Der Neid der Götter/L'Invidia degli Dei
Übersetzt und herausgegeben von Gio Batta Bucciol und Karlheinz Fingerhut. Mit Zeichnungen von Hans Joachim Madaus
1207
2011
978-3-8233-7695-8
978-3-8233-6695-9
Gunter Narr Verlag
Lucio Mariani
10.24053/9783823376958
Die vorliegende zweisprachige Auswahl von Gedichten des 1936 in Rom geborenen Lucio Mariani stellt dessen Werk erstmals der deutschen Öffentlichkeit vor. In der Nachfolge der großen europäischen Lyriker schreibt Mariani gegen die Erinnerungslosigkeit unserer Zeit an. Seine Phantasie und Vorstellungskraft entwickeln Erinnerungsvermögen. Dazu nutzen sie den Schatz literarischer Traditionen und stellen persönliche Erlebnisse in den Kontext allgemein menschlicher Erfahrungen. Religiöse Anspielungen, Reminiszenzen an antike Philosophie und Motive klassischer Literatur sind in Marianis Gedichten unter seismographische Aufzeichnungen des Subjektiven und Alltäglichen gemischt. Die Welt seiner Poesie ist eine Mischung aus Bruchstücken der Tradition und Gegenwart, in der der Leser zum Archäologen auf der lohnenden Suche nach Wertvollem wird.
9783823376958/9783823376958.pdf
<?page no="0"?> Italienische Bibliothek NARR LUCIO MARIANI Der Neid der Götter L’invidia degli dèi <?page no="1"?> Italienische Bibliothek herausgegeben von Gio Batta Bucciol und Franca Janowski in Verbindung mit dem Italienischen Kulturinstitut Stuttgart Band 14 <?page no="3"?> LUCIO MARIANI Der Neid der Götter L’invidia degli dèi Übersetzt und herausgegeben von Gio Batta Bucciol und Karlheinz Fingerhut Mit Zeichnungen von Hans Joachim Madaus Italienische Bibliothek NARR <?page no="4"?> Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.d-nb.de abrufbar. 2010 gab der Mailänder Crocetti-Verlag eine Anthologie von Marianis Versen heraus: Lucio Mariani, Farfalla e segno. Dieser Anthologie wurden die hier übersetzten Gedichte mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag entnommen. © 2011 Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier. Internet: http: / / www.narr.de · E-Mail: info@narr.de Druck und Bindung: TZ Verlag & Print, Roßdorf Satz: Celestina Filbrandt Printed in Germany ISSN 0344-5895 ISBN 978-3-8233-6695-9 <?page no="5"?> 5 ÜBER DIE POESIE LUCIO MARIANIS Der Vers als Regenbogen Der unsterbliche Vers unter den vielen Sätzen ist ein Regenbogen vor dunklen Wolken. Er enthält das Spektrum aller Farben, er überspannt den Himmel, reicht vom Persönlichsten zum Allgemeinen, vom Banalen zum Erhabenen, vom eben erlebten Augenblick zu dessen Ursprung in Erfahrungen der Menschheit. Die dunklen Wolken, gegen die er sich strahlend abhebt, sind die des Nichts, der erinnerungslosen Zeit, des Abgrunds seelischer Inertie. Er ist gesetzt als ein Zeichen des Friedens nach derVernichtung der Welt durch den Zorn der Götter. Doch dieses Zeichen spricht nur zu denen, die die Testamente gelesen haben, den wenigen Wissenden und Sensiblen, die Orpheus als Bruder, Kassandra als ihre Schwester kennen.Verse sind esoterisch. Quando viene alla vita un verso grande, una poesia vera, fosse per caso fosse invenzione d’un nemico in arte devi comprare una cravatta rossa e vestirti di lino come si faceva nella festa di Dio… (Wenn ein bedeutender Vers geboren wird, ein wahres Gedicht, sei es aus Zufall, sei es Einfall eines Feindes in Sachen der Kunst, musst du eine rote Krawatte kaufen und dir ein Leinengewand anziehen, wie man das einst beim Fest Gottes zu tun pflegte…) <?page no="6"?> 6 So unbescheiden sprechen Lyriker über ihr Geschäft des Verse- Verfertigens. Sie können sich dabei auf die Großen ihres Faches berufen, auf Goethe, auf Hölderlin und Celan.Welthaltig soll dieser Vers sein, fordert Goethe, aber, ergänzt Hölderlin, diese Welt ist “sprachlos und kalt, / Im Winde klirren die Fahnen”. Und Paul Celan attestiert ihm in der Gegenwart die Neigung zum Verstummen: Das Gedicht “holt sich aus seinem Schon-nicht-mehr in sein Immer-noch-zurück”. Parla sempre meno sempre meno. Rima del limpido silenzio. (Sprich immer weniger, immer weniger. Reim reiner Stille.) Eigentlich ist also Poesie, wie sie Mariani in der Tradition der großen europäischen Lyriker schreibt, ein Ding der Unmöglichkeit, unzeitgemäß, oft unverständlich, hintersinnig, ironisch, voller Anspielungen auf Traditionen, die man kennen müsste, aber nicht mehr kennt, eine Aussage über den Zustand von Ich und Welt, die doppel- und mehrdeutig ist und die Orientierung nicht erlaubt. Unnütz also und “absolut”. Sei niente, niente. I versi zoppi … non puoi certo mangiarli né ti danno per altra via da vivere, nessuno li può usare… (Du bist nichts, nichts, die hinkenden Verse … sicherlich kannst du sie nicht essen, noch geben sie dir auf andere Weise etwas zum Leben, niemand kann sie gebrauchen...) <?page no="7"?> 7 In konzentrierten Verkürzungen wird eine große Weite von Emotionen eingefangen, von Alltagserfahrungen eines nachdenklichen Ehemanns oder eines Dichters, der seine Arbeit rechtfertigen muss, bis zu den existenziellen Erfahrungen eines philosophisch gebildeten Ichs vor dem Abgrund des Absoluten. Und diese emotional gesättigten Gedanken und Erfahrungen sollen ohne die großen Begriffe auskommen, mit denen wir in der Regel das Allgemeine, den Weltzustand, die Zukunft, die Utopie einer besseren Welt zu erfassen suchen. Bleiben dem Lyriker die sprachlichen Möglichkeiten der Moderne, die Zerschlagung der Syntax durch den Vers, die metaphorische Rede in Bildern, die die Phantasie des Lesers in Bewegung setzt, die semantischen Verschiebungen und die “mise en abyme”, die Umkodierungen des Geläufigen durch ironische Wiederholung und Brechungen. Ein Beispiel: In “Farfalla e segno” sind die schwarzen Zeichnungen auf dem bunten Flügel eines Schmetterlings, der sich auf der Spitze einer Feder niederlässt und mit den Flügeln zittert, ohne zu fliegen, Zeichen dessen, der über diesen Schmetterling mit schwarzen Buchstaben auf weißem Papier schreibt. Gleichzeitig steigen - metaphorisch verschoben - Gedanken an eine “scatola laccata di pensiero” auf, in der dieser Schmetterling eingeschlossen erstickt, während er noch davon träumt, dass das Bewegen seines Flügels die Welt bewegen könnte, und das lyrische Ich des Gedichts sich die Theodizeefrage nach dem Ursprung dieser “paternità d’arcobaleno” stellt: Welches ist der “stiftende Akt” (la vicenda fondativa) dessen, was hier im Kleinen passiert? Die alte Idee, dass sich im Tropfen am Eimer die Welt spiegelt, dass sich auf Schmetterlingsflügeln die Runen des Schicksals in der Sprache der Natur zeigen, ist verbunden mit Ideen der modernen Chaostheorie, dass der Flügelschlag des Schmetterlings - rein theoretisch - einen Sandsturm auslösen könne.Auf den Flügeln des lyrischen Gesanges schwebt und flattert die Phantasie des Sprechers durch die Welt der Gedanken, die die Menschheit von Anfang bis Ende gedacht. <?page no="8"?> 8 Zeitgenosse aller Zeiten - Bewusstsein der Zeitlichkeit In einem der jüngsten Gedichte, “Bagdad, 1° febbraio 2008”, stellt sich der Schreiber vor als einer, der mit spitzer Feder Zeichen der Erinnerung wie Bäume einer Schonung auf das weiße Papier setzt - “ordine della mente senza rima”. Dann erinnert er sich, als Knabe geweint zu haben, als er in der Schule vom Trojanischen Krieg hörte, über die zwölf blühenden Knaben, die Achill auf dem Scheiterhaufen des Patroklus hinschlachtet. Dieses in der kindlichen Phantasie nacherfahrene blutrünstige und feuerbrünstige Ereignis bleibt als mythisches Muster in den Zeiten stehen “a nome e col pretesto degli dèi”. Es steigt erneut auf, als der Dichter von zwei minderjährigen Mädchen hört, die sich in Bagdad - ebenfalls im Namen der Götter und der Religion - als lebendige Bomben in die Luft sprengen, auf einem der unendlichen Plätzen der Welt, wo kein Homer versuchen wird, durch den Gesang ihre zwischen den Pflastersteinen zerstreuten Gestalten wieder zusammenzufügen. Das Gesagte des Gedichts wird aber durch das Gedicht selbst widerrufen. Mariani sieht sich und setzt sich in die Rolle des Homer. Er verleiht den schrecklichen und sinnlosen Ereignissen in der Gegenwart poetisch Gestalt, er erinnert, wie sein Vorbild Homer, an die im Namen der Götter begangenen Verbrechen. Durch die Zeiten bleibt die Wut darüber lebendig. Der Poet ist Zeuge und Chronist, motiviert, mit seinem Schreiben den Opfern ein Denkmal zu setzen, Augenblicken des Scheiterns Dauer zu verleihen: Nella pozza del buio la tua parola si ruppe e naufragò come una barca di carta colta dal sasso d’un monito insensato. Mai più a lungo serrasti le mie dita. (In der Pfütze der Dunkelheit zerbrach dein Wort und strandete wie ein Boot aus Papier, <?page no="9"?> 9 getroffen vom Stein einer dummen Bemerkung. Nicht länger hieltest du meine Finger fest.) Die Rede ist von einem Spaziergang im Dunklen. Die Unterhaltung misslingt und die Nähe der beiden Spaziergänger ist zerstört. In diesem Bild ist der Schiffbruch ihrer Beziehung zu erkennen. Die gesamte erinnerte Szene von dunkler Pfütze, weißem Papierboot und geworfenem Stein wird zu einer Metapher, die das erlebte Ereignis der grillendurchzirpten Nacht, des Spaziergangs, des Gesprächs und der dummen Bemerkung, die die fragile Beziehung belastet, abbildet. So verwandelt sich eine Kindheitserinnerung in ein Bild der aktuellen Situation, eine Verwandlung, die im Gedicht ihr Denkmal findet. Die Gegenwart ist eine erinnerungslose Zeit, wäre nicht die Poesie die Bewahrerin unserer Existenz in der Zeit Gäste seien wir, Gäste, die ihre Gedanken, ihre Erinnerungen nur leihweise besitzen, auch die Liebe sei etwas Geliehenes, die Trauer etwas, das wir vorübergehend in Gebrauch nähmen, alles wie Wellenbewegungen auf einem Fluss, den man durch die Lichtluken der vom Winde bewegten Uferplatanen dahin fließen sieht. Es sind letztlich biblische Bilder und biblische Gedanken. Der Psalmist weiß: Es ist alles eitel, vergänglich, die Menschen wie dürres Gras im Wind. Und der antike Philosoph Heraklit ergänzt, dass alles fließt und nichts Bleibendes ist auf der Erde. Aber die poetische Klage um die Vergänglichkeit erhält bei Mariani eine neue Nuance, die Klage um den Verlust der Erinnerung. Die gedächtnislose Epoche (l’epoca immemore) ist eine, die selbst keine intensiven Erlebnisse kennt, die in steter Indifferenz dahinlebt, ohne ein Bewusstsein der eigenen Existenz zu <?page no="10"?> 10 entwickeln: Eine schlummernde Zeit bricht an, ausschließlich an einem fragwürdigen und von allen Seiten bedrohten Wohlstand orientiert: “Von Osten, von Süden drängen Leute / …Üppiges und betäubtes Europa / …Europa, das hört / und nicht versteht…” Die zuletzt zitierten Verse stammen aus Del tempo (Von der Zeit), das Mariani 1998 schrieb: ein Prosagedicht in 10 Sektionen und zugleich eine Autobiographie über fünfzig Jahre Lebenszeit. Den verschiedenen Lebensaltern entsprechen verschiedene Zeitauffassungen. Am Anfang steht die gefühlsmäßige Zeitauffassung der Kindheit. Man kann die Zeit ausdehnen oder verkürzen. Sie fließt dahin, als flögen wir davon. Die reifen Jahre bringen die Überzeugung, dass die Zeit zerstört. Das Unglück der heutigen Zeit ist das Verschwinden der Erinnerung. Da quel momento s’estinse la memoria, nessuno e niente meritò di […] durare […] Lungo il fianco del tempo s’aprì uno squarcio nero: nacque l’epoca immemore. (Von nun an erlosch das Gedächtnis, keiner und nichts verdiente es, zu dauern […] Längs der Flanke der Zeit öffnete sich ein schwarzer Riss: Es entstand das Zeitalter ohne Gedächtnis.) Gegen diese Erinnerungslosigkeit schreibt Mariani an. Seine Phantasie und Vorstellungskraft entwickeln Erinnerungsvermögen, nutzen dazu den Schatz literarischer Traditionen und stellen persönliche Erlebnisse in den Kontext allgemein menschlicher Erfahrungen. Er steht damit selbst in einer Tradition. Denn Kunst hat schon immer diese Erinnerungsarbeit getan. Schlegel und Heine - schreibt Walter Jens - nannten die Literatur “das Gedächtnis der Menschheit”: Der Schriftsteller sei ein Künstler der Erinnerung. <?page no="11"?> 11 “La prima vera fine”, das erste echte Ende, d.h. der Tod des Urvaters der Menschheit Adam, ist in dem rechten Seitenflügel der Cappella Bacci in S. Francesco dargestellt. Il corpo rigido del padre, nuda creta che torna alla sua terra per farsi seme di futura croce. (Der erstarrte Körper des Vaters, nackter Ton, der wieder zur Erde wird, um sich in den Samen des künftigen Kreuzes zu wandeln.) Ihn umstehen Töchter, Söhne, Enkel. Dann wird die Luft zerrissen durch den lauten Schrei der Eva, die mit gegen den Himmel gehobenen Händen der Schöpfung dieses unerhörte Ereignis mitteilt, damit es niemals vergessen werde. Das sei “la prima vera fine / apparsa al mondo” schließt Mariani. Der Schrei der Eva kann zugleich als autopoetische Metapher gelesen werden. Denn auch Marianis Gedicht ist ein solcher Schrei über ein unerhörtes subjektives Ereignis, das doch alle angeht. Und über ein Wortspiel ist das Ende der Jugend, des Frühlings, der Zeit der Hoffnung aufgerufen. An Beispielen wie diesem Gedicht kann man gut verfolgen, wie Marianis ästhetische Wahrnehmung der Welt funktioniert. Er sieht in Arezzo jenes Bild Piero della Francescas, reichert die darauf abgebildete Szene des Alten Testaments in seinem Inneren mit einem Hörerlebnis an und projiziert das Einzelne auf die weiße Leinwand seiner allgemeinen Welt- und Lebenssicht. Und so wird der Tod Adams zum Muster klagebereitender Ereignisse über die Zeiten hinweg. Niemand hindert den Leser, die Assoziationskette, die die Metapher anstößt, bis zur politischen Klage um den gewaltsamen Abbruch des Prager Frühlings (fine della primavera “apparsa al mondo”) weiterzuspinnen. <?page no="12"?> 12 Die Götter lauern versteckt und heimtückisch im Gefieder des Rotkehlchens Religiöse Anspielungen, Reminiszenzen antiker Philosophie, Motive klassischer Literatur sind in Marianis Gedichten unter seismographische Aufzeichnungen des Subjektiven und Alltäglichen gemischt. Die literale Welt seiner Poesie ist eine Mischung aus Bruchstücken der Tradition und Gegenwart. Zu den Bruchstücken der Tradition gehören auch die antiken Götter. In einer gottlosen Zeit haben sie eigentlich keinen Platz. Aber sie sind unsterblich. Da sie keine Bedeutung haben, agieren sie aus dem Verborgenen heraus. Heinrich Heine hatte “Götter im Exil” erfunden, die antiken Gottheiten versteckt und verkleidet in der vom Christentum regierten Welt weiterwirken lassen. Hermes als Händler, Jupiter als Kaninchenbeherrscher auf einer Hasen-Insel, Venus natürlich als Verführerin ahnungsloser Jünglinge im Venusberg. In Marianis Gedicht-Welt sind die Götter nicht so anekdotisch präsent. Sie bilden eine ständige Bedrohung der Menschen, die sie beneiden. In “L’invidia degli dèi” (Der Neid der Götter) heißt es deshalb: Parla piano, dissimula e menti sui nostri giorni gli dèi sono presenti anche tra le foglie dell’ulivo tra i disadorni petali della camelia rosa, nella maglia di piume che il pettirosso in posa ostenta al mondo. … E ti ammaestra a non scoprire mai la nostra gioia. (Sprich leise, verstelle dich, lüge über unser Leben, die Götter sind da, sogar in den Blättern eines Ölbaums, unter den schlichten Kronblättern einer rosa Kamelie, im Federkleid, das ein Rotkehlchen stolz zur Schau stellt. … Nimm dich zusammen. Zeig niemals unser Glück.) <?page no="13"?> 13 Die Allgegenwärtigkeit neidischer Götter ist eine Bedrohung der Lebensfreude der Menschen, deren Gedanken- und Erinnerungslosigkeit eine Gefahr, denn die neidischen Götter können überall eindringen und das den Menschen Zugewandte einer freundlichen Natur in das Gegenteil verkehren.Auch dies ist kein neuer Gedanke der gegenwärtigen Kultur, sondern ein sehr alter. “Der fürchte sie doppelt / den je sie erheben”, wusste schon der junge Goethe. Neu ist die Idee der Ubiquität dieser Bedrohung unserer Welt durch die der Götter. Il pinnacolo della memoria oder die Gratwanderung der Erinnerung Das Banale, durch die Poesie in den Tiefenrhythmus der Zeiten gestellt, verbindet den lebendigen Augenblick mit dem Atem, der aus dem Archaischen weht.Wie geht dieser Vorgang der Verwandlung vor sich? Mariani setzt auf die in der Sprache selbst verborgene Kreativität. Seine Genetiv-Metaphern legen davon Zeugnis ab, seine Neologismen, Paronomasien voller Ironie und Selbstironie. Der Autor selbst warnt: “von diesen Versen fernhalten sollten sich die Ironie- und Selbstironieunempfindlichen, diejenigen, die die heilende Kraft nicht spüren und nutzen können.“ Von den “Regeln der Leere” (regole del vuoto) ist da die Rede, von den “Blättern des Schweigens” (le foglie del silenzio), vom “Kreis der Abwesenheit” (il cerchio dell’assenza), den man, gelangweilt und schweigend, auf den Schultern trage. Das Schweigen, das Nichts: das Gedicht letztlich als “Verbannung / von einem, der das Nichts bewohnt” (l’esilio / di chi abita il nulla). Philosophisch gesehen sind diese Verse das Lamento eines Existenzialisten, poetisch gesehen das Spiel mit weltanschaulichen Bruchstücken, die - ebenso wie die Bruchstücke der Mythologie und der Geschichte - ein Abbild des im modernen Europa zu beobachtenden Zerfallsprozesses darstellen. <?page no="14"?> 14 Die Tätigkeit des Dichters ist eine einsame Übung, seine Haltung ist aristokratisch, seine Wortgebilde sind Schrott in den Augen der erwerbstätigen Bevölkerung, Sammlung des vom kulturellen Bildungsprozess Übriggeblienenen in den Augen des Dichters. Und doch ist er der Bewahrer, der Bilanzierer, der, der die Verbindung zwischen den Erfahrungen der Gegenwart und den Mythen der Vergangenheit aufrecht erhält : Ho imparato a salutare affabile la morte nella camelia nera dove tace la mente. E non parlo dell’anima, anzi dell’anima è da dire la partita felice. (Ich habe gelernt, den Tod freundlich zu begrüßen in der schwarzen Kamelie, in der das Denken verstummt. Nicht von der Seele spreche ich, eher ist zu sprechen von ihrem glücklichen Abgang.) Die unnütze Poesie ist eine Flaschenpost,“un messaggio / nei vuoti di bottiglia” Schon Paul Celan hatte das Bild von der Poesie als Flaschenpost, die irgendwo an Land gespült wird und von jemandem, den der Dichter nicht kennt, gelesen und verstanden wird, verwendet. Bei Celan dient das Bild dazu, das Gedicht als eine Hoffnung auf Begegnung zwischen einem Ich und einem Du zu denken. Dichtung, die “im Geheimnis der Begegnung” steht, ist eine Anrede, die vielerlei Gestalt annehmen kann, letzthin auf eine Art mystischer Erkenntnis im Moment des Zusammentreffens von Gedicht und Leser hinausläuft, die anders nicht möglich wäre. Bei Mariani ist diese Hoffnung gebrochen. Denn das Gedicht hat keine Botschaft, es <?page no="15"?> 15 selbst ist “portatore dell’assoluto niente”. Aber gleichzeitig sind die Worte des Dichters “Flöße / auf dem See des Schweigens” (Ospiti), das heißt, sie können etwas transportieren, das sonst im Schweigen unterginge. Die vielfältigen poetischen Register Marianis Gedichte folgen keiner Textsortenregel. Aber sie verwenden oder spielen auf die lyrischen Formen der Tradition an. Elegische Töne mischen sich mit ironischen, klassische Elfsilber stehen neben prosanahen und gebrochenen Versen. Ähnlich verfährt Mariani mit den Themen. Autobiografisches mischt sich mit Historischem, das Aktuelle verbindet sich mit Archaischem. Oft kann man in einem Text den Prozess derVerwandlung von Beobachtungen in Gedanken, von Gedanken in Metaphern, von Metaphern in überraschenede und kühne Bilder beobachten. D’inverno se pensi a una barca e non sei marinaio la vedi passare irta di bianche velerie ai piedi d’un cielo stupefatto sola e distante come una sposa disabitata che il muto gabbiano accompagna attraverso gli spazi d’un fondale di scena. Dove l’onda non frange né acqua così turchina potrà mai bagnarti. Niente ritorna e ogni barca che passa è perduta. (Denkst du im Winter an ein Segelschiff, und du bist kein Matrose, so siehst du es vorbeiziehen, weiß getakelt <?page no="16"?> 16 unter einem erstaunten Himmel, einsam und fern wie eine nie erkannte Braut. Eine stumme Möwe begleitet es durch die Räume einer Theaterkulisse. Keine Welle bricht sich, noch lädt dich das tiefblaue Wasser zum Bade. Nichts kehrt zurück und jedes vorbeiziehende Schiff ist verloren.) Jemand sieht den weißen Wolken nach und träumt. Es ist Winter und die Wolken scheinen Segelschiffe, die stolz und unberührt den Himmel befliegen, von kleinen Möwen-Wolken begleitet. Die Welt, eine Theaterkulisse, das Himmelblau ein Meer, in dem man nicht baden kann. Der melancholische Gedanke: Nichts kehrt zurück, jedes Schiff, das vorbei fährt, ist ein verlorenes Schiff. Das kann alles symbolisch gelesen werden als Bild des Lebens. Es ist unzeitgemäß, vielleicht nur ein gedachtes Leben, Abbild von Abbildern, Kulisse.Alles fließt, nichts kehrt zurück, vorbei ist vorbei. Das mag einerseits naheliegend erscheinen, andererseits wird das alles in der Sprache als ein melancholisches Stück Theater aufgehoben. Muster und Kopie, Original und Reproduktion wechseln einander unregelmäßig ab. In diesem erzeugten Chaos der Formen und Inhalte wühlt der Leser - auch der Leser dieser Anthologie - und sucht nach Bedeutung. Immer wieder findet er Scherben, die ihn zu einem Archäologen machen, der nach Wertvollem gräbt. Immer auf der Suche nach dem Stück, das seine Geschichte auf seiner Oberfläche trägt. <?page no="18"?> 18 Agone Domandavi se mai mi sentissi in ritardo. È un problema di chi si mette fra la seconda e l’ultima corsia. Io rincorro da solo. Che sia quindi in anticipo o tardivo tutto dipende dal disumore che sto ruminando. Per la giusta cadenza ho battuto le mani due o tre volte e mi sono premiato schizzandomi sul viso fresche parcelle di felicità. Nel buio. <?page no="19"?> 19 Wettkampf Du hast gefragt, ob ich je glaubte, zu spät dran zu sein. Das ist doch nur für den ein Problem, der zwischen der zweiten und der letzten Bahn steckt. Anlauf nehme ich ganz allein. Ob ich zu früh komme oder zu spät, das hängt alles von meiner grüblerischen Laune ab. Den richtigen Takt fand ich, indem ich zwei-, dreimal in die Hände klatschte. Zur Belohnung habe ich mein Gesicht mit frischen Glückstropfen bespritzt. Im Dunkel. <?page no="20"?> 20 Un perfetto adulterio Io suono l’arpa sopra venti corde: tu, Leucaspi, tripudi. Anacreonte Un perfetto adulterio si compie ogni notte quando mia moglie ed io giaciamo senza segretezze dovute. Io consorte legittimo della pallida poesia Marta sposa da nascita di un robusto orgoglio, foemina fabri. La percezione di questo tradimento versa fretta e salsa indiana sulla nostra intimità e tutto acquista per me un perverso sapore d’avventura. Ogni notte quaggiù, in Via dei Pini 14 ride il gufo pensando al nostro stato civile. <?page no="21"?> 21 Ein perfekter Ehebruch Ich spiele die Harfe auf zwanzig Saiten Du, Leukaspis, frohlockst. Anakreon Ein perfekter Ehebruch ereignet sich jede Nacht, wenn meine Frau und ich zusammen liegen, ohne gebührende Heimlichkeiten. Ich, legitimer Gatte der bleichen Dichtung, und Martha, von Geburt Gattin eines soliden Stolzes: eines Schmiedes Weib. Die Wahrnehmung dieses Ehebruchs gießt Hektik und indisch-scharfe Soße auf unsere Vertrautheit miteinander, und alles gewinnt für mich den perversen Geschmack eines Abenteuers. Jede Nacht - hier unten am Pini-Weg 14 - lacht der Uhu, wenn er daran denkt, wie wir standesamtlich zueinander stehen. <?page no="22"?> 22 Mikonos Sono tornato all’isola dei venti dove svetta e governa fra i gerani il girasole. Dove la canna inarca lance al meltemi che fa calva la rocca e scala al mare, farneticando fra rovigli bruni fra bruni grilli e brune lagartìglie in concerto di fasci sibilanti sulla battigia, tentativi di turbine, poi mille costure all’acqua. Strappa il cielo una nuvola. Il bavero del vecchio caicco si gonfia, è un fico maturo, vola come un messaggio verso Delo porta sacra del divino intervallo. Qui una regola di civiltà pietosa non consentiva nascita né morte. Laggiù tra le sedie cresciute sulla spiaggia Chatzidakis piange la sorte del postino con tutte le corde delle correnti di mare. Si scorda dove porta la strada. <?page no="23"?> 23 Mikonos Zur Insel der Winde bin ich zurückgekehrt, wo unter Geranien die Sonnenblume ragt und regiert. Wo das Schilfrohr sich zu Lanzen wölbt im Meltemiwind, der den Felsen kahl macht und zum Meer hin abfällt, brabbelnd unter braunem Gestrüpp, unter braunen Grillen und braunen Eidechsen, in einem Konzert zischender Bündel dort, wo die Wellen an den Strand schlagen mit Verwirbelungen, dann mit tausend Wassernähten. Den Himmel zerreißt eine Wolke. Des alten Kahns Kragen bläht sich auf, ist nun eine reife Feige, fliegt wie eine Botschaft nach Delos, heilige Tür zum Zwischenreich der Götter. Hier gestattete eine Regel der frommen Kultur weder Geburt noch Tod. Da unten, zwischen den am Strand gewachsenen Stühlen, beweint Chatzidakis das Los des Briefträgers mit allen Saiten der Meeresströmungen. Er weiß nicht mehr, wohin der Weg führt. <?page no="24"?> 24 Notte di ferro Notte di ferro, emula forma della mia stanchezza, noi non balliamo più. Rimetto a posto i panni con le dita di chi va accumulando ordine e sonno. E le bandiere volano ridendo verso tetti lontani. <?page no="25"?> 25 Eiserne Nacht Eiserne Nacht, Ausgeburt meiner Müdigkeit, wir tanzen nicht mehr. Ich bringe meine Kleider wieder in Ordnung mit Fingern von einem, der Ordnung und Schlaf aufhäuft. Und die Fahnen flattern lachend zu fernen Dächern. <?page no="28"?> 28 A dispetto A dispetto del mentore la vita non si scrive in stampatello. È in clinato corsivo, corsivo accidentato virgole, macchie, late esitazioni un solo punto fermo. Nell’impero dispotico del bianco qualche sorriso incanta. <?page no="29"?> 29 Trotzdem Dem Lehrer zum Trotz schreibt sich das Leben nicht in Blockschrift. Es steht schief ins Kursive gebeugt, Kommas, Flecken, unsicher stockende Schrift, ein einziger Punkt steht fest. Mitten im despotischen Weiß bezaubert irgendein Lächeln. <?page no="32"?> 32 Prova D’inverno se pensi a una barca e non sei marinaio la vedi passare irta di bianche velerie ai piedi d’un cielo stupefatto sola e distante come una sposa disabitata che il muto gabbiano accompagna attraverso gli spazi d’un fondale di scena. Dove l’onda non frange né acqua così turchina potrà mai bagnarti. Niente ritorna e ogni barca che passa è perduta. Tu non sei marinaio prova a Natale se mento. <?page no="33"?> 33 Beweis Denkst du dir im Winter ein Segelschiff, bist aber kein Matrose, so siehst du es vorbeiziehen, weiß getakelt unter einem erstaunten Himmel, einsam und fern wie eine nie erkannte Braut. Eine stumme Möwe begleitet es durch die Räume einer Theaterkulisse. Keine Welle bricht sich, und das tiefblaue Wasser lädt dich zu keinem Bade. Nichts kehrt zurück, und jedes vorbeiziehende Schiff ist verloren. Du bist kein Seemann. Beweise an Weihnachten, ob ich lüge. <?page no="34"?> 34 Timeo ‘83 Se conto bene il seme di Platone dista dal mio soltanto ottantasei madri di madri e un po’ di fortuna. Gli evi sono festini di famiglia, ma rovesciate in bocca alla tv le ultime gocce di assoluto l’anima frulla flebile come una nottola colpita al radar batte contro astutissimi vantaggi perde velluto e piomba nel vespaio dei cinici. Presto i suoi resti saranno il pulviscolo vago che l’onda del sole solleva nel vuoto maligno. <?page no="35"?> 35 Timaios ‘83 Zähle ich richtig, trennen nur sechsundachtzig Mütter von Müttern Platos Samen von dem meinen, und ein bisschen Glück. Zeitalter erscheinen als Familienfeste, nun gießen sie die letzten Tropfen des Absoluten in den Fernsehrachen, die Seele schwirrt matt wie ein Abendsegler, der sich am Radar verletzt, gegen überschlaue Vorrechte stößt, den Samtstaub verliert und ins Wespennest der Zyniker stürzt. Bald sind seine Überreste ein vager Luftstaub, den die Sonnenwelle in die bösartige Leere aufwirft. <?page no="36"?> 36 Gli unici morti Une étincelle y pense à mes absents. P. Valéry, Le Cimetière Marin, IX p. Fin quando ogni mia notte sarà invasa dalle sagome amate di quei lari che tornano in manipoli e sorrisi a prendermi teneramente il viso e a parlarmi con impeto per cambiare disegno ai miei pensieri come petali sparsi, fino a quando il bel sogno durerà, gli unici morti per me resteranno soltanto i vivi che un qualunque giorno di sole o pioggia si chiusero alle spalle questa porta senza mai più passare una notizia e adesso se ne stanno su una sedia inebetiti dal televisore ad aspettare i numeri del lotto a scordarsi dei figli in sala giochi, a comandare eserciti e opifici, ad alzare di noia la sottana o a servire un padrone di famiglia a dare fondo fisso a una bottiglia o a voltare pinnacoli e gabbana. Naturalmente, nel novero si devono contare quelli che hanno giostrato attorno al niente e anche gli altri che assai discretamente sono andati a svanire silenziosi nei plausibili flutti della prassi, oltre l’ultima nebbia dove affonda la corsia d’emergenza. <?page no="37"?> 37 Meine einzigen Toten Une étincelle y pense à mes absents. P. Valéry, Le Cimetière Marin, IX p. Solange die geliebten Schatten meiner Laren mich jede Nacht heimsuchen, lächelnd in Scharen wiederkehren, mich zärtlich im Gesicht berühren, mit mir nachdrücklich reden, um mir meine Gedanken umzudrehen wie verstreute Blütenblätter, solange dieser schöne Traum währt - sind für mich die einzigen Toten Lebende, die an irgendeinem Tag, sonnig oder regnerisch, diese Tür hinter sich zuschlugen, ohne je etwas von sich hören zu lassen. Nun sitzen sie auf einem Stuhl, abgestumpft vom Fernseher, sie warten auf die Lottozahlen, vergessen ihre Kinder in der Spielhölle, kommandieren Soldaten oder Werkstätten, heben aus Langeweile ihre Röcke oder bedienen einen Familienvater, trinken eine Flasche immer bis zur letzten Neige und hängen ihre Mäntel nach dem Wind. Natürlich sollte man auch diejenigen dazuzählen, die um das Nichts kreisen, und auch die anderen, die ohne Aufsehen still gegangen sind aus den geläufigen Fluten der Praxis in den letzten Nebel, wo die Standspur endet. <?page no="38"?> 38 Dolcezze Adele ama secche le foglie e i fiori ama l’anima secca. Adele è una vela di sangue rappreso che geme al fiato del minimo vento al sussurro, al più pallido accento d’umana ventura ogni voce la piega, dolente. Adele cammina spedita sul filo di lana delle incantate aporie che giorno per giorno cattura e difende senza chiedere aiuto parlando paziente ai miti feticci di casa guardando attraverso le cose e i vestiti che incontra per strada. Ho visto Adele alle prese con una mondanità sola. Ogni mattina domanda il cappuccino e un croissant, queste dolcezze per lei si chiamano vita. <?page no="39"?> 39 Süßigkeiten Adele liebt getrocknete Blumen und Blätter, sie liebt die trockene Seele. Adele ist ein Segel aus geronnenem Blut, das beim kleinsten Windhauch seufzt, beim Flüstern, beim blassesten Tonfall eines menschlichen Schicksals. Jede Stimme beugt sie, schmerzlich. Adele bewegt sich flink auf des Messers Schneide berückender Aporien, die sie Tag für Tag aufschnappt und verteidigt, ohne je um Hilfe zu bitten, geduldig sprechend mit den milden Hausgöttern, spähend durch Dinge und Kleider, auf die sie unterwegs stößt. Nur mit einer einzigen weltlichen Sache sah ich Adele sich herumschlagen: Jeden Morgen verlangt sie ihren Cappuccino und ein Croissant. Solche Süßigkeiten heißen für sie Leben. <?page no="40"?> 40 Morte di cane per Orfeo Sanguinando, sanguendo entra di spalla dalla porta socchiusa vecchio cane nero gli occhi chiedono scusa di avere perso proprio l’ultima volta allegria e guerra. Conviene a zanne di ventura alla natura di libero bastardo atterrare sul fianco ai bordi del comò e muto guardando l’angolo lontano andarsene pudico. <?page no="41"?> 41 Hundstod für Orpheus Blutend, blutbeschmiert kommt er, stößt die angelehnte Tür mit der Schulter auf, der alte, schwarze Hund. Seine Augen bitten um Verzeihung, er hat ein letztes Mal Kampfeslust und Streit gesucht - und verloren. Es passt zu echten Reißzähnen, zur Natur des frei geborenen Bastards, an der Kommodenkante auf die Flanke zu Boden zu sinken stumm in eine ferne Ecke zu blicken und schamhaft wegzusterben. <?page no="42"?> 42 Macchia il campo Guarda là il papavero impudico continua a falleggiare rubescendo tra le spighe ritrose. Come un ospite senza invito fatta strada in un lampo si prende libertà innominabili sotto il lenzuolo che trepida verde a un soffio rafficante, macchia il campo di fuoco. Il cardillo svezzato da poco frizza gli occhi e s’infuga. <?page no="43"?> 43 Er befleckt das Feld Schau, wie der schamlose Klatschmohn sich dort rot und schimmernd phallisch erhebt unter den spröden Ähren. Wie ein ungeladener Gast findet er blitzartig seinen Platz, erlaubt sich unsagbare Freiheiten unter dem Laken, das grün zittert beim heftigen Windstoß, mit Feuer befleckt er das Feld. Der Stieglitz, kürzlich flügge geworden, kneift die Augen zu und fliegt weg. <?page no="44"?> 44 Sul prato Un manto di foglie lussuose m’accalora. La tua lingua autunnale si spande sulla pelle in pieghe di velluto, tenera da irrorare i sogni. Come mi batte il cuoricino nella vena di malva che gonfia la radice e la sottende verso pergole in fiore. <?page no="45"?> 45 Auf der Wiese Ein Mantel aus kostbaren Blättern erhitzt mich. Deine herbstliche Zunge fährt breit über die samtig gefaltete Haut. Sanft feuchtet sie die Träume.Wie mir das liebe Herz pocht in der Malvenader: sie schwellt die Wurzel und unterspannt sie bis zu Pergolen in Blüte. <?page no="46"?> 46 Ricetta medica a Hans Magnus Enzensberger L’ultimo suffumigio è Cernobyl lenitivo analgesico non blando si somministra molto facilmente perché arriva ballando con il vento estrovagante come mariposa e semina dal cielo i pollini turchini arpionati nel nocciolo fiammante di fiordalisi ucraini. Cernobyl è un nepente eccezionale e, come detto, viene lieve da oriente dove sul male ha ormai conseguito esiti fragorosi ma segreti curando radicale numerosi impazienti affetti dalla ferita cronica del vivere tutta minima gente così ignota da non trovare la più pallida lapide a Spoon River. Le stragi nelle feste autostradali restano meritori tentativi ma è Cernobyl la nuova alchemioterapia evoluzionaria il solo interruttore di pietà per i morti che da adesso in avanti riusciranno a calarsi senza pianti nei pozzi muti della loro storia. Siate astuti se andate al mare o se ne ritornate prendete Cernobyl. Ne basta poco. 1986 <?page no="47"?> 47 Ärztliches Rezept für Hans Magnus Enzensberger Das neueste Sedativum zum Inhalieren heißt Tschernobyl, ein schmerzstillendes Mittel, Analgeticum forte, mühelos zu verabreichen. Es kommt mit dem Wind geflogen, extravagant wie ein Schmetterling, streut vom Himmel dunkelblaue Pollen, harpuniert im flammenden Kern ukrainische Kornblumen. Tschernobyl ist ein einmaliger Lethetrank und kommt, wie gesagt, leise aus dem Osten. Dort hat er schon erhebliche, allerdings noch geheim gehaltene Erfolge über das Übel erzielt. Er hat zahlreiche Todgierige radikal kuriert, die an der chronischen Wunde des Lebens litten. Alles kleine Leute, so unbedeutend, dass nicht der geringste Grabstein in Spoon River an sie erinnern würde. Die Gemetzel bei den Autobahnfesten bleiben verdienstliche Versuche, aber Tschernobyl ist die neue, evolutiv-revolutionäre Alchemiotherapie, der einzige Mitleidschalter für die Toten - die von nun an ohne Tränen in die stummen Schachte ihrer Geschichte steigen. Seid schlau, wenn ihr ans Meer fahrt oder vom Meer kommt, nehmt Tschernobyl. Eine kleine Dosis reicht. 1986 <?page no="48"?> 48 Vienna 29 febbraio a Egon Schiele Un grappolo di corvi balla sui nodi del platano neri raschiano l’aria taluno planando cordialmente fino al Goethe affondato nella poltrona di bronzo. Ah Schillerplatz Schillerplatz! Neanche il tempo per sentire freddo perché all’accademia mettono in vista cento gocce di sangue mani chiodi occhi grida e un figlio abbandonato sulla calce tutto a precipitare nel mistero vermiglio della carne spaccata quel ventre che sorride come la bocca d’un sicario paziente dietro gli ossi e le spine. Una dopo l’altra, ecco spiegate le ragioni per non attendere ancora. Egon povero Egon, quando un bambino è solo anche la febbre è rimedio. <?page no="49"?> 49 Wien, den 29. Februar für Egon Schiele Ein Schwarm Raben tanzt auf den Astknoten der Platane, schwarz krächzen sie durch die Luft, einige segeln freundlich schwebend bis auf den Goethe, der versinkt in seinem Lehnstuhl aus Bronze. Ach Schillerplatz, Schillerplatz! Nicht einmal die Zeit bleibt, die Kälte zu spüren, denn in der Akademie werden hundert Blutstropfen ausgestellt, Hände, Nägel, Augen, Schreie, ein verlassener Sohn auf dem Kalk, alles stürzt in das zinnoberrote Geheimnis des geschundenen Fleisches. Ein Bauch, der lächelt wie der Mund eines coolen Killers hinter den Knochen und den Dornen. Einer nach dem anderen, hier sind die Gründe genannt, um nicht länger zu warten. Egon, armer Egon, ist ein Kind allein, heilt auch das Fieber. <?page no="50"?> 50 Naufragio Quella notte d’estate frinita di grilli la luna interloquì disapparendo tra le nubi costiere e subitanea depose un’ombra nera dall’orto fino a noi. Nella pozza del buio la tua parola si ruppe e naufragò come una barca di carta colta dal sasso d’un monito insensato. Mai più a lungo serrasti le mie dita. <?page no="51"?> 51 Schiffbruch In jener von Grillen durchzirpten Sommernacht hielt der Mond Zwiesprache, verschwand hinter den Wolken an der Küste und warf einen plötzlichen schwarzen Schatten vom Garten bis zu uns. In der Pfütze der Dunkelheit zerbrach dein Wort und strandete wie ein Boot aus Papier, getroffen vom Stein einer dummen Bemerkung. Nicht länger hieltest du meine Finger fest. <?page no="52"?> 52 Settembre Tacquero i merli, tacque l’ilarità del vento. Sull’altalena d’un fusello d’erba l’usignola cantò per la stagione un concerto di trilli inaudito. Fu geniale il suo lascito di cenni gravi, di volute e fili sulle tele del mare che aggirava la rupe. Settembre custodì l’ultima nota nel peso del silenzio sterminato. <?page no="53"?> 53 September Die Amseln schwiegen, es schwieg des Windes Heiterkeit. Über dem Schaukel eines Grashalms sang die Nachtigall Koloraturarien, die gar nicht in die Jahreszeit passten. Genial ihr Testament, voll düsterer Andeutungen,Wendungen, Stimmführungen, hoch über dem Leintuch des Meeres, das den Felsen umspülte. September bewahrte die letzte Note in der Schwere einer grenzenlosen Stille. <?page no="54"?> 54 Festa Ci sono attimi provvidi che t’arrivano in petto con il timbro della chitarra blanda. E allora s’apre una specie di ferita benigna come la festa da celebrare insospettabilmente a Napoli lontana una sera ansimante fra scorrerie dei glicini carnali. <?page no="55"?> 55 Fest Es gibt Glücksmomente, die sich in deine Brust einschleichen mit dem Timbre einer sanften Guitarre. Und dann öffnet sich eine Art wohltuende Wunde, wie ein Fest, das man überraschend feiert im fernen Neapel: ein ächzender Abend unter den Umklammerungen von Glyzinien aus Fleisch. <?page no="56"?> 56 Nelle gore Ho imparato a salutare affabile la morte nella camelia nera dove tace la mente. E non parlo dell’anima, anzi dell’anima è da dire la partita felice. * Camelia nera, camelia dalle spire di miele che fuoco infligge l’incendio dei tuoi petali come immaga quella bocca minoica di insidie quale dolce canzone nei gorgogli del morbido marése. A un cenno della luna le mie mille colombe partono per cercare la via che arriva al cuore e, smarrite, s’affondano a morire nelle gore del tuo segreto regno. <?page no="57"?> 57 In den Tümpeln Ich lernte den Tod freundlich zu begrüßen in der schwarzen Kamelie, in der das Denken verstummt. Nicht von der Seele spreche ich, vielmehr ist zu sprechen von ihrem glücklichen Abgang. * Schwarze Kamelie, Kamelie mit Strudeln aus Honig, welches Feuer lässt der Brand deiner Blütenblätter aufflammen - wie verhext dieser minoische Mund voller Tücken: süßes Lied im gurgelnden, weichen Morast. Bei einem Wink des Mondes fliegen meine tausend Tauben auf und suchen den Weg, der zum Herzen geht, verirrt, versinken sie und sterben in den Tümpeln deiner heimlichen Herrschaft. <?page no="58"?> 58 Presepe Nessuno oltre i cespugli dello stupore, oltre la forma ironica del guscio. E più nessuno arriva a portare notizie degli oracoli. Sulla riva muschiata degli stagni lungo i viali di ghiaia dai monti dolci come seni innevati tutto il presepe marcia sul posto, le valige vuote, senz’ombra, senza sguardo, sotto la trama delle stelle appese al soffitto di carta. Né sorride per noi bianca la luna. <?page no="59"?> 59 Krippe Niemand hinter den Büschen des Staunens, unter der ironischen Form der Schale. Niemand mehr kommt, um Nachrichten von den Orakeln zu bringen. Am moschusduftenden Ufer der Weiher, die Kiesalleen entlang, von den Bergen zart wie Schneebrüste, schaukelt die Krippe auf der Stelle, leer die Koffer, schattenlos, blicklos unter dem Sternengewebe an der Papierdecke. Es lächelt für uns kein weißer Mond. <?page no="60"?> 60 Madame du Lac Superba maga della solitudine quarantanni rasente la vita senza toccarla, ogni sera nascondevi una mano ferita nel grembo, ogni sera. La morte non una luce rossa aveva lampeggiato non avvisi di commiato con quella hai fatto centro al primo colpo, solo il tempo di raccogliere le rose bianche, gli iris dei pochi astanti storditi e poi via,in polvere, sotto bossi e viburni d’una valle montana che un suono mite di campana desolava. <?page no="61"?> 61 Madame du Lac Stolze Zauberin der Einsamkeit, vierzig Jahre lang nah am Leben, ohne nach ihm zu greifen, jeden Abend hast du eine verwundete Hand im Schoß verborgen, jeden Abend. Der Tod - kein rotes Licht hatte geblinkt, keine Warnleuchte - mit deinem Tod hast du ins Schwarze getroffen, mit dem ersten Schuss, nur die Zeit, die weißen Rosen zu sammeln und die Iris der wenigen bestürzten Anwesenden, dann weg, Staub, unter Buchsbäumen und Schneebällen in einem Bergtal, das ein milder Glockenklang trübte. <?page no="62"?> 62 Basta il più tenue vento Le donne muoiono d’autunno nel minimo clamore quando qualunque amore è consumato. Ne sono garanti le date incise in tutti i camposanti di monte e di mare. Appena si fanno deserte di voci le stanze le donne sono certe che altra attesa non serve a intercettare l’avvenire e alle prime luci d’autunno si staccano dal cuore come foglie di gelso. Cadono docili sul fondo nell’isolato annuncio di giornale, le presidiano sillabe discrete di compianto. Basta il più tenue vento. <?page no="63"?> 63 Es genügt der leiseste Windhauch Im Herbst sterben die Frauen in aller Stille, wenn alle Liebe verbrannt ist. Das bezeugen die Inschriften, eingraviert auf sämtlichen Friedhöfen am Berg und am Meer. Sobald die Stimmen in den Zimmern verstummt sind, wissen die Frauen, dass weiteres Warten nicht hilft, die Zukunft aufzuhalten. Beim ersten Herbstlicht trennen sie sich vom Herzen wie Blätter eines Maulbeerbaums. Sie fallen fügsam zu Boden, in eine einsame Todesanzeige, überwacht von den diskreten Worten des Mitleids. Es genügt der leiseste Windhauch. <?page no="64"?> 64 Avvertenza Errore blu prendere nella rete tutti i rumori che pungono la vita. Ad esempio, la nenia la fitta nenia delle mosche non è né utile né gaia. <?page no="65"?> 65 Anweisung Blue screen Irrtum, im Netz alle Laute einfangen, die das Leben stechen. Zum Beispiel das Summen, das heftige Gesumse der Fliegen, ist nicht nützlich und nicht lustig. <?page no="66"?> 66 L’invidia degli dèi Parla piano, dissimula e menti sui nostri giorni gli dèi sono presenti anche tra le foglie dell’ulivo tra i disadorni petali della camelia rosa, nella maglia di piume che il pettirosso in posa ostenta al mondo. Sono all’ascolto nella limonaia, al riparo nel folto della macchia, dentro il filo d’acqua che sgorga raro e improvviso come una notizia dalla faccia di pietra, sono lì lungo il bordo del cuscino che ti incornicia il viso. Ricorda sempre che la loro invidia non arretra di un passo e ti ammaestra a non scoprire mai la nostra gioia. <?page no="67"?> 67 Der Neid der Götter Sprich leise, verstelle dich, lüge über unser Leben. Die Götter sind da, sogar in den Blättern des Ölbaums, unter den schlichten Kronblättern einer rosa Kamelie, im Federkleid, das das Rotkehlchen stolz zur Schau stellt. Sie spitzen die Ohren in der Orangerie, im Schutz des Dickichts, im Wasserstrahl, der selten und plötzlich wie eine Meldung aus der Steinmaske hervorspringt, sie liegen am Saum des Kissens, der dein Gesicht einrahmt.Vergiss nie, dass ihr Neid keinen Schritt zurückweicht. Nimm dich zusammen: Zeig niemals unser Glück. <?page no="68"?> 68 De Moraes Fu bello ascoltare Vinicius De Moraes dire fra nota e nota che la vita viene ad onde come il mare. Fu bello. Ma Vinicius mi tacque una costosa verità. Che al termine, quanto resta dell’onda ristagna in una pozza dove sfiniti e radi arrivano altri spruzzi e fa ombra il cespuglio di lacrime. <?page no="69"?> 69 De Moraes Es war schön,Vinicius De Moraes zu hören, was er von Note zu Note sagt - Das Leben kommt in Wellen wie das Meer. War schön. Aber Vinicius verschwieg mir eine teure Wahrheit: Am Ende schrumpft, was von der Welle bleibt, zu einer Lache, hierhin gelangen, ermüdet und spärlich, weitere Spritzer, und Schatten wirft der Busch der Tränen. <?page no="70"?> 70 Avventure di poeta Non c’è avventura che faccia paura purché possa esaurirsi in pochi versi. <?page no="71"?> 71 Abenteuer des Dichters Kein Abenteuer ist ungeheuer, ist es in wenigen Versen erschöpft. <?page no="72"?> 72 Lete Giorno o notte, all’ora indefinita quando viene alla vita un verso grande, una poesia vera, fosse per caso fosse invenzione d’un nemico in arte devi comprare una cravatta rossa e vestirti di lino come si faceva nella festa di Dio. Dopo leverai dalla testa il cappello con garbo per dire all’oblio che questa volta non potrà masticarti né il suo coltello avrà oggi altra carne se a tutti è nato un nuovo figlio immortale. E nell’andarne, prendi una viola e gettala ai flutti opachi del Lete. Avrà perduto ancora per una gioia che non scorderai. <?page no="73"?> 73 Lethe Am Tag oder in der Nacht, du kennst die genaue Zeit nicht, wenn ein bedeutender Vers geboren wird, ein wahres Gedicht, sei es aus Zufall sei es als Einfall eines Kunstfeindes, dann musst du dir eine rote Krawatte kaufen, und ein Leinengewand anziehen, wie man das einst beim Gottesfest zu tun pflegte. Dann wirst du liebenswürdig deinen Hut abnehmen, somit sagst du dem Vergessen, dass es dich diesmal weder verschlingen noch mit seinem Messer zerhacken kann. Denn allen wurde heute ein unsterblicher Sohn geboren. Und beim Weggehen pflücke ein Veilchen und wirf es in die trüben Wogen der Lethe. Es wird noch einmal verloren haben, dank einer Freude, die du nicht vergessen wirst. <?page no="74"?> 74 Giugno di Sicilia In questo buco caldo come l’alito di Dio ora e controra persistono ubiqui nelle piazze uomini e cani neri prove di razze salate, di meticciato lungo uomini intenti a logica e a millenni di leggende che non perdono terra neppure se fanno notte fonda su concetti o su arguzie metafisiche. Così femmine, madri e le cure loro rimangono accidenti, puri sospetti della ragione. Il sole insulta tutto sbatte i salti dell’onda, scalfisce i denti scolpisce palme esclamative e magre mentre i fichi che crepano abborrati sulle rocce e le rocche stillano sudori lenti e opachi dalla grana di carne. Le zagare tardive e i gelsomini schiacciati contro crete barocche, bianchi a sporcare bianchi, attaccano la gola con un miele rancido d’oriente. Niente di sacro sulle chiese dai fianchi inanellati nella facciata cava, a nessun rito servono capitelli di maschere e i pomi e gli ippogrifigrigi di lava né i putti stolti che portano a spalla l’acquasanta cavalcando delfini. L’aria grave ci mormora storie infinite di fallanze veniali, tacciono le ragioni della vita non quelle della morte. Noto 1998 <?page no="75"?> 75 Sizilianischer Juni In diesem Loch, heiß wie Gottes Atem, jetzt oder nachmittags, lungern allgegenwärtig auf Plätzen Männer und schwarze Hunde, Reste salzwassergegerbter Rassen von immerwährender Mischung, Männer mit Logik vertraut, mit jahrtausendalten Legenden, die den Boden unter den Füßen nicht verlieren, auch wenn sie bis tief in die Nacht über Begriffen brüten und metaphysisch gesalzenen Witzen. So bleiben Weiber, Mütter und ihre Sorgen Zufälle, einfache Verdachtsfälle der Vernunft. Die Sonne schmäht alles, prallt auf die Sprünge der Wellen, schabt die Zähne, schnitzt Ausrufezeichen aus dünnen Palmen, während die vollgestopften Feigen, geplatzt auf Felsen und Gemäuern, langsam trübe Säfte aus dem Fruchtfleisch träufeln. Die späten Orangenblüten und die gegen barocke Tonziegel gequetschten Jasmine weiß, das Weißes beschmutzt kratzen im Hals wie ranziger Honig aus dem Orient. Nichts Heiliges ist auf den Kirchen mit beringten Flanken hohler Fassaden, keinem Ritus dienen jene Kapitelle mit Masken, die Äpfel, die grauen Hippogryphe aus Lava, die törichten Putten, die das Weihwasser auf ihren Schultern tragen und auf Delphinen reiten. Die schwere Luft raunt uns unendliche Geschichten zu von lässlichen Sünden, sie verschweigen die Gründe des Lebens, die des Todes nicht. Noto, 1998 <?page no="76"?> 76 Quesito a Carlotta Vogliamo rifare le mie nodose mani ? Vogliamo rifare terra e cielo il mare più solenne e dolce il timo vogliamo cambiare il sole, cambiare il quadro nella stanza sul giardino, vogliamo riprovare lenzuola di candido lino rifare, amor mio, più sapido l’amare perché le cose e i sensi tornino a giocare ed ancora giocare un’altra vita? <?page no="77"?> 77 Frage für Carlotta Wollen wir meine knotigen Hände neu machen? Wollen wir Erde und Himmel neu schaffen, das Meer erhabener und den Thymian süßer, wollen wir die Sonne auswechseln, das Bild im Zimmer zum Garten austauschen, die Betttücher aus schneeweißen Leinen neu aufziehen, die Liebe, meine Liebe, schmackhafter machen, damit die Dinge und die Sinne ein neues Leben neu spielen und nochmals spielen? <?page no="78"?> 78 Eterogenesi dei fini Avrebbe voluto inventare il mare generoso e buone tutte le difformi creature della terra, farne fide nature immerse nelle rose. Avrebbe voluto creare le volte in cielo pure le molte, molte stelle preziose e belle per servire i cammini e il fiorire del melo. Avrebbe voluto che brusco non rampollasse lo starnuto che squinternò le carte del progetto le spinse quasi ad arte in un imbuto lusco sbaffando il segno lucido e perfetto che si mutò in questo mondo indegno dove a noi, i grandi errori, rimase il solo officio di compitare elenchi delle prove e dei lugubri umori del caso e dei destini. <?page no="79"?> 79 Unterschiedliche Ziele Er hätte gern das Meer großherzig erfunden und gut alle ungleichen Kreaturen der Erde, aus ihnen treue Naturen gemacht, eingebettet in Rosen. Er hätte gern die Gewölbe des Himmels rein geschaffen, kostbar und schön die vielen vielen Sterne, um den Wegen zu dienen und dem Apfelbaum beim Blühen zu helfen. Er hätte sich gewünscht, dass kein beißendes Niesen hervorsprudelt, die Blaupausen des Projekts auseinanderzutun, sie fast kunstfertig in einen unsauberen Trichter zu rücken, der den strahlenden und perfekten Entwurft verhunzt, ihn in unsere unwürdige Welt verwandelt, wo uns, den großen Irrtümern, als einzige Aufgabe übrigblieb, Verzeichnisse der Beweise anzufertigen, der düsteren Launen des Zufalls und der Schicksale. <?page no="80"?> 80 Scacco matto (11 settembre 2001) Sono nato a Rockaway, sotto Brooklyn, in un lembo di terra che sembra un dito largo e teso nell’Atlantico. Non ricordo donna che m’abbia custodito d’amore l’infanzia e i primi incanti. Ma è stato bello crescere dietro una siepe, ogni giorno l’oceano negli occhi, bello come scovare orgoglio malnascosto nella faccia italiana di mio padre la volta in cui entrai a casa con il primo stipendio da contabile.Volle giocare una partita a scacchi e fumando due sole sigarette, fece che lo battessi senza scuse su una mossa di torre e di regina. Concluse che dovevo sempre stare attento alle torri, comunque infide nei loro movimenti lunghi su un percorso di croce bianco e nero. <?page no="81"?> 81 Schachmatt (den 11. September 2001) Ich wurde in Rockaway, bei Brooklyn, geboren, auf einer Landzunge, die aussieht wie ein breiter in den Atlantik ausgestreckter Finger. Ich kann mich an keine Frau erinnern, die meine Kindheit und den Liebreiz meiner frühen Erlebnisse gehütet hätte. Aber es war schön, hinter einer Hecke aufzuwachsen, jeden Tag den Atlantik vor Augen, so schön, wie es war, dem kaum verhohlenen Stolz im italienischen Gesicht meines Vaters nachzuspüren, damals als ich mit meinem ersten Buchhalterslohn in die Wohnung kam. Er wollte eine Partie Schach mit mir spielen, rauchte zwei einzelne Zigaretten, ließ sich ohne weiteres von mir mit einem Turm-Königin-Zug schlagen. Er zog daraus den Schluss, ich sollte immer auf Türme aufpassen, sie seien unzuverlässig in ihren langen Bewegungen auf dem weiß-schwarzen Kreuzweg. <?page no="82"?> 82 “Infide”, disse serio il mio vecchio e ricordavo la parola sorridendo di martedì quell’undici settembre mentre correvo a lavorare per Manhattan. E il suo monito posso riconoscere ora che sono polvere dispersa da un lampo osceno polvere abbandonata fra altre polveri scomposte sotto un marciapiede divelto, a fianco della foglia dove mio padre non potrà mai trovarmi nemmeno per tenermi la mano degli scacchi. Ero di Rockaway e non ho avuto amore né conforto di donna. Una adesso ne venga e chieda agli iris bianchi di fiorire nel nome mio nascosto, cancellato. <?page no="83"?> 83 “Unzuverlässig”, sagte mein Alter ernsthaftt und ich erinnerte mich lächelnd jener Worte, an einem Dienstag, jenen elften September, während ich durch Manhattan zur Arbeit lief. Jetzt verstehe ich seine Warnung, jetzt, da ich Staub bin, zerstreut von einem abscheulichen Blitz, Staub neben dem Staub anderer, pietätlos verstreut unter einem aufgerissenen Gehsteig, neben dem Blatt, wo mein Vater mich nie finden wird, auch nicht, um mich beim Schachspiel an die Hand zu nehmen. Ich war aus Rockaway und kannte weder die Liebe noch den Trost einer Frau. Eine soll jetzt kommen und die weißen Iris bitten, sie möchten blühen in meinem verborgenen, ausgelöschten Namen. <?page no="84"?> 84 Come le margherite Perficere la vita non si può. Solo il vento del caso ci rovescia trascorsi ed inconclusi come le margherite di stagione al termine del tempo e in un lampo ci porta a compimento in un lampo consuma la radice e ogni minima traccia di lamento. <?page no="85"?> 85 Wie die Margeriten Man kann das Leben zur Vollendung nicht bringen. Nur der Wind des Zufalls wirft uns um, vergangen und unvollendet, wie Sommermargeriten, wenn die Zeit abläuft. Blitzartig führt er uns zu Ende, blitzartig verzehrt er die Wurzel und jede kleinste Spur einer Klage. <?page no="86"?> 86 Amor sui O pour moi seul, à moi seul, en moi-même P. Valéry, Le Cimetière Marin,VIII, I Giocoforza è pensare che un giorno non lontano rotto il nesso tornerai al grande vuoto e sarai presto immerso nella mestica del niente in quel mosto da cui affiorasti al mondo. Ma - s’interroga il pensiero difettivo del bieco, inestirpabile amor proprio - andrai disperso come picciol rivo nel non essere tra scorie generali ed indistinte o finirai dentro la microteca d’un personale nulla di un tuo aldilà speciale dove ancora la pura inesistenza si trastulla? <?page no="87"?> 87 Selbstliebe O pour moi seul, à moi seul, en moi-même P. Valéry, Le Cimetière Marin,VIII, I Man muss ohnehin dran denken, dass du eines nicht fernen Tages, nachdem der Faden zerrissen ist, zur großen Leere zurückkehrst. Bald tauchst du ins Gemisch des Nichts ein, in jenen Humus, aus dem du ins Leben aufblühtest. Aber - fragt sich der verfehlte Gedanke der tückischen, unausgerotteten Selbstliebe - verlierst du dich wie ein Rinnsal im Nicht-Sein unter überall vorhandenen und nicht zu bestimmenden Schlacken, oder endest du in einem Mikroreliquiar eines ganz persönlichen Nichts, eines ganz eigenen Jenseits, wo die reine Inexistenz herumtrödelt ? <?page no="88"?> 88 Il gesto Adesso, ancora adesso mi sorprende il marinaio che ripetendo il gesto da millenni s’alza in mezzo alla barca appena il primo sole di una qualunque Delo gli accarezza la spalla fa un pezzo di bravura contro il cielo e accupola la rete che si smorza lentissima sull’onda e in trasparenze affonda verso le mete di pescame e d’alghe, verso le udienze delle pie sirene. <?page no="89"?> 89 Die Geste Jetzt, jetzt noch überrascht mich der Fischer, der seit Jahrtausenden seine rituelle Geste wiederholt: Sobald die erste Sonne irgendeines Delos ihm die Schulter streichelt, erhebt er sich in der Mitte des Bootes und macht eine bravouröse Bewegung gegen den Himmel, wölbt das Netz, das langsam, langsam auf die Welle sich legt, um in durchsichtigen Wassern zu versinken, hinunter zu den Fischen und Algen, hin zu der Audienz frommer Sirenen. <?page no="90"?> 90 Piccolo Filottete con le sue frecce alate, miseramente misero Sofocle, Filottete, 166 La vipera degli anni ha già colpito sputandomi nel piede il suo veleno. Resto qui divorato dall’aspra solitudine di vivere nell’isola dove è all’assedio il vincolo d’un mondo che non mi fa lasciare questi giorni e continua ad esigere altre offerte come se ancora intrepido potessi camminare in mezzo agli uomini e ancora tendere forte la magia dell’arco abbandonato a terra tra le frecce. Quanto altro tempo mai dovrò aspettare la vela nera in libero orizzonte? <?page no="91"?> 91 Kleiner Philoktet mit seinen geflügelten Pfeilen auf elende Weise elend Sophokles, Philoktet, 166 Die Natter der Jahre hat schon zugeschlagen, mir ihr Gift auf den Fuß gespuckt. Verzehrt von der herben Einsamkeit lebe ich hier auf der Insel, hier, wo der Welt Band mich umlagert, mich die Tage nicht aufgeben lässt, andere Angebote einfordert, als könnte ich noch kühn unter Menschen gehen, noch kräftig anspannen den Zauber des Bogens, der unbeachtet am Boden liegt unter den Pfeilen. Wie lange soll ich noch warten auf das schwarze Segel am freien Horizont? <?page no="94"?> 94 Ospiti Gli occhi di questa casa lungo Ripa si ostinano sul fiume che procede caracollando per onde e strie di melme verdibrune e più celere appare dagli squarci nel fogliame dei platani concordi che ci affrontano armati di alabarde come grigi guerrieri marezzati beccheggiando alla cima sotto il vento. Ci scherniscono i passeri dai rami. Siamo ospiti, mia donna, non possiamo ignorarlo. Ospiti a pagamento nel pensiero ospiti nei ricordi, tollerati. In prestito l’amare, in prestito ogni storia traversata e la nuvola che balla allegra nel cielo di giacinto malgrado la presenza degli dèi. Prendemmo in uso transitorio il pianto per i visi perduti nei cassetti in uso colpe e affanni reperiti per via, in uso la scena madre al freddo d’un lampione e la soglia di estatica emozione che sfioriamo senza capire contemplando la Maestà di Piero. <?page no="95"?> 95 Gäste Die Augen dieses Hauses am Ufer blicken beharrlich auf den Fluss, der unter Wellen und grünbraunen Schlammschlieren munter dahinfließt und noch schneller erscheint durch das aufgerissene Laubwerk der regelmäßig aufgereihten Platanen, die uns wie mit Hellebarden bewaffnet entgegentreten, wie grau gemusterte Krieger, ihre Wipfel taumeln im Wind. Die Spatzen spotten auf uns herab von den Ästen. Wir sind Gäste, meine Liebe, das dürfen wir nicht verkennen. Zahlende Gäste, Gäste im Denken, in den Erinnerungen, geduldete Gäste. Geliehen ist uns das Lieben, geliehen jede erlebte Geschichte und die Wolke, die im hyazinthfarbenen Himmel fröhlich tanzt, der Anwesenheit der Götter zum Trotz. Wir haben vorübergehend das Weinen um die in der Schublade verlorenen Gesichter geliehen, gepachtet sind Sünden und Qualen, die uns unterwegs begegnen, gepachtet die Hauptszene in der Kälte unter der Laterne und die Schwelle verzückter Erregung, die wir ohne Verstehen berühren beim Betrachten der Majestät von Piero.* * Gemeint ist der Maler Piero della Francesca. <?page no="96"?> 96 Puri accidenti da rendere alla svelta quinte precarie come l’acqua viola dell’Egeo che felici ci accolse nel crepuscolo. Queste parole stesse sono zattere prese a nolo sul lago del silenzio rapide a scomparire nel gran salto. Sii salda e stammi accanto. Ogni cosa abbiamo già pagato con la vita. <?page no="97"?> 97 Reine Zufälligkeiten, die schnell fällig werden, zusammengezimmerte Kulissen wie das violette Wasser der Ägäis, das uns Glückliche in der Dämmerung empfing. Selbst diese Worte sind Flöße, angemietet auf dem See des Schweigens, die im großen Sprung rasch verschwinden. Sei unerschütterlich und bleib bei mir.Wir haben alles bezahlt mit dem Leben. <?page no="98"?> 98 Il dubbio Non è degno di noi cantare il volo della freccia mentre bella s’avventa dentro al cielo. Anche un quadrello merita il poema solamente nell’attimo in cui trema e si ferma a pensare se procedere ancora o ricadere vergente sulla terra. È un fremito che vuole segnalare la scomparsa della necessità mentre appare la nascita del dubbio che serrerà la mente in un baleno per affrancare la sua povertà. <?page no="99"?> 99 Der Zweifel Es ist unser nicht würdig, den Flug des Pfeils zu besingen, wenn er herrlich in den Himmel sich stürzt. Auch dem Bolzen gebührt das Gedicht, allein im Augenblick, in dem er zittert, stillsteht, überlegend, ob er noch fliegen oder - gedreht - schon zur Erde zurückfallen muss. Dieser Schauder will das Verschwinden der Notwendigkeit anzeigen und zugleich die Geburt des Zweifels, der den Geist blitzartig in Bedrängnis bringt, um ihn von seinem eigenen Elend zu befreien. <?page no="100"?> 100 Lettera mai spedita Hai conferito tanto al nostro amore portandomi trent’anni di domande corse sotto l’ulivo mentre il cielo s’apriva rare volte a fessure di tregua nel perversante incombere dei corvi. Molto hai versato mentre imparavi a vivere con l’allegria d’una giovane strega a cui tutto è concesso anche lavarsi i fianchi col mio latte e finire di ridere coprendo il naso col lenzuolo rosso. <?page no="101"?> 101 Ein nie gesendeter Brief Du hast so viel zu unserer Liebe beigetragen du hast mir dreißig Jahre an Fragen gebracht, angehäuft unter dem Olivenbaum, während der Himmel sich selten einen Spalt weit zu einer Waffenruhe öffnete im wütenden Ansturm der Raben. Viel hast du verschüttet, während du lerntest zu leben mit der Fröhlichkeit einer jungen Hexe, der alles erlaubt ist, sogar sich die Lenden mit meiner Milch zu waschen und mit dem Lachen aufzuhören, während du die Nase zudecktest mit dem roten Lacken. <?page no="104"?> 104 Farfalla e segno a Emilio Garroni Nessuno è mai venuto a fare luce sulla firma oscura sparsa nel mio tessuto di farfalla ora posata in cima ad una penna mentre tremula desto l’ala reduce dopo tanto migrare e divallare dopo orologi, vortici e steccati. Ma io farfalla stante qui posso solamente coltivare e fiutare la scatola laccata di pensiero lasciata a me, indulgente affidatario da nuvole, da lemmi e mari aperti. Questo perché oramai è perduta l’aria e il mio palpito più non gira il mondo per scovare quale destino di miniaturista m’incise la sua cifra sul mantello gesto del caso, d’arte o di natura una cifra che nella sosta seguìta al lungo volo ancora vibra di colori offensivi alla memoria. Allora prima ch’io sia ispillata alla parete come farfalla di livrea superba <?page no="105"?> 105 Falter und Zeichen für Emilio Garroni Niemandem ist je gelungen, Licht in die dunkle Signatur zu bringen, die auf meinem Schmetterlingsflügel als ein Gewebe verstreut steht. Nun ruht der Falter auf der Spitze einer Feder, während ich den zitternden Flügel zu wecken versuche nach soviel Wandern und Herumfliegen in Tälern, nach Uhren,Wirbeln und Hürden. Aber ich, hier stehender Falter, hier kann ich nur pflegen und erahnen die mit Gedanken lackierte Schachtel, die mir als nachsichtigem Betreuer anvertraut wurde von Wolken, von Stichworten und offenen Meeren. Das alles, weil jetzt schon die Luft ausgegangen ist und mein Flügelschlagen nicht mehr die Welt umkreist, um herauszufinden, welch schicksalhafter Miniaturist mir seine Chiffre in den Mantel stach - Zeichen des Zufalls, der Kunst oder der Natur eine Chiffre, die in der Pause nach dem langen Flug noch schwingt von Farben, die das Gedächtnis herausfordern. Dann, bevor ich an der Wand angeheftet werde wie ein Falter in stolzer Livree, <?page no="106"?> 106 non sarà troppo chiedere al mistero quale fu la vicenda fondativa o chi volle compormi come sono e nella mente inflisse la sua paternità d’arcobaleno con le sofferte ustioni e perduranti con le finali insanie. <?page no="107"?> 107 ist es nicht zu viel verlangt, von dem Geheimnis den Ursprung der ganzen Sache zu erfragen, oder wer mich so gestaltete, wie ich es bin, und in meinen Geist seine Regenbogen-Vaterschaft einflößte mit den erlittenen Verbrennungen, die immer noch als finaler Wahnsinn andauern. <?page no="108"?> 108 Bagdad 1° febbraio 2008 Scrivo in nero di penna a punta fina perché voglio che infitti restino questi segni necessari come alberelli a regola piantati nella limpida terra della carta ordine della mente senza rima. * Ma scrivo anche perché da un lampo di pietà restituita la mia storia riporta che nel pieno del debito scolastico mi fermai sulla pagina per piangere la strage di ragazzi innominati. Sto dicendo dei dodici troiani che il divo Achille sgozzò come cani sotto il rogo di Patroclo senza che cielo avesse chiesto offerte. Avvolto da deliri di violenza recise ad uno ad uno quei bei fiori fra gorgogli di sangue e fuoco nero in un abuso di riparazione al suo vedovo ventre. * Ininterrotta quella furia persevera nel tempo ma a nome e col pretesto degli dèi. <?page no="109"?> 109 Bagdad, den 1. Februar 2008 Ich schreibe mit schwarzer Tinte und einer spitzen Feder, denn ich will, dass diese notwendigen Zeichen eingegraben bleiben wie regelmäßig eingepflanzte Bäumchen auf der hellen Erde des Papiers reimlose Ordnung des Verstandes. * Aber ich schreibe auch, weil ein aufblitzendes Mitleid meine Geschichte zurückruft, damals als ich mitten in der Schulaufgabe auf dem Papier innehielt, das Gemetzel an ungenanten jungen Menschen zu beweinen. Ich rede von den zwölf Trojanern, die der göttliche Achill wie Hunde auf Patroklos’ Scheiterhaufen schlachtete, ohne dass der Himmel Opfer verlangt hätte. Durchdrungen von Wutwahn, mähte er jene schönen Blumen, eine nach der anderen, unter Blutwallen und schwarzem Feuer, als ungerechtfertigte Sühne für seinen verwitweten Leib. * Ununterbrochen hält jene Wut an durch die Zeit hindurch, aber im Namen und unter dem Vorwand der Götter. <?page no="110"?> 110 Così che ancora adesso dovrai versare lacrime non per l’iniqua sorte di alti eroi ma per gli inermi che vengono bruciati da due giovani donne minorate povere bombe umane convinte dalla fede a farsi deflagrare in mille pezzi nelle immonde piazze d’un mondo dove nessun Omero proverà a cantare né loro né gli ignoti frantumati e dispersi in mezzo ai sassi. <?page no="111"?> 111 So musst du auch jetzt Tränen vergießen, nicht um das ungerechte Los hoher Heroen, sondern um jene Hilflosen, verbrannt von zwei minderbemittelten Mädchen, armen Menschenbomben, vom Glauben überzeugt, sich in tausend Stücken sprengen zu lassen auf den schmutzigen Plätzen einer Welt, wo kein Homer je versuchen wird, sie oder die Unbekannten zu besingen - zerfleischt, zerstreut zwischen den Steinen. <?page no="112"?> 112 La prima vera fine a Piero della Francesca Ad Arezzo nella lunetta destra della cappella Bacci in S. Francesco fu messo in scena come mai più l’istante della morte di Adamo. Fondo azzurriccio d’una luce pallida striato dal biancore delle nubi spogli i rami d’un albero autunnale il gruppo folto di nipoti e figli circonda il corpo rigido del padre, nuda creta che torna alla sua terra per farsi seme di futura croce. Nel silente sgomento degli astanti attoniti i più giovani adamiti, strappa l’aria un altissimo lamento della donna che lancia verso il cielo le braccia gli occhi l’urlo per convocare qui tutto il creato e renderlo all’evento sconosciuto. È la prima caduta della vita la prima vera fine apparsa al mondo. <?page no="113"?> 113 Das erste echte Ende für Piero della Francesca In Arezzo in der rechten Lünette der Kapelle Bacci in S. Francesco wurde, wie später niemals wieder, der Augenblick von Adams Tod dargestellt. Bläulicher Hintergrund eines fahlen Lichts, gestreift vom hellen Weiß der Wolken. Kahl die Zweige eines herbstlichen Baums. Die dichte Schar von Enkeln und Söhnen umringt den erstarrten Körper des Vaters, nackter Ton, der wieder zur Erde wird, um sich in den Samen des künftigen Kreuzes zu wandeln. Verstummt die jüngsten Adamiten, zerreißt die Luft die hochlaute Klage der Frau, die die Arme zum Himmel aufwirft, die Augen, den Schrei, um die ganze Schöpfung zusammenzurufen und ihr dieses unerhörte Ereignis zu verkünden. Es ist der erste Sturz des Lebens, das erste wirkliche Ende, das sich auf der Welt ereignet. <?page no="115"?> 115 ÜBER LUCIO MARIANI Lucio Mariani wurde 1936 in Rom geboren. WERKE Indagine di possibilità, Rom 1972 Antropino, Cittadella di Padova 1974 Ombudsman ed altro, Mailand 1976 Panni e bandiere, Rom 1980 Bestie segrete, Mailand 1987 Dispersi gli alleati, Mailand 1990 Pandemia, Rom 1990 Il torto della preda, Mailand 1995 Qualche notizia del tempo, Mailand 2001 Il sandalo di Empedocle, Mailand 2005 Parola estrema, Mailand 2007 2010 gab der Mailänder Crocetti-Velag eine Anthologie von MarianisVersen heraus. Lucio Mariani, Farfalla e segno, 310 Seiten. Dieser Anthologie wurden die hier übersetzten Gedichte entnommen. Lucio Mariani hat nicht nur als Lyriker, sondern auch als Übersetzer einen Namen. Er hat Gedichte und Schriften von César Vallejo, Tristan Corbière, Bernard Marie Koltès, Yves Bonnefoy und Rosanna Warren übersetzt. <?page no="117"?> 117 Inhalt ÜBER DIE POESIE LUCIO MARIANIS ............ 5 Agone................................................................... 18 Wettkampf ............................................................ 19 Un perfetto adulterio ............................................ 20 Ein perfekter Ehebruch......................................... 21 Mikonos ............................................................... 22 Mikonos ............................................................... 23 Notte di ferro ....................................................... 24 Eiserne Nacht ....................................................... 25 A dispetto ............................................................. 28 Trotzdem ............................................................. 29 Prova .................................................................... 32 Beweis .................................................................. 33 Timeo ‘83 ............................................................. 34 Timaios ‘83 ........................................................... 35 Gli unici morti...................................................... 36 Meine einzigen Toten ........................................... 37 Dolcezze............................................................... 38 Süßigkeiten........................................................... 39 Morte di cane ....................................................... 40 Hundstod ............................................................. 41 Macchia il campo.................................................. 42 Er befleckt das Feld.............................................. 43 Sul prato ............................................................... 44 Auf der Wiese ....................................................... 45 Ricetta medica...................................................... 46 Ärztliches Rezept.................................................. 47 Vienna 29 febbraio ............................................... 48 Wien, den 29. Februar........................................... 49 Naufragio ............................................................. 50 Schiffbruch ........................................................... 51 Settembre ............................................................. 52 <?page no="118"?> 118 September ............................................................ 53 Festa ..................................................................... 54 Fest....................................................................... 55 Nelle gore............................................................. 56 In den Tümpeln .................................................... 57 Presepe ................................................................. 58 Krippe .................................................................. 59 Madame du Lac .................................................... 60 Madame du Lac .................................................... 61 Basta il più tenue vento......................................... 62 Es genügt der leiseste Windhauch.......................... 63 Avvertenza............................................................ 64 Anweisung............................................................ 65 L’invidia degli dèi.................................................. 66 Der Neid der Götter ............................................. 67 De Moraes ............................................................ 68 De Moraes ............................................................ 69 Avventure di poeta................................................ 70 Abenteuer des Dichters ......................................... 71 Lete ...................................................................... 72 Lethe .................................................................... 73 Giugno di Sicilia ................................................... 74 Sizilianischer Juni.................................................. 75 Quesito ................................................................ 76 Frage .................................................................... 77 Eterogenesi dei fini ............................................... 78 Unterschiedliche Ziele......................................... 79 Scacco matto ........................................................ 80 Schachmatt ........................................................... 81 Come le margherite.............................................. 84 Wie die Margeriten ............................................ 85 Amor sui .............................................................. 86 Selbstliebe............................................................. 87 Il gesto.................................................................. 88 <?page no="119"?> 119 Die Geste ............................................................. 89 Piccolo Filottete ................................................... 90 Kleiner Philoktet .................................................. 91 Ospiti ................................................................... 94 Gäste .................................................................... 95 Il dubbio............................................................... 98 Der Zweifel .......................................................... 99 Lettera mai spedita ...............................................100 Ein nie gesendeter Brief.......................................101 Farfalla e segno ....................................................104 Falter und Zeichen ..............................................105 Bagdad 1° febbraio 2008 ......................................108 Bagdad, den 1. Februar 2008 ................................109 La prima vera fine ................................................112 Das erste echte Ende............................................113 ÜBER LUCIO MARIANI...............................115 WERKE .............................................................115
