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Code-Switching bei bilingual aufwachsenden Kindern

Eine Analyse der gemischtsprachlichen Nominalphrasen unter besonderer Berücksichtigung des Genus

1116
2011
978-3-8233-7683-5
978-3-8233-6683-6
Gunter Narr Verlag 
Nadine Eichler
10.24053/9783823376835

Dieses werk beschäftigt sich mit Sprachmischungen innerhalb der Nominalphrase bei bilingual aufwachsenden Kindern, die von Geburt an simultan zwei Erstsprachen erwerben. der Sprachenwechsel ist ein besonderes Phänomen der Mehrsprachigkeit und gilt als das Sprchkontaktphänomen schlechthin. die Frage nach einer Interaktion der beiden Sprachsysteme beim bilingualen Kind spielt eine zentrale Rolle in der bilingualen Erstspracherwerbsforschung. Diskutiert wird besonders das Genus in den beteiligten Sprachen (Deutsch, französich, Italienisch und Spanisch), das sich jeweils unterschiedlich auf den Sprachproduktionsprozess auswirkt. Die Hypothesen werden im Rahmen der generativen Grammatiktheorie entwickelt, wobei psycholinguistische aspekte der Sprachverarbeitung berücksichtigt werden.

9783823376835/9783823376835.pdf
<?page no="0"?> Nadine Eichler Code-Switching bei bilingual aufwachsenden Kindern Eine Analyse der gemischtsprachlichen Nominalphrasen unter besonderer Berücksichtigung des Genus <?page no="1"?> Code-Switching bei bilingual aufwachsenden Kindern <?page no="2"?> Tübinger Beiträge zur Linguistik herausgegeben von Gunter Narr 528 <?page no="3"?> Code-Switching bei bilingual aufwachsenden Kindern Eine Analyse der gemischtsprachlichen Nominalphrasen unter besonderer Berücksichtigung des Genus Nadine Eichler <?page no="4"?> Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.d-nb.de abrufbar. © 2011 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier. Internet: http: / / www.narr.de E-Mail: info@narr.de Printed in Germany ISSN 0564-7959 ISBN 978-3-8233-6683-6 <?page no="5"?> 5 Vorwort Die vorliegende Dissertation wurde im Dezember 2010 an der Bergischen Universität Wuppertal im Fachbereich A Geistes- und Kulturwissenschaften eingereicht. Das ursprüngliche Manuskript wurde für die Veröffentlichung an einigen Stellen überarbeitet. An dieser Stelle möchte ich meinen Dank an all diejenigen richten, die mich bei der Erstellung der vorliegenden Arbeit unterstützt und begleitet haben. Ganz besonders möchte ich mich bei meiner Betreuerin Natascha Müller bedanken, die mich bereits am Anfang meines Studiums für die Spracherwerbs- und Mehrsprachigkeitsforschung begeistert hat. Ihre fachliche Unterstützung begleitete mich von den ersten Semestern meines Studiums bis zum Abschluss der Promotion. Ich möchte mich außerdem ganz herzlich bei Kay González-Vilbazo bedanken, der mir durch konstruktive Anregungen und stete Gesprächsbereitschaft wichtige Impulse zum Gelingen der vorliegenden Dissertation gab. Mein Dank gilt darüber hinaus allen weiteren Mitgliedern meiner Prüfungskommission (Prof. Dr. Katrin Schmitz und Prof. Dr. Joachim Jacobs). Für die konstruktive Zusammenarbeit möchte ich auch meinen Kolleginnen, vor allem Laia Arnaus Gil, Veronika Jansen, Anika Schmeißer, Jasmin Müller und Marisa Patuto danken. Weiterer Dank gebührt den studentischen Hilfskräften aus dem Forschungsprojekt und den Kindern, die ich für meine Arbeit untersuchen durfte. Für die Durchsicht des gesamten Manuskripts bedanke ich mich inbesondere bei Katrin Schmitz, Laia Arnaus Gil und Veronika Jansen. Schließlich möchte ich mich ganz besonders bei meiner Familie und Freunden bedanken. Ohne ihre Geduld und motivierenden Zuspruch wäre ein Gelingen der Arbeit wohl um ein Vielfaches schwieriger gewesen. Ich danke besonders Gábor dafür, dass er mir immer zur Seite stand und mich auch in sehr schwierigen Phasen geduldig begleitet hat. Meinen Eltern und meinem Bruder möchte ich von Herzen für die seelische und leibliche Unterstützung danken. Ich widme die Dissertation meinem Vater, der in der Endphase meiner Doktorarbeit im November 2010 verstorben ist. Ohne die zahlreichen und intensiven Gespräche mit ihm, hätte ich mein Ziel nicht erreicht. <?page no="6"?> 6 Vorwort ................................................................................................. 5 1 Einleitung .................................................................................. 11 1.1 Gegenstandsbereich und Zielsetzung ..................................... 11 1.2 Der theoretische Rahmen........................................................... 13 1.3 Ergebnis der Untersuchung ....................................................... 17 1.4 Aufbau der Arbeit ....................................................................... 21 2 Bilingualer Spracherwerb und Code-Switching ...................................................................... 22 2.1 Kompetenz und Performanz - Transfer und Interferenz .... 22 2.2 Sprachentrennung und Spracheneinfluss .............................. 24 2.3 Zum Konzept der Sprachdominanz......................................... 25 2.4 Sprachmischungen im bilingualen Individuum .................. 27 2.5 Definitionen ................................................................................. 30 2.6 Sprachmischungen im erwachsenen Individuum ................ 34 2.6.1 Soziolinguistische und pragmatische Beschränkungen ................................................................ 34 2.6.2 Grammatische Beschränkungen ..................................... 36 2.6.2.1 Equivalence Constraint und Free Morpheme Constraint ............................................................. 37 2.6.2.2 Rektionsbeschränkung ....................................... 39 2.6.2.3 Functional Head Constraint .............................. 40 2.6.2.4 Evidenz gegen eine dritte Grammatik ............. 42 2.6.3 Zusammenfassung ............................................................ 45 2.7 Sprachmischungen im bilingualen Kind ............................... 46 <?page no="7"?> 7 2.7.1 Sprachmischungen als Evidenz eines sprachlichen Systems ............................................................................... 47 2.7.2 Sprachmischungen und die Entwicklung getrennter Systeme ............................................................................... 50 2.7.3 Sprachmischungen und Sprachdominanz .................... 52 2.7.4 Zusammenfassung ............................................................ 58 3 Empirische Untersuchung: Teil I der Longitudinalstudien ............................................................ 60 3.1 Datenbasis und methodisches Vorgehen ............................... 60 3.2 Datenbasis und methodisches Vorgehen ............................... 63 3.3 Bestimmung des Balanciertheitsgrades der Sprachen im bilingualen Kind.......................................................................... 68 3.4 MLU-Differenz und durchschnittliche MLU-Differenz ..... 69 3.5 Quantitative Analyse .................................................................. 77 3.5.1 Mischungen im französischen Kontext.......................... 80 3.5.2 Mischungen im spanischen Kontext .............................. 81 3.5.3 Mischungen im italienischen Kontext............................ 83 3.5.4 Mischungen im deutschen Kontext ................................ 84 3.5.5 Mischungen im Sprachvergleich..................................... 88 3.5.6 Zusammenfassung der Ergebnisse ................................. 90 3.6 Qualitative Analyse und die Rolle der funktionalen Kategorie........................................................................................ 91 3.6.1 Evidenz gegen bilinguales Bootstrapping ..................... 91 3.6.2 Funktionale Kategorie vs. lexikalische Kategorie ........ 96 3.6.3 Zusammenfassung der Ergebnisse ............................... 126 3.7 Diskussion der Untersuchungsergebnisse ........................... 130 4 Theoretische Grundlagen zum Genus: Grammatiktheorie und Zielsysteme ......................... 143 <?page no="8"?> 8 4.1 Neuere generative Ansätze ...................................................... 145 4.1.1 Grundannahmen im Sonde-Ziel-Modell ..................... 145 4.1.2 Grundannahmen in der Distributed Morphology ......... 149 4.1.2.1 Zur Einordnung der DM.................................. 149 4.1.2.2 Relevante Termini in der DM.......................... 151 4.2 Beschreibung der Genussysteme in den vier Sprachen ...................................................................................... 153 4.2.1 Genus in der französischen DP ..................................... 153 4.2.2 Genus in der spanischen DP.......................................... 156 4.2.3 Genus in der italienischen DP ....................................... 159 4.2.4 Genus in der deutschen DP ........................................... 162 4.2.5 Die Genussysteme im Vergleich ................................... 165 4.3 Regeln der Genuszuweisung in den vier Zielsprachen..... 166 4.3.1 Semantische Genuszuweisungsregeln zu Nomina .... 168 4.3.2 Morphologische Genuszuweisungsregeln zu Nomina ............................................................................. 168 4.3.3 Phonologische Genuszuweisungsregeln zu Nomina ............................................................................. 176 4.4 Genus im monolingualen und bilingualen Erstspracherwerb ....................................................................... 183 4.4.1 Verschiedene Ansätze zum Genuserwerb................... 184 4.4.2 Der Erwerb des Genus im monolingualen Erstspracherwerb ............................................................ 186 4.4.3 Der Erwerb des Genus im bilingualen Erstspracherwerb ............................................................ 191 4.5 Genus und Psycholinguistik ................................................... 196 4.5.1 Hierarchisch-serielle Modelle........................................ 198 4.5.2 Kaskadenmodelle ............................................................ 199 4.5.3 Psycholinguistische Studien zum Genus..................... 201 4.5.4 Formale Genustransparenz und Zugriff auf die Genusinformation ........................................................... 204 4.5.5 Zur autonomen und integrierten Genusrepräsentation im bilingualen Individuum ................................ 209 4.6 Untersuchungen zum Genus in der gemischten DP .......... 214 <?page no="9"?> 9 4.7 Genus und Syntax ..................................................................... 228 4.7.1 Evidenz gegen eine eigene Genusphrase: Genus als syntaktisches Merkmal ................................................... 228 4.7.2 Evidenz gegen eine Genusphrase: Genus als lexikalisches Merkmal .................................................... 233 4.8 Genus und die Rolle des Nomen-Verb-Lexikons im Spracherwerb.............................................................................. 239 4.8.1 Der Erwerb des Lexikons im monolingualen Individuum ...................................................................... 240 4.8.2 Der Erwerb des Lexikons im bilingualen Individuum ...................................................................... 246 4.8.3 Die (a)symmetrische Nomen-Verb-Entwicklung: Ein Indiz für die Repräsentation von Genus............... 249 4.9 Zusammenfassung und Hypothesen..................................... 256 5 Teil II der Longitudinalstudien .................................. 261 5.1 Übersetzungsäquivalente Nomen .......................................... 261 5.2 Kategorien und Genus in der gemischten DP ..................... 265 5.3 Genus in der gemischten DP................................................... 273 5.3.1 Deutsche Determinante + Romanisches Nomen........ 273 5.3.2 Romanische Determinante + Deutsches Nomen........ 276 5.3.3 Italienische Determinante + Französisches Nomen... 279 5.3.4 Französische Determinante + Italienisches Nomen... 280 5.3.5 Artikelformen in der gemischten DP ........................... 281 5.3.6 Zusammenfassung der Ergebnisse ............................... 283 5.4 Die analysierten Sprachkombinationen und Genus in der gemischten DP..................................................................... 284 5.4.1 Mischungen der deutsch-italienischen Kinder ........... 285 5.4.2 Mischungen der deutsch-französischen Kinder ......... 288 5.4.3 Mischungen der deutsch-spanischen Kinder.............. 292 5.4.4 Mischungen der italienisch-französischen Kinder..... 294 5.4.5 Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse .... 295 <?page no="10"?> 10 5.5 Sprachdominanz und Genus in der gemischten DP .......... 298 5.6 Einfluss formaler Genustransparenz und Genus in der gemischten DP............................................................................ 302 5.7 Genusmarkierung der Wurzel und Genus in der gemischten DP............................................................................ 312 5.7.1 Messung der (a)symmetrischen Nomen-Verb- Entwicklung im kindlichen Lexikonerwerb................ 315 5.7.1.1 Nomen-Verb-Faktor im monolingualen Kind ..................................................................... 319 5.7.1.2 Nomen-Verb-Faktor im bilingualen Kind..... 321 5.7.2 Nomen-Verb-Faktor und Genusrepräsentation ......... 328 5.7.3 Zusammenfassung der Ergebnisse ............................... 339 5.8 Sprachenwechsel im Wort ....................................................... 341 6 Diskussion der Untersuchungsergebnisse: Genus in der gemischten DP ........................................ 349 6.1 Analyse im Rahmen eines präsyntaktischen Morphologiemoduls ................................................................. 349 6.2 Analyse im Rahmen der Distributed Morphology .............. 369 6.3 Der Algorithmus zur Genuskongruenz im Rahmen der Distributed Morphology..................................................... 379 6.4 Diskussion der beiden Ansätze .............................................. 407 7 Schlussbetrachtung und Ausblick ............................. 410 9 Anhang ...................................................................................... 430 <?page no="11"?> 11 1 Einleitung Die vorliegende Dissertation beschäftigt sich mit Code-Switching (CS) bei bilingual aufwachsenden Kindern, die von Geburt an simultan zwei Erstsprachen erwerben. Der Sprachenwechsel ist ein besonderes Phänomen der Mehrsprachigkeit und gilt als Sprachkontaktphänomen schlechthin. Im vorliegenden Rahmen wird es um die Untersuchung der intra-sententialen Sprachmischungen, d.h. dem Sprachenwechsel innerhalb von Sätzen, zwischen Determinierer und Nomen gehen. Als Datenbasis dienen spontane Sprachdaten 17 bilingualer Kinder, die entweder Deutsch und eine romanische Sprache (Französisch, Spanisch, Italienisch) oder zwei romanische Sprachen (Französisch und Italienisch) erwerben. Vorrangig als Spracherwerbsarbeit konzipiert wird die vorliegende Untersuchung der Frage nachgehen, wie sich der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen vollzieht und nicht warum bilinguale Kinder ihre beiden Sprachen im Diskurs mischen. Es wird keine pragmatische Diskursanalyse erfolgen, da für die vorliegende Analyse die diskurspragmatischen Gründe für den Sprachenwechsel nicht von Interesse sind. 1.1 Gegenstandsbereich und Zielsetzung Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht in der Beschreibung des Sprachenwechsels zwischen Determinierer und Nomen bei bilingual aufwachsenden Kindern. Die Frage nach einer Interaktion der beiden Sprachsysteme im bilingualen Kind spielt eine zentrale Rolle in der Forschung zum bilingualen Erstspracherwerb. Sprachmischungen liefern Evidenz dafür, dass die beiden Sprachsysteme im bilingualen Individuum interagieren. Aus diesem Grund ist die Analyse des Sprachenwechsels von besonderem Interesse, da sie Aufschluss über die Interaktion der beiden Sprachsysteme im bilingualen Sprecher liefert. In der Sprachwechselforschung werden Sprachmischungen oftmals als eine Behelfsstrategie betrachtet, insofern bilinguale Kinder Kompetenzlücken in einer der beiden Erstsprachen durch den Sprachenwechsel füllen (vgl. Gawlitzek-Maiwald und Tracy 1996). Ferner werden Beobachtungen zum frühkindlichen Sprachenwechsel häufig dahingehend interpretiert, dass die Sprachdominanz bzw. der Balanciertheitsgrad der beiden Sprachen zueinander das kindliche Mischen beeinflusst. Hierbei gilt der jeweilige Balanciertheitsgrad als Indikator für die Mischrichtung, da bei einer unausgeglichenen Sprachentwicklung Sprachelemente unidirek- <?page no="12"?> 12 tional aus der starken Sprache in die schwache Sprache gemischt werden, um Kompetenzlücken in der schwachen Sprache zu füllen. Im ersten Teil der empirischen Untersuchung (Kap. 3) werden in diesem Zusammenhang die folgenden Fragen fokussiert: Wie häufig treten Sprachmischungen zwischen einer Determinante und einem Nomen bei bilingual aufwachsenden Kindern auf? Mischen bilinguale Kinder in einer ihrer beiden Sprachen häufiger und lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Sprachdominanz im bilingualen Kind und der Anzahl der intra-sententialen Sprachmischungen zwischen Determinierer und Nomen feststellen? Welche Rolle kommt der Determinante beim kindlichen Sprachenwechsel zu? Mischen unbalancierte Kinder häufiger die funktionale Kategorie aus der starken Sprache, da sie diese in der schwachen Sprache noch nicht erworben haben? In diesem Zusammenhang wird die sogenannte Bilingual Bootstrapping Hypothesis von Gawlitzek-Maiwald und Tracy (1996) verfolgt, um zu überprüfen, ob sich bei einer unbalancierten Zweisprachigkeit tatsächlich eine undirektionale Mischrichtung von der starken in die schwache Sprache nachweisen lässt. Im zweiten Teil der empirischen Untersuchung (Kap. 5) werden die kindlichen Sprachmischungen zwischen Determinierer und einem Nomen im Hinblick auf die Genusmarkierung an der Determinante untersucht. Von besonderem Interesse sind die Fälle, in denen das Genus des Nomens in beiden Sprachen voneinander abweicht: Richtet sich das Genus der Determinante überwiegend nach dem Genus des Nomens (z.B. lafem Sonne fem - frz. le mask soleil mask , it. il mask sole mask , sp. el mask sol mask ) oder bestimmt häufiger das Genus des Übersetzungsäquivalents aus der jeweils anderen Sprache das Genus der Determinante (z.B. Genus des Äquivalents: frz. le mask Sonne fem , it. il mask Sonne fem , sp. el mask Sonne fem )? Hierbei wird es um die Frage gehen, wonach sich das Genus richtet und welche Faktoren die Genusmarkierung an der Determinante beeinflussen. Insgesamt werden in der vorliegenden Arbeit vier unterschiedliche Sprachen (Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch) analysiert. Für die Zuweisung von Genus im Deutschen und in den romanischen Sprachen sind in der einschlägigen Literatur verschiedene Regeln (morphologische, phonologische und semantische Genusprinzipien) formuliert worden. Die Komplexität der einzelnen Regelsysteme variiert sprachenabhängig und es wird deutlich, dass das Verhältnis von formaler Transparenz und Genus im Französischen und Deutschen nicht annähernd so eindeutig ist wie im Italienischen und Spanischen. Ein weiteres Ziel der vorliegenden Untersuchung ist, zu überprüfen, ob die sprachspezifischen Form-Genus-Korrelationen einen Einfluss auf die Genuszuweisung beim kindlichen Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen haben. <?page no="13"?> 13 Das deutsche Genussystem ist ternär, in dem Maskulinum, Femininum und Neutrum unterschieden werden. Das französische, spanische und italienische Genussystem ist jeweils binär. Es wird ausschließlich zwischen Maskulinum und Femininum differenziert. Da es in den untersuchten romanischen Sprachen kein Neutrum gibt, stellt sich die Frage, wonach sich das Genus einer romanischen Determinante richtet, wenn die bilingualen Kinder ein deutsches Nomen im Neutrum mischen. Diese Verschiebung führt dazu, dass die deutschen Neutra nur mit einer femininen oder maskulinen romanischen Determinante auftreten können. (1) Französische Determinante + deutsches Nomen le mask Buch neutr - la fem Buch neutr (2) Spanische Determinante + deutsches Nomen il mask Buch neutr - la fem Buch neutr (3) Italienische Determinante + deutsches Nomen el mask Buch neutr - la fem Buch neutr Wie sich der Sprachenwechsel zwischen einer romanischen Determinante und einem deutschen Nomen im Neutrum vollzieht, soll ebenfalls Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Im vorliegenden Rahmen können und sollen nicht alle Aspekte zum Thema Genus im Einzelnen aufgezeigt werden. Vielmehr geht es darum, spezifische Bereiche zu fokussieren und die Relevanz für den bilingualen Spracherwerb im Hinblick auf die Repräsentation von Genus anhand des Sprachenwechsels zwischen Determinierer und Nomen zu erarbeiten. Die relevanten Untersuchungsergebnisse und die Kernaussagen der vorliegenden Arbeit werden in Kap. 1.3 in knapper Form zusammengefasst. 1.2 Der theoretische Rahmen Die Entscheidung bei der Wahl des Grammatikmodells fiel auf das von Chomsky (1993, 1995 ff.) konzipierte Minimalistische Programm (MP), wobei insbesondere das Sonde-Ziel-Modell des späten Minimalismus für die vorliegende Arbeit von Bedeutung sein wird. Darüber hinaus werden die Untersuchungsergebnisse zum Genus im Rahmen der Distributed Morphology (DM) erklärt, die einen rein syntaxbasierten Ansatz in der generativen Grammatik darstellt (u.a. Halle & Marantz 1993, Halle 1997, Marantz 1997, Harley & Noyer 1999). Obwohl die Grundideen der DM nicht unmittelbar mit dem Minimalismus zu- <?page no="14"?> 14 sammenhängen, kann der DM-Ansatz mit dem späten Minimalismus durchaus kombiniert werden 1 . Das Minimalistische Programm steht in der Tradition der generativen Syntaxtheorien und stellt die aktuellste Form innerhalb der generativen Grammatik dar. Im Gegensatz zu der von Chomsky (1981, 1986a) eingeführten Prinzipien- und Parametertheorie, die als Vorläufer des MPs aufgefasst wird, werden im MP die Repräsentationsebenen, die derivationellen Zwischenstufen und die Anzahl der funktionalen Kategorien so weit wie möglich reduziert. Eine weitere zentrale Idee im minimalistischen Modell ist, dass Sprache ein perfektes System darstellt, d.h. sprachliche Ausdrücke optimal sind. Die Grammatik wird als ein System aufgefasst, das aus zwei Komponenten besteht: (1) einem Lexikon und (2) einem Derivationsmechanismus (C HL = computational system of human language). Das in zwei Schnittstellen mündende Berechnungssystem C HL ist für das Erzeugen syntaktischer Strukturen zuständig. Bei den Schnittstellen handelt es sich um die Phonetische Form ( ) und die Logische Form ( ). Das Berechnungssystem kann eine unendliche Menge komplexer Ausdrücke (syntaktische Strukturen) aus den Elementen des Lexikons erzeugen. Dabei beinhaltet das Lexikon alle Informationen, die das Berechnungssystem für das Generieren syntaktischer Strukturen benötigt. Dem Lexikon kommt somit ein besonderer Stellenwert zu, da es den Input für jeden Derivationsprozess in der Syntax bereitstellt. Nach Chomsky (1995) ist das Lexikon der Ort, an dem idiosynkratische Informationen lexikalischer Einheiten spezifiziert sind. Dabei spielt die optimale Kodierung lexikalischer Informationen eine wesentliche Rolle, da sie die Vorraussetzung für jeden syntaktischen Derivationsprozess ist. Der Lexikoneintrag eines jeden lexikalischen Items (LI) beinhaltet jeweils phonologische, semantische und formal-grammatische Information, die in Merkmalsmengen repräsentiert werden. Bezüglich der formal-grammatischen Merkmale (FF) wird zwischen (a) intrinsischen (z.B. Genusmerkmale von Substantiven) und (b) optionalen Merkmalen (z.B. Kasus- und Numerusmerkmale) differenziert. Intrinsische Merkmale beschreiben inhärente Eigenschaften lexikalischer Einheiten, während optionale Merkmale kontextabhängig sind, d.h. sie werden erst durch den Kontext, in dem das jeweilige Lexem auftreten soll, determiniert. Des Weiteren können Merkmale semantisch interpretierbar oder nicht-interpretierbar sein. Interpretierbare Merkmale sind u.a. die nominalen phi-Merkmale, die auf der LF-Repräsentation enthalten sein müssen, da sie für die semantische Interpretation eines Sat- 1 Pomino (2008) integriert beispielsweise in ihrer Untersuchung zur spanischen Verbalflexion den DM-Grammatikaufbau in die Architektur des minimalistischen Sonden- und Phasenmodells. <?page no="15"?> 15 zes relevant sind. Abstrakte Kasusmerkmale sind hingegen auf LF nicht interpretierbar und dürfen auf dieser Ebene nicht vorkommen. In einem ersten Derivationsschritt (Numeration) wird dem Lexikon mithilfe der Operation Select eine ungeordnete Menge lexikalischer Einheiten entnommen, aus denen die sprachliche Äußerung generiert werden soll. Die Numeration bildet somit die Schnittstelle zwischen Lexikon und Syntax. Darüber hinaus basiert der Strukturaufbau auf den zentralen Operationen Merge, Move und Agree, wobei ausschließlich die Operationen Merge und Agree für vorliegende Arbeit relevant sind. Mittels der Operation Merge werden zwei Elemente zu einem neuen, komplexeren Element zusammengefügt. Die Operation Merge bildet aus zwei Elementen und das Objekt K = { { , }}, wobei das Etikett (Label) von K ist (vgl. Grewendorf 2002). Die Operation Agree ist eine Übereinstimmungsoperation, die im Abschnitt 4.1.1 genauer definiert wird, da sie im Sondenansatz des späten Minimalismus eine wesentliche Rolle spielt. Durch die Operation Spellout kann die erzeugte syntaktische Struktur bzw. die Lexemfolge vom Sprecher nun ausgesprochen werden. Nach Spellout wird die semantische Repräsentation mit der externen Schnittstelle C-I (Konzeptuell-Intentionale Schnittstelle) und die PF Repräsentation mit der A-P (Artikulatorisch-Phonetische Schnittstelle) verbunden. Das MP lässt sich nach Gabriel und Müller (2008) folgendermaßen schematisieren: Abb. (1) Eine Derivation konvergiert, wenn PF- und LF-Repräsentationen für die jeweiligen externen Schnittstellen lesbar sind, ansonsten bricht die Derivation zusammen (crash). Konvergiert eine Derivation, dann enthält sie nur interpretierbare Merkmale und das Prinzip der vollständigen Interpretation ist erfüllt. Interpretierbare Merkmale wie die nominalen phi- Merkmale müssen auf LF zugänglich sein. Nicht-interpretierbare Merkmale müssen aus der Derivation getilgt werden, um zu verhindern, dass die Derivation kollabiert. Sie können nämlich von LF nicht gelesen wer- <?page no="16"?> 16 den. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das MP auf einer auf ein Minimum reduzierten Grammatiktheorie basiert, da es lediglich von einem Lexikon, einem Berechnungssystem CHL und zwei Schnittstellen ( , ) Gebrauch macht. Ohne den Anspruch einer hinreichenden Darstellung des MPs zu erheben, hat der vorliegende Abschnitt nur einen kleinen Einblick in die komplexe Architektur des MPs gewährt. Im Rahmen des generativen Kategoriensystems wird zwischen funktionalen und lexikalischen Kategorien unterschieden. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen und es stellt sich die Frage, zu welcher der genannten Kategorien Nomina und Determinanten gehören. Während Nomina stets zu den lexikalischen Kategorien gezählt werden, ist in der Literatur über den Status von Determinanten kontrovers diskutiert worden. In der Literatur ging man lange Zeit davon aus, dass die Nominalphrase eine maximale Projektion von N darstellt und Determinanten die Spec-Position der NP besetzen (vgl. u.a. Jackendoff 1977). In neueren Studien ist jedoch dafür argumentiert worden, dass die NP von einer funktionalen Kategorie dominiert wird. Die Idee, dass der Nominalkomplex eine funktionale Kategorie D enthält, geht auf Brame (1982) zurück und wurde später durch die von Abney (1987) formulierte DP-Hypothese fortgeführt. Abney (1987) nimmt einen Zusammenhang zwischen den Eigenschaften der funktionalen Kategorien I und C im Satz und D in Nominalphrasen an und führt aufgrund dieser Ähnlichkeit die funktionale Kategorie D für die NP ein. Es wird deutlich, dass die Struktur des Nominalkomplexes mit dem Strukturaufbau im verbalen Bereich verglichen werden kann, da sowohl in der funktionalen Kategorie D als auch in der funktionalen Kategorie I Referenz und Kongruenz hergestellt werden. Abb. (2) NP-Analyse Abb. (3) DP-Analyse Schließlich haben spätere Forschungsarbeiten dazu geführt, dass zwischen D und N noch weitere funktionale Kategorien vorgeschlagen wurden. Abney (1987) und Löbel (1990) argumentieren dafür, dass quantifi- <?page no="17"?> 17 zierende Elemente den Kopf der funktionalen Kategorie QP (Quantifier Phrase) darstellen. Somit wären Q° und D° funktionale Köpfe der erweiterten NP. Löbel (1990) nimmt an, dass D° eine QP selegiert und der funktionale Kopf Q° eine NP. Die funktionale Kategorie D würde somit im Strukturbaum höher als Q stehen. Außerdem wurde in der Literatur eine eigene funktionale Kategorie für Kasus (KP) vorgeschlagen, die eine Position oberhalb der DP im Strukturbaum besetzt (z.B. Löbel 1990). Ritter (1991, 1992), Bernstein (1993) und Valois (1997) argumentieren für eine Numerusphrase (NumP), die sie zwischen der DP und der NP ansiedeln. Auch Ritter (1991) liefert am Beispiel des Hebräischen Evidenz dafür, eine funktionale Projektion NumP (Numerusphrase) für nominale Numerusmerkmale zwischen D und N anzunehmen. Weiterhin wurde in der generativen Literatur vielfach für eine funktionale Genusphrase (GenP) argumentiert (vgl. Picallo 1991). Im weiteren Verlauf der Arbeit wird auf die Annahme eines funktionalen Genuskopfes in der Syntax noch näher eingegangen. Die Argumentation wird deutlich machen, dass die Annahme einer funktionalen GenP in der Syntax nicht notwendig ist (vgl. Kapitel 4.7). Die Unterscheidung zwischen der funktionalen Kategorie D und der lexikalischen Kategorie N ist für die vorliegende Untersuchung von zentraler Bedeutung. Es wird deutlich werden, dass sich für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen Unterschiede im Hinblick auf das Mischen der funktionalen Kategorie bei den bilingualen Kindern zeigen. 1.3 Ergebnis der Untersuchung Die Dissertation kommt zu dem Ergebnis, dass der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen von allen intra-sententialen Sprachmischungen am häufigsten auftritt. Die Datenbasis umfasst 1.940 gemischtsprachliche DPn, die 52% aller intra-sententialen Mischungen ausmachen. Die gemischtsprachlichen DPn (z.B. la rom Sonne dt ) werden ebenso in Relation zu den einsprachigen DPn (z.B. die dt Sonne dt ) gesetzt. Es zeigt sich, dass DP-Mischungen über den gesamten Untersuchungszeitraum sehr selten sind, von allen intra-sententialen Mischungen aber der am häufigsten auftretende Mischpunkt darstellt. Der prozentuale Anteil der gemischten DPn beträgt im Vergleich zu der monolingualen Datenbasis nur 3%. Außerdem besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen der Sprachkompetenz im bilingualen Kind und der Anzahl der gemischten DPn, die in den kindlichen Sprachdaten aufgetreten sind. Es ist also nicht der Fall, dass über die Sprachkompetenz eines bilingualen Kindes Aussagen darüber gemacht werden können, wie häufig der Sprachenwechsel <?page no="18"?> 18 zwischen einer Determinante und einem Nomen In der CS-Literatur zum frühkindlichen Spracherwerb wird angenommen, dass unbalancierte Kinder überwiegend funktionale Elemente aus der starken in die schwache Sprache mischen, um eine grammatische Lücke (grammatical gap) in der schwachen Sprache zu füllen (vgl. Petersen 1988, Gawlitzek-Maiwald & Tracy 1996, Lanza 1997, Bernardini & Schlyter 2004). Die vorliegenden empirischen Befunde zeigen jedoch, dass nicht alle unbalancierten Kinder ein unidirektionales Mischverhalten aufweisen. Die Implikation, dass bilinguale Kinder mit einer schwachen Sprache auch häufiger funktionale Kategorien aus der starken in die schwache Sprache mischen, wird durch die vorliegenden Untersuchungsergebnisse widerlegt. Die Generalisierung für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen basiert auf einer einseitigen Implikation und kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Bilinguale Kinder, die häufig funktionale Kategorien mischen, entwickeln eine schwache Sprache. Eine schwache Sprache zu haben, führt jedoch nicht immer dazu, dass ein unbalanciertes Kind auch häufiger die funktionale Kategorie aus der starken in die schwache Sprache mischt. Das Mischen der funktionalen Kategorie ist kein kompetenzgetriebenes Phänomen, sondern steht in Zusammenhang mit der Sprachperformanz und erfolgt aus psycholinguistischen Gründen. Die Mischrichtung wird im vorliegenden Rahmen über einen inhibitorischen Kontrollmechanismus beim kindlichen Sprachenwechsel insofern erklärt, als die Inhibition des funktionalen Skeletts der starken Sprache mehr inhibitorische Kontrolle erfordert als die Inhibition des funktionalen Skeletts der schwachen Sprache. Die vorliegende Arbeit wird zeigen, dass die Inhibition der starken Sprache mit weniger Aufwand verbunden ist, wenn unbalancierte Kinder einen hohen Redefluss (fluency) in der schwachen Sprache aufweisen. Die Inhibition der starken Sprache gelingt einem unbalancierten Kind besser, wenn es ein bestimmtes Niveau im Hinblick auf den Redefluss in der schwachen Sprache erreicht hat. Die Aufgabe eines bilingualen Kindes besteht im Erwerbsprozess nun darin, das inhibitorische System zu trainieren und weiter auszubauen, sodass die nichtbeteiligte Sprache bei der Sprachproduktion aktiv inhibiert wird. Ferner kommt die Arbeit zu dem Ergebnis, dass die Genusmarkierung innerhalb gemischtsprachlicher DPn nach Regeln verläuft, welche nicht dem Code-Switching eigen, sondern aus den beteiligten grammatischen Systemen ableitbar sind. In den Fällen, in denen das Genus des Nomens in beiden Sprachen voneinander abweicht, bestimmt überwiegend das Genus des Nomens das Genus der Determinante. Das Genus des Übersetzungsäquivalents ist in der Regel nicht relevant. Für die Fälle, bei denen die bilingualen Kinder auf das Genus des Übersetzungsäquivalents zurückgreifen, zeichnet sich ab, dass die Sprachkombination relevant ist. <?page no="19"?> 19 Die deutsch-französischen Kinder greifen signifikant häufiger auf das Genus des deutschen bzw. das Genus des romanischen Äquivalents zurück als die bilingual deutsch-spanischen, deutsch-italienischen und italienisch-französischen Kinder. Ist das Nomen deutsch und die Determinante französisch, dann bestimmt häufig das Genus des französischen Äquivalents das Genus der französischen Determinante. (4) Französische Determinante + deutsches Nomen: le mask Sonne fem frz. le mask soleil mask dt. die fem Sonne fem Diese Beobachtung gilt ebenfalls für die gemischten DPn mit einem französischen Nomen, da die deutsch-französischen Kinder häufig das Genus des deutschen Äquivalents an der deutschen Determinante markieren. (5) Deutsche Determinante + französisches Nomen: die fem soleil mask dt. die fem Sonne fem frz. le mask soleil mask Während für die bilingual deutsch-französischen Kinder das Genus des Äquivalents in beide Richtungen relevant ist, zeigen die Untersuchungsergebnisse in der deutsch-italienischen und deutsch-spanischen Studie, dass die bilingualen Kinder besonders bei einem deutschen Nomen auf das Genus des romanischen Äquivalents zugreifen. (6) Spanische Determinante + deutsches Nomen: el mask Sonne fem sp. el mask sol mask dt. die fem Sonne fem (7) Italienische Determinante + deutsches Nomen: il mask Sonne fem it. il mask sole mask dt. die fem Sonne fem Im Vergleich dazu zeigen die empirischen Befunde für die gemischten DPn mit einem spanischen bzw. italienischen Nomen, dass die bilingualen Kinder kaum auf das Genus des deutschen Äquivalents zugreifen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Sprache des Nomens für die Genuszuweisung eine Rolle spielt, da besonders in den gemischten DPn mit einem deutschen bzw. französischen Nomen das Genus des jeweiligen Äquivalents für die Genusmarkierung an der Determinante relevant ist. Die Hypothese der vorliegenden Arbeit ist, dass der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen nur durch sprachspezifische Eigenschaften der beteiligten Einzelsprachen reguliert wird. Es soll dafür argumentiert werden, dass die beobachteten Unterschiede mit den Sprachen Deutsch und Französisch versus Spanisch und Italienisch zusammenhängen und eben nicht mit speziellen Beschränkungen <?page no="20"?> 20 des Code-Switching erklärbar sind. Betrachtungen zur Derivationsmorphologie im Deutschen und in den romanischen Sprachen liefern Evidenz dafür, dass sich die untersuchten Einzelsprachen unterscheiden. In der vorliegenden Arbeit soll dafür argumentiert werden, dass im Spanischen und Italienischen Wurzeln eine Genusmarkierung im Lexikon tragen, während im Französischen und Deutschen Wurzeln genuslos sind. Im Rahmen des DM-Modells wird angenommen, dass Wurzeln keine Wortartinformation im narrow lexicon aufweisen. Kategorielose Wurzeln müssen sich stets mit einem kategorie-bestimmenden Kopf (z.B. n°, v° oder a°) verbinden. Eine weitere Hypothese der vorliegenden Arbeit basiert auf der Annahme, dass Genus im Deutschen und Französischen ein Merkmal von klein n° ist. Erst durch Inkorporation in klein n° erhalten französische und deutsche Wurzeln Genus. Demnach wird Genus im Deutschen und Französischen erst später im Verlauf der Derivation aufgelöst als im Spanischen und Italienischen. Während im Deutschen und Französischen Wurzeln genuslos in die Syntax eingesetzt werden, ist Genus im Spanischen und Italienischen ein inhärentes Merkmal der Wurzel. Die deutschfranzösischen Kinder greifen am häufigsten auf die Möglichkeit der Genusmarkierung über das Übersetzungsäquivalent zurück. Das Genus des Äquivalents ist in beide Richtungen relevant, da Genus in beiden Sprachen ein Merkmal von klein n° ist. Für die deutsch-spanischen und deutsch-italienischen Kinder zeigen die Ergebnisse, dass das Genus des Übersetzungsäquivalents besonders dann relevant ist, wenn die Kinder ein deutsches Nomen realisieren. Im Deutschen wird Genus erst später im Verlauf der Derivation aufgelöst, sodass in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen das Genus des romanischen Äquivalents für die Genusmarkierung an der Determinante von Bedeutung ist. Weitere Evidenz liefern nicht nur die Zielsprachen selbst, im Besonderen die Diminutivbildung und die Konversion, sondern auch die sprachspezifischen Erwerbsmuster im frühkindlichen Lexikonerwerb und die beobachteten Asymmetrien beim wortinternen Sprachenwechsel. Während im Minimalistischen Programm Wörter den Input der syntaktischen Derivation bilden, stellen sie in der Distributed Morphology den Output des Berechnungssystems dar. In der vorliegenden Arbeit wird ebenfalls ein Ansatz vorgestellt, in dem genuslose Wurzeln Genus durch Merge mit funktionalen Elementen vom Typ derivationeller oder inflektionaler Morpheme in einem präsyntaktischen Morphologiemodul, welches an das eigentliche Lexikon angeschlossen ist, erwerben. Die vergleichende Bewertung der beiden generativen Ansätze wird jedoch deutlich machen, dass die DM unter Einbeziehung ökonomischer Überlegungen als Erklärungsansatz für die vorliegenden empirischen Befunde vorzuziehen ist. <?page no="21"?> 21 1.4 Aufbau der Arbeit Nach der in Kapitel 1 erfolgten Einleitung, die in den Problembereich eingeführt und die Ziele der Forschungsarbeit entworfen hat, werden im zweiten Kapitel Grundfragen des bilingualen Erstspracherwerbs diskutiert. Darüber hinaus wird ein Überblick über die einschlägige Literatur und die Theorien zum CS gegeben. Das dritte Kapitel stellt die analysierten bilingualen Longitudinalstudien, die Datenbasis und das methodische Vorgehen vor. Die Dissertation enthält insgesamt zwei empirische Untersuchungen (Teil I und Teil II der Longitudinalstudien). Das dritte Kapitel beinhaltet den ersten Teil der empirischen Analyse und beschäftigt sich mit der Frage, wie häufig der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen in Relation zu der monolingualen Datenbasis und in Relation zu anderen intra-sententialen Mischungen bei bilingual aufwachsenden Kinder in der Spontansprache auftritt. Außerdem wird insbesondere die Frage im Mittelpunkt stehen, in welcher Form die funktionale Kategorie das kindliche Mischen innerhalb der DP beeinflusst. Das vierte Kapitel widmet sich dem Genus in der Grammatiktheorie allgemein und in den beteiligten Zielsprachen. Zunächst werden die wesentlichen Grundzüge des Sonde-Ziel-Modells und der Distributed Morphology vorgestellt, wobei die zentralen Aspekte für diese Arbeit fokussiert werden. Auf der Basis der vorgestellten Literatur zum Genus werden die für den anschließenden empirischen Teil relevanten Hypothesen formuliert. Das fünfte Kapitel bildet den empirischen Teil II der Longitudinalstudien, in dem die Untersuchungsergebnisse im Hinblick auf die aufgestellten Hypothesen in Kapitel 4 ausgewertet werden. Das sechste Kapitel stellt zwei Analyseansätze vor, wobei die Untersuchungsergebnisse im Rahmen eines präsyntaktischen Morphologiemoduls und in der Distributed Morphology diskutiert werden. In Kapitel 7 werden die zentralen Ergebnisse der Dissertation zusammengefasst. <?page no="22"?> 22 2 Bilingualer Spracherwerb und Code-Switching Das vorliegende Kapitel beschäftigt sich mit den Grundfragen des bilingualen Erstspracherwerbs und soll einen Überblick über die einschlägige Literatur zum Code-Switching im bilingualen Individuum geben. Im Hinblick auf den bilingualen Erstspracherwerb ergeben sich die folgenden grundlegenden Fragen: Wie wird ein Kind bilingual bzw. wie hat es seine Bilingualität erworben? Können sich die beiden Sprachen im Erwerbsprozess beeinflussen? Welche Faktoren (sprachintern, sprachextern) führen zu Spracheneinfluss? Welche Folgen kann Spracheneinfluss haben? In der Literatur wurde bereits viel und kontrovers über die Definition des Begriffs Bilinguismus diskutiert. Es herrscht jedoch kein Konsens über eine einheitliche Definition, da alle bisherigen Erklärungsversuche unterschiedliche Aspekte des bilingualen Sprechers oder seiner Konditionen fokussieren. Bilinguismus kann sich sowohl auf Einzelpersonen (individueller Bilinguismus) als auch auf ganze Gesellschaften beziehen (gesellschaftlicher Bilinguismus), wie er zum Beispiel in der mehrsprachigen Schweiz vorzufinden ist. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem individuellen Bilinguismus, da spontane Sprachdaten bilingual aufwachsender Kinder untersucht werden, die von Geburt an zwei Muttersprachen simultan erwerben. Der Erwerb der beiden Erstsprachen vollzieht sich auf natürliche Weise, d.h. ohne formalen Unterricht. 2.1 Kompetenz und Performanz - Transfer und Interferenz Das dichotome Begriffspaar Kompetenz und Performanz, welches von Noam Chomsky in die Sprachwissenschaft eingeführt wurde, basiert auf der Unterscheidung zwischen langue und parole, der Sprache und dem Sprechen bzw. der Rede von Ferdinand de Saussure. Chomsky baut seine Unterscheidung zwischen Kompetenz in Analogie zu langue und Performanz analog zu parole bzw. in einem späteren Stadium seiner Theorie zwischen internal language und external language auf. Während für Saussure Sprache nur im sozialen Gebilde oder in der Gesellschaft real ist, wird durch die neu eingeführte Terminologie Chomskys ein Wechsel von einer sozial-orientierten zu einer biologisch-orientierten Sichtweise ausgelöst. Der aus der generativen Theorie stammende Begriff Kompetenz bezeichnet das angeborene Sprachwissen eines Individuums, das nicht durch Training oder Erfahrung erworben wird. Chomsky beschreibt mit dem Konzept der Kompetenz das Kenntnissystem eines idealisierten <?page no="23"?> 23 Sprechers und führt damit einen idealen Sprecher-Hörer ein, während die Performanz eher individueller Natur ist. Der Begriff Performanz meint die zugrunde liegende Anwendung des Sprachwissens. Das binäre Schema, das sich aus Chomskys Unterscheidung zwischen Kompetenz und Performanz ergibt, lässt sich nach Krämer (2001: 53) wie folgt charakterisieren: 1. Die Kompetenz verhält sich zur Performanz wie ein Kenntnissystem zu seinem aktualen Gebrauch, wie eine Regel zu ihrer konkreten Anwendung. 2. Die Kompetenz ist die Form der Sprache, die Performanz aber ihre Deformation. Die Analyse der Kompetenz lässt die reine Sprache hervortreten, die Analyse der Performanz dokumentiert deren Verzerrung durch den Einfluss nichtsprachlicher Faktoren. 3. Die Kompetenz ist verborgen, die Performanz jedoch ein beobachtbares Phänomen. Die vorliegende Arbeit analysiert Spracherwerbsdaten, welche immer Performanzdaten sind. Es stellt sich die Frage, inwieweit das sprachliche Wissen (Kompetenz) eines Individuums anhand von Performanzdaten erfasst werden kann, und von der Performanz auf die Kompetenz des Sprechers Rückschlüsse gezogen werden können. Die Performanz eines Individuums kann je nach psychologischer und physiologischer Verfassung des Sprechers beeinflusst werden und ein verzerrtes Bild des sprachlichen Wissens widerspiegeln. Die Besonderheit bilingual aufwachsender Kinder besteht nun darin, dass sie zwei Kompetenzen erwerben müssen, ihnen aber nur ein Performanzsystem zur Verfügung steht. Im Folgenden wird das Begriffspaar Transfer und Interferenz definiert, welches hinsichtlich des Spracheneinflusses von Bedeutung ist. Der Begriff Transfer wird besonders in der Zweitspracherwerbsforschung gebraucht und bezeichnet ein Kompetenzphänomen, bei dem es um die Übertragung von Sprachwissen aus der Sprache A auf die Sprache B geht. Zudem wird in der Literatur zwischen negativem und positivem Transfer unterschieden. Negativer Transfer meint die Übertragung sprachlichen Wissens, wobei die Mutter- und Zweitsprache in den betroffenen grammatischen Bereichen unterschiedlich sind. Der Transfer aus der Muttersprache wirkt sich somit negativ auf den Erwerb der Zweitsprache aus, sodass ungrammatische Konstruktionen entstehen, die nicht der Zielgrammatik der zu erwerbenden Zweitsprache entsprechen. Positiver Transfer entsteht, wenn die Mutter- und Zweitsprache in grammatischen Bereichen übereinstimmen und der L2-Lerner sprachliches Wissen aus seiner Muttersprache auf die Zweitsprache übertragen und somit positiv nutzen kann. Das Erlernen der Zweitsprache wird erleichtert und be- <?page no="24"?> 24 schleunigt, da der Lerner Regularitäten aus seiner Erstsprache auf die Zweitsprache problemlos übertragen kann. Interferenz bezeichnet ein Performanzphänomen, d.h. die Beeinflussung eines Sprachsystems durch ein anderes, welches mit dem Kontext variiert und unsystematisch auftritt. Die Interferenz ist ein Phänomen individueller Natur und steht somit im Kontrast zu dem Begriff Transfer. 2.2 Sprachentrennung und Spracheneinfluss Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Spracherwerbsdaten bilingual aufwachsender Kinder, die von Geburt an zwei Erstsprachen erwerben. Bis heute werden gegen diese Form des Bilinguismus immer wieder Bedenken geäußert. In der Literatur zum bilingualen Erstspracherwerb wird oftmals behauptet, dass dieser Verzögerungen unterliegt und die zielsprachlichen Systeme nicht voneinander getrennt werden können und keines der beiden Sprachsysteme korrekt und vollständig erworben wird. Im Abschnitt 2.6, in dem es um Sprachmischungen bei bilingualen Kindern geht, werden drei unterschiedliche Grundpositionen vorgestellt, die sich mit dem Thema der Sprachentrennung und des Spracheneinflusses beschäftigt haben. Spracheneinfluss kann sich in drei unterschiedlichen Formen manifestieren: Als Erleichterung/ Beschleunigung (faciliaton/ acceleration), Verzögerung (retardation/ delay) oder als Transfer. Beschleunigend kann Spracheneinfluss sein, wenn ein grammatisches Phänomen, das von monolingualen Kindern langsamer erworben wird, den Erwerb dieses Phänomens bei bilingualen Kindern in einer der beiden Erstsprachen beschleunigt. In diesem Fall tritt eine Eigenschaft in der Grammatik der betreffenden Sprache bei bilingualen Kindern früher auf, als dies im monolingualen Erwerb die Norm gewesen wäre. Bei der Verzögerung wird angenommen, dass bilinguale Kinder langsamere Lerner sind als monolinguale Kinder, da sie im Vergleich weniger Input in beiden Erstsprachen erhalten. Die Verlangsamung stellt somit das Gegenteil der Beschleunigung dar, weil eine Eigenschaft in der Grammatik bei bilingualen Kindern später auftritt als es im monolingualen Erwerb die Norm gewesen wäre. Die dritte Möglichkeit des Spracheneinflusses ist der Transfer, d.h. die Übertragung von bestimmten Strukturen von einer Sprache in die andere (vgl. Kapitel 2.2). Obwohl in vielen Forschungsarbeiten Spracheneinfluss als negativ dargestellt wird, können bilinguale Sprecher die Situation des Sprachenkontakts für sich positiv nutzen. Müller und Hulk (2000, 2001) gehen von zwei Kriterien aus, die beim Spracheneinfluss auftreten können. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, <?page no="25"?> 25 dass der Maßstab jeweils die Schwierigkeiten sind, die monolinguale Kinder in dem spezifischen grammatischen Bereich aufweisen: 1. Sprache A beinhaltet Konstruktionen, die (aus der Perspektive des Kindes) mehrere syntaktische Analysen zulässt und Sprache B derart beschaffen ist, dass sie Evidenz enthält für eine dieser möglichen Analysen. Dabei handelt es sich um eine Überlappung im jeweils ausgesuchten Bereich. 2. Das relevante grammatische Phänomen berührt die Schnittstelle zwischen Modulen, zum Beispiel zwischen Syntax und Pragmatik oder zwischen Syntax und Phonologie. Wahrscheinlich handelt es sich um Spracheneinfluss, wenn eines oder beide Kriterien erfüllt sind. Die beiden Kriterien lassen jedoch die Frage offen, welche der beiden Sprachen die beeinflusste sein wird, da sie nur die Möglichkeit des Auftretens von Spracheneinfluss eröffnen. Die Autorinnen Müller, Cantone, Kupisch und Schmitz (2002) ziehen ein Ökonomieprinzip (Berechnungskomplexität) heran, wonach weniger komplexe Analysen komplexeren Analysen vorzuziehen sind. Im Spracherwerbsprozess wird ein bilinguales Kind eine weniger komplexe Analyse vorziehen, wenn es zwischen zwei möglichen Analysen auswählen kann. Hierbei kann es zu einer Übergeneralisierung der weniger komplexen Analyse kommen, wenn das bilinguale Kind die weniger komplexe Analyse auf beide Sprachen anwendet. Nach Müller et al. (2002) sollten komplexere Analysen nicht auf beide Sprachen anwendbar sein. 2.3 Zum Konzept der Sprachdominanz In der Mehrspachigkeitsforschung wird das Konzept der Sprachdominanz bis heute kontrovers diskutiert. Der Begriff Sprachdominanz meint, dass im simultanen, frühkindlichen Erwerb zweier Erstsprachen zeitweise unterschiedliche Kompetenzen in beiden Sprachen des bilingualen Kindes beobachtet werden. Bilinguale Kinder können in einer der beiden Sprachen einen weiter fortgeschrittenen Sprachentwicklungsstand aufweisen als in der jeweils anderen Sprache. In der Literatur wird der Begriff Sprachdominanz auch oft mit dem Ausdruck „Überlegenheit einer Sprache“ assoziiert oder es wird von dem Vorhandensein einer starken und einer schwachen Sprache gesprochen (vgl. u.a. Bernardini & Schlyter 2004, Arencibia Guerra 2008). Schlyter (1993) nimmt an, dass sich die starke (überlegene) Sprache im bilingualen Kind wie die jeweilige Erstsprache im monolingualen Kind entwickelt, während sich der Erwerb der schwachen Sprache im Vergleich zum monolingualen Erwerb langsamer <?page no="26"?> 26 vollzieht. Im bilingualen Spracherwerbsprozess ist das Verhältnis der beiden Erstsprachen zueinander nicht immer konstant, d.h. die Überlegenheit einer Erstsprache über die andere kann sich über die Entwicklung verändern. Während die unbalancierte Zweisprachigkeit durch eine Distanz der beiden Erstsprachen zueinander gekennzeichnet ist, wird der balancierte Erwerb zweier Erstsprachen durch eine mehr oder weniger gleich stark ausgeprägte Kompetenz in beiden Muttersprachen beschrieben. Es stellt sich jedoch die Frage, wie das Verhältnis der beiden Erstsprachen zueinander im bilingualen Individuum gemessen werden kann. Hierzu ist in der Bilinguismusforschung eine Vielzahl von Kriterien vorgeschlagen worden, anhand derer der jeweilige Balanciertheitsgrad im bilingualen Individuum determiniert werden soll. Die meisten Autoren differenzieren zwischen zwei unterschiedlichen Gruppen von Kriterien (Performanz- und Kompetenzkriterien). In der Forschungsarbeit von Cantone, Kupisch, Müller und Schmitz (2008) wird ein zusammenfassender Überblick über die in der Literatur angewandten Performanz- und Kompetenzkriterien zur Bestimmung der Dominanzverhältnisse im bilingualen Individuum gegeben. Kriterien wie die absolute Äußerungsanzahl oder der Anteil an Sprachmischungen scheinen für die Abrufbarkeit oder die Präferenz einer Sprache zu stehen und bilden somit ein Performanzkriterium. Im Gegensatz dazu interpretieren die Autorinnen den MLU (Mean Length of Utterance), der sich aus der Summe jeder Äußerungslänge, die wort- oder morphembasiert ermittelt werden kann, dividiert durch die Anzahl der Sprachaufnahmen ergibt, als ein Kompetenzkriterium. In der Spracherwerbsforschung wird der MLU am häufigsten verwendet, um den Balanciertheitsgrad im bilingualen Kind zu bestimmen. Arencibia Guerra (2008) zeigt in ihrer Untersuchung, dass der MLU ein sehr zuverlässiges Kriterium zur Bestimmung der Sprachdominanz bei bilingualen Kindern ist. Aus diesem Grund wird auch in der vorliegenden Arbeit dieses Kriterium zur Bestimmung des Balanciertheitsgrades bei den analysierten bilingualen Kindern verwendet. Dennoch wird in der Literatur die Verwendung des MLUs stark kritisiert, da noch Uneinigkeit besteht, ob der MLU ein quantitatives (vgl. Bernardini & Schlyter 2004) oder qualitatives Kriterium (vgl. Müller & Kupisch 2003) darstellt. Ferner ist die Vergleichbarkeit des MLUs hinsichtlich verschiedener Sprachen oftmals ein Kritikpunkt. Für stark divergierende Sprachen sind verschiedene Regeln aufgestellt worden, die die Unterschiede in den beiden Erstsprachen ausgleichen sollen. Beispielsweise werden Komposita im Deutschen Werte entsprechend der Anzahl der einzelnen Worteinheiten zugeordnet, um den jeweiligen Übersetzungsäquivalenten in der jeweils anderen Sprache näher zu kommen (z.B. dt. Korkenzieher, frz. tire-bouchon). <?page no="27"?> 27 Arencibia Guerra (2008) schlägt insgesamt die folgenden vier Kriterien zur Bestimmung des Balanciertheitsgrades im bilingualen Individuum vor: MLU, Upper Bound 2 , Lexikonentwicklung 3 und Redefluss 4 . Darüber hinaus existieren in der Literatur noch weitere Kriterien zur Bestimmung der Dominanzverhältnisse im bilingualen Kind (u.a. die Standardabweichung des MLUs, der Erwerb funktionaler Kategorien, die Mischrichtung, Hesitationen und die Traumsprache). Obwohl die vorliegende Arbeit das Konzept der Sprachdominanz nicht weiter konkretisieren wird, soll in der empirischen Untersuchung (Teil I und Teil II der Longitudinalstudien) der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Sprachdominanz im bilingualen Kind den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen beeinflusst. 2.4 Sprachmischungen im bilingualen Individuum Im Folgenden soll ein Überblick über die einschlägige Literatur zum Code-Switching (CS) bei bilingualen Sprechern gegeben werden. Zunächst wird es um die allgemeinen Definitionen von Sprachmischungen gehen (Kap. 2.4). Anschließend werden die unterschiedlichen Forschungsansätze zur Untersuchung von Sprachmischungen vorgestellt, wobei der Fokus auf den grammatischen Faktoren liegt (Kap. 2.5). Schließlich werden die in der Literatur vorherrschenden Ansätze zum frühkindlichen Sprachenwechsel präsentiert (Kap. 2.6). Der Sprachenwechsel gilt als ein Sprachkontaktphänomen, bei dem zwei oder mehrere Sprachen entweder im selben Individuum oder in einer Sprachgemeinschaft abwechselnd gebraucht werden. Demzufolge stellen Sprachmischungen ein besonderes Phänomen der Mehrsprachigkeit dar, die als Wörter, Sätze oder Kontexte definiert werden, in denen mehrsprachige Individuen ihre Sprachen verwenden (vgl. Müller et al. 2006). Oftmals empfinden monolinguale Sprecher den Sprachenwechsel der sich unterhaltenden bilingualen Individuen als unsystematisch bzw. willkürlich und wissen nicht, dass dieser grammatischen Restriktionen unterliegt. Kompetente bilinguale Sprecher können jedoch gemischtsprachliche Äußerungen als (un)grammatisch bewerten, da sie nicht an jeder Stelle im Satz einen Sprachenwechsel akzeptieren. In der CS-Litera- 2 Der Upper Bound stellt die längste Äußerung in einer Sprachaufnahme dar und kann ebenfalls wie der MLU in Morphemen oder Wörtern gemessen werden. 3 Bei der Lexikonentwicklung wird der Anstieg von Verb- und Nomentypen in den jeweiligen Sprachaufnahmen gemessen. 4 Der Redefluss (fluency) kann nach Arencibia Guerra (2008) durch die Anzahl an produzierten Wörtern pro Minute in einer Sprachaufnahme gemessen werden. <?page no="28"?> 28 tur werden unterschiedliche Begriffe verwendet, um das Phänomen des Sprachenwechsels zu beschreiben. Im Folgenden werden die unterschiedlichen Verwendungen der einzelnen Begriffe wie Code-Switching, Language-Mixing, Code-Mixing und Alternation kurz erläutert, die für das Phänomen des Sprachenwechsels gebraucht werden. In der Literatur besteht jedoch keinesfalls Einigkeit über die Bezeichnung dieses Phänomens. Von Bedeutung scheint in diesem Zusammenhang aber auch nicht die Bezeichnung zu sein, sondern wie der Sprachenwechsel beschrieben und erklärt wird. Der Begriff Code-Switching wird bis heute überwiegend zur Untersuchung der Erwachsenensprache gebraucht, nicht jedoch in der bilingualen Erstspracherwerbsforschung. Der frühkindliche Sprachenwechsel wird häufig als eine ungrammatische Sprechweise angesehen und demzufolge als eine Unfähigkeit, beide Sprachen während der Sprachproduktion zu trennen. Die Analyse von Sprachmischungen ist von besonderem Interesse, da sie Aufschluss über die Interaktion der beiden Sprachsysteme im bilingualen Individuum liefern kann. Sie hat demzufolge den Vorteil, dass die Interaktion der beiden Sprachsysteme an der sprachlichen Oberflächenstruktur direkt sichtbar wird (z.B. bei der Genuszuweisung in gemischtsprachlichen DPn: der mask chat mask und die fem chat mask - die fem Katze fem ). Das Genus des französischen Nomens chat weicht von dem Genus des deutschen Übersetzungsäquivalents Katze ab, da das französische Nomen chat (Katze) maskulin ist und das deutsche Nomen Katze feminin. Die Sprachmischung der mask chat mask zeigt, dass sich das Genus des deutschen Determinieres nach dem maskulinen Genus des französischen Nomens richtet. Im Gegensatz dazu verdeutlicht die gemischte DP die fem chat mask , dass das feminine Genus des deutschen Übersetzungsäquivalents Katze fem das Genus des Determinieres bestimmt. Folglich gibt die Analyse der Genuszuweisung in gemischten DPs Aufschluss darüber, wie die beiden Lexika im bilingualen Individuum interagieren. Im Hinblick auf die Repräsentation von Genus im mentalen Lexikon kann die Untersuchung des Sprachenwechsels zwischen Determinierer und Nomen u.a. auch dazu dienen, psycholinguistische Erkenntnisse über den Zugriff auf die Genusinformation zu gewinnen und es können Aussagen darüber gemacht werden, wie Genus im mentalen Lexikon bilingualer Individuen repräsentiert ist. Darüber hinaus kann die Analyse von Sprachmischungen dazu beitragen, allgemeine Hypothesen über die Organisation und den Aufbau des Lexikons aufzustellen. Hierbei ist es wichtig, den Sprachenwechsel nicht länger auf eine mangelnde Kompetenz im bilingualen Individuum zurückzuführen. Dennoch beziehen sich die meisten Studien, die sich mit dem kindlichen Sprachenwechsel beschäftigen, immer wieder auf einen Mangel an pragmatischer, lexikalischer oder grammatischer Kom- <?page no="29"?> 29 petenz, um dieses Phänomen bei bilingualen Kindern erklären zu können. Hierbei versteht man unter dem Fehlen von pragmatischer Kompetenz, dass mehrsprachige Kinder noch nicht dazu in der Lage sind, ihre Sprachwahl nach dem jeweiligen Interaktionspartner auszurichten. Der Mangel an lexikalischer Kompetenz bedeutet, dass Kinder bestimmte Wörter in der einen Sprache noch nicht erworben haben und aus diesem Grund übersetzungsäquivalente Wörter der anderen Sprache gebrauchen, um diese „lexikalische Lücke“ (lexical gap) zu kompensieren. Diese Strategie wird in der Literatur häufig mit lexical gap-filling strategy bezeichnet. Das Fehlen von grammatischer Kompetenz wird dadurch begründet, dass Kinder bestimmte grammatische Strukturen, die sie bereits in einer ihrer beiden Erstsprachen erworben haben, in der jeweils anderen Sprache verwenden. Im Gegensatz zu den allgemeinen Begriffen wie Sprachmischung oder Language-Mixing, die eher als Oberbegriffe aufgefasst werden und von Meisel (1994a: 414) mit „all instances where features of the two languages are juxtaposed, within a clause or across clause boundaries, irrespective of the etiology of these phenomena“ beschrieben werden, versteht man unter Code-Switching den gezielten Gebrauch der beiden Sprachen, wobei die Wahl der jeweiligen Sprache von bestimmten Faktoren (z.B. Interaktionspartner(in), Situation und Gesprächsthema) abhängig ist. CS unterliegt gewissen grammatischen Beschränkungen, unabhängig davon, ob es sich um mehrsprachige Erwachsene oder Kinder handelt. Aufgrund der gezielten Sprachwahl beim CS, werden zwei separate Systeme im bilingualen Individuum postuliert. Der Begriff Code-Mixing kann auf zwei unterschiedliche Arten aufgefasst werden: Entweder ist er mit dem Begriff Code-Switching gleichzusetzen oder er wird für das kindliche Mischen im Verlauf des Spracherwerbs verwendet. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Code- Switching für die Analyse des Sprachkontakts bevorzugt, da Code-Mixing überwiegend mit einem nicht regelhaften Mischen assoziiert wird. In der CS-Literatur wurden zahlreiche Beschränkungen für den Sprachenwechsel vorgeschlagen, die in den letzten 25 Jahren jedoch stark kritisiert wurden. Dennoch ist es wichtig, diese Beschränkungen vorzustellen, da sie für die Diskussion der nachfolgenden empirischen Daten von Bedeutung sind. Im Anschluss daran wird ein Modell präsentiert, das nicht von eigenen Regeln, also einer dritten Grammatik, für das Code- Switching ausgeht, sondern allein die grammatischen Regularitäten der involvierten Sprachen für Wohlgeformtheit von Code-Switching nutzt (vgl. MacSwan 1999, 2000a). <?page no="30"?> 30 2.5 Definitionen Die Ursprünge der Sprachwechselforschung liegen in der Bilingualismus- und Zweitspracherwerbsforschung, da der Sprachenwechsel auch nur bei mehrsprachigen Sprechern beobachtet werden kann. Bei der Analyse von Sprachmischungen muss zwischen einem mehrsprachigen Individuum und einer mehrsprachigen Gemeinschaft differenziert werden, da letztere nicht notwendigerweise aus mehrsprachigen Individuen bestehen muss. In den meisten Fällen kommt es aber zu Überschneidungen, insofern als eine mehrsprachige Gemeinschaft zumindest einen Teil mehrsprachiger Sprecher beinhaltet. Die Bedingung, dass CS überhaupt auftreten kann, ist genau dann gegeben, wenn sowohl die Sprachgemeinschaft als auch der Sprecher mehrsprachig sind. Nach González-Vilbazo (2005: 17) sind für CS die folgenden drei Kriterien ausschlaggebend: 1. Der Sprecher muss bilingual sein. 2. Es muss im Diskurs die Sprache gewechselt werden. 3. Es sind mindestens zwei grammatische Systeme vorhanden. Innerhalb der CS-Forschung entwickelten sich unterschiedliche Forschungsrichtungen, die den Sprachenwechsel entweder aus soziolinguistischer, pragmatischer, psycholinguistischer oder grammatischer Perspektive betrachten. Aus soziolinguistischer Perspektive kann Code-Switching abhängivom linguistischen Kontext und von der sozialen Umgebung des Sprechers variieren. Bei jeder Mischung geht es um die Frage, weshalb sie in dem spezifischen Kontext aufgetreten ist und nicht, ob sie eine bestimmte grammatische Regel der einen oder der anderen Sprache verletzt hat. CS- Forscher, die den Sprachenwechsel aus einer pragmatischen Perspektive verstehen unter Code-Switching eine Diskurs-Strategie (Gumperz 1976, Grosjean 1982). Das Mischen der beteiligten Sprachen wird als individueller Sprachstil bilingualer Sprecher betrachtet, dem eine pragmatische Funktion zugrunde liegt. Die psycholinguistische Perspektive untersucht hauptsächlich, wie stark die beiden Sprachen innerhalb eines zwei- oder mehrsprachigen Gesprächs aktiviert sind. Grosjean (1998, 2001) geht davon aus, dass der Aktivierungsgrad der beiden Sprachen in Abhängigkeit vom jeweiligen Gesprächskontext (monolingual/ bilingual) variiert. Wenn beide Individuen bilingual sind, dann ist die Voraussetzung für den Sprachenwechsel gegeben („bilingual mode“). In diesem Fall sind die beteiligten Sprachen ähnlich stark aktiviert. Befindet sich eine bilinguale Person in einem monolingualen Kontext, dann unterscheidet sich der Aktivierungsgrad der beiden involvierten Sprachen insofern, als die jeweils andere Sprache <?page no="31"?> 31 nicht vollständig aktiviert wird. Der monolinguale und bilinguale Sprachmodus stellen hierbei die Endpunkte auf einem Kontinuum dar. Der Aktivierungsunterschied der beiden Sprachen nimmt in Richtung des monolingualen Sprachmodus zu, d.h. eine der beiden Sprachen ist fast vollständig deaktiviert. Je mehr sich ein bilingualer Sprecher im bilingualen Modus befindet, desto kleiner ist der Aktivierungsunterschied in beiden Sprachen, was eine fast gleich starke Aktivierung der beiden Sprachen impliziert. Dennoch ist auch im bilingualen Sprachmodus immer eine Sprache stärker aktiviert als die andere. In einem zweisprachigen Gesprächskontext wird Code-Switching als eine logische Schlussfolgerung dieser Situation betrachtet und vollständig akzeptiert. Im Gegensatz dazu wird der Sprachenwechsel in einer monolingualen Situation als unangemessen empfunden. Des Weiteren untersuchen viele Autoren Sprachmischungen aus einer grammatischen Perspektive, indem sie prüfen, ob die grammatische Integrität beider Sprachen berücksichtigt wird. Hierbei geht es darum, Beschränkungen bzw. Regeln für den Sprachenwechsel aufzustellen. Di- Sciullo, Muysken und Singh (1986) verwenden den Begriff Code-Mixing, um auf das Mischen mehrsprachiger Kinder zu verweisen. Nach Di Sciullo et al. (1986) ist der kindliche Sprachenwechsel durch ein Fehlen von pragmatischen und grammatischen Regularitäten gekennzeichnet. Die Autoren grenzen die beiden Begriffe Code-Mixing und Code- Switching voneinander ab, da sie der Meinung sind, dass Code-Switching ein soziolinguistisches Phänomen ist. Muysken (2000: 4) nimmt folgendes an: „switching is only an appropriate term for the alternation type of mixing“. Code-Switching beschreibt also das Alternieren mehrerer Sprachen innerhalb einer Unterhaltung, während Code-Mixing durch das Auftreten lexikalischer Items und grammatischer Merkmale zweier Sprachen innerhalb einer Äußerung gekennzeichnet ist (vgl. Muysken 2000: 1). Ferner differenziert Muysken (2000) bei der Analyse von CS drei Unterkategorien: Insertion (insertion), Alternation (alternation) und kongruente Lexikalisierung (congruent lexicalisation). Unter Insertion versteht Muysken (2000) das Mischen von Elementen aus einer Sprache in die jeweils andere (vgl. Beispiel (1a)). Alternation beschreibt Sprachmischungen hinsichtlich der Oberflächenstruktur beider Sprachen, d.h. der Sprachenwechsel tritt an Stellen in einer Äußerung auf, die in beiden Sprachen gleich sind (vgl. Beispiel (1b)). Kongruente Lexikalisierung ist dadurch gekennzeichnet, dass die beiden beteiligten Sprachen zwar eine strukturelle Ähnlichkeit aufweisen, das Mischen aber aus soziolinguistischen Gründen geschieht (vgl. Beispiel (1c)). Diese Art des Sprachenwechsels erscheint insbesondere auf der Ebene typologisch ähnlicher <?page no="32"?> 32 Sprachen oder zwischen Dialekt und Standardsprache. In der Literatur wird dieses Phämomen auch als Code-Shifting bezeichnet. (1) a. Morgen fahre ich zum lago (=See). b. Das ist ein bel ragazzo (=schöner Junge). c. Das ristorante an der Ecke ist sehr gut (=Restaurant). (vgl. Müller, Schmitz, Kupisch, Cantone 2006) Meisel (1994: 415) betrachtet Code-Switching als eine Fähigkeit des mehrsprachigen Individuums und betont, dass es sich hierbei nicht um ein Defizit seitens der jeweiligen Sprecher handelt. Er argumentiert dafür, dass mehrsprachige Individuen ihre Sprachen gleichzeitig benutzen können und sie während des Mischens soziolinguistische, pragmatische und grammatische Regularitäten berücksichtigen: „Code-switching is the ability to select the language according to the interlocutor, the situational context, the topic of conversation, and so forth, and to change languages within interactional sequence in accordance with sociolinguistic rules and without violating specific grammatical constraints“. In der Literatur werden die Begriffe Code-Switching und Code-Mixing häufig inkonsistent gebraucht. Nach Meisel sollte im bilingualen Erstspracherwerb erst dann von Code-Switching gesprochen werden, wenn Kinder die bestimmenden Regeln für den Sprachenwechsel beherrschen. Bei der Untersuchung von Sprachmischungen stellt die Annahme einer sogenannten Basis-Sprache einen weiteren wichtigen Aspekt dar. Die sogenannte Basis-Sprache ist diejenige Sprache, in die sprachliche Einheiten hineingemischt werden, und die über eine größere Anzahl an Wörtern während einer Unterhaltung verfügt. Myers-Scotton (1993) führt schließlich den Begriff Matrix-Sprache (matrix language) in die CS-Literatur ein, welcher mit dem der Basis-Sprache gleichzusetzen ist. Die Matrix-Sprache gibt den morphosyntaktischen Rahmen für die sogenannte eingebettete Sprache (imbedded language) vor. „Code-switching is the selection by bilinguals or multilinguals of forms from an embedded language (or languages) in utterances of a matrix language during the same conversation“(Myers-Scotton 1993: 4). Die Autorin geht also von einem Hierarchieverhältnis zwischen den Sprachen aus und glaubt an die Vorhersagbarkeit und an die syntaktischen Beschränkungen von Code-Switching. Welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um eine Sprache als Basis-Sprache und die andere als eingebettete Sprache zu bestimmen, hat in der Literatur zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt. Einige Autoren behaupten, dass die Matrix-Sprache diejenige ist, in der die meisten Morpheme innerhalb einer Äußerung auftreten (vgl. Myers-Scotton 1993). Für andere Forscher scheint die Sprache <?page no="33"?> 33 des Verbs von entscheidender Bedeutung zu sein, da sie die Basis-Sprache als diejenige Sprache definieren, aus der das finite Verb stammt (vgl. u.a. Mahootian & Santorini 1996). Im Gegensatz dazu geht der diskursorientierte Ansatz von Berk-Seligson (1986) davon aus, dass die Matrix- Sprache mit der Kontextsprache gleichzusetzen ist. Im Folgenden werden die Begriffe Entlehnung (borrowing) und Lehnwort (loan word) kurz erläutert, da die Unterschiede zwischen Code-Switching und Entlehnung nicht immer eindeutig definiert sind (vgl. Romaine 1995). Bei der Entlehnung wird zwischen drei unterschiedlichen Arten differenziert: lexikalische, semantische und syntaktische Entlehnung. Bei der lexikalischen Entlehnung wird ein Lexem mit seiner Bedeutung oder einem Teil dieser Bedeutung aus der Sprache A in die Sprache B übernommen und bildet ein Lehnwort mit phonologischen Merkmalen der Sprache B. Ein Lehnwort ist das Resultat einer sprachlichen Entlehnung, bei der ein Wort aus einer Sprache A in eine andere Sprache B übernommen wird. Ein entlehntes Wort gehört für einen Sprecher nicht mehr zur Ursprungssprache, sondern gilt als vollständig integriert in die jeweilige Muttersprache des Sprechers. Bei der semantischen Entlehnung (calque) wird ausschließlich die Wortbedeutung eines Wortes der Sprache A als neue oder zusätzliche Bedeutung auf ein Wort der Sprache B übertragen. Unter syntaktischem Borrowing wird die Entlehnung syntaktischer Konstruktionen aus der Sprache A in die Sprache B verstanden. Worin unterscheiden sich nun die beiden Sprachkontaktphänomene CS und Borrowing? Während bei der Entlehnung kein Sprachenwechsel stattfindet, da das entlehnte Wort vollständig zur Muttersprache des jeweiligen Sprechers gehört, impliziert CS einen Wechsel zwischen den beteiligten Sprachen. Beim CS behalten die geswitchten Elemente ihre Eigenschaften aus der Sprache, aus der sie stammen, und werden nicht in die andere Sprache integriert. Im Gegensatz zum Code-Switching ist Borrowing ein kompetenzgetriebenes Phänomen, das eine Sprachgemeinschaft oder einen Teil einer Sprachgemeinschaft betrifft. In der Literatur wurde ein weiteres Kriterium vorgeschlagen, um CS von Borrowing abzugrenzen. Über die Frequenz einzelner Lexeme sollte entschieden werden, ob es sich eher um CS oder Borrowing handelt. Das frequenz-basierte Kriterium besagt, dass bestimmte Lexeme, die von einem Sprecher häufig erneut verwendet werden, entlehnt sind. Dieses Kriterium scheint allerdings nicht länger haltbar zu sein, da bilinguale Sprecher auch aus anderen Gründen ein bestimmtes Lexem immer wieder mischen können. Im Allgemeinen wird zwischen zwei Arten oder Typen von Code- Switching differenziert: 1. inter-sententiales Code-Switching und 2. intrasententiales Code-Switching. Der inter-sententiale Sprachenwechsel wird als Mischen zwischen mindestens zwei monolingualen Äußerungen be- <?page no="34"?> 34 schrieben. Intra-sententiales Code-Switching meint das Auftreten von Elementen aus zwei oder mehr Sprachen innerhalb einer Äußerung. Des Weiteren findet man in der Literatur den Begriff Tag-Switching, der sich auf Interjektionen bezieht, die gemischt werden. Die nachfolgenden konstruierten Äußerungen aus Cantone (2007) geben Beispiele für die lexikalische Entlehnung (2), die semantische Entlehnung (3), das tag-switching (4), das inter-sententiale CS (5) und das intra-sententiale CS (6). (2) Quella situazione era too much per me. (3) Ma cos’è questo, un reality show? (4) Oggi Sara era al nuovo negozio, weisst du? (5) A: Do you know Pavarotti‘s newest song? B: Yes, I know it. È una bellissima canzone. A: Anche a me piace. (6) I love that Kleid. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass gemischtsprachliche Äußerungen unterschiedlich typisiert bzw. klassifiziert werden. Hierbei beruht die Klassifikation hauptsächlich auf zwei Kriterien: (a) Entlehnung und (b) Code-Switching. Bei letzterem liefert die Stelle, an der der Sprachenwechsel innerhalb des Diskurses stattgefunden hat, ein Klassifikationskriterium (intervs. intra-sententiales CS). Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit dem Sprachenwechsel bei erwachsenen Sprechern und beschreibt die soziolinguistischen, pragmatischen und grammatischen Beschränkungen, die in der CS-Literatur vorgeschlagen wurden. 2.6 Sprachmischungen im erwachsenen Individuum Im vorliegenden Kapitel werden die wichtigsten Beschränkungen vorgestellt, denen der Sprachenwechsel unterliegen kann. Als Vorläufer der jeweiligen Forschungsperspektiven gelten für die grammatische Ausrichtung Poplack (1980) und für die soziolinguistische Ausrichtung Gumperz (1982). Zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint die CS-Forschung auch zunehmend in anderen Forschungsbereichen (u.a. Neurolinguistik, Anthropologie, Psycholinguistik und Psychologie) sehr großes Interesse zu finden. 2.6.1 Soziolinguistische und pragmatische Beschränkungen Die soziolinguistische und pragmatische Forschung untersucht, in welchen Situationen Code-Switching möglich bzw. wahrscheinlich wird und versucht hierbei, den sozialen und linguistischen Kontext der jeweiligen <?page no="35"?> 35 Sprecher zu berücksichtigen. Die bedeutendsten Vertreter der soziolinguistischen Forschung sind Fishman (1965), Gumperz (1982), Auer (1998) und Heller (1988). Fishman (1965) untersuchte eine puertoricanische Sprechergemeinschaft in New York und führte erstmalig den Begriff „Domäne“ in die CS-Litertatur ein. Nach Fishman (1965) werden bestimmte soziale Situationen, die spezifische Bedingungen des sozialen Umfelds aufweisen, als Domäne bezeichnet. Sowohl die Rollenbeziehungen zwischen einem Schüler und einem Lehrer als auch spezifische Themenbereiche können zur Domäne „Schule“ gehören. Gumperz (1982) führte Fishmans Forschung weiter und plädierte dafür, Code-Switching nicht mehr als eine Inkompetenz des bilingualen Sprechers anzusehen, sondern als einen Sprachstil, der mehrsprachigen Individuen zusätzlich zum monolingualen Diskursmodus zur Verfügung steht. Vergleichbar sind hier Individuen einer monolingualen Sprachgemeinschaft, die oft mehrere Sprachvarietäten beherrschen zwischen denen sie wechseln können. Gumperz Analyse berücksichtigt zwar ebenfalls die Themenwahl, die Teilnehmer und die Situation innerhalb einer mehrsprachigen Kommunikation, aber er erkannte zum ersten Mal die Funktionen, die Code-Switching für den Diskurs selbst haben kann. Gumperz Unterscheidung zwischen „situational“ und „metaphorical“ CS brachte erstmals zwei unterschiedliche Arten des Sprachenwechsels hervor. Situationelles Code-Switching meint, dass bestimmte Codes oder Sprechstile innerhalb bestimmter Aktivitätsbereiche zu finden sind oder dass diese in bestimmten Situationen (z.B. in der Schule) oder in Bezug auf unterschiedliche Sprecher (z.B. Freunde, Beamte und Familienangehörige) als angemessen erachtet werden. Unter metaphorischem Code-Switching versteht Gumperz, dass der Sprachenwechsel auch eine metaphorische Funktion haben kann, ohne dass sich die Situation (z.B. das Thema oder der extralinguistische Kontext) ändert, und ein Kommunikationseffekt hervorgerufen wird bzw. eine bestimmte kommunikative Intention verfolgt wird. Der Sprachenwechsel wird hier als eine pragmatische Funktion verstanden, die Gumperz u.a. an der sogenannten Reiteration, die durch eine Wiederholung einer Äußerung in der jeweils anderen Sprache charakterisiert ist, verdeutlicht. Im nachfolgenden Beispiel ruft eine puertoricanische Mutter in New York ihre Kinder: Ven acá! Ven acá! Come here, you! Come here! Come here! Ven acá! . Der Sprachenwechsel wird hier auf zwei unterschiedliche pragmatische Funktionen zurückgeführt. Im ersten Fall wechselt die Mutter vom sogenannten we-Code (Spanisch) in den they- Code (Englisch) und drückt damit eine Warnung aus, während im zweiten Beispielsatz ein Wechsel vom they-Code (Englisch) in den we-Code (Spanisch) stattfindet und als persönliche Aufforderung interpretiert wird. Gumperz verdeutlicht mit seiner Unterscheidung zwischen we-Code und <?page no="36"?> 36 they-Code, dass eine soziale Norm für den Sprachwechsel existiert, die eine Trennung der beteiligten Sprachen voraussetzt. Der we-Code entspricht der Sprache der Minorität, d.h. der Nicht-Landessprache, während der they-Code die Sprache der Majorität, d.h. die Landessprache, bezeichnet. Die Analyse von Auer (1998) basiert zwar auf Gumperz Grundannahmen, sie modifiziert aber die Sichtweise, dass die Situation a priori gegeben sei. Auer kritisiert Gumperz Ansatz und behauptet, dass Sprecher durch den Gebrauch von Code-Switching ein Gespräch organisieren, indem der Sprachenwechsel interaktiv zur Bedeutung einer bestimmten Äußerung beiträgt. Er argumentiert dafür, dass die Unterscheidung zwischen situationsbedingtem und metaphorischem Sprachenwechsel aufgegeben werden soll, da sich die Situation erst im Laufe eines Gesprächs entwickelt und nicht als präexistent angesehen werden darf. Die Kritik an Gumperz führte dazu, dass die Unterscheidung zwischen „situational“ und „metaphorical“ Code-Switching aufgegeben und der Begriff „conversational“ CS eingeführt in die Literatur wurde (Rampton 1998, 302). Die kanadische Forscherin Heller (1988) führte eine dreieinhalbjährige Studie in einer bilingual englisch-französischen Schule in Toronto durch und kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass CS eine verbale Strategie ist, die von bilingualen Sprechern gezielt eingesetzt wird. In ihren Grundannahmen stimmt sie mit den anderen Forschern wie Auer, Gumperz und Fishman überein, da sie den Sprachenwechsel auf Gesprächsebene ansiedelt und ihn mit Hilfe der Gesprächsanalyse untersucht. 2.6.2 Grammatische Beschränkungen In den 1970er Jahren wuchs das Interesse vieler CS-Forscher Sprachmischungen nicht nur aus soziolinguistischer Perspektive zu analysieren, sondern grammatische Prinzipien zu finden, denen der Sprachstil unterliegen kann. Hierbei geht es im Wesentlichen um die Frage, an welchen Stellen einer Äußerung die Sprache gewechselt werden darf. Die grammatischen Beschränkungen wurden in einer sogenannten „dritten Grammatik“ zusammengefasst, die unabhängig von den zugrundeliegenden Grammatiken der involvierten Sprachen beim Code-Switching wirkt. Viele Studien zum erwachsenensprachlichen CS konnten zeigen, dass der Sprachenwechsel tatsächlich regelgeleitet ist (vgl. u.a. Timm 1975, Poplack 1980, Di Sciullo, Muysken & Singh 1986, Belazi, Rubin & Toribio 1994). Einerseits wurde festgestellt, dass der Sprachenwechsel an ganz bestimmten Stellen innerhalb eines Satzes vorkommt, und andererseits, welche Stellen einen grammatischen bzw. einen ungrammatischen Mischpunkt darstellen. In der CS-Literatur wurden syntaktische Beschränkungen vorgeschlagen, die den Sprachenwechsel im Satz vorhersagen kön- <?page no="37"?> 37 nen. Einige Autoren wie Labov (1971) und Lance (1975) behaupten, dass es keine syntaktischen Beschränkungen für CS gibt, da der Sprachenwechsel zufällig und demnach irregulär sei. Wenn man aber davon ausgeht, dass CS syntaktischen Beschränkungen unterliegt, dann müssen diese Restriktionen sowohl alle auftretenden Mischpunkte beschreiben können als auch für alle Sprachkombinationen Gültigkeit haben, d.h. sie müssen den Anspruch der Allgemeingültigkeit erfüllen. Ferner darf eine Beschränkung keinen Mischpunkt vorhersagen, an denen Bilinguale gar keinen Sprachenwechsel vollziehen. Die meisten Beschränkungen, die in den 1970er Jahren vorgeschlagen wurden, beziehen sich auf die Untersuchung einer bestimmten grammatischen Struktur (z.B das Specifier Constraint in Timm 1975, das Coordinating Conjunction Constraint in Gumperz 1976, das Adjective Order Constraint, das Clitic Constraint und das Inflectional Constraint in Pfaff 1979). Die Forscher sind sich einig, dass es spezifische Regeln gibt, die vorhersagen, an welchen Stellen der Sprachenwechsel im Satz auftreten kann und an welchen Stellen Sprachmischungen nicht erlaubt sind. Bei der Untersuchung von CS werden unterschiedliche Forschungsmethoden in der Literatur verwendet insofern, als einige Forscher spontansprachliche Daten analysieren oder Akzeptabilitätstests sowie die Methode der elizitierten Imitation verwenden. Ein Problem, welches sich bezüglich der Anwendung von Akzeptabilitätstests ergibt, liegt in der Auswahl des gemischtsprachlichen Materials, da unter Umständen Sätze als grammatisch/ akzeptabel beurteilt werden können, die in der Spontansprache mehrsprachiger Sprecher gar nicht vorkommen. Aus diesem Grund sollte der Sprachenwechsel möglichst in der spontanen Interaktion erfasst und analysiert werden, um diese Problematik zu vermeiden. Im Folgenden werden kurz die wichtigsten grammatischen Beschränkungen beschrieben, die in der CS-Literatur für den Sprachenwechsel formuliert wurden. 2.6.2.1 Equivalence Constraint und Free Morpheme Constraint Mit Shana Poplacks Pionieraufsatz Sometimes I’ll start a sentence in English Y TERMINO EN ESPANOL wurde 1980 die grammatische Ausrichtung der CS-Forschung begründet. Die Autorin schlägt in ihrer Untersuchung eine Restriktion für den Sprachenwechsel vor, die die lineare Abfolge der Konstituenten in den beiden involvierten Sprachen beschreibt und mit Äquivalenzbeschränkung (Equivalence Constraint) bezeichnet wird. Poplack (1978, 1981) sowie Sankoff und Poplack (1981) analysierten Sprachmischungen bei erwachsenen Sprechern mit der Sprachkombination Spanisch-Englisch, die aus Puerto Rico stammen und in New York leben. Poplack (1980) behauptet, dass der Sprachenwechsel nur dann möglich <?page no="38"?> 38 sei, wenn die lineare Abfolge der Konstituenten innerhalb der beteiligten Sprachen äquivalent ist. Die Äquivalenzbeschränkung definiert Poplack (1980: 586) folgendermaßen: (a) „The Equivalence Constraint” Code-switches will tend to occur at points in discourse where juxtaposition of L1 and L2 elements does not violate a syntactic rule of either language, that is, at points around which the surface structure of the two languages map onto each other. Code-Switching kann also nur dann auftreten, wenn die Oberflächenstruktur der beiden involvierten Sprachen gleich ist. Nach der Äquivalenzbeschränkung darf der Sprachenwechsel nur dann erfolgen, wenn die syntaktischen Strukturen der beiden Sprachen übereinstimmen. Das folgende ungrammatische Beispiel (7) zeigt, dass der Sprachenwechsel an dieser Stelle im Satz nicht erlaubt ist, weil die Oberflächenstruktur im Hinblick auf die Stellung des klitischen Objektpronomens im Englischen und Spanischen differiert. (7) *told le, le told, him dije, dije him (Poplack 1981: 176) Die Äquivalenzbeschränkung weist jedoch erhebliche Schwächen auf, da sie den Sprachenwechsel nur für diejenigen Sprachpaare vorhersagt, die typologisch sehr ähnlich sind. Außerdem sind in der Literatur viele Gegenbeispiele belegt, die das Equivalence Constraint in Frage stellen (vgl. u.a. Meyers-Scotton, Di Scullio, Muysken & Singh 1986). Nach der Äquivalenzbeschränkung sollte das folgende Beispiel (8) ungrammatisch sein, da die Nomen-Adjektiv Abfolge im Italienischen und Englischen voneinander abweicht. Dennoch werden solche Sprachmischungen bei bilingualen Sprechern in der Spontansprache beobachtet. (8) Ma ci stanno dei smart Italiani (Di Scullio, Muysken & Singh 1986: 155) Ferner bezieht sich die Beschränkung ausschließlich auf die lineare Abfolge der Konstituenten und nicht auf die hierarchische Struktur bzw. die hierarchische Beziehung zwischen den Sprachelementen. Für die vorliegende Arbeit ist die Äquivalenzbeschränkung irrelevant, da die lineare Abfolge von Determinierer und Nomen innerhalb der DP im Deutschen und in den analysierten romanischen Sprachen gleich ist. Darüber hinaus führte Poplack (1980: 586) das sogenannte Free Morpheme Constraint in die CS-Literatur ein, welches eine morphologische Beschränkung für gemischtsprachliche Kontexte definiert und den Sprachenwechsel auf Wortebene beschränkt. <?page no="39"?> 39 (b) „Free Morpheme Constraint” Codes may be switched after any constituent in discourse provided that constituent is not a bound morpheme. Nach der Beschränkung dürfen Sprachmischungen ausschließlich freie Morpheme betreffen. Demnach verstößt der Switch in Beispiel (9) gegen die Beschränkung, da der englische Verbstamm eat nicht mit dem gebundenen Morphem -iendo auftreten darf. (9) *Juan está eat-iendo (Poplack 1980: 586) In der vorliegenden Arbeit wird in Kapitel 5.8 deutlich werden, dass die analysierten Sprachdaten empirische Evidenz gegen das Free Morpheme Constraint liefern, da der Sprachenwechsel auf Wortebene bei bilingualen Sprechern in der Spontansprache durchaus nachgewiesen werden kann. Während die Ergebnisse einiger Studien die Beschränkung bestätigen (u.a. Bentahila und Davies 1983, Berk-Seligson 1986 und Clyne 1987), haben andere CS-Forscher Gegenbeispiele gefunden und widerlegen diese Restriktion (u.a. Meyers-Scotton 1993, DiSciullio, Muysken & Singh 1986). Dennoch stellt die Studie von Poplack eine der ersten Untersuchungen auf dem Gebiet der CS-Forschung dar, die eine syntaktische Erklärung für den Sprachenwechsel liefert. 2.6.2.2 Rektionsbeschränkung Innerhalb der generativen Government and Binding Theorie (GB) haben Di Sciullo et al. (1986) das sogenannte Government Constraint formuliert, welches eine strukturelle Beschränkung für CS liefern soll. Im Rahmen der X-bar Theorie projiziert der Kopf seine Merkmale innerhalb der Phrase und hat deshalb einen direkten Einfluss auf sein Komplement. Di Sciullo et al. (1986) argumentieren dafür, dass CS nur dann möglich ist, wenn keine Rektionsbeziehung zwischen den gemischten Elementen besteht. Demnach darf es keinen Sprachenwechsel zwischen dem regierenden und regierten Element geben. Nach Di Sciullo, Muysken & Singh (1986: 6) ist die Rektionsbeschränkung folgendermaßen definiert: (c) „Government Constraint” X governs Y if the first node dominating X also dominates Y, where X is a major category N, V, A, P and no maximal boundary intervenes between X and Y. Nach dem Government Constraint dürfen keine Sprachmischungen zwischen einem Verb und einem Objekt, einer Präposition und einer DP und zwischen einem Verb und seinem Satzkomplement auftreten. In der Untersuchung von Di Sciullo et al. (1986) sammelten die Autoren Sprachda- <?page no="40"?> 40 ten italienisch-französischer und hindu-englischer Sprecher und stellten die Hypothese auf, dass es in der Sprachkombination Italienisch-Französisch eher zu Sprachmischungen kommen sollte als in der Sprachkombination Englisch-Hindu, da sich das erste Sprachpaar (Italienisch-Französisch) im Hinblick auf die Wortstellung ähnelt. Die folgenden italienischfranzösischen Beispiele werden in Di Sciullo et al. (1986: 13) diskutiert. (10) E l‘altro dice come s‘appelle (11) *Io posso fare i cheques Das Beispiel (10) ist grammatisch, da der Komplementierer aus einer anderen Sprache stammen kann als der eingebettete Satz, wenn das regierende Verb und der Komplementierer aus der gleichen Sprache stammen. Das Beispiel (11) ist ungrammatisch, da der Determinierer und das Nomen nicht aus derselben Sprache stammen und das Government Constraint einen Switch zwischen einem Kopf (hier: Determinierer) und seinem Komplement (hier: Nomen) nicht erlaubt. Des Weiteren führen die Autoren den sogenannten Language Index Carrier (L q ) ein, um Äußerungen wie in (11) zu erklären. Die zentrale Annahme hierbei ist, dass alle sprachlichen Elemente einen Sprachindex tragen, der darüber entscheidet, aus welchem Lexikon sie stammen. (a) If L q carrier has index q, then Y maxq . (b) In a maximal projection Y max , the L q carrier is the lexical element that asymmetrically c-commands the other lexical elements or terminal phrase nodes dominated by Y max . Das höchste lexikalische Element in einer Projektion (L q carrier) bestimmt den Index der maximalen Projektion. Angenommen in (11) determiniert der italienische Artikel i die Sprache des ganzen Satzes, dann wird der Switch grammatisch, da der bilinguale Sprecher ein italienisches Verb und eine italienische DP verwendet hat. Dennoch wurde die Rektionsbeschränkung in der CS-Literatur weiterhin kritisiert und als unzureichend bezeichnet, da nicht wirklich begründet wird, warum zwischen einer regierenden und regierten Kategorie kein Sprachenwechsel erfolgen darf. Schließlich liefern weder die Universalgrammatik noch die Grammatiken der beiden involvierten Sprachen Evidenz dafür, dass ein Sprecher zwischen einem regierenden und regierten Element seine Sprachen nicht mischen darf. 2.6.2.3 Functional Head Constraint Wenige Jahre nach der Formulierung der o.g. Constraints versuchten Belazi, Rubin und Toribio (1994) den Sprachenwechsel mit Hilfe des Functional Head Constraints (FHC) zu begrenzen. Dieser Ansatz ist für die vorlie- <?page no="41"?> 41 gende Arbeit von besonderer Bedeutung, da die Beschränkung die Vorhersage macht, dass Sprachmischungen zwischen einem funktionalen Kopf (z.B. Determinierer) und seinem Komplement (z.B. Nomen) nicht auftreten dürfen. Nach Belazi et al. (1994) ist das FHC folgendermaßen definiert: „The language feature of the complement f-selected by a functional head, like all other relevant features, must match the corresponding feature of that functional head.” (Belazi, Rubin und Toribio 1994: 228) Im Rahmen des FHC wird ein zusätzliches Merkmal (language feature) postuliert, welches den Sprachenwechsel abbricht, sobald der funktionale Kopf und sein Komplement nicht aus derselben Sprache stammen. Die folgenden Beispiele (12) - (15) verdeutlichen die Beschränkung und zeigen, an welchen Stellen im Satz CS erlaubt ist (vgl. Belazi, Rubin und Toribio 1994: 224): (12) The professor said que el estudiante había recibido una A (13) El profesor dijo that the student had received an A (14) *The professor said that el estudiante había recibido una A (15) *El profesor dijo que the student had received an A Nach dem FHC sind die beiden Äußerungen (12) und (13) grammatisch, da jeweils der funktionale Kopf und sein Komplement aus der gleichen Sprache stammen. Der Sprachenwechsel in (14) und (15) ist somit ungrammatisch, da der Komplementierer aus einer anderen Sprache stammt als der eingebettete Satz. Das FHC unterscheidet sich insofern von Rektionsbeschränkung, da bei letzterer der Komplementierer aus einer anderen Sprache stammen darf als der eingebettete Satz. Nach Belazi, Rubin und Toribio (1994) sind Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen nicht erlaubt, da der Determinierer, welcher der Kopf der DP ist, aus der gleichen Sprache stammen muss wie das Komplement (Nomen). Die vorliegende Arbeit wird jedoch für die Spracherwerbsdaten zeigen, dass sich der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen von allen intra-sententialen Mischungen am häufigsten vollzieht (vgl. Kapitel 3.5). Die empirischen Befunde verdeutlichen, dass das FHC falsche Vorhersagen im Hinblick auf den von bilingualen Sprechern tatsächlich vollzogenen Sprachenwechsel macht. Myers-Scotton (1993) führte ein weiteres syntaktisches Modell in die CS-Literatur ein. Mit dem sogenannten Matrix-Language Frame Model (MLF) versucht die Autorin, den Sprachenwechsel durch ein Hierarchieverhältnis der beiden involvierten Sprachen beim CS zu beschreiben. Im Rahmen des MLF postuliert Myers-Scotton (1993) eine Matrix-Sprache, die den morphosyntaktischen Rahmen für die jeweils andere Sprache <?page no="42"?> 42 (embedded language) vorgibt. Die Matrixsprache bildet den Rahmen, in den Elemente der eingebetteten Sprache hineingemischt werden. Es stellt sich jedoch die Frage, wie das Konzept der Matrix-Sprache definiert ist, d.h. welche Kriterien die Matrix-Sprache festlegen. Die Autorin schlägt ein frequenz-basiertes Kriterium vor, indem sie die Matrix-Sprache über die innerhalb eines Diskurses auftretende Morphemanzahl definiert. Das heißt die Sprache, die mehr Morpheme in der gesamten Unterhaltung bereitstellt, bildet die Matrix-Sprache. Diese Analyse stößt jedoch schnell an ihre Grenzen, wenn die Matrix-Sprache in einzelnen gemischtsprachlichen Äußerungen bestimmt werden soll. Das Kriterium hätte nur einen allgemeingültigen Anspruch, wenn in allen gemischtsprachlichen Äußerungen immer dieselbe Sprache die größere Morphemanzahl bereitstellt, was aber oftmals nicht der Fall ist. Zusammenfassend kann im Hinblick auf die in der CS-Literatur vorgeschlagenen grammatischen Restriktionen folgendes Ergebnis festgehalten werden: Bei der Untersuchung intra-sententialer Sprachmischungen geht es um die Vorhersage möglicher Switchpunkte im Satz. Hierzu werden Beschränkungen formuliert, die Aussagen darüber machen, ob ein Sprachenwechsel an einer bestimmten Stelle möglich ist oder nicht. Die Beschränkungen sagen aber bestimmte Mischpunkte vorher, bei denen mehrsprachige Sprecher gar kein Sprachenwechsel vollziehen und schließen bestimmte Mischpunkte aus, an denen Sprecher häufig ihre Sprachen mischen (z.B. zwischen Determinierer und Nomen). Darüber hinaus ist die Anwendung dieser grammatischen Regeln auf bestimmte Sprachpaare beschränkt, sodass die Allgemeingültigkeit der Beschränkungen erneut in Frage gestellt wird. Die Restriktionen, die dem Sprachenwechsel zugrunde liegen, werden in einer sogenannten dritten Grammatik zusammengefasst. Die grammatischen Regeln stammen aus einer Mischung der beiden Grammatiken, d.h. einer dritten Grammatik, die als eine CS-spezifische Grammatik aufgefasst wird. Aus diesem Grund müsste für die jeweils untersuchten Sprachkombinationen eine eigene dritte Grammatik angenommen werden, wodurch die Allgemeingültigkeit der Beschränkungen jedoch nicht gewährleistet ist. Insgesamt ergibt sich eine eher unzureichende Beschreibung des Sprachenwechsels mit Hilfe der vorgeschlagenen Restriktionen. 2.6.2.4 Evidenz gegen eine dritte Grammatik Neuere Forschungsansätze auf dem syntaktischen Gebiet versuchen anhand des generativen Sprachmodells eine Erklärung für CS-Phänomene auf Satzebene zu entwerfen (vgl. MacSwan 1999). Nach MacSwan ist die Sprachfähigkeit von Bilingualen und Monolingualen grundsätzlich gleich, <?page no="43"?> 43 wobei zweisprachige Individuen über jeweils zwei getrennte Lexika und phonologische Komponenten verfügen. Im Gegensatz zu den bisher vorgeschlagenen Beschränkungen, die eine spezifische Grammatik für CS annehmen, argumentiert er dafür, dass der Sprachenwechsel allein durch die Regeln der beiden involvierten Sprachen bestimmt wird. Die Idee einer dritten Grammatik mit spezifischen Regeln für den Sprachenwechsel lehnt MacSwan ab: „Nothing constrains code switching apart from the requirements of the mixed grammars.” (MacSwan 1999: 146) Die Ablehnung einer dritten Grammatik impliziert jedoch nicht, dass alle Sprachmischungen grundsätzlich grammatisch sind. MacSwan (1999) betont, dass der Sprachenwechsel nur dann erlaubt ist, wenn dieser durch die beiden involvierten Grammatiken erklärt werden kann. In Anlehnung an MacSwan wird in der vorliegenden Arbeit angenommen, dass alle kindlichen Sprachmischungen grammatisch sind, solange die sprachspezifischen Anforderungen der beiden involvierten Sprachen erfüllt werden. Nach MacSwan (1999) lässt sich die Architektur der bilingualen Sprachfähigkeit folgendermaßen darstellen: Abb. (1) Bilinguale Sprachfähigkeit nach McSwan (1999: 188) Ein biligualer Sprecher verfügt über zwei separate Lexika aber nur über ein Berechnungssystem (C HL ), welches über die syntaktischen Operationen Select, Merge und Move verfügt. Außerdem existieren zwei getrennte phonologische Systeme für beide Sprachen. Lexikalische Elemente haben jeweils sprachspezifische Merkmale, die in die Derivation eingeführt und gecheckt werden. Wenn die Merkmale nicht abgeglichen werden können, dann bricht die Derivation ab (crash). Eine Sprachmischung resultiert aus dem Zugriff auf die lexikalischen Elemente beider Lexika, die gemeinsam in die Derivation eintreten. Hierbei ist die Operation Select für den Zugriff <?page no="44"?> 44 auf die beiden Lexika verantwortlich. Im Hinblick auf die phonologische Komponente wurde bereits erwähnt, dass diese im bilingualen Sprecher in gedoppelter Form vorliegt, d.h. für jede Sprache wird eine eigene phonologische Komponente postuliert. Um zu vermeiden, dass es zu einem Sprachenwechsel auf Wortebene kommt, formuliert MacSwan das sogenannte PF Disjunction Theorem (MacSwan 1999: 188): „PF Disjunction Theorem”: (i) the PF component consists of rules/ constraints which must be (partially) ordered/ ranked with respect to each other, and these orders/ rankings vary crosslinguistically. (ii) code switching entails the union of at least two (lexically-encoded) grammars ordering relations are not preserved under union. (iii) therefore, code switching within a PF component is not possible. Ein lexikalisches Element X 0 wird bereits im Lexikon gebildet und verfügt über sprachspezifische, phonologische Anweisungen. Dennoch werden in der Spontansprache bilingualer Sprecher wortinerne Sprachmischungen beobachtet, die von MacSwan über Entlehnung (Borrowing) erklärt werden. In dem Beispiel eat-iendo (vgl. (9)) wäre der englische Stamm in die Sprache des flektierten Morphems (hier Spanisch) phonologisch integriert. Insgesamt liefert das Modell von MacSwan eine Möglichkeit, CS ohne eine dritte Grammatik zu erklären. CS wird nach MacSwan (2000a: 45) als „the simple consequence of mixing two lexicons in the course of derivation“ aufgefasst. Demzufolge ist eine dritte Grammatik mit spezifischen Restriktionen für CS nicht mehr notwendig, da ausschließlich die sprachspezifischen Eigenschaften der beteiligten Einzelsprachen beim Sprachenwechsel berücksichtigt werden. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird die Annahme einer dritten Grammatik ebenfalls abgelehnt. Die Sprachmischungen werden ausschließlich durch die sprachspezifischen Grammatiken der involvierten Einzelsprachen beim CS beschränkt. Alle gemischtsprachlichen Äußerungen sind grammatisch, solange sie nicht die Regularitäten der involvierten Sprachen verletzen (vgl. Cantone 2007). Die Annahme von MacSwan macht für die Genuszuweisung in gemischtsprachlichen DPn die folgende Vorhersage: Wenn Genus ein inhärentes lexikalisches Merkmal des Nomens ist, dann sollte das Genus des Nomens ebenfalls in die andere Sprache gemischt werden. Das Genus der Determinante sollte durch das Genus des Nomens in der gemischten DP festgelegt werden, d.h. das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents sollte für die Genusmarkierung keine Rolle spielen. Mit anderen Worten sollten Elemente innerhalb der DP, die in einer Kongruenzbeziehung zum Nomen stehen (z.B. Artikel) das Genusmerkmal des Nomens <?page no="45"?> 45 tragen. Die folgenden Beispiele (16) und (17) verdeutlichen, dass das Genus des Nomens das Genus der Determinante bestimmt: (16) Ich habe eine fem pomme fem gegessen. Ich habe einen mask Apfel mask gegessen. (17) J’ai mangé un mask Apfel mask. J’ai mangé une fem pomme fem . Die intra-sententiale Sprachmischung in (16) verdeutlicht, dass das feminine französische Nomen pomme fem in eine deutsche Äußerung gemischt wurde. Das deutsche Übersetzungsäquivalent Apfel mask ist maskulin. Die Genusmarkierung an der deutschen Determinante eine fem wird durch das feminine Genus des französischen Nomens pomme fem bestimmt und nicht durch das maskuline Genus des deutschen Äquivalents Apfel mask . In Beispiel (17) ist das deutsche Nomen Apfel mask in eine französische Äußerung gemischt worden. Das deutsche Nomen Apfel mask determiniert die Genusmarkierung an der französischen Determinante un mask und nicht das feminine Genus des französischen Äquivalents pomme fem . Wenn Genus eine inhärente Eigenschaft des Nomens ist, dann sollte nach MacSwan in (16) das französische Nomen pomme und in (17) das deutsche Nomen Apfel mittels der Operation Select aus dem jeweiligen Lexikon ausgewählt werden und das Genus der Determinante bestimmen. Das Genus der Determinante sollte mit dem Genus des Nomens kongruieren und nicht mit dem Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents. 2.6.3 Zusammenfassung Nachdem im ersten Teil der Begriff Sprachmischung in seinen unterschiedlichen Ausprägungen definiert wurde, ging es anschließend um die einzelnen Restriktionen, die dem Code-Switching zugrunde liegen können. Die grammatischen Beschränkungen, die in einer CS-spezifischen Grammatik zusammengefasst werden, stellen insgesamt eine unzureichende Beschreibung für den Sprachenwechsel dar. Für intra-sententiales CS, das aufgrund bestimmter Beschränkungen als ungrammatisch bezeichnet wird, lassen sich Gegenbeispiele in der Spontansprache mehrsprachiger Sprecher finden. Außerdem beschränkt sich die Anwendung dieser grammatischen Regeln auf bestimmte Sprachkombinationen, wodurch die Allgemeingültigkeit stark in Frage gestellt wird. Die Tatsache, dass für die jeweils untersuchten Sprachpaare eine eigene dritte Grammatik angenommen werden müsste, widerspricht einer ökonomischen Beschreibung des Sprachenwechsels. Schließlich wurde das Modell von MacSwan (1999, 2000a) vorgestellt, das ohne eine dritte Grammatik auskommt und deshalb als wesentlich ökonomischer angesehen wird. Aus <?page no="46"?> 46 diesem Grund wird in der vorliegenden Arbeit dafür argumentiert, dass der Sprachenwechsel ausschließlich durch allgemeine Prinzipien und die sprachspezifischen Eigenschaften der beteiligten Einzelsprachen reguliert wird und alle Sprachmischungen grammatisch sind, solange die sprachspezifischen Regularitäten der beiden Grammatiken nicht verletzt werden. 2.7 Sprachmischungen im bilingualen Kind In vielen Studien zum bilingualen Erstspracherwerb wurde festgestellt, dass Kinder in den ersten Lebensjahren auffällig häufig ihre Sprachen mischen (vgl. u.a. Lanza 1992, Köppe und Meisel 1995, Deuchar und Quay 2000). Im Alter von ca. 3 Jahren nimmt die Anzahl der gemischtsprachlichen Äußerungen ab, wobei sich bei manchen Kindern eine u-förmige Entwicklung herausbildet (vgl. Arencibia Guerra 2008). Eine u-förmige Entwicklungskurve beschreibt den quantitativen Verlauf der Sprachmischungen über den bilingualen Erwerbsprozess: Nach einer ersten Phase, in der der kindliche Sprachenwechsel besonders häufig auftritt, nimmt die Anzahl der Sprachmischungen in einer zweiten Phase ab und steigt in der darauf folgenden dritten Phase erneut an, sodass sich die Entwicklung wie ein „U“ darstellt. In der bilingualen Erstspracherwerbsforschung ist die Ursache für die einzelnen Entwicklungsphasen bis heute noch nicht zufrieden stellend geklärt. Denkbar wäre jedoch, dass mehrsprachige Kinder erneut ihre Sprachen mischen, da sie den Sprachenwechsel als Diskursstrategie erkannt haben. Während sich mehrsprachig aufwachsende Kinder in einem Erwerbsprozess befinden, in dem sie die beiden Sprachen und die zugrundeliegenden grammatischen Systeme noch vollständig erwerben müssen, ist dieser Prozess bei erwachsenen Sprechern bereits abgeschlossen. Aus diesem Grund wird in der CS-Forschung der frühkindliche Sprachenwechsel im Allgemeinen anders untersucht und gilt als weniger regelgeleitet als der von Erwachsenen (vgl. Sridhar und Sridhar 1980). Die Analyse von kindlichen Sprachmischungen führte zu kontroversen Hypothesen und Diskussionen in der Literatur und schließlich zu einer immer wiederkehrenden Frage: Wissen mehrsprachige Kinder zu Beginn des Spracherwerbs überhaupt, dass sie es mit mehr als einem sprachlichen System zu tun haben? Im Folgenden sollen drei Positionen vorgestellt werden, die sich mit der Frage beschäftigen, ob möglicherweise eine Fusion oder eher eine Trennung der beiden sprachlichen Systeme im bilingualen Kind zu Beginn des Spracherwerbs vorliegt. Vertreter der sogenannten one-system hypothesis oder auch unitary language system hypothesis interpretieren den <?page no="47"?> 47 frühkindlichen Sprachenwechsel als Beweis dafür, dass die Sprachsysteme im frühen Alter noch nicht differenziert sind (vgl. Volterra und Taeschner 1978). Die kindlichen Sprachmischungen werden bei einer unausgeglichenen Sprachentwicklung als ein unidirektionales Phänomen aufgefasst, d.h. der Einfluss verläuft stets von der starken in die schwache Sprache. Anhänger der two-system hypothesis oder differentiated-language hypothesis lehnen die one-system hypothesis ab und zeigen, dass bilinguale Kinder von Geburt an die Fähigkeit besitzen, ihre Sprachen zu trennen (vgl. u.a. Meisel 1989 und Genesee 1989). Müller und Hulk (2001), die Befürworter der cross-linguistic influence Hypothese sind, argumentieren ebenfalls für eine frühe Sprachentrennung im mehrsprachigen Kind. Sprachmischungen werden hier als Ergebnis der Bilingualität verstanden. Ferner nehmen die Autorinnen an, dass sich die beiden Erstsprachen unter bestimmten Bedingungen beeinflussen können. Das mehrsprachige Kind hat im Spracherwerbsprozess die Aufgabe eine pragmatische Kompetenz zu entwickeln, d.h. es muss lernen, sich dem jeweiligen Interaktionspartner und der Gesprächssituation anzupassen. Nicht nur in monolingualen Situationen, in der sich das Kind der Sprache des Gesprächspartners bedient, sondern auch im bilingualen Gesprächskontext, in der die Kommunikationsteilnehmer die selben Sprachen beherrschen und zwischen diesen wechseln können, muss das mehrsprachige Kind im Erwerbsprozess lernen, eine angemessene Sprachwahl zu treffen. 2.7.1 Sprachmischungen als Evidenz eines sprachlichen Systems In diesem Abschnitt soll die sogenannte unitary language system hypothesis vorgestellt werden, die auf Volterra und Taeschner (1978) zurückgeht. Der kindliche intra- und inter-sententiale Sprachenwechsel wird als Beleg für die Annahme eines fusionierten Sprachsystems interpretiert. Erst im Verlauf der Sprachentwicklung bilden sich zwei voneinander differenzierte Systeme aus (vgl. u.a. Grosjean 1982). In der Literatur werden in diesem Zusammenhang insbesondere die Autoren Leopold (1970), Volterra und Taeschner (1978), Vihman (1985) und Redlinger & Park (1980) genannt, die ein fusioniertes Sprachsystem in der frühen Sprachentwicklung postulieren. Leopold (1970) führte eine detaillierte Tagebuchaufzeichung bei seiner bilingual englisch-deutsch aufwachsenden Tochter Hildegard durch. Die Studie bringt das Ergebnis hervor, dass Hildegard in den ersten zwei Lebensjahren besonders häufig ihre beiden Sprachen mischt. Leopold (1970) folgert daraus, dass nur ein einziges Sprachsystem zugrunde liegt und Hildegard erst im Alter von zwei Jahren zwei getrennte Systeme entwickelt. In der Langzeitstudie von Volterra und Taeschner (1978) wird der bilinguale Erstspracherwerb von zwei deutsch- <?page no="48"?> 48 italienisch aufwachsenden Kindern im Zeitraum vom 1. bis zum 4. Lebensjahr untersucht. Hierbei gehen die Autoren von drei Entwicklungsstufen (Drei-Phasen-Modell) beim simultanen Erwerb zweier Erstsprachen aus, wobei zu Beginn der Sprachentwicklung ein fusioniertes Lexikon angenommen wird, welches Wörter beider Sprachen beinhaltet. Im Rahmen des Drei-Phasen-Modells liefert die Beobachtung, dass bilinguale Kinder am Anfang ihrer Sprachentwicklung keine oder nur sehr wenige Übersetzungsäquivalente besitzen, Evidenz für die Annahme eines fusionierten Lexikons. Das Fehlen von Äquivalenten wird häufig auf das von Clark (1987) postulierte principle of contrast zurückgeführt. Nach diesem Prinzip vermeiden mehrsprachige Kinder in der frühen Sprachentwicklung Übersetzungsäquivalente, da sie oftmals unterschiedlichen Wörtern auch unterschiedliche Bedeutungen zuweisen. Auf dieser ersten Entwicklungsstufe gibt es kaum oder gar keine Evidenz für die Verfügbarkeit und die Anwendung syntaktischer Regeln. Die zweite Stufe umfasst zwei verschiedene lexikalische Systeme, da erstmals Übersetzungsäquivalente in den Sprachdaten der Kinder beobachtet werden. „The same object or event is indicated with two different words pertaining to the two languages.” (Volterra und Taeschner 1978: 317) Obwohl auf der zweiten Stufe zwei lexikalische Systeme postuliert werden, wendet das Kind dieselben syntaktischen Regeln auf beide Sprachen an, d.h. eine Trennung der lexikalischen Systeme evoziert nicht gleichsam eine Trennung der syntaktischen Systeme. Die zweite Phase beschäftigt sich also mit der Frage nach einer möglichen Fusion in der Syntax: „In fact, subsequent to the acquisition of two separate lexical systems, the child may still apply the same syntactic rules to the two languages.” (Volterra und Taeschner 1978: 320) Für Volterra und Taeschner (1978) liefern drei unterschiedliche syntaktische Bereiche in den beiden Sprachen Deutsch und Italienisch (Possessivkonstruktionen, die Adjektivstellung und die Position der Negation) Evidenz für ein fusioniertes syntaktisches System. Im Folgenden soll anhand der Adjektivstellung das Problem der Hypothese verdeutlicht werden. Deutsch und Italienisch unterscheiden sich im Hinblick auf die Adjektivstellung, da im Deutschen attributive Adjektive ausnahmslos pränominal stehen. Im Italienischen können Adjektive, je nach Typ und Semantik des Adjektivs, pränominal oder postnominal auftreten. Die kindlichen Sprachdaten zeigen, dass bilingual deutsch-italienische Kinder Adjektive in beiden Sprachen sowohl pränominal als auch postnominal stellen, d.h. auch im Deutschen. Im Deutschen wird das Adjektiv zwar über- <?page no="49"?> 49 wiegend pränominal verwendet, dennoch gibt es einige nicht-zielsprachliche Fälle, in denen das Adjektiv postnominal platziert wird, wie das folgende konstruierte Beispiel zeigt Das ist ein Teddy lieb. Im Italienischen wird ebenfalls die prä- und postnominale Stellung des Adjektivs verwendet. Nach Volterra und Taeschner (1978) kann die Hypothese, dass Kinder in der zweiten Phase über ein fusioniertes syntaktisches System verfügen, am Beispiel der Adjektivstellung in den jeweiligen Sprachen überprüft werden. Wenn ein gemeinsames syntaktisches System angenommen wird, warum verwenden die Kinder dann in der Mehrzahl der Fälle das Adjektiv pränominal im Deutschen und postnominal im Italienischen? Vielmehr scheint die Adjektivstellung Evidenz für zwei getrennte grammatische Systeme zu liefern. Die dritte Phase des Drei-Phasen-Modells ist dadurch gekennzeichnet, dass das bilinguale Kind über jeweils zwei lexikalische und grammatische Systeme verfügt. Jede Sprache wird aber noch mit der jeweiligen Person in der Umgebung assoziiert, die diese Sprache spricht. Aus diesem Grund behaupten die Autorinnen, dass die Kinder zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig bilingual sind und erst die Loslösung von der personenbezogenen Sprachwahl zu einer wirklichen Zweisprachigkeit führt. Volterra und Taeschner betrachten den Weg „eine Sprache - eine Person“ (vgl. Romaine 1995) als eine Strategie, um Interferenzen in bilingualen Situationen zu vermindern. Müller et al. (2006) haben bereits auf die Problematik verwiesen, dass auch andere Wege zur Mehrsprachigkeit als die Strategie „eine Person eine Sprache“ in der Literatur vorgeschlagen wurden. Bilinguale Kinder könnten sehr wohl die genannte Strategie von Volterra und Taeschner verfolgen, aber „was tun jedoch Kinder, die einen anderen Weg hin zur Zweisprachigkeit beschreiten müssen? “ (Müller et al. 2006: 99). Die in der Literatur vorgestellten Wege zur Mehrsprachigkeit sind bisher alle als möglich beschrieben worden, wobei noch nicht systematisch untersucht wurde, welche Methode als erfolgreicher oder weniger erfolgreich gilt. Im Überblick beinhaltet das Phasenmodell von Volterra und Taeschner (1978) die folgenden drei Entwicklungsstufen: Phase 1: Das Kind verfügt über ein einziges lexikalisches System mit Wörtern aus den beiden Sprachen (fusioniertes Lexikon). Phase 2: Das Kind differenziert zwischen zwei unterschiedlichen Lexika, verwendet aber dieselben syntaktischen Regeln in beiden Sprachen (fusionierte Syntax). Phase 3: Das Kind verfügt über jeweils zwei lexikalische und grammatische Systeme. <?page no="50"?> 50 In der Literatur zum bilingualen Spracherwerb können die Ergebnise einiger Studien (z.B. Vihman 1985, Redlinger und Park 1980) das Drei- Phasen-Modell bestätigen, dennoch weist das Phasenmodell erhebliche Schwächen auf, wenn man bedenkt, dass aus dem Fehlen von Übersetzungsäquivalenten gefolgert wird, dass Kinder diese überhaupt nicht kennen. Mit anderen Worten wird der Mangel an Äquivalenten auf eine negative Evidenz zurückgeführt. Volterra & Taeschner (1978) berücksichtigen hierbei nicht, dass bilinguale Kinder unter Umständen das jeweilige Äquivalent kennen, aber in der jeweiligen Aufnahmesituation einfach nicht geäußert haben. Außerdem ist die Argumentation der Autoren zirkulär, wenn die Existenz eines einzigen, fusionierten Sprachsystems über das kindliche Mischen begründet wird und das kindliche Mischen wiederum über ein fusioniertes Sprachsystem. Nach Jahren der kritischen Auseinandersetzung mit dem Drei-Phasen-Modell wurden völlig entgegengesetzte Hypothesen vorgeschlagen (vgl. Genesee 1989, Meisel 1989, Müller und Hulk 2000), die im folgenden Abschnitt näher beschrieben werden. 2.7.2 Sprachmischungen und die Entwicklung getrennter Systeme In den 1990er Jahren erschienen die beiden Forschungsarbeiten von Meisel (1989) und Genesee (1989), die als kritische Reaktion auf das Drei-Phasen-Modell von Volterra und Taeschner (1978) zu verstehen sind. Meisel (1989) und Genesee (1989) argumentieren dafür, dass bilinguale Kinder beide Systeme von Anfang an klar trennen können. Die sogenannte Language Separation Hypothesis wurde vor allem durch zwei unterschiedliche Entwicklungen in der Mehrsprachigkeits- und Grammatikforschung beeinflusst: Die kritische Auseinandersetzung mit CS und anderen pragmatischen Aspekten der mehrsprachigen Kommunikation bewirkte, dass kindliche Sprachmischungen nicht mehr als Ausdruck eines fusionierten Systems interpretiert wurden. Außerdem wurde der bilinguale Spracherwerb nicht mehr mit der einsprachigen Erwachsenensprache verglichen, sondern mit der Sprache von monolingual aufwachsenden Kindern. Aus diesem Grund wurden nicht-zielsprachliche Äußerungen der bilingualen Kinder auf den Spracherwerbsprozess zurückgeführt und nicht als Ursache der Zweisprachigkeit gesehen. Vielmehr versuchte man zu zeigen, dass sich der bilinguale Spracherwerb nicht substantiell von der monolingualen Sprachentwicklung unterscheidet. Die Annahme, dass bilingual aufwachsende Kinder in der Lage sind, von Beginn an beide Sprachsysteme voneinander zu trennen, fasst Genesee (1989: 161) folgendermaßen zusammen: <?page no="51"?> 51 „Young bilingual children are psycholinguistically able to differentiate two languages from the earliest stages of bilingual development and […] they can use their two languages in functionally differentiated ways, thereby providing evidence of differentiated underlying language systems“. Genesee (1989) kritisiert ebenfalls die unzureichende Datenerhebung von Volterra und Taeschner (1978), da das Drei-Phasen-Modell ausschließlich auf der Analyse von zwei bilingual aufwachsenden Kindern basiert. Aber auch Meisel (1989) widerlegt die Unitary Language Hypothesis und nimmt an, dass bilinguale Kinder die beiden Sprachsysteme sowohl im Bereich der Grammatik als auch im Bereich des Lexikons in frühem Alter trennen können. Für Meisel kommt es zu Sprachmischungen aufgrund einer mangelnden pragmatischen und soziolinguistischen Kompetenz des Kindes. Die Studie von Meisel (1989), in der die Wortstellung und die Subjekt-Verb-Kongruenz bei zwei bilingual deutsch-französisch aufwachsenden Kindern im Alter von 2; 1-3; 11 Jahren untersucht wurden, macht deutlich, dass bilinguale Kinder bereits von Beginn an zwei unterschiedliche grammatische Systeme ausbilden. Vertreter der Unitary Language Hypothesis interpretieren das Fehlen von Übersetzungsäquivalenten als einen Beleg für die Existenz eines fusionierten Lexikons. Dieses Argument kann jedoch verworfen werden, wenn man die Ergebnisse von Quay (1995), Deuchar & Quay (1998, 2000), Pearson, Fernandez & Oller (1993) und De Houwer (1990) berücksichtigt, die Übersetzungsäquivalente bei Kindern im Alter von ungefähr 11 Monaten in ihren Sprachdaten nachweisen. Die Existenz von Übersetzungsäquivalenten schließt die Möglichkeit aus, dass der kindliche Sprachenwechsel aufgrund einer lexikalischen Lücke erfolgt ist, d.h. die Überprüfung, ob das Kind bereits die jeweiligen Äquivalente erworben hat, spielt somit in der Untersuchung von Sprachmischungen im bilingualen Erwerb eine entscheidende Rolle. Wenn bilinguale Kinder das Äquivalent in der jeweils anderen Sprache bereits erworben haben, dann kann das Mischen nicht auf einen Mangel an lexikalischer Kompetenz zurückgeführt werden. Eine weitere Hypothese, die von Müller und Hulk (2000) vorgeschlagen wurde, beschäftigt sich mit dem Spracheneinfluss und kann als eine Weiterentwicklung der Language Separation Hypothesis interpretiert werden. Im Rahmen der sogenannte Cross-Linguistic Influence Hypothese wird angenommen, dass sich die beiden Sprachsysteme im bilingualen Erwerb zwar getrennt ausbilden, ein Einfluss zwischen ihnen jedoch nicht auszuschließen ist. Nach Müller und Hulk (2000) ist der Spracheneinfluss von sprachinternen Faktoren abhängig und nicht von der Sprachdominanz, die einen sprachexternen Faktor darstellt. Die Autorinnen zeigen, dass Spracheneinflusses bei Sprachmischungen bidirektional verlaufen kann, <?page no="52"?> 52 d.h. von der schwachen in die starke Sprache und umgekehrt. Die Richtung des Spracheneinflusses wird hierbei durch die zugrundeliegenden grammatischen Phänomene bestimmt. Insgesamt bilden die Arbeiten von Genesee (1989), Meisel (1989) und Müller und Hulk (2000) einen Wendepunkt in der CS-Forschung, da sie die Annahme eines fusionierten Sprachsystems widerlegen und andere Erklärungen für das kindliche CS aufzeigen. 2.7.3 Sprachmischungen und Sprachdominanz In der Literatur zum bilingualen Erstspracherwerb wird der Grund für den frühkindlichen Sprachenwechsel häufig in der unterschiedlichen Sprachentwicklung der beiden Erstsprachen im bilingualen Kind gesucht. In der CS-Literatur gilt die Sprachdominanz als Indikator für die Mischrichtung, d.h. der Sprachenwechsel vollzieht sich ausschließlich von der dominanten in die schwache Sprache. Die Studie von Petersen (1988) geht besonders der Frage nach, in welchem Verhältnis Sprachdominanz und Sprachmischungen bei bilingualen Kindern stehen. Nach Petersen (1988: 486) kann der kindliche Sprachenwechsel durch die Sprachdominanz vorhergesagt werden. „The dominant language hypothesis states that in word-internal code-switching, grammatical morphemes of the DOMINANT language may co-occur with lexical morphemes of either the dominant or the non-dominant language. However, grammatical morphemes of the NON-DOMINANT language may co-occur only with lexical morphemes of the non-dominant language.” Die Dominant Language Hypothesis macht die Vorhersage, dass funktionale Elemente (z.B. Determinierer) aus der dominanten Sprache mit lexikalischen Elementen (z.B. Nomen) aus der schwachen Sprache auftreten, jedoch nicht umgekehrt. Die funktionale Kategorie wird demzufolge unidirektional aus der starken Sprache in die schwache Sprache gemischt. Schlyter (1993) analysierte bilingual schwedisch-französisch aufwachsende Kinder mit einer unbalancierten Sprachentwicklung und behauptet ebenfalls, dass die Sprachdominanz einen Einfluss auf das kindliche Mischen haben kann. Lanza (1992, 1997) konnte ebenso bei einem bilingual norwegisch-englisch aufwachsenden Kind zeigen, dass beim Sprachenwechsel die funktionalen Elemente immer aus der starken Sprache und die lexikalischen Elemente aus der schwachen Sprache stammen. Sie geht davon aus, dass die Mischrichtung beim Sprachenwechsel ein Indiz für Sprachdominanz im bilingualen Kind sein kann. Genesee, Nicoladis & Paradis (1995) untersuchten den Spracherwerb bei fünf bilingual englischfranzösisch aufwachsenden Kindern im Alter von 1; 10 bis 2; 2 Jahren. <?page no="53"?> 53 Hierbei war die Forschungsfrage der Autoren, ob die kindlichen Sprachmischungen aufgrund der Sprachdominanz im bilingualen Kind oder aufgrund des elterlichen Mischens (Input) entstehen. Um zu überprüfen, ob die bilingualen Kinder eine adäquate Sprachwahl treffen können, d.h. ihre Sprachwahl nach einem fremden Interaktionspartner ausrichten, setzten die Autoren einen fremden monolingual englischen Sprecher bei ihrer Untersuchung ein. Des Weiteren wurden die Kinder in Interaktion mit ihren Eltern beobachtet. Die Ergebnisse der Untersuchung verdeutlichen, dass mehrsprachige Kinder nicht nur in einer gewohnten Interaktion mit den Eltern, sondern auch in einer Interaktion mit einer fremden Person fähig sind, eine Sprache gezielt auszuwählen. Selbst die bilingualen Kinder mit einer unbalancierten Sprachentwicklung verwenden die nicht-dominante Sprache, wenn sie ihre Sprachwahl nach dem Interaktionspartner ausrichten. Genesee, Nicoladis & Paradis (1995) sind dennoch der Auffassung, dass der Sprachenwechsel in Zusammenhang mit der Sprachdominanz steht. Sie behaupten, dass unbalancierte Kinder in ihrer schwachen Sprache mehr Sprachmischungen produzieren als in ihrer dominanten Sprache. Außerdem nehmen die Autoren an, dass bilinguale Kinder häufiger ihre beiden Sprachen mischen, wenn der Sprachenwechsel systematisch im Input vorkommt. Die Arbeit von Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996) spricht der Sprachdominaz ebenfalls eine bestimmende Größe im Hinblick auf die Mischrichtung zu. In ihrer Studie untersuchen die Autoren Sprachmischungen eines bilingual deutsch-englischen Kindes und schlagen die sogenannte Bilingual Bootstrapping strategy vor, die sie folgendermaßen definieren: „Something that has been acquired in language A fulfills a booster function for language B. In a weaker version, we would expect at least a temporary pooling of resources.” Für Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996) ist sowohl die syntaktische als auch die lexikalische Ebene beim Sprachenwechsel involviert und nicht nur, wie traditionell angenommen, die lexikalische Ebene. Die Autorinnen zeigen am Beispiel des bilingual deutsch-englisch aufwachsenden Kindes Hannah, dass sich die beiden Sprachen zwar unterschiedlich schnell entwickeln, die Entwicklung der einen Sprache aber von der anderen profitieren kann. Demzufolge kann das bilinguale Kind die Situation des Sprachkontakts positiv nutzen. Die Wortstellungsanalyse der monolingualen Äußerungen zeigt, dass Hannah die deutsche und die englische Wortstellung (OV vs. VO) adäquat erworben hat. Im Alter von 2; 4 Jahren gibt es Evidenz für die Projektion der IP im Deutschen, während diese im Englischen erst im Alter von 2; 7 Jahren auftaucht. Die Entwicklung des Englischen entspricht jedoch dem Erwerbsverlauf bei monolin- <?page no="54"?> 54 gual englisch aufwachsenden Kindern und ist somit nicht verzögert. Obwohl das bilinguale Kind noch nicht auf die englische Struktur zugreifen kann, nutzt es die bereits früher erworbene deutsche Struktur, um die grammatische Lücke im Englischen zu schließen. Im Vergleich zu monolingualen Kindern können bilinguale Kinder von syntaktischen Konstruktionen profitieren, die sie in der sich schneller entwickelnden Sprache bereits erworben haben. Für Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996) steht die Entlehnung syntaktischer Konstruktionen demnach in Zusammenhang mit einem noch nicht weit genug entwickelten Sprachsystem in der jeweils anderen Erstsprache. Außerdem zeigen die monolingualen Sprachdaten des deutsch-englischen Kindes Hannah, dass der Erwerb von Modal- und Auxiliarverben im Deutschen bereits weiter fortgeschritten ist als im Englischen. Das bilinguale Kind wendet eine temporäre Hilfsstrategie an, indem es die folgende Sprachmischung produziert: (18) Kannst du move a bit. (Gawlitzek-Maiwald &Tracy 1996: 915) Das Beispiel (18) macht deutlich, dass die linke Peripherie aus dem Deutschen und das lexikalische Verb und das Adverb aus dem Englischen stammen. Das bilinguale Kind hat noch nicht die Möglichkeit auf die englische Struktur zuzugreifen und füllt deshalb die grammatische „Leerstelle“ mit der bereits früher erworbenden Struktur im Deutschen auf. Bernardini und Schlyter (2004) analysieren den simultanen Erstspracherwerb bei schwedisch-französisch und schwedisch-italienisch aufwachsenden Kindern und nehmen ebenfalls an, dass die Mischrichtung bei bilingual unbalancierten Kindern unidirektional verläuft, d.h. funktionale Elemente werden von der starken in die schwache Sprache gemischt. Die Ivy Hypothesis, welche von Bernardini und Schlyter vorgeschlagen wurde, schließt alle funktionalen Kategorien (DP, IP und CP) mit ein und unterscheidet sich somit von der Bilingual Bootstrapping strategy. Sprachmischungen werden als Folge der unterschiedlichen Entwicklungen in beiden Sprachen gesehen: „The code-mixing pattern where this Weaker Language, so to speak, clings on the tree structure’ of the Stronger Language, at the time when both languages are continuously growing, is, in our view, a reflection of what happens when the child tries to supply with items from the Stronger Language that what is not yet developed in the Weaker Language.” (Bernardini und Schlyter 2004: 67) Die folgenden Beispiele aus Bernardini & Schlyter (2004) zeigen, dass die linke Peripherie jeweils aus dem Schwedischen, der starken Sprache des Kindes stammt, während der Rest des Satzes aus einer italienischen oder französischen DP besteht. <?page no="55"?> 55 (19) Var är la mucca? (Bernardini & Schlyter 2004: 60) dt. Wo ist die Kuh? b. Dom ska äta la coda? (Bernardini & Schlyter 2004: 60) dt. Sie sollten den Schwanz essen? c. Jag ska ta quella patatina. (Bernardini & Schlyter 2004: 60) dt. Ich nehme diese Kartoffel. d. Jag ritar un trompe. (Bernardini & Schlyter 2004: 62) dt. Ich habe einen Rüssel gezogen. Bernadini & Schlyter (2004) gehen im Gegensatz zu Gawlitzek-Maiwald und Tracy (1996) nicht davon aus, dass sich in der stärkeren Sprache bestimmte Konstruktionen schneller entwickeln, weil dies auch im monolingualen Erwerb der Fall ist. Die Autoren definieren Stärke im Hinblick auf den zeitlichen Erwerb der jeweiligen Sprache, d.h. die starke Sprache wird zeitlich früher erworben und deshalb als stark bezeichnet. Bernadini & Schlyter (2004) begründen die Unidirektionalität beim kindlichen Sprachenwechsel über die weniger fortgeschrittene lexikalische Entwicklung in einer der beiden Erstsprachen, indem sie die folgende Hypothese formulieren: Je weniger Input bilinguale Kinder in einer der beiden Erstsprachen bekommen, desto weniger wird sich das Lexikon in der jeweiligen Sprache entwickeln. Aus diesem Grund wird sich nach Bernadini & Schlyter (2004) die syntaktische Entwicklung bei bilingualen Kindern im Vergleich zu monolingual aufwachsenden Kindern verzögern und zu der schwächeren Sprache im bilingualen Kind führen. Im Rahmen der Bilingual Bootstrapping Hypothesis und der Ivy Hypothesis wird angenommen, dass bilinguale Kinder aus strategischen Gründen ihre beiden Sprachen mischen. Folglich können die folgenden Vorhersagen für den kindlichen Sprachenwechsel formuliert werden: (1) Bilinguale Kindern sollten in einer bestimmten Entwicklungsphase ein unidirektionales Mischverhalten zeigen und (2) es sollten bei unbalancierten Kinder in der schwachen Sprache mehr Sprachmischungen auftreten als in der starken Sprache. Die Untersuchungsergebnisse von Cantone (2007) verdeutlichen, dass die beiden Vorhersagen relativiert werden müssen, da die Mischrichtung unabhängig von der Sprachdominanz erfolgt. Die Autorin analysiert den Sprachenwechsel zwischen einer funktionalen und lexikalischen Kategorie bei fünf bilingual deutsch-italienischen Kindern und kommt zu dem Ergebnis, dass ein interindividueller Unterschied im Hinblick auf das Mischverhalten vorliegt, der unabhängig von der Sprachdominanz existiert: (1) Obwohl das deutsch-italienische Kind Aurelio das Italienische als starke Sprache entwickelt, weist er sowohl im Deutschen als auch im Italienischen eine hohe Anzahl an Sprachmischungen auf. (2) Das bilinguale Kind Marta mischt ausschließlich in einer der <?page no="56"?> 56 beiden Erstsprachen, obwohl sie weder das Deutsche noch das Italienische als starke bzw. schwache Sprache erwirbt. (3) Das deutsch-italienische Kind Jan entwickelt das Deutsche als starke Sprache und mischt in beiden Sprachen sehr wenig. Darüber hinaus bestätigen auch die Untersuchungsergebnisse von Cantone und Müller (2005), dass beim kindlichen Sprachenwechsel nicht grundsätzlich die schwache Sprache betroffen sein muss. Müller und Cantone (2009) weisen in diesem Zusammenhang individuelle Faktoren nach, die beim kindlichen CS eine Rolle spielen: Das deutsch-italienische Kind Aurelio produziert in den italienischen Sprachaufnahmen von insgesamt 1.102 einsprachigen italienischen Äußerungen 564 Sprachmischungen, die einem prozentualen Anteil von 51% entsprechen und die ausschließlich in der starken Sprache (Italienisch) auftreten. Das deutsch-italienische Kind Marta mischt deutlich mehr in den deutschen Sprachaufnahmen mit dem deutschen Interaktionspartner als im italienischen Kontext mit dem italienischen Interaktionspartner. Insgesamt entsprechen die gemischtsprachlichen Äußerungen einem prozentualen Anteil von 15% in den deutschen Sprachaufnahmen (90 Sprachmischungen im Vergleich zu 614 einsprachigen deutschen Äußerungen). Im italienischen Kontext produziert Marta von insgesamt 947 monolingual italienischen Äußerungen nur eine einzige Sprachmischung (0,1%). Das bilinguale Kind Marta wird in der Untersuchung von Arencibia Guerra (2008) als ein sehr balanciertes Kind klassifiziert. Die Beobachtung, dass balancierte Kinder ebenfalls ihre beiden Sprachen mischen, zeigt, dass die Annahme der sogenannten lexical gap-filling Strategie nicht die einzige Erklärung für das Auftreten von Sprachmischungen ist. Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die kindlichen Sprachmischungen keine Strategie in einer bestimmten Entwicklungsphase darstellen. Darüber hinaus kommt Arencibia Guerra (2008) zu dem Ergebnis, dass nur die inter-sententialen Sprachmischungen mit der Sprachdominanz korrelieren, während intra-sententiales CS unabhängig von dem jeweiligen Balanciertheitsgrad im bilingualen Kind erfolgt. Die negative Korrelation zwischen den inter-sententialen Sprachmischungen und der Sprachdominanz lässt sich folgendermaßen beschreiben: Je häufiger ein bilinguales Kind in einer Sprache inter-sentential mischt, desto geringer sind seine sprachlichen Fähigkeiten in dieser Sprache. In der Literatur wird die Relevanz funktionaler Kategorien nicht nur für den simultanen Erwerb zweier Erstsprachen betont, sondern auch für den Zweitspracherwerb. In der Studie von Bentahila & Davies (1983) werden L2-Lerner untersucht, die als Muttersprache Arabisch und als Zweitsprache Französische erworben haben. Die Autoren kommen zu folgendem Ergebnis: <?page no="57"?> 57 „There is a tendency for speakers to resort more to Arabic than to French for grammatical items or function words, such as determiners, pronouns, prepositions and conjunctions. Even when they are speaking mainly in French, they often use Arabic for such items, and also for the kinds of parenthetical clause used as fillers or discourse markers. On the other hand, when speaking mainly Arabic, they seem to resort to French for lexical items, particularly for nouns, far more frequently than they have to resort to Arabic lexical items when speaking mainly French. [...] These patterns of usage may perhaps be related to the fact that for all these bilinguals, Arabic is the first language, acquired in the earliest years, in the home, whereas French is learned at a later date, in school.” (Bentahila & Davies 1983: 326) Der funktionalen Kategorie kommt sowohl im bilingualen Erstspracherwerb als auch im Zweitspracherwerb eine bedeutende Rolle beim intrasententialen Code-Switching zu. Die funktionalen Elemente werden meistens von der starken Sprache im bilingual-simultanen Erwerb (oder der L1 im Zweitspracherwerb) bereitgestellt, während die lexikalischen Items aus der schwachen Sprache (oder der L2 im Zweitspracherwerb) stammen. Die Ergebnisse von Eichler und Müller (2010) zeigen, dass das Mischen der funktionalen Kategorie bei bilingualen Kindern eher aus Performanzgründen erfolgt. Die Frage, warum die meisten unbalancierten Kinder die funktionale Kategorie aus der starken in die schwache Sprache mischen, obwohl sie diese in der schwachen Sprache bereits erworben haben, schließt eine Erklärung, die auf einer mangelnden grammatischen Entwicklung basiert, aus. Die empirischen Befunde der vorliegenden Arbeit werden ebenfalls die Annahme relativieren, dass unbalancierte Kinder überwiegend die funktionale Kategorie aus der starken in die schwache Sprache mischen. Vielmehr können eine hinreichende und eine notwendige Bedingung für das Mischen der funktionalen Kategorie aufgestellt werden: 1. Bilinguale Kinder, die funktionale Kategorien mischen, haben eine schwache Sprache und weisen somit eine unausgeglichene Sprachentwicklung auf. Das Mischen der funktionalen Kategorie ist eine notwendige Bedingung für die Existenz einer schwachen Sprache im bilingualen Kind. 2. Eine schwache Sprache zu haben, führt nicht immer dazu, dass unbalancierte Kinder auch häufiger funktionale Kategorien aus der starken in die schwache Sprache mischen. Die Unbalanciertheit der beiden Sprachen stellt keine notwendige Bedingung für das Mischen der funktionalen Kategorie dar, sondern eine hinreichende Bedingung. <?page no="58"?> 58 In Kapitel 3.6 zur qualitativen Analyse der gemischtsprachlichen DPn wird auf die Rolle der funktionalen Kategorie und die der Sprachdominanz im bilingualen Erstspracherwerb näher eingegangen. 2.7.4 Zusammenfassung Zu Beginn der CS-Forschung ist häufig behauptet worden, dass der kindliche Sprachenwechsel die sprachliche Unfähigkeit bilingualer Kinder auf verschiedenen Ebenen (pragmatisch, lexikalisch, grammatisch) widerspiegelt. Evidenz für diese Annahme liefert für einige Forscher die Existenz eines einzigen Sprachsystems im frühen Spracherwerb. Nach der one-system hypothesis bilden bilinguale Kinder erst im Laufe ihrer Sprachentwicklung zwei voneinander getrennte Systeme aus (vgl. Volterra und Taeschner 1978). Im Anschluss wurden zwei andere Ansätze vorgestellt, die von einer frühen Sprachentrennung im bilingualen Erstspracherwerb ausgehen und die Idee eines fusionierten Systems verwerfen (vgl. Genesee 1989, Meisel 1989 und Müller und Hulk 2000, 2001). In der Literatur zum bilingualen Erstspracherwerb wird häufig die Frage gestellt, ob ein Zusammenhang zwischen der Sprachdominanz im bilingualen Kind und dem kindlichen Sprachenwechsel besteht. Eine unbalancierte Zweisprachigkeit wird häufig als Indikator für die Mischrichtung aufgefasst, insofern, als bilinguale Kinder nur von ihrer dominanten in ihre schwache Sprache mischen. Anschließend wurden verschiedene Studien vorgestellt, die sich mit dem Auftreten funktionaler und lexikalischer Elemente in gemischtsprachlichen Äußerungen befassen (vgl. u.a. Petersen 1988, Gawlitzek-Maiwald & Tracy 1996, Bernardini und Schlyter 2004). Die Autoren argumentieren dafür, dass die Mischrichtung beim CS durch die Sprachdominanz vorhergesagt werden kann. Die Ergebnisse von Cantone und Müller (2005) und Cantone (2007) widersprechen der Annahme, dass Kinder abhängig von ihrer Sprachdominanz in eine bestimmte Richtung mischen, d.h. von der starken in die schwache Sprache. Die Autorinnen zeigen, dass auch balancierte Kinder bevorzugt in einer ihrer beiden Sprachen mischen und somit eine spezifische Mischrichtung präferieren. Außerdem hebt die Studie von Arencibia Guerra (2008) die Notwendigkeit hervor, zwischen intra- und inter-sentenialen Mischungen bei der Korrelationsanalyse von Sprachdominanz und Sprachmischungen zu differenzieren. Die Untersuchung zeigt, dass ausschließlich die inter-sententialen Mischungen mit der Sprachdominanz negativ korrelieren. Des Weiteren ist deutlich geworden, dass der kindliche Sprachenwechsel mit denselben Kriterien untersucht werden kann wie der von erwachsenen Sprechern, wenn die Regeln der sich entwickelnden Grammatiken im bilingualen Kind berücksichtigt werden. Müller und Cantone <?page no="59"?> 59 (2005) relativieren die bisherigen Erklärungsversuche für das kindliche Mischen und argumentieren auf der Basis von MacSwan (1999, 2000a) dafür, dass der Zugriff auf die beiden Lexika und die damit verbundene Auswahl der einzelnen Wörter am Anfang der bilingualen Sprachentwicklung noch unkontrolliert verlaufen kann. Im Erwerbsprozess müssen bilinguale Kinder erst einmal den Umgang mit der Operation Select einüben, um die passenden Wörter auszuwählen. <?page no="60"?> 60 3 Empirische Untersuchung: Teil I der Longitudinalstudien Zunächst werden in Kapitel 3 die unterschiedlichen Korpora, die in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, vorgestellt. Hierzu erfolgt eine Beschreibung der Studie, deren Methode und die durch die Daten abgedeckten Alterszeiträume der bilingualen Kinder. Nach einem quantitativen Überblick über die Datenbasis werden unterschiedliche Kriterien zur Bestimmung des Balanciertheitsgrades der beiden Sprachen im bilingualen Kind präsentiert. Im Anschluss daran wird die sprachliche Entwicklung (Sprachbalance) der untersuchten Kinder vorgestellt. Im Teil I der Longitudinalstudien stehen bei der Untersuchung der gemischtsprachlichen DPn folgende Fragen im Mittelpunkt: 1. Wie häufig vollzieht sich der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen in Relation zu den einsprachigen DPn und in Relation zu anderen intra-sententialen Mischungen? 2. Besteht eine Korrelation zwischen der Anzahl an gemischtsprachlichen DPn und der sprachlichen Entwicklung der bilingualen Kinder? 3. Mischen bilinguale Kinder in einer ihrer beiden Sprachen häufiger und lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Balaciertheitsgrad der beiden Sprachen zueinander und der Anzahl an gemischten DPn feststellen? 4. Welche Rolle kommt der funktionalen Kategorie beim kindlichen Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen zu? Hierbei wird es insbesondere um die Frage gehen, ob und in welcher Form die funktionale Kategorie das Mischen innerhalb der DP beeinflusst. 3.1 Datenbasis und methodisches Vorgehen Im Folgenden werden die Datenbasis und das methodische Vorgehen der hiesigen Analyse beschrieben. Im Rahmen der vorliegenden Studie werden insgesamt vier unterschiedliche Sprachkombinationen (Deutsch- Französisch, Deutsch-Spanisch, Deutsch-Italienisch und Französisch-Italienisch) analysiert. <?page no="61"?> 61 Insgesamt werden die Longitudinalstudien 17 bilingualer und 10 monolingualer Kinder 5 untersucht, wobei zwei bilingual deutsch-spanische, sechs bilingual deutsch-französische, sieben deutsch-italienische und zwei französisch-italienische Kinder sowie zwei mono-lingual deutsche, ein monolingual italienisches, ein monolingual spanisches und sechs monolingual französische Kinder analysiert wurden. Demzufolge werden in der vorliegenden Arbeit insgesamt 27 Longitudinalstudien untersucht. Die Sprachdaten der bilingualen Kinder wurden im Rahmen von drei DFG-geförderten Forschungsprojekten (seit 1999) 6 erhoben. Die Daten des monolingual deutschen Kindes Chantal sind im Forschungsprojekt „Frühkindliche Zweisprachigkeit: Italienisch-Deutsch und Französisch- Deutsch im Vergleich“ entstanden. Alle bilingualen Kin-der und das monolingual deutsche Kind Chantal wurden in einem Abstand von zwei Wochen mit einer Videokamera aufgenommen, wobei die Aufnahmen in der Regel 30 Minuten lang sind und überwiegend spontane Interaktion stattfindet. Die Sprachaufnahmen werden entweder von den Eltern selbst durchgeführt (z.B. bei den Kindern, die im romanischsprachigen Ausland aufwachsen) oder von Projektmitarbeitern, die Muttersprachler der jeweiligen Erstsprache der bilingualen Kinder sind. Dabei verfahren die Interaktionspartner nach dem Prinzip „one-person - one-language“ (Ronjat 1913), wodurch in den Sprachaufnahmen eine monolinguale Situation geschaffen wird. Die Muttersprache des jeweiligen Interaktionspartners wird mit der sogenannten Kontextsprache gleichgesetzt. Interagiert ein bilingual deutsch-spanisches Kind in den spanischen Sprachaufnahmen mit einem spanischen Muttersprachler, dann bildet das Spanische in diesem konkreten Fall die Kontextsprache. Zwei der hier untersuchten deutsch-französischen Kinder (Emma und Marie) leben in Frankreich (Paris), d.h. sie sind einer monolingual französischen Umgebung ausgesetzt. Die anderen fünf deutsch-französischen Kinder befanden sich während des Untersuchungszeitraums in Deutsch- 5 Bis auf den Korpus des monolingualen Kindes Chantal, sind die restlichen monolingualen Daten über die CHILDES Datenbank zugänglich (vgl. MacWhinney und Snow 1985, MacWhinney 1995). 6 „Frühkindliche Zweisprachigkeit: Italienisch-Deutsch und Französisch-Deutsch im Vergleich“ (1999-2005): Leitung Prof. Dr. Natascha Müller „Die Architektur der frühkindlichen bilingualen Sprachfähigkeit. Italienisch- Deutsch und Französisch-Deutsch in Italien, Deutschland und Frankreich im Vergleich“ (2005-2008): Leitung Prof. Dr. Natascha Müller „Code-Switching bei bilingual aufwachsenden Kindern in Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien: Italienisch-Deutsch, Französisch-Deutsch, Spanisch- Deutsch, Italienisch-Französisch, Italienisch-Spanisch, Französisch-Spanisch.“ (2009- 2013): Leitung Prof. Dr. Natascha Müller <?page no="62"?> 62 land und wachsen in einer monolingual deutschen Umgebung auf. Das deutsch-italienische Kind Valentin und das französisch-italienische Kind Siria wachsen in Italien auf. Juliette, ein ebenfalls französisch-italienisch bilingual aufwachsendes Kind, lebt in Frankreich (Paris). Die Familiensprache, die familiäre Situation, die Sprache jedes Elternteils, die Anzahl der Geschwister sowie die gesprochene Sprache untereinander und der Kontakt zur Nicht-Umgebungssprache variiert zwischen den Familien. Die nachfolgende Tabelle (1) zeigt die analysierten bilingualen Kinder und die jeweilige Sprachkombination. (1) Die bilingualen Kinder: Sprachkombination Deutsch-Französisch Alexander, Amélie, Céline, Emma, Marie, Julie Deutsch-Spanisch Teresa, Arturo Deutsch-Italienisch Lukas, Carlotta, Marta, Jan, Luca, Valentin, Aurelio Französisch-Italienisch Juliette, Siria Die Tabelle (2) gibt einen Überblick über die monolingualen Kinder, die in der vorliegenden Studie untersucht wurden. (2) Die monolingualen Kinder 7 Deutsch Chantal, Kerstin Französisch Grégoire, Philippe, Madeleine, Théophile, Max, Léonard Spanisch Irene Italienisch Martina 7 Bis auf das Kind Max, welches in Kanada aufwächst, leben die monolingual französischen Kinder in Frankreich. Das Kind Irene wächst in Spanien und das Kind Martina in Italien auf. Die Daten der monolingualen Kinder werden erst im Kapitel (5.7) (Teil II der Longitudinalstudien) relevant und werden aus diesem Grund an dieser Stelle nicht weiter vorgestellt. <?page no="63"?> 63 3.2 Datenbasis und methodisches Vorgehen Im Folgenden werden die bilingualen Kinder im Hinblick auf die Umgebungssprache, die familiäre Situation (z.B. die Familiensprache) und den Untersuchungszeitraum vorgestellt. 1. Amélie Das deutsch-französische Kind Amélie wurde 1999 in Hamburg geboren. Der Vater spricht Deutsch mit Amélie, die Mutter Französisch. Als Familiensprache werden beide Sprachen gebraucht, wobei mehr Deutsch als Französisch gesprochen wird. Amélie besitzt zwei ältere Brüder, mit denen sie Französisch spricht. Die untersuchten Sprachdaten repräsentieren Amélies Sprachentwicklung vom Alter von 1; 6,12 8 bis zum Alter 5; 0,16 Jahren. Ab einem Alter von 3; 1 Jahren besucht Amélie einen deutsch-französischen Kindergarten. 2. Céline Das deutsch-französische Kind Céline wurde 1997 in Hamburg geboren. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Franzose. Die Familiensprache ist Französisch. Mit ihrem älteren Bruder spricht Céline Deutsch. Bei Céline fällt besonders auf, dass sie am Anfang ihrer Sprachentwicklung kein Französisch spricht, obwohl das Französische die Familiensprache ist. Erst in einem Alter von ca. drei Jahren beginnt Céline aktiv Französisch zu sprechen. Die Untersuchung von Célines Daten beginnt im Alter von 2; 0,9 Jahren im Deutschen und 2; 0,24 Jahren im Französischen und endet im Alter von 5; 4,14 Jahren in beiden Sprachen. 3. Alexander Das Kind Alexander wurde 1997 in Hamburg geboren. Seine Mutter ist Französin, sein Vater Deutscher. Außerdem spricht die Mutter die Umgebungssprache, d.h. das Deutsche. Mit seinem älteren Bruder spricht Alexander Französisch. Innerhalb der Familie wird ebenfalls Französisch gesprochen. Die Analyse von Alexanders Daten beginnt im Alter von 2; 2,6 Jahren und endet im Alter von 5; 2,21 Jahren. 4. Marie Das deutsch-französische Kind Marie wurde 2004 in Paris geboren. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Franzose. Marie hat eine ältere Schwester, mit der sie Französisch spricht. Die Familiensprache ist ebenfalls Französisch, da der Vater kein Deutsch spricht. Bei Marie fällt besonders auf, dass sie in den Sprachaufnahmen nur sehr wenig Deutsch spricht. Die 8 Die Altersangabe meint 1 Jahr, 6 Monate und 12 Tage: (x; y,z), wobei x=Jahr, y=Monat, z=Tag bedeutet. <?page no="64"?> 64 vorliegende Arbeit untersucht Maries Sprachentwicklung von 1; 9,19 bis 4; 1,24 Jahren. 5. Emma Das Kind Emma wurde 2004 in Paris geboren. Die Mutter ist Deutsche, der Vater Franzose. Da der Vater kein Deutsch spricht, hat sich die Familie dazu entschieden, das Französische als Familiensprache zu wählen. Die Untersuchung von Emmas Daten beginnt in beiden Sprachen im Alter von 1; 4,1 Jahren und endet im Deutschen mit 4; 0,12 Jahren und im Französischen mit 2; 7,0 Jahren. 6. Julie Julie wurde 2000 in Hamburg geboren. Julies Mutter ist Deutsche, ihr Vater ist Franzose. Die Mutter spricht sehr gut Französisch. Julie ist Einzelkind. Die Eltern haben als Familiensprache das Französische gewählt. Die Untersuchung von Julies Daten beginnt im Alter von 1; 7,28 und endet im Alter von 4; 0,9 Jahren im Deutschen. Die französischen Aufnahmen wurden bis zum Zeitpunkt der vorliegenden Untersuchung noch nicht transkribiert. 7. Teresa Das Kind Teresa wurde 2005 in Wuppertal geboren. Die Mutter ist Spanierin, der Vater Deutscher. Beide Elternteile können sowohl Spanisch als auch Deutsch sprechen. Die Familiensprache ist nicht auf eine der beiden Sprachen festgelegt, d.h. es werden beide Sprachen im familiären Kontext verwendet, wobei mit Teresa immer die Erstsprache des jeweiligen Elternteils gesprochen wird. Teresa hat einen älteren Bruder Arturo, der ebenfalls in der zugrundeliegenden Arbeit untersucht wurde. Die Geschwister sprechen untereinander beide Sprachen, wobei die Sprachwahl von verschiedenen Kriterien abhängig ist (z.B. Dauer des Aufenthalts in Spanien, Anwesenheit spanisch- oder deutschsprachiger Personen). Die Analyse von Teresas Daten beginnt im Alter von 1; 5,29 und endet im Alter von 3; 10,13 Jahren. 8. Arturo Das Kind Arturo wurde 2002 in Wuppertal geboren und ist der ältere Bruder von Teresa. Die Informationen zur familiären Situation können aus der Beschreibung des Kindes Teresa entnommen werden. Die anfängliche Sprachentwicklung bei Arturo ist durch eine starke Präferenz für das Deutsche gekennzeichnet. Die Analyse von Arturos beginnt im Alter von 2; 3,23 und endet im von Alter 5; 3,29 Jahren. <?page no="65"?> 65 9. Aurelio Das Kind Aurelio wurde 1997 in Hamburg geboren. Beide Elternteile sprechen ihre jeweilige Erstsprache mit Aurelio, d.h. die Mutter Italienisch und der Vater Deutsch. Bei Aurelio wird vermerkt, dass der Vater aber bis zum Zeitpunkt der elterlichen Trennung mit ihm Italienisch gesprochen hat. Die Eltern von Aurelio haben sich kurz nach Beginn der Aufnahmen (1; 9,27) voneinander getrennt. Die Familiensprache ist das Italienische. Die Untersuchung von Aurelios Daten beginnt im Alter von 1; 9,27 und endet im Alter von 4; 0,28 Jahren. 10. Carlotta Das Kind Carlotta wurde 1995 in Hamburg geboren. Ihre Mutter ist Italienerin, ihr Vater ist Deutscher. Die Familie hat keine weiteren Kinder. Jeder Elternteil spricht die jeweilige Erstsprache mit ihr, die Familiensprache ist Italienisch. Die Untersuchung der Sprachdaten beginnt im Alter von 1; 8,28 Jahren und endet im Alter von 4; 1 Jahren. 11. Marta Das Kind Marta wurde 2000 in Hamburg geboren. Der Vater ist Deutscher, die Mutter bilingual deutsch-italienisch. Die Mutter spricht ausschließlich Italienisch mit Marta. Die Eltern haben das Italienische als Familiensprache gewählt, da der Vater ebenfalls sehr gut Italienisch spricht. Marta hat einen älteren Bruder mit dem sie Italienisch spricht. Der Untersuchungszeitraum beginnt im Alter 1; 6,26 und endet in dieser Arbeit mit 4; 0,24 Jahren. 12. Lukas Das Kind Lukas wurde 1996 in Hamburg geboren. Seine Mutter ist Italienerin, sein Vater Deutscher. Lukas hat keine Geschwister. Beide Elternteile sprechen die jeweilige Muttersprache mit dem Kind; untereinander sprechen die Eltern Deutsch. Die untersuchten Daten reichen bei Lukas von 1; 8,14 Jahren bis zu einem Alter von 4; 1,7 Jahren im Italienischen und im Deutschen bis zu einem Alter von 5; 0,2 Jahren. 13. Jan Das Kind Jan wurde 1996 in Hamburg geboren. Die Mutter ist Italienerin, der Vater Deutscher. Die Familie hat das Deutsche als Familiensprache gewählt, obwohl der Vater ebenfalls Italienisch spricht. Beide Elternteile sprechen ihre jeweilige Muttersprache mit dem Kind. Jan hat zwei Geschwister, einen älteren und einen jüngeren Bruder. Die Brüder sprechen miteinander Deutsch. Die Analyse von Jans Daten beginnt im Alter von 2; 0,11 Jahren und endet im Alter von 4; 0,14 Jahren. <?page no="66"?> 66 14. Luca Das Kind Luca wurde 2000 in Hamburg geboren. Lucas Mutter ist Italienerin, sein Vater ist Deutscher. Die Mutter spricht sehr gut Deutsch. Luca hat auch eine große Schwester, die nicht zweisprachig erzogen wurde, Italienisch aber relativ gut spricht und sehr gut versteht. Die Geschwister unterhalten sich überwiegend auf Deutsch. Die in dieser Arbeit untersuchten Daten reichen bei Luca von 1; 6,5 Jahren bis 4; 0,5 Jahren in beiden Sprachen. 15. Valentin Das Kind Valentin wurde 2003 in Trento (Italien) geboren. Valentins Mutter ist Deutsche, sein Vater ist Italiener. Valentin hat einen Zwillingsbruder mit dem er Italienisch spricht. Die Eltern haben als Familiensprache das Italienische gewählt. Die Daten von Valentin wurden über einen Alterszeitraum von 1; 11,3 Jahren bis 4; 0,7 Jahren analysiert. 16. Siria Das Kind Siria wurde 2004 in Rom geboren. Sirias Mutter ist Schweizerin (spricht Französisch), ihr Vater ist Italiener. Die Eltern haben als Familiensprache das Italienische gewählt, da die Mutter ebenfalls sehr gut Italienisch spricht. Die Aufnahmen beginnen im Alter von 1; 6,12 Jahren, und werden bis 4; 0,7 Jahren untersucht. 17. Juliette Das Kind Juliette wurde 2004 in Paris geboren. Juliettes Mutter ist Französin, ihr Vater ist bilingual französisch-italienisch. Juliette ist zu Beginn der Aufnahmen Einzelkind. Im Jahr 2005 bekommt sie einen Bruder. Die Eltern haben als Familiensprache das Französische gewählt, da die Mutter kein Italienisch spricht. Die Analyse der Daten erstreckt sich über einen Zeitraum von 1; 8,16 bis 4; 0,6 Jahren. In Tabelle (3) wird ein Überblick über die gesamte Datenbasis gegeben 9 . Neben der Anzahl der untersuchen Sprachaufnahmen (Spalte 2) wird der Untersuchungszeitraum angegeben, in dem die bilingualen Kinder aufgenommen wurden (Spalte 3). Die beiden anderen Spalten zeigen das Verhältnis zwischen einsprachigen DPn (Basis DP) und den relevanten Switches (Swtiches DP) in Token bzw. Typen an. Die vorliegende Untersuchung basiert auf insgesamt 56.102 einsprachigen und 1.940 (Token) bzw. 1.252 (Typen) gemischten DPn, d.h. die Sprachmischungen zwischen Determinierer und Nomen entsprechen einem prozentualen Anteil von nur 9 Zum Zeitpunkt der Analyse lagen für das italienisch-französische Kind Siria und das deutsch-französische Kind Julie noch keine Tranksriptionen im Französischen vor. <?page no="67"?> 67 3,5% (Token) bzw. 2,2% (Typen). Im Verhältnis zur monolingualen Datenbasis treten recht wenige gemischtsprachliche DPn in den Longitudinalstudien auf. An dieser Stelle soll aber daraufhingewiesen werden, dass bei bilingualen Kindern generell weniger intra-sententiales als intersententiale CS beobachtet wird (vgl. Arencibia Guerra 2008). Dennoch bilden Sprachmischungen zwischen Determinierer und Nomen den häufigsten Mischpunkt von allen intra-sententialen Mischungen. Dieses Ergebnis wird im Abschnitt 4.5 präsentiert, in dem die Anzahl der gemischtsprachlichen DPn in Relation zu der Anzahl aller intra-sententialen Mischungen gesetzt wird. Des Weiteren zeigt die Tabelle (3), dass das deutsch-französische Kind Julie keine relevanten Switches im Deutschen aufweist. Sie ist das einzige Kind, das in einer Sprache überhaupt nicht zwischen Determinierer und Nomen mischt. Die folgenden Tabellen stellen die absolute Anzahl der einsprachigen und gemischten DPn in Token und Typen dar: Tabelle (3): Die Datenbasis der deutsch-französischen Studie Aufnahmen 10 Alter Basis DP Switches DP (Token) Switches DP (Typen) Amélie 69/ 69 1; 6,12 - 5; 0,16 4.001 / 5.517 116 / 102 97 / 58 Céline 57/ 57 2; 0,9 - 5; 4,14 3.555 / 1.252 5 / 119 4 / 81 Alexander 50/ 50 2; 2,6 - 5; 2,21 1.754 / 4.005 110 / 72 84 / 33 Emma 64/ 32 11 1; 4,1 - 4; 0,12 2.082 / 554 82 / 1 52 / 1 Julie 12 52/ -- 1; 7,28 - 4; 0,9 2.303 --- --- Marie 28/ 27 1; 9,19 - 4; 1,24 212 / 2.183 49 / 51 39 / 18 10 In der vorliegenden Tabelle mit den Spaltenbezeichnungen (Aufnahme, Basis DP und Switches DP) steht die erste Zahl immer für das Deutsche, die darauffolgende für die jeweiligen romanischen Sprachen. 11 Der Untersuchungszeitraum endet im Französischen mit 2; 7,0 Jahren. 12 Für das Französische konnte keine Analyse erfolgen, da die Transkriptionen noch nicht vorliegen. <?page no="68"?> 68 Tabelle (4): Die Datenbasis der deutsch-spanischen Studie Teresa 40/ 43 1; 5,29 - 3; 10,13 1.222 / 580 8 / 12 6 / 10 Arturo 35/ 35 2; 3,23 - 4; 1,5 1.145 / 568 33 / 99 11 / 83 Tabelle (5): Die Datenbasis der deutsch-spanischen Studie Marta 52/ 52 1; 6,25 - 4; 0,13 1.301 / 2.192 92 / 45 55 / 21 Aurelio 42/ 42 1; 10,10 - 4; 0,28 786 / 1.511 60 / 151 45 / 81 Lukas 63/ 46 1; 8; 14 - 5; 0,2 2.869 / 1.228 44 / 263 22 / 168 Valentin 54/ 55 1; 11,3 - 4; 0,7 170 / 1.775 116 / 26 89 / 14 Jan 31/ 31 2; 0,11 - 4; 0,14 1.031 / 569 7 / 46 7 / 33 Carlotta 47/ 47 1; 8,28 - 4; 1 1.408 / 1.627 55 / 40 36 / 31 Luca 52/ 45 1; 6,5 - 4; 0,5 1.381 / 721 16 / 22 6 / 12 Tabelle (6): Die Datenbasis der französisch-italienischen Studie Siria 13 --/ 54 1; 6,12 - 4; 0,7 2.687 17 10 Juliette 14 36/ 36 1; 8,16 - 4; 0,14 3203 / 1938 11 / 70 5 / 40 3.3 Bestimmung des Balanciertheitsgrades der Sprachen im bilingualen Kind In diesem Abschnitt sollen die Dominanzverhältnisse der analysierten Kinder in Bezug auf ihre beiden Sprachen bestimmt werden, um die Ergebnisse der Longitudinalstudien genauer interpretieren zu können. Zur Bestimmung des Balanciertheitsgrades der beiden Erstsprachen zueinan- 13 Bei dem Kind Siria steht die zweite Zahl für das Italienische. Für das Französische konnte keine Analyse erfolgen, da die Transkriptionen noch nicht vorliegen. 14 Bei dem Kind Juliette steht die erste Zahl für das Französische, die darauffolgende für das Italienische. <?page no="69"?> 69 der sollen die analysierten bilingualen Kinder anhand der MLU-Werte in der jeweiligen Sprache und den daraus errechneten MLU-Differenzen (MLUD) präsentiert werden. Die vorliegende Studie legt einen wortbasierten MLU zugrunde, da die bilingualen Kinder über eine Altersspanne vom 1. bis zum 4./ 5. Lebensjahr analysiert werden. Eine morphembasierte Untersuchung erscheint nur dann sinnvoll, wenn die kindliche Sprachentwicklung in sehr frühen Erwerbsphasen untersucht wird. Nach Arencibia Guerra (2008) lässt sich u.a. durch die Berechnung der MLU-Differenz die Überlegenheit einer Sprache über die andere im bilingualen Individuum messen. Mithilfe der MLU-Differenz wird demnach das Verhältnis bzw. die Distanz der beiden Sprachen zueinander ermittelt. Insgesamt argumentiert Arencibia Guerra (2008) dafür, dass über die Ermittlung der MLU-Werte und -Differenzen in den jeweiligen Erstsprachen ein aussagekräftiges Bild hinsichtlich des Balanciertheitsgrades im bilingualen Individuum gewonnen wird. Aus diesem Grund werden im vorliegenden Rahmen ausschließlich die MLU-Werte und MLU-Differenzen zur Bestimmung der Dominanzverhältnisse vorgestellt, um den Sprachentwicklungsstand der Kinder zu erfassen. 3.4 MLU-Differenz und durchschnittliche MLU-Differenz Im Folgenden wird der jeweilige Balanciertheitsgrad der beiden Sprachen zueinander über die MLU-Differenz und die durchschnittliche MLU- Differenz abgebildet. Arencibia Guerra (2008) konnte bei zwei bilingual aufwachsenden Kindern (Aurelio und Lukas), die ebenfalls in dieser Arbeit analysiert werden, feststellen, dass sie einen Phasenwechsel durchlaufen, der durch einen Wechsel von einer balancierten in eine unbalancierte (überlegene) Phase oder andersherum gekennzeichnet ist. Die Autorin geht davon aus, dass eine überlegene Phase genau dann vorliegt, wenn die MLU-Differenz in fünf aufeinanderfolgenden Sprachaufnahmen mindestens den Wert 0,9 erreicht oder überschreitet. Aus diesem Grund wird bei allen Kindern zusätzlich zur Darstellung der durchschnittlichen MLU-Differenz überprüft, ob sich bestimmte Phasen im Entwicklungsverlauf abzeichnen. Zunächst soll die sprachliche Entwicklung der bilingual deutsch-französischen Kinder Alexander, Amélie, Marie, Emma, Céline und Julie 15 untersucht werden. Die folgende Graphik bildet die MLU-Werte und -Differenzen der analysierten deutsch-französischen Longitudinalstudien ab. 15 Die Untersuchung des deutsch-französischen Kindes Julie basiert in der vorliegenden Arbeit ausschließlich auf den deutschen Sprachaufnahmen. <?page no="70"?> 70 Die Graphik (1) zeigt im oberen Bereich den Entwicklungsverlauf des MLUs im Deutschen und im unteren Teil die Entwicklung der MLU- Werte im Französischen. Hierzu wurden die MLU-Werte in der romanischen Sprache an der Null-Achse gespiegelt, wodurch sie ein negatives Vorzeichen erhalten. Die negativen Werte implizieren jedoch nicht, dass die MLU-Werte über die Entwicklung in der romanischen Sprache abnehmen. Eine balancierte Sprachentwicklung kennzeichnet sich durch eine gegen Null tendierende Differenzlinie. Angenommen, die MLU-Werte in Sprache A sind größer als die in Sprache B, dann ergibt sich eine Differenz zugunsten der Sprache A, d.h. es liegt eine Überlegenheit der Sprache A über die Sprache B im bilingualen Kind vor. Die Entwicklungsverläufe in Abb. (1) machen deutlich, dass mit zunehmendem Alter auch die MLU-Werte in den beiden Sprachen ansteigen. Es liegt eine positive Korrelation zwischen den beiden Variablen Alter und MLU vor. Abb. (1) MLU-Entwicklung der deutsch-französischen Kinder -6 -4 -2 0 2 4 6 1; 6 1; 9 2; 0 2; 3 2; 6 2; 9 3; 0 3; 3 3; 6 3; 9 4; 0 4; 3 4; 6 4; 9 5; 0 Alter Fra nzösisch DMLUD Deutsch Alex dt. Alex frz. Alex Diff. Am dt. Am frz. Am Diff. Em dt. Em frz. Em Diff. Jul dt. Cé dt. Cé frz. Cé Diff Mar dt. Mar frz. Mar Diff. Dennoch zeigt die Graphik einen deutlichen Unterschied zwischen den untersuchten bilingual deutsch-französischen Kindern. Nach Arencibia Guerra (2008: 125) sind die beiden Kinder Amélie und Alexander als balanciert einzustufen, wobei Alexander als balanciert mit einer Tendenz zum Französischen klassifiziert wird. Bei dem in Frankreich aufwachsenden Kind Emma kann nach den Kriterien von Arencibia Guerra (2008) ebenfalls eine Tendenz in der romanischen Sprache festgestellt werden. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die beiden bilingualen Kinder Emma und Alexander jedoch als balanciert einzustufen sind, obwohl sie eine Tendenz in der romanischen Sprache aufweisen. Im Gegensatz zu <?page no="71"?> 71 den als balanciert klassifizierten Kindern, lässt sich für die bilingualen Kinder Céline und Marie eine Überlegenheit im Deutschen bzw. in der romanischen Sprache beobachten. Das Kind Céline erwirbt das Deutsche als starke Sprache, während Marie die romanische Sprache als dominante Sprache entwickelt. Bei näherer Betrachtung der sprachlichen Entwicklung von Marie und Céline wird deutlich, dass die MLU-Differenzen bei Marie weitaus größer sind als bei Céline. Der maximale Differenzwert beträgt bei Marie 4,08 (zugunsten des Französischen), während bei Céline ein MLU-Differenz Wert von 2,23 Wörtern nicht überschritten wird. Für die sprachliche Entwicklung im Deutschen kann jedoch festgehalten werden, dass Julie das Deutsche nicht als schwache Sprache erwirbt. Für die deutsch-französischen Kinder kann anhand der ermittelten MLU-Werte von balanciert nach unbalanciert die folgende Rangordnung erstellt werden: Amélie > Emma > Alexander > Céline > Marie. Die folgende Abbildung (2) gibt den Entwicklungsverlauf der MLU- Werte und-Differenzen der bilingual deutsch-italienischen Kinder wieder. Die Kinder Marta, Carlotta und Luca werden hierbei als stark balanciert klassifiziert, da die MLU-Differenz-Linie über den gesamten Untersuchungszeitraum gegen Null tendiert. Nach Arencibia Guerra (2008) weist das Kind Aurelio im Hinblick auf seine MLU-Entwicklung insgesamt drei Phasen auf: Die erste Phase von 1; 9,27 bis 2; 1,23 Jahren klassifiziert die Autorin als eine balancierte Erwerbsphase, da die MLU-Differenz einen Wert von 0,39 Wörtern nicht überschreitet. Der Untersuchungszeitraum von 2; 1,23 bis 3; 5,2 Jahren ist durch eine Überlegenheit im Italienischen gekennzeichnet und bildet somit die zweite Erwerbsphase. In dieser Phase wird deutlich, dass die MLU-Differenz sogar in mehr als fünf aufeinander folgenden Sprachaufnahmen den kritischen Wert von 0,9 überschreitet. In einer dritten Erwerbsphase, die von 3; 5,16 bis 4; 0,28 Jahren dauert, weist das Kind Aurelio wieder eine balancierte Sprachentwicklung auf. In diesem Zeitraum liegt die MLU-Differenz kontinuierlich unter 0,9 Wörtern in mehr als fünf aufeinanderfolgenden Aufnahmen. Insgesamt fällt für die Autorin die zweite Erwerbsphase am stärksten ins Gewicht, da sie die längste und repräsentativste Phase darstellt, in der Aurelio eine starke Überlegenheit im Italienischen aufweist. Weiterhin weist Arencibia Guerra (2008) für das Kind Lukas insgesamt zwei Erwerbsphasen nach. Die Autorin zeigt, dass Lukas von Untersuchungsbeginn bis 3; 3,2 Jahren eine ausgeglichene Sprachentwicklung durchläuft, in der die MLU-Differenz den Wert 0,9 nicht in fünf aufeinanderfolgenden Aufnahmen überschreitet. Die zweite Erwerbsphase zeichnet sich im Hinblick auf die MLU-Differenzen zugunsten des Deutschen <?page no="72"?> 72 aus. Während für die Kinder Aurelio und Lukas Erwerbsphasen beobachtet werden, weisen die Kinder Jan und Valentin eine sprachliche Überlegenheit über den gesamten Untersuchungszeitraum auf. Das bilingual deutsch-italienische Kind Jan erwirbt das Deutsche als seine starke Sprache, während Valentin eine starke sprachliche Überlegenheit im Italienischen aufweist. Die sprachliche Entwicklung des deutsch-italienischen Kindes Valentin ist mit der des deutsch-französischen Kind Marie vergleichbar, da beide Kinder eine extreme sprachliche Überlegenheit in der jeweiligen romanischen Sprache zeigen. Abb. (2) MLU-Entwicklung der deutsch-italienischen Kinder -6 -4 -2 0 2 4 6 1; 6 1; 8 1; 10 2; 0 2; 2 2; 4 2; 6 2; 8 2; 10 3; 0 3; 2 3; 4 3; 6 3; 8 3; 10 4; 0 Alter Italienisch DMLUD Deutsch Ma dt. Ma it Ma Diff. Ca dt. Ca it. Ca Diff. Luk dt. Luk it. Luk Diff. Jan dt. Jan it. Jan Diff. Au dt. Au it. Au Diff. Va dt. Va it. Va Diff. Für die bilingual deutsch-italienischen Kinder kann anhand der ermittelten MLU-Werte von balanciert nach unbalanciert die folgende Rangfolge erstellt werden: Marta > Luca > Carlotta > Lukas > Aurelio > Jan > Valentin Die nachfolgende Graphik (3) zeigt die sprachliche Entwicklung der deutsch-spanischen Kinder Arturo und Teresa. <?page no="73"?> 73 Abb. (3) MLU-Entwicklung der deutsch-spanischen Kinder -6 -4 -2 0 2 4 6 1; 6 1; 8 1; 10 2; 0 2; 2 2; 4 2; 6 2; 8 2; 10 3; 0 3; 2 3; 4 3; 6 3; 8 3; 10 4; 0 Alter Spanisch DMLUD Deutsch Ar dt. Ar sp. Ar Diff. Te dt. Te sp. Te Diff. Für das Kind Teresa kann eine leichte Tendenz zum Deutschen beobachtet werden, welche ab einem Alter von 2; 11,13 Jahren in der Sprachentwicklung deutlich wird. Arturo weist über die gesamte Entwicklung eine Überlegenheit im Deutschen auf. Demnach kann für die deutsch-spanischen Kinder anhand der ermittelten MLU-Werte von balanciert nach unbalanciert die folgende Reihenfolge erstellt werden: Teresa > Arturo Die folgende Abbildung (4) gibt den Entwicklungsverlauf der MLU-Werte und -Differenzen 16 der bilingual französisch-italienischen Kinder wieder. 16 Für das französisch-italienische Kind Siria können nur die MLU-Werte im Italienischen über die Entwicklung abgebildet werden. <?page no="74"?> 74 Abb. (4) MLU-Entwicklung der französisch-italienischen Kinder -6 -4 -2 0 2 4 6 1; 6 1; 8 1; 10 2; 0 2; 2 2; 4 2; 6 2; 8 2; 10 3; 0 3; 2 3; 4 3; 6 3; 8 3; 10 4; 0 Alter Italienisch DMLUD Französisch Ju frz. Ju it. Ju Diff. Si it. Das Kind Juliette druchläuft zwei Erwerbsphasen, wobei die erste Phase von 1; 8,16 bis 2; 11,19 Jahren dauert und eine balancierte Erwerbsphase darstellt, da die MLU-Differenz in allen Sprachaufnahmen unter 0,9 Wörtern liegt. Der Untersuchungszeitraum von 3; 0,10 bis 4; 0,13 Jahren bildet die zweite Erwerbsphase, in der die MLU-Differenz in jeweils fünf aufeinander folgenden Aufnahmen den Wert 0,9 zugunsten des Französischen überschreitet. Somit ist die Sprachentwicklung von Juliette in der zweiten Erwerbsphase durch eine Überlegenheit im Französischen gekennzeichnet. Die MLU-Differenzen liegen in dieser Phase nur bei zwei Sprachaufnahmen, d.h. im Alter von 3; 4,22 und 4; 0,13 Jahren unter dem Wert 0,9. Insgesamt wird das Verhältnis der beiden Sprachen zueinander jedoch als balanciert eingestuft, da die zweite Erwerbsphase im Vergleich zur ersten Phase wesentlich kürzer ist. Die sprachliche Entwicklung von Siria kann im Italienischen bis zu einem Alter von 3; 3 Jahren mit der Entwicklung von Juliette verglichen werden. Von 3; 3 bis 4; 0 Jahren weist Siria jedoch geringere MLU-Werte als Juliette im Italienischen auf. Um ein aussagekräftiges Bild bezüglich der Sprachdominanz des bilingualen Kindes Siria zu gewinnen, ist eine Analyse der sprachlichen Entwicklung im Französischen erforderlich. Die nachstehende Abbildung stellt die MLU- Differenzen der unbalacierten Kinder, die eine sprachliche Überlegenheit über den gesamten Untersuchungszeitraum aufweisen, im Vergleich dar. <?page no="75"?> 75 Abb. (5) MLU-Differenzen der unbalancierten Kinder -4 -3 -2 -1 0 1 2 3 1; 9 1; 11 2; 1 2; 3 2; 5 2; 7 2; 9 2; 11 3; 1 3; 3 3; 5 3; 7 3; 9 3; 11 4; 1 Alter rom. Sprache DMLUD Deutsch Cé (dt-frz) Ar (dt-sp) Jan (dt-it) Mar (dt-frz) Va (dt-it) Für Jan, Céline und Arturo wird eine Überlegenheit im Deutschen über den gesamten Untersuchungszeitraum festgestellt, während bei Valentin und Marie die Entwicklung zugunsten der romanischen Sprache verläuft. Im Vergleich zu Jan, Céline und Arturo zeigen sich für Valentin und Marie weitaus größerer Unterschiede hinsichtlich der MLU-Werte in beiden Sprachen. Der maximale Differenzwert beträgt bei Marie 4,08 und bei Valentin 5,07, während bei den anderen Kindern ein Maximum von 2,41 nicht überschritten wird (Céline 2,23, Jan 2,21 und Arturo 2,41). Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die empirischen Befunde zeigen, dass sich die beiden Kinder Valentin und Marie in ihrer schwachen Sprache auch in bestimmten grammatischen Bereichen (u.a. Nomen-Verb-Entwicklung) ganz anders verhalten als die anderen unbalancierten Kinder. Zur Berechnung der durchschnittlichen MLU-Differenz (DMLUD) müssen zunächst alle MLUDs ermittelt werden. Die MLUD wird folgendermaßen berechnet: Von den MLU-Werten der Sprache A werden die MLU-Werte der Sprache B subtrahiert (MLU SpracheA - MLU SpracheB ). Nach Arencibia Guerra (2008: 65) ist die DMLUD folgendermaßen definiert: Summe der MLU-Differenzen (Sprache A - Sprache B) dividiert durch die Anzahl der Sprachaufnahmen. Durch die Berechnung der durchschnittlichen MLU-Differenz wird ein Mittelwert gebildet, der bei Kindern, die keine konstante Entwicklung in ihren Erstsprachen aufweisen, keine Aussage über die Balanciertheit in bestimmten Entwicklungsphasen macht. Die DMLUD-Werte der Kinder werden in der Tabelle (7) zusammengefasst und durch die Einteilung (stark balanciert, balanciert, balanciert mit <?page no="76"?> 76 Tendenz) klassifiziert. Die Klassifikation der einzelnen Kinder nach ihrem Balanciertheitsgrad wird unter Berücksichtigung der Tabelle „Einordnung der Kinder nach DMLUD“ aus Arencibia Guerra (2008: 70) fortgeführt und ergänzt 17 . Die Tabelle (7) beinhaltet die zusätzliche Bezeichnung (extrem überlegene Kinder), um die beiden Kinder Valentin und Marie, die eine durchschnittliche MLU-Differenz von mehr als 1,5 Wörtern aufweisen, einzuordnen. Insgesamt werden die Kinder entweder als balanciert oder als unbalanciert eingestuft, wobei die Einteilung verschiedene Untergruppen berücksichtigt, um ein genaueres Bild über den jeweiligen Balanciertheitsgrad zu gewinnen. Die Tabelle (7) kann im Hinblick auf die Untergruppen als eine Hierarchisierung der Balanciertheit in den beiden Erstsprachen verstanden werden, die von stark balanciert bis zu extrem überlegen reicht: Je kleiner/ größer die durchschnittliche MLU- Differenz, desto balancierter/ unbalancierter ist das Verhältnis der beiden Erstsprachen zueinander. Die Bildung der Untergruppen von stark balanciert bis extrem überlegen erfordert ein Kriterium, das die Grenzen zwischen den einzelnen Klassifikationen eindeutig definiert. Hierzu legt Arencibia Guerra (2008) einen Wert von (= 0,3) fest, der die Abgrenzung der einzelnen Untergruppen ermöglicht. 17 Für das deutsch-französische Kind Julie und das italienisch-französische Kind Siria konnte keine DMLUD berechnet werden, da die Transkriptionen im Französischen zum Zeitpunkt der Analyse noch nicht vorlagen. <?page no="77"?> 77 Tabelle (7): Einteilung der bilingualen Kinder nach der DMLUD Bezeichnung DMLUD Kind balancierte Kinder stark balancierte Kinder 0 - 0,29 Wörter Marta, Luca, Carlotta, Aurelio 1. & 3. Phase, Lukas 1. Phase balancierte Kinder 0,3 - 0,59 Wörter Teresa 18 , Amélie, Emma, Juliette 1. Phase balancierte Kinder mit Tendenz zu einer Sprache 0,6 - 0,89 Wörter Alexander (mit Tendenz zum Französischen) unbalancierte Kinder unbalancierte Kinder 0,9 - 1,19 Arturo (Dt.), Jan (Dt.) stark unbalancierte Kinder 1,2 - 1,49 Céline (Dt.), Aurelio 2. Phase (It.), Lukas 2. Phase (Dt.), Juliette 2. Phase (Frz.) extrem unbalancierte Kinder mehr als 1,5 Wörter Marie (Frz.), Valentin (It.) 3.5 Quantitative Analyse In diesem Abschnitt wird eine quantitative Analyse der gemischtsprachlichen DPn von den insgesamt 17 untersuchten bilingualen Kindern erfolgen, um zu überprüfen, wie häufig sich der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen vollzieht. In der vorliegenden Studie wird eine DP als gemischt gewertet, wenn die funktionale und/ oder die lexikalische Kategorie nicht der Kontextsprache entsprechen. Wie bereits im zweiten Kapitel beschrieben, behaupten einige Autoren, dass Code-Switching innerhalb der DP nicht erlaubt sei, weil das funktionale Element (D) und das lexikalische Element (N) nicht aus der gleichen Sprache stammen (vgl. Functional Head Constraint, Belazi, Rubin & Toribio 1994). Das Functional Head Constraint kann jedoch durch Gegenbelege in der Spontansprache verworfen werden, da Sprachmischungen in diesem Bereich sowohl bei mehrsprachigen Kindern als auch bei Erwachsenen ein häufig beobachtetes Phänomen darstellen. Folglich ist es unplausibel zu behaupten, dass der Sprachenwechsel innerhalb der DP 18 Das Kind Teresa wird ausschließlich aufgrund der durchschnittlichen MLUD als balanciert klassifiziert. Dennoch zeigt sich, dass Teresa ab einem Alter von 2; 11,13 Jahren eine Tendenz zum Deutschen entwickelt. <?page no="78"?> 78 ungrammatisch ist. Andere Forscher gehen davon aus, dass der Sprachenwechsel innerhalb der DP eher Borrowing als Code-Switching sei (vgl. Toribio 2001). Wird der Sprachenwechsel ausschließlich als Borrowing betrachtet, dann wird schnell deutlich, dass die dem CS zugrundeliegenden Beschränkungen nicht mehr berücksichtigt werden müssen. Demzufolge wäre eine Analyse der gemischten Elemente überflüssig, da sie eben nur als entlehnt gelten würden. Beide Argumentationen haben ihre Schwächen und liefern keine überzeugende Erklärung für den Sprachenwechsel. Im Folgenden werden die Sprachmischungen zwischen Determinierer und Nomen im Hinblick auf ihr quantitatives Vorkommen untersucht. Obwohl die vorliegende Datenanalyse auf insgesamt 17 bilingualen Longitudinalstudien basiert, zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass die relevanten Switches im Vergleich zur einsprachigen Datenbasis (monolinguale DPn) nur einem prozentualen Anteil von ca. 3% entsprechen. Dennoch tritt der Sprachenwechsel innerhalb der DP in Relation zu anderen intra-sententialen Mischungen am häufigsten auf (vgl. Vihman 1998, Meyers-Scotton & Jake 2001). Die vorliegende Untersuchung bestätigt dieses Ergebnis und zeigt, dass von allen intra-sententialen Mischungen zu ca. 52% zwischen Determinierer und Nomen gemischt wird. In der nachfolgenden Abbildung wird die absolute Anzahl der relevanten Mischungen über den Säulen dargestellt 19 . 19 In der Graphik (6) wird die Anzahl der gemischten DPn der bilingualen Kinder Alexander, Amélie, Céline, Arturo, Marta, Jan, Aurelio und Lukas in Relation zu der Anzahl der intra-sententialen Mischungen betrachtet. Die Auszählung der intrasententialen Mischungen (andere) der genannten bilingualen Kinder erfolgte durch Arrencibia Guerra (2008). <?page no="79"?> 79 Abb. (6) Relation intra-sententiale Mischung D+N / intra-sententiale Mischungen (andere) 1402 1277 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 D+N andere % Im Folgenden wird bei der Datenanalyse nach dem jeweiligen sprachlichen Kontext differenziert, in dem die gemischtsprachliche DP aufgetreten ist. Hierbei bleibt zunächst unberücksichtigt, aus welcher Sprache jeweils die funktionale Kategorie und das Nomen stammen. Dieser Frage wird erst im Abschnitt 3.6 zur qualitativen Analyse der relevanten Switches nachgegangen. Des Weiteren wird der Sprachenwechsel innerhalb der DP in Zusammenhang mit der MLU-Entwicklung betrachtet. Hierbei wird es um die Frage gehen, ob die intra-sententialen Mischungen zwischen Determinierer und Nomen bei einer fortschreitenden MLU-Entwicklung zu- oder abnehmen. Die Ergebnisse werden zeigen, dass bei einem ansteigenden MLU der Anteil an relevanten Switches konstant bleiben, abnehmen oder sogar zunehmen kann. Es wird deutlich werden, dass eine fortschreitende grammatische Entwicklung nicht automatisch einen Rückgang der Sprachmischungen impliziert. Schließlich werden die Ergebnisse im Sprachvergleich präsentiert, um die Anzahl der Sprachmischungen in beiden Sprachen der bilingualen Kinder vergleichen zu können. Bei der Darstellung der empirischen Befunde werden die folgenden Aspekte fokussiert: 1. Wie oft wird zwischen Determinierer und Nomen in Relation zu den einsprachigen DPn gemischt? 2. Besteht eine Korrelation zwischen der MLU-Entwicklung und der Anzahl an gemischten DPn? <?page no="80"?> 80 3. Mischen bilinguale Kinder in einer ihrer beiden Sprachen häufiger und lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Balanciertheit und der Anzahl an Sprachmischungen feststellen? Hierbei geht es demzufolge um die Frage, ob in der schwachen Sprache mehr bzw. in der starken Sprache weniger gemischt wird 20 . 3.5.1 Mischungen im französischen Kontext In diesem Abschnitt werden die Ergbenisse der deutsch-französischen Kinder und des italienisch-französischen Kindes Juliette 21 im französischen Kontext vorgestellt. Hierbei werden die Sprachmischungen in Relation zu den einsprachigen DPn gesetzt. Die Anzahl der relevanten Sprachmischungen wird sowohl in Token als auch in Typen angegeben. In der Tabelle (8) werden die Ergebnisse in absoluten Zahlen und Prozentangaben (in Klammern) abgebildet: Tabelle (8): Französischer Kontext einsprachige DPn gemischte DPn (Token) gemischte DPn (Typen) Amélie 5.517 102 (1,82) 58 (1,04) Céline 1.252 119 (8,68) 81 (6,08) Alexander 4.005 72 (1,77) 33 (0,82) Emma 554 1 (0,18) 1 (0,18) Marie 2.183 51 (2,28) 18 (0,82) Juliette 3.203 11 (0,34) 5 (0,16) Summe 16.714 356 (2,09) 196 (1,16) Die Tabelle (8) macht deutlich, dass DP-Mischungen im Verhältnis zu den einsprachigen DPn über den gesamten Untersuchungszeitraum sehr selten sind. Bis auf das Kind Céline mischen alle Kinder zu weniger als 3% zwischen Determinierer und Nomen. Das Kind Emma produziert in den französischen Sprachaufnahmen nur eine einzige Mischung. Es sei an dieser Stelle auf den relativ kurzen Untersuchungszeitraum bei diesem Kind im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern hingewiesen. Außerdem wird deutlich, dass die Anzahl der Typen bei fast allen Kindern etwa 20 In den folgenden Tabellen (5) - (10) werden jeweils die Ergebnisse der unbalancierten Kinder im Kontext der schwachen Sprache kursiv dargestellt. Des Weiteren werden die einsprachigen DPn jeweils in Token abgebildet. 21 Die Ergebnisse schließen alle Formen aus, die im Italienischen und Französischen homophon sind, da man in diesen Fällen nicht entscheiden kann, aus welcher Sprache sie stammen. <?page no="81"?> 81 die Hälfte der Token bildet, d.h. die Kinder mischen mehrfach die gleichen Nomina. Insgesamt treten im französischen Kontext 356 bzw. 196 gemischte DPn (Token/ Typen) auf, das entspricht einem prozentualen Anteil von 2,09% bzw. 1,16% (Token/ Typen). Im Folgenden werden die gemischtsprachlichen DPn in Relation zu der jeweiligen MLU-Entwicklung der einzelnen Kinder gesetzt. Die Abbildung (7) zeigt deutlich, dass bei allen Kindern die intra-sententialen Mischungen innerhalb der DP (Token) mit einem ansteigenden MLU abnehmen. Für das Kind Emma, das nur bis zu einem MLU von 3 Wörtern analysiert wurde, kann für die spätere Entwicklung noch keine Vorhersage gemacht werden. Das Kind Céline unterscheidet sich von den anderen bilingualen Kindern besonders am Anfang der MLU-Entwicklung (bei einem MLU von 2 und 3 Wörtern). Obwohl das Kind Céline das Französische als schwache Sprache entwickelt, ist der prozentuale Anteil der gemischtsprachlichen DPn bei einem MLU von 4 Wörtern mit den anderen Kindern in etwa vergleichbar. Es wird deutlich, dass Céline nur am Anfang ihrer Sprachentwicklung in ihrer schwachen Sprache mehr mischt. Abb. (7) Gemischte DPn im frz. Kontext: MLU-Vergleich 0 2 4 6 8 10 12 14 16 2 3 4 5 MLU % Céline Alexander Marie Amélie Emma Juliette 3.5.2 Mischungen im spanischen Kontext Im Folgenden werden die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei den deutsch-spanischen Kindern im spanischen Kontext vorgestellt. In der Tabelle (9) werden die Ergebnisse erneut in absoluten Zahlen und Prozentangaben (in Klammern) präsentiert: <?page no="82"?> 82 Tabelle (9): Spanischer Kontext einsprachige DP gemischte DP (Token) gemischte DP (Typen) Teresa 580 12 (2,03) 10 (1,69) Arturo 568 99 (14,84) 83 (12,75) Summe 1.148 111 (8,82) 93 (7,49) Die Tabelle (9) macht deutlich, dass das Kind Arturo zu ca. 15% bzw. 13% (Token/ Typen) innerhalb der DP im spanischen Kontext mischt. Im Vergleich zu Arturo produziert das deutsch-spanische Kind Teresa sehr wenige relevante Switches den spanischen Sprachaufnahmen (ca. 2%). Außerdem liegt die Anzahl an gemischtsprachlichen DPn in Token und Typen sehr nah beieinander (12 Token/ 10 Typen). Erneut lässt sich im Hinblick auf die Differenz zwischen Token und Typen nur ein geringer Unterschied feststellen. Im Hinblick auf die MLU-Entwicklung und die Anzahl an gemischtsprachlichen DPn wird deutlich, dass die relevanten Switches sowohl bei dem Kind Teresa als auch bei Arturo mit einem ansteigenden MLU abnehmen. Die Abbildung (8) zeigt, dass die Entwicklung der beiden Kinder gleich verläuft, wobei Teresa ab einem MLU von 3 Wörtern keine relevanten Mischungen mehr aufweist und Arturo noch zu ca. 14% innerhalb der DP mischt. Abb. (8) Gemischte DPn im spanischen Kontext: MLU-Vergleich 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 2 3 MLU % Arturo Teresa <?page no="83"?> 83 3.5.3 Mischungen im italienischen Kontext In diesem Abschnitt werden die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei den deutsch-italienischen Kinder und den italienisch-französischen Kindern im italienischen Kontext dargestellt. Insgesamt entsprechen die gemischtsprachlichen DPn einem Anteil von ca. 5% (Token) und 3% (Typen) in den italienischen Sprachaufnahmen. Das deutsch-italienische Kind Lukas mischt von allen Kindern am häufigsten zwischen D und N im italienischen Kontext. Die Kinder Jan und Aurelio weisen ebenfalls einen hohen Anteil an Mischungen auf. Obwohl Aurelio das Italienische als starke Sprache entwickelt, mischt er in den italienischen Aufnahmen relativ häufig (ca. 10%). Dennoch muss die Anzahl der Sprachmischungen in beiden Sprachen miteinander verglichen werden, um ein genaueres Bild darüber zu gewinnen, ob das erarbeitete Ergebnis in Zusammenhang mit der Sprachdominanz steht. Diese Analyse wird im Abschnitt 3.5.5 erfolgen, in dem die Ergebnisse im Sprachvergleich dargestellt werden. Tabelle (10) zeigt die Anzahl an relevanten Switches in Token und Typen in Relation zu den einsprachigen DPn in den italienischen Sprachaufnahmen. Tabelle (10): Italienischer Kontext einsprachige DP gemischte DP (Token) gemischte DP (Typen) Marta 2.192 45 (2,01) 21 (0,95) Aurelio 1.511 151 (9,09) 81 (5,09) Lukas 1.228 263 (17,64) 168 (12,03) Valentin 1.775 26 (1,44) 14 (0,78) Jan 569 46 (7,48) 33 (5,48) Carlotta 1.627 40 (2,40) 31 (1,87) Luca 721 22 (2,96) 12 (1,64) Siria 2.687 17 (0,63) 10 (0,37) Juliette 1.938 70 (3,49) 40 (2,80) Summe 14.248 680 (4,56) 410 (2,80) Die folgende Abbildung (9) zeigt, dass nicht bei allen Kindern eine negative Korrelation zwischen der MLU-Entwicklung und der Anzahl an Sprachmischungen existiert. Vielmehr variieren die Ergebnisse bei den einzelnen Kindern: Bei Jan, Luca, Juliette und Valentin bleibt die Anzahl der gemischtsprachlichen DPn mit einem ansteigendem MLU relativ unverändert, während bei Carlotta und Sira die Anzahl an Sprachmischun- <?page no="84"?> 84 gen abnimmt. Bei Marta und Aurelio zeigt sich eine Tendenz, mit ansteigendem MLU häufiger innerhalb der DP zu mischen. Bei dem Kind Lukas liegen die Sprachmischungen bei einem MLU von 2 Wörtern bei ca. 15%, bei einem MLU von 3 Wörtern steigen diese auf ca. 30% an und sinken schließlich bei einem MLU von 4 Wörtern auf einen Anteil von ca. 8%. Für Lukas wurde bereits im Abschnitt 3.4 gezeigt, dass seine Sprachentwicklung ab einem Alter von 3; 2 Jahren zugunsten des Deutschen verläuft. Interessant ist nun, dass Lukas bei einem MLU von 4 Wörtern trotzdem relativ wenig mischt, obwohl er das Italienische in dieser Phase als schwache Sprache erwirbt. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Anzahl der Sprachmischungen entweder positiv, negativ oder überhaupt nicht mit der MLU-Entwicklung korreliert. Abb. (9) Gemischte DPn im italienischen Kontext: MLU-Vergleich 0 5 10 15 20 25 30 35 2 3 4 5 MLU % Aurelio Carlotta Jan Lukas Marta Valentin Luca Siria Juliette 3.5.4 Mischungen im deutschen Kontext Der vorliegende Abschnitt stellt die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen in den deutschen Sprachaufnahmen vor. Beginnend mit den deutsch-französischen Kindern werden im Anschluss die Ergebnisse der deutsch-spanischen und deutsch-italienischen Kinder gezeigt. Die Tabelle (11) zeigt erneut, dass die relevanten Mischungen im Vergleich zur monolingualen Datenbasis nur einen prozentualen Anteil von ca. 3% bzw. 2% (Token/ Typen) ausmachen. Des Weiteren ist die Anzahl der einsprachigen DPn bei dem Kind Céline in den deutschen Sprachauf- <?page no="85"?> 85 nahmen sehr gering (0,14% bzw. 0,11% Token/ Typen). Julie ist das einzige Kind, das überhaupt keine Mischungen zwischen D und N aufweist. Tabelle (11): Deutscher Kontext deutsch-französische Kinder einsprachige DP gemischte DP (Token) gemischte DP (Typen) Amélie 4.001 116 (2,82) 97 (2,37) Céline 3.555 5 (0,14) 4 (0,11) Alexander 1.754 110 (5,90) 84 (4,57) Emma 2.082 82 (3,79) 52 (2,44) Julie 2.303 0 (0) 0 (0) Marie 212 49 (18,77) 39 (15,54) Summe 13.907 362 (2,54) 276 (1,95) Die Art der Korrelation zwischen den beiden Variablen MLU Entwicklung und Anzahl der gemischtsprachlichen DPn vaiiert individuell. Für die deutsch-französischen Kinder ergibt sich in diesem Zusammenhang jedoch ein einheitliches Bild: Die MLU-Entwicklung korreliert sowohl im Deutschen als auch im Französischen negativ mit der Anzahl an Sprachmischungen innerhalb der DP, da mit einem ansteigenden MLU die intrasententialen Mischungen zwischen D und N abnehmen. Abb. (10) Gemischte DPn im deutschen Kontext: MLU-Vergleich 0 5 10 15 20 25 30 35 2 3 4 5 6 MLU % Céline Alexander Marie Amélie Emma <?page no="86"?> 86 Die Ergebnisse für die deutsch-spanischen Kinder werden in Tabelle (12) zusammenfassend dargestellt. Beide Kinder mischen im deutschen Kontext sehr wenig und die relevanten Sprachmischungen kommen in Relation zu den einsprachigen DPn nur selten vor. Tabelle (12): Deutscher Kontext deutsch-spanische Kinder einsprachige DP gemischte DP (Token) gemischte DP (Typen) Teresa 1.222 8 (0,65) 6 (0,49) Arturo 1.145 33 (2,80) 11 (0,95) Summe 2.367 41 (1,70) 17 (0,71) Die folgende Abbildung (11) bestätigt das Ergebnis, dass sowohl eine positive als auch eine negative Korrelation zwischen der MLU-Entwicklung und dem intra-sententialen CS zwischen D und N bestehen kann. Bei Teresa steigt die Anzahl der relevanten Sprachmischungen mit fortschreitender MLU-Entwicklung, während sie bei Arturo im deutschen Kontext abnimmt und bei einem MLU von 5 Wörtern gegen Null läuft. Abb. (11) Gemischte DPn im deutschen Kontext: MLU-Vergleich 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 2 3 4 5 MLU % Arturo Teresa Für die deutsch-italienischen Kinder zeigt sich, dass die Sprachmischungen im deutschen Kontext im Verhältnis zu den einsprachigen DPn ca. 4% betragen. Das Kind Valentin produziert in den deutschen Sprachaufnahmen sehr wenige monolingual deutsche DPn, sodass die einsprachige Datenbasis nur auf 170 DPn basiert. Außerdem mischt Valentin in den deutschen Sprachaufnahmen zu ca. 41%. Das Kind Aurelio, welches ebenfalls <?page no="87"?> 87 das Deutsche als schwache Sprache entwickelt, mischt nur zu ca. 7%. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass das Kind Valentin von allen bilingualen Kindern am häufigsten in den deutschen Sprachaufnahmen mischt. Tabelle (13): Deutscher Kontext deutsch-italienische Kinder einsprachige DP gemischte DP (Token) gemischte DP (Typen) Marta 1.301 92 (6,60) 55 (4,06) Aurelio 786 60 (7,09) 45 (5,42) Lukas 2.869 44 (1,51) 22 (0,76) Valentin 170 116 (40,56) 89 (34,36) Jan 1.031 7 (0,67) 7 (0,67) Carlotta 1.408 55 (3,76) 36 (2,49) Luca 1.381 16 (1,15) 6 (0,43) Summe 8.946 390 (4,18) 260 (2,82) Die Art der Korrelation zwischen den beiden Variablen MLU und Anzahl der Sprachmischungen vaiiert erneut: Das Kind Carlotta mischt über die gesamte Entwicklung sehr wenig, dennoch bleibt der prozentuale Anteil an Mischungen relativ konstant. Die Kinder Lukas, Luca und Jan produzieren im deutschen Kontext ebenfalls sehr wenige Mischungen im Verhältnis zur monolingualen Datenbasis. Aurelio und Marta weisen bei einem MLU von 2 Wörtern ca. 15-20% an gemischtsprachlichen DPn auf. Die Anzahl der Mischungen sinkt bei diesen Kindern mit steigendem MLU. Bei dem Kind Valentin stagniert die MLU-Entwicklung bei einem MLU von 3 Wörtern im Deutschen. Es wird deutlich, dass die Anzahl der Sprachmischungen zwar abnimmt, aber der prozentuale Anteil bei einem MLU von 3 Wörtern noch 35% beträgt. <?page no="88"?> 88 Abb. (12) Gemischte DPn im deutschen Kontext: MLU-Vergleich 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 2 3 4 5 MLU % Aurelio Carlotta Jan Lukas Marta Valentin Luca 3.5.5 Mischungen im Sprachvergleich Im vorliegenden Abschnitt wird es um die Frage gehen, ob der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei einer unausgeglichenen Sprachentwicklung in der schwachen Sprache häufiger auftritt als in der starken Sprache. Die folgende Abbildung (13) zeigt den prozentualen Anteil an relevanten Sprachmischungen aller Kinder in beiden Erstsprachen im Vergleich. 22 Zusätzlich wird über den jeweiligen Balken die absolute Anzahl der gemischtsprachlichen DPn in Token angegeben. 22 Je nach Sprachkombination der bilingualen Kinder, werden die Säulen in unterschiedlichen Farben dargestellt (deutsch-französische Kinder: grau, deutsch-spanische Kinder: schwarz, deutsch-italienische Kinder: weiss, französisch-italienische Kinder: schwarz-weiss). <?page no="89"?> 89 Abb. (13) Gemischte DPn: Sprachvergleich 0 16 55 7 116 44 60 92 33 8 82 49 110 70 17 22 40 46 26 263 151 45 99 12 11 51 1 72 5 119 116 102 0 10 20 30 40 50 60 70 Amélie frz Amélie dt Céline frz Céline dt Alexander frz Alexander dt Marie frz Marie dt Emma dt Emma frz Julie dt Teresa sp Teresa dt Arturo sp Arturo dt Marta it Marta dt Aurelio it Aurelio dt Lukas it Lukas dt Valentin it Valentin dt Jan it Jan dt Carlotta it Carlotta dt Luca it Luca dt Juliette frz Juliette it Siria it % Die balancierten Kinder weisen in beiden Sprachen ungefähr den gleichen prozentualen Anteil an Mischungen auf. Für die unbalancierten Kinder zeigt sich, dass fünf von insgesamt sechs Kindern in der schwachen Sprache mehr Sprachmischungen produzieren als in der starken Sprache: Das deutsch-französische Kind Marie mischt im Deutschen zu ca. 23% innerhalb der DP, während der Anteil an Mischungen im Französischen bei ca. 2% liegt. Das deutsch-italienische Kind Valentin produziert in seiner schwachen Sprache ca. 68% gemischte DPn, in der starken Sprache entspricht der Anteil an relevanten Mischungen ca. 1%. Die Kinder Jan, Céline und Arturo entwickeln jeweils die romanische Sprache als schwache Sprache. Es wird ebenfalls deutlich, dass sie in ihrer schwachen Sprache mehr mischen. Mit anderen Worten kann der Anteil an Sprachmischungen, die in der schwachen Sprache auftreten, über die Sprachdominanz erklärt werden (a b) 23 . Dennoch zeigt sich, dass das deutsch-italienische Kind Aurelio in seiner schwachen Sprache (Deutsch) weniger Mischungen produziert als in der dominanten Sprache (Italienisch). Die Sprachdominanz impliziert also nicht, dass in der schwachen Sprache mehr Sprachmischungen auftreten müssen ( (b a)) 24 . Das deutsch-italienische Kind Aurelio entwickelt das Deutsche als schwache Sprache. Im Italienischen, seiner starken Sprache, beträgt der Anteil an gemischtsprachlichen DPn ca. 10%, in der schwachen Sprache ca. 8%. Es wird deutlich, dass Au- 23 A = Anteil an Sprachmischungen, B = Sprachdominanz (schwache Sprache) 24 A = Anteil an Sprachmischungen, B = Sprachdominanz (schwache Sprache) <?page no="90"?> 90 relio in beiden Sprachen in etwa gleich viele Mischungen produziert. Im Vergleich zu den unbalancierten Kindern Valentin, Marie und Arturo ist auch bei Jan und Céline die Differenz zwischen dem prozentualen Anteil an Sprachmischungen in der starken und schwachen Sprache weitaus geringer. 3.5.6 Zusammenfassung der Ergebnisse Die zu Beginn formulierten Fragen, wie oft zwischen Determinierer und Nomen in Relation zur monolingualen Datenbasis gemischt wird und ob eine Korrelation zwischen den beiden Variablen MLU-Entwicklung und Anzahl der gemischtsprachlichen DPn besteht, können folgendermaßen beantwortet werden: Sowohl in den deutschen als auch in den romanischen Sprachaufnahmen liegt der durchschnittliche Anteil an Sprachmischungen unter 10%. Außerdem zeigt sich, dass einige Kinder wenige bis gar keine relevanten Sprachmischungen aufweisen (Julie, Jan, Céline und Teresa im deutschen Kontext, Emma und Juliette im französischen Kontext, Teresa im spanischen Kontext) und andere Kinder sehr häufig ihre beiden Sprachen zwischen Determinierer und Nomen mischen (Valentin und Marie im deutschen Kontext, Arturo im spanischen Kontext, Céline im französischen Kontext). Des Weiteren zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass der Anteil an Sprachmischungen mit einem ansteigenden MLU nicht unbedingt negativ korrelieren muss. Insgesamt sind in diesem Zusammenhang drei unterschiedliche Beobachtungen gemacht worden: 1. Bei einem ansteigenden MLU nimmt der Sprachenwechsel innerhalb der DP ab (negative Korrelation). 2. Bei einem ansteigenden MLU nimmt der Sprachenwechsel innerhalb der DP zu (positive Korrelation). 3. Bei einem ansteigenden MLU bleibt der Anteil an Sprachmischungen zwischen Determinierer und Nomen konstant (keine Korrelation). Die vorliegenden empirischen Befunde liefern Evidenz dafür, dass die MLU Entwicklung nicht in Zusammenhang mit dem Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen steht. <?page no="91"?> 91 3.6 Qualitative Analyse und die Rolle der funktionalen Kategorie Der vorliegende Abschnitt untersucht die Rolle der funktionalen Kategorie beim Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen im bilingualen Erstspracherwerb. Der Literaturüberblick zum frühkindlichen CS hat gezeigt, dass CS-Forscher oftmals behaupten, die Sprachdominanz sei ein Indikator für die Mischrichtung beim Sprachenwechsel. Eine unausgeglichene Sprachentwicklung im bilingualen Kind führt nach der Bilingual Bootstrapping Hypothese (Gawlitzek-Maiwald & Tracy 1996) und der Ivy Hypothese (Bernardini & Schlyter 2004) dazu, dass grammatische Strukturen aus der starken Sprache in die schwache Sprache transferiert werden. Wenn ein bilinguales Kind eine bestimmte Struktur in seiner schwachen Sprache noch nicht erworben hat, dann kann es auf die entsprechende, bereits erworbene Struktur in der starken Sprache zugreifen und den Vorteil der schneller entwickelten Sprache für sich nutzen. Die kindlichen Sprachmischungen können demnach Evidenz dafür liefern, dass bestimmte Kompetenzlücken in der schwachen Sprache existieren und sprachliche Strukturen der überlegenen Sprache solange „ausgeliehen“ werden, bis diese in der anderen Sprache erworben sind. Die Untersuchungsergebnisse der hiesigen Studie werden zeigen, dass die Bilingual Bootstrapping Hypothese im vorliegenden Rahmen nicht bestätigt wird und das kindliche Mischen nicht auf einer Erwerbsstrategie basiert. 3.6.1 Evidenz gegen bilinguales Bootstrapping In diesem Abschnitt soll die Annahme widerlegt werden, dass unbalancierte Kinder häufiger funktionale Kategorien aus der dominanten Sprache mischen, weil sie diese in der schwachen, langsamer entwickelten Sprache noch nicht erworben haben. Im Hinblick auf den Sprachenwechsel innerhalb DP könnte schließlich vermutet werden, dass bilinguale Kinder die funktionale Kategorie aus der starken, schneller entwickelten Sprache in die schwache Sprache mischen. Cantone & Kupisch (2003) und Cantone (2007), die insgesamt fünf bilingual deutsch-italienische Kinder untersucht haben, widerlegen die Annahme, dass die kindlichen Sprachmischungen auf einer Erwerbsstrategie basieren. Die Studie von Cantone & Kupisch (2003) analysiert in diesem Zusammenhang den DP- und IP- Erwerb, um zu überprüfen, ob möglicherweise ein Bootstrapping-Effekt für das Mischen der funktionalen Kategorie aus der schwachen Sprache vorliegt. Die Untersuchung zeigt, dass der Erwerb der funktionalen Projektionen (DP/ IP) zwar zeitlich versetzt sein kann, aber nicht automatisch zum Mischen der funktionalen Kategorie aus der schneller entwickelten <?page no="92"?> 92 Sprache führt. Innerhalb dieser kritischen Zeitspanne weisen die Autorinnen keine relevanten Mischungen in den Sprachdaten der bilingualen Kinder nach, obwohl diese nach Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996) und Bernardini & Schlyter (2004) vorhergesagt werden. In der vorliegenden Arbeit wird für alle unbalancierten Kindern überprüft, zu welchem Zeitpunkt sie die DP in beiden Sprachen erworben haben, um auszuschließen, dass die Sprachmischungen zwischen der funktionalen und lexikalischen Kategorie auf einem Bootstrapping-Effekt basieren. Ein Kriterium zum Determinantenerwerb wurde von Cantone & Kupisch (2003) und Kupisch (2006) vorschlagen. Die Autorinnen behaupten, dass drei unterschiedliche Nomen mit mindestens zwei unterschiedlichen Determinanten auftreten müssen, um einen produktiven Gebrauch der DP sicherzustellen. Die Frage, warum sich die Autorinnen genau auf diese Anzahl von Nomen und Determinanten festlegen, wird nicht genauer erläutert. Die Tatsache, dass ein und dasselbe Nomen mit unterschiedlichen Determinanten auftreten sollte, ist allerdings sinnvoll, da sonst vermutet werden könnte, dass das Kind die Determinante zusammen mit dem Nomen auswendig gelernt hat. Um den Fall auszuschließen, dass Kinder die Verbindung Determinante plus Nomen auswendig gelernt haben, reicht jedoch ebenfalls der Gebrauch von ein und demselben Nomen einmal mit und ohne Determinante vollkommen aus (z.B. Hund, der Hund). Aus diesem Grund wird für die folgende Analyse dieses Kriterium zugrund gelegt. An dieser Stelle sei erneut darauf hingewiesen, dass in der folgenden Untersuchung ausschließlich überprüft werden soll, ob die Sprachmischungen innerhalb der DP aufgrund einer unterschiedlichen grammatischen Entwicklung erfolgt sind. Die Unterschiede zwischen dem Determinantenerwerb bei monolingualen und bilingualen Kindern sind demnach nicht von Interesse und werden nicht weiter ausgeführt. Im Folgenden wird das Auftreten der DP in den beiden involvierten Sprachen der unbalancierten Kinder analysiert und es wird überprüft, ob diese in der starken Sprache schneller erworben wurde als in der schwachen Sprache. Im Abschnitt 3.3 wurden die folgenden Kinder als unbalanciert klassifiziert 25 : Aurelio (It.), Jan (Dt.), Céline (Dt.), Marie (Frz.), Valentin (It.) und Arturo (Dt.). Die nachfolgende Tabelle (14) zeigt das Auftreten der DP in der jeweiligen Erstsprache der bilingualen Kinder, die eine unausgeglichene Sprachentwicklung aufweisen. Darüber hinaus werden in der Tabelle die jeweilige Sprachkombination der Kinder, das Auftreten der DP in der jeweiligen romanischen Sprache und im Deutschen sowie der Zeitraum, 25 In Klammern wird jeweils die starke Sprache der Kinder dargestellt. <?page no="93"?> 93 der zwischen dem Auftreten der DP in den jeweiligen Sprachen liegt, dargestellt. Nach Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996) sollten Sprachmischungen genau in dieser Zeitspanne auftreten. Es wird deutlich, dass die DP nicht gleichzeitig in der schwachen und starken Sprache auftreten muss. Nur bei einem Kind (Marie) taucht die DP in beiden Sprachen zeitgleich auf. Tabelle (14): Die unbalancierten Kinder und das Auftreten der DP Sprachkombination DP in der rom. Sprache DP im Deutschen Zeitspanne Deutsch-Italienisch DP (It.) DP (Dt.) Aurelio 2; 0 2; 4 4 Monate Jan 2; 3 2; 1 2 Monate Valentin 2; 2 2; 4 2 Monate Deutsch-Französisch DP (Frz.) DP (Dt.) Marie 1; 10 1; 10 0 Monate Céline 2; 3 2; 0 3 Monate Deutsch-Spanisch DP (Sp.) DP (Dt.) Arturo 2; 4 2; 3 1 Monat Bei dem deutsch-italienischen Kind Aurelio liegt ein Zeitraum von 4 Monaten zwischen dem Auftreten der DP im Italienischen und im Deutschen. Da das Kind Aurelio die DP bereits mit 2; 0 Jahren im Italienischen gebraucht, d.h. früher als in seiner schwachen Sprache, könnte man vermuten, dass er in dieser Zeitspanne eine italienische Determinante zusammen mit einem deutschen Nomen mischt, wenn er Deutsch spricht. Diese Annahme wird jedoch nicht bestätigt, da er innerhalb dieses Zeitraums keine relevanten Sprachmischungen produziert. Eine weitere interessante Beobachtung kann ebenfalls für das deutschitalienische Kind Jan gemacht werden. Jan mischt das erste Mal innerhalb der DP mit 2; 0 Jahren, d.h. vor der „kritischen“ Zeitspanne, in der nach Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996) Sprachmischungen auftreten sollten. Hierbei mischt Jan den italienischen indefiniten Artikel un zusammen mit dem deutschen Nomen Bagger im italienischen Kontext. Interessant ist nun, dass er im Italienischen noch keine Determinanten in den einsprachigen Äußerungen gebraucht hat. Insgesamt wird auch an diesem Beispiel deutlich, dass die Bootstrapping-Strategie als widerlegt gelten muss. Auch für das Kind Valentin lässt sich kein Bootstrapping-Effekt nachweisen. Valentin produziert erst mit 2; 7 Jahren die erste gemischtsprachliche DP. Obwohl die relevanten Sprachmischungen in den deutschen Aufnahmen geäußert werden und Valentin eine italienische Determinante zusammen mit einem deutschen Nomen mischt, kann keinesfalls behaup- <?page no="94"?> 94 tet werden, dass hier eine Erwerbsstrategie zugrunde liegt. Schließlich treten die Mischungen nach der „kritischen“ Zeitspanne auf. Im Gegensatz zu den anderen unbalancierten Kindern wird bei dem deutsch-französischen Kind Marie deutlich, dass die DP sowohl in der schwachen als auch in der starken Sprache zeitgleich auftritt. Dennoch zeigt sich, dass Marie ausschließlich französische Determinanten mit deutschen Nomen mischt, obwohl hier keine „kritische“ Phase vorliegt. Der Sprachenwechsel kann also nicht aufgrund einer unausgeglichenen grammatischen Entwicklung in den beiden Sprachen erfolgt sein. Vielmehr liefert er Evidenz dafür, dass aus Performanzgründen gemischt wird und die Mischungen nicht auf einen Kompetenzmangel zurückzuführen sind. Die Sprachdaten des bilingual deutsch-französischen Kindes Céline sprechen ebenfalls gegen eine Erwerbsstrategie. Nach Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996) sollte man erwarten, dass Céline zwischen 2; 0 und 2; 3 Jahren ausschließlich die funktionale Kategorie aus ihrer starken Sprachen (Deutsch) zusammen mit einem Nomen aus ihrer schwachen Sprache (Französisch) mischt. Céline mischt jedoch in dieser Zeitspanne in den französischen Sprachaufnahmen in beide Richtungen, d.h. sie produziert Sprachmischungen, die sowohl aus einer deutschen Determinante und einem französischen Nomen (z.B. ein dodo) bestehen, als auch andersherum (z.B. une Sattel). Folglich muss die Annahme von Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996) auch für das Kind Céline als relativiert gelten. Das deutsch-spanische Kind Arturo weist in der „kritischen“ Phase zwischen 2; 3 und 2; 4 Jahren keine relevanten Sprachmischungen auf. Insgesamt stellen die Ergebnisse einen Gegenbeleg zur bilingualen Bootstrapping-Hypothese dar: Aurelio, Valentin, Marie und Arturo weisen in dem kritischen Zeitraum keine relevanten Sprachmischungen auf. Bei keinem der unbalancierten Kinder konnte festgestellt werden, dass ausschließlich grammatische Strukturen aus der starken in die schwache Sprache innerhalb der kritischen Zeitspanne transferiert werden. Auch für die Kinder Céline und Jan muss diese Annahme als relativiert betrachtet werden: Obwohl das Kind Céline die funktionale Kategorie aus ihrer starken Sprachen mischt, lassen sich ebenso Sprachmischungen beobachten, bei denen sie die funktionale Kategorie aus der schwachen Sprache (Französisch) in die deutschen Sprachaufnahmen mischt. Für das Kind Jan konnte ebenfalls eine interessante Beobachtung gemacht werden: Jan mischt bereits eine italienische Determinante mit einem deutschen Nomen, bevor er diese in seiner schwachen Sprache (Italienisch) überhaupt kontrastiv gebraucht. Es wird deutlich, dass sich die beiden unbalancierten Kinder Jan und Céline bezüglich des Mischverhaltens von den anderen unbalancierten Kindern unterscheiden. Diese Kinder mischen funkti- <?page no="95"?> 95 onale Kategorien vor bzw. in der „kritischen“ Zeitspanne in beide Richtungen, d.h. von der starken in die schwache Sprache und andersherum. Im Gegensatz zu den anderen unbalancierten Kindern findet die Aktivierung des funktionalen Skeletts in der schwachen Sprache bei Céline und Jan früher statt. Die Abbildung (15) zeigt das Mischverhalten von Jan und Céline in der Zeitspanne, in der die funktionale Kategorie aus der schwachen Sprache noch nicht kontrastiv gebraucht wurde. Die Zeitspanne wird erneut als Zeitraum definiert, der zwischen dem Auftreten der funktionalen Kategorie D in der starken und schwachen Sprache liegt. Die Variable a meint in diesem Zusammenhang das Auftreten der funktionalen Kategorie in der starken Sprache und die Variable b, das Auftreten der funktionalen Kategorie in der schwachen Sprache. Die beiden Kinder Jan und Céline mischen in der kritischen Zeitspanne die funktionale Kategorie aus der starken Sprache, produzieren aber gleichzeitig gemischtsprachliche DPn, bei denen die Determinante aus der schwachen Sprache mit einem Nomen aus der starken Sprache auftritt, bevor sie Determinanten in der schwachen Sprache überhaupt kontrastiv verwenden. Abb. (14) Mischungen D + N: Jan und Céline Die Abbildung (15) macht deutlich, dass die Kinder Aurelio, Marie, Valentin und Arturo keine Sprachmischungen in der Zeitspanne aufweisen. Somit unterscheiden sie sich von Jan und Céline, die bereits früher das funktionale Skelett der schwachen Sprache aktivieren. Abb. (15) Mischungen D + N: Aurelio, Marie, Valentin, Arturo Welche Konsequenzen dieses Ergebnis für das weitere Mischverhalten der unbalancierten Kinder hat, soll im folgenden Abschnitt näher erläutert werden. Schließlich muss die Frage beantwortet werden, ob sich der Sprachenwechsel bei den unbalanciert bilingualen Kindern Jan und Céline aufgrund der frühen Aktivierung des funktionalen Skeletts in der je- <?page no="96"?> 96 weiligen schwachen Sprache anders vollzieht als bei den anderen unbalancierten Kindern. 3.6.2 Funktionale Kategorie vs. lexikalische Kategorie Im Folgenden soll untersucht werden, welche Rolle die funktionale Kategorie beim kindlichen Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen spielt. In der Literatur wurde mehrfach behauptet, dass das Mischen der funktionalen Kategorie aus der starken Sprache in Zusammenhang mit der Sprachdominanz (schwachen Sprache) im bilingualen Spracherwerb steht (vgl. Bernardini & Schlyter 2004, Gawlitzek-Maiwald & Tracy 1996, Lanza 1997 and Petersen 1988). Es wird argumentiert, dass das Mischen der funktionalen Kategorie eine Strategie ist, um eine grammatische Lücke (grammatical gap) in der schwachen Sprache zu füllen, indem funktionale Elemente aus der starken in die schwache Sprache gemischt werden. Diese Annahme konnte durch die Ergebnisse im vorherigen Abschnitt widerlegt werden. Außerdem werden die Ergebnisse zeigen, dass nicht alle unbalancierten Kinder ein unidirektionales Mischverhalten aufweisen. Vielmehr scheinen psycholinguistische Gründe für das Mischen der funktionalen Kategorie insofern verantwortlich zu sein, als der Zugriff und der Zeitpunkt der Aktivierung des funktionalen Skeletts der schwachen Sprache und die Inhibition der starken Sprache eine Rolle spielen. Die vorliegenden Ergebnisse liefern Evidenz dafür, dass die Mischrichtung über einen inhibitorischen Kontrollmechanismus beim Sprachenwechsel erklärt werden kann und somit die Switchkosten beim Mischen von der dominanten in die schwache Sprache und andersherum berücksichtigt werden müssen. In der Literatur wurde in verschiedenen Experimenten gezeigt, dass das Mischen von der schwachen in die starke Sprache mit mehr Aufwand verbunden ist als von der starken in die schwache Sprache (vgl. Losaby 1998, Meuter & Allport 1999). Der Verarbeitungsaufwand wird von den Forschern durch unterschiedliche Reaktionszeiten der Versuchspersonen gemessen, indem längere Reaktionszeiten auf einen größeren Verarbeitungsaufwand hindeuten. Die Frage, von welchen Faktoren die inhibitorische Kontrolle einer Sprache abhängig ist und wie bilinguale Sprecher ihre beiden Sprachen kontrollieren, ist besonders bei der Untersuchung von unbalancierten bilingualen Sprechern von Interesse, da in diesem Fall asymmetrische Switchkosten zu beobachten sind. Bei einem balancierten Sprecher sollten die Switchkosten symmetrisch sein, d.h. beim Sprachenwechsel von Sprache A nach Sprache B und andersherum sollten sich bezügllich der Switchkosten (gemessen in Reaktionszeiten) keine Unterschiede zeigen. Die Studie von Meuter (1994) <?page no="97"?> 97 bestätigt diese Annahme und macht deutlich, dass der Sprachenwechsel bei balancierten Sprechern keine asymmetrischen Switchkosten verursacht. Die Annahme, dass dem kindlichen Sprachenwechsel eine Strategie zugrunde liegt, um grammatische Lücken (gaps) zu kompensieren (von einer kompetenz-orientierten Perspektive aus betrachtet), wird in der folgenden Analyse widerlegt. Vielmehr wird in der vorliegenden Arbeit dafür argumentiert, dass das Mischen der funktionalen Kategorie aus der starken in die schwache Sprache in Zusammenhang mit der Performanz steht, da der automatische Zugriff auf das funktionale Skelett der starken Sprache und die Inhibition dieser von Bedeutung sind. Um diese Hypothese zu testen, werden im weiteren Verlauf die folgenden Fragen fokussiert: 1. Mischen die bilingualen Kinder häufiger die funktionale Kategorie oder die lexikalische Kategorie aus Sprache A, während sie Sprache B sprechen? 2. Bevorzugen die unbalancierte Kinder eine der genannten Optionen, d.h. mischen sie häufiger die funktionale oder die lexikalische Kategorie, während sie ihre schwache Sprache sprechen? 3. Wie häufig mischen die unbalancierten Kinder die gesamte DP, d.h. die funktionale und die lexikalische Kateogire aus der starken in die schwache Sprache? Da die Sprachaufnahmen eine sogenannte Kontextsprache beinhalten, die der Sprache des jeweiligen erwachsenen Interaktionspartners entspricht, konnte für die vorliegende Analyse entschieden werden, ob das Kind die lexikalische oder die funktionale Kategorie gemischt hat. Die Beispiele (20) - (22) sollen das methodische Vorgehen bei der Analyse verdeutlichen: (20) a. ein treno (Carlotta 3; 3,11, dt. Kontext) b. la Hexe (Carlotta 4; 1,0, dt. Kontext) (21) a. il Schaf (Carlotta 2; 3,17, it. Kontext) b. ein occhio (Carlotta 2; 4,7, it. Kontext) (22) a. il libro (Valentin 3; 8,28, dt. Kontext) b. die Küche (Céline 2; 3,15, frz. Kontext) Die Beispiele (20a) und (21a) zeigen, dass das deutsch-italienische Kind Carlotta sowohl in den deutschen als auch in den italienischen Kontext jeweils die lexikalische Kategorie gemischt hat. In (20a) wird deutlich, dass sie das italienische Nomen treno in die deutsche Sprachaufnahme gemischt hat. Analog zu (20a) wird das Beispiel (21a) verstanden, da Carlotta das deutsche Nomen Schaf im italienischen Kontext produziert. In <?page no="98"?> 98 beiden Fällen entspricht die funktionale Kategorie der jeweiligen Kontextsprache. Im Gegensatz zu (20a) und (21a) verdeutlichen die Beispiele (20b) und (21b), dass die lexikalische Kategorie der jeweiligen Kontextsprache entspricht. In beiden Fällen ist die funktionale Kategorie in die jeweils andere Sprache beide gemischt worden. Das Beispiel (20b) zeigt, dass Carlotta den definiten Artikel la in die deutsche Sprachaufnahme gemischt hat. Das Beispiel (22b) zeigt, dass der indefinite Artikel ein in den italienischen Kontext gemischt wurde. Im Gegensatz zu den Beispielen in (20) und (21) zeigen die Beispiele in (22), dass die gesamte DP, d.h. sowohl die funktionale Kategorie als auch die lexikalische Kategorie, in den jeweiligen Kontext gemischt wurde. Das Kind Valentin mischt die einsprachige italienische DP il libro in den deutschen Kontext (vgl. Bsp. (22a)). Das Beispiel (22b) zeigt, dass das deutsch-französische Kind Céline die monolinguale deutsche DP die Küche im französischen Kontext geäußert hat. Sowohl in (22a) als auch in (22b) entsprechen die funktionale und die lexikalische Kategorie nicht der Kontextsprache. Im Folgenden werden zunächst diejenigen Fälle analysiert, in denen die funktionale Kategorie und die lexikalische Kategorie nicht aus der gleichen Sprache stammen (vgl. Bsp. (20) - (21)). Die Abbildung (16) stellt die Anzahl der gemischten DPn im romanischen Kontext dar, d.h. in den romanischen Sprachaufnahmen. Hierbei wird auf der y-Achse der prozentuale Anteil der relevanten Mischungen abgebildet. Außerdem wird die absolute Anzahl der gemischtsprachlichen DPn über den jeweiligen Säulen angezeigt. Abb. (16) Gemischte DP (D + N): romanischer Kontext 19 574 22 323 47 65 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Ddt + Nit Dit + Ndt Ddt + Nfrz Dfrz + Ndt Ddt + Nsp Dsp + Ndt % <?page no="99"?> 99 Die Abbildung (16) zeigt, dass die deutsch-italienischen Kinder in den meisten Fällen (zu ca. 97%) die lexikalische Kategorie, d.h. ein deutsches Nomen mit einer italienischen Determinante, in den italienischen Kontext mischen. Diese Beobachtung kann ebenfalls für die deutsch-französischen Kinder gemacht werden, da die funktionale Kategorie zu ca. 93,6% der Kontextsprache (Französisch) entspricht und somit ein deutsches Nomen in die romanischen Sprachaufnahmen gemischt wurde. Vergleicht man die deutsch-französischen Kinder mit den deutsch-italienischen Kindern, dann wird deutlich, dass die deutsch-französischen Kinder häufiger deutsche Determinanten in den romanischen Kontext mischen (6,4%) als die deutsch-italienischen Kinder (3%). Für die bilingual deutsch-spanischen Kinder ergibt sich ein anderes Bild: Obwohl sie insgesamt häufiger ein deutsches Nomen in die spanischen Sprachaufnahmen mischen, zeigt sich, dass die funktionale Kategorie ebenfalls zu einem hohen prozentualen Anteil im romanischen Kontext auftritt. Der Grund für das häufige Mischen der funkionalen Kategorie ist das unbalancierte Kind Arturo. Von insgesamt 47 gemischten DPn mit einer deutschen Determinante sind 43 Fälle durch das Kind Arturo bedingt. Arturo zeigt also im Gegensatz zu den anderen Kindern eine Präferenz, deutsche Determinanten in den spanischen Kontext zu mischen. Die Sprachdaten des deutsch-spanischen Kindes Arturo werden in der Abbildung (20) im Einzelnen diskutiert. Analog zur Abbildung (16) zeigt die folgende Graphik die gemischtsprachlichen DPn im deutschen Kontext. Abb. (17) Gemischte DP (D + N): dt. Kontext) 132 258 80 282 5 35 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Dit + Ndt Ddt + Nit Dfrz + Ndt Ddt + Nfrz Dsp + Ndt Ddt + Nsp % <?page no="100"?> 100 Die Ergebnisse in Abbildung (17) können folgendermaßen zusammengefasst werden: 1. Die deutsch-spanischen Kinder mischen in den meisten Fällen (ca. 89%) ein spanisches Nomen in den deutschen Kontext. 2. Die deutsch-französischen und die deutsch-italienischen Kinder mischen ebenfalls häufiger Nomina als Determinierer in die deutschen Sprachaufnahmen. Dennoch zeigen die Ergebnisse, dass das Mischen der funktionalen Kategorie bei den deutschfranzösischen und den deutsch-italienischen Kindern frequent ist. 3. In den deutschen Sprachaufnahmen mischen die bilingualen Kinder insgesamt weniger (792 Mischungen im deutschen Kontext und 1.050 Mischungen im romanischen Kontext). Das frequente Mischen der funktionalen Kategorie ist bei den deutschfranzösischen Kindern durch das unbalanciete Kind Marie bedingt, das in 38 von insgesamt 80 Fällen die funktionale Kategorie aus dem Französischen in den deutschen Kontext gemischt hat. Darüber hinaus sind die beiden unbalancierten Kinder Valentin und Aurelio für den hohen prozentualen Anteil an gemischtsprachlichen DPn mit einer italienischen Determinante und einem deutschen Nomen in den deutschen Sprachaufnahmen verantwortlich. Insgesamt mischen die unbalancierten Kinder Marie, Valentin und Aurelio häufiger die funktionale Kategorie aus der romanischen Sprache in den deutschen Kontext als die anderen bilingualen Kinder. Die Darstellung der Ergebnisse für die Kinder Marie, Aurelio und Valentin wird in den Abbildungen (21) - (25) im Einzelnen erfolgen. Im Folgenden werden die Daten der italienisch-französischen Kinder präsentiert 26 . Die Abbildung (18) bildet erneut die Anzahl der gemischten DPn sowohl in Prozentangaben (y-Achse) als auch in absoluten Zahlen (über den Säulen) im italienischen Kontext ab. 26 Die Ergebnisse schließen alle Formen aus, die im Italienischen und Französischen homophon sind, da man in diesen Fällen nicht entscheiden kann, aus welcher Sprache sie stammen (z.B. der feminine definite Artikel la, der sowohl im Französischen als auch im Italienischen vorkommt). Insgesamt mussten bei der Analyse 523 DPn im italienischen Kontext, and 436 DPn im französischen Kontext ausgeschlossen werden. <?page no="101"?> 101 Abb. (18) Gemischte DP (D + N): it. Kontext 4 83 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Dfrz + Nit Dit + Nfrz % Die Abbildung (18) macht deutlich, dass die bilingual italienisch-französischen Kinder Sira und Juliette zu ca. 95% französische Nomen in die italienischen Sprachaufnahmen mischen und nur zu ca. 3% Determinanten. Insgesamt mischen die italienisch-französischen Kinder häufiger die lexikalische Kategorie in den italienischen Kontext. Analog zu der Abbildung (18) stellt die folgende Graphik die Anzahl der relevanten Sprachmischungen im französischen Kontext dar. Die Abbildung (19) zeigt ausschließlich die Ergebnisse des französisch-italienischen Kindes Juliette, da für das Kind Siria im Französischen noch keine Transkriptionen zum Zeitpunkt der Analyse vorlagen. Es wird deutlich, dass das Kind Juliette häufiger italienische Nomen in den französischen Kontext mischt. Erneut zeigt sich, dass die lexikalische Kategorie häufiger gemischt wird und die funktionale Kategorie der Kontextsprache entspricht. Aufgrund der geringen absoluten Anzahl an relevanten Sprachmischungen und der Tatsache, dass lediglich ein Korpus im Französischen und zwei Korpora im Italienischen analysiert werden konnten, müssen in Zukunft mehr bilinguale Kinder mit der Sprachkombination Französisch-Italienisch untersucht werden, um weitere Evidenz für dieses Ergebnis zu liefern. <?page no="102"?> 102 Abb. (19) Gemischte DP (D + N): frz. Kontext 2 9 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Dit + Nfrz Dfrz + Nit % Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Sprachdaten der italienisch-französischen Kinder dem Ergebnis nicht widersprechen, dass in den meisten Fällen eher die lexikalische Kategorie als die funktionale Kategorie gemischt wird. Alle bilingualen Kinder, bis auf Arturo im spanischen Kontext und Marie, Valentin und Aurelio im deutschen Kontext, scheinen das Mischen der lexikalischen Kategorie zu präferieren. Die Studie von Eichler und Müller (2010), in der zusätzlich zu den in der vorliegenden Arbeit analysierten Kindern, Sprachmischungen zwischen D und N einer erwachsenen Zweitspracherwerberin mit Französisch als L2 und Spanisch als L1 untersucht wurde, bringt das Ergebnis hervor, dass die Zweitspracherwerberin ebenfalls wie die unbalancierten Kinder Arturo, Marie, Valentin und Aurelio eine Präferenz dafür aufweist, die funktionale Kategorie aus der L1 in die L2 zu mischen. Im Folgenden werden die Ergebnisse der bilingualen Kinder Arturo, Valentin, Marie und Aurelio im Einzelnen vorgestellt, da sie von den Ergebnissen der anderen Kinder abweichen. Die Sprachentwicklung der Kinder wird als unbalanciert klassifiziert und es wurde deutlich, dass sie häufiger die funktionale als die lexikalische Kategorie aus der starken in die schwache Sprache mischen. Das Mischen der funktionalen Kategorie kann bei diesen Kindern überwiegend in der jeweiligen schwachen Sprache beobachtetet werden. In der dominanten Sprache zeigt sich keine Präferenz dafür, häufiger die funktionale Kategorie zu mischen. Die Abbildung (20) zeigt die Ergebnisse für das deutsch-spanische Kind Arturo in beiden Sprachaufnahmen, d.h. im deutschen und spani- <?page no="103"?> 103 schen Kontext. Arturo entwickelt die romanische Sprache als schwache Sprache und es wird deutlich, dass er in den spanischen Kontext häufig die funktionale Kategorie aus seiner starken Sprache (Deutsch) mischt. In den deutschen Sprachaufnahmen weist Arturo kaum Sprachmischungen auf, in denen er eine spanische Determinante mit einem deutschen Nomen verwendet (4 Mischungen im dt. Kontext im Vergleich zu 43 Mischungen im sp. Kontext). Das Kind Arturo mischt besonders die funktionale Kategorie aus seiner starken Sprache in die spanischen Sprachaufnahmen. Abb. (20) Gemischte DP Arturo: D + N (sp. und dt. Kontext) 29 4 56 43 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Ddt + Nsp (sp. Kontext) Dsp + Ndt (sp. Kontext) Dsp + Ndt (dt.Kontext) Ddt+ Nsp (dt. Kontext) % In der nächsten Abbildung (21) werden die Ergebnisse des deutschfranzösischen Kindes Marie im Einzelnen vorgestellt. Im Vergleich zu Arturo, entwickelt Marie das Deutsche als schwache Sprache. Erneut wird das Ergebnis bestätigt, dass das Mischen der funktionalen Kategorie häufiger in der schwachen Sprache erfolgt. Marie mischt nur im deutschen Kontext häufiger die funktionale Kategorie aus der romanischen Sprache, während sie in den französischen Sprachaufnahmen häufiger Mischungen der Form D frz + N dt produziert. Das Kind Marie mischt überwiegend die lexikalische Kategorie in den französischen Kontext. <?page no="104"?> 104 Abb. (21) Gemischte DP Marie: D + N (dt. und frz. Kontext) 48 3 38 11 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Dfrz + Ndt (dt. Kontext) Ddt + Nfrz (dt. Kontext) Ddt + Nfrz (frz. Kontext) Dfrz + Ndt (frz. Kontext) % Auch für das deutsch-italienische Kind Aurelio bestätigt sich dieses Ergebnis: Wie Marie, entwickelt auch Aurelio das Deutsche als schwache Sprache. In die deutschen Sprachaufnahmen mischt er häufig die funktionale Kategorie aus seiner starken Sprachen, dem Italienischen. Außerdem wird deutlich, dass Aurelio ausschließlich in seiner schwachen Sprache häufig Determinanten mischt. Abb. (22) Gemischte DP Aurelio: D + N (dt. und it. Kontext) 150 1 33 27 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Dit + Ndt (dt. Kontext) Ddt + Nit (dt. Kontext) Ddt + Nit (it. Kontext) Dit + Ndt (it. Kontext) % <?page no="105"?> 105 Die gleiche Beobachtung trifft auch für das deutsch-italienische Kind Valentin zu. Valentin entwickelt das Deutsche als schwache Sprache. Die Abbildung (23) zeigt, dass Valentin im deutschen Kontext häufiger Determinanten als Nomen aus der starken Sprache mischt. Abb. (23) Gemischte DP Valentin: D + N (dt. und it. Kontext) 99 17 2 24 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Dit + Ndt (dt. Kontext) Ddt + Nit (dt. Kontext) Ddt + Nit (it. Kontext) Dit + Ndt (it. Kontext) % Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die unbalancierten Kinder Arturo, Marie, Aurelio und Valentin häufiger die funktionale Kategorie (Determinanten) aus der starken in die jeweilige schwache Sprache mischen. In dieser Hinsicht verhalten sich die bilingualen Kinder wie erwachsene Zweitspracherwerber, da letztere beim intra-sententialen Mischen ebenfalls die funktionale Kategorie aus der L1 in die L2 mischen, wenn sie ihre jeweilige Zweitsprache sprechen. Um eine Generalisierung in Form einer beidseitigen Implikation zwischen Sprachdominanz (schwache Sprache) und dem Mischen von funktionalen Kategorien formulieren zu können, muss das Mischverhalten von unbalancierten Kindern in der schwachen Sprache untersucht werden, die kaum funktionale Kategorien aus der starken Sprache in die schwache Sprache mischen. Die beiden unbalancierten Kinder Jan und Céline entwickeln jeweils die romanische Sprache als schwache Sprache. Das deutsch-französische Kind Céline mischt in die deutschen Sprachaufnahmen ausschließlich Nomina, die aus dem Französischen stammen. Im Gegensatz zu den unbalancierten Kindern Arturo, Marie, Aurelio und Valentin, die häufig funktionale Kategorien aus der starken in die schwache Sprache mischen, zeigt sich für das bilinguale Kind Céline, dass sie in ihre schwache Sprache (Französisch) sehr selten duetsche Determinierer <?page no="106"?> 106 mischt. Die Abbildung (24) stellt die gemischtsprachlichen DPn von Céline sowohl in den französischen als auch in den deutschen Sprachaufnahmen dar. Abb. (24) Gemischte DP Céline: D + N (frz. und dt. Kontext) 5 0 13 106 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Ddt + Nfrz (frz. Kontext) Dfrz + Ndt (frz. Kontext) Dfrz + Ndt (dt. Kontext) Ddt + Nfrz (dt. Kontext) % Weitere Evidenz für diese Beobachtung liefern die Ergebnisse des bilingual deutsch-italienischen Kindes Jan, der ebenfalls die romanische Sprache als schwache Sprache entwickelt. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass er nur eine einzige Sprachmischung in seiner schwachen Sprache produziert, in der er die funktionale Kategorie aus der dominanten Sprache in das Italienische gemischt hat. Im italienischen Kontext beträgt der prozentuale Anteil der gemischten deutschen Nomina 98%, während die funktionale Kategorie nur zu 2% gemischt wurde. <?page no="107"?> 107 Abb. (25) Gemischte DP Jan: D + N (it. und dt. Kontext) 1 45 0 7 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Ddt + Nit (it. Kontext) Dit + Ndt (it. Kontext) Dit + Ndt (dt. Kontext) Ddt + Nit (dt. Kontext) % Insgesamt lassen sich für die bilingualen Kinder mit einer schwachen Sprache zwei unterschiedliche Mischmuster festhalten: 1. In die schwache Sprache wird überwiegend die funktionale Kategorie gemischt (Arturo sp., Marie frz., Aurelio dt. und Valentin dt.). 2. In die schwache Sprache wird überwiegend die lexikalische Kategorie N gemischt (Céline frz., Jan it.). Die Tabelle (15) stellt die Anzahl der relevanten Sprachmischungen in Prozentangaben in der schwachen Sprache im Vergleich dar: Tabelle (15): Die unbalancierten Kinder und das Mischen von D Kind schwache Sprache D stark + N schwach 27 Arturo Spanisch 43,4% (im sp. Kontext) Marie Deutsch 77,6% (im dt. Kontext) Aurelio Deutsch 45% (im dt. Kontext) Valentin Deutsch 81,72% (im dt. Kontext) Céline Französisch 10,9% (im frz. Kontext) Jan Italienisch 2,17% (im it. Kontext) 27 In der dritten Spalte wird die Bezeichnung D stark + N schwach gewählt, um zu verdeutlichen, dass die funktionale Kategorie aus der starken Sprache und das Nomen aus der schwachen Sprache stammen. <?page no="108"?> 108 Um zu überprüfen, ob die Unterschiede zwischen den balancierten Kindern und den unbalancierten Kindern im Hinblick auf das Mischen der funktionalen Kategorie statistisch signifikant sind, wurde der sogenannte Mann-Whitney-U-Test nach Bortz (1999: 146 ff.) verwendet. Dieser Test eignet sich auch zum Vergleich kleiner Gruppen 28 . Hierbei wird eine Rangreihe der beobachteten Werte in den einzelnen Gruppen gebildet und die Differenz der Rangmittel in den beiden Gruppen errechnet (U- Wert). In Bortz (1999, Tabelle F) werden den ermittelten U-Werten Fehlerwahrscheinlichkeiten (p-Werte) zugeordnet. Die Unterschiede zwischen den Ergebnissen werden als statistisch signifikant bezeichnet, wenn p 0.05 beträgt. Als Kriterium für die Gruppeneinteilung wurde der jeweilige Balanciertheitsgrad der einzelnen Kinder (balanciert vs. unbalanciert) zugrunde gelegt und die jeweilige Sprache, in der die Dominanz zu beobachten ist. Aufgrund der oben genannten Kriterien ergibt sich folgende Verteilung 29 : 1. Kondition: Deutsch (balanciert vs. dominant) Gruppe 1: unbalancierte Kinder: Arturo, Jan, Céline Gruppe 2: balancierte Kinder: Amélie, Alexander, Emma, Teresa, Marta, Carlotta, Luca Erwartungsgemäß sollte kein signifikanter Unterschied zwischen Gruppe 1 (n 1 =3) und Gruppe 2 (n 2 = 7) festgestellt werden, da sowohl die balancierten als auch die deutsch dominanten Kinder im deutschen Kontext häufiger die lexikalische als die funktionale Kategorie mischen. Die ermittelten U- und p-Werte bestätigen diese Vorhersage. Es besteht kein statistisch signifikanter Unterschied mit Hinblick auf das Mischen der funktionalen Kategorie zwischen Gruppe 1 und Gruppe 2 (p = 0.131) 30 . 28 Minimale Gruppengröße im Vergleich n 1 = 3, n 2 = 1. Dieser Test setzt keine Normalverteilung voraus. Da in der deutsch-spanischen Studie nur die Daten von 2 Kindern (Teresa, Arturo) vorliegen, kann keine Gruppenbildung erfolgen. 29 Bei der Gruppenbildung werden diejenigen Kinder, die Entwicklungsphasen bezüglich der MLU-Entwicklung aufweisen, von der statistischen Analyse ausgeschlossen, da für die vorliegende Studie nur von Interesse ist, ob ein Unterschied zwischen balanciert vs. unbalanciert im Hinblick auf das Mischen der funktionalen Kategorie vorliegt. Theoretisch wäre es jedoch möglich, die einzelnen Phasen einer bestimmten Gruppe zuzuordnen. Die Kinder Lukas und Juliette werden bei der Analyse nicht berücksichtigt, da diese Kinder Entwicklungsphasen durchlaufen. Das deutschitalienische Kind Aurelio weist zwar Entwicklungsphasen auf, wird aber durch die zeitliche Länge der 2. Phase, in der eine Entwicklung zugunsten des Italienischen nachgewiesen wurde, als italienisch dominant eingestuft (vgl. u.a. Arencibia Guerra 2008). Aus diesem Grund werden die Ergebnisse von Aurelio beim Mann-Whitney- U-Test berücksichtigt. 30 Eine Übersicht über alle ermittelten U- und p-Werte befindet sich im Anhang S.x. <?page no="109"?> 109 2. Kondition: Französisch (balanciert vs. dominant) Gruppe 1: unbalancierte Kinder: Marie Gruppe 2: balancierte Kinder: Alexander, Amélie, Emma Erneut besteht kein signifikanter Unterschied (p = 0.5) zwischen Gruppe 1 (n 1 =1) und Gruppe 2 (n 2 =3). Beide Gruppen mischen häufiger die lexikalische Kategorie im französischen Kontext. 3. Kondition: Italienisch (balanciert vs. dominant) Gruppe 1: unbalancierte Kinder: Valentin, Aurelio Gruppe 2: balancierte Kinder: Marta, Carlotta, Luca Erwartungsgemäß sollte kein signifikanter Unterschied zwischen Gruppe 1 (n 1 =2) und Gruppe 2 (n 2 = 3) festgestellt werden, da sowohl die balancierten als auch die italienisch dominanten Kinder im italienischen Kontext häufiger die lexikalische als die funktionale Kategorie mischen. Der p-Wert beträgt 0.4 und zeigt, dass der Unterschied nicht signifikant ist. 4. Kondition: Deutsch (balanciert vs. schwache Sprache) Gruppe 1: unbalancierte Kinder: Aurelio, Valentin, Marie Gruppe 2: balancierte Kinder: Amélie, Alexander, Emma, Teresa, Marta, Carlotta, Luca Es sollte ein signifikanter Unterschied beobachtet werden, da die unbalancierten Kinder in ihrer schwachen Sprache häufiger funktionale Kategorien mischen. Dieses Ergebnis wird durch den ermittelten p-Wert bestätigt (p = 0.008). Zwischen Gruppe 1 (n 1 = 3) und Gruppe 2 (n 2 = 7) liegt ein statistisch signifikanter Unterschied vor. 5. Kondition: Französisch (balanciert vs. schwache Sprache) Gruppe 1: unbalancierte Kinder: Céline Gruppe 2: balancierte Kinder: Amélie, Alexander, Emma Es sollte kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen der Gruppe 1 (n 1 = 1) und der Gruppe 2 (n 2 = 3) festgestellt werden, da Céline im Gegensatz zu den anderen unbalancierten Kindern kaum funktionale Kategorien in ihrer schwachen Sprache mischt. Sie verhält sich wie ein balanciertes Kind in ihrer schwachen Sprache (p = 0.250). 6. Kondition: Italienisch (balanciert vs. schwache Sprache) Gruppe 1: unbalancierte Kinder: Jan Gruppe 2: balancierte Kinder: Marta, Carlotta, Luca Erneut sollte kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen bestehen, da Jan in seiner schwachen Sprache kaum Determinanten mischt. <?page no="110"?> 110 Wie bei dem Kind Céline liegt erwartungsgemäß kein statistisch signifikanter Unterschied vor (p = 0.5). Der Vergleich der einzelnen Gruppen zeigt, dass die unbalanciert bilingualen Kinder in ihrer starken Sprache genauso wie die balancierten Kinder überwiegend die lexikalische und nicht die funktionale Kategorie mischen. Es konnte kein signifikanter Unterschied nachgewiesen werden. Für die unbalancierten Kinder Marie, Valentin und Aurelio, die jeweils das Deutsche als schwache Sprache entwickeln, zeigte sich, dass ein signifikanter Unterschied (p = 0.008) bezüglich des Mischens der funktionalen Kategorie im Vergleich zu den balancierten Kindern besteht. Für die Kinder Jan und Céline, die sich im Hinblick auf das Mischen der funktionalen Kategorie von den anderen unbalancierten Kindern insofern unterscheiden, als überwiegend Nomina aus der starken in die schwache Sprache gemischt werden, konnte im Vergleich zu den balancierten Kindern kein signifikanter Unterschied (p = 0,5 bei Jan und p = 0.250 bei Céline) festgestellt werden. Für das deutsch-spanische Kind Arturo konnte für den spanischen Kontext keine statistische Analyse erfolgen, da das Kriterium der minimalen Gruppengröße (n 1 = 3, n 2 = 1) nicht erfüllt wird. Insgesamt wird deutlich, dass die Daten der vorliegenden Studie die Forschungsergebnisse in der Literatur zur frühkindlichen Zweisprachigkeit nicht bestätigen, da mehrsprachige Kinder mit einer schwachen Sprache nicht unbedingt häufiger funktionale Kategorien aus der starken in die schwache Sprache mischen (vgl. Jan im Italienischen, Céline im Französischen). Im Folgenden werden die gemischtsprachlichen DPn analysiert, bei denen die unbalancierten Kinder sowohl die Determinante als auch das Nomen aus der starken in die schwache Sprache gemischt haben (z.B. ein Apfel, Arturo 2; 5,6, sp. Kontext). Obwohl sich der Sprachenwechsel nicht innerhalb der DP vollzieht, müssen diese Sprachmischungen bei der Analyse berücksichtigt werden. Schließlich haben die unbalancierten Kinder die funktionale Kategorie aus der starken in die schwache Sprache gemischt. Das Beispiel ein Apfel macht deutlich, dass Arturo die gesamte deutsche DP in den spanischen Kontext gemischt hat. Sowohl die funktionale als auch die lexikalische Kategorie stammen aus seiner starken Sprache (Deutsch). Es handelt sich um eine einsprachige deutsche DP, die im nicht-adäquaten Kontext (Spanisch) geäußert wurde. Des Weiteren wird die Anzahl der monolingualen und gemischtsprachlichen DPn miteinander verglichen. Eine DP wird als monolingual bezeichnet, wenn sie in der Sprache geäußert wird, in der die Sprachaufnahme stattfindet (z.B. el lobo, Arturo 2; 11,6, sp. Kontext). Folgende DPn werden nun miteinander verglichen: 1. mononlinguale DPn, 2. gemischte DPn, 2a. die gesamte DP wurde in die andere Sprache gemischt (z.B. ein Apfel, Arturo 2; 5,6, sp. <?page no="111"?> 111 Kontext) und 2b. die funktionale Kategorie oder die lexikalische Kategorie wurde gemischt (z.B. ein zumo, Arturo 2; 4,27, sp. Kontext oder un Wal, Arturo 2; 7,28, sp. Kontext) 31 . Im Folgenden wird die Beschreibung der Daten den Vergleich zwischen den einsprachigen DPn, die in der adäquaten und nicht-adäquaten Sprache geäußert wurden, in den Mittelpunkt stellen. Des Weiteren sollen die einsprachigen DPn, die nicht in der adäquaten Sprache produziert wurden. mit den gemischten DPn verglichen werden, die entweder ein gemischtes Nomen oder eine gemischte Determinante beinhalten. Die folgende Abbildung (26) stellt sowohl die absolute Anzahl als auch den prozentualen Anteil der monolingualen und gemischten DPn von Arturo im spanischen Kontext im Vergleich dar. Abb. (26) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (sp. Kontext): Arturo 154 (18,76%) 99 (12,06%) 568 (69,18%) Sp. Dt. Mix Die Abbildung (26) zeigt für das deutsch-spanische Kind Arturo, dass die monolingualen DPn im spanischen Kontext überwiegen. Über den gesamten Untersuchungszeitraum hat Arturo 568 DPn (69,18%) in der adäquaten Sprache (Spanisch) produziert. Außerdem mischt Arturo häufiger die gesamte DP aus seiner starken Sprache (Deutsch) in die spanischen Sprachaufnahmen. In 154 Fällen (18,76%) wurde eine deutsche Determinante zusammen mit einem deutschen Nomen in den spanischen Kontext 31 Da diese Fälle bereits getrennt vorgestellt worden sind, wäre eine erneute Differenzierung redundant. Aus diesem Grund werden die gemischten DPn, die entweder eine gemischte Determinante oder ein gemischtes Nomen beinhalten zusammengefasst und im Folgenden als Mix bezeichnet. <?page no="112"?> 112 gemischt. Vergleicht man den prozentualen Anteil an einsprachigen deutschen DPn mit dem Anteil an DPn, in denen entweder die Determinante oder das Nomen (Mix) in den spanischen Kontext gemischt wurde, dann treten letztere seltener auf. Die folgende Abbildung (27) stellt die einsprachigen und gemischten DPn in absoluten Werten und Prozentangaben für das deutsch-spanische Kind Arturo im deutschen Kontext im Vergleich dar. Im Vergleich zu den spanischen Sprachaufnahmen produziert Arturo weniger monolingual spanische DPn im deutschen Kontext als monolingual deutsche DPn im spanischen Kontext. Von insgesamt 1145 DPn, die in der adäquaten Sprache (Deutsch) geäußert wurden, treten nur 30 (2,48%) monolingual spanische DPn auf. Abb. (27) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (dt. Kontext): Arturo 1145 (94,78%) 33 (2,73%) 30 (2,48%) Dt. Sp. Mix Das deutsch-französische Kind Marie entwickelt das Deutsche als schwache Sprache. Im deutschen Kontext werden die meisten DPn nicht in der adäquaten Sprache produziert. Das Kind Marie mischt überwiegend einsprachige französische DPn in den deutschen Kontext (671 französische DPn (72%) vs. 212 deutsche DPn (22,75%)). <?page no="113"?> 113 Abb. (28) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (dt. Kontext): Marie 671 (72%) 49 (5,26%) 212 (22,75%) Dt. Frz. Mix Während in den deutschen Sprachaufnahmen die monolingual französischen DPn (D frz + N frz ) überwiegen, produziert Marie nur eine einsprachige deutsche DP im französischen Kontext über den gesamten Untersuchungszeitraum. Insgesamt äußert das Kind Marie 2138 DPn (97,67%) in der adäquaten Sprache (Französisch). Abb. (29) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (frz. Kontext): Marie 1 (0,04%) 51 (2,28%) 2138 (97,67%) Frz. Dt. Mix <?page no="114"?> 114 Das deutsch-italienische Kind Aurelio entwickelt das Deutsche als schwache Sprache. Die einsprachigen deutschen DPn überwiegen in den deutschen Sprachaufnahmen, da Aurelio insgesamt 786 DPn (65,17%) in der adäquaten Sprache (Deutsch) produziert. Im Hinblick auf die gemischten DPn wird deutlich, dass Aurelio häufiger einsprachige italienische DPn in den deutschen Kontext mischt, als ausschließlich eine italienische Determinante oder ein italienisches Nomen. Im Vergleich zu den einsprachigen italienischen DPn, die einem prozentualen Anteil von 29,58% entsprechen, treten die Mischungen innerhalb der DP (Mix) nur zu 4,98% auf. Abb. (30) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (dt. Kontext): Aurelio 786 (65,17%) 360 (29,85%) 60 (4,98%) Dt. It. Mix Im italienischen Kontext produziert Aurelio insgesamt 1511 monolingual italienische DPn (D it + N it ), die einem prozentualen Anteil von 87,49% entsprechen. Somit überwiegt die Anzahl italienischer DPn in den italienischen Sprachaufnahmen. Vergleicht man ausschließlich die gemischten DPn miteinander, dann wird deutlich, dass Aurelio in 151 (8,74%) Fällen innerhalb der DP (Mix) mischt und nur 65 (3,76%) einsprachige deutsche DPn im italienschen Kontext produziert. <?page no="115"?> 115 Abb. (31) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (it. Kontext): Aurelio 1511 (87,49%) 151 (8,74%) 65 (3,76%) It. Dt. Mix Für das deutsch-italienische Kind Valentin kann die gleiche Beobachtung im deutschen Kontext gemacht werden wie für das deutsch-französische Kind Marie. Valentin weist in seiner schwachen Sprache (Deutsch) mehr einsprachige italienische DPn (80,98%) als monolingual deutsche DPn auf (11,48%). Somit produziert Valentin in den deutschen Sprachaufnahmen nur sehr wenige DPn in der adäquaten Sprache (Deutsch). Abb. (32) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (dt. Kontext): Valentin 170 (11,48%) 116 (7,71%) 1218 (80,98%) Dt. It. Mix <?page no="116"?> 116 In den italienischen Sprachaufnahmen treten DPn zu 98,45% in der adäquaten Sprache (Italienisch) auf. Somit wird deutlich, dass im italienischen Kontext die monolingual italienischen DPn überwiegen. Valentin weist im italienischen Kontext sehr wenige Sprachmischungen auf. Insgesamt mischt er in 5 Fällen (0,25%) die gesamte DP aus dem Deutschen in den italienischen Kontext und in 26 Fällen (1,3%) innerhalb der DP (Mix). Abb. (33) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (it. Kontext): Valentin 1775 (98,45%) 26 (1,3%) 5 (0,25%) It. Dt. Mix Im Folgenden werden die Ergebnisse für das deutsch-französische Kind Céline dargstellt. Die Abbildung (34) zeigt, dass Céline häufiger die gesamte DP in die französischen Sprachaufnahmen mischt als ausschließlich D oder N (Mix). Mit anderen Worten bevorzugt sie ebenfalls die Option, wie die bisher analysierten unbalancierten Kinder, einsprachige DPn aus ihrer starken in ihre schwache Sprache zu mischen. <?page no="117"?> 117 Abb. (34) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (frz. Kontext): Céline 119 (6,1%) 1252 (64,21%) 579 (29,69%) Frz.. Dt. Mix Die folgende Graphik (35) stellt die einsprachigen und gemischten DPn im deutschen Kontext im Vergleich dar. In den deutschen Sprachaufnahmen überwiegen die monolingual deutschen DPn (98,45%). Nur in drei Fällen (0,08%) hat Céline eine einsprachige französische DP in den deutschen Kontext gemischt. Erneut scheint das Mischen der gesamten DP nur in der schwachen Sprache von Bedeutung zu sein. Abb. (35) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (dt. Kontext): Céline 3 (0,08%) 3555 (98,45%) 5 (0,07%) Dt. Frz. Mix <?page no="118"?> 118 Im Folgenden werden die Ergebnisse für das deutsch-italienische Kind Jan im italienischen Kontext dargestellt. Die Abbildung (36) macht deutlich, dass die monolingual italienischen DPn in den italienischen Sprachaufnahmen überwiegen: Im Hinblick auf die Anzahl der gemischten DPn zeigt sich, dass Jan häufiger die gesamte DP (D dt + N dt ) als ausschließlich die funktionale oder lexikalische Kategorie in den italienischen Kontext mischt. Von insgesamt 121 gemischten DPn produziert Jan 78 (11,3%) einsprachige deutsche DPn im italienischen Kontext. Jan präferiert ebenfalls die Option einsprachige DPn aus seiner starken Sprache (Deutsch) in seine schwache Sprache (Italienisch) zu mischen. Abb. (36) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (it. Kontext): Jan 46 (6,67%) 78 (11,3%) 569 (82,46%) It. Dt. Mix In den deutschen Sprachaufnahmen produziert das Kind Jan insgesamt 1031 DPn in der adäquaten Sprache (Deutsch). Des Weiteren zeigt die folgende Abbildung (37), dass die einsprachigen italienischen DPn nur einem prozentualen Anteil von 1,05% entsprechen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Jan die gesamte DP häufiger in den italienischen als in den deutschen Kontext mischt. <?page no="119"?> 119 Abb. (37) Einsprachige & gemischte DPn im Vergleich (dt. Kontext): Jan 7 (0,67%) 11 (1,05%) 1031 (98,28%) Dt. It. Mix Insgesamt können die Untersuchungsergebnisse folgendermaßen zusammengefasst werden: Für alle unbalancierten Kinder scheint das Mischen der gesamten DP aus der starken in die schwache Sprache von Bedeutung zu sein, da sie häufiger einsprachige DPn aus der starken in die schwache Sprache mischen als ausschließlich die funktionale oder die lexikalische Kategorie (Mix). Selbst für die beiden Kinder Jan und Céline, die im Vergleich zu den anderen unbalancierten Kindern kaum Determinanten in ihre schwache Sprache mischen, kann diese Beobachtung gemacht werden. Ein weiteres interessantes Ergebnis wurde für die unbalanciert bilingualen Kinder Valentin und Marie im deutschen Kontext festgestellt: Beide Kinder entwickeln jeweils das Deutsche als schwache Sprache und sie produzierren häufiger gemischte DPn als monolinguale DPn in der schwachen Sprache. Bei Marie entsprechen die monolingual französischen DPn in den deutschen Sprachaufnahmen einem prozentualen Anteil von 72%. Bei Valentin liegt der prozentuale Anteil an einsprachigen italienischen DPn bei 80,98% im deutschen Kontext. Demnach treten in den deutschen Sprachaufnahmen überwiegend einsprachige romanische DPn auf, d.h in der schwachen Sprache produzieren Marie und Valentin überwiegend DPn in der nicht-adäquaten Sprache. Im Folgenden sollen die relevanten Sprachmischungen über die MLU- Entwicklung der unbalancierten Kinder in der schwachen Sprache abgebildet werden. Schließlich können bei einer rein quantitativen Darstellung keine Aussagen über das Mischen der funktionalen Kategorie und die grammatische Entwicklung in der schwachen Sprache gemacht werden. <?page no="120"?> 120 Hierbei wird der Fokus ausschließlich auf den gemischten DPn liegen, die in der jeweiligen schwachen Sprache produziert wurden. Basierend auf dem statistisch signifikanten Unterschied (p=0.008), der im Hinblick auf das Mischen der funktionalen Kategorie zwischen den balancierten Kindern und den unbalancierten Kindern Marie, Valentin und Aurelio 32 in der schwachen Sprache festgestellt wurde, beschränkt sich die nachfolgende Analyse auf die schwache Sprache der unbalancierten Kinder. Die folgende Graphik (38) stellt die gemischten DPn sowohl in Prozentangaben (y-Achse) als auch in absoluten Zahlen (in der Datentabelle) in den jeweiligen MLU-Phasen von Arturo im spanischen Kontext dar. In der Abbildung wird deutlich, dass Arturo in den ersten drei MLU-Phasen überwiegend die funktionale Kategorie aus seiner starken Sprache (Deutsch) in die spanischen Sprachaufnahmen mischt. Erst mit einem ansteigenden MLU nehmen die gemischten DPn zu, in denen die funktionale Kategorie aus dem Spanischen und das Nomen aus dem Deutschen stammen (D sp + N dt ). In der ersten MLU-Phase, in der die durchschnittliche Äußerungslänge 1-1,49 Wörter beträgt, treten spanische Determinanten mit deutschen Nomina nur zu 6% auf. Dass der prozentuale Anstieg der gemischten DPn (D sp + N dt ) mit einem ansteigenden MLU korreliert, wird deutlich, wenn man die darauffolgenden MLU-Phasen betrachtet. Bei einer durchschnittlichen Äußerungslänge von 2,5-2,99 Wörtern mischt Arturo eine spanische Determinante mit einem deutschen Nomen zu 48%. Des Weiteren zeigt die Graphik, dass Arturo besonders in der ersten MLU-Phase bevorzugt die gesamte DP (D dt + N dt ) aus seiner starken Sprache in den spanischen Kontext mischt, da diese Mischungen einem prozentualen Anteil von 85% entsprechen. In der MLU-Phase, in der die durchschnittliche Äußerungslänge 3-3,49 Wörter beträgt, weist das Kind Arturo insgesamt nur vier Mischungen auf. Vergleicht man die absolute Anzahl an einsprachigen DPn über die einzelnen MLU-Phasen, dann zeigt sich, dass das Mischen einsprachiger deutscher DPn ebenfalls abnimmt. Die Ergebnisse für das bilingual deutsch-spanische Kind Arturo können folgendermaßen zusammengefasst werden: Mit einem ansteigenden MLU nimmt das Mischen der funktionalen Kategorie aus der starken Sprache (Deutsch) ab. Dies gilt sowohl für die Mischungen, in denen die Determinante und das Nomen aus der starken Sprache stammen (d.h. D dt + N dt ) als auch für die Mischungen, in denen ausschließlich die funktionale Kategorie in die schwache Sprache gemischt wird (d.h. D dt + N sp ). 32 An dieser Stelle soll erneut darauf hingewiesen werden, dass für das deutschspanische Kind Arturo im Spanischen keine statistische Analyse erfolgen konnte, da die minimale Gruppengröße nicht erreicht wurde. <?page no="121"?> 121 Abb. (38) MLU-Match: Mischungen D + N (Arturo sp. Kontext) 0% 20% 40% 60% 80% 100% MLU Ddt+Ndt Dsp+Ndt Ddt+Nsp Ddt+Ndt 53 14 48 35 4 Dsp+Ndt 4 2 18 32 0 Ddt+Nsp 5 13 25 0 0 1-1,49 1,5-1,99 2-2,49 2,5-2,99 3-3,49 Die folgende Graphik (39) zeigt die Anzahl der gemischten DPn in den jeweiligen MLU-Phasen, die das deutsch-französische Kind Marie im deutschen Kontext produziert hat. Erneut werden die relevanten Mischungen sowohl in Prozentangaben (y-Achse) als auch in absoluten Zahlen (in den Säulen) dargstellt. Die Abbildung zeigt deutlich, dass das Mischen einsprachiger französischer DPn in allen MLU-Phasen dominiert. Obwohl die absolute Anzahl der einsprachigen DPn in der MLU-Phase von 2-2,49 Wörtern deutlich geringer ist als in den vorherigen Phasen (11 Mischungen vs. 379 und 281 Mischungen), beträgt der prozentuale Anteil weiterhin ca. 80%. Des Weiteren wird deutlich, dass die Mischungen D dt + N frz geringfügig zunehmen. In der ersten MLU-Phase mischt Marie überwiegend die funktionale Kategorie aus ihrer starken Sprache Französisch. In dieser Phase produziert Marie keine Mischungen, die aus einer deutschen Determinante und einem französischen Nomen bestehen. Erst in den beiden folgenden MLU-Phasen (1,5-1,99 und 2-2,49 Wörtern) treten die gemischten DPn (D dt + N frz ) auf. Insgesamt können die Ergebnisse für das deutsch-französische Kind Marie folgendermaßen zusammengefasst werden: Das Mischen einsprachiger französischer DPn bleibt über die gesamte MLU-Entwicklung konstant. <?page no="122"?> 122 Abb. (39) MLU-Match: Mischungen D + N (Marie dt. Kontext) 0% 20% 40% 60% 80% 100% MLU Dfrz+Nfrz Ddt+Nfrz Dfrz+Ndt Dfrz+Nfrz 379 281 11 Ddt+Nfrz 0 8 3 Dfrz+Ndt 29 9 0 1-1,49 1,5-1,99 2-2,49 Die folgende Abbildung (40) zeigt den prozentualen Anteil (y-Achse) und die absolute Anzahl (in den Säulen) der gemischten DPn in den jeweiligen MLU-Phasen von Aurelio im deutschen Kontext. Es wird deutlich, dass Aurelio nicht über die gesamte MLU-Entwicklung einsprachige italienische DPn (D it + N it ) in den deutschen Kontext mischt, da diese Sprachmischungen in den MLU-Phasen von 3 - 3,49 und 3,5 - 3,99 Wörtern nicht mehr auftreten. Der prozentuale Anteil der Mischungen D dt + N it , d.h. das Mischen der lexikalischen Kategorie aus der schwachen Sprache, korreliert positiv mit einem ansteigenden MLU. Des Weiteren lässt sich eine negative Korrelation zwischen dem Mischen der funktionalen Kategorie und der MLU-Entwicklung beobachten. Das Mischen der lexikalischen Kategorie nimmt mit einem ansteigenden MLU zu (positive Korrelation), während das Mischen der funktionalen Kategorie mit einem ansteigenden MLU abnimmt (negative Korrelation). An dieser Stelle soll erneut darauf hingewiesen werden, dass das Mischen der funktionalen Kategorie aus der dominanten Sprache selbst am Anfang der sprachlichen Entwicklung nicht auf einem Kompetenzproblem in der schwachen Sprache basiert (vgl. Abschnitt 3.6.1). <?page no="123"?> 123 Ingesamt können die Ergebnisse für das deutsch-italienische Kind Aurelio folgendermaßen zusammengefasst werden: 1. Das Mischen einsprachiger DPn aus der starken in die schwache Sprache nimmt mit einem ansteigenden MLU ab. 2. Einsprachige DPn werden besonders häufig am Anfang der Entwicklung gemischt. 3. Mit einem ansteigenden MLU nimmt der prozentuale Anteil an Mischungen zu, in denen eine Determinante aus der schwachen Sprache mit einem Nomen aus der starken Sprachen gemischt wird. Dennoch wird deutlich, dass die absoluten Werte sehr gering sind. Abb. (40) MLU-Match: Mischungen D + N (Aurelio dt. Kontext) 0% 20% 40% 60% 80% 100% MLU Dit+Nit Ddt+Nit Dit+Ndt Dit+Nit 224 34 100 2 0 0 Ddt+Nit 1 4 18 0 7 3 Dit+Ndt 17 2 5 0 2 1 1-1,49 1,5-1,99 2-2,49 2,5-2,99 3-3,49 3,5-3,99 Die folgende Graphik (41) stellt die gemischten DPn sowohl in Prozentangaben (y-Achse) als auch in absoluten Zahlen (in den Säulen) in den jeweiligen MLU-Phasen von Valentin im deutschen Kontext dar. Die Abbildung zeigt deutlich, dass das Mischen einsprachiger italienischer DPn in allen MLU-Phasen dominiert. Das Kind Valentin mischt über die gesamte MLU-Entwicklung funktionale Kategorien aus seiner starken Sprache (Italienisch). Das Mischen einsprachiger italienischer DPn bleibt über die gesamte MLU-Entwicklung konstant. In keiner MLU-Phase liegt der Anteil an einsprachigen italienischen DPn unter 90%. <?page no="124"?> 124 Abb. (41) MLU-Match: Mischungen D + N (Valentin dt. Kontext) 0% 20% 40% 60% 80% 100% MLU Dit+Nit Ddt+Nit Dit+Ndt Dit+Nit 342 565 98 213 Ddt+Nit 10 5 0 2 Dit+Ndt 48 30 3 18 1-1,49 1,5-1,99 2-2,49 2,5-2,99 Die folgende Graphik (42) zeigt die Anzahl an gemischten DPn in den jeweiligen MLU-Phasen, die das deutsch-französische Kind Céline im französischen Kontext produziert hat. Die Anzahl an einsprachigen deutschen DPn nimmt in den französischen Sprachaufnahmen graduell ab. Das Mischen der gesamten DP aus der starken Sprache überwiegt besonders am Anfang der Entwicklung. Der prozentuale Anteil an einsprachigen deutschen DPn beträgt in den ersten drei MLU-Phasen ca. 95%. Erst mit einem ansteigenden MLU nimmt das Mischen der gesamten DP aus der starken in die schwache Sprache ab. Gleichzeitig nehmen die Mischungen zu, in denen eine französische Determinante mit einem deutschen Nomen gemischt wird. <?page no="125"?> 125 Abb. (42) MLU-Match: Mischungen D + N (Céline frz. Kontext) 0% 20% 40% 60% 80% 100% MLU Ddt+Ndt Dfrz+Ndt Ddt+Nfrz Ddt+Ndt 57 268 130 71 36 14 3 Dfrz+Ndt 5 10 5 40 24 13 9 Ddt+Nfrz 5 6 2 0 0 0 0 1-1,49 1,5-1,99 2-2,49 2,5-2,99 3-3,49 3,5-3,99 4-4,49 Die folgende Abbildung (43) stellt den prozentualen Anteil (y-Achse) und die absolute Anzahl (in den Säulen) der gemischten DPn in den jeweiligen MLU-Phasen für das deutsch-italienische Kind Jan im italienischen Kontext dar. Das Mischen einsprachiger deutscher DPn nimmt mit einem ansteigenden MLU ab. In der letzten MLU-Phase, in der die durchschnittliche Äußerungslänge 3-3,49 Wörter beträgt, treten keine monolingual deutschen DPn mehr auf. Außerdem zeigt die Graphik, dass die Anzahl an Mischungen (D it + N dt ) zunimmt. <?page no="126"?> 126 Abb. (43) MLU-Match: Mischungen D + N (Jan it. Kontext) 0% 20% 40% 60% 80% 100% MLU Ddt+Ndt Dit+Ndt Ddt+Nit Ddt+Ndt 9 42 20 7 0 Dit+Ndt 1 10 12 11 8 Ddt+Nit 0 0 0 0 1 1-1,49 1,5-1,99 2-2,49 2,5-2,99 3-3,49 3.6.3 Zusammenfassung der Ergebnisse Im ersten Teil des vorherigen Abschnitts wurden zunächst die folgenden gemischten DPn bei der Analyse fokussiert: 1. deutscher Kontext: a. D dt + N rom b. D rom + N dt 2. romanischer Kontext I 33 : a. D rom + N dt b. D dt + N rom 3. romanischer Kontext II 34 : a. D it + N frz b. D frz + N it Für die balancierten Kinder konnte gezeigt werden, dass sie keine Determinanten in die romanischen und deutschen Sprachaufnahmen mischen. Sie mischen stets die lexikalische Kategorie in die jeweils andere Sprache. Die Analyse der unbalancierten Kinder hat im Hinblick auf das Mischen der funktionalen Kategorie unterschiedliche Ergebnisse hervorgebracht: 33 Die Mischungen kommen in der Sprachkombination Deutsch und einer romanischen Sprache (Spanisch, Italienisch, Französisch) vor. 34 Die Mischungen kommen ausschließlich in der Sprachkombination Italienisch- Französisch vor. <?page no="127"?> 127 1. Die unbalancierten Kinder Arturo, Marie, Aurelio und Valentin mischen überwiegend die funktionale Kategorie aus der starken in die schwache Sprache. 2. Die unbalancierten Kinder Jan und Céline mischen überwiegend die lexikalische Kategorie aus der starken in die schwache Sprache. 3. Alle unbalancierten Kinder mischen überwiegend die lexikalische Kategorie in die dominante Sprache. Für die unbalancierten Kinder Marie, Valentin und Aurelio, die jeweils das Deutsche als schwache Sprache entwickeln, zeigte sich, dass ein signifikanter Unterschied (p = 0.008) bezüglich des Mischens der funktionalen Kategorie im Vergleich zu den balancierten Kindern besteht. Für die unbalancierten Kinder Jan und Céline konnte im Vergleich zu den balancierten Kindern kein signifikanter Unterschied (p = 0.5 bei Jan und p = 0.250 bei Céline) festgestellt werden. Die Ergebnisse relativieren die Annahme, dass unbalancierte Kinder immer die funktionale Kategorie aus der schwachen Sprache in die starke Sprache mischen. Die Implikation, dass Kinder mit einer schwachen Sprache auch häufiger die funktionale Kategorie aus ihrer starken Sprache mischen, wird durch die vorliegenden Untersuchungsergebnisse widerlegt. Die Generalisierung kann nun folgendermaßen formuliert werden: Bilinguale Kinder, die häufig funktionale Kategorien mischen, haben eine schwache Sprache. Das häufige Mischen von funktionalen Kategorien impliziert die Existenz einer schwachen Sprache im bilingualen Kind (A B) 35 . Die Balanciertheit der beiden Sprachen stellt jedoch keine notwendige Bedingung für das Mischen der funktionalen Kategorie dar, sondern eine hinreichende Bedingung ( (B A)) 36 . Warum die unbalancierten Kinder Jan und Céline kaum Determinanten aus der starken in die schwache Sprache mischen, soll im folgenden Abschnitt erläutert und diskutiert werden. Im Anschluss basierte die Analyse auf einem Vergleich folgender DPn, die von den unbalancierten Kindern sowohl in der schwachen als auch in der starken Sprache produziert worden sind: 35 A = Mischen der funktionalen Kategorie (Determinanten), B = Sprachdominanz (schwache Sprache). 36 A = Mischen der funktionalen Kategorie (Determinanten), B = Sprachdominanz (schwache Sprache). <?page no="128"?> 128 4. deutscher Kontext: a. D rom + N rom b. D dt + N dt c. Mix 37 5. romanischer Kontext: a. D dt + N dt b. D rom + N rom c. Mix Die Ergebnisse können folgendermaßen zusammengefasst werden: In der starken Sprache der unbalancierten Kinder dominieren monolinguale DPn, die in der adäquaten Sprache geäußert wurden. Die unbalancierten Kinder Aurelio, Valentin und Marie entwickeln die romanische Sprache als dominante Sprache. In den romanischen Sprachaufnahmen beträgt der prozentuale Anteil an monolingualen DPn (D rom + N rom ) bei allen Kindern ca. 95%. Die unbalancierten Kinder Arturo, Jan und Céline entwickeln jeweils das Deutsche als starke Sprache. Die Ergebnisse zeigen erneut, dass im deutschen Kontext überwiegend monolinguale DPn (D dt + N dt ) produziert werden. Selbst in der schwachen Sprache produzieren die Kinder Arturo, Jan, Céline und Aurelio überwiegend monolinguale DPn. Das deutsch-spanische Kind Arturo produziert in den spanischen Sprachaufnahmen 568 (70%) einsprachige spanische DPn. Das deutsch-italienische Kind Jan entwickelt das Italienische als schwache Sprache. Im italienischen Kontext produziert er 569 einsprachige italienische DPn, die einem prozentualen Anteil von 82% entsprechen. Auch für das deutsch-französische Kind Céline wird deutlich, dass sie in den französischen Sprachaufnahmen überwiegend einsprachige französische DPn produziert (1252 (64%)). Das deutsch-italienische Kind Aurelio entwickelt das Deutsche als schwache Sprache. Im deutschen Kontext beträgt der prozentuale Anteil an adäquaten DPn 65%. Für die unbalancierten Kinder Valentin und Marie, die jeweils das Deutsche als schwache Sprache entwickeln, wird jedoch deutlich, dass sie in den deutschen Sprachaufnahmen überwiegend einsprachige DPn produzieren, die aus der jeweiligen romanischen Sprache stammen. Das deutsch-italienische Kind Valentin produziert im deutschen Kontext insgesamt 1218 italienische DPn (81%). Das deutsch-französische Kind Marie mischt insgesamt 671 (72%) französische DPn in die deutschen Sprachaufnahmen. Warum die beiden unbalancierten Kinder 37 Die Bezeichnung Mix in (4c) wurde gewählt, um die gemischten DPn im Beispiel (1) zusammenzufassen und in (5c), um die gemischten DPn im Beispiel (2) zusammenzufassen. <?page no="129"?> 129 Valentin und Marie kaum adäquate DPn in ihrer schwachen Sprache produzieren, soll im folgenden Abschnitt im Einzelnen diskutiert werden. Schließlich wurde die Anzahl an gemischten DPn in Zusammenhang mit der MLU-Entwicklung in der schwachen Sprache der unabalncierten Kinder untersucht. Folgende Ergebnisse können festgehalten werden: 1. Bei den bilingualen Kindern Céline, Jan, Arturo und Aurelio korreliert das Mischen der funktionalen Kategorie negativ mit einem ansteigenden MLU: Sowohl die Anzahl der einsprachigen gemischten DPn als auch die Anzahl der gemischten DPn, bei denen ausschließlich die funktionale Kategorie aus der starken Sprache stammt, nimmt mit einem ansteigenden MLU ab. 2. Das Mischen von einsprachigen DPn aus der starken Spache tritt besonders am Anfang der sprachlichen Entwicklung auf. 3. Die beiden unbalancierten Kinder Marie und Valentin mischen über die gesamte Entwicklung überwiegend Determinanten aus der starken in die schwache Sprache. Bei Marie und Valentin bleibt das Mischen von einsprachigen DPn über alle MLU-Phasen konstant. 4. Bei den bilingualen Kindern Céline, Jan, Arturo und Aurelio korreliert das Mischen der lexikalischen Kategorie positiv mit einem ansteigenden MLU. Im Hinblick auf die Umgebungssprache könnte man vermuten, dass die unbalancierten Kinder häufiger funktionale Kategorien in die Nicht-Umgebungssprache mischen. Es wird jedoch deutlich, dass die Umgebungssprache keine Rolle spielt: Arturo und Aurelio wachsen in Deutschland auf. Die Umgebungssprache ist somit das Deutsche. Dennoch mischt ein Kind, nämlich Aurelio, häufiger die funktionale Kategorie im deutschen als im italienischen Kontext. Im Vergleich zu Arturo und Aurelio wachsen die beiden Kinder Marie und Valentin nicht in Deutschland auf. Das bilinguale Kind Marie lebt in Frankreich, das Kind Valentin in Italien. Beide Kinder mischen häufiger Determinanten in die deutschen Sprachaufnahmen, d.h. in die Nicht-Umgebungssprache 38 . In den romanischen Sprachaufnahmen wird deutlich, dass Marie und Valentin kaum funktionale Kategorien mischen 39 . Die Ergebnisse zeigen, dass bei drei unbalan- 38 Das Kind Marie mischt insgesamt 38 Mal die funktionale Kategorie und nur 11 Mal die lexikalische Kategorie in den deutschen Kontext. Das Kind Valentin mischt insgesamt 76 Mal die funktionale Kategorie und nur 17 Mal die lexikalische Kategorie in den deutschen Kontext. 39 Das Kind Marie mischt insgesamt nur 3 Mal die funktionale Kategorie und 38 Mal die lexikalische Kategorie in den französischen Kontext. Das Kind Valentin mischt <?page no="130"?> 130 ciert bilingualen Kindern (Arturo, Valentin und Marie) die jeweilige schwache Sprache mit der Nicht-Umgebungssprache übereinstimmt. Aurelio ist das einzige bilinguale Kind, das die Umgebungssprache (das Deutsche) als schwache Sprache entwickelt und im Deutschen mehr relevante Mischungen aufweist. 3.7 Diskussion der Untersuchungsergebnisse Zunächst soll die Annahme relativiert werden, dass unbalancierte Kinder häufiger funktionale Kategorien aus der starken in die schwache Sprache mischen, weil sie eine grammatische Lücke (grammatical gap) in der schwachen, langsamer entwickelten Sprache aufweisen. In Kapitel 3.6. wurde bereits gezeigt, dass die kindlichen Sprachmischungen nicht als eine Erwerbsstrategie im Sinne der Bilingual Bootstrapping Hypothesis oder Ivy Hypothesis interpretiert werden können. Weitere Evidenz, dass der kindliche Sprachenwechel nicht auf einer Erwerbsstrategie basiert, wird durch die Analyse der Genusmarkierung an der Determinante beim Sprachenwechsel innerhalb der DP deutlich. Mit anderen Worten ist das Mischen der funktionalen Kategorie unabhängig von anderen Bereichen der grammatischen Entwicklung im bilingualen Kind. Obwohl die Untersuchung zum Genus erst in Kapitel 5 erfolgt, soll an dieser Stelle kurz gezeigt werden, warum das Mischen der funktionalen Kategorie kein kompetenzgetriebenes Phänomen darstellt. Beim Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen sind im Hinblick auf die Genusmarkierung an der Determinante besonders die Fälle interessant, in denen das Genus des Nomens in den beiden Sprachen voneinander abweicht. Ist das Genus des Nomens und das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents in beiden Sprachen unterschiedlich, dann kann sich die Genusmarkierung an der Determinante entweder nach dem Genus des Nomens in der gemischten DP richten oder nach dem Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents. Das folgende Beispiel verdeutlicht, dass die Genusmarkierung an der Determinante von dem Genus des realisierten Nomens in der gemischten DP bestimmt wird: Das deutsche Nomen Sonne ist feminin, während das entsprechende französische Nomen soleil maskulin ist. Die gemischte DP der mask soleil mask oder la fem Sonne fem zeigt, dass das Genus des Nomens das Genus der Determinante bestimmt. Richtet sich das Genus der Determinante nach dem Genus des Äquivalents, dann führt dies zu einer gemischten DP wie die fem soleil mask und le mask Sonne fem . insgesamt nur 2 Mal die funktionale Kategorie und 24 Mal die lexikalische Kategorie in den deutschen Kontext. <?page no="131"?> 131 Wenn man davon ausgeht, dass das Mischen der funktionalen Kategorie aus der starken in die schwache Sprache auf einer Erwerbsstrategie basiert, dann sollte man erwarten, dass unbalancierte Kinder nicht auf die grammatische Genusinformation eines Nomens zugreifen können, das aus der schwachen Sprache stammt. Vielmehr sollte die Genusinformation des entsprechenden Nomens aus der starken Sprache relevant sein. Demzufolge sollten unbalancierte Kinder häufiger auf das Genus des übersetzungsäquivalenten Nomens aus der starken Sprache zugreifen, wenn sie ein Nomen aus der schwachen Sprache mit einer Determinante aus der starken Sprachen mischen. Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse widerlegen diese Annahme und zeigen, dass der Zugriff auf die Genusinformation unabhängig von der Sprachdominanz erfolgt. Die Frage, welche Faktoren den Zugriff auf die Genusinformation tatsächlich steuern, wird in Kapitel 5 beantwortet. Die Analyse wird zeigen, dass der Zugriff auf die Genusinformation von der Organisation und dem Aufbau des Nomen- und Verblexikons im bilingualen Kind abhängig ist. Die folgende Graphik (44) stellt die Anzahl an gemischten DPn sowohl in Prozentangaben als auch in absoluten Zahlen (über den Säulen), in denen die Kinder auf das Genus des Nomens oder auf das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents zugegriffen haben, im Vergleich dar. Es wird deutlich, dass die bilingualen Kinder in den meisten Fällen das Genus des Nomens an der Determinante markieren und selten auf das Genus des entsprechenden Übersetzungsäquivalents zugreifen. Abb. (44) Genusmarkierung in gemischten DPn 0 0 0 0 0 11 6 9 1 3 3 4 9 16 13 2 1 9 22 41 6 21 19 22 4 18 25 6 7 22 14 3 16 12 0 4 2 5 6 3 0 0 0 2 2 0 2 1 4 0 3 11 6 2 1 11 11 3 2 2 3 14 0 2 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Siria it. Luca it. Luca dt. Juliette it. Juliette frz. Carlotta it. Carlotta dt. Valentin it. Valentin dt. Jan it. Jan dt. Lukas it. Lukas dt. Aurelio It. Aurelio dt. Marta It. Marta dt. Julie dt. Emma dt. Emma frz. Amélie, dt. Amélie frz. Céline dt. Céline frz. Alexander dt. Alexander frz. Marie dt. Marie frz. Teresa dt. Teresa sp. Arturo dt. Arturo sp. % Genus des geswitchten N Genus des äquivalenten N <?page no="132"?> 132 Die Graphik (44) zeigt, dass das unbalancierte deutsch-spanische Kind Arturo überwiegend das Genus des spanischen Nomens an einer deutschen Determinante markiert, wenn er ein Nomen aus seiner schwachen Sprache mit einer Determinante aus seiner starken Sprache mischt (z.B. die fem espada fem sp. la fem espada fem , dt. das neutr Schwert neutr ). Obwohl Arturo das Spanische als schwache Sprache entwickelt, greift er nicht auf das Genus des entsprechenden deutschen Übersetzungsäquivalents zu, sondern markiert überwiegend die deutsche Determinante mit dem Genus des spanischen Nomens. Das deutsch-italienische Kind Valentin entwickelt das Deutsche als schwache Sprache. Von insgesamt 24 gemischten DPn mit einem deutschen Nomen bestimmt in 22 Fällen (92%) das Genus des deutschen Nomens das Genus der italienischen Determinante. Das deutsch-französische Kind Céline entwickelt das Französische als schwache Sprache. Wenn Céline ein französisches Nomen mit einer deutschen Determinante mischt, dann richtet sich die Genusmarkierung an der deutschen Determinante in 6 von insgesamt 8 Fällen (75%) nach dem Genus des französischen Nomens. Es wird deutlich, dass Céline überwiegend das Genus des französischen Nomens an der Determinante markiert und nicht auf das Genus des entsprechenden deutschen Nomens aus der starken Sprache zugreift. Das deutsch-französische Kind Marie entwickelt das Deutsche als schwache Sprache. Die Graphik zeigt, dass in 22 von insgesamt 25 relevanten Mischungen (88%), das Genus des deutschen Nomens die Genusmarkierung an der französischen Determinante festlegt. Das Kind Jan entwickelt das Italienische als schwache Sprache. Insgesamt mischt er nur 2 italienische Nomen mit einer deutschen Determinante. Hierbei wird deutlich, dass er sowohl das Genus des italienischen Nomens an der deutschen Determinante markiert (Jan 2; 8,18 der mask lettomask dt. Bett neutr ) als auch das Genus des deutschen Übersetzungsäquivalents (Jan 3; 2,19 das neutr moto mask dt. Motorrad neutr ). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die grammatische Entwicklung in der schwachen Sprache nicht der Grund für das Mischen der funktionalen Kategorie aus der starken Sprache sein kann. Das Mischen der funktionalen Kategorie ist unabhängig von der grammatischen Kompetenz in der schwachen Sprache der bilingualen Kinder. Wenn das Mischen der funktionalen Kategorie kein kompetenzgetriebenes Phänomen darstellt, insofern, als unbalancierte Kinder die funktionale Kategorie aus der starken Sprache mischen, um grammatische Lücken in der schwachen Sprache zu kompensieren, dann müssen andere Gründe gefunden werden, die dieses Phänomen erklären können. Aus einer psycholinguistischen Perspektive wird dafür argumentiert, dass die Aktivierung der Sprache A immer eine Inhibition der Sprache B im bilingualen Individuum impliziert (vgl. Grosjean 2001, Green 1993, <?page no="133"?> 133 1998). Im Gespräch mit bilingualen Sprechern, bei dem es häufiger zu einem Sprachenwechsel kommt, können die beiden Sprachen ähnlich stark aktiviert sein („bilingualer Sprachmodus“), während im Gespräch mit monolingualen Sprechern die unbeteiligte Sprache weniger stark aktiviert ist („monolingualer Sprachmodus“). Green (1986) behauptet, dass hierbei die nicht beteiligte Sprache vom mehrsprachigen Sprecher aktiv inhibiert werden muss. Daraus folgt, dass ein bilingualer Sprecher über einen inhibitorischen Kontrollmechanismus verfügt, welcher in diesem Fall die konkurrierende Sprache unterdrückt. Entscheidet sich ein bilingualer Sprecher für den Gebrauch von Sprache A, dann muss die nichtaktive Sprache B gehemmt bzw. inhibiert werden. Bei einer unbalancierten Sprachentwicklung erweist sich die Inhibition der dominanten Sprache als aufwendiger und erfordert somit mehr inhibitorische Kontrolle (vgl. u.a. De Bot 1992, Paradis 1981, Green 1993, 1998). Angenommen, ein bilingualer Sprecher hat Sprache A als dominante und Sprache B als schwache Sprache und er entscheidet sich für den Gebrauch von Sprache B, dann sollte die Unterdrückung von Sprache A (starke Sprache) mehr inhibitorische Kontrolle erfordern, als die Inhibition von Sprache B (schwache Sprache) beim Gebrauch der starken Sprache. Die Bedeutung der Inhibition für die Sprachproduktion eines mehrsprachigen Sprechers betonte bereits Green (1993), indem er auf die dafür benötigte Energie hinwies. Ein sprachliches System zu kontrollieren, erfordert immer ein gewisses Maß an Energie bzw. Aufwand. Dass hierbei die Inhibition der starken gegenüber der schwachen Sprache mit mehr Aufwand verbunden ist, zeigen u.a. die experimentellen Studien von Meuter (1994) und Meuter & Allport (1999). Die Autoren Meuter und Allport (1999) untersuchen den Sprachenwechsel bei bilingual englisch-chinesischen Sprechern, die verschiedene Numerale in ihrer L 1 und anschließend in ihrer L 2 bzw. andersherum benennen sollten. Die Testitems wurden hierbei auf einem Bildschirm in unterschiedlichen Farben, die die response language signalisieren, angezeigt. Je nach Farbe des Testitems mussten die Sprecher in der L 1 oder L 2 sequentiell antworten. Hierbei sollten die Versuchpersonen (a) von ihrer L 1 in ihre L 2 (L 1 L 2 ) und (b) von ihrer L 2 in ihre L 1 (L 2 L 1 ) mischen (switch trials). Außerdem wurden zum Vergleich sogenannte nonswitch trials durchgeführt, bei denen die Versuchpersonen die jeweiligen Testitems in ihrer L 1 (L 1 L 1 ) oder in ihrer (L 2 L 2 ) benennen sollten. Insgesamt bringt die Studie von Meuter & Allport (1999) die folgenden Ergebnisse hervor: Die Versuchspersonen reagieren bei den sogenannten switch trials langsamer als bei den nonswitch trials. Bei den nonswitch trials werden schnellere Reaktionszeiten in der Sequenz L 1 L 1 als in der Abfolge L 2 L 2 beobachtet. Die durchschnittliche Reaktionszeit beim Mischen von der schwachen in die dominante Sprache (L 2 L 1 ) beträgt 143ms, während die <?page no="134"?> 134 Reaktionszeit beim Mischen von der starken in die schwache Sprache nur 85ms (L 1 L 2 ) beträgt 40 . Demzufolge ist der Sprachenwechsel von der schwachen in die starke Sprache mit mehr Aufwand (gemessen in Reaktionszeit) verbunden als der Wechsel von der starken in die schwache Sprache. Diese auf den ersten Blick paradoxe Asymmetrie im Hinblick auf das dritte Ergebnis erklären die Autoren folgendermaßen: Verläuft der Sprachenwechsel von der L 2 in die L 1 , dann muss die konkurrierende L 1 zu Anfang inhibiert werden, damit die Benennung in der L 2 stattfinden kann. Der Sprachenwechsel in die L 1 bewirkt, dass die zu Anfang inhibierte L 1 aktiviert und die L 2 inhibiert werden muss (L2 Inhibiton der L1 L1 Inhibition der L2 ). Verläuft der Sprachenwechsel in die andere Richtung, d.h. von der starken Sprache in die schwache Sprache, dann muss zu Beginn die schwache Sprache inhibiert und beim Wechsel in die L 2 anschließend aktiviert werden (L1 Inhibiton der L2 L2 Inhibition der L1 ). Da die Inhibition der L 1 und die inhibitorische Kontrolle der L 2 mit unterschiedlichem Aufwand verbunden sind, insofern als die Inhibition der L 1 schwieriger ist, verursacht der Wechsel von der L 2 in die L 1 längere Reaktionszeiten als der Wechsel von der L 1 in die L 2 . Das Mischen von der L 2 in die L 1 erfordert zunächst eine Inhibition der L 1 , weshalb eine darauffolgende Response in der L 1 erschwert wird und zu längeren Reaktionszeiten im Vergleich zum Sprachenwechsel von der L 1 in die L 2 führt. Mit anderen Worten bleibt die Inhibition der L 1 bis zum folgenden switch trial in die L 1 länger bestehen, in Form eines „negativen primings“ des gesamten Lexikons der L 1 . Es wird deutlich, dass die Aktivierung der L 1 durch die vorherige Inhibition, die für einen bilingualen Sprecher mit mehr Aufwand verbunden ist als die inhibitorische Kontrolle der L 2 , zu längeren Reaktionszeiten führt. Im Gegensatz dazu erfordert das Mischen von der L 1 in die L 2 zu Anfang eine Inhibition der L 2 . Die inhibitorische Kontrolle der L 2 ist mit weniger Aufwand verbunden, sodass der Sprachenwechsel von der L 1 in die L 2 leichter fällt bzw. schneller erfolgt. Die Studie von Meuter & Allport (1999) liefert Evidenz dafür, dass der Aufwand beim Sprachenwechsel über einen inhibitorischen Kontrollmechanismus erklärt werden kann und die Switchkosten beim Mischen von der dominanten in die schwache Sprache und andersherum berücksichtigt werden müssen. Paradis (1993) behauptet, dass dieser Inhibitionsmechanismus sowohl für ein ganzes Sprachsystem als auch für bestimmte sprachliche Elemente, z.B. Wörter oder syntaktische Konstruktionen, gilt. In der vorliegenden Untersuchung wird dieser Mechanismus am Beispiel gemischtsprachlicher DPn dargestellt. Die Frage, ob das bi- 40 Die Autoren weisen darauf hin, dass die Unterschiede zwar statistisch signifikant sind, aber für einen Hörer nicht unbedingt wahrnehmbar sind. <?page no="135"?> 135 linguale Kind vor der relevanten Sprachmischungen in der dominanten oder schwachen Sprache kommuniziert hat, ist für die vorliegende Arbeit nicht von Bedeutung, da ausschließlich der Sprachenwechsel innerhalb der DP erklärt werden soll. Auf der Basis der Ergebnisse von Meuter & Allport (1999) kann für die gemischten DPn somit die folgende Verteilung der Switchkosten angenommen werden: 1. Wenn die gesamte DP aus der starken Sprache gemischt wird (D starke Sprache + N starke Sprache ), d.h. die funktionale und die lexikalische Kategorie aus der starken Sprache stammen, dann sind keine Switchkosten beim Mischen innerhalb der DP vorhanden. 2. Wenn ausschließlich die funktionale Kategorie aus der starken in die schwache Sprache gemischt wird (D starke Sprache + N schwache Sprache ), dann ist das Mischen mit mehr Aufwand verbunden, da der Sprachenwechsel von der dominanten in die schwache Sprache erfolgt (L 1 L 2 ). 3. Wenn ausschließlich die lexikalische Kategorie aus der starken in die schwache Sprache gemischt wird (D schwache Sprache + N starke Sprache ), dann sind die größten Switchkosten zu beobachten, da der Sprachenwechsel von der schwachen in die starke Sprache erfolgt (L 2 L 1 ). Die Ergebnisse von Meuter und Allport (1999) zeigen, dass der Sprachenwechsel von der schwachen in die dominante Sprache mit mehr Aufwand verbunden ist als der Wechsel von der starken in die schwache Sprache (vgl. Option (2) und (3)). Des Weiteren verdeutlicht die Studie, dass Benennungen in der Abfolge L 1 L 1 schneller als in der Abfolge L 2 L 2 erfolgen. Diese Annahme sollte sich auch für den Sprachenwechsel innerhalb der DP zeigen, d.h. der Wechsel von einer Determinante aus der schwachen Sprache zu einem Nomen aus der starken Sprache (L 2 L 1 ) sollte mit mehr Aufwand verbunden sein als vice versa und das Mischen von einsprachigen DPn aus der starken Sprache (L 1 L 1 ) sollte keine Switchkosten und ausschließlich eine Inhibition der L 2 implizieren. Aus diesem Grund sollten unbalancierte Kinder, für die die Inhibition der starken Sprache mit viel Aufwand verbunden ist, besonders einsprachige DPn (Option (1): L 1 L 1 ) aus der starken Sprache oder die funktionale Kategorie aus der starken Sprache mit einem Nomen aus der schwachen Sprache mischen (Option (2): L 1 L 2 ), da die Switchkosten im Vergleich zu Option (3), bei der der Wechsel von der starken in die schwache Sprache verläuft (L 2 L 1 ), geringer sind. Die erste Option, die keinen Wechsel innerhalb der DP impliziert, kann mit dem sogenannten nonswitch trial in der L 1 verglichen werden. Die Ergebnisse von Meuter & Allport (1999) <?page no="136"?> 136 zeigen, dass nonswitch trials in der L 1 im Vergleich zu nonswitch trials in der L 2 zu schnelleren Reaktionszeiten führen. 4. Option (1): D (L1) N (L1) Inhibition D (L2) Inhibition N (L2) Die Option (2), die einen Wechsel von der funktionalen Kategorie aus der starken Sprache zu einem Nomen aus der schwachen Sprache impliziert (D (L1) N (L2) ), zeigt, dass zunächst das funktionale Skelett der L 2 inhibiert wird und anschließend die lexikalische Kategorie in der L 2 aktiviert wird. 5. Option (2): D (L1) N (L2) Inhibition D (L2) Inhibition N (L1) Sowohl Option (1) als auch Option (2) machen deutlich, dass zuerst auf das funktionale Skelett der starken Sprache zugegriffen wird. Die Option (3) zeigt, dass das funktionale Skelett der L 1 zu Anfang inhibiert wird und anschließend eine Aktivierung des nominalen Lexikons der starken Sprache stattfindet. Meuter & Allport (1999) behaupten, dass dieser Wechsel (L 2 L 1 ) die meisten Switchkosten verursacht, da die zunächst starke Inhibition der L 1 einen verzögernden Effekt auf die anschließende Aktivierung derselben hat. 6. Option (3): D (L2) N (L1) Inhibition D (L1) Inhibition N (L2) Dennoch wird auch ein verzögernder Effekt beim Mischen von der L 1 in die L 2 beobachtet (85ms), der jedoch geringer ausfällt als der Effekt beim Mischen von der L 2 in die L 1 (143ms). Das Mischen der lexikalischen Kategorie sollte erst dann auftreten, wenn Kinder die Inhibition des funktionalen Skeletts der starken Sprache weitgehend beherrschen. Dies hat zur Folge, dass die Inhibition der L 1 leichter fällt und das funktionale Skelett der L 2 schneller abgerufen werden kann. Welche Faktoren bestimmen die inhibitorische Kontrolle der dominanten Sprache im bilingualen Kind? Da die grammatische Kompetenz in der schwachen Sprache nicht für das kindliche Mischen in Frage kommt, muss die Sprachperformanz als ausschlaggebendes Kriterium betrachtet werden. Beispielsweise kann der Redefluss (fluency) in der jeweiligen Erstsprache als ein Performanzkriterium angesehen werden (vgl. u.a. Cantone et al. 2008). Der Redefluss kann z.B. in der absoluten Äußerungsanzahl gemessen werden. Die absolute Äußerungsanzahl stellt die gesamte Menge aller Äußerungen pro Sprachaufnahme dar. Dieses Kriterium ist jedoch problematisch, wenn die Dauer der Sprachaufnahmen voneinander abweicht. Mit anderen Worten sollte eine längere Aufnahmedauer auch zu einer höheren Anzahl von Äußerungen führen. Des Weiteren <?page no="137"?> 137 kann der Redefluss mit der durchschnittlichen Äußerungsanzahl pro Minute gemessen werden. Hierzu wird die Gesamtanzahl aller Äußerungen durch die Dauer der jeweiligen Sprachaufnahme (Minuten) dividiert. Ein weiteres Kriterium wird von Arencibia Guerra (2008) vorgeschlagen. Die Autorin misst den Redefluss, indem sie die durchschnittliche Anzahl von Wörtern pro Minute in einer Sprachaufnahme berechnet. Die Gesamtanzahl von Wörtern, die in einer Sprachaufnahme produziert werden, wird durch die Dauer der Sprachaufnahme (Minuten) dividiert. Nach Arencibia Guerra (2008) kann mit diesem Kriterium die Sprechbereitschaft eines Kindes gemessen werden. Im Folgenden soll dieses Kriterium zur Bestimmung des Redeflusses verwendet werden. In der vorliegenden Arbeit wird dafür argumentiert, dass der Aufwand, mit dem die dominante Sprache inhibiert wird, in Zusammenhang mit dem Redefluss in der schwachen Sprache steht. Nimmt der Redefluss in der schwachen Sprache zu, dann sollte die Inhibition der starken Sprache mit weniger Aufwand verbunden sein. Jedes Mal, wenn die schwache Sprache benutzt wird, sinkt die Aktivierungsschwelle, womit ein erneuter Zugriff auf die schwache Sprache erleichtert wird. Wie hoch das Aktivierungsniveau einer Sprache oder bestimmter sprachlicher Elemente ist, hängt vom Gebrauch der jeweiligen Sprache ab (vgl. Green 1986). Wenn sich die Redebereitschaft in der schwachen Sprache tatsächlich auf den inhibitorischen Kontrollmechanismus auswirkt, sodass die Inhibition der starken Sprache bei einem ansteigenden Redefluss erleichtert wird, dann sollte man die folgenden Vorhersagen für den Sprachenwechsel innerhalb der DP machen: 1. Das Mischen der gesamten DP aus der starken Sprache (Option (1)) sollte mit einem niedrigen Redefluss korrelieren. In diesem Fall wird sowohl die funktionale als auch die lexikalische Kategorie aus der starken Sprache gemischt. Es wird deutlich, dass die Sequenz D L1 N L1 weder eine Inhibition des funktionalen Skeletts noch eine Inhibition des nominalen Lexikons in der starken Sprache erfordert. 2. Mit einem ansteigenden Redefluss in der schwachen Sprache sollte die Anzahl an gemischten DPn zunehmen, bei denen der Sprachenwechsel mit (mehr) Switchkosten verbunden ist (vgl. Option (2) und (3)). Bei der dritten Option, die einen Sprachenwechsel von D L2 zu N L1 impliziert, sollte die Inhibition der L 1 durch einen hohen Redefluss in der schwachen Sprache erleichtert werden, wodurch der Zugriff auf das funktionale Skelett der L 2 möglicherweise schneller erfolgt. <?page no="138"?> 138 Die folgende Graphik bildet den Redefluss der unbalancierten Kinder in der schwachen Sprache über die MLU-Entwicklung ab. Abb. (45) MLU-Vergleich: Wörter pro min 0 5 10 15 20 25 30 35 1-1,49 1,5-1,99 2-2,49 2,5-2,99 3-3,49 MLU Wörter pro min (Median) Valentin dt Aurelio it Arturo sp Céline frz Jan it Marie dt Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Anzahl der einsprachigen DPn, die aus der starken Sprache gemischt werden (Option (1)) bei den Kindern Céline, Aurelio, Arturo und Jan, über die Entwicklung abnimmt und dafür das Mischen der lexikalischen Kategorie (Option (3)) zunimmt. Das Mischen von einsprachigen DPn aus der starken Sprache dominiert am Anfang der Entwicklung, da erstens keine Switchkosten beim Mischen innerhalb der DP entstehen und zweitens weder das funktionale Skelett noch das nominale Lexikon der starken Sprache inhibiert werden muss. Außerdem stimmen die Ergebnisse mit der Idee überein, dass ein ansteigender Redefluss in der schwachen Sprache die Inhibition der starken Sprache erleichtert und im Laufe der Entwicklung das funktionale Skelett der schwachen Sprache leichter abgerufen werden kann. Alle unbalancierten Kinder (bis auf Valentin und Marie) mischen mit einem ansteigenden Redefluss in der schwachen Sprache überwiegend die lexikalische (nicht die funktionale) Kategorie aus der starken Sprache. Es wird deutlich, dass auf das konkurrierende funktionale Skelett der starken Sprache nicht mehr automatisch zugegriffen wird, wenn das funktionale Skelett der schwachen Sprache abgerufen werden soll. Die kontrollierte Inhibition des funktionalen Lexikons der L 1 , ermöglicht den erforderten Abruf des funktionalen Skeletts in der schwachen Sprache. Des Weiteren konnte für die beiden Kinder Marie und Valentin gezeigt werden, dass die Anzahl der einsprachigen romanischen DPn, die <?page no="139"?> 139 aus der starken in die schwache Sprache gemischt werden (Option (1)), über die Entwicklung konstant bleibt und in allen MLU-Phase einem Anteil von ca. 90% entspricht. Die Abbildung (45) verdeutlicht, dass Marie und Valentin in keiner MLU-Phase mehr als 15 Wörter pro Minute produzieren. Alle anderen Kinder weisen mit einem ansteigenden MLU eine deutlich höhere Anzahl an Wörtern pro Minute auf. Arturo produziert bei einem MLU von 3-3,49 ungefähr 20 Wörter pro Minute, Céline ca. 25 Wörter, Jan ca. 30 Wörter und Aurelio ca. 35 Wörter. Bei Valentin nimmt die Anzahl an Wörtern pro Minute mit einem ansteigenden MLU sogar ab. Im Folgenden wird dafür argumentiert, dass bei Marie und Valentin die Anzahl der gemischten einsprachigen DPn über die Entwicklung konstant bleibt, da sie in der schwachen Sprache weniger als 15 Wörter pro Minute produzieren. Des Weiteren haben die Untersuchungsergebnisse gezeigt, dass Marie und Valentin häufiger romanische DPn im deutschen Kontext produzieren als monolingual deutsche DPn. Wenn eine Sprachaufnahme in der schwachen Sprache stattfindet, dann sollte die schwache Sprache ein höheres Aktivierungsniveau aufweisen als die dominante Sprache. Die Ergebnisse verdeutlichen jedoch, dass bei diesen Kindern in den deutschen Sprachaufnahmen sowohl das funktionale Skelett als auch das nominale Lexikon der starken Sprache zeitweise eine höhere Aktivierung aufweisen und die funktionale und lexikalische Kategorie in die schwache Sprache gemischt werden. Ein weiteres Ergebnis konnte im Hinblick auf das Mischen der funktionalen und lexikalischen Kategorie in die schwache Sprache (Option (2) und (3)) erarbeitet werden. Jan und Céline mischen überwiegend die lexikalische Kategorie (Option (3)), während Arturo, Aurelio, Marie und Valentin insgesamt häufiger die funktionale Kategorie mischen (Option (2)). Das Mischen der funktionalen Kategorie (Option (2)) nimmt bei Arturo und Aurelio mit einem zunehmenden Redefluss in der schwachen Sprache ab. Bei Marie und Valentin bleibt das Mischen der funktionalen Kategorie aus der starken Sprache konstant. Warum mischen Jan und Céline bereits am Anfang ihrer Entwicklung überwiegend die lexikalische Kategorie in die schwache Sprache (Option (3)), obwohl der Sprachenwechsel von einer Determinante aus der starken Sprache zu einem Nomen aus der schwachen Sprache aufwendiger ist? Für diese Kinder sollte die Inhibition der dominanten Sprache (Deutsch) bzw. die Inhibition des funktionalen Skeletts der starken Sprache unproblematisch sein. In Kapitel 3.6 wurde bereits überprüft, ob in der „kritischen“ Zeitspanne, die zwischen dem Auftreten der DP in der starken und schwachen Sprache liegt, Determinanten aus der starken Sprache gemischt werden. Diese Zeitspanne wurde als Zeitraum definiert, der zwischen dem Auftreten der funktionalen Kategorie in der starken und schwachen Sprache liegt. Nur für die <?page no="140"?> 140 beiden Kinder Jan und Céline konnte nachgewiesen werden, dass sie in dieser Zeitspanne gemischte DPn produzieren, in denen sowohl die funktionale als auch die lexikalische Kategorie aus der starken in die schwache Sprache gemischt werden. Das deutsch-französische Kind Céline entwickelt das Französische als schwache Sprache und produziert in der kritischen Zeitspanne im französischen Kontext die folgenden gemischten DPn: une Sattel und ein dodo. Es wird deutlich, dass Céline in der gemischten DP ein dodo die Determinante ein und in der gemischten DP une Sattel das deutsche Nomen Sattel aus der starken Sprache in die französischen Sprachaufnahmen mischt. Das deutsch-italienische Kind Jan weist im italienischen Kontext eine Sprachmischung in der kritischen Phase auf, in der er das deutsche Nomen Bagger aus seiner starken Sprache zusammen mit dem italienischen Artikel un mischt. Mit anderen Worten scheinen die beiden unbalancierten Kinder Jan und Céline das funktionale Skelett der schwachen Sprache früher zu aktivieren als die unbalancierten Kinder Marie, Valentin, Aurelio und Arturo. Die Aktivierungsschwelle des funktionalen Skeletts der schwachen Sprache sollte für Jan und Céline geringer sein und somit eine Inhibition des funktionalen Skeletts der starken Sprache erleichtern. Außerdem zeigt die Abbildung (45), dass Céline bereits in der ersten MLU-Phase (1-1,49) 12 Wörter pro Minute in ihrer schwachen Sprache (Französisch) produziert. Die Abbildung macht deutlich, dass Céline als einziges Kind in dieser Phase mehr als 10 Wörter pro Minute äußert. Insgesamt weist Céline den höchsten Redefluss von allen Kindern bis zu einem MLU von 2,5 auf. Das Mischen der funktionalen Kategorie tritt demzufolge bei Céline nicht auf, da sie bereits von Beginn an einen hohen Redefluss in der schwachen Sprache aufweist. Wenn durch einen hohen Redefluss in der schwachen Sprache die Inhibition der starken Sprache erleichtert wird, dann sollte Céline die starke Sprache bzw. das funktionale Skelett der starken Sprache leichter inhibieren können. Für Céline sollte das Mischen von der schwachen in die starke Sprache (Option (3)) unproblematisch sein. Die Ergebnisse bestätigen die Annahme und zeigen, dass Céline überwiegend die lexikalische Kategorie aus der starken in die schwache Sprache mischt. Das bilinguale Kind Jan mischt ebenfalls häufiger die lexikalische als die funktionale Kategorie in die schwache Sprache. Dennoch produziert Jan deutlich weniger Wörter pro Minute als Céline. Erst ab einem MLU von 3 weist er eine höhere Anzahl von Wörtern pro Minute auf als Céline (Jan 30 Wörter pro Minute, Céline 25 Wörter pro Minute). Insgesamt führen die Ergebnisse zu der folgenden Generalisierung: Die Inhibition der starken Sprache ist mit weniger Aufwand verbunden, wenn Kinder einen hohen Redefluss in der schwachen Sprache aufwei- <?page no="141"?> 141 sen. Dennoch setzt die inhibitorische Kontrolle der starken Sprache keinen hohen Redefluss in der schwachen Sprache voraus. Für das deutschitalienische Kind Jan scheint die Inhibition des funktionalen Skeletts der starken Sprache (Deutsch), unabhängig vom Redefluss in der schwachen Sprache (Italienisch), unproblematisch zu sein, da er überwiegend die lexikalische Kategorie (Option (3)) in die schwache Sprache mischt. Dennoch aktiviert er das funktionale Skelett der schwachen Sprache im Vergleich zu Marie, Arturo, Aurelio und Valentin im Erwerbsprozess früher. Dies könnte dazu führen, dass für Jan die Aktivierungsschwelle des funktionalen Skeletts der schwachen Sprache geringer ist und er aus diesem Grund häufiger die lexikalische (und nicht die funktionale) Kategorie aus der starken Sprache mischt. Insgesamt liefert die Annahme eines inhibitorischen Kontrollmechansimus eine Erklärung dafür, warum nicht dauerhaft Elemente der nichtadäquaten Sprache beim Spracchproduktionsprozess aktiviert werden. Es wird deutlich, dass dieser Mechanismus zeitweise oder sogar dauerhaft aussetzen kann. Dass Marie und Valentin überwiegend einsprachige DPn aus der starken Sprache in ihre schwache Sprache mischen und sogar mehr monolingual romanische DPn in den deutschen Sprachaufnahmen produzieren als deutsche DPn, kann somit über eine nicht geglückte Inhibition der dominanten Sprache erklärt werden. Hierbei wurde deutlich, dass die beiden Kinder Marie und Valentin einen sehr geringen Redefluss in der schwachen Sprache aufweisen, der unter 15 Wörtern pro Minute liegt. Die Aufgabe eines bilingualen Kindes besteht nun darin, das inhibitorische System zu trainieren und weiter auszubauen, sodass die nichtbeteiligte Sprache bei der Sprachproduktion aktiv inhibiert wird. Bialystok (2001: 119) betont in diesem Zusammenhang: „It is the responsibility of an inhibitory process to suppress the nonrelevant language and allow the required one to carry out the task. Part of children’s development in the early years may be in refining this inhibitory control so that it effectively eliminates intrusions from the unwanted language”. Die Inhibition der starken Sprache gelingt besser, wenn in der schwachen Sprache ein bestimmtes Niveau im Hinblick auf den Redefluss erreicht wird. Die vorliegende Studie konnte für den kindlichen Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen nachweisen, dass die Inhibition der starken Sprache erleichtert wird, wenn in der schwachen Sprache ca. 15 Wörter pro Minute produziert werden. Insgesamt kann das Mischverhalten der unbalancierten Kinder, d.h. ob die gesamte DP (Option (1)), die funktionale Kategorie (Option (2)) oder die lexikalische Kategorie (Option (3)) aus der starken Sprache ge- <?page no="142"?> 142 mischt wird, über die damit verbundenen Switchkosten erklärt werden. Ausschließlich das Mischen der lexikalischen Kategorie (Option (3)) erfordert eine Inhibition des funktionalen Skeletts der starken Sprache. Hierbei entstehen gleichzeitig die meisten Switchkosten, da der Sprachenwechsel von der schwachen in die starke Sprache erfolgt. Der Zugriff auf das funktionale Skelett der schwachen Sprache muss demnach eingeübt werden, insofern als der automatische Abruf der schwachen Sprache eine bestimmte fluency in derselben erfordert, damit die Inhibition des funktionalen Lexikons der starken Sprache gelingt. Im Gegensatz zu monolingualen Kindern müssen bilinguale Kinder über ein inhibitorisches System verfügen, dass zeitweise die eine oder die andere Sprache inhibiert. Wenn der Umgang mit dem inhibitorischen System bei bilingualen oder mehrsprachigen Sprechern tatsächlich von Bedeutung ist, dann sollten in diesem Zusammenhang Vorteile der Mehrsprachigkeit in anderen kognitiven (außersprachlichen) Bereichen beobachtet werden. Mit anderen Worten sollte sich der ständige Umgang mit den beiden Sprachen positiv auf andere kognitive Bereiche auswirken, für die das inhibitorische System von Bedeutung ist. Die Ergebnisse verschiedener Tests, in der die kognitive Fähigkeit von mehrsprachigen und einsprachigen Kindern untersucht wurde, belegen die Vorteile der Mehrsprachigkeit. Bialystok (2001) zeigt, dass die Mehrsprachigkeit einen kognitiven Vorteil im Bereiche der Reizverarbeitung hat, wenn es um die Unterdrückung von salienten Reizen und die gleichzeitige Berücksichtigung von nicht-salienten Reizen in einem Teste geht. Bilinguale Personen können saliente Reize, die für die Testaufgabe irrelevante sind, besser unterdrücken und die relevanten Merkmale fokussieren. Der ständige Umgang mit den beiden Sprachen führt dazu, dass Bilinguale gegenüber Monolingualen einen Vorteil bezüglich der kontrollierten Inhibition von interferierenden Reizen haben. <?page no="143"?> 143 4 Theoretische Grundlagen zum Genus: Grammatiktheorie und Zielsysteme Im vierten Kapitel werden theoretische Überlegungen zum Genus erfolgen, wobei vorwiegend auf die für den Spracherwerb relevanten Aspekte Bezug genommen wird. Unter Genus oder dem grammatischen Geschlecht versteht man eine lexikalisch-grammatische Kategorie des Nomens, durch die Substantive in vielen Sprachen in verschiedene Klassen eingeteilt werden. Neben dem Aspekt der Klassifikation stellt die Kongruenz (agreement) eine weitere wichtige Funktion dieser grammatischen Kategorie dar, wobei das inhärente Genusmerkmal des Nomens auf alle kongruenzabhängigen Satzelemente übertragen wird (vgl. u.a. Corbett 1991, Hockett 1958, Greenberg 1978). Bei Hockett (1958: 231) heißt es: „Genders are classes of nouns reflected in the behavior of the associated words“. Diese allgemeine Definition macht deutlich, dass sich die Kongruenz in diesem Fall auf die Übereinstimmung der „associated words“ mit dem Genus des entsprechenden Nomens bezieht und die Kongruenten als „widerspiegelnde“ Elemente der Genusspezifikation des Bezugsnomens aufgefasst werden können. Es wird deutlich, dass die jeweilige Genusklasse, der die einzelnen Substantive zugeordnet sind, in den Flexionsformen der syntaktisch mit dem Nomen in Beziehung stehenden Elemente reflektiert wird. Beispielsweise unterliegen Adjektive, Artikel, Pronomen oder Verben durch Kongruenzbeziehungen häufig dieser Kategorie. Corbett (1991) differenziert zwischen dem sogenannten „controller gender“, das auf der lexikalischen Ebene zugewiesen wird, d.h. auf der Ebene der Nomina und dem „target gender“, das auf der syntaktischen Ebene den Funktionswörtern zugewiesen wird. 41 Der Begriff Genus kann jedoch auf zwei unterschiedliche Arten verwendet werden: Einerseits kann der Ausdruck Genus zur Bezeichnung der grammatischen Kategorie selbst gebraucht werden, indem man beispielsweise behauptet, dass eine Sprache über Genus verfügt, und andererseits kann der Begriff Genus verwendet werden, um die Teilklassen dieser Kategorie zu bezeichnen. Hierbei werden Aussagen darüber gemacht, wie viele Genusklassen eine Sprache aufweist. Die romanischen Sprachen - Französisch, Spanisch und Italienisch haben ein binäres Genussystem (Maskulinum, Femininum), während das Deutsche ein ternäres Genussystem (Maskulinum, Femininum, Neutrum) aufweist. Die genusmarkierten Sprachen der Welt unter- 41 Hockett (1958) gebraucht in diesem Zusammenhang „associated words“, die im Sinne von Corbett (1991) den Kongruenten (targets) entsprechen. <?page no="144"?> 144 scheiden sich sowohl in der Anzahl der markierten Genera als auch in der Art und Weise, wie Genus markiert wird, sowie in der Art der Regeln, die der Genuszuweisung zugrunde liegen. Des Weiteren müssen die beiden Begriffe grammatisches und natürliches Geschlecht (Sexus) voneinander abgegrenzt werden. Nur in bestimmten Fällen stimmt das natürliche Geschlecht mit dem grammatischen Geschlecht überein. Das natürliche Geschlecht kann durch lexikalische Begriffe (z.B. dt. Mädchen - Junge, frz. garçon - fille, sp. padre - madre) oder durch Wortbildungsmittel (z.B. dt. Verkäufer - Verkäuferin, frz. vendeur - vendeuse, sp. actor - actriz, it. attore - attrice) oder mit dem entsprechenden Artikel (dt. der - die Vorsitzende - frz. le la philosophe, sp. el - la deportista, it. il - la linguista) gekennzeichnet werden. Die sogenannten Sexussysteme, die eine spezielle Ausprägung von Nominalklassensystemen sind, leiten die grammatische Genusbezeichnung vom natürlichen Geschlecht ab. Genusmerkmale gehören wie Numerus- und Personenmerkmale zur Gruppe der morphosyntaktischen phi-Merkmale ( -Merkmale). Das Genusmerkmal kann sowohl eine morphosyntaktische als auch eine semantische Ausprägung haben. Mit Genus (Femininum, Maskulinum, Neutrum) bezeichnet man die syntaktische Variante des Merkmals, während mit Sexus (weibliches, männliches, neutrales Geschlecht), die semantische Ausprägung des Merkmals definiert wird. Insgesamt stellt Genus ein Phänomen dar, dessen Beschreibung ein Interaktionssystem von morphologischen, semantischen, syntaktischen und phonologischen Spracheigenschaften erfordert. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit können und sollen nicht alle Aspekte zum Thema Genus behandelt werden. Es werden im Folgenden ausschließlich die relevanten Bereiche vorgestellt, die für die empirische Untersuchung Teil II im Kapitel 5 von Bedeutung sind. Zu Beginn dieses Kapitels werden neuere Forschungsansätze in der generativen Grammatiktheorie vorgestellt. Es werden die Grundannahmen des von Chomsky (1998ff.) entwickelten Sonde-Ziel-Modells vpräsentier, die für die Erklärung der vorliegenden Untersuchungsergebnisse relevant sind. Nachdem die Grundlagen in knapper Form eingeführt wurden, werden im Abschnitt 4.1.2 die Kernannahmen der Distributed Morphology (DM) vorgestellt. Die DM ist ein neuer syntax-basierter Ansatz für die Beschreibung morphologischer Prozesse. Es erfolgt zunächst ein kurzer Überblick über verwandte morphologische Forschungsansätze, um die wesentlichen Aspekte des DM-Modells besser einordnen zu können. Im Anschluss erfolgt eine Beschreibung der Genussysteme der analysierten Sprachen (Kap. 4.2). In der Literatur sind semantische, phonologische und morphologische Genuszuweisungsregeln vorgeschlagen worden, auf deren Basis ein bestimmtes Genus vorhergesagt werden kann. In <?page no="145"?> 145 Kapitel 4.3 werden schließlich die wichtigsten Regeln der Genuszuweisung im Deutschen und in den romanischen Sprachen vorgestellt. Anschließend werden ausgewählte Studien zum monolingualen und bilingualen Genuserwerb präsentiert (Kap. 4.4). In Kapitel 4.5 werden psycholinguistische Modelle der Sprachproduktion und deren Annahmen be-züglich der Speicherung von Genusinformation diskutiert. Dabei soll es um die Frage gehen, inwieweit die Genuszuweisungsregeln in psycholinguistischen Modellen Anwendung finden. In Kapitel 4.6 werden ausgewählte Studien zum Genus in der gemischten DP vorgestellt. Im Anschluss wird die Annahme diskutiert, ob es eine Genusphrase in der Syntax gibt (Kap. 4.7). Für die Ausgangshypothese, dass Genus im Deutschen und Französischen erst im Verlauf der Derivation aufgelöst wird, soll in Kapitel 4.8 Evidenz geliefert werden. Sowohl die sprachspezifischen Erwerbsmuster im frühkindlichen Lexikonerwerb als auch Betrachtungen zur Derivationsmorphologie belegen diese Annahme. Auf der Basis der vorgestellten Literatur zum Genus werden in Kapitel 4.9 Hypothesen für die Genuszuweisung in der gemischten DP formuliert. 4.1 Neuere generative Ansätze Da die vorliegende Arbeit eine generative Grammatiktheorie zugrunde legt, sollen im nächsten Unterkapitel die Grundannahmen des Sonde- Ziel-Modells (Chomsky 1998ff.) vorgestellt werden, da diese für den empirischen Teil II der Longitudinalstudien relevant sind. Darüber hinaus werden die für die vorliegende Arbeit relevanten Termini der Distributed Morphology (DM) eingeführt, die ebenfalls für die Diskussion der Untersuchungsergebnisse im zweiten Teil der Longitudinalstudien von Bedeutung sind. Ohne den Anspruch einer hinreichenden Darstellung der Modelle zu erheben, stellt dieses Kapitel die relevanten Grundannahmen des Sonde-Ziel-Modells und der DM dar. 4.1.1 Grundannahmen im Sonde-Ziel-Modell Ziel dieses Abschnittes ist es, die für die vorliegende Arbeit relevanten Annahmen im Sonde-Ziel-Modell zu beschreiben, welches von Chomsky (1998 ff.) entwickelt wurde. Dabei sollen die relevanten Aspekte des Modells skizziert und die spezifischen Termini knapp eingeführt werden. Mit dem Sonde-Ziel-Modell entwickelt Chomsky das sogenannte Checking-Modell weiter, in welchem die Operation Agree nur ein Nebeneffekt bei der Überprüfung von starken Merkmalen war. Die Merkmalsüberprüfung wird durch die Einführung des Sonde-Ziel-Konzepts und der Opera- <?page no="146"?> 146 tion Agree ersetzt 42 . Im Sonde-Ziel-Modell bildet Agree eine der zentralsten syntaktischen Operationen, die eine Übereinstimmungsoperation zwischen einer Sonde (probe) und einem Ziel (goal) darstellt. Durch die Operation Agree wird eine Beziehung zwischen einem Element und einem Merkmal F hergestellt (vgl. Chomsky 2000: 101). Die Operation Agree ist im Sondenansatz nicht an Bewegung gebunden, wobei Agree stattgefunden haben muss, damit ein Element bewegt werden kann. Nach erfolgreichem Agree wird ein Element für Bewegung freigeschaltet bzw. mobil gemacht (vgl. Mensching 2005, Pomino 2008). Ob tatsächlich eine Bewegung stattfindet, ist abhängig davon, ob die sondentragende Kategorie ein EPP-Merkmal aufweist, das die Eröffnung und Besetzung der jeweiligen Spec-Position fordert (vgl. Gabriel und Müller 2008). Funktionale Kategorien sind ausschlaggebend für Agree, da sie Träger von phi-Merkmalen (Person, Numerus und Genus) sein können, die noch keinen spezifischen Wert aufweisen (unvalued phi-features). Nicht-instantiierte Merkmale werden von Chomsky als Sonden (probes) bezeichnet, die im Verlauf der Derivation mit Werten versehen werden müssen. Beispielsweise sind die phi-Merkmale von T° uninterpretierbar und gelangen ohne Merkmalspezifizierung in die Derivation. Da uninterpretierbare Merkmale im Verlauf der Derivation gelöscht werden müssen, ist eine Merkmalspezifizierung nicht-instantiierter Merkmale erforderlich. Bei der Operation Agree wird eine Relation zwischen einer Kategorie, die als Sonde mit nicht-instantiierten Merkmalen fungiert und einer Kategorie, die diese Merkmale auf der Sonde instantiieren kann (einem Ziel), hergestellt. Wenn das Ziel (goal), die entsprechenden Merkmale aufweist, dann wird 42 Eine weitere grundlegende Neuerung, die für die vorliegende Arbeit jedoch nicht relevant ist, stellt die sogenannte Phasentheorie dar. Durch die Einführung des Phasenkonzepts wird einerseits die Unterscheidung zwischen overter und koverter Syntax aufgegeben und andererseits erfolgt eine Segmentierung des syntaktischen Derivationsprozesses in einzelne Phasen. Dabei wird die erzeugte syntaktische Struktur schrittweise in mehreren Phasen an die Schnittstellen mittels der Operation Transfer weitergegeben. Die an die Schnittstellen übermittelten Teile der syntaktischen Struktur stehen für die weitere Derivation nicht mehr zur Verfügung (Phase Impenetrability Condition). Jede Phase besteht in der Regel aus einem Phasenkopf H, einem Spezifizierer und einem Komplement . Dabei bilden der Phasenkopf und der Spezifizierer den sogenannten Phasenrand (edge), welcher auch, nachdem Teile der Phase an die Schnittstellen übertragen wurden, in der syntaktischen Derivation erhalten bleibt. Da sich das Phasenkonzept an der Struktur des Satzes orientiert, spielen die sogenannten Core Functional Categories eine wichtige Rolle. „Starke“ Phasen bilden die vP und CP, während die TP eine „schwache“ Phase darstellt. Chomsky (2005) weist ebenfalls daraufhin, dass es sich bei der DP möglicherweise um eine Phase handeln könnte, wobei diese Annahme in der neuen generativen Literatur noch diskutiert wird (vgl. Svenonious 2005). <?page no="147"?> 147 die Sonde mit diesen Werten gefüllt. Darüber hinaus kann Agree nur dann erfolgen, wenn das Ziel mindestens ein nicht-instantiiertes Merkmal aufweist. Die Operation Agree besteht demzufolge aus drei Suboperationen (vgl. Pomino 2008: 37): 1. Probe: Nicht-instantiierte -Merkmale einer CFC (Core Functional Category) 43 fungieren als Sonde, die in ihrer Domäne - das ist der von der sondentragenden Kategorie c-kommandierte Bereich - nach einem geeigneten Ziel sucht bzw. sondiert. 2. Match: Ein geeignetes Ziel muss bzgl. der zu füllenden -Merkmale dieselben Attribute wie die Sonde aufweisen (und ebenso ein nicht-instantiiertes Merkmal tragen). 3. Value: Die entsprechenden Merkmale des Ziels werden auf die Sonde übertragen, wenn (1) und (2) stattgefunden haben. Der potentielle Sondierungsbereich von Sonden wird durch das c-Kommando determiniert, welches folgendermaßen definiert ist (vgl. Müller & Riemer 1998: 74): c-Kommando Ein Knoten c-kommandiert einen Knoten gdw.: (a) weder noch dominiert und (b) der erste verzweigende Knoten, der dominiert, auch dominiert. Der einfache Strukturbaum in (c) dient zur Veranschaulichung der technischen Definition: Abb. (1) A B C D E In der Abb. (1) c-kommandieren sich B und C gegenseitig, Wenn B eine Sonde enthält und die Sondierungsdomäne ist sein Schwesterknoten, dann sind C, D und E potentielle Ziele. Außerdem muss zwischen Sonde und Ziel closest c-command herrschen, um zu vermeiden, dass Merkmale einer Kategorie auf die Sonde übertragen werden, die weiter unten im Strukturbaum steht. Wenn C, D und E potentielle Ziele der Sonde B sind, 43 Chomsky geht davon aus, dass die Core Functional Categories, nämlich v, C und T Sondenträger sein können. <?page no="148"?> 148 dann werden die Merkmale von C auf die Sonde übertragen, da zwischen B und C closest c-command herrscht. Nach der Operation Match findet die Merkmalsistantiierung (Value) statt, bei dem die Merkmale des Ziels auf die Sonde übertragen werden. Eine weitere grundlegende Neuerung gegenüber dem Checking-Modell ist, dass strukturelle Kasusmerkmale bei der Auswahl aus dem Lexikon noch nicht auf einen bestimmten Kasuswert festgelegt sind. Die Kasusinstantiierung ist ein Nebeneffekt von Agree, da nach erfolgreichem Agree die Kasusmerkmale des Ziels instantiiert und getilgt werden. Weiterhin wird im Rahmen des Sonde-Ziel-Modells zwischen defektiven und intakten Sonden unterschieden (vgl. Mensching & Remberger 2006, Pomino 2008). 1. Eine funktionale Kategorie weist ein komplettes Set an nicht-instantiierten -Merkmalen auf und enthält hierdurch eine intakte Sonde. 2. Eine funktionale Kategorie weist ein reduziertes Set an nicht-instantiierten -Merkmalen auf und enthält hierdurch eine defektive Sonde. 3. Eine funktionale Kategorie weist gar keine -Merkmale auf und enthält hierdurch keine Sonde. Im Folgenden soll der Sondiervorgang am Beispiel der italienischen DP [ DP le lettere] illustriert werden (vgl. Gabriel & Müller 2008: 106): Abb. (2a) Abb. (2b) Der Strukturbaum macht deutlich, dass das Nomen [ N lettere] für das Genusmerkmal [Gen.: f] und das Numerusmerkmal [Num: Pl] bereits spezifiziert ist, während das Kasusmerkmal noch nicht validiert ist und erst im weiteren Verlauf der Derivation einen bestimmten Wert erhält. Das Personmerkmal des Artikels ist hingegen intrinsisch und wird aus dem Lexi- [Num.: Pl] [Gen.: f] [Kasus: ? ] [Num.: Pl] [Gen.: f] [Kasus: ? ] [Pers.3] [Num.: ? ] [Gen.: ? ] [Kasus: ? ] [Pers. 3] [Num.: Pl] [Gen.: f] [Kasus: ? ] <?page no="149"?> 149 kon entnommen. Bei der Verkettung von lettere und dem definiten Artikel le findet ein Sondiervorgang statt, bei dem der definite Artikel le eine intakte Sonde enthält, die nach einem geeigneten Ziel sucht (probe). Die in D enthaltenen nicht-instantiierten -Merkmale fungieren als Sonde, die in ihrer Sondierungsdomäne nach einem passenden Ziel sucht und das Nomen lettere findet. Die in N enthaltene defektive -Menge ist ein geeignetes Ziel (goal), da es dieselben Attribute wie die Sonde aufweist (match). Durch die Operation Value werden schließlich das Genus- und Numerusmerkmal des Ziels auf die Sonde übertragen. Die Auswahl des definiten Artikels le kann als „PF-Reflex“ verstanden werden, da der Artikel je nach Merkmalbelegung des Ziels in unterschiedlicher Form realisiert wird (vgl. Gabriel und Müller 2008). Sowohl das Nomen als auch der definite Artikel weisen zum Zeitpunkt der Verkettung keine Merkmalspezifizierung für Kasus auf. Die Kasusinstantiierung ist abhängig davon, mit welcher Sonde die DP Kongruenz eingeht. Das Kasusmerkmal [Nominativ] wird instantiiert, wenn die Kategorie T° eine intakte Sonde enthält. Transitives v° mit einer intakten Sonde vergibt Akkusativ, während unakkusativisches v° keinen Kasus instantiieren kann (vgl. Pomino 2008, Mensching & Remberger 2006). 4.1.2 Grundannahmen in der Distributed Morphology Die Beziehung zwischen Lexikon und Morphologie einerseits und Syntax und Morphologie andererseits steht bei der Modellierung eines Grammatikmodells oftmals im Fokus linguistischer Diskussionen. Auch für die vorliegende empirische Untersuchung Teil II wird die Erfassung der Lexikon-Morphologie- und der Morphologie-Syntax-Schnittstelle ebenfalls von Bedeutung sein. Bevor die Grundannahmen des DM-Ansatzes vorgestellt werden, soll ein knapper Überblick über andere morphologische Ansätze gegeben werden, um die DM besser einordnen zu können. 4.1.2.1 Zur Einordnung der DM In der sogenannten Standardtheorie der generativen Grammatik wird der Morphologie kein autonomer Status zugesprochen (vgl. Chomsky 1965). Die Syntax wird als einzige generative Komponente aufgefasst, in der auch morphologische Prozesse stattfinden. Im Standardmodell stellen sowohl das Lexikon als auch die Morphologie keine generativen Komponenten dar. Durch Chomskys Remarks on Nominalization (1970) verändert sich die Situation in der morphologischen Forschung, da nun erstmals die Morphologie als eine in das Lexikon eingebettete generative Komponente aufgefasst wird. Dennoch unterscheiden sich die morphologischen For- <?page no="150"?> 150 schungsansätze im Hinblick auf die Aufgaben, die die morphologische Komponente im Lexikon übernimmt. Vertreter der sogenannten stark lexikalistischen Hypothese (strong lexicalist hypothesis) gehen davon aus, dass die Derivation, die Komposition und die Flexion im Lexikon erfolgen. Die Forscher Halle (1973), Lieber (1980), Selkirk (1982), Scalise (1984) und Di Sciullo & Williams (1987) sind Anhänger der stark lexikalistischen Theorie. Des Weiteren existiert die schwach lexikalistische Hypothese (weak lexicalist hypothesis), bei der die Derivation dem Lexikon zugeordnet ist, während die Flexion einen syntaktischen bzw. syntaktisch-phonologischen Aspekt darstellt. Demnach gehen Anhänger der schwach lexikalistischen Hypothese davon aus, dass nicht alle morphologischen Prozesse in den Zuständigkeitsbereich des Lexikons fallen. In der Literatur wird in diesem Zusammenhang von der sogenannten Split-Morphology Hypothesis gesprochen, da die Derivation und die Flexion unterschiedlichen Bereichen zugeordnet sind. Darüber hinaus gibt es morphologische Forschungsansätze, die ebenfalls kein autonomes morphologisches Modul für die Wortbildung postulieren, da diese Aufgabe vollständig von der Syntax übernommen werden kann. In Liebers (1992) syntax-basierter Wortbildungstheorie wird dafür argumentiert, dass die Regeln, mit denen komplexe Wörter erzeugt werden, identisch mit den generativen Phrasenstrukturregeln zur Bildung syntaktischer Strukturen sind. Auch Selkirk (1982) legt einen syntax-basierten Ansatz zugrunde, in dem sie ebenfalls versucht, die Wortbildungsprozesse nach syntaktischen Prinzipien der Prinzipien- und Parametertheorie (PPT) zu beschreiben. Im Gegensatz zu Lieber geht Selkirk jedoch von einer unabhängigen morphologischen Komponente aus, in der Wortbildungsprozesse angesiedelt sind. Ein rein syntax-basierter Ansatz in der generativen Grammatik ist die Distributed Morphology (DM) (u.a. Halle & Marantz 1993ff., Halle 1997, Marantz 1997, Harley & Noyer 1999). Anhänger der DM sprechen der Morphologie keinen autonomen Status zu, sondern gehen davon aus, dass sich morphologische Prozesse auf die Ebenen der Syntax und der Phonologie verteilen. Im Gegensatz zur DM nehmen die bisher vorgestellten Forschungsansätze eine lineare Abfolge der Grammatikmodule an, die jeweils eine Schnittstelle zu einer anderen Grammatikkomponente haben. Dabei ergibt sich in etwa folgende Anordnung: Lexikon (Morphologie) Syntax (Morphologie) Phonologie (vgl. Pomino 2008: 9). Insgesamt postuliert der DM-Ansatz keine neuen Annahmen im Rahmen der morphologischen Forschungsansätze, sondern kombiniert bereits aufgestellte Annahmen aus verschiedenen anderen Theorien neu (vgl. Halle & Marantz 1993ff.). <?page no="151"?> 151 4.1.2.2 Relevante Termini in der DM Die DM basiert insgesamt auf den folgenden Grundannahmen (vgl. Halle & Marantz 1993): 1. Syntaktische hierarchische Struktur bis nach unten (Syntactic Hierarchical Structure all the way down): Dieses Prinzip besagt, dass die syntaktischen Mechanismen ebenfalls die Wortstruktur generieren. Demnach basieren Morphologie und Syntax auf denselben hierarchischen Strukturen. 2. Späte Einsetzung (late insertion): Die Syntax arbeitet in der DM ausschließlich mit abstrakten Einheiten, deren phonologischer Gehalt erst durch späte Einsetzung auf der Ebene der phonetischen Form determiniert wird. Das Lexikon, welches als auflistendes Inventar von freien und gebundenen Morphemen verstanden wurde, ist in seiner ursprünglichen Form aufgelöst worden. Nicht nur die Morphologie, sondern auch das Lexikon wird als distributives Konzept verstanden, welches sich über den Gesamtablauf der Derivation verteilt. Sowohl die Organisation des Lexikons als auch die Annahme der späten Einsetzung unterscheiden sich wesentlich von Chomskys vorgeschlagenem MP, bei dem einschließlich der Flexion vollständige, mit semantischen und phonologischen Merkmalen ausgestattete Wörter das Lexikon verlassen. Das distribuierte Lexikon besteht in der DM aus drei Komponenten; einem eingeschränkten Lexikon (narrow lexicon), einem Vokabular und einer Enzyklopädie. Den Input für die Syntax bilden kategorielose Wurzeln und abstrakte Morpheme (formale Merkmalsbündel), die ein Sprecher erwerben und im eingeschränkten Lexikon abspeichern muss. Die abstrakten Morpheme bilden eine geschlossene Klasse, während kategorielose Elemente der offenen Klasse angehören. Das narrow lexicon wird von Marantz (1997) auch als Liste 1 bezeichnet, die als eine nicht-generative Liste aufgefasst wird. Das narrow lexicon kann mit dem in anderen Grammatikmodellen angenommen präsyntaktischen Lexikon verglichen werden. Die Einheiten des eingeschränkten Lexikons werden als Morpheme an die terminalen Knoten des Berechnungssystems eingefügt. In der Syntax werden schließlich die abstrakten Einheiten zusammengefügt. Im Rahmen der DM wird zwischen abstrakten syntaktischen Endknoten (Morphemen) und der phonolo-gischen Realisierung derselben unterschieden. Abstrakte Morpheme sind Merkmale oder Merkmalsbündel, die kein phonologisches Material beinhalten. Wenn der Spellout-Punkt erreicht ist, wird durch die Vokabulareinsetzung (vocabulary insertion) das phonologische Material für die Realisierung der abstrakten Morpheme zur Verfü- <?page no="152"?> 152 gung gestellt. Das Vokabular, welches Marantz (1997) Liste 2 nennt, dient der Verbindung der abstrakten Morpheme, die sich an den terminalen Knoten in der Syntax befinden, mit ihrer phonologischen Realisierung 44 . In der Enzyklopädie (Liste 3) befindet sich rein außersprachliche Information, in der die semantisch-konzeptionelle Bedeutung mit einer Vokabel assoziiert wird. Die Enzyklopädie stellt also eine Verknüpfung von phonologischen Ausdrücken und ihrer Bedeutung her. Dabei werden die kategorielosen Wurzeln in all ihren speziellen Umgebungen bedeutungsmäßig erfasst. Insgesamt wird im Verlauf der Derivation sukzessiv auf die einzelnen Listen zugegriffen. Die drei Listen sind in der DM zwar nicht generativ, aber es besteht die Möglichkeit, dass im Verlauf der Derivation mehrfach auf die einzelnen Listen zugegriffen werden kann. Für die vorliegende Arbeit ist die Annahme relevant, dass Wurzeln in der DM keine Wortartinformation tragen. Im Rahmen der DM wird angenommen, dass sich Wurzeln mit einem kategoriebestimmenden Kopf (z.B. v°, n°, a°) verbinden müssen, um eine kategoriale Spezifizierung zu erwerben. 45 Dabei wird die Wurzel in einen der kategoriebestimmenden Köpfe inkorporiert. So wird z.B. die deutsche Wurzel ruf, wenn sie in n° inkorporiert, ein Nomen, wenn sie in v° inkorporiert, ein verbales Element. In der DM bestehen Verben, Adjektive und Nomina immer aus einem funktionalen Kopf und einer Wurzel. Demzufolge wäre eine nP, eine Kombination aus einer P, einem funktionaler Kopf n° und einer kategorielosen Wurzel (vgl. Abb. 3). Abb. (3) nP n° P 44 Die Vokabeln können im Rahmen der DM unterspezifiziert sein, sodass es bei der Vokabulareinsetzung dazu kommen kann, dass mehrere Vokabeln für die Einsetzung in den syntaktischen Endknoten in Frage kommen. Dabei kann es zu einem Wettbewerb bei der Einsetzung eines Elements kommen. Nach dem sogenannte Subset Principle wird schließlich das Element eingesetzt, welches für den potentiellen Endknoten die höchste Spezifizierung aufweist. 45 Marantz (1997) geht davon aus, dass die kategoriebestimmenden Köpfe a°, n°, v° phasendeterminierende Elemente sind. Diese Annahme ist jedoch für die vorliegende Arbeit nicht relevant und kann aus diesem Grund vernachlässigt werden. <?page no="153"?> 153 Nach Embick & Noyer (2004) müssen sich Wurzeln stets mit einem kategoriebestimmenden Kopf verbinden: „Roots cannot appear without being categorized; Roots are categorized by combining with category-defining functional heads.” (Embick & Noyer 2004: 5) Die Mechanismen in der DM sind jedoch weitaus komplexer, als sie im vorliegenden Rahmen beschrieben werden können. Die Diskussion der Untersuchungsergebnisse im Teil II der Longitudinalstudien wird zeigen, dass sowohl die Mechanismen des Sonde-Ziel-Modells als auch die Annahmen in der DM die empirischen Befunde erklären können. 4.2 Beschreibung der Genussysteme in den vier Sprachen In diesem Abschnitt werden die Genussysteme der deutschen, französischen, spanischen und italienischen Sprache beschrieben. Im Anschluss wird ein Vergleich der einzelnen Genussysteme erfolgen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den analysierten romanischen Sprachen - Französisch, Spanisch und Italienisch - und dem Deutschen ist, dass die romanischen Sprachen ein binäres Genussystem (Maskulinum, Femininum) haben, während das Deutsche ein ternäres System (Maskulinum, Femininum, Neutrum) aufweist. Im Folgenden soll ein Überblick über die sprachlichen Elemente im Französischen, Spanischen, Italienischen und Deutschen gegeben werden, an denen Genus formal markiert wird. Die DP umfasst sowohl Artikel (z.B. der), Numerale (z.B. zwei), Possessivpronomina (z.B. mein), Demonstrativpronomina (z.B. dieser), Interrogativpronomina (z.B. welcher), Indefinitpronomina (z.B. einige) als auch einfache Quantifizierer (z.B. viel) und komplexe Quantifizierer (z.B. ein bisschen). In allen vier Zielsystemen fungieren unterschiedliche Determinanten als Genuskongruenten. 4.2.1 Genus in der französischen DP Das Französische verfügt wie das Spanische und Italienische über zwei Genera, das Maskulinum und das Femininum. Eine besondere Eigenschaft des Französischen wird im nächsten Abschnitt deutlich werden: Die graphische Markierung der beiden Genera muss solchen auf der phonologischen Ebene nicht immer entsprechen.Verschiedene Formen können zwar eine Genusmarkierung in der geschriebenen Sprache aufweisen, diese sind aber im gesprochenen Französisch nicht hörbar. Im Folgenden wird die Genusmarkierung in der französischen DP vorgestellt (vgl. Grevisse 1994): <?page no="154"?> 154 1. Artikel im Französischen Das Französische unterscheidet zwischen definiten und indefiniten Artikeln. Genus wird nur im Singular, jedoch nicht im Plural markiert. Die definiten Artikel le und la werden vor Vokalen, wie in l‘oie und vor stummem h (h muet) zu l‘ verkürzt, was einen Wegfall der formalen Genusmarkierung zur Folge hat. Außerdem wird der definite maskuline Artikel mit der Präposition de + le zu du und à + le zu au im Singular verkürzt. Die pluralischen Formen aux (à + les) und des (de + le) weisen ebenfalls keine formale Genusmarkierung auf. Die nachfolgende Tabelle (1) gibt einen Überblick über die (in)definiten Artikel im Französischen: Tabelle (1) Definite und indefinite Artikel im Französischen Singular Plural mask. fem. mask. / fem. def. indef. def. indef. def. indef. le/ l‘ un la, l‘ une les des 2. Possessivpronomina im Französischen Im Französischen werden zwei Typen von Possessivpronomina unterschieden: adjektivische und substantivische Possessivpronomina. Das adjektivisch gebrauchte Possessivpronomen markiert nur im Singular das Genus des Bezugsnomens. Bei vokalischem Anlaut des Nomens und bei h muet (anlautend) wird die maskuline Form (mon, ton, son) gebraucht, ohne das Genus des Nomens zu berücksichtigen. Die Tabelle (2) gibt einen Überblick über die adjektivisch gebrauchten Possessivpronomina im Französischen: Tabelle (2) Adjektivische Possessivpronomina im Französischen Person mask. fem. Plural 1. Pers. Sg. mon ma mes 2. Pers. Sg. ton ta tes 3. Pers. Sg. son sa ses 1. Pers. Pl. notre notre nos 2. Pers. Pl. votre votre vos 3. Pers. Pl. leur leur leurs Das substantivisch gebrauchte Possessivpronomen der 1., 2. und 3. Person Singular und Plural richtet sich nach dem Genus des Nomens, das es vertritt (Ausnahmen bilden die Formen les nôtres, les vôtres und les leurs). Die nachfolgende Tabelle (3) gibt einen Überblick über die substantivisch gebrauchten Possessivpronomina: <?page no="155"?> 155 Tabelle (3) Substantivische Possessivpronomina im Französischen Singular Plural Person mask. fem. mask. fem. 1. Pers. Sg. le mien la mienne les miens les miennes 2. Pers. Sg. le tien la tienne les tiens les tiennes 3. Pers. Sg. le sien la sienne les siens les siennes 1. Pers. Pl. le nôtre la nôtre les nôtres les nôtres 2. Pers. Pl. le vôtre la vôtre les vôtres les vôtres 3. Pers. Pl. le leur la leur les leurs les leurs 3. Demonstrativpronomina im Französischen Das Französische unterscheidet adjektivische und substantivische Demonstrativpronomina. Das adjektivisch gebrauchte Demonstrativpronomen richtet sich nur im Singular nach dem Genus des Nomens, das es näher bestimmt. Bei vokalischem Anlaut des Nomens und bei stummem h (anlautend) werden die Formen cet bei einem maskulinen Nomen bzw. cette bei einem femininen Nomen gebraucht. Die beiden Formen cet und cette sind homophon und in der gesprochenen Sprache nicht voneinander zu differenzieren, weshalb die Genusmarkierung nicht hörbar ist. Das substantivisch gebrauchte Demonstrativpronomen richtet sich im Singular und Plural nach dem Genus des Nomens, das es vertritt. Die Tabelle (4) zeigt die adjektivisch und substantivisch gebrauchten Demonstrativpronomina im Französischen: Tabelle (4) Demonstrativpronomina im Französischen adjektivisch substantivisch zusammengesetzt Singular ce, cet celui celui-ci, celui-là mask. Plural ces ceux ceux-ci, ceux-là Singular cette, celle celle-ci, celle-là fem. Plural ces ceux celles-ci, celles-là 4. Interrogativ- und Relativpronomina im Französischen Bei den adjektivisch gebrauchten Interrogativpronomina werden formal die maskuline und feminine Form nur in der Schriftsprache differenziert. Das substantivisch gebrauchte Interrogativpronomen lequel richtet sich im Singular und Plural nach dem Genus des jeweiligen Bezugsnomens. Die Genusmarkierung erfolgt in der gesprochenen Sprache, d.h. hörbar, nur im Singular durch die anlautenden Silben le- und la-. Dies gilt auch für das Relativpronomen lequel, laquelle. Die übrigen Pronomina qui, que und dont weisen keine Genusmarkierung auf. <?page no="156"?> 156 5. Indefinitpronomina im Französischen Die Indefinitpronomina beinhalten die substantivischen Formen tous (mask) und toutes (fem) und die adjektivischen Formen tout/ tous (mask) und toute/ toutes (fem), die sich im Singular und Plural nach dem Genus des jeweiligen Bezugsnomens richten. Indefinite Pronomina, wie chacun, aucun und certain, verhalten sich im Hinblick auf die Genuskongruenz wie Adjektive. 6. Attributive und prädikative Elemente: Adjektive und Ordinalzahlen Attributiv gebrauchte Adjektive kongruieren im Singular und Plural mit dem Genus des Nomens, das sie näher bestimmen. Die feminine Form ist dabei durch den finalen Konsonant -e gekennzeichnet, der die feminine Genusmarkierung in der gesprochenen Sprache hörbar macht. In einigen Fällen wird das Adjektiv weder phonetisch noch formal genusmarkiert (originel(s), originelle(s) und rouge(s)). In bestimmten Kontexten kann die genusanzeigende Funktion des Adjektivs aufgehoben werden. Wenn sich das Adjektiv auf mehrere Nomina unterschiedlicher Genera bezieht, dann erscheint das Adjektiv in der maskulinen Pluralform (une vache et un chien bruns). Prädikativ gebrauchte Adjektive richten sich auch dem Genus des Bezugsnomens. Das Gleiche gilt für Ordinalzahlen ((le) premier, (la) première). 4.2.2 Genus in der spanischen DP Das Spanische unterscheidet wie das Französische und das Italienische zwei Genera, das Maskulinum und das Femininum. An folgenden Elementen wird eine Genusmarkierung innerhalb der DP vorgenommen (vgl. Bosque & Demonte 1999): 1. Artikel im Spanischen Das Spanische unterscheidet zwischen definiten und indefiniten Artikeln. Genus wird sowohl im Singular als auch im Plural markiert. Zu den definiten Artikeln im Singular zählen el, la und lo und im Plural los und las. Lo ist ein neutraler Artikel, der dazu gebraucht wird, Adjektive (lo bueno), Adverbien (a lo mejor gana en la lotería), Partizipien (lo escrito), Possessivpronomen (lo mío) und Ordnungszahlen (lo primero) zu substantivieren. Die indefiniten Artikel können folgende Formen aufweisen: Im Singular un und una, im Plural unas bzw. unos. Die Tabelle (5) gibt einen Überblick über die Artikel im Spanischen: <?page no="157"?> 157 Tabelle (5) Definite und indefinite Artikel im Spanischen Singular Plural mask. fem. neutr. 46 mask. fem def. indef. def. indef. def./ indef. def. indef. def. indef. el un la una lo los unos las unas 2. Possessivpronomina im Spanischen Das Spanische unterscheidet adjektivische und substantivische Possessivpronomina. Das adjektivisch gebrauchte Possessivpronomen markiert nur in der 1. und 2. Person Plural das Genus des Bezugsnomens. Außerdem sind die Possessivpronomina der 3. Person Singular und Plural identisch. Die folgende Tabelle (6) gibt einen Überblick über die adjektivisch gebrauchten Possessivpronomina im Spanischen: Tabelle (6) adjektivische Possessivpronomina im Spanischen Person mask. fem. Plural 1. Pers. Sg. mi mi mis 2. Pers. Sg. tu tu tus 3. Pers. Sg. su su sus 1. Pers. Pl. nuestro nuestra nuestros / nuestras 2. Pers. Pl. vuestro vuestra vuestras / vuestros 3. Pers. Pl. su su sus Das substantivisch gebrauchte Possessivpronomen richtet sich in allen Fällen nach dem Genus des Nomens, das es vertritt. Erneut sind die Possessivpronomina der 3. Person Singular und Plural identisch. Die Tabelle (7) gibt einen Überblick über die substantivisch gebrauchten Possessivpronomina: 46 In der Literatur wird diskutiert, ob das Spanische zwei oder drei Genera aufweist. Der Artikel lo kann zur Nominalisierung von Adejktiven verwendet warden (lo bueno), Adverbien (a lo mejor gana en la lotería), Partizipien (lo escrito ‘the written’), Possessivpronomina (lo mío ‘the mine’) und Ordinalzahlen (lo primero ‘the first’). Haase (2000) nimmt an, dass lo neutrals Genus anzeigt und diese Form aus dem Latein überlebt hat. Im Gegensatz dazu argumentiert Roca (1989) dafür, dass die Nominalendung -o in lo, esto etc. das unmarkierte Genus (Maskulinum) anzeigt und in der Literatur fäschlicherweise als Neutrum analysiert wird. <?page no="158"?> 158 Tabelle (7) Substantivische Possessivpronomina im Spanischen Singular Plural Person mask. fem. mask. fem. 1. Pers. Sg. mío mía míos mías 2. Pers. Sg. tuyo tuya tuyos tuyas 3. Pers. Sg. suyo suya suyos suyas 1. Pers. Pl. nuestro nuestra nuestros nuestras 2. Pers. Pl. vuestro vuestra vuestros vuestras 3. Pers. Pl. suyo suya suyos suyas 3. Demonstrativpronomina im Spanischen Bei den Demonstrativpronomina wird erneut zwischen adjektivisch und substantivisch gebrauchten Pronomina differenziert. Anders als im Deutschen und Französischen werden im Spanischen drei Formen este / éste, ese / ése und aquel / aquél unterschieden. Der Gebrauch der jeweiligen Pronomina ist abhängig von der zeitlichen und räumlichen Beziehung zwischen dem Objekt, dem Sprecher und dem Hörer (dem Angesprochenen). Wenn sich das Objekt in der Nähe (zeitlich oder räumlich) des Sprechers befindet, dann wird das Pronomen este / éste benutzt. Ese / ése wird gebraucht, wenn sich das Objekt in der Nähe des Hörers befindet. Das Demonstrativpronomen aquel / aquél wird verwendet, wenn das Objekt sowohl vom Hörer als auch vom Sprecher weit entfernt ist. Die Tabelle (8) gibt einen Überblick über die Demonstrativpronomina im Spanischen. Tabelle (8) Demonstrativpronomina im Spanischen Singular éste / este ése / ese aquél / aquel mask. Plural éstos / estos ésos / esos aquéllos / aquellos Singular ésta / esta ésa / esa aquélla / aquella fem. Plural éstas / estas ésas / esas aquéllas / aquellas neutr. ésto éso aquello 4. Interrogativ- und Relativpronomina im Spanischen Zu den adjektivisch und substantivisch gebrauchten Interrogativpronomina, die eine Genusmarkierung im Singular und Plural aufweisen, zählen cuánto (mask. Sg.), cuánta (fem. Sg.), cuánto (neutr.) und cuántos (mask. Pl.), cuántas (fem. Pl.). Alle weiteren Interrogativpronomina zeigen keine Genusmarkierung und sind demnach unveränderlich. Die Relativpronomina sind in den folgenden Formen genusmarkiert: <?page no="159"?> 159 Tabelle (9) Interrogativ- und Relativpronomina im Spanischen Singular el que el cual cuyo mask. Plural los que los cuales cuya Singular la que la cual cuyos fem. Plural las que las cuales cuyas neutr. lo que lo cual -- 5. Indefinitpronomina im Spanischen Adjektivisch und substantivisch gebrauchte Indefinitpronomina wie alguno (mask. Sg.) und ninguno (mask. Sg.) sind im Singular und Plural genusmarkiert. Vor einem maskulinen Substantiv im Singular werden alguno und ninguno meist zu algún und ningún verkürzt. Folgende Indefinitpronomina kongruieren sowohl im Singular als auch im Plural mit dem jeweiligen Bezugnomen, auf das sie sich beziehen: mucho, poco, tanto, demasiado, otro und mismo. Wird das Pronomen todo substantivisch gebraucht, weist es keine Genusmarkierung auf. Beim adjektivischen Gebrauch kongruiert es im Singular und Plural mit seinem Bezugsnomen. 6. Attributive und prädikative Elemente: Adjektiv und Ordinalzahlen Attributiv und prädikativ gebrauchte Adjektive kongruieren im Singular und Plural mit dem Genus des Nomens, das sie näher bestimmen. Die feminine Form ist durch die Endung -a gekennzeichnet, die maskuline Form durch die Endung -o. Bei einigen Formen existiert keine formale Genusmarkierung: z.B. árabe(s) (mask.), árabe(s) (fem.). Zahlwörter (Ordinalzahlen) wie z.B. primero, primera richten sich nach dem Genus ihres Bezugsnomens. 4.2.3 Genus in der italienischen DP Das Italienische unterscheidet wie das Französische und Spanische zwei Genera, das Maskulinum und das Femininum. An folgenden Elementen tritt die Genusmarkierung innerhalb der DP auf (vgl. Schwarze 1988). 1. Artikel im Italienischen Im Italienischen weisen sowohl der definite als auch der indefinite Artikel im Singular und Plural eine Genusmarkierung auf. <?page no="160"?> 160 Tabelle (10) Definite und indefinite Artikel im Italienischen Singular Plural mask. fem. mask. fem def. indef. def. indef. def. indef. def. indef. il/ lo un/ uno la una i/ gli dei/ degli le delle Vor Nomina, die mit einem Vokal beginnen, wird die definite Artikelform lo und la zu l’ elidiert. Folgen zwei Vokale aufeinander, dann wird weiterhin die Form lo verwendet (lo iato oder la iella). Lo und gli werden außerdem verwendet, wenn das nachfolgende maskuline Nomen mit „s impuro“ (s und Konsonanten b,p,k,g (Plosive) lo sbaglio, gli spaghetti, lo scudo, gli sguardi) oder mit z (lo zio) anlautet. Die indefinite Artikelform una wird zu un’ elidiert, wenn das das folgende Nomen mit einem Vokal beginnt. Die Formen dei, degli und delle sind verschmolzene Formen mit der Präposition di. 2. Possessivpronomina im Italienischen Im Italienischen können Possessivpronomina sowohl adjektivisch als auch substantivisch gebraucht werden. Sie kongruieren mit dem Genus des Bezugsnomen, das sie begleiten oder für das sie stehen. Tabelle (11) Possessivpronomina im Italienischen Person Singular mask. (il) Singular fem. (la) Plural mask. (i) Plural fem. (le) 1. Pers. Sg. mio mia miei mie 2. Pers. Sg. tuo tua tuoi tue 3. Pers. Sg. suo sua suoi sue 1. Pers. Pl. nostro nostra nostri nostre 2. Pers. Pl. vostro vostra vostri vostre 3. Pers. Pl. loro loro loro loro In der 3. Person Plural unterscheiden sich die Possessivpronomina nur im Hinblick auf die Form der Artikel, die sie begleiten. Erst durch die Verwendung eines definiten Artikels wird das Genus des Nomens für den Hörer erkennbar. 3. Demonstrativpronomina im Italienischen Adjektivische und substantivische Demonstrativpronomina richten sich nach dem Genus des Bezugsnomens, das sie begleiten oder für das sie stehen. <?page no="161"?> 161 Tabelle (12) Demonstrativpronomina im Italienischen Singular Plural mask. fem. mask. fem questo/ quello / quel questa/ quella questi/ quelli / quegli/ quei queste/ quelle 4. Interrogativ- und Relativpronomina im Italienischen Das Italienische verfügt über die Relativpronomina: chi, che il quale (la quale / i quali / le quale), und die Interrogativpronomina: chi, che und che cosa. Das Relativpronomen il quale (la quale / i quali / le quale) ist deklinierbar und richtet sich im Singular und Plural nach dem Genus des Bezugsnomens. Diese Formen werden selten adjektivisch gebraucht und können durch che ersetzt werden, obwohl letzteres ein unveränderliches Pronomen ist. Das Interrogativpronomen chi ist nicht deklinierbar und löst immer eine maskuline Kongruenz aus, selbst wenn das Bezugsnomen feminin ist (Chi è arrivato? È arrivata la ragazza). Die Formen che cosa und cosa sind unveränderlich und werden äquivalent zu dem Relativpronomen che gebraucht. Des Weiteren existieren die Formen quale und quanto, die sowohl adjektivisch als auch substantivisch gebraucht werden können. Die Form quanto gleicht sich wie ein Adjektiv seinem Bezugsnomen an. 5. Indefinitpronomina im Italienischen Die Indefinitpronomina lassen sowohl einen substantivischen als auch einen adjektivischen Gebrauch zu. Bis auf die Formen niente und nulla, die unveränderlich sind und keine adjektivische Verwendung haben, richten sich die Pronomina nach dem Genus des Nomens, das sie vertreten. Indefinita, die sowohl adjektivisch als auch substantivisch gebraucht werden können, sind z.B. tutto, molto und poco. Die Formen molto und poco werden wie tutto dekliniert. Eine Ausnahme bildet das Pronomen nessuno, da diese Form nur im Singular (nessuno mask., nessuna, fem.) existiert. Tabelle (13) Indefinitpronomina im Italienischen mask. fem. Singular tutto tutta Plural tutti tutte <?page no="162"?> 162 6. Attributive und prädikative Elemente: Adjektiv und Ordinalzahlen Attributiv und prädikativ gebrauchte Adjektive kongruieren im Singular und Plural mit dem Genus des Nomens, das sie näher bestimmen. Es lassen sich die folgenden Adjektivendungen unterscheiden: Tabelle (14) Adjektivendungen im Italienischen Singular -o (mask.) -a (fem.) -e (mask., fem.) Plural -i (mask.) -e (fem.) -i (mask,.fem.) Ordinalzahlen kongruieren immer mit dem Genus des Bezugsnomens: il primo ragazzo, la prima bambola oder i terzi posti. 4.2.4 Genus in der deutschen DP Das Deutsche unterscheidet drei Genera, das Maskulinum, das Femininum und das Neutrum. Im Deutschen wird an Artikeln und anderen Determinanten nicht nur Genus markiert, sondern auch Numerus und Kasus. Demzufolge fusionieren im Deutschen die drei morphosyntaktischen Kategorien Genus, Kasus und Numerus in den verschiedenen Kongruenzelementen. Insgesamt werden im Deutschen vier Kasus (Nom., Akk., Dat. und Gen.), zwei Numeri (Sg. und Pl.) und drei Genera (Mask., Fem., Neutr.) unterschieden. Im Folgenden wird deutlich, dass sich die einzelnen Paradigmen als hochgradig homophon erweisen und Genus ausschließlich bei der indefiniten Form einen (Mask., Sg., Akk.) eindeutig markiert wird. Für eine eindeutige Markierung aller möglichen Konstellationen müssten insgesamt 24 unterschiedliche Formen angenommen werden. 1. Artikel im Deutschen Im Deutschen wird Genus ausschließlich am definiten und indefiniten Artikel (Singular) markiert, da im Plural die Genusdifferenzierung aufgehoben wird. Die Artikel richten sich in Genus und auch Kasus nach dem jeweiligen Bezugsnomen. Des Weiteren wird deutlich, dass keine der definiten Artikelformen Genus eindeutig markiert. Für die indefiniten Artikelformen zeigt sich, dass diese nur im Singular auftreten und hierbei nur die Form einen eine eindeutige Markierung aufweist. Hierbei sei angemerkt, dass diese Form umgangssprachlich oftmals zu ein’ verkürzt wird und somit auch aus der kindlichen Perspektive nicht transparent ist. Die folgende Tabelle (15) zeigt die (in)definiten Artikel im Deutschen: <?page no="163"?> 163 Tabelle (15) Definite und indefinite Artikel im Deutschen Singular mask. fem. neutr. def. indef. def. indef. def. indef. Nom. der ein die eine das ein Akk. den einen die eine das ein Dat. dem einem der einer dem einem Gen. des eines der einer des eines Plural mask. fem. neutr. def. indef. def. indef. def. indef. Nom. die -die -die -- Akk. die -die -die -- Dat. den -den -den -- Gen. der -der -der -- 2. Possessivpronomina im Deutschen Im Deutschen werden ebenfalls zwei Typen von Possessivpronomina unterschieden: adjektivisch gebrauchte und substantivisch gebrauchte Possessivpronomina. Das adjektivische Possessivpronomen richtet sich im Singular in allen Personen in Genus (und Kasus) nach dem Bezugsnomen. Eine Besonderheit des Deutschen besteht darin, dass es sich in der dritten Person Singular nach dem jeweiligen Genus des Besitzers richtet. Das Pronomen kongruiert also einerseits mit dem Genus des Nomens, für das es steht, und andererseits mit den Endungen des Nomens, bei dem das Pronomen attributiv steht. Ferner kann eine Übereinstimmung zwischen femininen und pluralischen Formen und maskulinen und neutralen Formen festgestellt werden. Außerdem wird deutlich, dass das Possessivum ebenso flektiert wird wie der indefinite Artikel. Im Folgenden wird ein Überblick über die adjektivisch gebrauchten Possessivpronomina gegeben. Tabelle (16) Adjektivische Possessivpronomina im Deutschen 3. Pers. 1. Pers. 2. Pers mask. fem. neutr. Sg. mein dein sein ihr sein Pl. unser euer ihr <?page no="164"?> 164 Singular Plural mask. fem. neutr. mask./ fem./ neutr. Endung Endung Endung Endung Nom. - ∅ -e - ∅ -e Akk. -en -e - ∅ -e Dat. -em -er -em -en Gen. -es -er -es -er Beim Gebrauch des substantivischen Possessivpronomens erhält die endungslose Form Maskulin Singular dann die Endung -er, die endungslosen Formen Neutrum Singular die Endung -es. 3. Demonstrativpronomina im Deutschen Demonstrativpronomina können sowohl adjektivisch als auch substantivisch gebraucht werden. Sie sind Pronomina der dritten Person und werden wie substantivische Possessivpronomina dekliniert. Bei den Pluralformen erfolgt keine Genusdifferenzierung. Tabelle (17) Demonstrativpronomina im Deutschen Singular Plural mask. fem. neutr. Nom. dieser diese dieses diese Akk. diesen diese dieses diese Dat. diesem dieser diesem diesem Gen. dieses dieser dieses dieser 4. Interrogativ- und Relativpronomina im Deutschen Die Interrogativ- und Relativpronomina welcher (mask.), welche (fem.), welches (neutr.) werden wie die substantivisch gebrauchten Possessivpronomina dekliniert. Als Relativpronomen hat welcher keine Genitivformen. Hierbei werden die entsprechenden Formen der Relativpronomen der, die, das verwendet: dessen und deren. 5. Indefinitpronomina im Deutschen Die adjektivisch und substantivisch gebrauchten Indefinitpronomina (z.B. kein, alle, jeder, einige) sind im Singular genusmarkiert. Die Deklinationsendungen unterscheiden sich nicht von den bereits aufgeführten Pronomina und sollen an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. <?page no="165"?> 165 6. Attributive und prädikative Elemente: Adjektiv und Ordinalzahlen Attributiv gebrauchte Adjektive (inkl. der Partizipien) und Ordinalzahlen weisen im Singular eine Genus- und Kasusmarkierung auf. Sie kongruieren mit dem jeweiligen Bezugsnomen. Insgesamt werden drei Deklinationstypen unterschieden: Typ (I) bei Adjektiven ohne Artikel (starke Deklination); Typ (II) bei Adjektiven in Verbindung mit dem definiten Artikel (schwache Deklination); Typ (III) bei Adjektiven in Verbindung mit dem indefiniten Artikel (gemischte Deklination). Ordinalzahlen werden genau wie Adjektive flektiert: der erste Platz - der große Mann. Prädikativ gebrauchte Adjektive zeigen - im Gegensatz zum Französischen, Italienischen und Spanischen - keine Genusmarkierung (z.B. der Mann ist groß). 4.2.5 Die Genussysteme im Vergleich Der Vergleich der einzelnen Genussysteme zeigt, dass im Deutschen drei und in den romanischen Sprachen zwei Genusklassen differenziert werden. Außerdem stimmen die einzelnen Systeme dahingehend überein, dass in allen vier Sprachen innerhalb der Nominalphrase verschiedene Determinierer (u.a. Artikel, Possessiva, Indefinita, Demonstrativa) und Attribute mit dem Genus des Bezugsnomens kongruieren. Inwieweit Genus an den unterschiedlichen Kongruenten tatsächlich markiert wird, stellt jedoch ein sprachspezifisches Phänomen dar. Im Folgenden werden die wichtigsten Unterschiede in den einzelnen Sprachen zusammengefasst. Ein sprachspezifischer Unterschied lässt sich u.a. im Hinblick auf den Gebrauch prädikativer Adjektive feststellen. Im Gegensatz zu den drei romanischen Sprachen weisen prädikativ gebrauchte Adjektive im Deutschen keine Genusmarkierung auf (z.B. der Anzug / die Bluse / das Hemd ist schön). Auch für den Bereich der Possessiva zeigt sich, dass sich das Deutsche von den romanischen Sprachen unterscheidet. In den romanischen Sprachen stimmen die Possessiva nur mit dem Genus des Possessums überein, während sie sich im Deutschen gegebenenfalls auch nach dem Genus des Possessors richten (z.B. die Katze fem der Frau fem - ihre Katze und die fem Katze des Mannes mask - seine Katze). Das Possessivum der dritten Person Singular richtet zusätzlich nach dem Genus des nominalen Possessors, für den es steht. Des Weiteren konnte für das Deutschen gezeigt werden, dass Genus immer in Kombination mit anderen nominalen Kategorien (Numerus und Kasus) markiert wird. Sowohl im Französischen als auch im Deutschen scheint die Genusmarkierung vor allem durch Numerus (Plural), aber auch durch Kasus teilweise aufgehoben zu werden. Im <?page no="166"?> 166 Deutschen weisen die Pluralformen des definiten Artikels, der Demonstrativ- und Possessivpronomina (bis auf die dritte Person) keine Genusmarkierung auf. Im Französischen weisen der definite Artikel und die Possessivpronomina im Plural keine Genusmarkierung auf. Des Weiteren zeichnen sich die Paradigmen im Deutschen als weitgehend homophon aus und lassen oftmals keine eindeutigen Rückschlüsse auf das Genus zu. Anders als im Deutschen und Französischen weisen das Italienische und Spanische Pluralformen des indefiniten Artikels auf. Insgesamt variiert die Anzahl der Determinanten, die im Genus (nicht) differenziert sind, sprachenabhängig. Das Deutsche und das Französische sind bezüglich der Genusmarkierung von kongruierenden Elementen (vor allem im Bereich der Artikel) weniger eindeutig als das Italienische und Spanische. 4.3 Regeln der Genuszuweisung in den vier Zielsprachen In der linguistischen Genusforschung nimmt die Frage nach möglichen Regeln, die der Genuszuweisung in einer Sprache unterliegen können, eine zentrale Stellung ein. Im Fokus des vorliegenden Abschnitts steht nun die Frage, ob der Genuszuweisung ein regelhaftes Zuordnungssystem zugrunde liegt und wenn ja, ob sich die vier analysierten Sprachen bezüglich der einzelnen Regeln und ihrer Reliabilität und Validität unterscheiden. In der Literatur werden im Allgemeinen zwei unterschiedliche Positionen vertreten: Vertreter der Arbitraritätshypothese (z.B. Maratsos 1979) gehen davon aus, dass das Genus zu jedem einzelnen Nomen im Erwerbsprozess auswendig gelernt werden muss, da die Genuszuweisung als arbiträr betrachtet wird. Maratsos (1979) behauptet in diesem Zusammenhang folgendes: „The classification is arbitrary. No underlying rationale can be guessed at. The presence of such systems in a human cognitive system constitutes by itself excellent testimony to the occasional nonsensibleness of the species. Not only was this system devised by humans but generation after generation of children peacebly relearns it“(zitiert nach Köpcke & Zubin 1984: 166). Die Gegenposition vertreten die sogenannten Analogisten (z.B. Köpcke & Zubin 1984, Corbett 1991, MacWhinney 1978), die an die Regelhaftigkeit bei der Genuszuweisung glauben und somit die Annahme einer völlig arbiträren Genuszuordnung ablehnen. Vielmehr gehen sie davon aus, dass zwischen Nomina und ihrem jeweiligen Genus Korrelationen existieren, die einem Sprecher als Basis zur Hypothesenbildung bezüglich der korrekten Genuszuweisung dienen können. Evidenz für diese Annahme, <?page no="167"?> 167 dass der Genuszuordnung ein auf Prinzipien basierendes System zugrunde liegt, liefern die Ergebnisse aus der Erstspracherwerbsforschung sowie Studien zur Genuszuweisung zu Kunst- und Lehnwörtern (vgl. Tucker et al. 1977, Karmirloff Smith 1979, Köpcke 1987, Wegener 1995b). Da der muttersprachliche Genuserwerb weitgehend fehlerfrei verläuft und Sprecher das Genus zu vorher noch nie gehörten Nomina übereinstimmend zuweisen können, gilt die Arbitraritätshypothese als widerlegt. Wie lassen sich Erwerb und Speicherung von Genuszuweisungen zu einer enormen Anzahl nominaler Einträge im Lexikon des Sprechers erklären, wenn nicht von der Existenz eines zugrunde liegenden Systems für die Genuszuweisung ausgegangen wird? Die Annahme einer regelgeleiteten Genuszuweisung führte in der Literatur dazu, dass semantische, phonologische und morphologische Genuszuweisungsregeln vorgeschlagen wurden, auf deren Basis ein bestimmtes Genus vorhergesagt werden kann. Dennoch handelt es sich bei diesen Regeln zu einem Großteil um probabilistische Regeln, die Genus nicht eindeutig zuweisen und eine große Anzahl von Ausnahmen zulassen, was sich vor allem am Beispiel des Deutschen und Französischen zeigt. Bei der Beurteilung der einzelnen Genusprinzipien spielt der Geltungsbereich, d.h. wie viele Nomina von einer bestimmten Regel eingeschlossen werden, eine entscheidende Rolle. Genuszuweisungsregeln sollten einen möglichst großen Geltungsbereich abdecken, damit sie als zuverlässig klassifiziert werden können. Wenn eine Regel nur auf einzelne Nomina anwendbar ist, dann lässt sie eine hohe Anzahl von Ausnahmen zu, wodurch keine hinreichende bzw. hohe Validität gegeben ist. In diesem Fall könnte man höchstens von einer Tendenz sprechen, jedoch nicht von einer Regel. Des Weiteren sollten psycholinguistische Faktoren berücksichtigt werden insofern als Genusprinzipien, die bei der Sprachproduktion und -rezeption nur selten angewendet werden, eher eine geringe Gültigkeit aufweisen sollten. Im Folgenden werden die wichtigsten Regeln der Genuszuweisung für die in der vorliegenden Arbeit untersuchten Sprachen vorgestellt. Es wird deutlich werden, dass das Italienische und Spanische im Hinblick auf die Transparenz der zugrundeliegenden Genussysteme wesentlich vom Deutschen und Französischen abweichen. Das nominale Genus kann im Italienischen und Spanischen auf der Basis formaler Eigenschaften in den meisten Fällen eindeutig vorhersagt bzw. abgeleitet werden. Im Französischen und Deutschen sind die formalen Kriterien der Genuszuweisung nicht unmittelbar ersichtlich, sondern werden erst durch eine aufwendige Analyse der einzelnen Nomina deutlich. Hierzu wurden in der Genus-Literatur komplexe Regelsysteme erarbeitet, deren Geltungsbereich die Gesamtheit der Nomina jedoch nicht erfasst. Die Genuszuwei- <?page no="168"?> 168 sungsprinzipien werden sowohl im Deutschen als auch in den romanischen Sprachen in semantische, morphologische und phonologische Prinzipien gegliedert, die im Folgenden dargestellt werden sollen. 4.3.1 Semantische Genuszuweisungsregeln zu Nomina Unter den semantischen Genusprinzipien wird in der Literatur allgemein verstanden, dass einem Nomen auf der Basis seiner Bedeutung bzw. von Aspekten seiner Bedeutung ein bestimmtes Genus zugewiesen wird (vgl. Wienold 1970, Yaguella 1978, Zubin & Köpcke 1983, 1984, Köpcke & Zubin 1984, Müller 1987, Surridge 1989, Cantone 1999). Zu den semantischen Prinzipien zählt u.a. das natürliche Geschlechtsprinzip (NGP), nach dem Nomina auf der Basis des biologischen Sexus ihres Referenten Genus zugewiesen bekommen. Dabei werden die Nomina, die sich auf ein männliches Lebewesen beziehen, dem Maskulinum zugeordnet und solche, die auf weibliche Lebewesen referieren, dem Femininum zugewiesen (frz. la mère, le père, dt. die Frau, der Mann, it. il ragzzo, la ragazza, sp. la madre, el padre). Für das Deutsche und die romanischen Sprachen gibt es eine Reihe semantisch motivierter Genuszuweisungsprinzipien, die jedoch oft eine große Anzahl von Ausnahmen aufweisen. Außerdem betrifft die Gesamtheit der semantischen Zuweisungsregeln meist einen sehr spezifischen Wortschatz, wodurch die Gültigkeit dieser Regeln eher bezweifelt wird. Dennoch kann durch die Zuordnungsprinzipien ein prinzipieller Zusammenhang zwischen Genuszuordnung und Semantik nachgewiesen werden. 4.3.2 Morphologische Genuszuweisungsregeln zu Nomina Das Genus kann im Deutschen und in den romanischen Sprachen auch auf der Basis formaler Kriterien abgeleitet werden: Morphologische Genuszuweisungsregeln berücksichtigen hierbei die Wortstruktur, d.h. sie operieren auf der Basis der Wortflexion (z.B. Substantivflexion) und der Wortbildung (z.B. Komposition, Derivation und Konversion). Morphologische Genuszuweisungsregeln im Deutschen Für das Deutsche sind im Rahmen der natürlichen Morphologie allgemeine Strukturprinzipien formuliert worden, die der Organisation des deutschen Substantivflexionssystems zu Grunde liegen (vgl. u.a. Mugdan 1977, Wurzel 1984ff.) In der Literatur werden hinsichtlich der Korrelation zwischen Genus und Substantivflexion im Deutschen zwei unterschiedliche Annahmen vertreten: 1. Die Flexionsklasse des Substantivs bestimmt das Genus des Nomens und 2. das Genus des Nomens determiniert die <?page no="169"?> 169 Flexionsklasse. Corbett (1991) ist ein Anhäger der ersten Position, da er davon ausgeht, dass der Flexionstyp das Genus des Nomens festlegt: „Unfortunately, most investigators assume that the inflectional morphology of German nouns should be derived from their gender, whereas the alternative approach, as adopted for languages like Russian above, appears promising.” (Corbett 1991: 49) Corbett (1991) nimmt an, dass die Wahl eines Genus von einer bestimmten Flexionsklasse im Deutschen abhängt. In der generativen Literatur werden oftmals Flexionsklassenmerkmale angenommen, um die Flexionsklasse eines gegebenen Stammes zuverlässig vorherzusagen. Die Analyse von Alexiadou und Müller (2008) zeigt, dass unabhängig motivierte Merkmale (z.B. morpho-syntaktische Merkmale wie Genus; phonologische Merkmale und semantische Merkmale wie Belebtheit) nicht ausreichen, um die Flexionsklasse eines gegebenen Stammes im Deutschen zuverlässig vorherzusagen. Aus diesem Grund argumentieren die Autoren dafür, dass jeder Stamm ein Flexionsklassenmerkmal trägt. Die Wahl des richtigen Flexionssuffixes kann durch Flexionsklassenmerkmale gesteuert werden, wenn jeder Stamm ein solches Merkmal trägt, und wenn jedes Suffix die Information hat, mit welchem Flexionsklassenmerkmal es verträglich ist (vgl. Alexiadou & Müller 2008). Die Relevanz von Flexionsklassenmerkmalen und die Korrelation zwischen Genus und Flexionsklasse sollen anhand der deutschen Substantivflexionsklassen, welche bei Alexiadou und Müller (2008) betrachtet werden, im Folgenden kurz verdeutlicht werden. 47 Hierbei nehmen die Autoren an, dass das Kernsystem der deutschen Nominalflexion insgesamt 8 Flexionsklassen beinhaltet. 48 Die folgenden Tabellen machen zunächst deutlich, dass die femininen Nomina im Singular keine Kasusmarkierung aufweisen, während Maskulina und Neutra im Genitiv Singular die Kasusmarkierungen -(e)s, -(e)n und -Ø besitzen. Feminina besitzen sowohl ein einheitliches, von Maskulina und Neutra distinktes Singularparadigma, als auch ein gemeinsames Pluralparadigma. Die Flexionsklassen I-III werden in der folgenden Tabelle (18) dargestellt (vgl. Alexiadou und Müller 2008: 127): 47 vgl. hierzu auch Sternefeld (2006), Wiese (2000), Blevins (2000) und Eisenberg (2000). 48 Alexiadou und Müller (2008) beschränken sich ausschließlich auf das zentrale System und lassen aus diesem Grund die Pluralmarkierung -s unberücksichtigt, da sie zur Peripherie des deutschen Pluralsystems gehört. Der -s-Plural wird insbesondere bei der Pluralbildung von Lehnwörtern verwendet und liegt deshalb außerhalb des zentralen Flexionssystems. <?page no="170"?> 170 Tabelle (18): Flexionsklassen I-III Klasse I mask, neutr Klasse II mask Klasse III mask, neutr Sg. mask. neutr mask. mask. neutr. nom akk. dat. gen. Dachs-Ø Dachs-Ø Dachs-Ø Dachs-es Schaf-Ø Schaf-Ø Schaf-Ø Schaf-es Traum-Ø Traum-Ø Traum-Ø Traum-es Mann-Ø Mann-Ø Mann-Ø Mann-es Buch-Ø Buch-Ø Buch-Ø Buch-es Pl. nom akk. dat. gen. Dachs-e Dachs-e Dachs-en Dachs-e Schaf-e Schaf-e Schaf-en Schaf-e Träum-e Träum-e Träum-en Träum-e Männ-er Männ-er Männ-ern Männ-er Büch-er Büch-er Büch-ern Büch-er Die Klasse I beinhaltet Stämme, die im Genitiv Singular den Flexionsmarker -(e)s aufweisen, wobei -es bei einem konsonantischen Stammauslaut und -s bei einem vokalischen Stammauslaut realisiert wird. Des Weiteren zeigt sich für die Kasusmarkierung im Plural, dass im Nom./ Akk./ Gen. der Flexionsmarker -e auftritt, wobei der Marker -Ø verwendet wird, wenn der Stamm auf Schwa + / n/ , / l/ , oder / r/ auslautet (z.B. Nom. Pl. Schlitten, Segel, Koffer). Die Klasse I beinhaltet sowohl neutrale als auch maskuline Stämme, wobei sie für letztere die unmarkierte Klasse darstellt. Im Gegensatz zu den Stämmen in Klasse I weisen die Stämme in Klasse II eine Umlautung des Stammvokals im Plural auf. Stämme, die der Flexionsklasse II angehören, sind ausschließlich maskulin. Die Klasse III unterscheidet sich von den Klassen I und II nur im Pluralparadigma. Die Pluralbildung erfolgt in Klasse III durch Umlautung des Stammvokals + -er im Nom./ Akk. und Gen., während im Dat. der Flexionsmarker -ern angehängt wird. Darüber hinaus beinhaltet Klasse III neutrale und maskuline Stämme. Im Gegensatz zu Klasse I ist Klasse III die unmarkierte Klasse für neutrale Stämme. In der folgenden Tabelle (19) werden die Klassen IV-VI und in der Tabelle (20) die Klassen VII-VIII dargestellt (vgl. Alexiadou und Müller 2008: 127): <?page no="171"?> 171 Tabelle (19): Flexionsklassen IV-VI Klasse IV mask, neutr. Klasse V mask Klasse VI fem Sg. mask. neutr mask. fem nom akk. dat. gen. Strahl-Ø Strahl-Ø Strahl-Ø Strahl-s Auge-Ø Auge-Ø Auge-Ø Auge-s Planet-Ø Planet-en Planet-en Planet-en Biene-Ø Biene-Ø Biene-Ø Biene-Ø Pl. nom akk. dat. gen. Strahl-en Strahl-en Strahl-en Strahl-en Auge-n Auge-n Auge-n Auge-n Planet-en Planet-en Planet-en Planet-en Biene-n Biene-n Biene-n Biene-n Tabelle (20): Flexionsklassen VII-VIII Klasse VII fem Klasse VIII fem fem. fem Maus-Ø Maus-Ø Maus-Ø Maus-Ø Drangsal-Ø Drangsal-Ø Drangsal-Ø Drangsal-Ø Mäus-e Mäus-e Mäus-en Mäus-e Drangsal-e Drangsal-e Drangsal-en Drangsal-e Nomina der Klasse IV bilden ihren Plural einheitlich mit dem Flexionsmarker -(e)n, wobei -e nur dann realisiert wird, wenn der Stamm auf einen Konsonant auslautet. Die Klasse ist sowohl für neutrale als auch maskuline Stämme markiert. Die Klasse V beinhaltet die sogenannten schwachen Maskulina. Die morphologische Eigenschaft für die schwachen Maskulina ist die Pluralbildung mit -(e)n und das Auftreten von -(e)n in allen obliquen Kasus. Die Stämme der Klassen VI, VII und VIII haben ausschließlich feminines Genus und die Flexionsmarker sind einheitlich -ø im Singular. Die Klasse VII kombiniert den Singular der Klasse VI mit dem Plural der Klasse II. Verglichen mit Klasse VII weist die Klasse VIII keinen Umlaut im Plural auf. Flexionsklassenmerkmale sind notwendig, um die Flexionsklasse eines gegebenen Stammes sicher vorherzusagen, da Genusmerkmale und phonologische und semantische Merk- <?page no="172"?> 172 male dies allein nicht leisten können. Maskuline Stämme können zu den Flexionsklassen I, II, III, IV oder V gehören; feminine Stämme können zu den Klassen VI, VII oder VIII gehören und neutrale Stämme zu den Klassen I, III oder IV. Semantische Merkmale wie Belebtheit reichen ebenfalls nicht aus: Obwohl das Merkmal [+belebt] häufig mit den schwachen Maskulina (Klasse V) assoziiert wird, sind nicht alle Mitglieder dieser Klasse [+belebt] (vgl. Bsp. in Tab. (19)). Für die Diskussion der Untersuchungsergebnisse in Kapitel 5.9 wird von besonderem Belang sein, dass Genus im Verbund mit Flexionsklasse im Deutschen existiert. Die Beobachtung, dass bei der Darstellung der Flexionsklassen kreuzklassifikatorisch Genus miteinbezogen wird, liefert Evidenz dafür, dass die beiden Phänomene Genus und Flexionsklasse interagieren. Das Genus wird durch die Flexionsklassenzughörigkeit bzw. durch das Auftreten der Flexionsaffixe motiviert. Darüber hinaus wird deutlich, dass die Neutra kein exklusives Flexionsverhalten zeigen, sondern nur ein inklusives, da alle neutralen Flexionsklassen auch bei den Maskulina vorkommen (aber nicht umgekehrt). Die Maskulina und Neutra teilen sich somit eine Reihe gemeinsamer Merkmale, von denen die Feminina ausgeschlossen sind. In der Literatur ist die Annahme von Corbett (1991), dass die Wahl eines Genus von einer bestimmten Flexionsklasse abhängt, bisher nur für das Russische, aber nicht für das Deutsche weiter diskutiert und verfolgt worden. In Kapitel 5.9 der vorliegenden Arbeit wird im Rahmen eines generativen Ansatzes der Versuch unternommen, die Annahme Corbetts weiter aufzuschlüsseln. Des Weiteren sind für das Deutsche vor allem die Autoren Zubin und Köpcke (1981) und Zubin (1984) zu nennen, die das sogenannte Letzt- Glied Prinzip formulierten. Diese Regel besagt, dass das Genus durch das letzte Glied eines morphologisch komplexen Nomens sowohl bei Kompositabildungen als auch bei abgeleiteten Nomina mit Derivationssuffixen kategorisch bestimmt wird (z.B. die Umwelt, der Umweltschutz). Dieses Prinzip kann jedoch nicht ohne weiteres auf die romanischen Sprachen übertragen werden, da der Kopf überwiegend in Initialstellung auftritt (z.B. frz. le chou-fleur, sp. el año-luz, it. il cavolfiore). Außerdem scheint neben dem Genus des Kopfes auch die syntaktische Kategorie eine Rolle zu spielen: Beinhaltet das Kompositum u.a. ein Verb, so wird generell das Maskulinum zugewiesen (z.B. frz. un porte-monnaie, sp. el abrelatas, it. il portacenere). Relativ zuverlässige Hinweise für die Genuszuordnung bieten Derivationssuffixe, von denen die meisten das Genus sogar kategorisch bestimmen. Die deutschen Ableitungssuffixe -heit (z.B die Dunkelheit), -keit (z.B. die Helligkeit) und -ung (z.B. die Messung), werden ohne Ausnahmen mit dem Femininum assoziiert. Auch die Suffixe zur Diminutivbildung -chen <?page no="173"?> 173 (z.B. das Wölkchen) und -lein (z.B. das Rehlein) sind ausnahmslos mit einem Genus verbunden, nämlich dem Neutrum. Für den Bereich der Konversion lassen sich ebenfalls Zuordnungsregeln aufstellen: Während substantivierten Infinitiven kategorisch das Neutrum zugewiesen wird (z.B. das Schreiben), sind Verbstammkonversionen fast immer Maskulina im Deutschen (z.B. der Ritt, der Spruch). Die Tabelle (21) gibt einen Überblick über die morphologischen Genuszuweisungsregeln (vgl. Hoeppner 1980, Zubin & Köpcke 1984 und Müller 1987, 1990, Ivanova 1985): Tabelle (21): Auswahl von Affixen im Deutschen und ihr assoziiertes Genus Affix assoziiertes Genus Beispiel Präfixe 1. be- 2. ge- 3. ver- Suffixe 4. -er 5. -ei 6. -heit 7. -keit 8. -ling 9. -schaft 10. -rich 11. -ung 12. -chen 13. -lein 14. -tum 15. -sel 16. -nis 17. -tät Mask. Neutr. Mask. Mask. Fem. Fem. Fem. Mask. Fem. Mask. Fem. Neutr. Neutr. Mask./ Neutr. Neutr. Fem./ Neutr. Fem. der Bereich das Gesicht der Verband der Hörer die Polizei die Krankheit die Fröhlichkeit der Sperling die Freundschaft der Enterich die Wanderung das Häschen das Tischlein Irrtum/ Wachstum das Schleifsel Wildnis/ Ergebnis die Pubertät Die nachfolgenden Tabellen verdeutlichen, dass auch in den romanischen Sprachen morphologische Kriterien für die Genuszuweisung zu Nomina bestehen. In allen drei Sprachen lässt sich besonders bei derivierten Nomina eine eindeutige Korrelation zwischen bestimmten Affixen (überwiegend Suffixen) und dem Genus der Nomina nachweisen. Morphologische Genuszuweisungsregeln im Französischen Für die Untersuchung der morphologischen Genusregeln im Französischen sind vor allem die Autoren Desrochers (1986), Desrochers & Brabant (1995), Desrochers & Paivio (1990), Paivio & Desrochers (1989) und <?page no="174"?> 174 Müller (1987) zu nennen. Die nachfolgende Tabelle (22) stellt eine Auswahl von Suffixen und das jeweilige Genus, mit dem sie assoziiert werden, für das Französische dar: Tabelle (22): Auswahl von Suffixen und ihr assoziiertes Genus im Französischen Suffix assoziiertes Genus Beispiel Suffix assoziiertes Genus Beispiel -age Mask. le paysage -aine Fem. la trentaine -ail Mask. le portail -ance Fem. une espérance -eau Mask. le tableau -elle Fem. la tourelle -eur Mask. le bonheur -esse Fem. la politesse -ier Mask. un encrier -ette Fem. la maisonette -ment Mask. un appartement -ion Fem. la décoration -on Mask. le coupon -ise Fem. la sottise -ade Fem. la promenade -son Fem. la chanson -aille Fem. la ferraille Morphologische Genuszuweisungsregeln im Spanischen Die folgende Tabelle (23) zeigt für das Spanische eine Auswahl von Suffixen und das jeweilige Genus, mit dem sie assoziiert werden (vgl. Rainer 1993, Anderson 1961, Saporta 1962). <?page no="175"?> 175 Tabelle (23): Auswahl von Suffixen und ihr assoziiertes Genus im Spanischen Suffix assoziiertes Genus Beispiel -aje Mask. el plumaje -dor(a) Mask./ Fem. el trabajador / la venedora -(c)ión Fem. la affirmación / la agresión ’ -m(i)ento Mask. el pensamiento ‘ -ero -era Mask. Fem. el jardinero la archivera -ería Fem. la pastelería -ismo Mask. el alcoholismo -idad Fem. la curiosidad -ez Fem. la timidez -umbre Fem. la costumbre -ín Mask. el polvorín -ón Mask. el cucharón -ito -ita Mask. Fem. el chiquito la madrecita Morphologische Genuszuweisungsregeln im Italienischen Die folgende Tabelle (24) zeigt eine Auswahl von italienischen Suffixen, die als Genusanzeiger dienen (vgl. Chini 1995, Cantone 1999). Tabelle (24): Auswahl von Suffixen und ihr assoziiertes Genus im Italienischen Suffix assoziiertes Genus Beispiel -aggio Mask. il paesaggio -ale Mask. il portale -ata Fem. la passegiata -ile Mask. il canile -iere Mask. il portiere -ione Fem. la riunione -isa Fem. la divisa -ite Fem. la bronchite -mento Mask. il movimento -nza Fem. la speanza -one Fem. la canzone -ore Mask. il favore -osi Fem. la nervosi <?page no="176"?> 176 4.3.3 Phonologische Genuszuweisungsregeln zu Nomina Phonologische Regeln der Genuszuweisung berücksichtigen lautliche Eigenschaften von mehrsilbigen und einsilbigen Nomina. Phonologische Genuszuweisungsregeln im Deutschen Für das Deutsche sind hier vor allem die Autoren Köpcke (1982, 1983), Mills (1986) und Müller (1987) zu nennen. Köpcke (1982) hat in seiner Untersuchung 1.466 einsilbige deutsche Nomina analysiert und insgesamt 24 phonologische Regeln (Struktur-, Auslaut-, Inlaut-, Anlaut- und Stand-by- Regeln) für das Deutsche formuliert. Hierbei sind vor allem die Strukturregeln für den Ausschluss des Femininums verantwortlich. Insgesamt kommt diesen Regeln jedoch eine sehr geringe Gültigkeit zu (vgl. Wegener 1995a). Wegener (1995a) schlägt vor, alle phonologischen Regeln, die von Köpcke (1982) formuliert wurden, auf das Einsilber-Prinzip zu reduzieren, da der von Köpcke analysierte Wortschatz zu zwei Drittel aus einsilbigen, maskulinen Nomina besteht. Köpcke (1982) kommt nämlich in seiner Studie zu folgendem Ergebnis: 61,4% der untersuchten einsilbigen Nomina sind maskulin, 14% feminin und 21,9% haben neutrales Genus. Neben dem Einsilber-Prinzip existieren weitere phonologische Regeln für zwei- und mehrsilbige Nomina im Deutschen. Hierbei wird eine Verbindung von Pseudosuffixen und dem damit assoziierten Genus angenommen. Auf Schwa auslautende Nomina haben überwiegend feminines Genus (z.B. die Scheibe, die Flasche), wobei es wiederum Ausnahmen gibt, die nicht mit der Regel übereinstimmen (z.B. das Auge, der Hase). Nomina, die auf -er auslauten, werden häufig mit dem Maskulinum assoziiert (z.B. der Wecker, der Becher), wobei ebenfalls Ausnahmen existieren (z.B. das Messer, das Thermometer). Die Tabelle (25) zeigt für das Deutsche eine Auswahl phonologischer Genusprinzipien (vgl. Köpcke 1982, Köpke & Zubin 1983, Mills 1984, Müller 1987). <?page no="177"?> 177 Tabelle (25) 49 : Auswahl phonologischer Genusregeln im Deutschen phonologische Regel assoziiertes Genus N-Typen, die mit diesem Genus assoziiert sind 50 N-Typen mit dieser Endung 51 Ausnahmen 52 Strukturregeln XdiphtongF 1 Mask/ Neutr. 123 92% 134 die Zeit (11) Auslautregeln X {/ f/ / / / x/ } / t/ Fem. 36 66% 55 der Saft (12) das Heft (7) X / l/ K Mask. 60 68% 89 die Milch (1) das Geld (18) X / r/ Stopp (K) Mask. 43 66% 65 die Mark (8) das Herz (14) X K / s/ Mask. 120 75% 160 die Gans (18) das Salz (22) X / / Mask. 45 80% 56 die Couch (6) das Fleisch (5) / i: r/ Neutr. 27 60% 45 die Gier (5) der Stier (13) / / Fem. 1350 90% 1500 der Hase das Auge 53 Inlautregeln: X V+lang Y Mask./ Neutr. 317 86% 369 die Uhr (52) Anlautregeln: / kn/ Mask. 14 93% 15 das Knie (1) {/ tr/ / dr/ } Y Mask. 47 89% 53 die Drei (6) / / K Y Mask. 144 86% 167 die Stirn (11) das Stück (12) 49 X = beliebiges Element in Initialstellung 50 Die Zahl in der ersten Spalte zeigt die absolute Anzahl der Nomina (types) an, für die das Genus korrekt vorhergesagt wird. Mit anderen Worten handelt es sich um den Geltungsbereich der Regel. Die Zahl in der zweiten Spalte gibt den prozentualen Anteil der N-types an. 51 In dieser Spalte wird die Anzahl der Nomina mit dem jeweiligen Auslaut angegeben.Hierbei handelt es sich um den Anwendungsbereich der jeweiligen Regel. 52 Die Zahl in Klammern zeigt die absolute Anzahl der Ausnahmen an. 53 Die genauen Zahlen nicht bekannt (vgl. Müller 1987: 49). <?page no="178"?> 178 Die Tabelle zeigt deutlich die probabilistische Natur der phonologischen Genuszuweisungsregeln im Deutschen. Die Anzahl der Nomentypen, die mit einem bestimmten Auslaut assoziiert werden, variiert zwischen 1.500 für die auf Schwa auslautenden Nomina und 45 für die Nomina, die auf / i: r/ auslauten. Phonologische Genuszuweisungsregeln im Französischen In der Literatur wurde ebenfalls dafür argumentiert, dass Genus auf der Basis nominaler Endungen im Französischen vorhergesagt werden kann (vgl. Mel’cuk 1974, Rossi 1967, Séguin 1969, Taft & Meunier 1998, Tucker, Lambert & Rigault 1977). Die Untersuchung von Tucker, Lambert und Rigault (1977), in der insgesamt 31.619 im Petit Larousse Illustré (1959) verzeichneten Nomina analysiert wurden, bestätigt den Zusammenhang zwischen phonologischem Auslaut und Genus im Französischen. Die Untersuchung bringt das Ergebnis hervor, dass von 30 Endungen lediglich drei ein Validitätslevel von 70% für feminines Genus erreichen, aber nicht weniger als 15 für maskulines Genus. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Genusregeln für das Maskulinum verlässlicher sind als die für das Femininum. Insgesamt korrelieren nur 9 von 30 möglichen Auslauten eindeutig (zu 90% oder mehr) mit einem Genus. Wie im Deutschen sind auch im Französischen die phonologischen Genuszuweisungsregeln probabilistischer Natur. Leray & Schubert (2001) kritisieren Tucker et al. (1977), da die Autoren u.a. zweisilbige Nomina wie maison in ihre Liste einsilbiger Nomina integrieren, obwohl die Endung solcher Nomina kein Suffix repräsentiert. Sie gehen davon aus, dass Muttersprachler des Französischen solchen Nomina ein bestimmtes Genus zuweisen können, da sie eine Ähnlichkeit mit bereits vorhandenen Suffixen im Französischen aufweisen. In dem Fall von maison kann auf der Basis des nasalen Auslauts -son, wie in combinaison, das Genus vorhergesagt werden. Im Folgenden wird ein Überblick über die phonologischen Genusregeln im Französischen gegeben (vgl. Müller 1987, Tucker et al. 1968, 1977). <?page no="179"?> 179 Tabelle (26): Auswahl phonologischer Genusregeln im Französischen Auslaut assoziiertes Genus Anzahl von Ntypes, die mit diesem Genus assoziiert werden Anzahl von Ntypes mit dieser Endung Beispiel [ œ ] Mask. 17 100% 17 le parfum [-] Mask. 1949 99% 1963 le vent [ ε ] Mask. 17 100% 17 le pain [o] Mask. 841 97% 865 le pot [ø] Mask. 184 97% 189 le nœud [Z] Mask. 1368 94% 1453 un orage [m] Mask. 1292 92% 1406 le poème [ ε ] Mask. 564 90% 625 le mai [f] Mask. 268 89% 301 un étoffe [u] Mask. 150 88% 171 le genou [wa] Mask. 153 85% 179 le doigt [a] Mask. 648 82% 791 le caca [r] Mask. 3974 78% 5080 le timbre [g] Mask. 172 73% 238 le grog [y] Mask. 150 72% 201 le jus [õ] Fem. 1872 70% 2666 la raison [z] Fem. 551 90% 612 la phrase [i] Fem. 1762 75% 2337 la souris Im Gegensatz zu Tucker et al. (1977) analysieren die Autorinnen Leray & Schubert (2001) ausschließlich 1.546 phonologisch einsilbige Nomina aus dem Petit Robert (1993). Sie zeigen, dass die auf einen Vokel auslautenden Einsilber meistens maskulin sind (233 mask. (76,4%)), während konsonantisch auslautende Nomina eine Tendenz zum Femininum zeigen (890 fem. (72%)). Eine weitere Studie, die den Zusammenhang zwischen Auslaut und Genus im Französischen unersucht, wurde von Séguin (1969) durchgeführt. Die Analyse basiert auf 33.265 Nomina, die dem Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française (1965) entnommen wurden. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass für die maskulinen Nomina insgesamt 570 unterschiedliche Endungen im Französischen existieren. Phonologische Genuszuweisungsregeln im Spanischen Für das Spanische sind vor allem die Autoren Teschner & Russel (1984) zu nennen, die in ihrer Studie, die eine Datenbasis von insgesamt 41.882 genusinvariabler spanischer Nomina umfasst, phonologische Genusprinzipien formuliert haben. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über <?page no="180"?> 180 den Wortauslaut und dem damit assoziierten Genus im Spanischen (vgl. Teschner & Russel 1984). Tabelle (27): Phonologische Genusregeln im Spanischen Auslaut assoziiertes Genus Anzahl von N-types, die mit diesem Genus assoziiert werden Anzahl von Ntypes mit dieser Endung Beispiel -o Mask. 12.536 99,87% 12.552 el mono -l Mask. 1.140 97,85% 1.165 el papel -r Mask. 1.427 98,55% 1.448 -i Mask. 309 93,13% 332 el rubí -m Mask. 30 100% 30 el álbum -t Mask. 39 92,86% 42 el déficit -e Mask. 2.686 89,35% 3.006 el albuerge -ie Fem. 19 95% 20 la especie -strofe Fem. 5 100% 5 la catástrofe -stole Fem. 5 100% 5 la sístole -umbre Fem. 32 100% 36 la servidumbre -a Fem. 15.400 96,30% 16.000 la cámera -d Fem. 1.042 97,57% 1.068 la ciudad -n Fem. 2.273 51,61% 4.404 {c/ g/ n/ s/ t/ x}ión Fem. 2188 99,41% 2.201 la inflación, la religion, la opinión, la pasión, la cuestión, la conexión -{d/ g}ma Mask. 22 95,65% 23 el drama, el programa -{i/ u}ma Fem. 82 88,17% 93 la rima, la pluma -{l/ m/ r}ma Fem. 43 95,56% 45 la palma, la firma -{-}ama Fem. 73 83,91% 87 la cama. la fama Die Tabelle (27) zeigt deutlich, dass die Mehrheit aller spanischen Nomina auf -a oder -o auslauten und eindeutig mit einem bestimmten Genus <?page no="181"?> 181 assoziiert werden. Nomina, die auf -o auslauten, sind zu 99,9% maskulin, während der nominale Auslaut -a zu 96,3% mit dem Femininum assoziiert wird. Im Spanischen lässt sich das Genus mit einer begrenzten Anzahl phonologischer Regeln vorhersagen. Auch für andere Auslauttypen existieren weitere zuverlässige Regeln: Nomina auf -l und -r sind zu 90- 100% maskulin, Nomina auf -d feminin. Eine weitere Untersuchung, die vergleichbare Ergebnisse wie die Studie von Teschner & Russel (1984) erzielt hat, wurde von Echaide (1969) durchgeführt. Die Untersuchungsergebnisse der Studie zeigen, dass 1344 (61,9%) von insgesamt 2172 analysierten Nomina des Frequency Dictionary of Spanish Words, auf -a bzw. auf -o auslauten. Hierbei wurde die Endung -o zu 99,9% mit dem Maskulinum und -a zu 97,1% mit dem Femininum assoziiert. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die hoch-frequenten Endungen -o und -a einen Großteil des nominalen Lexikons im Spanischen abdecken. Phonologische Genuszuweisungsregeln im Italienischen Die Klassifikation italienischer Nomina kann ebenfalls durch phonologische Auslautregeln erfolgen. Die meisten Nomina werden aufgrund ihrer Endung mit einem bestimmten Genus assoziiert (vgl. Chini 1998: 42, Kupisch et al. 2002). Tabelle (28) Phonologische Genusregeln im Italienischen Nomen- Klasse Auslaut (Sg.) Auslaut (Pl.) assoziiertes Genus Beispiel Nomina mit dieser Endung (%) I [o] [i] Mask. gatto/ gatti II [a] [e] Fem. pizza/ pizze 71.5% III [e] [i] Mask. / Fem. cane/ cani, tigre/ tigri 20.6% IV diverse s. Sg. Mask. / Fem. re, città 5.4% V [a] [i] Mask. problem/ i 1.2% VI [o] (M) [i] (M), [a] (F) Mask. / Fem. uovo/ uova, braccio/ bracci, braccia 0.1% VII [o] [i] Fem. mano/ mani unter 0.9% Die Tabelle (28) verdeutlicht, dass die zur Klasse I und II gehörenden italienischen Nomina 71,5% aller Nomentypen ausmachen und Genus zuverlässig vorhersagen. Die Klasse III beinhaltet nur 20,6% aller Nomenty- <?page no="182"?> 182 pen. Die restlichen N-Klassen (IV-VII) weisen weniger als 10% der Nomentypen auf. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sowohl im Deutschen als auch in den drei romanischen Sprachen formale und semantische Prinzipien der Genuszuweisung existieren. Im Vergleich zum Spanischen und Italienischen sind die Genuszuweisungsprinzipien im Französischen und Deutschen wesentlich komplexer. Insgesamt stellt das Deutsche das komplexeste System in Bezug auf die einzelnen Genusprinzipien dar. Im Hinblick auf die Vorhersagbarkeit von Genus unterscheiden sich die Sprachen in den folgenden Punkten: Spanisch und Italienisch weisen sogenannte „Default-Suffixe“ auf, -a für feminine Nomina und -o für maskuline Nomina. Auf der Basis dieser Endungen konnte für das Italienische gezeigt werden, dass Genus zu 71,5% vorhersagbar ist und im Spanischen sogar zu ca. 95%. Für das Französische hat vor allem die Studie von Tucker et al. (1977) verdeutlicht, dass weitaus mehr nominale Endungen existieren als im Spanischen und Italienischen und eine Bildung von Nomenklassen wie im Italienischen und Spanischen nicht ohne Weiteres möglich ist. Die Untersuchung von Séguin (1969), in der insgesamt 33.265 Nomina analysiert wurden, zeigt, dass allein für die Maskulina 570 unterschiedliche Endungen im Französischen existieren. Das französische Regelsystem wird von Corbett (1991: 63) folgendermaßen beurteilt: „These are rules by which gender can be deduced from form […] but these are so numerous and complicated, that French ranks low on the overt scale.“ Auch für das Deutsche hat die Untersuchung von Köpcke (1982) gezeigt, dass eine Reihe phonologischer Auslaute existiert, die Genus im Deutschen nicht eindeutig vorhersagen und probabilistischer Natur sind. Die Komplexität der einzelnen Regelsysteme variiert sprachenabhängig und es wurde deutlich, dass das Verhältnis von formaler Transparenz und Genus im Französischen und Deutschen nicht annähernd so eindeutig ist wie im Italienischen und Spanischen. Im Italienischen und Spanischen besteht 1. eine weitaus geringere Anzahl möglicher Auslaute und 2. korrelieren die hoch-frequenten Endungen -o bzw. -a in den meisten Fällen eindeutig mit einem der beiden Genera. Im Gegensatz zum Deutschen und Französischen zeichnen sich das spanische und italienische Genussystem durch eine sehr hohe formale Transparenz aus. Corbett (1991) argumentiert dafür, dass der Grad der formalen Transparenz der Genussysteme auf einem Kontinuum abgebildet werden kann. Hierbei geht er davon aus, dass Sprachen eher über ein overt system oder ein covert system verfügen. Dass es sich hierbei nicht um eine absolute Differenzierung handelt, verdeutlicht Corbett (1991: 62) folgendermaßen: <?page no="183"?> 183 „There are many possibilities between the poles of absolutely overt and absolutely covert.“ Sowohl in den romanischen Sprachen (Französisch, Spanisch und Italienisch) als auch im Deutschen kann das Genus der Nomina auf formale Kriterien zurückgeführt werden, wodurch die Genussystem als sogennante overt systems zu charakterisieren sind. Dennoch befinden sich die Genussysteme der genannten Sprachen an unterschiedlichen Positionen auf dem overt-covert Kontinuum. Das spanische und italienische Genussystem tendiert durch seinen hohen Grad an formaler Transparenz weiter zum overten Pol als das französische und deutsche System, wobei das Deutsche am unteren Ende positioniert wird und somit weiter zum coverten Pol tendiert als das spanische, italienische und französische Genussystem. Im Folgenden werden verschiedene Ansätze und ausgewählte Studien zum Genuserwerb für die in der vorliegenden Arbeit untersuchten Sprachen vorgestellt. 4.4 Genus im monolingualen und bilingualen Erstspracherwerb Jeder kompetente Sprecher hat die Fähigkeit, jedem Nomen das entsprechende Genus zuzuweisen, sowie Hypothesen hinsichtlich des Genus eines unbekannten Nomens zu machen. Trotz des scheinbar arbiträren Systems einiger Sprachen kommen Genusfehler bei Muttersprachlern im Vergleich zu anderen Versprechern nur sehr selten vor (vgl. van Berkum 1996). Im Hinblick auf den erstsprachlichen Genuserwerb wird deutlich, dass Kinder erstaunlich wenige Genusfehler bei der Genuszuweisung zu Nomina machen (vgl. u.a. Anderson 1993, Karmiloff-Smith 1979). Diese Beobachtung liefert für einige Genusforscher Evidenz, dass Kinder zumindest in der Anfangsphase das Genus für jedes einzelne Nomen auswendig lernen und die genusmarkierten Elemente in Kombination mit dem Nomen als Einheit abgespeichert und anschließend reproduziert werden. Demzufolge wäre die Betrachtung hinsichtlich der Relevanz von Genuszuweisungsregeln überflüssig, da der Genuserwerbsprozess allein auf dem Mechanismus des Auswendiglernens beruht. Weiterhin impliziert dieser Lernmechanismus, dass die einzelnen genusmarkierten Formen explizit gespeichert werden müssen, was jedoch mit einer hohen Speicherkapazität im Lexion verbunden wäre. Weder Corbett (1991) noch Köpcke (1982) und Mills (1986) nehmen eine solche Strategie an, die ausschließlich auf dem Prinzip des reinen Auswendiglernens beruht. Diese <?page no="184"?> 184 Möglichkeit sollte nur für die Fälle in Betracht gezogen werden, in denen Kinder das Genus nicht über eine bestimmte Regel ableiten können. „First, native speakers typically make few or no mistakes in the use of gender; if the gender of every noun were remembered individually, we would expect more errors. Second, words borrowed from other languages acquired a gender, which shows that there is a mechanism for assigning and not just remembering gender. And third, when presented with invented words, speakers give them a gender and they do so with a high degree of consistency. Thus native speakers have the ability to ‘work out’ the gender of a noun: models of this ability are called ‘assignment systems’.” Corbett (1991: 7) Die genannten Forscher sind sich einig, dass Kinder Gebrauch von bestimmten Regeln bei der Genuszuweisung machen und die Genuszuweisung zu Nomina ein regelgeleiteter Prozess ist. Evidenz für diese Annahme liefern beispielsweise Übergeneralisierungen wie *die fem Affe mask , die auf die Existenz eines Genusregelapparates hindeuten. Das auf Schwa auslautende maskuline Nomen Affe wird mit dem nicht-zielsprachlichen femininen Genus assoziiert, da das Pseudosuffix -e feminines Genus vorhersagt. Wenn man davon ausgeht, dass die Genuszuweisung zu Nomina bestimmten Regeln folgt, dann stellt sich zunächst die Frage, ob das Kind Genus über semantische, formale oder distributionelle Eigenschaften der Nomina erwirbt. 4.4.1 Verschiedene Ansätze zum Genuserwerb Zum Erwerb der Genuszuweisung werden in der Spracherwerbsforschung verschiedene Ansätze diskutiert: 1. Das semantische Lernen 2. Das formale Lernen und 3. Das distributionelle Lernen. Der von Slobin (1973) vertretene Ansatz basiert auf dem semantischen Lernen und besagt, dass der Genuserwerb aufgrund von semantischen Eigenschaften des Referenten z.B. dem natürlichen Geschlecht, geschieht. Slobin (1973) verweist mit der sogenannten semantic primacy hypothesis auf die Bedeutsamkeit semantischer Eigenschaften, die bei der Entwicklung von grammatischen Systemen eine Rolle spielen. Ein Paradigma kann dann vom Kind früh erworben werden, wenn zu den grammatischen Regularitäten in der jeweiligen Sprache relationale Konzepte bzw. grammaticizable notions existieren. Hierbei erfolgt beispielsweise die Zuweisung der Funktionswörter die, der und das in Abhängigkeit von der Bedeutung der Nomina. Das formale Lernen findet erst dann statt, wenn das Kind keine semantischen Hinweise für die Wahl der sogenannten functors erkennt. Diese zweite Strategie des formalen Lernens besagt, dass der Genuserwerb aufgrund struktureller Eigenschaften des Nomens (d.h. den morphologischen und phonologischen Eigenschaften) geschieht. <?page no="185"?> 185 Falls das Kind weder morphologische noch phonologische Hinweise für die Wahl eines bestimmten Funktionswortes erkennt, wird es nach Slobin (1973) zur dritten Strategie, dem distributionellen Lernen, übergehen. Unter dem distributionellen Lernen versteht man, dass das Kind im Spracherwerbsprozess durch die Analyse der genusrealisierenden Elemente (z.B. Artikel, Adjektive, Pronomina) das Genus jedes Nomens erlernt, da das Nomen an sich keine Eigenschaften enthält, aufgrund derer das Genus erkannt werden kann. Nach Slobin (1985a: 42) muss das Kind somit folgendes leisten: „[…] try to differentiate the functors on the basis of elements that systematically cooccur with the citation forms, and set up a paradigm in which choice of functor is conditioned by factors that regularly cooccur with the citation form.” Auf den Spracherwerb übertragen bedeutet diese Strategie des distributionellen Lernens, dass das Kind von dem Auftreten eines Nomens mit einem bestimmten Funktionswort auf das entsprechende Genus oder sein Vorkommen mit bestimmten anderen Funktionswörtern schließen kann. Hierbei kann es zu Übergeneralisierungen kommen, wenn das Kind nur einen der verschiedenen functors in allen Kontexten verwendet (inflectional imperialism). Im Deutschen könnte das Kind beispielsweise die Form „die“ übergeneralisieren, da sie besonders häufig im Paradigma vorkommt. Ein weiterer Ansatz zum Genuserwerb wird von MacWhinney (1978) vorgeschlagen, der den Erwerbsverlauf in insgesamt fünf Phasen unterteilt. In der ersten Erwerbsphase bilden Artikel und Nomen eine Einheit, d.h. Kinder nehmen keine morphologische Trennung zwischen den genannten Kategorien vor. Diese Annahme stützt MacWhinney (1978: 74) auf die Beobachtung, dass bei französischsprachigen Kindern Fehler wie *sur le l’eau auftreten. Auch Müller (1990: 213) stellt in ihrer Untersuchung fest, dass deutschsprachige Kinder Äußerungen wie *die das Schiff produzieren. In der zweiten Erwerbsphase wird allmählich die enge Verbindung zwischen Artikel und Nomen gelöst und die Kinder sind dazu in der Lage, die verschiedenen Formen der Funktionswörter zu erkennen und zu verwenden. MacWhinney (1978) geht davon aus, dass die Reihenfolge, in der die unterschiedlichen Formen auftreten, in Abhängigkeit von der Frequenz einzelner Formen im Input erfolgt. Evidenz für diese Annahme liefert nach MacWhinney (1978) beispielsweise die bei deutschsprachigen Kindern häufig beobachtete Übergeneralisierung der definiten Artikelform die. In der darauffolgenden Erwerbsphase erkennen Kinder schließlich die Dominanzverhältnisse der einzelnen Genusregularitäten innerhalb der Prinzipienhierarchie. In der letzten Phase erfolgt die Paradigmenkonstruktion, indem das Kind das gesamte Deklinationsparadigma mithilfe des bisher erworbenen Wissens über die Kombination von <?page no="186"?> 186 Genus-, Numerus- und Kasusinformationen erstellt. Die Frage, wie die Paradigmenkonstruktion im Erwerbsprozess konkret verläuft, wird von MacWhinney (1978) nur vage beantwortet. Nach MacWhinney (1978) beginnt das Kind hierbei mit nur einer einzigen Zelle, die zunächst in Genusspalten und anschließend in Kasusreihen ausdifferenziert wird. Im folgenden Abschnitt werden ausgewählte Studien zum monolingualen Genuserwerb im Französischen Spanischen, Italienischen und Deutschen vorgestellt. Im Anschluss daran, werden Untersuchungen zum Genuserwerb bei bilingualen Kindern präsentiert, die Deutsch und eine romanische Sprache (Spanisch, Italienisch, Französisch) als Erstsprachen erwerben. Die einzelnen Untersuchungen zum Genuserwerb werden zeigen, dass dem distributionellen Lernen zu Erwerbsbeginn wenig Relevanz zukommt. Vielmehr zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass Genus über formale, d.h. besonders phonologische Merkmale der Nomina erworben wird. 4.4.2 Der Erwerb des Genus im monolingualen Erstspracherwerb Die in der Literatur durchgeführten Untersuchungen zum erstsprachlichen Genuserwerb verdeutlichen, dass Kinder die Genusmarkierung am Nomen relativ früh und erstaunlich fehlerfrei erlernen. Die umfangreichste Studie zum Erwerb des Genus im Erstspracherwerb des Französischen wurde von Karmiloff-Smith (1978, 1979) durchgeführt. Ausgehend von der Frage, ob eher formale oder semantische Hinweise den Genuserwerb bei monolingual französischen Kindern bestimmen, führte die Autorin verschiedene Experimente mit 341 französischsprachigen Kindern im Alter von 3 und 12 Jahren durch. Der Hauptbefund der Untersuchung besteht darin, dass eine Hierarchie phonologischer über semantische und distributionelle Regeln für die Genuszuweisung zu Kunstwörtern nachgewiesen wird. In allen Experimenten wurden Kunstwörter verwendet, die sich jeweils auf erfundene Objekte, Tiere und männliche bzw. weibliche Personen bezogen. Dabei wurden die Endungen der auditiv präsentierten Items so manipuliert, dass diese entweder zuverlässig maskulines bzw. feminines Genus anzeigen oder keine Hinweise über das jeweilige Genus geben. Die Abbildungen dieser Referenten (Objekte, Tiere, Personen) wurden unterschiedlich koloriert dargestellt, wobei nur Farben verwendet wurden, bei denen am jeweiligen Farbadjektiv eine Unterscheidung zwischen dem Maskulinum und dem Femininum hörbar ist. Dabei hatten die Kinder die Aufgabe, die kolorierten Abbildungen unter Verwendung des jeweiligen Farbadjektivs zu benennen. Die Untersuchungsergebnisse der Studie zeigen, dass bereits dreijährige Kinder phonologische Hinweise verwenden, um das Genus eines französischen Nomens zu <?page no="187"?> 187 bestimmen. Des Weiteren wurde die Genuszuweisung in Situationen mit Regelkonflikten untersucht, in denen entweder die Artikelform oder das natürliche Geschlecht des Referenten nicht mit dem mit einem bestimmten Suffix des Nomens assoziierten Genus übereinstimmte (z.B. unE bricON). Es wird deutlich, dass ein Konflikt zwischen dem formalen Genusindikator am Nomen -on (mask.) und dem femininen Artikel une besteht. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass sich die Genusmarkierung am Farbadjektiv überwiegend nach dem Genus des Artikels richtet. Besteht eine Konfliktsituation zwischen den formalen Genushinweisen am Nomen und dem natürlichen Geschlecht des Referenten, dann richtet sich die Wahl des Artikels nach der morphophonologischen Struktur des jeweiligen Nomens. Zusammenfassend bringt die Studie von Karmiloff- Smith (1978, 1979) das Ergebnis hervor, dass das formale Lernen beim Genuserwerb eine entscheidende Rolle spielt. Schon bei dreibis vierjährigen französischen Kindern determinieren formale Genusindikatoren die Genuszuweisung zu französischen Nomina. Erst mit zunehmendem Alter gewinnen semantische und distributionelle Eigenschaften an Bedeutung. Insgesamt weist die Studie von Karmiloff-Smith (1978, 1979) für den Genuserwerb bei monolingual französischen Kindern eine Überlegenheit der formalen Genushinweise bis zu einem Alter von 9-10 Jahren nach. Zu ähnlichen Ergebnissen führte die Studie von Tucker et al. (1977), die Muttersprachler des Französischen im Alter von 7 bis 18 Jahren untersucht haben. Die Autoren zeigen ebenfalls, dass dem formalen Lernen eine bedeutende Funktion im Genuserwerb zukommt. In der sprachkontrastiven Studie von Kupisch, Müller & Cantone (2002), in der die Autorinnen den Genuserwerb bei einem monolingual französischen und einem monolingual italienischen Kind hinsichtlich der Verwendung genusmarkierter Artikel analysiert haben, wird deutlich, dass die Genuszuweisung bei beiden Kindern nahezu fehlerfrei verläuft. Im italienischen Korpus entsprechen die Genusfehler einem prozentualen Anteil von 1,3% bei einer Datenbasis von insgesamt 5.385 DPn. Im französischen Korpus beträgt der prozentuale Anteil an Genusfehlern 1,9% bei einer Datenbasis von insgesamt 7.362 DPn. Da beide Kinder nur bis zu einem Alter von 2; 7 Jahren analysiert wurden, kann festgehalten werden, dass der Genuserwerb bereits in sehr frühen Phasen der Sprachentwicklung relativ unproblematisch, d.h. fast fehlerfrei verläuft. Auch im Spanischen vollzieht sich der monolinguale Genuserwerb nahezu fehlerfrei (vgl. Clark 1986, Hernández-Pina 1984, Soler 1984, Pérez-Pereia 1991). Clark (1986) untersuchte die Genuszuweisung zu Nomina bei monolingual spanisch aufwachsenden Kindern. Bei ihrer Analyse von Tagebuchaufzeichnungen und Querschnittstudien kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass im Spanischen die Auslaute -o und -a von den <?page no="188"?> 188 Kindern schon sehr früh mit dem Maskulinum bzw. dem Femininum assoziiert werden. Genuszuweisungsfehler treten besonders bei den spanischen Nomina auf, die nicht mit einem genustransparenten Genusanzeiger assoziiert werden. Im Spanischen wird die Nominalendung -e beispielsweise nicht eindeutig mit einem bestimmten Genus assoziiert, weshalb monolingual spanische Kinder auch Probleme bei der Genuszuweisung zu diesen Nomina zeigen (z.B. *un mask llave fem ). Weiterhin zeigen die Ergebnisse von Clark (1986), dass spanischsprachige Kinder oftmals eine phonologische Anpassung am Nomen vornehmen, indem sie die Nominalendung an den Auslaut des jeweiligen Artikels anpassen. (1) a. una fola [=flor] b. la mujala [=mujer] c. una mana [=mano] (Clark 1986: 706) Pérez-Pereira (1991) führte eine Kunstwortstudie mit 160 monolingual spanisch aufwachsenden Kindern im Alter von 3 bis 8 Jahren durch. Um die Genuszuweisung in Situationen mit Regelkonflikten zu untersuchen, hat Pérez-Pereira (1991) die Kinder mit sich widersprechenden Genusindikatoren konfrontiert. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass spanischsprachige Kinder überwiegend auf die formalen Eigenschaften des Nomens bei der Genuszuweisung achten. Gibt es einen Widerspruch zwischen dem formalen Genushinweis am Nomen und dem natürlichen Geschlecht, dann orientieren sich die Kinder überwiegend an der morphophonologischen Struktur des Nomens. Demzufolge kann auch für den Genuserwerb im Spanischen festgehalten werden, dass die Kinder eher formale als semantische Aspekte bei der Genuszuweisung berücksichtigen. Weiterhin lässt sich auch für den Genuserwerb im Italienischen nachweisen, dass monolinguale Kinder Genus problemlos erwerben. Die Autoren Pizzuto & Caselli (1992) analysieren Sprachdaten von insgesamt drei monolingual italienisch aufwachsenden Kindern im Alter von 1; 4 bis 3; 0 Jahren und zeigen, dass die Genusfehlerrate bei der Genusmarkierung am definiten und indefinten Artikel nur 3-4% beträgt. Die Longitudinalstudie von Chini (1995), in der die Autorin den Genuserwerb bei einem monolingual italienischen Kind analysiert hat, bestätigt den empirischen Befund von Pizzuto & Caselli (1992). Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass das italienische Kind nur eine einzige nicht-zielsprachliche Genuszuweisung bis zu einem Alter von 3 Jahren produziert hat. Eine weitere Studie wurde von Cipriani et al. (1993) durchgeführt, in der die Autoren den Artikelerwerb bei vier monolingual italienisch aufwachsenden Kindern untersucht haben. Hierbei gehen die Autoren der Frage nach, warum der feminine definite Artikel la früher erworben wird als <?page no="189"?> 189 der maskuline Artikel il. Cipriani et al. (1993) argumentieren dafür, dass die phonologische Übereinstimmung zwischen dem vokalischen Auslaut -a des definiten Artikels la und dem vokalischen Auslaut -a des Nomens einen beschleunigenden Effekt auf den Erwerb der definiten Artikelform la hat (la ragazza vs. il ragazzo). Ausgehend von diesen Beobachtungen folgern die Autoren, dass einige morphophonologische Strukturen leichter zu erwerben sind als andere, weil sie bestimmte saliente Eigenschaften aufweisen. Serratrice (2000) weist der Salienz ebenfalls eine entscheidende Rolle zu. Sie behauptet, dass im Spanischen und Italienischen eine weitaus größere Übereinstimmung zwischen dem Artikel und dem phonologischen Auslaut des Nomens besteht als im Französischen. Der Erwerb eines Zielsystems, das klare und binäre Unterscheidungen hinsichtlich der morphophonologischen Struktur der Nomina besitzt, kann leichter erworben werden als ein System, dem diese Eigenschaften fehlen. Mit anderen Worten kann die Transparenz sowohl den frühen Determinantenerwerb als auch den Genuserwerb unterstützen bzw. beschleunigen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Genus im Erstspracherwerb bei romanischsprachigen Kindern kaum Probleme bereitet. Weiterhin haben sprachkontrastive Studien zum Genuserwerb im Französischen, Spanischen und Italienischen gezeigt, dass französischsprachige Kinder im Erwerbsprozess geringfügig mehr Genusfehler machen als italienisch- und spanischsprachige Kinder. Ausgehend von den Beobachtungen zum Genuserwerb bei romanischsprachigen Kindern werden im Folgenden Studien zum Erwerb des Genus bei deutschsprachigen Kindern vorgestellt. In der Studie von MacWhinney (1978) wurden deutschsprachige Kinder im Alter von 3 bis 12 Jahren hinsichtlich der Genuszuweisung zu Kunstwörtern analysiert. Die Untersuchung bestätigt die Annahme, dass Kinder Genusindikatoren am Nomen bei der Genuszuweisung berücksichtigen, wenn sie nicht auf auswendiggelernte Formen zurückgreifen können. Bei einer Kunstwortstudie kann das Kind nicht auf das Genus bereits erworbener Wörter zurückgreifen, da es schließlich mit nichtexistierenden Wörtern konfrontiert wird, die es erworben haben kann. Im Vergleich zu den Studien mit romanischsprachigen Kindern zeigen die Untersuchungsergebnisse von MacWhinney (1978), dass deutschsprachige Kinder erst ab einem Alter von 4 Jahren auf formale Genusindikatoren achten und somit erst später von morphophonologischen Genushinweisen Gebrauch machen als romanischsprachige Kinder. Ausgehend von der Beobachtung, dass deutschsprachige Kinder erst mit zunehmendem Alter verstärkt auf verschiedene Genusindikatoren achten, folgert Mac- Whinney, dass sich jüngere Kinder vermutlich überwiegend auf auswendig gelernte Formen verlassen. Die Studie von Eichler, Jansen & Müller <?page no="190"?> 190 (2011), in der zwei monolingual deutsch aufwachsende Kinder im Alter von 1; 9 bis 5; 0 Jahren analysiert wurden, zeigt, dass deutschsprachige Kinder bis zu ihrem vierten Lebensjahr Probleme bei der Genuszuweisung haben. Die Genusfehleranalyse hinsichtlich der Genusmarkierung am definiten und indefiniten Artikel verdeutlicht, dass der prozentuale Anteil an Genusfehlern ca. 10-20% bis zum vierten Lebensjahr beträgt. Eine weitere Studie mit deutschsprachigen Kindern im Alter von 5 bis 10 Jahren wurde von Mills (1978) durchgeführt. Dabei hatten die Kinder die Aufgabe, zu zehn vorgegebenen Nomina, die jeweils mit einer der drei Formen des definiten Artikels (der, die, das) verbunden waren, die richtige Artikelform auszuwählen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die meisten Genusfehler durch die Tendenz zur Übergeneralisierung der femininen Artikelform die zustande kommen. In einem weiteren Experiment analysierte Mills (1986) den Gebrauch des bestimmten Artikels bei 55 deutschsprachigen Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren. Dabei sollten die Kinder mittels des definiten Artikels auf fünf bis sechs bekannte Objekte referieren. Die Ergebnisse zeigen, dass insgesamt nur wenige Fehler beim Gebrauch des bestimmten Artikels auftreten. Nur 5% der Genuszuweisungen waren inkorrekt. Des Weiteren bringt die Studie von Mills (1986) das Ergebnis hervor, dass bei den femininen Nomina weniger Genusfehler auftreten als bei den anderen beiden Genera. Allerdings sei darauf hingewiesen, dass die Untersuchungsergebnisse möglicherweise durch die unausgewogene Itemauswahl nicht repräsentativ sind, da die femininen Nomina eindeutigere formale Genushinweise aufwiesen als die Items für die Maskulina und Neutra. Weiterhin führte Mills (1986) ein Experiment mit 16 deutschsprachigen Kindern im Alter von 7 bis 9 Jahren durch, in dem sie den Kindern insgesamt 44 einsilbige Kunstwörter vorlegte, deren Struktur die von Köpcke und Zubin (1982) formulierten phonologischen Genusindikatoren berücksichtigten. Dabei ging die Autorin der Frage nach, inwieweit formale Genushinweise bei der Genuszuweisung ausschlaggebend sind. Die Testitems wurden mit je zwei möglichen definiten Artikeln präsentiert. Die Aufgabe der Kinder bestand darin, die jeweiligen Testitems auszuwählen, die das „richtige“ Genus aufwiesen. In diesem Zusammenhang meint das korrekte Genus dasjenige, das auf der Basis der verschiedenen formalen Genushinweise das wahrscheinlichste ist. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass ausschließlich die Regeln, die maskulines Genus vorhersagen, signifikant bessere Zuweisungswerte erzielten. In der Studie von Szagun et al. (2007) wurden insgesamt 21 deutschsprachige Kinder im Alter von 1; 4 bis 3; 8 Jahren im Hinblick auf die Verwendung genusmarkierter Artikel in der Spontansprache analysiert. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Kinder bereits mit 1; 6 <?page no="191"?> 191 Jahren genusmarkierte Artikelformen verwenden und der Gebrauch bei allen Kindern ab einem Alter von ca. drei Jahren zu 90% zielsprachlich ist. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die meisten Studien zum Genuserwerb bei monolingualen Kindern ihren Fokus eher darauf legen, wie die Genuszuweisung zu Nomina erfolgt als auf die Bewertung, wie erfolgreich die Kinder eigentlich sind. Insgesamt liefern die Studien zum Genuserwerb Evidenz dafür, dass die Genuszuweisung bei deutschsprachigen und romanischsprachigen Kindern gewissen semantischen, morphologischen und phonologischen Regeln folgt. Hierbei wurde deutlich, dass besonders die formalen Genusindikatoren bei der Genuszuweisung von Kindern genutzt werden. Dennoch kann der Erwerb des Genus nicht ausschließlich auf das formale Lernen zurückgeführt werden. Vermutlich stützen sich Kinder sowohl auf regelbasierte Mechanismen als auch auf Strategien des Auswendiglernens im Erwerbsprozess. In welchem Ausmaß Kinder unterschiedliche Strategien verfolgen, kann durch die bisher durchgeführten Studien in der Literatur noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden. Des Weiteren haben sprachkontrastive Genusfehleranalysen gezeigt, dass monolingual deutschsprachige Kinder im Vergleich zu romanischsprachigen Kindern mehr Fehler bei der Genuszuweisung zu Nomina machen (vgl. u.a. Eichler, Jansen & Müller 2011). Bei den monolingual deutsch aufwachsenden Kindern liegt der prozentuale Anteil an Genusfehlern bei ca. 10% bis zum 3. Lebensjahr, während dieser bei romanischsprachigen Kindern ca. 1-2% beträgt. Ein möglicher Grund dafür könnte die Fusion von Genus-, Kasus- und Numerusmarkierung in den Deklinationsflexiven im Deutschen sein, die Probleme im Erwerbsprozess verursacht. Somit könnte die Komplexität des deutschen Genussystems eine mögliche Ursache dafür sein, dass deutschsprachige Kinder im Vergleich zu romanischsprachigen Kindern mehr Probleme beim Genuserwerb aufweisen. 4.4.3 Der Erwerb des Genus im bilingualen Erstspracherwerb Im vorhergehenden Abschnitt wurden Untersuchungen zum Erwerb des Genus bei monolingual deutsch- und romanischsprachigen Kindern vorgestellt. In diesem Abschnitt stehen nun ausgewählte Studien zum Genuserwerb bei bilingualen Kindern im Mittelpunkt. Ausgehend von der Beobachtung, dass das Genus im monolingualen Erstspracherwerb wenig Probleme bereitet, wurden in der Literatur Studien zum Genuserwerb bei bilingual aufwachsenden Kindern durchgeführt, um zu überprüfen, ob sich der Erwerb ebenso vollzieht wie im jeweiligen monolingual romanisch- und deutschsprachigen Kind. Kupisch, Müller und Cantone (2002) untersuchen den Genuserwerb bei einem bilingual deutsch-französischen <?page no="192"?> 192 Kind, zwei bilingual deutsch-italienischen Kindern und jeweils einem monolingual italienischen und einem monolingual französischen Kind im Alter von 1; 7 bis 3; 6 Jahren. Im Vergleich zu den beiden deutschitalienischen Kindern, die eine ausgeglichene Sprachenentwicklung aufweisen, entwickelt das deutsch-französische Kind das Französische als schwache Sprache. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die bilingual deutsch-italienischen Kinder im Italienischen nur geringfügig mehr Fehler bei der Genuszuweisung zu Nomina produzieren als das monolingual italienische Kind. Im Gegensatz dazu konnte eine weitaus größere Differenz zwischen dem monolingual französischen und dem bilingual deutsch-französischen Kind im Französischen festgestellt werden. Aus der Beobachtung, dass das deutsch-französische Kind deutlich mehr Genusfehler im Französischen macht als das monolingual französische Kind Grégoire, folgern die Autoren, dass die Sprachdominanz möglicherweise einen Einfluss auf den Genuserwerb hat. Kupisch, Müller und Cantone (2002) nehmen an, dass das deutsch-französische Kind in der romanischen Sprache mehr Genusfehler aufweist, da sich das Französische langsamer entwickelt als die romanische Sprache der anderen Kinder und auch langsamer als die dominante Sprache Deutsch. Die Autorinnen behaupten, dass der Erwerb von Genusregeln für monolinguale Kinder einfacher ist als für bilinguale Kinder. Dabei weisen sie jedoch daraufhin, dass monolinguale Kinder nicht besser beim Regelerwerb sind, sondern schneller als bilinguale Kinder. Des Weiteren hat die Studie gezeigt, dass bilinguale Kinder die Genussysteme unabhängig voneinander erwerben, d.h. es wurde keine Evidenz für Spracheneinfluss gefunden. Nur in sechs Fällen (Typen und Token) von allen nicht-zielsprachlichen Realisierungen entspricht die Genusmarkierung an der romanischen Determinante dem Genus des deutschen Äquivalents. Eine weitere Studie zum erstsprachlichen Genuserwerb wurde von Kupisch & Müller (2004) bei einem deutsch-französischen und einem deutsch-italienischen Kind im Alter von 1; 6 bis 2; 6 Jahren durchgeführt. Beide Kinder werden als balanciert im Hinblick auf ihre sprachliche Entwicklung klassifiziert. Die Studie bringt das Ergbenis hervor, dass sich die Anzahl der Genusfehler in der jeweiligen romanischen Sprache (Italienisch, Französisch) bei beiden Kindern unterscheidet: Das deutsch-französische Kind weist über die gesamte Entwicklung mehr Genusfehler im Französischen auf als das deutschitalienische Kind im Italienischen. Die Autorinnen argumentieren dafür, dass kein kausaler Zusammenhang zwischen den nicht-zielsprachlichen Genuszuweisungen und dem jeweiligen Balanciertheitsgrad im bilingualen Kind bestehen kann, da beide Kinder eine ausgeglichene Sprachentwicklung aufweisen. Vielmehr scheint die zu erwerbende Sprache einen Einfluss auf die Akkuratheit hinsichtlich der Genuszuweisung zu haben. <?page no="193"?> 193 Was die ausschlaggebenden Faktoren im jeweiligen Sprachsystem sind, muss an dieser Stelle zunächst offen bleiben. Vermutlich spielen hierbei formale Kriterien für die Genuszuweisung im Französischen und Italienischen eine Rolle, da der Grad an formaler Transparenz im Französischen vergleichsweise gering ist. Weitere Studien wurden von Müller (1987, 1990, 1994, 1995, 1999) durchgeführt, in denen die Autorin den Genuserwerb bei insgesamt drei bilingual deutsch-französisch aufwachsenden Kindern im Alter von 1; 6 bis 3 Jahren und 1; 6 bis 5 Jahren analysiert hat. Müller beobachtet bei den Kindern mehrere Phasen 54 des Erwerbsverlaufs: Die erste Phase beginnt im Alter von 1; 8 Jahren, in der sogenannte „Protoformen“ wie [ ], [ ] und [ ] verwendet werden, die aber nicht als Genusmarker zu interpretieren sind, da sie mit Nomina aller Genera auftreten. In der zweiten Phase (1; 9 bis 2; 0 Jahren) treten die indefiniten Artikelformen ein und eine auf, wobei diese Formen nicht genusspezifisch gebraucht werden (z.B. ein mask/ neutr Tisch mask - eine fem Tisch mask ). In diesem Stadium werden auch die und das als deiktische Referenz gebraucht, wobei die für [+Hum] und das für [- Hum] verwendet wird. Insgesamt ist die zweite Phase sowohl im Französischen als auch im Deutschen dadurch charakterisiert, dass die Nomina jeweils nur mit einer Artikelform auftreten. In der dritten Phase (2; 0 bis 2; 6 Jahren) treten die einzelnen Nomina nicht mehr nur mit einem, sondern mit mehreren Artikelformen auf (z.B. frz. un mouton - le mouton und ein Bär - der Bär). Es wird deutlich, dass die Kinder bestimmte Formen der Funktionswörter in eine paradigmatische Relation bringen. Darüber hinaus dominieren in dieser Phase besonders im Deutschen definit markierte Nominalphrasen, wobei die Form das in der Funktion einer Determinante vermieden und überwiegend durch die Formen der oder die ersetzt wird. Müller (1990) zieht als eine mögliche Erklärung für die Vermeidung des definiten Artikels das die Homophonie mit dem Demonstrativpronomen das in Betracht. Des Weiteren zeigt die Autorin, dass sich in dieser Phase die von der Zielsprache abweichenden Genuszuweisungen auf nichtnominative Formen beschränken. Darüber hinaus weist die Autorin phonologische Genusregularitäten beim Gebrauch definiter Artikelformen nach. Die nicht-zielsprachlichen Verwendungen des definiten Artikels zeigen, dass die Kinder den definiten Artikel aufgrund phonologischer Merkmale der Nomina zuweisen (vgl. Müller 1987, 1990, 1994). So wählen alle Kinder bei französischen Nomina, die auf einen nasalen Vokal aus- 54 Die Altersangaben beziehen sich auf die Studien von Müller (1987, 1990, 1994, 1995, 1999) und können individuell, d.h. kindspezifisch, variieren. Dennoch verläuft die generelle Abfolge der Erwerbsphasen in den verschiedenen Untersuchungen parallel. <?page no="194"?> 194 lauten, die maskuline Form le mask , auch wenn dieses nicht der Zielsprache entspricht, wie bei main fem , dent fem , maison fem , maman fem , télévision fem . Dieses Untersuchungsergebnis verdeutlicht, dass die Kinder eine Regularität des französischen Genussystems erkannt haben, nämlich dass französische Nomina, die auf einen Nasal auslauten, Maskulina sind. Weiterhin zeigen auch die nicht-nasalen vokalischen Auslaute [e] und [o] eine Tendenz zur Übergeneralisierung von le mask , z.B. le mask clé fem , le mask poupée fem , le mask photofem , le mask moto fem . Eine weitere Genusregel kann die Autorin für die auf Schwa auslautenden Nomina im Deutschen nachweisen, da die Kinder auch maskuline Nomina, die auf Schwa auslauten, mit dem femininen definiten Artikel kombinieren (z.B. die fem Hase mask ). Diese Beobachtung zeichnet sich ebenfalls für Plural-DPn ab, die zur Einzahlreferenz und mit der definiten Artikelform die gebraucht werden (z.B. die Pferde, die Sterne). 55 Nach Müller (1987, 1990, 1994) besteht die Schwierigkeit für das Kind darin, die beiden Verwendungen der Form die in Verbindung mit diesen Nomina zu unterscheiden, d.h. zu erkennen, dass es sich bei den Nomina mit dem Auslaut [-- ] um die Genusmarkierung und bei den Nomina mit dem Pluralmorphem -e um die Numerusmarkierung handelt. Bei der Verwendung indefiniter Artikelformen zeigt sich, dass die Wahl bis zu einem Alter von drei Jahren nicht von formalen Eigenschaften des zu begleitenden Nomens abhängt. Verglichen mit dem Gebrauch des definiten Artikels spiegelt die Verwendung indefiniter Artikelformen keine Genusregularitäten wider, bzw. scheint sie sogar der für den definiten Artikel gefundenen Regularitäten zu widersprechen. So gebrauchen alle Kinder neben un auch une mit Nomina, die sie bereits in der Zielsprache entsprechend immer mit le verwenden, le mask pied mask - une fem pied mask , le mask lit mask - une fem lit mask . Weiterhin wird deutlich, dass sich der Gebrauch beider indefiniter Artikelformen auch für Nomina mit anderen Auslauten nachweisen lässt (z.B. un mask dame fem - une fem dame fem , une fem abeille fem - un mask abeille fem . Insgesamt zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass sich phonolo-gische Genusregularitäten nur auf die Verwendung definiter Artikelformen beschränken. Des Weiteren bringt die Studie von Müller das Ergebnis hervor, dass die feminine indefinite Form une häufiger durch den maskulinen Artikel ersetzt wird als andersherum (vgl. auch Möhring 55 Die Untersuchungsergebnisse von Müller (1990, 1994, 1999) zeigen, dass Kinder die Abfolge les/ die + N Plural sowohl zur Mehrzahlals auch zur Einzahlreferenz gebrauchen. Im Gegensatz dazu werden die Abfolgen (in)definiter Artikel + N Plural und (in)definiter Artikel + N Singular immer zur Einzahlreferenz verwendet und niemals zur Mehrzahlreferenz. Nach Müller (1990, 1994, 1999) liefern die Ergebnisse Evidenz dafür, dass die Kinder mit dem Merkmal [+sg] als Default beginnen und das Merkmal [-sg] anschließend erwerben. <?page no="195"?> 195 1998, 2001, Pupier 1982). Müller (1994) begründet die Übergeneralisierung durch den anfänglichen Gebrauch von un als Numeral mit referentieller aber nicht mit genusanzeigender Funktion. Weiterhin belegt Müller (1987, 1990, 1994), dass Kinder bereits im Alter von 2 Jahren das natürliche Geschlechtsprinzip (NGP) zur Genuszuweisung nutzen. Bei den Wörtern, die eindeutig auf ein männliches oder weibliches Lebewesen verweisen, werden die entsprechenden Artikelformen verwendet: die Mama, der Papa, die Oma, der Opa. Weiterhin zeigt Müller (1987, 1990, 1994), dass die Kinder im Deutschen aufgrund einer Position in der syntaktischen Struktur eine Determinante auswählen, da die Artikelform die in den Konstruktionen wo ist die N und wo sind die N, mit denen die Kinder auch auf Einzelobjekte referieren, formelhaft verwendet wird (z.B. wo’s die Fisch? , wo’s die Auto? ). In der sich anschließenden Erwerbsphase (2; 7 bis 3; 0 Jahre) wird das Genusparadigma langsam aufgebaut, wobei die Kinder Schwierigkeiten haben zu erkennen, dass die definiten und indefiniten Artikelformen zum gleichen Genus-Paradigma gehören. Der indefinite Artikel wird dabei unabhängig von den Eigenschaften des Nomens mit den definiten Artikeln in Paradigmen geordnet. Die folgende Phase (3; 0 - 4; 0 Jahre) ist dadurch gekennzeichnet, dass die Kinder das Maskulinum- und Femininum-Genusparadigma bereits vollständig etabliert haben, während das Neutrum überwiegend von der Zielsprache abweichend verwendet wird. Im Hinblick auf die nicht-ziel-sprachliche Genuszuweisung zu den deutschen Neutra wird deutlich, dass diese ausschließlich mit maskulinen definiten Artikelformen gebraucht werden. Derartige Übergeneralisierungen betreffen vor allem Einsilber, wie der mask Rad neutr , der mask Huhn neutr und der mask Schwein neutr , die vermutlich auf die Anwendung des Einsilberprinzips zurückzuführen sind. Darüber hinaus sind die definiten und die indefiniten Artikelformen in diesem Stadium in ein Paradigma integriert. In der letzten Phase erfolgt schließlich der Aufbau des gesamten Genusparadigmas. In der Studie von Möhring (2001) wurde der Genuserwerb von sieben deutschsprachigen Kindern untersucht, die Französisch im Vorschulalter als L2 erwerben. Alle Kinder haben deutschsprachige Eltern und besuchten eine französische Vorschule ab einem Alter von ca. drei Jahren. Die Autorin kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Wahl des Artikels auf den formalen Eigenschaften von Nomina basiert. Die zielsprachlichen Realisierungen für maskuline (85,7%) und für feminine Artikel (71,4%) waren vergleichbar mit den Ergebnissen der vierjährigen monolingual französisch aufwachsenden Kinder. Folglich verhalten sich deutschsprachige Kinder, die Französisch in einem frühkindlichen Alter als L2 erlernen, nicht anders als bilingual deutsch-französische Kinder, die beide Sprachen von Geburt an simultan erwerben. In der Longitudinalstudie zum <?page no="196"?> 196 Determinantenerwerb von Pupier (1982) wurden neun bilingual englischfranzösisch aufwachsende Kinder unersucht. Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Übergeneralisierung der maskulinen Artikelform im Französischen, die Müller (1987, 1994, 1999) ebenfalls in ihren Daten beobachtet hat. Kuchenbrandt (2008) untersuchte den Genuserwerb bei drei bilingual deutsch-spanisch, drei monolingual deutsch und drei monolingual spanisch aufwachsenden Kindern. Hierbei geht Kuchenbrandt (2008) der Frage nach, ob bilinguale Kinder im Vergleich zu monolingualen Kindern mehr Genusfehler bei der Genuszuweisung zu Nomina machen. Im Spanischen wird den Nomina sowohl von den bilingualen als auch von den monolingualen Kindern von Beginn an das der Zielsprache entsprechende Genus zugewiesen. Ferner verdeutlichen die Ergebnisse, dass sich im Deutschen der bilingualen Kinder ein beschleunigender Einfluss auf den Genuserwerb nachweisen lässt. Mit anderen Worten erwerben die bilingualen Kinder das Genus im 2. Lebensjahr schneller als die untersuchten monolingual deutsch aufwachsenden Kinder. Die Studie von Cantone (1999) zum Genuserwerb eines bilingual deutsch-italienischen Kindes hat gezeigt, dass das bilinguale Kind von Beginn an zwei getrennte Genussysteme erwirbt und der Erwerbsprozess unproblematisch verläuft. In der Untersuchung von Idiazabal (1995) wurden Spontandaten eines bilingual spanisch-baskischen Kindes im Alter von 1; 11 bis 3; 2 Jahren analysiert. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Genusfehler überwiegend mit dem indefiniten Artikel bis zu einem Alter von 2; 7 Jahren auftreten. 4.5 Genus und Psycholinguistik Der vorliegende Abschnitt beschäftigt sich mit der Schnittstelle von Genus, Psycholinguistik und der Mehrsprachigkeit bilingualer Sprecher. In der Psycholinguistik existieren unterschiedliche Annahmen bezüglich der Speicherung von Genus, die in verschiedenen Modellen zum Ausdruck kommen, und die unterschiedliche Vorhersagen über den Abruf von Genusinformation machen. Das Ziel des Kapitels besteht darin, die unterschiedlichen Modelle vorzustellen, um Vorhersagen für die Genuszuweisung in der gemischten DP zu machen. Außerdem wird es um die Frage gehen, inwieweit die einzelnen Genusregeln, die im Unterkapitel 4.3 für die einzelnen Sprachen vorgestellt worden sind, eine Rolle bezüglich des Abrufs von Genusinformation spielen könnten. Inwiefern Informationen von der semantisch-konzeptuellen und von der formalen Repräsentationsebene die Aktivierung einer genuskongruenten Form beeinflussen können und inwieweit die formale Transparenz Auswirkungen auf den Abruf von Genusinformation hat, wird je nach psycholinguistischem Mo- <?page no="197"?> 197 dell unterschiedlich beantwortet. Aufgrund der unterschiedlichen Modellierungen hinsichtlich der Genusrepräsentation, sollen im Anschluss empirische Studien präsentiert werden, die die Frage nach der zeitlichen Abfolge des Zugriffs auf die Genusinformation untersuchen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die grammatische Kategorie Genus Muttersprachlern keine Probleme bereitet insofern, als die Genusinformation regelmäßig aus dem mentalen Lexikon abgerufen wird und Genusfehler bei der Sprachproduktion nur äußerst selten beobachtet werden. Es wird deutlich, dass der Genusabruf mit einem gewissen Automatismus verbunden sein muss, der einem Sprecher nicht unbedingt bewusst ist. In diesem Zusammenhang weist Levelt (1989) darauf hin, dass ein kompetenter Sprecher bei der Sprachproduktion zwischen zwei und fünf Wörtern pro Sekunde aus seinem aktiven Wortschatz, der ca. 30.000 Einträge umfasst, auswählt. Der Zugriff auf das mentale Lexikon erfolgt demnach mit einer enormen Geschwindigkeit, bei dem Sprecher erstaunlich wenige Fehler machen. Aus diesem Grund sollte man annehmen, dass einzelne Verarbeitungsabläufe vermutlich parallel erfolgen. In der Psycholinguistik sind insgesamt drei unterschiedliche Ansätze vorherrschend, die jeweils von einer unterschiedlichen Speicherung der Genusinformation ausgehen: 1. lexikalische Speicherung, 2. Berechnung von Genusinformation und 3. lexikalische Speicherung und Berechnung von Genus. In der psycholinguistischen Literatur werden für die lexikalische Speicherung von Genus zwei unterschiedliche Arten angenommen: 1. Speicherung des Genus für jedes einzelne Nomen sowie 2. generische Speicherung der Genusinformation (vgl. Neumann 2000). Generische Speicherung meint, dass es jeweils einen Genusknoten für die jeweiligen Genusklassen in einer Sprache gibt, unter dem alle Nomina mit diesem Genus subsumiert werden. Die generische Speicherung erweist sich somit als eine „speicherfreundliche“ Methode, da die Anzahl von Genuseinträgen gleich der Anzahl der in der jeweiligen Sprache vorhandenen Genera ist. Daraus folgt, dass die jeweiligen Genuseinträge mit allen Nomen der zugehörigen Kategorie fest verbunden sind. Die Berechnung von Genus erfolgt beispielsweise auf der Basis von Genusanzeigern (u.a. Suffixen, die mit einem bestimmten Genus assoziiert werden). Dass Muttersprachler auf der Basis von semantischen und formalen Genusregularitäten nie zuvor gehörten Nomina oder Kunstwörtern ein bestimmtes Genus zuweisen können, liefert Evidenz dafür, dass das Verarbeitungssystem Genus online berechnen kann. Sogenannte hybride Modelle nehmen sowohl eine lexikalische Speicherung der Genusinformation als auch eine Berechnung von Genus an. Es wird deutlich, dass die Berechnung von Genus nicht notwendigerweise eine lexikalische Speicherung ausschließt. Schließlich <?page no="198"?> 198 kann das Genus auch dann als abstraktes Merkmal gespeichert sein, wenn auf der Basis formaler und semantischer Genusregularitäten die Genusinformation abgeleitet werden kann. Im Folgenden sollen zwei in der Psycholinguistik vorherrschende Modelle vorgestellt werden, die jeweils unterschiedliche Vorhersagen bezüglich des Abrufs von Genusinformationen aus dem mentalen Lexikon machen. Zunächst soll das hierarchisch-serielle Modell von Levelt (1989) zur Sprachproduktion und -perzeption vorgestellt werden. Dieser Ansatz geht von einer generischen Speicherung der Genusinformation aus. Im Anschluss daran, werden zwei Kaskadenmodelle vorgestellt, das Independent Network Model von Caramazza (1997) und das Interactive Activation Model von Dell (1986), die eine kontinuierliche bzw. kaskadierende Aktivierungsausbreitung postulieren. Insgesamt wird sich die Darstellung der einzelnen psycholinguistischen Modelle auf die für die vorliegende Arbeit relevanten Aspekte beschränken, um Vorhersagen über den Einfluss der formalen Genustransparenz auf die Genuszuweisung in der gemischten DP zu machen. 4.5.1 Hierarchisch-serielle Modelle Hierarchisch-serielle Modelle oder auch symbolverarbeitende Modelle nehmen zwei getrennte Ebenen (Lemma- und Lexemebene) im mentalen Lexikon an. Man spricht von einer horizontalen Gliederung des Lexikons in Informationsebenen. Beim Zugriff auf das mentale Lexikon werden zwei Verarbeitungssequenzen unterschieden: 1. die lexikalische Verarbeitung (Lemmainformation) und 2. die phonologische, morphologische Verarbeitung (Lexeminformation). Die Lemmaebene beinhaltet syntaktische und semantische Informationen, die Lexemebene phonologische und morphologische Informationen. Genus wird hier als Teil der Lemmainformation betrachtet, d.h. jedes Nomen hat eine Verbindung zu einem entsprechenden Genusknoten. Für jede Genusklasse gibt es einen Eintrag, mit dem alle entsprechenden Nomina verbunden sind. Außerdem ist der Genusknoten nicht ausschließlich mit dem Nomen-Lemma verbunden, sondern auch mit Elementen, die in einer Kongruenzbeziehung zu dem Nomen stehen können (z.B. Artikel und Adjektive). Auf der konzeptuellsemantischen Ebene werden verschiedene Konzepte in Form von unabhängigen Einzelknoten repräsentiert, wobei die einzelnen Konzeptknoten untereinander in komplexen Beziehungen miteinander vernetzt sind. Jedes Lemma hat einen entsprechenden Knoten auf der Lexemebene, der wiederum mit einem weiteren Knoten verbunden ist, welcher für phonologische und orthographische Informationen des Wortes spezifiziert ist. Des Weiteren unterscheidet das hierarchisch-serielle Modell zwischen <?page no="199"?> 199 drei wichtigen Operationsprinzipien: 1. das Prinzip der Serialität, 2. das Prinzip der Diskretheit und 3. das Prinzip der Unidirektionalität. Unter dem Prinzip der Serialität versteht man eine dreigliedrige Verarbeitung bei der Produktion einer lexikalischen Einheit, die zeitlich nacheinander durchlaufen wird. Input von der konzeptuellen Ebene aktiviert zunächst semantisch-lexikalische Einheiten auf der Lemma-Ebene. Anschließend muss eines der aktivierten Lemmata selektiert werden, um die Information an die Lexemebene weiterzugeben und dort die entsprechenden phonologischen Elemente zu aktivieren. Demnach ist der serielle Ablauf dadurch gekennzeichnet, dass die phonologische Enkodierung erst dann beginnt, wenn das Lemma aktiviert und selektiert worden ist. Nach dem Prinzip der Diskretheit verläuft die Verarbeitung auf der Lemma- und Lexemebene diskret, d.h. sie muss auf der Lemma-Ebene abgeschlossen sein, bevor sie auf der Lexemebene erfolgen kann. Das Operationsprinzip der Unidirektionalität nimmt an, dass der Fluss der Aktivierung von der Lemmazur Lexemebene top-down erfolgt. Ein Feedback von der Lexemzur Lemmaebene wird damit ausgeschlossen. Die Frage, ob die morphologische Genustransparenz (Lexemebene) den Abruf der Genusinformation (Lemmaebene) beeinflusst, wird somit im Rahmen hierarchischserieller Modelle negiert. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass im hierarchisch-seriellen Modell Genus lexikalisch gespeichert ist und somit einen Bestandteil der Lemmainformation darstellt. Bei der Sprachproduktion muss die Genusinformation zuerst selektiert werden, bevor die entsprechenden phonologischen Informationen aktiviert werden können. Daraus resultiert, dass der Abruf der Genusinformation unabhängig von der formalen Transparenz eines Nomens erfolgt. Im Rahmen des hierarchisch seriellen Modells können formale Genusindikatoren, die auf der Lexemebene gespeichert sind, keinen Einfluss auf den Abruf von Genusinformation haben, da dieser dem Abruf von Wortinformationen zeitlich vorausgeht. 4.5.2 Kaskadenmodelle Im Folgenden werden zwei Kaskadenmodelle vorgestellt, das Independent Network Model von Caramazza (1997) und das Interactive Activation Model von Dell (1986), die eine kontinuierliche Aktivierungsausbreitung annehmen, d.h. vor der Selektion eines Lemmas kann Aktivierung an die Lexemebene weiterfließen. Mit anderen Worten erlauben Kaskadenmodelle eine parallele Aktivierung der syntaktischen und phonologischen Eigenschaften eines Wortes durch ein konzeptuelles Netzwerk. Die parallele Verarbeitung ist eine grundlegende Eigenschaft von Kaskadenmodellen. <?page no="200"?> 200 Die wichtigsten Vertreter, die von einer kaskadierenden Aktivierungsausbreitung ausgehen, sind Caramazza (1997) und Dell (1986). Caramazza (1997) nimmt eine unidirektionale Aktivierungsausbreitung an, während Dell (1986) sogenannte Feedback-Mechanismen und demzufolge eine bidirektionale Aktivierungsausbreitung postuliert. Es wird deutlich, dass sich die beiden Modelle bezüglich des Aktivierungsflusses unterscheiden: Independent Network Modelle gehen von einer unidirektionalen und Interactive Activation Modelle von einer bidirektionalen Aktivierungsausbreitung aus. Bei einer unidirektionalen Aktivierungsausbreitung überlappen sich die Aktivierung des Ziel-Lemmas und die phonologische Aktivierung innerhalb eines bestimmten Zeitintervalls. Sobald die Selektion eines Lemmas stattgefunden hat, wird es jedoch wieder in den Ausgangszustand vor der Aktivierung versetzt. Im Gegensatz dazu besteht bei einem Feedback-Mechanismus eine Rückkopplung von der Lexemzur Lemmaebene, sodass eine späte Aktivierung auf der Lemmaebene bewirkt wird. Der Unterschied zwischen den beiden Modellen besteht demzufolge darin, dass bei einer bidirektionalen Aktivierung nach der Lemma-Selektion das Ziellemma nicht in einen Ruhezustand versetzt wird, sondern die Lemma-Aktivierung zu einem späteren Zeitpunkt nochmals ansteigt, da von der Lexemebene Aktivierung zurückfließt. Sprachliches Wissen wird in einem kaskadierenden Modell durch mehrere Knoten repräsentiert. Wird auf der konzeptuellen Ebene ein Knoten aktiviert, dann kommt es zur Aktivierung aller lexikalischen Einheiten auf der Lemmaebene, die mit diesem sprachlichen Konzept korrelieren (z.B. Hund, Katze, Maus). Während auf der Lemmaebene die Selektion noch nicht abgeschlossen ist, aktivieren die bereits gefundenen Lemmata ihre entsprechenden phonologischen Repräsentationen auf der phonologischen Ebene. Der Knoten mit der höchsten Aktivierung auf der Lemmaebene wird als Ziel-Lemma selektiert, wodurch die phonologische Repräsentation ebenfalls mehr Aktivierung erhält und in der Regel eine phonologische Repräsentation selektiert und artikuliert wird. Man spricht von einer bidirektionalen Ausbreitung, da die phonologische Ebene wiederum gegenläufige Feedback- Signale zurück zur Lemmaebene zulässt. Es wird deutlich, dass sich das Interactive Activation Model in einigen grundlegenden Aspekten von einem hierarchisch-seriellen Modell unterscheidet (vgl. Menzel 2004: 247): 1. Auf der Konzeptebene wird die Wortbedeutung nicht als einzelner Knoten repräsentiert, sondern als distributive Aktivierung komponentieller Merkmalsknoten. 2. Zwischen den einzelnen Verarbeitungsebenen existieren bidirektionale Verbindungen, die ein Feedback von der Lexemzur Lemmaebene ermöglichen. <?page no="201"?> 201 3. Durch eine kaskadierende Aktivierungsausbreitung können syntaktische Eigenschaftsknoten (z.B. Genus) bereits geprimt und ein Teil dieser - für eine Selektion jedoch nicht ausreichend starke - Voraktivierung an die Lexemebene weitergeleitet werden, bevor ein Ziellemma selektiert wird. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sowohl das hierarchisch-serielle Modell als auch das Independent Network Modell eine unidirektionale Aktivierungsausbreitung annehmen, sodass die Genusinformation von genus-transparenten Wörter nicht schneller abgerufen werden sollte als die von genus-undurchsichtigen Wörtern. Ein Transparenzeffekt ist somit beim Abruf der Genusinformation ausgeschlossen, da die Annahme einer undirektionalen Aktivierungsausbreitung keinen Einfluss formaler Genusindikatoren zulässt. Im Rahmen des interaktiven Modells von Dell (1986) wird angenommen, dass Lemma- und Lexemebene miteinander interagieren und Informationen der Wortform-Ebene zur Lemmaebene zurückfließen können, wodurch formale Genusindikatoren einen Einfluss auf den Abruf der Genusinformation haben können. Insgesamt wird deutlich, dass sich über die Richtung der Aktivierungsausbreitung unterschiedliche Vorhersagen über den Einfluss formaler Genustransparenz und den Genusabruf formulieren lassen. Im folgenden Abschnitt sollen ausgewählte psycholinguistische Studien präsentiert werden, die empirische Evidenz für die vorgestellten Modelle liefern. Es wird jedoch deutlich werden, dass die heterogenen Untersuchungsergebnisse zum gegenwärtigen Zeitpunkt keines der vorgestellten Modelle eindeutig bestätigen können. 4.5.3 Psycholinguistische Studien zum Genus In der psycholinguistischen Forschung wurde mittlerweile eine Vielzahl von Untersuchungen zum Genus durchgeführt, die im Folgenden nicht alle vorgestellt werden können. Die Auswahl beschränkt sich auf die Experimente, die positive bzw. negative Evidenz für einen Transparenzeffekt liefern. Psycholinguistische Studien, die einen Einfluss der formalen Genustransparenz während des Abrufs von Genusinformation nachweisen, bestätigen die Annahme einer bidirektionalen Aktivierungsausbreitung. Die Experimente, die negative Evidenz für einen Transparenzeffekt liefern, sprechen für ein hierarchisch-serielles Modell. Neben der Untersuchung von Badecker et al. (1995) liefern auch die Untersuchungsergebnisse der Studie von Turneout et al. (1998) Evidenz für ein hierarchisch-serielles System bei der Sprachproduktion und -perzeption. In der ERP-Studie von Turneout et al. (1998) wurden Spre- <?page no="202"?> 202 cher des Niederländischen untersucht, die die Aufgabe hatten, verschiedenfarbige Bilder durch eine genuskongruente Farbadjektiv-Nomen Kombination zu benennen. Hierbei mussten die Versuchspersonen für die Hälfte der Items vor der Benennungsaufgabe zusätzlich eine Klassifikationsaufgabe per Knopfdruck durchführen, in der sie entweder den definiten Artikel oder das wortinitiale Phonem aus zwei vorgegebenen Möglichkeiten auswählen mussten. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die syntaktischen Informationen zeitlich vor den phonologischen Informationen abgerufen werden und somit zwei verschiedene Verarbeitungssequenzen beim Zugriff auf das mentale Lexikon existieren müssen. Hierbei konnten die Autoren mittels eines LRP (lateralized readiness potential) 56 nachweisen, dass der Abruf von Genusinformationen 40 ms früher erfolgt als der Abruf von phonologischen Informationen. Dieses Ergebnis sollte man auch vorhersagen, wenn ein serieller Abruf von syntaktischer und phonologischer Information zugrunde gelegt wird. Eine Zweiteilung des mentalen Lexikons wird ebenfalls durch die Studie von Vigliocco et al. (1997) belegt. Hierbei werden die Versuchspersonen in einen sogenannten TOT-Zustand (tip-of-the-tongue state) versetzt und es wird überprüft, ob die Versuchspersonen dazu in der Lage sind, das jeweilige Zielwort (Nomen) zu benennen. Im Anschluss daran wird untersucht, ob die Versuchpersonen das grammatische Genus des jeweiligen Zielitems bestimmen können. Die Ergebnisse zeigen, dass die Versuchspersonen signifikant häufiger das korrekte Genus abrufen können, ohne jedoch Zugriff auf die entsprechende Wortform zu haben. Die Annahme getrennter Repräsentationsebenen kann somit empirisch belegt werden, d.h. Genusinformationen sind auf der Lemmaebene gespeichert. Versuchpersonen, die sich in einem TOT-Zustand befinden, können korrekte Aussagen über die syntaktischen Eigenschaften (hier Genus) der Zielwörter machen, jedoch keinen Zugriff auf das entsprechende Lexem haben. Die syntaktischen Informationen sind auf der Lemmaebene zugänglich, während die phono-logischen Informationen des Zielwortes auf der Lexemebene nicht abgerufen werden können. Auch die Studie von Badecker et al. (1995) be-stätigt dieses Ergebnis. Die Untersuchung eines anomischen Sprechers, der Muttersprachler des Italienischen ist, zeigt, dass er das Genus der No-mina, die ihm in Form von Objekten präsentiert wurden, zuverlässig bestimmt, aber die entsprechende Wortform nicht produzieren kann. Im Gegensatz zu den Studien von Turneout et al. (1998) und Badecker et al. (1995) existieren weitere experimentelle Studien, die einen Einfluss 56 Bei der Vorbereitung einer motorischen Bewegung (hier Knopfdruck) entstehen im Gehirn lateralisierte Bereitschaftspotentiale. <?page no="203"?> 203 der formalen Genusindikatoren auf den Abruf von Genusinformation nachweisen können und somit positive Evidenz für die Interaktion der Repräsentationsebenen im mentalen Lexikon liefern. In dem mit französischsprachigen Versuchpersonen durchgeführten Reaktionszeitexperiment von Desrochers und Paivio (1990) wird ein Einfluss formaler Genusindikatoren auf den Abruf von Genusinformationen nachgewiesen, da die Probanden in einer Genusklassifikationsaufgabe die Genusinformation eines Nomens schneller abrufen können, wenn der Wortauslaut zuverlässig mit einem bestimmten Genus korreliert. Bei den insgesamt 80 Stimuli, die den Versuchsteilnehmern visuell präsentiert wurden, handelte es sich ausschließlich um unbelebte Nomina. Die Anzahl der femininen und maskulinen Nomina sowie die Anzahl der Nomina, die hinsichtlich des Auslauts zuverlässig und wenig zuverlässig mit einem Genus korrelieren, waren dabei identisch. Die Testaufgabe der Probanden bestand schließlich darin, das Genus der Nomina so schnell wie möglich zu benennen, wobei eine Gruppe der Versuchsteilnehmer die indefiniten Artikelformen un mask und une fem verwenden sollte und die andere Gruppe die Begriffe Maskulinum und Femininum. Die Untersuchungsergebnisse der Studie zeigen, dass die Form-Genus-Korrelationen einen Einfluss auf die Reaktionszeit (abhängige Variable) bei der Genusidentifikation haben. Das Genus der Nomina, deren Auslaut zuverlässig mit einem Genus korreliert, wurde von den Probanden schneller identifiziert als das Genus der Nomina, deren Auslaut nur schwach mit einem Genus korreliert. Darüber hinaus konnte für beide Gruppen ein signifikanter Reaktionszeitunterschied nachgewiesen werden, d.h. unabhängig davon, ob die Versuchspersonen bei der Identifikationsaufgabe die indefiniten Artikelformen (un / une) oder die Begriffe (Maskulinum / Femininum) verwenden sollten, konnte ein signifikanter Unterschied hinsichtlich der Reaktionszeit gemessen werden. Folglich liefert der nachgewiesene Transparenzeffekt Evidenz dafür, dass valide Genusindikatoren eine Rolle bei der Genusidentifikation spielen insofern, als Nomen mit eindeutigen formalen Genus-hinweisen schnellere Reaktionszeiten elizitieren. In der Studie von Bates et al. (1995) wurde eine Genusidentifikationsaufgabe mit italienischsprachigen Sprechern durchgeführt, die die Aufgabe hatten, das Genus der auditiv präsentierten Stimuli (Nomen) per Knopfdruck zu bestimmen (linke Hand vs. rechte Hand). Um zu überprüfen, ob die formale Genustransparenz der Nomina einen Einfluss auf den Abruf von Genusinformation hat, wurden die Nomina in unterschiedliche Wortgruppen eingeteilt: 1. phonologisch transparente Nomina, die im Singular auf -o und auf -a auslauten und eindeutig mit dem Maskulinum / Femininum assoziiert werden (z.B. vento mask , macchina fem ) und 2. Nomina, deren Auslaut keine validen Genushinweise liefert. Beispielsweise können <?page no="204"?> 204 Nomina, die im Singular auf den Vokal -e auslauten, sowohl maskulines als auch feminines Genus haben (z.B. leone mask , tigre fem ). Die Anzahl der korrekten Genusklassifikationen und die Reaktionszeiten stellten hierbei die abhängigen Variablen dar. Wenn die formalen Genusindikatoren einen Einfluss auf den Abruf der Genusinformation haben, dann sollten sich die Wortgruppen in ihrer Verarbeitung unterscheiden. Die Untersuchungsergebnisse von Bates et al. (1995) zeigen, dass das Genus phonologisch transparenter Wörter signifikant schneller identifiziert wird als das Genus von Nomina, deren Auslaut keine validen Vorhersagen bezüglich des Genus macht. Im Hinblick auf die Anzahl der Fehler, die bei der Genusklassifikation aufgetreten sind, konnte ein weiterer Unterschied zwischen den Wortgruppen nachgewiesen werden: Insgesamt war die Fehlerrate bei phonologisch mehrdeutigen Wörtern höher als bei phonologisch transparenten Wörtern. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sowohl positive als auch negative Evidenzen für einen Transparenzeffekt vorliegen und keines der vorgestellten psycholinguistischen Modelle eindeutig bestätigt wird. 4.5.4 Formale Genustransparenz und Zugriff auf die Genusinformation Insgesamt wurden zwei unterschiedliche Modelle, die in der Psycholinguistik im Allgemeinen vertreten werden, vorgestellt: 1. das hierarchischserielle Modell von Levelt (1989) und 2. Kaskadenmodelle, die sich im Hinblick auf den Aktivierungsfluss (unidirektional vs. bidirektional) unterscheiden. Im Folgenden sollen Vorhersagen auf der Basis der vorgestellten Modelle bezüglich des Einflusses der formalen Genusmarkierung auf den Abruf der Genusinformation gemacht werden. Es wird deutlich, dass kein vorgestelltes Modell auf die Regeln der Genuszuweisung Bezug nimmt. Obwohl alle beschriebenen Modelle von einer lexikalischen Genusspeicherung ausgehen, sollte man die Frage beantworten, ob die Korrelation zwischen der phonologischen und/ oder morphologischen Form der Nomen und deren Genus einen Einfluss auf den Abruf der Genusinformation hat. Im Rahmen des hierarchisch-seriellen Modells und des Independent Network Modells sollte man keinen Einfluss vorhersagen, da eine unidirektionale Aktivierungsausbreitung angenommen wird. Demzufolge kann von der Lexemebene kein Feedback an die Lemmaebene gegeben werden, was einen Einfluss auf den Abruf der Genusinformation hinsichtlich der phonologischen und/ oder morphologischen Form eines Nomens verhindert. Formale Genusindikatoren sollten nur dann einen Einfluss auf den Abruf der Genusinformation haben, wenn die Lexem- und Lemmaebene interagieren. Das Interactive Activation Modell von Dell <?page no="205"?> 205 (1986) geht von einer bidirektionalen Aktivierungsausbreitung aus und erlaubt, dass von der Lexemebene Feedback-Signale an die Lemmaebene geschickt werden. Dell (1986) argumentiert dafür, dass Aktivierung von der Lexemebene an die Lemmaebene zurückfließen kann, ohne dass die Genusinformation auf der Lemmaebene bereits abgerufen wurde. Aus diesem Grund sollte die phonologische und morphologische Transparenz eines Nomens (Lexemebene) den Genusabruf (Lemmaebene) beeinflussen können. Schließlich könnte man vermuten, dass die Genusinformation von hoch-transparenten Nomina schneller abgerufen wird, als die Genusinformation von undurchsichtigen Nomina. Der Abrufprozess von Genusinformation kann allerdings nur dann beeinflusst werden, wenn es eine Verbindung zwischen Genusknoten und genusmarkierendem Morphem gibt. Das deutsche Derivat Tischchen ist auf der Lemmaebene mit einem einzigen Lemma (Neutrum) verbunden. Das Derivationssuffix -chen kann auf der Lexemebene keinen eigenen Genuseintrag haben, da die Genusinformationen auf der Lemmaebene gespeichert sind und erst auf der Lexemebene (Wortform-Ebene) eine Segmentierung in Morpheme und Phoneme erfolgt (vgl. Abb. (4a)). Neumann (2001) wirft jedoch die Frage auf, ob es nicht eine direkte Verbindung von dem genusmarkierendem Suffix -chen und dem neutralen Genuseintrag von Tisch-chen auf der Lemmaebene geben kann. Wenn es eine direkte Verbindung zwischen genusmarkierendem Suffix bzw. phonologischem Auslaut auf der Lexemebene (Wort-Formebene) und dem Genuseintrag auf der Lemmaebene gibt, dann sollten sich Unterschiede mit Hinblick auf die Verarbeitung von transparenten und undurchsichtigen Wörtern, die keine direkte Verbindung von der Lexemebene zum Genusknoten aufweisen, zeigen (vgl. (4b)). Die folgende Abbildung (4) stellt den Aktivierungsfluss bei transparenten (4a) und undurchsichtigen Wörtern (4b) im Deutschen dar (vgl. Neumann 2001: 102). Abb. (4a) Abb. (4b) <?page no="206"?> 206 Die Abbildung (4a) verdeutlicht, dass das Morphem -chen eine direkte Verbindung zu dem Genuseintrag (Neutrum) auf der Lemmaebene hat. Da eine bidirektionale Aktivierungsausbreitung angenommen wird, kann von dem Morphem -chen Aktivierung über die direkte Verbindung zum Genusknoten (Neutr.) zurückfließen und dessen Gesamtaktivierung erhöhen. Im Gegensatz dazu zeigt die Abbildung (4b), dass keine direkte Verbindung von der Lexemebene bzw. der formalen Genusmarkierung zum Genuseintrag (Mask.) besteht. Das Fehlen dieser Verknüpfung sollte dazu führen, dass nur über das Lemma Aktivierung zurückfließen kann. Daraus resultiert, dass der Abruf von Genusinformationen intransparenter Wörter langsamer erfolgt als der Genusabruf von transparenten Wörtern. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass bei transparenten Wörtern sowohl die formale Genusmarkierung (z.B. -chen) als auch das Nomen (z.B. Tischchen) eine Verbindung zum Genuseintrag aufweisen und über zwei Verbindungen Aktivierung an den Genusknoten zurückfließen kann. Dadurch wird die Gesamtaktivierung des Ziellemmas (hier Neutrum) erhöht und die Genusinformation kann schneller abgerufen werden als die Genusinformation von Nomina, bei denen Genus am Nomen selber nicht formal markiert ist (z.B. Amboß). Im Folgenden soll diese Annahme im Hinblick auf den Selektionsprozess von Genusinformationen bei bilingualen Sprechern diskutiert werden. Hierbei wird es um die Frage gehen, ob das Verhältnis zwischen formaler Transparenz und Genus den Selektionsprozess von Genusinformationen beeinflusst. Im Rahmen von Aktivierungsmodellen wird angenommen, dass die Selektion des am meisten aktivierten lexikalischen Knotens eine entscheidende Phase während des lexikalischen Zugriffs auf das mentale Lexikon darstellt. Neben dem Zielknoten sind auch andere semantisch ähnliche Knoten aktiviert, die, wenn sie hochgradig aktiviert <?page no="207"?> 207 sind, den Selektionsprozess des Zielwortes erschweren können. Mit anderen Worten hat jeder zu selektierende Zielknoten Konkurrenten, die ein niedrigeres Aktivierungsniveau als der Zielknoten aufweisen müssen, damit letzterer selektiert werden kann. Da die Knoten in Konkurrenz zueinander treten, werden inhibitorische Verbindungen zwischen ihnen angenommen. Die meisten psycholinguistischen Modelle argumentieren dafür, dass bei der lexikalischen Erschließung beide Lexika eines bilingualen Sprechers parallel aktiviert sind und arbeiten. Daraus resultiert, dass die lexikalischen Einheiten beider Lexika um Selektion konkurrieren (vgl. u.a Costa, Miozzo & Caramazza 1999). Wenn die beiden Lexika eines bilingualen Sprechers beim lexikalischen Zugriff parallel aktiviert sind, dann sollte man ebenso vermuten, dass die Genusinformation von Nomina aus beiden Sprachen gleichzeitig aktiviert sein kann. Wenn die Form-Genus- Korrelation einen Effekt auf den Abruf von Genusinformation hat, dann sollte die Genusinformation von transparenten Wörtern schneller abgerufen werden als die von undurchsichtigen Wörtern. In Kapitel 4.3 wurde die Komplexität der einzelnen Regelsysteme bezüglich der Genusprinzipien beschrieben und es wurde deutlich, dass das Verhältnis von formaler Transparenz und Genus im Französischen und Deutschen nicht annähernd so eindeutig ist wie im Italienischen und Spanischen. Das spanische und italienische Genussystem ist durch eine sehr hohe formale Transparenz gekennzeichnet, wenn man beispielsweise nur die Anzahl an möglichen Auslauten in den jeweiligen Sprachpaaren (Deutsch/ Französisch und Spanisch/ Italienisch) vergleicht. Aus diesem Grund sollten die französischen und deutschen Nomina im mentalen Lexi kon überwiegend wie in Abb. (4b) repräsentiert sein, während italienische und spanische Nomina überwiegend eine Repräsentation wie in Abb. (4a) aufweisen, da das Verhältnis von Genus und den formalen Eigenschaften der Nomina in beiden Sprachen hochgradig transparent ist. Zum Beispiel würde das spanische Nomen mesa (dt. Tisch) auf der Wortformebene (Lexemebene) in einzelne Morpheme und Phoneme segmentiert. Der phonologische Auslaut -a hat eine direkte Verknüpfung mit dem femininen Genuseintrag, über die Aktivierung zum Genusknoten zurückfließen kann, wodurch der Abruf der Genusinformation erleichtert wird. 57 Stehen zwei Genusknoten in Konkurrenz zueinander, dann wird das Genusmerkmal mit der höchsten Aktivierung selektiert. Im bilingualen Individuum kann ein Genusknoten, der mit einem Nomen aus Sprache A verbunden ist, in Konkurrenz zu einem Genuskno- 57 An dieser Stelle soll erneut betont werden, dass der phonologische Auslaut -a kein Genusträger ist, sondern mit dem femininen Genus hochgradig korreliert (vgl. Kapitel 4.3). <?page no="208"?> 208 ten treten, der mit dem übersetzungsäquivalenten Nomen aus Sprache B verknüpft ist. Sprachmischungen zwischen einer Determinante und einem Nomen zeigen, dass die Genusknoten aus beiden Sprachen beim Selektionsprozess in Konkurrenz zueinander treten: Wenn das Nomen und sein entsprechendes Übersetzungsäquivalent unterschiedliches Genus aufweisen, dann können bilinguale Sprecher entweder das Genus des Nomens (z.B. die fem mesa fem - dt. der mask Tisch mask und sp. la fem mesa fem ) oder das Genus des entsprechenden Äquivalents an der Determinante markieren (z.B. der mask mesa fem ). Wenn die Form-Genus-Korrelation einen Effekt auf den Abruf der Genusinformation hat, dann sollte die Wahrscheinlichkeit größer sein, dass die Genusinformation eines hochgradig transparenten Nomens (z.B. mesa fem ) schneller abgerufen wird, als die des Übersetzungsäquivalents (z.B. Tisch mask ). Für die Genuszuweisung in der gemischten DP kann die folgende Vorhersage gemacht werden: Wenn das Nomen in der gemischten DP formal genustransparent ist, dann sollte der Abruf der Genusinformation des formal transparenten Nomens erleichtert werden. Ist das Nomen in der gemischten DP formal genustransparent, dann sollte die Wahrscheinlichkeit sehr gering sein, dass das Genus des äquivalenten Nomens die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt. Die gemischte DP die fem mesa fem verdeutlicht, dass der deutsche definite Artikel die das Genus des spanischen Nomens mesa fem trägt, dessen feminines Genusmerkmal mit dem phonologischen Auslaut -a korreliert. Insgesamt sollte die Wahscheinlichkeit größer sein, dass bilinguale Sprecher das Genus des transparenten Nomens an der Determinante markieren (d.h. die fem mesa fem ), als das Genus des entsprechenden Nomens (d.h. dermask mesa fem dt. der mask Tisch mask ). Die Gesamtaktivierung des femininen Genusknotens von mesa ist im Vergleich zu dem maskulinen Genusknoten von Tisch höher, da bei dem deutschen Nomen Tisch keine direkte Verknüpfung der formalen Genusmarkierung zum maskulinen Genusknoten existiert, sodass die Aktivierung nur über die Lemmaebene zurückfließen kann und die maskuline Genusinformation langsamer abgerufen wird (vgl. Abb. (4b)). Bei einem genusintransparenten Nomen könnte hingegen die Wahrscheinlichkeit zunehmen, das Genus des äquivalenten Nomens an der Determinante zu markieren. Wenn das Nomen in der gemischten DP keinen formalen Genusanzeiger hat, dann sollte der Zugriff auf das Genus des Äquivalents erleichtert werden. Die formale Genustransparenz des Äquivalents sollte für die Genusmarkierung an der Determinante keine Rolle spielen, da nur die Lexemeebene (Wort- Formebene) des Nomens in der gemischten DP aktiviert wird. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass ausschließlich im Rahmen des Interactive Activation Modells von Dell (1986) ein Einfluss der <?page no="209"?> 209 Form-Genus-Korrelation während des Abrufprozesses von Genusinformation möglich ist. Auf die Frage, ob die Form-Genus-Korrelation auch einen Einfluss auf die Genuszuweisung in der gemischten DP hat, soll auf der Basis der analysierten Sprachdaten im empirischen Teil II der Longitudinalstudien näher eingegangen werden. 4.5.5 Zur autonomen und integrierten Genusrepräsentation im bilingualen Individuum In diesem Abschnitt werden zwei unterschiedliche Annahmen bezüglich der Genusrepräsentation (integriert vs. autonom) im bilingualen Individuum vorgestellt, die von Costa et al. (2003) vorgeschlagen wurden. Hierbei lässt sich die Forschungsfrage der Autoren folgendermaßen zusammenfassen: Inwieweit beeinflussen sich die zugrundeliegenden Genussysteme bei der Sprachproduktion, die eine Selektion der passenden lexikalischen Einheiten und ihrer grammatischen Eigenschaften erfordert, im bilingualen Individuum? Um eine Antwort auf diese Frage zu gewinnen, haben die Autoren insgesamt fünf Experimente mit bilingualen Sprechern durchgeführt, die Aufschluss über die Interaktion der grammatischen Genussysteme der beiden Sprachen geben sollen. Die Versuchspersonen wurden dazu aufgefordert, zwei verschiedene Bilderserien mit einsprachigen genusmarkierten NPn in ihrer L2 zu benennen. Die Studie wurde mit bilingualen Erwachsenen durchgeführt, die unterschiedliche Sprachkombinationen aufweisen, bei denen die Anzahl der Genera sprachenabhängig variiert: Sprachen, die strukturell asymmetrisch bezüglich der Anzahl der Genera sind: Kroatisch mit drei Genera und Katalanisch/ Spanisch und Italienisch/ Französisch mit jeweils zwei Genera. Das Bildmaterial wurde so konzipiert, dass die zu produzierenden NPn in der jeweiligen Sprache gleiches oder unterschiedliches Genus mit dem Übersetzungsäquivalent aufweisen (z.B. mela fem - jabuka fem dt. Apfel vs. pomodoro mask und ra ica fem dt. Tomate). In der ersten Bildserie haben die zu bezeichnenden Nomen in der L1 und der L2 dieselben Genuswerte, während in der zweiten Serie unterschiedliche Genuswerte in der L1 und der L2 vorliegen. Außerdem wurden monolingual erwachsene Sprecher des Spanischen, Französischen und Italienischen untersucht. Das Ziel der Studie ist zu untersuchen, ob die grammatikalischen Eigenschaften der Sprache, in der die Testaufgabe nicht durchgeführt wird (non-response-language), den lexikalischen Abruf des Genus des Nomens, in der die Benennungsaufgabe durchgeführt wird (response-language), beeinflussen. Wie repräsentieren bilinguale Sprecher Genus und wie ist es bei der Sprachproduktion zugänglich? Nach dem Automatic gender-access model (vgl. Caramazza et al. 2001) geht der Zugriff auf die Genusinforma- <?page no="210"?> 210 tion mit der lexikalischen Selektion einher, in dem Sinne, dass, sobald ein Nomen ausgewählt worden ist, der Genuswert zugänglich wird. Die Genusinformation des Übersetzungsäquivalents wird in diesem Fall nicht aktiviert. Im Hinblick auf die Produktion genusmarkierter NPn kann die Vorhersage formuliert werden, dass das Genus des Übersetzungsäquivalents bei der Benennungsaufgabe keine Effekte auf den Abruf der Genusinformation in der response-language (die Sprache, in der die Benennungsaufgabe durchgeführt wird) haben sollte. Mit anderen Worten sollte immer die gleiche Reaktionszeit beim Zugriff auf die Genusinformation von Nomina mit gleichem oder unterschiedlichem Genus in der responselanguage beobachtet werden. Im Rahmen des sogenannten Activation-dependent Modells (vgl. Schriefers 1993, Levelt 2001) hängt die Schnelligkeit des Abrufs von Genusinformationen mit der Stärke der Aktivierung des Genusmerkmals zusammen. Das Genusmerkmal mit der höchsten Aktivierung wird ausgewählt. Diese Annahme impliziert, dass andere Genusmerkmale ein niedrigeres Aktivierungsniveau aufweisen als das aktuell erforderte Merkmal. Daraus resultieren die folgenden Vorhersagen: Der Zugriff auf die Genusinformation sollte bei Nomina mit gleichem Genus (z.B. jabuka fem vs. mela fem ) schneller verlaufen als bei Nomina, die unterschiedliches Genus haben (rajcica fem vs. pomodoro mask ). Die Studie von Costa et al. (2003) bringt das Ergebnis hervor, dass die Genuseigenschaften der einen Sprache keinen Einfluss auf die Produktion genusmarkierter NPn in der anderen Sprache im bilingualen Individuum haben. Das Genusmerkmal des Übersetzungsäquivalents hat bei der Sprachproduktion weder einen beschleunigenden noch verlangsamenden Effekt hervorgerufen. Mit anderen Worten zeigen die Autoren, dass die beiden Genussysteme im bilingualen Individuum unabhängig voneinander existieren, da die Genusinformation eines Nomens in der sogenannten non-response language, die response-language bei den Benennungsaufgaben nicht beeinflusst hat (vgl. Abb. 5 zur autonomen Genusrepräsentation). Die non-response language (die Sprache, in der die Benennungsaufgabe nicht durchgeführt wird) beeinflusst also bei der Lexikalisierung und bei der Verarbeitung die response-language nicht, da keine Interaktion zwischen den beiden Genussystemen beobachtet wurde. Im Gegensatz dazu zeigen andere psycholinguistische Studien, die die formale Ähnlichkeit von Übersetzungsäquivalenten untersucht haben, dass sich die sogenannte non-response language und die response-language beeinflussen können. Interessant ist nun, dass diese Beobachtungen auf phonologisch ähnlichen Wörtern (cognates), z.B. organ engl. und organo it. , basiert, da in diesem Zusammenhang eine schnellere Reaktionszeit bei der Sprachproduktion festgestellt wurde als bei phonologisch unähnlichen Übersetzungen (non-cognates) (vgl. u.a. Janssen 1999, Schriefers 2000, Cos- <?page no="211"?> 211 ta, Caramazza & Sebastián-Gallés 2000). Somit scheint ein möglicher Einfluss und die damit verbundene Interaktion der beiden Sprachsysteme von unterschiedlichen linguistischen Ebenen (Lemmavs. Lexemebene) abhängig zu sein. Insgesamt bestätigen die Ergebnisse von Costa et al. (2003) das Automatic gender-access Modell. Da nun das wichtigste Ergebnis der Studie vorgestellt wurde, wird im Folgenden auf die beiden unterschiedlichen Arten der Genusrepräsentation näher eingegangen. Zunächst sollten hierbei die folgenden Annahmen zugrunde gelegt werden: 1. Die beiden Sprachen eines bilingualen Sprechers weisen ein gemeinsames konzeptuelles System auf und 2. das semantische System aktiviert beide involvierten Lexika, wenn der Sprecher ein Wort aus Sprache A oder Sprache B produziert (vgl. u.a Costa et. al. 2000a, Costa, Colomé & Caramazza 2000b). Costa et al. (2003: 182) führen in diesem Zusammenhang folgendes Beispiel an: Ein bilingual kroatisch-italienischer Sprecher, der in seiner Äußerung das italienische Wort mela (dt. Apfel) verwenden möchte, wird automatisch das kroatische Übersetzungsäquivalent jabuka (dt. Apfel) mitaktivieren. Mit anderen Worten sind beide Lexika eines bilingualen Sprechers bei der Sprachproduktion aktiv. In der Abbildung (5) wird die sogenannte Gender integrated representation hypothesis vorgestellt. Bei dieser integrierten Art der Genusrepräsentation geht man davon aus, dass nur ein einziges integriertes Genussystem für beide Sprachen existiert. Im oberen Teil der Darstellung wird die konzeptuelle Ebene abgebildet und es wird deutlich, dass die semantischen Knoten in beiden Sprachen miteinander verknüpft sind. Außerdem zeigt die Abbidung (5), dass das italienische Nomen mela fem und das kroatische Übersetzungsäquivalent jabuka fem einen gemeinsamen Genusknoten teilen, da beide Nomina feminin sind (vgl. Abb. 5 Panel A). Wenn das Zielwort und das Übersetzungsäquivalent über das gleiche Genusmerkmal verfügen, dann wird dieses Merkmal von zwei unterschiedlichen Quellen aktiviert (hier: italienisches und kroatisches Lexikon). Selbst wenn die beiden Nomina unterschiedliches Genus haben, weisen sie nur einen gemeinsamen Genusknoten auf: ra ica fem (kroatisch) und pomodoro mask (italienisch) (vgl. Abb. 5 Panel B). Mit anderen Worten werden nominale Genusmerkmale von Übersetzungsäquivalenten, unabhängig davon, welchen Genuswert sie haben, in einem einzigen Konten repräsentiert. Die folgende Abbildung veranschaulicht die Gender integrated representation hypothesis nach Costa et al. (2003): <?page no="212"?> 212 Abb. (5) Integrierte Genusrepräsentation (Costa et al. 2003) Costa et al. (2003) zeigen, dass die Annahme eines integrierten Systems, in dem zwei Genussysteme in einem einzigen System repräsentiert werden, eher unplausibel ist. Wenn ein bilingualer Sprecher Genus in einer integrierten Weise repräsentiert, dann müsste er zwei grammatische Eigenschaften in verschiedenen Sprachen, die ihrerseits sprachspezifisch andere Auswirkungen haben können, wie eine einzige Eigenschaft behandeln. Im Folgenden nennen die Autoren mehrere Gründe für diese Annahme: 1. Die Korrelation zwischen dem natürlichem Geschlecht (Sexus) und dem Genus ist in vielen Sprachen ähnlich und tritt oft bei den gleichen Konzepten auf. 2. Oftmals korrelieren phonologische Auslaute mit einem bestimmten Genus. Eine große Anzahl italienischer Nomen, die auf -o enden, sind maskulin, während Nomina, die auf -a auslauten, feminin sind. 3. Die Existenz eines genusmarkierenden Systems in der L1 kann den Erwerb des Genuskongruenzsystems in der L2 vereinfachen. Im Gegensatz dazu, scheinen Bilinguale, deren Erstsprache (L1) kein Genuskongruenzsystem besitzt, größere Schwierigkeiten im L2-Erwerb eines genusmarkierenden Systems aufzuweisen. Im Folgenden wird die Gender autonomous representation hypothesis vorgestellt, die von einer geteilten Art der Genusrepräsentation ausgeht. Diese Annahme postuliert eine komplette Autonomie der Genussysteme der beiden Sprachen eines Bilingualen. Die Abbildung (4) macht deutlich, dass selbst für die Nomina, die ein gemeinsames Genusmerkmal teilen, zwei unterschiedliche Genusknoten angenommen werden (vgl. Panel A). Das feminine Genusmerkmal von jabuka fem und mela fem wird jeweils in einem separaten Genusknoten repräsentiert. Des Weiteren wird ebenfalls <?page no="213"?> 213 eine autonome Genusrepräsentation angenommen, wenn die Nomina in beiden Sprachen unterschiedliches Genus haben (vgl Panel B). Abb. (6) Autonome Genusrepräsentation (Costa et al. 2003) Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die non-response language keinen Einfluss auf die response language hat. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass beim lexikalischen Abruf der Genusinformation in der response language die gleichen Reaktionszeiten beobachtet werden, unabhängig davon, ob das Äquivalent in der anderen Sprache dasselbe Genus aufweist oder jeweils unterschiedliche Genuswerte vorliegen. Wenn die Genussysteme der beiden Sprachen ein integriertes System bilden und man das sogenannte Activation dependent model zugrunde legt, dann sollte der Genusabruf des Zielwortes schneller verlaufen, wenn das Übersetzungsäquivalent in der anderen Sprache dasselbe Genus hat. Das Genus des Nomens, das in der response language produziert werden soll, müsste einen höheren Aktivierungsgrad aufweisen, wenn es von zwei verschiedenen Quellen, also dem Wort in der response und in der non-response language, aktiviert wird. Die Untersuchungsergebnisse zeigen jedoch, dass die non-response language keinen Einfluss auf den Genusabruf in der response-language hat. Bei einer autonomen Repräsentation der Genussysteme sollte der Genusabruf für die äquivalenten Nomina mit demselben und mit anderem Genus gleich sein. Die Erklärung wäre in diesem Fall, dass das Genus des Zielwortes keine Aktivierung des Übersetzungsäquivalents erhält, da keine geteilte Repräsentation der Genussysteme vorliegt. Mit anderen Worten haben die Genusmerkmale der entsprechenden Nomina in der non-response language keinen Einfluss auf den Genusabruf in der responselanguage. <?page no="214"?> 214 4.6 Untersuchungen zum Genus in der gemischten DP In der CS-Literatur gibt es bis heute nur sehr wenige Studien, in denen die Genuszuweisung beim intra-sententialen Sprachwenwechsel zwischen Determinierer und Nomen untersucht wurde. Aus diesem Grund können in diesem Abschnitt ausschließlich die wenigen Untersuchungen vorgestellt werden, die bisher zu diesem Thema durchgeführt wurden. Von besonderem Interesse sind die Studien von González-Vilbazo (2005), Cantone (2007), Radford, Kupisch, Köppe & Azarro (2007), Liceras et al. (2008) und Cantone & Müller (2008), die den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen hinsichtlich der Genuszuweisung analysiert haben. Diese Studien sind von besonderem Interesse für die vorliegende Arbeit, da beim Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen stets eine romanische Sprache involviert ist. Zunächst soll die Studie von Liceras et al. (2008) vorgestellt werden, in der die Autoren sowohl Spontandaten als auch Experimentaldaten untersucht haben. Als Datenbasis dienen 1. Spontandaten simultan-bilingualer Kinder und Erwachsener mit Spanisch und Englisch als Erstsprachen und Spontandaten erwachsener L1-Erwerber des Spanischen mit Englisch als L2 sowie 2. Experimentaldaten erwachsener L1-Erwerber des Spanischen mit Englisch als L2, erwachsener Muttersprachler des Englischen mit Spanisch als L2 und erwachsener L1-Erwerber des Französischen mit Englisch als L2 und Spanisch als L3. Es wird deutlich, dass Liceras et al. (2008) überwiegend den Sprachenwechsel zwischen einer Genussprache (Spanisch bzw. Französisch) und einer Nicht-Genussprache (Englisch) untersucht haben. Die Experimentaldaten wurden mithilfe eines CS-Tests erhoben, bei dem die Versuchspersonen insgesamt 64 gemischte DPn, die in einen Satz eingebettet waren, auf einer Skala von 1-5 (1 = wohlgeformt, 5 = nichtwohlgeformt) bewerten sollten. Von den 64 Testitems beinhalteten 32 gemischte DPn einen Switch zwischen einer spanischen Determinante und einem englischen Nomen (z.B. la house) und 32 gemischte DPn einen Switch zwischen einer englischen Determinante und einem spanischen Nomen (z.B. the silla). Darüber hinaus wurde die Genusmarkierung an der spanischen Determinante in den Testitems (D sp + N engl ) manipuliert, da den Versuchpersonen 16 gemischte DPn mit dem femininen Artikel la und 16 gemischte DPn mit dem maskulinen Artikel el präsentiert wurden. Dabei wurden die jeweils 16 gemischten DPn mit maskulinem bzw. femininem Artikel in zwei weitere Gruppen eingeteilt: In jeweils 8 gemischten DPn entspricht die Genusmarkierung an der spanischen Determinante dem Genus des spanischen Übersetzungsäquivalents (z.B. el mask plane - sp. el mask avión mask und la fem beach - sp. la fem playa fem ), während in den restlichen 8 gemischten DPn das Genus der spanischen Determinante von dem Ge- <?page no="215"?> 215 nus des spanischen Äquivalents abweicht (z.B. el mask church - sp. la fem iglesia fem und la fem tree - sp. el mask arból mask ). Im Rahmen der sogenannten Grammatical features spell-out hypothesis (GFSH) machen die Autoren die Vorhersage, dass in gemischten DPn die funktionale Kategorie aus derjenigen Sprache stammt, die eine größere Anzahl uninterpretierbarer Merkmale aufweist (vgl. Chomsky 2000). Wenn die beiden involvierten Sprachen beim CS die gleiche Anzahl an uninterpretierbaren Merkmalen bereitstellen, dann wird die funktionale Kategorie aus keiner der beiden Sprachen präferiert (vgl. Liceras, Spradlin & Fuertes 2005: 228). Demnach sollte beim CS zwischen einer Genussprache (z.B. Spanisch) und einer Nicht-Genussprache (z.B. Englisch) eine spanische Determinante ausgewählt werden, da diese die beiden uninterpretierbaren Merkmale für Genus und Numerus trägt, während englische Determinanten ausschließlich ein uninterpretierbares Numerusmerkmal tragen. Folglich sollten die bilingualen Sprecher überwiegend eine spanische Determinante mit einem englischen Nomen verwenden (z.B. la house). Diese Vorhersage können die Autoren jedoch nur für die simultan bilingualen Kinder, die simultan bilingualen Erwachsenen und die L1- Erwerber des Spanischen in den Spontandaten bestätigen. Die Studie von Liceras et al. (2008) bringt insgesamt die folgenden Ergebnisse hervor: In den Spontandaten zeigt sich, dass die spanisch-englisch bilingualen Kinder und Erwachsenen überwiegend eine spanische Determinante mit einem englischen Nomen mischen (z.B. la house). Für die L1-Erwerber des Spanischen bestätigt sich dieses Ergebnis ausschließlich in den Spontandaten, da sie im CS-Test die gemischten DPn mit einer englischen Determinante bevorzugen (z.B. the silla). Dennoch wird deutlich, dass sie bei der Bewertung der gemischten DPn mit einer spanischen Determinante und einem englischen Nomen, die gemischten DPn präferieren, in denen sich das Genus der spanischen Determinante nach dem Genus des spanischen Äquivalents richtet (z.B. la fem chair - sp. la fem silla fem ). Die Zweitspracherwerber des Spanischen bevorzugen die gemischten DPn, in denen eine englische Determinante zusammen mit einem spanischen Nomen realisiert wird (z.B. the silla). Bei der Bewertung der gemischten DPn mit einer spanischen Determinante und einem englischen Nomen zeigt sich, dass die L2-Erwerber systematisch die maskuline spanische Determinante präferieren (el mask chair sp. la fem silla fem ). Für die bilingualen Kinder konnte hingegen keine Präferenz für das maskuline Genus nachgewiesen werden. Vielmehr zeigte sich, dass eine spanische Determinante eher zufällig mit dem femininen oder maskulinen Genus markiert wurde. Die Autoren argumentieren dafür, dass die Mischrichtung ein Indikator für die jeweilige bilinguale Kompetenz ist, da sie ausschließlich eine Präferenz für die Sequenz D sp + N engl bei den bilingualen Kindern und Er- <?page no="216"?> 216 wachsenen nachweisen können. Nicht-Muttersprachler des Spanischen präferieren hingegen gemischte DPn, in denen die funktionale Kategorie aus dem Englischen und die lexikalische Kategorie aus dem Spanischen stammt. Liceras et al. (2008) gehen davon aus, dass L2-Erwerber des Spanischen gemischte DPn mit einer englischen Deterninante bevorzugen, da diese kein uninterpretierbares Genusmerkmal aufweist. Spanische Determinanten tragen hingegen ein intrinsisches Genuskongruenzmerkmal und ein uninterpretierbares Genusmerkmal, welches im Rahmen einer Agree-Operation gelöscht werden muss, bevor die Ebene der LF erreicht wird. Durch die Auswahl einer genuslosen englischen Determinante, die weder ein uninterpretierbares Genusmerkmal noch ein intrinsisches Genuskongruenzmerkmal trägt, vermeiden L2-Erwerber des Spanischen den Agree-Prozess und minimieren somit den Berechnungsaufwand. Darüber hinaus zeigen auch die Testergebnisse der L1-Erwerber des Spanischen, dass sie die gemischten DPn mit einer englischen Determinante und einem spanischen Nomen besser bewerten als die gemischten DPn, in denen die Determinante aus dem Spanischen stammt. Die Autoren argumentieren dafür, dass bei einer gezielten Befragung nach einem Grammatikalitätsurteil die gemischten DPn mit einer englischen Determinante besser bewertet wurden, da die englische Determinante kein intrinsiches Genuskongruenzmerkmal trägt, welches einen Agree-Prozess auslöst. Die Analyse der kindlichen Spontandaten zeigt hingegen, dass überwiegend eine spanische Determinante mit einem englischen Nomen gemischt wird. Liceras et al. (2008) erklären diesen Befund, indem sie auf die Grammatical Features Spell-out Hypothesis referieren. Das uninterpretierbare Genusmerkmal und das intrinsische Genuskongruenzmerkmal der spanischen Determinante sind für die Operation Agree verantwortlich und spielen eine wichtige Rolle für das Berechnungssystem. Nach Liceras et al. (2008) verwenden bilinguale Kinder systematisch eine spanische Determinante, um die Agree-Operation im spanischen System einzuüben. „Child bilinguals systematically choose the Spanish D because they have to specify the features that will make the computational component of the Spanish system work, and this computational component happens to require this type of AGREE operation.” (Liceras et al. 2008: 13) Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass die L2-Lerner des Spanischen bei der Bewertung der gemischten DPn mit einer spanischen Determinante und einem englischen Nomen systematisch die maskuline spanische Determinante bevorzugen. Für Liceras et al. (2008) liefert dieses Ergebnis Evidenz dafür, dass die maskuline Determinante die unmarkierte Form im Spanischen darstellt. Die Studie von Franceschina (2001) zeigt eben- <?page no="217"?> 217 falls, dass nicht-muttersprachliche Sprecher des Spanischen auf diese Option zurückgreifen, wenn sie zwischen einer spanischen Determinante und einem englischen Nomen mischen, während echte bilinguale Sprecher die Determinante sowohl feminin als auch maskulin markieren und somit keine eindeutige Präferenz für die Default-Form zeigen. In der Studie von Liceras et al. (2008) wurde ebenfalls deutlich, dass die bilingualen Kinder nicht systematisch die maskuline Default-Form verwenden. Im Folgenden soll die Untersuchung von Radford et al. (2007) vorgestellt werden, in der die Autoren den intra-sententialen Spachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei einem bilingual italienischenglisch aufwachsenden Kind und vier bilingual deutsch-französisch aufwachsenden Kindern in der Spontansprache analysiert haben. Im Rahmen des Minimalistischen Programms argumentieren die Autoren dafür, dass CS zwischen Determinierer und Nomen den folgenden Beschränkungen unterliegt, um potentielle Genusinkongruenzen zu vermeiden, die zu einem Abbruch der syntaktischen Derivation führen (vgl. Radford et al. 2007: 243): 1. Der Sprachenwechsel zwischen einer genuslosen Determinante und einem für Genus spezifizierten Nomen führt zu einem Abbruch der syntaktischen Derivation (z.B. a engl macchina it ). 2. Der Sprachenwechsel zwischen einer für Genus spezifizierten Determinante und einem genuslosen Nomen führt zu einem Abbruch der syntaktischen Derivation (z.B. il it car engl ) 3. Das Mischen zwischen einem Modifizierer, der eine Genusmarkierung trägt und einem Nomen, das ein sprachspezifisches Genus aufweist (d.h. ein Genusmerkmal, das in der Sprache des Modifizierers nicht existiert), führt zu einem Abbruch der syntaktischen Derivation (z.B. un frz; mask grand frz; mask Buch dt; neutr ). In der Literatur gibt es jedoch viele Studien zum kindlichen CS, in denen Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen beobachtet werden, die den oben genannten Beschränkungen widersprechen (vgl. u.a. Lindholm & Padilla 1978, Galasso 2003, Petersen 1988, Liceras et al. 2008). Aus diesem Grund formulieren Radford et al. (2007) die sogenannte Accomodation Hypothesis, die besagt, dass in Sprachen, die sich hinsichtlich ihrer Genussysteme unterscheiden, nur zwischen Modifizierer und Nomen gemischt werden darf, wenn die morphologischen Eigenschaften des Nomens an die seines Modifizierers in der gemischten DP angepasst werden. <?page no="218"?> 218 Accomodation Hypothesis „When mixing between a modifier and a noun from different types of languages, bilingual children accommodate the morphological properties of the noun to those of its modifier.” (Radford et al. 2007: 244) Insgesamt bringt die Studie von Radford et al. (2007) die folgenden Ergebnisse hervor: Das englisch-italienisch bilinguale Kind Lucy produziert insgesamt 49 gemischte DPn mit einer englischen Determinante und einem italienischen Nomen. Diese intra-sententialen Mischungen verletzen zunächst die Beschränkung, dass zwischen einer Determinante, die aus einer Nicht-Genussprache (Englisch) stammt und einem Nomen, das aus einer Genussprache (Italienisch) stammt, die Sprache nicht gewechselt werden darf. (2) a. You want a bagno? (Lucy 2; 6 Radford et al. 2007: 246) b. I want the ciuccio. (Lucy 2; 6 Radford et al. 2007: 246) c. Shall I do a cavallino? (Lucy 2; 9 Radford et al. 2007: 246) d. Yeah, you have a gelato. (Lucy 2; 9 Radford et al. 2007: 246) Die Autoren argumentieren dafür, dass die intra-sententialen Mischungen keinen Abbruch der syntaktischen Derivation auslösen, wenn das italienische Nomen genuslos, d.h. wie ein englisches Nomen behandelt wird. Gemäß der Accomodation Hypothesis modifiziert demnach eine genuslose Determinante ein genusloses Nomen. Darüber hinaus zeigen die Untersuchungsergebnisse der englisch-italienischen Studie, dass das Kind Lucy insgesamt 30 gemischte DPn produziert hat, in denen die Determinate aus dem Italienischen und das Nomen aus dem Englischen stammt. Erneut verletzen die Sprachmischungen die Beschränkung, dass zwischen einer Determinante, die aus einer Genussprache (Italienisch) stammt, und einem Nomen, das aus einer Nicht- Genussprache (Englisch) stammt, die Sprache nicht gewechselt werden darf. (3) a. Con la fem butterfly (Lucy 2; 10 Radford et al. 2007: 247) b. È il mask lion (Lucy 2; 9 Radford et al. 2007: 247) Im Rahmen der Accomodation Hypothesis gehen Radford et al. (2007) davon aus, dass die morphologischen Eigenschaften eines englischen Nomens an die Kongruenzanforderung einer italienischen DP angepasst werden müssen. Dies erfolgt, indem die italienische Determinante das Genus des italienischen Übersetzungsäquivalents realisiert. Mit anderen Worten wird das englische Nomen wie ein italienisches Nomen behandelt. Im Hinblick auf die Mischungen zwischen einer französischen Determinante <?page no="219"?> 219 und einem deutschen Nomen im Neutrum machen die Autoren folgende Beobachtung: Alle bilingual deutsch-französischen Kinder mischen zwischen einer französischen Determinante und einem deutschen Nomen im Neutrum. Obwohl das französische Genussystem binär und das deutsche Genussystem ternär ist, findet ein Wechsel zwischen einer französischen Determinante und einem deutschen Nomen im Neutrum statt. (4) a. un mask Kind neutr (Radford et al. 2007: 252) b. le mask Kopfkissen neutr (Radford et al. 2007: 252) c. le mask Paddel neutr (Radford et al. 2007: 252) Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse in der deutsch-französischen Studie, dass die bilingualen Kinder eher eine maskuline französische Determinante mit einem neutralen Nomen mischen, als eine feminine Determinante. Die Autoren interpretieren dieses Ergebnis dahingehend, dass das unmarkierte Genus im Französischen (Maskulinum) bei der Genuszuweisung zu den deutschen Neutra von Bedeutung ist. Im Folgenden soll die Studie von Cantone und Müller (2008) präsentiert werden, in der die Autorinnen die Genuszuweisung in der gemischten DP bei vier bilingual deutsch-italienisch aufwachsenden Kindern 58 in Spontansprache analysiert haben. Cantone und Müller (2008) legen die Annahme zugrunde, dass CS nur dann grammatisch ist, wenn die Regularitäten der beiden Grammatiken nicht verletzt werden. Demzufolge gehen sie wie MacSwan (2000) davon aus, dass nichts außer den sprachspezifischen Grammatiken die kindlichen und erwachsenen Sprachmischungen regelt. Cantone und Müller (2008) konzentrieren sich insbesondere auf die gemischten DPn, in denen das Genus des Nomens in der gemischten DP von dem Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents aus der anderen Sprache abweicht. Cantone und Müller (2008) klassifizieren die gemischten DPn, in denen das Genus des Nomens in beiden Sprachen voneinander abweicht, in zwei Gruppen: 1. Das realisierte Nomen in der gemischten DP bestimmt das Genus der Determinante (z.B. die fem pentola fem - dt. der mask Topf / it. la fem pentola fem ). 2. Das Genus der Determinante wird durch das Genus des übersetzungsäquivalenten Nomens festgelegt (z.B. der mask pentola fem - dt. der mask Topf / it. la fem pentola fem ). In der gemischten DP die fem pentola fem richtet sich das Genus der deutschen Determinante nach dem femininen Genus des italienischen Nomens pen- 58 Die von Cantone & Müller (2008) analsysierten deutsch-italienischen Longitudinalstudien werden in der vorliegenden Arbeit ebenfalls untersucht. <?page no="220"?> 220 tola fem und nicht nach dem Genus des deutschen maskulinen Äquivalents Topf mask . Letzteres ist jedoch in der gemischten DP der mask pentola fem der Fall, da das Genus des deutschen maskulinen Äquivalents Topf das Genus an der deutschen Determinante festlegt. Die Untersuchungsergebnisse der Studie von Cantone und Müller (2008) zeigen, dass von insgesamt 481 gemischten DPn 125 (26%) Determinanten das Genus des Nomens realisieren und 24 (5%) Determinanten das Genus des Übersetzungsäquivalents aufweisen. Des Weiteren zeigt die Untersuchung, dass in 319 (66%) der gemischten DPn, das Genus des gemischten Nomens und das seiner Entsprechung aus der jeweils anderen Sprache gleich sind (z.B. una fem Biene fem - dt. eine fem Biene und it. una fem ape fem ). Ein weiteres Ergebnis zeigt, dass in 13 gemischten DPn (3%) die Genusmarkierung an der Determinante weder dem Genus des gemischten Nomens noch dem Genus des äquivalenten Nomens entspricht (z.B. il mask Puppe fem - dt. die fem Puppe fem und la fem bambola fen ). Vergleicht man die Anzahl der gemischten DPn, in denen sich das Genus der Determinante nach dem Genus des Nomens richtet, mit der Anzahl der gemischten DPn, in denen das Genus der Determinante durch das Genus des äquivalenten Nomens determiniert wird, dann zeigt sich deutlich, dass häufiger das Genus des Nomens an der Determinante realisiert wird, als das seiner Entsprechung (Genus des Nomens in der gemischten DP 13% - Genus des äquivalenten Nomens 5%). Dennoch zeigen die Ergebnisse, dass zu 5% auf das Genus des entsprechenden Übersetzungsäquivalents zugegriffen wird. Das Modell von MacSwan (2000) liefert für diese Beobachtung keine Erklärung, da bei der Operation Select ein Nomen mit seinen lexikalischen Eigenschaften (hier Genus) aus dem Lexikon ausgewählt und in eine gemischte DP eingesetzt wird. Demzufolge sollte immer das Genus des Nomens in der gemischten DP das Genus der Determinante bestimmen, auch wenn diese aus einer anderen Sprache stammt. Cantone und Müller (2008) zeigen in ihrer Studie, dass der Zugriff auf das Genus des äquivalenten Nomens hauptsächlich bei zwei bilingualen Kindern auftritt, die eine unausgeglichene Sprachentwicklung aufweisen. Das deutsch-italienische Kind Aurelio entwickelt das Deutsche als schwache Sprache, während das deutsch-italienische Kind Jan die romanische Sprache als schwache Sprache erwirbt. Cantone und Müller (2008) zeigen jedoch, dass die beiden Kinder häufiger gemischte DPn im italienischen Kontext produzieren als in den deutschen Sprachaufnahmen. Die absolute Anzahl an relevanten Sprachmischungen ist demnach unabhängig davon, ob das Italienische als schwache oder als starke Sprache erworben wird. <?page no="221"?> 221 Wie lässt sich der Zugriff auf das Genus des äquivalenten Nomens erklären? Eine Möglichkeit wäre, dass die bilingualen Kinder das Nomen in der gemischten DP in das Lexikon der anderen Sprache entlehnen (vgl. Toribio 2001). Das deutsche Nomen Topf ist maskulin, während das entsprechende italienische Nomen pentola feminin ist. Der Zugriff auf das Genus des äquivalenten deutschen Nomens in der gemischten der mask pentola fem würde bedeuten, dass das bilinguale Kind das italienische Nomen in das deutsche Lexikon entlehnt hat und dem italienischen Nomen pentola auf der Basis des deutschen Übersetzungsäquivalents das maskuline Genus zugewiesen hat. Warum sollte es sich hierbei überhaupt um Borrowing handeln, wenn das Kind das Genus des deutschen Nomens kennt? Die Genusmarkierung an der deutschen Determinante der entspricht dem Genus des deutschen Äquivalents, warum sollte das Kind dann ein italienisches Nomen entlehnen? Es wird deutlich, dass Borrowing keine ausreichende Erklärung für den Zugriff auf das Genus des Äquivalents liefert. Aus diesem Grund lehnen die Cantone und Müller (2008) die Annahme ab, dass es sich bei dem Zugriff auf das Genus des Äquivalents um ein kompetenzgetriebenes Phänomen wie Entlehnung handelt. Vielmehr nehmen die Autorinnen an, dass der Zugriff auf das Genus des Nomens in der gemischten DP bzw. der Zugriff auf das Genus des Äquivalents in Abhängigkeit von der Genusrepräsentation im bilingualen Individuum erfolgt. In Kapitel 4.5 wurden hierzu zwei grundlegende Annahmen vorgestellt, die sich mit der Verarbeitung der beiden Sprachen im mentalen Lexikon eines bilingualen Sprechers beschäftigen (vgl. Costa et al. 2003). Die Annahme der sogenannten Gender autonomous representation hypothesis postuliert eine komplette Autonomie der Genussysteme der beiden Sprachen eines Bilingualen. Gemäß der Gender integrated representation hypothesis sind die zwei Genussysteme eines Bilingualen in ein System integriert. Cantone und Müller (2008) erklären ihre Untersuchungsergebnisse unter Berücksichtigung dieser beiden Hypothesen. Die Autorinnen argumetieren dafür, dass überwiegend das Genus des Nomens in der gemischten DP die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt, wenn die beiden Sprachen jeweils über ein autonomes Genussystem verfügen. Im Gegensatz dazu kann ein frequenter Zugriff auf das Genus des entsprechenden Nomens im Sinne der Gender integrated representation hypothesis interpretiert werden. Bei dieser Annahme wird nur ein einziger Genusknoten angenommen, der Genusmerkmale aus beiden Sprachen zusammen repräsentiert. Wenn das Genus des Nomens in beiden Sprachen voneinander abweicht, wie bei dem italienischen Nomen pentola fem und dem deutschen Äquivalent Topf mask , dann werden im Rahmen der Gender integrated representation hypothesis das feminine und maskuline Genusmerkmal in einem gemeinsamen Genusknoten abgespeichert. Somit könnte die <?page no="222"?> 222 integrierte Repräsentation dafür verantwortlich sein, dass beim lexikalischen Zugriff häufig das Genus des äquivalenten Nomens ausgewählt wird, da die beiden Genusmerkmale einer integrierten Repräsentation unterliegen. Cantone und Müller (2008) vermuten, dass die integrierte Genusrepräsentation möglicherweise eine Entwicklungsphase darstellt, die bilinguale Kinder auf dem Weg zu einer autonomen Genusrepräsentation durchlaufen. Die Autorinnen zeigen in ihrer Studie, dass die beiden unbalancierten Kinder Jan und Aurelio im Vergleich zu den balancierten Kindern besonders häufig auf das Genus des Übersetzungsäquivalents zugreifen, wenn sie ein Nomen aus der schwachen Sprache mischen. Aufgrund dieser Beobachtung nehmen Cantone und Müller (2008) an, dass die unbalancierten Kinder Jan und Aurelio noch über eine integrierte Genusrepräsentation verfügen, während die balancierten Kinder bereits eine autonome Repräsentation der beiden Genussysteme entwickelt haben. Dennoch weisen sie daraufhin, dass diese Interpretation keine ausreichende Erklärung liefert, um die Ergebnisse adäquat zu beschreiben. Somit bleiben die folgenden Fragen im Rahmen des vorgeschlagenen Erklärungsansatzes offen: Welche Faktoren bestimmen den Wechsel von einer integrierten zu einer autonomen Genusrepräsentation im bilingualen Kind? Wie kann man den Prozess der Differenzierung von einem integrierten in ein geteiltes autonomes System erklären? Insgesamt besteht der Hauptbefund von Cantone und Müller (2008) darin, dass bilinguale Individuen mit einer balancierten Sprachentwicklung Genus in autonomer Weise repräsentieren, während unbalancierte Bilinguale über ein einziges integriertes Genussystem verfügen, das sich vermutlich im Laufe der Entwicklung in ein autonomes System differenzieren kann. Die vorliegende Arbeit wird zeigen, dass bilinguale Kinder über eine autonome oder eine integrierte Genusrepräsentation der beiden Sprachen verfügen, die jedoch unabhängig von dem jeweiligen Balanciertheitsgrad im bilingualen Kind ist. Dass sich möglicherweise ein gemeinsames Genussystem zu einem autonomen System differenziert, soll in der vorliegenden Arbeit nicht widerlegt werden. Das Ziel der vorliegenden Untersuchung besteht darin, andere Gründe als die Sprachdominanz aufzuzeigen, die den Zugriff auf das Genus des Nomens in der gemischten DP bzw. den Zugriff auf das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents bestimmen. Im Folgenden soll die Studie von González-Vilbazo (2005) vorgestellt werden, in der Spontandaten und Grammatikalitätsurteile zum CS zwischen Spanisch und Deutsch von Schülern der Jahrgangsstufen 10, 11 und 12 an der Deutschen Schule Barcelona (DSB) erhoben wurden. Zusätzlich zu den Datenerhebungen an der DSB wurden sporadisch ehemalige Schüler dieser Schule befragt. Ziel der Studie war es, die grammatischen Restrik- <?page no="223"?> 223 tionen des CS im Esplugischen 59 zu untersuchen. In einem Teil der Studie beschäftigt sich González-Vilbazo (2005) mit den Fragen, wie sich der Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem spanischen Nomen und zwischen einer spanischen Determinante und einem deutschen Nomen vollzieht und, ob der Sprachenwechsel einen Einfluss auf die Genuskongruenz hat. Der Autor argumentiert dafür, dass CS zwischen Determinierer und Nomen auf einem allgemeinen Prinzip der Kongruenz basiert. Nach diesem Prinzip müssen die morphosyntaktischen Anforderungen der einzelnen sprachlichen Einheiten insofern erfüllt sein, als beispielsweise ein Artikel hinsichtlich seines Genus mit dem Nomen in der DP kongruieren muss. Diese Annahme ist unabhängig von der Sprachzugehörigkeit der involvierten Einheiten, d.h. sie gilt nicht nur für Einzelsprachen, sondern auch für das CS. Des Weiteren geht González-Vilbazo davon aus, dass die Genuskongruenz zwischen Determinierer und Nomen auf der Annahme einer Merkmalshierarchie beruht. Hierbei nimmt er an, dass das spanische Genussystem einzig und allein auf dem Merkmal [±fem] basiert. Da das spanische Genussystem binär ist, reicht ein einziges Merkmal aus, um die zwei Genera (Maskulinum und Femininum) abzudecken. Demzufolge hat ein feminines spanisches Nomen das Merkmal [+fem], während ein maskulines spanisches Nomen das Merkmal [-fem] trägt. Dennoch weist der Autor daraufhin, dass ebenso gut das Merkmal [±mask] anstelle von [±fem] verwendet werden könnte. Im Deutschen müssen hingegen mindestens zwei Merkmale angenommen werden, wenn die drei unterschiedlichen Genusklassen mit binären Merkmalshierarchien abgedeckt werden sollen. Aus diesem Grund schlägt González-Vilbazo (2005) für das deutsche Genussystem die beiden binären Merkmale [±fem] und [±mask] vor. Demnach werden die folgenden Merkmalskombinationen für das Deutsche angenommen: (1) Maskulinum [-fem; +mask], (2) Femininum [+fem; -mask] und (3) Neutrum [-fem; -mask]. Ferner argumentiert der Autor dafür, dass sich identische Merkmale sprachübergreifend entsprechen, sodass [+fem] in beiden Sprachen interpretiert werden kann (vgl. González Vilbazo: 168). Basierend auf dem allgemeinen Prinzip der Kongruenz und der Annahme einer Merkmalshierarchie formuliert González-Vilbazo (2005: 169) für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen den folgenden Algorithmus: 59 CS zwischen Spanisch und Deutsch wird an der Deutschen Schule in Barcelona mit Esplugisch bezeichnet. Für genauere Informationen zum Esplugischen vgl. González-Vilbazo (2005). <?page no="224"?> 224 1. Das Nomen (L1) kommt mit einem bestimmten Genus aus dem Lexikon in die Derivation. 2. Dieses Genus wird aus bestimmten Genusmerkmalen zusammengesetzt. 3. Ein Artikel (L2) kommt in die Derivation. 4. Dem (abstrakten) Artikel (L2) werden Genusmerkmale zugewiesen, die soweit wie möglich mit den Merkmalen des Nomens übereinstimmen. Dabei gilt: a) Die Genusmerkmale des Nomens aus L1 werden auf den Artikel (L2) übertragen, wobei b) der Artikel aus (L2) keine Genusmerkmale haben darf, die das Nomen in L2 nicht selbst auch hat, und c) Genusmerkmale des Nomens aus L1, die in L2 nicht existieren, bei der Übertragung ignoriert werden. 5. Die Genusmerkmale des Artikels bestimmen die Form des Artikels.“ (González-Vilbazo 2005: 169) Der Algorithmus besagt, dass die Merkmale des Nomens auf den Artikel übertragen werden, ohne dass neue Merkmale hinzugefügt werden können. Außerdem werden die Merkmale, die im Artikelsystem nicht interpretiert werden können, bei der Merkmalsübertragung ignoriert. Für den Sprachenwechsel zwischen einer spanischen Determinante und einem deutschen Nomen macht der Algorithmus die folgende Vorhersage: Das Maskulinum ist im Deutschen durch die Merkmale [-fem] und [+mask] determiniert. Im spanischen Genussystem kann [+mask] jedoch nicht interpretiert werden, da es dieses Merkmal im Spanischen nicht gibt. Daraus folgt, dass bei der Merkmalsübertragung nur das Merkmal [-fem] des maskulinen deutschen Nomens auf die spanische Determinante übertragen wird und das Merkmal [+mask] ignoriert wird. Nach dem Algorithmus kongruieren die deutschen Maskulina nur mit einer spanischen maskulinen Determinante (z.B. el [-fem] Stuhl [+mask,-fem] ). Für den Sprachenwechsel zwischen einer spanischen Determinante und einem deutschen Nomen im Neutrum macht der Algorithmus die folgende Vorhersage: Das deutsche Nomen wird mit dem neutralen Genus aus dem Lexikon ausgewählt und in die Derivation eingesetzt. Da sich für das Neutrum die Merkmalskombination [-fem; -mask] ergibt, und das Merkmal [-mask] im Spanischen nicht interpretiert werden kann, wird es bei der Merkmalsübertragung von N dt zu D sp ignoriert. Die deutschen Neutra haben das Merkmal [-fem] und kongruieren demzufolge mit dem spanischen Artikel im Maskulinum, der ebenfalls das Merkmal [-fem] trägt (z.B. el [-fem] Auto [-mask; -fem] ). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die spanische Determinante ausschließlich überprüfen muss, ob das deutsche Nomen das Merkmal [+fem] oder [-fem] aufweist. Da die deutschen Neutra und Maskulina das Merkmal [-fem] tragen, wird eine maskuline spanische Determinante ausgewählt. Im Rahmen des von González-Vilbazo vorgeschla- <?page no="225"?> 225 genen Algorithmus ist die Genuskongruenz beim CS unabhängig davon, welches Genus das spanische Äquivalent aufweist. Demnach müssen auch die deutschen Feminina, die die Merkmale [+fem] und [-mask] tragen, mit einer femininen spanischen Determinante kongruieren. Das Merkmal [-mask] des deutschen Nomens wird bei der Merkmalsübertragung ignoriert (z.B. la [+fem] Sonne [+fem; -mask] ). Bei der Untersuchung bestand die Aufgabe der Befragten darin, deutschen Maskulina, Feminina und Neutra die spanischen definiten Artikelfomen la fem oder el mask zuzuweisen. Dabei wurden jeweils die maskulinen und femininen deutschen Nomina in zwei Gruppen eingeteilt: 1. Das Genus des deutschen Nomens entspricht dem Genus des spanischen Äquivalents (z.B. dt. Tüte fem - sp. bolsa fem , dt. Gürtel mask - sp. cinturón mask ) und 2. das Genus des deutschen Nomens entspricht nicht dem Genus des spanischen Äquivalents (z.B. dt. Schlüssel mask - sp. llave fem , dt. Hose fem - sp. pantalón mask ). Darüber hinaus wurden die deutschen Neutra in zwei Gruppen eingeteilt: 1. das Genus des spanischen Äquivalents ist feminin (z.B. dt. Fahrrad neutr - sp. bicicleta fem ) und 2. das Genus des spanischen Äquivalents ist maskulin (z.B. dt. Brötchen neutr - sp. panecillo mask ). Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich die Befragten bei den deutschen Feminina in 96-98% der Fälle für den femininen spanischen Artikel la entschieden haben, unabhängig davon, welches Genus das spanische Äquivalent hat. Das Genus des deutschen Nomens bestimmt demnach das Genus der spanischen Determinante. Wenn das deutsche Nomen das Merkmal [+fem] trägt, dann trägt auch die spanische Determinante das Merkmal [+fem]. Für die deutschen Maskulina und Neutra zeigt sich, dass die Wahl zu 97-98% auf den maskulinen spanischen Artikel el fiel. Sowohl die deutschen Neutra als auch die deutschen Maskulina tragen das Merkmal [-fem], sodass der maskuline spanische Artikel, welcher ebenfalls das Merkmal [-fem] aufweist, ausgewählt wird. Für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem spanischen Nomen macht der Algorithmus die folgende Vorhersage: Wenn das spanische Nomen ein Maskulinum ist, dann trägt es das Merkmal [-fem]. Im deutschen Genussystem gilt das Merkmal [-fem] sowohl für das Maskulinum als auch für das Neutrum. Aus diesem Grund ist zunächst unklar, welches Genus die deutsche Determinante haben sollte, um mit dem spanischen Nomen zu kongruieren. Das spanische Nomen kommt mit dem Genusmerkmal [-fem] in die Derivation und überträgt dieses auf den deutschen Artikel. Der Algorithmus besagt nun, dass dem Artikel keine neuen Merkmale hinzugefügt werden dürfen, welche das Nomen in der DP nicht auch trägt. Daraus resultiert, dass nur deutsche Artikelformen ausgewählt werden dürfen, die ausschließlich für das Merkmal [-fem] spezifiziert sind. Die deutsche Determinante muss <?page no="226"?> 226 demnach für das Neutrum und Maskulinum unterspezifiziert sein. Da die deutschen Artikelformen der und das (im Nominativ) und dem und das (im Akkusativ) für [ mask] spezifiziert sind, können dieses Formen nicht ausgewählt werden, da diese Spezifizierung im Spanischen nicht existiert. Außerdem verbietet der Algorithmus, dass die Determinante mehr Genusmerkmale trägt als das Nomen, mit dem sie kongruiert. Aus diesem Grund muss eine deutsche Determinante ausgewählt werden, die für das Neutrum und Maskulinum unterspezifiziert ist, d.h. das Genusmerkmal [-fem] trägt. Für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem spanischen femininen Nomen, macht der Algorithmus die Vorhersage, dass die deutsche Determinante ebenfalls feminin sein muss. Ein feminines spanisches Nomen trägt das Merkmal [+fem], welches auf die deutsche Determinante übertagen wird. Bei der Befragung sollten die bilingualen Sprecher einen der deutschen definiten Artikel der mask , die fem oder das neutr den präsentierten spanischen Maskulina und Feminina zuweisen. Sowohl die spanischen Feminina als auch die spanischen Maskulina wurden in unterschiedliche Gruppen eingeteilt: 1. Das Genus des spanischen Nomens entspricht dem Genus des deutschen Äquivalents (z.B. sp. interruptor mask - dt. Lichtschalter mask , sp. botella fem - dt. Flasche fem ) und 2. das Genus des spanischen Nomens weicht von dem Genus des deutschen Äquivalents ab (z.B. sp. torrefem - dt. Turm mask , sp. ley fem - dt. Gesetz neutr , sp. tenedor mask - dt. Gabel fem , sp. cuaderno mask - dt. Heft neutr ). Die Untersuchungsergebnisse der Studie zeigen, dass sich die Befragten bei den femininen spanischen Nomina in 98-100% der Fälle für den femininen deutschen Artikel die entschieden haben. Wenn das spanische Nomen feminin ist, dann wird das Merkmal [+fem] des spanischen Nomens auf den deutschen Artikel übertragen. Dieses Ergebnis ist unbahängig davon, welches Genus das deutsche Äquivalent aufweist. Bei den spanischen Maskulina ist das Ergebnis jedoch weniger eindeutig. Der Algorithmus besagt, dass die spanischen Maskulina mit einer deutschen Artikelform auftreten dürfen, die für das Neutrum und Maskulinum formidentisch ist. Die Option, einen für das Maskulinum und Neutrum unterspezifizierten Artikel auszuwählen (z.B. ein), stand den Befragten jedoch nicht zur Auswahl. Die Untersuchungsergebnisse zeigen dennoch, dass die Prozentzahlen bei den Antworten für ein bestimmtes Genus zwischen 58% und 83% schwanken. Da die Regel nicht eigehalten werden kann, auf eine für das Maskulinum und Neutrum unterspezifizierte Form zuzugreifen, bleibt für die Befragten unklar, welche deutsche Artikelform ausgewählt werden soll. Die Befragten haben sich allerdings nur zwischen 1% und 4% der Fälle für den femininen Artikel die entschieden. Nach dem Algorithmus ist die Wahl des femininen Artikels auch ausge- <?page no="227"?> 227 schlossen, da die maskulinen spanischen Nomina das Merkmal [-fem] tragen. Des Weiteren wird deutlich, dass die Befragten in allen Fällen den maskulinen Artikel der bevorzugt haben und zwar auch dann, wenn das deutsche Äquivalent ein Neutrum ist. González-Vilbazo (2005) argumentiert dafür, dass der Ausschluss des femininen deutschen Artikels möglicherweise noch im Rahmen einer CS-Strategie erfolgt, da der Algorithmus durch das Auftreten einer femininen Determinante mit einem maskulinen Nomen verletzt wird. Da die Befragten keine für das Neutrum und Maskulinum formidentische Artikelform auswählen konnten, wechseln sie möglicherweise zu einer Borrowing-Strategie, indem sie auf das Genus des deutschen Äquivalents zugreifen. Somit wählen die Befragten häufig eine deutsche Artikelform aus, die das Genus des deutschen Äquivalents trägt. In der vorliegenden Arbeit werden kindliche Spontandaten untersucht und es soll in der empirischen Untersuchung der Frage nachgegangen werden, ob bilinguale Kinder möglicherweise eine Präferenz zeigen, romanische Maskulina mit einer für das Neutrum und Maskulinum formidentischen Determinante zu mischen. Basierend auf der Annahme, dass das Genus eines Nomens durch ein Genusmerkmal bzw. eine Merkmalskombination festgelegt wird, können für die Genuskongruenz in der gemischten DP die folgenden Vorhersagen gemacht werden: 1. Ist das Genus des romanischen Nomens in der gemischten DP maskulin [-fem], dann muss die deutsche Determinante auch das Merkmal [-fem] tragen, d.h. sie muss für das Maskulinum und Neutrum unterspezifiziert sein. 2. Ist das Genus des Nomens in der gemischten DP [+fem], dann muss der Artikel auch das Merkmal [+fem] tragen. Dies gilt sowohl für den Sprachenwechsel zwischen einer romanischen Determinante und einem deutschen Nomen als auch andersherum. 3. Ist das deutsche Nomen in der gemischten DP ein Maskulinum oder ein Neutrum, dann trägt es in beiden Sprachen das interpretierbare Merkmal [-fem] und muss somit mit einer maskulinen romanischen Determinante kongruieren, die ebenfalls das Merkmal [-fem] trägt. Da der von González-Vilbazo (2005) vorgeschlagene Algorithmus die Möglichkeit bietet, den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen ohne CS-spezifische Regeln zu erklären, soll dieser Hypothese im vorliegenden Rahmen weiter nachgegangen werden. Wie MacSwan (1997, 1999, 2000, 2004, 2005) argumentiert González-Vilbazo dafür, dass allein die grammatischen Regularitäten der beteiligten Sprachen für Wohlgeformtheit von CS von Bedeutung sind und somit die gleichen morpho- <?page no="228"?> 228 syntaktischen Anforderungen erfüllt sein müssen wie für die Einzelsprachen. 4.7 Genus und Syntax Das vorliegende Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, ob Genus eine funktionale Projektion in der erweiterten NP projiziert. Zunächst wird ein Ansatz im Rahmen der generativen Theorie vorgestellt, in dem ein eigener funktionaler Genuskopf in der Syntax vorgeschlagen wird. Anschließend werden Ansätze präsentiert, die in der Literatur zur Ablehnung eines eigenständigen funktionalen Genus-Kopfes in der Syntax geführt haben. 4.7.1 Evidenz gegen eine eigene Genusphrase: Genus als syntaktisches Merkmal In der generativen Literatur ist vielfach für eine funktionale Genusphrase (GenP) argumentiert worden (vgl. Picallo 1991). „We will propose that Gender projects onto a syntactic functional category [...]. We will consider Gender a category selector, with a [+N] subcategorization frame. It marks its NP complement as belonging to one of two possible class types, [+Fem] or [-Fem]. We can slightly modify a proposal in Harris (1991), and consider the functional element Gender a WORD MARKER in nominals.” (Picallo, 1991: 282) Picallo (1991) argumentiert auf der Basis katalanischer Sprachdaten dafür, dass die funktionale Projektion (GenP) direkt die Position oberhalb der NP im Strukturbaum besetzt, d.h. zwischen der NumP und der NP: Abb. (7) NumP Num GenP Gen NP N Für Picallo (1991) liefert die Beobachtung, dass im Katalanischen die nominalen Endungen -o mask und -a fem mit einem bestimmten Genus assoziiert werden, Evidenz für die Annahme einer funktionalen Genusphrase. Die Nominalendungen -o mask und -a fem sind in der Theorie von Picallo <?page no="229"?> 229 (1991) Flexionsaffixe, die den funktionalen Genuskopf in der Syntax besetzen. Picallo (1991) behauptet, dass die Reihenfolge, in der Numerus- und Genussuffixe auf S-Struktur erscheinen, durch eine sukzessive Bewegung von N über Gen zu Num abgebildet wird. Die folgenden Beispiele in (5) verdeutlichen, dass durch sukzessive Kopf-Bewegung zuerst das Genussuffix und anschließend das Numerussuffix an den Stamm angefügt werden (vgl. Alexiadou 2004). (5) a. [ DP la [ NumP s [ GenderP a [ NP muchach]]]] b. [ DP el [ NumP s [ GenderP o [ NP muchach]]]] Die Annahme einer Genusphrase wird in der Literatur immer noch kontrovers diskutiert und von einigen Autoren stark kritisiert bzw. abgelehnt (vgl. Alexiadou et al. 2007, Alexiadou 2004b, Ritter 1993, Di Domenico 1997 und De Vincenzi & Di Domenico 1999). Für die Autoren Alexiadou et al. (2007: 239) spielt hierbei die Interpretierbarkeit von Merkmalen eine entscheidende Rolle, um die Existenz einer Genusphrase zu widerlegen: „[…] semantic features which are interpretable are encoded on designated heads. We provided the head number as such a designated head. Non-interpretable features on the other hand do not project corresponding heads. By the reasoning, and given what has been said so far about the non-interpretability of gender, we cannot postulate a designated head Gender.” Das grammatische Genus ist uninterpretierbar und demnach irrelevant für die Interpretation an der LF-Schnittstelle. Mit anderen Worten hat das grammatische Genus keinen semantischen Effekt. Chomsky (1995: 349- 355) argumentiert gegen die Annahme, dass Projektionen innerhalb der Syntax ausschließlich uninterpretierbare Merkmale beinhalten dürfen (z.B. Agr). Dies führt unmittelbar zur Ablehnung einer Genusphrase, in der das grammatische Genus lokalisiert ist. Außerdem zeigt Alexiadou (2004b) für das Griechische, dass Genus als eine intrinsische Eigenschaft des Nomens bzw. der nominalen Wurzel untrennbar mit Merkmalen der Wortklasse und ihren Realisierungen am Nomen vermischt ist. Auch für das Italienische verdeutlichen die Autoren Di Domenico (1997) und De Vincenzi & Di Domenico (1999), dass die Annahme einer funktionalen Genusphrase relativiert werden muss. Di Domenico (1997) unterscheidet zwischen einem sogenannten nicht-intrinsischen Genus und einem intrinsischen Genus im Italienischen: 1. Nicht-intrinsisches Genus ist veränderlich und demzufolge [+interpretierbar]. 2. Intrinsisches Genus ist unveränderlich. <?page no="230"?> 230 In der nachfolgenden Tabelle werden sowohl italienische als auch spanische Beispiele präsentiert, die die Unterscheidung zwischen intrinsischem und nicht-intrinsischem Genus verdeutlichen sollen 60 : Tabelle (29) (Nicht)-intrinsisches Genus Nomen (it.) Nomen (sp.) Interpretierbarkeit Variabilität a. maestro niño + + b. uomo doña + c. divano silla - - Die aufgeführten italienischen und spanischen Nomina unterscheiden sich bezüglich ihrer Interpretierbarkeit und Variabilität. Das Genus des spanischen Nomens niño und das Genus des italienischen Nomens maestro ist variabel und interpretierbar, während das Genus des spanischen Nomens doña bzw. das Genus des italienischen Nomens uomo interpretierbar und unveränderlich ist. Für die Interpretierbarkeit ist das natürliche Geschlecht ausschlaggebend. Die Form der Nomina maestro mask und niño mask ist veränderlich, da es ebenfalls die femininen Formen maestra fem und niña fem gibt. Zu dem italienischen Nomen uomo und dem spanischen Nomen doña existieren keine entsprechenden Formen wie *uoma bzw. *doño. In Beispiel (c) ist das Genus des italienischen Nomens divano bzw. das Genus des spanischen Nomens silla weder interpretierbar noch veränderlich. Folglich kann nach De Vincenzi & Di Domenico (1999) ein interpretierbares Merkmal nicht-intrinsisch (variabel) sein, während ein nichtinterpretierbares Merkmal stets nicht-intrinsisch ist. Des Weiteren nehmen die Autoren an, dass ein veränderliches, d.h. interpretierbares Genusmerkmal auf Numerus (Num) lokalisiert ist und ein uninterpretierbares Genusmerkmal auf dem Nomen selbst: (6) [ DP Det [ NumP Num [ NP N]]] veränderlich unveränderlich Demnach gehen die Autoren davon aus, dass es keinen funktionalen Genuskopf in der Syntax gibt. Des Weiteren versuchen De Vincenzi & Di Domenico (1999) die Beziehung zwischen veränderlichem Genus und Belebtheit zu beschreiben und schlagen vor, dass Belebtheit immer ein inhärentes Merkmal des Nomens ist. In diesem Fall wird Genus erst dann zugewiesen, wenn das Nomen in die Numeration eintritt, da es ein nichtintrinsisches Genusmerkmal aufweist. Auch Ritter (1993) argumentiert 60 Die Tabelle beihaltetet in der Spalte (2) spanische Beispiele, die in Anlehnung an die italienischen Beispiele von De Vincenzi & Di Domenico (1999) konstruiert wurden. <?page no="231"?> 231 dafür, dass Genus in direktem Zusammenhang mit der Kategorie Numerus steht. Die Autorin stellt die Hypothese auf, dass im Hebräischen Genus direkt am nominalen Stamm realisiert wird, d.h. ein Merkmal von N ist, während in den romanischen Sprachen Genus ein Merkmal des Numeruskopfes innerhalb der NumP ist. Im Gegensatz zu der Genusanalyse, für die Ritter (1993) keine einheitliche Analyse präsentiert, schlägt sie eine einheitliche Betrachtungsweise für die Kategorie Numerus vor: Numerus stellt in den von ihr untersuchten Sprachen (Hebräisch, romanische Sprachen) einen unabhängigen funktionalen Kopf dar, während Genus keinen Kopf einer unabhängigen Projektion bildet. Für die romanischen Sprachen behauptet sie, dass Genus als ein Merkmal von Numerus erzeugt wird, während Genus im Hebräischen auf dem Nomen lokalisiert ist. Die nachfolgenden Beispiele verdeutlichen ihre Analyse: (7) Hebräisch: [ DP Det [ NumP Num [ NP N]]] x-Genus (8) Romanische Sprachen: [ DP Det [ NumP Num [ NP N]]] y-Genus In der generativen Literatur findet man auch den Begriff Word Marker Phrase (WMP; analog zu GenP), welcher von Bernstein (1993) eingeführt wurde. Hierbei nimmt Bernstein (1993) an, dass sich Nomina aus dem nominalen Stamm und dem sogenannten Word Marker zusammensetzen, welcher einen eigenen funktionalen WM-Kopf projiziert. Der N-Stamm bewegt sich zu WM und verbindet sich mit der Nominalendung, die mit einem bestimmten Genus assoziiert wird. Die Autorin argumentiert für einen funktionalen WM-Kopf, um die N-Bewegung zu motivieren, die zur Nomen-Adjektiv Abfolge in den romanischen Sprachen führt und, um die Genuskongruenz zwischen Nomen und Adjektiv zu erklären. Adjektive können in der Genusphrase in eine Kongruenzbeziehung zum Nomen in einer Spezifikator-Kopf-Konfiguration treten. In der generativen Literatur geht man davon aus, dass die Abfolge Adjektiv-Nomen unmarkiert ist. In den romanischen Sprachen erhält man demnach die postnominale Stellung des Adjektivs durch N-Bewegung nach links (z.B una manzana N roja A manzana N ). Bernstein (1993) setzt die Annahme einer WMP in Beziehung zur N>A Abfolge innerhalb der DP, um eine Erklärung für die N-Bewegung in den romanischen Sprachen zu liefern. Die Merkmale des funktionalen Kopfes WM sind dabei bewegungsauslösend. Hierbei stellt sich jedoch die Frage, wie ein funktionaler WMbzw. Genuskopf im Deutschen motiviert werden kann, da attributive Adjektive stets in pränominaler Position stehen (z.B. der grüne A Baum N ). Nach Bernstein (1993) sollten sich Nomina bewegen, um Genusmerkmale abzugleichen. Die ausgelöste N-Bewegung durch den funktionalen Genus-Kopf, <?page no="232"?> 232 führt jedoch zu einer postnominalen Position des deutschen Adjektivs (z.B *der Baum N grüne A Baum N ). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Annahme einer funktionalen Genusphrase, den formulierten Ökonomieprinzipien im Minimalismus widerspricht. Wenn man bedenkt, dass sprachliche Ausdrücke optimal sind und der Aufbau einer syntaktischen Struktur so einfach wie möglich sein muss, dann folgt daraus, dass funktionale Kategorien nur dann angenommen werden, wenn sie unbedingt notwendig sind (vgl. Chomsky 1995). Ritter (1991, 1992) und Di Domenico (1997) und De Vincenzi & Di Domenico (1999) haben gezeigt, dass Genus entweder auf N oder auf Num lokalisiert sein kann und es aus diesem Grund nicht notwendig ist einen funktionalen Genus-Kopf in der Syntax anzunehmen. Auch die Ergebnisse psycholinguistischer Studien zur Verarbeitung von Genus- und Numerusinformationen liefern Evidenz gegen die Annahme eines funktionalen Genus-Kopfes (vgl. u.a. De Vincenzi & Di Domenico 1999). Die Untersuchungsergebnisse von De Vincenzi & Di Domenico (1999) verdeutlichen, dass Numerusinformationen früher verarbeitet werden als Genusinformationen. „ (…) the difference in timing in the use of number and gender information is easily explainable, given that number is a syntactic head and therefore only number information will be readily available in the initial stage of syntactic parsing.” (De Vincenzi & Di Domenico 1999: 26) De Vincenzi & Di Domenico (1999) gehen davon aus, dass es keine funktionale Genusphrase gibt und folgern daraus, dass Genus für den syntaktischen Parser unsichtbar ist. Bei der syntaktischen Derivation sollten zuerst solche Merkmale berechnet werden, die einen eigenen Kopf projizieren und für den Parser sichtbar sind (z.B. Numerus). Folglich sollte die Numerusinformation früher verarbeitet werden als die Genusinformation, wenn man Parsing als einen modularen Prozess interpretiert. Diese Annahme konnte durch die Ergebnisse der psycholinguistischen Experimente von De Vincenzi & Di Domenico (1999) bestätigt werden, da die empirischen Beobachtungen zeigen, dass Numerus vor Genus verarbeitet wird. Insgesamt ist die Argumentation von De Vincenzi & Di Domenico (1999) jedoch zirkulär: Die Untersuchungsergebnisse ihrer Studie zeigen, dass Numerusinformationen vor Genusinformationen verarbeitet werden. Dieses Ergebnis veranlasst die Autoren zur Ablehnung einer GenP. Aus der Annahme, dass der syntaktische Parser Genus nicht sieht und andere Merkmale (u.a. Numerus) zuerst verarbeitet, folgern die Autoren wiederum, dass Numerusinformationen vor Genusinformationen verarbeitet werden. Obwohl die Argumentation von De Vincenzi & Di Dome- <?page no="233"?> 233 nico (1999) vermutlich zirkulär ist, hat auch Ritter (1991, 1993) gezeigt, dass die Annahme einer GenP nicht notwendig ist. 4.7.2 Evidenz gegen eine Genusphrase: Genus als lexikalisches Merkmal In diesem Abschnitt soll dafür argumentiert werden, dass Genus eine inhärente lexikalische Eigenschaft des Nomens ist. Das Genusmerkmal ist auf N lokalisiert und projiziert keine funktionale Projektion GenP. Abb. (8) DP D NP N [Genus] Roca (1989) behauptet, dass das Genus spanischer Nomina weder auf der Basis semantischer noch auf der Basis formaler Kriterien vorhergesagt werden kann. Für das Italienische zeigen Cantone & Müller (2008), dass die Nominalendungen keine Genusträger sind. Obwohl in den folgenden Beispielen (9) und (10) eine semantische Opposition (männlich / weiblich) ausgedrückt wird, die mit den Endungen -o und -a korreliert, zeigt sich, dass keine der beiden Endungen ausschließlich mit nur einer Wortbedeutung auftreten und umgekehrt werden die semantischen Merkmale (männlich / weiblich) nicht immer mit einem bestimmten Genus assoziiert (Harris 1991: 28); vgl. z.B. poeta mask / virago fem , gorila mask embrazado mask und doctor mask / doctora fem . Demzufolge kann die genaue Sexusspezifikation erst durch bestimmte Ergänzungen beispielsweise durch (macho oder hembra) erfolgen (z.B. el cachalote macho / el cachalote hembra). In der Literatur werden diese Nomina oftmals als „geschlechtslos“ (epicence nouns) klassifiziert, da der lexikalische Eintrag keine Informationen über das Geschlecht enthalten kann. Die Beispiele (11) und (12) verdeutlichen, dass keine vergleichbare feminine Form wie *delfina oder *coniglia im Italienischen existiert, obwohl in den Beispielen (9) und (10) eine semantische Opposition durch die Endungen -o und -a ausgedrückt wird. (9) a. it. zío mask , zía fem figlio mask , figlia fem b. sp. tío mask , tía fem hijo mask , hija fem (10) a. it. vicino mask , vicina fem amico mask , amica fem b. sp. vecino mask , vecina fem amigo mask , amiga fem <?page no="234"?> 234 (11) a. it. il delfino mask la foca fem b. sp. el delfín mask la foca fem (12) a. it. il coniglio mask la lepre fem b. sp. el conejo mask la liebre fem Auch für die folgenden Beispiele in (13), kann kein semantisches Kriterium für die Genusunterschiede verantwortlich sein. (13) a. sp. el pilar mask la columna fem b. sp. el muro mask la pared fem c. sp. el zapato mask la sandalia fem (Roca 1989: 6) In Beispiel (14) erfolgt Kongruenz in Abhängigkeit von den Vokalen -o und -a. Es könnte demnach vermutet werden, dass Genus phonologisch motiviert ist. Kongruenz erfolgt insofern, als der letzte Vokal des Nomens auf die kongruierenden Elemente kopiert wird. Das Beispiel (14) zeigt, dass die Vokale -a und -o mit den definiten Artikelformen (las, los), den Pronomina (las, los) und den Partizipien (prestadas, prestados) kongruieren. (14) sp. las i hijas i las tenemos prestadas i , y los j hijos j los j tenemos prestados j también. (Roca 1989: 4) Gegen die Annahme, dass Genus phonologisch motiviert ist, spricht das Beispiel (15), in dem das Suffix -o nicht an den kongruierenden Elementen auftritt. (15) sp. el i perro i este i nos es muy útil i y la j perra j esta j también nos es útil j . (Roca 1989: 4) Das Beispiel (15) zeigt, dass kein Modifizierer (el, este, útil) die Endung -o aufweist. Das Adjektiv útil, welches im zweiten Teil des Satzes auf perra referiert, lautet ebenfalls nicht auf den Vokal -a aus. Des Weiteren argumentiert Roca (1989: 6): „It must be noted that, even it were feasible to identify choice of gender with choice of ending, it would still be necessary to account for the distribution of the gender suffixes themselves.“ Die Distribution der Nominalendungen im Spanischen und Italienischen erfordert einer Erklärung, um nicht existierende Formen auszuschließen. Selbst für den Fall, dass die Genuswahl mit der Wahl der Nominalendung korrespondiert, -o für das Maskulinum und -a für das Femininum, muss man für die Distribution der Genusendungen eine Erklärung finden. Evidenz gegen einen phonologischen Ansatz liefern die folgenden Beispiele: <?page no="235"?> 235 (16) a. it. *terro terra fem b. it. conto mask conta fem (Cantone & Müller 2008: 5) (17) a. sp. *tierro tierra fem b. sp. cuento mask cuenta fem (Roca 1989: 6) Die Beispiele (16b) und (17b) zeigen, dass im Spanischen und Italienischen durch das Anfügen der Endungen -o und -a an die gleiche Basis (z.B. cont-, cuent-) unterschiedliche Nomina gebildet werden können. Im Gegensatz dazu verdeutlichen die Beispiel (10a) und (11a), dass dies nicht uneingeschränkt möglich ist, da die Formen *terro sp und *tierro it nicht existieren. In den Beispielen (9) und (10) konnte zwar ein systematischer Zusammenhang zwischen -o, für das Maskulinum, und -a, für das Femininum, festgestellt werden, dennoch zeigt Roca (1989: 7), dass nicht alle maskulinen Nomina mit der Nominalendung -o im Spanischen assoziiert werden (vgl. Bsp. (19)). Für das Italienische machen Cantone & Müller (2008: 5) ebenfalls diese Beobachtung (vgl. Bsp. (18)). (18) a. it. il dente mask la nave fem b. it. il serpente mask la torre fem (Cantone & Müller 2008: 5) (19) a. sp. el monje mask la nave fem b. sp. el huésped mask la huéspeda fem c. sp. el autor mask la autora fem d. sp. el colegial mask la colegiala fem e. sp. el director mask la directora fem f. sp. el marqués mask la marquesa fem (Roca 1989: 7) Die Beispiele zeigen, dass die spanischen und italienischen Nominalendungen keine Genusträger sein können, da sie nicht alle mit einem bestimmten Genus assoziiert werden. Des Weiteren existieren auch andere Nominalendungen z.B. -e, die sowohl mit dem Maskulinum als auch mit dem Femininum in Verbindung gebracht werden: Im Italienischen z.B. dente mask und torre fem und im Spanischen z.B. monje mask und nave fem . Aus diachronischer Perspektive wird häufig behauptet, dass maskuline Nomina auf -a, eine Ausnahme aufgrund ihrer griechischen Herkunft bilden. Diese enden auf -ma und werden mit dem Maskulinum assoziiert. Hierzu müsste nachgewiesen werden, dass ein Merkmal [+Griechisch] im spanischen Lexikon existiert, um die Argumentation zu rechtfertigen. Außerdem wirft dieses diachronisch ausgerichtete Argument unter anderem <?page no="236"?> 236 die Frage auf, auf welcher Basis ein Lerner des Spanischen, welchem Nomen das Merkmal [+Griechisch] zuweisen soll. Das Argument scheint empirisch nicht haltbar zu sein. (20) a. sp. el clima mask la cima fem b. sp. el lema mask la flema fem c. sp. el drama mask la dracma fem d. sp. el idioma mask la carcoma fem e. sp. el sistema mask la diadema fem (Roca 1989: 8) Außerdem zeigt Roca (1989), dass die Genuszuweisung zu Nomina auf der Basis des vokalischen Auslauts zu weiteren Problemen führt, wenn man bedenkt, dass die Endung -a ebenfalls als maskulines Allomorph charakterisiert wird. Die folgenden Beispiele (21) und (22) verdeutlichen, dass eine wechselhafte Kongruenzbeziehung besteht, aber die Nominalendung -a unverändert bleibt. Die Beispiele zeigen, dass nur eine Form für die Nomina (collega it , colega sp und belga it/ sp ) existiert, die sich kontextabhängig auf einen maskulinen oder femininen Referenten beziehen können. In der Literatur wird in diesem Zusammenhang häufig der Begriff common gender verwendet. (21) a. it. il simpatico mask collega mask , la simpatica fem collega fem b. it. il simpatico mask belga mask la simpatica fem belga fem (Cantone & Müller 2008: 6) (22) a. sp. el simpático mask colega mask la simpática fem colega fem b. sp. el simpático mask belga mask la simpática fem belga fem (Roca 1989: 9) Außerdem zeigt Roca (1989), dass auch maskuline Allomorphe als feminin klassifiziert werden können: (23) a. sp. el justo mask juez mask la justa fem juez fem b. sp. el justo mask fiscal mask la justa fem fiscal fem c. sp. el justo mask testigo mask la justa fem testigo fem d. sp. el justo mask reo mask la justa fem reo fem e. sp. el justo mask cadete mask la justa fem cadete fem (Roca 1989: 9) Weitere Beispiele für homophone Nomina mit unterschiedlichem Genus, die nicht auf einen menschlichen Referenten verweisen und unbelebt sind, existieren ebenfalls im Spanischen und Italienischen. Für das Italienische wurden in Anlehnung an das Spanische, die Beispiele in (24) konstruiert. <?page no="237"?> 237 (24) a. sp. el cometa mask la cometa fem b. sp. el parte mask la parte fem (Roca 1989: 10) (25) a. it. il caso mask la casa fem b. it. il tavolo mask la tavola fem Insgesamt zeigt die Argumentation von Roca (1989: 10), dass die Nominalendungen im Spanischen keine Genusträger sind: „Having shown earlier that gender cannot be predicted on (at least purely) semantic criteria either, we are inevitably led to identify the agreement trigger, and thus the source of gender, with an abstract (morphosyntactic) feature in the lexical stem itself. The transmission of this feature will be directly responsible for the agreement manifestations of gender. It is reasonable to suppose that the observed skewness in the selection of the gender vowel by each gender is also related to the value of this feature.” (Roca 1989: 10) Auch für das Italienische zeigen Cantone & Müller (2008), dass Genus kein Merkmal der jeweiligen Nominalendung ist. Genus ist ein abstraktes morphosyntaktisches Merkmal der nominalen lexikalischen Wurzel. Hierbei werden die Nominalendungen in Abhängigkeit des abstrakten Genusmerkmals auf der Wurzel ausgewählt. Cantone & Müller (2008: 6) verdeutlichen diese Annahme wie folgt: Abb. (9) Weiterhin liefert Masullo (2002) am Beispiel elliptischer Konstruktionen im Spanischen Evidenz dafür, dass Genus ein lexikalisches Phänomen ist, welches in der Derivation früh aufgelöst wird. Hierbei postuliert der Autor, dass die Ellipse als ein Elisionsphänomen auf der PF-Ebene angesehen wird, d.h. als ein Prozess, der der Syntax nachgeordnet ist. Im Spanischen sind Genusinkongruenzen (mismatch of gender features) in elliptischen Konstruktionen nicht erlaubt (z.B. *Juan visitó a su tío y María visitó a la tía suya / a la tía de ella) (vgl. Cantone & Müller 2008 für das Italienische). Das Beispiel verdeutlicht, dass die Ellipse nach der Einführung des Antezedens tío mask auftritt. Das spanische Nomen tío ist maskulin, während das Nomen tía feminines Genus aufweist. Die Genusinkongruenz entsteht dadurch, dass das Genus des elidierten Elements tía von dem Genus des Antezedens abweicht. Weiterhin stellt Masullo (2002) fest, dass <?page no="238"?> 238 Numerusinkongruenzen (mismatch of number features) im Vergleich zu Genusinkongruenzen in elliptischen Konstruktionen im Spanischen erlaubt sind (z.B. Vimos a los maestros peinados, pero no vimos al maestro despeinado). Erneut tritt die Ellipse nach der Einführung des Antezedens maestros auf. Die rechtsperiphere Auslassung des Nomens maestro Sg , welches hinsichtlich seiner Numerusspezifikation von maestros Pl abweicht, führt nicht zur Ungrammatikalität der Äußerung. Der Kontrast zwischen Numerus als syntaktisches und Genus als lexikalisches Phänomen zeigt, dass Numerus erst im Laufe der Derivation aufgelöst wird, da Numerusinkongruenzen erlaubt sind. Im Gegensatz zu Nomina, die lexikalisch genusmarkiert sind, werden beispielsweise Adjektive und Prädikatsnomen in die Derivation ohne eine Genusspezifikation eingesetzt. Ausgehend von dieser Beobachtung macht Masullo (2002) die Vorhersage, dass sich Adjektive und Prädikatsnomen im Hinblick auf die Ellipse wie der Numerus des Nomens verhalten sollten. Demzufolge sollten bei diesen Elementen Genusinkongruenzen in elliptischen Konstruktionen erlaubt sein, da Genus erst spät in der Derivation aufgelöst wird. Masullo (2002) zeigt, dass im Spanischen Genusinkongruenzen mit Prädikatsnomen und Adjektiven in Ellipsen erlaubt sind (z.B. Pedro es bueno y María es buena también und Marta es maestra y Pedro es maestro también). Insgesamt hat der vorliegende Abschnitt gezeigt, dass die Nominalendungen im Spanischen und Italienischen keine Genusträger sind. Cantone & Müller (2008) argumentieren dafür, dass im Spanischen und Italienischen Genus ein Wurzelphänomen ist. Das bedeutet, dass Wurzeln im spanischen und italienischen Lexikon eine Genusmarkierung tragen und Genus ein inhärentes Merkmal der lexikalischen Wurzel ist. Es stellt sich nun die Frage, ob diese Annahme auch für das Deutsche und Französische gilt. Studien zum Lexikonerwerb bei monolingual deutsch, französisch, italienisch und spanisch aufwachsenden Kindern zeigen, dass sich der Erwerb von Nomen und Verben bei deutsch- und französischsprachigen Kindern anders vollzieht als bei spanisch- und italienischsprachigen Kindern. Es werden sprachspezifische Entwicklungsverläufe beobachtet, für die eine Erklärung notwendig ist. In der Literatur sind die beobachteten sprachspezifischen Erwerbsmuster im frühkindlichen Lexikonerwerb bislang noch nicht weiter aufgeschlüsselt worden. Das Phänomen Genus scheint hierbei eine wichtige Rolle zu spielen, um die sprachspezifischen Unterschiede zu erklären. Im vorliegenden Rahmen werden die sprachspezifischen Erwerbsmuster der Nomen und Verben als ein Indiz interpretiert, dass Wurzeln im deutschen und französischen Lexikon keine Genusmarkierung aufweisen. Darüber hinaus liefert auch der Erwerb der Nomen und Verben im monolingual spanisch- und italienischsprachigen <?page no="239"?> 239 Kind Evidenz, dass Wurzeln eine Genusmarkierung im spanischen und italienischen Lexikon tragen. Außerdem legen auch Betrachtungen zur Derivationsmorphologie im Deutschen und in den romanischen Sprachen nahe, dass Wurzeln im Deutschen und Französischen im Vergleich zum Spanischen und Italienischen, keine Genusmarkierung im Lexikon tragen. 4.8 Genus und die Rolle des Nomen-Verb-Lexikons im Spracherwerb Bei der Untersuchung des Lexikons muss zunächst determiniert werden, welche Wortarten überhaupt analysiert werden sollen. Zusätzlich zur Analyse des Nomenlexikons sollte eine weitere Wortart ausgewählt werden, die in Relation zu der Nomenentwicklung gesetzt wird, um den Aufbau und die Organisation des Lexikons zu untersuchen. Hierzu ist die Auswahl des Verblexikons sinnvoll, weil Verben, neben der Wortkategorie Nomen, eine der Wortklassen mit der höchsten Auftretenshäufigkeit darstellen (vgl. Müller et al. 2006). Weiterhin sollte festgelegt werden, ob das Nomen- und Verblexikon in Token oder in Typen gemessen werden sollen. Eine Tokenanalyse spiegelt die Anzahl der Nomen und Verben im Lexikon wider, während eine Typenanalyse ausschließlich die Anzahl der verschiedenen Nomen und Verben berücksichtigt. Dass letztendlich die Anzahl der Typen ausschlaggebend für die Qualität und den Umfang des Lexikons ist, wird daran deutlich, dass ein Kind, welches eine hohe Anzahl von Nomen und Verben produziert (Token), nicht notwendigerweise auch eine hohe Anzahl verschiedener Nomen- und Verbtypen kennt (vgl. Müller et al. 2006). Im folgenden Abschnitt werden zunächst ausgewählte Studien zum Erwerb des Nomen- und Verblexikons im monolingual deutsch, französisch, spanisch und italienisch aufwachsenden Kind vorgestellt, um die sprachspezifischen Erwerbsmuster im frühkindlichen Lexikonerwerb darzustellen. Im Anschluss daran werden Studien zum Erwerb des Nomen- und Verblexikons im bilingualen Kind präsentiert. Gentner (1982) kommt in ihren Untersuchungen zum frühkindlichen Lexikonerwerb zu dem Ergebnis, dass Nomen im Vergleich zu anderen Wortarten im Lexikon dominieren und sie sprachübergreifend von den Kindern als erste Wortklasse erworben werden. Die Annahme basiert auf den empirischen Befunden einer Longitudinalstudie eines amerikanischenglischen Kindes sowie auf den Ergebnissen einer Untersuchung des frühkindlichen Lexikonerwerbs bei monolingualen Kindern, die Deutsch, Kaluli, Japanisch, Mandarin, Türkisch oder Englisch als Muttersprache erwerben. Die Hypothese, dass es eine universelle Dominanz der Nomen im frühkindlichen Wortschatzerwerb gibt, scheint für die von Gentner <?page no="240"?> 240 (1982) untersuchten Sprachen gültig zu sein. Ausgehend von diesem Ergebnis wurden weitere Studien in der Literatur durchgeführt, die für das beobachtete Erwerbsmuster, nach welchem Kinder mehr Nomen als Verben erlernen, weitere Evidenz liefern wollten. Weitere Studien zum frühkindlichen Wortschatzerwerb zeigen jedoch, dass der Erwerb von Nomen und Verben sprachenabhängig variiert und die sogenannte noun-bias Hypothesis nur für einige Sprachen bestätigt wird. Pillunat (2007) bestreitet die Annahme hinsichtlich der Nomendominanz und macht deutlich, dass das Verhältnis von Nomen und Verben zueinander drei unterschiedliche Ausprägungen annehmen kann (vgl. Pillunat 2007): 1. Sprachen mit einer Dominanz der Nomen, welche sich in einer asymmetrischen Entwicklung von Nomen und Verben äußert. 2. Sprachen, in denen sich der Erwerb von Nomen und Verben symmetrisch vollzieht, d.h. weder eine Nomennoch eine Verbdominanz nachgewiesen wird. 3. Sprachen mit einer Dominanz der Verben, welche sich in einer asymmetrischen Entwicklung von Verben und Nomen äußert. Ausgehend von diesen Beobachtungen soll für die in der vorliegenden Arbeit analysierten Sprachen gezeigt werden, ob sich der frühkindliche Erwerb von Nomen und Verben im monolingual deutsch, französisch, spanisch und italienisch aufwachsenden Kind symmetrisch oder asymmetrisch vollzieht. Anschließend wird es um die Frage gehen, ob sich die Nomen-Verb-Entwicklung im bilingualen Kind ebenso vollzieht wie im monolingualen Individuum oder ob Spracheneinfluss nachgewiesen werden kann. Insgesamt lässt sich für die Entwicklung des Nomen-Verb-Lexikons in den untersuchten Sprachen (Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch) kein asymmetrischer Verlauf zugunsten der Verben nachweisen, obwohl in Sprachen wie dem Koreanischen und dem Japanischen eine Dominanz der Verben im frühkindlichen Wortschatzerwerb beobachtet wird (vgl. Gopnik & Choi 1995). Auch für die mit dem Koranischen verwandte Sprache Mandarin kann eine Entwicklung zugunsten der Verben belegt werden (vgl. Gelman & Tardif 1998, Tardif 1996). 4.8.1 Der Erwerb des Lexikons im monolingualen Individuum Im Folgenden werden ausgewählte Studien zum Erwerb des Nomen- und Verblexikons im monolingualen Kind vorgestellt. Beginnend mit der Nomen- und Verb-Entwicklung im deutschsprachigen Kind, werden im Anschluss Studien zum Erwerb des Lexikon im französisch-, spanisch- und italienischsprachigen Kind präsentiert. <?page no="241"?> 241 Erwerb des Nomen- und Verblexikons im monoligual deutschen Kind Die empirische Untersuchung von Kauschke (1999), in der 32 monolingual deutsch aufwachsende Kinder mit einer ausgeglichenen Sprachentwicklung analysiert wurden, bringt hinsichtlich des frühkindlichen Erwerbs von Nomen und Verben folgendes Ergebnis hervor: Monolingual deutsch aufwachsende Kinder entwickeln das Nomen- und Verblexikon symmetrisch, d.h. die quantitative Differenz zwischen Nomen und Verben ist über die Entwicklung minimal. Dieses Ergebnis wird ebenfalls in der Studie von Pillunat (2007) bestätigt. Die Autorin analysierte zwei monolingual deutsch aufwachsende Kinder und kommt zu dem Ergebnis, dass die Entwicklung der Nomen im Vergleich zu der Entwicklung der Verben bei den beiden deutschsprachigen Kindern als symmetrisch charakterisiert werden kann. Die nachfolgenden Graphiken 61 aus Pillunat (2007: 32) sollen exemplarisch die Nomen-Verb-Entwicklung im monolingual deutsch aufwachsenden Kind verdeutlichen. Die beiden Abbildungen zeigen, dass die Differenz zwischen der Nomen- und Verbkurve sehr gering ist. Abb. (10) Nomen- Verblexikon im monolingual dt. Kind Kerstin 0 20 40 60 80 100 120 140 160 180 200 2; 1,1 2; 1,2 2; 2,20 2; 2,21 2; 3,01 2; 3,02 2; 4,14 2; 4,16 2; 5,12 2; 5,14 2; 6,2 2; 6,3 2; 7, 23 Alter Zuwachs Typen Nomen Verben 61 Die Abbildungen zeigen den inkrementellen Anstieg der Nomen- und Verbtypen im monolingual deutsch aufwachsenden Kind (vgl. Pillunat 2007). Bei der Untersuchung des inkrementellen Nomen- und Verblexikons werden ausschließlich die Nomen- und Verbtypen in den Sprachaufnahmen gezählt, die noch nicht in den vorherigen Aufnahmen geäußert wurden. Diese werden anschließend zu den bereits produzierten Nomen und Verben addiert, sodass ein kontinuierlicher Zuwachs an Nomen- und Verbtypen über die Entwicklung ersichtlich wird. <?page no="242"?> 242 Abb. (11) Nomen-Verb Entwicklung im monolingual dt. Kind Chantal 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 1; 10,18 1; 11,19 2; 0,9 2; 1,7 2; 2,4 2; 3,6 2; 4,4 2; 5,3 2; 6 2; 7 2; 8,2 2; 9 2; 10 2; 10,30 2; 11,29 Alter Zuwachs Typen Nomen Verben Erwerb des Nomen- und Verblexikons im monoligual französischen Kind Die Studie von Bassano (2000), in der die Entwicklung von Nomen und Verben im frühkindlichen Erwerb des Französischen bei einem monolingual aufwachsenden Kind im Alter von 1; 2 bis 2; 6 Jahren untersucht wurde, zeigt, dass sich die genannten Kategorien im Französischen schwach 62 asymmetrisch zugunsten der Nomen entwickeln. Eine detaillierte Betrachtung der Untersuchungsergebnisse macht jedoch deutlich, dass die beobachtete Asymmetrie nur bis zu einem Alter von 1; 8 Jahren vorliegt und ab einem Alter von 2; 0 Jahren die Anzahl der Verbtypen genauso hoch ist wie die der Nomentypen. Außerdem führte Bassano (1998b) eine Querschnittstudie mit 12 monolingual französisch aufwachsenden Kindern im Alter von 1; 8 und 2; 6 Jahren durch. Die Studie bringt das Ergebnis hervor, dass die französischsprachigen Kinder das Nomen- und Verblexikon ebenfalls schwach asymmetrisch entwickeln. Pillunat (2007) untersuchte die Nomen-Verb-Entwicklung bei zwei monolingual französischsprachigen Kindern. Für beide Kinder konnte das Vorhandensein einer schwachen Nomen-Verb-Asymmetrie zugunsten der Nomen belegt werden. Die folgende Graphik aus Pillunat (2007: 34) soll exemplarisch die Nomen-Verb-Entwicklung im monolingual französisch aufwachsenden Kind verdeutlichen. 62 Der Begriff schwach asymmetrisch wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch genau definiert. Im vorliegenden Rahmen wird ein Kriterium entwickelt, um zwischen einer symmetrischen, einer schwach asymmetrischen und eine stark asymmetrischen Nomen- und Verbentwicklung zu differenzieren (vgl. Kapitel 5.7.1) <?page no="243"?> 243 Abb. (12) Nomen- Verb Entwicklung im monolingual frz. Kind Grégoire 0 50 100 150 200 250 1; 9,18 1; 9,28 1; 10,3 1; 11,22 2; 0,5 2; 1,25 2; 3,1 2; 5,1 2; 5,13 2; 5,27 Alter Zuwachs Typen Nomen Verben Im Vergleich zu den deutschsprachigen Kindern lässt sich für die monolingual französischen Kinder eine schwach ausgeprägte Asymmetrie zugunsten der Nomen nachweisen. Erwerb des Nomen- und Verblexikons im monoligual spanischen Kind Die Ergebnisse der Studien von Jackson-Maldonado et al. (1993), sowie von Gallego & López Ornat (2005) zeigen, dass spanischsprachige Kinder das Lexikon asymmetrisch zugunsten der Nomen erwerben. Es wird ein extremes Übergewicht der Nomen gegenüber den Verben nachgewiesen, d.h. es lässt sich eine starke Nomen-Verb-Asymmetrie zugunsten der Nomen feststellen. Die folgende Graphik soll exemplarisch die Nomen- Verb-Entwicklung im monolingual spanisch aufwachsenden Kind 63 verdeutlichen, welches in der vorliegenden Arbeit analysiert wurde. 63 Die Daten des monolingual spanischen Kindes Irene sind über die CHILDES- Datenbank zugänglich. <?page no="244"?> 244 Abb. (13) Nomen- Verb Entwicklung im monolingual sp. Kind Irene 0 100 200 300 400 500 600 700 1; 6,01 1; 7,05 1; 8,09 1; 9,10 1; 10,16 1; 11,01 1; 11,30 2; 0,28 2; 1,29 2; 2,29 2; 3,28 2; 4,28 2; 5,27 2; 6,26 2; 7,28 2; 8,27 2; 9,26 2; 10,28 2; 11,27 3; 1,22 Alter Zuwachs Typen Nomen Verben Im Vergleich zu monolingual deutsch und französich aufwachsenden Kindern entwickeln spanischsprachige Kinder das Nomen und Verblexikon mit einer starken Asymmetrie zugunsten der Nomen. Die Differenz zwischen den Nomen- und Verbtypen ist über die Entwicklung betrachtet größer als die im deutsch- und französischsprachigen Kind. Erwerb des Nomen- und Verblexikons im monoligual italienischen Kind Die Entwicklung von Nomen und Verben im frühkindlichen Erwerb des Italienischen wurde in der Studie von Caselli, Casadio und Bates (2001) untersucht. Die Autoren analysieren insgesamt 195 Kinder zwischen 8 und 16 Monaten und 386 Kinder zwischen 18 und 30 Monaten. Die Untersuchung zeigt, dass zu jedem Analysezeitpunkt die Anzahl der Nomen über die Anzahl der Verben dominiert. Für das Italienische kann demzufolge eine deutliche Nomen-Verb-Asymmetrie belegt werden. Pillunat (2007) untersuchte die Entwicklung von Nomen und Verben in einem monolingual italienisch aufwachsenden Kind im Alter von 1; 7,18 bis 2; 7,15 Jahren. Die Autorin geht hierbei ebenfalls der Frage nach, ob im frühkindlichen Erwerb des Italienischen eine Nomen-Verb-Asymmetrie nachgewiesen werden kann. Erneut zeigt sich ein asymmetrischer Erwerbsverlauf von Nomen und Verben, welcher durch eine deutliche Dominanz der Nomen gekennzeichnet ist. Über die gesamte Entwicklung ist die Anzahl der Nomentypen fast dreimal so hoch wie die der Verbtypen. Die folgende Graphik aus Pillunat (2007: 36) soll exemplarisch die Nomen- <?page no="245"?> 245 Verb-Entwicklung im monolingual italienisch aufwachsenden Kind verdeutlichen. Abb. (14) Nomen- Verb Entwicklung im monolingal it. Kind Martina 0 50 100 150 200 250 300 350 1; 7,18 1; 8,2 1; 8,17 1; 9,1 1; 10,29 1; 11,2 1; 11,20 2; 1,12 2; 3,1 2; 3,22 2; 4,13 2; 5,21 2; 7,15 Alter Zuwachs Typen Nomen Verben Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich der Erwerb von Nomen und Verben bei deutschsprachigen Kindern symmetrisch vollzieht. Es kann weder eine Dominanz der Nomen noch eine Dominanz der Verben nachgewiesen werden. Für das Spanische und Italienische wird hingegen ein stark asymmetrischer Erwerbsverlauf zugunsten der Nomen deutlich, während für das Französische eine schwache Asymmetrie zugunsten der Nomen beobachtet wird. Die Studie von Pillunat (2007), in der sowohl deutschsprachige als auch französisch- und italienischsprachige Kinder analysiert wurden, zeigt im Sprachvergleich, dass die asymmetrische Entwicklung im monolingual italienischen Kind stärker ausgeprägt ist als bei den französischsprachigen Kindern. Im Hinblick auf die Nomen-Verb- Entwicklung des monolingual italienischen Kindes berichtet Pillunat (2007), dass die Anzahl der Nomentypen fast dreimal so hoch ist wie die der Verbtypen, während bei den französischsprachigen Kindern die Anzahl der Nomentypen im Vergleich zu den Verbtypen ungefähr doppelt so hoch ist. Für das monolingual spanische Kind kann in der vorliegenden Untersuchung ebenfalls festgestellt werden, dass die asymmetrische Entwicklung zugunsten der Nomen stärker ausgeprägt ist als bei den französischen Kindern. <?page no="246"?> 246 4.8.2 Der Erwerb des Lexikons im bilingualen Individuum Im vorliegenden Abschnitt soll der Erwerb des Nomen- und Verblexikons bei bilingualen Kindern vorgestellt werden, die Deutsch und eine romanische Sprache als Erstsprachen erwerben. Die bisher umfangreichste Studie zum Erwerb des Nomen- und Verblexikons im bilingualen Erstspracherwerb wurde von Pillunat (2007) durchgeführt. 64 Die Untersuchung der Autorin basiert insgesamt auf 9 Longitudinalstudien (5 bilingual deutsch-italienische und 4 bilingual deutsch-französische Kinder). 65 Hierbei geht Pillunat (2007) der Frage nach, wie bilingual aufwachsende Kinder mit der Sprachkombination Deutsch - Französisch und Deutsch - Italienisch das Nomen- und Verblexikon in der jeweiligen Sprache entwickeln. Ausgehend von den Beobachtungen zur Nomen-Verb-Entwicklung im monolingualen Kind, macht Pillunat (2007) die folgenden Vorhersagen für den Erwerb von Nomen und Verben bei bilingualen Kindern: 1. Bilinguale Kinder mit einer balancierten Sprachentwicklung entwickeln das Nomen- und Verblexikon wie monolinguale Kinder in der jeweiligen Sprache. 2. Bilinguale Kinder mit einer unbalancierten Sprachentwicklung zeigen Spracheneinfluss, dessen Richtung von der starken in die jeweilige schwache Sprache verläuft. Im Hinblick auf die erste Hypothese stellt Pillunat (2007) fest, dass nicht alle balancierten Kinder das für den monolingualen Erwerb typische symmetrische Erwerbsmuster der Nomen und Verben im Deutschen zeigen. Im Deutschen der bilingualen Kinder wird häufig eine asymmetrische Entwicklung zugunsten der Nomen, wie in der romanischen Sprache beobachtet. Im Gegensatz dazu weisen alle bilingualen Kinder in der romanischen Sprache das für den monolingualen Erwerb des Italienischen und Französischen typische Erwerbsmuster der schwachen bzw. starken Nomen-Verb-Asymmetrie auf. Der symmetrische Aufbau des deutschen Nomen- und Verblexikons wird häufig zugunsten des romanischen Weges aufgegeben. Umgekehrt lässt sich für kein bilinguales Kind der symmetrische Weg im Aufbau des romanischen Lexikons nachweisen. Des Weiteren zeigt Pillunat (2007), dass das Auftreten des unidirektionalen Spracheneinflusses unabhängig von der Sprachdominanz erfolgt. Die balancierten Kinder zeigen im Deutschen die Nomen-Verb-Asymme- 64 In der Literatur existieren meines Wissens keine weiteren Studien zur Analyse des Nomen- und Verblexikons im bilingualen Kind. 65 Die Daten stammen aus dem Forschungsprojekt „Frühkindliche Zweisprachigkeit Italienisch/ Deutsch und Französisch/ Deutsch im Vergleich“, welches von Prof. Dr. Natascha Müller geleitet und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft von 1999- 2005 finanziert wurde. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden die von Pillunat (2007) analysierten Kinder ebenfalls untersucht. <?page no="247"?> 247 trie wie in der romanischen Sprache und die unbalancierte Kinder entwickeln das Nomen-Verb-Lexikon in ihrer schwachen Sprache wie monolinguale Kinder in der jeweiligen Sprache. Das deutsch-französische Kind Céline entwickelt die romanische Sprache als schwache Sprache. Dennoch weist sie im Französischen die für den monolingualen Erwerb typische schwache Nomen-Verb-Asymmetrie auf. Das deutsch-italienische Kind Jan entwickelt das Italienische als schwache Sprache und zeigt ebenfalls die beobachtete Asymmetrie zugunsten der Nomen in der romanischen Sprache. Das deutsch-französische Kind Alexander, welches eine leichte Dominanz im Französischen aufweist, entwickelt das Nomen-Verb-Lexikon im Deutschen symmetrisch. Folglich besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen der Sprachdominanz und dem Auftreten von Spracheneinfluss. Weiterhin stellt Pillunat (2007) fest, dass bei den deutschfranzösischen Kindern im Vergleich zu den deutsch-italienischen Kindern die Asymmetrie der Nomen und Verben zugunsten der Nomen im Italienischen stärker ausgeprägt ist als im Französischen. Diese Beobachtung konnte bereits für die Nomen-Verb-Entwicklung der monolingual italienischen und monolingual französischen Kinder gemacht werden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die bilingualen Kinder in der romanischen Sprache die für den monolingualen Erwerb beobachtete Nomen-Verb-Asymmetrie zeigen. Unabhängig vom jeweiligen Balanciertheitsgrad entwickelt ein Großteil der bilingualen Kinder das Nomen-Verb-Lexikon im Deutschen wie das respektive romanische Nomen-Verb-Lexikon (asymmetrisch). Diese asymmetrische Entwicklung der Nomen und Verben im Deutschen kann über das Auftreten von Spracheneinfluss erklärt werden. Der Spracheneinfluss verläuft unidirektional von der romanischen Sprache auf das Deutsche und ist unabhängig davon, ob die beiden Sprachen im bilingualen Kind in einem balancierten oder unbalancierten Verhältnis zueinander stehen. Weiterhin zeigt Pillunat (2007), dass die beobachtete Nomen-Verb- Asymmetrie ein robustes Phänomen im frühkindlichen Wortschatzerwerb ist, da sie die folgenden Erklärungsmöglichkeiten ausschließen kann. Eine mögliche Erklärung für die asymmetrische Entwicklung der Nomen- und Verbtypen wäre, dass Kinder, die einen Entwicklungsverlauf zugunsten der Nomen aufweisen, generell mehr Nomen erwerben als Kinder, die keine Nomen-Präferenz entwickeln. Pillunat (2007) zeigt jedoch, dass dieser Erklärungsansatz keine plausible Begründung für die sprachspezifischen Unterschiede liefert, da sich die Anzahl der Nomentypen bei den Kindern nicht signifikant voneinander unterscheidet. Des Weiteren geht die Autorin der Frage nach, ob Kinder, die im Entwicklungsverlauf eine Nomen-Präferenz aufweisen, generell weniger Verben erlernen. Hierzu vergleicht sie die Verbkurven der Kinder und stellt fest, <?page no="248"?> 248 dass sich die gezeigte Nomen-Verb-Asymmetrie nicht dadurch erklären lässt, dass Kinder mit einer Nomendominanz generell weniger Verben erlernen. Die asymmetrische Entwicklung im Vergleich zu der symmetrischen Entwicklung kann somit nicht durch quantitative Unterschiede erklärt werden. Des Weiteren überprüft Pillunat (2007), ob die sprachspezifischen Entwicklungsverläufe möglicherweise auf den elterlichen Input zurückzuführen sind. Die Autorin zeigt, dass die symmetrische Entwicklung der Nomen und Verben im deutschsprachigen Kind nicht über den Input der Kinder erklärt werden kann. Sowohl im Deutschen als auch im Französischen und Italienischen ist die Anzahl der elizitierten Nomen im elterlichen Input mindestens doppelt so hoch wie die Anzahl der elizitierten Verben. Weiterhin untersucht Pillunat (2007), ob sich möglicherweise die Wortstellung auf die symmetrische bzw. asymmetrische Entwicklung der Nomen und Verben auswirkt. Hierbei legt sie die Annahme zugrunde, dass Einheiten in finaler Satzposition früher erlernt werden als Einheiten in initialer Satzposition. Da sowohl das Deutsche als auch die romanischen Sprachen die SVO-Stellung aufweisen, liefert die Wortstellung keine Erklärung für die unterschiedlichen Entwicklungsverläufe. Ferner überprüft Pillunat (2007), ob die von den Kindern produzierten Verben im Hinblick auf ihre Argumentstruktur unterschiedlich komplex sind. Schließlich könnte eine asymmetrische Entwicklung zugunsten der Nomen auch dadurch erklärt werden, dass die Kinder insgesamt weniger Verben erlernen, da diese in der jeweiligen Sprache syntaktisch komplexer sind. Die Analyse der Sprachdaten zeigt jedoch, dass sich die Komplexität der produzierten Verben in den untersuchten Sprachen nicht voneinander unterscheidet. Insgesamt wird deutlich, dass weder qualitative noch quantitative Unterschiede die (a)symmetrischen Entwicklungsverläufe erklären können (vgl. Pillunat 2007). In der Literatur ist bislang noch kein Ansatz vorgeschlagen worden, der die sprachspezifischen Erwerbsverläufe erklärt. Die folgenden Fragen bleiben demnach offen: Warum entwickelt sich das Nomen- und Verblexikon im deutschsprachigen Kind symmetrisch und nicht asymmetrisch zugunsten der Nomen wie im italienisch- und spanischsprachigen Kind? Warum ist die Asymmetrie im französischsprachigen Kind schwächer ausgeprägt als im spanisch- und italienischsprachigen Kind? Im weiteren Verlauf der Arbeit soll der Versuch unternommen werden eine Antwort auf diese Fragen zu geben. <?page no="249"?> 249 4.8.3 Die (a)symmetrische Nomen-Verb-Entwicklung: Ein Indiz für die Repräsentation von Genus Es stellt sich die Frage, wie die sprachspezifischen Entwicklungsverläufe, d.h. das robuste Erwerbsmuster der Symmetrie und Asymmetrie im frühkindlichen Lexikonerwerb erklärt werden kann. In der Distributed Morpholgy, welche in ihrer ursprünglichen Form auf Halle & Marantz (1993) zurückgeht und einer der jüngsten Ansätze für die Beschreibung morphologischer Phänomen in der Generativen Grammatik darstellt, wird die Annahme zugrunde gelegt, dass Wurzeln keine Wortartinformation tragen und sich stets mit einem kategoriebestimmenden Kopf (z.B. n°, v° oder a°) verbinden müssen. Beispielsweise ist die deutsche Wurzel lauf, wenn sie in n° inkorporiert, ein Nomen, wenn sie in v° inkorporiert, ein verbales Element. Demnach werden im Rahmen der DM Nomen, Verben und Adjektive immer aus einem funktionalen Kopf und einer Wurzel gebildet. Auch die Autoren Barner & Bale (2002) argumentieren in ihrem Aufsatz No nouns, no verbs dafür, dass syntaktische Kategorien wie N und V im Lexikon nicht vorgegeben sind. Ausgehend von dieser Annahme, könnte man vermuten, dass die symmetrische Nomen-Verb-Entwicklung im Deutschen und die schwach asymmetrische Entwicklung im Französischen Evidenz für kategorielose Wurzeln im Lexikon liefert, während das asymmetrische Erwerbsmuster der Nomen und Verben dahingehend interpretiert werden könnte, dass das Lexikon kategorien-spezifisch ist und somit verbale und nominale Wurzeln beinhaltet. Wenn Wurzeln im Lexikon keine Wortartinformation tragen, dann sollten sie auch genuslos sein. Das bedeutet, dass im Deutschen und auch im Französischen Wurzeln vermutlich keine Genusmarkierung im Lexikon tragen. Im Spanischen und Italienischen vollzieht sich der Erwerb der Nomen und Verben stark asymmetrisch zugunsten der Nomen. Diese Beobachtung könnte darauf hindeuten, dass die syntaktische Kategorie Verb bzw. Nomen von Wurzeln im spanischen und italienischen Lexikon vorgegeben ist. Wenn Wurzeln im spanischen und italienischen Lexikon für die Kategorie Nomen bzw. Verb spezifiziert sind, dann sollte eine nominale Wurzel auch eine Genusmarkierung aufweisen. Demzufolge sollte man annehmen, dass Genus im Spanischen und Italienischen ein inhärentes Merkmal der Wurzel ist. Betrachtungen zur Derivationsmorphologie im Deutschen und in den romanischen Sprachen legen ebenfalls die Vermutung nahe, dass die Spezifizierung der Wurzel sprachenabhängig variiert. Für diese Annahme soll im Folgenden anhand der Diminutivbildung und der Konversion (Nullableitung) in den analysierten Sprachen Evidenz geliefert werden. Das Wortbildungsverfahren der Diminution wird nach inhaltlichen Krite- <?page no="250"?> 250 rien allgemein dem Bereich der Modifikation zugeordnet. Das Wortbildungsmuster der Modifikation, bei dem durch das Anfügen eines Suffixes der semantische Gehalt der Basis modifiziert wird, wird nach formalen Aspekten in den hier analysierten Sprachen, traditionell in den Bereich der Derivation eingeordnet. 66 Zur Modifikation werden im Allgemeinen die Diminutiv- und die Augmentativbildung gerechnet. Diminutiva können in verschiedenen Wortarten vorkommen, doch am häufigsten lassen sie sich bei Nomina finden. Im Folgenden wird ausschließlich auf die Diminutivbildung Bezug genommen, die der Modifikation von Nomina dient, obwohl auch Adjektive und Verben mögliche Basen für modifizierende Suffixe bilden. Die semantische Funktion der Modifikationssuffixe ist für die nachfolgende Diskussion nicht relevant und soll aus diesem Grund nicht weiter behandelt werden. Vielmehr sollen sprachkontrastive Unterschiede im Hinblick auf die Korrelation von morphologischer Modifikation und dem Genus des Nomens aufgezeigt werden. Die im Deutschen am häufigsten verwendeten Diminutivsuffixe sind -chen (z.B. Briefchen) und -lein (z.B. Englein) mit den dialektalen Varianten -(s)ken, -le, -el, -erl und -li (vgl. Fleischer & Barz 1995 Dressler & Merlini Barbaresi 1994). Im Standarddeutschen sind ausschließlich die Suffixe -chen und -lein erlaubt, die an jedes Nomen suffigiert werden können, wobei bestimmte morphophonologische und semantische Restriktionen zu beachten sind. Zum Beispiel wird beim Anfügen der Diminutivsuffixe -chen und -lein fast immer ein Basisumlaut bewirkt (z.B. Frucht - Früchtchen). Weiterhin ist die Diminutivbildung im Deutschen durch eine Besonderheit im Vergleich zu den romanischen Sprachen gekennzeichnet: Bei deutschen Diminutiva findet ein Genuswechsel statt. Diminutiva bilden stets Neutra, sodass die Derivate nicht das Genus der Ableitungsbasis (Maskulinum, Femininum) übernehmen: (26) a. dt. die fem Frucht fem das neutr Früchtchen neutr b. dt. der mask Bär mask das neutr Bärchen neutr c. dt. die fem Tasche fem das neutr Täschlein neutr d. dt. der mask Brief mask das neutr Brieflein neutr Der Genuswechsel macht deutlich, dass Diminutivsuffixe das Genus des Nomens verändern und das Genus des Derivats determinieren. Die Diminutivbildung liefert Evidenz dafür, dass die Wurzel möglicherweise 66 Im Hinblick auf die Einordnung der Modifikation innerhalb der Wortbildungslehre bestehen jedoch unterschiedliche Auffassungen. In der Literatur sind diesbezüglich zwei Positionen vertreten: (1) Die Modifikation wird in den Bereich der Derivation eingeordnet (vgl. Schwarze 1995, Dressler, Merlini Barbaressi 1994) und (2) Die Modifikation wird weder zur Derivation noch zur Flexion gezählt (vgl. Scalise 1995). <?page no="251"?> 251 keine Genusmarkierung aufweist. Wenn die Wurzel genusmarkiert wäre, dann sollte man auch vermuten, dass das Genus des Derivats mit dem Genus der nominalen Ableitungsbasis übereinstimmt. Wenn Genus tatsächlich ein Merkmal der Wurzel ist, dann müssten für die gleiche Wurzel zwei unterschiedliche Lexikoneinträge angenommen werden. Zum Beipiel müsste die deutsche Wurzel Brief zwei unterschiedliche Lexikoneinträge haben: Einen Lexikoneintrag, der über die inhärente Merkmalkombination [+mask; -fem] verfügt und einen weiteren Lexikoneintrag, der die inhärente Merkmalkombination [-mask; -fem] aufweist. (27) a. dt. Brief [+mask; -fem] b. dt. Brief [-mask; -fem] Eine weitere Möglichkeit wäre, dass das maskuline Genus der Wurzel Brief [+mask; -fem] bei der Verkettung mit dem Suffix -lein [-mask; -fem] überschrieben wird. Demnach würde das Derivationssuffix -lein, welches in seinem Lexikoneintrag über die inhärente Merkmalskombination [-mask; -fem] verfügt, das maskuline Genus der Wurzel Brief [+mask; -fem] überschreiben. Sowohl die Annahme unterschiedicher Lexikoneinträge für die gleiche Wurzel als auch die Annahme eines Überschreibungsprozesses widersprechen dem Grundgedanken zur Ökonomie. Aus diesem Grund wird die Hypothese aufgestellt, dass das deutsche Lexikon über kategorie- und genuslose Wurzeln verfügt. Für das Deutsche kann somit die folgende vorläufige Struktur für underivierte und derivierte Nomina postuliert werden: Abb. (15) Abb. (16) Darüber hinaus wird im Deutschen die Genusmarkierung durch Numerus (Plural) aufgehoben. Interessant ist nun die Beobachtung, dass bei der Diminution die Wurzel des deutschen Derivats überwiegend mit dem Pluralstamm übereinstimmt (z.B. Hand Sg - Händ-e Pl - Händ-chen). Dies könnte ebenfalls darauf hindeuten, dass Wurzeln im Deutschen keine Genusmarkierung aufweisen. Während im Deutschen bei der Diminution derivierte Nomina ein von der nominalen Ableitungsbasis abweichendes Genus aufweisen, wird im Spanischen und Italienischen kein Genuswechsel ausgelöst. Im Hinblick auf das Genus der Derivate zeigt sich, dass sie typischerweise das Genus ihrer nominalen Ableitungsbasis übernehmen (vgl. Schwarze 1995, Lloret <?page no="252"?> 252 & Viaplana 1997). Im Spanischen und Italienischen bestimmt somit nicht das Diminutivsuffix das Genus des Derivats. Zur Diminutivbildung von Nomina stehen im Spanischen die Suffixe -it-, -ill-, -ic-, -uel-, -ín und die dialektalen Varianten -in- und -iñzur Verfügung (vgl. Lloret & Viaplana 1997, Rainer 1993). Das Italienische verfügt über die folgenden Suffixe zur Bildung nominaler Diminutiva: -in-, -ett-, -ell-, -ucci- und -ott- (vgl. Schwarze 1995, Dressler & Merlini Barbaresi 1993, 1994). Von besonderem Interesse sind underivierte Nomina im Italienischen und Spanischen, bei denen das Genus nicht auf der Basis der nominalen Endung vorhergesagt werden kann. In diesen Fällen stimmt das Genus des Derivats mit dem Genus des underivierten Nomens überein. Folglich ist die Diminutivbildung im Spanischen und Italienischen transparent bezüglich der Kategorie Genus, aber nicht hinsichtlich des morphologischen Ausdrucks (z.B. la fem mano fem - sp. la fem manita fem , it. la fem manina fem ). Für die Diminution im Spanischen zeigen Lloret und Viaplana (1997), dass Maskulina wie mapa mask und poeta mask auch im Diminutiv auf -a auslauten (z.B. mapita mask und poetita mask ). Bei femininen Nomina auf -o scheinen hingegen die folgenden zwei Klassen zu bestehen: 1. soprano fem - sopranito fem , modelo fem - modelito fem und 2. mano fem - manita fem . Wenn im Spanischen und Italienischen Wurzeln genusmarkiert sind, dann sollte man vorhersagen, dass das Genus des Derivats mit dem Genus der nominalen Ableitungsbasis übereinstimmt und somit kein Genuswechsel stattfindet. Dennoch existieren Fälle, in denen das Diminutivsuffix das Genus des Derivats verändert. Schwarze (1995) zeigt jedoch, dass ein Genuswechsel nur bei lexikalisierten Derivaten vorkommt (z.B. it. carro mask - carreta fem , sigaro mask - sigaretta fem ). Weiterhin erwähnen Dressler und Merlini Barbaresi (1994), dass bei nicht-lexikalisierten Derivaten auch ein Genuswechsel beobachtet werden kann. Interessant ist jedoch, dass bei diesen Diminutiva der Genuswechsel nur in die Richtung des unmarkierten maskulinen Genus stattfindet. Vermutlich handelt es sich um eine Neutralisierung des Genus, sodass man möglicherweise gar nicht mehr von einem zugrundeliegenden Genuswechsel ausgehen kann. Die folgenden Beispiele verdeutlichen die Diminutivbildung im Spanischen und Italienischen. (28) a. sp. la fem mano fem la fem manita fem b. sp. el mask poeta mask el mask poetita mask c. sp. la fem casa fem la fem casita fem d. sp. el mask libro mask il mask librito mask e. sp. el mask arroz mask el mask arrocito mask f. sp. el mask oboe mask el oboito mask <?page no="253"?> 253 (29) a. it. la fem mano fem la fem manina fem b. it. la fem casa fem la fem casetta fem c. it. il mask libro mask il mask librino mask d. it. il mask cavallo mask il mask cavalluccio mask Im vorliegenden Rahmen wird postuliert, dass Genus im Spanischen und Italienischen ein Merkmal der Wurzel ist. Für das Spanische und Italienische kann somit die folgende vorläufige Struktur für underivierte und derivierte Nomina postuliert werden: Abb. (17) Abb. (18) Für das Französische lassen sich im Hinblick auf die Diminutivbildung unterschiedliche Beobachtungen machen, da einerseits Diminutivsuffixe das Genus verändern und andererseits derivierte Nomina existieren, die das Genus der nominalen Ableitungsbasis beibehalten. Demzufolge hat das Französische Gemeinsamkeiten mit dem Italienischen und Spanischen, da in den genannten Sprachen typischerweise kein Genuswechsel bei der Diminutivbildung ausgelöst wird. Darüber hinaus teilt das Französische Eigenschaften mit dem Deutschen, da ein Genuswechsel bei Diminutiven stattfindet, der nicht nur in Richtung des unmarkierten Genus verläuft. Die am häufigsten vorkommenden französischen Diminutivsuffixe sind -et(te) und -ot(te), wobei -eau/ -elle, -in(e), -illon, -ail(le), -ille, -iche und -oche ebenfalls gebräuchlich sind (vgl. Thiele 1981). Die folgenden Beispiele verdeutlichen, dass einerseits ein Genuswechsel bei der Diminution ausgelöst wird und andererseits derivierte Nomina das Genus der Basis beibehalten. (30) a. frz. le mask mur mask la fem muraille fem b. frz. la fem maison fem la fem maisonnette fem c. frz. le mask frère mask le mask frérot mask Das Nomen mur mask ist maskulin, während das derivierte Nomen muraillefem feminin ist. Wenn Genus ein Merkmal der französischen Wurzel wäre, dann müssten für die Wurzel mur zwei unterschiedliche Lexikoneinträge angenommen werden: (31) a. frz. mur [+fem] b. frz. mur [-fem] <?page no="254"?> 254 Wie für das Deutsche, soll auch für das Französische gelten, dass ein Überschreibungsprozess, bei dem das Suffix -aille [+fem] das maskuline Genusmerkmal der Wurzel überschreibt, Grundgedanken zur Ökonomie verletzt. Ausgehend von der ambivalenten Beobachtung bezüglich des Genus der derivierten Nomina, können die folgenden vorläufigen Strukturen für das Französische angenommen werden: Abb. (19) Abb. (20) Abb. (21) Abb. (22) Bayer (2000a) nimmt an, dass die deutsche Derivationsmorphologie das Eingehen von syntaktischen Kategorien in morphologische Prozesse suggeriert, da die Ableitungsbasis oft Elemente involviert, die auch selbständig vorkommen und in diesem Fall natürlich über eine solche Kategorie verfügen (z.B: [ V [ N fisch]en]). Wenn man die Annahme zugrunde legt, dass eine Derivation streng monoton ist, dann kann es Konversion wie in (32) nicht geben, da ein Merkmal bei der Numeration entfernt bzw. überschrieben wird. Abb. (23) V [-N] Abb. (24) V N [-V] N V lauf lauf ø Eine Möglichkeit wäre in diesem Zusammenhang der Gebrauch von Nullmorphemen wie in Abbildung (24) oder die Annahme, dass Wurzeln im Deutschen keine Wortartinformation tragen. Das Postulat kategorieloser Wurzeln ist jedoch vorzuziehen, da ein massiver Gebrauch von Nullmorphemen wiederum dem Grundgedanken derivationeller Ökonomie widerspricht. Im Deutschen ist die Konversion von Infinitiven zu Nomina uneingeschränkt produktiv, im Französischen, Spanischen und Italienischen hingegen nicht (vgl. Sokol 2001: 95). Der Übergang flektierter For- <?page no="255"?> 255 men in eine neue Wortart betrifft in den romanischen Sprachen insbesondere deverbale Übergänge, also Verbstämme, die mitsamt Flexion in eine neue Wortart überführt werden. Für die Derivationsmorphologie im Italienischen zeigt sich, dass die Information relevant ist, ob die Ableitungsbasis ein Partizip Perfekt oder ein reiner Präsensstamm ist. Ist die Basis ein Partizip Perfekt, entsteht ein feminines Nomen auf -a, ist die Basis ein reiner Präsensstamm, entsteht ein maskulines Nomen auf -o (z.B. la passeggiata l'arrivo). Es wird deutlich, dass die Information, ob es sich um ein Verb handelt und um welches Morphem, für die anschließende Derivation relevant ist. Auch diese Beobachtung spricht für die Annahme, dass die syntaktische Kategorie von Wurzeln im italienischen Lexikon vorgegeben ist. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das Deutsche in einem ganz deutlichen Kontrast zu den beiden Sprachen Italienisch und Spanisch steht, da über die Basis nicht vorhersagbar ist, welches Genus das Derivat haben wird. Ausgehend von dieser Beobachtung wurde dafür argumentiert, dass lexikalische Wurzeln im Deutschen genuslos sind. Weiterhin konnte die Diminutivbildung im Spanischen und Italienischen Evidenz dafür liefern, dass die beiden romanischen Sprachen als „Wurzelgenus-Sprachen“ zu charakterisieren sind. Für das Französische zeigte sich, dass über die Basis nicht immer eindeutig vorhersagbar ist, welches Genus das Derivat aufweist. Die Frage ist demnach, ob im französischen Lexikon Wurzeln genuslos sind oder ob sie bereits genusmarkiert im Lexikon stehen oder ob sie sowohl in genusmarkierter als auch in genusloser Form im französischen Lexikon vorkommen. Im Folgenden stellt sich jedoch die Frage, welche Konsequenzen das Postulat genusloser Wurzeln bzw. genusmarkierter Wurzeln im Lexikon hat und ob sich dieser Unterschied anhand der Genuszuweisung in der gemischten DP nachweisen lässt. Darüber hinaus wirft dieses Postulat die Frage auf, wann genuslose Wurzeln Genus im Verlauf der Derivation zugewiesen bekommen und wie sich dieser Zuweisungsvorgang vollzieht. Im Rahmen des Minimalistischen Programms sollte Genus präsyntaktisch entschieden, d.h. ein Nomen sollte mit Genus in die syntaktische Derivation eingesetzt werden. Genuslose Wurzeln müssen Genus in einer präsyntaktischen Grammatikkomponente erhalten, bevor sie in die Syntax eingesetzt werden. Im Rahmen des DM-Modells bilden Wörter nicht den Input, sondern den Output der syntaktischen Derivation. Dieser syntax-basierte Ansatz ermöglicht das Einsetzen kategorie- und genusloser Wurzeln in die Syntax. Die Genuszuweisung zu einer genuslosen Wurzel, die keine Wortartinformation trägt, erfolgt im Rahmen des DM-Ansatzes in der Syntax. Die Untersuchungsergebnisse der vorliegenden Arbeit können sowohl in einem präsyntaktischen als auch in einem innersyntaktischen Ansatz, wie <?page no="256"?> 256 der Distributed Morphology, erklärt werden. Welche Vorbzw. Nachteile der eine bzw. der andere Erklärungsansatz hat, soll im weiteren Verlauf der Arbeit diskutiert werden. 4.9 Zusammenfassung und Hypothesen Im vierten Kapitel wurde das Phänomen Genus hinsichtlich der relevanten Aspekte für die nachfolgende empirische Untersuchung betrachtet. Den ersten Schwerpunkt bildete dabei die Darstellung der Genuszuweisungsregeln in den untersuchten Sprachen. Hierbei wurde deutlich, dass die Komplexität der einzelnen Regelsysteme sprachenabhängig variiert und das Verhältnis von formaler Transparenz und Genus im Französischen und Deutschen nicht annähernd so eindeutig ist wie im Italienischen und Spanischen. Der Literaturüberblick zum monolingualen und bilingualen Genuserwerb hat gezeigt, dass das Genus im Erstspracherwerb insgesamt geringe Probleme bereitet. Die Ergebnisse sprachkontrastiver Studien zum erstsprachlichen Genuserwerb in den romanischen Sprachen und im Deutschen haben deutlich gemacht, dass möglicherweise die Komplexität des Deklinationsparadigmas, in dem Kasus, Numerus und Genus fusionieren einen verzögernden Effekt auf den Genuserwerb im deutschsprachigen Kind hat. Weiterhin wurde Genus aus einer psycholinguistischen Perspektive betrachtet. Hierbei wurde der Versuch unternommen, Vorhersagen auf der Basis der vorgestellten Modelle, wie das hierarchisch-serielles Modell und das Kaskadenmodell, bezüglich des Einflusses der formalen Genustransparenz auf den Abruf von Genusinformationen zu machen. Darüber hinaus wurden zwei unterschiedliche Annahmen bezüglich der Genusrepräsentation im bilingualen Individuum vorgestellt (Gender autonomous representation hypothesis vs. Gender integrated representation hypothesis). Anschließend sind ausgewählte Studien zum Genus in der gemischten DP präsentiert worden. Im Anschluss daran ging es um die Frage, ob Genus ein syntaktisches oder ein lexikalisches Merkmal des Nomens ist. In diesem Zusammenhang wurde die Annahme vorgestellt, dass Genus eine funktionale Projektion (GenP) in der erweiterten NP projiziert. Es sind verschiedene Argumente aus der Literatur angeführt worden, die gegen die Annahme einer GenP sprechen. Roca (1989) und Müller & Cantone (2008) gehen davon aus, dass die Nominalendungen im Spanischen und Italienischen keine Genusträger sind. Genus ist ein inhärentes Merkmal der Wurzel im spanischen und italienischen Lexikon. Das asymmetrische Erwerbsmuster der Nomen und Verben im spanisch- und italienischsprachigen Kind ist ebenfalls ein Indiz für die Annahme, dass die syntaktische Kategorie von Wurzeln im <?page no="257"?> 257 spanischen und italienischen Lexikon vorgegeben ist. Die symmetrische bzw. schwach asymmetrische Entwicklung im deutschsprachigen bzw. französischsprachigen Kind deutet daraufhin, dass Wurzeln keine Wortartinformation im Lexikon tragen und somit genuslos sind. Legt man die Annahme genusloser Wurzeln im Lexikon zugrunde, dann wird Genus erst im Verlauf der Derivation zugewiesen. In einer Nicht-Wurzelgenussprache wird Genus später zugewiesen als in einer Wurzelgenussprache, da Wurzeln in einer Nicht-Wurzelgenussprache keine Genusmarkierung im Lexikon aufweisen. In einer Wurzelgenussprache ist Genus ein inhärentes Merkmal der Wurzel, das nicht erst im Verlauf der Derivation zugewiesen werden muss. Über die Genuszuweisung in der gemischten DP können Erkenntnisse im Hinblick auf den Grad der Aktivierung beider Sprachen im bilingualen Individuum gewonnen werden. Nur für die Fälle, in denen das Genus der Nomina in beiden Sprachen voneinander abweicht, kann entschieden werden, ob das Kind auf das Genus des Nomens in der gemischten DP oder auf das Genus des Übersetzungsäquivalents aus der jeweils anderen Sprache zugegriffen hat (z.B. il mask Sonne fem it. sole mask vs. la fem Sonne fem dt. Sonne fem ). Inwieweit der Grad der Aktivierung beider Sprachen im bilingualen Kind über den Zugriff auf die Genusinformation bestimmt werden kann und welche Faktoren diesbezüglich einen Rolle spielen könnten, soll durch die folgenden Hypothesen zusammengefasst werden. Zunächst wird in der folgenden empirischen Untersuchung der Frage nachgegangen, ob sich der von González-Vilbazo (2005) vorgeschlagene Algorithmus zur Genuskongruenz, auch für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei bilingualen Kindern nachweisen lässt. Die Hypothese H 1 wird auf die gewonnen Daten in Kapitel 5.3 angewandt. H 1 : Der Algorithmus zur Genuskongruenz und Genus in der gemischten DP a. Ist das Genus des romanischen Nomens in der gemischten DP maskulin [-fem], dann muss die deutsche Determinante auch das Merkmal [-fem] tragen, d.h. sie muss für das Maskulinum und Neutrum unterspezifiziert sein. b. Ist das Genus des Nomens in der gemischten DP [+fem], dann muss der Artikel auch das Merkmal [+fem] tragen. Dies gilt sowohl für den Sprachenwechsel zwischen einer romanischen Determinante und einem deutschen Nomen als auch andersherum. <?page no="258"?> 258 c. Ist das deutsche Nomen in der gemischten DP ein Maskulinum oder ein Neutrum, dann trägt es das in beiden Sprachen interpretierbare Merkmal [-fem] und muss mit einer maskulinen romanischen Determinante kongruieren, die ebenfalls das Merkmal [-fem] trägt. Darüber hinaus soll überprüft werden, ob der jeweilige Balanciertheitsgrad im bilingualen Kind einen Einfluss auf die Genusmarkierung an der Determinante beim Sprachenwechsel hat. Hierbei soll die Frage im Fokus stehen, ob die schwache Sprache im bilingualen Kind, diejenige ist, die den Zugriff auf das Genus des Äquivalents aus der starken Sprache fördert. Die Hypothese H 2 wird auf die gewonnen Daten in Kapitel 5.5 angewandt. H 2 : Sprachdominanz und Genus in der gemischten DP a. Balancierte Kinder verwenden das Genus des Nomens in der gemischten DP und greifen nicht auf das Genus des Übersetzungsäquivalents zu. Unabhängig davon, aus welcher Sprache das Nomen in der gemischten DP stammt, sollte das Genus des äquivalenten Nomens für die Genusmarkierung an der Determinante nicht relevant sein. b. Unbalancierte Kinder greifen auf das Genus des Äquivalents aus der starken Sprache zu, wenn sie ein Nomen aus der schwachen Sprache mischen. Mit anderen Worten ist die schwache Sprache diejenige, die den Genuszugriff auf das Äquivalent aus der starken Sprache fördert. Außerdem könnte die formale Genustransparenz des Nomens die Genusmarkierung an der Determinante beim Sprachenwechsel beeinflussen. Nach der folgenden Hypothese H 3 sollte nur im Rahmen des interaktiven Aktivierungsmodells von Dell (1986) ein Einfluss der Form-Genus- Korrelationen während des Abrufs von Genusinformation auftreten. Die direkte Verbindung zwischen dem formalen Genusindikator auf der Wortform-Ebene (Lexemebene) und dem Genuseintrag auf der Lemma- Ebene, sollte einen beschleunigenden Effekt auf den Abruf der Genusinformation haben. Für die Genuszuweisung in der gemischten DP kann die folgende vorläufige Annahme formuliert werden, die in Kapitel 5.6 auf die gewonnen Daten angewandt wird. <?page no="259"?> 259 H 3 : Formale Genustransparenz und Genus in der gemischten DP a. Ist das Nomen in der gemischten DP formal genus-transparent, dann sollte das Genus des Nomens und nicht das Genus des Äquivalents, die Genusmarkierung an der Determinante bestimmen. b. Ist das Nomen in der gemischten DP formal genus-intransparent, dann sollte das Genus des Äquivalents für die Genusmarkierung an der Determinante relevant werden. Die Wahrscheinlichkeit auf das Genus des Äquivalents zuzugreifen, sollte sich bei einem genus-intransparenten Nomen in der gemischten DP erhöhen. Weiterhin könnte es für die Genuszuweisung einen Unterschied machen, ob Genus ein inhärentes Merkmal der lexikalischen Wurzel ist oder nicht. Sollten sich die Überlegungen als haltbar erweisen, dass eine große Nomen-Verb Differenz im Lexikon (Nomen-Verb-Asymmetrie) auf die Genusmarkierung von Wurzeln hindeutet und eine minimale Nomen-Verb- Differenz (Nomen-Verb-Symmetrie) auf kategorielose und genuslose Wurzeln, dann sollte sich dieser Unterschied auch bei der Genuszuweisung in der gemischten DP nachweisen lassen. Wenn die bilingualen Kinder öfter auf das Genus des Äquivalents aus der jeweils anderen Sprache zugreifen, dann könnte man vermuten, dass das Nomen in der gemischten DP aus einer Nicht-Wurzelgenussprache stammt. In einer Nicht-Wurzelgenussprache wird Genus erst im Verlauf der Derivation zugewiesen, sodass der Zugriff auf das Genus des Äquivalents erleichtert wird. Diese Annahme führt zu den folgenden Vorhersagen, die in Kapitel 5.7 auf die gewonnen Daten angewandt wird: H 4 : Genusmarkierung der Wurzel und Genus in der gemischten DP a. Je häufiger das Genus des Nomens die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt (z.B. der mask sol/ sole/ soleil mask , dt. Sonnefem ), desto wahrscheinlicher ist die Genusmarkierung der Wurzel in dieser Sprache. Wenn Genus ein Wurzelphänomen ist, dann sollte sich das Genus der Determinante nach dem Genus des Nomens in der gemischten DP richten. Wenn Genus im Italienischen und Spanischen ein inhärentes Merkmal der lexikalischen Wurzel ist, dann sollte das Genus des deutschen Äquivalens für die Genuszuweisung zu einem italienischen bzw. spanischen Nomen nicht relevant sein. Wird Genus aber erst später im Laufe der Derivation bestimmt, dann ergibt sich eine Abhängigkeit in die andere Richtung: <?page no="260"?> 260 b. Je häufiger das Genus des übersetzungsäquivalenten Nomens das Genus der Determinante bestimmt (z.B. el/ il/ le mask Sonne fem , frz. soleil mask , it. sole mask , sp. sol mask ), desto wahrscheinlicher sind genuslose Wurzeln im Lexikon. Stammt das Nomen in der gemischten DP aus einer Nicht-Wurzelgenussprache, dann sollte sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich das Genus der Deteminante nach dem Genus des jeweiligen Äquivalents richten. Für ein bilinguales Kind, das Deutsch und eine romanische Sprache als Erstsprachen erwirbt, sollte für die Genuszuweisung zu einem deutschen Nomen, das Genus des romanischen Äquivalents relevant sein, da im Deutschen Genus erst im Verlauf der Derivation entschieden wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass die bilingualen Kinder in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen auf das Genus des romanischen Äquivalents zugreifen, sollte sich aufgrund der genuslosen Wurzeln im deutschen Lexikon erhöhen. Sollte das Französische wie das Deutsche sein, so sollte man vorhersagen, dass hier in beide Richtungen das Genus des Äquivalents relevant sein könnte, da die Wurzel in beiden Sprachen keine Genusmarkierung aufweist. Somit sollte für ein bilingual deutsch-französisches Kind sowohl das Genus des französischen als auch das Genus des deutschen Äquivalents bei der Genuszuweisung eine Rolle spielen. Wenn das Französische jedoch eine „Wurzelgenussprache“ ist, dann sollte das Genus des französischen Äquivalents für ein deutsches Nomen relevant sein, aber nicht das Genus des deutschen Äquivalents für die Genuszuweisung zu einem französischen Nomen. Es wäre allerdings auch denkbar, dass das Französische einen Zwischenstatus einnimmt insofern, als im französischen Lexikon sowohl genusmarkierte als auch genuslose Wurzeln existieren. Darüber hinaus sollte man aus der Hypothese H 4 folgern, dass der Zugriff auf das Genus des Äquivalents aus einer psycholinguistischen Perspektive aufwändiger sein muss, wenn man dafür argumentiert, dass eine große Nomen-Verb-Differenz im Lexikon auf die Genusmarkierung von Wurzeln hindeutet. Im folgenden Kapitel sollen die vorgestellten Hypothesen anhand der analysierten bilingualen Sprachdaten überprüft werden. Dabei werden die gewonnen Daten auf die Hypothesen angewendet, um die Untersuchungsergebnisse mit den Hypothesen zu vergleichen. <?page no="261"?> 261 5 Teil II der Longitudinalstudien Der vorliegende Teil II der Longitudinalstudien widmet sich der Analyse des Sprachenwechsels zwischen Determinierer und Nomen unter besonderer Berücksichtung des Genus bei bilingual aufwachsenden Kindern. Für die folgende Untersuchung werden erneut die zur Verfügung stehenden 17 bilingualen Korpora, die bereits im Teil I der Longitudinalstudien vorgestellt wurden, analysiert. Da die Genusmarkierung an der Determinante beim Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen Aufschluss über den Grad der Aktivierung beider Sprachen im bilingualen Kind geben kann, werden im Folgenden besonders die Mischungen im Mittelpunkt stehen, in denen das Genus der Nomina in beiden Sprachen voneinander abweicht. Bei der hiesigen Untersuchung der kindlichen Sprachmischungen steht die folgende Frage im Fokus: Welche Faktoren beeinflussen die Genusmarkierung an der Determinante beim kindlichen intra-sententialen CS zwischen Determinierer und Nomen? Hierzu soll den in Kapitel 4.9 aufgestellten Hypothesen H 1 bis H 4 nachgegangen werden. Im ersten Teil des vorliegenden Kapitels soll zunächst überprüft werden, ob in den Sprachaufnahmen die jeweiligen Übersetzungsäquivalente zu den gemischten Nomina in der jeweils zweiten Erstsprache des Kindes aufgetreten sind. In der Literatur wird oftmals behauptet, dass bilinguale Kinder ihre beiden Sprachen mischen, weil sie die entsprechenden Wörter bzw. Übersetzungsäquivalente (z.B. frz. voiture N und dt. Auto N ) in der jeweils anderen Sprache nicht kennen. Einige Studien haben jedoch gezeigt, dass Kinder bereits in sehr frühen Phasen der Sprachentwicklung über Übersetzungsäquivalente verfügen und ein Fehlen der entsprechenden Lexeme (lexical need) für das kindliche Mischen nicht verantwortlich sein kann (vgl. Vihman 1985, Meisel 1994, Köppe, 2003, Cantone & Müller 2005, Cantone 2007). Wenn das entsprechende Äquivalent zu dem gemischten Nomen im Lexikon des Kindes bereits vorhanden ist, dann können die Sprachmischungen nicht auf ein Fehlen von Übersetzungsäquivalenten (lexical need) zurückgeführt werden. 5.1 Übersetzungsäquivalente Nomen Bei der nachfolgenden Analyse soll im Einzelnen überprüft werden, ob die übersetzungsäquivalenten Nomen in der jeweils anderen Sprache in den Sprachaufnahmen aufgetreten sind. Hierbei ist es wichtig, aus dem <?page no="262"?> 262 Fehlen von Übersetzungsäquivalenten nicht zu folgern, dass Kinder die äquivalenten Nomina nicht kennen. Auf diesen Trugschluss ist bereits in Kapitel 2.6 verwiesen worden, da einige Studien aus der negativen Evidenz schließen, dass bilinguale Kinder ihre beiden Sprachen aufgrund einer lexikalischen „Lücke“ mischen. Vielmehr kann nur aus dem Vorhandensein von Übersetzungsäquivalenten gefolgert werden, dass der Sprachenwechsel nicht auf einem Kompetenzmangel basiert. Das folgende Beispiel verdeutlicht das methodische Vorgehen in der vorliegenden Untersuchung: Das deutsch-italienische Kind Marta produziert mit 3; 2,26 Jahren folgende Sprachmischung im deutschen Kontext: eine fem scimmia fem. . Zunächst wird überprüft, ob Marta das deutsche Übersetzungsäquivalent Affe mask in den Sprachaufnahmen geäußert hat. Hierbei werden die folgenden Möglichkeiten in Betracht gezogen: 1. Das übersetzungsäquivalente Nomen wird vor der relevanten Sprachmischung in den Sprachaufnahmen geäußert. 2. Das übersetzungsäquivalente tritt in der gleichen Sprachaufnahme bzw. zum gleichen Alterzeitpunkt wie die relevante Sprachmischung auf. 3. Das äquivalente Nomen wird erst nach der relevanten Sprachmischung geäußert. 4. Das äquivalente Nomen wird den Sprachaufnahmen nicht geäußert. Wenn Äquivalente später oder überhaupt nicht in den Sprachaufnahmen auftreten, dann darf daraus nicht gefolgert werden, dass die bilingualen Kinder die jeweiligen Äquivalente auch tatsächlich später bzw. gar nicht erworben haben. Das bilinguale Kind kann ein Übersetzungsäquivalent, unabhängig vom Zeitpunkt seines Auftretens in den Sprachaufnahmen, bereits erworben haben. Aus diesem Grund dürfen nur die Fälle ernst genommen werden, in denen das Äquivalent früher bzw. zeitgleich zum gemischten Nomen in den Sprachaufnahmen aufgetreten ist. Nur für diese Fälle kann eindeutig ausgeschlossen werden, dass das Kind aufgrund eines fehlenden Äquivalents gemischt hat. Die Darstellung der Ergebnisse wird zunächst für die balancierten und anschließend für die unbalancierten Kinder erfolgen. Die folgende Abbildung (1) stellt den prozentualen Anteil der übersetzungsäquivalenten Nomen im Deutschten und in der jeweiligen romanischen Sprache für die balancierten Kinder dar: <?page no="263"?> 263 Abb. (1) Übersetzungsäquivalente Nomen: balancierte Kinder 0% 20% 40% 60% 80% 100% dt. Äquivalent frz. Äquivalent dt. Äquivalent frz. Äquivalent dt. Äquivalent sp. Äquivalent dt. Äquivalent it. Äquivalent dt. Äquivalent it. Äquivalent dt. Äquivalent it. Äquivalent dt. Äquivalent it. Äquivalent frz. Äquivalent it. Äquivalent Amélie Alexander Teresa Marta Carlotta Lukas Luca Juliette Äquivalent gleichzeitig Äquivalent früher Äquivalent später kein Äquivalent Die Abbildung macht deutlich, dass die übersetzungsäquivalenten Nomina überwiegend in den Sprachaufnahmen früher oder gleichzeitig zu dem gemischten Nomen aufgetreten sind. Die Annahme, dass fehlende Übersetzungsäquivalente als einzige Erklärung für das kindliche Mischen in Frage kommen, kann somit als relativiert gelten. Für die unbalancierten Kinder könnte man vermuten, dass sie Nomina aus der starken Sprache mischen, weil sie das entsprechende Äquivalent in der schwachen Sprache noch nicht erworben haben. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung widerlegen diese Annahme und zeigen, dass die äquivalenten Nomina in der schwachen Sprache überwiegend früher oder gleichzeitig in den Sprachaufnahmen aufgetreten sind. Die folgende Abbildung (2) stellt die Anzahl der übersetzungsäquivalenten Nomen in beiden Sprachen für die unbalancierten Kinder im Einzelnen dar: <?page no="264"?> 264 Abb. (2) Übersetzungsäquivalente Nomen: unbalancierte Kinder 0% 20% 40% 60% 80% 100% dt. Äquivalent frz. Äquivalent dt. Äquivalent frz. Äquivalent dt. Äquivalent sp. Äquivalent dt. Äquivalent it. Äquivalent dt. Äquivalent it. Äquivalent dt. Äquivalent it. Äquivalent Marie Céline Arturo Aurelio Valentin Jan Äquivalent gleichzeitig Äquivalent früher Äquivalent später kein Äquivalent Die bilingualen Kinder Marie, Valentin und Aurelio entwickeln jeweils das Deutsche als schwache Sprache. Die Ergebnisse zeigen, dass alle Kinder die deutschen Äquivalente überwiegend gleichzeitig bzw. früher erworben haben. Dieses Untersuchungsergebnis spricht erneut gegen die Annahme, dass bilinguale Kinder mischen, weil sie das jeweilige Äquivalent nicht kennen. Lexical need kann selbst für die unbalancierten Kinder nicht als einzige Erklärung für das Mischen in Betracht gezogen werden. Auch für die unbalancierten Kinder Céline, Jan und Arturo, die jeweils die romanische Sprache als schwache Sprache entwickeln, zeigt sich, dass in den meisten Fällen das romanische Äquivalent früher oder gleichzeitig in den Sprachaufnahmen aufgetreten ist. Für das deutsch-spanische Kind Arturo wird deutlich, dass die deutschen Übersetzungsäquivalente erst später in den Sprachaufnahmen geäußert wurden. Dieses Ergebnis ist erstaunlich, da Arturo eine Dominanz im Deutschen aufweist. Es wurde aber bereits darauf hingewiesen, dass aus dem späteren Auftreten bzw. dem Fehlen von Äquivalenten in den Sprachaufnahmen keine Schlussfolgerungen gezogen werden dürfen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass bei allen bilingualen Kindern, bis auf das deutsch-spanische Kind Arturo, die übersetzungsäquivalenten Nomina in den Sprachaufnahmen früher oder gleichzeitig zum Zeitpunkt der gemischtsprachlichen Äußerung in den Sprachaufnahmen aufgetreten sind. <?page no="265"?> 265 5.2 Kategorien und Genus in der gemischten DP Bevor die Präsentation der Untersuchungsergebnisse erfolgt, werden zunächst die Kategorien vorgestellt, die zur Klassifizierung der gemischten DPn in der vorliegenden Arbeit zugrunde gelegt werden. Hierbei orientiert sich Datenanalyse an den von Cantone (2007) und Cantone & Müller (2008) vorgeschlagenen Kategorien zum Genus in der gemischten DP. 1. Gleiches Genus: Der Switch betrifft ein Nomen, dessen Übersetzungsäquivalent dasselbe Genus in der jeweils anderen Sprache aufweist. Das Genus des Nomens in der gemischten DP und das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents stimmen überein (vgl. Beispiele (1) - (4)). 2. Unterschiedliches Genus: Das Nomen in der gemischten DP und seine Entsprechung in der jeweils anderen Sprache haben unterschiedliches Genus. Hierbei wird zwischen zwei weiteren Untergruppen differenziert: 2a. Genus des realisierten Nomens: In der gemischten DP gehört das Genus der Determinante zum Genus des realisierten Nomens, das aber in der jeweils anderen Sprache ein anderes Genus hat. Das Genus des Nomens in der gemischten DP bestimmt das Genus der Determinante (vgl. Beispiele (5) - (7)). 2b. Genus des äquivalenten Nomens: In der gemischten DP trägt die Determinante nicht das Genus des Nomens, sondern das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents (vgl. Beispiele (8) - (11)). 3. Genusfehler: Weder das Genus des Nomens in der gemischten DP, noch das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents bestimmt das Genus der Determinante. Unabhängig davon, ob das Genus des Nomens in der gemischten DP und das Genus des äquivalenten Nomens gleich oder verschieden sind, wird ein nicht-zielsprachliches Genus an der Determinante markiert (vgl. Beispiele (12) - (15)). <?page no="266"?> 266 4. Unentscheidbar: 4a. Die Determinante weist keine Genusmarkierung auf. Aus diesem Grund können keine Aussagen über die Genusmarkierung an der Determinante gemacht werden (vgl. Beispiele (16) - (24)). 4b. In der gemischten DP trägt die Determinante entweder das Genus des Nomens in der gemischten DP oder das Genus des Übersetzungsäquivalents in der jeweils anderen Sprache. Dieser Fall tritt genau dann ein, wenn ein maskulines Nomen aus der romanischen Sprache, dessen deutsches Übersetzungsäquivalent ein Neutrum ist, mit einem deutschen Artikel gemischt wird, der für das Neutrum und Maskulinum unterspezifiziert ist (vgl. Beispiele (25) - (27)). 5. Die deutschen Neutra Der Switch betrifft eine Determinante aus der romanischen Sprache und ein deutsches Nomen im Neutrum. Da die untersuchten romanischen Sprachen nur zwei Genera (Maskulinum und Femininum) aufweisen, kann die Genusmarkierung an der romanischen Determinante nur einer dieser beiden Genusklassen entsprechen (vgl. Beispiele (28) - (30)). Bevor die Analyse der Sprachdaten erfolgt, sollen im Folgenden Beispiele aus den analysierten Longitudinalstudien für jede Kategorie gegeben werden. Die Beispiele (1) - (4) verdeutlichen Mischungen, die zur ersten Kategorie gezählt werden. Hierbei stimmt das Genus der Nomina aus beiden Sprachen überein. (1) Deutsch-Französisch: ein mask/ neutr docteur mask Französisch: le mask docteur mask Deutsch: der mask Arzt mask (Amélie, deutscher Kontext, 3; 8,6) (2) Italienisch-Französisch: il mask couteau mask Französisch: le mask couteau mask Italienisch: il mask coltello mask (Siria, italienischer Kontext, 2; 4,0) <?page no="267"?> 267 (3) Italienisch-Deutsch: un mask Junge fmask Italienisch: il mask ragazzo mask Deutsch: der mask Junge mask (Marta, italienischer Kontext 3; 2,12) (4) Spanisch-Deutsch: un mask Löwe mask Deutsch: der mask Löwe mask Spanisch: el mask león mask (Arturo, spanischer Kontext, 3; 6,7) Die Beispiele (5) - (7) verdeutlichen die Kategorie 2a und zeigen, dass das Genus des Nomens das Genus der Determinante festlegt. Diese Fälle sind von besonderem Interesse, da das Genus der Nomina in beiden Sprachen voneinander abweicht. (5) Deutsch-Italienisch: eine fem scimmia fem Italienisch: la fem scimmia fem Deutsch: der mask Affe mask Marta, deutscher Kontext, 3; 2,26) (6) Französisch-Deutsch une fem Schlange fem Deutsch: die fem Schlange fem Französisch: le mask serpent mask (Céline, französischer Kontext, 2; 3,15) (7) Spanisch-Deutsch: un mask Smetterling mask Deutsch: der mask Schmetterling mask Spanisch: la fem mariposa fem (Arturo, spanischer Kontext, 3; 8,6) Die Beispiele (8) - (11) repräsentieren die Kategorie 2b. In diesen Fällen wurde auf das Genus des Übersetzungsäquivalents aus der jeweils anderen Sprache zugegriffen. Das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents determiniert das Genus der Determinante. (8) Deutsch-Spanisch: die fem cita fem roja fem Spanisch: la fem cita fem roja fem Deutsch: das neutr Rotkäppchen neutr (Arturo, deutscher Kontext, 2; 11,24) (9) Spanisch-Deutsch: una fem Bart[a] mask Deutsch: der mask Bart mask Spanisch: la fem barba fem (Arturo, spanischer Kontext, 3; 4,5) <?page no="268"?> 268 (10) Französisch-Deutsch: une fem Sattel mask Deutsch: der mask Sattel mask Französisch: la fem selle fem (Céline, französischer Kontext, 2; 3,15) (11) Italienisch-Deutsch: la fem Mond mask Deutsch: der mask Mond mask Italienisch: la fem luna fem (Carlotta, italienischer Kontext, 2; 4,7) Die wortinterne Mischung Barta 67 zeigt, dass Arturo das spanische Affix -a an die deutsche Basis Bart affigiert hat (vgl. Beispiel (9)). Ähnliche Beobachtungen macht Clark (1986) in ihrer Studie mit monolingual spanischen Kindern, die bereits in Kapitel 4.4 zum Genuserwerb vorgestellt wurde. Die Beispiele (12) - (15) verdeutlichen die Kategorie 3. Die gemischten DPn werden als Genusfehler klassifiziert, da in diesen Fällen weder das Genus des realisierten Nomens in der gemischten DP noch das Genus des Übersetzungsäquivalents das Genus der Determinante bestimmt. (12) Deutsch-Französisch: das neutr bonnet mask Französisch: le mask bonnet mask Deutsch: die fem Mütze fem (Amélie, deutscher Kontext, 3; 8,28) (13) Italienisch-Französisch: i mask perle fem Französisch: la fem perle fem Italienisch: la fem perla fem (Juliette, französischer Kontext, 2; 5,10) (14) Italienisch-Deutsch: il mask Puppe fem Deutsch: die fem Puppe Italienisch: la fem bambola fem (Lukas, italienischer Kontext, 3; 5,18) (15) Spanisch-Deutsch: un mask Tüte fem Deutsch: die fem Tüte fem Spanisch: la fem bolsa fem (Arturo, spanischer Kontext, 3; 2,10) Die Beispiele (16) - (24) repräsentieren die Kategorie 4a. Es handelt sich um Sprachmischungen, in denen die Determinante keine Genusmarkie- 67 Was genau beim wortinternen Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Basis und einem romanischen Affix passiert, wird im weiteren Verlauf der Arbeit diskutiert (vgl. Kapitel 6.2.6). <?page no="269"?> 269 rung aufweist, d.h. das Genus kann in diesen Fällen nicht entschieden werden. (16) Deutsch-Französisch: meine bottes (Amélie, deutscher Kontext, 3,5,27) (17) Französisch-Deutsch: les Salzstangen (Alexander, französischer Kontext, 2; 7,6) (18) Französisch-Deutsch: l’Auto (Marie, französischer Kontext, 2; 2,15) (19) Deutsch-Italienisch: die case (Marta, deutscher Kontext, 2; 10,20) (20) Italienisch-Deutsch: due Eisenbahn (Valentin, italienischer Kontext, 2; 11,16) (21) Italienisch-Deutsch: dell’Arztkoffer (Marta, italienischer Kontext, 3; 9,8) (22) Deutsch-Spanisch die ojos (Arturo, spanischer Kontext, 3; 8,6) (23) Spanisch-Deutsch mi Maus (Arturo, spanischer Kontext, 2; 8,14) (24) Französich-Italienisch deux carte (Juliette, italienischer Kontext 2; 2,9) Für die gemischten DPn in der Kategorie 4b wird deutlich, dass hier nicht entschieden werden kann, ob das bilinguale Kind auf das Genus des romanischen Nomens oder auf das Genus des deutschen Übersetzungsäquivalents zugegriffen hat. Im Deutschen ist u.a. der indefinite Artikel ein sowohl für das Maskulinum als auch für Neutrum spezifiziert. In der gemischten DP ist das romanische Nomen maskulin und das deutsche Äquivalent ein Neutrum. Aufgrund der Unterspezifikation des indefiniten Artikels ein kann nicht entschieden werden, ob sich das Genus der deutschen Determinante nach dem Genus des romanischen Nomens richtet oder nach dem Genus des deutschen Äquivalents. Diese Beobachtung gilt für alle deutschen Determinierer, die für das Maskulinum und Neutrum formidentisch sind (z.B. mein, dein etc). (25) Deutsch-Französisch: ein mask/ neutr bracelet mask Französisch: le mask bracelet mask Deutsch: das mask Armband neutr (Amélie, deutscher Kontext, 4; 2,12) <?page no="270"?> 270 (26) Deutsch-Spanisch: ein mask/ neutr libro mask Spanisch: el mask libro mask Deutsch: das neutr Buch neutr (Arturo, deutscher Kontext, 2; 5,21) (27) Deutsch-Italienisch ein mask/ neutr regalo mask Italienisch: il mask regalo mask Deutsch: das neut Geschenk neutr (Valentin, deutscher Kontext, 3; 5,15) Im Folgenden werden die Beispiele (28) - (30) zur Verdeutlichung der Kategorie (5) dargestellt, in denen jeweils ein deutsches Nomen im Neutrum geäußert wurde. (28) Französisch-Deutsch: une fem Motorrad neutr Deutsch: das neutr Motorrad neutr Französisch: la fem moto fem (Alexander, französischer Kontext, 3; 2,16) (29) Spanisch-Deutsch: un mask Auto neutr Deutsch: das neutr Auto neutr Spanisch: el mask coche mask (Arturo, spanischer Kontext, 2; 11,6) (30) Italienisch-Deutsch il mask Wasser neutr Deutsch: das neutr Wasser neutr Italienisch: l’aqua fem (Carlotta, italienischer Kontext, 2; 6,23) Das binäre Genussystem in den romanischen Sprachen (Femininum und Maskulinum) und das ternäre Genussystem im Deutschen (Femininum, Maskulinum und Neutrum) führen dazu, dass keine 1: 1 Kongruenz zwischen der Genusmarkierung an der romanischen Determinante und dem Genus des deutschen Nomens bestehen kann, wenn das deutsche Nomen ein Neutrum ist. Aufgrund der asymmetrischen Verteilung der Genusklassen, müssen die gemischten DPn (D rom + N neutr ), gesondert analysiert werden. Insgesamt sind für die vorliegende Arbeit besonders die Fälle interessant, in denen das Genus des Nomens in der gemischten DP und das Genus seiner Entsprechung in der anderen Sprache voneinander abweichen. Die Frage ist also, wonach sich die Genusmarkierung an der Determinante richtet, wenn das realisierte Nomen in der gemischten DP und seine Entsprechung unterschiedliches Genus haben. Bevor die Untersuchungsergebnisse vorgestellt werden, soll kurz auf das methodische Vorgehen eingegangen werden. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Sprach- <?page no="271"?> 271 erwerbsdaten, d.h. die bilingualen Kinder haben möglicherweise noch nicht die volle Kompetenz über das jeweilige Genussystem erworben. Bei der Analyse der gemischten DPn wurde nicht nur überprüft, ob das jeweilige Übersetzungsäquivalent in den Sprachaufnahmen aufgetreten ist, sondern auch, welches Genus die bilingualen Kinder dem Nomen und dem jeweiligen Äquivalent in den einsprachigen DPn zugewiesen haben. Hierdurch wird überprüft, ob die bilingualen Kinder das Nomen oder das Äquivalent mit einem nicht-zielsprachlichen Genus erworben haben. Im folgenden soll kurz ein Beispiel gegeben werden, um das methodische Vorgehen zu verdeutlichen: Das deutsch-französische Kind Alexander produziert mit 2; 3,24 Jahren die gemischte DP [ DP ein souris] in den deutschen Sprachaufnahmen. Bei der Untersuchung wurde nun überprüft, ob Alexander das französische Nomen souris bzw. das deutsche Äquivalent Maus mit einem nicht-zielsprachlichen Genus erworben hat. Hierzu sind alle einsprachigen französischen bzw. deutschen DPn, in denen das Nomen souris bzw. Maus aufgetreten ist, im Hinblick auf die Genusmarkierung an der Determinante analysiert worden. Das deutsche Äquivalent Maus bzw. das französische Nomen souris hat Alexander stets mit einer zielsprachlichen femininen Determinante in den einsprachigen DPn verwendet. Die gemischte DP [ DP ein souris] wird demnach als Genusfehler klassifiziert. Diese Analyse wurde für alle gemischten DPn, die in den Longitudinalstudien aufgetreten sind, durchgeführt, um sicher zustellen, ob das Äquivalent bzw. das Nomen mit einem nicht-zielsprachlichen Genus aufgetreten ist. Im Folgenden soll zunächst ein quantitativer Überblick darüber gegeben werden, wie häufig die gemischten DPn in den einzelnen Kategorien auftreten. In der vorliegenden Studie fallen 278 von insgesamt 1.940 gemischten DPn (14,3%) in die Kategorie 4 Unentscheidbar. Davon weist die Determinante in 214 gemischten DPn (11%) keine Genusmarkierung auf (vgl. Kategorie 4a). Außerdem haben die bilingualen Kinder in 64 (3,3%) Fällen eine für das Maskulinum und Neutrum formidentische deutsche Determinante mit einem maskulinen romanische Nomen gemischt, dessen deutsche Entsprechung ein Neutrum ist (vgl. Kategorie 4b). Darüber hinaus sind insgesamt 222 (11,4%) gemischte DPn aufgetreten, in denen ein deutsches Nomen im Neutrum mit einer romanischen Determinante gemischt wurde (vgl. Kategorie 5). Die folgende Abbildung (3) stellt ausschließlich die Anzahl an gemischten DPn dar, in denen das Genus der Determinante eindeutig entschieden kann. Außerdem werden zunächst die gemischten DPn vernachlässigt, in denen das deutsche Nomen ein Neutrum ist. Die deutschen Neutra, die mit einer romanischen Determinante aufgetreten sind, werden im nachfolgenden Abschnitt im Einzelnen analysiert. In der Abbil- <?page no="272"?> 272 dung (3) werden die absoluten Zahlen (über den Säulen) als auch die Prozentzahlen (y-Achse) angegeben. Abb. (3) Genus in der gemischten DP: Ein quantitativer Überblick 922 349 98 71 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 gleiches Genus Genus des realisierten N Genus des äquivalenten N Genusfehler % Die Abbildung (3) macht deutlich, dass die Anzahl der gemischten DPn überwiegt, in denen das Genus des Nomens und das Genus des entsprechenden Übersetzungsäquivalents gleich sind (64% (922)). Außerdem richtet sich Genusmarkierung an der Determinante in 349 Fällen (24,2%) nach dem Genus des Nomens in der gemischten DP. Des Weiteren treten 98 gemischte DPn (6,8%) auf, bei denen die Kinder auf das Genus des entsprechenden Nomens aus der jeweils anderen Sprache zugegriffen haben. Insgesamt werden 71 gemischte DPn (4,9%) als „Genusfehler“ klassifiziert, da die Genusmarkierung an der Determinante weder dem Genus des Nomens in der gemischten DP noch dem Genus des Äquivalents entspricht. Vergleicht man die Anzahl der gemischten DPn, in denen sich die Genusmarkierung der Determinante nach dem Genus des Nomens richtet, mit der Anzahl der gemischten DPn, in denen die Genusmarkierung der Determinante dem Genus des äquivalenten Nomens entspricht, dann wird deutlich, dass überwiegend das Genus des Nomens an der Determinante markiert wird (Genus des realisierten Nomens 349 (24,2%) - Genus des äquivalenten Nomens 98 (6,8%)). Die Anwendung des Chi-Quadrat- Tests auf die Daten zeigt, dass der Unterschied zwischen dem Zugriff auf das Genus des Äquivalents und dem Zugriff auf das Genus des Nomens in der gemischten DP statistisch signifikant ist ( 2 = 140.94 df =1, p<0.001). <?page no="273"?> 273 5.3 Genus in der gemischten DP In diesem Abschnitt sollen die bilingualen Sprachdaten im Hinblick auf die erste Hypothese Algorithmus zur Genuskongruenz und Genus in der gemischten DP analysiert werden. Es wird also um die Frage gehen, ob sich der von González Vilbazo (2005) vorgeschlagene Algorithmus für den Sprachenwechsel bilingualer Kinder nachweisen lässt. Zunächst die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem romanischen Nomen präsentiert. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer romanischen Determinante und einem deutschen Nomen vorgestellt. Anschließend werden die Ergebnisse für die italienisch-französischen Longitudinalstudien präsentiert. 5.3.1 Deutsche Determinante + Romanisches Nomen Im Folgenden werden die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem romanischen Nomen vorgestellt. Bei der Analyse werden jeweils das Genus der Determinante, das Genus des romanischen Nomens und das Genus des deutschen Äquivalents berücksichtigt. Die folgende Graphik gibt zunächst einen Überblick über das Genus des romanischen Nomens und das Genus der deutschen Determinante. Hierbei kann jeweils das Genus des deutschen Übersetzungsäquivalents zu dem romanischen Nomen abgelesen werden. Die Anzahl der maskulinen und femininen romanischen Nomina, die mit einer deutschen Determinante gemischt wurden, wird sowohl in Prozentangaben als auch in absoluten Werten (in der Datentabelle) dargestellt. 68 In den Spalten 1-3 ist das Genus des romanischen Nomens maskulin, in den Spalten 4-6 feminin. 68 Im Anhang B wird für die bilingual deutsch-französischen, die deutsch-spanischen und die deutsch-italienischen Kinder jeweils eine eigene Graphik gezeigt. <?page no="274"?> 274 Abb. (4) Gemischte DP (Ddt + Nrom): Genus rom. N & Genus dt. Äquivalent 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Ddt (m./ n.) 113 29 64 6 23 6 Ddt (n.) 4 0 7 1 1 2 Ddt (f.) 12 5 5 122 52 31 Ddt (m.) 75 11 7 2 3 0 Summe 204 45 83 131 79 39 Nrom (m.) / Ndt (m.) Nrom (m.) / Ndt (f.) Nrom (m.) / Ndt (n.) Nrom (f.) / Ndt (f.) Nrom (f.) / Ndt (m.) Nrom (f.) / Ndt (n.) Die romanischen Maskulina In der ersten Spalte werden die gemischten DPn dargestellt, in denen das romanische Nomen und das deutsche Übersetzungsäquivalent jeweils maskulines Genus haben. Davon treten 75 (36,8%) von insgesamt 204 gemischten DPn mit einer maskulinen deutschen Determinante und 113 (55,4%) mit einer für das Neutrum und Maskulinum unterspezifizierten Form auf. Die bilingualen Kinder mischen demnach häufiger eine deutsche Determinante mit einem maskulinen romanischen Nomen, die für das Maskulinum und Neutrum formidentisch ist. Außerdem wird deutlich, dass in 12 (5,8%) gemischten DPn eine feminine Artikelform und nur in 4 (2%) gemischten DPn eine für das Neutrum spezifizierte Form mit einem maskulinen romanischen Nomen auftritt. Diese insgesamt 16 (7,8%) intra-sententialen Mischungen werden als Genusfehler klassifiziert, da die Genusmarkierung weder dem Genus des romanischen Nomens noch dem Genus des deutschen Äquivalents entspricht. In der zweiten Spalte weicht das Genus des romanischen Nomens von dem Genus der deutschen Entsprechung ab: In der gemischten DP ist das romanische Nomen maskulin, während das deutsche Äquivalent feminin ist. Die Untersuchungsergebnisse in Spalte 2 zeigen, dass überwiegend das maskuline Genus des romanischen Nomens die Genusmarkierung der deutschen Determinante bestimmt. Erneut mischen die bilingualen Kinder häufiger eine deutsche Determinante, die für das Maskulinum und Neutrum formidentisch ist. Das feminine Genus des deutschen Äquivalents bestimmt <?page no="275"?> 275 nur in 5 (11,1%) gemischten DPn das Genus der romanischen Determinante. Darüber hinaus können keine Genusfehler beobachtet werden, da die bilingualen Kinder keine für das Neutrum spezifizierte Determinante mit einem maskulinen romanischen Nomen mischen. In der dritten Spalte weicht das Genus des romanischen Nomens ebenfalls von dem Genus des deutschen Äquivalents ab: Das romanische Nomen ist maskulin, während das deutsche Äquivalent ein Neutrum ist. Insgesamt wird in 64 (77,1%) von insgesamt 83 gemischten DPn eine deutsche Determinante gemischt, die für das Neutrum und Maskulinum formidentisch ist. Nur in 7 (8,4%) Fällen verwenden die bilingualen Kinder eine für das Neutrum spezifizierte Determinante. Insgesamt können für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem maskulinen romanischen Nomen die folgenden Ergebnisse festgehalten werden: Die maskulinen romanischen Nomina werden überwiegend mit einer deutschen Determinante gemischt, die sowohl für das Maskulinum als auch für das Neutrum spezifiziert ist. Dieses Ergebnis ist unabhängig davon, welches Genusmerkmal das deutsche Äquivalent trägt. Wenn das Genus des deutschen Übersetzungsäquivalents das Genus der romanischen Determinante festlegt, dann wird sowohl auf das Femininum (11,1%) als auch auf das Neutrum (8,4%) im Deutschen zugegriffen. Darüber hinaus werden bei den maskulinen romanischen Nomen insgesamt 21 (8,4%) gemischte DPn als Genusfehler klassifiziert. Hierbei zeigt sich, dass die bilingualen Kinder häufiger eine feminine deutsche Determinante verwenden als eine maskuline oder neutrale Form: In 17 (6,8%) Fällen mischen die bilingualen Kinder eine feminine deutsche Determinante und in 5 (2%) Fällen eine für das Neutrum spezifizierte Artikelform. Die romanischen Feminina In Spalte 4 werden die gemischten DPn dargestellt, in denen das romanische Nomen und das deutsche Übersetzungsäquivalent jeweils feminin sind. In 122 (93,1%) von insgesamt 131 Fällen mischen die bilingualen Kinder eine feminine deutsche Determinante. Nur 9 (8,4%) gemischte DPn werden als Genusfehler klassifiziert. In Spalte 5 weicht das Genus des Nomens in beiden Sprachen voneinander ab: In der gemischten DP ist das romanische Nomen feminin, während die deutsche Entsprechung maskulin ist. Die Ergebnisse zeigen, dass in 52 (65,8%) von insgesamt 79 gemischten DPn das feminine Genusmerkmal des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante bestimmt. In 26 (32,9%) gemischten DPn bestimmt das Genus des deutschen Äquivalents die Genusmarkierung an der romanischen Determinante. Darüber hinaus zeigt die Abbildung, dass die bilingualen Kinder in 23 Fällen (29,1%) einen deutschen <?page no="276"?> 276 Determinierer mit einem femininen romanischen Nomen mischen, die für das Maskulinum und Neutrum unterspezifiziert ist. In der Spalte 6 werden die femininen romanischen Nomina präsentiert, bei denen das deutsche Äquivalent ein Neutrum ist. Die Graphik zeigt, dass in 31 (79,5%) von insgesamt 39 DPn das feminine Genus des romanischen Nomens die Genusmarkierung an der deutschen Determinante bestimmt. In 8 (20,5%) gemischten DPn kongruiert das Genus der deutschen Determinante nicht mit dem Genus des romanischen Nomens. Auch für diese Mischungen wird eine Präferenz für einen deutschen Determinierer deutlich, der für das Maskulinum und Neutrum fomidentisch ist. Insgesamt können für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determininante und einem femininen romanischen Nomen die folgenden Ergebnisse festgehalten werden: Das Genus der deutschen Determinante richtet sich überwiegend nach dem Genus des romanischen Nomens. Kongruiert das Genus der deutschen Determinante nicht mit dem femininen Genus des romanischen Nomens, dann verwenden die bilingualen Kinder überwiegend eine deutsche Determinante, die für das Maskulinum und Neutrum unterspezifiziert ist. Außerdem werden bei den femininen romanischen Nomen insgesamt 10 (3%) gemischte DPn als Genusfehler klassifiziert. Vergleicht man die Anzahl an Genusfehlern, die bei den romanischen Maskulina auftreten, mit der Anzahl an Genusfehlern, die bei den romanischen Feminina vorkommen, dann zeigt sich, dass die bilingualen Kinder häufiger den romanischen Maskulina ein falsches Genus zuweisen (Genusfehler Maskulina (8,4%), Genusfehler Feminina (3%)). Die als Genusfehler klassifizierten gemischten DPn mit einem maskulinen romanischen, treten überwiegend mit einer femininen deutschen Determinante auf. 5.3.2 Romanische Determinante + Deutsches Nomen Im Folgenden soll überprüft werden, welches Genus die bilingualen Kinder an der romanischen Determinante markieren, wenn sie ein deutsches Nomen mit einer romanischen Determinante mischen. Bei der Analyse werden jeweils das Genus des deutschen Nomens und das Genus des romanischen Äquivalents berücksichtigt. Die folgende Graphik gibt einen Überblick über das Genus des deutschen Nomens, das Genus der romanischen Entsprechung und die Genusmarkierung an der romanischen Determinante. Die Anzahl der deutschen Maskulina, Feminina und Neutra, die mit einer romanischen Determinante in den bilingualen Sprachdaten aufgetreten sind, wird sowohl in Prozentangaben als auch in absoluten <?page no="277"?> 277 Werten (in der Datentabelle) dargestellt. 69 In den Spalten 1-2 werden die deutschen Maskulina, in den Spalten 3-4 die deutschen Feminina und in den Spalten 5-6 die deutschen Neutra präsentiert. Abb. (5) Gemischte DP (Drom + Ndt): Genus dt. Nomen & Genus rom. Äquivalent 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Drom (f.) 13 29 191 88 1 9 Drom (m.) 349 117 23 23 150 62 Summe 362 146 214 111 151 71 Ndt (m.) / Nrom (m.) Ndt (m.) / Nrom (f.) Ndt (f.) / Nrom (f.) Ndt (f) / Nrom (m.) Ndt (n.) / Nrom (m.) Ndt (n.) / Nrom (f.) Die deutschen Maskulina Die Graphik zeigt in Spalte 1, dass das Genus des deutschen Nomens und das Genus des romanischen Äquivalents in beiden Sprachen gleich ist. In 349 (96,4%) von insgesamt 362 gemischten DPn mischen die bilingualen Kinder eine romanische maskuline Determinante mit einem maskulinen deutschen Nomen. Nur 13 (3,6%) Sprachmischungen werden als Genusfehler klassifiziert, da das Genus der romanischen Determinante weder mit dem Genus des deutschen Nomens noch mit dem Genus des romanischen Äquivalents kongruiert. Des Weiteren zeigt die Abbildung (5) in Spalte 2, dass in 117 (80,14%) gemischten DPn das maskuline Genus des deutschen Nomens die Genusmarkierung an der romanischen Determinante bestimmt. Insgesamt richtet sich das Genus der romanischen Determinante überwiegend nach dem maskulinen Genus des romanischen Nomens. Dennoch greifen die bilingualen Kinder in 29 (19,9%) gemischten DPn auf das feminine Genus des romanischen Äquivalents zu. 69 Im Anhang B wird für die bilingual deutsch-französischen, die deutsch-spanischen und die deutsch-italienischen Kinder jeweils eine eigene Graphik gezeigt. <?page no="278"?> 278 Die deutschen Feminina Die Ergebnisse in Spalte 3 verdeutlichen, dass bei 214 femininen deutschen Nomina das romanische Äquivalent ebenfalls feminin ist. In 191 (89,3%) Fällen mischen die bilingualen Kinder eine feminine romanische Determinante mit einem femininen deutschen Nomen. Nur in 23 (10,7%) Sprachmischungen kongruiert das Genus der romanischen Determinante nicht mit dem femininen Genus des deutschen Nomens. Die Spalte 4 macht deutlich, dass insgesamt 111 gemischte DPn auftreten, in denen das romanische Äquivalent maskulin ist. In 88 (79,3%) gemischten DPn bestimmt das feminine Genus des deutschen Nomens die Genusmarkierung an der Determinante. Es wird deutlich, dass sich das Genus der romanischen Determinante überwiegend nach dem Genus des deutschen Nomens richtet. Die bilingualen Kinder greifen in 23 (20,7%) gemischten DPn auf das Genus des maskulinen romanischen Äquivalents zu. Insgesamt zeigen die Ergebnisse für die deutschen Feminina, dass das Genus der romanischen Determinante überwiegend mit dem Genus des deutschen Nomens kongruiert. Vergleicht man die Ergebnisse für die deutschen Feminina und die deutschen Maskulina, dann wird deutlich, dass das Genus der romanischen Determinante überwiegend durch das Genus des deutschen Nomens determiniert wird. Außerdem greifen die bilingualen Kinder sowohl auf das maskuline Genus des romanischen Äquivalents (20,7%) als auch auf das feminine Genus des romanischen Äquivalents (19,9%) zu. Für die Genusfehler wird deutlich, dass die bilingualen Kinder häufiger den deutschen Feminina ein falsches Genus zuweisen, als den deutschen Maskulina (Genusfehler Maskulina (3,6%), Genusfehler Feminina (10,7%)). Die deutschen Neutra Die Ergebnisse im Hinblick auf die Genuszuweisung zu den deutschen Neutra werden in den Spalten 5 und 6 dargestellt. Insgesamt sind in den Longitudinalstudien 222 Switches aufgetreten, in denen ein deutsches Nomen im Neutrum mit einer romanischen Determinante gemischt wurde. Die bilingualen Kinder mischen die deutschen Neutra überwiegend mit einer maskulinen romanischen Determinante. Von insgesamt 222 Neutra treten 212 (95,5%) mit einer maskulinen romanischen Determinante auf. Hierbei ist in 151 Fällen das romanische Äquivalent maskulin (68%) und in 71 (32%) Fällen feminin. Der Anteil an Mischungen, in denen eine feminine Determinante mit einem deutschen Nomen im Neutrum gemischt wird, beträgt insgesamt nur 4,5%. Demzufolge ist das Genus des entsprechenden romanischen Nomens irrelevant, da in beiden Fällen überwiegend die maskuline Form verwendet wird. <?page no="279"?> 279 5.3.3 Italienische Determinante + Französisches Nomen Im vorliegenden Abschnitt sollen die Ergebnisse der französisch-italienischen Kinder für den Sprachenwechsel zwischen einer italienischen Determinante und einem französischen Nomen vorgestellt werden. Die Ergebnisse schließen alle Determinanten aus, die im Italienischen und Französischen homophon sind, da man in diesen Fällen nicht entscheiden kann aus welcher Sprache sie stammen (z.B. der feminine definite Artikel la, der sowohl im Französischen als auch im Italienischen gleich ist). Die Graphik (6) gibt einen Überblick über das Genus des französischen Nomens und die Genusmarkierung an der italienischen Determinante innerhalb der gemischten DP. Hierbei wird die Anzahl der französischen Nomina, die mit einer italienischen Determinante gemischt werden, sowohl in Prozentangaben als auch in absoluten Werten (in der Datentabelle) dargestellt. Abb. (6) Gemischte DP (Dit + Nfrz): Genus frz. Nomen & Genus it. Äquivalent 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Dit (m.) 44 5 3 0 Dit (f.) 1 0 19 5 Summe 45 5 22 5 Nfrz (m.) / Nit (m.) Nfrz (m.) / Nit (f) Nfrz (f.) / Nit (f.) Nfrz (f.) / Nit (m.) Die Abbildung macht deutlich, dass insgesamt 45 gemischte DPn produziert werden, in denen das Nomen in beiden Sprachen maskulin ist. Die Spalte 1 zeigt, dass die italienische Determinante nur in einer einzigen gemischten DP feminines Genus aufweist, obwohl das französische Nomen und das italienische Äquivalent maskulin sind. Demnach kongruiert nur in einer gemischten DP das Genus der italienischen Determinante nicht mit dem Genus des französischen Nomens. Die Ergebnisse in Spalte 2 und 4 verdeutlichen, dass ausschließlich das Genus des französischen Nomens die Genusmarkierung an der italienischen Determinante festlegt. <?page no="280"?> 280 Obwohl die absolute Anzahl der Mischungen sehr gering ist, greifen die biningual französisch-italienischen Kinder nicht auf das Genus des Äquivalents zu. Die Ergebnisse in der dritten Spalte verdeutlichen, dass in 22 Fällen das italienische Äquivalent ebenfalls feminin ist. Hierbei werden 3 (13,6%) gemischte DPn als Genusfehler klassifiziert, da der italienische Determinierer maskulin markiert wird. Zusammenfassend lässt für den Sprachenwechsel zwischen einer italienischen Determinante und einem französischen Nomen festhalten, dass überwiegend das Genus des französischen Nomens die Genusmarkierung an der italienischen Determinante festlegt. Dieses Ergebnis gilt sowohl für die femininen als auch für die maskulinen französischen Nomina. 5.3.4 Französische Determinante + Italienisches Nomen In diesem Abschnitt werden die Untersuchungsergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer französischen Determinante und einem italienischen Nomen vorgestellt. Die Ergebnisse schließen erneut alle Formen aus, die im Italienischen und Französischen homophon sind. Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über das Genus des italienischen Nomens und das Genus der italienischen Determinante innerhalb der gemischten DP. Abb. (7) Gemischte DP (Dfrz + Nit): Genus it. Nomen & Genus frz. Äquivalent 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Dfrz (m.) 6 2 0 0 Dfrz (f.) 0 0 1 2 Summe 6 2 1 2 Nit (m.) / Nfrz (m.) Nit (m.) / Nfrz (f.) Nit (f.) / Nfrz (f.) Nit (f.) / Nfrz (m.) Die Abbildung zeigt, dass die absolute Anzahl der gemischten DPn insgesamt sehr gering ist. In der vorliegenden Studie sind nur zwei bilingual italienisch-französische Longitudinalstudien analysiert worden, wobei die <?page no="281"?> 281 Sprachdaten des Kindes Siria nur im Italienischen ausgewertet werden konnten, da die Transkription der französischen Daten zum Zeitpunkt der hiesigen Analyse noch nicht vorlag. Insgesamt zeigen die Untersuchungsergebnissse, dass die französisch-italienischen Kinder keine Genusfehler beim Sprachenwechsel zwischen einer französischen Determinante und einem italienischen Nomen produzieren. Wenn das Genus der Nomina in beiden Sprachen voneinander abweicht, dann wird ausschließlich das Genus des italienischen Nomens an der französischen Determinante markiert. Die französische Determinante kongruiert stets mit dem Genus des italienschen Nomens. 5.3.5 Artikelformen in der gemischten DP Bei der bisherigen Analyse wurde nicht zwischen unterschiedlichen Artikelformen innerhalb der Paradigmen differenziert. Man könnte jedoch vermuten, dass besonders bei den Genusfehlern, die außerhalb der Regelhaftigkeit liegen, die Frequenz einer Artikelform von Bedeutung ist. Aus diesem Grund soll im vorliegenden Abschnitt eine differenziertere Darstellung der Ergebnisse im Hinblick auf die unterschiedlichen Artikelformen erfolgen. Hierbei wird eine Einteilung in definite Artikel, indefinite Artikel und andere Determinierer (z.B. Possessivbegleiter, Quantifizierer etc.) vorgenommen. Beginnend mit den Ergebnissen für die gemischten DPn mit einem romanischen Nomen werden im Anschluss daran, die Artikelformen aufgezeigt, die in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen aufgetreten sind. Die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem romanischen Nomen werden bezüglich der verwendeten Artikelformen für die Kategorien (gleiches Genus, Genus des romanischen Nomens, Genus des deutschen Nomens und Genusfehler) in der folgenden Abbildung zusammengefasst: <?page no="282"?> 282 Abb. (8) Gemischte DP (Ddt + Nrom): Artikelformen 0% 20% 40% 60% 80% 100% gleiches Genus Genus des rom. Nomens Genus des dt. Nomens (Äquivalent) Genusfehler def Art (der) def Art (die) def Art (das) indef Art (ein) indef Art (eine) Det andere Durch die Abbildung wird deutlich, dass sich für die deutschen Artikelformen, die in den Kategorien gleiches Genus und Genus des romanischen Nomens auftreten, ein recht homogenes Bild abzeichnet. Die Ergebnisse zeigen, dass keine spezifische Artikelform bevorzugt mit einem romanischen Nomen gemischt wird. Für die Fälle, in denen das Genus des deutschen Äquivalents die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt, kann jedoch festgestellt werden, dass überwiegend der indefinite Artikel ein mit einem romanischen Nomen auftritt. In 28 (61%) von insgesamt 46 gemischten DPn, in denen die deutsche Entsprechung das Genus der Determinante festlegt, wird der indefinite Artikel ein verwendet. Des Weiteren wird für die Genusfehler deutlich, dass von allen verwendeten Artikelformen am häufigsten der definite Artikel die gemischt wird (40%). Im Folgenden werden die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer romanischen Determinante und einem deutschen Nomen bezüglich der verwendeten Artikelformen für die Kategorien (gleiches Genus, Genus des romanischen Nomens, Genus des deutschen Nomens und Genusfehler) in der Abbildung (9) zusammengefasst: <?page no="283"?> 283 Abb. (9) Gemischte DP (Drom + Ndt): Artikelformen 0% 20% 40% 60% 80% 100% gleiches Genus Genus des dt. Nomens Genus des rom. Nomens (Äquivalent) Genusfehler def Art (le/ el/ il) def Art (la) indef Art (un) indef Art (une/ una) Det andere Die Abbildung macht deutlich, dass die bilingualen Kinder keine spezifische romanische Artikelform mit einem deutschen Nomen mischen. Ausschließlich in der Kategorie Genusfehler lässt sich eine geringe Tendenz zur Vermeidung des femininen definiten Artikels la erkennen. 5.3.6 Zusammenfassung der Ergebnisse Für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem romanischen Nomen hat die Untersuchung die folgenden Ergebnisse erbracht: 1. Sowohl bei den romanischen Feminina als auch bei den romanischen Maskulina bestimmt überwiegend das Genus des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante. 2. Ist das romanische Nomen ein Maskulinum, dann wird überwiegend eine deutsche Determinante verwendet, die sowohl für das Maskulinum als auch für das Neutrum spezifiziert ist. Dieses Ergebnis ist unabhängig davon, ob das deutsche Äquivalent ein Femininum, Maskulinum oder Neutrum ist. 3. Für die gemischten DPn, in denen das romanische Nomen ein Femininum ist und das Genus der Determinante durch das Genus der deutschen Entsprechung (Mask. oder Neutr.) bestimmt wird, zeigt sich, dass überwiegend der indefinite Artikel ein verwendet wird. <?page no="284"?> 284 4. Für die als Genusfehler klassifizierten gemischten DPn lässt sich festhalten, dass die bilingualen Kinder häufiger den romanischen Maskulina ein falsches Genus zuweisen als den romanischen Feminina. Die bilingualen Kinder mischen überwiegend den definiten Artikel die mit einem maskulinen romanischen Nomen. Für den Sprachenwechsel zwischen einer romanischen Determinante und einem deutschen Nomen können die folgenden Ergebnisse festgehalten werden: 1. Sowohl bei den deutschen Feminina als auch bei den deutschen Maskulina bestimmt überwiegend das Genus des deutschen Nomens das Genus der deutschen Determinante. 2. Die deutschen Neutra werden überwiegend mit einer maskulinen romanischen Determinante gemischt, unabhängig davon, ob die romanische Entsprechung maskulines oder feminines Genus hat. 3. Für die Genusfehler in den gemischten DPn (D rom + N dt ) wird deutlich, dass die bilingualen Kinder häufiger den deutschen Feminina ein falsches Genus zuweisen, als den deutschen Maskulina. Sowohl für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem romanischen Nomen als auch für den Sprachenwechsel zwischen einer romanischen Determinante und einem deutschen Nomen können die folgenden Ergebnisse festgehalten werden: 1. In beiden Fällen richtet sich das Genus der Determinante überwiegend nach dem Genus des Nomens in der gemischten DP. 2. Wenn die bilingualen Kinder auf das Genus des Äquivalents zugreifen, dann ist nicht nur ein bestimmtes Genus betroffen, da sie auf alle Genera (Femininum, Maskulinum und das Neutrum (im Dt.)) zugreifen. Bevor die Untersuchungsergebnisse im Hinblick auf den Algorithmus zur Genuskongruenz diskutiert werden, sollen zunächst weitere Ergebnisse der vorliegenden Studie präsentiert werden. 5.4 Die analysierten Sprachkombinationen und Genus in der gemischten DP In diesem Abschnitt werden die Ergebnisse für die einzelnen Sprachkombinationen, die in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, präsentiert. Beginnend mit den Ergebnissen der bilingual deutsch-italienischen Kinder werden im Anschluss daran die Ergebnisse der deutsch-franzö- <?page no="285"?> 285 sischen, der deutsch-spanischen und der italienisch-französischen Kinder vorgestellt. 5.4.1 Mischungen der deutsch-italienischen Kinder Zunächst soll ein quantitativer Überblick darüber gegeben werden, wie häufig die gemischten DPn in den einzelnen Kategorien bei den deutschitalienischen Kindern aufgetreten sind. Die nachfolgende Tabelle (1) stellt die Anzahl der gemischten DPn, die in den Kategorien Gleiches Genus, Unterschiedliches Genus und Genusfehler aufgetreten sind, sowohl in absoluten Zahlen als auch in Prozentangaben für die deutsch-italienischen Kinder im Einzelnen dar. Außerdem werden die Ergebnisse der bilingualen Kinder, die eine schwache Sprache entwickeln, kursiv hervorgehoben. Dabei werden jeweils die Mischungen kursiv dargestellt, in denen die unblancierten Kinder ein Nomen aus der schwachen Sprache mit einem Determinierer aus der starken Sprache gemischt haben. Tabelle (1) Gemischte DP und Genusmarkierung in der deutschitalienischen Studie Gleiches Genus Unterschiedliches Genus Genusfehler Genus des Nomens Genus des Äquivalents Ddt + Nit Luca 13 (81,3%) 3 (18,8%) 0 (0%) 0 (0%) Valentin 8 (61,5%) 2 (15,4%) 0 (0%) 3 (23,1%) Carlotta 20 (46,5%) 16 (37,2%) 2 (4,7%) 5 (11,6%) Lukas 37 (80,4%) 9 (19,6%) 0 (0%) 0 (0%) Jan 6 (75%) 1 (12,5%) 1 (12,5%) 0 (0%) Aurelio 16 (59,3%) 6 (22,2%) 3 (11,1%) 2 (7,4%) Marta 46 (59,7%) 19 (24,7%) 6 (7,8%) 6 (7,8%) Total 146 (63,5%) 56 (24,3%) 12 (5,2%) 16 (7%) Dit + Ndt Luca 10 (62,5%) 3 (18,8%) 3 (18,8%) 0 (0%) Valentin 58 (65,2%) 22 (24,7%) 2 (2,2%) 7 (7,9%) Carlotta 14 (46,7%) 13 (43,3%) 2 (6,7%) 1 (3,3%) Lukas 146 (74,5%) 41 (20,9%) 6 (3,1%) 3 (1,5%) Jan 19 (55,9%) 9 (26,5%) 4 (11,8%) 2 (5,9%) Aurelio 89 (72,4%) 21 (17,1%) 11 (8,9%) 2 (1,6%) Marta 10 (28,6%) 22 (62,9%) 2 (5,7%) 1 (2,9%) Total 346 (66,2%) 131 (25%) 30 (5,7%) 16 (3,1%) Summe 492 (65,3%) 187 (24,8%) 42 (5,6%) 32 (4,2%) <?page no="286"?> 286 Die Tabelle (1) zeigt, dass insgesamt die Anzahl der gemischten DPn überwiegt, in denen das Genus der Nomina in beiden Sprachen übereinstimmt (492 (65,3%)). Für die Mischungen, bei denen das Genus der Nomina in beiden Sprachen voneinander abweicht, wird deutlich, dass überwiegend das Genus des Nomens in der gemischten DP die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt (Genus des realisierten Nomens 187 (24,8%) - Genus des äquivalenten Nomens 42 (5,6%)). Außerdem treten in der deutsch-italienischen Studie insgesamt 32 (4,2%) gemischte DPn auf, die als Genusfehler klassifiziert werden. Sowohl in den gemischten DPn mit einem italienischen Nomen als auch in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen bestimmt überwiegend das Genus des Nomens das Genus der Determinante und nicht das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents. Für die intra-sententialen Mischungen mit einem italienischen Nomen zeigt sich, dass der Unterschied zwischen der Anzahl an gemischten DPn, in denen das Genus des italienischen Nomens das Genus der deutschen Determinante bestimmt und der Anzahl an gemischten DPn, in denen das Genus des deutschen Äquivalents das Genus der deutschen Determinante bestimmt, statistisch signifikant ist: 1. D dt + N it Kondition: Genus des it. Nomens / Genus des dt. Äquivalents 2 = 28.4706, df =1, p<0.001 In den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen wird ebenfalls häufiger das Genus des deutschen Nomens an der italienischen Determinante markiert als das Genus des entsprechenden italienischen Äquivalents. Dieser Unterschied ist erneut statistisch signifikant: 2. D it + N dt Kondition: Genus des dt.Nomens / Genus des it. Äquivalents 2 = 63,3607, df =1, p<0.001 In der Abbildung (10) werden ausschließlich die gemischten DPn in Relation zueinander betrachtet, die in der Kategorie Unterschiedliches Genus (Genus des realisierten N und Genus des äquivalenten N) aufgetreten sind. <?page no="287"?> 287 Abb. (10) Gemischte DPn: Genus des äquivalenten N und Genus des realisierten N deutsch italienische Kinder 0 20 40 60 80 100 Lu (Ddt + Nit) Va (Ddt + Nit) Luk (Ddt + Nit) Ca (Ddt + Nit) Va (Dit + Ndt) Ma (Dit + Ndt) Luk (Dit + Ndt) Ca (Dit + Ndt) Ma (Ddt + Nit) Au (Ddt + Nit) Ja (Dit + Ndt) Au (Dit + Ndt) Ja (Ddt + Nit) Lu (Dit + Ndt) % Genus des realisierten N Genus des äquivalenten N Für die in Abbildung (10) gezeigten Sprachmischungen zeichnet sich eine Gradierung ab, die auf einen sprachspezifischen Unterschied hindeutet: Insgesamt greifen die bilingual deutsch-italienischen Kinder häufiger auf das Genus des Äquivalents zu, wenn sie ein deutsches Nomen mit einer italienischen Determinante mischen (z.B. il mask Sonne fem ; it. il mask sole mask ). Ist das Nomen italienisch und die Determinante deutsch, dann ist das Genus des deutschen Äquivalents in den meisten Fällen irrelevant. Auf den ersten Blick scheint diese Generalisierung allerdings nicht auf die gemischten DPn (D dt + N it ) der bilingualen Kinder Jan, Marta und Aurelio zuzutreffen. Über den gesamten Untersuchungszeitraum produziert das deutsch-italienische Kind Jan nur insgesamt 8 gemischte DPn mit einem italienischen Nomen. Bei 6 (75%) von insgesamt 8 Mischungen stimmt das Genus des italienischen Nomens mit dem Genus des deutschen Äquivalents überein (vgl. Tabelle (1)). Es können nur zwei relevante Sprachmischungen nachgewiesen werden, in denen das Genus des italienischen Nomens von dem Genus der deutschen Entsprechung abweicht. Im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern greifen die beiden Kinder Marta und Aurelio in den gemischten DPn mit einem italienischen Nomen recht häufig auf das Genus des deutschen Äquivalents zu. In Kapitel 5.7 wird deutlich werden, dass Marta und Aurelio eine weniger stark ausgeprägte Nomen-Verb-Asymmetrie im italienischen Lexikon aufweisen als die anderen bilingualen Kinder im Italienischen. Die weniger stark ausgeprägte Asymmetrie im Italienischen erleichtert vermutlich den Zugriff auf das Genus der deutschen Entsprechung in den gemisch- <?page no="288"?> 288 ten DPn (D dt + N it ). In Kapitel 5.7 wird die Korrelation zwischen der Nomen-Verb-Entwicklung und dem Zugriff auf das Genus des Äquivalents, für alle bilingualen Kinder im Einzelnen dargestellt. Der Unterschied zwischen dem Zugriff auf das Genus des deutschen Äquivalents in den gemischten DPn mit einem italienischen Nomen (D dt + N it ) und dem Zugriff auf das Genus des italienischen Äquivalents in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen (D it + N dt ) ist statistisch signifikant: 3. D dt + N it und D it + N dt Kondition: Genus des dt. Äquivalents / Genus des it. Äquivalents 2 =7,7143, df =1, p<0.05 Wenn die bilingualen Kinder ein deutsches Nomen mit einer italienischen Determinante mischen, dann greifen sie häufiger auf das Genus des italienischen Äquivalents zu als auf das Genus des entsprechenden deutschen Nomens in den gemischten DPn mit einem italienischen Nomen. Für die beiden unbalancierten Kinder Valentin und Aurelio, die jeweils das Deutsche als schwache Sprache entwickeln, zeigen die Ergebnisse, dass Valentin und Aurelio überwiegend das Genus des deutschen Nomens an der italienischen Determinante markieren. In den gemischten DPn mit einem deutschen richtet sich das Genus der Determinante überwiegend nach dem Genus des deutschen Nomens, das aus der schwachen Sprache stammt und nicht nach dem Genus des italienischen Übersetzungsäquivalents. Das bilinguale Kind Jan entwickelt das Italienische als schwache Sprache. Wie bereits erwähnt, können insgesamt nur 2 relevante Sprachmischungen nachgewiesen werden, in denen das Genus des italienischen Nomens von dem Genus der deutschen Entsprechung abweicht. Hierbei wird deutlich, dass Jan sowohl das Genus des italienischen Nomens als auch das Genus des deutschen Übersetzungsäquivalents an der italienischen Determinante markiert. 5.4.2 Mischungen der deutsch-französischen Kinder In diesem Abschnitt werden die Ergebnisse der bilingual deutsch-französischen vorgestellt, die in der folgenden Tabelle (2) sowohl in Prozentangaben als auch in absoluten Werten zusammenfassend dargestellt werden. Für die unbalancierten Kinder werden die gemischten DPn, in denen das Nomen aus der schwachen Sprache stammt, kursiv abgebildet: <?page no="289"?> 289 Tabelle (2) Gemischte DP und Genusmarkierung in der deutschfranzösischen Studie Gleiches Genus Unterschiedliches Genus Genusfehler Genus des Nomens Genus des Äquivalents Ddt + Nfrz Emma 41 (74,5%) 6 (10,9%) 5 (9,1%) 3 (5,5%) Amélie 33 (46,5%) 25 (35,2%) 11 (15,5%) 2 (2,8%) Céline 3 (21,4%) 6 (42,9%) 2 (14,3%) 3 (21,4%) Alexander 54 (62,1%) 14 (16,1%) 14 (16,1%) 5 (5,7%) Marie 9 (75%) 3 (25%) 0 (0%) 0 (0%) Total 175 (63,6%) 62 (22,5%) 20 (7,3%) 18 (6,5%) Dfrz + Ndt Emma 8 (42,1%) 4 (21,1%) 1 (5,3%) 6 (31,6%) Amélie 45 (58,4%) 18 (23,4%) 11 (14,3%) 3 (3,9%) Céline 60 (77,9%) 11 (14,3%) 3 (3,9%) 3 (3,9%) Alexander 26 (72,2%) 7 (19,4%) 2 (5,6%) 1 (2,8%) Marie 36 (54,5%) 22 (33,3%) 3 (4,5%) 5 (7,6%) Total 140 (58,6%) 54 (22,6%) 32 (13,4%) 13 (5,4%) Summe 315 (61,6%) 116 (22,6%) 52 (10,1%) 31 (6,0%) Die Tabelle (2) macht deutlich, dass insgesamt die Anzahl an gemischten DPn überwiegt, in denen das Genus des Nomens in der gemischten DP und das Genus des Übersetzungsäquivalents gleich sind (315 (61,6%)). In 116 (22,4%) Fällen bestimmt das Genus des Nomens in der gemischten DP die Genusmarkierung an der Determinante. Des Weiteren produzieren die deutsch-französischen Kinder insgesamt 52 gemischte DPn (10%), in denen sie auf das Genus des äquivalenten Nomens zugreifen. Bei 31 (6%) von insgesamt 319 gemischten DPn entspricht die Genusmarkierung an der Determinante weder dem Genus des realisierten Nomens noch dem Genus des äquivalenten Nomens (Genusfehler). Obwohl die deutschfranzösischen Kinder sowohl in den gemischten DPn mit einem französischen Nomen als auch in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen häufiger das Genus des Nomens an der Determinante markieren, zeigt sich, dass sich die Anzahl der gemischten DPn in der Kategorie Genus des realisierten Nomens und die Anzahl der gemischten DPn in der Kategorie Genus des Äquivalents nicht signifikant voneinander unterscheidet. In den gemischten DPn mit einem französischen Nomen bestimmt zwar häufiger das Genus des französischen Nomens das Genus der deutschen <?page no="290"?> 290 Determinante als das Genus des deutschen Äquivalents, der Unterschied ist allerdings statistisch nicht signifikant: 1. D dt + N frz Kondition: Genus des frz.Nomens / Genus des dt. Äquivalents 2 = 21.5122, df =1, p>0.05 In den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen ist der Unterschied zwischen dem Zugriff auf das Genus des deutschen Nomens und dem Zugriff auf das Genus des entsprechenden französischen Nomens ebenfalls statistisch nicht signifikant: 2. D frz + N dt Kondition: Genus des dt. Nomens / Genus des frz. Äquivalents 2 = 5.6279, df = 1, p>0.05 Während die Untersuchungsergebnisse der deutsch-italienischen Studie gezeigt haben, dass die bilingual deutsch-italienischen Kinder signifikant häufiger das Genus des deutschen bzw. das Genus des italienischen Nomens an der Determinante markieren, macht die Analyse der deutschfranzösischen Sprachdaten deutlich, dass dieser Unterschied nicht signifikant ist. In der Abbildung (11) werden ausschließlich die gemischten DPn in Relation zueinander betrachtet, die in der Kategorie Unterschiedliches Genus (Genus des realisierten N und Genus des äquivalenten N) aufgetreten sind: Abb. (11) Gemischte DPn: Genus des äquivalenten N und Genus des realisierten N deutsch französische Kinder 0 20 40 60 80 100 Mar (Ddt + Nfrz) Mar (Dfrz + Ndt) Em (Dfrz + Ndt) Cé (Dfrz + Ndt) Cé (Ddt + Nfrz) Am (Ddt + Nfrz) Alex (Dfrz + Ndt) Am (Dfrz + Ndt) Em (Ddt + Nfrz) Alex (Ddt + Nfrz) % Genus des realisierten N Genus des äquivalenten N <?page no="291"?> 291 Im Gegensatz zu den Ergebnissen der bilingual deutsch-italienischen Kinder zeigt sich für die deutsch-französischen Kinder, dass der Unterschied zwischen dem Zugriff auf das Genus des deutschen Äquivalents in den gemischten DPn mit einem französischen Nomen (D dt + N frz ) und dem Zugriff auf das Genus des romanischen Äquivalents in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen (D frz + N dt ) statistisch nicht signifikant ist: 3. D dt + N frz und D frz + N dt Kondition: Genus des dt. Äquivalents / Genus des frz. Äquivalents 2 = 2.7692, df = 1, p>0.05 Das Genus des Äquivalents ist für die deutsch-französischen Kinder demnach in beiden Sprachen für die Genuszuweisung von Bedeutung. Die Annahme, dass unbalancierte Kinder häufiger auf das Genus des entsprechenden Nomens aus der starken Sprache zugreifen, wenn sie ein Nomen aus der schwachen Sprache mischen, konnte für die deutschitalienische Studie nicht bestätigt werden. Die Ergebnisse der deutschfranzösischen Kinder sprechen erneut gegen die Annahme, dass die Genusmarkierung an der Determinante in Zusammenhang mit der Sprachdominanz steht: Das Kind Céline entwickelt das Französische als schwache Sprache. Von insgesamt 8 gemischten DPn mit einem französischen Nomen, in denen das Genus des Nomens in beiden Sprachen voneinander abweicht, bestimmt in 6 Fällen das Genus des französischen Nomens die Genusmarkierung an der deutschen Determinante. Nur in 2 gemischten DPn richtet sich die Genusmarkierung an der deutschen Determinante nach dem Genus des deutschen Äquivalents. Vergleicht man den prozentualen Anteil der gemischten DPn, in denen das Genus der deutschen Determinante durch das Genus der deutschen Entsprechung bestimmt wird, dann zeigt sich, dass Céline nicht häufiger auf das Genus des deutschen Äquivalents zugreift als beispielsweise die balancierten Kinder Alexander und Amélie. Das Kind Marie entwickelt das Deutsche als schwache Sprache. Sie markiert überwiegend das Genus des deutschen Nomens an der französischen Determinante und nur in 3 gemischten DPn greift sie auf das Genus des französischen Äquivalents zu. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Genusinformation in der schwachen Sprache sowohl für Céline im Französischen als auch für Marie im Deutschen zugänglich ist und sich die Genusmarkierung an der Determinante überwiegend nach dem Genus des Nomens richtet, welches aus der schwachen Sprache stammt. <?page no="292"?> 292 5.4.3 Mischungen der deutsch-spanischen Kinder In diesem Abschnitt werden die Ergebnisse für die deutsch-spanischen Kinder vorgestellt. Zunächst wird ein quantitativer Überblick darüber gegeben, wie häufig die relevanten Sprachmischungen in den einzelnen Kategorien aufgetreten sind. Die folgende Tabelle (3) stellt die Anzahl der gemischten DPn, sowohl in absoluten Zahlen als auch in Prozentangaben dar. Das Kind Arturo entwickelt die romanische Sprache als schwache Sprache. Aus diesem Grund werden die gemischten DPn mit einem spanischen Nomen kursiv dargestellt: Tabelle (3) Gemischte DP und Genusmarkierung in der deutschspanischen Studie Gleiches Genus Unterschiedliches Genus Genusfehler Genus des Nomens Genus des Äquivalents Ddt + Nsp Teresa 4 (50%) 4 (50%) 0 (0%) 0 (0%) Arturo 20 (50%) 16 (40%) 2 (5%) 2 (5%) Total 19 (44,2%) 20 (46,5%) 2 (4,7%) 2 (4,7%) Dsp + Ndt Teresa 4 (100%) 0 (0%) 0 (0%) 0 (0%) Arturo 15 (48,4%) 12 (38,7%) 2 (6,5%) 2 (6,5%) Total 24 (60%) 12 (30%) 2 (5%) 2 (5%) Summe 43 (51,8%) 32 (38,6%) 4 (4,8%) 4 (4,8%) Die Tabelle (3) macht deutlich, dass in der deutsch-spanischen Studie überwiegend gemischte DPn auftreten, in denen das Genus des realisierten Nomens und das Genus des Äquivalents übereinstimmen (43 (51,8%)). Insgesamt bestimmt überwiegend das Genus des Nomens das Genus der Determinante (Genus des realisierten Nomens 32 (38,6%) - Genus des äquivalenten Nomens 4 (4,8%)). Des Weiteren zeigt die Tabelle, dass insgesamt 4 (4,8%) gemischte DPn als Genusfehler klassifiziert werden. Die deutsch-spanischen Kinder markieren sowohl in den gemischten DPn mit einem spanischen Nomen als auch in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen signifikant häufiger das Genus des spanischen bzw. deutschen Nomens an der Determinante. 1. D dt + N sp Kondition: Genus des sp.Nomens / Genus des dt. Äquivalents 2 = 7.1429, df = 1, p<0.001 <?page no="293"?> 293 2. D sp + N dt Kondition: Genus des dt.Nomens / Genus des sp. Äquivalents 2 = 714.7273, df = 1, p<0.001 Aufgrund der geringen absoluten Anzahl an relevanten Sprachmischungen und der Tatsache, dass insgesamt nur zwei deutsch-spanische Korpora analysiert werden konnten, müssen in Zukunft mehr bilinguale Kinder mit der Sprachkombination Deutsch-Spanisch untersucht werden, um die vorliegenden Ergebnisse zu bestätigen. Das Kind Teresa hat insgesamt nur 4 relevante Mischungen produziert, in denen das Nomen deutsch und die Determinante spanisch ist. Hierbei stimmt stets das Genus des deutschen Nomens mit dem Genus des spanischen Nomens überein. Des Weiteren zeigen die Ergebnisse, dass Teresa nur 8 Mischungen produziert hat, in denen das Nomen spanisch und die Determinante deutsch ist. Davon stimmt in 4 gemischten DPn das Genus des spanischen Nomens mit dem Genus der deutschen Entsprechung erneut überein. Wenn das Genus des spanischen Nomens von dem Genus des deutschen Äquivalents abweicht, dann bestimmt ausschließlich das Genus des spanischen Nomens die Genusmarkierung an der deutschen Determinante. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Teresa nie auf die Genusinformation des deutschen Übersetzungsäquivalents zugreift. Das Kind Arturo entwickelt die romanische Sprache als schwache Sprache. Aus diesem Grund könnte man vermuten, dass in den gemischten DPn mit einem spanischen Nomen (D dt + N sp ), die Genusmarkierung an der deutschen Determinante häufiger durch das Genus des deutschen Übersetzungsäquivalents bestimmt wird als durch das Genus des spanischen Nomens, das aus der schwachen Sprache stammt. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass sich das Genus der deutschen Determinante überwiegend nach dem Genus des spanischen Nomens richtet und nicht nach dem Genus der deutschen Entsprechung (Genus des realisierten spanischen Nomens 16 (40%) - Genus des äquivalenten deutschen Nomens 2 (5%)). Trotz der sehr geringen Anzahl an relevanten Mischungen in den beiden Kategorien Genus des realisierten Nomens und Genus des äquivalenten Nomens, zeigt die folgende Abbildung (12), dass Arturo häufiger auf das Genus des spanischen Äquivalents zugreift als auf das Genus des deutschen Äquivalents. Obwohl das deutsch-spanische Kind Teresa keine relevanten gemischten DPn mit einem deutschen Nomen aufweist, greift sie in den gemischten DPn mit einem spanischen Nomen nie auf das Genus des deutschen Äquivalents zu. <?page no="294"?> 294 Abb. (12) Gemischte DPn: Genus des äquivalenten N und Genus des realisierten N deutsch spanische Kinder 0 20 40 60 80 100 Te (Ddt + Nsp) Ar (Ddt + Nsp) Ar (Dsp + Ndt) Te (Dsp + Ndt) % Genus des realisierten N Genus des äquivalenten N 5.4.4 Mischungen der italienisch-französischen Kinder In diesem Abschnitt werden die Ergebnisse der italienisch-französischen Kinder vorgestellt. Die folgende Tabelle (4) stellt die Anzahl an gemischten DPn, sowohl in absoluten Zahlen als auch in Prozentangaben dar: Tabelle (4) Gemischte DP und Genusmarkierung in der italienischfranzösischen Studie Gleiches Genus Unterschiedliches Genus Genusfehler Genus des Nomens Genus des Äquivalents Dfrz + Nit Juliette 7 (63,6%) 4 (36,4%) 0 (0%) 0 (0%) Siria 0 (0%) 0 (0%) 0 (0%) 0 (0%) Total 7 (63,6%) 4 (36,4%) 0 (0%) 0 (0%) Dit + Nfrz Juliette 49 (79%) 9 (14,5%) 0 (0%) 4 (6,5%) Siria 16 (94,1%) 1 (5,9%) 0 (0%) 0 (0%) Total 65 (82,3%) 10 (12,7%) 0 (0%) 4 (5,1%) Summe 72 (80%) 14 (15,6%) 0 (0%) 4 (4,4%) Die Tabelle (4) macht deutlich, dass erneut die Anzahl an gemischten DPn überwiegt, in denen das Genus des Nomens in beiden Sprachen gleich ist. <?page no="295"?> 295 Die italienisch-französischen Kinder markieren stets das Genus des Nomens an der Determinante und greifen nicht auf das Genus des französischen bzw. italienischen Äquivalents zu. Außerdem werden nur 4 (4,4%) Sprachmischungen als Genusfehler klassifiziert. Aufgrund der geringen absoluten Anzahl an relevanten Switches und der Tatsache, dass nur zwei Korpora im Italienischen und ein Korpus im Französischen analysiert wurden, müssen in Zukunft mehr bilinguale Kinder mit der Sprachkombination Italienisch-Französisch untersucht werden, um die vorliegenden Ergebnisse zu bestätigen. Dennoch sollte das Ergebnis festgehalten werden, dass die italienisch-französischen Kinder ausschließlich das Genus des realisierten Nomens in der gemischten DP an der Determinante markieren. 5.4.5 Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse Die Untersuchung der bilingualen Korpora hat mehrere wichtige Ergebnisse erbracht, die im Folgenden vergleichend zusammengefasst werden sollen. Die Untersuchungsergebnisse für die analysierten Sprachkombinationen (Deutsch-Französisch, Deutsch-Spanisch, Deutsch-Italienisch und Italienisch-Französisch) zeigen, dass insgesamt die Anzahl der gemischten DPn überwiegt, in denen das Genus der Nomina in beiden Sprachen gleich ist. Diese Beobachtung gilt für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem romanischen Nomen und für den Sprachenwechsel zwischen einer romanischen Determinante und einem deutschen Nomen. Auch in der italienisch-französischen Studie überwiegt die Anzahl an Sprachmischungen, in denen das Genus des Nomens in beiden Sprachen übereinstimmt. Vergleicht man ausschließlich die Anzahl der gemischten DPn, in denen das Genus des Nomens von dem Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents abweicht, dann wird deutlich, dass in allen Sprachkombinationen überwiegend das Genus des Nomens die Genusmarkierung an der Determinante festlegt. Insgesamt werden in der vorliegenden Studie nur 98 (6,8%) gemischte DPn nachgewiesen, in denen sich das Genus der Determinante nach dem Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents richtet und 349 Mischungen (24,2%), in denen das Genus des Nomens das Genus der Determinante bestimmt. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Kinder insgesamt sehr selten auf das Genus des äquivalenten Nomens aus der jeweils anderen Erstsprache zugreifen. Dennoch zeichnet sich für die einzelnen Sprachen und Sprachkombinationen eine Gradierung ab: Die deutsch-französischen Kinder greifen signifikant häufiger auf das Genus des Äquivalents zu als die deutsch-italienischen, die deutsch-spanischen und die italienischfranzösischen Kinder. Die nachfolgende Abbildung (13) stellt die Anzahl <?page no="296"?> 296 der gemischten DPn, in denen das Genus des äquivalenten Nomens das Genus der Determinante bestimmt, in Relation zu der Anzahl der gemischten DPn dar, in denen das Genus des Nomens das Genus der Determinante festlegt, sowohl in Prozentangaben als auch in absoluten Werten (über den Säulen) für die einzelnen Sprachkombinationen im Vergleich dar. Außerdem wird jeweils die Basis 70 in absoluten Werten über den Säulen (in Klammern) angezeigt. Abb. (13) Gemischte DP: Genus des Äquivalents (Ranking nach Sprachkombination) 0 (14) 4 (36) 42 (229) 52 (168) 0 10 20 30 40 dt-frz Kinder dt-it Kinder dt-sp Kinder it-frz Kinder % Genus des äquivalenten Nomens Diese Rangfolge (dt-frz Kinder > dt-it Kinder > dt-sp Kinder > it-frz Kinder) zeigt, dass die deutsch-französischen Kinder im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern am häufigsten auf das Genus des Übersetzungsäquivalents zugreifen. Der prozentuale Anteil der gemischten DPn, in denen das Genus des äquivalenten Nomens an der Determinante markiert wird, beträgt bei den deutsch-französischen Kindern 31%, bei den deutsch-italienischen Kindern 18%, und bei den deutsch-spanischen Kindern 11%. Die Ergebnisse für die beiden italienisch-französischen Kinder verdeutlichen, dass das Genus der Determinante ausschließlich durch das Genus des Nomens bestimmt wird und nicht durch die grammatischen Eigenschaften des jeweiligen Äquivalents. Um zu überprüfen, ob sich die 70 Die Basis bildet die Anzahl der gemischten DPn, in denen sich das Genus der Determinante nach dem Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents richtet (z.B. der mask table fem , frz. la fem table fem , dt. der mask Tisch mask ) plus die Anzahl der gemischten DPn, in denen das Genus des Nomens das Genus der Determinante bestimmt (z.B. die fem table fem ). <?page no="297"?> 297 Ergebnisse signifikant voneinander unterscheiden, wurde erneut der Mann-Whitney-U-Test nach Bortz (1999: 146ff.) herangezogen. Die Anwendung des Mann-Whitney-U-Tests zeigt, dass sich die Ergebnisse der deutsch-französischen Kinder signifikant von den Untersuchungsergebnissen der deutsch-italienischen, der deutsch-spanischen und der französisch-italienischen Kinder unterscheiden: 1. Deutsch-Französisch vs. Deutsch-Italienisch Kondition: Genus des Äquivalents 2 = 4.6829, df = 1, p<0.01 2. Deutsch-Französisch vs. Deutsch-Spanisch Kondition: Genus des Äquivalents 2 = 2.961, df = 1, p<0.01 3. Deutsch-Französisch vs. Französisch-Italienisch Kondition: Genus des Äquivalents ( 2 = 2.9969, df = 1, p<0.01) Darüber hinaus ist der Unterschied zwischen den deutsch-italienischen und den deutsch-spanischen Kinder statistisch nicht signifikant. Auch die Ergebnisse der bilingual deutsch-italienischen und italiensch-französischen Kinder unterscheiden sich statistisch nicht signifikant. Der Unterschied zwischen den deutsch-spanischen und den italienisch-französischen Kinder ist ebenafalls statistisch nicht signifikant. 4. Deutsch-Italienisch vs. Deutsch-Spanisch Kondition: Genus des Äquivalents 2 = 0.4567, df = 1, p>0.05 5. Deutsch-Italienisch vs. Französisch-Italienisch Kondition: Genus des Äquivalents 2 = 1.4608, df = 1, p>0.05 6. Deutsch-Spanisch vs. Französisch-Italienisch Kondition: Genus des Äquivalents 2 = 0.4055, df = 1, p>0.05 Die Longitudinalstudien der deutsch-französischen, deutsch-spanischen, deutsch-italienischen und italienisch-französischen Kinder haben insgesamt die folgenden Ergebnisse erbracht: <?page no="298"?> 298 1. Weicht das Genus des Nomens in beiden Sprachen voneinander ab, dann determiniert überwiegend das Genus des Nomens die Genusmarkierung der Determinante und nicht das Genus des jeweiligen Äquivalents. 2. Die deutsch-französischen Kinder greifen im Vergleich zu den deutsch-italienischen, deutsch-spanischen und italienisch-französischen Kindern signifikant häufiger auf das Genus des äquivalenten Nomens in beiden Sprachen zu. 3. Für die bilingual deutsch-italienischen und deutsch-spanischen Kinder zeigt sich, dass sie in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen häufiger auf das Genus des jeweiligen romanischen Äquivalents zugreifen als in den gemischten DPn, in denen das Nomen aus der romanischen Sprache stammt. Dass die Unterschiede zwischen den bilingualen Kindern nicht auf den jeweiligen Balanciertheitsgrad im bilingualen Kind zurückgeführt werden können, soll im nachfolgenden Abschnitt gezeigt werden. 5.5 Sprachdominanz und Genus in der gemischten DP Ein weiteres wichtiges Ergebnis der vorliegenden Untersuchung ist, dass die in Kapitel 4.9 formulierte Hypothese H 2 nicht bestätigt wird. In der Arbeitshypothese H 2 wurde die vorläufige Annahme formuliert, dass für die balancierten Kinder das Genus des äquivalenten Nomens irrelevant ist. Unabhängig davon, aus welcher Sprache das Nomen in der gemischten DP stammt, sollte für ein balanciertes Kind das Genus des Äquivalens nicht relevant sein. Darüber hinaus wurde vorläufig angenommen, dass die unbalancierten Kinder häufiger auf das Genus des Äquivalents aus der starken Sprache zugreifen, wenn sie ein Nomen aus der schwachen Sprache mischen. Die Unterschiede zwischen den bilingualen Kindern können jedoch nicht auf den jeweiligen Balanciertheitsgrad zurückgeführt werden: Die vorliegenden Ergebnisse für die unbalanciert bilingualen Kinder haben gezeigt, dass nicht die schwache Sprache diejenige ist, die den Zugriff auf das Genus des Äquivalents aus der starken Sprache fördert. Die folgende Abbildung (14) stellt die Anzahl der gemischten DPn, die in der Kategorie Unterschiedliches Genus aufgetreten sind für alle bilingualen Kinder in einer Rangfolge dar. Für die unbalancierten Kinder werden die gemischten DPn, in denen das Nomen aus der schwachen Sprache stammt, jeweils durch die weissen Säulen hervorgehoben. <?page no="299"?> 299 Abb. (14) Relation Genus des Äquivalents und Genus des Nomens in der gemischten DP: Ranking alle bilingualen Kinder 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Lu (Dit + Ndt) Alex (Ddt + Nfrz) Jan (Ddt + Nit) Em (Ddt + Nfrz) Am (Dfrz + Ndt) Au (Dit + Ndt) Au (Ddt + Nit) Jan (Dit + Ndt) Am (Ddt + Nfrz) Cé (Ddt + Nfrz) Ma (Ddt + Nit) Alex (Dfrz + Ndt) Cé (Dfrz + Ndt) Em (Dfrz + Ndt) Ar (Dsp + Ndt) Ca (Dit + Ndt) Luk (Dit + Ndt) Mar (Dfrz + Ndt) Ca (Ddt + Nit) Ar (Ddt + Nsp) Ma (Dit + Ndt) Va (Dit + Ndt) Te (Dsp + Ndt) Mar (Ddt + Nfrz) Ju (Ddt + Nfrz) Te (Ddt + Nsp) Lu (Ddt + Nit) Va (Ddt + Nit) Luk (Ddt + Nit) Ju (Dfrz + Nit) Ju (Dit + Nfrz) Si (Dfrz + Nit) % Genus des äquivalenten N Genus des realisierten N Wenn die unbalancierten Kinder häufig auf das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents aus der starken Sprache zugreifen, dann sollte man erwarten, dass sich die Ergebnisse der unbalancierten Kinder (weissen Säulen) besonders im linken Bereich der Abbildung befinden. Durch die Graphik wird jedoch die Verteilung der einzelnen Ergebnisse für die unbalancierten Kinder in der schwachen Sprache über die gesamte Rangfolge ersichtlich. Das deutsch-italienische Kind Aurelio entwickelt das Deutsche als schwache Sprache. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die beiden balancierten Kinder Luca und Amélie, die das Deutsche gerade nicht als schwache Sprache entwickeln, häufiger auf das Genus des romanischen Äquivalents zugreifen, als das unbalancierte Kind Aurelio. Die beiden Kinder Marie und Valentin entwickeln ebenfalls das Deutsche als schwache Sprache. Beide Kinder greifen sehr selten auf das Genus der romanischen Entsprechung zu, wenn sie ein deutsches Nomen mit einer romanischen Determinante mischen. Für die Kinder Céline und Arturo, die jeweils eine sprachliche Überlegenheit in der romanischen Sprache aufweisen, kann erneut festgestellt werden, dass überwiegend das Genus des romanischen Nomens die Genusmarkierung an der deutschen Determinante bestimmt und nicht das Genus des deutschen Äquivalents aus der starken Sprache. Das deutsch-italienische Kind Jan entwickelt das Italienische als schwache Sprache. Insgesamt produziert er nur zwei gemischte DPn, in denen das Genus des italienischen Nomens von dem Genus der deutschen Entsprechung abweicht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Ge- <?page no="300"?> 300 nusmarkierung an der deutschen Determinante sowohl durch das Genus des italienischen Nomens als auch durch die Genusinformation der deutschen Entsprechung bestimmt wird. Durch die Abbildung wird auch deutlich, dass alle unbalancierten Kinder, bis auf Valentin und Marie, auf das Genus des Äquivalents in der schwachen Sprache zugreifen, wenn sie ein Nomen aus der starken Sprache mischen. Um zu überprüfen, ob die Unterschiede zwischen den balanciert bilingualen Kindern und unbalancierten Kindern im Hinblick auf den Zugriff auf das Genus des Äquivalents statistisch signifikant sind, wurde erneut der Mann-Whitney-U-Test nach Bortz (1999: 146 ff.) verwendet. Als Kriterium für die Gruppeneinteilung wurde der jeweilige Balanciertheitsgrad der einzelnen Kinder (balanciert vs. unbalanciert) zugrunde gelegt und die jeweilige Sprache, in der die Dominanz zu beobachten ist. Erwartungsgemäß sollten die Unterschiede zwischen den balancierten und den unbalancierten Kindern statistisch nicht signifikant sein, da die unbalancierten Kinder in der schwachen Sprache nicht häufiger auf das Genus des Äquivalents zugreifen. 71 1. Kondition: Deutsch (balanciert vs. schwache Sprache) Gruppe 1: unbalancierte Kinder: Aurelio, Valentin, Marie Gruppe 2: balancierte Kinder: Amélie, Alexander, Emma, Teresa, Marta, Carlotta, Luca U = 5,5 p = 0.192, p > 0.05 2. Kondition: Französisch (balanciert vs. schwache Sprache) Gruppe 1: unbalancierte Kinder: Céline Gruppe 2: balancierte Kinder: Amélie, Alexander, Emma U = 0, p = 0.250 p > 0.05 3. Kondition: Italienisch (balanciert vs. schwache Sprache) Gruppe 1: unbalancierte Kinder: Jan Gruppe 2: balancierte Kinder: Marta, Carlotta, Luca U = 1, p = 0.500 p > 0.05 Die ermittelten U- und p-Werte bestätigen, dass kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Ergebnissen der balancierten und unbalancierten Kinder für den Zugriff auf das Genus des äquivalenten Nomens besteht. Insgesamt lässt sich festhalten, dass sowohl bei den balancierten als auch bei den unbalancierten Kindern das Genus der Determinante durch das Genus des Übersetzungsäquivalents bestimmt wird. Ein 71 Da in der deutsch-spanischen Studie nur die Daten von zwei Kindern (Teresa, Arturo) vorliegen, kann keine Gruppenbildung für die Kondition „Spanisch (balanciert vs. schwache Sprache)“ erfolgen. <?page no="301"?> 301 kausaler Zusammenhang zwischen dem Anteil an gemischten DPn, in denen das Genus des Übersetzungsäquivalents die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt und einer unbalancierten Zweisprachigkeit, ist somit ausgeschlossen. Toribio (2001) behauptet, dass es sich beim Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen um Borrowing handelt. Die Autorin geht davon aus, dass bilinguale Kinder Nomina in das Lexikon der jeweils anderen Sprache entlehnen und diesen, auf der Basis des äquivalenten Nomens, Genus zuweisen (z.B. la fem Apfel mask , frz. la fem pomme fem ). In Cantone & Müller (2008) wurde bereits dafür argumentiert, dass Borrowing keine plausible Erklärung für die Genuszuweisung auf der Basis des Äquivalents liefert. Auch die Ergebnisse der vorliegenden Studie haben gezeigt, dass die bilingualen Kinder die jeweiligen Übersetzungsäquivalente in den meisten Fällen erworben haben. Wenn das Genus des äquivalenten Nomens die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt und das Genus des Übersetzungsäquivalents bereits erworben wurde, warum sollte das bilinguale Kind dann entlehnen? Auch im Rahmen des Modells von MacSwan (1999, 2000) kann ausschließlich erklärt werden, warum die bilingualen Kinder überwiegend das Genus des Nomens an der Determinante markieren. Die Fälle, in denen das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt, können in diesem Modell jedoch nicht erklärt werden. Ein weiterer Erklärungsansatz wurde von den Autorinnen Cantone & Müller (2008) vorgeschlagen, welcher eine psycholinguistische Begründung für die Genuszuweisung in gemischtsprachlichen DPn liefert. Die Autorinnen gehen davon aus, dass die Genusmarkierung an der Determinante eine spezifische Art der Genusrepräsentation widerspiegelt, insofern der Zugriff auf das Genus des Nomens in der gemischten DP bzw. der Zugriff auf die Genusinformation des Äquivalents in Abhängigkeit von der Genusrepräsentation im bilingualen Individuum (integrated vs. autonomous) erfolgt (vgl. Costa 2003). Cantone & Müller (2008) argumentieren dafür, dass bilinguale Kinder mit einer balancierten Sprachentwicklung Genus in autonomer Weise repräsentieren, während unbalancierte Kinder über ein einziges integriertes Genussystem verfügen, das sich vermutlich im Laufe der Entwicklung in ein autonomes System differenziert. Evidenz für diese Annahme liefert der empirische Befund, dass die Genuszuweisung zu dem jeweiligen Nomen bei den unbalancierten Kindern häufiger auf der Basis des Genus des Äquivalents erfolgt als bei den balancierten Kindern. Die Untersuchungsergebnisse der vorliegenden Arbeit können jedoch keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Sprachdominanz im bilingualen Kind und dem Anteil an gemischten DPn, in denen das Genus des Übersetzungsäquivalents das Genus der Determinante bestimmt, nach- <?page no="302"?> 302 weisen. Mit anderen Worten erleichtert die schwache Sprache nicht den Zugriff auf das Genus des äquivalenten Nomens aus der starken Sprache. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die empirischen Befunde weder über die Sprachdominanz noch über Borrowing erklärt werden können. Beide Erklärungsmöglichkeiten liefern keine plausible Begründung für die vorliegenden Untersuchungsergebnisse. Besonders der Unterschied zwischen den deutsch-französischen Kindern und den deutschspanischen, deutsch-italienischen und italienisch-französischen Kindern bedarf einer Erklärung. Im weiteren Verlauf der Arbeit soll schließlich der Frage nachgegangen werden, ob möglicherweise sprachspezifische Faktoren die Genuszuweisung beim Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen beeinflussen. Im nachfolgenden Abschnitt soll überprüft werden, ob möglicherweise die Form-Genus-Korrelationen einen Effekt auf den Abruf der Genusinformation haben. In Kapitel 4.9 wurde in der Hypothese H 3 die vorläufige Annahme formuliert, dass die Genusinformation eines formal genustransparenten Nomens 72 schneller abgerufen wird, als die seines undurchsichtigen Übersetzungsäquivalents. Demzufolge soll überprüft werden, ob die formale (morphologische, phonologische) Genustransparenz einen Einfluss auf den Abruf der Genusinformation hat. Im Deutschen sind die Derivationssuffixe wie -heit, -schaft, -ung, und -chen sowie das Pseudosuffix -e valide mit einem bestimmten Genus verknüpft. Im Französischen werden sowohl die nominalen Suffixe als auch die auf einen Nasal auslautenden Nomina zuverlässig mit einem bestimmten Genus assoziiert. Für die Genusmarkierung in der gemischten DP sollte man die folgende Vorhersage machen: Wenn das Nomen in der gemischten DP einen formalen Genusindikator aufweist, dann bestimmt dieser die Genusmarkierung an der Determinante, während das Genus des Äquivalents aus der jeweils anderen Sprache für die Genusmarkierung keine Rolle spielt. 5.6 Einfluss formaler Genustransparenz und Genus in der gemischten DP Anliegen des vorliegenden Abschnitts ist die Überprüfung des Einflusses der formalen Genustransparenz des Nomens in der gemischten DP. In Kapitel 4.9 wurden zwei Vorhersagen bezüglich des Einflusses formaler Genusindikatoren auf die Genusmarkierung an der Determinante in der 72 Genus-transparent bedeutet, dass das Nomen einen formalen Genusindikator hat, der auf ein bestimmtes Genus verweist. <?page no="303"?> 303 gemischten DP gemacht. Erinnert werden soll an dieser Stelle an die in Kapitel 5.9 formulierte Hypothese H 3 . Dort hieß es, dass ein Einfluss der Form-Genus-Korrelationen nur im Rahmen des interaktiven Aktivierungsmodells von Dell auftreten kann, da hier eine bidirektionale Verbindung zwischen der Lemma- und Lexemebene postuliert wird. Wenn eine direkte Verbindung zwischen dem formalen Genusindikator auf der Wortform-Ebene und dem Genuseintrag auf der Lemma-Ebene existiert, könnte sich für die Genuszuweisung in der gemischten DP folgendes zeigen: 1. Ist das realisierte Nomen in der gemischten DP formal genustransparent, dann sollte das Genus des Nomens und nicht das Genus des Äquivalents, die Genusmarkierung an der Determinante bestimmen. Die direkte Verbindung zwischen dem formalen Genusindikator auf der Lexemebene und dem Genuseintrag auf der Lemma-Ebene erhöht die Gesamtaktivierung des Genuseintrags des Nomens in der gemischten DP, sodass die Genusinformation des Äquivalents weniger Aktivierung erhält. 2. Ist das Nomen in der gemischten DP formal genus-intransparent, dann sollte das Genus des Äquivalents für die Genusmarkierung an der Determinante relevant werden. Die Wahrscheinlichkeit des Zugriffs auf das Genus des Äquivalents, sollte sich bei einem genus-intransparenten Nomen in der gemischten DP erhöhen. In diesem Fall existiert keine direkte Verbindung zwischen der Lexem- und Lemmaebene, da das Nomen keinen formalen Genusindikator aufweist. Folglich sollte der Zugriff auf das Genus des Äquivalents erleichtert werden. Die vorliegende Studie konnte einen signifikanten Unterschied für den Zugriff auf das Genus des Äquivalents zwischen den deutsch-französischen Kindern und den deutsch-italienischen, deutsch-spanischen und italienisch-französischen Kindern nachweisen. Die deutsch-französischen Kinder markieren signifikant häufiger das Genus des französischen bzw. deutschen Äquivalents an der Determinante. Es wäre denkbar, dass dieser Unterschied auf die formale Genustransparenz zurückzuführen ist, da das Verhältnis von formaler Transparenz und Genus im Französischen und Deutschen nicht annähernd so eindeutig ist wie im Italienischen und Spanischen. Im Gegensatz zu den anderen analysierten Sprachkombinationen gilt für die Sprachkombination Deutsch-Französisch, dass in beiden Sprachen die Nomina im Allgemeinen formal genus-intransparent sind. Es könnte vermutet werden, dass die deutsch-französischen Kinder häufiger auf das Genus des Äquivalents zugreifen, da die meisten französischen und deutschen Nomina keinen formalen Genusindikator aufwei- <?page no="304"?> 304 sen. Die Untersuchungsergebnisse werden jedoch zeigen, dass die formale Genustransparenz nur einen sehr geringen bis gar keinen Einfluss auf die Genuszuweisung in der gemischten DP hat, da die bilingualen Kinder auch bei einem nicht-transparenten Nomen überwiegend das Genus des nicht-transparenten Nomens an der Determinante markieren. Bei der Analyse wurden zunächst die Nomina, die in den gemischten DPn aufgetreten sind, in zwei Gruppen eingeteilt: In genus-transparente Nomina, die einen validen Indikator für das jeweilige Genus aufweisen und in genus-intransparente Nomina, die keinen formalen Genusanzeiger haben. Bei der Untersuchung wurde stets nach der Sprache des Nomens in der gemischten DP differenziert. Für das Deutsche und Französische ergab sich hierbei die Schwierigkeit, dass die Nomina, deren Genus durch transparente und zuverlässige Genusindikatoren angezeigt wird, in den Kinderdaten selten aufgetreten sind. In Kapitel 4.3 wurden bereits die für das Deutsche und Französische geltenden Genusprinzipien vorgestellt. Hierbei ist deutlich geworden, dass es sich bei den Nomina, die einen zuverlässigen und transparenten Indikator für Genus aufweisen, meistens um Abstrakta, Kollektiva oder Gattungsbegriffe handelt, die selten in den Erwerbsdaten auftreten. Darüber hinaus gelten auch die Pseudosuffix- Regeln als zuverlässig, wobei die Schwa-Regel, derzufolge auf - auslautende Nomina feminines Genus erhalten, mit der höchsten Validität auf ein bestimmtes Genus verweist. Mehrsilbige Nomina mit Pseudosuffix (z.B. -el, -er, -en, -e) kommen in den untersuchten Kinderdaten häufig vor, während Nomina mit Derivationssuffix (z.B. -heit, -keit und -ung) in den vorliegenden Sprachdaten nicht auftreten. Aus diesem Grund kann im Deutschen ausschließlich über die Pseudosuffixe ein möglicher Einfluss der morphologischen Transparenz auf die Genuszuweisung in der gemischten DP nachgewiesen werden. Im Gegensatz zu den genus-transparenten Nomina weisen die genus-intransparenten Nomina keinen formalen Genusindikator auf. Hierzu werden im Folgenden die einsilbigen Nomina gezählt, bei denen keine direkte Verbindung zum Genusknoten existiert, über den Aktivierung zur Lemmaebene zurückfließen kann (vgl. Kapitel 4.5). Der Hypothese H 3 zufolge sollte sich ein Unterschied zwischen den genus-transparenten und den genus-intransparenten Wörtern nachweisen lassen. Bei genus-intransparenten Wörtern sollte häufiger das Genus des Äquivalents an der Determinante realisiert werden, als in den gemischten DPn, in denen das Nomen genus-transparent ist. <?page no="305"?> 305 Romanische Determinante + Deutsches Nomen Für die gemischten DPn, in denen eine romanische Determinante mit einem deutschen Nomen auftritt, können in den beiden Kategorien Genus des rom. Äquivalents und Genus des dt. Nomens insgesamt 72 mehrsilbige Nomina mit einem formalen Genusindikator nachgewiesen werden. Davon lauten 61 (84,7%) feminine Nomina auf Schwa aus. Darüber hinaus weisen 7 (9,7%) Nomina das Pseudosuffix -en, 3 (4,2%) Nomina das Pseudosuffix -el und 2 (2,8%) Nomina das Pseudosuffix -er auf, deren Genusanzeiger auf das Maskulinum verweisen. In der Gruppe der formal undurchsichtigen Nomina können in den beiden Kategorien Genus des rom. Äquivalents und Genus des dt. Nomens insgesamt 81 deutsche Einsilber nachgewiesen werden. Die nachfolgende Abbildung (15) stellt die Genuszuweisung zu den formal genus-transparenten und genus-intransparenten Nomina in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen dar. Dabei wird die Anzahl der gemischten DPn mit genus-transparentem bzw. genus-intransparentem Nomen sowohl in absoluten Zahlen (über den Säulen) als auch in Prozentangaben (y-Achse) angegeben. Die Graphik macht deutlich, dass die bilingualen Kinder sowohl bei den mehrsilbigen Nomina mit Pseudosuffix als auch bei den Einsilbern überwiegend das Genus des deutschen Nomens an der romanischen Determinante markieren. Abb. (15) Einfluss der formalen Genustransparenz in den gemischten DPn Drom + Ndt 12 4 69 68 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 formal transparente N (Pseudosuffixe) formal nicht-transparente N (Einsilber) % Genus des rom. Äqivalents Genus des dt. Nomens Nur in 4 (5,6%) Fällen greifen die Kinder auf das Genus des romanischen Äquivalents zu, obwohl das deutsche Nomen in der gemischten DP for- <?page no="306"?> 306 mal-genustransparent ist. Die nachfolgenden Beispiele zeigen die Sprachmischungen, in denen das deutsche Nomen formal genus-transparent ist und die Kinder das Genus des romanischen Äquivalents an der Determinante markieren: (31) un mask Blume fem it. un mask fiore mask (32) un mask Katze fem frz. un mask chat mask (33) une fem Sattel mask frz. une fem selle fem (34) questa fem Koffer mask it. la fem valigia fem Aurelio, it. Kontext 2; 10,10 Amélie, dt. Kontext 2; 1,11 Céline, frz. Kontext 2; 3,15 Lukas, it. Kontext 3; 1,30 Außerdem zeigt die Abbildung (15), dass die bilingualen Kinder in 69 (85,2%) von insgesamt 81 gemischten DPn das Genus des deutschen Nomens an der romanischen Determinante markieren, obwohl das Nomen keinen formalen Genusanzeiger aufweist. Unabhängig davon, ob das Nomen beim Sprachenwechsel formal genus-transparent oder -intransparent ist, markieren die Kinder überwiegend das Genus des deutschen Nomens an der romanischen Determinante. Dennoch wird deutlich, dass häufiger das Genus des romanischen Äquivalents das Genus der Determinante bestimmt, wenn das deutsche Nomen genus-intransparent ist. Bei den genus-transparenten Nomina bestimmt in 4 (5,6%) Fällen das Genus des romanischen Äquivalents die Genusmarkierung an der Determinante, während bei den genus-intransparenten Nomina in 12 (14,8%) Fällen das Genus des Äquivalents das Genus der deutschen Determinante festlegt. Deutsche Determinante + Romanisches Nomen Im Folgenden sollen die Ergebnisse für die gemischten DPn mit einer deutschen Determinante und einem romanischen Nomen vorgestellt werden. Zunächst werden die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem italienischen bzw. spanischen Nomen präsentiert. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse für die gemischten DPn vorgestellt, in denen die Determinante deutsch und das Nomen französisch ist. Da die formale Genustransparenz im Spanischen und Italienischen nicht an solche Faktoren wie Abstraktheit oder Diminution gebunden ist, konnte für diese Sprachen eine weitaus größere Anzahl an genus-transparenten Nomen analysiert werden. Valide Genusindikatoren sind im Italienischen und Spanischen die Auslaute -o und -a, wobei -o mit dem maskulinen Genus und -a mit dem femininen Genus assoziiert wird. Aus diesem Grund werden im Folgenden die auf -o und -a auslautenden Nomina zu den genus-transparenten Wörtern gezählt. Der Aus- <?page no="307"?> 307 laut -e verweist hingegen weniger eindeutig auf ein bestimmtes Genus und wird sowohl mit dem Maskulinum als auch mit dem Femininum assoziiert. Zu der Gruppe der genus-intransparenten Nomina werden somit die auf -e auslautenden Nomina gezählt. In der folgenden Abbildung (16) wird deutlich, dass überwiegend das Genus des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante bestimmt. Auf das Genus des deutschen Äquivalents greifen die bilingualen Kinder sowohl bei den genus-transparenten als auch bei den genusintransparenten Nomina selten zu. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass nur in 3 (1,7%) von insgesamt 175 gemischten DPn mit einem genustransparenten Nomen auf das Genus des deutschen Äquivalents zugegriffen wird. Die nachfolgenden Beispiele zeigen die gemischten DPn mit einem genus-transparenten spanischen bzw. italienischen Nomen, in denen die bilingualen Kinder nicht das Genus des Nomens an der deutschen Determinante markieren. (35) eine fem gatto mask dt. eine fem Katze fem (36) ein mask/ neutr bambina fem dt. das neutr Mädchen neutr (37) mein mask/ neutr comida fem dt. das neutr Essen neutr Marta, dt. Kontext 2; 2,26 Marta, dt. Kontext 2; 5,26 Arturo, sp, Kontext 2; 7,28 Im Vergleich zu der absoluten Anzahl an genus-transparenten Wörtern ist die Anzahl an genus-intransparenten Nomina viel geringer. Insgesamt konnten 175 genus-transparente und nur 21 genus-intransparenten Nomina untersucht werden. Für die Gruppe der genus-intransparenten Nomina zeigt sich, dass in 4 von insgesamt 21 gemischten DPn (19%) das Genus des deutschen Äquivalents das Genus der Determinante festlegt. <?page no="308"?> 308 Abb. (16) Einfluss der formalen Genustransparenz in den gemischten DPn Ddt + Nit & Ddt + Nsp 4 3 17 172 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 formal-transparente N (-o, -a) formal nicht-transparente N (-e) % Genus des dt. Äqivalents Genus des rom. Nomens Wie für die deutschen Nomina zeigt sich auch für die spanischen und italienischen Nomina, dass im Vergleich häufiger auf das Genus des Äquivalents zugegriffen wird, wenn das Nomen in der gemischten DP genusintransparent ist. Im Folgenden sollen die Ergebnisse für die gemischten DPn mit einer deutschen Determinante und einem französischen Nomen vorgestellt werden. In Kapitel 4.3 wurde deutlich, dass viele französische Nomina mit wenig zuverlässigen bzw. mehrdeutigen Genusindikatoren verknüpft sind. Dennoch gelten die Nasalvokale als zuverlässige Genusanzeiger, da sie valide mit dem Maskulinum assoziiert werden. Darüber hinaus existieren einige Suffixe (z.B. -ette, -age, -eau), die zuverlässig auf ein bestimmtes Genus verweisen. Während in den untersuchten Sprachmischungen insgesamt nur 15 auf Nasalvokal auslautende Nomina aufgetreten sind, können keine französischen Nomina mit Suffix in den vorliegenden Sprachdaten nachgewiesen werden. Die mehrsilbigen Nomina, die auf einen Nasalvokal auslauten, werden bei der folgenden Analyse zu den genus-transparenten Wörtern gezählt. Die einsilbigen französischen Nomina, die keinen formalen Genusindikator aufweisen, werden zu den genusintransparenten Nomina gezählt. Die folgende Abbildung (17) macht deutlich, dass insgesamt 15 genus-transparente und 53 genus-intransparente Nomina in den Daten aufgetreten sind. Für die genus-transparenten französischen Nomina zeigt sich, dass die bilingualen Kinder stets das Genus des französischen Nomens an der deutschen Determinante mar- <?page no="309"?> 309 kieren. Sie greifen somit nicht auf das Genus des deutschen Äquivalents zu, wenn das französische Nomen auf einen Nasalvokal auslautet. Für die genus-intransparenten Nomina wir deutlich, dass in 10 von insgesamt 53 gemischten DPn (18,9%) das Genus des deutschen Äquivalents das Genus der Determinante bestimmt. Abb. (17) Einfluss der formalen Genustransparenz in den gemischten DPn Ddt + Nfrz 10 0 43 15 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 formal transparente N (Nasal) formal nicht-transparente N (Einsilber) % Genus des dt. Äquivalents Genus des frz. Nomens Insgesamt können die Ergebnisse hinsichtlich des Einflusses der formalen Genustransparenz folgendermaßen zusammengefasst werden. Unabhängig von der formalen Genustransparenz des Nomens, bestimmt überwiegend das Genus des Nomens und nicht das Äquivalent die Genusmarkierung an der Determinante. Die bilingualen Kinder greifen zwar häufiger auf das Genus des Äquivalents zu, wenn das Nomen in der gemischten DP keinen formalen Genusanzeiger hat, aber die Ergebnisse zeigen ebenso, dass bei den genus-intransparenten Nomina überwiegend das genusintransparente Nomen die Genusmarkierung an der Determinante festlegt. Bei einem genus-transparenten Nomen ist das Genus des Äquivalents in den meisten Fällen irrelevant. Die direkte Verbindung zwischen dem formalen Genusindikator auf der Lexemebene und dem Genuseintrag auf der Lemmaebene erhöht die Gesamtaktivierung des Genusknotens, weshalb das Genus des formal transparenten Nomens als Ziellemma selektiert wird. Es könnte vermutet werden, dass die formale Genustransparenz des Nomens in der gemischten DP den Zugriff auf das Genus des Äquivalents inhibiert. Dennoch zeigen die Ergebnisse, dass die bilingua- <?page no="310"?> 310 len Kinder auch bei den genus-intransparenten Nomina selten auf das Genus des Äquivalents zugreifen, sondern überwiegend das Genus des genus-intransparente Nomens an der Determinante markieren. Aus diesem Grund hat die formale Genustransparenz nur einen sehr geringen bis gar keinen Einfluss auf die Genuszuweisung in der gemischten DP, denn auch bei den nicht-transparenten Nomina determiniert überwiegend das Genus des nicht-transparenten Nomens das Genus der Determinante. Folgende Generalisierung kann im Hinblick auf die Form-Genus Korrelation und die Genuszuweisung in der gemischten DP formuliert werden: Mischt das bilinguale Kind ein formal genus-transparentes Nomen, dann bestimmt überwiegend das Genus des formal genus-transparenten Nomens das Genus der Determinante. Der Abruf der Genusinformation des genus-transparenten Nomens wird durch die formale Genustransparenz erleichtert, während der Abruf der Genusinformation des Äquivalents vermutlich inhibiert wird. Wenn das Genus des Nomens in der gemischten DP das Genus der Determinante festlegt, kann daraus jedoch nicht gefolgert werden, dass das Nomen in der gemischten DP auch genus-transparent ist. Es konnte auch für die genus-intransparenten Nomina (z.B. die Einsilber) gezeigt werden, dass in den meisten Fällen nicht das Genus des Äquivalents das Genus der Determinante bestimmt, sondern das Genus des nicht-transparenten Nomens. Da die Kinder aber im Vergleich häufiger auf das Genus des Äquivalents zugreifen, wenn das Nomen in der gemischten DP keinen formalen Genusindikator aufweist, kann vermutet werden, dass in diesem Fall der Zugriff auf die Genusinformation des Äquivalents erleichtert wird. Dennoch wird der Zugriff auf das Genus des formal intransparenten Nomens in der gemischten DP nicht inhibiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die bilingualen Kinder viel häufiger das Genus des nicht-transparenten Nomens an der Determinante markieren als das Genus des jeweiligen Äquivalents. Darüber hinaus kann der Unterschied für den Zugriff auf das Genus des Äquivalents zwischen den deutsch-französischen Kindern und den deutsch-italienischen, deutsch-spanischen und italienisch-französischen Kindern nicht auf die formale Genustransparenz der Nomina zurückgeführt werden. Obwohl das Verhältnis von formaler Transparenz und Genus im Französischen und Deutschen nicht annähernd so eindeutig ist wie im Italienischen und Spanischen, wird auch bei den genus-intransparenten Nomina überwiegend das Genus des genus-intransparenten Nomens an der Determinante markiert. Die deutsch-französischen Kinder greifen somit nicht häufiger auf das Genus des Äquivalents zu, weil die meisten französischen und deutschen Nomina keinen formalen Genusindikator aufweisen. <?page no="311"?> 311 Weiterhin stellt sich die Frage, ob durch die Untersuchungsergebnisse ein psycholinguistisches Modell falsifiziert werden kann. Da die vorliegende Studie auf kindlichen Spontandaten und nicht auf einem Reaktionszeitexperiment basiert, ist eine Falsifizierung eigentlich unmöglich. Dennoch deuten die emprischen Befunde darauf hin, dass es vermutlich keine bidirektionale Verbindung zwischen der Lexem- und Lemmaebene gibt, da nur ein sehr geringer Einfluss der Genustransparenz nachgewiesen werden konnte. Formale Genusindikatoren haben nur dann Einfluss auf den Abrufprozess von Genusinformationen, wenn es Verknüpfungen zwischen Genusknoten auf der Lemmaebene und Genusindikatoren auf der Lexemebene gibt. Ob die Ergebnisse tatsächlich gegen eine bidirektionale Verbindung sprechen und somit das interaktive Aktivierungsmodell von Dell falsifizieren, kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht beantwortet werden. Ferner stellt sich auch die Frage, ob für alle Genusindikatoren eine Verbindung zwischen Lexem- und Lemmaebene existiert. Es wäre auch denkbar, dass nur für bestimmte Genusindikatoren eine direkte Verbindung zwischen der Lexemebene und Lemmaebene besteht. Dieser Frage sollte in weiteren Forschungsarbeiten nachgegangen werden. Im vorliegenden Rahmen soll es genügen, den Unterschied zwischen den deutsch-französischen und den anderen bilingualen Kindern nicht auf einen Einfluss der formalen Genustransparenz zurückzuführen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der formalen Genustransparenz und der Genuszuweisung beim Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen kann somit ausgeschlossen werden. Für die Genuszuweisung in der gemischten DP könnte es jedoch einen Unterschied machen, ob Wurzeln bereits genusmarkiert im Lexikon stehen, oder ob Genus erst später im Verlauf der Derivation entschieden wird. Hierzu soll im Folgenden die in Abschnitt 4.9 formulierte Hypothese H 4 überprüft werden. In der Hypothese H 4 wurde die folgende vorläufige Annahme formuliert: 1. Je häufiger das Genus des Nomens die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt (z.B. der mask sol/ sole/ soleil mask , dt. die Sonne), desto wahrscheinlicher ist die Genusmarkierung der Wurzel. Wenn Genus ein Wurzelphänomen ist, dann sollte die Determinante das Genus des Nomens in der gemischten DP realisieren. Wird Genus aber erst später im Laufe der Derivation bestimmt, dann ergibt sich eine Abhängigkeit in die andere Richtung. 2. Je häufiger das Genus des äquivalenten Nomens das Genus in der geswitchten DP bestimmt (z.B. el/ il/ le mask Sonne fem , rom. sol/ sole/ soleil mask ), desto wahrscheinlicher sind genuslose Wur- <?page no="312"?> 312 zeln im Lexikon. Wenn Genus kein Wurzelphänomen ist, dann sollte die Determinante das Genus des Äquivalents realisieren. Die Untersuchungsergebnisse deuten auf einen sprachspezifischen Unterschied hin, denn es konnte ein signifikanter Unterschied zwischen den Ergebnissen der deutsch-französischen und den Ergebnissen der deutschitalienischen, der deutsch-spanischen und der französisch-italienischen Kinder festgestellt werden: Die deutsch-französischen Kinder greifen im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern signifikant häufiger auf das Genus des Äquivalents zu. Außerdem hat die vorliegende Untersuchung ein weiteres Ergebnis hervorgebracht: Die bilingualen Kinder greifen häufiger auf das Genus des Äquivalents zu, wenn das Nomen in der gemischten DP deutsch und die Determinante romanisch ist. Diese Beobachtung deutet erneut auf einen sprachspezifischen Unterschied hin, da die Sprache des Nomens in der gemischten DP vermutlich einen Einfluss auf die Wahl der Genusmarkierung an der Determinante hat. Die beiden Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass Genus im Deutschen und im Französischen anders repräsentiert sein muss als im Spanischen und Italienischen. Im Folgenden wird postuliert, dass Genus im Deutschen und im Französischen erst im Verlauf der Derivation entschieden wird, d.h. später als im Spanischen und Italienischen. Wie die deutschen und französischen Wurzeln Genus erhalten und wo dies im Verlauf der Derivation erfolgt, soll im weiteren Verlauf der Arbeit diskutiert werden (vgl. Kap. 5.9). 5.7 Genusmarkierung der Wurzel und Genus in der gemischten DP Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird postuliert, dass eine symmetrische Nomen-Verb-Entwicklung im Lexikonerwerb auf kategorie- und genuslose Wurzeln im Lexikon hindeutet, während ein asymmetrischer Erwerbsverlauf der Nomen und Verben auf eine kategoriale Unterscheidung nominaler und verbaler Wurzeln hinweist. Die asymmetrische Lexikonentwicklung ist ein Indiz, dass Genus ein inhärentes Merkmal der lexikalischen Wurzel ist. Bei deutschsprachigen Kindern verläuft die Entwicklung der Nomen und Verben überwiegend symmetrisch (vgl. Kauschke 1999, 2002, Pillunat 2007). Die quantitative Differenz zwischen den Nomen- und Verbtypen ist minimal. Verglichen mit der symmetrischen Nomen-Verb-Entwicklung im deutschsprachigen Kind, konnte für das Spanische und Italienische das Vorhandensein einer starken Nomen-Verb-Asymmetrie zu- <?page no="313"?> 313 gunsten der Nomen belegt werden (vgl. Jackson-Maldonado et al. 1993, Gallego und López Ornat 2005, Pearson, B., Fernández, S. Oller, D. 1993, Caselli, Casadio und Bates 2001, Pillunat 2007). Für das Französische zeigen die berichteten Ergebnisse in der Literatur, dass sich der Erwerb von Nomen und Verben bei französischsprachigen Kindern schwach asymmetrisch zugunsten der Nomen vollzieht. Die Asymmetrie ist somit schwächer ausgeprägt ist als im italienisch- und spanischsprachigen Kind (vgl. Bassano 2002, Pillunat 2007). Sollten sich die Überlegungen als haltbar erweisen, dass eine asymmetrische Entwicklung der Nomen und Verben auf kategorial-spezifizierte Wurzeln im Lexikon hinweist, dann sollte eine große Nomen-Verb-Differenz auf die Genusmarkierung von Wurzeln hindeuten. Je größer der Unterschied zwischen Nomen und Verben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Wurzel genusmarkiert ist. Wenn eine symmetrische Entwicklung der Nomen und Verben für kategorielose Wurzeln im Lexikon spricht, dann sollte sich eine Abhängigkeit in die andere Richtung ergeben: Je geringer der Unterschied zwischen Nomen und Verben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Wurzel keine Genusmarkierung im Lexikon aufweist. Insgesamt ergeben sich somit die folgenden Annahmen für die Genusmarkierung an der Determinante und den Aufbau des Nomen-Verb-Lexikons: 1. Je häufiger das Genus des Nomens in der gemischten DP die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt, desto weiter sind das Nomen- und Verblexikon in der Entwicklung auseinander. Eine asymmetrische Entwicklung (Nomen-Präferenz) im Lexikon sollte dazuführen, dass das Genus des Übersetzungsäquivalents nicht relevant wird. 2. Je häufiger das Genus des übersetzungsäquivalenten Nomens das Genus in der geswitchten DP bestimmt, desto enger sind das Nomen- und Verblexikon in der Entwicklung zusammen. Eine symmetrische Entwicklung (keine Nomen-Präferenz) im Lexikon sollte dazuführen, dass das Genus des Übersetzungsäquivalents relevant wird. Die Symmetrie sollte somit den Zugriff auf das Genus des Äquivalents erleichtern. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass sich in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen das Genus der romanischen Determinante häufig nach dem Genus des romanischen Äquivalents richtet. Die Nomen-Verb-Symmetrie im deutschen Lexikon erleichtert den Zugriff auf das Genus des romanischen Äquivalents. Außerdem verdeutlichen die empirischen Befunde der bilingual deutsch-italienischen und der deutsch-spanischen Kinder, dass für die Genuszuweisung zu einem italienischen bzw. spanischen Nomen das Genus des deutschen Äquiva- <?page no="314"?> 314 lents nicht bzw. nur in sehr wenigen Fällen eine Rolle spielt. Aufgrund der Nomen-Verb-Asymmetrie im spanischen bzw. italienischen Lexikon, wird das Genus des deutschen Übersetzungsäquivalents nicht relevant. Die Untersuchungsergebnisse der deutsch-französischen Studie zeigen hingegen, dass das Genus des Äquivalents in beide Richtungen relevant ist. In beiden Sprachen greifen die bilingual deutsch-französischen Kinder signifikant häufiger auf das Genus des Äquivalents zu als die anderen bilingualen Kindern. Es ist deutlich geworden, dass nicht nur in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen das Genus des französischen Äquivalents für die Genusmarkierung an der Determinante relevant wird, sondern auch in den gemischten DPn mit einem französischen Nomen das Genus des entsprechenden deutschen Äquivalents. Die Ergebnisse sprechen für die Annahme, dass Genus im Deutschen und im Französischen erst später im Verlauf der Derivation entschieden wird als im Italienischen und Spanischen. Im Vergleich zu den deutsch-spanischen bzw. deutsch-italienischen Kindern greifen die deutsch-französischen Kinder in der romanischen Sprache signifikant häufiger auf das Genus des deutschen Äquivalents zu. Dieses Ergebnis verdeutlicht, dass das Französische im Gegensatz zu den anderen beiden romanischen Sprachen (Spanisch und Italienisch) den Status einer Nicht-Wurzelgenussprache hat. Das Französische ist demzufolge wie das Deutsche, d.h. eine Sprache, in der Wurzeln im Lexikon keine Genusmarkierung tragen. Für ein bilingual deutsch-französisches Kind spielt sowohl das Genus des französischen Äquivalents als auch das Genus des deutschen Äquivalents bei der Genuszuweisung eine Rolle. Für ein deutsch-italienisches bzw. deutschspanisches Kind ist besonders das Genus des romanischen Äquivalents relevant, wenn das Nomen in der gemischten DP aus dem Deutschen stammt. Die bilingual französisch-italienischen Kinder markieren stets das Genus des Nomens an der Determinante. Diese Beobachtung gilt sowohl für die gemischten DPn mit einem französischen Nomen als auch für die gemischten DPn mit einem italienischen Nomen. Aufgrund der geringen Anzahl an relevanten Mischungen in der französisch-italienischen Studie kann in der vorliegenden Arbeit keine Generalisierung formuliert werden. In weiteren Forschungsarbeiten müssen in Zukunft mehr Daten untersucht werden, um die Ergebnisse, die für die bilingual deutsch-italienischen bzw. deutsch-spanischen Kinder erzielt wurden, auch für die italienisch-französischen Kinder zu bestätigen. Die Untersuchungsergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen haben zu der folgenden Generalisierung geführt, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: <?page no="315"?> 315 Tabelle (5) Generalisierung: Deutsch Dt. [ Genus] Nicht-Wurzelgenussprache Nomen-Verb-Symmetrie Französisch Frz. [ Genus] Nicht-Wurzelgenussprache schwache Nomen-Verb- Asymmetrie Spanisch Sp. [Genus] Wurzelgenussprache starke Nomen-Verb- Asymmetrie Italienisch Sp [Genus] Wurzelgenussprache starke Nomen-Verb- Asymmetrie Im Folgenden soll überprüft werden, ob die Genusmarkierung an der Determinante beim intra-sententialen CS mit dem (a)symmetrischen Aufbau des Nomen-Verb-Lexikons korreliert. Um eine Korrelation zwischen der Nomen-Verb-Entwicklung und der Genuszuweisung auf der Basis des äquivalenten Nomens festzustellen, muss zunächst zahlenmäßig definiert werden, ab wann von einer asymmetrischen Entwicklung der Nomen und Verben gesprochen werden darf. Aus diesem Grund wird im nachfolgenden Abschnitt ein Kriterium vorgestellt, dass zur Messung der Nomen-Verb-Asymmetrie verwendet wird. 5.7.1 Messung der (a)symmetrischen Nomen-Verb-Entwicklung im kindlichen Lexikonerwerb Die Zuordnung eines Entwicklungsverlaufs (symmetrisch vs. asymmetrisch) erfordert eine Definition der Begriffe symmetrisch und asymmetrisch. Folglich muss ein Kriterium entwickelt werden, welches determiniert, ab wann von einer (a)symmetrischen Entwicklung von Nomen und Verben gesprochen werden kann. Eine in der Mathematik bzw. in der angewandten Logik allgemeingültige Definition von Symmetrie bzw. Asymmetrie, ist die Folgende: Eine Relation heißt genau dann symmetrisch, wenn sie jedes Mal, insofern sie einem geordneten Paar von Gegenständen zukommt, auch dem umgekehrten geordneten, aber aus denselben Gegenständen bestehenden Paar zukommt (vgl Bucher 1998: 287). 73 In „x ist gleich groß wie y“ handelt es sich um eine symmetrische Relation. Wenn x gleich groß ist wie y, dann ist auch y gleich groß wie x. Eine Relation heißt genau dann asymmetrisch, wenn sie jedes Mal, insofern sie einem geordneten Paar von Gegenständen zukommt, nicht auch dem umgekehrten geordneten, aber aus denselben Gegenständen bestehenden Paar 73 Formal: ( ∀ x) ( ∀ y) (Rxy Ryx), z.B.: x ist gleich groß wie y. <?page no="316"?> 316 zukommt (vgl Bucher 1998: 287). 74 In „x ist größer als y“ besteht eine asymmetrische Relation. X kann größer sein als y, aber y nicht größer als x. Das geordnete Paar wäre im Fall der Nomen-Verb-Symmetrie bzw. Asymmetrie ( ∀ N) ( ∀ V). In der vorliegenden Arbeit soll ein Kriterium zugrunde gelegt werden, welches den Entwicklungsverlauf der Nomen und Verben im Spracherwerbsprozess beschreibt. Nach der obigen Definition müsste zu jedem Alterzeitpunkt eine 1: 1 Relation zwischen Nomen und Verben vorliegen, um von einer symmetrischen Entwicklung sprechen zu können. In den Spracherwerbsdaten können jedoch gewisse Schwankungen im Entwicklungsverlauf nachgewiesen werden, sodass über die gesamte Entwicklung keine hundertprozentige 1: 1 Relation zwischen Nomen und Verben besteht. Pillunat (2007) löst diese Problematik, indem sie dafür argumentiert, dass eine Nomen-Verb-Asymmetrie durch den Erwerb von zumindest doppelt so vielen Nomen wie Verben charakterisiert werden kann. Daraus folgt, dass eine symmetrische Entwicklung genau dann vorliegt, wenn weniger als doppelt so viele Nomen wie Verben produziert werden. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde zur Messung der (a)symmetrischen Nomen-Verb-Entwicklung ein Kriterium entwickelt, welches im Folgenden präsentiert werden soll. Die sprachspezifischen Entwicklungsverläufe führen zu der Überlegung, einen quantitativen Wert zu ermitteln, der das Verhältnis der Nomen und Verben zueinander beschreibt. Hierzu wird im Folgenden der „N-V-Faktor“ eingeführt, durch den die Nomen-Verb-Entwicklung entweder als symmetrisch oder asymmetrisch charakterisiert werden kann. Der N-V-Faktor wird für eine Sprachaufnahme, d.h. für einen spezifischen Untersuchungszeitpunkt, folgendermaßen berechnet: Definition: Nomen-Verb-Faktor N-V-Faktor = Anzahl Nomentypen Anzahl Verbtypen Durch die Berechnung des Nomen-Verb-Faktors lässt sich die Nomen- Verb-Relation zu einem bestimmten Untersuchungszeitpunkt messen. Wenn der N-V Faktor gleich 1 ist, dann ist die Anzahl der Nomen- und Verbtypen in der jeweiligen Sprachaufnahme genau gleich. Der Faktor kann nur kleiner als 1 sein, wenn die Anzahl der Verben im Vergleich zu der Anzahl der Nomen in einer Sprachaufnahme überwiegt 75 . Der Faktor 74 Formal: ( ∀ x) ( ∀ y) (Rxy Ryx), z.B.: x ist größer als y. 75 Obwohl in den analysierten Sprachen keine asymmetrische Entwicklung zugunsten der Verben beobachtet wird, soll das vorgeschlagenen Kriterium auch auf andere <?page no="317"?> 317 ist größer als 1, wenn die Anzahl der Nomen in einer Sprachaufnahme größer ist als die Anzahl der Verben. 76 Der N-V-Faktor stellt jedoch keinen repräsentativen Wert für den gesamten Untersuchungszeitraum dar, sondern misst das Verhältnis der Nomen und Verben zueinander zu einem Entwicklungszeitpunkt. Aus diesem Grund wird der durchschnittliche N-V-Faktor (Median der Verteilung) berechnet, der einen repräsentativen Wert für den gesamten Untersuchungszeitraum liefert. 77 Die nachfolgende Abbildung (18) zeigt exemplarisch für das deutschfranzösische Kind Amélie die Nomen-Verb-Entwicklung anhand der ermittelten Nomen-Verb-Faktoren im Deutschen. Der Median y med = 1,48 ist ein repräsentativer Wert für den gesamten Entwicklungszeitraum. 78 Der Median y med der Nomen-Verb-Faktoren wird im weiteren Verlauf der Arbeit mit durchschnittlichem Nomen-Verb-Faktor (D(N-V)-Faktor) bezeichnet. Sprachen, die eine Verbdominanz im frühkindlichen Erwerb aufweisen, angewendet werden können. 76 Beispiel: Das bilingual deutsch-französische Kind Amélie hat im Alter von 3; 3,11 Jahren im Deutschen 315 Nomentypen und 205 Verbtypen erworben. Die Anzahl der Nomentypen (315) dividiert durch die Anzahl der Verbtypen (205) ergibt den Wert 1,5. Der Wert 1,5 ist der N-V Faktor zum Alterszeitpunkt 3; 3,11. 77 Der Median ist eine Lagemaß, bei dem mindestens 50% der Beobachtungen einer Variablen (hier N-V Faktor) kleiner oder gleich dem Median sind. Darüber hinaus sind 50% der Beobachtungen einer Variablen größer oder gleich dem Median. Der Median ist robust gegen Ausreißer und eignet sich somit auch als Maßzahl für Verteilungen, die schief sind. Das arithmetische Mittel ist im Vergleich zum Median ausreißerempfindlich und wurde aus diesem Grund nicht als Lagemaß zugrungde gelegt. 78 Im Anhang B befindet sich für jedes bilinguale Kind eine eigene Graphik, in der die Lexikonentwicklung dargestellt wird. <?page no="318"?> 318 Abb. (18) Amélie: Nomen-Verb Faktor im dt. Lexikon 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 4 4,5 5 1; 6,12 1; 8,2 1; 8,30 1; 9 1; 11,8 2; 0,27 2; 2,0 2; 3,5 2; 4,2 2; 5,7 2; 6,11 2; 7,6 2; 8,15 2; 9,12 2; 10,17 2; 11,14 3; 1,16 3; 2,13 3; 3,11 3; 4,8 Alter Nomen-Verb Faktor Im Folgenden soll mithilfe des durchschnittlichen Faktors definiert werden, ab wann die Entwicklung von Nomen und Verben als (a)symmetrisch bezeichnet werden kann. Tabelle (6) Zuordnungssystem (symmetrisch vs. asymmetrisch) nach D(N-V)-Faktor D(N-V)- Faktor < 1 asymmetrische Entwicklung: V-Dominanz 1 ≤ D(N-V)- Faktor ≤ 1,49 symmetrische Entwicklung 1,5 ≤ D(N-V)- Faktor ≤ 1,99 asymmetrische Entwicklung (schwach): N-Dominanz D(N-V)- Faktor ≤ 2 asymmetrische Entwicklung: N-Dominanz Eine symmetrische Nomen-Verb-Entwicklung liegt genau dann vor, wenn der durchschnittliche Nomen-Verb-Faktor in dem Intervall [1; 1,49] liegt. Als asymmetrisch mit einer schwach ausgeprägten Nomendominanz wird der Lexikonerwerb genau dann bezeichnet, wenn der durchschnittliche Nomen-Verb-Faktor in dem Intervall [1,5; 1,99] liegt. Bei einer asymmetrischen Entwicklung mit einer stark ausgeprägten Nomenpräferenz ist der durchschnittliche N-V-Faktor ≤ 2. Y med = 1,48 <?page no="319"?> 319 5.7.1.1 Nomen-Verb-Faktor im monolingualen Kind Im vorliegenden Abschnitt soll die Nomen-Verb-Relation mithilfe des durchschnittlichen N-V Faktors für insgesamt 10 monolinguale Kinder 79 (zwei monolingual deutsche Kinder, sechs monolingual französische Kinder, ein monolingual spanisches und ein monolingual italienisches Kind) dargestellt werden. Ausgehend von dem Untersuchungsergebnis von Pillunat (2007) zur frühkindlichen Entwicklung des Nomen-Verb-Lexikons im französischsprachigen Kind werden im Folgenden vier weitere monolingual französische Kinder untersucht, um die beobachtete‚ schwache Nomen-Verb-Asymmetrie zu bestätigen. Die Daten der monolingualen Kinder (außer Chantal 80 ) sind über die CHILDES-Datenbank 81 zugänglich. Die Tabelle (7) gibt einen Überblick über die analysierten monolingualen Longitudinalstudien. Tabelle (7) Die monolingualen Kinder Name Sprache Altersspanne Aufnahmen Chantal Deutsch 1; 10,18 - 3,0 29 Kerstin Deutsch 2; 1,1 - 2; 7,23 13 Grégoire Französisch 1; 9,18 - 2; 5,27 10 Philippe Französisch 2; 1,19 - 2; 9,15 22 Madeleine Französisch 1; 0,5 - 3,3,2 24 Max Französisch 1; 9,19 - 3; 2,23 35 Théophile Französisch 1; 0,9 - 3,3,2 26 Léonard Französisch 1; 8,9 - 3; 2,25 14 Irene Spanisch 1; 6,1 - 3; 2,19 40 Martina Italienisch 1; 7,18 - 2; 7,15 13 In der Graphik (19) wird der durchschnittliche Nomen-Verb-Faktor für die untersuchten monolingualen Kinder im Einzelnen dargestellt. 79 In den folgenden Abschnitten wird für alle monolingualen und bilingualen Kinder ausschließlich der D(N-V)-Faktor abgebildet. Im Anhang B wird der Zuwachs der Nomen- und Verbtypen im Erwerbsverlauf für alle monolingualen und bilingualen Kinder gezeigt. Die Auszählung der Nomen und Verben der deutschsprachigen Kinder Chantal und Kerstin und der französischsprachigen Kinder Grégoire und Philippe erfolgte durch Blal, A. (2004) (vgl. Pillunat 2007). Die Auszählung der Nomen und Verben des monolingual spanischen und monolingual italienischen Kindes Irene und Martina erfolgte durch Pillunat, A. (2007). 80 Die Daten des monolingual deutschen Kindes Chantal wurden im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts „Frühkindliche Zweisprachigkeit: Italienisch/ Deutsch und Französische/ Deutsch im Vergleich“ unter der Leitung von Prof. Dr. Natascha Müller erhoben. 81 Vgl. MacWhinney und Snow (1985), MacWhinney (1995). <?page no="320"?> 320 Abb. (19) Ranking nach D(N-V) Faktor : monolinguale Kinder 0 0,5 1 1,5 2 2,5 Irene sp. Martina it. Philippe frz. Leonard frz. Grégoire frz. Max frz. Madeleine frz. Theophile frz. Kerstin dt. Chantal dt. D(N-V) Faktor In der Abbildung (20) werden die Mittelwerte des Nomen-Verb-Faktors für die einzelnen Sprachen abgebildet. 82 Abb. (20) Ranking nach D(N-V) Faktor: Sprachvergleich 0 0,5 1 1,5 2 2,5 Sp. It. Frz. Dt. D(N-V) Faktor 82 Da im Spanischen und Italienischen nur jeweils ein Kind analysiert wurde, können keine Mittelwerte gebildet werden. <?page no="321"?> 321 Bei insgesamt vier monolingual französischen Kindern (Grégoire, Max, Madeleine und Théophile) liegt der durchschnittliche N-V-Faktor zwischen 1,5 und 1,99. Demnach kann die Nomen-Verb-Entwicklung bei monolingual französisch aufwachsenden Kinden insgesamt als schwach asymmetrisch charakterisiert werden. Nur für die beiden Kinder Philippe und Leonard zeichnet sich eine stärker ausgeprägte Asymmetrie der Nomen und Verben ab, da der durchschnittliche N-V Faktor 2 beträgt (D(N- V)-Faktor = 2) und somit durchschnittlich doppelt so viele Nomenwie Verbtypen in den Sprachdaten auftreten. Insgesamt wird für alle französischsprachigen Kinder deutlich, dass der D(N-V)-Faktor nie den Wert 2 überschreitet. Die Graphik (20) zeigt, dass im Spanischen und Italienischen die Nomen-Verb-Relation asymmetrisch zugunsten der Nomen ausfällt. Der durchschnittliche N-V-Faktor beträgt in beiden Sprachen 2,3. Das Französische weist im Vergleich zu den anderen beiden romanischen Sprachen den kleinsten durchschnittlichen N-V-Faktor (1,8) auf, d.h. die Asymmetrie der Nomen und Verben ist im Spanischen und Italienischen stärker ausgeprägt. Folglich unterscheidet sich das Französische von den anderen romanischen Sprachen mit Hinblick auf die Nomen-Verb- Relation im monolingualen Kind. Das Nomen-Verb-Lexikon der monolingual deutschen Kinder ist symmetrisch aufgebaut, da der durchschnittliche Nomen-Verb-Faktor 1,1 beträgt. Die deutschsprachigen Kinder produzieren nahezu die gleiche Anzahl an Nomen- und Verbtypen über den gesamten Untersuchungszeitraum. 5.7.1.2 Nomen-Verb-Faktor im bilingualen Kind In diesem Abschnitt soll das Verhältnis der Nomen und Verben zueinander bei den untersuchten bilingualen Kindern 83 präsentiert werden. Die Studie von Pillunat (2007) hat gezeigt, dass bei allen deutsch-französisch und deutsch-italienisch aufwachsenden Kindern der Erwerb von Nomen und Verben in der jeweiligen romanischen Sprache asymmetrisch zugunsten der Nomen verläuft. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird das asymmetrische Erwerbsmuster in der romanischen Sprache ebenfalls in den analysierten deutsch-spanischen und französisch-italienischen Longitudinalstudien nachgewiesen. Darüber hinaus wird die Untersuchung hinsichtlich der Nomen-Verb-Entwicklung im Französischen eine schwächer ausgeprägte Asymmetrie als im Spanischen und Italienischen der bilingualen Kinder aufzeigen. Folglich weisen die bilingualen Kinder 83 Die Auszählung der Nomen- und Verben der deutsch-französischen Kinder (Amélie, Céline und Alexander) und der deutsch-italienischen Kinder (Aurelio, Marta, Carlotta, Jan und Lukas) erfolgte durch Pillunat (2007). <?page no="322"?> 322 dasselbe Erwerbsmuster auf, wie die im vorherigen Abschnitt untersuchten monolingual französischen Kinder. Zunächst soll die Nomen-Verb- Entwicklung mittels des durchschnittlichen Nomen-Verb-Faktors für die bilingual deutsch-französischen Kinder vorgestellt werden. Die untenstehende Tabelle (8) gibt einen Überblick über die Nomen-Verb-Relation im Lexikon der deutsch-französischen Kinder. Tabelle (8) D(N-V)-Faktor der deutsch-französischen Kinder Kind D(N-V)-Faktor N-V-Lexikon Alexander dt. 1,28 symmetrisch Alexander frz. 1,8 schwach asymmetrisch Amélie dt. 1,48 symmetrisch Amélie frz. 2,0 asymmetrisch Céline dt. 1,28 symmetrisch Céline frz. 2,41 asymmetrisch Emma dt. 2,0 symmetrisch Emma frz. 1,64 schwach asymmetrisch Marie dt. 5,28 asymmetrisch Marie frz. 2,57 asymmetrisch Julie 84 dt. 1,7 schwach asymmetrisch Aus der Tabelle (8) geht hervor, dass die bilingualen Kinder Alexander, Amélie und Céline ein symmetrisches Erwerbsmuster im deutschen Lexikon aufweisen. Somit zeigen sie im Deutschen das für den monolingualen Erwerb typische Muster der Nomen-Verb-Symmetrie, da der durchschnittliche N-V-Faktor bei allen Kindern zwischen 1 und 1,49 liegt. Weiterhin wird deutlich, dass der Aufbau des deutschen Nomen-Verb-Lexikons bei den bilingualen Kindern Emma, Marie und Julie asymmetrisch bzw. schwach asymmetrisch ist. Hierbei weist Julie die am schwächsten ausgeprägte Asymmetrie auf, während Marie von allen Kindern die größte Nomen-Verb-Differenz zugunsten der Nomen im Deutschen zeigt. Das Kind Marie erwirbt über den Untersuchungszeitraum durchschnittlich 5,3-mal mehr Nomentypen als Verbtypen im Deutschen. Wenn man die analysierten Kinderdaten anhand der ermittelten D(N-V)-Faktoren von symmetrisch nach asymmetrisch anordnet, ergibt sich folgende Reihenfolge für das Deutsche der bilingualen Kinder: Céline / Alexander > Amélie > Julie > Emma > Marie. 84 Die Transkiption der französischen Sprachdaten von Julie lag zum Zeitpunkt der vorliegenden Analyse noch nicht vor. <?page no="323"?> 323 Weiterhin zeigt die Tabelle (8) für das Französische, dass alle bilingualen Kinder ein asymmetrisches Erwerbmuster aufweisen, wobei für Alexander und Emma nur eine schwach ausgeprägte Nomen-Präferenz nachgewiesen wird. Das Nomen-Verb-Lexikon bei den Kindern Céline, Amélie und Marie entwickelt sich asymmetrisch zugunsten der Nomen. Für das Französische der bilingualen Kinder kann anhand der ermittelten D(N- V)-Faktoren von symmetrisch nach asymmetrisch die folgende Reihenfolge erstellt werden: Emma > Alexander > Amélie > Céline > Marie. Auch für die deutsch-italienischen Kinder lässt sich in Anlehnung an die deutsch-französische Studie die Nomen-Verb-Entwicklung mithilfe des durchschnittlichen Nomen-Verb-Faktors abbilden. Die untenstehende Tabelle (9) gibt einen Überblick über die Nomen-Verb-Relation im Lexikon der deutsch-italienischen Kinder. Tabelle (9) D(N-V)-Faktor der deutsch-italienischen Kinder Kind D(N-V)-Faktor N-V-Lexikon Luca dt. 1,43 symmetrisch Luca it. 3,08 asymmetrisch Jan dt. 1,09 symmetrisch Jan it. 2,7 asymmetrisch Marta dt. 2,56 asymmetrisch Marta it. 2,21 asymmetrisch Carlotta dt. 1,62 schwach asymmetrisch Carlotta it. 2,83 asymmetrisch Aurelio dt. 1,66 schwach asymmetrisch Aurelio it. 2,0 asymmetrisch Lukas dt. 1,89 schwach asymmetrisch Lukas it. 2,57 asymmetrisch Valentin dt. 4,44 asymmetrisch Valentin it. 2,78 asymmetrisch Die Tabelle (9) macht deutlich, dass ausschließlich zwei der bilingual deutsch-italienischen Kinder ein symmetrisches Erwerbsmuster im deutschen Lexikon aufweisen. Das Kind Jan erwirbt durchschnittlich 1,09-mal mehr Nomen als Verben, sodass die Entwicklung des deutschen Lexikons als symmetrisch charakterisiert werden kann. Der Erwerb der Nomen und Verben verläuft bei dem Kind Luca ebenfalls symmetrisch. Während drei der bilingualen Kinder (Carlotta, Aurelio und Lukas) nur eine schwache Asymmetrie im deutschen Lexikon aufweisen, zeichnet sich für Va- <?page no="324"?> 324 lentin und Marta eine stärker ausgeprägte Nomen-Präferenz im Deutschen ab. Das Kind Valentin weist von allen deutsch-italienischen Kindern den höchsten durchschnittlichen Nomen-Verb-Faktor im Deutschen auf. Bei Valentin schlägt sich die asymmetrische Entwicklung zugunsten der Nomen am stärksten nieder. Wie Marie in der deutsch-französischen Studie entwickelt Valentin das deutsche Lexikon mit eine starken Dominanz der Nomen. Für das Deutsche der bilingualen Kinder ergibt sich anhand der ermittelten D(N-V)-Faktoren von symmetrisch nach asymmetrisch, die folgende Reihenfolge: Jan > Luca > Carlotta > Aurelio > Lukas > Marta > Valentin. Im Italienischen kann für alle bilingualen Kinder ein asymmetrisches Erwerbsmuster zugunsten der Nomen beobachtet werden. Im Vergleich zu den deutsch-französischen Kindern wird jedoch deutlich, dass das Verhältnis der Nomen und Verben zueinander niemals schwach asymmetrisch ist. Anhand der ermittelten D(N-V)-Faktoren von symmetrisch nach asymmetrisch, kann für den Erwerb der Nomen und Verben im Italienischen der bilingualen Kinder folgende Reihenfolge erstellt werden: Aurelio > Marta > Lukas > Jan > Valentin > Carlotta > Luca. Für die deutsch-spanischen Longitudinalstudien soll anhand der untenstehenden Tabelle (10) die Relation der Nomen und Verben zueinander über die ermittelten D(N-V)-Faktoren vorgestellt werden. Tabelle (10) D(N-V)-Faktor der deutsch-spanischen Kinder Kind D(N-V)-Faktor N-V-Lexikon Arturo dt. 1,6 schwach asymmetrisch Artuto sp. 2,79 asymmetrisch Teresa dt. 1,71 schwach asymmetrisch Teresa sp. 2,28 asymmetrisch Für beide deutsch-spanischen Kinder wird über die ermittelten D(N-V)- Faktoren ein schwach asymmetrischer Aufbau im deutschen Lexikon deutlich. Wie bei den deutsch-französischen und deutsch-italienischen Kindern kann für die deutsch-spanischen Kinder eine Reihenfolge hinsichtlich der Nomen-Verb-Relation im Deutschen festgelegt werden: Arturo > Teresa. Ausgehend von der Beobachtung, dass sich die Nomen-Verb-Entwicklung im monolingual spanisch aufwachsenden Kind asymmetrisch zugunsten der Nomen vollzieht, kann in der vorliegenden Untersuchung <?page no="325"?> 325 für das Spanische der bilingualen Kinder ebenfalls eine Asymmetrie (Nomen-Präferenz) nachgewiesen werden. Für die Nomen-Verb-Relation im spanischen Lexikon der bilingualen Kinder ergibt sich die folgende Rangfolge: Teresa > Arturo. Darüber hinaus zeigt sich erneut, dass die für den Erwerb des Französischen beobachtete schwache Nomen-Verb-Asymmetrie ein sprachspezifisches Erwerbsmuster des Französischen ist, da bei Teresa und Arturo keine abgeschwächte Ausprägung (N-Präferenz) in der romanischen Sprache (Spanisch) vorliegt. Im Folgenden soll das Verhältnis der Nomen und Verben zueinander bei den französisch-italienischen Kindern präsentiert werden. Die untenstehende Tabelle (11) gibt einen Überblick über die Nomen-Verb-Relation im jeweiligen Lexikon der beiden französisch-italienischen Kinder. Tabelle (11) D(N-V)-Faktor der französisch-italienischen Kinder Kind D(N-V)-Faktor N-V-Lexikon Juliette frz. 2,71 asymmetrisch Juliette it. 3,71 asymmetrisch Siria 85 frz. 2,4 asymmetrisch Für das Kind Juliette zeigt die Untersuchung des Nomen- und Verblexikons, dass das Verhältnis der Nomen und Verben zueinander in beiden Sprachen asymmetrisch ist. Auch für das Kind Siria kann im Italienischen das typische Erwerbsmuster der Nomen-Verb-Asymmetrie nachgewiesen werden. Insgesamt schlägt sich bei Juliette die Asymmetrie zugunsten der Nomen stärker nieder als bei Siria. Somit kann folgende Reihenfolge hinsichtlich der Nomen-Verb-Relation im Italienischen festgehalten werden: Siria > Juliette Die Untersuchung von Pillunat (2007) hat bereits gezeigt, dass alle bilingualen Kinder in der jeweiligen romanischen Sprache das für den monolingualen Erwerb typische Muster der Asymmetrie und der schwachen Asymmetrie aufweisen, wobei sich letztere ausschließlich im Französischen manifestiert. Die vorliegende Untersuchung kann die berichteten Ergebnisse von Pillunat (2007) für weitere bilinguale Longitudinalstudien bestätigen. Weiterhin zeigt die Autorin, dass die meisten bilingualen Kin- 85 Die Transkiption der französischen Sprachdaten von Siria lag zum Zeitpunkt der vorliegenden Analyse noch nicht vor. <?page no="326"?> 326 der einen asymmetrischen Erwerbsverlauf im Deutschen aufweisen. Der Erwerb von Nomen und Verben im Deutschen ist demzufolge ein einflussanfälliger Bereich, da sich ein undirektionaler Spracheneinfluss von der jeweiligen romanischen Sprache auf das Deutsche nachweisen lässt. Im Folgenden soll eine Rangfolge 86 für alle bilingualen Kinder anhand der ermittelten D(N-V)-Faktoren von symmetrisch nach asymmetrisch präsentiert werden. Abb. (21) Ranking nach D(N-V) Faktor: bilinguale Kinder 0 1 2 3 4 5 6 Jan dt. Céline dt. Alexander dt. Luca dt. Amélie dt. Arturo dt. Carlotta dt. Emma frz. Aurelio dt. Julie dt. Teresa dt. Alexander frz. Lukas dt. Emma dt. Aurelio it. Amélie frz. Marta it. Teresa sp. Siria it. Céline frz. Marta dt. Marie frz. Lukas it. Jan it. Juliette frz. Valentin it. Arturo sp. Carlotta it. Luca it. Juliette it. Valentin dt. Marie dt. D(N-V) Faktor Bei den meisten bilingualen Kindern ist die Nomen-Präferenz im Deutschen weniger stark ausgeprägt als in der respektiven romanischen Sprache. Drei der bilingualen Kinder (Marta dt., Valentin dt. und Marie dt.) haben eine starke Asymmetrie zugunsten der Nomen im deutschen Lexikon. Dieses Ergebnis kann über den im Deutschen beobachteten unidirektionalen Spracheneinfluss erklärt werden, der sich von der jeweiligen romanischen Sprache auf das Deutsche vollzieht. Für die unbalancierten Kinder Marie und Valentin, die jeweils das Deutsche als schwache Sprache entwickeln, stellt sich die Frage, ob der beobachtete Spracheneinfluss im Deutschen über die Sprachdominanz erklärt werden kann. Da beide Kinder das Deutsche als schwache Sprache entwickeln, könnte die Nomen-Verb-Asymmetrie in der jeweiligen romanischen Sprache auf das 86 Analog zu der Darstellung für die ermittelten D(N-V) Faktoren im monolingualen Kind, wird in der Abbildung (21) das Deutsche (weiss), das Französische (grau) und das Italienische und Spanische (schwarz) dargestellt, um die sprachspezifischen Unterschiede hervorzuheben. <?page no="327"?> 327 Deutsche übertragen werden. Problematisch hieran ist jedoch die Beobachtung, dass sich der Spracheneinfluss auch bei bilingualen Kindern zeigt, die keine Dominanz in einer der beiden Sprachen haben. Das deutsch-italienische Kind Marta wurde im Hinblick auf die sprachliche Entwicklung in beiden Sprachen als balanciert klassifiziert. Dennoch weist Marta im deutschen Lexikon eine Asymmetrie zugunsten der Nomen auf. Der beobachtete Spracheneinfluss bei den unbalancierten Kindern Marie und Valentin kann somit nicht über die Sprachdominanz erklärt werden. Weiterhin zeigt die Abbildung, dass die deutsch-italienischen und deutsch-spanischen Kinder in der romanischen Sprache eine starke Nomen-Präferenz aufweisen. Für das Französische wird hingegen eine Verteilung über die gesamte Rangfolge deutlich. Hierbei zeigt sich, dass die Asymmetrie zugunsten der Nomen im französischen Lexikon des französisch-italienischen Kindes Juliette am stärksten ausgeprägt ist. Vermutlich ist auch der Erwerb von Nomen und Verben im bilingualen Erwerb des Französischen ein einflussanfälliger Bereich, wenn die zweite Erstsprache (hier Italienisch) im bilingualen Kind eine ausgeprägte Asymmetrie aufweist. Der Spracheneinfluss könnte demzufolge unidirektional vom Italienischen auf das Französische verlaufen. Für die Sprachkombination Französisch-Italienischen müssten jedoch mehr Longitudinalstudien analysiert werden, um diese Annahme hinsichtlich der Richtung des Spracheneinflusses zu bestätigen. Das Auftreten des unidirektionalen Spracheinflusses wirft die Frage auf, warum die beobachtete Nomen-Verb-Asymmetrie in den romanischen Sprachen ausschließlich auf das deutsche Lexikon „transferiert“ wird. Sollten sich die Überlegungen als haltbar erweisen, dass ein symmetrischer Aufbau des Nomen- und Verlexikons auf kategorielose Wurzeln hindeutet und ein asymmetrischer Aufbau auf kategorienspezifische Wurzeln, dann liefert die Richtung des auftretenden Spracheneinflusses Evidenz dafür, dass stets das kategorienspezifische Lexikon auf das kategorielose Lexikon übertragen wird. Aufgrund des unidirektionalen Spracheneinflusses zeigen die bilingualen Kinder im Deutschen das für die romanische Sprache typische asymmetrische Erwerbsmuster und versehen die deutsche Wurzel im deutschen Lexikon mit einem kategorialen Eintrag. In diesem Fall sind sowohl im Deutschen als auch in der romanischen Sprache nominale und verbale Wurzeln im Lexikon verzeichnet. Mit anderen Worten nehmen die bilingualen Kinder fälschlicherweise an, dass beide Sprachen Wurzelgenussprachen sind. Obwohl im deutschen Lexikon die zusätzliche Genusmarkierung der Wurzel redundant ist, sollte niemals der entgegengesetzte Weg, d.h. die Wurzel nicht mit Genus zu markieren, eintreten. Tatsächlich kann für kein bilinguales Kind ein <?page no="328"?> 328 Transfer der Nomen-Verb-Symmetrie auf das asymmetrische Erwerbsmuster festgestellt werden. 5.7.2 Nomen-Verb-Faktor und Genusrepräsentation Im diesem Abschnitt soll eine Korrelation zwischen der Nomen-Verb- Entwicklung der bilingualen Kinder und der Genuszuweisung auf der Basis des äquivalenten Nomens nachgewiesen werden. Die kleine Nomen-Verb-Differenz im deutschen Lexikon ist ein Indiz für die Annahme genusloser Wurzeln. Demnach sollte eine symmetrische Entwicklung im Lexikon (keine Nomen-Präferenz) dazu führen, dass das Genus des Übersetzungsäquivalents für die Genuszuweisung zu einen Nomen, das aus einer Nicht-Wurzelgenussprache stammt, relevant wird. Die Symmetrie sollte den Zugriff auf das Genus des Äquivalents erleichtern. Bei einer großen Nomen-Verb-Differenz, die ein Indiz für die Annahme genusmarkierter Wurzeln im Lexikon ist, sollte häufiger das Genus des Nomens in der gemischten DP die Genusmarkierung an der Determinante bestimmen. In diesem Fall sollte das Genus des Äquivalents für die Genuszuweisung irrelevant sein. Um eine Korrelation zwischen den beiden Variablen D(N-V)-Faktor und Zugriff auf das Genus des Äquivalents bzw. Genus des Nomens überhaupt nachweisen zu können, sollte sichergestellt sein, dass die bilingualen Kinder auch tatsächlich das Genus des Äquivalents bzw. das Genus des Nomens an der Determinante markieren. Die absolute Anzahl der relevanten Mischungen in den genannten Kategorien Genus des äquivalenten Nomens und Genus des realisierten Nomens sollte repräsentativ sein, um eine Korrelation mit der Nomen-Verb (A)symmetrie nachzuweisen. Die absolute Anzahl der relevanten Mischungen wird für die einzelnen Kinder in der folgenden Abbildung in einer Rangfolge dargestellt. <?page no="329"?> 329 Abb. (22) Absolute Anzahl der relevanten Mischungen: Genus des Äquivalents und Genus des Nomens in der gemischten DP 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Teresa dt. Siria frz. Jan it. Valentin it. Marie frz. Luca it. Teresa sp. Juliette it. Emma dt. Luca dt. Céline frz. Alexander dt. Lukas it. Aurelio it. Juliette frz. Emma frz. Jan dt. Céline dt. Arturo dt. Carlotta dt. Carlotta it. Arturo sp. Valentin dt. Marta dt. Marie dt. Marta it. Alexander frz. Amélie dt. Aurelio dt. Amélie frz. Lukas dt. abs. Anzahl Genus des realisierten N Genus des äquivalenten N Die Graphik macht deutlich, dass die absolute Anzahl an relevanten Mischungen bei den Kindern stark variiert: Das deutsch-italienische Kind Lukas produziert insgesamt 47 relevante gemischte DPn mit einem deutschen Nomen, während das deutsch-spanische Kind Teresa keine relevanten Mischungen mit einem deutschen Nomen aufweist. Das Kind Teresa markiert weder das Genus des spanischen Äquivalents noch das Genus des realisierten deutschen Nomens in der gemischten DP an der spanischen Determinante. Die bilingualen Kinder, die weniger als fünf relevante Mischungen produziert haben, werden bei der nachfolgenden Korrelationsanalyse nicht weiter berücksichtigt. Dieser Grenzwert von fünf gemischten DPn wurde folgendermaßen ermittelt: Zunächst wurde der Median der Verteilung bestimmt, welcher dem .50-Quantil entspricht (q .5 = 11). Anschließend wurden das q .25 (q .25 = 4,5) und das q .75 (q .75 = 24) Quantil berechnet. Der Grenzwert liegt bei fünf relevanten Sprachmischungen. Dieser Wert entspricht dem q. 25 (q .25 = 4,5) Quantil, welcher auf den Wert 5 gerundet wurde. Die absolute Anzahl der relevanten Mischungen liegt bei den folgenden sechs Kindern unterhalb des q .25 Quantils: Teresa (dt.), Siria (frz.), Jan (it.), Valentin (it.), Marie (frz.) und Luca (it.). Die Sprachdaten dieser bilingualen Kinder werden in die Korrelationsanalyse vernachlässigt. In der folgenden Graphik wird der durchschnittliche N-V-Faktor (Säulen) 87 in den respektiven Erstsprachen der bi- 87 In der Abbildung (23) wird das Deutsche (weiss), das Französische (grau) und das Italienische und Spanische (schwarz) dargestellt. q .25 q .5 q .75 <?page no="330"?> 330 lingualen Kinder in Relation zu der Genuszuweisung auf der Basis des äquivalenten Nomens (Kurve) für die bilingualen Kinder im Einzelnen abgebildet. Die gemischten DPn mit einem deutschen Nomen werden in Relation zu dem D(N-V)-Faktor im Deutschen betrachtet, während die gemischten DPn mit einem romanischen Nomen in Relation zu dem D(N- V)-Faktor in der romanischen Sprache untersucht werden. Ebenso gilt für die Mischungen des französisch-italienischen Kindes Juliette 88 , dass die gemischten DPn mit einem italienischen Nomen in Relation zu dem italienischen D(N-V)-Faktor und die gemischten DPn mit einem französischen Nomen in Relation zu dem französischen D(N-V)-Faktor betrachtet werden. Abb. (23) Relation Nomen- und Verblexikon und Genus des äquivalenten Nomens in der gemischten DP 0 1 2 3 4 5 6 Jan dt. Céline dt. Alexander dt. Luca dt. Amélie dt. Arturo dt. Carlotta dt. Emma frz. Aurelio dt. Alexander frz. Lukas dt. Emma dt. Amélie frz. Aurelio it. Marta it. Teresa sp. Céline frz. Marta dt. Lukas it. Juliette frz. Arturo sp. Carlotta it. Juliette it. Valentin dt. Marie dt. D(N-V) Faktor 0 10 20 30 40 50 Genus des Äquivalents % D(N-V) Faktor Genus des äquivalenten N Linear (Genus des äquivalenten N) Insgesamt können die Untersuchungsergebnisse in Abbildung (23) folgendermaßen zusammengefasst werden: Je asymmetrischer das Nomen- und Verblexikon in der Entwicklung ist, d.h. je größer der durchschnittliche Nomen-Verb-Faktor, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder das Genus des äquivalenten Nomens aus der jeweils anderen Sprache an der Determinante markieren. Die bilingualen Kinder, die eine Nomen-Verb-Asymmetrie (N-Präferenz) im Lexikon aufweisen, greifen kaum bzw. gar nicht auf das Genus des Äquivalents zu. Dies wird besonders für die bilingualen Kinder deutlich, die doppelt so viele Nomenwie Verbtypen im Lexikon aufweisen (D(N-V)-Faktor >2). Für das italienisch- 88 Das Kind Siria produziert weniger als fünf relevante Mischungen und wird aus diesem Grund bei der Analyse vernachlässigt. <?page no="331"?> 331 französische Kind Juliette zeigt die Graphik, dass sie weder auf das Genus des französischen noch auf das Genus des italienischen Äquivalents zugreift. Das Nomen- und Verblexikon entwickelt sich sowohl im Italienischen als auch im Französischen asymmetrisch zugunsten der Nomen. Darüber hinaus wird für die beiden Kinder Teresa und Lukas deutlich, dass sie das typische asymmetrische Erwerbsmuster der Nomen und Verben in der jeweiligen romanischen Sprache aufweisen. Beide Kinder greifen in den gemischten DPn mit einem romanischen Nomen nicht auf das Genus des deutschen Äquivalents zu. Die Nomen-Verb-Asymmetrie im romanischen Lexikon führt dazu, dass das Genus des deutschen Äquivalents für die Genuszuweisung in der gemischten DP keine Rolle spielt. Dennoch zeigt die Abbildung (23), dass auch die bilingualen Kinder mit einer starken Nomen-Verb-Asymmetrie im Lexikon gelegentlich auf das Genus des Äquivalents zugreifen. Der prozentuale Anteil an Zugriffen auf das Genus des Äquivalents liegt jedoch bei diesen Kindern stets unter 12%. Die Wahrscheinlichkeit das Genus des äquivalenten Nomens an der Determinante zu markieren, verringert sich, je weiter das Nomen- und Verblexikon in der Entwicklung auseinander sind. Auch die Kinder Marie, Valentin und Marta, für die ein Einfluss von der romanischen Sprache auf das Deutsche nachgewiesen wurde, greifen in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen kaum auf das Genus des romanischen Äquivalents zu, da sie eine starke Asymmetrie im deutschen Lexikon aufweisen. Die Nomen-Verb-Asymmetrie im Lexikon erschwert demnach den Zugriff auf das Genus des äquivalenten Nomens aus der jeweils anderen Sprache. Für die bilingualen Kinder, die eine Nomen-Verb-Symmetrie im Lexikon aufweisen, bringt die vorliegende Studie unterschiedliche Ergebnisse hervor: 1. Im Vergleich zu den bilingualen Kindern, die das Lexikon asymmetrisch entwickeln, greifen die bilingualen Kinder mit einem symmetrischen Lexikon insgesamt häufiger auf das Genus des übersetzungsäquivalenten Nomens zu. Die Wahrscheinlichkeit auf das Genus des Äquivalents zuzugreifen nimmt demnach zu, wenn sich das Lexikon symmetrisch entwickelt. Die meisten bilingualen Kinder entwickeln das deutsche Nomen- und Verblexikon symmetrisch. Für die Genuszuweisung zu einem deutschen Nomen ist das Genus des romanischen Äquivalents sehr häufig relevant. 2. Die bilingualen Kinder Arturo und Carlotta, die das deutsche Lexikon symmetrisch entwickeln und das Kind Lukas, welches im deutschen Lexikon eine schwach ausgeprägte Asymmetrie auf- <?page no="332"?> 332 weist, greifen selten auf das romanische Äquivalent zu, wenn sie ein deutsches Nomen mit einer romanischen Determinante mischen. Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse verdeutlichen somit, dass die Generalisierung nicht in Form einer beidseitigen Implikation formuliert werden kann: Bilinguale Kinder, die häufig auf das Genus des äquivalenten Nomens zugreifen, entwickeln das Nomen- und Verblexikon symmetrisch. Es besteht jedoch keine Abhängigkeit in die andere Richtung, denn ein symmetrisches Nomen-Verblexikon impliziert nicht, dass die Kinder auch häufig auf das Genus des äquivalenten Nomens zugreifen. Je größer der Nomen-Verb-Faktor, d.h. je weiter das Nomen- und Verblexikon in der Entwicklung auseinander sind, desto geringer ist der Zugriff auf das Genus des äquivalenten Nomens. Die PM 89 -Korrelation zwischen dem durchschnittlichen Nomen-Verb- Faktor und der Anzahl an Zugriffen auf das Genus des übersetzungsäquivalenten Nomens ist statistisch signifikant (r = -0,41, p < 0,01). Demzufolge korrelieren die beiden Variablen signifikant negativ miteinander, d.h. je größer der durchschnittliche Nomen-Verb-Faktor, desto geringer ist der Zugriff auf das Genus des äquivalenten Nomens. Das folgende Streudiagramm (24) abstrahiert von den einzelnen Kindern und zeigt die Korrelation zwischen dem D(N-V)-Faktor und dem Zugriff auf das Genus des Äquivalents. 89 Pearson product-moment correlation. <?page no="333"?> 333 Abb. (24) Korrelation D(N-V)-Faktor und Genus des Äquivalents 0 10 20 30 40 50 60 1 2 3 4 5 6 D(N-V)-Faktor Genus des Äquivalents (%) Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die sprachspezifischen Erwerbsmuster der Nomen und Verben mit der Genuszuweisung in der gemischten DP signifikant korrelieren. Die Nomen-Verb-Asymmetrie ist ein Indiz für die Annahme genusmarkierter Wurzeln im Lexikon: Die Kinder greifen selten auf das Genus des Äquivalents zu, wenn das Nomen in der gemischten DP aus einer Wurzel-Genussprache stammt. Wenn man dafür argumentiert, dass eine große Nomen-Verb Differenz im Lexikon auf die Genusmarkierung von Wurzeln hindeutet, dann sollte der Zugriff auf das Genus des Äquivalents aus einer psycholinguistischen Perspektive aufwändiger sein. Die Nomen-Verb-Symmetrie ist ein Indiz für die Annahme genusloser Wurzeln im Lexikon: Wird Genus erst später im Verlauf der Derivation entschieden, dann greifen die Kinder häufig auf das Genus des äquivalenten Nomens zu. Mit anderen Worten markieren die Kinder häufig das Genus des Äquivalents an der Determinante, wenn das Nomen in der gemischten DP aus einer Nicht-Wurzelgenussprache stammt. Insgesamt erfolgt die Genuszuweisung zu einem deutschen Nomen häufig auf der Basis des jeweiligen romanischen Äquivalents. Dieses Ergebnis liefert Evidenz dafür, dass Genus im Deutschen später entschieden wird als in der respektiven romanischen Sprache. In Kapitel 5.5 sind zwei unterschiedliche psycholinguistische Annahmen über die Autonomie der grammatischen Genussysteme im bilingualen Individuum vorgestellt worden. Die Autoren Costa et al. (2003) gehen von zwei grundlegenden Annahmen hinsichtlich der Verarbeitung der beiden Sprachen eines Bilingualen im mentalen Lexikon aus: Gemäß der <?page no="334"?> 334 sogenannten gender integrated hypothesis, gibt es nur ein einziges integriertes Genussystem für beide Sprachen, d.h. die beiden Genussysteme im bilingualen Individuum werden in einem einzigen System repräsentiert. Beispielsweise wird ein deutsch-spanischer Sprecher, der über eine integrierte Art der Genusrepräsentation verfügt, übersetzungsäquivalente Nomina wie mesa fem und Tisch mask , die unterschiedliches Genus haben, in einem einzigen Genusknoten repräsentieren. Im Rahmen der sogenannten gender autonomous hypothesis wird eine komplette Autonomie der Genussysteme der beiden Sprachen im bilingualen Sprecher angenommen. Hierbei besitzt jede Sprache ihr eigenes sprachspezifisches Genussystem und die Tatsache, dass übersetzungsäquivalente Nomina in beiden Sprachen gleiches oder verschiedenes Genus aufweisen, ist für die Organisation des grammatischen Wissens irrelevant. Unter Berücksichtigung dieser beiden psycholinguistischen Annahmen, können die vorliegenden Untersuchungsergebnisse folgendermaßen interpretiert werden: 1. Bilinguale Kinder mit einer Nomen-Verb-Asymmetrie im Lexikon greifen kaum bzw. gar nicht auf das Genus des Äquivalents zu. Diese bilingualen Kinder weisen vermutlich eine autonome Genusrepräsentation im mentalen Lexikon auf. 2. Für die bilingualen Kinder mit einer Nomen-Verb-Symmetrie im Lexikon, konnten zwei unterschiedliche Beobachtungen gemacht werden: a. Bei den meisten bilingualen Kindern erleichtert die Symmetrie den Zugriff auf das Genus des Äquivalents. B. Trotz der zugrundeliegenden Nomen-Verb-Symmetrie im Lexikon, ist das Genus des Äquivalents für einige Kinder bei der Genuszuweisung irrelevant. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll dafür argumentiert werden, dass die bilingualen Kinder, die eine Nomen-Verb-Symmetrie im Lexikon aufweisen und häufig auf das Genus des Äquivalents zugreifen, vermutlich eine integrierte Art der Genusrepräsentation haben. Die bilingualen Kinder, die das Nomen- und Verblexikon symmetrisch erwerben und selten auf das Genus des Äquivalents zugreifen, haben vermutlich eine autonome Art der Genusrepräsentation. Die Kinder Arturo, Carlotta und Lukas entwickeln das deutsche Nomen- und Verblexikon symmetrisch bzw. schwach asymmetrisch. Im Gegensatz zu den anderen bilingualen Kindern, die eine Nomen-Verb-Symmetrie im Lexikon aufweisen, greifen Arturo, Carlotta und Lukas selten auf das Genus des romanischen Äquivalents zu (weniger als 15%). Bei diesen Kindern liegt vermutlich eine autonome Genusrepräsentation in beiden Sprachen vor. Aufgrund der autonomen Repräsentation von Genus, erfolgt die Genuszuweisung in der gemischten DP selten auf der Basis des äquivalenten Nomens. Die bilingualen Kinder, die eine Nomen-Verb-Symmetrie im Lexikon aufweisen und häufig auf das Genus <?page no="335"?> 335 des Äquivalents zugreifen ( 15%), haben vermutlich eine integrierte Art der Genusrepräsentation. Die Annahme von Cantone & Müller (2008), dass unbalancierte bilinguale Sprecher ein gemeinsames Genussystem teilen, kann durch die vorliegenden Untersuchungsergebnisse nicht bestätigt werden. Dies wird besonders am Beispiel der extrem unbalanciert bilingualen Kinder Marie und Valentin deutlich, die kaum auf das Genus des Äquivalents aus der starken Sprache zugreifen, sondern überwiegend das Genus des Nomens aus der schwachen Sprache an der Determinante realisieren. Sie sollten demnach beide Genussysteme autonom repräsentieren. Die Hypothesen hinsichtlich der Genusrepräsentation (integriert vs. autonom) werfen jedoch die Frage auf, wie der Unterschied zwischen den beiden Repräsentationen motiviert wird. Was sind die Ursachen für die Annahme einer integrierten bzw. einer geteilten Repräsentation von Genus? Diese Frage bleibt auch bei den Autoren Costa et al. (2003) unbeantwortet. Im vorliegenden Rahmen werden die Annahmen über eine autonome bzw. eine integrierte Genusrepräsentation im bilingualen Kind in Abhängigkeit zu der Nomen-Verb-Entwicklung und der Genuszuweisung auf der Basis des äquivalenten Nomens betrachtet. Hierbei wird deutlich, dass ein asymmetrisches Erwerbsmuster der Nomen und Verben den Zugriff auf das Genus des Äquivalents inhibiert und vermutlich eine autonome Genusrepräsentation im bilingualen Kind vorliegt. Ob die zwei Genussysteme eines Bilingualen funktionell autonom oder integriert arbeiten, wird stets in Abhängigkeit zu einer weiteren Variable (hier: Aufbau des Lexikons bzw. Genus in der gemischten DP) betrachtet. Das Problem der beiden Annahmen von Costa et al. (2003) besteht folglich darin, dass sie nicht falsifiziert werden können. Sowohl bei der gender integrated hypothesis als auch bei der gender autonomous hypothesis wird keine Bedingung für eine mögliche Falsifizierung geschaffen. Dennoch kann vermutet werden, dass bei einer integrierten Art der Genusrepräsentation das Genus des Äquivalents für die Genusmarkierung an der Determinante von Bedeutung ist, während bei einer autonomen Art der Genusrepräsentation das Genus des Äquivalents für die Genuszuweisung vermutlich irrelevant ist. Die Analyse des Erwerbs der Nomen und Verben im Deutschen der bilingualen Kinder hat gezeigt, dass alle bis auf drei der Kinder ein symmetrisches bzw. schwach asymmetrisches Erwerbsmuster aufweisen. Nur für die bilingualen Kinder Marie, Valentin und Marta ist eine starke Asymmetrie im deutschen Lexikon festgestellt worden. Wie erwartet, greifen diese Kinder selten auf das Genus des romanischen Äquivalents zu, wenn sie ein deutsches Nomen mit einer romanischen Determinante mischen. Wie bereits im vorherigen Abschnitt angedeutet, könnte der be- <?page no="336"?> 336 obachtete Spracheneinfluss bei Marie, Marta und Valentin, der sich unidirektional von der romanischen Sprache auf das Deutsche vollzieht, einen Einfluss auf die Repräsentation von Genus im Deutschen haben. Es wäre denkbar, dass die Kinder Genus wie in der romanischen Sprache repräsentieren, d.h. die deutsche Wurzel mit einer Genusmarkierung versehen. Diese Annahme wirft jedoch die Frage auf, ob die Genusmarkierung der deutschen Wurzel auch einen Einfluss auf andere Erwerbsphänomene im Deutschen hat. Verschiedene Studien zum Genuserwerb haben gezeigt, dass romanischsprachige Kinder weniger Fehler bei der Genuszuweisung machen als deutschsprachige Kinder. Wenn die bilingualen Kinder das Erwerbsmuster der Nomen-Verb-Asymmetrie auf das deutsche Lexikon übertragen und sie das Deutsche für eine Wurzel-Genussprache halten, sollten dann nicht auch weniger Genusfehler bei der Genuszuweisung zu den deutschen Nomina beobachtet werden als bei den Kindern, die das Deutsche als eine Nicht-Wurzelgenussprache erwerben? Bewirkt die Asymmetrie der Nomen und Verben im deutschen Lexikon, dass die Kinder auch weniger Genusfehler im Deutschen machen? Es wäre zu erwarten, dass sich Unterschiede mit Hinblick auf den Genuserwerb im Deutschen zeigen. Die Studie von Eichler, Jansen und Müller (2010), in der die Autorinnen die Genuszuweisung in den einsprachigen DPn von insgesamt 17 bilingualen Longitudinalstudien 90 und zwei monolingual deutschen Longitudinalstudien untersuchen, bestätigt diese Vermutung. Für die Kinder Marie und Valentin zeigen die Untersuchungsergebnisse der Studie, dass sie im Vergleich zu den anderen bilingualen und monolingualen Kindern weniger Genusfehler im Deutschen produzieren. Sie weisen von allen bilingualen Kindern die geringste Genusfehlerrate im Deutschen auf. Der prozentuale Anteil der Genusfehler in den einsprachigen deutschen DPn beträgt bei allen bilingualen und monolingualen Kindern ca. 10%, während die Genusfehlerrate bei Marie und Valentin nur einem Anteil von ca. 2% entspricht. Es wird deutlich, dass sich der Transfer der Nomen-Verb-Asymmetrie auf das deutsche Lexikon positiv auf den Genuserwerb im Deutschen auswirken kann. Obwohl die beiden Kinder Marie und Valentin das Deutsche als schwache Sprache entwickeln, machen sie deutlich weniger Genusfehler als die anderen bilingualen und monolingualen Kinder im Deutschen. Dennoch sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Marie und Valentin im Vergleich zu den bilingualen und monolingualen Kindern sehr wenige Nomentypen in den deutschen Sprachdaten produziert haben. Über den gesamten Untersuchungszeitraum konnten für Marie und Valentin jeweils nur 100 Nomen- 90 In der Untersuchung von Eicher, Jansen und Müller (2010) wurden dieselben bilingualen Kinderdaten analysiert wie die in der vorliegenden Arbeit. <?page no="337"?> 337 typen nachgewiesen werden. Aufgrund des reduzierten Nomenlexikons im Deutschen, verringert sich vermutlich die Wahrscheinlichkeit mehr Genusfehler zu produzieren. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass nicht nur die beobachtete Nomen-Verb-Asymmetrie im Deutschen, sondern auch das reduzierte Nomenlexikon möglicherweise für die wenigen Genusfehler verantwortlich sind. Darüber hinaus hat die Analyse der Genuszuweisung in der gemischten DP ein weiteres wichtiges Ergebnis erbracht: Die bilingual deutschfranzösischen Kinder greifen im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern signifikant häufiger auf das Genus des Äquivalents in beiden Sprachen zu. Die Analyse des Erwerbs der Nomen und Verben im Deutschen und Französischen konnte zeigen, dass monolingual deutsche Kinder das Lexikon symmetrisch erwerben und monolingual französische Kinder ein schwach asymmetrisches Erwerbsmuster aufweisen. Die spanisch- und italienischsprachigen Kinder zeigen hingegen eine ausgeprägte Asymmetrie der Nomen und Verben. Wenn man den Erwerb von Nomen und Verben in den analysierten Sprachen anhand der ermittelten D(N-V)-Faktoren von symmetrisch nach asymmetrisch anordnet, ergibt sich folgende Reihenfolge: Deutsch >> Französisch >> Spanisch / Italienisch. Für die bilingualen Kinder konnte ebenfalls gezeigt werden, dass die Asymmetrie der Nomen und Verben im Italienischen und Spanischen stärker ausgeprägt ist als im Französischen und Deutschen. Die Wahrscheinlichkeit auf das Genus des Äquivalents zuzugreifen erhöht sich, wenn der Erwerb von Nomen und Verben in beiden Sprachen eher symmetrisch erfolgt. Aus diesem Grund greifen die bilingual deutsch-französischen Kinder häufiger auf das Genus des deutschen bzw. französischen Äquivalents zu. Im Spanischen und Italienischen ist das Genus der Wurzel im Lexikoneintrag festgeschrieben, während im Französischen und Deutschen Genus erst im Laufe der Derivation determiniert wird. Ist das Nomen in der gemischten DP französisch oder deutsch, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit das Genus des Äquivalents an der Determinante zu markieren. Wird hingegen ein spanisches oder italienisches Nomen mit einer deutschen Determinante gemischt, dann muss der Zugriff auf das Genus des deutschen Äquivalents aus einer psycholinguistischen Perspektive aufwändiger sein, da die spanischen und italienischen Wurzeln bereits eine Genusmarkierung im Lexikon aufweisen. Dass ausschließlich der Aufbau des Lexikons, d.h. der Erwerb der Kategorien der Nomen und Verben und deren Verhältnis zueinander, für die Repräsentation von Genus und für die Genuszuweisung in der gemischten DP von Bedeutung sind, soll im Folgenden verdeutlicht werden. Es wäre ebenso denkbar, dass die Genuszuweisung auf der Basis des äquivalenten Nomens in Ab- <?page no="338"?> 338 hängigkeit von der Größe des Nomenlexikons erfolgt: Je größer das Nomenlexikon in Sprache A, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit auf das Genus des Äquivalents aus Sprache B zuzugreifen, wenn das Nomen in der gemischten DP aus Sprache A stammt. Basierend auf dieser Annahme sollte zum Beispiel ein bilinguales Kind, das ein sehr großes Nomenlexikon im Deutschen hat, selten auf das Genus des romanischen Äquivalents in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen zugreifen. Darüber hinaus sollte sich auch eine Abhängigkeit in die andere Richtung zeigen: Je kleiner das Nomenlexikon in Sprache A, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, auf das Genus des Äquivalents aus Sprache B zuzugreifen, wenn das Nomen in der gemischten DP aus Sprache A stammt. Der Erwerb der Kategorien der Nomen und Verben und deren Verhältnis zueinander würden demnach keine Rolle spielen, wenn die Genuszuweisung in der gemischten DP über die Größe des jeweiligen Nomenlexikons im bilingualen Kind erklärt werden kann. Die Korrelation zwischen der Größe des Nomenlexikons und dem Zugriff auf das Genus des Äquivalents macht jedoch deutlich, dass diese beiden Variablen in keiner Beziehung zueinander stehen. Die PM-Korrelation zwischen der Größe des Nomenlexikons, die der Anzahl der Nomentypen in einer Sprache entspricht, und dem Zugriff auf das Genus des Äquivalents ist statistisch nicht signifikant (r = 0.004, p>0.05). Das folgende Streudiagramm (26) abstrahiert von den einzelnen Kindern und zeigt die Korrelation zwischen der Anzahl der Nomentypen und dem Zugriff auf das Genus des Äquivalents. <?page no="339"?> 339 Abb. (26) Korrelation Nomenlexikon und Genus des Äquivalents 0 10 20 30 40 50 60 100 200 300 400 500 600 700 800 900 1000 Anzahl der Nomentypen Genus des Äquivalents (%) Über die Größe des Nomenlexikons im bilingualen Kind kann die Genuszuweisung auf der Basis des äquivalenten Nomens beim intra-sententialen CS zwischen Determinierer und Nomen nicht erklärt werden. Vielmehr spielen der Erwerb der Nomen und Verben und deren Verhältnis zueinander und die damit einhergehende sprachspezifische Repräsentation von Genus eine entscheidende Rolle, um die empirischen Befunde zu erklären. Die Ergebnisse liefern Evidenz für die Annahme, dass sich die analysierten Sprachen hinsichtlich der Repräsentation von Genus unterscheiden müssen: Im Deutschen und Französischen wird Genus erst im Laufe der Derivation entschieden. Im Spanischen und Italienischen ist Genus ein Wurzelphänomen, d.h. die spanischen und italienischen Wurzeln weisen eine Genusmarkierung im Lexikon auf. 5.7.3 Zusammenfassung der Ergebnisse Der empirische Teil II der vorliegenden Arbeit hat sich mit der leitenden Frage beschäftigt, welche Faktoren das Genus der Determinante beim kindlichen Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen beeinflussen. Hierzu wurden in Kapitel 4.9 vier Arbeitshypothesen formuliert, die auf die gewonnenen Daten in Kapitel 5 angewandt wurden. Das Modell von MacSwan (1999, 2000) macht die Vorhersage, dass stets das Genus des Nomens in der gemischten DP das Genus der Determinante bestimmt und das Genus des Äquivalents für die Genuszuweisung irrelevant ist. Wenn Genus eine inhärente Eigenschaft des Nomens <?page no="340"?> 340 ist, dann sollte die Determinante mit dem Genus des realisierten Nomen in der gemischten DP kongruieren und nicht mit dem Genus des äquivalenten Nomens. Im Rahmen von MacSwans Modell (1999, 2000) können somit die Fälle, in denen das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt, nicht adäquat erklärt werden. Die vorliegende Arbeit konnte zeigen, dass die deutsch-französischen Kinder im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern signifikant häufiger auf das Genus des Äquivalents in beiden Sprachen zugreifen. Darüber hinaus konnte für die gemischten DPn mit einem deutschen Nomen festgestellt werden, dass die Kinder häufiger auf das Genus des romanischen Äquivalents zugreifen als in den gemischten DPn mit einem romanischen Nomen. Die Untersuchung hat gezeigt, dass die Mischungen, in denen die bilingualen Kinder auf das Genus des Äquivalents zugreifen, weder mit der Sprachdominanz (Hypothese H 2 ), noch mit der Größe des Nomenlexikons, welches in Nomentypen gemessen wurde, korrelieren. Außerdem können die beobachteten Unterschiede nicht auf den Einfluss der formalen Genustransparenz (Hypothese H 3 ) in den jeweiligen Sprachen zurückgeführt werden. Außerdem wurde noch überprüft, ob die Genuszuweisung auf der Basis des Äquivalents mit dem Aufbau des Nomen- und Verb-Lexikons im bilingualen Kind korreliert (Hypothese H 4 ). In der einschlägigen Literatur zum Lexikonerwerb wurde bisher noch keine adäquate Erklärung für die sprachspezifischen Erwerbsverläufe der Nomen und Verben geliefert. Die Frage, warum sich der Erwerb der Nomen und Verben im Deutschen symmetrisch vollzieht, im Französischen schwach asymmetrisch und im Spanischen und Italienischen stark asymmetrisch wurde im vorliegenden Rahmen folgendermaßen motiviert: Eine symmetrische Nomen-Verb-Entwicklung ist ein Indiz für die Annahme kategorieloser und damit genusloser Wurzeln, während eine asymmetrische Nomen-Verb-Entwicklung Evidenz für „Wurzelgenus“ im Lexikon liefert. Diese Hypothesen wurden durch die vorliegenden statistischen Ergebnisse bestätigt, da der Zugriff auf das Genus des Äquivalents signifikant mit der Nomen-Verb-Entwicklung korreliert: Je häufiger das Genus des übersetzungsäquivalenten Nomens das Genus in der gemischten DP bestimmt, desto enger sind das Nomen- und Verblexikon in der Entwicklung zusammen und desto wahrscheinlicher sind genuslose Wurzeln. Wenn die bilingualen Kinder ein deutsches oder französisches Nomen mischen, dann wird der Zugriff auf das Genus des jeweiligen Äquivalents erleichtert, da sie das deutsche bzw. französische Lexikon überwiegend symmetrisch oder schwach asymmetrisch erwerben. Je häufiger das Genus des realisierten Nomens in der gemischten DP die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt, desto weiter sind das <?page no="341"?> 341 Nomen- und Verblexikon in der Entwicklung auseinander und desto wahrscheinlicher ist die Genusmarkierung der Wurzel. Wenn die bilingualen Kinder ein italienisches oder spanisches Nomen mischen, dann greifen sie sehr selten auf das Genus des deutschen Äquivalents zu, da sie das italienische bzw. spanische Lexikon asymmetrisch erwerben. Insgesamt lässt sich festhalten, dass gerade der Aufbau des Lexikons, welches im vorliegenden Rahmen durch die Relation der Nomen- und Verbtypen zueinander gemesssen wurde, eine Rolle für die Repräsentation von Genus spielt, und nicht ausschließlich der Erwerb bzw. die Größe des Nomenlexikons. 5.8 Sprachenwechsel im Wort Weitere Evidenz für die Annahme, dass die Merkmalspezifizierung der Wurzel in den anaylsierten Sprachen variiert, liefert auch der wortinterne Sprachenwechsel. Für den Sprachenwechsel im Wort lässt sich nämlich eine Asymmetrie nachweisen, für die eine Erkärung notwendig ist (vgl. u.a. González Vilbazo 2005). Die Sprache wird überwiegend von einer romanischen Basis zu einem deutschen Suffix gewechselt, aber nicht von einer deutschen Basis zu einem romanischen Suffix. Warum der Wechsel von einer deutschen Basis zu einem romanischen Suffix ausgeschlossen ist, soll erst in der Diskussion der Untersuchungsergebnisse in Kapitel 7 erläutert werden. Obwohl der wortinterne Sprachenwechsel bei bilingualen Sprechern in der Spontansprache belegt ist, ist er in den meisten CS-Theorien verboten. Erinnert sei an dieser Stelle an das von Poblack (1980) formulierte Free Morpheme Constraint (vgl. Kapitel 2), demzufolge Mischungen freie, aber nicht gebundene Morpheme betreffen. Nach MacSwan (1999) sollte es ebenfalls keinen Sprachenwechsel auf Wortebene geben. Hierzu formuliert er eine Beschränkung (PF Disjunction Theorem), die Mischungen innerhalb eines Wortes verbietet (vgl. Kapitel 2). Diese Beschränkung basiert auf der Annahme, dass die morphologische Zusammensetzung eines lexikalischen Kopfes X° im einzelsprachlichen Lexikon erfolgt. Trotz dieser theoretischen Überlegungen sind in der CS-Literatur vor allem gemischte Verben belegt, wobei auch gemischte Nomina und Adjektive in der Spontansprache bilingualer Sprecher beobachtet werden, die den oben genannten Beschränkungen widersprechen (vgl. u.a. Joshi 1985, Veh 1999, Cantone 2004, Liceras et al. 2005, González-Vilbazo und Lopez 2010, González-Vilbazo 2005). Auch in der vorliegenden Studie kann der Sprachenwechsel auf Wortebene in den analysierten Kinderdaten nachgewiesen werden. <?page no="342"?> 342 Für erwachsene bilingual deutsch-spanische Sprecher zeigen González- Vilbazo und Lopez (2010) und González Vilbazo (2005), dass hier eine auffallende Asymmetrie beim wortinternen Sprachenwechsel existiert. Die Autoren machen die Beobachtung, dass die Bildung gemischter Wortformen immer dem gleichen Muster folgt: Die Sprache wird nur von einer spanischen Basis zu einem deutschen Suffix gewechselt, aber nicht von einer deutschen Basis zu einem spanischen Suffix. Die folgenden Beispiele verdeutlichen die Asymmetrie des Sprachenwechsels auf Wortebene (vgl. González Vilbazo und Lopez 2010). (38a) [w Wurzel sp + Infl dt ] utilisieren, cosieren (38b) [w Wurzel dt + Infl sp ] *benutzear, *nähear Das Beispiel (38a) zeigt, dass jeweils das deutsche Infinitivsuffix -ieren an die jeweilige spanische Wurzel utiliz- und cosaffigiert wurde. Bei den gemischten Verbformen in (38b) handelt es sich hingegen um deutsche Verbbasen, die ein spanisches Infinitivsuffix aufweisen. Gemischte Verbformen mit deutscher Basis und spanischer Flexionsendung werden von bilingualen Sprechern nicht akzeptiert (vgl. González Vilbazo und Lopez 2010). Sowohl bei gemischten Verben als auch bei gemischten Nomina und Adjektiven konnten die Autoren stets denselben Aufbau feststellen: Die Basis stammt aus dem Spanischen, an die ein deutsches Suffix affigiert wird. Gemischte Nomina und Adjektive mit deutscher Basis und spanischem Suffix sind ebenfalls ausgeschlossen (z.B. *Stuhl-o, *trink-able). González Vilbazo (2005) konnte jedoch einige wenige gemischte Verbform nachweisen, bei der die „umgekehrte“ Abfolge, d.h. ein deutscher Stamm mit einer spanischen Flexionsendung, aufgetreten ist. Die gemischten Wortformen wie benutzear treten allerdings nur bei spanischen Muttersprachlern auf, die in Deutschland leben und Deutsch als L2 gelernt haben. Simultan bilinguale Sprecher lehnen die wortinternen Mischungen ab, in denen die Basis deutsch und die Flexionsendung spanisch ist, während diese von L2 Erwerben des Deutschen durchaus verwendet werden. Es stellt sich schließlich die Frage, ob sich die beobachtete Asymmetrie beim wortinternen Sprachenwechsel auch für weitere Sprachkombinationen nachweisen lässt. Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse zeigen für die deutsch-italienischen Kinder, dass die wortinternen Mischungen ebenfalls dem Schema „romanische Basis + deutsches Suffix“ folgen. In den untersuchten deutsch-italienischen Longitudinalstudien treten jedoch insgesamt nur 27 wortinterne Mischungen auf. Dabei handelt es sich um 14 gemischte Nomina (53,8%), 12 gemischte Verben (46,2%) und ein gemischtes Adjektiv (3,8%). Die deutsch-italienischen Kinder wechseln hier- <?page no="343"?> 343 bei in 26 Fällen (96,3%) die Sprache von einer italienischen Basis zu einem deutschen Suffix. Der Sprachenwechsel von einer deutschen Basis zu einem italienischen Suffix kann nur in einer wortinternen Mischung nachgewiesen werden (vgl. Bsp 39f). In (39a) - (39e) liegt ein Sprachenwechsel zwischen einer italienischen Basis und einem deutschen Suffix vor. Darüber hinaus treten die gemischten Nomina sowohl im Singular als auch im Plural auf. Die Beispiele (39a) - (39d) machen deutlich, dass jeweils die deutsche Pluralflexion -(e)n an eine italienische Basis affigiert wurde. Die wortinterne Mischung in (39e) zeigt ein gemischtes Nomen im Singular. Hierbei liegt ein Sprachenwechsel zwischen der italienischen Basis lumac- und dem deutschen Pseudosuffix -e vor. Das Beispiel (39f) verdeutlicht die einzige Mischung in den deutsch-italienischen Daten, bei der die „umgekehrte“ Abfolge auftritt. Das Kind Carlotta mischt die deutsche Basis Topfmit dem italienischen Diminutivsuffix -ino. (39) Beispiele für gemischte Nomina: deutsch-italienische Studie a. cicognen Marta, dt. Kontext 3; 4,21 b. pesn Marta, dt. Kontext 3; 4,21 c. pataten Aurelio, dt. Kontext 3; 0,5 d. gelaten Aurelio, it. Kontext 3; 0,19 e. eine lumake Luca dt. Kontext 2; 8,8 f. ein topfino Carlotta it. Kontext 3; 7,13 Bei den gemischten Verben handelt es sich stets um italienische Verbbasen, an die eine deutsche Flexionsendung affigiert wird. Es konnten keine Beispiele in den Sprachdaten gefunden werden, in denen ein deutscher Stamm mit einer italienischen Flexionsendung aufgetreten ist. (40) Beispiele für gemischte Verben: deutsch-italienische Studie a. das is von -von saparen Marta, dt. Kontext 2; 11,15 b. da wir metten das hier Marta, dt. Kontext 2; 11,15 c. die gonft Marta, dt. Kontext 3; 2,26 d. e poi è finiert Aurelio, it. Kontext 4; 0,28 e. das sind {f/ z/ p}upuliren Marta, dt. Kontext 2; 9,22 f. funzioniert nicht Aurelio, dt. Kontext 3; 5,2) g. guadda io no - questo no Lukas, dt. Kontext 3; 4,25 voglio giocaren non alleine In der vorliegenden Untersuchung kann insgesamt nur ein gemischtes Adjektiv nachgewiesen werden. Wie bei den gemischten Nomina und den gemischten Verben wird auch hier ein deutsches Suffix an eine italienische Basis affigiert. <?page no="344"?> 344 (41) Gemischtes Adjektiv: deutsch-italienische Studie zitrone frizzantig Carlotta, 4; 1,0 dt. Kontext Des Weiteren kann eine interessante Beobachtung für die gemischten italienischen Nomina in den deutschen Sprachaufnahmen gemacht werden. Cantone (2004) zeigt in diesem Zusammenhang, dass bilingual deutschitalienische Kinder häufig den vokalischen Auslaut der italienischen Nomina weglassen. Für das deutsch-italienische Kind Marta weist die Autorin die folgenden Äußerungen nach (vgl. Cantone 2004: 172): (42) a. cald it. caldo Marta, dt. Kontext 2; 4,27 b. león it. leone Marta, dt. Kontext 2; 6,10 c. pappagall it. pappagallo Marta, dt. Kontext 3; 2,26 d. scimm it. scimmia Marta, dt. Kontext 2; 6,10 e. conchil it. conchiglia Marta, dt. Kontext 2; 6,10 f. volp it. volpe Marta, dt. Kontext 2; 6,10) g. cavall it. cavallo Marta, dt. Kontext 2; 6,10 h. farfall it. farfalla Marta, dt. Kontext 2; 6,10 i. ranocc it. ranocchio Marta, dt Kontext 2; 7,7 In den deutschten Sprachaufnahmen der beiden deutsch-italienischen Kinder Aurelio und Luca können ebenfalls italienische Nomina nachgewiesen werden, bei denen die Nominalendung weggelassen wurde. (43) a. eine mont it. montagna Luca, dt. Kontext 2; 7,30 b. eine minest it. minestra Aurelio, dt. Kontext 3; 5,2 c. piatt it. piatto Aurelio, dt. Kontext 3; 5,2 d. eine capann it. capanna Aurelio, dt. Kontext 3; 5,2 e. dottor it. dottore Aurelio, dt. Kontext 3; 8,13 Diese „abgekürzten” italienischen Nomina sind stets in den deutschen Sprachaufnahmen aufgetreten. Da die sie auf einen Konsonant auslauten und nicht auf einen Vokal, gleicht ihre lautliche Gestalt eher einem deutschen als einem italienischen Nomen (vgl. Cantone 2004). Es stellt sich jedoch die Frage, warum die deutsch-italienischen Kinder keine deutschen Basen mit vokalischem Auslaut (z.B. Hundo) in die italienischen Sprachaufnahmen mischen. In der gesamten deutsch-italienischen Studie weist ausschließlich das gemischte Nomen topfino diese Abfolge auf. Ferner können auch in der deutsch-spanischen Studie insgesamt nur zwei gemischte Nomina nachgewiesen werden, die die Struktur deutsche Basis + spanisches Suffix beinhalten. Die gemischten Nomina in Beispiel (44) sind die einzigen wortinternen Mischungen, die insgesamt in der deutsch-spanischen Studie aufgetreten sind. <?page no="345"?> 345 (44) a. una Barta Arturo, sp. Kontext 3; 4,5 b. yo tengo una schera Arturo, sp. Kontext 2; 11,24 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich die von González Vilbazo (2005) und González Vilbazo und Lopez (2010) beobachtete Asymmetrie beim Sprachenwechsel auf Wortebene auch bei bilingualen Kindern nachweisen lässt. Alle gemischten Wortformen (bis auf drei Ausnahmen) folgen dem gleichen Muster: Der Sprachenwechsel findet überwiegend von einer romanischen Basis zu einem deutschen Suffix statt. Es stellt sich die Frage, ob der wortinterne Sprachenwechsel bei den deutsch-französischen Kindern ebenfalls in eine Richtung erfolgt, d.h. von einer französischen Basis zu einem deutschen Suffix. In der Studie von Veh (1990), in der die Autorin den Sprachenwechsel bei zwei bilingual deutsch-französischen Kindern untersucht, wird deutlich, dass hier keine klare Asymmetrie beim wortinternen Sprachenwechsel vorliegt. Mit anderen Worten wechseln die deutsch-französischen Kinder die Sprache sowohl von einer französischen Basis zu einer deutschen Flexion als auch von einer deutschen Basis zu einer französischen Flexion. In (45) werden die von Veh (1990: 98) beobachteten gemischten Wortformen der deutschfranzösischen Kinder gezeigt. (45) a. nounours il a reité ne? Veh 1990: 98, Alter des Kindes 2 ; 0,29 b. deddy resucht Veh 1990: 98, Alter des Kindes 2 ; 4,9 d. dies on peut anmismise Veh 1990: 98, Alter des Kinder 2; 5,7 c. ça c'est daniels Veh 1990: 99, Alter des Kindes 2 ; 4,9 Bei dem gemischten Partizip reité handelt es sich um eine deutsche Basis, an die ein französisches Flexionssuffix affigiert wurde, während bei dem gemischten Verb resucht ein französisches Derivationspräfix und eine deutsche flektierte Verbform vorliegen. In (45d) wird hingegen die „umgekehrte“ Abfolge deutlich, da die Sprache von einem deutschen Derivationspräfix zu einer französischen flektierten Verbform gewechselt wurde. Das Beispiel in (45c) zeigt ein gemischtes Nomen, welches die französische Basis Daniel und das deutsche Genitivsuffix -s beinhaltet. Insgesamt deuten die Ergebnisse von Veh (1990) darauf hin, dass der Sprachenwechsel auf Wortebene bei deutsch-französischen Kindern keine klare Asymmetrie aufweist, da die Sprachen in beide Richtungen gewechselt werden. Sowohl der Wechsel von einer französischen Basis zu deutschen Suffixen als auch umgekehrt, d.h. von einer deutschen Basis zu französischen Suffixen, scheint für die deutsch-französischen Kinder möglich zu sein. In der vorliegenden empirischen Untersuchung sind nur sehr wenige gemischte Wortformen in der deutsch-französischen Longitudinalstudie <?page no="346"?> 346 aufgetreten. Insgesamt werden nur 15 gemischte Verben und 2 gemischte Nomina nachgewiesen. Die Beispiele in (46) scheinen zunächst der Beobachtung von Veh (1990) zu widersprechen, da die vorliegenden Ergebnisse ebenfalls eine Asymmetrie beim wortinternen Sprachenwechsel für die bilingual deutsch-französischen Kinder zeigen: Es findet überwiegend ein Wechsel von einer französischen Basis zu deutschen Suffixen statt. (46) Beispiele für gemischte Verben: deutsch-französische Studie a. mh er brosst seine Amélie, dt. Kontext 2; 9,26 zähe auch (=Zähne) b. sie parlen français Amélie, dt. Kontext 3; 6,2 c. hab ich ein bisschen Amélie, dt. Kontext 3; 9,11) gebrûllt an die casserole von pommes de terre d. ich muss réfléchieren Amélie dt. Kontext 4; 5,12 e. die coupt Amélie, dt. Kontext 2,8,15 f. da kann ich sortieren Alexander, dt. Kontext 2; 7,6 g. ein salzstange tombiern Alexander, dt. Kontext 2; 6,25) h. der is für die grattieren Alexander, dt. Kontext 2; 7,6) i. äh en bas est batterie du kann an pousscheren Alexander dt. Kontext 2; 7,27 Das gemischte Partizip gebrûllt in (46c) ist die einzige gemischte Wortform, in der die Sprache zweimal gewechselt wird. Das darin enthaltene Zirkumfix ge- und -t stammt aus dem Deutschen und umschließt das französische Basismorphem -brûll-. Folglich findet erstens ein Wechsel von dem deutschen Präfix gezu dem französischen Basismorphem -brûll- und zweitens ein Wechsel von dem französischen Morphem -brûllzu dem deutschen Suffix -t statt. Außerdem sind ausschließlich die folgenden gemischten Nomina in den deutsch-frasnzösischen Sprachdaten belegt. In beiden Fällen wird ein deutsches Pluralmorphem an ein französisches Nomen suffigiert. (47) Beispiele für gemischte Nomina: deutsch-französische Studie a. aussi bateaus Céline, frz. Kontext 2; 5,24 b. spectaclen Marie, dt. Kontext 3; 11,4 Des Weiteren mischen die deutsch-französischen Kinder deutsche Nomina ohne Schwa-Auslaut und nominale Pluralflexion in die französischen Sprachaufnahmen. Durch diese Auslassungen werden die deutschen Nomina in ihrer lautlichen Gestalt einem französischen Nomen angepasst. <?page no="347"?> 347 (48) a. où le kann’ ? dt. Kanne Céline, frz. Kontext 2; 11,15 b. c’est blum’ dt. Blume Marie, frz. Kontext 2; 0,26 c. c’est quoi ça schublad’ dt. Schublade Marie, frz. Kontext 3; 2,28 d. fait des fratz dt. Fratze Céline, frz. Kontext 2; 3,15 Zusammenfassend lässt sich für die wortinternen Mischungen der bilingual deutsch-französischen Kinder feststellen, dass überwiegend ein Wechsel von französischer Basis zu deutschen Suffixen stattindet. Dennoch können ebenfalls gemischte Wortformen nachgewiesen werden, in denen der Wechsel innerhalb eines Wortes in Richtung des Französischen erfolgt (Deutsch Französisch) (vgl. Veh 1990). Da die Anzahl der wortinternen Mischungen sehr gering ist, müssen in Zukunft mehr deutschfranzösische Sprachdaten analysiert werden, um eine Generalisierung formulieren zu können. Für die Sprachkombination Französisch-Italienisch zeigt die vorliegende Studie, dass nur in den Sprachdaten des französisch-italienischen Kindes Juliette wortinterne Mischungen aufgetreten sind. Es wird deutlich, dass der Wechsel stets von einer französischen Basis zu einem italienischen Suffix erfolgt. (49) Beispiele für gemischte Verben: italienisch-französische Studie a. melangiamo l’acqua Juliette, it. Kontext 3; 3,17 b. queti piatti sono per un dessert (hai) comprito ? Juliette, it. Kontext 3; 4,22 c. dopo rejouemo d’accordo ? Juliette, it. Kontext 3; 7,19) d. posso efassare ? Juliette, it. Kontext 3; 10,2 e. quetto è un viola che Juliette, it. Kontext 3; 10,30 non ressembla f. io non mi souvenno più Juliette, it. Kontext 4; 2,4 g. vado a essayare Juliette, it. Kontext 4; 2,4 h. se no vado a regardare Juliette, it. Kontext 4; 6,24 la televisione (50) Beispiele für gemischte Nomina: italienisch-französische Studie a. cochone Juliette, it. Kontext 2; 2,9 b. i piccolo garsone Juliette, it. Kontext 3; 8,10 Insgesamt können die Ergebnisse für den Sprachwechsel auf Wortebene folgendermaßen zusammengefasst werden: Die bilingualen Kinder bilden die gemischten Wortformen überwiegend asymmetrisch, d.h. sie mischen in den meisten Fällen eine romanische Basis mit einem deutschen Suffix bzw. eine französische Basis mit einem italienischen Suffix. Darüber hinaus lassen sich in den deutschen Sprachaufnahmen der bilingual deutsch- <?page no="348"?> 348 italienischen Kinder italienische Nomina nachweisen, bei denen die Kinder den vokalischen Auslaut weglassen (z.B. scimm für scimmia). Auch die deutsch-französischen Kinder mischen deutsche Nomina in die französischen Sprachaufnahmen, bei denen der Schwa-Auslaut und die deutsche Pluralflexion weggelassen werden. Insgesamt ist für die beobachteten Asymmetrien beim wortinternen Sprachenwechsel eine Erklärung notwendig. Es stellt sich die Frage, warum die Abfolge deutsche Basis + romanisches Suffix vermieden wird. Dass die unidirektionale Mischrichtung mit der Hypothese kategorieloser bzw. kategoriespezifischer Wurzeln im Lexikon korreliert, soll in der folgenden Diskussion gezeigt werden. Es wird ein Erklärungsansatz vorgestellt, über den nicht nur die sprachspezifischen Unterschiede für den Zugriff auf das Genus des Übersetzungsäquivalents, sondern auch die beobachteten Asymmetrien beim Sprachenwechsel auf Wortebene erklärt werden können. Die Diskussion der Untersuchungsergebnisse wird demzufolge der folgenden Frage nachgehen, die sich aus der empirischen Studie ergeben hat: Wenn das deutsche und französische Lexikon genuslose Wurzeln beinhaltet, dann stellt sich die Frage, wann, wo und wie die Wurzeln Genus im Verlauf der Derivation zugewiesen bekommen. Spanisch und Italienisch sind als Wurzelgenussprachen charakterisiert worden, d.h. der Lexikoneintrag einer spanischen bzw. italienischen Wurzel enthält Angaben zum grammatischen Genus. Die Diskussion soll somit die Frage beantworten, wann, wo und wie das Genusmerkmal deutscher und französischer Wurzeln im Verlauf der Derivation festgelegt wird. <?page no="349"?> 349 6 Diskussion der Untersuchungsergebnisse: Genus in der gemischten DP Insgesamt sollen zwei unterschiedliche Ansätze vorgestellt werden, die den Untersuchungsergebnissen der vorliegenden Studie Rechnung tragen. Im Rahmen des ersten Lösungsvorschlags wird angenommen, dass Genus im Deutschen und im Französischen in einer präsyntaktischen morphologischen Komponente zugewiesen wird, die direkt an das Lexikon angeschlossen ist. Das postulierte präsyntaktische Morphologiemodul weist demnach eine Schnittstelle zum Lexikon und eine Schnittstelle zur Syntax auf. Es soll dafür argumentiert werden, dass Nomina mit einem spezifizierten Genusmerkmal die morphologische Komponente verlassen und den Input für die Syntax bilden. Der zweite Erklärungsansatz stellt eine Anwendung der Distributed Morphology auf die vorliegenden Untersuchungsergebnisse dar. Im Rahmen des DM-Modells soll gezeigt werden, dass Genus im Französischen und Deutschen ein Merkmal von klein n° ist. Während die französischen und deutschen Wurzeln genuslos in die Syntax eingesetzt werden, soll hingegen für das Spanische und Italiensche angenommen werden, dass Wurzeln ein Genusmerkmal tragen und mit diesem Merkmal in die syntaktische Derivation eingesetzt werden. Im Anschluss daran, werden die beiden vorgestellten generativen Lösungsansätze bewertet, indem jeweils die Vorteile und Nachteile aufgezeigt werden. Die vergleichende Bewertung beider Ansätze wird deutlich machen, dass der DM-Ansatz vorzuziehen ist. 6.1 Analyse im Rahmen eines präsyntaktischen Morphologiemoduls In Anlehnung an den minimalistischen Ansatz von Alexiadou & Müller (2008) soll in der vorliegenden Arbeit ebenfalls eine präsyntaktische morphologische Komponente postuliert werden, in der spezifische morphologische Prozesse den Mechanismen des Sonde-Ziel-Modells unterliegen. Für die verschiedenen Grammatikkomponenten wird demnach die folgende lineare Abfolge angenommen: Lexikon Morphologie Syntax PF, LF (vgl. Alexiadou & Müller 2008: 139). Die Anordnung der Module zeigt, dass die morphologische Komponente direkt an das Lexikon angeschlossen ist und der Syntax vorangeht. Die Diskussion soll einen Lösungsansatz präsentieren, in dem dafür argumentiert wird, dass Genus im Verbund mit Flexionklasse im Deutschen existiert und genuslose <?page no="350"?> 350 Wurzeln duch Merge mit Elementen vom Typ derivationeller oder inflektionaler Morpheme Genus erwerben. Auch für das Französische soll gezeigt werden, dass genuslose Wurzeln durch Verkettung mit derivationellen Morphemen Genus in einem präsyntaktischen Morphologiemodul erhalten. Es soll ein Formalismus vorgestellt werden, der die empirischen Befunde und somit die sprachspezifischen Unterschiede beim Code- Switching erklärt. Im Anschluss daran sollen zur Rechtfertigung des präsyntaktischen Morphologiemoduls Argumente aufgezeigt werden, warum der vorgestellte Formalismus weder innersyntaktisch noch postsyntaktisch funktionieren kann. Bevor die Diskussion der Untersuchungsergebnisse erfolgt, sollen zunächst die folgenden Annahmen zugrunde gelegt werden: Morphologie und Syntax gebrauchen die gleichen Operationen zur Bildung morphologischer und syntaktischer Strukturen. In der Syntax kann Agree Bewegung auslösen, wobei Agree eine notwendige und keine hinreichende Bedingung für Bewegung ist. Im Gegensatz zur Syntax erfolgt die Operation Agree in der präsyntaktischen morphologischen Komponente ohne Bewegung. Die Bewegungsoption steht somit für Agree in der Morphologie nicht zur Verfügung. (vgl. Alexiadou & Müller 2008). Die deskriptive Darstellung der deutschen Substantivflexionsklassen in Kapitel 4.3 hat gezeigt, dass die Flexionsmarker im Singular insgesamt nur drei unterschiedliche Formen aufweisen: -(e)n, -(e)s und -ø. Der Flexionsmarker -(e)n taucht im Akkusativ, Dativ und Genitiv Singular der schwachen Maskulina (Klasse V) auf. Der Marker -(e)s tritt in den maskulinen und neutralen Flexionsklassen I-IV auf. Der Nullmarker -ø taucht in allen anderen Fällen auf. Der Flexionsmarker -(e)n ist im Singular der einzige Marker, der im Hinblick auf die Flexionsklasse nicht unterspezifiziert ist, da dieser ausschließlich in Klasse V auftritt. Der Nullmarker ist massiv unterspezifiziert, da er in allen Flexionsklassen im Singular gebraucht wird. Die Flexionsendungen sind nicht vollständig mit Merkmalen ausgestattet, sondern können unterspezifiziert sein. Auch im Plural werden trans- und intraparadigmatische Synkretismen deutlich. Insgesamt zeigt sich, dass die Flexionsendungen nicht immer vollständig mit Merkmalen ausgestattet sind, sondern nur einen Teil der morpho-syntaktischen Merkmale tragen. Die Annahme, dass Flexionsmarker hinsichtlich ihrer morpho-syntaktischen Merkmale unterspezifiziert sind, hat den Vorteil, dass nicht für jeden Flexionsmarker ein eigener Lexikoneintrag angenommen werden muss. Wenn man den Nullmarker zulässt, dann taucht dieser allein an 34 unterschiedlichen Positionen in den Paradigmen auf, sodass insgesamt 34 verschiedene Lexioneinträge für ein Nullelement notwendig wären. Alexiadou & Müller (2008) lassen das Nullmorphem zwar zu, aber der große Vorteil ihrer Analyse ist, dass sie für das Null- <?page no="351"?> 351 morphem nur einen einzigen Lexikoneintrag brauchen, weil es massiv unterspezifiziert ist und nur das Kategorienmerkmal [+N] trägt. In Anlehnung an Alexiadou & Müller (2008) soll im vorliegenden Rahmen ebenfalls ein massiv unterspezifiziertes Nullmorphem im deutschen Lexikon angenommen werden. 91 Im Folgenden soll ein Formalismus vorgeschlagen werden, der die empirischen Befunde beim CS erklärt. Dabei stehen die folgenden Fragen im Fokus: 1. Wann, wo und wie wird das Genusmerkmal deutscher und französischer Wurzeln im Verlauf der Derivation festgelegt? 2. Welche Unterschiede bestehen hinsichtlich der Merkmalspezifikation der Wurzel in den analysierten Sprachen? 3. Wie lässt sich die beobachtete Asymmetrie beim wortinternen Sprachenwechsel erklären? 4. Warum wird der postulierte Formalismus in ein präsyntaktisches Morphologiemodul eingebettet? Die Analyse wird mit der ersten Frage beginnen. Wie bereits erwähnt, soll angenommen werden, dass das Genusmerkmal präsyntaktisch in einem Morphologiemodul im Zusammenspiel mit den Operationen Merge und Agree festgelegt wird. Zunächst soll der Erklärungsansatz für das Deutsche und Französische und anschließend für das Italienische und Spanische vorgestellt werden. Der Formalismus: Deutsch Die deutschen Nomina können verschiedenen Substantivflexionsklassen zugeordnet werden (vgl. u.a. Alexiadou & Müller 2008, Sternefeld 2006). Alexiadou & Müller (2008) argumentieren für das Deutsche, dass Substantivflexionsmarker stets für nominale Flexionsklassen validiert sind und aus diesem Grund ein valuiertes nominales Flexionsklassenmerkmal tragen. Außerdem gehen die Autoren davon aus, dass die Basis, an die das Flexionssuffix affigiert wird, ein unvaluiertes Flexionsklassenmerk- 91 Die Unterspezifikation hat jedoch die Konsequenz, dass eine bestimmte Flexionsendung möglicherweise an verschiedene Basen affigiert und es einen Wettbewerb zwischen den Flexionsendungen gibt. Wie der Wettbewerb dabei ausgeht, d.h. welche Endung tatsächlich ausgewählt wird, ist nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit und soll aus diesem Grund vernachlässigt werden. An dieser Stelle sei aber darauf hingewiesen, dass Alexiadou und Müller (2008) auf das von Wunderlich (1996) etablierte Spezifizitätsprinzip zurückgreifen, nach dem sich nur die spezifischste Endung aus einer Menge von möglichen Endungen durchsetzen und sich mit der Basis verbinden kann. <?page no="352"?> 352 mal aufweist. In der vorliegenden Arbeit soll in diesem Zusammenhang die folgende Notation angenommen werden: 1. [u ] für ein unvaluiertes Merkmal des Typs . 2. [ * * ] für ein valuiertes Merkmal des Typs . Nominale Basen tragen demnach ein unvaluiertes Substantivflexionsklassenmerkmal [uN Klasse ], während nominale Flexionsmarker ein valuiertes Substantivflexionsklassenmerkmal [ * N Klasse* ] aufweisen. 92 Alexiadou & Müller (2008) argumentieren dafür, dass das Klassenmerkmal eines Nomens mithilfe der Operation Agree in einer präsyntaktischen morphologischen Komponente getilgt werden muss, bevor ein Nomen in die Syntax gelangt. Dazu wird die Basis, an die das Flexionssuffix affigiert wird, mit einer Merkmalsmenge aus dem Lexikon ausgewählt und in das präsyntaktische Morphologiemodul eingesetzt. Die Merkmalsmenge der Basis, die ein unvaluiertes Flexionsklassenmerkmal beinhaltet, fungiert dabei als Sonde, die nach einem geeigneten Ziel sucht. Die in einem Flexionsmarker enthaltene Merkmalsmenge stellt ein geeignetes Ziel dar, da jene ein valuiertes Flexionsklassenmerkmal trägt. Für die Operation Agree muss demnach ein Flexionsmarker aus dem Lexikon ausgewählt und die morphologische Komponente eingesetzt werden und außerdem muss der Flexionsmarker mit der Basis verkettet (Merge) werden. 93 Nach erfolgreichem Agree wird das Flexionsklassenmerkmal der Basis gelöscht. Außerdem werden alle morphosyntaktischen Merkmale des Flexionsmarkers gelöscht. Schließlich kann das flektierte Nomen in die Syntax eingesetzt werden (vgl. Alexiadou & Müller 2008: 140). Der Ansatz von Alexiadou & Müller (2008) macht deutlich, dass Flexionsklassenmerkmale der Basis als Sonden fungieren, die in einem präsyntaktischen Morphologiemodul eine morphologische Agree Operation mit einem Flexionsmarker auslösen. Basierend auf der Annahme von Alexiadou & Müller (2008), soll in der vorliegenden Arbeit für das Deutsche angenommen werden, dass Wurzeln ein unvaluiertes Flexionsklassenmerkmal und ein unvaluiertes 92 Im Deutschen können Verben ebenfalls in Flexionsklassen eingeteilt werden (vgl. u.a. Müller, G. 2005). Aus diesem Grund liegt die Annahme nahe, dass verbale Basen ein unvaluiertes V-Flexionsklassenmerkmal [uV Klasse ] und verbale Flexionsmarker ein valuiertes V-Klassenmerkmal [ * V Klasse* ] tragen. 93 Die Anwendung der Operation Merge auf eine Basis und einen Flexionsmarker erfolgt über das sogenannte Teilmengenprinzip (Subset Principle). Das Teilmengenprinzip besagt Folgendes: Eine Flexionsendung I verbindet sich mit einem Stamm S genau dann, wenn (i) und (ii) gelten: (i) Die morpho-syntaktischen Merkmale von I sind Teilmengen der morpho-syntaktischen Merkmale von S. (ii) I ist die spezifischste Endung, die (i) erfüllt (vgl. Alexiadou & Müller 2008). <?page no="353"?> 353 Genusmerkmal tragen und hierdurch eine Sonde enthalten. Andere Merkmale, wie Kasus- und Numerusmerkmale, wären ebenfalls unvaluierte Merkmale der Wurzel. Die nachfolgenden Abbildungen werden jedoch nur partiell den tatsächlich anzunehmenden Strukturen entsprechen, da jeweils nur die Merkmale dargestellt werden sollen, die im diskutierten Kontext relevant sind. Aus diesem Grund werden Kasus- und Numerusmerkmale im vorliegenden Rahmen vernachlässigt, da sie für die folgende Diskussion irrelevant sind. Die folgende Abbildung (1a) verdeutlicht für das deutsche Nomen Bär-ø mit nicht hörbarem Flexionssuffix (Nullmorphem) und die Abbildung (1b) für das Nomen Strahl-en mit Pluralmorphem, dass die in der Basis 94 enthaltene Merkmalsmenge als Sonde fungiert, die nach einem geeigeneten Ziel sucht. Abb. (1a) N Abb. (1b) N [ * Gen * ] [ * Gen * ] alpha N Affix alpha N Affix [uGen] [ * Gen * ] [uGen] [ * Gen * ] [uN Klasse ] [ * N Klasse* ] [uN Klasse ] [ * N Klasse* ] Bär -ø Strahl -en Zunächst wird die Basis Bär bzw. Strahl mit einem Merkmalbündel aus dem Lexikon ausgewählt und in die morphologische Komponente eingesetzt. Nach der Auswahl des Flexionsmarkers erfolgt die Anwendung der Operation Merge auf die Basis Bär und das Flexionssuffix -ø bzw. die Basis Strahl und das Pluralsuffix -en. Die Verkettung ist in diesem Fall über Agree motiviert (Merge under Agree), da die in der Basis enthaltene Sonde nach einem passenden Ziel sucht und nach Auffinden des Flexionsmarkers ihre Merkmale für N-Klasse und Genus validiert. Da Genus im Verbund mit Flexionsklasse existiert, trägt der nominale Flexionsmarker ein valuiertes N-Klassenmerkmal sowie ein valuiertes Genusmerkmal und stellt somit ein geeignetes Ziel für die Sonde dar. Nach der Verkettung wird das Klassenmerkmal allerdings getilgt, da es von der Syntax nicht gelesen werden kann (vgl. Alexiadou & Müller 2008). Mit anderen Worten wird es vor dem Übergang von Morphologie zu Syntax eliminert. 95 94 Da der Wortstamm Bär bzw. Strahl keine Wortbildungsaffixe hat, entspricht der Stamm in diesem Fall der Wurzel. Im weiteren Verlauf wird der Begriff Basis verwendet, wenn Wurzel und Wortstamm identisch sind. 95 Warum Flexionsklassenmerkmale von der Syntax nicht gelesen werden können und es offensichtlich einen Unterschied im Projektionsverhalten von Genus- und Flexi- <?page no="354"?> 354 Insgesamt wird deutlich, dass erst im Zusammenspiel mit den Operationen Merge und Agree die Merkmale der deutschen Basis validiert werden. Erst durch die Anwedung der Operation Merge auf die Basis und den Flexionsmarker kann das Genusmerkmal validiert und „emporgereicht“ werden, d.h. auf N projizieren. Die deutschen Nomina sind nun beim Übergang von Morphologie zu Syntax für Genus spezifiziert. Im Folgenden sollen die einzelnen Derivationsstadien, die das derivierte Nomen [ N Brieflein] in der präsyntaktisch morphologischen Komponente durchläuft, vorgestellt werden: Abb. (2a) N Abb. (2b) N [ * Gen * ] [ * Gen * ] [uN Klasse ] alpha N Affix N Affix [uGen] [ * Gen * ] [ * Gen * ] [ * Gen * ] [uN Klasse ] [uN Klasse ] [uN Klasse ] [ * N Klasse* ] Brief -lein Brieflein -s Die Abbildung (2a) zeigt das Derivationsstadium nach der Verkettung der Wurzel Brief mit dem Diminutivsuffix -lein. In diesem Fall handelt es sich, in der Terminologie von Alexiadou und Müller (2008), um Merge under Selection. Das Suffix -lein selegiert die Wurzel Brief, die ein unvaluiertes N-Klassenmerkmal [uN Klasse ] und ein unvaluiertes Genusmerkmal [uGenus] trägt. Die Anwendung der Operation Merge auf die Wurzel und das Suffix ist demnach durch Selektion motiviert. Der morphologische Kopf von Brieflein ist das Derivationssuffix -lein. Nach dem Kopfprinzip werden die morphosyntaktischen Eigenschaften des Wortes durch die formalen Merkmale des Suffixes determiniert. Das Suffix trägt ein valuiertes Genusmerkmal, welches durch Perkolation auf N übertragen wird, indem es in der Kopflinie „emporgereicht“ wird. Außerdem wird auch das unvaluierte N-Klassenmerkmal auf N projiziert. Erst durch die Anwendung der Operation Merge auf die Wurzel und das Suffix wird das valuierte Genusmerkmal des Kopfes „emporgereicht“. Da sowohl die Wurzel Brief als auch das Derivationssuffix -lein jeweils ein unvaluiertes N-Klassenmerkmal tragen, erfolgt zunächst kein Agree. Erst durch die onsklassenmerkmalen gibt, soll an dieser Stelle zunächst vernachlässigt werden. Evidenz für die Annahme, dass Flexionsklassenmerkmale ausschließlich von der Morpholgie gelesen (interpretiert) werden können, soll im weiteren Verlauf der Diskussion geliefert werden. <?page no="355"?> 355 Anwendung der Operation Merge under Agree auf die Basis und den Flexionsmarker kann das Klassenmerkmal des Stamms getilgt werden. Die Abbildung (2b) bildet das Derivationsstadium nach der Verkettung des Stamms Brieflein mit dem Genitiv-Flexionssuffix -s ab. Der Stamm Brieflein trägt ein unvaluiertes Flexionsklassenmerkmal [uN Klasse ], welches getilgt werden muss bevor das Nomen in die Syntax gelangt. Das Flexiv trägt ein valuiertes Flexionsklassenmerkmal und stellt somit für die Sonde des Stamms ein geeignetes Ziel für einen Agree-Prozess dar. Die Anwendung der Operation Merge auf den Stamm und den Flexionsmarker ist in diesem Fall durch Agree motiviert. Die Merkmale des Ziels werden auf die Sonde übertragen, wobei das Flexionsklassenmerkmal getilgt wird. Da das Flexionsklassenmerkmal des Stamms abgeglichen wurde, kann es nicht mehr projizieren. Zusammenfassend hat die Anwendung des Formalismus gezeigt, dass die deutschen Wurzeln mit einem unvaluierten Genusmerkmal und einem unvaluierten Flexionsklassenmerkmal aus dem Lexikon ausgewählt und in die morphologische Komponente eingesetzt werden. Durch die Operation Merge motiviert durch Agree (Merge under Agree) oder die Operation Merge motiviert durch Selektion (Merge under Selection) wird das Genusmerkmal der Basis valuiert, während Flexionklassenmerkmale stets durch Merge under Agree validiert und getilgt werden. Erst durch die Anwendung der Operation Merge under Agree oder der Operation Merge under Selection wird das Genusmerkmal der Basis validiert. Der Formalismus: Französisch Während im Deutschen unvaluierte Genus- und Flexionsklassenmerkmale über die Verkettung der Basis mit Flexionsmarkern validiert werden können, besteht diese Möglichkeit im modernen Französischen nicht, da es keine Substantivflexionsklassen aufweist. Demnach kann das unvaluierte Genusmerkmal der Wurzel nicht durch die Anwendung der Operation Merge under Agree auf eine Basis und einen Flexionsmarker validiert werden. Aus diesem Grund soll dafür argumentiert werden, dass ein unvaluiertes Genusmerkmal der Wurzel ausschließlich durch die Anwendung der Operation Merge under Selection validiert werden kann. Die Abbildung (3) zeigt die Verkettung der Wurzel mur mit dem Suffix -aille. <?page no="356"?> 356 Abb. (3) N [ * Gen * ] alpha N Affix [uGen] [ * Gen * ] mur -aille Bei dem französischen Nomen muraille, welches durch Derivation der Wurzel mur und dem Derivationssuffix -aille entstanden ist, trägt die Wurzel ein unvaluiertes Genusmerkmal [uGen] und das Suffix -aille ein valuiertes Genusmerkmal. Das valuierte Genusmerkmal des Suffixes wird durch Perkolation auf das Derivat übertragen. Das spezifische Genusmerkmal wird hier durch das Suffix -aille vermittelt, das den Kopf des Derivats bildet. Die Vokale [õ], [ ], [o] und [ ] treten sehr häufig in finaler Position französischer Nomina auf und werden mit dem Maskulinum assoziiert. Es wäre denkbar, dass die Vokale [õ], [ ], [o] und [ ] Affixe sind, die ebenfalls die Fähigkeit haben, das unvaluierte Genusmerkmal der Wurzel zu validieren (vgl. Abb. 4). Abb. (4) N [ * Gen * ] alpha N Nasal [uGen] [ * Gen * ] mout- -on Es stellt sich jedoch die Frage, wie das unvaluierte Genusmerkmal der Wurzel validiert wird, wenn das französische Nomen beispielsweise einsilbig ist. In der Abbildung (3) ist das derivierte Nomen muraille fem feminin. Die Wurzel mur trägt ein unavaluiertes Genusmerkmal, das beim Übergang von Morphologie zu Syntax validiert werden muss. Wenn mur nun ohne Derivationsmorphem auftritt, stellt sich die Frage, wie das unvaluierte Genusmerkmal validiert wird. Ziel der folgenden Ausführungen ist es, zu zeigen, dass die Annahme eines Defaults für das Französische eine plausible Erklärung liefert. Es soll dafür argumentiert werden, dass die Wurzel im unmarkierten Fall ein valuiertes Genusmerkmal trägt, während sie im markierten Fall ein unvaluiertes Genusmerkmal hat. Wenn das Genus an keiner anderen Stelle in der Wortstruktur spezifiziert <?page no="357"?> 357 ist (z.B. durch einen Nasalvokal oder ein Derivationssuffix), dann gilt, dass die Wurzel ein valuiertes Genusmerkmal trägt. Im markierten Fall, d.h. wenn das Genusmerkmal an einer anderen Stelle in der Wortstruktur bereits validiert ist, trägt die Wurzel ein unvaluiertes Gernusmerkmal. Das französische Nomen mur [-fem] , hat demnach den als Default-Wert angegebenen Wert, d.h. ein valuiertes Genusmerkmal, während das Wurzelmorphem mur bei der Verkettung mit dem Suffix -aille den markierten Wert, d.h. ein unvaluiertes Genusmerkmal trägt. Die Alternative hierzu wäre der Gebrauch von Nullmorphemen wie in Abbildung (5). Abb. (5) N [ * Gen * ] alpha N Affix [uGen] [ * Gen * ] mur -ø Das Problem bei dieser Annahme besteht jedoch darin, dass jedes einsilbige Nomen ein Nullmorphem im Französischen hätte. Aus diesem Grund ist die Annahme eines Defaults vorzuziehen. Zusammenfassend hat die Anwendung des Formalismus gezeigt, dass das Französische einen Zwischenstatus einnimmt, da Wurzeln im unmarkierten Fall ein valuiertes Genusmerkmal und im markierten Fall ein unvaluiertes Genusmerkmal tragen. Erst durch die Anwendung der Operation Merge auf die Wurzel und ein Derivationsmorphem oder einen Nasalvorkal wird ein unvaluiertes Genusmerkmal der Wurzel validiert. Der Formalismus: Spanisch und Italienisch Im Folgenden soll der Formalismus für das Spanische und Italienische vorgestellt werden. Spanische und italienische Nomina werden im Allgemeinen in Flexionsklassen eingeteilt (vgl. u.a. Harris 1991, Berrnstein 1993, D'Achille et al. 2003). Dabei werden die Flexionsklassen nach den Endungen der spanischen und italienischen Nomina gebildet. Für das Spanische und Italienische werden in der Regel drei Flexionsklassen angenommen, nämlich als erste Klasse, die Nomina mit der Nominalendung -a, als zweite Klasse, Nomina mit der Nominalendung -o, und als dritte Klasse, jene mit der Nominalendung -e oder -ø. Diese Flexionklassen sind <?page no="358"?> 358 Merkmale der nominalen Wurzel, welche die phonologische Form des flektierten Nomens determinieren 96 : Tabelle (1) Substantivflexionsklassen im Spanischen und Italienischen -o Klasse -a Klasse -e Klasse -ø Klasse Spanisch lob-o sill-a coch-e sed-ø Italienisch lup-o sedi-a fior-e gru-ø Im vorliegenden Rahmen soll dafür argumentiert werden, dass nominale Wurzeln im spanischen und italienienischen Lexikon ein valuiertes N- Klassenmerkmal [ * N Klasse* ] und ein valuiertes Genusmerkmal [ * Gen * ] tragen, während die nominalen Flexionsmarker ausschließlich ein unvaluiertes N-Klassenmerkmal [uN Klasse ] aufweisen. Da die nominalen Flexionsmarker keine Genusträger sind, weisen sie demzufolge auch keine Genusmerkmale auf. Die Abbildung (6) verdeutlicht für das italienische Nomen lupo (Sg.) bzw. lupi (Pl.) die Anwendung der Operation Merge auf die Basis lup- und den Flexionsmarker -o bzw. -i. Die italienische Basis lupwird mit einem valuierten Genusmerkmal und einem valuierten nominalen Flexionklassenmerkmal aus dem Lexikon ausgewählt und in die morphologische Komponente eingesetzt. Ferner weist die Basis ein unvaluiertes Numerusmerkmal [uNum] auf, wodurch sie eine defektive Sonde enthält (vgl. Chomsky 1998ff.). Während im Deutschen sowohl das Genusmerkmal als auch das nominale Klassenmerkmal der Basis unvaluiert sind und diese bereits ausreichen, um einen Sondiervorgang auszulösen, ist dies im Italienischen nicht der Fall. Da die italienische Basis ein valuiertes Genusmerkmal und ein valuiertes Klassenmerkmal aufweist und nach Chomsky (1998) ausschließlich unvaluierte Merkmale als Sonden fungieren, können die beiden Merkmale keinen Sondiervorgang auslösen. Die in der italienischen Basis enthaltene Merkmalsmenge beinhaltet zusätzlich zu dem valuierten Genus- und Klassenmerkmal ein unvaluiertes Numerusmerkmal, sodass hier ein Sondiervorgang ausgelöst wird. 97 Darüber hin- 96 Im Spanischen und Italienischen können Verben ebenfalls in Flexionsklassen eingeteilt werden. Aus diesem Grund liegt die Annahme nahe, dass verbale Basen ein valuiertes V-Flexionsklassenmerkmal [ * V Klasse* ] und verbale Flexionsmarker ein unvaluiertes V-Klassenmerkmal [ * V Klasse* ] tragen. 97 Wie bereits erwähnt, beinhaltet die deutsche Basis ebenfalls ein unvaluiertes Numerusmerkmal. Die Validierung des Numerusmerkmals soll jedoch, um die Kernhypothese nicht aus den Augen zu verlieren, im vorliegenden Rahmen vernachlässigt werden. Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass der nominale Flexionsmarker ein valuiertes Numerusmerkmal im Deutschen aufweist, welcher bei Verkettung mit der Basis das unvaluierte Numerusmerkmal validiert. <?page no="359"?> 359 aus wird das Affix -o bzw. -i mit einem unvaluierten N-Klassenmerkmal und einem valuierten Numerusmerkmal in die morphologische Komponente eingesetzt. Abb. (6) N [ * Gen * ] [ * Num * ] N Affix [ * Gen * ] [uN Klasse ] [ * N Klasse * ] [ * Num * ] [uNum] it. lup -o / -i Durch die Verkettung der Basis lupmit dem Affix -o, welches ein valuiertes Numerusmerkmal [ * Num: Sg * ] und ein unvaluiertes N-Klassenmerkmal [uN Klasse ] trägt, wird das Nomen [ N lupo] gebildet. Darüber hinaus wird durch die Anwendung der Operation Merge auf die Basis lup- und das Affix -i, welches ein valuiertes Numerusmerkmal [ * Num: Pl * ] und ein unvaluiertes N-Klassenmerkmal [uN Klasse ] aufweist, die entsprechende Pluralform [ N lupi] generiert wird. Die Sonde der Basis lupsucht nach einem passenden Ziel und findet das Affix -o bzw. -i, welches für Numerus validiert ist. Wenn die Basis lupmit dem Affix -o verkettet wird, dann belegt die Sonde ihr bislang noch nicht validiertes Numerusmerkmal mit dem Wert [Sg]. Die Anwendung der Operation Merge auf die Basis lup- und das Affix -i führt dazu, dass die Sonde ihr unvaluiertes Numerusmerkmal mit dem Wert [Pl] belegt. Außerdem enthält das Affix eine Sonde, da dieses ein unvaluiertes N-Klassenmerkmal [uN Klasse ] aufweist. Die Sonde des Affixes sucht nach einem passenden Ziel und findet die Basis lup-, die ein valuiertes N-Klassenmerkmal trägt. Für einen erfolgreichen Agree-Prozess gilt die Bedingung, dass zwischen Sonde und Ziel c-command herrschen muss. Diese Bedingung wird erfüllt, denn die Basis lupist der Schwesterknoten des Affixes -o bzw. -i, welches somit in der Sondierungsdomäne der Sonde liegt. Zwischen Sonde und Ziel erfolgt Agree, wobei die Sonde ihr bislang noch unvaluiertes N-Klassenmerkmal validiert. Während das Klassenmerkmal getilgt wird und nicht mehr projiziert, da es von der Syntax nicht gelesen werden kann, werden das valuierte Genus- und Numerusmerkmal „emporgereicht“ und auf [ N lupo] bzw. [ N lupi] projiziert. <?page no="360"?> 360 Für das Spanische soll ebenfalls angenommen werden, dass nominale Wurzeln ein valuiertes N-Klassenmerkmal [ * N-Klasse * ], ein valuiertes Genusmerkmal [ * Gen * ] und ein unvaluiertes Numerusmerkmal [uNum] tragen. In Abbildung (7) werden die einzelnen Derivationsschritte, die das spanische Nomen [ N lobo(s)] in der präsyntaktisch morphologischen Komponente durchläuft, vorgestellt. Abb. (7a) N Abb. (7b) N [ * Gen * ] [ * Gen * ] [uNum] [ * Num * ] N Affix N Affix [ * Gen * ] [uN Klasse ] [ * Gen * ] [ * Num * ] [ * N Klasse* ] [uNum] [uNum] [uNum] sp. lob- -o sp. lobo -ø / -s Die spanische Basis lobwird mit einer bestimmten Merkmalsmenge aus dem Lexikon ausgewählt und in die morphologische Komponente eingesetzt. Dabei weist die Basis ein valuiertes Genusmerkmal, ein valuiertes Klassenmerkmal und ein unvaluiertes Numerusmerkmal auf. Die Sonde der Basis lobsucht in ihrer Sondierungsdomäne nach einem passenden Ziel und findet zunächst das Affix -o. Da dieses aber ein unvaluiertes Numerusmerkmal aufweist und somit für das in der Sonde unvaluierte Numerusmerkmal keinen entsprechenden Wert übermitteln kann, erfolgt zunächst kein Agree. Außerdem sucht die Sonde des Affixes in ihrer Sondierungsdomäne nach einem passenden Ziel und findet die Basis lob-, die ein valuiertes N-Klassenmerkmal trägt. Zwischen Sonde und Ziel erfolgt Agree, wobei die Sonde ihr bislang noch unvaluiertes N-Klassenmerkmal validiert. Das Klassenmerkmal ist bereits saturiert und projiziert nicht mehr, während das valuierte Genusmerkmal und das unvalierte Numerusmerkmal perkolieren. Das Affix trägt bei der Verkettung mit der Basis ein unvaluiertes Numerusmerkmal, da ansonsten kein weiterer Sondiervorgang mehr ausgelöst werden kann, um die Pluralform [ N lobos] zu generieren. Den Merkmalwert [Num: Sg] erhält das spanische Nomen [ N lobo], indem die Sonde der Basis lobo nach einem passenden Ziel sucht und das Nullmorphem findet, welches ein validiertes Numerusmerkmal trägt. Zwischen Basis und Ziel erfolgt Agree, wobei der Merkmalwert [Num: Sg] vom Ziel auf die Sonde übertragen wird. Den Merkmalwert [Num: Pl] erhält das spanische Nomen [ N lobos], indem die Sonde der Basis lobo nach einem passenden Ziel sucht und das Pluralmorphem -s findet, <?page no="361"?> 361 das ein validiertes Numerusmerkmal trägt. Der Sondiervorgang führt schließlich zu dem Resultat, dass die Sonde ihr unvaluiertes Numerusmerkmal mit dem Wert [Pl] belegt. 98 Die Frage, welche Unterschiede hinsichtlich der Merkmalspezifikation der Wurzel in den analysierten Sprachen bestehen, kann nun folgendermaßen beantwortet werden: Im deutschen Lexikon haben Wurzeln ein unvaluiertes Genusmerkmal und ein unvaluiertes N-Klassenmerkmal, das jeweils erst im Zusammenspiel mit Merge motiviert durch Agree oder mit Merge motiviert durch Selektion validiert wird. Das Französische weist im Vergleich zu den anderen analysierten Sprachen keine nominalen Flexionsmarker auf. Für das Französische wurde ein Default formuliert, der besagt, dass französische Wurzeln im unmarkierten Fall ein valuiertes Genusmerkmal und im markierten Fall ein unvaluiertes Genusmerkmal tragen. Zusammenfassend lässt sich für das Spanische und Italienische festhalten, dass Wurzeln mit einem valuierten Genusmerkmal und einem valuierten N-Klassenmerkmal aus dem Lexikon ausgewählt und in die morphologische Komponente eingesetzt werden. Insgesamt werden die deutschen, die französischen, die spanischen und die italienischen Nomina durch Affigierung in der präsyntaktischen morphologischen Komponente gebildet und mit einem valuierten Genusmerkmal in die syntaktische Derivation eingesetzt. Beim Übergang von Morphologie zu Syntax trägt somit jedes Nomen ein valuiertes Genus- 98 Obwohl die Spezifizierung des Numerusmerkmals nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, soll darauf hingewisen werden, dass es möglicherweise verschiedene Optionen gibt, wie das Numerusmerkmal der spanischen Basis durch Agree seine jeweilige Spezifizierung erhält. Ein möglicher Lösungsansatz wäre, dass die Numerusspezifizierung nicht in der morphologischen Komponente, d.h. präsyntaktisch erfolgt, sondern in der Syntax. Die Erklärung basiert auf der Annahme einer funktionalen Projektion NumP, die zwischen der DP und NP angesiedelt ist (vgl. Ritter 1991, Carstens 1991, Valois 1991, Bernstein 1993). Das Nullmophem und das Pluralmorphem -s sind Flexionsaffixe und können somit Kopf der funktionalen Projektion NumP sein, welche in der Syntax durch Kopf-Bewegung an den Stamm gehängt werden. Die Numerusspezifizierung wäre demnach ein Prozess, der innerhalb der Syntax stattfindet. Masullo (2002) argumentiert dafür, dass Genus ein lexikalisches Phänomen ist, während Numerus erst im Verlauf der Derivation aufgelöst wird. Aus diesem Grund kann vermutet werden, dass die Validierung des Numerusmerkmals in der Syntax erfolgt. Eine weitere Erklärungsmöglichkeit wäre, verschiedene Pluralmorpheme wie -os, -as und -es anstelle eines Pluralmorphems -s anzunehmen. Demzufolge erhält das Nomen [ N lobos] die Merkmalbelegung [Num: Pl], durch Merge auf lob- und -os, wobei das Pluralmorphem -os für [Num: Pl] spezifiziert ist. Der Nachteil dieser Analyse besteht jedoch darin, dass nicht nur ein Pluralmorphem im Lexikon gespeichert wird, sondern mehrere Pluralmorpheme, die jeweils einen eigenen Lexikoneintrag erfordern. <?page no="362"?> 362 merkmal. Die Unterschiede, die zwischen den analysierten Sprachen bestehen, werden in der folgenden Tabelle zusammenfassend dargestellt. Tabelle (2) Sprachspezifische Merkmalspezifikation der Wurzel Deutsch Französisch Italienisch Spanisch Wurzel dt. [uGenus] [uN Klasse ] Wurzel frz. [uGenus]: markiert [ * Genus * ]: unmarkiert Wurzel it. : [ * Genus * ] [ * N Klasse * ] Wurzel sp. [ * Genus * ] [ * N Klasse * ] Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse haben für alle bilingualen Kinder gezeigt, dass insgesamt häufiger das Genus des Nomens das Genus der Determinante bestimmt als das Genus des jeweiligen Übersetzungsäquivalents. Dennoch wurde für den Zugriff auf das Genus des Äquivalents eine Gradierung deutlich: Die bilingual deutsch-französischen Kinder greifen signifikant häufiger auf das Genus des romanischen bzw. auf das Genus des deutschen Äquivalents zu als die deutschspanischen, die deutsch-italienischen und die italienisch-französischen Kinder. Außerdem haben greifen die bilingual deutsch-italienischen und deutsch-spanischen Kinder häufiger auf das Genus des Äquivalents zu, wenn das Nomen in der gemischten DP aus dem Deutschen stammt. Die empirischen Befunde können mit dem vorgeschlagenen Formalismus erklärt werden: Im Deutschen wird das unvaluierte Genusmerkmal der Basis erst durch Merge mit Elementen vom Typ derivationeller oder inflektionaler Morpheme validiert, während im Italienischen und Spanischen alle Wurzeln bereits ein valuiertes Genusmerkmal im Lexikon tragen. Im Deutschen muss die Basis zuerst mit einem derivationellen oder einem inflektionalen Morphem verkettet werden, um eine Genusmarkierung zu erhalten. Mischt das bilinguale Kind ein deutsches Nomen mit einer spanischen oder italienischen Determinante, dann greift es auf das Genus des spanischen bzw. italienischen Äquivalents zu, da das Genusmerkmal im Spanischen bzw. Italienischen nicht mehr validiert werden muss und somit früher im Verlauf der Derivation zur Verfügung steht als im Deutschen. Die bilingual deutsch-spanischen und deutsch-italienischen Kinder greifen in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen häufiger auf das Genus des spanischen bzw. italienischen Äquivalents zu, weil im Deutschen Genus erst später im Verlauf der Derivation aufgelöst wird als im Spanischen und Italienischen. Aus einer psycholinguistischen Perspektive sollte es demnach mit weniger Aufwand verbunden sein, auf das Genus des spanischen bzw. italienischen Nomens zuzugreifen, da Genus bereits ein valuiertes Merkmal der spanischen bzw. italienischen Wurzel ist. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit auf das Genus des deutschen Äqui- <?page no="363"?> 363 valents zuzugreifen geringer, da die Wurzeln im Spanischen und Italienischen bereits ein valuiertes Genusmerkmal im Lexikon tragen. Aus einer psycholinguistischen Perspektive sollte man annehmen, dass für einen bilingualen Sprecher der Zugriff auf das Genus des deutschen Äquivalents mit mehr Aufwand verbunden ist, da das unvaluierte Genusmerkmal der deutschen Wurzel erst durch Merge mit einem derivationellen oder inflektionalem Morphem validiert werden muss. Es stellt sich jedoch die Frage, warum die bilingualen Kinder dann nicht immer in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen auf das Genus des spanischen bzw. italienischen Äquivalents zugreifen, wenn dies mit weniger Aufwand verbunden ist. Die Untersuchungergebnisse haben gezeigt, dass selbst in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen häufiger das Genus des deutschen Nomens die Genusmarkierung an der romanischen Determinante bestimmt und nicht das Genus des romanischen Äquivalents. Die Anwendung des Formalismus hat deutlich gemacht, dass Nomina, unabhängig davon aus welcher Sprache sie stammen, mit einem valuierten Genusmerkmal die präsyntaktische morphologische Komponente verlassen und die syntaktische Derivation eingesetzt werden. Beim Übergang von Morphologie zu Syntax trägt jedes Nomen ein valuiertes Genusmerkmal. Wenn ein Nomen mit einem valuierten Genusmerkmal in die Syntax gelangt, dann ist die Merkmalsspezifizierung der Wurzel für die Syntax nicht mehr sichtbar. Daraus folgt, dass häufiger das valuierte Genusmerkmal des in die Syntax eingesetzten Nomens die Genusmarkierung an der Determinante bestimmt, als das Genus des jeweiligen Äquivalents. Insgesamt bestimmt überwiegend das Genus des Nomens in der gemischten DP das Genus der Determinante bestimmt. Aus diesem Grund soll dafür argumentiert werden, dass Nomina mit einem validierten Genusmerkmal in die syntaktische Derivation gelangen. Warum greifen die bilingual deutsch-französischen Kinder insgesamt häufiger auf das Genus des Äquivalents zu? Für ein bilingual deutschfranzösisches Kind ist das Genus des Äquivalents in beide Richtungen relevant. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein bilingual deutsch-französisches Kind im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern häufiger auf das Genus des Äquivalents zugreift, ist größer, da es in beiden Sprachen Evidenz für genus-unvaluierte Wurzeln findet. Über den Formalismus ist deutlich geworden, dass ein unvaluiertes Genusmerkmal erst im Zusammenspiel mit Merge validiert wird. Diese Verkettungsoperation ist aus einer psycholinguistischen Perspektive mit Verarbeitungsaufwand verbunden. Das bedeutet, dass die Validierung unvaluierter Genusmerkmale den gleichen Verabeitungsaufwand in beiden Sprachen impliziert. Folg- <?page no="364"?> 364 lich erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auf das Genus des Äquivalents in beiden Sprachen zuzugreifen. Im Folgenden soll die Frage beantwortet werden, wie sich die beobachtete Asymmetrie beim wortinternen Sprachenwechsel erklären lässt. Der wortinterne Sprachenwechsel vollzieht sich überwiegend in eine Richtung, d.h. von einer romanischen Basis zu einem deutschen Suffix. Im Folgenden soll über den vorgestellten Formalismus erklärt werden, warum diese Asymmetrie beim wortinternen Sprachenwechsel auftritt. Die Stärke des vorgeschlagenen Formalismus besteht also darin, dass hiermit auch andere CS-Phänomene erklärt werden können. Außerdem liefert die Anwendung des Formalismus auf den wortinternen Sprachenwechsel Evidenz dafür, dass Unterschiede bezüglich der Merkmalspezifikation der Wurzel in den analysierten Sprachen existieren. Warum sollte sich sonst eine Asymmetrie beim wortinternen Sprachenwechsel zeigen? In der Literatur wird häufig die Frage gestellt, ob es sich beim wortinternen Sprachenwechsel nicht eher um Borrowing handelt als um CS. Nach dem PF disjunction theorem von MacSwan (2000) ist CS beim wortinternen Sprachenwechsel nicht möglich. Während MacSwan (2000) davon ausgeht, dass es sich beim wortinternen Sprachenwechsel immer um Borrowing handelt, soll im vorliegenden Rahmen dafür argumentiert werden, dass es hierbei durchaus Fälle von CS geben kann. Es wird deutlich werden, dass über den vorgestellten Formalismus eine Unterscheidung zwischen CS und Borrowing möglich ist. Dabei soll angenommen werden, dass es sich bei den gemischten Wortformen, in denen die Basis aus der romanischen Sprache und das Suffix aus dem Deutschen stammen, um reines CS handelt. Wird die Sprache in die andere Richtung gewechselt, d.h. von einer deutschen Basis zu einem romanischen Suffix, dann handelt es sich nach dem vorgestellten Formalismus um Borrowing. Warum der Wechsel von einer deutschen Basis zu einem romanischen Suffix als Borrowing bezeichnet wird, soll im Folgenden näher erläutert werden. In der Abbildung (8) besteht das gemischte Nomen aus einer italienischen Basis und einer deutschen Flexionsendung. Dabei ist gelatdie italienische Basis, an die der deutsche -(e)n-Plural suffigiert wurde. Sowohl die italienische Basis als auch die deutsche Flexionsendung wird jeweils mit einem valuierten Genusmerkmal und einem valuierten N-Klassenmerkmal aus dem Lexikon ausgewählt und die morphologische Komponente eingesetzt. Durch die Anwendung der Operation Merge auf die italienische Basis und die deutsche Flexionsendung wird die gemischte Wortform [ N gelaten] gebildet. Das gemischte Nomen weist beim Übergang von Mophologie zu Syntax kein N-Klassenmerkmal auf, d.h. das Klassenmerkmal wird nicht auf N projiziert, weil es von der Syntax nicht in- <?page no="365"?> 365 terpretiert werden kann. Da alle Merkmale valuiert sind, sollte CS zwischen einer romanischen Basis und einem deutschen Suffix möglich sein. Abb. (8) N N Affix [ * Gen * ] [ * Gen * ] [ * N Klasse* ] [ * N Klasse* ] it. gelat dt. -en Während der wortinterne Sprachenwechsel zwischen einer romanischen Basis und einem deutschen Suffix als CS bezeichnet wird, handelt es sich bei den Mischungen zwischen einer deutschen Basis und einem romanischen Suffix um Borrowing. In Abbildung (9) besteht das gemischte Nomen Barta aus einer deutschen Basis Bart, an die die spanische Nominalendung -a suffigiert wurde. Die deutsche Basis wird mit einem unvaluierten Genusmerkmal und einem unvaluierten Klassenmerkmal aus dem Lexikon ausgewählt. Die spanische Endung -a trägt ausschließlich ein unvaluiertes Klassenmerkmal. Die Verkettung der deutschen Basis Bartmit dem spanischen Affix -a führt dazu, dass das sowohl das Genusmerkmal als auch das N-Klassenmerkmal nicht validiert werden. Abb. (9) N N Affix [uGen] [ u N Klasse ] [ u N Klasse ] dt. Bart sp. -a In diesem Fall kann der wortinterne Sprachenwechsel nur über Borrowing erklärt werden: Die deutsche Basis Bartmuss die Merkmalwerte des spanischen Äquivalents barbin der gemischten Wortform Barta aufweisen. Da die spanische Basis barbein valuiertes Genusmerkmal und ein valuiertes Klassenmerkmal trägt, werden diese Merkmale beim Sprachenwechsel aus dem Spanischen entlehnt. Das spanische Äquivalent barba hat feminines Genus, d.h. die Basis barbträgt ein valuiertes Genusmerkmal mit dem Merkmalwert [Gen: fem.]. Wenn es sich bei dem gemischten Nomen Barta tatsächlich um Borrowing handelt, dann sollte sich dies auf die Genusmarkierung an der Deterninante in einer gemischten DP aus- <?page no="366"?> 366 wirken: Wird das Nomen Barta mit einer spanischen Determinante gemischt, dann muss die spanische Determinante feminines Genus haben, d.h. das Genus des spanischen Äquivalents. In den analysierten Kinderdaten wurde die Sprachmischung [ DP una fem Barta] von dem bilingual deutsch-spanischen Kind Arturo produziert. Hierbei wird deutlich, dass der spanische indefinite Artikel una feminines Genus aufweist. Die deutsche Basis Bartträgt in diesem Fall das entlehnte feminine Genusmerkmal der spanischen Basis barb-, welches die Genusmarkierung an der spanischen Determinante bestimmt. Ingesamt können in den analysierten Longitudinalstudien nur zwei Sprachmischungen nachgewiesen werden, in denen die gemischte DP auch ein gemischtes Nomen beinhaltet: una fem Barta und una fem Schera. Die Sprachmischung una fem Schera ist ebenfalls in den Sprachdaten von Arturo aufgetreten. Das deutsche Nomen Schere fem und das spanische Äquivalent tijera fem haben beide feminines Genus. Über die Genusmarkierung an der spanischen Determinante una fem kann nicht entschieden werden, ob das Kind das Genus des deutschen Nomens oder das Genus des spanischen Äquivalents an der Determinante markiert hat. Wenn es sich hierbei jedoch um Borrowing handelt, dann muss die spanische Determinante das feminine Genus des spanischen Äquivalents tijera fem aufweisen. Der vorgeschlagene Formalismus wäre möglicherweise dann falsifiziert, wenn man wortinterne Sprachmischungen nachweisen kann, in denen das Genus des deutschen Nomens von dem Genus des spanischen Äquivalents abweicht und das Kind das Genus des deutschen Nomens an der Determinante markiert (z.B. el mask Barta). Das deutsche Nomen Bart ist maskulin und es stellt sich die Frage, wie das unvaluierte Genusmerkmal der deutschen Basis Bartüberhaupt validiert werden konnte, wenn die Basis nicht mit einem derivationellen oder inflektionalem Morphem, welches ein valuiertertes Genusmerkmal trägt, verkettet wurde. Bei der Sprachmischung el mask Barta wäre jedoch auch nicht vollständig klar, ob es sich tatsächlich um ein Gegenbeispiel handelt und somit um eine Falsifizierung des Formalismus. Es wäre ebenso denkbar, dass das bilinguale Kind dem spanischen Äquivalent barba ein nicht-zielsprachliches Genus zugewiesen hat, d.h. das Maskulinum. Folglich wäre im Einzelnen zu überprüfen, welches Genus dem spanischen Äquivalent barba zugewiesen wurde. Wenn das bilinguale Kind das spanische Nomen barba fälschlicherweise mit dem maskulinen Genus erworben hat, dann handelt es sich nämlich nicht um ein Problem bei der Anwendung des Formalismus. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die beobachtetete Asymmetrie beim wortinternen Mischen als Konsequenz unterschiedlicher Eigenschaften der beteiligten Einzelsprachen beim Sprachenwechsel interpretiert werden kann. <?page no="367"?> 367 Im Folgenden soll die Frage beantwortet werden, warum der postulierte Formalismus in ein präsyntaktisches Morphologiemodul eingebettet wird. Der Formalismus besagt für das Deutsche, dass Genus im Verbund mit Flexionsklasse existiert und Flexionssuffixe ein valuiertes Genusmerkmal und ein valuiertes N-Klassenmerkmal tragen. Bei der Verkettung einer deutschen Basis, die ein unvaluiertes Genusmerkmal und unvaluiertes N-Klassenmerkmal trägt, mit einem Flexionsmarker werden die in der Basis enthaltenen unvaluierten Merkmale validiert. Während deutsche Basen mit einem unvaluierten Genusmerkmal und einem unvaluierten N-Klassenmerkmal aus dem Lexikon ausgewählt werden, werden italienische und spanische Basen mit einem valuierten Genusmerkmal und einem valuierten N-Klassenmerkmal aus dem Lexikon entnommen und in die präsyntaktische morphologische Komponente eingesetzt. Insgesamt wird deutlich, dass sowohl für das Deutsche als auch für das Spanische und Italienische die Annahme von Flexionsklassenmerkmalen von Bedeutung ist. Darüber hinaus ist dafür argumentiert worden, dass Flexionsklassenmerkmale nach der Verkettung der Basis mit einem Flexionssuffix nicht auf N projizieren. Das durch Merge gebildete Nomen stellt den Input für die Syntax dar, indem es nur Merkmale trägt, die von der Syntax auch gelesen werden können. Die Anwendung des Formalismus kann nur im Rahmen eines präsyntaktischen Morphologiemoduls erfolgen, da Flexionsklassenmerkmale syntaktisch nicht-interpretierbar sind. Die Annahme, dass Flexionsklassenmerkmale nur für die Morphologie relevant sind, aber nicht für die Syntax, motivieren Alexiadou und Müller (2008) folgendermaßen: Wenn Flexionsklassenmerkmale eine Rolle in der Syntax spielten, dann sollte man beispielsweise erwarten, dass Verben bestimmte Flexionsklassenmerkmale selegieren, d.h. ein Verb mit einem spezifischen Klassenmerkmal sollte nur ein Nomen selegieren, das ebenfalls für dieses Klassenmerkmal spezifiziert ist. Für die Subjekt-Verb Kongruenz sollte sich zeigen, dass Subjekt und Verb hinsichtlich ihrer Klassenmerkmale kongruieren. Darüber hinaus wäre auch für die Nomen-Adjektiv Kongruenz zu erwarten, dass Adjektive und Nomen hinsichtlich ihrer Klassenmerkmale kongruieren. Diese Erwartungen können jedoch nicht bestätigt werden. Das folgende Beispiel aus dem Spanischen zeigt, dass es keine Nomen-Adjektiv Kongruenz bezüglich der Flexionsklassenmerkmale gibt (vgl. Alexiadou und Müller 2008: 137). (1) a. [ DP la chica intelligente] b. [ DP el chico intelligente] Alexiadou und Müller (2008) argumentieren dafür, dass Klassenmerkmale in der Syntax keine Rolle spielen und vor dem Übergang von Morphologie zu Syntax eliminiert werden müssen. Flexionsklassenmerkmale un- <?page no="368"?> 368 terscheiden sich somit von Genusmerkmalen, da sie nicht auf andere Elemente im Satz übertragen werden. Genusmerkmale sind für die Syntax relevant, da sie eine Rolle bei syntaktischen Kongruenzbeziehungen spielen. Darüber hinaus nehmen Alexiadou und Müller (2008) an, dass die sog. Lesbarkeitsbedingung (Legibility Condition) verletzt wird, wenn Flexionsklassenmerkmale in der Syntax anwesend sind. Nach Chomsky (1995) besagt die Lesbarkeitsbedingung, dass ein Merkmal [F] nur dann auf einer Repräsentation erscheinen darf, die Teil des grammatischen Subsystems S ist, wenn [F] von S lesbar ist. Alexiadou und Müller (2008) nehmen aufgrund der Lesbarkeitsbedingung an, dass Flexionsklassenmerkmale ausschließlich von einer präsyntaktischen mophologischen Komponente gelesen werden können. In der Syntax sind Flexionsklassenmerkmale nicht lesbar und müssen vor dem Übergang von Morphologie zu Syntax gelöscht werden. Über den vorgestellten Formalismus ist deutlich geworden, dass die Substantivflexion in einer präsyntaktischen morphologischen Komponente erfolgt. 99 Der vorgeschlagene Formalismus wird in eine präsyntaktische morphologische Komponente eingebettet, die jeweils eine Schnittstelle zum Lexikon und eine Schnittstelle zur Syntax aufweist. Die aus dem Lexikon ausgewählten Morpheme werden mit bestimmten Merkmalen in die morphologische Komponente eingesetzt und zu morphologischen Objekten zusammengefügt, die in der syntaktischen Derivation gebraucht werden. Dabei wird das morphologische Material in der präsyntaktischen morphologischen Komponente für die anschließende syntaktische Derivation lesbar gemacht (vgl. Alexiadou und Müller 2008). Der Unterschied im Projektionsverhalten von Merkmalen richtet sich danach, ob ein Merkmal in der nachfolgenden Grammatikkomponente noch gebraucht wird (lesbar ist) oder nicht. Während Flexionsklassenmerkmale in der präsyntaktischen Komponente eliminiert werden und somit nicht auf N projizieren, werden Genusmerkmale auf N projiziert. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der vorgeschlagene Formalismus in ein präsyntaktisches Morphologiemodul eingebettet wird, da bei der Verkettung Flexionsklassenmerkmale involviert sind, die in der Syntax nicht gelesen werden können. 99 In der Literatur gibt es unterschiedliche Annahmen für die Flexion und in welcher Grammatikkomponente diese erfolgt. Eine wesentliche Unterscheidung ist die zwischen der stark lexikalistischen Hypothese, der zufolge sowohl morphologische Prozesse der Derivation, Komposition etc. als auch die der Flexion im Lexikon stattfinden (u.a. Halle 1973, Selkirk 1982, DiSciullo & Williams 1987), und der schwach lexikalistischen Hypothese, wonach Wortbildung im Lexikon, Flexion aber in der Syntax erfolgen (u.a. Anderson 1982) (vgl. Kapitel 4.1). <?page no="369"?> 369 6.2 Analyse im Rahmen der Distributed Morphology Im diesem Abschnitt soll ein Lösungsvorschlag im Rahmen der DM vorgestellt werden, in den zusätzlich die Operation Agree des Sonde-Ziel- Modells integriert wird. Der DM-Ansatz hängt zwar nicht unmittelbar mit den Grundannahmen des Minimalismus zusammen, dennoch lässt er sich mit neueren generativen Ansätzen kombinieren. 100 Der DM liegt ein syntaktischer Ansatz für die Morphologie zugrunde, welcher im Folgenden für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen verdeutlicht werden soll. Während der Erklärungsansatz im vorherigen Abschnitt sowohl auf einem präsyntaktischen Lexikon als auch auf einem präsyntaktischen Morphologiemodul basiert, wird der Lösungsvorschlag im Rahmen der DM zeigen, dass Wörter nicht den Input, sondern den Output des Berechnungssystems bilden. Schließlich sind in der DM das unifizierte, präsyntaktische Lexikon und die Morphologie einem distributiven Konzept gewichen. Im vorherigen Abschnitt ist für das Deutsche gezeigt worden, dass Genus im Verbund mit Flexionsklasse existiert. Diese Annahme kann im Rahmen eines rein syntaxbasierten Erklärungsansatzes nicht weiter aufrecht erhalten werden, da Flexionsklassenmerkmale innerhalb der Syntax nicht lesbar sind und somit die Legibility Condition verletzt wird. In der DM sind Flexionsmarker Vokabularelemente, die phonologische und (oft unterspezifizierte) morpho-syntaktische Merkmale paaren; sie werden postsyntaktisch in die funktionalen Morpheme eingesetzt (vgl. Müller 2005). Wenn Genus im Verbund mit Flexionsklasse existiert und Flexionsmarker erst postyntaktisch in funktionale Morpheme eingesetzt werden, dann würde Genus ebenfalls erst postsyntaktisch aufgelöst. Genusmerkmale sind aber für die Syntax relevant und spielen eine wichtige Rolle bei syntaktischen Kongruenzbeziehungen. Aus diesem Grund kann im Rahmen der DM nicht dafür argumentiert werden, dass Genus im Verbund mit Flexion aufgelöst wird. In der DM müssen sich Wurzeln mit einem kategoriebestimmenden Kopf (z.B. n°, a°, v°) verbinden, da sie im narrow lexicon keine Wortartinformation tragen (vgl. u.a. Marantz 1995). Eine nP besteht aus einer P, einem n° und einer Wurzel . Im Folgenden wird dafür argumentiert, dass Genus im Französischen und Deutschen ein Merkmal des funktionalen Kopfes n° ist. Sowohl im Deutschen als auch im Französischen entspricht die Anzahl der Genusmerkmale auf klein n°, der Anzahl der im Deutschen und Französischen existierenden Genera: 100 In der Arbeit von Pomino (2008), in der die Autorin die spanische Verbalflexion analysiert, wird beispielsweise der DM-Grammatikaufbau in die Architektur des minimalistischen Sonden- und Phasenmodells integriert. <?page no="370"?> 370 (2) Frz. a. n° [Gen: mask] b. n° [Gen: fem] (3) Dt. a. n° [Gen: mask] b. n° [Gen: fem] c. n° [Gen: neutr] Für das Spanische und Italienische soll hingegen angenommen werden, dass Genus ein Merkmal der Wurzel ist. Das bedeutet, dass spanische und italienische Wurzeln im narrow lexicon mit einer Genusmarkierung versehen sind. (4) Sp. a. _ [Gen: mask] b. _ [Gen: fem] (5) It. a. _ [Gen: mask] b. _ [Gen: fem] Die folgende Darstellung zeigt, dass Genus im Deutschen und Französischen ein Merkmal von klein n° ist, während Genus im Spanischen und Italienischen ein Merkmal der Wurzel ist. Abb. (10) Abb. (11) nP nP n° P n° P dt. [Gen: ] frz. [Gen: ] dt. sp. [Gen: ] frz. it. [Gen: ] Inkorporation n°[Gen: ] Im Französischen und Deutschen muss jedoch sichergestellt werden, dass die jeweilge Wurzel in das richtige n° inkorporiert. Die deutsche Wurzel Tisch darf z.B. nicht in n° [Gen: neutr] inkorporieren, da das Nomen Tisch mask maskulin ist. Aus diesem Grund sollten die französischen und deutschen Wurzeln Lizensierungsbedingungen im narrow lexicon aufweisen, d.h. die Information, in welches klein n° sie in der Syntax inkorporieren. Die Wurzel Tisch weist die Information auf, dass sie nur in einen n° [Gen: mask] - Kontext in die Syntax eingesetzt werden darf. Es wäre zu vermuten, dass Wurzeln, die mit mehreren Genera kompatibel sind, keine oder unterspezifizierte Lizenzierungsbedingungen im narrow lexicon aufweisen. Die Wurzel Lehr-, die sowohl in n° [Gen: mask] als auch in n° [Gen: fem] inkorporieren kann, im Fall von [ N Lehrer mask ] bzw. [ N Lehrerin fem ], sollte nur die Information tragen, dass sie nicht in einen n° [Gen: neutr] -Kontext in die Syntax eingesetzt werden darf. Im narrow lexicon wäre die Lizensierungsbedin- <?page no="371"?> 371 gung der Wurzel Lehrsomit unterspezifiziert. Für das Französische wäre zu vermuten, dass die Wurzel act-, die sowohl in n° [Gen: mask] , im Fall von [ N acteur mask ] als auch in n° [Gen: fem] im Fall von [ N actrice fem ] inkorporieren kann, überhaupt keine Lizensierungsbedingung aufweist. Demzufolge sollten Lizensierungsbedingungen von Wurzeln, die aus einem ternären Genussystem stammen, stets unterspezifiziert sein, wenn die Wurzel in mehrere Kontexte eingesetzt werden kann. In einem binären Genussystem können Wurzeln nur in zwei unterschiedliche Einsetzungskontexte inseriert werden, d.h. eine Lizensierungsbedingung ist genau dann redundant, wenn die Wurzel in beiden Kontexten erlaubt ist. Darüber hinaus kann die Wurzel Tisch nur in n° und nicht in v° inkorporieren, da ein Verb wie tischen im Deutschen nicht existiert. Die Enzyklopädie sorgt in der DM für eine Verknüpfung von phonologischen Ausdrücken und ihrer Bedeutung. Die einzelnen Wurzeln sind im narrow lexicon in allen ihren speziellen Umgebungen bedeutungsmäßig erfasst. So wäre beispielsweise unter der Wurzel Tisch angegeben, dass dieses l- Morphem in Verbindung mit dem verbalen funktionalen en-Morphem keine existierende Bedeutung hat. Es wäre jedoch auch möglich, eine Lizensierungsbedingung zu formulieren, in der die Information steht, dass Tisch nur in n° inkorporieren darf. Für das spanische und italienische narrow lexicon wäre ebenfalls denkbar, dass nicht alle Wurzeln ein Genusmerkmal tragen. Es könnte vermutet werden, dass das natürliche Geschlecht ein Merkmal von n° ist, während das grammatische Genus immer ein Merkmal der Wurzel ist. Im Spanischen ist z.B. die Wurzel von [ N niña fem ] bzw. [ N niño mask ] in beiden Fällen niñ-. Wenn Genus in diesem Fall ein Merkmal der Wurzel ist, dann müsste die Wurzel niñmit einem femininen Genusmerkmal und mit einem maskulinen Genusmerkmal im narrow lexicon gespeichert sein. Auch im Italienischen müsste z.B. die Wurzel von [ N ragazza fem ] bzw. [ N ragazzo mask ] sowohl mit einem feminen als auch mit einem maskulinen Genusmerkmal im narrow lexicon gelistet sein. Um Redundanzen zu vermeiden, könnte im Spanischen und Italienischen Sexus ein Merkmal von n° sein. Wenn die spanische Wurzel niñbzw. die italienische Wurzel ragazzin n° [Gen: fem] inkorporiert, dann ist das natürliche Geschlecht feminin. Wenn die spanische Wurzel niñ bzw. die italienische Wurzel ragazzin n° [Gen: mask] inkorporiert, dann ist das natürliche Geschlecht maskulin. Während Sexus möglicherweise ein Merkmal von klein n° ist, ist das grammtische Genus ein Merkmal der Wurzel im Spanischen und Italienischen. Es ist vermutlich auf den ersten Blick befremdlich, das natürliche Geschlecht in der Syntax zu generieren. Dennoch ist diese Idee weitaus ökonomischer als die Annahme, dass Wurzeln mit zwei unterschiedlichen Genusmerkmalen im narrow lexicon stehen. Für die Annah- <?page no="372"?> 372 me, dass Genus im Französischen und Deutschen ein Merkmal von n° ist, liefern die empirischen Befunde der vorliegenden Arbeit Evidenz. Die bilingual deutsch-französischen Kinder greifen im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern signifikant häufiger auf das Genus des Äquivalents in beiden Sprachen zu. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein bilingual deutsch-französisches Kind häufiger auf das Genus des Äquivalents zugreift, erhöht sich, da Genus in beiden Sprachen in der gleichen strukturellen Position zugewiesen wird. In beiden Sprachen ist Genus ein Merkmal von n°. Die folgenden Strukturbäume (12) und (13) zeigen den Sprachenwechsel zwischen einer französischen Determinante und einem deutschen Nomen. Die deutsche Wurzel Tisch wird genuslos in die syntaktische Derivation eingesetzt. Wenn das maskuline Genus des deutschen Nomens Tisch die Genusmarkierung an der französischen Determinante festlegt, dann inkorporiert die Wurzel Tisch in n° [Gen: mask] . Bestimmt hingegen das Genus des französischen Äquivalents table fem das Genus der Determinante, dann inkorporiert die Wurzel Tisch in n° [Gen: fem] . Die konkrete Merkmalbelegung erhält der französische Artikel dadurch, dass die in D frz enthaltene Phi-Menge 101 als Sonde den von D frz . Abb. (12) DP D' D° nP (la / le) [Gen: ] n° P frz. [Gen: fem] dt. [Gen: mask] Tisch 101 Die in D enthaltene Sonde beinhaltet außerdem ein nicht-istantiiertes Numerus- und Kasusmerkmal. In den nachfolgenden Strukturbämen wird ausschließlich das nichtinstantiierte Genusmerkmal der Sonde dargestellt, da nur dieses für die Diskussion in der vorliegenden Arbeit relevant ist. <?page no="373"?> 373 Abb. (13) DP D' D° nP la [Gen: fem] le [Gen: mask] n° P frz. [Gen: fem] dt. [Gen: mask] Tisch Wenn die Sonde von D das Ziel n° [Gen: mask] findet, dann wird der französische definite Artikel le ausgewählt und mit dem deutschen Nomen Tisch zu der gemischten DP [ DP le Tisch] verkettet. Dabei wird deutlich, dass die Sonde von D frz das maskuline Genus von n° [Gen: mask] im Deutschen als Ziel gefunden hat und dieses auf das eigene nicht-instantiierte Genusmerkmal überträgt. Findet die Sonde von D frz hingegen das Ziel n° [Gen: fem] , dann wird der französische definite Artikel la realisiert und mit dem deutschen Nomen Tisch zu der gemischten DP [ DP la Tisch] verkettet. Dabei hat die Sonde nicht das Genus des deutschen Nomens, sondern das feminine Genus von n° [Gen: fem] des französischen Äquivalents table fem als Ziel gefunden. Die Abbildungen (14) und (15) zeigen den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem französischen Nomen. Die französische Wurzel tour wird genuslos in die syntaktische Derivation eingesetzt und in n° inkorporiert. Inkorporiert die Wurzel tour in n° [Gen: fem] , dann bestimmt das feminine Genus des französischen Nomens tour das Genus der deutschen Determinante. Durch die Anwendung der Operation Merge auf das französische Nomen tour und den definiten Artikel die wird die gemischte DP [ DP die tour] gebildet. Wenn die französische Wurzel in das feminine französische n° [Gen: fem] inkorporiert, dann legt das feminine Genus des französischen Nomens tour fem das Genus der französischen Determinante fest. Die Sonde von D dt findet das französische n° [Gen: fem] und belegt ihr unvaluiertes Genusmerkmal mit dem femininen Genus. Da die Merkmalbelegung der Sonde die Auswahl des französischen Artikels bestimmt und die Sonde das feminine Genus trägt, wird eine feminine französische Determinante realisiert. Inkorporiert die französische Wurzel hingegen in n° [Gen: mask] , dann legt das maskuline Genus des deutschen Äquivalents Turm mask das Genus der französischen Deter- <?page no="374"?> 374 minante fest. Durch Verkettung des deutschen Artikels mit dem französischen Nomen ensteht die gemischte DP [ DP der tour]. Abb. (14) DP D' D° nP (der / die) [Gen: ] n° P dt. [Gen: mask] frz. [Gen: fem] tour Abb. (15) DP D' D° nP der [Gen: mask] die [Gen: fem] n° P dt. [Gen: mask] frz. [Gen: fem] tour Insgesamt haben die Untersuchungsergebnisse in der deutsch-französischen Studie gezeigt, dass die bilingualen Kinder häufiger das Genus des Nomens und nicht das Genus des Äquivalents an der Determinante markieren. Dennoch ist im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern deutlich geworden, dass sie signifikant häufiger auf das Genus des deutschen bzw. das Genus des romanischen Äquivalents zugreifen. Im Rahmen des DM-Ansatzes kann dieses Ergebnis folgendermaßen erklärt werden: Für ein bilingual deutsch-französisches Kind ist das Genus des Äquivalents in beide Richtungen relevant, da Genus in beiden Sprachen in der gleichen strukturellen Postion generiert wird. Sowohl im Deutschen als auch im Französischen findet die Sonde von D Genus in der gleichen Position, d.h. in n°. Die Wahrscheinlichkeit, das Genus des deut- <?page no="375"?> 375 schen bzw. französischen Äquivalents an der Determinante zu markieren, erhöht sich, da Genus in beiden Sprachen ein Merkmal von n° ist. Für die bilingual deutsch-spanischen und deutsch-italienischen Kinder hat die vorliegende Arbeit folgendes Ergebnis hervorgebracht: Wenn die bilingualen Kinder ein deutsches Nomen mit einer romanischen Determinante mischen, dann wird das Genus des romanischen Äquivalents relevant. Im Folgenden soll dafür argumentiert werden, dass Genus an unterschiedlichen strukturellen Positionen im Deutschen und im Italienischen bzw. Spanischen auftritt. Während im Deutschen Genus ein Merkmal von n° ist, ist Genus im Italienischen und Spanischen ein Merkmal der Wurzel. Der Strukturbaum (16) zeigt den Sprachenwechsel zwischen dem deutschen definiten Artikel der bzw. die und dem spanischen Nomen silla bzw. dem italienischen Nomen sedia. Die romanische Wurzel sill- [Gen: fem] bzw. sed- [Gen: fem] wird mit dem femininen Genus in die syntaktische Derivation eingesetzt. Wenn das feminine Genus des romanischen Nomens das Genus an der deutschen Determinante festlegt, dann belegt die Sonde von D dt ihr Genusmerkmal mit dem Wert [Gen: fem]. Wenn das Genus des deutschen Äquivalents Stuhl mask das Genus der deutschen Determinante bestimmt, dann belegt die Sonde ihr Genusmerkmal mit dem Wert [Gen: mask]. In einem Sondiervorgang sucht die Sonde von D dt nach einem geeigneten Ziel, um ihr nicht-instantiiertes Genusmerkmal zu validieren. Dafür kommen zwei potentielle Ziele in Frage: Die romanische Wurzel, die ein valuiertes Genusmerkmal trägt und n°, welches das maskuline Genus des deutschen Äquivalents Stuhl trägt. Die Ergebnisse zeigen, dass die bilingualen Kinder überwiegend das Genus des romanischen Nomens an der deutschen Determinante markieren (z.B. [ DP die fem silla fem ] und [die fem sedia fem ]). Das bedeuet, dass die Sonde von D dt häufiger das Genus der romanischen Wurzel findet als das Genus des deutschen n°. <?page no="376"?> 376 Abb. (16) DP D' D° nP (der / die ) [Gen: ] n° P dt. [Gen: mask] sp. sill [Gen: fem] it. sed [Gen: fem] Warum greifen die bilingualen Kinder selten auf das Genus des deutschen Äquivalents zu (z.B. [ DP der mask silla fem ] und [der mask sedia fem ])? Die deutsche Wurzel Stuhl ist im narrow lexicon genuslos, d.h. sie muss erst in n° inkorporieren, um maskulines Genus zu erwerben, während die romanische Wurzel Genus bereits beim Einsetzen in die Syntax hat. Im Vergleich zum Spanischen und Italienischen ist im Deutschen ein Derivationsschritt erforderlich, damit das Genus des deutschen Äquivalents Stuhl festgelegt wird, nämlich Inkorporation der deutschen Wurzel in n°. Demzufolge greifen die bilingualen Kinder selten auf das Genus des deutschen Äquivalents zu, da die deutsche Wurzel erst in n° inkorporiert werden muss, um eine Genusmarkierung zu haben. Die bilingualen Kinder wählen beim CS die Option, die am wenigsten Berechnungsaufwand bzw. Derivationsschritte erfodert. Je mehr Derivationsschritte erforderlich sind, desto unökonomischer ist die Derivation. Wenn das Genus des deutschen Äquivalents Stuhl das Genus der Determinante bestimmt, wie in [ DP der silla] bzw. [ DP der sedia], dann muss die deutsche Wurzel Stuhl zuerst in n° [Gen: mask] inkorporieren, damit sie maskulines Genus erhält. Die Sonde von D dt findet das Genus der romanischen Wurzel sillbzw. sed-, da diese bereits beim Einsetzen in die Syntax genusmarkiert ist. Aus diesem Grund greifen die deutsch-italienischen und deutsch-spanischen Kinder selten auf das Genus des deutschen Äquivalents zu. <?page no="377"?> 377 Abb. (17) DP D' D° nP der [Gen: mask] die [Gen: fem] n° P dt. [Gen: mask] sp. sill [Gen: fem] it. sed [Gen: fem] Darüber hinaus haben die Untersuchungsergebnisse gezeigt, dass die Kinder beim Sprachenwechsel zwischen einer italienischen bzw. spanischen Determinante und einem deutschen Nomen häufiger auf das Genus des romanischen Äquivalents zugreifen (z.B. [ DP la fem Stuhl mask ] als in den gemischten DPn mit einem romanischen Nomen auf das Genus des deutschen Äquivalents. Dieses Ergebnis liefert ebenfalls Evidenz für die Annahme, dass Genus im Deutschen erst durch Inkorporation festgelegt wird, während im Italienischen und Spanischen Genus ein Merkmal der Wurzel ist. Die bilingualen Kinder greifen auf das feminine Genus des romanischen Äquivalents silla bzw. sedia zu, da die romanische Wurzel bereits früher im Verlauf der syntaktischen Derivation Genus hat. Dennoch bestimmt in den meisten Fällen das Genus des deutschen Nomens das Genus der romanischen Determinante. Wird die deutsche Wurzel in n° [Gen: mask] inkorporiert, dann wird eine maskuline romanische Determinante ausgewählt z.B. [ DP le mask / el mask / il mask Stuhl mask ]. Die gemischte DP zeigt, dass die bilingualen Kinder die deutsche Wurzel in das deutsche n° [Gen: mask] inkorporiert haben. <?page no="378"?> 378 Abb. (18) DP D' D° nP le frz. / el sp. / il it [Gen: mask] la rom. [Gen: fem] n° P dt. [Gen: mask] frz. [Gen: fem] dt. Stuhl frz. chaise sp. sill [Gen: fem] it. sed [Gen: fem] In zukünftigen Forschungsarbeiten sollte der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei bilingual spanisch-italienischen Sprechern im Hinblick auf das Genus in der gemischten DP analysiert werden. Für ein bilingual spanisch-italienisches Kind sollte man vorhersagen, dass das Genus des Äquivalents bei der Genuszuweisung keine Rolle spielt, da in beiden Sprachen Genus ein Merkmal der Wurzel ist und somit keine derivationellen Unterschiede im Hinblick auf die Festlegung des Genusmerkmals bestehen. Man könnte jedoch auch vermuten, dass sich für die Sprachkombination Spanisch-Italienisch ähnliche Ergebnisse wie für die deutsch-französischen Studie zeigen. Im Französischen und Deutschen wird Genus in der gleichen strukturellen Postion generiert. Im Spanischen und Italienischen wird die Wurzel mit einem Genusmerkmal in die gleiche strukturelle Position eingesetzt. Aus diesem Grund könnte sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass für einen bilingual spanisch-italienischen Sprecher das Genus des Äquivalents in beide Richtungen relevant wird, da die spanische bzw. italienische Wurzel mit einer Genusmarkierung in die gleiche syntaktische Position eingesetzt wird. Zusammenfassend lässt sich im Rahmen des vorgestellten DM-Ansatzes festhalten, dass im Deutschen und im Französischen Genus ein Merkmal von n° ist, während im Spanischen und im Italienischen Genus ein Merkmal der Wurzel ist. Die bilingual deutsch-französischen Kinder greifen im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern häufiger auf das Genus des deutschen bzw. französischen Äquivalents zu, da Genus in beiden Sprachen kein Merkmal der Wurzel, sondern ein Merkmal von n° ist. Die Wahrschein- <?page no="379"?> 379 lichkeit, dass die Sonde von D das Genus des deutschen bzw. das Genus des französischen Äquivalents auf ihr nicht-instantiiertes Genusmerkmal überträgt, erhöht sich, da Genus in der gleichen Position, nämlich von n° zugewiesen wird. 6.3 Der Algorithmus zur Genuskongruenz im Rahmen der Distributed Morphology In diesem Abschnitt werden die Untersuchungsergebnisse, die in Kapitel (5.3) präsentiert wurden, im Rahmen der DM analysiert. Es soll gezeigt werden, dass der Algorithmus zur Genuskongruenz, der von González Vilbazo (2005) formuliert wurde, in den DM-Ansatz implementiert werden kann. Wie bereits erläutert, basiert der von González Vilbazo (2005) formulierte Algorithmus für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen auf der Annahme einer binären Merkmalshierarchie, um die zwei Genera im Spanischen (Maskulinum und Femininum) und die drei Genera im Deutschen (Maskulinum, Femininum und Neutrum) zu erfassen. Nach González Vilbazo (2005) basiert das spanische Genussystem allein auf dem Merkmal [±fem]. Da das französische und italienische Genussystem ebenfalls binär sind, sollte ein einziges Merkmal ausreichen, um die zwei Genusklassen (Maskulinum und Femininum) abzudecken. Im Sinne von González Vilbazo (2005) wird in der vorliegenden Arbeit ebenfalls das Merkmal [±fem] für alle drei romanischen Sprachen - Französisch, Spanisch und Italienisch - angenommen. Der folgende Genusmerkmalsbaum, der von González Vilbazo (2005: 168) für das deutsche und spanische Genussystem vorgeschlagen wurde, kann demnach für das französische und italienische Genussystem erweitert werden: Abb. (19) Genus Deutsch Französisch, Italienisch, Spanisch +fem -fem +fem -fem +mask -mask +mask -mask (fem) (mask) (*) (fem) (mask) (neutr) In den romanischen Sprachen - Französisch, Italienisch und Spanisch - basiert das Genussystem auf dem Merkmal [±fem]. Im Französischen <?page no="380"?> 380 trägt n° für das Maskulinum den Wert [-fem] und für das Femininum den Wert [+fem], während im Spanischen und Italienischen die Wurzel für das binäre Merkmal [± fem] spezifiziert ist: (6) Frz. a. n° [Gen: -fem] Mask. b. n° [Gen: +fem] Fem. (7) Sp. a. _ [Gen: -fem] Mask. Sp. b. _ [Gen: +fem] Fem. It. a. _ [Gen: -fem] Mask. It. b. _ [Gen: +fem] Fem. Für das deutsche Genussystem werden die Merkmale [±fem] und [±mask] angenommen. Klein n° trägt demnach für das Maskulinum, das Femininum und das Neutrum die folgenden Merkmale: (8) Dt. a. n° [Gen: +mask; -fem] Mask. b. n° [Gen: -mask; +fem] Fem. c. n° [Gen: -mask; -fem] Neutr. Im Folgenden sollen die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem romanischen Nomen im Rahmen des DM-Ansatzes erklärt werden. Deutsche Determinante + Romanisches Nomen (Maskulinum) Die empirische Untersuchung hat gezeigt, dass die bilingualen Kinder häufiger den für das Maskulinum und Neutrum spezifizierten Artikel ein mit einem maskulinen romanischen Nomen mischen, als den definiten Artikel der. Von insgesamt 332 gemischten DPn mit einem maskulinen romanischen Nomen, verwenden die bilingualen Kinder den indefiniten Artikel ein in 206 (62%) Fällen und den definiten Artikel der in 93 (28%) Fällen. Der indefinite Artikel ein trägt ausschließlich das Merkmal [-fem], da er für das Maskulinum und Neutrum formidentisch ist. Der definite Artikel der ist hingegen für die Merkmalskombination [+mask; -fem] spezifiziert. Der folgende Strukturbaum stellt den Sprachenwechsel zwischen dem definiten Artikel der bzw. dem indefiniten Artikel ein und dem maskulinen romanischen Nomen lion frz. / león sp. / leone it. dar. Die Genusmerkmale des maskulinen deutschen Äquivalents Löwe, sind Merkmale von n° [+mask; -fem]. Darüber hinaus trägt das französische n° das maskuline Genusmerkmal [-fem] des französischen Nomens lion. <?page no="381"?> 381 Abb. (20) DP D' D° nP 1. ein [Gen: -fem] 2. der [Gen: +mask; -fem] n° P dt. [Gen: +mask; -fem] frz. [Gen: -fem] frz. lion sp. león [Gen: -fem] it. leon- [Gen: -fem] Die gemischte DP [ DP ein dt león sp / leone it ] zeigt, dass das maskuline Genusmerkmal [-fem] der romanischen Wurzel das Genusmerkmal der deutschen Determinante ein festlegt. Bei [ DP ein dt lion frz ] hingegen determiniert das französische n° [Gen: -fem] das Genus des indefiniten Artikels ein. Mischen die bilingualen Kinder den definiten Artikel der mit einem maskulinen romanischen Nomen, dann muss das deutsche n° [Gen: +mask; -fem] die Genusmerkmale der deutschen Determinante festgelegt haben, da das Merkmale [+mask] im romanischen Genussystem nicht existiert. Warum verwenden die bilingualen Kinder häufiger den indefiniten Artikel ein als den definiten Artikel der mask beim intra-sententialen Sprachenwechsel zwischen einem deutschen Determinierer und einem romanischen Nomen? Während deutsche bzw. französische Wurzeln erst durch Inkorporation in n° eine Genusmarkierung erwerben, werden italienische bzw. spanische Wurzeln mit Genus in die Syntax eingesetzt. Die Sonde von D dt sucht im Strukturbaum nach einem passenden Ziel. In n° findet sie zunächst kein Genus, da die deutsche bzw. die französische Wurzel erst in n° inkorporieren muss, um Genus zu erhalten. Somit sucht die Sonde weiter und findet das Genusmerkmal [-fem] der italienischen bzw. spanischen Wurzel. Die Sonde validiert ihr Genusmerkmal mit dem Wert [-fem] und der deutsche indefinite Artikel ein wird ausgewählt, da dieser die Merkmalbelegung [-fem] trägt. Die Untersuchungsergebnisse zeigen dennoch, dass die bilingualen Kinder nicht ausschließlich den indefiniten Artikel ein mit einem romanischen maskulinen Nomen mischen, sondern auch den definiten Artikel der. Dieses Ergebnis liefert Evidenz dafür, dass die Sonde von D dt das <?page no="382"?> 382 deutsche n° [+mask; -fem] als Ziel gefunden hat. In diesem Fall validiert die Sonde ihr Genusmerkmal mit dem Wert [+mask; -fem] und der deutsche definite Artikel der [+mask; -fem] wird selegiert. Wenn Genus im Deutschen und Französischen ein Merkmal von n° ist, dann sollte die Auswahl zwischen dem definiten und indefiniten deutschen Artikel bei den bilingual deutsch-französischen Kindern stärker variieren, d.h. ein deutsch-französisches Kind sollte häufiger den definiten Artikel der mit einem romanischen maskulinen Nomen mischen, als ein bilingual deutsch-italienisches bzw. deutsch-spanisches Kind. Die vorliegende Untersuchungsergebnisse bestätigen diese Vorhersage: Die deutsch-französischen Kinder verwenden häufiger den definiten Artikel der als die deutsch-spanischen und die deutsch-italienischen Kinder. In der deutsch-franzö-sischen Studie treten 46 (32%) von insgesamt 142 maskulinen Nomina mit dem definiten Artikel der und 79 (55,6%) mit dem indefiniten Artikel ein auf. In der deutschspanischen Studie können 10 (20,8%) von insgesamt 48 Nomina mit dem definiten Artikel der und 35 (72,9%) mit dem indefiniten Artikel ein nachgewiesen werden. Die deutsch-italienischen Kinder mischen 37 (26%) von insgesamt 141 maskulinen Nomina mit dem definiten Artikel der und 92 (65,2%) mit dem indefiniten Artikel ein. Insgesamt zeigt sich, dass die deutsch-französischen Kinder häufiger den indefiniten Artikel ein mit einem maskulinen französischen Nomen mischen. Es könnte vermutet werden, dass die Anzahl an Merkmalen, die n° in beiden Sprachen aufweist, eine Rolle bei der Merkmalbelegung der Sonde spielt. Die Sonde von D dt sucht nach einem geeigentet Ziel und findet zwei potentielle Ziele: Das französische n° [Gen: -fem] und das deutsche n° [Gen: +mask; -fem]. Das französische n° trägt nur das [-fem]-Merkmal, während das deutsche n°, die Merkmalskombination [+mask; -fem] aufweist. Die Sonde von D dt wählt vermutlich häufiger das französische n°, da dieses weniger Merkmale trägt als das deutsche n°. Für die bilingual deutsch-spanischen und deutsch-italienischen Kinder kann die Auswahl des indefiniten Artikels ein folgendermaßen erklärt werden: Das Genusmerkmal der romanischen Wurzel ist bereits beim Einsetzen in die syntaktische Derivation für den Wert [-fem] spezifiziert. Im Deutschen wird das maskuline Genusmerkmal von n° [+mask; -fem] erst durch Inkoporation der Wurzel „freigeschaltet“. Die bilingualen Kinder greifen somit häufiger auf das [-fem]-Merkmal der romanischen Wurzel zu, da Genus bereits früher im Verlauf der Derivation zur Verfügung steht als im Deutschen. Die Untersuchungsergebnisse haben gezeigt, dass das Genus des deutschen Äquivalents für die Artikelauswahl im Deutschen irrelevant ist. Auch wenn das deutsche Äquivalent ein Neutrum ist, verwenden die bilingualen Kinder häufiger den indefiniten Artikel ein als den definiten <?page no="383"?> 383 Artikel das neutr bzw. der mask mit einem maskulinen romanischen Nomen. In 64 (77,1%) von insgesamt 83 gemischten DPn, in denen das romanische Nomen ein Maskulinum und das deutsche Äquivalent ein Neutrum ist, mischen die bilingualen Kinder den indefiniten Artikel ein. In jeweils nur 7 (8,4%) Fällen wird der definite Artikel das bzw. der gemischt. Der folgende Strukturbaum stellt den Sprachenwechsel zwischen dem definiten Artikel das, der bzw. dem indefiniten Artikel ein und dem maskulinen romanischen Nomen cheval frz. / caballo sp. / cavallo it. dar. Die Genusmerkmale des deutschen Äquivalents Pferd sind Merkmale von n° [-mask; fem], welche die deutsche Wurzel erst durch Inkorpotation erhält. Darüber hinaus trägt das französische n° das Genusmerkmal [-fem] des französischen Nomens cheval. Abb. (21) DP D' D° nP 1. ein [Gen: -fem] 2a. der [Gen: +mask; -fem] n° P 2b. das [Gen: -mask; -fem] dt. [Gen: -mask; -fem] dt. [Gen: +mask; -fem] frz. cheval frz. [Gen: -fem] sp. caball- [Gen: -fem] it. cavall- [Gen: -fem] In der gemischten DP [ DP das dt cheval frz / caballo sp / cavallo it ] bestimmt die Merkmalskombination [-mask; -fem] des deutschen Äquivalents Pferd das Genus des deutschen Artikels. In diesem Fall werden die Merkmale des deutschen n° [-mask; -fem] auf die Sonde übertragen und der definite Artikel das wird realisiert. Es stellt sich jedoch die Frage, wie die bilingualen Kinder den definiten Artikel der mit der Merkmalskombination [+mask; -fem] selegieren können, wenn das jeweilige romanische Nomen nur für das Merkmal [-fem] spezifiziert ist und das deutsche Äquivalent die für das Neutrum spezifizierte Merkmalskombination [-mask; -fem] trägt. Insgesamt tritt dieser Fall in den Sprachdaten sehr selten auf, da in der gesamten Studie nur 7 gemischte DPn nachgewiesen werden, in denen der definite Artikel der mit einem romanischen maskulinen Nomen gemischt wird und das <?page no="384"?> 384 deutsche Äquivalent ein Neutrum ist. Es könnte vermutet werden, dass die bilingualen Kinder dem deutschen Äquivalent Pferd nicht das Neutrum, sondern fäschlicherweise das Maskulinum zugewiesen haben. Die gemischte DP [ DP der dt cheval frz ] tritt in den französischen Sprachaufnahmen des bilingualen Kindes Alexander auf. Das deutsche Äquivalent Pferd hat Alexander mit dem nicht-zielsprachlichen maskulinen Genus erworben, da er dieses Nomen in den deutschen Sprachaufnahmen mit dem definiten Artikel der gebraucht. (9) der [+mask; -fem] cheval [-fem] Alexander dt. Kontext 2; 6,25 *der [+mask; -fem] Pferd [-mask; -fem] Alexander dt. Kontext 2; 3,24 Für die anderen 6 Fälle kann keine monolinguale deutsche DP nachgewiesen werden, da das deutsche Äquivalent nicht mit einer genusmarkierten deutschen Determinante verwendet wurde. In diesem Fall kann nicht eindeutig entschieden werden, ob die bilingualen Kinder dem deutschen Äquivalent das Neutrum oder das Maskulinum zugewiesen haben. (10) a. der [+mask; -fem] rhinocéros mask Céline dt. Kontext 2; 6,7 dt. Nilpferd [-mask; -fem] b. der [+mask; -fem] coccodrillo mask Carlotta dt. Kontext 3; 0,25 dt. Krokodil [-mask; -fem] c. der [+mask; -fem] cerdito mask Arturo dt. Kontext 2,4,27 dt. Schweinchen [-mask; -fem] d. der [+mask; -fem] biberon mask Teresa dt. Kontext 2; 3,19 dt. Fläschchen [-mask; -fem] Wenn Genus im Deutschen und im Französischen ein Merkmal von n° ist, dann sollte bei den deutsch-französischen Kindern häufiger das deutsche n° [-mask; -fem] die Merkmale der deutschen Determinante bestimmen als bei den deutsch-spanischen und deutsch-italienischen Kindern. Die Ergebnisse zeigen, dass die deutsch-französischen Kinder häufiger den definiten Artikel das mit einem romanischen Nomen mischen als die bilingual deutsch-spanischen und die deutsch-italienischen Kinder. Von ingesamt 142 gemischten DPn mit einem maskulinen französischen Nomen, werden 11 (7,7%) mit dem definiten Artikel das gemischt. Die deutsch-spanischen Kinder mischen ausschließlich den indefiniten Artikel ein mit einem maskulinen spanischen Nomen. In der deutsch-italienischen Studie treten nur 4 (2,8%) italienische Nomina mit dem definiten Artikel das auf. Dass die bilingualen Kinder insgesamt nur sehr selten den für das Neutrum spezifizierten Artikel das mischen, könnte mit dem späten Erwerb des Neutrums im Genuserwerb erklärt werden. Auch in den gemischten DPn, in denen das romanische Nomen maskulin und das deutsche Äquivalent feminin ist, verwenden alle bilingua- <?page no="385"?> 385 len Kinder häufiger den indefiniten Artikel ein als eine maskuline oder feminine deutsche Determinante. Der folgende Strukturbaum stellt den Sprachenwechsel zwischen dem indefiniten Artikel ein bzw. dem definiten Artikel die / der und dem maskulinen romanischen Nomen soleil frz. / sol sp. / sole it. dar. Die Genusmerkmale des femininen deutschen Äquivalents Sonne, sind Merkmale von klein n° [-mask; +fem], die die Wurzel durch Inkorporation in n° erhält. Darüber hinaus trägt das französische klein n° das Genusmerkmal [-fem] des maskulinen französischen Nomens soleil. Abb. (22) DP D' D° nP 1. ein [Gen: -fem] 2. der [Gen: +mask; -fem] n° P 3. die [Gen: -mask; +fem] dt. [Gen: +mask; -fem] dt. [Gen: -mask; +fem] frz. soleil frz. [Gen: -fem] sp. sol [Gen: -fem] it. sol- [Gen: -fem] Bei der Auswahl des indefiniten Artikels ein belegt die Sonde von D dt ihr Genusmerkmal mit dem Wert [-fem] belegt. Diese Spezifizierung erhält die Sonde, indem sie das [-fem]-Merkmal der italienischen bzw. spanischen Wurzel bzw. das [-fem]-Merkmal des französischen n° [-fem] auf ihr eigenes unvaluiertes Genusmerkmal überträgt . Demnach bestimmt das [-fem]-Merkmal des jeweiligen maskulinen romanischen Nomens das Genusmerkmal der deutschen Determinante. Der definite Artikel die wird hingegen realisiert, wenn die Sonde das feminine Genus des deutschen Äquivalents Sonne in n° [-mask; +fem] auffindet. Dennoch könnten die bilingualen Kinder auch dem maskulinen romanischen Nomen das nicht-zielsprachliche feminine Genus zugewiesen haben. In diesem Fall bestimmt somit nicht das deutsche n° die Merkmale des definiten Artikels, sondern das jeweilige romanische Nomen, welches mit dem nicht-zielsprachlichen femininen Genus assoziiert wird. Ingesamt mischen die bilingualen Kinder nur in 4 Fällen eine feminine deutsche Determinante mit einem maskulinen romanischen Nomen. In den <?page no="386"?> 386 einsprachigen romanischen DPn wurde den maskulinen Nomina stets das zielsprachliche maskuline Genus zu gewiesen (z.B. eine dt gatto it , Marta dt. Kontext 2; 2,26, un it gatto it , Marta it Kontext 1; 8,22). Die zielsprachliche Genuszuweisung zu den romanischen Maskulina zeigt, dass das deutsche n°[ -mask; +fem] die Merkmale der femininen deutschen Determinante bestimmt und nicht das jeweilige romanische Nomen. Die Auswahl des definiten Artikels der [+mask; -fem] verdeutlicht, dass weder das [-fem]-Merkmal des jeweiligen romanischen Nomens soleil/ sol/ sole noch die Merkmalskombination [-mask; +fem] des deutschen Äquivalents Sonne, die Merkmale des deutschen Artikels bestimmt. Die Frage ist demnach, woher die Merkmalskombination [+mask; -fem] des definiten Artikels der stammt. Nur für zwei von insgesamt 11 Sprachmischungen, in denen der definite Artikel der auftritt, kann eindeutig ausgeschlossen werden, dass die bilingualen Kinder dem femininen deutschen Äquivalent das nicht-zielsprachliche Maskulinum zugewiesen haben (vgl. Bsp. 11). In allen anderen Fällen ist das jeweilige deutsche Äquivalent ohne eine genusmarkierte Determinante in den monolingualen deutschen DPn aufgetreten. Somit kann nicht entschieden werden, ob die Kinder dem deutschen femininen Äquivalent möglicherweise das nicht-zielsprachliche maskuline Genus zugewiesen haben. (11) a. der [+mask; -fem] bonnet [-fem] Amélie dt. Kontext 3; 8,28 die [-mask; +fem] Mütze [-mask; +fem] Amélie dt. Kontext 2; 11,0 b. der [+mask; -fem] sole [-fem] Lukas dt. Kontext 3; 2,19 die [-mask; +fem] Sonne [-mask; +fem] Lukas dt. Kontext 2; 10,1 Genusfehler mit den romanischen Maskulina Für die Genusfehler in den gemischten DPn mit einem romanischen Nomen ist deutlich geworden, dass die bilingualen Kinder häufiger den romanischen Maskulina ein falsches Genus zuweisen als den romanischen Feminina (Genusfehler Maskulina (8,4%), Genusfehler Feminina (3%)). Die Genusfehler mit den romanischen Maskulina treten überwiegend mit dem femininen deutschen Artikel die auf. Von insgesamt 21 Genusfehlern wird in 13 (65%) Fällen der definite Artikel die und nur in 4 (19,8%) Fällen der definite Artikel das verwendet. Darüber hinaus wird in nur 3 Fällen der indefinite Artikel eine und einmal der Possesivbegleiter meine gemischt. Dieses Ergebnis könnte darauf hindeuten, dass bei den Genusfehlern, die schließlich außerhalb der Regelhaftigkeit liegen, die Frequenz einer Artikelform von Bedeutung ist. Im deutschen Artikelsystem existieren für den definiten Artikel nur sechs unterschiedliche Formen der, den, dem, des, die und das, die den 16 möglichen Zellen im Paradigma gegenüberstehen. Hierbei kommt jede Artikelform in mindestens zwei Zellen vor, wobei der definite Artikel die am häufigsten im Paradigma auftritt (6x im <?page no="387"?> 387 Plural und 2x im Singular). Eine plausible Erklärung für die beobachteten Genusfehler, die überwiegend mit dem deutschen Artikel die zustande kommen, wäre demnach das frequente Auftreten des Determinierers die im Paradigma. Im Rahmen der DM könnte jedoch auch für das Deutsche vermutet werden, dass das Femininum das Default-Genus ist und somit n° als unmarkierten Wert [-mask; +fem] trägt: (12) Default-Genus im Deutschen 102 n° [Gen: -mask; +fem] In den bilingualen Korpora sind die folgenden Genusfehler mit den romanischen Maskulina beobachtet worden: (13) a. die fem jus mask Emma dt. Kontext 2; 11,28 dt. der mask Saft mask b. das neutr tapis mask Alexander dt. Kontext 2; 7,6 dt. der mask Teppich mask c. die fem feu mask Alexander dt. Kontext 2; 6,25 dt. das neutr Feuer neutr Insgesamt produzieren die bilingualen Kinder keine Genusfehler mit dem definiten Artikel das und einem maskulinen romanischen Nomen, dessen deutsches Äquivalent ein Femininum ist. Die als Genusfehler klassifizierten Sprachmischungen, in denen sowohl das romanische Nomen als auch das deutsche Äquivalent maskulin ist und der feminine Artikel die bzw. das verwendet wird, werden im dem folgenden Strukturbaum (23) dargestellt: 102 In der Literatur besteht keine Einigkeit, welches Genus das unmarkierte Genus im Deutschen ist. Je nach theoretischer Ausrichtung wird das Maskulinum, das Neutrum oder das Femininum als unmarkiertes Genus betrachtet. Im Rahmen der stochastischen Argumentation, bei der die deutschen Genusprinzipien (z.B. das Einsilber-Prinzip) berücksichtigt werden, gilt das Maskulinum als Default. Außerdem wird auch ein auf morphologischer Produktivität basierender Default angenommen. Im Deutschen sind zwar alle drei Genera bei Ableitungsprozessen beteiligt, aber das Femininum weist die höchste Type-Token-Frequenz auf. Auch das Neutrum wird als Default betrachtet, da es bespielsweise bei Null-Substantivierugen beteiligt ist (z.B. das Laufen). <?page no="388"?> 388 Abb. (23) DP D' D° nP 1. die [Gen: -mask; +fem] 2. das [Gen: -mask; -fem] n° P dt. Default [Gen: -mask; +fem] dt. [Gen: -mask; -fem] frz. jus frz. [Gen: -fem] sp. zum- [Gen: -fem] it. succ- [Gen: -fem] Die Merkmale des definiten Artikels die [-mask; +fem] stimmen weder mit dem [-fem]-Merkmal der romanischen Wurzel noch mit der Merkmalskombination [+mask; -fem] des deutschen maskulinen Äquivalents Saft [+mask; -fem] überein. Die Frage ist demnach, woher die Merkmale des deutschen Determinierers die stammen. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Sonde von D dt das deutsche Default-n° findet und die Merkmalskombination [-mask; +fem] auf ihr nicht-instantiiertes Genusmerkmal überträgt. Durch die Merkmalbelegung der Sonde wird der Artikel die ausgewählt. Außerdem wurde bei der Analyse überprüft, ob die bilingualen Kinder möglicherweise dem romanischen Nomen ein nicht-zielsprachliches Genus zugewiesen haben. Es wäre durchaus möglich, dass die bilingualen Kinder das romanische Nomen mit dem Merkmal [+fem] assozieren und nicht mit dem zielsprachlichen maskulinen Merkmal [-fem]. In diesem Fall bestimmt nicht das deutsche n° [-mask; +fem] die Genusmerkmale der Determinante, sondern das [+fem]-Merkmal des romanischen Nomens. In den Sprachdaten treten nur 2 relevante Switches auf, in denen das romanische maskuline Nomen mit dem nicht-zielsprachlichen femininen Genus assoziiert wurde. In weiteren 5 Fällen ist das romanische Nomen mit dem zielsprachlichen Genus (Maskulinum) erworben worden, in 10 gemischten DPn tritt das romanische Nomen nicht mit einer romanischen Determinante auf. Die folgenden Beispiele zeigen, dass die beiden bilingualen Kinder Marta und Céline dem jeweiligen romanischen Nomen das feminine Genus in den momolingualen romanischen Äußerungen zugewiesen haben. Sowohl das maskuline französische Nomen cheval als auch das <?page no="389"?> 389 maskuline italienische Nomen ranocchio ist mit dem nicht-zielsprachlichen femininen Genus assoziiert worden. (14) a. die fem cheval mask Céline dt. Kontext 2; 3,15 une fem cheval mask Céline frz. Kontext 2,1,14 b. eine fem ranocchio mask Marta dt. Kontext 2; 7,7 la fem ranocchio mask Marta it. Kontext 1; 11,21 In Struktur (24) trägt die italienische Wurzel das nicht-zielsprachliche [+fem]-Merkmal, das auf die Sonde übertragen wird. Das [+fem]- Merkmal reicht für das deutsche System aus, um eine feminine Determinante auszuwählen. Nur bei den romanischen Maskulina ist unklar, welche deutsche Determinante ausgewählt wird, da das [-fem]-Merkmal des romanischen Nomens im deutschen Genussystem sowohl für das Maskulinum als auch für das Neutrum gilt. Auch das maskuline französische Nomen cheval ist mit dem nicht-zielsprachlichen femininen Genus assoziiert worden. Das bedeutet, dass die französische Wurzel in n° [+fem] inkoporiert und das Merkmal [+fem] auf die Sonde übertragen wird. Abb. (24) DP D' D° nP die [Gen: +fem] n° P frz. [Gen: +fem] frz. cheval it. ranoc- [Gen: +fem] Der Genusfehler in [ DP das dt jus frz / zumo sp / succo it ] erfodert hingegen eine andere Erklärung. Bei der Auswahl des definiten Artikels das [-mask; -fem] bestimmt weder das [-fem]-Merkmal des romanischen Nomens noch die [-mask; +fem]-Merkmalskombination des deutschen Äquivalents, die Merk-male des deutschen Artikels das. Die Merkmalskombination des definiten Artikels das [-mask; -fem] kann nur aus dem deutschen Genussystem stammen, da das Merkmal [ mask] in den romanischen Sprachen nichtexistiert. Insgesamt treten nur 4 Genusfehler auf, bei denen die bilingualen Kinder den definiten Artikel das mit einem romanischen maskulinen <?page no="390"?> 390 Nomen mischen. Es könnte vermutet werden, dass die bilingualen Kinder das maskuline deutsche Äquivalent mit dem nicht-zielsprachlichen Neutrum erworben haben und deshalb das deutsche n° [-mask; -fem] die Merkmale des deutschen Artikels das bestimmt. Dies ist jedoch nicht der Fall, da die bilingualen Kinder dem jeweiligen Äquivalent das zielsprachliche maskuline Genus zugewiesen haben. (15) a. das [-mask; -fem] tapis [-fem] Alexander dt. Kontext 2; 7,6 der [+mask; -fem] Teppich [+mask; -fem] Alexander dt. Kontext 2; 7,6 b. das [-mask; -fem] oiseau [-fem] Amélie dt. Kontext 2; 8,15 der [+mask; -fem] Vogel [+mask; -fem] Amélie dt. Kontext 2; 2,15 c. das [-mask; -fem] re [-fem] Carlotta dt. Kontext 3; 8,27 der [+mask; -fem] König [+mask; -fem] Carlotta dt. Kontext 3; 2,20 d. das [-mask; -fem] riz [-fem] Amélie dt. Kontext 3; 8,28 der [+mask; -fem] Reis [+mas; -fem] Amélie dt. Kontext 3; 8,28 In der gemischten DP [ DP die dt feu frz / fuego sp / fuoco it ] bestimmt weder das maskuline Genus des romanischen Nomens noch das Neutrum des deutschen Äquivalents Feuer das Genus der deutschen Determinante. Auch für diese Genusfehler soll angenommen werden, dass die Sonde das deutsche Default-n° [-mask; +fem] als Ziel gefunden hat. Die Merkmalskombination [-mask; +fem], die für das unmarkierte Genus (Femininum) im Deutschen angenommen wird, wird auf die Sonde übertragen. Die Generalisierung für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem romanischen maskulinen Nomen kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Tabelle (3): Generalisierung (ohne Genusfehler) rom. Nomen dt. Äquivalent dt. Determinante a. Mask [-fem] a.Mask [+mask; -fem] b. Fem [-mask; +fem] c. Neutr [-mask; -fem] a. D [-fem] / D [+mask; -fem] b. D [-fem] / D [+mask; -fem] / D [-mask; +fem] c. D [-fem] / D [+mask; -fem] / D [-mask; -fem] Ist das deutsche Äquivalent ein Maskulinum, dann verwenden die bilingualen Kinder häufiger den indefiniten Artikel ein als den definiten Artikel der. Dieses Ergebnis ist unabhängig davon, welches Genus das deutsche Äquivalent hat. Wird der indefinite Artikel ein ausgewählt, welcher das [-fem]-Merkmal trägt, dann bestimmt das [-fem]- Merkmal des romanischen Nomens das Genusmerkmal der Determinante. Im Spanischen und Italienischen trägt die Wurzel das Merkmal [-fem], während im Französischen n° [-fem] dieses Merkmal trägt. Wenn der definite Artikel der, welcher die Merkmalskombination [+mask; -fem] trägt, ausgewählt wird, dann bestimmt das deutsche n° [+mask: -fem] die Merkmale des definiten Arti- <?page no="391"?> 391 kels, da es in den romanischen Sprachen das Merkmal [ mask] nicht gibt. Die deutsch-französischen Kinder mischen häufiger den definiten Artikel der als die anderen bilingualen Kinder, d.h. das deutsche n° legt häufiger die Merkmale der deutschen Determinante fest. Ist das deutsche Äquivalent ein Femininum, dann verwenden die bilingualen Kinder häufiger den indefintiten Artikel ein als den definiten Artikel der bzw. die. Die Auswahl der Artikelform ein zeigt erneut, dass das jeweilige romanische Genussystem die Merkmale des deutschen Artikels bestimmt. Mischen die bilingualen Kinder den definiten Artikel der [+mask; -fem] bzw. die [-mask; +fem] , dann determinieren die Merkmale des deutschen Genussystems die Merkmale der Determinante, da im romanischen System das [ mask]-Merkmal nicht vorkommt. Ist das deutsche Äquivalent ein Neutrum, dann gebrauchen die bilingualen Kinder häufiger den Determinierer ein als den Artikel der bzw. das. Wird die Artikelform der [+mask; -fem] bzw. das [-fem; -mask] ausgewählt, dann legt das jeweilige deutsche n° die Merkmale der Determinante fest. Zusammenfassend lässt sich folgendes festhalten: Mischen die bilingualen Kinder keinen deutschen Determinierer, der für das Maskulinum und Neutrum formidentisch ist und das Merkmal [-fem] trägt, dann bestimmt das jeweilige deutsche n° die Genusmerkmale der deutschen Determinante. Für die Fälle, in denen die deutsche Determinante weder das Genus des romanischen Nomens noch das Genus des deutschen Äquivalents trägt, lässt sich folgende Generalisierung festhalten: Tabelle (4): Generalisierung (mit Genusfehlern) rom. Nomen dt. Äquivalent dt. Determinante a. Mask [-fem] a. Mask [+mask; -fem] b. Fem [-mask; +fem] c. Neutr [-mask; -fem] a. die [-mask; +fem] / D [-mask; -fem] b. (D [-mask; -fem] ) 103 c. die [-mask; +fem] / D [-mask; -fem] Außerdem mischen die bilingualen Kinder überwiegend den definiten Artikel die mit einem romanischen maskulinen Nomen. Dieses Ergebnis liefert Evidenz dafür, dass im Deutschen das Femininum das unmarkierte Genus ist. Im unmarkierten Fall trägt das deutsche Default-n° [-mask; +fem] die Merkmalskombination [-mask; +fem]. Bevor die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem femininen romanischen Nomen diskutiert 103 Genusfehler, bei denen eine deutsche Determinante im Neutrum mit einem romanischen maskulinen Nomen gemischt wird, treten in den analysierten Sprachdaten nicht auf. <?page no="392"?> 392 werden, soll zuvor auf die gemischten DPn mit einem deutschen Nomen im Neutrum eingegangen werden. Romanische Determinante + Deutsches Nomen (Neutr.) Ein weiteres Ergebnis der vorliegenden Untersuchung ist, dass die deutschen Neutra überwiegend mit einer maskulinen romanischen Determinante auftreten. Dieses Ergebnis ist unabhängig davon, ob das romanische Äquivalent ein Femininum oder ein Maskulinum ist. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll dafür argumentiert werden, dass das unmarkierte Genus (Maskulinum) im romanischen Genussystem ein Merkmal von n° ist. Das Maskulinum basiert im Französischen, Spanischen und Italienischen auf dem Merkmal [-fem]: (16) Default-Genus in den romanischen Sprachen: a. frz. n° [Gen: -fem] b. sp. n° [Gen: -fem] c. it. n° [Gen: -fem] Der folgende Strukturbaum zeigt den Sprachenwechsel zwischen einer maskulinen romanischen Determinante und einem deutschen Nomen im Neutrum. Die deutsche Wurzel Buch bzw. Haus wird aus dem narrow lexicon ausgewählt und genuslos in die syntaktische Derivation eingesetzt. Da es im romanischen Genussystem kein Neutrum gibt, kann die romanische Determinante nicht mit dem Genus des deutschen Nomens (Neutrum) kongruieren. Das bilinguale Kind hat in diesem Fall zwei Möglichkeiten: Es kann entweder auf das Genus des romanischen Äquivalents oder auf das unmarkierte Genus in der romanischen Sprache zugreifen. Die vorliegenden Ergebnisse haben jeoch gezeigt, dass das Genus des romanischen Äquivalents für die Genuszuweisung zu einem deutschen Nomen im Neutrum irrelevant ist. Folglich greifen die bilingualen Kinder auf das Default-Genus in der romanischen Sprache zu. Die Sonde der romanischen Determinante kann ihr unvaluiertes Genusmerkmal nicht mit dem Merkmalwert von n° [-mask: -fem] im Deutschen belegen, da es kein Neutrum in der romanischen Sprache gibt. In einem Sondiervorgang findet die Sonde das romanische Default-n° [Gen: -fem] und belegt ihr nicht-instantiiertes Genusmerkmal mit dem Wert [-fem]. <?page no="393"?> 393 Abb. (25) DP D' D° nP le frz / el sp / il it [Gen: -fem] n° P rom. Default [Gen: -fem] dt. [Gen: -mask; -fem] dt. Buch dt. Haus Im Folgenden sollen im Rahmen des DM-Ansatzes die Ergebnisse für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem femininen romanischen Nomen diskutiert werden. Deutsche Determinante + romanisches Nomen (Fem.) Die vorliegende Studie hat für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem femininen romanischen Nomen die folgenden Ergebnisse hervorgebracht: Insgesamt bestimmt überwiegend das feminine Genus des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante. Das Genus des deutschen Äquivalents ist für die Genusmarkierung in den meisten Fällen irrelevant. Wenn das Genus der deutschen Determinante nicht durch das feminine Genus des romanischen Nomens festgelegt wird, dann mischen die bilingualen Kinder überwiegend eine für das Maskulinum und Neutrum formidentische deutsche Artikelform. Der Strukturbaum (26) zeigt den Sprachenwechsel zwischen der deutschen Determinante die, ein bzw. der und dem femininen romanischen Nomen chaise frz. / silla Sp. / sedia It. . <?page no="394"?> 394 Abb. (26) DP D' D° nP 1. die [Gen: -mask; +fem] 2. ein [Gen: -fem] n° P 3. der [Gen: +mask; -fem] dt. [Gen: +mask; -fem] frz. [Gen: +fem] frz. chaise rom. Default [Gen: -fem] sp. sill- [Gen: +fem] it. sedi- [Gen: +fem] Die spanische und die italienische Wurzel werden mit dem femininen Genusmerkmal [+fem] in die Syntax eingesetzt. Das französische Nomen chaise erhält seine Genusmarkierung von n° [Gen: +fem]. Das deutsche Äquivalent Stuhl mask ist maskulin und bekommt von n° [Gen: +mask; -fem] Genus zugewiesen. Die bilingualen Kinder produzieren überwiegend gemischte DPn, in denen das feminine Genus des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante bestimmt. Dieses Ergebnis konnte sowohl für die deutsch-spanischen, die deutsch-italienischen und die deutsch-französischen Kinder festgestellt werden. Der Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem femininen italienischen bzw. spanischen Nomen impliziert die folgenden Derivationsschritte: Die Sonde sucht nach einem geeigneten Ziel und findet als erstes das valuierte [+fem]-Merkmal der romanischen Wurzel. Das Genus des deutschen Äquivalents Stuhl wird nämlich erst durch Inkorporation der deutschen Wurzel in n° determiniert, sodass auf das feminine Genus der romanischen Wurzel bereits früher zugegriffen werden kann. Daraus folgt, dass häufiger Sprachmischungen auftreten, bei denen das feminine Genus des italienischen bzw. spanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante festlegt z.B. [ DP die dt silla sp / silla It ]. Die Sonde der deutschen Determinante belegt ihr nicht-instantiiertes Genusmerkmal mit dem Wert [+fem] des romanischen Nomens. Für das deutsche System reicht dieses Merkmal aus, um eine feminine Determinante auszuwählen. <?page no="395"?> 395 Auch für die bilingual deutsch-französischen Kinder ist deutlich geworden, dass sie insgesamt häufiger das feminine Genus des französischen Nomens an der deutschen Determinante markieren, als das maskuline Genus des deutschen Äquivalents. In der gemischten DP [ DP die dt chaise frz ] hat die Sonde der deutschen Determinante das französische n° [Gen: +fem] gefunden und belegt ihr bislang nicht-validiertes Genusmerkmal mit dem Wert [+fem]. Die Auswahl des definiten Artikels der macht hingegen deutlich, dass die Genusmerkmale des deutschen n° [+mask; -fem] die Merkmale der Determinante bestimmen. Wenn nicht das feminine Genus des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante bestimmt, dann mischen die bilingualen Kinder häufiger den Artikel ein als den Artikel der. Die Frage ist nun, warum die bilingualen Kinder häufiger den indefiniten Artikel ein als den definiten Artikel der mischen. Die Auswahl des indefiniten Artikels ein führt auf den ersten Blick zu einer Merkmalsinkongruenz, da der Artikel ein den Wert [-fem] trägt und weder das deutsche Äquivalent noch das jeweilige feminine romanische Nomen das Merkmal [-fem] trägt. Die romanischen Nomina sind feminin und weisen demnach das Merkmal [+fem] trägt. Wenn das romanische klein n° den unmarkierten Genuswert [-fem] aufweist, dann haben die bilingualen Kinder in den gemischten DPn [ DP ein chaise frz. / silla sp. / sedia it. ] vermutlich auf das Default-Genus in der romanischen Sprache zugegriffen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die bilingualen Kinder die romanischen Feminina mit dem nichtzielsprachlichen maskulinen Genus erworben haben (z.B chaise [-fem] / silla [fem] / sedia [-fem] ). Insgesamt sind in der vorliegenden Studie 23 gemischte DPn aufgetreten, in denen der indefinite Artikel ein mit einem femininen romanischen Nomen gemischt wird und das deutsche Äquivalent maskulin ist. In 4 Fällen haben die bilingualen Kinder das romanische Nomen mit dem zielsprachlichen femininen Genus erworben (vgl. Bsp. 17). In 17 Fällen kann nicht entschieden werden, ob die bilingualen Kinder das romanischen Nomen mit dem femininen Genus erworben haben, da das romanische Nomen nicht mit einer genusmarkierten romanischen Determinante verwendet wurde. Nur in einem einzigen Fall ist das feminine romanische Nomen mit dem nicht-zielsprachlichen maskulinen Genus in den romanischen Sprachaufnahmen aufgetreten (vgl. Bsp. 17e.) (17) a. ein [-fem] volpe [+fem] Marta dt. Kontext 2; 9,9 la [+fem] volpe [+fem] Marta it. Kontext 2; 5,26 b. ein [-fem] casserole [+fem] Amélie dt. Kontext 3; 6,10 la [+fem] casserole [+fem] Amélie frz. Kontext 2; 5,28 c. ein [-fem] étoile [+fem] Alexander dt. Kontext 3; 5,24 une [+fem] étoile [+fem] Alexander frz. Kontext 3; 5,24 <?page no="396"?> 396 d. ein [-fem] poussette [+fem] Emma dt. Kontext 2; 9,6 la [+fem] poussette [+fem] Emma frz. Kontext 2; 6,17 e. ein [-fem] tour [+fem] Emma dt. Kontext 2; 9,6 *un [-fem] tour [+fem] Emma frz. Kontext 2; 5,8) In 17 von insgesamt 23 Fällen kann nicht entschieden werden, ob die bilingualen Kinder das romanische Nomen mit dem femininen Genus erworben haben. Dieses Ergebnis zeigt, dass die bilingualen Kinder das Genus des romanischen Nomens vermutlich noch nicht kennen. Dennoch darf aus dem Fehlen der einsprachigen romanischen DPn, d.h. der negativen Evidenz nicht gefolgert werden, dass die Kinder das Genus des romanischen Nomens nicht erworben haben. Das Mischen einer deutschen Artikelform, die für das Maskulinum und Neutrum formidentisch ist, könnte auch eine Strategie der bilingualen Kinder sein. Wenn die Kinder das Genus des romanischen Nomens noch nicht kennen, dann helfen sie sich mit dem Default-Genus in der romanischen Sprache aus, indem sie das auf das Default-n° [-fem] in der romanischen Sprache zugreifen. Das Merkmal [-fem] des romanischen Default-n° wird auf die Sonde übertragen und es wird eine für das Maskulinum und Neutrum unterspezifizierte deutsche Artikelform selegiert. Eine Erklärung wie Borrowing scheidet in diesem Zusammenhang aus, da das Merkmal [-fem] nur aus dem romanischen Genussystem stammen kann. Warum präferieren die bilingualen Kinder somit die Default-Option und wählen häufiger den indefiniten Artikel ein als den definiten Artikel der? Wenn das maskuline Genus des deutschen Äquivalents die Genusmerkmale der deutschen Determinante bestimmt, dann muss die Wurzel zunächst in n° [+mask; -fem] inkorporieren, um Genus zu erhalten. In der romanischen Sprache ist n° bereits für den Wert [-fem] spezifiziert, da es sich um das Default-Genus handelt. Die Sonde findet demnach zuerst das [-fem]-Merkmal des romanischen n° [-fem] und nicht die Genusmerkmale des deutschen n° [+mask; -fem] . Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die bilingualen Kinder überwiegend das feminine Genus des romanischen Nomens an der deutschen Determinante markieren. Demnach findet die Sonde zuerst das Genusmerkmal der italienischen bzw. der spanischen Wurzel oder das Genusmerkmal des französischen n° [Gen: +fem] . Als letzte Option wird von den bilingualen Kindern der definite Artikel der ausgewählt. Das bedeutet, dass die Sonde häufiger den Default-Wert des romanischen n° [Gen: -fem] auf ihr Genusmerkmal überträgt als die Merkmale des deutschen Äquivalents [+mask; -fem]. Der Zugriff auf den Default in der romanischen Sprache könnte eine Strategie der bilingualen Kinder beim CS sein. Wenn sie das <?page no="397"?> 397 Genus des romanischen Nomens noch nicht erworben haben, dann helfen sich die Kinder eben mit dem romanischen Default-n° [-fem] aus. Im Folgenden werden die Ergebnisse für die gemischten DPn mit einem femininen romanischen Nomen diskutiert, bei denen das deutsche Äquivalent ein Neutrum ist. Die Ergebnisse zeigen, dass überwiegend das feminine Genus des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante bestimmt. Das Genus des deutschen Äquivalents (Neutrum) bestimmt nur in 2 (5,1%) von insgesamt 39 Sprachmischungen das Genus der deutschen Determinante. In 31 (79,5%) Fällen wird eine feminine deutsche Determinante und in 6 (15,4%) Fällen eine für das Neutrum und Maskulinum spezifizierte Artikelform gemischt. Bestimmt nicht das feminine Genus des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante, dann mischen die bilingualen Kinder häufiger den indefiniten Artikel ein als den definiten Artikel das. Im folgenden Strukturbaum (27) wird deutlich, dass das romanische Nomen maison frz. / casa sp / casa it feminin ist, während das deutsche Äquivalent Haus ein Neutrum ist. Die spanische bzw. die italienische Wurzel caswird mit dem [+fem]-Merkmal in die Syntax eingesetzt. Das Genus des deutschen Äquivalents Haus ist ein Merkmal von n° [-mask; -fem] . Das feminine Genus des französischen Nomens maison ist ebenfalls ein Merkmal von n° [+fem] . Wenn eine feminine deutsche Determinante ausgewählt wird, dann kongruiert das Genus der deutschen Determinante mit dem Genus des jeweiligen romanischen Nomens. Die Ergebnisse zeigen, dass die Kinder überwiegend das [+fem]-Merkmal an der deutschen Determinante markieren. Für die Fälle, bei denen nicht das feminine Genus des romanischen Nomens das Genus der Determinante bestimmt, verwenden die bilingualen Kinder häufiger den indefiniten Artikel ein. Das [-fem]-Merkmal des Artikels kann nicht von dem deutschen n° stammen, da dieses im Deutschen für [ mask] spezifiziert ist. Auch das [+fem]-Merkmal des romanischen Nomens stimmt nicht mit dem [-fem]-Merkmal des deutschen Artikels überein. Die Frage ist demnach, woher das [-fem]-Merkmal des deutschen Artikels stammt. Wenn das Default-Genus im romanischen Genussystem ein Merkmal von n° [-fem] ist, dann könnte das romanische n° das [-fem]-Merkmal der deutschen Determinante festgelegt haben. <?page no="398"?> 398 Abb. (27) DP D' D° nP 1. die [Gen: -mask; +fem] 2. ein [Gen: -fem] n° P 3. das [Gen: -mask; -fem] dt. [Gen: -mask; -fem] frz. [Gen: +fem] frz. maisrom. Default [Gen: -fem] sp. cas- [Gen: +fem] it. cas- [Gen: +fem] Es wäre jedoch auch möglich, dass die bilingualen Kinder das romanische Nomen nicht mit dem femininen Genus, sondern mit dem nicht-zielsprachlichen maskulinen Genus erworben haben. Die nachfolgenden Beispiele in (18) zeigen, dass diese Erklärung auszuschließen ist, da die bilingualen Kinder das feminine Genus des romanischen Nomens in den meisten Fällen bereits erworben haben. Insgesamt treten nur 6 gemischte DPn auf, bei denen der indefinite Artikel ein mit einem femininen romanischen Nomen gemischt wird und das deutsche Äquivalent ein Neutrum ist. (18) a. ein [-fem] robe [+fem] Amélie dt. Kontext 2; 2,0 une [+fem] robe [+fem] Amélie frz. Kontext 2; 2,0 b. ein [-fem] bambina [+fem] Marta dt. Kontext 2; 5,26 una [+fem] bambina [+fem] Marta it. Kontext 2; 5,26 c. ein [-fem] espada [+fem] Arturo dt. Kontext 3; 1,16 una [+fem] espada [+fem] Arturo sp. Kontext 2; 6,4 d. ein [-fem] casa [+fem] Marta dt. Kontext 1; 11,10 la [+fem] casa [+fem] Marta it. Kontext 1; 11,10 *un [-fem] casa [+fem] Marta it. Kontext 1; 9,12 e. ein [-fem] petite [+fem] fille [+fem] Emma dt. Kontext 2; 9,18 f. ein [-fem] fucile [+fem] Lukas it. Kontext 3; 11,3 Das deutsch-italienische Kind Marta verwendet sowohl den maskulinen italienischen Artikel un als auch den femininen Artikel la mit dem femininen italienischen Nomen casa (vgl. Bsp 18d.) Es ist demnach unklar, ob Marta in der gemischten DP [ DP ein dt casa it ] die italienische Wurzel mit dem <?page no="399"?> 399 nicht-zielsprachlen Genusmerkmal [-fem] in die Syntax eingesetzt hat. Für die gemischte DP [ DP kein dt fucile it ] konnte in den Sprachdaten des bilingual deutsch-italienischen Kindes Lukas keine einsprachige italienische DP nachgewiesen werden, in der das italienische Nomen fucile mit einer genusmarkierten romanischen Determinante aufgetreten ist (vgl. Bsp. 18f.). Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die bilingualen Kinder überwiegend das Genus des jeweiligen romanischen Nomens kennen. Es ist also nicht der Fall, dass die deutsche Determinante das Merkmal [-fem] trägt, weil die bilingualen Kinder das romanische Nomen mit dem [-fem]- Merkmal erworben haben. Darüber hinaus ist für die Genusfehler beim Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem femininen romanischen Nomen folgendes deutlich geworden: Wenn das romanische Nomen und das deutsche Äquivalent feminines Genus haben, dann mischen die Kinder häufiger eine deutsche Determinante, die für das Neutrum und Maskulinum formidentisch ist (z.B. ein [-fem] balançoire [+fem] , dt. Schaukel [mask; +fem] ). Aus dem deutschen Genussystem kann das Merkmal [-fem] nicht stammen, da die drei Genera im Deutschen über binäre Merkmale abgedeckt werden. Es wäre jedoch wiederum möglich, dass die bilingualen Kinder dem femininen romanischen Nomen das nicht-zielsprachliche [-fem]-Merkmal zugewiesen haben. Insgesamt können nur für die Kinder Alexander und Emma einsprachige romanische DPn nachgewiesen werden, in denen eine genusmarkierte romanische Determinante mit dem jeweiligen romanischen Nomen aufgetreten ist. Hierbei wird deutlich, dass das romanische Nomen mit dem zielsprachlichen femininen Genus verwendet wurde. Die Beispiel (19c) - (19f) zeigen, dass die Kinder keine einsprachige romanische DP produziert haben, in denen das jeweilige romanische Nomen mit einer genusmarkierten romanischen Determinante aufgetreten ist. Es könnte erneut vermutet werden, dass die bilingualen Kinder auf das Default Genus in der romanischen Sprache zugreifen, da sie das Genus des romanischen Nomens noch nicht erworben haben. Die Kinder wählen den indefiniten Artikel ein aus, das dieser das Merkmal [-fem] trägt, welches dem Default-Genusmerkmal in der romanischen Sprache entspricht. (19) a. ein [-fem] carotte [+fem] Alexander dt. Kontext 3; 10,6 la [+fem] carotte [+fem] Alexander frz. Kontext 3; 10,6 b. kein [-fem] tasse [+fem] Emma dt. Kontext 2; 10,3 une [+fem] tasse [+fem] Emma frz. Kontext 2; 8,1 c. ein [-fem] soupe [+fem] Emma dt. Kontext 2; 8,1 d. ein [-fem] balançoire [+fem] Amélie dt. Kontext 2; 2,15 <?page no="400"?> 400 e. ein [-fem] pozzanghera [+fem] Aurelio dt. Kontext 2; 10,24 f. ein [-fem] ape [+fem] Valentin dt. Kontext 3; 8,3 Die Generalisierung für den Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem femininen romanischen Nomen kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Tabelle (5): Generalisierung rom. Nomen dt. Äquivalent dt. Determinante a. Fem [+fem] a. Fem [-mask; +fem] b. Mask [+mask; -fem] c. Neut [-mask; -fem] a. D [+fem] / D [-fem] D [+mask; -fem] / D [-mask; -fem] b. D [+fem] / D [-fem] D [+mask; -fem] / D [-mask; -fem] c. D [+fem] / D [-fem] D [+mask; -fem]104 / D [-mask; -fem] Wenn das romanische Nomen und das deutsche Äquivalent feminines Genus haben, dann wählen die Kinder überwiegend eine deutsche feminine Determinante aus. Da das romanische Nomen das Merkmal [+fem] trägt, muss auch die deutsche Determinante entsprechend mit dem Merkmal [+fem] markiert werden. Bestimmt nicht das feminine Genus des romanischen Nomens bzw. das feminine Genus des deutschen Äquivalents das Genus der Determinante, dann mischen die bilingualen Kinder überwiegend eine für das Maskulinum und Neutrum formidentische deutsche Artikelform. Das Merkmal [-fem] der deutschen Determinante kann nicht aus dem deutschen Genussystem stammen, da die Genera im Deutschen für [ mask] spezifiziert sind. Wenn die Kinder das romanische feminine Nomen mit dem nicht-zielsprachlichen maskulinen Genus assoziiert haben, dann bestimmt das [-fem]-Merkmal des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante. In allen anderen Fällen muss das romanische Default-n [-fem] das Genus der deutschen Determinante festgelegt haben. Die Artikelformen der und das sind für [ mask] spezifiziert und werden nur sehr selten mit den romanischen Feminina gemischt. Ist das romanische Nomen ein Femininum und das deutsche Äquivalent ein Maskulinum, dann wählen die bilingualen Kinder überwiegend eine deutsche feminine Determinante aus. Somit markieren die Kinder überwiegend das romanische Merkmal [+fem] an der deutschen Determinante. Bestimmt nicht das [+fem] Merkmal des romanischen Nomens das Genus der deutschen Determinante, dann mischen die bilingualen 104 Genusfehler, bei denen der deutsche Artikel der mit einem romanischen femininen Nomen gemischt wird, treten in den analysierten Sprachdaten nicht auf. <?page no="401"?> 401 Kinder überwiegend eine deutsche Determinante, die für das Maskulinum und Neutrum formidentisch ist. In den meisten Fällen haben die bilingualen Kinder das feminine romanische Nomen mit dem zielsprachlichen femininen Genus erworben. Das Merkmal [-fem] der deutschen Determinante kann demnach nur von dem romanischen Default-n°, welches das Merkmal [-fem] trägt, stammen. Erneut werden die Artikelformen der und das, die für [ mask] spezifiziert sind, nur sehr selten mit den romanischen Feminina gemischt. Sobald die deutsche Determinante für das Merkmal [ mask] spezifiziert ist, muss das jeweilige deutsche n° die Merkmale an der Determinante festgelegt haben. Auch für die gemischten DPn, in denen das romanische Nomen feminin und das deutsche Äquivalent ein Neutrum ist, zeigt sich, dass die Kinder überwiegend das [+fem] Merkmal an der deutschen Determinante markieren. Wenn die bilingualen Kinder nicht das [+fem] Merkmal des romanischen Nomens an der deutschen Determinante markieren, dann mischen sie überwiegend eine deutsche Determinante, die für das Maskulinum und Neutrum unterspezifiziert ist. Dieses Ergebnis ist unabhängig davon, welches Genus das deutsche Äquivalent trägt. In der vorliegenden Arbeit ist deutlich geworden, dass das romanische n° [-fem] das Default Genus (Maskulinum) in der romanischen Sprache aufweist. Ein deutscher Determinierer, der für das Maskulinum und Neutrum formidentisch ist, trägt das Merkmal [-fem], d.h. das unmarkierte Genusmerkmal im romanischen Genussystem. Romanische Determinante + Deutsches Nomen (Maskulinum) Zunächst werden die gemischten DPn diskutiert, in denen das deutsche Nomen und das romanische Äquivalent maskulines Genus haben. Der Strukturbaum (28) stellt den Sprachenwechsel zwischen dem definiten Artikel le frz / el sp / il it und dem deutschen maskulinen Nomen Löwe dar. Das romanische Äquivalent lion frz. / león sp. / leone it ist ebenfalls maskulin. <?page no="402"?> 402 Abb. (28) DP D' D° nP le frz / el sp / il it [Gen: -fem] n° P dt. [Gen: -mask; -fem] frz. [Gen: -fem] dt. Löwfrz. lion sp. león [Gen: -fem] it. leon- [Gen: -fem] Das Maskulinum ist im Deutschen durch die Merkmalskombination [+mask; -fem] festgelegt. Die Sonde der romanischen Determinante sucht nach einem passenden Ziel und findet das deutsche n° [+mask; -fem] . Bei der Merkmalbelegung kann die Sonde nur das Merkmal [-fem] übertragen, da das Merkmal [+mask] in der jeweiligen romanischen Sprache nicht interpretiert werden kann. In diesem Fall wird das Merkmal [+mask] ignoriert und nur das Merkmal [-fem] wird auf die Sonde übertragen. Für die Fälle, in denen das Genus des Nomens in beiden Sprachen gleich ist, kann aufgrund der Merkmale der Determinante nicht entschieden werden, ob die Genusmerkmale des deutschen Nomens oder das Genusmerkmal des romanischen Nomens die Merkmale der Determinante bestimmen. Der folgende Strukturbaum (29) zeigt sowohl den Sprachenwechsel zwischen der maskulinen romanischen Determinante le frz / el sp / il it und dem maskulinen deutschen Nomen Turm als auch den Sprachenwechsel zwischen der femininen romanischen Determinante la frz/ sp/ it und dem deutschen Nomen Turm. In der gemischten DP [ DP la rom Turm dt ] bestimmt das Genus des romanischen Äquivalentn tour frz. / torre sp / torre it das Genus der Determinante. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass die bilingualen Kinder in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen dazu tendieren auf das Genus des romanischen Äquivalents zuzugreifen. <?page no="403"?> 403 Abb. (29) DP D' D° nP 1. le frz / el sp / il it [Gen: -fem] 2. la frz/ sp/ it [Gen: +fem] n° P dt. [Gen: +mask; -fem] frz. [Gen: +fem] dt. Turm frz. tour sp. torr- [Gen: +fem] it. torr- [Gen: +fem] Mischen die bilingualen Kinder eine romanische maskuline Determinante, dann hat die Sonde ihr nicht-instantiiertes Genusmerkmal mit dem Wert [-fem] belegt. Die Sonde sucht nach einem passenden Ziel und findet das deutsche n° [+mask; -fem] und überträgt nur das Merkmal [-fem], da nur dieses im romanischen Genussystem interpretiert werden kann. Die Auswahl des femininen Artikels la frz/ sp/ it zeigt hingegen, dass die Sonde ihr nicht-instantiiertes Genusmerkmal mit dem Wert [+fem] des romanischen Äquivalents belegt hat Romanische Determinante + Deutsches Nomen (Femininum) Der Strukturbaum (30) stellt den Sprachenwechsel zwischen dem femininen Artikel la frz/ sp/ it und dem deutschen femininen Nomen Birne dar. Das jeweilige romanische Äquivalent poire frz / pera sp / pera it ist hierbei ebenfalls feminin. Das Femininum ist im Deutschen durch die Merkmalskombination [-mask; +fem] festgelegt. Die Sonde der romanischen Determinante sucht nach einem passenden Ziel und findet das deutsche n° [-mask; +fem] . Bei der Merkmalbelegung kann die Sonde nur das Merkmal [+fem] übertragen, da das Merkmal [-mask] im romanischen Genussystem nicht interpretiert werden kann. In diesem Fall wird das Merkmal [-mask] ignoriert und nur das Merkmal [+fem] auf die Sonde übertragen. Erneut kann für die Fälle, in denen das Genus des Nomens in beiden Sprachen gleich ist, nicht entschieden werden, ob die Genusmerkmale des deutschen Nomens oder das Genusmerkmal des romanischen Nomens die Merkmale der Determinante bestimmen. <?page no="404"?> 404 Abb. (30) DP D' D° nP la frz/ sp/ it [Gen: +fem] n° P dt. [Gen: -mask; +fem] frz. [Gen: +fem] dt. Birnfrz. poire sp. per- [Gen: +fem] it. per- [Gen: +fem] Der folgende Strukturbaum (31) zeigt den Sprachenwechsel zwischen dem femininen Artikel la frz/ sp/ it und dem deutschen femininen Nomen Sonne sowie den Sprachenwechsel zwischen dem maskulinen Artikel le frz / el sp / il it und dem deutschen femininen Nomen Sonne. Hierbei ist das jeweilige romanische Äquivalent soleil frz. / sol sp. / sole it maskulin. Wenn der maskuline Artikel ausgewählt wird, dann bestimmt das Genus des romanischen Nomens das Genus der Determinante. Abb. (31) DP D' D° nP 1. la frz/ sp/ it [Gen: +fem] 2. le frz / el sp / il it [Gen: -fem] n° P dt. [Gen: -mask; +fem] frz. [Gen: -fem] dt. Sonnfrz. soleil sp. sol- [Gen: -fem] it. sol- [Gen: -fem] <?page no="405"?> 405 Bei der Auswahl der femininen romanischen Determinante la frz/ sp/ it wird das Merkmal [+fem] des deutschen n° auf die Determinante übertragen. Das Merkmal [-mask] wird bei der Merkmalbelegung der Sonde ignoriert. Bei der Auswahl des italienischen bzw. spanischen Artikels il it / el sp bestimmt das [-fem]-Merkmal der italienischen bzw. spanischen Wurzel das Genusmerkmal der Determinante. Im Französischen ist n° [-fem] für die Genusmarkierung an der maskulinen Determinante le verantwortlich. Genusfehler mit den deutschen Nomina Für die Genusfehler ist deutlich geworden, dass die bilingualen Kinder häufiger den deutschen Feminina ein nicht-zielsprachliches Genus zuweisen, als den deutschen Maskulina (Genusfehler Maskulina (3,6%), Genusfehler Feminina (10,7%)). In Strukturbaum (32) richtet sich das Genus der romanischen Determinante weder nach dem Genus des deutschen Nomens noch nach dem Genus des romanischen Äquivalents. Sowohl das deutsche Nomen Tür als auch das jeweilige romanische Äquivalent porte frz / puerta sp / porta it ist feminin. Die Frage ist, woher das Merkmal [-fem] an der romanischen Determinante stammt, wenn das deutsche n° die Merkmale [-mask; +fem], das französische n° das Merkmal [+fem] und die italienische bzw. spanische Wurzel das Merkmal [+fem] aufweisen. Vermutlich ist für die bilingualen Kinder das Default-Genus in der romanischen Sprache von Bedeutung. Wenn der Default in den romanischen Sprachen ein Merkmal von n° [-fem] ist, dann überträgt die Sonde der romanischen Determinante das Merkmal [-fem] auf ihr nicht-instantiiertes Genusmerkmal. Abb. (32) DP D' D° nP le frz / el sp / il it [Gen: -fem] n° P dt. [Gen: -mask; +fem] frz. [Gen: +fem] dt. Tür rom. Default [Gen: -fem] frz. porte sp. puert- [Gen: +fem] it. port- [Gen: +fem] <?page no="406"?> 406 Zusammenfassend lässt sich für den Erklärungsansatz im Rahmen der DM festhalten, dass alle empirischen Befunde der vorliegenden Studie über diesen Ansatz erklärt werden können. Sowohl der Unterschied zwischen den deutsch-französischen und den deutsch-italienischen bzw. deutsch-spanischen Kindern als auch die Artikelauswahl beim Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen können im Rahmen des DM-Ansatzes erklärt werden. Im Französischen und Deutschen ist Genus ein Merkmal von klein n°, während im Spanischen und Italienischen Wurzeln genusmarkiert aus dem narrow lexicon in die syntaktische Derivation eingesetzt werden. Das Default-Genus basiert in allen drei romanischen Sprachen auf dem Merkmal [-fem] und ist ein Merkmal von n° [-fem] . Die Untersuchungsergebnisse haben gezeigt, dass die deutschfranzösischen Kinder im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern signifikant häufiger auf das Genus des Äquivalents zugreifen. Dieser Unterschied ist im Rahmen des DM-Ansatzes folgendermaßen erklärt worden. Beim CS zwischen einer deutschen Determinante und einem französischen Nomen bzw. einer französischen Determinante und einem deutschen Nomen greifen die bilingualen Kinder häufiger auf das Genus des Äquivalents zu, da Genus erst im Verlauf der Derivation. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Sonde das Genus des Äquivalents findet, erhöht sich, da Genus im Französischen und im Deutschen ein Merkmal von klein n° ist. Die gleiche Position, in der Genus in beiden Sprachen zugewiesen wird, führt dazu, dass für ein deutsch-französisches Kind das Genus in beide Richtungen relevant ist. Für die deutsch-spanischen und die deutsch-italienischen Kinder ist besonders bei einem deutschen Nomen das Genus des romanischen Äquivalents relevant. Genus ist im Deutschen ein Merkmal von n°, während im Spanischen und Italienischen Genus ein inhärentes Merkmal der Wurzel ist. Nur im Deutschen wird Genus später aufgelöst als im Spanischen bzw. Italienischen. Die romanische Wurzel wird mit Genus in die syntaktische Derivation eingesetzt. Dieser derivationelle Unterschied spiegelt sich auch in den Ergebnissen für die Genuszuweisung beim Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen wieder: Die deutsch-italienischen bzw. deutsch-spanischen Kinder greifen besonders auf das Genus des Äquivalents zu, wenn sie ein deutsches Nomen mischen. Die deutsche Wurzel wird genuslos in die Syntax eingesetzt, während die italiensche und spanische Wurzel eine Genusmarkierung beim Einsetzen in die Syntax haben. Die Wahrscheinlichkeit bei einem deutschen Nomen auf das Genus des italienischen bzw. spanischen Äquivalents zuzugreifen, erhöht sich, da im Italienischen und Spanischen Genus nicht erst im Verlauf der Derivation aufgelöst wird. Darüber hinaus konnte die Artikelauswahl beim CS im Rahmen des DM-Ansatzes erklärt werden: Mischen die bilingualen Kinder eine für das <?page no="407"?> 407 Maskulinum und Neutrum unterspezifizierte deutsche Artikelform (z.B. ein [-fem] ), dann kann das Merkmal [-fem] des deutschen Determinierers nur von der italienischen bzw. spanischen Wurzel, von dem französischen klein n° oder von dem Default -n°[-fem] im romanischen Genussystem stammen. 6.4 Diskussion der beiden Ansätze Die beiden Erklärungsansätze für die vorliegenden Untersuchungsergebnisse sollen im Folgenden unter Einbeziehung ökonomischer Überlegungen bewertet werden. Der erste Lösungsvorschlag basiert auf der Annahme eines präsyntaktischen Morphologiemoduls, in dem deutsche bzw. französische Wurzeln, die keine Genusmarkierung im Lexikon aufweisen, Genus durch Merge mit Elementen vom Typ derivationeller oder inflektionaler Morpheme zugewiesen bekommen, wobei letzteres nur im Deutschen möglich ist. Es ist dafür argumentiert worden, dass im Deutschen Genus im Verbund mit Flexionsklasse existiert und nominale Flexionsmarker sowohl ein valuiertes N-Klassenmerkmal als auch ein valuiertes Genusmerkmal tragen. Das unvaluierte Genusmerkmal und das unvaluierte N-Klassenmerkmal der Basis fungieren als Sonde, die durch Verkettung mit einem nominalen Flexionsmarker validiert werden. Die Verkettungsoperation in der präsyntaktischen morphologischen Komponente führt dazu, dass die französischen und deutschen Nomina stets mit einem valuierten Genusmerkmal in die Syntax eingesetzt werden. Spanische bzw. italienische Wurzeln verlassen das Lexikon mit einem valuierten Genusmerkmal und einem valuierten N-Klassenmerkmal und werden anschließend in die präsyntaktische morphologische Komponente eingesetzt. In der Syntax tragen sowohl die spanischen und italienischen Nomina als auch die französischen und deutschen Nomina ein valuiertes Genusmerkmal. Dieser Lösungsvorschlag ist mit den Grundannahmen des Minimalistischen Programms vereinbar: Nomina werden mit Genus in die Syntax eingesetzt werden. Die Annahme, dass die deutschen und französischen Wurzeln mit einem unvaluierten Genusmerkmal das Lexikon verlassen, macht deutlich, dass sie nicht wirklich genuslos sind, da sie eben ein unvaluiertes Genusmerkmal tragen. Der Nachteil dieser Analyse besteht ebenfalls darin, dass im Deutschen ein massiv unterspezifiziertes Nullmorphem angenommen werden muss, welches ein valuiertes Genusmerkmal trägt. Ferner muss für das Französische ein Default formuliert werden, da es in dieser Sprache keine Substantivflexionsmarker gibt, die, wie im Deutschen, das unvaluierte Genusmerkmal der Basis validieren. Eine Alternative dazu wäre, für alle einsilbigen französischen <?page no="408"?> 408 Nomina ein Nullmorphem anzunehmen, welches ein valuiertes Genusmerkmal trägt. Dies führt jedoch zu einem exzessiven Gebrauch von Nullmorphemen, da für alle französischen Einsilber unsichtbare Morphologie notwendig wäre. Der potentielle Sondierungsbereich von Sonden ist durch das c-Kommando bestimmt. Obwohl die Definition von c-Kommando eigentlich symmetrisch ist und keine Richtung vorgibt, hat sich seit Kayne (1994) die Tendenz durchgesetzt, dass c-Kommando von links nach rechts in der Struktur wirken zu lassen. Die Antisymmetrie-Hypothese besagt, dass Strukturen asymmetrisch aufgebaut sind und neue Elemente durch Merge in die bestehende Struktur nach links eingesetzt werden. Eine Sonde kann nur die bereits nach rechts derivierte Strukur nach einem geeigneten Ziel absuchen, sodass Elemente anschließend immer nach links bewegt werden. Obwohl im vorliegenden Rahmen angenommen wird, dass in der präsyntaktischen morphologischen Komponente Agree keine Bewegung auslöst, ist für das Spanische und Italienische jedoch deutlich geworden, dass die Nominalendungen ein unvaluiertes N-Klassenmerk-mal tragen und die Sonde der Nominalendung nach links sondiert, um ihr unvaluiertes N-Klassenmerkmal zu validieren. Die Definition von c-Kommando erlaubt zwar diese Sondierungsrichtung, dennoch wirkt das c-Kommando in diesem Fall nach links. Der DM-Ansatz erweist sich in mehrfacher Hinsicht als vorteilhaft. Die deutschen und französischen Wurzeln weisen im narrow lexicon keine Wortartinformation auf und sind stets genuslos. Im Rahmen des syntaxbasierten DM-Modells ist Genus im Deutschen und Französischen ein Merkmal von klein n°, während die italienischen und spanischen Wurzeln mit einem Genusmerkmal in die Syntax eingesetzt werden. Für das Französische muss demnach kein Default formuliert werden, da die französischen Wurzeln keine Genusmarkierung im narrow lexicon tragen. Während für die bilingual deutsch-französischen Kinder sowohl das Genus des französischen als auch das Genus des deutschen Äquivalents bei der Genuszuweisung relevant ist, zeigen die Ergebnisse der deutschspanischen bzw. deutsch-italienischen Kinder, dass besonders in den gemischten DPn mit einem deutschen Nomen auf das Genus des romanischen Äquivalents zugegriffen wird. Der Zugriff auf das Genus des Äquivalents verläuft bei den bilingual deutsch-französischen Kindern bidirektional, während dieser bei den deutsch-spanischen bzw. deutschitalienischen Kindern überwiegend unidirektional verläuft. Das Französische unterscheidet sich demnach von den anderen beiden romanischen Sprachen und wird in der vorliegenden Arbeit als Nicht-Wurzelgenussprache bezeichnet. Den Status einer „echten“ Nicht-Wurzelgenus-sprache hat das Französische nur im Rahmen des DM-Ansatzes, da innerhalb <?page no="409"?> 409 des präsyntaktischen Lösungsvorschlags für das Französische ein Default formuliert werden muss. In einer generativen Grammatiktheorie besteht das höchste Ziel in der Eliminierung jeglicher Redundanz. Der formulierte Default für das Französische besagt, dass französische Wurzeln im unmarkierten Fall eine Genusmarkierung tragen und im markierten Fall genuslos sind. Der Default ist jedoch redundant, da im Französischen Genus ebenso ein Merkmal von klein n° sein kann und Wurzeln demnach keine Genusmarkierung im Lexikon aufweisen müssen. Dennoch ist der DM-Ansatz nicht unmittelbar mit dem MP vereinbar, da Wurzeln genuslos in die Syntax eingesetzt werden und Wörter den Output der syntaktischen Derivation bilden. Im Rahmen der DM müssen französische bzw. deutsche Wurzeln in n° inkorporieren, um Genus zu erhalten. Der Vorteil des präsyntaktischen Ansatzes besteht darin, dass genuslose Wurzeln ohne Inkorporation bzw. Bewegung Genus zugewiesen bekommen. Im Hinblick auf die Derivation ist der präsyntaktische Lösungsvorschlag somit ökonomischer als der DM-Ansatz. Auf der anderen Seite ist jedoch der DM-Ansatz ökonomischer, da französische und deutsche Wurzeln kein unvaluiertes Genusmerkmal im Lexikon tragen, sondern genuslos sind. Dieses scheinbar ökonomischere Lexikon im DM-Modell ist jedoch auf die syntaktische Komponente angewiesen, in der Genus durch Inkorporation der Wurzel in n° zugewiesen wird. Ein Vorteil der DM-Analyse besteht jedoch darin, dass die Artikelauswahl der bilingualen Kinder beim CS erklärt werden kann. Im vorliegenden Rahmen ist der von Gónzalez Vilbazo (2005) vorgeschlagene Algorithmus zur Genuskongruenz in den DM-Ansatz implementiert worden, welcher die empirischen Befunde im Hinblick auf die Artikelauswahl beim kindlichen Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen erklärt. Insgesamt kann als Ergebnis der vergleichenden Bewertung beider Ansätze festgehalten werden, dass sowohl der Lösungsvorschlag im DM- Modell als auch der Erklärungsansatz im Rahmen eines präsyntaktischen Morphologiemoduls die vorliegenden Untersuchungsergebnisse erklären. Beide Ansätze machen deutlich, dass die Beobachtungen zum kindlichen CS zwischen Determinierer und Nomen auf die Eigenschaften der involvierten Einzelsprachen zurückzuführen sind. Dennoch scheint der DM- Ansatz unter minimalistischem Aspekt eher dem Grundgedanken derivationeller Ökonomie zu entsprechen, da im Französischen und Deutschen narrow lexicon Wurzeln stets genuslos sind, d.h. kein unvaluiertes Genusmerkmal tragen. <?page no="410"?> 410 7 Schlussbetrachtung und Ausblick Ziel der vorliegenden Arbeit war es, einen Beitrag zum intra-sententialen Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei bilingual aufwachsenden Kindern, die von Geburt an zwei Erstsprachen simultan erwerben, zu leisten. Das Functional Head Constraint (FHC) von Belazi, Rubin und Toribio (1995) verbietet den Sprachenwechsel zwischen funktionalen Köpfen und ihren lexikalischen Komplementen. Das funktionallexikalische Mischen zwischen Determinierer und Nomen ist aufgund des FHC ausgeschlossen. Die Ergebnisse im Teil I der Longitudinalstudien (Kap. 3) haben jedoch gezeigt, dass der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen der am häufigsten auftretende Mischpunkt von allen intra-sententialen Mischungen darstellt. Die in der kindlichen Spontansprache beobachteten Mischungen innerhalb der DP sind demnach Gegenbeispiele, die das FHC widerlegen. Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist, dass der kindliche Sprachenwechsel im Hinblick auf das Mischen der funktionalen Kategorie bei den unbalancierten Kindern kein kompetenzgetriebenes Phänomen darstellt, sondern ein Phänomen der Sprachperformanz. Aus einer psycholinguistischen Perspektive ist dafür argumentiert worden, dass die Mischrichtung Evidenz für einen inhibitorischen Kontrollmechanismus beim Sprachenwechsel liefert und die Switchkosten beim Sprachenwechsel von der dominanten in die schwache Sprache und andersherum berücksichtigt werden müssen. Die Ergebnisse von Meuter und Allport (1999) zeigen, dass der Sprachenwechsel von der schwachen in die dominante Sprache mit mehr Aufwand verbunden ist, d.h. mehr Switchkosten impliziert, als der Wechsel von der starken in die schwache Sprache. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist deutlich geworden, dass sich diese asymmetrischen Switchkosten ebenfalls für den Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei bilingual aufwachsenden Kindern beobachten lassen. Für ein unbalanciertes Kind ist die Inhibition des funktionalen Skeletts der starken Sprache mit mehr inhibitorischer Kontrolle verbunden als die Inhibition des funktionalen Skeletts der schwachen Sprache. Das unidirektionale Mischen der funktionalen Kategorie aus der starken Sprache zeigt, dass unbalancierte Kinder das funktionale Skelett der starken Sprache schneller aktivieren und schneller auf das funktionale Lexikon der starken Sprache zugreifen können. Es ist deutlich geworden, dass bilinguale Kinder den Zugriff auf das funktionale Skelett der schwachen Sprache einüben müssen, insofern als der automatische Abruf der schwachen Sprache einen bestimmten Rede- <?page no="411"?> 411 fluss in derselben erfordert, damit die Inhibition des funktionalen Lexikons der starken Sprache besser gelingt. Im vierten Kapitel sind zunächst die wesentlichen Grundzüge des Sonde-Ziel-Modells und der Distributed Morphology vorgestellt worden, wobei vorranig die zentralen Aspekte für die vorliegende Arbeit aufgezeigt wurden. Darüber hinaus stellte das vierte Kapitel die relevante Literatur zum Genus vor, auf deren Basis die Arbeitshypothesen für die Analyse der CS-Daten im Teil II der Longitudinalstudien (Kapitel 5) formuliert wurden. Im Teil II der Longitudinalstudien hat sich die vorliegende Abrbeit mit der Frage beschäftigt, welche Faktoren die Genusmarkierung an der Determinante beim intra-sententialen Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen beeinflussen. Dabei ging es einerseits um die Frage, inwieweit die Form-Genus-Korrelation in zwei psycholinguistischen Modellen Anwendung findet und, ob die formale Genustransparenz eines Nomens einen Einfluss auf die Genuszuweisung in der gemischten DP hat. Die empririschen Befunde haben gezeigt, dass sich unabhängig von der formalen Genustransparenz eines Nomens das Genus der Determinante überwiegend nach dem Genus des Nomens in der gemischten DP richtet. Sowohl bei genus-intransparenten als auch bei genus-transparenten Nomen bestimmt überwiegend das Genus des Nomens die Genusmarkierung an der Determinante. Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit legen nahe, die Annahmen zum Genus, wie sie in der linguistischen Literatur Anwendung finden, kritisch zu hinterfragen. In Kapitel 4 haben Betrachtungen zur Derivationsmorphologie in den analysierten Sprachen gezeigt, dass Genus im Spanischen und Italienischen ein inhärentes Merkmal der lexikalischen Wurzel ist, während Genus im Deutschen und Französischen kein Wurzelphänomen darstellt. Die traditionelle Annahme, dass die Nominalendungen im Spanischen und Italienischen Genusträger sind, konnte widerlegt werden (vgl. Cantone & Müller 2008, Roca 1989). Es erfolgte eine Vorstellung ausgewählter Studien, die den Erwerb von Nomen und Verben bei monolingual und bilingual aufwachsenden Kindern untersuchen (Kap. 4.8). Dabei wurde für den monolingualen Erwerb im Deutschen eine Nomen-Verb-Symmetrie, im Französischen eine schwache Nomen- Verb-Asymmetrie und im Spanischen und Italienischen die stärkste Asymmetrie zugunsten der Nomen deutlich. Pillunat (2008) zeigt, dass die asymmetrische Entwicklung im Spanischen und Italienischen nicht durch generelle quantitative und qualitative Unterschiede im Bereich des Nomen- und Verblernens im Vergleich zum Deutschen erklärt werden kann. Die symmetrische Nomen-Verb-Entwicklung im Deutschen und das schwach asymmetrische Erwerbsmuster der Nomen und Verben im Französischen sind ein Indiz für die Annahme kategorieloser Wurzeln im <?page no="412"?> 412 deutschen und französischen Lexikon. Das robuste Phänomen der Nomen-Verb-Asymmetrie im Spanischen und Italienischen liefert Evidenz dafür, dass die syntaktische Kategorie einer Wurzel im spanischen und italienischen Lexikon vorgegeben ist. Betrachtungen zur Derivationsmorphologie und die Untersuchungsergebnisse zum frühkindlichen Lexikon Erwerb bestätigen die Kernaussage der vorliegenden Arbeit: Genus ist im Spanischen und Italienischen ein Wurzelphänomen, während das Französische und Deutsche Nicht-Wurzelgenussprachen sind. Im Deutschen und im Französischen wird Genus erst im Verlauf der Derivation entschieden. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Phänomen Genus eine wichtige Rolle spielt, um die sprachspezifischen Erwerbsmuster der Nomen und Verben und die Genuskongruenz beim CS zwischen Determinierer und Nomen zu erklären. Im empirischen Teil II der Longitudinalstudien (Kapitel 5) liefert die Analyse zum Genus in der gemischten DP weitere Evidenz für die Kernhypothese dieser Arbeit. Dass die bilingual deutsch-französischen Kinder signifikant häufiger auf das Genus des Äquivalents in beiden Sprachen zugreifen, ist eine Konsequenz der beteiligten Einzelsprachen beim CS. Im Rahmen des DM-Ansatzes ist dafür argumentiert worden, dass Genus im Deutschen und im Französischen ein Merkmal von klein n° ist. Die Untersuchungsergebnisse in der deutsch-italienischen und deutsch-spanischen Studie haben gezeigt, dass die bilingualen Kinder besonders bei einem deutschen Nomen auf das Genus des romanischen Äquivalents zugreifen. Die beobachtete Asymmetrie ist wiederum eine Konsequenz unterschiedlicher Eigenschaften der beteiligten Sprachen beim CS. Darüber hinaus wurden verschiedene Alternativhypothesen auf die gewonnenen Daten angewandt. Die Sprachdominanz scheidet als Einflussgröße aus: Mischen die unbalancierten Kinder ein Nomen aus der schwachen Sprache, dann greifen sie nicht häufiger auf das Genus des Äquivalents aus der starken Sprache zu. Ebenso spielt die Größe des Nomenlexikons in den beiden Erstsprachen für die Genusmarkierung an der Determinante beim intra-sententialen CS zwischen Determinierer und Nomen keine Rolle. Die Korrelation zwischen dem Zugriff auf das Genus des Äquivalents und der Größe des Nomenlexikons ist statistisch nicht signifikant. Die Kernhypothese der vorliegenden Arbeit konnte über eine statistisch signifikante Korrelation zwischen dem Aufbau des Nomen-Verb- Lexikons und der Genuszuweisung auf der Basis der äquivalenten Nomens bestätigt werden: Je größer der durchschnittliche Nomen-Verb- Faktor, desto geringer ist der Zugriff auf das Genus des äquivalenten Nomens. Bilinguale Kinder, die ein asymmetrisches Erwerbsmuster der Nomen und Verben aufweisen, greifen selten auf das Genus des Äquivalents <?page no="413"?> 413 zu. Bei einem symmetrischen Erwerbsmuster erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Genus der Determinante nach dem Genus des Äquivalents richtet. In Kapitel 5.8 haben die Beobachtungen zum wortinternen Sprachenwechsel gezeigt, dass dieser überwiegend dem gleichen Schema folgt. Der Sprachenwechsel auf Wortebene findet von einer romanischen Basis zu einem deutschen Suffix statt. Es ist dafür argumentiert worden, dass CS genau dann vorliegt, wenn der Sprachenwechsel von einer romanischen Basis zu einem deutschen Suffix erfolgt. Der Wechsel von einer deutschen Basis zu einem romanischen Suffix wurde als Borrowing charakterisiert. Die beobachteten Asymmetrien beim wortinternen Sprachenwechsel liefern ebenfalls Evidenz, dass die Merkmalspezifikation der Wurzel sprachenabhängig variiert und bestätigen wiederum die Kernhypothese der vorliegenden Arbeit. Ein weiteres Ergebnis ist, dass die romanischen Maskulina überwiegend mit einer deutschen Determinante gemischt werden, die für das Maskulinum und Neutrum formgleich ist. Die vorliegende Arbeit bestätigt den von González Vilbazo (2005) vorgeschlagenen Algorithmus zur Genuskongruenz für den Sprachenwechsel bei bilingual aufwachsenden Kindern. Nach González Vilbazo unterscheidet das Spanische nur zwischen den Merkmalen [-Fem] und [+Fem]. Analog zu dieser Annahme wurden für das Italienische und Französische ebenfalls die Merkmale [-Fem] und [+Fem] angenommen, um die beiden Genera (Maskulinum und Femininum) abzudecken. Beim Sprachenwechsel zwischen einer deutschen Determinante und einem maskulinen romanischen Nomen, welches das Merkmal [-fem] trägt, fehlt für das deutsche Genussystem die Information [ mask], da die drei Genera im Deutschen über Merkmalskombinationen erfasst werden. Folglich mischen die bilingualen Kinder überwiegend einen deutschen Determinierer, der für das Maskulinum und Neutrum formidentisch ist, d.h. das Merkmal [-fem] trägt, da dieser mit einem maskulinen romanischen Nomen kongruiert. Weitere Evidenz für die Annahme, dass Genus im Deutschen und im Französischen ein Merkmal von klein n° ist, lieferte folgendes Ergebnis: Die deutsch-französischen Kinder mischen im Vergleich zu den anderen bilingualen Kindern häufiger einen deutschen Determinierer mit einem maskulinen romanischen Nomen, der für die Merkmalskombination [+mask; -fem] spezifiziert ist. Die Merkmale [+mask; -fem] stammen aus dem deutschen Genussystem, d.h. von n° [+mask; -fem] . Da Genus im Französischen und im Deutschen ein Merkmal von klein n° ist, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass das deutsche Genussystem die Merkmale des deutschen Determinierers bestimmt. <?page no="414"?> 414 Das fünfte Kapitel diskutiert zwei unterschiedliche generative Ansätze, um den vorliegenden Untersuchungsergebnissen Rechnung zu tragen. Die vergleichende Bewertung der beiden Ansätze hat jedoch gezeigt, dass der DM-Ansatz als Erklärungsansatz für die vorliegenden Ergebnisse vorzuziehen ist. Insgesamt ist in der vorliegenden Arbeit deutlich geworden, dass über den kindlichen Sprachenwechsel neue Erkenntnisse im Hinblick auf die Eigenschaften der beteiligten Einzelsprachen gewonnen werden können. Die Analyse des Sprachenwechsels bietet die Möglichkeit, die sprachspezifischen Eigenschaften der involvierten Einzelsprachen zu erfassen. Die Untersuchung von CS ist deshalb besonders wertvoll, da die Interaktion der beiden Sprachsysteme im bilingualen Individuum sichtbar wird. In zukünftigen Forschungsarbeiten sollten einige Aspekte der vorgestellten Analyse weiter vertieft werden. Die Durchführung eines Reaktionszeitexperiments wäre der sich an die dargestellte Studie anschließende Arbeitsschritt, um die Annahme zu bestätigen, dass im Deutschen und Französischen Genus erst später im Verlauf der Derivation aufgelöst wird als im Spanischen und Italienischen. Die Beobachtungen zur Derivationsmorphologie im Deutschen und in den romanischen Sprachen könnten möglicherweise über ein Reaktionszeitexperiment überprüft werden. Während im Deutschen und im Französischen bei der Diminution derivierte Nomina ein von der nominalen Ableitungsbasis abweichendes Genus aufweisen, wird im Spanischen und Italienischen kein Genuswechsel ausgelöst (z.B. dt. die fem Frucht fem - das neutr Früchtchen neutr , frz. le mask mur mask - la fem muraille fem , sp./ it. la fem mano fem - la fem manina fem ). Die Annahme eines Überschreibungsprozesses, bei dem das französische bzw. deutsche Suffix das Genus der Wurzel überschreibt, sollte beispielsweise in psycholinguistischen Experimenten dazu führen, dass die Reaktionszeit bei deutschen und französischen Derivaten länger ist, als bei italienischen und spanischen Derivaten. In der vorliegenden Arbeit ist jedoch dafür argumentiert worden, dass im Deutschen und Französischen die Genusmarkierung der Wurzel nicht überschrieben wird, sondern Wurzeln keine Genusmarkierung tragen. Die Annahme genusloser Wurzeln im Französischen und Deutschen sollte in einem Reaktionszeitexperiment zu folgendem Ergebnis führen: Die Reaktionszeit bei Derivaten wie Früchtchen bzw. muraille, sollte im Vergleich zu der Reaktionzeit bei italienischen und spanischen Derivaten nicht länger sein, da in beiden Fällen kein Überscheibungsprozess erfolgt. Wie das Testdesign eines solchen Experiments genau auszusehen hat, kann im vorliegenden Rahmen nicht mehr ermittelt werden. Bei der Durchführung eines solchen Reaktionszeitexperiments müssen verschiedene Störvariablen berücksichtigt werden, wie z.B. die Frequenz der einzelnen Diminutivsuffixe in den analysierten Einzelsprachen. <?page no="415"?> 415 Das (a)symmtrische Erwerbsmuster der Nomen und Verben im frühkindlichen Lexikonerwerb ist ein robustes Phänomen. Die Untersuchung von Pillunat (2007) hat gezeigt, dass im elterlichen Input die „Elizitation“ von Nomen im Deutschen und im Französischen ungefähr doppelt so häufig wie die „Elizitation“ von Verben auftrat. Somit kann die im Deutschen und Französischen nachgewiesene symmetrische bzw. schwach asymmetrische Entwicklung der Nomen und Verben nicht durch pragmatische Faktoren im Input des Kindes erklärt werden. Es wäre denkbar, dass im Spracherwerbsprozess der Weg zu einem genuslosen Lexikon der symmetrische bzw. schwach asymmetrische ist, dass man bei Erwachsenen aber eben nicht mehr über Wege, sondern z.B. über Reaktionszeitexperimente nachweisen kann, wie Genus repräsentiert ist. Für alle analysierten Einzelsprachen sollte allerdings die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass spezifische Residuen im Lexikon existieren, die zur Peripherie des jeweiligen Gesamtlexikons gehören. Demzufolge wäre für das Deutsche und Französische weiterhin zu überprüfen, ob es Residuen in der Peripherie des Lexikons gibt, in denen die Genusinformation einer Wurzel vorgegeben ist. Für das Spanische und Italienische ist bereits angedeutet worden, dass das natürliche Geschlecht und das Default-Genus möglicherweise ein Merkmal von klein n° ist. Außerdem sollte in zukünftigen Forschungsarbeiten der Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei spanisch-italienischen Sprechern untersucht werden. Es wäre zu vermuten, dass sich für die Sprachkombination Spanisch-Italienisch ähnliche Ergebnisse zeigen, wie für die bilingual deutsch-französischen Kinder. Insgesamt hat die vorliegende Arbeit einen Beitrag zum Sprachenwechsel zwischen Determinierer und Nomen bei bilingual aufwachsenden Kindern geleistet, wobei die Analyse im empirischen Teil II unter besonderer Berücksichtigung des Genus erfolgte. Die Arbeit soll mit einem Zitat von Greville G. Corbett (1991: 1) enden, der das Phänomen Genus folgendermaßen beschreibt: „gender is the most puzzling of the grammatical categories”. <?page no="416"?> 416 8 Literatur Abney, S. 1987. The English Noun Phrase in its Sentential Aspect. Phd thesis, MIT: Cambridge, Mass. Alexiadou, A. 2004. Inflection class, gender and DP internal structure. In: G. Müller, L. Gunkel & G. Zifonun (Hrsg.) Exploration in Nominal Inflection. Berlin: Mouton de Gruyter, 21-50. Alexiadou, A., Haegeman, L. & M. Stavrou 2007. Noun Phrase in the Generative Perspective. 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Kategorie D gemischt 3,5 0,131 nicht signifikant Tabelle (2): Vergleich im Französischen 106 Kondition U-Wert p-Wert Signifikanzniveau fkt. Kategorie D gemischt 1 0,5 nicht signifikant Tabelle (3): Vergleich im Italienischen 107 Kondition U-Wert p-Wert Signifikanzniveau fkt. Kategorie D gemischt 2 0,4 nicht signifikant 105 Gruppe 1 (dt. dominant) und Gruppe 2 (dt. balanciert) bzgl. des Mischens der funktionalen Kategorie D (n 1 =3, n 2 =7). 106 Gruppe 1 (frz. dominant) und Gruppe 2 (frz. balanciert) bzgl. dem Mischen der funktionalen Kategorie D (n 1 = 1, n 2 = 3) 107 Gruppe 1 (it. dominant) und Gruppe 2 (it. balanciert) bzgl. dem Mischen der funktionalen Kategorie D (n 1 = 2, n 2 = 3). <?page no="431"?> 431 Tabelle (4): Vergleich im Deutschen 108 Kondition U-Wert p-Wert Signifikanzniveau fkt. Kategorie D gemischt 0 0,008 signifikant Tabelle (5): Vergleich im Französischen 109 Kondition U-Wert p-Wert Signifikanzniveau fkt. Kategorie D gemischt 0 0,250 nicht signifikant Tabelle (6): Vergleich im Italienischen 110 Kondition U-Wert p-Wert Signifikanzniveau fkt. Kategorie D gemischt 1 0,5 nicht signifikant 108 Gruppe 1 (dt. schwache Sprache) und Gruppe 2 (dt. balanciert) bzgl. dem Mischen der funktionalen Kategorie D (n 1 = 3, n 2 = 7). 109 Gruppe 1 (frz. schwache Sprache) und Gruppe 2 (frz. balanciert) bzgl. dem Mischen der funktionalen Kategorie D (n 1 = 1, n 2 = 3). 110 Gruppe 1 (it. schwache Sprache) und Gruppe 2 (it. balanciert) bzgl. dem Mischen der funktionalen Kategorie D (n 1 = 1, n 2 = 3). <?page no="432"?> 432 Appendix B: Tabellen zu den Graphiken in Kapitel 5 (Teil II der Longitudinalstudien) Tab. B (1) Übersetzungsäquivalente Nomen: Balancierte Kinder Übersetzungsäquivalentes Nomen Kind gleichzetig früher später kein Anzahl N- Types 111 Amélie dt. 5 (7,14) 28 (40) 15(21,43) 22 (31,43) 70 (100) Amélie frz. 6 (9,83) 27(42,19) 16 (25) 15 (23,44) 64 (100) Alexander dt. 12 (27,91) 8 (18,6) 9 (20,93) 14 (32,56) 43 (100) Alexander frz. 3 (10,71) 11(39,29) 2 (7,14) 12 (42,86) 28 (100) Teresa dt. 1 (16,67) 2 (33,33) 0 (0) 3 (50) 6 (100) Teresa sp. 0 (0) 0 (0) 1 (14,29) 6 (85,71) 7 (100) Marta dt. 6 (12) 26 (52) 7 (14) 11 (22) 50 (100) Marta it. 1 (5,88) 12(70,59) 1 (5,88) 3 (17,65) 17 (100) Carlotta dt. 8 (23,53) 9 (26,47) 11(32,35) 6 (17,65) 34 (100) Carlotta it. 2 (6,9) 17(58,62) 3 (10,34) 7 (24,14) 29 (100) Lukas dt. 1 (3,85) 14(53,85) 5 (19,23) 6 (23,08) 26(100) Lukas it. 8 (5,33) 74(49,33) 6 (4) 62 (41,33) 150 (100) Luca dt. 1 (16,67) 3 (50) 0 (0) 2 (33,33) 6 (100) Luca it. 0 (0) 2 (25) 2 (25) 4 (20) 8 (100) Juliette frz. 0 (0) 4 (100) 0 (0) 0 (0) 4 (100) Juliette it. 9 (29,03) 7 (22,58) 2 (6,45) 13 (41,98) 31 (100) Summe 63 (10,99) 244(42,58) 80(13,96) 186(32,46) 573 (100) 111 Die Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf Nomina, die in gemischten DPn verwendet wurden, da nur diese für die vorliegende Arbeit relevant sind. <?page no="433"?> 433 Tab. B (2) Übersetzungsäquivalente Nomen: Unbalancierten Kinder Übersetzungsäquivalentes Nomen Kind gleichzetig früher später kein Anzahl N- Types 112 Marie dt. 0 (0) 3 (30) 1 (10) 6 (60) 10 (100) Marie frz. 2 (14,29) 8 (57,14) 2 (14,29) 2 (14,29) 14 (100) Céline dt. 0 (0) 1 (25) 1 (25) 2 (50) 4 (100) Céline frz. 9 (13,04) 10 (14,49) 14(20,29) 36 (52,17) 69 (100) Arturo dt. 0 (0) 0 (0) 5 (83,33) 1 (16,67) 6 (100) Arturo sp. 4 (9,76) 18 (43,90) 8 (19,51) 11 (26,83) 41 (100) Aurelio dt. 2 (9,52) 8 (38,10) 2 (9,52) 9 (42,86) 21 (100) Aurelio it. 4 (7,27) 31 (56,36) 5 (9,09) 15 (27,27) 55 (100) Valentin dt. 2 (12,5) 8 (50) 2 (12,5) 4 (25) 16 (100) Valentin it. 1 (10) 2 (20) 3 (30) 4 (40) 10 (100) Jan dt. 1 (14,29) 4 (57,14) 2 (28,57) 0 (0) 7 (100) Jan it. 2 (6,25) 7 (21,875) 3 (9,38) 20 (62,5) 32 (100) Summe 27 (9,47) 100(35,09) 48(16,84) 110 (38,6) 285 (100) Der Algorithmus zur Genuskongruenz in der gemischten DP Abb. (1) Bilingual deutsch-italienische Kinder Gemischte DP (Ddt + Nit): Genus it. Nomen & Genus dt. Äquivalent 0% 20% 40% 60% 80% 100% Dmask/ neutr 56 12 24 6 5 3 Dneutr 2 0 1 0 0 1 Dfem 7 2 0 59 26 12 Dmask 31 5 1 1 0 0 Summe 96 19 26 66 31 16 Nit mask / Ndt mask Nit mask / Ndt fem Nit mask / Ndt neutr Nit fem / Ndt fem Nit fem / Ndt mask Nit fem / Ndt neutr 112 Die Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf Nomina, die in gemischten DPn verwendet wurden, da nur diese für die vorliegende Arbeit relevant sind. <?page no="434"?> 434 Abb. (2) Bilingual deutsch-französische Kinder Gemischte DP (Ddt + Nfrz): Genus frz. Nomen & Genus dt. Äquivalent 0% 20% 40% 60% 80% 100% Dmask/ neutr 48 12 19 0 18 2 Dneutr 2 0 6 1 1 1 Dfem 5 2 3 54 22 12 Dmask 38 4 4 1 3 0 Summe 93 18 32 56 44 15 Nfrz mask / Ndt mask Nfrz mask / Ndt fem Nfrz mask / Ndt neutr Nfrz fem / Ndt fem Nfrz fem / Ndt mask Nfrz fem / Ndt neutr Abb. (3) Bilingual deutsch-spanische Kinder Gemischte DP (Ddt + Nsp): Genus sp. Nomen & Genus dt. Äquivalent 0% 20% 40% 60% 80% 100% Dmask/ neutr 9 5 21 0 0 1 Dneutr 0 0 0 0 0 0 Dfem 0 1 2 9 4 7 Dmask 6 2 2 0 0 0 Summe 15 8 25 9 4 8 Nsp mask / Ndt mask Nsp mask / Ndt fem Nsp mask / Ndt neutr Nsp fem / Ndt fem Nsp fem / Ndt mask Nsp fem / Ndt neutr <?page no="435"?> 435 Abb. (4) Bilingual deutsch-italienische Kinder Gemischte DP (Dit + Ndt): Genus dt. Nomen & Genus it. Äquivalent 0% 20% 40% 60% 80% 100% Dmask 219 60 13 13 91 50 Dfem 3 17 127 71 0 7 Summe 222 77 140 84 91 57 Ndt mask / Nit mask Ndt mask / Nit fem Ndt fem / Nit fem Ndt fem / Nit mask Ndt neutr / Nit mask Ndt neutr / Nit fem Abb. (5) Bilingual deutsch-französische Kinder Gemischte DP (Dfrz + Ndt): Genus dt. Nomen & Genus frz. Äquivalent 0% 20% 40% 60% 80% 100% Dmask 120 47 8 9 49 12 Dfem 10 11 55 15 1 2 Summe 130 58 63 24 50 14 Ndt mask / Nfrz mask Ndt mask / Nfrz fem Ndt fem / Nfrz fem Ndt fem / Nfrz mask Ndt neutr / Nfrz mask Ndt neutr / Nfrz fem <?page no="436"?> 436 Abb. (6) Bilingual deutsch-spanische Kinder Gemischte DP (Dsp + Ndt): Genus dt. Nomen & Genus sp. Äquivalent 0% 20% 40% 60% 80% 100% Dmask 10 10 2 1 10 0 Dfem 0 1 9 2 0 0 Summe 10 11 11 3 10 0 Ndt mask / Nsp mask Ndt mask / Nsp fem Ndt fem / Nsp fem Ndt fem / Nsp mask Ndt neutr / Nsp mask Ndt neutr / Nsp fem Nomen-Verb Entwicklung im frühkindlichen Lexikonerwerb Erwerb der Nomen und Verben: Bilingual deutsch-spanische Kinder Abb. (7) Teresa: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 5,29 1; 9,4 1; 10,24 2; 0,18 2; 2,15 2; 4,23 2; 8,23 2; 10,08 2; 11,27 3; 1,14 3; 3,4 3; 4,23 3; 7,22 3; 9,5 3; 11,8 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="437"?> 437 Abb. (8) Teresa: Nomen-Verb Lexikon im Spanischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 5,29 1; 9,4 1; 10,24 2; 0,18 2; 2,15 2; 4,9 2; 6,26 2; 9,28 2; 11,13 3; 1,0 3; 2,23 3; 4,3 3; 7,7 3; 8,19 3; 10,13 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (9) Arturo: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 2; 3,23 2; 4,27 2; 5,21 2; 7,14 2; 8,14 2; 9,19 2; 10,23 2; 11,24 3; 1,16 3; 3 3; 4,5 3; 5,12 3; 6,7 3; 8,6 3; 9,9 3; 10,13 3; 11,10 4; 1,5 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="438"?> 438 Abb. (10) Arturo: Nomen-Verb Lexikon im Spanischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 2; 3,23 2; 4,27 2; 5,21 2; 7,14 2; 8,14 2; 9,19 2; 10,23 2; 11,24 3; 1,16 3; 3 3; 4,5 3; 5,12 3; 6,7 3; 8,6 3; 9,9 3; 10,13 3; 11,10 4; 1,5 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Erwerb der Nomen und Verben: Deutsch-italienische Kinder Abb. (11) Aurelio: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 9,27 1; 10,23 1; 11,28 2; 0,24 2; 1,23 2; 4,23 2; 5,21 2; 7,16 2; 8,13 2; 9,20 2; 10,24 2; 11,22 3; 0,19 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="439"?> 439 Abb. (12) Aurelio: Nomen-Verb Lexikon im Italienischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 9,27 1; 10,23 1; 11,28 2; 0,24 2; 1,23 2; 4,23 2; 5,21 2; 7,16 2; 8,13 2; 9,20 2; 10,24 2; 11,22 3; 0,19 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (12) Marta: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 6,26 1; 8,22 1; 11 2; 0,16 2; 2,4 2; 4,16 2; 5,27 2; 7,7 2; 9,9 2; 10,20 3; 0,17 3; 2,12 3; 3,24 3; 5,11 3; 7,12 3; 8,27 3; 10,5 4; 0,13 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="440"?> 440 Abb. (13) Marta: Nomen-Verb Lexikon im Italienischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 6,26 1; 8,22 1; 11 2; 0,16 2; 2,4 2; 4,16 2; 5,27 2; 7,7 2; 9,9 2; 10,20 3; 0,17 3; 2,12 3; 3,24 3; 5,11 3; 7,12 3; 8,27 3; 10,5 4; 0,13 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (14) Jan: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 2; 0,11 2; 3,26 2; 5,26 2; 7,7 2; 8,18 2; 10,8 2; 11,27 3; 1,1 3; 3,8 3; 4,29 3; 5,24 3; 7,1 3; 8,5 3; 9,15 3; 10,27 4; 0,14 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="441"?> 441 Abb. (15) Jan: Nomen-Verb Lexikon im Italienischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 2; 0,11 2; 3,26 2; 5,26 2; 7,7 2; 8,18 2; 10,8 2; 11,27 3; 1,1 3; 3,8 3; 4,29 3; 5,24 3; 7,1 3; 8,5 3; 9,15 3; 10,27 4; 0,14 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (16) Lukas: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -1000 -800 -600 -400 -200 0 200 400 600 800 1000 1; 7,12 1; 10,3 1; 11,22 2; 1,23 2; 4,23 2; 6,18 2; 8,12 2; 10,1 2; 11,26 3; 2,19 3; 4,7 3; 5,18 3; 7,15 3; 9,9 3; 10,17 4; 0,5 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="442"?> 442 Abb. (17) Lukas: Nomen-Verb Lexikon im Italienischen -1000 -800 -600 -400 -200 0 200 400 600 800 1000 1; 7,12 1; 10,3 1; 11,22 2; 1,23 2; 4,23 2; 6,18 2; 8,12 2; 10,1 2; 11,26 3; 2,19 3; 4,7 3; 5,18 3; 7,15 3; 9,9 3; 10,17 4; 0,5 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (18) Carlotta: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 8,28 1; 10,30 2; 0,11 2; 2,19 2; 4,7 2; 6,23 2; 8,21 2; 10; 16 2; 11,27 3; 1; 30 3; 3,11 3; 4,22 3; 6,17 3; 8,6 3; 10,2 3; 11,26 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="443"?> 443 Abb. (19) Carlotta: Nomen-Verb Lexikon im Italienischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 8,28 1; 10,30 2; 0,11 2; 2,19 2; 4,7 2; 6,23 2; 8,21 2; 10; 16 2; 11,27 3; 1; 30 3; 3,11 3; 4,22 3; 6,17 3; 8,6 3; 10,2 3; 11,26 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (20) Luca: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 6,5 1; 7,21 1; 9,7 1; 11,17 2; 1,4 2; 2,22 2; 4,2 2; 5,16 2; 6,27 2; 8,8 2; 11,7 3; 1,2 3; 2,26 3; 4,01 3; 5,27 3; 7,16 3; 10,15 4; 0,5 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="444"?> 444 Abb. (21) Luca: Nomen-Verb Lexikon im Italienischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 6,05 1; 7,21 1; 9,7 1; 11,17 2; 1,04 2; 2,22 2; 4,02 2; 5,16 2; 6,27 2; 8,08 2; 11,07 3; 1,02 3; 2,26 3; 4,01 3; 5,27 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (22) Valentin: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 11,3 2; 0,14 2; 1,27 2; 3,07 2,4,21 2,6 2; 7,13 2; 8,24 2; 10,06 2; 11,16 3; 0,28 3; 2,07 3: 3.22 3; 5.04 3; 6,14 3; 8,03 3,9,14 3; 10,24 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="445"?> 445 Abb. (23) Valentin: Nomen-Verb Lexikon im Italienischen -800 -600 -400 -200 0 200 400 600 800 1; 11,3 2; 0,14 2; 1,27 2; 3,07 2,4,21 2,6 2; 7,13 2; 8,24 2; 10,06 2; 11,16 3; 0,28 3; 2,07 3: 3.22 3; 5.04 3; 6,14 3; 8,03 3,9,14 3; 10,24 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Erwerb der Nomen und Verben: Deutsch-französische Kinder Abb. (24) Marie: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 9; 19 1; 10,17 1; 11,14 2; 0,11 2; 1,25 2; 2,29 2; 04,16 2; 8,21 2; 10,30 3; 1,12 3; 4,1 3; 8,5 3; 10,7 4; 0,24 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="446"?> 446 Abb.(25) Marie: Nomen-Verb Lexikon im Französischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 9; 19 1; 10,17 1; 11,14 2; 0,11 2; 1,25 2; 2,29 2; 04,16 2; 8,21 2; 10,30 3; 1,12 3; 4,1 3; 8,5 3; 10,7 4; 0,24 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (26) Céline: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -1000 -800 -600 -400 -200 0 200 400 600 800 1000 2; 0,9 2; 1,14 2; 4,19 2; 6,7 2; 8,2 2; 9,20 2; 11,3 3; 0,13 3; 3,12 3; 4,23 3; 6,12 3; 8,0 3; 9,18 3; 11,1 4; 0,19 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="447"?> 447 Abb. (27) Céline: Nomen-Verb Lexikon im Französischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 2; 0,9 2; 1,14 2; 4,19 2; 6,7 2; 8,2 2; 9,20 2; 11,3 3; 0,13 3; 3,12 3; 4,23 3; 6,12 3; 8,0 3; 9,18 3; 11,1 4; 0,19 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (28) Alexander: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 2; 2,6 2; 2,27 2; 4,6 2; 5,25 2; 6,25 2; 7,27 2; 8,28 2; 10,2 2; 11,6 3; 1,22 3; 2,16 3; 3,22 3; 4,19 3; 5,24 3; 6,21 3; 8,11 3; 9,7 3; 10,6 3; 11,10 4; 1,26 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="448"?> 448 Abb. (29) Alexander: Nomen-Verb Lexikon im Französischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 2; 2,6 2; 2,27 2; 4,6 2; 5,25 2; 6,25 2; 7,27 2; 8,28 2; 10,2 2; 11,6 3; 1,22 3; 2,16 3; 3,22 3; 4,19 3; 5,24 3; 6,21 3; 8,11 3; 9,7 3; 10,6 3; 11,10 4; 1,26 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (30) Amélie: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 6,12 1; 8,2 1; 8,30 1; 9 1; 11,8 2; 0,27 2; 2,0 2; 3,5 2; 4,2 2; 5,7 2; 6,11 2; 7,6 2; 8,15 2; 9,12 2; 10,17 2; 11,14 3; 1,16 3; 2,13 3; 3,11 3; 4,8 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="449"?> 449 Abb. (31) Emma: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 4,1 1; 5,14 1; 6,25 1; 8,8 1; 9,25 1; 11,8 2; 0,29 2; 2,7 2; 3,18 2; 5,7 2; 6,16 2; 8,1 2; 9,18 2; 11,0 3; 0,10 3; 2,12 3; 4,6 3; 6,9 3; 7,20 3; 9,9 3; 10,20 4; 0,12 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (32) Emma: Nomen-Verb Lexikon im Französischen -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 1; 4,1 1; 04,29 1; 5,28 1; 6,25 1; 7; 21 1; 8,22 1; 9,25 1; 10,24 1; 11,21 2; 0,29 2; 1,23 2; 2,22 2; 3,18 2; 4,21 2; 5,19 2; 6,16 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="450"?> 450 Abb. (33) Julie: Nomen-Verb Lexikon im Deutschen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 7,28 1; 9,16 1; 10,15 1; 11,27 2; 0,30 2; 2,7 2; 3,4 2; 4,2 2; 6,3 2; 7,22 2; 8,12 2; 9,24 2; 10,21 2; 11,26 3; 0,23 3; 1,27 3; 2,27 3; 3,24 3; 5,1 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Erwerb der Nomen und Verben: Französisch-italienische Kinder Abb. (34) Juliette: Nomen-Verb Lexikon im Französischen -800 -600 -400 -200 0 200 400 600 800 1; 8,16 1; 9,23 1; 10,25 2; 0,2 2; 1,0 2; 2,7 2; 4,0 2; 5,10 2; 7,13 2; 8,13 2; 10,11 3; 0,10 3; 1,26 3; 4,2 3; 5,18 3; 8,10 3; 10,2 4; 0,14 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz <?page no="451"?> 451 Abb. (35) Juliette: Nomen-Verb Lexikon im Italienischen -800 -600 -400 -200 0 200 400 600 800 1; 8,16 1; 9,23 1; 10,25 2; 0,2 2; 1,0 2; 2,7 2; 4,0 2; 5,10 2; 7,13 2; 8,13 2; 10,11 2; 11,19 3; 1,26 3; 4,2 3; 5,18 3; 8,10 3; 10,2 4; 0,14 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz Abb. (36) Siria: Nomen-Verb Lexikon im Italienischen -600 -500 -400 -300 -200 -100 0 100 200 300 400 500 600 1; 6,12 1; 8,7 1; 9,21 1; 11,9 2; 0,29 2; 2,15 2; 4,0 2; 5,23 2; 7,17 2; 9,7 2; 11,3 3; 0,27 3; 2,22 3; 4,6 3; 6,1 3; 7,14 3; 9,6 3; 10,17 Zuwachs Typen Nomen Verben N-V Differenz