zu erklären: Sola fide credimus, que salvat nos homines.126 126 L. PFANDL (Hg.), Itinerarium Hispanicum Hieronyrni Monetarii, 1494-1495, Revue Hispanique 48 (1920) S. 1-179, spez. S. 98. 27 <?page no="37"?> Der erste deutsche Pilgerführer: Hermann Künig von Vach KLAUS BERBERS Sumario: El libro de Hermann Künig de 1495 es la gufa mas completa para los peregrinos alemanes que iban a Santiago de Compostela. El autor no proviene -tal como se suponfa antes en la mayorfa de los casosde la regi6n de Estrasburgo, sino del Monasterio de Vacha, de Ja orden de los servitas, situado cerca de Fulda, en el centro de Alemania. El escueto texto se basa con seguridad en un propio viaje de peregrinaci6n de Künig y pretende, ante todo, dar informaciones practicas a los peregrinos alemanes que iban a Compostela por la ruta superior o por la inferior. Una comparaci6n con la gufa de peregrinos del Liber Sancti Jacobi del siglo XII muestra que Hermann Künig queria evitar antetodo rutas intransitables. El objetivo de la peregrinaci6n, Santiago, se presenta solamente de un modo escueto, y en total parece que la figura del ap6stol Santiago se retira en favor de la Virgen Maria. La peregrinaci6n no tenfa tanto por finalidad la visita de! sepulcro, sino antes bien la adquisici6n de "indulgencias romanas". El tono instructor y docente justifica la denominaci6n de "gufa de peregrinos" en contraste con los usuales "relatos de viajes" conservados en Alemania. 'Wenn jemand eine Reise thut, so kann er was erzählen", heißt es bei Matthias Claudius in "Urians Reise um die Welt". Auch unsere Vorfahren, die sich auf Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela begaben, hatten viel zu erzählen. Aber die mündlich weitergegebenen Geschichten über eine Pilgerfahrt mündeten nicht immer in einen schriftlichen Bericht. Die frühesten aus Deutschland überlieferten Reiseberichte von Fahrten nach Santiago de Compostela stammen aus dem 15. Jahrhundert und sind meist in der jeweiligen Volkssprache geschrieben. 1 Wenn im Titel dieses Beitrages der Ausdruck "Pilgerführer'' verwendet wird, so bedarf dies zunächst einer kurzen Erläuterung. Wer heute in eine Buchhandlung geht, einen Reiseführer verlangt und dann einen Reisebericht erhält, wird das Buch vielleicht schon bald enttäuscht aus der Hand legen. Aus Reiseberichten läßt sich eben nur bedingt Hilfe für die Planung und Gestaltung einer eigenen Reise gewinnen. In der Wissenschaft sind die Diskussionen darum, wie man die Pilgerberichte von den Pilgerführern 1 Vgl. die nahezu vollständige Zusammenstellung der schriftlichen Berichte über Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela: ILJA MIECK, Les temoignages oculaires du pelerinage a Saint-Jacques de Compostelle. Etude bibliographique (du XII• au XVIII• siede), Compostellanum 22 (1977), S. 3-32. Auszuschalten ist hier der Bericht über deutsche Kreuzritter von 1189 (S. 10). Vgl. neuerdings auch PADW G. CAUCCI VON SAUCKEN, La litterature de voyage et de pelerinage a Compostelle in: Santiago de Compostela. 1000 ans de pelerinage europeen (Ausstellungskatalog Gent 1985) S. 173-181. 29 <?page no="38"?> abgrenzen könne, noch in vollem Gange. Häufig entpuppen sich Werke, die als Pilgerführer bezeichnet werden, als ganz gewöhnliche Berichte und umgekehrt. 2 Wenn der vorliegende Sammelband unter das Thema: "Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte" gestellt ist, so geschieht dies sicher mit gutem Recht, denn viele der noch im weiteren behandelten Werke sind eigentlich Pilgerberichte. 3 Beide Formen, Pilgerführer und Pilgerbericht, hängen jedoch eng miteinander zusammen und sind oft nicht eindeutig voneinander zu scheiden. Pilgerführer beruhen sehr oft auf eigenen Erfahrungen, die im Text zuweilen berichtartig eingestreut zu einer verbindlichen Empfehlung wurden. Unbestrittenerweise gibt es natürlich auch Werke, die aus anderen (schriftlichen) Quellen schöpfen und dem literarisch verfügbaren Wissen ihrer Zeit verpflichtet sind. Die definitorischen Überlegungen können hier nicht weiter vertieft werden, für Hermann Künig möchte ich am Schluß noch einmal darauf zurückkommen, inwieweit sein Büchlein als der "erste deutsche Pilgerführer nach Santiago de Compostela" bezeichnet werden kann. Im folgenden geht es jedoch zunächst einmal darum, das Werk des Hermann Künig von Vach vorzustellen und unter verschiedenen Fragestellungen auszuwerten. Dabei möchte ich zunächst den Verfasser sowie die Entstehungsgeschichte und Überlieferung seines Werkes behandeln, um dann den Inhalt seines Büchleins in bezug auf die Wege, die vom Verfasser selbst gesetzten Schwerpunkte und die Konzeption der Pilgerfahrt in 2 Vgl. die definitorischen Überlegungen bei JEAN RICHARD, Les recits de voyages et de pelerinages (Typologie des sources du Moyen Age occidental 38, Turnhout 1981 ); DERS., Les re! ations de pelerinage au Moyen Age et ! es motivations de leurs auteurs, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen (München-Zürich 1984) S. 143-154. Vgl. auch allgemein die systematischen Überlegungen von DoNALD R. HOWARD, Writers and Pilgrims (Berkeley/ Los Angeles/ London 1980); KLAUS-DIETER SEEMANN, Die altrussische Wallfahrtsliteratur (München 1976), insbesondere S. 30-90 (mit Erarbeitung zahlreicher auch aus vergleichender Betrachtung gewonnener Kriterien) und den einführenden Beitrag von GERD TELLEN- BAG-f, Zur Frühgeschichte abendländischer Reisebeschreibungen, in: Historia integra, Festschrift für Erich Hassinger (Berlin 1977) S. 51-80. - MICHAEL HARBSMEIER, Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quelle, in: Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Aufgaben und Möglichkeiten der historischen Reiseforschung (Wolfenbütteler Forschungen 21, 1982) S. 1-31 plädiertfür eine Auswertung der Reiseliteratur unter dem Aspekt der Selbstdarstellung der Ausgangskultur. - Die weiteren theoretischen Überlegungen zur Reiseliteratur, z.B. von FRIEDERIKE HASSAUER, Faszination des Reisens und räumlicher ordo, in: Grundriß der romanischen Literaturen des Mittelalters Xl/ 1,1 (Heidelberg 1986) S. 259-283, die Anregungen von BLUMENBERG, ScHüTz/ LUCKMANN und RITINER weiter entwickeln, können hier nur bedingt berücksichtigt werden. Soweit sie für die Analyse des Textes von Hermann Künig ertragreich ! ! ind, soll dies in der in Anm. 4 angekündigten Neuausgabe nachgeholt werden. 3 Vgl. neben der Liste bei MIECK (wie Anm. 1) insbesondere die in diesem Band in den Aufsätzen von BECKERS, HoNEMANN, SroLZ und ZAENKER vorgestellten Werke. Die bei SEEMANN (wie Anm. 2) S. 90 vorgeschlagene Unterscheidung, Pilgerführer seien meist anonym, Pilgerberichte meist von genannten Autoren, trifft in unserem Fall nicht zu. 30 <?page no="39"?> \/ \ ·- ~" . ' fll.f · 1/ 1 / J ' ~ ' .Gff: N I ( ' V \ ~---- / . ; "\ l / Brüssel -"'f-...6 ') .,IJ" _ _: : ,( ,J ', Aachen\ / Ar \,.--. r·--/ ' Die Jakobswege nach dem Pilgerführer des Hermann Künig von Vach (Entwurf K. Berbers, Zeichnung A. Katz) ,( ras ( } ,i - ,_ - " ,4 a -~~~- ~ "'\,"' . l 1ens 1 --·"~/ \,\ ; ' - -f c" \ / __"} '"'\', ', - ·- ~"'r ,._" ~ '1/ 'J--- \ ERA,\KRJ! Clf ... ed 11'i'PARIS '\ ' ~ m er ,"'\. strasse" 1 - , • ·, '~-- Wege nach dem Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi Die "oberstrasse" des Hermann Künig Die "niederstrasse" des Hermann Künig und Varianten in Spanien Ce• - , \ ) ' ,-~~ \ \ -~ t • ' _ t ......... o----·••f--·""·<> VEZELAY l / Bourge\ Potllers ~ / _,~- ·"$ r • • ~ .: ~~_"/ · / \ '\ ~ : \ ' '/ f / \ 1 0 . ' ' ~ / Lunoges ) ; ~"'I, -C ' / I ~ 7-,: ...%_.7',\ IT4L! EN SANTIAGo.· ·G; · · .. ··.··.··.· .. ··.·.· .- .·f-0: c~'¼'~... ····· ... ···· ··········· .... . .. ·.···.' •• _..lrerigu~ux ~~ ; ; 2: 1, : '.~·~: r : -~~, 1 <=. ~~.: ,; -- OOM~fil ""! : --~ _ , ---'. -• •"'\ ~ ~ asse" aj)i: keJl - .,v,y" c.· ~ ' ~- -f'/ ' I ' ,- ~ , "; ; : 'µ"' ".., - • • ',. •~-'.'.f\w~ - ",o,; ~'•, ii/ ' , .-...; ,· -~- ¾' \ ; ~~~<~, '"-" jj. ; '~ La\ ,~'t».,.; =c ...... c ~ : t! ! ! { ' i < --···••· ,/ '•,. • _A; ,~' - ·, " ' "" - 1 . '> ~ , -' ·- / ··-·- -' -! _, ,- ~ ,..,., - - -· ~ -~ - . - ' -- - ~ --· - - - / - • • . • ... '·· .. •.fJf: _".• ,_., J~.~.,: ~e : ': : "'-: V . . ,; Q • "r,j,_/ / / ~ _/ ,.,.-••-·"-o,o; ö~ _,c-); ._ • V- - "~ • _y- ' .. • ' ' " ., - - ' , ; ,-- - - ·~ - " · - - .,.,_ " . __ ·- ·· - 4v-= i _/ --~ '----- • ,~•"··'•·• - -r _ 0. 1 ,. 'l'~J } ..... . . . "-ei! : --/ ' "• -~---·---- "· / -~"',. .. 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Glücklicherweise findet sich jedoch in einer der Ausgaben ein Schluß-Kolophon: Ich Hermannus künig ordens der mergenknecht Hab gedieht diß buchelyn recht Das dan heist sant Jacobs straß Got wolle mich nymmer gesterben laß Ich solt dan ewiglichen by im blieben Als man schryb M.CCCC. vnnd XCV ist eß geschryben Vff den tag der heyligen frawen sant Annen got wolle vns behuoten vor den ewigen banden Amen. 5 Hieraus erfahren wir nicht nur die Abfassungszeit des Textes, nämlich den Annatag (26. Juli) des Jahres 1495, sondern auch, daß Hermann Künig ein Mönch des Servitenordens war. Mergenknecht, d.h. Marienknecht, war die deutsche Bezeichnung für die Servitenmönche (servi beatae Mariae), ein Orden, der in der Mitte des 13. Jahrhunderts in Italien entstanden war. 6 KONRAD HÄBLER, der 1899 das Büchlein des Hermann Künig in Facsimile- Ausgabe herausgab, hat beide Informationen (Ort sowie Ordenszugehörigkeit) noch nicht miteinander verknüpft; er suchte nach dem Ort Vach und fand lediglich einige unbedeutende Ortschaften dieses Namens in Oberdeutschland. Es ist das Verdienst von W ALDEMAR KDTHER, darauf hingewie- 4 Ich zitiere im folgenden nach der Ausgabe von KONRAD HÄBLER, Das Wallfahrtsbuch des Hermannus Künig von Vach und die Pilgerreisen der Deutschen nach Santiago de Compostela (Straßburg 1899), der nach S. 88 ein unpaginiertes Facsimile der Druckausgabe von 1495 bietet. Zur besseren Auffindung der Zitate habe ich die Verse durchgezählt und gebe im folgenden die Nr. des Verses an. Eine Neuausgabe des Büchleins mit Einleitung und Analyse wird von Robert Plötz und Klaus Herbers vorbereitet. Deshalb wird im folgenden vieles nur angedeutet. Zur Einordnung des Büchleins in den Gesamtzusammenhang der deutschen Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela vgl. auch KLAUS HERBERS, Deutschland und der Kult des heiligen Jakobus, in: YVEs BoTIINEAU, Der Weg der Jakobspilger (Bergisch-Gladbach 1987) S. 252-273, bes. S. 256 ff.; vgl. auch dort die Literaturhinweise auf s. 270 ff. 5 Künig (wie Anm. 4) Vers 638-646. 6 Der Orden wurde 1233 gegründet und endgültig 1304 bestätigt, vgl. ALES.SIO MARIA Rossr, Manuale di storia de! l' ordine dei servi di Maria (Rom 1956), bes. S. 7-37. 32 <?page no="41"?> sen zu haben, daß das Servitenkloster in Vacha an der Werra, nordöstlich von Fulda, wohl die geistliche Heimat unseres Autors gewesen sein muß. 7 KD1HER, der den Quellenbestand zum Kloster Vacha durchmustert hat, kann die Sippe Künig (König) in Vacha mehrfach nachweisen 8 und auch Hermann Künig selbst in zwei Quellen zur Klostergeschichte von 1479 und 1486 namhaft machen. Gemäß einer Urkunde von 1479 war Hermann Künig Terminierer des Klosters Vacha. 9 Er war also einer der Klosterbrüder, die an bestimmten Orten Almosen für den Orden erbitten durften. Der zweite Beleg von 1486 10 weist Hermann als Frater sacerdos aus, der jedoch zur Ausstellungszeit der Urkunde vom Kloster abwesend war. Diese Abwesenheit könnte mit seinen Aufgaben als Terminierer zusammenhängen, jedoch auch mit seiner Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela. Wenn auch beide Annahmen Vermutung bleiben müssen, so scheint Hermann Künig wohl zwischen 1486 und 1495 eine Pilgerfahrt nach Compostela gemacht zu haben, denn der Druck des Büchleins stammt von 1495. Da Hermann Künig nach 1495 nicht mehr in den Dokumenten des Klosters Vacha nachweisbar ist, der erste Druck des Pilgerbüchleins im Haus von M. Hupfuff in Straßburg erschien, wäre es denkbar, daß Künig in einem oberdeutschen Servitenkloster eine neue Heimat fand.11 Viel mehr wissen wir über das Leben unseres Autors nicht; es ist allerdings wahrscheinlich, daß Hermann Künig auch an einer Universität studierte, obwohl er in den verschiedensten Matrikeln der Universitäten nicht eindeutig nachweisbar ist.12 Ein Argument zugunsten von HÄBLER ist lediglich noch zu prüfen; er glaubte, die Sprache des Textes entspreche am ehesten einem oberdeutschen Dialekt aus der Gegend von Straßburg. Dieser Punkt wurde jedoch bereits 1922 von A. GöRK widerlegt, der als Gebiet des Dialektes sogar die Vächer Gegend nachweisen konnte. 13 Trotzdem bleibt-wie bei allen Früh- 7 W ALDEMAR KÜ1HER, Vacha und sein Servitenkloster im Mittelalter (Mitteldeutsche Forschungen 64, Köln-Wien 1971), S. 148-153; übernommen hat die Ergebnisse VOLKER HONEMANN, Hermann Künig, in: Verfasserlexikon V (1984) Sp. 437 f. 8 KOTHER (wie Anm. 7) S. 152 mit Anm. 8. 9 Regest der Urkunde vom 14. September 1479 bei KÜTHER (wie Anm. 7) S. 257 Nr. 108. 10 Regest des Visitationsberichtesvom21.Juli 1486ebenda S.261 Nr. 118; Druck: AUGUSTINO MORINI und PEREGRINO SoULIER, Monumenta ordinis servorum Beatae Virginis, Bd. 1 (Brüssel 1897) S. 128-143, besonders S. 137 f. 11 KürnER (wie Anm. 7) S. 153 mit Hinweis auf die bisher negativen Ergebnisse, Hermann Künig in den Klöstern Schönthal bei Basel, Germersheim am Rhein und Schornsheim in Rheinhessen aufgrund der gedruckt vorliegenden Quellen nachzuweisen. 12 Ebenda S. 152 f. 13 Ebenda S. 151 mit Anm. 82. Ein ausführlicher sprachlicher Vergleich mit anderen Druckfassungen ist so lange nicht möglich, bis nicht alle Drucke (vgl. Anm. 16) wieder zugänglich sind. 33 <?page no="42"?> drucken ein Rest an Unsicherheit, da ja oftmals auch die Drucker sprachliche Eigenheiten ihrer Gegend in den Text einfließen lassen konnten. 14 Bekannt ist das Büchlein in fünf Druckausgaben: 1. die 1495 bei Matthias Hupfuff in Straßburg gedruckte Ausgabe; 2. eine weitere Straßburger Ausgabe; 3. eine undatierte Nürnberger Ausgabe; 4. eine weitere Nürnberger Ausgabe bei Jobst Gutknecht von 1520 sowie 5. eine Leipziger Ausgabe von 1521.1 5 Den ältesten dieser Drucke legte Konrad HÄBLER 1899 seinem Fac-simile zugrunde. 16 Unsicher ist, ob eine 1516 in Braunschweig gedruckte niederdeutsche Version eine Übersetzung bzw. Bearbeitung unseres Büchleins ist.17 Angesichts der Tatsache, daß jeweils nur höchstens ein Exemplar der fünf bzw. sechs Druckausgaben nachweisbar ist, bleiben Vermutungen über die Verbreitung des Buches schwierig. Jedoch darf man wohl bei den Frühdrucken dieser Zeit eine Auflage zwischen 100 und 1000 Exemplaren annehmen. 18 Weitere, heute verlorene Drucke sind nicht unwahrscheinlich, so daß unser Büchlein in Vergleich mit anderen, handschriftlich überlieferten Pilgerführern oder -berichten eine respektableVerbreitung erlangt haben dürfte. Vier der zitierten Ausgaben sind durch Holzschnitte geschmückt, deren Unterschiede von Interesse sind. 19 Zeigen die beiden Holzschnitte zu der undatierten Straßburger Ausgabe und zum Leipziger Druck Pilger unterwegs, so finden sich in den beiden anderen Drucken Jakobusdarstellungen. Entsprechend ist auch der Titel leicht variiert. Im ersten Fall stehen die "Meilen", das heißt die praktischen Angaben, im Vordergrund, im zweiten Fall klingt eine eher innerliche Sicht der Pilgerfahrt zumindest an. Die Nürnberger Ausgabe zeigt einen Pilger in betender knieender Haltung vor dem hl. Jakobus; bemerkenswert ist hier die Pilgerin: ein Hinweis 14 Laut Auskunft von Germanisten enthält der Text sowohl mitteldeutsche als auch oberdeutsche Elemente, so daß ein endgültiges Urteil einer genauen sprachlichen Analyse vorbehalten bleiben muß. 15 HÄBLER (wie Anm. 4) S. 59 und HONEMANN (wie Anm. 7). 16 Nach meinen bisherigen Nachforschungen befindet sich die älteste Ausgabe in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin (West); zwei der weiteren Ausgaben wurden im 2. Weltkrieg von Berlin nach Krakau ausgelagert; vgl. hierzu die in Anm. 4 angekündigte Neuausgabe. Zum ältesten Berliner Exemplar vgl. auch ROBERT PLÖTZ im Ausstellungskatalog Gent (wie Anm. 1) S. 283 Nr. 149. 17 Das Büchlein existiert heute wohl nicht mehr; Fernleihbestellungen blieben bisher erfolglos, vgl. auch VOLKER HoNEMANN, Helmich, in: Verfasserlexikon III (1981) S. 975 f. 18 Zu d~n technisch möglichen Auflagenhöhen früher Drucke vgl. FRITZ FUNKE, Buchkunde. Ein Uberblick über die Geschichte des Buch- und Schriftwesens (Leipzig 2 1963) S. 98; demnach druckten Gutenbergs unmittelbare Nachfolger bis zu 250-300 Drucke; "erst nach 1480 stiegen die Auflagen bis zu 1000". 19 Vgl. Abb. 1-4. 34 <?page no="43"?> Abb. 1: Titelblatt der Ausgabe Straßburg 1495 Abb. 3: Titelblatt der "undatierten" Nürnberger Ausgabe ßte ftraf3 nno meilen )n (ant JACOb -ofhmb ". war' ~tlf ga.113 erfArw fin~fln inb1fm1Bu~m. Abb. 2: Titelblatt der Ausgabe Straßburg s. a. Abb. 4: Titelblatt der Ausgabe Leipzig 1521 <?page no="44"?> darauf, daß oft auch Frauen im Spätmittelalter eine "peregrinatio" unternahmen. 20 Das Bild der Straßburger Ausgabe von 1495 ist besonders schwer zu deuten: Jakobus befindet sich auf einem Dach (Tempel-) mit muschelbesetztem Stab und ist von zwei Pflanzen umrahmt, deren Abschluß mit Sternen verziert ist. Man fühlt sich an die berühmten Darstellungen des hl. Jakobus in Toulouse und in Compostela erinnert, die den Heiligen zwischen zwei Zypressen zeigen. 21 Der Text des Büchleins besteht aus ca. 640 Zeilen in Paarreimen (meist Vierhebern) und ist insgesamt in einer äußerst kargen und anspruchslosen Sprache verfaßt. Er listet wohl nur diejenigen Informationen auf, die nötig waren, um eine Pilgerfahrt nach Santiago durchzuführen. Die Reime sollten vielleicht helfen, den Text zu memorieren. Gegliedert ist der Text in zwei große Abschnitte, den Hinweg von Einsiedeln über Genf, das Rhönetal, Roncesvalles und den "Camino frances", die "Oberstraße", und den Rückweg über Bayonne, Tours bis nach Metz bzw. Aachen, die "Niederstraße". Seine Informationen gewann Künig mit ziemlicher Sicherheit aus eigener Erfahrung und Anschauung, wie noch genauer zu zeigen ist. Dies beweisen vor allem die verschiedenen Einzelheiten, die er in seinen Text einflicht. So erwähnt Hermann Künig Wirte namentlich und beschreibt äußerst detailliert verschiedene wichtige Wegkreuzungen. Wie es in seiner Einleitung heißt, ging es dem Autor vor allem um eine Anleitung, wie eine Pilgerfahrt ohne gefährliche Abenteuer möglichst sicher durchzuführen sei: er warnt vor schlechten Wirten oder empfiehlt bei zwei Wegvarianten den ungefährlicheren Weg, so z.B.: By dem spital ghe uff die lyneken hant ist myn rat, oder: Wiltü aber uber die kleyn heyden ghen des ich nit rat. 22 Dieses "praktische" Anliegen bedingte es auch, daß Hermann Künig sich in seiner Beschreibung des Weges mehr als andere Pilgerführer oder Pilgerberichte an den geographisch-topographischen Gegebenheiten orientierte. 23 Deshalb ist es nötig, den von Hermann Künig beschriebenen Wegverlauf etwas genauer nachzuvollziehen. 20 Möglicherweise handelt es sich bei diesem Bild um die Darstellung einer Szene aus dem Hühnermirakel; die Eltern bitten den Heiligen für den gehängten Sohn; vgl. hierzu allgemein Anm. 61. Zu einer Bestimmung des weiblichen Anteils an den Pilgerfahrten vgl. die Bemerkungen von LUDWIG ScHMUGGE, Die Pilger, in: Unterwegssein im Spätmittelalter (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 1, 1985) S. 11-47, der S. 17 mit Anm. 2 aufgrund der Mirakelberichte etwa ein Viertel bis ein Drittel der Pilger des 12. Jahrhunderts als Frauen und Kinder bezeichnet. 21 Vgl. zu Toulouse ROBERT PLörz, Imago beati Iacobi. Beiträge zur Ikonographie des hl. Jacobus Maior im Hochmittelalter, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen (München 1984) S. 248-264, S. 251 mit Anm. 41 und 55 und die dort zitierte Literatur. 22 Künig (wie Anm. 4) Vers 534 und 553. 23 Im folgenden kann der Pilgerführer nur andeutungsweise interpretiert werden; verwiesen sei auf die in Anm. 4 angekündigte Neuausgabe. 36 <?page no="45"?> II Ausgangspunkt sind dabei die Wegstrecken aus dem bekannten Pilgerführer im Liber Sancti Jacobi (1140-1150), den wahrscheinlich ein Kleriker namens Aimeric Picaud zusammengestellt hat. 24 Seine berühmten "vier Wege" sowie seine Beschreibung des "camino frances" in Spanien dienen hier als grober Vergleichsmaßstab 25 , wenn auch Hermann Künig seinen Bericht nicht in Frankreich, sondern in Einsiedeln mit der sogenannten "Oberstraße" beginnen läßt. 26 Von Einsiedeln führte der Weg über Luzern nach Bern; unsicher ist, auf welchem Weg. Künig erzählt kurz die "Pilatussage" und rät dem Leser dann, diesen Berg rechts liegen zu lassen; wahrscheinlich ist dies jedoch ein Irrtum des Autors. 27 Weiter ging es über Genf bis nach Valence im Rhönetal. In Genf empfiehlt Künig, bei einem deutschen Wirt einzukehren. Die Lage des Hauses wird detailliert beschrieben. 28 Danach sollten die Pilger dem Lauf der Rhone bis Pont St-Esprit folgen, dann das Tal verlassen und über Uzes nach Nimes ziehen. Zuvor stieg man jedoch bergan: der wegk ist hart und vol steyn 2 9, meint der besorgte Autor. Im Rhönedelta erwähnt Künig neben Nimes auch Aigues Mortes, den berühmten Kreuzfahrerhafen, dann nennt er als weitere Etappenorte Montpellier, Beziers, Carcassonne, Toulouse und schließlich Auch, bis der Pilger die Höhe der Pyrenäen und auch 24 Zum Liber Sancti Jacobi und seinem fünften Buch vgl. KLAUS HERBERS, Der Jakobuskult des 12. Jahrhunderts und der Liber Sancti Jacobi (Historische Forschungen 7, Wiesbaden 1984). Die lateinisch-französische Edition des fünften Buches stammt von JEANNE VIEL- LIARD, Le Guide du pelerin de Saint-Jacques de Compostelle (Macön, 5. Auflage 1981); deutsche Übersetzung des lateinischen Textes von KLAUS HERBERS, Der Jakobsweg. Mit einem mittelalterlichen Pilgerführer unterwegs nach Santiago de Compostela (Tübingen, 2. Auflage 1986). Dort ist auch weitere, jüngste Literatur (insbesondere von MANDEL C. DfAZ Y DfAZ und JAN VAN HERWAARDEN) zitiert. Zur Überlieferung vgl. zuletzt: MANDEL C. DiAZ Y DiAZ, El texto y la tradici6n textual del Calixtino, in: Pistoia e il Cammino di Santiago. Una dimensione europea nella Toscana medioevale, hg. von LucIA GAI, Perugia [1987], S. 23-55). 25 Vgl. hierzu die Karte (S. 31) sowie die detaillierte Beschreibung des spanischen Wegabschnittes in dem fortlaufend heranzuziehenden 2. Band des Standardwerkes: Lms VAz- QUEZ DE PARGA/ JOSE MARIA LAcARRA/ JUAN URiA Rfu, Las peregrinaciones a Santiago de Compostela (Madrid 1949). 26 Künig (wie Anm. 4) Vers 30: Da kompstü dan uff die ober straß. 27 Zur Pilatussage (bei Künig [wie Anm. 4] Vers 51-65) vgl. P(ETER) X(AVER) WEBER, Der Pilatus und seine Geschichte (Luzern 1913) S. 33-59 und KUNo MÜLLER, Die Luzerner Sagen (Luzern 1942). Für Hinweise zur Pilatussage danke ich W. Göttler, Luzern. - Die Frage, woher Künig die Sage gekannt haben könnte, ist nicht eindeutig zu beantworten; im Text heißt es: als ich von vyl gelerten hab gehoert. Einige Elemente sind identisch mit der Fassung der Sage, die Jacobus von Varazze (V oragine) in seine Legenda aurea aufgenommen hat (ed. Tu. GRAESSE, (3. Auflage 1890, Nachdruck Osnabrück 1965) S. 233-235, dt. von RICHARD BENZ (Heidelberg 10. Auflage 1984, S. 270-272). Zu der wohl irrigen Bemerkung, den Pilatus rechts liegen zu lassen (Vers 54) vgl. unten S. 39. 28 Künig (wie Anm. 4) Vers 94-102. 29 Ebenda Vers 183. 37 <?page no="46"?> Roncesvalles erreichte. Der anschließend detailliert beschriebene spanische Wegabschnitt ist bis Astorga mit dem Itinerar aus dem 12. Jahrhundert identisch. Dann folgen jedoch zwei interessante Abweichungen: Künig kennt zwar den Weg über den Rabanal, aber er warnt seine Leser Huotte dich vor der Rabenel ist myn rat, dafür will er die Pilger weiter nördlich führen: denn da findestü als eyn dorff am andern und hast guot und sycher wandern. 30 Auch den Cebrero-Paß solle man nicht ansteigen, sondern ihn links liegen lassen, um über Lugo nach Compostela zu gelangen. Auf dem Rückweg3 1 empfiehlt Künig von Burgos bzw. von Pamplona eine weiter nördlich liegende Strecke über den sogenannten "Portenberg" nach Bayonne oder über den bislang nicht identifizierten S. Nikolauspaß oder aber über einen Weg, der im Pamplona nach Norden abbiegt. 32 Um die "Landes" zu durchqueren, gibt Künig den Weg durch die "Kleine" oder die "Große Heide" zur Auswahl an, wobei ihm die letztere Variante besser erscheint. 33 Insgesamt hält Künig diese Gegend für besonders gefährlich; es gibt wenig Hospize, die Leute sind der Hilfe überdrüssig und man findet deshalb die Gräber vieler Pilger. Der weitere Weg über Bordeaux, Saintes, Tours folgt der Via Turonensis des Pilgerführers aus dem 12. Jahrhundert. Von Tours könne man dann über das Westerich (= Lothringen) in deutsche Lande nach Metz gelangen oder aber über Blois und Orleans, nach Paris gehen. Nach einem Besuch in St-Denis führt Künig den Pilger über Amiens, Arras, Bergen im Hennegau, Brüssel und Maastricht schließlich bis nach Aachen. 34 nr Einige Passagen des Weges bedürfen der kurzen Erläuterung und vor allem gilt es, die Gründe für die Abweichungen gegenüber der im 12. Jahrhundert von Aimcric Picaud beschriebenen Route zu ermitteln. 35 Hermann Künig scheint zwar fast meist zuverlässig und detailliert zu berichten, jedoch 30 Ebenda Vers 476 und 480 f. 31 Vgl. die Karte S. 31. 32 Künig (wie Anm. 4) Vers 522-536. 33 Wiltü aber uber die kleyn heyden ghen des ich nit rat, Künig (wie Anm. 4) Vers 553. 34 Künig (wie Anm. 4) Vers 559-626. Zu dieser Route vgl. ANDRE GEORGES, Le pelerinage a Compostelle en Belgique et Je nord de Ja France, suivi d'une etude sur l'iconographie de St-Jacques en Belgique (Academie Royale de Belgique, Gasse des Beaux Arts, Memoires, 2• serie, 13, Brüssel 1971) S. 176. 35 Vgl. zu den folgenden topographischen Überlegungen fortlaufend den Aufsatz von GERHARD HARD, "Is Jeigen fünff Perg in Welschen Landl". Eine Topographie der Pilgerwege von Deutschland nach Santiago in Spanien aus dem 15. Jahrhundert, Erdkunde 19 (1965) S. 314-325 sowie Drnrz-RODIGER MOSER, Die Pilgerlieder der Wallfahrt nach San tia- 38 <?page no="47"?> finden sich zuweilen einige kleine Irrtümer. So erscheint es zumindest fraglich, ob die Pilger wirklich von Luzern über den Brünigpaß nach Bern zogen. Wie es im Text heißt, solle der Pilger den Pilatus auf der rechten Hand liegen lassen, doch die Entfernung von Luzern bis Bern gibt Künig rni t sieben Meilen an. 36 Selbst wenn man die Meile großzügig mit etwa 8 km rechnet, so ist diese Angabe für die Distanz von Luzern nach Bern ohnehin knapp bemessen. 37 Im Rhönetal, das Künig bei Valence erreicht, scheint er nur den Weg nach Süden zu kennen. Die Variante über Le Puy, der Weg, den laut dem Pilgerführer von Aimeric Picaud vor allem die Burgunder und Deutschen einschlugen 38, erwähnt Künig mit keiner Silbe. Die zahlreichen Kult- und Devotionsstätten, die dort auf den frommen Pilger warteten, kennt Künig entweder gar nicht oder ihr Besuch scheint nicht die Mühen aufzuwiegen, die diese Strecke den Pilgern zweifellos bereitete. Auch im Rhönedelta setzt Künigdeutlich andere Akzente als Aimeric Picaud: er empfiehlt den Besuch von Aigues Mortes und Montpellier. St-Gilles und Arles, die für Aimeric so wichtige Orte waren, interessieren ihn nicht. Der Weg ging weiter über Beziers, Carcassonne und Toulouse, dann durch das Armagnac bis nach Roncesvalles; an diesen Stellen wird der Verfasser zuweilen ein wenig ungenau, wie man erkennt, wenn man den Text des Arnold von Harff vergleicht. 39 Interessant ist, daß Künig als Pyrenäenübergang von diesem Weg aus nicht den Somportpaß wählt, sondern die Strecke über den Cisapaß und Roncesvalles. Offensichtlich war der Somport im 14./ 15. Jahrhundert nicht mehr gefragt, das Hospiz Santa Cristina verfiel im 14. Jahrhundert und verschwand im 16. Jahrhundert völlig. 40 Roncesvalles wurde gegenüber dem Somport zwar schon seit dem 12. Jahrhundert bevorzugt, jedoch verstärkte sich diese Tendenz im 14. Jahrhundert und findet sich auch in weiteren Itinerarien der Zeit. Sie ist allerdings nicht nur dadurch erklärbar, daß die Karlslegende, die sich in Roncesvalles konkret go, in: Musikalische Volkskunst-aktuell. Festschrift für Ernst Klusen zum 75. Geburtstag, hg. von GÜN1HER NüLL UND MARIANNE BRÖCKER (Bonn 1984) S. 321-352, besonders S. 332- 335. 36 Künig (wie Anm. 4) Vers 54 und 66. 37 Es sei jedoch schon hier betont, daß die Meilenangaben in Künigs Text zwar meist gerundet, aber im allgemeinen zuverlässig sind, vgl. auch unten. 38 Lateinisch: VIELLIARD (wie Anm. 24) 5. 48, deutsch: HERBERS, Jakobsweg (wie Anm. 24) S. 115. 39 Vgl. Arnold von Harff, ed. E. VON GRCX)TE, Die Pilgerfahrt des Ritters Arnold von Harff von Cöln durch Italien, Syrien, Aegypten, Arabien, Aethiopien, Nubien ... Nach den ältesten Handschriften und mit deren 47 Bildern im Holzschnitte (Köln 1860), S. 225 f.; vgl. zu Arnold den Beitrag von HAR1MUT BECKERS in diesem Band. 40 Vgl. VAZQUEZ/ LAcARRA/ URfA (wie Anm. 25) II S. 30f. sowie HARD (wie Anm. 35) S. 320 und die bei HERBERS, Jakobsweg (wie Anm. 24) S. 88 Anm. 10 und S. 90 Anm. 25 angegebene Literatur. 39 <?page no="48"?> manifestierte 41 , zunehmend an Anziehungskraft gewann, sondern wohl auch durch die kürzere Wegstrecke und die geringere Paßhöhe 42 . Zudem entfiel die Notwendigkeit, Aragonien und Navarra zu durchqueren; unter dem Aspekt der "Pilgerpraxis" bedeutete dies eine Erleichterung. 43 Der Weg bis Le6n entspricht bei Künig dem "camino frances"; in Le6n verweist unser Autor auf die Möglichkeit, nach Norden abzuschwenken und über die St. Salvatorkirche in Oviedo, die frühere heimliche Konkurrentin von Compostela, nach Santiago zu gelangen. 44 Die weiteren Varianten scheinen besonders aufschlußreich. Nachdem der Pilger in Astorga angelangt war, soll er, wie Künig warnt, den Rabanal meiden, denn so brauche er keinen Berg anzusteigen. Zudem finde er nördlich davon ein darf! am andern und habe guot folck und sycher wandern. 45 Auch den Cebrero-Paß, den Künig "Allefaber" nennt, will er dem Pilger durch einen Umweg über Lugo ersparen 46, Auf dem Rückweg hält Hermann Künig einen weiteren Paß für umgehbar. Statt über den auf dem Hinweg benutzten Paß von Roncesvalles zurückzukehren, solle der Pilger nach Nordosten der Küste zustreben. Dort geht es über den "Portenberg", der auf spanisch "Puerto de San Adrian" heißt, wo ein etwa 70 Meter langer Naturtunnel den Felsen durchstößt. So wurden die physischen Anstrengungen des Pilgers zwar gemindert, allerdings wuchsen auch wie Künig freilich unerwähnt läßt die Gefahren durch Wegelagerer und Steinschlag. 47 Die Varianten auf dem Weg durch die französischen "Landes" begründet Künig mit der mangelnden Hilfsbereitschaft der dortigen Leute sowie mit den dort fehlenden Hospizen. Schließlich macht Künig nördlich von Paris gegenüber der Wegbeschreibung des Arnold von Harff einen Umweg über Amiens und Arras: Sucht man nach Gründen für diese Varianten, so zeigt sich, daß Künig vornehmlich die praktischen Schwierigkeiten der Pilgerfahrt mindern will. 41 So HARD (wie Anm. 35) S. 320 mit Bezug auf ELIE LAMBERT. Zur Karlslegende und Roncesvalles vgl. BARIDN SHOLOD, Charlemagne in Spain. The Cultural Legacy of Roncesvalles (Genf 1966); HERBERS, Jakobuskult (wie Anm. 24) S. 125 ff. sowie den Beitrag von HANS- WILHELM KLEIN in diesem Band. 42 Vgl. auch unten Anm. 49 zu der Tendenz, im Spätmittelalter die Überquerung der Pyrenäen ganz zu vermeiden. 43 Hermann Künig erwähnt immer wieder die Stellen, an denen Zollzahlungen geleistet werden und Geld gewechselt werden soll, vgl. z.B. Vers 81,310, 364 f. 44 Vgl. hierzu VAzQUEZ/ LACARRA/ URfA (wie Anm. 25) II S. 457-496 und S. 549-592 sowie VICENTE JosE G.GARciA, Sancta Ovetensis I-IV (Oviedo 1963-1965). 45 Künig (wie Anm. 4) Vers 480 f. 46 Ebenda Vers 492. 47 Ebenda Vers 525 f. Vgl. die Darstellung von G. BRAUN/ F. HOGENBERG, Civitates orbis terrarum in aes incisa ... descriptione topographica, morali et polita illustratae V (Köln 1618) fol. 18, beschrieben von ROBERT Pr.öJZ, in: Ausstellungskatalog Gent (wie Anm. 1) S. 281 Nr. 142. 40 <?page no="49"?> Vor allem Berg- und Paßüberquerungen lassen ihn nach weiteren Möglichkeiten suchen. Interessanterweise erhielten alle diese Berge deutsche Namen, die wir auch aus anderen deutschen Quellen kennen. Bei Künig sind der "Allefaber", d.h. der Cebrero, und der "Portenberg" mit dieser speziell deutschen Terminologie belegt. Ein Pilgerlied, das in Handschriften aus dem ausgehenden 15. und 16. Jahrhundert überliefert ist, und auf das ich auch später noch kurz zurückkommen möchte, verzeichnet fünf Berge im Welschen Land in drei eigenen Strophen. 48 Die erste dieser Strophe beginnt mit den Worten: es liegen fünff perg in welschen landt. Der bei Künig genannte "Allefaber", zuweilen heißt er auch "Mallefaber", erhielt seinen Namen merkwürdigerweise von dem kleinen Ort La Fava vor dem Cebrero, und der "Portenberg" in Navarra hieß wohl so, weil das spanische "Puerto" mit dem deutschen Lehnwort für "Porta", das heißt Tür, Pforte übersetzt wurde. Hermann Künig hat überhaupt einige der regelmäßig genannten Ortsnamen "verdeutscht" und gibt nur gelegentlich, wohl dann, wenn ihn die Erinnerung nicht im Stich ließ, oder wenn er weitere Worte für seinen Reim benötigte, den "welschen" Namen. Für den spanischen Wegabschnitt zeigt der Bericht jedoch ein Weiteres: die Küstenstrecke von Bayonne nach Burgos scheint, wie wir auch aus weiteren Zeugnissen wissen, im 15. Jahrhundert der klassischen Strecke über Roncesvalles ebenbürtig geworden zu sein. 49 Auch die Variante des Weges über Oviedo nach Santiago wurde sicher häufiger von Pilgern eingeschlagen als gemeinhin angenommen. 50 Insgesamt kann man unserem Verfasser ein für seine Zeit ausgesprochen gutes und detailliertes topographisches Wissen bescheinigen, das er sich wohl weniger angelesen, sondern aus eigener Erfahrung gewonnen haben dürfte. Dabei ist allerdings einschränkend hinzuzufügen, daß Künig wohl kaum alle Varianten seines Weges selbst gegangen ist. Vor allem bei der Beschreibung des Rückweges bleibt er zuweilen recht summarisch und gibt mit seinen Angaben einige Rätsel auf. So schreibt Künig zu den verschiedenen Möglichkeiten ab dem spanischen Ort Burgos: Wiltu aber zu sant Niclaß porten zugan So magstu den wegk lassen anstan Und magst ghen zu der rechten hant Dan komestu gen Straßburg zu hant. 51 48 HARD (wie Anm. 35~ Edition des Textes 5. 318, Strophe 10-12. 49 Vgl. hierzu V AzQUEZ/ LAcARRA/ URfA (wie Anm. 25) II 5. 435-456. 50 Vgl. Anm. 44. 51 Künig (wie Anm. 4) Vers 527-530. 41 <?page no="50"?> Sollte unser Verfasser vielleicht selbst auf einem direkten Weg nach Straßburg, dem ersten Druckort seines Büchleins, gelangt sein? Jedoch betreffen diese Einschränkungen zu einzelnen Abschnitten nicht den insgesamt zuverlässigen Charakter des Bändchens. Die geographischtopographische Genauigkeit, die präzisen Streckenangaben in Meilen, die mit etwa sechs Kilometern gleichzusetzen sind, dürften die Nützlichkeit des Werkes ausgemacht haben. Damit war auch der Grundstein für den Erfolg des Buches gelegt. 52 Zu diesem Aspekt gehören auch Künigs präzise Angaben, die helfen, eine Pilgerfahrt durchzuführen. Regelmäßig nennt Künig die Möglichkeiten zu gutem oder schlechtem Essen, lobt besonders gute Betten und unterstützt vorausschauende Planung, indem er auf ungewöhnlich lange Wegstrecken zwischen zwei Hospizen warnend hinweist. 53 Es erscheint ihm auch nicht überflüssig, auf Möglichkeiten aufmerksam zu machen, Geld zu sparen; die Benutzung einer Brücke sparte nicht nur Geld, sondern vermindert auch das Risiko, betrogen zu werden. Der Verfasser nennt außerdem die fälligen Zollabgaben; die Stellen, an denen eine neue Währung eingetauscht werden muß, sowie diejenigen Hospize und Spitäler, an denen der Pilger ein prebend, das heißt wohl in diesem Fall, eine Geldzahlung, erhalten könne. Seine Tätigkeit als Terrninierer für einen Bettelorden scheint ihn nachhaltig geprägt zu haben. Den Pilgeralltag muß er selbst erlebt haben, sonst hätte er nicht sogar auf ein Städtchen in Südwestfrankreich verwiesen, wo man Nägel herstellt, die die brüder in die schuoch schlan. 54 IV So genau Künig hinsichtlich der geographischen Topographie und bezüglich des Pilgeralltages ist, so knapp und kümmerlich bleiben seine Bemerkungen zur Kunsttopographie. Er begnügt sich mit pauschalen Hinweisen 52 Vgl. Anm. 18; zu weiteren Aspekten des Büchleins, die wohl auch bereits dem Zug der Zeit entsprechen, wie Natur-, Raum- und Sittenbeschreibungen vgl. die in Anm. 4 angekündigte Neuausgabe. 53 Zu den strukturellen Bedingungen am Pilgerweg vgl. LUDWIG 5cHMuGGE, Zu den Anfängen des organisierten Pilgerverkehrs und zur Unterbringung und Verpflegung von Pilgern im Mittelalter, in: Gastfreundschaft, Taverne und Gasthaus im Mittelalter, hg. von HANS CONRAD PEYER und ELlSABE1H MÜLLER-LUCKNER (München-Wien 1983) S. 37-60 und DERS., Die Anfänge des organisierten Pilgerverkehrs im Mittelalter, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 64 (1984) S. 1-83. - Zu den Hospizen und Spitälern am Pilgerweg vgl. HERMANN KELLENBENZ, Pilgerspitäler, Albergues und Ventas in Spanien (Spätmittelalter - Frühe Neuzeit), in: Gastfreundschaft (l.c.) S. 137-152; zum Bericht von Künig S. 143 f. 54 Künig (wie Anm. 4) Vers 321. 42 <?page no="51"?> auf eine "saubere" oder "schöne" Stadt, und erwähnt allenfalls die Türme eines Ortes oder die Schlösser mit wenigen Worten. Auch die Sakraltopographie vernachlässigt er in auffälliger Weise. Zwar kennzeichnet er zu Beginn seines Textes die "Oberstraße" mit den Worten dar uff du findest vill heiliger stett55 aber dabei bleibt es. Kein Wort, um diese Orte bei seiner Reisebeschreibung in irgendeiner Weise hervorzuheben. Es reicht gerade dazu, die sechs angeblich in Toulouse aufbewahrten Apostelleichname zu nennen, darunter auch den hl. Jakobus, was ja Arnold von Harff zu seiner kritischen Nachfrage in Compostela veranlaßte. 56 Nichts von diesem Widerspruch, der ja später auch Martin Luther auffiel 57, bei Hermann Künig. Die Namen bestimmter Heiliger werden allenfalls genannt, um Spitäler oder Hospize zu kennzeichnen. Vor diesem Hintergrund ist es fast verwunderlich, daß Hermann Künig dennoch einige wohl allgemein bekannte Erzählungen in seinen Bericht aufnimmt. Hierzu zählen: 1. Die Pilatussage über die Herkunft des Berges Pilatus, der aus Rom an den Vierwaldstätter See gekommen sein solle. Künig gibt hier als Quelle seines Wissens an: als ich von viel gelerten hab gehört. 58 2. Das Hühnerwunder in Santo Domingo de la Calzada; von der Beschreibung der Kirche ausgehend unterstreicht Künig die Wahrheit dieser Geschichte. 59 3. Die Geschichte von dem Spitalmeister, der in Burgos 350 Pilger vergiftet haben soll und dessen Hinrichtungssäule noch heute zu sehen sei. 60 Alle Geschichten werden ausgehend von den zur Zeit Künigs noch sichtbaren Objekten in den laufenden Text eingeflochten. Sieht man einmal von der ersten Geschichte ab, so gehören die beiden letzten wohl zum typisch deutschen Erzählgut; insbesondere das Hühnermirakel wurde vor allem in Deutschland überliefert und bearbeitet. 61 Die Geschichte von dem Spitalmeister in Burgos ist, soweit ich bisher sehe, nur aus dem Buch des Hermann Künig sowie aus dem bereits erwähnten deutschen Pilgerlied bekannt. Möglicherweise wurden hier 350 deutsche Pilger vergiftet, wie HARD in seiner Interpretation der Lied- 55 Ebenda Vers 31. 56 Künig (wie Anm. 4) Vers 254-256; vgl. Arnold von Harff (wie Anm. 39) 5. 233 und HERBERS (wie Anm. 4) S. 257 f. Zu den Ansprüchen von Toulouse seit 1385, den Jakobusleichnam zu besitzen, vgl. VAZQUEZ/ LACARRA/ URfA (wie Anm. 25) I S. 547 Anm. 15. 57 Vgl. HERBERS, Jakobsweg (wie Anm. 24) S. 11 f. 58 Künig (wie Anm. 4) Vers 51. 59 Ebenda Vers 383-390. 60 Ebenda Vers 415-425. 61 Vgl. hierzu die urnff1! >sende Sichtung der zahlreichen Bearbeitungen durch ROBERT PLöTZ, Der hunlr hinder dem altar saltu nicht vergessen. Zur Motivgeschichte eines Flügelaltars der Kempener Propsteikirche, in: Epitaph für Gregor Hövelmann. Beiträge zur Geschichte des Niederrheins dem Freund gewidmet (Geldern 1987) 5. 119-170. 43 <?page no="52"?> strophe annimmt. 62 Folgt man dem Vorschlag, in der spätmittelalterlichen Reiseliteratur Topos- und Beobachtungswissen zu scheiden 63 , so wird an diesen Stellen des Pilgerführers deutlich, wie überliefertes Erzählgut das Toposwissen -durch die eigene sinnliche Erfahrung zu "Beobachtungswissen" zu werden scheint, so bemerkt Künig zum "Hühnerwunder": Ich weiß furwar das es nicht ist erlogen dan ich selber hab gesehen das loch daruß eyns dem anderen nachfloch und den hert daruff sye synt gebraten. Jedoch ist gleich einzuschränken, daß diese Art von "Erfahrung" bei Künig nachhaltig durch die vorherige Kenntnis der Geschichte geprägt ist und nicht zu einem eigenen Erfahrungs- und Wissensbereich wird, der sich vom überlieferten "gelehrten" Wissen abhebt. Ähnlich sparsam geht der Autor auch mit der Nennung von Riten und Pilgerbräuchen um: ein Gebet auf dem Berg nach Einsiedeln sowie der Blick auf Compostela vom "Mons Gaudii" bleiben die einzigen Bemerkungen in dieser Hinsicht. Bedenkt man, daß das gesamte Büchlein 21 Seiten umfaßt, so ist die knappe Beschreibung des Zielortes, Santiago de Compostela, besonders auffällig: Nü wolle vns helffen Maria di jungfraw reyn Mit jrem lieben kynde Daß wir sant Jacob mit andacht moegen fynden daß wir nach dißem leben moegen finden das Ion und moegen enpfaen die hymelsche kroen Die got sant Jacob hat gegeben Vnd allen heiligen die da synt jn dem ewigen leben Amen. 64 Die sogenannte hymelische kroen könnte an die sogenannten "Pilgerkrönungen" erinnern, die ja Künigs Zeitgenosse Arnold von Harff als einen besonderen Ritus der deutschen Pilger vermerkt.6.5 ROBERT PLöTz hat diesen ausschließlich für deutsche Pilger üblichen Ritus untersucht und sieht den Ursprung vor allem in den in Deutschland besonders heftig geführten Auseinandersetzungen des Investiturstreites. 66 Bei Künigs Text scheint mir dennoch ein weiterer Gedanke möglich: Künig könnte eine Krönung deut- 62 Vgl. HARD (wie Anm. 35) S. 318 und 322 sowie V AZQUEZ/ LACARRA/ URfA (wie Anm. 25) II 190, wo wohl irrig von 100 Vergifteten gesprochen wird. 63 Vgl. HAS.5AUER (wie Anm. 2) S. 269-271. 64 Künig (wie Anm. 4) Vers 511-517. 65 Arnold von Harff (wie Anm. 39) S. 233; vgl. auch die nächste Anm. 66 ROBERT PLörz, "Benedictio perarum et baculorum" und "coronatio peregrinorum". Beiträge zur Ikonographie des HI. Jacobus im deutschsprachigen Raum, in: Volkskultur und Heimat, Festschrift für Josef Dünninger zum 80. Geburtstag, hg. von DIETER HARMENING und ERICH WIMMER (1986) S. 339-376, besonders S. 350-371; hinzu tritt auch bei Plätz der 44 <?page no="53"?> scher Pilger erlebt, diese Krönung jedoch in Unkenntnis des wahren Ursprungs als Verleihung der Krone des ewigen Lebens interpretiert haben. 67 Die insgesamt kargen Bemerkungen des Verfassers zur Spiritualität der Pilgerfahrt zeigen zumindest, wie wenig Aufmerksamkeit unser Mönch diesen Aspekten zollte. Allerdings ist in diesem Zusammenhang ein weiterer Gesichtspunkt hervorzuheben. Die Jakobus-"peregrinatio" und Jakobus treten zugunsten von Maria und ihrer Mutter Anna zurück. Die Interzession des hl. Jakobus wird bei der Notiz zum Hühnermirakel mit keinem Wort erwähnt, und dort, wo Jakobus genannt wird, geschieht dies fast immer zusammen mit den Namen von Maria und/ oder Anna; Maria und Anna werden zudem noch an weiteren Stellen alleine, ohne den hl. Jakobus, genannt. 68 Wie sehr diese beiden Heiligen dem hl. Jakobus in den Hintergrund drängten, zeigt die bereits zitierte Datierung des Büchleins. 69 Geschrieben, bzw. vollendet hat Künig sein Werk am Annatag (26. Juli), einen Tag nach dem Hochfest in der Festoktav des hl. Jakobus, der mit keiner Silbe genannt wird! Die ausgeprägte Marienverehrung ist wohl nur durch die Ordenszugehörigkeit unseres Autors zu erklären. 70 Sie zeigt jedoch darüber hinaus, wie sehr die Marien- und Annaverehrung im Spätmittelalter zunahm; die häufigen Anna-Selbdritt-Darstellungen aus dem späten Mittelalter legen hierfür ein beredtes Zeugnis ab. 71 Dabei war die Verehrung Annas zunächst stärker in der Ostkirche gebräuchlich, fand erst nach und nach auch im Westen Verbreitung und erlebte gegen Ende des Mittelalters in Deutschland einen Höhepunkt. 72 Das 1494 gedruckte Werk des Johannes Trithemius (t 1516) 73 propagierte unkritisch den Annakult und fand nicht nur Anhänger. Im offiziellen Bereich wurde das Fest erst 1481 von Papst Sixtus IV. in den römischen Kalender aufgenommen, von Papst Pius V. (1566-72) wieder gestrichen, dann jedoch von Gregor XIII. (1572-1585) Aspekt, daß Jakobus als erster Märtyrer unter den Aposteln die Märtyrerkrone erlangt habe. 67 Vgl. PLörz (wie Anm. 66), der S. 367-369 diese Deutung in Zweifel zieht; jedoch hat Künig den Ritus vielleicht "falsch" oder "abweichend" als ursprünglich gedacht interpretiert. Möglicherweise ist Künigs Bemerkung aber auch nur ganz allgemein zu verstehen. 68 Vgl. Künig (wie Anm. 4) Vers 21-24, 75,511 f., 625-632, 636. 69 Vgl. S. 32. 70 Vgl. oben mit Anm. 6. 71 Vgl. zur Anna-Verehrung und zur ikonographischen Darstellung: BEDA KLEINSCHMIDT, Die heilige Anna. Ihre Verehrung in Geschichte, Kunst und Volkstum (Forschungen zur Volkskunde, 1-3, Düsseldorf 1930) besonders S. 103-167 und JOHANNES H(EINRICH) EM- MINGHAUS/ LEONHARD KÜPPERS, Anna (Recklinghausen 1968); die Anna-Selbdritt-Darstellungen hängen auch eng mit der Lehre von der ''Unbefleckten Empfängnis" Mariens zusammen, die von den Franziskanern gefördert, von den Dominikanern kritisiert wurde. 72 Vgl. hierzu ERNST ScHAUMKELL, Der Kult der hl. Anna am Ausgang des Mittelalters (Freiburg/ Leipzig 1893). 73 De laudibus sanctissimae matris Annae (Mainz 1494). 45 <?page no="54"?> Abb. 5: Kalendar, englisch, um 1370 (Oxford, Bodleian Library, Ms Rawlinson D 939, Section 2c), Jakobus und Anna mit den Festtagen am 25. und 26. Juli endgültig eingeführt. 74 Mit seiner Datierung bezieht Hermann Künig auch indirekt Position für den Kult der hl. Anna. 75 Die Verschiebung der Akzente von Jakobus auf Anna und Maria im Büchlein des Hermann Künig spiegelt jedoch auch wider, wie sehr die Compostela-"peregrinatio" im Spätmittelalter eine allgemeine Form der "Peregrinatio maior" geworden war; der Heilige am Zielort spielte wohl nicht mehr die Rolle wie noch im 12. Jahrhundert. Hierauf deutet auch der Beginn des Büchleins; das Ziel der Pilgerfahrt war die Vergebung der Sündenstrafen, welche durch einen päpstlich legitimierten Ablaß zu errei- 74 Diese Entscheidungen hingen wohl auch mit der Einstellung zur Unbefleckten Empfängnis Mariens zusammen (vgl. Anm. 71); Sixtus IV. war Franziskaner, Pius V. Dominikaner, vgl. auch MATTI-IIAS ZENDER, Anna, in: Theologische Realenzyklopädie, II (Berlin-New York 1978) 754. "Inoffiziell" war der 26. Juli jedoch bereits viel früher im Gebrauch, vgl. die Abbildung 5 aus einem englischen Kalendar von ca. 1370. Für den Hinweis und die Überlassung des Photos danke ich Dr. H. Röckelein, Tübingen. 75 Auf Verbindungen zwischen Jakobus und Anna deutet auch die erstmals in einem barocken Andachtsbuch von 1704 nachgewiesene Erzählung über die Einführung des Anna-Dienstages in Ungarn, vgl. GEORG ScHREIBER, Die Wochentage im Erlebnis der Ostkirche und des christlichen Abendlandes (Wissenschaftliche Abhandlungen der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, 11, Köln und Opladen 1959) S. 125-127. -Vgl. außerdem die beiden im Ausstellungskatalog Gent (wie Anm. 1) auf S. 366-369 zitierten Beispiele von P. MAFS und A. V ANEIGEM. 46 <?page no="55"?> chen war. Es geht darum, Roemisch gnad vnd ablaß zuo verdienen. 76 Eine erste Etappe, um dieses Ziel zu erreichen, war bereits Einsiedeln: da findestü Roemische gnad vber die maß. 77 Vergleichen wir schließlich den Text unseres Pilgerführers mit anderen Pilgerberichten, so werden wir wohl vielfach Übereinstimmung in den beschriebenen Routen finden 7 s; eindeutige textliche Übereinstimmungen scheinen jedoch zu fehlen. Deshalb muß offen bleiben, in welchem Maß Hermann Künig seine Kenntnis des Weges auch aus anderen schriftlichen Quellen geschöpft hat. Die deutschen Namen der von ihm erwähnten Berge beispielsweise scheinen zum allgemeinen topographischen Wissen des 15. Jahrhunderts gehört zu haben. 79 Nur die Schilderung des Spitalmeisters in Burgos stimmt in auffälliger Weise mit dem zitierten Pilgerlied überein. Geht man davon aus, daß das Lied schon vor der Niederschrift bekannt war und gesungen wurde, so könnte man eher eine Beeinflussung unseres Pilgerführers durch das Lied als umgekehrt annehmen.so Wirkung zeigte das Büchlein sicherlich, und schon KONRAD HÄBLER vermutete, daß Arnold von Harff den Pilgerführer des Hermann Künig vielleicht benutzt haben dürfte.s 1 Aber auch hier sind bisher keine wörtlichen Anklänge feststellbar. Der Text des Hermann Künig war zu knapp und zu dürr, um in ganzen Passagen übernommen zu werden. Er überragt jedoch die anderen deutschen Pilgerberichte des Spätmittelalters an Genauigkeit. Mit Künigs Hinweisen ließ sich eine Pilgerfahrt nach Compostela, gerade in praktischer Hinsicht, sinnvoll vorbereiten und durchführen. Nicht nur die verschiedenen Auflagen des Büchleinss 2 beweisen, wie sehr man seine Ratschläge schätzte, auch die Versform deutet darauf, daß man seine Hinweise durchaus auch mündlich weitergegeben und auswendig gelernt haben könnte.s 3 In gewisser Weise ist Künig mit dieser Ausrichtung auf die Pilgerpraxis noch ganz den mittelalterlichen Vorstellungen von 76 Vgl. Künig (wie Anm. 4) Vers 25. Zu den Fahrten nach Einsiedeln vgl. zuletzt den summarischen Überblick von JOACHIM SALZGEBER, Einsiedeln, in: Helvetia Sacra III/ 1, hg. von ELSANNE GILOMEN-ScHENKEL (Bern 1986) S. 517-594, zur Wallfahrt S. 531 f. mit weiterer Literatur. 77 Künig (wie Anm. 4) Vers 31. 78 Vgl. z.B. den Text von Sebastian Ilsung, Leo von Rozmithal und Arnold von Harff (dazu die Beiträge von HoNEMANN, SroLZ und BECKERS in diesem Band). 79 Vgl. oben S. 41. 80 Vgl. oben S. 43 f.; aufgrund der zahlreichen Umdichtungen im 16. Jahrhundert denkt auch JOHANNES JANOTA, Jakobslied, in: Verfasserlexikon IV (1983) S. 498-500 an eine Entstehung im 15. Jahrhundert. 81 HÄBLER (wie Anm. 4) s. 78. 82 Vgl. oben S. 34 mit Anm. 15. 83 Vgl. hierzu auch die methodisch anregende Studie von PETER BURKE, Mündliche Kultur und 'Druckkultur' im spätmittelalterlichen Italien, in: Volkskultur des europäischen Spätmittelalters, hg. von PETER DINZELBACHER und HANS DIETER MüCK (Stuttgart 1987) S. 59-71, S. 67 zu mündlich vorgetragenen Texten in Versforrn. 47 <?page no="56"?> einer "peregrinatio" verhaftet; Künig beschreibt nicht wie andere seiner Zeitgenossen eine ritterliche Kavalierstour84, sondern ist dem religiösen Ziel einer "peregrinatio" durchaus stark verpflichtet. Dabei bedeutet für ihn die Pilgerfahrt eine religiöse Ausdrucksform, die auch wesentlich durch päpstliche Legitimation und den Erwerb von Ablässen mitgeprägt ist. Vor diesem Hintergrund gerät das Ziel und sein Heiligtum fast ein wenig ins Abseits. V Fassen wir abschließend einige Ergebnisse zusammen: Hermann Künig schrieb ein außerordentlich praktisches Büchlein für deutsche Santiagopilger; der Adressatenkreis läßt sich an der Sprache, an der Nennung von Ortsnamen in deutscher, wenn auch teilweise sehr verballhornter (wie z.B. Grüningen für "Logroii.o") Form sowie an seinen Hinweisen zum günstigen Wechseln von Geld und zur vorteilhaften Unterbringung speziell seiner deutschen Landsleute ablesen. In seiner Beschreibung bleibt Hermann Künig so exakt wie möglich; einige Irrtümer oder Ungenauigkeiten beeinträchtigen den Wert des Buches als Führer wohl kaum. Abweichungen vom geläufigen Weg zeigen, daß Hermann Künig die Mühen des Weges reduzieren wollte. Die Varianten, die er selbst wohl kaum alle gegangen ist, muß er vor Ort oder aber aus weiteren, nicht nachweisbaren Schriften erfahren haben. 85 Nur ein Einfluß des wohl schon im 15. Jahrhundert von Deutschen gesungenen Jakobsliedes läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit behaupten. Im Hinblick auf eine Kunst- oder Kulttopographie bleibt sein Text äußerst dürftig; die Spiritualität der "peregrinatio" ist nur aus wenigen Versen ansatzweise erkennbar. Die Bedeutung Marias und Annas neben oder sogar vor dem Apostel Jakobus erklärt sich unter anderem dadurch, daß Künig zum Servitenorden gehörte; sie zeigt aber auch, wie sich der Pilgergedanke im 15. Jahrhundert weiterentwickelte. Insgesamt ist sein Text vorschreibend und nicht beschreibend; in fast jedem zweiten Vers heißt es II du sollst" oder ähnlich. Künig gibt Distanzen, Ortsnamen, Etappen und Gefahren präzise an, er empfiehlt gute und warnt 84 Vgl. z.B. die Berichte der in diesem Band vorgestellten "Pilger": Sebastian Ilsung, Arnold von Harff und Leo von Rozmithal, vgl. auch das eindrucksvolle Beispiel des Georg von Ehingen: GABRIELE EHRMANN, Georg von Ehingen, Reisen nach der Ritterschaft, 2 Bände (Göppingen 1979) und EHRENFRIED KLUCKERT: Georg von Ehingen. Höfling-Ritter-Landvogt (Tübingen 1986). 85 Vgl. z.B. oben zur Pilatussage S. 37 und zu den Quellen demnächst die oben (Anm. 4) angekündigte Neuedition. 48 <?page no="57"?> vor schlechten Unterkünften. Dieser anleitende Charakter des Buches rechtfertigt für ihn die Bezeichnung "Pilgerführer"; alle anderen deutschen Texte zur Jakobus-Pilgerfahrt sind eher "Pilgerberichte". Auch wenn wir Künigs Büchlein mit dem in Frankreich geschriebenen Pilgerführer des 12. Jahrhunderts vergleichen, so verdient es Künigs "walfart und Straß" noch eher, als ein "Guide Bleu" bezeichnet zu werden. "Die walfart und Straß zu sant Jacob", wie es im Titel heißt, ist mehr Straße als Wallfahrt86; nur die Bezeichnung der Reisenden als "Brüder" erinnert ständig daran, daß hier keine gewöhnlichen Reisenden, sondern Pilger die Adressaten waren. Die Auflagen des Buches beweisen, wie sehr man Künigs praktische Hilfen schätzte und wie beliebt die "peregrinatio ad lirnina beati Jacobi" bei unseren deutschen Vorfahren im 15./ 16. Jahrhundert war; der so bescheiden anmutende Text des Hermann Künig verdient es mit Recht, als erster, aber auch als letzter mittelalterlicher deutscher Pilgerführer nach Santiago de Compostela bezeichnet zu werden. 86 Vgl. auch die Nuancen der Titel und Titelblätter, oben S. 35. 49 <?page no="59"?> Die Reisebeschreibung Arnolds von Harff Bemerkungen zu der ungewöhnlichen pylgrymmacie eines niederrheinischen Ritters nach Rom, zum Sinai, nach Jerusalem und Santiago de Compostela in den Jahren 1496-98 HARTMUT BECKERS Sumario: El relato de viaje del caballero renano Arnold von Harff revela anhelos religiosos, nostalgia y afan aventurero. Estos elementos son los que le hacen tomar la resoluci6n de viajar. En su relato, Arnold describe, como atento observador, las diversas cosas con las que topa en el extranjero. Sin embargo, su impresi6n de Santiago de Compostela no fue Ja mejor; las diversas opiniones sobre la autenticidad de las reliquias de! ap6stol le preocuparon seriamente, de modo que abandon6 el lugar sagrado con gusto y recomend6 la peregrinaci6n solamente a los mendigos, ladrones, asesinos y traidores. Der 1498/ 99 von dem niederrheinischen Ritter Arnold von Harff (1471- 1505) auf der Grundlage von Tagebuchaufzeichnungen verfaßte und mit vielen bunten Bildern geschmückte Bericht über seine in den Jahren 1496- 98 unternommene Reise zu den vier Hauptwallfahrtsorten der mittelalterlichen Christenheit (Rom, Sinai, Jerusalem, Santiago) und vielen weiteren europäischen und orientalischen Pilgerstätten ist ein in seiner Art einzigartiges kulturgeschichtliches Dokument, in dem sich die geistige Umbruchsituation des Übergangs vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit spiegelt. 1 1 Der hier gedruckte Text stellt die Kurzfassung meines am 18.9.1987 in Aachen gehaltenen Vortrags dar. Den Stil des damals als "kulturgeschichtliche Plauderei" angekündigten Vortrags habe ich nicht ändern wollen. Auch auf die Beigabe eines umfangreichen wissenschaftlichen Anmerkungsapparates habe ich verzichtet. Ich begnüge mich damit, hier kurz auf die wichtigste Literatur hinzuweisen. Für den Te x t der Reisebeschreibung Arnolds von Harff ist man vorläufig, d.h. bis zum Erscheinen der von mir und Volker Honemann vorbereiteten kritischen Neuausgabe, immer noch auf die schon 1860 erschienene editio princeps et unica angewiesen: Die Pilgerfahrt des Ritters Arnold von Harff von Cöln durch Italien, Syrien, Aegypten, Arabien, Aethiopien, Nubien, Palästina, die Türkei, Frankreich und Spanien< ... > hg. v. E<BERHARD> VON GROOTE (Cöln: J.M. Heberle [H. Lempertz] 1860) 280 S. An Sekundär 1i t er a tu r ist zu nennen: VOLKER HoNEMANN, Zur Uberlieferung der Reisebeschreibung Arnolds von Harff, in: Zs. f.dt.Altertum u. dt. Literatur 107(1978),S. 165-178; HAR1MUTBECKERS, Zur Reisebeschreibung Arnolds von Harff. Bericht über zwei bisher unbekannte Handschriften und Hinweise zur Geschichte dreier verschollener Codices, Annalen d. Hist. Ver. f. d. Niederrhein 182 (1979), 5. 89-98; DERS., Neues zur Reisebeschreibung Arnolds von Harff. Die Handschrift Dietrichs V. von Millendonk-Drachenfels vom Jahre 1554 und ihre Bedeutung für die Rezeptions- und Überlieferungsgeschichte, Rheinische Vierteljahrsblätter 48 (1984), S. 102-111; DERS., Zu den Fremdalphabeten und Fremdsprachenproben im Reisebericht Arnolds von Harff (1496-98), in: Collectanea Philologica, Festschrift für Helmut Gipper zum 65. Geb., hrsg. v. GüNTER HEINTZ und PETER ScHMITIER (Baden-Baden 1984) (Reihe Saecvla Spiritalia), S. 73-86. 51 <?page no="60"?> Denn in diesem Bericht hat sich der Verfasser nicht darauf beschränkt, die Kirchen und Reliquienschätze der verschiedenen von ihm besuchten Wallfahrtsorte zu beschreiben sowie die jeweiligen lokalen Legenden und die manchmal schwer in Einklang zu bringenden Geltungsansprüche der einzelnen Pilgerstätten zu berichten; er hat vielmehr darüberhinaus eine solche Fülle lebendig geschilderter Beobachtungen über städtebauliche, sprachlich-kulturelle, völkerkundliche, wirtschaftliche sowie naturkundliche Eigentümlichkeiten der von ihm besuchten Orte und Länder mitgeteilt, daß der Text sich auf weite Strecken weniger wie ein frommer Pilgerbericht als vielmehr wie die fabulierfreudige Schilderung einer Abenteuer- und Bildungsreise liest. Es war also keineswegs religiöse Sehnsucht allein, die den 25-jährigen Ritter auf seine ungewöhnlich lange und weite Reise getrieben hatte; es waren nicht minder Fernweh und Abenteuerlust. Arnold von Harffhat dies im Prolog seines Berichtes auch freimütig bekannt. Zunächst betonte er natürlich den primär religiösen Anlaß für seine Reise: zo troist ind heill mijner selen selicheit hayn ich, Arnold van Harve, vur mich genoemen eyne loebliche pylgrymmacie zo vollenbrengen (S. 2, 13-15). Andererseits war er sich aber doch auch der Tatsache klar bewußt, daß die von ihm unternommene pylgrymmacie (so nennt er seine Reise durchgehend) eine sehr untypische Pilgerfahrt war, da er immer wieder vom geradlinigen Pilgerweg abgewichen sei, um die stede ind lantschafft ind manyerongevan dem volck zo oeversyene (S. 4, 2-5). Diese Lust, die weite Welt zu sehen, und der bei der Durchführung der Reise in vielen Situationen bewiesene Mut machen deutlich, daß Arnold von Harff im Grunde seines Wesens weniger ein demütiger Pilger war als vielmehr ein unternehmungslustiger junger Ritter, dem der Sinn nach Abenteuern stand. Symptomatisch hierfür ist, daß er sich keiner festen Pilgergruppe anschloß, sondern es vorzog, in der Gesellschaft von Kaufleuten zu reisen: Dysse pylgrymmacie byn ich dat meysten deyl myt kouffluden getzoegen, dae it gar guet myt tzein ist; sij wyssent spraiche ind wege; si nement geleyde vss deme eyme lande in dat ander ind doynt eyme gar gude geselschaf (S. 4, 32-35). Wenn Arnold von Harff sich in der Einleitung und im Epilog seines Berichtes nicht ohne Hintersinn mehrmals nicht nur Pilger, sondern auch Dichter nennt (S. 4,10; 260,24), so zeigt das, daß er mit seinem Bericht mehr im Sinn hatte als lediglich fromme Gemüter durch Schilderungen berühmter kirchlicher Gnadenstätten zu erbauen und sie zu eigenen Pilgerreisen anzuregen. Gewiß wollte er dies auch; aber ebenso sicher wollte er darüberhinaus seine Leser auch etwas vom Reiz der großen weiten Welt verspüren lassen und ihnen insbesondere etwas von den märchenhaften Wundern des Orients vorfabulieren. Dieser letztere Aspekt, der sich schon bei der Schil- 52 <?page no="61"?> derung seines Ägyptenaufenthaltes und seines Ausflugs zum Katharinenklosters auf dem Sinai in den Vordergrund gedrängt hatte, wird geradezu alleinherrschend im anschließenden Teil seines Berichtes, in dem er sich ein schalkhaftes Spiel mit dem Leser erlaubt, das noch die moderne Forschung bis in die jüngste Zeit hinein verwirrt hat. Er berichtet hier nämlich, wie er nach dem Besuch des Sinaiklosters zu Schiff das Rote Meer entlang gefahren sei, um Arabien, Äthiopien, Sokotra, Ceylon und das Grab des Apostels Thomas in Indien zu besuchen, wie er von da aus zu Schiff nach Madagaskar gelangt sei, das Innere Afrikas durchquert habe, dabei bis zu den Nilquellen vorgestoßen sei und nilabwärts fahrend schließlich wieder Kairo erreicht habe. Bei diesem immerhin fast ein Zehntel seines gesamten Berichts ausmachenden Teil hat Arnold von Harff seiner Fantasie und Fabulierfreude alle Zügel schießen lassen. Bei der Schilderung des fernsten von ihm tatsächlich erreichten Landes, Ägyptens, hat er sich nämlich hinübergeträumt in jene lockenden Wunderländer Asiens und Afrikas, von denen er gehört und gelesen hatte. Gelesen hatte er über diese märchenhaften Femen zweifellos in erster Linie in der berühmten fiktiven Reisebeschreibung des großen Fabulierers Johann von Mandeville, und dieser Text war denn auch (neben dem Reisebericht Marco Polos sowie den Kartenwerken des Ptolemäus und zeitgenössischer Geographen) nachweislich die Hauptquelle der Schilderungen seiner afrikanischen und asiatischen Traumländer. Jemand, der in seinem Reisebericht so einfallsreich und geschickt Traum und Wirklichkeit miteinander zu vermischen verstand und der sich damit von den strengen Gattungstraditionen mittelalterlicher Pilgerberichte völlig frei gemacht hatte, muß mit anderen Maßstäben gemessen werden als seine diesenTraditionen noch ganz verhafteten Zeitgenossen Hans Tucher, Bernhard von Breidenbach oder Konrad von Grünenberg, deren Pilgerberichte kurz vorher erschienen waren. Die vielseitigen Interessen und die gute Beobachtungsgabe Arnolds von Harff, dem man die Universalität eines echten Renaissancemenschen nachgerühmt hat, sprechen im übrigen nicht nur aus den Worten seines Berichtes, sondern ebenso auch aus den vielen bunten Abbildungen, die er seinem Bericht beigegeben hat. Zum weit überwiegenden Teile enthalten sie nämlich nichtreligiöse Bildmotive: einerseits Darstellungen von Männern und Frauen fremder Völker in charakteristischen Amts- und Volkstrachten, andererseits Bilder exotischer Tiere und Fabelwesen. Dazu kommen noch Tafeln mit fremdländischen Alphabeten und Listen mit Sprachproben fremder Völker. Eigentlich religiöse Bildmotive sind demgegenüber deutlich in der Minderzahl, und selbst diese sind meist nicht frei von außerreligiösem Beiwerk. Beispielhaft für dieses Nebeneinander von religiösen und nichtreligiösen Bildelementen ist schon die Ikonographie der allerersten 53 <?page no="62"?> Abbildung, die dem Textbeginn, d.h. den Dedikationsworten an das jülichbergische Herzogspaar und dem eigentlichen Prologanfang gegenübergestellt ist. Das Bild zeigt in der linken Hälfte den Verfasser Arnold von Harff in Pilgertracht, in der rechten Hälfte sein prunkvoll gestaltetes ritterliches Wappen. Die in schlichte, eintönig graue Pilgerkleidung gewandete Gestalt Arnolds schreitet, das bärtige Gesicht dem Betrachter zuwendend, durch eine hintergrundlose, nur durch grasbewachsenen, hügeligen Boden knapp angedeutete Landschaft. Den Kopf bedeckt ein breitkrempiger Pilgerhut, um den Hals ist ein Rosenkranz mit dicken Perlen und einem bis in Brusthöhe des Trägers herabhängenden großen Kreuz geschlungen. Sich mit der linken Hand auf einen die Bildmitte markierenden, übermannsgroßen Pilgerstab stützend, weist die Figur mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf das nebenstehende, mit der Schildspitze auf eine kleine grasbewachsene Erhebung gestellte Wappen hin. Dieses bildet mit seiner bunten Farbigkeit einen wirkungsvollen Kontrast zu der eintönig grau gewandten Pilgergestalt: über dem von Rot auf Weiß quergeteilten, oben einen blauen Turnierkragen zeigenden Wappenschild prangt ein silberner Turnierhut, der mit zwei silbernen Adlerflügeln besteckt und mit einer roten Kugel bekrönt ist, während rot-weiße Federbüsche bis über die halbe Höhe des Schildes herunterhängen. Indem hier gleich im ersten Bild Geistliches und Weltliches, Pilgergestalt und Adelswappen, gleichgroß nebeneinander gestellt werden, sollte dem Betrachter bewußt oder unbewußt signalisiert werden, daß im nachfolgenden Bericht Geistliches und Weltliches, die Ebene der Pilgerschaft und die Ebene weltfroher ritterlicher Reiseabenteuer, gleichen Raum und gleichen Rang einnehmen werden. Bei alledem wird man nicht bezweifeln dürfen, daß es Arnold von Harff, als er sich am 7. Oktober 1496 in Köln am Schrein der Heiligen Drei Könige unter ihren Schutz stellte und zu seiner Wallfahrt aufbrach, mit der religiösen Motivation ernst war. Er hat sich als gläubiger Christ, dem es um seiner Seele Seligkeit zu tun war, auf den Weg gemacht. Die christlichen Glaubenssätze und die traditionellen Formen kirchlicher Frömmigkeit waren ihm, das macht der gesamt Tenor seines Berichtes deutlich, selbstverständliche und unumstößliche Gewißheiten. Dabei war er zugleich ein wacher, keinesfalls kritikloser Besucher der an den verschiedenen Wallfahrtsstätten gezeigten Reliquien, dem nicht entging, daß sich die Ansprüche einiger Wallfahrtsorte gelegentlich logischerweise ausschlossen. So verschwieg er in seinem Bericht keineswegs die ihn verunsichernde Erfahrung, daß man ihm zunächst in Rom, dann auch in Padua und schließlich nochmals in Trier das angebliche Grab des Apostels Matthias zeigte, daß er die Hand des hl. Thomas, die dieser in die Wundmale des Heilands gelegt hatte, sowohl in Indien als auch in Paris und in Maastricht zu sehen bekam, oder daß sich 54 <?page no="63"?> •.' I \ ,/ .. -; ; _; ·: ~ : . . ,. ., Q..c. . -- -- ·t "~ .: " d. - ~..,_; .. ~. ' . Abb. 1: Arnold von Harff in Pilgertracht nebst Wappen (Hs. 268 der Bibliothek der Abtei Maria Laach, BI. 3") 55 <?page no="64"?> mehrere von ihm in Palästina besuchte Orte um den Ruhm stritten, der wahre Platz der Erschaffung Adams gewesen zu sein. In der Regel hat er solche ihn irritierenden Konkurrenzansprüche von Gnadenorten ohne eigene Stellungnahme schlicht vermerkt und sich mit der vorsichtigen Schlußbemerkung begnügt: Ich überlasse es Gott, die Irrtümer der Geistlichen zu scheiden (S. 17,7 u.ö.). Schwerer zu schaffen gemacht haben ihm allerdings die einander widerstreitenden Meinungen über die Authentizität der Jakobusreliquien in Venedig, Toulouse und Santiago. Insbesondere der Santiagobesuch war für ihn deshalb eine große Enttäuschung. Zwar verfehlte die Schönheit der dortigen Wallfahrtskirche auch auf ihn ihren Eindruck nicht, doch schon in der Bemerkung, daß sich die Spanier über die deutschen Pilger lustig machten, die sich in der Kirche die Krone der Jakobusstatue aufs Haupt setzten, schwingt ein gewisses Unbehagen mit. Dieses Unbehagen verstärkte sich, als er, der zuvor schon die Jakobusreliquien in Toulouse besucht hatte, nun auch die im Hochaltar von Santiago befindlichen Reliquien des Heiligen selbst sehen und überprüfen wollte. Trotz großer Geschenke, die er der Geistlichkeit anbot, wollte man sie ihm aber nicht zeigen, weil so wurde ihm listig entgegengehalten jeder, der nicht felsenfest von ihrer Echtheit überzeugt sei, bei ihrem Anblick wahnsinnig wie ein tobsüchtiger Hund werde. Voller Enttäuschung mußte er sich damit zufrieden geben, daß man ihm in der Sakristei wenigstens das Haupt des hl. Jakobus d.J. und einige andere Reliquien zeigte. Zu unverhohlener Verbitterung und Empörung wuchs sich Arnolds in Santiago erwachter Groll über die von ihm als Hochmut der Spanier empfundene spöttische Behandlung der deutschen Pilger aus, als er und seine Gefährten auf der Rückreise zwischen Santiago und Burgos von Straßenräubern überfallen wurden. Die Reisegruppe wurde dabei nicht nur völlig ausgeplündert, sondern die meisten, darunter Arnolds eigener Diener, wurden überdies verprügelt, zwei Pilgergefährten sogar totgeschlagen. Wen kann es da wundern, wenn Arnold hiernach verbittert feststellt, daß er eine Santiagowallfahrt nur Bettlern, Dieben, Mördern und Verrätern empfehlen könne (S. 234, 22 f.). Die Schilderung seiner Spanienfahrt ist zugleich ein gutes Beispiel dafür, daß Arnold von Harff in seinem Bericht nicht nur über die im eigentlichen Sinne religiösen Erlebnisse seiner Pilgerschaft spricht, sondern auch detailliert auf die äußeren Umstände einer Pilgerfahrt in fremden Ländern eingeht. So berichtet er über Unterkunfts- und Verpflegungsschwierigkeiten, über die Vorteile des Mitführens von Kreditbriefen statt größerer Bargeldbeträge, über Unzuverlässigkeit und Unehrlichkeit von Dolmetschern und Händlern und andere unerfreuliche Begleitumstände. Vor allem im islamischen Orient sieht er zusätzlich zu den schon genannten 56 <?page no="65"?> Abb. 2: Arnold von Harff kniend vor St. Jakob (Hs. 268 der Bibliothek der Abtei Maria Laach, BI. 17r) 57 <?page no="66"?> Mißlichkeiten-schlimme Gefahren auf den christlichen Pilger lauem. Denn dort kann es einem geschehen, daß man (wie Arnold in Gaza) trotz eines vom Sultan ausgestellten Schutzbriefes von einem geldgierigen palästinensischen Stadtkommandanten ins Gefängnis geworfen und nur gegen Zahlung großer Summen wieder freigelassen wird. Vor allem aber droht einem christlichen Ritter dort ständig die Gefahr, mit List und Tücke zum Übertritt zum Islam überredet und dann zwangsweise in die sich aus christlichen Renegaten rekrutierende Mameluckentruppe eingereiht zu werden. Als überzeugter Christ lehnt Arnold von Harff den Glauben der Muslime zwar mit Entschiedenheit ab, doch ist er objektiv genug, verbreitete Gerüchte über die beim Übertritt zum Islam angeblich verlangte Verspottung Jesu Christi und Mariens sowie Verächtlichmachung des Kreuzes als nicht zutreffend zu bezeichnen. In Wirklichkeit vollziehe sich der Übertritt, so berichtet er wahrheitsgemäß, ohne solche dramatischen Gesten allein durch das vor Zeugen erfolgende Aussprechen der islamischen Bekenntnisformel, die er wohl zur Warnung für künftige Reisende sowohl in leicht entstelltem arabischen Wortlaut als auch in deutscher Übersetzung mitteilt: holla hylla lalla Mahemmet reschur holla; dat is ... got is got, sall ewych blijven, Machemet is der gewaer boede gesant van goede (S. 104, 35 ff.). Arnold von Harff hat den Glauben und die religiösen Gebräuche der Muslime, so weit sie ihm bekannt wurden, aus vollem Herzen abgelehnt. Alle nicht-religiösen Aspekte islamischen Lebens und islamischer Staatsorganisation hat er dagegen aufmerksam und ohne religiöse Scheuklappen beobachtet. Manche Aspekte der staatlichen Organisation, insbesondere die militärische Tüchtigkeit des ägyptischen Mameluckensultans und des osmanisch-türkischen Herrschers, haben ihn offenbar sogar beeindruckt. In den meisten Dingen aber scheint ihm der Alltag der muslimischen Gesellschaft wie eine lächerliche Gegenwelt zur eigenen christlichen vorgekommen zu sein: so is it gantz contrarije mityren wesen ind den unsen, as dievrauwen dragen Zeder hoesen mit bruechen an ind die man gaent alle barbeynich (106,231 ff.). Schon aus diesen Beispielen dürfte deutlich geworden sein, daß dieser Pilger offenen Auges alles beobachtet hat, was ihm in der Fremde begegnete. Er hat, wie es schon vor über 125 Jahren der erste Herausgeber der Reisebeschreibung, Eberhard von Groote, formuliert hat, "mit einer scharfen Beobachtungsgabe ausgerüstet alle Interessen verfolgt, die für den damaligen Standtpunkt des Ritterthums, der Industrie, der Kunst, der Geschichte, der Politik, der Geographie, der Naturforschung und der Sprachkunde irgend von Wichtigkeit waren" (Einleitung, S. IX). Das zeigt sich, um zwei weitere Beispiele herauszugreifen, bei Arnolds Schilderung Venedigs, wenn er bekennt, daß ihn dort nicht nur die Pracht der San- Marco-Kathedrale, sondern ebenso die Schönheit der Damen des venezia- 58 <?page no="67"?> nischen Adels faszinierte, oder wenn er über die Einrichtung des dortigen Marinearsenals ebenso interessiert berichtet wie über die Verfassungseigentümlichkeiten dieser Adelsrepublik. Das zeigt sich ebenso bei der Schilderung seines Jerusalemaufenthaltes, wo er nicht nur eifrig und mit spürbarer Ergriffenheit alle Heiligen Stätten des Christentums besuchte (wobei er in der Grabeskirche von einem Deutschordensritter zum Ritter des Hl. Grabes geweiht wurde), sondern wo es ihn auch reizte, sich trotz Verbotes von einem Mamelucken in arabischer Verkleidung die Omar-Moschee und andere islamische Kultstätten zeigen zu lassen oder sich mit gelehrten Juden in lange Gespräche über Gott und die Welt einzulassen. Und nicht zuletzt hatte Arnold von Harff während seiner ganzen Reise ein waches Auge für die Schönheit fremdländischer Frauen; er spricht gerne darüber und veranschaulicht seine Aussagen über die verschiedenen Frauentypen noch durch die Beigabe von (recht naiv anmutenden) Zeichnungen. Sein abschließendes vergleichendes Urteil hat er nicht ohne augenzwinkernden Humor formuliert: Item in deser stat Meylan dunckt mich nae mijnem dummen erkentenyss, dat ich dae die schoenste frauwen gesien hane van aller mijner wandelonge, ind zo Venedich die koestlichste ind zo Coellen die hoemoedichste ind in deme koninckrijch van Moabar <in Afrika> die aller swartzte (S. 217, 39-218, 3). Ein anderes auffälliges Spezialinteresse Arnolds von Harff zeigt sich darin, daß er den Schilderungen der verschiedenen von ihm besuchten Völker und Länder Südeuropas und des Orients mehr als zwei Dutzend zweisprachige Wort-und Satzlisten sowie Schriftzeichentafeln beigegeben hat. Für die Sprachwissenschaft sind einige dieser Sprachproben von beträchtlichem Wert, da sie (wie etwa die albanische und die baskische Liste) zu den allerältesten schriftlichen Aufzeichnungen der betreffenden Sprachen gehören. Was Arnold von Harff zu ihrer Aufzeichnung veranlaßte, waren freilich keineswegs philologische Interessen, sondern durchaus praktische Zwecke. Er wollte dasjenige Sprachmaterial zusammenstellen, mit dessen Hilfe man sich nach seiner Erfahrung als Reisender in fernen Ländern zumindest notdürftig verständlich machen könnte. Die Sprachproben sind daher alle nach demselben Schema angelegt: sie umfassen zunächst die Kardinalzahlen und zentrale Wörter des Grundwortschatzes wie 'Brot', 'Fleisch', Wein' usw., danach einfache Sätze wie Was kostet das? ', Wo ist die Herberge? ' oder Wasch mir mein Hemd! ' Der öfter wiederkehrende Satz 'Schöne Frau, ich bin überall in der Fremde allein; laßt mich heute nacht bei Euch schlafen! ' macht freilich deutlich, daß die Herbergen, in denep Arnold von Harff nächtigte, manchmal Freudenhäusern geglichen haben. Offenbar war die zweijährige Reise Arnolds von Harff keine Zeit ständiger ungetrübter Freude beim Erlebnis fremder Städte 59 <?page no="68"?> und Länder. Wenn er auch immer wieder an Gnadenorten beglückende Begegnungen mit dem Göttlichen erfahren durfte, so gab es doch andererseits Tage und Wochen, an denen ihm in der Fremde das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit hart zugesetzt haben muß. So erscheint es nicht verwunderlich, wenn sich in ihm nach so vielen Monaten des Unterwegsseins allmählich die Sehnsucht nach der Geborgenheit in der Heimat zu regen begann. Vor allem nach dem enttäuschenden Besuch Santiagos muß es ihn gedrängt haben, bald wieder nach Hause zu kommen. Nachdem er den Mont Saint Michel besucht und in der Pariser Sainte Chapelle den Ritterschlag erhalten hatte, schloß er sich einer über Brüssel an den Niederrhein zurückkehrenden Gesandschaft des Herzogs von Kleve an. Auf den Besuch der Hl.-Blut-Reliquie im nahegelegenen Gent verzichtend und die ursprünglich geplante Weiterreise nach England und Irland zum Besuch des St. Patricks-Fegefeuer auf die Zukunft verschiebend, reiste Arnold von Harff mit der klevischen Gesandschaft von Brüssel aus auf kürzestem Weg in die Heimat zurück. Nach kurzen Aufenthalten in Löwen, Maastricht und Aachen traf er schließlich am Martinsabend des Jahres 1498 wieder in Köln ein, von wo aus er fast zwei Jahre zuvor aufgebrochen war. Nachdem er (wohl auf dem elterlichen Stammsitz Schloß Harff) seinen Reisebericht zusammengestellt und ein Widmungsexemplar seinem Landesherrn, Herzog Wilhelm IV. von Jülich-Berg, und dessen Gattin Sibylle von Brandenburg überreicht hatte, trat er in den herzoglich jülichschen Hof- und Verwaltungsdienst ein. Er verehelichte sich mit dem Edelfräulein Maria von Bongard und hätte sein weiteres Leben nach menschlichem Ermessen als angesehenes Mitglied des jülichschen Adels ruhig und in Ehren verbringen können. Doch schon sieben Jahre nach seiner Rückkehr ereilte ihn unerwartet früh der Tod. Beigesetzt wurde der gerade erst 34jährige in der Krypta der Kirche zu Lövenich bei Erkelenz. Auf seiner Grabplatte ist er, dem in Jerusalem die Würde eines Ritters von HI. Grabe zuteil geworden war und der in Paris überdies vom französischen König eigenhändig zum Ritter geschlagen worden war, in voller Rüstung und von 32 Ahnenwappen umgeben mit gefalteten Händen abgebildet. Die letzten Worte, mit denen er sich von den Lesern seines Reiseberichtes verabschiedet hatte, waren, mittelalterlicher Literatentradition entsprechend, eine Bitte um Gebetsmemoria gewesen: Bidt got vur den pylgrym, weechwijser ind dichter. Amen (S. 260, 23). Diesem frommen Wunsch sollten auch wir neuzeitlichen Leser uns nicht versagen. 60 <?page no="69"?> Sebastian Ilsung als Spanienreisender und Santiagopilger (mit Textedition) VOLKER HüNEMANN Sumario: El viaje a Espafia de medio afio y Ja peregrinaci6n a Santiago que llev6 a cabo el patricio Sebastian Ilsung de Augsburgo en 1446, nos ha sido transmitido por un relato deviajedel mismo llsung que seguramente redact6al poco tiempo de regresar a Augsburgo. EI relato esta contenido de modo fragmentario en un manuscrito ilustrado quese encuentra en Londres y en un impreso del afio 1793. El viaje de llsung, por un Iado, esta orientado a visitar e! mayor numero posible de reyes asf como de principes mundanos y de la iglesia y adquirir las preseas de las 6rdenes de caballerfas fundadas por aquellos y, por otro lado, pretende adquirir e! mayor numero posible de lugares santos (y en una ocasi6n, en Gerona, tambien reliquias). Pero se puede deducir que al margen de esto, tambien se encontraba en misi6n diplomatica para el (contra)-Papa Felix V, el antiguo duque Amadeo VIII de Saboya y su hijo Ludwig: parece ser que el duque le concede para todo el viaje un heraldo a caballo vestido con librea savoyana asf como otros acompafiantes. La resefia aporta en primera lfnea informaciones referentes a la persona de Sebastian llsung. A esto sigue una parafrasis comentada del relato de viaje. A continuaci6n siguen unas observaciones respecto a la interpretaci6n del texto. Para finalizar, se edita por primera vez el texto del relato de llsung (y con reproducci6n de los dibujos a pluma del manuscrito londinense). I "Herr Sebastian Ilßung von Liechtenberg. Der Annder diß Namens/ der Römischen Kayserlichen Mayestät, Künig in Hispanien vnd Alberto Erzherzogen in Ober Österreich Rath, Ritter und Herr Georgi Ilsung des anndern, vnnd frawen Ceciliae Partnerin von Theürn Ehelicher Sohn, der ist mit herwg Alberto in Ober Österreich in villen weit gelegen künigreichen gewesen, nit allein daß Heillig Grab besucht, sonder Siciliam, Neapolitanum Regnum et Hispaniam durch Raist, vnnd der Orten Clainat erlanngt. Alda Er Sie [Sich] ain Zeitlanng in kriegswesen aufgehalten, Hoche Officia bedient, vnnd Sie [Sich] alß gebrauchen lassen, daß Jme von dero küniglichen Mayestät der Orthen vnnd Kreuz nomine a Maria Regina Araganorum geben ist worden. Nach dem Er aber ins Vatterland vnd am[! ] Kaiserlichen Hof khommen ist, hat Er vnterschiedlicher Turnieren vnnd Ritterspillen beygewonnt, vnnd sie [sich] alßo Ritterlich verhalten, daß Er[...] auch von dem Romischen Kaiser in publico imperatorio Conuentu zu ainem Ritter 61 <?page no="70"?> geschlagen ist worden. Dißer Herr Sebastian Ilßung hat Sie [Sich], vmm daß er alberait auf ainem zimblichen Alter, mit ainer adelichen frawen, Lucia Honoldin von Konaperg vnnd Linda, verehelicht, vnnd rnit Jr Warmundum primum, Sebastianum quartum, Johannem octavum, Anthonium tercium, Barbaram, Vrsulam vnnd Mariam Erworben. Der hat auch ad saluandan [! ] animam suam Neben ainer Jarzeit alle Sambstag durch daß gannze Jahr Ebig zu Abent nach der Thumbkirchen vesper ain Saluaregina mit ainer prosa exmissati zue Singen mit zway Prienten kerzen auf den Altar. Christi Anno" so der kurze Lebensabriß des Spanienreisenden und Santiagopilgers Sebastian Ilsung, den ein später Nachfahr, Johann Melchior Ilsung, 1634 seinem 'Stamb Bichlen de Anno etc. 675 Biß auf das yetzige Jar 16(34) Ordenliche Beschriben vnnd auß den Fundation Tradition Pichern/ auch alten Monumentis mit fleiß gezogen vnnd in dißes Lybel zusammen Getragen' inkorporiert hat. 1 Aus der Fülle der Ereignisse dieses reichen und unruhigen Lebens soll uns hier nur ein kleiner Ausschnitt beschäftigen: Sebastians Spanien- und Santiagoreise vom Jahr 1446. 1 Augsburg, Staatsbibliothek, 4° Cod. Augs. 228, S. 121-123. Die hier gebotene Vita verquickt bereits den Lebenslauf des Spanienreisenden Sebastian Ilsung (II.) mit dem seines gleichnamigen Vorfahren(! .). Für Sebastian Ilsung ! ., der mehrfach Bürgermeister von Augsburg war und 1424 von Peter Rehlinger erstochen wurde, hat schon PAUL VON STETTEN in seinen Lebensbeschreibungen zur Erweckung und Unterhaltung bürgerlicher Tugenden. Zweyte Sammlung (Augsburg 1782) S. 30f. eine Pilgerfahrt ins Heilige Land, zusammen mit Herzog Albrecht (IV.) von Österreich vermutet. Albrecht IV. reiste 1398 ins Heilige Land, vgl. REINHOLD RÖHRICHT, Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Lande (Neue Ausgabe, Innsbruck 1900) S. 100 (Ilsung nicht genannt). Den Ausführungen von Stettens schlossen sich WILHELM VocrundFRIEDRICH BLENDINGER in den Ilsung-Artikeln der ADB (Bd. 14, 1881, S. 33-35, hier S. 33) und der NDB (Bd. 10, 1974, S. 141f., hier S. 141) an. In seiner Geschichte der adeligen Geschlechter in der freyen Reichs=Stadt Augsburg (Augsburg 1762), die auf S. 107-112 das Geschlecht d~r Ilsung bespricht, hatte VON STETTEN noch Sebastian II. "mit Erz=Herzog Albrecht von Osterreich ins gelobte Land" ziehen lassen. Diese Angabe ist sicher falsch, da sich im 15. Jahrhundert für keinen der österreichischen Herzöge des Namens Albrecht eine Pilgerreise ins Heilige Land nachweisen läßt. Von Stettens falsche Angabe entstammt seiner von ihm zitierten - Quelle, JOHANN FRIEDRICH GAUHES Des Heiligen Römisches Reichs genealogisch-historisches Adels-Lexicon, Th. 1. (Leipzig 2 1740) Sp. 933f. - Der Spanienreisende Sebastian Ilsung (II.) darf auch nicht verwechselt werden mit dem gleichnamigen Dr. decretorurn (gest. nach 1522; zu ihm siehe NDB Bd. 10, S. 141 und URSULA HF.SS, Steinhöwels 'Griseldis', MTU 43, München 1975 S. 79). Von ihm vermutet JOHANN GoTIFRIED ZEDLERs Universal=Lexicon Bd. 14 (1735) Sp. 561-564, hier Sp. 563, er sei "vermuthlich in seiner Jugend mit dem Ertz=Herzoge Alberto von Oesterreich in das gelobte Land, wie auch in Sicilien und Spanien gereiset, ward darauf Burgerrneister zu Augspurg, und an. 1464 von dem Kaiser zu einem Ritter geschlagen. Er hat eine Historie von seinem Geschlechte, aber keine Erben hinterlassen." Da ZEDLER (1.c. Sp. 562) die oben zitierten Ausführungen zur Ehefrau Oara Honoltin, zu den Kindern Sebastians und Claras und auch zur Stiftung des Ilsungschen Salve regina auf Sebastian I. bezieht, ist auch dieser Teil der biographischen Angaben Melchior Ilsungs zweifelhaft. - Zu den Stiftungen der im 15. Jahrhundert für Augsburg hochbedeutenden Familie Ilsung überhaupt vgl. ROLF KIEs.sLING, Bürgerliche Gesellschaft und Kirche in Augsburg im Spätmittelalter (Augsburg 1971) passim. In dem heute anscheinend verlorenen 'Ilsungischen Ehrenbuch', das zumindest teilweise von Sebastian Ilsung II. stammen muß (er berichtet hier im Anschluß an eine Notiz zum Jahre 1466 von den Gesellschaffeten und liebereyen, die ich han erlangt und geholet an 62 <?page no="71"?> Ilsung hat über diese Reise -wohl nach seiner Heimkehr -einen kurzen, heute anscheinend nurmehr fragmentarisch erhaltenen Bericht verfaßt. Dieser Bericht war mit kolorierten Federzeichnungen ausgestattet worden. Ein Abdruck des Jahres 1793 und eine Londoner Handschrift haben den größten Teil des Textes bis heute bewahrt. 2 II Sebastian bricht am Montag nach Palmarum (11.4.) 1446 auf. Die erste Etappe führt ihn in das Memminger Antoniterkloster, wo ihm der Hochmeister dieser bedeutenden Präzeptorei (der auch als Büchersammler berühmte Petrus Mitte de Caprariis)3 viel Ehre erweist. Die Weiterreise auf direktem Wege durch die Schweiz über Zürich - Luzem - Bern gestaltet sich gefährlich: Wegen seiner krausen Haare halten die Schweizer Sebastian für einen Österreicher und setzen ihn gefangen. Erst nach einigem Hin und Her kommt er frei und zieht dann über Fribourg nach Genf. Er folgt also in etwa der später bei Hermann Künig von Vach beschriebenen "Oberen (Jakobs)- Straße". 4 In Genf residiert zu dieser Zeit der (Gegen-)Papst Felix V., der frühere Herzog Amadeus VIII. von Savoyen. 5 Bei der Audienz erweist der Papst Sebastian viel Ehre. Er zieht den Augsburger Patrizier auf den manchen enden und kuengreichen, Abdruck: PH. W. G. HAUSLEUTNER, Schwäbisches Archiv 2 [Stut~gart 1793) S. 338-343, hier S. 340), erwähnt Sebast_ian Dienste für König(! ) Albrecht von Osterreich (also Albrecht H., geb. 1397, Hg. von Osterreich 1411-1439, König 1437- 1439). Die Kleinodien von Ritterorden bzw. -gesellschaften erwirbt er in Breslau, beim kung von ispania und von kastilia, bei der kuengin von aregoney, beim großmaister von sant antoye in dem telfinat, beim großfuerst und her von der grosse Glogau in den schlesien und bei albrecht marggraf von brandeburg und burgraffe zu neirenberg (ebd. S. 341-343). - Sebastian Ilsung (II.) hat sich, im Unterschied zu etlichen seiner Vor- und Nachfahren, in den Quellen des 15. Jahrhunderts (so z.B. der Sammlung der Reichstagsakten, der Reichsregister Albrechts II., den Regesten Ks. Friedrichs III.) nicht nachweisen lassen. Auch an dieser Stelle möchte ich meiner Göttinger Mitarbeiterin Anke Wrigge herzlich für die intensive Suche nach Lebensspuren des Sebastian Ilsung danken. 2 Siehe dazu unten die Vorbemerkungen zur Edition. 3 ADALBERT MISCHLEWSKI, Der Antoniterorden in Deutschland, Archiv für Mittelrheinische Kirchengeschichte 10 (1958), S. 39-66, hier S. 51f. Petrus Mitte amtete in Memmingen 1439- 1479. 4 Vgl. KONRAD HÄBLER, Das Wallfahrtsbuch des Herrnannus Künig von Vach und die Pilgerreisen der Deutschen nach Santiago de Cornpostela (Straßburg 1899) S. 64 und die entsprechenden Verse im Pilgerführer des Hermann Künig (ebd., Bll. a2v-a3r der Faksirnilewiedergabe des Frühdruckes). Zwischen dem Pilg~rführer und Sebastians Reisebeschreibung gibt es, wie zu erwarten, eine große Zahl von Ubereinstirnrnungen. 5 Amadeus hatte nach dem Tode seiner ersten Gemahlin und seines erstgeborenen Sohnes 1434 die Regierungsgeschäfte seinem zweitgeborenen Sohn Ludwig übergeben und sich aus der Welt zurückgezogen. Im November 1439 wird der fürstliche Eremit vorn Konzil von Basel, das im Juni des gleichen Jahres Papst Eugen IV. abgesetzt hatte, zum Papst gewählt. 1442 verläßt er Basel und residiert von da ab in Genf und Lausanne. Vgl. FRANCESCO COGNASSO, Arnedeo VIII, duca di Savoia, Dizionario biografico degli italiani 2 (1960) S. 749- 753 sowie Dictionnaire d'histoire et de geographie ecclesiastique 2, 1914, Sp. 1166-1174 und 16, 1964-67, Sp. 896 (Lit.). 63 <?page no="72"?> obergesten staffel, da er sein fies aufhett (Edition III,10) und fragt Sebastian nach dem Bischof von Augsburg (dem bedeutenden Peter von Schaumbert) und nach den Verhältnissen der Stadt Augsburg aus. Nachdem der Papst Ilsung seinen Segen erteilt hat, schickt er ihn zu seinem Sohn, dem Herzog Ludwig I. von Savoyen. 7 Dieser, so erzählt Ilsung weiter, schuft mir zu seim reitenden botten mit seim schilt, unnd befalch im das er mir wol dienet unnd schicket mit mir zween ritter, die giengend mit mir zu des delphins (Dauphins) bottschafft (IV,9-12). 8 Die Reisegesellschaft besteht jetzt aus mindestens sieben Personen. Ilsung ist von nun an eine Art Botschafter des Herzogs von Savoyen. Sebastians Reisegesellschaft zieht nun durch Savoyen, ein Ländchen namens Bebundt (V,2, gemeint ist sicherlich Burgund), durch Armagnac und Languedoc, wo man in der Stadt Delosa (V,3, Toulouse) Station macht und wohl die Heiligtümer der Stadt betrachtet: da liegend V apostell, schreibt Ilsung, unnd sannt Joerg (V,4). Auf der 1.annge[n] prugk zu Sannt Spirito (V,4 f.) gemeint ist die seit dem 14. oder 15. Jahrhundert bestehende Brücke von Pont-St-Esprit überschreitet man die Rhone und zieht weiter in die Dauphine zu einem Ort, da leyt der haylig Sannt Anthonius leibhefftig (V,6) in einem goldenen Sarg. 9 Viele Pilger ziehen zu dieser Stadt mit Namen dewenan, wie Ilsung St-Antoine-en-Viennois, ca. 15 km nordwestlich von Grenoble, nennt. 10 Hier, in der Zentrale des vor allem der Krankenpflege sich widmenden Antoniusordens, wo Ilsung das gottlich kloster und spitall (V,8) erwähnenswert findet, erweist man ihm erneut viel Ehre. Der Großmeister 11 , vor dem man so Ilsung immer knien muß, schenkt ihm während der drei Tage, die Ilsung sich bei ihm aufhält, morgens und abends roten und weißen Wein aus und verleiht ihm den orden sant Anthoni [... ]mit dem glaglin (Glöcklein VI,4 f.). 12 Ilsung schreibt sich in die Antoniusbruder- 6 Zu ihm vgl. ANTON UHL, Peter von Schaumberg. Kardinal und Bischof von Augsburg 1424-1469 (Diss. München 1940). 7 1402-1465, vgl. Nouvelle biographie generale 31 (Paris 1860) Sp. 1024f. 8 Gemeint ist der Dauphin Louis, der spätere Ludwig XI. von Frankreich (geb. 1423, seit 1461 König), Sohn König Karls VII., mit dem er in fast ständigem Streit lebt. Seit 1440 ist Ludwig Herr der Dauphine; Sitz seiner Regierung ist Grenoble. Vgl. zu ihm Nouvelle biographie generale 31 (Paris 1860) Sp. 786-799. - Ilsungs Angabe: schuft mir zu seim reitenden botten mit seim schilt darfwie die Fortsetzung des Satzes und die Illustrationen zeigen nicht etwa so aufgefaßt werden, als sei er selbst zum reitenden Boten des Herzogs gemacht worden. 9 I! sung gibt hier seine Reiseroute unrichtig wieder, vgl. unten S. 72. 10 Zu Antonius d. Eremiten (gest. 356), seiner Verehrung und deren Zentrum Saint-Antoine vgl. LexMa I (1980) Sp. 731f. und 734f. sowie besonders Dictionnaire d'histoire et de geographie ecclesiastique 3 (1924) Sp. 733f. 11 Es ist Humbert de Brion, der 12. Abt von Saint-Antoine (1438-1459), vgl. ADALBERT MISCHLEWSKI, Grundzüge der Geschichte des Antoniterordens bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts (Köln/ Wien 1976) S. 354 und S. 63f. 12 Im 'Ehrenbuch' (ed. HAUSLElITNER [wie Anm. 1], S. 341) beschreibt Ilsung dies so: Item mer bin ich begabet worden von dem großmaister von sant antaye in dem telfinat in frankreich da er leibhafftig Zeit der hat mir geben die gesellschafft sant antayes orden, dazselbig halsband soll ich 64 <?page no="73"?> schaft ein und darf den Palast des Hochmeisters besichtigen. Da er den Wunsch des Hochmeisters, doch an seinem Hof zu bleiben, nicht erfüllen kann, gibt dieser ihm zwei gute Briefe an seinen Orden und seine Freunde mit. Erst jetzt erfährt man, daß Ilsung von Memmingen aus in Begleitung eines adeligen Priesters (der wohl ebenfalls Antoniter ist) reiste und dieser ihm vieles gezeigt hat. Er bleibt nun in St-Antoine zurück. Von Saint-Antoine aus reitet Ilsung durch das Delfinat (Dauphine) und kommt nach Nimes, wo er antike und frühmittelalterliche Bauten bewundert: einen Tempel, von grossem gemair unnd so groß stein daran, das es nit menschlich ist, das man es glauben solt (VII,2-4, gemeint ist wohl das römische Theater oder die Arena, sicher nicht die berühmte 'Maison Carree'). Kaiser Karl sei dorthin gekommen und habe den Tempel zerstört; ein Engel Gottes habe ihm ein Schwert und drei gelbe Lilien gegeben sowie einen blauen Schild. Karl habe dann gegen die Heiden gekämpft, gesiegt und das Land mit Gottes Hilfe christianisiert. Nahe Nimes auf einer großen Heide will Ilsung auch die Leiber der in diesem Kampf gefallenen christlichen Streiter gesehen haben, die Karl in prächtigen weißen Marmorsarkophagen habe bestatten lassen. Ilsung, der hier wohl die Alyschamps bei Arles meint, fügt abschließend hinzu, dies sei Karls größter Kampf gewesen. Das Wappen aber, das ihm da gegeben worden sei, führten noch jetzt alle Könige von Frankreich.13 Die uns erhaltene Überlieferung von Ilsungs Reisebeschreibung weist hier eine Lücke auf. Wir begegnen ihm erst wieder in Katalonien: Dar nach kam ich durch vil schener stet in Katelonia und kam in die grase stat Parselone ... (IX, 1 f .). Daß in der Handschrift einiges fehlt und welchen Weg Sebastian genommen hat, erfahren wir aus einer späteren, rückverweisenden Bemerkung: Er sei in dem Ort gewesen, wo der heilige Narcissus begraben liege ohne Zweifel also in Gerona, das den Leib dieses Märtyrers bewahrt. 14 Von Barcelona, dessen Glanz und Reichtum Ilsung rühmt (er vergleicht die Stadt mitVenedig) besucht er den Montserrat: da hat eider man s esen und geben nach meim tod gen memingen oder ain halb mark silbers vnd bin ach in der bruderschafft alz wert der orden ist. Zur Verleihung dieses und anderer Orden an Sebastian Ilsung vgl. auch K.H. FRHR. Rom voNScHRECKENSTEIN, Die Ritterwürde und der Ritterstand (Freiburg i.Br. 1886) S. 675. Rom referiert und kommentiert (mit Beschreibung der Ordenskleinodien und Livreen) das 'Ehrenbuch'. 13 In der deutschen mittelalterlichen Literatur über Karl den Großen kann ich Ilsungs Bericht (vor allem, was das Lilienwappen angeht) nicht nachweisen. Die 'Kaiserchronik' ed. EDWARD ScHRöDER (MGH Dt. Chron. 1,1, Hannover 1892) berichtet in V. 14885-14908, daß Karl Arles sieben Jahre lang belagert. In höchster Not machen die "Sarazenen" einen Ausfall. Die dabei getöteten Christen werden von Gott wunderbar in weißen Sarkophagen bestattet. Ähnlich die 'Sächsische Weltchronik', die betont: Des anderen dages lagen de cristenen alle an schonen sarken, de man noch hude dar sehn mach (Sächsische Weltchronik, ed. LUDWIG WEILAND, MGH Dt. Chron. 11,1 (1876) S. 151, 15f.). - Der Pseudo-Turpin bietet nichts für unsere Frage. 14 Vgl. in der Edition den Übergang von Kap. VIII zu Kap. IX sowie Kap. XIX, z. 2ff. 65 <?page no="74"?> trincken wer kamt. Und ain schloss ist ain halb meil da ob, da sieht man die ainsidel in den felssen gan (IX,7-9)-viel könne man darüber berichten ... Ilsung aber will weiter. Mit seinen Begleiternzieht er die Ostküste Spaniens hinunter bis nach Tortosa (ca. 160 km südlich Barcelona), wo er die hoch gelobt kingin von Aragoney (IX,12) findet; gemeint ist Maria von Kastilien 15, die ihm selbst das Kleinod des Ordens von der Kanne von Aragon anlegt ein Orden, den beispielsweise auch der Konstanzer Bürger und Ritter Konrad von Grünenberg besaß. 16 Die Königin, Gemahlin Alfons' V. des Großmütigen von Neapel und Sizilien (1416-1458), küßt ihn auf die Wangen, zum Abschied gibt sie ihm einen fider brieft (IX,17), ein Empfehlungsschreiben also 17, durch ihr Land und einen brieft an ihren Bruder, den König von espania (Spanien) mit, gemeint ist Johann II. von Kastilien, dem wir später noch begegnen werden. Von Tortosa in Katalonien zieht Ilsung das Ebrotal hinauf in daz land vnd kingrich vonn Argegoney durch vil stet, und die habstat haisset Saregossa (X,1 f.) Von dort aus geht es nach Norden in das kingrich von Naffren (X,5)- Navarra also, wo die Gesellschaft in der guote[n] stat ... Olleit (X,7), Olite auf halbem Weg zwischen Tudela und Pamplona einkehrt. Hier residiert der king. Er was dez mals brincz und heilt daz gancz land mer von im den von seim vatter (X,8). Der Königs-Prinz, ein junger her ist kein anderer als Karl, Fürst von Viana, der damals in Olite Hof hält. Er, der Sohn Johanns II. von Aragon und Blancas 1., Erbin von Navarra, ist zwar zum König von Navarra gekrönt, liegt aber, was die Ausübung der Herrschaft angeht, mit seinem Vater wegen dessen zweiter Ehe (Karls Mutter Blanca war 1441 gestorben) in ständigem Streit. 18 Karl läßt Ilsung zu seiner Gemahlin führen, die sich der Luft wegen auf dem Söller des Schlosses aufhält. Einer der Begleiter der 15 Vgl. Spanien-Ploetz. Spanische und portugiesische Geschichte zum Nachschlagen, hg. von KLAUS-JÖRG RUHL (Freiburg i.Br. 1986) S. 58 und S. 65 sowie Rorn VONScHRECKENSTFJN (wie Anm. 12), S. 674 Anm. 5. 16 Rorn VON5cHRECKENSTFJN (wie Anm. 12), S. 674 und Anm. 5. Abbildungen der Kleinodien des weitverbreiteten - Kannenordens bei ALWIN ScHULZ, Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhunderts. Familienausgabe, Prag/ Wien/ Leipzig 1892, Fig. 507 und 508 sowie S. 375f. mit genauer Beschreibung des Ordens. Im 'Ehrenbuch' (ed. HAUSLEUTNER [wie Anm. 1 ], S. 341) beschreibt Ilsung die Ordensverleihung so: ltem mer so hat mich begabet die kuengin von aregoney mit ir liberey und gesellschafft ain weise stol mit aim kentlin die hat mir ir kuengklich genad mit iren henden um getan ach ain halsband und ain greift daran zu eren der himmelkuengin marea [! ] und beschaj [! ] in ainer statt haiset tortosa in dem kuengreich von falenza. 17 Fiderbrief = Förderbrief, vgl. MAlTIIlAS LFXER, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch III (Leipzig 1878) Sp. 594 (vürderbrief, füderbrief, fuderbrief) und E. FRElliERR v. KÜNSSBERG, Deutsches Rechtswörterbuch 3 (Weimar 1935-1938) Sp. 535. 18 Zu Carlos, Principe de Viana und den Auseinandersetzungen mit seinem Vater siehe Enciclopedia universal illustrada 68 (Bilbao/ Madrid/ Barcelona 1929) S. 434-436 sowie insbesondere MANUEL TuNON DE LARA, Historia de Espafia 4 (Barcelona 3 1982) S. 402f. Dort auch zur prächtigen Hofhaltung im Palast von Olite. Zu den literarischen Bemühungen des Prinzen (Chronik von Navarra, Aristoteles-Übersetzung) und zu seinem Mäzenatentum siehe Nouvelle biographie generale 8 (Paris 1854) Sp. 753-755. 66 <?page no="75"?> Königin, ein Graf von Foix, bittet sie, doch mit Ilsung deutsch zu sprechen: was sie leicht tun könnte, stammt sie doch aus dem Hause der Grafen von Cleve. Anna von Cleve weigert sich hartnäckig warum, wird nicht mitgeteilt. 19 Nach langem Drängen des Grafen von Foix läßt sie Sebastian durch einen Dolmetscher ausrichten, er solle sich nach seiner Gewohnheit von ihr und den Damen ihres Hofes verabschieden. Ilsung kniet darauf nieder, küßt ihr die Hand, umarmt dann die Hofdamen und gibt ihnen die Hand was alles sehr unüblich zu sein scheint am Hofe von Olite: es was an dem end ain grase schmach (XI,10) kommentiert Ilsung. Von Olite aus geht es nun endlich nach Westen in das gros keinreich von Jspania - Kastilien also - und kam da in die habsta[t] genant Burges (XII,1 f.). Hier in Burgos besucht Sebastian einen alten Bekannten, mit dem er, wie er schreibt, vor acht jaren [.. .] gen bechen (XII,3, Böhmen) geraisset war. Es ist der Erzbischof der Stadt, der bedeutende Jurist und Leiter der kastilischen Delegation auf dem Konzil von Basel, Alfons von Cartagena, der 1438 nach Breslau zog, um sich mit König Albrecht II. zu treffen. 20 Der Bischof freut sich über den Besuch, bewirtet Sebastian vortrefflich und erkundigt sich ausführlich nach den deutschen Fürsten und besonders nach Peter von Schaumberg, dem Bischof von Augsburg. Sebastian bittet den Bischof, ihm doch furderlich zu sein in daz feld zuo demm king von Ispania (XII,10): Der Bischof verspricht dies und gibt Ilsung ain edelmann und seinen deischen koch (XII,13) mit. Der "König von Spanien", Johann II. von Kastilien (1404-1454), liegt damals im Krieg mit den Anhängern des aragonesischen Infanten Johann (1458-1487 König von Aragon und Sizilien) und belagert die Stadt Atienza. 21 Dank seiner guot brieft (Xlll,2) wird Ilsung zum Zelt des 19 Zu Anna von Oeve siehe die in Anm. 17 genannte Literahrr. Mit Carlos de Viana war sie seit 1438 verheiratet, siehe die Details bei HÄBLER (Anm. 4), S. 46f. Sie starb bereits 1448. - Der von Ilsung erwähnte Graf von Foix, den er (siehe Edition XI,4) schon "vorher", also wohlin Foix, besucht hatte, ist Gaston IV., der von 1436 bis zu seinem Tode 1472 herrschte. Johann II. von Aragon und Navarra ist sein Schwiegervater, vgl. Nouvelle biographie generale 18 (Paris 1856) Sp. 46. 20 Zu ihm und seiner Reise siehe LexMa 1 (1980) Sp. 408. Ilsung hatte Alfons, der seit 1435 Bischof von Burgos war, in Breslau getroffen, wie wir aus dem 'Ehrenbuch' (ed. HAUSLEUTNER [wie Anm. 1 ], S. 340f.) erfahren, er war dort von Kg. Albrecht II. ausgezeichnet worden: ltem den ersten hat mich begabt der al/ erdurch/ eichtigester kuenig Albrecht von esterrich dez hallgen remischen reich kuenig zu ungern und zu bechern der hat mir um mein dienst die ich dem halen rich getan han zu sein gnaden gen bechern geraisset uf mein kost dar mit er mich begabet mit seiner kuengklichen genaden gesellschafft und lieberey die ward mir angehenkt von aim ritter zu pressla in der statt. Gemeint ist damit der von Hg. Albrecht V. von Osterreich 1433 gestiftete Adlerorden, vgl. ScHULZ (wie Anm. 16), S. 375 und Fig. 507-511. 21 Zu den überaus verwickelten Vorgängen siehe ÜDILO ENGELS, in: Handbuch der europäischen Geschichte, hg. von TuEoDOR Sci--nEDER, 2 (Stuttgart 1987) S. 988-993 und Historia de Espaiia, hg. von RAMON MENENDEZP! DAL, 15 (Madrid 1964) S. 192f. Atienza liegt etwa 140 km nordöstlich Madrid (Provinz Guadalajara). Die Belagerung begann im Juni 1446 und dauerte zwei Monate; aufgrund einer am 9.8.1446 vereinbarten Waffenruhe konnten die kastilischen Truppen unter Alvaro de Luna, dem führenden Politiker Kastiliens, die Stadt am 12.8. betreten; sie brachen die Waffenruhe und ließen die Stadt niederbrennen. 67 <?page no="76"?> Königs geführt es ist zwei Uhr Mittags, wie die Reisebeschreibung uns wissen läßt - und übergibt den Brief, den ihm die Königin von Aragon, Johanns Schwester, mitgegeben hatte. Sebastian bittet den König um sein liebery vnd gesellschafft (XIII,11, also Livree und Kleinod von dessen Rittergesellschaft); er erhält außerdem fider brieft durch das Königreich Kastilien. 22 Beim König ist der Großmeister des Ritterordens von Santiago. 23 Nach der Audienz führt man Ilsung zum Erzbischof von Toledo (es ist Alfons von Acugna Corillo, der erst kurz zuvor am 4. März sein Amt angetreten hat). 24 Der Erzbischof führt Ilsung durchs Heerlager und auch in den Gang, den die Belagerer wider die feind in de[r] stat (XIII,18) gegraben haben. - Hätte man da einen Sturmangriff gegen die Stadt unternommen, so wäre er dabei gewesen und meist[... ]ritter sein worden (XIII,19), schließt Ilsung. Nach Burgos zurückgekehrt (diese Passage wird im Reisebericht schon beim ersten Besuch Ilsungs in der Stadt erzählt) findet er dort her Jorgen der iunger (XIl,14) vor und die "Freunde" des Bischofs, die ihm und Herrn Jörg, den man irrtümlich mit Ilsungs Landsmann Georg von Ehingen hat identifizieren wollen, große Ehre erweisen. 25 Durch viele Städte zieht Ilsung dann in das Königreich Kastilien, kommt nach Leon (die habstat, XIV,2) und danach(! ), wie er behauptet, in das zwischen Logrofio und Burgos, also weit östlich von Leon gelegene Santo Domingo de la Calzada, die stat, da daz zaichen ist beschenn, da die bratenn hener lebetig wordenn (XIV,3 f.); diese Hühner habe er auch in der Kirche enbor (XIV,7) gesehen. Wie viele Santiagopilger vor ihm besucht also auch Seba- 22 Ilsung beschreibt diese Ordensverleihung im 'Ehrenbuch' folgendermaßen (HAUSLEUTNER (wie Anm. 1), S. 341): Item hat mir gegeben der durchlichtig kung von ispania und von kastilia sein lieberey und gesellschaft am gellen und am silberen band da er zu feld lag vor dem kung von naffere ich was in dem feld bis an den feinfften tag und warten allz tan uf ain sturm am (! ) guten stat ( die gute Stadt) zu gewinen und wer da wol ritt er worden mit grossen eren, da wollt ichs nicht an mich nemen. Auch Ilsungs Landsmann Georg von Ehingen erwarb 1457 diesen Orden, vgl. ScHULZ (wie Anm. 16), S. 376. • 23 Großmeister des Santiago-Ritterordens war seit 1445 Alonso (? ) de Luna, vgl. Enciclopedia universal 54 (1927) S. 246. Ebd. Bd. 31 (o.J.) S. 796 wirdA! varo de Luna als "comendador de Ja orden de Santiago" bezeichnet. 24 Vgl. KONRAD EUBEL, Hierarchia catholica medii aevi 2 (Münster 1914) S. 252. 25 Bereits VON STETTEN referiert in seinen 'Lebensbeschreibungen' (Anm. 1), S. 40 richtig: "so kam er nach Burgos zurück. Dort traf er einen Landsmann, Herrn Jörgen den Jüngeren [.. .]".Die spätere Ilsung-Forschung, so zuerst HÄBLER (wie Anm. 4), S. 48 macht daraus irregeleitet durch die an dieser Stelle schiecht lesbare Londoner Handschrifteinen Jörg Deringer, der dann mit Georg von Ehingen identifiziert wurde, so von MALCOLM LETIS, The Diary of Jörg von Ehingen. Translated and edited by M.L. (London 1929) 5. 65. Diese Identifikation ist auch deshalb abzulehnen, weil Georg von Ehingen frühestens Ende März oder Anfang April 1446 an den Innsbrucker Hof kam und erst 1456/ 57 nach Spanien reiste, vgl. GABRIELE EHRMANN, Georg von Ehingen, Reisen nach der Ritterschaft (Göppingen 1979) II, 5. 85f., 93ff. 68 <?page no="77"?> stian den Ort, an dem sich die-vielfach erzählte- Hühnerlegende zugetragen haben soll. 26 Ohne weiteren Aufenthalt geht es dann durch Galicien in die stat zuo Komboststell, da Zeit der lieb her sant Jacob leibhefftig hinder dem altar (XIV,8f.). Über Santiago, das Ziel seiner Reise, berichtet Ilsung nur knapp, aber doch ausführlicher als andere Pilger und Reisende. Die Kirche sei vor Zeiten ein heidnischer Tempel gewesen und sei überaus fest gebaut. Man könne auf sie hinaufsteigen; oben stehe ain kricz, ist von himell her ab komenn (XIV,13f.). Die Pilgerfahrt nach Santiago sei abgesehen von der ins Heilige Land die bedeutendste in der Christenheit. Viele Pilger kämen dorthin, die meisten zu Fuß, nur wenige mit dem Pferd. Alle Tage geschähen dort Wunderzeichen. Santiago sei Residenz eines Erzbischofs; wer dorthin komme, pflege zu beichten. Man zeige ihm dort große Heiltümer Und wer vil davon zuo sagen, las ich von kircz wegen an stan (XIV,20f.). 27 Weit ausführlicher schildert Ilsung seinen Besuch beim Erzbischof von Santiago (Alvaro de Isorna, 1445-1449 28 ): Nachdem Ilsung am Fronleichnamsabend, dem 16. Juni 1446, in Santiago eingetroffen ist2 9, schickt der Erzbischof einen seiner Diener, einen Ritter, zu ihm und bittet ihn um einen Besuch. Ilsung kniet vor dem Bischof nieder und küßt ihm die Hand. Auf dem Boden liegt ein Teppich, auf dem die Wappen der deutschen Kurfürsten dargestellt sind. Der Erzbischof fragt Sebastian, ob er die Wappen kennt; er gibt ihm durch den Dolmetscher Auskunft und wird dann noch über verschiedene andere Dinge befragt. Am nächsten Morgen nimmt Ilsung an einer festlichen Prozession mit anschließendem Gottesdienst teil. Auch hier erweist man ihm vielfache Gunst: Der Erzbischof schickt ihm sechs Paar Fasane und Kapaune in seine Herberge und gab mir ain brieft an den obresten zuo dem Finster Sterenn. (XV,17f.) Nach dem Essen bricht Ilsung nach Finisterre auf. Der Weg ist der schlechteste, den man finden kann; Ilsung wird ein Knecht krank, obendrein verirrt er sich. Fast bis Mitternacht reitet er am 26 Dazu siehe jetzt ROBERT PLörz, der hunlr hinder dem altar saltu nicht vergessen. Zur Motivgeschichte eines Flügelaltars der Kempen er Propsteikirche, in: Epitaph für Gregor Hövelmann, hg. von STEFAN F'RANKEWITZ (Geldern 1987) s. 119-170, bes. s. 134f. 27 Ilsungs Beschreibung der Heiligtümer Santiagos und seiner Umgebung bedürften einer eigenen, auch andere Pilgerberichte heranziehenden Kommentierung. Auf sie muß hier verzichtet werden. - Zu Itsungs Angabe, Santiago sei nach dem Heiligen Lande das beliebteste Wallfahrtsziel der Christenheit gewesen, siehe ILJA MIECK, Zur Wallfahrt nach Santiago de Compostela zwischen 1400 und 1650. Resonanz, Strukturwandel und Krise, in: Gesammelte Aufsätze zur Kulturgeschichte Spaniens. Spanische Forschungen der Görresgesellschaft, R. 1, Bd. 29(1978) S. 483-533, hier S. 483f. 28 EUBEL (wie Anm. 24) 2, 1914, S. 133. 29 Wenn Ilsung wirklich an der Belagerung von Atienza teilgenommen hat (siehe oben Anm. 21), muß er danach sehr schnell gereist sein. Von Augsburg, wo er am 11. April aufgebrochen war, bis Santiago hatte er neun Wochen gebraucht. 69 <?page no="78"?> Strand auf und ab und west nit wa ich was. Also halft mir got und sant Jacob, daz ich kam in ain weiller, da muost ich gros hunger leidenn (: XVI,5-7). Dort endlich zeigt man ihm den Weg nach Finisterre: zuo latein haisset es affinnis tera, ist zuo teisch ain end dez erttrichs (XVI,8f.). Sebastian gibt dem obersten der dortigen Kirche seinen brieft und wird gastlich aufgenommen. 30 Über den Finster Steren (auch Ilsung nennt ihn, wie viele deutsche Pilger, so, weiß aber, daß die Volksetymologie "dunkler Stern" falsch ist3 1) hat Ilsung viel zu berichten: "Da ist ein hoher Berg und das große wilde Meer stößt auf allen Seiten daran. Der Berg ist wohl eine halbe Meile hoch. Man sieht dort im harten Felsen Christi Fußspuren und einen Brunnen, den er gemacht hat. Der Fels hat sich da an einer Stelle so geneigt wie ein Sessel. Auch für die Mutter Gottes, Sankt Johann, Sankt Jakob und St. Peter stehen dort solche Sessel. Das Meer ist sehr ungestüm; wen der Wind von dieser Küste wegtreibt, der kommt niemals wieder." Von Finisterre zieht Ilsung zuo vnser liebe frauen schiff (: XVII,l, also zur Kirche Santa Maria de la Barca in Mugia/ Muxia), wo daz grest wonder ist, daz ich uf der rais hey gesehen hann: Es ist das berühmte steinerne Schiff, gemacht, als bestünde es aus einem Stein und sehr groß. Dabei liege ein ebenfalls steinerner Mastbaum, 15 Klafter lang und so schwer, daß 20 Ochsen ihn nicht von der Stelle bewegen könnten. Es ist das Schiff, in das-so erzählt z.B. die 'Legenda aurea' des Jacobus de Voragine die Jünger des Apostels im heiligen Land den Leichnam des Jacobus legten, und das diesen dann von selbst, auf wunderbare Weise nach Spanien brachte. 32 Bei diesem Schiff habe man, so wieder Ilsung, eine Kirche gebaut. Wer ohne Todsünde sei, könne den Mastbaum mit einem Finger bewegen, wer aber jemanden getötet habe oder im Bann sei, der bringe ihn nicht von der Stelle. Er habe viele gesehen, die den Mast bewegen konnten, und auch er habe ihn in Bewegung gesetzt. Es muos guotzuo gannsonst hat es kainandrensein (XVII,14f.) fügt Ilsungetwas rätselhaft hinzu. Von Mugia aus geht es wieder nach Compostela, wo Ilsung (wie zuvor in der Kirche von Finisterre) sein Wappen in der Kirche anbringt. Pläne, nach Portugal weiterzureisen, zerschlagen sich, was Ilsung aber nicht davon abhält, über die Verhältnisse des Landes, dessen Herrschaft und über das Königreich Granada zu berichten. Einer, der eben dort gewesen sei, habe ihm davon erzählt. 30 Vgl. The Pilgrimage of Arnold von Harff, ed. by MALCOLM LEITS (Works issued by the Hakluyt Society, No. 94, London 1946) S. 276 und Anm. 1 (auch Leo von Rozmital war in Finisterre). Abgesehen von einer kleinen Kirche "there was nothing to see but sky and water" (ebd.). 31 Arnold von Harff (vgl. LETTS, wie Anm. 30, tc.) nennt ihn den Vinsterstern. 32 Man vergleiche z.B. die mittelhochdeutsche Ubersetzung der 'Legenda aurea': Die Elsässische Legenda aurea. Bd. 1: Das Normalcorpus, hg. von ULLA WILLIAMS und WERNER WILLIAMS-KRAPP (Texte und Textgeschichte 3, Tübingen 1980), S. 445-452, bes. S. 447f. 70 <?page no="79"?> So macht sich Ilsung denn auf die Heimreise. Welchen Weg er im einzelnen benützt, teilt er nicht mit, berichtet aber, er sei durch viele Städte gekommen, die er vorher nie gesehen habe und schließlich wiederum dahin gekommen, wo der heilige Narcissus liege, also nach Gerona. Dessen Bischof (Bernardus de Pavo/ Pau 33 ) ist wie schon bei der Hinreise noch immer abwesend, weshalb sich Sebastians Hoffnung, nun diesmal eine Reliquie des Heiligen zu erhalten, zerschlägt. Das mag ihn besonders geschmerzt haben, ist doch der heilige Narcissus der legendäre Apostel Augsburgs, der angeblich während der diokletianischen Christenverfolgung zusammen mit seinem Diakon Felix dorthin gekommen war, nach neun Monaten wieder heimkehrte und in Gerona um 307 als Märtyrer starb. In Frankreich dann möchte Ilsung gern zum König ziehen und danach den Herzog von Burgund und das Niderland (XIX,10) besuchen: allein es fehlt ihm an Geld, und so muß er zurück nach Genf. Dort empfängt ihn gleich der Herzog und befragt ihn ausführlich über seine Reiseerlebnisse; vor allem interessiert ihn, bei welchen Herren er gewesen ist. Ilsungs Bericht gefällt dem Herzog zuo mal wol (XIX,15). Er erkundigt sich noch, ob denn sein Knecht, den er Ilsung mitgegeben hatte, wohl gedient habe: was Ilsung bejahen kann. Er schenkt dem Knecht 10 Kronen und ein Pferd (was XII guldin wert und zoch wider gen Augspurg vor sant Michels tag (dem 29.9.) und het die rais usgericht in aim halben jar und was ob M [1000] meillen geritten. Got unnd sant Jacob vnd die hayl[igen] hand mich bewaren / biß ich die land vnd kuengreich han erfaren / das war da man zalt von Cristus gepurt 1446 jar (XIX, 20- 27) so schließt Sebastian Ilsung seinen Bericht. III Was wir über Sebastian Ilsungs Spanienzug wissen, verdanken wir fast ausschließlich seinem Reisebericht. Nur das schon erwähnte 'Ehrenbuch' ergänzt diesen hinsichtlich der unterwegs erworbenen gesellschaffeten und liebereyen (vgl. Anm. 1). Für alles übrige aber sind wir auf den Reisebericht angewiesen. Die Empfehlungsschreiben und Geleitbriefe, von denen Ilsung immer wieder berichtet, scheinen sich nicht erhalten zu haben es sei denn, sie schlummern noch in den Magazinen spanischer Archive. Wir lernen Ilsung also nur vermittelt, durch das Medium literarischer Gestaltung kennen. Sorgfältige Interpretation des Reiseberichts ist deshalb 33 Der Doctor decretorum Bernardus de Pavo war von 1436-1457 Bischof von Gerona. Er nahm am Basler Konzil teil. Vgl. Diccionario de Historia ecclesiastica de Espafia 2 (Madrid 1972) s. 1019. 71 <?page no="80"?> dringend geboten, wenn wir den Menschen Sebastian Ilsung und sein Spanien- und Santiagoerlebnis richtig kennenlernen wollen. Die Fragen, die wir an seinen Bericht stellen können, sind, je nach unserem Erkenntnisinteresse, historischer, soziologischer und philologischer Art, also z.B.: ist der Bericht ''historisch exakt", d.h.: faktenrichtig (etwa hinsichtlich der Reiseroute), oder: welchen Ausschnitt von 'Welt" liefert Ilsung in seinem Bericht? , oder schließlich: welcher stilistischen Mittel bedient sich Ilsung, um seine Reise darzustellen? Ich beginne ganz "außen", bei den Entstehungsumständen des Reiseberichts. Nicht wenige Pilger und Reisende des Spätmittelalters planten schon bei Antritt ihrer Fahrt, ihre Erlebnisse schriftlich niederzulegen und machten sich deshalb Notizen, aus denen sie nach der Heimkehr bei der Niederschrift des Reiseberichts schöpften. 34 Nicht so Ilsung. Er dürfte das, was er zwischen Augsburg und Santiago erlebt hatte, erst nach der Heimkehr aufgezeichnet haben, vielleicht sogar erst einige Zeit später. Schließen läßt sich das daraus, daß die Reiseroute des Berichts an einigen Stellen wenig plausibel ist, Ilsung sich also wohl falsch erinnert. So will er von Genf aus nach Westen, das französische Zentralmassiv nördlich umgehend, über das Armagnac ins Languedoc nach Toulouse und Pont-Saint-Esprit gezogen sein und von dort aus dann nach Saint-Antoine-en-Viennois zum Grab des heiligen Antonius, von da aus schließlich nach Nimes: was unwahrscheinlich ist, denn dann wäre er vom Rhöneübergang wieder weit nach Norden und anschließend das Rhönetal hinunter nach Süden gezogen. Tatsächlich dürfte er das unweit Grenoble gelegene Saint-Antoine schon auf dem Weg von Genf her passiert haben. Auch "antiquarische" Details bringt er gelegentlich durcheinander. Seine Erzählung von dem Tempel in Nimes und den Sarkophagen, in denen die Leiber der Karlsstreiter ruhen, ist eine Kontamination der römischen Altertümer von Nimes und Arles. Daß zwischen der Heimkehr nach Augsburg und der Niederschrift des Berichts einige Zeit verstrich, könnte auch die Ursache dafür sein, daß Ilsung von den vielen bedeutenden Persönlichkeiten, die er unterwegs besuchte, kaum jemanden in der Regel nur die Herrscher beim Namen nennt- und dies auch dann, wenn er die betreffenden, wie etwa den Erzbischof von Burgos, schon von früher her kennt. 35 Aufs Ganze gesehen jedoch berichtet Ilsung exakt: Die Fürsten und Könige, die er besucht, haben zur fraglichen Zeit regiert, sind in die von ihm 34 Vgl. O! E1RIG-1 HUSCHENBETI, Die Literatur der deutschen Pilgerreisen nach Jerusalem im späten Mittelalter, Deutsche Vierteljahresschrift 59 (1985) S. 29-46, hier S. 41. 35 Dabei ist aber auch zu beachten, daß für Ilsung, wie für viele andere Reisende auch, die Fun k t i o n des jeweils Besuchten dominiert. Dessen Name ist demgegenüber unwichtig. Es würde sich lohnen, der Frage nach dem Umgang des Spätmittelalters mit Personennamen weiter nachzugehen. Die Reiseberichte der Zeit bieten dazu viel Material. 72 <?page no="81"?> geschilderten Konflikte verwickelt. Die von ihm beschriebenen Reliquien und Heiligtümer waren, wie andere Pilgerberichte ebenfalls belegen (so z.B. der 50 Jahre später entstandene des Arnold von Harff), tatsächlich in Saint- Antoine, Toulouse oder Santiago zu sehen und so weiter. Ilsungs Bericht hat so einen gewissen, wenn auch bescheidenen Quellenwert im engeren historischen Sinne (d.h. dem der Faktentreue, der historischen "Wahrheit") für die savoyische, französische und spanische Geschichte des mittleren 15. Jahrhunderts. Auch wenn Ilsung seinen Reisebericht vielleicht erst einige Zeit nach der Reise niederschrieb, stellte sich ihm doch das Problem, aus der Fülle des Erlebten auszuwählen, und es ist wichtig, zu sehen, was ihm erwähnenswert schien und was nicht spiegeln sich doch in der Auswahl die Interessen und Absichten des Verfassers. Die Auswahl, die er trifft, ist eine rigorose. Ilsung schildert seine Reise zuvörderst als Zug von einem Hof zum anderen sei es dem eines weltlichen oder eines geistlichen Herren. Von der Memminger Antoniterpräzeptorei geht es zum Genfer Hof Felix' des V. und des Herzogs von Savoyen, vom aragonesischen Königshof in Tortosa zu dem des Prinzen von Viana in Olite, vom Hof des Erzbischofs von Burgos zu dem desjenigen von Santiago de Compostela. Die Höfe sind so die eigentlichen Fixpunkte der Reiseroute, über die Ilsung sonst nur knappste Bemerkungen macht. Für die Schilderung des Weges von Genf bis Toulouse braucht er nur zwei Zeilen (V,2f.), der Rückweg von Santiago über Gerona nach Genf ist ihm nur zwei Sätze wert (XIX,1-3,11). Beschreibungen der Landschaft, der Witterung, der Bewohner, der Reiseumstände überhaupt fehlen fast gänzlich. Nur sehr selten fällt eine knappe Bemerkung der Art, daß ein Land (gemeint ist Navarra) voll von selczer gewanhaid ist und daz land hat wenig brunnenn den nur daz wasser daz her hab regnott (X,5-7). Kulturwie literarhistorische Notizen, wie die über Karl den Großen in Nimes, bleiben vereinzelt. Die Mitteilung, daß ihm auf dem Weg nach Finisterre ein Knecht krank wird und daß die Straße dorthin besonders schlecht war, ist fast alles, was an Reiseumständen erwähnt wird. Auch über das eigene Befinden während der Reise verliert Ilsung kaum ein Wort. Ganz anders hingegen seine Darstellung der verschiedenen Höfe, die er besucht. Hier wartet Ilsung jeweils mit einer Fülle von Details auf, die jedoch völlig auf die eigene Person bezogen sind: so etwa, daß der Papst ihn bei der Audienz auf die oberste Stufe seines Thronpodests zieht, welche Fürsten und Herren an der feierlichen Messe des nächsten Morgens teilnehmen, oder etwa, wi~ er am Hof des Prinzen von Viana aufgenommen wird, und daß dessen Gemahlin ihn wegen der dort besseren Luft auf dem Söller des Schlosses empfängt, oder schließlich, daß der Erzbischof von Burgos 73 <?page no="82"?> einen deutschen Koch hat. Ausführlich schildert Ilsung, welche Orden er unterwegs erworben hat, wie deren Kleinodien aussehen, und wer ihm diese umhängte-z.B. die Königin von Aragon in Tortosa. Selbst für Gedankenspielereien ist hier Raum: W e n n der König vom Kastilien während Sebastians Aufenthalt im Heerlager einen Sturmangriff unternommen hätte, d a n n wäre er wohl Ritter geworden, w e n n ihm das Geld nicht ausgegangen wäre, d a n n wäre er noch zum englischen König, nach Burgund und in die Niederlande gezogen. Hier, bei der Beschreibung der Höfe, fließen nun auch ein paar kulturhistorische Details ein. Auf dem Fußboden des Audienzsaales im erzbischöflichen Palast von Santiago liegt ein Teppich mit den Wappen der deutschen Kurfürsten, der Herold, der Ilsung durch den Palast von Olite führt, meint, daz kain kinig alz kain kostlichen balast noch schloss het, da alz vil vergulder kamren wer (X,14f.). 36 Ein zweiter Schwerpunkt von Ilsungs Reisebericht ist die Beschreibung der von ihm besuchten Heiltumsstätten. Neben die Topographie der Hofhaltungen stellt er die der Reliquien und Wallfahrtsorte. In Saint-Antoine schildert er den goldenen Schrein des heiligen Antonius des Eremiten und das kostbare Reliquiar, das einen Arm des Heiligen umschließt, zu Toulouse verzeichnet er, daß dort die Leiber von fünf Aposteln und der des heiligen Georg liegen. Vollends deutlich wird dieser Aspekt der Reise bei der Beschreibung von Santiago, wo er gleich mehrere heilige Stätten aufsucht und viele Details über deren Geschichte zu berichten weiß, so z.B., daß die Kathedrale von Santiago einst ein heidnischer Tempel war. Die Ausführlichkeit, mit der Ilsung hier beschreibt, zeigt, daß Santiago für ihn das eigentliche Ziel seiner Reise darstellt, worauf auch schon der Beginn seiner Darstellung hinweist. Sie setzt mit den Worten ein: Hie ist zu merken unnd zu wissen diegrosse rais zu dem herren sannt Jacob, unnd zu dem Finstern Stern, unnd die [lannd] die ich, Sebastian Ilsung, durchzogen hon, alls auf mein aygen kosst unnd darlegen. Daß Ilsung gleich fortfährt: Unnd mit mir ain reyttenden botten, zu fuß ain bartzefant des hertzogen von Safoy, meins gnedigen herrnn. Der schuoff, das er hieraus mit mir reytten solt, zeigt, daß neben dem "geistlichen" Schwerpunkt gleichberechtigt der "weltliche" steht. Der "geistliche" freilich, Ilsungs Darstellung seiner Besuche heiliger Stätten, ist durch die große Vorliebe für das Kuriose, für die mirabilia, die "Wunder" im Sinne spätmittelalterlicher Volksfrömmigkeit gekennzeichnet. Das grest wonder, das Ilsung auf der Reise zu sehen bekommt, ist nach seinem Eindruck der steinerne, bewegliche Mastbaum in Finisterre. Als Wunder erscheinen ihm auch die Hühner in Santo Domingo de la Calzada. 36 Das politische Umfeld, so etwa der Armagnackenzug des Dauphins von 1444 und seine Folgen (vgl. Nouvelle biographie generale 31 (1860] S. 787), wird von Ilsung ganz und gar - und sicher bewußt ausgeblendet. 74 <?page no="83"?> Wie sehr ihn diese Kuriosa so würden wir sie nennen interessieren, ist daran zu erkennen, daß Ilsung beide Male betont, er habe dies selbst gesehen und die Mastbaum-Probe selbst gemacht. Kritische Bemerkungen, wie wir sie später etwa bei Arnold von Harff finden, der zur Kathedrale von Santiago notiert, er habe den Leib des heiligen Jakobus schon in Toulouse gesehen, und der sich darüber mokiert, daß die Geistlichkeit ihm mit einer spitzfindigen Ausrede verwehrt, den Leib des Heiligen zu betrachten 37, solche Bemerkungen fehlen bei Ilsung. Er fällt keinerlei Urteile, sondern berichtet nur, was er gesehen hat oder ihm beim Besuch eines bestimmten Ortes erzählt worden ist. Wie bei Arnold von Harff und bei anderen Pilgern sucht man auch bei ihm vergeblich Äußerungen über seine geistlichen Erlebnisse: etwa, daß er vor dem Schrein des heiligen Jakobus gebetet habe, oder daß der Anblick Santiagos oder der Apostelreliquien ihn "ergriffen" habe, was alles nicht so gedeutet werden darf, als sei Ilsung etwa n i c h t fromm gewesen. Daß Ilsung aus der Fülle seiner Erlebnisse auswählt, macht er in seinem Reisebericht im übrigen vielfach und in fast topisch zu nennender Weise klar. Viel wäre von der Pracht Barcelonas zu sagen, viel auch vom Montserrat: allein, dann würde sein Bericht zu ausführlich; was alles er am Hofe des Bischofs von Burgos erlebt habe, lasse er der Kürze wegen weg, vom Glanz des königlichen Feldlagers, da wer vil von zuo sagen (XIII,14) usw. Will Sebastian Ilsung so den Leser seines Berichtes der Kürze wegen nicht mit vielen Details behelligen, so liegt an einer - und zwar einer zentralen Stelle der Verdacht nahe, daß er dem Leser eine wesentliche Information, nämlich eine Absicht seiner Reise, vorenthält. Auch hier müssen wir allerdings bedenken, daß Ilsung diese vielleicht für seine "Privatsache" hielt und sie so für nicht mitteilenswert erachtete. Gemeint ist Ilsungs Beschreibung seines Besuches beim Gegenpapst Felix V. und dessen Sohn, dem Herzog Ludwig von Savoyen. Ilsung stellt es als völlig normal hin, daß ihm der Herzog für die ganze Reise einen reitenden Boten in savoyischer Livree (wie die Illustrationen des Textes verraten) und darüber hinaus einen Bartzefant (percevant) zu Fuß mitgibt. 38 Es liegt so nahe (und ist in der Forschung mehrfach vermutet worden 39 ), daß Ilsung in diplomatischer Mission unterwegs war. Ein Anlaß dafür läßt sich leicht finden. Seit 1445 steht Ludwig von Savoyen in Gesprächen mit dem französischen König 37 Die Pilgerfahrt des Ritters Arnold von Harff, hg. von E. VON GROOTE (Köln 1860) 5. 233. 38 Vgl. FRANCESCO COGNASSO, Amedeo Vlll., 2 Bde. (Turin 1930) hier Bd. 1, 5. 107-111 sowie die Tafeln (Bd. 1, nach 5. 48 und 96, Bd. 2, nach 5. 16und 5. 144). Siehe auch D.L. GALBREA TI-! , Papal Heraldry (Lo~don 1972) Tafel 11 (Wappen des Papstes Felix). Auf den unten wiedergegebenen Federzeichnungen der Londoner Handschrift scheinen die Farben falsch dargestellt zu sein (rotes Kreuz auf weißem Grund statt, wie richtig, umgekehrt). 39 HÄBLER (wie Anm. 4) 5. 47f. 75 <?page no="84"?> darüber, wer als Papst anzuerkennen sei, sein Vater, Papst Felix V., oder dessen Gegenspieler, Eugen IV. Eugen war zwar 1439 vom Basler Restkonzil abgesetzt worden, wurde von Teilen der Kirche aber weiterhin als rechtmäßiger Papst anerkannt. Man kann so vermuten, daß Ilsung die Haltung der geistlichen und weltlichen Herrscher Spaniens und Südfrankreichs zu dieser Frage auskundschaften und für Amadeus - Felix werben sollte. 40 Daß zwei Ritter von Genf aus mit Ilsung zu Ludwig, dem Dauphin von Frankreich ziehen, und daß Ilsung bei Ende der Reise dem Herzog von Savoyen Bericht erstattet, unterstützt diese Vermutung. Ist Ilsung in diesem einen Punkt also zurückhaltend, so hat sein Bericht jedoch, verglichen mit denen anderer Reisender und Pilger seiner Zeit, einen großen Vorzug. Er ist durch und durch persönlich geprägt, der Autor will ganz offensichtlich nicht wie etwa Felix Fabri oder Hermann Künig von V achbelehren, sondern er schildert ganz individuell das, was er erlebt hat, und das heißt auch: Er behelligt uns an keiner Stelle seines Berichts mit den Früchten seiner Lektüre. Wenn er etwas erzählt, was er nicht selbst erleben konnte, ist es ihm von anderen berichtet worden, so etwa die knappen Bemerkungen über Portugal oder das Königreich Granada, die er gegen Ende einflicht. Diese Individualität und Unmittelbarkeit hat freilich auch ihre Schattenseiten. Ilsung ist alles andere als ein "Intellektueller''. So läßt sich auch von einem "Stil" bei seiner Reisebeschreibung kaum sprechen. Der Bericht ist sprachlich-stilistisch gesehen überaus schlicht, ja holperig und scheint das Ausdrucksvermögen seines Verfassers nicht selten zu überfordern. Vor allem der Satzbau ist, bedingt durch fehlende Prädikate, mitunter ausgesprochen kraus, der Text an einigen Stellen kaum verständlich, was wohl nicht der Überlieferung anzulasten ist. Die Beschreibung des Besuches am Hofedes Erzbischofs von Burgos schließt Ilsung mit den Worten: ist kam zuo gelaben was er und zuocht mir und hern Jorgen da geschach ward zuo lang (XII,18f., hier diplomatisch wiedergegeben). Sätze werden mit Vorliebe durch ''Und" oder "Dar nach" aneinander gereiht, der Wortschatz ist klein, die Sprache bildarm und reich an Wiederholungen, aufs Ganze gesehen: fern von einer "gehobenen" Sprache oder gar kunstreicher literarischer Gestaltung. Fast ungegliedert holpern die Sätze hintereinander her. Der Mastbaum ist wol XV klaffeter lang und ist alz schwer daz XX ochsen nit mechten vonstat rucken der leit ufstainen und ist gancz ain wiltnus da den ain kirchhat man von dez wonders wegen da hein gebuen und die ist auch zergangenn (XVII,5-8) eine Sprache, fern vom Ideal einer geregelten Standardsprache, dafür aber 40 In diese Richtung deutet auch, daß der von Ilsung im Feldlager vor Atienza besuchte Erzbischof von Toledo, Alfons de Acugna Corillo, von Felix V. zum Kardinal ernannt worden war (COGNASSO [wie Anm. 38] II, S. 192). 76 <?page no="85"?> nahe an der mündlichen Sprache und so, und dies gilt für viele Reisebeschreibungen, für den Sprachhistoriker von hohem Interesse. 41 Das gilt auch für den Stil, der uns viel über den Verfasser unserer Reisebeschreibung, den Augsburger Sebastian Ilsung als spätmittelalterliches, seinen Reisebericht individuell prägendes Individuum verrät. Wie sehr weicht beispielsweise von dem Ilsungs der einige Jahrzehnte später verfaßte Bericht des Nürnberger Arztes und Humanisten Hieronymus Münzer ab, der sich für ihn fast selbstverständlich der lateinischen Sprache bedient und seine Beschreibung Santiagos mit einem klassischen Städtelob einleitete. 42 Blicken wir abschließend zurück, so steht vor uns der Mensch Sebastian Ilsung, so, wie wir ihn aus seinem Spanien- und Santiagoreisebericht kennengelernt haben: Augsburger Patrizier, Ritter, Diplomat und Santiagopilger in einer Person und zur gleichen Zeit, auf Ablässe, Reliquienschau und den Besuch des Apostelgrabes im fernen Galizien ebenso bedacht, wie auf die Mitgliedschaft in vornehmen Rittergesellschaften, auf Hofgeselligkeiten und politische Gespräche; fromm und "geschäftstüchtig", tief verwurzelt in seiner Herkunft wie den Normen seiner Klasse. Für wen er, wohl schon in fortgeschrittenem Alter, seinen Bericht niederschrieb, und was er damit beabsichtigte, teilt er nicht mit. Vermutlich aber geschah dies zu Nutz und Frommen der eigenen Familie, damit auch die Nachfahren dereinst nach Santiago pilgerten und dort wie dies für die Nürnberger Familie Rieter bezeugt ist4 3 ihren Wappenschild in der Kathedrale von Santiago aufschlügen, und diese Reise wie Sebastian in aller warheit, mit hilf! des almechtigen gotz unnd seiner lieben mutter (I,lOf.) vollbrächten, als Menschen ihrer Zeit, die es uns wert sein sollten, daß wir ihre Bekanntschaft suchen: und deren schlichte, von literarischen Prägungen und Ambitionen unverstellte Individualität uns mehr über die Zeit verrät, in der sie lebten, als manche wissenschaftliche Abhandlung. IV Sebastian Ilsungs Beschreibung seiner Spanienreise ist anscheinend nur unvollständig erhalten geblieben. Eine ausführliche Nacherzählung (mit einigen Zitaten) bot bereits PAUL voN STETTEN 1782 (Lebensbeschreibungen, 41 Auf diesen, bei der Beschäftigung mit der mittelalterlichen Reiseliteratur bisher kaum berücksichtigten Aspekt hat kürzlich HUSG-IENBEIT (wie Anm. 34) S. 40f. hingewiesen. 42 LUDWIG l'FANDL (Hg.), Itinerarium Hispanicum Hieronymi Monetarii 1494-1495, Revue Hispanique 48 (1920) S. 1-179, hier S. 94. 43 HÄBLER (wie Anm. 4) s. 49f. 77 <?page no="86"?> siehe Anm. 1). Sie beruhte auf einer Handschrift, wohl dem Original, "die ich durch die Gewogenheit eines seiner [Sebastians] noch in Ehren stehenden Nachkommen erhalten habe" (S. 27). Die Handschrift war damals bereits lückenhaft (S. 40) und auch sonst "nicht in der besten Ordnung, sondern dessen[! ] Blätter [scheinen] durcheinander gekommen zu sein. Es [! ] ist übrigens mit trefflichen Gemälden gezieret, so wie sie vom Jahr 1446 leicht zu vermuthen sind." (S. 46). Einen Abdruck des Textes nach der gleichen Handschrift bot dann PH. W. G. HAUSLEUTNER 1793 (wie Anm. 1), der seine Vorlage als das "Original, welches die Familie Sebastian Wilsungs [! ] in Augsburg noch besitzt" bezeichnet; dort seien "nämlich die merkwuerdigsten Vorstellungen mit Wasserfarben gemalt." (S. 326). Zum Text der Handschrift notiert HAUSLEUINER ansonsten nur, daß sie nach der Beschreibung von Nimes (und Arles; Taten Karls des Großen, Textabdruck VIII) eine Lücke aufweise: "Hier fehlen in der Handschrift ein oder mehrere Blätter" (S. 329). HAUSLEUINERS Abdruck bietet, allerdings in falscher Reihenfolge, den gesamten unten wiedergegebenen Text (I-XIX). Einen Abschnitt des Textes, Sebastians Empfang bei Anna von Cleve in Olite, bot JosEPH FREIHERR VON HoRMAYR 1849. 44 Als Quelle erwähnt er VON STETTEN, was aber nicht zutreffen kann, da dieser ja nur eine Paraphrase des Textes geboten hatte. Wegen einiger Auslassungen und erheblicher orthographischer Differenzen kommt auch der entsprechende Absatz in HAUSLEUINERS Abdruck (dort S. 334f.) als Quelle nicht in Frage. HoRMAYR hat also wohl die Handschrift selbst eingesehen. Daß sein Textabschnitt, der später zweimal von FARINELLI nachgedruckt wurde 45, exakt mit Seite 2r der Londoner Handschrift (und mit einem Absatz bei HAUSLEUTNER! ) übereinstimmt, ist sicher kein Zufall. Die einzige mir bekannte handschriftliche Überlieferung von Ilsungs Reisebericht ist die Handschrift London, British Library, Ms. Additional 14326, ein Pergamentheft des 15. Jahrhunderts von 10 Blättern (eine Lage, Format: 24 x 17,5 cm). 46 Sie enthält auf den Seiten lr-6rein Fragment der Reisebeschreibung, nämlich die Abschnitte IX-XIX (in dieser Reihenfolge). Jeweils das obere Drittel der Seiten 1r-5r wird durch farbige Federzeichnungen eingenommen. Auf den Seiten 7v-8r stehen 42 bzw. 20 leere Wappenschilde mit den Namen von Augsburger Patriziergeschlechtern. Reisebe- 44 Taschenbuch für vaterländische Geschichte, 38. Jg. der gesamten und 20. der neuen Folge (Berlin 1849) s. 225. 45 ARTURO FARINELLI, Notas Criticas. R. FOULCHE-DELBOSC, Bibliographie des Voyages en Espagne et en Portugal, Revista Critica de Historia y Literatura Espafiolas 3 (1898) S. 149- 252, hier S. 163 und DERS., Viajes por Espafia y Portugal desde Ja edad media hasta el siglo XX. Nuevas y antiguas divagaciones bibliograficas. T. 1 (Rom 1942), S. 128-130. 46 Kurze Beschreibung bei ROBERT PRIEBSCH, Deutsche Handschriften in England II (Erlangen 1901) S. 122. 78 <?page no="87"?> schreibung und Wappenbeischriften sind von der gleichen, flüchtigen Hand geschrieben, die sich kaum genauer als auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datieren lassen wird. Die Schrift, eine nachlässige und teils sehr schlecht lesbare, aber professionell wirkende Kursive nützt den Beschreibraum bis zum äußersten; sie steht in merkwürdigem Kontrast zum Beschreibstoff und der Tatsache, daß die Handschrift illustriert wurde. Der gesamte Text der Handschrift Additional 14326 wurde von einer anderen, wohl zeitgleichen Hand durchkorrigiert; zahlreiche Wörter und einige Namen imWappenteil stehen auf Rasur. 47 Man könnte deshalb vermuten, daß es sich hier um ein Konzept des Reiseberichts handelt, das als Vorlage für eine Reinschrift dienen sollte -wogegen aber wiederum der Beschreibstoff spricht. Nach einem Eintrag auf dem Vorsatzblatt kaufte das damalige British Museum die Handschrift 1843. Sie trägt einen Einband des 19. Jahrhunderts. Vorher dürfte sie etliche Zeit ohne Einband gewesen sein, da auf Seite lr Schrift und Bild stark abgerieben sind. Eine Notiz des Bibliothekars G.J. Barwick vom Mai 1899 auf dem gleichen Vorsatzblatt weist darauf hin, daß die Handschrift den Text der von PAUL von STETTEN (S. 40) erwähnten Lücke enthalte; der Lücken-Text entspricht exakt dem auf den Seiten 3r und 3v (= XIII-XIV der Edition). Barwick schließt daraus: "At all events this is evidently not a portion of the Augsburg Ms. which P. von Stetten had before him in 1782." BarwicksSchlußfolgerung dürfte zutreffen, auch wenn dies zu einer kühnen Annahme zwingt. Dabei ist zunächst darauf aufmerksam zu machen, daß die Druckabsätze in HAUSLElTfNERS Wiedergabe des Textes (der doch sicher die gleiche Handschrift vor sich hatte, wie wenige Jahre vor ihm PAUL von STETTEN! ) exakt mit den Textstücken übereinstimmen, die auf den einzelnen Seiten der Londoner Handschrift stehen. HAUSLEUTNERS Absatz 13 (S. 333, Darnach kam ich durch vil schener ... haylig sey gewessen) entspricht so genau dem auf Seite Ir der Londoner Handschrift stehenden Text. Des weiteren ist daran zu erinnern, daß schon von STETTEN bemerkt hatte, daß die Blätter der Handschrift durcheinander gekommen seien. HAUSLEUTNER bietet denn auch den Text in einer falschen, der Reiseroute strikt widersprechenden Reihenfolge. Sie wurde in der unten anschließenden Edition des Textes korrigiert. Der Anschaulichkeit halber sei hier eine Konkordanz zwischen HAUSLEUTNERS Abdruck, der Londoner Handschrift und meiner Edition geboten; "-" steht dabei für Abschnitte, die in der Handschrift fehlen. 47 Von der Hand des Korrektors stammt überdies eine Nachbemerkung zum Wappenteil auf Seite Sr, abgedruckt bei PRIEBSCH (wie Anm. 46) 5. 122. 79 <?page no="88"?> HAUSLEUTNER 2 (S. 326) 1 (S. 325) 3 (S. 326f.) 4 (S. 327) 5 (S. 327f.) 6 (S. 328) 7 (S. 328f.) 8 (S. 329) 13 (S. 333) 14 (S. 333f.) 15 (S. 334f.) 16 (S. 335) 11 (S. 331f.) 12 (S. 332) 9 (S. 330) 10 (S. 330f.) 17 (S. 336) 18 (S. 336f.) 19 (S. 337f.) Londoner Handschrift lr 1v 2r 2v 3r 3v 4r 4v Sr Sv 6r (ohne die Schlußverse) Edition I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII XIII XIV XV XVI XVII XVIII XIX Die Londoner Handschrift muß also eine sehr genaue, den Text identisch auf die einzelnen Seiten verteilende Vorlage oder Abschrift der ebenfalls mit Bildern ausgestatteten, anscheinend verlorenen - Augsburger Handschrift sein, die voN STETTEN, HAUSLEUTNER und vielleicht auch noch HoRMAYR vorlag. Ob die Londoner Handschrift als Vorlage oder Abschrift zu gelten hat, ist nicht sicher zu entscheiden. Zwar weist HAUSLEUTNERS Abdruck einige kleine Lücken und abweichende Lesungen auf, doch könnten diese auf Lesefehler zurückzuführen sein; zumindest ein derartiger Fehler beruht auf einem Zeilensprung (wohl HAUSLEUfNERS; s.u. IX,17). Die Edition der Reisebeschreibung Sebastian Ilsungs geht von folgenden Grundsätzen aus: Da, wo die Londoner Handschrift und HAUSLEUTNERS Druck Text parallel überliefern, folge ich (auch in der Schreibung) der Handschrift, ziehe den Druck aber, wegen der stellenweise sehr schlechten Lesbarkeit der Handschrift, vergleichend heran. Letzteres gilt auch für die in von STEITENS Inhaltsparaphrase eingelegten Zitate, für das von HoRMAYR abgedruckte Kap. XI und die von LETis (wie Anm. 25), S. 65f. diplomatisch nach der Handschrift abgedruckten Kapp. XI und XII. Die nur durch HAUSLEUTNERS Druck überlieferten Kapitel gebe ich in seiner Schreibung, aber unter Korrektur offensichtlicher Lesefehler wieder. Im gesamten Text 80 <?page no="89"?> wurde der Verständlichkeit halber eine sparsame, moderne Interpunktion eingeführt (die Handschrift hat keine Interpunktion, HAUSLEUfNER eine sehr reiche, willkürliche, die oft den Sinnzusammenhang zerstört). Entgegen HAUSLEUfNER werden nur Eigennamen groß geschrieben (die Handschrift schreibt auch sie konsequent klein); u und v werden, der besseren Lesbarkeit wegen, nach modernem Gebrauch unterschieden. Bei HAUSLEUfNER und in der Handschrift übergesetzte Buchstaben (z.B. würd) wurden nachgestellt (wuerd). [] bezeichnen Zusätze des Herausgebers; sie dienen teilweise der besseren Lesbarkeit. Da die Londoner Handschrift den Text seitenweise in Abschnitte gliedert, die den Illustrationen genau zugeordnet sind, wurde er in der Edition dementsprechend aufgeteilt; die Abschnitte werden mit römischen Zahlen bezeichnet. Die kolorierten Federzeichnungen der Londoner Handschrift werden unten in Schwarzweiß wiedergegeben. 48 Sie bedürften einer eigenen Untersuchung, vor allem, was die Kleidung der dargestellten Personen betrifft. In der Regel geben sie den zentralen Aspekt des jeweiligen Kapitels anschaulich wieder. Der Apparat verzeichnet Abweichungen von einem der Überlieferungsträger und kommentiert zweifelhafte Lesungen sowie unverständliche Textstellen. 48 Für die Genehmigung zur Reproduktion sei auch an dieser Stelle der British Library herzlich gedankt. V Text I Hie ist zu merken unnd zu wissen die grosse rais zu dem herren sannt Jacob unnd zu dem Finstern Stern, unnd die [lannd] die ich, Sebastian Ilsung, alle durchzogen hon, alls auf mein aygen kosst unnd darlegen. Unnd mit mir ain reyttenden botten, zu fuß ain 5 bartzefant des hertzogen von Safoy, meins gnedigen herrnn. Der schuoff, das er hieraus mit mir reytten solt, alls ach beschach. Was er unnd zucht mir widerfarenn ist, das ist auch ye nach dem kuertzstenn brieffen, unnd ain thayl was ich seltzams gesehen han, das namhafftigest, es wuerd sonst zu lanng. Unnd was hernach l,1 rais] HAUSLEU1NER (= H.) Raid (aber Rayß l,12) I,2 dem] den I,8 brieffen] ob "beschrieben" oder ''begriffen" zu lesen ist? 81 <?page no="90"?> 10 geschrieben statt unnd gemalt, das hat sich alls erganngen, in aller warheit, mit hilff des almechtigen gotz unnd seiner lieben mutter unnd des lieben herrn sant Jacob. Unnd die rayß vollbracht ich in aim halben jar, da man zalt 1446 jar. II Hie soll man wissen wen [ich] Sebastian Ilsung bin zu Augspurg ausgeritten an dem nechsten montag nach dem palmtag des jars da man zalt 1446 jar. Da ritt ich zum ersten gein Memingen unnd macht mir ain kunttschafft mit dem hochmayster, der gab mir brieff an sein 5 obersten zu sant Anthoni. Unnd befalch mich im unnd nam auch sein briester, denn verzert ich, was auch ain edelman. Der was mein dulmesch bis [ich] in sein kloster kam. Auch der [h]ochmayster vonn Memingen ist vast vonn guttenn edlen geschlecht, denn sein freund unnd sein brueder seind vast mechtig unnd thetten mir groß er unnd 10 zucht von seinen wegen. Darnach zog ich henn durch die edgenossen unnd ward uff dem weg gefanngen, darum, daß man mainet, ich wer ein Esterreycher, darum das ich kraus har hett. Da wer vil von zu sagen, den ain rat zu Lutzernam der noet mich, das ich hinder ain ratt must schweren auff ain widerstellen. Allso kam es hernach dartzu, das 15 mich die statt von Berrnn wider ledig machten, das ich mich niena dorfft stellen. Unnd wer lang davon zu sagen, wie es sich gemacht, das ich alls von kurtz unnderwegen laß. Den von Lutzern schrieben mir ain brieff unnd sagten mich aller glibnis ledig, den sy werden das woll unndericht. III Hie ist zu wissen das ich zoch den nechsten zuch gen Bern unnd gen Fryburg in Yechtlannd unnd darnach in Sofey gen Genefa, da helt der bapst Felix hoff unnd sein sun der hertzog vonn Sonon. Da ward mir gross er erbotten bei aim tanntz, da vil vonn zu sagen were. Der 5 gesellt sich des babst kemerlin zu mir, ain deutscher, der sagt dem papst so vil, das er weit, das ich vir in kame, alls ach beschach, unnd vil volckhs mit mir, das mich darumb batt. Also kam ich vir den babst, unnd ward vor unnderweysset, wie ich referentz unnd er erbietten solt. Unnd zoch mich der babst Felix mit der hannd auff 10 den obergesten staffel, da er sein fies auf hett. Das was ain große II,2 jars] Jahrs (aber J ar 11,3) II,6 verzert] verzeyt, aber verzert Vl,9; mhd. verzem "unterhalten, verköstigen", vgl. Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch III (Leipzig 1878) Sp. 317 II,18 werden] ob weren zu lesen ist? III,3 Sonon] so hier für "Savoyen" III,6 kame] Kama. Ob Druckfehler? alls ach] all sach 82 <?page no="91"?> er, so nacht lat bey im kniegen. Unnd fraget mich mencherley von unserm bischoff hie unnd von der statt Augspurg wes sy were. Das sagt ich im unnd er gab mir sein bebschlichen segen unnd den frieden; es wer noch lanng zu sagen. IV Darnach befalch er mich seim sun, dem hertzogen von Sauvi gar mit großem fleys. Da kam ich vir den hertzogen, da er meß hörtt. Da was kestlich gesanng unnd gienng fast herlieh zu. Bej der mes was sein gemachel, ain kungin, geporen von Zipern, darnach seins suns, des 5 brintzen, ain kungin von Frannckhreich, darnach mer seins suns des graffen von Genff sein gemachel, ain kungin von Schottland. Da füert man mich zu bey der mes, da sy aus war, unnd knieget vir sy nider unnd kuesset yedlicher kungin ir hannd alls den gewonhait ist. Uff dieselbe zeytt ließ mich der hertzog vil fragen unnd schuff mir zu 10 seim reitenden botten mit seim schilt, unnd befalch im, das er mir wo! dienet unnd schicket mit mir zween ritter, die giengend mit mir zu des delphins bottschafft unnd da vonn meinen wegen. Da wer vil darvon zu sagen; laß ich vonn kurtz wegen also beleihen. V Item es ist zu wissen, das ich darnach hain zoch durch Sonnay durch vil stett unnd kam darnach in Bebundt, ist ain lanndlin, unnd in Armejac, unnd in Lanngedokh, da leit ain statt, haist Delosam, da liegend V apostell unnd sannt Joerg. Darnach zu der lannge prugk zu 5 Sannt Spirito, da ist vil von zu sagen. Darnach in dasTelfins nat, ist Frankhreich, da leyt der haylig Sannt Anthonius leibhefftig unnd thutt grossen zaichen alle tag. Da ist ain grosse fart hin, unnd die statt haist Dewenan, das ist gar ain gottlich kloster unnd spitall von mechtigen leuten. Unnd der oberst [h]ochmaister ist alls 10 mechtig, das man allweg kniegen muß, wenn man mit im rett. Da han ich gesechen sannt Anthoni ligenn enbor in aim guldin sarch, unnd sein arm kestlich eingefast. Unnd ist vil groß gutt, das nit zu gelaben ist, als vil edel stain unnd perlach daran, unnd ist groß gutz wert. Es wer vil darvon zu sagen; laß ich von kurtz an stan. VI Hie ist zu merkhenn unnd zu wissen, was mir der großmaister von sannt Anthoni eer unnd zucht bewisen hatt. Er schannkt mir, alls III,11 so nacht lat bey im kniegen] "so nah ließ (er mich) bei sich knien"? IV,10 seim (1)] "seinen" (reitenden Boten, s.o. 5. 81) V,3 Delosam] de lnsam V,11 enbor) en ber 83 <?page no="92"?> lanng ich da war, iij tag all mal morges unnd nachtes rottenn unnd weisen wein nach dem aller pestenn unnd gab mir den orden sant 5 Anthoni unnd mit dem glaglin unnd schrib [mich) ein in die bruderschafft, unnd ließ mich sehen sein ballast, da er selbs in wonet; das was fast kostlich. Unnd [er) hett gern gesehen, das ich an seim hoff wer gewessenn unnd gab mir gut brieff an seinen ordenn unnd an seine freund, dardurch mir groß er beschach. Ich vertzert 10 auch ain edelmann, denn fuert ich von Memingen aus biß in sein kloster gen sant Antoni. Der was wo! gefrait unnd was ein briester. Der luß mich alle ding schauen unnd set mir alle gelegenhait; ist vil wunder zu sechen. VII Darnach kam ich geritten in Frankhreich, das da heist Delfinat. Da kam ich in ain statt hayst Neimus. Das was ain grosser tempel von grossem gemair unnd so groß stein daran, das es nit menschlich ist, das man es glauben solt, das es menschen gemacht habend. Es ist noch 5 groesser den des Bemers haws zu Bern. Da kam kaiser Karel vonn Frankhreich unnd erstoert den tempel unnd die abgoetterey der haidenn, unnd beschach da der groß streytt. Wart da gegeben kayser Karel das schwert unnd drey gel gilgen in ainem plauen schilt, ward im von aim engel vonn gott gesannt, unnd gewan da den streyt unnd 10 das lannd alls zu Christen glauben. Unnd warend die lestenn hainden die er stert unnd gewan sig mit der gottes hilff amen. VIII Da Iiess kayser Karel ein tempell bauen, das im gott hett den sig gebenn, da gieng ich ein. Der ist schier aller erganngen, dan er leyt auff ainer großen haind. Unnd all sein mechtig dienner, die im erschlagen worden inn dem streyt, die lies er da begraben. 5 Dieselbenn graeber hann ich gesehen, aussen unnd inne, unnd ire gebain darinn, unnd sach woll, das es groß unnd starkh leytt seynd geweßen. Unnd die greber seyen kestlich gemacht mit weyßem marbel und kestlich erhawene greber, seind vber X. Unnd seind fast groß herren geweßen, unnd auch zu ainer gedechtniß des streytts, unnd 10 sach es aus der massen gern. Unnd was der grost streytt, denn kayser Karel ye gethon hett. Unnd das wappen, das im da gegeben ward, das fierend noch all kunig von Frankhreich amen. VI,5 VII,11 VIII,2 VIII,9 84 (mich)] auch ich möglich er stert] erstert erganngen] "zergangen" unnd auch zu ainer gedechtniß] ob Textlücke? <?page no="93"?> IX Dar nach kam ich durch vil schener stet in Katelonia und kam in die grose stat Parselone, daz ist die herliehest stat, da ich ey ein kam, von mechtigen herren, und grose scheffung komt da zuo, und gelicht gar zuo Fenedig mit aller kosfüchhaid, und ist die habstadt 5 in Kadelonia, da wer vil von zuo sagen. Dar nach zoch [ich] in ab dem weg zuo aim grose kloster, leit ain meil hoch uf aim berg, haist Munserrat. Da hat eider man s esen und trincken wer komt. Und ain schloss ist ain halb meil da ob, da sieht man die ainsidel in den felssen gan, und wer vil dar von zuo sagen. Dar nach zoch ich an dem 10 mer uf mit grasen sorgen und nam eider man wunder, daz mich die Katelan nit heim heten gefiert, und kam in ain gros stast, haisset Tertossa, da fand ich die hoch gelobt kingin von Aragoney. Und kam vir ir genad an demm hal[g]en ufertag und gab mir da ir geselschaff, ain weisse binden mit aim kentlin dar an und 15 det mirs selb on mit iren hendenn und kisset mich ann daz wangen und rete vil mit mir um1 .li.et vil schener junckfrowen und gab mir ain fider brieff durch ir land ,md gab mir ain brieff an iren bruoder, den king von Espania, und ich main, das sy halig sey geuesen. IX,1 in (2)] H. an IX,2 ey J "je" Ostern) gefeiert, 1446 also am 26.5. (Ostern 17.4.) IX,4 gar] H. gantz IX,5 in ab] "hinab" IX,7 Munserrat] H. Muensterrott s esen] "das Essen", Hs. sesen trincken] Hs. tricken; H. yedermann zu essen und zu trincken IX,8 ist ain halb] H. auch ainer halben IX,9 vil] Hs. wil IX,11 heim] fehlt Hs. IX,13 ufertag] "Auffahrttag", Christi Himmelfahrt, am Donnerstag nach dem 5. Sonntag nach Ostern (= 40 Tage nach IX,14 kentlin] H. kette/ in binden] Hs. Schrift fast völlig abgerieben IX,15 on] H. umb mit] Hs. Schrift fast ganz abgerieben IX,16 junckfrowen] Hs. dito IX,17 durch ir land und gab mir ain brieff] fehlt H.; Zeilensprung Hausleutners oder seiner Vorlage brieff] Hs. ab hier der Text kaum noch zu lesen 85 <?page no="94"?> X Dar nach kam ich in daz land und kingrich vonn Argegoney durch vil stet, und die habstat haisset Saregossa. Und ist ain guot land von allen frichtenn, gelich alz in der haidenschafft. Und send usermasenn vil haiden und juden in dem kingrich. Da nach zoch ich in 5 daz kingrich von Naffren durch vil stet. Da ist vil selczer gewanhaid und daz land hat wenig brunnenn, den nur daz wasser, daz her hab regnott. Da kam ich in ain guote stat gen Olleit, da was der king. Er was dez mals brincz und heilt daz gancz land mer von im den von seim vatter, der was alweg unfridlich. Da fuort mich der herold 1O vir den king. Der was zuo mal ain junger her und hielt sich gar genedichklichen gen mir. Und was ich begert, daz tet er alz und schuoff, daz man mich viren seit zuo seim gemache! , die was von ir selbs aine von Kleff. Und der herold der lies mich den balast sechen. Der maint ach, daz kain kinig alz kain kostlichen balast 15 noch schloss het, da alz vil vergulder kamren wer; ich sach ir zuo mall vil. Es ist nit zuo sagen, was ko[s]tlicher gebey da ist, wes man sich erdencken so! . X,2 ain] fehlt H. X,3 haidenschafft) Hs. haideschafft X,5 selczer) "seltsamer", H. stelzer ("stolzer") X,6 nur) Hs. neu oder wen, H . nur X,7 gen] Hs. übergesetzt Olleit] H. alet X,9 unfridlich] H. fridlich (! ) 86 <?page no="95"?> XI Dar nach fuort mich der herolt zuo der kingin, die was uf der wer umm daz schloss von dem guoten lufft wegenn. Da was ain grose tabernackel, da stand sy und ir junckffrauen. Und stond bey ir ain mechtiger graff de Fos, da was ich vor ach bey geuessen. Da kneigt 5 ich vir die kingin. Daz sprach der graff, sy selt teisch mit mir reden, aber sy schemet sich und woltz nit ton.Der graf wolt nit ablassen, sy selt es ton.Da sprach sy: "Stet uffws! " und der graff trib vil kurczwill mit ir. Und er lies mir sagen durch mein tulmecz, die kingin weit, da[z] ich urlab neme, alz gewanhait were in meim 10 land. Aber es was an dem end ain grose schmach. Doch woltz der graff also han und wolt der kingin ain fred und kurczwill machen. Also kneigt ich neider vir die kingin und kuesset ir hand, alz gewahaid ist und gen da zu den junckfrauen und ummfeng sy und bot in die hand. Daz was in gar wider, doch woltz die kingin also habenn. Und 15 dar nach huob sich an ain groser tancz bey der nacht, und schicket die kingin nach mir an mein herberg, daz ich kemm. Da kam alz ain gros weter von regen und von wind, daz ich nit dar kond komen, es wolt kain licht lassen brinenn. XI,2 schloss) Hs. scholss; daz schloss von fehlt H. XI,3 stand) H. sind XI,4 de Fos] Hs. defos XI,5 Daz) "Dazu" XI,7 stet uffws) Hs. nicht einwandfrei lesbar; vielleicht ist uff gestrichen. H . stetts XI,9 urlaub) Hs. wrlaub XI,10 an) fehlt H. XI,15 an] fehlt H. XI,16 an mein) H. in die 87 <?page no="96"?> XII Dar nach rait ich hein in daz gros keinrich von Jspania durch vil guoter stet und kam da in die habsta[t), genant Burges. Da erfragt ich ain bischoff, da was ich vor 8 jaren mit im gen Bechen geraisset, da rait ich zuo. Der was zuo mall fro, daz ich zuo im kam 5 und sagt im da, wa ich mit im geraisset und as an seim huoff und gab mir kostlich zuo essen nach deischen sitten, denn sein koch was ain Deischer. Und fragt aller mer von den deischenn firsten, der kant er gar vil, den er was zuo Bassell in dem kunseyli geuesen. Und fra[g)t mich vil von unsrem bischoff hey zuo Augspurg. Also bat ich 1O sein gnad, daz er mir furderlich were in daz feld zuo demm king von Ispania. Also sprach er [er) weit mir wo! dar ein helffen und het geren gesechen, daz ich ! enger bey im wer geuessen. Da wolt ich ey reitten. Also lech er mir ain edelman und den deischen koch und kam wider gen Burges. Da fand ich her Jorgen der iunger. Und bracht breff 15 an dez bischoffs frond, die dieten mir groß er und her Jorgen ach vonn meinen wegenn. Und was alz geschenck, was wir da verzartenn. Und der bischoff lies mir sagenn, was mir mange! wer, es wer gelt oder anderst, daz solt ich im sagen. Es it kam zuo gelaben, was er und zuoch[t] mir und her Jorgen da geschach; ward zu lang. XII,3 ich(2), mit im] Hs. über der Zeile nachgetragen XII,5 da] fehlt H.; H.: wa ich da mit as] fehlt H. XII,7 den deischenn firsten, der] H. dem deyschen, füersten denn XII,8 kunseyli] H. kanntzelj (Fehler Hausleutners? ) XIl,14 der iunger] Hs. der iuger; H. der fuenger XII,18 oder anderst] H. oder was anderst 88 <?page no="97"?> Dar nach rait ich hein mit dem edelman, den mir der bischoff zuo het geben in des kings feld, und het guot brieff an die aller besten und kam zuo des bischoffs frond. Da kam dez kings herold bald zuo mir und sagt mir vil von dem heir. Also bat ich in, daz er mich fieret 5 in dez kinges gezelt. Also sprach er, er weltz erfarenn, und kam wider zuo mir, und daz ich mein guot gesellen ach mit mir neme. Also kam ich vir denn king nach mittag umm zway under sein gezelt, daz was fast kostlich gemacht. Und kneiget neider und kust im die hand und kredencz in den brieff, den mir sein schuester het gegeben, die 10 kingin vonn Arregoney. Also bat ich sein kinglich genad umm sein liebery und gesellschafft, die gab mir sein genad, ach fider brieff durch sein kingrich, daz alz beschach. Bey im stond der grosmaister von sant Jacob und was kostlich gefert umm sein zeit mit buggen mer vilen pfeiffen, da wer vil von zuo sagen. Dar nach fuort man mich 15 zuo dem erczbischoff von Toleda, ach under sein gezelt. Der tet mir gross er und nam mich bey der hand und fuort mich durch daz heir und lies daz liechter anzinden, und furt mich in daz holl, daz man gemacht het wider die feind in de[r] stat. Und wer der sturen fir sich gangen, dar uf ich war, so meist ich ritter sein worden. XIII, 18 in de(r) stat) H. in dem streit XIII,2 an die) H. an den XIII,9 mir] H . einer XIII , 13 buggen) "Pauken", H . bauggen XIII,14 vil) Hs. über der Zeile nachgetragen XIII,15 Toleda) H. teleda fir) Hs. anscheinend aus far korrigiert XIII,17 daz liechter) H. 'die lichter und furt) Hs. dazwischen anscheinend etwas ausradiert man gemacht) H. man erst gemacht XIII,19 dar uf ich war) "auf den ich wartete"? so meistworden) zweite Hälfte der letzten Zeile der Seite, die erste Hälfte ist leer gelassen 89 <?page no="98"?> ' ..-., ..""'I., "''•'-<t ~.., .... ... _, __ Q r; , XIV Dar nach zoch ich in daz kinrich von Kastillia durch vil stet und kam da in die habstat, genant Leywo. Ist ain grose guote stat, ist korellen und agstain wolfail. Dar nach kamm ich in die stat, da daz zaichen ist beschenn, da die bratenn hener lebetig wordenn. Da sagt 5 man noch, daz die hener, die sa send, die seiend von den gebraten hener komenn. Die han ich ach gesechen, in der kirchenn send sy enbor, und ist ain bisttumm da. Dar nach kam ich in daz land Galycia ach durch vil stetlach und kam in die stat zuo Komboststell, da leit der lieb her sant Jacob leibhefftig hinder dem altar. Und sant 10 Jacobs kirch ist vorzeiten ain grosser haidinscher tempel geuessenn, wer vil dar von zuo sagen, wen man speis hat. So mag in noch nemat gewinen, alz fest ist sant Jacobs kirch. Und mag eider man gan uf der kirchen zuo abergost, da stat ain kricz, ist von himell her ab komenn. Da ist die grest fart, die in der kristenhaid 15 ist, an zuo dem halgen grab. Und besehen altag grose zaichenn. Es komen gar vil bilgerin zuo fuos dahein und weing zuo ros, den es komt herter han. Ich kam da hein an unsser heren fronlichnams abet und was da in der fesper. Da ist ain erczbischoff und ain groser tomm. Und wer da hein komt, der pflicht zuo beichtenn und wirt im 20 gros haltum da gezaiget. Und wer vil davon zuo sagen, las ich von kircz wegen an stan. XIV,1 Kastillia] H. Kastalina XIV ,3 die] H. ain XIV,5 den) fehlt H. XIV,7 enbor) H. ain paar XIV,9 leibhefftig hinder) hefftig hin anscheinend auf Rasur; hinder wohl aus under korrigiert XJV,11 speis hat] hier wohl in der Bedeutung von "Spesen", "Unkosten", die für das 15. Jahrhundert in Ober- 90 deutschland belegt ist, vgl. Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch 10,1 (1905) Sp. 2098 XIV,16 und weingzuo ros-da hein] fehlt H. (Zeilensprung) XIV,17 herter han] H. zu fues dahin, ann unnsers hern froleichnams abet XIV,19 der pflicht] Hs. dazwischen ein durchgestrichenes l XIV,20 haltum] "Heiligtum", H. halten <?page no="99"?> XV Den mer wil ich davon sagen, da mich der erczbischoff sach gan in der kirchen, da sant er ain ritter, der was sein diener, zuo mir, daz ich in den kor stende. Alzso stot ich zuo seinen edelen leiten in die stiell. Und da die fesper us was, da leis er mir sagen, ich 5 seit zuo im komenn. Also kneigt ich neinder und kust im sein hand. Da lag ain debich vor im, da waren der kurfirste[n] wappen darein gewirck[t]. Da fra[g]t er mich, ob ich die wappen kante und fragt mich eidlichs in sunderhaid, da sagt ich ims durch mein dulmecz, da[z] gefeil im gar wo! . Also geng ich mit im haim in sein balast. 10 Dez mor[gen)s zuo dem amtt da gelait ich in in die kirchen, da was die herliehest broczess mit dem himell, die ich ey gesehen hann. Ich het under edlichem armen ain ritter, und gengend hinder dem bischoff. Da werot fast lang, da hort ich daz amtt und geng da wider mit dem bischoff czuo hoff und solt mit im gegessen han. Daz kond ich nit 15 ton, und wer vil dar von zuo sagen, wie grose er mir da beschach. Und alz bald ich an mein herberg kam, da schanck mir der bischoff VI bar fasay und kappann und gab mir ain brieff an den obresten zuo dem Finster Sterenn. Und alz bald ich gegessen hat, da raitt ich uf denn weg. XV, 1 mich] H. unns XV,2 diener, zuo] Hs. diener ich zuo, H. diener, zu XV,3 stot stiell ("Gestühl")] H. solt ich zu seinen edlen leytten, Jnn die schuel (! ) XV,7 fragt) Hs. fargt kante] Hs. das ganze Wort auf Rasur XV,8 eidlichs] Hs. d anscheinend auf Rasur XV,10 rnor(gen)s] H. Moers in (1)] H. den XV,12 hinder] Hs. hin auf Rasur XV, 13 arntt] Hs. am auf Rasur; H. ennd 91 <?page no="100"?> XVI Dar nach zoch ich hein zuo dem Fin[s]ter Sterenn, ist zwo tagrais von sant Jacob da hein, und ist der besest weg, den man finden mag. Und under wegenn ward mir der ain knecht kranck, und muost in hinder mir lassen. Da zoch ich den ander tag, und war ir uf dem weg, und 5 rait ann dem mer uf und ab, schier bis gen miternacht, und west nit wa ich was. Also halff mir got und sant Jacob, daz ich kam in ain weiller, da muost ich gros hunger leidenn. Dar nach zaiget man mir den weg. Da kam ich zuo dem Finster Steren, aber zuo latein haisset es affinnis tera, ist zuo teisch ain end dez erttrichs. Da 10 gab ich mein brieff dem obersten da, der pflag mein gar wol, ich meist sonst uf der stras sein gelegen. Da ist ain [h]ocher berg und daz groß wild mer stosett uf all seiten dar an an, da man hein uf gat. Und ist wol ain halbe meil [h]och. Da sieht man unser heren fus tritt in den herten fellsenn und ain brunen, den er gemacht hat. 15 Und der fels hat sich genaiget, gelich als ain sessell. Dez gelich unser frau [hat] ach ain sesell und sant Johans und Jacob und sant Peter. Und vir den berg hin us, da ist daz mer als [h]och und als ungestem uf zwo tagrais, wen der wind da hin schlecht, der komt neimer mer her wider, und hat da uf waser und land ain endt. XVI,1 zwo] Hs. zw XVI,5 ann] Hs. n auf Rasur, fehlt H. XVI,8 ich] fehlt Hs. XVI,9 affinnis tera] H. affinius terra XVI,10 dem] an den H. XVI,13 fus] fehlt H. XVl,17-19 da ist-endt] Hs. Zeilen dicht zusammengedrängt, um den Text noch unterzubringen; in der letzten Zeile stehen dann nur noch die Wörter land ain endt am rechten Blattrand XVI,18 zwo] Hs. anscheinend aus zuo korrigiert 92 <?page no="101"?> •• 1 ,r XVII Dar nach zoch ich hein zuo unser liebe frauen schiff, da ist daz grest wonder, daz ich uf der rais hey gesehen hann. Da leit ain staine scheff, und also gemacht alz von aim stain, alz ain recht schiff gemachet ist, und ist fast groß. Ach leit dar bey ain stainer 5 segelbamm, ist wol XV klaffeter lang, und ist alz schwer, daz XX ochsen [in] nit mechten von stat rucken. Der leit uf stainen. Und ist gancz ain wiltnus da, den ain kirch, hat man von dez wonders wegen da hein gebuen, die ist ach zergangenn. Und wer da hein komt und an todsind ist, der regt den grossen segelbamm, der von stain 10 ist, mit seim finger. Wer aber ain entlipt hat oder im bann ist, und daz nit genczlich gebessrot hat, der kan in nit riren in kain weg. Und gand vil leit da von, die in reiren kindenn, und han daz ach gesechen. Aber ich han in gerert scheuberlich, daz mich kain sach greser wonder namm. Es muos guot zuo gan, sonst hat es kain andren 15 sein. Ich hann zu so mit grossen fleis dar uf gemerck, mann kann es nit volsagen, es hett den ains gesechen. Dar bey laz ich belibenn. XVII,3 alz] H. auch XVII,9 an todsind] H. ain Todind XVII, 11 in (1) J Hs. korrigiert aus mit XVII,13 scheuberlich] H. scheinerlich XVII,14 in] Hs. ich gerert] Hs. vielleicht aus gereit kain] Hs. auf Rasur XVII, 15 sein] H. synn zu] Hs. halb über der Zeile, von anderer Hand nachgetragen. Vielleicht zu streichen, da das zu direkt über dem zuo in Z. 14 steht XVII,15 mann kann] Hs. auf Rasur XVII,16 volsagen] H. wol sagen 93 <?page no="102"?> xvm Dar nach zoch ich hein wider gen sant Jacob und nam urlab und schluog mein wappen uf in die kirchen, da stand ir vil. Und zuo dem Finster Sterenn, da schluog ich ach mein wappen uf in der kappell. Und zoch dar nach hein und wolt gen Bortegall sein in daz seih 5 kinrich, daz stoset an Kastillia. Da was aber kain reigeret king, es warend zwen heren, aber sy heilten kain hoff, sy warend denoch zuo klain, und [was] starb ach da selbs. Daz machet, daz ich nit dar zoch. Aber ich han es sonst alz erfarenn, wie es ain gestalt hat in dem selben kinrich. Es hat guot stet, Lisbona und Bort in Bortegall, 1 O daz send die habstet. Und komt grose scheffung zuo. Dar nach ist aber ain kinrich, da ist ain haidnicher king von Grenat. Und leit uf der kristen land und stoset an Bortegall und Ispania. Und die zway kinrich kriegen offt wider den king von Granat. Aber mit seim guot, daz er us geit und verschenck[t], so macht er, daz er bis her von 15 den kristen beliben ist unfertriben. Und die ander haiden gend im alle iar gros guot, daz er sich der kristan uf enthalt, alz er ach duot. Und wer von kristan zuo im komt, da lat man in sechen sein balast und wie ers isset und sein stet und widerfert nemat nücz. Den es sagt mirs ainer, der waz erst von im her us zogen, und was 20 ach der sterb in seim land, ich wer sonst dar zogen. Der seih se[g]t mir all sach so aigelich, ich main, ich wer sonst dar zogenn, und dar bey laz ichs bestann. XIX Dar nach zoch ich wider her us durch vil [l]ander und stet, da ich ein kam, die ich vor nit gesehen het. Und kam wider in die stat, alz vor gemelt ist, da sant Narzissus Jet. Und was in hoffnung, der bischoff wer komenn. Aber er was noch us, und mocht mir kain haltumm 5 werenn von dem halgn. Sy dorsten mirs nit geben an den bischoff, sonst wer mir an zwiffell ains worden, und muo[s]t mich sy[n] gancz verzegenn. Dar nach zoch ich wider in Franckrich und wolt zuo demm rechten kinig sein. Da was mir ab gegangen ann zerung und weset kain XVIII,5 XVIIl,7 XVIII,12 XVIII,16 XVIII,18 XVIII,19 XVIII,21 XIX,1 XIX,4 XIX,6 XIX,8 94 reigeret] "regierend", H. regiert was starb] "herrschte die Pest" Ispania) in der Hs. doppelt (Zeilenende bzw. -anfang), das zweite ausradiert kristan uf enthalt) H. den Christen auff enthebt ers isset] Hs. er sisset ("sitzt"? ), H. er isset von im] H. von l n sonst] H. schon und) Hs. doppelt (Zeilenende bzw. 0 anfang) er] Hs. auf Rasur, das Wort von anderer Hand mich sy[n) gancz verzegenn] H. michgantz nuegen ("begnügen"? ); verzegenn in der Hs. nicht ganz sicher lesbar ann] H. ain <?page no="103"?> gelt uf zuo bringen, ich wer sonst in Engeland zogen zuo dem king 10 und zuo dem herczog von Berguney und daz Niderland her uf gezogen. Aber daz gelt samet mich, und kam wider gen Geneffa und kam vir den herczog. Der het nach mir geschick[t] und lies mich fragen, wie es mir uf der rais gegan[g]en were und fra[g]t mich, wa ich ummadum gewesen were, und bey welichen herenn. Daz sagt ich im alz und 15 gefiell im zuo mal wo! , und lies mich fragen, ob mir sein knecht, den er geliehen hett, nit wo! gedienet het, so weit er in nit mer an seinem hoff haben. Also lis ich sein genaden sagen, er het mir wo! gedienet, und dancken sein genaden. Und er nam mich uf vir sein diener. Wen ich kem, so weit er mich geren haben an sein hoff. Und 20 schanck dem knecht X kron und ain pferd, was XII guldin wert, und zoch wider gen Augspurg vor sant Michels tag und het die rais usgericht in aim halben jar, und was ob M. meillen geritten. Gott unnd sannt Jacob und die hayl[igen] hand mich bewaren, biß ich die land 25 und kuengreich han erfaren, das war da man zalt von Cristus gepurt 1446 jar ich Sebastian Ilsung. XIX,10 Berguney] H. bergnej XIX,11 Aber] b auf Rasur XIX, 18 dancken sein] H. danckhet seiner XIX,20 knecht] Hs. kencht 95 <?page no="105"?> Die Reise des Leo von Rozmital Wandlungen der Pilgeridee in einem deutschen Bericht des Spätmittelalters MICHAEL STOLZ Sumario: En los afios 1465-1467 el noble bohemio Leo von Rozmital lleva a cabo una misi6n diplomatica por diversas Cortes europeas, misi6n que le conduce tambien a Santiago de Compostela. EI viaje ha sido transmitido, junto a los apuntes del checo Sasek, tambien en un relato en lengua alemana proviniente del patricio Gabriel Tetzel de Nurenberg y que es el objeto del presente estudio. Con ayuda de catalogos de caracteristicas respecto al modo de presentaci6n de las peregrinaciones y cruzadas en la literatura de la alta Edad Media, se puede delimitar la actitud que aflora en el texto frente a la idea tradicional del peregrino. Aquf se muestra que el autor recoge la muestra literaria tradicional de las peregrinaciones y cruzadas solamente en forma de reducci6n formal, mientras que va llenando el vacfo quese forma con un nuevo contenido: El interes en el extrafio mundo de la Peninsula Iberica, brotes de tolerancia y de curiosidad por conocer el mundo que nos rodea caracterizan el texto. En la conformaci6n medieval de un relato de peregrinaje se presenta, asf pues, un contenido que hay que calificar de moderno: una "curiositas" abiertamente declarada. 1. Historischer Kontext und literarische Gestaltung der Reise des Leo von Rozmital "Das Mittelalter(. .. ) beginnt, sich gefährdet zu fühlen. Das 15. Jahrhundert steht unter dem Zeichen der zunehmenden Konkretisierung dieser Gefährdung um den Leitbegriff der curiositas sowie der Reaktion gegen sie." 1 Mit diesen Worten charakterisiert HANS BLUMENBERG den beginnenden "Prozeß der theoretischen Neugierde" im ausgehenden Mittelalter. An der Epochenschwelle zur Neuzeit läßt sich das Phänomen einer zunächst versteckt eingestandenen, dann allmählich breiter legitimierten curiositas vielerorts beobachten: in der bildenden Kunst etwa durch die Entdeckung von Perspektive und Raum-, vor allem aber in den philosophischen Schriften und literarischen Texten der Zeit. Zu letzteren gehören am Rande auch die spätmittelalterlichen Reiseberichte, ja unter dem Blickwinkel der sich konstituierenden "theoretischen Neugierde" scheinen sie eine wahre Fundgrube zu bieten. Wenn auch nur selten dem Kanon literarischer Meisterwerke zugehörig, spiegeln die Texte gleichwohl bestimmte literarische Traditio- 1 HANS BLUMENBERG, Der Prozeß der theoretischen Neugierde (21980) S. 159. 97 <?page no="106"?> nen des Hochmittelalters wider, auch provoziert die Begegnung mit der Fremde eine eigene Standortbestimmung durch den Verfasser beides Kriterien, die auf den maßgebenden Zeitgeist schließen lassen. Die nachfolgende Studie will sich in diesem Sinn mit Aufzeichnungen zu Leos von Rozmital Ritter-, Hof und Pilgerreise durch die Abendlande beschäftigen, einer Fahrt, die der böhmische Adlige zusammen mit einem stattlichen Gefolge in den Jahren 1465 bis 1467 unternahm. Die etwa fünfzig Mann starke Gruppe folgte dabei mehr oder minder konsequent den Pilgerwegen nach Santiago de Compostela. Der historische Anlaß für die unternommene Reise ist zunächst nur verstehbar unter Berücksichtigung der politischen Situation Böhmens in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. 2 Dort versucht der tschechische König Georg von Podiebrad (1458-1471), ein Anhänger und Förderer der hussitischen Bewegung, seine Macht gegenüber den Päpsten Pius II. und später Paul II. zu behaupten. In seinem Krönungseid von 1458 hat Georg Treue zu Kirche und Papst gelobt und eine Rückführung der Untertanen zum Katholizismus versprochen - Garantien, die bei seiner von Anfang an hussitenfreundlichen Politik zwangsläufig zum Konflikt führen müssen. So kündigt Pius II. am 31.3.1462 die ''Basler Kompaktaten" aus dem Jahr 1433, die den Utraquisten, der gemäßigten Gruppe der Hussisten, die Ausübung ihrer Religion zugesichert hatten. Eine drohende türkische Invasion sorgt dann in den folgenden Jahren, 1463 und 1464, für Unruhe in ganz Europa. Vor dem Hintergrund dieser Situation, der wachsenden Türkengefahr zum einen, der eigenen labilen Stellung zum anderen, entsteht Georgs Projekt eines europäischen Fürstenbundes. Er verfolgt damit zwei Ziele: zunächst die Festigung einer abendländischen Gemeinschaft gegen die Türken, sodann die Stärkung der persönlichen Position durch die Gewinnung von Sympathisanten und Verbündeten an europäischen Fürstenhöfen. Im Zusammenhang mit diesen Plänen ist die diplomatische Fahrt des Leo von Rozmital, eines Schwagers des tschechischen Königs, quer durch Europa zu sehen. Aufzeichnungen über die Reise sind von zwei Begleitern, dem Tschechen Sasek und dem Nürnberger Patrizier Tetzel, erhalten. Es wird zu zeigen sein, wie wenig diese Berichte von den politischen Hintergründen und der diplomatischen Mission der Fahrt Notiz nehmen, auch, wie sehr sich beide Niederschriften voneinander unterscheiden. Die wichtigsten Stationen des Wegs freilich halten sowohl Sasek als auch Tetzel fest; im folgenden soll deshalb kurz die Reiseroute skizziert werden. 2 Zu den folgenden Ausführungen vgl. Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder I, hg. v. KARL BoSL (1967), 5. 537-568, und GOTIHOLD RoHDE, Böhmen von Georg von Podiebrad bis zur Wahl und "Annahme" Ferdinands als König, in: Handbuch der europäischen Geschichte III, hg. v. THF.oooR ScHIEDER (1971), 5. 1118-1134. 98 <?page no="107"?> Nachdem Rozmital mit seinem Gefolge am 26. November 1465 von Prag aus aufgebrochen ist, bereist er zunächst deutsche Territorien. Die Gruppe kommt über Nürnberg hier schließt sich Tetzel an-, Heidelberg, Mainz und Köln bis nach Aachen. Meist sind die Aufenthalte begleitet von festlichen Empfängen und Turnieren, gelegentlich auch vom Besuch bei heiligen Stätten. Die Gesellschaft zieht weiter nach Brüssel, wo der Hof Philipps des Guten zu längerem Bleiben einlädt. Von Calais aus wird die Reise dann per Schiff nach England fortgesetzt; der Grabesort des hl. Thomas in Canterbury, sowie der gastfreundliche Hof König Edwards IV. sind weitere Stationen. Die Rückfahrt auf den Kontinent kennzeichnen ein Seesturm und der Überfall durch Piraten; erst nach einer Zwischenlandung auf der Kanalinsel Guernsey erreichen Rozmital und sein Gefolge die bretonische Küste. Von Saint-Malo aus gelangt die Reisegruppe bequem ins Loiretal, zu vornehmen Städten und Fürstenhöfen. In Candes wird sie von König Ludwig XL empfangen, und Tours bietet Gelegenheit zum Besuch am Grab des hl. Martin. Anschließend führt die Route in südwestlicher Richtung gegen die Pyrenäen zu. Von dort an ändert sich der Charakter der Reise entschieden. War sie bislang ausschließlich von vornehmen Empfängen und vom Besuch bei Reliquienstätten bestimmt, so begegnen die Reisenden nun einer ihnen völlig fremden Bevölkerung, fremden Sitten und Gebräuchen. Hinzu treten innenpolitische, von Erbstreitigkeiten bestimmte Unruhen, sowie gelegentlich feindseliger Empfang durch die Einwohner. Beides zwingt Rozmital zu Umwegen. So gelangt die Gruppe über Burgos, Salamanca und Braga schließlich nach Santiago de Compostela. Auch hier herrscht Aufruhr: der Erzbischof ist gefangen, die Wallfahrtskirche von Belagerern umstellt-erst nach langwierigen Verhandlungen erhalten die Reisenden Zutritt. Nach einer Besichtigung des nahegelegenen Kap Finisterre wird die Reise in südlicher Richtung nach Portugal fortgesetzt. Die Gruppe meidet Lissabon wegen der dort herrschenden Pestseuche, doch trifft sie in Evora auf den portugiesischen König Alfons V. Der Königshof konfrontiert die Reisenden mit Sklavenhandel und fremdartigen Sitten der afrikanischen Gefangenen. Die Route der anschließenden Rückreise durchquert die Iberische Halbinsel in nordöstlicher Richtung. Über das Kloster Merida, die Städte Toledo, Madrid und Saragossa gelangen Rozmital und seine Begleiter unter wiederholten scharmützelartigen Auseinandersetzungen mit der örtlichen Bevölkerung nach Barcelona, dann weiter, entlang der Mittelmeerküste, nach Avignon. Die letzten bedeutenden, zumeist von vornehmen Empfängen begleiteten Stationen der Reise sind Mailand, Verona und Venedig, schließlich Graz und Wiener Neustadt, wo Rozmital Kaiser Friedrich III. und Kaiserin Eleonore trifft. Über Wien kehrt die Reisegruppe zurück nach 99 <?page no="108"?> Böhmen. Zunächst bedroht von innenpolitischen Gegnern, hält Rozmital schließlich im Frühjahr 1467 feierlichen Einzug in Prag. Saseks und Tetzels Aufzeichnungen der Reise des Leo von Rozmital sind gegenwärtig nur in der Edition von J.A. SCHMELLER aus dem Jahr 1844 zugänglich. 3 Wie ScHMELLERS Vorwort zu entnehmen ist, handelt es sich bei Saseks Text um die lateinische Übersetzung eines ursprünglich tschechischsprachigen, mittlerweile verlorenen Originals. Die Übersetzung wurde 1577 von Stanislaus Pawlowski, dem späteren Bischof von Olmütz, vorgenommen. Insgesamt zeichnet sich dieser Bericht durch den Stil eines "förmliche(n) Tagebuch(s)" 4, durch exakte Zeit-, Orts- und Entfernungsangaben aus, die in Richtung eines Itinerars weisen. Auch hat Sasek Geleitbriefe der Reise mit inseriert, die unabhängig von seinen eigenen detaillierten Hinweisen eine zeitliche und räumliche Situierung der einzelnen Stationen zulassen. Völlig anders verhält es sich dagegen mit Tetzels Version. Ihr muß jeglicher dokumentarische Charakter abgesprochen werden, enthält sie doch zahlreiche Irrtümer und Ungenauigkeiten, wie falsche Zeit- und mangelnde Entfernungsangaben, auch findet sich laut Sa-IMELLER nur etwa ein Viertel der bei Sasek erwähnten Orte wieder. Der Bericht "macht im Ganzen mehr den Eindruck einer Erzählung'' . 5 Nimmt man die Beendigung der Reise imFrühjahr 1467 und Tetzels Sterbedatum am 23.11.1479 6 als Anhaltspunkte, so muß der Text im Zeitraum dieser zwölf Jahre, also zwischen 1467 und 1479, entstanden sein. Nach SCI-IMELLERS Angaben ist er "in einer Papierhandschrift des XV. Jahrhunderts" 7 erhalten. Wer aber war dieser Gabriel Tetzel? - Er entstammte einer Nürnberger Patrizierfamilie und bekleidete verschiedene öffentliche Ämter, so z.B. das eines Bürgermeisters, dann eines Ratsherrn. Seine literarischen Fähigkeiten freilich scheinen nicht allzu brillant gewesen zu sein. Offenbar handelt es sich um einen "zwar ganz ritterlichen, aber nicht eben gelehrten Nümberger[s] des fünfzehnten Jahrhunderts" 8, der nur "in einfacher Weise von den Merkwürdigkeiten jener Reise zu berichten" 9 weiß. Wenn nun ausgerechnet Tetzels Bericht einer eingehenderen Betrachtung unterworfen wird, so hat das folgenden Grund: Gerade an einfach gehaltenen Texten zeichnen sich oft bestimmte literarische Traditionen und 3 Des böhmischen Herrn Leo's von Rofutital Ritter-, Hof und Pilgerreise durch die Abendlande 1465-1467. Beschrieben von zweien seiner Begleiter, ed. J.A. Sa-! MELLER (1844). 4 Ebenda. Vorwort S. XI. 5 Ebenda. Vorwort S. XII. 6 Zu den Angaben über Tetzels Person vgl. den Artikel von WILLY l<ROGMANN in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon IV, hg. von K. LANGOSCH (1953) Sp. 400 f. 7 Rozmital, ed. ScHMELLER, Vorwort S. XII. 8 Ebenda. 9 l<ROGMANN a.a.O. 100 <?page no="109"?> Klischees, bestimmte mentalitätsgeschichtliche Entwicklungen ab. Ob dies auch bei Tetzels Reisedarstellung der Fall ist, wird zu zeigen sein. Jedenfalls scheint die offensichtlich "erst einige Zeit nach seiner Rückkehr aus dem Gedächtnis niedergeschrieben(e)" 10 Version für das oben skizzierte Thema interessanter als ein rein dokumentarischer Bericht. Die anzustellende Untersuchung strebt folglich keine Rekonstruktion der historischen Reise des Leo von Rozmital an. Sie ist vielmehr an der Frage interessiert, welchen Darstellungsmodalitäten Tetzels Reisebericht auf der Ebene '1iterarischer" Gestaltung unterliegt. 2. Die hochmittelalterliche Formgebung des Reiseberichts Wenn Gabriel Tetzel, der Nürnberger Patrizier des 15. Jahrhunderts, sich dazu entschließt, eine Reise schriftlich festzuhalten, so wird er an ganz bestimmte literarische Formen anknüpfen, die zu seiner Zeit gepflegt bzw. rezipiert werden. Zu denken ist dabei einerseits an Berichte und Wegbeschreibungen zu Pilgerfahrten immerhin ist der Wallfahrtsort Santiago de Compostela eigentliches Ziel der Reise-, andererseits, bedingt durch den höfischen Charakter der Unternehmung Rozmitals, an das breite literarische Reservoir der Ritterfahrten. Die beiden literarischen Muster der Pilgerfahrt und der Ritterfahrt sollen deshalb als Maßstab an Tetzels Bericht angelegt werden. Dazu werden jeweils für die literarischen Gestaltungsweisen beider Reisetypen Merkmaikataloge erstellt, die anschließend an Tetzels Text zu überprüfen sind. 2.1 Pilgerfahrt 2.1.1. Merkmale der hochmittelalterlichen Pilgerfahrt Die Merkmale literarischer Darstellungen zu Pilgerfahrten des Hochmittelalters ließen sich aus einer ganzen Fülle verschiedener Reiseberichte und Itinerarien erstellen. Für den hier verfolgten Zweck genügt freilich eine Beschränkung auf Literatur zur Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Im besonderen bieten sich dazu an: der Pilgerführer aus dem Codex Calixtinus, jenem lateinischen Propagandawerk zum Jakobskult, das im 12. Jahrhundert von einem oder mehreren französischen Geistlichen verfaßt worden ist 11 , 10 Ebenda. 11 Le guide du pelerin de Saint-Jacques de Cornpostelle, ed. J. VIELLIARD ( 5 1984); zur neueren Forschungslage vgl. KLAUS HERBERS, Der Jakobuskult des 12. Jahrhunderts und der 'Liber Sancti Jacobi'. Studien über das Verhältnis von Religion und Gesellschaft im hohen Mittelalter (1984), ferner dort die ausführlichen Angaben zu weiterer Literatur.· 101 <?page no="110"?> das deutsche Pilgerlied Wer daz elendt bawen wil, ein gesungener Wallfahrtsbericht, der in einer um 1500 entstandenen Handschrift überliefert ist 12, das Wallfahrtsbuch des Servitenmönchs Hermann Künig von Vach, ein Pilgerführer nach Santiago aus dem Jahr 1495, der sich noch streng an hochrnittelalterliche Konventionen hält.13 Mit Hilfe dieser drei Textzeugnisse lassen sich folgende Merkmale der Pilgerfahrt erstellen: 2.1.1.1. [führt zu religiösen Stätten und Reliquien] Allen drei Texten ist die eindeutige Zielrichtung auf das Jakobusheiligtum in Galicien gemeinsam. Aber bereits der Weg hin nach Santiago ist gesäumt von zahlreichen Sanktuarien. So nennt der lateinische Pilgerführer unter anderem die französischen Stätten Saint-Gilles, Conques, Moissac, Vezelay und Saint-Martin in Tours (S. 2), das Pilgerlied das Salvator-Heiligtum in Oviedo (Str. XXV, V. 2) und Hermann Künig von Vach neben französischen und spanischen Sanktuarien das Schweizer Kloster Einsiedeln (S. II f.). 2.1.1.2. [ist begleitet von rituellen Akten] In den lateinischen Pilgerführer hat ferner die Praxis ganz bestimmter, unterwegs durchgeführter Riten Eingang gefunden, so das Gebet der Pilger bei Roncesvalles in Erinnerung an Karl den Großen (S. 24), der Transport eines Steins von Triacastela nach Castafieda für den Bau der Kirche in Santiago (S. 8), schließlich das symbolische Bad der Pilger in Lavamentula, kurz vor der Jakobsstadt (S. 16). 2.1.1.3. [ist durch Formeln der Gebetsliturgie gekennzeichnet] Alle drei Quellen weisen Formeln der Gebetsliturgie auf. Im lateinischen Pilgerführer finden sich Schlußsätze wie prestante Domino nostro Jhesu Xpisto, qui cum Patre et Spiritu Sancto vivit et regnat Deus, per infinita secula 12 Verwiesen sei auf die Editionen bei LUDWIG UHLAND, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder (1844) S. 302 u. 799-803, und (woraus im folgenden zitiert wird) GERHARD HARD, 1s ! eigen fünft perg in welschen Iandt. Eine Topographie der Pilgerwege von Deutschland nach Santiago in Spanien aus dem 15. Jahrhundert, Erdkunde 19 (1965) S. 314-325, Textedition auf S. 318; vgl. ferner die Untersuchungen von DIETZ-RÜDIGER MOSER, Die Pilgerlieder der Wallfahrt nach Santiago, in: Festschrift für Ernst Klusen zum 75. Geburtstag, hg. von G. NOLL und M. BRÖCKER (1985) 5. 321-352, und CORDELIA SPAEMANN, Wallfahrtslieder, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen. Themen zu einer Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums, hg. von L. l<Riss-RETTENBECK und G. MöHLER (1984) S. 181- 192. 13 Verwiesen sei auf die Edition bei KONRAD HAEBLER, Das Wallfahrtsbuch des Hermannus Künig von Vach und die Pilgerreisen der Deutschen nach Santiago de Compostela (1899) der edierte Text ist ohne Seitenzahl, im folgenden wird, unter Einbeziehung des Titelblattes als Seite I, nach einer eigenen Zählung der fortlaufenden Seiten zitiert; vgl. ferner im vorliegenden Band die Ausführungen von KLAUS HERBERS, der auch eine Neuedition des Wallfahrtsbuchs plant. 102 <?page no="111"?> seculorum. Amen (S. 78, ähnlich S. 82). Das Pilgerlied enthält in seiner letzten Strophe den Vers der liebe got sey unß allen holt (Str. XXVI, V. 2); Hermann Künigs Itinerar schließlich endigt mit Sätzen wie Got wolle mich nymmer gesterben laß und Got wolle uns behuoten vor den ewigen banden. Amen (beide S. XXII). 2.1.1.4. [folgt einem vorgeschriebenen, traditionsreichen, spirituell belegten Weg] Der lateinischen Pilgerführer und das Itinerar Hermann Künigs schlagen bestimmte, teilweise identische Routen entlang der Kultzentren vor. Im Fall des ersteren handelt es sich um die vier französischen Wege ausgehend von Saint-Gilles, Le Puy, Vezelay und Tours (S. 2), bei Hermann Künig um die Angabe einer oberstraß (S. II) und einer nyderstraß (S. XVIII); in Spanien beschreiben beide eine identische Strecke. Hinzu treten Berichte von Legenden und Mirakeln, die sich auf den Wegen ereignet haben sollen. So enthält der lateinische Pilgerführer zahlreiche Heiligenviten und -passionen aus der Frühzeit des Christentums, sowie Berichte über bewirkte Wunderheilungen. Besonders ausführlich wird dabei das Leben und Wirken des heiligen Eutropius in Saintes dargestellt (S. 64 ff.). Das Pilgerlied seinerseits berichtet in elf Strophen von der Bestrafung eines verbrecherischen Spittelmeisters in Burgos (Str. XIII-XXIII), während Hermann Künig etwa die wundersame Überführung des Pilatus nach Luzern erwähnt (S. III). Ziel der Aufnahme solcher narrativer Sequenzen ist die spirituelle Anreicherung des Weges durch christliche Tradition. 2.1.1.5. [ist von Buße und Gebet geprägt] Buße und Gebet erscheinen als Grundkonstanten der Wallfahrt in allen drei Quellen. Der lateinische Pilgerführer stellt sie sogar deutlich über Wunderheilungen: Santiago de Compostela zeichne sich zwar durch die dort bewirkten Mirakel aus, aber quod majus est populorum fidelium preces exaudiuntur, vota suscipiuntur, delictorum vincula resolvuntur (S. 118). Das Pilgerlied hingegen erklärt lapidar: bey sandt jacob virgebt man pein und schuldt (Str. XXVI, V. 1), während Hermann Künig ablaß und andacht beim Aufbruch und am Zielort besonders betont (S. II u. S. XVIII). 2.1.1.6. [wird um des persönlichen Seelenheils willen unternommen] Persönliches Seelenheil stellt das Grundmotiv der hochmittelalterlichen Wallfahrt dar. Schon im lateinischen Pilgerführer heißt es: pulsantibus celum aperitur (S. 118); das Pilgerlied endet mit den Worten der sandt jacob dienen tut/ der lieb gotsol im Zonen (Str. XXVI, V. 4 f.), Hermann Künig seinerseits hat neben dem Seelenheil aller Jakobspilger daß wir nach dißem leben mogen fynden das lon/ Und mogen enpfaen die hymelsche kron (S. XVIII) seine eigene durch das Verfassen des Wallfahrtsbuchs bedingte Erlösung vor Augen: 103 <?page no="112"?> Got wolle mich nymmer gesterben laß/ Ich solt dan ewiglichen by jm blieben (S. XXII). 2.1.2. Überprüfung der Merkmale bei Tetzel Es gilt nun, die sechs erstellten Merkmale auf Tetzels Bericht zu beziehen. Dabei wird sich zeigen, inwiefern sich der Text mit hochmittelalterlicher Wallfahrtsliteratur deckt, bzw. an welchen Stellen Abweichungen deutlich werden. 2.1.2.1. [führt zu religiösen Stätten und Reliquien] Tetzels Reisebericht auf Merkmale mittelalterlicher Pilgerliteratur hin zu untersuchen, scheint bereits durch den am Beginn des Texts entworfenen Reiseplan legitimiert. Dort heißt es von Rozmital: Also unterwegen hat er mir gesagt von seiner reis: er woll alle christenlich kunigreich, auch alle furstenthum in teutschen und welschen landen geistlich und weltlich besuchen, und sunderlichen vor woll er gen dem heiligen grab und gen dem lieben hernn sant Jakob (S. 145). Betont durch das Adverb sunderlichen und die Stellung am Satzende steht hier von Anfang an eine Pilgerreise nach Jerusalem und Santiago de Compostela im Mittelpunkt auch wenn der Plan einer Fahrt ins Heilige Land später fallen gelassen wird. Welcher Stellenwert aber wird den Kultstätten unterwegs eingeräumt? - Auch dort macht Tetzel exakte Angaben über Kirchen und Klöster, gelegentlich erfolgen sogar Auflistungen der einzelnen Reliquien im Kirchenschatz. Dies ist etwa noch in Deutschland für die Städte Köln, Aachen und Neuß der Fall (S. 148). Weiter schenkt Tetzel dem Thomas-Heiligtum in Canterbury besondere Aufmerksamkeit, ja er nennt einen ganzen Reliquienkatalog: Da zeiget man uns das schwert, damit man jm den kopf abgeschlagen hat. Da weiset man auch ein merkliches stuck des heiligen creuzes, auch der nägel einen und den rechten arm des lieben herrn Ritter Sant Görgen und etlich dorn in einer monstranzen von der dürnen kron (S. 154). Ähnliche Beschreibungen erfahren weitere Sanktuarien in London, Südengland und Frankreich. Wie schon der lateinische Pilgerführer erwähnt auch Tetzel die Grabesstätten von Saint-Martin in Tours, sowie von Roland und Olivier in Blaye (S. 165)letztere gelten, da sie in der Schlacht von Roncesvalles gefallen sind, als christliche Märtyrer. Ferner verzeichnet Tetzel die Heiligtümer von Burgos (S. 168), Santiago (S. 176-178), Guadalupe (S. 185) und Toledo (S. 187), sowie diejenigen von Perpignan (S. 191), Avignon (S. 192) und Mailand (S. 193). Die peinlich genaue, in manchen Fällen geradezu buchhalterisch durchgeführte Aufzählung der einzelnen Reliquien übertrifft dabei oft die Norm der herkömmlichen Pilgerliteratur. So erfüllt Tetzel dieses erste Merkmal hochmittelalterlicher Pilgerfahrt mehr als genug. 104 <?page no="113"?> 2.1.2.2. [ist begleitet von rituellen Akten] Eine ähnlich konsequente Übereinstimmung läßt sich am Merkmal der rituellen Akte feststellen, auch wenn die von Tetzel beschriebenen Wallfahrtsbräuche nicht identisch mit denen des lateinischen Pilgerführers sind. Tetzel berichtet etwa von einem heilsamen Brunnen in Canterbury-darauss trank mein herr Lew und all sein diener (S. 154) dann aber insbesondere von Riten in Santiago selbst: So müssen Rozmital und sein Gefolge barfuss für sant Jacobs kirchen gen und da nieder knien und mit brinnenden kerzen gen in sant Jacobs kirchen (S. 176). Rozmital hinterläßt, wie es zu seiner Zeit üblich ist, sein Wappen in einer Seitenkapelle der Kirche (S. 176). Schließlich erfrischt sich die ganze Reisegruppe an einer Quelle, die durch Berührung des heiligen Jakobus entsprungen sein soll (S. 177). 2.1.2.3. [ist durch Formeln der Gebetsliturgie gekennzeichnet] Eigentliche Gebete weist Tetzels Bericht nicht auf, es finden sich aber einzelne gebetsverwandte Formeln, die jeweils im Rahmen der Schilderung von gefährlichen Situationen erscheinen. So sind die abenteuerlichen Fahrten im Ärmelkanal von Äußerungen begleitet wie: - Da gab Unser Herr ein glück, das sich der Wind verkert (S. 153) - Eins tags gab Gott das glück, das wir guoten wind hetten (S. 153) - Also fuor wir im namen Gatts da auss (S. 159). Sicherlich reichen die angeführten Belege nicht an den gebetshaften Stil eines Hermann Künig oder gar des lateinischen Pilgerführers heran. Auch ist ihre Funktion eine völlig andere: sie begleiten nicht den Aufenthalt an spirituellen Zentren der Pilgerfahrt, sondern beschreiben Extremsituationen menschlicher Existenz. Der Nachweis einer zumindest ansatzweise gebetshaften Ausdrucksform in Tetzels Bericht ist gleichwohl erbracht-das Merkmal trifft zu. 2.1.2.4. [folgt einem vorgeschriebenen, traditionsreichen, spirituell belegten Weg] Davon, daß sich die Reise des Leo von Rozmital mit mehr oder weniger großen Abweichungen auf den alten, im lateinischen Pilgerführer beschriebenen Straßen bewegt, war schon die Rede. Die Routenwahl freilich kann als historisches Faktum nicht Gegenstand der hier aufgeworfenen Fragen nach Tetzels literarischer Darstellungsweise sein. Maßgebend ist vielmehr, inwiefern Tetzel den eingeschlagenen Weg spirituell überbaut, d.h. mit narrativen Sequenzen wie Legenden, Mirakeln und ähnlichem ausstattet. Solche narrativen Sequenzen finden sich in großer Zahl, sie seien der Übersicht halber aufgelistet: .. 105 <?page no="114"?> - Canterbury: Ringmirakel am Grab des heiligen Thomas (S. 154) - Burgos: Legenden und Mirakel um ein wundertätiges Kruzifix (S. 168-179) - Santiago: Jakobslegenden (S. 177 f.) - Merida: Sage von der Zerstörung der Stadt durch die Römer (S. 183) - Kloster Guadalupe: Mirakel vom Ende der Belagerung (S. 186) - Saragossa: Bericht über die Befreiung der Stadt aus heidnischer Gewalt durch Karl den Großen (S. 190) Hinsichtlich der bei Santiago de Compostela angesiedelten Jakobuslegenden läßt sich feststellen, daß Tetzel mitunter reichlich entstellt - Erzähleinheiten wiedergibt, die sich ähnlich in der Legenda Aurea des Jakobus von Voragine 14 oder im mitteldeutschen Passional1 5 finden. So erwähnt er den geringen missionarischen Erfolg, der dem hl. Jakobus zu seinen Lebzeiten in Galicien beschieden war (S. 177), ferner die Überführung des Leichnams von Padr6n zur eigentlichen Grabesstätte (S. 178). Besonders am letztgenannten Beispiel läßt sich ein Verfahren des Autors erkennen, das allenfalls rudimentär größere Traditionsbestände andeutet. Im Gegensatz zu Legenda Aurea und Passional ist der heilige Jakobus bei Tetzel in der stat Patron ( ... ) wonhaftig gewesen und auch do gestorben (S. 178); die Episode des Transports im Ochsenkarren läßt die wundersame Zähmung der Zugtiere vermissen; der steinerne Sarg mit den Abdrücken des Apostels gerät schließlich unvermittelt zum aus der Translationslegende bekannten Meeresfahrzeug des verstorbenen Märtyrers, so daß Tetzel seine anfängliche Bemerkung vom Tod des Jakobus in Padr6n revidieren muß: Etlich meinen, das sant Jacob auf dem stein gestorben sey und das er auf dem mer kumen sey an die stat Patron, und etlich meinen, das er zu Jerusalem gemartert und gestorben sey. (S. 178). Die angeführten Belege machen deutlich, mit welcher Willkür der Autor zeitgenössisch präsente Wissensvorräte die ihm möglicherweise ihrerseits abweichend von den Versionen der großen Legendensammlungen zugekommen sind in seinem Bericht verarbeitet. Es zeichnet sich ein Vorgehen ab, das ältere Sinnsubstanzen in neue Zusammenhänge überführt. Dies um so mehr, als neben solche deutlich von christlicher Weltanschauung geprägte Kurzerzählungen bei Tetzel auch narrative Darstellungen aktueller Vorgänge treten, etwa die ausführlichen Berichte über die politische Situation in Toledo (S. 187-189) und Barcelona (S. 191), sowie die Schilderung zweier von der iberischen Westküste aus gestarteter Entdek- 14 ygl. Jacobus von Voragine, Legenda Aurea, ed. TH. GRAESSE (31890) S. 421 ff. (nhd. Ubersetzung v. R. BENZ [1984] S. 487 ff.), bzw. Die Elsässische "Legenda Aurea", ed. ULLA WILLIAMS und WERNER WILLIAMS-KRAPP (Texte und Textgeschichte, Würzburger Forschungen 3, Bd. I, 1980) S. 445 ff. 15 Vgl. Das alte Passional, ed. K. A. HAHN (1845) S. 220, V. 20 ff. 106 <?page no="115"?> kungsfahrten (S. 177 u. 179), auf die weiter unten noch genauer einzugehen sein wird. All diesen narrativen Sequenzen gemeinsam ist, daß der Autor den Fortlauf seines Berichts anhält, um Ereignisse wiederzugeben, die mehr oder weniger lange Zeit vor seinem Eintreffen am jeweiligen Ort stattgefunden haben. Er tritt dabei aus der Rolle des beobachtenden Augenzeugen heraus in die des aus Quellen schöpfenden Chronisten, ein Vorgehen, das sich mit dem der Verfasser älterer Pilgerliteratur, die Legenden und Mirakel in ihre Texte aufnehmen, gänzlich deckt. Ein erster Unterschied freilich wird dort sichtbar, wo Tetzel statt der Legenden und Mirakel Kurzerzählungen neuen Inhalts politische und im weitesten Sinn "wissenschaftliche" Darstellungen einstreut. In diesem Zusammenhang erfüllt sein Bericht das erstellte Merkmal der alten Pilgerliteratur nurmehr bedingt. Offensichtlich wird die herkömmliche Form der inserierten narrativen Sequenz für neue Inhalte, für neue Ideologie verfügbar gemacht eine Beobachtung, die im weiteren Verlauf der Untersuchung festzuhalten ist. 2.1.2.5. [ist von Buße und Gebet geprägt] Abgesehen von erwähnten Reliquienstätten und selten eingestreuten gebetsähnlichen Formeln verzichtet Tetzel auf eine religiöse Normierung der Fahrt. Nirgends im Text findet sich ein Hinweis auf bußfertiges oder andächtiges Verhalten; auch die vollzogenen rituellen Akte entbehren eines geistlichen Hintergrunds das erstellte Merkmal wird nicht eingelöst. 2.1.2.6. [wird um des persönlichen Seelenheils willen unternommen] Ebensowenig kommt in dem Bericht die Hoffnung auf persönliches Seelenheileinst Grundmotiv einer Wallfahrtzum Ausdruck. Die Reise ist jeder eschatologischen Dimension entkleidet. Für Tetzels Darstellung ergibt sich also gemessen an den Merkmalen hochmittelalterlicher Pilgerliteratur folgendes Bild: Die Reise ist zwar von Anfang an als Wallfahrt ausgewiesen, sie führt, begleitet von rituellen Akten und gelegentlichen gebetsähnlichen Formeln, zu religiösen Kultstätten, deren Bedeutung durch die Nacherzählung von Legenden und Mirakeln unterstrichen wird, doch fehlt ihr letztlich, wie der Mangel an religiöser Normierung beweist, jede christliche Heilserwartung. Damit folgt die Reisebeschreibung formal der älteren Pilgerliteratur, inhaltlich aber entbehrt sie deren geistigen Hintergrundes; sie ist zur bloß formal ablaufenden, inhaltsleer gewordenen Wallfahrt erstarrt. Es wird nunmehr zu überprüfen sein, ob sich ein ähnliches Phänomen im Vergleich von Tetzels Bericht mit hochmittelalterlichen Darstellungen der Ritterfahrt beobachten läßt. 107 <?page no="116"?> 2.2. Ritterfahrt 2.2.1. Merkmale der hochmittelalterlichen Ritterfahrt Der Gedanke, die Reisebeschreibung einer wie sich gezeigt hat vermeintlichen - Pilgerfahrt auf Merkmale der literarischen Ritterfahrt hin zu untersuchen, gründet unter anderem auf Erkenntnissen der Fachliteratur, denen zufolge eine enge Verbindung zwischen Pilgertum und Rittertum besteht: "Bereits im Rolandslied werden im Bereich der Dichtung die Ritter als heiligin pilgerime (V. 245) bezeichnet, wie ja überhaupt die Kreuzzugsbewegung nicht zuletzt an die Wallfahrten früherer Zeiten anknüpft". 16 Bedingt durch den höfischen Charakter mancher Santiago-Wallfahrten des 15. Jahrhunderts wird dann in der Sekundärliteratur mitunter versucht, eine "Reise um Ritterschaft" 17, ja den "Gedanken der Aventure" 18 nachzuweisen. Inwiefern Tetzels Bericht in der Tradition literarischer Ritter- und aventure-Fahrten des Hochmittelalters steht, wird im folgenden zu überprüfen sein. Dafür ist zunächst wiederum die Erstellung eines Merkmalkatalogs notwendig, was auf der Basis von Forschungsergebnissen zur Literatur der höfischen Klassik geschehen soll. Im einzelnen handelt es sich um folgende Merkmale: 2.2.1.1. [höfisches Verhalten] Ritterlicher Geist äußert sich zunächst einmal rein äußerlich in höfischvornehmer Lebensführung: "Aus der Dichtung können wir (. .. ) ersehen, daß die Adelskultur der großen Höfe von einem Elitebewußtsein geprägt war, das sich gegen alles Nichthöfische, gegen alles, was dörperlich, vilain war, abgrenzte und getragen wurde von dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, die alleine sich den neuen Luxus der materiellen Kultur leisten konnte und die alleine den neuen Kodex der höfischen Geselligkeit und des höfischen Benehmens beherrschte." 19 Insbesondere die Vollzugsformen von Schwertleite, Turnier und Fest geraten dabei zum "integrierende(n) Teil der ritterlich-höfischen Welt" 20, sie konstituieren Grundmuster höfischer Verhaltensweisen und finden als solche Eingang in literarische Darstellung. 16 ANDREAS WANG, Der "rniles Christianus" im 16. und 17. Jahrhundert und seine mittelalterliche Tradition. Ein Beitrag zum Verhältnis von sprachlicher und graphischer Bildlichkeit (1975) S. 164. 17 HAEBLER, Wallfahrtsbuch s. 43. 18 ILJA MIECK, Zur Wallfahrt nach Santiago de Compostela zwischen 1400 und 1650 - Resonanz, Strukturwandel und Krise, in: Gesammelte Aufsätze zur Kulturgeschichte Spaniens 29, hg. von 0. ENGELS (1978) S. 483-533, hier S. 501. 19 JOACHIM BUMKE, Studien zum Ritterbegriff im 12. und 13. Jahrhundert (21977) S. 179. 20 Ono BRUNNER, Adeliges Landleben und europäischer Geist. Leben und Werk Wolf Helmhards von Hohberg 1612-1688 (1949) S. 84. 108 <?page no="117"?> 2.2.1.2. [bestimmte sprachliche Mittel] Im Rahmen der literarischen Darstellung kehren dann ganz bestimmte Begriffe, bestimmte rhetorische Figuren wieder, welche die höfische Welt auf textlicher Ebene reflektieren. So finden sich im höfischen Roman etwa Lexeme wie ritter, ere und edel, dann aber auch "ein ganzes Netz von Einzigartigkeitshyperbeln" 21 und "eine ebenso auffällige Häufung von Unsagbarkeitstopoi". 22 Ob diese beiden Stilmittel einer ironisierenden Haltung des Autors Ausdruck verleihen, sei im vorliegenden Zusammenhang nicht zur Diskussion gestellt, maßgebend ist allein ihre Frequenz im höfischen Roman. 2.2.1.3. [Wegstruktur] Ein weiteres Merkmal der im höfischen Roman vorgeführten Ritterfahrt stellt die Struktur eines Weges dar, welcher die einzelnen Episoden miteinander verknüpft. 23 Der "normverletzende Einbruch eines unhöfischen 'Außen' in den geregelten Gesellschaftskosmos der Artuswelt" 24 veranlaßt den Ritter zur "Wiederherstellung und Bestätigung der Norm durch die Tat". 25 Er macht sich dazu auf den Weg, muß die höfische Umgebung "verlassen und sich einer anderen Gesetzlichkeit unterwerfen" 26, um sich in eine "faktische Vereinzelung" 27 zu begeben. - Der Held des Artusromans bewegt sich also zwischen zwei oppositionellen Handlungsräumen, der vertrauten höfischen Welt und einer fremden, in persönlicher Abgeschiedenheit erfahrenen "verzauberte(n), dämonisierte(n) Wirklichkeit" 28, die mit Abenteuern angefüllt ist. Unter dem anspruchsvollen Bauprinzip des "doppelten Kursus" 29 erfahi-en diese Abenteuer bei Chretien de Troyes, bei Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach eine besonders kunstvolle Anordnung. 2.2.1.4. [erzieherischer Wert des Weges nach bestimmten Normen] Die eigentliche Bedeutung des aventure-Weges nun liegt in seinem erzieherischen Wert für den Ritter. Die einzelnen Stationen enthalten "jene besondere Sinnerfüllung des Zufalls( ... ), der nun nicht mehr 'zufällig', sondern 21 RAINER WARNING, Heterogenität des Erzählten - Homogenität des Erzählens, in: Wolfram-Studien V (1979) S. 79-95, hier S. 93. 22 Ebenda. 23 Das Unterwegssein ist für den Ritter obligatorische Aufgabe, wie etwa die Ermahnung des Einsiedlers Trevrizent an Parzival verdeutlicht: swer schildes ambet üeben wil/ der muoz durchstrichen lande vil (Wolfram von Eschenbach, Parzival, ed. K. LACHMANN, RUB 3681 / 2, [1981] V. 499, 9 f.). 24 IISE NOLTING-HAUFF, Die Stellung der Liebeskasuistik im höfischen Roman (1959) S. 16. 25 Ebenda. 26 Ebenda. 27 Ebenda. 28 ERICH KÖHLER, Ideal und Wirklichkeit in der höfischen Epik (21970) S. 77. 29 Vgl. HUGO KUHN, Erec, in: ders., Dichtung und Welt im Mittelalter (1959) S. 133-150. 109 <?page no="118"?> dem Einzelnen 'zu-fallend' im Sinne von 'zukommend' ist". 30 Die aventuren stehen dabei im Rahmen bestimmter höfischer Normen und ermöglichen dem Ritter gesellschaftliche, sittliche, ja ethisch-religiöse Bewährung. 2.2.1.5. [Minnedienst] Große Bedeutung für die hochmittelalterliche Ritterfahrt hat weiter die "den Kampf seines Selbstzweckcharakters enthebende kausale Verbindung mit der Liebe" . 31 Abgeleitet von einem feudalen Ständebegriff ist "der Dienstgedanke zentral; hier ist er auf die Liebe als obersten Wert gerichtet, oder konkret auf(. .. ) die in Tugend und Schönheit vollkommene vrouwe" . 32 Auf den Minnedienst als Merkmal der Ritterfahrt kann folglich nicht verzichtet werden. 2.2.1.6. [militia Christi] An oberster Stufe ritterlicher Dienstauffassung steht schließlich die sich im Zusammenhang mit der Kreuzzugsbewegung konstituierende Idee der militia Christi. 33 In den Ritterfahrten der klassischen Literatur, insbesondere der Kreuzzugsdichtung, nimmt die an monastischen Idealen orientierte Kampfbereitschaft für Gott, der seinen milites ewiges Seelenheil verspricht, eine zentrale Position ein. "Selbstaufopferung für ideelle Güter, Schutz der Wehrlosen und Schwachen, Freigebigkeit und Wahrhaftigkeit" 34 bestimmen das ethische Handeln des Ritters. Der Dienst für Gott markiert so eine wesentliche Grundkonstante der Ritterfahrt in klassischer Zeit, gleichzeitig wird an dieser Stelle nochmals die Annäherung zwischen Ritter- und Pilgerfahrt deutlich. 2.2.2. Überprüfung der Merkmale bei Tetzel Wie schon im Zusammenhang mit der Pilgerfahrt geschehen, soll Tetzels Bericht nunmehr auch einer Überprüfung anhand der erstellten Merkmale zur Ritterfahrt unterzogen werden. Dabei sind erneut die Übereinstimmungen bzw. Abweichungen aufzuzeigen. 2.2.2.1. [höfisches Verhalten] Höfisches Verhalten ist bei Tetzel zunächst dort thematisiert, wo der Empfang der Reisegruppe bei europäischen Fürsten und Königen erwähnt wird. Dies ist durchgehend in Deutschland, England und Frankreich der 30 KöHLER, Ideal und Wirklichkeit 5. 67. 31 Ebenda 5. 69. 32 BUMI<E, Ritterbegriff 5. 183. 33 Vgl. dazu v.a. CARL ERDMANN, Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens (1935/ Nachdr. 1955), und F'RIEDRICH-WII.J-IELM WENTZLAFF-EGGEBERT, Kreuzzugsdichtung des Mittelalters (1960); zum Begriff und seiner Geschichte: BUMI<E, Ritterbegriff 5. 111-115. 34 WENTZLAFF-EGGEBERT, Kreuzzugsdichtung 5. 7. 110 <?page no="119"?> Fall, in geringerem Maße auch in Spanien, dann wieder besonders ausgeprägt in Italien, Österreich und schließlich in Böhmen. Oft sind solche Empfänge, vor allem nahe dem Ausgangsort der Fahrt, von höfischen Festen begleitet, so in Ansbach (S. 146), Öhringen (S. 146), Köln (S. 147) und Neuß (S. 148). Am Hof Philipps des Guten in Brüssel wird anläßlich eines Festes gar der herzogliche Schatz vorgeführt, den Tetzel peinlich genau auflistet (S. 150 f.). Festlichen Charakter trägt auch das vil kurzweilig weltlich leben (S. 152) anläßlich des Karnevals in Brügge. Mit besonderer Sorgfalt schildert Tetzel Prunk und Glanz zur Feier der Geburt eines Thronfolgers am englischen Königshof (S. 155 f.). Weitere, von Tetzel ausdrücklich genannte und beschriebene Feste finden sich dann freilich erst wieder kurz vor dem Ende der Reise in Wiener Neustadt am Hof der Kaiserin Eleonora (S. 194) und beim Einzug Roimitals in Prag (S. 195). Mitunter finden anläßlich der Empfänge an Fürstenhöfen Turniere statt, so in Ansbach, Köln und Brüssel, zuletzt auf der Rückfahrt bei Kaiser Friedrich in Graz (S. 194). Die gegeneinander angetretenen Ritter werden dabei von Tetzel jeweils namentlich aufgeführt. Auch auf die Zeremonie der Verleihung einer geselschaft, eines Ritterordens, verweist der Autor gelegentlich. 35 Tetzel selbst schließlich kommt nach Abschluß der Reise in den Genuß einer Schenkung, er erhält auf Anweisung des böhmischen Königs ein anlegung (S. 196). Insgesamt zeigen die von Tetzel erwähnten Verhaltensweisen, wie stark der Bericht an diesem Punkt in der Tradition hochmittelalterlicher Ritterfahrten stehtdas erste aufgestellte Merkmal erfüllt er gänzlich. 2.2.2.2. [bestimmte sprachliche Mittel] Inwiefern nun schlagen sich die höfischen Verhaltensweisen bei Tetzel auch sprachlich nieder? - Hier sei grundsätzlich auf die hohe Frequenz stereotyp wiederkehrender Lexeme verwiesen, Lexeme, die in ihrer Häufigkeit nicht unbedingt stilistischer Eleganz förderlich sind, jedoch auf ganz bestimmte höfische Traditionen hindeuten. Zunächst fällt der Begriff ritter auf, der vielfach allein oder in Wortzusammensetzungen wie rittersreis und ritterschaft begegnet; 3 6 ferner das Adjektiv edel, das ähnlich häufig einzeln bzw. in Form von Komposita wie edelmann, edelknaben und edelleut erscheint. 37 Ganz besonders auffällig jedoch ist die Verwendung des Substantivs eer, seines Synonyms reverenz, sowie des Adjektivs erber(g) bzw. des Adverbs erberlich. Dabei läßt sich eine nachlassende Frequenz in den Textpassagen feststellen, welche die Reise auf der Iberischen Halbinsel 35 So in Brüssel: S. 151, London: S. 155, Saint-Mfilo: S. 161, Gerbirro: S. 172, Saragossa: S. 190. 36 So auf den Seiten 145, 155 f., 162, 171 f., 176, 187 f., 1%. 37 So auf den Seiten 145, 148, 156, 166, 180, 187, 195. 111 <?page no="120"?> beschreiben. 38 Ganz offensichtlich erhalten die innereuropäischen Länder bereits durch die Wortwahl einen bestimmten höfischen Charakter, der im Gegensatz dazu den Gebieten jenseits der Pyrenäen nur in sehr vermindertem Maß zugesprochen wird. Neben solchen auf ein höfisches Wertsystem verweisenden Einzellexemen lassen sich bei Tetzel aber auch die Stilfiguren der Einzigartigkeitshyperbel und des Unsagbarkeitstopos erkennen. Erstere sind über den ganzen Text gleichmäßig und in hoher Anzahl verstreut. Sie erscheinen in Formen des Superlativsz.B. die kostlichisten fisch (S. 166), allerkostlichst gold (S. 181) -, der Gradpartikel ausdermassen z.B. ausdermassen grosse eer (S. 165),ausdermassengrossenot(S.175)-unddesverneintenKomparativs-z.B. das in der welt nit besser cantores sein (S. 157), das in ganz Hispanien kein stiirker man sei (S. 173). Wesentlich seltener gebraucht Tetzel Unsagbarkeitstopoi, doch fällt hierbei auf, daß diese bis auf eine Ausnahme ganz ausschließlich für Erscheinungen außerhalb der Iberischen Halbinsel verwendet werden. Es handelt sich um Wendungen wie: davon vil zu schreiben waer (S. 148 u. 157) unaussprechlich vil uberkostlich (S. 150, ähnlich: S. 157, 159, 192) unsiiglichiste hitz (S. 179) dies die erwähnte Ausnahme, eine für das Klima an der iberischen Westküste getroffene Charakterisierung. An dieser Stelle sei die Hypothese gewagt, Tetzel versage den Gebieten jenseits der Pyrenäen auch durch den extrem reduzierten Gebrauch des Unsagbarkeitstopos als typischer Stilfigur des höfischen Romans einen höfischen Charakter. Diese Vermutung muß freilich noch an weiteren Erscheinungen in Tetzels Bericht erhärtet werden. Festzuhalten bleibt, daß sich Tetzel nicht allein damit begnügt, höfische Verhaltensweisen darzustellen, sondern auch durch seine sprachlichen Mittel auf die höfische Welt verweist. Auch das zweite erstellte Merkmal trifft also auf Tetzels Bericht voll zu. 2.2.2.3. [Wegstruktur] Es fragt sich nun, ob bei Tetzel auch bestimmte Bauprinzipien des höfischen Romans nachweisbar sind. Zunächst einmal läßt sich auch in seinem Reisebericht das Vorhandensein einer Wegstruktur feststellen. Diese freilich ist nicht allein typisch für den höfischen Roman, findet sie sich doch bereits in persischen, griechischen und arabischen Epen. Als schlagender hingegen erweist sich das Argument, daß sich die Helden auf ihrem Weg 38 So finden sich die Lexeme eer: in der Darstellung der Iber. Halbinsel 16 mal, sonst 26 mal; reverenz in der Darstellung der Iber. Halbinsel 1 mal, sonst 7 mal; erber(g)/ erberlich: in der Darstellung der lber. Halbinsel 4 mal, sonst 26 mal. 112 <?page no="121"?> sowohl im höfischen Roman als auch bei Tetzel in zwei gegensätzlichen Handlungsräumen bewegen. Im höfischen Roman erfolgt eine solche Zweiteilung wie gezeigt worden istzwischen der höfischen Welt und einer "verzauberten, dämonisierten Wirklichkeit", bei Tetzel findet sie statt in der Opposition zwischen der vertrauten Welt des europäischen Adels und den als fremd und unzivilisiert erfahrenen Landstrichen der Iberischen Halbinsel. Dort beschreibt Tetzel die Konfrontation der Reisegruppe Rozmitals mit einer ihr unbekannten Kultur; analog zur Isolation des Helden im höfischen Roman kann von der Darstellung einer nunmehr "kulturellen Vereinzelung'' der Reisegesellschaft gesprochen werden. Dabei zeigt sich, daß Tetzel dieser Begegnung mit der Fremde in seinem Bericht schon rein quantitativ ein hohes Maß an Aufmerksamkeit schenkt, was sich am krassen Auseinanderklaffen von Erzählzeit und erzählter Zeit gut nachweisen läßt. Während wie die Zeitangaben in den Begleiturkunden bei Sasek beweisen der tatsächliche Aufenthalt jenseits der Pyrenäen knapp fünf Monate dauerte (von ca. 18 Monaten gesamter Reisezeit), verwendet Tetzel auf die Darstellung der Fahrt durch die Iberische Halbinsel ziemlich genau die Hälfte seines Berichts, nämlich 26,5 von insgesamt 54 Seiten. Die Zweiteilung zwischen vertrauter und fremder Welt erfolgt also bereits rein quantitativ in der Gestalt zweier annähernd gleich umfangreicher Texthälften. Diese ausgewogene Disposition der Erzählzeit ist freilich das einzige Bauprinzip, das sich an Tetzels Bericht ausmachen läßt. Anspruchsvolle architektonische Gestaltungsweisen finden sich nicht, Tetzel reiht die einzelnen Episoden der Fahrt vielmehr kunstlos aneinander. In einem solchen Zusammenhang von aventuren zu sprechen, ist folglich unangebracht; Tetzel unternimmt lediglich die literarische Darstellung einer Abenteuerfahrt ohne jeden symbolischen Gehalt. Dabei treten abenteuerliche Episoden gelegentlich auch diesseits der Pyrenäen auf, so die Schiffsreisen im Ärmelkanal (S. 153 u. 159 f.), die Durchquerung gesundheitsgefährdender und klimatisch ungünstiger Landstriche in Südfrankreich auf der Rückfahrt (S. 192) und schließlich die Verwicklung der Reisegruppe in politische Unruhen Böhmens kurz vor der Heimkehr (S. 195). Als durchweg abenteuerlich und gefahrvoll aber erweist sich beiTetzel die Route durch die Iberische Halbinsel. Laufend ist dort vongrosser not (S. 171, 174 f., 189) der Reisegruppe, vonauflauf (S. 167u.173) undgross krieg (S. 175 u. 190) die Rede, davon, daß die Reisenden keinen tag noch nacht leibs und guots sicher (S. 167; ähnlich S. 171, 173, 189, 190) sind. Kastilien ist von bürgerkriegsähnlichen Unruhen heimgesucht, ja selbst die Wallfahrtskirche in Santiago de Compostela wird von Aufrührern belagert (S. 175 f.). Insofern scheint das Gebiet jenseits der Pyrenäen -ähnlich der fremden Zauberwelt im höfischen Roman einer völlig "anderen Gesetzlichkeit" zu unterliegen 113 <?page no="122"?> als die bei Tetzel sonst thematisierte Sphäre höfischen Lebens. Von dieser Beobachtung geht die vorsichtig geäußerte Vermutung aus, daß Tetzel hier an Stilisierungen des Artusrittertums anknüpft, die insbesondere "an den französischen und burgundischen Höfen im ausgehenden 14. und 15. Jahrhundert" 39 durchaus üblich sind. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Tetzels Bericht dem höfischen Roman vergleichbar eine Wegstruktur aufweist, mittels derer sich die Helden zwischen den Räumen einer kultiviert vertrauten und einer fremdartig abenteuerlichen Welt bewegen. Von kunstvollen literarischen Bauprinzipien kann jedoch nicht die Rede sein; so trifft das erstellte Merkmal auf Tetzels Bericht nur bedingt zu. 2.2.2.4. [erzieherischer Wert des Weges nach bestimmten Normen] Aus den Ergebnissen des vorigen Abschnitts lassen sich nun zugleich weitere Schlüsse ziehen: Da die episodenartigen Abenteuer der Reise bei Tetzel nicht in symbolhafter Beziehung stehen, können sie auch nicht den Zweck ritterlicher Erziehung erfüllen. In der Tat finden sich an keiner Stelle des Berichts Hinweise auf eine Bewährung nach bestimmten Normen, welche die Reisenden zu durchlaufen hätten: das Merkmal fällt bei Tetzel aus. 2.2.2.5. [Minnedienst] Genausowenig stehen die beschriebenen Abenteuer mit dem Dienstgedanken höfischer Minne in Verbindung. Eine Auffälligkeit freilich läßt sich in diesem Zusammenhang beobachten: Vornehme Damen, manich stolze schone frawen und iunkfrawen (S. 151 u.ö.) treten in Tetzels Bericht immer anläßlich der Empfänge und Feste an den Fürstenhöfen auf. Sie erscheinen dort freilich nur als Beiwerk einer feierlichen Zeremonie. Im Grunde spielen sie die Rolle von Statistinnen, eine den Fortgang der Fahrt bestimmende Funktion haben sie nicht. 2.2.2.6. [militia Christi] In gleicher Weise muß Tetzels Bericht das Merkmal eines auf göttliche Instanz hin ausgerichteten Dienstgedankens abgesprochen werden. Wie schon im Zusammenhang mit der Pilgerfahrt dargelegt, beschränkt sich Tetzel auf die Beschreibung religiöser Äußerlichkeiten, wie den Besuch an christlichen Kultstätten oder den Vollzug ritueller Akte. Eine ethische, von christlicher Heilserwartung bestimmte Orientierung jedoch weist der Text an keiner Stelle auf. 39 BRUNNER, Adeliges Landleben (wie Anm. 20) 5. 96; vgl. ferner JoHAN HUIZINCA, Herbst des Mittelalters ( 8 1961) 5. 85 ff. 114 <?page no="123"?> Wie die Überprüfung zeigt, istTetzels Bericht wiederum nur auf formaler Ebene mit der hochmittelalterlichen Ritterfahrt identisch. Er erfüllt zwar die Merkmale [höfischesVerhalten], [bestimmte sprachliche Mittel] und bedingt- [Wegstruktur], schließt hingegen die inhaltliche Dimension der aventure aus, welche in Bewährung, Minne- und Gottesdienst begründet liegt. Die Gesamtuntersuchung steht nun an einer Stelle, wo eine erste Zwischenbilanz gezogen werden kann. Die bislang erfolgte Messung des Reiseberichts an der hochmittelalterlichen Darstellung von Pilger- und Ritterfahrt hat ergeben, daß Tetzel durchaus auf gewisse Merkmale dieser traditionellen Gattungen zurückgreift. Zusammenfassend gesagt, übernimmt der Bericht deren formalen Ablauf, verzichtet jedoch auf ihren eigentlichen Inhalt, der sich mit den Begriffen "persönliches Seelenheil" (für die Pilgerfahrt) und "erzieherischer Wert" (für die Ritterfahrt) auf einen Nenner bringen läßt. Damit sind Pilger- und Ritterfahrt im Rahmen des Texts inhaltsleer geworden, und es stellt sich die Frage, welcher neue Inhalt an die Stelle des verlorenen tritt. Bevor diesem Problem jedoch weiter nachgegangen werden kann, ist im folgenden Kapitel zu untersuchen, wie eigentlich die Konfrontation mit der Fremde, die Bewältigung des als "kulturelle Vereinzelung'' bezeichneten Phänomens, in Tetzels Reisebericht abläuft. 3. Die Konfrontation mit der Fremde Wie sich bereits gezeigt hat, liegt der Schwerpunkt des Reiseberichts auf der Erfahrung der Fremde, hat doch die Darstellung der Iberischen Halbinsel, welche ziemlich genau die Hälfte des Textes ausmacht, bei Tetzel ein deutliches Übergewicht im Vergleich zum tatsächlichen Zeitablauf der Reise. Der Autor nimmt dabei zwangsweise eine Auswahl der unterwegs gewonnenen Eindrücke vor. Er betätigt sich als "'Bricoleur' (... ), der die mannigfaltigen Elemente aus dem Arsenal der Repräsentationen soziokultureller Andersartigkeiten der eigenen Kultur zu Darstellungen tendenziell vollständiger Bilder zusammenbaut und diese Darstellungen mit einem Bericht über die Gegebenheiten der Reise selbst umrahmt". 40 Es kommt dabei zu Wertungen der fremden Kultur, die sich letztlich als "unfreiwillige kulturelle Selbstdarstellung der Ausgangskultur des Verfassers und seines 40 MICHAEL l-IARBSMEIER, Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quelle, in: Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Aufgaben und Möglichkeiten der historischen Reiseforschung(= Wolfenbütteler Forschungen 21), hg. von A. MACZAK/ H.J.TEuTEBERG (1982) 5. 1-31, hier 5. 16; den Begriff "Bricoleur" (Bastler) verwendet l-IARBSMEIER nach CLAUDE LEVI-STRAUSS, La pensee sauvage (1962). 115 <?page no="124"?> Publikums im Spiegel der jeweiligen 'anderen"' 41 erweisen. Mit Hilfe solcher Vorüberlegungen läßt sich Tetzels Reaktion auf die Fremde jenseits der Pyrenäen näher betrachten, ändert sich doch mit Eintritt in den iberischen Raum (S. 166) der Charakter des Berichts grundlegend. Von dort an reiht sich eine fremdartige Auffälligkeit an die andere. Vielfach ist die Rede von der grossenhitz (S. 167,ähnlich S.170, 179 f., 182), welche die Einheimischen zwingt, ihre Wohnstätten unter der erden (S. 180) zu haben und beim tag nit auss (S. 180) zu gehen. Nur gelegentlich erwähnt Tetzel örtliche Spezialitäten, etwa Ochsenfleisch in Burgos (S. 168) oder Früchte aus Afrika (S. 181), weitaus öfter hingegen Nahrungsknappheit (S. 166, 170 f., 174). Mitunter finden sich ausgefallene Erscheinungen, insbesondere aus der Tierwelt; so die gar gross besorglich würm (S. 179) an der Westküste oder die galladto (S. 183) genannten Zibetkatzen am Hof des portugiesischen Königs, welche einen heilsamen Duftstoff absondern. Besonders detailliert fällt die Beschreibung modischer Besonderheiten aus. Die Frauen im Baskenland etwa tragen der seltsam gebänd auf, etlich gemacht als die pfifferling, etlich an der stirn als die mansdinger, etlich als die flachen schüssel (S. 166) ,-der Autor bedient sich hier eines mitunter drastisch anmutenden Vergleichsinventars. Die vornehmen Damen in Burgos hingegen sind ser kostlich gekleidet auf den heidnischen oder türkischen schlag (S. 170). In Algeciras begegnet Tetzel Frauen all geziert mit einem blawen tuchstrich uber das kinn ( ... )mit hubschen blumen am leih oberhalb der gürte[ also gefärbt (S. 180), während ihm die Afrikaner durch ihre Nacktheit auffallen. Wiederholt wird das von Toleranz geprägte Zusammenleben von Angehörigen unterschiedlicher Konfessionen an einem Ort erwähnt. So heißt es von einem Grafen in der Biskaya: In seiner stat, auch an seinem hof sein Christen, Heiden, Juden. Jeden lässt er in seinem gelauben beleihen (S. 167). Merida zeichnet sich gar aus durch sechserley gelauben in der selben stat (S. 185). Trotz solcher toleranter Züge ist das Land aber vor allem von unfrid und krieg (S. 171) geprägt. Thematisierte Erbstreitigkeiten wie zwischen dem alten kunig und seinem bruder, dem jüngern (S. 171)-d.h. zwischen Heinrich N. von Kastilien und seinem Bruder Alfons tragen wesentlich zum abenteuerlichen Charakter der Fahrt bei, sie zeugen aber auch von Tetzels Interesse für die politischen Verhältnisse in den bereisten Ländern. Besonderen Eindruck scheint auf den Autor auch der portugiesische Sklavenhandel mit Afrikanern hinterlassen zu haben, dessen Praktiken er auf mehreren Seiten schildert (S. 180-182). 41 HARBSMEIER, Reisebeschreibungen 5. 7. 116 <?page no="125"?> Gerade im letztgenannten Zusammenhang beschreibt Tetzel fremdartige Sitten, die ganz offensichtlich gegen seine Normbegriffe verstoßen. So kennen die in der Gegend von Algeciras lebenden Afrikaner laut Tetzel kein ee. Der vater hat mit der tochter, der sun mit der muter oder schwester zu schicken, durcheinander wie das vich (S. 180). Aber auch bei den Portugiesen selbst begegnet Tetzel gar vil seltsamer gewonheit (S. 181), wie etwa fremden Geburts- und Bestattungsriten. Letztlich trägt alles sittliche Verhalten auf der Iberischen Halbinsel für Tetzel einen gewissen heidnischen Charakter. Eine besondere Rolle spielen religiöse Praktiken, die für den Autor eine deutliche Abweichung von der ihm vertrauten Norm darstellen. An verschiedenen Stellen berichtet er von Priestern, die das Zölibat nicht einhalten (S. 166 u. 181), sowie von für ihn ungewohnten Formen der Liturgie und Beichte (S. 166 u. 181). Aber auch mit mohammedanischer Religionspraxis wird Tetzel konfrontiert. So fällt ihm die Schlichtheit der maurischen Kultstätten auf: Da innen ist nichts dann vil lampen (... )Und von keinem gemiil findet man nit in der kirchen (S. 189). Ein islamischer Würdenträger schließlich zeigt während der Kulthandlung folgendes Verhalten: Er fällt dann nider auf die erden und reckt die hiind auss, und schreit laut heidnisch (S. 189). Mit einer bloßen Collage solcher. Erscheinungen des Fremdartigen begnügt sich Tetzel freilich nicht, vielmehr gibt er an zahlreichen Stellen wertende Urteile ab. Dies geschieht vornehmlich durch ein Inventar bestimmter Epitheta: So werden die durchfahrenen Landstriche mit Bezeichnungen versehen wie arm (S. 166 u. 190), unerbaut/ ungebaut (S. 166/ 182), scheuzlich (S.171 u. 185), wüst (S. 182 u. 190), wild (S. 182) und verderbt (S. 190), die Bewohner sind zumeist als bos (S. 166-168), mordisch (S. 166-168) und ungeschaffen (S. 166 u. 189), als den Cristen feind (S. 172) und uncristenlichen wesen (S. 172) treibend charakterisiert, gelegentlich kommt es zu abwertenden Vergleichen, etwa wie die Zigeuner (S. 189) oder gar wie das vich (S. 180). Um besonders extreme Eindrücke wiederzugeben, verwendet Tetzel auch hier die für die Darstellung der höfischen Welt bereits festgestellten Einzigartigkeitshyperbeln. So ist die Rede vonausdermassen bös herberg (S. 166) und schendlichst gebirg (S. 167), aber auch von in der Diaspora lebenden Christen als den frumsten leut, die man in dem ganzen land Hispanien mag finden (S. 173). Durch die angeführten stilistischen Mittel wird bei Tetzel ein Denkschema deutlich, das in der Opposition des Gegensatzpaares Christen vs. Heiden, bzw. abendländische Christen vs. mozarabische Christen begründet liegt. Dabei hat der Begriff Crist für Tetzel nur in zweiter Hinsicht die Bedeutung 'Glaubensbruder', primär bezeichnet er einen Angehörigen desselben Kulturkreises. Es ist allerdings interessant zu beobachten, wie dieses Schema, am Beginn der Reise durch Spanien streng eingehalten, während der Rückfahrt zusammenbricht. Auf dem Weg durch Kastilien 117 <?page no="126"?> gelangt die Reisegruppe nun zu explizit als solche bezeichneten bösen Cristen (S. 189), während die maurische Bevölkerung ein geradezu höfisches Verhalten an den Tag legt: Die heiden theten uns gross eer und zucht und waren bei jn vil sicherer, dann in dem land bei den cristen (S. 189). Durch Erfahrung der Fremde findet hier offensichtlich eine Umwertung herkömmlicher Klischees statt. Welche kulturelle Selbstdarstellung des Autors aber läßt sich nun aus dem Text erkennen? Die getroffene Auswahl an Reiseeindrücken, die dabei vorgenommene Wertung zeigen dies eindeutig: Hinter dem von Tetzel entworfenen Bild der Fremde steht ein christlich-abendländisch fundiertes, vornehm-bürgerlich geprägtes Selbstverständnis, das wie die Merkmalanalyse zur Ritterfahrt erwiesen hat eine ritterlich-höfische Stilisierung erfährt. Diese ausschließlich textimmanent ermittelte Charakterisierung deckt sich dabei exakt mit der eingangs aus biographischen Angaben gewonnenen Vorstellung von der Persönlichkeit des N ümberger Patriziers Gabriel Tetzel. Gerade der Gedanke an eine ritterlich-höfische Stilisierung scheint hier plausibel, berücksichtigt man die äußerst regen Kontakte zwischen Patriziat und Adelsschicht im ausgehenden Mittelalter. Auf der Grundlage solcher Mentalität aber nimmt die Darstellung der Konfrontation mit der Fremde, jener ''kulturellen Vereinzelung'', einen besonderen, eigens zu kennzeichnenden Verlauf. Wie das Kollabieren der ursprünglichen Gegenvorstellung von guten Christen und schlechten Heiden ergeben hat, schlägt Tetzel eine Richtung ein, die im Rahmen literarischer Fahrten des Hochmittelalters undenkbar ist. Auch dort findet zwar eine Begegnung mit der Fremde statt, diese ist jedoch nur im Rahmen einer Ausrichtung auf göttliche Autorität (bei der Pilgerfahrt) bzw. einer an höfischen Standesnormen orientierten Bewährung (bei der Ritterfahrt) legitimiert. Tetzel hingegen unternimmt die subjektiv gehaltene Beschreibung einer ganz persönlichen Erfahrung, die sich weitgehend frei von religiöser Rückbindung vollzieht. Er verfolgt ein Ziel, das die Forschung bereits ähnlich für Autoren des frühen deutschen Prosaromans nachgewiesen hat: "Empirie statt autoritativ gesichertes Traditionswissen." 42 Mit Hilfe dieser Erkenntnis nun kann die ursprünglich zurückgestellte Frage nach dem eigentlichen Inhalt der in Tetzels Reisebericht inhaltsleer gewordenen Formen von hochmittelalterlicher Pilger- und Ritterfahrt beantwortet werden. 42 JAN-DIRK MÜLLER, Curiositas und erfarung der Welt im frühen deutschen Prosaroman, in: Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformationszeit, hg. von L. GRENZMANN/ K. STACKMANN (1984) s. 252-271, hier S. 261. 118 <?page no="127"?> 4. Der eigentliche Inhalt des Reiseberichts: curiositas Die folgenden Überlegungen befassen sich mit einer Textpassage, in der Tetzel die Fahrt ans mittelalterliche Ende der Welt, zum an der iberischen Westküste gelegenen Kap Finisterre beschreibt. Es wird zu zeigen sein, daß diese Reise an die Peripherie der mittelalterlichen Welt zugleich an die Peripherie mittelalterlichen Denkens führt. 43 Unter einer veränderten phonetischen Gestalt, die der deutschen Aussprache angepaßt ist, erscheint das Kap Finisterre verschiedentlich in Textzeugnissen des 15. Jahrhunderts. Es wird durch eine dabei vollzogene volksetymologische Umdeutung zum finstern stern. So ziehen die Santiago- Wallfahrer des um 1500 aufgezeichneten Pilgerlieds nach dem Besuch der Jakobsstadt weiter zu eym stern heist fynster (Str. XXIV, V. 5); auch Oswald von Wolkenstein gelangt auf seinen Landfahrten pis gen dem vinstern steren. 44 Den Namen verzeichnen ferner die Geistliche Pilgerfahrt des Felix Fabri 45 und die Postill des Geiler von Keisersberg4 6; beide Texte nehmen dabei eine Stilisierung des Kap Finisterre "zum 'Eingang der Hölle' und ganz allgemein zu den 'enden des erdtrichs 11147 vor. Ähnlich wie die irische Patrickshöhle bei Mandeville, "ein gefährlicher Ort, der kain lieht leidet, also jenseits der bekannten sichtbaren Welt" 48 liegt, gerät das Kap Finisterre zur furchteinflößenden, weil an der Peripherie der erfahrbaren Welt liegenden Stätte. Vor dem Hintergrund dieser Auffassung nun ist Rozmitals Fahrt zum finstern stern zu sehen. Zunächst berichtet Tetzel ganz ähnlich wie seine Zeitgenossen von der Fahrt nach Finisterre: Von Sant Jakob ritt wir auss gern Finstern Stern,als es dann die bauren nennen, es heisst aber Finis Terrae. Do sieht man nichts anders essethinüber dann himel und wasser, und sagen, das das mer do so ungestüm sey, das niemand mug hinüber faren, man wiss auch nit, wass dogesset sey (S. 177). Die Gesellschaft setzt ihren Weg dann in südlicher Richtung, entlang der Küste, fort: ... wir ritten 'zent' derwelt, das wir nichts anders, dann himel wasserund heid sahen (S.179). Dabei wirddasWeltendemitAttributenderGefahrversehen: Es ist die Rede von einer grassierenden Seuche, dem allergröss ten sterben der 43 Vgl. dazu neuerdings auch FRIEDERIKE HASSAUER, Eine Straße durch die Zeit. Die mittelalterlichen Pilgerwege nach Santiago de Compostela, in: Epochenschwellen und Epochenstrukturen im Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie, hg. von H.U. GUMBRECHT/ U. LINK-HEER (1985) S. 409-423, wo analoge Problematik unter dem Blickwinkel einer "Periodisierbarkeit von Räumen" (S. 409) am Beispiel Santiago de Compostela erörtert wird. 44 Oswald von Wolkenstein, Lieder, ed. BURGHARTWACHINGER, RUB 2839 (1980) S. 68, Str. I, V.14. 45 Vgl. die Bemerkungen bei HAEBLER, Wallfahrtsbuch S. 52 f. 46 Vgl. die Ausführungen bei HARD, Erdkunde 19, S. 323. 47 Ebenda. 48 MÜLLER, Prosaroman S. 259. 119 <?page no="128"?> pestilenz, davon ich nie gehort hab (S. 178), es herrscht unerträgliche Hitze; zudem erschrecken die Reisenden vor fabelhaften Wesen, gar gross besorglich würm, die an die menschen und an das vich springen und vergiften dieselbigen (S. 179). Wie aber verhält sich Roimital in einer Situation derart geballter Gefahr? - Tetzel berichtet folgendes: Und ob wir einen tag oder sechs zuzeiten umbritten, liess sich mein herr des nit betauren, wann er wolt die ding auch besichtigen und besehen (S. 179). Dies ist zunächst ein Verhalten, das ebensogut ein Held der hochmittelalterlichen Ritterfahrt zeigen könnte: Roimital scheut keinen Umweg, unerschrocken setzt er sich der Gefahr aus. Die Motivation für solches Vorgehen freilich hat sich gänzlich geändert. Es geht nicht mehr um ethische oder heroische Bewährung, vielmehr darum, die Dinge zu besichtigen und zu besehen. Damit aber äußert sich ein Interesse, Fremdes, bislang Tabuisiertes persönlich in Augenschein zu nehmen. Tetzel begeht hier einen für mittelalterliche Vorstellung sträflichen Akt, er unterschlägt jede ethisch-religiöse Zielsetzung der Fahrt und legitimiert stattdessen menschliche Neugierde. Dieses an der vorliegenden Textstelle unverhohlen eingestandene Phänomen der curiositas zeigt sich weiterhin in den eingestreuten Berichten über Entdeckungsfahrten, die vom 'Weltende" der Iberischen Westküste ihren Ausgang genommen haben. So heißt es im Zusammenhang mit dem Kap Finisterre zunächst ganz knapp: Als man uns saget, so hetten etlich wollen erfaren wass doch gensseit wär, und waren mit galeyen und näffen gefaren; es wär aber niemand herwider kumen (S. 177). An späterer Stelle schildert Tetzel dann eingehender den Verlauf einer solchen Expedition: Im Auftrag des portugiesischen Königs seien vier Schiffe ausgefahren, zu besehen, was doch engesset sei, ob auch erdrich do sei (S. 179). Erneut ist hier von dem Interesse an empirischer Überprüfung, von dem Wunsch, Unbekanntes zu besehen, die Rede. Durch die Suche nach Land auch jenseits der Küste wird diese in ihrer Rolle als "Weltende" angezweifelt. Die Expedition freilich mißlingt, nur eine Galeere kehrt mit reichlich dezimierter Besatzung von der Fahrt zurück. Die wenigen Überlebenden aber erscheinen so ungestalt (... ), das man's für menschen nit hat wol mugen erkennen (S. 179); sie berichten von der unsäglichisten hitz (S. 179) auf dem Meer. Zu beachten ist hier Tetzels sprachliche Ausdrucksweise: Er gebraucht das Adjektiv unsäglich superlativisch, damit fallen die Stilfiguren einer Einzigartigkeitshyperbel und eines Unsagbarkeitstoposdes einzigen übrigens, den Tetzel für die Darstellung der Iberischen Halbinsel verwendet zusammen. Offensichtlich schlägt sich das Bewußtsein einer Grenzüberschreitung mittelalterlicher Normen auch stilistisch nieder. Das Endresultat der Expedition allerdings bestätigt die mittelalterliche Vorstellung: Es zeigt sich das dogessent kein wonung noch erdrich sei (S. 179). Damit scheitert zwar die Entdeckerfahrt, nicht aber das 120 <?page no="129"?> Ansinnen menschlicher Wißbegierde. Curiositas nämlich manifestiert sich in den kurzen Entdeckerberichten durchaus, auch wenn sie noch kein konkretes Ergebnis vorweisen kann. Tetzel stößt hier an die Peripherie mittelalterlichen Denkens, seine Aufzeichnungen legen Zeugnis ab von einem sich im Entstehen befindlichen Zeitgeist, der die naturwissenschaftlichen und geographischen Entdeckungen des späten 15. und des 16. Jahrhunderts ermöglichen wird. Der Reisebericht ist damit eingebettet in ein neuzeitlich zu nennendes Paradigma: Ohne daß sich dies in der literarischen Ces tal tung durch Tetzel niederschlägt, steht die Reise zunächst, bedingt durch den diplomatischen Auftrag Rozmitals, im Zusammenhang mit der Hussitenbewegung, einer Strömung, die in ihrer Eigenart bereits auf die Reformation des 16. Jahrhunderts verweist. Im Rahmen des Textes selbst aber findet das Interesse an der Entdeckung einer jenseits der mittelalterlich bekannten, "neuen" Welt Ausdruck, es kristallisiert sich ein Bedürfnis menschlich diesseitiger Wißbegierde. 5. Schlußbemerkungen Zusammenfassend läßt sich folgendes festhalten: Für seine Reisebeschreibung bedient sich Tetzel der hochmittelalterlichen Formen von Pilgerfahrt und Ritterfahrt, verzichtet jedoch gänzlich auf deren Inhalte, die sich mit den Begriffen "persönliches Seelenheil" bzw. "erzieherischer Wert" benennen lassen. Das so entstandene Vakuum füllt Tetzel auf mit einem Inhalt, der später für die literarischen Gattungen der Entdeckerfahrt und der Kavalierstour bestimmend sein wird: curiositas. Ein neuer Inhalt präsentiert sich also in herkömmlicher Form. Möglicherweise läßt sich mit Hilfe des hier an einem Text des Spätmittelalters entwickelten Form-Inhalt-Aspekts auch der Aufschwung·erklären, den die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela im Rahmen eines (nachmodernen) Interesses am Mittelalter gegenwärtig erfährt. In einer Welt, die bis ins kleinste Detail, oft mit zerstörerischen Konsequenzen, wissenschaftlich erforschbar, durch technische Leistungen erfahrbar geworden ist, wächst das Bedürfnis, die Form des in der Regel problemlos vollziehbaren Reisens, mithin die bloße Formalität eine gehaltlos werdenden Fortschritts, erneut mit Sinn zu versehen. Der Europa durchquerende Jakobsweg mit seiner mittelalterlichen Tradition scheint diese Möglichkeit in sich zu bergen, er gibt dem in der frühen Neuzeit säkularisierten Reisen einen -wie auch immer gearteten spirituellen Gehalt zurück. 121 <?page no="131"?> Wirklichkeit und Fiktion in der s pätmittelalterliehen Reiseliteratur KARL A. ZAENKER Sumario: En los relatos de viajes de! siglo XV, entre los cuales los testirnonios de viajes de peregrinos ocupan un importante lugar, se encuentran descripciones de lejanos pafses y pueblos ajustadas a Ja realidad, mezcladas con elementos ficticios o fabulosos. En Ja tradici6n cristiana de Ja Edad Media, el lector estaba obligado a aceptar tambien lo rnas increible de tales relatos, ya que los milagros que Dios ejerce sobre Ja naturaleza asi como los que realiza sobre sus santos y sus lugares de actuaci6n, sobrepasan Ja capacidad de irnaginaci6n de los hornbres. Esta actitud que va ligada a un principio de autoridad, irnpregna todavia muchos relatos de viajes de finales de la Edad Media, en los que lo milagroso -tanto los rnilagros curativos (p. ej. historias legendarias, descripciones de reliquias) como tambien los prodigios naturales (p. ej. seres fabulosos habitantes de los mares), se transmiten como informaciones reales, de un rnodo falto de crftica. Por otro lado, en algunos relatos tambien se rnuestra una tendencia crecienternente crftica, expresandose en el subjuntivo de! estilo indirecto para hablar de! transfondo legendario de un lugar de peregrinaci6n, o incluso expresando d udas apenas encubiertas sobre Ja pretensi6n de veracidad de! lugar santo. Esto se nota de un modo mas acusado en los relatos sobre los viajes a Santiago que en los de los viajes a Tierra Santa, por un lado, porque sin el exotismo y Ja larga tradici6n literaria de los viajes a Oriente, se verian limitados a un forrnato estricto y descolorido y, por otro lado, porque en Ja Cristiandad de entonces, Ja controvertida pretensi6n de Santiago de poseer las piernas de! Santo Ap6stol era considerada de una forma muy esceptica. En los relatos de viajes a Santiago de Ja baja Edad Media se puede ver un precedente de los relatos de viajes de Ja Edad Moderna que cornenzaba, en los que la "dimensi6n horizontal" (Ja "experiencia" y comprensi6n de! rnundo) sustituye a Ja "dirnensi6n vertical" (Ja dedicaci6n al conocirniento de Ja salvaci6n humana). Daß alle Reisenden Lügner seien, behauptete schon der griechische Naturforscher Strabon, der im ersten vorchristlichen Jahrhundert ausgedehnte Reisen im Mittelmeerraum unternahm und darüber in seinem vielbändigen Werk berichtete. In die Heimat zurückgekehrt, lassen sie sich leicht zum Fabulieren hinreißen, vermischen ihre eigenen Erinnerungen mit bloß Gehörtem oder gar mit Wunschdenken und treten dadurch den scharfen Grat, den man gemeinhin zwischen Wirklichkeit und Fiktion ansetzt, zu einem bequemen Wanderweg breit. Und dies, obwohl die Leser oder Zuhörer eines Reiseberichtes doch etwas Wahrhaftes (d.h. nach heutigen Kriterien: etwas Verifizierbares) über die Fremde zu erfahren wünschen was andrerseits nicht auf Kosten einer guten Unterhaltung gehen darf! 123 <?page no="132"?> Diese doppelte Publikumserwartung beeinflußt wiederum die Haltung des Erzählers, der bekanntlich mit Fiktivem oder Fiktionalisiertem unterhaltender sein kann als mit wahrheitsgenauen Schilderungen. Wieweit man die auf einer Reise "erfahrenen" Fakten in seinem Bericht aus- und umgestalten darf, ist nicht nur eine moralische, sondern zugleich eine literarisch-ästhetische Ermessensfrage, und das heißt auch eine Frage des Publikumsgeschmacks. Wer im 20. Jahrhundert noch in der fabulösen Manier eines Sir John Mandeville des 14. Jahrhunderts über die Merkwürdigkeiten ferner Länder berichten wollte, hätte es sicher schwer, ein aufnahmebereites Publikum zu finden. Seit der explosiven Entwicklung der Massenmedien, gekoppelt mit einem engen Netz von Verkehrsverbindungen, ist die Erde ein "globales Dorf" geworden (um Marshal McLuhans Ausdruck zu verwenden), die weißen Flecken sind von der Landkarte verschwunden, und Fabellandschaften oder -kreaturen werden heute in Science-Fiction Romanen oder Filmen auf anderen Sternen angesiedelt.Zudem werden wir schon früh zum Infragestellen, ja Ablehnen jeglicher Autorität erzogen und sind daher nicht bereit, die Wahrheitsbeteurungen eines weitgereisten Augenzeugen ohne weiteres zu akzeptieren. Um diese Mischung von Wahrheit und Fiktion, Glaube und Zweifel an Autoritäten sollen die folgenden, sehr vorläufigen Betrachtungen kreisen. Auch im späten Mittelalter, also der Zeit des 15. und frühen 16. Jahrhunderts, war dasVerhältnis zwischen dem Wahrheitsanspruch eines Reiseberichts und dessen Leserrezeption anscheinend nicht immer problemlos. Dies macht die Eingangsszene der Prosafassung von Brandans Meerfahrt, um 1476 in Augsburg im Druck erschienen, recht plastisch deutlich. Sie zeigt den irischen Abt Brandan bei der Lektüre eines Buches ... darinn vand er geschribenn grosse wunder die got geschaffen het jn himel vnd auf erd. Da Brandan das Buch für eine Lügengeschichte hält, wirft er es ärgerlich ins Feuer, vnd die weil er bei dem feuer stund da kam ein Engel von himel vnd sprach: Prandon warumb hast dw die warhait verprent, waist dw nit das got grosser ding gethon moecht den dw in dem puchgelesen hast? 1 Brandan muß nun zur Strafe alle die im verbrannten Buche geschilderten Wunder Gottes mühsam am eigenen Leibe erfahren und neun Jahre lang über seine Entdeckungen getreulich Buch führen. Erst als dieser, sein eigener Reisebericht auf dem Altar unsrer lieben Frauen (also der Schutzpatronin der Seefahrenden) als Opfergabe niedergelegt wird, ist sein Erziehungsprozeß und der des Lesers vollendet. Die Lektion ist die, daß Gottes Wunder in der Welt größer sind als alle menschliche Vernunft und daß diejenigen selig sind, die keine ungläubigen Thomasse sind, also die gelaubent vnd nicht sehent noch greyffent. I Sankt Brandans Meerfahrt, ed. E. GECK (Wiesbaden 1969). Faksimiledruck der Ausgabe von Anton Sorg, ohne Seitenzählung. 124 <?page no="133"?> Gewiß läßt sich das Buch von Brandans Meerfahrt nicht dem Genre der eigentlichen Reisebeschreibungen zuordnen, schon allein weil diese Reise geographisch völlig unspezifisch bleibt und weil sie die Grenzen dieser Welt hinter sich läßt und Hölle und Paradies berührt. Und doch finden sich auch hier Spuren wirklichkeitsbezogener Reiseberichte, die allerdings stark verformt, ausgeschmückt und in die fiktive Erzählstruktur eingepaßt wurden, wie z.B. in der Schilderung des großen Walfisches, auf dem ein ganzer Wald wächst, der exotischen Inseln und Kreaturen im Meer oder der antipodischen Welt unter unsern Füßen. Der Leser wird nun in der Geschichte wiederholt aufgefordert, diese mirakulösen, weltlichen Stoffelemente ebenso autoritätsgläubig zu akzeptieren wie die für einen Christen unumstößlichen göttlichen Heilswahrheiten und deren Schilderungen. In der Tat ist für die spätmittelalterliche Reiseliteratur allgemein die Mischung aus Welterfahrung und Heilserfahrung oder, wenn man so will, die Verbindung der horizontalen und der vertikalen Dimension charakteristisch. Das Mischungsverhältnis dieser beiden Elemente ist je nach Typus eines Berichtes oder dem vorwiegenden Interesse seines Verfassers entsprechend recht unterschiedlich. In den geistlich motivierten Pilgerfahrtsberichten, vor allem denen über das Heilige Land, nimmt gemeinhin der vertikale Bezug den Vorrang ein, wie es allein die langen Aufzählungen von Heiligtümern und den damit verbundenen Ablässen und Legenden bezeugen. Andrerseits ist es nur allzu bekannt, daß viele Pilgerfahrtsberichte gleichzeitig reiche Informationen mitliefern über die Geographie und Wirtschaft fremder Länder und die Geschichte, Sprache, Religionen und Sitten fremder Völker. 2 Aber auch in den primär weltlich motivierten Reisen und den Berichten darüber, in denen geographisches oder gar politisches Interesse dominiert, ist die religiöse Komponente weiterhin stark. Das zeigt sich schon im Titel mancher Beschreibungen, wie der folgenden von 1467: ''Des böhmischen Herrn Leos von Rozmital Ritter-, Hof- und Pilgerreise durch die Abendlande." 3 Zwar ist der eigentliche Zweck dieser Reise eine Kavalierstour durch Westeuropa und Norditalien, doch bildet ein Besuch des Grabes von Sankt Jakob in Compostela einen geistlichen Höhepunkt dieser Reise. Wenn also die Reiselust, die curiositas, eines spätmittelalterlichen Reisenden sowohl auf das Sehen der christlichen Heilsstätten als auch auf das der weiten Wunderwelt Gottes, des Buches der Natur, gerichtet ist, so mag es 2 Für die Jerusalemfahrt sei hier nur auf DrETRIG-I HuscHENBET1S Übersicht hingewiesen, Deutsche Vierteljahresschrift 59 (1985), S. 29-46. 3 Des böhmischen Herrn Leos von Rozmital Ritter-, Hof- und Pilgerreise durch die Abendlande, beschrieben durch Gabriel Tetzel von Nürnberg, ed. J.A. ScHMELLER (Stuttgart 1844). Zum Santiagobesuch S. 175-178. Vgl. den Beitrag von STOLZ in diesem Band. 125 <?page no="134"?> interessieren, welche Einstellung zu den beiden Phänomenen in den Reiseberichten durchscheint. Zeigt sich in ihnen ein unkritisches Hinnehmen auch der phantastischsten Wahrheitsansprüche (so wie es der eingangs zitierte Brandantext forderte, in dem sich das mittelalterliche Autoritätsdenken manifestierte), oder wird hier versucht, zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden und diesen Prozeß oder sein Resultat dem Leser zu vermitteln? Werfen wir zunächst einen Blick auf die Einstellung einiger Autoren zu den von ihnen besuchten heiligen Stätten und deren Wahrheitsanspruch und versuchen wir, einige typische Erzählhaltungen herauszustellen. Unsere Textbeispiele, die das Heilige Land betreffen, sind aus RöHRICI-IT / MEisNERs Sammlung Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Land 4 sowie aus Siegmund Feyerabends Reyßbuch deß heyligen Lands von 1584 genommen 5, wenn sie sich auf die Santiagofahrt beziehen, werden auch andere Quellen hinzugenommen. In der überwiegenden Zahl der angeschauten Belege wird über die jeweilige Heiltumsstätte (seien es Kirchen, Kapellen, Grabstätten, Altäre oder Reliquien) und die damit verbundenen Legenden ganz faktisch, ohne Anflug von Skepsis oder Ironie berichtet. Drei kurze Beispiele sollen das belegen. Da ist zunächst Georg Pfintzings Notiz über die Sankt Jakobskirche in Jerusalem, wo es heißt: dar ynn ist ein capell ein loch, do ward dem grossen Sant Jacob sein heyliges haubt abgesl.agen, do ist aplas VII jar und XL tag (RM, S. 79). Oder Dietrich von Sehachtens Beschreibung derselben Kirche mit folgenden Worten: Darnach kamenn wir ann eine andere Kierchenn, dariennenn S. Jacobo dem grossenn sein hauptt abgeschl.agenn wardt, wardt der leichnamb in das Meer geworffenn undt kam ann dem ortt, wilchenn mann nennett zu dem / ernenn S. Jacob in Galitzca (RM, S. 198). Die Besichtigung eines heiligen Ortes mit seinen legendären Besonderheiten und Attributen (bei Pfintzing z.B. das Loch für die Enthauptung Sankt Jakobs) ist hier Beweis genug für die ihm zugeschriebene Wundergeschichte und die von ihm noch weiterhin ausstrahlende Wunderkraft. Eine ähnliche, faktisch konstatierende Einstellung zeigt auch Sebald Örtel in seinem Reisetagebuch von 1521/ 22, wo er seinen Besuch in Padr6n bei Santiago de Compostela so resümiert: Zugen wir zu St. Jacob wider aus, vnd ritten gen pattron, was 4 meil. Da ist St. Jacobs brun, vnd sein bett, vnd der felss da Sant Jacob 3 mal durch ist krochen, da jhn die baurn gejagt haben. Da verzerten wir 3 1/ 2 Real. 6 In den letzten beiden Beispielen wird auf Episoden der Jakobslegende als etwas dem Autor und dem Leser Wohlvertrautes angespielt, was keines weiteren Kommentares 4 Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Land, ed. R. RÖHRICHT und H. MElSNER (Berlin 1880). Im Text zitiert als RM. 5 SIEGMUND F'EYERABEND, Reyßbuch deß heyligen Lands (Frankfurt 1584). 6 TH. HAMPE, peutsche Pilgerfahrten nach Santiago de Compostella und das Reisetagebuch des Sebald Orte! (1521-22), Mittlg. aus d. Germanischen National-Museum (1896), S. 72. 126 <?page no="135"?> bedarf. Nur recht selten lassen sich in den Pilgerreiseberichten leichte Distanzierungsformeln angesichts von Reliquien oder Legenden finden, Wendungen wie "man sagt, daß ..." oder "es heißt, daß ...". Ein Beispiel dafür liefert Rozmitals Ritter-, Hof- und Pilgerreise in ihrem Santiagoabschnitt: Item heraussen vor der stat ist ein kleins kirchlein, meint man, sant Jacob habs gebaut, doweil er in Gallicia gepredigt hat, oder nach einer längeren Referierung des Quellenwunders der Jakobslegende: man meint das sant Jacob almal zu dem selben brunnen sei gangen wann er hab wollen trinken. Daraus trank mein herr und wir alle. Das rituale Trinken aus der Quelle bezeugt zur Genüge, daß der Schreiber Gabriel Tetzel aus Nürnberg keinen grundsätzlichen Zweifel an der Heilswahrheit hegt, daß er aber durch die widersprüchlichen Überlieferungsgeschichten über Leben, Tod und Translatio des Heiligen verunsichert ist. So heißt es wenig später bei dem Besuch in Padr6n: Etlich meinen, das sant Jacob auf dem stein gestorben sey und das er auf dem mer kumen sey an die stat Patron, und etlich meinen, das er zu Jerusalem gemartert und gestorben sey. Was aber letzten Endes wirklich zählt, ist, (in Tetzels Worten) daß Sankt Jakob ... dort ser vil wunderzeichen im leben als auch im tod gethan (hat). Notfalls kann die Entscheidung über die Echtheit einer Legende oder einer Reliquie getrost dem Leser überlassen werden, wie es z.B. Arnold von Harff mehrfach tut. Auch eine solche Aporie ist theologisch durchaus abgesichert, wie KLAUS SGIREINER gezeigt hat: 'Wahre Reliquienverehrung gründet in der Lauterkeit subjektiven Fromm-Seins, unabhängig von der Echtheit des verehrten Gegenstandes. Wer sich dabei streng an die kirchlichen Vorschriften hält, ist gegen jeden Irrtum gefeit. Niemals kann er auf Irrwege geraten, die religiös ins Gewicht fallen." 7 Und dennoch: in einigen Pilgerreiseberichten liest man auch von Fällen, bei denen die curiositas eines Reisenden nicht vor einem Heiligtum Halt macht, wo er versucht, zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischenhistoria und fabula zu entscheiden. Nur ein Beispiel sei dafür zitiert, nämlich der Besuch des Jülichers Arnold von Harffbeim Grabe des heiligen Jacobus im Jahre 1498. Verunsichert durch den doppelten Anspruch sowohl vonToulouse, das er zuvor besichtigt hatte, als auch von Santiago de Compostela, möchte von Harff sich selber vergewissern, ob der Heiligenschrein in Santiago auch wirklich die Gebeine Sankt Jakobs enthalte. Von diesem Vorhaben wird er aber durch kaum verhüllte Drohungen und zugleich sehr spitzfindige Argumente der Kustoden abgehalten. doch ich begeert mit groisser schenckonge dat man mir dat heylige corper tzoenen (zeigen) weulde. mir waert geantwort, soe wer nyet gentzlich geleufft (glaubt), dat der heylige corper sent Jacobs des meirre apostel (J acobus des Älteren) in dem hoigen altaer leege ind dae 7 KLAUS 5cHREINER, Zum Wahrheitsverständnis im Heiligen- und Reliquienwesen des Mittelalters, Saeculum 17 (1966), S. 152. 127 <?page no="136"?> an tzwyuelt ind dat corper dan sien wurde, van stunt an moiste er vnsynnich werden wie eyn raesen hunt. dae mit hat ich der meyninghe genoich ind vir gyngen voert vif die sacrastie. 8 Hinter dem "understatement", mit dem Arnold von Harff diesen Vorfall resümiert ("damit hatte ich genug Argumente gehört. .. "), verbirgt sich eine Ironie, die sich eine Generation später bei Erasmus von Rotterdam in seinen Colloquia familiares wiederfinden läßt, wenn dieser die an der englischen Wallfahrtsstätte Walsingham herrschenden Gebräuche bzw. Mißbräuche schildert. Die "allzu große Naivität", die JAN VAN DAM dem Jülicher Reisenden zuschreiben möchte, ist wohl eher eine aufgesetzte Maske, eine Erzählerhaltung, die ein gebildeter, zeitgenössischer Leser, also sein anvisiertes, aristokratisches Publikum, durchschaut hätte. PHILIPPE Krn-ILERS Charakterisierung von Harffs als eines "aufgeklärten Christen" ("Arnold von Harff n' est pas seulement un homme pieux, il est aussi un chretien eclaire")9, bei dem ein fester Glaube nicht den gesunden Menschenverstand ausschließe, trifft sicherlich für die oben zitierte Episode zu. Wir gingen eingangs davon aus, daß in den spätmittelalterlichen Reiseberichten eine Mischung von heilsgeschichtlichen und weltlichen Informationen vorhanden ist, die sich in den Reiseberichten der Neuzeit so nicht mehr findet. Wir sahen, daß die Heilswunder getreu der mittelalterlichen Tradition dem Leser gewöhnlich als Tatsachen weiter berichtet wurden, wenngleich hier und da Ansätze zu einer vorsichtigen Distanzierung und vereinzelt sogar der Versuch einer Verifizierung der Wunderstätte gemacht wird, was schon auf eine humanistisch-kritischere Einstellung der Autoren hindeutet. Wie steht es nun aber mit der "horizontalen Dimension", mit der Erfahrung dieser Welt und ihrer Beschreibung in den spätmittelalterlichen Pilgerfahrtsberichten? Findet man in ihnen neue Beobachtungen, "niuwe und fremde ding'' aus erster Hand, oder wird hier vor allem altes, von Traditionsautorität beglaubigtes Wissen getreu an den Leser weitergegeben? Zur Beantwortung einer solchen weitgespannten Frage bedürfte es eines ausgiebigen Quellenstudiums, das in dem erforderlichen Maße noch nicht geleistet worden ist. Schließlich ist die Erforschung der spätrnittelalterlichen Reiseberichte nach einem verheißungsvollen Beginn um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erst in den letzten Jahrzehnten wieder verstärkt aufgenommen worden. Hier können also nur einige verallgemeinernde Bemerkungen zu diesem Komplex gemacht werden, die in der Zukunft zu ergänzen oder zu korrigieren wären. 8 Die Pilgerfahrt des Ritters Arnold von Harff, ed. E. VON GROOTE (Köln, 1860), S. 233. 9 PH. KoHLER, Arnold von Harff (1471-1505). Chevalier, Pelerin, Ecrivain (Univ. de Bordeaux, Magisterarbeit, 1974), S. 166. 128 <?page no="137"?> Zunächst sollte daran erinnert werden, daß sich die Berichte über Pilgerfahrten nach Jerusalem, "gen orient", vor einer Hintergrundsfolie einer fast zweitausendjährigen Tradition abheben. Diese Tradition wurde aus den verschiedensten Quellen gespeist: aus alt- und neutestamentarischen Schriften, frühchristlichen Legenden, spätantiken Reiseberichten und naturwissenschaftlichen Schriften, sowie aus orientalischen Seefahrtserzählungen (z.B. aus 1001 Nacht). Die durchaus gebildeten Verfasser von Reiseberichten im 15. Jahrhundert waren sich dieser Tradition (wenn auch in unterschiedlichem Maße) bewußt und lassen sie häufig in ihre Erzählungen einfließen, vermutlich auch um ihre Leser nicht zu enttäuschen, die z.B. den Kuriositäten und Monstren des Orients in anderen literarischen Texten von der Art der Alexandersage, des Herzog Ernst oder der Meerfahrt Brandans schon begegnet sein könnten. Ein Kompendium dieser Tradition bilden geradezu die "Reisen ins gelobte Land und andere Morgenländer" des John Mandeville, des berühmtesten "armchair traveller" des Mittelalters, aus dem so mancher deutsche Reiseerzähler des 15. und 16. Jahrhunderts sein Wissen über den Orient bezog. Noch 1584 nimmt Siegmund Feyerabend eine deutsche Mandeville-Übertragung in seinen Sammelband Reyßbuch deß heyligen Lands auf, der bis 1659 noch dreimal im Druck erschien. 10 Im Vergleich dazu können sich die Berichte über Reisen nach Santiago, dem "Jerusalem des Occidents", nicht an einen so reichen Überlieferungshintergrund von Fakten, Fabeln, Mythen und Legenden anlehnen. Die Tradition der französischen Karlsgesten und die der spanischen Reconquista waren dem deutschen Lesepublikum und den Reisenden selbst offensichtlich wenig vertraut, nur der Riese Roland und sein Horn werden mehrfach erwähnt. Zudem fehlt in den Berichten über Santiagofahrten natürlich jenes Element des Exotischen, das den Berichten von Pilgerfahrten in den Orient ihren Reiz gibt, jene Konfrontation mit dem völligen Anderssein der außereuropäischen Menschen, ihren Religionen und Sitten, anderen Klimazonen und Landschaftstypen (z.B. der Wüste), unbekannten Vegetationsformen und Tieren. Im Kontrast zu den gewöhnlich ausführlicher beschriebenen Reisen ins Heilige Land steht die entschieden größere Knappheit der Santiagoreisebeschreibungen. So macht die Schilderung der Fahrt durch Spanien und Frankreich in Arnold von Harffs Reisebericht nur etwas mehr als ein Zehntel des Gesamtumfangs seines Werkes aus, Sebald Rieters Fahrtenbericht nach Santiago vom Jahre 1462 hat nur ein Fünftel der Länge seines Jerusalemreiseberichtes zwei Jahre später, und ähnliche Disproportionen finden sich auch in anderen Texten, z.B. denen 10 Reyßbuch des heyligen Lands, 2. Aufl. 1609, 5. 759-812. 129 <?page no="138"?> Georg Pfintzings, Felix Fabris und Georgs von Ehingen. Die deutschen spätmittelalterlichen Berichte über Reisen nach Santiago zeichnen sich stärker durch genaue Registrierung der einzelnen Wegesetappen, der jeweiligen Unkosten, durch Auflistung und Bewertung der Pilgerhospitäler und Nennung der Heiligtümer auf dem Weg dorthin aus, als durch ausgeschmückte, legendenangereicherte Schilderungen, man denke besonders an den gereimten Reiseführer Hermann Künigs von Vach oder die Prosabeschreibungen Sebald Rieters und Sebald Örtels. Äußerst selten trifft man hier auf den bei Orientbeschreibungen so beliebten Beglaubigungstopos, der von Verfassern benutzt wird, wenn sie (mit Recht! ) Widerspruch und Unglauben bei ihren Hörern oder Lesern erwarten müssen. Also, um aus einem weltlichen Reisebericht zu zitieren, den topischen Einschub in Hans Schiltbergers Reisebuch, der auf die phantastische Erzählung von einem toten ägyptischen Riesen, dessen ausgehöhlte Beinknochen noch heute als Straßenbrücke dienen, folgt: In disen landen (ist es) ein ungelaublichs ding und (ist) doch sicherlichen war/ und wer es nit war oder das ich es nit gesehen het, ich woelt es nit reden noch schreyben.11 Die in Santiagoberichten angeführten Informationen zu Land und Leuten zeigen zwar deren Anderssein, dies aber übersteigt kaum den Erwartungshorizont des zu Hause gebliebenen Lesers. Wenn Arnold von Harff in seiner Vorrede ähnliche Wahrheitsbeteuerungsformeln wie Schiltberger verwendet, so gewiß nicht wegen seines knappen Berichtes über seine Spanienreise, sondern wegen der faszinierenden Beschreibung seiner angeblichen Fahrt nach Indien und zu den Quellen des Niles, die er dem Leser ankündigt. Die Fahrten nach Santiago führen bis an den westlichen Rand der bekannten Welt, ans Kap Finis Terrae, dem sogenannten "Finstern Stern", aber sie gehen bis Kolumbus' Amerikafahrt noch nicht darüber hinaus. In Sebastian Ilsungs Reisebericht von 1446 betont der Verfasser, daß jeder Versuch, hier weiterzusegeln, zum Scheitern verurteilt wäre: wen der wind dahin schlecht, der kommt nymmermer her wider vnd hat da oft wasser vnd land ain end.12Dieselben Empfindungen finden sich auch in Rozmitals Hof-, Ritter- und Pilgerreise wieder: der Mensch sieht sich hier in seine geographischen Schranken zurückverwiesen. Bei Fahrten nach Jerusalem hingegen ist der Horizont auch über das Heilige Land hinaus offen, wenngleich auch nur wenige Reisende dieser Verlockung gefolgt sind (man denke an Marco Polo oder Odorico de Pordenone, deren Berichte in deutschen Inkunabeldrucken erschienen). Dies reizt die Vorstellungskraft, und bezeichnenderweise läßt die zur gleichen Zeit gedruckte niederdeutsche Übertragung 11 Hans Schiltbergers Reisebuch, ed. E. GECK (Wiesbaden 1969), o.S. 12 PAUL v. STETTEN, Lebensbeschreibungen zur Erweckung und Unterhaltung bürgerlicher Tugend. 2. Slg. (Augsburg 1782), 5. 41. 130 <?page no="139"?> der Navigatio Sancti Brendani (ebenso wie die ungedruckte, hochdeutsche des Johann Hartlieb) den Abt Brandan nicht ad occidentem segeln, wie es das lateinische Original verlangt, sondern hier wird seine Route gen orient umgepolt, wo nun einmal nach mittelalterlicher Vorstellung die Wunder Gottes in der Natur in ihren extremsten Formen zu finden sind.13 Die Reisen nach Westen, nach Santiago, werden, wie schon angedeutet, als vergleichsweise nüchterne Unternehmungen beschrieben. Hierin könnte man einen Vorläufer jener Erfahrung und Beschreibung der Welt sehen, die sich dann in der nachkolumbianischen Epoche in Berichten über die von spanisch-portugiesischem Boden ausgehenden Entdeckungsfahrten in die Neue Welt oder nach Indien artikuliert. Aber auch in ihnen sind traditionellmittelalterliche Denkkategorien und ist die Vermischung von Wirklichkeit und Fiktion nicht mit einem Male ausgeschaltet: Kolumbus nahm bekanntlich Mandevilles Buch mit auf seine Reise und glaubte an die Existenz von Brandans Insel der Verheißung, und in einem so "modernen" Reisebericht wie der Meerfahrt und Erfahrung nüwer Schiffung des Kaufmanns Balthasar Sprenger von 1509 finden sich neben vielen neuen, veristischen Informationen über Afrika und Indien noch Schilderungen bedrohlicher Meeresungeheuer sowie die Legende vom Grabe des heiligen Thomas in Indien, das ja auch Arnold von Harff beteuert besichtigt zu haben. 14 Und dennoch: das, was wir die "vertikale" Komponente der spätmittelalterlichen Reiseberichte nannten, schwindet immer mehr im frühen 16. Jahrhundert und wird es auch infolge der Reformation und ihrer Legendenkritik noch weiterhin tun. In Sebastian Francks Weltbuch von 1534 setzt sich der Herausgeber schon im Titel programmatisch von Reiseberichten nach Art des John Mandeville oder "S. Brandons Histori" ab und beruft sich auf das, was er auss angenummen glaubwirdigen erfarnen weltschreibern müselig zu hauff tragen. 15 Hier in diesem wissenschaftlich beschreibenden Buch "ist die Fremde und sind die exotischen Völker des Ostens erstmals als solche akzeptiert. Sie werden weder verteufelt, noch positiviert oder ästhetisiert, sondern in ihrem Aussehen, ihren sonderbaren Gebräuchen und Lebensformen ernst genommen." 16 Den erwähnten Reiseberichten nach zu urteilen, befanden sich aber auch schon die früheren Pilgerreisenden nach Westen, nach Santiago, auf eben diesem Wege. 13 Sankt Brandans Meerfahrt. Ein lat. Text und seine drei deutschen Übertragungen aus dem 15. Jhd., ed. KARL ZAENKER (Stuttgart 1987). 14 FRANZ ScHULZE, Balthasar Springers lndienfahrt (Straßburg 1902). 15 SEBASTIAN FRANCK, Weltbuch. spiegel vnd bildtniß des gantzen erdbodens in vier bücher ... (Tübingen 1534). 16 WERNER RöcKE, Die Wahrheit der Wunder. Abenteuer der Erfahrung und des Erzählens im 'Brandan' und' Apollonius'-Roman, in: Probleme des Epochenwandels vom Mittelalter zur Neuzeit, ed. TH. CRAMER (in Vorbereitung). Für frdl. Überlassung des Manuskripts bin ich dem Verfasser zu Dank verpflichtet. 131 <?page no="141"?> Karl der Große und Compostela HANS-WILHELM KLEIN Sumario: EI Carlomagno hist6rico no ha sido un "peregrino de Santiago" en el sentido estricto de la palabra. No estuvo ni en Compostela (apenas pas6 mas alla del Ebro) ni en Jerusalen, como la leyenda opina. Objetivo de la exposici6n era mostrar que en el siglo XII, un Carlomagno mfticamente agrandado estaba designado en la leyenda y en Ja tradici6n oral como caballero de Dios a liberar de los arabes el sepulcro de! Santo Ap6stol en Compostela. Aquisgran constituy6, en especial, el punto de partida de tales relatos, pues el emperador Federico I Barbarroja se esforz6 por lograr Ja santificaci6n de Carlomagno (1165) y mand6 recoger en una "Vida de Carlomagno" todo aquello que pudiese reforzar Ja opini6n de Ja santidad de su vida y de sus hechos como caballero cristiano en Espafi.a. Hoy existen aun en Aquisgran dos manuscritos de esta "Vida" con el asf llamado seudo-Turpin (editada en 1986 por el ponente). Un segundo testigo de su "peregrinaje" es el feretro de Carlomagno en Aquisgrdn, en el que todavfa hoy descansan sus piernas. En ocho esculturas en relieve de! techo de este feretro se representan los hechos milagrosos de Carlomagno, en especial sus hazafi.as en Espafi.a. La representaci6n se basa en el ya citado seudo-Turpin. Es muy de destacar en especial que en el primer relieve, Santiago se aparece en suefi.os al emperador durmiente y le manda que libere su sepulcro en Compostela. Asf pues, Aquisgran y Compostela se encuentran estrechamente relacionadas en lo espiritual y religioso desde la Edad Media. Wenn auf dieser Tagung von Pilgerfahrten zum hl. Jakob gesprochen wird, so darf man am Tagungsort Aachen, einem Zentrum mittelalterlicher Kultur und Frömmigkeit, nicht vergessen, daß auch Karl der Große, zum mindesten in Legende, Kunst und Literatur des Mittelalters, ein früher Jakobspilger war. Neben dem historischen Kaiser, wie ihn sein Zeitgenosse Einhart in einer bereits leicht idealisierenden Vita Caroli Magni dargestellt hatte, erschien schon im 9. Jahrhundert eine ins Sagenhafte gewandelte Karlsgestalt in den Gesta Karoli Magni Imperatoris Notkers des Stammlers, des Mönchs von St. Gallen. Am Ende des 10. Jahrhunderts ließ Kaiser Otto III., für dessen Zeit Karl bereits als mythisch überhöhter Kaiser der gesamten Christenheit galt, sein Grab im Aachener Dom öffnen, um 1100 wurde das altfranzösische Rolandslied mit dem frommen Heldenkaiser Karl niedergeschrieben, und der Kaiser Friedrich Barbarossa ließ ihn schließlich im Jahre 1165 von dem Gegenpapst Paschalis heiligsprechen. Dieses Streben um die Heiligsprechung Karls hat in Aachen seine bis heute deutlich sichtbaren Spuren hinterlassen. Es sind dies einmal die beiden erhaltenen Handschriften der Aachener Karlsvita (De Sanctitate 133 <?page no="142"?> Karoli Magni, Über die Heiligkeit Karls des Großen), die auch die Gesta Beati Karoli in Hispania ('die Taten des seligen Karl in Spanien'), den sogenannten Pseudo-Turpin, enthalten. Zum andern zeugt von seiner Verehrung der Aachener Karlsschrein, der seit 1215 die umgebetteten Gebeine Karls birgt und im gotischen Chor des Domes seine Aufstellung gefunden hat. 1 Karlsvita und Pseudo-Turpin Auf Veranlassung Barbarossas wurde eine Lebensbeschreibung Karls des Großen verfaßt, die nicht vornehmlich die historische Gestalt des Kaisers darstellen sollte, wie dies in der Vita Einharts der Fall war. Der Zweck der Aachener Vita war vielmehr, alles mehr oder weniger bekannte Material zu sammeln, das geeignet war, die im Jahre 1165 erfolgte Heiligsprechung Karls zu begründen und das Urteil über seine Heiligkeit zu festigen. Der genaue Titel dieser Vita lautet daher: De sanctitate meritorum et gloria miraculorum beati Karoli Magni, ad honorem et Zaudern nominis Dei ("Über die heiligmäßigen Verdienste und die ruhmreichen Wundertaten des seligen Karls des Großen, zur Ehre und zum Lobe des Namens Gottes"). Der Verfasser, mit Sicherheit ein Kleriker, ist namentlich nicht bekannt. Vielleicht auch haben mehrere Verfasser all das an legendenhaften Elementen zusammengetragen, was bis dahin zerstreut vorhanden war. So entstand in den beiden ersten Büchern dieser Karlsvita ein buntes Gemisch von Berichten über Wunder, beispielhafte Taten Karls, seine Beredsamkeit, seine Kirchengründungen und seine Wallfahrten. Bei der Suche nach weiteren Belegen über das heiligmäßige Wirken Karls als Herrscher der Christenheit muß man in Aachen oder im weiteren Umkreis Barbarossas auf das Jakobsbuch (Liber sancti lacobi) gekommen sein, das zur Verehrung des hl. Jacobus an seinem Grabe in Compostela in Galizien seit etwa 1130 zusammengestellt worden war. Dieser noch heute in Santiago de Compostela aufbewahrte Codex (auch Codex Calixtinus genannt) umfaßt insgesamt fünf Bücher. Buch I enthält liturgische Texte, vor allem auch Predigten, Buch II den Bericht über 22 Wundertaten des hl. Jakob, Buch III erzählt die Überführung der Gebeine des Heiligen von Jerusalem nach Galizien, Buch IV enthält den Bericht über die Befreiung von Compostela durch Karl den Großen und den Untergang der Nachhut des fränkischen Heeres in den Pyrenäen (eng verwandt mit dem Rolandslied), Buch V schließlich enthält den Pilgerfüh- Der Karlsschrein wird im Augenblick (1987) restauriert. Beste Darstellung, mit zahlreichen Abbildungen: ERICH STEPHANY, Der Karlsschrein (Mönchengladbach 1965) (zur Zeit vergriffen). 134 <?page no="143"?> rer von Frankreich nach Compostela. Nur von Buch IV und V liegen deutsche Übersetzungen vor. 2 Das Buch IV, das die Taten Karls in Spanien beschreibt, hat als angeblichen Verfasser den ErzbischofTurpin von Reims, dessen Widmungsschreiben an einen Aachener Dekan namens Leobrand folgendermaßen lautet: "Brief des Reimser Erzbischofs Turpin an Leobrand, Aachener Dekan, als Bestätigung der Heiligkeit des seligen Karls des Großen". "Turpin, durch Gottes Gnade Erzbischof, eifriger Mitstreiter des ruhmreichen Karls des Großen auf dessen Feldzügen in Spanien, sagt dem Aachener Dekan Leobrand seinen Gruß in Christo. Da Ihr mich unlängst, als ich in Vienne (an der Rhone) noch an meinen Wundnarben leidend darniederlag, batet, ich möchte Euch berichten, wie unser hochberühmter Kaiser Karl der Große Spanien und Galizien aus der Macht der Sarazenen befreite, will ich dies gern wahrheitsgemäß niederschreiben und Eurer Bruderschaft übersenden, vor allem den Bericht über seine herausragenden Wundertaten und seine ruhmreichen Siege über die spanischen Sarazenen. Ich habe nämlich dies alles mit eigenen Augen gesehen, der ich vierzehn Jahre lang gemeinsam mit ihm und seinen Heeren Spanien und Galizien durchzogen habe. Die Ruhmestaten nämlich, die der König in Spanien vollbracht hat, findet man fast nirgends in Chronikbüchern hinreichend dargestellt, und bisher konnte auch Eure Bruderschaft, wie Ihr mir schriebt, sie nirgendwo vollständig niedergeschrieben finden. Lebt wohl, und Gottes Segen." (29) Dieser Brief nach Aachen, der auch in der Handschrift in Compostela steht, zeigt zur Genüge, daß der Text des Pseudo-Turpin (Gesta beati Karoli in Hispania), der auf ihn folgt, die begehrte Ergänzung zu der Karlsvita war, eine Ergänzung, die Barbarossa um 1165 in Compostela für Aachen abschreiben ließ und von der noch zwei Abschriften in Aachen liegen (vgl. Anm. 2). Dieser Aachener Text ist insofern ganz besonders wichtig, als er den Stand des Compostelaner Textes um 1165 wiedergibt und so die älteste uns zugängliche Textform darstellt. Der Text von Compostela ist nämlich nach 1165 von mehreren Schreibern kopiert, verändert und zum Teil verschlechtert worden. Von Aachen aus gingen dann weitere Abschriften in den gesamten deutschsprachigen Raum, bis nach Zürich und der gesamten Schweiz, ferner bis Straßburg und Regensburg und, über Andernach, nach Wien. 3 Die Ausstrahlung der Aachener Handschriftengruppe (genannt 2 Buch IV: Die Chronik von Karl dem Großen und Roland. Der lateinische Pseudo-Turpin in den Hss. von Aachen und Andernach. Ediert, kommentiert u. übersetzt von HANS-WILHELM KLEIN (München 1986), das folgende Zitat nach dieser Ausgabe; Buch V: Der Jakobsweg. Mit einem mittelalterl. Pilgerführer unterwegs nach Santiago de Compostela. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von KLAUS HERBERS (Tübingen 1986). 3 Einzelheiten: HANS-WIIBELM KLEIN, Die Bedeutung der Aachener Handschriften des Pseudo-Turpin, Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, 93 (1986) S. 31-38. • 135 <?page no="144"?> HA) über den Zentralpunkt Aachen nach Europa wird aus folgender Darstellung ersichtlich: 4 HA • Compostela Münster Bern Sion (Sitten) Westfalen Reichenau Regensburg bünden Der Pseudo-Turpin ist, wie gesagt, eine legendenhafte Darstellung nicht historischer Taten Karls zur Befreiung des Grabes des hl. Jakobus in Galizien und die dem altfranzösischen Rolandslied sehr nahestehende Schilderung des Schicksals der Nachhut. Bei der Bedeutung von Legenden und Sagen für das mittelalterliche Geschichtsbewußtsein wäre es jedoch falsch, den Pseudo-Turpin als einfache Fälschung abzutun: "Von diesem teils legendären, teils sagenhaften Bild ist die Vorstellung der kommenden Jahrhunderte wesentlich beeinflußt worden. Die Geringschätzung des Werkes als einer von Fälschern hergestellten Kompilation wird ihm in keiner Weise gerecht. Mit dem Wort 'Fälschung' sollte man vorsichtiger umgehen, da es auf eine betrügerische Absicht hindeutet. Nicht alles, was nicht authentisch ist, muß als Betrug angesehen werden. Man mag den breiten, manchmal überschwenglichen Ton nicht gerade zu den Glanzleistungen mittelalterlicher Schriftstellerei rechnen. Dennoch ist es ein Dokument für eine histori- 4 Nach ANDRE DE MANDACH, N aissance et developpemen t de la Chanson de Geste en Europe: I, La geste de Charlemagne et de Roland (Genf 1961) S. 129 (neu gezeichnet von A. Katz). 136 <?page no="145"?> sehe Situation, die geschichtsbildend geworden ist." 5 So galt das Werk das gesamte Mittelalter über als echte historische Quelle, und seine ungewöhnlich große Rezeption wird daraus ersichtlich, daß neben der Aachener Handschriftengruppe noch mindestens 80 Abschriften der Handschrift von Compostela erhalten sind, im Gegensatz zu den wenigen Handschriften etwa des altfranzösischen Rolandsliedes. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Karlsvita und der Pseudo-Turpin den bildlichen Darstellungen des Karlsschreins-aber auch des Rolandfensters im Dom zu Chartreszugrunde liegen, und sie erst machen sie verständlich. Der Aachener Karlsschrein "Am 27. Juli 1215 konnte Friedrich II., der Enkel Barbarossas, die Gebeine Karls des Großen in den Karlsschrein legen und ihn eigenhändig verschließen. Seitdem ist dieser Schrein die letzte Ruhestätte Karls des Großen. Er ist zugleich der bildhafte Ausdruck der Idee des Heiligen Reiches. Seine Herstellung dürfte anläßlich der Heiligsprechung Karls 1165 ins Auge gefaßt worden sein. Ein genauer Termin läßt sich nicht ermitteln. Stilisti sehe Vergleiche lassen Hermann Schnitzler den Beginn nach Vollendung des Servatiusschreines von Maastricht zwischen 1170 und 1180 suchen. Daß sich die Arbeit über Jahrzehnte hinzog, erkennt man an den Kaiserfiguren Heinrichs VI. und Ottos IV. Da Otto IV. als Kaiser bezeichnet wurde, ist die Arbeit um 1209 noch im Gang." 6 Der Schrein mit über zwei Metern Länge und 57 cm Höhe hat die Form eines Kirchenschiffs. An der vorderen Stirnseite ist der thronende Karl dargestellt, ihm zur Linken der Erzbischof Turpin (ein Buch den Pseudo- Turpin in der Hand haltend), zur Rechten Papst Leo III., in demütiger Haltung. An der rückwärtigen Stirnseite sieht man die thronende Gottesmutter zwischen den beiden Erzengeln Michael und Gabriel. Die Längsseiten sind geschmückt mit den Figuren von Kaisern und Königen des Heiligen Römischen Reiches, je acht auf jeder Seite. Karls Leben als das eines christlichen Streiters und Pilgers wird in den insgesamt acht vergoldeten Dachreliefs des schräg abfallenden Winkeldaches geschildert, und zwar genau nach der Karlsvita und dem Pseudo- Turpin. 7 Die Flachreliefs sind mit kupfernen Bandstreifen eingefaßt, die in 5 STEPHANY (wie Anm. 1), s. 10. 6 Ebenda, S. 12. 7 Dies scheint als erster erkannt zu haben P.ST. KAENTZELER, Der die Gebeine Karls des Großen enthaltende, im Münsterschatze zu Aachen befindliche Behälter. Beschrieben und namentlich in seinen acht, Karls Sagenkreis betreffenden Reliefs zum erstenmal und vollständig aus den Quellen erklärt (Aachen 1859). 137 <?page no="146"?> Abb. 1: Der Aachener Karlsschrein (Foto: Ann Münchow, Aachen) 138 <?page no="147"?> leoninischen Hexametern die Erklärung des Dargestellten geben. Diese Texte sind zum Teil zerstümmelt oder nur schwer lesbar. 8 Karl als frommer Gottesstreiter auf den Reliefs Auf dem ersten Flachrelief erblickt man links Karl schlafend, mit der Krone auf dem Haupt, in seinem Zimmer der Aachener Pfalz. Ihm erscheint von rechts ein Heiliger mit Heiligenschein (der Apostel Jakobus), der ihn mit ausgestreckter Hand weckt. In der Linken hält Jakobus ein Spruchband mit der Inschrift: Karole, surge, veni. Galeciam tibi dare veni. Karl, erhebe dich, komm! Ich kam, dir Galizien zu geben. In der rechten Seite des Reliefs sieht man erneut Karl, der betend aus dem Fenster blickt. Am Himmel sieht er eine aus doppelten Sternlinien gebildete Sternenstraße, im Vordergrund eine stilisierte Berglandschaft mit Bäumen. Die Randleiste enthält folgenden Text: Apparet (lies: ... uit) Iacobus in sompnis ante duobus. Denique stellata perhibetur in ethere strata, Occiduum mundum per se perhibens adeundum. Zweimal schon war Jakob dem Kaiser im Traume erschienen. Schließlich erscheint eine Straße aus Sternen am Himmel, Und sie weist ihm den Weg zu fernen westlichen Welten. Im Codex Calixtinus zu Compostela leitet ein Miniaturbild dieses Traumes den Text des Pseudo-Turpin ein. Dort heißt es (Pseudo-Turpin Kap. I): "Da sah er plötzlich am Himmel eine Sternenstraße. Sie begann am friesischen Meer und führte über Deutschland und Italien, Gallien und Aquitanien, durchquerte in gerader Linie die Gascogne, das Baskenland, Navarra und Spanien bis nach Galizien, wo damals der Leichnam des seligen Jacobus unbekannt ruhte. Nachdem Karl diese Straße in mehreren Nächten nacheinander erblickt hatte, fragte er sich immer wieder, was das bedeuten solle. Als er nun eifrig über all das nachdachte, erschien ihm nachts im Traum eine über die Maßen schöne Heldengestalt und sagte: Was tust du, mein Sohn? ' Er aber sprach: Wer bist du, Herr? ' -1ch bin, sagte jener, der Apostel Jacobus, der Jünger Christi. ... Die Sternenstraße, die du am Himmel gesehen hast, bedeutet, daß du mit Heeresmacht zum Kampf gegen das ungläubige Heidenvolk, zur Befreiung 8 Die beste Entschlüsselung dieser Texte stammt von EDUARD ARENS, Die Inschriften am Karlsschrein, Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 43 (1921), S. 159-194. 139 <?page no="148"?> Abb. 2: St. Jakob erscheint Karl im Traum (Foto: Ann Münchow, Aachen) meiner Straße und meiner Erde und zum Besuch meiner Kirche und meines Grabes aus dieser Gegend nach Galizien ziehen sollst. Und nach dir werden alle Völker, von Meer zu Meer wandernd und Vergebung ihrer Sünden vom Herrn erflehend, dorthin ziehen, und sie erzählen das Lob Gottes und seine Macht und die Wunder, die er tat. Sie werden ziehen von deiner Lebenszeit an bis zum Ende dieser irdischen Welt' ." 9 Die Zerstörung der Mauem Pamplonas Das zweite Relief zeigt die Zerstörung von Pamplona. In der Mitte erblickt man eine mit Mauem und Türmen bewehrte Stadt, die als "PAMPLUN" gekennzeichnet ist. Links davor kniet Karl im Gebet, über ihm erscheint aus den Wolken die Hand Gottes. Von ihr gehen Strahlen aus, durch deren Kraft die Mauem der Stadt mit ihren Kriegern zusammenstürzen. Rechts sehen christliche Krieger bei ihren Zelten dem Schauspiel zu, das durch Karls Gebet ausgelöst wurde. Dieses bewährte "Jerichowunder" geschieht im Pseudo-Turpin insgesamt dreimal. 9 Pseudo-Turpin Kap. I. Ich zitiere nach meiner Übersetzung 1986, S. 37-39 (vgl. Anm. 2). Die folgenden Zitate werden nach dieser Ausgabe in ( ) angegeben. 140 <?page no="149"?> Abb. 3: Die Zerstörung der Mauem Pamplonas (Foto: Ann Münchow, Aachen) Die Randleiste lautet: In Pampilone persistens obsidione Karolus oravit: "Me sicut (lies: sanctus) 10 ad ista vocavit Iacobus." Et vere: cadit urbs, muri cecidere. Lange hatte er schon Pamplona vergeblich belagert. Doch dann betete er: "Mich hat der heilige Jakob dazu berufen." Und schon stürzen die Stadt und die Mauem. Im Pseudo-Turpin lautet die Stelle (Kapitel II): "Die erste Stadt, um die er einen Belagerungsring legte, war Pamplona. Und er lag etwa drei Monate davor, konnte sie aber nicht nehmen, weil sie mit uneinnehmbaren Mauern gut befestigt war. Da wandte er sein Gebet an den Herrn und sprach: 'Herr Jesus Christus, um dessen Glaubens willen ich in dieses Land gekommen bin, um das ungläubige Volk zu besiegen, gewähre mir, daß ich diese Stadt nehme, zum Ruhme deines Namens! 0 seliger Jacobus, wenn es wahr ist, daß du mir erschienen bist, laß mich sie erobern! ' Da gewährte es Gott, während St. Jacobus betete, und die Mauern zerbarsten und sanken in den Grund." (S. 39) 10 Die Randleiste hat eindeutig, voll ausgeschrieben, SICUT, das aber keinen Sinn gibt. Wahrscheinlich ist ein Kürzel (SD falsch aufgelöst worden. Statt SICUT bietet sich SANCTUS an. 141 <?page no="150"?> Abb. 4: Das Wunder der blühenden Lanzen (Foto: Ann Münchow, Aachen) Das Wunder der blühenden Lanzen Das dritte und vierte Flachrelief sind vertauscht. In der Zeitenfolge der Erzählung des Pseudo-Turpin gehört das vierte Relief vor das dritte, zumal das fünfte die Fortsetzung des dritten darstellt. Das vierte Relief also (Darstellung einer Schlacht bei Sahagun) zeigt links schlafende Krieger. Einige wenige sind schon aufgestanden und finden ihre Lanzen belaubt und mit Blüten geschmückt. In der Mitte sitzt Karl, zwischen Roland und dessen Vater Milo, in einem zum Beschauer hin offenen Zelt. Ihm zu Füßen ein Knappe, der ihn zum Kampf wappnet. Rechts reiten Krieger in die Schlacht. Die Randleiste an der linken Seite trägt keine Schrift. Sie ist eine Ersatzleiste für das verloren gegangene Original. Die obere Leiste beginnt mit ... MENDI. Die Umschrift lautet daher, mit der in Klammern gegebenen Ergänzung durch A.RENs: ... (qui sint peri)mendi, Ne dubitanda foret hec questio: lancea fl.oret Tempore nocturno morituris marte diurno . ... wer sollte sterben? Daß diese Frage nicht zweifelhaft bleibe: Die Lanzen erblühten nachts für die, die am Tage darauf dem Tode verfielen. 142 <?page no="151"?> Dieses Wunder der blühenden Lanzen erscheint zweimal im Pseudo-Turpin, nämlich in Kapitel VIII und X. Es ist auch im Rolandsfenster der Kathedrale zu Chartres dargestellt. Das Motiv geht auf den biblischen Aaronsstab zurück. In Numeri 17 sagt Gott ausdrücklich, daß der Stab dessen, den er ausgewählt habe, grünen werde. In Kapitel VIII des Pseudo-Turpin lautet der Text: "Es waren nun einige Christen, die am Abend der Schlacht ihre Waffen sorgfältig pflegten. Sie steckten ihre Lanzen vor dem Lager in einer Wiese senkrecht in den Boden, und zwar an dem oben genannten Fluß. Früh am Morgen fanden etliche diese mit Rinde und Laub geschmückt, nämlich diejenigen, die in der kommenden Schlacht die Märtyrerpalme im Glauben an Gott empfangen sollten. Sie wunderten sich über die Maßen und schrieben ein solches Wunder der göttlichen Gnade zu. Sie schnitten die Lanzen dicht über dem Boden ab. Die im Boden zurückbleibenden Wurzeln trieben Schößlinge hervor, und es entstanden große Wälder, die noch heute dort zu sehen sind. Es waren übrigens viele der Lanzen aus Eschenholz. Ein wunderbares Ereignis und eine große Freude, ein großer Segen für die Seele, aber ein gewaltiger Schaden für den Leib! Was weiter? An jenem Tage fand die Schlacht der beiden Heere statt. Darin fielen vierzigtausend Christen, auch Herzog Milo, der Vater Rolands, erwarb dabei die Märtyrerpalme, gemeinsam mit denen, deren Lanzen erblüht waren." (S. 49-51) Das Wunder der roten Kreuze Das dritte Basrelief, das hinter das vierte gehört, zeigt links Karl kniend im Gebet, umgeben von einer Schar von Kriegern. Einige dieser Krieger sind auf dem Rücken mit einem Kreuz gezeichnet. In der rechten Bildhälfte steht Karl vor einer Kapelle, in der eine Schar von Kriegern sitzt. Karl verschließt sie in dieser Kapelle. Die Umschrift lautet: Rex, cruce premonitus bello quis sit moriturus, Claudit in ecclesia signatos, tendit ad arma. Durch die Kreuze belehrt, wer in dem Kampf sollte sterben, Schließt in die Kirche Karl die Gezeichneten, eilt zu den Waffen. Dazu der Pseudo-Turpin, Kapitel XVI: "Tags darauf wurde Karl gemeldet, daß bei Montjardfn ein gewisser Navarreserfürst namens Purre ihn bekriegen wolle. Als daraufhin Karl nach Montjardin zog, schickte sich der Fürst an, am darauffolgenden Tag gegen ihn ins Feld zu ziehen. Karl bat deshalb den Herrn, er möge ihm zeigen, welche seiner Männer im Kampfe fallen würden. Am folgenden Tage nun, 143 <?page no="152"?> Abb. 5: Das Wunder der roten Kreuze (Foto: Ann Münchow, Aachen) als Karls Truppen gewappnet waren, erschien auf den Schultern der Todgeweihten, über ihren Panzerhemden, ein rotes Kreuzeszeichen Christi. Als Karl das sah, verbarg er sie alle in seinem Betraum, damit sie nicht im Kampfe fielen." (S. 71) Das fünfte Relief, also das erste auf der anderen Seite des Daches, stellt die Fortsetzung des Wunders der roten Kreuze dar. Es ist die Darstellung des Schlachtengetümmels gegen Furre. Von links dringen berittene Krieger Karls auf die nach rechts fliehenden und fallenden Feinde ein. Rechts im Hintergrund steht Karl in der schon genannten Kapelle und klagt mit erhobenen Händen über eine Gruppe von Kriegern, die tot, wie im Schlafe liegend, vor ihm ausgestreckt sind. Die Umschrift besagt (ein Teil der Spruchleiste fehlt): (Occubuere viri, bellandi) tempore clausi. Victor ab haste redit, clausorum funera plangit. (Doch es starben die Männer), die während des Kampfes verborgen. Karl kehrt siegreich zurück und beklagt den Tod dieser Männer. Das XVI. Kapitel des Pseudo-Turpin enthält auch das auf dieser Tafel Geschilderte: 144 <?page no="153"?> "Aber wie unbegreiflich sind die Gerichte Gottes und wie unerforschlich seine Wege! Was weiter? Als der Kampf gekämpft war und Purre mit dreitausend Navarresen gefallen war, fand Karl die Männer, die er zu ihrem eigenen Schutze verborgen hatte, entseelt vor. Sie waren etwa hundertfünfzig an der Zahl. 0 heilige Schar der Streiter Christi! Wenn sie auch nicht durch das Schwert des Verfolgers dahingerafft wurden, so verloren sie doch nicht die Märtyrerpalme." (S. 71-73) Wie man sieht, sind auf dem Schrein nicht etwa beliebige Heldentaten Karls dargestellt, sondern nur Wundertaten, die seine Heiligkeit bestätigen sollen. Daß der Pseudo-Turpin, obwohl er einen gewichtigen Teil des Compostelaner Jakobusbuches ausmacht, nicht eigentlich zur Jakobsverehrung verfaßt wurde, sondern als Karlsbuch (etwa 1130-40) in den Compostelaner Codex aufgenommen wurde, geht daraus hervor, daß Jakob im Geschehen nur eine geringe Rolle spielt, während er im übrigen Codex immer im Mittelpunkt steht. Wir finden ihn dagegen im Pseudo-Turpin und auf den Aachener Reliefs nur in der Traumerscheinung (Kap. I, Relief I) und bei der Zerstörung Pamplonas (Kap. II, Relief II) als Mittler zwischen Gott und Karl. Die anderen Wunder geschehen ohne Jakobs Zutun und sollen deshalb hier nicht erwähnt werden. 11 Neben den Wundertaten wird aber im Pseudo-Turpin des Heiligen noch öfters gedacht. So werden in Kapitel V die Jakobskirchen genannt, die Karl erbaut haben soll: 12 "Mit dem Gold, das die Könige und Fürsten Spaniens Karl gaben, förderte er bei einem dreijährigen Aufenthalt in jener Gegend die Kirche des seligen Jacobus, setzte einen Bischof und Kanoniker nach der Regel des seligen Isidor, des Bischofs und Bekenners, dort ein und stattete sie mit Glocken und Gewändern, Büchern und anderem Kirchengerät gebührend aus. Mit dem übrigen unermeßlichen Gold und Silber, das er aus Spanien mitbrachte, ließ er nach seiner Heimkehr viele Kirchen bauen. So zum Beispiel die der hl. Jungfrau in Aachen und die Jakobskirche in derselben Stadt und die Jakobuskirche zu Toulouse und die in der Gascogne, zwischen der volkstümlich Dax genannten Stadt und St.Johannes von Sarde, an der Jakobsstraße, und die Jakobskirche in Paris, zwischen der Seine und dem Montmartre und zahllose Abteien, die er in der ganzen Welt errichtete." (S. 45-47) 11 Der Karlsschrein enthält neben den genannten noch folgende Wunder-Reliefs: Die Vergebung der gehe/ _men Sünde Karls (Relief VI), die schwebende Dornenkrone Christi (Relief VII), die Uberreichung der Aachener Pfalzkapelle an die Gottesmutter Maria (Relief VIII). 12 Zu diesen Kirchen vgl. den Kommentar Klein 1986, 5. 142 f. Dazu ferner: HENRI TREUILLE, Les eglises fondees par Charlemagne en l'honneur de Saint Jacques, d'apres le Pseudo- Turpin, in: Melanges Rene Louis (St-Pere-sous-Vezelay 1982) 5. 1151-1161. 145 <?page no="154"?> Auch die Via iacobitana (der Jakobsweg) wird mehrfach genannt, so Kap. XI,41 und XII,3. Ein ganzes Kapitel (XIX) ist der Jakobskathedrale in Cornpostela gewidmet, der Grabeskirche des Heilgen, wo Karl, gemeinsam mit dem Erzbischof Turpin, ein Konzil zur Rangerhöhung des Bischofssitzes Cornpostela abhielt. Die Kirche wird auf eine Stufe mit den sedes apostolicae Rom und Ephesus gestellt, und es wird betont, daß Jakobus in Cornpostela ebenso als Apostelfürst zu verehren sei wie Petrus in Rom und Johannes in Ephesus: "Er entließ dann den größten Teil seiner Heere und begab sich in das Gebiet des seligen Jacobus ... , berief in Cornpostela ein Konzil der Bischöfe und weltlichen Herren ein und ordnete aus Liebe zum seligen Jacobus an, daß alle hohen Geistlichen, Fürsten und christlichen Könige, die spanischen wie die galizischen, jetzt und in Zukunft dem Bischof des seligen Jacobus Gehorsam schuldeten... Er setzte dann fest, daß diese Kirche fortan 'apostolischer Sitz' heißen sollte, weil dort der Apostel Jacobus ruht, und daß in ihr regelmäßig Konzilien der Bischöfe von ganz Spanien stattfinden sollten ... Zu Recht wird in dieser ehrwürdigen Kirche der Glaube erneuert und gefestigt, denn wie durch den Evangelisten, den seligen Johannes, den Bruder des Jacobus, im Orient, in Ephesus, der christliche Glaube und ein apostolischer Sitz begründet wurden, so wurde durch den seligen Jacobus im Westen des Gottesreiches derselbe Glaube und ein apostolischer Sitz begründet." (S. 87-89) Mit Kapitel XXI beginnt die Turpinsche Fassung des Rolandsliedes, eng verwandt mit diesem altfranzösischen Epos, im wesentlichen von ihm dadurch unterschieden, daß Turpin im Pseudo-Turpin nicht mit der Nachhut untergeht, sondern als enger Vertrauter Karls überlebt, um über das Schicksal Rolands und seiner Gefährten zu berichten. Der heilige Jakob wird kaum noch erwähnt, nur einmal am Anfang der Rolandsgeschichte, in Kapitel XXI: "Nachdem Karl der Große, der hochberührnte Kaiser, in jenen Tagen ganz Spanien zum Ruhme Gottes und seines Apostels, des heiligen Jacobus, erobert hatte, zog er aus Spanien zurück und rastete mit seinen Truppen in Parnplona" (S. 93). Erst in einem der letzten Kapitel, Turpins Bericht vorn Tode Karls in Aachen, wird Jakob noch einmal erwähnt (Kap. XXXII): "Kurze Zeit danach wurde mir der Tod König Karls auf folgende Weise bekannt: Als ich eines Tages in Vienne in der Kirche am Altar stand und entrückt meine Gebete sprach und den Psalm "Eile, Gott, mich zu erretten" sang, erkannte ich ungezählte Scharen schrecklicher Kriegergestalten, die 13 Zur Theorie der drei sedes apostolicae vgl. KLAUS HERBERS, Der Jakobuskult des 12. Jahrhunderts und der '1iber sancti Iacobi" (Hist. Forschungen der Akademie der Wissenschaften und der Llteratur in Mainz, Band 7, Wiesbaden 1984) S. 7(}.81. 146 <?page no="155"?> an mir vorbei nach Lothringen zogen. Als alle vorüber waren, erblickte ich einen von ihnen, schwarz wie ein Neger, der den andern langsamen Schrittes folgte. Ich sprach zu ihm: Wohin gehst du? ' - 'Nach Aachen, sagte er, zu Karls Tod ziehen wir, um seine Seele in die Hölle zu stürzen.' Ich sagte sogleich: 'Ich beschwöre dich im Namen unseres Herrn Jesu Christi, am Ende deines Weges zu mir zurückzukehren'. Kaum war der Psalm beendet, kamen sie auch schon in derselben Reihenfolge wieder an meinem Standort vorbei. Ich sagte zu dem letzten, mit dem ich vorher gesprochen hatte: 'Was habt ihr erreicht? ' Der Teufel erwiderte: 'Ein Galizier ohne Kopf hat soviele und so große Steine und Bauholz für seine Kirchen in die Waagschale geworfen, daß Karls gute Taten seine Vergehen überwogen: So hat er uns seine Seele entrissen und den Händen des größten Königs übergeben.' Auf diese Weise erfuhr ich, daß Karl an diesem Tage vom Licht dieser Welt geschieden war und mit dem Beistand des hl. Jacobus, dem er so viele Kirchen erbaut hatte, in das himmlische Reich gelangt war." (S. 127) Zum letzten Mal erscheint das Wirken des Heiligen im Anhang (Appendix B). Ein arabischer Herrscher, der Altumaior Cordube (historisch Al- Mansür Mohammed, gest. 1002) hatte Compostela und seine Kirche verwüstet. Zur Strafe war er erblindet: "Auch der Almansor wurde von dieser Krankheit befallen und erblindete völlig. Auf den Rat eines seiner Gefangenen, eines Priesters der Basilika, flehte er darauf den Gott der Christen um Hilfe an und sprach: 'O Gott der Christen, Gott Jakobs, Gott Mariens, Gott Petri, Gott Martini, Gott aller Christen, wenn du mir meine frühere Gesundheit wiedergibst, leugne ich Mohammed, meinen Gott, und werde des großen Jacobus Land nie mehr ausplündern. 0 Jacobus, großer Mann, wenn du meinem Leib und meinen Augen die Gesundheit wiedergibst, gebe ich alles zurück, was ich aus deinem Hause geraubt habe.' Dann, nach vierzehn Tagen, als er alles doppelt (der Kirche) zurückerstattet hatte, erlangte er seine frühere Gesundheit wieder und zog aus dem Lande des hl. Jacobus ab. Er versprach, nie mehr in dieses Gebiet in räuberischer Absicht zu kommen und verkündete laut, der Gott der Christen sei groß und Jacobus sei ein großer Mann." (S. 135) In unserem kurzen Überblick haben wir gesehen, daß am Anfang des Pseudo-Turpin der hl. Jakob Karl dem Großen im Traume erscheint und ihn auffordert, sein Grab in Galizien für die Christen zu befreien. Erscheint eine solche Traumgestalt dem Kaiser hier am Anfang des Buches, so erscheint ihm im verwandten Rolandslied eine andere himmlische Gestalt am Ende, um ihm einen solchen Auftrag zu erteilen: 147 <?page no="156"?> "Der Tag vergeht, die Nacht ist angebrochen. Der Kaiser ruht in der gewölbten Kammer. Da naht St. Gabriel, von Gott gesandt: "Karl, biete auf die Heere deines Reiches. Du ziehst mit Heeresmacht ins Land von Bire Und hilfst dem König Vivien in Imphe, Der Stadt, wo ihn das Heidenvolk belagert; Die Christen dort erflehen deine Hilfe." Der Kaiser wollte ungern nur dorthin. "Gott, rief er aus, wie mühsam ist mein Leben! " (3990 ff.) Man sieht: Karls Auftrag wirkt auch in die Zukunft weiter. Er ist zur Syrnbolgestalt des christlichen Streiters geworden.Was wir gesehen haben, ist nicht die sogenannte historische Wirklichkeit, sondern Legende oder Mythos. Aber Legende und Mythos sind im Mittelalter eine Art höherer Wahrheit. Diese galt mehr als das, was man leibhaftig vor Augen sah. Diese Art zu sehen hat in Aachen ihr greifbares Zeugnis hinterlassen: den Karlsschrein und die Karlsvita, die Aachen und Compostela noch heute eng miteinander verbinden. 148 <?page no="157"?> Wege und Wandlungen Erfahrungen mit einem zentralen Motiv der Dichtung Hölderlins JOSEF NOLTE Sumario: La disertaci6n intenta transmitir con los textos de Hölderling las experiencias del autor vividas en su propia peregrinaci6n a Santiago de Compostela. Los grotocolos de lectura hacfan aparecer el camino hacia Santiago tambien como transformados. Los textos de Hölderling ayudaron a experimentar lo extranjero en un doble sentido y a poder ver asf tambien la patria bajo una nueva luz. Die nachfolgenden Mitteilungen gehen nicht ausschließlich auf gelehrte Studien zurück, sondern beziehen auch solche Erfahrungen ein, die durch einen Text im Kontext des eigenen Lebens von Zeit zu Zeit zu gewinnen sind. Ein solcher Kontext ist nicht nur dadurch gegeben, daß der Vortragende seit über zwanzig Jahren an der Stellenahe bei Tübingen -wohnt, die Hölderlin in einem späten Fragment mit dem Satz bezeichnet hat: "Wo Römisches tönet der Spitzberg" sondern weil sich die Texte dieses unbehausten und stark geprüften Dichters immer noch als hilfreiche Wahrzeichen erweisen. Es soll ferner der persönliche Anlaß nicht verschwiegen werden, aus welchem heraus dieser Versuch entstanden ist. Auf einer sechzigtägigen Pilgerwanderung durch Frankreich und Spanien -das erreichte Ziel war Santiago de Compostela bildete die Insel-Ausgabe der Werke Hölderlins so etwas wie ein Pilgerbrevier und erwies sich mehr und mehr als hilfreiche Wegzehrung in den halbwüsten Gegenden Spaniens. 1 Auch waren diese Texte ein guter Wegbegleiter durch Frankreich, wo Hölderlin selbst lange Strecken des eigenen Weges-doch einsamer als der Wanderer heutegegangen ist. Ich möchte demgemäß von einer besonderen Weg- und Texterfahrung sprechen, möchte aber zuvor Hölderlins eigene Wegerfahrungen umreißen, bevor die geistigen Dimensionen aufgezeigt werden, die im Zeichen des Weges bei diesem Dichter beschlossen liegen. Denn sein Denken und seine auf das Dasein im ganzen zielende Dichtung ist von keinem Motiv so durchzogen wie vom Erfahrungshorizont des Weges und der Bewegung, der Ausreise und der Heimkunft, der Entfernung und der Nähe, dem Schwindenmüssen und dem Bleibenwollen. 1 Die Gedichte werden deshalb nach der mitgeführten Dünndruckausgabe "Sämtliche Werke Hölderlins" (Insel Verlag, Frankfurt a. M. 1959 u.ö.) zitiert. Diese Ausgabe wird abgekürzt als IA. - Die Briefe Hölderlins werden aus der Taschenbuchausgabe des Insel Verlags "Hölderlins Werke und Briefe" (Frankfurt 1959) herangezogen. Diese Ausgabe wird abgekürzt als ITA. • 149 <?page no="158"?> I Dieser Erfahrungshorizont ist vorgegeben und bis zuletzt ständig durchmessen in Hölderlins eigenem Leben. Schon der frühe-durch den Tod des Vaters notwendig gewordene- Umzug von Lauffen nach Nürtingen sowie die häufigen im damaligen württembergischen Bildungssystem begründeten -Ortswechsel von Nürtingen über Denkendorf nach Maulbronn und Tübingen und die verschiedenen Brotstellen als Hauslehrer im thüringischen Walterhausen, in Frankfurt am Main, im schweizerischen Hauptwil und schließlich in Bordeaux gestalten das Leben Hölderlins zu einer einzigen Reise und lassen ihn erst gleichsam im Schutze seiner Geisteskrankheit im Tübinger Turm mehr ein Asyl als eine Heimat finden. Dabei kann nicht verkannt werden, daß alle diese Ortsveränderungen unter äußeren Notwendigkeiten stehen und teils sogar Abbrüchen, Irrwegen und Fluchten gleichen. Dennoch überrascht, daß Hölderlin trotz solcher erzwungenen Bewegungen stets noch die Kraft zu eigenem Reisen und freudigem Wandern aufbringt. Wir wissen, wie gern er sich von Jugend an in die Natur und ins freie Land begeben hat und daß er die damit verbundenen Wanderungen für gesund hielt und sehr schätzte. So unternimmt er vom Tübinger Stift aus in den Osterferien des Jahres 1781 seine Wanderung in die Schweiz, die ihn über die Schwäbische Alb nach Schaffhausen, Zürich und Einsiedeln führt und die das frühebereits 1793 gedruckte-Gedicht "Kanton Schweiz" (IA, 111 f.) zur Folge hatte. Im Stile der damals zeitgemäßen "empfindsamen Reise" gestalten sich ferner seine Urlaubsaufenthalte bei der Schwester in Blaubeuren sowie die Ausflüge und Landpartien im Kreise der Frau von Kalb, die ihn ins Fränkische und in die thüringische Rhön führen. Ganz absichtlich und auf eigene Bedürfnisse achtend, sehen wir Hölderlin im März und April 1795 zu Fuß unterwegs nach Halle, Dessau, Wörlitz und Leipzig. Auch die Anfahrten zu seinen Dienststellen sowie die Urlaubsreisen zur Mutter nach Nürtingen gestaltet er sofern es ihm irgend möglich ist, als bewußt durchgeführte Unternehmungen. So kommt er auf seiner Anreise nach Waltershausen durch Nürnberg und Bamberg und auf seinen Fahrten nach Frankfurt durch Schwetzingen und Heidelberg- Orte, die allesamt und dies oftmals erst nach Jahren den Stoff bilden für große Gedichte. Die Ode "Heidelberg" (IA, 237) ist darunter mit Recht das berühmteste dieser Gedichte. Denn der im eigenen Herangehen und Sehen festgehaltene Eindruck wird hier zu einem bleibenden Bild ausgeformt, in dem sich die buchstabengenau erfaßte Realität mit dem eigenen Dasein trifft. Dieses Dasein aber wird als 150 <?page no="159"?> strömende Bewegung erfahren, dem Ruhe so wenig gegeben ist wie dem vorüberziehenden Fluß: Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust, Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied, Du, der Vaterlandsstädte Ländlichschönste, so viel ich sah. Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt, Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt, Leicht und kräftig die Brücke, Die von Wagen und Menschen tönt. Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging, Und herein in die Berge Mir die reizende Feme schien, Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog, Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön, Liebend unterzugehen, In die Fluten der Zeit sich wirft. Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn All ihm nach, und es bebte Aus den Wellen ihr lieblich Bild. Aber schwer in das Tal hing die gigantische, Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund, Von den Wettern zerrissen; Doch die ewige Sonne goß Ihr verjüngendes Licht über das alternde Riesenbild, und umher grünte lebendiger Efeu; freundliche Wälder Rauschten über die Burg herab. Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal, An den Hügeln gelehnt, oder dem Ufer hold, Deine fröhlichen Gassen Unter duftenden Gärten ruhn. Prägen schon diese frühen Reisen bis 1795 die Weltansicht und Selbsterfassung Hölderlins sehr nachdrücklich, so ist dies noch ungleich stärker in den späteren Schicksalsreisen der Fall, die ihn jeweils bis auf den Grund verwandeln. Insbesondere die Reise nach Kassel und Bad Driburg, die er von Juli bis September 1796 als Begleiter der seitdem so geliebten Frau Gontard unternimmt, verändert sein Leben und seine Dichtung für immer. Die Reminiszenzen an diese einzig glückliche Reise sind über das ganze spätere Werk 151 <?page no="160"?> hin ausgebreitet und finden sich in den Briefen an die Freunde, in "Hyperion" und noch in dem späten Bruchstück "An die Madonna" verarbeitet. Dankbar erinnert sich Hölderlin an diese Zeit, wenn er in dem genannten Fragment "An die Madonna" wohl erst nach 1804 notiert: Ich sterbe, doch du Gehest andere Bahn, umsonst Mag dich ein Neidisches hindern. Wenn dann in kommender Zeit Du einem Guten begegnest So grüß ihn, und er denkt, Wie unsere Tage wohl Voll Glücks, voll Leidens gewesen. CIA, 393) Von bedeutender Wirkung auf das eigene Leben und Werk erweist sich die Fußreise, die Hölderlin im Jahr 1801 an seinen neuen Arbeitsplatz nach Hauptwil im St. Galler Land führt. Den intensiv unter den Alpen verbrachten Vorfrühling nimmt er dankbar hin. Doch gestaltet sich sein Leben nach dem erzwungenen Abschied von Susette Gontard als immer haltloser, so daß er bereits Mitte April 1801 das neue Dienstverhältnis bei der ihm wohlgesonnenen Familie Gonzenbach abbricht und die Rückreise zur Mutter nach Nürtingen antritt. Jedoch verdichtet sich gerade in dieser für Hölderlin eher schmerzlichen Reiseerfahrung das dialektische Zeichen des Weges und die doppeldeutige Erfahrung der Fremde sowie die wenig eindeutige Realität der Heimat zu einem stets neu bedachten Horizont der eigenen Existenz. In dem Gedicht, das zuerst nur mit "Elegie" und später mit "Menons Klagen über Diotima" überschrieben ist, heißt es gleich zu Anfang: Täglich geh ich hinaus und such ein Anderes immer, Habe längst sie befragt alle die Pfade des Lands. Droben die kühlenden Höhen, die Schatten alle besuch ich, Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab, Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder, Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht. CIA, 278) Ähnlich gestimmt ist die große Elegie "Der Wanderer", die mit den Versen beginnt: Einsam stand ich und sah in die afrikanischen dürren Ebenen hinaus; vom Olymp regnete Feuer herab Reißendes! milder kaum, wie damals, da das Gebirg hier Spaltend mit Strahlen der Gott Höhen und Tiefen gebaut. (IA, 285) 152 <?page no="161"?> Diese imaginäre Reise endet in der Heimat. Nur hat diese sich stark verändert. Vater und Mutter gibt es nicht mehr - oder sie sind nicht mehr, was sie waren. Wie einst Telemach nach langer Reise sich zögernd nur dem eigenen Hause nähert, sagt Hölderlin in der Elegie "Der Wanderer": Hab ich gezögert doch auch! habe die Schritte gezählt, Da ich nahet, und bin, gleich Pilgern, stille gestanden. Aber gehe hinein, melde den Fremden, den Sohn, Daß sich öffnen die Arm und mir ihr Segen begegne, Daß ich geweiht und gegönnt wieder die Schwelle mir sei! Aber ich ahn es schon, in heilige Fremde dahin sind Nun auch sie mir, und nie kehret ihr Lieben zurück. CIA, 288) Doch verliert Hölderlin trotz solcher Entfremdung das Vertrauen in den Gang des Lebens nicht, sondern nennt in der Elegie "Der Wanderer" diejenigen Mächte, deren heilsame Wirkung er unterwegs erfahren hat. Seiner Einsicht: So bindet und scheidet manches die Zeit folgt das Bekenntnis: ... Du aber, über den Wolken, Vater des Vaterlands! mächtiger Aether! und du Erd und Licht! ihr einigen drei, die walten und lieben, Ewige Götter! mit euch brechen die Bande mir nie. Ausgegangen von euch, mit euch auch bin ich gewandert, Euch, ihr Freudigen, euch bring ich erfahrner zurück. CIA 288) Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, daß es Hölderlin bei seinem ständigen Rückbezug auf seine Wege und Reisen nicht um die Mitteilung von Reise-Impressionen geht, sondern daß sich im Zeichen des Weges und in der Erfahrung von Bewegung für ihn die Welt im ganzen darstellt. Im Zeichen des Weges und im Zuge seiner Erfahrung von Bewegung sammelt er seine Welterkenntnis und gewinnt, wie an späterer Stelle noch zu zeigen ist, damit die Formeln für das ihm Sagbare überhaupt. Im Zeichen des Weges und aus der Erfahrung der Bewegung aber wächst ihm vor allem der Mut, weiterzugehen. In der Elegie "Der Gang aufs Land" heißt es eingangs: Komm ins Offene, Freund! Zwar glänzt ein Weniges heute Nur herunter und eng schliesset der Himmel uns ein. Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft. Trüb ists heute, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag." (IA, 289) 153 <?page no="162"?> In der Elegie ''Heimkunft" wird dann noch versöhnlicher gesagt: Freilich wohl! Das Geburtsland ists, der Boden der Heimat, Was du suchest, es ist nahe, begegnet dir schon. CIA, 301) Und Hölderlin verdichtet seine Freude zum Dank, wenn er am Schluß der Elegie "Heimkunft" fast hymnisch die "Engel des Hauses" anruft und der Mahlzeit mit den Verwandten nach langer Trennung einen eucharistischen Glanz verleiht: Engel des Hauses, kommt! in die Adern alle des Lebens, Alle freuend zugleich, teile das Himmlische sich! Adle! verjünge! damit nichts Menschlichgutes, damit nicht Eine Stunde des Tags ohne die Frohen und auch Solche Freude, wie jetzt, wenn Liebende wieder sich finden, Wie es gehört für sie, schicklich geheiliget sei. Wenn wir segnen das Mahl, wen darf ich nennen, und wenn wir Ruhn vom Leben des Tags, saget, wie bring ich den Dank? CIA, 302) Das Glück der Heimkunft von 1801 war kurz. Denn noch im selben Winter am 10. Dezember 1801 macht Hölderlin sich auf zu seiner längsten und an Erfahrungen reichsten Reise. Zu Fuß und allein geht er nach Bordeaux, um dort möglichst rasch eine Stelle als Hauslehrer beim deutschen Konsul Meyer anzutreten. Von Lyon aus gesteht er seiner Mutter unter dem 9. Januar 1802 - "Es war ein beschwerlicher und erfahrungsreicher Weg, den ich bis hieher machte, aber auch manche reine Freude hab ich gefunden. Ich kann es nicht verschweigen, daß ich manchmal an Euch, Ihr Lieben, und auch an den gedachte, von dem mir Mut kommt, der mich erhielt bis auf diese Stunde, und ferner mich geleiten wird." (ITA, 943) Und er fügt diesem unverhofft frommen Bekenntnis noch den Satz hinzu: "Ich weiß es, einsame Beschäftigung macht, daß man in die weite Welt sich schwieriger findet; ich denke aber, Gott und ein ehrlich Herz hilft durch, und die Bescheidenheit vor anderen Menschen." Auf denselben Ton ist der Brief gestimmt, den er ebenfalls der Mutter bei seiner Ankunft am 28. Januar 1802 von Bordeaux aus schreibt: Endlich, meine teure Mutter, bin ich hier, bin wohl aufgenommen, bin gesund und will den Dank ja nicht vergessen, den ich dem Herrn des Lebens und des Todes schuldig bin ... Diese letzten Tage bin ich schon in einem schönen Frühlinge gewandert, aber kurz zuvor, auf den gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne in Sturm und Wildnis, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauhen Bette da hab ich auch ein Gebet gebetet, das bis jetzt das beste war in meinem Leben und das ich nie vergessen werde. Ich bin erhalten danken Sie mit mir." (ITA, 944) 154 <?page no="163"?> Welcher Art die "Lebensgefahren", von denen er weiter unten in dem Brief an die Mutter noch spricht, gewesen sind, erfahren wie des näheren nicht. Aber er vertraut der Mutter und seinen nächsten Verwandten noch an: Ich bin nun durch und durch gehärtet und geweiht, wie Ihr es wollt. Ich denke, ich will so bleiben, in der Hauptsache. Nichts fürchten und sich viel gefallen lassen (ITA, ebd.) Und er setzt hinzu: Wie wird mir der erquickende Schlaf wohl tun! Fast wohn ich zu herrlich. Ich wäre froh an sicherer Einfalt. Mein Geschäft soll, wie ich hoffe, gut gehen. (ITA, ebd.) Wir wissen, daß es nicht gut ging. Schon Mitte Mai 1802 bricht Hölderlin das hoffnungsvoll begonnene Dienstverhältnis als Hauslehrer und Dienstprediger der deutschen evangelischen Gemeinde in Bordeaux ab und begibt sich in Eilmärschen, diesmal über Paris und Straßburg, in den Frankfurter Raum, wohin er jedoch zu spät kommt. Denn die so sehr geliebte und in schmerzlicher Trennung verharrende Susette Gontard war kurz vor seiner Ankunft an einem Lungenleiden 37-jährig gestorben. Von der geistigen Erschütterung, die Hölderlin spätestens jetzt überfällt, sowie von den Entbehrungen der beiden Gewaltmärsche nach und von Bordeaux innerhalb von nur knapp sechs Monaten, erholt er sich nicht mehr, sondern verfällt in jenen Zustand, der ihm ab 1806 eine Arbeit an seiner Dichtung unmöglich macht. Gleichwohl ist ihm die Kraft gegeben, in den verbleibenden vier Jahren von 1802-1806 zunächst in Nürtingen und dann meistens in Homburg unter dem Taunusdie Erfahrungen der entscheidenden Reise nach Frankreich in einem erstaunlichen Spätwerk zu versammeln, auch wenn dieses Werk zunehmend von der Krankheit überwuchert wird und somit vieles nur als Fragment, Plan oder Keim übrig bleibt. Doch nicht die Menge und Zahl der gelungenen Gedichte, sondern die neue Sangart sowie die veränderte Tonlage seines Sprechens sind der eigentliche Ertrag seines "beschwerlichen und erfahrungsreichen Weges", von dem er seiner Mutter in dem Brief aus Lyon berichtet hatte. Gewiß hatte er selber große Hoffnungen auf diese Reise nach Frankreich gesetzt. An den Freund der letzten Jahre, an Casimir Ulrich Böhlendorff, schreibt er unmittelbar vor der Abreise nach Bordeaux unter dem 4. Dezember 1801: Von mir selber und wie es mir gegangen ist bisher... davon will ich mit nächstem Dir aus der Nachbarschaft Deines Spaniens, nämlich aus Bordeaux schreiben, wohin ich ... nächste Woche abreise. Ich werde den Kopf ziemlich beisammen halten müssen, in Frankreich, in Paris; auf den Anblick des Meeres, auf die Sonne der Provence freue ich mich auch. (ITA, 940) 155 <?page no="164"?> Und dann der tapfere Satz: 0 Freund! Die Welt liegt heller vor mir als sonst, und ernster. Ja! es gefällt mir, wie es zugeht; gefällt mir, wie wenn im Sommer 'der alte heilige Vater mit gelassener Hand aus rötlichen Wolken segnende Blitze schüttelt'. Denn unter allem, was ich schauen kann von Gott, ist dieses Zeichen mir er meint das Gewitter das auserkorene geworden. (ITA, ebd.) Und ahnungsvoll fügt er hinzu: Sonst konnt ich jauchzen über eine neue Wahrheit, eine bessere Aussicht des, das über uns und um uns ist, jetzt fürcht ich, daß es mir nicht geh am Ende, wie dem alten Tantalus, dem mehr von Göttern ward, als er verdauen konnte. Aber ich tue, was ich kann, so gut ichs kann, und denke, wenn ich sehe, wie ich auf meinem Wege auch dahin muß wie die andern, daß es gottlos ist und rasend, einen Weg zu suchen, der vor allem Anfall sicher wäre, und daß für den Tod kein Kraut gewachsen ist. (ITA, ebd.) Und er verrät dem Freund in diesem Brief dann zuletzt noch trotz aller Tapferkeit die innere Not und Dialektik solcher Reisen, wenn er sich verabschiedet mit den Worten: Und nun leb wohl, mein Teurer! bis auf weiteres. Ich bin voll Abschieds. Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Tränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterland noch jetzt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab ich Lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen. Deutsch will und muß ich übrigens bleiben und wenn mich die Herzens- und Nahrungsnot nach Otaheiti will heißen: ans Ende der Welt triebe. (ITA, ebd.) Böhlendorff ist denn auch einer der wenigen, denen Hölderlin anvertraut, was sich auf seinen Wegen in Frankreich ereignet hat. Wohl Ende 1802 oder Anfang 1803 jedenfalls noch von Nürtingen aus richtet Hölderlin einen Brief an ihn und sagt: Mein Teurer! Ich hab Dir lange nicht geschrieben, bin indes in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehn, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten, Männer und Frauen, die in der Angst des patriotischen Zweifels und Hungers erwachsen sind. Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur und ihre Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen und wie man Helden nachspricht, kann ich wohl sagen, daß mich Apollo geschlagen. (ITA, 945) Hölderlin gibt damit in kryptischer Sprache zu verstehen, daß er die Erschütterung seines Gemüts selber wahrnimmt und als gottgewolltes Geschick ansieht. Von jetzt ab weiß er sich als Dichter bestimmt. Diese Gewißheit und die leibhaftige Erfahrung eines neuen Sehens eines nackten Blicks gleichsam ermöglichen ein neues Reden von den Dingen und der Welt. Gleichmut, Einfachheit und eine bis dahin nicht begegnende 156 <?page no="165"?> lakonische Genauigkeit kennzeichnen seine Erinnerung an Frankreich und seine Wege dort, wenn er in der Hymne "Andenken" (IA, 375) sagt: Der Nordost wehet, Der liebste unter den Winden Mir, weil er feurigen Geist Und gute Fahrt verheißet den Schiffern. Geh aber nun und grüße Die schöne Garonne, Und die Gärten von Bourdeaux Dort, wo am scharfen Ufer Hingehet der Steg und in den Strom Tief fällt der Bach, darüber aber Hinschauet ein edel Paar Von Eichen und Silberpappeln; Noch denket das mir wohl und wie Die breiten Gipfel neiget Der Ulmwald, über die Mühl, Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum. An Feiertagen gehn Die braunen Frauen daselbst Auf seidnen Boden, Zur Märzenzeit, Wenn gleich ist Nacht und Tag, Und über langsamen Stegen, Von goldenen Träumen schwer, Einwiegende Lüfte ziehen. Es reiche aber, Des dunklen Lichtes voll, Mir einer den duftenden Becher, Damit ich ruhen möge; denn süß Wär unter Schatten der Schlummer. Nicht ist es gut, Seellos von sterblichen Gedanken zu sein. Doch gut Ist ein Gespräch und zu sagen Des Herzens Meinung, zu hören viel Von Tagen der Lieb, Und Taten, welche geschehen. Wo aber sind die Freunde? Bellarmin Mit dem Gefährten? Mancher Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn; Es beginnet nämlich der Reichtum Im Meere. 157 <?page no="166"?> II An dieser Stelle angekommen, wollen wir den Weg Hölderlins nochmals überdenken. Deutlich geworden ist bei einem solchen Durchgang durch sein Leben und Werk, daß dieser Dichter wie kaum jemand seines geistigen Ranges unterwegs gewesen ist und zudem den Weg als Sammelpunkt des eigenen Denkens und Dichtens begriffen hat. Ja, er kann deshalb den Weg selber ansprechen und in einem späten Hymnenfragment sagen: 0 ihr Stimmen des Geschicks, ihr Wege des Wanderers! (IA, 420) Auch darin spricht sich zuletzt noch aus, was früh schon in Hölderlins Werk angelegt ist: Die Wege werden die Haupterfahrung seines Lebens und er versteht deshalb die Devisen vita via und homo viator wie kaum jemand vor ihm. Dabei weiten sich im Zuge selbstbegangener Wege und fortschreitender Bewegungen seine Erkenntnisse gleichsam fortlaufend und beständig aus und lassen Rilkes Wort über Hölderlin "Du Wandelnder, Wandelnster! " nicht übertrieben erscheinen. Auf Wandeln und Wandlung sind die Dichtungen Hölderlins gestimmt wie auf sonst kein Motiv. Dieser Wirklichkeit entnimmt er seine Motive; aus dieser Realität besteht sein Weltbild und seine Frömmigkeit (um den großen Titel von ROMANO GuARDINIS immer noch lesenswerten Hölderlin- Studien von 1939 zu zitieren). Denn es ist, wie ROMANO GuARoINI zurecht feststellt, Hölderlins tragende Grunderkenntnis, "daß das Dasein selbst im Kommen ist. Daß es in Bewegung steht: aus einer Feme her in eine Nähe herein! aus dem Entrückungsbereich in den Menschenraum; von der anderen Seite herüber auf diese" 2. Doch damit sind wir bereits in den weitesten und tiefsten Dimensionen der Reiseerkenntnis Hölderlins angelangt. Vielleicht ist es gut, zuvor noch einige einfachere Schritte auf diesem Erkenntnisweg zu gehen. Eine erste Erkenntnis vom Wege liegt für Hölderlin schon in der Dialektik vom Bleiben und Gehen begründet. Denn so verlockend der Weg ist, so notwendig ist das Bleiben. In der späten Hymne "Mnemosyne" heißt es: ... Und immer Ins Ungebundene geht eine Sehnsucht. Vieles aber Ist zu behalten. Und not die Treue. Vorwärts aber und rückwärts wollen wir Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie Auf schwankem Kahne der See. (JA, 382) 2 Weltbild und Frömmigkeit, S. 320. 158 <?page no="167"?> Somit begrenzt Hölderlin seine anfängliche Lust, "aufzubrechen, wohin er will" durch die Einsicht in die Notwendigkeit einer Lebensbahn. In der Ode "Lebenslauf" hatte es noch stolz geheißen: ... Denn nie, sterblichen Meistern gleich, Habt Ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden, Daß ich wüßte, mit Vorsicht Mich des ebenen Pfades geführt. Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, Daß er, kräftig genährt, danken für alles lern, Und verstehe die Freiheit, aufzubrechen, wohin er will. (IA, 244) Doch zunehmend verschiebt sich für Hölderlin die Frage nach der Freiheit durch die Frage nach der eigenen Bahn. Dabei ist es seine dialektische Antwort, daß wir das Eigene nur im Fremden erfahren können. In der großen Elegie "Brot und Wein" wird die Frage so beantwortet: ... So komm! daß wir das Offene schauen, Daß ein Eignes wir suchen, so weit es auch ist. Fest bleibt Eins; es sei um Mittag oder es gehe Bis in die Mitternacht, immer bestehet ein Maß, Allen gemein, doch jeglichem auch ist eigenes beschieden. CIA, 295) Im ersten Böhlendorff-Brief, von dem bereits die Rede war, wird diese Weg- und Reiseerkenntnis, daß wir uns selber nur im Fremden finden, auf die Kultur- und Geistesgeschichte ausgeweitet. Hölderlin sagt dort: "Aber das Eigene muß so gut gelernt sein wie das Fremde. Deswegen sind uns die Griechen unentbehrlich..." Und er fügt an, daß der "freie Gebrauch des Eigenen das Schwerste" sei. (ITA) Diese Grunderkenntnis aus der Erfahrung des Fremden gewonnen und unter das Zeichen des Weges gestellt spricht sich noch einmal in der späten Variante zur Schluß-Strophe von Brot und Wein aus. Dort wird mit Nachdruck festgehalten: Glaube, wer es geprüft! Nämlich zu Haus ist der Geist Nicht am Anfang, nicht an der Quell. Ihn zehret die Heimat. Kolonie liebt, und tapfer Vergessen der Geist. CIA, 299) Das will heißen: der Exodus, der Ausgang und Fortgang sind notwendig, wenn eine Kultur entstehen und gelingen soll. Heimat und Fremde bedingen einander und machen geistiges Leben erst aus. Dem biblischen Gleichnis von den Talenten entsprechend, darf der Geist nicht aufgespart werden an der Quelle. Denn, so hatten wir bereits in der Hymne "Andenken" gehört: Es beginnet der Reichtum im Meere. (JA, 376) 159 <?page no="168"?> Solche im Bild und an der Realität des Weges gewonnene Strukturerkenntnis über das Kulturelle überhaupt gibt auch den Blick frei auf die Seinsweise der menschlichen Geschichte, die als Gang und Lauf und in der Konsequenz als Gespräch und Verwandlung begriffen wird, wie dies HEIDEGGER im Anschluß an seine Hölderlinstudien unaufhörlich sichtbar und denkbar gemacht hat. In der Hymne "Friedensfeier" faßt Hölderlin den Geschichtsgang selber in ein großes Weg-Zeichen und unter das Bild eines Gesprächs- Verlaufs, wenn er sagt: Viel hat von Morgen an, Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, Erfahren der Mensch; bald aber sind wir Gesang. (IA, 346) Und er radikalisiert diese Erkenntnis, wenn er die Struktur der Geschichte nicht lediglich als Verlauf und Erfahrung, als Gang und Gespräch, sondern sehr realistisch und ohne Umschweife auch als "reißende Zeit", als "Werden im Vergehen", als Identität im Wandel erfahren und begreifen kann. In dem großen Hexameter-Gedicht "Der Archepelagos" lauten die letzten Sätze darum so: ... und die Göttersprache, das Wechseln Und das Werden versteh, und wenn die reißende Zeit mir Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttern, Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken. (IA, 312) Doch nicht nur die menschliche Geschichte ist durch ihren Wegcharakter und damit durch ihre Vergänglichkeit und Wandelbarkeit gekennzeichnet, sondern nach Hölderlins radikaler Einsieht gehen auch die Götter ihre Bahn und sind auf wandelbare Wege verwiesen. Es ist der innere Gang der christologischen Hymnen Hölderlins, daß das Göttliche selbst eine Geschichte hat,aufeinen Weg verwiesen ist und Wandlungen erfährt, bis "der Vater eins ist und allen gehört" (Brot und Wein, IA, 296). Dionysos, Herakles und Christus bedeuten in den Gedichten Hölderlins einen jeweiligen Weg Gottes und sind zugleich verbrüdert untereinander. Mit dieser fundamentaltheologischen Erkenntnis mag Hölderlin das christliche Dogma von der Einzigartigkeit und Notwendigkeit Christi in eigener Weise tangieren. Dennoch hält er sich auch hier nur an das ältere Axiom, wonach Gott größer ist als der jeweils begangene Weg des Göttlichen und wonach nichts dieses Göttliche erschöpfen kann. Ausgang und Heimkunft, Eignes und Fremdes, Quelle und Meer werden somit nicht nur als realpräsente Zeichen zur Bestimmung des menschlichen Daseins und seiner Geschichte sondern auch als Bedingungsstrukturen des Göttlichen angesehen und angesprochen. 160 <?page no="169"?> Damit hat das Zeichen des Weges und die Realität des Wandels den Charakter einer Zentralerkenntnis angenommen, wie sie nur aus einer starken Erfahrung hervorgehen kann. Diese Erfahrung läßt sich, darauf war im ersten Teil dieses Versuchs schon verwiesen, auf Schritt und Tritt im Lebenslauf Hölderlins nachweisen. Diese Erfahrung bildet jedoch auch so etwas wie den Cantus firmus seines übrigen Motivvorats. Und letztlich strukturiert die Erfahrung vom Verlaufscharakter des Daseins und dessen Wandelbarkeit den Lauf und den Wechsel seiner Verse und Töne im Gedicht selbst. Vor allem aber werden durch das Grundmotiv von Weg und Wandlung so vielfältige Motive und Bildrealitäten wie: die Sterne, die Vögel, die Ströme und die Brücken zusammengehalten. All diesen Motiven ist gemeinsam, daß sie durch ihre Bewegungsstruktur und ihren Verlaufschrakter geprägt sind: Sterne, Vögel, Flüße und Brücken. Gerade für die Ströme und Flüße hat Hölderlin eine besondere Vorliebe entwickelt. Der Neckar, der Main, der Rhein und die Donau sowie zuletzt noch die Garonne und die Dordogne sind in großen Gedichten von ihm besungen. Den Neckar kann er in der gleichnamigen Ode denn auch direkt einen "Wanderer" nennen. Und in der Ode "Der Main" heißt es: Wohl manches Land der lebenden Erde möcht ich sehn, Und öfters über die Berge enteilt das Herz mir, und die Wünsche wandern Über das Meer, zu den Ufern, die mir Vor andern, so ich kenne, gepriesen sind. Und die Schluß-Strophe lautet: 0 ruhig mit den Sternen, Du Glücklicher! Wallst du von deinem Morgen zum Abend fort, Dem Bruder zu, dem Rhein, und dann mit Ihm in den Ozean freudig nieder. (IA, 241) III Die Suche nach solchen Motiven, Bildern und Anklängen, in denen die Wegstruktur bei Hölderlin anzutreffen ist, könnte leicht noch weitergeführt werden und würde dann ein stattliches Brevier ergeben. Für Hölderlin wird aufgrund der hier vorgebrachten Leseprotokolle und Texterfahrungen jedoch bereits zu schließen sein, daß seine Erkenntnisse über den Charakter und die Struktur des Weges und den damit zusammen erfahrenen Wandel der Dinge den weltlichen Geist der Aufklärung unterlaufen und sich ebenso der Gebrauchsfähigkeit durch Ethik, Politik und Religion entziehen. 161 <?page no="170"?> Vor diesem Hintergrund gewinnt sein Denken und Reden über den Weg möglicherweise nochmals ein vertieftes Gewicht. Als tüchtig ausgebildeter Theologe und guter Kenner der Heiligen Schriften weiß er natürlich, daß das Christentum selbst sich als Heilsweg, kürzer noch als Weg schlechthin, versteht und daß namentlich das von ihm sehr bevorzugte Lukas-Evangelium diese Wegstruktur des Christlichen als Komposiotionselement aufweist. So verwundert es nicht, wenn Hölderlin gerade immer wieder aus dem Lukas-Evangelium seine biblischen Bilder bezieht. Auch verknüpft er das gerade im Lukas-Evangelium vorfindliche Motiv des Gastmahls in einer sonst in der deutschen Literatur nicht begegnenden Häufigkeit mit dem eigenen Wegmotiv. An einer gewichtigen Stelle seines Werkes, in der Hymne "Patmos" formt er die ErzählungvondenEmmaus-Jüngernin seine Sprache um und sagt: Damals da, beim Geheimnis des Weinstocks sie Zusammensaßen, zu der Stunde des Gastmahls, Und in der großen Seele, ruhigahnend, den Tod Aussprach der Herr, und die letzte Liebe, denn nie genug Hatt er, von Güte, zu sagen Der Worte, damals, und zu schweigen da Ers sahe, das Zürnen der Welt. Denn alles ist gut. Drauf starb er. Vieles wäre liebes Zu sagen. Und es sahn ihn, wie er siegend blickte, Den Freudigsten die Freunde noch zuletzt, Doch trauerten sie, dieweil Es Abend worden, erstaunt, Denn Großentschiedenes hatten in der Seele Die Männer, aber sie liebten unter der Sonne Das Leben und lassen wollten sie nicht Vom Angesichte des Herrn Und der Heimat. Eingeboren war, Wie Feuer im Eisen, das, und Ihnen ging zur Seite der Schatte des Lieben. (IA, 366) Greifbarer sind die Emmaus-Jünger vielleicht niemals in deutscher Sprache erschienen. Greifbarer ist womöglich auch der Sinn von Pilgerschaft nicht ins Wort gesetzt. Es scheint, als sei hier eine höchste Reiseerkenntnis überhaupt zur Sprache gebracht: insofern wir den Herrn des Weges nicht in der Hand haben, sondern ihn nur als "Schatte(n) des Lieben" begreifen können, haben wir auch den Weg nicht in der Hand-sondern müssen uns führen lassen, wohin wir nicht wollen. Hier hört denn auch alle dogmatische Sicherheit über den rechten Weg und die rechte Wegzehrung auf. Dafür beginnt an dieser Stelle das Wissen 162 <?page no="171"?> darum, daß der Weg allen, die guten Willens sind, gehört und daß die Wandlung, die unterwegs geschieht, eine unverfügbare Gabe ist, die jeden erreichen kann. Das Lukas-Evangelium verknüpft die Motive vom Weg und vom Mahl enger als Hölderlin in seiner spätzeitlichen Scheu dies tut. Denn heißt es im Lukas-Evangelium: "Und sie erkannten ihn am Brotbrechen" so bleibt Hölderlin an dieser Stelle behutsam und sagt: J(e)tzt, da er scheidend Noch einmal ihnen erschien. Denn j(e)tzt erlosch der Sonne Tag. (JA, 366) Allerdings ermöglicht uns wohl nur dieses behutsamere Sprechen Hölderlins bis in die Gegenwart hinein, die Spur des Weges weiterzugehen und den "Schatte(n) des Lieben" wahrzunehmen. Und vielleicht erkennen wir auf solche Weise überhaupt erst, was eine Spur ist: die Anwesenheit des Abwesenden. Kaum ein Dichter hat davon so deutlich gesprochen wie Rilke, der in der Nachfolge Hölderlins sagt: 0 Du verlorener Gott ... du unendliche Spur - Nur weil dich reißend zuletzt Feindschaft verteilte, Sind wir die Hörenden jetzt Und ein Mund der Natur. Hölderlin bleibt im Vergleich zu Rilke frömmer. Deshalb geht seine tröstlich-schmerzliche Wegerkenntnis zuletzt doch dahin: Immer Liebes, geht Die Erd und der Himmel hält. (JA, 460) 163 <?page no="173"?> Register der Orts- und Personennamen bearbeitet von GOTTFRIED WENDLING Das Register ist deutsch angelegt unter Berücksichtigung der Landessprache für Ortsnamen. Erfaßt sind neben den in den Beiträgen erscheinenden Namen auch die der Texte der Anmerkungen, sofern es sich nicht um bibliographische Belege handelt. Namen aus Quellenzitaten werden in zitierter Schreibweise kursiv aufgeführt und ggf. auf ein Hauptstichwort verwiesen. Mit Sankt, Santo, Saint etc. zusammengesetzte Namen erscheinen unter dem Hauptwort. Namen mittelalterlicher Personen (bis Anfang 16. Jh.) sind im allgemeinen unter ihrem Vornamen verzeichnet. Alle Personennamen werden nach Möglichkeit kurz erläutert und zeitlich belegt (Regierungszeiten bei weltlichen und geistlichen Herrschern, Lebensdaten oder das Jahrhundert der Lebenszeit bei anderen Personen). Aachen 10, 21-23, 36, 38, 60, 99, 104, 133-137, 139, 145, 147f. Abraham, bibl. Gestalt 2, 2 (Anm. 4) Adam, bibl. Gestalt 2, 2 (Anm. 4), 56 Adolf II., Herzog von Kleve (1394- 1448) 26 Ägypten (Egipto) 2, 2 (Anm. 4), 53 Ärmelkanal 15, 105, 113 Äthiopien 53 Affinnis tera siehe Finisterre Afrika 53, 116, 131 Aigues Mortes 37, 39 Aimeric Picaud, Kompilator des Liber Sancti Jacobi (12. Jh.) 37-39 Alava 8 Albelda, Kloster in der Rioja, Spanien 10 Albrecht II., Herzog von Österreich (1411-1439), König (1437-1439) 63 (Anm. 1), 67, 67 (Anm. 20) Albrecht IV., Herzog von Österreich (1395-1404) 62 (Anm. 1) Albrecht V., Herzog von Österreich (1404-1439) 67 (Anm. 20) Alexander III., Papst (1159-1181) 18, 18 (Anm. 82) Alfons III., König von Asturien (866- 909) 6, 11 Alfons V., König von Arag6n, Neapel und Sizilien (1416-1458) 26, 66, 73 Alfons V., König von Portugal (1438-- 1481) 99, 116, 120 Alfons VI., König von Kastilien-Le6n (1072-1109) 14 Alfons X., der Weise, König von Kastilien-Le6n (1226-1228) 5 (Anm. 18) Alfons von Acugna Corillo, Erzbischof von Toledo (1454-1483) 68, 76 (Anm. 40), 89 Alfons von Cartagena, Bischof von Burgos (1435-1456) 67, 72f., 75f., 88f. Algeciras 116f. Allefaber siehe Cebrero Al-Mansiir, Arabischer Herrscher (t 1002) (Altumaior Cordube) 11, 147 Alonso(? ) de Luna, vergleiche Alvaro de Luna 68 (Anm. 23) Altumaior Cordube siehe Al-Mansür Alvaro de Isorna, Erzbischof von Santiago (1445-1449) 69, 73, 90f. Alvaro de Luna, Großmeister des Santiago-Ritterordens (1445- 1453) 67 (Anm. 21), 68 (Anm. 23), 89 Amerika 131 Amiens 38, 40 Andernach 135f. Andrew Boorde, Santiagopilger (15. Jh.) 26 165 <?page no="174"?> Anna, Heilige, Mutter Marias 32, 45, 45 (Anm. 71), 46, 46 (Anm. 75), 48 Anna von Cleve, Gemahlin des Carlos, Principe de Viana (verh. 1438, t 1448) 67, 67 (Anm. 19), 78, 86f. Anno von Minden, Bischof, Santiagopilger (1170-1185) 18 Ansbach 111 Anthonius llsung, Sohn des Sebastian llsung (II.) (15. Jh.) 62 Saint-Antoine-en-Viennois, 0. bei Grenoble (Dewenan, Sant Anthoni) 64, 64 (Anm. 12), 65, 72-74, 82- 84 Antonius, Heiliger (3. Jh.) 64, 72, 74, 83 Apollo, griechische Gottheit 156 Aquitanien 10, 139 Arabien 53 Arag6n (Aregoney, Argegoney) 24, 40, 66, 86 Aregoney siehe Arag6n Argegoney siehe Arag6n Arlberg 136 Arles 39, 65, 65 (Anm. 13), 72, 78 Armagnac 39, 64, 72, 83 Arnold van Harve siehe Arnold von Harff Arnold von Harff (1471-1505) (Arnold van Harve) 26, 39f., 43f., 47, 47 (Anm. 78), 48 (Anm. 84), 51-60, 70 (Anm. 31), 73, 75, 127-131 Arras 38, 40 Asien (Orient) 53, 56, 129, 131, 146 Astorga 25, 38, 40 Asturien 6 Atienza, Ort in der Provinz Guadalajara, Spanien 67, 67 (Anm. 21), 68, 69 (Anm. 29), 76 (Anm. 40) Auch 37 Augsburg 17, 62 (Anm. 1), 64, 69 (Anm. 29), 71f., 82f., 88, 95, 124 Avignon 99,104 Axel von Lichtenstein, Santiagopilger (15. Jh.) 25 Bad Driburg 151 Balthasar Sprenger, Autor (16. Jh.) 131 166 Bamberg 24, 150 Barbara Ilsung, Tochter des Sebastian Ilsung (II.) (15. Jh.) 62 Barcelona (Parselone) 25, 27, 65f., 75, 85,99, 106 Bartolome Fontana, Santiagopilger (15. Jh.) 26 Basel 63 (Anm. 5), 88 Baskenland 116, 139 Baunach, Ort bei Bamberg 24 Bayonne 36,38,41 Beata Maria de Monte Serato siehe Montserrat Beatus Jacobus siehe Jakobus der Ältere, Apostel Bebundt siehe Burgund Bechen siehe Böhmen Bergen, Ort im Hennegau 38 Berguney siehe Burgund Berlin 34 (Anm. 16) Bern 37, 39, 63, 82, 84, 136 Bernardus de Pavo siehe Bernhard von Pau Bernhard von Breidenbach, Palästinareisender (t 1497) 53 Bernhard von Pau, Bischof von Gerona (1436-1457) (Bernardus de Pavo) 71, 94 Beziers 37, 39 Bire, Land im Pseudo-Turpin 148 Blanca 1. von Navarra, erste Gemahlin des Johann II. v. Arag6n (t 1441) 66 Blaubeuren 150 Blaye 104 Blois 38 Böhlendorff, Casimir Ulrich, Freund Hölderlins (19. Jh.) 155f., 159 Böhmen (Bechen) 67, 88, 98, 100, 111, 113 Bordeaux 38, 150, 154f., 157 Braga 99 Brandan, Heiliger, irischer Abt (6. Jh.) 124f., 129, 131 Braunschweig 34 Bremen 23 Breslau 63 (Anm. 1), 67, 67 (Anm. 20) Brügge 111 Brünigpaß 39 <?page no="175"?> Brüssel 38, 60, 99, 111, 111 (Anm. 35) Brunetto Latini, Florentiner Schriftsteller (um 1220-1294) 5 (Anm. 18) Burchard, Bischof von Worms (1000-1025) 16 Burgos 11 (Anm. 49), 38, 41, 43, 47, 56, 67f., 73, 75f., 88, 99, 103f., 106, 116 Burgund (Bebundt, Berguney) 14, 64, 74, 83, 95 Caesarius, Abt des Klosters Sta. Cecilia von Montserrat (10. Jh.) 10 Caesarius von Heisterbach (12. Jh.) 2 (Anm. 6) Calais 99 Candes 99 Canterbury 99, 104-106 Carcassonne 37, 39 Carlos, Principe de Viana (1442-1461) 66, 66 (Anm. 18), 73, 86 Castafieda, Ort am Jakobsweg in Galicien 102 Cebrero (Allefaber, Mallefaber) 38, 40f. Santa Cecilia de Montserrat 10 Cecilia Partnerin von Theürn, Mutter des Sebastian Ilsung II. (15. Jh.) 61 Cervantes Saavedra, Miguel de, spanischer Dichter (1547-1616) 4 Ceuta 26 Ceylon 53 Chartres 137, 143 Chaucer, englischer Dichter (t 1400) 4 Chretien de Troyes, französischer Dichter (ca. 1140-1190) 109 Santa Cristina, Hospiz am Somportpaß 39 Christus siehe Jesus Christus Chuonradus siehe Konrad Cisa, Pyrenäenpaß bei Roncesvalles 39 Claudius, Matthias, deutscher Dichter (1740-1815) 29 Cluny 7, 12, 15, 18, 18 (Anm. 84), 19 Coellen siehe Köln Compostela siehe Santiago de Compostela Conques 102 C6rdoba 11 Cuno, 4. Abt des Klosters Disibodenberg (1137-1155) 15 Cuntz Helff, Leineweber aus Rothenburg o.d. Tauber (15. Jh.) 22 Dalmatius, Bischof von Compostela (1094-1095) 15, 15 (Anm. 68) Dante Alighieri, italienischer Dichter (t 1321) 4f. Danzig 23 Dartmouth 15 Datini, Handelshaus in Prato, Toskana (15. Jh.) 25 Dauphine (Telfinat) 64, 64 (Anm. 12), 65, 83f. Dax 145 Delosa siehe Toulouse Delphin siehe Ludwig, Dauphin Saint-Denis, Paris 18 (Anm. 84), 38 Denkendorf, Ort bei Stuttgart 150 Dessau 150 Deutschland 11, 44, 99, 104, 110, 139 Dewenan siehe Saint-Antoine-en- Viennois Dietrich von Schachten, Jerusalempilger (15. Jh.) 126 Dionysos, griechische Gottheit 160 Santo Domingo de la Calzada 24, 43, 68, 74, 90 Donau 161 Don Quijote, Romanfigur von Cervantes 25 Dordogne 161 Duodechinus von Longinstein, Kreuzfahrer im Jahr 1147 15 Eberhard V. von Nellenburg, Santiagopilger (11. Jh.) 12 Ebro 66 Ed ward IV., König von England (1461-1483) 99 Egipto siehe Ägypten Einhart, Historiograph (t 840) 133f. Einsiedeln 22, 36f., 44, 47, 47 (Anm. 76), 102, 150 Eleonora, Gemahlin Kaiser Friedrich III. (15. Jh.) 99, 111 Ellwangen 19 167 <?page no="176"?> EI Padr6n (Iria Flavia) 15, 106, 126f. Elsaß 11 Elvas, Ort in Portugal 17 Embricho, Bischof von Würzburg (1127-1146) 17 Ende der Alten Welt siehe Finisterre England 60, 95, 99, 104, 110 Ephesus 146 Erasmus von Rotterdam, Humanist (t 1536) 128 Erkelenz, Ort im Herzogtum Kleve 60 Eugen IV., Papst (1431-1447) 63 (Anm. 5), 76 Europa 8, 11, 14,98, 121,125,136 Eutropius, Heiliger, angeblich erster Bischof von Saintes (1. Jh.) 103 Evermarus von Tondern, vorgeblicher Santiagopilger (t um 700) 13 Evert Worchem, Schöffe aus Geldern, Santiagopilger (15. Jh.) 22 Evora 99 Falenz.a siehe Valencia Felix, Diakon des hlg. Narcissus (4. Jh.) 71 Felix V., Gegenpapst (1439-1449), ehern. Herzog Amadeus VIII. von Savoyen 63f., 73, 75f., 76 (Anm. 40), 82 Felix Fabri, Jerusalem- und Santiagopilger (15. Jh.) 26, 76, 119, 130 Fernando de Carri6n (11. Jh.) 17 Feyerabend, Siegmund, Autor (16. Jh.) 126, 129 Finisterre, (Kap Finisterre) (Affinnis tera, End des Erttrichs, Ende der Alten Welt, Finster Sterenn) 5, 23, 69f., 70 (Anm. 30 u. 31), 73f., 81, 91f., 94, 99, 119f., 130 Finster Sterenn siehe Finisterre Flandern 11 Florenz 5 Fobbertus siehe Folbert Folbert, Santiagopilger (11. Jh.) (Fobbertus) 13, 13 (Anm. 61) Francia siehe Frankreich Franken 11 168 Frankfurt a. Main 150, 155 Frankreich (Francia) 4, 11, 18 (Anm. 82), 27, 37, 49, 64 (Anm. 12), 71, 83f., 94,104,110,113,129,135,149, 155- 157 Frechulf, Bischof von Lisieux (9. Jh.) 6 Freiburg, Schweiz 25 (Anm. 119), 63, 82 Friedrich Barbarossa, Kaiser (1152- 1190) 18f., 133-135, 137 Friedrich II., Kaiser (1220-1250) 137 Friedrich Ill., Kaiser (1452-1493) 61, 63 (Anm. 1), 99, 111 Friedrich 1., Herzog von Österreich (1195-1198), Santiagopilger 19 Friedrich von Pfirt, Graf, Santiagopilger (12. Jh.) 18 Friesland 13, 139 Furre, Herrscher von Navarra (8. Jh.) 143-145 Fulda 12, 18f., 23f. Gabriel, Erzengel 137, 148 Gabriel Tetzel, Begleiter des Leo von Rozmital, Verfasser eines Reiseberichts (15. Jh.) 98-101, 103-107, 110- 121, 127 Galicia siehe Galicien Galicien (Galicia, Gallecia) 5, 6, 9, 10 (Anm. 38), 10 (Anm. 40), 12f., 15, 18, 20, 69, 77, 90, 102, 106, 126f., 134-136, 139f., 147 Gallecia siehe Galicien Sankt Gallen 133, 152 Gallien 139 (siehe auch Frankreich) Garonne 157, 161 Gascogne 139, 145 Gaston IV., Graf von Foix (1436- 1472) 67, 67 (Anm. 19), 87 Gaza 58 Geiler von Kaisersberg, Theologe und Volksprediger(1445-1510) 119 Geldern 22 Diego II. Gelmfrez, Bischof (1098/ 9- 1120/ 24) und Erzbischof (1120 / 24- 1140) von Santiago de Compostela 17 <?page no="177"?> Gelobtes Land siehe Palästina Genf 36f., 63, 63 (Anm. 5), 71-73, 82, 95 Gent 22, 60 Georg, Heiliger (1. Jh.) 64, 74, 83, 104 Georg der Jüngere (Jörg, Jorgen der iunger, Jörg Deringer) (15. Jh.) 68, 68 (Anm. 25), 76, 88 Georg Ilsung, Vater des Sebastian Ilsung II. (15. Jh.) 61 Georg Pfintzing, Jerusalem- und Santiagopilger (15. Jh.) 126, 130 Georg von Ehingen, Ritter (15. Jh.) 26, 48 (Anm. 84), 68, 68 (Anm. 22 u. 25), 130 Georg von Podiebrad, tschechischer König (1458-1471) 26, 98,111 Gerbirro 111 (Anm. 35) Germersheim, Servitenkloster 33 (Anm. 11) Gerona 65, 71, 73, 94 Gillaime Manier, Santiagopilger (15. Jh.) 26 Saint-Gilles 18 (Anm. 84), 39, 102f. Codeschalk, Bischof von Le Puy (936- 962) (Gotescalus) 10 Goino di Bona, Santiagopilger (15. Jh.) 25 Comes, Mönch aus dem Kloster Albelda, Spanien 10 Gontard, Susette, Verehrte Hölderlins (t 1802) 151f., 155 Gonzenbach, Familie, Freunde Hölderlins (18. Jh.) 152 Gorze 18 (Anm. 84) Gotescalcus siehe Codeschalk Granada 26f., 70, 76, 94 Graubünden 136 Graz 99, 111 Gregor VII., Papst (1073-1085) 7 Gregor XIII., Papst (1572-1585) 45 Grenoble 64 (Anm. 8), 72 Grüningen siehe Logrofio Guadalupe, Kloster in Südspanien 104, 106 Guernsey, Insel im Ärmelkanal 99 Gutknecht, Jobst, Drucker in Nürnberg (16. Jh.) 34 Halle 150 Hans Schiltberger, Verfasser eines Reiseberichts (15. Jh.) 130 Hans Tucher, Verfasser eines Reiseberichts (15. Jh.) 53 Hartmann von Aue, Dichter (12./ 13. Jh.) 109 Hauptwil, Ort in der Schweiz 150, 152 Heidegger, Martin, deutscher Philosoph (20. Jh.) 160 Heidelberg 99, 150 Heidingsfeld, Ort bei Würzburg 22 Heiland siehe Jesus Christus Heilige Drei Könige 54 Heiliges Grab siehe Jerusalem Heiliges Land siehe Palästina Heilige Stätten siehe Palästina Heinrich IV., König von Kastilien (1454-1474) 116 Heinrich VI., deutscher König (1169- 1197) 137 Heinrich der Löwe, Herzog von Bayern und Sachsen (t 1195) 19 Heinrich von Ahorn, fränkischer Adliger (12. Jh.) 16 Heinrich von Cromberg, Abt aus Fulda, Santiagopilger (12. Jh.) 18 Heinrich von Hohenburg, Abt aus Fulda, Santiagopilger (14. Jh.) 23 Heinrich Walliseller, Santiagopilger (13. Jh.) 21 Herakles, griechische Sagengestalt 160 Hermann Künig von Vach (Hermannus Künig von V ach, Kunig von V ach) 20, 26, 29f., 30 (Anm. 2), 32f., 36-49, 63, 76, 102f., 105, 130 Hermannus Künig von V ach siehe Hermann Künig von Vach Hieronymus Münzer, Santiagopilgcr (15. Jh.) 26, 27, 77 Hispania siehe Spanien Hölderlin, Dichter (1770-1843) 149-163 Homburg / Taunus 155 Hugo I., Abt von Cluny (1049-1109) 15 169 <?page no="178"?> Humbert de Brion, Abt von St-Antoine (1438-1459) 63 (Anm. 1), 64 (Anm. 11), 83f. Hupfuff, Matthias, Drucker in Straßburg (15./ 16. Jh.) 33f. Jacob Patriarcha siehe Jakob, biblische Gestalt lacobus, Sanctus siehe Jakobus der Ältere Iberische Halbinsel siehe Spanien Iherosolimis siehe Jerusalem Ihesus Christus siehe Jesus Christus lmphe, Ort, erw. im Pseudo-Turpin 148 Indien 53f., 130f. Innozenz III., Papst (1198-1216) 19 Innsbruck 68 (Anm. 25) lria Flavia, Bischofssitz in Galicien siehe El Padr6n Irland 60 Isidor, Erzbischof von Sevilla (t 633) 145 Italien 111, 125, 139 lta von Nellenburg, Santiagopilgerin (11. Jh.) 12 Jacobus siehe Jakobus der Ältere Jacobus de Voragine siehe Jacobus von Varazze Jacobus Major siehe Jakobus der Ältere Jacobus Minor siehe Jakobus der Jüngere Jacobus von Varazze (Jacobus de Voragine) 37, 106 Jakob, biblische Gestalt (Jacob Patriarcha) 2, 2 (Anm. 4) Jakobus der Ältere, Apostel (1. Jh.) (Beatus Jacobus, Jacobus, Jacobus Major, Sanctus Iacobus) 1, 3, 4 (Anm. 15), 5, 6 (Anm. 19), 8-10, 10 (Anm. 40), 11-18, 20-22, 24-27, 34-36, 43-45, 45 (Anm. 66), 46, 46 (Anm. 75), 48f., 56f., 69-71, 74f., 77, 81f., 90, 92, 95, 102-106, 125-127, 133f., 136, 139, 141, 145-147 Jakobus der Jüngere, Apostel (1. Jh.) (Jacobus Minor) 11 (Anm. 50) 170 Jerusalem, (Heiliges Grab, Iherosolimis) 2, 2 (Anm. 4), 5 (Anm. 18), 11, 20, 23, 51, 59-61, 104, 125 (Anm. 2), 126, 129f., 134 Jesus Christus (Christus, Heiland, Ihesus Christus) 2, 2 (Anm. 4), 3, 5 (Anm. 18), 54, 58, 70, 92, 135, 141, 145 (Anm. 11), 147, 160 Jörg, Jörg Deringer siehe Georg der Jüngere Johann 1., Herzog von Kleve (1448- 1481) 26 Johann II., König von Arag6n und Sizilien (1458-1487) 66f., 67 (Anm. 19), 68 (Anm. 22) Johann II. von Kastilien, spanischer König (1404-1454) 61, 63 (Anm. 1), 66-68, 68 (Anm. 22), 74, 85, 88f. Johann Eglof von Knöringen, Bischof von Augsburg (1537-1575) 17 Johann Hartlieb, Autor (15. Jh.) 131 Johann Mekhior Ilsung, Autor (16. Jh.) 62, 62 (Anm. 1) Johann von Mandeville siehe John Mandeville Johannes, Apostel (1. Jh.) 70, 92, 146 Johannes Ilsung, Sohn des Sebastian Ilsung (II.) (15. Jh.) 62 Johannes Trithemius (t 1516) 45 John Mandeville, Dichter (15. Jh.) (Johann von Mandeville) 53, 119, 124, 129, 131 Jorgen der iunger siehe Georg der Jüngere Jungfrau von Montserrat siehe Montserrat Kairo 53 Kap Finisterre siehe Finisterre Karl der Große, König und Kaiser (768-814) 8-10, 65, 65 (Anm. 13), 73, 78, 84, 102, 106, 133-137, 139-148 Karl VII., König von Frankreich (1429- 1461) 64 (Anm. 8), 75, 94 Kassel 151 Kastilien 17, 19, 67, 67 (Anm. 21), 68, 90, 94, 113, 117 Katalonien (Katelonia) 10, 25, 65f., 85 Katelonia siehe Katalonien <?page no="179"?> Katharinenklostcr, auf dem Sinai 53 Kleinlützel, Ort im Sundgau, Frankreich 18 Kleve 26, 60 Köln (Coellen) 2 (Anm. 6), 20, 54, 59f., 99, 104, 111 Kolumbus, Christoph (t 1506) 130f. Kombostell siehe Santiago de Compostela Konrad, Erzbischof von Mainz (1161- 1165 u. 1183-1200) Santiagopilger (Chuonradus) 18, 18 (Anm. 82) Konrad von Grünenberg, Verfasser eines Pilgerberichts (15. Jh.) 53, 66 Krakau 34 (Anm. 16) Kunig von Vach siehe Hermann Künig von Vach La Fava, Ort am Cebrero 41 Lambert von Hersfeld, Geschichtsschreiber im 11. Jh. (t um 1088) 12 Landes, Südwestfrankreich 38, 40 Languedoc 64, 72, 83 Lauffen, Ort am Neckar 150 Lausanne 63 (Anm. 5) Lavacolla (Lava Mentula), Ort am Jakobsweg in Galicien 102 Lava Mentula siehe Lavacolla Leipzig 34f., 150 Leo III., Papst (795-816) 137 Leo von Ro: lmital, Santiagoreisender (15. Jh.) 26, 47 (Anm. 78), 48 (Anm. 84), 70 (Anm. 30), 97-101, 105, 111, 113, 119-121, 125, 127, 130 Leobrand, fiktiver Aachener Dekan im Pseudo-Turpin 135 Leodegar, Heiliger, Bischof von Autun (7. Jh.) 20 Le6n, Provinz und Stadt 25, 40, 68, 90 Le Puy 39, 103 Lieja siehe Lüttich Lissabon 15, 94, 99 Lövenich, Ort bei Erkelenz 60 Löwen 60 Logrof\o (Grüningen) 48, 68 Loire 99 London 78, 104, 111, 111 (Anm. 35) Lothringen 38, 147 Luda Honoldin von Konaperg, Gattin des Sebastian Ilsung (II.) (15. Jh.) 62, 62 (Anm. 1) Ludwig, Dauphin, später Ludwig XI. von Frankreich, König (1461-1483) (Delphin) 64, 64 (Anm. 8), 74 (Anm. 36), 76, 83 Ludwig I., Herzog von Savoyen (1402- 1465) 63 (Anm. 5), 64, 71, 73-76, 81- 83, 95 Lübeck 19,21,23 Lüttich (Lieja) 11, 11 (Anm. 49) Lugo 38, 40 Luther, Martin, Theologe (1483-1546) 43 Luzern 37,39,63,82, 103 Lyon 154f. Maastricht 38, 54, 60, 137 Machemet siehe Mohammed Madagaskar 53 Madrid 27, 99 Mahemmet siehe Mohammed Mailand (Meylan) 59, 99, 104 Main 161 Mainz 12, 18, 99 Mallefaber siehe Cebrero Saint-Malo 99, 111 (Anm. 35) Marco Polo, italienischer Reisender (1254-1324) 53, 130 Maria, Mutter Jesu 44-46, 46 (Anm. 74), 48, 58, 66 (Anm. 16), 70, 82, 92, 124, 137, 145 (Anm. 11), 147 Maria Ilsung, Tochter des Sebastian Ilsung (II.) (15. Jh.) 62 Maria von Bongard, Gattin des Arnold von Harff (15. Jh.) 60 Maria von Burgund, Herzogin von Kleve, Gemahlin von Adolf II. (15. Jh.) 26 Maria von Kastilien, Königin von Arag6n, Gattin des Alfons V. von Arag6n, Schwester des Königs Johann II. von Kastilien 63 (Anm. 1), 66, 66 (Anm. 16), 68, 74, 85, 89 Marquard von Westensee, Knappe aus Lübeck (14. Jh.) 23 171 <?page no="180"?> Martin, Heiliger, Bischof von Tours (371-397) 99, 147 Saint-Martin, Kirche in Tours 18 (Anm. 84), 102, 104 Martin Hamconius, Verfasser der Vita des hlg. Evermarus (12. Jh.) 13 Matthias, Apostel (1. Jh.) 54 Maulbronn 150 Memmingen 63, 65, 65 (Anm. 12), 73, 82, 84 Merida 99, 106, 116 Metz 36, 38, 136 Meyer, deutscher Konsul in Bordeaux (18./ 19. Jh.) 154 Meylan siehe Mailand Michael, Erzengel 137 Milo, Vater Rolands (8. Jh.) 142f. Mifio 16 Moabar, Königreich in Afrika 59 Mohammed, Begründer des Islam (t 632) (Machemet, Mahemmet) 58, 147 Moissac 102 Mons Gaudii siehe Monte de] Gozo Mons Seratus siehe Montserrat Montaillou, Ort in den Ostpyrenäen, Frankreich 4 Monte de! Gozo (Mons Gaudii) 44 Montjardfn 143 Montmartre 145 Montpellier 37, 39 Mont Saint-Michel 60 Montserrat, Katalanisches Benediktinerkloster, Wallfahrtsort (Beata Maria de Monte Serato, Jungfrau von Montserrat, Mons Seratus) 4, 4 (Anm. 15), 25, 65, 75, 85 (siehe auch Santa Cecilia de Montserrat) Morandus, Heiliger, Patron des Sundgau (t 1115) 18 München 19 Münster 20, 136 Mugia, Ort in Galicien 70, 93 Naffre siehe Navarra Najera (Nazara) 8 Namur 21 Narbonne 10 172 Narcissus, Heiliger (4. Jh.) 65, 71, 94 Navarra (Naffre) 40f., 66, 73, 86, 139, 143 Nazara siehe Najera Neapel 61 Neckar 161 Neimus siehe N1mes Neuß 104, 111 Sant Niclaßporten siehe Sankt Niklauspaß Nico! aus Rummel, Santiagopilger aus Nürnberg (15. Jh.) 25 Niederlande 22, 71, 74, 95 Niederrhein 60 Sankt Niklauspaß, Nordspanien (Sant Niclaßporten) 38, 41 Nil 130 N'imes (Neimus) 37, 65, 72f., 78, 84 Nopar II., Seigneur von Caumont, Santiagopilger (15. Jh.) 26 Nordsee (Friesisches Meer) 139 Notker der Stammler, Mönch in St. Gallen (950-1022) 133 Nürnberg 25-27, 34f., 99, 127, 150 Nürtingen 150, 152, 155f. Odorico de Pordenone, ital. Missionar und Orientreisender (t 1331) 130 Öhringen 111 Österreich 11, 111 Olite (Olleit) 66, 66 (Anm. 18), 67, 73f., 78, 86 O! ivier, Gefährte Karls des Großen (8. Jh.) 104 Olleit siehe Olite Omaijaden 11 Orbigo 25 Orient siehe Asien Orleans 38 Oswald von Wolkenstein, Dichter (1377-1445) 119 Otto III., Kaiser (996-1002) 133 Otto IV., Kaiser (1198-1218) 137 Oviedo 5 (Anm. 18), 25, 40f., 102 Padua 54 Palästina (Gelobtes Land, Heiliges Land, Heilige Stätten, Terra Promissionis) <?page no="181"?> 2, 2 (Anm. 4), 3, 56, 62 (Anm. 1), 69, 69 (Anm. 27), 70, 104, 125f., 129f. Palas del Rey 16 Pamplona 38, 66, 140f., 145f. Paris 38, 40, 54, 60, 145, 155 Parselone siehe Barcelona Parzival, mittelalterlicher Sagenheld 109 (Anm. 23) Paschalis III., Gegenpapst (1164-1168) 133 Paul II., Papst (1464-1471) 98 Paulina, Santiagopilgerin (11. Jh.) 13 Paulus (1. Jh.) 5 (Anm. 18) Perpignan 104 Peter Rehlinger, Mörder des Sebastian Ilsung (1.) (1424) 62 (Anm. 1) Peter Rieter, Nürnberger Patrizier, Santiagopilger (15. Jh.) 25, 25 (Anm. 119), 77 Peter Sabatier siehe Pierre Sabatier Peter von Schaumberg, Bischof von Augsburg (1424-1469) 64, 67, 83, 88 Petrarca, italienischer Dichter (1304- 1374) 5 Petrus, Apostel (1. Jh.) 5 (Anm. 18), 20, 70, 92, 146f. Petrus Mitte de Caprariis, Hochmeister des Memminger Antoniterklosters (1439-1479) 63, 82 Philipp II., König von Spanien (1556- 1598) 17 Philipp der Gute, Herzog von Burgund (1419-1467) 99,111 Pierre Sabatier, Weber aus Varhiles bei Montaillou (Peter Sabatier) 4 Pilatus, Berg bei Luzern 37, 37 (Anm. 27), 39, 43 Pippin der Mittlere, Hausmeier (t 714) 13 Pirineis siehe Pyrenäen Pius II., Papst (1458-1464) 98 Pius V., Papst (1566-1572) 45, 46 (Anm. 74) Pont St-Esprit, Brücke über die Rhöne 37,64,72,83 Portenberg siehe Puerto de San Adrian Porto 94 Portugal 17, 70, 76, 94, 99, 131 Prag 99f., 111 Prato, Toskana 25 Priscillianus, Märtyrer (hingerichtet 384) 6 Provence 155 Ptolemäus, griechischer Astronom (1./ 2. Jh.) 53 Puerto de San Adrian (Portenberg) 38, 40f. Pyrenäen (Pirineis) 8, 8 (Anm. 34), 37, 39, 99, 112f., 116, 134 Rabanal (Rabanell) 38, 40 Rabanell siehe Rabanal Regensburg 135f. Reichenau 136 Reims 133 Reval 26 Rhein 15, 161 Rheingau 20 Rhön 150 Rhöne 36f., 39, 64, 72, 135 Richardis von Sponheim, Santiagopilgerin (11. Jh.) 12 Rilke, Rainer Maria, Dichter (1875- 1926) 158, 163 Robert, Mönch aus dem Jakobskloster in Lüttich 11 Rocamadour 23 Roland, Gefährte Karls des Großen (8. Jh.) 104, 129, 142f., 146 Rom 8, 11, 14, 20f., 23, 26, 43, 51, 54, 146 Roncesvalles 36, 38-41, 102, 104 Rotes Meer 53 Rothenburg ob der Tauber 21 Rouen 19 Ruthard, Abt aus Fulda, Santiagopilger (11. Jh.) 12 Sachsen 11 Sahagun 142 Saintes 38, 103 Salamanca 99 Sancho der Große, König von Navarra (1000-1035) 9 173 <?page no="182"?> Santiago de Compostela (Compostela, Kombostell) 1, 3, 3 (Anm. 6), 4, 4 (Anm. 15), 5, 6 (Anm. 19), 7-18, 18 (Anm. 84), 19-27, 29, 33, 35f., 38, 40f., 43f., 47, 49, 51, 60, 69, 69 (Anm. 27 u. 29), 70, 72-75, 77, 90, 92, 94, 98f., 101- 106, 113, 119, 121, 125-127, 130f., 134- 137, 139, 145-149 Saregossa siehe Zaragoza Sasek, Begleiter des Leo von Rozmital (15. Jh.) 98, 100, 113 Savoyen (Sonnay) 64, 83 Schaffhausen 150 Schönthal, Servitenkloster bei Basel 33 (Anm. 11) Schornsheim, Rheinhessen, Servitenkloster 33 (Anm. 11) Schwaben 20, 26 Schwäbische Alb 150 Schweiz 11, 63, 82, 135, 150 Schwetzingen 150 Sebald Örtel, Santiagopilger (15. Jh.) 126, 130 Sebald Rieter, Patrizier aus Nürnberg, Santiagopilger (15. Jh.) 25, 77, 129f. Sebastian Franck, Autor (16. Jh.) 131 Sebastian llsung (1.) (t 1424), Vorfahr des Sebastian Ilsung (II.) 62 (Anm. 1) Sebastian Ilsung (II.) (Sebastian Ilßung von Liechtenberg) (15. Jh.) 47 (Anm. 78), 48 (Anm. 84), 61f., 62 (Anm. 1), 63-65, 65 (Anm. 12), 66f., 67 (Anm. 19), 68, 68 (Anm. 22), 69-72, 72 (Anm. 35), 73-78, 80-82, 95, 130 Sebastian Ilsung (III.), Sohn des Sebastian Ilsung (II.) (15. Jh.) 62 Sebastian Ilsung, Doctor Decretorum (t nach 1522) 62 (Anm. 1) Sebastian Ilßung von Liechtenberg siehe Sebastian Ilsung (II.) Seine 145 Sevilla 27 Sibylle von Brandenburg, Herzogin von Jülich-Berg, Gemahlin des Wilhelm IV. (14./ 15. Jh.) 60 Sicilia siehe Sizilien 174 Siegfried 1., Mainzer Erzbischof, Santiagopilger (1060-1084) 12 Sigebotus, Beichtvater der Seligen Paulina (11. Jh.) 13 Sinai 51, 53 Sion (Sitten) 136 Sisnandus, Bischof von Iria Flavia (879 ca. 920) 6, 6 (Anm. 22) Sixtus IV., Papst (1471-1484) 45, 46 (Anm. 74) Sizilien (Sicilia) 61, 62 (Anm. 1) Sofia von Holland, Santiagopilgerin (12. Jh.) 19 Sokotra 53 Somport, Pyrenäenpaß 39 Sonnay siehe Savoyen Sorde 145 Spanien (Hispania, Iberische Halbinsel) 7, 11, 13, 27, 37, 56, 61, 62 (Anm. 1), 66, 68 (Anm. 25), 70, 88, 94, 99, 103, 11 lf., 112 (Anm. 38), 113, 115-117, 120, 129, 131, 134f., 139, 145f., 149, 155 Stanislaus Pawlowski, Bischof von Olmütz (16. Jh.) 100 Strabon, griechischer Naturforscher (1. Jh. vor Chr.) 123 Straßburg 33-36, 41f., 135f., 155 Suero de Quifi.ones, Ritter (15. Jh.) 25 Sundgau 18 Tambre, Fluß in Nordspanien 15 Tantalus, griechische Sagengestalt 156 Tarragona 10 Telemach, griechische Sagengestalt 153 Telfinat siehe Dauphine Terra Promissionis siehe Palästina Tetzel siehe Gabriel Tetzel Theobald von Provins, Santiagopilger (11.Jh.) 13 Thomas, Apostel (1. Jh.) 53f., 131 Thiedecke Bernewater, Bürger aus Wismar (14. Jh.) 22 Thomas Becket, Heiliger, Bischof von Canterbury (1162-1170) 20, 99, 104, 106 <?page no="183"?> Tideman Sticker, Santiagopilger (14. Jh.) 23 Toledo 27, 99, 104, 106 Tortosa 66, 66 (Anm. 16), 73f., 85 Toulouse (Delosa) 36f., 39, 43, 56, 64, 72-75,83, 127,145 Tours 36, 38, 99, 102-104 Trevrizent, mittelalterliche Sagengestalt 109 (Anm. 23) Triacastela 102 Trier 6 (Anm. 19), 13, 54 Tudela 66 Tübingen 149f. Turpin, Erzbischof von Reims (748/ 9- 794) 135,137,146 Ucles 17 Überkorn, Seliger (t 1440) 24 Ungarn 21, 46 Urban II., Papst (1088-1099) 15 Ursula Ilsung, Tochter des Sebastian Ilsung (II.) (15. Jh.) 62 Usuardus von St. Germain-des-Pres (t um 875) 6 Uzes 37 Vach siehe Vacha Vacha (Vach), Servitenkloster an der Werra 32f. Valence 37, 39 Valencia (Falenza) 66 (Anm. 16) Varhiles, Ort bei Montaillou, Frankreich 4 Venedich siehe Venedig Venedig (Venedich) 56, 58f., 65, 85 Verona 99 Vezelay 102f. Vienne 135, 146 Vierwaldstätter See 43 Vivero, spanischer Hafen 15 Vivien, König, erw. im Pseudo-Turpin 148 Walsingham 128 Waltershausen, Ort in Thüringen 150 Warmund Ilsung, Sohn des Sebastian Ilsung (II.) (15. Jh.) 62 Westfalen 136 Wien 99, 135 Wiener Neustadt 99, 111 Wilhelm IV., Herzog von Jülich-Berg (1475-1511) 60 Wilhelm V., Herzog von Bayern (1579- 1597) 17 Wilhelm von Englisberg, Santiagopilger (13. Jh.) 21 Wilhelm von Reval, Santiagopilger (15. Jh.) 26 Wilhelm von Ruysbroek, Missionar im Orient (13. Jh.) 21 Wilhelm von Vercelli, Heiliger, Santiagopilger (t 1142) 13 William Wey, Santiagopilger (15. Jh.) 26 Wismar 22 Wörlitz 150 Wolfram von Eschenbach, Dichter (12./ 13. Jh.) 109 Würzburg 17, 22 Zaragoza (Saregossa) 25, 66, 86, 99, 106, 111 (Anm. 35) Zell, Kloster 13 Zoylus, Heiliger (4. Jh.) 17 Zürich 21, 63, 135f., 150 175 <?page no="185"?> ISBN 978-3-8233-4000-3 - www.narr.de Waren es Kavaliersfahren, fromme Märsche oder bequeme Reisen, die unsere Vorfahren während des Mittelalters in das ferne Santiago de Compostela unternahmen? Was veranlasste die Menschen zu einer solchen Pilgerfahrt; wie erlebten sie die Fremde? Teilten die Pilger auch noch im Spätmittelalter den Glauben an die wundersamen Kräfte der Jakobus-Reliquien? Der nun vorliegende erste Band der neuen Reihe „Jakobus-Studien“ geht diesen Fragen aus der Sicht der deutschen Pilger nach. Im Vordergrund stehen besonders diejenigen, die ihre Erfahrungen als Berichte aufzeichneten und so ein eindrucksvollen Bild von den Pilger- und Reiseerlebnissen jener Zeit vermitteln. Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen (Germanisten, Romanisten, Historiker, Volkskundler und Theologen) trugen ihre Arbeitsergebnisse zu diesem Thema erstmals 1987 in Aachen vor. Dabei behandelten sie das Thema unter verschiedenen methodischen Aspekten, sodass vor den Augen des Lesers am Ende der Lektüre ein facettenreiches Bild der deutschen Jakobuspilger entsteht. Klaus Herbers (Hrsg.) Klaus Herbers (Hrsg.) DEUTSCHE JAKOBSPILGER UND IHRE BERICHTE DEUTSCHE JAKOBS- PILGER UND IHRE BERICHTE Klaus Herbers (Hrsg.)
