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Vergils Epos als Drama

Die Gattungstransformation der "Inclyta Aeneis" in der "Tragicocomoedia" des Johannes Lucienberger, Frankfurt 1576. Mit einer synoptischen Edition beider lateinischer Texte und weiteren Materialien in einem digitalen Ergänzungsband

0716
2018
978-3-8233-9225-5
978-3-8233-8225-6
Gunter Narr Verlag 
Werner Suerbaum
10.24053/9783823392255

Lucienberger hat 1576 bei seiner Dramatisierung der Aeneis aus einem Epos von 9.900 Versen durch Kürzungen, aber auch einige inhaltliche Ergänzungen (u.a. einer positiven Schlussszene) einen dialogisierten Text von 6.000 Hexametern gemacht, der - wie zahlreiche Regiebemerkungen erweisen - szenisch aufgeführt werden sollte. In der Aeneis nehmen die direkten Reden von 50 Personen mehr als ein Drittel des Epos ein. In der Tragicocomoedia haben 150 Akteure auch die erzählenden, beschreibenden oder reflektierenden Partien der Aeneis zu übernehmen. Lucienberger musste also u.a. Gleichnisse, Kampfschilderungen, Kataloge, Beschreibungen von Kunstwerken und Örtlichkeiten und auktoriale Äußerungen Vergils in Dialoge umsetzen - oder auf sie verzichten. Seine Transformationstechniken sind aufschlussreich für die gattungstypischen Unterschiede zwischen Drama und Epos (z.B. hinsichtlich der Identifizierbarkeit der Personen). - In einem digitalen Ergänzungsband werden u.a. eine neuartige sinnreiche Synopse und eine schematische vergleichende Inhaltsangabe der beiden hexametrischen lateinischen Texte geboten.

9783823392255/9783823392255.pdf
<?page no="0"?> Giessener Beiträge Lucienberger hat 1576 bei seiner Dramatisierung der Aeneis aus einem Epos von 9.900 Versen durch Kürzungen, aber auch einige inhaltliche Ergänzungen (u.a. einer positiven Schlussszene) einen dialogisierten Text von 6.000 Hexametern gemacht, der - wie zahlreiche Regiebemerkungen erweisen - szenisch aufgeführt werden sollte. In der Aeneis nehmen die direkten Reden von 50 Personen mehr als ein Drittel des Epos ein. In der Tragicocomoedia haben 150 Akteure auch die erzählenden, beschreibenden oder reflektierenden Partien der Aeneis zu übernehmen. Lucienberger musste also u.a. Gleichnisse, Kampfschilderungen, Kataloge, Beschreibungen von Kunstwerken und Örtlichkeiten und auktoriale Äußerungen Vergils in Dialoge umsetzen - oder auf sie verzichten. Seine Transformationstechniken sind aufschlussreich für die gattungstypischen Unterschiede zwischen Drama und Epos (z.B. hinsichtlich der Identifizierbarkeit der Personen). - In einem digitalen Ergänzungsband werden u.a. eine neuartige sinnreiche Synopse und eine schematische vergleichende Inhaltsangabe der beiden hexametrischen lateinischen Texte geboten. Vergils Epos als Drama Die Gattungstransformation der Inclyta Aeneis in der Tragicocomoedia des Johannes Lucienberger, Frankfurt 1576 von Werner Suerbaum ISBN 978-3-8233-8225-6 Suerbaum Vergils Epos als Drama Giessener Beiträge Lucienberger hat 1576 bei seiner Dramatisierung der Aeneis aus einem Epos von 9.900 Versen durch Kürzungen, aber auch einige inhaltliche Ergänzungen (u.a. einer positiven Schlussszene) einen dialogisierten Text von 6.000 Hexametern gemacht, der - wie zahlreiche Regiebemerkungen erweisen - szenisch aufgeführt werden sollte. In der Aeneis nehmen die direkten Reden von 50 Personen mehr als ein Drittel des Epos ein. In der Tragicocomoedia haben 150 Akteure auch die erzählenden, beschreibenden oder reflektierenden Partien der Aeneis zu übernehmen. Lucienberger musste also u.a. Gleichnisse, Kampfschilderungen, Kataloge, Beschreibungen von Kunstwerken und Örtlichkeiten und auktoriale Äußerungen Vergils in Dialoge umsetzen - oder auf sie verzichten. Seine Transformationstechniken sind aufschlussreich für die gattungstypischen Unterschiede zwischen Drama und Epos (z.B. hinsichtlich der Identifizierbarkeit der Personen). - In einem digitalen Ergänzungsband werden u.a. eine neuartige sinnreiche Synopse und eine schematische vergleichende Inhaltsangabe der beiden hexametrischen lateinischen Texte geboten. Vergils Epos als Drama Die Gattungstransformation der Inclyta Aeneis in der Tragicocomoedia des Johannes Lucienberger, Frankfurt 1576 von Werner Suerbaum ISBN 978-3-8233-8225-6 Suerbaum Vergils Epos als Drama <?page no="1"?> Vergils Epos als Drama <?page no="2"?> Herausgegeben von Thomas Baier, Wolfgang Kofler, Eckard Lefèvre und Stefan Tilg in Verbindung mit Achim Aurnhammer 29 <?page no="3"?> Werner Suerbaum Vergils Epos als Drama Die Gattungstransformation der Inclyta Aeneis in der Tragicocomoedia des Johannes Lucienberger, Frankfurt 1576. Mit einer synoptischen Edition beider lateinischer Texte und weiteren Materialien in einem digitalen Ergänzungsband <?page no="4"?> Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb. dnb.de abrufbar. Gedruckt mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung, Köln. © 2018 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Internet: www.narr.de E-Mail: info@narr.de Satz: pagina GmbH, Tübingen Printed in Germany ISSN 1615-7133 ISBN 978-3-8233-9225-5 Der digitale Ergänzungsband ist über die Verlagshomepage www.narr.de unter der URL narr-starter.de/ magento/ index.php/ vergils-epos-als-drama.html zugänglich. <?page no="5"?> 5 Der Text der Paratexte zur TC ist hinter der synoptischen Ausgabe TC/ Aen. im digitalen Ergänzungsband beigefügt . Inhaltsverzeichnis A Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 A 1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 A 1.1 Persönliche Annäherungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 A 1.2 Erwartungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 A 1.3 Vorarbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 A 1.4 Vorbereitungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 A 1.5 Erste Überlegungen zu Vergils Epos als „Drama“ und zu einer „Dramatisierung“ der Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 A 1.6 Von 9.900 epischen zu 6.000 dramatischen Hexametern . . . . . . 22 A 1.7 Warum hat Lucienberger die Aeneis dramatisiert? . . . . . . . . . . . 24 A 2 Zur Biographie Lucienbergers, des Verfassers der TC . . . . . . . . . . . . . . 28 B Zu den Paratexten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 B 1 Überblick über die Paratexte in VP 1576B . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 B 2 Zum Titel Tragicocomoedia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 B 3 Widmungsempfänger und intendiertes Publikum . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 B 3.1 Das nicht intendierte Publikum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 B 3.2 Das intendierte Publikum: ad usum delphini ? . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 B 3.3 Deutsche Fürstensöhne als Adressaten der TC . . . . . . . . . . . . . . . . 39 B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers . . . . . . . . . . . . . . . 40 B 4.1 Was darf ein Leser von der Aeneis Vergils und von ihrer dramatischen Adaption durch Lucienberger erwarten? . . . . . . . 40 B 4.2 Die Würdigung der Aeneis in der Epistola dedicatoria . . . . . . . . 41 B 4.3 Vergleich der Würdigung der Aeneis durch Lucienberger und durch Macrobius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 B 4.4 Fehlende Aspekte in der Würdigung der Aeneis durch Lucienberger in der Epistola dedicatoria . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 B 5 Das Personenverzeichnis der TC ( Catalogus habitationum et personarum ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 B 5.1 Die Einteilung des Personen-Verzeichnisses der TC . . . . . . . . . . . 67 B 5.2 Auffälligkeiten im Personenverzeichnis der TC . . . . . . . . . . . . . . . 70 <?page no="6"?> 6 Inhaltsverzeichnis B 5.3 Die Sondergruppe am Schluss des Personenverzeichnisses . . . 71 B 5.4 Kollektive im Personenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochae und prosaische Argumenta . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 B 6.0 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 B 6.1 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 B 6.2 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC II . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 B 6.3 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC III . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 B 6.4 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC IV . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 B 6.5 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC V . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 B 6.6 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC VI . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 B 6.7 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC VII . . . . . . . . . . . . . . . . 84 B 6.8 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC VIII . . . . . . . . . . . . . . . . 86 B 6.9 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC IX . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 B 6.10 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC X . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 B 6.11 Rückblick auf die beiden Serien von Inhaltsangaben zu den einzelnen Akten der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 B 7 Der Prolog und die abschließende Ad iuventutem admonitio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 B 7.1 Der Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 B 7.2 Der Epilog: die metrische Ad iuventutem admonitio . . . . . . . . . . . 94 B 8 Die 13 Titelholzschnitte zu den einzelnen Akten der TC bzw. ursprünglich zu den Büchern der Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 B 9 Die drei burlesken Nachspiele (Exodia) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 B 9.1 Die Exodia (Nachspiele) nach der Tragicocomoedia . . . . . . . . . . . 97 B 9.2 Das Exodium für den 1. Aufführungstag der TC . . . . . . . . . . . . . 100 B 9.3 Die Exodia für den 2. und 3. Aufführungstag der TC . . . . . . . . . 102 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 C 1 Die Prinzipien der synoptischen Ausgabe TC / Aen. mit einer Beispielseite der Ausgabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 C 1.1 Schriftgrad, Schriftart, Auszeichnungen, Nummerierungen . . 105 C 1.2 Beispielseite für die synoptische Ausgabe von Lucienbergers Tragicocomoedia und Vergils Aeneis ( TC / Aen.) . . . . . . . . . . . . . 108 C 2 Zwei Grundsätze der Aeneis-Adaption Lucienbergers in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Die synoptische Ausgabe TC/ Aen. selber ist, einschließlich aller Paratexte zur TC, im digitalen Ergänzungsband beigefügt. <?page no="7"?> Inhaltsverzeichnis 7 C 2.1 Grundsatz A: Reden in der Aeneis werden ausnahmslos in der TC zitiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 C 2.2 Grundsatz B: Herstellung des chronologischen ordo naturalis in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 C 3 Tabellarische Synopse TC / Aen.: schematische vergleichende Inhaltsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 C 4 Das Sonderproblem der „Dramatisierung“ von Aen. II - III , der Erzählung des Aeneas vom Untergang Trojas und von seinen Irrfahrten (bis zur Landung in Sizilien) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 C 4.1 Die Problematik der Umsetzung der Erzählung des Aeneas in Aen. II - III innerhalb der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 C 4.2 Zwei Durchgänge durch Aen. III in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 C 4.3 Durchgang A: Aen. III in Akt I der TC : Die Irrfahrten-Handlung im Dialog der Akteure dargestellt . 117 C 4.4 Durchgang B: Aen. III in TC II -7: Die Irrfahrten-Handlung von Aeneas erzählt . . . . . . . . . . . . . . . . 124 C 4.5 Tabelle der doppelten Verwertung von Aen. II - III in der TC : in TC I 1-7 und erneut in TC II -7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungen gegenüber Vergil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 C 5.0 Gliederungs-Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 C 5.1 Streichung von Gleichnissen und Vergleichen . . . . . . . . . . . . . . . 128 C 5.2 Streichung von Handlungselementen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 C 5.3 Transformationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 C 5.4 Hinzufügungen im Vergleich zur Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 C 5.5 Umstellungen und Wiederholungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 C 6 Übersicht über den Umfang der 67 Szenen der TC und über die in ihnen auftretenden Personen ( interlocutores ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 C 7 Zur Metrik der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 C 7.1 „Halbverse“ nach dem Vorbild Vergils . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Diese „Tabelle“ C 3 ist im digitalen Ergänzungsband beigefügt. Diese „Tabelle“ C 4.5 ist im digitalen Ergänzungsband beigefügt. Diese Szenen-Übersicht C 6 ist im digitalen Ergänzungsband beigefügt. <?page no="8"?> 8 Inhaltsverzeichnis C 7.2 Ein Hexameter von mehreren Personen gesprochen: Zur Verwendung der Antilabe (beim Morden, Jagen und Sprinten) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 C 7.3 Keine Stichomythie in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 C 7.4 Refrain . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 C 7.5 Metrische Auffälligkeiten in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 C 8 Zu der von Lucienberger 1576 benutzten lateinischen Textausgabe der Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 D Analysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 D 1 Identifizierungsprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 D 1.1 „Zwischen den Zeilen“ - Zu den Unterschieden Lesen - Hören - (Hören und) Sehen . 169 D 1.2 Nicht identifizierbare Sprecher in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 D 1.3 Ein Beispiel für anonyme oder erkennbare Akteure: die erste Szene der TC ( TC I-1) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 D 1.4 Wer ist wer - Das Problem der Identität der sprechenden dramatis personae : Namen für anonyme Akteure . . . . . . . . . . . . 182 D 1.5 Götter als Menschen: Identifizierungsprobleme . . . . . . . . . . . . . 184 D 2 Überblick über typische Transformationsprobleme und -techniken Lucienbergers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 D 2.1 Die Unterdrückung des Autors: Umwandlung von auktorialer Handlungserzählung in Figuren-Rede oder eventuell in prosaische Paratexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 D 2.2 Ein Beispiel: Bühnenanweisungen für Laocoon in TC I-1 . . . . 195 D 2.3 Auslassungen und Kürzungen durch Lucienberger . . . . . . . . . . 197 D 2.4 Ergänzungen und Erweiterungen durch Lucienberger . . . . . . . 208 D 3 Reden und Redner in der Aeneis und in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 D 3.1 Statistiken für Reden und Redner in der Aeneis und in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 D 3.2 Kürzungen durch Lucienberger: Vorstellung des Redners in der Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 D 3.3 Die Identifizierungs-Problematik der Redner in der TC . . . . . . 219 D 3.4 Das Wissen der redenden Personen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 D 3.5 Lange Reden in der Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 D 3.6 Lange Reden in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 231 D 4.1 Aristien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 D 4.2 Kataloge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 D 4.3 Kunstbeschreibungen (und Rüstungsszenen sowie Ortsbeschreibungen) . . . . . . . . . . . 263 <?page no="9"?> Inhaltsverzeichnis 9 D 5 Das Fehlen von Gleichnissen in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 D 5.1 Zu den Gleichnissen der Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 D 5.2 Prinzipieller Verzicht auf Gleichnisse der Aeneis in der TC . . 267 D 5.3 Ausnahmsweise aus der Aeneis in die TC übernommene Gleichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 D 5.4 Zwei neu von Lucienberger eingeführte Gleichnisse . . . . . . . . 273 D 5.5 Eine Gewinn- und Verlustrechnung für den Verzicht Lucienbergers auf epische Gleichnisse . . . . . 276 D 5.6 Anhang: Das Fehlen von Gleichnissen in den Illustrationen zur TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280 D 6 Zwei neue Handlungsketten in der TC : die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280 D 6.0 Neue Handlungsketten in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280 D 6.1 Die Ausgangsbasis beider neuer Handlungsketten: Die Prophezeiung der Zukunft durch Anchises in der Unterwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 D 6.2 Amata in einer Schlüsselrolle in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288 D 6.3 Der finale Triumph des Aeneas und die Weihung seiner Waffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . 301 D 7.1 Achates versucht (in TC II -6) Ascanius zu erziehen . . . . . . . . . . 301 D 7.2 Zwei zusammenhängende von Lucienberger neu erfundene Szenen: Aeneas gewinnt die Etrusker zu Bundesgenossen ( TC VIII -2 und VIII -3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 D 7.3 Begrüßung und Abschied; Auftragserfüllung . . . . . . . . . . . . . . . . 314 D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 D 8.1 (Neue) positive Szenen-Schlüsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 D 8.2 Totenklage um Amata . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326 D 8.3 Die neu geschaffene Schluss-Szene der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 D 8.4 Die Schlussverse der TC : Die Wendung ad spectatores . . . . . . . 335 D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 D 9.1 Rückblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 D 9.2 Das Übergehen der drei letzten Verse der originalen Aeneis . 337 D 9.3 Turnus’ Begründung für seinen Kampf gegen Aeneas ( TC 6,6,028-040) und die Rolle der Furie Allecto (in TC VI -6 und TC VI -7) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338 D 9.4 Das Auswahlverfahren auf Sizilien: Wer von den Trojanern darf oder muss dort zurückbleiben? ( TC 4,5,001-063) . . . . . . . 347 D 9.5 Der Kanzler des Königs: Drances und Latinus in TC VI -1 (und weitere Auftritte des Drances in TC IX -2, IX -3 und X-1) 349 <?page no="10"?> 10 Inhaltsverzeichnis D 9.6 Dido und Anna in TC III -1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 D 9.7 Der Ersatz von fama -Erwähnungen in der Aeneis . . . . . . . . . . . 354 D 9.8 Schuld und Bestrafung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356 D 10 Zur Charakterisierung des Turnus und des Aeneas in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358 D 10.1 Turnus als Stratege ( TC IX -3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358 D 10.2 Aeneas als Anführer der Trojaner im Kampf ( TC IX -6) und die Devise „schlagt alle tot“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360 D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 D 11.1 Tabellarische Übersicht über die „Regiebemerkungen“ . . . . . 362 D 11.2 Vorüberlegungen zu den prosaischen Zwischentexten in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366 D 11.3 Die prosaischen Zwischentexte der TC als Sonderfall . . . . . . 368 D 11.4 Funktionen der Prosa-Zwischentexte in der TC . . . . . . . . . . . . 370 D 11.5 Beispiele für „kontextualisierende“ Prosa-Zwischentexte (A 1-2) aus TC I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374 D 11.6 Beispiele für „ergänzende“ Prosa-Zwischentexte (B) aus TC I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 D 11.7 Beispiele für „(theaterpraktische) Regieanweisungen“ (C) aus TC I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377 D 11.8 Bemerkenswerte Prosa-Zwischentexte (D) aus TC I bis TC X . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379 D 12 Strukturfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393 D 12.1 Zur Struktur der epischen Vorlage der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393 D 12.2 Die Gliederung der TC in Akte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 395 D 12.3 Die Gliederung der TC in Szenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 402 D 12.4 Ein Spezialfall: Götter-Szenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427 E Zur Gesamtwürdigung der von Lucienberger versuchten Gattungstransformation Epos - Drama . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439 E 1 Seitenblicke auf andere neolateinische Dramen nach der Aeneis und auf eine moderne (französische) Dramatisierung . . . . . . . . . . . . . 439 E 1.1 Seitenblick auf andere neulateinische Dramatisierungen der Aeneis aus dem 16. Jh. und später . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439 E 1.2 Ein Seitenblick auf eine moderne französische Dramatisierung der Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445 E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC : Rezitation oder szenische Aufführung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 E 2.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 E 2.2 Der erste Rezitator der Aeneis: Vergil selber . . . . . . . . . . . . . . . . . 450 <?page no="11"?> Inhaltsverzeichnis 11 Dieses Sprecher-Verzeichnis F 2 ist im digitalen Ergänzungsband beigefügt. E 2.3 Vorüberlegungen zur Darstellungsform der TC : Ein Rezitationsdrama mit Vergils Aeneis als Basis? . . . . . . . . . . 452 E 2.4 Mögliche Konzeptionen eines Rezitationsdramas nach der Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 453 E 2.5 Hinweise auf eine szenische Aufführung in den Paratexten zur Ausgabe der TC ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454 E 3 Die TC als „Tragikomödie“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467 E 3.1 Zum Titelbegriff der Aeneis-Adaption Lucienbergers . . . . . . . . 467 E 3.2 Plautus als Lucienberger bekannter Erfinder des Begriffs „Tragikomödie“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 468 E 3.3 Lucienbergers Plautus-Rezeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471 E 3.4 Zur Geschichte des Titelbegriffs „Tragikomödie“ . . . . . . . . . . . . 473 E 4 Zur didaktischen Intention der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 476 E 5 Die Aeneis im Lichte der TC : Gewinn- und Verlustrechnung bei der Transformation der epischen Aeneis in eine dialogisierte „ Tragicocomoedia “ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 480 E 5.1 Reden als konstitutives Element des Dramas, aber auch des Epos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 480 E 5.2 „Verluste“ der TC gegenüber der Aeneis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 481 E 5.3 Stärkere Ausrichtung in der TC auf das Handlungsziel . . . . . . 483 E 5.4 Stärkere Berücksichtigung politischer Aspekte in der TC . . . . 487 E 5.5 Persönlicher Rückblick eines „Vergilianers“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489 F Bibliographie und Indizes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491 F 1 Bibliographisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491 F 2 Verzeichnis der sprechenden Personen in der TC . . . . . . . . . . . . . . . . . . 494 F 3 Abkürzungen und technische Hinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 494 F 4 Index der näher behandelten Themen und Personen . . . . . . . . . . . . . . 497 F 4.1 Szenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 497 F 4.2 Themen und Personen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 500 Postscriptum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 510 <?page no="13"?> A Einleitung A 1 Einführung A 1.1 Persönliche Annäherungen Vor etwa 40 Jahren hatte ich die außerordentliche, wahrscheinlich nur einem einheimischen Ordinarius für Klassische Philologie eingeräumte Möglichkeit, die Heiligen Räume des Magazins der Universitätsbibliothek München zu betreten, obwohl ich erst später für 10 Jahre der Vertreter meiner Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften II in der Senatskommission für eben diese Universitätsbibliothek wurde. Ich hatte diese venia introeundi erwirkt, um per Augenschein und handhafte Berührung mich der Vergil-Bestände dieser von der Universitätsleitung programmatisch (zugunsten der vielen selbständigen Institutsbibliotheken) vernachlässigten Zentralbibliothek zu vergewissern. Ich arbeitete nämlich an einer der größten (nein: umfangreichsten) Spezialbibliographien, die bis dahin im Bereich der Lateinischen Philologie erschienen waren: „Hundert Jahre Vergil-Forschung. Eine systematische Arbeitsbibliographie mit besonderer Berücksichtigung der Aeneis“, die es dann in der Druckfassung von 1980 / 1981 (wenn ich zu dem der Aeneis gewidmeten Hauptteil noch die zusätzliche Georgica-Spezialbibliographie und das Namensverzeichnis rechne) auf (355 + 104 + 40) fast genau 500 Seiten brachte. Statt mich aber meinem eigentlichen chronologisch begrenzten Gebiet, dem Jahrhundert vor 1975, zuzuwenden, schweifte ich zu den älteren Vergil-Ausgaben ab. Und da hatte ich für Minuten eine vollständige, zudem sogar bebilderte lateinische Dramatisierung der Aeneis in der Hand, von der ich noch nie gehört hatte. Und ich schwor mir, eines Tages zu diesem einmaligen Werk zurückzukehren. Der Tag ist gekommen: tandem venit dies. Vieles hat mich für Jahrzehnte davon abgehalten, diesen informellen Schwur zu erfüllen. Ich musste vorher nicht nur jene Vergil-Bibliographie vollenden, etwa zwei Dutzend Publikationen zu Vergil schreiben, eine der längsten Sammelrezensionen im Gnomon (ich kannte dessen Herausgeber gut) über Ausstellungen im Vergil-Jubiläumsjahr 1982 (2000. Todestag Vergils, in Italien bereits, unter Ansetzungen eines Jahres Null, 1981 n. Chr. gefeiert) verfassen, dann selber im Jahre 1998 (kein Vergil-Jubiläums-Jahr, aber das Jahr meines 65. Geburtstages) in der Universität München eine Poster-Ausstellung „Vergil visuell“ mit 200 Schautafeln und 5 Begleitheften, zum größten Teil selbstgefertigt oder selbstverfasst, gestalten und schließlich <?page no="14"?> 14 A 1 Einführung auch ein großes (nein: dickes) „Handbuch der illustrierten Vergil-Ausgaben 1502-1840. Geschichte, Typologie, Zyklen und kommentierter Katalog der Holzschnitte und Kupferstiche zur Aeneis in Alten Drucken“ publizieren (Hildesheim-Zürich-New York 2008, 684 S., Bibliographien zur Klassischen Philologie Band 3), bevor ich mich (als Emeritus, versteht sich) jener alten, aber unvergessenen Aeneis-Dramatisierung zuwenden konnte. Inzwischen war ich etwas besser gerüstet. Bei der Arbeit an meiner Sammelrezension zu Publikationen zu Vergil-Ausstellungen (zum Jubiläumsjahr 1981 / 82), Gnomon 56, 1984, 208-228, hatte ich in dem kleinen, aber reichen Ausstellungskatalog der Universitäts- und Staatsbibliothek Bamberg „Vergil 2000 Jahre. Rezeption in Literatur, Musik und Kunst“ (ich kannte dessen Verfasser Werner Taegert gut; auch ohne mein Zutun ist er inzwischen zum Direktor der Bamberger Staatsbibliothek aufgestiegen), dort Nr. 68, entnommen, dass „meine“ Dramatisierung von einem gewissen Ioannes Lucienbergius, zu Deutsch Johannes Lucienberger, stamme und Frankfurt 1576 erschienen sei. Übrigens ist die Vorstellung dieses Werkes in wenigen Zeilen (12 Zeilen zu Autor und Text, dazu 5 Zeilen zu den beigegebenen Holzschnitten und wenige Literaturangaben) durch W. Taegert ein Musterbeispiel für Informationsdichte: Der zeitweilig im Frankfurter Verlagswesen tätige Jurist Lucienberger (gest. 1588) bietet eine geraffte, hexametrisch dialogisierte Fassung der gesamten Aeneis in zehn Akten, die weitgehend auf den Wortlaut des Epos zurückgreift. Die pseudo-dramatische Bearbeitung verfolgt das auf Heranwachsende gerichtete didaktische Ziel, die umfassende und exemplarische Darstellung der Wechselfälle des menschlichen Lebens in der Aeneis zu plastischer und einprägsamer Anschauung zu bringen. Das Werk ist einigen jungen Sprösslingen kaiserlichen und fürstlichen Geblütes namentlich gewidmet, denen die Beherzigung der von Vergil vermittelten Lebenseinsichten nachdrücklich anempfohlen wird. Und schließlich hatte ich das Exemplar der BSB , d. h. der Bayerischen Staatsbibliothek München (nicht: Bamberg), dieser Aeneis-Dramatisierung bzw., um mich des treffenden Ausdruckes Taegerts zu bedienen, dieser Aeneis- Dialogisierung wirklich längere Zeit selber in der Hand (Signatur: Eslg / 4 A.lat.a. 706; Eslg = Einbandsammlung). 1 Ich erarbeitete mein „Handbuch der illustrierten Aeneis-Ausgaben 1502-1840“ (2008, 684 S.) nämlich in einem Kooperations-Projekt zusammen mit der BSB . (Darauf weist der Untertitel hin: „Mit besonderer Berücksichtigung der Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek München und 1 Die Originalausgabe von 1576 ist ein seltenes, jedenfalls teures Buch. Im Internet wurde (am 18. 02. 2014) ein Exemplar von VP 1576B unter zwei Adressen (Booklooker und Abe- Books) für 2.345 € angeboten. <?page no="15"?> A 1 Einführung 15 ihrer Digitalisate von Bildern zu Werken des P. Vergilius Maro sowie mit Beilage von 2 DVD s.“, Hildesheim u. a. 2008; s. auch die Bibliographie in → Kap. F 1.). Lucienbergers Werk von 1576 enthält einige Holzschnitte und ist darum in meinem Handbuch unter der Sigle „ VP 1576B“ behandelt ( VP = Vergilius pictus), allerdings nur knapp S. 284-286. Auf die Texte in den besprochenen illustrierten Vergil-Ausgaben gehe ich nämlich grundsätzlich nicht ein, selbst wenn es sich, wie hier bei VP 1576B, um ein Unikum handelt, nämlich um eine durchgehende Dramatisierung der Aeneis. Die 13 in VP 1576B enthaltenen Holzschnitte sind keine Erstveröffentlichungen, sondern (bis auf eine Ausnahme) Wiederholungen des erstmals in VP 1559C belegten und beliebten „Frankfurter Argumentum-Typus“ (Näheres s. in → Kap. B 8). Obwohl also der „bildliche“ Wert dieses Werkes nur unbedeutend ist, da die Illustrationen (bis auf eine) keine Originalerfindungen sind, habe ich meinen Kooperationspartner, die BSB , erfolgreich darum gebeten, diesmal ausnahmsweise eine Digitalisierung des ganzen Buches durchzuführen. In der Regel hat die BSB nämlich nur die Seiten digitalisiert, die Illustrationen aufweisen; sie hat also nur eine sogenannte „Teildigitalisierung“ vorgenommen. 2 So also ist es seit Anfang 2008 jedem Internet-Benutzer in aller Welt möglich, auf eine digitalisierte Vollversion von VP 1576B innerhalb der „Digitalen Bibliothek“ der Bayerischen Staatsbibliothek (am einfachsten über den OPAC der BSB unter Eingabe von A.lat.a. 706 in der Rubrik „Signatur“) zuzugreifen. 3 Man kann sich auch die rund 300 Seiten der Originalausgabe ausdrucken. Das habe ich getan, um eine praktische Arbeitsgrundlage zu haben. Aber ich habe sie durch eine selbsterarbeitete und selbst formatierte synoptische Ausgabe der Tragicocomoedia und der Aeneis ( TC / Aen.), die auch typographisch leichter zu lesen ist, ergänzt oder besser ersetzt (s. dazu → Kap. A 1.4 und Kap. C 1). Diese Ausgabe kann innerhalb des digitalen Ergänzungsbandes auf der Verlagshomepage www.narr.de unter der URL narr-starter.de/ magento/ index.php/ vergils-epos-als-drama.html abgerufen werden. 2 Die beiden DVDs, die meinem publizierten „Handbuch“ von 2008 beiliegen, umfassen rund 8,5 Gigabyte und bieten unter ca. 6.000 Digitalisaten der BSB etwa 4.000 Vergil- Illustrationen. Es handelt sich zum größten Teil um „Teildigitalisate“ der Bücher: Es sind „nur“ alle Bilder digitalisiert, die in den etwa 200 illustrierten Vergil-Bänden, die die BSB neben etwa 300 weiteren nicht-illustrierten Bänden aus der Periode 1502-1840 besitzt. Nicht einmal 20 Bände sind vollständig digitalisiert. 3 Auch ich benutze im vorliegenden Buch das auf meine Initiative hin angefertigte, über 300-seitige Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München (BSB) von dieser Tragicocomoedia („TC“) des Ioannes Lucienbergius, Frankfurt 1576, nach dem Exemplar mit der Signatur ESlg / 4 A.lat.a. 706. Dort haben die erste und die letzte bedruckte Seiten die laufende Scan-Nr. 002 bzw. 298. Nach dieser Scan-Paginierung zitiere ich aber nur die sog. Paratexte, die dem Text der TC voran- oder nachgestellt sind. Für den Text der TC selber habe ich erstmals eine Vers-Zählung vom Typ TC 1,1,001 bis TC 10,9,037 eingeführt, also für jede der 67 Scenae der 10 Actus eine eigene Zählung. <?page no="16"?> 16 A 1 Einführung A 1.2 Erwartungen Ich wusste bereits aus der Kurzbeschreibung von W. Taegert, dass Lucienberger sich bei seiner Dramatisierung oder Dialogisierung möglichst an den Wortlaut des originalen Epos halten wollte. Bevor ich mir nun wirklich Lucienbergers Text vornahm, um den Reiz oder die Enttäuschung einer erstmaligen Lektüre zu erleben, erging ich mich in Phantasien darüber, was mich wohl erwarten würde. In der Antike galt in der (natürlich in Griechenland ausgebildeten) Gattungstheorie, die in erster Linie einen Homer vor Augen hatte, das Epos als der Höhepunkt in der Gattungshierarchie; die Tragödie wurde zwar auch, wie das Epos, dem Genus grande (um die spätere lateinische Bezeichnung zu gebrauchen) zugerechnet, rangierte aber offenbar irgendwie etwas unterhalb des Epos. (Eine genaue Rangordnung kenne ich nicht.) In der Neuzeit, zumal in der Gegenwart, ist es umgekehrt. Das Epos ist tot; auch das antike Epos ist nur mehr eine literaturhistorische Größe; sein neuzeitlicher Stiefbruder, der Roman, ist zu vielgestaltig, als dass man ihn in der Hierarchie der Gattungen ohne weiteres und generell an die Stelle des Epos rücken lassen könnte. Das Drama floriert in allen seinen Ausformungen. Würde es etwa Lucienberger, einem Autor der frühen Neuzeit, durch die Umformung des antiken Epos „Aeneis“ in ein Drama gelingen, die Aeneis attraktiver zu machen? Oder genauer, wenn ich die Widmung seines Werkes an drei Kaisersöhne und mehrere weitere deutsche Fürstensöhne, gekoppelt mit einigen Passagen des Vorwortes, ernst nehme: sie „hoffähig“ zu machen? Würde es Lucienberger etwa zuwege bringen, die dramatischen, speziell tragischen Qualitäten in Vergils Epos 4 (komische Seiten haben die Interpreten in der Aeneis noch nicht entdeckt) noch zu steigern und nicht nur einige Partien (es gibt viele Interpreten, die mehr oder auch weniger reflektiert, das 4. Buch der Aeneis, in Verbindung mit dem 1. Buch und einer Einzelpassage im 6. Buch, als „Dido-Tragödie“ betrachten; auch für das Schicksal des Turnus in der Aeneis gebraucht man gern, mehr oder weniger reflektiert, den Begriff „tragisch“), sondern das ganze Epos zu einem Drama zu machen, also (im modernen Sinne) zu steigern? Würde es wirklich möglich sein, ein Epos von rund 9.900 Hexametern (die aus maximal 17 und minimal 12 Silben bestehen) in ein einziges Drama im gleichen Metrum (so kündigt es Lucienberger in seinem Vorwort an) umzusetzen, das dann mehr als die siebenfache Länge eines normalen antiken Dramas 4 Wenn Lucienberger sein Werk im Titel als eine regia tragicocomoedia bezeichnet, wird man am ehesten erwarten, dass der „tragische“ Charakter des Epos in seinem Drama verstärkt und komödienhafte Elemente eingefügt sind. Allerdings wird noch näher zu klären sein, was der Gattungsbegriff tragicocomoedia um 1576 bedeutet haben mag. Vgl. zu diesem Problem → Kap. E 3.. <?page no="17"?> A 1 Einführung 17 haben würde? 5 Allerdings habe erst ich ermittelt, dass die regia tragicocomoedia Lucienbergers, die ich TC - und nicht Inclyta Aeneis - nenne bzw. abkürze, nicht aus knapp 10.000, sondern „nur“ aus etwas mehr als 6.000 Hexametern besteht. Auch das ist eine Verszahl, die in etwa dem Gesamtumfang aller sechs Terenz-Komödien (nämlich 6.094 Verse) entspricht. 6 Auf den ersten Blick zeigt sich außerdem, dass diese Tragicocomoedia ( TC ) auch insofern e-norm ist, als sie nicht die Normalzahl von 5 Akten aufweist, sondern in 10 Akte eingeteilt ist (was Lucienberger in seinem Vorwort, Scan 10, auch eigens erwähnt). A 1.3 Vorarbeiten Die einzige neuere nennenswerte Spezialpublikation zu diesem Werk Lucienbergers stammt von Craig K a l l e n d o r f : Inclyta Aeneis. A sixteenth-century neo-Latin tragicomedy. Der Aufsatz ist zunächst 1994 an eher entlegener Stelle erschienen, seit 2007 aber mit der Originalpaginierung als Neudruck leichter zugänglich. (Die vollständigen bibliographischen Angaben finden sich immer in → Kap. F 1.) 5 Zum Vergleich: Die acht vollständigen Tragödien Senecas - die Phoenissae sind nur Fragment -, die manche als „Rezitationsdramen“ bezeichnen, haben in der Mehrzahl unter 1.200 Versen, zwei 1.280 bzw. 1.344, der Hercules Oetaeus - nach F. Leo „das unförmlichste Produkt, das mit Anspruch auf Kunst aus dem Altertum erhalten ist“ - knapp 2.000. (Dabei ist zudem zu bedenken, dass die verschiedenen Metren, die in diesen Dramen verwendet werden, immer kürzer sind als ein Hexameter.) - Die 21 erhaltenen Komödien des Plautus haben insgesamt rund 21.500 Verse und damit eine Durchschnittslänge von 1.023 Versen. Allerdings haben mehrere dieser Stücke aufgrund mangelhafter Überlieferung Lücken oder sind verstümmelt. Realiter variiert die Länge zwischen den 1.431 Versen des Miles gloriosus, den 1.423 Versen des Rudens , den 1.422 des Poenulus (allerdings einschließlich nachplautinischer Erweiterungen oder gar Doppelfassungen) und den 1.334 Versen des Pseudolus (auf dessen ungewöhnliche Länge im Kurzprolog hingewiesen wird, den 1.211 Versen der Bacchides (bei denen der Anfang verloren ist), sowie den 1.189 Versen des Trinummus, den 1.181 Versen der Mostellaria , den 1.162 Versen der Menaechmi sowie den 1.146 Versen des Amphitruo (der zudem eine größere Lücke aufweist) einerseits und den 729 Versen des Curculio und den 733 des Epidicus sowie den 775 Versen des Stichus und den 858 Versen des Persa andererseits . - Grundsätzlich ist bei einem Vergleich der TC zu bedenken: Der von Lucienberger entsprechend seinem Prätext beibehaltene lateinische Hexameter, der sonst in Dramen ungebräuchlich ist, ist ein Langvers mit mindestens 12 (sehr selten) und höchstens 17 Silben. Im Durchschnitt weist er in der Aeneis 14-15 Silben auf (da von den ersten vier Füßen durchschnittlich etwas mehr als zwei spondeisch sind und nur je 2 Silben haben) und ist somit deutlich länger als der übliche antike Sprechvers im Drama, der jambische Trimeter bzw. jambische Senar, der in seiner Reinform 12, maximal aber 15 Silben aufweist. 6 Die Komödien des Terenz haben folgenden Umfang: Andria 1.000, Hecyra 880, Heautontimorumenos 1.067, Eunuchus 1.094, Phormio 1.055, Adelphoe 997 Verse; die 6 Stücke zusammen 6.094 Verse, im Durchschnitt also 1.016. <?page no="18"?> 18 A 1 Einführung Bei der Besprechung der Inclyta Aeneis (so betitelt Kallendorf das Stück, das ich TC = Tragicocomoedia nenne; vgl. dazu → Kap. A 1.5 und Kap. B 2) fußt Kallendorf in erster Linie auf der Auswertung des Vorworts Lucienbergers und konzentriert sich auf den tragischen oder tragikomischen Charakter des Dramas. Konkrete Beobachtungen zur Gestaltungsweise Lucienbergers und ein näherer Vergleich mit Vergils Aeneis finden sich nur spärlich. Kallendorf (S. 530) zählt 155 dramatis personae und schließt daraus, dass das Stück wohl kaum jemals aufgeführt worden sei. (Der Begriff „Rezitationsdrama“ fällt bei ihm aber nicht.) Kallendorf kennt nur erst 12 Dramen der Renaissance nach der Aeneis. 7 Besser informiert ist in dieser Hinsicht die katalogartige Zusammenstellung von 34 neulateinischen Dramen nach der Aeneis, von denen 28 in die Zeit vor 1650 fallen, durch Reinhold F. G l e i , Neulateinische Dramatisierungen der Aeneis - ein Überblick, aus dem Jahre 2000. Dieser Katalog ist von Glei, 2006, erneut bearbeitet worden und führt jetzt 37 aus dem 16.-18. Jh. auf (+ 1 Nachzügler von 1898). Darüber ist in → Kap. E 1.1 näher gehandelt (vgl. auch die Bibliographie in → Kap. F 1). Für den bisherigen Forschungsstand zu Lucienbergers Aeneis-Dramatisierung mag bezeichnend sein, dass dieser Autor nicht berücksichtigt ist von Wilhelm Kühlmann u. a. (Hrsgg.), Frühe Neuzeit in Deutschland 1520-1620. Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon, Bd. 4 (Krüninger, Johannes - Osse, Melchior von), Berlin / Boston 2015, xxv, 694 S. A 1.4 Vorbereitungen Um einen näheren Eindruck vom Verhältnis der dramatischen oder jedenfalls dialogischen Inclyta Aeneis (= Tragicocomoedia = TC ) zu ihrem Vorbild oder besser ihrer Vorlage, der epischen Aeneis Vergils, zu bekommen, kann man natürlich vor dem Computer-Bildschirm mit einer sogenannten View-Ansicht des digitalisierten Exemplars der BSB (oder alternativ zu einem nach diesem Digitalisat hergestellten Papierausdruck) einen gedruckten Vergil-Text, etwa die Ausgabe von R. A. B. Mynors, Oxford 1969 ( OCT ), zur Hand nehmen. Instruktiver fand ich aber aus mehreren Gründen, wenn es eine synoptische Kompilation der beiden Texte, der Tragicocomoedia Lucienbergers und der Aeneis 7 Kallendorfs Überblick (1994 = 2007, 549 Anm. 1) fußt auf Leicester Bradner: The Latin drama of the Renaissance (1340-1640), Studies in the Renaissance 4, 1957, 55-70. Von jenen 12 Dramen der Renaissance seien aber heutzutage 2 nicht mehr verfügbar. (Das trifft aber nicht zu für das Dido-Drama von Heinrich Knaust, Frankfurt 1566: Es ist sehr wohl in der BSB = Bayerischen Staatsbibliothek München - und, wie man aus Glei, 2000, S. 147 f. Nr. 8 entnehmen kann - auch in Wolfenbüttel und Dresden vorhanden.) Von ihnen führen 6 Dido im Titel, 2 Turnus, 1 Anchises, 1 Palinurus (! ), 1 Venus. <?page no="19"?> A 1 Einführung 19 Vergils ( TC / Aen.), gäbe. Da eine solche bisher nicht existierte, habe ich sie in mühevoller mehrmonatiger Arbeit hergestellt. Sie ist dem gedruckten Text dieses Buches in dem digitalen Ergänzungs-Band beigefügt. Wer sie zur Hand hat, kann aufgrund der unterschiedlichen Formatierung der beiden enthaltenen Haupttexte ( Tragicocomoedia = TC und Aeneis) „direkt“ ablesen, welche Verse der Aeneis unverändert, leicht verändert oder auch gar nicht in die TC übernommen worden sind, und auch umgekehrt, welche Verse Lucienberger zusätzlich gedichtet hat. Näheres zur Konzeption und zur Benutzung ist in → Kap. C 1 und in der Einleitung zur Synopse TC / Aen. in dem digitalen Ergänzungs-Band selber ausgeführt. Schon allein diese Allein-Arbeit, dass ein Wissenschaftler einsam Tag für Tag für viele Stunden vor dem Bildschirm sitzt und eine Synopse ‚Drama nach Vergil / Epos Vergils‘ anfertigt, bedarf heutzutage geradezu der Entschuldigung. Sie ist nämlich politically incorret , weil es heutzutage allein darum geht, ein aus sogenannten Drittmitteln (die in Wahrheit meist Steuermittel sind) hoch subventioniertes Projekt im Rahmen eines „Exzellenzprogramms“ in Teamarbeit zu beantragen und möglichst auch durchzuführen. Nun, ich habe mich immerhin in einem Punkte dieser Praxis angeschlossen und von der Thyssen-Stiftung eine Unterstützung von einigen Wochenstunden durch eine studentische Hilfskraft für etwa zwei Jahre beantragt und auch erhalten, wofür ich dankbar bin. Auf diese Weise wollte ich mir die Arbeit an der wissenschaftlichen Auswertung der synoptischen Edition erleichtern. Ich hatte das Glück, dass ich in Herrn Samuel Stöcklein für mehr als ein Jahr eine Hilfskraft fand, die geradezu selbständig an diesem Projekt mitarbeiten wollte und konnte. Herrn Stöcklein verdanke ich unter anderem faktisch zwei Herzstücke der Dokumentation: die „Tabelle“ in → Kap. C 3, eine schematische vergleichende Inhaltsanalyse TC / Aen., und die „Rubriken“ in → Kap. C 5, eine systematisch gegliederte Übersicht über die Änderungen Lucienbergers gegenüber der Aeneis. Auch um die Rubrizierung der „Regiebemerkungen“ in → Kap. D 11.1 hat sich Herr Stöcklein besonders verdient gemacht. Ferner ist die Analyse der beiden Serien von Inhaltsangaben zu den 10 Akten der TC , der Periochae und der Argumenta, in → Kap. B 6 im Wesentlichen sein Werk (ausgenommen → Kap. B 6.11). Die Art der Zusammenarbeit mit Herrn Stöcklein war für mich, einen jetzt (2017) 84jährigen emeritierten Professor für Lateinische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, mehr als nur nützlich. Als seine Nachfolgerin hat sich die studentische Hilfskraft Frau Katharina Remlinger mehr als ein Jahr lang vor allem um die Koordination, Überprüfung und Revision der Manuskripte und ihre Vorbereitung für den Druck verdient gemacht. Ihrer Scharfäugigkeit (nicht nur in physischer Hinsicht) verdanke ich es, dass ich viele Fehler und Unkorrektheiten richtigstellen konnte. <?page no="20"?> 20 A 1 Einführung Insgesamt habe ich selber etwa 3 Jahre lang am Manuskript der vorliegenden synoptischen Ausgabe TC / Aen. und der Analyse der TC gearbeitet. Dabei wurde ich durch die Streckung (nicht Erhöhung) der von der Thyssen-Stiftung bewilligten Mittel unterstützt, aber auch monatelang durch gesundheitliche Probleme behindert. A 1.5 Erste Überlegungen zu Vergils Epos als „Drama“ und zu einer „Dramatisierung“ der Aeneis Es gibt mehrere Ansätze in der Vergil-Forschung, nicht nur Vergils materielle oder motivische Benutzung griechischer Tragödien in der Aeneis zu erweisen, sondern dramatische Elemente in seinem Epos aufzudecken. Insbesondere die Darstellung der Beziehung Dido - Aeneas (vor allem in Aen. IV , mit einem Vorspiel in Aen. I und einem Nachspiel in Aen. 6,450-474 (in Gestalt der Begegnung des Aeneas mit der toten Dido in der Unterwelt) wird gern als eine Tragödie aufgefasst, die sogar eine Gliederung nach fünf Akten aufweise. 8 Um eine solche sozusagen metonymische Betrachtung von Teilen der Aeneis (nie des ganzen Epos) als Drama oder um den Aufweis von dramatischen Elementen darin geht es mir nicht. Ich möchte vielmehr einen Text vorstellen, in dem Vergils Aeneis als Ganzes in ein Drama umgeformt oder jedenfalls, wenn man es bescheidener ausdrücken will, durchgehend dialogisiert worden ist. Das geschieht in dem fast unbekannten, 1576 in Frankfurt am Main gedruckten Werk des Ioannes Lucienbergius ( Johannes Lucienberger). 9 Es wird manchmal 8 Die einflussreichste einschlägige Arbeit ist Antonie Wlosok, Vergils Didotragödie. Ein Beitrag zum Problem des Tragischen in der Aeneis, in: Herwig Görgemanns u. a. (Hrsgg.), Studien zum antiken Epos, Meisenheim am Glan 1976 = Beiträge zur Klassischen Philologie 72, 228-250, Ndr. in A. Wlosok, Res humanae - res divinae. Kleine Schriften (hrsg. von Eberhard Heck u. a.), Heidelberg 1990, 320-343. Vgl. ferner den Sammelband von Binder, 2000 (→ Kap. F 1). Ältere Literatur (bis ca. 1975) in meiner systematischen Bibliographie „Hundert Jahre Vergil-Forschung“, ANRW II-31.1, 1980, 3-358, hier S. 114 (s. v. Drama). 9 Wenn man von einem deutschen Autor des 16. Jh.s nur seinen latinisierten Namen Ioannes Lucienbergius kennt, wie er sich im Titel aller seiner Werke nennt, kann man nicht mit Sicherheit sagen, ob sein Familienname auf Deutsch Lucienberg (so nennen ihn meist die Bibliothekskataloge, z. B. der OPAC der BSB, der Bayerischen Staatsbibliothek München) oder Lucienberger gewesen ist. Den Ausschlag für „Lucienberger“ gibt aber, dass der Autor die auf den 1. 3. 1576 datierte lateinische Epistola dedicatoria (Scan 12) seines hier zu besprechendes Werks, der Tragicocomoedia von 1576 (TC), mit „Johannes Lucienberger“ unterzeichnet. Im Lichte dieser Selbstbezeichnung des Autors am Ende der Epistola dedicatoria betrachte ich als seinen deutschen Namen nicht „Lucienberg“, sondern „Lucienberger“. Die Namensform „Lucienberger“ wird zudem durch Dokumente bestätigt. In der einleitenden Epistola (Scan 8-11) seiner Methodica Instructio , die auf den 10. 1. 1575 datiert ist, nennt er sich auf Latein Ioannes de Monte Luciae . „Luzienberg“ <?page no="21"?> A 1 Einführung 21 unter dem Titel „Inclyta Aeneis“ angeführt, doch zeigt der Originaltitel „ Inclyta Aeneis P. Virgilii Maronis, poetarum optimi, in regiam tragicocomoediam, servatis ubique heroicis versibus, non minori industria, quam labore concinne redacta“, dass sich „Inclyta Aeneis“ auf das Original Vergils bezieht, während die Transformation ( in … redacta ) keinen speziellen Titel hat, sondern nur die Gattungsbezeichnung regia tragicocomoedia charakterisiert ist. Es gibt viele neulateinische Dramen, die auf Teilen von Vergils Aeneis aufbauen (s. die Überblicke von Kallendorf, 1994 = 2007, und den vollständigeren Katalog von Glei, 2000 und dann 2006, → Kap. A 1.3 und Kap. F 1), aber keines, das es wagt, die ganze Aeneis in ein Drama zu transponieren. Wahrscheinlich ist der Hauptgrund äußerlicher Art: Die Aeneis besteht aus rund 9.900 lateinischen Hexametern. Ein Drama solcher Länge wäre unerhört; allein die Rezitation des Textes (die in der Bühnenwirklichkeit nur ein Element, wenn auch wohl den größten Teil einer Aufführung ausmachen würde: das Agieren der Schauspieler besteht ja nicht nur im Sprechen) würde gewiss viele Stunden beanspruchen und wäre nur bei einer Verteilung auf mehrere Tage erträglich. Aber dieser Blick auf die Problematik der Aufführung eines überlangen Dramas, mag diese nun in Form einer Rezitation oder aber gar als szenische Darbietung „auf der Bühne“ erfolgen (diese beiden Möglichkeiten werden in dem → Kap. E 2 diskutiert), betrifft nur eine eher technische Schwierigkeit. Die eigentliche Schwierigkeit besteht in der schier herkulischen Aufgabe, ein Epos, dessen Handlung im Prinzip von einem auktorialen Erzähler („Vergil“) geboten wird, durchgehend in Reden der Akteure („Dialog“) umzusetzen. 10 Denn zum Wesen eines Dramas gehört ja, dass seine Handlung in Sprechakten der Figuren besteht. Wer eine solche konsequente Umformung von Erzählung in Dialog versucht, wird in einem fast 10.000 Verse langen Epos immer wieder auf Passagen stoßen, die sich gegen eine solche Transponierung geradezu sperren. Wenn man z. B. gleich an den ersten Szenen-Komplex der Aeneis denkt: Wie kann eine auktoriale Schilderung des Tobens und des Abklingens eines Seesturmes in Dialoge von Menschen umgesetzt werden - etwa dadurch, dass Lucienberger hier erstmals und dann in analogen Situationen immer wieder das Geschehen durch in Reden geäußerten Beobachtungen und Kommentare betroffener oder beteiligter Menschen indirekt spiegelt? Oder wenn man an eine andere berühmte Passage der Aeneis denkt, die auktoriale Beschreibung des neuen Schildes für Aeneas heißt (u. a.? ) der höchste Hügel in der Altstadt von Überlingen am Bodensee, einer alten Reichsstadt. 10 Mit „herkulische Aufgabe“ spiele ich auf einen Ausspruch Vergils selber an, der auf den Vorwurf, er habe Homer „bestohlen“, laut der ältesten, auf Sueton beruhenden antiken Vita Vergiliana (VSD § 46) geantwortet haben soll: es sei leichter, Herkules die Keule als Homer einen Vers zu entwenden. <?page no="22"?> 22 A 1 Einführung am Ende von Aen. VIII - wer kann in einem Drama vom auktorialen Epiker die Rolle eines Erklärers der Bilder aus der künftigen römischen Geschichte übernehmen? ( Jedenfalls nicht Aeneas selber.) Wird Lucienberger immer wieder zur Technik greifen, Personen der Handlung ihre Taten ankündigen, beschreiben oder kommentieren zu lassen? Wird er immer wieder bei dem Versuch scheitern, besonders aktionsreiche, aber auch umgekehrt besonders aktionsarme Passagen (wie etwa auktoriale Beschreibungen) in Sprechakte (in „Reden“ von dramatis personae ) zu verwandeln? Bei solchen Vorüberlegungen wird man für Lucienbergers Dramatisierung der Aeneis mehr Schwierigkeiten als Chancen sehen. A 1.6 Von 9.900 epischen zu 6.000 dramatischen Hexametern Gleich zu Beginn meiner Arbeit an der Analyse des Verhältnisses von Lucienbergers TC zu deren Vorlage, der Aeneis Vergils, habe ich festgestellt, dass die Aeneis ziemlich genau 9.900 Hexameter enthält (die ganz genaue Zahl hängt von Vorentscheidungen über überlieferungsgeschichtliche Spezialfragen ab), dass die TC aber nur ziemlich genau 6.000 Hexameter aufweist. (Die ganz genaue Zahl ist, wenn ich bei der von mir eingeführten Verszählung für die 67 einzelnen Szenen - die Originalpublikation der TC in Gestalt von VP 1576B weist keinerlei Verszählung auf - keinen Fehler gemacht habe, 11 6.008 lateinische Hexameter; hinzu kommen allerdings noch viele prosaische lateinische Regiebemerkungen.) Das Drama TC gibt also rein quantitativ gesehen nur rund 60 Prozent des Epos wieder. Anders ausgedrückt: Lucienbergers TC hat fast 3.900 Verse weniger als die Aeneis. Eine grundlegende Frage für das Verhältnis der TC zur Aeneis ist deshalb: In welchen Bereichen konnte, wollte oder musste Lucienberger am ehesten kürzen, wenn er einerseits das Epos möglichst getreu in Dialoge umsetzen und die Handlung der Aeneis ohne Substanzverlust erhalten wollte, er aber andererseits nach Passagen in der Aeneis suchte, die ihm aus irgendwelchen Gründen entbehrlich schienen. Denn auch einem Liebhaber des Epos Vergils musste klar sein, dass ein Drama, das diese Vorlage wenn nicht verbatim, dann doch 11 Dass ich für jede der 67 Szenen der TC eine gesonderte Zählung eingeführt habe, hat vor allem den sachlichen Vorteil, dass dadurch die Gliederung der TC, auch im Verhältnis zu den 12 Büchern der Aeneis, besser nachvollziehbar wird. Ich fürchtete aber auch die langwierige Korrekturarbeit, wenn ich bei der durchgehenden Nummerierung von über 6.000 Versen (womöglich bereits in einer der frühen Szenen) einen Zählfehler begangen hätte (was mir geradezu wahrscheinlich vorkam). - Die nicht in die Zählung einbezogenen prosaischen Regieanweisungen bezeichne ich (je nach Bezug) mit „vor“ oder „nach“ dem jeweils nächststehenden Vers der Szene, also z. B. die Regieanweisung „ Portentum “ mit „vor TC 10,3,046“ oder (etwas weniger passend) mit „nach TC 10,3,045“. <?page no="23"?> A 1 Einführung 23 wenigstens inhaltlich getreulich wiedergeben würde, eine abnorme, geradezu unerhörte Länge hätte. Es wäre gewiss nicht an einem Tag aufführbar oder zumutbar. Schon eine bloße Rezitation würde, so darf man vermuten, mindestens 3 Tage, vielleicht besser eine ganze Woche mit jeweils mehrstündigen Lesungen erfordern. Worin könnte Lucienberger für seine TC ein K ü r z u n g s p o t e n t i a l gegenüber der epischen Vorlage gesehen haben? Ich habe mich im Vorfeld der empirischen Klärung der Frage durch die Auswertung meiner Simultanausgabe TC / Aen. bei einigen Philologen, vornehmlich ausgewiesenen Aeneis-Kennern, umgehört (in einer natürlich nicht -repräsentativen Umfrage), für welche Partien oder Bereiche der Aeneis sie am ehesten erwarten, dass sie in Lucienbergers Dialogisierung im Jahre 1576 übergangen oder stark gekürzt werden. Ich habe einige Antworten gehört, die mir mehr oder weniger plausibel erschienen und bei denen sich dann auch bei der wirklichen Textanalyse zeigte, dass Lucienberger sich vor etwa 440 Jahren tatsächlich an die damit implizierten Vorschläge gehalten hat (etwa an die Kürzung der Tötungs-Serien in den „Kampfbüchern“ des Epos, in Aen. IX - XII ). Einer der Vergilianer, der sich offensichtlich mehr Gedanken gemacht hatte als die übrigen, erwartete den Wegfall auktorialer Bemerkungen Vergil einschließlich von Aitiologien, in denen bestimmte in Augusteischer Zeit geübte Bräuche (wie das Trojaspiel) als von den Aeneaden begründet hingestellt werden. Wahrscheinlich würde bei Lucienberger im 16. Jahrhundert auch „manches allzu griechische oder römische Detail“ fehlen. Die meisten Eliminierungsvermutungen bezogen sich auf den Inhalt. Manche erwarteten (zu Unrecht) Kürzungen langer Reden in der Aeneis und eine Reduzierung der „Überzahl von Personen“ (während Lucienberger in Wahrheit die Zahl der redenden Personen noch deutlich gesteigert hat). Einige berücksichtigten aber auch, dass eine durchgehende Dialogisierung mit dieser einseitig auf Redebeiträge beschränkten Darstellungstechnik an Grenzen stoßen würde, etwa gegenüber Ortsbeschreibungen (z. B. des portus Libycus in Aen. I) oder Katalogen von epischen Akteuren wie im Italiker-Katalog (am Ende von Aen. VII ). Auch für die „Dialogisierung“ der verschiedenen Wettbewerbe bei den Leichenspielen für Anchises in Aen. V sah einer der Befragten Kürzungspotential, nicht nur eine Möglichkeit, sondern sogar eher eine darstellungstechnische Notwendigkeit. Aber niemand der Befragten sah voraus, dass Lucienberger das größte Kürzungspotential gegenüber der Aeneis auf einem ganz anderen Feld gesehen hat: in den Gleichnissen. Im Rückblick aus der Kenntnis der wirklichen Transformations- und vor allem Kürzungstechniken Lucienbergers urteile ich: Die Vermutungen der befragten <?page no="24"?> 24 A 1 Einführung Vergilianer unterschätzten die Schwierigkeiten, vor denen sich Lucienberger bei seiner durchgehenden Dialogisierung der Aeneis sah, und die Vielzahl der Möglichkeiten, die er nutzte, um sie zu meistern. Auf die Möglichkeit, dass Lucienberger für seine TC vielleicht nicht nur Kürzungen, sondern auch E r w e i t e r u n g e n gegenüber der originalen Aeneis vorgenommen hat und worin solche möglichen oder gar wünschenswerten Zusätze zur Aeneis wohl bestanden haben könnten, bin ich bei meiner Umfrage nicht eingegangen. Wenn ich doch danach gefragt hätte, hätte ich wahrscheinlich, so fürchte ich, kaum eine Antwort bekommen. Denn Erweiterungen der Aeneis, also Änderungen des überlieferten Textes der Aeneis, für möglich oder gar für wünschenswert zu halten, entspricht nicht der verehrungsvollen Haltung eines heutigen Vergil-Philologen gegenüber der Aeneis, wie sie vorliegt. Immerhin hat ein Vergilianer ungefragt angedeutet, dass Lucienberger „vielleicht sogar die eine oder andere Gestalt mit Zusätzen stärker profiliert hat (z. B. Amata, Lavinia)“. Ja, das hat der Vergil-Verehrer Lucienberger tatsächlich gewagt. Der Leser meiner Analysen wird es sehen. A 1.7 Warum hat Lucienberger die Aeneis dramatisiert? Eigentlich sollte man erwarten, dass Lucienberger irgendwo in seiner Buchausgabe von 1576, am ehesten in der dort (in Scan 8-12) vorausgeschickten Epistola dedicatoria , erklärt, warum er denn die Inclyta Aeneis P. Vergilii Maronis (so die ersten gedruckten Worte auf dem Titelblatt) kunstgerecht in ein „königliches“ Drama umgeschrieben hat , in regiam tragicocomoediam … concinne redacta (wie es dann weiter im Titel Scan 5 heißt), und zwar unter Beibehaltung des „heroischen“ Versmaßes (also des im Heldenepos geradezu obligatorischen, mindestens üblichen daktylischen Hexameters - und nicht, wie in Komödien und Tragödien sonst üblich, in jambischen Versen). Aber außer einem (gleich noch zu besprechenden) persönlichen Motiv gibt Lucienberger nirgends in dem gedruckten Buch VP 1576B direkt darüber Auskunft, warum er die epische Aeneis in ein Drama transformiert hat, was er sich davon versprach, oder gar wie er bei dieser Transformation vorgegangen ist. 12 Die Aufgabe, der sich Lucienberger non minore industria quam labore gestellt hat, bestand nicht etwa darin, einen Prosatext in eine Dichtung umzuformen. Dann hätte die metrische Form als „eingängiger“ gelten können. Mit einer sol- 12 Analoge Fragen ( tradurre „per chi“? tradurre „perché“? tradurre „come“? ) stellt und beantwortet für italienische Aeneis-Übersetzungen im 16. Jahrhundert: in einem ganzen Buch Luciana Borsetto, L’Eneide tradotta. Riscritture poetiche del testo di Virgilio nel XVI secolo, Milano 1989, 217 S. <?page no="25"?> A 1 Einführung 25 chen Metaphorik begründet oder verteidigt etwa Lukrez sein Unternehmen, Teile der bisher nur in Prosaform (und auf Griechisch) vorliegenden epikureischen Lehre in einem hexametrischen lateinischen Lehrgedicht De rerum natura vorzulegen: Durch die gefällige Versform werde der „bittere“ Inhalt gewissermaßen versüßt, so wie ein Arzt den Rand eines Bechers voll bitterer Medizin mit Honig bestreicht (Lucr. 1,936-950 bzw. 4,11-25). Eine metrische Form macht den Inhalt reizvoller (nicht nur leichter memorierbar - das ist ein Lukrez fremder Gedanke), erleichtert mithin die Rezeption. Aber Lucienbergers Transformation des Epos Vergils in eine Tragicocomoedia verbleibt im Bereich der Dichtung und sogar im Bereich derselben metrischen Form, des in einem antiken Drama geradezu verpönten Hexameters. Ein Gewinn für das Publikum kann also nur in der neu von Lucienberger für den Stoff der Aeneis eingeführten Gattung liegen, in der Transformation von Vergils Epos in ein Drama. In der Tat lässt sich eine Bemerkung Lucienbergers in der Epistola dedicatoria in dieser Hinsicht deuten. Sie besteht in der in → Kap. E 2.5.2 in anderem Zusammenhang zitierten und behandelten Aussage (Scan 10) Lucienbergers, er habe die Aeneis Vergils deshalb in 10 Akte eingeteilt, obwohl das nicht dem etablierten Usus bei Komödien und Tragödien entspreche (zu verstehen ist: der 5 Akte vorsah; vgl. dazu → Kap. D 12.2), damit sie (sc. die berühmte Dichtung Vergils = die Aeneis) bei einer Rezitation mit lebendiger (ausdrucksvoller) Stimme und lebendigen Gesten vor Fürsten jugendlichen Alters frühzeitiger und mit größerem Erfolg in ihrer Gesinnung Wurzeln schlage und sie (die jungen Fürsten) entschlossener dazu mache, erhabenere Erwartungen zu erfüllen. Lucienberger behauptet hier offensichtlich (durch den Gebrauch der Komparative maturius, maiori cum fructu, sublimiorem, promtiores) , ein Drama wirke aufgrund seiner „lebendigen Darbietung“ mit Stimme und Gestik auf die jugendliche Gemüter künftiger Regenten nachhaltiger als ein Epos. Ein wirklicher Beweis wird für diesen pädagogischen Nutzen einer Dramatisierung allerdings von Lucienberger nicht geboten. Für die Buchausgabe seines Dramas, wie sie in VP 1576B vorliegt, für die bloße (stille) Lektüre eines gedruckten Textes, geht jenes empfehlende Argument ohnehin ins Leere. Deutlicher ist eine Begründung für das Umschreiben der epischen Aeneis in ein Drama, die nicht in der verbesserten Wirkung des Aeneis-Stoffes liegt, wenn er als Drama geboten wird, sondern in der Person des Autors. Lucienberger gibt noch vor der Epistola dedicatoria , in der kurzen Ansprache (Scan 6) Ad benevolum lectorem , ein p e r s ö n li c h e s M o t i v an, warum er das vorliegende Werk publiziert habe: Er verweist darauf, dass er im Vorjahr einen Thesaurus poeticus mit Angabe der Quantitäten der Wörter (also prosodischen Angaben) veröffentlicht habe und auch dabei sei, eine Methodica instructio de ratione com- <?page no="26"?> 26 A 1 Einführung ponendi omnis generis versus, carmina et odas (also eine Metrik bzw. eine Anleitung zum Verfassen lateinischer Verse) auf den Markt zu bringen. Mit diesen beiden Werken könne man die vorliegende Tragicocomoedia zu beiderseitigem Nutzen verbinden. Lucienberger sieht also die beiden Werke über Prosodie und Metrik sowie die vorliegende Dramatisierung der Aeneis als zusammengehörig an; seine Tragicocomoedia soll also offenbar als praktisches Beispiel für die Theorie dienen, wie man korrekte lateinische Verse verfasst. Wirklich überzeugend finde ich dieses Argument allerdings nicht: Das beste Beispiel für korrekte lateinische Hexameter würde ja eine schlichte unveränderte Ausgabe der originalen Aeneis sein. Und wenn es auf den Beweis ankäme, dass man auch im 16. Jh. noch korrekte lateinische Hexameter verfassen könne, hätte Lucienberger besser ein selbständiges neues Werk in diesem Metrum verfassen sollen. (Belegcharakter dafür haben innerhalb der TC ja nur die eigenen Zusätze oder größere Umformungen Vergilischer Verse.) Über etwaige Schwierigkeiten bei seiner Umformung des Epos Vergils in ein ebenfalls hexametrisches, aber durchgehend aus „Reden“ (Dialogen) bestehendes Werk verliert Lucienberger in den begleitenden Paratexten zur TC kein Wort. Er äußert sich auch nicht über seine Kürzungen, Abänderungen oder Erweiterungen oder gar über seine Tendenzen dabei. Ein Großteil der vorliegenden Untersuchungen besteht darin, die Übereinstimmungen und die Abweichungen Lucienbergers mit bzw. von seiner Vorlage, der Aeneis, festzustellen und seine Motive dafür oder Tendenzen dabei zu erschließen. Hat Lucienberger sich womöglich grundsätzlich vergriffen, als er ausgerechnet ein Epos wie die berühmte Aeneis Vergils ( Inclyta Aeneis sind ja die ersten Worte des Titels der Buchausgabe der TC von 1576) als Gegenstand seiner Dramatisierung wählte? Aus der Ar s p o e t i c a d e s H o r a z konnte er dafür die Erlaubnis ableiten. Denn Horaz rät in seinem Kapitel über die Stoffwahl (ars 119 ff.) grundsätzlich zur Wahl eines bereits traktierten Sujets, also zum Anschluss an die Überlieferung ( famam sequere ! ). Das sei leichter als in freier Erfindung einen neuen Stoff zu schaffen. „Du tust besser daran, eine Troja-Dichtung in Akte auszuspinnen, als wenn du als erster bisher Unbekanntes und Ungesagtes vortragen würdest“ (Hor. ars 129 f.: tuque / rectius Iliacum carmen deducis in actus, / quam si proferres ignota indictaque primus ). Horaz rät hier einem angehenden Dichter dazu, lieber aus einem Epos wie der Ilias Homers ein Drama - dann, wie er später in ars 189 f., dekretiert, in 5 Akten - zu gewinnen als für ein Drama selber das Sujet zu erfinden. Lucienberger konnte aber das Iliacum carmen durchaus auf die Aeneis Vergils beziehen. Jedenfalls hat er das beherzigt, was Horaz bei der inventio anrät. <?page no="27"?> A 1 Einführung 27 Aus der Ars poetica des Horaz kann Lucienberger noch manches andere an Anregungen für seine Dramatisierung der Aeneis gewonnen haben. Hier sei in diesem grundsätzlichen Zusammenhang nur noch auf eine weitere Passage hingewiesen, auf Hor. ars 179-188. Dort behandelt Horaz den Unterschied, ob eine Handlung auf der dramatischen Bühne wirklich agiert oder nur referiert wird: aut agitur res in scaenis aut acta refertur (ars 179). Horaz konstatiert: was agiert (d. h. von den Schauspielern ausgeführt) wird und was damit der Zuschauer mit eigenen Augen sieht , ist wirkungsvoller als das, wovon man beim Referat einer Handlung nur hört : segnius inritant animos demissa per aurem / quam quae sunt oculis subiecta fidelibus et quae / ipse sibi tradit spectator ( Hor. ars 180-182). Horaz bezieht sich dabei auf Aktionen, die nicht auf offener Bühne dargestellt, sondern - als im hinterszenischen oder außerszenischen Raum geschehen - nachträglich (oder als gerade geschehend gleichzeitig) von einem Augenzeugen oder Boten geschildert werden (als res acta refertur ). Für Lucienberger stellte sich dieses Problem in noch anderer, gewissermaßen verschärfter Form. Er hatte ein Epos vor sich, in dem weniger als zwei Drittel aller Verse unter die Kategorie res acta refertur fallen, nämlich als „referiert“ vom Autor Vergil in seiner Rolle als epischer Erzähler. Mehr als ein Drittel der Aeneis Vergils aber besteht aus Reden der epischen Akteure; solche Äußerungen gehören zur Rubrik „ agitur res “, auch wenn es sich „nur“ um Sprach-Handlungen handelt ( res verbis agitur ) und nicht um körperliche Aktivitäten wie etwa Kämpfen oder sportliche Aktivitäten. Dass Lucienberger die Reden der Aeneis praktisch ausnahmslos in seine TC übernommen hat, ist also naheliegend; er folgte damit im Prinzip dem Rat des Horaz zur „direkten“ Aktion. (Allerdings gibt es die Schwierigkeit, dass ein nicht unbedeutender Teil der direkten Reden in der Aeneis ihrerseits Erzählungen, also Referate von res actae , sind.) Das Hauptproblem bei seiner Dramatisierung der Aeneis bestand für Lucienberger darin, wie er mit dem größeren Teil des Epos umgehen sollte, der als auktoriale Erzählung res actae bot: Sollte er diese Passagen als res actae belassen, sie aber notwendiger Weise als Referate geeigneten Personen des Dramas in den Mund legen? Oder sollte er sich bemühen, möglichst viele dieser berichteten res actae bei Vergil so umzuformen, dass sie von den Akteuren des Dramas „jetzt“ erlebt werden? Ein Großteil meiner Beobachtungen zur dramatischen Technik Lucienbergers in der TC bezieht sich darauf, seine unterschiedlichen Lösungen dieser Grundfrage zu klären. <?page no="28"?> 28 A 2 Zur Biographie Lucienbergers, des Verfassers der TC A 2 Zur Biographie Lucienbergers, des Verfassers der TC Wer war Johannes Lucienberger? In (a) der Ausgabe der TC selber gibt es außer der Bezeichnung des Verfassers Joannes Lucienbergius als Iuris candidatus auf der Titelseite und der die Signierung des ebenfalls lateinischen Vorworts, der Epistola dedicatoria, auf Scan 12 mit der deutschen Namensform „Johannes Lucienberger“ (dieses Vorwort ist zudem auf Frankfurt a. M., den 1. 3. 1576 datiert) keinerlei Hinweis auf den Autor. In der Ansprache Ad benevolum lectorem (Scan 6) erwähnt er nur, dass er bereits im Vorjahr einen Thesaurus poeticus mit Quantitätsangaben publiziert habe und demnächst eine methodische Instruktion zum Verfassen lateinischer Verse erscheinen lassen werde. Hingewiesen ist damit auf zwei weitere Bücher von Lucienberger ( BSB : Lucienberg ), von denen die Bayerische Staatsbibliothek München ( BSB ) jeweils ein vollständiges Exemplar besitzt: (b) den Thesaurus poeticus , Frankfurt a. M. 1575, vollständig digitalisiert in 1.656 Scans unter der Signatur 4 L.lat. 303; (c) die Methodica instructio componendi omnis generis versus , (Basiliae) (1575? ), vollständig digitalisiert in 206 Scans unter der Signatur 4 L.lat. 302. 13 Der (b) Thesaurus ist in dem Vorwort Ad lectores (Scan 15) auf Januar 1575 datiert und enthält keine persönlichen Angaben, aber (Scan 8) ein Porträt des Autors (dessen derzeitiges Alter ich auf höher als 32 Jahre geschätzt hätte, die ihm der zuverlässigste moderne Forscher, Ulrich Kopp 1995, 132, zuschreibt). 14 Die (c) Methodica Instructio , die dem (spanischen) Markgrafen Ioannes Luys de la Cerda (dem 5. Herzog von Medinacoeli) 15 gewidmet ist, ist ebenfalls datiert, und zwar (Scan 12) noch genauer auf den 10. 1. 1575. Diese (c) Methodica instructio enthält in der einleitenden Epistola dedicatoria (Scan 8-12) eine Biographie des jungen Autors, 16 der sich hier Ioannes de Monte 13 In dem zweiten Exemplar dieser Methodica instructio, das die BSB mit der Signatur 4 L.lat. 281 m besitzt und ebenfalls digitalisiert hat, ist die gleich zu erwähnende autobiographische Epistola dedicatoria nicht enthalten. Die Ausgabe der Methodica instructio Colonia Agrippinae (Köln) 1588, die gleichfalls im Besitz der BSB und von ihr digitalisiert ist, ist ein bloßer Nachdruck der Originalausgabe von 1575. 14 Dieses einzige Porträt Lucienbergers ist von 8 Wappen eingerahmt, die zum größeren Teil nicht zu identifizieren sind. Es scheint sich um solche seiner Freunde zu handeln. 15 Solche in Klammern gesetzten Zusätze von mir sind Details, die nicht direkt aus der Quelle, eben der Epistola dedicatoria der Methodica instructio , hervorgehen, sondern aus eigenen Recherchen oder denen von Spezialforschern wie U. Kopp stammen. 16 Ich habe sie zwar selber bei Einsichtnahme in die Digitalisate der BSB entdeckt, musste dann aber erkennen, dass ich darin einen Vorgänger in Ulrich Kopp habe: The 1576 Antwerp edition of the works of Baptista Mantuanus and Johannes Lucienberger in Frankfurt am Main, in: John L. Flood / William A. Kelly (Hrsgg.), The German book 1450-1750. Studies presented to David L. Paisey, London 1995, 123-136. Kopp behandelt Lucienberger <?page no="29"?> A 2 Zur Biographie Lucienbergers, des Verfassers der TC 29 Luciae Teuto. (Teutonicus) nennt. Danach hatte ein undurchschaubares Schicksal ( nescio quo fato ) ihn als puer vor 20 Jahren (also 1555) aus seiner (deutschen) Heimat zunächst nach Belgien verschlagen, zuerst nach Antwerpen und dann nach Brüssel an den königlichen Hof. (Gemeint ist der Hof des spanischen Kronprinzen Philipp ( II .), der von Brüssel aus 1555-1556 die spanischen Niederlande regierte, bis er der Nachfolger seines Vaters, des Kaisers Karl V., als König von Spanien wurde.) Als Herrn hatte Johannes dort für zwei Jahre den Deutschen (Augsburger, meint sich Lucienberger zu erinnern: ut arbitror ) Balthasar Vueber (Weber), und dann ab Februar 1557 den Spanier Don Diego de la Cerda, den Onkel des jetzigen Widmungsträgers von 1575. Don Diego sandte ihn im Frühjahr 1557 mit anderen Bediensteten ( servi , die Natur der Stellung Lucienbergers unter seinen Herren Weber und dann Diego wird nicht klar) über Frankreich nach Spanien, nach Medina Coeli (einen Ort in Kastilien zwischen Siguenza und Soria, auf dem Weg von Madrid nach Saragossa) zu seiner Gattin Beatrix de Torres. Diese nahm Johannes herzlich auf. Er durfte sogar mit ihren jungen Neffen, dem jetzigen Widmungsträger und dessen Brüdern, spielen, bis diese zu Lucienbergers Kummer zu ihrem Vater Johannes, dem (4.) Herzog von Medina Coeli, nach Italien übersiedelten; er war damals nämlich Vizekönig beider Sizilien († 1575). Als dessen Bruder und Lucienbergers Herr Diego (aus Flandern) nach Spanien zurückkam, durfte Lucienberger im J. 1559 vom Portus Lauredensis (Barcelona? ) aus über Dänemark (? jedenfalls scheint der Name Selandia darauf zu verweisen) oder eher die niederländische Provinz Zeeland in seine Heimat (Deutschland) und ins Vaterhaus zurückkehren. Sein Vater (über den die Epistola dedicatoria aber merkwürdiger Weise nichts Näheres aussagt) hielt den im höfischen Ambiente aufgewachsenen Sohn für untauglich zu einem Handwerk ( ad opificium inutilis ) oder für härtere Arbeiten. Er bestimmte ihn zu einem (humanistischen) Studium ( ut Musis me traderet ). Johannes studierte zunächst an der (1527 gegründeten) hessischen Universität in Marburg, dann an der (seit 1477 bestehenden) in Mainz 17 und anderswo. Er (ausführlich S. 129-136) deshalb in einem Aufsatz zu Editionen des Mantuanus / Spagn(u)oli (1447-1516), weil Lucienberger 1573 dessen Werke in vier Bänden in Frankfurt hatte drucken lassen. - Zusätzlich zu der eigenen Darstellung Lucienbergers für seine jungen Jahre bis 1575 in der Methodica instructio zieht Kopp auch Forschungen von H. Pallmann in einer Frankfurter lokalgeschichtlichen Publikationsreihe von 1881 heran (zu dem Frankfurter Buchdrucker Sigmund Feyerabend, 1528-1590), ferner den Artikel von J. Benzing zum Buchdrucker Peter Braubach in der Neuen Deutschen Biographie (NDB) II, Berlin 1955, 539 (in der NDB gibt es keinen eigenen Artikel zu Lucienberger) und eine kurze Notiz in einer Abhandlung desselben J. Benzing über deutsche Buchdrucker im 16./ 17. Jh. von 1982. 17 Diese autobiographische Angabe wird durch das erhaltene Matrikelbuch der Universität Mainz bestätigt, wo er sich am 23. 12. 1561 als Ioannes Lutzenburger Francofortanus immatrikulierte. <?page no="30"?> 30 A 2 Zur Biographie Lucienbergers, des Verfassers der TC ist noch immer Student - allerdings als iuris candidatus , wie er sich in der TC nennt, nicht mehr der Artes liberales , sondern bereits des Rechts, und dabei besonders der Dichtung zugetan, als er diese Methodica instructio zum Verfassen lateinischer Verse mit einer Widmung an seinen „Herrn“ ( domino suo clementissimo ) veröffentlicht. (Dieser war allerdings realiter nur sein Jugendfreund und der Neffe seines ehemaligen Herrn und Gönners Diego.) Die Veröffentlichung dieser seiner Methodica instructio erfolgte, wie es im Kolophon heißt, sumptibus Authoris . - Lucienberger dürfte im Lichte dieser Autobiographie, nach der er im J. 1555 ein puer (und nicht schon ein iuvenis ) war und als solcher bis 1559 im kastilischen Medina Coeli mit Fürstenkindern spielen durfte, von denen der Erbprinz als ältester 1544 geboren war, etwa 1545 oder wenige Jahre zuvor geboren worden sein. Er wird deshalb 1576 bei der Veröffentlichung seiner TC , die (im Gegensatz zu seiner Erstlingsschrift, dem Thesaurus poeticus ) im Vorwort der Methodica instructio noch nicht erwähnt ist, etwas mehr als 30 Jahre alt gewesen sein. Es ist erstaunlich, dass er als junger Mann innerhalb von 1 oder maximal 2 Jahren drei umfangreiche Werke publiziert hat. Es ist selbstverständlich, dass Lucienberger im J. 1575 / 76 noch nichts über sein späteres Leben schreiben konnte. Wir wissen aus anderen Quellen dokumentarischer Art, dass er am 28. 4. 1576 in Heidelberg (offenbar noch ohne akademischen Grad) studierte. Aber 1581 nennt er sich Doctor Iuris Professor Moguntinus, lehrte also an der Universität Mainz. Gestorben ist er offenbar (nach H. Pallmann, 1881, was von späteren Gelehrten akzeptiert wird, ohne dass allerdings eine Quelle dafür genannt würde) im Jahre 1588. Er war damals seit 1586 Syndikus des Stifts Wimpffen im Tal (nicht der am Neckar etwas nördlich von Heilbronn gegenüberliegen Freien Reichstadt Wimpfen am Berg). Erstaunlich ist allerdings, was alles Lucienberger innerhalb seiner Übersicht über die letzten 20 Jahre seines Lebens in dieser 1575 verfassten Einleitung zu seiner methodischen Instruktion zum Versemachen nicht erwähnt. Kein Wort verliert er über seine schulische Ausbildung, also etwa den möglichen Besuch der 1519 gegründeten städtischen Lateinschule in Frankfurt a. M. Seitdem es ihn 1555 als puer in die spanischen Niederlande und dann 1557 nach Spanien selbst verschlagen hatte, hatte er - wenn man nur seiner am 10. 1. 1575 datierten Biographie in der Methodica instructio folgt - nur das Leben an spanischen Fürstenhöfen in Brüssel und Kastilien kennengelernt sowie gute Spanischkenntnisse erworben. Er war dann 1559 nach der Rückkehr in die Heimat vom Vater als nur zu einem Jura-Studium mit einem vorgeschalteten Grundstudium an der Artistenfakultät tauglich befunden worden (was ich für eine selbstironische Bemerkung halte), wo er sich aber sehr viel stärker für das Dichten als für das Recht interessierte. Schon hier fehlen, was bisher den Interpreten offenbar noch gar nicht aufgefallen ist, entscheidende Informationen: Aus dem auto- <?page no="31"?> A 2 Zur Biographie Lucienbergers, des Verfassers der TC 31 biographischen Text in der Methodica instructio geht weder hervor, was denn seine Heimat (nämlich Frankfurt a. M.) noch wer sein Vater war und welche Profession dieser hatte oder gar, wie sein Name zu erklären sei. (In Dokumenten heißt er auch Lützelberger oder Luzienburger, aber nie, wie es der Katalog der BSB will, Lucienberg.) Es scheint ein vom Vater ausgehaltener Langzeitstudent ohne einen berufsqualifizierenden akademischen Grad zu sein, der hier spricht. Aber das ist ein vorschneller Schluss. Lucienberger hat wichtige biographische Ereignisse übergangen. Kein Leser der kleinen Autobiographie von 1575 kann ahnen, dass der Verfasser am 17. 8. 1568 (damals als Magister) die Erbtochter Agathe des bekannten, im Jahr zuvor gestorbenen Frankfurter Druckers / Verlegers Peter Braubach (der im gleichnamigen Ort in Hessen-Nassau um 1500 geboren war) geheiratet hatte und inzwischen nicht nur mit ihr zwei 1570 bzw. 1572 geborene Töchter, sondern dass er auch 1570 die Druckereipresse (und einen Lagerbestand von nicht weniger als 36.325 gedruckten Bänden) seines Schwiegervaters übernommen hatte. Dieses Unternehmen war offenbar zwar bereits 1576, vielleicht aufgrund der Verschwendungssucht seiner Ehefrau (die später Mann und Töchter verließ) zugrunde gerichtet, aber Lucienberger hatte als Verleger 1573 eine vierbändige Werkausgabe des Battista Mantuanus herausgebracht 18 und im gleichen Jahr auch eine poetische Anthologie mit Versen seiner - offenbar etwas älteren - Freunde Johann Posthius (1537-1597) und Paulus Melissus (1539-1602), 19 die die Trunkenheit ( ebritas ) bekämpfen sollten (das Collegii Posthimelissaei votum ). Als Lucienberger 1575 / 76 gleich zwei praktische Poetiken und die Dialogisierung von Vergils Aeneis (die TC ) veröffentlichte, waren das zwar seine ersten eigenen Werke, aber er war kein bloßer Jura-Student noch ohne Abschluss und mit einem dafür eher hinderlichen Faible für Poesie, sondern der (wenn auch nicht besonders erfolgreiche) Erbe eines anerkannten, seit 1540 in Frankfurt heimischen Druckereiunternehmens. Allerdings sind die drei genannten Werke Lucienbergers (und auch die späteren Ausgaben) nicht mehr im eigenen Verlag (er hatte die Offizin von „Braubach selig“ übernommen) erschienen. Wie soll man dieses Ausblenden aller Informationen deuten, die sich auf seinen sozialen Status und seinen Beruf (und damit doch auch seine Einnahmequellen) beziehen - zumal wenn es mit hochfliegenden Widmungen an einen jungen spanischen Fürsten ( Methodica instructio) oder gar an eine Vielzahl deutscher Prinzen aus kaiserlichem oder gräflichem Geblüt ( TC ) einhergeht? Will sich Lucienberger als bloßer brotloser Humanist stilisieren? Er scheint 18 Vgl. dazu den Spezialaufsatz von U. Kopp (1995), bes. S. 129-136 (→ Kap. F 1). 19 Eben diesem Paulus Melissus , amico et fratri in Christo , ist das Exemplar der Methodica instructio handschriftlich gewidmet, das sich im Besitz der BSB befindet (Signatur 4 L.lat. 281 m). <?page no="32"?> 32 A 2 Zur Biographie Lucienbergers, des Verfassers der TC jedenfalls, anders als sein (doch wohl ironisierter) Vater, sein anfangs schöngeistigen Studiums ob der in drei Werken vorgelegten Früchte nicht als unnütze Beschäftigung zu betrachten, die der eines Höflings gleicht. Im Gegenteil: Durch die Widmung seiner TC an ein Dutzend deutscher Fürstensöhne stilisiert Lucienberger, der in ungewöhnlicher Weise seine frühe Jugend an spanischen Fürstenhöfen verbracht hat und deshalb weiß, was höfische Art ist, sich als dazu geeignet, diesen jungen Aristokraten die in Vergils Aeneis immanenten einschlägigen Lehren nahezubringen. <?page no="33"?> A 2 Zur Biographie Lucienbergers, des Verfassers der TC 33 B Zu den Paratexten B 1 Überblick über die Paratexte in VP 1576B In der Frankfurt 1576 erschienenen Buchausgabe der TC Lucienbergers (in VP 1576B) ist nicht nur der lateinische Text der TC selber enthalten, in den zudem noch 13 Holzschnitte aus einer früheren Aeneis-Edition oder -Übersetzung eingefügt sind. Umgeben ist diese hexametrische Dialogisierung und Adaptierung von Vergils Aeneis vielmehr von einer Reihe von Paratexten, die man in dem komplett digitalisierten Exemplar des Buches von 1576 in den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek mit der Signatur ES lg / 4 A.lat.a. 706 (und auch in der zweiten DVD , die meinem „Handbuch der illustrierten Vergil-Ausgaben 1502-1840“ von 2008 beigegebenen ist) lesen kann. Das nicht paginierte Buch von 1576 ( VP 1576B) ist von der BSB in 302 nummerierten Scans (plus den nachträglichen Scans 139b und 139c) digitalisiert. Das entspricht (da 10 Seiten unbedruckt sind) 294 Druckseiten mit lateinischen Texten. Scan 5 ist die Titelseite; Scan 6 bringt eine kurze Anrede Ad benevolum lectorem . Scan 7-12 stellen in Gestalt einer Illustrissimis principibus gewidmeten Epistola dedicatoria eine Art Vorwort dar. Es folgen auf Scan 13-17 ein Catalogus habitationum et personarum , dann auf Scan 18-25 unterschiedlich lange Inhaltsangaben (Periochae) aller 10 Akte der TC ; in jambischen Versen (maximal, für Act. I, 40 Verse, minimal, für Act. II , 10 Verse; es folgt jeweils auf einen jambischen Senar (mit 6 Jamben) ein Kurzvers aus 4 Jamben) und schließlich auf Scan 26 ein Prologus in 22 Hexametern. Nach 2 unbedruckten Seiten (Scan 27-28) beginnt der 1. Akt der TC , überschrieben mit Aeneidos Virgilianae actus primus , aber noch nicht mit dem Text der 1. Szene der TC , sondern mit einer Prosa- Inhaltsangabe des ersten Aktes ( Argumentum actus primi ) auf den Scans 29-31. Unter der Überschrift Actus primi scena I bildet ein fast ganzseitiger Holschnitt ein Titelbild zu diesem 1. Akt (Scan 32), bevor dann auf Scan 33 wirklich der erste Vers der ersten Szene des ersten Aktes und weitere lateinische Hexameter (im ganzen Buch ohne Zählung) zu finden sind, allerdings unter Vorschaltung der Namen der Interlocutores , also der in dieser Szene redend auftretenden Personen. Der TC Act. I umfasst die Scans 33-71. TC Actus II wird wieder von einem Argumentum (Scan 72-73) und einem Titel-Holzschnitt (Scan 74) eingeleitet und erstreckt sich dann, wieder mit jeweils vorangestelltem Personenverzeichnis für die 7 Szenen, von Scan 75-100. In analoger Weise setzt sich die Präsentation der weiteren Akte der TC fort: <?page no="34"?> 34 B Zu den Paratexten TC Act. III , Argumentum Scan 101-102, Titelholzschnitt Scan 103, Text Scan 104-122; TC Act. IV , Argumentum Scan 123-124, Titelholzschnitt Scan 125, Text Scan 126-141 (plus Zusatz-Scans 139b und 139c); TC Act. V, Argumentum Scan 142-144, Titelholzschnitt Scan 145, Text Scan 146-168; TC Act. VI , Argumentum Scan 169-170, Titelholzschnitt Scan 171, Text Scan 172-191; TC Act. VII , Argumentum Scan 192-194, Titelholzschnitt Scan 195, Text Scan 196-222; TC Act. VIII , Argumentum Scan 223-225, Titelholzschnitt Scan 226, Text Scan 227-245; TC Act. IX , Argumentum Scan 246-247, Titelholzschnitt Scan 248, Text Scan 249-267; TC Act. X, Argumentum Scan 268-270, Titelholzschnitt Scan 271, Text Scan 272-291. Da in TC Act. I noch 1 weiterer ganzseitiger Holzschnitt vor Scena 7 (Scan 66) und in TC Act. X sogar noch 2 zusätzliche vor Scena 6 (Scan 283) und vor Scena 9 (Scan 289) eingefügt sind, haben die 10 Akte folgenden unterschiedlichen Umfang: Akt I - 39 Scans = Druckseiten; Akt II - 26, Akt III - 19, Akt IV - 18, Akt V - 23, Akt VI - 20, Akt VII - 27, Akt VIII - 19, Akt IX - 19 und Akt X - 20. Mit dem letzten Vers der TC , Act. X. scena 9, versus 37 ( TC 10,9,037… nostrisque applaudite rebus), endet aber noch nicht das Buch. Vielmehr werden auf den Scans 292-297 unter der Überschrift De exodiis noch drei Nachspiele (für den 1., 2. und 3. Aufführungstag) vorgelegt. Erst mit einer Ad iuventutem admonitio in 18 Versen (in Distichen: aus Hexametern plus Pentametern) und dem Kolophon Impressum Francoforti ad Moenum apud Paulum Reffelerum MDLXXVI endet auf Scan 298 der Text des Buches. B 2 Zum Titel Tragicocomoedia Der Text auf der Titelseite von VP 1576B (Scan 5) beginnt zwar mit Inclyta Aeneis P. Virgilii Maronis, aber es wäre irreführend, wenn man Inclyta Aeneis als Titel der vorliegenden Dramatisierung des Epos Vergils durch Johannes Lucienberger betrachten würde. Denn die berühmte Aeneis des „besten der Dichter“ ( poetarum optimi) , wie Vergil anschließend gerühmt wird, ist der Prätext, nicht das eigentliche Werk, das Lucienberger verfasst hat (→ Kap. B 2). Das letztere nämlich wird charakterisiert durch die Fortsetzung (Aeneis …) in <?page no="35"?> B 2 Zum Titel Tragicocomoedia 35 regiam tragicocomoediam … concinne redacta. Der entscheidende Begriff ist also tragicocomoedia , die Bezeichnung des Werkes, das Lucienberger aus dem Epos Aeneis, unter konsequenter Beibehaltung des „heroischen“ Hexameters ( servatis ubique heroicis versibus ) entwickelt hat. Deshalb betrachte ich Tragicocomoedia als Titel für die von Lucienberger dialogisierte Aeneis und kürze ihn meist, vor allem bei Stellenangaben, zu TC ab. (Wenn ich speziell das Buch meine, in dem die TC - aber auch zugehörige Texte, sog. Paratexte - 1576 in Frankfurt veröffentlicht ist, verwende ich die Sigle VP 1576B.) Lucienberger verwendet den Begriff tragicocomoedia nicht nur hier auf der Haupttitelseite von VP 1576B (Scan 5), sondern innerhalb der Paratexte noch dreimal, und zwar titular, zur Bezeichnung seines Werkes: in Scan 6 in seiner kurzen Anrede ad benevolum lectorem ( hanc Tragicocomoediam ), in Scan 9 innerhalb seines Vorworts, der Epistola dedicatoria ( ista Tragicocomoedia ) und in Scan 292 in der Einleitung zu den drei Nachspielen, den Exodia ( haec Regia Tragicocomoedia ). Aber was unter einer oder unter seiner Tragicocomoedia zu verstehen sei, wird nirgends in den Paratexten, obwohl er in diesen hauptsächlich über die TC spricht, definiert, auch nicht in der Epistola dedicatoria (Scan 8-12). Vermutungen dazu kann man deshalb nur aufgrund einer Würdigung von eventuellen tragischen und komischen Elementen in seiner TC anstellen und aufgrund des historischen und zeitgenössischen Gebrauchs des Begriffs tragicocomoedia . Das wird in → Kap. E 3 geschehen. Sehr wohl wird aber das überraschende Attribut regia zu tragicocomoedia von Lucienberger erklärt. Es ist kein direktes Selbstlob Lucienbergers für seine eigene TC , sondern zunächst ein noch gesteigertes Rühmen der Inclyta Aeneis Vergils: als Regium opus, sic enim Virgilij divinum appello Poëma (so in Scan 009, in der Epistola dedicatoria ). Es sei angemessen, ein solches „königliches Werk“ Abkömmlingen königlichen oder ähnlichen Geblütes zu widmen ( nec alijs quam Regio sublimique stemmate prognatis dedicari par erat ), also Söhnen von Königen oder Fürsten ( Regum Principumque liberis ). Lucienberger betrachtet also die Aeneis als eine Dichtung, die der Lektüre selbst von Königen würdig sei. Indirekt beansprucht er damit auch für seine eigene Dramatisierung der Aeneis ein Interesse selbst von Königen. Und in der Tat widmet er sein Werk nicht nur Söhnen des Kaisers, der ja auch deutscher König ist, und weiteren Söhnen von Fürsten, sondern nennt in Scan 292 (s. o.) es auch direkt haec Regia Tragicocomoedia . <?page no="36"?> 36 B Zu den Paratexten B 3 Widmungsempfänger und intendiertes Publikum B 3.1 Das nicht intendierte Publikum Lucienberger schreibt nicht für einen alten Philologen wie mich. Wie er ausdrücklich sagt, richtet er sich nicht an Greise oder Menschen vorgerückten Alters (Scan 009 ista Tragicocomoedia in senes aut provectioris aetatis homines noch quadrabat ). Er wendet sich vielmehr an junge Söhne von deutschen Reichsfürsten. B 3.2 Das intendierte Publikum: ad usum delphini? Seit dem Ende des 17. Jh.s gab es Ausgaben antiker Klassiker mit dem Untertitel ad usum delphini , die für die Jugend und speziell für den französischen Thronfolger (delphinus = Dauphin) gekürzt und vor allem von sittlich anstößigen Stellen „gereinigt“ waren. Man könnte auf die Idee kommen, dass auch das Werk Lucienbergers eine Ausgabe der Aeneis Vergils „ad usum delphini“ im übertragenen Sinne wäre: eine Bearbeitung, die - um den Untertitel einer späteren Transformation des Epos zu zitieren 20 - „der edlen Jugend zum gemeinen (= allgemeinen) Besten“ gewidmet wäre. Lucienberger widmet seine TC 21 nämlich ausdrücklich Königs- und Fürstensöhnen (Scan 009 Regum Principumque liberis ); sie sei nicht für senes aut provectioris aetatis homines bestimmt. Seine Epistola dedicatoria spricht in der Überschrift (Scan 007) zwar allgemeiner von illustrissimis principibus illustribus generosissimisque comitibus et dominis, konkret mit Namen genannt werden dann aber nicht die Fürsten selber, sondern ausschließlich Prinzen und Söhne von Fürsten: Die Reihe der Widmungs-Empfänger wird angeführt (als Nr. 1-3) von den drei österreichischen Erzherzögen Ernst, Matthias und Maximilian, Brüdern, Söhnen „unseres“ regierenden Kaisers Maximilian II . (geb. 1527, Kaiser 1564 bis zu seinem Tod am 12. 10. 1576). - Dann folgen (ich übersetze weiterhin aus dem lateinischen Original): 20 So Georg Jacob Lang / Georg Christoph Eimmart auf den Haupttitelblatt von „Erneuertes Gedächtnis Römischer Tapferkeit an den unvergleichlichen Virgilianischen Helden Aeneas“, Nürnberg 1688 (VP 1688A, veröffentlicht von den Herausgebern Ulrich Wilke / Werner Suerbaum als „Der ‚Nürnberger Vergil‘ von 1688“, Neukirchen 2013). Die Transformation besteht in diesem Falle nicht in einer „Dramatisierung“ der Aeneis, sondern in der mit einer ausführlichen doppelten Inhaltsangabe gekoppelten Umsetzung der Handlung in 50+1 Kupferstiche bzw. Radierungen. 21 Die Buchausgabe der TC enthält nach dem Titel und einem kurzen Abschnitt Ad benevolum lectorem (Scan 6) in Scan 7 eine Liste von Personen, denen das Buch gewidmet ist. <?page no="37"?> B 3 Widmungsempfänger und intendiertes Publikum 37 (4.) Christian, Herzog von Sachsen, Sohn des Kurfürsten August von Sachsen; (5.) Wilhelm, Herzog von Braunschweig und Lüneburg, Sohn des (Herzogs) Julius; (6.) Ernst, Landgraf von Hessen, Sohn des (Landgrafen) Wilhelm; (7.) Moritz, Graf von Nassau und Fürst von Oranien, Sohn des (Grafen) Wilhelm; (8.) Georg, Graf von Wittgenstein und Sayn, Sohn des Pfalzgrafen bei Rhein Ludwig ( VI ., 1576-1583); (9.-12.) Wilhelm, Johann, Georg und Philipp, Grafen von Nassau, vier Söhne des Grafen Johann ( VI .) von Nassau. Zum Schluss folgt dann die allgemeinere Formel (13.ff.) „allen Fürsten und Grafen jugendlichen Alters und ihren Herren“ (d. h. Vätern). Warum Lucienberger sein Werk, die TC , gerade diesen 12 genannten deutschen Prinzen und Fürstensöhnen aus 7 Dynastien (und erst nachträglich und global allen anderen Prinzen und deren Vätern) gewidmet hat, ist ein vielleicht unlösbares Problem. Mir jedenfalls gelingt es nicht, eine einleuchtende Verbindung dieser jungen Fürsten untereinander, mit Lucienberger oder mit Vergils Aeneis zu erkennen. Die Zwölfer-Liste weist einige Merkwürdigkeiten auf. Wenn man von den drei Söhnen des amtierenden Habsburgischen Kaisers Maximilian II . als einer Sonderklasse absieht, stammt die Mehrzahl der Widmungsträger vom Mittelrhein: die insgesamt 6 Söhne der beiden Grafen von Nassau und des Pfalzgrafen bei Rhein, dazu der Sohn des Landgrafen von Hessen. Aber die Herkunftsgebiete der beiden anderen jungen Fürsten aus Kur-Sachsen und aus Braunschweig- Lüneburg sind relativ weit von Frankfurt, der Heimat Lucienbergers, entfernt. (Umgekehrt fehlen Prinzen aus Süddeutschland, etwa aus den Herzogtümern Württemberg und Baiern (der 1550-1579 herrschende Bayern-Herzog Albrecht V. der Großmütige hatte drei Söhne, die 1548, 1550 bzw. 1554 geboren waren; der jüngste, Ferdinand, war schon seit 1566 Bischof von Freising); dass die Herrscher in den geistlichen Fürstentümern, etwa Mainz, Würzburg oder Trier, keine legitimen Söhne stellen konnten, liegt allerdings auf der Hand.) Die Anordnung der 12 Widmungsträger bzw. der 7 Geschlechter, aus denen sie stammen, entspricht der politischen Hierarchie: Zuerst Söhne des amtierenden römisch-deutschen Kaisers (drei österreichische Erzherzöge), dann Abkömmlinge eines Kurfürsten, eines Herzogs, eines Landgrafen und schließlich mehrerer Grafen, darunter des Pfalzgrafen bei Rhein. 22 22 „Georg, Graf von Wittgenstein und Sayn“ wird als „Sohn des Pfalzgrafen bei Rhein Ludwig“ bezeichnet. Bei dem Vater muss es sich um Ludwig VI. (1539-1583) handeln, <?page no="38"?> 38 B Zu den Paratexten Die Liste enthält in mindestens einem Punkte eine Überraschung: im Hinblick auf die genannten drei österreichischen Erzherzöge. Die drei genannten Söhne des noch im Jahre 1576 (am 12. Oktober 1576 überraschend in Regensburg bei einem Reichstag) sterbenden römisch-deutschen Kaisers Maximilian waren damals 23 (Ernst, geb. 1553), 19 (Matthias geb. 1557) und 18 (Maximilian geb. 1558) Jahre alt. Es mag noch verständlich sein, dass der älteste Sohn unter den 12 Kindern, die Maximilian II . mit seiner Kusine Maria von Spanien hatte, nämlich Rudolf (geb. 1552), nicht aufgeführt ist - weniger wegen seines Alters von damals 24 Jahren, sondern weil er bereits gekrönter König von Ungarn (1572) und von Böhmen (1575) und gewählter und am 1. 11. 1575 in Regensburg gekrönter römisch-deutscher König, also designierter Thronfolger war, und tatsächlich seinem Vater nach dem 12. 10. 1576 als Kaiser Rudolf II . (1576-1612) nachfolgte. Lucienberger wendet sich offensichtlich nicht an Herrscher, sondern an deren Söhne. Auffällig ist, dass die beiden anderen noch lebenden Söhne des Kaisers Maximilian II ., Albrecht (geb. 1559) und Wenzel, (geb. 1561), nicht unter den Widmungsträgern aufscheinen, obwohl sie 1576 doch auch im bildsamen Alter von 16 oder 15 Jahren standen. Das ist auch deshalb nicht verständlich, weil von den 6 Söhnen des Grafen Johann VI . von Nassau in der Widmungsliste zwar auch nur 4 berücksichtigt sind, aber eben diejenigen, die 1576 zwischen 16 und 10 Jahre alt waren, Nr. 6 und Nr. 5 aber erst Kleinkinder von 1 und 3 Jahren. Wenn wir so optimistisch sind wie Lucienberger, dürfen wir vermuten, dass diese Fürstensöhne unermesslichen Nutzen aus der Lektüre oder dem Anhören oder gar Anschauen der von ihm dialogisierten Inclyta Aeneis gezogen haben. (Immerhin hat es nicht nur der eine ungenannte Kaisersohn Rudolf, sondern auch einer der drei genannten zum Kaiser gebracht: Matthias II ., 1612-1619.) Denn, so Lucienberger in seiner Epistola dedicatoria , Vergil hat künftigen Herrschern vieles zu sagen. Was, das wird im folgenden → Kap. B 4 näher betrachtet und erklärt. der erst im Erscheinungsjahr von VP 1576B (deren Epistola = Vorwort auf den 1. 3. 1576 datiert ist), gegen Ende des Jahres 1576 zum Kurfürsten von der Pfalz aufstieg; sonst hätte ihn Lucienberger in der Liste auf den 3. Platz vorziehen müssen. Mir gelingt es allerdings nicht, einen Sohn dieses Ludwig VI. namens Georg ausfindig zu machen. Bei Wikipedia s.v. Ludwig VI. von der Pfalz sind zwar 12 eheliche Kinder aufgeführt, aber kein Georg. Der älteste 1576 noch lebende Sohn Friedrich war 1574 geboren und folgte als Friedrich IV. seinem Vater Ludwig als Kurfürst von der Pfalz (1584-1610). Mir scheint, Lucienberger hat einen genealogischen Fehler gemacht und Georg einem falschen Vater zugeschrieben. Nach einer entlegenen Quelle soll ein Georg Graf von Wittgenstein und Sayn 1565-1631 gelebt haben. - Ich habe nicht für alle 12 Prinzen die genealogischen Daten ermittelt: Diese mühsame, zweifellos aber verdienstvolle Aufgabe überlasse ich jüngeren (Lokal-)Historikern oder solchen, die es werden wollen. <?page no="39"?> B 3 Widmungsempfänger und intendiertes Publikum 39 B 3.3 Deutsche Fürstensöhne als Adressaten der TC Warum ist die TC gerade den 12 genannten Fürstensöhnen gewidmet? Welche (womöglich persönlichen? ) Beziehungen zu diesen hoffnungsvollen Sprösslingen von Fürsten konnte ein Bürger der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main wie Lucienberger haben? Selbst eine wenigstens lokale Affinität trifft für den Braunschweiger und den Kur-Sachsen nicht zu. Mir fällt nur eine Erklärung für die eigenartige Zusammensetzung der Zwölfer-Liste der Widmungsträger auf: Es könnte sich um solche Adelige handeln, die bei einer (der Publikation der TC in VP 1576B vorausgehenden) Aufführung (die aber nicht nachweisbar ist, sondern bloß hypothetischen Charakter hat) leibhaftig präsent waren. Eine gewisse Unterstützung erhält diese Hypothese durch die Tatsache, dass Lucienberger in seiner 1576 gedruckten Ausgabe der TC (= VP 1576B) innerhalb der Begleittexte (Paratexte Scan 26) seinen Prolog-Sprecher (den anonymen Prologus ) anweist, die bei der jeweiligen Aufführung anwesenden Aristokraten mit ihren Titeln anzureden (zum Prologus vgl. auch → Kap. B 7.1). Der Prologus soll sich nach dem wörtlichen Zitat des Aeneis-Proömiums, der sieben ersten Verse (Aen. 1,1-7), mit folgenden Worten an diese prominenten Zuschauer wenden: Vos igitur, quocunque estis de stemmate nati, (Hic pro ratione loci et personarum, ubi coramve quibus agetur, industrius Actor titulos dignitatis inferet.) Et tua praecipue Maiestas inclyta Caesar Maxime, clementer coeptis nunc annuat istis. Die Bitte um freundliche Aufnahme des Dargebotenen ( coeptis istis ) soll also zunächst an etwaige Zuschauer adeligen Geschlechtes ( quocumque de stemmate nati ) und dann vor allem an die ebenfalls als anwesend gedachte oberste kaiserliche Majestät ( tua Maiestas inclyta Caesar maxime - vielleicht ist mit Maxime sogar auf den noch lebenden Kaiser Maximilian II. angespielt) gerichtet werden. Ein geschickter Akteur der Rolle des Prologsprechers wird es sich angelegen sein lassen, an dieser Stelle die Titel (und Namen? ) der Fürsten einzufügen (Lucienberger wird vielleicht sogar erwarten: in hexametrischer Form). Dieser auktoriale Einschub im Prolog gehört zu den wenigen Stellen in der gedruckten Ausgabe VP 1576B, an denen Lucienberger zu erkennen gibt, dass er mit dieser Publikation auf wirkliche, auf zukünftige Aufführungen abzielt. (Zu den weiteren Hinweisen gehört die Aussage im Titel des Buches (Scan 5), dass durch die vorliegende TC die Taten des Aeneas vivis gestibus in proscenium deducuntur et quasi ob oculos ponuntur. Auch in der einleitenden Epistola , die die Funktion eines Vorworts hat, verspricht sich Lucienberger (Scan 10) eine grö- <?page no="40"?> 40 B Zu den Paratexten ßere Wirkung von seiner Dichtung, si viva voce vivisque gestibus coram tenerae aetatis principibus recitaretur.) Es könnte nun sein, dass die Widmung dieser gedruckten Ausgabe an 12 Prinzen eine Art Ersatz der für künftige Aufführungen empfohlenen Praxis sein soll, die anwesenden Aristokraten namentlich und / oder titular im Prolog anzusprechen. Eine solche Deutung impliziert zugleich die Hypothese, dass die Uraufführung der Tragicocomoedia Lucienbergers in Anwesenheit der genannten Fürstensöhne bereits stattgefunden hat und das gedruckte Buch VP 1576B mit der TC sozusagen die Publikation des damals (vielleicht schon 1575) zugrunde gelegten handschriftlichen Textbuches ist. (Vgl. noch → Kap. E 2.5.6 zu möglichen Aufführungsorten der TC .) B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers B 4.1 Was darf ein Leser von der Aeneis Vergils und von ihrer dramatischen Adaption durch Lucienberger erwarten? Auf diese Frage antwortet Lucienberger in der Epistola dedicatoria , die er dem Text seiner Tragicocomoedia in der Ausgabe von 1576 vorausschickt. Hier legt Lucienberger auf viereinhalb Druckseiten (von den rund 300 Seiten des Originals von 1576) dar, warum er die Aeneis, dieses regium opus , wie er das divinum poema Vergils beziehungsreich nennt, gerade für die Söhne von Königen und Fürsten, denen er sein hier vorliegendes Werk widmet, für besonders geeignet hält (→ Kap. B 3.3.1-3). Lucienberger begründet den Nutzen der Aeneis bzw. seiner (davon hier nicht eigens unterschiedenen) Tragicocomoedia ausführlich mit einem Katalog von Aspekten, die einem Leser der (epischen oder dramatisierten) Aeneis vor Augen geführt werden. Dieser Katalog ist eine Art Programm, eine Darstellung dessen, worauf es Lucienberger in der Aeneis vor allem ankommt. Er hat die Rolle eines Proömiums, einer Werbung um das Interesse des intendierten Lesers durch eine generalisierende Ankündigung des Inhalts. Typisch dafür (z. B. auch im Proömium eines historiographischen Werkes) ist die Verwendung des Plurals bei der Aufzählung einzelner Punkte: Obwohl Lucienberger manchmal an nur eine einzige bestimmte Episode der Aeneis denken wird, gebraucht er den Plural. Ich zitiere im Folgenden in → Kap. B 4.2 (in meiner deutscher Übersetzung) in Fettdruck und in etwas größerem Schriftgrad diese Partie der Epistola dedicatoria für die Tragicocomoedia Lucienbergers, die eine commendatio und eine explicatio des Inhalts darstellt, den der Leser zu erwarten hat. Dabei separiere ich die einzelnen Punkte und versuche jeweils zu klären, worin die Belege dafür <?page no="41"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 41 in der Aeneis bestehen mögen oder ob es sich um bloße unfundierte Behauptungen Lucienbergers handelt (die dann durch bestimmte Intentionen des 1576 schreibenden Autors zu erklären wären). Grundsätzlich „belege“ ich Lucienbergers Lobpreisungen der inhaltlichen Qualitäten der Aeneis mit entsprechenden Partien des Epos (und bloßer Angabe des Aen.-Buches), denn implizit behauptet Lucienberger, dass seine TC inhaltlich mit der Aeneis Vergils identisch ist. Das ist im Prinzip auch der Fall. Deshalb verweise ich nur in problematischen Fällen darauf, ob die TC , zu der diese Epistola dedicatoria das Vorwort bildet, in der Tat wie Vergils Epos, womöglich noch darüber hinausgehend, entsprechende Belege bietet oder ob solche in der TC infolge von Kürzungen fehlen. Ich behaupte nicht, dass meine Sammlung von Belegen (die ich mit „so“ einleite) vollständig ist. Um mich später auf einzelne Punkte dieses Katalogs beziehen zu können, habe ich sie als → Kap. B 4.2.1 bis B 4. 2. 58 durchnummeriert. B 4.2 Die Würdigung der Aeneis in der Epistola dedicatoria B 4.2.1 In diesem Werk wird man den Verlauf des ganzen menschlichen Lebens erkennen können und wunderbar den Konflikt des Schicksals mit dem Menschen, der zu Glück oder Unglück führt, und dass dem Glück immer Trauriges und Bitteres beigemischt ist. Der Mensch gerät mit dem Schicksal in zwei Grundsituationen in Konflikt: (a 1) beim Umschlag von Glück zu Unglück oder aber (a 2) umgekehrt, also durch die Unbeständigkeit des Glücks, (b) wenn dem Glück Trauriges oder Bitteres beigemischt ist, also durch die Erfahrung, dass das Glück nicht ungetrübt ist. Beide Aspekte werden in der TC gegenüber der Aeneis leicht verstärkt: Zu (a 1) könnte man innerhalb einer Szene z. B. die Tötung des Sinon durch die Trojaner während der Eroberung ihrer Stadt anführen (TC 1,2,184-189), eine Neuerung Lucienbergers, denn dadurch hellt er die düstere Erzählung des Vergilischen Aeneas auf, indem wenigstens einer der Griechen, der als „Verräter“ gilt, seine gerechte Strafe erhält. Zu (a 2) gehören in der TC vor allem die (in der Aeneis fehlenden) positiven Szenenschlüsse (s. dazu → Kap. C 5.4.3 und Kap. D 8.1): in ihnen bietet mehrfach ein Fürst den Aeneaden nach durchlittenen Strapazen Erholung durch Essen, Trinken, Schlaf, Vergnügungen (wie das Jagen) an. Dass Lucienberger auch Zusammenhänge, die bei Vergil etwas komplexer sein mögen, primär als Illustration der Lebensweisheit (b) verstanden wissen <?page no="42"?> 42 B Zu den Paratexten will, zeigt am deutlichsten ein Ausschnitt aus der Periocha zu Akt IV (Ende von Scan 20): Inter tot haec alacritatis pegmata, Iuno ecce amaritudinem Commiscet, et suam de coelis Iridem Mittit, rates quae concremat. Diese Inhaltsangabe bezieht sich auf den jähen Umschlag von dem wohl hellsten, teils sogar heiteren Handlungskomplex in der Aeneis, der Schilderung der Gedächtnisspiele für Anchises auf Sizilien mit dem Troja-Reiterspiel als Abschluss in Aen. V, auf die (von Juno durch die als Trojanerin Beroe auftretende Iris provozierte) Brandstiftung der trojanischen Frauen an der eigenen Flotte, die Aeneas auch psychologisch in die tiefste Krise im Hinblick auf die Durchführung seiner („römischen“) Mission stürzt. B 4.2.2 Nichts gibt es in den Wechselfällen des menschlichen Lebens, sei das nun traurig oder fröhlich, das der weise Vergil in dieser göttlichen Dichtung nicht erfasst hat: Dieser Gedanke wird in der Schlussbetrachtung wieder aufgenommen und erweitert. Es folgen im Hauptteil dieser Würdigung des lehrhaften Charakters der Aeneis (und damit, was Lucienberger offenbar nicht unterscheidet: der TC ) Beispiele für einzelne Lebensbereiche: B 4.2.3 Tod und Untergang von Eltern, Gattinnen und nahen Angehörigen, Aeneas verliert seine Gattin Creusa (in Aen. II ) und seinen Vater Anchises (am Ende von Aen. III ); der greise Arkader-König Euander seinen Sohn Pallas (in Aen. X); die (bei Vergil anonyme, von Lucienberger „Hyophila“ genannte) Mutter ihren Sohn Euryalus (in Aen. IX ), die Nymphe Juturna ihren Bruder Turnus (in Aen. XII ), Anna ihre Schwester Dido (Aen. IV ); Hecuba muss mit ansehen, wie ihr Sohn Polites und ihr Gatte König Priamus von Pyrrhus / Neoptolemus, dem Sohn Achills, erschlagen werden (in Aen. II ). Das sind nur die wichtigsten Todesfälle, für die die Trauer der Angehörigen in der Aeneis jeweils eigens dargestellt wird - dass wohl alle Menschen, deren Tod in der Aeneis erwähnt wird, Angehörige haben, die um sie trauern, steht auf einem anderen Blatt. Alle aufgeführten Todesfälle sind auch in die TC aufgenommen. Die Trauer Lavinias über den Tod ihrer Mutter Amata ist in TC X-4 sogar wesentlich über die Aeneis hinaus gesteigert. <?page no="43"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 43 B 4.2.4 die Art und Weise, sie zu bestatten, Die Bestattung von Aeneas’ Vater Anchises wird nicht geschildert, weil im Epos suo loco am Ende von Aen. III den in Ich-Form erzählenden Aeneas die Emotion der Erinnerung an diesen schmerzlichen Verlust zu übermannen scheint. (Das ist einer innerepischen Figur angemessen, wäre es aber wohl kaum einem auktorialen Er-Erzähler Vergil.) Nur einen sozusagen postumen Teil-Ersatz bildet Aen. V, deren Hauptinhalt Gedächtnis-Spiele für Anchises sind, die an seinem Sarkophag in Drepanum / Sizilien am 1. Jahrestag seines Todes gefeiert werden (und die an sich Teil seiner Bestattungsfeierlichkeiten ein Jahr zuvor hätten sein können und sollen). In TC I-7 wird die knappe Erzählung der Bestattung des Anchises aus Aeneis V vorgezogen und durch einige neue Verse erweitert, sodass die Bestattung - genau genommen: die Ankündigung der Bestattung - an ihrer chronologisch richtigen Stelle steht. Die größte Erweiterung besteht dabei in der Trostrede, die Acestes an Aeneas richtet ( TC 1,7,114-121, vgl. unten in → Kap. B 4.2.5 zum Stichwort „Trost“, ferner das → Kap. D 7.3). Eine ausführliche Darstellung der Bestattungsriten bietet Vergil in Aen. VI anlässlich der Bestattung des (von einem Gott ertränkten) trojanischen Trompeters Misenus. Sogar das Fällen der Bäume für den Scheiterhaufen, auf dem die Leiche verbrannt wird, ist genau geschildert. - Diese Bestattung des Misenus nimmt in der TC weniger Raum ein als im Epos: In neu gedichteten Versen lässt Lucienberger Aeneas den Auftrag zur Bestattung geben ( TC 5,2,102-108). Diese Verse ersetzen die detailreicheren Vorbereitungen, von denen Vergil in Aen. 6,175-182 spricht. Die von Vergil ausführlich in Aen. 6,212-235 geschilderte Bestattung wird in TC V-2 gänzlich übergangen - wie so oft muss in der Dramatisierung eine Ankündigung oder Anweisung die Ausführung mitumfassen. Einem anderen Aspekt einer Bestattung, die diesmal insgesamt eine Art Staatsakt ( funus publicum ) darstellt, begegnet der Leser in Aen. XI bei den Beisetzungsfeierlichkeiten für Pallas, den (in Aen. X von Turnus getöteten) Sohn des die Gegend des nachmaligen Rom beherrschenden Arkader-Königs Euander. Im Mittelpunkt steht der Leichenzug ( pompa funebris) , zum einen dessen Formation am Schlachtfeld an der Tiber-Mündung mit einer Klagerede des Aeneas (ein Vorklang des römischen Ritus der laudatio funebris ), später dann dessen Empfang in der Heimat Pallanteum (dem nachmaligen Rom) mit einer Rede des erschütterten Vaters, mit der er Aeneas zur Rache an Turnus verpflichtet. Die Bestattungsfeierlichkeiten für Pallas scheinen neben der suo tempore in TC I-7 vollzogenen Bestattung des Anchises die einzige Bestattung darzustellen, die Lucienberger gegenüber der Aeneis erweitert hat. In anderen Fällen verzichtet Lucienberger sogar darauf, „die Art und Weise der Bestattung“, die Vergil manchmal ausführlich auktorial darstellt, irgendwie <?page no="44"?> 44 B Zu den Paratexten in die TC zu integrieren. So schildert Vergil in Aen. XI eingehend die Beisetzungsrituale bei Verbrennung der Gefallenen auf trojanischer und auf latinischer Seite nach den ersten Kämpfen. (Für den würdigen Vollzug der Bestattungs-Riten wird sogar ein 12tägiger Waffenstillstand vereinbart.) Lucienberger übergeht diese Einzelheiten in TC IX -2 (Trojaner) und IX -3 (Latiner), erweitert aber umgekehrt die Verhandlungen zwischen Drances und Aeneas über den Waffenstillstand durch einen dublettenartigen Bericht des Drances darüber vor König Latinus in TC 9,3,001-021. Überdies gibt es in der Aeneis noch Bestattungsfeierlichkeiten in Thrakien für Polydorus (Aen. 3,62-68), die jedoch in TC I-7 übergangen werden. B 4.2.5 die Medizin für dieses Übel: den Trost. Einen wirklichen Beleg für den Trost, der einem vom Tod eines Angehörigen, Freundes oder Bundesgenossen Betroffenen zuteilwird, sehe ich in der Aeneis nicht. Er könnte z. B. in der eigenen Erinnerung an Heldentaten, Verdienste oder Charakter des Toten oder eher noch im Rühmen solcher Verdienste durch einen angesehenen Mann ( laudari a laudato viro ) bestehen oder in der Hoffnung auf Rache und auf Bestrafung des am Tode Schuldigen. Aber in den beiden Reden des Aeneas und des Euander, die anlässlich der Bestattung des Pallas in Aen. XI gehalten werden, kommen diese Aspekte nicht zum Tragen. Pallas’ Vater Euander verpflichtet zwar Aeneas zur Rache (Aen. 11,177-181), rechnet deren erhoffte Vollstreckung aber offenbar nicht zu den vitae gaudia für sich. Aeneas tröstet (in Aen. XI ) den Vater Euander nicht persönlich nach dem Tod seines Sohnes, widmet Pallas aber Worte des Rühmens (Aen. 11,42-58); der Trost für den Vater Euander wird in der Rache bestehen, die Aeneas an Turnus, gewissermaßen im Namen des Pallas (so die Schlussworte des Aeneas im Epos, Aen. 12,948 f.), üben wird. Lucienberger selber hat aber in der TC 1,7,114-121 eine Trostrede zum Tod eines Angehörigen hinzugedichtet (das ist das einzige Beispiel dieser Art) und zwar für jenen Todesfall, der den Titelhelden des Epos am meisten berührt haben muss: Acestes, der König in Sizilien, tröstet Aeneas direkt nach Anchises’ Tod (also nicht ein Jahr später beim Jahresgedächtnis, sondern sinngemäß am Ende von Aen. III , nicht etwa zu Beginn von Aen. V). Acestes sucht Aeneas dadurch aufzurichten, dass er ihm vor Augen stellt, alle Leiden, die ihn in Zukunft noch erwarten mögen, würden leichter zu ertragen sein. In einer anderen Todesszene, die Lucienberger gegenüber Vergil (Aen. XII ) stark ausgemalt hat, nämlich beim Selbstmord der Amata (in TC X-4), werden zwar viele zusätzliche Klagen erhoben, aber keine Trostreden. Ein wirklicher Beleg für einen Trost in der Aeneis - wenn auch nicht zum Tod eines Angehörigen - dürfte wohl am ehesten auf der Ebene der Götterhandlung <?page no="45"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 45 zu finden sein: So reagiert Vater Jupiter auf Venus’ Klage über Aeneas’ schlimmes Schicksal mit seiner Prophezeiung über die glänzende Zukunft seiner römischen Nachkommen. Jupiter hat offensichtlich das Ziel, seine Tochter Venus über die gegenwärtigen Leiden ihres Sohnes hinwegzutrösten (Aen. I / TC II -2). In der folgenden Szene TC II -3 (Aen. I) erscheint Venus dann dem Aeneas, der sich nach dem Seesturm in verzweifelter Lage fühlt (nach Verlust von fast zwei Drittel seiner Flotte verschlagen in ein fremdes, womöglich feindlich gesinntes Land) und klärt ihn über Didos Karthago und über die Rettung auch fast aller seiner Schiffe auf. Auch das ist Trost (und gleichzeitig ein Beispiel für die zuvor in der Epistola dedicatoria genannten allgemeineren „Wechselfälle“). B 4.2.6 Dann die gewaltigen Gefahren zu Lande, verbunden mit äußerstem Mangel an allem. Lucienberger wird bei diesen nicht spezifizierten „gewaltigen Gefahren“ vor allem an die Kämpfe in der Nacht der Eroberung Trojas (Aen. II ) und an die Schlachten zwischen den Trojanern und den Latinern in Latium, zwischen ihrem Schiffslager und der Hauptstadt („Laurolavinium“, „Laurentum“) des Latinus (Aen. IX - XII ), denken. - „Äußerster Mangel an allem“ herrscht weniger nach dem Seesturm in Aen. I im Portus Libycus bei Karthago, als die Trojaner immerhin Korn, wenn auch verdorben, und Früchte aus ihren sieben gestrandeten Schiffen bergen können (Aen. 1,177-179 = TC 2,1,084-086, in der TC von auktorialer Erzählung in einen Befehl des Aeneas umgewandelt) und Aeneas dann zusätzlich 7 Hirsche erlegt. Vielmehr wird Lucienberger unter dem Eindruck des „Tisch-Prodigiums“ stehen. Die Harpyie / Furie Celaeno hatte als eine Art Rache für das feindselige Verhalten der Trojaner gegen die aggressiven Harpyien in Aen. 3,255-257 = TC 1,5,083-085 angekündigt, die Trojaner würden nicht eher die ihnen verheißene neue Stadt in Italien gründen können, als schrecklicher Hunger sie zwingen würde, sogar die Tische zu verzehren (Aen. 3,256 f. = TC 1,5,084 f. quam vos dira fames … / ambesas subigat malis absumere mensas. ) Diese Prophezeiung klingt nach „niemals“. Das Prodigium der verzehrten „Tische“ erfüllt sich zwar in harmloser Weise in Aen. 7,107-12 = TC 6,2,001-016: Die Trojaner halten bei ihrer Landung an der Tiber-Mündung ein Mahl mit Landesprodukten ab, wobei sie die Speisen auf einen dünnen Boden aus Backwerk ( adorea liba, Cereale solum, exiguam Cererem, orbem fatalis crusti, quadris ), offenbar einer Art Pitta, legen. Als die eigentlichen Speisen verzehrt sind, essen die noch immer hungrigen Trojaner ( penuria edendi ) auch deren Unterlagen, gewissermaßen die „Tische“. Auch Aeneas gebraucht bei dieser Gelegenheit, als er die Ankündigung des Tisch-Prodigiums nicht auf die Harpyie Celaeno, sondern in Aen. 7,124 f. auf eine Prophezeiung seines Vaters Anchises zurückführt (und auch die abschwächenden Worte des Helenus in Aen. 3, 394 = <?page no="46"?> 46 B Zu den Paratexten TC 1,6,031 angesichts von Aeneas’ eigener Besorgnis ob der Drohung der Celaeno in Aen. 3,367 = TC 1,6,009 nicht erwähnt), zweimal den Hunger als Antrieb (Aen. 7,124 fames ; 7,128 haec erat illa fames = TC 6,2,006 bzw. 6,2,010). Anders als Vergil, der eine solche Prophezeiung des Anchises in Aen. III nirgends erwähnt, hat Lucienberger diese Ankündigung des Tisch-Prodigiums wirklich stattfinden lassen, nämlich innerhalb der lang ausgeführten Prophezeiung des Anchises in der Unterwelt (nach der „Heldenschau“) über die nächste Zukunft des Aeneas in TC 5,3,184 f. (= TC 6,2,006 = Aen. 7,124 f.). Der fames -Begriff (der „äußerste Mangel an allem“) ist also in der Aeneis und auch in der TC auf das Tisch- Prodigium konzentriert. In der TC spielt er im Übrigen nur noch eine kleine Rolle im Hinblick auf das Erlegen des zahmen Hirsches der Silvia, der Auslöser der ersten Kämpfe der Latiner mit den Trojanern. Nicht Vergil, aber Lucienberger sieht den Antrieb der Trojaner zu dieser schicksalhaften Jagd im Hunger der Trojaner (so jedenfalls der latinische Hirte Tyrrhus in TC 6,7,035: fame confecti ) . B 4.2.7 Auf dem Meer Nach den Leiden „zu Lande“ (B 4.2.6) folgen jetzt solche „auf dem Meer“. Anders als bei den Leiden „zu Lande“ bringt Lucienberger dann für die „auf dem Meer“ drei konkrete Stichwörter: Stürme, Schiffbrüche, Irrfahrten. B 4.2.8 die Stürme, Die Aeneaden erleben einen Sturm nicht nur in Aen. I, sondern (nur fast nebenbei erwähnt) auch in Aen. V (als ein Sturm sie auf der Fahrt von Karthago mit Kurs auf Italien nach Sizilien zurücktreibt); die Bitte der Venus an Neptunus am Ende von Aen. V dient gerade der Vermeidung von Stürmen. B 4.2.9 die Schiffbrüche, Da die ganze Aufzählung der Lehren, die man aus der Aeneis ziehen kann, von generalisierenden Pluralen geprägt ist, genügt es, ein einziges jeweils einschlägiges Beleg-Beispiel aufzufinden; das ist hier natürlich der Schiffbruch der Aeneaden ganz am Anfang des Epos in Aen. I mit der Landung an der libyschen Küste bei Karthago. B 4. 2. 10 unsägliche Irrfahrten. Das ganze Buch Aen. III gilt als „Irrfahrten“-Buch (obwohl das Fahrtziel an sich durch die Creusa-Prophezeiung in Aen. II bekannt ist und es innerhalb von Aen. III durch Apolls Weisungen erneut präzisiert wird); an die Irrfahrten des Odysseus wird durch die Episode mit Achaemenides und Polyphem in Aen. III und die Vorbeifahrt an der Insel der Circe in Aen. VII erinnert. <?page no="47"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 47 B 4. 2. 11 Im Gegensatz dazu nach so vielen ertragenen Leiden die erwünschte Freude für Geist und Körper, Das erste Beispiel dafür ist im Epos die Situation in Aen. I, als sich ein Teil der Flotte des Aeneas aus dem Seesturm an das Ufer bei Karthago gerettet hat und Aeneas dort gleich 7 Hirsche erlegt, für jedes seiner geretteten Schiffe einen, und außerdem seine Gefährten durch eine Trostrede aufzurichten versucht (vgl. TC 2,1,084-128). Chronologisch noch früher anzusetzen ist die in Aen. 3,278-283 geschilderte Freude der Aeneaden ( iuvat ) auf ihrer Fahrt von Troja nach Westen, jetzt hier in (dem nachmals durch die welthistorische Schlacht 31 v. Chr. berühmten) Aktium (in Epirus) glücklich dem Bereich des griechischen Feindes entkommen zu sein. Aeneas lässt diesen Erfolg nicht nur mit Spielen feiern, sondern errichtet sogar eine Art Siegesmal (vgl. dazu → B 4. 2. 39). Lucienberger hat die Episode in TC 1,5,105-109 berücksichtigt. Weitere Beispiele sind in dem → Kapitel C 5.4.3 zur Rubrik „Gestaltung … positiver Szenenschlüsse“ gesammelt (wobei es sich jeweils um Neuerungen Lucienbergers gegenüber der Aeneis handelt), darunter besonders: TC 1,4,112-115: Am Ende der Kreta-Episode ruft Aeneas zum Essen, zur Erholung, zum Schlaf auf. TC 1,5,156-165: Helenus empfängt die Aeneaden mit ausführlicher Begrüßungsrede und lädt sie dabei zum Essen ein, um sie aufzumuntern. TC -2,7,230-234: Dido lädt die Aeneaden „nach innen“ (zum Mahl? ), zu Jagd und Spiel ein, um sie wieder auf fröhliche Gedanken zu bringen. TC 4,1,035 f.: König Acestes lädt die Aeneaden zum Essen ein. TC 5,4,028: Aeneas lässt die Aeneaden an der Tibermündung anlegen und ruft sie zum Essen. B 4. 2. 12 Spiele, Das wichtigste Beispiel sind jene ludi , Gedächtnisspiele zum 1. Jahrestag des Todes des Anchises, die den Hauptgegenstand von Aen. V bilden (wobei häufig der Begriff ludus / ludi fällt): die vier Wettspiele Regatta, Wettlauf, Boxkampf mit Faustriemen ( caestus ), Zielschießen mit dem Bogen und das Trojaspiel, ein Schaureiten. Der große Wert, den Lucienberger diesen „Leichenspielen“ zumisst, ist schon daraus abzulesen, dass er diese lange abwechslungsreiche Episode trotz anzunehmender inszenierungstechnischer Schwierigkeiten zwar, was die Zahl der ihr gewidmeten Verse angeht, drastisch kürzt (den Leichenspielen sind bei Vergil 488 Verse, nämlich Aen. 5,116-603, in der TC aber nur 144, nämlich TC 4,3,010-153, gewidmet), aber alle vier Spiele beibehält. Offenbar soll alles ge- <?page no="48"?> 48 B Zu den Paratexten spielt werden. Die Spieleröffnungen und die Preisverleihungen sind in der TC durch den hinzugefügten Sprecher Misenus (als Herold) noch ausführlicher und wohl realitätsnäher als bei Vergil gestaltet. Anders als in der Aeneis wird in der TC auch der erste Aufenthalt der Aeneaden auf Sizilien, bei dem Anchises stirbt, näher (in TC I-7 und TC II -1) ausgeführt. Schon bei dieser Gelegenheit legt Lucienberger neu dem König Acestes eine Vordeutung auf die „realiter“ hier ein Jahr später stattfindenden Gedächtnisspiele für Anchises (Aen. V ≈ TC IV -3) in den Mund. Er kündigt für den Fall, dass das Schicksal die Aeneaden einmal wieder nach Sizilien zurückführen sollte, in TC 2,1,12 an: tempora iucundis ludisque iocisque teremus. (Eine ähnliche Verbindung von laetitia ludisque wird laut Aen. 8,717 beim Triumph des Augustus herrschen.) Schon vor den Gedächtnis-Spielen für Anchises in Aen. V war in Aen. III die Meisterung der ersten Etappe auf der Fahrt von Troja zum „Abendland“ ( Hesperia ), die Überwindung des feindlichen griechischen Bereichs, als Erfolg freudig mit Spielen ( ludis Aen. 3,280 = TC 1,5,104) gefeiert worden. - Was vor der Residenz des Königs Latinus in Aen. 7,162-165 die Jugendlichen an Beschäftigungen treiben (zu Ross oder auf dem Streitwagen, Bogenschießen, Speerwerfen, Wettlauf, Boxkampf), konnten zwar alles auch Disziplinen bei formellen ludi sein, sie sind aber hier als vormilitärische Übungen aufzufassen ( exercentur ); eine Bezeichnung als „Kriegsspiele“ wäre eher irreführend. Eher zutreffend ist eine solche Bezeichnung für das Treiben mancher Seliger im Elysium (Aen. 6,642-655), wo die Helden in diesem Bezirk der Unterwelt weiterhin die sportlich-kriegerischen Übungen pflegen, die sie im Leben auf der Erde geliebt haben (es heißt in Aen. 6,643 = TC 5,2,265 immerhin contendunt ludo ). Es gibt in der Aeneis sogar ein Gleichnis vom kindlichen Spiel mit dem Kreisel (Aen. 7,378-383), aber es wird, wie grundsätzlich alle Gleichnisse Vergils, von Lucienberger nicht übernommen. Dass sich bei der Belagerung des trojanischen Camps die latinischen Wachmannschaften die Nacht mit Wein und Spiel ( ludo Aen. 9,167, vgl. auch noch Aen. 9,338) verkürzen, hat auch Lucienberger erwähnt (in TC 7,5,079, dem Schluss-Vers der Szene, als Aufforderung des Messapus, der den Befehl über die Posten führt). Ebenfalls übernommen wird von Lucienberger das Rühmen der italischen Jugend durch Numanus Remulus, für sie sei Reiten und Bogenschießen ein „Spiel“ ( ludus Aen. 9,606 = TC 7,7,061 - wir würden sagen: „Sport“), weil er in seiner TC alle originalen Reden der Aeneis grundsätzlich zitiert, vielleicht aber auch, weil der Inhalt gerade dieser Rede auch aristokratische deutsche Jugendliche ansprechen könnte. Es mag auch ein indirekter Appell zur Nachahmung an seine fürstlichen Rezipienten sein, wenn Lucienberger mehrfach in neu gedichteten Versen die Gäste an Fürstenhöfen zum Mahl, aber auch zu anderen Vergnügungen, darunter auch <?page no="49"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 49 Spielen, einlädt. Das eindrucksvollste Beispiel ist TC 2,7,234, der Schlussvers der langen Szene TC II -7, mit der Ankündigung Didos für die Aeneaden: venatu et ludis potius recreabimus horas. B 4. 2. 13 Scherze, Ich selber kann in der Aeneis Vergils Scherze gar nicht oder nur mit Mühe finden (s. zu diesem Thema näher → Kap. E 3.3, auch → Kap. C 7.2 Anm.). Ist es komisch, dass der beim Wettlauf in Aen. V zunächst führende Nisus ausgerechnet im Blut von geopferten Stieren zu Fall kommt? Soll man etwa das Ersetzen des Julus / Ascanius durch Amor / Cupido in Aen. I als eine Art Scherz auffassen? Ist die Verkleidung der Venus als eine spartanische oder thrakische Jägerin in Aen. I ein Scherz, weil sie Aeneas dazu bringt, sich seiner eigenen Mutter mit sum pius Aeneas (Aen. 1, 378) vorzustellen? Allerdings hat Lucienberger selber wenigstens eine scherzhafte Episode zusätzlich in seine Tragicocomoedia eingebaut. Sie ist mir schon beim ersten flüchtigen Durchlesen der Tragicocomoedia aufgefallen, so dass ich ihr schon vor Jahren einen kleinen Aufsatz gewidmet habe: Vergil als Jugend-Erzieher. Achates gibt Ascanius Anweisungen für anständiges Verhalten bei Hofe (Aen. 1,643 ff.), Die Alten Sprachen im Unterricht ( DAS iU) 57, 2009, Heft 4, S. 2-8 (zu Lucienbergers TC II -6 mit starken Erweiterungen gegenüber Vergil.) Vielleicht hat sich Lucienberger durch die selbstgewählte Gattungsbezeichnung „ Tragicocomoedia “ für sein Stück angeregt gefühlt, Vergils Ernst durch eine kleine burleske Szene aufzulockern. Dabei scheint eine solche Bezeichnung damals nur bedeutet zu haben, dass ein solches Drama nicht tragisch enden darf, nicht aber umgekehrt unbedingt komische Elemente enthalten muss. B 4. 2. 14 Amouren, Der generalisierende Plural kann sich nur auf das eine Liebesverhältnis zwischen Dido und Aeneas in Aen. IV beziehen. Dabei wird aber die Reaktion des abgewiesenen Freiers Jarbas auf das Verhältnis Didos mit Aeneas, von dem er in der TC nicht durch die Fama (wie bei Vergil), sondern durch einen offiziell überbrachten Brief erfährt ( TC III -4), kaum als enttäuschter amor aufzufassen sein. Auch die Beziehung Lavinia - Turnus oder gar Lavinia - Aeneas (und die Reaktionen darauf) hat nicht erkennbar etwas mit Liebe, sondern nur mit Politik (im weitesten Sinne) zu tun. B 4. 2. 15 Jagden In Aen. IV jagen Dido, Aeneas, Ascanius und ihr Gefolge in der Tat - wie es der Kontext bei Lucienberger erfordert - zur Unterhaltung (Aen. 4,157 Ascanius … gaudet equo ). In Aen. I aber geht Aeneas mit Achates auf die Jagd, um lebens- <?page no="50"?> 50 B Zu den Paratexten notwendigen Proviant (in Gestalt von 7 erlegten Hirschen) für die Besatzung der 7 trojanischen Schiffe zu beschaffen, die sich aus dem Sturm an eine unbekannte Küste (in den sog. portus Libycus ) haben retten können. Ob die Jagd des Ascanius und seiner Gefolgsleute in Aen. VII , wo der Hirsch der Silvia getötet wird ( TC VI -7) zur Unterhaltung oder zur Fleischbeschaffung stattfindet, lässt sich nicht sagen; jedenfalls hat sie tragische Folgen. B 4. 2. 16 und andere erfreuliche Betätigungen. Man könnte bei „anderen erfreulichen Betätigungen“ z. B. an das Betrachten von Kunstwerken denken, z. B. an das der Tempelbilder in Karthago in Aen. I, die Aeneas bewundert (1,456 miratur . cf. 494 f.) und die ihn mit Optimismus erfüllen, oder an das der Verzierungen auf dem neuen Schild des Aeneas in Aen. VIII (wo es im vorletzten Vers 8,730 in der Tat heißt imagine gaudet sc. Aeneas ). Als erfreuliche Betätigungen darf man auch Essen und Trinken auffassen. Das gilt nicht nur für solche Gelegenheiten, bei denen die Lebenserhaltung im Vordergrund steht (etwa nach dem Schiffbruch in Aen. I an der Küste bei Karthago; auf den Strophaden-Inseln, wo die Harpyien ein solches Mahl stören; bei dem frugalen Mahl in Aen. VII , das die Trojaner dazu zwingt, „auch die Tische mitzuverzehren“), sondern besonders für ein Gastmahl im festlichen Rahmen, wie es Dido am Ende von Aen. I den Trojanern gibt, wobei auch der Wein die Teilnehmer erfreuen soll (Aen. 1,734 adsit laetitiae Bacchus dator ). Dabei haben die Teilnehmer auch das Vergnügen, dem Sänger Iopas zuhören zu können (und später dann der langen Erzählung des Aeneas in Aen. II - III ). Der Gesang des Iopas wird bei Lucienberger sogar in einer Regiebemerkung nach TC 2,6,027 um das Mitsingen noch anderer Sänger erweitert: exhilarant convivium ). - Lucienberger hat in der TC mehrfach Gastmähler „veranstaltet“, die in der Aeneis nicht erwähnt werden, vgl. dazu → Kapitel C 5.4.3, die Rubrik „abrundende, meist positive Szenenschlüsse“ und oben zum Punkt → B 4. 2. 11 „erwünschte Freude für Geist und Körper“. Sogar am Zuschauen bei einem Reiterspiel kann man Freude haben (so in Aen. 5,575, doch nicht in der TC übernommen), auch an den Pferden des eigenen Streitwagens (so Turnus in Aen. 12,82). Freuen kann man sich auch an den eigenen Waffen (Aen. 10,827 arma quibus laetatus sc. Lausus ). Als Acestes für die in Sizilien zurückbleibenden Trojaner eine neue Stadt (Segesta) gründet, freut er sich seines (vergrößerten) Reiches (Aen. 5,757 gaudet regno ). Natürlich ist es auch eine Freude, Beute zu machen (Aen. 10,500 nunc Turnus ovat spolio gaudetque potitus - allerdings wird Turnus am Ende dieses konkreten Beutestücks nicht froh; der erbeutete Schwertgurt des Pallas wird sein Verderben sein). <?page no="51"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 51 B 4. 2. 17 Im Hinblick auf die Kriegsführung belehrt er seinen Leser so exakt, dass schon Knaben erfassen können, was für dieses Gebiet notwendig ist, nämlich: Lucienberger hat offenbar ein fürstliches jugendliches Publikum im Auge, wie die in seiner Widmung namentlich angesprochenen 12 Kaiser- und Fürstensöhne. Für gewöhnliche Leser oder Hörer allerdings sind solche strategischkriegerischen Lehren oder Einsichten, die man aus der Aeneis gewinnen könnte (vgl. dazu besonders → Kap. D 10.1), weitgehend irrelevant. B 4. 2. 18 das Anwerben von Führern, Lucienberger bezieht sich wohl auf den Katalog der 12 (+1 Camilla) Führer der italischen Koalition mit den jeweiligen Gefolgschaften in Aen. VII , ferner auf den „Etrusker-Katalog“ mit den Führern des etruskischen Heeres (das hier auf Schiffen zur Unterstützung des Aeneas zum Kampfplatz an der Tiber-Mündung befördert wird) in Aen. X. - Aber von einem „Anwerben“ der Führer italischer Völkerschaften wie z. B. der Sabiner (Clausus) oder Kampaner (Oebalus) durch Turnus (in Aen. VII ) kann bei Vergil nicht die Rede sein. Eher trifft das für das Gewinnen der Arkader-Königs Euander und seines Sohnes Pallas durch Aeneas (auf Weisung des Flussgottes Tiberinus) und auf das des etruskischen Heerbanns durch Aeneas (auf Rat Euanders) zu, beides in Aen. VIII (für die Etrusker fortgesetzt, besonders durch den Katalog ihrer Schiffe und Führer, in Aen. X). Es ist aber bezeichnend, dass Lucienberger in der TC diesen Aspekt des Anwerbens in einem seiner wenigen größeren Zusätze zur Aeneis gesteigert oder geradezu neu eingeführt hat: Der Etrusker-Katalog in Aen. X wird von Lucienberger vorbereitet und erweitert um eine Doppel-Szene, in der die Aeneaden Tarchon um Hilfe bitten und sich Tarchon mit seinen Führern über einen Anschluss seiner Truppen an Aeneas berät ( TC VIII -2 und Anfang von TC VIII -3). Außerdem könnte Lucienberger bei seinem Punkt „das Anwerben von Führern“ an den Anwerbeversuch des Diomedes durch Turnus bzw. die Latiner denken. Auch wenn die Gesandtschaft unter Venulus’ Führung erfolglos blieb, nimmt der Versuch doch sowohl in der Aeneis (8,9-17 und 11,239-295) als auch in der TC ( TC 6,8,119-130 und TC 9,3,027-081) breiten Raum ein. Auch Scheitern kann lehrreich sein. Die Konzeption, dass man Unterstützung in einem Krieg durch Anwerben von anderen Führern und damit deren Truppen gewinnt, liegt schon in der Aeneis vor; die breitere Ausgestaltung in der TC ist gewiss auch von den politisch-militärischen Verhältnissen im 16. Jh. (zumal von eingekauften Führern von Söldnertruppen) geprägt. <?page no="52"?> 52 B Zu den Paratexten B 4. 2. 19 das Sammeln eines Heeres, Einschlägig ist wieder vor allem der „Italiker-Katalog“ in Aen. VII . Es gehört aber zu den (politischen) Schwächen der Aeneis, dass Vergil nicht erkennen lässt, warum auch weit von Latium entfernt lebende italische Volksstämme den Turnus beim Kampf gegen die Aeneaden unterstützen und sich ihm unterstellen. B 4. 2. 20 die Anlage eines Lagers, Es kann sich nur um die Anlage des befestigten trojanischen Schiffslagers an der Tiber-Mündung in Aen. VII handeln, was Vergil aber in Aen. 7,159 f. eher summarisch erwähnt als schildert. Lucienberger hat diese kargen Vergil-Verse aber (am Ende von TC VI -2 oder am Anfang von TC VI -3) gar nicht berücksichtigt. B 4. 2. 21 anfeuernde Ansprachen, Das beste Beispiel bei Vergil ist in Aen. I die aufmunternde Ansprache des Aeneas an die Besatzung der an der Küste Libyens gestrandeten nur sieben (von 20) trojanischen Schiffe. Eigentliche Kampfparänesen sehe ich in der Aeneis kaum. In Betracht kommen am ehesten die Reaktion des Turnus auf die Metamorphose der trojanischen Schiffe, die er als eine Schwächung der Trojaner ausdeutet (Aen. 7,126-158) und der Appell des etruskischen Führers Tarchon an seine weichenden Truppen in Aen. 11,729-740. - Immerhin lässt Lucienberger den Aeneas bei seiner Landung mit den verbündeten Etruskern und Arkadern am Tiber, um das belagerte trojanische Lager zu entsetzen, neu zu Beginn der offenen Feldschlacht einige Anfeuerungs-Verse sprechen ( TC 8,4,030-032). B 4. 2. 22 das Aufstellen der Truppen, Das wird in der Aeneis nirgends im Einzelnen geschildert. Aber Lucienberger hat den bei Vergil auktorial gebotenen Italiker-Katalog in Aen. VII in auffälliger Weise umgeformt. Er lässt die einzelnen Führer dem Turnus als dem Oberbefehlshaber sozusagen Meldung erstatten und Turnus reagiert darauf mit anerkennenden Worten. Am Schluss dieser Szene TC VI -8 wendet er sich dann (in den von Lucienberger neu gedichteten Versen TC 6,8,116-118) an die versammelten Kämpfer und fordert sie auf, sich in Reih und Glied zu ordnen, auf ihre Anführer zu hören und Wachen aufzustellen (die in der Nacht Ausfälle aus dem belagerten trojanischen Lager verhindern sollen). Bei Vergil hat man zu Beginn des sich gleich an das Ende seines Italikers-Katalogs in Aen. VII anschließenden Buches (Aen. 8,4-8) eher den Eindruck eines tumultuarischen aus omne Latium zusammenströmenden Heeres. Die Bedeutung, die Lucienberger dieser Anweisung des Truppenführers zumisst, ist auch aus dem Argumentum zu Akt VI zu entnehmen, wo er ausführlich darauf eingeht: Quos omnes Turnus summis praeconiis excipit, consuetoque belli more eos perlustrans et inscribens, ut <?page no="53"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 53 in castris vigilanter, donec illis signum Laurentia ab arce detur, quid quove modo aggrediendum sit, contineant, diligenter mandat . Unter den Punkt Aufstellen von Truppen darf man wohl auch die detaillierten Instruktionen subsumieren, die Aeneas in von Lucienberger ebenfalls neu gedichteten Versen in TC 7,1,031-041 den im befestigten Schiffslager zurückbleibenden Trojanern macht, bevor er sich selbst auf die Fahrt zu Euander und den Arkadern begibt. Es ist bezeichnend, dass Vergil solche Strategiebefehle des Aeneas nur in einem erzählerischen Rückgriff, im Plusquamperfekt referierend, in Aen. 9,40-46 erwähnt, Lucienberger aber sie sozusagen suo tempore , vor der Abfahrt des Aeneas, einlegt. Auch in diesem Falle zeigt sich die Wichtigkeit, die Lucienberger diesen Anweisungen beigemessen hat, darin, dass er sie eigens im zugehörigen Argumentum zu Akt VII erwähnt ( postquam primum suos qua ratione sese gerere, se absente, debeant edocuerat ) und zudem im Argumentum zu Akt VIII noch einmal darauf Bezug nimmt ( Qui quum suis se moenibus, praecepto Aeneae, continerent, neque aliquo loco facerent dimicandi potestatem ). Im weiteren Sinne gehört zur Truppenaufstellung auch das Auskundschaften der Stellung des Feindes. Ein Beispiel dafür hat Lucienberger in Akt IX hinzugedichtet: Nachdem die Nachricht des Vorrückens des Aeneas’ auf die Residenzstadt die Ratsversammlung der Latiner gesprengt hat, schickt Turnus in TC 9,3,232b-236 Kundschafter aus, die ihm in TC 9,4,008-013 auch genauen Bericht erstatten. Das Wirken von exploratores überhaupt erwähnt zwar auch Vergil in Aen. 11,512. Die dialogische Ausgestaltung in mehr als 10 Versen unterstreicht aber die Wichtigkeit, die Lucienberger seiner TC in militärdidaktischer Hinsicht zugetraut zu haben scheint. B 4. 2. 23 das Einteilen von Wachen, Der Wachdienst spielt eine größere Rolle in Aen. IX im Zusammenhang mit dem nächtlichen Durchbruchsversuch des Nisus und Euryalus durch den Belagerungsring der Gegner um das trojanische Schiffslager. Bei Lucienberger hatte Turnus in einer Hinzudichtung in TC 6,8,116-118 (wie eben erwähnt) bereits für die vorausgehende Nacht einen solchen Wachdienst eigens angeordnet. Das geschieht erneut in TC 7,5,075-079 nach Aen. 9,159-167. (Allerdings übergeht Lucienberger den Aeneis-Vers Aen. 9,162, aus dem hervorgeht, dass die 14 jetzt für den Wachdienst eingeteilten Männer ihrerseits jeweils 100 Leute befehligen sollen.) <?page no="54"?> 54 B Zu den Paratexten B 4. 2. 24 schärfste Bestürmung von Städten, Gemeint ist gewiss der Entlastungsangriff des Aeneas direkt auf die Residenzstadt des Latinus („Laurentum“), der zwar in den letzten Versen von Aen. XI noch nicht zum direkten Angriff führt, wohl aber dann in Aen. 12,555-592 (und zum Selbstmord Amatas), kaum die Eroberung Trojas durch die Griechen, die nur durch List (und „Verrat“) gelang. Aber auch der Angriff des Turnus und seiner Verbündeten in Aen. IX auf das wie eine Stadt befestigte Lager der Trojaner am Tiber könnte angeführt werden. B 4. 2. 25 deren Anzünden und Zerstörung, Jeder wird bei diesem Punkt an Aen. II , auf die Stadt Troja bezogen, denken. Aber auch Aeneas greift in Aen. 12,573 (und 586) die Residenzstadt des Latinus mit Brandfackeln an. B 4. 2. 26 Vertreibung ins Exil. Das Schicksal der Vertreibung aus ihrer Heimat haben die Aeneaden (Aeneas mit seiner Gefolgschaft) in der ganzen ersten Hälfte der Aeneis (Aen. I - Anfang VII ) zu ertragen; auch die Trojaner um Helenus und Andromache in Aen. III . Mindestens im ersten Fall ist das Land, in dem die Trojaner schließlich bleiben, kein Exil (aus dem sie eines Tages in die alten Heimat Troja zurückkehren werden oder möchten - auch wenn Aeneas in Aen. 4,340-344 mit diesem Gedanken spielt 23 ), sondern die endgültige neue, verheißene und gefundene Heimat. Das kleine Reich der Ex-Trojaner in Epirus bei Buthrotum unter dem Priamus-Sohn Helenus (Aen. III ) scheint auch, als erneuertes Klein-Troja ( parva Troia 3,349 ; vobis parta quies 3,495 ), auf Dauer konzipiert zu sein. Außer den Trojanern werden aber in der Aeneis in Seitenblicken noch manche andere Migrationen erwähnt, am deutlichsten die Flucht Didos aus dem phönizischen Tyros nach Libyen. B 4. 2. 27 Auf der anderen Seite: Ein vorausgehendes „zum einen“ gibt es nicht. Die bisher genannten Punkte beziehen sich auf die neutralen oder zunehmend auf die negativen Seiten oder Folgen einer Kriegführung. Jetzt folgen zwei positive Aspekte. Diese doppelte Betrachtungsweise wiederholt sich gleich mit einer ausdrücklichen Nennung beider Seiten mit „zum einen - zum andern“. 23 Vgl. vor allem zu dieser Stelle mit dem Wunsch nach recidiva Pergama (= nova Troia) meinen Aufsatz: Si fata paterentur . Gedanken an alternatives Handeln in Vergils Aeneis. In: Candide Iudex . Beiträge zur augusteischen Dichtung. Festschrift für Walter Wimmel zum 75. Geburtstag, hrsg. von Anna Elissa Radke, Stuttgart 1998, 353-374. <?page no="55"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 55 B 4. 2. 28 Die Freude des Befreiens, Vielleicht ist dieser Punkt auf den Versuch einiger Trojaner in Aen. II zu beziehen, Cassandra im eroberten Troja aus den Händen der Griechen zu befreien. Doch ist dieser Aspekt der positiven Motivation und Wirkung eines kriegerischen Einsatzes zu Gunsten Dritter (ein Römer würde an die Rechtfertigung eines bellum iustum durch das Prinzip des pro sociis defendendis denken) in der Aeneis m. E. nicht wirklich belegt. Lucienberger scheint es aber daran gelegen zu sein, seinen fürstlichen Adressaten, auch ohne tatsächlichen Rückhalt bei Vergil, diese mögliche Frucht tatkräftigen Eingreifens für andere vor Augen zu führen. B 4. 2. 29 die Hoffnung und das göttliche Versprechen eines zweiten Reiches und Vaterlandes. Einschlägig für die Aussicht auf ein neues Reich und Vaterland (anstelle des verlorenen Troia) ist die ganze Serie von Prophezeiungen, die die neue Heimat der Trojaner in Latium, im „Abendland“ (Hesperien) am Tiber ankündigen. Dazu gehört als erstes in Aen. I die „Jupiter-Prophezeiung“ über das römische imperium sine fine . Die auf das neue Vaterland weisende Linie wird fortgesetzt mit der (chronologisch noch früheren) Weissagung Creusas in Aen. II , zum Höhepunkt geführt in Aen. VI in der ganzen, in Augustus gipfelnden „Römer-Schau“ in der Unterwelt, weiter expliziert in der Schildbeschreibung mit Szenen der künftigen römischen Geschichte bis hin zum Triumph des Augustus im J. 29 v. Chr. in Aen. VIII und abgeschlossen in Aen. XII durch den auf die nähere Zukunft, die Verbindung von Trojaner und Latinern zu Römern, gerichteten Götter-Dialog mit dem Kompromiss zwischen Jupiter und Juno. B 4. 2. 30 Zum einen Es folgen jetzt in der Mehrzahl, aber nicht ausschließlich, negative Aspekte von Krieg und Kampf, später, eingeleitet mit „Zum andern“ (B 4. 2. 37), nur zwei positive. B 4. 2. 31 Eindringen (in eine Befestigung), Dieser Punkt wird sich vielleicht weniger auf die Eroberung Trojas durch die Griechen in Aen. II beziehen, als auf das Eindringen des Turnus in das befestigte Lager der Trojaner am Tiber in Aen. IX ; vgl. oben zum Punkt „ schärfste Bestürmung von Städten“ . <?page no="56"?> 56 B Zu den Paratexten B 4. 2. 32 Schlachten, Hier wird man weniger an die Eroberung Trojas durch die Griechen in Aen. II denken als an die Serie von Schlachten und Einzelkämpfen zwischen Aeneas samt seinen Bundesgenossen (den Etruskern und den Arkadern) und der gegnerischen italischen Koalition unter Führung des latinischen Fürsten Turnus (eines Rutulers) in den „Kampfbüchern“ Aen. IX-XII. Dabei teilt Vergil (und auch Lucienberger) einzelnen hervorragenden Helden, besonders Aeneas, Turnus und Camilla, sog. „Aristien“ zu, Serien von bis zu einem Dutzend Kämpfen gegen einzelne Gegner. Vgl. dazu → Kap. D 4.1. B 4. 2. 33 unsicherer und ungewisser Ausgang von Kämpfen, Dieser Punkt ist so allgemein, dass er eigentlich auf alle Kämpfe zutrifft. Auch die Gegner der größten Helden erwarten nicht selten für sich selber den Sieg (werden aber regelmäßig enttäuscht). Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass in TC 8,4,128 (am Szenenende) in einem neugedichteten Vers die Aeneaden sich zu Siegern ausrufen (Regiebemerkung : clamantes victoriam ), obwohl nur erst Aeneas eine Aristie (mit Aen. 10,604) siegreich beendet hat und vorerst nur die Befreiung des befestigten trojanischen Lagers erreicht ist. Die Schlachten und Einzelkämpfe werden noch zwei weitere Aeneis-Bücher lang andauern. B 4. 2. 34 Kriegslisten, Das Hölzerne Pferd, also das Einschleusen von Griechen in dessen Bauch in die Stadt Troja (Aen. II ), ist wohl die berühmteste Kriegslist der ganzen Antike. In einer Episode aus dem nächtlichen Kampf in Troja (Aen. II) bedienen sich umgekehrt Trojaner der List. Eine kleine Schar von Trojanern leistet unter anfänglichem Schutz erbeuteter griechischer Ausrüstung den überraschten Griechen Widerstand. Als List ist wohl auch zu betrachten, dass Turnus in Aen. XI mit den Kriegern zu Fuß dem anrückenden Aeneas einen Hinterhalt legen will, während Camilla mit der Reiterei den Bundesgenossen der Trojaner in offener Feldschlacht entgegentreten soll. B 4. 2. 35 Töten von (Feinden) Die Aen.-Bücher IX - XII sind voll von Kämpfen zwischen den beiden Kriegsparteien der Trojaner und der Latiner samt ihren jeweiligen Bundesgenossen. Geschildert wird aber nicht der Tod anonymer Krieger, womöglich in Massen, sondern das Töten einzelner namentlich benannter Männer oder ganzer Serien von Gegnern, die von herausragenden Helden wie Aeneas, Turnus oder Camilla einzeln oder in Aristien besiegt und (das ist praktisch identisch) umgebracht werden. Auch der junge Julus / Ascanius tötet einen prahlerischen Gegner mit <?page no="57"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 57 einem Pfeilschuss (Aen. IX ), wird aber durch Apollo von weiterer Beteiligung am Kampf abgehalten. Das Freundespaar Nisus und der junge Euryalus richtet (in Aen. IX ) sogar ein Gemetzel unter den Feinden an, die sie im Schlaf überraschen und werden in singulärer Weise ob dieser ihrer Heldentat gepriesen (Aen. 9,446-449). Lucienberger will vielleicht nur auf die Realität des Tötens im Kriegszusammenhang hinweisen, die von Vergil in vielerlei Ausprägungen geschildert wird, ohne dass der Autor bei seiner Vergil-Adaption Wertungen dazu abgibt oder auch nur abgeben könnte, etwa dazu, wie der Achill-Sohn Pyrrhus den greisen König Priamus umbringt (in Aen. II ) oder dass Arruns Camilla aus dem Hinterhalt erschießt (Aen. XI ). B 4. 2. 36 und Beutemachen bei Feinden. Beutemachen in großem Stil kommt nur in Aen. II vor, bei der Brandschatzung Trojas durch die Griechen, bei der die verschonte (weibliche oder jugendliche) Bevölkerung versklavt und die Schätze geraubt werden (Aen. 2,761-767). Verhängnisvoll wirkt sich für Turnus aus, dass er dem besiegten und getöteten Pallas den Schwertgurt abnimmt und als Beutestück selber trägt (Aen. X). Noch deutlicher wird Camilla ein Opfer ihrer Beutelust, als sie ohne jegliche Vorsicht den reichgewandeten Chloreus verfolgt und so dem im Hinterhalt lauernden Arruns ein leichtes Ziel bietet (Aen. XI ). In angemessener Weise verwendet Aeneas die Kriegsbeute, die er durch das Töten des (vertriebenen) etruskischen Königs Mezentius macht: er errichtet aus dessen Waffen ein Tropaeum, ein Siegesmal, das Mars geweiht ist (Aen. XI ; vgl. dazu → Kap. D 6.3.3). (In späterer Zeit weihte ein römischer Feldherr, der persönlich den feindlichen Führer besiegt hatte, die sog. spolia opima im Tempel des Jupiter Feretrius in Rom; vgl. dazu → Kap. D 6.3, besonders → Kap. D 6.3.2.) Ein lehrreiches Beispiel dafür, wie man nicht Beute machen soll, nämlich sich in einem Maße mit Beute zu beladen, dass man selbst leicht dem Feind „zur Beute fallen“ kann, bietet das nächtliche Wüten des Nisus und Euryalus im Lager der belagernden Latiner. Euryalus kann nicht aufhören mit dem Beutemachen, Nisus warnt. Lucienberger hat die Episode ausgeschmückt. Diese Partie ist eine der ganz wenigen, bei denen Lucienberger sich selber als Schöpfer von Gleichnissen oder Fabeln betätigt (TC 7,6,125 f.), was natürlich warnend die „Moral der Geschichte“ unterstreichen soll. B 4. 2. 37 Zum andern Jetzt folgen positive Seiten einer Beteiligung am Kriegsgeschehen. <?page no="58"?> 58 B Zu den Paratexten B 4. 2. 38 Siege und Triumphe, Aeneas besiegt in der Aeneis mehrere Feinde einzeln und tötet sie meist. (Die eine Ausnahme, bei der er besiegte Feinde verschont, wirkt sogar noch barbarischer: er will sie als Menschenopfer den Göttern darbringen lassen: Aen. 10,517-520. Einen endgültiger „Sieg“ erringt er nicht in offener Feldschlacht, sondern in dem stattdessen vereinbarten Entscheidungsduell mit Turnus. Aeneas besiegt Turnus. Die Aeneis Vergils schließt aber nicht „triumphal“ für Aeneas, sondern in den letzten Versen Aen. 12,951 f. mit dem Blick auf den Todesseufzer des Turnus. Was Aeneas mit dem Leichnam des Turnus tun wird (um dessen Überführung in seine Heimatstadt Ardea und zu seinem Vater Daunus Turnus im Angesicht seines Todes gebeten hat), ob er z. B. aus dessen erbeuteter Rüstung - wie in Aen. XI aus der des von ihm besiegten und getöteten Etruskerkönigs Mezentius - ein Siegesmal ( tropaeum ) errichten wird, bleibt offen. Ob und wie Aeneas seinen Sieg gefeiert hat und von einer Hochzeit mit Lavinia erzählt Vergil nicht mehr. Lucienberger aber lässt in seiner ganz neugeschaffenen Schlusszene TC X-9 Aeneas von dem führenden Trojaner Cloanthus reliquorum nomine ausdrücklich zum Sieger proklamieren; die Hochzeit Lavinias mit Aeneas wird vollzogen; Aeneas ist als Triumphator stilisiert (vgl. dazu → Kap. D 6.3). Siege in einzelnen oder gar seriellen Zweikämpfen erringen auch mehrere andere Helden in der Aeneis (so vor allem Turnus, Mezentius, Pallas und Camilla). B 4. 2. 39 Errichten von Siegesmalen. Ein Siegesmal errichtet Aeneas, nachdem er den griechischen Herrschaftsbereich „erfolgreich“ hinter sich gebracht und Aktium erreicht hat; das Siegesmal, ein griechischer Schild, ist mit der Inschrift (Aen. 3,288 = TC 1,5,109) AENEAS HAEC DE DANAIS VICTORIBUS ARMA geschmückt. Ein weiteres Siegesmal stellt das Tropaeum dar, das Aeneas zu Beginn von Aen. XI aus der Rüstung (und dem Leichnam? ) des besiegten großen Gegners Mezentius errichtet. Von der eventuellen Errichtung eines Siegesmales nach dem entscheidenden Sieg des Aeneas im Duell mit Turnus erzählt Vergil nichts mehr; auch Lucienberger hat in seiner hinzugedichteten Schluss-Szene TC X-9 eine andere Form der triumphalen Beendigung seines Dramas erfunden (s. eben zu → Kap. B 4. 2. 38). <?page no="59"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 59 Außerdem: B 4. 2. 40 Unterhaltungen von Göttern, Warum Lucienberger diesen Aspekt, dass Götter zu Göttern sprechen, als instruktiv für seine (christlichen) Leser hervorhebt, ist seltsam: Wichtiger wäre doch eher (und allenfalls), wenn Götter zu Menschen sprechen. Unter den etwa 40 Szenen, in denen in der Aeneis Götter redend auftreten (und die dann von Lucienberger auch mit wörtlichem Zitat übernommen sind) spielen mehr als die Hälfte nur unter Göttern. Für sich steht die Götterversammlung in TC VIII-1, wo gleich drei Götter sprechen: Jupiter, Venus und Juno. Sonst handelt es sich immer um Dialoge (vgl. dazu die etwas anders angeordnete tabellarische Zusammenstellung in → Kap. D 12.4.4), nämlich zwischen Iuppiter und Venus in TC I-3 (in der Aen.: Cybele), TC II 2 (auch in TC VIII -1); Iuppiter und Iuno (auch in TC VIII -1) in TC VIII -5, TC X-7; Iuppiter und Mercurius in TC III -4 (auch in TC II -2); Iuno und Aeolus in TC II -1; Iuno und Venus in TC III-2 (auch in TC VIII-1); Iuno und Iris in TC IV-4; TC VII-5 (und einseitig Iris zu Iuno in TC 7,7,114 f.); Iuno (so in der TC , in der Aen. aber Diana) und Opis in TC IX -5; Iuno und Iuturna in TC X-2; Iuno und Allecto in TC VI -4 (und Allecto einseitig zu Iuno in TC VI -7); Venus und Cupido in TC II -5; Venus und Neptunus in TC IV -6; Venus und Vulcanus in TC VII -3. Einseitig wendet sich ferner in TC II -1 Neptunus an die Winde Zephyrus und Eurus, und eine Art Selbstgespräch führt Hercules in TC 8,4,085-090. In den Periochae und Argumenta ist nur eine Auswahl dieser Unterhaltungen von Göttern erwähnt. B 4. 2. 41 Zwietracht sowohl unter Göttern Zwietracht herrscht in der Aeneis schon von Anfang an zwischen Juno und Venus. Dieser Aspekt wird von Lucienberger besonders in der Periocha zu Akt II betont. Direkt zutage tritt sie vor allem in der Götterversammlung in Aen. X. B 4. 2. 42 wie unter Menschen. Jeder Krieg, und damit auch der zwischen Latinern und Trojanern, kann als Form von Zwietracht unter menschlichen Kollektiven aufgefasst werden. Entzweiung besteht zwischen den Etruskern und ihrem bisherigen König Mezentius (den sie vertreiben); Entfremdung zwischen den Latinern und ihrem für Aeneas eintretenden König Latinus (der sich daraufhin in die Isolation zurück- <?page no="60"?> 60 B Zu den Paratexten zieht). Von Zwietracht zwischen einzelnen Personen kann man im Hinblick auf Drances / Turnus (in Aen. XI) und vor allem Königin Amata / Latinus (in Aen. VII und XII ) sprechen. B 4. 2. 43 Träume, Hektor erscheint Aeneas in TC I-2 (Aen. II ), die Penaten erscheinen Aeneas in TC I-5 (Aen. III ); auch der tote Anchises erscheint ihm (Aen. V); Dido hat Angstträume (mehrfach in Aen. IV ). B 4. 2. 44 Stimmen in der Luft, Das bezieht sich wohl nur auf die vox in aere (sc. Genetricis deorum ) in TC 7, 5,037-040 (Aen. IX ). B 4. 2. 45 vieldeutige Antworten von Sehern. Orakelsprüche oder prophetische Aussagen göttlicher Instanzen pflegen vage oder eben vieldeutig zu sein. Das gilt für die Weisung Apolls im Orakel von Delos antiquam exquirite matrem (Aen. III ), für die Ankündigung des sog. „Tisch-Prodigiums“ durch die Harpyien (Aen. III), die Aeneaden würden erst am Ziel ihrer Irrfahrten sein, wenn sie „auch die Tische verzehren“ würden. Auch die Bedingung des Gottes Faunus (Aen. VII ), für seine Enkelin Lavinia komme nur ein externus als Gatte in Frage, ist vieldeutig. (Ein ähnliches Orakel hatten die Etrusker für die Nachfolge ihres vertriebenen Königs Mezentius erhalten, Aen. VIII .) B 4. 2. 46 Versammlungen von Fürsten und Vornehmen des Reiches In der Aeneis gibt es nur eine solche Ratsversammlung, bei den Latinern in Aen. XI , in der es, mit Latinus, Drances und Turnus als Kontrahenten, um die Weiterführung des Kampfes gegen die Trojaner geht. Deren lange direkte Reden sind, wie immer, von Lucienberger übernommen worden. Neu aber hat er eine Doppelszene erfunden ( TC VIII -2 nebst TC VIII -3), in der Tarchon, (bei Lucienberger nach Vertreibung des Mezentius jetzt) der König der Etrusker, mit seinen Vornehmen berät, ob sie sich mit Aeneas gegen Turnus und seine italische Koalition verbünden sollen. B 4. 2. 47 und Beratungen darin, Erörterung der Vorschläge, Das trifft sowohl für die Beratungen der Latiner wie (jedenfalls bei Lucienberger) der Etrusker zu; siehe den vorigen Punkt (→ B 4. 2. 46). Man könnte zusätzlich auch an die Beratung der führenden Trojaner, darunter Ascanius, im Lager in Abwesenheit des Aeneas in Aen. IX denken, als Nisus und Euryalus <?page no="61"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 61 anbieten, den Belagerungsring der Feinde zu durchbrechen und Aeneas über die bedrängte Lage zu informieren. B 4. 2. 48 Aussenden von Sprechern und Gesandten, Aeneas schickt eine Gesandtschaft mit Ilioneus als Sprecher an König Latinus (Aen. VII ), Turnus entsendet Venulus an König Diomedes (Aen. XI ), Drances kommt als Führer einer Gesandtschaft der Latiner zu Aeneas, um einen Waffenstillstand zu erreichen (Aen. XI ). B 4. 2. 49 Gesuche von geretteten conductores, Was Lucienberger mit dem Ausdruck salvorum conductorum et induciarum petitiones meint, ist mir nicht klar und darum noch weniger, wo in der Aeneis er Beispiele für salvi conductores und deren petitiones beobachtet haben will. Als conductor bezeichnet man vor allem jemanden, der einen Vertrag abschließt, z. B. einen Pächter oder einen Mieter. Störend ist zudem, dass salvorum conductorum bei petitiones kaum anders denn als Genetivus subiectivus verstanden werden kann, induciarum aber sicher als Genetivus obiectivus. Die Begriffe conductor und petitio kommen im Text der TC nicht vor. 24 B 4. 2. 50 Gesuche um Waffenstillstand, Dafür gibt es in der Aeneis nur ein Beispiel: Drances an Aeneas in Aen. XI . B 4. 2. 51 emotionale und verzweifelte Reden von Liebenden, Lucienberger wird, trotz des Plurals, nur an Dido in Aen. IV denken. Amata ist in Aen. XII zwar auch vor ihrem Selbstmord verzweifelt, aber nicht unbedingt als (den Turnus) Liebende aufzufassen. B 4. 2. 52 Selbstmord durch Erhängen, Das geht offenkundig allein auf Königin Amata (Aen. XII ). 24 Am ehesten möchte ich wegen der Koppelung mit induciarum petitiones (das sich zweifellos auf den von der latinischen Gesandtschaft unter Führung des Drances in Aen. 11,100-131 ≈ TC 9,2,001-033 erbetenen Waffenstillstand zur Bestattung der Gefallenen bezieht) glauben, dass Lucienberger die Bitte an Aeneas in Aen. 11,105 parceret hospitibus quondam socerisque vocatis (von Lucienberger aus der indirekten Rede bei Vergil in TC 9,2,006 in eine direkte Rede des Drances umformuliert) fälschlich auf gefangen genommene, noch lebende Latiner bezogen hat. (Dann wäre salvorum conductorum ebenfalls ein Genetivus obiectivus, womöglich im Sinne von „Offizieren“.) Zu einer solchen Auffassung konnte auch beitragen, dass Aeneas in seiner Antwort auf die Bitten der latinischen Gesandtschaft in der Tat in Aen 11,111 = TC 9,2,010 sagt equidem et vivis concedere vellem - allerdings im Irrealis. <?page no="62"?> 62 B Zu den Paratexten B 4. 2. 53 Gastmähler, Dieser Punkt ist bereits oben unter dem Stichwort „ andere erfreuliche Betätigungen “ (→ B 4. 2. 16) erörtert worden. B 4. 2. 54 Hochzeiten In der Aeneis ist für den Fall von Aeneas’ Sieg über Turnus vereinbart worden (in Aen. XII ), dass Aeneas dann Lavinia heiratet (wie es Latinus von Anfang an angestrebt und angeboten hatte). In der hinzugedichteten Schluss-Szene der TC X-9 wird diese Hochzeit tatsächlich gefeiert. B 4. 2. 55 und so weiter. Abbruchsformel, die zu den Schlussbetrachtungen überleitet. B 4. 2. 56 Und damit nichts einem berühmten, vornehmen, gebildeten, weisen, erfahrenen und erprobten Fürsten verborgen bleibe, wird Aeneas in die Unterwelt und in die tiefsten Winkel der Welt geführt, In Aen. VI sieht Aeneas bei seinem Besuch der Unterwelt unter Führung der Sibylle sowohl eine Art Hölle als auch eine Art Paradies (das Elysium). B 4. 2. 57 damit er endlich zu einem lobenswerten Fürsten werde, der eine hinreichende Kenntnis sowohl der göttlichen wie der menschlichen Dinge erworben und alle Wechselfälle des Lebens am eigenen Leib durchgemacht hat. Am wenigsten ausgeprägt ist in der langen Liste Lucienbergers der Gesichtspunkt der „göttlichen Dinge“. Abgesehen von dem in eigenartiger Weise angeblich nützlichem Wissen um den Inhalt von Unterhaltungen unter Göttern (→ Kap. B 4. 2. 40) ist von der (vorbildlichen? ) Beziehung des Aeneas zu den Göttern, etwa wie sie durch seine beständigen Opfer zum Ausdruck kommt, nie die Rede. Vgl. dazu das → Kap. B 4.4 über fehlende Aspekte in der Würdigung der Aeneis durch Lucienberger. B 4. 2. 58 Wer nämlich die Sitten und die Städte vieler Völker gesehen, die Geschichte der ganzen Welt gelesen und die Beispiele für Tatkraft beobachtet und sich gemerkt hat, dem steht weiß Gott der Eingang zur Weisheit weit offen.“ Diese abschließende Bemerkung Lucienbergers bezieht sich, wie alle seine Ausführungen (einschließlich der unmittelbar (in → Kap. B 4. 2. 57) vorausgehenden über die „hinreichende Kenntnis sowohl der göttlichen wie der menschlichen Dinge“) auf das Wissen, das man - oder besser: die angesprochenen jungen <?page no="63"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 63 Adeligen, die sich zu „lobenswerten Fürsten“ entwickeln sollen - durch die Lektüre der Aeneis erwerben kann. Von den drei genannten Hauptgebieten sind das erste (Kenntnis von den Sitten und den Städten vieler Menschen) und vor allem das dritte (Beispiele für Tatkraft) einleuchtend: Vor allem über die Trojaner und die Latiner (und weitere italische Völkerschaften) erfährt man viel in der Aeneis; in diesem Heldenepos treten neben Aeneas noch hinreichend viele tatkräftige Männer unterschiedlichen Charakters auf. Aber dass in der Aeneis „die Geschichte der ganzen Welt“ zu lesen sei, ist doch gegenüber Lesern des 16. Jahrhunderts nach Christus eine starke Übertreibung. Lucienberger hätte vielleicht behaupten können, die Aeneis biete eine Typologie des politisch handelnden Menschen generell. Aber bei einer solchen Interpretation wären gerade die beiden „Prophetien“ über die großen Männer und Ereignisse in Gestalt der „Heldenschau“ in Aen. VI und der Schildbeschreibung in Aen. VIII , die sich allein auf konkrete Details der römischen Geschichte beziehen, eher störend. In der Tat hat Lucienberger die ganze Schildbeschreibung Vergils (und ihren Kontext in Aen. 8,617-731) übergangen (am Ende von TC VII -4; vgl. dazu besonders → Kap. D 4.3). B 4.3 Vergleich der Würdigung der Aeneis durch Lucienberger und durch Macrobius Gerade die emphatischen Schlusssätze der Würdigung der Aeneis durch Lucienberger legen einen Vergleich mit dem bisherigen Höhepunkt der Vergil-Verehrung nahe, der mit den um 400 n. Chr. verfassten Saturnalia des Macrobius erreicht ist. Vergil als Lehrer auf allen vorstellbaren Gebieten - das ist die bei beiden Autoren zugrundeliegende Konzeption. Aber es gibt gravierende Unterschiede. Bei Macrobius (einschlägig ist vor allem Sat. 1,24) sind es weithin andere Gebiete als die von Lucienberger genannten, die Vergil studiert habe 25 und auf denen er Meisterschaft beweise. 26 Dazu gehört zunächst einmal seine Beherrschung der Rhetorik (Sat. 1,24,8 f.), nicht nur der Dichtkunst allein. Dann wird generell seine copia rerum (Sat. 1,24,12) gerühmt, die allerdings engstirnigen 25 In diesem Kontext wird von Macrobius Sat. 1,24,10 f. ein Selbstzeugnis Vergils ( de operis sui muliplici doctrina ) zitiert, aus einem Antwortbrief an Augustus, der sich offensichtlich nach dem Stand der Arbeiten Vergils an der Aeneis erkundigt hatte (bezeugt in VSD § 31). De Aenea quidem meo … tanta incohata res est, ut paene vitio mentis tantum opus ingressus mihi videar, cum praesertim, ut scis, alia quoque studia ad id opus multoque potiora impertiar. 26 Ich zitiere im Folgenden aus der deutschen Übersetzung von Macrobius, Tischgespräche am Saturnalienfest, durch Otto und Eva Schönberger, Würzburg 2008. <?page no="64"?> 64 B Zu den Paratexten Philologen, die nicht ultra verborum explanationem hinauszuschauen vermögen, entgeht. Der Wortführer Symmachus distanziert sich von einer nur-philologischen Interpretation der Aeneis mit folgenden hochpathetischen Worten: „Wir jedoch, für die (jene) plumpe Gelehrsamkeit unpassend ist, wollen nicht zulassen, dass die Mysterien des heiligen Gedichtes versiegelt bleiben. Wir wollen den Zugang zum geheimen Sinn auffinden und das erschlossene Heiligtum der Verehrung der Gelehrten übergeben“ (Sat. 1,24,13). Dann fordert er die anderen Mitglieder des Gastmahls dazu auf, Spezialreferate über Wissensgebiete zu übernehmen, die verschlüsselt in der Aeneis behandelt sind. Das sind Rhetorik (Referenten dafür: Symmachus selber und Eusebius - Sat. IV über das Erzeugen von Pathos), Priester-Recht (Vettius - Sat. III 1-9), Auguralrecht (Flavianus - nicht erhalten), Kenntnis und Benutzung griechischer Autoren (Eustathius - Sat. V), Astrologie und Philosophie (Eustathius - nicht erhalten), Kenntnis und Benutzung älterer lateinischer Dichter (Furius Albinus - Sat. VI 1-3) und Prosaiker (Caecina Albinus - Sat. VI 4-5). Zwei der sieben (lückenhaft überlieferten) Bücher der Saturnalia (Sat. V und VI ) sind also Vergil als dem Meister der Intertextualität gewidmet, ein weiteres (Sat. IV ) ebenfalls im engeren Sinne literarischen Fragen. Zwei der Spezialvorträge rühmen Vergils Kenntnis auf rituellem und religiösem Gebiet. Der Vortrag über „Vergil als Philosoph“, als im tieferen Sinne Weiser, ist leider nicht überliefert. Kein Wort bei Macrobius dagegen über Vergils militärische Kenntnisse, die doch bei Lucienberger (in → Kap. B 4. 2. 17-26) im Vordergrund stehen. Der wichtigste Unterschied zwischen Vergils Einschätzung bei Lucienberger und Macrobius liegt aber darin, dass Lucienberger die Aeneis gerade für die Bildung von Jugendlichen, insbesondere jungen Aristokraten, für nützlich hält, Macrobius aber fast das Gegenteil behauptet, nämlich dass sich die Weisheit Vergils erst reifen Menschen erschließe. Er lässt nämlich in Sat. 1,24,5 seinen Sprecher Symmachus den Euangelus (der als Vergil-Kritiker auftritt) fragen: „Hältst du die Werke dieses Dichters nur zur Knabenerziehung geeignet, oder gibst du zu, dass sie noch mehr und Anspruchsvolleres als Schulwissen enthalten? Du scheint mir ja die Verse Vergils immer noch so aufzufassen, wie wir sie als Knaben nachbeteten, wenn unsere Lehrer sie vorlasen.“ Euangelus bestreitet, dass er Vergil noch immer auf Schulniveau lese, sieht aber ein höheres Niveau darin, dass er jetzt auch oder gerade die Fehler und Mängel Vergils erkenne. Wenn die Teilnehmer an den Saturnalien-Gesprächen bei Macrobius die Äußerungen Lucienbergers über den Wert der Aeneis für junge Menschen zu beurteilen hätten, würde Symmachus vielleicht sagen „Auf diesem einfachen Niveau mag Vergil auch für junge Menschen nützlich sein, aber das ist nicht das Wahre und schon gar nicht das einzig Wahre“. Euangelus würde mäkeln: „Selbst auf diesem einfachen Niveau macht Vergil Fehler.“ <?page no="65"?> B 4 Die Epistola dedicatoria, das Vorwort Lucienbergers 65 B 4.4 Fehlende Aspekte in der Würdigung der Aeneis durch Lucienberger in der Epistola dedicatoria Angesichts dieses großen Katalogs von Aktivitäten aus vielen Bereichen des Lebens (und Sterbens), denen laut Lucienberger ein Leser in der Aeneis begegnet, kann und sollte sich ein distanzierter Betrachter fragen, welche Aspekte des Epos Lucienberger denn nicht erwähnt, obwohl sie (jedenfalls aus heutiger Sicht) für ein Idealpublikum aus Fürstensöhnen lehrreich sein könnten, sei es neutral als Anschauungsmaterial für die „Fülle des Lebens“, sei es als Vorbild, sei es als ein nicht nachzuahmendes Beispiel. Das ist in meinen Augen etwa die M ä ß i g u n g des Aeneas nach seinem Sieg im Entscheidungsduell mit Turnus. Dass mit dem Ende dieses Zweikampfs auch der Krieg zwischen den Trojanern und den Latinern beendet wird und dass der Sieger die latinische Königstochter Lavinia wird heiraten dürfen, ist nur erst die Grundlage für alles weitere. Im Vertrag des Aeneas mit König Latinus über die Folgen von Sieg oder Niederlage (in Aen. XII ) schwört Aeneas vorweg, dass er auch im Falle seines Sieges über Turnus nicht für sich die Oberherrschaft in Latium und für die Trojaner die Rolle des Herrschervolkes beanspruchen wird. Latinus, sein Schwiegervater, werde in Krieg und Frieden die höchste Macht innehaben; die Trojaner würden ihm selber eine neue Stadt erbauen (Latinus also die alte Residenzstadt behalten); Trojaner und Latiner würden gleichberechtigt sein und zusammen ein neues Volk, die Römer, bilden. - Das sind überraschend zurückhaltende Töne für einen (künftigen) Sieger. Eine solche Mäßigung im Sieg wäre für einen „Fürstenspiegel“ ein durchaus erwähnenswerter Punkt. Ferner ist auffällig, dass Lucienberger bei seinem Anpreisen der Aeneis als einer Schrift, die nicht nur neutral Anschauung für Verhaltensweisen und Vorgänge, sondern sogar positive Vorbilder fast im Sinne eines Fürstenspiegels vermittelt, einen wichtige Aspekt der Aeneis ganz ausklammert: die R e li g i o n , speziell die Religiosität des Titelhelden und damit auch die für Aeneas charakteristische Eigenschaft der pietas . (Dabei beschränkt sich die pietas des Aeneas nicht nur auf sein Verhältnis zu den Göttern, sondern prägt auch seine sozialen Beziehungen zu Menschen, wie die zu seinem Vater Anchises, für die er sich verantwortlich fühlt.) Mit keinem Wort stimmt Lucienberger hier im Vorwort zu seiner dramatischen Aeneis-Adaption seine Leser darauf ein, dass er hier immer wieder schon rein äußerlich auf kultische Begehungen aller Art, besonders Opfer und Gebete, treffen wird, vor allem aber auf einen Haupthelden, der stets dem Willen und den Weisungen der Götter zu folgen bereit ist. Seine eigentlich Aufgabe besteht ja, laut der Erklärung des Autors Vergil im Proömium (Aen. 1,6) inferretque deos Latio , laut dem Auftrag durch den größten, jetzt toten Verteidiger Trojas, Hektor, (Aen. 2,293f .) sacra suosque tibi commendat Troia penates … <?page no="66"?> 66 B Zu den Paratexten his moenia quaere . Die Bilder der trojanischen Hausgötter werden dann gleich danach dem Aeneas durch ihren bisherigen Priester Panthus übergeben. Am Schluss des Epos bekräftigt Jupiter gegenüber Juno im Hinblick auf die gemeinsame Zukunft der Trojaner mit den Latinern: morem ritusque sacrorum / adiciam (womit nach dem Kontext „der Trojaner“ gemeint ist). Damit bestätigt er die translatio religionis (konkret des Kults der Penaten) von Troja nach Latium. 27 Sowohl im Hinblick auf die originale Aeneis wie auf das von Lucienberger mit seiner TC vornehmlich intendierte jugendliche fürstliche Publikum wundert es mich, dass E m p f a n g s s z e n e n o d e r h ö f i s c h e E i n l a d u n g e n nicht weiter ausgeführt werden. Man sollte doch erwarten, dass auch das Auftreten eines regierenden Fürsten gegenüber Fremden, seien diese nun Gesandte oder einzelne vornehme Gäste, für dieses Publikum interessant sein sollte. Dabei gibt es im Epos sehr wohl zwei solcher breit entfalteter Szenen. Aeneas ist kein regierender Fürst und deshalb nicht in der Position, als Gastgeber aufzutreten. Aber die Königin Dido (in Aen. I) und der König Latinus (in Aen. VII ) sind der Mittelpunkt zweier großer Empfangsszenen in der Aeneis; beide werden von Lucienberger recht stiefmütterlich (in TC II -6 bzw. TC VI -3) behandelt (wenn auch, wie stets, alle wörtlichen Reden der Aeneis wiederholt werden). Immerhin hat Lucienberger mehrfach, über Vergil hinausgehend, fremde Könige ausdrückliche Einladungen zum Gastmahl an die Trojaner aussprechen lassen, vgl. die Liste in → Kap. C 5.4.3. Was man vielleicht in einer Schrift, die nach der Intention des Verfassers jugendliche Fürstensöhne bilden kann und soll, erwarten könnte, wäre ein angemessener U m g a n g m i t d e m w e i b li c h e n G e s c h l e c h t , speziell bei einer ersten Begegnung. Davon ist aber in der Epistola dedicatoria mit keinem Wort die Rede. Mit Recht, denn in dieser Hinsicht bietet die Handlung der Aeneis keine Vorbilder an : Das Liebesverhältnis zwischen Aeneas und Dido wird schon im Epos selber problematisiert; seine Frau Creusa vermag Aeneas nicht aus Troja zu retten; Aeneas erwägt, Helena zu erschlagen; über das Verschwinden seiner göttlichen Mutter Venus beklagt er sich; allein die Begegnung des Aeneas mit der jetzt mit Helenus verheirateten Andromache könnte man als unproblematisch bezeichnen. Seiner ihm vom Schicksal zugesprochenen zweiten Gemahlin Lavinia begegnet Aeneas im Epos nicht persönlich. Lucienberger hat auch nicht versucht, die Aeneis in dieser Hinsicht zu ergänzen. Immerhin lässt er seine TC in der hinzugedichteten Schluss-Szene der TC , in TC X-9, mit der Hochzeit des Aeneas mit Lavinia enden und dabei Aeneas bei dieser seiner ersten Begegnung mit seiner Braut Worte sagen, die einem Bräutigam wohl 27 Über diesen Aspekt habe ich näher gehandelt in meinem Aufsatz: Der Aeneas Vergils - Mann zwischen Vergangenheit und Zukunft, Gymnasium 100, 1993, 419-447. <?page no="67"?> B 5 Das Personenverzeichnis der TC(Catalogus habitationum et personarum) 67 anstehen : Salve etiam perquam dulcis Lavinia sponsa, / … cui me meaque omnia dudum / devovi et quacum cupio producere vitam ( TC 10,9,014-017.) B 5 Das Personenverzeichnis der TC (Catalogus habitationum et personarum) B 5.1 Die Einteilung des Personen-Verzeichnisses der TC Auf die Epistola dedicatoria (Scan 8-12) folgt in der Buchausgabe von 1576 noch eine weitere Reihe von Paratexten, die der eigentlichen Ausgabe der TC vorangestellt sind. Der erste ist auf Scan 13-17 ein Rollenverzeichnis für die TC , der Catalogus habitationum et personarum. Es ist in eigenwilliger Weise gegliedert, nämlich nach 14 (unnummerierten) Habitationes. (Diesen Begriff mit „Wohnstätten“ wiederzugeben, wäre eine zu enge Auffassung.) Gemeint sind damit weniger die Schauplätze des Geschehens (denn dann hätten z. B. die Stationen der Irrfahrten oder die Schlachtfelder berücksichtigt werden müssen) oder gar nur Gebäude (nur relativ wenige der 67 Szenen spielen in solchen). Das Einteilungskriterium ist vielmehr die Zugehörigkeit der Personen zu einer Hauptperson oder zu einer bestimmten Gruppe oder Völkerschaft. Man könnte z. B. (ungezählte Nr. 4) die Habitatio regis Priami et Troianorum ante destructionem Troiae als „Umkreis des Königs Priamus und der Trojaner vor der Zerstörung Trojas“ verstehen. Nirgends (allenfalls bei der Nr. 10 Habitatio Didonis ) könnte man Habitatio mit „Hof “ wiedergeben. Lucienberger hat 14 solcher Personen-Gruppen gebildet. (Ich lasse immer Habitatio weg und forme den davon abhängigen Genetiv in den Nominativ um.) Die Nummerierung stammt von mir: 1. coelestes (Götter, Nymphen eingeschlossen) 16 Nennungen (darunter u. a. Somnus deus , Hercules, Opis, Juturna und als letzte die aus einem trojanischen Schiff in eine Meernymphe verwandelte Cymodocea) <?page no="68"?> 68 B Zu den Paratexten 2. beati in campo Elysio (Selige im Elysium) 6 Nennungen ( Vox in somnis , Hector in somnis, Sibylla vates , Deiphobe vates , Deiphobus, Musaeus cum aliis mutis personis ) 3. inferni (unterweltliche Wesen) 4 Nennungen (die Harpyie Celaeno, Polyphem, Charon, Allecto) 4. rex Priamus et Troiani ante destructionem Troiae (König Priamus und Trojaner vor der Zerstörung Trojas) 12 Personen 5. Aeneas eiusque proceres (Aeneas und die Vornehmen in seiner Gefolgschaft) 32 Personen 6. Graeci (Griechen) 9 Personen (u. a. Achaemenides, cum multis aliis armatis et mutis personis ) 7. Anius (König von Delos) 2 Nennungen (nämlich außer diesem König von Delos cum aliquot mutis personis auch noch Polydorus sepultus in Thracia ) 8. Helenus (Seher, König in Buthrotum) 3 Nennungen (Helenus, Andromache, Chaonius et aliquot mutae personae ) 9. Acestes (König in Sizilien) 2 Nennungen (nämlich außer Acestes noch Entellus cum aliquot mutis personis ) 10. Dido (Königin von Karthago) 10 Personen (darunter Actaeon venator, cum aliis venatoribus ) <?page no="69"?> B 5 Das Personenverzeichnis der TC(Catalogus habitationum et personarum) 69 11. Euander (König der Arkader) 5 (Euander, Pallas, Acetes, Orodes, Salii sacerdotes Herculis et personae aliquot mutae ) 12. Iarbas (König der Gätuler) nur diese 1 Person cum aliquot mutis personis 13. Tarcho (König der Etrusker) 11 Personen (darunter auch Aruns) 14. Latinus (König der Latiner) 36 Personen (darunter Camilla mit dem Zusatz omnes Duces , die aber zuvor sehr wohl genannt sind; am Schluss sind Galesus, Rustici; Exploratores aufgeführt) 15. dann folgt noch eine mit Praeterea eingeleitete Sondergruppe von 5 Personen, die ich noch näher in → Kap. B 5.3 betrachten werde. Insgesamt ergibt diese Liste die riesige Zahl von 149 + 5 individuellen Sprechern, nicht gerechnet die mehrfach erwähnten, ungezählten mutae personae, unter denen man meist Kollektive wie Angehörige eines bestimmten Volkes zu verstehen hat. Man kann zwei Arten von Gruppenbildungen feststellen: (A) die außerirdischen Bereiche der (1.) Götter (einschließlich der Nymphen), (2.) des Elysiums und (3.) der Unterwelt; und (B) die Zugehörigkeit zu einem König oder einer Führungsgestalt: (4. Priamus, 5. Aeneas, 7. Anius, 8. Helenus, 9. Acestes, 10. Dido, 11. Euander, 12. Iarbas. 13. Tarchon, 14. Latinus) mit ihren Völkern oder Gefolgschaften (die aber nur bei Nr. 5 mit Troiani ausdrücklich genannt sind, während andere Kollektivbegriffe wie Arcades bei Nr. 11, Etrusci bei Nr. 12 oder Latini bei Nr. 14 fehlen); eine solche Figur fehlt allerdings für Nr. 6 Graeci . Hinzu kommt am Schluss noch eine heterogene Sondergruppe (C) von 5 Sprecher- Rollen. Diese Gruppierung ist zwar eigenwillig, aber diese Anordnung ist immerhin konsequent und (fast) lückenlos durchgeführt. Ich habe nur wenige Auffälligkeiten oder gar Fehler bemerkt. <?page no="70"?> 70 B Zu den Paratexten B 5.2 Auffälligkeiten im Personenverzeichnis der TC Dieses Personenverzeichnis bringt einige Auffälligkeiten, die allerdings von geringem Belang sind: Es macht Sinn, dass in der (2.) Habitatio beatorum in campo Elysio nicht nur Deiphobus und Musaeus angesiedelt sind, sondern auch Hector in somnis . Weniger einleuchtend ist, dass hier auch die Vox in somnis eingegliedert ist, denn die gehört den Penates , den trojanischen Hausgöttern (also in die 1. Habitatio caelestium ). Auch die hier getrennt aufgeführten Prophetinnen Sibylla vates und Deiphobe vates (die bei Vergil aber Bezeichnungen ein und derselben Person sind, was Lucienberger offenbar nicht durchschaut hat) sind hier nicht recht am Platze. Umgekehrt hätte hier auch Anchises genannt werden können, aber eine solche Doppelnennung eines Toten, der auch als Lebender spricht, vermeidet Lucienberger auch für Palinurus ; beide, Anchises und Palinurus , figurieren (nur) in der (5.) Habitatio Aeneae . - In der (3.) Habitatio infernorum sind mit Recht Charon und Allecto angesiedelt, mit weniger Recht aber auch Monstren wie die Harpyie Celaeno und der Kyklop Polyphemus . - In der (5.) Habitatio Aeneae hat die bei Vergil anonyme Euryali mater den sprechenden Namen Hyophila („die-ihren-Sohn-liebt“) erhalten. - In der (6.) Habitatio Graecorum ist nicht der erst spät auftretende Achaemenides vergessen; ob die Lacaena sive Helena, eine griechische Fürstin, mit größerem Recht der (4.) Habitatio regis Priami zugeteilt werden sollte, sei dahingestellt. - In der (7.) Habitatio Anii sind Personen zweier verschiedener Schauplätze in wenig einleuchtender Weise gekoppelt: Neben Anius, dem König von Ortygia / Delos, figuriert her auch noch Polydorus sepultus in Thracia, der im Herrschaftsgebiet des (ungenannten) thrakischen Königs Polymestor gelebt hat und dort ermordet worden ist. Diese Kombinierung zweier Irrfahrten-Stationen ist bestenfalls eine Notlösung. Polydorus hätte, jedenfalls nach seiner Bestattung, auch den beati in campo Elysio (Nr. 2) zugesellt werden können. - In der (10.) Habitatio Didonis fehlt der im Personenverzeichnis zu TC II -4 und II -6 sowie zu TC III -3 und III -6 genannte Bicias, der einmal (zu TC II -4) ausdrücklich famulus Didonis genannt wird und der in allen 4 Szenen auch tatsächlich redet. Ein Bicias wird umgekehrt zu Unrecht in der (5.) Habitatio Aeneae aufgeführt: er ist zwar ein Trojaner, wird in TC 7,7,093 von einem anderen Trojaner im Lager am Tiber angesprochen und in TC 9,3,167 von Turnus als dort von ihm getötet erwähnt; er tritt aber nicht selber sprechend auf. - Die einzige echte Doppelnennung liegt für Mezentius vor: er figuriert zum einen (als vertriebener Vorgänger) in der (13.) Habitatio Tarchontis , den Lucienberger zum Etrusker-König gemacht hat (bei Vergil ist Tarchon nur ein Fürst und Interims-Führer der Etrusker), zum andern (als jetziger Bundesgenosse der trojaner-feindlichen italischen Allianz) mit größerem Recht in der <?page no="71"?> B 5 Das Personenverzeichnis der TC(Catalogus habitationum et personarum) 71 (14.) Habitatio Latini . - Einen bei Vergil in Aen. 11,700 nur mit dem Vatersnamen bezeichneten bellator filius Auni, einen Ligurer aus dem Apennin, hat Lucienberger unter dem Eigennamen (! ) Bellator in die (13.) Habitatio Tarchontis eingegliedert, also zum Etrusker gemacht. - In der (14.) Habitatio Latini ist zwar ein (von Lucienberger neu erfundener) Lausus regis cubicularius (der in TC VI -3 spricht) aufgeführt, dafür fehlt aber Lausus Mezentii filius, der in Aen. X eine große, allerdings stumme Rolle spielt. Lucienberger aber hätte ihn in diesem Redner-Katalog aufführen müssen, weil er in TC VI -8 und (obwohl dort nicht im Personenverzeichnis der Szene aufgeführt) in VIII -6 spricht. In dieser Habitatio Latini sind alle Angehörigen der anti-trojanischen Koalition genannt, also omnes duces einschließlich Camilla; bei Vergil sprechen von diesen 13 allerdings nur Turnus, Mezentius, Messapus und Camilla. - Die übergangslos mit Praeterea angeschlossene, nur scheinbar noch zur (14.) Habitatio Latini gehörige heterogene Fünfer-Gruppe von weiteren Sprechern verdient eine nähere Betrachtung. B 5.3 Die Sondergruppe am Schluss des Personenverzeichnisses Diese Sondergruppe (C) von 5 Personen hat (mit einer Ausnahme) nichts mit König Latinus und den 36 seiner Habitatio zugeordneten Personen zu tun. Eigentlich müsste die unauffällige Zwischenüberschrift Praeterea zu einer mit den Habitatio -Gruppen Nr. 1 bis 14 gleichrangigen Hauptüberschrift erhoben werden. In dieser Praeterea -Gruppe sind zusammengestellt: (a) Prologus, (b) Periocharum recitator, (c) Nuncius unus, (d) Praeco unus, (e) et Epilogus. Von diesen 5 Personen sind (c) der „ Nuncius unus “ und der (d) „ Praeco unus “ sozusagen unproblematisch. (c) Allerdings gibt es den angeblichen Nuncius unus, wie er in dieser Praeterea -Rubrik genannt wird, im Text der TC mehr als einmal. Ein anonymer Nuncius tritt nicht einmal, sondern in unterschiedlichem Ambiente dreimal auf: in TC III -4, VIII -2 und IX -4. Ein erster nuncius cum litteris übermittelt in TC III -4 dem (Gätuler-König) Jarbas einen Brief des Königs von Tyros, Pygmalion, des verbrecherischen Bruders der Dido, in dem dieser Iarbas mitteilt, dass sich Dido mit Aeneas eingelassen habe. Allerdings ist dieser Bote aus Tyros eine stumme Figur, denn den kurzen Brief von 4 Hexametern ( TC 3,4,001-004) liest Jarbas (und nicht, was ja leicht möglich gewesen wäre: der Bote) laut vor. - Der <?page no="72"?> 72 B Zu den Paratexten zweite Nuncius oder besser sogar die Nuncii (nur einmal ist der Singular, aber dreimal der Plural gebraucht) gehört / gehören in TC VIII -2 zur Gefolgschaft des etruskischen „Königs“ Tarchon. Es sind offenbar eher Kundschafter oder Wächter als Boten; in TC 9,4,008 werden entsprechende Leute auf Seiten der Latiner exploratores genannt. Die nuncii in TC IX -4 gehören an sich eindeutig zur Habitatio Tarchontis . - Wieder in einem neuen Zusammenhang erscheint ein Nuncius in TC 9, 3,216-217 und 219-221 in der Ratsversammlung der Latiner und meldet das plötzliche Heranrücken des Aeneas mit seinen Trojanern und mit den etruskischen Verbündeten. Dieser Nuncius wäre der Habitatio Latini regis zuzurechnen. - Vielleicht soll der befremdliche Zusatz Nuncius unus andeuten, dass für die drei verschiedenen Boten (ein Tyrier, ein oder mehrere Etrusker, ein Latiner) bei einer Rezitation der TC ein einziger Sprecher für diese drei Rollen genügt. (d) Ein anonymer Praeco unus kommt in der TC in der Tat nur in einer einzigen Szene vor, in der er aber mehrfach spricht, in TC IV -3. Es ist nicht recht verständlich, warum der Praeco unus in TC IV -3 nicht bei der Habitatio Acestae oder aber der Habitatio Aeneae geführt wird, denn er fungiert für diese beiden Könige als Herold im Zusammenhang mit den Gedächtnisspielen für Anchises in Sizilien. In TC 4,3,031, in TC 4,3,135-136a und wohl auch in TC 4,3,085 gibt ihm Aeneas einen Auftrag, in TC 4,3,047 und in TC 4,3,139 Acestes. Es ist offensichtlich ein und derselbe Herold, wirklich ein Praeco unus . Die drei anderen Personen der Praeterea -Gruppe werden von mir in anderem Zusammenhang behandelt: der (a) Prologus in → Kap. B 7.1, und der (e) Epilogus in → Kap. B 7.2, der (b) Periocharum recitator schließlich in → Kap. E 2.5.3 (bei der Aufführungsproblematik der TC ). B 5.4 Kollektive im Personenverzeichnis Auffällig sind im Personal der TC bei Lucienberger die Zahl der anonymen Personen und vor allem die Bedeutung von K o l l e k t i v e n . Das zeigt sich allerdings fast gar nicht in dem Catalogus habitationum et personarum, sehr wohl aber im Verzeichnis der interlocutores , das jeder der 67 Szenen der TC vorausgestellt ist und das (fast fehlerlos) durch die Sprecher des Textes der jeweiligen Szene bestätigt wird. Anonyme Rollenbezeichnungen für Einzelpersonen sind der (nur durch den Catalogus bezeugte) Prologus , ein nuncius , der König Jarbas einen Brief überbringt ( TC III -4), jedoch eine muta persona ist; ein anderer nuncius (oder gar nuncii ) bei König Tarchon ( TC VIII -2); ein weiterer nuncius bei der Ratsversammlung der Latiner ( TC IX -3); ein praeco ( TC IV -3); ein vates ( TC VI -1). - Bei Vergil vergleichbar sind nur ein haruspex Etruscorum in Aen. 8,499-503 und <?page no="73"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 73 ein vates Latinorum in Aen. 7,68-70. - Den Anonymi zuzurechnen sind auch die Belege in der TC für eine überirdische vox , auch wenn sie einer bestimmten Gottheit zuzuschreiben ist ( TC I-4 und I-5, TC VII -5). Über die namentlich bezeichneten oder anonymen Einzelpersonen hinaus gibt Lucienberger in der TC auch Kollektiven eine Stimme. Er geht dabei weit über Vergil hinaus. In der Aeneis kommt zwar eine Vielzahl von Kollektiven vor, aber Vergil lässt - abgesehen von dem Sonderfall der Penates in Aen. 3,154-171 (= TC 1,5,001-018) und den Salii in Aen. 8,293-302 (= TC 7,2,153-164) - nur eine einzige Gruppe sprechen: die matres Latinae in Aen. 11,483-485. In der TC aber „reden“ folgende männliche Gruppen: cives Laurentini ( TC IX -3), exploratores ( TC IX -4), iuvenes Latini ( TC 9,3,222), oratores = legati ( TC VI -3 Ilioneus cum aliis oratoribus , die jedoch mutae personae sind); legati Latini ( TC IX -2 Drances cum reliquis legatis regis Latini , die jedoch mutae personae sind), principes bzw. proceres Troiani ( TC I-4,51b; TC X-9), Rutuli ( TC VI -6, VII -7,025 - falls nicht Asylas der Sprecher ist, TC X-3), dazu noch, wenn auch nicht im Verzeichnis dieser Szene genannt, Rutuli et Latini ( TC 6,7,046-048), sacerdotes bzw. Salii ( TC VII -2), senes (Latini) ( TC IX -3), unterschiedliche socii ( TC IV -3, VIII -4), Troes und Troiani ( TC VI -2 und VIII -4). Hinzu treten vier weibliche Kollektive: Troiades ( TC IV -4), Maenades sive Bacchae ( TC VI -5), mulieres Latinae ( TC IX -3,223) und famulae ( TC X-4). B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochae und prosaische Argumenta B 6.0 Vorbemerkungen In der TC gibt es zwei Arten von lateinischen Inhaltsangaben zu jedem der 10 Akte: die relativ kurzen metrischen Periochae und die längeren, in Prosa abgefassten Argumenta. Die Periochae stehen en bloc geschlossen gegen Ende jener Paratexte, die der eigentlichen Ausgabe (dem Text) der TC vorangestellt sind, und zwar in Scan 18-25 der BSB. Die Argumenta dagegen stehen innerhalb dieser Text-Ausgabe vor dem jeweiligen Akt (z. B. das Argumentum für TC X in Scan 268-270). Für den Leser sind deshalb die Argumenta zum Verständnis der im TC -Text dargestellten Handlung informativer. Ob aber bei einer Aufführung die langen Prosa-Argumenta vorgelesen wurden bzw. werden sollten, ist nicht bekannt. Vorgesehen ist von Lucienberger aber - für mich überraschend - das Verlesen der metrischen Periochae, denn im Personenverzeichnis ist (innerhalb der letzten, mit Praeterea eingeleiteten Gruppe) ein Periocharum recitator aufgeführt . Zu diesem Problem vgl. → Kap. E 2.5.3. <?page no="74"?> 74 B Zu den Paratexten Bei den folgenden Analysen wird jeweils zuerst die Periocha, dann das Argumentum zu jedem der 10 Akte behandelt. Bei der Besprechung einer Periocha wird zu Beginn deren Inhalt stichpunktartig zusammengefasst. Bei der Analyse geht es nicht um ein Nacherzählen des Inhalts der Inhaltsangabe, das Hauptaugenmerk gilt Auffälligkeiten, wie etwa Abweichungen der Periocha oder des Argumentums von dem, was Lucienberger wirklich innerhalb seines Textes bietet, also der Frage, ob die Periocha oder das Argumentum einen korrekten Bezug zum Text der TC hat (oder womöglich eher zum Text der Aeneis Vergils). 28 B 6.1 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC I B 6.1.1 Periocha TC Akt 1 (40 Verse) • Motivation (Kriegssituation) und Bau des trojanischen Pferdes (1-8) • Aufstellung des Pferdes auf der Stadtburg mit List Sinons (9-10) • Verlassen des Pferdes durch die Griechen; Zerstörung Trojas (11-16) • Rettung von Anchises, Creusa und Julus durch Aeneas (17-18) • Stationen der Reise aufgelistet: Thrakien, Delos, Kreta (19-24) • Auskunft, das künftige Reich liege in Italien (25-28) • Stationen der Weiterfahrt bis Chaonien (29-34) • Prophezeiung der Zukunft durch einen Seher (Helenus) (35-36) • Tod des Anchises und Tröstung durch Acestes (37-40) Der Beginn der ersten Szene (Tymoetes: Ducite equum hunc intra portas, atque arce locate ) wird direkt vorbereitet durch die ersten 8 Verse der Periocha. (Die Periocha erfüllt damit eine einführende Funktion). Die Verse 9-10 fassen TC I-1 zusammen. Die folgenden 6 Verse (Verlassen des Pferdes und Zerstörung Trojas) geben den Inhalt des größten Teiles der Szene TC I-2 an. Der Rest der Szene (Aeneas’ Rettung seiner Angehörigen und Versammlung der Geflüchteten) wird in den nächsten zwei Versen 17-18 angedeutet. Bis hier entspricht die Periocha genau dem Ablauf der TC, insofern der ordo naturalis herrscht, wohingegen eine Periocha zur Aeneis mit Junos Zorn und dem Seesturm hätte beginnen müssen. Die bei Lucienberger nun folgende Szene TC I-3, in der Venus (anstelle der Cybele bei Vergil) mit Jupiter über das finale Schicksal der Schiffe des Aeneas verhandelt (von Lucienberger aus Aen. 9,080-106 an die chronologisch „richtige“ Stelle vorgezogen) hat aber keine Entsprechung in der Periocha. (Diese Neuerung im Umfang einer ganzen Szene bleibt also ohne Niederschlag in der Periocha). Im Folgenden gibt die Periocha den äußeren Hergang der Irrfahrten des Aeneas wieder, und zwar entsprechen die Verse 19-24 der Szene TC I-4. Die 28 Die Analyse der beiden Serien von Inhaltsangaben verdanke ich im Wesentlichen (und ohne → Kap. B 11.) meiner studentischen Hilfskraft Samuel Stöcklein. <?page no="75"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 75 nun folgenden Verse 25-28 deuten die Traumerscheinung der Penaten an ( TC I-5, Anfang), abstrahieren jedoch sehr stark ( factus certior - ohne Hinweis auf die Penaten! ). Die folgenden Verse 29-34 schildern die Route der Weiterfahrt bis zur Landung in Chaonien und entsprechen damit dem Großteil von TC I-5; sie betonen dabei die äußere Seite der Fahrt (sogar mit Erwähnung irrelevanter Details wie in Vers 31 Nec non Samen, et saxis Neriton arduam ). Die Verse 35-36 nennen den Hauptinhalt von TC I-6; die Weiterfahrt jedoch bis zum Gebiet der Zyklopen (im Rest der TC -Szene) wird nicht erwähnt. Auch die Begegnung mit Achaemenides (zu Beginn der nächsten Szene TC I-7) findet in der Periocha keine Berücksichtigung. Erst Anchises’ Tod und Aeneas’ Tröstung durch Acestes werden wieder genannt (Verse 37-40, entspricht dem Rest von TC I-7). Bei der Tröstung durch Acestes handelt es sich um eine Neuerung Lucienbergers mit Niederschlag in der Periocha. Diese Erwähnung der Tröstung dürfte aufschlussreich dafür sein, welche Bedeutung Lucienberger seinen positiv gewendeten Szenenschlüssen zumisst. B 6.1.2 Argumentum Akt I Wie die Periocha beginnt das Argumentum mit dem Stand des Trojanischen Krieges und nennt Motivation und Bau des Pferdes (von Graeci decimo belli Troiani anni … bis … equum in arce statuunt ). Auch im Folgenden ist das Argumentum wie die Periocha aufgebaut, allein mit dem Unterschied, dass hier noch zusätzliche sachliche Details genannt werden. Dazu gehört die Tatsache, dass die Flotte der Griechen von Tenedos zurückkehrte, denn dieses taktische Manöver wird dem Leser oder Zuschauer von TC I-2 aus dem Text des Stückes nicht klar werden. (Erst in TC II -7 spricht Aeneas vor Dido über das Tenedos- Manöver). Das Argumentum erfüllt hier also wieder eine erklärende Funktion. Zur Szene TC I-2 werden folgende Details genannt, die in der Periocha nicht erwähnt sind: Hektor-Traum; Entschluss des Aeneas, lieber ehrenvoll zu sterben als zu fliehen; Erfolg der Trojaner unter Coroebus mittels Verkleidungstaktik; Belagerung von Priamus’ Palast; Tötung des Priamus durch Pyrrhus; Umstände von Aeneas’ Flucht einschließlich Creusas Verschwinden und ihrer Prophezeiung. Was auffälliger Weise fehlt, ist die Helena-Szene. Zusätzlich zur Periocha 29 ist hier die Szene TC I-3 (Venus / Jupiter) in ausführlicher Paraphrase wiedergegeben (Scan 30, von Venus Iovem precatur … bis … in Nymphas marinas commutaturum ). (Hier hat also eine Neuerung Lucienbergers gegenüber der Aeneis, auch wenn es sich „nur“ um eine Umstellung im Sinne des ordo 29 Mit „zusätzlich zur Periocha“ (oder einem ähnlichen Ausdruck) soll nicht behauptet werden, dass die Argumenta von Lucienberger als eine Art Ergänzung der Periochae intendiert sind. Eine solche Wendung soll nur besagen, dass das Argumentum Punkte bringt, die in der Periocha nicht erwähnt sind. <?page no="76"?> 76 B Zu den Paratexten naturalis handelt, einen ausführlichen Niederschlag gefunden.) Der Rest des Argumentums folgt dem gleichen Prinzip: Er entspricht dem Verlauf der TC und der Periocha. Zusätzlich zur Periocha sind im Argumentum auch die Ereignisse auf den Irrfahrtsstationen genannt. Auffällig ist, wie Lucienberger die Gastfreundschaft des Helenus schon im Argumentum betont (Scan 31: Helenus Aeneam hospitio excipit, omnique humanitatis genere complectitur… ); auch die Tröstung des Aeneas fehlt nicht. (Damit erfolgt die Akzentuierung eines moralischen Aspekts schon im Argumentum.) B 6.2 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC II B 6.2.1 Periocha Akt II (10 Verse) • Abfahrt von Sizilien (1-2) • Junos Eingreifen: Aeolus entfesselt Sturm (3-4) • Venus’ Eingreifen: Jupiter bändigt Sturm (5-6) • nach Zersprengung der Flotte Ankunft in Afrika bzw. Karthago (7-8) • freundliche Aufnahme durch Dido; Erzählung des Aeneas von den durchlittenen Gefahren (9-10) Diese kurze Periocha gibt auf den ersten Blick den Ablauf des zweiten Aktes in groben Umrissen korrekt wieder. Auf den zweiten Blick lässt sich eine Vereinfachung feststellen, die so auffällig ist, dass sie eine Erklärung verlangt. Es handelt sich um die Verse 3-6: Iuno precatur, ut tempestatem, Aeolus Immittat, undis obruat. Contra Venus Iovi submisse supplicat, Ut servet isto turbine. Das erste jambische Distichon ist unproblematisch: Juno lässt (sowohl bei Vergil als auch bei Lucienberger) Aeolus einen Sturm entfesseln. Im zweiten Distichon erweckt aber die Periocha den Eindruck, als habe Venus mit Jupiters Hilfe das Ende dieses Sturmes bewirkt (explizit: isto turbine ), was dem Vergil-Text (ebenso wie dem TC -Text) widerspricht, wo Neptun den Sturm beendet, weil er seinen Hoheitsbereich verletzt sieht. - Eine Unterredung zwischen Venus und Jupiter findet sich (sowohl in der Aeneis als auch der TC ) erst, nachdem die Aeneaden in Afrika gelandet sind. Bei Lucienberger ist es die Szene TC II -2. Darin beschwert sich Venus über das, was Aeneas erleiden muss und bittet um Bewahrung des Aeneas vor weiteren, zukünftigen Unwettern. Aber gerade die Bitte um Schutz vor Unwettern ist eine Änderung gegenüber Vergil, denn in der wörtlich übernommenen Venus-Rede (auf die Jupiter mit seiner Prophezeiung <?page no="77"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 77 über die politische Zukunft Roms beschwichtigend antwortet) bringt Venus nur allgemeine Klagen über angebliche Ungerechtigkeiten gegenüber Aeneas vor. Doch Lucienberger legt Venus nach der Jupiter-Prophezeiung noch neu folgende Verse ( TC 2,2,066-069) in den Mund: VENUS Sat mihi. Sed cursus, rerum pater alme, protervos mitiga et interdum requiem concede laborum, obrutus his tantis ne desperare procellis cogatur, vultusque aliquando ostende benignos. Gerade dieser Zusatz Lucienbergers scheint in der Periocha 2,5 f. berücksichtigt zu sein. Venus soll offenbar charakterisiert werden als die immer hilfreiche Mutter-Figur, die Aeneas immer wieder aus Bedrohungen zu retten versucht. B 6.2.2 Argumentum Akt II Etwas überraschend beginnt dieses Argumentum mit einer Charakterisierung des Aeneas ( Aeneas Anchisae et Veneris filius, vir singulari pietate parique fortitudine praeditus …) . Damit wird dem Leser oder Zuschauer des ersten Aktes keine neue Information gegeben. Es wird eher „die Moral“ aus dem ersten Akt gezogen, denn sowohl fortitudo als auch pietas waren in Akt I ausführlich dargestellt. Auch in den Argumenta der folgenden Akte (teilweise auch in deren Periochae) wird gern mit einem kurzen Resümee des Vorangegangenen begonnen. Der Rest des Anfangssatzes des Argumentums bezieht sich dann aber auf eben die Szene TC II -1, mit der auch der zweite Akt beginnt, nämlich wie König Acestes Aeneas und die Flotte für die Weiterfahrt beschenkt und ausrüstet. Über die kurze Periocha hinaus folgen Angaben über die Jagd und das Essen nach der Ankunft in Afrika, ganz entsprechend der Aeneis wie auch der TC . Das Gespräch zwischen Venus und Jupiter paraphrasiert Lucienberger vergleichsweise ausführlich (entspricht TC II -2), inklusive Venus’ Begegnung mit Aeneas (entspricht dem größten Teil von TC II -3). (Hier wird also der Ablauf der Handlung im Gegensatz zur Periocha beibehalten.) Dann werden kurz die Ereignisse in Karthago (Wiedersehen mit den durch den Sturm zerstreuten Gefährten etc.) erwähnt (entspricht TC II -4). Ausführlich paraphrasiert Lucienberger im Argumentum die Szene, in der Venus Cupido bittet, an Ascanius’ Statt bei Dido Sympathien für Aeneas zu wecken. Als Motiv der Venus gibt Lucienberger an (Scan 73): quod neque Iunonio hospitio, neque muliebri inconstantiae satis fideret. Während sich der erste Teil im Text wiederfindet, ist der zweite Teil mindestens als Interpretation zu werten (wenn nicht als moralisierende Leserlenkung). 30 30 Lucienberger bezieht sich hier im Argumentum wohl am ehesten auf die Verse Aen. 1,673-675 = TC 2,5,010-012, Worte der VENUS: Quocirca capere ante dolis et cingere flamma / Reginam meditor, ne quo se nomine mutet, / sed magno Aeneas mecum teneatur amore. <?page no="78"?> 78 B Zu den Paratexten Die Szene TC II -6, in der Achates Ascanius Anweisungen über höfisches Verhalten gibt, erwähnt Lucienberger im Argumentum mit keinem Wort, vielleicht weil die Szene nicht weiter handlungsrelevant ist. Das Argumentum schließt mit einer Schilderung des Gastmahls bei Dido. Als Motivierung für ihre Bitte an Aeneas, seine Geschichte zu erzählen, führt Lucienberger u. a. Aeneas’ mira eloquentia an, mit der er Dido für sich eingenommen habe. Diese Interpretation geht über Vergil und den TC -Text hinaus. - Über den konkreten Inhalt (und die Funktion) der langen Erzählung des Aeneas verliert das Argumentum kein Wort. B 6.3 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC III B 6.3.1 Periocha Akt III (14 Verse) • Didos Verliebtsein in Aeneas; das Hinzuziehen der Schwester Anna und deren Rat zur Heirat (1-4) • Gastmahl, Jagd und süße Späße (5-6) • Merkurs Erscheinen mit dem Befehl Jupiters, dass Aeneas Karthago verlasse (7-10) • Didos Selbstmord auf dem Scheiterhaufen nach der Abfahrt des Geliebten (11-14) Die Periocha entspricht auch hier dem Ablauf bei Lucienberger, auch wenn sie nicht alle Details bringt, so etwa nach dem Gespräch zwischen Dido und Anna das Opfer und Gebet Didos ( TC III -1). Ebenso wenig wird das Gespräch zwischen Juno und Venus (die gesamte Szene TC III -2) erwähnt. Mit den Versen 5-6 der Periocha ( Jagd etc.) wird der Inhalt der Szene TC III -3 genannt. Die Szene TC III -4 wird in der Periocha auf Jupiters durch Merkur an Aeneas übermittelten Befehl, Dido zu verlassen und nach Italien aufzubrechen, reduziert. Auch wenn zu Beginn der Szene Jarbas auftritt, scheint er nur dazu zu dienen, Jupiters Befehl als Gebetserhörung zu motivieren. Die Szene TC III -5, das Krisengespräch zwischen Aeneas und Dido, wird in der Periocha nicht erwähnt, wohl weil sie auf den äußeren Handlungsverlauf, das (mutmaßlich) primäre Ziel der Periochae, keine Auswirkungen hat. (Somit verschmelzen auch beide Auftritte Merkurs in eine einzige Erwähnung in der Periocha.) Die letzten vier Verse nennen schließlich den Inhalt von TC III -6, wieder ohne viele Details. B 6.3.2 Argumentum Akt III Das Argumentum enthält zusätzlich zur Periocha eine Paraphrase des Gesprächs zwischen Juno und Venus, und anschließend wird auch das Zusammenkommen von Dido und Aeneas in der Höhle während des Jagdausfluges mit Junos Ein- <?page no="79"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 79 greifen verbunden. Darauf folgt, ebenfalls zusätzlich zur Periocha, Jarbas’ Ärger, Gebet und Jupiters Reaktion (Sendung Merkurs). Auch im Folgenden wird der Gang der Handlung bis zur Ebene der einzelnen Auftritte hinab vorgestellt, bei weitem nicht so knapp wie in der Periocha. Bemerkenswert ist dabei der Satz (Scan 101 f.): Caeterum Dido … expostulat, precibusque et lacrimis tum per seipsam, tum per sororem, eum ab incepto revocare conatur . Didos Bitten „durch sich selbst“ sind unproblematisch. Doch der zweite Teil hat deutlich die TC und nicht die Aeneis vor Augen. Denn zwar deutet auch Vergil die Vermittlungsversuche Annas mit Aen. 4,437 f. Talibus orabat, talisque miserrima fletus / fertque refertque soror an, doch szenisch ausgestaltet ist diese Vermittlung nur bei Lucienberger. Da sich die Argumenta naturgemäß auf die wichtigen Punkte konzentrieren und einzelne Halbverse gewöhnlich übergehen, liegt hier ein sicheres Indiz dafür vor, dass Lucienberger das Argumentum spezifisch zu (und nach Vorlage) seiner TC geschrieben hat und nicht etwa, wie man argwöhnen könnte, primär zur Aeneis. Bei der Paraphrase der Szene TC III -6 sind auffällig die Formulierungen, die eine theaterpraktische Sicht ihres Autors verraten (und sogar wörtliche Anklänge an Regiebemerkungen enthalten). So heißt es im Argumentum einmal (Scan 102): eam (sc. Didonem) cum morte luctantem e pyra ardenti extrahunt. Das bezieht sich auf den neu gedichteten Vers TC 3,6,093 Tollite Reginam, vah, vah, defendite ab igne, und auf die folgende Regiebemerkung Famuli extrahunt Reginam. Der Schlusssatz des Argumentums Dido … summo omnium luctu et eiulatu introfertur et sepelitur entspricht dem letzten gesprochenen, neu gedichteten Vers der TC -Szene ( TC 3,6,115) intro ferte, ut eam supremo ornemus honore. B 6.4 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC IV B 6.4.1 Periocha Akt IV (16 Verse) • Abfahrt von Karthago; Sturm; Landung in Sizilien (1-4) • freundliche Aufnahme durch Acestes (5-6) • Begräbnisfeierlichkeiten (7-8) • Verleiden der Freude durch Juno: Aussendung der Iris zur Brandstiftung bei den Schiffen (9-12) • Traumerscheinung des Anchises vor Aeneas und Prophezeiungen (13-15a) • Bau der Stadt Acesta (15b) • Landung in Cumae (16) Fahrt, Sturm, Landung in Sizilien und die freundliche Aufnahme durch Acestes entsprechen TC IV -1. Mit dem nächsten Distichon (7-8) werden wohl die Szenen TC IV -2 (feierliche Ansprache und Opfer) und TC IV -3 (Leichenspiele) <?page no="80"?> 80 B Zu den Paratexten zusammengefasst. Iris’ durch Juno angestiftetes Eingreifen ist Inhalt von Szene TC IV -4. In den Versen 13-15 werden ganz verschiedene Handlungen (Traumerscheinung und Gründung der Stadt Acesta) nicht einmal durch Distichon- oder wenigstens Vers-Grenze getrennt (Zäsur nach revelat in Vers 15). Beide Handlungen sind aber auch im Stück ohne Zäsur verbunden, in TC IV -5. Der letzte Vers spricht die Schluss-Szene des Aktes an, die tatsächlich mit der Landung in Cumae endet. Was jedoch nicht erwähnt wird, ist der Tod des Palinurus und das ihn vorbereitende Göttergespräch. B 6.4.2 Argumentum Akt IV Das Argumentum zeichnet sich wieder durch größeren Detail-Reichtum gegenüber der Periocha aus, hier besonders dadurch, dass die einzelnen Wettkämpfe mitsamt Verlauf und Ausgang sowie den Reaktionen der Verlierer etc. genannt werden. Eine scheinbare Abweichung vom Handlungsverlauf der TC stellt die Erklärung der Reiterspiele dar (Scan 123 f.): Ascanius in honorem Anchisae avi, cum primae nobilitatis pueris equestres ludos pugnamque imaginariam exhibet . Dieser Reiterkampf findet in der TC offenbar nicht realiter (und auch nicht in der Phantasie Lucienbergers) auf der Bühne statt. Übergangen ist dieses „Trojaspiel“ trotzdem nicht, denn in der für Lucienbergers charakteristische Art der Transformation einer epischen Handlung in einen Dialog wird es nicht vollzogen, aber angekündigt: Die Szene TC IV -3 endet mit dem Befehl des Aeneas an einen Boten, er solle Ascanius zu einer solchen reiterlichen Parade auffordern ( TC 4,3,151-153 = Aen. 5,548-550): Vade age et Ascanio, si iam puerile paratum agmen habet secum cursusque instruxit equorum, ducat avo turmas et sese ostendat in armis. Durch eine Erklärung wie pugnamque imaginariam gibt das Argumentum in diesem Fall den Lesern zusätzliche Informationen, die das Nachvollziehen der (intendierten) Bühnenhandlung erleichtern. Im folgenden Abschnitt wird nicht nur, wie in der Periocha, die Prophezeiung des Anchises genannt, es werden auch Einzelheiten seiner Prophezeiung aufgezählt. Auch der Rest des Argumentums enthält mehr Details als die Periocha. Hier wird, im Gegensatz zur Periocha, auch die Palinurus-Episode erzählt. B 6.5 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC V B 6.5.1 Periocha Akt V (20 Verse) • nach Ankunft in Cumae Aeneas’ Besuch der Höhle der Sibylle (1-2) • nach Instruktion Auffinden des goldenen Zweiges (3-4) <?page no="81"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 81 • Betreten der Unterwelt mit Sibylle und dem goldenen Zweig (5-6) • Erblicken der Folterungen im Tartarus; Begegnung mit Anchises (7-8) • Prophezeiungen des Anchises (Kriege / Gefahren; Lavinia als Gattin; künftige Nachkommen) (9-12) • Rückkehr des Aeneas zu den Gefährten (13-14) • Abfahrt von Caieta (15-16) • Vorbeifahrt an der Circe-Insel; Landung an der Tiber-Mündung (17-20) Die Periocha gibt die augenfälligsten Stationen der äußerlichen Handlung wieder. Die vielen unterschiedlichen Zielsetzungen, die Vergil mit Aeneas’ Besuch verschiedener Bereiche der Unterwelt verbunden hat, scheint Lucienberger für diese Zusammenfassung als unwichtig empfunden zu haben, da er in Vers 7 von der Unterweltsdurchschreitung vor der Begegnung mit Anchises lediglich tormenta cuncta nennt, was streng genommen nur eine Episode unter vielen darstellt ( TC 5,2,186b-250 - eine längere zusammenhängende Rede der Sibylle, bes. TC 5,2,250 = Aen. 6,627: omnia poenarum percurrere nomina possem ). Im Folgenden betont Lucienberger vor allem die Prophezeiung des Anchises. Diese schien ihm also wohl der Hauptsinn des Unterweltsbesuchs zu sein. Dass sich Lucienberger zuvor gerade die tormenta cuncta herausgegriffen hat, liegt wohl an der Gegenüberstellung zu tutus ipse im selben Vers, sodass die Gesamtaussage auch auf den gesamten Unterweltsbesuch zutrifft und nicht nur auf die genannte Episode. - Sonst entspricht die Periocha genau dem Handlungsverlauf der TC . Auffälligster Unterschied zum Argumentum ist, dass hier die Erwähnung von Amatas Rolle in der Prophezeiung des Anchises (s. u.) fehlt, während sie dort (im Argumentum) stark betont wird. B 6.5.2 Argumentum Akt V Am Anfang dieses Argumentums (von Cumas advectus… bis …per Averni fauces ad inferos tendit ), das - schon überflüssig zu sagen - deutlich mehr Details enthält als die Periocha, lässt sich belegen, dass Lucienberger das Argumentum primär zur TC, nicht zur Aeneis verfasst hat, obwohl sich auch gegenteilige Indizien aufzählen ließen. Aufschlussreich ist z. B. der Satz: Miseni cadaver in littore inventum exurere, reliquiasque sub proximo monte, qui Miseni nomen ab illo obtinuit, sepelire iubet. Denn der Auftrag, die Bestattung des Misenus vorzubereiten, als expliziter Befehl ist eine Eigenerfindung Lucienbergers ( TC 5,1,102-108), während bei Vergil erst das Auffinden der Leiche, später die Bestattung selbst direkt erzählt wird (Aen. 6,212-235). Jedoch enthält das Argumentum auch die nur in der Aeneis enthaltene Information, dass nach Misenus ein Berg benannt wurde, was gegenüber dem TC -Text eine Zusatzinformation darstellt, die dem Zuschauer helfen kann, das Gesehene besser einzuordnen. <?page no="82"?> 82 B Zu den Paratexten Dass Lucienberger im Argumentum sagt mactatisque hostiis, deos inferos veneratus … (unmittelbar vor dem Betreten der Unterwelt), obwohl das den Göttern der Unterwelt dargebrachte Opfer eigentlich nicht im Argumentum erwähnt werden dürfte, weil es zwar in der Aeneis, nicht aber in der TC enthalten ist (Aen. 6,243-254), kann man wohl am ehesten als Nachlässigkeit erklären. Sie wurde möglicherweise dadurch gefördert, dass inferos veneratus auch auf die TC zutrifft, wo sich die „Verehrung“ aber auf ein Gebet beschränkt, das Lucienberger dem Aeneas in den Mund legt (während in der Aeneis eine Anrufung der Unterweltsgötter durch den Dichter vorliegt). Somit ist nur die Nennung der Opfertiere ein Fehler, die Hauptaussage trifft jedoch auch auf die TC zu. Die im weiteren Verlauf des Argumentums aufgezählten Stationen in der Unterwelt finden sich genauso in der TC V-2 (Überfahrt über den Styx; Besänftigung des Cerberus; Kleinkinder; unschuldig verurteilte Selbstmörder; unglücklich verliebte Selbstmörder, darunter Dido; berühmte Kriegshelden, darunter Deiphobus; Ort der Frevler). - Eine gewisse Ungenauigkeit liegt allerdings in dem Aufzählungspunkt eorumque <sc. loca> qui falso crimine damnati capite supplicium luerant vor. Die zu Unrecht Verurteilten werden nämlich in der TC übergangen, sie sind nur in Aen. 6,430 hos iuxta falso damnati crimine mortis genannt . Aufgenommen sind jedoch die unschuldigen Selbstmörder ( TC 5,2,106-109 = Aen. 6,434-437): Proxima deinde tenent moesti loca, qui sibi lethum insontes peperere manu lucemque perosi proiecere animas. quam vellent aethere in alto nunc et pauperiem et duros perferre labores ! Wahrscheinlich hat Lucienberger beide Gruppen beim Verfassen des Argumentums vermengt. Danach wird im Argumentum der Inhalt der Szene TC V-3 mit Anchises’ Prophezeiung paraphrasiert. Wenn Lucienberger dabei den Marcellus näher als Marcellumque Octaviae filium charakterisiert, fügt er für den Leser einen historischen Kommentar hinzu, denn Octavia wird in der Aeneis nicht erwähnt. Und die ausführliche Paraphrase der Prophezeiung, dass der Krieg in Latium für Aeneas nicht enden werde, solange Amata lebe, ist wieder ein Beweis, dass Lucienberger das Argumentum zur TC , nicht zur Aeneis geschrieben hat, denn diese Prophezeiung ist eine eigene Erfindung Lucienbergers. Andererseits kann man mindestens eine fahrlässige Vermischung von Aeneis und TC durch Lucienberger darin sehen, dass er im Argumentum referiert, Aeneas und Sibylle hätten die Unterwelt durch die Elfenbein-Pforte verlassen: das berichtet zwar Vergil, ist aber in der TC übergangen. - Der Rest des Argumentums entspricht genau dem Szenenverlauf von TC V-4. <?page no="83"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 83 B 6.6 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC VI B 6.6.1 Periocha Akt VI (18 Verse) • Meldung der Ankunft der Trojaner an Latinus bei seiner Befragung des Faunus-Orakels, wonach Lavinia für einen Externen ( extero ) bestimmt ist (1-4) • nach Tisch-Prodigium Stadtgründung (5-8) • Gesandtschaft an Latinus (9-10) • Junos Eingreifen (ohne Nennung Allectos) (11-12) • Verwundung des Hirsches; Sammlung eines Heeres durch Turnus (13-18) Die ersten 4 Verse geben TC VI -1 wieder, die Verse 5-8 entsprechen TC VI -2, die Verse 9-10 beziehen sich auf TC VI -3. Die Verse 11-12 fassen TC VI -4 bis TC VI -6 in extremer Raffung zusammen: Junos Motivation ( His mota Iuno Teucrorum successibus ) ist Szene TC VI -4 gewidmet; unter Perturbat cuncta foedera soll offenbar sowohl Junos (eigentlich aber: Allectos) Wirken bei Amata (= TC VI -5) und bei Turnus (= TC VI -6) subsumiert werden. Die Verse 13-18 fassen die letzten beiden Szenen ( TC VI -7 und TC VI -8) unter Absehung von Details zusammen. In dieser Periocha sind keine Auffälligkeiten zu erkennen. B 6.6.2 Argumentum Akt VI Das Argumentum zu diesem Akt enthält - wie immer - mehr Details als die Periocha. Auffällig in dieser Hinsicht ist aber, dass der Rolle Allectos, die in der Periocha nicht einmal erwähnt wird, im Argumentum viel Raum zugestanden ist: Gut ein Viertel des Textes ist ihrem Wirken gewidmet! Auffällig ist zu Beginn des Argumentums, dass von einem praefecto maritimo die Rede ist, der Latinus von der Landung der Trojaner in Latium unterrichtet habe. Im Text der TC VI -1 wird ein entsprechendes Schreiben, dessen Verfasser ungenannt bleibt, von Drances verlesen, und Drances wird im Text der TC dreimal (im Personenverzeichnis zu Beginn der Szene, in einer Regiebemerkung, in der Sprecherangabe) als Cancellarius (regis) bezeichnet. Vermutlich hat Lucienberger bei dem praefectus maritimus des Latinus an den praefectus (ohne Spezifizierung) Hannibal der Dido ( TC 2,4,015-018) gedacht. Bemerkenswert ist ferner, dass für den Italiker-Katalog explizit auf scena VIII huius Actus verwiesen wird. Das ist das einzige Beispiel für eine direkte (und auch zutreffende) Bezugnahme eines Argumentums auf eine bestimmte Szene des TC -Textes. 31 Es ist ein klarer Beweis dafür, dass das Argumentum auf die TC 31 Innerhalb des Textes der TC gibt es dazu eine einzige Analogie: den (allerdings unkorrekten) Rückverweis in der Regiebemerkung vor TC 10,9,029 auf (angeblich) TC VI-3, s. dazu → Kap. D 6.3.5-6., auch → Kap. D 8.3.1 und D 11. 8. 31. <?page no="84"?> 84 B Zu den Paratexten (und nicht in allgemeinerer Weise auf die Aeneis) zugeschnitten ist (oder dass Lucienberger das jedenfalls beabsichtigt hat). B 6.7 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC VII B 6.7.1 Periocha Akt VII (16 Verse) • Aeneas’ Sorge und die nächtlichen Instruktionen durch den (Flussgott) Tiber (1-6) • Aeneas bei Euander (erfolgreiches Hilfsgesuch) (7-9) • Entsendung des Aeneas zu Tarchon durch Euander (10-12) • auf Junos Anstiften hin Belagerung der Aeneaden durch Turnus; Kampf (13-16) Die ersten sechs Verse fassen TC VII -1 zusammen. Dass Aeneas ein Heer (das etruskische) als Bundesgenossen gewinnen kann, wird allerdings nicht vom Gott des Tiber, wie in Vers 5-6 behauptet wird, angekündigt; es ist vielmehr Euander, der die Aeneaden zu Tarchon schickt (so richtig in Vers 10). Die Verse 7-9 entsprechen TC VII -3 und dem Anfang von TC VII -4. Übergangen wird dabei die Bereitstellung neuer Waffen für Aeneas durch Venus und Vulcanus ( TC VII -2 und Ende von TC VII -4). Die letzten vier Verse geben den Inhalt von TC VII -5 und das Ende von TC VII -7 wieder. Noch weit auffälliger als das Übergehen der Waffenbereitstellung (die „Schildbeschreibung“ fehlt ja in der Tat in der TC ) ist das Übergehen der Nisus-und-Euryalus-Episode, die in der TC immerhin anderthalb Szenen einnimmt ( TC VII -6 und Anfang von TC VII -7). B 6.7.2 Argumentum Akt VII Bemerkenswert ist die Einleitung dieses Argumentums: Postquam Aeneas cognovit, Turnum totius Latii, finitimarumque urbium sibi auxilia adiunxisse; Venulum quoque Arpos ad Diomedem foederis, contra se, pangendi gratia ablegasse: Tantis rebus permotus … Die Motivation für Aeneas’ weiteres Handeln steht so nicht im TC -Text. Selbst im originalen (nicht-dialogisierten) Vergil-Text findet sie sich in dieser Form nicht direkt, sondern nur angedeutet (gefolgt von einem Gleichnis) in Aen. 8,018 f.: Talia per Latium. quae Laomedontius heros cuncta videns magno curarum fluctuat aestu. Was Lucienberger hier also leistet, ist wohl am ehesten als eine Interpretation des Aeneis-Textes mit einführender, orientierender Funktion für die TC -Lektüre zu <?page no="85"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 85 werten. Nach dem zusammenfassenden tantis rebus permotus nennt Lucienberger im Argumentum dann alle Handlungselemente der Szenen TC VII-3 und TC VII-4, also auch die in der Periocha übergangene Herstellung und Übergabe der Waffen. Auffällig ist dabei, dass Lucienberger hierbei erwähnt, wie der Schild verziert ist ( qui res a posteritate sua strenue gerendas habebat depictas ), während die Schildbeschreibung im TC-Text selber vollständig übergangen ist. (Vielleicht sollte der Leser / Hörer an aus der Lektüre der originalen Aeneis Bekanntes erinnert werden; vielleicht ist es aber auch nur eine Nachlässigkeit Lucienbergers.) Dass Lucienberger beim Verfassen des Argumentums dennoch primär an die TC gedacht hat, legt die abschließende Hauptaussage nahe: (sc. Aeneas clypeum) studiose admiratur . Zum Vergleich seien die beiden Versionen der Reaktion des Aeneas auf das Geschenk des Schildes zitiert: Aen. 8,730 miratur rerumque ignarus imagine gaudet TC 000 Aen. 8,731 attollens umero famamque et fata nepotum. TC 000 AENEAS Aen. 000 Quo fugis, o genitrix, sine dextrae iungere dextram. TC 7,4,098 * * Aen. 000 Salvete, o magnos mecum ingressura tumultus TC 7,4,099 Aen. 000 sed maiora mihi tandem allatura trophoea, TC 7,4,100 Aen. 000 arma, dei munus. Non vos prius arbore figam, TC 7,4,101 Aen. 000 quam mea ducat ovans de Turno dextra triumphum. TC 7,4,102 Auch wenn die Bewunderung der Waffen durch Aeneas im Aeneis-Text in Aen. 8,730 angedeutet ist, legt die freie Umsetzung, die durch das Stilmittel der Anrede von Dingen einen feierlichen Klang besitzt (und inhaltlich bedeutsam ist, vgl. dazu näher → Kap. D 6.3.6 und Kap. D 7.2.1), nahe, wie wichtig dieser Aspekt Lucienberger war. Unter diesem Gesichtspunkt scheint das studiose admiratur im Argumentum nicht zufällig zu sein, sondern sich primär auf die TC , nicht die Aeneis zu beziehen. Der Rest des Argumentums enthält wieder deutlich mehr Details als die Periocha. Zu nennen ist vor allem die Schiffsverwandlung, die in der Periocha nicht erwähnt wird. Im Argumentum zu TC VII erzählt Lucienberger auch die göttliche Vorgeschichte, wonach „Venus“ sich eine solche Rettung schon beim Bau der Schiffe von Jupiter erbeten habe. Das wird im Text der TC aber nicht hier in TC VII -5 beim drohenden Schiffsbrand am Tiber berichtet, sondern bereits an der chronologisch richtigen Stelle: in TC I-3 vor der Abfahrt von Troja. Daher hat das Argumentum an dieser Stelle mindestens orientierende, wahrscheinlich sogar erinnernde Funktion. <?page no="86"?> 86 B Zu den Paratexten Die Nisus-Euryalus-Geschichte nimmt im Argumentum im Gegensatz zur Periocha gebührend Platz ein, etwa ein Fünftel dieser Prosa-Inhaltsangabe für TC VII . B 6.8 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC VIII B 6.8.1 Periocha Akt VIII (20 Verse) • Götterversammlung, Schlichtung des Streits zwischen Juno und Venus durch Zeus (1-6) • Gewinnung von Tarchon und seinem Heer als Bundesgenossen (7-8) • Rückkehr des Aeneas zum trojanischen Lager (9-10) • Kampf (11), darin: • Tötung des Pallas durch Mezentius ( sic ) (12-13), • Lausus’ Versuch, den Vater zu retten, und Tod (14-16) • Tod des Mezentius (17-18) • Flucht der Latiner (19-20) Die ersten sechs Verse beziehen sich auf TC VIII -1, die Götterversammlung. Dabei ist in Vers 4 auffällig, dass Lucienberger Venus als Cyprigena (ebenfalls in Periocha Act. X Vers 16) bezeichnet, ein seltener Fall, wo er seine eindeutig humanistische Bildung manifestiert. 32 - Die in TC VIII -1 nicht aufgenommene Fortsetzung des Kampfes am Lager (Aen. 10,118-145) wird - wie zu erwarten - auch in der Periocha nicht erwähnt. - Die Verse 7-8 geben die Szenen TC VIII -2 und TC VIII -3 sehr knapp wieder, wobei auch die ausgedehnte Beratung des Tarchon mit seinen Fürsten - Lucienbergers eigene Erfindung - in der Periocha nicht extra erwähnt wird. Die Rückkehr des Aeneas (Verse 9-10) findet sich am Anfang von TC VIII -4. Den Rest der Szene nehmen Kämpfe ein (entspricht Vers 11), darunter die Tötung des Pallas (entspricht den Versen 12-13), die allerdings in einem krassen Versehen des Autors nicht, wie es richtig wäre, Turnus, sondern Mezentius zugeschrieben wird. Mit keinem Wort erwähnt wird die Entfernung des Turnus durch Juno aus dem Kampf ( TC VIII -5 und Beginn von TC VIII -6). Aeneas’ erster Kampf mit Mezentius und die Tötung des Lausus (Verse 14-16) entspricht dem Hauptteil von TC VIII -6; der finale Kampf mit Mezentius (Verse 17-18) entspricht TC VIII -7. Die Flucht der Latiner, die Lucienberger am 32 Es handelt sich um ein griechisches Beiwort („die auf Zypern geborene“) der Aphrodite (κυπριγένεια), das in der klassischen lateinischen Literatur nicht belegt ist. Das OLD führt nicht Cyprigena , doch immerhin mit einem einzigen inschriftlichen Beleg Cyprigenia . Beide Formen ergeben als Suchbegriffe bei Google oder Firefox keinen Treffer. Eher zufällig habe ich bei Jacob Balde (1604-1668) in seinen Sylvae 6,3,46 Cyprigena satus für Cupido / Amor, den Sohn der Venus, gefunden. <?page no="87"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 87 Ende seiner Periocha erwähnt, bezieht sich auf seine eigene Erfindung (positiver Szenenschluss). B 6.8.2 Argumentum Akt VIII Auf die protokollartige Zusammenfassung der Götterversammlung folgt im Argumentum der Angriff der Rutuler und die Verteidigungsmaßnahmen der Aeneaden ( Interim Rutuli … ). Dies findet sich so nicht in der TC , denn dort folgt auf die Götterversammlung (TC VIII-1) sofort (in der folgenden Szene TC VIII-2), wie Aeneas bei Tarchon um militärische Unterstützung bittet. Hier scheint Lucienberger ausnahmsweise primär auf die Aeneis, nicht auf die TC geschaut zu haben. Zur Erklärung, warum er hier von seinem sonstigen Vorgehen abweicht, drängt sich die Vermutung auf, dass Lucienberger in der Szenenfolge der TC gar nicht die Handlungsfolge der Aeneis ändern wollte. In der Aeneis ist in Aen. VIII allein die Fahrt des Aeneas zu Euander und dann zu Tarchon behandelt. Thema von Aen. IX ist das Geschehen am trojanischen Camp; Aeneas tritt nicht auf. Die Götterversammlung zu Beginn von Aen. X bildet eine Zäsur, nach der die Handlung wieder zu Aeneas zurückgeführt wird, wie er - im Anschluss an das Ende von Aen. VIII - zur See mit den neu gewonnenen etruskischen und arkadischen Hilfstruppen zum trojanischen Camp am Tiber zurückkehrt. Dann werden in Aen. 10,260 die beiden bisher parallelen Handlungsstränge - mit hier Aeneas (A), dort Turnus (T) als Protagonisten - wieder zusammengeführt. - Lucienberger hat aber offenbar gesehen, dass es auf der Bühne und auch bei der Lektüre seines Dramas irritierend wäre, wenn zwei Handlungsstränge, die gleichzeitig stattfinden, so dargestellt würden, dass erst der eine (A) beginnt, dann der andere (T) durchgeführt, schließlich der erste (A) zu Ende geführt wird. Deshalb dürfte er den Schlachtbeginn (der zu T zu rechnen wäre) nach der Götterversammlung übergangen haben. Im Argumentum wollte er dann vermutlich zur Orientierung des Lesers über die Gleichzeitigkeit der Handlungsstränge ähnlich wie Vergil den Beginn der einen Handlung neben den der anderen stellen, denn ganz in diesem Sinne fährt er im Argumentum fort: Dum haec in Latio geruntur, Aeneas rebus in Hetruria apud Tarchonta … ex animi sententia confectis … ad suos revehitur. Der Rest des Argumentums entspricht dem Handlungsverlauf der TC (und der Aeneis). Eine Auffälligkeit ist, dass bei der Schilderung von Turnus’ Entfernung aus der Schlacht durch Juno die Gegend, wo Turnus wieder an Land gespült wurde, konkret bezeichnet wird als littora Ardeae proxima , was so nicht im TC -Text (und auch nicht in der entsprechenden Passage bei Vergil in Aen. 9,815-818) steht. Außerdem ist am Ende auffällig, dass sich Lucienberger mit der Flucht der Latiner - wie schon in der Periocha - eindeutig auf seine eigene Erfindung bezieht, und hier sogar über die Periocha hinausgehend, noch den <?page no="88"?> 88 B Zu den Paratexten Messapus, der in der TC zur Flucht aufruft, namentlich nennt ( reliqui omnes, Messapi hortatu, se in fugam conijciunt ). B 6.9 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC IX B 6.9.1 Periocha Akt IX (30 Verse) • nach dem Sieg über so viele Fürsten: Aeneas’ Weihung der Waffen (Mars) (1-4) • Geleit für die Leiche des Pallas (5-6) • Bitte der Latiner um Bestattungsmöglichkeit für die Ihrigen (7-8) • abschlägige Antwort des Diomedes; Streit unter den Latiner-Fürsten (9-13) • Aeneas’ Sturm auf die Stadt; Camillas Aufstellung (14-16) • Turnus’ Angriff auf Aeneas (17-18) • Camillas Kampf und Tod durch Arruns; Flucht der Latiner (19-22) • Turnus’ Eintreten in die Hauptschlacht und Sammlung seines Heeres (23-26) • Verfolgung der Latiner durch Aeneas bis vor die Stadt; Vertagung der Schlacht auf den nächsten Tag (27-30) Die ersten sechs Verse geben TC IX -1 wieder (genau genommen nur die erste Hälfte, denn die zweite Hälfte der Szene, die zeigt, wie Euander den Tod seines Sohnes aufnimmt, wird nicht genannt). Die Verse 7-8 (Bitte um Bestattung) fassen TC IX -2 und den Anfang von TC IX -3 zusammen. Die Verse 9-16 gehen ähnlich ineinander über wie die entsprechenden Szenen TC IX -3 (Großteil), TC IX -4 und TC IX -6 (Großteil). ( TC IX -5 besteht aus Junos Ansprache an Opis, Camilla zu rächen.) Hier ist Lucienberger offensichtlich nicht bestrebt, Szenengrenzen und Versgrenzen der Periocha korrespondieren zu lassen. Am Ende der Periocha fällt auf, dass die in den Schlussversen 27-30 genannten Handlungen zwar bei Vergil stehen, aber in die TC nicht aufgenommen sind. Doch auch hier legt wieder der Kontext nahe, dass es nicht Lucienbergers Ziel war, die Aeneis anstelle der TC zusammenzufassen, denn die unmittelbar vorausgehenden Verse 25-26 (Turnus’ Sammlung des Heeres) finden sich auch nicht in der Aeneis. Hier hat Lucienberger offenbar die Handlung so geschildert, wie er sich vorstellte, dass sie hätte geschehen müssen. B 6.9.2 Argumentum Akt IX Dieses Argumentum enthält keine größeren Auffälligkeiten, außer dass am Schluss - im Gegensatz zur Periocha (Vers 25) - nichts von einem Versuch des Turnus, nach der Flucht das Heer zu sammeln, gesagt wird. <?page no="89"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 89 B 6.10 Analyse der beiden Inhaltsangaben zu TC X B 6.10.1 Periocha Akt X (30 Verse) • Verzweiflung der Latiner und Überredung des Turnus zum Zweikampf durch Drances (1-8) • Turnus’ Eingehen auf den Vorschlag; Sendung des Idmon zu Aeneas (9-12) • Junos Eingreifen (Vertragsbruch); Heilung des Aeneas durch Aphrodite ( Cyprigena ) (13-16) • Turnus’ Ausweichen vor dem Duell mit Aeneas (17) • Aeneas’ Angriff auf die Stadt (18-20) • Amatas Selbstmord im Glauben, Turnus sei tot (21-23) • Turnus’ und Aeneas’ finaler Zweikampf und Aeneas’ Sieg (24-26) • Gratulationen zum trojanischen Sieg; Hochzeit; Waffenweihung (27-30) Die ersten zwölf Verse geben TC X-1 wieder, inklusive der eigenen Erfindung Lucienbergers, Drances eine Überredungsrede halten zu lassen. Nicht erwähnt wird in der Periocha Aeneas’ Verhandeln mit den Latinern über die Vertragsbedingungen und seine Zustimmung ( TC X-2). Die Verse 13-16 geben recht knapp die Zweikampf-Szene TC X-3 wieder. Turnus’ Ausweichen vor einem Zweikampf mit Aeneas (17) ist aus der TC allenfalls indirekt erschließbar, nämlich daraus, dass Turnus andere Kämpfer als Aeneas verfolgt und Aeneas am Ende von TC X-3 zwar Turnus herausfordernd ruft, aber keine Antwort bekommt. Die Verse 18-20 (Angriff auf die Stadt) sowie 21-22 (Amatas Selbstmord) geben TC X-4 wieder, wobei die aufgewertete Rolle der Lavinia in der Periocha nicht eigens erwähnt ist. Juturnas Gespräch mit Turnus ( TC X-5) wird in der Periocha ebenfalls nicht genannt. Die Verse 24-26 (Zweikampf) fassen die Szenen TC X-6 und TC X-8 zusammen, während das Gespräch zwischen Jupiter und Juno ( TC X-7) übergangen wird. Die letzten vier Verse sind der Schluss- Szene gewidmet, die eine Eigenerfindung Lucienbergers ist. B 6.10.2 Argumentum Akt X Im Großen und Ganzen weist dieses Argumentum nur wenige Auffälligkeiten auf. Festzustellen ist, dass im Argumentum an der Stelle, wo in der TC nur das Stichwort Portentum fällt, ebenfalls nichts Konkretes darüber berichtet wird (nur: Tolumnius augur, falso augurio certam suis victoriam promittens…; vgl. dazu im Übrigen → Kap. D 1.1 am Ende). - Nach dem Vertragsbruch spricht das Argumentum (anders als die Periocha) nicht von einem Ausweichen des Turnus, vielmehr von einer guten Gelegenheit für ihn, Feinde zu töten. - Wenn es von Aeneas heißt Turnumque nominatim ad pugnam deposcit (Scan 269), bezieht sich <?page no="90"?> 90 B Zu den Paratexten das auf den Schluss der Szene TC X-3, wo Aeneas tatsächlich in einer Neuerung Lucienbergers Turnus mit Namen ruft ( TC 10,3,077-079). Zusätzlich zur Periocha wird im Argumentum die Schluss-Szene der Aeneis, die bei Lucienberger die vorletzte ( TC X-8) ist (Aeneas’ anfängliches Mitleid mit Turnus, dann Erblicken der Waffen des Pallas, Zorn, Tötung des Turnus) ausführlich paraphrasiert. - Genau wie in der Periocha fehlt jede Erwähnung des Gespräches zwischen Jupiter und Juno ( TC X-7). - Und wie in der Periocha wird auch die Schluss-Szene der TC ( TC X-9, eine Neuerfindung Lucienbergers, ausführlich zusammengefasst. B 6.11 Rückblick auf die beiden Serien von Inhaltsangaben zu den einzelnen Akten der TC Die Analyse der beiden Serien von Inhaltsangaben zu den einzelnen Akten der TC den vorausgehenden Kapiteln B 6.1-6.10, die ich im Wesentlichen meiner studentischen Hilfskraft Samuel Stöcklein verdanke, hatte nicht den Sinn, ein vollständiges Referat der je 10 metrischen Periochae und der 10 prosaischen Argumenta und damit tendenziell eine Inhaltsangabe zweiten Grades (des Inhalts von Inhaltsangaben) für die TC zu bieten. Vielmehr sollte geprüft werden, ob der Rezipient - der Leser der Buchausgabe oder der Zuhörer bei einer Rezitation oder gar bei einer Aufführung - ein adäquates Bild des jeweiligen Aktes der TC erhält. Die Frage ist mit Einschränkungen zu bejahen. Es ist von vornherein klar, dass die metrischen Periochae, die in der Regel nur 10-20 jambische Verse lang sind (nur die Periochae für den ersten und den letzten Akt sind mit 40 bzw. 30 Versen länger), gewissermaßen nur Stichworte des Inhalts bieten können und dass die prosaischen Argumenta wesentlich mehr Details erfassen. Die metrischen Periochae Lucienbergers in Jamben ähneln deshalb jenen ebenfalls metrischen, aber immer hexametrischen „Argumenta“ aus der Spätantike, die in Serien von 1, 4, 5, 6 oder 10 Versen pro Buch den Inhalt der Aeneis darstellen. 33 Diese sind meines Erachtens von Schulmeistern für den Schulunterricht fabriziert worden, als Gedächtnisstütze für Schüler, die Kenntnis der Aeneis erwerben und vor allem bewahren sollten. Auch für die Leser, Zuhörer oder Zuschauer der lateinischen TC , einer Dialogisierung der Aeneis, darf man wohl eine Kenntnis des originalen lateinischen Epos voraussetzen. Für solche Rezi- 33 Nur die Monosticha und die Dekasticha (die angeblich von Ovid stammen), dazu die Tetrasticha der Inhaltsangaben für die 12 Aeneis-Bücher sind von D. R. Shackleton-Bailey in seine Neuausgabe der Anthologia Latina (AL) I, Stuttgart 1982 als Nr. 1-2 aufgenommen; für die Pentasticha und die Hexasticha s. die ältere Ausgabe der AL von A. Riese, Lipsiae 2 1894-1906, Nr. 592-602 (5) und 653 (6). Eine genauere Analyse der Argumenta zur Aeneis fehlt. <?page no="91"?> B 6 Die Inhaltsangaben: metrische Periochaeund prosaische Argumenta 91 pienten hatten die Periochae Lucienbergers ebenfalls Memorial-Charakter und riefen die Handlung der Aeneis in groben Zügen wieder in Erinnerung. Gerade die Periochae Lucienbergers spiegeln die Abfolge der einzelnen Szenen (obwohl dieser Begriff nie fällt), deutlicher als das in den Argumenta der Fall ist. Kaum für die Periochae, umso mehr aber für die Argumenta Lucienbergers stellt sich bei einer Analyse die Frage: Geben diese Texte wirklich den Inhalt der TC , also des Dramas, und nicht etwa den Inhalt der Aeneis, also der epischen Vorlage, wieder? Es ist geradezu selbstverständlich, dass sowohl die Periochae als auch die Argumenta von Lucienberger verfasst worden sind nicht als Plan für eine noch zu schreibende TC , sondern nach dem Vorliegen des dramatisierten Textes. Jeden etwaigen Zweifel beseitigt der Verweis im Argumentum zu TC VI auf eine bestimmte Szene dieses Aktes (auf TC VI -8, → Kap. B 6.6.2). Es hat sich bei der Analyse auch gezeigt, dass die Argumenta in der Regel größere Abweichungen der TC von der Vorlage, der Aeneis, berücksichtigen, allerdings nie diese Neuerungen als solche markieren und benennen. Das gilt vor allem für das neue Gliederungsprinzip der TC , die Herstellung des ordo naturalis , die chronologische Anordnung der Handlung, wie sie in der TC mit der inhaltlichen Abfolge Aen. II - Aen. III - Aen. I - erneut Aen. II - III - Aen. IV geboten wird. Auch die chronologisch korrekte Einreihung von TC I-3 ist (→ Kap. B 6.1.2) berücksichtigt (zur Sache vgl. → Kap. C 2.2, auch → Kap. C 4.3 und Kap. C 5.5.1). Darüber hinaus hat Lucienberger eine Vielzahl von weiteren inhaltlichen Änderungen an der Aeneis vorgenommen, die (um von bloßen Variationen zu schweigen) teils in Auslassungen, teils in Zusätzen ganzer Partien bestehen. Insbesondere diesen Abweichungen der TC von der Aeneis ist ein Großteil meiner vorliegenden Untersuchungen gewidmet (vor allem das Rubriken-Kap. → C 5 und die meisten Analysen in → Kap. D 1 bis D 12). Diese Erkenntnisse, die man auch aus einem selbständigen Studium meiner beigefügten synoptischen Ausgabe TC / Aen. dank des dort zugrunde gelegten Systems unterschiedlicher Formatierungen relativ leicht gewinnen kann, sind bereits (wenigstens für wichtige Fälle) in die vorausgehende Analyse der Inhaltsangaben Lucienbergers (in → Kap. B 6.1 bis B 6.10) eingeflossen. Die Untersuchung hat ergeben, dass Lucienbergers eigenes Referat des Inhalts seiner TC in den Argumenta nicht fehlerfrei ist: In mehreren Fällen bietet er Paraphrasen, die eher der Aeneis als der TC oder gar nur der Aeneis und nicht der TC entsprechen (für Beispiele s. besonders → Kap. B 6.5.2, auch → Kap. B 6.7.2 und B 6.8.2). Offenbar überlagert dann die Erinnerung an das klassische Epos die an seine eigene dramatische Transformation. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist auch, dass die vorliegenden Inhaltsangaben als geschehen berichten, was in der TC - wie wir noch sehen werden - nur an- <?page no="92"?> 92 B Zu den Paratexten gekündigt wird. Wenn ein Leser des dramatisierten Textes sich z. B. womöglich fragen sollte, ob denn Aeneas auch in der TC , wie es in den letzten Versen der Aeneis geschieht, den um Gnade bittenden Turnus „wirklich“ tötet, obwohl Lucienberger die drei letzten Verse der Aeneis (Aen. 12,950-952) mit dem Todesstoß des Aeneas und dem Todesseufzer des Turnus übergeht und nur die letzten, gnadenlosen Worte des Aeneas zitiert ( TC 10,8,029b-031 = Aen. 12,947b-950), so wird er durch den konstatierenden Satz des Argumentums zu TC IX (Scan 269) aufgeklärt: … gladio per pectus adacto (eum (sc. Turnum Aeneas) vita spoliat (vgl. dazu → Kap. D 9.2) . Auch in vielen anderen Fällen, wo man aus den Reden der dramatis personae allein kaum oder gar nicht erkennen könnte, welches Geschehen denn eigentlich abläuft, geben die Inhaltsangaben, vor allem die ausführlichen Argumenta, Aufschluss. So kann man z. B. dem Argumentum zu TC IV u. a. entnehmen, dass im Bogenschießen an sich Eurytion der Beste ist, aber doch Acestes besonders ausgezeichnet wird. Das entspricht zwar der Schilderung in der Aeneis (wo in Aen. 5,492-518 die Erfolge der Schützen Hippocoon, Mnestheus und Eurytion auktorial erzählt werden), doch hört man in der auf einen einzigen Vers gekürzten Version der TC 4,3,140 (einer bloßen Aufzählung der Namen der Wettbewerber) nichts von einem Sieg des Eurytion; dass Acestes als Sieger ausgerufen wird ( TC 4,3,142, nach dem isolierten und so rätselhaften Vers TC 4,3,141) wäre ohne den Hinweis im Argumentum auf Eurytion kaum verständlich. B 7 Der Prolog und die abschließende Ad iuventutem admonitio In einer Sondergruppe des Personenverzeichnisses zur TC (s. dazu → Kap. B 5.3) sind u. a. ein Prologus und ein Epilogus genannt, also die Sprecher eines Prologs und eines Epilogs. B 7.1 Der Prolog Was der Prologus zu sagen hat (vgl. dazu schon → Kap. B 3.3), ist in dem gedruckten Buch (Scan 26) der Inhaltsangabe des 1. Aktes der Tragicocomoedia vorausgeschickt: den dort gedruckten Prolog. (Das lateinische Wort prologus, ein griechisches Fremdwort, bezeichnet nämlich an sich den Prolog- Sprecher ; das, was er vorträgt und was wir „Prolog“ nennen, heißt lateinisch prooemium. ) Die 22 lateinischen Hexameter beginnen mit dem Zitat der sieben Anfangsverse der Aeneis, also mit dem originalen Prolog des Epos (Aen. 1,1-7 Arma virumque cano bis atque altae moenia Romae ). Der Rest, die Verse 8 und 9-22, sind neu von <?page no="93"?> B 7 Der Prologund die abschließende Ad iuventutem admonitio 93 Lucienberger gedichtete Hexameter, die eine Adresse an das fürstliche Publikum und speziell den Kaiser zum Inhalt haben (vgl. dazu → Kap. 3.3). Zuerst werden mit Vers 8 vos igitur, quocunque estis de stemmate nati die bei einer Aufführung des TC anwesenden jungen Adeligen angeredet. Diese Aristokraten unter den Zuhörern sind nicht namentlich spezifiziert. (Auf der Widmungs-Seite der Buchausgabe, Scan 7, waren nicht nur 12 Fürstensöhne - immer mit der Nennung des Vaters - aufgeführt worden, sondern die Widmung galt auch generell, wie am Schluss der Seite gesagt wird, omnibus florentis aetatis principibus et comitibus, dominis suis clementissimis, clementibus et gratiosissimis , also „allen“ jugendlichen Fürsten und ihren „Herren“, also Vätern.) Durch eine eingeschobene prosaische Zwischenbemerkung, eine Regieanweisung (nach Vers 8 und vor Vers 9), wird der Prolog-Sprecher (Scan 26) angehalten (jedenfalls wenn er ein industrius actor , ein beflissener Schauspieler ist), je nach Ort ( pro ratione loci ) und konkretem Publikum ( personarum, ubi coramve quibus agetur) hier die Titel der anwesenden Aristokraten einzufügen (womöglich auch in Hexametern? ! ). Lucienberger betrachtet seine Buchpublikation also offensichtlich nicht als Textbuch nur für die eine Rezitation im Jahre 1576 vor jenen jungen Prinzen und Fürstensöhnen, mit den drei Söhnen Ernst, Mathias und Maximilian des Kaisers Maximilian II . an der Spitze, die im Titelbereich (Scan 008) als Adressaten genannt sind, sondern er geht davon aus, dass seine Tragicocomoedia auch für weitere ähnliche Gelegenheiten herangezogen wird. Ganz offensichtlich rechnet also Lucienberger mit einer Mehrzahl von Aufführungen an unterschiedlichen Orten und mit entsprechend wechselndem Publikum. Einer Ansprache gewürdigt wird aber nur der adelige oder fürstliche Teil des Publikums. Unabhängig von diesem wechselnden Publikum wird in den Versen 9-10 der Kaiser angerufen. Auch er ist nicht namentlich genannt (Vers 9 et tua praecipue Maiestas inclyta Caesar / maxime ). 34 Er wird um wohlwollende Aufnahme des Werkes gebeten, das den Aeneas pius (Vers 19) zum Helden hat. Auch Vergil (Vers 9-22) habe seinerzeit dem Kaiser Augustus zu gefallen gesucht und ihn gerühmt, und viele andere hervorragende Dichter hätten das gleiche angestrebt. Die Dichtung, mit der der Prologsprecher (im Namen des Dichters Lucienberger) das Wohlwollen des Kaisers gewinnen will, ist nicht neu (Vers 18 nec insuetum … carmen ): gespielt werden die Taten des frommen Aeneas (Vers 19 Aeneae nos gesta pii peragemus ), und zwar, wie es angemessen ist, „auf hohem Kothurn“, also im hohen Ton der Tragödie. 34 Da das Vorwort (die Epistola dedicatoria ) der TC auf den 1. März 1576 datiert ist (Scan 12), muss Lucienberger an Kaiser Maximilian II. gedacht haben, der am 12.10.1576 gestorben ist. <?page no="94"?> 94 B Zu den Paratexten B 7.2 Der Epilog: die metrische Ad iuventutem admonitio Welchen Text der Epilogus zu sprechen hatte, geht aus der Buchausgabe VP 1576B nicht hervor: Es gibt darin kein Stück, das in Parallele zum Prologus (≈ Proömium) als Epilogus bezeichnet wäre. Der eigentliche Dramentext, die TC , hat keinen Epilog. Er endet mit einer Wendung einer Dramenfigur, des Königs Latinus, ad spectatores in TC 10,9,036 f. (vgl. dazu → Kap. D 8.4). Bei einer auf drei Tage verteilten Aufführung soll noch jeweils ein Exodium folgen (vgl. dazu → Kap. B 9.1). Diese drei Exodia vorzutragen, kann aber nicht Aufgabe des im Personenverzeichnis der TC vorgesehenen Epilog-Sprechers sein, denn in diesen treten selber zwei oder drei sprechende Figuren auf. Als vom Epilogus vorzutragender Text verbleibt deshalb nur die Ad iuventutem admonitio auf der letzten Druckseite (Scan 298). In dieser an die jungen Leute gerichteten Mahnung werden in 9 „elegischen“ Distichen (Kombination von Hexameter und Pentameter), also in 18 Versen, 7 Lehren ( praecepta … septem ) gegeben: (1.) Warnung vor Trunksucht; (2.) Warnung vor Geschwätzigkeit; (3.) Warnung davor, für irgendjemand zu bürgen; (4.) Warnung davor, ein Mädchen zu entjungfern; (5.) Warnung davor, sich mit Huren einzulassen; (6.) Warnung davor, seinen Herrn zu verraten; (7.) Warnung davor, sich mit solchen Menschen zu verbrüdern ( Nec te consocies illis peramanter adhortor ), die ein schlimmes Kreuz elendig bedrückt. (Was das für Menschen sind, de quibus heu miserum crux mala pondus habet , ist mir allerdings nicht klar.) 35 Wenn man sich an diese wenigen Vorschriften hält, dann - so verspricht das letzte Distichon (Vers 17-18) - wird man die erwünschte höchste Ehre erreichen. Das alles mögen beherzigenswerte Ratschläge an junge Leute sein. Aber mit dem Inhalt der Aeneis Vergils bzw. der nach ihr gedichteten Tragicocomoedia hat keine dieser Warnungen etwas zu tun - obwohl doch in der Epistola dedicatoria angekündigt war, dass gerade junge Leute aus der Aeneis vieles lernen könnten. Allerdings sind unter den Lehren, die die Aeneis ihnen laut Lucienberger bieten könnte, zwar viele militärischer Art, aber keine im engeren Sinne moralische. 35 Mala crux ist eigentlich das Kreuz, an das manche zum Tode Verurteilten, zumal Sklaven, geschlagen wurden. Als neuzeitliche Entsprechung wird dafür gern „Galgen“ gesetzt. Eine Wendung wie i in malam crucem wird dann mit „geh zum Galgen / Henker / Teufel / zur Hölle“ wiedergegeben. - Die Verbindung crux mala kommt mehrfach bei Plautus (z. B. Aulularia 631 quae te mala crux agitat ? und 522 aut aliqua mala crux semper est quae aliquid petat ) vor, offenbar im Sinne von „Henker“ oder vielleicht „Plage, Qual, Unheil“. Aber das hilft zum konkreten Verständnis der 7. und letzten Warnung Lucienbergers kaum weiter. - Ein befragter Kollege meint, es könne sich um eine summierende Warnung vor solchen Menschen handeln, die die ersten 6 Warnungen nicht befolgen. <?page no="95"?> B 8 Die 13 Titelholzschnitte zu den einzelnen Akten der TC 95 Deshalb ist dieser Ausklang des Buches, in dem die TC gedruckt ist, in Gestalt einer Ad iuventutem admonitio für eine Nachdichtung Vergils ein Fremdkörper. B 8 Die 13 Titelholzschnitte zu den einzelnen Akten der TC bzw. ursprünglich zu den Büchern der Aeneis Die insgesamt 13 Holzschnitte, die die Buchausgabe VP 1576B der TC schmücken, sind keine eigens für diese Ausgabe geschaffenen Illustrationen, sondern (von einer Ausnahme abgesehen) unveränderte Übernahmen einer älteren Serie. Ich habe in meinem „Handbuch der illustrierten Vergilausgaben 1502-1840“ von 2008 (→ Kap. F 1), dort S. 284-286 (zu VP 1576B) nachgewiesen, dass es sich um Nachstiche einer Serie handelt, die erstmals in einer deutschen Aeneis- Übersetzung (eines Anonymus, der die von Thomas Murner, Straßburg 1515, bearbeitet hat) Frankfurt 1559 (VP 1559C) erschienen und danach in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s bis hin zu VP 1606 fast ein Dutzend Mal wiederholt worden ist. Es handelt sich um einen Typus von Titelbildern zu den einzelnen 12 + 1 Aeneis-Büchern, die ich den „Frankfurter Argumentum-Zyklus“ genannt habe (Nr. 15 im „Verzeichnis der unterschiedlichen Illustrationszyklen zur Aeneis“ in meinem „Handbuch“ von 2008, S. 41; vgl. dazu auch S. 60 f.). Ich bin auch in meinem großen Spezialaufsatz „Titelbilder zu den Aeneis-Büchern vom Humanismus bis zum Neoklassizismus“, Philologia antiqua (Pisa-Roma) 1, 2008, 99-201 (mit 90 Abb.), dort S. 125-133 (mit Abb. 25-40) auf diesen Typus von Aeneis-Illustrationen näher eingegangen, bei dem jeweils ein einziges Titelbild wie ein „Argumentum“ (aber eines graphischer, nicht textueller Art) den Inhalt des folgenden Aeneis-Buches erfassen (oder besser: andeuten) soll. Da diese „Frankfurter“ Holzschnitte schon vorlagen, als Lucienberger seine TC verfasste und sie in Sekundärverwendung in seine ebenfalls in Frankfurt gedruckte TC -Ausgabe in VP 1576B übernahm, können sie nicht als ad-hoc- Illustrationen zu seiner Dramatisierung betrachtet werden. Man könnte allenfalls vermuten , dass sie Lucienberger „vor Augen standen“, als er sich ein (inneres) „Bild“ von den Situationen im Epos machte, die er durch bloße Dialoge darstellen wollte. Wie man einen solchen Einfluss in der TC nachweisen könnte, sehe ich allerdings nicht. Jedenfalls hat Lucienberger es sich bei seinen gelegentlichen Erweiterungen der Aeneis nicht angelegen sein lassen, zur Verteidigung des Lagers der Aeneaden am Tiber oder zum Angriff darauf Kanonen in Stellung zu bringen, wie es auf den Titelholzschnitten zu TC VII -1 (≈ Aen. IX ) und zu TC IX -1 (≈ Aen. XI ) geschieht. (Auf dem Titelholzschnitt zu TC X-1 ≈ Aen VIII wird sogar „Laurentum“ mit Kanonen angegriffen; doch muss es sich hier um eine Verwechslung des Lagers der Trojaner mit der Stadt des Königs Latinus <?page no="96"?> 96 B Zu den Paratexten handeln.) Am ehesten würde ich einen Einfluss der Holzschnitte des Frankfurter Zyklus auf neu gedichtete Passagen der TC darin sehen, dass Lucienberger, wie diese Holzschnitte (nach ihrem Vorbild? ), das Lager der Trojaner am Tiber als eine befestigte Stadt darstellt. Nur für die letzte, von Lucienberger ohne Vorbild in der originalen Aeneis Vergils konzipierte Szene der TC , für die er aber auf einer Fortsetzung der Aeneis in Gestalt des 1428 verfassten Supplementum Aeneidos („Aeneis XIII“) des jungen Florentiner Humanisten Maffeo Vegio (Maphaeus Vegius, Lodi 1407 - Rom 1458) fußen konnte, möchte ich eine Anregung durch den entsprechenden Holzschnitt des „Frankfurter Argumentum-Zyklus“ nicht ausschließen. Dieses Supplementum Aeneidos Vegios gehörte im 16. Jh. geradezu zum Normalbestand der lateinischen Aeneis-Ausgaben. Es wurde bereits in der ältesten zyklischen Vergil-Illustrierung, in den Holzschnitten Sebastian Brants zur Straßburger Ausgabe von 1502 ( VP 1502), mitberücksichtigt und danach auch in den beiden Argumentum-Zyklen aus Zürich (seit VP 1561b) und aus Frankfurt (seit VP 1559C, danach u. a. VP 1576B). Näheres dazu in meiner Behandlung dieser Schluss-Szene TC X-9 in → Kap. D 8.3, speziell in → Kap. D 8.3.2. Im Übrigen kann es in diesem Zusammenhang genügen, die Position und schlagwortartig den Inhalt der 13 Holzschnitte in VP 1576B anzugeben. Die Position dieser Holzschnitte ist in VP 1576B anders als in der Vorlage VP 1559C, weil in der Dramatisierung von Lucienberger der chronologische ordo naturalis (durch das Vorziehen des Inhalts von Aen. II und III vor Aen. I) hergestellt worden ist, während Ausgaben mit dem originalen oder ins Deutsche übersetzten Text der Aeneis die Holzschnitte in der kontinuierlichen Abfolge zu Aen. I bis Aen. XII bzw. bis zu „Aen. XIII “ bieten. Innerhalb der Dramatisierung von VP 1576B sind den einzelnen Szenen des Textes der TC die Argumentum-Bilder in folgender, von jener in der Aeneis- Ausgabe VP 1559C abweichenden 36 Abfolge zugeordnet: 36 In VP 1559C sind die viel-figurigen und poly-szenischen Bilder natürlich entsprechend der Abfolge der Aeneis-Bücher eingelegt, also: Aen. I: Empfang bei Dido; Seesturm. - Aen. II: Vor und während der Eroberung Trojas. - Aen. III: Irrfahrtenstationen mit Polyphem. - Aen. IV: Jagd mit Ascanius; hinten r(echts) die Höhle mit Dido und Aeneas. - Aen. V: Reitender Aeneas li(nks) vor Dido im Kahn r(echts). - Aen. VI: Unterwelts-Szenen. - Aen. VII: Ilioneus r. vor li. König Latinus. - Aen. VIII: Belagerung der Burg Laurentum mit Kanonen. - Aen. IX (neu): Zwei Heere vor dem großen runden Lager der Trojaner. - Aen. X: Kampfszenen mit r. Lausus, Turnus, Pallas. - Aen. XI: Kampfszenen vor kleinem runden Lager der Trojaner, li. Camilla. - Aen. XII: Aufmarschierende Heeresgruppen, vorn li. Aeneas zu Ross. 37 Eine solche Szene kommt in der Aeneis nicht vor. Wie sie zu erklären ist und was sie mit Aen. V zu tun haben soll, bleibt unklar. - Zufällig habe ich entdeckt, dass dieser Holzschnitt auch in die Illustrierung einer Venezianischen Ariost-Ausgabe von 1580 übernommen worden ist; vgl. dazu Ulrich Wilke, Ludovico Ariosto, Orlando Furioso. (Bd. II) <?page no="97"?> B 9 Die drei burlesken Nachspiele (Exodia) 97 TC I-1 Aen. II Vor und während der Eroberung Trojas. TC I-7 Aen. III Irrfahrtenstationen mit Polyphem. TC II -1 Aen. I Empfang bei Dido; Seesturm. TC III -1 Aen. IV Jagd mit Ascanius; hinten rechts die Höhle mit Dido und Aeneas. TC IV -1 Aen. V Reitender Aeneas links vor Dido im Kahn. 18 TC V-1 Aen. VI Unterwelts-Szenen. TC VI -1 Aen. VII Ilioneus (rechts) vor (links) König Latinus. TC VII -1 Aen. IX (neu gegenüber VP 1559C; Abwandlung des Holzschnittes zu Aen. XI / TC IX -1) Zwei Heere vor dem großen runden Lager der Trojaner, dazwischen Nisus und Euryalus. TC VIII -1 Aen. X Kampfszenen mit (rechts) Lausus, Turnus, Pallas. TC IX -1 Aen. XI Kampfszenen vor kleinem runden Lager der Trojaner, links Camilla. TC X-1 Aen. VIII Belagerung der Burg „Laurentum“ mit Kanonen. TC X-6 Aen. XII Aufmarschierende Heeresgruppen, vorn links Aeneas zu Ross TC X-9 Aen. XIII (auch „Aen. XIII “ ist in die TC mit einbezogen) Hochzeit des Aeneas mit Lavinia und u. a. Überführung des Sargs mit der Leiche des Turnus in seine Heimat; Näheres dazu in → Kap. D 8.3.2. B 9 Die drei burlesken Nachspiele (Exodia) B 9.1 Die Exodia (Nachspiele) nach der Tragicocomoedia Die Buchausgabe von 1576 endet nicht mit dem letzten Vers der Tragicocomoedia . Es folgt vielmehr noch ein mit De exodiis überschriebener Anhang auf Scan 292-297 (und danach als Schlussseite Scan 298 dann die Ad iuventutem admonitio , die man als Epilog betrachten darf, sowie der Kolophon, die Subscriptio impressum Francoforti ad Moenum apud Paulum Reffelerum MDLXXVI ). In diesem Buchillustrationen des 17. und 18. Jahrhunderts, Neukirchen 2015, S. 11 (mit Bezug auf Bd. I, Illustrationen des 16. Jh.s). <?page no="98"?> 98 B Zu den Paratexten Anhang wird zunächst in der Tat auf einer halben Druckseite allgemein de exodiis gehandelt, dann aber werden drei wirkliche Exodia präsentiert. Die kurze E i n l e i t u n g zum eigentlichen Text der drei Exodia verdient Beachtung. Sie ist in dem ganzen Buch von 1576 neben jener in der Epistola dedicatoria über die unübliche Einteilung in 10 Akte (Scan 10, s. dazu → Kap. D 12.2.3) die einzige literarhistorische Passage. Lucienberger stellt eingangs fest, dass es in Deutschland ( apud Germanos ) keine Exodia gibt - was umgekehrt bedeutet, dass er selber hier in Deutschland literarisches Neuland betritt -, solche Exodia aber in Italien und Spanien weit verbreitet sind. Dort sei man gewöhnt, am Schluss von Komödien oder Tragödien ein kurzes, witziges und heiteres Nachspiel vorwiegend de hominum moribus zu bieten, um die Hörer zu entspannen. Wenn das Ende (einer Aufführung) gut und erfreulich sei, wirke auch der Rest angenehmer. Als Beweis für eine solche Wirkung eines Exodiums zitiert Lucienberger aus Juvenals 6. Satire (es sind die Verse 71-72 der 661 Hexameter langen bösartigen sog. Weiber-Satire): „Urbicus bringt im Nachspiel der Atellana (das Publikum) zum Lachen, wenn er die Autonoë spielt; in ihn verliebt ist die arme Aelia.“ Auf das genaue Verständnis der beiden Juvenal-Verse im Kontext kommt es Lucienberger offenbar nicht an. (Es geht dort darum, dass die Frauen im Publikum aufgegeilt werden, wenn sie in einem Nachspiel zur Atellana einen weibischen Schauspieler wie Urbicus in einer Tragödien-Parodie Autonoë spielen sehen, die zusammen mit ihrer Mutter Agaue in bacchantischer Raserei ihren Bruder Pentheus zerreißt. Auffällig ist, dass Juvenal offensichtlich voraussetzt, dass zu einer Posse, wie es die Atellana ist, noch ein ebenfalls possenhaftes Exodium gibt.) Lucienberger will anscheinend nur beweisen, dass das Publikum ein Exodium liebt, weil es dadurch zum Lachen gebracht wird. (Bei Juvenal „liebt“ die einfache Aelia aber nicht das Nachspiel als solches, sondern den Atellanen-Schauspieler.) Dass Lucienberger für die Einführung von Exodia im Anschluss an seine TC von der „klassischen“ Belegstelle für Exodia in der römischen Literatur beeinflusst worden ist, nämlich jenem in vielerlei Hinsicht berühmten K a p i t e l V I I - 2 d e s L i v i u s , in dem dieser über die Entwicklung des Bühnenspiels im Rom vor allem des 3. Jh.s v. Chr. schreibt, 38 lässt sich nicht erweisen. In diesem Kapitel heißt es in 7,2,11 (wo allerdings schon die Text-Überlieferung gerade im Hinblick auf die Exodia umstritten und noch mehr das Verhältnis der Atellanen zu Exodia - haben die Atellanen selber die Funktion eines Nachspiels zu einer Tragödie oder ist ein Exodium das Nachspiel zu einer 38 Auch ich selber habe in dem von mir herausgegebenen HLL 1 = Handbuch der lateinischen Literatur der Antike, 1. Bd.: Die archaische Literatur, München 2002, dort bes. § 107.2 S. 51-57, dieses Livius-Kapitel ausführlich gewürdigt; speziell einschlägig ist die Phase E, die Entwicklung der Atellana -Posse zu einem Exodium. <?page no="99"?> B 9 Die drei burlesken Nachspiele (Exodia) 99 Atellana? ): Postquam lege hac fabularum ab risu ac soluto ioco res avocabatur et ludus in artem paulatim verterat, iuventus histrionibus fabellarum actu relicto ipsa inter se more antiquo ridicula intexta versibus iactitare coepit; quae (Edd. auch unde oder unde quae ) exodia postea appellata consertaque fabellis potissimum Atellanis sunt. Es geht in dieser Passage weniger um die Entwicklung der Literaturgattung Drama in Rom (die Bedeutung des Jahres 240 v. Chr. mit der Aufführung eines erstmals aus dem Griechischen übersetzten, also im engeren Sinne literarischen Dramas in Rom wird mit argumento fabulam serere in Liv. 7,2,8 kaum deutlich), sondern um die dabei auftretenden Akteure, Amateure/ iuventus oder Berufsschauspieler/ histriones . Die zitierte Passage klingt so, als ob vor allem den Atellanen witzige Exodia zugesellt worden wären. Das ist wenig wahrscheinlich. Eher einleuchtend wäre, dass die ursprünglich improvisierten Atellanen selber in der Funktion von Exodia, als Nachspiele, an Tragödien (wie in Griechenland ein Satyrspiel einer tragischen Trilogie) angeschlossen wurden. Das wird durch eine Verbindung wie in Atellanico exhodio (Suet. Tib. 45) belegt. 39 - Bei Lucienberger kommt der Begriff „Atellana“ nur innerhalb des Zitats von Juvenal 6,71 in Gestalt des nicht eindeutigen Exodio … Atellanae vor. Ein direkter Einfluss der Livius-Stelle ist nicht ersichtlich. Nach der kurzen allgemeinen Einführung in das Wesen eines Exodiums und dem Juvenal-Zitat legt Lucienberger drei solcher Exodia vor , die jeweils am Schluss jener drei Tage, an denen die vorliegende Regia Tragicocomoedia gespielt wird ( agitur ), geboten werden sollen. Er kündigt sogar an, ein eigenes kleines Werk nur mit Exodia publizieren zu wollen. Schon die bloße Existenz dieses Schluss-Kapitels mit den drei konkreten Exodia beweist, dass Lucienberger wirkliche Aufführungen seiner TC intendierte, wobei es nach wie vor allerdings unklar bleibt, ob er sich solche Aufführungen als bloße Rezitationen oder als von Schauspielern agiertes Bühnenstück dachte. Der konkrete Inhalt der drei Exodia, die er verfasst hat, lässt aber doch eher vermuten, dass er an eine wirkliche Aktion dachte. Und wenn die Exodia gespielt werden sollten, dann gewiss auch die eigentliche TC . 39 Vgl. ferner E. Stärk, HLL 1, 2002, § 135, der die Livius-Stelle S. 266 mit „als Exodium, als selbständiges Nachspiel ist die Atellana … mehrfach bezeugt“ paraphrasiert und S. 267 in § 135 Lit. 2b ebenfalls, wie ich, für eine „Ineinssetzung von Atellana und Exodium“ plädiert. <?page no="100"?> 100 B Zu den Paratexten B 9.2 Das Exodium für den 1. Aufführungstag der TC Es handelt sich um einen Schwank mit 2 sprechenden Personen ( iocus biloquius ) in 56 Versen (28 Distichen aus Hexameter + Pentameter). Man könnte ihn „Das Kälberbrüten“ nennen. Er besteht aus einem Dialog zwischen der Bäuerin Elsa und ihrem Ehemann Henno. (Henno wird im Text mehrfach von seiner Frau mit diesem Namen angesprochen; er seinerseits gebraucht nur in den Versen 52 und 54, flehentlichen Bitten, die Koseform Elsula ; der Name Elsa steht nur als Personenbezeichnung im gedruckten Text.) Der Inhalt ist burlesk. Elsa will für einige Tage Verwandte in der Stadt besuchen. Sie empfiehlt Haus und Haustiere der Sorge ihres Mannes. Henno fühlt sich befreit von der Tyrannei seiner Frau, der dira uxor . Jetzt ist er der Herr. Er will sich mit seinen Kumpeln vergnügen. Als er - wie die Regiebemerkung erklärt - nach einigen Tagen des Saufens zum Hof zurückkehrt, findet er die Kälber tot vor. Sie sind verhungert. Mein Gott (Henno ruft in seinem Selbstgespräch Jupiter und Minerva an), was soll er tun? In der Speisekammer findet er einige Käselaibe. Da kommt ihm die Idee zu einer großartigen Erfindung ( pulcrum inventum ): Er will aus den Käselaiben Kälber ausbrüten, wie es eine Henne mit den Küken aus Eiern tut. So wird er die Zahl der verendeten Kälber ersetzen können und braucht sich vor den Vorwürfen seiner Frau nicht zu fürchten. Als Elsa tatsächlich zurückkommt, findet sie weder Ehemann noch Kälber vor. Endlich meldet sich Henno. Er sagt, eine Pest habe die Kälber dahingerafft, aber er schaffe kunstvoll Ersatz. Kälber kämen ja aus Kühen, aus Kühen kämen aber auch mittels Milch Käselaib. (Also könne man auch aus Käselaiben Kälber schaffen.) Er sitze nun schon den 4. Tag auf Käselaiben in einem Korb und brüte so Kälber aus. Elsa solle ihm dabei helfen. Elsa verspricht: Ja, warte nur. Sie holt einen Stock und verprügelt ihren Mann, den größten Dummkopf auf der ganzen Welt. Es ist wirklich eine andere Welt, die der Zuschauer in diesem Exodium vor sich sieht. Wenige Minuten zuvor hatte er am Ende des 1. Teils des tragischen Spiels (der TC ) den Selbstmord Didos (oder weniger wahrscheinlich: das Ende der Erzählungen des Aeneas) am Hof von Karthago erlebt (mindestens in der Phantasie, wahrscheinlich aber doch als Bühnenspiel; vgl. meine Überlegungen zur Verteilung der TC auf 3 Aufführungstage in → Kap. E 2.5.5). Jetzt entfaltet sich ein ganz anderes, ein bäurisches Milieu vor seinen Augen. „Vor seinen Augen“ ist wörtlich zu nehmen: Gerade die aberwitzige Konzeption des Kälberbrütens und die (in allen drei Exodia obligatorische) Prügelszene am Ende wirken doch wohl nur, wenn nicht nur gesprochen, sondern auch agiert wird. Ein Bauer sitzt nach tagelangen Saufgelagen in einem Korb auf Käselaiben, seine <?page no="101"?> B 9 Die drei burlesken Nachspiele (Exodia) 101 Frau verdrischt ihn und wirft ihm die Käselaibe nach - das muss man sehen und nicht nur hören, was die beiden Akteure sagen . Die literarische Fallhöhe von einer epischen Tragödie zu einer Burleske, mit der Lucienberger das vornehmlich (jedenfalls allein angesprochene) adelige (und jugendliche) Publikum seiner aus einem Epos entwickelten Tragicocomoedia entspannen und erheitern will, ist extrem. In diesem Exodium herrschen Saufen, Streiten, Prügeln, unsinniges Treiben, niedriges Personal - es fehlen nur (hier und auch in den beiden anderen Exodia Lucienbergers) Hurerei und Obszönitäten. Lucienberger zeigt in diesem Nachspiel geradezu eine Gegenwelt zu der hehren, aristokratischen und heldischen des antiken Epos, deren Vorbildcharakter er, wie aus seiner Epistola dedicatoria hervorgeht, in seiner TC noch verstärkt hat. Ich hätte Lucienberger, einem im höfischen Ambiente aufgewachsenen Bürgersohn, kaum eine solche rustikale und aberwitzige Erfindung wie den Inhalt dieses „Kälberbrütens“ zugetraut. In der Tat ist der Plot eine literarische Übernahme. Als möglichen Anreger für ein kurzes lustiges Drama - wenn auch nicht in der Funktion eines Exodiums zu einem ernsten Bühnenstück, das es laut Lucienberger bisher in Deutschland nicht gab - fiel mir Hans Sachs ein. Ich habe mir nämlich als Akteur eines Rüpelspiels von Hans Sachs mit finaler Prügelei bei einer Schulaufführung kurz vor meinem Abitur (also vor mehr als 60 Jahren), da ungeübt in derlei Aktivitäten, die rechte Handwurzel an dem Dickschädel meines Gegenspielers gebrochen. Diese unvergessliche Erfahrung brachte mich auf die Idee, im Werk des Nürnberger Schusters, Meistersingers und Stückeschreibers Hans Sachs (1494-1576), der im Publikationsjahr der TC Lucienbergers gestorben ist, nach einer etwaigen Vorlage wenigstens flüchtig (er hat über 100 Fastnachtsspiele und dramatische Schwänke verfasst) zu suchen. Und siehe: sogar in einer Auswahl-Übersicht stieß ich auf den Titel „Das Kälberbrüten“. Das Fastnachtsspiel ist digitalisiert bei „Projekt Gutenberg-De“ zugänglich. Es ist 1551 erschienen und ein Drei-Personen-Stück: zu Bäuerin (Gretl) und Bauer (Hans) kommt noch ein Pfaffe. Es ist wesentlich länger als das 1. Exodium Lucienbergers, kreist aber, wie es der Titel schon andeutet, um dasselbe Thema mit derselben schein-rationalen Analogie des Ausbrütens von Eiern zu Küken durch das Federvieh. Bei Hans Sachs wird die Aktion des Ausbrütens der Käselaibe durch den Bauern breit ausgespielt: Der weiterhin auf dem Käse sitzende Bauer antwortet auf die Vorhaltungen der Bäuerin und des zur „Beschwörung“ (zum Austreiben des Wahns und eventuell des Teufels) herbeigerufenen Pfaffen fortgesetzt mit tierischen Lauten wie eine brütende Gans. Das zeigt gleichzeitig, wieviel spielerisches Potential in dieser Erfindung steckt. Hans Sachs hat das Thema des „Kälberbrütens“ weidlich ausgenutzt; Lucienberger hat es zugunsten <?page no="102"?> 102 B Zu den Paratexten einer Prügelei (die bei Hans Sachs fehlt; der Bauer muss hier nur Holz hacken) zurückgedrängt. Bei Hans Sachs lässt die Bäuerin zuletzt ihren Ehemann Wein aus der Schänke holen und beide „vergessen allen Ungemachs. / Glück bringt alles wieder, spricht Hans Sachs.“ Im Hinblick auf die intendierte Aufführungspraxis der TC lässt sich aus diesem sicherlich agierten (gespielten, nicht nur gesprochenen) Exodium erschließen, dass auch die TC selber als Bühnenstück, nicht nur als bloße Rezitation gedacht war. Es wäre doch ein zu krasser Gegensatz gewesen, wenn zusätzlich zum gattungsmäßigen Unterschied nur im Exodium geprügelt worden wäre, in der TC sich jedoch selbst die Eroberung Trojas nur mit Worten abgespielt hätte. B 9.3 Die Exodia für den 2. und 3. Aufführungstag der TC Die beiden anderen Exodia, die für den Schluss des 2. und 3. Aufführungstages der TC bestimmt sind, bieten keine besonderen Erkenntnisse für die Spielmöglichkeiten. Die einzige Ausnahme bildet eine Regiebemerkung gegen Ende des 2. Exodiums. Dieses 2. Exodium (Scan 294-296) besteht wiederum in einem Dialog (in 36 Versen, auch hier in Distichen aus Hexameter plus Pentameter) zwischen Ehefrau Guda (die im Text aber nie mit diesem Namen angeredet wird) und ihrem Ehemann Fricius; beide Eheleute sind mit ihrer Lage unzufrieden. Die Handlung ist schlicht: Guda geht Wein einkaufen; der knapp gehaltene Fricius schlägt sich derweil den Bauch mit Eiern voll, die Frau ihrerseits „nimmt einen gewaltigen Schluck aus der Flasche.“ Der Ehemann findet sie betrunken an, schlägt sie mit den Fäusten und - so die Regiebemerkung (Scan. 296) - „schleppt sie an den Haaren über das Proscenium“ ( crinibus per proscenium trahit ). Hier also begegnet mit Proscenium ein bühnentechnischer Terminus. Die genaue Bedeutung schwankt im Laufe der Jahrhunderte schon seit der Antike; am ehesten darf man darunter wohl den vorderen Teil der Bühne verstehen, vielleicht sogar die Bühne ( scena ) als solche. Das 3. Exodium (Scan 296-297) hat immerhin wieder, wie das erste, eine spektakuläre Einzelheit aufzuweisen. Wieder spielt ein Ehepaar namens Cuncius und Gretha die Hauptrolle, doch tritt in diesem Stück von 36 Versen (wie immer: in Distichen aus Hexameter und Pentameter) eine dritte Person hinzu: die Nachbarin Anna. Cuncius klagt, dass die Frauen, wenn der Mann aus dem Haus ist, sich den Bauch vollschlagen, während die Männer praktisch hungern. Als Gretha abwesend ist, macht er sich seinerseits über die Schätze der Speisekammer her, besonders über einen Honigtopf. Aber er kann seinen Kopf nicht wieder aus dem Topf herausziehen. Vergeblich fleht er die Nachbarin <?page no="103"?> B 9 Die drei burlesken Nachspiele (Exodia) 103 Anna um Hilfe an. Schließlich verprügelt ihn seine zurückkehrende Frau und zertrümmert den Topf auf seinem Kopf. Ob Lucienberger auch für Exodium 2 und 3 ein motivisches Vorbild hatte, womöglich bei Hans Sachs, habe ich nicht geprüft. Alle drei Exodia spielen in einem eher ärmlichen bäuerlichen Milieu zwischen Eheleuten, von denen jeder meint, er habe zu viel Arbeit und zu wenig Speis und Trank. Das Ende ist immer, dass die Ehefrau den Ehemann verprügelt (zweimal: in Exodium 1 und 3) oder dass das Umgekehrte der Fall ist (Exodium 2). Eine Moral wird nicht vermittelt. Die folgt aber, wie wir bereits in → Kap. B 7.2 gesehen haben, gleich siebenfach auf der Schlussseite des Buches von 1576 (Scan 298) in der Ad iuventutem admonitio . <?page no="105"?> C 1 Die Prinzipien der synoptischen Ausgabe TC / Aen.mit einer Beispielseite der Ausgabe 105 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 1 Die Prinzipien der synoptischen Ausgabe TC / Aen. mit einer Beispielseite der Ausgabe C 1.1 Schriftgrad, Schriftart, Auszeichnungen, Nummerierungen Bei der in dem digitalen Ergänzungs-Band vorgelegten „Synoptischen Ausgabe“ handelt es sich um eine Simultan-Ausgabe der Tragicocomoedia ( TC ) Lucienbergers und deren Vorlage, der Aeneis Vergils. Es ergibt sich ein mixtum compositum . Die beiden Texte sind so miteinander verschränkt, dass durch unterschiedliche Formatierung die Art der Abhängigkeit des Textes Lucienbergers (der TC ) von seinem Praetext, der Aeneis Vergils, erkennbar wird. Im Prinzip sind in meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. beide hexametrischen Texte komplett enthalten, also alle rund 9.900 Verse der Aeneis (die rund 1.500 Hexameter von Aen. II - III sogar zweimal) und alle rund 6.000 Verse der TC . Ausschlaggebend für die Anordnung beider Texte ist die TC , so dass der erste Vers meiner Simultanausgabe, der im größeren Schriftgrad 14 geboten wird, nicht etwa Aen. 1,1 Arma virumque cano eqs. ist, sondern TC 1,1,001 Ducite equum hunc intra portas, atque arce locate, was Aen. 2,33 entspricht. (Dass im Text meiner Mischausgabe faktisch aber doch noch vor TC 1,1,001 die Verse Aen. 2,1-32 in dem kleinerem Schriftgrad 10 abgedruckt sind, ist darin begründet, dass ich im Zusammenhang mit den Versen der TC , die für die Anordnung das Leitprinzip meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. sind, prinzipiell auch jene Verse der Aeneis bringe, die in diesen Kontext gehören, von Lucienberger aber (hier) nicht berücksichtigt sind. Im größeren Schriftgrad 14 sind alle Verse der TC formatiert, einerlei, ob sie direkt aus der Aeneis übernommen sind (dann steht die Zählung der Vergil- Verse zusätzlich links davor) oder aber ob sie von Lucienberger erfunden sind (dann sind sie unterstrichen). Die Verse der TC sind für jede der insgesamt 67 Szenen in den 10 Akten am rechten Rand gesondert gezählt. Insgesamt hat die TC 6.008 Hexameter. Im kleineren Schriftgrad 10 sind die Verse der Aeneis Vergils formatiert (und, wie immer, am linken Rand gezählt), wenn sie von Lucienberger gar nicht oder stark verändert in die TC übernommen sind. Textkritische Anmerkungen (in Schriftgrad 10) mit dem Zusatz „Verg.“ beziehen sich auf den in der Vergil-Ausgabe von R. A. B. Mynors, Oxford 1969, <?page no="106"?> 106 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke gedruckten Haupttext (nicht auf eventuell im dortigen textkritischen Apparat verzeichnete Varianten). Mit W. S. sind Korrekturen bezeichnet, die ich im 1576 gedruckten Text der TC für zwingend oder jedenfalls für angebracht halte. (Es kann sich um die Richtigstellung offenkundiger Druckfehler in der TC handeln oder aber um Konjekturen von mir, die den gedruckten Text der TC verbessern.) Die Orthographie der TC ist zurückhaltend heutigen Gepflogenheiten angeglichen worden, also nicht wirklich diplomatisch. (Wer sich für die originale Orthographie der TC auch in Kleinigkeiten interessiert, sei auf die vollständige Digitalisierung der gedruckten TC -Ausgabe VP 1576B im „Digitalen Angebot“ der BSB = Bayerischen Staatsbibliothek München verwiesen.) Grau hinterlegte Partien sind Reden in der Aeneis Vergils. Solche „grauen“ Partien sind fast ausnahmslos in Schriftgrad 14 formatiert, weil Lucienberger praktisch alle Reden der originalen Aeneis wörtlich oder fast wörtlich in seine TC übernommen hat. Das wird durch die graue Auszeichnung dieser Reden, die aus der Aeneis stammen, graphisch verdeutlicht. Dass darüber hinaus der gesamte Text der TC (mit Ausnahme der Regiebemerkungen) aus „Reden“ besteht, liegt in der Gattungsnatur einer Dramatisierung. Die Hexameter der TC sind im gedruckten Original von 1576 in Kursivschrift geboten, die gelegentlich eingefügten Regiebemerkungen ( RB ) dagegen in Normalschrift. In meiner synoptischen Ausgabe ( TC / Aen.) sind umgekehrt die Regiebemerkungen kursiviert und zusätzlich eingerahmt ; alle anderen Texte sind in Normalschrift (aber in unterschiedlichem Schriftgrad) formatiert. Die benutzte Schriftart ist in der synoptischen Ausgabe durchgehend Arial. (Im vorliegenden dokumentarischen, interpretierenden und analytischen Teil ist die Schriftart durchgehend Linux Libertine.) Der Wie- und der unmittelbare So-Teil der Gleichnisse der Aeneis ist unterschlängelt. Solche Markierungen finden sich fast nur in den Partien, die in Schriftgrad 10 formatiert sind (also in Originalversen der Aeneis), weil Lucienberger fast keine Gleichnisse in seine TC (deren Verse ich in Schriftgrad 14 formatiert habe) übernommen hat. Die Zahlen links vom Text beziehen sich auf die Verse der Aeneis und sind immer zweistufig, z B. 1,1 oder 12,952. = erster Vers des ersten Buches und letzter Vers des letzten und 12. Buches der Aeneis. Die Zahlen am rechten Rand beziehen sich auf die Verse innerhalb der jeweiligen Szene eines Aktes der TC und sind immer dreistufig, z. B. 6,8,001 bzw. 6,8,130 = erster und letzter Vers der 8. Szene des 6. Aktes der TC (von TC VI -8 oder gelegentlich von TC VI sc. 8). - Wenn die Zahl links (die sich immer auf die Verszählung der Aeneis bezieht) in Schriftgrad 14 formatiert ist (genauso wie der Text des Hexameters selber), wird damit angedeutet, dass dieser Vers der Aeneis ganz oder doch fast wörtlich (dann werden die Abweichungen durch textkritische Anmerkungen mit dem <?page no="107"?> C 1 Die Prinzipien der synoptischen Ausgabe TC / Aen.mit einer Beispielseite der Ausgabe 107 Zusatz „Verg.“ in kleinerem Schriftgrad erklärt) von Lucienberger in seine TC übernommen ist. Wenn Lucienberger Aeneis-Verse stark umformuliert hat, wird der Text der TC in größerem Schriftgrad (14), aber nicht unterstrichen geboten und der nachgeahmte Aeneis-Vers in kleinerem Schriftgrad (10) direkt darüber oder darunter. Für weitere Erklärungen und Informationen siehe die ausführlichere Einleitung zur synoptischen Ausgabe in dem digitalen Ergänzungs-Band. <?page no="108"?> 108 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 1.2 Beispielseite für die synoptische Ausgabe von Lucienbergers Tragicocomoedia und Vergils Aeneis ( TC / Aen.) DIDO 4,424 I, soror, atque hostem supplex affare superbum: 3,5,096 4,425 non ego cum Danais Troianam excindere gentem 3,5,097 4,426 Aulide iuravi classemve ad Pergama misi 3,5,098 4,427 nec patris Anchisae cineres manesve revelli: (Verg.: cinerem) 3,5,099 4,428 cur mea dicta negat duras dimittere in aures? (Verg.: demitt.) 3,5,100 4,429 quo ruit? extremum hoc miserae det munus amanti: cf. 3,5,113 4,430 expectet facilemque fugam ventosque ferentes. cf. 3,5,114 3,5,102 4,431 non iam coniugium antiquum, quod prodidit, oro, cf. 3,5,120 4,432 nec pulchro ut Latio careat regnumque relinquat: cf. 3,5,121 4,433 tempus inane peto, requiem spaciumque furori, 3,5,105 4,434 dum mea me victam doceat fortuna dolere. 4,435 extremam hanc oro veniam (miserere sororis), 4,436 quam mihi quum dederis cumulatam morte relinquam. 3,5,108 (Verg.: dederit; remittam) 4,437 Talibus orabat, talisque miserrima fletus 4,438a fertque refertque soror. ANNAQuicquid id est peragam nullosque recuso labores. 3,5,109 AD AENEAM Nescis, Rex, nescis, infelicissima Dido 3,5,110 quantis ora riget lacrimis et fletibus amens. 3,5,111 Non consolari possum precibusve minisve. 3,5,112 Quo ruis? Extremum hoc miserae da munus amanti: cf. 4,429/ 3,5,101 expecta facilemque fugam ventosque ferentes. cf. 4,430/ 3,5,102 AENEAS Anna, tibi arcanam solitus sum credere mentem, 3,5,115 dic, ut desistat lacrimis precibusque movere. 3,5,116 4,440 Fata obstant placidasque mihi deus obstruit aures. 3,5,117 (Verg.: viri deus) 4,441 ac velut annoso validam cum robore quercum 4,442 Alpini Boreae nunc hinc nunc flatibus illinc 4,443 eruere inter se certant ; it stridor, et altae 4,444 consternunt terram concusso stipite frondes; 4,445 ipsa haeret scopulis et quantum vertice ad auras 4,446 aetherias, tantum radice in Tartara tendit: 4,447 haud secus adsiduis hinc atque hinc vocibus heros 4,448 tunditur, et magno persentit pectore curas ; ANNAChara soror, frustra est. Nam nullis ille movetur 3,5,118 4,438b sed nullis ille movetur 4,439 fletibus aut voces ullas tractabilis audit. 3,5,119 <?page no="109"?> C 1 Die Prinzipien der synoptischen Ausgabe TC / Aen.mit einer Beispielseite der Ausgabe 109 Dido bittet ihre Schwester Anna, an Aeneas zu appellieren, in Karthago zu bleiben. dreistufige Verszahlen (in unregelmäßigen Abständen) am rechten Rand: Verszählung der TC nach Akt, Szene, Vers der Szene (z.B. TC 3,5,096); die Anordnung des gesamten Textes wird von dieser Verszählung der TC (und nicht von der der Aeneis) bestimmt zweistufige Verszahlen am linken Rand (wobei jeder einzelne Vers nummeriert ist): Verszählung der originalen Aeneis (z.B. 4,424); diese Verszählung kann springen, da sie abhängig ist von dem Gegenstück in der TC; so folgt hier auf Aen. 4,438a zunächst Aen. 4,440-448 und erst dann Aen. 4,438b-439 grau unterlegte Passage in größerem Schriftgrad: direkte Rede bereits in der Aeneis, in der TC (fast) wörtlich übernommen; solche Partien haben Verszählung sowohl links (Aen.) als auch rechts (TC) unterstrichene Passage in größerem Schriftgrad: von Lucienberger neu gedichtete Verse, die deshalb nur rechts eine dreistufige Zählung (der TC) aufweisen, nicht aber auch links (der Aen.); wenn die „neuen“ TC-Verse aber wenigstens zum Teil doch eine Entsprechung in der Aen. haben, ist darauf am rechten Rand in kleinerem Schriftgrad mit „cf.“ hingewiesen (hier z.B. bei TC 3,5,113-114) nicht unterstrichene und nicht grau unterlegte Passage in größerem Schriftgrad: von Lucienberger neu formulierte Verse, die aber in der Aen. eine Entsprechung haben, auf die entweder am rechten Rand in kleinerem Schriftgrad und in Klammern (Beispiel: TC 3,5,117 und Aen. 4,440) oder aber (bei größeren Abweichungen) durch das Zitat des vorbildlichen Aen.-Verses in kleinerem Schriftgrad unter (selten: über) dem TC- Vers hingewiesen wird (Beispiel TC 3,5,118 und Aen. 4,438b) Passage in kleinerem Schriftgrad (oft ganze Blöcke von Versen): Passage oder Verse der Aeneis, die sinngemäß in diesen Kontext gehören, von Lucienberger aber nicht berücksichtigt worden sind; solche Aen.-Verse haben nur am linken Rand eine Zählung (nicht auch am rechten Rand) (Beispiel: Aen. 4,437-438a; Aen. 4,441- 448) unterschlängelte Passage in kleinerem Schriftgrad (meist ein ganzer Vers-Block): Passage oder Verse der Aeneis, die zu einem Gleichnis gehören; da Lucienberger grundsätzlich keine Gleichnisse der Aen. berücksichtigt, haben solche Aen.-Verse nur am linken Rand eine Zählung (nicht auch am rechten Rand) (Beispiel: Aen. 4,441-448) kurzer eingerahmter Text in Kursivschrift Zwischentext in Prosa, „Regiebemerkung“ Lucienbergers (Beispiel: der Kasten zwischen TC 3,5,109 und 3,5,110) Beispiel für einen Rückschluss aus dieser Art von synoptischer Ausgabe: Das Vorbild für den Vers TC 3,5,108, der Aen.-Vers 4,436, lautet: quam mihi quum dederit cumulatam morte remittam Unter „Verg.“ ist immer der in der OCT-Ausgabe von R.A.B. Mynors (1969) gedruckte (Haupt-)Text ohne Berücksichtigung des textkritischen Apparats zu verstehen. <?page no="110"?> 110 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 2 Zwei Grundsätze der Aeneis-Adaption Lucienbergers in der TC Bei seiner Transformation der Aeneis in ein Drama, in eine Tragicocomoedia (TC), hat sich Lucienberger möglichst eng an diesen seinen Prätext gehalten, um nicht zu sagen: gebunden. Zwei Grundsätze sind von fundamentaler Bedeutung für die Struktur der TC : (A) die wörtliche Beibehaltung aller direkten Reden der Aeneis in der TC ; (B) die Herstellung des ordo naturalis in der Handlungsentwicklung. Der Grundsatz A hat zur Folge, dass die Transformationen Lucienbergers bei der Umwandlung des Epos Aeneis in ein kohärent dialogisiertes Drama sich nur auf die auktorial (in der Regel: erzählend) gebotenen Partien des Epos beziehen. Die Reden der epischen Figuren brauchte er nicht zu verändern. Der Grundsatz B, die Herstellung der chronologischen (der historia folgenden) Anordnung der Handlungselemente, hat zur Folge (um nur das wichtigste Beispiel zu nennen), dass die Großgliederung der TC sich zu Beginn (für die beiden ersten Akte TC I und TC II ) deutlich von der der Aeneis (für Aen. I- III ) unterscheidet. Die TC beginnt inhaltlich mit der Eroberung Trojas; auf sie folgen die Irrfahrten, die die Aeneaden schließlich nach Karthago bringen ( ordo naturalis ). Die Handlung der Aeneis dagegen setzt mit einem Seesturm in der Nähe Italiens ein, der sieben Jahre nach dem Fall Trojas die Aeneaden an die Küste Karthagos verschlägt; dort werden der Fall Trojas und die Irrfahrten in der rückgreifenden Erzählung des Aeneas vor Dido nachgeholt ( ordo artificialis ). C 2.1 Grundsatz A: Reden in der Aeneis werden ausnahmslos in der TC zitiert Alle direkten („wörtlichen“) Reden epischer Figuren in der Aeneis werden von Lucienberger geradezu ausnahmslos 40 und in voller Länge in seine TC übernommen. Diese „originalen“ Reden sind geradezu das Kernstück der TC , auch wenn die TC durchgehend ausschließlich aus Reden besteht (wenn man die sog. RB = Regiebemerkungen einmal ausklammert; s. dazu → Kap. D 11). Auch in 40 Mir ist nur eine einzige Ausnahme unter den 333 bzw. 290 Reden der Aeneis aufgefallen, die Lucienberger nicht übernommen hat: Zu den von Lucienberger ersatzlos (in TC X-1) übergangenen Partien Vergils gehört die Rüstung des Turnus vor dem Entscheidungsduell mit Aeneas in Aen.12,81-106. Das ist deshalb bemerkenswert, weil darin mit Aen. 12,95-100 eine wörtliche Rede - eine Anrede des Turnus an seine Lanze - enthalten ist, die Lucienberger ebenfalls übergeht - ein singuläres Aufgeben seines Grundsatzes, alle direkten Figuren-Reden Vergils zu übernehmen. Vgl. auch → Kap. C 5.2.1 und Kap. C 5.2.5. <?page no="111"?> C 1 Die Prinzipien der synoptischen Ausgabe TC / Aen.mit einer Beispielseite der Ausgabe 111 der Aeneis bilden Reden schon bei rein quantitativer Betrachtung einen bedeutenden Teil des Epos: 37,1 % (333 Reden), wenn man die große rückschauende Erzählung des Aeneas vor Dido in Aen. II-III nicht als „Rede“ rechnet (wohl aber die darin enthaltenen kleineren „wörtlichen“ Äußerungen der Figuren); sogar 46,75 % (290 Reden), wenn man Aen. II - III als Rede wertet (ohne die darin eingelegten Figuren-Reden doppelt zu zählen); vgl. dazu Näheres in → Kap. D 3.1. Solche von Lucienberger direkt aus der Aeneis in die TC übernommenen Reden sind in meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. leicht erkenntlich, da ich ihren Text mit einem Grauton unterlegt habe. Von vornherein ist aber zu vermerken, dass Lucienberger zwar die gesprochenen Worte jedes Redners in der Aeneis übernimmt, nicht aber die Nennung des Namens und die Einführung oder gar Charakterisierung des Redners im Epos. Die Identifizierung des Redners ermöglicht Lucienberger für den Leser dadurch, dass er - wie im geschriebenen und gedruckten Drama allgemein üblich - den einzelnen Reden jeweils eine Sprecherbezeichnung vorausschickt. Für den Zuschauer einer Aufführung der TC aber existiert dieses Hilfsmittel nicht. Ein genuiner Dramatiker lässt es sich im Allgemeinen angelegen sein, die auftretenden Personen durch Anreden ihrer Partner oder durch selbstbezügliche Aussagen der Sprecher zu charakterisieren und identifizierbar zu machen. Aber diese Technik beherrscht Lucienberger nicht; vielleicht hat er diese Erkennensproblematik für einen Zuschauer gar nicht gesehen. Immerhin hat umgekehrt ein Zuschauer Hilfsmittel zur Identifizierung direkt vor Augen, die der Leser nicht hat: Kleidung, Alter und Geschlecht der Akteure. Auch das mehrfache Auftreten einer sprechenden Figur erleichtert ihre Erkennbarkeit. Im Übrigen ist das Thema der „Reden und Redner“ eingehend in → Kap. D 3 behandelt. C 2.2 Grundsatz B: Herstellung des chronologischen ordo naturalis in der TC Im großen Ganzen hält sich Lucienberger an die dispositio der Aeneis. Die einschneidendste Änderung besteht darin, dass er den sog. ordo artificialis Vergils aufgibt und die chronologische Anordnung, den sog. ordo naturalis , herstellt. Lucienberger lässt nicht erst den Aeneas vor Dido am Hof von Karthago, auf der 11. Etappe seiner Fahrt nach Westen, in Aen. II und III nachholend die Vorgeschichte erzählen, die Eroberung Trojas und seine Irrfahrten, also Ereignisse, die bis zu 7 Jahre zurückliegen. Vielmehr lässt er die Handlung mit dem letzten Tag Trojas beginnen. Er übernimmt also nicht die vielgerühmte „dramatische“ Technik Vergils, gleich in medias res zu gehen, sondern fängt mit dem Anfang an, dem Ende Trojas. Die TC beginnt sinngemäß nicht mit Aen. I, setzt also nicht <?page no="112"?> 112 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke mit dem Zorn-Monolog Junos ein, als sie die Trojaner im 7. Jahr ihrer Irrfahrten auf der Fahrt von Sizilien nach Latium, bereits nahe ihrem verheißenen Ziel, sieht, sondern mit der Debatte der Trojaner nach dem scheinbaren Abzug der sie belagernden Griechen darüber, was sie mit dem zurückgelassenen Hölzernen Pferd anfangen sollen. 41 In TC I-II wird die Handlung von Aen. I-III geboten, aber in veränderter, in chronologischer Abfolge. Vereinfachend gesagt, bietet Lucienberger in der TC also die Handlung in der Abfolge Aen. II - III - I - IV bis XII . Ab TC III -1, der Szene, die in der Aeneis dem Anfang von Aen. IV entspricht, laufen TC und Aeneis parallel. Ein kritischer Moment bei der Herstellung des ordo naturalis in der TC ist nicht jener Zeitsprung, mit dem in der Aeneis am Ende der zeitlich zurückgreifenden Erzählung, die mit dem Tod des Anchises in Drepanum auf Sizilien abbricht, zur epischen Gegenwart, der Situation am Hofe Dios, zurückkehrt, sondern der Anfang des ordo artificialis in der Aeneis, der Einsatz mit dem Zorn- Monolog Junos und dem von Juno angezettelten Sturm, der die trojanische Flotte auf der Fahrt von Sizilien Richtung Latium überrascht und schließlich nach Karthago verschlägt. Wie kann Lucienberger die in der Aeneis vorliegende Zäsur (oder besser Lücke) überbrücken, die im Epos zwischen der (ersten) Landung in Drepanum und dem Seesturm, zwischen dem Ende von Aen. III und (wenn man, wie Lucienberger es tut, das Proömium des Epos ignoriert) dem Anfang von Aen. I klafft? Am Ende von TC I-7 (einer Szene, mit der TC Akt I endet) hat Lucienberger die Aeneaden in seiner chronologisch (im ordo naturalis) fortschreitenden Handlung, die in „direkten“ Reden der Akteure gestaltet oder gespiegelt ist, das Reich des Königs Acestes auf Sizilien erreichen und dort in Drepanum (über Vergil hinausgehend) Anchises bestatten lassen. Jetzt, mit Beginn von TC Akt II, müsste nach Lucienbergers Konzeption des ordo naturalis der Auftritt Junos und die Sturm-Sequenz folgen. Und das geschieht auch, aber mit einer bemerkenswerten Vervollständigung des Handlungsverlaufs der Aeneis durch Lucienberger. Der 2. Akt der TC beginnt nicht jäh mit dem Monolog Junos in Aen. 1,37-49 = TC 2,1,018b-030, sondern Lucienberger hat 18 Verse in freier Erfindung vorgeschaltet, die den Anschluss an das letzte Ereignis in der vorausgehenden Szene TC I-7 herstellen sollen, den Tod des Anchises in Drepanum im Reich des Acestes auf Sizilien. (Lucienberger begnügt sich nicht damit, Aeneas seinen 41 Gleich dieser Einsatz der TC bietet ein gutes Beispiel für eine der Techniken Lucienbergers, einen referierenden Text in wörtliche Rede einer Figur umzusetzen. Bei Vergil erzählt Aeneas in Aen. 2,31-38, dass Thymoetes geraten habe, das Hölzerne Pferd in die Stadt zu ziehen, Capys dagegen, es zu zerstören. Lucienberger macht in TC I-1 beide Figuren zu Sprechern, die in direkter Rede unter Benutzung des Imperativs Aufforderungen äußern, die dem indirekten Referat des erzählenden Aeneas bei Vergil entsprechen. <?page no="113"?> C 1 Die Prinzipien der synoptischen Ausgabe TC / Aen.mit einer Beispielseite der Ausgabe 113 Trompeter Misenus das Signal zur Abfahrt von Drepanum geben zu lassen ( TC 2,1,001-003), sondern lässt Acestes darüber hinaus, neu gegenüber der Aeneis, eine kleine Abschiedsrede halten ( TC 2,1,004-014). Ihr Inhalt ist zum Teil aufgrund höfischer Etikette erwartbar (Ankündigung kleiner Abschiedsgeschenke - der von Acestes hier geschenkte Wein wird tatsächlich später, nach der Landung in Libyen, getrunken: TC 2,1,121-123 entsprechend Aen. 1,195 f.). Zudem ist es vor einem Aufbruch zur Seefahrt geradezu topisch, in popularphilosophischer Weise an die Gefahren einer Seefahrt zu erinnern und damit die Mahnung zu verbinden, sich vom Wind / den Fata leiten zu lassen. Teils geht Acestes aber über gute Wünsche und Mahnungen hinaus: Er verspricht für den Fall einer Wiederkehr der Aeneaden die Abhaltung von Spielen und größere Gastgeschenke. Eine solche Rückkehr der Aeneaden nach Sizilien ist an sich unwahrscheinlich; sie erfolgt aber tatsächlich bei Vergil in Aen. V und entsprechend bei Lucienberger in TC Akt IV . Lucienberger benutzt also die Plus-Verse der Abschiedsrede des Königs Acestes in TC 2,1,010-014 zu einer indirekten Ankündigung einer unerwarteten künftigen Wendung der Handlung. Lucienberger erfindet aber auch in TC II -1 einen geschickten Übergang von der Situation der Trojaner beim Aufbruch von Drepanum „zurück“ zu der Götterszene mit Juno und Aeolus, mit der Vergil die Aeneis beginnen lässt. Ein neu gedichtetes Gebet des Aeneas an die Götter um günstigen Wind für die Weiterfahrt zum Gelobten Land ( TC 2,1,015-018a) bildet eine Art Scharnier zum Auftreten Junos (mit ihrem Zorn-Monolog in TC 2,1,018b-030 = Aen. 1,38-49), das eine Gegenaktion in Gestalt eines verderblichen Sturmes einleitet. Damit ist in TC II -1 der inhaltliche Anschluss von Aen. III (Ende) zu Aen. I (Anfang) geschafft und die Handlung der TC geht im ordo naturalis ungebrochen weiter: auf die Sturmschilderung folgt, wie in der Aeneis, die Landung der Trojaner an der Küste bei Karthago, dann die Aufnahme durch Dido, die stark gekürzte Erzählung des Aeneas (in TC II -7) am Hofe Didos von seinen bisherigen Erlebnissen seit dem Fall Trojas bis zum Tod des Anchises in Drepanum und die neu gedichtete Einladung Didos (in TC 2,7,230-234, den Schluss-Versen von TC Akt II ) zu Rekreation und zur Jagd. Ab TC III -1 verläuft dann die Handlung in der TC im Prinzip genau so wie im Epos ab Aen. I. Allerdings gibt es noch ein weiteres bemerkenswertes (späteres, wenn man die Handlung von der Aeneis aus betrachtet) Beispiel für Lucienbergers Bemühen um den chronologischen ordo naturalis . Auch im Falle dieses zweiten, weitaus kürzeren erzählerischen Rückgriffs des Autors Vergil geht Lucienberger in analoger Weise wie bei der Einlage von Aen. II - III vor: Vergil bringt im IX . Buch an dem Punkt der Handlung, wo Turnus im Begriff ist, die trojanischen Schiffe am verschanzten Lager der Aeneaden am Tiber mit Brandfackeln zu zerstören, einen Rückblick auf die Zeit der Erbauung <?page no="114"?> 114 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke dieser Schiffe an der Küste bei Troja nach Vernichtung der Stadt. Damals hatte Cybele, die Schutzgöttin der Trojaner, mit Jupiter eine Vereinbarung über die Rettung dieser Schiffe nach der Landung in Latium getroffen. Das erfährt der Leser erst jetzt, in A e n . 9 , 8 0 - 1 0 6 , in dem Augenblick, in dem Cybele am Tiber in Latium rettend und wundersam eingreift und die bedrohten Schiffe in Meeresnymphen verwandelt (Vollzug der Schiffsmetamorphose in Aen. 9,107-122). Wenn man diese Szene „chronologisch richtig“ in der Aeneis Vergils einfügen wollte, würde sie an den Anfang von Aen. III und damit in die Erzählung des Aeneas gehören. (Aber Aeneas konnte weder kurz nach dem Fall Trojas noch sieben Jahre später in Karthago, als er davon erzählt, von einer solchen olympischen Szene wissen.) Genau dahin versetzt nun Lucienberger den olympischen Dialog Cybele - Jupiter (vgl. → Kap. 5.3.1). Er schiebt ihn sinngemäß zwischen Aen. 3,7 und 3,8 ein und bildet daraus die S z e n e T C I - 3 (sie ist eingeschoben nach TC I-2, der bis zum Verlust Creusas, der Gattin des Aeneas, und der Sammlung der aus Troja entkommenden Leute des Aeneas führenden Szene, und vor der Szene TC I-4, die mit dem Aufbruch zur „Irrfahrt“ beginnt). Für Leser des Buches (aber nicht erkennbar für die Zuhörer bei einer Rezitation) verweist er in der Überschrift auch auf seine Abweichung von Vergil: Actus primi Scena III ex libro 9 Aeneidos extracta . In einer das Verständnis vereinfachenden Weise ersetzt Lucienberger die nur in diesem Zusammenhang auftretende trojanische Schutzgöttin Cybele (die auch Magna Mater oder Mater deum heißt) durch die ständige Schutzgöttin und Mutter des Aeneas, Venus - allerdings nur durch die Sprecherbezeichnung „Venus“ im Buch. Im zu rezitierenden Text redet diese „Venus“ allerdings Jupiter als ihren Sohn ( nate ) an, statt rollengemäß als ihren Vater, und Jupiter seinerseits diese „Venus“ als Mutter ( genitrix ), was nur zu Mater deum = Cybele passt, nicht aber zu seiner Tochter Venus. - Dieses Vorziehen der Götter-Szene aus dem IX. Buch Vergils sinngemäß an den Anfang des III . Buches hat allerdings den Nachteil, dass das Eintreten der Schiffsmetamorphose in der TC, konkret in TC VII-5, in einer für Zuhörer einer Rezitation kaum verständlichen Weise dargestellt wird: Turnus fordert in zwei Versen dazu auf, die trojanische Flotte mit Brandfackeln anzugreifen - eine Stimme vom Himmel ( Vox in aëre ), die sich immerhin durch genitrix iubet als Cybele (wiederum nicht als Venus) zu erkennen gibt, verkündet und befiehlt, (fast) wörtlich wie in Aen. 9,114-118, dass die Schiffe zu Meeresgottheiten ( deae pelagi ) werden sollen - der Rutuler Rhamnes bestaunt in zwei von Lucienberger selbst fabrizierten Versen das wundersame Geschehen ( monstrum ), dass Schiffe in Nymphen verwandelt werden - Turnus erklärt, auch er wieder mit den Worten Vergils in Aen. 9,128-267 (mit Abwandlungen nur in den Schlussversen dieser Partie), das Wunder als günstig für die Latiner. Mindestens der Zusammenhang zwischen TC VII -5 und TC I-3 (zwischen Szenen, die bei einer Aufführung an verschie- <?page no="115"?> C 4 Das Sonderproblem der „Dramatisierung“ von Aen. II-III 115 denen Tagen gespielt wurden) wird dem Zuhörer schwerlich erinnerlich sein. Ob er sich darüber hinaus eine Vorstellung von der Verwandlung der Schiffe hätte machen können (Aen. 9,119 delphinumque modo ist in der TC nicht übernommen), ist zu bezweifeln. C 3 Tabellarische Synopse TC / Aen.: schematische vergleichende Inhaltsanalyse Dieses Kap. C 3 ist nur in dem digitalen Ergänzungs-Band als Datei „ TC - EDV - CG Suerbaum“ zugänglich. C 4 Das Sonderproblem der „Dramatisierung“ von Aen. II-III, der Erzählung des Aeneas vom Untergang Trojas und von seinen Irrfahrten (bis zur Landung in Sizilien) C 4.1 Die Problematik der Umsetzung der Erzählung des Aeneas in Aen. II-III innerhalb der TC Vor besonderen Problemen stand Lucienberger bei der Dialogisierung von Aen. II und III (vgl. dazu auch → Kap. D 3.5.1). Zum einen musste er im Zuge der Herstellung des chronologischen ordo naturalis den sachlichen Inhalt der beiden Aeneis-Bücher II und III , irgendwie dialogisiert, an der Spitze seiner TC bringen. Darüber hinaus war er aber auch mit dem zusätzlichen Problem konfrontiert, dass diese beiden Aeneis-Bücher in einer einzigen durchlaufenden erzählenden Rede des Aeneas mit (804 minus 2 Versen in Aen. II und 718 minus 3 in Aen. III =) 1.517 Hexametern bestanden. Lucienberger hat es, mit Recht, nicht gewagt, seine Hauptperson in der TC geradezu stundenlang einen Monolog sprechen zu lassen. Er hat, vereinfacht ausgedrückt, zunächst die Erzählung des Aeneas in Aen. II - III in den ersten 13 Szenen seiner TC (in den 7 Szenen von TC I und den ersten 6 Szenen von TC II ) sozusagen in einem ersten Durchgang berücksichtigt, indem er die bei Vergil von Aeneas erzählten Ereignisse und zunehmend auch Erlebnisse in Äußerungen der agierenden Figuren umgesetzt oder gespiegelt hat. Dann aber hat Lucienberger in einer einzigen Szene, in TC II -7 mit 234 Versen (sie ist nach TC V-3 mit 252 und TC IX -3 mit 236 Versen die drittlängste Szene der Dramatisierung), sozusagen in einem zweiten Durchgang, Aeneas selber sprunghaft Episoden aus Aen. II - III noch einmal oder erstmals in erzählender Rede vorführen lassen. <?page no="116"?> 116 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke Lucienberger hat sich zu einer Doppelstrategie entschlossen: Einerseits stellt er sinngemäß Aen. II - III an die Spitze seiner TC und fährt dann mit Aen. I und daran anschließend mit Aen. IV fort. Andererseits trägt er aber dem ursprünglichen ordo artificialis Vergils doch Rechnung, indem er in seiner Szene TC II -7, an der Gelenkstelle zwischen dem Ende von Aen. I (abendlicher Empfang am Hofe Didos) und Aen. IV (Dialog am nächsten Morgen zwischen Dido und einer Vertrauten, ihrer Schwester Anna), den Aeneas - für den Leser erneut , aber für die König Dido erstmals - seine bisherigen Abenteuer beim Fall Trojas und den sieben Jahren Irrfahrt erzählen lässt. Allerdings ist diese Erzählung des Aeneas in TC II -7 keine wirkliche Wiederholung dessen, was der Leser schon aus den beiden bisherigen Akten mit ihren 13 (oder besser 12 minus 1) Szenen ( TC I-1bis I-7 ohne TC I-3, plus TC II -1 bis II -6) kennt. Vielmehr hat Lucienberger die wörtlich zitierten Aeneis-Verse einigermaßen geschickt zwischen den beiden ungleich langen Partien verteilt: zwischen den bisherigen 12 dialogisierten Szenen einerseits und der Ich-Erzählung des Aeneas in TC II -7 andererseits. (In TC II -7 spricht außer Aeneas sonst nur noch Dido: in 7 Versen am Anfang, in den 5 Versen einer Zwischenfrage in TC 2,7,198-202 und in den 5 Schlussversen. Im Übrigen führt Aeneas allein und ununterbrochen fast 330 Verse lang das Wort.) Bei diesem „zweiten Durchgang“ durchmustert Aeneas in seiner langen Erzählung die Ereignisse besonders der Irrfahrten nur raffend oder besser sprunghaft. Nach diesem einleitenden Überblick werden die Einzelheiten dieser Transponierungstechnik in den folgenden Unterkapiteln näher analysiert. Ich beschränke mich auf Aen. III, weil die doppelte Umsetzung dieses Buches, einerseits in TC 1,2,207-220; 1,4,001-145; 1,5,001-165; 1,6,001-188; 1,7,001-127 durch Reden mehrerer Akteure (in insgesamt 639 Versen), andererseits in TC 2,7,096-229 durch Aeneas allein (in 134 Versen) weitaus umfangreicher ist als die von Aen. II einerseits in TC 1,1,001-157; 1,2,001-206 (in 363 Versen) und andererseits in TC 2,7,011-095 (in 85 Versen). C 4.2 Zwei Durchgänge durch Aen. III in der TC Im Buch III der Aeneis beginnt Aeneas’ Schilderung des Baus der Flotte am Fuß des Berges Ida. Die Erzählung umfasst den Verlauf der mehrjährigen Irrfahrt bis zur Ankunft in Karthago. Im Folgenden soll der Umgang Lucienbergers mit diesem Buch analysiert werden. Dabei wird vom Szenenverlauf der TC ausgegangen und dann der Unterschied zu Vergil gezeigt. Es gibt innerhalb der TC zwei Durchgänge durch Aen. III : einmal (A) in Gestalt der Handlung, die Lucienberger im ersten Akt an chronologisch richtiger Stelle in TC I-2 und TC I-4 bis TC I-7 stattfinden lässt (womit er den ordo artifi- <?page no="117"?> C 4 Das Sonderproblem der „Dramatisierung“ von Aen. II-III 117 cialis Vergils auflöst), dann (B) die Erzählung des Aeneas von den Irrfahrten an Didos Hof im Großteil von TC II -7. In Teil A der Analyse, der dem ersten Durchgang gewidmet ist, wird nur gelegentlich auf die Erzählung des Aeneas an Didos Hof (auf Szene TC II -7) verwiesen. Die Frage nach Lucienbergers Auswahlkriterien dafür, was er in der direkten Handlung (A) und was er in der Erzählung des Aeneas (B) darstellt, wird erst im zweiten Durchgang erörtert. C 4.3 Durchgang A: Aen. III in Akt I der TC : Die Irrfahrten-Handlung im Dialog der Akteure dargestellt Die erste Szene des ersten Aktes ( TC I-1) umfasst die Entdeckung des „Trojanischen Pferdes“ und den Beschluss der Trojaner, das Pferd trotz Gegenstimmen in die Stadt zu bringen. Die lange zweite Szene ( TC I-2) behandelt die Zerstörung Trojas durch die Griechen und die Flucht des Aeneas mit seinen Angehörigen aus der Stadt. Am Ende von Aen. II lässt Vergil Creusa prophezeien, dass Aeneas nach Hesperien kommen wird (Aen. 2,776-789). Diese Prophezeiung steht auch am Ende der zweiten Szene der TC ( TC I-2). Aber anders als bei Vergil endet die Szene hier mit einem positiven Ausblick. Die letzten beiden Verse Vergils (Aen. 2,803b-804) lauten: nec spes opis ulla dabatur. / cessi et sublato montis genitore petivi. - In der TC kommt Aeneas nach der Creusa-Prophezeiung wieder zu den Mitbürgern, die unterdessen in großer Zahl (außerhalb der Stadt) zusammengeströmt sind ( TC 1,2,203-206; cf. Aen. 2,795-800). Auf deren Worte Venimus huc omnes animis opibusque parati / in quascunque velis pelago deducere terras. ( TC 1,2,205 f.) antwortet Aeneas in feierlicher Rede ( TC 1,2,207-1,2,220). Sie besagt: „Nachdem die Götter beschlossen haben, Troja zu vernichten, müssen wir aufgrund göttlicher Vorzeichen ein neues Land suchen. So sagt es Creusa: ‚Du wirst nach Hesperien kommen und dort glücklich ein neues Königreich haben.‘ Lasst uns also hier Schiffe bauen und losfahren.“ Darin bedient sich der Aeneas Lucienbergers nicht nur der Verse Aen. 3,1-7, sondern ergänzt Aen. 3,5 auguriis agitur divom durch wörtliches Zitat aus der Creusa-Prophezeiung ( TC 1,2,213-217a = TC 1,2,193-197a = Aen. 2,780-784a). Diese wörtliche Wiederholung derselben Verse nach gerade einmal 20 Zeilen - mit dem Unterschied, dass Creusas Prophezeiung nun öffentlich gemacht ist - scheint noch mehr als nur einen positiven Ausblick zu bezwecken: Auch TC I-1 hatte schon mit einer öffentlichen Prophezeiung geendet, wie sie bei Vergil (an dieser Stelle, dort vgl. erst Aen. 3,183-187) nicht zu finden ist. Dort prophezeit Cassandra ( TC 1,1,150-157) inmitten der fröhlichen Feierlichkeiten der Trojaner den nahenden Untergang und spricht von Hesperien, Ausonien und einem Reich in Italien <?page no="118"?> 118 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke ( Itala regna ), das man stattdessen aufsuchen solle. Während dort niemand von ihr Notiz nimmt, dürfte am Ende von TC I-2, nachdem Aeneas die gleichartige Prophezeiung Creusas publik gemacht hat, niemand mehr an der Richtigkeit der Prophezeiung von Hesperien zweifeln. Aufgrund der formalen Parallelisierung der beiden Prophezeiungen wird die Zuversicht (der beteiligten Personen sowie des Publikums) bestärkt, dass man Hesperien auch erreichen wird, da die Erfüllung der ersten Hälfte der Cassandra-Prophezeiung die Glaubwürdigkeit auch der zweiten Hälfte verstärkt. Dass Lucienberger die ersten Verse von Aen. III in die Aen. II gewidmete Szene TC I-2 vorgezogen hat, hat außerdem den Grund, dass der Schiffsbau erwähnt werden musste, damit das Gespräch zwischen „Venus“ und Jupiter, das bei Vergil erst in Aen. 9,80-106 gebracht wird, dort mit Cybele als Sprecherin), hier als TC I-3 an chronologisch richtiger Stelle vor der Handlung von Aen. III eingefügt werden konnte (vgl. dazu → Kap. C 2.2 und Kap. C 5.5.1). In Szene TC I-4 folgt die Abfahrt. Da die Abfahrts- (und Abschieds-)Szene von Vergil nur erzählt wird, ist Lucienberger gezwungen, einige Verse zu erfinden ( TC 1,4,001-006). C 4.3.1 1. Irrfahrten-Station: Thrakien Dann erfolgt die Ankunft in Thrakien, wo Aeneas gleich eine neue Stadt gründen will (wie bei Vergil). Das Prodigium der blutenden Sträucher übernimmt Lucienberger wörtlich aus Vergil (Aen. 3,19-46). Um die dortige Erzählerperspektive des Aeneas übernehmen zu können, bedient er sich eines Kunstgriffs. Er lässt Aeneas per Regieanweisung Zweige ausreißen, wobei die Stimme des Polydorus ertönt (in TC 1,4,013-018 = Aen. 3,41-46). Dann lässt er Anchises Aeneas nach dem Grund seiner Aufregung fragen, worauf dieser in den Worten Vergils ausführlich berichtet. Die Geschichte des Polydorus (Aen. 3,49-57) entfällt ersatzlos. Die darauf folgende Abreise kürzt Lucienberger gegenüber Vergil, indem er die Bestattungsfeierlichkeiten für Polydorus überspringt. C 4.3.2 2. Irrfahrten-Station: Delos Darauf steuert die Flotte Delos an. Die von Vergil erzählte Geschichte der Insel wird Anchises in den Mund gelegt. Neu gedichtet hat Lucienberger in dieser Episode lediglich die Begrüßung durch König Anius ( TC 1,4,063-068) sowie am Ende den Abschied zwischen Aeneas und Anius ( TC 1,4,097 f.). Gekürzt wurden - wie schon bei der 1. Station - kultische Details: einmal die Doppelfunktion des Anius als König und als Priester (Aen. 3,80-82), dann die Umstände der Orakelverkündigung (Aen. 3,90-93). <?page no="119"?> C 4 Das Sonderproblem der „Dramatisierung“ von Aen. II-III 119 C 4.3.3 3. Irrfahrten-Station: Kreta Lucienberger beginnt hier sofort mit der Ankunft ( TC 1,4,099 - neu gedichteter Vers). Übersprungen werden die Fahrt dorthin und die Hoffnungen, die die Trojaner in Kreta setzen (und für den Bericht in TC 2,7,125-135 aufgespart). Gegenüber Vergil gibt es kaum Abweichungen. Die Beschreibung der Pest wird Mnestheus in den Mund gelegt (und um das astronomische Detail des Hundssterns gekürzt). Kreta scheint also nicht die vom Orakel in Delos verkündete antiqua mater zu sein. Anchises fordert deshalb, wie bei Vergil, dazu auf, nach Delos zurückzukehren und erneut Phoebus’ Orakel zu befragen. Damit endet die Szene TC I-4 aber nicht, sondern Lucienberger lässt seinen Aeneas in frei erfundenen Versen ( TC 1,4,112-115) sinngemäß sagen: „Weil die jungen Leute erschöpft ist und die Nacht naht, wollen wir uns mit Essen und Schlaf stärken (und morgen erneut zum Orakel fahren).“ Hier liegt erstmals deutlich (klarer als in TC I-2) ein Beispiel für Lucienbergers mehrfach belegte Tendenz vor, eine Szene mit einem positiven Ausblick zu beenden (vgl. dazu → Kap. C 5.4.3 und Kap. D 8.1). Zugleich wird durch diese Worte des Aeneas der folgende Szenenwechsel vorbereitet. Das nächste Ereignis, die Traumerscheinung der Penaten, findet offenbar im Schlafzimmer des Aeneas statt. Bei der Übernahme der Traumszene bedient sich Lucienberger derselben Technik wie bei der Polydorus-Szene: Zunächst erschallt eine Vox in somnis ( TC 1,5,001-018 = Aen. 3,154-171), wobei nur aus deren Worten hervorgeht, dass sie sich an Aeneas im Traum richtet. Darauf fragt Anchises (in neu gedichteten Versen) den Aeneas, warum er so aufgeregt ist (TC 1,5,019-022), worauf Aeneas sein Erlebnis berichtet, und zwar in den Worten, die bei Vergil die Traumszene eingeleitet hatten (Aen. 3,147-153). Die Prophezeiung kürzt er in der Wiedergabe auf das Wesentliche ( TC 1,5,031-033 = Aen. 3,169-171). Darauf erinnert sich Anchises an Cassandras Prophezeiung und beschließt die Abreise (wie bei Vergil). Zur Darstellung der Abreise werden - wie schon öfter - einige wenige Verse neu gedichtet ( TC 1,5,041-044). C 4.3.3 / 4 Stürmische Fahrt zu den Strophaden-Inseln (westlich der Peloponnes) Hier überspringt Lucienberger die Fahrt nicht komplett wie etwa die Fahrt nach Delos, sondern lässt in wenigen Versen (die Aeneas, Palinurus und Ilioneus in den Mund gelegt sind) das Unwetter anklingen. Ausführlicher wird die Fahrt jedoch beim „zweiten Durchgang“ in TC II -7 geschildert (wo auch die übrigen hier beim „ersten Durchgang“ ganz oder teilweise gekürzten Fahrt-Szenen berücksichtigt sind). <?page no="120"?> 120 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 4.3.4 4. Irrfahrten-Station: Strophaden-Inseln (Harpyien) Die Beschreibung der Strophaden-Inseln und die Geschichte der Harpyien legt Lucienberger Anchises in den Mund ( TC 1,5,053-1,5,061a = Aen. 3,210-218). Das Geschehen bei den Harpyien ist bei Vergil zum größten Teil erzählt (bis zu Celaenos Prophezeiung). Handlungstragende Verse (Erblicken der Rinder, Vorbereitung des Essens etc.) hat Lucienberger auf Ilioneus, Aeneas und Anchises aufgeteilt. Das erste Auftreten der Harpyien (Aen. 3,225-228) wird in eine Regiebemerkung umgewandelt; ebenso der Kampf bei ihrem zweiten Erscheinen (Aen. 3,236-241), abgesehen von drei Versen, die Mnestheus in den Mund gelegt werden (TC 1,5,072-074). Celaenos Prophezeiung ist wörtlich übernommen. Die allgemeine Reaktion darauf (Aen. 3,260: cecidere animi,… ) wird Ilioneus in den Mund gelegt. Anchises’ Gebet um Abwendung der Drohungen wird (wie fast jede direkte Rede bei Vergil) wörtlich übernommen. C 4.3.4 / 5 Fahrt Die Weiterfahrt ist stark gekürzt wiedergegeben (ausführlicher jedoch in TC II -7). Auffällig sind drei neu gedichtete Verse: Beim Vorbeifahren an den Mauern des Odysseus auf Ithaka wünscht Aeneas, die Götter möchten die Stadt einst so dastehen lassen wie Troja, worauf Palinurus hinzufügt, dass er sehen will, wie Odysseus Nachfahren „so“(d. h. wie sie, die Trojaner) umherirren ( TC 1,5,097-099). Dieser letzte Vers des Palinurus macht den Lesern oder dem Publikum bewusst, dass die Trojaner - im Gegensatz zu ihnen - die Irrfahrten des Odysseus zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennen können. Dadurch gewinnt die spätere Begegnung mit Achaemenides, der von Odysseus auf der Kyklopen- Insel zurückgelassen worden war, eine stärkere dramatische Wirkung. C 4.3.5 5. Irrfahrten-Station: Actium Die erzählte Handlung wird in TC I-5 Aeneas und Ilioneus in den Mund gelegt. Ilioneus vertritt die bei Vergil genannten socii (Aen. 3,282). Auch für die früheren Rede-Beiträge des Ilioneus und des Mnestheus gilt, dass sie für die Gesamtheit der Trojaner oder „Gefährten“ stehen. Beide kommen immer abwechselnd zum Zuge. C 4.3.6 6. Irrfahrten-Station: Buthrotum in Epirus Nach der Ankunft werden die Einwohner des Landes (Chaonier) begrüßt, wie gewöhnlich mit neu gedichteten Versen ( TC 1,5,114 f.). Dabei fragt Anchises auch, wer in diesem Land König ist, worauf ihm ein Chaonier antwortet, dass Helenus und Andromache die Herrschaft haben. Bei Vergil ist es keine konkrete Gestalt, die informiert, sondern nur ein Gerücht ( fama). Andromaches Darbringung von Opfergaben am Grabhügel für Hektor wird auf die bloße Feststellung <?page no="121"?> C 4 Das Sonderproblem der „Dramatisierung“ von Aen. II-III 121 verkürzt ( TC 1,5,121-122a). Das folgende Gespräch zwischen Andromache und Aeneas speist sich weitgehend aus den wörtlichen Reden, wie sie bei Vergil stehen. Dessen Zwischen-Bemerkungen (etwa, dass Andromache in Tränen ausbricht), sind ersatzlos gestrichen. Die folgende Begrüßung des dazukommenden Helenus ( TC 1,5,156-165) ist von Lucienberger (wie meistens in Begrüßungsszenen) neu gedichtet. Darin aufgenommen ist ein Teil der Beschreibung der an Troja gemahnenden Gegend, die Lucienberger stark kürzt. Mit dieser Begrüßung endet TC I-5 und erneut erhält diese Szene einen positiven Ausklang (ähnlich wie TC I-4; vgl. → Kap. C 5.4.3 und Kap. D 8.1.1), wenn Helenus sagt: visite et hinc laetas tantorum rite laborum / obliti dapibus Bacchoque exporgite frontes. / Tempora iusta dabit, dabit aequas Iuppiter auras / monstrabitque viam, quo vos velit ipse profectos. ( TC 1,5,162-165). In TC I-6 bittet Aeneas Helenus um ein Orakel, das dieser ihm auch gibt. Dabei kann Lucienberger die wörtliche Rede der beiden direkt aus Vergil übernehmen (TC 1,6,001-099). Ausgelassen ist die bei Vergil zwischen diesen beiden Redebeiträgen stehende Beschreibung der dem Orakel vorausgehenden Opferzeremonien (wie bei fast allem Kultischen bisher). Nach Erhalt des Orakels verspricht Aeneas, das im Gedächtnis zu behalten und auszuführen, so gut er kann, ein Redebeitrag, den Lucienberger neu erfunden hat ( TC 1,6,100-102). Wieder von Vergil übernommen ist darauf das Verteilen von Geschenken durch Helenus und Andromache ( TC 1,6,103-141). Dabei wird die Beschreibung der Geschenke durch den erzählenden Aeneas bei Vergil jetzt Helenus, dem Schenkenden, in den Mund gelegt. Ein hinzugedichteter Vers könnte einen Hinweis auf Lucienbergers intendiertes Bühnengeschehen darstellen: Nachdem Helenus die Gefährten mit Waffen ausgestattet hat ( TC 1,6,109: capite arma, sodales - nach Aen. 3,471 socios simul instruit armis ), begründet er das mit dem neuen Vers: Bella gerenda truces populi gentesque domandae ( TC 1,6,110). Dies macht wahrscheinlich, dass zu Beginn der Szene Aeneas und Helenus allein auf der Bühne standen und nur dieser die Prophezeiung kennt, denn sonst wäre TC 1,6,110 überflüssig (auch wenn die Kriege in Italien in der Prophezeiung nur gestreift werden: TC 1,6,095-097 = Aen. 3,458-460). Erst vor TC 1,6,103 dürften die übrigen Akteure die Bühne betreten haben. Ebenfalls neu gegenüber Vergil ist Anchises’ höflicher Dank ( TC 1,6,111-113), der einer Tendenz Lucienbergers folgt, höfliches Verhalten explizit zu machen (vgl. schon Aeneas zu Helenus TC 1,6,100-102). Der Rest der Beschenkungsszene besteht aus direkt übernommenen wörtlichen Reden Vergils, wobei Lucienberger allerdings die Beschreibung der Geschenke Andromaches an Julus (Aen. 3,482-485) ersatzlos entfallen lässt. <?page no="122"?> 122 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 4.3.7 Fahrt und siebte Irrfahrten-Station: Akrokeraunia Die Fahrtbeschreibung ist gegenüber Vergil wieder gekürzt (aber ausführlicher in TC II -7) wiedergegeben. Der Zwischenhalt in Akrokeraunia (an der Ostküste der Adria) wird ähnlich kurz wie bei Vergil dargestellt. C 4.3.8 8. Irrfahrten-Station: Castrum Minervae Nur hier (und nicht in TC II -7) wird die Sichtung Italiens (der Südostküste) gefeiert. Hier in TC I-6 wird nicht einmal die Libation gekürzt, s. die Regiebemerkung nach TC 1,6,153 (obwohl Lucienberger sonst öfter kultische Handlungen streicht). Ersatzlos übergangen ist dagegen die Ortsbeschreibung Aen. 3,533-538. C 4.3.8 / 9 Fahrt (vom Süden Italiens nach Westen, nach Sizilien) Die Ankunft in sizilischen Gewässern wird hier mit den vergilischen Versen beschrieben, die Anchises und Julus in den Mund gelegt werden (TC 1,6,169-175 = Aen. 3,551-557). Nur hier und nicht in TC II -7 findet sich die Durchfahrt durch die Straße von Messina (Skylla und Charybdis). Die direkte Rede des Anchises in Aen. 3,558-560 übernimmt Lucienberger wörtlich, die folgenden erzählenden Verse legt er Aeneas und Julus in den Mund. C 4.3.9 9. Irrfahrten-Station: Kyklopenland am Aetna Lucienbergers Szene TC I-6 scheint mit der Landung in Sizilien, in der Nähe des Aetna, zu enden. Die Ankunft dort (Aen. 3,568 f.) wird hier (anders als in TC II-7) jedoch mit keinem Wort erwähnt; ebenso werden die Ortsbeschreibung und die Geschichte des Aetna (3,566-582) ersatzlos gestrichen. In den Versen TC 1,6,184-188 (nach Aen. 3,583-587), die Aeneas in den Mund gelegt werden (‚Es ist dunkle Nacht, wir wollen die Nacht in den Wäldern verbringen‘), weist lediglich das Wort ‚Wälder‘ ( in silvis - TC 1,6,187) auf die erfolgte Landung hin. Der positive Ausblick, mit dem Lucienberger das Finale seiner Szenen bisher auszustatten pflegt (vgl. → Kap. C 5.4.3 und Kap. D 8.1), findet sich auch hier, jedoch wesentlich subtiler als in den bisherigen Szenen. Allein zwei Änderungen in der Formulierung gegenüber Vergil verwandeln die resignierte Stimmung der Trojaner bei Vergil in eine erwartungsvolle, entdeckungsfreudige Stimmung: Vergils noctem illam tecti silvis immania monstra / perferimus (Aen. 3,583 f.) wird bei Lucienberger zu noctem istam in silvis interque immania monstra / ferre libet ( TC 1,6,187 f.), wobei das Modalverb libet eine Freiwilligkeit ins Spiel bringt, die Vergils passives perferimus in sein Gegenteil verwandelt. Auch den Rest von Vergils Aen. 3, 584: nec quae sonitum det causa videmus verwandelt Lucienberger ins Gegenteil: … (libet) quaeque hunc sonitum det causa videre . Aus <?page no="123"?> C 4 Das Sonderproblem der „Dramatisierung“ von Aen. II-III 123 der resignierten Feststellung, den Grund für den Lärm nicht zu sehen, wird der Entschluss, nach dem Grund zu suchen. Der Inhalt von Lucienbergers Szene TC I-7 ist die Begegnung mit dem Griechen Achaemenides und dessen Aufnahme durch die Trojaner. Die ausführlichen wörtlichen Reden des Achaemenides übernimmt Lucienberger direkt aus Vergil. Die Reaktionen der Trojaner auf das Erscheinen des Achaemenides ( TC 1,7,002-006a), sowie deren Zwischenfragen (Aen. 3,608 f.: … qui sit fari, quo sanguine cretus, hortamur, quae deinde agitet fortuna fateri ) und schließlich das Erblicken des Polyphem, die schnelle Abfahrt und das Ärgern Polyphems ( TC 1,7,058-1,7,065) werden Aeneas, Anchises und mit etwas geringerem Redeanteil auch Julus in den Mund gelegt; ein Vers ( TC 1,7,061) auch Achates. Hier zeigt sich wieder, dass Aeneas und seine engsten Familienmitglieder Lucienbergers erste Wahl sind, wenn Sprecher für die handlungsrelevanten Verse gesucht werden. Als wichtigstes Aufteilungsprinzip der Verse lässt sich ausmachen, dass sich diese Sprecher relativ schnell abwechseln müssen; keiner spricht in dieser Episode länger als 3 Verse am Stück. C 4.3.9 / 10 Fahrt an der Küste Siziliens entlang Auf der Fahrt erklärt Achaemenides (wie bei Vergil) die Orte, die er von der Fahrt mit Odysseus schon kennt ( TC 1,7,066-072; 082-092). Diese geographische Erklärung wird unterbrochen durch Anchises’ Erkrankung in neu gedichteten Versen (Aeneas, Achates, Anchises - TC 1,7,073-081). Damit bereitet Lucienberger den bei Vergil unvermittelt auftretenden Tod des Anchises vor. C 4. 3. 10 10. Irrfahrten-Station: Drepanum auf Sizilien Auch die Todesszene selber hat Lucienberger signifikant verändert. Während bei Vergil die Trojaner erst in Drepanum landen, wo dann Anchises stirbt (Aen. 3,707-710), lässt Aeneas bei Lucienberger die Trojaner gerade deshalb in Drepanum landen, um seinem kranken Vater Erholung zu verschaffen, wo dieser dann auch stirbt ( TC 1,7,093-710). Während die vergilische Erzählung der Ereignisse durch Aeneas an Didos Hof mit der Klage über den Tod des Vaters (und der Angabe, dass man danach direkt nach Karthago gekommen ist) endet, umfasst die Szene bei Lucienberger noch die Bestattungsfeierlichkeiten, zu denen auch König Acestes eingeladen wird. Die Formulierungen für die Bestattung selbst übernimmt Lucienberger aus Vergils Rückblick in Buch V (Aen. 5,47-52). Die Einladung des Acestes ist frei erfunden. Sein Auftritt hat vor allem die dramatische Funktion, dass Aeneas Mut zugesprochen wird. Es ist der mittlerweile fast obligatorische positive Ausblick am Schluss einer Szene, hier TC 1,7,114-119: <?page no="124"?> 124 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke Aenea, si tot potuisti vincere casus teque tot immanis mersit fortuna periclis, hoc etiam adnumeres et te ad maiora paratum fortiter ostendas et erunt leviora futura nec desperatam reddent praesentia mentem. Firma animum speraque Deum, postpone querelas […] C 4.4 Durchgang B: Aen. III in TC II -7: Die Irrfahrten-Handlung von Aeneas erzählt C 4.4.1 Gekürzte Irrfahrten-Darstellung durch den erzählenden Aeneas Ein zweites Mal, in einem „zweiten Durchgang“, benutzt Lucienberger das Buch III der Aeneis an der Stelle seines Dramas, wo es auch im Epos Vergils steht, nämlich als Erzählung des Aeneas von seinen Irrfahrten an Didos Hof. Diese Erzählung bildet den Inhalt der 7. und letzten Szene des II . Aktes ( TC II -7). Die Szene beginnt mit einer knappen Erzählung der Zerstörung Trojas und der Flucht aus der Stadt ( TC 2,7,011-095 = der Inhalt von Buch II ). Die übrigen Verse der Szene (abgesehen vom neu gedichteten positiven Ausblick Didos in TC 2,7,230-234) erzählen die Irrfahrten von Buch Aen. III ( TC 2,7,096-229). Die 718 Verse von Buch III werden also in TC II -7 auf 134 Verse reduziert. Diese 134 Verse enthalten, mit Ausnahme einer Zwischenfrage Didos und ihrer Einladung an die Trojaner in den zusätzlichen abschließenden Versen TC 2,7,230-234 (s. dazu gleich), keine frei erfundenen Verse. Das wird dadurch möglich, dass die äußere Situation bei beiden Dichtern hier formal dieselbe ist (Erzählung des Aeneas vor Dido). Die Unterschiede sind jedoch eklatant: Aeneas erzählt zunächst von der Abfahrt von der trojanischen Küste bis zur Landung in Thrakien und der dort versuchten Stadtgründung ( TC 2,7,096-109 = Aen. 3,5-18). Das Prodigium der blutenden Sträucher erwähnt er mit keinem Wort. Unmotiviert folgt die Weiterfahrt nach Delos und die Begegnung mit Anius ( TC 2,7,110-124 = Aen. 3,069-083). Dessen Prophezeiung, die den Entschluss, nach Kreta zu fahren, bei Vergil motiviert, übergeht Lucienberger komplett. Bei ihm erzählt Aeneas einfach von der Weiterfahrt, der Landung auf Kreta und dass er dort eine neue Stadt gegründet hat ( TC 2,7,125-135 = Aen. 3,124-134). Die Missernte und die Prophezeiung der Penaten fehlen. Unmotiviert folgt die Weiterfahrt zu den Strophaden ( TC 2,7,136-145 = Aen. 3,190 f. + 203-210), ohne Erwähnung der Harpyien-Episode und der Prophezeiung der Celaeno. Es folgt die Weiterfahrt nach Aktium ( TC 2,7,146-157 = Aen. 3,266-277), doch ohne Erwähnung der dortigen Waffen-Weihung, dann die Weiterfahrt nach Buthrotum (TC 2,7,158-163 = Aen. <?page no="125"?> C 4 Das Sonderproblem der „Dramatisierung“ von Aen. II-III 125 3,289-293). Die Begegnung mit Andromache und Helenus sowie dessen ausführliche Prophezeiung wird von Lucienberger in einen einzigen Vers zusammengefasst: consulimusque Helenum vatem, qui fata recenset. ( TC 2,7,163). Auch im Folgenden ( TC 2,7,164-2,7,181) erzählt Aeneas ausschließlich die Route der Fahrt; die Station in Akrokeraunia wird erwähnt, während die Station in Castrum Minervae nur indirekt erschließbar ist ( TC 2,7,175 = Aen. 3,550 Graiugenumque domos suspectaque linquimus arva ). Dann folgt die Landung am Kyklopen-Land ( TC 2,7,182 f. = Aen. 3,568 f.), die sich wiederum im ersten Durchgang ( TC I-6) nur indirekt erschließen ließ. Die Erlebnisse im Kyklopen-Land sind bei Lucienberger die ersten Ereignisse auf den Irrfahrten-Stationen, von denen Aeneas Dido überhaupt berichtet ( TC 2,7,184-197, entspricht Aen. 3,583-644 gekürzt), wenn auch stark gekürzt gegenüber Vergil (und TC I-6 / I-7). Die Aufnahme des Achaemenides veranlasst Dido zu der (frei erfundenen) kritischen Zwischenfrage (vgl. dazu → Kap. D 12.3.7d), warum Aeneas nicht misstrauisch gegenüber dem schutzsuchenden Griechen war, nachdem die Trojaner doch mit dem ähnlich auftretenden Sinon schon schlimmste Erfahrungen gemacht hätten ( TC 2,7,198-202). Diesen dramatisch belebenden Einwurf führt Lucienberger jedoch nicht weiter aus. Anscheinend war sein einziger Zweck, überhaupt eine Sprecher-Abwechslung zur Auflockerung des für die Bühne sehr langen Monologs zu schaffen. Aeneas erzählt nun die Weiterfahrt bis zum Tod des Anchises in Drepanum, der ebenso kurz erwähnt wird wie bei Vergil, und schließt die Erzählung mit der Angabe, dass von dort die Reise direkt nach Karthago ging ( TC 2,7,203-229, entspricht Aen. 3,666-715 gekürzt). Lucienberger schließt die Szene mit einer (frei erfundenen) Aufforderung Didos, nun die Trauer zu vergessen und sich von den Strapazen zu erholen, erneut ein positiv gewendetes Szenen-Ende ( TC 2,7,230-234): Cuncta parata intus, Teucrorum maxime ductor. Intremus tantique tui solatia cursus arripe. Non fas est semper meminisse laborum sopitosve semel demum refricare dolores. Venatu et ludis potius recreabimus horas. Z u s a m m e n f a s s e n d lässt sich sagen, dass Aeneas sich in der Erzählung an Didos Hof in TC II -7 auf die Beschreibung der Reiseroute beschränkt. Die Route wird hier ausführlicher erzählt als im Akt I, wo die Fahrtbeschreibungen, wenn sie überhaupt übernommen sind, mindestens gekürzt sind. Nur von einer einzigen Station (abgesehen von Anchises’ Tod) erzählt Aeneas konkrete Ereignisse, nämlich vom Kyklopen-Land. Immerhin ermöglicht es Lucienberger damit Dido, eine Zwischenfrage zu stellen. <?page no="126"?> 126 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 4.4.2 Dido erfährt aus Aeneas’ Erzählung nichts von seiner Mission Für den weiteren Fortgang der Handlung und die Deutung scheint mir wichtig zu sein, dass die Dido in Lucienbergers dramatischer Version von keiner einzigen Prophezeiung erfährt, dass Italien das dem Aeneas von den Göttern bestimmte Ziel ist. (Schon die Creusa-Prophezeiung aus Aen. II übergeht Aeneas bei Lucienberger in TC II -7, ebenfalls den Orakelspruch Apollos auf Delos und die ausführliche Helenus-Prophezeiung in Aen. III .) Wenn man die Bedeutsamkeit dieses Befundes nicht durch die Unterstellung minimiert, Lucienberger habe geglaubt, die Zuschauer bei einer Aufführung oder die Leser der Buchausgabe würden die Ereignisse der einzelnen Stationen (einschließlich der dort verkündeten Prophezeiungen), die im Akt I der TC dargestellt waren, automatisch mitdenken und dieses Wissen auch Dido unterstellen, dann muss man für die TC eine Verschiebung in der Zeichnung der tragischen Rolle Didos konstatieren. Vergils Dido weiß aus den Prophezeiungen, von denen Aeneas ihr erzählt hat, dass dieser für Italien und nicht für sie bestimmt ist. Wenn sie trotzdem versucht, Aeneas an sich zu binden, handelt sie gegen die Orakelsprüche und begeht somit (in der Perspektive der Fata) eine Verfehlung. Lucienbergers Dido dagegen weiß von der Bestimmung des Aeneas nichts. Für sie kann Aeneas deshalb als Abenteurer erscheinen, der auf jahrelanger Fahrt auf zwei seiner Stationen Städte gegründet hat (in Thrakien und auf Kreta), diese aber aufgrund widriger Umstände (und nicht, weil er einer göttlichen Weisung anderswohin folgen wollte) wieder verlassen hat. Warum soll es ihr nicht gelingen, bei einem dritten Versuch, diesen Abenteurer an sich zu fesseln und in Karthago sesshaft zu machen? Ein Scheitern dieses Versuches wäre enttäuschend, würde aber nicht tragisch sein. C 4.5 Tabelle der doppelten Verwertung von Aen. II - III in der TC : in TC I 1-7 und erneut in TC II -7 Dieses Kap. C 4.5 ist nur in dem digitalen Ergänzungs-Band als Datei „ TC - EDV - DG Suerbaum“ zugänglich, dort im Anschluss an die Datei „ TC - EDV - CG Suerbaum“. <?page no="127"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 127 C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungen gegenüber Vergil C 5.0 Gliederungs-Übersicht Hier ist der Übersichtlichkeit halber der einschlägige Teil der Gesamtgliederung in einer ausführlicheren Version wiederholt: C 5 Rubriken C 5.0 Gliederungs-Übersicht C 5.1 Streichung von Gleichnissen und Vergleichen C 5.2 Streichung von Handlungselementen C 5.2.1 Streichung ganzer Handlungen C 5.2.1a Streichung ganzer Handlungen, die auch nicht aus dem Kontext erschließbar sind C 5.2.1b Streichung ganzer Handlungen, die aber aus dem Kontext erschließbar sind C 5.2.2 Streichung von Handlungsdetails C 5.2.2a Streichung von Begleiterscheinungen bei Orakeln, von Details von Opferhandlungen oder von ganzen Opfern / Prodigien C 5.2.2b Streichung von Kämpfen / Aristien C 5.2.2c Streichung der Beteiligung von Göttern am Kampfgeschehen C 5.2.2d Streichung der Angaben zu Nächten und Tagen (→ Zeitraffung) C 5.2.2e weitere Streichungen C 5.2.3 Streichung der Ein- und Ausleitungen von Reden C 5.2.4 Streichung von Ortsbeschreibungen C 5.2.5 Streichung von Kunstbeschreibungen und Rüstungsszenen C 5.2.6 Streichung von auktorialen Äußerungen Vergils C 5.2.6a Proömien, Musenanrufe, auktoriale Würdigungen C 5.2.6b Charakterisierungen von Personen des Epos C 5.2.6c Sachliche oder historische Erklärungen C 5.3 Transformationen C 5.3.1 Die Beschreibung einer Handlung, Situation oder Örtlichkeit wird einer beteiligten Person in den Mund gelegt C 5.3.2 Eine Handlung wird nicht beschrieben, aber eine beteiligte Person fordert dazu auf <?page no="128"?> 128 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 5.3.3 Auktoriale Erwähnung einer Sprachhandlung in der Aeneis → direkte Rede der betreffenden Person in der TC C 5.3.4 Indirekte Rede in der Aeneis → direkte Rede in der TC C 5.3.5 Auktoriale Handlungsschilderung in der Aeneis → handlungsrelevante Regiebemerkung ( RB ) in der TC C 5.3.6 auktoriale Handlungsschilderung in der Aeneis → freie Dialogisierung in der TC C 5.4 Hinzufügungen im Vergleich zur Aeneis C 5.4.1 Hinzufügung einer in der Aeneis nicht geschilderten, aber erwartbaren Handlung wie Begrüßung, Abschied, Dank C 5.4.2 Hinzufügung willfähriger Antworten C 5.4.3 Gestaltung abrundender, meist positiver Szenenschlüsse C 5.4.4 Hinzufügung von Handlungselementen, die den Zusammenhang stärken oder ändern C 5.4.4a Allgemein C 5.4.4b Sonderfall: Hinzufügung von Prophezeiungen C 5.4.5 Erweiterungen moralischer Art C 5.4.6. Hinzufügung von Gleichnissen oder Fabeln C 5.4.7 Erweiterungen politischer Art: Aristokratisches neben Monarchischem C 5.4.8 Neugeschaffene Szenen in der TC C 5.4.9 Neu eingeführte Sentenzen C 5.5 Umstellungen und Wiederholungen C 5.5.1 Umstellungen C 5.5.2 Wiederholungen C 5.1 Streichung von Gleichnissen und Vergleichen Die sowohl qualitativ wie quantitativ bedeutendste Abweichung Lucienbergers vom Originaltext der Aeneis besteht in der Streichung fast sämtlicher Gleichnisse der Aeneis. Von den rund 100 Gleichnissen der Aeneis behält er nur ein halbes Dutzend bei. Über diesen charakteristischen Zug der TC wird ausführlich im → Kap. D 5 gehandelt. Schon hier sei aber festgestellt, dass Lucienberger auch deshalb auf praktisch alle Gleichnisse Vergils verzichten konnte, weil diese so gut wie nie in der Rede einer epischen Figur vorkommen, sondern fast immer ein auktoriales Mittel der Darstellung sind. <?page no="129"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 129 C 5.2 Streichung von Handlungselementen C 5.2.1 Streichung ganzer Handlungen C 5.2.1a Streichung ganzer Handlungen, die auch nicht aus dem Kontext erschließbar sind TC I-4 - Aen. 3,062-068: Bestattungsfeierlichkeiten für Polydorus. (Eine Bestattung des Polydorus wird bei Lucienberger überhaupt nicht erwogen; somit wird der Eindruck einer durch den bloßen Schrecken bewirkten Flucht erweckt. Möglicherweise ist auch diese Streichung ein Beleg für die Tendenz Lucienbergers, Opferhandlungen wegzukürzen, vgl. → Kap. C 5.2.2a. TC I-5 - Aen. 3,284 f.: Überwintern in Aktium (→ Zeitraffung, vgl. → Kap. C 5.2.2d). TC IV -3 - Aen. 5,551-603: Durchführung des Troja-Spiels inklusive der aitiologischen Schlussbemerkung in Aen. 5,596-603; aus der Aufforderung des Aeneas an Ascanius in TC 4,3,151-153 geht nur hervor, dass es sich um ein Reiterspiel handeln muss; vgl. dazu in → Kap. D 6.3.2 die Passage über Aitiologien, auch → Kap. B 6.4.2. TC IV -5 - Aen. 5,755-761: Aeneas’ Stadtgründung in Sizilien für die dort Zurückgelassenen. TC VI -6 - Aen. 7,445-451. 456-466: Aufhetzen des Turnus durch Allecto. (Diese Aktion geht aus Allectos kurzer, aus der Aeneis beibehaltener Rede TC 6,7,024-028 = Aen. 7,452-455 jedenfalls nicht direkt hervor.) TC VI -7 - Aen. 7,475-482: Aufhetzen der Hunde der Aeneaden durch Allecto (zur Hirschjagd als Kriegsauslöser). TC VI -7 - Aen. 7,601-622: Der Ritus der Kriegseröffnung durch Öffnen der Belli portae , an Stelle des zuständigen Königs Latinus stößt laut Aen. 7,620-622 Juno die Pforten des Janus-Tempels auf. Vgl. dazu in → Kap. D 6.3.2 die Passage über Aitiologien. TC VII -1 - Aen. 8,81-85: Sau-Prodigium (merkwürdiger Weise ist die Ankündigung 8,43 f. nicht gekürzt). C 5.2.1b Streichung ganzer Handlungen, die aber aus dem Kontext erschließbar sind TC I-4 - Aen. 3,124-131: Fahrtbeschreibung (von Delos nach Kreta) ( NB : in TC II -7 dagegen übernommen). TC III -5 - Aen. 4,393-411. 413-415: Aeneas’ Vorbereitungen für den Aufbruch aus Karthago + Beschreibung von Didos Reaktionen (letztere jedoch auch indirekt aus ihren Reden erschließbar). TC III -5 - Aen. 4,504-533: Vorbereitung des Scheiterhaufens und der damit verbundenen Riten durch Dido. <?page no="130"?> 130 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC VI -2 - Aen. 7,107-115: Das Essen, bei dem die Fladen mit verspeist werden. (Allein Julus’ Ausruf ist übernommen, der aber ohne entsprechende Bühnenhandlung unverständlich wäre.) TC VI -6 - Aen. 7,406-420: Allectos Weg zu Turnus und Situationsschilderung. TC X-1 - Aen. 12,81-106: Turnus rüstet sich zum Zweikampf. (Die Streichung betrifft mit Aen. 12,95b-100 auch eine direkte Rede - es ist singulär, dass Lucienberger eine in der Aeneis vorgefundene Rede übergeht, s. → Kap. C 2.1 Anm., auch → Kap. C 5.2.5.) TC X-2 - Aen. 12,107-112: Aeneas rüstet sich zum Zweikampf. TC X-2 - Aen. 12,116-133: Rutuler und Aeneaden bereiten den Kampfplatz für den Zweikampf vor. C 5.2.2 Streichung von Handlungsdetails C 5.2.2a Streichung von Begleiterscheinungen bei Orakeln, von Details von Opferhandlungen oder von ganzen Opfern / Prodigien TC I-4 - Aen. 3,90-93. 99-102: Begleiterscheinungen des Apollon-Orakels auf Delos. TC I-5 - Aen. 3,172-181: Aeneas’ Reaktion auf die Traumerscheinung der Penaten, Opfer. TC I-6 - Aen. 3,369-373: Opfer des Helenus vor seiner großen Prophezeiung. TC II -4 - Aen. 1,632-636: Opfer Didos nach Ankunft der Aeneaden (bevor diese in den Palast gehen). TC III-1 - Aen. 4,060-65: Details des Opfers während Didos Gebet, insbesondere die Eingeweide-Schau. TC III -5 - Aen. 4,450-477: Unheilverkündende Vorzeichen, die Didos Selbstmord vorausgehen, eingebettet in die Schilderung ihrer Unrast, bis sie sich an ihre Schwester wendet. TC III -5 - Aen. 4,504-533: Vorbereitung des Scheiterhaufens und der damit verbundenen Riten durch Dido (s. auch → Kap. C 5.2.1b). TC IV -2 - Aen. 5,75-79. 84-103: Opferzeremonie zum Totengedenken an Anchises. (Die Übernahme in TC 4,2,028-031 = Aen. 5,80-83 beschränkt sich auf Aeneas’ kurzes Gebet, ergänzt durch zwei rahmende RB: Fit sacrum more consueto atque omnes murmurant sicut Iudaei - Sic murmurantes abeunt. Aeneas effundit duas pateras. ) Vgl. → Kap. D 11. 8. 11. TC IV -5 - Aen. 5,743-745: Aeneas’ Opferung nach Anchises’ Traumerscheinung. TC IV -5 - Aen. 5,772-778: Opfer zur Abfahrt von Sizilien nach Latium. TC V-1 - Aen. 6,77-82. 98-101: Wahnsinn der Sibylle vor ihrer ersten Auskunft für Aeneas. TC V-2 - Aen. 6,243-254: Opfer des Aeneas vor dem Eintritt in die Unterwelt. <?page no="131"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 131 TC VI -1 - Aen. 7,92-95a: Opfer des Latinus vor dem Faunus-Orakel. TC VI -2 - Aen. 7,141-143: Jupiters Zeichen (3x Donnern und Wolke) nach dem Tische-Verzehren. TC VII -3 - Aen. 8,541-545: Aeneas opfert dem Hercules (bei Euander). TC VIII -4 - Aen. 10,270 f.: Prodigium des brennenden Helmbusches des zum Lager zurückkehrenden Aeneas. C 5.2.2b Streichung von Kämpfen / Aristien TC VIII -4 - Aen. 10,311-332: Kampfschilderung (aus Aeneas’ Aristie), wobei aber die meisten Tötungen kurz in einer kleinen neuen Rede des Aeneas in TC 8,4,48b-051 genannt werden (s. auch → Kap. C 5.3.6). TC VIII-4 - Aen. 10,335b-361: Weitere Tötungen (Aeneas’ Aristie), diese wirklich ersatzlos gestrichen. TC VIII -4 - Aen. 10,362-368. 379-392. 397-420. 424-438. 448-448. 451b-459. 464-466. 473-480. 482-490. 495b-506: Beinahe alle erzählenden Verse des Kampfes zwischen Turnus und Pallas ersatzlos gestrichen, mit Ausnahme von Aen. 10,393-396 (einzelne Tötungen, die Pallas in den Mund gelegt sind) und von Aen. 10,439 f. (faktisch indir. zu dir. Rede Juturnas gemacht); am Ende Ersatz durch drei handlungsrelevante RB (s. → Kap. C 5.3.5). TC VIII -4 - Aen. 10,510-523: Weitere Tötungen durch Aeneas. TC VIII -4 - Aen. 10,543-556. 561-574: Erzählende Verse über die Tötung des Caeculus (vgl. dazu → Kap. D 4.1.3). TC VIII -4 - Aen. 10,575-580. 583b-591. 595 f. 601-604a: Erzählende Verse zwischen den (übernommenen) wörtl. Reden beim Kampf zwischen Liger und Aeneas. TC VIII -6 - Aen. 10,689-736. 744b-754: Erzählende Verse der Mezentius-Aristie (gestrichen ist alles bis auf die Tötung des Orodes, die in wörtl. übernommenen Reden dokumentiert wird). TC VIII -6 - Aen. 10,769-772. 776b-810. 813-824. 831 f.: Erzählende Verse des Kampfes Aeneas - Mezentius / Lausus (lediglich minimale Andeutung der Handlung in fünf neuen Versen, s. → Kap. C 5.3.6). TC VIII -7 - Aen. 10,833-845. 856b-860. 867-874. 882b-897a. 907 f.: Erzählende Verse des finalen Kampfes zwischen Aeneas und Mezentius ganz gestrichen (minimale Andeutungen in neuen Versen). TC IX -6 - Aen. 11,597-685. 690-705. 709-714. 718-724: Reiterschlacht ganz gestrichen, von Camillas Aristie auch alle erzählenden Verse; übrig geblieben sind nur die Tötungen des „Bellator“ und des Ligurers, die in wörtl. übernommenen Reden genannt werden. TC IX -6 - Aen. 11,725-731. 741-759b: Sämtliche Erzähl-Verse von Tarchons beherztem Eingreifen in die Schlacht (einschließlich von 4 Versen zu Jupiters Eingreifen). <?page no="132"?> 132 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC IX -6 - Aen. 11,794-822. 827b-835: sämtliche Erzähl-Verse zu Camillas Tod durch Arruns (wie immer, inklusive eines Gleichnisses). TC IX -6 - Aen. 11,836-840. 849b-854. 858-867: sämtliche Erzähl-Verse zu Arruns’ Tod durch Opis (nur Reden). TC IX -6 - Aen. 11,868-897. 901-915: Nahezu sämtliche Erzähl-Verse des Rückzugs der Latiner nach Camillas Tod und Bestürmung der Stadt durch die Aeneaden (erhalten nur, wie Acca Turnus benachrichtigt (indir. Rede → dir. Rede), neu Turnus’ verzweifelnde Reaktion darauf). TC X-3 - Aen. 12,324 f. 327-358. 362-382: Erzähl-Verse von Turnus’ Aristie; es bleibt praktisch nur die isolierte wörtl. Rede, die Turnus bei Vergil an Eumedes richtet; sie lässt sich bei Lucienberger nicht wirklich zuordnen, wenn man die RB vor 10,3,062 nicht liest ( Turnus Eumeden trucidans ait … ). TC X-3 - Aen. 12,441-560: Lange zusammenhängende erzählende Partie: Aeneas verfolgt Turnus, den Juturna aus der Schlacht entfernt; Aeneas kämpft weiter, wendet sich schließlich zur Stadt. TC X-6 - Aen. 12,704-735. 738-759. 762-771. 780-782. 788-790: Ein Großteil der Erzähl-Verse des finalen Zweikampfs Aeneas-Turnus, Teil I sind übergangen, jedoch sind die meisten Handlungsschritte durch wenige den Kämpfern in den Mund gelegte Verse und eine RB angedeutet. TC X-8 - Aen. 12,843-871. 885-888. 896-931a. 938b-946. 950-952: Sämtliche Erzähl-Verse des finalen Zweikampfs Aeneas-Turnus, Teil II, sind übergangen (das ist möglich, weil etliche kurze Reden der Kämpfer bei Vergil von Lucienberger beibehalten werden; hinzu kommt die RB nach TC 10,8,020 Acriter pugnant). C 5.2.2c Streichung der Beteiligung von Göttern am Kampfgeschehen Lucienberger behält Auftritte von Göttern, bei denen diese sprechen, bei. Wie die folgenden Belege zeigen, übergeht er aber regelmäßig das Eingreifen von Göttern, wenn davon in der Aeneis nur erzählt wird. TC VIII -6 - Aen. 10,755-761: Mars’ Wirken; die Götter als Zuschauer; Tisiphones Wüten. TC IX -6 - Aen. 11,725-728: Jupiter stärkt Tarchons Kampfesmut. TC X-3 - Aen. 12,411-419: Venus pflückt Heilkräuter und mixt sie in den Heiltrank für Aeneas. TC X-6 - Aen. 12,786 f.: Venus gibt Aeneas seine Lanze zurück, die vorher festgewachsen war. C 5.2.2d Streichung der Angaben zu Nächten und Tagen (→ Zeitraffung) TC I-5 - Aen. 3,284 f.: Überwintern in Aktium (also ist sozusagen unmerklich ein halbes Jahr vergangen → Zeitraffung, vgl. → Kap. C 5.2.1a). <?page no="133"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 133 TC I-6 - Aen. 3,512-515: Übernachtung in Akrokeraunia. TC III -6 - Aen. 4,584 f.: Tagesanbruch zwischen Aeneas’ Abfahrt und Bemerken seiner Flucht durch Dido. C IV -5 - Aen. 5,762-769: Neuntägiger Aufenthalt nach Schiffsbrandszene. TC V-4 - Aen. 7,025 f.: Tagesanbruch vor Gewitter. TC VII -3 - Aen. 8,405-415: Vulcanus geht nach Venus’ Bitte, Waffen für Aeneas zu schmieden, nicht erst (mit ihr) zu Bett, sondern auf der Stelle zu den Zyklopen (vgl. auch → Kap. C 5.4.4a). TC VII -7 - Aen. 9,460 f.: Tagesanbruch nach dem nächtlichen Wirken des Euryalus und des Nisus (trotz durch Sternchen angedeuteter Pause nicht einmal Wechsel des Sprechers Asylas zwischen TC 7,7,023 und 024). TC VIII -4 - Aen. 10,256 f.: Tagesanbruch nach Aeneas’ nächtlicher Fahrt und Rückkehr ins Lager. TC IX -1 - Aen. 11,1-4: Tagesanbruch (zwischen Tötung des Mezentius und Weihung seiner erbeuteten Waffen). TC IX -2 - Aen. 11,182 f.: Tagesanbruch zwischen Aushandlung des Waffenstillstands und der Bestattung. TC IX -3 - Aen. 11,210: Erwähnung, dass schon der 3. Tag (sc. des Waffenstillstands) angebrochen ist. TC IX -6 - Aen. 11,913-915: Hereinbrechen der Nacht während des Kampfes um die Stadt. C 5.2.2e weitere Streichungen diverser Art Darunter könnten Überlegungen und Reflexionen der Figuren (soweit sie nicht, wie der Zornmonolog Junos in Aen. 1,37-49 = TC 2,1,018b-030, in direkter Rede geboten sind) eine eigene Gruppe bilden. TC I-2 - Aen. 2,559-563: Gedanken des Aeneas nach dem Tod des Priamus. TC I-2 - Aen. 2,726-729: Empfindungen des Aeneas bei seiner Flucht aus Troja. TC I-5 - Aen. 3,203-205: Teile der Fahrtbeschreibung (von Kreta zu den Strophaden) TC I-5 - Aen. 3,232-234a: 2. Harpyien-Angriff. TC I-6 - Aen. 3,482-485: Beschreibung der Geschenke der Andromache für Anchises (doch Rede der Andromache dazu wörtl. übernommen). TC I-7 - Aen. 3,662-665: Der Zyklop wäscht sich sein ausgebohrtes Auge. TC I-7 - Aen. 3,669-686: Der Zyklop bemerkt die Aeneaden; Geschrei, Zusammenlaufen der anderen Zyklopen (neu allerdings in diesem Zusammenhang ein Halbvers, in dem Julus den Zyklopen verhöhnt: TC 1,7,065b). <?page no="134"?> 134 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC I-7 - Aen. 3,714-718: Rückschau / Reflexion des Aeneas am Ende des Berichtes vor Dido. TC II -1 - Aen. 1,50-64. 81-93. 102-130. 142-156: Von den Göttern entfachter Seesturm bis zu seiner Beruhigung. (Der Sturm ist aus der TC nur indirekt aus den Reaktionen des Aeneas und Neptuns zu entnehmen, deren Reden - Aeneas’ Gebet und Neptuns Ansprache an die Winde - wörtl. übernommen sind.) TC II -3 - Aen. 1,450-465 Empfindungen des Aeneas beim Anblick der Darstellungen aus dem Trojanischen Krieg am Juno-Tempel in Karthago. TC II-4 - Aen. 1,586-593: Aeneas tritt vor Dido aus der Wolke hervor, von Venus übernatürlich verschönert (bei Lucienberger lediglich die RB : Aeneas repente progreditur ). TC II -4 - Aen. 1,610b-614: Herzliche Begrüßung der im Seesturm vermissten Gefährten. TC II -4 - Aen. 1,631.637-642: Didos Vorkehrungen für die Bewirtung der Aeneaden im Palast. TC II 5 - Aen. 1,657-662: Absichten der Venus beim Austausch Ascanius / Amor. TC II -6 - Aen. 1,695-712. 714-722: Beschreibung der Umstände des Gastmahls bei Dido; Didos Reaktion auf Ascanius-Cupidos Anblick (dies jedoch zu Beginn der Szene frei nachgedichtet). TC III -1 - Aen. 4,1-7 und 4,80-89: Didos verliebte Unruhe und Rastlosigkeit. TC III -4 - Aen. 4,283-286: Überlegungen des Aeneas, wann er Merkurs Befehl zur Abfahrt aus Karthago der Königin Dido eröffnen soll. TC III -5 - Aen. 4,641-650. 663-666: Genaue Schilderung von Didos Selbstmord auf dem Scheiterhaufen. TC III -6 - Aen. 4,685b-692: Annas Bemühungen um Dido während ihres Todeskampfes. TC IV -1 - Aen. 5,1-7: Aeneas Rückblick auf Karthago; sein Schmerz über Didos Schicksal. TC IV-3 - Aen. 5,116-161. 169-187. 197b-234. 239-243: Schilderung der Regatta (ihr Verlauf ist nur teilweise rekonstruierbar aus Reden, die Lucienberger teils zu einem kleinen Gespräch erweitert). TC IV -3 - Aen. 5,293-302. 315-339: Schilderung des Wettlaufes (dessen Verlauf stattdessen in RB ). TC IV -3 - Aen. 5,368-377 + kleinere Versgruppen + 5,425-450: genauere Schilderung des Boxkampfes (im Groben ist die Handlung aus Reden und nüchternen Regiebemerkungen erschließbar). TC IV -3 - Aen. 5,492-524. 525-532: genauere Schilderung des Bogenschießens (der Verlauf ist immerhin teilweise aus kleinen Reden erschließbar; der kon- <?page no="135"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 135 krete Charakter von talibus auspiciis in Aen. 5,534 = TC 4,3,144 wird in der TC nicht deutlich). TC IV-3 - Aen. 5,551-603: Schilderung der Reiterspiele (nur Aufforderung dazu, danach gibt es weder darauf bezügliche Reden noch RB ). TC IV -4 - Aen. 5,673b-686: Flucht der Frauen, als die Brandstiftung bemerkt ist; Versuch der Männer, die Schiffe zu löschen. TC IV -6 - Aen. 5,816-827: Fahrt Neptuns durch das Meer. TC IV -6 - Aen. 5,835-842. 852-863: Schilderung der göttlichen Täuschung des Steuermannes Palinurus (nur wörtl. Reden übernommen). TC V-2 - Aen. 6,212-235: Bestattung des Misenus (in TC 5,1,102 f. von Aeneas lediglich angeordnet). TC V-2 - diverse Stellen in Aen. VI : nahezu sämtliche erzählenden Verse der Wanderung durch die Unterwelt. TC V-3 - Aen. 6,893-991: Verlassen der Unterwelt durch die Elfenbeinpforte; Rückkehr zu den Schiffen. TC VI -3 - Aen. 7,249-258: Reflexionen des Latinus nach der Rede der Gesandtschaft der Aeneaden. TC VI -4 - Aen. 7,286-292: Erneuerung von Junos Zorn (vor ihrem Gang zu Allecto). TC VI -5 - Aen. 7,341-358: Wirken Allectos bei Amata. TC VI -7 - Aen. 7,540-544. 560b-562: Situations-/ Handlungsbeschreibung des Göttergesprächs Allecto-Juno. TC VII -1 - Aen. 8,18-30: Unruhe des Aeneas ob des Kriegsbeginns. TC VII -1 - Aen. 8,31--35. 66-70. 79 f.: Situations-/ Handlungsschilderung des Gesprächs Aeneas - Tybris. TC VII -1 - Aen. 8,86-96: Abfahrt des Aeneas vom Camp, um Verbündete zu suchen. TC VII -2 - Aen. 8,97-112a. 115 f. 121. 124-126. 152-154a. 175-185a. 276-280. 303-313. 359-361. 366-369: Situations- und Handlungsbeschreibungen beim Besuch des Aeneas in Pallanteum sowie bei Reden die Ein- und Ausleitungen. TC VII -3 - Aen. 8,370-373. 387-394: Situations-/ Handlungsbeschreibung des Gesprächs Venus - Vulcanus. TC VII -3 - Aen. 8,444-453: Beschreibung, wie die Zyklopen die Waffen für Aeneas schmieden (auffällig ist, dass sie nach Vulcanus’ Aufforderung dazu nicht mit einer willfährigen Antwort aufwarten). TC VII -4 - Aen. 8,454-469: Beginn des 2. Tages bei Euander (Handlungsschilderung). TC VII -4 - Aen. 8,585-596: Abzug der Aeneaden und des Pallas aus dem Pallanteum Euanders. <?page no="136"?> 136 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC VII -4 - Aen. 8,608-611. 615-625: Situations-/ Handlungsschilderung der Waffenübergabe Venus - Aeneas (auch die folgende Schildbeschreibung wird übergangen, s. → Kap. C 5.2.5). TC VII -5 - Aen.9,162-164: Turnus gibt Anweisungen, wer in der Nacht für die Bewachung des belagerten trojanischen Camps zuständig ist; das sind nach TC 7,5,076 = Aen. 9,161 vierzehn Männer; in der TC ist aber nicht mehr erwähnt, dass diese je 100 Mann befehligen sollen; Lucienberger rechnet also mit 14 Wachen, Vergil mit 1.400. TC VII -6 - Aen. 9,168-183: Situationsschilderung der Beratung über das Anerbieten des Nisus und des Euryalus. TC VII -6 - Aen. 9,314-319: Schilderung, wie Euryalus und Nisus das Lager verlassen. TC VII -7 - Aen. 9,367-375. 377b-389. 391b-403. 410-421. 423b-426: Handlungsschilderung der Gefangennahme des Euryalus und der Suche des Nisus nach ihm. TC VII-7 - Aen. 9,468-480: Präsentation der aufgespießten Köpfe von Nisus und Euryalus vor dem Lager der Aeneaden durch die Rutuler. TC VII -7 - Aen. 9,505 f. 509b-520. 529-560a. 561bf. 567-597. 621-624-631. 664-671. 677-736. 757-780. 788-801. 806-514: Handlungsschilderungen und Details des Kampfes um das Lager der Aeneaden. TC VIII -1 - Aen. 10,1-5. 16 f. 62a-63a. 96-103. 113b-117: Situations- und Handlungsschilderung der Götterversammlung. TC VIII -1 - Aen. 10,118-145: Belagerung des Camps der Aeneaden durch die Rutuler, fast ausschließlich in einer Art Katalog der trojanischen Führer bestehend. TC VIII-3 - Aen. 10,146-166: Auftakt zu Aeneas’ Fahrt vom Etruskerlager bis an den Tiber und zum Etrusker-Katalog; doch ist das indirekte Referat der Ansprache des Aeneas an Tarchon in Aen. 10,149-153 bereits in TC 8,2,020-049 berücksichtigt. TC VIII -3 - Aen. 10,208-214: Rückfahrt des Aeneas mit allen Verbündeten zum trojanischen Camp am Tiber. TC VIII -4 - Aen. 10,219-227. 246-250: Erscheinen der Schiffsnymphen inkl. Cymodocea (sie beginnt unvermittelt zu sprechen); Verschwinden der Nymphen. TC VIII -4 - Aen. 10,260-276: Details der Ankunft des Aeneas beim Camp (wie immer: einschließlich der Gleichnisse, s. generell → Kap. C 5.1). TC VIII-4 - Aen. 10,285-293. 298b-310: Handlungsschilderung von Turnus’ Versuch, Aeneas und Tarchon an der Landung zu hindern (Inhalt soll aus zwei wörtl. übernommenen Reden erschlossen werden). <?page no="137"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 137 TC VIII -6 - Aen. 10,680-688: Turnus’ Schwanken, ob er sich umbringen soll (nach Trugbild-Täuschung). TC IX -1 - Aen. 11,5-13. 29-41. 59 f. 64-95: Handlungsschilderung der Weihung der Waffen des Mezentius und der Klage um Pallas (nur minimal ersetzt durch neue Verse, die Aeneas in den Mund gelegt sind; → Kap. C 5.4.1). TC IX -4 - Aen. 11,469-482: Reaktion des Latinus auf den durch Aeneas’ Anrücken verursachten Abbruch der Ratssitzung; erzählende Verse zum Verhalten der latinischen Frauen (deren Rede aber ohne Kommentar übernommen und Amata in den Mund gelegt). TC X-2 - Aen. 12,134-141: Situationsschilderung zu Junos Gespräch mit Juturna vor dem Zweikampf. TC X-3 - Aen. 12,161-175. 195 f. 212-215: Vorbereitungen zum Zweikampf zwischen Turnus und Aeneas; erzählende Verse der Opfer-Zeremonie vor dem Zweikampf. TC X-3 - Aen. 12,266-295. 297-310: Erzähl-Verse von der Wiederaufnahme des den allgemeinen Kampf nach Tolumnius’ Zeichen-Deutung (radikal zusammengefasst in RB : Omnes currunt ad sua tela); Messapus’ isolierter Vers TC 10,3,053 (= wörtl. Rede in Aen. 12,296) offenbar nur mechanisch übernommen, ohne Kontext kaum verständlich. TC X-3 - Aen. 12,383-388. 391-424: Erzählende Verse über die Heilung des Aeneas von der Verwundung durch einen Pfeil. TC X-3 - Aen. 12,430-433: Wiederbewaffnung des Aeneas (nach der Heilung von der Verwundung durch einen Pfeil). TC X-4 - Aen. 12,562-564. 574-581. 583-594: Nahezu alle Erzähl-Verse des Angriffs auf die Latiner-Stadt. TC X-5 - Aen. 12,614-619. 622-625a: Situationsschilderung zum Gespräch Turnus - Juturna (wobei für den Leser nicht erkennbar ist, dass sie in Gestalt des Metiscus auftritt) auf dem Streitwagen. TC X-6 - Aen. 12,650-652. 665-675: Erzählende Verse über die Benachrichtigung des Turnus durch Sages, die Bestürmung der Stadt sowie die Realisierung der Lage durch Turnus (nur Sages’ Bericht selber wörtl. übernommen). TC X-8 - Aen. 12,938-947: Aeneas‘ Schwanken, ob er Turnus schonen soll oder nicht. C 5.2.3 Streichung der Ein- und Ausleitungen von Reden Lucienberger übergeht grundsätzlich alle Ein- und Ausleitungen der 290 bzw. 333 Reden, die in der Aeneis enthalten sind. Er lässt seine (in der gedruckten Ausgabe VP 1576B mit Namen bezeichneten) Sprecher „unvermittelt“ beginnen oder enden. Eine vollständige Belegsammlung entsprechender Auslassungen in der TC erscheint mir nicht hilfreich. Es sind deshalb hier in → Kap. C 5.2.3 <?page no="138"?> 138 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke nur ausführlichere Situationsbeschreibungen von Reden in der Aeneis (ab ca. 3 Versen) aufgeführt: TC I-7 - Aen. 3,596-599a: Achaemenides vor seiner ersten Rede vor den Aeneaden. TC I-7 - Aen. 3,610-612: wieder Achaemenides. TC I-7 - Aen. 3,716-718: Beendigung der langen Erzählung des Aeneas vor Dido in Aen. II-III (auch nicht beim „2. Durchgang“ nach TC 2,7,229 berücksichtigt). TC II -2 - Aen. 1,223-228. 254-256. 300b-304: Szenerie des Gesprächs Venus- Iupiter. TC II -5 - Aen. 1,657-663: Venus’ Sorgen, die sie dazu bewegen, sich an Cupido zu wenden. TC IX -2 - Aen. 11,120-124a: Drances’ Reaktion auf Aeneas’ Rede bei der Aushandlung des Waffenstillstands. TC X-1 - Aen. 12,64-71: Lavinias Reaktion auf Amatas Rede in der Beratung über Turnus’ Zweikampf, inkl. von 3 Versen mit Kurzgleichnissen. In → Kap. D 3.2 sind ergänzend alle Belege für Ein- und Ausleitungen von Reden in Aen. I zusammengestellt. C 5.2.4 Streichung von Ortsbeschreibungen TC I-6 - Aen. 3,533-538: Italien bei Castrum Minervae erstmals gesichtet (→ Kap. C 4.3.8). TC I-6 (und TC II -7) - Aen. 3,568-582: Zyklopen-Land einschließlich Aetna- Aition (→ Kap. C 4.3.9). TC V-2 - Aen. 6,237-242: Höhle am Eingang der Unterwelt. TC V-2 - Aen. 6,548-559 Tartarus. TC V 2 - Aen. 6,651-659 Gefilde der Seligen (mit deren Beschäftigungen). TC VI -7 - Aen. 7,30-34: Tiber-Mündung. TC VI -7 - Aen. 7,563-571: Wohnsitz der Allecto ( est locus Italiae medio eqs. ). TC VII-4 - Aen. 8,597-607: Lagerplatz des Aeneas und Tarchons nahe am Caere- Fluss. TC IX -4 - Aen. 11,522-529: Kampfplatz der Camilla. Vgl. ferner → Kap. C 5.2.6c. Es gibt aber auch Ausnahmen von der Streichung solcher Ortsbeschreibungen: So ist die auktoriale Beschreibung der Landungsstelle an der Küste bei Karthago ( portus Libycus ) beibehalten durch Transformation in eine wörtlich identische Beschreibung durch den Trojaner Palinurus (Aen. 1,159-169 = TC 2,1,073-083), vgl. → Kap. C 5.3.1 mit weiteren Beispielen ( TC 1,4,007-012 Thrakien; TC 1,4,056-062 Delos; auch TC 1,5,053-062 Strophaden mit Harpyien). <?page no="139"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 139 C 5.2.5 Streichung von Kunstbeschreibungen und Rüstungsszenen TC II-3 - Aen. 1,464-495: Beschreibung der Troja-Bilder am entstehenden Juno- Tempel. (Eine kurze wörtliche Rede des Aeneas und die Verse davor sind freilich übernommen, jedoch insgesamt nur ein Bruchteil der Beschreibung.) TC IV -3 - Aen. 5,252-257: Beschreibung der Bilder auf dem Mantel, den der Sieger der Regatta bekommt. TC V-1 - Aen. 6,13-33: Beschreibung des von Daedalus erbauten Apollo-Tempels in Cumae. (Es sind jedoch 2 Verse daraus dem Aeneas in TC 5,1,001 f. in den Mund gelegt, die aber isoliert, ohne entsprechendes Bühnenbild, geradezu unverständlich sind.) TC VI -8 - Aen. 7,783-792: Beschreibung der Waffen des Turnus; sie fehlt suo loco , nämlich bei der Umsetzung des Italiker-Katalogs in TC VI -8, doch sind die ersten 4 Verse immerhin vorweg in TC 6,5,038-042 (ohne Vers 040) benützt (als nach dem ersten Auftreten Allectos die Mänaden, mit Amata an der Spitze, in einem Lied Turnus preisen, dem sie in einem vierfachen Refrain die Hand Lavinias wünschen). TC VII -4 - Aen. 8,626-728: Schildbeschreibung. TC VIII -4 - Aen. 10,496-499: Beschreibung von Pallas’ Schwertgurt mit einer Darstellung der Danaiden. (Zusammen mit der beschreibenden Passage übergeht Lucienberger auch den auktorialen Vorverweis Vergils in Aen. 10,500-505a auf die verhängnisvolle Rolle, die dieser erbeutete Schwertgurt für Turnus am Schluss des Epos spielen wird, → Kap. C 5.2.6.) TC X-1 - Aen.12,81-106: Rüstung des Turnus vor dem Entscheidungsduell mit Aeneas. (Dass diese Szene in der TC ersatzlos wegfällt, ist umso bemerkenswerter, als sie mit Aen. 10,95-100 eine wörtliche Rede - eine Anrede des Turnus an seine Lanze - enthält, die Lucienberger ebenfalls übergeht - ein geradezu singuläres Aufgeben seines Grundsatzes, alle direkten Figuren- Reden Vergils zu übernehmen, vgl. → Kap. C 2.1 Anm. und Kap. C 5.2.1b.) TC X-2 - Aen. 12,107-109: Die korrespondierende Rüstung des Aeneas zum Zweikampf mit Turnus wird ohne Details erzählt; auch sie ist von Lucienberger übergangen. C 5.2.6 Streichung von auktorialen Äußerungen Vergils C 5.2.6a Proömien, Musenanrufe, auktoriale Würdigungen TC II -1 - Aen. 1,1-33: Haupt-Proömium. TC 5,2,023-026 - Aen. 6,264-267 bildet einen Sonderfall: Vergils Proömium vor dem Abstieg des Aeneas mit der Sibylle in die Unterwelt ist nicht gestrichen, sondern dem Aeneas „als Gebet“ ( RB vor TC 5,2,023) in den Mund gelegt. TC VI -8 - Aen. 7,37-45a: Binnen-Proömium zu Beginn der zweiten Aeneis- Hälfte. <?page no="140"?> 140 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC VI -8 - Aen. 7,641-646: Musenanruf vor dem Italikerkatalog. TC VI -8 - Aen. 7,756-758: auktorialer Vorverweis auf Umbros Tod (im Italikerkatalog). TC VII -5 - Aen. 9,77-79: Musenanruf beim Schiffsbrand. TC VII -7 - Aen. 9,446-449: Vergils Nachruf auf Euryalus und Nisus. TC VII -7 - Aen. 9,525-528: Musenanruf (Calliope) beim Kampf um das Lager der Aeneaden. TC VIII -3 - Aen. 10,163-165: Musenanruf vor dem Etruskerkatalog. TC VIII -4 - Aen. 10,503-505a: auktorialer Vorverweis auf Turnus’ Ende. TC VIII -6 - Aen. 10,791-793: auktorialer (vorgezogener) Nachruf auf Lausus. TC X-3 - Aen. 12,500-504: Jupiter-Anrufung. C 5.2.6b Charakterisierungen von Personen des Epos Aufgeführt sind nur Beispiele einer Charakterisierung außerhalb von Katalogen (zu den Katalogen → D 4.2). TC I-4 - Aen. 3,49-57: Polydorus. TC III -4 - Aen. 4,173-188: Fama. TC III -4 - Aen. 4,239-258: Merkur. TC IV -3 - Aen. 5,370-374: Dares. TC V-1 - Aen. 6,164-174: Misenus. TC IX -3 - Aen. 11,336-341: Drances. TC X-3 - Aen. 12,391-394: Iapyx. TC X-8 - Aen. 12,845-848: Dirae. Zu TC 6,4,031-034, Allectos Selbstcharakterisierung, → Kap. 5.3.2 und → Kap. D 9.3.1. C 5.2.6c Sachliche oder historische Erklärungen TC I-4 - Aen. 3,121-123: neuere Geschichte Kretas ( fama volat ). TC V-2 - Aen. 6,548-559: Gefängnisburg im Tartarus. TC VI -1 - Aen. 7,83-90: Orakelstätte des Faunus. TC VI -1 - Aen. 7,170-191: Palast-Tempel des Latinus. TC VI -7 - Aen. 7,601-619: Funktion des Janus-Tempels mit den Belli portae . TC VII -3 - Aen. 8,416-438: Sizilien (beginnt als Ortsbeschreibung) mit der Schmiede der Kyklopen. <?page no="141"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 141 C 5.3 Transformationen C 5.3.1 Die Beschreibung einer Handlung, Situation oder Örtlichkeit wird einer beteiligten Person in den Mund gelegt Die den angeführten Partien der TC entsprechenden Verse der Aeneis sind leicht der synoptischen Ausgabe TC / Aen. zu entnehmen. TC 1,1,140-146a: Verurteilung des Laocoon und Beschluss, das Hölzerne Pferd in die Stadt zu befördern → Tymoetes. TC 1,2,207-220: Rückschau des Aeneas / Erzählung der Abfahrt → Aeneas. TC 1,4,007-012: Ortsbeschreibung von Thrakien und Stadtgründung → Anchises, Aeneas (vgl. → Kap. C 5.2.4) . TC 1,4,020-047: Auftritt des Polydorus → Aeneas (als Antwort auf neu konstruierte Frage des Anchises) . TC 1,4,048-055: Beratung über die Konsequenzen, die aus dem Polydorus- Erlebnis zu ziehen sind; Weiterfahrt → Aeneas, Anchises, proceres, Iphitus. TC 1,4,056-062: Ortsbeschreibung und Landung auf Delos → Anchises, Aeneas (vgl. → Kap. C 5.2.4). TC 1,4,099: Ankunft auf Kreta → Anchises. TC 1,4,105b-107: Pest auf Kreta → Mnestheus. TC 1,5,045-050: Sturmbeschreibung → Aeneas, Palinurus ; TC 1,5,051: Erblicken der Strophaden → Ilioneus. TC 1,5,053-062: Beschreibung der Strophaden (inkl. Harpyien) → Anchises, Ilioneus. TC 1,5,067-071: Verlagerung des Mahls der Aeneaden sowie Bewaffnung nach dem ersten Harpyien-Angriff → Anchises, Aeneas. TC 1,5,072-074: Ergebnis des Kampfs gegen die Harpyien → Mnestheus. TC 1,5,086-088: Reaktion der Aeneaden auf das Celaeno-Orakel → Ilioneus. TC 1,5,092-101: Fahrtbeschreibung (von den Strophaden nach Aktium) → Anchises, Mnestheus, Aeneas, Palinurus. TC 1,5,102-110: Landung in Aktium, Weihung der Waffen → Aeneas, Ilioneus. TC 1,5,111-113: Ankunft in Buthrotum → Anchises, Aeneas. TC 1,5,116-118: Politische Lage in Buthrotum (in Aen. 3,294 durch fama vermittelt) → Chaonier (vgl. auch → Kap. D 11.8.8 und Kap. D 12.3.4). TC 1,6,103-115: Helenus beschenkt Anchises → Helenus, Anchises. TC 1,6,142-151a: Fahrt von Buthrotum nach Akrokeraunia und Weiterfahrt → Anchises, Aeneas, Palinurus. TC 1,7,058-062b: Sichtung des Zyklopen → Aeneas, Anchises, Achates, Julus, Achaemenides. TC 1,7,066-072. 084-092: Fahrtbeschreibung → Achaemenides. <?page no="142"?> 142 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC 2,1,073-083: Ortsbeschreibung des Landungsplatzes in Libyen („Portus Libycus“) → Palinurus (vgl. → Kap. 5.2.4) . TC 2,1,097-107: Jagd des Aeneas nach der Ankunft in Libyen (des portus Libycus ) → Achates. TC 2,3,001-012: Erkundung von Libyen und Erscheinen der Jägerin (= Venus) → Aeneas, Achates. TC 2,3,104-109: Bienengleichnis (zur Illustration der Bauarbeiten in Karthago) → Achates (ein fast singuläres Beispiel dafür, dass Lucienberger ein auktoriales Gleichnis Vergils, in Aen. 1,430-436, übernimmt und einer Figur der Dramatisierung in den Mund legt; vgl. → Kap. D 5.1 und Kap. D 5.3.2). TC 2,3,120-123b: Erblicken der Troja-Bilder am entstehenden Juno-Tempel → Achates, Aeneas. TC 2,4,040-042: Didos Erscheinen → Merkur. TC 2,4,043-046: Aeneas’ und Achates’ Reaktion auf das Erblicken der vermissten Gefährten → Aeneas, Achates. TC 3,6,105b-111: Juno schickt Iris, die Dido das Sterben ermöglichen soll → Iris. TC 4,3,001-009: Beginn des Wettkampftages → Aeneas, Acestes. TC 4,3,048 f.: Eröffnung des Wettlaufs und TC 4,3,086 f.: Aufruf zum Faustkampf (diese 2 Verse bei Vergil wörtl. Rede des Aeneas! ), außerdem TC 4,3,092 f. 136 f. 140. 142 → praeco (Herold). TC 4,3,035-043: Siegerehrung nach Regatta → Aeneas . TC 4,4,043-047: Die Frauen stecken die Schiffe in Brand → Eumelos (als Eilbericht dem Aeneas überbracht, nach Aen. 5,664 f.) . TC 4,4,077b-083: Regen löscht die brennenden Schiffe → Eumelos . TC 5,2,258-270: Aeneas und Sibylle betreten die Gefilde der Seligen → Sibylle . TC 5,2,284-289: Anchises mustert die Seelen seiner Nachkommen → Musaeus . TC 5,4,016-028a: Vorbeisegeln an Kirkes Insel und Landung an der Tibermündung → Nautes, Aeneas . TC 6,7,001-004: Die Aeneaden, mit Julus an der Spitze, jagen Silvias Hirsch (Aen. 7,483-499 ist auf 4 Verse zusammengekürzt; s. auch → Kap. 5.3.2) → Julus . TC 7,2,188-191: „Perihegese Roms“ (nach Aen. 8,337-350. 359-361 mit Kürzungen); dabei Rede Euanders Aen. 8,351-358 wörtl. übernommen → Euander . TC 7,6,035b-039a: Euryalus geht mit Nisus zu den Anführern (nach Aen. 9,221-230) → Euryalus . TC 7,6,103-105: Julus und Alethes geben Nisus Waffen → Julus, Alethes . TC 7,7,114 f.: Jupiter schickt Iris in den Kampf (um Turnus zu täuschen / retten). → Iris . TC 8,4,066-069: Pallas tötet Thymber und Larides. → Pallas . TC 8,4,097-099: Auktorialer Nachruf auf Pallas. → socii . <?page no="143"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 143 TC 8,4,111: Serestus weiht dem Mars Waffen (nach Aen. 10,542; gekürzt um Aen. 10,537-541) → Serestus . TC 9,2,001-005: Latinische Gesandtschaft kommt zu Aeneas, um Waffenstillstand auszuhandeln → Drances . TC 9,3,022-024: Latiner klagen über Tote; überlegen, ob nicht Turnus verantwortlich sei. → cives Laurentini . TC 10,4,015-020 bzw. 022: Amata sieht die angreifenden Aeneaden und meint, Turnus sei gefallen. Dann beschließt sie Selbstmord (in TC 10,4,021 f., frei gedichtet nach Aen. 12,601-603) → Amata . TC 10,4,046 f.: Latinus beklagt nach Amatas Selbstmord, dass er Aeneas nicht eher als Schwiegersohn akzeptiert hat → Latinus . TC 10,6,023-025a: Turnus scheint das Schwert des Metiscus mit seinem eigenen verwechselt zu haben (nach Aen. 12,736 f.) → Turnus . C 5.3.2 Eine Handlung wird nicht beschrieben, aber eine beteiligte Person fordert dazu auf Die den angeführten Partien der TC entsprechenden Verse der Aeneis sind leicht der synoptischen Ausgabe TC / Aen. zu entnehmen. TC 1,1,146-149: Fest der Trojaner (Einholung des Pferdes) in Form einer Einladung → Priamus (nach Andeutung in Aen. 2,249: festa velamus fronde per urbem. ) TC 1,4,100-105a: Stadt-Gründung auf Kreta → Aeneas. TC 1,5,064-066: Aufforderung zur Jagd auf die Harpyien → Aeneas. TC 2,1,001-003: (nach Aen. 3,707): Abfahrt von Drepanum → Aeneas. TC 2,1,084-090: Essensvorbereitung → Aeneas. TC 2,1,118-123: Ausruhen von Strapazen (am Ende des Ankunftstages in Libyen) → Aeneas. TC 2,3,096-099: Aeneas und Achates betreten Karthago → Aeneas. TC 2,3,116-119: Bau Karthagos → Polyponus (Bauaufsicht in Karthago). TC 4,4,001-012: Iris auf dem Weg zu den Frauen der Aeneaden → Juno ( nach Aen. 5,606: Irim … misit … Iuno). TC 6,4,031-034: Singulärer Fall des Ersatzes einer auktorialen Personencharakterisierung, hier der Allecto, durch eine (gelungene) Selbstcharakterisierung → Allecto . TC 6,7,001-004: Die Aeneaden, mit Julus an der Spitze, jagen Silvias Hirsch (Aen. 7,483-499 ist auf 4 Verse zusammengekürzt; s. auch → Kap. 5.3.1) → Julus . TC 7,4,060-064: Aeneas’ Abzug aus Euanders Pallanteum (Selbstaufforderung) → Aeneas . <?page no="144"?> 144 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC 7,5,001-003: Juno sendet Iris zu Turnus. → Juno . TC 7,5,075-079: Militärische Maßnahmen der Latiner (nach Aen. 9,159-167) → Turnus . TC 7,7,023 f.: Rutuler bringen Volcens’ Leiche in ihr Lager und spießen Euryalus’ und Nisus’ Köpfe auf Lanzen (nach Aen. 9,450-467), doch gekürzt um die Entdeckung der Verheerungen, die Nisus und Euryalus im Lager der Latiner angerichtet haben) → Asylas . TC 7,7,093 f.: Öffnen der Lagertore, um eindringende Rutuler einzuschließen. → Pandarus . TC 8,4,077: Turnus’ Gefährten geben Raum für dessen Kampf mit Pallas → Turnus . TC 9,1,037-039: Aeneas gibt Befehl, Pallas zu seinem Vater zurückzubringen (nach Aen. 11,60: lectos… mittit … ) → Aeneas . C 5.3.3 Auktoriale Erwähnung einer Sprachhandlung in der Aeneis → direkte Rede der betreffenden Person in der TC TC 1,2,045 f.: Anchises’ Weigerung, aus Troja zu fliehen (Aen. 2,654: abnegat inceptoque et sedibus haeret in isdem ) . TC 1,4,001-006: Anchises ruft die Aeneaden zur Abfahrt zusammen (Aen. 3,8a: contrahimusque viros ); Abschied der Aeneaden von Troja (wohl nach Aen. 3,10-11a: litora cum patriae lacrimans portusque relinquo / et campos ubi Troia fuit. ) . TC 1,4,063-070: Begrüßung durch König Anius (nach Aen. 3,80-83) . TC 1,4,096: Abfahrt von Delos nach Kreta (durch Achates sociorum nomine , nach Aen. 3,129). TC 1,4,108-111: Anchises’ Aufforderung zur Rückkehr von Kreta nach Delos (nach Aen. 3,144 hortatur pater ). TC 1,5,097-099: Aeneas und Palinurus sprechen Flüche über Odysseus und seine Nachkommen aus (nach Aen. 3,273: et terram altricem saevi execramur Ulixi ). TC 1,5,119 f.: Reaktion des Aeneas auf Erklärung der Chaonier über die Herrschaftsverhältnisse im Gebiet von Buthrotum ( obstipui in Aen. 3,298). TC 1,5,156-165: Begrüßung durch Helenus (nach Aen. 3,348: verba inter singula … ). TC 2,2,070 f.: Jupiter schickt Merkur nach Libyen (nach Aen. 1,297). TC 2,4,001-010: Dido lässt die Arbeiter, die Karthago bauen, eine Pause machen (inspiriert durch Aen. 1,507b-508? ). TC 4,3,032-034: Der Herold verkündet den Sieger der Regatta (nach Aen. 5,245). TC 6,2,017-022: Gebet des Aeneas (nach Aen. 7,135-140). TC 7,5,017-019: Gebet des Turnus (nach Aen. 9,24). <?page no="145"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 145 TC 7,7,043-045: Idaeus beklagt das Schicksal von Euryalus und Nisus (nach Aen. 9,500). TC 7,7,048-050. 052b: Schlachtdetails (beim Kampf um das Lager) durch Äußerungen der trojanischen Gegner Rutuler, Mezentius, Messapus, Turnus (vgl. Aen. 9,507-589). TC 7,7,091b-092: Idaeus hält Julus nach Apollos Erscheinen vom Weiterkämpfen ab (nach Aen. 9,662 prohibent ). TC 8,4,001-004a: Aeneas’ Sorge um das Lager (nach Aen. 10,217 f.). TC 8,4,029-032: Aeneas (ins Lager zurückgekehrt) muntert seine Leute zum Kampf auf (nach Aen. 10,259. 258 f.). TC 8,4,073 f.: Juturna ermahnt Turnus (nach Aen. 10,439: monet succedere) . TC 8,6,016a: Siegesruf der Rutuler (nach Aen. 10,738: conclamant socii laetum paeana ). TC 9,3,025-028: Latinus ruft zur Ratsversammlung auf (nach Aen. 11,234 f.), gleichzeitig Ankündigung, dass das Ergebnis der Diomedes-Gesandtschaft besprochen wird (die 4 Verse ersetzen insgesamt Aen. 11,225-242). TC 9,3,216-221: Bote berichtet der latinischen Ratsversammlung von Aeneas’ Anrücken; die Jugend verlangt nach Waffen; Greise jammern (unter Aufnahme von Vergil-Versen der ersetzten Passage Aen. 11,445-458). TC 10,3,044 f. Rutuler fordern nach Juturnas Kriegshetze (fast wörtl. übernommen aus Aen. 12,242 f.). TC 10,3,061: Turnus fordert Pferde und Wagen (nach Aen. 12,326 - fast wörtl. übernommen). TC 10,4,001: Aeneas ruft seine Leute (zur Erstürmung der Stadt auf (nach Aen. 12,561). TC 10,6,025b-026: Aeneas droht denjenigen den Tod an, die es wagen, sich dem Zweikampf zu nähern (nach Aen. 12,760 f.). C 5.3.4 Indirekte Rede in der Aeneis → direkte Rede in der TC TC 1,7,014 f. (nach Aen. 3,608 f.) → Aeneas, Anchises . TC 2,4,142b-152 (nach Aen. 1,644-655) → Aeneas . TC 2,6,019b-022 (nach Aen. 1,728-730) → Dido . TC 3,4,049 f. (nach Aen. 4,281 f., Teil eines inneren Monologs) → Aeneas . TC 4,1,033 f. (nach Aen. 5,40 f.) → Acestes . TC 4,4,060-063 (nach Aen. 5,701-703) → Aeneas . TC 7,2,148-153a (nach Aen. 8,288-293) → Salier (Priester) . TC 9,2,001-005 (nach Aen. 11,100-105) → Drances. TC 9,6,063-065 (nach Aen. 11,898-900 → Acca . TC 10,3,065 f. (nach Aen. 12,389 f.) → Aeneas . TC 10,4,001. 014 (nach Aen. 12,561. 582) → Aeneas . <?page no="146"?> 146 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 5.3.5 Auktoriale Handlungsschilderung in der Aeneis → handlungsrelevante Regiebemerkung ( RB ) in der TC RB nach TC 1,4,012: Aeneas pflückt Zweige für Altar (zu Beginn der Polydorus- Szene). RB nach TC 1,5,066: 1. Harpyien-Angriff. RB nach TC 1,5,071: Abwehr des 2. (bei Vergil: 3.) Harpyien-Angriffs. RB nach TC 1,6,153: Libation auf dem Schiff nach der Sichtung Italiens (vgl. Aen. 3,525-527). RB nach TC 2,6,027: Iopas’ Gesang an Didos Hof. RB nach TC 6,5,031: Bacchantischer Zug der Amata und anderer Frauen (vgl. Aen. 7,394-396). RB vor TC 6,7,012: Allectos Hirten-Signal und Mobilmachung der Bauern / Hirten (vgl. Aen. 7,511-518); zusätzlich neu in dieser RB : Almon und Galaesus werden von den Aeneaden getötet, s. auch → Kap. C 5.5.1. RB nach TC 7,2,147: Tanz der Salischen Priester (vgl. Aen. 8,281-287). RB nach TC 7,4,050: Vorzeichen (Donner, doch ohne Erwähnung der Waffen in den Wolken bei diesem „Waffen-Prodigium“, vgl. Aen. 8,524-529) beim Bündnisschluss zwischen Aeneas und Euander. RB vor TC 7,5,037 und RB nach TC 7,5,041: Erzählender Anteil der Schiffsverwandlung (vgl. Aen. 9,107-113. 119-127). RB nach TC 7,7,080: Julus trifft Numanus mit Speer (vgl. Aen. 9,632 f.). RB vor TC 7,7,083: Apollo tritt in Gestalt des Butes auf, veränderte Reihenfolge (vgl. Aen. 9,638-640. 644b-652). RB nach TC 7,7,105: Tod des Pandarus und anderer; Flucht (vgl. Aen. 9,749-755. 756). RB vor 8,4,085: Vor Hercules’ kurzer Rede (mit der er auf Pallas’ Gebet antwortet) präzisierende RB : Hercules non visus . RB nach TC 8,4,090: Pallas vibrat spiculum, sed parum attingit . RB nach TC 8,4,091: Pallas a Turno occiditur . RB vor TC 8,4,101: Aeneas iratus Magonem sternit anstelle von Aen. 10,530. 535 f.: erzählende Verse (neben Reden); vgl. zu dieser Partie → Kap. D 4.1.3. RB nach TC 8,5,025: Juno kommt aus dem Himmel und bildet ein Trugbild des Aeneas (vgl. Aen. 10,633-646). RB nach TC 8,6,002: Turnus verfolgt das Trugbild des Aeneas, bis er zu seinem Vater in Ardea zurückkommt, detailliert in relativ langer RB erzählt (vgl. Aen. 10,651-667). RB nach TC 9,1,039: Aeneaden spoliieren die getöteten Latiner und bestatten die eigenen Gefallenen (diese Handlung wird bei Vergil erst später erzählt, nämlich nicht hier, was Aen. 11,93 entspricht, sondern erst in Aen. 11,182-202, s. auch → Kap. C 5.5.1). <?page no="147"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 147 RB vor TC 9,1,040: Ac(o)etes’ Totenklage um Pallas (vgl. Aen. 11,85 f.), zusätzlich vor den zwei neuen Klage-Versen des Acetes ( TC 9,1,040 f.). RB vor TC 9,3,022: Latiner und Rutuler kehren ins Lager zurück und bestatten Gefallene (vgl. Aen. 11,203-212). RB vor TC 9,6,031: Camilla verfolgt den reich gewandeten trojanischen Priester Chloreus hitzig und tötet ihn; neben RB auch kurze Rede der Camilla neu in TC 9,6,031 f.(„Du erhältst heute die gerechte Strafe…“); aus Lucienbergers Umsetzung ist ihre von Vergil als typisch weiblich bezeichnete Leidenschaft für Gold und Schmuck als Grund ihrer Konzentration gerade auf Chloreus nicht zu erahnen. RB vor TC 10,3,046: Das Vorzeichen wird von Tolumnius in seiner folgenden Rede so gedeutet, dass die Latiner die Abmachungen zum Zweikampf Turnus - Aeneas brechen und wieder allgemein kämpfen sollten. Der bei Vergil ausführlich geschilderte Verlauf des Vogel-Prodigiums (Aen. 12,244-256) wird zur bloßen substanzlosen Erwähnung eines portentum abgekürzt. RB nach TC 10,6,017: Turnus springt vom Wagen und verlässt Juturna (vgl. Aen. 12,681-692). RB vor TC 10,6,027: Aeneas’ Lanze steckt in einem Baumstumpf fest, und er kann sie nicht herausziehen (vgl. Aen. 12,772-776). RB nach TC 10,6,029: Turnus bekommt sein echtes Schwert zurück (vgl. Aen. 12,783-785). C 5.3.6 auktoriale Handlungsschilderung in der Aeneis → freie Dialogisierung in der TC TC 1,1,013-20a: Tityrus / Corydon / Meliboeus (neue Personen) finden Sinon, fesseln und bringen ihn zum König (bei Vergil nur implizit zu erschließen; wörtl. integriert ist die wörtl. Rede Sinons in Aen. 2,69-72). TC 2,4,047-050: Dido / Bicias führen aus, was bei Vergil in Aen. 1,520b schlicht heißt: coram data copia fandi . TC 4,1,001-031: Aeneas, Achates, Palinurus unterhalten sich nach der Abfahrt von Karthago, dabei werden die von Vergil berichteten Ahnungen, was das Feuer in der Stadt wohl zu bedeuten habe, von Achats ausgesprochen; zunehmend gewinnt in dem Gespräch der Trojaner der aufkommende Sturm an Bedeutung, Didos Schicksal tritt zurück; wörtl. integriert sind die wörtl. Reden (Aen. 5,13-14a. 17-25. 26b-31). TC 4,3,010-030: wörtl. Reden während der Regatta aus der Aeneis übernommen, mit neuen Versen (und teils neuen Sprechern) zu verständlichem Dialog erweitert (Handlungsbeschreibung nahezu vollständig eliminiert). TC 4,3,061a-071a: Streit der Läufer nach dem Wettlauf (nach Aen. 5,335. 340-347). <?page no="148"?> 148 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC 6,3,001-007a: Ilioneus / Lausus / Latinus führen in freien Versen aus, was bei Vergil in Aen. 7,167-169a schlicht heißt: nuntius ingentis ignota in veste reportat / advenisse viros. ille intra tecta vocari / imperat . TC 6,5,032-046: neu-komponierter Gesang der Bacchantinnen (teils aus Vergil- Versen zusammengesetzt). TC 6,7,005-011: Reaktionen der Landleute auf die Verwundung des Hirsches (nach Aen. 7,500-510) und TC 6,7,012-016: Kampf zwischen Aeneaden und Bauern / Hirten (nach Aen. 7,519-539). TC 6,7,033-074: Beratung zwischen Tyrrhus, Turnus, Volk und Latinus (mit Aufnahme von Latinus’ Rede in Aen. 7,594-599a und von Einzelversen). Dialog Turnus - Latinus über die Vor- und Nachteile eines Krieges (mit Kürzungen). TC 6,8,001-130: Italikerkatalog wird als eine Musterung inszeniert (→ Kap. D 4.2.2), passim mit vielen kleineren oder größeren Kürzungen, aber auch unter Aufnahme vieler Aen.-Verse. TC 7,5,020-036: Beginn des Kampfes um das trojanische Camp, teils in aus der Aen. übernommenen Original-Reden, teils in neuen Versen, teils in auktorialen Aen.-Versen, die Figuren in den Mund gelegt sind (nach Aen. 9,36-76) TC 7,6,107-126: Euryalus’ und Nisus’ Wüten im Lager der Latiner (nach Aen. 9,320-366), teils in aus der Aeneis übernommenen Original-Reden, teils in neuen Versen, teils in auktorialen Aen.-Versen, die Figuren in den Mund gelegt sind, mit zwei Fabel-Andeutungen (vgl. dazu → Kap. C 5.4.6 und Kap. D 5.4.1). TC 7,7,018-022: Volcens tötet Euryalus und Nisus und wird selbst von Nisus getötet (nach Aen. 9,433-445). TC 7,7,116-121: Reaktionen der Aeneaden auf Turnus’ Sprung in den Fluss (nach Aen. 9,815-818), teils in neuen Versen, teils in solchen, die Figuren in den Mund gelegt sind. TC 8,3,001-044: Der Etruskerkatalog (Aen. 10,163-214, s. dazu → Kap. D 4.2.1) ist Tarchon in den Mund gelegt, der dem Aeneas (unter Aufnahme vieler Aen.-Verse, aber auch mit kleineren Kürzungen) die einzelnen Truppenführer vorstellt; Einleitung und Schluss (mit Aeneas’ Lob) sind neu. TC 8,4,048b-051: Aeneas kündigt Tötungen an (in seiner Aristie), Lucienberger fasst damit Aen. 10,311-332 kurz zusammen. TC 8,4,100: Nachdem Turnus Pallas getötet hat, ruft Aeneas, das werde Turnus mit seinem Leben büßen (neu, vielleicht als Ersatz für die auktoriale Vorausdeutung von Turnus’ Ende in Aen. 10,503-505a, doch fehlt jeder Bezug auf die spolia ). TC 8,6,021-036: Die erste Phase des Kampfes zwischen Aeneas und Mezentius / Lausus bis zur Tötung des Lausus und den ihn ehrenden Worten des Aeneas (diese sind wörtlich aus Aen. 10,825-830 als TC 8,6,031-035 über- <?page no="149"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 149 nommen), die in Aen. 10,752-832 überwiegend auktorial erzählt wird, ist auf kurze Wortwechsel zwischen den drei Akteuren verkürzt. TC 9,1,044b-051: Ankunft der Leiche des Pallas bei Euander: In der TC fragt Ac(o)etes, wer vorauseilen würde, um Euander zu informieren, worauf Tarquitus (offenbar schon gegenüber Euander) die Todesnachricht verkündet (ersetzt Wirken der Fama bei Vergil, Aen. 11,139-151). TC 9,2,027-033: Abschluss der Verhandlung über einen Waffenstillstand zur Bestattung der Gefallenen zwischen Aeneas und Drances (nach Aen. 11,132-138). TC 9,4,004-015: Kampfbeginn: Volusus gibt ein Signal ( RB vor TC 9,4,004); Messapus fragt nach dem Grund; Volusus antwortet; Kundschafter berichten über Aeneas’ Vorgehen. TC 9,6,031-033: Camilla spricht Chloreus, bevor sie ihn tötet (dass sie das tut, ist nicht nur aus ihren Worten zu erschließen, sondern wird ausdrücklich in der RB vor TC 9,6,031 festgestellt), in zwei neuen Versen an: Tu Chloreu, meritas hodie dabis, improbe, poenam … Warum der (trojanische) Priester eine solche Strafe „verdient“, bleibt dem Leser nur der TC unklar, während Vergil in Aen. 11,768-782 die Motivation Camillas, nämlich weibliche Gier nach prächtiger Beute, ausführlich darstellt. Der dritte Vers ( TC 9,6,033), den Lucienberger Camilla sprechen lässt, nämlich dass sie die erbeuteten Waffen des Chloreus den Göttern weihen will, ist ebenfalls eine Verkürzung gegenüber Vergils Praetext, die Camilla in positiverem Licht erscheinen lässt. Vgl. → Kap. 6.3.3. TC 10,1,001-013: Bei Vergil bemerkt Turnus selber, dass die Latiner einen Zweikampf von ihm erwarten (Aen. 12,1-4a = 3 ½ Verse). In der TC artikuliert Drances diesen Wunsch in eindringlichen 13 Versen. TC 10,2,001-028: Idmon meldet dem Aeneas (unter Aufnahme originaler Aen.- Verse), was Turnus ihm aufgetragen hatte, nämlich seine Bereitschaft zum Entscheidungsduell am nächsten Tag (Aen. 12,72-80 = TC 10,1,062-070); neu ist in der TC , dass Aeneas sofort positiv darauf reagiert und entsprechend instruierte Botschafter an Turnus und vor allem an König Latinus schickt. TC 10,3,059 f.: Die Verwundung des Aeneas durch Pfeilschuss am Altar als Aufforderung an die Gefährten, ihn wegzutragen, da er verwundet worden sei (nach Aen. 12,318-323). TC 10,6,021 f.: Aeneas eilt zum (finalen) Zweikampf mit Turnus, indem er Turnus die Schuld am Krieg vorwirft und ihm die verdiente Strafe androht (frei nach Aen. 12,697-700). <?page no="150"?> 150 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 5.4 Hinzufügungen im Vergleich zur Aeneis C 5.4.1 Hinzufügung einer in der Aeneis nicht geschilderten, aber erwartbaren Handlung wie Begrüßung, Abschied, Dank (Vgl. dazu generell → Kap. D 7.3, auch → Kap. D 2.1 und Kap. D 12.3.9.) TC 1,2,203 f.: Aeneas begrüßt die zur Flucht versammelten Trojaner. TC 1,4,065-068: Anius begrüßt Anchises und Aeneas. TC 1,4,097 f.: Abschied der Aeneaden von Anius. TC 1,5,041-044: Aufbruch und Abschied der Aeneaden von Kreta. TC 1,5,114 f. (inkl. RB vor TC 2,5,114): Begrüßung der Chaonier. TC 1,6,111-113: Anchises bedankt sich bei Helenus für dessen Geschenke. TC 1,6,183: Julus zeigt emotionale Reaktion auf den Sturm: Chare parens, nec adhuc requies finisque laborum est . TC 1,7,101-121: Aeneas lässt Acestes herbeikommen, Begrüßung; da soeben Anchises gestorben ist, versucht Acestes sogleich, Aeneas zu trösten (vgl. dazu → Kap. D 7.3). TC 2,1,001-018a: Abschied der Aeneaden von Acestes; Aeneas’ Gebet um glückliche Fahrt (vgl. dazu → Kap. D 7.3). TC 2,6,009-015: Begrüßung des Ascanius an Didos Hof. TC 3,1,067-070: In einem frei erfundenen Gebet lässt Lucienberger Dido bitten, dass Aeneas ihr Ehemann werde (ohne Vergil-Vorlage); sonst wolle sie auf einem Scheiterhaufen sterben (Vorausdeutung für den Leser! ). TC 3,1,071-076: Aeneas und Dido begrüßen sich; beim Stadtrundgang (dieser nach Vergilischer Vorlage) bittet sie ihn um Rat zur Stadtgründung, verbunden mit einem Kompliment für ihn. TC 3,6,058-064: Barce versucht Dido (nach deren Fluch gegen die Trojaner) zu trösten. TC 4,3,090 f.: Auch Dares selber fordert zum Boxkampf heraus, nicht nur wie bei Vergil Aeneas bzw. in der TC der Herold. TC 5,4,001-004: Aeneas ruft nach seiner Rückkehr aus der Unterwelt die Gefährten zur Abfahrt auf und erwähnt dabei, dass er (sc. von der Sibylle) erfahren hat, was ihnen in Italien bevorsteht. TC 5,4,015: Aeneas ruft zur Abfahrt (von Caieta). TC 6,1,026-028: Latinus ruft seinen Vater Faunus an mit der Bitte, ihm die Rätsel zu erklären; bei Vergil (Aen. 7,95) ertönt die Stimme des Faunus unvermittelt plötzlich während der Opferzeremonie (die Lucienberger auslässt). TC 6,3,081-084: Ilioneus (als trojanischer Gesandtschaftsführer) bedankt sich bei Latinus für die versprochene freundliche Aufnahme und für die Geschenke. TC 7,4,065a: Aeneas’ Abschied von Euander. TC 7,4,089b-094: Abschiedsrede des Pallas (an seinen Vater Euander gerichtet). <?page no="151"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 151 TC 7,4,100-102: Aeneas äußert seine Freude über die neuen Waffen und gelobt, sie nach seinem Sieg zu weihen. TC 7,5,028bf.: Nisus und Caicus kommentieren das Anrücken des Turnus. TC 7,6,039b-041a: Eröffnung der Unterredung von Euryalus und Nisus mit den Anführern im trojanischen Lager. TC 7,6,106: Julus’ Abschied von Nisus und Euryalus. TC 8,4,022 f. 028-036: Aeneas erklärt Tarchon die Situation des trojanischen Lagers (am Tiber), als er zur Landung ansetzt; Reaktionen auch von Turnus und Mezentius auf das Nahen der Hilfsflotte für die Trojaner. TC 9,1,018 f.: Aeneas fügt bei der Weihung der Waffen des Mezentius (soweit TC 9,1,016 f., nach Aen. 11,007 f.) eine stolze Weihinschrift hinzu: Aeneas haec de Rutulis fugientibus arma. TC 9,1,041 f.: Totenklage des Ac(o)etes für Pallas. TC 9,3,025-028: Einberufung und Eröffnung der Ratsversammlung durch Latinus. TC 9,3,232b-236: Turnus gibt weitere Anweisungen zum Auskundschaften des Gegners. (Diese Erweiterung unterstützt die Behauptung Lucienbergers in der Epistola dedicatoria , man könne auch militärische Taktik aus Vergil lernen; vgl. dazu → Kap. B 4. 2. 17-26, besonders → Kap. B 4. 2. 22.) TC 9,4,033-037: Kampfermunterung durch Turnus und weitere Anweisungen. TC 9,6,001-010: Kampfermunterung durch Aeneas (unterbrochen durch Schlachtrufe). TC 9,6,031-033: Camillas Worte an Chloreus, den umzubringen sie im Begriff ist. TC 10,8,021 f.: Stoßgebet des Aeneas während des Duells mit Turnus. C 5.4.2 Hinzufügung willfähriger Antworten (Vgl. dazu generell → Kap. D 7.3.) TC 1,6,100-102: Aeneas antwortet auf die Prophezeiung des Helenus, er werde diese im Gedächtnis behalten und im Handeln beherzigen. TC 1,6,159a: Palinurus wird den Befehl des Aeneas weiterzusegeln alsbald befolgen. TC 2,1,072: Palinurus wird dem Befehl des Aeneas folgen, an der nächsten Küste zu landen. TC 2,1,091-093: Alethes antwortet auf Aeneas’ Aufforderung zu den Essensvorbereitungen (die eine Transformation der auktorialen Beschreibung in Aen. 1,177-179 ist) mit Fiet . Darauf folgen 3 Originalverse, die bei Vergil in Aen. 1,174-176 vor den Versen standen, die Lucienberger dem Aeneas als Aufforderung in den Mund gelegt hat. <?page no="152"?> 152 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC 2,4,011-014: Polyponus beteuert gegenüber Dido seine Ergebenheit. TC 2,4,141 f. 153: Achates fragt Aeneas, ob er noch einen Auftrag für ihn habe; als dieser ihm befiehlt, Ascanius zu holen, verspricht er, alles auszuführen. TC 2,5,026 f.: Cupido antwortet auf Venus’ Bitten, er werde ihren Auftrag gern erfüllen. TC 3,3,016: Die Jäger Didos beteuern, ihre Anordnungen unverweilt auszuführen. TC 3,4,033a: Merkur verspricht, den Auftrag Jupiters alsbald zu erfüllen. TC 3,5,158: Anna will die Wünsche ihrer Schwester Dido gern erfüllen (vgl. Aen. 4,503 ergo iussa parat ). TC 4,4,014: Iris antwortet Juno auf ihre Bitten, sie werde alles tun, was diese befehle. TC 6,4,045-054: Allecto antwortet Juno auf ihre Bitten, sie werde sofort tun, was diese befehle. TC 6,6,038: Die Rutuler erklären dem Turnus ihre Bereitschaft, als dieser sie zu den Waffen ruft. TC 6,8,129 f.: Venulus antwortet Turnus, der ihn zu Diomedes schickt, er werde alles tun, was ihm möglich sei. TC 7,1,042 f.: Mnestheus antwortet Aeneas, als dieser vor seiner Fahrt zu Euander den im trojanischen Lager Zurückbleibenden Anweisungen gegeben hat (s. dazu → Kap. C 5.4.4a und Kap. D 11. 8. 19). TC 9,3,232a: Volusus antwortet auf Turnus’ Anweisungen, es werde auf der Stelle geschehen. TC 9,5,060: Opis antwortet auf Junos Bitten, alles werde nach ihrem Auftrag geschehen. TC 10,2,032: Latinus akzeptiert Aeneas’ Bedingungen für den Zweikampf, die durch Gesandte übermittelt sind ( quod petitis, faciam ). TC 10,4,011-013: Nach einer Feldherrnrede des Aeneas zeigt sich Mnestheus kampfeslustig und ruft auch die anderen zur Eroberung der Latiner-Stadt (genauer: zur Einäscherung von Latinus’ Palast) auf (s. auch → Kap. C 5.4.7). Es ist geradezu überraschend, dass Achates einmal, als ihn Aeneas ausdrücklich auffordert, seine Weisungen eilends auszuführen, mit einer Art Einwand reagiert, dem Aeneas Rechnung trägt (dies alles in den neuen Versen TC 5,1,102-108). C 5.4.3 Gestaltung abrundender, meist positiver Szenenschlüsse TC 1,4,112-115: Am Ende der Kreta-Episode ruft Aeneas zu Essen, Erholung, Schlaf auf. TC 1,5,156-165: Helenus begrüßt die Aeneaden ausführlich und lädt sie aufmunternd zum Mahl ein. <?page no="153"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 153 TC 2,1,128: Nachdem Aeneas über das Schicksal der im Seesturm verlorenen Aeneaden geklagt hat, äußert er am Ende aber noch Hoffnung: Spes tamen est firma haud omnes periisse sub undis. TC 2,7,230-234: Dido lädt die Aeneaden zu Mahl, Jagd und Spiel ein, um sie wieder auf fröhliche Gedanken zu bringen. TC 4,1,035 f.: König Acestes lädt die Aeneaden zum Mahl ein. TC 4,3,083 f.: Nisus bedankt sich bei Aeneas für die Wettkampfentscheidung mit überschwänglichem Herrscherlob. TC 4,3,149 f.: Acestes bedankt sich bei Aeneas für die Wettkampfentscheidung. TC 5,3,241-252: Anchises schwärmt (am Ende der Begegnung mit Aeneas in der Unterwelt) von der glücklichen Zukunft, die für die Aeneaden auf die schweren Kämpfe folgen wird. TC 5,4,028: Aeneas lässt die Aeneaden an der Tibermündung anlegen und ruft sie zum Mahl. TC 8,4,128: Die Aeneaden schreiben sich den Sieg zu (bei eigentlich noch offenem Ausgang). TC 8,7,037-042: Flucht der Latiner und Rutuler; triumphierende Rede des Messapus. TC 9,6,066-074: Turnus klagt über den Tod Camillas und ist verzweifelt über die düsteren Aussichten bezüglich des Kriegsausgangs (diese sind negativ aus Sicht der Latiner, also positiv für die Aeneaden). 10,4,048-052: Allgemeine Klage der Dienerinnen und des Latinus über Amatas Tod (ebenfalls aus der Perspektive der Aeneaden eine für sie positive Wendung). TC 10,6,030-036: Während des finalen Duells zwischen Aeneas und Turnus wird Aeneas das Gerücht von Amatas Selbstmord gemeldet; Aeneas freut sich, da Anchises ihm prophezeit hat, dass damit sein Sieg und das Kriegsende erreicht sei. C 5.4.4 Hinzufügung von Handlungselementen, die den Zusammenhang stärken oder ändern C 5.4.4a Allgemein TC 1,2,001-012. 026-30: Während die Eroberung Trojas bei Vergil aus der Perspektive des Aeneas und der Trojaner erzählt wird, die im Schlaf überrumpelt werden, beginnt bei Lucienberger die Szene mit Sinons Zeichen an die Männer im Hölzernen Pferd und mit Ulixes’ Anweisungen zum Vorgehen (1-12); sie enthält auch die Öffnung der Stadttore, die Helena ( Lacaena ) anordnet (ohne Anhaltspunkt bei Vergil) und die Kampfschreie der eindringenden Griechen ( TC 1,2,026-030). <?page no="154"?> 154 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke TC 1,2,084-089: Die Tötung Sinons durch einen Trojaner ist frei erfunden; sie hellt die düstere Atmosphäre der Eroberung Trojas dadurch auf, dass wenigstens der Hauptschuldige seine (gerechte) Strafe erhält. TC 1,4,019: Die Polydorus-Szene gestaltet Lucienberger so, dass er Aeneas zu graben beginnen lässt, worauf sofort Polydorus spricht. Die ausführliche Schilderung der Situation, wie sie bei Vergil vorausgeht, folgt in der TC erst nach Polydorus’ wörtlicher Rede. Damit Lucienberger den auktorialen Bericht in der Aeneis ohne Veränderung übernehmen kann, lässt er an der Nahtstelle Anchises die Frage stellen, warum Aeneas so aufgeregt sei. TC 1,4,068 f.: Anchises fragt Anius, warum sie nicht zum Tempel des Thymbraeus (Apollos) gehen, bevor sie sich der Gastfreundschaft des Königs erfreuen; Anius erklärt sich bereit, sie sofort dorthin zu führen (bei Vergil dagegen in Aen. 3,84 nur: Templa die … venerabar… ). TC 1,6,167: Gebet des Anchises zu Juno, nach vorausgehender Ankündigung durch Aeneas: Iunoni Argivae iussos referamus honores ( TC 1,6,166 = Aen. 3,547). TC 1,7,073-081: Anchises erkrankt auf der Reise (diese Erkrankung weist auf seinen Tod voraus, was Lucienberger den Aeneas sogar in TC 1,7,079 f. direkt aussprechen lässt: aegrotet manifestaque signa futurae / praebeat … mortis ). TC 1,7,095: Achates will mit dem kranken Anchises in Drepanum spazieren gehen; dabei stürzt und stirbt dieser ( RB nach TC 1,7,095). So wird Vergils unanschauliches Hic … amitto Anchisen (Aen. 3,710a) szenisch umsetzbar. TC 1,7,101-121. 126 f.: Bestattung des Anchises (neue Verse, dazwischen Übernahme von Aen. 5,47-51 aus der späteren Rückschau). Vgl. auch → Kap. C 4. 3. 10. TC 2,3,015-039: Ankunft der verschollenen Gefährten an der Küste von Karthago (inkl. Auftritt Merkurs). TC 3,3,001-030: Jagdvorbereitungen ausführlich szenisch umgesetzt, mit Aufnahme einiger weniger Original-Verse. TC 3,6,072 f.: Dido schickt in einer wörtl. aus Vergil übernommenen Rede Anna weg. Darauf lässt Lucienberger zwei Verse folgen, in denen Dido (jetzt allein - RB ) den Tod beschließt, wobei sie auf Barces Rede in TC 3,6,058-064 Bezug nimmt (die ebenfalls neu erfunden ist). Dadurch stellt Lucienberger eine Beziehung zwischen seinen eigenen Erfindungen her und trennt das Fortschicken Annas durch Dido und ihren Monolog ( dulces exuviae… ), die sonst unvermittelt aufeinander folgen würden. TC 3,6,090-094: Leute an Didos Hof bemerken den Brand und versuchen zu löschen; Didos Amme Barce stellt ihren Tod fest. (Dadurch wird die Bühnenhandlung vervollständigt; bei Vergil ist ein Brand nur durch das von Lucien- <?page no="155"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 155 berger wie immer übergangene Gleichnis in Aen. 4,669-471 angedeutet; er wird erst (sozusagen wörtlich: im Rückblick) in Aen. 5,3 f. festgestellt.) TC 4,1,032: Aeneas schickt jemanden, Acestes zu holen; bei Vergil bemerkt dieser die Ankömmlinge selbst. TC 4,5,001-063: Aeneas bespricht und bestimmt, wer von den Trojanern auf Sizilien bleiben soll, und wer nach Latium mitkommt. Vgl. dazu → Kap. D 9.4 und C 5.4.7. TC 5,1,102-108: In einem neu gedichteten Dialog beauftragt Aeneas Achates, die Bestattung des Misenus durchzuführen, während er selbst nach dem goldenen Zweig suchen will (wohl als Überleitung zur nächsten Szene). TC 6,1,035-048: Drances berichtet Latinus von den Neuankömmlingen (unmittelbar nach dessen Faunus-Befragung); als Vorbereitung für TC VI -3 nicht zwingend notwendig. Vgl. dazu → Kap. D 9.5, auch → Kap. D 11.8.8 und D 11. 8. 16. TC 6,8,116-118: Turnus lässt die neuankommenden Kämpfer sich in Reih und Glied aufstellen (anders Vergil: tumultuarisches Zusammenströmen). TC 7,1,031-041: Aeneas gibt vor dem Aufbruch zu seiner Fahrt zu Euander Anweisungen an die im Lager zurückbleibenden Trojaner, s. dazu → Kap. D 11. 8. 19, auch → Kap. E 4. TC 7,3,023-024: Auf Venus’ Bitte hin, neue Waffen für Aeneas zu schmieden, küsst ihr Gatte Vulcanus sie und geht sofort zu den Zyklopen ( RB ); bei Vergil steht dazwischen eine Passage, die den Beischlaf dieses Ehepaares, das frühe Aufstehen des Gatten und eine Orts- und Szenenbeschreibung der Schmiede enthält. (Durch diese Kürzung schafft Lucienberger einen eleganten Übergang und vermeidet eine Sexszene.) TC 8,3,001-008: Im Anschluss an die vorhergehende Szene TC VIII -2 (Beratung Tarchons mit seinen Fürsten, neu gegenüber Vergil), gibt Tarchon Aeneas positiven Bescheid und lässt Zeichen geben, dass sich seine Untertanen zum Kriegszug versammeln. TC 8,3,036b-041: Aeneas lobt Tarchons Truppen und fordert dazu auf, schnell aufzubrechen; neu auch Tarchons Feldherren-Rede. TC 8,4,054b-055: Anspielung des kämpfenden Mezentius auf die geplante Hochzeit Lavinias (erinnert an den Kriegsgrund). TC 8,6,020b: Lausus’ Anspielung (wie zuvor die seines Vaters Mezentius) auf die geplante Hochzeit des Aeneas mit Lavinia. TC 9,1,046-051: Tarquitus berichtet Euander von Pallas’ Tod (und ersetzt damit die Fama bei Vergil). TC 10,4,023-052: Lavinias Suche nach der Mutter, ihre Klage und ihr Bericht vor Latinus; Klagen. Die Szene ist eine ausführliche Ausgestaltung von <?page no="156"?> 156 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke Aen. 12,604-611, wobei die fama Vergils in der TC durch Lavinias Bericht vor Latinus ersetzt wird. Vgl. → Kap. D 8.2. C 5.4.4b Sonderfall: Hinzufügung von Prophezeiungen TC 1,1,138 f.: Laocoon deutet die Schlangen, die seine Söhne und ihn selbst angreifen, als Vorzeichen für die nahe bevorstehende Entscheidung des Schicksals des Königs (Priamus) und seiner Nachkommen (ohne Anhaltspunkt bei Vergil). TC 1,1,150-157: Cassandra verkündet den Trojanern, speziell Priamus und Anchises, dass sie Hesperien bzw. Latium aufsuchen müssen. Eine solche Prophezeiung ist bei Vergil in Aen. 2,246-247 nur angedeutet: fatis aperit Cassandra futuris / ora . - Der Inhalt ist der Rückschau von Anchises in Aen. 3,182-187 = TC 1,5,034-1,5,039 entnommen, wo sich Anchises an diese Prophezeiungen erinnert. (Vgl. auch → Kap. C 5.5.1.) TC 1,3,007 f.: Venus flicht in ihrer Bitte an Iupiter, die Schiffe des Aeneas unzerstörbar zu machen, bei Lucienberger neu die Verse ein: … donec in Hesperiam veniat Laviniaque arva . Zur Umstellung im Sinne des ordo naturalis vgl. → Kap. C 5.5.1, auch → Kap. B 6.1.2, → Kap. C 2.2, → Kap. C 4.3, → Kap. D 5.3.6, → Kap. D 12.3.4. TC 5,3,180-248: Anchises gibt in seiner Prophezeiung in der Unterwelt auch einen ausführlichen Vorblick auf Aeneas’ Kämpfe in Latium, s. → Kap. D 6.1. TC 5,3,218 f.: Anchises prophezeit Aeneas, dass er erst siegen werde, wenn Amata tot ist, s. dazu neben → Kap. D 6.1 auch speziell → Kap. D 6.2. C 5.4.5 Erweiterungen moralischer Art TC 2,6,001-008: Achates gibt Ascanius Instruktionen über höfisches Verhalten, s. dazu → Kap. D 7.1 mit Suerbaum, 2009 (→ Kap. F 1). TC 6,1,044a-048: Drances mahnt (ohne Not) Latinus zu besonnenem Vorgehen. TC 6,5,005-012: Latinus rügt Amata, sie solle ihre Zunge im Zaum halten. TC 6,7,059-070: Latinus’ Lob des Friedens, s. auch → Kap. C 5.4.7. TC 8,4,030-032: Kampfparänese (aus dem Mund des Aeneas). C 5.4.6 Hinzufügung von Gleichnissen oder Fabeln Vgl. dazu generell → Kap. D 5.4. TC 6,5,008-012: Latinus, Amata mit bildlichen Vergleichen mahnend, ihre Zunge zu bändigen, bes. TC 6,5,012: gemmae instar, quae iam fulvo scintillat in auro . TC 7,6,117: Euryalus zu Nisus bei ihrem nächtlichen Abenteuer: Non numerum curat lupus in praesepibus altis . <?page no="157"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 157 TC 7,6,125 f. : Nisus zu Euryalus: Non est consultum spoliis nos ire gravatos, / ne capiamur ut angusta vulpecula rima . Vgl. dazu → Kap. D 5.4.1. TC 7,7,118 f.: Mnestheus, über Turnus’ Wüten im Aeneaden-Lager: Quo se proripuit tandem lupus iste, voraci / qui stimulante gula medio grassatus ovili est? C 5.4.7 Erweiterungen politischer Art: Aristokratisches neben Monarchischem TC 4,4,061-076: Aeneas berät sich ausführlich mit Achates und Nautes, als er erfahren hat, dass die Frauen die Schiffe in Brand gesteckt haben; → Kap. D 9.4. TC 4,5,024-043: Aeneas berät sich ausführlich mit König Acestes über ein Bleiben der Trojaner auf Sizilien oder die Weiterfahrt nach Latium, → Kap. D 9.4. TC 6,7,038-043: Ausführliche Loyalitätsbekundung des Tyrrhus gegenüber Latinus und Turnus, → Kap. D 9.3.5. TC 6,7,059-070: Latinus’ Lob des Friedens, s. auch → Kap. C 5.4.5. TC 8,2,052-075: Beratung des Tarchon und seiner Fürsten unter Ausschluss der Aeneaden; Beschluss, ein Bündnis mit Aeneas einzugehen, → Kap. D 7.2. TC 10,4,011-013: Der Rede des Aeneas mit Anordnungen zur Erstürmung der Stadt des Latinus wird (neu) eine zweite Rede von Mnestheus zur Seite gestellt, s. auch → Kap. C 5.4.2 und Kap. D 8.2. Ein kleines neu gedichtetes Herrscherlob des Aeneas bietet Lucienberger in TC 4,3,083 f., als Nisus die gütigen Entscheidungen des Aeneas hinsichtlich der Preise für die Sieger und die Unterlegenen beim Wettlauf rühmt. C 5.4.8 Neugeschaffene Szenen in der TC TC VIII -2 und TC VIII -3 (passim): Aeneas bei Tarchon; Beratung Tarchons mit den Fürsten der Etrusker; Etrusker-Katalog, s. dazu → Kap. D 7.2. TC X-9 (passim): Schluss-Szene (Glückwünsche; Hochzeitsvorbereitung; Waffenweihung), s. dazu → Kap. D 6.3 und Kap. D 8.3. C 5.4.9 Neu eingeführte Sentenzen Lucienberger streut gelegentlich, über Vergil hinausgehend, Sentenzen ein. Alle folgenden Beispiele für solche moralischen Sätze sind neu von Lucienberger gedichtet (und darum in der synoptischen Ausgabe TC / Aen. durch Unterstreichung als seine Erfindung gekennzeichnet): Non unus poterit subvertere regnum (TC 1,1,091 - König Priamus im Hinblick auf den gefangen genommenen Griechen Sinon). Monitis fas est parere deorum ( TC 1,2,144 - Cassandra zu Priamus, um ihrer Warnung Nachdruck zu verleihen). <?page no="158"?> 158 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke Arcere hospitio miseros truculentia summa est ( TC 2,4,034 - Merkurs Mahnung an den Präfekten der karthagischen Küstenwache). Sibi simile simile optat iungere ( TC 2,6,013 - Dido beim ersten Anblick des Ascanius). Nam vobis regibus acris / non prudentia deest, non experientia rerum (TC 3,1,076 - Dido zu Aeneas, den sie um Rat für den Ausbau Karthago bittet). Non unquam sat habet rationis in ira (sc. femina) (TC 3,6,011 - Merkur zu Aeneas, vor Didos Reaktion warnend, in der Vorlage Aen. 4,459 = TC 3,6,010 steht nur: varium et mutabile semper / femina ). Grata superveniet quae non sperabitur hora ( TC 4,1,015 - Aeneas zum Steuermann Palinurus). Surge age, non uno stratus moriaris ab ictu ( TC 4,3,125 - König Acestes ermunternd zu seinem Landsmann Entellus, als der beim „Boxkampf“ von Dares zu Boden geschlagen worden ist). Iniquum est / praecipitare iras, melius cognoscere verum ( TC 6,1,044b-045 - Warnung des Kanzlers Drances vor übereilten Reaktionen). Nam bene vix poterunt habituque et moribus uno / diversae in regno concordes vivere gentes. / Regno uni rex unus erit ( TC 6,7,038-040 - der Latiner Tyrrhus, der vor König Latinus für die Vertreibung der Trojaner aus Latium plädiert - Jupiter dagegen wird am Ende der Aeneis in seinem Dialog mit Juno in Aen. 12,791-842, übernommen in TC 10,7,001-046, für das Zusammenleben von Trojanern und Latinern das Gegenteil vertreten oder besser dekretieren). Mente manet memori violato foedere regna / funditus eversa et Reges cum stirpe profusos ( TC 6,7,066 f.). Grata dijs non ulla magis sunt sacra supremis / quam servare fidem sanctam ( TC 6,7,068 f.) Promittere multa et praestare nihil, non quenquam scilicet ornat ( TC 6,7,069 f. - die drei letzten moralischen Sätze stammen alle aus der neugeschaffenen Rede des Latinus in TC 6,7,059-070, mit der er sich für Frieden mit den Trojanern und Einhaltung der von ihm mit ihnen geschlossenen Verträge einsetzt). Numero deus impare gaudet ( TC 7,7,022 - Nisus kündigt an, Volcens als dritten Feind erschlagen zu wollen; das Sprichwort ist nicht in der Aeneis belegt, aber in buc. 8,75. C 5.5 Umstellungen und Wiederholungen C 5.5.1 Umstellungen Nicht berücksichtigt wird hier die zweite Verwertung von Aen. II-III in TC II-7, s. dazu die Tabelle in → Kap. C 3 und die Spezialbehandlung in → Kap. C 4 nebst einer weiteren Spezialtabelle in → Kap. C 4.5. <?page no="159"?> C 5 Rubriken für Lucienbergers Änderungengegenüber Vergil 159 Aen. 3,182-187 (in TC 1,1,150-157 sowie TC 1,5,034-039): Cassandra verkündet Priamus und Anchises, dass sie Hesperien bzw. Latium aufsuchen müssen. Bei Vergil liegt in Aen. 2,246-247 nur eine vage Andeutung vor: fatis aperit Cassandra futuris / ora . - Der Inhalt ist der Rückschau von Anchises in Aen. 3,182-187 = TC 1,5,034-1,5,039 entnommen, wo sich Anchises an eben diese Prophezeiung erinnert (s. auch → Kap. C 5.4.4b). RB vor TC 6,7,012: Allectos Hirten-Signal und Mobilmachung der Bauern / Hirten (nach Aen. 7,511-518); zusätzlich neu in dieser RB : Almon und Galaesus werden von den Trojanern getötet (Galaesus wird zwar auch laut Aen. 7,535 getötet, doch ist die signifikante Umstellung neu, möglicherweise von Aen. 7,575 beeinflusst), s. auch → Kap. C 5.3.5. Aen. 7,45b-58 (in TC V-3, statt in TC VI -1): Herrschaftsverhältnisse in Latium in der erweiterten Prophezeiung des Anchises in der Unterwelt über die dem Aeneas unmittelbar bevorstehenden Kriege ( TC V-3, s. dazu → Kap. D 6.1 und Kap. D 3.6.2b); Vergil hat einen solchen Bericht hinter die Landung der Aeneaden an der Tiber-Mündung gestellt (die in TC VI -1 erfolgt). Aen. 7,148-151 (in TC VI -1 statt VI -2): Die Erkundung des Landes (Latium) durch die Aeneaden wird in TC VI -1 dem Latinus von Drances unmittelbar nach dessen Faunus-Befragung gemeldet (s. dazu → Kap. D 9.5; neu gegenüber Vergil, darin in TC 6,1,040: Vestigant late loca cuncta ); bei Vergil wird die Erkundung nach dem Verzehr der „Tische“ berichtet. Aen. 9,77-106 (in TC I-3 statt in TC VII -5): In TC VII -5 folgt auf Turnus’ Drohung, die Schiffe der Aeneaden in Brand zu setzen, sogleich deren Metamorphose; die bei Vergil retardierend dazwischenstehende Vorgeschichte (Gespräch Cybele-Iupiter) ist von Lucienberger als TC I-3 chronologisch in das Geschehen von Aen. III eingebaut (Herstellung des ordo naturalis , vgl. → Kap. C 2.2). Aen. 11,100-138 (in TC IX -2 statt in TC IX -1): Die Bittgesandtschaft der Latiner an Aeneas, er möge einen Waffenstillstand zur Bestattung der Gefallenen gewähren, wird in eine eigene Szene TC IX 2 verschoben; dadurch wird die Szene TC IX -1 ausschließlich dem einen Thema der Trauer um den toten Pallas bei Aeneas und bei Euander gewidmet (allerdings ist die RB nach TC 9,1,039 an dieser Stelle unlogisch). Aen. 11,182-202 (in TC IX -1 statt in TC IX -2 oder TC IX -3): Die Aeneaden bestatten laut RB nach TC 9,1,039 ihre Gefallenen; das bezieht sich offenbar auf Aen. 11,182-202. Damit aber findet bei Lucienberger diese Bestattung unverständlicher Weise vor der Verhandlung über einen Waffenstillstand (in TC IX -2) statt, der die Bestattung erst ermöglicht. <?page no="160"?> 160 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke C 5.5.2 Wiederholungen Aen. 2,780-789 (zweimal in TC I-2): Aeneas wiederholt vor den zur Flucht von Troja bereiten Trojanern wörtlich die Prophezeiung der Creusa (die er wenige Verse zuvor selbst erst erhalten hat) und illustriert damit das, was in Aen. 3,4 f. angedeutet wird: diversa exilia … quaerere … auguriis agimur . Aen. 3,601 (zweimal in TC 1,7,002 und 008): Achaemenides appelliert an die Trojaner, ihn mitzunehmen aus dem Land der Kyklopen. Aen. 4,635-637 (zweimal in TC III-6): Barce richtet Didos Auftrag deren Schwester Anna aus, indem sie z.T. deren Worte wörtlich wiedergibt. Aen. 5,47-51 (in TC I-7 und in TC IV -2): Bestattung des Anchises (bei Vergil nur in der Rückschau in einer Rede des Aeneas erwähnt). Aen. 8,259-261 (zweimal in TC VII -2): Hercules’ Tötung des Cacus, die Euander zuvor breit ausgeführt hat, wird von den Saliern, die einen Hymnus auf Hercules singen, mit drei Versen wiederaufgegriffen. Der von Vergil wörtlich übernommene Hymnus der Priester wird damit um das erweitert, was Vergil in Aen. 8, 303 f. selbst nur indirekt anspricht: super omnia Caci / speluncam adiciunt spirantemque ignibus ipsum . C 6 Übersicht über den Umfang der 67 Szenen der TC und über die in ihnen auftretenden Personen (interlocutores) Dieses Kap. C 6 ist nur in dem digitalen Ergänzungs-Band als Datei „ TC - EDV - EG Suerbaum“ zugänglich. C 7 Zur Metrik der TC Aus der Antike gibt es so gut wie keine hexametrischen Dramen. (Eine Ausnahme ist das Atriden-Drama Orestis tragoedia des Blossius Aemilius Dracontius vom Ende des 5. Jh.s n. Chr., dessen 974 Hexameter aber auch als Epos aufgefasst werden). Deshalb wird ein Klassischer Philologe nicht nur generell dadurch überrascht, dass ein junger Versifikator im 16. Jh. aus etwa 9.900 epischen Hexametern Vergils eine Tragicocomoedia von über 6.000 „dramatischen“ Hexametern (nach meiner Zählung, bei der auch ein Vers, der auf mehrere Sprecher verteilt ist, nur jeweils als ein einziger gewertet wird: 6.008) fabriziert hat, sondern im Speziellen auch von gewissen Eigentümlichkeiten der Metrik Lucienbergers. <?page no="161"?> C 7 Zur Metrik der TC 161 C 7.1 „Halbverse“ nach dem Vorbild Vergils Für die Verwendung von „Halbversen“, d. h. unvollständigen, meist mit der Mittelzäsur abbrechenden Hexametern, konnte sich Lucienberger auf das Vorbild Vergils selber berufen: Im überlieferten Aeneis-Text gibt es 58 solcher unvollständiger Verse ( versus dimidiati) . In der Vergil-Spezial-Forschung flammt immer wieder der Streit darüber auf, ob diese „Halbverse“ als ein Zeugnis für die Unfertigkeit der Aeneis beim Tode des Dichters aufzufassen sind, oder ob Vergil sie als rhetorisches Mittel bewusst gestaltet hat. Immerhin spricht für die erstere Auffassung, dass keiner der nachvergilischen römischen Epiker des 1. Jh.s n. Chr. Vergils „Technik“ in diesem Punkte nachgeahmt hat. Lucienberger aber übernimmt viele der überlieferten Halbverse Vergils. Das ist bei seinem engen Anschluss an Vergil verständlich. In einigen wenigen Fällen ergänzt er sie allerdings, und zwar jeweils dadurch, dass er den Vers durch einen neuen Sprecher vervollständigen lässt: Aen. 3,218 / TC 1,5,061ab; Aen. 5,815 / TC 4,6,034ab; Aen. 7,248 / TC 6,3,0060ab. Umgekehrt dichtet Lucienberger dreimal selber neue Halbverse: TC 1,4,011, cf. Aen. 3,017a moenia prima locem - Aeneas will in Thrakien eine neue Stadt gründen; TC 1,5,126 = Aen. 3,312a Hector ubi est - Ende der ersten Anrede Andromaches an Aeneas TC 8,1,097 = Aen. 10,113a Fata viam invenient - Höhepunkt, aber noch nicht Ende der Rede Jupiters bei der Götterversammlung. In allen drei Fällen bildet die Vorlage in der Aeneis einen vollständigen Hexameter. Lucienberger hat offenbar Vergils sonstige Praxis, Halbverse zu bringen, als nachahmenswertes rhetorisches Mittel betrachtet, um einen starken Einschnitt zu setzen und die Aussage des Halbverses auf diese Weise zu betonen. C 7.2 Ein Hexameter von mehreren Personen gesprochen: Zur Verwendung der Antilabe (beim Morden, Jagen und Sprinten) Kein Vorbild bei Vergil aber hatte Lucienberger für seine Praxis, zur Steigerung der Dramatik einen einzigen Hexameter auf zwei oder noch mehr Sprecher zu verteilen. Der griechische Terminus technicus für diese metrische Technik ist Antilabe . Durch einen solchen Sprecherwechsel innerhalb eines Verses wird der Eindruck eines lebhaften Gesprächs erzielt, zumal dann, wenn mehrere Antilabae aufeinander folgen. Im Epos Vergils ist es zwar möglich, dass die Rede einer sprechenden Figur in der Mitte eines Hexameters aufhört (etwa Aen. 2,391. 524. 550), aber nicht, dass mit der zweite Hälfte dieses Hexameters unvermittelt - d. h. ohne eine überleitende Floskel des Sinnes „so also sprach A, darauf aber antwortete B“ - die Rede eines anderen Sprechers einsetzt. Selbst dann, wenn der zweite Sprecher direkt auf die Rede des ersten antwortet, wird <?page no="162"?> 162 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke dazu durch mindestens einen, eher mehrere Auftaktverse übergeleitet (etwa wenn Turnus auf die Vorwürfe des Drances antwortet, durch Aen. 11,376-377; die kurze Rede Camillas und die Reaktion des Turnus darauf trennt mit Aen. 11,507 sogar nur 1 Vers, ebenso leitet 1 Hexameter in Aen. 12,18 von der Rede des Turnus zu der des Latinus über). Lucienberger dagegen schafft es - natürlich in selbstgedichteten Versen, denn eine entsprechende Vorlage gab es nirgends in der Aeneis - einen Hexameter auf mehrere Sprecher zu verteilen, bis hin zur Maximalzahl von fünf Sprechern bei einer solchen Antilabe (so für TC 3,3,039a bis 039e). Selbstverständlich kann es bei einer solchen Stakkato-Redeweise schwerlich zu fünf vollständigen Sätzen kommen. Aber selbst dieses Kunststück bringt Lucienberger zuwege. Als in T C I - 2 die Griechen aus dem Hölzernen Pferd ausbrechen, teilt Lucienberger in TC 1,2,029abcde fünf von ihren Protagonisten in einem einzigen Hexameter fünf verbale Kurzsätze zu, in denen sie einander mit Ense feri - Iugula - Transfige - Occide - Trucida zum Hinmorden der Trojaner auffordern, und dann gleich anschließend in TC 1,2,030abc dreien von ihnen mit Ferte faces - Afferte ignem - Comburite flammis , wiederum in einem einzigen Hexameter, den Aufruf zum Morden und Brennen - die dramatische Bewegung spiegelt sich tatsächlich in solchen kurzatmig zerteilten Versen. Eine ähnliche Steigerung von Affekt und Bewegung erreicht Lucienberger auch in dem zweiten Beispiel für eine fünfteilige Antilabe in TC 3,3,039abcde. Sie ist auch hier mit mehreren kürzeren Antilabae kombiniert: 2 Sprecher in TC 3,3,037-3 Sprecher in TC 3,3, 038-5 Sprecher in TC 3,3,039-4 Sprecher in TC 3,3,040. Das auf diese Weise von Lucienberger gestaltete Thema, der wie in TC I-2 diese ganze Passage in TC III -3 erfunden hat, ist die Jagd bei Karthago, zu der Dido Aeneas und seine Trojaner eingeladen hat. Zu den venatores , die angesichts des aufgestöberten Wildes zu Wort kommen, gehören nicht nur Dido und Aeneas, sondern auch noch die Punier Bitias und Actaeon (! ) und die Trojaner Julus, Achates und Cloanthus. Bei Vergil wird innerhalb der entsprechenden Partie Aen. 4,151-164 bzw. 4,129-172 niemand außer Dido, Aeneas und Ascanius genannt und niemand spricht. - Mit dieser Ausmalung der Situation (ein Rhetoriker würde von Auxesis / Steigerung sprechen) will Lucienberger wohl sein intendiertes jugendliches Publikum ansprechen: die Jagd war ein, vielleicht das Hauptvergnügen von Aristokraten des 16. Jh.s. Auch eine andere Gelegenheit wertet Lucienberger, verglichen mit der Darstellung Vergils, durch die Verwendung von Antilabae auf: Es ist eben die Gelegenheit, bei der im Epos junge Leute in singulärer Weise ihre Kräfte miteinander messen: der Kurzstrecken-Wettlauf in Aen. V. (Auch an dem später in Aen. V folgendem Troja-Spiel sind Jugendliche unter Führung des Julus / Ascanius beteiligt; doch handelt es sich dabei nicht um einen Wettkampf, sondern um ein <?page no="163"?> C 7 Zur Metrik der TC 163 Schaureiten.) Bei diesem Wettlauf stehen die jungen (homosexuellen? ) Freunde Nisus und Euryalus im Mittelpunkt. Kurz vor dem Ziel, als Nisus vor Salius, Euryalus, Elymus (der bei Lucienberger einmal fälschlich Helenus heißt) und Diores führt, rutscht Nisus im Blut und Kot der Opferstiere aus, kommt zu Fall, behindert aber absichtlich den bisherigen Zweiten Salius, so dass der Ziel- Einlauf 1. Euryalus, 2. Elymus, 3. Diores ist. Der Lauf selber mit dem (nach heutigen Begriffen spektakulären) Foul des Nisus an Salius, der damit seinem Freund Euryalus zum Siege verhelfen will (und das auch erreicht), wird von Lucienberger übergangen; er wird nicht dialogisiert, sondern nur in einer Regiebemerkung nach TC 4,3,060 erwähnt (d. h. doch wohl: erzählt und nicht etwa durchgeführt): Quinque iuvenes, Nisus, Euryalus, Helenus, Diores et Salius, cursu certant. Nisus primus cadit et Salio proxime sequenti se opponit surgens atque ita Euryalus palmam assequitur et promissum equum secum ducit. Hergang und Ausgang des Wettlaufs werden vielmehr - in, wie ich finde, durchaus gelungener Weise - indirekt im Rückblick dargestellt: in Form eines weitgehend von Lucienbergers erfundenen Streitgesprächs ( altercatio ) um eine gerechte Verteilung der drei ausgesetzten Siegespreise. Dabei führt in T C 4 , 3 , 0 6 1 - 0 7 0 der benachteiligte Salius das Wort und bestreitet, dass Euryalus der wahre Sieger ist (und damit den 1. Preis, ein Ross, verdient. Auch diese altercatio wird in der TC in einer Abfolge von Antilabae entfaltet: je einen Hexameter teilen sich zuerst zweimal zwei und dann drei Sprecher. Die weise Entscheidung des Aeneas, zuerst dem Salius und dann sogar auch dem Nisus einen Sonderpreis zu verleihen, bietet Lucienberger dann wörtlich nach Aen. 5,351-361 in TC 4,3,071-082. Die Episode vom Wettlauf und der Preisverteilung an alle fünf Beteiligten ist übrigens eine der beiden Situationen in der Aeneis, in der offen g e l a c h t wird. 42 Als Nisus auf sein Pech hinweist, dass er, in Führung liegend, hingefallen 42 Abgesehen von dem risit des Aeneas über Nisus in Aen. 5,358 gibt es bei den Gedächtnisspielen für Anchises in Aen. V noch etwas zum Lachen: Als bei der Regatta der von seinem erbosten Kapitän Gyas ins Meer gestürzte Steuermann Menoetes sich zunächst auf eine Klippe und dann schwimmend an Land rettet (und dort das Salzwasser, das er geschluckt hat, erbricht), lachen die zuschauenden Trojaner (Aen. 5,181 f. risere … rident ). Das wird von Lucienberger in TC IV-3 übergangen, wo die Episode nach einem Wortwechsel zwischen Gyas und Menoetes auf den halben Vers des Gyas Ipse gubernabo ( TC 4,3,016a) und die vorausgehende RB Gyas Menoeten proijict in fluctus zusammenschrumpft. - Ansonsten gibt es in der Aeneis nur noch das insgeheime Lachen der Venus, als sie in Aen. 4,128 die Intrige Junos im Hinblick auf Dido durchschaut (von Lucienberger in den neuen Versen TC 3,2,033b-034 nicht berücksichtigt). Im Übrigen verlacht Turnus in Aen. 7,435 ( vatem inridens ) zunächst die Bemühungen Allectos, ihn zum Kampf gegen Aeneas zu gewinnen (als Redeeinleitung wie üblich von Lucienberger vor TC 6,6,015b übergangen, s. dazu → Kap. D 3.2 und Kap. C 5.2.3). Das dreimalige subridens geht auf höhnisches Lächeln gegenüber Gegnern im Kampf (Turnus, Aen. 9,740; Mezentius, Aen. 10,742) oder auf ein überlegenes Lächeln ( Jupiter gegenüber Juno, Aen. 12,829). Liebevoll <?page no="164"?> 164 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke ist und sich Gesicht, Körper und Gewand besudelt hat ( TC 4,3,080, in wörtlicher Anlehnung an Aen. 5,357 f.), da lacht Aeneas (Aen. 5,358b risit pater optimus illi ). Es ist unklar, ob Aeneas dem Nisus gnädig zulächelt, ob er über dessen Argumentation, über den verdreckten Wettläufer oder gar schadenfroh lacht. Lucienberger lässt mit seiner Bühnenanweisung nach TC 4,3,080 mit Rident omnes et Aeneas iubet efferri clypeum ebenfalls die Frage offen und reiht Aeneas höchstens indirekt unter die Lacher ein. Lucienberger nimmt aber die Gelegenheit wahr, Nisus in zwei hinzugedichteten Hexametern ( TC 4,3,83-84) die Güte des „Königs“ allen jenen gegenüber preisen zu lassen, denen es - um im Bilde zu bleiben - dreckig geht ( tam miti miseros animo qui respicis omnes ). Der „Fürstenerzieher“ des 16. Jh. zeigt nicht nur würdiges Verhalten am Beispiel des Aeneas, er benennt es auch: ingens virtus ( TC 4,3,083). Eine vierteilige Antilabe bietet Lucienberger in TC 6,7,010, s. dazu → Kap. D 9.3.4. Zu einem Fall, bei dem Lucienberger die Möglichkeiten einer Antilabe in meinen Augen überdehnt, siehe das → Kap. D 12.3.5. C 7.3 Keine Stichomythie in der TC Ein anderes, in klassischer griechischer Tragödie durchaus verbreitetes metrisches Kunstmittel, die S t i c h o m y t h i e , bei der ein Dialog auf eine jeweils einzeilige (eventuell sogar nur halbzeilige, aber gelegentlich auch doppelzeilige) Äußerung der (meist miteinander argumentierenden oder streitenden) Sprecher zugespitzt wird, findet sich in der Tragicocomoedia Lucienbergers niemals. Das liegt wohl vor allem daran, dass das Epos Vergils keinen Stoff für einen solchen Disput bietet, bei dem verbal Schlag auf Schlag unmittelbar aufeinander folgt ( altercatio ). C 7.4 Refrain Bei einer einzigen Gelegenheit verwendet Lucienberger das Kunstmittel des Refrains, also die regelmäßige Wiederholung von Versen. Es wird normalerweise nicht im Epos benutzt, sondern in strophischen Gedichten oder in Liedern. Und in der Tat findet sich das einzige Beispiel eines Refrains in der TC innerhalb eines von Lucienberger gegenüber Vergil neu gedichteten Preisliedes ( canunt ) von lächelt Jupiter nur seiner besorgten Tochter Venus zu ( subridens Aen. 1,254). Auch in diesen 4 Fällen handelt es sich um Redeeinleitungen (vor TC 7,7,100; TC 8,6,018; TC 10,7,036; TC 2,2,026), die Lucienberger grundsätzlich übergeht. Einen Ausnahmefall stellt allein die Regiebemerkung vor TC 1,1,140 Tymoetes deridet eum (sc. Laocoontem) adhuc dar, wo das deridet nicht einmal an der analogen Stelle in Aen. 2,228 eine Entsprechung hat. <?page no="165"?> C 7 Zur Metrik der TC 165 Mänaden auf Turnus, in TC 6,5,032-046. Dass sich Amata mit Lavinia und anderen lateinischen Frauen, von Allecto aufgehetzt, in bacchantischem Rasen in die Wälder stürzt, wird von Vergil in Aen. 7,385-405 erzählt ; er legt Amata dabei eine kurze Anrufung des Bacchus (Aen. 7,389 eheu Bacche ) und einen Appell an die matres Latinae , sich ihrem orgiastischen Treiben anzuschließen, in den Mund (Aen. 7,400-403). Lucienberger benützt diese Aeneis-Passage, erweitert sie aber zu einem Lied von Mänaden (Bacchantinnen), die eine Art Hymnus auf Turnus anstimmen. Die Tendenz dieses Liedes wird durch den von Lucienberger neu geschaffenen Refrain Turne, tibi soli coniungi filia debet ( TC 6,5,037 = 040) mit der folgenden steigernden Variation Turne, tibi soli dabitur Lavinia coniunx ( TC 6,5,043 = 036) intensiviert: eine gelungene Erfindung Lucienbergers. C 7.5 Metrische Auffälligkeiten in der TC Die Hexameter-Technik Lucienbergers in der TC scheint mir tadellos zu sein. Mir jedenfalls sind unter seinen gut 6.000 Hexametern nur ganz wenige fehlerhafte aufgefallen. Immerhin ist Lucienberger ja auch (vgl. dazu seine Biographie in → Kap. A 2) der Verfasser von zwei Lehrbüchern zur lateinischen Metrik. Ich habe nur drei metrische Unkorrektheiten bemerkt: (a) In TC 1,2,088 incolumis patria incensa et vastata volabis betrachtet Lucienberger das Schlussa von vastata offenbar als kurz; es ist aber nach dem Kontext lang, da das Wort im Ablativ steht. (b) In dem neu von Lucienberger geschaffenen Vers TC 1,6,152 Italia, Italia tanto quaesita labore ist das Schlussa von Italia in beiden Fällen kurz, wird aber von Lucienberger (mindestens) bei der zweiten Verwendung lang gemessen („irrationale Längung”). (c) Unmetrisch ist der ebenfalls neu von Lucienberger geschaffenen Vers TC 7,4,091 Non quisquam segnem me arguerit vel pectora foedo (tacta metu). 43 Umgekehrt hat sich Lucienberger wenigstens in einem Fall bemüht, eine metrische Auffälligkeit Vergils zu normalisieren: in TC 3,4,030 vermeidet er durch den Zusatz von nam den Hiat spe ¦ inimica in Aen. 4,235. Einmal hat Lucienberger sich eine Elision im letzten Fuß des Hexameters erlaubt, um einen, wie er glaubte, inhaltlichen Fehler in dem überlieferten (in der Tat schon von den antiken Kommentatoren für schwierig befundenen) Text 43 Vielleicht dürfte man ihn zu Non quisquam segnem arguerit me pectora foedo (tacta metu) emendieren. <?page no="166"?> 166 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke von Aen. 11,152 f. ≈ TC 9,1,052 zu korrigieren : er hat aus cautius ut saevo velles (sc. Palla) te credere Marti ein in / cautius gemacht. Bemerkenswert ist, dass Lucienberger offensichtlich die beiden rituellen Verse, mit denen die Sibylle in TC 5,2,020 f. Unberufene vom Abstieg in die Unterwelt fernhält ( Procul, o procul este, profani / totoque absiste luco) in singulärer Weise nicht als daktylische Hexameter formatiert, sondern den ersten als anapästischen (als katalektischen anapästischen Dimeter) und den zweiten offenbar als jambischen Vers. Die Regiebemerkungen sind in Prosa abgefasst. Aber auch die Signaturen des Schreibens von Pygmalion an Jarbas (nach TC 3,4,004 Pygmalion Rex Tyri manu propria ) und von Turnus’ Aufruf zur Mobilmachung gegen die Trojaner (nach TC 6,7,086 Turnus Regis gener ) sind unmetrisch. C 8 Zu der von Lucienberger 1576 benutzten lateinischen Textausgabe der Aeneis Um möglichst die gedruckte lateinische Ausgabe der Aeneis zu bestimmen, von deren Text Lucienberger bei seiner Dramatisierung vermutlich ausgegangen ist, habe ich folgende Anstrengungen unternommen: Ich habe als erstes aus den beiden Scenae 1 und 2 des Actus I der TC ( TC I-1 und TC I-2) Lucienbergers diejenigen Lesarten eruiert, in denen Lucienberger 1576 in seiner TC signifikant (also vor allem: nicht nur im Hinblick auf die Orthographie) von dem Text abweicht, den R. A. B. Mynors in seiner Vergil-Ausgabe Oxford 1969 als Haupttext bietet. Dazu gehören m. E. folgende Fälle: Aen. 2,88 regnumque TC 1,1,035 regumque Aen. 2,89 conciliis TC 1,1,036 consiliis Aen. 2,139 et poenas TC 1,1,084 ad poenas Aen. 2,178 omina TC 1,1,120 omnia Aen. 2,179 avexere TC 1,1,121 advexere Aen. 2,182 omina TC 1,1,124 omnia Aen. 2,331 umquam TC 1,2,039 nunquam Aen. 2,333 oppositis TC 1,2,041 oppositi Aen. 2,616 insedit TC 1,2,123 incedit Aen. 2,617 Danais TC 1,1,124 Danaum <?page no="167"?> C 8 Zu der von Lucienberger 1576 benutzten lateinischen Textausgabe der Aeneis 167 Aen. 2,691 omina TC 1,2,157 omnia Aen. 2,776 dolori TC 1,2,189 labori Aen. 2,779 fas. aut TC 1,2,192 fas, haud Aen. 2,781 et terram TC 1,2,194 ad terram Aen. 3,007 ubi sistere TC 1,2,220 vi sistere Vorweg sei vermerkt, dass der letzte Beleg sich von den 14 anderen Fällen unterscheidet. Wenn Lucienberger im Schlussvers von TC I-2 statt ubi ein vi bietet, ist das inhaltlich so abwegig und zudem syntaktisch verfehlt, dass ich hier einen bloßen Druckfehler in VP 1576B, der Druckausgabe der TC, vermute (auch wenn man dann eigentlich ui erwarten würde). Unter den Dutzenden von gedruckten Vergil-Ausgaben, die vor 1576 erschienen sind, kommen am ehesten zwei Typen als Text-Vorlagen Lucienbergers in Frage: (a) diejenigen, die auch die in VP beigegebenen Illustrationen (die 13 Argumentum-Holzschnitte) enthalten, und / oder (b) solche, die in den letzten Dezennien vor 1576 erschienen sind (denn nur solche werden damals einem jungen Mann von etwa 30 Jahren zugänglich gewesen sein, auch wenn er - siehe → Kap. A 2 über Lucienbergers Biographie - Schwiegersohn und Erbe eines Druckereibesitzers war. Ich habe bereits in meinem „Handbuch der illustrierten Vergil-Ausgaben 1502-1840“ von 2008 nachgewiesen (S. 284-286 zu VP 1576B), dass die Lucienbergers Aeneis-Dramatisierung beigegebenen 13 Holzschnitte keine Neuerfindungen, sondern (mit 1 Ausnahme) Übernahmen eines älteren Zyklus sind, des „Frankfurter Argumentum-Typus“; vgl. dazu → Kap. B 8. Dieser Zyklus (Nr. 15 meines Handbuchs, s. dort S. 41 und S. 60 f.) ist zuerst in der Vergil-Ausgabe VP 1559C, dann in VP 1562C, VP 1563 (vielleicht auch in VP 1567A) und in VP 1572A belegt; alle diese Werke sind in Frankfurt erschienen, die meisten bei Sigismund Feyerabend; unter ihnen wird man am ehesten die Quelle nicht nur für die Bilder, sondern auch für den Vergil-Text der TC vermuten. Aber VP 1559C, der älteste Beleg für diesen Illustrations-Typus von Simultan-Titelbildern zu den 12 (plus 1) Aeneis-Büchern, scheidet als Text-Vorlage für Lucienberger aus, da das Werk keinen lateinischen Text, sondern eine deutsche Übersetzung enthält; das gleiche gilt für VP 1562C. Immerhin enthalten VP 1563 (bei Feyerabend), VP 1567A (bei Feyerabend, G. Corvinus und haeredes Wigandi Galli) und VP 1572A (bei den beiden letzteren Druckern) den lateinischen Text; für VP 1563 und VP 1572A konnte ich ihn nachprüfen, da in der Bayerischen Staatsbibliothek München ( BSB unter der Signatur Res / A.lat.a. 2616 s bzw. A.lat.a. <?page no="168"?> 168 C Dokumentationen, Materialien, Überblicke 2614 Digitalisate davon zugänglich sind. Es stellte sich heraus, dass diese beiden vor Lucienbergers VP 1576B veröffentlichten Frankfurter Ausgaben bereits fast alle der 15 aus Aen. II aufgeführten Textvarianten Lucienbergers aufweisen (also auch das dreimalige omnia statt richtig omina ), nur nicht die Lesarten incedit (statt insedit ) und Danaum (statt Danais ) für Aen. 2,616 f. Die beiden Varianten incedit und Danaum finden sich auch nicht in der Texttradition, die mit den Herausgebern Manuzio und Fabricius verbunden ist, wie etwa in der Ausgabe Antwerpen 1572 ( BSB A.lat.a. 2157). Eine Google-Suche für „ Pallas incedit nimbo “ ergab als einzigen Beleg die Ausgabe der Vergilii opera, Lugduni apud Antonium Vincentium 1561, die aber leider im folgenden Vers nicht auch „ Danaum “ bietet, sondern das übliche „ Danais “. Eine Google-Suche für „ ipse pater Danaum animos “ ergab keinen einzigen Treffer. Man darf aus diesem Befund wohl erschließen, dass Lucienberger 1576 von einer damaligen Text-Vulgata ausging, aber auch einzelne eigene Konjekturen in seinen Text einbrachte. Eine genauere Bestimmung seiner Textquelle, die vielleicht auch seine seltenen Abweichungen von der Text-Vulgata erklären würde, dürfte wissenschaftliche Anstrengungen erfordern, die in keinem Verhältnis zum möglichen Ertrag stehen. In → Kap. D 4.1.3 mache ich wahrscheinlich, dass in der von Lucienberger benutzten Vergil-Ausgabe die Verse Aen. 10,545-548 fehlten. <?page no="169"?> D 1 Identifizierungsprobleme 169 D Analysen D 1 Identifizierungsprobleme D 1.1 „Zwischen den Zeilen“ - Zu den Unterschieden Lesen - Hören - (Hören und) Sehen Lucienberger kann keine bloße Rezitation seines Textes mit verteilten Rollen beabsichtigt haben. Seine Dramatisierung der Aeneis rechnet mit einer szenischen Darbietung. Und für eine solche Aufführung muss der Regisseur (oder wie man den damaligen Spielleiter sonst nennen mag) den Prätext heranziehen: die originale Aeneis Vergils. Er muss nämlich sozusagen das berücksichtigen, was in meiner kombinierten Simultanausgabe TC / Aen. „zwischen den Zeilen“ steht, nämlich zwischen den in größerem Schriftgrad (Punkt 14) gebrachten Versen der Dramatisierung Lucienbergers (die meist, aber nicht immer Originalverse Vergils wiedergeben bzw. sie leichter oder stärker transformieren) und den in kleinerem Schriftgrad (Punkt 10) gebotenen Zeilen dazwischen, die die von Lucienberger übergangenen Verse der Aeneis bieten. Ohne Berücksichtigung dieser „Zwischentexte“, also der originalen Aeneis-Verse, die Lucienberger nicht in seinen dialogisierten Text übernommen hat, wäre Lucienbergers dramatisierte Aeneis-Version nicht verständlich. Die von Lucienberger übergangenen originalen Vergil-Partien werden allerdings zum Teil - das gilt jedenfalls für ausgesprochene Action-Szenen - kompensiert durch knappe Zwischentexte in Prosa, 44 die erzählenden oder beschreibenden oder auch (an den Rezitator oder die Schauspieler gerichteten) auffordernden Charakter haben. Sie werden gemeinhin „Regiebemerkungen“ genannt und näher in → Kap. D 11 behandelt. Im jetzigen Zusammenhang geht es um das Problem der Verständlichkeit des gelesenen oder gesprochenen Textes der TC (und der eventuellen Rolle der „Regiebemerkungen“ dabei). Als Beispiel diene die Szene T C X- 3 . Es muss von vornherein skeptisch gegenüber dem sonst offensichtlichen Bestreben Lucienbergers machen, in seiner Dramatisierung die Handlung der Aeneis Vergils umfassend und getreu wiederzugeben, dass den nur 79 Hexametern von Lucienbergers TC X-3 im Original bei Vergil (in Aen. 12,161-560) nicht weniger als 400 Verse entsprechen. Das ist die krasseste Abweichung in 44 Diese sind in meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. eingerahmt und kursiviert, vgl. → Kap. C 1.1. <?page no="170"?> 170 D Analysen allen 67 Szenen Lucienbergers vom Umfang seines Prätextes, der jeweils entsprechenden Partie in der Aeneis Vergils. Selbst wenn man den ganzen zusammenhängenden Block der Aeneis-Verse 12,441-560 mit der Schilderung der Taten des Aeneas und des Turnus im wieder aufgeflammten allgemeinen Kampf zwischen den Trojanern und den Latinern ausklammert, den Lucienberger in toto übergeht, sollen die 79 Hexameter Lucienbergers noch immer (mit Aen. 12,161-440) 280 Hexameter Vergils wiedergeben. Die auf 79 Verse verkürzte Version Lucienbergers enthält in TC X-3, zunächst ohne Berücksichtigung der prosaischen Zwischentexte, Äußerungen von 7 einzelnen Personen und dazu zwei Verse ( TC 10,3,044 f.), die dem Kollektiv der RUTULI in den Mund gelegt werden. Es sind laut dem Personenverzeichnis AENEAS , LATINUS , IUTURNA , TOLUMNIUS , MESSAPUS , TURNUS und IAPIS (Iapyx). Ein Zuhörer bei einer Rezitation wird hier, schon ganz am Schluss der TC , die Hauptpersonen Aeneas und Turnus, gewiss dazu König Latinus, vielleicht auch noch Messapus (der zuvor schon in den vier Szenen TC VI -8, VII -7, VIII -7 und IX -4 aufgetreten ist) auch unabhängig vom Inhalt ihrer Äußerungen erkennen. Anders steht es mit den restlichen drei Personen. Juturna wird im gedruckten Text als Iuturna mutata in Camertem bezeichnet, kann jedoch vom Zuhörer nicht konkret identifiziert werden (vgl. zu diesem Sonderfall → Kap. D 1.5, dort Fall D). Tolumnius und Iapyx sind für den Zuhörer anonyme Figuren, zumal beide nur in dieser einen Szene TC X-3 auftreten. Allenfalls lassen die vier Hexameter TC 10,3,067-070 (= Aen.12,425-429, ohne 12,426), die im Text einem IAPIS zugeschrieben werden, vielleicht auf einen Arzt schließen. Was nun vernehmen die Zuhörer, sozusagen mit geschlossenen Augen? Zunächst legt (der den Zuhörern wohlbekannte) AENEAS (TC 10,3,001-019 = Aen. 12,276-194) am Altar einen Schwur ab, der die beiden möglichen Folgen des Entscheidungsduells zwischen Aeneas und Turnus betrifft: Wenn Turnus siegt, werden die Trojaner Latium räumen und zu dem befreundeten König Euander ziehen. Wenn Aeneas siegt, wird er nicht die Oberherrschaft der Trojaner über die Latiner beanspruchen, sondern nur eine Gleichberechtigung für sein Volk und für sich neben König Latinus. Darauf bekräftigt der König LATINUS ( TC 10,3,020-034 = Aen. 12,197-211), seinerseits schwörend, diese Vereinbarung, die auf einen ewigen Frieden zwischen Latinern und Trojanern hinausläuft. Dann wird der Zuhörer mit der Rede ( TC 10,3,035-043 = Aen. 12,229-237) eines Mannes oder einer Frau (je nachdem, ob der Sprecher als Camers oder als IUTURNA mutata in Camertem stilisiert auftritt, was aber für den Zuhörer gleichgültig ist) konfrontiert, der / die gegen den Vertrag zwischen Aeneas und Latinus protestiert: Turnus werde geopfert; dabei könnten die zahlenmäßig weit überlegenen Latiner die Trojaner leicht besiegen. <?page no="171"?> D 1 Identifizierungsprobleme 171 Die RUTULI (Latiner) stimmen als Kollektiv dieser Kritik zu (TC 10,3,044-045 = Aen. 12,242 f.): sie wollen den Vertrag auflösen und kämpfen; das Los des Turnus sei ungerecht. Ein einzelner Rutuler (dass er TOLUMNIUS heißt, erfährt der Zuhörer nicht, es ist auch in diesem Fall gleichgültig) erklärt (TC 10,3,046-052 = Aen. 12,259-265), er sehe die Götter am Werk: unter seiner Führung sollten die Rutuler den Kampf gegen die Trojaner wieder aufnehmen; sie würden die Feinde zur Flucht übers Meer zwingen. So weit ist die Handlung in den Versen Lucienbergers, die ausnahmslos fast wörtlich aus dem Original Vergils übernommen sind, gut nachvollziehbar; die fünf Reden bilden einen einleuchtenden Zusammenhang: auf den doppelt, durch beide Partner Aeneas und Latinus, bekräftigten Vertragsschluss folgt von latinischer Seite aus ein Aufruf zur Ablehnung des angeblich die Trojaner begünstigenden Vertrags, das Akzeptieren dieser Kritik durch die Masse des latinischen Heeres und eine weitere Verstärkung des Standpunktes, die Trojaner in erneuertem Kampf in die Flucht zu schlagen, durch einen Mann, der sich sogar zum Führer des Widerstandes gegen die Trojaner anbietet. Dass Lucienbergers Adaption des vergilischen Prätextes soweit konsistent und überzeugend wirkt und ein Zuhörer (fast) nichts vermisst, obwohl Lucienberger mehrere Partien Vergils ausgelassen hat (die Einleitung in die Situation am Altar, wo der Vertrag abgeschlossen wird, durch Aen. 12,161-175, später dann besonders Aen. 12,212-228 und 12,244-258), hat einen einfachen Grund: Nicht nur bei Lucienberger, auch schon bei Vergil besteht die Handlung in dieser Szene weitgehend in einer Sprach handlung: es wird mit Worten agiert, nicht mit Waffen. Der 1. und der 2. Sprecher (Aeneas und Latinus) vertreten die Position „Frieden nach dem Entscheidungsduell“, die Einzelsprecher 3 ( Juturna / Camers) und 4 (Tolumnius) die Gegenposition „kein Entscheidungsduell, erneuter allgemeiner Kampf der Latiner gegen die Trojaner“. Zwei der drei längeren Partien der Aeneis, die Lucienberger ausgelassen hat, bringen nützliche, aber nicht unbedingt notwendige Informationen: zur Situation bei Beschluss und Beeidigung des Vertrages am Altar durch die Sprecher 1 (Aeneas) und 2 (Latinus); zur Identität der Sprecher 3 ( Juturna / Camers) und 4 (der Augur Tolumnius), ferner zur Einstellung des Kollektivs der Rutuler, die sie zur Fortführung des Kampfes geneigt macht und zu einer entsprechenden Proklamation führt. Von den drei längeren Partien seiner Vorlage, die Lucienberger nicht übernommen hat, ist nur eine Passage wichtig oder sogar notwendig. Ein aufmerksamer Zuhörer könnte sie vermissen, weil sie zum Verständnis einer Einzelheit im übernommenen Text beiträgt. Wenn der 4. Sprecher ( TOLUMNIUS ) sagt agnoscoque deos ( TC 10,3,047 = Aen. 12,260) wird sich ein Zuhörer, der nur den gegenüber Vergil reduzierten Text Lucienbergers vernimmt, fragen, worin denn <?page no="172"?> 172 D Analysen dieser Mann (von dem er weder weiß, wie er heißt, noch dass er Augur ist) ein Walten der Götter sieht. Es kann doch kein Bezug auf den 3. Sprecher sein, denn der Zuhörer kann ja nicht erkennen, dass dies die als Mann auftretende Nymphe Juturna ist. Für den unkundigen Zuhörer ist also dieses agnosco deos eine unerklärliche, im schlimmsten Fall tendenziös aus der Luft gegriffene Behauptung eines Aeneas-Gegners. Vergil aber hat sehr wohl eine Begründung für diese Behauptung des Tolumnius gegeben. Sie besteht bei ihm nicht darin, dass sich Tolumnius etwa auf das Eingreifen Juturnas (Redner Nr. 3 in dieser Szene) bezieht, denn dass Camers in Wirklichkeit Juturna ist, erfährt zwar der Leser der Aeneis, ist aber der epischen Figur Tolumnius nicht klar. Vielmehr knüpft Tolumnius an ein Geschehen an, das Vergil (in Aen. 12,244-258, unmittelbar vor der Rede des Tolumnius), aber nicht auch Lucienberger schildert und das sich vor den Augen der epischen Personen abspielt: ein bedeutungsvolles signum caelo (Aen. 12,245), das laut Vergil auf Juturna zurückgeht: Ein Adler verfolgt eine Schar Schwäne. Er schlägt einen der flüchtigen, doch die übrigen Schwäne kehren um und bedrängen ihn im Verein so, dass er seine Beute fallen lassen und selber die Flucht ergreifen muss. Dieses ungewöhnliche Geschehen im tierischen Bereich wird von den Latinern und auch von dem Augur Tolumnius als (wörtliches) augurium (Vogelzeichen) gedeutet, als Omen , als Zeichen der Götter für die Entwicklung auf der menschlichen Ebene (der „Adler“ Aeneas wird seine Beute Turnus fallen lassen müssen, wenn die vereinigten „Schwäne“ der Latiner sich geschlossen gegen ihn wenden). Wenn ein Zuhörer von diesem überirdischen Vogelzeichen wüsste, dann hätte die Beteuerung des Tolumnius agnosco deos für ihn einen guten Sinn. Aber er hört im rezitierten Text Lucienbergers nichts von einem Adler und einem Schwarm von Schwänen. Doch wenn er den gedruckten Text in VP 1576B lesen könnte, würde er mehr, würde er Hinreichendes wissen. Dort steht nämlich unmittelbar vor dem Beginn der Rede des Tolumnius (vor TC 10,3,046) ein einziges, aber vielsagendes Wort: Portentum . Das ist ein Verweis Lucienbergers auf ein übernatürliches Geschehen, aber ohne irgendeine nähere Aufklärung darüber, worin es besteht oder bestehen soll. Stehen etwa einem Latiner die Haare nicht nur zu Berge, sondern in Flammen (wie in Aen. II dem jungen Ascanius oder in Aen. VII der Prinzessin Lavinia oder in Aen. VIII dem Augustus in der Schlacht von Aktium)? Erscheint eine Schlange am Altar (wie in Aen. V am Sarkophag des Anchises)? Klirren Waffen am Himmel (wie in Aen. 8,520-540 beim „Zeichen der Venus“ für Aeneas und Euander)? Ein solches göttliches Zeichen würde auch hier in Aen. XII dem Tolumnius eine nur zu erwünschte göttliche Bekräftigung für seinen Aufruf an die Latiner geben, wieder zu den Waffen gegen die Trojaner <?page no="173"?> D 1 Identifizierungsprobleme 173 zu greifen. Der Leser aber weiß nichts davon; er könnte sich - wie ich hier - Beliebiges vorstellen und der Regisseur einer theatralischen Aufführung hätte ebenfalls die Möglichkeit, einen ungewöhnlichen Vorgang mit den ihm zur Verfügung stehenden theatralischen Mitteln - aber ohne Worte - zu inszenieren. All das wäre eine vom bloßen Text Lucienbergers, dem einen Wort Portentum , scheinbar eingeräumte Freiheit oder Willkür (auf Latein würde hier der Begriff licentia zu verwenden sein) für die Vorstellung oder die szenische Realisierung. Aber all diese Schwierigkeiten und all diese Willkür lösen sich auf, wenn man diese und andere „Regiebemerkungen“ Lucienbergers in seiner TC als Hinweis auf den Prätext, die originale Aeneis Vergils, auffasst. Die Funktion eines solchen bloßen Stichwortes wie Portentum , der Sinn eines solchen nichts- und zugleich viel-sagenden Hinweises ist: „Für das Nähere siehe den Kontext in Vergils Aeneis.“ Und in diesem Kontext, also vor der Berufung des Tolumnius auf das Walten der Götter mit agnoscoque deos in Aen. 12,260 = TC 10,3,047 wird ja bei Vergil das signum caelo (Aen. 12,245), der Kampf des einen Adlers mit einem Schwarm von Schwänen, geschildert - eine Episode, die Lucienberger im Text der TC übergangen hat. 45 Lucienberger hat hier in TC X-3 nicht erneut sein Vorbild Vergil so benutzt, wie er das in TC II -3 getan hatte. Bei seiner Darstellung eines anderen ähnlichen Vogelzeichens in der Aeneis (Aen. 1,393-400) hatte Lucienberger damals (nämlich in TC 2,3,083-090) direkt und unverändert die Vorlage Vergils übernommen. Allerdings ist die Situation in Aen. I anders. Dort schildert nicht der auktoriale Erzähler Vergil, wie sich eine Schar von zweimal sechs Schwänen vor der Bedrohung durch einen Adler retten kann. Vielmehr ist es die in der Gestalt einer jungen karthagischen Jägerin auftretende Venus, die ihren Sohn Aeneas in einer Rede, die mit aspice beginnt, dieses Geschehen ausmalt, also indirekt vor Augen führt (und es vorweg auf die Rettung von weiteren 12 Schiffen des Aeneas aus dem Seesturm interpretiert). In analoger Weise hätte Lucienberger in TC 10,3,046-052 auch seinen Tolumnius mit einem aspicite (belegt in TC 6,2,022) die innerliterarischen Augenzeugen, die Latiner, auf das Augurium von den Schwänen und dem Adler hinweisen lassen können und es gleichzeitig vor den Ohren der realen Zuhörer in deren Phantasie evoziert. 45 Einen ähnlichen Fall stellt das „Zeichen der Venus“, das Prodigium der unter Donnerschlägen am Himmel erscheinenden rotschimmernden Waffen in Aen. 8,524-539 dar. Lucienberger bietet in der Regiebemerkung nach TC 7,4,050 mit aliquot bombardae sonabunt nur das akustische, nicht das visuelle Moment. Anschließend fragt Euander (neu) in TC 7,4,051a Quidnam hoc est ? Diese Frage kann ein Leser allein des Textes der TC auch aufgrund der folgenden Deutung durch Aeneas in TC 4,4,531b-059 = Aen. 8,532b-540 schwerlich beantworten. <?page no="174"?> 174 D Analysen Es könnte allerdings sein, dass Lucienberger mit dem bloßen Stichwort Portentum vor TC 10,3,046 nicht auf die originale Aeneis als Prätext verweist, die weder den Zuschauern einer Aufführung der TC noch den Lesern der Buchausgabe der TC von 1576 direkt zugänglich ist, sondern auf einen oder zwei der Zusatztexte (Paratexte), die sowohl dem Leser der Buchausgabe direkt zur Verfügung stehen als auch dem Zuschauer oder Zuhörer einer Aufführung offenbar zu Gehör gebracht werden sollten: die beiden Zyklen von Inhaltsangaben der 10 Akte der TC (s. dazu → Kap. B 6). Von diesen ist die eine Serie, die metrischen Periochae, geschlossen der Ausgabe der TC vorangestellt ist, während die prosaischen Argumenta, die die andere Serie bilden, jeweils zu Beginn eines Aktes stehen. Mindestens einer dieser Zyklen wird bei einer Aufführung von einem Periocharum recitator vorgetragen, denn ein solcher Sprecher ist in der Personenbzw. Rollen-Übersicht (Scan 17) ausdrücklich vorgesehen (Näheres dazu s. im → Kap. E 2.5.3). Aber auch die beiden für Act. X der TC einschlägigen lateinischen Inhaltsangaben bringen keine näheren Angaben zu dem Portentum , das nach TC 10,3,045 mit diesem einen Wort „vorgesehen“ ist. In der jambischen Periocha (30 Verse) zu TC Act. X (Scan 24-25), s. → Kap. B 6.10.1, wird überhaupt kein Portentum erwähnt. In dem Distichon 13-14 wird nur allgemein berichtet, dass Juno den bereits einvernehmlich beschlossenen Entscheidungszweikampf zwischen Aeneas und Turnus verhindert. Mit (Iuno) movetque turbas maximas ist das Wiederaufflammen der allgemeinen Kämpfe zwischen den beiden Parteien gemeint; ein auslösendes Moment wird nicht genannt. Das weitaus ausführlichere prosaische Argumentum zu TC Act. X (Scan 268-270), s. → Kap. B 6.10.2, geht immerhin auf den Zwischenfall näher ein, der zum Bruch des Vertrages ( foedus ) führt, dass nicht mehr ein Kampf der Völker, sondern ein Zweikampf zwischen Aeneas und Turnus über die Zukunft entscheiden sollte: Id (sc. foedus) Iunonis impulsu a Iuturna Nympha, Turni sorore, in falsam Camertis imaginem conversa perturbatur: Primusque omnium Tolumnius augur, falso augurio certam suis victoriam promittens, unum ex Gelippi filiis hasta traijcit (Scan 268). Das ist in der Tat eine zutreffende Darstellung des Geschehens, aber worin das augurium falsum (= prodigium ) besteht, wird auch hier nicht gesagt. Übrigens geht diese Inhaltsangabe noch über den Text der TC hinaus, in dem nach TC 10,3,052 nichts von einem tödlichen Speerwurf des Tolumnius auf einen Sohn des Gelippus gesagt wird (wohl aber bei Vergil in Aen. 12,266-276). <?page no="175"?> D 1 Identifizierungsprobleme 175 D 1.2 Nicht identifizierbare Sprecher in der TC Die in dem späteren → Kapitel E 2.5.8 angestellten Überlegungen zur nötigen Zahl von Sprechern / Schauspielern bei einer wirklichen Aufführung der TC und zur Möglichkeit von „Einsparungen“ bei deren Zahl mögen „nur“ für die szenische Umsetzung des Textes wichtig sein, sie betreffen aber auch ein durchaus literarisches Problem: die mangelhafte Erkennbarkeit der sprechenden Personen in der TC . Es ist ein Problem, das sich gerade bei der Umsetzung eines erzählenden Epos (Aeneis) in ein Drama (die dialogisierte TC ) stellt. In der Aeneis erkennt der Leser für jede der vielen eingelegten direkten Reden sofort, wer der jeweilige Sprecher ist: Vergil nennt praktisch immer im hinführenden Text dessen Namen. Meist, vor allem beim ersten Auftreten der Figur, gibt der Kontext der Rede auch weitere Aufschlüsse über den Redner, etwa zu seinem Rang (e.g. rex ), seinem Wesen ( furia ), seiner Nationalität ( Graius ), seinem Alter ( iuvenis ), seiner Beziehung zum Adressaten ( pater, filius ), seiner Funktion ( nuntius, legatus, auch sacerdos ), seiner Beziehung zu anderen Figuren des Dramas ( socii, hostes ), seiner Erscheinung ( ingens ), seiner Stimmung oder Gemütslage ( maestus, tristior ), seinem Charakter ( pius ), zum Ton seiner Rede ( supplex ; suspirans imoque trahens a pectore vocem Aen. 1,371), zu seiner Haltung dabei ( duplicis tendens ad sidera palmas Aen. 1,93), zu seiner Absicht oder Wirkung ( maerentia pectora mulcet Aen. 1,197), zur Rezeption durch die Adressaten oder Zuhörer ( his animum arrecti dictis Aen. 1,579) usw. usw. In einem Drama wie der TC dagegen fallen all diese Zusatz-Informationen, die der epische Erzähler bietet, weg: Der Zuschauer ist allein auf die gesprochenen Worte der Akteure angewiesen, hat nur diese, um sich ein Urteil über Rang, Nationalität, Funktion, Stimmungslage usw. des Sprechers zu bilden. 46 Ein bloßer Zuschauer erfährt die Namen der Sprecher nicht, denn eine Figur wird im Stück nur sehr selten von einer anderen mit Namen angeredet. (Zu den Ausnahmen gehört die Vertraute Didos: Anna wird gleich dreimal, in TC 3,3,001 und in TC 3,5,088 und 115, mit Namensnennung angesprochen). Natürlich kennt ein Zuschauer auch die gedruckten Personen-Verzeichnisse für die 67 Einzelszenen nicht. Immerhin hat der Zuschauer einer Aufführung weitere Informationsmöglichkeiten als den bloßen Text, den er gesprochen hört: durch die Kleidung 46 Für den Leser des Dramen-Textes kommt allerdings noch die Information hinzu, die in der Angabe des Namens eines Sprechers liegt, nicht nur in dem jeder Szene vorangestellten Verzeichnis der Interlocutores , sondern auch vor jeder einzelnen gesprochenen Partie. Zudem werden in einigen wenigen Fällen die nackten Namen in den Verzeichnissen der Interlocutores , vor allem bei von Lucienberger neu eingeführten Nebenfiguren - von denen es in der TC 15 gibt (vgl. → Kap. D 3.1) - durch einen Zusatz näher erklärt, so in TC I-1 mit pastores zu Tityrus, Corydon und Meliboeus, in TC II-4 mit famulus Didonis zu Bicias oder in TC III-5 mit ancilla zu Phyllis und mit nutrix Didonis zu Barce. <?page no="176"?> 176 D Analysen und die sichtbare Aktion der Schauspieler, durch ihre Rollengestaltung und durch ihr Zusammenspiel mit anderen Figuren des Dramas usw., kurz gesagt: durch audiovisuelle Eindrücke. Ich bin mir nicht sicher, ob der gravierende Informationsvorsprung, den ein Leser der Buchausgabe TC durch die Namensangaben der Sprecher vor einem Zuschauer bei einer Aufführung der TC hätte, Lucienberger bewusst gewesen ist. Jedenfalls hätte er sich, wenn er die TC nur als Textbuch für eine Aufführung veröffentlichen wollte, mindestens bei seinen 15 Neuerfindungen von Figuren die Mühe sparen können, ihnen konkrete Namen zu geben. Es hätte z. B. genügt, die neuen Nebenfiguren am Hofe Didos als famulus , ancilla oder nutrix zu bezeichnen (statt sie eigens als Bicias, Phyllis, Barce zu benennen). Der Inhalt dessen, was z. B. in TC III-5 Phyllis und Barce sagen, die für einen Zuschauer nur anonyme Personen sind, lässt immerhin erkennen, dass mindestens „ Phyllis “ eine Dienerin ist, nicht aber, dass „ Barce “ die Amme Didos sein soll. Kein Zuschauer erkennt in TC II -4, dass der Mann, der nach seinen Äußerungen in TC 2,4,011-014 der Leiter der Baumaßnahmen in Didos neugegründetem Karthago ist, von Lucienberger in einer Neuerfindung „ Polyponus “ genannt wird. Dasselbe gilt in derselben Szene für den Präfekten (der Küstenwache oder generell der Garde) Didos, dem Lucienberger neu den Namen „ Hannibal “ gibt. Noch immer in derselben Szene TC II -4 wird von Lucienberger am Hof Didos ein dritter Sprecher eingeführt, den Lucienberger „ Bicias “ nennt und dem er zunächst nur einen halben Hexameter gönnt ( TC 2,4,049b). Aus seiner Aufforderung propius vos sistite, amici, die er an die von Ilioneus geführte Gruppe von Trojanern richtet, die der Seesturm von Aeneas getrennt, aber ebenfalls nach Karthago verschlagen hat, kann man nur schließen, dass er eine Art Haushofmeister ist. Im Verzeichnis der Interlocutores zu TC II -4 wird er als Bicias, famulus Didonis geführt. Immerhin wird bei seinem nächsten Auftritt in TC II -6 klar, dass er Bicias heißt: Dido redet ihn in TC 2,6,020 namentlich an, als sie ihn dazu auffordert, ihr einen bestimmten kostbaren Becher zu bringen (in Aen. 1,728 f. wendet sich Dido an keinen bestimmten Diener). Bicias tritt außer in TC II -4 und TC II -6 auch noch redend in TC III -3 und TC III -6 auf (vgl. → Kap. B 5.2). Für einen bloßen Zuschauer sind nicht nur die 15 Personen, die Lucienberger - vorwiegend für den Hof Didos - neu erfindet und neu benennt, fast immer (Bicias ist eine Ausnahme) anonyme Figuren, die er ebenso gut einfach nur als Poenus I, Poenus II oder Poenus III hätte bezeichnen können. Auch bei vielen Personen, die Lucienberger samt ihren Reden direkt aus der Aeneis übernommen hat, erfährt der Zuschauer den Namen nicht aus dem Dramentext der TC ; er kann ihn nur gedanklich ergänzen, wenn er die Vorlage, die Aeneis Vergils als Prätext, hinreichend im Gedächtnis hat. <?page no="177"?> D 1 Identifizierungsprobleme 177 Da ein Zuschauer es viel schwerer hat als ein Leser der TC , die Akteure namentlich zu identifizieren und bei erneutem Auftreten wiederzuerkennen, wird es sich ein Regisseur oder Ausstatter angelegen sein lassen, den Rang und die Funktion der Dramenfiguren durch ein charakteristisches (und gleichbleibendes) Kostüm oder Requisiten (wie Zepter oder Waffen) anzudeuten. Besonders die in der TC auftretenden Götter (vgl. dazu → Kap. D 12.4) dürften leicht identifizierbar sein, wenn ihnen ihre typischen Attribute beigegeben werden. D 1.3 Ein Beispiel für anonyme oder erkennbare Akteure: die erste Szene der TC ( TC I-1) Als Beispiel für die Probleme, die das Namen-Nennen in der gedruckten Ausgabe und das Namen-nicht-Kennen bei Zuschauern mit sich bringt, betrachte ich gleich die Auftaktszene der Tragicocomoedia ( TC I-1) mit ihren 157 Hexametern und mit 9 im Verzeichnis der Interlocutores namentlich aufgeführten Sprechern. Mir geht es vor allem darum, die Informationen zu rekonstruieren, die ein Zuschauer aus dem bloßen vorgetragenen Text gewinnen kann. Man wird sich das Gehirn etwaiger Zuschauer einer aufgeführten TC im letzten Viertel des 16. Jh.s und auch das aller denkbaren späteren Zuschauer bis zur Gegenwart nicht als tabula rasa vorstellen dürfen. Wer die Aufführung eines lateinisches Dramas mit einem Titel, der mit Inclyta Aeneis beginnt, besucht, muss Latein verstehen und hat deshalb auch gewisse Vorkenntnisse von dem wohl berühmtesten Werk der lateinischen Literatur. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass er die Handlung und die Akteure der Aeneis im Einzelnen im Gedächtnis präsent haben wird. (Das wird heutzutage nicht einmal bei Professoren der Lateinischen Philologie der Fall sein, wenn sie nicht gerade Vergil-Spezialisten sind.) Namen und Figuren wie Aeneas, Anchises, Julus / Ascanius, Laocoon, Dido, Turnus, wohl auch Priamus und Latinus, dazu Götter wie Jupiter, Juno und Venus werden einem humanistisch Gebildeten geläufig sein, damals wie heute. Aber auch z. B. Euander und Pallas, Mezentius und Lausus, Amata und Lavinia, Camilla? (Fragezeichen! ) Wer die Aufführung eines Dramas besucht (doch auch der, der die Buchausgabe der TC liest), das als Dialogisierung der „berühmten Aeneis“ Vergils angekündigt ist, wird die Erwartung mitbringen, dass darin von Trojanern, Griechen, Dido und Italikern gehandelt wird und dass das Meer, Karthago, (im Rückgriff) Troja und mehrere Irrfahrten-Stationen, Sizilien, Cumae und die Unterwelt und schließlich für etwa die Hälfte des Stückes Latium Schauplätze sein werden (die ich hier entsprechend der Reihung in der Aeneis nenne). <?page no="178"?> 178 D Analysen Gerade ein des Lateinischen Kundiger, der allgemeine Aeneis-Kenntnisse bei dem Besuch einer Aufführung der TC mitbringt, wird durch den Anfang der TC , durch die erste Szene ( TC I-1), überrascht sein und Mühe haben, die neue Ordnung der Dinge zu „re-konstruieren“. Allerdings ist er wahrscheinlich nicht ganz unvorbereitet. Denn wenn im gedruckten Personenverzeichnis für die TC ganz am Schluss (Scan 17 Praeterea ) ein Periocharum recitator vorgesehen ist (vgl. dazu → Kap. E 2.5.3b), wird man davon ausgehen dürfen, dass die von Lucienberger in jambischen Versen verfassten Inhaltsangaben der 10 Akte der TC (zu ihrem Inhalt vgl. → Kap. B 6, darin jeweils das erste Unterkapitel), jeweils zu Beginn eines Aktes rezitiert wurden (oder jedenfalls werden sollten). Aus der ihm vorgetragenen Inhaltsangabe des ersten Aktes konnte der Hörer oder der Zuschauer einer Aufführung (einerlei, ob als Rezitation oder auf der Bühne) entnehmen, dass die TC mit einer List der Griechen beginnen würde, mit dem / einem Hölzernen Pferd (das Stichwort equum grandem ligneum hört er bereits in Vers 5 der Periocha für TC I 47 ). Dann wird er das Geschehen beim Auftakt der dramatisierten Aeneis richtig einordnen können. Denn das dramatisierte Stück beginnt nicht mit dem Auftritt Junos und einem von ihr entfachten Seesturm, der die Trojaner vernichten soll (also nicht wie das 1. Buch der Aeneis, ab Aen. 1,34, nach dem Proömium), sondern ganz anders. Ein Zuschauer hört und sieht, dass irgendein Mann (nur ein Leser von VP 1576B sieht, dass er im Buch Tymoetes heißt) befiehlt (sinngemäß), „dieses Pferd“ in die Stadt zu „führen“ und dort auf der Burg ( arce ) aufzustellen; dass ein zweiter Mann (für den Leser: Capys) aber anrät, es als hinterhältiges Geschenk der Griechen zu verbrennen oder jedenfalls das dunkle Innere dieses verdächtigen Pferdes zu untersuchen ( TC 1,1,001-004, zwei knappe Äußerungen, die sinngemäß mit wörtlichen Anlehnungen aus der Erzählung des Aeneas in Aen. 2,33-38 übernommen sind). - Der Zuschauer und auch der Leser hat also vor seinem wirklichen oder seinem geistigen Auge ein brennbares, also hölzernes, von Griechen „geschenktes“ Pferd, das man in eine befestigte Stadt an eine ehrenvolle Stelle ziehen oder aber als verdächtig vernichten oder näher untersuchen soll. Jedem einsichtigen Rezipienten, sogar noch einem solchen des 21. Jahrhunderts, wird klar sein, dass es sich um das berühmte Hölzerne Pferd handelt, das die Griechen vor Troja aufgestellt haben, und dass die beiden Männer, bei denen es sich um Trojaner handeln muss (dass sie im Buch Tymoetes und Capys und auch in der Aeneis Thymoetes und Capys heißen, ist 47 Auch wenn die Periocha für TC I (mit 7 Scenae und insgesamt 996 Hexametern) immerhin 40 jambische Verse lang ist und der Hörer kaum alles davon behalten wird, dürfte er die Verse des Anfangs über den Einsatz der Handlung am ehesten im Gedächtnis behalten. <?page no="179"?> D 1 Identifizierungsprobleme 179 für das Verständnis unerheblich), eine Diskussion darüber beginnen, was die Trojaner mit diesem (sprichwörtlich gewordenen) Danaer-Geschenk anfangen sollen. (Entsprechende divergierende Vorschläge - ehrende Aufnahme oder aber Untersuchung und Vernichtung - erwähnt auch Vergil in Aen. 2,33-39, aber als Referat, sozusagen in indirekter Rede, nicht als Äußerung des Thymoetes bzw. Capys in direkter Rede.) Dem Autor Lucienberger ist es tatsächlich mit diesen wenigen Versen gelungen, dem Rezipienten vor Augen zu führen, dass sein Stück, die TC , anders als die Vorlage, die Aeneis, am letzten Tag des Trojanischen Krieges vor Troja (und nicht, wie die Aeneis, sieben Jahre später im „Himmel“ und auf dem Meer zwischen Sizilien/ Latium/ Libyen) einsetzt. (Ein Literarhistoriker wird die Vermutung haben, dass Lucienberger den ordo artificialis Vergils, der die Geschichte vom Hölzernen Pferd erst in Aen. II als Schilderung des Aeneas in nachholender Erzählung 7 Jahre später in Karthago am Hofe Didos bringt, aufgegeben und den sog. ordo naturalis , die chronologische Ordnung, nämlich Fall Trojas - Irrfahrten - Karthago-Episode - zweiter Aufenthalt in Sizilien, hergestellt hat. Diese Vermutung wird durch die Reihung der Ereignisse im weiteren Fortgang der TC bestätigt.) Dies ist so weit, finde ich, ein aufschlussreicher und damit gelungener Auftakt Lucienbergers für seine Reihung ( ordo ) der ihm durch Vergil überlieferten und damit vorgegebenen Ereignisse. In die Anfangssituation greift aktiv ein dritter Mann ein, der emphatisch (im Sinne des zweiten Sprechers Capys) dazu aufruft, dem Hölzernen Pferd zu misstrauen und es als hinterlistige Machination der griechischen Feinde zu behandeln (TC 1,1,005-012, wörtlich aus Aen. 2,42-49 übernommen, dort wie hier eine Rede des Akteurs). In einer „Regiebemerkung“ schreibt Lucienberger vor, dass dieser Mann eine Lanze auf das Hölzerne Pferd schleudert, es also als tückisches „Geschenk“ von Feinden betrachtet und zugleich mit einer In(tro)spektion beginnt. - Hier wird jeder Zuschauer diesen Mann so benennen können, wie ihn die Personenbezeichnung im Buch ausweist: der Warner ist Laocoon, die bis zum heutigen Tag wohl berühmteste (noch mehr als Aeneas selbst! ) Figur der Aeneis. (Er ist Akteur in der sog. ersten Laocoon-Szene; eine zweite folgt später ab TC 1,1,137-143, wo das epische Geschehen, wie zwei Schlangen Laocoon und seine beiden Söhne töten, nicht von Augenzeugen geschildert - diese geben nur Deutungen, keine Beschreibung -, sondern vom Autor Lucienberger in einer vorangestellten Regiebemerkung in erzählender Form geboten wird.) Für die nächste Phase des Geschehens hätte ein Zuschauer bessere Verständnishilfen als ein L e s e r, der nur den Text der TC vor sich hat: Der Leser kann erst mit einiger Anstrengung dem Text entnehmen, dass drei Männer, welche als Tityrus, Corydon und Meliboeus Namen tragen, die als solche von Hirten <?page no="180"?> 180 D Analysen aus Vergils Eklogen (ecl. 1 und 2), 48 aber nicht aus der Aeneis bekannt sind, auf dem Feld vor Troja (in agris TC 1,1,013) einen verdächtigen Mann verhaften und vor den (trojanischen) König führen. Er hat sich (mit wörtlich aus Aen. 2,69-72 übernommenen Versen) als von den Griechen ausgestoßen hin gestellt; die Sprecherbezeichnung im gedruckten Text weist ihn als Sinon aus. - Ein Z u s c h a u e r braucht das Aufgreifen Sinons durch einige Trojaner nicht zu erschließen, es wird ihm vom Regisseur (der sowohl die TC wie die Aeneis gelesen haben wird) direkt vor Augen geführt. Was es mit diesem aufgegriffenen Griechen auf sich hat, erfährt der Zuschauer wie der Leser auf die Frage des Königs durch Reden Sinons in aller Ausführlichkeit. Dass dieser König Priamus heißt, wird dem Zuschauer nicht direkt gesagt, aber durch spätere Erwähnungen, sogar schon gleich in Sinons Rede in TC 1,1,133 = Aen. 2,191 hinreichend klar gemacht. (Vielleicht erinnert sich mancher Zuschauer auch aus eigener Vorkenntnis der Aeneis an den Namen.) Die Reden Sinons (mit Zwischenbemerkungen des Priamus) reichen von TC 1,1,024 bis 036, alles ist wörtlich aus der Aeneis übernommen. Hier liegt sogar der seltene, doch für eine Identifizierung ideale Fall vor, dass sich eine Figur selber mit Namen vorstellt: miserum … Sinonem ( TC 1,1,026 = Aen. 2,79). Die folgende sog. zweite Laocoon-Szene mit der scheinbar verdienten Bestrafung des Warners Laocoon, den zwei monströse Schlangen zusammen mit seinen beiden Söhnen töten, wäre für einen bloßen Leser ohne die vorausgehende Regiebemerkung Lucienbergers (vor TC 1,1,137) nicht verständlich. Weder die Worte Laocoons selber noch die des hier erneut (wie im ersten Vers TC 1,1,001) sprechenden Augenzeugen Tymoetes lassen erkennen, worin denn die monstra (so Laocoon in TC 1,1,137) bzw. die meritae poenae (so beurteilend, nicht erzählend, Tymoetes in TC 1,1,140, wiederholt vom Volk in TC 1,1,143) bestehen. (Übrigens fällt hier auch in der TC der Name des Laocoon, sogar gleich dreimal: TC 1,1,140 f. 143 - ein Zuschauer, der ihn eventuell doch nicht kannte, erfährt ihn wenigstens ganz am Ende seiner beiden Auftritte.) Bei einer Aufführung hätte ein Regisseur Probleme, den Zuschauern das Geschehen verständlich zu machen, wenn er nicht irgendwie die Schlangen (im Bild? ) erscheinen lassen kann. Den Zuschauern ist die (gedruckte) Regiebemerkung ja nicht bekannt; sie sind darauf angewiesen, dass der Regisseur sie bei der szenischen Darstellung irgendwie umsetzt. Das ist bei übernatürlichen Erscheinungen schwer oder gar nicht möglich. 48 Ein bloßer Zuhörer bei einer Rezitation erfährt die Namen dieser Männer aber nicht, denn sie werden in der TC nicht mit Namen angeredet. Die kleine zusätzliche Huldigung an Lucienbergers Vorbild Vergil ist also nur aus dem gedruckten Text ersichtlich. <?page no="181"?> D 1 Identifizierungsprobleme 181 Am Schluss dieser Szene hatte Lucienberger die Aufgabe, die Schilderung Vergils (bzw. genau genommen des vor Dido rückgreifend erzählenden Aeneas) in Aen. 2,234-245 in dialogischer Umformung wiederzugeben. Er musste also darstellen, wie das Hölzerne Pferd entsprechend dem vermeintlichen göttlichen Fingerzeig und entgegen den Warnungen Laocoons tatsächlich in die Stadt hineingezogen und auf der Burg von Troja aufgestellt wird, obwohl es an der Stadtpforte viermal zum Stehen kommt und aus seinem Bauch Waffenklirren zu vernehmen ist. Lucienberger wendet dafür nicht die literarische Technik der „Mauerschau“ an, also die Schilderung durch eine zuschauende Person (womöglich von einem erhöhten Standpunkt wie einer Mauer aus), sondern begnügt sich mit einer anderen Technik, zu der er häufig greift: Er lässt eine bestimmte Handlung durch eine Person (hier wieder Tymoetes in TC 1,1,144) ankündigen oder befehlen, ohne den Vollzug oder gar Einzelheiten der Ausführung zu verbalisieren. Den Schluss der Szene (TC 1,1,146b-157) hat Lucienberger frei erfunden, wenn auch aus Anregungen Vergils entwickelt. Diese Partie ist ohne weiteres für Zuschauer wie für Leser verständlich: Der König (Priamus) ordnet jetzt, wo die Belagerung durch die Griechen beendet ist, ein Freudenfest an. Cassandra aber verkündet, man werde über das Meer hin das „Abendland“ ( Hesperia ) suchen müssen. Ein (für Zuschauer anonymer) Trojaner, der in der gedruckten TC als Anchises (der Vater des Aeneas) identifiziert wird (seine kaum zwei Verse in TC 1,1,151 f. konnten bei einer Aufführung aber ohne weiteres von Tymoetes übernommen werden), wiederholt diese Ankündigung und nennt dabei den Namen der Prophetin, Cassandra (eine Tochter des Königs Priamus), drückt aber gleichzeitig seinen Unglauben aus, indem er sie als furiis agitata bezeichnet. Auch der König weist die Prophezeiung für seine Person zurück und rät Cassandra höhnisch, sie solle selber Latium aufsuchen. (Dass Priamus hier in TC 1,1,152b das vage Hesperia Cassandras zu Latium präzisiert, ist genau genommen ein Fehler Lucienbergers: Priamus weiß nichts von Latium, wohl aber der Aeneis-Leser Lucienberger, der die Zukunft kennt.) Cassandra aber wiederholt ihren Vorblick, variiert dabei Hesperia zu Ausonia und Itala regna und kündigt in dunkler Drohung an, die Trojaner würden, ermattet vom Fest schlafend, unversehens eine harte Lektion erteilt bekommen. Mit dieser Prophezeiung der Überwältigung der schlafenden Trojaner durch die Griechen, die sich in der nächsten Szene ( TC I-2) bewahrheiten wird, schließt die Auftaktszene der TC . Die ganze Schlusspassage der ersten Szene der TC , schon gar das Auftreten Cassandras in dieser Situation, ist weitgehend ohne Vorbild bei Vergil, entwickelt aus den beiden schlichten Verse Vergils in Aen. 2,247f . tunc etiam fatis aperit Cassandra futuris / ora dei iussu non umquam credita Teucris . (Eine solche freie Gestaltung gerade von Szenen-Schlüssen ist mehrfach in der TC <?page no="182"?> 182 D Analysen zu beobachten.) Dass Cassandra eine Prophetin ist, der man nicht glaubte, ist allerdings ein Motiv, das Lucienberger in der Aeneis vorgefunden hat, doch an anderer Stelle: in Aen. 3,182-187. Dort erinnert sich Anchises während der Irrfahrten, auf Creta, an oftmalige prophetische Hinweise Cassandras auf Hesperia und Itala regna (was Lucienberger später in TC 1,5,034-039 an entsprechender Stelle, bei der Dialogisierung der Irrfahrten, auch wörtlich wiederholt). Lucienberger hat auch in diesem Einzel-Punkt (wie im Großen durch das Vorziehen der Eroberung Trojas und teilweise auch der Irrfahrten, also von Aen. II und III , an die Spitze seiner dramatisierten TC ) den ordo naturalis beachtet, indem er diese Prophetie Cassandras zusätzlich auch suo tempore berücksichtigt, wenn er sie bereits in TC I-1, am Vorabend des Untergangs Trojas, auftreten lässt. Er nimmt dabei in Kauf, dass sie damit eine Doppelung zu der (auch von Lucienberger in TC I-2 beibehaltenen) Prophezeiung Creusas, der ins Jenseits entrückten Gattin des Aeneas, darstellt. Schon in dieser ersten Szene der TC begegnen wir Beispielen für mehrere literarische Verfahren Lucienbergers, zu denen er bei seiner Dramatisierung des Epos Vergils greift: das Ignorieren der Problematik der namentlichen Identifizierung der Personen; das Umformen eines Referats über Äußerungen bestimmter Personen in direkte Rede derselben Figuren; das Umsetzen einer Schilderung Vergils in Äußerungen von dramatis personae , von Figuren, die an der Handlung als Akteure oder Zuschauer beteiligt sind; das Ersetzen einer epischen Handlung durch eine entsprechende Ankündigung oder aber durch eine Regiebemerkung; das Streben nach chronologisch korrekter Abfolge; das Ausgestalten von Andeutungen Vergils zu freien Dialog-Erfindungen Lucienbergers (vor allem am Schluss einer Szene). Es ist für mich unmöglich und auch für meine Leser unnötig, alle 67 Szenen der TC in dieser ausführlichen Weise zu analysieren. Ich werde mich darauf beschränken (müssen), an geeigneten ausgewählten, besonders aufschlussreichen Stellen diese und weitere literarische Techniken Lucienbergers bei seiner Gattungstransformation des Epos Vergils in ein Drama (oder jedenfalls in ein durchgehend dialogisiertes Stück) vorzuführen. D 1.4 Wer ist wer - Das Problem der Identität der sprechenden dramatis personae: Namen für anonyme Akteure Für einen Dramatiker ist es ein gewisses Problem, die Zuschauer / Zuhörer die Rolle der auftretenden dramatis personae erkennen zu lassen (vgl. dazu → Kap. D 1.2). Manche Identitätshinweise können durch nicht-verbale Mittel gegeben werden, besonders durch Kleidung (ein König wird sich darin signifikant von einem gewöhnlichen Krieger unterscheiden) oder Gestik (wenn ein älterer <?page no="183"?> D 1 Identifizierungsprobleme 183 Mann zärtlich eine junge Frau umarmt, wird es sich - nicht unbedingt, aber am ehesten - um seine Tochter handeln). Doch den Namen eines Akteurs auf der Bühne kann ein Zuschauer / Zuhörer nur dann und nur dadurch erfahren, wenn er von einer anderen Person auf der Bühne ausgesprochen wird, sei es (a) in direkter Anrede oder (b) bei der Ankündigung seines Auftritts oder (c) in Äußerungen über ihn als Abwesenden. In Ausnahmefällen stellt sich ein Akteur auch selber namentlich vor (wie etwa Sinon in TC 1,1,026 = Aen. 2,79). - Ein Epiker aber hat es einfacher: als „allwissender“ Erzähler gibt es für ihn keinerlei Probleme, den Namen einer handelnden Person zu nennen, bevor, während oder nachdem sie handelt. Lucienberger scheint in seiner Tragicocomoedia selber dem Trugschluss zu erliegen, dass es genüge, in der gedruckten Ausgabe von VP 1576B jeweils zu Beginn einer neuen Szene die Namen der darin auftretenden dramatis personae zu nennen, so etwa an der Spitze von TC I-1 folgende neun, die offensichtlich in der Abfolge ihres Auftretens angeordnet sind: T(h)ymoetes, Capys, Laocoon, Sinon proditor, Tityrus, Corydon et Meliboeus pastores cum aliis pastoribus, Priamus rex, Cassandra vates . 49 Doch der Zuschauer einer Aufführung erfährt weder die Namen der beiden zuerst auftretenden Trojaner Thymoetes und Capys (die in diesem Zusammenhang tatsächlich in der Aeneis vorkommen) noch die der drei trojanischen Hirten (die ohnehin nicht in der Vorlage, der Aeneis, stehen, sondern als typische Hirtennamen aus Vergils Bucolica übernommen sind), geschweige denn die der weiteren anonymen Hirten ( cum aliis pastoribus ). Aber das schadet auch nichts: es kommt nicht auf die Namen an, sondern auf ihre Nationalität (alle sind offensichtlich Trojaner) und auf das, was sie tun (sich streiten über die Behandlung des Hölzernen Pferdes; einen zurückgebliebenen Griechen verhaften). Es hätte auch genügt, sie im Stile späterer Rollenverzeichnisse von Nebenfiguren in Opern „1., 2. Trojaner“ bzw. „1., 2., 3. Hirte“ zu nennen. 50 Was Lucienberger den drei Hirten in den Mund legt, nämlich die Entdeckung eines Fremden auf den Feldern, den Beschluss, ihn dem König vorzuführen, damit er gesteht, welche Hinterlist die Griechen im Schilde führen, und ihn zu fesseln, damit er nicht entkommen kann, ist eine (gelungene) dramatische 49 Die gedruckte Ausgabe VP 1576B betrachtet im Lichte ihrer Zeichensetzung und der Großschreibung CASSANDRA, VATES als zwei Personen. Da in dieser Auftaktszene TC I-1 aber gar kein Vates auftritt, muss man CASSANDRA vates (wie SINON proditor ) als 1 Person verstehen. 50 Auch der Anchises, der in TC 1,1,151 echo-artig die Weisung der Prophetin Cassandra (TC 1, 1,150), nach Hesperien zu fahren, wiederholt, ist nicht unbedingt als Individuum (als Vater des Aeneas, mit dem zusammen er tatsächlich dieser Weisung folgen wird) zu betrachten, sondern so könnte fast ebenso gut ein anonymer Trojaner sprechen. Und in gewisser Weise existiert dieser Sprecher Anchises in TC I-1 auch gar nicht: er ist im Personenverzeichnis dieser Szene in VP 1576B vergessen worden! <?page no="184"?> 184 D Analysen Umsetzung der schlichten Erzählung des Aeneas bei Vergil in Aen. 2,257f . Ecce, manus iuvenem interea post terga revinctum / pastores magno ad regem clamore trahebant . Aus den Äußerungen der drei Hirten kann jeder Zuhörer erschließen, was sie mit dem aufgefundenen Griechen tun - auch wenn das gar nicht auf der Bühne gespielt, sondern nur rezitiert würde. Für viele der etwa 150 dramatis personae , die Lucienberger an der Spitze seiner 67 Szenen namentlich nennt, gilt dieselbe Beobachtung und zugleich dieselbe Entschuldigung: Wer eine Aufführung oder Rezitation der Tragicocomoedia erlebt, weiß nicht, welchen Namen diese Sprecher von Nebenrollen führen, doch das ist nicht weiter störend: Vielleicht (bei einer wirklichen Aufführung) ist aus der Kleidung, gewiss aber aus dem Inhalt der Äußerung zu erschließen, welcher Personen-Typ spricht: ein Krieger, ein Führer, ein Priester oder Prophet, eine Vertraute / Amme / Schwester, ein Sohn usw. Grundsätzlich anders steht es um die Identifizierung der Hauptpersonen und anderer individueller Charaktere. Das sollte man jedenfalls erwarten. Dass der Zuhörer (a) den griechischen „Verräter“ Sinon, (b) den trojanischen Priester Laocoon, (c) den trojanischen König Priamus und (d) die Unglücksprophetin Cassandra in TC I-1 als solche identifiziert, ist unabdingbar für das Verständnis. Und Lucienberger leistet in der Tat eine solche oder jedenfalls eine hinreichende Aufklärung: (a) Sinon stellt sich selber namentlich vor, mit den Worten Vergils in Aen. 2,79 = TC 1,1; 026; (b) Laocoon ist zwar nicht bei seinem ersten Auftreten, als er das Hölzerne Pferd verdächtigt und bedroht, namentlich zu identifizieren, wohl aber nachträglich bei seiner zweiten „Szene“, als er das Opfer von monströsen Schlangen wird: sowohl Thymoetes ( TC 1,1,140 f.) wie das Volk ( TC 1,1,143) nennen ihn bei Namen. (c) Priamus’ Name fällt zwar nicht direkt (trotz TC 1,1,133 = Aen. 2,191), aber - was wichtiger ist - seine Stellung als König von Troja ist von vornherein klar, da die drei Hirten ja ankündigen, sie würden den gefangenen Griechen dem König vorführen ( ad regem ducamus eum ). (d) Cassandra wird unmittelbar nach ihrer ersten einzeiligen Prophezeiung von „Anchises“, der ihre Worte wiederholt, in TCC 1,1,152a (neu) mit Namen genannt. Das andersartige Problem, ob die innerhalb eines Epos oder eines Dramas sprechenden Personen den Namen einer anderen Figur kennen, wird gesondert, vor allem in → Kap. D 3.4, erörtert. D 1.5 Götter als Menschen: Identifizierungsprobleme Vor besonderen Transformations-Problemen stand Lucienberger, wenn in der Aeneis Gottheiten in Gestalt eines bestimmten Menschen agieren. Bei Vergil treten mehrere Gottheiten in Gestalt bestimmter Menschen redend auf. Das sind (vgl. Appendix 5, S. 340 bei Highet, 1972): <?page no="185"?> D 1 Identifizierungsprobleme 185 (A) Allecto als Calybe Aen. 7,421-434 (B) Apollo als Butes Aen. 9,653-656 (C) Iris als Beroe Aen. 5,623-640 (D) Juturna als Camers Aen. 12,229-237 (E) Juturna als Metiscus Aen. 12,625-630 (F) Somnus als Phorbas Aen. 5,843-846 (G) Venus als Jägerin bei Karthago Aen. 1,321-324; 1,335-370; 1,387-401 Vergil bietet in allen diesen sieben Fällen die Identifizierung des Menschen, in dessen Gestalt die Gottheit auftritt (also im wörtlichen Sinne des lateinischen Begriffs: die persona ) in auktorialer Erzählung. Das kann Lucienberger nicht direkt übernehmen. Sein Transformationsverfahren (auch hier wörtlich zu verstehen) ist unterschiedlich. Im F a l l (A ) verzichtet Lucienberger darauf (oder: scheitert an dem Problem), die einem konkreten und mit Namen genannten Menschen ähnliche Gestalt der Gottheit zu erwähnen. Er bietet zwar nicht den Namen der Greisin, in deren Gestalt die Furie A l l e c t o bei Turnus zunächst auftritt (Vergil nennt ihn einmal: Calybe laut Aen. 7,419), aber aus der von ihm gebotenen, wörtlich und ungekürzt aus Vergil übernommenen dialogischen Auseinandersetzung zwischen Allecto und Turnus in TC VI -6 geht klar hervor, dass Turnus zuerst eine greisenhafte Juno-Priesterin vor sich sieht, dann aber, nach einer Epiphanie der wahren Allecto, eine Furie: sie enthüllt sich (mit einem „ en“ als Aufmerksamkeit heischendem Signal) als dirarum ab sede sororum kommend (Aen. 7,454 = TC 6,6,026). Zwar übernimmt Lucienberger in Allectos Selbstvorstellung nicht die Beschreibung einer Furie, zumal des charakteristischen Schrecken einflößenden Schlangen-Haares, wie sie Vergil in den Versen Aen. 7,447-451 bietet. Der Leser des gedruckten Buches von 1576 muss sich entweder selber ein Bild von einer Furie aus der Unterwelt machen oder z. B. das Original Vergils heranziehen. Der Regisseur einer szenischen Aufführung der TC jedenfalls hat in dem Originaltext Vergils mit der näheren Beschreibung eine Anleitung dafür, wie die persona Allectos aussehen sollte. Generell wird man gerade aufgrund dieses Falles sagen können: Wie die persona der Schauspieler bei einer realen Theateraufführung der Dramatisierung Lucienbergers ausgesehen hat , bleibt zwar Spekulation. Aber wenigstens manchmal bietet der dialogisierte Text Lucienbergers - und öfter noch das epische Original Vergils - hinreichend Anweisungen dazu, wie gestaltet eine solche persona auftreten sollte . Ob eine reale szenische Aufführung das durch das Lesen oder Hören des Textes evozierte „Theater im Kopf “ (des Rezipienten) <?page no="186"?> 186 D Analysen bestätigt, ist weniger wichtig. Bei einer bloßen Rezitation von Lucienbergers Text (oder auch dem Text des vergilischen Originals) ist ohnehin nur das „Theater im Kopf “ möglich. Die Bühne für das dramatische Spiel ist, metaphorisch ausgedrückt, der Raum zwischen den beiden Ohren des Rezipienten, nicht der zwischen den beiden Augen. 51 Den F a l l ( B ) A p o l l o / B u t e s hat Lucienberger anders gelöst oder besser: behandelt. Wieder wird bei Vergil erzählt, diesmal sogar ausführlich (Aen. 9,638-658), dass Apollo vom „Äther“ aus Zeuge der ersten kriegerischen Tat des jungen Ascanius ( Julus) wird, der mit einem Pfeilschuss den die Trojaner schmähenden Schwager des Turnus, Numanus Regulus, tötet. Apollo preist dann auf der Erde in Gestalt des Butes, des alten trojanischen Waffenmeisters, Ascanius ob seiner Ruhmestat, warnt ihn aber davor, sich weiter am Kampf gegen die angreifenden Latiner zu beteiligen. Darauf entschwindet Apollo wieder in die Lüfte. Bei Vergil ist die Epiphanie eines Gottes evident. Bei Lucienberger aber ist der Hinweis auf die Identität Butes = Apollo auf die bloße Regiebemerkung vor TC 7,7,083 Apollo mutatus in Buten senem accedit reduziert, die nur einem Leser zugänglich ist. Aus den bloßen Worten selber, die Lucienberger Butes sprechen lässt ( TC 7,7,083-091 = Aen. 9,641-644. 653-656), ist nicht ersichtlich, dass es Worte eines Gottes sind. Auch im Personenverzeichnis für TC VII -7 ist nur von BUTES die Rede, nicht von einem APOLLO mutatus (wie man das in Analogie etwa zu TC II -4 MERCURIUS mutatus = senex laut der Regiebemerkung vor den neu gedichteten Versen TC 2,4,031-037; zu TC IV -4 IRIS mutata in Beroen oder umgekehrt zu TC II-6 IULUS mutatus = Cupido erwarten würde). Was der BUTES Lucienbergers sagt, wird ein Zuhörer bei einer Rezitation oder ein Zuschauer bei einer szenischen Aufführung durchaus als Preis und Rat aus dem Munde eines Menschen auffassen können, sogar müssen. Für den F a l l ( C ) I r i s / B e r o e hat Lucienberger eine andere Technik bei seiner Transponierung Epos / Drama gewählt. Er nennt zum einen im Personenverzeichnis zu TC IV -4 „ IRIS mutata in Beroen ”. Eine solche Verwandlung aber würde zunächst nur der Leser des gedruckten Buches (also gewissermaßen des Librettos) verstehen. Aber Lucienberger klärt auch den Zuhörer bei einer Rezitation oder bei einer Aufführung auf: Er lässt gleich zu Beginn von TC IV-4 Juno 51 Eine autobiographische Analogie: Meine erste Berührung mit Wagners „Ring des Nibelung“ bestand in einer konzertanten Aufführung im Münchener Gasteig. Ich folgte der durch das Orchester und die Sänger vermittelten Handlung mit dem gedruckten Libretto in der Hand. (Eingeblendete Obertitel gab es damals noch nicht.) Spätere szenische Aufführungen des „Rings“ habe ich immer mit der damals von mir selber konzipierten „Oper im Kopf “ verglichen. Nur selten habe ich mein ursprünglich geistiges Bild unter dem Eindruck der optisch-akustischen Inszenierung auf der Bühne korrigieren müssen oder wollen. <?page no="187"?> D 1 Identifizierungsprobleme 187 in wörtlicher Rede der mit Namen angeredeten Iris ( TC 4,4,001) die Anweisung geben (speziell in Aen. 5,620 f. = TC 4,4,012), sich in die alte Beroe, eine der Frauen im Gefolge des Aeneas, zu verwandeln ( Beroe … fias ). Als Beroe hetzt sie dann die anderen Trojanerinnen auf, die eigenen Schiffe in Brand zu stecken, damit die schon sieben Jahre währende Suche nach einer neuen Heimat hier, in Sizilien beim gastfreundlichen König Acestes, ein Ende finde. Bei Vergil aber redet Juno in diesem Zusammenhang gar nicht, sondern Vergil erzählt , dass Juno Iris vom Himmel herab zur trojanischen Flotte schickt (Aen. 5,606) und dass diese sich in Beroe verwandelt (Aen. 5,620 fit Beroe ). Sowohl bei Vergil wie in wörtlicher Wiederholung bei Lucienberger enthüllt dann die alte Trojanerin Pyrgo in direkter Rede (Aen. 5,646-652 = TC 4,4,036-042), für Leser und für Zuhörer gleichermaßen, dass die Provokateurin nicht die ihr bekannte Beroe sein kann, sondern eine Göttin sein muss ( divini signa decoris ). Die Nymphe J u t u r n a , die Schwester des Turnus, nimmt bei Vergil in Aen. XII zweimal eine unterschiedliche menschliche Gestalt an: im F a l l ( D ) die eines angesehenen Rutulers namens C a m e r s , im Fall (E) die des Metiscus, des Wagenlenkers ihres Bruders. Im Fall D ( Juturna - Camers) wird im Personenverzeichnis zu TC X-3 nur IUTURNA genannt, nicht auch oder besser stattdessen CAMERS . Bei ihrem Auftritt als Protestierende oder eigentlich als Protestierender aber wird sie im gedruckten Text (vor ihrer / seiner Hetzrede TC 10,3,035-043) als IUTURNA mutata in Camertem bezeichnet. Juturna ist die einzige Gottheit, die bei ihrer Verwandlung oder Verkleidung in einen bestimmten Menschen das Geschlecht wechselt. (Die anderen fünf - Allecto, Apollo, Iris, Somnus und Venus - behalten es bei.) Das macht die Darstellung einer göttlichmenschlichen Doppelperson noch schwieriger. Ein Zuhörer bei einer Rezitation (oder ein Zuschauer bei einer szenischen Aufführung), der ja weder das vor jeder einzelnen Szene gedruckte Verzeichnis der INTERLOCUTORES noch den jeweils gedruckten Namen des Sprechers kennt, hört (oder hört und sieht) nur einen anonymen Latiner, der gegen den soeben feierlich von König Latinus und Aeneas beschworenen Vertrag über ein Entscheidungsduell zwischen Turnus und Aeneas und dessen Folgen Stimmung macht. Es ist im Grunde auch nicht nötig, dass der Zuhörer oder Zuschauer den Namen des Protestierenden weiß. Im F a l l ( E ) J u t u r n a a l s M e t i s c u s wird in Aen. 12, 468-472, nochmals in Aen. 12,623 f. und letztmals in Aen. 12,784 f. von Vergil erzählt oder jedenfalls erwähnt, dass Juturna die Gestalt und Funktion des Metiscus, des Wagenlenkers ihres Bruders Turnus, übernimmt (dessen nur von Menschenhand geschmiedetes Schwert Turnus laut Aen. 12,735-737 versehentlich statt des eigenen bei seiner Rüstung zum Duell mit Aeneas ergriffen hatte). Lucienberger hat all diese Metiscus-Erwähnungen Vergils übergangen. Dass Juturna ihrem Bruder beim Kampf gegen Aeneas hilft, geht zwar aus beider Reden in TC <?page no="188"?> 188 D Analysen X-5 (die wie üblich wörtlich aus der Aeneis übernommen sind), aus Turnus’ an die Schwester gerichteten Worten in TC 10,6,013-017 (wo Juturna in der Szene TC X-6 als stumme Person anwesend sein muss) und aus TC 10,8,001-013 = Aen. 12,872-884 ( Juturnas Abschiedsrede bei der von Göttern erzwungenen Aufgabe ihrer Unterstützung des Bruders) hervor, aber nicht, in welcher Rolle sie das tut. Bei Lucienberger tritt Juturna nicht als Metiscus in Erscheinung. Selbst die Regiebemerkung nach TC 10,6,017 Curru desilit (sc. Turnus) et sororem relinquit macht nicht klar, dass sie als Wagenlenkerin und anstelle des Metiscus aufgetreten ist. Im Falle E ist Juturna sie selber. Im F a l l ( F ) S o m n u s a l s P h o r b a s versucht der Schlafgott bei Vergil (die ganze Episode nimmt Aen. 5,833 bis zum Buchschluss mit Aen. 5,871 ein) zunächst in Gestalt des Phorbas (Aen. 5,842 Phorbanti similis - wer dieser nur hier im Epos genannte Mann ist, muss der Leser erraten: offenbar ein beliebiger Trojaner) Palinurus, den Steuermann von Aeneas’ Flaggschiff, dazu zu verführen (mit den Worten von Aen. 5,843-846), sich bei der nächtlichen Überfahrt von Sizilien Richtung Latium bei ruhiger See ein Schläfchen zu gönnen, an seiner statt werde er - also Phorbas - derweil das Steuerruder übernehmen; Palinurus weist dies Ansinnen zurück (mit den Worten von Aen. 5,848-5,851); der Gott Somnus schläfert ihn daraufhin auf magische Weise ein und stürzt ihn von Steuerruder und Schiff ins Meer; Aeneas bemerkt das Fehlen des Steuermannes, übernimmt selber das Steuerruder und beklagt (mit den beiden Schlussversen des Buches, Aen. 5,870 f.) das Schicksal des offenbar ertrunkenen Palinurus. - Bei Lucienberger ist in TC 4,6,038-051 das Geschehen auf die drei aus der Aeneis übernommenen kurzen Reden des Somnus, Palinurus und Aeneas verkürzt (ohne eine zusätzliche Regiebemerkung, die Rede des Aeneas ist zwar erweitert, bringt aber keine zusätzlichen Informationen). Der Leser muss also aus der sprunghaften Abfolge (Aufforderung an Palinurus durch Somnus, seine Pflichten zu verletzen - Ablehnung dieses Vorschlags durch Palinurus - Aeneas bemerkt und beklagt das Verschwinden des Palinurus) mit Mühe erschließen, dass Somnus doch irgendwie erfolgreich gewesen ist. Der Leser der TC bleibt (bei fehlender Kenntnis der Aeneis) genauso ratlos wie der Aeneas, dem Lucienberger neu den Vers TC 4,6,046 Quod, Palinure, malum medias te torsit in undas? in den Mund legt. Und einen Phorbas, dessen Gestalt Somnus angenommen hat, gibt es in der TC überhaupt nicht. Aber das ist auch kein nennenswerter Verlust. Der F a l l ( G ) , das Auftreten der Ve n u s a l s J ä g e r i n v o r K a r t h a g o , ist (wegen des Gleichnisses in der Beschreibung der Göttin in TC 2,3,006-012 = Aen. 1,314-320) näher in → Kap. D 5.3.1 behandelt. ( H ) Über die Äußerung des Augurs Tolumnius in TC 10,3,047 = Aen. 12,260 agnoscoque deos ist bereits oben in → Kap. D 1.1 näher gehandelt. <?page no="189"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 189 D 2 Überblick über typische Transformationsprobleme und -techniken Lucienbergers D 2.1 Die Unterdrückung des Autors: Umwandlung von auktorialer Handlungserzählung in Figuren-Rede oder eventuell in prosaische Paratexte Das Hauptproblem für einen Literaten, der das Epos Vergils in ein Drama oder in eine Art Dialog umformen will, besteht darin, dass er einen Original-Text vorfindet, der zum größeren (nicht unbedingt: zum größten) Teil aus Partien besteht, die auktorial ( ex persona auctoris ) erzählt (oder allgemeiner gesagt, da es auch deskriptive Passagen gibt: formuliert) sind. In einem Drama gibt es (abgesehen von einem etwaigen Prolog) für Äußerungen des Autors keinen Platz. Lucienberger musste alle oder möglichst viele oder wenigstens alle zum Verständnis des Stückes notwendigen auktorialen Partien des Epos in Reden seiner dramatischen Figuren umwandeln. Äußerungen des Autors waren zu unterdrücken und in Äußerungen von dramatis personae zu überführen. Vielleicht konnte Lucienberger einer bereits im Epos agierenden Figur jetzt im Drama eine Zusatzrede mit Elementen der bisherigen auktorialen epischen Erzählung übertragen, vielleicht musste er aber in manchen Fällen notgedrungen zusätzliche geeignete Personen erfinden. Belege für die verschiedenen von Lucienberger angewendeten Techniken für die Transformation der epischen Aeneis in ein Drama (in seine TC ) sind in dem → Rubriken-Kap. C 5.3 zusammengestellt. Hier in → Kap. D 2.1 soll ein Überblick geboten werden. Schon in der Antike sind - für die klassische griechische Tragödie - zwei Darstellungstechniken erfunden worden, mit denen Handlungen, die in der Aeneis vom Autor in seiner Rolle als epischer Erzähler geboten werden, in Reden umgesetzt werden konnten. Das sind der Botenbericht und die sog. Mauerschau. Beim Botenbericht erzählt eben nicht der Autor des Dramas das in der Vergangenheit an einem anderen Ort Vorgefallene, sondern überträgt diese Rolle auf eine meist nur für diesen einen Auftritt erfundene Figur der Handlung. Auch die Mauerschau (Teichoskopie) ist eine Art Botenbericht. Dabei geht es jedoch um ein gleichzeitiges Geschehen, das eine Person, die von einem Standpunkt aus, der einen größeren Überblick gewährt (zum Beispiel eben eine Mauer oder ein Turm oder ein Berg), in oft „dramatischer“ Weise schildert, was sie selber sehen kann, nicht aber die anderen Personen auf der Bühne. Dieses dramentechnische Mittel wird vor allem dann angewendet, wenn es sich um ein Geschehen handelt, das auf der Bühne nicht oder schwer darstellbar ist, wie etwa eine Schlacht oder <?page no="190"?> 190 D Analysen ein wunderbares Ereignis, oder das der Autor aus bestimmten Gründen, etwa wegen der Grausamkeit eines Mordes, nicht direkt darstellen möchte. Lucienberger hat aber diese beiden Möglichkeiten fast überhaupt nicht genützt. An B o t e n b e r i c h t e n sind mir in der TC nur wenige aufgefallen: A. Die auktoriale Beschreibung der Hirschjagd in Aen. 1,184-194 wird in TC 2,1,079-103 dem Achates, der Aeneas anfangs dabei begleitet hat, wie ein Botenbericht für die Gefährten am Strand in den Mund gelegt. B. Die Brandstiftung der trojanischen Frauen an den eigenen Schiffen wird von Vergil in Aen. 5,659-665 auktorial berichtet, doch mit dem Zusatz perfert Eumelus (Aen. 5,665). Das hat Lucienberger zum Ausgangspunkt genommen, diese Partie in TC 4,4,044-047 dem Eumelos als direkte Rede in den Mund zu legen. Wenig später überträgt Lucienberger, in Anwendung derselben Transformationstechnik, wieder demselben Eumelos in TC 4,4,077b-483 die auktoriale Schilderung des Unwetters in Aen. 5,693-699, das den Brand löscht. C. Immerhin lässt Lucienberger einmal, in einer Neuerfindung in TC 10,6,030-032, Eumelos erneut als eine Art Boten in einer Pause des Duells zwischen Aeneas und Turnus auftreten: Er berichtet Aeneas von dem Gerücht, die Königin Amata habe sich erhängt. Wie an anderer Stelle ausgeführt (in → Kap. D 6.2), hat Lucienberger den Tod der Königin Amata zur entscheidenden Vorbedingung für eine Beendigung der Kämpfe und für den Sieg des Aeneas stilisiert; er geht damit weit über die Amata in der Aeneis zugeschriebene Bedeutung hinaus. Das wird durch die Reaktion des Aeneas auf jene Nachricht des Eumelos in den neu von Lucienberger gedichteten Versen TC 10,6,033-036 in Erinnerung gerufen. Nicht aufzuführen brauche ich in diesem Zusammenhang, wo es um Transformationstechniken Lucienbergers geht, solche in direkten Reden bestehenden Botenberichte, die er bereits in dieser Form in der Aeneis vorfand. Das wichtigste Beispiel ist der Bericht des Venulus, der als Gesandter von den Latinern zu dem griechischen König Diomedes geschickt worden war, um diesen als Bundesgenossen gegen die Aeneaden zu gewinnen. Innerhalb der Berichts- Rede des Venulus in Aen. 11,243-295 wird sogar die abschlägige Antwort des Diomedes wörtlich in Aen. 11,252-293 zitiert. Beides ist in der TC 9,3,029-081 wörtlich wiederholt. Für die auktorialen Schlacht- und Kampfschilderungen in Aen. IX - XII fehlte es Lucienberger an einer geeigneten Person, die diese Szenen sozusagen von höherer Warte aus in einer M a u e r s c h a u hätte schildern können (und vielleicht auch an glaubwürdigen innerdramatischen Augenzeugen). Vgl. dazu → Kap. D 4.1.1 und Kap. 4. 1. 14, ferner für den Blick auf Karthago → Kap. D 5.3.2. <?page no="191"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 191 Ein echtes, geradezu wörtlich zu verstehendes Beispiel für eine Mauerschau findet sich aber doch in der TC . Es ist sogar von Lucienberger neu gegenüber Vergil eingeführt. Es betrifft das Ende von Aen. IX . Dort rettet sich Turnus, der in das befestigte Lager der Trojaner am Tiber eingedrungen ist, mit einem Sprung in den Fluss vor den ihn ringsum bedrängenden Trojanern. Das wird von Vergil in den letzten Versen des Buches (Aen. 9,815-818) in knapper Weise auktorial und ohne Einschaltung einer Figurenrede geschildert. Lucienberger hat für das Problem, eine solche Handlung in ein Drama zu integrieren, diesmal, am Ende von TC VII -7, eine elegante Lösung gefunden. Er bietet zwar (nach TC 7,7,115) die narrative Prosanotiz („Regiebemerkung“) Turnus tranat fluvium, aber diese ist eigentlich überflüssig. Denn dass sich Turnus in den Fluss (den Tiber) stürzt, geht aus den von Lucienberger erfundenen Worten der diese Aktion bestaunenden und kommentierenden Trojaner Idaeus und Mnestheus in T C 7 , 7 , 1 2 0 - 1 2 1 hervor. Sie sind offensichtlich Augenzeugen des Geschehens; man wird sie sich als auf der Mauer (bzw. den Palisaden) des trojanischen Lagers stehend vorstellen dürfen. 52 Die Mauerschau ist aber nur eine exzeptionelle, sehr selten benutzte Methode Lucienbergers, um einen von Vergil auktorial erzählten Text in seine Dramatisierung zu integrieren: indem ein an sich Unbeteiligter, ein bloßer Augenzeuge, das Geschehen seinerseits erzählt. Viel häufiger benutzt Lucienberger die Transformationstechnik, e i n v o m E p i k e r e r z ä h l t e s G e s c h e h e n (das immer der Vergangenheit angehört) i n Äu ß e r u n g e n d e r b e t e ili g t e n A k t e u r e u m z u g e s t a l t e n , die die Geschehnisse direkt in der jeweiligen Situation als Gegenwart erleben, sie mit Worten begleitend vollziehen, sie schildern, sie kommentieren oder aber sie ankündigen. Der narrative Modus des Epikers wird durch den mimetischen Modus des Dramatikers ersetzt. Die Aeneis ist eine epische Erzählung mit eingelegten Figuren-Reden; die TC Lucienbergers sollte als Drama „eigentlich“ nur aus Figuren-Reden, also aus Sprachhandlung, bestehen. Lucienberger aber stand vor einer besonderen Schwierigkeit. Er konnte nicht von vornherein frei eine Handlung konzipieren, die im Wesentlichen aus sprachlichen Äußerungen bestand und aus Aktivitäten, die durch manche der sprachlichen Äußerungen angekündigt oder jedenfalls 52 Unmittelbar zuvor hatte Mnestheus in TC 7,7,118 f. das Wüten des Turnus in der trojanischen Festung mit dem eines gierigen Wolfes im Schafstall verglichen - es ist ein fast singulärer Fall, dass eine Figur der TC ein Gleichnis verwendet (zu den Ausnahmen vgl. → Kap. D 5.3 und Kap. C 5.4.6), s. dazu Näheres in → Kap. D 5.4.2, zumal in diesem Falle sogar ein von Lucienberger erfundenes, denn es gibt in der Aeneis zwar Wolfs-Gleichnisse, nämlich Aen. 2,355-358; 9,59-64; 11,809-813; 9,565-566, aber kein genaues Vorbild für TC 7,7,118 f.; am nächsten steht noch Aen. 9,59-64, ein suo loco in TC 7,5,034 / 035 von Lucienberger nicht benutztes Wolfs-Gleichnis, das sich ebenfalls auf Turnus bezieht.). <?page no="192"?> 192 D Analysen angedeutet wurden, sondern er hatte sich offenkundig das Ziel gesetzt, das Epos Vergils möglichst vollständig in Sprechhandlung zu transformieren. Das ist ihm weitgehend gelungen. Aber für manche Bereiche ergaben sich spezielle Schwierigkeiten dabei, die auktoriale, weithin erzählende Darstellung Vergils, in der grundsätzlich das P r ä t e r i t u m herrscht, in mündliche Äußerungen von Akteuren umzuformen, deren Sprechsituation grundsätzlich das P r ä s e n s ist (auch wenn die Geschehnisse, von denen gesprochen wird, zum Teil in der Vergangenheit oder auch in der Zukunft liegen mögen). Die Personen eines Dramas agieren im Prinzip in der Gegenwart; wenn sie wirklich auf der Bühne auftreten, hier und jetzt vor den Augen und Ohren des Publikums. Wenn Lucienberger bei gewissen von Vergil auktorial geschilderten Vorgängen (etwa Details von längeren Einzelkämpfen) oder beschriebenen Dingen (wie figürlichem Schmuck an Tempeln, der neuzeitlicher Historienmalerei gleicht) keine Möglichkeit sah, diese auktoriale Erzählung und Deskription einer dramatis persona in den Mund zu legen, dann hatte er im Wesentlichen zwei Auswege: er konnte die Passage einfach überspringen oder aber, wenn sie für den Handlungszusammenhang (oder jedenfalls für das Verständnis der aus der Aeneis übernommenen originalen Reden) inhaltlich unverzichtbar waren, in „Regiebemerkungen“ als auktoriales Element (das als eine Art epischer Restbestand betrachtet werden kann) einfügen- falls er im letzten Viertel des 16. Jh.s dieses Hilfsmittel für eine dramatische Darstellung schon kannte und zu nutzen wusste (was, wie sich in dem ganzen → Kap. D 11.1-8 zeigen wird, der Fall war). Im Wesentlichen ist es aber Lucienberger gelungen, die Handlung der Aeneis, die im Epos teils in auktorialer Darstellung als Erzählung oder Schilderung, teils in Figuren-Reden geboten wird, bei seiner Dramatisierung durchgehend in Figuren-Reden umzusetzen. Für alle Passagen, in denen bereits Vergil selber Figuren des Epos sprechen lässt, brauchte Lucienberger gar keine Transformationstechniken anzuwenden, einerlei welchen Charakter diese „ R e d e n “ (vgl. dazu → Kap. D 3) haben. Sie können im Extremfall selber erzählender Art sein (wie in Aen. 8,193-267 die Rede Euanders vor seinen trojanischen Gästen über die Befreiungstat des Hercules, dem terroristischen Treiben des Unholds Cacus im Gebiet des nachmaligen Rom ein Ende zu bereiten), umgekehrt in vielen Fällen (etwa als Gebet, als Befehl, als Weissagung) eine Sprachhandlung im engeren Sinne darstellen. 53 Lucienberger konnte sie verbatim übernehmen, und er hat das auch (mit 1 Ausnahme) immer getan (vgl. dazu → Kap. C 2.1). 53 Highet, 1972, 305-319 bietet eine Klassifizierung aller Reden in der Aeneis nach 16 Kategorien (von mir aufgezählt in → Kap. F 1). Die wichtigsten Typen sind narrative, deskriptive und argumentierende Reden. <?page no="193"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 193 Es ist geradezu selbstverständlich, dass Lucienberger die wenigen Beispiele für i n d i r e k t e R e d e n o d e r i n n e r e M o n o l o g e , die er in der Aeneis vorfand (z. B. die Anweisungen des Aeneas an Achates in Aen. 1,643-655, Ascanius und Geschenke für Dido vom Landeplatz der 7 trojanischen Schiffe nach Karthago zu bringen; weitere Beispiele in dem → Rubriken-Kap. C 5.3.4) in eine direkte Rede des jeweiligen Sprechers umformte. Eine solche Transformation war meist nicht schwierig; es galt eher, bisherige Wortformen zu verändern, als neue Worte zu gebrauchen. (Deshalb sind solche Partien in meiner Synopse TC / Aen. nicht durch Unterstreichung als Neuerfindung Lucienbergers gekennzeichnet, aber im üblichen größeren Schriftgrad der TC formatiert.) Es lag auch bei der a u k t o r i a l e n E r w ä h n u n g e i n e r S p r a c h h a n d l u n g in der Aeneis (dass z. B. jemand einen Befehl gibt, dass jemand anfeuert, ermahnt, schreit, klagt, fordert, droht, schmäht usw.) für Lucienberger nahe, solche auktorialen Hinweise Vergils wirklich zu „verbalisieren“, also dem Akteur entsprechende Worte in direkter Rede in den Mund zu legen (Beispiele in → Kap. C 5.3.3). Oft ist das Vorkommen von Begriffen der mündlichen Äußerung (etwa conclamare oder hortari ) in der Aeneis für Lucienberger Anlass und Möglichkeit, daraus eine „wirkliche“ Rede des Sprechers zu entwickeln. Wirkliche Schwierigkeiten bei einer Transformation bereiteten Lucienberger solche auktorialen Passagen in der Aeneis, in denen nicht von Sprachhandlungen der Akteure die Rede ist, sondern von n o n v e r b a l e n A k t i o n e n o d e r gar von S i t u a t i o n e n . Dann musste sich Lucienberger eine (handelnd oder auch nur zuschauend) beteiligte Person im Text Vergils suchen oder selber eine neue erfinden, der er inhaltlich die Beschreibung der Handlung oder Situation als mündliche Äußerung zuteilen konnte (Beispiele in dem → Rubriken-Kap. C 5.3.1). Man könnte auch sagen, dass hier die 3. in die 2. Person umgewandelt wird. Eine verwandte und bei Lucienberger sehr beliebte Transformationstechnik besteht darin, dass eine von Vergil auktorial erzählte Handlung in der TC von einer beteiligen Person in ihrer entsprechenden mündlichen Äußerung nicht sozusagen präsentisch dargestellt wird, sondern futurisch: der Sprecher in der TC erlebt die Handlung nicht mit, sondern fordert dazu auf oder kündigt sie an (Beispiele in dem → Rubriken-Kap. C 5.3.2, vgl. ferner → Kap. D 7.3 und Kap. D 12.3.9). In solchen Fällen lässt Lucienberger die angesprochene Person gern mit einer affirmativen Bestätigung antworten (vgl. dazu das → Rubriken-Kap. C 5.4.2) Schließlich gibt es auch nicht wenige Fälle, in denen Vergil eine Handlung nur kurz erwähnt, Lucienberger sie aber i n f r e i e D i a l o g e , oft in Rede und Gegenrede umsetzt (Beispiele in dem → Rubriken-Kap. C 5.3.6) <?page no="194"?> 194 D Analysen In quantitativer Hinsicht ist der Anteil der in der Aeneis auktorial erzählten Verse, die Lucienberger in irgendeiner Weise in Reden seiner dramatis personae transformiert hat, geringer als man vielleicht vermuten wird. Das zeigen folgende s t a t i s t i s c h e Ü b e r l e g u n g e n : Wie an anderer Stelle (in → Kap. D 3.1) näher dargestellt, hat Lucienberger alle Figuren-Reden der Aeneis übernommen, also (nach der einen Zähl-Variante) 3.667 Verse von den 9.883 (so Highet, 1972; normaler Weise rechnet man aber mit 9.896) originalen Hexametern des Epos. 3.367 Verse sind etwa 37 Prozent der Aeneis, aber etwa 61 Prozent der 6.008 Hexameter der TC . Um die (9.883-3.667 =) 6.216 auktorial erzählten Aeneis-Verse wiederzugeben, hat Lucienberger nur etwa (6.008-3.667 =) 2.341 Hexameter aufgewendet. Lucienberger hat also die auktorial erzählten Passagen der Aeneis um (6.216-2.341 =) 3.875 Verse gekürzt (also höchstens 38 Prozent davon wiedergegeben). 54 Eine g a n z a n d e r e M e t h o d e hat Lucienberger, möglicherweise als erster neuzeitlicher Dramatiker, entwickelt oder jedenfalls benutzt, um gerade aktionsreiche auktorial erzählte Partien aus Vergils Epos in seiner Dramatisierung nicht geradezu zu integrieren, aber immerhin zu berücksichtigen. Er hat nicht nur die epischen Handlungsschilderungen ex persona auctoris in ebenfalls hexametrische Figuren-Rede umgewandelt, sondern sie auch in vor- oder eingeschalteten (meist) prosaischen Zusatztexten berücksichtigt. Das sind die sog. P a r a t e x t e und die sog. R e g i e b e m e r k u n g e n . Die gedruckte Ausgabe der TC enthält vor den 10 Akten des Dramas jeweils eine längere prosaische lateinische I n h a l t s a n g a b e (Argumentum) des folgenden Aktes, der in der Regel einem Aeneis-Buch entspricht (→ Kap. B 6). Allerdings ist es nicht zu erweisen und auch prinzipiell unwahrscheinlich, dass sich Lucienberger darauf verließ, die Leser oder Zuschauer würden sich die Informationen, die zum Verständnis der Äußerungen der dramatis personae notwendig waren, aus der Erinnerung an die Argumenta (oder gar an die viel 54 Diese Berechnung kann aufgrund der umstrittenen Ausgangsdaten (gilt die ganze Erzählung des Aeneas vor Dido als „Rede“? darf man den Umfang der Aeneis wirklich präzise mit 9.883 Hexametern ansetzen? ) keinen Anspruch auf mathematische Genauigkeit erheben, sondern soll nur eine Tendenz Lucienbergers sichtbar machen. - Umgekehrt ausgedrückt: Um die (9.883-3.667 =) 6.216 auktorial erzählenden Aeneis-Verse (zu denen hier auch die Ich-Erzählung des Aeneas in Aen. III gerechnet wird) wiederzugeben, hat Lucienberger nur (etwa) 2.342 Hexameter gebraucht. Noch anders ausgedrückt: Lucienberger hat die auktorial erzählten Passagen der Aeneis um (6.216-2.342=) 3.874 Verse gekürzt (also um ca. 62 Prozent). Es ist zudem zu bedenken, dass jene ca. 2.341 Hexameter der TC, die nicht „Zitate“ von orationes directae der Aeneis sind, nicht nur Paraphrasen von auktorialen Partien in der Aeneis darstellen, sondern dass sich unter ihnen auch eine nicht geringe Anzahl von Versen befindet, die Lucienberger zusätzlich, auch inhaltlich über den Text der Aeneis hinausgehend, selber gedichtet hat. <?page no="195"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 195 kürzeren metrischen Periochae, die die Handlung nicht im Detail referieren, sondern nur rekapitulierende Stichworte bieten) ergänzen. Wichtiger könnten schon die insgesamt etwa 150 kurzen prosaischen Zwischentexte sein, sog. R e g i e b e m e r k u n g e n , die Lucienberger sporadisch zwischen die hexametrischen Reden der Akteure einstreut. Diesen „Regiebemerkungen“ ist mit → D 11 ein eigenes Kapitel gewidmet. Vorweg soll aber im jetzigen Zusammenhang des Überblicks über Transformationstechniken Lucienbergers im folgenden → Kap. D 2.2 durch Analyse der ersten Szene der TC ein Beispiel für die Bedeutung der Regiebemerkungen, Bühnenanweisungen oder, noch genereller ausgedrückt, prosaischen Zwischentexte vorgestellt werden. Solche Handlungsanweisungen oder Handlungsinformationen sind in meiner Synopse TC / Aen. typographisch (durch Kursivdruck und Einrahmung) vom dialogischen Dramen-Text abgehoben (aber bei der Vers-Zählung der TC nicht mitgerechnet). D 2.2 Ein Beispiel: Bühnenanweisungen für Laocoon in TC I-1 Das erste im Text der Tragicocomoedia vorkommende Beispiel für eine prosaische Zwischenbemerkung findet sich bereits in deren erster Szene, in TC I-1: Als Laocoon bei Lucienberger die ihm bereits von Vergil in Aen. 2,42b-49 in den Mund gelegten Verse wiederholt, schließt er an die sprichwörtlich gewordene Warnung Aen. 2,49 quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes nicht einen weiteren, selbst formulierten lateinischen Hexameter an, der den Sinn hätte „Hier meine Lanze wird die Hinterlist der Griechen aufdecken, die in dem Hölzernen Pferd steckt“ und damit eine implizite Bühnenanweisung wäre. Vielmehr bietet Lucienberger den Paratext his dictis contorquet hastam in equum und damit formal eine Information für den Leser, faktisch aber eine explizite Bühnenanweisung an den Schauspieler oder den Rezitator, eine entsprechende Geste zu machen. Wenn ein Zuhörer nur die rezitierten Worte der TC vernähme (wie etwa heutzutage Passagen eines Hörspiels im Rundfunk), könnte er nicht erschließen, was Laocoon tut. Im Text der TC schließt sich nämlich übergangslos die Entdeckung des Griechen Sinon in der Umgebung Trojas durch drei Hirten an. Ob jedem Zuhörer einer Rezitation, der nicht auch den visuellen Eindruck der Gestik hätte, aufgrund seiner Kenntnis der originalen Aeneis klar wäre, dass Laocoon es nicht bei bloßen warnenden Worten belässt, sondern eine Lanze auf das Hölzerne Pferd wirft, darf bezweifelt werden. Jedenfalls wird Laocoon überhaupt nicht, geschweige denn diese Einzelheit, in den 40 jambischen Versen der Periocha actus primi (Scan 18-19) erwähnt und in der wesentlich längeren, drei Druckseiten einnehmenden prosaischen Inhaltsangabe auch nur nebenbei und ohne nähere Einzelheiten (Scan 29: Troiani … partim Laocoontis supplicio territi ). <?page no="196"?> 196 D Analysen Besser dürfte es mit der Vorkenntnis des Publikums im Hinblick auf das Schicksal des Laocoon stehen, nämlich dass er und seine Söhne von Schlangen, die aus dem Meer kommen, getötet werden. Das ist ein wunderbares Geschehen (im antiken Sinne ein von den Göttern gesandtes Prodigium), das schwerlich bei einer dramatischen Aufführung als Aktion vorgeführt werden konnte. Bei einem reinen Rezitationsdrama hätte es auch nicht vom betroffenen Laocoon, sondern nur von außen, von einem der vielen Augenzeugen des Geschehens in einer „Mauerschau“, geschildert werden können. Aber realiter greift Lucienberger in TC I-1 nicht zu diesem indirekten Darstellungsmittel. Es ist aufschlussreich, diese Partie der TC näher zu betrachten. Sie lässt sich in folgende Handlungsschritte einteilen: A. Der listige Grieche Sinon gibt in einer langen Rede eine Deutung des Hölzernen Pferdes: Es sei ein Weihegeschenk an Minerva (Athena). Wenn man es verletze, wäre das für die Trojaner verderblich. Wenn man es in die Stadt ziehe, werde in Zukunft Asien (Troja) Griechenland in einem großen Krieg besiegen. B. Ein eingelegter prosaischer Zwischentext („Regiebemerkung“, im Folgenden als RB abgekürzt) berichtet: „Während Laocoon opfert, siehe da kommen zwei Schlangen oder Monster, verletzen die zwei Söhne und greifen auch Laocoon selber an.“ C. Laocoon spricht: „Götter von Meer und Land, wendet diese Monster von den Trojanern ab. Ach, der König selber und die Nachkommen des Königs werden binnen kurzem einen großen Umschwung ihrer Verhältnisse erleben.“ D. RB : „Tymoetes verlacht ihn (Laocoon) noch obendrein.“ E. T(h)ymoetes spricht: „Laocoon, du erleidest für dein Verbrechen die verdiente Strafe. / Gottloser Laocoon, der du das heilige Holz mit dem Speer / verletzt und den frevelhaften Speer in den Rücken (sc. des Hölzernen Pferdes) geschleudert hast.“ F. RB : „Auch das trojanische Volk schreit.“ G. Das Volk: „Laocoon erleidet für sein Verbrechen die verdiente Strafe.“ Man könnte zunächst einmal feststellen, dass (A) eine wörtlich aus Aen. 2,154-194 übernommene Rede Sinons ist, dass (B) eine knappe Zusammenfassung von Aen. 2,201-227 darstellt, dass (C) drei von Lucienberger fabrizierte Hexameter sind, die er dem bei Vergil in dieser 2. Laocoon-Episode nicht mehr sprechenden Laocoon als prophetischen Ausblick in den Mund legt, dass (E) zusammen mit (G) zwar eine ziemlich wörtliche Entsprechung in Aen. 2,228-233 hat, aber diese Verse dort die Reaktion der anonymen Masse der Trojaner schildern, während Lucienberger sie - in nicht ungeschickter Personalisierung - dem in Aen. 2,32 genannten Thymoetes zuteilt, der sich dafür ausspricht, das Hölzerne Pferd in die Stadt zu ziehen. <?page no="197"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 197 Hier soll aber eher die Art der drei eingelegten RB = Regiebemerkungen (B), (D) und (F) interessieren, die man in einem echten Drama als „Bühnenanweisung“ verstehen müsste. (D) und (F) sind nichts weiter als überflüssige direkte Erklärungen (ich möchte nicht von Regie anweisungen sprechen) dessen, was unmittelbar als Reden (des Thymoetes in E und des Volkes in G) folgt. In anderer und aufschlussreicherer Weise problematisch ist die längere RB (B). Man kann sie weder für eine dramatische Aufführung, also Aktion, noch gar für eine bloße Rezitation als Bühnenanweisung auffassen - die Aktion der Schlangen ist nicht spielbar und schon gar nicht gestisch durch Menschen darstellbar. Was aber stellt diese RB dann dar? Ich meine: ein erzählendes Element, ein Beispiel dafür, dass es Lucienberger nicht gelungen ist, ein erzählendes Epos ohne „Restbestände“ in eine dramatische Form umzuwandeln, die nur aus Äußerungen verschiedener Sprecher besteht. Einen Sinn hat dieser prosaische Zusatztext nur hier im gedruckten Buch zur Information oder als Appell an die Erinnerung der Leser - oder aber als ein Text, der bei einer Rezitation oder bei einer echten Aufführung von einem Sprecher in der Rolle des epischen Erzählers vorgetragen würde. D 2.3 Auslassungen und Kürzungen durch Lucienberger D 2.3.1 Erkennbarkeit von Kürzungen in der TC gegenüber der Aeneis Wenn man weiß - was ich erst in mühevoller Auszählung ermittelt habe -, dass die Tragicocomoedia 6.008 Verse hat, die Aeneis jedoch fast genau 9.900, dass also die Dramatisierung (einschließlich etwaiger eigener Zusätze Lucienbergers) nur rund 60 Prozent der Länge des Epos erreicht, ist klar, dass der Bearbeiter große Partien der Aeneis übergangen haben muss. Die aus irgendwelchen (noch zu ergründenden) Motiven von Lucienberger aus der Aeneis nicht übernommenen Partien zu erkennen, ist einfach, wenn man die von mir hergestellte synoptische Ausgabe TC / Aen. vor Augen hat. In ihr wird als Grundtext in einem größeren Schriftgrad (14) der Wortlaut der TC geboten, daneben aber auch der gesamte Text der Aeneis in kleinerem Schriftgrad (10), wenn er nennenswert von der TC abweicht oder aber gar nicht darin aufgenommen ist. Man braucht also nur nach größeren, ungebrochenen Blöcken von Hexametern in kleiner Schrift (und mit vorangestellter Verszählung) zu suchen, in die keine Zeilen in größerer Schrift eingemischt sind, dann sieht man, welche größeren Vergil-Partien Lucienberger verschmäht hat. <?page no="198"?> 198 D Analysen D 2.3.2 Scheinbare Kürzungen gegenüber Aen. II - III Allerdings kann es Trugschlüsse geben. Es ist möglich dass Lucienberger eine Partie der Aeneis nicht sozusagen suo loco , an erwartbarer Stelle, in der TC berücksichtigt, sondern erst später. Das erste Beispiel dafür ist gleich der Auftakt der Tragicocomoedia . Sie beginnt in TC 1,1,001 mit der Aufforderung des (Trojaners) T(h)ymoetes, „dieses Pferd“ in die Stadt zu ziehen und auf dem Burgberg aufzustellen. Das entspricht dem Vers Aen. 2,34. Im weiteren Verlauf der ersten Szene des Dramas wird dann klar, dass Lucienberger nicht mit dem I. Buch der Aeneis beginnt, sondern mit dem chronologisch frühesten Buch Aen. II . Man wird dann wohl auf die (zutreffende) Vermutung verfallen, dass Lucienberger den Inhalt von Aen. I später berücksichtigen wird (was auch tatsächlich in TC II -1 bis TC II -6 geschieht). Aber man wird annehmen, dass er die ersten etwa 30 Verse von Aen. II übergangen hat, zumal wenn man sieht, dass sie in meiner Synopse an der Spitze von TC I-1 in kleinerer Type abgedruckt sind. Aber das wäre ein Trugschluss. Die Aeneis-Verse 2,3-34 kommen sehr wohl in der Tragicocomoedia vor, aber an späterer Stelle, in TC II -7, in wörtlicher Übernahme, auch dort als Erzählung des Aeneas vor Dido, an der chronologisch „richtigen“ Stelle. Als Lucienberger nämlich in seiner Tragicocomoedia den ordo naturalis durch die inhaltliche Abfolge Aen. II - III - I - IV herstellte, stand er bei seinem Übergang von Aen. I zu Aen. IV erneut vor dem Problem, wie er mit der langen Ich-Erzählung des Aeneas, die in Aen. II und III besteht, umgehen sollte. In einem ersten Ansatz hatte er das Problem dadurch gelöst, dass er nach Kräften die zusammenhängende Ich-Erzählung des Aeneas in seinen Akt TC I in Einzelreden der seinerzeitigen Akteure (einschließlich des Aeneas selber) beim Fall Trojas und auf den Irrfahrten der Aeneaden umgesetzt hatte. Jetzt aber, als er nach Transformation auch von Aen. I in Akt TC II zu dem großen Festmahl für die Trojaner am Hofe Didos gelangt war, musste er sich entscheiden, wie er mit der inhaltlich bereits von ihm in Akt TC I berücksichtigen (über)langen Erzählung des Aeneas an ihrem ursprünglichen „Sitz im Leben“ umgehen wollte. Sollte er sie einfach ignorieren und von Didos Trinkspruch beim Fest zu Ehren der Trojaner ( TC 2,6,023-025) oder allenfalls von ihrer Frage an Aeneas nach den insidias vafras Danaum casusque tuorum / erroresque tuos ( TC 2,7,007-010 = Aen. 1,753-756) gleich zum Dialog zwischen Dido und ihrer Schwester am nächsten Morgen (zu Beginn von Aen. IV = TC III -1) springen und so die Antwort des Aeneas (= Aen. II - III ) stillschweigend übergehen? Sollte er den Inhalt von Aen. II und III noch einmal, gerafft, als Erzählung des Aeneas bringen? Lucienberger hat einen merkwürdigen Zwischenweg eingeschlagen: Er hat tatsächlich in TC II -7 das, was er in TC I 1-7 (ohne TC I-3) bereits einzelnen Sprechern für die Handlung von Aen. II - III in den Mund gelegt hatte, noch einmal von Aeneas in aller <?page no="199"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 199 Knappheit wiederholen oder aber ergänzen lassen, wenn er es bisher ausgespart hatte. Das letztere trifft für Aen. 2,3-34 zu. Diese in TC I-1 übergangenen Verse spricht in der Tragicocomoedia in TC II -7 erstmals Aeneas. Diese in Bezug auf die Aeneis „nachholende“ Berücksichtigung von Handlungselementen betrifft aber nur den Inhalt von Aen. II-III (also das, was Aeneas in Vergils Konzeption Dido erzählt). Er ist in einem ersten Durchgang in TC I-1 bis TC I-7 (ohne TC I-3) direkt als Erlebnis der Akteure dargestellt, wie es sich in deren Reden spiegelt, aber sozusagen nicht abschließend. Ein zweiter Durchgang Lucienbergers durch Aen. II - III in Gestalt der Erzählung des Aeneas vor Dido in TC II -7 hat stärker ergänzenden als wiederholenden Charakter. Wenn der Leser oder Zuhörer zu Beginn von TC II-1 offensichtlich den Handlungseinsatz von Aen. I (mit dem Zornmonolog Junos in Aen. 2,1,37-49 = TC 2,1,018-030, der bald zum Seesturm führen wird) erreicht hat, gibt es keine scheinbaren Kürzungen mehr. Kürzungen Lucienbergers gegenüber Aen. I und Aen. IV - XII ab TC II -1 ( TC II -7 ausgenommen) werden nicht an späterer Stelle (wie für Aen. II - III durch TC II -7) durch rückgreifende Darstellung wieder wettgemacht. Es bleiben wirkliche Auslassungen, Streichungen oder wenigstens Kürzungen bestimmter Partien. D 2.3.3 Typische Kürzungen in der TC gegenüber der Aeneis Das Material für echte Kürzungen in der TC gegenüber dem Prätext, der Aeneis, ist in → Kap. C 5.1-2 zusammengestellt. Man kann auch selbständig einen Eindruck vom Umfang solcher Kürzungen gewinnen, wenn man in meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. nach Aen.-Partien sucht, die nur im kleineren Schriftgrad (10 Punkt) geboten sind: Das sind grundsätzlich solche Passagen, die Lucienberger nicht in seine TC übernommen hat. (Die aus der Aeneis in die TC übernommenen Verse habe ich in den größeren Schriftgrad umformatiert und mit Vers-Zählung auf dem rechten Rand versehen). Es gilt, in der Vielzahl und Mannigfaltigkeit der Auslassungen und Kürzungen Lucienbergers bestimmte Typen oder jedenfalls Tendenzen zu erkennen. Implizit liegt eine solche Klassifizierung bereits in der Gliederung der „Rubriken“ in → Kap. C 5.1 und besonders → Kap. C 5.2 vor. D 2.3.3a Gleichnisse Die vermutlich einschneidendste Kürzung betrifft das grundsätzliche Übergehen aller rund 100 Gleichnisse samt ihrem Kontext in der Aeneis; wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Die einschlägige Rubrik → Kap. C 5.1 ist wegen dieser generell gültigen Beobachtung faktisch leer. Über dieses Phänomen und seine Folgen wird aber näher in Kap. D 5 (mit Besprechung der Ausnahmen in → Kap. D 5.3) gehandelt. <?page no="200"?> 200 D Analysen D 2.3.3b Kampfschilderungen Der Quantität der betroffenen Aeneis-Stellen nach dürfte an erster Stelle der „Streichliste“ oder mindestens der Kürzungen der Bereich der Schlachten und auch speziell der Aristien stehen. Die einschlägigen Belege sind in der Rubrik → Kap. C 5.2.2b für allgemeine Kämpfe und Aristien zusammengestellt. Die Aristien der Haupthelden werden in → Kap. D 4.1 eingehend analysiert. Für die Schlachtszenen der Aeneis, die große Partien der sog. Kampfbücher Aen. IX - XII ausmachen, denen in der TC im Prinzip (doch nicht ausnahmslos) die Szenen von TC VII -5 bis TC X-8 entsprechen (dazu kleinere Passagen in Aen. II bzw. TC I-2), ist entscheidend, ob in ihnen wörtliche Reden der Akteure enthalten sind oder nicht. Da Lucienberger sich starr an das Prinzip hält, alle direkten Reden des Epos in seine Dramatisierung als direktes unverändertes Zitat zu übernehmen, bringt er auch alle Äußerungen der Kämpfer, die meist nur wenige Verse lang sind (eine Ausnahme bildet vor allem das Freundespaar Nisus und Euryalus bei seinem nächtlichen Wüten im Lager der Latiner in Aen. IX bzw. in TC VII 6-7), und zwar ohne Rücksicht darauf, ob sich aus diesen Worten hinreichend deutlich das Geschehen erschließen lässt. Das ist meist nicht der Fall (ausgenommen wieder der Fall von Nisus und Euryalus). Nur die Niederlage, also der Tod des Gegners eines der großen Helden, ist jeweils anzunehmen. Über die konkreten und individuellen Umstände, besonders die Art der tödlichen Verwundung, was in der Aeneis praktisch immer näher geschildert wird, erfährt der Leser oder Hörer der TC nichts. Lucienberger nutzt auch kaum die Möglichkeit, durch erzählende (also die dialogischen Äußerungen im Drama ergänzende oder erklärende) prosaische „Regiebemerkungen“ ( RB ) die Kampfsituation näher zu beschreiben. Die „Regiebemerkungen“ beschränken sich in diesem Kontext meist nur auf die Feststellung, dass der eine Sprecher den anderen tötet. Beispiele aus den Kämpfen in Aen. I sind: die RB nach TC 7,7,080 Iulus Numanum spiculo confodit ; in Aen. X die RB nach TC 8,4,091 Pallas a Turno occiditur (immerhin bringt die RB nach TC 8,4,090 mit Pallas vibrat spiculum, sed parum attingit zuvor eine Einzelheit aus dem Zweikampf Pallas - Turnus) und die RB nach TC 8,4,100 Aeneas iratus Magonem sternit ; in Aen. XI die RB nach TC 9,6,042 Aruns Camillam lethaliter vulnerat ; in Aen. XII die RB vor TC 10,3,062 Turnus Eumeden trucidans ait (wo die namentliche Nennung des Gegners notwendig ist, weil dieser zuvor nicht spricht). Aber wenn die Kämpfer bei Vergil zwar genannt und ihre Taten erzählt werden, ihnen Vergil aber keine Worte in den Mund legt, dann sind sie in der TC sozusagen nicht existent. Wie stark Lucienberger die Kampfszenen der Aeneis für seine TC gekürzt hat, und zwar ohne sie durch allgemeinere Hinweise in Regiebemerkungen <?page no="201"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 201 vom Typ acriter pugnant 55 zu ersetzen, ersieht man besonders klar aus einem statistischen Überblick. Wenn man mit Raabe, 1974, 169-173 56 in der Aeneis 6 große Komplexe von Kampfschilderungen (einschließlich solcher darin enthaltener Elemente, wie etwa Aktionen von Göttern, die nicht direkt Teil der Kampfhandlungen sind, sich aber darauf beziehen) sieht, dann ergibt sich bei einer Gegenüberstellung mit den entsprechenden Partien nach meiner Zählung in der TC folgendes Bild: Aeneis-Partie Verszahl TC -Partie Verszahl davon neu Aen. 2,250-633 384 TC 1,2,001-125 + TC 2,7,052-076 125 25 290 Aen. 7,511-530 30 TC 6,7,012-016 5 5 Aen. 9,503-818 316 TC 7,7,046-121 76 13 Aen. 10,310-908 599 TC 8,3,009-043 + TC 8,4,048-126 + TC 8,5,001-025 + TC 8,6,001-036 + TC 8,7,001-042 35 79 35 36 42 10 1305 10 Aen. 11,597-915 14 319 TC 9,6,001-074 74 24 Aen. 12,266-952 687 TC 10,3,053-079 + TC 10,4,001-052 + TC 10,5,001-026 + TC 10,6,001-036 + TC 10,7,001-004 + TC 10,8,001-031 27 52 26 364 31 2 27390 13 Insgesamt Aen. 2.335 TC 698 163 Wenn diese Zahlen mindestens tendenziell zutreffend sind, dann hat Lucienberger den rund 2.330 Versen der Kampfpartien in der Aeneis nur etwa 700 Verse in seiner TC gewidmet, von denen etwa ein knappes Viertel von ihm neu gedichtet worden ist. Insgesamt hat er nach dieser Rechnung von diesen rund 55 Die RB acriter pugnant nach TC 10,8,020 (= Aen. 12,895) bezieht sich nicht zusammenfassend und abkürzend auf ein vielfältiges Kampfgeschehen, sondern nur auf eine Phase des finalen Duells zwischen Aeneas und Turnus. 56 Hermann Raabe, Plurima mortis imago. Vergleichende Interpretationen zur Bildersprache Vergils, München 1974 = Zetemata 59. 57 Raabe, 1974, 172 f. setzt, für mich befremdlich, nur Aen. 11,597-895 an und rechnet auch den „Schlußszenenkomplex“ Aen. 12,697-952 mit dem Duell zwischen Aeneas und Turnus offenbar nur bedingt zu den Kampfszenen. <?page no="202"?> 202 D Analysen 2.330 Versen der Aeneis nur (698-163 =) 535 direkt übernommen, das sind etwa 23 Prozent. (Im Durchschnitt hat Lucienberger, wie in → Kap. D 2.4 gezeigt wird, ziemlich genau 50 Prozent des ganzen Epos wörtlich zitiert, für die Kampfszenen dagegen nicht einmal ein Viertel.) Anders ausgedrückt: Lucienberger hat den Kämpfen der Trojaner, Griechen (in Aen. II) und Latiner samt ihren Bundesgenossen mehr als 1.600 Verse weniger eingeräumt als Vergil. Eine kleiner Teil dieser Kürzungen ist dadurch zu erklären, dass Lucienberger zwar den „Götterapparat“ des Epos grundsätzlich beibehält, aber Szenen, in denen Götter sich direkt am Kampfgeschehen beteiligen, streicht (vgl. dazu → Kap. C 5.2.2c und Kap. D 12.4.2). Ausgenommen sind allerdings die Fälle, bei denen Vergil Götter redend einführt; denn Reden in der Aeneis übergeht Lucienberger aus Prinzip nie. D 2.3.3c Ein- und Ausleitungen von Reden Nennenswerte Einsparungen konnte sich Lucienberger auch dadurch erlauben, dass er die im Epos notwendige namentliche Vorstellung des Redners, die floskelhaften Ein- und Ausleitungen der Reden und auch Verse der Aeneis, die die Wirkung der Rede beschreiben, übersprang (vgl. dazu Belege in dem → Rubriken-Kapitel C 5.2.3). Bei 333 in der Aeneis enthaltenen Originalreden ergibt das selbst dann, wenn man im Durchschnitt für jede Rede im Epos nur einen einzigen solcher rahmenden Verse ansetzt (vgl. in → Kap. D 3.2 die konkrete Untersuchung für Aen. I), insgesamt mehrere Hundert derartiger Aeneis- Verse, auf die Lucienberger verzichten zu können glaubte. Allerdings nahm er dabei in Kauf, das zwar ein Leser dank der den dialogischen Texten vorangestellten Namen der jeweils sprechenden Person, nicht aber ein Hörer bei einer Rezitation den jeweiligen Sprecher identifizieren konnte (s. zu diesem Problem → Kap. D 3.3). Lucienberger hat sich jedenfalls nicht bemüht, über den Text der Aeneis hinausgehend durch neu eingefügte Namensnennungen des aktuellen Sprechers durch den vorausgehenden oder den folgenden Redner diesen Nachteil zu kompensieren. Im weiteren Sinne kann man auch die von Lucienberger gestrichenen Charakterisierungen von Personen des Epos, die in dem → Rubriken-Kap. C 5.2.6b zusammengestellt sind, zu dieser Klasse von Einsparmöglichkeiten rechnen, auch wenn sie sich eher nur in Ausnahmefällen (wie bei Merkur und Drances) auf auftretende Redner beziehen. <?page no="203"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 203 D 2.3.3d Beschreibungen von Kunstwerken und Örtlichkeiten, sowie Sacherklärungen und Aitiologien Man kann diese Gruppen von Einsparungen (oder mindestens Streichungs möglichkeiten ), also Kunstbeschreibungen (Belege im → Rubriken-Kap. C 5.2.5), Beschreibung von Örtlichkeiten (Belege in → Kap. C 5.2.4) sowie Sacherklärungen (Belege in → Kap. C 5.2.6c) und Aitiologien (Besprechung in → Kap. D 6.3.2) deshalb zu einer Klasse zusammenfassen, weil sie miteinander (und mit der Klasse „Gleichnisse“ in → Kap. D 2.3.3a bzw. Kap. C 5.1) etwas gemein haben: Es sind Partien, die die Handlung nicht fördern, sondern eher sozusagen zum Stillstand bringen. Sie haben nicht-narrativen, vielmehr deskriptiven Charakter. Dass Lucienberger weitgehend, wenn auch nicht ganz ausnahmslos, auf solche Partien verzichtet, ist am ehesten aus der Intention zu erklären, den Aktionscharakter zu stärken. Aber es ergibt sich dabei ein gewisses Paradox: Die Verstärkung des Handlungselements bezieht sich auf ein Stück, das entsprechend dem generellen Gattungscharakter eines Dramas ausschließlich in direkter Sprach-Handlung besteht und in dem äußere Handlungen nur in Dialogen der sprechenden Akteure gespiegelt sind. Lucienberger hat selbst in seinen zahlreichen prosaischen Regiebemerkungen (s. dazu → Kap. D 11) so wenig narrative und damit handlungsrelevante Elemente einfließen lassen, dass man zweifeln kann, ob er wirklich Handlungen wie die Wettkämpfe bei den Gedächtnisspielen für Anchises oder Einzelkämpfe und Massenschlachten „realistisch“ dargestellt wissen wollte. Ein weiteres Motiv Lucienbergers, epische auktorial gebotene Beschreibungen (und ähnliches) in seiner Dramatisierung zu übergehen, darf man darin sehen, dass es oft an einer geeigneten „dramatischen“ Figur fehlte, der er eine solche Beschreibung hätte in überzeugender Weise in den Mund legen können. Das betrifft ganz besonders die Aitiologien (→ Kap. D 6.3.2), bei denen der Autor Vergil eine Brücke von Personen und Geschehnissen des Epos, das mindestens tausend Jahre vor seiner eigenen Zeit spielt, zu solchen der augusteischen Gegenwart schlägt (z. B. von bestimmten trojanischen Gefolgsleuten des Aeneas zu aristokratischen Geschlechtern der Augusteischen Zeit, die als familiae Troianae von ihnen abzustammen behaupteten; z. B. von dem von Julus / Ascanius angeführten „Trojaspiel“ auf Sizilien zu dessen Wiederbelebung durch den (Adoptiv-)Julier Augustus). 58 58 Ein Fehlgriff Lucienbergers ist es, dass er in TC 5,4,006-009 ≈ Aen. 7,1-4 die auktoriale Aitiologie des Kaps Gaeta dem Achates in den Mund legt. Sie wird von der dort gestorbenen Amme des Aeneas, Caieta, abgeleitet. Der Achates Lucienbergers tut das in Form einer Feststellung im Perfekt (! ): Tu quoque littoribus quondam his, Aeneia nutrix, / aeternum moriens famam, Caieta, dedisti . <?page no="204"?> 204 D Analysen Die Streichungen dieser Klasse betreffen zwar in der Regel nur kürzere Partien des Epos, aber auch zwei von einer Länge von etwa 20 Versen (Beschreibung des durch Daedalus erbauten Apollo-Tempels in Cumae in Aen. VI ) bzw. 30 Versen (die Beschreibung der Bilder aus dem Trojanischen Krieg am Juno- Tempel in Karthago in Aen. I) und vor allem eine der berühmtesten Partien des Epos überhaupt: die rund 100 Hexameter lange „Schildbeschreibung“ in Aen. VIII (vgl. dazu → Kap. D 4.3). Mit der weitgehenden Streichung von Ortsbeschreibungen der Aeneis sind auch fast alle Elemente von Naturschilderungen in der TC eliminiert. Eine viel gravierendere Verarmung der TC an Naturphänomenen bringt aber Lucienbergers Verzicht auf die Gleichnisse der Aeneis mit sich, vgl. dazu → Kap. D 5.5. D 2.3.3e Auktoriale Äußerungen Vergils Geradezu zwingend verbunden mit der Gattungs-Transformation Epos → Drama ist Lucienbergers Übergehen der auktorialen Äußerungen des Epikers Vergil. Sie bestehen (s. die Belege im → Rubriken-Kap. C 5.2.6a) vorwiegend in Musen-Anrufungen und einigen auktorialen Vorverweisen des Epikers auf den Tod einzelner Akteure des Epos (z. B. des Turnus). Auch das Hauptproömium zu Beginn von Aen. I und das Binnenproömium zu Beginn der zweiten Aeneis- Hälfte (etwas verschoben vom Anfang von Aen. VII ), die Vergil als Autor im engeren Sinne zu verantworten hat, lässt sich in dieser Form nicht in einem Drama unterbringen. Denn in einem Drama kommt der Autor allenfalls in einem außerhalb der Handlung des Stücks stehenden Prolog zu Wort. Im weiteren Sinne gehören zu den auktorialen Äußerungen Vergils auch die Apostrophen des Autors an Figuren seines Epos (die natürlich von Anreden einer Figur des Epos an eine andere zu unterscheiden sind). Vergil setzt diese rhetorische Figur besonders zum Ausdruck seines Mitleidens mit dieser Figur ein, vornehmlich im Zusammenhang mit dessen Tod. Solche pathetischen Anreden mit te oder seltener tu bei Vergil sind gerichtet an Panthus in Aen. 2,429 (übergangen nach TC 1,2,060), an Icarus in Aen. 6,30 (übergangen nach TC 5,1,001), an Umbro in Aen. 7,759 (übergangen nach TC 6,8,079), an Ismarus in Aen. 10,139 (übergangen nach TC 8,1,097), an Cydon in Aen. 10,324 (übergangen nach TC 8,4,051), an Teuthras in Aen. 10,403 (übergangen nach TC 8,4,069), an Actor in Aen. 12,96 (übergangen nach TC 10,1,070), an Aeolus in Aen. 12,542 (übergangen nach TC 10,3,079). Sie sind konsequent von Lucienberger vermieden worden. <?page no="205"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 205 D 2.3.3f Weitere typische Kürzungen in der TC gegenüber der Aeneis Lucienberger hat die zeitliche Strukturierung, die die Aeneis bietet, vor allem die Einteilung des Geschehens nach Tagen (man kann in der Aeneis insgesamt 51 Handlungstage plus der 12 Tage des Waffenstillstands zur Bestattung der Gefallenen laut Aen. 11,133 erkennen; davon entfallen 22 auf die Zeit zwischen der Landung des Aeneas in Latium und dem Tod des Turnus), weitgehend ignoriert und vermittelt so den Eindruck einer fortlaufenden Handlung. Die für ein heroisches Epos seit der Ilias geradezu typische (und in der Ilias noch formelhafte) Erwähnung (und die in der Aeneis sogar kunstvoll variierten Schilderungen) vom Anbruch der Nacht oder des Tages hat Lucienberger offenbar nur aufgegriffen, wenn sie in direkten Reden des Aeneis enthalten (wie z. B. Aen. 5,64 f.) oder wenn sie handlungsrelevant ist. 59 Eine instruktive Ausnahme dieser Art, neben der es nur wenige weitere gibt (vgl. etwa noch → Kap. C 4.3.9), bietet TC I-5 / Aen. 3,147: Die Zeitangabe innerhalb der rückgreifenden Erzählung des Aeneas in Aen. 3,147 nox erat eqs. wird in TC 1,5,023 f. in zwei neugedichteten Versen dem erlebenden Aeneas in den Mund gelegt; sie ist zudem bereits von den ebenfalls neugedichteten Versen TC 1,4,112-11 vorbereitet - die Zeitangabe ist wichtig, weil in dieser Nacht eine wichtige Handlung stattfindet, dass nämlich die Penaten dem Aeneas im Traum erscheinen. Eine weitere Ausnahme bildet TC X-2: In TC 10,2,029-031 sind die erzählenden Aen.-Verse 12,113-115 Latinus in den Mund gelegt; damit ist die Ankündigung beibehalten, dass der Zweikampf (Turnus-Aeneas) am nächsten Tag stattfinden wird, vgl. auch schon TC 10,2,002 f. Beispiele von übergangenen Tag / Nacht-Zäsuren und anderen Zeitangaben in der Aeneis sind in → Kap. C 5.2.2d zusammengestellt. Dass in der TC in einer Vielzahl von Fällen (→ Kap. C 5.2.2a) Details im Zusammenhang mit Orakeln, Opfern oder Prodigien (oder sogar ganze Vorgänge dieser Art) übergangen sind, liegt wohl teils am Desinteresse Lucienbergers dafür, teils an der technischen Schwierigkeit, solche auktorial erzählten Handlungen oder Geschehnisse in Dialoge, also in reine Sprachhandlung, umzusetzen. Vielleicht wäre es möglich, aus den beiden umfangreichen Katalogen von weiteren einzelnen Kürzungen in der TC gegenüber der Aeneis, die in den → Rubriken-Kap. C 5.2.1a / b und C 5.2.2e aufgelistet sind, noch die eine oder an- 59 Als Kuriosum sei vermerkt, dass Lucienberger einerseits die beiden widersprüchlichen (da in einem Abstand von etwa 1 Jahr geäußerten) Angaben zur Dauer der Irrfahrten mit septima aestas wörtlich aus der Aeneis übernimmt, da sie in Reden fallen (Dido in Aen. 1,766 = TC 2,7,009; Iris / Beroe in Aen. 5,626 = TC 4,4,018), aber in einer Neuerfindung in TC 8,2,040 Aeneas selber (gegenüber Tarchon) von octava hyems sprechen lässt. <?page no="206"?> 206 D Analysen dere weitere gleichartige Gruppe zusammenzustellen; aber es dürfte sich dann wohl kaum um für Lucienberger typische Kürzungen handeln. D 2.3.3g Die längsten in der TC übergangenen Aeneis-Partien 60 Nach den vorausgehenden Darlegungen wird es nicht überraschen, dass die längsten zusammenhängenden Aeneis-Partien von mehr als 50 Aeneis-Versen, welche Lucienberger nicht berücksichtigt hat, fast ausschließlich Kampfszenen betreffen: Aen. 12,441-560 (120 Verse), Aen. 2,407-508 (102 Verse), Aen. 11,603-685 (83 Verse), Aen. 9,677-736 (60 Verse), Aen. 10,680-736 (56 Verse). Ausnahmen sind allein die Schildbeschreibung (die mit Kontext in Aen. 8,615-731 nicht weniger als 117 Verse einnimmt), eine Phase der Unterweltsdurchwanderung in Aen. 6,258-316 (59 Verse) und die Beschreibung des Troja- Spiels in Aen. 5,551-603 (53 Verse). Gleichnisse samt ihrem Kontext und Partien, die Reden ein- oder ausleitend rahmen, erreichen in der Aeneis eben nie einen Umfang von auch nur 20 Versen. Zu unterscheiden von diesem Überspringen ganzer zusammenhängender Versblöcke der Aeneis sind drastische Kürzungen längerer thematisch geschlossener Partien bei Vergil, von denen Lucienberger im Extremfall nur die eingestreuten direkten Reden des epischen Originals beibehält oder allenfalls einzelne Passagen daraus übernimmt. (Ob diese als Stützpfeiler - Vergil selber soll für zunächst nur provisorisch ausgeführte Partien der Aeneis den Begriff tibicines verwendet haben - ausreichen, um den originalen Handlungsverlauf in der Aeneis zu rekonstruieren, darf bezweifelt werden.) Ein Beispiel für eine solche einschneidende Kürzung, die Reduzierung der 400 Verse von Aen. 12,161-560 auf 79 Hexameter in TC X-3, ist in → Kap. D 1.1 besprochen worden. Von weitem vergleichbar ist die Schilderung der Regatta, des ersten Wettkampfes bei den Gedächtnisspielen für Anchises. Bei Vergil nimmt sie in Aen. 5,104-285 nicht weniger als 182 Verse ein. Lucienberger glaubt sie in TC 4,3,010-046 in 37 Versen, die gattungsentsprechend ausnahmslos in Reden der Akteure und der Zuschauer bestehen, darstellen zu können. Für die gesamten „Leichenspiele“ (vgl. → Kap. B 4. 2. 12) wendet Vergil 488 Verse in Aen. V auf, Lucienberger nur 144 in TC IV -3. Im Folgenden ist eine Liste jener mehr als 24 Verse langen zusammenhängenden Partien der Aeneis zusammengestellt, die Lucienberger übergangen hat. Die meisten von ihnen sind von mir an anderer Stelle (→ Kap. F 1) näher behandelt. 60 Im Hinblick auf Aen. II-III ist beachtet, dass scheinbar im „1. Durchgang“ zunächst übersprungene Partien, besonders aus Aen. III, beim „2. Durchgang“ in TC II-7 berücksichtigt sein können, vgl. dazu → Kap. C 4.4. <?page no="207"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 207 Aen. 1,1-33 33 Verse Proömium Aen. 1,464-495 32 Verse Beschreibung der Bilder aus dem Trojanischen Krieg Aen. 1,697-727 31 Verse Das Gastmahl bei Dido Aen. 2,195-257 (63 Verse) - diese Passage über die Tötung Laocoons durch die Schlangen ist zwar in TC II -7 übergangen, aber drei Verse daraus sind zuvor in TC 1,1,140-142 sinngemäß benutzt. Aen. 2,407-508 102 Verse Geschehnisse beim nächtlichen Kampf in Troja Aen. 2,735-767 33 Verse Aeneas verliert Creusa bei der Flucht aus Troja Aen. 4,238-264 27 Verse Flug Merkurs Aen. 4,450-477 28 Verse Unruhe Didos Aen. 4,504-533 30 Verse Vorbereitungen Didos zum Selbstmord Aen. 5,116-161 46 Verse Anfangsphase der Regatta Aen. 5,315-339 25 Verse Wettlauf Aen. 5,492-524 33 Verse Pfeilschießen Aen. 5,551-603 53 Verse Troja-Spiel Aen. 6,212-257 46 Verse Bestattung des Misenus; Opfer für die Unterweltsgötter Aen. 6,258-316 59 Verse Durchwanderung der Unterwelt bis Acheron-Fluss Aen. 7,170-194 25 Verse Palast des Latinus Aen. 7,519-544 26 Verse Hirtenkrieg Aen. 7,601-640 40 Verse Belli portae , Kriegsvorbereitungen Aen. 8,79-106 28 Verse Fahrt Tiber aufwärts, Euander Aen. 8,405-438 34 Verse Vulkan bei den Kyklopen Aen. 8,615-731 117 Verse Schildbeschreibung im Kontext Aen. 9,525-559 35 Verse Kampfszenen (Turnus’ Angriff auf das trojan. Lager) Aen. 9,561-597 38 Verse Kampfszenen bis Schmähung durch Numanus Aen. 9,677-736 60 Verse Kampfszenen (Turnus gegen Pandarus und Bitias) Aen. 10,113-145 33 Verse Ende der Götterversammlung; Belagerung der Trojaner <?page no="208"?> 208 D Analysen Aen. 10,335-361 26 Verse Kampfszenen Aen. 10,680-736 567 Verse Kampfszenen, Mezentius Aen. 10,747-772 26 Verse Kampfszenen Aen. 11,64-93 30 Verse Leichenzug des Pallas Aen. 11,603-685 83 Verse Kampfszenen, auch mit Camilla Aen. 11,741-777 37 Verse Kampfszenen mit Tarchon und Camilla Aen. 11,794-822 29 Verse Tod Camillas Aen. 11,868-895 28 Verse Flucht nach Camillas Tod Aen. 12,81-106 26 Verse Turnus’ Entschluss zum Duell (inkl. Rede! ) Aen. 12,116-141 26 Verse Vorbereitung des Kampfplatzes, Juno Aen. 12,266-295 30 Verse wiederaufflammender Kampf Aen. 12,327-358 32 Verse Kampfszenen, Turnus Aen. 12,362-388 27 Verse Kampf, Turnus Aen. 12,391-424 34 Verse Verwundung des Aeneas Aen. 12,441-560 120 Verse Kampfszenen (Aeneas’ und Turnus’ Doppel-Aristie) Aen. 12,697-734 38 Verse Duell Aeneas - Turnus Aen. 12,841-871 31 Verse Dirae, Juturna D 2.4 Ergänzungen und Erweiterungen durch Lucienberger D 2.4.1 Umfang und Bedeutung der Zusätze Lucienbergers Ich habe festgestellt, dass Lucienberger von den 6.008 Versen seiner TC etwa 1.179 nicht im Wortlaut oder nur leicht verändert aus der Aeneis übernommen, sondern selber neu gedichtet hat. 61 Damit verringert sich umgekehrt die Anzahl 61 Ich habe diese Zahl ermittelt, indem ich für die einzelnen Szenen in meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. die unterstrichenen Verse bzw. Versteile gezählt habe. Unterstreichung bedeutet dort nämlich, dass ich für diese Partien keine direkte Vorlage in der Aeneis gefunden habe. Eine gewisse Ungenauigkeit haftet dem Ergebnis von 1.179 Versen insofern an, als ich neu von Lucienberger gedichtete Teile von Versen zwar überwiegend, aber nicht immer als „neuen“ ganzen Vers gerechnet habe. (Außerdem könnte ich mich auch schlicht verzählt oder den einen oder anderen unterstrichenen Vers übersehen haben.) Aber mit dieser Einschränkung dürfte die Berechnung stimmen. Im Einzelnen habe ich für TC I etwa 166 neue Verse von 996 insgesamt gezählt, für TC II 127 von 772, für TC III 117 von 505, für TC IV 106 von 434, für TC V 72 von 678, für TC VI 188 von 519, für TC VII 84 von 710, für TC IX 80 von 521 und für TC X 118 von 426. - Keinen einzigen Plus-Vers Lucienbergers weisen allein die Szenen TC IV 2 (Aeneas bei der Ankündigung der Gedächtnisspiele für Anchises, 31 aus Aen. 5,5,45-71. 80-84 zitierte Rede-Verse), <?page no="209"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 209 der Aeneis-Verse, die Lucienberger wörtlich „zitiert“ auf (6.008-1.179 =) 4.829, also auf 48,8 Prozent der 9.896 Verse der Aeneis. Da die Durchschnittslänge der 12 Bücher der Aeneis ziemlich genau 825 Verse beträgt, kann man sagen, dass die vielen einzelnen Plus-Verse Lucienbergers zusammengenommen dem Umfang von 1 ½ Aeneis-Büchern entsprechen und innerhalb der TC fast 20 Prozent der Dramatisierung ausmachen. Wenn man bei den Kürzungen Lucienbergers gegenüber der Aeneis, wie sie in → Kap. D 2.3 im Überblick, in dem → Rubriken-Kap. C 5.2 (nebst → Kap. C 5.1) mit Einzelbelegen und in → Kap. D 3.2 (Redekontexte), → Kap. D 4. 1. 14-15 (Aristien und Grausamkeiten), → Kap. D 4.3 (Kunstbeschreibungen und Rüstungsszenen) sowie in → Kap. D 5 (Gleichnisse) durch die Analyse ausgewählter Beispiele geboten werden, nur Vermutungen anstellen kann, warum er die entsprechenden Partien der Aeneis für entbehrlich hielt oder sie nur schwer in seinem Drama wiedergeben konnte, ist für die Ergänzungen Lucienbergers gegenüber der Aeneis die Frage seiner Motivation von vornherein klarer: Man wird unterstellen dürfen, dass er solche Erweiterungen für eine Verbesserung der Aeneis hielt, jedenfalls im Hinblick auf seine Intention, den lehrhaft-vorbildlichen Charakter der Aeneis zu verstärken. Längere zusammenhängende Blöcke von Plus-Versen in der TC , die ein und derselben Figur in dem Mund gelegt werden, sind selten. Man sollte denken, sie fänden sich am ehesten in Szenen wie TC VIII 2-3 und TC X-9, die als ganze Eigenerfindungen Lucienbergers sind. Aber nicht in der Schluss-Szene TC X-9, sondern nur in TC VIII -2 erhält Aeneas eine neue Rede von 30 Versen ( TC 8,2,020-049), mit der er bei Tarchon um Unterstützung beim Kampf um seine Niederlassung im Gelobten Land ( promissa tellure ) wirbt und dabei auch über seine Geschichte spricht (vgl. dazu → Kap. D 7.2.2). - Die längste neu von Lucienberger geschaffene Rede ist die Verlängerung der Prophezei- TC VIII-1 ( Jupiter - Venus - Juno - Jupiter, 97 aus dem Anfang von Aen. X zitierte Rede- Verse bei der Götterversammlung) und TC X-7 (46 aus dem Götterdialog Jupiter - Juno - Jupiter in Aen. 12,793-806. 808-828. 830-840 zitierte Rede-Verse) auf. Nur ganz wenige eigene Verse hat Lucienberger in (folgenden meist sehr kurzen) Szenen hinzugefügt: in TC X.5 1 von 26; in TC I-3 2 von 24; in TC II-5 2 von 27; in TC IV-6 3 von 57; in TC VIII-5 2 von 25; in TC IX-5 1 von 60; in TC X-5 1 von 26. - Umgekehrt ist der Anteil von neu von Lucienberger gedichteten Versen besonders hoch in folgenden Szenen, die deshalb von mir meist auch eigens gewürdigt werden: in TC III-3 (36 von 46 insgesamt; Jagd Didos zusammen mit Aeneas; vgl. → Kap. C 7.2, auch → Kap. D 11.8.7); in TC IV-5 (38 von 63; Stadtgründung für die auf Sizilien zurückbleibenden Trojaner; vgl. → Kap. D 9.4); in TC VI-7 (60 von 86; erste Kämpfe mit den Hirten des Latinus; Kriegserklärung des Turnus trotz Widerstand des Latinus; vgl. → Kap. D 9.3.5); in TC VIII 2 (59 von 75; Beratung Tarchons mit seinen etruskischen Vornehmen; vgl. → Kap. D 7.2); in TC X-4 (32 von 52; Klage über Amatas Selbstmord; vgl. → Kap. D 8.2); in der Schlusszene TC X-9 (alle 37; Sieges- und Hochzeitsfeier; vgl. → Kap. D 6.3 und Kap. D 8.3). <?page no="210"?> 210 D Analysen ung des Anchises in der Unterwelt in TC 5,3,180-248, wo die Schlusspartie TC 5,3,210-248 (also 39 Hexameter) fast ganz aus Plus-Versen Lucienbergers besteht (vgl. dazu → Kap. D 6, besonders → D 6.1.1). - Neue Reden, die nicht bloße mündliche situationsbedingte Äußerungen sind, sondern argumentativen und appellativen Charakter haben, lässt Lucienberger den König Latinus in TC 6,7,059-070 (12 Verse, vgl. dazu → Kap. D 9.3.5) und seinen Kanzler Drances in TC 10,1,001-013 (13 Verse, vgl. dazu → Kap. D 9.5) halten. (Auch in der neu geschaffenen Berichtsrede des Drances über den Erfolg seiner Waffenstillstands- Gesandtschaft in TC 9,3,001-021 sind die ersten 11 Verse neu von Lucienberger formuliert, der Rest teils ebenfalls, teils in Anlehnung an erzählende Verse Vergils, die auch schon in der vorausgehenden Szene TC IX -2 benutzt worden waren.) Die Rolle Lavinias ist bei Lucienberger vor allem dadurch aufgewertet, dass er ihr in TC 10,4,023-041 eine 19 Verse lange, viergeteilte Klagerede zum Tod ihrer Mutter Amata neu in den Mund legt; vgl. dazu → Kap. D 8.2. (In der Aeneis spricht Lavinia kein Wort.) D 2.4.2 Strukturelle Ergänzungen Es gibt aber auch zwei folgenreiche Erweiterungen der Aeneis, die offenbar dazu dienen sollten, die Durchsichtigkeit und Zielgerichtetheit gerade der zweiten Aeneis-Hälfte zu steigern. Dieser in struktureller Hinsicht wichtigsten Plus-Partie der TC gegenüber der Aeneis, in der z w e i n e u e H a n d l u n g s k e t t e n angebahnt werden, ist (innerhalb des großen Analyse-Teils D) das → Kap. D 6 gewidmet. Die Basis beider Neuerungen in der TC besteht in einer einzigen längeren Erweiterung von 67 Versen: der Weiterführung der prophetischen Rede des Anchises in der Unterwelt durch TC 5,3,182-248. In ihr wird von hier, dem Ende der ersten Aeneis-Hälfte und fast auch der ersten Hälfte der TC (es folgt nur noch die 28 Verse kurze Szene TC V-4) eine Brücke zum Ende der TC (nicht auch der Aeneis, denn im Epos fehlen sowohl die Prophetie selber als auch die Handlungselemente, auf die vorgedeutet wird) geschlagen. Denn in dieser Erweiterung der Anchises-Rede wird nicht nur ein Vorblick auf den Inhalt der Aeneis-Bücher VII und VIII bzw. TC VI -1 bis TC VIII -3 gegeben - was man als unnötig betrachten könnte, zumal hier am Ende von TC VI wahrscheinlich bei einer Verteilung der Rezitation oder Aufführung der TC an drei Tagen schwerlich das Ende des zweiten Tages erreicht ist (vgl. dazu → Kap. E 2.5.5 und → Kap. D 6.1.1) -, sondern es wird auch in doppelter Weise auf das Ende der TC vorausgewiesen: dort wird - eine wirkliche Neuerfindung Lucienbergers - Aeneas seine siegreichen Wa f f e n d e n G ö t t e r n w e i h e n und dieser Sieg wird erst möglich sein, wenn die latinische Königin Amata tot ist - der To d A m a t a s als solcher ist keine Neuerfindung Lucienbergers, aber er steigert seine Bedeutung. <?page no="211"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 211 Direkt mit dieser doppelten strukturellen Ergänzung der Aeneis verbunden ist eine dritte: die Hinzufügung einer geradezu festlichen S c h l u s s - S z e n e T C X- 9 mit der Heirat des Aeneas mit der latinischen Prinzessin Lavinia (in der in der Dramatisierung üblichen Form von deren Ankündigung), die Akklamation des Aeneas als gemeinsamer König und der Vollzug der Weihung seiner Waffen (wie er von Anchises vorausgesagt und sozusagen angeordnet worden war) samt Stiftung dieses Ritus für die Zukunft. Dieser triumphalen Abrundung der Aeneis-Handlung sind die → Kap. D 6.3 und Kap. D 8.3 gewidmet. D 2.4.3 Erweiterungen aus inhaltlichen Motiven Neben der neuen Schluss-Szene gibt es unter den 67 Szenen, in die Lucienberger seine Dramatisierung eingeteilt hat, nur noch zwei weitere, zusammenhängende Szenen, die er inhaltlich neu geschaffen hat: T C V I I I - 2 u n d V I I I - 3 . In ihnen gewinnt Aeneas die Etrusker unter König Tarchon (der bisherige König Mezentius ist von ihnen vertrieben worden; er hat sich Turnus angeschlossen) als Bundesgenossen. Das wird in der Aeneis in wenigen Versen (Aen. 10,148-156) in einer Art erzählerischem Rückgriff abgetan, als Aeneas schon auf den Schiffen der Etrusker unterwegs ist, um zum Lager der Trojaner am Tiber zurückzukehren. Auf die indirekt von Vergil in 5 Versen referierten Darlegungen des Aeneas hin schließt sich Tarchon „unverweilt“ ( haud fit mora ) Aeneas an. - Lucienberger hat offenbar gemeint, dass Vergil das Zustandekommen eines solchen Bündnisses zu vereinfacht dargestellt habe. Jedenfalls hat Lucienberger in Tarchon, dem Führer der Etrusker, keinen autokratischen König geschaffen, der aus alleiniger Machtvollkommenheit außenpolitische Verträge abschließt: In der von ihm neu geschaffenen Doppelszene TC VIII 2-3 berät Tarchon sich zunächst mit seinen Fürsten ( proceres ), nachdem Aeneas in der TC ausführlich in direkter Rede seine Situation und sein Anliegen vor diesem Gremium vorgetragen hat. Bei dieser Beratung, bei der Aeneas nicht anwesend sein darf, lässt Lucienberger immerhin vier etruskische Fürsten zu Wort kommen, die alle das Bündnis mit Aeneas und den Arkadern befürworten. Erst dann gibt Tarchon dem Aeneas (zu Beginn von TC VIII -3) positiven Bescheid. - Diesem in aristokratischer Weise erweiterten und auch in anderer Hinsicht realistisch ausgeweitetem 62 Handlungskomplex ist das → Kap. D 7.2 gewidmet. 62 Lucienberger berücksichtigt, über Vergil hinausgehend, nicht nur ein politisches Element, die Beteiligung von Aristokraten an staatlichen Entscheidungen, sondern auch militärische Erwägungen: Aeneas wird als Einzelperson vor den Kronrat der Etrusker eskortiert; sein Heer (es sind im Wesentlichen laut Aen. 8,518 f. = TC 7,4,049 f. 400 arkadische Reiter, während der etruskische Heerbann nach Aen. 8,496 = TC 7,4,027 aus Tausenden von Kämpfern besteht) darf das etruskische Heerlager nicht betreten. <?page no="212"?> 212 D Analysen Auch Aeneas fragt in der TC gelegentlich um Rat, aber nicht in einer formellen Versammlung. So wendet er sich (in dieser Form nur in der TC ) nach dem schrecklichen Polydorus-Prodigium der blutenden Sträucher an Anchises und die vornehmen Trojaner in TC 1,4,048 Tu pater et proceres, quae sint portenta, referte . Anchises antwortet, die proceres stimmen zu. Die Tendenz Lucienbergers, die B e d e u t u n g d e r A r i s t o k r a t e n i n d e r T C gegenüber der Aeneis zu s t e i g e r n , ist besonders deutlich in der S z e n e T C I V - 5 . Als ein Teil der Trojaner von Sizilien aus die Fahrt zu einer neuen Heimat nicht mehr fortsetzen will und die fahrtmüden Trojanerinnen Feuer an die Flotte gelegt haben, folgt Aeneas in der Aeneis dem eher pauschalen Rat des alten Nautes, der von einer Traumerscheinung seines toten Vaters Anchises bestätigt wird, die Alten, Schwachen und der Fahrt müden Frauen auf Sizilien zurückzulassen (Aen. 5,709-718. 728 f.). Die Reden des Nautes und des Anchises übernimmt, wie gewöhnlich, auch Lucienberger in TC IV -5. Aber er erweitert die Szene beträchtlich. Zunächst vergewissert er sich der Zustimmung des einheimischen Königs Acestes zur Gründung einer neuen Stadt (Acesta = Segesta) für die auf Sizilien zurückbleibenden Trojaner; dann beruft er eine Versammlung seines „Volkes“ ein. In seiner Rede beruft er sich für den Plan auf den Rat führender Trojaner ( procerum meorum consilio ) und nimmt ein Auswahlverfahren vor, bei dem die 7 namentlich genannten vornehmsten Trojaner, die ihn weiterhin begleiten werden, zu seiner Rechten stehen sollen. Dass der Aeneas Lucienbergers weniger autokratisch ist als der Vergils, 63 zeigt sich hier in TC IV -5 sowohl in seinem Verhalten gegenüber den trojanischen proceres als auch gegenüber dem gleichrangigen König Acestes in Sizilien. Zwar holt Aeneas auch bei Vergil die Zustimmung des Acestes dazu ein, entsprechend der Weisung der Anchises-Vision einen Teil seiner Gefolgsleute auf Sizilien zurückzulassen (Aen. 5,746-749), aber die Einbeziehung des Acestes wird in der TC (nach dem neuen Schluss-Vers von TC 4,4,094 sed percontabor Acesten ) viel breiter ausgeführt: Der Verständigung mit Acestes und der Beteiligung der trojanischen proceres ist (abgesehen von der Weisung des Anchises in TC 4,5,001-016 = Aen. 5,724-739) der ganze Rest der Szene TC IV-5 gewidmet (vgl. dazu → Kap. D 9.4), der praktisch ganz neu gedichtet ist. Auch der Aeneas Vergils beteiligt (wie später Tarchon, vgl. → Kap. D 7.2.3) die proceres an seinen Entscheidungen und fasst nicht autokratisch einsame Beschlüsse (vgl. dazu auch → Kap. D 4.2.1). 63 Für das Verhältnis des Aeneas zur trojanischen Elite vgl. bei Schauer, 2007, 155 ff. das Kapitel über die Führungsstellung des Aeneas, das S. 258 in dem Satz zusammengefasst wird: „Adel spielt in der Aeneis keine Rolle.“ <?page no="213"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 213 Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Neuerung Lucienbergers, dass viermal in der TC Könige nicht nur den Aeneas, sondern daneben auch seine proceres begrüßen (s. die Belege bei salve / salvete : in → Kap. D 7.3: Anius in TC 1,4,067; Helenus in TC 1,5,158; Acestes in TC 1,7,106; Tarchon in TC 8,2,017). Hinsichtlich der S t e l l u n g e i n e s K ö n i g s und speziell des Aeneas sei erwähnt, dass Aeneas in der Aeneis nie als rex angeredet (wie allein Jupiter, Gradivus / Mars, Latinus 64 und Priamus), allerdings gelegentlich als solcher bezeichnet wird (z. B. in Aen. 1,544 und 7,220 vom Trojaner Ilioneus, in Aen. 1,575 von Dido, in Aen. 6,55 auktorial). In der TC aber wird er vielfach als rex angesprochen (wie zusätzlich zu Vergil auch Tarchon, allein fünfmal in TC VIII -2), so in TC 1,6,151b und TC 2,3,120 von Achates, in TC 1,7,067 von Achaemenides, in TC 2,1,072 von Palinurus, in TC 2,6,012 von Dido usw. Ein emphatisches Bekenntnis zum Königtum und der Loyalität zu König Latinus mit dem Grundsatz regno uni rex unus erit ( TC 6,7,040) lässt Lucienberger Tyrrhus, den Oberhirten des Latinus, in einer ganz neu gedichteten Rede in TC 6,7,033-043 ablegen. Tyrrhus lehnt auch ausdrücklich das Zusammenleben von Völkerschaften mit unterschiedlichen Sitten unter einem König ab. Damit lässt ihn Lucienberger eine Position vertreten, die in direktem Widerspruch zu der am Ende von Epos und Drama göttlich sanktionierten Vereinigung von Trojanern und Latinern steht, zu dem sog. Einigungsvertrag. Dass ein König vertrieben (Mezentius) oder faktisch entmachtet (Latinus) werden kann, ist schon im Epos durch Vergil vorgegeben. Die Entmachtung des Latinus zu Beginn der Kämpfe gegen die Trojaner beruht in der Aeneis auf freiwilliger Selbstisolation, einer Art Rücktritt, weil er gegenüber den Aeneaden nicht vertragsbrüchig werden will. Lucienberger hat aber die faktische Machtübernahme durch Turnus in TC VI -7, besonders durch das (neu gedichtete) Edikt des Turnus, einen Aufruf zur Mobilmachung an die Latiner und ihre Alliierten, am Schluss der Szene, viel drastischer dargestellt. Vorbereitet wird diese Usurpation der Führungsstellung bereits in in neu gedichteten Versen am Schluss von TC VI -6. Dort ruft Turnus die Rutuler und Sicani (was, da das abwegig wäre, zu Latini zu verbessern ist) bereits zu einem Zeitpunkt, als zwar er selber von der Furie Allecto zum Kampf gegen die Trojaner aufgereizt worden ist, der Zwischenfall mit der Tötung von Silvias zahmem Hirsch und dem anschließenden blutigen Zusammenstoß zwischen Trojanern unter Ascanius und latinischer Landbevölkerung aber noch bevorsteht, in TC 6,6,028-037 zur Be- 64 Lucienberger lässt in TC 9,3,080 ≈ Aen. 11,294 Latinus durch Venulus sogar als rex optime regum anreden, aber das geht wohl auf ein Missverständnis des im Aeneis-Text überlieferten rex optime regi s zurück, wo sich regis auf promissa sc. Diomedis bezieht. <?page no="214"?> 214 D Analysen waffnung auf, um die Trojaner aus Italien zu vertreiben. Er rechtfertigt das mit einem zynischen Satz, der besagt: Latinus selbst mag Vertrag und Frieden mit den Trojanern abgeschlossen haben - was schert uns das? ( TC 6,6,029 f. Ipse - licet - pepigit foedus pacemque Latinus / cum Teurcris. Quod nos movet hoc? ) Während Lucienberger die Rolle, die Tarchon bei Vergil spielt, nur um eine aristokratische Komponente erweitert, hat er die R o l l e d e s D r a n c e s am Hof des Latinus tiefgreifender verändert. In der Aeneis tritt Drances erstmals immerhin als Führer der Gesandtschaft auf, die Aeneas um einen Waffenstillstand für die Bestattung der in der ersten Schlacht gefallenen Latiner bittet (Aen. 11,122 ff.), dann im Zusammenhang mit und in der Ratsversammlung der Latiner (Aen. 11,220 f. und dann Aen. 11,336-342, mit einer langen Rede in Aen. 11,343-375), in der er gegen Turnus Stellung nimmt und von diesem in seiner Erwiderung hart angegriffen wird (namentlich genannt in Aen. 11,3788. 384. 443 und auch noch in Aen. 12,644). Er ist bei Vergil eher negativ dargestellt und seine Rolle ist, von jener Gesandtschaft wegen eines Waffenstillstands abgesehen, allein auf die des erbitterten Turnus-Gegners beschränkt. Bei Lucienberger aber wird Drances ausdrücklich zum Cancellarius regis Latini aufgewertet, der auch in anderen Situationen zu Wort kommt (er spricht in der Aeneis nur zweimal, in der TC aber in vier Szenen). Sein Bild ist in der TC bedeutend positiver als in der Aeneis. Seiner Rolle ist → Kap. D 9.5 gewidmet. Stärker politisch ausgestaltet als bei Vergil sind bei Lucienberger auch die Umstände des K r i e g s a u s b r u c h s zwischen den Latinern unter Turnus und den Trojanern, s. dazu → Kap. D 9.3 mit Turnus’ Begründung für seinen Kampf gegen Aeneas und die Rolle der Furie Allecto. Lucienberger legt Wert auf die Darstellung h ö f i s c h e n , h ö f li c h e n u n d a u c h m i t m e n s c h li c h e n Ve r h a l t e n s , letzteres vor allem bei Todesfällen. Was Vergil in dieser Hinsicht vielleicht voraussetzt, aber nicht erzählt, wird von Lucienberger in manchen Fällen ergänzt. Es ist eine singuläre und zudem ironisch gebrochene Erweiterung, wenn Lucienberger dem jungen Ascanius (als einem Vertreter jugendlicher Adeliger, denen die Buchausgabe der TC 1576 gewidmet ist) in TC II -6 von Achates Anweisungen für korrektes Verhalten bei Hofe geben lässt (s. dazu → Kap. D 7.1). Aber es ist typisch für Lucienberger, dass er Begrüßung und Abschied nicht nur, wie Vergil es bestenfalls tut, berichtet, sondern (in dramatischer Transformation) dialogisch vollziehen lässt (s. dazu → Kap. D 7.3). Immer wieder werden in der TC zudem Gäste von Fürsten zum Mahl oder generell zur Erholung eingeladen (z. B. die Aeneaden von König Anius auf Delos in TC 1,4,068) und Lucienberger lässt mit solchen menschenfreundlichen Gesten gern Szenen positiv ausklingen (s. dazu → Kap. D 8.1). Zu solchen „humanen“ Erweiterungen der Vorlage gehört auch, dass Lucienberger den Tod des Anchises auf Sizilien in TC I-7 anders als Vergil nicht bloß <?page no="215"?> D 2 Überblick über typische Transformationsproblemeund -techniken Lucienbergers 215 in einer pathetischen Klage des Aeneas am Ende von Aen. III erwähnen lässt, sondern die Umstände szenisch darstellt und bei dieser Ausweitung dem sizilischen König Acestes Worte des Mitgefühls in den Mund legt ( TC 1,7,114-121). Und nach dem Selbstmord ihrer Mutter Amata darf ihre Tochter Lavinia, die in der Aeneis kein einziges Wort spricht, in TC X-4 ihrer Sorge, Klage und Trauer freien Lauf lassen. D 2.4.4 Sonstige wirkliche oder scheinbare Zusätze in der TC Vielleicht wäre es, analog zu den Kürzungen (vgl. → Kap. D 2.3), auch für den Bereich der Ergänzungen Lucienbergers gegenüber der Aeneis möglich, aus dem reichen und disparaten Material, das in dem → Rubriken-Kap. C 5.4 zusammengestellt ist (oder das man durch eigene Prüfung der unterstrichenen Verse in meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. fände), weitere charakteristische Tendenzen Lucienbergers zu ermitteln. Ich hoffe aber, die wichtigsten erkannt zu haben. Manche der eigenen Plus-Verse Lucienbergers gegenüber dem Vergil-Text sind aber keine wirklichen Zusätze, sondern nichts anderes als Umsetzungen von epischer Erzählung in mimetische Reden (wo also erzählte Handlungen in Worte der Akteure verwandelt sind) und gehören damit in den Bereich der Transformation im engeren Sinne. Das Material dafür ist in dem → Rubriken- Kap. C 5.3 (bes. in → Kap. C 5.3.6) zusammengestellt. Einzelne Beispiele für Transformationen werden in den folgenden Kapiteln meines Analyse-Teils D behandelt. Ein auffälliges Interesse bringt Lucienberger der Jagd entgegen. Das zeigt sich weniger bei der Hirsch-Jagd des Aeneas an der libyschen Küste (Aen. 1,184-193 / TC 2,1,094-106), oder bei der Jagd des Ascanius auf den zahmen Hirsch Silvias (Aen. 7,483-502 / TC 6,7,001-005), wohl aber in TC III -3 bei der folgenreichen Jagd, die Dido für Aeneas und seine Gefährten veranstaltet. Sie ist von Lucienberger in TC III -3 mit vielen neu gedichteten Versen ungewöhnlich lebendig ausgestaltet, sowohl der Auftakt mit 28 Plusversen ( TC 3,3,001-028a) als auch eine konkrete Jagdszene, bei der in einer Serie von Antilabae (→ Kap. 7.2) in den 5 Versen TC 3,3,037-041 nicht weniger als 7 Personen insgesamt 13mal sprechen. <?page no="216"?> 216 D Analysen D 3 Reden und Redner in der Aeneis und in der TC D 3.1 Statistiken für Reden und Redner in der Aeneis und in der TC In → Kap. C 2.1 ist schon vorweg als ein Grundprinzip Lucienbergers bei seiner Umarbeitung der Aeneis in ein Drama festgestellt worden, dass er alle 333 (bzw. nach anderer Rechnung 290) originalen Reden aus der A e n e i s (mit 1 Ausnahme) in seine TC übernimmt und damit von vornherein rund 37 (bzw. nach anderer Rechnung sogar fast 47) Prozent der Aeneis-Verse wörtlich zitiert. In meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. sind alle originalen Rede-Verse der Aeneis grau unterlegt. Auch in der Aeneis bilden Reden schon bei rein quantitativer Betrachtung einen bedeutenden Teil des Epos. Eine genaue (sogar Hexameter- Bruchteile einbeziehende) Addierung aller Rede-Verse der Aeneis (Highet, 1972, 30) ergibt die Summe von 3.667 Hexametern (wenn man nicht die ganze „Rede“ des Aeneas, die die beiden Bücher Aen. II - III einnimmt, berücksichtigt, wohl aber die darin „zitierten“ Figuren-Reden; nach der anderen Berechnung, die Aen. II - III fast ganz als „Rede“ wertet, sind es sogar rund 4.620). 65 Da Lucienberger prinzipiell alle Rede-Verse der Aeneis übernommen hat, stammen etwa 61 Prozent der 6.008 Hexameter der TC wörtlich aus der vergilischen Vorlage. In Ve r g il s A e n e i s hat Highet, 1972 (Appendix 4, S. 327-339) 90 individuelle Sprecher „wörtlicher“ Äußerungen („Reden“) gezählt (wenn man mater Euryali , haruspex Etruscorum, matres Latinae , Penates , Salii , Vates Latinorum mitrechnet). Am häufigsten redet Aeneas (69-mal; seine Reden nehmen insgesamt, wenn man seine Erzählung in Aen. II - III mitrechnet, 1.958 Verse ein, sonst aber nur 442 Verse). Nach der Zahl der Verse, nicht aber der Reden, folgt Euander (8 Reden mit 249 Versen). Drei weitere Hauptpersonen sprechen ungefähr gleich viele Verse, aber in unterschiedlicher Häufigkeit: Anchises 27-mal mit 235 Versen, Turnus 29-mal mit 233 Versen, Dido 13-mal mit 231 Versen. 66 65 Das habe ich in meiner Monographie: Vergils Aeneis. Epos zwischen Geschichte und Gegenwart, Stuttgart (Reclam) 1999, 264 auf der Grundlage von der fundamentalen 380-seitigen Monographie von G. Highet, The speeches in Vergil’s Aeneid, Princeton NY 1972, errechnet. Bei Highet, der für die Aeneis von 9.883 (statt, wie üblich, von 9.896) Versen ausgeht, sind für Statistiken (und für Dokumentationen) vor allem die 6 Appendices S. 291-343 wichtig. - Wie schon bei dieser Berechnung, so haben auch für die Transformationstechnik Lucienbergers (bei der Umwandlung von Erzählung in Rede) die Aeneis-Bücher II-III mit der langen Erzählung des Aeneas vom Fall Trojas und von seinen Irrfahrten einen problematischen Sonderstatus, s. dazu → Kap. C 4. Vgl. auch → Kap. E 2.4. 66 Weitere wichtige „Redner“ in der Aeneis: die Gottheiten Venus (11-mal mit 216 Versen), Juno (13mal mit 179 Versen), Jupiter (10-mal mit 125 Versen); die Menschen Deiphobe, die Sibylle (13-mal mit 157 Versen), Sinon (einmal in 4 Abschnitten mit insgesamt 110 Versen), König Latinus (6-mal mit 111 Versen). - Der oft in der Aeneis genannte <?page no="217"?> D 3 Reden und Redner in der Aeneis und in der TC 217 Aber es gibt auch viele Sprecher, die nur ein einziges Mal mit einer „wörtlichen“ Äußerung auftreten. L u c i e n b e r g e r hat in seiner TC alle diese originalen Sprecher in der Aeneis übernommen. Darüber hinaus hat er aber weitere 49 Figuren, die in der Aeneis erwähnt werden, denen im Epos aber keine direkte Rede zugeteilt wird, zu Sprechern erhoben (die im Sprecherverzeichnis in → Kap. F 2 mit 1 Sternchen * markiert sind). Dazu gehört auch Rhoebus / Rhaebus, das Pferd des Mezentius ( TC 8,7,019). Schließlich hat er noch zusätzlich 15 Nebenfiguren (relativ viele am Hofe Didos) ganz neu erfunden, die nur einbis maximal zweimal auftreten und denen er kurze Äußerungen in den Mund legt (die im Sprecherverzeichnis in → Kap. F 2 mit 2 Sternchen ** markiert sind). Insgesamt lässt Lucienberger damit in seiner TC etwa 145 Personen sprechen, die in den 67 Scenae 1-mal (das gilt für viele) oder bis zu 41-mal (so nur Aeneas) auftreten. Die Frequenz der Auftritte der Hauptpersonen in den 67 Szenen (innerhalb derer sie mindestens einmal, häufiger aber auch mehrfach reden) wirkt, vom Spitzenplatz des Aeneas (41) abgesehen, überraschend: Auf Aeneas (41) folgen Turnus und Achates (! ) mit je 15 Auftritten, dann eine Gruppe von Personen, die jeweils in etwa 10 Scenae erscheinen: Juno (11), Venus (10), Latinus (10), Julus / Ascanius (10! ) und Mnestheus (9). Auf mehr als 5 Auftritte bringen es dann nur noch Dido (7), Palinurus (7! ) und Jupiter (6). Schon diese rein äußerliche Statistik zeigt eine starke Aufwertung von Nebenpersonen, die alle auf der Seite des Aeneas stehen: Achates, Julus, Mnestheus, Palinurus. Immerhin sind Turnus, Latinus und Dido (die ja auch bei Vergil selber in nur 3 der 12 Aeneis- Bücher auftritt: in Aen. I, IV und als Tote in VI ) in der TC relativ häufig unter den interlocutores vertreten. Dasselbe gilt für die Hauptgottheiten Juno, Venus und Jupiter. Speziell zu redenden Göttern s. das → Kap. D 12.4 (mit mehreren Unterabteilungen) über Götter-Szenen. Eine weitere Statistik für lange Reden in der Aeneis und in der TC findet sich in → Kap. D 3.5 (mit → Kap. 3.6.2). D 3.2 Kürzungen durch Lucienberger: Vorstellung des Redners in der Aeneis Geradezu notwendig bei der Dialogisierung eines Epos, das seinerseits eine Vielzahl von Reden enthält, die sich zur wörtlichen Wiedergabe anbieten, um nicht zu sagen: aufdrängen, ist es für den dramatisierenden Autor, die üblichen fidus Achates spricht nur einmal vier Verse. Dem Ascanius / Julus, dem jungen Sohn des Aeneas, hat Vergil nur 6 Äußerungen (Highet, 1972, 28 hat den einen, das Tisch-Prodigium erhellenden Satz in Aen. 7,126 übersehen) mit insgesamt 45 Versen zugeteilt. <?page no="218"?> 218 D Analysen einleitenden Floskeln vor und die oft vorkommenden ausleitenden Floskeln nach einer Rede ersatzlos zu streichen. Ein Epiker muss dann, wenn er nicht in eigener „Person“ erzählt, sondern einen Sprecher auftreten lässt, dem er eine Rede in den Mund legt, dies ankündigen und dabei im Regelfall den Sprecher namentlich aufführen. Praktisch jede der 333 Reden, die die Aeneis enthält (wenn man die in Aen. II - III enthaltenen Reden, die eigentlich Teile der Rede des vor Dido vom Untergang Trojas und von seinen Irrfahrten erzählenden Aeneas sind, mitrechnet) weist wenigstens einen entsprechenden Auftakt (A) auf, einige außerdem eine zusätzliche Schlussbemerkung (S). Wenn eine solche Schlussbemerkung fehlt, ist das durch (S) ϴ angedeutet. Alle einschlägigen Beispiele aus der Aeneis zu zitieren, dürfte wenig sinnvoll sein, da es von vornherein feststeht, dass Lucienberger solche Ein- und Ausleitungen von Reden nicht übernommen hat. Deshalb sind in → Kap. C 5.2.3 nur einige Belege für ausführlichere Situationsbeschreibungen von Reden in der Aeneis zusammengestellt. Um aber doch einen Eindruck von der sprachlichen und sachlichen Bandbreite dieser Formel zu geben, führe ich s ä m t li c h e 2 4 R e d e n a u s A e n . I als Beispiele an (ich klammere den Namen des Sprechers ein, wenn er nicht direkt im Einführungssatz seiner Rede steht): 1. Aen. 1,36 f. (A) Iuno aeterno servans sub pectore volnus / haec secum, (S) 50 talia flammato secum dea corde volutans ; 2. Aen. 1,64 (A) ad quem tum Iuno supplex his vocibus usa est; (S) ϴ (dieses Zeichen bedeutet: nicht vorhanden); 3. Aen. 1,76 (A) Aeolus haec contra ; (S) 81 haec ubi dicta ; 4. Aen. 1,94 (A) (Aeneas) talia voce refert ; (S) 102 talia iactanti ; 5. Aen. 1,131 (A) ( Neptunus) dehinc talia fatur ; (S) 142 sic ait ; 6. Aen. 1,197 (A) (Aeneas) dictis maerentia pectora mulcet ; (S) 208 talia voce refert ; 7. Aen. 1,227-229 (A) illum talis iactantem pectore curas / tristior et lacrimis oculos suffusa nitentis / adloquitur Venus ; (S) ϴ; 8. Aen. 1,254-256 (A) olli subridens hominum sator atque deorum (Iuppiter) / voltu, quo caelum tempestatesque serenat, / oscula libavit natae, dehinc talia fatur ; (S) 297 haec ait ; 9. Aen. 1,321 (A) mater (Venus) … prior … inquit ; (S) 325 sic Venus ; 10. Aen. 1,325 (A) Veneris contra sic filius (Aeneas) orsus ; (S) ϴ; 11. Aen. 1,335 (A) Tum Venus ; (S) 370 quaerenti talibus ille ; 12. Aen. 1,370 f. (A) quaerenti talibus ille (Aeneas) / suspirans imoque trahens a pectore vocem ; (S) 385 nec plura querentem ; <?page no="219"?> D 3 Reden und Redner in der Aeneis und in der TC 219 13. Aen. 1,385 f. (A) nec plura querentem / passa Venus medio sic interfata dolore est; (S) 402 dixit ; 14. Aen. 1,405 f. (A) ille (Aeneas) ubi matrem / adgnovit, tali fugientem est voce secutus; (S) 410 talibus incusat ; 15. Aen. 1,438 (A, aber wie S nachgestellt hinter der aus 1 Vers bestehenden Rede) Aeneas ait ; 16. Aen. 1,459 (A) (Aeneas) lacrimans … inquit ; (S) 464 f. sic ait atque animum pictura pascit inani / multa gemens largoque umectat flumine voltum ; 17. Aen. 1,521 (A) maximus Ilioneus placido sic pectore coepit ; (S) 559 talibus Ilioneus ; 18. Aen. 1,561 (A) tum breviter Dido voltum demissa profatur ; (S) 579 his animum arrecti dictis; 19. Aen. 1,581 (A) prior Aenean compellat Achates ; (S) 586 vix ea fatus erat; 20. Aen. 1,594 f. (A) (Aeneas) tum sic reginam adloquitur cunctisque repente inprovisus ait; (S) 610 sic fatus ; 21. Aen. 1,614 (A) Dido … sic ore locuta est; (S) 631 sic memorat ; 22. Aen. 1,663 (A) (Cytherea = Venus) ergo his aligerum dictis adfatur Amorem ; (S) 689 dictis carae genetricis ; 23. Aen. 1,728-730 (A) regina (Dido) …/ … tum facta silentia tectis (es fehlt ein Verb des Sprechens, das wird erst in (S) nachgeholt); (S) 736 dixit et … libavit ; 24. Aen. 1,750sqq. (A) Dido … multa super Priamo rogitans (es folgen mehrere Themenangaben, dann eine mit immo age beginnende Aufforderung) … inquit ; (S) ϴ. Auch wenn es sich meist nur um einen Vers oder sogar nur um Teile eines Verses handelt, die Lucienberger in diesen Fällen gegenüber Vergil einsparen konnte, ja übergehen musste, bringt doch die hohe Gesamtzahl der in der Aeneis vorgefundenen Reden in diesem Zusammenhang ein nennenswertes Einsparungsmaterial mit sich (vgl. dazu → Kap. D 1.2). Lucienberger braucht nicht eigens anzukündigen, dass eine Person auftritt und redet: (Sie ist sichtbar und) man hört sie sprechen - wenn Lucienbergers Dramatisierung (realiter aufgeführt oder wenigstens) rezitiert wird. Sie ist im gedruckten Text mit ihrem Namen ausgewiesen und man kann ihre Rede lesen - wenn man den Text (nur) gedruckt vor sich hat. D 3.3 Die Identifizierungs-Problematik der Redner in der TC Ein Leser des Textes der TC hat keinerlei Probleme, die jeweils sprechende Figur zu identifizieren: Wie üblich in Dramen-Texten, wird auch in der TC immer der Name des Sprechers den Versen, die er spricht, vorausgestellt. Zusätzlich <?page no="220"?> 220 D Analysen werden vor jeder der 67 Szenen die Namen der darin auftretenden Interlocutores aufgeführt; diese Listen weisen nur kleinere Fehler auf. (Sie sind in → Kap. C 6 von mir richtiggestellt.) In einer anderen Lage befinden sich aber ein Zuschauer bei einer szenischen Aufführung und auch der Zuhörer bei einer Rezitation der Tragicocomoedia Lucienbergers. Wie kann der Zuschauer / Zuhörer die sprechende Person identifizieren? Das ist besonders bei Nebenfiguren für den Rezipienten schwierig oder sogar unmöglich. Über dieses Thema ist bereits in → Kap. D 1.4 in allgemeinerer Weise gehandelt worden. Bei den soeben (in → Kap. D 3.2) vorgeführten Beispielen speziell aus Aen. I ist dieses Problem allerdings nicht von größerer Bedeutung: die Namen der Sprecher gehen teils aus dem Text hervor, teils sind sie nicht wichtig. Juno etwa (Nr. 1) stellt sich in ihrem Selbstgespräch selber als divom regina Iovisque et soror et coniunx (Aen. 1,45 f.) vor, und sie spricht (in Nr. 2) Aeolus direkt mit Namen an ( Aeole Aen. 1,61) und charakterisiert ihn als Herrscher der Winde, so dass man auch als Zuschauer / Zuhörer weiß, wer die kurze Antwort-Rede (Nr. 3) hält. Ähnliches gilt für alle anderen göttlichen (Venus, 67 Jupiter) oder menschlichen (Aeneas, Achates, Dido, Ilioneus) Personen, die in Aen. I reden. Auch wenn sie sich nicht selber namentlich vorstellen (Achates, Ilioneus), geht aus ihren Worten und ihrem Verhalten hervor, dass bzw. ob sie Gefolgsleute des Aeneas sind. Für den Zuschauer genügt es, bei Personen zweiten Ranges die Funktion zu erkennen - etwa, dass es sich um einen ständigen Begleiter oder um einen Führer der Trojaner handelt, wenn Aeneas abwesend ist - man muss nicht unbedingt auch seinen Namen wissen. Dieses Prinzip gilt besonders bei solchen Personen dritten Ranges, die in den Kampfbüchern der Aeneis (Aen. IX - XII ) in der Regel nur einen einzigen Auftritt mit einer einzigen „wörtlichen“ Äußerung haben. Bei ihnen kommt es nicht darauf an, dass der Zuschauer / Zuhörer bei einer szenischen Aufführung oder bei einer Rezitation ihren Namen weiß, sondern auf die Variation der Äußerungen, des Verhaltens, des Kämpfens und Sterbens. 67 Geschickt hat Lucienberger die Szene gestaltet, in der Aeneas und Achates vor Karthago auf Venus treffen: Achates beschreibt mit seinen Worten die Göttin so, wie es auktorial in der Aeneis geschieht, doch er spricht sie situationsgerecht nicht als Venus an (→ Kap. D 5.3.1 zu TC 2,3,007-012 = Aen. 1,314-320). <?page no="221"?> D 3 Reden und Redner in der Aeneis und in der TC 221 D 3.4 Das Wissen der redenden Personen Eine weitere Seite der Namensproblematik, die Lucienberger gar nicht erkannt zu haben scheint, betrifft das Wissen der in der TC sprechenden Personen. Vergil in seiner Rolle als Autor, als Erzähler der Aeneis, nimmt einen „allwissenden“ Standpunkt ein. Nach antiker Vorstellung ist er dazu legitimiert durch die Musen (oder andere Dichtungs-Gottheiten), die ihr Wissen an ihn weitergeben, die ihn nicht nur „inspirieren“ im Sinne eines allgemeinen „Begeisterns“, sondern ihn geradezu „informieren“. Deshalb rufen epische Dichter, auch Vergil, die Musen nicht nur zu Beginn eines Werkes an, sondern erneut innerhalb dieses Werkes, manchmal um eine Zäsur zu markieren, oft aber auch gerade vor informationsreichen Passagen wie Katalogen oder ähnlichen Formen von Aufzählungen. Eine Figur der Dichtung, sei das nun ein Epos oder eine Tragödie, hat aber, anders als der Autor oder auktorialer Erzähler, ein nur beschränktes Wissen. Wenn Vergil als auktorialer Erzähler z. B. eine Schlacht schildert, kann er aufgrund seiner „Allwissenheit“ ohne weiteres auch die unbedeutendsten Kämpfer benennen und sogar, wenn er will, ihre Abstammung und womöglich weitere biographischen Einzelheiten erklären. Wenn aber die epische (und auch die dramatische) Figur Aeneas auf eine Masse von Feinden trifft und davon womöglich (in einer „Aristie“) ein halbes Dutzend tötet, kann er eigentlich aufgrund seiner eingeschränkten menschlichen Perspektive niemanden davon mit Namen ansprechen oder gar Näheres von seiner Herkunft wissen (vgl. dazu → Kap. D 1, → Kap. D 4.1.2 und → Kap. D 4. 1. 10). Der unterschiedliche Wissenstand des „allwissenden“ Erzählers im Epos und der Figuren der Aeneis wird bei der Transponierung des Epos in ein Drama zu einem besonderen Problem: In der TC gibt es keine „allwissende“ Instanz, sondern nur Figuren, die - wenn sie nicht Götter sind, die einen Überblick aus „olympischer“ Perspektive und sogar Vorblick auf die Zukunft haben - nur ein beschränktes Wissen besitzen oder jedenfalls besitzen dürften. Aber der Autor Lucienberger verstößt manchmal gegen dieses Prinzip, besonders in seiner Darstellung von Aristien (→ Kap. D 4.1). Es ist jedenfalls nicht rational erklärbar, wieso z. B. Aeneas in offener Feldschlacht die Namen einzelner Gegner kennt (→ Kap. D 4.1.2-3; dass er Mezentius in dem neuen Vers TC 8,6,025 bei Namen zu nennen weiß, mag immerhin bei dieser Führerpersönlichkeit plausibel sein) und wieso auch Nisus und Euryalus unter Namensnennung ankündigen, wen sie bei ihrem nächtlichen Wüten im Lager der Rutuler erschlagen wollen (→ Kap. D 4. 1. 10). Einen Sonderfall stellt D i d o dar, und zwar meine ich die Dido, die der Erzählung des Aeneas zuhört, wie Lucienberger sie in stark gegenüber Aen. II - III abgekürzter und selektierter Form in der einen langen Szene TC II -7 bietet. Für <?page no="222"?> 222 D Analysen Lucienberger ist TC II -7 ein zweiter Durchgang durch eine Handlungssequenz, die er als Autor in anderer, in sozusagen direkter Form nur durch Reden der agierenden Personen bereits zuvor in TC I 1-7 (ohne TC I-3) dargestellt hatte. Wahrscheinlich setzt der Autor Lucienberger deshalb auch bei Dido Kenntnis all dessen voraus, was er selber zuvor in dramatischer Form in Gestalt von Figuren- Reden mitgeteilt hatte, obwohl die Dramenfigur Dido in Aeneas’ Auswahl-Erzählung in TC II-7 davon nur einen kleinen Teil wiederholt hatte. (Und vielleicht erliegt auch ein moderner Leser der TC , sogar ein Philologe, einem ähnlichen Trugschluss.) Für die Beurteilung von Didos Charakter und Verhalten als Figur der TC ist aber wichtig zu erkennen, dass in der Erzählung des Aeneas, die sie in TC II -7 gehört hat, das Motiv seiner Sendung, seines vom Schicksal oder den Göttern verfügten Auftrags, seinen Trojanern in Latium eine neue Heimat zu schaffen, gar nicht zur Sprache kommt. Es ist ein grober Verstoß gegen die Wahrscheinlichkeit, dass Lucienberger in TC 8,4,048b-051 den Aeneas (zu Beginn seiner 1. Aristie) ankündigen lässt, dass er vier namentlich genannte Gegner, Theron, Lycas, Gyas und Cisseus, erschlagen wird. Dass er das tut, wird von Vergil auktorial in Aen. 10,311-319 erzählt (vgl. dazu näher → Kap. D 4.1.2). Lucienberger wendet auch hier eine seiner wichtigsten Methoden für die Transformation des Epos Vergils in ein Drama an: epische Erzählung durch Ankündigung einer bestimmten Tat (oder Aufforderung dazu) durch einen Akteur des Dramas zu ersetzen. In diesem konkreten Fall aber begeht er damit einen Fehltritt. Aeneas als dramatis persona kann seine Gegner nicht namentlich kennen, der epische Autor schon. Einen ähnlichen Fehler macht Lucienberger in TC 7,6,111-114a, s. dazu → Kap. D 4. 1. 10. Allerdings verhält sich auch Vergil in Hinsicht auf das beschränkte Wissen seiner redenden Personen nicht immer korrekt. Ein negatives Beispiel, dem sofort ein positives folgt, bietet die Episode in Aen. 10,732-746, als Mezentius in seiner Aristie auf den Trojaner Orodes als neunten und letzten Gegner trifft. (Da es sich in beiden Fällen um Figuren-Reden handelt, hat Lucienberger sie in die TC übernommen.) Orodes ist dem Leser der Aeneis nur durch die auktoriale Nennung in Aen. 10,732 bekannt. Dass der Etrusker Mezentius, der Bundesgenosse des Turnus, seinen Namen kennt, ist ganz unwahrscheinlich. Trotzdem spricht Mezentius ihn aus, als er ihn mit der Lanze tötet: pars belli haud temnenda, viri, iacet altus Orodes (Aen. 10,737 = TC 8,6,015). Die letzten Worte aber, die Vergil den sterbenden Orodes zu Mezentius sprechen lässt, als er ihm prophetisch den auch ihm bald bevorstehenden Tod ankündigt (Aen. 10,739-741), sind rollengemäß. Der unterlegene Trojaner kennt den Namen des Mannes, der ihn niedergestreckt hat, nicht (obwohl Mezentius immerhin neben Turnus und der erst später in den Kampf eingreifenden Camilla der prominen- <?page no="223"?> D 3 Reden und Redner in der Aeneis und in der TC 223 teste Gegner der Trojaner ist); er redet ihn an mit quicumque es … victor (Aen. 10,739b = TC 8,6,020b). 68 D 3.5 Lange Reden in der Aeneis Wie verhält sich Lucienberger gegenüber langen Reden epischer Figuren, die er in der Aeneis vorfindet? Zunächst sei eine Übersicht über die längsten Reden in der Aeneis (solche, die 50 Hexameter oder mehr umfassen) vorausgeschickt. Die mit weitem Abstand längste zusammenhängende Rede in der Aeneis ist die E r z ä h l u n g d e s A e n e a s am Hofe Didos über seine Erlebnisse bei der Eroberung Trojas und auf seinen Irrfahrten. Diese „Rede“ umfasst in Aen. 2,3-3,715 (praktisch zwei ganze Bücher der Aeneis, Aen. II - III ) insgesamt 1.516 Verse. Sie wird keinmal durch irgendeine Zwischenrede eines Zuhörers oder durch eine Bemerkung des Autors Vergil unterbrochen. Folgenden Sprechern teilt Vergil Reden zu, die länger sind als 50 Verse (auf der Grundlage von Highet, 1972, S. 327-339): (1) Sinon Aen. 2,69-72. 77-104. 108-144. 154-194 110 VV (2) Anchises Aen. 6,756-853 + 855-859 103 VV (3) Euander (I) Aen. 8,185-275 91 VV (4) Helenus Aen. 3,374-462 89 VV (5) Deiphobe Aen. 6,562-627 66 VV (6) Turnus Aen. 11,378-444 67 VV (7) Diana Aen. 11,535-594 60 VV (8) Venulus Aen. 11,243-295 53 VV (9) Achaemenides Aen. 3,599-606. 613-654 50 VV (10) Euander ( II ) Aen. 8,470-519 50 VV 26 68 Zwei ebenfalls korrekte Beispiele, in denen ebenfalls quicumque verwendet wird, sind Aen. 8,122 = TC 7,2,009 (Pallas bei der ersten Begegnung mit dem ihm noch unbekannten Aeneas) und Aen. 5,83 = TC 4,2,041 (Aeneas über den Tiber, einen Fluss, der ihm in einer Prophezeiung als Ziel seiner Irrfahrten angekündigt worden ist, über den er aber noch nichts Näheres weiß). 69 In meiner eigenen subjektiven Erinnerung hätte ich als die längsten Reden in der Aeneis die „Heldenschau“ des Anchises in Aen. VI und die Erzählung Euanders von Hercules und Cacus in Aen. VIII betrachtet. Damit hätte ich zwar die Nr. 2 (103 VV) und die Nr. 3 (91 VV) der Liste von Lang-Rednern richtig geraten, nicht aber Nr. 1 (110 VV). Wahr- <?page no="224"?> 224 D Analysen Wenn man prüft, welchen Charakter die aufgeführten 10 längsten Reden in der Aeneis haben, ergibt sich: eindeutig erzählenden Charakter haben: Achaemenides, Diana, Euander I, Sinon; eher referierenden, beschreibenden oder berichtenden Charakter, aber mit erzählenden Passagen, haben: Anchises, Deiphobe, Euander II , Helenus, Venulus; eher argumentierenden Charakter hat nur die Rede des Turnus. Die längsten Reden von Hauptpersonen der Aeneis sind im Übrigen (ich führe in alphabetischer Reihung alle Personen auf, die insgesamt mehr als 100 Verse lang reden): A e n e a s , von seinen 69 Reden mit insgesamt 538 Versen (ohne Aen. II - III gerechnet) gehört keine zur Spitzengruppe der 9 Redner, die einmal (Euander sogar zweimal) länger als 50 VV reden; seine längste Rede in Aen. 4,333-361 hat nur 29 VV . A n c h i s e s , von 17 Reden mit insgesamt 236 VV ist die zweitlängste 29 Verse lang: 6,722-751 (ohne 723). Immerhin redet Anchises in Aen. VI (in den 200 VV zwischen 6,687 und 6,886) fünfmal mit 164 VV . Wenn man also nicht, wie Highet es tut, nur auf die „Heldenschau“ mit ihren 103 VV schaut (zu der aber ohnehin unbedingt auch der Nachtrag über den jungen Marcellus in Aen. 6,868-886a gehört), sondern alle Erklärungen des Anchises gegenüber Aeneas in der Unterwelt (wie Highet es mutatis mutandis mit den 4 Reden Sinons in Aen. II tut) als eine einzige Rede betrachtet (also Aen. 6,724-886a, ohne die Zwischentexte Aen. 6,752-755 sowie 853 und die Passage mit der Zwischenfrage des Aeneas in Aen. 6,860-866), dann würde Anchises mit (162-12 =) 150 Versen an die Spitze der Langredner in der Aeneis rücken. D e i p h o b e (die Sibylle) redet nur in Aen. VI , dort aber insgesamt 13-mal mit 157 VV ; ihre zweitlängste Rede ist Aen. 6,125-155 mit 30 Versen. D i d o spricht in Aen. I und Aen. IV insgesamt 13-mal in 231 VV , aber ihre längste Rede ist in Aen. 4,590-629 nur 40 VV lang. E u a n d r u s (Euander) redet fast nur in Aen. VIII , dort aber 7-mal mit 219 VV (außerdem in Aen. 11,152-181 mit 30 VV ); er ist der einzige Sprecher in der Aeneis, der zweimal 50 Verse oder länger redet. scheinlich wirkt der wirkliche „Spitzenreiter“, also (immer ist der erzählende Aeneas in Aen. II-III-ausgenommen) Sinon, mit seiner Erklärung der (angeblichen) Hintergründe des Hölzernen Pferdes deshalb nicht als Lang-Redner, weil seine zusammenhängenden Ausführungen in vier Blöcken vorgetragen und von Zwischenbemerkungen unterbrochen werden. <?page no="225"?> D 3 Reden und Redner in der Aeneis und in der TC 225 J u n o spricht 13-mal mit insgesamt 179 Versen, aber ihre längste Rede hat in Aen. 10,63-95 nur 33 VV . J u p i t e r spricht 10-mal mit insgesamt 125 VV , aber seine längste Rede hat in Aen. 1,257-296 nur 40 VV . L a t i n u s spricht 6-mal mit insgesamt 112 VV , aber seine längste Rede hat in Aen. 11,302-335 nur 34 VV . Tu r n u s spricht insgesamt 29-mal mit insgesamt 234 VV , aber seine (nach den 66 Versen von Aen. 11,378-444) zweitlängste Rede in Aen. 9,128-158 hat nur 31 VV . Ve n u s spricht insgesamt 11-mal mit insgesamt 216 VV , aber ihre längste Rede hat in Aen. 10,18-62 nur 45 VV . D 3.6 Lange Reden in der TC D 3.6.1 Ein Sonderfall: Die Umsetzung der langen Ich-Erzählung des Aeneas in Aen. II - III innerhalb der TC Bevor im Einzelnen untersucht wird, wie Lucienberger mit den 10 längsten in der Aeneis vorgefundenen Reden umgeht - hat er sie als überlang, für eine Tragicocomoedia nicht passend beschnitten oder in anderer Weise, etwa durch Stückelung, verändert? -, soll zuerst betrachtet werden, wie er den Sonderfall behandelt, die durchgehende, insgesamt 1.516 Hexameter lange Rede des Aeneas in Aen. II - III . Ein Epiker wie Vergil scheut sich nicht, seinen Figuren lange erzählende oder erklärende Reden in den Mund zu legen; er gibt die persona auctoris oft für längere Zeit, d. h. für einen größeren Textabschnitt, an die persona cuiusquam interlocutoris ab. Das bekannteste und größte Beispiel ist die Ich-Erzählung des Aeneas, die zwei ganze Bücher einnimmt, nämlich Aen. II mit der Schilderung der Eroberung Trojas durch die Griechen sowie der Flucht des Aeneas und seiner Gefolgsleute aus der Stadt und Aen. III mit der Schilderung seiner Irrfahrten zwischen Troja und Sizilien. Dass damit von vornherein ein großer Teil der Handlung und des Textes des Epos als „Rede“ stilisiert war, hatte für Lucienberger an sich den großen Vorteil, dass er dieses Sechstel des Epos praktisch unverändert seinem Drama hätte einverleiben können. Wenn Lucienberger aber den sogenannten ordo naturalis herstellen wollte, also entsprechend der Zeitstruktur der Handlung das Drama mit dem letzten Tag Trojas beginnen lassen wollte und nicht, wie Vergil in seinem Epos zu Beginn von Aen. I, mit einem Seesturm, als die Trojaner bereits Sizilien hinter sich haben und fast schon die Westküste Italiens sichten, dann musste er gleichzeitig auf die arbeitsersparende Möglichkeit verzichten, den Stoff von Aen. II und III als Rede des Aeneas im Drama zu wiederholen. Für Lucienberger bot damit der Text von Aen. II und Aen. III <?page no="226"?> 226 D Analysen die gleichen Probleme, als wäre er in Er-Erzählung ex persona auctoris geboten worden. Auch hier musste er geeignete Sprecher finden oder erfinden, aus deren Äußerungen die Handlung erschlossen werden konnte. Die eine lange, sich über zwei Bücher des Epos erstreckende Rede des Aeneas musste gestückelt und an mehrere sprechende Personen übertragen werden. Immerhin hat Vergil einer Dialogisierung auch in Aen. II - III genauso gut vorgearbeitet wie in den anderen Aen.-Büchern: es finden sich auch innerhalb der langen Erzählung des Aeneas kürzere wörtliche Reden, die Lucienberger übernehmen konnte. Man erkennt sie in meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. daran, dass im Bereich der Szenen TC I-1 bis TC II -5 sporadisch Passagen grau unterlegt sind: Das sind „Zitate“ direkter Reden, die ihrerseits von Aeneas innerhalb seiner großen Rede in Aen. II - III angeführt werden. Für diesen Sonderfall, die rückgreifende E r z ä h l u n g d e s A e n e a s i n A e n . I I - I I I mit ihren „ununterbrochenen“ 1.516 VV , hat Lucienberger eine Sonderlösung gefunden. Während er sonst offensichtlich bestrebt ist, Reden, die er in der Aeneis vorfindet, praktisch unverändert in seine TC zu übernehmen, hat er in diesem Falle eine Doppelstrategie verwendet: Er hat einerseits den Inhalt von Aen. II - III weitgehend in Reden der Akteure transformiert und damit die in der Aeneis erzählten zurückliegenden Aktivitäten in eine Sprachhandlung umgeformt, die jene Aktivitäten als gerade geschehend spiegeln (in TC I-1 bis TC I-7, doch ohne TC I-3, also in 996 minus den 24 VV von TC I-3, mithin in insgesamt 972 VV). (Mit dieser gattungsbedingten Transformation ist eine neue, die „normale“ chronologische Anordnung verbunden.) Andererseits hat Lucienberger aber der vor Dido erzählenden Figur Aeneas doch im weiteren Verlauf der Handlung, sozusagen suo loco , eine längere Rede zugeteilt (gewissermaßen belassen), die dieselben Geschehnisse in knappster Raffung bietet: von den 1.516 VV des Epos verbleiben dem Aeneas in TC II -7 noch (234 minus 10 auf Aeneas und Dido verteilte Auftaktverse in 2,7,001-010 sowie minus der 5 Verse einer Zwischenfrage Didos in 2,7,198-202 =) 219 VV . Das ist zwar eine gewaltige Kürzung auf etwa 15 Prozent des bisherigen Umfangs seiner Erzählung in Aen. II-III. Aber eine Rede von 219 Versen innerhalb der TC ist noch immer doppelt so lang wie die längsten Reden in der Aeneis (s. dazu → Kap. D 3.5), die von Sinon (Nr. 1), Anchises (Nr. 2) oder gar Euander (Nr. 3). Zwar wird Aeneas’ Erzählung in TC II -7 einmal unterbrochen, aber das trifft auch für die Reden des Sinon und des Anchises in der Aeneis zu. Für das Nähere zu der „doppelten“ Benutzung der rückgreifenden Erzählung des Aeneas in Aen. II-III s. das → Spezial-Kapitel C 4. Dort sind die Einzelheiten dieser Umgestaltung, besonders die jeweilige Auswahl aus Aen. II - III in den sechs Szenen von TC I einerseits und in TC II -7 andererseits, untersucht. <?page no="227"?> D 3 Reden und Redner in der Aeneis und in der TC 227 D 3.6.2 Die Behandlung der 10 längsten Reden der Aeneis in der TC D 3.6.2a (Nr. 1) Sinon In TC I-1 (vgl. dazu → Kap. D 1.3, auch → Kap. D 2.2) sind die vier Blöcke dieser einen Rede Sinons (Aen. 2,69-72. 77-104. 108-144. 154-194) ungekürzt und praktisch wörtlich übernommen worden; auch in dieser ersten Szene der TC gibt es, wie in der Aeneis, Unterbrechungen, hier natürlich ausschließlich durch Zwischenbemerkungen anderer Personen, besonders des Priamus. D 3.6.2b (Nr. 2) Anchises Diese „Heldenschau“ (vgl. dazu → Kap. D 4.2.3 und Kap. D 6.1), die Parade der großen Gestalten der künftigen römischen Geschichte, die Anchises in der Unterwelt seinem Sohn erklärt (Aen. 6,756-853 + 855-859), ist in TC V-3 wörtlich und (bis auf zwei kleine Abweichungen) ungekürzt in TC 5,3,055-157 übernommen. Die erste Abweichung besteht darin, dass in TC 5,3,107-108a eineinhalb Verse in Frageform (Aen. 6,808-809a), die von dem kleinen Panegyricus auf Augustus zu König Numa überleiten, dem Anchises genommen und Aeneas in den Mund gelegt werden. Dadurch wird hier neu eine Unterbrechung von Anchises’ Redefluss eingeführt. Umgekehrt aber wird - das ist die zweite Abweichung - der auktoriale Überleitungsvers Aen. 6,854 zur Vorstellung des „älteren“ Marcellus (nach den pathetischen, programmatischen Versen über die artes Romanae: tu regere imperio populos, Romane, memento ) in der TC übergangen und durch ein „Pausenzeichen“ (* zwei Sternchen *) ersetzt; es werden mithin die fünf Verse Aen. 6,855-859 zwar nicht pausen-, aber bruchlos in die Heldenschau-Rede des Anchises integriert. In TC V-3 umfasst die zusammenhängende Rede des Anchises (die nur durch eine eineinhalb Verse einnehmende Frage des Aeneas unterbrochen wird) nicht nur die 101 Verse von TC 5,3,055-157, sondern sie beginnt bereits in TC 5,3,025, ist also in der TC um 30 Verse erweitert auf mithin 131 Verse. Lucienberger hat nämlich die in der Aeneis durch die auktorialen Zwischenverse Aen. 6,752-755 von der mit Aen. 6,756 anhebenden „Heldenschau“ abgetrennte „naturphilosophische“ Darlegung der Prinzipien der Seelenwanderung in Aen. 6,724-751 = TC 5,3,026-053 direkt mit der Heldenschau verbunden. Immerhin hat er die Fuge dadurch spürbar gemacht, dass er einen überleitenden Vers TC 5,3,054 = Aen. 6,753 ( conventus ite in medios turbamque sonantem - natürlich nicht in auktorialer Form wie bei Vergil, sondern weiterhin als Äußerung des Anchises, als Aufforderung an Aeneas und die Sibylle, sich mitten in die Schar der künftigen großen Römer zu begeben) beiderseits durch das graphische * * „Pausenzeichen“ abgrenzt. Auf jeden Fall ist zur „Heldenschau“ auch noch der Nachtrag zu Marcellus, dem jung verstorbenen „Kronprinzen“ des Augustus, in Aen. <?page no="228"?> 228 D Analysen 6,868-886a = TC 5,3,162-189a zu rechnen. Ferner ist es eine Neuerung Lucienbergers, dass er dem Anchises auf eine entsprechende Frage des Aeneas (in TC 5,3,180 f.) eine längere Prophezeiung über die ihm in der unmittelbaren Zukunft bevorstehenden Kämpfe in Latium in den Mund legt ( TC 5,3,182-248, also weitere 67 Verse); vgl. dazu → Kap. D 6.1, auch → Kap. D 12.2.2, Die Enthüllungen des Anchises reichen mithin in der TC von TC 5,3,025 bis TC 5,3,248. Da sie dreimal von Aeneas mit weiterführenden Fragen (in TC 5,3,107-108a. 158-161. 180b-181 mit insgesamt 9 Versen) unterbrochen werden, ist die Enthüllungsrede des Anchises in der TC insgesamt (224-9 =) 215 Verse lang (gegenüber den 150 Rede-Versen des Anchises in der entsprechenden Partie in Aen. VI ). Damit ist diese viergeteilte Rede des Anchises in der Unterwelt nicht nur die mit Abstand längste „normale“ Rede in der TC , sondern erreicht fast sogar die Länge des „Sonderfalls“, der reduzierten rückgreifenden Erzählung des Aeneas in TC II -7 (dem zweiten Durchgang durch Aen. II - III ) mit ihren 219 Versen. D 3.6.2c (Nr. 3) Euander (I) Diese Erzählung des Arkader-Königs Euander von der Befreiung Latiums von der Tyrannei des Unholdes Cacus durch Hercules (Aen. 8,185-275, sie hat im Kontext die Funktion eines Aitions, einer mythischen Begründung für das Hercules-Fest, dessen Begehung in Pallanteum, dem nachmaligen Rom, Aeneas gerade miterlebt) ist in TC 7,2,057-147 wörtlich, ungekürzt und ohne jegliche Unterbrechung übernommen worden. D 3.6.2d (Nr. 4) Helenus Auch diese prophetische Rede des Helenus über die weitere Route des Aeneas (Aen. 3,374-462) ist in TC I-6 ungekürzt und wörtlich in TC 1,6,011-099 übernommen worden; Lucienberger hat auch keine neue Zwischenfrage des Aeneas eingeschoben. D 3.6.2e (Nr. 5) Deiphobe Die Schilderung des Tartarus durch die Sibylle (Aen. 6,562-627) ist wiederum in TC V-2 wörtlich und praktisch ungekürzt (nur Aen. 6,573-574 ist auf 1 Vers verkürzt worden) in TC 5,2,186-254 übernommen worden; diese ununterbrochene Rede der Sibylle wird in der TC mit 5,2,251-254 um die 4 Verse verlängert, die in der Aeneis (Aen. 6,629-632) eine neue, durch einen erzählenden Vers (Aen. 6,628) abgetrennte Äußerung der Sibylle darstellt. In TC V-2 nimmt die längste Rede der Sibylle Deiphobe also (mit TC 5,2,186-254) 69 Verse ein. <?page no="229"?> D 3 Reden und Redner in der Aeneis und in der TC 229 D 3.6.2f (Nr. 6) Turnus Diese Rede des Turnus (Aen. 11,378-444), mit der er in der großen Ratsversammlung der Latiner, in der über einen Friedensschluss oder aber weiterhin Kampf mit den Trojanern diskutiert wird, auf eine aggressive Rede des Drances ebenso polemisch antwortet und zur Weiterführung des Krieges aufruft, ist wörtlich, ungekürzt und ohne jegliche Unterbrechung in TC 9,3,149-215 übernommen worden. D 3.6.2g (Nr. 7) Diana Diese an eine virgo (Aen. 11,536 = TC 9,5,002) und nympha ( Aen. 11,588 = TC 9,5,053) gerichtet Rede, die hauptsächlich die Jugendgeschichte Camillas erzählt (Aen. 11,535-594), ist wörtlich, ungekürzt (bis auf den wohl irrtümlich übergangenen, notwendigen Vers Aen. 11,47) und ohne jegliche Unterbrechung in TC 9,5,001-059 übernommen, aber Juno zugeschrieben worden. Diese Szene 5 von Akt IX der TC enthält nur noch einen weiteren Vers, mit dem zum Abschluss die angeredete jungfräuliche Nymphe, die durch die Sprecherbezeichnung als OPIS identifiziert wird, verspricht, die Anweisungen der offensichtlich göttlichen Sprecherin auszuführen: Cuncta tuo fient mandato, maxima Iuno ( TC 9,5,060). Durch diesen von Lucienberger neu gedichteten, an Juno gerichteten Schlussvers wird bestätigt, dass die anfängliche Sprecherbezeichnung der Gönnerin Camillas als IUNO kein bloßer Flüchtigkeitsfehler, sondern eine bewusste Abweichung Lucienbergers von Vergil ist - allerdings eine verfehlte. Vergil bringt zwar nicht den Namen Diana, gibt aber mit der Periphrase Latonia = Tochter Latonas (Aen. 11,535) eine eindeutige Identifizierung. Ihr Nahverhältnis zu einer Frau wie Camilla, einer in den Wäldern aufgewachsenen Jungfrau, spricht auch eindeutig dafür, dass sie, also Diana (und nicht etwa Juno), die Schutzgöttin Camillas ist und hier schon für den Fall von Camillas Tod im Kampf gegen die Trojaner ihre Nymphe Opis zur Rache verpflichtet. In der Tat nennt Opis später zweimal Diana als von Camilla verehrt und als die Göttin, von der sie selber als Instrument ihrer Rache für Camillas Tod benutzt wird: Aen. 11,843 und Aen. 11,857, von Lucienberger in TC 9,6,050 und 9,6,058 wörtlich wiederholt (was inkonsequent ist: Lucienberger hätte hier eigentlich auf Juno, seinen Diana-Ersatz, verweisen müssen). Es kann also an sich kein Zweifel daran sein, dass im Sinne Vergils die göttliche Sprecherin in TC IX -5 Diana sein müsste, so wie sie es an analoger Stelle in der Aeneis ist. Dass Lucienberger stattdessen Juno eingeführt hat, ist schwerer zu verstehen oder gar zu billigen als die Ersetzung der Cybele durch Venus in TC I-3. Wahrscheinlich hat sich Lucienberger in TC IX -5 dadurch irreleiten (oder irritieren) lassen, dass die sprechende Göttin in ihrer langen an Opis gerichteten Rede von Diana spricht ( TC 9,5,003 = Aen. 11,537 und TC 9,5,047 = Aen. 11,582), wo man eigentlich eine Ich-Form erwartet hätte. <?page no="230"?> 230 D Analysen Lucienberger hat offenbar gemeint: wenn jemand in der 3. Person von Diana spricht, kann sie nicht selber Diana sein. Das aber verkennt die pathetische Wirkung, die eine solche Selbstbezeichnung haben kann. Eine Rolle für Lucienbergers Ersetzung Dianas durch Juno mag auch spielen, dass Diana bei Vergil nur hier als Sprecherin auftritt. D 3.6.2h (Nr. 8) Venulus Der Bericht des Venulus (Aen. 11,243-295) über den Misserfolg seiner Gesandtschaft, den griechischen König Diomedes von Apulien als Bundesgenossen der Latiner zum Kampf gegen die Trojaner zu gewinnen, ist in TC 9,3,029-081 wörtlich, ungekürzt und ohne jegliche Unterbrechung übernommen worden. D 3.6.2i (Nr. 9) Achaemenides Auch diese auf zwei Blöcke verteilte Rede des Griechen Achaemenides (Aen. 3,599-606. 613-654) ist in der TC I-7 in TC 1,7,006-013 und TC 1,7,613-654 vollständig und wörtlich wiederholt worden; die Unterbrechung ist in 1,7,014-015 auf 2 Verse verkürzt. D 3.6.2j (Nr. 10) Euander II Auch diese (nach Nr. 3) zweite längere Rede Euanders (Aen. 8,470-519), mit der er diesmal Aeneas darüber aufklärt, warum das bei Agylla (Caere, Cervetri, am Tyrrhenischen Meer) stehende etruskische Heer nach der Vertreibung seines grausamen Königs Mezentius noch führerlos ist, ist in TC 7,4,001-050 wörtlich, ungekürzt und ohne jegliche Unterbrechung übernommen worden. D 3.6.2k Fazit für Lucienbergers Behandlung langer Aeneis-Reden Die Betrachtung der (wenn man die Erzählung des Aeneas in Aen. II - III als Sonderfall beiseitelässt) 10 längsten Reden in der Aeneis zeigt, dass sie alle praktisch in voller Länge und so gut wie wörtlich von Lucienberger in seine TC übernommen worden sind. Die Vermutung, Lucienberger würde so lange Reden einzelner Personen in seiner Dramatisierung vermeiden und vielleicht versuchen, sie zu kürzen oder durch eingeschobene Äußerungen anderer Personen wenigstens aufzulockern, hat sich also als unzutreffend erwiesen. Kleine Abweichungen von dieser „Regel“ sind zwar festzustellen, aber sie lassen keine bestimmte Tendenz erkennen. Vielmehr darf man gerade aus der Untersuchung der längsten Reden im Prätext der TC , der Aeneis Vergils, schließen, dass Lucienberger bestrebt ist, alle Reden in der Aeneis möglichst wörtlich in seine TC , die als Drama nur aus „Reden“ besteht, zu übernehmen. Dass diese „direkte“ Übernahme, dieses praktisch wörtliche Zitat aller Reden bei Vergil in der TC tatsächlich ein Grundprinzip Lucienbergers ist und dass <?page no="231"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 231 diese „originalen“ Rede-Passagen der Aeneis sozusagen das Rückgrat der TC bilden, bestätigt sich immer wieder bei der Analyse der TC . Der graue Hintergrund, mit dem in meiner Simultanausgabe TC / Aen. die originalen Rede-Partien der Aeneis hervorgehoben sind, ist ein graphisches Hilfsmittel, diese These zu verifizieren. D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger D 4.1 Aristien D 4.1.1 Epische Aristien: Vorüberlegungen zu ihrer Berücksichtigung in der TC Zu den typischen Bauelementen eines Epos gehören die Aristien. Das ist eine Serie von Kämpfen, die ein epischer Held nacheinander siegreich besteht (denn sonst könnte er ja nicht dem nächsten Gegner gegenübertreten). Diese Serie kommt dann im Normalfall dadurch zu einem Abschluss, dass der Held auf einen besonders herausragenden Kämpfer, einen der Führer der Feinde trifft. Ob er nun auch diesen besiegt oder aber ihm unterliegt - so oder so ist ein würdiges Ende dieser Episode in einer Schlacht erreicht. Generelle Voraussetzung einer Aristie ist, dass in einem Heldenepos eine Schlacht nicht in einem Kampf zweier Massen von Feinden gegeneinander besteht, sondern - allenfalls vor einem solchen Kampf namenloser Massen als Hintergrund - im Einzelkampf Mann gegen Mann. Diese in Homers Ilias zugrundeliegende Konzeption ist auch in literarischen Werken beibehalten worden, in deren Entstehungszeit realiter eine solche sozusagen atomisierte Kampfweise gar nicht mehr vorherrschte. In der Aeneis gibt es innerhalb der „iliadischen“ zweiten Hälfte des Epos, in den „Kampfbüchern“ Aen. IX - XI , eine ganze Reihe von Aristien. Nicht nur der Titelheld Aeneas wird von Vergil dadurch aus der Masse der Trojaner und ihrer Gegner in Latium herausgehoben, dass er als Einzelkämpfer in einer Aristie gezeigt wird (Aen. 10,308-361; 10,510-605, hinzu kommt noch Aen. 12,505-553). Vergil hat Aristien auch mehreren führenden Gestalten unter den Gegnern des Aeneas zugeteilt (denn eine Aristie ist ein Gestaltungsmittel des Autors, das er selektiv einsetzt). Das ist vor allem Turnus in Aen. 9,672-777, eingeleitet von dem Musenanruf bereits in 9,525-529, erneut in 12,324-382 und dann in einer Doppel-Aristie, verschränkt mit einer Aristie des Aeneas, in Aen. 12,505-553, diesmal eingeleitet mit einer Anrufung Jupiters durch den Dichter in Aen. 12,500-504. Aristien erhalten unter den Gegnern des Aeneas auch Mezentius in 10,689-746 und sein Sohn Lausus in 10,426-438; ferner Camilla in 11,664-724. <?page no="232"?> 232 D Analysen Unter den Gefolgsleuten oder Bundesgenossen des Aeneas sind es nur Nisus und Euryalus in 11,314-366 sowie Pallas, der Sohn Euanders in 10,379-425. - Tarchon, der Führer des etruskischen Heerbanns, zeichnet sich zwar einmal (ab Aen. 11,730) in kritischer Lage in der Reiterschlacht aus, aber er besiegt bei dieser Gelegenheit nur einen einzigen namhaften Feind unter den Latinern: Venulus (der schon als Führer der erfolglosen Gesandtschaft der Latiner an König Diomedes aufgetreten war). Immerhin wird dieser erbitterte Kampf durch ein langes episches Gleichnis (Kampf Adler / Schlange) hervorgehoben. Solche Aristien sind im Grunde Kataloge. Der Held trifft auf einen Gegner, den der Dichter mit Namen nennt und zu dem er in der Regel kurze biographische Angaben macht. Manchmal kommt es bei diesem Zusammentreffen zu einem kurzen Wortwechsel, in dem der Gegner entweder seine Siegesgewissheit zeigt oder aber, wenn er den Tod bereits vor Augen hat, um Gnade bittet. Der Held pflegt dann die Antwort mit der Waffe, manchmal (s. besonders → Kap. 4.1.3 zur 2. Aristie des Aeneas) auch mit begleitenden höhnischen Worten zu geben. So stellte ich mir jedenfalls die Aristien in der Aeneis vor, bevor ich mich näher mit ihnen beschäftigte. Und als ich mir mit solchen Vorstellungen Gedanken darüber machte, wie Lucienberger sich wohl gegenüber den Aristien in der Aeneis verhalten würde, kam ich zu der Vermutung oder besser Erwartung, dass der nachdichtende Dramatiker von 1576 gerade die Aristien generell auf seine Streichliste setzen würde. Denn es könnte für Lucienberger Gründe unterschiedlicher Art gegeben haben, auf die Wiedergabe von Aristien in der TC zu verzichten. Zum einen würde sein in erster Linie angesprochenes Publikum, die Fürstensöhne, dieser Art von Kampfpassagen kaum größeres Interesse in persönlicher Hinsicht entgegenbringen. Ein lehrhafter Aspekt, wie Lucienberger in seiner Epistola dedicatoria den Darlegungen Vergils gerade auch in militärischen Belangen zuschrieb (z. B. Anlage von Lagern, Aufstellen von Wachen usw., s. dazu → Kap. B 4. 2. 17-39 und Kap. E 4) fehlte für solche Aristien: 1576 war die Zeit prinzipiell lange vorbei, in der sich die Regenten persönlich in vorderster Front in die Schlacht stürzten, um dort Heldentaten zu verrichten (auch wenn das selbst in späteren Jahrhunderten in Einzelfällen doch noch gelegentlich vorkam). Aristien hatten also keinen „Bildungswert“ für die Rezipienten, sondern konnten nur dem Renommee der epischen bzw. dramatischen Figuren dienen. Außerdem muss ein Dramatiker bei Katalogen und anderen Formen inhaltlicher Wiederholungen fürchten, dass sein Publikum sich langweilt. Gewichtiger aber sind die literarischen Schwierigkeiten beim Versuch einer Übernahme der epischen Aristien in ein Drama. Ein Kampf mit Waffen ist eine Aktion im Wortsinn: Entscheidend sind nicht Worte, die eventuell gewechselt werden, sondern „es sprechen die Waffen.“ Ein epischer Dichter kann kunstvoll <?page no="233"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 233 variieren, welche Waffen er die Kontrahenten in unterschiedlicher Weise einsetzen lässt, er kann mit Worten die verschiedensten Verwundungen und Arten von Todesstreichen beschreiben. Soll sich ein Dramatiker darauf verlassen, dass die Schauspieler, die sein Stück auf der Bühne spielen, ohne „wörtliche“ Anweisungen doch ein abwechslungsreiches Kampf-Spiel aufführen können? Ist es möglich, die epischen Aristien wie zeitgenössische Fechtturniere des 16. Jh.s zu inszenieren? Könnte sich Lucienberger mit der schlichten „Regiebemerkung“ (die ihrer literarischen Natur nach ein erzählerisches Element und damit ein epischer Rest ist) des Stils begnügen: Aeneas fortiter pugnat multosque hostes occidit ? Wie hätte Lucienberger sonst die Aristien in Reden von Beteiligten oder innerdramatischen Zuschauern transformieren können? Immer wieder Aeneas sagen lassen „Du fällst jetzt von der Hand des Aeneas“ oder den Gegner „Ich sterbe für die Heimat, die Ansprüche des Turnus etc.“? Schon bei solchen Phantasien ergibt sich das Problem: Wie kann Lucienberger klar machen, wer dieses „Ich“ ist, der von Aeneas, vielleicht als Neunter einer Serie von zehn Gegnern, getötet wird? Aeneas kennt seinen Gegner doch so gut wie nie; soll sich der Gegner ihm also dauernd vorstellen? Oder muss Lucienberger auch bei Aristien auf das altbewährte Mittel der „Mauerschau“ zurückgreifen, auf die Schilderung eines (womöglich für den Zuschauer gar nicht sichtbaren) Geschehens durch einen Dritten, einen Augenzeugen? Solche Vor-Überlegungen eröffnen den Blick auf so viele Probleme, denen sich Lucienberger gegenüber sehen musste, wenn er auf eine Aristie in der Aeneis stieß, dass die vielleicht ratsamste Lösung wäre, epische Aristien grundsätzlich zu übergehen. All dies ging mir durch den Kopf, wie gesagt, bevor ich mich nun systematisch den Szenen bei Lucienberger zuwandte, in denen er sich mit Aristien bei Vergil konfrontiert sah. D 4.1.2-4 Die drei Aristien des Aeneas Aeneas erhält in der Aeneis eine erste Aristie in Aen. 10,310-361, eine zweite in Aen. 10,510-605, dazu eine dritte in Gestalt einer Doppel-Aristie, die mit einer parallelen des Turnus kombiniert ist, in Aen. 12,505-553. In der TC sind nur die erste und die zweite, nicht die dritte berücksichtigt. D 4.1.2 Die erste Aristie des Aeneas in der Aeneis und in TC 8,4,048-054 Aeneas wird gleich bei seinem ersten Eingreifen in die Kämpfe in Latium von Vergil mit einer Aristie ausgezeichnet, die ihn als Helden homerischen Formats (wie solche, die in der Ilias auftreten - bei Homer ist er in der Ilias in der Tat <?page no="234"?> 234 D Analysen einer der Vorkämpfer der Trojaner; hier in Aen. 10,334 f. führt er sogar noch Speere, mit denen er vor Troja Griechen getötet hat) charakterisieren soll: in A e n . 1 0 , 3 1 0 - 3 6 1 . Das geschieht bei der Landung der Flotte mit den etruskischen (und auch arkadischen) Hilfstruppen, die sich der Führung des Aeneas unterstellt haben, am Strand bei der Tiber-Mündung, wo sich die im „Schiffslager“ verschanzten Trojaner gegen den Angriff der Latiner und ihrer italischen Bundesgenossen unter Führung des Turnus verteidigen müssen. Vergil schildert in auktorialer Erzählung, dass und wie Aeneas nacheinander mindestens ein Dutzend meist namentlich genannter Gegner tötet: Theon, Lichas, Cisseus, Gyas, Pharus, wohl auch Cydon (im Vergil-Text ist m. E. durch den Irrealis iaceres, ni nicht eindeutig geklärt, ob das Eingreifen der sieben Brüder den Cydon wirklich gerettet hat) und Clytius, ein in homosexueller Liebe verbundenes Paar, und schließlich sieben Brüder, von denen aber nur drei, Maeon, Alcanor und Numitor, mit Namen genannt sind. Numitor hatte Aeneas mit dem Speer angegriffen, aber nur den Achates, den oft in der Aeneis genannten getreuen Gefolgsmann und Begleiter des Aeneas ( fidus Achates ), an der Hüfte verwundet. Mit der Erwähnung des Achates bricht die Aristie des Aeneas ab: Übergangslos (mit einem bloßen hic in Aen. 10,345) schwenkt bei Vergil der Blick zur latinischen Gegenseite hinüber, zu den Taten des Clausus, der den Trojaner Gyas und zweimal ein Brüder-Trio erschlägt (also immerhin insgesamt sieben Gegner tötet), des Halaesus und des Messapus, für die keine Einzelheiten berichtet werden. Innerhalb der Aristie des Aeneas kommt nur einmal eine kurze „Rede“ des Aeneas vor: Er fordert vor dem Kampf gegen die sieben Brüder den fidum Achatem in Aen. 10,333-335 auf, ihm die alten, im Kampf gegen die Griechen bewährten Speere zu reichen. Immerhin deutet Vergil an, dass die Kämpfe nicht stumm ablaufen: Dem Pharus stopft Aeneas gewissermaßen mit seinem Speer den Mund, während er noch redet (Aen. 10,322 voces dum iactat inertes ). Einen solchen bis auf einen zweieinhalb-zeiligen Befehl des Aeneas auktorialen Text Vergils also fand Lucienberger vor, als er innerhalb der relativ langen und heterogenen Szene T C V I I I - 4 70 vor der selbstgewählten Aufgabe stand, ihn in seiner dramatischen (aus lauter Figuren-Reden bestehenden) TC zu berücksichtigen. In der TC sind die 35 Verse der Aristie des Aeneas (Aen. 10,310-344) samt den anschließenden weiteren 17 Versen über die Taten dreier Anführer der Latiner und das Schlachtgetümmel allgemein (Aen. 10,345-361) von insgesamt 52 auf 8 Hexameter zusammengeschmolzen ( T C 8 , 4 , 0 4 8 b - 0 5 5 mit den Äu- 70 Die ganze lange Szene TC VIII-4 ist, gerade in Hinsicht auf ihre diversen Elemente, analysiert in → Kap. D 12.3.6. <?page no="235"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 235 ßerungen A-B-C). Der Sprecherwechsel von Tarchon zu Aeneas erfolgt in ein und demselben Vers TC 8,4,048 (mit der Vershälfte 048a zur Vershälfte 048b). Dann (A) kündigt Aeneas in dreieinhalb Versen an, er werde Theron, Lycas, Gyas und Cisseus erschlagen. Nach einer *Pause* fordert er (B) mit originalen Aeneis-Versen jemanden auf (dass es Achates ist, wird wegen fehlender Anrede nicht klar), ihm die Speere zu reichen, mit denen er ehedem vor Troja Griechen niedergestreckt hat. Unvermittelt lässt Lucienberger dann (C) Mezentius (neu gegenüber Vergil, der Mezentius in dieser Situation gar nicht erwähnt) eineinhalb Hexameter sprechen, in denen er in zynischer Metaphorik sein Tun - man muss als Leser erraten: sein Abschlachten der Anhänger des Aeneas - als eine Art Gastgeschenk anlässlich einer Hochzeit bezeichnet. (Der Sinn der kühnen Formulierung Hi vestri sunt Hymenaei. / sic nos excipimus sponsalia nostra petentes muss sein: „Ihr kommt, um mit Gesängen die Hochzeit des Aeneas zu feiern. Ich empfange euch zu einer Bluthochzeit.“ Eine ähnliche Hochzeits-Metaphorik benutzt der Turnus Lucienbergers - neu gegenüber Vergil - in TC 7,7,105 f., als er in das Lager der Trojaner eingedrungen ist und dort ein Blutbad anrichtet.) Man kann demnach für den Umgang Lucienbergers mit dieser Aristie des Aeneas und deren Kontext Folgendes feststellen: (a) Aus dem Tun des Aeneas bei Vergil, aus dem Kämpfen und Töten, macht Lucienberger eine summarische und gekürzte Ankündigung eines solchen Tötens. - Dass Lucienberger unter anderem das homosexuelle Paar Cydon und Clytius unter den Gegnern des Aeneas übergeht, nimmt nicht wunder: Die TC ist ja in erster Linie für jugendliche Fürstensöhne bestimmt, denen Lucienberger in der die Buchausgabe von 1576 abschließenden (Scan 298) Ad iuventutem admonitio als 5. Ratschlag (von 7) ausdrücklich Keuschheit ans Herz legt. (Konkret wird dort vor Beziehungen zu Huren gewarnt; eine Warnung vor einer als widernatürlich geltenden Homosexualität war im 16. Jh. überflüssig.) - Lucienberger verstößt aber auch noch mit der Reduzierung der von Aeneas in seiner Aristie getöteten Feinde von mehr als einem Dutzend auf vier gegen ein Gebot der Wahrscheinlichkeit: Ein „allwissender“ Autor wie Vergil kann aufgrund seiner alles umfassenden Perspektive seinen Helden bestimmte mit Namen und oft auch Herkunft bezeichnete Gegner töten lassen. Eine binnenliterarische Figur aber - das gilt sowohl für Personen eines Epos als auch für die eines Dramas - hat nur eine beschränkte Perspektive. Die Figur Aeneas ist nicht allwissend; er kann die Namen einzelner Gegner, die er erstmals sieht, nicht kennen. Diese Namensproblematik scheint Lucienberger grundsätzlich nicht durchschaut zu haben. Wie an anderer Stelle behandelt (→ Kap. D 1 mit Unterkapiteln, auch → Kap. D 3.4; vgl. ferner → Kap. D 4. 1. 10), glaubt er offenbar, wenn <?page no="236"?> 236 D Analysen er eine Person der TC im gedruckten Text mit einem bestimmten Namen bezeichnet, wüssten dadurch auch die Zuhörer und / oder Zuschauer bei einer Rezitation oder szenischen Aufführung Bescheid. Das ist ein Fehlschluss. (b) Dass Lucienberger Aeneas’ Aufforderung, jemand möge ihm die auf den Gefilden Trojas im Kampf gegen die Griechen bewährten Lanzen reichen, wörtlich aus der Aeneis übernommen hat, liegt in erster Linie an seinem immer wieder zu beobachtenden Grundsatz, alle in seinem Prätext, der Aeneis Vergils, vorgefundenen direkten Reden in der TC beizubehalten. Er nimmt dabei hier in Kauf, dass der Rezipient nicht erfährt, wen er anredet, nämlich bei Vergil den fidus Achates . Das aber ist eine verzichtbare Einbuße an Information. Diese Äußerung (B) des Aeneas wirkt (trotz des *Pausen*- Zeichens) als logische Fortsetzung seiner vorausgehenden Äußerung (A): Aeneas wird die Lanzen gebrauchen, um die vier in (A) genannten Gegner zu töten. Ein solcher Zusammenhang bringt eine gewisse Kompensation für die gattungsbedingte Schwäche eines Dramas, epische Aktion durch bloße Worte wiedergeben oder spiegeln zu müssen. (c) Die schwer verständliche Äußerung des Mezentius in TC 8,4,054 f. steht isoliert. Sie dient wohl vor allem dazu, das das Ende von Aen. X (ab Aen. 10,689 / TC 8,6,015) dominierende Auftreten des Kämpfers Mezentius vorzubereiten. D 4.1.3 Die zweite Aristie des Aeneas in der Aeneis und in TC 8,4,101-128 Die Aristie des Aeneas in Aen. 10,310-344 (vgl. TC 8,4,048b-054a) ist seine erste, aber nicht die einzige im Epos. Noch in demselben Buch Aen. X gibt ihm Vergil eine z w e i t e A r i s t i e , i n A e n . 1 0 , 5 2 0 - 6 0 5 . Auch dafür sei zunächst die Version Vergils vorgestellt und dann auf die Transformation in der TC eingegangen. Diese zweite Aristie des Aeneas in Aen. X bedeutet eine offensichtliche Steigerung gegenüber der ersten: im Hinblick auf die Intensität seines Wütens, die Zahl der getöteten Gegner (jetzt 19) und auch - was eine Dialogisierung erleichtert - den Anteil mündlicher Äußerungen bei diesen Kämpfen. Aeneas steigert sich hier in einen wahren erbarmungslosen Blutrausch hinein. Er will nämlich Rache nehmen für die unmittelbar vorausgehende Tötung des jungen Pallas, seines Bundesgenossen und zugleich Schutzbefohlenen, durch den diesem weit überlegenen Turnus, den Führer des feindlichen Heeres. Zunächst packt Aeneas zwei Vierergruppen von Brüdern, um sie lebendig als Totenopfer für Pallas darbringen zu können (Nr. 1-8). Dann tötet er (9.) den Magus, nachdem dieser sich mit Gold vom Verderben freikaufen wollte, mit Worten schroffer Ablehnung. Für den (11.) Anxur referiert Vergil in indirekter Rede dessen anfängliche Prah- <?page no="237"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 237 lerei. (Für den 10., Haemonides, wird keine Äußerungen erwähnt.) Mit Aen. 10,543 f. sind danach zwei die Aristie des Aeneas unterbrechende, in meinen Augen störende Verse eingeschoben: der Hinweis darauf, dass zwei namentlich genannte Führer der Latiner, Caeculus und Umbro, die auch im Latiner-Katalog in Aen. VII figurierten, die Front der Latiner wiederherstellen - man soll wohl verstehen: trotz der Erfolge des Aeneas in seiner Aristie. Bei der Tötung des (12.) Tarquitus wird auf dessen Worte nur in referierender Weise angespielt (Aen. 10,554 orantis nequiquam et multa parantis / dicere ), die höhnischen und rohen (ein ehrenvolles Begräbnis verweigernden) Worte des Aeneas aber werden in direkter Rede angeführt (Aen. 10,557-560). Im Zusammenhang mit den folgenden von Aeneas Erschlagenen (13. Antaeus, 14. Lucas, 15. Numas, 16. Camers, 17. Niphaeus) werden keine Äußerungen erwähnt, wohl aber wieder bei dem Brüderpaar Lucagus und Liger (Nr. 18 und 19), die auf einem Streitwagen den Kampf mit Aeneas suchen. Beide sprechen, bevor Aeneas sie tötet, Liger prahlerisch, Lucagus um Schonung bittend; beiden antwortet Aeneas höhnisch. Hier macht übrigens Vergil selber einen Fehler im Hinblick auf den Wissensstand der Aeneas-Figur, wie er bei Lucienberger mehrfach vorkommt: Vergil lässt Aeneas in Aen. 10,592 den Lucagus mit Namen ansprechen (und Lucienberger übernimmt das in TC 8,4,121, wie alle in der Aeneis vorgefundenen Reden), obwohl weder er noch sein Bruder Liger sich namentlich zu erkennen gegeben haben. Es ist unerklärlich, wie Aeneas zu diesem Wissen kommt. Zu erwähnen ist noch, dass der erbarmungslos wütende Aeneas in dieser Partie zweimal vom Autor mit einem Gleichnis charakterisiert wird: in Aen. 10,564-570 wird er mit dem hundertarmigen feuerspeienden Aegaeon verglichen, in Aen. 10,603 f. zum Abschluss der ganzen Aristie in einem Kurzgleichnis mit einem Wildbach oder einem Wirbelsturm. Nach der üblichen Praxis Lucienbergers wird man erwarten dürfen, dass er auch bei der zweiten Aristie des Aeneas die von Vergil gebotenen direkten Reden der Akteure beibehält. (Bei der ersten Aristie des Aeneas hatte Lucienberger dafür nur eine einzige Gelegenheit, die er auch nutzte.) Der Vergleich der Transformation des vergilischen Prätextes durch Lucienberger in T C 8 , 4 , 1 0 1 - 1 2 8 ergibt, dass Lucienberger tatsächlich genau so vorgegangen ist: Er hat alle wörtlichen Äußerungen in dieser Partie der Aeneis, sowohl die des Aeneas als auch die seiner stets unterliegenden Gegner, wörtlich und ungekürzt in seine TC übernommen. Er hat nicht weniger aus der Aeneis wiederholt, aber auch nicht mehr. Eine solche selektive Auswahl hat für das Verständnis Folgen und schafft besondere Probleme. Zunächst einmal bedeutet die Beschränkung Lucienbergers auf die Beibehaltung nur der von epischen Figuren gesprochenen Verse der Aeneis, dass alle bei Vergil nicht „wörtlich“ in diesem Kontext sprechenden Personen eliminiert <?page no="238"?> 238 D Analysen sind. Deshalb kennt die TC keine acht Gefangenen, die Aeneas als menschliche Totenopfer für Pallas darbringen will (Nr. 1-8), keinen (10.) Haemonides, keinen (11.) Anxur (obwohl es möglich gewesen wäre, seine erwähnte Prahlerei in direkte Rede umzusetzen - und Lucienberger das, wie wir noch sehen werden, auch tatsächlich getan hat, aber in unerwarteter Weise), keinen Antaeus, Lucas, Numas oder Camers (Nr. 13-16) und auch keinen Niphaeus (Nr. 17). Es fehlen nicht nur diese Namen, sondern alles, was Vergil in diesem Zusammenhang von ihnen erzählt, einschließlich der Art und Weise, wie Aeneas sie tötet. Es verbleiben als Sprecher neben Aeneas nur noch Mago (Nr. 9), Tarquitus (Nr. 12), Liger und indirekt auch sein Bruder Lucagus (Nr. 19 und 18). Aber das Verständnis der zwischen ihnen und Aeneas gewechselten Worte macht Schwierigkeiten, weil sie isoliert sind und ein erzählender Kontext fehlt. Die sich ergebenden Probleme sollen jetzt im Einzelnen erörtert werden. Vor dem (in der TC) ersten Opfer von Aeneas’ Wüten, das hier M a g o heißt 71 , schiebt Lucienberger (vor TC 8,4,101) ein „episches“ Element ein, nämlich eine Regiebemerkung, die in Wirklichkeit schildernden Charakter hat: Aeneas iratus Magonem sternit. Dann wiederholt Lucienberger in TC 8,4,101-106 die Bitte dieses „Mago“ aus Aen. 10,534-529, Aeneas möge ihn verschonen und dafür eine reiche Belohnung erhalten. Wenn Aeneas darauf in TC 8,4,107-110 mit den wiederum aus Aen. 10,531-534 wiederholten Worten dieses Angebot zurückweist, kann auch ein bloßer Leser dieser Textpartie daraus (und aus der vorausgehenden Regiebemerkung, die besser hinter diesen Worten des Aeneas stehen sollte) erschließen, dass Aeneas dem „Mago“ den Todesstoß versetzt. Aber einem solchen Leser wird schwerlich verständlich sein, was denn der plötzlich auftretende Serestus (seine einzeilige Erklärung arma tibi haec statuo magnum, Gradive, trophaeum in TC 8,4,111 wiederholt überflüssiger Weise nur das, was bereits die direkt davor stehende Regiebemerkung Serestus hostilia arma Marti consecrat besagt) mit Aeneas und „Mago“ zu tun hat. Wird er wirklich erschließen, was er bei Vergil in Aen. 10,541 f. lesen könnte, nämlich dass Aeneas selber Serestus (einen immerhin 8-mal in der Aeneis genannten Trojaner; er ist nicht identisch mit dem 10-mal genannten Sergestus) beauftragt (in Form einer Feststellung), die Weihung der Spolien, der Beutewaffen des Magus, an Mars zu übernehmen? Zum Verständnis der zweiten Aristie des Aeneas in TC VIII -4 ist man weithin auf eine ergänzende Lektüre des Prätextes, der Aeneis, angewiesen. Im Prosa- Argumentum für TC Akt VIII wird das Wüten des Aeneas unter den Latinern 71 Richtig wäre, wie für Vergil aus dem einzigen Vorkommen zu erschließen ist, Magus . Lucienberger hat offenbar nicht erkannt, dass Mago in Aen. 10,521 nicht ein Nominativ, sondern ein Dativ ist. <?page no="239"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 239 nach dem Tode des Pallas mit dem einen Satz abgemacht Cuius rei dolore percitus Aeneas magnos Rutulorum acervos amico inferias mittit, der keine Einzelheiten und keine Namen der getöteten Gegner bietet. In den 20 Versen der metrischen Periocha zu TC Akt VIII (Scan 23) wird weder die erste noch die zweite Aristie des Aeneas nach der Landung und nach dem Tode des Pallas erwähnt. (Die Tötung des Pallas wird übrigens in dieser Periocha in Vers 13 in einem krassen Fehler dem Mezentius, statt Turnus, zugeschrieben; das Prosa-Argumentum dagegen referiert (Scan 224) korrekt: Pallas Arcadius … a Turno occiditur .) Auf die Mago-Episode folgt in der TC 8,4,112-117 ein teilweise unverständliches Intermezzo mit den Sprechern C a e c u l u s u n d Ta r q u i t u s . Man wird mindestens sagen müssen, dass Lucienberger eigenwillig mit dem Text Vergils umgesprungen ist. Möglicherweise hat er die Passage Aen. 10,543-560 tiefgreifend missverstanden. Jedenfalls bestehen zwischen dem Text Lucienbergers und dem Prätext Vergils hier tiefgreifende Unterschiede. Vergil hatte in einer Art Einschub innerhalb der Aristie des Aeneas in Aen. 10,543-545 auktorial berichtet, dass (währenddessen) auf der latinischen Gegenseite Caeculus, ein Sohn Vulkans (der auch unter den Führern im Latiner-Katalog von Aen. VII genannt ist), und Umbro (für den das gleiche gilt) stabilisierend wirken und die Schlacht offenbar offen halten. Lucienberger lässt stattdessen - im Prinzip durchaus angemessen - den Caeculus in TC 8,4,112 f. in zwei Versen (neu) prahlen (bei Vergil spricht er bei seinen beiden Auftritten nicht), er werde die Trojaner in Massen in den Tartarus schicken, selber aber ein hohes Alter erreichen. Diese Prahlerei des Caeculus hat Lucienberger aus dem folgenden, von ihm aber übergangenen (bei Vergil 11.) Opfer des Aeneas bei seiner Aristie, von dem nur hier in Aen. 10,545 (ohne Herkunftsangabe) genannten Anxur, genommen (konkret den Vers Aen. 10,549 canitiemque sibi et longos promiserat annos ) und auf Caeculus übertragen. Bei Vergil tötet Aeneas den Anxur. Es ist geradezu typisch für epische Zweikämpfe, dass ein überheblicher Kontrahent seinem Gegner den Tod und sich ein langes Leben prophezeit - und dass genau das Gegenteil eintritt. Deshalb ist es auffällig, dass Caeculus bei Lucienberger eine solche optimistische Zukunftsvision für sich hat - während ein Vergil- Leser weiß oder jedenfalls ermitteln kann, dass in der Aeneis später nicht mehr von Caeculus die Rede ist, er also offenbar alle Kämpfe mit den Trojanern überlebt. Doch bei Lucienberger kommt es anders, nämlich genau so, wie man es nach einer solchen Prahlerei erwarten darf. Denn als nächstes spricht in TC 4,8,114-117 ein gewisser TARQUITUS vier Verse, die wörtlich aus derselben Passage bei Vergil stammen (Aen. 10,557-560) und besagen, dass dieser „furchtbare“ Feind (er wird höhnisch so angeredet: istic nunc, metuende, iace ) niedergestreckt ist und unbestattet Raubvögeln oder Fischen zum Fraß dienen wird. Die Kombination der Äußerungen des Caeculus und des Tarquitus bei Lucien- <?page no="240"?> 240 D Analysen berger besagt eindeutig, dass in der TC Tarquitus den prahlerischen Latiner Caeculus tötet. Wer ist dieser Tarquitus? Er kommt auch bei Vergil ein einziges Mal vor, und zwar gerade in diesem Kontext: in Aen. 10,550-556. Er wird vorgestellt als Sohn des Waldgottes Faunus (Faunus ist auch Vater des latinischen Königs Latinus) und der Nymphe Dryope; er ist ein Gegner des Aeneas. Er wird das nächste (das 12.) Opfer des Aeneas. Nicht ein (über Caeculus siegreicher) Tarquitus, sondern Aeneas bei der Tötung eben dieses Tarquitus ist es, der die grausamen Worte über das Schicksal seiner Leiche spricht. Istic nunc, metuende, iace bezieht sich auf Tarquitus, nicht auf Caeculus. - Wer Tarquitus in Lucienbergers Augen ist, geht aus dem Kontext seiner Worte bei diesem seinem Auftreten in der TC nicht hervor. Es ist nur klar, dass er, weil er den prominenten Latiner Caeculus tötet, ein Bundesgenosse des Aeneas sein muss. Aber es ist, anders als bei Vergil, in der TC nicht sein einziges Auftreten. Tarquitus erscheint noch einmal in TC IX -1. Er ist es, der im Auftrag des Aeneas die Leiche des Pallas in dessen Heimat Pallanteum geleitet und sie dem Vater Euander mit den von Lucienberger neu gedichteten Versen TC 9,1,046-051 übergibt. Auch dieser zweiten Stelle sind jedoch keine näheren Angaben zu Tarquitus zu entnehmen. Aber wenn man das Personenverzeichnis Lucienbergers in der Buch-Ausgabe studiert, findet man dort Tarquitus (S. 17), und zwar in der Habitatio Tarchontis, also als Gefolgsmann des Etrusker-Königs. (Vielleicht hat Lucienberger Tarquitus mit Tarquinii , dem Ort und den etruskischen Königen, in Zusammenhang gebracht.) Die dargelegte Diskrepanz zum Text Vergils über die zweite Aristie des Aeneas in Aen. X, bei der Lucienberger aus einem Gegner des Aeneas einen Bundesgenossen macht, dem er Worte in den Mund legt, die bei Vergil Aeneas spricht, ist so einschneidend und scheinbar willkürlich, dass ich sie Lucienberger nicht zutraue. In der Tat gibt es eine Erklärung für die scheinbare Willkür Lucienbergers gegenüber dem Text Vergils: Wenn Lucienberger einen Aeneis-Text vor sich hatte, in dem die Verse Aen. 10,545-548 fehlten , würde sich wirklich genau die Handlung ergeben, die Lucienberger rekonstruiert hat. Lucienberger hat m. E. folgenden Vergil-Text vor sich gehabt: 10,543 Instaurant acies Volcani stirpe creatus 10,544 Caeculus et veniens Marsorum montibus Umbro 10,549 canitiemque sibi et longos promiserat annos. 10,550 Tarquitus exsultans contra fulgentibus armis, 10,551 silvicolae Fauno Dryope quem nympha crearat, 10,552 obvius ardenti sese obtulit. Ille reducta 10,553 loricam clipeique ingens onus impedit hasta, <?page no="241"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 241 10,554 tum caput orantis nequiquam et multa parantis 10,555 dicere deturbat terrae, truncumque tepentem 10,556 provolvens super haec inimico pectore fatur: 10,557 Isthic nunc, metuende, iace. Non te optima mater 10,558 condet humi patriove onerabit membra sepulchro: 10,559 Alitibus linquere feris, aut gurgite mersum 10,560 unda feret piscesque impasti vulnera lambent. Wenn man eine solche Lücke in Lucienbergers Aeneis-Text annimmt, in der u. a. auch Anxur verschwindet, Tarquitus nahe an Caeculus heranrückt (Lucienberger übergeht ja Umbro) und gleichzeitig Aeneas aus dem Blickfeld verschwindet, ergibt sich ein Kontext, der Lucienbergers Abänderungen in TC 8,4,112-117 verständlich macht. D 4.1.4 Die dritte Aristie des Aeneas in der Aeneis, doch nicht in der TC Aeneas erhält von Vergil noch e i n e d r i t t e A r i s t i e zugeteilt, die besonders kunstvoll gebaut, nämlich mit einer parallelen Aristie seines Gegners Turnus verschränkt ist, bevor sie beide zum Entscheidungsduell gegeneinander antreten: in A e n . 1 2 , 5 0 5 - 5 5 3 . Diese Doppel-Aristie wird sogar durch eine Art Musenanruf, wie er gerade vor Katalogen im Epos üblich ist, eingeleitet, hier mit der Anrufung eines beliebigen Gottes und dann Jupiters ( quis … deus, … Iuppiter ) in Aen.12,500-504. Aber im Hinblick auf die Art der Transponierung dieser Doppel-Aristie der beiden Haupthelden des Epos durch Lucienberger kann ich mich kurz fassen: Lucienberger hat diese gesamte Partie, Aen. 12,441-560, übersprungen (wo sie am Ende von TC VII -3, nach TC 7,3,079 ihren Platz hätte finden können). Das ist mit 120 Versen eine der längsten geschlossenen Auslassungen Lucienbergers bei seiner dramatischen Bearbeitung der Aeneis. D 4.1.5-7 Die drei Aristien des Turnus Turnus erhält in der Aeneis eine erste Aristie, die von einem Musenanruf in Aen. 9,525-529 eingeleitet wird, in Aen. 9,694-777; eine zweite Aristie in Aen. 12,324-382; dazu eine dritte Aristie in Gestalt einer Doppel-Aristie, die mit einer parallelen des Aeneas verschränkt ist, in Aen. 12,505-553, eingeleitet mit einer Anrufung Jupiters durch den Dichter in Aen. 12,500-504. In der TC sind nur die erste und die zweite, nicht die dritte berücksichtigt. <?page no="242"?> 242 D Analysen D 4.1.5 Die erste Aristie des Turnus in der Aeneis und in der TC Wie Aeneas, so erhält auch sein Gegenspieler in Latium, Turnus, von Vergil mehrere Aristien zugeteilt. Turnus greift früher in den Kampf um die Erstürmung des Lagers der Trojaner ein, nämlich bereits in Aen. IX . Aeneas dagegen tritt erst in Aen. X als Kämpfer in Erscheinung, als er beim trojanischen Lager landet, nachdem er Pallas mit den Arkadern und Tarchon mit den Etruskern zu Bundesgenossen gewonnen hat. So wie Aeneas bei dieser Gelegenheit sich in einer Aristie auszeichnet (bzw. von Vergil mit einer Aristie ausgezeichnet wird), nämlich in Aen. 10,310-344, wird das gleiche auch (schon zuvor) Turnus zuteil. Diese seine e r s t e A r i s t i e ist langgezogen und umfasst insgesamt 84 Verse in A e n . 9 , 6 9 4 - 7 7 7 . Sie wird in drei Anläufen durchgeführt und ist sogar durch einen Musen-Anruf in 9,525-529 von langer Hand vorbereitet. Bevor nämlich Vergil mit der Schilderung der ersten Schlacht in Latium, mit dem Angriff der Latiner auf das befestigte Lager der Trojaner, beginnt, schickt er eine Anrufung an die Muse Calliope voraus: Sie möge ihm helfen zu künden, welche Berge von Leichen dort Turnus mit seinem Schwert angehäuft und wer wen in den Orkus gesandt habe. Es wird also im Folgenden in erster Linie um die Taten des Turnus gehen. Zu seiner eigentlichen Aristie kommt es aber erst wesentlich später, obwohl Turnus auch zuvor schon einzelne Trojaner tötet (in Aen. 9,559-566 den Lycus, in Aen. 9,573-577 nicht weniger als sieben in 3 Versen genannte Trojaner). In einem ersten Teil seiner Aristie wütet Turnus gegen Trojaner noch vor den Mauern des trojanischen Lagers und tötet dabei fünf namentlich genannte Verteidiger: Antiphates, Merops, Erymas, Aphidnus und vor allem Bitias, der zusammen mit seinem Bruder Pandarus die latinischen Belagerer durch Öffnen des Lagertors geradezu provoziert hatte (Aen. 9,694-716). Eine Sonderepisode ist dann in Aen. 9,717-755 der Kampf des Turnus mit eben jenem Pandarus (Nr. 6), dem es gelungen war, das offene Tor des trojanischen Lagers wieder zu schließen. Der dabei unabsichtlich mit eingeschlossene Turnus tötet ihn als ersten innerhalb des Lagers. Es folgt dann der zweite Teil der Aristie des Turnus, dem jetzt innerhalb des Lagers in Aen. 9,762-777 nicht weniger als 12 namentlich genannte Trojaner zum Opfer fallen (die ersten acht Namen figurieren in einer bloßen Aufzählung). Dann wechselt der Focus zu den trojanischen Führern hinüber, von denen Mnestheus den entschlossenen Widerstand gegen den eingedrungenen Turnus organisiert. Turnus wird schließlich so in die Enge getrieben, dass er sich nur durch einen Sprung in den Tiber retten kann. Wenn man sich überlegt, was Lucienberger von dieser ganzen Passage des Angriffs der Latiner auf das trojanische Lager mit Turnus als Hauptperson bis zur Gegenaktion der Trojaner, also von Aen. 9,694-777, wohl einigermaßen leicht aus der auktorialen Erzählung Vergils in die für sein Drama notwendige <?page no="243"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 243 dialogische Form transponieren könnte, kommt am ehesten der Mittelteil, der Kampf des Turnus mit dem riesigen Trojaner Pandarus, in Betracht. Denn nur hier gibt es bereits in der Aeneis einen kurzen Wortwechsel zwischen Pandarus (Aen. 9,737-739) und zweimal Turnus (Aen. 9,741 f. und 747 f.). Wenn man mit dieser Erwartung die einschlägige Stelle in der TC aufsucht, in der Lucienberger den Prätext Vergils vom Öffnen des trojanischen Lagertors durch Bitias und Pandarus bis zum Ende der Aristie des Turnus (Aen. 9,672-777) innerhalb seiner Szene TC VII -7 berücksichtigt, stellt man fest, dass Lucienberger diese 106 Verse Vergils auf ganze 14 Hexameter ( T C 7 , 7 , 0 9 3 - 1 0 6 ) reduziert hat, und zwar eben dadurch, dass er die dramatische Aktion allein auf das Öffnen des Lagertores durch Pandarus und Bitias und auf den Kampf des Turnus mit Pandarus beschränkt hat. Dabei hat er in der Tat, nach seiner üblichen Praxis, jene drei kurzen wörtlichen Äußerungen der beiden Kontrahenten wörtlich aus Vergil übernommen. Trotz dieser drastischen Kürzung hat Lucienberger aber doch auch einige Verse hinzugedichtet, vor allem zwei Hexameter ( TC 7,7,105-106), mit denen Turnus ein leitendes Motiv seines Handelns formuliert, gerade durch eine perverse Umdeutung der Begriffe: es geht ihm um coniugium, sponsalia, pompa mit Lavinia; seine ultrix dextera verwirklicht dieses Ziel durch Abschlachten der Feinde. In der metrischen Periocha zu TC Akt VII (→ Kap. B 6.7.1, Scan 22 f. in 16 Versen) heißt es im Zusammenhang mit den Kämpfen um die civitas (= das trojanische Lager) nur ganz allgemein (15 f.): hic multa utrinque strage magna concidunt / experta bello pectora. Das Prosa-Argumentum zu TC Akt. VII (Scan 194) erwähnt immerhin Pandarus, Bitias und das Eindringen des Turnus in das Lager der Trojaner: Pandarus et Bicias successu elati portam recludunt hostesque subeuntes ingenti caede propellunt. Eius rei nuncio accepto Turnus per portam patentem in oppidum irrumpit Troianosque auxilio et favore Iunonis in fugam convertit. D 4.1.6 Die zweite Aristie des Turnus in der Aeneis und in der TC Turnus erhält bei Ve r g il eine weitere längere Aristie in A e n . 1 2 , 3 2 4 - 3 8 2 , zu einem Zeitpunkt, als sich der von unbekannter Hand durch einen Pfeil verwundete Aeneas aus der Schlacht zurückziehen musste. Ähnlich wie in seiner Aristie in Aen. IX ist auch diese Aristie des Turnus in Aen. XII in mehrere Blöcke aufgeteilt: (A) Im ersten Teil (Aen. 12,324-340) schildert Vergil das Kämpfen des Turnus vom Streitwagen aus in allgemeiner Form und bringt dafür einen Vergleich mit dem Wüten des Mars. (B) Darauf folgt in Aen. 12,341-345 die knappe namentliche Aufzählung von 5 Trojanern, die Turnus erschlägt. (C) Eine Episode für sich stellt dann Turnus’ breiter ausgeführter Kampf mit Eumedes (Nr. 6) in Aen. 12,346-361 dar; Turnus begleitet die Tötung des Trojaners mit höhnischen Worten (Aen. 12,359-361), seiner einzigen mündlichen Äußerung in <?page no="244"?> 244 D Analysen der ganzen Partie von 59 Versen. (D) Dann folgt in Aen. 12,362-370 wieder, wie in (B), ein Block von 6 Namen getöteter Trojaner (Nr. 7-12) nebst einem zweiten Gleichnis. (E) Den Abschluss der gesamten Aristie bildet, dem Abschnitt (C) ähnlich, in Aen. 12,371-382 ein detailreich geschilderter Kampf des Turnus mit Phegeus (Nr. 13). Diese ganze Kampf-Passage (A-E) von 59 Versen bei Vergil hat L u c i e n b e r g e r auf einen einzigen Hexameter und dazu, erwartungsgemäß, auf die Wiederholung der höhnischen Worte des Turnus zu Eumedes (3 Hexameter), also auf die 4 Verse TC 10,3,061-064, reduziert. Dass Turnus in den Kampf eingreift, wird durch seinen Befehl zum Bereitmachen seines Streitwagens ( TC 10,3,061 ducite equos currusque; mihi date protinus arma ) angedeutet: Wieder einmal wird die Durchführung einer Aktion bei Vergil durch die Ankündigung oder Vorbereitung dieser Aktion bei Lucienberger ersetzt. Damit verständlich wird, an wen denn Turnus seine ironischen Worte richtet, dass dieser Trojaner mit seiner Leiche gewissermaßen eine „Landnahme“ vornimmt, fügt Lucienberger eine Regiebemerkung ein: Turnus Eumeden trucidans ait (vor TC 10,3,062-064). Eine „Regiebemerkung“ ist hier, wie oft, ein Ersatz für eine auktoriale Schilderung bei Vergil oder, wenn man so will, deren Restbestand. In der metrischen Periocha zu TC Akt X (S. 25) fehlt jeder Hinweis auf diese Aristie des Turnus in der Zeit, als Aeneas wegen seiner Verwundung kampfunfähig ist. Im Prosa-Argumentum zu TC Akt X (S. 269) wird sie erwähnt, wenn auch ohne Einzelheiten: Qua re intellecta Turnus magnum sibi rei bene gerendae occasionem oblatam ratus ingentem hostium stragem edit. D 4.1.7 Die dritte Aristie des Turnus in der Aeneis, doch nicht in der TC Dass Lucienberger die von einer Anrufung Jupiters (in Aen. 12,500-504) eingeleitete miteinander verschränkte und gleichzeitige D o p p e l -A r i s t i e d e s A e n e a s u n d d e s Tu r n u s i n A e n . 1 2 , 5 0 5 - 5 5 3 ganz (in TC VII-3) auslässt, ist schon in → Kap. D 4.1.4 bei den Aristien des Aeneas erwähnt. D 4.1.8 Die Aristie des Mezentius in Aen. 10,689-746 Mezentius ist in der Aeneis nach Turnus (neben und doch wohl noch vor Camilla) der größte Held in den Reihen der Aeneas-Gegner. Nicht von ungefähr eröffnet er (mit seinem Sohne Lausus) den Katalog der latinischen Alliierten in Aen. 7,647-654 (vgl. TC 6,8,001-007), der von Turnus (Nr. 12) scheinbar beschlossen wird, nach dem in einem Sonderabschnitt aber dann auch noch Camilla (Nr. 13) charakterisiert wird. Es wird zwar auch in Aen. VIII von Mezentius gesprochen und er tritt in Aen. IX persönlich auf, aber erst Aen. X bedeutet den Höhepunkt seiner Rolle. In diesem Buch (und nur in Aen. X) lässt ihn Vergil gleich 7-mal <?page no="245"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 245 sprechen. Er erhält nicht nur eine A r i s t i e i n A e n . 1 0 , 6 8 9 - 7 4 6 , während der er von gleich drei Gleichnissen in dichter Folge ausgezeichnet wird, sondern darüber hinaus ist er der Protagonist im ganzen Finale von Aen. X bis zum Schlussvers Aen. 10,908 (also für eine Partie von 220 Versen, d. h. für das ganze Schlussviertel von Aen. X). Auch die Aristie des Mezentius in Aen. 10,689-746, bei der er 9 Gegner erschlägt, ist abwechslungsreich gebaut. Nach einem allgemeinen Auftakt, in dem Mezentius mit einem sturmumtosten, doch unerschütterten Felsenriff im Meer verglichen wird (Aen. 10,689-696a), folgt ein katalogartiger Teil, in dem Mezentius 6 Gegner erschlägt (Aen. 10,696b-702a). Dem siegreichen Kampf gegen die nächsten drei Gegner wird mehr Platz eingeräumt: dem Mimas (Nr. 7 in Aen. 10,702b-718) und dem Akron (Nr. 8 in Aen. 10,719-731) jeweils zusätzlich ein Gleichnis, dem Orodes (Nr. 9 in Aen. 10,732-746) als einzigem ein kurzer Wortwechsel mit seinem Besieger: Mezentius rühmt sich in Aen. 10,735, dass er Orodes niedergestreckt hat; Orodes prophezeit ihm in Aen. 10,739b-741 das baldige analoge Schicksal; Mezentius (der von Vergil öfter contemptor deum genannt wird) gibt Orodes daraufhin mit geradezu blasphemischen Worten in Aen. 10,740-741a den Todesstoß. Nach der schon mehrfach beobachteten Praxis Lucienbergers wird man am ehesten erwarten, dass der Nachdichter bei seiner Dialogisierung der Aeneis aus dieser Partie von 58 Hexametern nur die Episode von der Tötung des Orodes übernimmt, in der Vergil durch den kurzen Wortwechsel einer Dialogisierung gewissermaßen schon vorgearbeitet hat. In der Tat zitiert Lucienberger an analoger Stelle in T C 8 , 6 , 0 1 5 - 0 2 0 a nicht mehr als diese 5 Verse, reduziert also die Aristie des Mezentius auf die Tötung eines einzigen Gegners. Ein Verstoß gegen die Wahrscheinlichkeit, den allerdings schon Vergil selber begeht, 72 liegt darin, dass Mezentius den Namen des Orodes kennt (Aen. 10,737 = TC 8,6,015). In der metrischen Periocha zu TC Akt VIII (Scan 23) wird diese Aristie des Mezentius nicht erwähnt. (Es wird ihm aber fälschlich in Vers 13 die Tötung des Pallas zugeschrieben.) Im Prosa-Argumentum zu TC Akt VIII (Scan 224) wird aber sehr wohl der Taten des Mezentius gedacht, die er vor seinem Zusammentreffen mit Aeneas vollbracht hat: Interim Mezentius pugnae succedens magnum tam Troianorum quam Hetruscorum numerum prosternit, donec ab Aenea … Das Prosa-Argumentum schreibt damit dem Mezentius größere Erfolge zu als der Text der TC in der Szene TC VIII -6 mit 5 einschlägigen Versen über den Kampf nur mit Orodes erkennen lässt. 72 Dieser Fehler wird von S. J. Harrison in seinem Spezialkommentar zu Aen. X, Oxford 1991, 247-249 ad loc. nicht bemerkt. <?page no="246"?> 246 D Analysen D 4.1.9 Lausus, der Sohn des Mezentius, als siegreicher Kämpfer in Aen. 10,426-438 Unmittelbar nach der Aristie des jungen Pallas in Aen. 10,379-425 widmet Vergil auch dessen Pendant auf der Seite der italischen Koalition, Lausus, dem Sohn des Mezentius, der später in Aen. X noch den heldenhaften, aber erfolglosen Versuch machen wird, seinen verwundeten Vater vor Aeneas zu retten, eine kurze Würdigung seiner Rolle im Kampf gegen die Trojaner in A e n . 1 0 , 4 2 6 - 4 3 8 . Allerdings wird man nicht von einer Aristie sprechen wollen, denn Lausus tötet hier nur einen (1) namentlich genannten Gegner, Abas. Zudem wird in diesem Abschnitt über Lausus, der keine wörtliche Äußerung enthält, die Parallelität zu den (weit ausführlicher zuvor behandelten) Taten des Pallas betont. Da Vergils einschlägiger Text keinen Anknüpfungspunkt in Gestalt einer direkten Rede enthält, ist es nicht verwunderlich, dass Lucienberger in der einschlägigen Scena T C V I I I - 4 (nach TC 8,4,072) den ganzen Abschnitt über die Rolle des Lausus beim Kampf gegen die Trojaner übergangen hat. Auch in der metrischen Periocha (Scan 23) und in dem Prosa-Argumentum (Scan 224) zu TC Akt VIII tritt Lausus erst auf, als er gegen Ende von Aen. X (Aen. 10,789-833) im Kampf gegen Aeneas sein Leben für die Rettung seines Vaters opfert, nicht schon zuvor, als er mit Pallas parallelisiert wird. Allerdings ist der Kampf zwischen Lausus und Aeneas in der TC auf zwei einzelne Verse, die Lucienberger neu den Lausus sprechen lässt (TC 8,6,026 und 029) und die aus der Aeneis übernommenen Äußerungen des Aeneas ( TC 8,6,027 f. und 030-036) beschränkt; den insgesamt 45 Versen in der Aeneis entsprechen ganze 11 in der TC . Es ist zwar aufgrund der Darstellungsschwierigkeiten, die eine Dialogisierung von epischen Kampf- und Schlacht-Szenen bereitet, nicht weiter verwunderlich, wenn Lucienberger sich praktisch darauf beschränkt, nur solche Partien aus der Aeneis zu übernehmen, in denen die kämpfenden Kontrahenten sprechen . Aber wenn Lucienberger mit seiner dramatischen Bearbeitung, mindestens mit deren Widmung, sich vor allem an jugendliche Fürsten-Söhne wendet (alle 12 dort Genannten werden ausdrücklich als filius bzw. filii bezeichnet), würde man auch erwarten, dass er die Rollen analoger Figuren in der Aeneis nicht nur beibehalten, sondern sogar verstärken würde. Solche jugendlichen Fürsten-Söhne in der Aeneis sind Ascanius, Lausus und Pallas. 73 Aber mindestens für Lausus 73 Dem Thema „Väter und Söhne in der Aeneis“ ist ein eigenes Buch gewidmet: M. Owen Lee, Fathers and sons in Virgil’s Aeneid. Tum genitor natum, New York 1979, xi + 200 S. In der Aeneis spielt aber nicht nur das Verhältnis jugendlicher Söhne zu ihren Vätern eine Rolle, sondern auch z. B. das des Aeneas zu Anchises, sogar das des Turnus zu seinem Vater Daunus. <?page no="247"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 247 kann man nicht davon sprechen, dass seine Rolle in der TC gegenüber der in der Aeneis gesteigert würde; eher ist das Gegenteil der Fall. D 4. 1. 10 Die Aristie (? ) des Nisus und Euryalus in Aen. 9,314-366 Ich zögere, das nächtliche Wüten der (vielleicht homosexuell verbundenen) trojanischen Freunde Nisus und Euryalus in den Zelten der latinischen Belagerer in A e n . 9 , 3 1 4 - 3 6 6 eine Aristie zu nennen. (Vergil allerdings betrachtet das letztlich durch eigene Schuld gescheiterte Unternehmen des Nisus und Euryalus, aus dem trojanischen Lager auszubrechen, um den abwesenden, um Bundesgenossen werbenden Aeneas zu benachrichtigen, als Heldentat: Er preist sie in einem mit fortunati ambo beginnenden Epilog in Aen. 9,446-450 als ewigen Andenkens, auch durch seine eigene Dichtung, würdig.) Es handelt sich nämlich um ein blutrünstiges Umbringen faktisch wehrloser, meist betrunken schlafender Feinde, ohne Not oder Notwendigkeit. Die beiden Freunde hätten sich auch in aller Stille durch den Belagerungsring schleichen können. Aber Nisus erklärt, er wolle eine breite Gasse bahnen und keinen Feind im Rücken zurücklassen (Aen. 9,320-323 = TC 7,6,107-110), und erschlägt daraufhin 9 Feinde, von denen einige namenlos bleiben. Am Schluss dieser Passage vergleicht Vergil (Aen. 9,339-342) ihn mit einem hungrigen Löwen. Euryalus tut es seinem älteren Freunde nach und tötet nicht nur viel namenloses Volk (Aen. 9,342 multam … sine nomine plebem ), sondern auch fünf Männer, deren Namen Vergil nennt. Er will noch mehr Feinde umbringen, da mahnt ihn Nisus (in Aen. 9,355 f.), jetzt aufzuhören mit dieser nimia caede atque cupidine , da der Tag nahe. Euryalus folgt ihm zwar, belädt sich aber zu seinem späteren Verderben mit Beutestücken. Lucienberger belässt dem Unternehmen des Nisus und Euryalus (das sogar auf zwei Szenen verteilt wird: auf TC VII -6 und VI -7) in seiner TC relativ viel Platz. Aus der sog. Aristie übernimmt er nicht nur, wie er es grundsätzlich zu tun pflegt, die beiden mündlichen Äußerungen des Nisus aus Vergil (einleitend Aen. 9,320-323 = TC 7,6,110-107 und abschließend Aen. 9,355 f. = TC 7,6,118 f.), sondern erweitert die Szene durch zusätzliche dialogische Elemente: Die aus Vergil direkt übernommene allgemein gehaltene Ankündigung des Nisus, er wolle mit dem Schwert einen Weg bahnen und den Rücken sichern, ergänzt Lucienberger dadurch, dass er Nisus vier Feinde nennen lässt, die er erschlagen will ( TC 7,6,111-114a ≈ Aen. 9,325 f. 330 f.); auch Euryalus kündigt das Töten von vier namentlich genannten Feinden an ( TC 7,6,115 ≈ Aen. 9,345). Lucienberger wandelt also wieder einmal einen auktorialen Bericht Vergils über etwas, was geschehen ist, in eine Ankündigung der handelnden Person um. Allerdings ignoriert Lucienberger dabei die Unwahrscheinlichkeit, dass Nisus und Euryalus auch die Namen solch unbedeutender Rutuler (Latiner) wie z. B. die der nur eben hier vorkommenden Lamyrus und Lamus kennen, noch bevor <?page no="248"?> 248 D Analysen sie sie erschlagen, und das sogar bei Nacht (vgl. zum problematischen Wissensstand der dramatis personae → Kap. D 3.4 und speziell → Kap. D 4. 1. 10). Eine Neuerung Lucienbergers ist es ferner, dass bei ihm auch Euryalus zweimal zu Wort kommt. Zum einen lässt er auch Euryalus, wie zuvor den Nisus, unter Benutzung der auktorialen Schilderung Vergils, ankündigen, welche namentlich genannten Feinde und darüber hinaus Namenlose in unbestimmter Zahl er töten will ( TC 7,6,114b-117 nach Aen. 9,343 f.). Eine echte Zutat Lucienbergers ist dabei aber die sprichwörtliche Wendung in TC 7,6,117 non numerum curat lupus in praesepibus altis , vgl. dazu Näheres in → Kap. D 5.4.2. 74 Zum andern reagiert Euryalus bei Lucienberger auf die Mahnung des Nisus, jetzt beim Nahen des „feindlichen Lichts“ mit dem Töten aufzuhören, mit einer Ankündigung, dass er zwar weitere reiche Beute zurücklassen, aber Brustschmuck und Wehrgehenk des Rhamnes (des bedeutendsten der Feinde, den übrigens Nisus, nicht Euryalus, erschlagen hat) und auch Waffenstücke des Messapus als Spolien mitnehmen wird. (Das Motiv der sog. Spoliierung, dass also der Sieger einem erschlagenen Gegner Teile seiner Rüstung, etwa das Wehrgehenk, als Beute abnimmt und es den Göttern weiht oder aber eben nicht, spielt sowohl in der Aeneis als auch, womöglich noch stärker, bei Lucienberger eine große Rolle.) Wieder ist eine auktoriale Schilderung Vergils in eine Ankündigung aus dem Munde der handelnden Person umgewandelt worden ( TC 7,6,120-124 nach Aen. 9,357-366). Lucienberger lässt, über Vergil hinausgehend, das Beutemachen des Euryalus nicht unkommentiert: Er lässt Nisus in den Schlussversen der Szene ( TC 7,6,125 f.) warnend sagen, dass es unklug ist, sich mit Beute zu beladen. Auch Nisus benutzt dabei, wie zuvor Euryalus, eine tierische Analogie: Er verweist auf das vollgefressene Füchslein, das in der Fabel nicht mehr durch die Ritze zurückkann, durch die es in die Speisekammer gekommen ist (vgl. dazu Näheres in → Kap. D 5.4.1). In der Tat werden in der nächsten Szene TC VII -7 Nisus und Euryalus, wie bei Vergil, von einem zurückkehrenden feindlichen Reitertrupp unter Volcens gestellt und beide getötet. In seiner dialogisierten Fassung gelingt es aber Lucienberger nicht, die verhängnisvolle Rolle der von Euryalus mitgeschleppten Beute deutlich zu machen. Bei Vergil ist es in Aen. 9,373 f. gerade der erbeutete Helm des Messapus auf dem Kopf des Euryalus, dessen Glänzen im Mondlicht die Aufmerksamkeit der Feinde auf sich zieht. (Immerhin kündigt Euryalus bei Lucienberger in TC 7,6,123 f. an, dass er diesen Helm nicht zurücklassen will.) 74 Auch Nisus benützt in seiner von Lucienberger neu gedichteten Drohung, Volcens als dritten (nach Sulmo und Tagus) zu erschlagen, ein Sprichwort: Numero deus impare gaudet (TC 7,7,022). Es ist zwar nicht in der Aeneis belegt, wohl aber in ecl. 8,75. <?page no="249"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 249 D 4. 1. 11 Die Aristie des Pallas, Sohn des Königs Euander, in Aen. 10,379-425 Nach der Landung beim Lager der Trojaner am Tiber müssen die 400 arkadischen Reiter unter Führung des Pallas, des Sohnes ihres Königs Euander, auf widrigem Gelände zu Fuß gegen die Latiner kämpfen und wenden sich zur Flucht. Da appelliert Pallas in einer feurigen Rede an ihr Ehrgefühl und spornt sie zum Kampf an (Aen. 10,369-378). Er selbst gibt ihnen ein Vorbild, indem er sich auf die Feinde stürzt. Vergil schildert die Taten des Pallas bei dieser Gelegenheit in einer längeren A r i s t i e i n A e n . 1 0 , 3 7 9 - 4 2 5 . Dabei tötet dieser 7 Gegner: Lagus (Nr. 1.), Sthenius (2.), Anchemolus (3.), die Zwillinge Larides (4.) und Thymber (5.), dann Rhoetus (6.) und schließlich, nach Einlage eines Gleichnisses, den Halaesus (7.), der seinerseits 5 namentlich genannte Gegner erschlagen hatte. Die Besiegung gerade des erprobten Kriegers Halaesus (der als 7. Führer im Italiker-Katalog von Aen. VII genannt ist) durch Pallas wird von Vergil auch dadurch hervorgehoben, dass er Pallas zuvor ein Gebet um diesen Sieg an „Vater Tiber“ richten lässt (Aen. 10,421-423). Es ist nach Lucienbergers immer wieder dokumentierter Praxis, alle Reden in der Aeneis ganz oder so gut wie wörtlich in seine TC zu übernehmen, keine Überraschung, dass er auch in T C 8 , 4 , 0 5 6 - 0 6 5 die aufrüttelnde Rede des Pallas an seine flüchtigen Arkader wiederholt und kurz darauf in TC 8,4,070-072 auch die kurze Bitte an den Flussgott Tiber, ihm den Sieg zu schenken. Allerdings geht aus diesen 3 Versen des Gebets ohne weiteren Kontext nicht hervor, welchen Feind denn Pallas besiegen will und welchen Erfolg seine Bitte hat. (Auch in den beiden Inhaltsangaben zu TC Akt VIII fällt der Name des Halaesus nicht). Insoweit hält sich die Transformationstechnik (hier: das wörtliche Zitat einer Rede im Primärtext) im Rahmen des Erwartbaren. Einzigartig aber ist das zwischen diesen beiden Reden von Lucienberger eingeschobene wörtliche Zitat von Aen. 10,393-396 in seinen Versen TC 8,4,066-069. Bei Vergil handelt es sich um einen auktorial erzählten Teil der Aristie des Pallas, in dem sogar der Name des Pallas selber (in Aen. 10,393) vorkommt; die dura discrimina beziehen sich darauf, dass Pallas einem Paar italischer Zwillinge, die selbst für die Eltern ununterscheidbar waren, im Tode ein unterschiedliches Schicksal bereitet: dem einen, Thymber, schlägt er den Kopf ab, dem anderen, Larides, die rechte Hand, die aber trotzdem zuckt und nach ihrem Kopf greifen will. Dass hier mit den beiden pathetisch apostrophierten Gegnern Thymber und Larides Zwillinge gemeint sind, geht bei der isolierten Sekundärverwendung durch Lucienberger in TC verloren (und damit auch der Witz, der in der originalen Verwendung von indiscreta - discrimina liegt). In „technischer“ Hinsicht aber ist die unveränderte Übernahme der Vergil-Verse, die Umdeutung auktorialer Schilderung in eine Rede des Pallas nur zum Teil <?page no="250"?> 250 D Analysen gelungen: Dass Pallas darin von sich selber als „Pallas“ spricht, ist eine erlaubte und manchmal gesuchte Form des Pathos; aber dass der Arkader-Prinz die Namen seiner getöteten Gegner Thymber und Larides kennt, ist unglaubwürdig. Nicht in der metrischen (vermutlich zur öffentlichen Rezitation vorgesehenen) Periocha, wohl aber im Prosa-Argumentum (Scan 224, vgl. → Kap. B 6.8.2) der Buch-Ausgabe zu TC Akt VIII wird die Aristie des Pallas erwähnt: Ibi Pallas Arcadius, magna prius edita hostium strage, tandem a Turno occiditur . Es fehlen aber nicht nur grausige Einzelheiten, sondern auch konkrete Namen bei den Opfern des Pallas. D 4. 1. 12 Die Aristie Camillas in Aen. 11,664-724 Auch die berittene „Heldenjungfrau“ Camilla, die Königin der mit Turnus verbündeten Volsker, zeigt Vergil in A e n . 1 1 , 6 6 4 - 7 2 4 in einer Aristie. Diese hat sogar mit der Frage in Aen. 11,664-665 ( Quem telo primum, quem postremum, aspera virgo, / deicis aut quot humi morientia corpora fundis? ) eine kurze Einleitung, wie sie bei Katalogen im Epos nicht untypisch ist. Camilla tötet in dieser ihrer Aristie bei Vergil in, wenn man so sagen darf, abwechslungsreicher Weise 12 namentlich genannte Gegner unter den Trojanern und den mit diesen verbündeten Etruskern. Lucienberger hat auch diese in der Aeneis vorgefundene Aristie von 81 Versen drastisch verkürzt auf die 11 Verse von T C 9 , 6 , 0 1 1 - 0 2 1 , indem er in seiner üblichen Weise nur die drei kurzen Reden der Akteure zitiert, die er bei Vergil vorfindet. Die erste Äußerungen Camillas in Aen. 11,686-689 = TC 9,6,011-015a bringt ihren Stolz gegenüber einem (in der TC namenlosen, bei Vergil ist es Ornytus als Nr. 9 der Opfer) besiegten Etrusker zum Ausdruck, ohne dass in der TC die näheren Umstände erkennbar wären. Aus dem Paar der beiden anderen kurzen Reden, hier zuerst des Gegners, dann wieder Camillas, wird immerhin die Situation in dieser (bei Vergil letzten und, wie meist in Aristien, breiter ausgeführten) Szene deutlich: der Gegner, ein Sohn des Aunus, fordert Camilla auf, vom Pferd zu steigen und sich ihm im Fußkampf zu stellen (Aen. 11,705b- 708 = TC 9,6,015b-018). Camilla konstatiert dann triumphierend, dass diesem Ligurer seine Hinterlist (worin diese besteht, kann man nur ahnen: laut Vergil ist er selber keineswegs vom Pferd abgestiegen, sondern hat versucht, Camilla zu Ross zu entkommen) nicht gelungen ist (Aen. 11,715-717 = TC 9,6,019-021). In der metrischen Periocha zu TC Akt. IX (Scan 24) wird mit Vers 19 audax Camilla cruda tentat proelia ihre Aristie immerhin angedeutet, ebenfalls im Prosa-Argumentum zu TC Akt IX (Scan 247) mit Ibi Camilla magna prius edita hostium strage .. . Konkretes, wie etwa Namen, aber erfährt man nicht. <?page no="251"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 251 D 4. 1. 13 Zur Rolle Tarchons, des Führers der Etrusker Im Unterschied zu anderen Führungspersonen im Epos erhält Tarchon, der Führer des etruskischen Heerbanns, der sich Aeneas anschließt, im Epos keine Aristie. Immerhin lässt Vergil ihn in Aen. XI , in der Reiterschlacht in Aeneas’ (und Turnus’) Abwesenheit zwischen den latinischen Truppen unter Führung Camillas und den etruskischen Bundesgenossen eine wichtige Rolle spielen und einen spektakulären Zweikampf gewinnen. Im unmittelbaren Anschluss an die Aristie Camillas in Aen. 11,644-724 (s. dazu → Kap. D 4. 1. 12) hat Tarchon seinen letzten Auftritt im Epos (Aen. 11,725-759a). Zunächst sucht Tarchon seine fliehenden Etrusker durch Verhöhnung ihrer Feigheit (Aen. 11,732-740) zu erneutem Widerstand zu bewegen. Er selbst gibt dann ein vorbildliches Beispiel für kämpferischen Einsatz. Bei Vergil stürzt sich Tarchon auf Venulus, einen prominenten Latiner (er ist in Aen. 8,009 und 11,242 der Gesandte, der den griechischen Troja-Helden Diomedes, der jetzt als König in Apulien herrscht, als Bundesgenossen der Latiner gegen Aeneas gewinnen soll), reißt ihn auf sein eigenes Ross und sucht ihn zu erstechen. Vergil zeichnet diesen außergewöhnlichen Zweikampf (wie zuvor schon den zwischen Camilla und dem Sohn des Aunus in Aen. 11,721-724: ein Adler zerfleischt eine Taube) in Aen. 11,751-758 mit einem Gleichnis aus: ein Adler schlägt eine Schlange und trägt den Triumph über sie davon, obwohl sie sich erbittert wehrt. Das Vorbild Tarchons ermutigt seine etruskischen Gefolgsleute zur Wiederaufnahme des Kampfes. In der TC ist der Auftritt Tarchons auf das bloße Zitat seiner aufrüttelnden Worte an die Adresse der feige weichenden Etrusker beschränkt ( TC 9,6,022-030 = Aen. 11,732-740), das von der an sich überflüssigen Prosa-Notiz Tarchon arguit Tyrrhenos ignaviae eingeleitet wird. Die Kampfszene zwischen Tarchon und Venulus ist übergangen (wie immer bei Lucienberger: einschließlich des darin enthaltenen Gleichnisses). Der Hörer / Leser erfährt also in der TC nicht, ob der Appell Tarchons an das Ehrgefühl der Etrusker wirksam war, und schon gar nichts von dem mitreißenden Erfolg Tarchons im Kampf. Obwohl Lucienberger die Rolle Tarchons als Bundesgenosse des Aeneas durch die ungewöhnliche Neuerfindung der beiden Szenen TC VIII -2 und TC VIII -3 gesteigert hat (s. dazu → Kap. D 7.2), reduziert er dessen Rolle im Kampf gegen die Latiner in entscheidender Weise, indem er den einzigen in der Aeneis geschilderten Zweikampf Tarchons mit einem latinischen Gegner übergeht. Jener Appell Tarchons an seine fliehenden Etrusker ist der letzte Auftritt Tarchons in der TC . Das gilt auch für die Aeneis, aber dort eben in der Kombination seiner Rede mit einem siegreichen Zweikampf. <?page no="252"?> 252 D Analysen D 4. 1. 14 Fazit zu den fehlenden oder gekürzten Aristien in der TC Die Aristien der Hauptpersonen in der zweiten, der „iliadischen“ Hälfte (oder genauer in den vier Kampfbüchern Aen. IX - XII ) der Aeneis sind nicht nur die blutigsten, sondern auch die grausamsten und schrecklichsten Passagen des Epos. Sie „übertreffen“ an Härte, ja Brutalität noch die großen Zweikämpfe, in denen die meisten derselben Protagonisten aufeinander stoßen: Turnus - Pallas in Aen. X, Aeneas - Mezentius (und Aeneas - Lausus) ebenfalls in Aen. X, Aeneas - Turnus in Aen. XII im finalen Entscheidungsduell. Die Serien von Tötungen, die man Aristien nennt (wohl, weil dabei angeblich „der beste“ siegt oder sich durch diese und in diesen massenhaften Tötungen als „der beste“ erweist), enthalten immer wieder Exzesse der Grausamkeit, ja durch Hohn gesteigerter Unmenschlichkeit. Selbst ein sonst so besonnener Mann wie Aeneas verfällt dabei der Barbarei. Diese verrohende Macht des Krieges und des Kämpfens ist ein wesentlicher Teil der Aeneis Vergils. (Und man sollte auch nicht vergessen: Zwar ist der vorletzte Gedanke des Siegers Aeneas die Anwandlung, Turnus zu schonen, aber sein finales Handeln ist vom Rache-Gedanken bestimmt: Am Ende der Aeneis herrscht auf der menschlichen Ebene nicht Ausgleich, sondern Eliminierung.) Lucienberger aber hat in seiner Tragicocomoedia die Aristien der Aeneis weitgehend übersprungen oder mindestens stark reduziert. Warum? Das sozusagen intra-literarische Motiv war zweifellos die technische Schwierigkeit, fast Unmöglichkeit, die auktoriale Darstellungsweise in der Aeneis, die Sicht von außen und gewissermaßen von oben auf dieses serielle Umbringen, in eine Summierung von subjektiven, mündlich geäußerten Ansichten der jeweils handelnden Personen umzuwandeln. Eine „Mauerschau“ (vgl. dazu → Kap. D 2.1) würde zwar eine globale Übersicht ermöglichen, aber ebenfalls nur in der subjektiven Perspektive einer Figur des Dramas. Zudem fehlt es in der Regel im Gewühl einer Schlacht, bei der es zur Aristie einer Hauptfigur kommt, an einer Person, die einen feldherrnartigen (oder einem Autor ähnlichen) Überblick über das Kampfgeschehen hat. Immerhin nutzt Lucienberger manchmal die Möglichkeit, wenigstens die Schlussphase einer Aristie beizubehalten, die oft schon bei Vergil weiter ausgeführt und durch Reden der beiden Kontrahenten bereichert ist. Gelegentlich wird die Schilderung einer Kampfaktion auch durch die Ankündigung einer solchen durch den (voraussichtlichen) Sieger ersetzt. Was aber nicht nur in diesem letztgenannten Fall, der Ankündigung eines Kampfes durch einen der beiden Gegner, sondern geradezu grundsätzlich bei einer „Dialogisierung“ von Kampfaktionen im Vergleich zu einer auktorialen Schilderung durch den Epiker untergehen muss, ist die Darstellung der Einzelheiten des Kampfes, vor allem der tödlichen, oft schrecklichen Verwundungen. Solche Einzelheiten können weder angekündigt noch im Augenblick der Hand- <?page no="253"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 253 lung vom Täter oder vom Opfer in einer mündlichen Äußerung beschrieben werden. Als Darstellung eines nicht-Betroffenen, also eines Augenzeugen, wären sie möglich, aber unwahrscheinlich. D 4. 1. 15 Zur Vermeidung grausiger Kampfdetails in der TC In einer nicht-dramatischen Dichtung, auch im Epos, ist es möglich, die ungewöhnlichsten, bizarrsten, grausigsten Verwundungen zu schildern. Um eine ehedem bekannte deutsche Ballade, die „Schwäbische Kunde“ von Ludwig Uhland aus dem Jahre 1814, als Beispiel zu nehmen: Da liest man, sozusagen ungerührt, heutzutage vielleicht eher amüsiert, von einem sprichwörtlichen „Schwabenstreich“ eines Ritters im Dritten Kreuzzug unter Führung des schwäbischen Kaisers Barbarossa: Zur Rechten sieht man wie zur Linken einen halben Türken heruntersinken. Dass bei der Aufführung eines Dramas mit solchen Kampfszenen auf einer Bühne „realisiert“ würde, wie eine solche „gespaltene Persönlichkeit“ entsteht, ist dagegen unvorstellbar. Aber selbst wenn Lucienbergers Tragicocomoedia , eventuell teilweise, „nur“ rezitiert worden wäre, dürfte der „Bildungswert“ grausiger Tötungs- und Verwundungsszenen der Aeneis gering sein. Welchen „Gewinn“ könnten insbesondere jugendliche fürstliche Zuhörer davon haben, wenn sie sich aufgrund einer Rezitation ein Phantasiebild von solchen Szenen machen würden? Sollten sie die kunstvollen Variationen bewundern, in denen Vergil das Killen des jeweiligen Gegners seiner Helden darstellt? Ich gebe jetzt eine kleine Auswahl aus Einzelheiten jener Aristien der Aeneis, 75 die Lucienberger in seiner TC eben nicht berücksichtigt hat: • Turnus tötet einen Feind mit dem Wurf eines Speeres, der eine detailliert geschilderte blutige Wunde reißt (Aen. 9,699-701). • Der Italiker Halaesus zerschmettert einem Feind mit einem Stein den Schädel, so dass das Gehirn herausquillt - bevor er selber von Pallas erschlagen wird (Aen. 10,415 f.). • Aeneas haut dem Feind die Linke samt dem halben Schild ab (Aen. 10,545 f.). • Aeneas schlägt dem Feind den Kopf ab und tritt mit höhnischen Worten über den noch warmen Rumpf (Aen. 10,554 f.). 75 Weiteres Material findet man bei Raabe, 1974 (→ Kap. D 2.3.3b Anm. 56), dort sind im Kapitel „Tod“ (S. 63-242) S. 166-242 die Kampfszenen Aen. 2,250-633, 7,511-539, 9,503-818, 10,130-908, 11,597-895, 12,266-696 (bzw. bis 12,952) mit Gliederungsschemata behandelt. <?page no="254"?> 254 D Analysen • Mezentius trifft den Kopf des Feindes mit einem riesigen Felsblock (Aen. 10,698 f.). • Mezentius haut dem Feind die Kniekehle durch (Aen. 10,699 f.). • Orsilochus bohrt statt des Reiters dessen Ross den Speer in den Schädel (Aen. 11,636-640). • Camilla durchschlägt einem Feind Helm und Schädel, so dass sein Hirn über sein Gesicht rinnt (Aen. 11,696-698). • Messapus ersticht den Etrusker Aulestes praktisch direkt auf dem Opferaltar (Aen. 12,289-295) und verhöhnt ihn dabei (nur diese seine Worte sind in TC 10,3,053 aus Aen. 12,296 übernommen). • Turnus, vom Streitwagen aus kämpfend, schleift halbtote Feinde mit, überrollt sie, lässt sie von seinen Pferden zerstampfen und verhöhnt sie (Aen. 12,327-340, inklusive eines Vergleichs mit dem rasenden Kriegsgott Mars). • Turnus schlägt in seiner 2. Aristie (→ Kap. 4.1.6) als 13. und letztem Gegner dem bereits verwundete Phegeus den Kopf ab (Aen. 12,37-382). In der von Lucienberger ganz übersprungenen Doppelaristie (Aen. 12,505-553) des Turnus einerseits (→ Kap. D 4.1.7) und des Aeneas andererseits (→ Kap. D 4.1.4) tötet Turnus auf unterschiedliche Weise zwei Brüder, schlägt ihnen die Köpfe ab und hängt diese bluttriefend an seinen Streitwagen (Aen. 12,509-512); Aeneas schmettert mit einem Felsblock einen Kontrahenten vom Streitwagen, so dass dieser von den eigenen Pferden zu Tode getrampelt wird (Aen. 12,529-534). All diese vielfältig, variabel, manieristisch und (wenn man so will) kunstvoll auktorial von Vergil geschilderten Möglichkeiten, im Kampf Mann gegen Mann den Gegner umzubringen, hat Lucienberger seinen intendierten jugendlichen Rezipienten erspart. Das Übergehen dieser grausigen Details blutiger Kämpfe mag auch von der darstellungstechnischen Schwierigkeit beeinflusst worden sein, solche auktorialen Schilderungen in Figuren-Rede umzusetzen; aber wahrscheinlich spielten auch inhaltliche Erwägungen Lucienbergers eine Rolle für das, was er in einer dramatischen Adaption der Aeneis ad usum delphini (wie purgierte Ausgaben später genannt wurden) für akzeptabel hielt und was nicht. Es bleibt eine Au s n a h m e , dass Lucienberger einmal doch eine schreckliche Tötungs-Einzelheit wörtlich aus Aen. 10,393-396 in TC 8,4,066-069 übernimmt (und das trotz gewisser literarischer Schwierigkeiten): Pallas trennt (in seiner im Übrigen stark verkürzten Aristie) dem einen Zwilling den Kopf ab, dem anderen die Hand, die aber nach wie vor nach ihrem Kopf und ihrem Schwert zu greifen versucht (vgl. dazu auch → Kap. D 4. 1. 11). 76 76 Ein moderner Kommentator von Aen. X, S. J. Harrison, Oxford 1991, 174 spricht hier von einer „grotesque and almost comically gruesome description” und verweist auf eine <?page no="255"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 255 War etwa Lucienberger ein Literat, der bewusst die Grausamkeit des Krieges herunterspielen wollte? Sollten die Zuhörer oder Zuschauer seiner TC möglichst von Vorstellungen von Brutalität und Kampfesraserei ferngehalten werden? Wollte er einem jugendlichen Publikum nicht vor Augen und Ohren führen, welche blutigen Taten gerade auch berühmte, scheinbar vorbildliche Helden in der Schlacht begehen? Die Antworten auf solche Fragen sind spekulativ. Immerhin ist bemerkenswert, dass unter den vielen Lehren oder jedenfalls Einsichten, die Lucienberger im Vorwort zur TC in Gestalt der Epistola dedicatoria als Frucht der Lektüre, Rezitation oder Anschauung verspricht, zwar manches dem Bereich des Militärischen und der Kriegsführung angehört (vom Anwerben von Führer, also Bundesgenossen, bis zur Belagerung und Erstürmung feindlicher Städte), aber nur wenig zum Bereich des persönlichen Kämpfens. Immerhin werden dabei zwar auch das Töten von Feinden und das Beutemachen erwähnt, aber nicht die unterschiedlichen Techniken des Tötens oder ein angemessenes Verhalten im Einzelkampf. Heutzutage gehören die Aristien und überhaupt die Partien mit Kämpfen wohl zu den am wenigsten bekannten und am wenigsten erinnerten Partien der Aeneis. (Ich habe nicht einmal eine neuere nennenswerte Monographie zum Thema „Tod und Verwundung im Kampf in der Aeneis“ seit Raabe, 1974 (s. → Kap. D 2.3.3b Anm. 56), gefunden.) Ein aufschlussreicher Indikator für die Einschätzung der Wichtigkeit solcher Kampfpartien in der Aeneis, sei es nun für die literarische Bedeutung innerhalb des Epos, sei es für die erhoffte „humanistische“ Wirkung der Lektüre, dürfte sein, dass sie so gut wie nie (ausgenommen das finale Entscheidungsduell Aeneas - Turnus am Ende des Epos) in modernen Schulausgaben berücksichtigt werden. 77 Stelle aus Ennius’ Epos Annales als Quelle - aber etwas Grauenvolles als „fast komisch“ auszugeben, ist eine Verharmlosung. 77 Das Auslassen von Kampfszenen der Aeneis wurde auch schon in Zeiten praktiziert, als deutsche Schulausgaben des Epos (wie die von K. Bayer, Bamberg 1968) 2.680 Verse oder immerhin (wie mehrere deutsche Schulausgaben zwischen 1982 und 1997) zwischen knapp 1.400 und fast 1.700 Hexameter enthielten. Näheres dazu in dem von mir herausgegebenen Beiheft 5 „Materialien und Illustrationen“ zur Münchener Vergil-Ausstellung „Vergil visuell“, München 1998, 52-55. <?page no="256"?> 256 D Analysen D 4.2 Kataloge D 4.2.0 Einleitung Kataloge gehören seit jeher, seit Homers Ilias, zu den typischen Bausteinen eines Epos. Die Aeneis bietet zwei große Kataloge, den der latinischen Alliierten unter dem Befehl des Turnus in Aen. VII (→ Kap. D 4.2.2) und den der etruskischen Bundesgenossen in Aen. X (→ Kap. D 4.2.1), daneben aber auch einen wenig beachteten kleineren Katalog der führenden Trojaner in Aen. 10,120-145. Aber auch die „Heldenschau“, den Überblick über die großen Gestalten des künftigen Roms in Aen. VI , kann man als eine Art Katalog betrachten (→ Kap. D 4.2.3). Dem kleinen Katalog der prominenten Trojaner, denen in Abwesenheit des Aeneas (der sich auf der Reise zu den Arkadern unter Euander und dann zu den Etruskern unter Tarchon befindet) die Verteidigung des von den Latinern belagerten Camps am Tiber anvertraut ist, brauche ich kein eigenes Kapitel zu widmen: Er ist von Lucienberger am Ende der Szene TC VIII -1 ersatzlos übergangen. 78 D 4.2.1 Der Etrusker-Katalog in TC VIII -3 Während die Szene TC VIII -2 mit der Beratung der etruskischen Vornehmen bei König Tarchon inhaltlich (und auch den Worten nach) und der Situation nach neu ist (und darum in dem Kapitel über die Erweiterungen der Aeneis durch Lucienberger, in → Kap. D 7.2 behandelt wird), ist die direkt daran anschließende nächste Szene TC VIII-3 mit dem Etrusker-Katalog keine inhaltliche Neuerung Lucienbergers gegenüber der Aeneis, wohl aber im Hinblick auf die Darstellung, die Art des Einbaus dieser Katalogs in die Sprach-Handlung der TC. In Aen. 10,163-214 ist es der epische Erzähler (Vergil), der den sog. Etrusker- Katalog bietet. Nach epischer (Homerischer) Tradition wird gerade vor einem Katalog, einer an konkreten Informationen reichen Partie, vom Epiker die Muse (oder die Musen) um Beistand oder genau genommen: um Auskunft und Belehrung angerufen. So auch hier: Vergil ruft in Aen. 10,163-165 die „Göttinnen 78 Die Szene T C V I I I - 1 ist somit allein der Götterversammlung in Aen. 10,1-117 gewidmet und schließt mit einem von Lucienberger aus Aen. 10,113a = TC 8,1,097a übernommenen, aber effektvoll zu einem „Halbvers“ verkürzten Wort Jupiters: Fata viam invenient. (Es ist das einzige Mal, dass eine der 67 Szenen der TC auf einen „Halbvers“ endet.) Lucienberger springt in der auf die Götterversammlung folgenden Szene TC VIII-2 zu dem etruskischen König Tarchon und seiner Begegnung mit Aeneas, also zu dem anderen Strang der Parallelhandlung, zu Aeneas’ Aktivitäten während seiner Abwesenheit vom trojanischen Camp. Die Situation der unterdessen im Camp belagerten Trojaner war zuletzt Gegenstand der Szene TC VII-7. Beide Handlungsstränge werden in TC VIII-4 zusammengeführt, als Aeneas mit den neu gewonnenen arkadischen und etruskischen Bundesgenossen beim Lager am Tiber landet und die Schlacht gegen die Latiner beginnt. <?page no="257"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 257 des Helikon“ an, um darstellen zu können, welche Truppen sich dem Aeneas an der Küste Etruriens (bei Cervetri) anschließen, um zu Schiff den bedrohten Trojanern am Tiber zu Hilfe zu kommen. Der etruskische Heerbann steht nach der Vertreibung des tyrannischen Königs Mezentius, der sich zu Turnus geflüchtet hat, unter dem Oberbefehl Tarchons, den Vergil in Aen. 10,159 zweimal als rex bezeichnet. Als Führer eines einzelnen Schiffes taucht Tarchon im Katalog nicht wieder auf; das Flaggschiff segelt vielmehr unter dem Kommando des Massicus (1., princeps Aen. 10,166, mit 1.000 Kämpfern). Dann werden von Vergil weitere 7 Führer mit ihren (bis zu 1.000) Gefolgsleuten auf insgesamt 30 Schiffen vorgestellt: 2. Abas (600+300), 3. Asilas (1.000), 4. Astur (300), 5./ 6. Cupavo und Cinyra ( pauci ), 7. Ocnus, der Gründer Mantuas (500), und 8. Aulestes (100). (Zusammen ergibt das mindestens 3.800 etruskische Kämpfer.) Vergil bietet diese auktoriale Übersicht in einem Moment, wo die etruskische Flotte mit Aeneas (und auch mit den von Pallas geführten zuvor im nachmaligen Rom, derzeit noch „Pallanteum“, als Bundesgenossen gewonnenen 400 berittenen Arkadern) schon auf dem Meer (nach Süden) zum Tiber unterwegs ist. Anschließend an den „Etrusker-Katalog“ lässt er dem Aeneas und seiner Flotte Cymodocea begegnen. Sie ist die Sprecherin der von der Magna Mater = Cybele in Meeresnymphen verwandelten trojanischen Schiffe, die Turnus mit Brandfackeln bedroht hatte. Cymodocea klärt Aeneas über die inzwischen für Ascanius und die anderen am Tiber zurückgelassenen Trojaner entstandene kritische Situation auf: sie werden von den Latinern unter Turnus angegriffen. Turnus wird versuchen zu verhindern, dass das jetzt zu Schiff herannahende Aufgebot der Etrusker und Arkader sich mit den belagerten Trojanern vereinigt. (Zum „dramatischen“ Pendant dieser Passage in der Szene TC VIII -4 vgl. → Kap. D 12.3.6.) Diese Vorgaben des Epikers Vergils dürften einer Dramatisierung besondere Schwierigkeiten bereiten, sich geradezu dagegen sperren. Lucienberger aber hat eine, wie ich finde, recht elegante Lösung des Problems gefunden, einen auktorial gebotenen epischen Katalog in die Dialogform zu überführen: Er hat die Aufzählung der etruskischen Führer und ihrer Mannen durch den Autor in eine Musterungs-Szene umgewandelt, in der Tarchon dem Aeneas die einzelnen Führer mit ihren Truppen vorstellt: T C V I I I - 3 mit 44 Versen. Abgesehen von einigen (von Lucienberger hinzugefügten) Versen TC 8,3,036b-040, mit denen Aeneas auf diese Vorstellung der neugewonnenen Hilfstruppen reagiert (der Name des Aeneas als Sprecher für diese Partie ist allerdings in der Druckausgabe von 1576 ausgefallen und von mir vor TC 8,3,036b ergänzt), spricht in dieser Szene nur Tarchon ( TC 8,3,001-035a und TC 8,3,041-044). Sie spielt, wie TC 8,3,038 zeigt, noch an der Küste Etruriens (und zwar laut TC 8,3,007 planis campis ). Erst Aeneas fordert zur Einschiffung auf, um Ascanius und seinen Leuten, die er „in der Stadt“ (Lucienbergers Ausdruck urbe in TC 8,3,040 mit <?page no="258"?> 258 D Analysen Bezug auf das Lager der Trojaner am Tiber ist unglücklich) zurückgelassen hat und die nicht wissen, wo Aeneas sich derzeit aufhält ( incertos nostri ), zu Hilfe zu kommen. Lucienberger hat geradezu eine Militärparade geschaffen: Die Scharen der Krieger sollen zur Musterung an Aeneas und Tarchon vorbeiziehen ( praetereant TC 8,3,008). Zunächst bekennt sich Tarchon in den von Lucienberger erfundenen Versen TC 8,3,001-005 unter dem Eindruck der (in TC VIII -2 vorgetragenen) Ausführungen des Aeneas als dessen Unterstützer; er bezeichnet die Sache des Aeneas als aequa satis und will ihm gegen Mezentius und Turnus helfen. In der eigentlichen Musterung, zu der die Tuba das Signal gegeben hat, zeigt Tarchon dem Aeneas zunächst sein eigenes Truppenkontingent (TC 8,3,009-011 sub me ). Allerdings lässt Lucienberger seine deutlich aufgewertete Figur Tarchon einen literarisch-militärischen Diebstahl begehen: Was Tarchon bei Lucienberger als „seine“ Truppen bezeichnet, 1000 junge Männer aus Clusium und Cosae, steht bei Vergil unter dem Befehl des (in der Aeneis nur hier vorkommenden) Massicus. Bei Lucienberger hat Tarchon selber die Stelle des erstgenannten Führers im Etrusker-Katalog usurpiert ( sub me ); Massicus ist hier eliminiert (obwohl gerade ihn Anchises in seiner von Lucienberger erweiterten Prophezeiung in der Unterwelt namentlich in TC 5,3,240 als princeps der etruskischen Flotte erwähnt hatte; vgl. → Kap. D 6.1.2 und → Kap. E 5.3 Anm. 169). Offenbar fand Lucienberger es nicht angemessen, dass Tarchon (auch schon bei Vergil) den Oberbefehl über den (nach der Vertreibung des Königs Mezentius führerlosen) etruskischen Heerbann hat, aber offenbar, anders als die anderen (bei Vergil: acht) Führer über keine eigene Mannschaft verfügt. Nach dem Hinweis auf dieses sein eigenes Aufgebot stellt Tarchon dem Aeneas dann in TC 8,3,012-035a die anderen 7 etruskischen Fürsten mit dem jeweiligen Aufgebot vor. Im gedruckten Text sind ihre Namen, jeweils mit dem Zusatz DUX , wie eine Überschrift über die ihnen gewidmeten (mindestens eineinhalb bis maximal viereinhalb) Verse gestellt: Abas, Asylas ( tertius ), Astur, Cygnus, Ocnus, Mezentius (gleichnamig mit dem vertriebenen König, doch auf der Seite Tarchons stehend) 79 und (als letzter) „Auletes“ (der bei Vergil Aules- 79 Dieser MEZENIUS DUX a parte Tarchontis (so die Überschrift vor TC 8,3,031-033) ist eine kuriose Erfindung Lucienbergers. Sie beruht auf einem Missverständnis von Aen. 10,204 Hinc quoque quingentos in se Mezentius armat . Dass „Mezentius auch von hier, von Mantua, 500 Mann gegen sich bewaffnet“ bedeutet natürlich, dass der Tyrann Mezentius auch die Mantuaner so gegen sich aufgebracht hat, dass sie 500 Bewaffnete gegen ihn kämpfen lassen. Lucienberger hat aber offenbar verstanden, dass ein Mezentius aus Mantua 500 Bewaffnete gegen seinen Namensvetter, gewissermaßen gegen sich selber, aufgeboten hat. <?page no="259"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 259 tes heißt). Dabei benutzt der Tarchon Lucienbergers geschickt durchgehend und weitgehend wörtlich die jeweiligen Verse Vergils. Besonders geschickt ist in meinen Augen die wörtliche Übernahme von Aen. 10,185-186a als TC 6,3,025-026a: Non ego te, Ligurum ductor fortissime bello, / transierim, Cygne. Das ist bei Vergil eine Apostrophe, die rhetorisch-pathetische Anrede einer epischen Figur (offenbar des Cupavo, der der Sohn des Cygnus ist; aber die Herstellung von Aen. 10,186 ist textkritisch umstritten) durch den Autor. Bei Lucienberger ist daraus ein Hinweis der TC -Figur Tarchon für die TC -Figur Aeneas auf die TC -Figur Cygnus geworden. In einer szenischen Aufführung würde Tarchon den Cygnus mit einer „deiktischen“ (hinweisenden) Armbewegung dem Aeneas vorstellen. In ähnlicher Weise wird auch für (Nr. 2) Abas der „deiktische“ Charakter der Vorstellung bei dieser Musterung verstärkt: Aus der Feststellung Vergils in Aen. 10,170 una torvus Abas wird beim Tarchon Lucienbergers in TC 8,3,012 ecce hic clarus Abas . Gestrichen oder geändert hat Lucienberger in dieser an sich praktisch wörtlich aus Vergil übernommenen Passage alle Verse des Originals, die sich auf die Schiffe beziehen, die die acht etruskischen Fürsten führen: für Abas Aen. 10,171; für Cygnus Aen. 10,195-197; für Mezentius Aen. 10,206; für Aulestes Aen. 10,207b-212. Das entspricht der von Lucienberger geänderten Situation: er bietet nicht, wie Vergil, einen Schiffskatalog während einer Seefahrt, sondern eine Truppenmusterung auf dem Lande. Erst danach besteigt man die Schiffe und fährt zur See. (Konsequenter Weise sind deshalb auch die Verse Aen. 10,207 und 213-214 von Lucienberger gestrichen.) Anders motiviert ist wohl das Übergehen der Verse Aen. 10,188-194 (mit der mythischen Erklärung der Schwanenflügel am Helm des Cygnus) und Aen. 10,201-203 (im Zusammenhang mit Ocnus’ Ausführungen zur Bevölkerung Mantuas). Der Grund ist wohl, dass Lucienberger diese Verse, als bloße Zeugnisse für die Gelehrsamkeit Vergils, eines poeta doctus in hellenistischer Manier, für überflüssig hielt. In der Tat fördern sie nicht die Kenntnis von der Kampfkraft der Truppen des Cygnus und des Ocnus und schon gar nicht die Handlung. Wenn Lucienberger wirklich beabsichtigte, seine vornehmsten Adressaten, die in der Epistola dedicatoria genannten 12 Fürstensöhne, konkrete Lehren aus der Aeneis bzw. seiner TC ziehen zu lassen, dann wäre das hier ex negativo : Bei der Vorstellung und dem Appell von militärischen Einheiten braucht man über Einzelheiten ihres Rekrutierungsortes oder über die Bedeutung des Wappens (oder Emblems) ihres Führers nicht zu sprechen. Aber einen solchen Schluss ex negativo könnte man nur ziehen, wenn man das „positive“ Gegenstück, den Text Vergils, vor Augen hätte. <?page no="260"?> 260 D Analysen Man darf vielleicht gerade im Blick auf den Etrusker-Katalog sagen, dass Lucienberger in seiner TC im Vergleich mit Vergil mehr oder weniger deutlich das aristokratische Moment auf Kosten der autokratischen Führerstellung eines Königs verstärkt. Jedenfalls spielen proceres bei Lucienberger eine weitaus größere Rolle als bei Vergil (vgl. dazu → Kap. D 2.4.3, → Kap. D 7.2.3, auch → Kap. D 9.4). Auch die rein statistischen Angaben sind aufschlussreich: In der TC kommt das Wort proceres (plus procerum ) 19-mal vor; nur 5-mal steht es an entsprechender Stelle schon in der Aeneis; 14-mal erscheint es neu im Text der TC (darunter 2-mal in TC I-4, als Nennung im Verzeichnis der Interlocutores und als Sprecher). In der um mehr als 50 Prozent umfangreicheren Aeneis kommt proceres insgesamt nur 9-mal vor (was 4-mal von Lucienberger nicht übernommen wird), darunter 5-mal mit Bezug auf Trojaner, 1-mal (in Aen. 10,213) auf die Etrusker; nie werden sie zur Beratung herangezogen, bestenfalls werden sie informiert. D 4.2.2 Der Italiker-Katalog in TC VI -8 Es liegt nahe, den Etrusker-Katalog in TC VIII -3 nach Aen. 10,166-214 (mit vorausgehender Musen-Anrufung in Aen. 10,163-165) mit dem Italiker-Katalog in TC VI-8 nach Aen. 7,647-817 (nach vorausgehender Musen-Anrufung in Aen. 7,641-646) zu vergleichen. Bei Vergil sind beide Truppenkataloge im Prinzip analog gebaut: Nach einem Musen-Anruf folgt in auktorialer Darstellung eine Vorstellung der Truppenführer und ihrer Kontingente. In beiden Katalogen sind die duces und ihre Gefolgschaft nicht durchgezählt. Vergil nennt im Etrusker-Katalog, angefangen mit Massicus ( princeps, Aen. 10,166-169) und endend mit Aulestes (Aen. 10,207-212) 8 Führer; die Gesamtzahl der Schiffe, die sie führen, ist aber 30 (so summierend Aen. 10,231). Im Italiker-Katalog lässt Vergil insgesamt 13 Führer mit ihren Kämpfern aufmarschieren. Als erster ( primus init bellum , Aen. 7,646-654) tritt der vertriebene Etrusker-König Mezentius mit seinem Sohn Lausus auf, die auch im weiteren Verlauf der Kämpfe bis zu ihrem Tod von der Hand des Aeneas am Ende von Aen. X eine bedeutende Rolle im Heer des Turnus spielen werden. An 5. Stelle folgt der ebenfalls relativ prominente Messapus (Aen. 7,691-705). Umgekehrt werden gerade Führer italischer Stämme oder Kontingente, die in den späteren Schlachten kaum oder gar keine Rolle spielen, durch eine emphatische Anrede des Dichters ausgezeichnet: der nur hier genannte Oebalus (Nr. 8, tu, Aen. 7,743-753) und der immerhin noch viermal erwähnte Ufens (Nr. 9, et te , Aen. 7,744-760). Turnus, faktisch der Führer der gesamten italischen Alliierten, steht an 12. Stelle ( ipse inter primos, Aen. 7,783-802). Aber er bildet noch nicht den Schluss des Katalogs, sondern es folgt noch in einer Art Nachtrag ( hos super advenit , Aen. 7,803-817) Camilla, die Führerin einer Schar von amazonenhaften <?page no="261"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 261 Reiterinnen. Mit Camilla und ihrer Gefolgschaft endet nicht nur der Italiker- Katalog, sondern das ganze Buch VII der Aeneis. Lucienberger hat die beiden Kataloge in seiner TC etwas unterschiedlich gestaltet. In beiden Fällen ist es eine Musterungsszene, die jedoch aus der Deskription bei Vergil dem Wesen der neuen dramatischen Gattung entsprechend in direkte Reden von Figuren der TC transponiert ist. Aber während im Etrusker- Katalog der etruskische „König“ Tarchon die einzelnen Führer und ihre Mannen dem Aeneas in wörtlicher Rede vorführt, stellen sich die Führer der italischen Kontingente selber ihrem Anführer Turnus vor und beteuern, dass sie für ihn kämpfen wollen. Es ergibt sich sogar ein Dialog, weil Turnus jeweils auf die, wenn man so sagen darf, Meldung der ihm zu Hilfe kommenden Völkerschaften durch ihre Fürsten mit einem Ausdruck der Dankbarkeit oder Freude antwortet: ( gaudeo TC 6,8,008; grata mihi 6,8,014; placet 6,8,018; laetor 6,8,030; gaudebit wenigstens indirekt 6,8,058; laetitia 6,8,088) oder sie rühmt ( laudo TC 6,8,004; laus nomenque 6,8,036: gloria 6.8.047; laude 6,8,067; fama, gloria 6,8,075 f., gloria 6,8,081). Es sind dieselben duces in derselben Abfolge wie bei Vergil, doch wird der Prätext der Aeneis in unterschiedlicher Vollständigkeit herangezogen. Mit den auktorialen Beschreibungen der 12 + 1 Führer und ihrer Gefolgschaften durch Vergil ist Lucienberger bei seiner dialogischen Transformation unterschiedlich verfahren: Manchmal hat er diese Charakterisierungen übergangen. Das ist verständlich im Falle des (Nr. 11 des Katalogs) Virbius, der sich in TC 6,8,762 (= Aen. 7,762), einem Vers aus der langen ihm bei Vergil gewidmeten Partie Aen. 7,761-782, vorstellt (die beiden weiteren ihm in TC 6,8,083 f. zugeteilten Verse sind neu, bringen aber keine nennenswerte zusätzliche Sachinformation). Denn die Aeneis-Verse über Virbius / Hippolytus weiten sich bei Vergil zu einem mythographischen Exkurs aus ( namque ferunt fama … ). - Umgekehrt hat Lucienberger im Falle des (Nr. 6) Clausus eine Transformationstechnik angewandt, die es ihm erlaubt, den größten Teil der Verse (Aen. 7,706-722), mit denen Vergil dessen Gefolgschaft, die Sabiner, beschreibt, wörtlich zu übernehmen (allerdings mit Übergehen der beiden Kurzvergleiche in Aen, 7,719-722): Mit eben diesen Worten, durch die Vergil den Leser informiert, stellt jetzt in der TC 6,8,037-046 Clausus seine Leute dem Oberbefehlshaber Turnus vor. Analog geht Lucienberger auch bei (Nr. 4) Caeculus vor ( TC 6,8,020-029 = auktoriale Beschreibung in Aen. 7,681-690), gleichfalls bei (Nr. 7) Halaesus, (Nr. 8) Oebalus und (Nr. 9) Ufens. Die Änderungen Lucienbergers gegenüber der Aeneis beschränken sich praktisch auf die Umformulierung eines (meist des einleitenden) Verses, wo dann die 3. Person der Verbform durch die 1. Person eines anderen Verbs ersetzt oder eine Form des Personalpronomens ego eingeführt wird. Naturgemäß kann allerdings die Nr. 12 bei Vergil, Turnus, sich nicht selber vorstellen. Die Turnus von Vergil gewidmeten Verse Aen. 7,783-792 sind des- <?page no="262"?> 262 D Analysen halb von Lucienberger geschickt bereits in TC VI -6, in ein Preislied der von der Furie Allecto in Raserei versetzten latinischen Frauen ( Maenades ) auf Turnus (als TC 6,5,038-039 und 041-042), wenigstens zum Teil vorgezogen worden. (Ausgelassen ist dort, wie fast generell in der TC , (vgl. → Kap. C 5.2.5 und Kap. D 4.3), die Beschreibung des kunstvoll mit einer Szene des Io-Mythos verzierten Schildes des Turnus, die Vergil in Aen. 7,789-792 bietet.) Als letzte meldet sich die Bellatrix Camilla bei Turnus ( TC 6,8,090-097), doch nimmt sie in ihre Selbstvorstellung den Großteil der Verse, die Vergil ihrem Auftreten und ihrer Wirkung bietet, nämlich Aen. 7,808-817, nicht auf. Auch sie wird emphatisch von Turnus als decus, magni Latii laus begrüßt (TC 6,8,098-101). Ganz zum Schluss dieser Musterung stellt Turnus dann doch zwar nicht sich selbst, aber seine persönlichen Gefolgschaft in TC 6,8,102-110 vor, dabei wörtlich die auktorialen Verse Vergils in Aen. 7,793-802 benützend. Etwas gezwungen kommt er dann mit TC 6,8,111 quos super advenit Volsca de gente Camilla (≈ Aen. 7,803) noch einmal auf die Persönlichkeit Camillas zurück, die bei Vergil den Abschluss des Italiker-Katalogs bildete. Darauf folgt noch resümierend der von Lucienberger neu geschaffene abschließende Satz des Turnus: Lustravi et cunctos inveni rite paratos ( TC 6,8,112). Mit dieser Erklärung ist zwar die Musterung des bundesgenössischen italischen Heeres durch Turnus beendet, die dieser in einer auch für angehende Heerführer des 16. Jh.s vorbildlichen Weise abgenommen hat, doch noch nicht der Akt VI der TC . Es folgen in TC 6,8,113-128 noch Anordnungen des Turnus für das Verhalten bis zum Kampfbeginn am kommenden Tag, für das Aufstellen von Wachtposten um das trojanische Lager und für Venulus, den er an den König Diomedes (in Apulien) sendet, um diesen Griechen als weiteren Bundesgenossen im Kampf gegen Aeneas und seine Trojaner zu gewinnen. Diese Verse Lucienbergers stammen weithin wörtlich aus Vergil, dort bereits aus dem Anfang von Aen. VIII (8,1-17). Trotzdem sieht Lucienberger in seiner gedruckten Ausgabe von 1576 hier mit einigem Recht nicht nur Finis actus sexti, sondern auch et libri 7 Aeneidos . D 4.2.3 Eine weitere Musterung: die Heldenschau in TC V-3 Neben dem Etrusker-Katalog in TC VIII -3 nach Aen. 10,163-214 und dem Italiker-Katalog in TC VI -8 nach Aen. 7,647-817, zwei „echten“ militärischen Musterungsszenen, gibt es in der Aeneis noch eine dritte längere Passage, die man ebenfalls als eine Art Musterung betrachten kann: die sog. „Heldenschau“ in Aen. 6,756-853 und 855-859 (vgl. auch → Kap. D 6.1). Das ist eine Übersicht über große Gestalten der künftigen römischen Geschichte, die Anchises in der Unterwelt (wo deren Seelen entsprechend der Seelenwanderungs-Anschauung auf ihre künftige Wieder-Einkörperung warten) seinem Sohn Aeneas und der Sibylle gibt. In einer langen Rede, die nur durch den einen auktorialen Vers Aen. 6,854 <?page no="263"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 263 sic pater Anchises atque haec mirantibus addit unterbrochen wird, stellt Anchises seinen beiden innerepischen Zuhörern über 30 namhafte Römer der Zukunft (aus der Sicht des 7. Jahres nach der Eroberung Trojas) vor. Diese „Heldenschau“ bezieht sich auf eine Parade, heute würde man vielleicht sagen: einen historischen Zug, der an den drei Zuschauern vorbeizuziehen scheint. Inhaltlich ist es ebenso ein Katalog wie jene Übersichten über die etruskischen Verbündeten des Aeneas und über Führer und Völker der anti-trojanischen latinischen Alliierten. Auch diese dritte Musterungsszene hat Lucienberger bei seiner Dramatisierung der Aeneis berücksichtigt; er hat sie (abgesehen von zwei kleineren Abweichungen) wörtlich und ungekürzt in TC 5,3,055-157 übernommen (Näheres dazu s. in → Kap. D 3.6.2b über längere Reden in der TC ), und zwar hat er die formale Einkleidung als Rede einer Figur, hier des Anchises, beibehalten. Es ist ja einer der für die Transformation der Aeneis wichtigsten und konsequent von ihm durchgehaltenen Grundsätze Lucienbergers, Figuren-Reden der Aeneis möglichst wörtlich in die Tragicocomoedia zu integrieren. Immerhin zeigt die „Heldenschau“ eine dritte Variante bei der Behandlung der drei Musterungsszenen: Beim Etrusker-Katalog wandelt Lucienberger die auktoriale Darstellung Vergils in eine durchgehende Rede um, mit der der „König“ Tarchon die Führer und deren Kontingente dem neuen Bundesgenossen und Anführer Aeneas vorstellt. Beim Italiker-Katalog wird die dort in der Aeneis ebenfalls vorliegende auktoriale Präsentation in eine Reihe von Selbstvorstellungen der einzelnen Führer und ihrer Mannschaften vor ihrem Anführer Turnus sozusagen aufgespalten. Bei der Heldenschau hatte es Lucienberger am einfachsten: er konnte die Rede des Anchises praktisch unverändert übernehmen. D 4.3 Kunstbeschreibungen (und Rüstungsszenen sowie Ortsbeschreibungen) Die Aeneis Vergils besteht nicht nur aus vom Autor erzählter Handlung und aus Figuren-Rede, sondern enthält auch nicht-narrative Passagen in Gestalt von Beschreibungen (vgl. dazu → Kap. C 5.2.5). Die wichtigsten und umfangreichsten dieser sogenannten Ekphraseis sind Beschreibungen von drei Kunstwerken, die man alle mit mehr oder weniger Berechtigung „Reliefs“ nennen kann. Es sind: (a) in Aen. I (464-495) die Beschreibung der Bilder aus dem Trojanischen Krieg (es ist nicht klar, ob es sich um Reliefs oder aber um Malereien handelt) am Juno-Tempel in Karthago; sie werden von Aeneas und Achates betrachtet, die die dargestellten Geschehnisse selbst miterlebt haben, ja, Aeneas erkennt sich sogar selber in einer der dargestellten Figuren, denn er war ja selbst Teil des Geschehens gewesen; <?page no="264"?> 264 D Analysen (b) am Anfang von Aen. VI (20-33) die Bilder (hier dürfte es sich ziemlich eindeutig - in der Vorstellung Vergils natürlich - um Reliefs handeln), die Daedalus am Apollo-Tempel in Cumae (wohin er nach seiner Flucht aus Kreta und dem Absturz seines Sohnes Icarus schließlich gelangt war) angebracht hat; auch hier ist Aeneas unter den Betrachtern, nämlich weiteren Trojanern; es wird nicht erwähnt, dass jemand - etwa die Sibylle - den Trojanern die Bilder erklärt hätte; offenbar ist vorausgesetzt, dass jedermann den Mythos kennt; (c) am Ende von Aen. VIII (626-728) die Beschreibung der Bilder, die der Gott Volcanus auf dem neuen Schild für Aeneas angebracht hat (man wird sie sich als Ziselierungen oder getriebene Arbeit auf goldenen Beschlägen des Schildes, den er auf Bitten seiner Gattin Venus für deren Sohn angefertigt hat, vorzustellen haben) 80 ; nach der „Schildbeschreibung“ durch den Autor Vergil für die Ohren (und Augen) der Zuhörer (bzw. Leser) wird von Vergil ausdrücklich betont, dass Aeneas den Sinn der Bilder, die Episoden aus der künftigen Geschichte Roms darstellen, nicht versteht; die göttliche Mutter Venus, die ihm den Schild überbringt, hat ihm also keine Erklärung der Bilder gegeben. In einer Dramatisierung hätten diese Passagen nur in einer Art „Bilderschau“ (einen Begriff, den ich in Analogie zu „Mauerschau“ bilde) berücksichtigt werden können. In einer „Mauerschau“ (vgl. dazu → Kap. D 2.1, auch → Kap. D 4.1.1 und D 4. 1. 14) schildert eine meist erhöht, z. B. auf einer Mauer stehende Figur, die einen größeren Überblick hat, anderen anwesenden Figuren, was sie selber sieht, was die anderen aber nicht sehen können, z. B. den Hergang einer Schlacht, die vor der Mauer tobt. In einer „Bilderschau“ würde eine Figur des Dramas anderen auf der Bühne anwesenden Personen erklären, was denn z. B. auf dem Schild des Aeneas dargestellt ist. Lucienberger hat aber diese Möglichkeit nicht genützt. Ich stelle fest, dass Lucienberger bei allen drei genannten Ekphraseis in der TC nur die Rahmenverse berücksichtigt, aber alle Details, die ganze eigentliche Beschreibung der Tempelbilder in Karthago und in Cumae und der Historienbilder auf dem neuen Schild des Aeneas, übergangen hat. Einen klaren darstellungstechnischen Grund für dieses Übergehen der Ekphraseis kann ich nur für (c), die Schildbeschreibung, erkennen. Hier gab es keine Figur des Epos, die im Drama in der Szene der Übergabe neuer Waffen an Aeneas die Funktion des Bilderklärers hätte übernehmen können, ohne dass das 80 Merkwürdiger Weise hat es offenbar bisher keinen archäologischen Beleg für eine solche Schildverzierung gegeben; selbst die Materialität solcher Bilder scheint damit eine Fiktion Vergils (und schon Homers zu sein); vgl. dazu in meinem Aufsatz: Die Schildbeschreibung Vergils in Worten und Bildern zur Aeneis (8,608-731), in: Vergil und das antike Epos. Festschrift Hans Jürgen Tschiedel, hrsg. von Stefan Freund und Meinolf Vielberg, Stuttgart 2008, 451-481, hier S. 471 Anm. 12. <?page no="265"?> D 4 Zur Behandlung typischer „epischer Szenen“ durch Lucienberger 265 einen Verstoß gegen Aussagen Vergils bedeutet hätte. Zur Verfügung standen ja nur Venus und Aeneas. Aber laut Vergil verstand Aeneas die Bilder nicht, weil Venus sie ihm offensichtlich nicht erklärt hatte. Und wenn Lucienberger jetzt in seinem Drama die Göttin Venus, der an sich die Kenntnis der römischen Zukunft genauso gut zuzutrauen war wie ihrem Gatten Vulkan, zur Exegetin gemacht hätte - eine solche Umwandlung der Schildbeschreibung durch den Autor Vergil in eine durch Venus hätte rein technisch keine nennenswerten Schwierigkeiten gemacht -, wäre das ein gravierender Verstoß gegen sein Prinzip gewesen, Vergil nicht zu verbessern. Allenfalls wäre es ihm möglich gewesen, die Schildbeschreibung in eine frühere Szene vorzuziehen: umformuliert zu Anweisungen des Vulcanus an seine Schmiede, die Kyklopen, sie sollten zuerst ein Bild von Romulus und Remus gestalten, dann eines vom Raub der Sabinerinnen usw. und zuletzt eines vom Triumph des Augustus nach dem Sieg von Aktium. Aber auch zu dieser Lösungsmöglichkeit hat Lucienberger nicht gegriffen. Bei den beiden anderen Ekphraseis, die in der Aeneis ex persona auctoris geboten werden, wäre es an sich leicht gewesen, eine Figur des Epos zu einer Figur des Dramas zu machen, die die Bilder vorstellt, also den Kunst-Perihegeten oder Exegeten der dargestellten Handlung spielt: In (a) hätte Aeneas als Sprecher dem Achates erregt das schildern können, was er sieht, obwohl auch Achates die Bilder selber vor Augen hat; in (b) hätte sich die Sibylle als Bild-Erklärerin geradezu angeboten. Aber diese Möglichkeiten hat Lucienberger nicht genutzt. Fand er Schilderungen von Kunstwerken in Worten, statt Bilder mit Bildern wiederzugeben, allzu langweilig? Ob das Motiv Lucienbergers, auf alle größeren Kunstbeschreibungen in der Aeneis und auch auf Rüstungsszenen (vgl. die einschlägige Rubrik in → Kap. C 5.2.5) sowie Ortsbeschreibungen (vgl. dazu die einschlägigen Rubriken → Kap. C 5.2.4 für Streichungen und → Kap. C 5.3.1 für Beispiele, wo sie dramatis personae übertragen sind) ganz oder zum größten Teil zu verzichten eher in der technischen Schwierigkeit lag, eine geeignete Person der Handlung zu finden oder zu erfinden, der eine solche Beschreibung hätte in den Mund gelegt werden können, oder ob Lucienberger grundsätzlich den Aktionscharakter verstärken wollte und darum auf Partien verzichtete, in denen die äußere Handlung zum Stillstand kam, lässt sich nicht sicher entscheiden. Offen bleibt auch, ob Lucienberger seinen Lesern einen (neben der „Heldenschau“) zweiten eklektischen Durchgang durch die römische Geschichte ersparen wollte und ob er durch seinen Verzicht auf die Wiedergabe der Rüstungsszenen des Turnus und des Aeneas zum Entscheidungsduell in Aen. XII umgekehrt die Bedeutung der ausführlicher geschilderten diplomatischen Verhandlungen über den Zweikampf hervorheben wollte. <?page no="266"?> 266 D Analysen D 5 Das Fehlen von Gleichnissen in der TC D 5.1 Zu den Gleichnissen der Aeneis Die Aeneis enthält etwas mehr als 100 Gleichnisse ganz verschiedenen Umfangs. Es gibt solche mit einem länger ausgeführten „Wie-Teil“ (der comparatio im engeren Sinne, die meist mit velut beginnt), dem oft, aber nicht immer, ein „So-Teil“ folgt (oder jedenfalls beigefügt ist). Es gibt aber auch (in Statistiken meist gar nicht mitgerechnete) 39 Kurzvergleiche, die nur 1-2 Verse umfassen oder womöglich auf eine Zwei-Worte-Verbindung vom Typ ceu aves kondensiert sind. 81 Gewürdigt wird in den unzähligen Beiträgen zu den Gleichnissen in der Aeneis (ich selber habe in meiner Vergil-Bibliographie von 1980 82 52 einschlägige Publikationen aufgeführt, die zwischen 1875 und 1975 erschienen sind; es gibt aber noch wesentlich mehr) meist nur der Wie-Teil, in dem ein Phänomen aus einem anderen Gegenstandsbereich (oft der Natur) mit einem Element der epischen Handlung verglichen wird (z. B. das Verhalten eines von Jägern bedrängten Löwens mit dem eines von feindlicher Übermacht bedrohten epischen Helden). Das Gleichnis mit dem längsten Wie-Teil in der Aeneis ist das Eber-Gleichnis für Mezentius in den 9 Versen von Aen. 10,707-718 (ohne 10,714-716). Ein halbes Dutzend weiterer Gleichnisse der Aeneis sind 7 oder 8 Verse lang, die anderen aber kürzer. Der Gesamtumfang der Wie-Teile aller 104 Gleichnisse (ohne die Kurzvergleiche) in der Aeneis führt nach meiner Zählung auf etwa 430 Verse. Aber der Wie-Teil ist nur ein, wenn auch das charakteristische Element (B) eines Gleichnisses. Zu ihm gehört in der Regel auch noch sein So-Teil (C) und in abgeschwächter Weise auch der epische Kontext, in den das Gleichnis als Ganzes eingebettet ist, also eine Erzählung, die mit einem „Stichsatz“ oder Stichwort zum Gleichnis (Wie+So-Teil) hinführt (A) und danach die Handlung weiterführt (D). Selbst wenn man aus diesem ganzen zusammenhängenden Komplex nur die Verse von B und C (Wie+So-Teil) als „Gleichnis“ zählt, ergibt sich eine wesentlich höhere Zahl als 430 Verse: Rieks (1981) hat errechnet, dass 1204 Verse, an- 81 Das einschlägige Standardwerk ist Rudolf Rieks, Die Gleichnisse Vergils, in: ANRW (Aufstieg und Niedergang der römischen Welt) II 31.2, 1981,1011-1110. Von ihm gehe ich, besonders für die statistischen Angaben, aus in dem Gleichnis-Kapitel bei W. Suerbaum, Vergils Aeneis. Epos zwischen Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 1999, 273-294. 82 W. Suerbaum, Hundert Jahre Vergil-Forschung: Eine systematische Arbeitsbibliographie mit besonderer Berücksichtigung der Aeneis, ANRW II-31.1, 1980, 3-358, zu Gleichnissen S. 173-175. Die „Bibliographie zur antiken Bildersprache“, von Helga Gärtner und Waltraut Heyke, Heidelberg 1964, 425-440 (→ Kap. F 1) verweist auf etwa 440 für Vergil einschlägige Publikationen. <?page no="267"?> D 5 Das Fehlen von Gleichnissen in der TC 267 ders ausgedrückt: 12 Prozent, der Aeneis auf Gleichnisse entfallen. Aber damit nicht genug: Ein vergilisches Gleichnis übt jeweils eine Nach- und Fernwirkung aus. Rieks (1981, 1092) veranschlagt „die von einem einzigen Gleichnis geprägte Texteinheit auf durchschnittlich etwa 30 Verse“. Wenn man diese Schätzung eines Experten akzeptiert, wären insgesamt also rund 3.000 (von den 9.900) Hexametern der Aeneis von Gleichnissen in gewissem Sinne abhängig. Ich habe in meiner Simultanausgabe TC / Aen. die Gleichnisse (mindestens die B- und C-Teile) durch Unterschlängelung gekennzeichnet. So lassen sich meine folgenden Beobachtungen für den Leser leicht nachprüfen. D 5.2 Prinzipieller Verzicht auf Gleichnisse der Aeneis in der TC Meine Synoptische Ausgabe TC / Aen. lässt beim Blick auf die unterschlängelten Partien, die auf Gleichnisse verweisen, sofort erkennen: Lucienberger hat (bis auf ganz wenige Ausnahmen) auf sämtliche Gleichnisse der Aeneis verzichtet. Mein Vergleich TC / Aen. ergibt, dass Lucienberger aus den meisten Büchern des Aeneis kein einziges Gleichnis übernommen hat. Das trifft zu auf Aen. II , III , 83 IV , V, VII , und auch für die Kampfbücher IX - XII (in denen sich Gleichnisse relativ am dichtesten finden). Wenn man die Kurzvergleiche ignoriert (wie Aen. 12,262 = TC 10,3,049 territat invalidas ut aves und Aen. 8,223 = TC 7,2,095 ocior Euro ), gibt es nur etwa ein halbes Dutzend Ausnahmen, wo Lucienberger ein ausgeführtes Gleichnis aus der Aeneis in seine TC übernimmt. Sie verdienen eine nähere Betrachtung. Nur zwei (A = Kap. D 5.3.1 und B = Kap. D 5.3.2) sind Beispiele dafür, dass Lucienberger Autor-„Rede“ der Aeneis in Personen-Rede umsetzt. Der Großteil der Beispiele (C = Kap. D 5.3.3, D = Kap. 5.3.4, E = Kap. 5.3.5 und F = Kap. 5.3.6) zeigt vielmehr, dass Lucienberger Gleichnisse (fast) nur dann aus der Aeneis übernimmt, wenn sie ausnahmsweise schon im Epos einer dort redenden Figur in den Mund gelegt sind. Umgekehrt und in Kombination mit dem grundlegenden Transformationsprinzip Lucienbergers, alle Figuren-Reden der Aeneis wörtlich zu übernehmen, zeigt der Befund, dass es in der TC so gut wie keine Gleichnisse gibt: Vergil bringt Gleichnisse in der Aeneis fast nur in auktorialer Darstellung und gesteht sie nicht Akteuren seines Epos zu. Das ist ein Phänomen, das vielleicht selbst Vergil-Experten bisher nicht aufgefallen ist. 83 Auch im Originaltext von Aen. III gibt es überhaupt nur ein einziges Gleichnis (in Aen. 3,679b-681). Dieses Buch mit seinen 718 Versen nimmt auch in dieser Hinsicht eine Sonderstellung ein, denn im Durchschnitt findet man in der Aeneis Gleichnisse in Abständen von 95 Versen. <?page no="268"?> 268 D Analysen D 5.3 Ausnahmsweise aus der Aeneis in die TC übernommene Gleichnisse Im Folgenden sollen eigens die wenigen Ausnahmen von der Regel „keine Gleichnisse in der TC “ besprochen werden. D 5.3.1 Aen. 1,314-320 = TC 2,3,007-012 (Venus-Beschreibung, dabei Vergleich mit einer spartanischen oder thrakischen Jägerin, durch Achates) Dies ist wirklich eines der ganz wenigen Gleichnisse, wo Lucienberger ein „auktoriales“ (im Sinne von: von Vergil als dem epischen Erzähler vorgebrachtes) Gleichnis übernimmt, indem er es von einer dramatis persona benutzen lässt. Vergil beschreibt unter Verwendung eines Gleichnisses „auktorial“, wie die Frau aussieht, der Aeneas mit seinem Begleiter Achates bei ihrem Erkundungsgang in der Nähe von Karthago begegnet. Sie gleicht nämlich einer Spartanerin oder der Thrakerin Harpalyce, denn sie tritt auf wie eine Jägerin mit Bogen, offen flatternden Haaren, und hoch bis über die Knie geschürztem Gewand. Vergil enthüllt aber sofort in Aen. 1,314, dass es sich in Wahrheit um Venus, die Mutter des Aeneas, handelt. Das wird der Sohn erst später (in Aen. 1,402-410) erkennen, als sie in göttlicher Epiphanie verschwindet. Lucienberger überträgt die ganze Beschreibung der Venus einschließlich des Doppelgleichnisses auf Achates: Der treue Begleiter des Aeneas schildert diesem (und zugleich den Lesern oder den Zuschauern) die herannahende Frau. Eine solche Übertragung von Passagen in epischer Autoren-„Rede“ auf einzelne dramatis personae der TC ist grundsätzlich das einzige Mittel, wie erzählende Partien eines Epos, die vom Autor / epischen Erzähler in Er-Form dargeboten sind, in einem Drama berücksichtigt werden können. Das ist also an sich nichts Besonderes; ungewöhnlich ist hier nur, dass es sich um ein episches Gleichnis mit seinem Kontext handelt. Ich bezweifle, dass das eine gelungene Übertragung Lucienbergers ist: Dass eine Figur wie der Trojaner Achates je eine spartanische Jägerin gesehen oder von einer mythischen Gestalt wie der in der Wildnis aufwachsenden thrakischen Prinzessin Harpalyce gehört hat, ist unglaubwürdig. 84 Aber in einem Punkt ist Lucienberger geschickt und angemessen vorgegangen: 84 Überzeugender ist die Transformation der zweiten auktorialen Beschreibung der Venus in dieser Szene bei Vergil durch Lucienberger. Während Lucienberger beim Erblicken der Venus die beschreibenden Verse des Prätextes in vollem Umfang und praktisch unverändert übernimmt, berücksichtigt er die Beschreibung ihres Verschwindens in ihrer wahren göttlichen Gestalt in Aen. 1,402-405 nur partiell in dem Ausruf wiederum des Achates in TC 2,3,092a incessu dea vera patet . Das ist die Formulierung eines Eindrucks, die glaubwürdig erscheint. <?page no="269"?> D 5 Das Fehlen von Gleichnissen in der TC 269 Er hat gemerkt, dass eine Person seiner TC nicht „allwissend“ wie der Autor eines Epos ist, sondern eine eingeschränkte Perspektive hat. Deshalb hat er Achates die Frau, anders als Vergil, nicht von vornherein als Venus identifizieren lassen. Auch wenn die Umwandlung der auktorialen Beschreibung der Venus durch Vergil in die durch die dramatis persona Achates in der TC nicht recht einleuchtend ist, was die Lebenserfahrung des Achates angeht, so hat die Beibehaltung der epischen Beschreibung auch in der TC durchaus einen guten Sinn. Sie ist von Lucienberger einem Augenzeugen in den Mund gelegt, weil in dieser Szene die Wirkung der beiden Erscheinungsformen der Venus, zunächst als fast übermenschliche, dann als wahrhaft göttliche Figur, ein nicht nur dekoratives, sondern handlungs-bestimmendes Element ist. Lucienbergers Übernahme nicht nur des Doppelgleichnisses bei Vergil, sondern auch seines Kontextes beim Auftreten der noch nicht als solche erkannten Göttin Venus bewirkt, dass der Leser und / oder Zuschauer ein anschauliches Bild der Frau gewinnt, der die beiden Trojaner begegnen. Umgekehrt ist es ein Manko, dass Lucienberger das spätere „Auftrittsgleichnis“ für Dido (als Diana in Aen. 1,498-504) und, als dessen Pendant, das für Aeneas (als Statue, wohl die eines Gottes, in Aen. 1,586-596, weiter ausgeführt in dem erneuten Auftrittsgleichnis für Aeneas als Apollo in Aen. 4,140-150) übergeht. Dieser Gegensatz weist darauf hin, dass Lucienberger durch den generellen (wenn auch nicht ganz ausnahmslosen) Verzicht auf die Gleichnisse Vergils eine nicht unerhebliche Einbuße in Kauf nimmt: Einbuße an Vielfältigkeit von Natur und Leben, Einbuße an Sinnhaftigkeit und Vielschichtigkeit von Handlungen und Personen. Über diese Folge der Gleichnisarmut der TC wird im → Kap. D 5.5 noch näher gehandelt werden. D 5.3.2 Aen. 1,430-436 = TC 2,3,103-109 (Bienen-Gleichnis, benutzt von Achates) Auch dieses Bienen-Gleichnis, mit dem der Epiker Vergil die Geschäftigkeit der Karthager beim Aufbau ihrer neugegründeten Stadt ausmalt, ist von Lucienberger unverändert übernommen, jedoch in seinem Drama gattungsentsprechend auf eine der beiden Personen übertragen, die in der TC diese bienenfleißige Aufbauarbeit beobachten. Aeneas und Achates sind in der TC die sprechenden Personen, die wie in einer klassischen „Mauerschau“, hier von einem Hügel aus, dem Leser bzw. Zuschauer das Treiben in Karthago schildern. Faktisch liegt eine Schilderung vor, die Lucienberger in TC 2,3,100-102 dem Aeneas zuteilt. 85 Perspektivisch korrekt wird Vergils Feststellung, dass hier zuvor nur 85 Dabei fallen die Begriffe Theater und Zitadelle, wobei Lucienbergers Aeneas die Säulen fälschlich der arx , nicht wie bei Vergil der scaena eines theatrum zuordnet. <?page no="270"?> 270 D Analysen Hütten standen, durch ein von Lucienberger eingeführtes credo als Vermutung des Aeneas eingeschränkt. Optisch nicht erkennbare Aktivitäten wie die Wahl von Beamten und Senat lässt Lucienberger weg. Dem Achates überlässt Lucienberger dann das Bienen-Gleichnis in TC 2,3,103-109. Dieses hat bei Vergil nur einen Wie-Teil ( qualis … labor ); Lucienberger ergänzt es pedantisch durch einen So-Teil in Gestalt des Verses TC 2,3,110: bei den Karthagern herrscht dieselbe Geschäftigkeit ( sedulitas eadem ) und derselbe Arbeitseifer ( labor idem ) wie bei den Bienen. Dass eine Person des Dramas auf eine Parallele zum aktuell beobachteten Geschehen in der Natur hinweist, erscheint mir als nicht inadäquat. Insgesamt betrachte ich den „Transfer“ des Bienen-Gleichnisses und seines Kontextes bei Lucienberger als gelungen. D 5.3.3 Aen. 6,784-787 = TC 5,3,083-086 (Vergleich der personifizierten Roma mit der Magna Mater = Cybele, durch Anchises) Hier liegt die Erklärung dafür, dass Lucienberger einen ungewöhnlichen, da nicht (wie meist üblich) aus der Natur stammenden Vergleich des Waltens zweier Gottheiten, der Roma und der Cybele, einer sprechenden Figur, dem Anchises in der Unterwelt, in den Mund legt, auf der Hand: genau so ist es bereits in Lucienbergers Vorlage, an der entsprechenden Stelle in der Aeneis. D 5.3.4 Aen. 6,801-805 = TC 5,3,100-104 (Vergleich der Ausdehnung des Imperium Romanum unter Augustus mit dem Aktionsbereich des Hercules und des Bacchus, durch Anchises) Auch hier ist - wie im Fall (C) - bereits bei Vergil dieser Vergleich dem in der Unterwelt zu Aeneas sprechenden Anchises (bei der „Heldenschau“) in den Mund gelegt; Lucienberger, der direkte Reden in der Aeneis grundsätzlich praktisch wörtlich übernimmt, tut das auch in diesem Fall, und zwar einschließlich des Vergleichs. D 5.3.5 Aen. 8,243-246 = TC 7,2,115-118 (Vergleich der von Hercules aufgerissenen Höhle des Unholds Cacus mit dem Aufklaffen der Unterwelt, benutzt von Euander) Es gilt hier die gleiche Erklärung (um nicht zu sagen: Rechtfertigung) wie im Falle C und D: der Vergleich ist, wie die ganze lange Erzählung Euanders von der Befreiung Latiums vom schrecklichen Treiben des Cacus durch Hercules, wörtlich aus der Aeneis übernommen. Schon in der Vorlage Lucienbergers benutzte ein Akteur des Epos diesen Vergleich. <?page no="271"?> D 5 Das Fehlen von Gleichnissen in der TC 271 D 5.3.6 Aen. 9,102b-103 = TC 1,3,021b-022 (Iupiter vergleicht die künftige Gestalt der in Meernymphen verwandelten Schiffe der Trojaner mit der von Doto und Galatea, zwei Töchtern des Nereus) Auch hier liegt derselbe Fall vor wie bei C, D und E: Dieser Vergleich ist bereits in der Aeneis eine Figuren-Rede, die des Gottes Jupiter, und entsprechend wörtlich von Lucienberger in seine TC übernommen. (Da Lucienberger grundsätzlich für die Handlung den ordo naturalis , d. h. die chronologische Ordnung, herstellen will, hat er den erzählerischen Rückgriff Vergils in Aen. IX , die Vereinbarung zwischen Cybele und Jupiter über das Schicksal der Schiffe der Aeneaden an die chronologisch „korrekte“ Stelle, nach dem Ende Trojas in TC I-2 und vor den Beginn der Irrfahrten in TC I-4 vorgezogen und dabei in TC I-3 statt Cybele, der Mater deum , Venus, die mater Aeneae auftreten lassen) vgl. → Kap. C 2.2 und Kap. C 5.5.1). Zu erwähnen sind noch drei Sonderfälle, die man schwerlich als Gleichnisse, sondern eher als Analogien betrachten muss: D 5.3.7 Aen. 1,399 f. = TC 2,3,089 f. Venus weist bei Vergil und in wörtlicher Übernahme auch bei Lucienberger an der Küste bei Karthago den Aeneas und seinen Begleiter Achates auf ein Augurium hin, ein prophetisches Vorzeichen: Vor ihren Augen können sich zwölf Schwäne vor dem Angriff eines Adlers retten. Nicht anders ( haud aliter ) würden 12 im Sturm vermisste trojanische Schiffe (zusätzlich) den rettenden Hafen erreichen. Hier liegt eine Parallelisierung zwischen dem als Augurium aufgefassten Vorgang am Himmel und dem dadurch bezeichneten menschlichen Geschick vor, kein wirkliches Gleichnis. D 5.3.8 Aen. 12,206-211 = TC 10,3,029-034 Als Latinus und Aeneas den Vertrag darüber beschwören, wie die Zukunft der Trojaner beschaffen sein wird, wenn Aeneas im Entscheidungsduell mit Turnus entweder unterliegt (dann Abzug der Trojaner aus Latium zum Arkader-König Euander) oder aber siegt (dann Vereinigung mit den Latinern, doch ohne hegemoniale Ansprüche), ruft Latinus eine Reihe von Gottheiten zu Zeugen an, dass er an diesem Vertrag unerschütterlich festhalten wird. Vergil (und ihm folgend in wörtlicher Übernahme auch Lucienberger) lässt Latinus dabei das rhetorische Stilmittel des Adynaton benutzen: dass ihn irgendetwas vom Einhalten dieses Vertrages abbringen werde, sei so unmöglich wie eine die Erde verschlingende Sintflut oder der Sturz des Himmels in die Unterwelt oder (es folgt ein drittes Adynaton) wie dass das Zepter, das Emblem des Königtums, das er in der Hand hält, ehedem der Ast eines Baumes, doch jetzt von einem Künstler in Erz gefasst, <?page no="272"?> 272 D Analysen wieder ausschlägt und grünt. (Wenn das Unmögliche doch geschieht, wie bei Richard Wagner im „Tannhäuser“ der grünende Stab, ist das ein Wunder, das sogar ein Papst nicht erwartet hat.) Der Vergleich zweier unumstößlicher Verfassungen (Latinus’ Entschluss zu unverbrüchlicher Treue zum Vertrag - ein zu einem Zepter umgearbeiteter Holzstab) ist wieder kein wirkliches Gleichnis, sondern eine Parallelisierung, die argumentierenden Charakter hat. Immerhin ist auffällig, dass das Vergleichsobjekt, das Zepter mit einem hölzernen Kern, so mit „überschüssigen“ Elementen ausgeschmückt ist, wie es für längere epische Gleichnisse typisch ist. Ein episches Gleichnis ist nicht auf einen einzigen Punkt oder ein bestimmtes Segment beschränkt, der / das als „Tertium comparationis“ dem Handlungselement und dem Vergleichsobjekt gemeinsam ist. Über diese „Schnittmenge“ hinaus bringt der Dichter im epischen Gleichnis weitere Züge, die zum einen die kleine im Gleichnis entfaltete Parallel-Welt bereichern, zum andern aber auch das Verständnis der durch das Gleichnis „illustrierten“ Handlung im Epos vertiefen können. D 5.3.9 Aen. 7,363 f. = TC 6,5,013 f. Hier nennt die auf Turnus’ Seite stehende latinische Königin Amata im Gespräch mit ihrem Gatten Latinus über das Los ihrer Tochter Lavinia den möglichen Schwiegersohn Aeneas einen perfiden Räuber, der sich bei nächster Gelegenheit mit ihr zu Schiff auf und davon machen werde. In einer rhetorischen Frage („hat denn nicht ebenso“ - at non sic ) verweist sie auf einen Präzedenzfall: auf den Raub der Helena durch den Trojaner Paris aus Sparta nach Troja. Das ist kein Vergleich und schon gar kein Gleichnis, sondern eine Analogie, natürlich eine in tendenziöser Absicht von Amata unterstellte Analogie. Die Passage ist von Lucienberger wörtlich aus der Aeneis übernommen. Bemerkenswert ist, dass Lucienberger zwischen Amatas tendenziöser Bezeichnung des Aeneas als perfidus praedo in Aen. 7,362 = TC 6,5,004 und ihrem Hinweis auf das analoge Verhalten des Paris in Aen. 7,363 = TC 6,5,013, also zwischen zwei Verse, die bei Vergil innerhalb einer Rede Amatas direkt aufeinander folgen, eine 8 Verse lange Äußerung des Latinus eingefügt hat. In ihr rügt König Latinus seine Gattin für ihre vom Zorn eingegebenen hemmungslosen Worte. Er gibt ihr eine moralische Lektion: Man müsse die Zunge hüten und zehnmal die Worte wägen, bevor man sie ausspreche. Zum Schluss bringt er für dieses Purgieren der Rede ein Gleichnis. Wir würden vielleicht sagen „Man muss seine Worte wie Gold wägen“. Lucienberger aber legt seinem König Latinus einen anderen, mir nicht recht einleuchtenden Vergleich in den Mund: „einem Edelstein gleich, der nunmehr im gelblichen Golde funkelt“ ( TC 6,5,012 gemmae instar, quae iam fulvo scintillat in auro ). Vielleicht soll auf die Erlesenheit wohlabgewogener Worte hingewiesen werden. An sich ist dieser Vergleich <?page no="273"?> D 5 Das Fehlen von Gleichnissen in der TC 273 nicht von Lucienberger erfunden, sondern übernommen aus Aen. 10,134 ( qualis gemma micat fulvum quae dividit aurum ), wo er - angemessen - ausmalt, wie Ascanius die übrigen Führer der belagerten Trojaner überstrahlt. D 5.4 Zwei neu von Lucienberger eingeführte Gleichnisse Der soeben erwähnte Fall, dass Lucienberger in TC 6,5,012 einen Vergleich zwar nicht neu gegenüber Vergil erfindet, aber in einen anderen Kontext einführt, lässt die Frage aufkommen, ob Lucienberger dieselbe Praxis auch in anderen Fällen übt oder ob er sogar ganz (gegenüber Vergil) neue Gleichnisse bringt. Ich habe nur zwei einschlägige Beispiele gefunden. 86 D 5.4.1 Der beuteschwere Held und der vollgefressene Fuchs Das auffälligste Beispiel sind die beiden Schluss-Verse von TC 7,6,125 f.: Non est consultum spoliis nos ire gravatos, ne capiamur ut angusta vulpecula rima. Diese Warnung lässt Lucienberger (über Vergil in Aen. 9,355 f. hinausgehend) Nisus seinem jungen Freund Euryalus geben, als der bei der Beendigung ihres todbringenden nächtlichen Wütens im feindlichen Lager zwar auf andere Beutestücke verzichtet, aber ein besonders prächtiges, den Helm des Messapus, sich doch aneignet. „Es ist nicht ratsam, dass wir uns beim Weggehen mit Beutestücken belasten; sonst werden wir gepackt wie das Füchslein im engen Spalt.“ Das ist offensichtlich ein Vergleich, der aus der Fabel abgeleitet ist, die Horaz in epist. 1,7,29-33 erzählt und dort auf seine eigene Situation als einen von Maecenas bereicherten Dichter bezieht. Ein Füchslein habe sich durch eine Ritze in eine Kiste mit Getreide gepresst, sich dort so vollgefressen, dass es nicht mehr durch die Ritze zurückkonnte. Es wurde dann von einem Wiesel belehrt, dass man durch eine Engstelle nur so mager zurückkönne, wie man hineingekommen sei. Uns soll hier nicht interessieren, dass diese Version der Fabel bei Horaz mehrere Ungereimtheiten enthält - besonders, dass ein Fuchs kein Getreidefresser ist -; es soll nur festgestellt werden, dass Lucienberger eine volkstümliche, bei einem römischen Klassiker belegte Fabel benutzt, um daraus einen im Prinzip treffenden Vergleich zu gewinnen. Allerdings wirkt der Rückgriff auf eine Fabel gattungsfremd sowohl im Epos wie in einem Drama, das nach einem Epos gestaltet ist. Eine Fabel ist eine kurze Erzählung, meist mit Tieren als Akteuren, die Menschen eine Lehre vermittelt, die in der Regel ausdrücklich (als 86 Als 3. Beispiel könnte TC 6,5,010-012 (Edelstein in Goldfassung) gelten, vgl. dazu → Kap. D 5.3.9. <?page no="274"?> 274 D Analysen „Moral“) formuliert ist. Sie wird daher als Element gern in Literaturgattungen verwendet, die ihrerseits lehrhaften Charakter haben, etwa in der Satire oder in der Predigt. Als Element in einer Tragicocomoedia , deren Stoff aus einem Epos stammt, scheint mir eine Fabel eine Senkung des Niveaus zu bedeuten; sie wirkt unfreiwillig (? ) ein wenig humoristisch. - Überdies führt Lucienberger den Vergleich des beute-beschwerten Euryalus mit einem vollgefressenen Füchslein in seiner dramatischen Handlung nicht angemessen weiter: Als in der folgenden Szene TC VII -7 die sich im Schutz der Nacht davonstehlenden beiden Trojaner von einem feindlichen Reitertrupp unter Volcens gestellt werden, liegt das nicht daran, dass Euryalus irgendwie durch Beutestücke behindert worden wäre. Lucienberger gibt keinen Hinweis darauf, warum die Feinde auf die Trojaner Nisus und Euryalus aufmerksam werden (vgl. → Kap. D 4. 1. 10). Dabei hätte ihm Vergil eine Anregung geben können: bei ihm verrät das Blinken eben des erbeuteten Helmes den Euryalus (Aen. 9,373 f.). D 5.4.2 Turnus, der Wolf, und andere im Schafstall wütende Wölfe Ein Sonderfall der Verwendung von Gleichnissen ist die Art und Weise, wie Lucienberger (über Vergil in diesem Zusammenhang hinausgehend) Turnus mit einem Wolf vergleichen lässt. Turnus ist bei Vergil gegen Ende von Aen. IX allein in das befestigte Lager der Trojaner am Tiber eingedrungen und richtet dort, gestärkt von seiner göttlichen Helferin Juno, ein Blutbad an. Schließlich wird er von den Trojanern so bedrängt, dass er ihrem konzentrischen Angriff zu erliegen droht. Er weicht zum Tiber zurück, wie (so das Gleichnis Aen. 9,793-796 bzw. 798) ein (in eine Umzäunung eingedrungener? bei der Jagd gestellter? ) Löwe vor einer andringenden Masse von Bewaffneten. Als Juno ihn auf Jupiters Mahnung hin nicht weiter unterstützt, rettet er sich durch einen Sprung in den Tiber vor den Feinden. - In der TC muss man das Geschehen im trojanischen Lager allein aus der Klage des Mnestheus TC 7,7,107-113 über die mangelnde Tapferkeit der Trojaner und aus seinem Aufruf zum Widerstand gegen den einen Turnus erschließen. Die bisherige Unterstützung des Turnus durch Juno wird in der TC allein dadurch berücksichtigt, dass in einem jäh eingelegten Intermezzo Iris (der Juno - aber das geht eindeutig nur aus der Regiebemerkung vor TC 7,7,114 hervor; man könnte sonst auch denken: dem Turnus) den Befehl Jupiters überbringt, dass Turnus sich aus den „Mauern“ des trojanischen Lagers zurückziehen muss. Dass er das wirklich tut, macht Lucienberger in doppelter Weise klar: zum einen durch die Regiebemerkung vor TC 7,7,116 Turnus tranat fluvium , zum andern durch Äußerungen der trojanischen Augenzeugen Idaeus und Mnestheus. Idaeus reagiert indirekt auf die ihm nicht zugängliche Aktion auf der göttlichen Ebene, die durch Iris überbrachte Abmahnung Jupiters an Juno, indem er in TC 7,7,116 f. bei Turnus’ Heldentaten <?page no="275"?> D 5 Das Fehlen von Gleichnissen in der TC 275 übermenschliche Kräfte am Werk sieht ( non haec humanis virtus in viribus ). Mnestheus fragt in TC 7,7,118 f., die Handlung weiterführend: „Wohin hat sich endlich dieser Wolf gestürzt? “. Idaeus antwortet in TC 7,7,120 f. „Kopfüber mit all seinen Waffen in den Fluss“. Mnestheus beendet mit TC 7,7,121b, dem Fluch, dass ein Gott diesen Rasenden ertrinken lassen möge, diesen VII . Akt der TC und die Transformation von Aen. ( VIII - IX ). Lucienberger hat in dieser Partie das lang ausgeführte Gleichnis Vergils vom bedrängten und sich langsam vor seinen menschlichen Feinden zurückziehenden Löwen (Aen. 9,792b-796 Wie-Teil, anschließend in 9,797 f. der So-Teil) durch eine kürzere Analogie-Erfindung (in TC 7,7,118 f.) ersetzt und gewissermaßen kompensiert durch die beiden Hexameter, die Mnestheus spricht: Quo se proripuit tandem lupus iste, voraci qui stimulante gula medio grassatus ovili est? Der trojanische Sprecher vergleicht nicht Turnus mit einem Wolf, der, angetrieben von seinem gefräßigen Rachen, mitten im Schafstall gewütet hat, sondern bezeichnet ihn direkt als einen solchen: Turnus ist jener lupus . Das ist eine (durch den mit qui beginnenden Relativsatz weitergeführte) Metapher, kein Vergleich. In gewisser Weise wirkt eine Metapher direkter als ein Vergleich oder gar ein weiter ausgeführtes Gleichnis. „Der Wolf im Schafstall“ ist ein Motiv, das als Gleichnis oder als sprichwörtliche Wendung sehr beliebt ist. 87 Auch Vergil verwendet es in Aen. 9,59-64 (Wie- Teil) und 9,65-68 (So-Teil, bezogen auf Turnus), als er mit einem solchen Gleichnis (das, etwas abgewandelt, nicht schon das Wüten des Wolfes im Schafstall, sondern sein gieriges Lauern vor dem Schafstall ausmalt) illustriert, wie Turnus zu Ross das befestigte Lager der Trojaner umreitet und nach einer Möglichkeit zum Einbrechen sucht. Lucienberger übergeht diese Gleichnis-Passage in der Aeneis, weil er grundsätzlich solche „auktorialen“ Gleichnisse nicht in seine TC übernimmt. - Eine Variante des sprichwörtlichen Motivs „Wolf im Schafstall“, die Lucienberger bei Vergil, aber in den Bucolica (ecl. 7,51 f. hic tantum Boreae curamus frigora, quantum / aut numerum lupus aut torrentia flumina ripas ) gefunden hat, macht er sich in TC 7,6,117 zunutze: In der Vorlage Aen. 9,314-366 schildert Vergil, wie Nisus und Euryalus bei einem Ausfall aus dem 87 Immerhin 5 Belege (angefangen mit einer Vulgata-Stelle) sind verzeichnet im Thesaurus proverbiorum medii aevi. Lexikon der Sprichwörter des romanisch-germanischen Mittelalters, begründet von Samuel Singer, Bd. 13, Berlin / New York 2002, 182 zum speziellen Thema, dazu 182 ff. viele weitere zu Wölfen, die Schafe reißen. Vgl. auch die „Bibliographie zur antiken Bildersprache“ von H. Gärtner und W. Heyke, Heidelberg 1964 (s. Abt. F 1), 589 f. s.v. Wolf, auch 517 f. s.v. Löwe, jeweils mit weiteren Literaturhinweisen, auch zu Vergil. <?page no="276"?> 276 D Analysen von Feinden eingeschlossenen trojanischen Lager unter den schlaftrunkenen Belagerern ein furchtbares Blutbad anrichten. Nisus wütet wie ein hungriger Löwe (! ) im Schafstall (Gleichnis in Aen. 9,339-341), Euryalus tut es ihm nach und erschlägt etliche namentlich genannte Latiner und, wie es in Aen. 9,343 ( perfurit ac multam in medio sine nomine plebem ) heißt, eine große namenlose Menge von Feinden. Lucienberger verkürzt diese ganze Partie Aen. 9,314-354 (41 Verse) auf wenige Worte des Nisus und Euryalus in TC 7,6,107-117, auf 11 Hexameter. Darunter aber ist ein neu von Lucienberger in diesen Kontext eingeführter Vers, TC 7,6,117. Voraus geht die Erklärung des Euryalus, dass er vier namentlich genannte und eine Menge weiterer namenloser Feinde umbringt. (Dass Euryalus hier in der TC die Namen jener vier Feinde kennt, ist ein logischer Fehler Lucienbergers: solche Namen kann nur der „allwissende“ Autor Vergil bringen, nicht aber ein Trojaner, der bei Nacht ihm persönlich unbekannte Feinde hinschlachtet; vgl. dazu → Kap. 3.4 und speziell → Kap. D 4. 1. 10) Dann fügt der Euryalus Lucienbergers in TC 7,6,117 hinzu: Non numerum curat lupus in praesepibus altis . Das bedeutet: Wenn ein Wolf in einen Stall mit hohen Krippen (die Wendung praesepibus altis findet sich auch Aen. 7,275 für den Pferdestall des Königs Latinus, wird aber an analoger Stelle nicht von Lucienberger nach TC 6,3,074 übernommen) eingedrungen ist, dann schert er sich in seinem Wüten unter den Schafen nicht um deren abgezählte Zahl, d. h. er reißt zahllose Schafe. Der Euryalus Lucienbergers bringt hier keinen Vergleich und auch keine Metapher, sondern den „Wolf im Schafstall“ als Analogie, als Parallele zu seinem eigenen Verhalten. D 5.5 Eine Gewinn- und Verlustrechnung für den Verzicht Lucienbergers auf epische Gleichnisse Dass Lucienberger bei seiner Transformation des Epos Vergils in ein Drama grundsätzlich (mit wenigen Ausnahmen, die zudem meist Gleichnisse betreffen, die schon in der Aeneis nicht vom Autor, sondern von einer redenden Figur geboten werden) auf die Übernahme von Gleichnissen verzichtet, ist in gewisser Hinsicht ein Gewinn: Der für ein Drama überlange epische Text mit seinen originalen 9.900 Hexametern wird dadurch um Hunderte von Versen kürzer. Die Gleichnisse fördern nicht die Entwicklung der Handlung; sie sind also verzichtbar, weil sie nicht handlungsrelevant sind. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum Lucienberger sie grundsätzlich übergeht: Der Verzicht auf sie strafft und konzentriert die Aktion. Aber das Fehlen von Gleichnissen in der von Lucienberger geschaffenen Tragicocomoedia bedeutet auch Einbußen: Verlust an Sinn und an Farbigkeit. Zunächst zum Aspekt der „Farbigkeit“ und Vielseitigkeit: <?page no="277"?> D 5 Das Fehlen von Gleichnissen in der TC 277 Im Gleichnis entfaltete sich eine Welt, die sich bei Vergil (und womöglich noch stärker bereits bei Homer) von der Welt der epischen Aktion unterscheidet, eine Parallelwelt. Die Handlung der Aeneis hat im Wesentlichen einen politischen Charakter. Es geht für die Trojaner und den Titelhelden Aeneas nach dem Verlust der alten Heimat um das Finden und Gewinnen einer neuen Heimat gemäß dem Willen der Götter. Inhalt des Epos ist der Gründungsmythos des Imperium Romanum, paradoxer Weise angesiedelt in einer Zeit, in der noch nicht einmal die Stadt Rom gegründet war. Das Epos ist erfüllt von Leiden und Kämpfen für dieses politische Ziel. Für den Leser eines Epos wie der Aeneis bedeutet es eine Ablenkung und Bereicherung, wenn ein Gleichnis ihn in eine andere, weithin unhistorische, von Natur erfüllte Welt entführt. Was sieht und erlebt ein Leser der Aeneis nicht alles, wenn er sich den Inhalt von mehr als 100 Gleichnissen in der Aeneis vergegenwärtigt? Ich erlaube mir, die Gleichnis-Collage zu zitieren, die Rieks, 1981, 1090 f. in seiner „Schlussbetrachtung“ bietet: Glück oder Unheil verheißende Gestirne steigen am Himmel empor; Wirbelstürme wühlen die See auf, gewaltig brandet das Meer gegen die Felsklippen; Unwetter ziehen über das Land; Sturm, Hagel, Blitz, Wolkenbrüche vernichten die Ernte; Brände und Überschwemmungen wetteifern in ihrer zerstörenden Wirkung; manche Bäume vermögen dem Sturm zu trotzen, andere werden in ungeheurem Sturz entwurzelt; Vogelschwärme fliehen vor heraufziehenden Gewittern und gierigen Raubvögeln; in ihrem Pferch erwarten die Schafe, angstvoll zusammengedrängt, den Angriff des beutegierigen Löwen oder Wolfes; Ameisen wimmeln in reger Geschäftigkeit; Bienen organisieren ihr kompliziertes Staatswesen; Stiere kämpfen miteinander um die Führung einer Herde; diese Welt wird beherrscht und durchwaltet von Göttern, die schön und schrecklich sind zugleich, von dem Sonnengott Apollo, von der Mondgöttin Diana, der Muttergottheit Cybele, von dem Kriegsgott Mars; die Heroen Hercules und Bacchus haben den ganzen Erdkreis durchzogen; wir gewahren die Menschen in ihrem Tagwerk als Jäger, Bauern, Hirten, Hausfrauen, Politiker. Jedes dieser Motive ist durch mindestens ein Gleichnis in der Aeneis vertreten. Und all diese Facetten der Welt fehlen - bis auf wenige Ausnahmen - in Lucienbergers Dramatisierung der Aeneis. Das ist eine Einbuße an Farbigkeit und Lebendigkeit. Man erkennt das als Leser (und auch als Zuschauer bei einer szenischen Aufführung) der TC gerade umgekehrt, wenn Lucienberger ausnahmsweise eben doch ein Gleichnis oder ein Sprichwort anführt. Das beste Beispiel ist das (schon kurz zuvor in → Kap. D 5.4.1 behandelte) Ende von TC VII -6, wo Lucienberger im Abstand von nicht einmal 10 Hexametern gleich zweimal einen (gegenüber Vergil neuen) Seitenblick in eine Tierwelt bietet, die für ein Gleichnis oder eine Fabel typisch ist. Das geschieht in der von Blut- und Beutegier erfüllten Episode vom Wüten des <?page no="278"?> 278 D Analysen Nisus und Euryalus im feindlichen Lager. Euryalus rechtfertig sein ungezügeltes mörderisches Verhalten mit einer Maxime, die er aus der Welt der epischen Gleichnisse gewonnen hat : Non numerum curat lupus in praesepibus altis ( TC 7,6,117); Nisus warnt seinen beutegierigen Freund durch die Erinnerung an die Fabel vom Füchslein, das sich durch seine Gefräßigkeit in Gefahr bringt ( TC 7,6,126). Ein so seltener Rückgriff auf die Tierwelt wirkt, gerade durch den Gegensatz zum Inhalt der episch / dramatischen Handlung, belebend. Variatio rerum delectat. Noch schwerer als der Verlust an Fülle und Vielfalt von Natur und Menschenwelt durch den fast totalen Verzicht Lucienbergers auf epische Gleichnisse wiegt die Einbuße an Sinnhaftigkeit. Unter diesem Stichwort könnte man all die Qualitäten versammeln, die im Laufe der philologischen Würdigung seit dem 18. Jahrhundert an den Gleichnissen Vergils beobachtet wurden. 88 Sie bilden ein breites Wirkungsspektrum. Dazu gehören Versinnlichung und Raffung, Intensivierung und Konzentrierung der Handlung, Vor- und Rückbeziehungen der Gleichnisse oder der verglichenen Personen bzw. Situationen aufeinander, symbolische Vertiefung, gliedernde oder strukturierende Funktion. Mit einem Wort: Gleichnisse im Epos bieten dem Rezipienten vielfältige Anregungen zur Reflexion. Auf all die Leistungen und Funktionen, die die Philologen der Neuzeit den Gleichnissen Vergils zugeschrieben haben, verzichtet Lucienberger, wenn er von den 104 Gleichnissen der Aeneis nur ganz wenige übernimmt und auch selber so gut wie keine neu einführt. Dass Lucienberger bewusst gewesen ist, welchen Reichtum der Aeneis er seinen Lesern oder Zuschauern im 16. Jh. vorenthält, wenn er die Gleichnisse Vergils faktisch so gut wie vollständig übergeht, ist schwerlich anzunehmen. Vermutlich steht Lucienberger am ehesten unter dem Eindruck jener antiken, besonders von Quintilian vertretenen Theorie, dass ein poetisches Gleichnis dem 88 Rieks, 1981, 1017-1033 bietet dazu einen Forschungsbericht, der mit der „Critische(n) Abhandlung von der Natur, den Absichten und dem Gebrauche der Gleichnisse“ von J. J. Breitinger, Zürich 1740 (Neudruck Stuttgart 1967), beginnt, aber faktisch schon 1963 endet. Meine eigene bis 1975 reichende Aeneis-Bibliographie ANRW II 31.2, 1981,173-175 nennt allein zwischen 1964 und 1975 noch mehrere wichtige Beiträge. Weitere einschlägige Literaturangaben finden sich in der (scheinbar anonymen) Internet-Bibliographie zu Vergil von Niklas Holzberg, die mehrfach aktualisiert ist (z. B. in der ausgedruckten 150-seitigen Ausgabe München 2004 „Vergil 3. Aeneis. Eine Bibliographie“ im systematischen Teil S. 120 f. s.v. Narrative Technik: Gleichnisse, dort 26 einschlägige Publikationen 1976-2002), in der Ausgabe von 2014 sind es bereits 40 (www.niklasholzberg.com, dort s.v. Bibliographien zur antiken Literatur ). Vgl. auch Suerbaum, 1999, 273-294 zu den Gleichnissen der Aeneis. <?page no="279"?> D 5 Das Fehlen von Gleichnissen in der TC 279 ornatus dient. 89 Quintilian behandelt in seiner Institutio oratoria die Gleichnisse ( similitudines ) zweimal, in inst. 5,11,22-35 im Hinblick auf ihren Argumentationscharakter und in inst. 8,3,72-81 innerhalb seines Kapitels über den ornatus . Für ein Epos wie die Aeneis spielt die mögliche Argumentationsfunktion eines Gleichnisses oder eines Vergleichs keine Rolle. (Sie könnte allenfalls innerhalb des Epos in einer argumentierenden Rede einer Figur ausgenutzt werden; das geschieht aber in der Aeneis nicht, wo Gleichnisse nur ganz selten innerhalb von Reden der epischen Akteure auftreten.) Es verbleibt also für die Gleichnisse der Aeneis im Lichte der antiken Theorie am ehesten oder gar ausschließlich die Auffassung als Schmuck-Element, als ein Vergleichs-Bild, das einen ohnehin dargestellten Sachverhalt anschaulicher macht. Schmuck-Elemente sind, so könnte Lucienberger gedacht haben, schön, aber nicht notwendig. Dass Dido sehr schön ist, wenn sie mit Gefolge auftritt und Aeneas mit Achates sie zum ersten Mal sieht, das muss festgestellt werden und das lässt auch Lucienberger Achates sagen (TC 2,3,128 f. regina ad templum, forma pulcherrima Dido, / incedit magna iuvenum stipante caterva = Aen. 1,496 f., dort als Erzählung des Autors Vergil mit incessit ). Aber es ist nicht nötig, dürfte Lucienberger gemeint haben, Dido bei dieser Gelegenheit (wie es Vergil in Aen. 1,498-504 tut) mit der Göttin Diana zu vergleichen, wie sie aus dem Kreis der 1000 sie begleitenden Bergnymphen hervorragt und mit ihrem Anblick das Herz ihrer Mutter Latona freudig bewegt. Viele moderne Interpreten haben anders gedacht und gerade an diesem Auftrittsgleichnis Didos die Kunst Vergils beschrieben und bewundert. 90 Lucienberger aber hat auf dieses aspektreiche Gleichnis verzichtet, wahrscheinlich, weil er es als bloße Ausschmückung betrachtet hat, also als ein in seinen Augen für die Handlung der Aeneis unerhebliches Element. 89 Vgl. dazu Rieks, 1981, 1016 f. Grundlegend: Marsh H. McCall, Ancient rhetorical theories of simile and comparison, Cambridge 1969, zu Quintilian S. 178-236, speziell zu inst. 8,3,72 dort S: 195 und 215 („embellishment“). Den Vergil-Kommentar des Servius bezieht McCall nicht mehr in seine Untersuchung ein. Ich habe in ihm auch keine Bemerkung gefunden, die Lucienberger ein Eliminieren der Gleichnisse Vergils (etwa mit einem Stichwort wie „überflüssig“) nahegelegt haben könnte. Die 14 Belege für ornatus (verborum), die J. F. Mountford / J. T. Schultz, Index rerum et nominum in scholiis Servii et Aelii Donati tractatorum, Ithaca N. Y. 1930 (= Hildesheim 1962) auflisten, beziehen sich nie auf Gleichnisse. 90 Vgl. dazu Rieks, 1981, 1034-1038 und danach noch besonders Reinhold F. Glei, Von Probus zu Pöschl. Vergilinterpretation im Wandel, Gymnasium 97, 1990, 321-340. Vgl. auch Suerbaum, 1999, 285-294 mit ausführlicher Interpretation gerade dieses Diana / Dido- Gleichnisses. <?page no="280"?> 280 D Analysen D 5.6 Anhang: Das Fehlen von Gleichnissen in den Illustrationen zur TC Auch in den Illustrationen, die Lucienberger 1576 in die Druckausgabe seiner TC aufgenommen, genauer gesagt: aus einer anderen, älteren Vergil-Ausgabe mit einem solchen Zyklus von sog. Argumentum-Bildern übernommen hat (s. dazu → Kap. B 8), fehlt jegliche Berücksichtigung von Gleichnissen. Das aber sollte nicht überraschen: Eine additive Berücksichtigung wäre, jedenfalls beim Vergleich einer epischen (oder dramatischen) Figur mit einem Tier, etwa eines angeschlagenen, aber trotzdem kampfentschlossenen Helden mit einem von Jägern verwundeten, sich ihnen gleichwohl zum Kampf stellenden Löwen (vgl. Aen. 12,5-9 Turnus / Löwe), theoretisch möglich, indem man in einem Bild die Situation des Helden im Vordergrund und die des Löwen im Hintergrund ausmalen würde - aber eine solche Zusammenstellung würde befremdlich und missverständlich auf einen Betrachter wirken (will sich der Held an einer Löwenjagd beteiligen und sich darin bewähren? ), der den Text Vergils nicht vor Augen hätte. Noch abstruser würde eine Art von bildlicher Simultan-Darstellung wirken, die den Helden irgendwie gleichzeitig als Menschen und als Tier (etwa als Löwen) zeigen würde. Auch wenn es möglicherweise dereinst einen Künstler geben wird, der diese Vereinigung heterogener Elemente oder gar Welten in einem Bild zustande bringt (oder das wenigstens in der Beschreibung behauptet), möchte ich konstatieren, dass mir, der ich Tausende von Buchillustrationen und auch Hunderte von selbständigen Gemälden zur Aeneis gesehen habe, noch nie eine Darstellung vor Augen gekommen ist, in der ein Gleichnis illustriert worden wäre. Deshalb ist das Fehlen von Gleichnissen gerade auch in Argumentum- Bildern, in denen Aktionen der epischen (oder dramatischen) Handlungsebene zusammengestellt sind, nicht weiter verwunderlich. D 6 Zwei neue Handlungsketten in der TC: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas D 6.0 Neue Handlungsketten in der TC Es gibt in der TC viele punktuelle Abweichungen Lucienbergers von der Aeneis. Aber nur die Erwähnungen von zwei Motiven schließen sich zu neuen Handlungsketten in der TC zusammen. Das ist zum einen (→ Kap. D 6.2) die gegenüber der Aeneis gesteigerte Rolle Amatas, zum anderen (→ Kap. D 6.3) das neu von Lucienberger eingeführte Motiv, dass Aeneas am Ende der Handlung seine Waffen (den Göttern) weiht. Beide Motivketten beziehen sich auf das Finale der <?page no="281"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 281 TC : Der Tod Amatas (→ Kap. D 6.2) ist eine Vorbedingung für das Ende der Kämpfe um die Niederlassung der Trojaner in Latium; (→ Kap. D 6.3) durch die Weihung seiner Waffen beendet Aeneas in ritueller Weise diese Kämpfe. Angebahnt werden beide Handlungsketten aber in ein und derselben Situation (→ Kap. D 6.1): durch eine prophetische Rede des Anchises in der Unterwelt. Die originale Rede des Anchises in der Aeneis besteht fast allein in der „Heldenschau“, der Vorstellung der künftigen Großen der römischen Geschichte, deren Seelen derzeit (zur Zeit des Aeneas) in der Unterwelt noch der Wieder-Einkörperung harren. Die Ausweitung oder Fortsetzung dieser Prophezeiung in der TC durch einen Vorblick auch auf die unmittelbar dem Aeneas bevorstehende Zukunft, die Kämpfe zur Behauptung der Niederlassung der Aeneaden in Latium, ist eine der folgenreichsten Erweiterungen der Aeneis durch Lucienberger. Diese Passage wird deshalb zunächst (in → Kap. D 6.1) im Zusammenhang dargestellt. D 6.1 Die Ausgangsbasis beider neuer Handlungsketten: Die Prophezeiung der Zukunft durch Anchises in der Unterwelt Vielleicht erwarten manche Leser, die die dramatische Bearbeitung der Aeneis durch Lucienberger vor sich haben, dass ein Autor aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts, wenn er schon kürzen will oder muss, dann nicht zuletzt die lange Prophezeiung des Anchises über die großen Römer der Zukunft für Kürzungen ins Auge fassen wird. Es ist ein Katalog von Männern, die die römische Geschichte von Romulus (oder gar von Aeneas und seinen Nachkommen selber) an bis zur Regierungszeit des Augustus, genau genommen bis zum Jahre 23 v. Chr. (dem als jüngstes Ereignis erwähnten Tod des jungen Marcellus, des Neffen und sozusagen Kronprinzen des Augustus), geprägt haben. Schon aus der Sicht der Primärleser um Christi Geburt war diese Rede des Anchises in der Unterwelt, eine Erklärung der dort auf ihre dereinstige Wiedereinkörperung wartenden Römer (und Vor-Römer), eine Pseudo-Prophezeiung. Für sie war Vergil durch seinen Sprecher Anchises eine Art rückwärtsgewandter Prophet. Gut, einen Zeitgenossen des Augustus mochte die Verklärung von dessen Herrschaft als Vollendung der römischen Geschichte befriedigen oder gar in eine Hochstimmung versetzen. Aber würde es auch ziemlich genau 1.600 Jahre später noch ähnlich wirken und dieses rühmende name-dropping für mehr als zwei Dutzend großer Römer aus der Zeit vom Sohn des Aeneas bis Augustus nicht eher langweilig wirken? Bot sich nicht diese Partie von 147 Versen in Aen. 6,756-892 (wenn man die drei inhaltlich vagen Verse in Aen. 6,890-892, die Anchises der epos-internen unmittelbaren Zukunft für Aeneas, seinen Kämpfen in der neuen Heimat Latium, widmet, einbezieht) geradezu an für eine Kürzung? <?page no="282"?> 282 D Analysen Lucienberger hat eine solche Erwartung nicht erfüllt. Er hat den „römischen“ Teil der Prophezeiung des Anchises in TC 5,3,055-180 praktisch verbatim und ohne Kürzungen (die unerheblichen Abweichungen betreffen nur Überleitungsverse) übernommen. Und die drei unkonkreten Verse über die unmittelbare Zukunft des Aeneas (anders ausgedrückt: über den Inhalt der Bücher Aen. VII - XII ) hat Lucienberger in TC 5,3,182-248 auf 67 Verse ausgedehnt (in denen manche Original-Verse Vergils aus Aen. VII und Aen. VIII heran- und vorgezogen sind). Insgesamt gelten der prophetischen Rede des Anchises bei Vergil 147 Verse, bei Lucienberger (einschließlich einer Reaktion des Aeneas und der Sibylle) mit TC 5,3,055-252 genau 51 Hexameter mehr. Übernahmen, zumal wörtliche Übernahmen, aus Vergil durch Lucienberger bedürfen nicht unbedingt einer Rechtfertigung. Das ist eben Lucienbergers Adaptionsprinzip, dass er nach Möglichkeit Vergil verbatim folgt, und eine solche Möglichkeit liegt immer bei Reden vor, die schon in der Aeneis stehen. Das gilt auch für die Anchises-Rede in der Unterwelt in Aen. VI . Eher einer Erklärung bedürfen Erweiterungen, die Lucienberger gegenüber dem Text Vergils einführt. Warum mag Lucienberger wohl den winzigen Teil der Anchises-Rede, der bisher (und noch dazu nur in indirekter resümierender Rede) der Vorschau auf die unmittelbare Zukunft des Aeneas gewidmet war, so erweitert haben? D 6.1.1 Der Vorblick des Anchises auf Aeneas’ Kampf in Latium in TC 5,3,182-248 Bei Ve r g il lädt Anchises seinen Sohn Aeneas in einer Traumerscheinung auf Sizilien dazu ein, ihn unter Führung der Sibylle in der Unterwelt im Elysium aufzusuchen. Dort werde er sein ganzes Geschlecht und die verheißene Stadt kennenlernen (Aen. 5,737 tum genus omne tuum et quae dentur moenia disces ). Das ist ein Hinweis auf die Prophezeiung, die Anchises seinem Sohn in der Unterwelt tatsächlich geben wird (vgl. dazu → Kap. D 3.6.2b): der Überblick über die künftigen großen Römer aus Aeneas’ Geschlecht (die „Heldenschau“ in Aen. 6,756-886) und darin eingelegt ein Vorblick auf die Gründung Roms durch Romulus (Aen. 6,777-787) - nicht etwa auf die Gründung Laviniums durch Aeneas selber. Von den Aeneas unmittelbar bei seiner Ankunft in Italien, dem verheißenen Land, bevorstehenden Gefahren spricht Anchises nur ganz allgemein in Aen. 5,730 f.: er werde in Latium mit einem harten und wilden Volk zu kämpfen haben. Und als Anchises seine Ankündigung im Elysium wahrmacht und dem Aeneas Einblick in die künftige römische Geschichte gewährt, berührt er abschließend zwar auch die unmittelbare Zukunft des Aeneas, aber Vergil gibt von seinen Worten nur eine ganz vage Zusammenfassung: bevorstehende Kämpfe, bei denen die Völker Latiums und die Stadt des Latinus eine Rolle <?page no="283"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 283 spielen, was er an Mühsal zu meiden oder zu meistern habe (Aen. 6,890-893 exin bella viro memorat quae deinde gerenda / Laurentisque docet populos urbemque Latini / et quo quemque modo fugiatque feratque laborem ). Allerdings hat Aeneas bei Vergil schon vor seinem Abstieg in die Unterwelt zu seinem Vater das Orakel Apolls in Cumae befragt und Apolls Medium, die Sibylle, hatte ihm dazu in leicht verschlüsselter Form einige Auskünfte gegeben. Die Sibylle deutet in Aen. 6,83-97 die furchtbaren Kriege, die Aeneas im Reich von Lavinium (also im verheißenen Latium) bevorstehen, als eine Art von zweitem Trojanischen Krieg (ich konkretisiere im Folgenden die Entsprechungen, die von der Sibylle verrätselt sind): Simois und Xanthus, Flüsse bei Troja / Tiber; Belagerung durch Griechen / durch Italiker; Achill, Sohn einer Göttin / Turnus, Sohn einer Nymphe, Juno als feindselige Göttin gegen die Trojaner in deren Heimatstadt / auch gegen die Trojaner in Latium, es geht um die entführte Helena / um die Turnus versprochene Lavinia. Der kundige Leser von Aen. VI, der die Ilias kennt und auch schon den Verlauf der Geschichte des Aeneas in Latium oder besser: die Bücher Aen. VII - XII , kann die Anspielungen der Sibylle verstehen. Für den unkundigen Leser von Aen. VI erwecken sie eine gewisse Spannung darauf, in welcher Form sich die rätselhaften Andeutungen der Sibylle (Aen. 6,99 f. ambages … obscuris vera involvens ) erfüllen werden. Für den innerepischen Aeneas aber bleiben sie orakelhaft dunkel. Bei L u c i e n b e r g e r sind die beiden ersten Etappen einer möglichen Aufklärung des Aeneas über das, was ihn im Gelobten (= verheißenen) Land erwartet, mit den entsprechenden Ausführungen in der Aeneis identisch. Das hat den schlichten Grund, dass sie in direkter Rede des Anchises bzw. der Sibylle formuliert sind und Lucienberger grundsätzlich alle direkten Reden, die er in der Aeneis vorfindet, wörtlich übernimmt. (a) So wird der eine einschlägige Vers des dem Aeneas im Traum erscheinenden Anchises über das, was er in der Unterwelt seinem Sohn eröffnen will, auch, wie die ganze Rede des Anchises, in der TC zitiert (Aen. 5,737 mit 730 f. innerhalb von Aen. 5,724-739 = TC 4,5,014 mit 4,5,006 f. innerhalb von 4,5,001-016. Die neu von Lucienberger gedichteten Verse TC 4,5,036 f. zeigen, dass Aeneas diese Worte seines Vaters behalten hat und bekanntmacht). (b) Auch die Prophezeiung der Sibylle, der Sprecherin Apolls in Cumae, wiederholt Lucienberger wörtlich (Aen. 6,83-97 = TC 5,1,032-046), doch ohne dass er sie wie Vergil in auktorialem Kommentar als ambages und verdunkelte Wahrheit charakterisiert. Ganz anders aber verhält sich Lucienberger im dritten Fall (c), wo Vergil nach Abschluss der „Heldenschau“ (Aen. 6,756-886) für die nächste Zukunft, das Schicksal des Aeneas in Latium, nur eine stichwortartige Zusammenfassung von drei Versen (Aen. 6,890-892) bietet, die man nicht einmal ein Referat in indirekter Rede nennen möchte. Lucienberger (vgl. dazu → Kap. D 3.6.2b) über- <?page no="284"?> 284 D Analysen nimmt die ganze Heldenschau Vergils, die ja eine lange, nur einmal durch eine Nachfrage des Aeneas (in Aen. 6,863-866 = TC 5,3,158-161) unterbrochene Rede des Anchises ist, wörtlich - mit einer einzigen kurzen Erweiterung, einer zweiten Zwischenfrage des Aeneas in TC 5,3,107-108a (eineinhalb Verse, die an sich ebenfalls schon bei Vergil stehen, dort aber in Aen. 6,808-809a zur Rede des Anchises gehören). Mit dem Ausblick des Anchises in nur drei Versen auf das bevorstehende Geschehen in Latium aber begnügt sich Lucienberger nicht, sondern weitet ihn zu einer prophetischen Rede des Anchises in nicht weniger als 67 Versen aus ( TC 5,3,182-248). Das ist die längste zusammenhängende Erweiterung der Aeneis durch Lucienberger bei seiner gesamten Dramatisierung. (Vgl. die Hinzufügungs-Rubrik → Kap. 5.4.4ab; die zweitlängste Neudichtung ist TC 4,5,019-063, wo aber 6 Aeneis-Verse integriert sind; dann folgen die Klagen verschiedener Figuren um Amata in TC 10,4,023-052; eine Sonderstellung hat die von Lucienberger neu geschaffene Szene TC VIII -2, unter deren insgesamt 75 Versen aber einzelne adaptierte Aeneis-Verse vorkommen.) Es ist allerdings nicht so, dass Lucienberger die hier Anchises in den Mund gelegten prophetischen Worte durchgängig selber erfunden hätte. Wenn man in meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. innerhalb dieser Partie die durch Unterstreichung markierten (was auf eigene Formulierungen Lucienbergers hinweist) Verse zusammenzählt, machen die nicht einmal die Hälfte von dieser neuen Rede des Anchises aus. Und selbst diese unterstrichenen, also als Hinzufügungen Lucienbergers gekennzeichneten Verse sind fast ausnahmslos keine inhaltlichen Neuerungen gegenüber der Aeneis, sondern allenfalls (und nicht einmal das immer) Neuformulierungen. Das Gestaltungprinzip dieser Rede ähnelt vielmehr dem eines Cento: Lucienberger hat Passagen aus der zweiten Hälfte der Aeneis, besonders aus Aen. VII und VIII , in denen das Eintreten bestimmter Ereignisse erzählt wird, in prophetische Ankündigungen durch Anchises (sinngemäß gegen Ende von Aen. VI ) umgeformt und diese mit selber formulierten Referaten künftiger, in Aen. VI - XII geschilderter Handlungen angereichert. Für den Leser der gedruckten TC und für einen Zuhörer bei deren Rezitation oder für den Zuschauer bei einer szenischen Aufführung hat die prophetische Rede des Anchises in TC 5,3,182-248 die Funktion einer Ankündigung der weiteren Handlung. Man würde sie am ehesten vor einer größeren Zäsur der Gesamthandlung und vor allem bei einer Rezitation oder Aufführung erwarten. Innerhalb der Aeneis wäre eine Position am Ende der ersten Aeneis-Hälfte (gegen Ende von Aen. VI ) als Hinweis auf den zweiten, der Ilias näherstehenden Teil in der Tat im Prinzip geeignet. Bei einer Verteilung einer Rezitation oder Aufführung der TC auf drei Tage fällt die die Zukunft ankündigende Rede des Anchises gegen Ende von TC Act. V (auf die Rede des Anchises am Ende von TC V-3 folgt in TC Act. V nur noch die kurze Szene TC V-4 mit der Fahrt von Cumae <?page no="285"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 285 bis zum Tiber) aber nicht in eine Zäsur: Der zweite Tag der Rezitation / Aufführung endet nach meinen an anderer Stelle (in → Kap. E 2.5.5) vorgelegten Überlegungen nicht mit TC Act. V, sondern erst mit TC Act. VI (oder gar mit TC Act. VII ). Bei einer Analyse der neu von Lucienberger geschaffenen prophetischen Rede des Anchises in der Unterwelt sind in meinen Augen vor allem zwei Fragen wichtiger als eine Vers für Vers vorgehende Interpretation zur Untersuchung der jeweils vorhandenen, nur teilweise oder gar nicht vorliegenden Übernahmen aus Vergil. Das sind die Fragen: (A) Welche wirklich in der TC (und in der Aeneis) eintretenden Ereignisse werden angekündigt und welche nicht? (B) Ist in dieser Partie der TC eventuell das eine oder andere Faktum berücksichtigt, das gegenüber der Aeneis neu ist; gibt es womöglich in diesem Vorblick auf die weitere Handlung in der TC eine Ereigniskette, die in der Aeneis in dieser Form nicht erkennbar ist? In wieweit wird dadurch vielleicht Aeneas und / oder der Leser in seiner Reaktion, bestehe diese nun im Handeln oder im Bewerten, beeinflusst? D 6.1.2 Die von Anchises angekündigten Ereignisse 1. Das Eintreten des Tisch-Prodigiums, des Mitverzehrens der Speise-„Tische“, eine Vorbedingung und ein Zeichen für das Erreichen des „Gelobten Landes“. Dann darf Aeneas hoffen, eine neue Heimat für die erschöpften Trojaner zu finden, und er soll eine befestigte Siedlung erbauen (gemeint ist das Schiffslager am Tiber). Doch das wird Anlass zum Krieg und für eine lange Belagerung dieser Niederlassung sein. - (TC 5,3,184-188, größtenteils wörtlich aus Aen. 7,124-127 übernommen, nochmals wiederholt beim Eintreten dieses Prodigiums zu Beginn von TC VI -2.) 2. Das Gebiet wird von dem betagten König Latinus in langer Friedenszeit beherrscht. Er hat keinen Sohn, sondern ( fato divum) nur eine einzige, heiratsfähige Tochter (Lavinia). Um sie bewerben sich viele italische Freier, am intensivsten der aus altem Geschlecht stammende (Fürst) Turnus. Das Fatum und Wunderzeichen haben aber Lavinia für Aeneas bestimmt. - ( TC 5,3,189-197 / 198, praktisch wörtlich übernommen aus Aen. 7,45-58.) 3. Diese Heirat Aeneas - Lavinia sucht die zornige Juno zu verhindern. Sie ruft dafür die Furie Allecto aus dem Tartarus (der „Hölle“) zu Hilfe. - ( TC 5,3,198-208, darin praktisch wörtlich übernommen Aen. 7,324-329.) 4. Allecto wird die Königin Amata (die Gattin des Latinus) mit giftiger Wut (auf die Trojaner) infizieren. Die latinischen Landleute ergreifen die Waffen (gegen die Trojaner). Turnus wird aus Liebe zur Königin die Führung übernehmen, um die Trojaner aus dem Reich zu vertreiben und die Heirat Lavi- <?page no="286"?> 286 D Analysen nias mit Aeneas zu verhindern. - (TC 5,3,209-217, darin nur Aen. 7,341-343 wörtlich übernommen.) 5. So lange die Königin Amata lebt, ist kein Ende des Krieges zu erhoffen. Gegen göttlichen Ratschluss sucht sie Lavinia an Turnus zu verheiraten und die Völker zum Kampf (gegen die Trojaner) aufzurufen. - ( TC 5,3,218-222, alles von Lucienberger neu formuliert; vgl. dazu → Kap. D 6.2). 6. Der Flussgott Tiberinus wird Aeneas einen Weg zur Rettung zeigen und ihn zu der jetzt bescheidenen Siedlung des Euander geleiten, wo sich dereinst auf 7 Hügeln das mächtige Rom erheben wird. Euander wird Aeneas militärisch unterstützen. - ( TC 5,3,224-236, weithin wörtlich übereinstimmend mit Aen. 8,28-32 und 8,98-100.) 7. Auf Anraten Euanders wird Aeneas Tarchon mit dem gewaltigen etruskischen Aufgebot als Hilfstruppen gewinnen und mit Massicus an der Spitze (was aber in TC VIII -3 nicht bestätigt wird, vgl. dazu → Kap. D 4.2.1) wird die etruskische Flotte Aeneas und seine trojanischen Gefährten befördern. - ( TC 5,3,237-240, dabei nur Aen. 10,166 fast wörtlich übernommen.) 8. Nach vielen Schlachten, Verwundungen, Tod und Verlust von Führern wird Aeneas Sieger sein, eine Königin (Lavinia) als Gattin haben und die Herrschaft im Reich gewinnen. Der Krieg wird beendet sein, die so häufig vertragsbrüchigen Latiner werden unterjocht, Aeneas wird die Siegestrophäen erringen. - Anchises schließt mit der Anrede an Aeneas (in TC 5,3,248): „Und nun geh, (Aeneas), unser Ruhm, und genieße solch großartige Triumphe. - ( TC 5,3,241-248, neu formuliert.) Wenn man diese einzelnen Ankündigungen überblickt, sieht man sofort, dass der Inhalt von Aen. VII und VIII durch die in Nr. 1-7 angesprochenen Punkte relativ lückenlos abgedeckt ist, für die restlichen Aeneis-Bücher jedoch in Nr. 8 nur ein summarischer Ausblick auf den Endsieg des Aeneas ohne jegliche Einzelheiten geboten wird: nicht einmal das finale Entscheidungsduell mit Turnus wird erwähnt. Zwar wird man vielleicht gewisse Partien von Aen. VII - VIII (bzw. TC VI -1 bis VII -4 nebst VIII 2-3 mit der Gewinnung der Etrusker als Bundesgenossen) nicht ausdrücklich repräsentiert sehen. Aber wenn man das Prinzip „ pars pro toto “ gelten lässt, kann man z. B. die Musterung der Latiner und ihrer Bundesgenossen (in Aen. 7,641-817 bzw. in TC VI-8) durch Nr. 4 (Turnus als Führer) mit abgedeckt betrachten und bei Nr. 6, der Erwähnung Euanders, auch seinen Sohn Pallas mitdenken. Dass Latinus ausdrücklich Lavinia zur Gattin des Aeneas bestimmt, brauchte wohl auch nicht eigens erklärt zu werden; diese seine Entscheidung ist aus Nr. 3, 4 und 5, der Opposition durch Juno / Allecto, Turnus und Amata, hinreichend erschließbar. Dass ein Hinweis auf die Schildbeschreibung <?page no="287"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 287 in Aen. VIII fehlt, ist aus einem anderen Grunde zu erklären: Sie wird von Lucienberger am Schluss von TC VII -4 (nach Vers 097) tatsächlich vollkommen übergangen (vgl. → Kap. D 4.3), so dass ein eventueller Hinweis des Anchises darauf in der TC ins Leere gehen würde. D 6.1.3 Die Lenkung des Aeneas (und die Beeinflussung des Lesers) durch die Prophezeiung des Anchises Insgesamt bestärkt die ganze Rede des Anchises seinen Sohn Aeneas in seiner berechtigten Erwartung, dass sich der ihm bisher schon verkündete Wille des Schicksals trotz aller Gegenwirkungen durch Menschen (Amata und Turnus und deren Gefolgsleute) und Götter ( Juno mit ihrer Helferin Allecto) durchsetzen wird: Aeneas wird die Latiner besiegen und die Hand der Prinzessin Lavinia erringen. Eine konkrete Handlungsanweisung an Aeneas ist nur aus dem ersten der 8 Punkte abzuleiten: Wo sich das Tisch-Prodigium erfüllt, dort soll Aeneas ( memento ! ) sich niederlassen. Selbst hiermit und in allen anderen Punkten macht Anchises aber Voraussagen, die sich erfüllen werden, auch wenn Aeneas nichts davon wüsste. Dass Aeneas sich z. B. tatsächlich an den griechischen König Euander und dann an den etruskischen „König“ Tarchon um Hilfe gegen Turnus und seine Koalition aus Latinern und italischen Völkerschaften wendet, geschieht nicht, weil er sich an die Prophezeiung seines Vaters erinnert (obwohl er von der Sibylle im Schlussvers von TC 5,3,252 gerade dazu aufgefordert wird), sondern weil ihm die Traumerscheinung des Flussgottes Tiberinus dazu rät, Euander aufzusuchen, und weil Euander ihn zusätzlich noch auf den etruskischen Heerbann unter Tarchon hinweist. Alles wird in Aen. VII - XII bzw. in TC Act. V bis Act. X so ablaufen, wie Lucienberger es Anchises ankündigen lässt. Es liegt keine orakelhafte Verrätselung vor, wie zuvor in den Worten der Sibylle in Aen. 6,83-97 = TC 5,1,032-046 (s. oben → Kap. D 6.1.1). Der eigentliche Adressat dieser Vorschau des Anchises auf das, was Aeneas in Latium bevorsteht, ist nicht Aeneas, sondern der Leser der TC . Das Handeln des Aeneas in den folgenden Akten der TC wird nicht durch seine Erinnerung an die Prophezeiung seines Vaters in der Unterwelt bestimmt. Nur einmal erinnert sich Aeneas in der TC an eine Voraussage des Anchises: als er vom Tod Amatas erfährt ( TC 10,6,030-036, vgl. dazu → Kap. D 6.2). Sehr wohl aber berührt die Prophezeiung des Anchises den Leser: Faktisch wird er über den Inhalt der nächsten Akte informiert. Und darüber hinaus wird er beeinflusst: dem Leser erscheint das künftige Geschehen in Latium und vor allem der schließliche Sieg des Aeneas als gottgewollt und gerecht (vgl. dazu näher → Kap. D 6.3.1). <?page no="288"?> 288 D Analysen D 6.2 Amata in einer Schlüsselrolle in der TC Allerdings bringt Lucienberger in dem von ihm erfundenen detaillierten Vorblick auf das künftige Geschehen doch eine gewisse Abweichung von Vergil: Anchises macht in Nr. 5 das Ende des Krieges der Latiner gegen die Trojaner vom Tod Amatas abhängig. Das ist eine Aufwertung der Rolle Amatas in der Aeneis. Zwar erringt Aeneas auch in der Aeneis den Sieg und damit die Beendigung des Krieges, nachdem Amata Selbstmord begangen hat, aber nicht weil die Königin tot ist, sondern weil er Turnus besiegt und getötet hat. Der Krieg wird dadurch beendet, dass der Vorkämpfer der einheimischen Italiker und Rivale des Aeneas um die Hand der Kronprinzessin selber gefallen ist, nicht weil seine wichtigste Parteigängerin tot ist. (Und auch deshalb, was aber in der Prophezeiung des Anchises nicht deutlich wird, weil Juno einem von Jupiter vermittelten Kompromiss über die Folgen eines Sieges des Aeneas für Latium zugestimmt hat.) Die von Anchises betonte Wichtigkeit Amatas als (offenbar entscheidende menschliche) Gegnerin des Aeneas wird noch durch eine Einzelheit gesteigert: In Nr. 4 behauptet Anchises, Turnus habe aus Liebe zur Königin ( TC 5,3,216 Reginae impulsus amore - nach dem Kontext kann nur Amata gemeint sein, obwohl später, in TC 5,3,244, auch Lavinia als die / eine Regina genannt ist) die Führung des Kampfes gegen die Trojaner übernommen. Damit wäre Turnus also sozusagen der Helfer Amatas, nicht umgekehrt Amata seine Unterstützerin. Von einer solchen Liebes-Beziehung des Turnus zu Amata ist aber in der Aeneis (und auch in den folgenden Akten der TC) nichts zu spüren. Ich vermute, dass Lucienberger sich zu dieser verfehlten Unterstellung hat verleiten lassen durch den Relativsatz, den Vergil in Aen. 7,056 f. zur Charakterisierung des Turnus bietet: Turnus, avis atavisque potens quem regia coniunx adiungi generum miro properabat amore; Lucienberger behält in TC 5,3,197 nur Turnus, avis atavisque potens bei (und füllt den Hexameter mit et Daunia proles ), steht aber offenbar doch unter dem Einfluss des ausgelassenen zweiten Verses mit miro amore Amatas, was auf deren erstaunlich engagiertes Eintreten für Turnus als Schwiegersohn geht. Die erhöhte Rolle Amatas als wichtigste Gegnerin des Aeneas innerhalb der durch Lucienberger erweiterten Prophezeiung des Anchises wird aber innerhalb des weiteren Verlaufs der TC nicht durch entsprechende Zusätze bestätigt. Lucienberger bringt keine Aktionen Amatas, die nicht schon bei Vergil erzählt werden. Ihre Ablehnung des Aeneas als Schwiegersohn und ihre Parteinahme für Turnus, Einstellungen, wie sie durch den Streit mit ihrem Gatten Latinus, die Entführung ihrer Tochter Lavinia in die Wälder und ihren Widerstand gegen ein, wie sie fürchtet, für Turnus tödliches Duell mit Aeneas dokumentiert <?page no="289"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 289 sind, werden in identischer Form bereits in der Aeneis bezeugt. Lucienberger gibt der Amata zwar gegenüber Vergil zwei zusätzlichen Reden, nämlich in TC 6,5,027-030 und in TC 10,4,015-022, aber beide sind mehr oder weniger wörtlich aus erzählenden bzw. Amatas Äußerungen indirekt referierenden Versen der Aeneis entwickelt (nämlich aus Aen. 7,385-391 bzw. aus Aen. 12,595-600, im letzteren Falle sind immerhin zwei Verse der Rede Amatas, nämlich TC 10,4,021 f., Amatas letzte Worte im Monolog vor ihrem Selbstmord, von Lucienberger neu gedichtet). Die aktive Rolle Amatas ist also in der TC nicht wirklich gesteigert, aber Lucienberger hat ihr durch seine Erweiterung der Anchises- Rede größere Bedeutung verliehen. Die Schlüsselrolle Amatas für den Endsieg des Aeneas, wonach dieser erst nach dem Tod Amatas errungen werden könne, wird aber in der TC nicht nur durch diese Ankündigung in den prophetischen Worten des Anchises in der Unterwelt betont, sondern auch durch eine von Lucienberger neu hinzugedichtete Episode in jenem Moment, als diese Vorbedingung für den Triumph des Aeneas, der Tod Amatas, eingetreten ist. Lucienberger bringt nicht nach TC 10,6,030 die eingeschobene Prosanotiz („Regiebemerkung“), dass Aeneas - anders als in der Aeneis - bald vom Selbstmord Amatas erfährt, sondern führt diese Benachrichtigung sogar in neu gedichteten Versen „dramatisch“ vor: Eumelos überbringt diese Nachricht mit TC 10,6,030-032 dem Aeneas und dieser verweist mit seiner Reaktion in TC 10,6,033-036 ausdrücklich darauf, dass eben dieser Tod Amatas und seine Bedeutung von seinem Vater Anchises prophezeit worden sei (vgl. dazu → Kap. D 2.1 und besonders → Kap. D 8. 1. 11). Lucienberger stellt also eine Brücke zwischen Ankündigung und Erfüllung her. Dass bei Lucienberger die Klage um den Tod Amatas gegenüber der Aeneis ausgeweitet ist (s. dazu → Kap. D 8.2, auch → Kap. D 8. 1. 10-11), verstärkt den Eindruck ihrer in der TC gesteigerten Bedeutung. D 6.3 Der finale Triumph des Aeneas und die Weihung seiner Waffen D 6.3.1 Der verdiente Triumph des Aeneas über die Latiner Die Prophezeiung des Anchises in TC V-3 vermittelt Aeneas und dem Leser den Eindruck, dass sein Sieg in Latium gottgewollt und Widerstand dagegen Frevel ist: Der latinische König Latinus hat fato divum nur eine heiratsfähige Tochter (TC 5,3,191); sie mit Turnus zu verheiraten, verbieten portenta deum (TC 5,3,198); die Fata haben Lavinia und das Reich für Aeneas reserviert (TC 5,3,199); dieser Wille des Schicksals ist für Juno male sani causa furoris (TC 5,3,200); Junos Handlangerin Allecto ist eine Ausgeburt der Hölle ( TC 5,3,203-208); der Krieg gegen die Trojaner wird als bellum nefandum ( TC 5,3,219) und impia proelia ( TC 5,3,241) bezeichnet. <?page no="290"?> 290 D Analysen Eine dezidiert Latiner-feindliche Interpretation des Krieges der Latiner gegen die Trojaner (die aus der Sicht des Turnus Invasoren sind, die die Latiner aus ihrer Heimat verdrängen wollen, vgl. sein Edictum, mit dem er in von Lucienberger neu gedichteten Versen TC 67,081-086 die Latiner zum Kampf gegen die Trojaner aufruft) und eine entsprechende Sympathielenkung des Lesers ist gerade im Schlussabschnitt der Prophezeiung des Anchises (Nr. 8, TC 5,3,241-248) mit dem allgemeinen Überblick über Aen. IX - XII (die sog. Kampfbücher der Aeneis) erkennbar. Sie liegt nicht nur in dem post impia proelia des Anfangsverses ( TC 5,3,241), sondern vor allem in den Schlussversen über den Endsieg (ich benutze absichtlich und kritisch einen Begriff, der von den Nationalsozialisten reklamiert wurde) des Aeneas. Er wird als Triumph (diesen Begriff gebraucht Anchises wirklich in TC 5,3,248 mit der Aufforderung an Aeneas tantisque fruare triumphis ) über Latium und ein Volk hingestellt, das „so oft vertragsbrüchig“ war und darum - zu Recht, wird sich der Leser sagen - „unter ein heiß drückendes Joch geschickt“ wird ( TC 5,3,245-247 contuso … / foedifrago toties et sub iuga fervida misso / et Latio et populo ). Eine solche Demütigung der Latiner und eine solche triumphale Stellung des Aeneas entsprechen keineswegs der weitgehenden Zurücknahme der Ansprüche des Aeneas und der Trojaner, wie sie in der Aeneis zwischen Jupiter und Juno auf der göttlichen Ebene in Aen. 12,793-840 vereinbart wird, und stehen auch im Widerspruch zu den eigenen Ankündigungen des Aeneas in Aen. 12,189-194. Beide Partien werden, da es sich um Reden handelt, von Lucienberger wörtlich wiederholt in TC X-7 bzw. in TC 10,3,014-019, sind also auch gewissermaßen gültig für den Ausblick der TC in die Zukunft. In der Tat entspricht das wirkliche Ende der TC , in der ganz von Lucienberger erfundenen und hinzugefügten Schluss-Szene TC X-9, nicht der Ankündigung des Anchises in der Unterwelt. Zwar wird dort Aeneas gemeinsam von den Trojanern und den Latinern (obwohl Latinus noch lebt) als König freudig akklamiert (TC 10,9,028 Aeneam, Aeneam Regem gaudemus habere ), aber Aeneas tritt, obwohl victor et triumphator (so die Regiebemerkung), zurückhaltend, nicht etwa strafend ob des mehrfachen Vertragsbruchs der Latiner (Bruch des Versprechens ihres Königs Latinus, Aeneas die Hand Lavinias zu geben; Bruch der Waffenruhe, damit der entscheidende Zweikampf zwischen Aeneas und Turnus stattfinden kann) auf: Er weiht seine Waffen den Göttern und stiftet damit einen Brauch, den auch seine römischen Nachkommen nach einem Sieg einhalten sollen. <?page no="291"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 291 D 6.3.2 Die Weihung der Waffen des Aeneas und weitere Aitiologien In der neuen Schluss-Szene TC X-9 (vgl. dazu auch → Kap. D 8.3), mit der Lucienberger die Handlung der Aeneis über deren Schluss, die Tötung des Turnus durch Aeneas, hinaus zu einem freudigen Ende verlängert, sind drei Motive zusammengeführt: (a) Latinus begrüßt herzlich Aeneas, verkündet die Hochzeit seiner Tochter Lavinia mit ihm ( TC 10,9,001-006) und lädt mit seinen Schlussworten in TC 10,9,034 f. zu dieser Feier ein. (Es folgen nur noch zwei Schlussverse TC 10,9,036 f., die eine schon in der römischen Komödie übliche Wendung ad spectatores darstellen: Der Darsteller der Rolle des Latinus fordert das ganze Publikum, junge und alte Männer und die edlen Damen, zum Applaus auf; vgl. dazu → Kap. D 8.4.) Das ist eine konsequente Weiterführung und Verwirklichung der Pläne des Latinus, die er unter dem Eindruck der Zeichen entsprechenden göttlichen Willens gefasst hatte. Lavinia akzeptiert Aeneas als Gatten, den ihr die Götter und das Schicksal gegeben haben ( TC 10,9,007-013). Aeneas begrüßt Lavinia als die Frau, für deren Besitz er gekämpft hat und mit der als Gattin er sein Leben führen will. (b) Aeneas’ Sohn Julus gratuliert seinem Vater zu der Macht ( has opes ), die er in schweren Kämpfen errungen hat. Die Götter sind nicht mehr ungnädig. Ein neues Troja ist errungen ( nobis nunc parta est altera Troia ) ( TC 10,9,018-021). - Der Trojaner Cloanthus gratuliert „im Namen aller übrigen“ dem König Aeneas; die Gattin Lavinia möge ihm Nachkommen schenken, die Latium sine fine beherrschten. Das bedeutet gleichzeitig eine Proklamation des Aeneas zum König von Latium ( TC 10,9,022-028). Aus der zugehörigen Regiebemerkung (vor TC 10,9,028) geht hervor, dass nicht nur die Trojaner, sondern auch die Latiner freudig applaudieren. - Dieses Ausrufen des Aeneas zum König in Latium und auch die Interpretation seines Sohnes, dass damit ein zweites Troja begründet werde, ist keineswegs eine Vergil-konforme Weiterführung der Handlung. Die von Vergil „zitierte“ Einigung im Dialog zwischen Jupiter und Juno läuft gerade im Gegenteil darauf hinaus, dass bei der Vereinigung von Trojanern und Latinern zu einem neuen Volk (aus dem später die Römer hervorgehen werden) gerade kein Neu-Troja entstehen wird (wie es Helenus und Andromache in Epirus begründet hatten). Und beim Vertragsschluss über die Folgen des Entscheidungsduells zwischen Aeneas und Turnus hatte Aeneas in Aen. 12,189-193 beteuert, er werde auch im Falle seines Sieges im Zweikampf nicht die Königsherrschaft für sich beanspruchen, solange Latinus lebe. Beide Reden in der Aeneis hat Lucienberger, wie er es ausnahmslos immer tut, wörtlich in seine TC übernommen (nämlich die des Aeneas als TC 10,3,001-019 = Aen. 12,176-194 und die des Latinus als TC 10,3,020-034 = Aen. 12,197-211). Aber Lucienberger hat dieses Zukunftsprogramm nicht konsequent ausgeführt. Die <?page no="292"?> 292 D Analysen Proklamation des Aeneas zum König im Finale der TC im Augenblick des Sieges entspricht nicht dem, was die Götter und was Aeneas selbst angekündigt haben. Lucienberger wollte offenbar seinem Drama nicht nur durch eine Sieges- und eine Hochzeitsfeier, sondern darüber hinaus durch eine Königsproklamation ein triumphales Ende geben. (c) Das Siegesmotiv wird durch eine Neuerfindung Lucienbergers in der Schluss-Szene TC X-9 noch verstärkt: Ohne Basis bei Vergil lässt Lucienberger seinen Aeneas in seinen letzten Worten im Epos ( TC 10,9,029-033) mit seiner Waffen-Weihe einen Brauch stiften, der von seinen Nachkommen bewahrt werden soll. Es scheint sich um eine Aitiologie, die Weihung der spolia opima zu handeln, jedoch mit einer bedeutsamen Abänderung. Vergil bietet in seinem Epos sehr wohl solche Aitiologien („Begründungen“), also die - aus der Perspektive von Autor und Leser der Augusteischen Zeit - Zurückführung eines derzeit geübten Brauches auf seine Stiftung oder Geltung bereits in der Zeit des Aeneas. In umgekehrter Perspektive bedeutet das: Bei der Schilderung einer bestimmten Handlung innerhalb der Aeneis weist der Autor Vergil in der Rolle des epischen Erzählers darauf hin, dass dieser Brauch sich bis in seine Gegenwart gehalten habe. Das ist in unzweideutiger Weise zweimal 91 in der Aeneis der Fall: für das Troja-Spiel und für das Öffnen der Kriegspforten. Im Anschluss an die Schilderung eines kunstvollen, von jugendlichen Trojanern, darunter Julus / Ascanius als einem der Führer, aufgeführten Reiterspiels am Ende der Gedenkspiele für Anchises (nach Regatta, Wettlauf, Faustkampf und Bogenschießen) in Aen. 5,545-595 erklärt Vergil ausdrücklich in Aen. 5,596-603, dass Ascanius diesen Brauch in Alba Longa wieder erneuert und Rom ihn übernommen habe, wo er noch heute ( nunc ) unter dem Namen „Troja(spiel)“ ausgeübt werde. In diesem Falle wird also der Brauch durch die Aeneaden begründet. Etwas anders ist es im zweiten Beispiel, dem rituellen Öffnen der „Pforten des Kriegs“ am Janus-Tempel als Zeichen der Kriegseröff- 91 In diesen beiden Fällen stellt der Autor Vergil ausdrücklich die aitiologische Beziehung zwischen einer Handlung im Epos und einem zeitgenössischen Brauch unter Augustus fest. Es gibt weitere Beispiele in der Aeneis, in der ebenfalls eine solche Beziehung besteht, aber vom Leser erschlossen werden muss, so die Stiftung des Hercules-Kultes an der Ara Maxima im Vor-Rom (in Pallanteum) des Arkader-Königs Euander in Aen. 8,268-305. Auch in diesem Zusammenhang gibt es einen Ausblick „seit damals - bis heute“ (Aen. 8,268f . ex illo … servavere diem ), aber er bezieht sich (noch) nicht auf die römische Zukunft, sondern „nur“ auf die epische Gegenwart Euanders und seiner Gäste. - Eine weitere von Vergil nicht markierte und deshalb von vielen Lesern nicht erkannte Aitiologie besteht darin, dass Turnus in Aen. 9,52 mit seinem Speerwurf auf / in das befestigte Schiffslager der Trojaner am Tiber einen Akt der symbolischen Kriegserklärung ausübt, wie es „später“ der Vornehmste aus der Priesterschaft der Fetialen in Rom vollzog; vgl. dazu Servius ad Aen. 9,52. An entsprechender Stelle in der TC 7,5,030 wird nicht klar, in welcher konkreten Handlung dieses principium pugnae besteht. <?page no="293"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 293 nung. Dieser Brauch besteht (angeblich) in Latium schon zu der Zeit, als die Aeneaden am Tiber landen und eine Mehrheit der Latiner unter der Führung der Königin Amata und des Turnus darauf drängt, den Kampf gegen sie zu beginnen. Damals hätten dem König Latinus das Recht und die Aufgabe zugestanden, deshalb die Kriegspforten aufzustoßen. Da er sich weigert, tut das die Göttin Juno persönlich an seiner Stelle. Noch bevor Vergil in Aen. 7,616-622 von der Rolle des Latinus und der Juno bei dieser Kriegseröffnung erzählt, gibt er in Aen. 7,601 ( mos erat Hesperio in Latio ) bis 7,615 eine Darstellung dieses damals (zur Zeit der im 7. Jahr nach dem Fall Trojas spielenden Aeneis) in Latium bestehenden Brauches und einen Ausblick darauf, dass an dieser Tradition der rituellen Kriegseröffnung, vollzogen durch einen Konsul in einer bestimmten altertümlichen Tracht, auch noch Rom, die Herrin der Welt, festgehalten habe. 92 L u c i e n b e r g e r übergeht in seiner TC beide Aitiologien Vergils, die für das Troja-Spiel und die für die Öffnung der Janus-Pforten. Das Troja-Spiel wird durch die Schluss-Verse von TC IV -3, durch die Aufforderung des Aeneas, Ascanius solle seine Reiter zu Ehren des Anchises bewaffnet paradieren lassen ( TC 4,3,151-153 = Aen. 5,548-550, die einzige wörtliche Rede in der Passage), allenfalls angekündigt, schwerlich aber bei einer szenischen Aufführung durchgeführt (vgl. dazu → Kap. 11. 8. 14, auch → Kap. B 6.4.2 und → Kap. C 5.2.1a). Wie häufig in der TC , ersetzt Lucienberger die womöglich ausführliche Schilderung einer Handlung im Epos durch die Aufforderung dazu in der Dramatisierung. Der Ausblick auf die Zukunft des Troja-Spiels im künftigen Rom entfällt bei Lucienberger völlig. - Noch rigoroser verhält sich Lucienberger gegenüber Vergils Schilderung vom Ritus der Kriegs-Eröffnung: Die ganze Passage der Aeneis 7,601-622 wird gegen Ende von TC VI -7 übergangen. Es verbleiben, sozusagen als Rest oder als Erinnerung, zwei von Lucienberger neu gedichtete Verse des Latinus ( TC 6,7,073 f.), in denen der König erklärt: Limina non resero belli. Er wolle keinen Krieg eröffnen, sondern lieber als Herrscher resignieren. Es findet in der TC keinerlei Ritus der Kriegs-Eröffnung statt; keine Juno stößt 92 Augustus (63 v. Chr. - 14 n. Chr.) hat sich in seinem Tatenbericht ( Res gestae 13) gewissermaßen umgekehrt gerühmt, dass er den Tempel des Janus, der vor seiner Geburt seit Gründung der Stadt (753) erst zweimal geschlossen worden sei, gleich dreimal geschlossen habe, als Zeichen dafür, dass ein durch Siege gefestigter Friede errungen sei. Historisch gesichert sind die beiden ersten Schließungen im J. 29 v. Chr. (nach der Schlacht von Aktium und dem Fall von Alexandria) und im J. 23 v. Chr. (nach Beendigung der Kriege in Spanien). Logischer Weise muss also vor Beginn der Kämpfe in (Gallien und) Spanien, also um das Jahr 27 v. Chr., eine rituelle Öffnung der Kriegspforten stattgefunden haben, und zwar vermutlich durch Augustus selber, der zwischen 31 und 23 v. Chr. ununterbrochen einer der beiden dafür zuständigen Consules ordinarii war - die erste seit Menschengedenken (konkret seit 235 v. Chr.), die einzige, die Vergil persönlich miterlebt haben könnte. <?page no="294"?> 294 D Analysen (wie bei Vergil) die „Pforten des Krieges“ auf. Stattdessen bietet Lucienberger in einer ganz neu geschaffenen Passage am Schluss von TC VI -7 eine Neuerfindung: Turnus, der offensichtlich die Führungsstellung okkupiert hat, lässt eine Art Mobilmachungsbefehl für ganz Latium, zumal für die proceres oder duces , ergehen ( TC 6,7,075-086), der sogar wörtlich, als Tenor edicti mit der (unmetrisch beigefügten) Unterschrift Turnus Regis gener , in TC 6,7,081-086 zitiert wird.; vgl. dazu → Kap. 9.3.5. Lucienberger verzichtet also auf die beiden Aitiologien, die sich in der Aeneis finden, aber er führt selbständig eine neue ein. Es ist ein Ritus nicht der Kriegs- Eröffnung, sondern der Kriegs-Beendigung: Aeneas weiht als Sieger die Waffen den Göttern: Victor ego affigo sic diis poscentibus arma ( TC 10,9,029). Und dabei gibt Aeneas selber die Anordnung, seine Nachfahren sollten diesem seinem Beispiel folgen ( TC 10,9,029-033). - In der Aeneis ist es in beiden Fällen (Troja- Spiel und Janus-Pforten) nicht eine Person des Epos, die die Fortführung des Ritus anordnet, sondern der Autor, der sie als historischen Ausblick ankündigt. Die Darstellung der Waffen-Weihung des Aeneas in der TC klingt so, als ob Lucienberger den Aeneas den Ritus der spolia opima stiften lässt, jenen römischen Brauch, die sog. Feldherrnbeute den Göttern, konkret dem Jupiter Feretrius (der das Beute-Tragen im Namen trägt) in seinem Tempel auf dem Kapitol, zu weihen. Dieser Tempel und dieser Brauch sollen vom Gründer Roms, von Romulus selber, gestiftet worden sein. Als spolia opima galt nur eine erbeutete Rüstung, die der römische Oberfeldherr im persönlichen Kampf mit dem Führer der Feinde errungen hatte. (Livius 4,20,6 formuliert: ea rite opima spolia habentur, quae dux duci detraxit ). Diese Bedingung wurde nur selten im Lauf der römischen Geschichte erfüllt, zuerst 93 von Romulus selber. 93 L i v i u s bringt in diesem Kapitel 4 , 2 0 , 5 - 1 1 , das für seine Methodik aufschlussreich ist (eine vielseitige Interpretation bietet der Kommentar zu Livius I-V von R. M. Ogilvie, Oxford 1965, 563 f.), eine eigenartige Nachricht: Er selber habe, wie seine Vorgänger, zunächst berichtet, dass A. Cornelius Cossus im J. 437 als Militärtribun die (nach Romulus) zweiten Spolia opima im Tempel des Jupiter Feretrius gestiftet habe. Das hätte aber die schärfere Vorbedingung für spolia opima ( quae dux duci detraxit ) nicht erfüllt (denn ein Militärtribun ist kein Oberbefehlshaber). Aber Augustus persönlich, der eben diesen verfallenen Tempel restaurierte hatte, habe bezeugt, er habe auf der Leder-Rüstung (die damals rund 400 Jahre überdauert haben müsste! ) als titulus gelesen, Cossus habe sie als Konsul (also nicht als Militärtribun - andere Historiker überlieferten: als Magister equitum oder als Konsulartribun) - was er im J. 428 v. Chr. war - geweiht. Livius glaubt dem Augustus (was Ogilvie, 1965, 563 aber nicht tut) und dem Cossus: vor Jupiter und Romulus lüge man nicht. (Ogilvie hält aber eine Selbstbezeichnung im 5. Jh. als consul für unhistorisch, zutreffend wäre praetor gewesen. - Als legitimer Stifter von spolia opima galt sonst nur noch M. Claudius Marcellus im J. 222 v. Chr. - Den Anspruch des M. Licinius Crassus, eines Enkels des gleichnamigen Triumvirn, wies Augustus im J. 29 v. Chr. <?page no="295"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 295 D 6.3.3 Die Bedeutung der Weihung von Beutewaffen in der Aeneis Es wäre durchaus eine legitime Fortschreibung der Aeneis, wenn Lucienberger mit der Waffen-Weihung durch Aeneas im letzten Akt der TC X-9 hätte darstellen wollen, dass Aeneas die Rüstung des soeben im Zweikampf getöteten Turnus jetzt als spolia opima den Göttern weiht. Zum einen wäre die Bedingung quae dux duci detraxit in diesem Fall zweifellos erfüllt. Zum andern würde Aeneas anders handeln als Tu r n u s selber. Dieser, der Oberbefehlshaber der latinischen Alliierten, hat zuvor seinerseits im Zweikampf den jungen Pallas getötet, den Arkader-Prinzen, den man als selbständigen Führer der Streitmacht eines mit Aeneas verbündeten Reiches auffassen könnte. (In der Tat bezeichnet Pallas sowohl bei Vergil als auch bei Lucienberger die erhofften Beutewaffen des Turnus in Aen. 10,449 = TC 8,4,078 als spolia opima , und Lucienberger lässt zudem umgekehrt Turnus in TC 8,4,096 das Analoge sagen.) Turnus hat aber als Sieger die Rüstung des von ihm getöteten Pallas nicht den Göttern geweiht, sondern mindestens den kostbaren goldbesetzten und mit einer Darstellung aus dem Danaiden-Mythos geschmückten Schwertgurt des Pallas an sich genommen und selber getragen (Aen. 10,495-500). Dass ihm das eines baldigen Tages zum Verhängnis werden wird, darauf hat der Autor Vergil bereits damals in klaren Worten vorausgedeutet: in Aen. 10,501-505a. Und tatsächlich führt der fast zur Schonung des besiegten Turnus entschlossene Aeneas am Schluss des Epos den Todesstoß erst und deshalb aus, weil er an Turnus’ Brust jenes Beutestück blitzen sieht, das Turnus dem jungen Pallas abgenommen hat. Aeneas tötet Turnus quasi als Pallas (Aen. 12,940-952). Es würde also gewissermaßen als konsequent erscheinen, wenn Aeneas bei Lucienberger die Rüstung des Turnus, in genauem Gegensatz zu dessen Handeln, den Göttern weihen würde. Eine ähnliche Weihung hat Aeneas bei Vergil in der Tat schon zuvor vollzogen. Er hat den vertriebenen König der Etrusker und jetzigen Bundesgenossen des Turnus, M e z e n t i u s , im Zweikampf getötet (in der Schluss-Partie von Aen. X, auch von Lucienberger in der letzten Szene seines Aktes TC VIII -7 übernommen). Die erbeutete Rüstung könnte man als spolia opima selbst in strengster Bedeutung betrachten. 94 Und Aeneas weiht sie zu Beginn von Aen. XI in der Tat zurück: jener habe seinen Sieg über Deldo, den Anführer der Bastarner, nur als Unterfeldherr des Augustus errungen. 94 Nur erwähnt sei eine dritte Weihung von Beutewaffen in der Aeneis, die keine nähere Analogie zu spolia opima darstellt. Sie erfolgt im Anschluss an die Tötung des Mago (so Lucienberger) bzw. Magus (so Vergil) in der 2. Aristie des Aeneas (s. dazu Näheres in → Kap. D 4.1.3). In der TC ist schwer verständlich, was es denn mit der einzeiligen Erklärung des plötzlich auftretenden Serestus arma tibi haec statuo magnum, Gradive, trophaeum in TC 8,4,111 auf sich hat, die überflüssiger Weise nur das wiederholt, was bereits die direkt davor stehende Regiebemerkung Serestus hostilia arma Marti consecrat <?page no="296"?> 296 D Analysen den Göttern, allerdings nicht dem (sozusagen noch nicht existierenden) Jupiter Feretrius und schon gar nicht in einem (ihm nicht zur Verfügung stehenden) Tempel, sondern dem Mars (der als magne bellipotens apostrophiert wird) in Form eines Tropaeums, eines aus den an einem Baumstamm aufgehängten Rüstungsstücken des besiegten Mezentius gebildeten Siegesmals (Beschreibung in Aen. 11,4-11). - Lucienberger hat allerdings zu Beginn von TC IX -1 die ausführliche Beschreibung des Tropaeums bei Vergil in der TC nicht wiederholt - vielleicht deshalb, weil er voraussetzte, dass ein Zuschauer dieses Tropaeum bei einer szenischen Aufführung direkt vor Augen haben würde. Jedenfalls lässt er, in Umkehrung der Reihenfolge bei Vergil, Aeneas in seiner Ansprache an die trojanischen Kämpfer auf das Tropaeum des Mezentius zunächst ohne jede Anschaulichkeit hinweisen ( TC 9,1,002b-003 = Aen. 11,15b-16 haec sunt spolia et de rege superbo / primitiae manibusque meis / Mezentius hic est), bringt dann aber bei einer zweiten Erwähnung ein Element, das bei Vergil fehlt: das Zitat der Weihinschrift ( TC 9,1,019 AENEAS HAEC DE RUTULIS FUGIENTIBUS ARMA ), die fast wie eine Siegesinschrift wirkt. Diese (gegenüber Vergil zusätzliche) Inschrift auf den Beutewaffen des Mezentius in der TC , die mit der Apostrophe bellipotens … tibi, magne dem Gott Mars gewidmet sind, erinnert gleichzeitig an eine frühere Gelegenheit, bei der Aeneas eine merkwürdige Art von Siegesdenkmal errichtet hat: Als Aeneas auf seiner „Irrfahrt“ im östlichen Mittelmeer glücklich das Gebiet der Griechen, der Sieger über Troja, passiert hat, weiht er in einer Ruhepause bei (dem seit Augusteischer Zeit weltberühmten) Aktium (an der Küste von Epirus) in einem Tempel einen S c h il d „ d e s g r o ß e n A b a s “ (welchem Gott, bleibt offen). Er lässt dabei die für ein Siegesmal paradoxe Inschrift anbringen (Aen. 3,288 = TC 1,5,109) AENEAS HAEC DE DANAIS VICTORIBUS ARMA ; stilisiert sich damit geradezu als Sieger über die (bisher) siegreichen Griechen. Dabei sind die Aeneaden auf ihrer bisherigen Fahrt von Troja bis Aktium, mit Landungen in Thrakien, Delos, besagt. Nur aus Aen. 10,541 wird die Verbindung zwischen Aeneas, Magus und Serestus deutlich: nämlich dass Aeneas selber Serestus (einen immerhin 8-mal in der Aeneis genannten Trojaner; er ist nicht identisch mit dem 10-mal genannten Sergestus) beauftragt (in Form einer Feststellung), die Weihung der Spolien, der Beutewaffen des Magus, an Mars zu übernehmen. - Auch Pallas kündigt in TC 8,4,072 = Aen. 10,423 an, die Beutewaffen des besiegten Hal(a)esus dem Gott des Tibers zu weihen. - Ähnliches plant Camilla in TC 9,6,033 mit der Beute des prächtig gewandeten Priesters Chloreus, während in der Vorlage, in Aen. 11,778 f., auch die andere Alternative, sich selber mit der Beute zu schmücken, als Motiv Camillas für ihre unbesonnene Jagd auf Chloreus unterstellt wird. - Wenn der im „Boxkampf “ über Dares siegreiche Entellus dem Eryx opfert und dabei in TC 4,3,132 = Aen. 5,484 sagt Hic victor caestus artemque repono, spricht er nicht von Beutewaffen, sondern meint seine eigenen caestus ; er wird sie in Zukunft nicht mehr führen. Das ist (vielleicht) ein Vorbild für die Konzeption der Waffen-Niederlegung des Aeneas in der Schluss-Szene der TC, s. dazu gleich → Kap. D 6.3.5. <?page no="297"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 297 Kreta und auf den Strophaden überhaupt nicht mit griechischen Feinden zusammengetroffen. Im Fahrtbericht in Aen. III spricht Aeneas von evasisse tot urbes Argolicas und von einer fuga per medios hostes (Aen. 3,282 f.). Außerdem wird von Vergil nicht erklärt, wie denn Aeneas in den Besitz des Schildes dieses nur hier erwähnten magnus Abas (der nach dem Sinn der Inschrift ein Grieche gewesen sein muss) gekommen sein mag (und deshalb rätseln von der Antike bis heute die Kommentatoren darüber). - All diese Unklarheiten haben Lucienberger nicht daran gehindert, die ganze Passage bei Vergil praktisch wörtlich in TC 1,5,105-109 zu übernehmen. Und es ist evident, dass die in Aen. 3,288 zitierte (und in TC 1,5,109 wiederholte) Inschrift auf dem Schild des Abas das direkte Vorbild für jene nur von Lucienberger gebotene Inschrift auf der Rüstung des Mezentius in TC 9,1,019 ist. Die Weihung des Abas-Schildes mit seiner ironisch klingenden Aufschrift stellt noch keine nähere Parallele zur Weihung von spolia opima dar, wohl aber die Errichtung des Tropaeums über Mezentius. D 6.3.4 Ein Seitenblick auf Augustus Für eine Weihung von Beutewaffen könnte man auch auf den größten Nachfolger des Aeneas verweisen, zu dem er in einem typologischen Bezug von Vorbild und Erfüllung steht: auf Augustus. Augustus hat nie für sich in Anspruch genommen, spolia opima im strengen Wortsinn errungen zu haben. (Er galt in seinen jungen Jahren bis mindestens zur Schlacht von Aktium, wo sein Admiral Agrippa den Sieg für den 34jährigen Oktavian erkämpfte, keineswegs als Held. Die Propaganda seines Gegners Antonius stellte ihn sogar als Versager in der Funktion eines Feldherrn hin. 95 ) Aber „gewöhnliche“ Beutewaffen hat Augustus sehr wohl geweiht. Er hatte ja durch seine Generäle, die unter seinen Auspizien, d. h. seinem Oberbefehl, kämpften, zahllose Siege errungen, für die der Senat den Göttern 55 Dankfeste mit insgesamt 890 Feiertagen widmete (vgl. dazu und zu weiteren Ehrungen ob seiner Siege Res gestae 4). In seinem Tatenbericht erwähnt er ( Rest gestae 29) nur jene militärischen Feldzeichen, die andere römische Feldherren früher in Spanien, Gallien, Dalmatien und vor allem bei Kämpfen gegen die Parther verloren hatten, die er aber durch Siege oder Verhandlungen zurückgewonnen hatte. Diese ließ er im Tempel des Mars ultor aufbewahren. 96 95 Vgl. etwa Suet. Aug. 10,4; 13,1; besonders 16,2. Immerhin wurde er in einem der beiden Kriege, die er persönlich (und nicht, wie die übrigen, durch Unterfeldherrn) führte, in dem gegen die Dalmater, mehrfach verwundet: Suet. Aug. 20. 96 Aug. Res gestae 29, ferner Suet. Aug. 18. - Eine Abschrift der Res gestae des Augustus, das Monumentum Ancyranum, ist zwar bereits im J. 1555 von G. van Busbeck in Ankara entdeckt, allerdings als die sog. „Königin der Inschriften“ erstmals 1861 publiziert worden. Lucienberger konnte sie noch nicht kennen, wohl aber die Augustus-Vita Suetons. <?page no="298"?> 298 D Analysen Alle diese Betrachtungen (in → Kap. D 6.3.1-4) legen nahe, die Waffen, die Aeneas in der Schluss-Szene TC X-9 den Göttern weiht und dabei seine Nachfolger zur Wahrung einer so gestifteten Tradition verpflichtet, als Beute-Waffen zu betrachten (am ehesten als die erbeutete Rüstung des Turnus). D 6.3.5 Aeneas weiht nicht von Feinden erbeutete Waffen, sondern seine eigenen Aber das wäre eine Fehlinterpretation, auf die man nur verfallen kann, wenn man die Worte des Aeneas in der Schluss-Szene isoliert betrachtet und nur auf den einen Vers TC 10,9,029 Victor ego affigo sic diis poscentibus arma schaut, in dem der Begriff arma nicht näher spezifiziert ist. Doch schon die unmittelbar über diesem Vers TC 10,9,029 stehende Regiebemerkung klärt auf: Aeneas victor et triumphator arma s u a affigit. Vide Act. 6 Scena 3 : Es sind seine eigenen Waffen, 97 die Aeneas (nach Lucienbergers Konzeption) weiht. Diese Konzeption Lucienbergers ist keine überraschende ad-hoc-Erfindung in den letzten Versen seiner Dramatisierung der Aeneis, sondern sie ist von langer Hand vorbereitet und stellt die wohl wichtigste Neuerung Lucienbergers gegenüber der Aeneis dar. Es ist keine Abänderung der Aeneis, weil Vergil dieses Thema überhaupt nicht behandelt, sondern es ist eine allein von Lucienberger zu verantwortende Erweiterung der Aeneis, die er selber gewiss als eine Bereicherung betrachtet hat. Aeneas weiht - wie die Regiebemerkung präzisiert: als Sieger und Triumphator - seine Waffen den Göttern, die dies verlangen. Er stiftet damit ausdrücklich eine Tradition für die Zukunft: seine Nachkommen sollen nach dem Sieg über einen Feind auf dem Kapitol das Gleiche tun. In der zugehörigen Regiebemerkung (vor TC 10,9,029) verweist Lucienberger (es ist der einzige Querverweis innerhalb der ganzen TC ) auf TC VI -3. Man sollte also erwarten, dass dort, in der Szene TC VI-3, wo König Latinus erstmals die Gesandten des Aeneas in seiner Hauptstadt („Laurentum“) empfängt, auf diese triumphale Waffen- Weihung als Zeichen des Sieges vorgedeutet würde. Aber in TC VI -3 findet sich nichts Entsprechendes. Es ist nirgends vom Errichten eines Siegesmales oder auch nur allgemein von einem Triumph die Rede. Der Querverweis, der ohnehin nur dem Leser der Buchausgabe, nicht aber einem Zuhörer bei einer Rezitation oder dem Zuschauer bei einer Aufführung zugänglich ist, geht ins 97 Der Ausweg, sua arma durch eine Interpretation als „die (jetzt) in seinem Besitz befindlichen (erbeuteten) Waffen“ doch indirekt auf die vom getöteten Turnus erbeuteten Waffen zu beziehen, wird durch die gleich zu besprechende Partie TC 7,4,100-102 ausgeschlossen. <?page no="299"?> D 6 Zwei neue Handlungsketten: die Rolle Amatas und die Weihe der Waffen des Aeneas 299 Leere. 98 Aber der Querverweis erweist, trotz seiner Inkorrektheit, dass Lucienberger sich daran erinnerte, schon früher in der TC auf diese Waffenweihung durch Aeneas hingewiesen zu haben. Das ist auch tatsächlich der Fall. D 6.3.6 Vorverweise in der TC auf die Waffen-Weihe des Aeneas in der Schluss-Szene Am ehesten käme, wenn man mit einer leichten Verschreibung Lucienbergers rechnet, statt des verfehlten Rückverweises auf TC VI -3 eine Beziehung auf T C V- 3 als Anknüpfungspunkt für die Schluss-Szene in Frage: auf die von Lucienberger hinzugedichtete Schlusspassage der langen prophetischen Enthüllungen des Anchises in der Unterwelt ( TC 5,3,241-248; vgl. dazu → Kap. D 6.1.1). Das Kernstück dieser Weissagungen, die „Heldenschau“ in Aen. 6,756-886a, wird in der TC 5,3,055-180a wörtlich übernommen (vgl. dazu → Kap. D 3.6.2b). Diese bis in die Gegenwart des Dichters führenden Prophezeiungen werden aber von Lucienberger (durch TC 5,3,180b-248) um einen Ausblick auf die nähere Zukunft, das Schicksal des Aeneas in Latium, wesentlich erweitert. Darin werden der finale Sieg des Aeneas, seine Heirat mit Lavinia und seine Herrschaft in Latium vorausgesagt. Aber auch dort ist nur vage (in TC 5,3,247 f.) von bene parta trophaea und von tantis triumphis die Rede, nicht aber konkret von der Weihung der siegreich geführten Waffen. Sehr wohl aber wird die finale triumphale Aktion des Aeneas, dass er ganz am Ende des Dramas seine Waffen den Göttern weiht, vorbereitet in den Schlussversen von T C V I I - 4 . Das ist die genau angemessene Stelle: Hier erhält Aeneas eben die Waffen, die er am Ende den Göttern weihen wird. Aeneas reagiert dort auf den Empfang neuer Waffen, die (Vulcanus) der Gatte seiner göttlichen Mutter Venus geschaffen hat (wie diese ihm in Aen. 8,612-614 = TC 7,4,095-097 eröffnet), mit einer Anrede an eben diese Waffen in TC 7,4,099-102: Salvete, o magnos mecum ingressura tumultus, sed maiora mihi tandem allatura trophoea, arma, dei munus. Non vos prius arbore figam, quam mea ducat ovans de Turno dextra triumphum. 98 Man könnte auf die Idee kommen, dass es sich bei dem jetzt sinnlosen Verweis auf TC VI-3 um ein Relikt aus einer früheren Fassung der TC handelt, als Lucienberger einer anderen Akt- und Szenen-Einteilung folgte, vielleicht einer solchen, wo ein Akt der TC einem Buch der Aeneis entsprach. Dann würde von den beiden gleich diskutierten wirklichen Vorverweisen auf die Schluss-Szene TC X-9 wenigstens der erste, allerdings vage, in der Prophezeiung des Anchises über den endlichen Sieg des Aeneas in Latium in einen solchen hypothetischen Akt VI der Ur-TC gehören (nicht aber der zweite und wichtigere Vorverweis, im Zusammenhang mit der Waffenübergabe an Aeneas durch Venus in Aen. VIII). <?page no="300"?> 300 D Analysen Dass der von Vulcanus gefertigte Schild mit Bildern aus der künftigen römischen Geschichte verziert worden ist, erwähnt Lucienberger mit keinem Wort, denn er übergeht die ganze „Schildbeschreibung“ Vergils in Aen. 8,617-728. Während bei Vergil Aeneas diese Bilder bewundert, aber nicht versteht, weil Venus sie ihm nicht erklärt, sondern nur der Autor Vergil dem Leser, sind sie bei Lucienberger gewissermaßen gar nicht existent. Der Aeneas Lucienbergers begrüßt seine neuen Waffen emphatisch mit salvete, o … arma . Vergil dagegen lässt Aeneas stumm und verständnislos (wenn auch bewundernd) gegenüber den Darstellungen den Schild in Empfang nehmen. Der Aeneas Lucienbergers erwartet von seinen neuen Waffen, der Gottesgabe, dass sie ihm nach harten Kämpfen schließlich noch größere Trophäen erringen werden. Er werde sie nicht eher an einem Baum anheften (also in primitiver Weise als Weihgeschenk an die Götter stiften), als er den Triumph über Turnus errungen habe. Diese Ankündigung am Ende von TC VII -4 löst Aeneas mit seinen letzten Worten im Drama in TC X-9 ein. (Signifikant ist die Entsprechung non prius TC 7,4,101 und non prius TC 10,9,031). Beide Passagen sind von Lucienberger hinzugedichtet; sie beziehen sich aufeinander und erklären sich gegenseitig. Durch diese Ankündigung des Aeneas in TC 7,4,101 f., die sich eindeutig auf die eigenen neuen, von Vulkan geschmiedeten Waffen bezieht, wird - noch stärker als durch die Regiebemerkung vor TC 10,9,029 - zweifelsfrei erwiesen, dass Lucienberger den Aeneas am Schluss der TC seine eigenen, von Vulkan geschmiedeten Waffen weihen lässt, keine Beutewaffen. 99 D 6.3.7 Zur Bedeutung der Waffen-Weihe am Schluss der TC Einem Leser, Zuhörer oder Zuschauer muss es erlaubt sein, sich diese geweihten Waffen des Aeneas konkret vorzustellen. Allerdings: Wenn ein Leser der Buchausgabe, ein Zuhörer bei einer Deklamation oder auch ein Zuschauer bei einer Aufführung der TC nur Lucienbergers TC kennen sollte, nicht aber die Aeneis, dann „sieht“ er die Bilder auf dem Schild nicht vor seinem geistigen Auge (und vermutlich auch bei größter Scharfsichtigkeit nicht mit den leiblichen Augen auf dem vom Ausstatter der Aufführung angefertigten Schild): Lucienberger hat ja in TC VII -4 die ganze Schildbeschreibung Vergils in Aen. 8,617-728 übergangen. Die Übergabe der arma Vulcania durch Venus an Aeneas findet zwar in den Schlussversen dieser Szene statt (in 99 Es ist kein Beweis für, aber doch eine Bestätigung dieser Interpretation, dass Vergil die arma Volcania des Aeneas letztmals auktorial in Aen. 12,379 erwähnt, Lucienberger aber Aeneas diese seine Waffen unmittelbar vor seinem Todesstoß für Turnus in TC 10,8.021 pathetisch anredet ( dextra mihi, deus et mucro Vulcaniaque arma / nunc assint ). <?page no="301"?> D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC 301 TC 7,4,095-102), aber der Leser oder Zuhörer der TC erfährt nichts von den Bildern der römischen Zukunft auf dem Schild des Aeneas. Aber ein Kenner Vergils kann und darf sich ein „Bild“ machen, das das geistige Konzept Lucienbergers illustriert. Aufgehängt an jenem Baum in der letzten Szene von Lucienbergers TC sind nicht die von Turnus erbeuteten Waffen. Das wäre ein Symbol der Vergangenheit und des blutigen Endes der Kämpfe. Geweiht sind die eigenen Waffen und besonders der Schild des Aeneas. Die Bilder auf dem Schild weisen in die Zukunft, auf wichtige Episoden der künftigen römischen Geschichte, die im Triumph des Augustus nach der Schlacht von Aktium gipfeln. Und vielleicht will Lucienberger auch andeuten, dass Aeneas der eigenen Waffen nicht mehr bedarf. Abgelegte Waffen könnten Frieden bedeuten. Aber es ist wenig wahrscheinlich, dass Lucienberger diesen Aspekt im Auge hatte. Das Ende der Aeneis bildet der Todesseufzer des besiegten Feindes. Die Tragicocomoedia Lucienbergers endet im Triumph des Aeneas. Dass er dabei seine Waffen den Göttern weiht, könnte eine „friedliche“ Neudeutung des Begriffes der spolia opima sein. Aber was Lucienberger den Aeneas bei seiner Stiftung des Ritus der Waffenweihe sagen lässt, ist voll von den alten herkömmlichen Begriffen des Siegens, Beutemachens und des Ruhmes. Die letzten Worte des Aeneas, die Verse TC 10,9,031-033, enthalten den Appell an seine Nachkommenschaft, an den Römer (in prosaischer Anordnung der Wörter): strato fortiter hoste triumphanti dextra clara proemia ad Capitolia ferat et Romam ingenti honore decorabit . D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC D 7.1 Achates versucht (in TC II-6) Ascanius zu erziehen Ascanius ist in der TC ein gut erzogener Junge. Eine Schlüsselstelle dafür ist jene wenig beachtete Szene der Aeneis, als der von Dido freundlich in Karthago aufgenommene Aeneas, getrieben von väterlicher Liebe, den treuen Achates an den Strand schickt, damit er den dort bei den aus dem Seesturm geretteten Schiffen zurückgelassenen Ascanius herbeihole; er soll dabei genau bezeichnete kostbare Geschenke für Dido in die Stadt mitbringen (Aen. 1,643-656). Dem Ascanius nämlich ist die ganze Liebe des Aeneas gewidmet ( omnis in Ascanio cari stat cura parentis , Aen. 1,646). Achates eilt zu den Schiffen, um den Auftrag des Aeneas auszuführen. Soweit erzählt das Vergil in einem Passus, der keine wörtliche Rede enthält; der Auftrag des Aeneas an Achates wird nur referiert. Nach Aen. 1,656 springt Vergil auf einen ganz anderen Schauplatz, zu einer Götterszene: Venus wendet sich an ihren Sohn Amor / Cupido und bewegt ihn dazu, Gestalt <?page no="302"?> 302 D Analysen und Rolle des Julus / Ascanius zu übernehmen; diesen ihren Enkel versetzt sie stattdessen in einen ihr heiligen Hain auf Zypern (Aen. 1,657-694). Dann erzählt Vergil, dass der gehorsame Cupido mit den gewünschten Geschenken sich nach Karthago begibt (Aen. 1,695 ff.). Bei Lucienberger ist der Hergang im Prinzip derselbe: Aeneas gibt Achates den Auftrag, Ascanius nebst bestimmten Geschenken nach Karthago zu holen ( TC 2,4,142b-152, unter fast wörtlicher Umsetzung der auktorialen Erzählung in Aen. 1,643-656 in eine Rede), Achates versichert in dem neuen Schlussvers von TC 2,4,153 seinen Gehorsam (wie es in der TC öfters nach Befehlen der Fall ist); dann folgt in einer neuen Szene TC II -5 die wörtlich aus der Aeneis übernommene Vereinbarung der Venus mit Cupido, auch hier mit zwei Zusatzversen ( TC 2,5,026 f.), mit denen Cupido seine Willfährigkeit bekundet. Aber danach kehrt Lucienberger in TC II -6 zu der Situation auf der Erde zurück, zu Achates und dem echten Ascanius. 100 Achates wendet sich in den ersten Versen der neuen Szene ( TC 2,6,001-005) mit folgenden fünf Hexametern an Ascanius: In te solo omnis cari stat cura parentis, 101 Ascani, et ipse iubet, venias ut comptus in urbem. Sint nitidae vestes cura nitidusque galerus et faciem munda atque manus aptaque cothurnos. Ingressus patrem reginam omnesque saluta. Auf dich allein konzentriert sich die ganze Liebe des Vaters, Ascanius, und er selber befiehlt, dass du gepflegt in die Stadt kommst. Sorge dafür, dass deine Kleider und die Pelzmütze strahlend sauber sind! Und wasch Gesicht und Hände und zieh die Stiefel an! Wenn du eintrittst, grüße den (a) Vater, (b) die Königin und (c) alle! Das sind doch nun wahrlich beherzigenswerte Ratschläge oder besser Anweisungen für ein anständiges Benehmen, wenn sich ein Jugendlicher in die 100 Im Personenverzeichnis zu TC II-6 wird zwar nicht der echte Ascanius, sondern nur ein Iulus mutatus aufgeführt, aber die jetzt zu besprechende Belehrung in höfischem Betragen hat eigentlich nur Sinn gegenüber einem Ascanius non mutatus . Theoretisch könnte zwar ein doppelbödiger Witz Lucienbergers darin liegen, dass er Achates ausgerechnet in Cupido einen Götterspross zu anständigem Betragen bei Hofe anhalten lässt, der im Mythos oft als ungezogener Junge erscheint (und gelegentlich von seiner Mutter Venus gezüchtigt wird). Aber bei einer solchen angestrebten Doppeldeutigkeit hätte Lucienberger die Mutter des Jungen wohl kaum direkt Creusa (wie hier in TC 2,6,006) genannt, sondern ein bloßes zweideutiges mater verwendet. 101 Nur dieser erste Vers TC 2,6,001 mit seinen vier gewichtigen Spondeen stammt (leicht abgewandelt) von Vergil (Aen. 1,646). <?page no="303"?> D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC 303 Gesellschaft Erwachsener und zudem fürstlicher Herrschaften begeben soll: Sauberkeit des Körpers (Gesicht und Hände wird man als pars pro toto corpore inklusive der Zähne verstehen dürfen)! Nicht nur saubere, sondern auch anständige, schicke Kleidung (Pelzmütze, wie einem Fürstensohn ansteht; Schuhe, die ihn größer erscheinen lassen, also nicht diese flachen Sandalen)! Und dann, wenn du in den Palast eintrittst, nicht das Grüßen vergessen, und zwar in der Reihenfolge: (a) Vater, (b) gastgebende Königin, (c) kumulativ alle. Das ist doch ein Verhalten, wie es der Anstand von jungen Leuten, zumal Jugendlichen fürstlichen Geblüts, immer und ewig fordert: sei es im 12. Jh. v. Chr. (erzählte Zeit), im 1. Jh. vor oder im 16. Jh. nach Chr. (Erzählzeit) oder im 21. Jh. (Schreibzeit). Deshalb hoffen wir Leser, dass Ascanius diese weisen Lehren anständigen, zumal höfischen Benehmens auch beherzigt. Aber Lucienberger hat ihn dem Achates mit drei selbstbewussten Versen ( TC 2,6,006-008) antworten lassen: Ne me praeceptis toties his instrue, Achates! Ista scio et mater docuit me cuncta Creusa. Ingenui sunt ingenuis (mihi credito) mores. Belehr mich nicht so oft mit diesen Anweisungen, Achates. Ich weiß das, und Mutter Creusa hat mir das alles beigebracht. Glaub mir: Adelige haben adelige Sitten. Eine wahrhaft adelige Entgegnung! Achates, du nervst mit deinen ewigen Anstandsregeln! Das habe ich doch alles schon mit der Muttermilch eingesogen! Wer von Adel ist, der benimmt sich auch so! Und in der Tat, es bleibt nicht bei diesen seinen selbstbewussten Worten. Ascanius bewährt sie auch durch die Tat. Sein wahrhaft königliches Auftreten bemerkt schon ein karthagischer Höfling beim Auftreten des Ascanius oder besser jetzt des Iulus mutatus. 102 Als dann der Jüngling den Palast Didos betritt, sagt er hexametrisch: (a) Salve, care pater! (b) Salve, regina! (c) Pudicae matronae et proceres (d) et tu virguncula, salve! 102 Nach TC 2,6,009, der Antwort des echten Ascanius an Achates, muss man einen Ortswechsel annehmen. In dieser im Drama ganz unmarkierten Fuge ist auch der Austausch des echten Ascanius mit Cupido anzusetzen. Jedenfalls bewundert Bicias das „königliche“ Auftreten des vermeintlichen Ascanius in einem anderen Ambiente, nämlich jetzt am Hofe Didos: Regia progenies regali incedit honore (TC 2,6,009). <?page no="304"?> 304 D Analysen Ascanius / Cupido hält sich also an die Begrüßungs-Hierarchie, über die ihn Achates belehren wollte. 103 Er geht sogar, wie es sich geziemt, über die Forderungen seines Lehrmeisters Achates hinaus und begrüßt (d) noch ein „Jungfräulein“, offenbar Anna, die (anscheinend jüngere) Schwester Didos! Genau genommen ist es gar nicht der echte junge Ascanius, der sich hier so hervorragend auf dem glatten Parkett höfischer Etikette bewegt, sondern der ihm ähnliche Cupido, sein auf ewig auf der Stufe eines unberechenbaren Knaben stehengebliebener göttlicher Halb-Onkel. (Cupido gilt in der Antike als Sohn der Venus mit Mars; Ascanius ist über seinen Vater Aeneas ein Enkel der Venus.) Obwohl Cupido / Amor / Eros in der antiken Dichtung sonst gern als ein selbst von der Mutter Venus nicht recht zu bändigender ungezogener Junge dargestellt wird, hat er hier nicht nur das Aussehen des Ascanius übernommen, sondern auch die adeligen Manieren dieses Jünglings, den er vertreten soll. Die kleine, humoristisch anmutende Episode mit dem überflüssigen Versuch einer Prinzenerziehung durch Achates in TC II -6 gehört zu den relativ wenigen materiellen Erweiterungen der Aeneis durch Lucienberger. Sie ist mir gleich bei der ersten Lektüre der TC aufgefallen und ich habe sie in einer Gymnasialzeitschrift in einer leicht satirisch gefärbten Vorwegpublikation behandelt. 104 Dieser von Lucienberger erfundene Wortwechsel zwischen Achates und Ascanius ist das wohl deutlichste Beispiel und Beleg dafür, dass Lucienberger wirklich die Aeneis und seine darauf fußende Dramatisierung, die TC, als ein für die Jugendbildung, speziell für die Erziehung jugendlicher Fürsten, wertvolles Werk aufgefasst hat. Diesen Aspekt hat er ja in seiner Einleitung zur TC , der Epistola dedicatoria, breit ausgeführt (s. dazu das einschlägige → Kap. B 4.2). 103 Ich selber hätte eigentlich erwartet, dass Ascanius als erste die gastgebende Königin und erst dann seinen Vater zu begrüßen hatte; aber ich bin nicht bewandert im königlichen Protokoll und schon gar nicht in dem des 16. Jh.s. Lucienberger selber aber hatte in seiner Jugend eine ungewöhnliche aristokratische Ausbildung genossen, s. seine Biographie in → Kap. A 2. 104 W. Suerbaum, Vergil als Jugend-Erzieher. Achates gibt Ascanius Anweisungen für anständiges Verhalten bei Hofe (Aen. I 643 ff.), Die Alten Sprachen im Unterricht (DASiU) 57, 2009, Heft 4, S. 2-8. Ich habe darin zunächst den Eindruck erweckt, als stehe die Passage mit den Belehrungen des Achates für Ascanius (TC 2,6,001-008) in der originalen Aeneis und nachträglich gefragt, was einen aufmerksamen Leser am ehesten hätte misstrauisch machen können. Ich meine: Am ehesten hätte ihn die Forderung nach einem nitidus galerus skeptisch machen sollen: Ein pelzverbrämtes Barett wird man eher in der höfischen Tracht des 16. Jh.s als auf dem Kopf eines trojanischen Jungen erwarten. In der Aeneis Vergils kommt galerus nur einmal vor: In Aen. 7,688 tragen die Leute aus Praeneste, primitiv bewaffnete und gekleidete Bundesgenossen des Turnus, Kappen aus Wolfsfell. Den Trojanern dagegen wird in Aen. 4,216 höhnisch vorgeworfen, sie trügen eine „Mitra“ und zwar, wie in Aen. 9,616 noch gesteigert wird, in weibischer Art mit Bändchen ( et habent redimicula mitrae ). Der echte Ascanius würde also eine Mitra aufsetzen, jene berühmte „phrygische Mütze“. <?page no="305"?> D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC 305 Und er begnügt sich, wie die Belehrungs-Episode zu Beginn von TC II -6 zeigt, nicht damit, die originale Aeneis zu reproduzieren (jedenfalls weitgehend), sondern nimmt auch eine Gelegenheit wahr, sie durch pädagogische Zusätze wie den in TC II -6 vorliegenden zu bereichern. Allerdings kann man aus der abwehrenden Reaktion des Ascanius auf die Erziehungsversuche des Achates in TC 2,6,006-008 auch erschließen, dass Lucienberger selbstironisch (! ) allzu elementare oder allzu direkte Belehrungen - wie sein Sprecher Ascanius - ablehnt. D 7.2 Zwei zusammenhängende von Lucienberger neu erfundene Szenen: Aeneas gewinnt die Etrusker zu Bundesgenossen ( TC VIII -2 und VIII -3) Es gibt nur drei komplette Szenen, die Lucienberger neu erfindet (auch wenn er darin einige Vergil-Verse benutzt): die Schluss-Szene TC X-9 und die beiden zusammenhängenden Szenen TC VIII -2 und VIII -3. Diese drei Szenen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Man wird von vornherein vermuten, dass Lucienberger hier ein Manko in der Aeneis gesehen hat, das er durch eigene Hinzudichtungen kompensieren wollte. Eine genauere Betrachtung muss zeigen, ob eine solche Hypothese ein Vor-Urteil ist oder ob sie sich bestätigen lässt. D 7.2.1 Der Kontext von TC VIII 2-3 - Neuansatz in Aen. X / TC VIII Zunächst ist auf den K o n t e x t der neu von Lucienberger gedichteten Szenen TC VIII -2 / 3 einzugehen. Wie Vergil zu Beginn von Aen. X, so setzt auch Lucienberger in der Anfangsszene von TC VIII , in der Szene TC VIII -1, die TC VIII -2 / 3 vorausgeht, keinen der beiden zuletzt parallel geführten Handlungsstränge fort. Das war sowohl im Epos wie in der TC zum einen Aeneas’ Suche nach Unterstützung bei den Arkadern und den Etruskern (in Aen. VIII bzw. in TC VII -1, 2 und 4); zum andern die gleichzeitige Einkesselung der Trojaner in ihrem Schiffslager am Tiber durch die Latiner, der erfolglose Ausbruchsversuch des Nisus und Euryalus und der erste erfolgreiche Angriff der Latiner unter Turnus auf die Festung der Trojaner (in Aen. IX bzw. in TC VII 5-7). Mit Beginn des nächsten Buches (Aen. X) bzw. des nächsten Aktes ( TC VIII -1) führen beide Autoren einen dritten Schauplatz ein: den Olymp mit göttlichen Akteuren: Es folgt die einzige G ö t t e r v e r s a m m l u n g im Epos bzw. in der TC . Da Vergils Götterversammlung in Aen. 10,1-117 fast ausschließlich in vier Reden besteht ( Jupiter - Venus - Juno - Jupiter), hat Lucienberger keinerlei Probleme, seine Auftaktszene von TC Act. VIII zu füllen: Er bestreitet T C V I I I - 1 praktisch ausschließlich mit den in der Aeneis vorgefundenen Versen Aen. 10,6-15. 18-62a. 063b-095. 104-113a. <?page no="306"?> 306 D Analysen Übergangen hat Lucienberger mit Notwendigkeit oder jedenfalls in für ihn typischer Weise folgende Verse Vergils: (a) die die Situation der Götterversammlung schildernden Auftaktverse Vergils Aen. 10,1-5, (b) Redeeinleitungen mit den Namen der Sprecher Aen. 10,16-17a und 62b-063a, auch 10,100-103, (c) der Eindruck der Reden der Venus und Junos auf die Zuhörer, dessen Schilderung in Aen. 10,96-99 mit einem Gleichnis ausgestaltet ist (und Gleichnisse werden von Lucienberger generell nicht übernommen), (d) den Ausklang der Szene Aen. 10,113b-117. Wichtiger ist, dass Lucienberger eine ganze geschlossene Partie, die bei Vergil direkt auf die Götterversammlung folgt, nämlich Aen. 10,110-145, überspringt. Vergil schildert darin die Situation der belagerten Trojaner (mit Namensnennung mehrerer herausragender Verteidiger, so des Dardanius puer = Ascanius), die weiterhin von den Latinern bedrängt werden. Das ist also eine Anknüpfung an das Ende von Aen. IX, den einen der beiden parallelen Schauplätze. Erst dann geht Vergil mit Aen. 10,146 ff. zu dem anderen Schauplatz über, den er am Ende von Aen. VIII verlassen hatte: die Fahrt des Aeneas mit den neugewonnenen arkadischen und jetzt auch etruskischen Bundesgenossen auf dem Meer von der Küste bei Cervetri zur Tiber-Mündung. Lucienberger dagegen springt von der Götterversammlung in TC VIII -1 mit TC VIII-2 direkt zu jenem zweiten Handlungsstrang, zu Aeneas und Tarchon mit seinen Etruskern über. Er knüpft damit nicht an TC VII -7 (Sprung des Turnus in den Tiber), die Schluss-Szene des VII . Aktes, an, sondern an TC VII -4. Diese Szene der TC endet mit der Übergabe der neuen, von Vulcanus geschmiedeten Waffen an Aeneas (aber unter Weglassung der Schildbeschreibung Vergils) und deren Annahme, mit TC 7,4,094-102. Wo dies geschieht, bleibt offen. Jedenfalls hat Aeneas am Ende dieser Szene VII -4, anders als in Aen. 8,603-607, noch nicht das Lager der Etrusker unter Tarchon erreicht. Aeneas aber weiß auch bei Lucienberger von Tarchon und dem nach der Absetzung des Königs Mezentius führerlosen Heer der Etrusker: auch bei ihm hat, wie bei Vergil, der Arkader- König Euander dies alles dem Aeneas erzählt ( TC 7,4,001-050, wörtlich aus Aen. 8,470-519 übernommen). Euander hat Aeneas geraten, die Etrusker als Bundesgenossen für sich zu gewinnen. Der Leser / Zuschauer der TC wird annehmen dürfen, dass sich Aeneas mit 400 arkadischen Reitern auf den Weg zu den Etruskern macht, auch wenn die letzten Aktionen in VII -4 „nur“ in Regiebemerkungen zwischen TC 7,4,094 / 095 zum Abschied Euanders von seinem Sohn Pallas und zum plötzlichen Erscheinen der Venus bestehen: Euander motus dictis filii Pallantis exanimis cadit - Venus improviso hic venit et Aeneae adfert arma Vulcania . Nicht für die unmittelbare Weiterführung der Handlung, wohl aber für das Ende der TC wichtig sind die Schluss-Verse von TC VII -4, die von Lucienberger <?page no="307"?> D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC 307 erfundenen Worte, mit denen Aeneas auf die Übergabe der neuen Waffen reagiert. Er begrüßt dieses Geschenk eines Gottes in emphatischer Anrede ( salvete … arma ) und kündigt an, dass er mit ihnen ein Siegesmal ( trophaea ) errichten wird: Er werde sie („euch“) aber nicht eher an einem Baum (als Votivgabe) anheften, als seine Rechte den Triumph über Turnus errungen habe: Non vos prius arbore figam, / quam mea ducat ovans de Turno dextra triumphum ( TC 7,4,101b- 102). Diese Schluss-Verse der Szene TC VII -4 mit dem Tropaeum-Motiv werden noch Auswirkungen in der letzten Szene der TC haben, die in der Aeneis kein Gegenstück hat (s. dazu → Kap. D 6.3, besonders D 6.3.6). D 7.2.2 Inhalt der neu von Lucienberger erfundenen Szene TC VIII -2 Der Text der neu von Lucienberger erfundenen Szene (in TC VIII -2 werden allerdings am Anfang einige Vergil-Verse aus Aen. VIII benutzt) enthält keine Regiebemerkungen. Deshalb müssen die Aktionen der Figuren allein aus dem Text erschlossen werden. Zu den Akteuren der Szene TC VIII -2 mit 75 Versen: Im Personenverzeichnis für diese Szene erscheinen nur ein Bote ( nuncius , im Singular), der als Rex Etruriae bezeichnete Tarchon und Aeneas. Im Text wird die Boten-Rolle einmal von einem nuncius im Singular, dreimal von nuncii im Plural wahrgenommen. Ferner sprechen außer Tarchon und Aeneas noch die namentlich genannten Asylas, Astur und Cygnus. Aus dem Kontext ist zu erschließen, dass es sich um adelige Gefolgsleute ( proceres TC 8,2,052) Tarchons handeln muss. (In der Tat tauchen sie bereits in der nächsten Szene TC VIII -3, im Etrusker-Katalog, unter den 7 dort genannten etruskischen Führern wieder auf.) Aus dem Text von TC VIII -2 ist folgende von Lucienberger erfundene Handlung zu erschließen (wie immer, sind eingeklammerte Sätze von mir eingefügte Erläuterungen): Ein „Bote“ (Späher) meldet in TC 8,2,001 f. dem König (Tarchon), eine gewaltige Reiterschar sei gesichtet worden. (Es muss sich um Aeneas und Pallas mit den 400 arkadischen Reitern handeln.) (König) Tarchon gibt Befehl, schleunigst zu erkunden, wer sie sind und was sie wollen ( TC 8,2,003). Die (etruskischen) Kundschafter ( nuncii ) suchen die fremden Reiter auf und verbieten ihnen, das (etruskische) Gebiet zu betreten. Sie sollten ihrem König (Tarchon) ihre Herkunft und ihre Intentionen kundtun ( TC 8,2,004-006). Aeneas gibt zur Antwort ( TC 8,2,007-020), sie seien Trojaner, im Kampf mit den Latinern, von denen sie, Flüchtlinge, vertrieben würden; sie wollten jetzt zum König (Tarchon), um bewaffnete Hilfe zu erbitten. Die Kundschafter ( nuncii ) melden diese Antwort dem König ( TC 8,2,011 f.). Tarchon lädt Aeneas und seine Führer ( duces ) zu sich ein; deren Heer solle aber außerhalb der Mauern (seiner Stadt) bleiben ( TC 8,2,013 f.). Die Boten richten dies den Trojanern aus ( TC 8,2,015 f.). Aeneas mit <?page no="308"?> 308 D Analysen seinen Vornehmen ( cum principibus ) folgt der Einladung und begrüßt den König ( TC 8,2,017a). Tarchon erwidert den Gruß an Aeneas und seine Vornehmen ( proceres ) und fragt, warum die Trojaner fremde Lande aufsuchen und wohin sie wollen ( TC 8,2,017b-019). Aeneas will ihn in aller Kürze darüber aufklären ( TC 8,2,020-049): Troja sei aufgrund von Junos unauslöschlichem Zorn ob des Paris-Urteils vollkommen zerstört. Aber es sei der unerschütterliche Wille des Schicksals, dass jemand aus dem großen trojanischen Volk überdauere: er und sein Sohn Ascanius. Deshalb solle er nach dem Verlassen Trojas und dem Bestehen vieler Gefahren im Exil an anderer Stelle ein Reich, eine Stadt und ein Volk begründen, das dauern werde. Göttliche Prophezeiungen und Orakel hätten ihn beständig daran gemahnt, es sei der Boden Italien ( Ausonium esse solum TC 8,2,038), wo er sein neues künftiges Reich begründen solle. Jetzt, im 8. Winter, sei er nach langem Herumirren zu Wasser und zu Lande nach Latium in das gesuchte Land gekommen. Aber die Einwohner hätten sich versammelt und geschlossen einen ruchlosen Krieg gegen ihn begonnen, gegen das Schicksal und die Weisungen der Götter. Sie versuchten, ihn aus dem Gelobten Land ( promissa tellure ) zu vertreiben. Kriegstreiber seien an erster Stelle Turnus und Mezentius, der contemptor divum. Gegen diese suche er Unterstützung und Bündnis. Man wird diese Rede des Aeneas, die ihm Lucienberger in den Mund gelegt hat, als zutreffende Darstellung der Entwicklung, wie es zum Kampf der Latiner gegen die Trojaner gekommen ist, und der derzeitigen Situation bezeichnen müssen. So weit folgt Lucienberger der Sache nach Vergil, auch wenn in der Aeneis Aeneas den Tarchon nicht ausdrücklich über seine Lage und sein Anliegen aufklärt. Jetzt aber nimmt die Handlung bei Lucienberger eine überraschende Wendung. Man könnte erwarten, dass Tarchon aufgrund von Aeneas’ Berufung auf den Götterwillen (und auch aufgrund der Tatsache, dass einer von Aeneas’ Hauptgegnern der von Tarchon und seinen Etruskern vertriebene ehemalige Etruskerkönig Mezentius ist) diesem sofort seine Hilfe verspricht. Aber es kommt bei Lucienberger anders. D 7.2.3 Eine Neuerung: Ein König berät sich mit seinen Fürsten über das Eingehen eines Bündnisses König Tarchon gibt dem „größten Führer der Trojaner“ auf dessen Bitte um Hilfe und ein festes Bündnis ( suppetias et foedera certa ) nicht etwa sofort Bescheid, sondern ruft (mit TC 8,2,050 f.) seine Führer / Fürsten ( proceres ) zunächst zu einer Art Kronrat zusammen, um deren Meinung einzuholen. Er ersucht Aeneas ausdrücklich, sich eine Weile zu entfernen - offensichtlich, damit die Beratung nicht durch die Anwesenheit des Bittstellers beeinflusst wird. - Als nach einer Weile (eine solche Pause wird im gedruckten Buch von 1576 graphisch durch <?page no="309"?> D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC 309 *Sternchen* angedeutet) die Fürsten versammelt sind, fordert er sie unter Hinweis darauf, dass die Sache schwerwiegend sei und keinen Aufschub dulde, dazu auf, knapp und schnell ihre Meinung kundzutun. Allerdings beeinflusst Tarchon die Stellungnahmen sehr wohl, indem er nämlich vorweg (in TC 8,2,054-061) die Alternative, Partei zu ergreifen für Turnus / Mezentius oder für Aeneas, in klarer Weise gewichtet: Auf der einen Seite ein Turnus mit seinem angeborenen Hochmut und Mezentius mit seiner Wildheit und Ungerechtigkeit, auf der anderen Seite der trojanische Führer mit seiner Ausgeglichenheit, Klugheit und Beredsamkeit. Bei einem Bündnis mit Aeneas stehe ein dauerhafter Friede in Aussicht, Turnus und Mezentius brächen Bündnisse und heilige Gesetze, Turnus sei trotzig, Mezentius hasse den Frieden. Nach dieser Einstimmung durch König Tarchon gibt Asylas als erster seine Stimme ab ( TC 8,2,062-068). Er rät, Aeneas zu unterstützen, weil der nach langer Seefahrt hierhergekommen sei, indem er den Schicksalssprüchen und dem Geheiß der Götter folgte. Asylas verlässt sich dabei nicht nur auf die entsprechenden Beteuerungen des Aeneas selber (in TC 8,2,026-049) und erwähnt auch nicht die Bedingung des etruskischen Sehers, dass nur ein externus Führer der Etrusker sein dürfe, sondern verweist auf eine Prophezeiung der Seherin Carmentis, die als erste die große Zukunft der Aeneaden in Hesperien angekündigt habe. (Auf eine solche Weissagung der Carmentis, der Mutter Euanders, beruft sich deren Sohn in Aen. 8,340 f.; Lucienberger hat diese Verse Vergils bereits suo loco , nämlich in TC 7,2,190 f. benutzt und lässt sie jetzt von Asylas wiederholen.) Der nach Asylas von Tarchon um seine Meinung befragte Astur stimmt dem Vorredner zu. Sinngemäß tut das auch Cygnus, indem er darauf verweist, dass die Gerechtigkeit fordert, widerrechtlich Unterdrückten (wie den Trojanern) zu helfen ( TC 8,2,069-070). Als Tarchon dazu auffordert, dass sich alle der Reihe nach äußern, beteuert Ocnus, dass alle so denken wie Asylas ( TC 8,2,071b-072). Daraufhin zieht Tarchon nicht etwa das Fazit „Nach einstimmiger Meinung sollen wir Aeneas unterstützen“, sondern macht gleich den übernächsten Schritt ( TC 8,2,073-075): Er fordert die etruskischen Fürsten auf, sich auf ein akustisches Signal hin auf dem freien Feld mit ihren Truppen („Völkern“) kampfbereit aufzustellen; er selber werde inzwischen Aeneas unterrichten. Das tut Tarchon denn auch gleich zu Beginn der folgenden Szene in TC 8,3,001-005, und hier gibt er auch nachträglich die Quintessenz der Beratung und der Entscheidung wieder: Die Sache des Aeneas sei im Lichte seiner Darlegungen als gerecht betrachtet worden; die Etrusker würden ihm helfen. Tarchon werde sich persönlich im Kampf gegen Mezentius und Turnus und für einen guten Frieden einsetzen. <?page no="310"?> 310 D Analysen Bevor ich aber näher auf diese Szene TC VIII -3 und den darin enthaltenen Etrusker-Katalog eingehe, noch ein Rückblick auf diese zusätzliche Beratungsszene. Warum hat Lucienberger sie in den Text Vergils eingeschoben? D 7.2.4 Herstellung chronologischer Ordnung statt Rückgriff und Umsetzung von indirekter in direkte Rede Mir scheint, dass sich eine doppelte Motivierung für die Erfindung dieser inhaltlich neuen (jedenfalls zum Teil neuen) Szene TC VIII -2 erschließen lässt. Zum einen füllt Lucienberger damit inhaltlich eine scheinbare Lücke in der Aeneis aus. Gegen Ende von Aen. VIII (es folgt nur noch die Übergabe der neuen Waffen an Aeneas und die Schildbeschreibung) liest man nur wenige Verse (Aen. 8,597-607), mit denen Vergil eine Ortsbeschreibung (mit dem typischen est in Aen. 8,597, mit dem eine solche Ekphrasis zu beginnen pflegt) der Gegend bietet, wo Tarchon mit dem etruskischen Heerbann bei Caere (Cervetri) sein riesiges Lager aufgeschlagen hat und wo jetzt auch Aeneas mit seinen wenigen ausgewählten Trojanern und den arkadischen Reitern lagert, ohne offenbar sofort Kontakt zu Tarchon aufzunehmen. Weitergeführt wird dieser Handlungsstrang (nach der zeitlichen Parallelhandlung beim Schiffslager der Trojaner am Tiber in Aen. IX ) erst in Aen. 10,146 ff., wo sich Aeneas bereits „um Mitternacht“ an der Spitze der Flotte der Etrusker auf der Fahrt von Caere zum bedrohten trojanischen Lager am Tiber befindet. Scheinbar hat Vergil eine Szene der Verbrüderung zwischen Trojanern und Etruskern übersprungen. Aber das wäre ein Trugschluss. Vergil hat es nur vermieden, chronologisch lückenlos fortschreitend zu erzählen. Er schließt die Lücke nämlich durch einen erzählerischen Rückgriff, den umgekehrt Lucienberger rückgängig macht, indem er die Handlung (das Zustandekommen der neuen Koalition Etrusker-Trojaner) in chronologischer Ordnung und zusammenhängend bietet. Vergil lässt bereits auf die ersten beiden Verse Aen. 10,146 f., die Aeneas mit der etruskischen Flotte auf hoher See zeigen, einen erzählerischen Rückgriff folgen. Er müsste eigentlich im Plusquamperfekt stehen und den Sinn haben: Aeneas, jetzt Führer der etruskischen Flotte, hatte nämlich zuvor das Lager der Etrusker aufgesucht und Tarchon für ein Bündnis gewonnen. Vergil gebraucht statt des zu erwartenden Plusquamperfekts ein vergegenwärtigendes Präsens. Darin holt er nach, was sich seit Aen. 8,607 zwischen Aeneas und Tarchon abgespielt hat: Aeneas hat Tarchon im etruskischen Lager aufgesucht und ihn um Hilfe gebeten. Vergil bringt hier mit den knapp 5 Versen von Aen. 10,149-153 eine der längsten indirekten Reden in der Aeneis. 105 Sie enthält eben 105 Von den indirekten Reden in der Aeneis sind etwas länger nur Aen. 8,10-17 (der Auftrag des Venulus für seine Gesandtschaft an Diomedes), Aen. 4,289-294 (Aeneas’ Anordnung, <?page no="311"?> D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC 311 die Argumente, mit denen Aeneas die Unterstützung der Trojaner durch die Etrusker gegen Mezentius und Turnus gewinnen will. Das ist die Vorlage für den ersten Teil der Szene TC VIII -2 Lucienbergers. Die lange Rede des Aeneas in TC 8,2,020-049 ist eine Umsetzung und Erweiterung der indirekten Rede des Aeneas in Aen. 10,149-153. Inhaltlich ist das, was Lucienberger Aeneas sagen lässt, nicht neu, sondern nur ausführlicher. Wenn Aeneas laut Vergil nomenque genusque erläutert, wird daraus bei Lucienberger ein längerer Überblick über das Schicksal Trojas und der entkommenen Aeneaden. Die Charakterisierung des Turnus (Lucienberger: Turnus atro x; Vergil: violentaque pectora Turni ) und des Mezentius ist bei beiden Autoren ähnlich. Der Aeneas Lucienbergers arbeitet stärker die Gerechtigkeit der Sache des Aeneas und den Charakter der Vorkämpfer auf beiden Seiten als Argument zugunsten des Aeneas heraus. Beide Autoren übergehen allerdings ein zusätzliches naheliegendes Argument. Auffällig ist nämlich, dass Lucienberger seinen Aeneas nicht auf das Argument zurückgreifen lässt, worin der Arkader-König Euander zuvor in Aen. 8,498-513 = TC 7,4,039-044 das wesentliche für Aeneas sprechende Moment gesehen hatte, die Etrusker auf seine Seite zu ziehen. Euander war es ja (nicht etwa schon der prophetische Flussgott Tiberinus), der den Aeneas auf das Heer der Etrusker als potentiellen Bundesgenossen hingewiesen hatte. In einer langen, von Lucienberger wörtlich übernommenen Rede (Aen. 8,470-519 = TC 7,4,001-050) hatte er eingangs und dann wieder am Schluss bedauert, dass er selber Aeneas nur mit geringen arkadischen Hilfstruppen (400 Reitern) gegen die Latiner unterstützen könne. Aber es gebe für Aeneas die Möglichkeit, einen weit stärkeren Bundesgenossen zu gewinnen: das bei Agylla (Caere, Cervetri) mit einer Flotte versammelte Heer der Etrusker. Diese hätten ihren tyrannischen, mörderischen König Mezentius vertrieben; dieser habe sich zu Turnus geflüchtet. Die Etrusker ständen bewaffnet bereit, unter Tarchons Führung seine Herausgabe durch die Rutuler zu erzwingen, damit sie ihn hinrichten könnten. Aber ein Seher-Spruch hindere sie daran, dies in einem an sich berechtigten Krieg durchzusetzen. Kein Italiker (wie Tarchon) dürfe dabei Führer sein, nur ein Mann aus dem Ausland (Aen. 8,502 f. = TC 7,4,033 f. nulli fas Italo tantam subiungere gentem, / externos optate duces ). Deshalb habe Tarchon ihm, dem Griechen (Arkader) Euander die etruskische Krone angeboten. Er selber habe jedoch mit Rücksicht auf sein Alter abgelehnt und für seinen Sohne Pallas ebenfalls, weil dieser eine italische Mutter hatte. Aeneas jedoch erfülle als „Externer“, als Trojaner, die Bedingung und habe auch das richtige Alter. Er sei die Abfahrt aus Karthago vorzubereiten) und Aen. 8,288-293 (der erste Teil der Hymne auf Hercules). <?page no="312"?> 312 D Analysen der vom Schicksal geforderte Führer für Trojaner und Italiker. Er solle antreten ( ingredere Aen. 8,513 = TC 7,4,044). Auf diese seine Qualifikation als externus dux verweist aber Aeneas gegenüber Tarchon nicht selber und auch bei der Beratung Tarchons mit den anderen etruskischen Fürsten spielt dieser Gesichtspunkt keine Rolle. Aeneas hebt zwar bei der Darlegung seiner Geschichte und seiner Ziele in TC 8,2,020-049 seine Herkunft aus Troja und Prophezeiungen hervor, die ihm Ausonien (Italien) als neues Reich verheißen, spielt aber nicht auf das Seherwort an, das für die Etrusker einen externus dux fordert. Ebensowenig empfiehlt sich Aeneas bei Vergil in der Partie Aen. 10,149-153, dem direkten inhaltlichen Vorbild für die Selbstvorstellung des Aeneas vor Tarchon bei Lucienberger, als externus dux dem Tarchon. Die einzige indirekte Anspielung nicht des Aeneas, sondern des Autors auf jene Prophezeiung kann man darin sehen, dass laut Vergil in Aen. 10,154 die Etrusker jetzt, wo sie Aeneas als Führer haben, eine libera fati gens sind , also ein Volk, das im Hinblick auf die Anforderungen des Schicksals frei ist, weil jetzt in der Person des Aeneas das Erfordernis eines externus dux erfüllt ist. D 7.2.5 Motive für die Einfügung der „aristokratischen“ Beratungs-Szene Neben der Füllung einer gefühlten Lücke in Aen. VIII hat Lucienberger zum anderen offenbar das Procedere beim Abschluss eines Bündnisses zwischen zwei Völkern interessiert. Er hat nicht, wie es nahegelegen hätte - und wie es Vergil z. B. im Falle des Vertrags zwischen Aeneas und Latinus über das Entscheidungsduell zwischen Aeneas und Turnus und dessen Folgen in Aen. XII getan hatte -, zwei autokratische Könige ein Bündnis miteinander abschließen lassen, sondern er hat auf der Seite der Etrusker ein aristokratisches Element in diesen politischen Akt eingeführt: die Beteiligung der proceres , der Fürsten. Sie werden vom König Tarchon in einer ad-hoc-Versammlung um Rat und Stimmabgabe gefragt. Gerade weil die Fürsten einstimmig so votieren, wie es offensichtlich der König von vornherein wollte, ist es auffällig, dass Lucienberger eigens eine solche Beratungsszene erfindet. Faktisch kann man darin ein Eintreten Lucienbergers im Jahre 1576 für eine Beteiligung der Aristokraten an einem so wichtigen politischen Entscheidungsprozess wie dem Schließen eines Bündnisses oder der Beteiligung an einem Krieg sehen. 106 In der Aeneis Vergils gibt es nur eine einzige Versammlung, die dem Autor Lucienberger für die Beratung der etruskischen („tyrrhenischen“) proceres unter 106 Die Kompetenz des römischen Senats der republikanischen Zeit in solchen Fragen ist kein direktes Vorbild, denn da es in Rom keine Könige gab, war der Senat nicht nur an einer außenpolitischen Entscheidung beteiligt, sondern selber der Entscheidungsträger. <?page no="313"?> D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC 313 Vorsitz des „Königs“ Tarchon hätte als Vorbild dienen können: die latinische Ratsversammlung, die König Latinus während des vereinbarten 12tägigen Waffenstillstandes einberuft (Aen. 11,231-238), ein concilium magnum (Aen. 11,234; concilium Aen. 11,304). Teilnehmer sind die primi suorum (Aen. 11,234). König Latinus redet sie als Latini (Aen. 11,302) oder cives (Aen. 11,305) an. Namentlich genannt sind von Vergil nur Latinus, Venulus (der Führer und jetzt Berichterstatter für die erfolglose Gesandtschaft an Diomedes, der als Helfer im Kampf gegen die Trojaner gewonnen werden sollte), Drances und Turnus. Ihre Reden bilden den Inhalt der Schilderung Vergils (Aen. 11,239-244). Zu einer Abstimmung oder zu einer wirklichen Entscheidung über die Frage eines friedlichen Ausgleichs mit Aeneas (so Latinus und Drances) oder der Weiterführung des Kampfes gegen ihn (so Turnus) kommt es nicht, denn die Ratsversammlung muss abgebrochen werden (Aen. 11,445-472), weil gemeldet wird, Aeneas rücke überraschend zum Sturm auf die latinische Hauptstadt („Laurentum“) heran; es müssen sofort Verteidigungs- und Gegenmaßnahmen getroffen werden. Ob der König Latinus am Schluss einer regulär zu Ende geführten Ratsversammlung die Entscheidung über Krieg und Frieden hätte fällen können oder ob ein Mehrheitsvotum der Versammlung ausschlaggebend gewesen wäre, ist fraglich. Denn König Latinus trägt gleich eingangs seine sententia (Aen. 11,314, als Ergebnis längeren Schwankens: dubiae menti; in Aen. 11,332 mit placet umschrieben) vor, die auf ein großzügiges friedliches Ansiedlungsangebot an die Trojaner herausläuft. Aber das ist kein Dekret, sondern der König stellt es nur zur Diskussion: consulite in medium (Aen. 11,335). Für die trojanische Seite wird von Vergil nie eine entsprechende Beratung geschildert. Immerhin gibt es in der Aeneis dreimal Andeutungen einer solchen: in Thrakien (Aen. 3,58 f.: Aeneas berichtet das schreckliche Polydorus-Prodigium delectos populi ad proceres primumque parentem / monstra deum refero et quae sit sententia posco. / omnibus idem animus ), auf Delos (sehr vage in Aen. 3,99-101: cuncti quae sint ea moenia quaerunt mit Bezug auf den Orakelspruch Apollos) und auf Kreta (noch vager in Aen. 3,179 Anchisen facio certum remque ordine pando, sc. Aeneas hinsichtlich der Erscheinung der Penaten; nach Anchises’ Bekräftigung heißt es in Aen. 3,189 cuncti dicto paremus ovantes ), also während der Irrfahrten. Es sind aber, soweit der karge Text Vergils überhaupt Schlüsse zulässt, eher Versammlungen, auf denen einer unbestimmten Menge ( cuncti ) von Trojanern (in Aen. 5,43 f. in einer Art Volksversammlung der gesamten Gefolgschaft, socii , des Aeneas, also der „Aeneaden“), nur einmal einer ebenfalls nicht definierten Gruppe der troischen Führungsschicht, eine autoritative Mitteilung gemacht wird. Als Ratsversammlungen kann man sie nicht auffassen. Als Sprecher treten immer nur die wirklichen Führer Aeneas und / oder Anchises auf. <?page no="314"?> 314 D Analysen Aufschlussreich mag sein, dass die Beratung einiger führender Trojaner, auf der nicht von vornherein die Entscheidung des Aeneas gilt, gerade in Abwesenheit des Aeneas stattfindet: Es ist der Kriegsrat in dem von den Feinden umringten befestigten Lager der Trojaner am Tiber. Aeneas ist derzeit auf zwei Schiffen mit einer nicht näher definierten Auswahl von Begleitern, von denen nur Achates genannt wird, zum Arkader-König Euander unterwegs. Aeneas hat Mnestheus und Serestus als Interims-Befehlshaber im Schiffslager zurückgelassen (Aen. 9,171-173). Sie gehören damit zu den ductores Teucrum primi, delecta iuventus (Aen. 9,226), an die sich Nisus und Euryalus mit ihrem Angebot wenden, sie wollten bei Nacht den Ring der feindlichen Wachen durchbrechen, um dem abwesenden Aeneas die Nachricht von der bedrängten Lage der Trojaner am Tiber zu überbringen. Es scheint sich bei diesen ductores allerdings nicht um einen festen Kreis von Teilnehmern an einem Kriegsrat zu handeln, sondern um eine informelle Gruppe: sie stehen im Lager bewaffnet beieinander (Aen. 9,229 f.). Wer sich als erster zu diesem Angebot äußert und es emphatisch begrüßt, ist der greise Aletes (Aen. 9,247-250 und 252-256), erst dann ergreift der von Aletes geradezu aufgeforderte junge Ascanius das Wort. Der Sohn des Aeneas rühmt seinerseits Nisus und Euryalus und verspricht ihnen für den Erfolgsfall ehrenvollste Belohnungen. Unter der omnis … primorum manus … iuvenumque senumque (Aen. 9,308 f.), die schließlich die beiden kühnen Jünglinge zum Lagertor begleiten, wird zusätzlich zu Aletes und Ascanius noch Mnestheus (Aen. 9,306) genannt. - Selbst in dieser informellen Versammlung von führenden trojanischen Persönlichkeiten kann man kein wirkliches Vorbild für die von Lucienberger erfundene Versammlung der etruskischen proceres bei Tarchon erkennen. Immerhin handelt es sich in Aen. IX um eine Situation, in der die Entscheidung - hier die Annahme des Angebots der beiden jungen Waghälse - nicht vom Machtwort des Königs oder seines Stellvertreters getroffen wird. Ascanius greift nur sekundär ein, von den beiden zuständigen Interims-Befehlshabern nur Mnestheus, und der noch später als Ascanius. 107 D 7.3 Begrüßung und Abschied; Auftragserfüllung Ein geradezu durchgehender Zug der TC , der von Lucienberger neu in die Handlung der Aeneis hereingebracht worden ist, besteht in der Wa h r u n g h ö f i s c h e r u n d h ö f li c h e r K o n v e n t i o n e n . 107 Zum Bereich der Führungsstellung des Aeneas und der Rolle der trojanischen Eliten vgl. des Weiteren die eingehende und überzeugende Behandlung durch Markus Schauer, Aeneas dux in Vergils Aeneis, München 2007, 155-196 (vgl. dort etwa S. 165 Anm. 403: „Vergil vermeidet bei den Troern formale Ausdrücke“). <?page no="315"?> D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC 315 Auch bei Vergil gibt es eine Reihe von Empfangs- oder B e g r ü ß u n g s s z e n e n , die weiter ausgeführt sind, ohne aber konventionell zu wirken: etwa der Empfang des Aeneas bei Dido in Aen. I, bei König Anius auf Delos und bei König Helenus in Buthrotum in Aen III sowie besonders der der Gesandtschaft des Aeneas bei König Latinus in Aen. VII . Bei Lucienberger aber ist die Zahl von formellen Begrüßungen wesentlich gesteigert. Fast immer wenn sich Personen der Handlung erstmals begegnen, erfolgt in der TC (nicht aber in der Aeneis) eine Begrüßung mit der Floskel salve bzw. salvete . Aufschlussreich ist bereits der statistische Befund. In der Aeneis kommt salve fünfmal vor, dazu salvete einmal im Zusammenhang mit einem der fünf salve (Aen. 5,80 salve, sancte parens, iterum; salvete, recepti nequiquam cineres animaeque ). An keiner dieser fünf Stellen handelt es sich um eine Begrüßung unter lebenden Menschen (Aen. 5,80; Aen. 7,120; Aen. 7,121; Aen. 8,30; Aen. 11,97). Für die TC habe ich 29 Belege für eine solche Begrüßung mit salve / salvete gefunden; nur 7 davon richten sich nicht an lebende Menschen (unterstrichene Belege = von Lucienberger neu erfunden; mit Sternchen * = nicht an Menschen gerichtet): • Aeneas an die aus Troja Geflüchteten: Salvete o cives ( TC 1,2,203). • *Die Trojaner beim Abschied: Troia vale, tuque Ida vale, portusque valete / Troiani ( TC 1,4,005 f.). • König Anius von Delos an die Aeneaden: Nate dea salve, proceres salvete ( TC 1,4,067). • Anchises an die Chaonier in Epirus: Salvete indigenae ( TC 1,5,115). • Helenus an die Aeneaden und Acestes bei der ersten Landung der Aeneaden in Sizilien: Salve nate dea, proceres salvete! ( TC 1,5,158 und TC 1,7,106). • *Aeneaden beim erstmaligen Sichten Italiens: Salve terra eqs. ( TC 1,6,153). • Ascanius am Hofe Didos begrüßt, die einschlägige Belehrung durch Achates in TC 2,6,011 befolgend, mit dreifachem salve gleich 5 Personen oder Personengruppen: Salve chare pater; salve Regina, pudicae / matronae et proceres et tu, virguncula, salve ( TC 2,6,010 f.). • Dido und Aeneas begrüßen sich (obgleich es sich nicht um ihr erstes Zusammentreffen handelt) gegenseitig: Salve, Cythereia proles. / / Et tu salva etiam sis, splendida Dido decore ( TC 3,1,071b-072). • *Aeneas im Gebet an die Asche des Anchises: TC 4,2,028 = Aen. 5,80 (s. o.). • *Aeneas beim Auffinden des Goldenen Zweig: Salve preciosum munus ( TC 5,2,007b). Aeneas am Tiber, nachdem durch das „Tisch-Prodigium“ das Erreichen des Gelobten Landes bestätigt ist: Salve fatis mihi debita tellus, / vos etiam o fidi Troiae salvete Penates ( TC 6,2,002 f. = Aen. 7,120f). • Die Gesandten des Aeneas zu Latinus: Rex inclyte, salve ( TC 6,3,007b). <?page no="316"?> 316 D Analysen • *Die Salier-Priester apostrophieren in ihrer Hymne Hercules: Salve, vera Iovis proles ( TC 7,2,164 = Aen. 8,301). • *Aeneas apostrophiert die neuen, von Vulcanus geschmiedeten Waffen: Salvete … arma, dei munus ( TC 7,4,099-101). • Tarchon und Aeneas begrüßen sich gegenseitig: Rex, salve. / / Salvus quoque sis, fortissime Teucrorum / et proceres omnes ( TC 8,2,017). • *Aeneas, an die Leiche des Pallas gerichtet: Salve aeternum mihi, maxime Palla, / aeternumque vale ( TC 9,1,043 f. = Aen. 11,97 f.). • In der Schluss-Szene begrüßen zuerst Latinus und Lavinia den Aeneas, dann umgekehrt Aeneas die Lavinia: Nate dea, salve, gener o mihi debite divum / munere, salve iterum atque iterum. / / Salve Anchisiade, divum certissima proles. / / Salve etiam perquam dulcis Lavinia sponsa ( TC 10,9,001 f. 007. 014). Ähnliches gilt auch für A b s c h i e d e (mit vale / valete ). Lucienberger bringt über Vergil hinausgehend 6 zusätzliche Belege: Aeneas zu König Anius von Delos in TC 1,4,097; Acestes zu Aeneis in TC 2,1,014; Aeneas zu Anchises beim Verlassen der Unterwelt in TC 5,3,250; Aeneas zu Euander in TC 7,4,065; Pallas zu seinem Vater Euander in TC 7,8,094; „Latinus“ an die Rezipienten des Stücks in TC 10,9,036. Man ersieht aus diesen Beispielen: Lucienberger legt mehr als Vergil Wert darauf, dass die Akteure höfische Formen einhalten, oder besser: er lässt seine „dramatischen“ Figuren ausdrücklich solche Riten vollziehen, die in Sprachhandlungen bestehen. Deshalb sprechen bei ihm die Akteure bei Begrüßung und Abschied konventionelle Worte, die Vergil nicht eigens erwähnt. Eine Zusammenstellung von Beispielen ist in → Kap. C 5.4.1 geboten. Geradezu typisch ist es für die TC , dass neu innerhalb einer Szene hinzutretende Personen die Anwesenden grüßen oder von ihnen begrüßt werden. In der Aeneis gibt es zwar auch durch Reden der Akteure ausgestaltete Begrüßungsszenen, aber häufiger wird ein Zusammentreffen von Personen nur auktorial erzählt. Eine Anrede mit salve oder salvete an lebende Personen gibt es in der Aeneis überhaupt nicht, nur eine Apostrophe von Toten (des Anchises in Aen. 5,80 = TC 4,2,028 und des Pallas in Aen. 11,97 = TC 9,1,043), eines Gottes (Hercules in Aen. 8,301 = TC 7,2,164) oder des Gelobten Landes und der Penaten (durch Aeneas in Aen. 7,120 = TC 6,2,002 f.). Wenn man aber nach diesen beiden Worten in meiner synoptischen Ausgabe TC / Aen. sucht, trifft man immer wieder auf Belege dafür, dass Lucienberger diese Anredeformel, der weitere Begrüßungsworte folgen, neu gegenüber der Aeneis seinen Personen in den Mund gelegt hat. Beispiele sind TC 1,203 Aeneas zu den aus Troja geflüchteten cives; TC 1,4,068 Anius, der König von Delos, zu Aeneas und seinen proceres ; TC 1,5,115 Anchises zu den chaonischen indigenae; TC 1,5,158 bzw. 1,7,106 Helenus bzw. Acestes zu Aeneas und <?page no="317"?> D 7 Höfische oder politische Erweiterungen in der TC 317 seinen proceres ; TC 2,6,019 f. Ascanius, wie er eigens zuvor von Achates belehrt worden ist (s. dazu → Kap. D 7.1) zu Vater Aeneas, zur Königin Dido, zu weiteren Personen ( matronae, proceres, virguncula ) am Hof von Karthago; TC 3,1,071b-c Dido zu Aeneas und umgekehrt Aeneas zu Dido; TC 6,3,007b die Gesandten des Aeneas zu König Latinus; TC 8,2,017a-b Aeneas zu Tarchon und umgekehrt Tarchon zu Aeneas; in der Schluss-Szene TC 10,9,001 f. bzw. 007 Latinus bzw. Lavinia zu Aeneas und umgekehrt Aeneas antwortend in TC 10,9,014. Aufschlussreich ist darunter besonders die Passage, die mit dem To d d e s A n c h i s e s i n D r e p a n u m zusammenhängt. Bei Vergil beendet Aeneas mit dem Hinweis auf diesen ihn in einzigartiger Weise berührenden Schicksalsschlag die Erzählung seiner Erlebnisse beim Fall Trojas und auf den Irrfahrten (Aen. 3,708-715). Es ist eher ein emotionaler Abbruch der Erzählung als ein Ausklingenlassen. Aeneas gibt keinen Einblick in die näheren Umstände des Todes seines Vaters. Der Name des auf Sizilien herrschenden Königs Acestes wird nichts erwähnt. Kein Wort ist diesem ersten Aufenthalt der Aeneaden bei Acestes gewidmet, während der 2. Aufenthalt, genau ein Jahr später an gleicher Stelle, ein ganzes Buch des Epos (Aen. V) füllt. - Gerade diesen jähen Abbruch der Erzählung des Aeneas mit der Klage über den Verlust des Vaters am Ende von Aen. III werden viele Leser als besonders wirkungsvoll betrachten: Die Erinnerung daran übermannt Aeneas offenbar in einer Weise, dass dadurch alles andere bei seinem ersten Aufenthalt in Sizilien bei Drepanum als geradezu nichtig erscheint. Lucienberger aber scheint das nicht so gesehen zu haben. Er hat offenbar bei Vergil etwas vermisst und ergänzt das bei seiner Adaption der Aeneis. Er schließt die Handlungslücke, die Vergil zwischen der (ersten) Landung der Aeneaden in Drepanum (von der nur der Tod des Anchises am Ende von Aen. III innerhalb der rückschauenden Erzählung des Aeneas erwähnt wird) und dem Einsatz der auktorialen Erzählung zu Beginn von Aen. I gelassen hat, als die Göttin Juno die Flotte der Aeneaden bereits (nach ihrem Aufbruch vom 1. Aufenthalt in Sizilien) in der Nähe ihres Ziels Latium sieht. Diese Lücke füllt Lucienberger durch den Schluss seiner Szene TC I-7 und den Anfang der folgenden Szene TC II -1. Obwohl die eine die Schluss-Szene von TC Akt I und die andere die Auftakt-Szene von TC Akt II ist, spielen sie am gleichen Ort, Drepanum. Beide Passagen ( TC 1,7,101-127 und 2,1,001-018a) enthalten fast ausschließlich neu von Lucienberger erfundene Verse. Geschildert ist die Ankunft der Aeneaden in Drepanum und ihr (eine unbestimmte Zeit, vielleicht einige Wochen später erfolgender) Wiederaufbruch zur Fahrt mit Kurs auf Latium. Die Hauptperson dieser doppelten Erweiterung ist König Acestes. Ihm (dessen Namen er, überraschender Weise, bereits kennt) schickt Aeneas in TC 1,7,101 f. Misenus als Boten, der ihm die Nachricht von Tode des Anchises bringen und ihn selber zu den Aeneaden führen soll. Der einheimische, befreundete König <?page no="318"?> 318 D Analysen wird also in die Handlung einbezogen; Aeneas und Acestes wahren höfische Formen. Aeneas lädt Acestes zu sich ein; dieser kommt und wird von Aeneas über den Tod seines Vaters aufgeklärt; Acestes drückt ihm, wie es angemessen ist, sein Beileid aus ( TC 1,7,114-121); Aeneas kündigt die Beisetzung des Anchises hier in Drepanum an; dieser Tag werde auf immer ein trauriger Gedenktag sein ( TC 1,7,122-127). 108 Zu Beginn des neuen Aktes gibt Aeneas dem Trompeter Misenus den Befehl zur Abfahrt aus Drepanum ( TC 2,1,001-003). Acetes verabschiedet ihn, wie es sich gehört, mit Gastgeschenken - darunter jenem Wein, den Aeneas später laut Aen. 1,195 nach der Landung im portus Libycus an seine geretteten Gefährten verteilt -, mit Reflexionen über das Verhältnis zwischen menschlichen Absichten und dem Einfluss von Wind und Fatum und mit der Verheißung von Spiel, Spaß und noch reicheren Geschenken, wenn die Aeneaden womöglich dereinst nach Drepanum zurückkehren werden ( TC 2,1,004-014; Lucienberger lässt ihn also geschickt auf den 2. Sizilienaufenthalt der Aeneaden vordeuten.) Aeneas beginnt die Weiterfahrt mit einem Gebet an die Götter, ihm huldvoll das Erreichen des erwünschten Ziels, der verheißenen Landes, zu gewähren ( TC 2,1,015-018a). (Doch noch in demselben Vers, in TC 2,1,018b, beginnt die Gegenwirkung der Göttin Juno.) Lucienberger nutzt also die Gelegenheit, die ihm das Herstellen des chronologischen ordo naturalis durch das Ausfüllen einer bei Vergil vorhandenen Handlungslücke bietet, nicht ungeschickt dazu, die beiden königlichen Protagonisten Aeneas und Acestes in konventionell angemessener Weise miteinander verkehren zu lassen. Diese Ergänzungen von formelhaften Begrüßungen (und Verabschiedungen) sind sozusagen freie Zutaten Lucienbergers. Etwas anders ist ein zweiter vielfach belegter Typ von Zusätzen Lucienbergers einzuschätzen: Wenn eine Person des Epos einen Au f t r a g erteilt und Lucienberger diesen - wie immer bei wörtlicher Rede - übernimmt, dann folgt in der TC typischer Weise eine Reaktion des Angesprochenen. Dieser antwortet regelmäßig in einem Vers, oder jedenfalls in kurzen Worten, dass er diesen Auftrag (umgehend) ausführen wird. (Das gilt auch für dialogische Situationen, die Lucienberger selber erfunden hat.) Eine solche typische willfährige Erklärung ist kein „freier“ Zusatz Lucienbergers, der allein gesellschaftlicher Konvention geschuldet wäre, sondern sie gehört in den Bereich der literarischen Transformationstechnik: Wenn Vergil im Epos auf den in wörtlicher Rede gegebenen Auftrag oder Befehl dessen Ausführung auktorial erzählt, kann Lucienberger die Ausführung nur indirekt, ge- 108 Zu TC 1,7,124 huncque diem fehlen bei Lucienberger Subjekt und Prädikat, anders als in der Vorlage Aen. 5,51-55. Es scheint nach TC 1,7,124 mindestens 1 Vers ausgefallen zu sein. <?page no="319"?> D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC 319 wissermaßen futurisch, dadurch gestalten, dass der Beauftragte sie verspricht. - Eine Zusammenstellung von Beispielen ist in → Kap. C 5.4.2 in der Abteilung „Hinzufügung willfähriger Antworten“ geboten. Nur ausnahmsweise ahmt Vergil die literarische Technik Homers nach, wonach der mit einer B o t s c h a f t Beauftragte diese beim Adressaten wörtlich w i e d e r h o l t . (Das geschieht wenigstens zum Teil durch Merkur in Aen. 4,265b-276a = TC 3,4,033b-044a hinsichtlich des Auftrags Jupiters in Aen. 4,223-237 = TC 3,4,018-032.) Bei Lucienberger ist das etwas häufiger der Fall. So wiederholt Aeneas in TC 1,2,213-217 ohne Vorbild bei Vergil die Prophezeiung Creusas ( TC 1,2,193-197 = Aen. 2,780-784) für seine Gefährten und die Worte des toten Polydorus (TC 1,4,013-018 = Aen. 3,41-46) gegenüber Anchises und den anderen Aeneaden in TC 1,4,042-047. Mnestheus berichtet dem Latinus als Gesandter des Aeneas wenigstens teilweise in wörtlicher Wiederholung von dessen Auftrag, welche Vereinbarungen vor dem Entscheidungsduell mit Turnus getroffen werden müssen (sowohl der Auftrag des Aeneas in TC 10,2,014-020 wie auch dessen Ausführung durch Mnestheus in TC 10,2,021-028 sind Neuerfindungen Lucienbergers). Andererseits führt Merkur in den neu von Lucienberger gedichteten Versen TC 2,4,031-037 faktisch den Befehl aus, den ihm Jupiter in TC 2,2,070-074 gegeben hatte, benutzt aber nicht dessen Worte. Die Mahnrede Merkurs an die karthagische Küstenwache kreist um das eine von Jupiter gegeben Stichwort hospitium . Zum Bereich der Höflichkeit darf man rechnen, dass der getreue Achates vor dem Betreten von Didos Palast einen Auftrag des Aeneas dadurch vorbereitet, dass er diesen „zuvorkommend“ in den neuen Versen TC 2,4,141 f. ausdrücklich fragt, ob es für ihn noch etwas zu erledigen gäbe (und in konventioneller Weise verspricht er in TC 2,4,153 die Ausführung der wirklich erteilten Aufträge des Aeneas). D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC D 8.1 (Neue) positive Szenen-Schlüsse Es gibt bei Lucienberger eine Reihe kleinerer Zusätze zur Vorlage Vergils, die einzeln betrachtet kaum auffallen, die aber durch ihre relative Häufigkeit in summa Bedeutung gewinnen: die Tendenz Lucienbergers, Szenenschlüssen eine positive Wendung zu geben, die bei Vergil keine Entsprechung hat. 109 Es lassen sich für dieses Phänomen (unter den 67 Szenen) etwa ein Dutzend Beispiele finden. 109 Auf dieses Phänomen in der TC hat mich mein studentischer Mitarbeiter Samuel Stöcklein aufmerksam gemacht. <?page no="320"?> 320 D Analysen D 8.1.1 TC 1,4,112-115; 1,5,162-165; 1,6,187 f.; 1,7,114-119 Positive Zäsuren bei den Irrfahrten Die ersten Beispiele für positive Szenen-Ausklänge finden sich in Lucienbergers direkter Darstellung der Irrfahrten der Aeneaden, in dem „Durchgang A“ durch Aen. III ; vgl. dazu → Kap. C 4.3. Sowohl die Szene TC I-4 mit der Irrfahrten- Station Kreta als auch TC I-5 mit dem Aufenthalt in Buthrotum enden mit einer neuen positiven Note, vgl. dazu → Kap. C 4.3.3 und Kap. C 4.3.6. Auch für die Szenen TC I-6 und TC I-7 kann man von einem positiven Ausklang sprechen, vgl. dazu → Kap. C 4.3.9 und Kap. 4. 3. 10. D 8.1.2 TC 2,1,128 Hoffnungsvolle Aussicht trotz Verlust von mehr als der Hälfte der Flotte im Seesturm Die erste Szene des 2. Aktes ( T C I I - 1 ) mit ihren 128 Versen entspricht dem ersten Viertel von Aen. I (Aen. 1,34-222). Sie soll den Anschluss an das letzte Ereignis in der vorausgehenden Szene TC I-7 herstellen, den Tod des Anchises in Drepanum im Reich des Acestes auf Sizilien. Um den ordo artificialis bei Vergil in die chronologische Anordnung der Handlung der TC überführen zu können, ist ein inhaltlicher Sprung „zurück“ vom Ende von Aen. III zum Anfang von Aen. I nötig, s. dazu Näheres in → Kap. C 2.2. Dies geschieht am Anfang der Szene TC II -1 (vgl. dazu auch → Kap. D 7.3). Im jetzigen Zusammenhang, der für Lucienberger typischen Aufhellung von Szenen-Schlüssen, geht es aber nicht um den Anfang der Szene TC II -1, sondern um deren Schluss. Da wird Aeneas, der selber mit 7 Schiffen bei Karthago gestrandet ist, von der Sorge um die im Seesturm verschollenen Gefährten gequält. Vergil referiert das in einer Art indirekten Rede in Aen. 1,220-222; Lucienberger wandelt das in ein Selbstgespräch des Aeneas um (TC 2,1,124-128, beginnend mit Non oblivisci possum ). Lucienberger lässt Aeneas sogar bei dem Horror ob des befürchteten Verlustes von 13 Schiffen die Haare zu Berge stehen ( TC 2,1,127 obstupeo horrore ac alto stant vertice cristae - der zweite Teil dieses Verses bezieht sich eigentlich, wie Aen. 6,799 = TC 5,3,078 zu entnehmen ist, auf einen Helmbusch). Aber im Gegensatz zu dieser Überreaktion des Aeneas im vorletzten Vers der Szene lässt Lucienberger im letzten Vers des Monologs Aeneas voller Optimismus sein: Spes tamen est firma haud omnes periisse sub undis ( TC 2,1,128). <?page no="321"?> D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC 321 D 8.1.3 TC 2,7,230-234 Erneut zum Szenen-Schluss eine Einladung, diesmal zum fröhlichen Jagen Auch TC II -7, die mit 234 Versen viertlängste der 67 Szenen der TC 110 , die große Teile von gleich zwei ganzen Aeneis-Büchern mit zusammen über 1.500 Versen umfasst, nämlich die Erzählung des Aeneas vor Dido über die Eroberung Trojas in Aen. II (soweit sie nicht schon in TC I-2 dargestellt ist) und über seine Irrfahrten (soweit die nicht schon in TC I-4 bis I-7 „direkt“ dialogisiert sind), endet mit einer zusätzlich von Lucienberger erfundenen Rede. Sie schafft - ähnlich wie der Schluss von TC I-5 in den Worten des Helenus - einen positiven Ausklang dieser Szene und enthält zugleich die Ankündigung einer späteren Szene, nämlich von TC III -3 mit der folgenreichen Jagd, auf der sich Aeneas und Dido vereinigen. Bei Vergil beschließt Aeneas seine lange Ich-Erzählung am Ende von Aen. III mit dem schmerzlichsten Ereignis auf der ganzen Irrfahrt, dem Tod seines Vaters Anchises in Drepanum auf Sizilien. Dann folgen bei Vergil nur noch 3 erzählende Verse, die nicht mehr besagen, als dass Aeneas jetzt vor seinen gespannten Zuhörern schweigt und sich zur Ruhe begibt (Aen. 3,716-718 conticuitque tandem factoque hic fine quievit ). Lucienberger, der schon einmal Dido mit einem Ausdruck der Entschuldigung ( nunc etenim sermonem rumpere cogor ) die lange Erzählung des Aeneas hat unterbrechen lassen (mit den neuen Versen TC 2,7,198-202, s. dazu → Kap. D 12.3.7d), gibt der karthagischen Königin auch das letzte Wort in dieser Szene: Sie lädt, gewissermaßen zur Belohnung für seinen Vortrag, ausdrücklich zum Trost für die daraus ersichtlichen Leiden, zu dem ein, was „innen“ (im Palast, bei einer Aufführung: im hinter-szenischen Raum) vorbereitet ist (also zu einem Mahl oder besser: zur Fortsetzung des Gastmahls, das schon in TC II -6 begonnen hatte), ferner zur Erholung durch Jagd und Spiel ( TC 2,7,230-234, die fünf Schluss-Verse der Szene). Damit endet die Szene nicht mit einer dunklen Note, dem Tod des Anchises, sondern mit der Aussicht auf Erholung und Rekreation an einem königlichen Hof. D 8.1.4 TC 4,1,035 f. König Acestes lädt die Aeneaden zum Essen ein Schon in der Aeneis nimmt der König Acestes die ihm bereits von ihrem ersten Aufenthalt in Sizilien bekannten Aeneaden auf, als diese bei ihrer Fahrt von Karthago Richtung Tiber vom Sturm erneut nach Sizilien zurückgetrieben werden. Er unterstützt die erschöpften Trojaner, wie es in Aen. 5,40 f. eher vage heißt, 110 Zu extrem langen Szenen in der TC, mit den Spitzenreitern TC V-2 mit 290 und TC V-3 mit 252 Hexametern, vgl. → Kap. D 12.3.1 und besonders → Kap. D 12.3.7. <?page no="322"?> 322 D Analysen freundlich mit ländlichen Gaben. In der TC kündigt Acestes das mit fast identischen Worten an (die typische Umsetzung einer erzählten Handlung bei Vergil in eine angekündigte Handlung in der TC 4,1,033 f.). Lucienberger legt ihm aber noch zwei zusätzliche, die Szene TC IV -1 abschließende Verse in den Mund, die die Einladung konkretisieren ( TC 4,1,035 f. dapibus vinoque ). D 8.1.5 TC 5,3,241-248 Tröstlicher Ausblick des Anchises in die Zukunft TC V-3 ist mit 252 Hexametern nach TC V-2 (mit 290 Versen) die zweitlängste Szene der TC . Sie enthält die Begegnung des Aeneas mit Anchises in der Unterwelt und die „Heldenschau“ in wörtlicher Wiederholung der auch in der Aeneis fast ausschließlich aus Reden bestehenden Partie Aen. 6,687-886a / TC 5,3,001-180a. Die Schlusspartie der Unterweltswanderung Aen. 6,886b-901 aber ist von Lucienberger stark erweitert: Er lässt Anchises seinem Sohn auch die nähere Zukunft künden, wie sie in Aen. VII - VIII (und in TC VI - VII ) dargestellt ist. Diese Prophezeiung des Anchises ist von mir in → Kap. D 6.1 näher behandelt. Im jetzigen Zusammenhang ist nur zu erwähnen, dass Anchises in TC 5,3,241-248 den triumphalen Endsieg, den Aeneas nach schweren Kämpfen und Verlusten doch schließlich erringen wird, pathetisch ausmalt und seinen Sohn auffordert, ihn zu genießen. Das sind zwar nicht unmittelbar die Schlussverse dieser Szene TC V-3, weil noch drei (ebenfalls neu von Lucienberger gedichtete) Abschiedsverse des Aeneas und ein weiterer der Sibylle folgen (TC 5,3,249-252). Die positiven Aussichten auf den schließlichen Sieg des Aeneas hellen aber die Stimmung auf. Es kommt noch hinzu, dass Lucienberger die problematischen Schlussverse von Aen. VI bei Vergil, nach denen Aeneas die Unterwelt durch das Tor der falschen Träume verlässt (Aen. 6,893-901), unterdrückt. D 8.1.6 TC 5,4,028 Wiederum eine Einladung zu einem Mahl, das diesmal ein ganz besonderes sein wird Lucienberger lässt mit dem Abschluss der Prophezeiungen des Anchises in der Unterwelt zwar die Szene TC V-3 enden, aber noch nicht den ganzen Akt V der TC . Auch bei Vergil fährt Aeneas laut den Schluss-Versen von Aen. 6, 899-901 (von Cumae mit dem Eingang zur Unterwelt) noch weiter bis zu einem Hafen Caieta. Dass dieser nach der Amme des Aeneas benannt wird, die hier stirbt und die Aeneas hier bestatten lässt, erzählt Vergil - in einem ungewöhnlich zäsurlosen Übergang von Aen. VI zu Aen. VII - erst zu Beginn des nächsten Buches, in Aen. 7,1-7. Lucienberger aber führt in der letzten Szene von Akt V seiner TC die Aeneaden noch weiter als Caieta, nämlich an der Insel der Circe vorbei bis zu einem Platz an der Küste bei einem Hain, wo Aeneas seine Flotte landen lässt. Nur bei Vergil (in Aen. 7,30-36), nicht aber bei Lucienberger wird deutlich, <?page no="323"?> D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC 323 dass dieser Landeplatz an der Mündung des Tiber liegt. In dieser Schlusspartie von TC Act. V übergeht Lucienberger die idyllische Schilderung eines Sonnenaufgangs und der Mündung des Tibers ins Meer bei Vergil. Er lässt Aeneas nur den Befehl zur Landung geben ( TC 5,4,026 f., wörtlich nach Vergil, doch wird dessen feststellendes imperat hier gattungsgemäß in einen wörtlich „zitierten“ Befehl des Aeneas umgewandelt), dazu aber noch einen einzigen Zusatz-Vers, TC 5,4,028 hoc ( hic ? ) aegros dapibus curabimus artus . Diese Ankündigung einer Mahlzeit wirkt, gerade auch als Schlussvers einer Szene und hier zugleich eines ganzen Aktes der TC , wie die typische Einladung eines Fürsten (wie z. B. zuvor die des Acestes) zu einem erholsamen Mahl. Da es sich bei solchen Einladungen in der TC um den Schlussvers einer Szene handelt, ist klar, dass die Ausführung dann nicht mehr gezeigt oder gar gespielt wird; sie ist der Phantasie der Zuhörer oder Zuschauer überlassen. Doch bei dem hier in TC 5,4,028 durch Aeneas angekündigten Mahl handelt es sich um ein ganz besonderes und bedeutsames. Es wird sehr wohl dargestellt, nicht bruchlos anschließend in der nächsten Szene, in TC VI -1, sondern in der übernächsten TC VI -2. Es wird das Mahl sein, bei dem sich die scheinbar unerfüllbare, scheinbar grausige Prophezeiung der Harpyie erfüllt, dass die Aeneaden erst dann im verheißenen Land sein werden, wenn sie „die Tische mitverzehren“. Dieses sog. „Tisch-Prodigium“ erfüllt sich auf harmlose Weise bei dem Mahl in TC VI -2, zu dem Aeneas mit dem letzten Vers von TC V-4 auffordert. D 8.1.7 TC 8,4,128 Vorzeitiger Sieg im letzten Vers Als Aeneas nach der Landung mit dem Hilfsheer der Etrusker und Arkader seine (zweite) Aristie (siehe dazu Näheres in → Kap. D 4.1) mit der Tötung des Latiners Liger beendet hat, wagen die bisher von den Latinern eingeschlossenen Trojaner mit Ascanius das befestigte Lager zu verlassen. Diese Nachricht Vergils gibt Lucienberger durch eine entsprechende Regiebemerkung wieder ( RB vor TC 8,4,128), in der er die Trojaner clamantes victoriam nennt. Aber er begnügt sich nicht mit diesem epischen Element, das eine solche erzählende Regiebemerkung darstellt, sondern legt den Trojanern als letzten Vers von TC 8,4,128 auch einen Vers mit eben diesem Siegesschrei Io victoria in den Mund. Gerade weil das eine vorschnelle Siegesfreude ist, wirkt dieser Schluss-Vers der Szene wie eine Freudenkundgebung. D 8.1.8 TC 8,7,037-042 Auch der Feind Messapus bestätigt den Erfolg der Trojaner Das X. Buch der Aeneis schließt mit dem Tod des Mezentius, der von der Hand des Aeneas fällt. Im letzten Vers (Aen. 10,908) verströmt er sein Blut. Aber Lucienberger beendet seinen VIII . Akt der TC nicht abrupt mit dem Tod eines <?page no="324"?> 324 D Analysen der größten Gegner der Trojaner, sondern schildert indirekt die Wirkung dieses Siegs des Aeneas. In einer Regiebemerkung (vor TC 8,7,037) berichtet er, dass Rutuler und Latiner fliehen. Zudem lässt er in 6 zusätzlichen Versen Messapus, einen der Führer der latinischen Bundesgenossen, zu Wort kommen. Dieser stellt in den Schlussversen des VIII . Aktes der TC ( TC 8,7,037-042) fest, dass in Abwesenheit des Turnus und nach dem Tod des Mezentius und seines Sohnes Lausus das Kriegsglück bei den Trojanern ist. Die einzige Rettung ist, zu fliehen und dem Kriegsgott Mars ein Opfer zu bringen. Somit bestätigt auch ein prominenter Feind den militärischen Erfolg der Trojaner. D 8.1.9 TC 9,6,066-074 Selbst Turnus muss den Erfolg der Trojaner anerkennen Mit den Schluss-Versen von TC VIII gesteht nach dem Tod des Mezentius Messapus, ein Führer von Bundesgenossen des Turnus, den Erfolg der Trojaner ein. Genau dasselbe geschieht in einer Hinzudichtung Lucienbergers am Ende von TC IX . Diesmal ist es Turnus selber, der nach dem Tod jetzt Camillas, zuvor auch des Mezentius und weiterer Führer der italischen Koalition, ein ähnliches Fazit (in TC 9,6,066-074) zieht. Weder Götter noch Menschen scheinen es mit den Trojanern aufnehmen zu können. (Diese bittere Einsicht des Turnus ist umgekehrt ein positives Zeugnis dafür, wie unwiderstehlich die Aeneaden im Kampf sind.) Die Reaktion des Turnus darauf ist aber nicht Resignation, sondern der Entschluss, den Krieg am nächsten Morgen zu beenden, offenbar durch den Einsatz des eigenen Lebens. In der Aeneis gibt es an analoger Stelle, am Ende von Aen. XI , kein solches Selbstgespräch des Turnus. Die ganze Schlusspassage (Aen. 11,901-915) wird dort von einem Bericht Vergils über die Bewegungen der beiden gegnerischen Heere nach dem Tod Camillas eingenommen. (Turnus gibt den Hinterhalt auf, den er Aeneas im hügeligen und waldigen Hinterland gelegt hatte; Aeneas kann jetzt ungefährdet vor die Stadt des Latinus ziehen.) Wieder einmal (wie in TC V-4 und in TC II -7)) ist der Schluss einer Szene der TC von Lucienberger so gestaltet, dass er eine Vorbereitung oder Vordeutung auf eine folgende Szene bietet: Am Ende von TC IX -6 gibt Turnus zwar nicht deutlich zu erkennen, in welcher Weise er denn am nächsten Morgen eine Entscheidung im Kampf mit den Trojanern erreichen will. Aber es ist klar, dass „morgen“ der Krieg (und vielleicht sein Leben) ein Ende finden wird. Und sofort in der nächsten Szene, in TC X-1, zeigt sich, dass Turnus sich - nach Lucienberger auf Drängen seines Intimfeindes Drances - an diesem Morgen dem Aeneas in einem Entscheidungsduell stellen will. <?page no="325"?> D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC 325 D 8. 1. 10 TC 10,4,048-052 Die Wirkung von Amatas Selbstmord - auf die Latiner Wie nach dem Tode des Mezentius ( TC VIII -7) und der Camilla ( TC IX -6) lässt Lucienberger auch nach dem Selbstmord der Königin Amata eine Figur des Stückes auf diese wichtigen Todesfälle reagieren und eine Art Resümee der jeweiligen Lage geben - in allen drei Fällen von den Gegnern der Trojaner (Messapus, Turnus, jetzt Latinus), in allen drei Fällen durch eine Zudichtung, also den Text Vergils erweiternd. 111 Dass über den Selbstmord Amatas zuerst die Tochter Lavinia, dann die Latinerinnen und schließlich der König und Gatte Latinus selber klagen, steht der Sache nach allerdings schon im Text Vergils (Aen.12,604-613); bei Lucienberger wird der Eindruck immerhin noch zusätzlich durch die Umsetzung des Klage-Berichtes in direkte Reden der beteiligten Personen, Lavinia 112 , Latinus und Dienerinnen ( famulae ), intensiviert. Lucienberger lässt aber Latinus in einem Schlusswort ( TC 10,4,050-052) noch drei weitere Verse sprechen, die bei Vergil kein Gegenstück haben: Er beklagt die Grausamkeit des Krieges, der ihm die liebe Gattin und allen Lebensmut genommen habe. Die göttlichen Mächte sollen denjenigen, der diesen Krieg angezettelt hat ( inceptor ), der gerechten Strafe zuführen. Gewiss ist Turnus gemeint (den Aeneas in TC 10,6,021 f., ohne Vorbild bei Vergil, causam crimenque malorum / tantorum nennt). Dieser Wunsch des Latinus ist damit eine Vordeutung auf das Ende des Turnus. Dass in TC X-4 der Selbstmord Amatas so intensive Reaktionen hervorruft, hat bei Lucienberger einen guten Sinn. Er sieht darin die Erfüllung einer prophezeiten Vorbedingung für das Ende des Krieges. Dazu Näheres gleich im nächsten Abschnitt, dem → Kap. D 8. 1. 11, vgl. auch → Kap. D 6.2. D 8. 1. 11 TC 10,6,030-036 Nochmals die Wirkung von Amatas Selbstmord - auf Aeneas Bei Vergil erfährt Aeneas nichts vom Selbstmord Amatas. Lucienberger aber schaltet in den finalen Zweikampf zwischen Aeneas und Turnus mit TC 10,6,030-036 eine kurze Episode ein, wie Eumelos dem Aeneas die Kunde ( fama ) von Amatas Tod überbringt (vgl. dazu auch → Kap. 6.2). Das geschieht 111 Bei Vergil wird der Tod Amatas dem Turnus durch Saces gemeldet, was Lucienberger in TC 10,6,007-012 (Sages) = Aen. 12,659-664 (Saces) übernimmt. Lucienberger aber bringt keine unmittelbare und emotionale Reaktion des Turnus auf diese Nachricht (wie sie Vergil in auktorialer Innensicht in Aen. 12,665668 bietet); die folgenden Worte des Turnus TC 10,6,013-017 = Aen. 12,676-680, die an seine Schwester und Helferin Juturna gerichtet sind, sind eher taktischer Natur: Turnus erklärt sich jetzt zum Zweikampf mit Aeneas bereit. 112 Lavinias Rolle ist gerade beim Selbstmord ihrer Mutter bei Lucienberger deutlich gegenüber Vergil gesteigert; vgl. dazu → Kap. D 8.2. <?page no="326"?> 326 D Analysen in einer Zäsur des Duells, als dem Turnus das Schwert zerbrochen ist, Aeneas seinen Speer nicht aus einem Baumstumpf wieder herausreißen kann, beiden aber die Waffe (durch die Schwester Juturna bzw. die Mutter Venus) restituiert wird, und unmittelbar vor der letzten Götterszene (in TC X), dem „Einigungs- Gespräch“ zwischen Jupiter und Juno. Aeneas erinnert sich bei Lucienberger in diesem Moment daran, dass sein Vater Anchises ihm in der Unterwelt, in TC 5,3,218 f., geweissagt hatte, er werde auf eine Beendigung des Krieges nicht eher hoffen dürfen, als wenn Amata tot sei. Diese Bedingung ist jetzt erfüllt. Heute ist der erhoffte Tag. Aeneas reagiert bei Lucienberger auf die von Eumelos 113 überbrachte Nachricht ( ergo ) mit der Erklärung, dass damit jetzt entsprechend der Prophezeiung seiner göttlichen Mutter ( parens könnte sich aber auch auf Anchises in der Unterwelt beziehen) ein Ende des Krieges zu erhoffen sei; der sichere Hafen werde jetzt erreicht; der so oft erflehte Tag sei da. Lucienberger hat innerhalb der Prophezeiung des Anchises über die nahe Zukunft des Aeneas in Latium die Rolle Amatas in einer Weise gesteigert, die bei Vergil nicht erkennbar ist (vgl. → Kap. D 6.2). Wenn der Ausgang des Krieges und der Sieg der Trojaner laut Anchises davon abhängig ist, dass zuvor Amata tot sein muss („nicht eher als“), dann ist es nur konsequent, dass der Autor der TC die Erfüllung dieser Vorbedingung auch entsprechend markiert. Die Beziehung zwischen Ankündigung und Eintreten eines bestimmten, meist wunderhaften Ereignisses muss deutlich werden (wie es etwa beim Prodigium der zu verzehrenden bzw. verzehrten Tische der Fall ist). Eine solche Beziehung zu erkennen, sollte nicht einfach der Aufmerksamkeit eines Lesers oder Zuhörers überlassen werden. Lucienberger hat recht daran getan, durch die Schluss- Worte des Aeneas in TC X-6 diese (vom Autor der TC ja erfundene) Beziehung unüberhörbar herzustellen. Die Stilisierung Amatas zur entscheidenden menschlichen Gegenspielerin des Aeneas ist eine der wenigen bedeutsamen Züge, mit denen Lucienberger von Vergils Darstellung abgewichen ist. D 8.2 Totenklage um Amata Unter den Versen, die Lucienberger, seinen Prätext, die Aeneis Vergils, erweiternd, gedichtet hat, sind viele Passagen eher situationsklärender Natur. Dazu rechne ich alle Partien, in den Lucienberger Personen redend auftreten lässt, damit sie das wenigstens andeuten, was Vergil als auktorialer Erzähler in Er- 113 Eumelos, der in der Aeneis nur in 5,665, dort als Künder einer schlimmen Nachricht, vorkommt, wird jetzt in TC 10,6,030-032 als Überbringer der Kunde von Amatas Tod an Aeneas (vgl. dazu → Kap. D 6.2, auch → Kap. D 2.1) seinem Namen gerecht, der ja etwa „frohe Kunde“ bedeutet. <?page no="327"?> D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC 327 Form bringt. Das sind eher gestaltungstechnisch notwendige Partien, bei denen Lucienberger in Reden von dramatis personae umsetzen muss, was im Epos vom erzählenden, schildernden oder auch kommentierenden und urteilenden Erzähler gebracht wird. Immerhin kann Lucienberger bei einer solchen Transformation weithin originale Verse Vergils benutzen. 114 Es gibt aber, eher selten, kleinere Stücke, die Lucienberger inhaltlich und dann meist auch sprachlich ganz neu geschaffen hat (s. dazu besonders → Kap. D 7.2 und Kap. D 8.3). Diese verdienen größere Beachtung, weil sich in solchen Zusätzen Lucienbergers dessen Intentionen am ehesten zeigen. Sie zeugen von Erwartungen, die Lucienberger offenbar gegenüber der Aeneis hegt, die Vergil aber nicht erfüllt hat. In solchen Fällen hat Lucienberger offensichtlich das Bedürfnis, nicht etwa bedauernd, aber stillschweigend über solche „Leerstellen“ hinwegzugehen, sondern sie zu füllen. Ein Beispiel dafür ist der To d d e r K ö n i g i n A m a t a . Bei Vergil wird dieser Tod relativ kurz abgemacht. Als nach dem Bruch des Vertrages, der eine Einstellung des allgemeinen Kämpfens und stattdessen ein Entscheidungsduell zwischen Aeneas und Turnus vorsah, die Schlacht und das Schlachten wieder begonnen hat und schließlich auch Aeneas nach seiner wundersamen Heilung von einer Verwundung durch einen Pfeil sich wieder daran beteiligt und in einer Aristie reihenweise Gegner erschlägt, fasst Aeneas auf Eingebung seiner Mutter Venus einen neuen Plan (Aen. 12,554 ff.): Er greift die bisher unbehelligte Residenzstadt des Latinus direkt an und droht, sie im Sturm zu nehmen und mit Brandfackeln dem Erdboden gleich zu machen. Diese Bedrohung löst bei der Königin Amata eine verhängnisvolle Reaktion aus (Aen. 12,593-603). Sie sieht nur die Scharen der Feinde, doch keine Spur von Turnus. Sie wähnt ihn gefallen, gibt sich selber die Schuld an all dem Übel (Aen. 12,600 se causam clamat crimenque caputque malorum) und erhängt sich an einem Balken (Aen. 12,603 et nodum informis leti trabe nectit ab alta ). Immerhin begnügt sich Vergil nicht mit der Konstatierung ihres Selbstmordes, sondern schildert in Aen. 12,604-613 dessen Wirkung auf die Tochter Lavinia, die Bevölkerung und den Gatten, den König Latinus. 114 In meiner Simultanausgabe TC / Aen. sind solche Passagen, in denen Lucienberger zwar auktoriale Aeneis-Verse benutzt, sie aber mit kleineren oder stärkeren Varianten in Figuren-Reden umsetzt, einerseits durch den größeren 14-Punkt Schriftgrad als Verse der TC ausgewiesen und als solche auf dem rechten Rand nach Akt und Szene gezählt, andererseits aber nicht auch auf dem linken Rand mit der Zählung der entsprechenden Vergil-Verse versehen. Vielmehr stehen die inhaltlich und weithin auch wörtlich entsprechenden (auktorial gebotenen) Verse der Aeneis in kleinerem 10-Punkt Schriftgrad und mit vorangestellter Verszählung der Aeneis direkt unter dem transformierten TC- Vers. <?page no="328"?> 328 D Analysen Lucienberger hat diesen kleinen Szenenkomplex in seiner S z e n e T C X- 4 mit ihren 52 Hexametern ( TC 10,4,001-052) bedeutend gesteigert, und zwar in emotionaler Hinsicht. Hier zeigt sich die Stärke einer Dramatisierung, die in direkten Reden der Akteure besteht, gegenüber einer epischen Erzählung, die vorwiegend die Vorgänge referiert. Das Drama kann die Emotionen der handelnden Personen durch deren Worte direkt zum Ausdruck bringen, das Epos pflegt sie eher nur zu benennen oder in indirekter Rede, also eben nicht unmittelbar, zu referieren. Der Auftakt der Szene TC X-4 ist bei Lucienberger noch in der üblichen Technik seiner Vergil-Adaption gestaltet: Er übernimmt aus Vergil wörtlich die Rede des Aeneas, mit der er seinen Kämpfern den Taktik-Wechsel, den offenen Angriff auf die Stadt des Latinus, ankündigt und begründet (Aen. 12,565-573 = TC 10,4,002-010). Nicht ungewöhnlich ist auch, dass Lucienberger bestrebt ist, einige namhafte Trojaner nicht nur am Geschehen, sondern auch an der Sprachhandlung teilnehmen zu lassen. Hier lässt er Mnestheus in TC 10,4,011-013 drei Verse sprechen, die zum Hauptziel des Angriffs Latinus erklären, der der Hauptschuldige am Bruch des Vertrages sei (was allerdings eine unzutreffende Beschuldigung ist). Die Reaktion der Bevölkerung der bedrohten Stadt, die Vergil noch durch das Gleichnis von den Bienen, die sich mit der Gefahr einer Ausräucherung konfrontiert sehen (Aen. 12,583-594), ausmalt (solche illustrierenden und kommentierenden Gleichnisse dürften in der Tat im Mund personaler Sprecher, anders als beim auktorialen Erzähler, unangemessen wirken), wird von Lucienberger übergangen. Stattdessen konzentriert er sich auf die Königsfamilie Amata, Lavinia, Latinus und dann noch famulae . Was bei Vergil über den Eindruck und die Wirkung des trojanischen Angriffs gegen die latinische Hauptstadt (die bei Vergil keinen konkreten Namen hat) auf Amata referiert ist, wird von Lucienberger in ein Selbstgespräch Amatas umgesetzt. Das ist eine gängige und einleuchtende Transformationstechnik: aus den vom Autor einer Person zugeschriebenen Gedanken (etwa die Selbstanklage als causa … malorum ) werden Worte der Figur gemacht. Aus der Konstatierung des Selbstmordes bei Vergil wird bei Lucienberger, in einer ebenfalls typischen Umwandlung, der direkt geäußerte Entschluss Amatas zum Selbstmord ( TC 10,4,021 f., umformuliert aus Aen. 12,601-603). - Soweit bewegt sich Lucienberger bei seiner Umsetzung im erwartbaren Rahmen. Ungewöhnlich aber ist, dass Lucienberger aus nicht einmal zwei ganzen Aeneis-Versen über Lavinias Reaktion auf die Nachricht vom Tod ihrer Mutter (Aen. 12,605 f. filia prima manu flavos Lavinia crinis / et roseas laniata genas ), die nur rituelle Trauergesten zum Inhalt haben (Zerraufen der blonden Haare, Zerkratzen der rosigen Wangen) eine längere bewegende Rede Lavinias in <?page no="329"?> D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC 329 insgesamt 21 Versen ohne Gegenstück bei Vergil macht ( TC 10,4,023-043), die in ihren drei Teilen mehrere Handlungs- oder Charakterisierungsfunktionen erfüllt. (a) Zuerst vermisst und sucht Lavinia ihre Mutter, mit einem wie in einem Refrain wiederholten Vers ( TC 10,4,023 = 10,04,027 Dulcis ubi est genitrix? Ubi tristis sola vagatur), der bei der Wiederholung zur Du-Form es - vagaris intensiviert wird. Das zeigt ihre innige Verbundenheit mit der Mutter. (b) Im zweiten Teil ( TC 10,4,029-041), für den vorausgesetzt wird, dass sie inzwischen vom Selbstmord ihrer Mutter gehört hat, beklagt Lavinia diesen in drei Versen, verdammt aber vor allem den unglückseligen Krieg, den Könige um die Herrschaft führen, dabei aber gerade das regnum zugrunde richten, nach dem sie streben. Gemeint sein müssen mit dieser Vorhaltung beide Kontrahenten, Aeneas so gut wie Turnus. Auch derjenige dann in Du-Form angeredete Mann, der ihr die liebe Mutter geraubt hat ( qui privasti ) und der den Vater rauben und sie selber als Beute davonführen wird, könnte sowohl Aeneas wie Turnus sein (und in TC 10,4,041 spricht sie auch wirklich von utriusque spem inanem , von der vereitelten Hoffnung beider). Lavinia übt aber nicht nur harte Kritik an den beiden Rivalen um die Herrschaft in Latium, sondern reflektiert auch über die verhängnisvolle eigene Rolle: Wenn sie wüsste (Lucienberger lässt sie nicht mit einem „wenn ich gewusst hätte“ den Irrealis der Vergangenheit gebrauchen), dass diese Kämpfe nur um sie geführt würden und damit sie selber schuld an einem solchen Verbrechen sei (sie nennt den Krieg und die Kämpfe hier tantum crimen ), dann würde sie selber Selbstmord begehen, indem sie sich von den Zinnen stürzen und so mit ihrem Tod die eitlen Hoffnungen der beiden Rivalen zunichtemachen würde. Lavinia spielt also mit dem Gedanken, wie ihre Mutter Selbstmord zu begehen. Aber das Motiv dafür ist, wie aus ihren ihr von Lucienberger eingegebenen Worten hervorgeht, bei Mutter und Tochter durchaus unterschiedlich. Beide sprechen zwar von ihrer Schuld am jetzt tobenden verhängnisvollen Krieg (Amata: TC 10,4,020 nach Aen. 12,600: ego tantorum crimenque caputque malorum ; Lavinia TC 10,4,039, ohne Vorbild bei Vergil: tanti me culpam criminis esse ), aber nur Amata hat eine wirkliche Mitschuld am Kriegsausbruch, indem sie gegen Latinus’ Entscheidung für Aeneas als Schwiegersohn an ihrem Favoriten Turnus festgehalten hat. Lavinia dagegen ist der persönlich unschuldige Zankapfel. Für Amatas Selbstmord darf man Motive wie Verzweiflung über das Scheitern ihrer Absichten, Schuldbewusstsein und Versuch einer Sühnung unterstellen. Lavinia dagegen würde sich opfern, damit mit ihrem Tod der Anlass und das Ziel des Krieges verschwänden. (Das ist ein edler Entschluss, und deshalb finde ich die Verwendung von turpiter in diesem Zusammenhang nur schwer zu verstehen: allenfalls als generelle Beurteilung eines Selbstmordes.) <?page no="330"?> 330 D Analysen Allerdings ist sie sich nicht sicher - was durch den Irrealis si scirem zum Ausdruck gebracht wird -, ob es wirklich um sie persönlich geht: Sie hat ja zuvor als eigentliches Motiv der beiden Kontrahenten die Herrschsucht ( quaerendo regnum) bezeichnet. (Mit anderen Worten: sie argwöhnt, dass auch ihr Tod den Kampf um Latium nicht beenden würde.) (c) Die letzten beiden Verse von Lavinias Rede ( TC 10,4,042 f.) werden nicht beim Herumirren im Königspalast auf der Suche nach der Mutter (a) oder im Selbstgespräch (b) geäußert, sondern an den Vater, den König Latinus, gerichtet. Die Tochter - nicht, wie bei Vergil in Aen. 12,608 die fama - überbringt dem König die Nachricht vom Selbstmord seiner Gattin durch Erhängen. Er kann es kaum glauben, aber die Tochter bekräftigt ihre Botschaft. - Mit einer solchen Personalisierung der Vermittlung einer Nachricht will Lucienberger vielleicht stärker das decorum wahren als Vergil es tut: Dass ein König nur sozusagen gerüchteweise vom Selbstmord seiner Gattin erfährt, erscheint Lucienberger offenbar unangemessen. In der Tat wirkt ja seine Erfindung, dass die Tochter selber den Selbstmord ihrer Mutter entdeckt und dies dem Vater meldet, bewegender. Im Rest dieser Szene TC X-4 finde ich zwei zusätzliche Erweiterungen der Handlung gegenüber Vergil bemerkenswert: (A) In einer Regieanweisung sieht Lucienberger nicht nur „allgemeines Klagen um Amata“, konkret durch die famulae , vor, sondern schreibt auch vor, dass ihre Leiche vom Balken genommen und „hineingetragen“ wird. Bei Vergil wird das nicht erwähnt, der Epiker lässt Amata sozusagen hängen. Bei einer eventuellen szenischen Aufführung im 16. Jahrhundert aber, die nicht auf einer Guckkastenbühne mit bei Bedarf verhüllendem Vorhang stattfand, musste der Spielplatz am Ende eines Auftritts geräumt, für die neue Szene freigemacht werden. Die folgende Szene TC X-5 spielt ja anderswo, zwischen Turnus und seiner Schwester Juturna auf dem Schlachtfeld vor den Mauern der Stadt. - (B) Ebenfalls eine Neuerung Lucienbergers ist es, dass sich Latinus nicht nur anklagt, bei der Bürgerschaft Aeneas als Schwiegersohn nicht durchgesetzt zu haben (TC 10,4,046 f. nach Aen. 12,612 f.), sondern dass er darüber hinaus (in den Schlussversen TC 10,4,050-052) auch die Strafe der gerechten Götter ( numina aequissima ) in Du-Apostrophe auf den herabruft, „wer auch immer du bist, der du damit angefangen hast“ ( quisquis es inceptor ), nämlich mit dem grausamen Krieg ( crudele bellum ). Diese unbestimmte Ausdrucksweise mit dem Indefinit-Pronomen quisquis gibt nicht allein Turnus die Schuld, sondern lässt es - ähnlich wie zuvor Lavinia bei ihrer Anprangerung der Herrschsucht - offen, wer das caput malorum sei. Bei Vergil ist die „Kriegsschuldfrage“ klar, jedenfalls was die verantwortliche Seite angeht: Amata, Turnus, letztlich aber Juno mit ihrer Helferin Allecto. Bei Vergil führt Aeneas einen Defensivkrieg zur Selbstbehauptung. Jedenfalls anfangs. <?page no="331"?> D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC 331 Der Aeneas Lucienbergers selber sieht, natürlich, in Turnus den Schuldigen an der ganzen verderblichen Entwicklung. Zu Beginn des finalen Zweikampfes mit Turnus lässt Lucienberger seinen Aeneas zwei Verse sprechen, die bei Vergil in diesem Kontext kein Vorbild haben: Tete, Turne, volo causam crimenque malorum TC 10,6,021 tantorum meritas (spero) dabis, improbe, poenas . TC 10,6,022 Das ist eine wörtliche Wiederaufnahme des Schuld-Motivs, das in TC X-4 zuerst Amata, dann Lavinia (beide sich selbst beschuldigend) und schließlich mit dem Wunsch nach Bestrafung (ohne Namensnennung in TC 10,4,052) auch Latinus zur Sprache gebracht hatten; jetzt wird die Schuld an der verhängnisvollen Entwicklung erstmals direkt Turnus gegeben. Dazu passt auch, dass Aeneas mit seinen letzten Worten im Epos in Aen. 12,949, die auch Lucienberger in TC 10,8,031 wörtlich übernimmt, im Namen des Pallas Turnus „bestraft“, indem er das Blut des „Verbrechers“ vergießt: (Pallas) poenam scelerato ex sanguine sumit. Es ist eine der bemerkenswertesten Abweichungen Lucienbergers von Vergil, dass er die drei letzten Verse der Aeneis (12,950-952), nach denen Turnus sein Leben „indigniert“( vita … indignata ) beendet, übergeht (vgl. dazu → Kap. D 9.2). Turnus wird von Lucienberger nicht mehr erwähnt. Auf den Sieg des Aeneas fällt kein Schatten. D 8.3 Die neu geschaffene Schluss-Szene der TC D 8.3.1 Zu TC X-9 und „Aen. XIII “ des Maphaeus Vegius Es ist zwar nach der sonstigen Darstellungs- und Transformationstechnik Lucienbergers zu erwarten, dass auf die Ankündigung einer blutigen Bestrafung des Turnus durch Aeneas in den Schlussversen von TC X-8 ( TC 10,8,029b-031 = Aen. 12,947-949) in der Phantasie des Lesers und bei einer wirklichen szenischen Aufführung der Todesstoß für den „Verbrecher“ folgen soll, aber ausdrücklich gesagt wird das nicht. Schon gar nicht kann der Leser oder Zuschauer erkennen, dass Turnus „indigniert“ stirbt. Wenn es nur die TC gäbe und nicht die Aeneis, würde gewiss unter Philologen kein Streit darüber entstehen, ob über dem Ende eher Siegesglanz oder Todesdunkel liegt. Doch nicht genug damit, dass Lucienberger den Todesstoß des Aeneas für Turnus nur erschließen lässt, ihn nicht direkt darstellt: Lucienberger erfindet noch selbständig eine ganze zusätzliche S c h l u s s - S z e n e ( T C X- 9 mit 37 Versen), 115 die voller Glanz ist. Er bietet eine Fortschreibung der Aeneis noch über 115 Reinhold F. Glei, Turnus im neulateinischen Drama - ein ‚tragischer‘ Held? , in dem Sammelband Timothy J. Moore / Wolfgang Polleichtner (Hrsgg.), Form und Bedeutung <?page no="332"?> 332 D Analysen jenen Todesstoß hinaus, der Turnus bei Vergil stöhnend und unwillig / entrüstet ins Reich der Schatten verweist. Der Inhalt der nur 37 Verse von TC X-9 ist unter mehreren Aspekten bereits ausführlich in → Kap. D 6.3 dargestellt worden: Latinus verkündet die Hochzeit Lavinias mit Aeneas und lädt zu ihrer Feier ein; Julus und Cloanthus als Sprecher der Trojaner beglückwünschen Aeneas zu seinem Sieg; er wird zum König von Latium proklamiert; er weiht seine Waffen den Göttern. Nicht alle diese Einzelheiten in der neu gedichteten Szene TC X-9 beruhen auf freier Erfindung Lucienbergers. Sie sind ohnehin zum Teil, etwa die Heirat des Aeneas und der Lavinia, eine konsequente Ausführung dessen, was in der Aeneis angelegt ist. Aber es gab auch konkrete Anregungen für eine solche Abrundung, ein solches Fortschreiben der Aeneis zu einem glücklichen Ende. Vermutlich kannte Lucienberger jenes Supplementum Aeneidos, das sogenannte 13. Buch der Aeneis („Aen. XIII “) des Maffeo Vegio von 1428 (vgl. dazu → Kap. B 8). Jedenfalls gehörte diese Fortsetzung der Aeneis mit (u. a.) den Trauerfeierlichkeiten für Turnus (wobei König Latinus in Laurentum und der Vater Daunus in Ardea lange Reden halten) und der Feier der Hochzeit von Aeneas und Lavinia geradezu zum Standardinhalt der gedruckten Vergil-Ausgaben des 16. Jahrhunderts. Dass auch Lucienberger eine Ausgabe dieses Typs besessen haben muss, geht schon daraus hervor, dass in der Ausgabe seiner Tragicocomoedia ein Zyklus von 13 Holzschnitten zur Aeneis enthalten ist, in dem sich der letzte auf „Aen. XIII “ bezieht. Auch dieser 1 3 . H o l z s c h n i t t ist von Lucienberger übernommen und in VP 1576B sachgerecht vor seine Actus X scena IX et ultima ( TC X-9) gestellt worden. Diese von mir (2008ter Argumentum-Zyklus” genannte Serie von Simultanbildern zu den 12 (+ 1) einzelnen Aeneis-Büchern ist erstmals in VP 1559C (in einer deutschen Übersetzung der Aen.) belegt, danach in VP 1562C (ebenfalls einer deutschen Übersetzung der Aen.), dann u. a. 116 in VP 1572A (einer lateinischen Ausgabe von Vergils Poemata omnia ) und schließlich eben in VP 1576B mit der lateinischen Aen.-Dramatisierung Lucienbergers. Im jetzigen Zusammenhang sei nur erwähnt, dass in dem sog. Argumentum- Typus von Titelbildern zu den einzelnen 12 (+ 1) Aeneis-Büchern nicht eine einzelne Szene illustriert wird, sondern dass der Reißer des Holzschnitts (der Entwerfer der Graphik) versucht, andeutungsweise den gesamten Inhalt bzw. im lateinischen Drama, Trier 2013 (BAC Bd. 95), 115-127 (mir durch die Freundlichkeit des Verfassers zugänglich gemacht), streift S. 119 f. in eher referierender Weise auch die Schluss-Szene TC X-9 mit dem glücklichen Ende der Inclyta Aeneis (wie Glei die TC nennt). 116 Zu vermuten ist dieser 13-Bilder-Zyklus auch in den beiden lateinischen Frankfurter Ausgaben von Vergils Poemata omnia VP 1563 und VP 1567A. <?page no="333"?> D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC 333 die wichtigsten Szenen eines Aen.-Buches darzustellen. (Argumentum bezeichnet spätestens in der Spätantike eine Inhaltsangabe.) Das geschieht mit einer Vielzahl von Personen meist mit Namensbändern und von Objekten, die in einer einzigen Überschaulandschaft oder jedenfalls einem einzigen Rahmen vorgestellt werden. Oft tritt dieselbe Figur, etwa die Hauptperson Aeneas, mehrfach (in sog. kontinuierender Darstellung) innerhalb eines solchen Argumentum- Bildes auf. Wenn ein Betrachter den Inhalt eines Aeneis-Buches kennt, kann er (wenn auch mit Mühe) auch ein solches Bild „lesen“, d. h. verstehen. Ohne ein solches Vorwissen ist es so gut wie unmöglich, aus einem Argumentum-Bild die Handlung des betreffenden Aeneis-Buches zu rekonstruieren, jedenfalls nicht in chronologischer Ordnung. Was nun das Titelbild zu Aen. XIII bzw. zu TC X-9 angeht, das Lucienberger selber in VP 1576B aufgenommen und doch wohl anhand des in seiner Vorlage mitenthaltenen Supplementum Aeneidos des Maphaeus Vegius studiert hat, so steht auf ihm eindeutig die Hochzeit des Aeneas mit Lavinia (auch wörtlich) im Vordergrund. An der Spitze des Hochzeitszugs schreiten ganz vorn Aeneas und Lavinia, durch Namensbändern identifiziert, hinter zwei Musikanten. Dahinter sitzen (von links), erneut namentlich bezeichnet, Latinus, Ascanius, 117 Aeneas und Lavinia an der Hochzeitstafel in einem Rundtempelchen (einem Monopteros). Rechts daneben begrüßt (vielleicht beglückwünscht) Latinus einen Krieger, dessen abgekürzter Name, AEN ( EAS ), etwas höher zu erkennen ist. Diese untere und größere Hälfte des aus dem „Frankfurter-Argumentum-Zyklus“ übernommenen Bildes, das vor TC X-9 eingelegt ist, hat im Text der TC X-9 eine Analogie, auch wenn ich nicht gerade von einer textuellen Wiedergabe des Bildinhaltes sprechen würde. D 8.3.2 Der übernommene Holzschnitt zu Aen. XIII und TC X-9 Aber der der Szene TC X-9 vorgeschaltete H o l z s c h n i t t z u A e n . X I I I und der Text des Supplementum Aeneidos bietet mehr an Handlung, als man aus den 37 Versen dieser letzten Szene der TC erschließen kann. Auf dem Bild sind nämlich in der oberen kleineren Hälfte noch weitere Szenen zu sehen und vielleicht zu identifizieren (dabei helfen die Namensbänder in Großbuchstaben, auf denen die Namen aber teils nur abgekürzt geboten werden): (A) Ganz oben rechts reitet Aeneas an der Spitze einer geschlossenen Truppe von Fußsoldaten mit hochgestellten Lanzen. - (B) Schräg links darunter führt offenbar Latinus den AEneas zu LAVinia (und einer weiteren Frau). - (C) Darun- 117 Ascanius’ Name steht nicht wie die drei anderen hoch oben in den Rundbögen zwischen den Säulen, sondern in Kopfhöhe neben der Krone des Aeneas. <?page no="334"?> 334 D Analysen ter, noch immer am rechten Bildrand, nähert sich augenscheinlich ein Gesandter mit einem Ölzweig als Zeichen des Friedens einer Reitergruppe mit AEN eas. - (D) In der Mitte der oberen Bildhälfte sprengt ein Reiter (Bote? ) nach links auf eine Stadt (ganz links oben) zu, die am oberen Bildrand als LAURENTUM 118 bezeichnet ist. - (E) In der Mitte des oberen Bildrandes ist VENUS als zielende Bogenschützin in einer Wolkenhülle (also unsichtbar) dargestellt. 119 - (F) In der Mitte des rechten Bildrandes (auf Höhe des Frieses unter der Kuppel des Tempelchens) wird auf einem von Pferden gezogenen Kastenwagen (der Leichnam des) TURNUS transportiert; ein Geleit von Reitern folgt. All diese Bild-Elemente beziehen sich auf Passagen in den 630 Hexametern des Supplementum Aeneidos des Maffeo Vegio. Aber sie alle werden von Lucienberger nicht in seinem Text von TC X-9 berücksichtigt (allenfalls das Zusammenführen von Aeneas und Lavinia in B). Besonders auffällig ist in meinen Augen, dass Lucienberger in TC X-9 nichts von einer ehrenvollen Bestattung des Turnus andeuten lässt, die bei Vegio großen Raum einnimmt. Bei Vegio gewährt Aeneas ausdrücklich in XIII 39 f. dem Turnus eine solche Ehrung; König Latinus verurteilt zwar in einer langen Reden den Kampf des Turnus gegen die Trojaner, aber beweint ihn und richtet für ihn einen Leichenzug nach Ardea aus ( XIII 125-203); in seiner Heimatstadt Ardea empfängt ihn der Vater Daunus und beklagt den Tod seines Sohnes ( XIII 243-302). Das alles ist bei Vegio ein Zeichen der Versöhnung zwischen den unterlegenen Latinern und den siegreichen Trojanern und mehr noch ein Beweis dafür, dass Aeneas den großen Führer der Feinde, den er im Entscheidungsduell getötet hat, würdige letzte Ehren erweisen lässt und diesem gleichzeitig die letzte Bitte erfüllt, die Bestattung in der Heimatstadt Ardea durch seinen Vater Daunus. Das ist eine Geste, die einem großen und großzügigen Helden angemessen ist. Bei Lucienberger richtet der sich besiegt erklärende Turnus ebenfalls, wie bei Vergil, diese Bitte an Aeneas ( TC 10,8,024-028 = Aen. 12,932-936); er lässt Turnus noch, über Vergil hinausgehend, die Worte hinzufügen: Quid mortua 118 Laurentum (seltener Laurolavinium) ist der in der Philologie übliche Name der Residenzstadt des Königs Latinus, die aber von Vergil nie eindeutig - am ehesten noch in Aen. 8,1 - so bezeichnet wird. 119 Diese Präsenz der Venus - die Gottheit wird ja per Beischrift so genannt - ist mir unerklärlich. Venus hat bei Vegio erst am Ende seines Supplementum Aeneidos , in Aen. XIII 593-630, im Zusammenhang mit der Apotheose des Aeneas einen großen Auftritt (ohne dass dabei etwa Pfeil und Bogen erwähnt würden). Die Position der VENUS auf dem Holzschnitt entspricht vielmehr derjenigen, die man sich für die Nymphe Opis, Dianas Helferin, vorstellen würde, wie sie auf Arruns zielt, um an ihm Rache zu nehmen, weil er Dianas Schützling Camilla aus dem Hinterhalt erschossen hat (Aen. 11,836-867 ≈ TC 9,6,048-059). <?page no="335"?> D 8 Emotionale Erweiterungen in der TC 335 prosunt / membra tibi ( TC 10,8,028-029a)? Aber diese Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen. Obwohl Lucienberger die Ergänzung Vegios mit der Schilderung des Zuges mit Turnus’ Leichnam nach Ardea gekannt haben muss, hat er diese Anregung nicht aufgegriffen. Er gewährt dem Turnus, anders als Vegio, keine würdige Bestattung; Turnus wird in TC X-9 gar nicht mehr erwähnt. Immerhin errichtet Aeneas bei Lucienberger nicht, wie er das laut TC 9,1,001-003 = Aen. 11,14-16 in Aen. XI nach dem Sieg über Mezentius getan hatte (vgl. dazu in → Kap. D 6.3.3) aus den Waffen des besiegten und getöteten Feindes ein Siegesmal, ein Tropaeum. Zwar ist in der Schluss-Szene der TC von einer Weihung von Waffen durch Aeneas die Rede und man könnte glauben, das seien die Beutestücke, die er dem toten Turnus abgenommen hätte. Aber wie ich in → Kap. 6.3.5 dargelegt habe, handelt es sich nicht um Beutewaffen, die Aeneas hier den Göttern weiht, sondern (was in der Regiebemerkung vor TC 10,9,029 deutlich mit arma sua affigit gesagt wird) um seine eigenen Waffen. Lucienberger lässt seinen Aeneas in TC X-9 zwar einerseits den traditionellen römischen Ritus der spolia opima stiften, nach dem ein römischer Feldherr die Rüstung eines feindlichen Heerführers, den er persönlich im Einzelkampf getötet hat, im Tempel des Jupiter Feretrius auf dem Kapitol weiht. Aber Lucienberger verändert, jedenfalls in Bezug auf seinen Aeneas, den Ritus und damit auch dessen Bedeutung. Wenn dieser seine eigenen Waffen weiht und damit zu erkennen gibt, dass er sie nicht mehr braucht, ist das ein Zeichen weniger des Triumphes über einen konkreten Feind, als vielmehr der Waffen-Ruhe, des Friedens. D 8.4 Die Schlussverse der TC : Die Wendung ad spectatores Die vier Schluss-Verse TC 10,9,034-037 der Tragicocomoedia (die wie die ganze Szene TC X-9 neu von Lucienberger gedichtet sind) spricht laut gedruckter Sprecherbezeichnung der König Latinus. In den beiden ersten ruft er dazu auf, die Hochzeit seiner Tochter Lavinia mit Aeneas gebührend zu feiern und in prächtigem Zug „nach drinnen“ zu schreiten. 120 Danach folgen noch zwei Verse, die in der gedruckten Ausgabe VP 1576B nicht in irgendeiner Form graphisch von den beiden vorausgehenden abgetrennt sind. 121 Diese beiden Schluss-Verse TC 10,9,036-037 sind also (scheinbar) als eine weitere Aufforderung des Latinus 120 Mit intremus wird offenbar das Einziehen in einen Palast angekündigt, der vielleicht nicht nur in der Phantasie existiert, sondern auch im Bühnenbild - als Kulisse oder Bau - angedeutet ist. 121 Das Übliche wäre in einem solchen Fall eine leere, nur mit zwei * * Sternchen gefüllte Zeile, was, wie Lucienberger selber den benevolum lectorem (Scan 6) aufklärt, eine Art Pausenzeichen ist: sermonem paulo esse continendum. <?page no="336"?> 336 D Analysen aufzufassen, die er übergangslos an die Einladung zur Hochzeit seiner Tochter anschließt: At vos interea iuvenesque senesque valete foemineumque decus nostrisque applaudite rebus. Das können aber keine Worte der Dramen-Figur Latinus sein, das muss der Appell des Autors eines Dramas an seine Zuschauer sein - zu denen, wie wir hier hören, auch Frauen gehören -, seinem jetzt aufgeführten Werk ( nostris rebus ist eine wenig poetische, vielleicht pseudo-bescheidene, selbstironische Ausdrucksweise, eine Art Understatement) zu applaudieren. Das reale Publikum der szenischen Aufführung - Junge, Alte, Frauen - wird aufgefordert, Beifall zu spenden. Inhaltlich ist das eine geschickte Anknüpfung an die innerdramatischen Situation dieser letzten Szene der Dramatisierung: Darin „gratulieren“ nämlich nicht nur zuerst Julus / Ascanius (laut der Regieanweisung oder besser Beschreibung seiner Aktion vor TC 10,9,018), dann Cloanthus im Namen aller (wörtlich gratamur in TC 10,9,022) dem Aeneas, sondern es „applaudiert“ ihm auch das gesamte innerdramatische Personal als Ausdruck höchster Freude (vor TC 10,9,028 omnis turba … applaudit ). Solche Aufforderungen an die Zuschauer, Beifall zu spenden, sind typisch für den Schluss antiker lateinischer Komödien. 122 Ein Beispiel ist etwa der Schluss von Plautus’ Truculentus: Spectatores, bene valete, plaudite et exsurgite . Man nennt diesen Typus von Anreden eines inner-szenischen Rollensprechers an das außer-szenische Publikum eine Wendung ad spectatores . Sie ist eine Illusionsdurchbrechung: Eine Dramenfigur verwandelt sich am Ende in den Autor. Diese ad spectatores gerichteten Schluss-Verse der TC sind die einzige Illusionsdurchbrechung in der TC. Dass Lucienberger sie König Latinus in den Mund gelegt hat, ist eine gelungene Lösung: Er ist - trotz der Ausrufung des Aeneas zum König - die höchstrangige Figur in dieser Szene; er ist der Älteste; er hat ohnehin in seiner dramatischen Funktion alle auf der Szene Anwesenden zur Hochzeitsfeier und zum Hochzeitsmahl eingeladen - da passt es gut, dass gerade er die Aufforderung an die Zuschauer spricht. Gleichzeitig ist diese Wendung ad spectatores , da direkt aus der römischen Palliata eines Plautus übernommen, 122 Vgl. dazu etwa Terzaghi, Nicola, Plauto, Terenzio, il pubblico, zuerst 1929, in: Studia Graeca et Latina 1, Torino 1963, 758-790, bes. 782 ff.; Kraus, Walther, Ad spectatores in der römischen Komödie, Wiener Studien 52, 1934, 66-82; Kranz, Walther, Sphragis, RhM 104, 1961,3-46. 97-124, hier 38 ff.; auch Speyer, Augustin, Kommunikationsstrukturen in Senecas Dramen. Eine pragmatisch-linguistische Analyse mit statistischer Auswertung als Grundlage neuer Ansätze zur Interpretation, Göttingen 2003 = Hypomnemata 149, hier 61-65 zu ad spectatores und Monolog. <?page no="337"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 337 einer der ganz wenigen inhaltlichen Züge der Dramatisierung Lucienberger, die ihre Bezeichnung als Tragico-Comoedia rechtfertigt. D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC D 9.1 Rückblick Es sind bisher schon mehrere Neuerungen Lucienbergers gegenüber der Aeneis besprochen worden. Um nur die wichtigsten zu nennen: • Der Vorblick des Anchises auf Aeneas’ Kampf um Latium - TC 5,3,180-252 (→ Kap. D 6.1). • Achates gibt Ascanius Instruktionen über höfisches Verhalten - TC 2,1,001-006 (→ Kap. D 7.1). • Tarchon berät sich mit den etruskischen Fürsten wegen einer Unterstützung des Aeneas - TC 8,2,001-075 (→ Kap. D 7.2). • Positive Szenen-Schlüsse (→ Kap. D 8.1.1-11). • Reaktionen auf Amatas Selbstmord - TC 10,4,015-052 (→ Kap. D 8.2). • Das glückliche Ende - TC 10,9,001 (→ Kap. D 6.3 und Kap. D 8.3). Im Folgenden sollen weitere Neuerungen Lucienbergers unterschiedlicher Art vorgeführt werden. D 9.2 Das Übergehen der drei letzten Verse der originalen Aeneis Die spektakulärste Auslassung ist wohl das Übergehen der drei letzten originalen Verse der Aeneis (12,950-952) in der TC (vgl. → Kap. D 8.2 am Ende, auch → Kap. 8.3.1 am Anfang ). Schon die ganze letzte Phase des Entscheidungsduells zwischen Aeneas und Turnus, die in Aen. 12,894-946 mehr als 50 Verse einnimmt, ist in TC X-8 auf nur 10 Verse zusammengestutzt. Als Turnus sich besiegt erklärt (im Sinne von Aen. 12,938) und seinen Anspruch auf die Hand Lavinias aufgibt, reagiert Aeneas in der TC darauf mit den originalen Aeneis- Versen 12,947b-950 = TC 10,8,029-031: Aeneas tötet nach eigenen Worten Turnus, um Rache für die verbrecherische Tötung des Pallas durch Turnus zu nehmen. Diese Interpretation des Aeneas für sein und des Turnus Tun bleibt bei Lucienberger als letztes Wort unkommentiert stehen. Zwar ist es entsprechend der immer wieder angewandten Transformationsmethode Lucienbergers, eine im Epos erzählte Handlung durch die Ankündigung dieser Handlung durch eine sprechende Figur der TC wiederzugeben, zu erschließen, dass auch in der TC Aeneas nach dem letzten von Aeneas gesprochenen Vers TC 10,8,031 dem <?page no="338"?> 338 D Analysen Turnus den Todesstoß versetzt und vom Argumentum zu TC X wird diese Erkenntnis auch bestätigt (vgl. → Kap. B 6.11). Aber bei Vergil lesen wir danach noch, dass das Leben des Turnus indignata entweicht. Dass der Unterlegene seine Tötung anders empfindet als der Sieger, ist eine Einsicht Vergils, die Lucienberger seinen jungen Zuhörern vorenthält. D 9.3 Turnus’ Begründung für seinen Kampf gegen Aeneas ( TC 6,6,028-040) und die Rolle der Furie Allecto (in TC VI -6 und TC VI -7) D 9.3.1 Der Kriegsausbruch und die Rolle der Furie Allecto Lucienberger geht ausführlicher als Vergil auf die Gründe ein, warum es zum Kampf der Latiner und ihrer Bundesgenossen gegen die Flüchtlinge aus Troja kommt, obwohl König Latinus in Aeneas den von Orakelsprüchen geforderten „externen“ Schwiegersohn sieht, nicht aber in Turnus, den Fürsten der den Latinern benachbarten Rutuler. Die latinische Königin Amata dagegen favorisiert Turnus als Gatten ihrer einzigen Tochter Lavinia und damit als künftigen Nachfolger des Latinus. Dieser latente Interessenkonflikt in der latinischen Königsfamilie kommt durch das Wirken der dämonischen Furie Allecto, die im Auftrage der Göttin Juno handelt, offen zum Ausbruch. Bei Vergil treibt Allecto die latinische Seite in einem dreifachen Ansatz zum Krieg gegen die Trojaner: Allecto stiftet zuerst (A 1) Amata zum offenen Eintreten für Turnus gegenüber Latinus, dann (B 1) Turnus zum Kampf gegen die Trojaner an und hetzt schließlich (C 1) die Hunde des jagenden Ascanius auf einen Hirschen, von dem der Sohn des Aeneas nicht weiß, dass er eine Art zahmes Haustier Silvias ist, der Tochter von Latinus’ Oberhirten. Als der verwundete Hirsch tot in Silvias Schoß zusammenbricht, rotten sich die Landleute gegen die jagenden Trojaner zusammen. Es kommt zu blutigen Auseinandersetzungen und zu zwei Toten unter den latinischen Hirten. - Dem dreifachen Einsatz Allectos entspricht bei Vergil eine dreifache Reaktion der Betroffenen: (A 2) Amata wendet sich an ihren Gatten Latinus und protestiert gegen die geänderten Pläne für die Verheiratung der Tochter; als sie nichts erreicht, flüchtet sie sich mit Lavinia und weiteren lateinischen Frauen in die Wälder, rasend wie entfesselte Bacchantinnen. (B 2) Der zunächst widerspenstige Turnus ist schließlich doch von Allecto vergiftet und ruft die Rutuler zum Krieg auf. (C 2) Nach den ersten Kämpfen zwischen den unzureichend bewaffneten latinischen Landleuten gegen Ascanius und sein Gefolge bringen sie ihre Toten zu König Latinus und drängen ihn zusammen mit Turnus und den Frauen zur Kriegseröffnung. (D, eine Art Fazit) Als Latinus sich weigert, den Krieg in ritueller Form zu „eröffnen“ (wörtlich), vollzieht Juno an seiner Statt das Öffnen der Tore des Janustempels. <?page no="339"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 339 Schon in der Antike hat man an dieser Begründung des Kriegsausbruchs, zumal an dem eher läppisch wirkenden Zwischenfall mit der unbeabsichtigten Tötung eines zahmen Hirsches (C) als Anlass, Anstoß genommen. (Das geht aus Macrobius Sat. 5,17,1-3 hervor.) Man „entschuldigte“ den Autor Vergil damit, dass er für eine Kriegseröffnung bei seinem generellen Vorbild Homer (dessen Ilias ja im 10. und letzten Kriegsjahr spielt) nichts Entsprechendes vorfand und er sich deshalb auf seine eigene Erfindungskraft verlassen musste (mit enttäuschendem Ergebnis). Bei Lucienberger ist in den beiden analogen Szenen TC VI -6 und TC VI -7 sein Versuch erkennbar, durch Kürzungen und Erweiterungen des Prätextes die Entwicklung zum Kriegsausbruch stärker zu rationalisieren und zu politisieren. Der Einfluss der aus der Unterwelt stammenden Furie Allecto wird etwas abgeschwächt; die Rolle des latinischen Volkes dagegen aufgewertet. Es gibt eine Auseinandersetzung zwischen dem auf Krieg drängenden Turnus und dem den Frieden lobenden Latinus, die man politisch nennen könnte. Die Bedeutung der Furie Allecto wird bei Lucienberger schon dadurch abgeschwächt, dass ihr visueller furchteinflößender Eindruck, den Vergil sowohl generell wie auch bei ihrem Auftreten, vor allem bei ihrer Verwandlung vor Turnus Augen (in B 1) von einem alten Weiblein in eine dämonische Furie („Furie“ im wörtlichen Sinne), schwerlich bei ihrem szenischen Auftreten durch Maske und Kostüm erreicht werden könnte. Auf keinen Fall wird Wesen und Gestalt Allectos durch die bloßen Worte der Figuren des Dramas deutlich. Die auktoriale Charakterisierung Allectos in Aen. 7,323-329 (mit den Stichwörtern horrenda und monstrum ) wird bei Lucienberger in TC 6,4,031-034 ersetzt durch eine Selbstvorstellung Allectos in vier neuformulierten Versen, die nur auf ihr Wirken, nicht auf ihre erschreckende Erscheinung abheben. (Allerdings ist diese Charakterisierung Allectos durch Vergil an weniger wirkungsvoller Stelle, in TC 5,3,203-208, innerhalb der Prophezeiung des Anchises in der Unterwelt, vorausgenommen.) D 9.3.2 Allecto bei Königin Amata Der 1 . Au f t r i t t A l l e c t o s b e i A m a t a ( A 1 / A 2), bei dem sie die Königin laut Aen. 7,341-358 geradezu wörtlich mittels einer Viper „vergiftet“ (A 1), ist von Lucienberger suo loco, nämlich am Anfang von TC VI -5, ganz übergangen worden. Dass Amata überhaupt unter Allectos Einfluss steht, ist in TC VI -5, als sie sich gegenüber Latinus darüber beklagt, dass Lavinia an einen hergelaufenen Asylanten verheiratet werden soll, der sich bei günstigem Wind mit ihr auf und davon machen wird, nicht zu spüren. Der aufmerksame Leser erfährt das nur vorweg durch die von Lucienberger breit ausgeführte, weit über Vergils karge Andeutungen in Aen. 6,888-892 hinausgehende Prophezeiung des Anchises in <?page no="340"?> 340 D Analysen der Unterwelt über die Leiden und Kämpfe, die Aeneas in Latium in nächster Zukunft bevorstehen ( TC 5,3,182-348). In ihr wird nicht nur Allecto beschrieben ( TC 5,3,203-208 = Aen. 7,324-329), sondern auch auf ihre „Infizierung“ Amatas (in TC 5,3,209-213, teils = Aen. 7,341-343) vorgedeutet. Aber an der chronologisch richtigen Stelle, eben in TC VI-5, fehlt ein Auftreten der Dämonin Allecto (A 1) vor Amata. Umgekehrt erwähnt Anchises in seiner Prophezeiung in TC V-3 nicht die zukünftigen Auftritte bzw. das Wirken Allectos bei Turnus (B 1) und bei den Hunden des Ascanius (C 1). Nach der Darstellung Lucienbergers in TC VI -5 wendet sich Amata offenbar aus eigenem Antrieb an ihren Gatten Latinus, um die von diesem beabsichtigte Heirat Lavinias mit Aeneas zu beklagen ( TC 6,5,001-004 = wörtlich Aen. 7,359-362). Noch bevor sie ihre Qualifizierung des Aeneas als eines zweiten Paris, der eine Helena entführt, fortsetzen kann, unterbricht Latinus ihre (bei Vergil in Aen. 7,359-372 durchgehende) Rede. Er weist sie in acht von Lucienberger neu gedichteten, hochmoralischen Versen ( TC 6,5,005-012) an, ihre Zunge zu zügeln und sich die Worte zehnmal zu überlegen, bevor sie sie ausspricht. Latinus (= Lucienberger) vergleicht eine so „purgierte“ Rede mit einem Edelstein, der nach der Entfernung aller Schlacken in einer Goldfassung funkelt (vgl. dazu → Kap. 5.3.9, auch → Kap. D 5.4.6). Latinus’ Worte machen offenbar auf Amata keinen Eindruck; sie fährt wörtlich mit den Versen fort, die ihr bereits Vergil in den Mund gelegt hatte ( TC 6,5,013-022 = Aen. 7,363-372). Immerhin geht sie (wie schon bei Vergil) nach dem diffamierenden Vergleich des Aeneas mit dem Entführer Paris zu rationalen Argumenten über: Latinus hat Turnus bereits mehrfach die Hand Lavinias versprochen. Wenn er aber der Forderung seines göttlichen Vaters Faunus nachkommen zu müssen glaube, nämlich nur einen Externen als Schwiegersohn zu akzeptieren, dann erfülle auch Turnus diese Voraussetzung: Er ist nach Amatas Interpretation in doppeltem Sinne ein „Externer“: Er ist (als Fürst der Rutuler) kein Untertan des Latiner-Königs, und er stammt von griechischen Vorfahren ab. Was Latinus darauf in TC 6,5,023-026 antwortet, ist ein einfaches Beharren auf dem Standpunkt: generum externum scis poscere fata . Scheinbar benutzt der Latinus der TC dabei wieder die Worte Vergils in Aen. 7,269 f., aber mit einer unscheinbaren, doch wichtigen Abänderung: Lucienberger wiederholt hier nicht die Interpretation des vergilischen Latinus für „Externer“: ein Externer sei nur jemand, der aus dem Ausland komme (Aen. 7,270 generos externis affore ab oris = TC 6,3,071, dort spricht Latinus zu Ilioneus, dem Gesandten des Aeneas). Wegen dieses in den Worten des Latinus hier fehlenden Gegenarguments wirken die Argumente Amatas bei Lucienberger stärker als bei Vergil, obwohl die Amata Lucienbergers sie wörtlich wiederholt. <?page no="341"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 341 D 9.3.3 Allecto bei Turnus Der 2 . Au f t r i t t A l l e c t o s bei Vergil hat das Ziel, Tu r n u s zum Kampf gegen die Aeneaden aufzureizen (B 1 / B 2). Anders als im Falle ihres 1. Auftritts, der sich gegen Amata richtet, hat Lucienberger diesen ihren 2. Auftritt beibehalten und ihn in TC VI -6 (in den Versen 001-027) gestaltet. Aber in Gestalt von TC 6,6,001-027 hat er die 61 entsprechenden Verse Vergils in Aen. 7,406-466 drastisch verkürzt. Er hat nur die drei Reden bei Vergil, zuerst die Allectos in Gestalt einer alten Frau, dann die höhnisch abwehrende Reaktion des Turnus und schließlich wieder eine zweite Allectos, jetzt in ihrer wahren Gestalt als Furie ( TC 6,6,026 adsum dirarum ab sede sororum ), wörtlich übernommen. Umgekehrt sind alle beschreibenden Partien einschließlich jener, die die schließlich doch durchschlagende Wirkung (nicht nur in psychischer, sondern auch in physischer Hinsicht) der zum Krieg aufhetzenden Furie auf Turnus zum Inhalt haben, gestrichen. Damit verliert jede bloß in Worten bestehende Rezitation der verbliebenen Verse entscheidend an Wirkung. Immerhin zeigt Lucienberger im Rest der Szene (TC 6,6,028-040) umgekehrt stärker als Vergil (in Aen. 7,467-474 mit einer indirekten Rede des Turnus) die Entschlossenheit des Turnus zum Kampf gegen die „ob eines Verbrechens aus der Heimat vertriebenen“ Trojaner ( TC 6,6,033 ob scelus e patria pulsos ), notfalls auch zusätzlich gegen die Latiner, deren König mit ihnen einen Friedensvertrag abgeschlossen habe. Turnus benutzt im Drama, natürlich, die direkte Rede, in überwiegend von Lucienberger neu gedichteten Versen. Auffällig ist, dass Lucienberger, auch dies neu gegenüber Vergil, zweimal die Rutuler ausdrücklich dem Aufruf des Turnus zum Kampf und zum Appell an König Latinus zustimmen lässt ( TC 6,8,038 und 040). D 9.3.4 Allecto und die Hunde des Ascanius Die 3 . A k t i o n A l l e c t o s , die zum Kampf der Latiner oder (weiter gefasst) Italiker gegen die Trojaner führen soll (C 2), das Aufhetzen der H u n d e d e s A s c a n i u s (C 1) zur Jagd auf den zahmen Hirschen der Silvia, ist wieder - wie ihre 1. Aktivität, ihre „Vergiftung Amatas“- von Lucienberger nicht nur suo loco (in TC VI -7), sondern auch - anders als im Fall Allecto - Amata - innerhalb der detaillierten Prophetie des Anchises in der Unterwelt über die bevorstehenden Geschehnisse in Latium (in TC 5,3,209-223) übergangen worden. Die einschlägige Szene TC VI -7 beginnt mit einigen (auf der Grundlage entsprechender erzählender Verse bei Vergil von Lucienberger formulierten) Versen des Julus / Ascanius, aus denen hervorgeht, dass dieser einen von seinen Hunden aufgestöberten Hirschen sieht und erlegen will. Da niemand, auch Ascanius selber nicht, jene von Vergil geschilderte Aktion Allectos beobachten konnte, hatte Lucienberger auch schwerlich eine Möglichkeit, sie von einem Teilnehmer an der Jagd berichten zu lassen. Allecto wird immerhin in diesem <?page no="342"?> 342 D Analysen Zusammenhang in einer Regiebemerkung Lucienbergers (nach TC 6,7,011) erwähnt, die sachlich auf Aen. 7,511 ff. beruht: sie gibt ein signum pastorale, ein bei Hirten übliches Alarmsignal. Das Geschehen nimmt auch ohne erkennbares Eingreifen Allectos seinen von Vergil geschilderten Gang. Allerdings geht es bei Lucienberger wesentlich emotionaler zu als bei Vergil. Das ist eine Wirkung der Transponierung einiger Momente der Erzählung Vergils, bei dem niemand in direkter Rede spricht, zu einer Abfolge von kurzen Äußerungen der Beteiligten bei Lucienberger. Lucienberger lässt nicht weniger als 7 Personen in diesem Zusammenhang in TC 6,7,001-016 sprechen: auf Seiten der Trojaner Julus / Ascanius, Epytides (eine von Lucienberger neu erfundene Figur, die selbst in der TC nur hier 1 Vers spricht: TC 6,7,005), Mnestheus; auf Seiten der latinischen Landleute Silvia, Tyrrhus, 123 Almon, Galesus (diese vier sind bei Vergil „stumm“, selbst bei Lucienberger erscheinen und sprechen sie nur in dieser einen Szene TC VI -7). Einmal verteilt der „Dramatiker“ Lucienberger einen einzigen Hexameter (TC 6,7,010) gestückelt (in sog. Antilabe, vgl. dazu → Kap. C 7.2) auf diese 4 Latiner. 124 Der Ton dieser ersten Auseinandersetzung zwischen Latinern und Trojanern ist, vorsichtig ausgedrückt, rau: Obwohl es doch nur einen einzigen Hirschen an den jagenden Trojanern zu rächen gilt, fordert der Latiner Tyrrhus: „Schlagt alle tot“ ( TC 6,7,009 occidite cunctos ). Die gleiche, von Lucienberger neu formulierte Aufforderung zum hemmungslosen Töten äußern später, nicht überraschend, Mezentius ( TC 7,7,052b) und, sehr wohl (jedenfalls für Aeneis- Kenner) überraschend, Julus ( TC 9,6,062 Pergite nunc alacres, iugulate, occidite cunctos (vgl. → Kap. D 10.2). In der Aeneis dagegen wird Julus / Ascanius nach seiner ersten Heldentat von Apollo in der Gestalt des alten Waffenmeisters Butes von weiterer aktiver Teilnahme an den Kämpfen abgehalten: Aen. 9,638-658). Die Trojaner sind bei Lucienberger nicht zimperlicher. Mnestheus (der in der Aeneis nur zweimal redet, in der TC jedoch in 9 Szenen) schmäht die unzureichend bewaffneten latinischen Hirten und Bauern (TC 6,7,013-014a): Quare terga datis? Nondum occisi estis ad unum / ut meruistis. Und Julus äußert 123 Wenn Silvia ihn in TC 6,7,008 als Tyrrhe und nicht als pater anredet, liegt das daran, dass Lucienberger Silvias zweimalige missverständliche Bezeichnung in der Aeneis 7,487 und 503 als soror fälschlich auf Tyrrhus und nicht auf dessen Söhne, ihre Brüder, bezogen hat; Lucienberger betrachtet Silvia also als Schwester, nicht als Tochter des Tyrrhus. 124 Lucienberger erlaubt sich hier in TC 6,7,010a mit arma viri ein Spiel mit den Anfangsworten der Aeneis, die mit arma virumque (cano) beginnt. Tyrrhus, der Oberhirte, fordert mit diesen beiden Worten seine Gefolgsleute auf, die Waffen zu ergreifen ( viri ist also ein Vokativ, wie bereits im vorausgehenden, allerdings durch eine Pause abgetrennten Vers TC 6,7,009 Vers Currite ad arma, viri vicini, occidite cunctos) . Konkret ergreifen die Landleute dann keine Schwerter, sondern fustem und ligonem. <?page no="343"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 343 sein Unverständnis (nicht Bedauern) dafür, dass sich die Latiner offenbar für einen einzigen Hirschen alle abschlachten lassen wollen. 125 D 9.3.5 Der Weg zur Kriegserklärung in der TC Die S z e n e T C V I - 7 ist aber mit dem Entschluss des Tyrrhus, die von den Trojanern Erschlagenen dem König Latinus zu zeigen und ihn um Hilfe zu bitten (TC 6,7,016), noch nicht zu Ende. Überraschender Weise lässt Lucienberger noch einen doppelten Ortswechsel innerhalb dieser Szene zu: Der folgende Dialog zwischen Allecto und ihrer Auftraggeberin Juno (mit dem Tenor: Mission completed - indeed ) in TC 6,7,017-032 (wörtlich aus Aen. 7,545-560 übernommen) spielt im „Himmel“ ( super aetherias … auras ). Der Ort des restlichen Geschehens in TC 6,7,033-086, bei dem Tyrrhus, Turnus und Latinus sprechen (und Rutuli et Latini schreien), ist offensichtlich nicht mehr das Land, sondern die Stadt des Latinus („Laurentum“), wohin Tyrrhus die Leichen des Almon und des Galaesus gebracht hat. Tyrrhus und Turnus versuchen Latinus davon abzubringen, Aeneas als Schwiegersohn anzunehmen, und ihn vielmehr zum Kampf gegen die Trojaner zu gewinnen. Vergil spricht nur in allgemeiner Form und ohne den Einsatz direkter Rede davon (C 2), dass die Landleute, Turnus und die (von Lucienberger gar nicht mehr erwähnten bacchantisch rasenden) Frauen unter Amatas Führung Latinus zum Krieg drängen (Aen. 7,573-585), dieser aber sich wie ein sturmumtoster Fels in der Brandung (so das Gleichnis in Aen. 7,586-590) nicht von seiner bisherigen Haltung abbringen lässt. Aber er muss einsehen, dass er sich nicht gegen die Stimmung des Volkes durchsetzen kann. Er lässt die Dinge ihren Lauf nehmen und zieht sich passiv in den Palast zurück. Nur ihm legt Vergil eine kurze resignierende Rede in den Mund, die dem Volk und Turnus Unheil verkündet (Aen. 7,594-599, in der TC 6,7,049-054a wörtlich übernommen). Lucienberger malt die Situation, die faktisch die Entscheidung für den Krieg darstellt, wesentlich stärker aus, als Vergil es getan hat. Der Großteil der Szene TC VI -7 (die Verse 033-086) besteht in Reden der Akteure Tyrrhus, Turnus und auch Latinus, deren Inhalt von Lucienberger weithin erfunden worden ist. Damit gehört sie zu den wenigen Szenen, in denen Lucienberger eine gewisse Selbständigkeit gegenüber seiner Vorlage beweist. Sie verdienen besondere Aufmerksamkeit. Bei Lucienberger referiert Tyrrhus vor König Latinus zunächst den Tatbestand. Zwei latinische Hirten sind von den Trojanern erschlagen worden, die zuvor ein Lieblingstier des Latinus, einen Hirschen, erlegt hatten. Tyrrhus 125 Das scheint mir jedenfalls der Sinn der schwer verständlichen Verse TC 6,7,014b-015 zu sein. <?page no="344"?> 344 D Analysen fordert Latinus auf, für ein so großes Verbrechen Rache zu nehmen und die Trojaner zum Abzug aus seinem Reich zu bewegen. Das ist eine, wenn man so will, naheliegende (und auch von Vergil nahegelegte) Forderung. Neu bei Lucienberger aber ist die politische Begründung, die er Tyrrhus in den Mund legt ( TC 6,7,038-040): Schwerlich können zwei nach habitus und mores so verschiedene Völker (wie die Trojaner und Latiner) in einem Reich einträchtig zusammenleben. (Es muss der Grundsatz gelten: ) Ein König für ein Reich. Wir alle erkennen dich, Latinus, jetzt und in Zukunft als unseren König an. Turnus wird dein Nachfolger sein. Doch wenn du und Turnus getötet sind, werden wohl die auf ihren König stolzen Trojaner das Zepter übernehmen (und das, so will Tyrrhus sagen, darf nicht geschehen). Turnus äußert sich bei Lucienberger nur zurückhaltend ( TC 6,7,044 f.): „Alle wundern sich“, dass die Trojaner zur Herrschaft berufen (oder: in das Reich gerufen) werden, dass sich die Latiner mit Phrygern mischen sollen, dass er selber verstoßen wird. Das Volk (Rutuler und Latiner) akklamiert (TC 6,7,046-048) den Forderungen: Es hat Waffen und will die Trojaner aus dem Reich vertreiben. Diese sind nicht vertrauenswürdig, sie sind verantwortungslos; sie suchen ein fremdes Reich, um die dortigen Einheimischen zu vertreiben. (Alle drei Verse sind von Lucienberger frei erfunden.) Daraufhin warnt Latinus mit der bereits erwähnten wörtlich aus Vergil übernommenen Rede vor den Strafen, die das Volk und Turnus nach diesem verbrecherischen Vorhaben von den Göttern zu erwarten haben. Aber Lucienberger lässt ihn noch nicht erklären, dass er sich hiermit resignierend in seinen Palast zurückziehen werde. (Das bringt Vergil erst anschließend in einem auktorialen Bericht in Aen. 7,599b-600.) Turnus ergreift wieder das Wort zu einer kurzen, frei von Lucienberger gestalteten Rede ( TC 6,7,054b-058): Nicht er allein ist es, der Krieg will; ganz Latium ist unter Waffen. Deshalb fordert er den bisher allerorten verehrten König Latinus auf, nach altem Ritus den Krieg gegen die Aeneaden durch Öffnen der Kriegspforten zu erklären. Von einer solchen Forderung an Latinus berichtet auch Vergil in Aen. 7,616 f., nachdem er zuvor diesen althergebrachten, aber noch derzeit (unter Augustus) geübten Brauch ( Mos erat Hesperio in Latio eqs .) in einer ausführlichen, von Lucienberger übergangenen Aitiologie (Aen. 7,601-615) geschildert hat. Aber wer darauf gedrängt hat, bleibt bei Vergil offen ( Latinus … iubebatur ). Lucienberger aber hat diesen anonymen Vorgang personalisiert: Bei ihm ist, durchaus angemessen, Turnus der Wortführer. Latinus reagiert auf diese Forderung mit einer Rede ( T C 6 , 7 , 0 5 9 - 0 7 0 ) , die mit 12 Hexametern zu den längsten von Lucienberger ohne Vorlage in der Aeneis erfundenen Reden gehört. Er legt sie L a t i n u s in den Mund, und zwar <?page no="345"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 345 in einem Moment, als sich der vergilische Latinus schon resigniert in eine Art innerer Emigration zurückgezogen hat. Lucienberger lässt Latinus eine Begründung dafür geben, warum er keinen Krieg gegen die Trojaner unterstützen oder auch nur rituell - wie Turnus es verlangt - eröffnen will. Er beruft sich auf das Prinzip der Vertragstreue. Latinus konstatiert, dass er die „immense“ Ausdehnung seiner Macht und seines Reiches dem Frieden verdankt, den er in seiner langen Herrschaft immer gewahrt hat. (Das stellt auch Vergil in Aen. 7,45b-46 aus auktorialer Sicht fest.) Selbst die Nachbarvölker verehren ihn deshalb. An dem mit den Trojanern geschlossenen Vertrag wird er selbst bei Turbulenzen festhalten, selbst wenn er an der Herrschaftsausübung gehindert würde. Durch Vertragsbruch seien schon ganze Königreiche samt der königlichen Familie zugrunde gegangen. Nichts sei den Göttern heiliger als Vertragstreue ( servare fidem sanctam ). Niemandem gereiche es zur Ehre, viel zu versprechen, doch nichts einzulösen. Das sind, wie oft bei eigenen Zutaten Lucienbergers zu Vergils Prätext (vgl. dazu → Kap. C 5.4.9 zu den neu eingeführten Sentenzen) hochmoralische Grundsätze eines Königs, für den nur das Einhalten des gegebenen Wortes, die Vertragstreue, den Frieden sichert. Der Tu r n u s Lucienbergers geht auf dieses Prinzip der Vertragstreue nicht ein (es bindet ja in der Tat nur Latinus selber) und fordert (gerade wenn Latinus sich nicht engagieren will) für sich faktisch den Oberbefehl für einen siegreichen Krieg gegen die Trojaner ( TC 6,7,071 f. rem mihi commenda eqs .). Erst daraufhin erklärt Latinus deutlich seine Obstruktion: „Ich entriegele nicht die Pforten des Krieges; ich erteile nicht ein Mandat zum Kampf; lieber resigniere ich als Herrscher“ (so der Sinn von TC 6,7,073 f.). In einer Regiebemerkung erklärt Lucienberger (nach TC 6,7,074), dass Latinus mit diesen Worten (von der Bühne, ob nun metaphorisch oder real) abtritt und Turnus die Leitung des Krieges übernimmt (obwohl Latinus ihm den Auftrag dazu gerade verweigert hatte). Lucienberger lässt im Text offen, ob denn nun die Pforten des Krieges rituell geöffnet werden oder nicht - er übernimmt jedenfalls nicht die „Lösung“ Vergils (Aen. 7,620-622), dass Juno die Rolle des Königs okkupiert. Aber Lucienberger bietet eine sozusagen moderne Ersatzlösung: ein in allen Teilen des Reiches zu verkündendes E d i k t d e s Tu r n u s , mit dem dieser eine Mobilmachung nicht geradezu anordnet, aber doch alle, die das durch die Trojaner gefährdete Vaterland lieben, einlädt, sich bewaffnet in der Hauptstadt zu versammeln ( TC 6,7,079-086, inhaltlich eine erweiterte Variation seiner vorausgehenden mündlichen Proklamation in TC 6,7,075-078). Das Edikt ist faktisch eine Kriegserklärung, wie auch wirklich in TC 6,7,080 ( ut notum ducibus fiat bellum atque colonis) konstatiert wird. Es wird geradezu <?page no="346"?> 346 D Analysen wörtlich zitiert. Sogar die das hexametrische Metrum ignorierende Unterschrift Turnus regis gener (vgl. dazu → Kap. D 6.3.2 und Kap. D 11. 8. 18) wird angeführt (in der er sich als Schwiegersohn des Königs bezeichnet und damit einen Anspruch erhebt, den der König ja gerade abgelehnt hatte). Auffallend ist, dass Turnus eine Art Begründung für die Musterung ( conscribam TC 6,7,077) der Koalition der Gutwilligen gibt: Er bezeichnet die Trojaner, die an der Küste Latiums gelandet sind, als aufgrund eines Verbrechens ( ob scelus ) aus ihrer Heimat vertrieben. (Wahrscheinlich denkt Turnus an die Entführung Helenas, die der Grund für den Krieg der Griechen gegen Troja war, der mit der Einäscherung Trojas endete.) Turnus unterstellt, dass sie hier in Latium nach der Herrschaft streben und „uns“, alle bisherigen Einwohner, vertreiben werden; eine Stadt hätten sie sich schon erbaut (gemeint ist das befestigte Schiffslager der Trojaner am Tiber). In der Darstellung des Turnus bei Lucienberger sind die Trojaner also Invasoren, die die Latiner aus ihrer Heimat vertreiben wollen. Gegen sie ist ein Verteidigungskrieg nötig. Er wird durch das Edikt (nicht gegenüber den Trojanern, sondern gegenüber den betroffenen Latinern) formell erklärt. Der Aufruf zur Mobilmachung hat Erfolg: Die folgende S z e n e T C V I - 8 bringt in 130 Versen eine M u s t e r u n g d e r l a t i n i s c h e n A l lii e r t e n durch den (selbsternannten) Führer Turnus. Bei der Begrüßung der versammelten Bundesgenossen bringt Turnus auch den Sinn des Kampfes auf eine prägnante (neu von Lucienberger gedichtete) Formel: pro dijs proque focis, Latio nostraque salute (TC 6,8,005). Inhaltlich bringt die Szene TC VI-8 keine Neuerungen gegenüber dem „Italiker- Katalog“ in Aen. 7,641-817. Die Darstellung aber ist bei Lucienberger in einer Weise geändert, die die (am Ende von TC VI-7 okkupierte) Führerrolle des Turnus anschaulicher macht: Während Vergil in auktorialer Überschau eine Übersicht über das gesamte Aufgebot der 12 Führer mit ihren Völkern und Camillas (die als dreizehnte und letzte, damit herausgehoben, genannt wird) bietet, lässt Lucienberger die einzelnen Führer ihre Mannschaften dem Oberbefehlshaber Turnus mündlich vorstellen und Turnus quittiert diese Meldung jeweils mit ein oder zwei Versen, die Freude, Dankbarkeit oder Anerkennung zum Ausdruck bringen. Über diese Umformung des Italiker-Katalogs Vergils durch Lucienberger in TC VI -8 ist in → Kap. D 4.2.2 näher gehandelt. <?page no="347"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 347 D 9.4 Das Auswahlverfahren auf Sizilien: Wer von den Trojanern darf oder muss dort zurückbleiben? ( TC 4,5,001-063) Während seines 2. Sizilien-Aufenthaltes - genau 1 Jahr, seitdem Anchises dort in Drepanum gestorben und bestattet worden ist - ist Aeneas ratlos, wie er auf den Sabotage-Akt der trojanischen Frauen reagieren soll, als sie (auf Anstiften letztlich Junos) Feuer an die eigene Flotte gelegt haben, um die Suche nach einer neuen Heimat nicht fortsetzen zu müssen. Da gibt ihm (in der Aeneis und auch in der TC , wie üblich in wörtlicher Übernahme) der alte Nautes den Rat, die Alten und die des Meeres müden Frauen und alle Gefährten, die schwach sind und (weitere) Gefahren fürchten, bei Acestes in Sizilien in einer neu zu gründenden, nach diesem einheimischen König zu benennenden Stadt zurückzulassen (Aen. 5,709-718 = TC 4,4,084-493). Dieser Vorschlag wird von Anchises, der seinem Sohn Aeneas im Traum erscheint, ausdrücklich bestätigt (Aen. 5,728 f. = TC 4,5,005 f.). Anchises wiederholt nicht die Ausschlusskriterien des Nautes, sondern charakterisiert umgekehrt kurz die Kriterien der Auswahl, mit der Aeneas die Fahrt nach Italien fortsetzen soll: ausgesucht tapfere junge Männer ( lectos iuvenes, fortissima corda ). Aeneas will diesem doppelten Ratschlag folgen und informiert Acestes über seinen Entschluss. Dieser ist bereit, die zurückgelassenen Aeneaden aufzunehmen. Daraufhin verkündet in der TC 4,5,031-043 Aeneas auch den versammelten Trojanern die geplante Maßnahme: der größte Teil, der entkräftet vom Alter ist, soll auf Sizilien zurückbleiben; nur ausgewählte tapfere junge Leute will er mit nach Italien nehmen. Diese ganze Partie ist von Lucienberger bis zu diesem Punkte zwar weithin frei formuliert (deshalb sind die meisten Verse der Partie TC 4,5,019-043 in meiner synoptischen Ausgabe unterstrichen), sie weicht jedoch inhaltlich nicht wirklich von Vergil ab. Man wird eher von Ausschmückung Vergils (etwa im Hinblick auf die Rolle des Königs Acestes, dem Lucienberger zweimal das Wort erteilt) als von Abweichung sprechen. Bemerkenswert ist noch am ehesten, dass Aeneas in seiner Ratlosigkeit bei Vergil unvermittelt den Rat des Nautes erhält, bei Lucienberger aber ausdrücklich in TC 4,4,060-094 seine Gefährten befragt und außer Nautes sich auch Achates und Eumelos (der letztere allerdings nur als Bote mit der Nachricht, dass nur 4 Schiffe verbrannt sind) äußern. In seiner autoritativen Ansprache an sein Volk beruft sich Aeneas dementsprechend nicht nur auf den Befehl Jupiters und die Weisung seines Vaters Anchises, sondern auch auf den häufig geäußerten Rat der trojanischen Adeligen ( TC 4,5,034 Procerum quoque saepe meorum / consilo ). Er legitimiert also seinen Entschluss nicht nur durch Berufung auf göttliche Autoritäten, sondern auch durch den <?page no="348"?> 348 D Analysen Hinweis auf damit übereinstimmende Ratschläge der vornehmsten Trojaner. 126 (Man wird sich die trojanischen proceres als Schiffskapitäne vorstellen dürfen; sie werden in der Tat in TC 4,5,056 von Aeneas aufgefordert, die Ankertaue zur Abfahrt aus Sizilien Richtung Italien loszumachen.) Eine bemerkenswerte Zutat Lucienbergers zu Vergil ist die Darstellung des Auswahlverfahrens, das Aeneas am Schluss der Szene in TC 4,5,044-063 vollzieht. Er beruft - ohne Vorbild bei Vergil - als die zur Weiterfahrt Auserwählten in namentlicher Anrede Ilioneus (befremdlich ist, dass Achates nicht ausdrücklich genannt ist), Mnestheus, Sergestus, Cloanthus (also drei der an der Regatta beteiligten Kapitäne, nur der 4., Gyas, fehlt), Serestus (überraschend, da er bei Vergil zwar 8-mal genannt ist, aber nie spricht; bei Lucienberger wird er abgesehen von TC 4,5,046 auch noch in TC 7,1,034 genannt und spricht sogar im Anschluss an eine Regiebemerkung in TC 8,4,111 einen Vers, ohne im Personenverzeichnis zu TC VIII -4 genannt zu sein), Euryalus, Nisus (die beiden jungen Helden, die sich beim Wettlauf ausgezeichnet haben und das noch mehr beim Ausfall aus dem belagerten Lager der Trojaner am Tiber tun werden) und darüber hinaus andere Männer mit ihren Gattinnen und Dienern; sie sollen sich zu seiner Rechten aufstellen. Der Rest - Aeneas wiederholt die schon mehrfach genannten Gruppen der Schwachen, der sich vor der großen (in Latium drohenden) Gefahr Fürchtenden, der Greise und der der Meerfahrt müden Mütter - soll hier in der neu gegründeten Stadt (Acesta) zurückbleiben. Dieses positive und negative Auswahlverfahren, die Nennung von Einzelnen oder Gruppen, die Aeneas nach Latium folgen oder aber auf Sizilien bleiben sollen (bzw. dürfen), wird von Lucienberger noch in bemerkenswerter Weise erweitert. Die Mutter des (von Aeneas bereits „berufenen“) Euryalus, die bei Vergil namenlos ist und nur nach dem Tod ihres Sohnes einen Auftritt mit einer Klagerede hat (Aen. 9,473-502 - die von Lucienbergers suo loco in TC 7,7,026-042 wörtlich wiedergegeben wird), wird von Lucienberger bereits hier auf Sizilien unter dem „sprechenden“ Namen Hyophila („die-ihren-Sohn-liebt“) eingeführt. Lucienberger wollte sie offenbar nicht unvermittelt erst im Schiffslager am Tiber auftauchen lassen, sondern jenen späteren Auftritt bereits jetzt vorbereiten. Hyophila erklärt dem König (Aeneas) pathetisch, dass sie, die Mutter ihres einzigen Sohnes Euryalus, seinetwegen ihm zu Wasser und zu Lande und durch tausend Gefahren folgen will. Und ihr Beispiel macht Schule: 126 In der Aeneis ist die Rolle des trojanischen Adels gegenüber der beherrschen Führungsfigur Aeneas wenig ausgeprägt. Dieser politische Aspekt ist umsichtig untersucht von Schauer, 2007 (→ Kap. D 7.2.5 Anm. 107), in seinem Kapitel über die Führungsstellung des Aeneas und sein Verhältnis zur adeligen Führungselite S. 144-172, speziell zu Beratungen dort S. 165 Anm. 403. - Zur Bedeutung der proceres in der TC vgl. noch → Kap. D 2.4.3, Kap. D 4.2.1 und Kap. D 7.2. <?page no="349"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 349 Obwohl Aeneas schon den Befehl zur Abfahrt gibt (in TC 4,5,056 an die proceres gerichtet), schließt sich die alte Pyrgo, die soeben (in TC 4,4,036-042) vergeblich versucht hatte, die zur Brandstiftung an den Schiffen aufrufende Iris in der Gestalt der Beroe zu enttarnen) jetzt „im Namen der übrigen Frauen“ dem Entschluss der Hyophila an. Die Mütter der jungen Männer, die allein Aeneas nach Italien mitnehmen will, wollen diese nicht verlassen und nicht hier in Sizilien zurückbleiben ( TC 4,5,057-059). Aeneas widerspricht nicht, akzeptiert also diesen Entschluss der Mütter. Sein Abschiedsgruß an die auf Sizilien - das für die Elite („uns“) nicht der angemessene Ort ist - zurückbleibenden Trojaner und Trojanerinnen, lautet Vivite felices ( TC 4,5,060). Das ist, wie der ganze Schlussteil dieser Szene TC IV -5 mit den Reden des Aeneas, der Hyophila, der Pyrgo und der Schlussbemerkung des Acestes, zwar eine Erfindung Lucienbergers, aber doch ein Vergil-Zitat. Mit vivite felices hat sich Aeneas bei Vergil und auch bei Lucienberger (Aen. 3,493 ff. = TC 1,6,129 ff.) von Helenus und Andromache verabschiedet, die in Epirus ein kleines Neu-Troja gegründet haben. Die nur scheinbar von Melancholie oder gar Neid zeugende Abschiedsrede des Aeneas, den die Schicksalssprüche immer weiter über das Meer treiben, an diese „Helenus-Trojaner“ hätte Lucienberger den Aeneas auch auf Sizilien an die Adresse der „Acesta-Trojaner“ wiederholen lassen können ( quibus est fortuna peracta / iam sua … / vobis parta quies ); aber er begnügt sich mit diesem „Erinnerungszitat“ in TC 4,5,060. Zudem hatte Lucienberger diesen vivite-felices -Abschiedswunsch, auch dort in eigener Erfindung, bereits in TC 1,5,044 beim Abschied von der temporären Zwischenstation Kreta gebraucht. (Offensichtlich rechnet Lucienberger damit, dass bereits auf der Irrfahrtenstation Kreta, in der dort von Aeneas gegründeten Stadt Pergamea, ein Teil der Aeneaden zurückbleibt, die sich dort - vgl. TC 1,4,104 ≈ Aen. 3,136 - vermehren werden; bei Vergil wird das nur durch ein schlichtes paucisque relictis in Aen. 3,190 angedeutet.) Der dreifache Gebrauch von vivite felices könnte mehr als eine stereotype Abschiedsfloskel sein: vielleicht wollte Lucienberger versuchen, es Vergil, dem (von feinsinnigen Philologen gerühmten) Meister des Stiftens von Korrespondenzen und Fernbeziehungen, gleichzutun. D 9.5 Der Kanzler des Königs: Drances und Latinus in TC VI -1 (und weitere Auftritte des Drances in TC IX -2, IX -3 und X-1) Nachdem in der letzten Szene von TC Act. V die Trojaner nach dem Passieren der Insel der Circe (nördlich von Cumae) irgendwo gelandet sind (dass es an der Tiber-Mündung ist, erfährt der Leser / Hörer nicht) und Aeneas angekündigt hat, hier werde man auf einer Lichtung lagern und speisen ( TC 5,4,028 - die Fortsetzung dieser Handlung bringt TC VI -2 mit dem Tisch-Prodigium), ver- <?page no="350"?> 350 D Analysen setzt die erste Szene von Akt VI ( T C V I - 1 ) den Leser / Hörer zum ersten Mal auf die Seite der künftigen Gegner der Trojaner, der einheimischen Latiner, an den Hof des Königs Latinus. Lucienberger setzt in TC 6,1,001-022 zunächst das von Vergil erzählte Bienen- und Flammen-Prodigium und deren Deutung durch einen Seher ( vates ), der Aeneis 7,59-80 getreulich folgend, in einen Dialog zwischen König und diesem anonymen Seher um. Auch Latinus’ Befragung seines göttlichen Vaters Faunus in TC 6,1,023-034 entspricht der Darstellung in der Aeneis (in Hinsicht auf das Zitat der Antwort des Faunus in Aen. 7,96-101 sogar, wie üblich im Falle einer direkten Rede bei Vergil, mit TC 6,1,029-034 sogar wörtlich). Faunus hat seinen Sohn davor gewarnt, seine Tochter Lavinia an einen Latiner zu verheiraten, wie es (sc. dem Turnus) versprochen war. Es würden vielmehr externi generi ( TC 6,1,031 = Aen. 7,98), Schwiegersöhne aus dem Ausland, kommen. Lucienberger begnügt sich nicht mit dieser Ankündigung aus göttlichem Mund, sondern lässt unmittelbar darauf einen Boten melden, dass soeben Ausländer an der Küste gelandet sind (die also, aber das wird nicht ausgesprochen, als Schwiegersöhne in Frage kämen); er führt die Szene am Hof des Latinus in freier Erfindung durch T C 6 , 1 , 0 3 5 - 0 4 8 weiter. Laut der Regiebemerkung vor TC 6,1,035 übergibt ein Bote dem Kanzler des Königs, Drances, ein Schreiben, das dieser laut vorliest (vgl. → Kap. D 11.8.8). Daraus geht hervor, dass der König Aeneas mit einer kampfbereiten starken Truppe junger Trojaner an der Küste gelandet ist. Sie erforschten das Land und seien dabei, eine mauerbewehrte Siedlung zu gründen. (Von wem diese Informationen stammen, lässt Lucienberger offen. In einem analogen Fall, für die Sicherung der Küsten bei Karthago, hatte er dagegen eigens einen Präfekten Didos namens Hannibal erfunden: TC 2,4,015-018.) Latinus solle erkunden, was Aeneas vorhabe, vielleicht sogar gleich Bewaffnete gegen ihn aussenden. Latinus will aber Boten der Fremden abwarten. Drances unterstützt diese Zurückhaltung: Man solle nichts überstürzen, bevor man nichts Zuverlässiges wisse. Das Reich des Latinus sei stark genug, schnell eine überlegene Streitmacht aufzubieten. Diese 14 von Lucienberger hinzugedichteten Hexameter im letzten Drittel von TC VI -1 kann man als dialogisierte Veranschaulichung von Ereignissen bezeichnen, die Vergil andeutet, aber nicht weiter ausführt, die er offen lässt. Hier will Lucienberger die an sich unbedeutende Informationslücke schließen, wie denn Latinus von der Landung der Trojaner an der Küste erfahren haben mag und warum er nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen hat. Lucienberger zeigt, dass Latinus informiert wird, (von wem, lässt jedoch auch er offen), aber abwarten will, dass die Trojaner eine Gesandtschaft schicken. Durch eine solche Zusatz-Erfindung wird gleichzeitig die übernächste Szene TC VI -3 vorbereitet, als eine Gesandtschaft der Trojaner mit Ilioneus als Führer wirklich am Hof des Latinus auftritt. (Es ist aber im Lichte der Meldung von der Landung der <?page no="351"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 351 Aeneaden in TC VI-1 nicht ganz konsequent, dass dann in TC 6,3,003 f. die trojanischen Gesandten vom Kammerherrn ( cubicularius ) des Latinus, Lausus, doch als ignoti viri bezeichnet werden.) Das erste Auftreten des Drances bereits in TC VI -1 (was in etwa dem Anfang von Aen. VII entspricht) als Cancellarius des Königs Latinus bereitet bei Lucienberger darauf vor, dass er in der TC eine größere Rolle spielen wird als in der Aeneis. Bei Vergil tritt Drances nur zweimal und allein in Aen. XI in Erscheinung: Einmal ist er Führer einer latinischen Gesandtschaft, die von Aeneas einen Waffenstillstand zur Bestattung der Gefallenen erbitten soll (dabei Rede des Drances in Aen. 11,124-131). Zum andern ist er der erbittertste Widersacher des Turnus. Im Rededuell mit ihm in der großen Ratsversammlung am Hof des Latinus fordert er, im Interesse des Friedens und um weitere Todesopfer zu vermeiden, Latinus solle Lavinia doch dem Aeneas zur Frau geben, und wenn Turnus das ablehne, solle er sich dem Aeneas zum Entscheidungsduell stellen (Rede des Drances in Aen. 11,343-375). Bei Vergil ist Drances ein alter Mann und großer Redner, aber kein heldischer Kämpfer mit der Waffe in der Hand (wie Turnus). Lucienberger gibt Drances nicht nur den ehrenvollen Titel eines Cancellarius ( regis ), sondern lässt ihn bedeutend öfter auftreten (und dann natürlich reden) als Vergil: außer in TC VI 1 noch in drei weiteren Szenen: in TC IX -2, TC IX -3 und TC X-1. In T C I X - 2 spricht Drances als Führer der latinischen Gesandtschaft zu Aeneas, er möge einen 12-tägigen Waffenstillstand zur Bestattung der Gefallenen gewähren. Lucienberger übernimmt die Reden der beiden wörtlich aus der Aeneis (Aeneas Aen. 11,108-119 = TC 9,2,006-018; Drances Aen. 11,124-131 = TC 9,2,019-026), reichert sie aber mit Erweiterungen an, die aus erzählenden Versen dieser Partie bei Vergil bestehen. In T C I X - 3 hält Drances bei der Ratsversammlung nicht nur die emotionale Rede gegen Turnus, in der üblichen Übernahme aus Vergil ( TC 9,3,116-148 = Aen. 11,343-375). Lucienberger lässt ihn - überflüssiger Weise, finde ich - zu Beginn der Szene in TC 9,3,001-021 zusätzlich eine Rede halten, in der er das Volk der Latiner über das Ergebnis seiner Verhandlungen mit Aeneas über einen Waffenstillstand zur Bestattung der Gefallenen informiert. Das ist im Grunde eine modifizierte Wiederholung von TC IX -2, doch mit Drances als alleinigem Sprecher. Anders als in TC IX -2 und TC IX -3 ist das letzte Auftreten in T C X- 1 (wie das erste in TC VI -1) neu von Lucienberger erfunden. Es ist bedeutender als jene erste Stellungnahme des königlichen „Kanzlers“ bei der Meldung, Trojaner seien gelandet. Drances eröffnet als erster Sprecher vor Latinus, Amata und Turnus den letzten Akt mit 13 von Lucienberger neu formulierten Hexametern <?page no="352"?> 352 D Analysen (TC 10,1,001-013). Er beginnt mit der Klage darüber, dass schon so viele tapfere, einfache und führende Rutuler und Latiner gefallen seien. Es sei doch abwegig, wenn der ganze Adel zugrunde gehe, nur weil ein einziger in unheilvolle Raserei verfallen sei und alle, König, Reich, Volk, Väter, ins Verderben stürze. Dieser eine, auf den sich aller Augen richten, sei Turnus. An ihn richtet Drances den Appell, er möge sich dem Aeneas in einem Einzelkampf zu einem Duell stellen, das (zu verstehen ist: ohne weitere Opfer auf beiden Seiten) über den Ausgang des Krieges und die Frage, wer König sein solle, entscheide. Diese Forderung des Drances ist inhaltlich nicht neu: sinngemäß hatte Drances sie auch schon in TC IX -3 bei der Ratsversammlung der Latiner erhoben. Damals hatte Turnus sie empört zurückgewiesen und Drances verhöhnt. Zu einer wirklichen Entscheidung war es aber nicht gekommen, weil die Ratsversammlung abgebrochen werden musste, da Aeneas nach dem Waffenstillstand wieder zum Kampf heranzog. Jetzt in TC X-1 - nach der schweren Niederlage in der Reiterschlacht, wo Camilla auf Seiten der Latiner kämpfte und fiel - macht Drances einen erneuten Versuch, Turnus zur Teilnahme am Zweikampf mit Aeneas zu bewegen. Und diesmal hat er Erfolg: Turnus zeigt sich in seiner Rede in TC 10,1,014-020 = Aen. 12,11-17 zum Duell mit Aeneas bereit. Obwohl die Rede des Turnus bei Vergil und bei Lucienberger identisch ist, haben seine Worte ein unterschiedliches Gewicht: In der Aeneis entschließt sich Turnus unprovoziert, aus freien Stücken zum Zweikampf; in der TC hat Drances das Verdienst, durch seinen Appell den Turnus zum Einlenken zu gewinnen. Das ist indirekt eine Aufwertung des Drances in der TC . Erleichtert wird Lucienberger seine offensichtliche Intention, Drances in der TC als eine positivere Figur als in der Aeneis erscheinen zu lassen, durch den Umstand, dass fast alle der eher negativ wirkenden Charakterisierungen des Drances bei Vergil in auktorialen Bemerkungen bestehen, die Lucienberger bei seiner strikten Dialogisierung nicht berücksichtigen kann oder will. Es handelt sich dabei um Aen. 11,122 f. Tum senior semperque odiis et crimine Drances / infensus iuveni Turno ; Aen. 11,220 saevus Drances ; vor allem um Aen. 11,336-342 zur Einleitung seiner gegen Turnus gerichteten Rede bei der latinischen Ratsversammlung: Tum Drances idem infensus, quem gloria Turni / obliqua invidia stimulisque agitabat amaris, / largus opum et lingua melior, sed frigida bello / dextera, consiliis habitus non futtilis auctor, / seditione potens (genus huic materna superbum / nobilitas dabat, incertum de patre ferebat ), / surgit et his onerat dictis atque aggerat iras . Bei Vergil lassen nicht nur die geradezu gehässigen Urteile seines Gegners Turnus über Drances in seiner Gegenrede (Aen. 11,378-391) diesen in schlechtem Licht erscheinen (z. B. als Feigling in Aen. 11,389-391 quid cessas, an tibi Mavors / ventosa in lingua pedibusque fugacibus istis / semper erit? ), sondern auch seine Charakterisierungen durch den Autor Vergil. Da Lucien- <?page no="353"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 353 berger die letzteren jedoch übergeht, wirken die ersteren parteiisch und damit ungerecht. Drances spielt in der TC eine Rolle, die eines Cancellarius regis würdig ist. D 9.6 Dido und Anna in TC III -1 Zu den am stärksten von Lucienberger veränderten „Szenen“ der Aeneis gehört der Anfang von Aen. IV , wo Dido ihrer Schwester und Vertrauten Anna ihre Neigung zu Aeneas gesteht und diese ihr zurät, eine Heirat mit Aeneas anzustreben. Dieses Zwiegespräch und seine Wirkung auf Dido nimmt bei Vergil 73 Verse ein (Aen. 4,1-73) und bei Lucienberger 70 ( TC 3,1,001-070). Aber die fast identische Verszahl im Epos und in der TC täuscht: Lucienberger hat nicht etwa praktisch alle einschlägigen Verse Vergils übernommen, sondern nur - wie immer - wörtlich die beiden Reden Didos und Annas (Aen. 4,9-53 = TC 3,1,001-044) und dazu aus den restlichen erzählenden 29 Versen Vergils nur noch drei weitere ( TC 3,1,053 und 065 f., vgl. Aen 4,59 und 66 f.). 26 Verse Vergils, also ein Drittel der gesamten Partie, hat Lucienberger übergangen. Inhaltlich handelt es sich dabei um Schilderungen der inneren und äußeren Unruhe Didos, die sich auch in dem Gleichnis von der vom Pfeil eines Jägers getroffenen Hindin niederschlägt (Aen. 4,1-8. 54-58. 60-67 - wie immer, wird auch das Gleichnis in Aen. 4,68-73 von Lucienberger ignoriert). Stattdessen hat Lucienberger mehr als 20 Verse neu gedichtet und sie Dido in den Mund gelegt. Zum Teil variieren sie die Opferszene bei Vergil, die Lucienberger aus einer Schilderung Vergils in ein Gebet Didos transformiert (zu TC 3,1,048-054 vgl. Aen. 4,54-67). Neu aber sind die Verse, in denen Dido - offenbar in einem Selbstgespräch - das beeindruckende Bild des Aeneas schildert, das ihr Tag und Nacht vor Augen steht (TC 3,1,055-067). Diese ausführlichste Charakteristik des Aeneas in der TC (12 Verse aus dem Munde einer ihn liebenden Frau, vgl. damit Ilioneus über Aeneas in TC 2,4,073 f. = Aen. 1,544 f. und Diomedes über Aeneas in TC 9,3,068-078 = Aen. 11,282-292) mündet ein in die offene, so bei Vergil nicht vorliegende Bitte Didos an die Götter, Aeneas möchte als Gatte ihr Bett besteigen und so Phrygien und Tyros (die Herkunftsgebiete der beiden Partner) vereinigen oder aber sie werde auf einem brennenden Scheiterhaufen sterben ( TC 3,1,068-070). Der letzte Vers TC 3,1,070 aut moriar structaque pyra iungam ignibus ignes ist nicht nur ein gelungenes Wortspiel Lucienbergers mit dem Begriff der „Vereinigung“ ( uno coniungite lecto - pyra iungam ) und der doppelten Bedeutung von ignes (Feuer ihrer Liebe zu Aeneas - reales Feuer des Scheiterhaufens), sondern ein deutlicher Vorverweis Lucienbergers auf die schließlich Realität werdende Alternative, den Selbstmord Didos auf dem Scheiterhaufen. <?page no="354"?> 354 D Analysen Auch im Rest der Szene TC III -1 ( TC 3,1,071-076), wo Lucienberger in einer seiner typischen Transformationstechniken einen kurzen Bericht Vergils über einen Rundgang Didos mit Aeneas durch das im Aufbau befindliche Karthago in eine Ankündigung eines solchen Rundganges umwandelt, bringt er einen gegenüber Vergil neuen Gedanken vor: Dido bitte Aeneas ausdrücklich um seinen Rat (für den weiteren Ausbau) und begründet das mit einem Kompliment, das auch die fürstlichen Widmungsempfänger der TC gern gelesen oder gehört haben werden: „Denn euch Königen mangelt es weder an scharfsinniger Klugheit noch an praktischer Erfahrung.“ Dafür verzichtet Lucienberger darauf, nochmals die Verfallenheit Didos an Aeneas und erstmals das Stocken der Aufbauarbeiten Karthagos (nach Aen. 4,76-89) darzustellen. D 9.7 Der Ersatz von fama-Erwähnungen in der Aeneis Lucienberger vermeidet es, auktoriale Hinweise in der Aeneis auf die fama / Fama als Quelle einer Kunde zu übernehmen; er überträgt solche Nachrichten gern einem nuntius oder einer anderen sprechenden Figur. Ein Beispiel bildet TC 1,5,116, wo das, was der erzählende Aeneas in Aen. 3,294 eine incredibilis fama nennt, nämlich dass in Epirus jetzt ein Trojaner, der Priamus-Sohn Helenus, herrscht, einem anonymen Chaonius (einem Bewohner der Nachbarregion Chaonien) in den Mund legt. - Ein weiterer Fall liegt zu Beginn von TC III -5 vor: was bei Vergil in Aen. 4,298 die impia Fama Dido zuträgt, wird hier ihrer von Lucienberger erfundenen ancilla Phyllis in den Mund gelegt (allerdings eingeleitet mit suspicor ). - In TC 1,1,169 wird aus der Vorlage Aen. 3,551 si vera est fama (in dem Bericht des Aeneas über seine Irrfahrten) im Munde des sprechenden und erlebenden Anchises ein ni fallor . - Dass Trojaner an der Tiber-Mündung gelandet sind, trägt laut Aen. 7,104 die Fama dem König Latinus zu. Lucienberger aber überträgt diese Nachricht dem Kanzler des Königs, Drances, in einer neu geschaffenen Rede in TC 6,1,035-042 (vgl. → Kap. D 9.5). - In TC 10,6,030-036 (vgl. dazu → Kap. D 8. 1. 11) erfindet Lucienberger die ganze Episode, wie Aeneas Kunde vom Selbstmord der Königin Amata erhält. (Der Tod Amatas hat in der TC eine Bedeutung, die ihre Rolle in der Aeneis weit übersteigt; darum wird die Nachricht davon in der TC X-10 dem Aeneas auch eigens übermittelt und Aeneas selber bestätigt die Wichtigkeit dieses Ereignisses.) In der TC überbringt ein Trojaner namens Eumelos als nuncius (so die vorangestellt Prosa-Notiz) dem Aeneas diese Kunde. (Paradoxerweise beginnt dieser Eumelos allerdings seine Nachricht in TC 10,6,030 mit fama volat ; Lucienberger deutet damit an, dass Eumelos eine Personifizierung der fama ist.) Auch die drei Szenen der TC , in denen Lucienberger abweichend von Vergil einen sprechenden nuncius auftreten lässt, zeugen von seiner Tendenz, eine in der <?page no="355"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 355 Aeneis vage kommunizierte Nachricht einer konkreten Person in den Mund zu legen. So tritt in der praktisch neu erfundenen Szene TC VIII -2 ein nuncius auf, der den Etruskerfürsten Tarchon auf die Ankunft des Aeneas vorbereiten soll. Während der Ratsversammlung der Latiner bringt ein sprechender Bote in TC IX -3 die aufschreckende Nachricht, dass Aeneas heranrücke, wo in Aen. 11,447 nur vage von einer Botschaft (einem unpersönlichen nuntius ) die Rede ist. (Dieser nuncius spricht nicht nur in TC 9,3,216 f., sondern auch noch in TC 9,3,219-221, dort mit vidimus ). Der dritte neu erfundene nuncius in der TC ist der in der jetzt zu besprechenden Prosa-Notiz vor TC 3,4,001. Generalisierend kann man feststellen, dass Lucienberger nicht nur alle Vorkommen von fama oder Fama in den Figurenreden der Aeneis übernimmt, sondern auch auktoriale Erwähnungen von fama oder personifizierter Fama in der Aeneis (insbesondere aitiologische oder sonstige chronologisch rückgreifende Bemerkungen in der Aeneis, die mit fama est eingeleitet sind) in neu geschaffene Reden seiner dramatis personae transformiert. Singulär ist die Lösung, die Lucienberger für die Rolle der personifizierten Fama bei Vergil, die dem Gätuler-König Jarbas die Kunde von der Liaison zwischen Dido und Aeneas zuträgt, in der Szene TC III -4 erfindet. Nur durch die erzählende Prosa-Notiz vor TC 3,4,001 (in Kombination mit der folgenden nach TC 3,4,004), die gleichzeitig eine Regieanweisung ist, erfährt der Leser, wie sich Lucienberger diese dramatisierte Szene vorstellt und wie er sie dargestellt wissen will: Jarbas erfährt von den Vorgängen in Karthago durch ein Handschreiben Pygmalions, des Königs von Tyros (vor dem seine Schwester Dido geflohen war, nachdem er ihren Gatten Sychaeus ermordet hatte)! Dieser Brief wird Jarbas - laut der Regiebemerkung - von einem Boten ( nuncius ) ausgehändigt, Jarbas liest ihn laut vor und zerreißt ihn dann wütend; danach wendet er sich in einem Gebet an Jupiter. - In gewissem Sinne ist diese Aufklärung darüber, wie Jarbas von jener Liaison erfahren hat, überflüssig - aber nicht, wie bei den Belegen des Typs A der RB (→ Kap. D 11.4), weil das hinreichend aus den dialogisierten Versen der TC hervorginge. Ein bloßer Leser wird sich gar keine Gedanken darüber machen, wie jene Kunde zu Jarbas gekommen ist. Ein Zuschauer bei einer szenischen Aufführung sieht den Briefboten und hört Jarbas das laut lesen, was in dem Schreiben steht, doch wohl einschließlich der prosaischen Unterschrift des Verfassers (denn Pygmalion Rex Tyri manu propria ist offensichtlich die Subscriptio des Briefes). Für den Zuschauer ist die Situation durch den Augenschein evident. Aber damit die Szene auch wirklich so gespielt wird, mit dem Auftreten einer stummen Person, des Boten, bedarf es der Regiebemerkung (als Anweisung für den Regisseur). Denn eigentlich ist auch der Bote überflüssig: Die Szene wäre auch verständlich, wenn der Zuschauer nur den König Jarbas lesend sähe und einen Monolog sprechen hörte. <?page no="356"?> 356 D Analysen D 9.8 Schuld und Bestrafung Stärker als Vergil betont Lucienberger in verschiedenen Zusammenhängen, insbesondere im Hinblick auf den Krieg der Latiner gegen die Trojaner, die S c h u l d f r a g e . Mehrfach lässt Lucienberger seine Figuren erklären, dass jemand eine v e r d i e n t e S t r a f e für ein Verbrechen erhält, sogar wenn dieses nur darin besteht, gegen Trojaner oder speziell Aeneas zu kämpfen. Folgende Beispiele lassen sich anführen: Der Trojaner Tymoetes und das trojanische Volk sehen im Tod Laocoons durch die beiden Schlangen eine verdiente Strafe, so in TC 1,0 ( meritas … poenas ) und in TC 1,1,141, immerhin nach dem Vorbild Vergils (Aen. 2,229 scelus expendisse merentem / Laocoonta ). Sinon betont umgekehrt, excidii non causa Sinon (neu in TC 1,2,084), doch der Trojaner Hypanis sieht das anders und erschlägt ihn mit den Worten sed tanto poenam pro crimine sume (neu in TC 1,2,089) - eine von Lucienberger neu erfundene Episode. Dass Aeneas in Helena (= Lacaena) die Schuldige am Trojanischen Krieg sieht und erwägt, an ihr die verdiente Strafe zu vollziehen, steht schon in der Aeneis ( TC 1,2,098 f. = Aen. 2,585 f.); auch, dass Venus ihn in dieser Ansicht korrigiert ( non …, sed inclementia divum, TC 1,2,109 f. = Aen. 2,601 f.). Turnus muss dafür sterben, weil er Pallas getötet hat. Das kündigt Aeneas bereits unmittelbar nach dem Tod seines Schutzbefohlenen durch die neue Apostrophe in TC 8,4,100 an: Turne, tuo hanc animam proprio mihi sanguine solves. Wenn Drances Turnus als caput horum et causa malorum bezeichnet, ist das allerdings eine wörtliche Übernahme aus der Aeneis ( TC 9,3,019 und 134 = Aen. 11,361). Besonders dem Turnus wird in der TC , noch stärker als in der Aeneis, die Schuld am Unheil des Krieges gegeben (aber noch nicht in der neuen Prophezeiung des Anchises in TC 5,3,200-202); er müsse dafür gerechtermaßen mit dem Tode bestraft werden. Am deutlichsten formuliert das Aeneas in den neuen Versen TC 10,6,021 f. während des finalen Duells: Tete, Turne, volo, causam crimenque malorum / tantorum; meritas (spero) dabis, improbe, poenas. Wenn Aeneas schon zuvor in TC 10,3,079 (neu) Turnus angekündigt hatte et tanto pendes pro crimine poenas , bezog sich das im engeren Sinne auf den Bruch des am Altar beschworenen Vertrages über das Entscheidungsduell. Schon bei Vergil bezeichnet Drances, ein sozusagen interner Gegner des Turnus, diesen in Aen. 11,361 (übernommen als TC 9,3,134) als caput horum et causa malorum . Wie schon in Aen. 12,600 (in indirekter Rede) bezeichnet sich auch bei Lucienberger in TC 10,4,020 Amata (in direkter Rede) als Hauptschuldige an der verhängnisvollen Entwicklung: causa ego tantorum crimenque caputque malorum . <?page no="357"?> D 9 Einzelne weitere Neuerungen in der TC 357 Nur bei Lucienberger aber erwägt auch Lavinia in einer der längsten neuerfundenen Reden in der TC (19 Verse in TC 10,4,023-041, allerdings in 4 Abschnitte geteilt), ob propter me proelia tanta / misceri et tanti me culpam criminis esse ( TC 10,4,038 f.). Latinus lässt es in einer ebenfalls neu von Lucienberger geschaffenen Reflexion in TC 10,4,050-052 offen, wer den Krieg angefangen hat, wünscht diesem aber die Strafe durch gerechte Gottheiten: Numina, de te / quisquis es inceptor, sumant aequissima poenas. In diesem Zusammenhang ist auch auf das auffällige Phänomen zu verweisen, dass schon in der Aeneis, aber noch stärker in der TC ein G e g n e r (vor allem ein Gegner der Trojaner) a l s perfidus / perfide b e z e i c h n e t oder angeredet wird, obwohl sein Verbrechen offenbar nur darin besteht, dass er eben als Feind auftritt. Eine solche Qualifizierung ist aus der Sicht eines Trojaners gegenüber dem listigen, in trojanischer Sicht hinterlistigen und meineidigen Griechen Sinon verständlich (so in Lucienbergers Neuerfindung in TC 1,2,087, als - ohne Vorlage bei Vergil - der Trojaner Hipanis Sinon als perfide und proditor impie anredet und ihn erschlägt zur Strafe für sein großes Verbrechen ( tanto poenam pro crimine ). Ebenfalls nachvollziehbar ist es, dass Amata tendenziös in Aen. 7,362 = TC 6,5,004 den Aeneas als perfidus praedo bezeichnet (vgl. dazu → Kap. D 5.3.9). In anderen Fällen aber ist schwer bis gar nicht verständlich, warum ein Akteur seinen Gegner auf diese Weise schmäht. Es mag noch einleuchtend sein, dass Volcens in TC 7,7,118 (neu) den (ihm unbekannten) Feind, der bei Nacht zwei seiner (wehrlosen) Kameraden hingemordet hat (nämlich Nisus), mit impie anredet und ihn dafür bestrafen will. Dasselbe mag auch für Lausus gelten, der in TC 8,6,026 (neu) Aeneas als impie tadelt, weil dieser seinen alten Vater Mezentius tödlich bedrängt, denn umgekehrt billigt Aeneas dem Lausus in seiner Replik in TC 8,6,028 = Aen. 10,812 ausdrücklich pietas zu. Zulässig mag auch noch sein, dass Aeneas zu Beginn des Schlussduells mit Turnus diesen (neu) in TC 10,6,022 als improbe und TC 10,6,026 als perfide anredet, denn immerhin hat dieser einen Vertragsbruch begangen. Doch unverständlich ist, dass Turnus seinen Gegner Pallas im Kampf (in einem neu gedichteten Vers) ohne ersichtlichen konkreten Grund als nefande ( TC 8,4,080b) apostrophiert. Ähnlich sind auch die Fälle zu beurteilen, wo (ebenfalls neu) in TC 9,6,007 Aconteus mit perfide und in TC 9,6,031 Chloreus mit improbe von ihren Gegnern angeredet werden. Bei Vergil treffen in einer auktorial erzählten Episode der Reiterschlacht in Aen. 11,612-617 Tyrrhenus (Eigenname oder ein Etrusker) und (der Latiner) Aconteus wortlos aufeinander; Aconteus fällt. Lucienberger verdichtet das zu den zwei neuen Versen TC 9,6,006 f., zwei kontextlosen Apostrophen des Tyrrhenus, wonach der mit perfide angeredete Aconteus mit seinem Blut Strafe zahlen soll ( solves poenas mihi sanguine ). Die Schuld des Aconteus scheint nur <?page no="358"?> 358 D Analysen in seiner Gegnerschaft gegenüber den Trojanern, seine „Perfidie“ nur in seinem Fluchtversuch zu bestehen. Ganz ähnlich wie den Tyrrhenus lässt Lucienberger auch Camilla ihre Tötung des (zu fliehen versuchenden) trojanischen Priesters Chloreus in den neuen Versen TC 9,6,031 f. „begründen“: Tu, Chloreu, meritas hodie dabis, improbe, poenas. (Dass laut Vergil, Aen. 11,768-782, Camilla sich vielleicht in weibischer Prunksucht mit der Beute des prächtig gewandeten Chloreus schmücken wollte, unterdrückt Lucienberger.) Eine Anrede des Gegners als metuende dagegen (so TC 8,4,114 = Aen. 10,557) oder hostis amare ( TC 8,7,029 = 10,900, Mezentius zu Aeneas) erscheint unanstößig. Auch dass Turnus seinen einheimischen Kritiker Drances mit foedissime und demens apostrophiert (Aen. 11,392 bzw. 399 = TC 9,3,163 bzw. 170), ist in diesem polemischen Kontext zu rechtfertigen. Bei all diesen Beispielen ist zu bedenken, dass es sich immer um Figuren-Reden, nie um auktoriale Aussagen handelt. D 10 Zur Charakterisierung des Turnus und des Aeneas in der TC D 10.1 Turnus als Stratege (TC IX-3) In der Epistola dedicatoria wird unter den Qualitäten der Aeneis besonders hervorgehoben, dass der Leser in militärischer Hinsicht viel aus dem Epos lernen könne (s. → Kap. B 4. 2. 17-26). Eine solche Anpreisung kann allerdings positiv höchstens auf Fürsten und Fürstensöhne (wie die 12 Widmungsträger) wirken. Für Leser oder Hörer aus dem gewöhnlichen Volk und dem Bürgertum konnten solche militärischen Lehren keinen attraktiven Vorzug der Aeneis darstellen. Selbst für die „angesprochenen“ jungen oder künftigen militärischen Führer im letzten Viertel des 16. Jh.s konnten die Hunderte von Versen in den Büchern IX - XII der Aeneis einnehmenden Schlachtschilderungen keine aktuell brauchbaren Lehren darstellen. Sie bestehen ja fast ausschließlich in Einzelkämpfen herausragender Führergestalten des Epos (s. dazu das → Kap. D 4.1 über die Aristien). Die Zeit der persönlichen Beteiligung der Feldherren am Kampf aber war zwar im letzten Viertel des 16. Jh.s noch nicht ganz zu Ende, doch eher die Ausnahme. In meinen Augen gibt es in den „Kampfbüchern“ der Aeneis nur eine einzige Situation, in der man von einer taktischen Maßnahme der Führer im Epos sprechen kann, die für spätere Feldherren anregend oder gar musterhaft sein könnte. Das ist die Situation bei der Wiederaufnahme der Kämpfe zwischen Trojanern und Latinern nach Beendigung des Waffenstillstandes zur Beisetzung <?page no="359"?> D 10 Zur Charakterisierung des Turnus und des Aeneas in der TC 359 der beiderseitigen Gefallenen in der Mitte des XI . Buches der Aeneis (ab Aen. 11,445). Turnus erfährt offenbar, dass Aeneas mit einem Teil seines Heeres über einen Gebirgspass 127 zum Angriff auf die Hauptstadt des Latinus („Laurentum“) vorrückt, dass seine etruskischen Verbündeten aber die Ebene zwischen dem alten Schlachtfeld an der Tiber-Mündung und der Hauptstadt besetzen wollen. (Das wird bei Vergil erst in Aen. 11,511-514 klar.) Als Heerführer entschließt er sich zu einer Doppelstrategie, die die doppelte Bedrohung durch die Trojaner und ihre Bundesgenossen abwehren soll: Er selber will Aeneas und seinen Truppen einen Hinterhalt legen, sie vor dem Angriff auf Laurentum abfangen und vernichten; dem anderen Teil der feindlichen Truppen stellt er vor allem die von Camilla, der Königin der Volsker, befehligte Armee von Reiterinnen gegenüber. Diese Strategie scheitert allerdings, weil Camilla fällt und dieser zweite Teil der latinischen Alliierten in die Flucht geschlagen wird, so dass Turnus sich gezwungen sieht, seinen Hinterhalt für Aeneas aufzugeben, um die Lage wieder zu stabilisieren. Es erscheint mir nicht nötig, die Einzelheiten dieser von mir nur mit groben Strichen gezeichneten Strategie in der Aeneis und die Art ihrer Adaption in der TC darzulegen. Hingewiesen sei nur auf eine einzige Partie der TC, in der dieses strategische Interesse Lucienbergers deutlich wird. Das sind die Schluss-Verse der langen Szene TC IX-3 (TC 9,3,232-236), die Lucienberger hinzugedichtet hat, offensichtlich um diesen Aspekt zu vertiefen. Dargestellt ist jene Situation, als ein Bote in der noch andauernden latinischen Ratsversammlung meldet, dass die Trojaner und die Etrusker ( Tyrrhena manus ) heranrücken ( TC 9,3,216-221). Dies und die Reaktion des Turnus darauf wird von Lucienberger (bis TC 9,3,231) so dargestellt, wie es bei Vergil (Aen. 11,445-468) „vorgeschrieben“ ist. Das Kernstück in der Aeneis sind die strategischen Anweisungen des Turnus an einen nur hier genannten Volusus (den Lucienberger in der Personenbezeichnung zu TC 9,3,232a wohl zu Recht als tubicen bezeichnet) in direkter Rede, die - wie üblich - von Lucienberger wörtlich wiederholt wird ( TC 9,3,227-231 = Aen. 11,463-467). Sie besagen, dass ein Teil der latinischen Alliierten, die Volsker (unter Führung Camillas) und die rutulischen Berittenen unter Messapus, Coras und seinem Bruder (Tiburtus oder Catillus) das Schlachtfeld besetzen, ein (weiterer? ) Teil die Hauptstadt (Laurentum) sichern soll, während Turnus selber das restliche Herr befehligen will. (Wie er dieses einsetzen will, nämlich um der von Aeneas geführten Truppenabteilung in einer Gebirgsschlucht aufzulauern, sagt er hier noch nicht, sondern erläutert es erst etwas später gegenüber Camilla in Aen. 11,511-519 = TC 9,4,024-032.) 127 Dass es einen solchen Gebirgspass im realen Latium vetus östlich des Tibers nicht gegeben hat, steht auf einem anderen Blatt (nämlich dem der fiktiven Geographie Vergils). <?page no="360"?> 360 D Analysen Wie in der TC , aber nicht in der Aeneis üblich, lässt Lucienberger diese Anordnungen des Turnus durch den angesprochenen Volusus tubicen bestätigen ( TC 9,3,232a extemplo fiet ). Darüber hinaus erweitert Lucienberger die Befehle des Turnus durch weitere fünf Verse ( TC 9,3,232-236, die Schluss-Verse dieser Szene, ohne Gegenstück bei Vergil), die den militärisch-strategischen Aspekt noch vertiefen und betonen: Turnus fragt sich, was er noch zu tun hat, und als Ergebnis seiner Überlegungen schickt er treue Kundschafter aus. Sie sollen Aufklärungsarbeit leisten zu Distanz, Quantität, Qualität und Route der feindlichen Truppen. Er brauche sichere Informationen, das erfordere die Bedeutung der Situation. Das sind in der Tat Aufgaben, vor die sich auch ein Heerführer im 16. (und in jedem späteren) Jahrhundert gestellt sieht; diese kleine Partie ist wirklich ein Lehrstück für künftige Truppenkommandeure. Information ist alles! In der Tat zeigt sich Turnus in der folgenden Szene TC IX -4, wie schon bei Vergil, über die Taktik des Aeneas bestens informiert (was man doch wohl dem Erfolg seiner Späher zuschreiben darf) und kann im Gespräch mit Camilla seine eigene Gegenstrategie entwickeln und seine Einsatzpläne präzisieren. D 10.2 Aeneas als Anführer der Trojaner im Kampf ( TC IX -6) und die Devise „schlagt alle tot“ Bei der Darstellung der Aristien des Aeneas, in denen er jeweils mehrere Gegner tötet, die der Autor Vergil und manchmal auch die epische Figur Aeneas (vgl. dazu → Kap. D 3.4) beim Namen nennt, trifft Lucienberger für seine TC eine Auswahl unter den jeweiligen Gegnern (und übergeht zudem die letzte der drei Aristien des Aeneas bei Vergil ganz), vgl. dazu → Kap. D 4.1.2-4. Es wäre auch wohl zu schwierig, die von Vergil in kunstvoller Variation geschilderten Tötungsarten in eine Serie von kurzen Reden des Aeneas und eventuell auch des jeweiligen Gegners umzuwandeln. Aber auch wenn Lucienberger diese seriellen Heldentaten des Kämpfers Aeneas kürzt, erweitert er umgekehrt gelegentlich die Rolle des Aeneas (analog zu der des Turnus) als Anführer seiner Truppen. Das beste Beispiel ist das Auftreten des Aeneas zu Beginn von TC IX -6. Aeneas ist in diesem Stadium der Handlung in der TC schon lange aus dem Blickfeld geraten. Er trat als handelnde Figur zuletzt in TC IX-2 auf, als Drances, der Führer einer latinischen Gesandtschaft, über einen Waffenstillstand zur Bestattung der Toten beider Seiten verhandelte. Seitdem fand die große Ratsversammlung der Latiner statt ( TC IX -3), die abgebrochen wurde, als gemeldet wurde, die Trojaner rückten wieder zum Kampf heran ( TC 9,3,216-221). Es folgten die strategischen Anweisungen des Turnus (Schlussteil von TC IX -3) und der Aufmarsch der latinischen Alliierten, darunter der Reiterei Camillas <?page no="361"?> D 10 Zur Charakterisierung des Turnus und des Aeneas in der TC 361 (TC IX-4). Im letzten Vers dieser Szene (in TC 9,4,037) fällt der Name des Aeneas, er tritt aber nicht in Person auf, sondern ist Objekt der strategischen Planungen des Turnus. Die nächste Szene TC IX -5 ist ein göttliches Intermezzo. Die persönliche Schutzgöttin Camillas, in der Aeneis Diana, von Lucienberger durch Juno ersetzt, bereitet mit ihrer langen Erzählung der Jugendgeschichte Camillas vor den Ohren der Nymphe Opis auf die nächste Szene TC IX -6 mit der Aristie und dem Tod Camillas in der großen Reiterschlacht zwischen den latinischen Alliierten und den Etruskern vor, die unter Führung Tarchons auf Seiten der Trojaner kämpfen. Aeneas hat auf diesem Kampfplatz in der Ebene nichts zu suchen. Aus den sowohl von Vergil wie von Lucienberger zitierten Anweisungen des Turnus an Camilla in TC 9,4,024-032 = Aen. 11,511-519 geht hervor, dass Aeneas auf einem anderen, gebirgigen Weg auf Laurentum zu marschiert und Turnus ihm dort auflauern will ( TC 9,4,037). Trotzdem lässt Lucienberger auf einmal, ohne Rückhalt bei Vergil und im Widerspruch zu der auch vom Autor der TC bisher dargestellten Situation jetzt zu Beginn von TC IX -6, unmittelbar vor Beginn der Reiterschlacht mit Camilla als Hauptperson, Aeneas auftreten und in zwei Appellen zuerst die socii (die hier aber offenbar nicht als die etruskischen Bundesgenossen zu verstehen sind, sondern als seine Gefolgsleute, TC 9,6,001-005), dann die Trojaner ( Teucri , TC 9,6,008-010) zu mutigem Kampf in altbewährtem Geist gegen die Feinde, die Rutuler, auffordern. Inhaltlich handelt es sich bei diesen von Lucienberger hinzugedichteten Worten des Aeneas um eine typische kurze Feldherrn-Rede mit einer Berufung auf die gerechte Sache, die von den Göttern garantierte Niederlassung in Latium, um dort, nach dem Verlust des alten Troja ( Troia antiqua ), ein neues Troja (novam Troiam ) zu gründen. (Die Konzeption einer nova Troia in Latium wird bei Lucienberger, anders als die Götter Jupiter und Juno es laut TC 10,7,035 = Aen. 12,828 occidit, occideritque sinas cum nomine Troia vereinbaren, bis zum Ende der TC durchgehalten: Julus / Ascanius resümiert triumphierend in der Schluss-Szene TC 10,9,021 nobis nunc parta est altera Troia .) Offenbar hat Lucienberger dem Aeneas inkonsequenter Weise einen Auftritt zu Beginn von TC IX -6 verschafft, weil er den Wiederbeginn der seit TC IX -1 unterbrochenen Kämpfe nicht ohne Aeneas stattfinden lassen wollte. Er zeigt ihn hier nicht als Kämpfer, sondern als Anführer seiner Gefolgsleute bei einem Kampf, für den er sich darauf berufen kann, dass er eine gerechte Sache vertritt. Für die Durchsetzung dieser gerechten Sache, der von den Göttern verheißenen Gründung eines Neuen Trojas in Latium, fordert Aeneas nicht nur vollen Einsatz, sondern auch äußerste Härte: Parcite non hosti, non ullis parcite telis ( TC 9,6,005, ohne Vorbild bei Vergil). Diese Devise „schlagt alle tot“ wird von Lucienberger noch an drei anderen Stellen seiner TC ausgegeben, jeweils in einem Vers, der in der Aeneis kein <?page no="362"?> 362 D Analysen Gegenstück hat: Schon der Oberhirte Tyrrhus fordert in TC 6,7,009 die anderen Landbewohner auf, die Tötung des zahmen Hirsches Silvias an den trojanischen Jägern blutig zu rächen: Currite ad arma viri vicini, occidite cunctos (vgl. dazu → Kap. D 9.3.4); der Trojaner Mnestheus reagiert ähnlich radikal mit TC 6,7,013f . Nondum occisi estis ad unum / ut meruistis . Weniger überraschend ist, dass Lucienberger auch den grausigen Mezentius beim Angriff auf die im Lager am Tiber verschanzten Trojaner in TC 7,7,052b die gleiche Forderung erheben lässt: Occidite cunctos. Noch übertroffen werden aber Tyrrhus, Mezentius und auch Aeneas - ganz unvergilisch - vom Sohn des Aeneas: Als sich die Latiner nach dem Tod Camillas flüchten, um sich hinter die Mauern Laurentums zu retten, ruft Julus / Ascanius in TC 9,6,062 den Trojanern zu: Pergite nunc alacres, iugulate, occidite cunctos. Man muss also konstatieren, dass Lucienberger die Brutalität des Kämpfens im Vergleich zu Vergil noch steigert. D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) D 11.1 Tabellarische Übersicht über die „Regiebemerkungen“ Der Text der TC besteht nicht nur in den 6.008 Hexametern der Dialogisierung (samt den Sprecherbezeichnungen und dem Verzeichnis der jeweils auftretenden Personen zu Beginn jeder der 67 Szenen), sondern in insgesamt etwas mehr als 150 unregelmäßig eingestreuten, typographisch von den Hexametern abgesetzten 128 prosaischen Zwischentexten. Zunächst sei eine tabellarische Übersicht über die Zwischentexte geboten, die man gemeinhin „Regiebemerkungen“ nennt. In ihr ist bereits vorweg eine Gliederung in 4 Rubriken (A - D) nach verschiedenen Typen vorgenommen worden. 128 In der gedruckten Originalausgabe, also in VP 1576B, sind die Prosa-Zwischentexte „steil“ und eingerückt gedruckt. In meiner Synopse TC / Aen. habe ich diese „Regiebemerkungen“ dagegen kursiviert und mit Rahmenlinien in Kästchen formatiert, um sie deutlich hervorzuheben . Diese Prosa-Zeilen sind aber bei der Vers-Zählung der einzelnen 67 Szenen der TC nicht berücksichtigt. <?page no="363"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 363 Tabelle 1 - Zahlen-Übersicht 129 über die Verteilung der Regiebemerkungen Akt, Verszahl A. verdeutlichende B. narrativ ergänzende C. theaterpraktische D. besondere Summe Act. I - 996 5 12 10 4 31 Act. II - 772 0 1 3 1 5 Act. III - 505 0 1 8 4 13 Act. IV - 434 2 8 5 4 19 Act. V - 678 0 2 3 4 9 Act. VI - 519 1 3 9 3 17 Act. VII - 710 1 12 6 2 21 Act. VIII - 447 1 3 6 2 12 Act. IX - 521 1 7 3 0 11 Act. X - 426 4 8 7 1 20 Summe 6.008 15 58 60 24 157 Man sieht, dass die Anzahl der Regiebemerkungen in den einzelnen Akten stark schwankt: zwischen den Extremen 5 in TC II und 31 in TC I. 129 Die Übersicht über die „Regiebemerkungen“ in der TC (einschließlich der Tabellen) ist von meiner studentischen Hilfskraft Samuel Stöcklein erarbeitet, von mir aber überprüft worden. Ich habe mich manchmal für die Zuordnung zu einer anderen Rubrik als Stöcklein entschieden, mancher Leser wird umgekehrt mit meiner Entscheidung nicht einverstanden sein. <?page no="364"?> 364 D Analysen Tabelle 2 - Auflistung der Regiebemerkungen A. verdeutlichende B. narrativ ergänzende C. theaterpraktische D. besondere Act. I vor 1,2,026 vor 1,2,128 vor 1,4,007 (B) vor 1,4,013 (C) vor 1,5,116 nach 1,1,012 vor 1,1,137 nach 1,2,054 vor 1,2,061 nach 1,2,062 vor 1,2,071 nach 1,2,079 v. 1,2,090 (A) nach 1,2,164 vor 1,2,187 nach 1,5,066 nach 1,5,071 nach 1,1,091 vor 1,1,140 (A) vor 1,1,143(A) nach 1,2,028 vor 1,2,189 (B) vor 1,4,005 vor 1,4,076 (B) vor 1,4,096 vor 1,5,062 (B) vor 1,5,114 vor 1,2,060 nach 1,2,060 nach 1,2,086 nach 1,6,153 Act. II nach 2,4,108 nach 2,1,096 vor 2,4,015 vor 2,4,031 nach 2,6,027 Act. III nach 3,5,084 vor 3,4,044b nach 3,5,109 vor 3,5,122 vor 3,5,127 vor 3,5,129 (? ) vor 3,5,159 vor 3,6,072 nach 3,6,093 nach 3,3,044 vor 3,4,001 nach 3,4,004 nach 3,5,061 Act. IV vor 4,3,085 vor 4,3,151 nach 4,3,015 nach 4,3,024 vor 4,3,061a vor 4,3,110 vor 4,3,125 nach 4,3,125 nach 4,3,132 nach 4,4,049 nach 4,1,032 nach 4,3,080 (B) vor 4,3,124 vor 4,4,043 nach 4,5,023 vor 4,2,028 nach 4,2,031 vor 4,3,001 nach 4,3,047 Act. V nach 5,2,003 nach 5,2,138 nach 5,2,009 (B) vor 5,2,023 vor 5,2,277 (B) nach 5,2,100 nach 5,2,131 nach 5,4,012 <?page no="365"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 365 A. verdeutlichende B. narrativ ergänzende C. theaterpraktische D. besondere Act. VI vor 6,6,028 v. 6,5,027 (C) nach 6,7,004 v. 6,7,033 (C) vor 6,2,025 vor 6,3,001 vor 6,4,035 vor 6,5,032 nach 6,5,050 vor 6,6,038 (A) vor 6,7,006 vor 6,7,046 nach 6,7,074 vor 6,1,035 nach 6,5,026 nach 6,7,011 vor 6,7,081 Act. VII vor 7,1,031 (D) v. 7,2,148 (C) vor 7,2,165 v. 7,2,200 (C) nach 7,3,023 nach 7,4,094 vor 7,4,095 vor 7,5,026 nach 7,5,041 vor 7,7,026 vor 7,7,081 nach 7,7,105 vor 7,7,116 nach 7,3,013 (B) vor 7,5,037 (B) vor 7,6,080 vor 7,7,025 (B) nach 7,7,083 vor 7,7,114 (B) nach 7,1,043 nach 7,4,050 Act. VIII vor 8,4,111 nach 8,4,090 vor 8,4,092 nach 8,6,002 vor 8,4,085 vor 8,4,101 (? ) vor 8,4,118 vor 8,4,124 vor 8,4,128 vor 8,7,037 nach 8,4,004a nach 8,5,025 Act. IX vor 9,6,022 nach 9,1,039 v. 9,1,040 (B) nach 9,3,021 nach 9,6,018 vor 9,6,031 nach 9,6,042 vor 9,6,060 vor 9,1,042 vor 9,4,004 (? ) vor 9,6,063 - <?page no="366"?> 366 D Analysen A. verdeutlichende B. narrativ ergänzende C. theaterpraktische D. besondere Act. X v. 10,2,014 (C) vor 10,9,018 vor 10,9,022 vor 10,9,029 (+ einziger Querverweis in der TC ) nach 10,3,043 nach 10,3,052 vor 10,3,059 vor 10,3,062 n.10,6,017 (C) nach 10,6,026 vor 10,6,029 nach 10,8,020 vor 10,2,021 (? ) vor 10,3,046 (? ) vor 10,3,054 vor 10,3,071 vor 10,4,023 vor 10,4,042 vor 10,9,028 vor 10,4,048 (C) D 11.2 Vorüberlegungen zu den prosaischen Zwischentexten in der TC Man ist geneigt, diese kurzen Prosa-Zwischentexte, die selten mehr als 2 normale Druckzeilen füllen, als „Regiebemerkungen“ ( RB ) zu bezeichnen. Aber das wäre eine mindestens einseitige, eine vorschnelle, von moderner Auffassung solcher Zwischentexte geprägte Interpretation. Bei modernen Dramen-Analysen gelten sie als Anweisungen an den Regisseur sind, das Stück hinsichtlich der äußeren Umstände der Handlung im Hinblick auf Personen (etwa ihr Kostüm), Ort, Zeit usw. so zu gestalten, wie es diese „Regiebemerkungen“ vorschreiben. Regie bemerkungen sind nach dieser Auffassung faktisch Regie anweisungen . In den jüngsten Jahrzehnten haben sich die Vertreter des sog. „Regietheaters“ die Freiheit genommen, diese „Regieanweisungen“ zu ignorieren und ihnen nicht die gleiche Verbindlichkeit wie dem eigentlichen Dramentext zuzubilligen. (Im Extremfall fühlen sich moderne Regisseure sogar ermächtigt, Handlungshinweise, die nur in den Regieanweisungen stehen, aber nicht eindeutig im Dramentext integriert sind, zu ignorieren. Sie können dann sogar, wenn ihnen das aus irgendeinem Grunde besser in ihr Regiekonzept passt, am Schluss des Dramas eine Person weiterleben statt sterben lassen - oder umgekehrt.) Wenn man einen gedruckten Dramentext inklusive dieser beschreibenden oder erzählenden Zwischentexte aber als bloßen Lesetext betrachtet (und das ist zum mindesten im Bereich des Schulunterrichts wirklich fast ausschließlich der Fall), dann haben sie keine Funktion als Regieanweisungen, sondern sie sind Informationen, die die Vorstellungskraft des Lesers lenken sollen. Der Leser eines gedruckten Textes wird von selber wohl nie auf den Gedanken kommen, sich die Handlung anders vorzustellen als der Autor sie in den Prosa-Zwischentexten beschreibt. 130 130 Es kann z. B. zwar sein, dass ein heutiger Leser sich den antiken Helden Aeneas, der mehr als 1000 Jahre vor der Zeit des Augustus gelebt haben soll, wie einen mittelalterlichen <?page no="367"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 367 Deshalb sollte man nicht von vornherein die rund 150 prosaischen Zwischentexte in der TC als „Regiebemerkungen“ betrachten, sondern zunächst nur als aufklärende Informationsquellen für jeden Leser, wie er sich die Handlung vorzustellen hat. Die meisten der zwischen die Hexameter eingeschobenen Prosa-Texte (für die ich auch „Prosa-Notizen“ oder „Prosa-Bemerkungen“ als Synonyma gebrauche, während ich „Regiebemerkungen“ wenigstens innerhalb dieses Spezialkapitels D 11 für eine bestimmte Unterklasse dieser Prosa-Bemerkungen reserviere) entspringen offensichtlich dem Bedürfnis Lucienbergers, die Handlung der epischen Aeneis möglichst umfassend wiederzugeben. Die Reden der epischen Figuren bei Vergil, die immerhin (selbst unter Ausklammerung der langen rückblickenden Erzählung des Aeneas in Aen. II - III ) mehr als ein Drittel seiner rund 9.900 Hexameter ausmachen, konnte er unverändert in seine Dramatisierung übernehmen und hat das auch ausnahmslos getan. Lucienberger hat aber auch versucht, den „auktorial“ vermittelten größeren Teil des Epos durch geeignete literarische Transformationstechniken in seine Dramatisierung zu integrieren. Nur das konnte ja als eigenständige Leistung betrachtet werden; für eine bloße Zusammenstellung der in der Aeneis vorliegenden Reden hätte es keiner eigenen Publikation bedurft. 131 Aber Lucienberger konnte oder wollte nicht alle auktorialen Partien der Aeneis in Figuren-Reden umwandeln. Es leuchtet unmittelbar ein, dass es zum Beispiel schwierig bis unmöglich sein muss, längere aktionsreiche epische Kampfszenen durch Äußerungen etwa der beiden Beteiligten an einem Zweikampf oder durch einen dritten, nicht direkt involvierten Augenzeugen darzustellen. Viele - doch keineswegs alle - auktorial von Vergil erzählte Partien der Aeneis hat Lucienberger vielmehr dadurch mit einem Minimal-Aufwand in die TC integriert, dass er sie zu kurzen eingeschalteten Prosa- Bemerkungen komprimierte. Solche Prosa-Zwischentexte bringen handlungsergänzende Elemente, die aus den Worten der Akteure allein nicht ersichtlich sind. Sie haben zwar narrativen Charakter, sind aber eher zusammenfassend und können Überschriften ähneln. Sie sind im Grunde Elemente eines Argumentum, einer Inhaltsangabe, wie sie Lucienberger ja in zusammenhängender Form in Gestalt der kurzen metrischen Periochae und der umfangreichen Prosa-Argumenta zu jedem der 10 Akte der Druck-Ausgabe der TC beigegeben hat. Allerdings sind die Prosa-Bemerkungen innerhalb der 10 Akte der TC so Ritter vorstellt, es ist aber ganz unwahrscheinlich, dass er ihn in Kampf-Uniform oder in festlicher Abendgarderobe vor sich sieht. 131 Solche bloßen Zusammenstellungen originaler Reden der Aeneis zu einem selbständigen Stück hat es allerdings in der Geschichte der humanistischen Aeneis-Dramatisierungen durchaus gegeben: die Nrr. 15 und 16 (beide von J. J. Wolf, 1591) in dem einschlägigen Katalog von Glei, 2006 (→ Kap. E 1.1). <?page no="368"?> 368 D Analysen spärlich und so disparat, dass sie sich, wenn man sie zusammenführen wollte, nicht zu einer kohärenten Inhaltsangabe zusammenschließen würden. Diese Ergänzungsfunktion der Prosa-Bemerkungen in Hinsicht auf die angestrebte Wiedergabe der kompletten Aeneis- Handlung ist fundamental. Sie gilt für alle drei denkbaren Rezeptionsformen der TC : für das Lesen des gedruckten Textes, für die Rezitation und für die szenische Aufführung. Die Prosabemerkungen sind nicht direkt Regiebemerkungen in dem Sinne, dass sie dem Regisseur und / oder den Schauspielern Anweisungen geben, was und wie sie zu spielen und zu sprechen haben. Aber sie können so aufgefasst und als solche befolgt werden. Ein Teil der gedruckten Prosa-Bemerkungen hat aber nicht handlungsergänzenden Charakter, sondern ist eher verdeutlichender oder erklärender Natur. Manchmal identifizieren sie den Sprecher, manchmal verdeutlichen sie, am ehesten für den Leser (denn ein Zuschauer sieht dies ja direkt) die Situation. Dann sind die Zwischentexte im Grund überflüssig, weil die Handlung schon durch die Hexameter der Dramatisierung, also durch die erzählenden, beschreibenden oder ankündigenden Äußerungen der sprechenden Personen hinreichend klar dargestellt (für die Phantasie des Rezipienten also programmiert) ist. Eine genauere Typologie der Prosa-Zwischenbemerkungen wird in → Kap. D 11.4 geboten. D 11.3 Die prosaischen Zwischentexte der TC als Sonderfall Im Falle der Tragicocomoedia Lucienbergers gibt es einen doppelten Grund, jene gut 150 Zwischentexte nicht von vornherein als Regiebemerkungen (im engeren Sinne, also als Bühnenanweisungen) zu betrachten. Zum einen liegt hier ja der Fall vor, dass die Tragicocomoedia keine Originalschöpfung ist, die von vornherein als Drama konzipiert war. Die TC ist ja die Dramatisierung eines vorliegenden Epos, und zwar, wie allein die Umfangsrelation - rund 9.900 Hexameter der Aeneis, rund 6.000 Hexameter der TC - zeigt, eine nicht unerhebliche Kürzung um mehr als ein Drittel. Es könnte sein, dass Lucienberger das Mittel prosaischer Zwischentexte benutzt hat, um epische Handlungselemente der Aeneis, die er nicht in Dialoge umsetzen wollte oder konnte, in ihnen wenigstens resümierend zu ergänzen. Zum andern hat es den Anschein, dass Lucienberger der erste Dramatiker ist, der - jedenfalls auf dem Gebiete der neulateinischen Dramatisierung der Aeneis - solche prosaischen Zwischentexte in größerem Umfang benutzt hat. Explizite Bühnenanweisungen sind in Dramen des 16. Jh.s offenbar generell selten. Noch Shakespeare (1564-1616), von dem Lucienberger noch kein einziges <?page no="369"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 369 Stück kennen konnte, verwendet praktisch ausschließlich implizite Bühnenanweisungen, also solche, die aus den Äußerungen der Figuren hervorgehen. Explizite Bühnenanweisungen scheinen erst ab der Mitte des 18. Jh.s üblich zu werden. Wenn man der Übersicht bei Glei, 2006 (s. dazu → Kap. E 1.1), trauen dürfte, müsste man annehmen, dass es in keiner der 38 lateinischen Dramatisierungen der Aeneis im 16.-18. Jh. „Regiebemerkungen“ in nennenswertem Umfang gegeben hätte; jedenfalls werden sie nicht eigens von Glei erwähnt (Näheres dazu s. in → Kap. E 1.1, dort Abschnitt Nr. 5). Dieser Eindruck ist aber irreführend, Jedenfalls hat eine punktuelle Überprüfung 132 ergeben, dass wenigstens ein lateinisches Aeneis-Drama, das nur wenige Jahre nach der 1576 gedruckten TC wirklich aufgeführt worden ist, tatsächlich auch Regiebemerkungen enthält: die Dido tragoedia von W il li a m G a g e r von 1583. 133 Es ist leicht, eine vollständige Auflistung der Regiebemerkungen Gagers in der Dido tragoedia zusammenzustellen: am Ende von Akt 2, Szene 2: Pompa larvalis (Festzug in Masken). in Akt 2, Szene 3 (nach Vers 428): Libat Iovi (von Dido gesagt). am Anfang von Akt 3, Szene 1: Transeunt ad venationem. am Ende von Akt 3, Szene 1: Exit in Regiam. am Anfang von Akt 3, Szene 2: Tempestas. Nymphae Plangentes. Nymphae canunt in scaena (es folgt ein Chorlied). am Anfang von Akt 3, Szene 3: Cupido verus. Exeat e nemore. am Ende von Akt 3, Szene 3 Redeunt a venatione. am Anfang von Akt 3, Szene 4: Mercurius solus. Caelitus dilapsus. am Anfang von Akt 3, Szene 5: Mercurius ad Aeneam. 132 Ich verdanke sie meiner studentischen Hilfskraft Samuel Stöcklein. 133 William Gager, Dido tragoedia, hrsgg., übers., eingeleitet und kommentiert von Uwe Baumann und Michael Wissemann, Frankfurt / M. 1985 (= Bibliotheca humanistica 1); vgl. dazu in dem Katalog der neulateinischen Dramatisierungen der Aeneis von Glei, 2006 (Virgilius Cothurnatus), 183-185 die Nr. 13. Dass das Stück 1583 aufgeführt worden ist, ist historisch belegt. <?page no="370"?> 370 D Analysen am Ende von Akt 3, Szene 6 (nach Vers 725, vor einem Chorlied): Aeneas ad Regiam. Achates ad Naves. in Akt 5, Szene 2 (nach Vers 1085a): Exit Barce . am Anfang von Akt 5, Szene 3: Anna, Barce, Ancillae sacrificantes. in Akt 5, Szene 4 (nach Vers 1174): (Exit) (von Iris) Man sieht auf den ersten Blick: Die Regiebemerkungen Gagers (17 in einem Drama von 1256 Senaren, also im Durchschnitt alle etwa 74 Verse) sind seltener als die Lucienbergers (dort im Durchschnitt alle etwa 40 Verse) und zudem deutlich knapper gehalten als in der TC . Gager listet zu Beginn einer jeden Szene die handelnden Personen auf (genau wie Lucienberger es tut). Dabei enthält diese Auflistung in einigen wenigen Fällen Zusatz-Informationen zu den Handlungen dieser Personen. Am häufigsten sind bei Gager Regiebemerkungen, die auf Auftritte und Abtritte von Personen hinweisen. Wenn solche Regiebemerkungen am Anfang oder am Ende einer Szene stehen, geben sie entweder Herkunft oder Ziel des Aufbzw. Abtretens an. Ein einfaches Exit findet sich ausschließlich, wenn eine Person innerhalb einer Szene die Bühne verlässt. Ein Exit zur Markierung des Szenen-Endes ist Gager also fremd. - Neben diesen beiden Typen von Regiebemerkungen gibt es nur ganz wenige, die auf ein geschlossenes Handlungselement verweisen (auf Larvenzug und auf Libation). Die Typologie der Regiebemerkungen bei Gager ist also sehr beschränkt. Gerade wenn man bei Gager, einem Zeitgenossen Lucienbergers, sieht, dass bei ihm nicht nur die Quantität der Regiebemerkungen gering, sondern auch ihr Anwendungsbereich sehr eng ist, erfordert die große Zahl solcher prosaischer Zwischentexte in der TC eine nähere Betrachtung. Zumal wenn Lucienberger das Darstellungsmittel häufiger prosaischer Zwischentexte in einem Vers-Drama erfunden haben sollte, muss der Literarhistoriker damit rechnen, dass er damit andere Ziele verfolgte als spätere Autoren, die wirklich „Regieanweisungen“ (im Wortsinn) geben wollten. Aufschluss kann nur die Analyse der faktisch in der TC enthaltenen ca. 150 Zwischentexte bringen. D 11.4 Funktionen der Prosa-Zwischentexte in der TC Die Prosa-Zwischentexte in der TC erfüllen mehrere theoretisch unterschiedliche Funktionen. <?page no="371"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 371 A 1. Einige dieser vor oder nach einer hexametrischen Rede eingeschobenen kurzen Prosa-Texte verdeutlichen etwas, was an sich aus den Worten der Sprecher zu erschließen ist, ohne dass sie eine weitergehende Information bringen. Solche Zusatzbemerkungen sind im Grunde schon für den bloßen Leser und noch mehr für einen Zuschauer bei einer Aufführung überflüssig. Denn ein Zuschauer sieht und hört ja (um ein Beispiel für diese Klasse zu nennen), an wen sich der Sprecher wendet. Manchmal, aber keineswegs immer, signalisiert Lucienberger aber doch durch eine vorangeschickte Prosa-Notiz, wen ein Akteur anspricht: so innerhalb einer Rede Annas, die sich zunächst an Dido richtet, vor dem Adressaten-Wechsel durch den Prosa-Zusatz Ad Aeneam vor TC 3,5,110; vgl. wenig später vor TC 3,5,112 Anna ad Aeneam und vor TC 3,5,127 Anna ad Didonem . A 2. Sehr häufig bilden die Prosa-Zwischentexte eine Art Überschrift für die folgende Rede eines Akteurs und bringen dabei auch oft Hinweise auf die Situation, in der er spricht. Sie bieten oft eine inhaltliche Zusammenfassung der folgenden Rede, steigern sich aber nie zu Inhaltsangaben für ganze Szenen. Diese summierenden und situierenden Bemerkungen, die eigentlich unnötig sind, enthalten aber manchmal auch zusätzliche Einzelheiten, die nicht aus dem erzählenden Kontext in der Aeneis stammen, sondern Ausschmückungen oder Fortführungen der Handlung sind, die Vergil nicht thematisiert. Diese beiden Typen A 1-2 von Prosa-Zwischentexten nenne ich „verdeutlichend“ oder „kontextualisierend“. Man könnte sie auch als „überflüssig“ bezeichnen. B. Die größte Gruppe dieser kurzen Prosa-Texte bringt aber Informationen, die zwar in den auktorialen (vorwiegend erzählenden oder beschreibenden) Partien der Aeneis enthalten, von Lucienberger aber nicht dialogisiert (also in Reden seiner sprechenden Figuren nicht berücksichtigt) sind. Sie haben also inhaltlich ergänzende Funktion. Die Notwendigkeit solcher Zusatzinformationen über nicht-dialogisierte Partien der Aeneis ist unterschiedlich groß: Teils sind sie nötig, um den Fortgang der Handlung zu verstehen, grundsätzlich verdanken sie ihre Existenz aber dem (nicht selbstverständlichen) Bestreben Lucienbergers, die Handlung der Aeneis in seiner TC komplett darzustellen. So würde es bei einer Rezitation genügen, wenn die Zuhörer von der Existenz des bedrohlichen Hundes Cerberus in der Unterwelt in den Worten der Sibylle TC 5,2,099 f. = Aen. 6,417 f. hören, sie brauchen aber nicht unbedingt zu wissen, dass und wie er eingeschläfert wird, was aber Lucienberger in der Prosa-Notiz nach TC 5,2,100 mit (Sibylla) obicit illi offam soporiferam ergänzend mitteilt. Der Zuschauer bei einer realen Aufführung sieht es, weil diese Notiz auch eine Regieanweisung ist. <?page no="372"?> 372 D Analysen Wenn es zu einer der üblichsten Transponierungstechniken Lucienbergers gehört, eine von Vergil im Epos erzählte Handlung in der TC durch die Ankündigung dieser Handlung durch den Akteur zu ersetzen, wäre es nicht unbedingt nötig, dass er manchmal in einer Prosa-Notiz zusätzlich noch von der Durchführung der Ankündigung berichtet, wie das etwa nach TC 6,7,004, der Ankündigung des Ascanius ( cervum) arundine figam, noch ausdrücklich durch Iulus transigit cervum geschieht. Eine genaue Parallele dazu bedeutet nach TC 7,7,080 (= Aen. 9,629) mit einer entsprechenden Ankündigung die Prosa-Notiz Iulus Numanum spiculo confodit . Eine kleine Sondergruppe dieses Typus von Zwischentexten besteht in Sprecherangaben, die nicht - wie hundertfach sonst - den dialogisierten Partien („Reden“ der Sprecher der TC ) vorangestellt sind, sondern die in Form eines nicht-metrischen Zwischentextes die gleiche Funktion der Identifizierung des Sprechers haben. Ein Beispiel ist der Zusatz vor TC 1,4,076 Vox ex adyto respondet ; ebenso gut hätte Lucienberger einfach vor TC 1,4,076 VOX APOLLINIS als Sprecherbezeichnung drucken lassen können. 134 In der Vorlage Aen. 3,99 ist spätestens nachträglich klar gesagt, wer Aen. 3,94-98 = TC 1,4,076-080 spricht: Haec Phoebus . Weitere Beispiele sind die Prosa-Ankündigung vor TC 7,5,037 Vox in aëre (wo die Stimme der Magna Mater = Cybele erschallt, die Lucienberger allerdings in der vorgezogenen Szene TC I-3 als VENUS bezeichnet) und jene vor TC 10,4,071-076 = Aen. 12,435-440 Aeneas ad Iulum (wo die Anrede puer und die Selbstbezeichnung als pater Aeneas die Rollenverteilung an sich klärt, aber eben die Sprecherbezeichnung AENEAS fehlt). Diesen Typus B (einschließlich des Sondertypus) nenne ich „(narrativ) ergänzend.“ C. Eine kleine Gruppe der prosaischen Zwischentexte hat augenscheinlich die Funktion, Hinweise oder Anweisungen für eine szenische Aufführung des gedruckten Textes der TC zu geben; das also sind Regiebemerkungen im eigentlichen Sinne, nämlich Hinweise, die auf die theatralische Praxis, auf die szenische, zumal akustische (z. B. clamat, murmurant; besonders in der RB nach TC 2,6,027) Umsetzung des gedruckten Textes abzielen. Zu dieser Rubrik C wird man auch die abit -Notizen (nur einmal, vor TC 6,1,035 kommt exit vor) rechnen, die ausschließlich innerhalb einer Szene vorkommen (so nach TC 3,6,061 Aeneas; vor TC 3,5,159 Anna; nach TC 6,5,026 134 Ähnlich verfährt Lucienberger in TC 1,5,116 mit der Sprecherbezeichnung CHAONIUS, die überflüssiger Weise durch die Prosanotiz ex illis - sc. Chaoniis - unus respondet vorbereitet ist (vgl. → Kap. D 11.5). Entsprechendes gilt für die Prosanotiz vor TC 10,9,022 Cloanthus et reliqui principes . Eher berechtigt ist, dass vor der Sprecherbezeichnung HER- CULES vor TC 8,4,085 die zusätzliche Prosa-Notiz Hercules non visus eingeschaltet ist. <?page no="373"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 373 und nach TC 6,7,074 Latinus; nach TC 7,3,023 Vulcanus). Nur ausnahmsweise sind sie wirklich nötig. In der Prosa-Notiz z. B. vor TC 3,5,159 Anna abit, Dido vero sola haec loquitur würde einer der beiden kurzen Sätze genügen (zumal der letzte Vers Annas in TC 3,1,158 eine Abtritt-Markierung darstellt). 135 Auffällig ist, wenn eine solche Notiz, wie nach TC 6,5,050 his dictis abeunt omnes, am Ende einer Szene steht - es sollte selbstverständlich sein, dass am Schluss einer Szene immer die bisherigen Akteure die Bühne verlassen, um Platz für die Personen der nächsten Szene zu machen. Diese Klasse C nenne ich „(theaterpraktische) Regieanweisungen“. Das Problem ist aber, dass sich zwar theoretisch solche unterschiedlichen Funktionen der Zwischentexte unterscheiden lassen, dass aber ein und derselbe Prosa-Zwischentext mehr als eine dieser Funktionen erfüllt. Wenn z. B. eine Partie des dramatisierten Textes eine Klagerede darstellt, ist die Qualifizierung, dass der oder die Sprecher sie „weinend“ sprechen, eigentlich überflüssig; eine solche prosaische Zusatzbemerkung ist oder wäre aber gleichzeitig eine Anweisung an den Rezitator oder Rollensprecher, wie er die Partie vortragen soll. Alle erzählenden Zusatzinformationen Lucienbergers der Klasse B, die mehr bringen, als aus den Worten der Rollensprecher hervorgeht, können im Hinblick auf eine eventuell intendierte szenische Aufführung als Regiebemerkungen der Klasse C verstanden werden, als Anweisung, die nur-erzählte, nicht-dialogisierte Handlung trotzdem darzustellen. Wegen dieser Überschneidungen zwischen mehreren möglichen Funktionen in den einzelnen Prosa-Zwischentexten habe ich darauf verzichtet, alle 156 Belege näher zu besprechen (immerhin sind sie in der Tabelle → Kap. D 11.1 einer bestimmten Rubrik zugeteilt). Stattdessen bringe ich (möglichst) j e s e c h s B e i s p i e l e für die einzelnen Funktionen, die alle nur a u s T C I entnommen sind. In den anderen Akten lassen sich leicht weitere entsprechende Belege finden. Nach diesen drei Abschnitten zu den Rubriken A 1-2, B und C folgt im Abschnitt D die Besprechung einer längeren Reihe von besonders bemerkenswerten Prosa-Texten der ganzen TC . Da ich in der tabellarischen Übersicht der Rubrik D „besondere (Regiebemerkungen“) nur 23 Fälle aufgeführt habe, im → Unterkapitel D 11.8 „bemerkenswerte Zwischentexte“ aber 31 Beispiele vorführe, ist klar, dass ich darin auch einige „bemerkenswerten“ Fälle aus den Rubriken A-B-C behandle. 135 Vor TC 3,6,072 impliziert umgekehrt die RB Dido sola ein überflüssiges, weil tautologisches Barce abit. Einer der beiden Kurzsätze aber ist nötig, weil sonst nicht klar wäre, wann die zuvor angeredete Amme Barce Dido allein lässt. <?page no="374"?> 374 D Analysen D 11.5 Beispiele für „kontextualisierende“ Prosa-Zwischentexte (A 1-2) aus TC I D 11.5.1 RB 136 vor TC 1,2,026 Lacaena vocat Danaos in urbem. In dieser RB ist beschreibend genau das formuliert, was Helena in den beiden folgenden Versen TC 1,2,026 f. tut: Helena ruft dazu auf, den Griechen die Tore Trojas zu öffnen. D 11.5.2 RB vor TC 1,2,090 Aeneas videns Lacaenam in templo eam interficere vult. Hier ist resümiert, was Aeneas in der anschließenden Partie TC 1,2,090-100 = Aen. 2,577-587 in einem Selbstgespräch erwägt. D 11.5.3 RB vor TC 1,2,128 Aeneas parentem secum accipere et ad monstratos montes ducere vult. Diese RB gibt in berichtender Form eben das wieder, was Aeneas’ Worte in seinen beiden folgenden Versen TC 1,2,128 f. ankündigen, die ihrerseits auf der Erzählung des Aeneas in Aen. 2,634-636 fußen. D 11.5.4 RB vor TC 1,4,007 Aeneas urbem Aeneadas in Thracia extruit. Die RB wiederholt in Form einer Feststellung das, was Aeneas mit seinen Worten in TC 1,4,011 f., die Aen. 3,16-18 entsprechen, ankündigt. D 11.5.5 RB vor TC 1,4,013 Vimina quaedam, ut aras tegat, Aeneas evellere conatur atque statim vocem e tumulo audit. Auch diese RB ist eine resümierende Zusammenfassung dessen, was Aeneas in den Versen TC 1,4,020-046 erzählt, wobei er auch die Worte des Polydorus in TC 1,4,041-046 zitiert. (Diese Worte des Polydorus sind in TC 1,4,013-018 vorweggenommen, dort aber besser als Dublette zu tilgen.) Lucienberger konnte an dieser Stelle, wo seine Dramenfigur Aeneas dem Anchises von dem soeben erlebten Polydorus-Prodigium berichtet, wörtlich und unverändert die ganze 136 Als generelle Abkürzung für die Prosa-Zwischentexte benutze ich RB (Regiebemerkung), ohne dass damit gesagt sein soll, dass es sich dabei um (C) eine Regiebemerkung im engeren Sinne (die sich auf die Theaterpraxis bezieht), also eine Regieanweisung, handelt. <?page no="375"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 375 Passage Aen. 3,19-46 übernehmen, weil auch dort Aeneas dieses Erlebnis in direkter Rede erzählt, allerdings erst 7 Jahre später am Hofe Didos. D 11.5.6 RB vor TC 1,5,116 ex iis (sc. indigenis Chaoniis) unus respondet. Diese RB ist evident überflüssig (eine analoge Vorstellung des Redners wäre in der gesamten TC Hunderte von Malen möglich, aber eben nicht nötig): Wenn Anchises sich zuvor in TC 1,5,115 f. bei Einheimischen erkundigt, in welcher Gegend man sich befinde, und jemand darauf eine Antwort gibt (in TC 1,5,116), muss das ein einheimischer Chaonius sein. Das ist für einen Leser klar und für einen Zuschauer bei einer Theateraufführung ebenfalls. D 11.6 Beispiele für „ergänzende“ Prosa-Zwischentexte (B) aus TC I D 11.6.1 RB nach TC 1,1,012 His dictis contorquet hastam in equum. Dass Laocoon nach seiner Warnung vor dem Hölzernen Pferd in TC 1,1,005-012 eine Lanze auf dieses verdächtige Geschenk der Griechen schleudert, kann aus seinen Worten allein nicht erschlossen werden. Lucienberger ist gezwungen, diese von Vergil in Aen. 2,50-53 erzählte Handlung in Form eines erzählenden Prosatextes zu ergänzen. D 11.6.2 RB vor TC 1,1,137 Dum sacrificat Laocoon, ecce veniunt duo angues seu monstra et laesis duobus eius filiis ipsum quoque Laocoonta petunt. Noch dringlicher ist die Notwendigkeit eines erzählenden Zwischentextes, wenn Vergil (in Aen. 2,201-227) von einem Prodigium, einem (hier sogar wörtlich zu nehmenden) monströsen Ereignis wie dem Erscheinen und dem Wüten zweier Schlangen erzählt. Das Ersatz-Mittel eines dramatischen Augenzeugenberichtes meidet Lucienberger. Die direkte Reaktion der betroffenen Dramenfigur Laocoon beschränkt Lucienberger mit TC 1,1,138 auf einen einzigen Vers, in dem monstra haec aber keine hinreichende Anschauung vermittelt. D 11.6.3 RB nach TC 1,2,054 Occidunt istum statim (sc. Troiani Androgeum Graecum). Aus den bloßen von Lucienberger wörtlich aus Aen. 2,349-354 bzw. 2,383-375 übernommenen kurzen Reden des Aeneas und des Griechen Androgeus (= TC 1,2,046-051 und dann unvermittelt 1,2,052-054) geht nur hervor, dass Aeneas <?page no="376"?> 376 D Analysen im bereits von den Griechen eroberten Troja eine kleine Schar von entschlossenen Trojanern um sich schart und der ihnen begegnende Grieche Androgeus sie für verspätet eintreffende Landsleute hält. Damit diese Reden nicht isoliert bleiben, muss Lucienberger aus dem erzählenden Kontext Vergils Aen. 2,376-385 das Ergebnis der Begegnung in diesem Zusatztext mitteilen: die Trojaner töten Androgeus. D 11.6.4 RB nach TC 1,2,164 Iulo summus in apice ardet capillus, apparet quoque stella et illos praecedit, quibus miraculis Anchises motus Aeneam sequitur. Es ist geradezu unausweichlich, dass Lucienberger übernatürliche Erscheinungen, wie hier das Flammen-Prodigium am Haupt des Ascanius (Aen. 2,679-686), in einem zusätzlichen Prosatext berücksichtigt. (Es ist zudem schwer vorstellbar, wie solche Prodigien in einer szenischen Aufführung im 16. Jahrhundert dargestellt werden konnten.) Dass sich ein Prodigium ereignet hat, geht zwar aus den von Lucienberger aus Vergil übernommenen Worten der Reaktion des Anchises hervor ( TC 1,2,165-167 = Aen. 2,689-692; nach dem Wortlaut bei Vergil ist Lucienbergers haec omnia gewiss zu haec omina zu emendieren). Aber worin dieses Prodigium / Omen besteht, ist aus diesen Versen allein nicht ersichtlich. - In der Prosa-Notiz vor TC 5,2,004 erklärt zwar Lucienberger, dass die Führer in der Luft, von denen Aeneas in den folgenden Versen TC 5,2,004-196 = Aen. 6,194-196 spricht, duae columbae sind. Dass diese in einer Aufführung realiter heranfliegen, ist aber nicht unbedingt notwendig. Auch in einem gespielten Drama darf manches der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen bleiben. D 11.6.5 RB vor TC 1,2,187 Hic amittitur Creusa Aeneae uxor. Obwohl die Klage des Aeneas in TC 1,2,187 f., neu von Lucienberger formuliert, erkennen lässt, dass er Creusa vermisst, ist die sachliche Feststellung des Verlustes in dieser zusätzlichen Feststellung eine notwendige Ergänzung, mindestens eine Bestätigung, zumal Lucienberger die verzweifelte Suche des Aeneas nach seiner verschwundenen Frau in Aen. 2,735-767 vollkommen übergeht. D 11.6.6 RB nach TC 1,5,066 Harpyiae advolant et turbant ipsos atque omnia foedant ita, ut cogantur sessionem mutare. Eine solche Erklärung der Situation durch diesen kurzen Erzähltext ist hier notwendig, weil sonst der Grund für die Aufforderung des Anchises in <?page no="377"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 377 TC 1,5,067-069 (nach Aen. 3,229-231), das Mahl an einen besseren Ort zu verlegen, nicht verständlich wäre. Auch die folgende Prosa-Notiz nach TC 1,5,071 Rursus quum veniunt, gladiis et armis eas abigunt ist zum Verständnis der Situation, dass die Aeneaden sich mit Waffengewalt gegen den Angriff der Harpyien verteidigen müssen, geradezu erforderlich. D 11.7 Beispiele für „(theaterpraktische) Regieanweisungen“ (C) aus TC I Gerade die folgenden Einzelbesprechungen zeigen, dass selten eine eindeutige Einordnung in diese Rubrik C, der Auffassung als Regieanweisung im engeren Sinne, möglich ist und dass auch die Zuordnung zu einer anderen Rubrik möglich wäre. D 11.7.1 RB nach TC 1,1,091 Paululum hic sermonem continet. Diese Prosa-Notiz besagt, dass König Priamus nach seinem Befehl in TC 1,1,090 f., dem gefangenen Sinon die Fesseln abzunehmen, eine kurze Pause machen soll, bevor er diesem selber in TC 1,1,092-095 = Aen. 2,148-151 Fragen stellt. Es handelt sich eindeutig um eine Anweisung an den Sprecher / Akteur der Rolle des Priamus. Wie auch sonst ist sie formal im Indikativ Präsens gehalten, was aber sinngemäß einem jussiven Konjunktiv entspricht. Die Anweisung als solche ist unnötig: ein Rezitator oder Schauspieler würde auch ohne eine solche Belehrung eine kurze Pause machen. In ähnlichen Fällen, wenn derselbe Sprecher sich in seiner Rede an einen zweiten Adressaten wendet oder sich sogar in einer neuen äußeren Situation befindet, benutzt Lucienberger eher anstelle einer solchen Regiebemerkung das graphische P a u s e n z e i c h e n v o n z w e i * S t e r n c h e n * in einer Leerzeile. In fast allen Beispielen für „Sternchen- Zeilen“ aus TC I markiert ein solches graphisches Signal eine Zäsur innerhalb einer Rede desselben Sprechers: so (jeweils ist der der Sternchen-Zeile vorausgehende Hexameter genannt) in TC 1,2,006 (Ulysses), TC 1,2,027 (Lacaena = Helena), TC 1,2,167 (Anchises), 1,7,064 (Anius rex), 1,5,044 (Aeneas), 1,5,048 (Palinurus), TC 1,5,094 (Anchises), TC 1,5,109 (Aeneas), 1,5,123 (Andromache), 1,6,113 (Anchises); ausnahmsweise ist nach TC 1,7,094 die Rede des Aeneas beendet und es folgt eine Äußerung des Palinurus; in ein und derselben Rede des Aeneas gibt es in TC 1,7,097a (gar mitten in einem Vers) und TC 1,7,100 zwei solcher Sternchen-Pausen; 1,7,103, danach Ortswechsel), 1,7,105 (Acestes, danach Ortswechsel). Diese Funktion einer Sternchen-Leerzeile, Pausen innerhalb der Rede eines Sprechers vorzuschreiben, ist unter den etwa 130 Beispielen für solche Sternchenzeilen in der gesamten TC die bei weitem häufigste. <?page no="378"?> 378 D Analysen D 11.7.2 RB nach TC 1,2,028 Hic immittuntur omnes Graeci in urbem, qui cum magno tubarum clangore et clamore irruunt. Dieser Prosatext hat vorwiegend handlungs-ergänzenden Charakter und gehört damit in erster Linie in Rubrik B. Details wie die Hinweise akustischer Art auf Lärm und Tuba-Signale sind zwar auch im auktorialen Text Vergils vorgegeben (Aen. 2,313b) und könnten ebenfalls der Rubrik B zugeschrieben werden; sie beziehen sich aber auch auf die Aufführungspraxis. D 11.7.3 RB vor TC 1,2,189 (! ) Creusa apparet tanquam spectrum. Da Lucienberger nichts von dem übernimmt, was Vergil in Aen. 2,771-773 und 2,790-794 über die Erscheinung Creusas (mit Begriffen wie simulacrum, umbra, nota maior imago; imago, volucrique simillima somno ) sagt oder andeutet, sondern sie in TC 1,2,189-202 unvermittelt auftreten und sprechen lässt, ist die Beschreibung tamquam spectrum in dieser kurzen Prosanotiz eine zugleich inhaltlich notwendige und erklärende Information, die zur Rubrik B gehört. Zugleich gibt sie aber auch einen theaterpraktischen Hinweis, wie Creusa zu schminken oder zu kostümieren sei. D 11.7.4 RB vor TC 1,4,005 Omnes lacrymantes clamant. Diese Regiebemerkung qualifiziert (ähnlich wie jene vor TC 1,1,14 clamat ; vgl. auch noch vor TC 1,4,096 Socii omnes clamant ) die Art und Weise, wie die Verse TC 1,4,005 f. gesprochen werden sollen. Man kann sie als performativ auffassen. (Diese Notiz zwingt übrigens auch dazu, als Sprecher dieser beiden klagenden Abschiedsverse nicht, was der Wortlaut erlauben würde, weiterhin Anchises zu betrachten, sondern die Trojaner. Deshalb ergänze ich in der synoptischen Ausgabe die Sprecherangabe TROIANI .) Mir gelingt es nicht, unter den immerhin 31 Prosa-Zwischentexten in TC I weitere Beispiele für eindeutige oder wenigstens diskutable Regieanweisungen auszumachen. In manchen Fällen (etwa vor TC 1,5,062 exiliunt e navibus) mag die äußere Position einer solchen Notiz eine Anweisung enthalten, wann genau die erwähnte Handlung zu vollziehen ist - aber das sollte nicht ausreichen, um sie den theaterpraktischen Regieanweisungen zuzuweisen (stattdessen eher den kontextualisierenden Notizen der Rubrik A). In der Gruppe D der „bemerkenswerten“ Prosa-Zwischentexte (→ Kap. D 11.8) werden aber einige weitere Regieanweisungen (Typ C) zur Sprache kommen. <?page no="379"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 379 D 11.8 Bemerkenswerte Prosa-Zwischentexte (D) aus TC I bis TC X Nicht selten geben die hier aus der gesamten TC gesammelten Beispiele Anlass zu allgemeineren Beobachtungen, die sich auf die Transformationstechniken Lucienbergers beziehen. Die in diesem Kapitel (aber nicht in der synoptischen Ausgabe) eingeführten Unterstreichungen in diesen Prosatexten deuten an, dass es sich um Neuerfindungen Lucienbergers gegenüber der Aeneis handelt. Die folgenden 31 Beispiele sind nicht systematisch geordnet, sondern nach ihrer Position im Text der TC . D 11.8.1 RB vor TC 1,2,060 und nach TC 1,2,060 Cassandra quoque occiditur et misere trahitur per plateas. AENEAS Heu nihil invitis fas quenquam fidere divis. TC 1,2,060 Vi illam rapiunt Troiani et aliquot occiduntur. Qui vero in arce sunt, vocant Aeneam. Dies ist eine der auffälligsten inhaltlichen Abweichungen Lucienbergers von der Aeneis. Bei Vergil leitet der eine von Lucienberger als TC 1,2,060 aus Aen. 2,402 übernommene Vers eine längere Passage in der Erzählung des Aeneas am Hof von Karthago ein (Aen. 2,403-437), die von Lucienberger nicht dialogisiert ist. Den einzigen Ersatz stellen die beiden (hier zitierten) zusammengehörigen prosaischen Zwischentexte dar. (Es wäre sinnvoller gewesen, sie zusammenzuziehen, statt sie durch TC 1,2,060 zu trennen.) Aus diesen Prosasätzen erfährt der Leser oder Hörer, dass Cassandra (sie ist bei Lucienberger, anders als bei Vergil, zuvor schon aufgetreten und hat in TC 1,1,150 und 154-157 prophetische Verse gesprochen) getötet wird und „sie“ (gemeint sein muss: ihre Leiche von den Griechen) durch die Gassen geschleppt wird. Die Trojaner aber, offenbar unter Führung des Coroebus, entreißen „sie“ (also die Leiche den Griechen) mit Gewalt „und“ (zu erwarten wäre eher: „doch“) einige (Trojaner) werden getötet. Von der Burg (also dem Palast des Priamus) her rufen Trojaner nach Aeneas. Nur dieser letzte Satz der Prosanotiz hat eine direkte Entsprechung im letzten Vers der entsprechenden Passage bei Vergil, in Aen. 2,437 ( protinus ad sedes Priami clamore vocati ). Sowohl bei Vergil als auch bei Lucienberger ermöglicht dieser Ruf nach Aeneas den Ortswechsel (um den Begriff „Szenenwechsel“ zu vermeiden, da bei Lucienberger mit TC 1,2,063 keine neue Szene beginnt) von den Kämpfen in den Gassen Trojas zum Geschehen im Königspalast. Die von Lucienberger nicht dialogisierten Ereignisse um Cassandra und Coroebus sind jedoch durch die beiden zusammengehörigen Prosa-Einschübe vor und nach TC 1,2,060 nicht adäquat wiedergegeben. In der Aeneis entreißen die von Aeneas und Coroebus angeführten Trojaner Cassandra, und zwar lebend, den Griechen, <?page no="380"?> 380 D Analysen dann aber werden sie überwältigt und alle bis auf Aeneas und zwei weitere Trojaner niedergemacht. Das Schicksal Cassandras bleibt in der Aeneis offen; im Lichte von Aen. 2,414-416 scheint sie wieder in die Gewalt der Griechen zu fallen. Nach der von Aischylos autoritativ vertretenen Sagentradition wird sie Sklavin Agamemnons und zusammen mit diesem in Mykene erschlagen. Diese Version ist, da in der Aeneis nichts Gegenteiliges steht, auch bei Vergil vorauszusetzen. Lucienberger aber lässt sie noch in Troja von den Griechen erschlagen werden, selbst ihrem Leichnam wird übel mitgespielt. Lucienberger erzählt das durch die doppelte Prosa-Notiz. Sie ist der Rubrik B zuzurechnen, bringt aber eine Ergänzung nicht nur aus Vergil, sondern auch gegenüber Vergil. Ob Lucienberger mit einem narrativen Prosa-Zusatz dieser Art auch eine szenische Handlungsanweisung (der Klasse C) geben wollte, ist fraglich. Ein Zuschauer würde schwerlich in einem auf der Bühne dargestellten Kampfgetümmel erkennen können, was sich denn im Einzelnen abspielte. Man wird mindestens sagen müssen, dass es Lucienberger nicht gelungen ist, das Schicksal Cassandras „auf der Bühne“ einleuchtend dramatisch darzustellen. D 11.8.2 RB nach TC 1,2,062 Maximus hinc fit conflictus. Dies ist ein Beispiel dafür, dass eine kurze Prosa-Notiz (die zur Rubrik B gehört) darauf hinweist, dass Lucienberger bei seiner Dialogisierung eine größere Partie seiner Vorlage, hier Aen. 2,407-505, faktisch übergeht. In den rund 100 Aeneis- Versen wird ein zweifaches Kampfgetümmel in Troja geschildert: zum einen das um Coroebus (und Aeneas), zum andern der Angriff der Griechen auf die Zitadelle des Priamus. Epische Schlachtenschilderungen oder auch größere Aristien sind schwer, um nicht zu sagen: unmöglich, zu dialogisieren. Es fehlt bei solchen Massenszenen eine Figur, die einen solchen Überblick hätte, dass sie dafür eine Art Mauerschau geben könnte (vgl. dazu → Kap. D 2.1 und Kap. D 4. 1. 14). Und an wen sollte sie einen solchen Überblick über das Kampfgeschehen richten? D 11.8.3 RB nach TC 1,2,086 Hipanis audiens Sinonem eum apprehendit et signo suo militari suspendit. Auch hier enthält die erzählende Prosa-Notiz eine Abweichung von der Aeneis. Was aus dem listigen Griechen Sinon beim nächtlichen Kampf in Troja wird, sagt Vergil nicht; in seiner letzten Erwähnung in Aen. 2,329 ist er victor und trägt weiterhin zum Untergang Trojas bei. In der TC aber schiebt Lucienberger zwischen der Ermordung des Priamus durch Pyrrhus und dem Gedanken des Aeneas, Helena zu ermorden, ein neu erfundenes Intermezzo in Gestalt von TC 1,2,084-089 ein: Als Sinon nicht sich, sondern Helena, Paris und Venus als <?page no="381"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 381 verantwortlich für den Fall Trojas bezeichnet, wird er von dem aufgebrachten Trojaner Hipanis (= Hypanis) als ruchloser Verräter erschlagen. (Lucienberger lässt damit Hipanis das an Sinon vollziehen, was Vergil den Aeneas in der folgenden Szene gegenüber Helena nur erwägen, aber nicht durchführen lässt: einen in den Augen eines Trojaners Schuldigen zu bestrafen.) Dass Hipanis Sinon tötet, geht schon aus den Worten des Trojaners hervor, der ankündigt, er werde den Griechen für sein schreckliches Verbrechen bestrafen; insoweit könnte man die Prosa-Notiz der Rubrik A („überflüssig“) zuweisen. Aber das merkwürdige zusätzliche Detail, dass Hipanis Sinon an seiner Fahnenstange erhängen will (so muss man doch wohl signo suo militari suspendit deuten), ist eine Handlungsanweisung im Sinne der Rubrik C, die nur für eine szenische Aufführung Sinn hat. D 11.8.4 RB nach TC 1,6,153 Anchises habens cratera plenum mero stans in puppi partem bibit, partem dat Aeneae et partem effundit in mare. 137 Aus TC 1,6,154 f. = Aen. 3,528 f. geht hervor, dass Anchises beim Sichten Italiens ein Gebet spricht, aber nicht, dass er, am Bug des Führungsschiffes stehend, ein Trankopfer vollzieht. Das steht jedoch in den einleitenden Versen bei Vergil in Aen. 3,525-527a. Insofern ist der Anfang dieses Prosatextes der Rubrik B (Ergänzung der nicht von Lucienberger dialogisierten Partien der Aeneis durch zusätzliche Prosa-Notizen) zuzurechnen. Aber die folgende Präzisierung von der Dreiteilung des Wein-Opfers hat bei Vergil kein Gegenstück. Dieses überschüssige Detail hat eigentlich Bedeutung nur für eine szenische Aufführung, ist also als Regiebemerkung (C) aufzufassen. D 11.8.5 RB vor TC 2,4,031 Mercurius missus a Iove et transformatus in senem. Eine solche vorausgeschickte Prosa-Erklärung gibt es in der TC immer wieder, wenn eine Gottheit in menschlicher Gestalt redend auftritt, wie hier Merkur mit einer von Lucienberger neu erfundenen Mahnung an die Punier, die schiffbrüchigen Trojaner gastfreundlich aufzunehmen. Vgl. ferner die RB vor TC 7,7,083 Apollo mutatus in Buten senem accedit. In anderen Fällen begnügt sich Lucienberger aber mit einer bloßen Sprecherangabe wie IRIS mutata (in Beroen) vor TC 4,4,014 oder IUTURNA mutata in Camertem vor TC 10,3,035. - Laut der 137 Die Unterstreichung soll hier eine inhaltliche Abweichungen Lucienbergers von der Aeneis markieren. <?page no="382"?> 382 D Analysen Prosa-Notiz nach TC 8,5,025 Iuno … Aenean assimulat verwandelt sich Juno in ein Scheinbild des Aeneas, aber sie spricht in dieser Rolle nicht. D 11.8.6 RB nach TC 2,6,027 Iopas Citharoedus canit fidibus aliquandiu et cantores suis vocibus exhilarant convivium. Diese Prosa-Notiz gehört an sich in die Rubrik B, denn sie ergänzt nach dem in TC 2,6,023-027 = Aen. 1,731-735 zitierten Trinkspruch Didos bei dem Gastmahl, das sie den Trojanern zu Ehren gibt, in erzählender Funktion den nicht dialogisierten Auftritt des Iopas in Aen. 1,704b-747. Lucienberger belässt es aber nicht bei der Erwähnung dieses Sängers (ohne wie Vergil den Inhalt seines Gesanges anzugeben), sondern behauptet auch, ohne Rückhalt bei Vergil, dass noch weitere Sänger auftreten. Die Prosa-Notiz bringt also in doppelter Hinsicht eine Ergänzung: eine Berücksichtigung nicht dialogisierter Aeneis-Verse und ein Hinausgehen über den Bericht Vergils. D 11.8.7 RB nach TC 3,3,044 Aliquot bombardae sonabunt quasi sit tonitru. Dass es bei dem Gewitter, das Dido und Aeneas bei der Jagd überrascht, auch donnert, geht schon aus Didos Worten in TC 3,3,043 = Aen. 4,160 hervor. Dass der Donner aber laut dieser Notiz offenbar von Kanonen erzeugt werden soll, ist eine theaterpraktische Anweisung der Rubrik C, eine der ganz wenigen eindeutigen Regiebemerkungen. Sie hat eine Parallele der RB nach TC 7,4,050: Aliquot bombardae sonabunt (s. → Kap. 11. 8. 22). Auch Vergil lässt es in Aen. 8,525 bei diesem sogenannten „Zeichen der Venus“ donnern, was Lucienberger wiederum durch Kanonenschüsse wiedergeben will. Diese doppelt belegte Regiebemerkung hat (wie auch jene nach TC 7,1,043) deutlich zeitgenössischen Charakter. - Während sonst in den zusätzlichen Prosa-Texten immer ein erzählendes oder berichtendes Präsens herrscht, wird hier, was einer Regieanweisung angemessen ist, das Futur im jussiven Sinne gebraucht. D 11.8.8 RB vor TC 3,4,001 und nach TC 3,4,004 Nuncius litteras Iarbae tradit, quas ipse aperit et alta voce legit et postea lacerat iratus. Pygmalion Rex Tyri manu propria. Iarbas sacrum facit deosque invocat. Wenn man für den Beginn der Szene TC III -4 nur die Hexameter der TC besäße, müsste man glauben, Jarbas, ein bereits in TC 3,1,027 = Aen. 4,35 erwähnter abgewiesener fürstlicher Freier Didos, stelle in TC 3,4,001-004 schlicht als Tatsache fest (ohne die Quelle seines Wissens darzutun), dass Dido sich auf ein ehe- <?page no="383"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 383 ähnliches Verhältnis mit Aeneas eingelassen habe. Bei Vergil in Aen. 4,123-190 aber wird diese Nachricht durch die personifizierte Fama verbreitet, eine furienartigen Gestalt, der Vergil eine eindrucksvolle (und berühmt gewordene) Beschreibung widmet. Lucienberger aber hat diese ganze Episode mit einer personifizierten Fama übergangen. Er hat auch an anderen Stellen der Aeneis, wo fama (gewissermaßen nur mit kleinem Anfangsbuchstaben zu schreiben) ein Gerücht bezeichnet, ohne (als Fama) eine allegorische Personifikation zu sein, die fama Vergils durch konkrete menschliche, allerdings meist anonyme Personen ersetzt; vgl. dazu → Kap. D 9.7. Gerade diese Prosa-Notiz zu Beginn der Szene TC III -4 dürfte - neben den Kanonenschüssen von → Kap. D 11.8.7 und D 11. 8. 22 - der eindeutigste Beweis dafür sein, dass Lucienberger mit einer szenischen Aufführung der TC rechnete und seine erzählenden Prosa-Bemerkungen (die zunächst zur Rubrik B zu rechnen sind) auch als Regieanweisungen (C) verstanden wissen wollte. D 11.8.9 RB nach TC 3,5,061 His dictis Aeneas abit ad naves. Dass laut dieser Prosa-Notiz Aeneas sich bereits hier, unmittelbar nach seiner Erklärung gegenüber Dido, warum er nicht in Karthago bleiben kann (Aen. 4,333b-361 = TC 3,5,033b-061), zu den Schiffen begibt und damit (im Gegensatz zu Aen. 4,390 f.) die Vorwürfe Didos in Aen. 4,365-387 = TC 3,5,062-084 nicht mehr hört, ist eine Änderung der Handlung durch Lucienberger. Man kann die Gestaltung dieser und der folgenden Situation durch Lucienberger aber als eine Abkürzung oder Vereinfachung der Handlung der Akteure Dido, Anna und Aeneas in dieser Auseinandersetzung betrachten. Aus dem Dialogverlauf bei Lucienberger ist nur mit Mühe zu erschließen (vgl. TC 3,5,109 und die darauf folgende Prosa-Erklärung ad Aeneam ), dass Anna zwischen ihrer Schwester Dido und dem bei den Schiffen weilenden Aeneas hin- und herläuft und zu vermitteln versucht. D 11. 8. 10 RB vor TC 3,5,129 Dido surgit e lecto. Dies ist eine Regiebemerkung, die in Vergils Darstellung keine Entsprechung hat, mit der Lucienberger aber an eine frühere Prosa-Notiz vor TC 3,4,085 (Didonem famulae) in lectulo ponunt anknüpft. Gerade weil Lucienberger in dieser Partie der Auseinandersetzung Didos und Annas mit Aeneas den Handlungsverlauf gegenüber Vergil geändert hat, hat er wohl eine solche Regieanweisung, die gleichzeitig die Situation klärt, für nötig gehalten. <?page no="384"?> 384 D Analysen D 11. 8. 11 RB vor TC 4,2,027 und nach TC 4,2,031 Fit sacrum more consueto atque omnes murmurant sicut Iudaei. Sic murmurantes abeunt. Aeneas effundit duas pateras. Man könnte die Szene TC IV-2, da sie von keinem Personenverzeichnis eingeleitet wird und in ihr nur Aeneas spricht (das zweite Mal spezifiziert als Aeneas ad altare ) für ein Selbstgespräch halten. Aber der Inhalt mit seiner Anrede an die Gefolgsleute ( TC 4,2,001 Dardaniae magni ) und der Aufforderung, dass sie sich nach 8 Tagen zu Wettspielen versammeln sollen, zeigt, dass er zu einer Versammlung spricht. Das wird auch aus den beiden Prosa-Notizen deutlich, in denen von einer Reaktion „aller“ die Rede ist: omnes murmurant, murmurantes abeunt . Eine Zutat Lucienbergers ist, dass er die Trojaner (und Sikuler) „murmeln wie die Juden“ lässt. Das ist offenbar eine auf zeitgenössischer Erfahrung fußende theaterpraktische Anweisung über die Art der darzustellenden Reaktion auf die Ankündigung bzw. das Gebet des Aeneas. Sie lässt darauf schließen, dass Lucienberger Murmeln als Verhalten von Juden beim Gebet oder, was für die Situation in der Aeneis einschlägig wäre, als Ausdruck von Anteilnahme oder Zustimmung kannte. Vergil bot ihm dafür keinen Anhaltspunkt. - Zu more consueto vgl. unten die Prosa-Ergänzung nach TC 5,4,012. - Übrigens zeigt die in TC IV -2 verkürzte Darstellung Lucienbergers von Vergils Schilderung der Vorbereitung der Gedächtnisspiele für Anchises (die 31 Verse von TC IV -2 entsprechen genau doppelt so viel Versen in Aen. 5,42-103), dass auch die beiden „ergänzenden“ Prosatexte nicht die gesamte von Vergil erzählte Handlung abdecken: nur das Trankopfer von Aen. 5,77-80 ist berücksichtigt. D 11. 8. 12 RB vor TC 4,3,001 und nach TC 4,3,047 Misenus dat signum. und: Misenus tuba canit. Die Szene TC IV -3 mit den Gedächtnisspielen für Anchises wird, was selten ist, 138 von einer Regiebemerkung eröffnet. Dass die Gedächtnisspiele durch ein Tuba-Signal eingeleitet werden, geht zwar auch aus TC 4,3,009 ≈ Aen. 5,113 hervor, nicht aber, dass der Bläser (der Trompeter) Misenus ist. Lucienberger ist offensichtlich bemüht, der R o l l e d e s M i s e n u s , dem Vergil keine wörtliche Äußerung zuschreibt (außer im Zusammenhang mit seinem Tod und seiner Bestattung in Aen. 6,162-182 und 212-235, was auch in TC 5,1,100-108, wenn auch stark gekürzt, berücksichtigt ist, wird er nur in Aen. 3,239 erwähnt) ein größeres Betätigungsfeld zu verschaffen: er lässt Aeneas gleich dreimal, immer neu gegenüber der Aeneis, den Misenus auffordern, ein Signal zu blasen: 138 Sonst steht nur noch in TC III-4 (s. o. → Kap. D 11.8.8) und, eher überflüssig, in TC VI-1 eine RB an der Spitze des Textes einer Szene. <?page no="385"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 385 TC 2,1,001; 3,3,024 und 4,3,135 (also später bei den Gedächtnisspielen). An der letztgenannten Stelle TC 4,3,135 unterscheidet Aeneas bei Lucienberger als Signalgeber zwischen Misenus und einem praeco ; das gleiche tut auch Acestes in TC 4,3,047 (neu gegenüber der Aeneis), wo erst durch die Regiebemerkung klar wird, dass signa canas sich an Misenus (und nicht an den praeco ) richtet. Lucienberger steigert also Misenus’ Rolle sowohl durch Regiebemerkungen wie durch neu erfundene ausdrückliche Befehle des Aeneas an seinen Trompeter. D 11. 8. 13 RB nach TC 4,3,014 und nach TC 4,3,024 Gyas Menoeten proicit in fluctus und: Sergesti navis in scopulo haeret, ita ut nequeat procedere. Wie die von Vergil in Aen. 5,116-243 ausführlich geschilderte wechselvolle Ruderregatta mit 4 Booten unter den Kapitänen Mnestheus, Gyas, Sergestus und Cloanthus in einer szenischen Aufführung des 16. Jh.s hätte realisiert werden können, kann ich mir nicht vorstellen. Auf keinen Fall können die beiden zitierten „ergänzenden“ Prosatexte (des Typs B) im Verein mit den, wie üblich, unverändert aus der Aeneis in die TC 4,3,020-030 übernommenen Reden der Akteure (31 Verse gegenüber den 128 Vergils) einem Leser ein hinreichendes Bild vom Hergang der Regatta vermitteln. Eine aktionsreiche epische Schilderung für ein Drama zu dialogisieren, ist eine schwere, fast unlösbare Aufgabe. Lucienberger hat sie für die Bootsregatta in Aen. V nicht gemeistert. D 11. 8. 14 RB vor TC 4,3,061a Quinque iuvenes, Nisus, Euryalus, Helenus, Diores et Salius, cursu certant. Nisus primus cadit et Salio proxime sequenti se opponit surgens atque ita Euryalus palmam assequitur et promissum equum secum ducit. Der zweite der vier Wettkämpfe bei Vergil in Aen. V, der Kurzstreckenlauf, bietet für eine Transformation in ein dialogisiertes Drama ähnlich schwierige Probleme wie der erste, die Ruderregatta. Diesmal hat Lucienberger ganz darauf verzichtet, den Hergang des Rennens (Aen. 5,315-339) auch nur ansatzweise in Reden der Akteure oder der Zuschauer umzusetzen; er gibt ihn ausschließlich durch das zitierte Prosa-Referat wieder (das als solches zur Rubrik B gehört, aber gleichzeitig auch als Regieanweisung für eine mögliche realistische Darstellung aufgefasst werden könnte) und gestaltet erst das Streitgespräch zwischen den Teilnehmern um eine gerechte Preisverteilung in (fast ganz) neugedichteten Hexametern in TC 4,3,061-071a. - Die folgende Wiedergabe des Faustkampfes zwischen Dares und Entellus in Aen. 5,362-484 ist Lucienberger in TC 4,3,085-134 in einer Kombination von sechs „ergänzenden“ Prosatexten mit meist aus der Aeneis übernommen Reden besser gelungen. Dagegen ist der <?page no="386"?> 386 D Analysen Verlauf des vierten Wettkampfes, des Zielschießens mit dem Bogen, in Aen. 5,485-544 aus den wenigen gesprochenen Versen von TC 4,3,135-150 beim Fehlen jeglicher schildernder Prosa-Zwischentexte nicht rekonstruierbar. Und das abschließende Troja-Reiterspiel, das bei Vergil in Aen. 5,553-603 ausführlich geschildert ist, wird (wie zuvor das Wettrennen) in der TC überhaupt nicht dialogisiert; seine „Darstellung“ besteht bei Lucienberger nur in der Ankündigung in TC 4,3,151-153 samt einer ebenfalls vorbereitenden Prosa-Notiz vor TC 4,3,151. D 11. 8. 15 RB nach TC 5,4,012 Consueto more pateram unam vini, alteram lactis effundit. Die Aeneis enthält eine lange Reihe von erwähnten und auch geschilderten Opferszenen bei verschiedenen Anlässen (vgl. dazu → Kap. C 5.2.2a). Aber nur zweimal wird in diesem Zusammenhang die Verwendung von Milch erwähnt: Zum einen in Aen. 3,66 bei der rituellen Bestattung des bisher nur verscharrten ermordeten Polydorus (neben einem Blut-Opfer); zum andern in Aen. 5,77-80 am Sarkophag des Anchises (Trankopfer von Wein, Milch und Blut). Beide Szenen aber werden von Lucienberger gar nicht (nach TC 1,4,051) oder nur vage und ungenau (nach TC 4,2,031) berücksichtigt. Von consueto more, wie Lucienberger in der Zusatz-Notiz nach TC 5,4,012 behauptet, kann also hier im Zusammenhang mit der Beisetzung der Amme Caieta nicht die Rede sein. Diese erzählende Bemerkung würde sich zudem nur dann auf diese Beisetzung beziehen, wenn sie direkt vor TC 5,4,010 exequiis nutrici rite solutis (als Worte des Aeneas, in wörtlicher Anlehnung an den auktorialen Bericht in Aen. 7,5) stehen würde. Da aber die Prosa-Notiz nach TC 5,4,012 eingefügt ist, muss es sich um ein zusätzlich von Lucienberger erfundenes Trankopfer des Aeneas an die Götter des Meeres handeln. - Vgl. die oben gewürdigten Prosa-Notizen (→ Kap. D 11.8.4) nach TC 1,6,153 (Details eines Trankopfers bei einer Seefahrt nur bei Lucienberger) und (→ Kap. D 11. 8. 11) nach TC 4,2,027 (auch dort more consueto ). D 11. 8. 16 RB vor TC 6,1,035 Quum Latinus Rex templo exit, nuncius adfert litteras, quas Cancellario dat, qui eas alta voce legit, quarum tenor hic est. Was der Kanzler Drances in TC 6,1,035-042 seinem König Latinus über die Landung der Trojaner am Gestade (des Tiber) berichtet, wird bei Vergil in Aen. 7,104-106 vage auf die volitans iam Fama zurückgeführt. Dass in der TC diese Kunde aus einem Brief stammt, der dem König von einem Boten überbracht wird (der Gebrauch des Präsens adfert weist darauf hin, dass bei einer sze- <?page no="387"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 387 nischen Darbietung wirklich ein stummer Bote auftritt), und dass Drances den Brief mit lauter Stimme verliest ( tenor muss, wie die Parallele in der Zusatz- Notiz nach TC 6,7,080 zeigt, „Wortlaut“ bedeuten, nicht etwa nur „Zusammenfassung“), geht allein aus diesem zusätzlichen Prosatext hervor. Dieser bildet eine genaue Parallele zu der oben (in → Kap. D 11.8.8 ) gewürdigten RB vor TC 3,4,001 (und nach 3,4,004), wo (nur in der TC ) Jarbas einen Brief von Pygmalion erhält. Hier wie dort bildet das Erscheinen eines Boten, der einen Brief überbringt, eine Ersatzlösung für Vergils Fama als Vermittlerin von Nachrichten. - Vgl. zum Zitat eines Dokumentes außer dem Prosatext vor TC 3,4,001 (oben → Kap. D 11.8.8) auch noch den unten (→ Kap. D 11. 8. 18) besprochenen vor TC 6,7,081. Faktisch handelt es sich (mindestens indirekt) in allen diesen drei Fällen um Regieanweisungen, wie die Situation jeweils darzustellen sei. D 11. 8. 17 RB nach TC 6,7,011 Alecto signum dat pastorale, quo audito plurimi agglomerant rustici et pastores. Almon et Galesus occiduntur a Teurcris. Dass Almon und Galesus getötet werden, wird zwar in TC 6,7,033 = Aen. 7,575 berichtet, als die Landleute ihre Leichen zu König Latinus bringen. Wann genau sie von den Trojanern erschlagen werden, wird aber in der TC (anders als bei Vergil, der ihren Tod in Aen. 7,532 bzw. 7,535 berichtet) nur aus dieser Prosa- Notiz ersichtlich, die Lucienberger zu einem Zeitpunkt einlegt, als er Almon und Galaesus (anders als Vergil) ein paar Worte (in TC 6,7,010 f.) hat sprechen lassen. D 11. 8. 18 RB nach TC 6,7,081 Tenor edicti. Diese überschriftartige Prosa-Notiz erklärt in eigentlich überflüssiger Weise - denn mit TC 6,7,079 hatte Turnus schon seine edicta angekündigt - die folgenden Verse TC 6,7,081-086 (die wie der gesamte Schlussteil der Szene TC VI -7 mit der Usurpation des Oberbefehls über die Latiner durch Turnus anstelle des resignierenden ( TC 6,7,074 resigno) Königs Latinus von Lucienberger frei erfunden sind) als Wortlaut des Ediktes, mit dem Turnus die Mobilmachung der Latiner gegen die Trojaner anordnet. Ein solches „Zitat“ einer schriftlich übermittelten (oder hier: zu übermittelnden) Botschaft hatte Lucienberger auch schon in den Versen geboten, die von den Prosa-Notizen vor TC 3,4,001 ( Jarbas, s. o. → Kap. D 11.8.8) und vor TC 6,1,035 (Drances, s. o. → Kap. 11. 8. 16) eingeleitet werden. Zu Beginn von TC III -4 hatte Lucienberger sogar, wie jetzt wieder nach TC 6,7,086 ( Turnus Regis gener ), die Unterschrift des Verfassers ( Pygmalion Rex Tyri manu propria ) „zitiert“, beide Male in Prosa, nicht in hexametrischer Form. <?page no="388"?> 388 D Analysen D 11. 8. 19 RB vor TC 7,1,031 Qua ratione socii se gerere debeant ipso absente docet (sc. Aeneas). Dies ist, wie häufig, eine vorweg resümierende Überschrift (Rubrik A 2), hier für die folgenden Anweisungen des Aeneas in TC 7,1,031-041 vor seiner Fahrt Tiber aufwärts zum Arkader-König Euander (zu der er bei Vergil in Aen. 8,79 aufbricht) an die im Schiffs-Lager zurückbleibenden Trojaner. Diese Rede des Aeneas ist als solche neu von Lucienberger erfunden und der wohl eindeutigste Beleg für die „didaktische“ ( docet ) Intention seiner TC , indirekt seinem vornehmsten Zielpublikum, Fürstensöhnen, Ratschläge (nicht zuletzt militärischer Art) zu geben. Aeneas erfüllt hier vorbildlich die Aufgaben eines Führers, seinen Truppen auch für die Zeit seiner persönlichen Abwesenheit notwendige Instruktionen zu geben. Lucienberger lässt Aeneas das Ziel seiner Fahrt erklären, regelt die Kommandostruktur, schreibt die Taktik vor und stärkt das Vertrauen auf den Erfolg seiner Fahrt. Und, was nicht unwichtig und zudem bezeichnend für Lucienbergers Bestreben ist, den ordo (rerum) naturalis herzustellen: Lucienberger positioniert diese Anordnungen als Worte des Aeneas an der chronologisch „richtigen“ Stelle, vor dem Aufbruch des Aeneas. Vergil dagegen erwähnt nur die strategische Vorschrift (Verteidigung des befestigten Lagers, keine offene Feldschlacht) in einem eher beiläufigen erzählerischen Rückblick (im Plusquamperfekt! ) in Aen. 9,40-44 und bringt sie nicht etwa schon suo loco, nämlich vor Aen. 8,79. Durch die neue Position und ihre Umwandlung in direkte Rede des Aeneas verleiht Lucienberger den Belehrungen zusätzliches Gewicht. D 11. 8. 20 RB nach TC 7,1,043 In littore complicatis genibus haec precatur. Dass die folgenden Verse TC 7,1,044-051 = Aen. 8,71-78 ein Gebet des Aeneas an den Flussgott Tiberinus und die Nymphen darstellen, ist inhaltlich evident. Aeneas soll laut dieser Regiebemerkung bei seinem Gebet knien. Lucienberger beschreibt (sinngemäß: fordert vom Darsteller) damit eine Gebetshaltung, die zu seiner Zeit schon lange christlicher Brauch war, aber nicht antik ist. Auch Vergil beschreibt in Aen. 8,68-70 den Aeneas hier in der Haltung eines Oranten, der - offensichtlich stehend - mit hohlen Händen aus dem Fluss geschöpftes Wasser emporhält. D 11. 8. 21 RB nach TC 7,3,023 (Vulcanus) osculatur Venerem atque ad Cyclopes abit. Diese Prosa-Notiz gehört zu der verbreiteten Klasse B; in ihr wird die Handlung von Aen. 8,405-438 wenigstens angedeutet. Inhaltlich zeigt sich hier die <?page no="389"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 389 Tendenz Lucienbergers, in usum Delphini die ohnehin seltenen Andeutungen sexueller Handlungen in der Aeneis tunlichst zu reduzieren: Am Ende der Szene TC III -3 hatte er in TC 3,3,046 fast wörtlich Aeneas und Dido vor der Höhle im Regen stehen lassen und die von Vergil in Aen. 4,165-172 immerhin angedeutete Vereinigung des Paares überhaupt nicht erwähnt. Jetzt in Aen. 8,405 f. wird Vergil deutlicher und lässt Vulcanus mit seiner Gattin Venus schlafen ( coniugis infusus gremio ). Lucienberger aber schwächt den Beischlaf zum Kuss ab. D 11. 8. 22 RB nach TC 7,4,050 Aliquot bombardae sonabunt. Auch Vergil lässt es in Aen. 8,525 bei diesem sogenannten „Zeichen der Venus“ donnern; Lucienberger gibt offenbar - wie in seiner Regiebemerkung nach TC 3,3 044 (s. o. → Kap. D 11.8.7 zum Gewitter bei Karthago) - einen Hinweis (d. h. eine Anweisung), wie in der Theaterpraxis ein solcher Donner zu erzeugen sei: durch Kanonenschüsse. D 11. 8. 23 RB nach TC 7,5,041 Naves exustae mutantur in Nymphas, ob quod Rutuli obstupuere, sed Turnus eos confirmat. Wieder einmal berücksichtigt Lucienberger einen von Vergil erzählten übernatürlichen Vorgang, hier die Metamorphose der trojanischen Schiffe (die bei Vergil noch nicht exustae sind) in Nymphen, nicht in dialogisierten Versen, sondern in einer „ergänzenden“ Prosa-Notiz (des Typus B). Immerhin sagt Lucienberger hier - anders als sonst - konkret, um welches Wunder es sich handelt und begnügt sich nicht mit einem vagen Portentum wie vor TC 10,3,047 (wo nur Aen. 12,244-256 das konkrete Augurium beschreibt, Lucienberger aber keinerlei konkreten Hinweis gibt). Wie sich Lucienberger eine szenische Darstellung der Schiffsmetamorphose vorstellte, bleibt rätselhaft. D 11. 8. 24 RB nach TC 8,4,004a Aeneas in navi recubat. Wie der erste Teil der Szene TC VIII -4 (bis TC 8,4,021), der auf hoher See spielt, bei einer realen Theateraufführung gestaltet sein könnte oder sollte, kann man sich schwer vorstellen. Er hat ja die Begegnung des Aeneas mit jenen Nymphen zum Gegenstand, in die die trojanischen Schiffe verwandelt worden sind, die an der Tiber-Mündung von den Brandfackeln des Turnus bedroht wurden. Das Problem wird noch dadurch verschärft, dass der Rest dieser einen „Szene“ ( TC 8,4,022-128) auch noch die Landung der Flotte der Etrusker unter Tarchons <?page no="390"?> 390 D Analysen Führung, die Aeneas zu Bundesgenossen gewonnen hat, und die erste große offene Feldschlacht am Tiber zwischen den Trojanern und den Latinern enthält. (Diesen 107 Versen in der TC entsprechen in der Aeneis 10,256-605 nicht weniger als 350 Hexameter; das Kampfgeschehen wird von Lucienberger also stark gerafft.) Die kurze prosaische Situationsangabe nach TC 8,4,004a (die sogar zwischen zwei Hexameter-Hälften eingeschobenen ist) Aeneas in navi recubat bringt in theaterpraktischer Hinsicht auch keine nähere Aufklärung. Inhaltlich steht sie auch im Widerspruch zur Darstellung Vergils, denn in Aen. 10,217 f. wird ausdrücklich gesagt, dass der von Sorgen erfüllte Aeneas keine Ruhe auf dem Schiff findet, sondern selber das Steuerruder bedient. Wie die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Schauplätzen in ein und derselben 128 Hexameter langen Szene TC VIII -4 (die insgesamt Aen. 10,215-605, also 391 Verse desselben Metrums raffend wiedergeben) auf der Bühne gestaltet werden könnten, bleibt (mir) ein Rätsel. D 11. 8. 25 RB vor TC 8,4,101 Aeneas iratus Magonem sternit. Ich erwähne diese Prosa-Notiz deshalb besonders nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen ihrer Position: Sie steht vor der Bitte Magos an den wütenden Aeneas, ihn zu schonen und dessen höhnischer abschlägiger Antwort in TC 8,4,101-110 = Aen. 10,524-534 (ohne Aen. 10,530) und bildet in dieser Position eine Art Überschrift für den ganzen Dialog. Es könnte sein, dass das ein Druckerversehen ist. Jedenfalls ist es bei Lucienberger eher üblich, dass er auf die Ankündigung einer Tötung in wörtlicher Rede die Ausführung in Gestalt einer Prosa-Notiz folgen lässt. Entsprechend dieser Praxis würde diese Prosa-Notiz nach TC 8,4,110 zu stellen sein. - Ein analoger Fall liegt gleich in der nächsten Prosa-Notiz vor (oder besser eben nach) TC 8,4,111 vor. D 11. 8. 26 RB nach TC 9,1,039 Interim dum illi Pallanta comitantur, spoliant Teucri omnes Rutulos peremtos suosque socios honorifice sepulturae tradunt. Dieser lange zusätzliche Prosa-Text unterbricht unverständlicher Weise eine zusammenhängende Handlung, die in Klagen des Aeneas und (nur in der TC ) des greisen Acoetes um den toten Pallas besteht ( TC 9,1,020-043 = Aen. 11,42-58. 96-98a). Hingewiesen wird in dem eingeschobenen Zusatz-Text auf eine gleichzeitige Handlung, die schwerlich gleichzeitig auf der Bühne dargestellt werden könnte: Während sich der Leichenzug für Pallas vom Schlachtfeld hin nach Pallanteum bewegt, plündern die Trojaner die gefallenen Rutuler und bestatten ihre eigenen Toten ehrenvoll. Das ist inhaltlich ein weiter Vorgriff auf etwas, <?page no="391"?> D 11 Regiebemerkungen (Prosa-Zwischentexte) 391 das erst in der Szene TC IX -3 stattfindet und dort durch die Prosa-Notiz nach TC 9,3,022 Latini et Rutuli currunt in castra et suos sepeliunt berichtet wird. Der Hinweis auf die Spoliierung der Leichen durch die Trojaner basiert auf Aen. 11,193 f. ( hic alii spolia occisis derepta Latinis / coniciunt igni ); Lucienberger macht wieder einmal aus einem unscheinbaren erzählerischen Rückgriff Vergils bei der Bestattung unter Herstellung des ordo (rerum) naturalis eine gewissermaßen präsentische Erzählung suo tempore. Allerdings ist schwerlich vorstellbar, dass er die Handlung der ganzen Szene TC IX -2 plus des Anfangs der Szene TC IX -3 (Verhandlungen über einen Waffenstillstand zur Bestattung der Gefallenen auf beiden Seiten und Durchführung der Bestattung) gleichzeitig mit der zweiten Hälfte der Szene TC IX -1 (Überführung der Leiche des Pallas zu seinem Vater Euander) auf der Bühne spielen lassen wollte. D 11. 8. 27 RB vor TC 9,4,004 Volusus tuba canit. Diese Prosa-Notiz ist als solche nur ein gewöhnliches Beispiel des „überflüssigen“ Typs A, weil sie im Voraus das bestätigt, worauf Messapus in dem folgenden Vers reagiert. Dieser von Lucienberger dem Messapus neu in den Mund gelegte Hexameter TC 9,4,005 Cur, Voluse, heus tam mane tuba taratantara cantas? aber ist in anderer Hinsicht aufschlussreich: Er bringt eine eindeutige Bestätigung der ohnehin naheliegenden Vermutung, dass Lucienberger außer dem Vergil-Text auch den Kommentar des Servius dazu kannte und benutzte. Denn in Aen. 9,503, einer Parallelstelle in sachlicher Hinsicht, heißt es nur at tuba terribilem sonitum procul aere canoro / increpuit). Doch Lucienberger hat in TC 8,4,004 offensichtlich den Kommentar des Servius zu Aen. 9,501 benutzt, der erklärt hemistichium Enni (= ann. 140 V., 451 Sk.); … ille enim ad exprimendum tubae sonum ait „taratantara dixit“. Nur bei Servius (und bei Priscian) konnte Lucienberger dieses lautmalende Wort finden. 139 - Die in der TC 9,3,232a und 9,4,005-007 zur Sprecher-Rolle gesteigerte Figur des Volusus, des Trompeters des Turnus, hat Lucienberger aus einer Erwähnung in Aen. 11,463 und der dortigen Anweisung des Turnus entwickelt. D 11. 8. 28 RB nach TC 10,3,043 His dictis mutantur animi Latinorum et Rutulorum. Dies ist zunächst einmal ein normales Beispiel für eine ergänzende Prosa-Notiz des Typus B auf der Basis von Aen. 12,238-240 (speziell 12,240 ipsi Laurentes 139 Ein anderes von Lucienberger benutztes lautmalendes „Wort“, nämlich „ st “ im Sinne von „pst, still“ (TC 4,3,071b), ist fast ausschließlich bei Komödiendichtern belegt. <?page no="392"?> 392 D Analysen mutati ipsique Latini ): Sie berichtet von der Wirkung der zuvor zitierten ( TC 10,3,035-943 = Aen. 12,229-237) Worte der als Camers auftretenden Juturna, die zur Wiederaufnahme des Kampfes aufhetzt. Eine Besonderheit besteht aber darin, dass in diesem Prosa-Text ein psychischer Vorgang konstatiert wird. Der aber kann als solcher nicht dargestellt werden (immerhin aber durch mimetischgestische Aktionen der die Latiner darstellenden Schauspieler). Während sonst die „ergänzend“ erzählenden Prosa-Notizen des Typus B in der Regel auch als Regieanweisungen aufgefasst und ausgenutzt werden können, ist das in diesem Falle allenfalls indirekt möglich. Hier wird eher ein Lesepublikum aufgeklärt. D 11. 8. 29 RB vor 10,3,059 Dum revocat ab armis, ipse sagitta vulneratur (sc. Aeneas). Auch hier bietet der Hauptsatz ein an sich normales Beispiel für eine Prosa-Notiz des Typus B, denn er ergänzt etwas, das Vergil auktorial in Aen. 12,318-322 erzählt: die Verwundung des Aeneas durch einen von unbekannter Hand abgeschossenen Pfeil. Aber diesmal hat Lucienberger die Verwundung des Aeneas doch dialogisiert: er hat Aeneas zwei neue Verse in den Mund gelegt ( TC 10,3,059 f.), aus denen eben dieses hervorgeht (weshalb die Prosa-Notiz zur Rubrik A gerechnet werden kann). Hier hat Lucienberger also den entsprechenden Aeneis-Text in doppelter Weise berücksichtigt. - Der dum -Nebensatz bringt nichts Neues, sondern ist eine Zusammenfassung der vorausgehenden Rede des Aeneas in TC 10,3,054-058 = Aen. 12,313-317. D 11. 8. 30 RB vor TC 10,4,048 Omnes plorant et ingentem dolorem prae se ferunt eamque de trabe demunt. Der größere Teil der Szene TC X-4, TC 10,4,023 bis zum Schlussvers TC 10,4,052, enthält (abgesehen von den beiden aus Aen. 12,612 f. = TC 10,4,046 f. übernommenen Vergil-Versen) eine freie Ausmalung Lucienbergers von der Wirkung des Selbstmords Amatas, der Vergil nur wenige Verse (Aen. 12,604-611 nebst 12.612 f.) widmet. Insbesondere hat Lucienberger den Schmerz ihrer Tochter Lavinia, aber auch den ihres Gatten Latinus und den der famulae in Klagen, die er ihnen in den Mund legt, zum Ausdruck gebracht. Das resümiert in eher überflüssiger Weise (Rubrik A) der erste Doppelsatz dieser Prosa-Notiz. Der folgende Satz eamque de trabe demunt dagegen ist eine zusätzliche theaterpraktische Anweisung Lucienbergers. Dass man die Leiche Amatas von dem Balken abnimmt, an dem sie sich erhängt hat, ist inhaltlich ein eher selbstverständliches Handlungs-Supplement (das Lucienberger in dem neuen Vers TC 10,4,049b noch durch die Anweisung des Latinus erweitert, die Leiche „hineinzutragen“), das jedenfalls Vergil nicht des Erzählens für wert hält. <?page no="393"?> D 12 Strukturfragen 393 D 11. 8. 31 RB vor TC 10,9,029 Aeneas victor et triumphator arma sua affigit. Vide Act. 6 Scena 3. Diese letzte Prosa-Notiz in der TC innerhalb der komplett neu geschaffenen Schluss-Szene TC X-9 nimmt erzählerisch vorweg, was Aeneas in den folgenden, von Lucienberger frei erfundenen Versen TC 10,9,029-033 selber demonstrativ erklärt; sie gehört damit zur Klasse A. Einmalig unter allen über 150 Prosa- Bemerkungen ist aber, dass Lucienberger in ihr einen Rückverweis auf TC VI -3 gibt. Dieser ist allerdings unzutreffend; es müsste TC V-3 genannt werden. - Die Schluss-Szene TC X-9 ist eingehend gewürdigt in → Kap. D 6.3.5-6 und auch in → Kap. 8.3.1. D 12 Strukturfragen D 12.1 Zur Struktur der epischen Vorlage der TC Die Transformation eines Epos in ein Drama besteht nicht nur darin, dass ein Dramatiker die auktorial erzählten Partien des Epos (alle oder wenigstens die ihm wichtig erscheinenden) in Äußerungen von sprechenden Figuren umwandeln (oder jedenfalls irgendwie darin berücksichtigen) muss. Der Dramatiker muss sich auch mit der im Epos vorliegenden Struktur der erzählten Geschichte, mit der Gliederung seiner Vorlage auseinandersetzen. Antike Großepen sind, jedenfalls in der schriftlich überlieferten Form, in Bücher gegliedert. (Dass die Ilias und die Odyssee ursprünglich in Rezitations-Einheiten gegliedert gewesen sein mögen, also in Stücke, wie sie ein Rhapsode vorzutragen pflegte, ist nicht nur für unsere Betrachtung, sondern war schon für Vergil unerheblich.) Die Aeneis mit ihren rund 9.900 Hexametern ist offensichtlich von Vergil - und nicht etwa erst von späteren Philologen oder gar von bloßen Abschreibern - in 12 Bücher eingeteilt worden. Die antike biographische Überlieferung (VSD § 23) will wissen, Vergil habe sich für die Aeneis (gemeint wird sein: für die Handlung der Aeneis) zunächst einen Entwurf in Prosa (in der modernen Filmbranche würde man von einem Exposé oder eher von einem Treatment sprechen) gemacht und den in 12 Bücher eingeteilt. Von dieser Grundlage ausgehend habe er dann, nicht linear fortschreitend, sondern nach Lust, Laune und Inspiration, das Epos Stück für Stück in Hexametern ausgeführt. Und auch diese hexametrischen separaten Einzelstücke habe er nicht so belassen, wie er sie zunächst zu Papier gebracht hatte, sondern sie bearbeitet, vor allem gekürzt. (Das berichtet sinngemäß VSD § 22 in Bezug auf die Georgica ; das dort gebrauchte Bild ist nicht das übliche des Feilens, sondern eine Analogie aus dem Tierreich: man glaubte in der Antike, bei gewissen Raubtieren, vor allem bei den Bären, brächten die <?page no="394"?> 394 D Analysen Mütter ihre un-förmigen eben zur Welt gebrachten Jungen erst durch Belecken in Form.) Auch ohne eine solche (in ihrer Glaubwürdigkeit nicht unumstrittene) Nachricht zeigt schon eine oberflächliche Betrachtung der Aeneis (die hier nicht vertieft werden soll), dass die 12 Bücher Einheiten im aristotelischen Sinne mit Anfang, Mitte und Ende darstellen. Das Ende ist oft der Tod einer der Hauptpersonen (Ausnahmen: Aen. I, VI , VII , VIII ). Im großen Ganzen und auch in den einzelnen Büchern eines Epos, jedenfalls in der Aeneis, „fließt“ die Handlung, sie bildet ein Kontinuum. Das wird vor allem durch die gleichbleibende einzige Erzählinstanz, Vergil in seiner Rolle als epischer Erzähler, erzeugt. Aber auch der Autor Vergil, der die Handlung der Aeneis erzählt (im Grunde sie erst durch sein Erzählen erschafft), folgt nicht einfach deren chronologischem Verlauf (dem ordo naturalis ) und teilt diesen in 12 Abschnitte, die 12 Aeneis-Bücher, ein. Er macht erzählerische Rückgriffe (durch die ein ordo artificialis entsteht) und auch Vordeutungen. Er setzt nicht am Anfang der erzählten Geschichte über die Taten und Leiden des Aeneas vom Verlust seiner alten Heimat Troja bis zum Erringen einer neuen Heimat in Latium ein, sondern geht - was man schon in der Antike beobachtete und rühmte - in medias res : die Aeneis setzt in einem Augenblick im 7. Jahr nach dem Untergang Trojas ein, als die Aeneaden zu Schiff auf dem Tyrrhenischen Meer der verheißenen neuen Heimat in Latium schon nahe sind. Aeneas ist im Epos Vergils zwar die Hauptperson, aber Vergil erzählt nicht ausschließlich auf ihn fokussiert. Vor allem, wenn Aeneas auf eine andere starke Persönlichkeit trifft, wie etwa auf Dido, oder er sich gar für längere Zeit mit einem großen Gegner auseinandersetzen muss, wie mit den Latinern und deren Alliierten unter Turnus, wechselt Vergil immer wieder die Perspektive, springt von Aeneas z. B. zu Dido oder Turnus und wieder zurück. (Im Extremfall, nämlich in Aen. IX , ist Aeneas für ein ganzes Buch des Epos kein Akteur des Geschehens.) Durch solche Perspektivenwechsel entstehen kleinere Erzähleinheiten, Abschnitte, die man oft mit einem aus dem Drama entlehnten Begriff „Szenen“ nennt. In enger Beziehung zu einem solchen Szenenwechsel im Epos steht das Phänomen der Figuren-Reden, also die Darstellungstechnik, dass der Autor eines Epos nicht durchgehend erzählt, sondern den Akteuren der Handlung direkte Reden in den Mund legt. Das ist so typisch für das antike Epos schon seit Homer, dass eine antike Theorie die Literatur nach den „Sprechern“ in drei Gattungen einteilte: in eine Gattung, in der nur der Autor spricht; in eine zweite, in der nur Figuren sprechen (das Drama), und in eine dritte „gemischte“, in der sowohl der Autor als auch Figuren sprechen (eben das Epos). Auch solche „Auftritte“ (ein an sich dem Drama zugeordneter Begriff) redender Akteure im Epos sind Strukturelemente. <?page no="395"?> D 12 Strukturfragen 395 Mit solchen in seinem Basis-Text vorgefundenen Strukturelementen hatte sich Lucienberger auseinanderzusetzen, als er das Epos Vergils in ein Drama transformieren wollte. D 12.2 Die Gliederung der TC in Akte D 12.2.1 Die Gliederung der TC in 10 Akte, der Aeneis in 12 Bücher Das wichtigste Problem der dispositio bestand für den Dramatiker Lucienberger darin, wie er mit dieser 12-Bücher-Gliederung seiner epischen Vorlage umgehen sollte. Lucienberger wusste, dass zu seiner Zeit ein Drama in 5 Akte eingeteilt zu werden pflegte; vgl. dazu ausführlicher → Kap. D 12.2.3. Dieser „dramatischen“ Tradition ist er nicht gefolgt. Man kann vielmehr erkennen, dass er sich im Prinzip an der Zahl der Bücher der Aeneis orientiert, jedoch aus nachvollziehbaren Gründen 2 Akte sozusagen eingespart hat. Die eine Akt-Einsparung besteht darin, dass Lucienberger in seinen beiden ersten Akten TC I und TC II den Stoff von Aen. I- III , die Erlebnisse des Aeneas vom Ende Trojas bis zur Aufnahme durch Dido in Karthago in anderer Abfolge (im chronologischen ordo naturalis ) behandelt und trotz einer Doppelberücksichtigung der Erzählung des Aeneas vor Dido in Aen. II - III die 3 Bücher des Epos in zwei Akte zusammengezogen hat. Die 996 ( TC I) plus 772 ( TC II ), zusammen 1.768 Hexameter Lucienbergers für TC I- II mit insgesamt 7 + 7 Scenae entsprechen (Aen. I 756 + Aen. II 804 + Aen. III 718 + Aen. 9,80-106 = 27) 2.305 Versen der Aeneis. Die zweite Akt-Einsparung resultiert daraus, dass Lucienberger in seinem Akt TC VII den Stoff der beiden Aeneis-Bücher VIII - IX (die zwei parallel verlaufende Handlungsstränge zum Inhalt haben: die Fahrt des Aeneas zu König Euander und zum etruskischen Heer in Aen. VII und den gleichzeitigen Angriff der latinischen Bundesgenossen unter Führung des Turnus auf die im Camp am Tiber verschanzten Trojaner in Aen. IX ) zusammengezogen hat. Für die Dramatisierung der beiden Aeneis-Bücher ( VIII 731 + IX 818 minus die 27 Verse von Aen, 9,80-106) mit ihren 1.522 Versen braucht Lucienberger in TC VII (mit 7 Scenae ) 710 Hexameter. Damit ergibt sich folgende Tabelle für die B e z i e h u n g z w i s c h e n d e n 1 0 A k t e n d e r T C u n d d e n 1 2 B ü c h e r n d e r A e n e i s : <?page no="396"?> 396 D Analysen TC I-1 bis I-7 mit 996 Versen Aen. II - III mit 1.560 Versen dazu Aen. 9,80-106 in TC I-3 TC II -1 bis II -7 mit 772 Versen Aen. I mit 756 Versen, dazu in TC II -7 erneuter selektiver Überblick über Aen. II - III als Erzählung des Aeneas vor Dido TC III -1 bis III -6 mit 505 Versen Aen. IV mit 705 Versen TC IV -1 bis IV -6 mit 678 Versen Aen. V mit 871 Versen TC V-1 bis V-4 mit 678 Versen Aen. VI mit 901 Versen Dass in TC V-4 bereits einige Verse aus Aen. VII berücksichtigt sind, überspielt zwar die Zäsur zwischen Aen. VI und Aen. VII , ist aber ohne größere Bedeutung. TC VI -1 bis VI -8 mit 519 Versen Aen. VII mit 817 Versen TC VII -1 bis VII -4 Aen. VIII mit 731 Versen und TC VII -5 bis VII -7 mit insgesamt 710 Versen und Aen. IX mit 818 Versen TC VIII -1 bis VIII -7 mit 447 Versen Aen. X mit 908 Versen TC IX -1 bis IX -6 mit 521 Versen Aen. XI mit 915 Versen TC X-1 bis X-8 mit 426 Versen Aen. XII mit 952 Versen (Die Szene TC X-9 mit 37 Versen hat in der Aeneis Vergils keine Entsprechung, sondern nur in einer humanistischen Ergänzung, dem Anfang eines Supplementum Aeneidos , das auch Aen. XIII genannt wird; vgl. dazu → Kap. D 8.3.) Man kann bereits diesen nackten Vergleichszahlen zwischen den einzelnen 10 Akten der TC und den 12 Büchern der Aeneis entnehmen, dass Lucienberger relativ am meisten gegenüber Aen. X- XII (die zusammen mit Aen. IX die sog. „Kampfbücher“ des Epos darstellen) gekürzt hat: auf rund die Hälfte des originalen Umfangs. Nicht nur ein inhaltlicher Vergleich der 10 Akte der TC mit den 12 Büchern der Aeneis beweist die grundsätzliche Beibehaltung der von Vergil für das Epos vorgegebenen Großgliederung durch Lucienberger für seine Dramatisierung, sondern auch ausdrückliche Angaben im gedruckten Text der TC ( VP 1576B): Ausnahmslos steht jeweils am Ende jedes der 10 Akte eine Notiz wie exempli gratia am Ende von TC I: Finis actus primi et libri III Aeneidos . (Nicht ganz korrekt heißt es am Ende von TC II Finis actus secundi et libri I Aeneidos ; es <?page no="397"?> D 12 Strukturfragen 397 müsste eigentlich auch erwähnt werden, dass hier sinngemäß auch das Ende von Aen. III erreicht ist.) Korrekt aber ist der Vermerk am Ende von TC VII : Finis actus septimi et libr(orum) VIII & IX Aeneidos . Und ganz am Schluss ist am Ende der zusätzlich gedichteten letzten Szene TC X-9 angefügt: Finis actus X et XII libri Aeneidos . Außerdem lassen in der Druckausgabe die vor jedem Akt eingefügten 2-3 Druckseiten langen Prosa-Inhaltsangaben (Argumenta) wenigstens indirekt die Entsprechungen zwischen den Akten der TC und den Büchern der Aeneis erkennen. Allerdings nimmt Lucienberger darin niemals ausdrücklich auf die Aeneis Bezug. (Umgekehrt erwähnt Lucienberger in den 10 Prosa-Argumenta ein einziges Mal, im Argumentum zu TC VI , eine bestimmte Szene seiner TC : Er bezieht sich mit quorum catalogus scena VIII huius actus recensetur auf TC VI -8, auf seine Version des sog. Italiker-Katalogs am Ende von Aen. VII .) Durch dieses Festhalten an der Großgliederung des Epos Vergils auch in der dramatisierten Tragicocomoedia erreicht Lucienberger, dass der Stoff einleuchtend gegliedert ist. Wer die in der TC vorliegende Einteilung des Aeneis-Stoffes kritisieren würde, dessen Kritik würde weniger Lucienberger als Vergil selber treffen. Ein ganz anderes Problem ist es, ob die literarische Gattung eines Dramas es zulässt und aushält, dass ein von Vergil in 12 Büchern episch dargestellter Stoff im Wesentlichen unverändert in diese andersartige literarische Form gepresst wird. (Meine Antwort ist: nein - jedenfalls ist das Lucienberger nicht überzeugend gelungen.) Eine Fünf-Akt-Gliederung (vgl. dazu → Kap. D 12.2.3) ist ja nicht nur eine äußerliche Einteilung; mit ihr pflegt auch die Konzeption einer zielführenden Handlung verbunden zu sein, die über einen Wendepunkt zu einem bestimmten Ende führt, das bei einer Tragödie meist im wörtlichen Sinne eine Katastrophe ist: der Tod der Hauptfigur. D 12.2.2 Zu welchem Ende strebt die Aeneis, zu welchem die TC ? Solche Überlegungen brauchte Lucienberger für die abnorme Struktur eines 10-aktigen Dramas, das auf einem in 12 Bücher eingeteilten Epos beruht, nicht unbedingt anzustellen. Immerhin scheint er versucht zu haben, für die Gesamthandlung der Aeneis eine Verstärkung ihrer Finalität zu erreichen. Die A e n e i s Vergils hat - um den Ausdruck „zerfällt in“ zu vermeiden - augenscheinlich zwei Hälften. Die Zäsur liegt nicht genau in der Mitte, am Ende von Aen. VI , sondern ein paar Dutzend Verse später, vor dem Neuansatz (um den Ausdruck „Neuanfang“ zu vermeiden) mit dem sog. „Zweiten Proömium“ der Aeneis in Aen. 7,37-45a. Die Zäsur zwischen der ersten Hälfte der Aeneis mit den Büchern Aen. I- VI , die eine Analogie zur Odyssee darstellt, und der zweiten Hälfte des Epos mit den Büchern Aen. VII - XII , die deutlich eine „zweite Ilias“ bildet, ist durch diese Verschiebung des „Zweiten Proömiums“ überspielt, <?page no="398"?> 398 D Analysen aber nicht wirklich überbrückt. Mit dem Einlaufen der Flotte des Aeneas in den Tiber ist mindestens ein Zwischenziel erreicht. Aeneas und seine trojanischen Gefolgsleute sind im verheißenen Land Italien angelangt, und zwar (worauf der Seher Helenus hingewiesen hatte) an der „richtigen“ tyrrhenischen Küste Italiens, nicht im griechisch besiedelten Unteritalien oder in Sizilien. Die bisherigen Prophezeiungen, Verheißungen und göttlichen Mahnungen (Creusas am Ende von Aen. II , der Harpyien und besonders des Helenus in Aen. III , Merkurs im Auftrag Jupiters in Aen. IV , des Anchises in der „Heldenschau“ von Aen. VI ) hatten zwar erkennen lassen, dass mit dem Ende des Suchens und dem Moment des Ankommens am Tiber das Endziel noch nicht erreicht sein würde und dass noch harte Kämpfe um die Behauptung des „gelobten“ (d. h. verheißenen) Landes zu bestehen sein würden. Aber in den bisherigen Ausblicken in die Zukunft war die Phase der Kämpfe des Aeneas um die neue Heimat Latium wenig ausgeprägt: Creusa hatte dem Aeneas zwar nach langer Meerfahrt am Tiber ein neues Reich und die Heirat mit einer Königstochter versprochen (Aen. 2,780-784), also faktisch die Herrschaft in Latium und die Hand Lavinias, aber beides wird innerhalb des Zeitraums, der in der Aeneis direkt gestaltet ist, gar nicht erreicht. Die Harpyien hatten mit dem Erfordernis für das Erreichen des verheißenen Landes, dem „Verspeisen der Tische“, eine scheinbar schwerlich zu erfüllende Vorbedingung prophezeit; aber Helenus hatte das Erfüllen dieser Bedingung als leicht abgetan und eine zweite hinzugefügt, das Auffinden einer weißen Sau mit 30 Frischlingen. Im Übrigen hatte er Aufschlüsse über die Zukunft des Aeneas in Italien gewissermaßen vertagt, indem er dafür auf Weissagungen der Sibylle von Cumae verwies. Diese werde ihm Aufschluss über Italiae populos venturaque bella (Aen. 3,458) geben. Das geschieht dann in Aen. 6,83-97 in Gestalt der Prophetie der Sibylle, die in verhüllender Sprache blutige horrida bella voraussagt, die Aeneas in Latium gegen einen zweiten Achill, den von der Göttin Juno unterstützten Turnus, werde führen müssen, um eine „externe“ Hochzeit (die Verheiratung Lavinias mit ihm selber, einem Nicht-Einheimischen) zu erreichen. Dabei werde ihm überraschender Weise Hilfe von einer griechischen Stadt (dem arkadischen Pallanteum = Ur-Rom unter König Euander) zuteilwerden. Wenig später erhält Aeneas in der Unterwelt dann durch seinen dort im Elysium weilenden Vater Anchises in Stichworten, aber ausführlich, Aufschluss über die großen Römer der Zukunft, die Nachkommen des Aeneas seien. Was Anchises aber dem Aeneas über die unmittelbar bevorstehenden Kämpfe in Latium geweissagt habe, tut Vergil in drei vagen Versen (Aen. 6,890-892) ab. Am Ende der ersten Hälfte der Aeneis (am Ende von Aen. VI mit dem Ende der Weissagungen des Anchises) steht dem Leser damit mehr die ferne, im Epos selber gar nicht mehr dargestellte römische Zukunft vor <?page no="399"?> D 12 Strukturfragen 399 Augen als die unmittelbar bevorstehenden Kämpfe um Latium. 140 Der Leser erwartet dann vielleicht nach dem Ende von Aen. VI eher eine Überleitung zur späteren römischen Geschichte als eine genauso lange Darstellung der Kämpfe um Latium, wie es die Schilderung des Falls Trojas und des Suchens nach einer neuen Heimat in Aen. VI gewesen war. Anders ausgedrückt: Am Ende von Aen. VI ist die Konzeption, dass das Epos - wie es dann wirklich geschieht - nur bis zum Sieg des Aeneas über Turnus geführt wird, nur schwach vorbereitet: die Finalität des Epos hin auf diesen Schluss ist wenig ausgeprägt. Erst mit Aen. XI und besonders Aen. XII läuft die Handlung auf ein finales Entscheidungsduell zwischen Aeneas und Turnus zu. Und selbst bis zum letzten Dutzend der Verse der Aeneis Vergils (bis zum cum inversum in Aen. 12,941, dem Umschlag in den Gedanken des Aeneas) bleibt offen, ob Aeneas, der unbestrittene Sieger, Turnus töten wird. Lucienberger scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass der Inhalt der zweiten Aeneis-Hälfte und konkret das Ziel, das am Ende der im Epos dargestellten Handlung erreicht werden soll, nicht hinreichend von Vergil vorbereitet worden sei. Jedenfalls hat er den im Epos wenig ausgeprägten Finalitäts-Aspekt verstärkt. Er hat in einer der auffälligsten Erweiterungen der Aeneis in der TC an der Stelle, die dem Ende der ersten Aeneis-Hälfte in Aen. VI entspricht, nämlich in TC V-3, die Prophezeiungen des Anchises in der Unterwelt um einen Ausblick auf die nähere Zukunft ergänzt. Das ist ausführlicherer an anderer Stelle, in → Kap. D 6.1.1, dargestellt. Er hat dabei nicht nur mit konkreten Einzelheiten auf den Inhalt von Aen. VII und VIII bzw. auf TC X-9 vorgedeutet, sondern auch deutlich eine Zielangabe gemacht: Diese ist aber etwas verschieden von der 140 Es mag bezeichnend sein, dass im Donatus auctus (DA), einer erst im 15. Jh. belegten, aber wenigstens teilweise auf antikes Gut zurückgehenden interpolierten Version der VSD (der Vita Suetoniana-Donatiana), in einer Interpolation nach VSD § 23 eine eigenartige Meinung vertreten wird. Wohl aus der Diskrepanz zwischen dem Inhalt der Bücher Aen. VII-XII (Aeneas in Latium), auf den nur vage innerhalb der Aeneis vorausgedeutet wird, und der bis zur Herrschaft des Augustus ausgreifenden „Heldenschau“ in Aen. VI, die überhaupt nicht in der Handlung von Aen. VII-XII berücksichtigt ist, haben einige Interpreten ( alii eius sententiae sunt ) einen konsequenten, aber trotzdem absurden Schluss gezogen: Sie haben vermutet, Vergil habe geplant, sein Epos in insgesamt 24 Büchern bis zur Zeit des Augustus, also bis zur Gegenwart, fortzuführen. (Einer solchen Konzeption war ja in der Tat Vergils römischer Vorgänger Ennius in seinem Annales betitelten Epos gefolgt.) Einen vermittelnden Standpunkt nimmt der Kommentator Servius (um 400 n. Chr.) in seiner Bemerkung zur Einleitung der „Heldenschau“ (ad Aen. 6,752) ein: Servius stellt fest, dass Vergil in der vorliegenden Aeneis indirekt omnem Romanam historiam ab Aeneae adventu usque ad sua tempora summatim dargestellt habe: in der epischen Handlung selber die Taten des Aeneas, in Ausblicken die spätere römische Geschichte. Aber Servius referiert auch die Ansicht gewisser früherer Interpreten ( in antiquis invenimus ), die Aeneis habe ursprünglich nicht diesen Titel gehabt, sondern gesta populi Romani . <?page no="400"?> 400 D Analysen impliziten in der Aeneis: für Lucienberger ist das Ziel der Kämpfe des Aeneas in und um Latium nicht mit dem Sieg über Turnus oder gar mit dessen Tötung erreicht, sondern mit der Hochzeit Lavinias mit Aeneas und mit deren Vorbedingung, dem Tod Amatas, der Mutter Lavinias und erbitterten Gegnerin einer solchen Verbindung. (Das Ziel besteht nicht im Tod Amatas selbst, sondern es ist mit diesem durch die Konzeption des „nicht eher als“ verknüpft; vgl. dazu → Kap. D 6.2.) D 12.2.3 Lucienberger und die traditionelle Gliederung eines Dramas in 5 Akte Auch im Zusammenhang mit dem Problem, in welcher Form sich Lucienberger die Rezeption seiner aus der epischen Aeneis Vergils entwickelten Tragicocomoedia vorstellte, verdient sein Hinweis in der Epistola dedicatoria (Scan 10) Beachtung, er habe die Einteilung seiner TC in 10 Akte contra receptum comoediarum tragoediarumque morem vorgenommen. Diese Bemerkung Lucienbergers zeigt, dass er für beide dramatischen Gattungen Theorie und / oder Praxis kannte. Die Praxis wird er am ehesten an den spanischen Fürstenhöfen in Brüssel und in Medina Coeli in Kastilien kennengelernt haben (vgl. dazu seine in → Kap. A 2 dargestellte Biographie). Er weiß ja auch - wie aus seiner in → Kap. B 9.1 besprochenen Einleitung zu dem Anhang De exodiis hervorgeht -, dass es in Deutschland, anders als in Italien und Spanien, bisher keine Exodia (lustige dramatische Nachspiele - offenbar nicht als selbständige Stücke, sondern wirklich als Nachspiele nach der Aufführung von Tragödien oder womöglich auch von Komödien) gegeben hat. Aber ob die Stücke, die er in Brüssel oder Kastilien gesehen haben mag, wirklich eine 5-Akt-Gliederung aufwiesen, erscheint mir eher zweifelhaft; die relativ bekannte Praxis der englischen Dramen des 16. Jh.s , in denen „continous acting“ herrschte, spricht eher dagegen. Weit wahrscheinlicher ist es, dass Lucienberger den angeblich receptus comoediarum tragoediarumque mos , den er nicht ausdrücklich als Einteilung in 5 Akte präzisiert, aus der Theorie abgeleitet hat. Ob er die dafür in Frage kommenden humanistischen Poetiken, etwa die italienische von Antonio Sebastiano Minturno (1500-1574), L’arte poetica von 1559 (Nachdruck München 1970) oder die lateinische von Justus Caesar Scaliger (1484-1548), Poetices libri septem von 1561 (Neudruck Stuttgart 1994-2011; vgl. dazu → Kap. E 3.4) kannte, lässt sich aufgrund der Spärlichkeit seiner literarhistorischen Aussagen (es sind in der TC eben nur die beiden über den receptus mos der Dramen-Einteilung und über die Verbreitung von Exodia) nicht nachweisen. Es ist aber davon auszugehen, dass er die klassische Grundlage eben dieser humanistischen Poetiken kannte, die Ars poetica des Horaz. <?page no="401"?> D 12 Strukturfragen 401 Horaz jedenfalls ist es, der den Grundsatz eingeschärft hat, dass ein Drama ( fabula ) nicht mehr und nicht weniger als fünf Akte haben darf, wenn es beim Publikum erfolgreich sein soll : neve minor neu sit quinto productior actu / fabula, quae posci volt et spectanda reponi (ars 189 f.) 141 . Dies ist die Regel, von der Lucienberger offensichtlich abweicht, wenn er das Drama, das er aus der Aeneis Vergils entwickelt, eben nicht in fünf, sondern in 10 Akte einteilt. Lucienberger stellt dieses Faktum schlicht fest; weder begründet er diese Disposition, noch rechtfertigt er sie. Sein Hinweis (in der Epistola dedicatoria Scan 10) auf eine wirkungsvolle Rezitation vor jugendlichen Fürsten hat keinen Bezug zur Akteinteilung. Er weist auch nicht ausdrücklich darauf 141 Es ist unerheblich für das Weiterwirken dieses Grundsatzes, wenn man feststellt (so etwa Niall Rudd in seinem Kommentar zu Hor. Epist. II und zur Ars, Cambridge 1989, zu ars 188-190), dass diesem „Fünf-Akte-Gesetz“ weder die klassischen griechischen Tragödien noch die Alte Komödie und auch nicht die Komödien ( Palliatae ) des Plautus und Terenz (eher immerhin die Tragödien Senecas) entsprechen. Vgl. auch bereits C. O. Brink, Horace on poetry 2: The ‚Ars poetica‘, Cambridge 1971, 248-251 ausführlicher zu diesem ‚five-act law‘ laut ars 189-190. Dieses „Gesetz“ scheint in Theorie und Praxis (Menander) auf die hellenistische Zeit zurückzugehen, doch sind Herkunft und Geltung (auch für den römischen Bereich) weiterhin umstritten. Eine Darstellung der damaligen Auffassungen zum Thema „The Roman origin of the law of five acts“ gibt W. Beare, The Roman stage, London ( 1 1950) 3 1964, 196-218, darin S. 198-200 auch ein Ausblick auf das Drama in England zur Elisabethanischen Zeit. Es scheint, dass erst damals (also erst nach Erscheinen der TC 1576) eine Akt-Einteilung aufkam, und zwar aufgrund von „respect for classical tradition“, nämlich aufgrund der bekannten von Horaz formulierten und im 4. Jh. von dem Terenz-Kommentator Aelius Donatus aufgegriffenen Devise von einer 5-Akt-Einteilung eines Dramas. - Eine bahnbrechende Darstellung der Entwicklung des Dramas und seiner Theorie im 16. Jh. in Italien, wo damals an die 1000 Stücke, nicht nur Tragödien und Komödien, sondern u. a. auch Tragikomödien entstanden, bietet Rolf Lohse, Renaissancedrama und humanistische Poetik in Italien, München 2015 (= Humanistische Bibliothek I 64), 722 S. Lohse bespricht u. a. (S. 485-524) 15 italienische Tragikomödien des 15./ 16. Jh.s.; dass sie einen konkreten Einfluss auf die Titelgebung der TC ausgeübt haben könnten, sehe ich nicht. Gattungstheoretisch betrachtet ist eine Tragicomoedia im 16. Jh., als der Einfluss der Poetik des Aristotels sich noch keineswegs durchgesetzt hatte, eine Kombination aus der negativ endenden Tragödie, wo Angehörigen des höheren Standes zugrundegehen, und der positiv endenden Komödie, die unter Angehörigen der Unterschicht spielt. Die Geltung des „Fünfaktschemas“ im 16. Jh. setzt Lohse geradezu voraus; an den 8 Stellen, die im Index s.v. „Akteinteilung“ aufgeführt sind, ist nur von (ausnahmsweise) fehlender Akteinteilung die Rede. Die Fülle dramatischer lateinischer Bearbeitungen von Teilen der Aeneis kommt bei Lohse wegen seiner Beschränkung auf Renaissance-Dramen in Italien nicht zur Sprache: die Aeneis als Grundlage für Dramatisierungen wird nur für die italienischen Dido-Tragödien von Alessandro Pazzi de‘ Medici (1524), Giovanni Battista Giraldi Cinzio (1543) und Lodovico Dolce (1547) gewürdigt. - Exodia kommen in Lohses „Gattungsspektrum“ (S. 545-555) und auch in seinem Sach- Index nicht vor. Es gibt im Index auch kein Lemma „Eposdramatisierung“ (sehr wohl aber ein von Boccaccio gespeistes Lemma „Novellendramatisierung“). <?page no="402"?> 402 D Analysen hin, dass er sich - mit einer gewissen Modifizierung - an die Einteilung seiner Vorlage, die 12 Bücher der Aeneis, gehalten hat (vgl. dazu → Kap. D 12.2.1). Die eigentliche Begründung liegt wohl in der wörtlich „enormen“ (von jeder Norm abweichenden) Länge der 5 Akte, in die man eine „dramatisierte“ Aeneis theoretisch natürlich durchaus einteilen könnte, sei es nun in der originalen Länge von rund 9.900 Hexametern, sei es in der auf etwa zwei Drittel reduzierten Länge der TC mit ihren rund 6.000 Hexametern. Aber fünf Akte mit einer durchschnittlichen Länge von 1.200 oder gar von fast 2.000 Hexametern wären faktisch nicht aufführbar. Gerade durch die Verteilung der rund 6.000 Hexameter auf 10 (und nicht 5) Akte, die zudem - wie aus den Bemerkungen zu den drei beigefügten Nachspielen (Exodia, s. dazu → Kap. B 9 und speziell → Kap. E 2.5.4) hervorgeht - nicht an einem, sondern an drei Tagen gespielt werden sollten, signalisiert Lucienberger, dass seine TC zur Aufführung (mindestens zur Rezitation) bestimmt ist. Denn wenn er im wörtlichen Sinne ein Lesedrama aus Vergils Aeneis hätte machen wollen, hätte er überhaupt keine Akt-Einteilung vorzunehmen brauchen oder hätte die gewöhnliche Einteilung in 5 Akte wählen können. Diese Gattungs-Mutation wäre dann ein bloßes artistisches Kunststück gewesen, mit dem Lucienberger seine (bereits in zwei theoretischen Schriften zur lateinischen Metrik, dem Thesaurus poeticus und der Methodica instructio , beide von 1575, bewiesene) regelkonforme Versifikationskunst in der Praxis hätte beweisen wollen. Diese Absicht hatte Lucienberger zwar nach meinem Dafürhalten (und nach den eigenen Andeutungen Lucienbergers in seiner einleitenden Ansprache Ad benevolum lectorem auf Scan 6, wo er auf die „Verbindung“ der TC zu seinen beiden früheren theoretischen Werken hinweist) sehr wohl (vgl. → Kap. A 1.7), aber das war nicht der einzige Zweck seiner Dramatisierung. Er wollte seine TC aufgeführt sehen, weil er den von ihm hochgeschätzten Inhalt der Aeneis für wirkungsvoller hielt, wenn er in einem Drama sub oculos demonstriert würde, und nicht nur in einem Epos, das im Grunde nicht mit den Augen oder den Ohren, sondern nur mit dem Geist rezipierbar ist. D 12.3 Die Gliederung der TC in Szenen D 12.3.1 Die problematische Gliederung der TC in 67 Szenen Dass ein Drama nicht nur in Akte, sondern dass außerdem diese Akte noch weiter in Szenen eingeteilt werden, ist keineswegs selbstverständlich. I n d e r A n t i k e hatten die Tragödien und Komödien zwar Akte oder jedenfalls Teile, die durch Chorlieder voneinander getrennt waren (die Geltung eines 5-Akt- „Gesetzes“ ist aber umstritten; vgl. dazu → Kap. D 12.2.3 Anm.), aber keine Einteilung nach Szenen, die als solche, als kleinere dramatische Einheiten, ausgewiesen worden wären. <?page no="403"?> D 12 Strukturfragen 403 Wenn ein Drama i n d e r f r ü h e n N e u z e i t überhaupt eine Einteilung nach Szenen aufweist, scheint das eher eine Praxis gedruckter Ausgaben zu sein als Notwendigkeiten der Aufführungspraxis zu entsprechen. So haben etwa die Dramen Shakespeares (die sämtlich jünger sind als Lucienbergers TC von 1576) eine Szenen-Gliederung erst nachträglich erhalten. L u c i e n b e r g e r s T C v o n 1 5 7 6 scheint eines der ältesten Beispiele der frühen Neuzeit dafür zu sein, dass ein Drama in gedruckter Form in Szenen eingeteilt ist. 142 Welche Prinzipien Lucienberger dabei geleitet haben, seine Dramatisierung der Aeneis gerade in diese 67 Szenen mit gerade diesem ihrem Zuschnitt einzuteilen, ist allerdings nicht zu durchschauen. Der Einteilungsbegriff „Szene“ wird allerdings in der Theorie und noch mehr in der Praxis unterschiedlich verwendet. Er konkurriert zudem mit dem verwandten Begriff „Auftritt“. Der Einteilungsbegriff „Auftritt“ ist schon von der Wortbedeutung her eindeutiger: Er besagt offensichtlich, dass das zugrundliegende Kriterium das Auf- oder Abtreten von Schauspielern ist. Ein solcher Wechsel im Bühnenpersonal ist eindeutig vom Publikum zu erkennen; er ist unabhängig vom Verständnis der Handlung. Deshalb kann man Beginn und Beendigung einer bestimmten Bühnengesellschaft als sozusagen natürliche Begrenzungen der kleinsten Teileinheit eines Theaterstückes betrachten. Eine gewisse Abwandlung dieses Auftritts-Begriffs kann darin bestehen, dass nur das Auftreten ( enter ) oder Abtreten ( exit ) von Hauptpersonen zählt, nicht aber das von Nebenpersonen (z. B. von Boten, die einen Auftrag erteilt bekommen haben). Es gibt Theaterstücke, bei denen eben diese Auf- und Abtritte von Hauptpersonen eine „Szene“ terminieren. Aber häufiger wird „Szene“ als ein weiterer Begriff verwendet und mit einem Wechsel des Ortes oder der Zeit der Handlung verbunden. Wenn man nun für die 67 deutlich als Scenae bezeichneten Gliederungseinheiten nach einem Prinzip sucht, das Lucienberger dieser Einteilung durchgehend zugrundlegt, wird man enttäuscht: Weder das Kriterium des Wechsels im Bühnenpersonal, im Ort oder in der Zeit der Handlung noch das Prinzip einer bestimmten Kombination dieser Elemente ist durchgehend konstitutiv für 142 Leider ist mir nicht die Ausgabe der Dido des Petrus Ligneus von 1550 = 1559 zugänglich, nur die diesem Drama nach Aen. I und IV gewidmete Untersuchung von Andrae / Eckmann, 2000 (→ Kap. F 1). Die Autorinnen gehen nicht näher auf eine Szenen-Gliederung der Dido mit ihren 1055 Versen (meist Hexametern) ein, setzen diese aber in ihrem Anhang (S. 220-227) über „Gliederung und Inhalt“ der Dido voraus: Danach haben die 5 Akte der Dido 3-3-3-5-7 Szenen und (so S. 182) es treten in ihnen maximal 3 Personen (wie Hor. ars 189-192 vorschreibt) als Interlocutores auf. <?page no="404"?> 404 D Analysen Lucienbergers Konzeption einer Scena . Es gibt für alle diese Typen von Szenen Belege und von allen Ausnahmen. Auf keinen Fall kann man sagen, dass Lucienberger eine bestimmte Normgröße seiner Szenen (einschließlich einer gewissen Variationsbreite der Verszahl) angestrebt hat: Wenn man die Durchschnittslänge der 67 Szenen berechnet, ergibt das (bei 6.008 Versen Gesamtumfang) rund 90 Hexameter. Aber wenn man die reale Länge der Szenen in der TC betrachtet, so sind die Extreme (ich nenne je 5 Beispiele) einerseits 290 ( TC V-2), 252 ( TC V-3), 236 ( TC IX -3), 234 ( TC II -7) und 220 ( TC I-2), andererseits 24 ( TC I -3), 25 ( TC VIII -5) und 27 ( TC II -5, II -6, VI -2). Im Bereich einer fiktiven Normalgröße von ca. 80 bis 100 Versen liegen nur 5 der 67 Szenen, nämlich TC IV -4 (mit 94 Hexametern), TC VI -3 (84), TC VI -7 (86), TC VIII -1 (97), TC IX -1 (81), davon hat keine einzige zwischen 87 und 93 Versen. Gerade die Existenz der Extremfälle (5 Szenen mit nur 24-27 Versen; 5 Szenen mit nicht weniger als 220-290 Versen) lässt vermuten, dass sich Lucienberger beim Zuschnitt seiner Szenen von anderen Beweggründen hat leiten lassen als von Umfangserwägungen. Vielleicht kann die Betrachtung gerade dieser 5 + 5 Extremfälle lehren, welchen Prinzipien Lucienberger bei seiner Szenen-Konzeption folgt und ob er das mit einer gewissen Konsequenz tut. Erwarten darf man allerdings grundsätzlich , dass das Element „Bühnenpersonal“, also das Prinzip der Präsenz derselben Personen, mindestens derselben Hauptpersonen, auf der Bühne bei Lucienberger ein entscheidendes Moment für den Zuschnitt bzw. die Konzeption einer „Szene“ in der TC ist. Denn graphisch wird in der Buchausgabe der TC (in VP 1576B) der Beginn einer Szene nicht nur durch eine Überschrift in Großbuchstaben des Typs ACTUS QUINTI SCENA II markiert, sondern auch durch ein sofort darunter eingefügtes Verzeichnis der INTERLOCUTORES , d. h. (wie die Prüfung ergibt) durch einen Katalog aller in dieser Szene sprechenden Personen, unabhängig davon, ob sie darin durchgehend präsent sind oder ob sie im Verlauf der Szene auf- oder abtreten. Eine solche Hervorhebung der sprechenden Akteure (Angaben zu Ort und / oder Zeit gibt es nie im Titelbereich der Szenen) lässt von vornherein vermuten, dass das Bühnenpersonal für die Konzeption einer Scena konstitutiv ist. Ein auffälliges Phänomen der Szenen Lucienbergers soll nicht unerwähnt bleiben: Von den 67 Szenen der TC e n d e n nicht weniger als 43 (also rund z w e i D r i t t e l ) m i t mindestens einem, meist mehreren n e u v o n L u c i e n b e r g e r g e d i c h t e t e n Ve r s e n (nämlich I 1. 4. 5. 7, II 1. 4. 5. 7, III 1. 2. 3. 6, IV 1. 4. 5, V 1. 2. 3. 4, VI 1. 3. 4. 5. 6. 7. 8, VII 3. 4. 6, VIII 2. 3. 4. 7, IX 2. 3. 4. 5. 6, X 2. 3. 4. 6.9). Das liegt wohl weniger daran, dass Lucienberger gern gewissermaßen das letzte Wort haben oder die Szene sozusagen signieren wollte. Eher scheint Lucien- <?page no="405"?> D 12 Strukturfragen 405 berger bestrebt gewesen zu sein, seinen neu aus der Aeneis herausgeschnittenen Szenen eine gewisse Abrundung (oft am Ende eine positive Note) zu geben. D 12.3.2 Jäher Ortswechsel innerhalb einer „Szene“ In dem Verzeichnis der Interlocutores zu Beginn jeder der 67 Szenen sind alle Personen aufgeführt, die in dieser Szene sprechen, unabhängig davon, ob sie alle bereits zu Beginn der Szene anwesend sind oder einzelne von ihnen erst im Verlauf der Szene auftreten. Wenn das letztere geschieht, kann das mit einem Ortswechsel verbunden sein. Als Beispiel mögen die beiden aufeinanderfolgenden S z e n e n T C I I - 3 u n d T C I I - 4 dienen. In TC II -3 wird zunächst die Begegnung von Aeneas und Achates mit der (erst spät als Göttin erkannten) Venus in der Nähe Karthagos geschildert. Venus verschwindet zum Bedauern des Aeneas. Dann geht aus den Versen TC 2,3,100-102, die Lucienberger - nach einer durch eine *Sternchen- Zeile* vor TC 2,3,099 signalisierten Pause - dem Aeneas neu in den Mund gelegt hat, hervor, dass die beiden Trojaner sich Karthago auf Sichtweite nähern und offenbar sogar hören, wie Polyponus (eine von Lucienberger neu erfundene Figur) in Karthago Arbeitern Anweisungen zum Bau der neuen Stadt gibt. Irgendwie (! ) stoßen die beiden Trojaner auch auf eine Darstellung der Kämpfe um Troja. Dann sehen sie (wie aus Achates’ Worten in den Schlussversen der Szene TC 2,3,128 f. hervorgeht), dass sich die Königin Dido mit großem Gefolge einem Tempel nähert. Merkwürdiger Weise lässt Lucienberger dann eine neue Szene ( TC II -4) beginnen, obwohl die bisherigen Sprecher Aeneas, Achates und auch Polyponus weiterhin anwesend sind. Die neu auftretende Dido wendet sich gleich an eben diesen Polyponus. Dann springt Lucienberger jäh zu einem Geschehen an einem anderen Ort ( diversum ad litus ) mit anderen Akteuren ( Ilioneus et reliqui Troiani; regni sc. Didonis custodes ) über. Das wird von Lucienberger durch eine längere prosaische Zwischenbemerkung (eine „Regiebemerkung“ vor TC 2,4,015) angekündigt. Aus den (von Lucienberger erfundenen) Äußerungen der neu eingeführten Akteure Hannibal (Punier), Cloanthus und Sergestus (Trojaner) sowie Merkur geht hervor, dass die Punier unter Führung Hannibals die Landung der (bisher im Sturm verschollenen) Trojaner am Strand (an einer anderen Stelle als die sieben Schiffe des Aeneas) verhindern wollen, dass aber der von Jupiter entsandte Gott Merkur, als Greis auftretend (was alles aus einer weiteren prosaischen Zwischenbemerkung vor TC 2,4,031 hervorgeht), sie erfolgreich abmahnt. Dann führt Lucienberger die beiden Handlungsstränge (in mich nicht befriedigender Weise) zusammen, indem er Merkur auf Didos Anwesenheit in dem (doch fernen) Tempel hinweisen lässt und Aeneas die hinzukommenden, verloren geglaubten Trojaner erblickt ( TC 2,4,040-042. 043 f.). Danach (ab TC 2,4,047 bis zum Szenen-Schluss TC 2,4,153) verläuft die <?page no="406"?> 406 D Analysen Handlung mit den sprechenden Akteuren Dido (und Bicias) auf der einen und Aeneas (und Achates), die bisher wundersam - was Achates aber offenbar als natürlich betrachtet - durch eine Wolkenumhüllung unsichtbar gemacht waren, auf der anderen Seite (einschließlich der neu hinzukommenden Trojaner mit Ilioneus und Cloanthus) so wie in der Aeneis (Aen. 1,520-656). Die beiden zusammenhängenden Szenen TC II -3 und TC II -4 werden dadurch zusammengehalten, dass sie von zwei abgegrenzten Götter-Szenen, von TC II -2 (Venus, Jupiter) und von TC II -5 (Venus, Cupido) eingerahmt sind. Umso auffälliger ist es, dass Lucienberger sie nicht zu einer einzigen Szene zusammenführt. D 12.3.3 Szenenschluss vor Beendigung eines Handlungszusammenhangs Ein weiteres Beispiel für einen nicht gerade glücklichen Zuschnitt zweier Szenen bildet das S z e n e n - P a a r T C V I I I - 5 / T C V I I I - 6 . Die Szene TC VIII -5 besteht aus einem Götter-Dialog zwischen Jupiter und Juno, in dem Juno die Erlaubnis erhält, den vom Schicksal verhängten Tod des Turnus immerhin verzögern zu dürfen. Deshalb, so die die Szene abschließende Prosa-Notiz nach TC 8,5,025 (unter allen 67 Szenen ist TC VIII -5 mit ihren 25 Versen nach TC I-3 die kürzeste) Iuno descendit et Aenean assimulat , nimmt Juno auf der Erde in nebulöser Form die Gestalt des Aeneas an. (So jedenfalls sieht das Lucienberger; aus dem Vergil-Text geht nicht klar hervor, ob wirklich Juno selbst das Scheinbild des Aeneas ist .) Mit dieser ergänzenden Bemerkung lässt Lucienberger die Szene TC VIII -5 enden, obwohl bei Vergil auch nach der in Lucienbergers Prosa-Notiz referierten Passage Aen. 10,633-642 die Handlung ungebrochen weitergeht: Turnus verfolgt das Trugbild des scheinbar fliehenden Aeneas bis auf ein etruskisches Schiff, das dort zufällig am Ufer (offenbar des ins Meer mündenden Tiber) liegt, Juno kappt dessen Haltetaue und das Scheinbild des Aeneas verschwindet, Turnus sieht sich genarrt und wird in diesem Schiff zu seiner Heimatstadt Ardea verschlagen (die in Meeresnähe liegt). Ein neuer Handlungsabschnitt beginnt bei Vergil mit Aen. 10,689 ff., den Kämpfen auf dem Schlachtfeld in Abwesenheit des Turnus, mit den Protagonisten Mezentius, seinem Sohn Lausus und Aeneas, die sich bis zum Ende von Aen. X (Aen. 10,908 mit dem Tod des Mezentius) erstrecken. Es würde also eher einleuchten, wenn Lucienberger die Szene TC VIII -5 mit TC 8,6,014 (= Aen. 10,679) und sinngemäß mit Aen. 10,688 hätte enden lassen und so die ganze Episode um das von Juno geschaffene Trugbild des Aeneas, die ohnehin nur durch den langen erzählenden Prosa-Text nach TC 8,6,002 (wohl den längsten überhaupt in der TC ) und zwei Reden des Turnus in TC 8,6,001-014 dargestellt ist, noch als Folge der Götter- Szene TC VIII -5 eben dieser zugeteilt hätte. Beim jetzigen Zuschnitt entspricht die Szene TC VIII-6 mit 36 Versen einer Vergil-Partie, die mit den 186 Versen von <?page no="407"?> D 12 Strukturfragen 407 Aen. 10,647-832 mehr als fünfmal so lang ist. - Es hätte sich ferner angeboten, die Szene TC VIII -6, die jetzt mit dem Tod des Lausus nach der Verwundung seines Vaters Mezentius durch Aeneas endet, zu verlängern und bis zum Tod auch des Mezentius (und damit bis zum Ende von Aen. X) fortzuführen, also die jetzige Szene TC VIII -7 mit ihren 42 Versen noch in TC VIII -6 zu integrieren. D 12.3.4 Mehrfacher Orts- und Personenwechsel innerhalb einer „Szene“: TC I-5 als extremes Beispiel: Sprunghafte Irrfahrten mit „Pausen“ Die 165 Verse lange S z e n e T C I - 5 verstößt in eklatanter Weise gegen das Postulat (oder wenn man es abgeschwächt ausdrücken will: gegen die Erwartung), dass in einer Szene die „Einheit des Ortes“ und auch die „Einheit der Zeit“ gewahrt werden sollten. In dem der Szene TC I-5 vorangestellten Verzeichnis der Interlocutores sind 11 Personen genannt. Sie treten aber nicht gemeinsam auf, sondern nacheinander in Gruppen, und zwar im Abstand von jeweils mehreren Tagen. Ort und Zeit sind aus den Äußerungen der Sprecher nur schwer zu entnehmen. Wenn man aber die Handlung der Aeneis kennt, lassen sich die einzelnen Stationen und Akteure hinreichend klar bestimmen. In der gedruckten Ausgabe VP 1576B geben Zeilen mit *zwei Sternchen* einen optischen Hinweis auf Handlungs-Zäsuren. Diese „Pausen-Zeichen“ (bei einer Rezitation) kommen in TC I-5 immerhin sechsmal vor: nach TC 1,5,44. 48. 94. 109. 120 und 123. Dadurch wird die eine „Szene“ TC I-5 in 7 Abschnitte geteilt. Die Szene TC I-5 umfasst inhaltlich die Irrfahrten der Aeneaden von Kreta bis zum Empfang durch Andromache und Helenus in Buthrotum in Epirus. Dieser Handlungsabschnitt wird nicht, wie bei Vergil in Aen. III , als zurückgreifende Erzählung des Aeneas am Hofe Didos geboten, sondern unter Herstellung der „natürlichen“ chronologischen Ordnung ( ordo naturalis ) in direkter Darstellung, in Reden der beteiligten Akteure (vgl. dazu → Kap. C 2, auch → Kap. C 4 und Kap. D 3.6.1). In dieser Weise waren schon die vier ersten Szenen von TC -I entwickelt worden: in TC I-1 die Einholung des Hölzernen Pferdes in die Stadt Troja, in TC I-2 die Nacht der Eroberung Trojas bis zur Flucht des Aeneas und seiner Gefolgsleute, in TC I-3 das (in der Aeneis erst in Aen. IX im Rückgriff erzählte) olympische Intermezzo zwischen Venus (in Aen. IX : Cybele) und Jupiter über die Zukunft der trojanischen Schiffe, in TC I-4 die erste Phase der Irrfahrten des Aeneas mit den Stationen Thrakien, Delos und Kreta. All dies musste in der TC aus Reden der beteiligten Personen erschlossen werden. Jetzt schließt sich in der S z e n e T C I - 5 zunächst (a) die Erscheinung der Penaten an, die als Vox in somnis sprechen und erklären, nicht Kreta sei das verheißene alte „Mutterland“, sondern ein Land im Westen, das „Abendland“ Hesperia ( TC 1,5,001-044, bis zur 1. *Zäsur*, dem durch eine Zeile mit zwei <?page no="408"?> 408 D Analysen *Sternchen* markierten Einschnitt). - (b) Ein Wortwechsel zwischen Aeneas und dem Steuermann Palinurus spiegelt den Sturm, der die Aeneaden auf der Weiterfahrt nach Westen überfällt ( TC 1,5,045-048, bis zur 2. *Zäsur*, die allerdings hinter TC 1,5,050 positioniert sein müsste). - (c) Am 4. Tag danach landen die Aeneaden auf den Inseln der Strophaden und stoßen mit den Harpyien zusammen ( TC 1,5,049-094, bis zur 3. *Zäsur*.) - (d) Die Aeneaden passieren Ithaka, das Vorgebirge Leucate, landen bei Aktium und errichten dort eine Art Siegesmal über die siegreichen Griechen ( TC 1,5,095-109, bis zur 4. *Zäsur*). - (e) Die Aeneaden erreichen das Reich des Helenus an der Küste von Chaonien (Epirus) ( TC 1,5,110-120, bis zur 5. *Zäsur*). - (f) In der Nähe der Stadt des Helenus (dass dieser nächste Ort der Handlung Buthrotum heißt, wird bei Lucienberger erst in TC 1,5,159 klar) glaubt Aeneas Andromache zu erkennen und umgekehrt erkennt Andromache trojanische Schiffe (nach TC 1,5,121-123 setzt Lucienberger überraschender Weise das 6. *Zäsur*-Zeichen, obwohl die Handlung nach der zu erschließenden Landung der Trojaner ungebrochen weitergeht und Andromache die Sprecherin in TC 1,5,124-126a bleibt). (g) Die restlichen 40 Verse der Textpassage von insgesamt 165 Hexametern sind nicht von einem *Zäsur*-Zeichen unterbrochen; sie spielen in der Tat an ein und demselben Ort (wie schon mindestens zwei Verse der Andromache in Abschnitt (f), am Strande in der Nähe der Hauptstadt von Helenus’ Reich und haben dieselben Akteure als Sprecher wie der unmittelbar vorausgehende Abschnitt (f), nämlich Aeneas, jetzt begleitet von Anchises, und Andromache; hinzu kommt ganz am Ende König Helenus. Lucienberger nennt die Summe der 165 Hexameter mit ihren 11 Sprechern „Szene“ ( Actus primi scena V = TC I-5), obwohl sie, wie die sechs eingestreuten *Zäsur*-Zeichen bestätigen, aus sieben Abschnitten mit mindestens ebenso vielen Handlungsorten besteht. Wenn man die zwar von den Akteuren gesehenen, aber nicht betretenen Orte bzw. Situationen einschließt, sind das nämlich: (a) Kreta, (b) Sturm auf dem Meer, (c) Strophaden-Inseln, (d) Weiterfahrt vorbei an Ithaka und Leucate, dann Landung in Aktium, (e) Landung an der Küste des Reiches von König Helenus (in Epirus), (f) Landung ebendort an einer anderen Stelle, (g) Weiterführung der Handlung an demselben Ort wie zuvor in (f). Es ist klar, dass Lucienberger in dieser einen monströsen „Szene“ TC I-5 eine längere Partie aus Aen. III , nämlich Aen. 3,147-355 mit 209 Hexametern, adaptiert hat. Aber er ist gescheitert, als er diesen Abschnitt der Aeneis überzeugend in eine einzige Szene eines Dramas umsetzen wollte. Er hat wenigsten hier das Problem nicht bewältigt, das Kontinuum eines Epos sinnvoll in kleinere Einheiten, in Szenen, zu gliedern. Ein Gliederungsproblem für die dargestellte Handlung hat allerdings nicht nur ein Dramatiker, sondern auch ein Epiker. <?page no="409"?> D 12 Strukturfragen 409 Lucienbergers Vorlage, die Aeneis Vergils, ist ein Epos und damit (wie Ovid seine ebenfalls in Hexametern gehaltenen Metamorphosen mit geringerer Berechtigung nennt) ein carmen perpetuum, ein zusammenhängendes, fortlaufendes Ganzes: Die Handlung der Aeneis geht von einem bestimmten Anfang aus immer weiter bis zu einem Ende, das man tatsächlich als Abschluss eines zusammenhängenden Handlungsstranges betrachten kann (obwohl der Hauptheld weiterlebt); sie reicht von einer äußerst bedrohlichen Situation des Titelhelden auf seiner Suche nach einer neuen Heimat (oder, wenn man den ordo naturalis herstellen will: vom Verlust der alten Heimat) bis zum „finalen“ Sieg eben des Haupthelden über den feindlichen Fürsten, der dem Gewinnen einer neuen Heimat (und einer neuen Gattin) noch im Wege stand. Aber das carmen perpetuum der Aeneis ist doch geteilt, zunächst einmal im Groben in 12 Bücher. Und selbst diese Bücher des Epos weisen Einschnitte auf, sie sind gegliedert in Abschnitte. Vergil erzählt nicht immer in einem gleichbleibenden Tempo, sondern hat immer wieder zeitraffende Übergangspassagen zwischen einzelnen näher ausgeführten Situationen an neuen Orten mit teilweise neuen Akteuren („neu“ im Verhältnis zu den Akteuren in der bisherigen Handlungssituation). Diese breiter ausgeführten Handlungssituationen könnte man „Szenen“ nennen; sie enthalten oft Reden der Akteure. Bei einer „direkten“ Rede einer Figur im Epos ist die größtmögliche Annäherung der Zeit des Erzählens durch den Autor Vergil an die Zeit, von der er erzählt, erreicht: Identität der Erzählzeit mit der erzählten Zeit. In einem Drama, das ausschließlich aus „Reden“ besteht, ist das durchgehend der Fall: Der gesprochene Text eines Dramas mag inhaltlich durchaus manchmal erzählenden Charakter haben, aber als solcher, als Sprachhandlung, ist er die Handlung. Die Passage der Aeneis, die Lucienberger in TC I-5 dialogisiert wiedergibt, Aen. 3,147-355, würde ich in fast identischer Weise in Abschnitte gliedern, wie Lucienberger es durch die *Zäsuren*-Sternchen innerhalb seiner einen Szene TC I-5 tut. Man könnte diese Handlungsabschnitte, zwischen denen meist raffend erzählte Fahrtabschnitte liegen, 143 durchaus „Szenen“ nennen. Bei Vergil sind aber bedeutend weniger Handlungssituationen zu „Szenen“ ausgestaltet (vor allem durch „direkte“ Reden der epischen Figuren) als es Abschnitte bei 143 Es spielt für diese meine Betrachtung keine Rolle, dass der Inhalt von Aen. III (und von Aen. II) nicht vom Autor Vergil in seiner Rolle als „epischer Erzähler“ verantwortet wird, sondern von einer epischen Figur, dem am Hofe Didos seine Erlebnisse zwischen Troja und Karthago erzählenden Aeneas. Aen. III (und Aen. II) ist formal eine einzige große „Rede“ eines epischen Akteurs. Aber für den erzählenden Aeneas ergeben sich dieselben Probleme des raffenden oder zeitidentischen Erzählens wie für den Autor Vergil (der angeblich sogar ursprünglich Aen. III in Er-Form, also nicht als Ich-Erzählung des Aeneas, sondern als „normale“ Erzählung des Autors konzipiert haben soll). <?page no="410"?> 410 D Analysen Lucienberger innerhalb der einen Groß-Szene TC I-5 gibt. Vergil bietet nur drei Szenen: (a) die Penaten-Erscheinung auf Kreta, (c) die Harpyien-Episode, (g) die Begegnung der Aeneaden mit Andromache bei Buthrotum. Dass Lucienberger noch weitere Mini-Szenen mit redenden Personen innerhalb der Groß-„Szene“ TC 1,5 erfunden hat, liegt daran, dass er gerade die raffenden Partien seiner erzählenden Vorlage in Reden umsetzen musste, etwa (b) den bei Vergil (nur) erzählten Sturm in Äußerungen der Betroffenen während des Sturms, oder (e) das Wissen um das Reich des Helenus (das Aeneas bei Vergil noch vor seiner dortigen Landung an den Tag legt, weil Aen. III nicht von einem erlebenden Aeneas, sondern in der Rückschau erzählt wird) dank der Erkundigungen des Anchises bei einem einheimischen Chaonius. In diesem Zusammenhang wird wieder einmal ein Problem sichtbar, das sich dem Autor eines Epos und dem Autor eines Dramas in gleicher Weise, aber unterschiedlicher Dringlichkeit stellt: der Wissensstand der Figuren des Epos bzw. des Dramas, vgl. dazu vor allem → Kap. D 3.4. Konkret ergibt sich für TC I-5 die Frage: Wie konnten die in dieser Szene sprechenden Aeneaden auf ihrer Irrfahrt bestimmte Informationen erhalten haben? Wie kann selbst der erzählende Aeneas Vergils in Aen. 3,270-273 wissen, dass die Inseln, die er bei der Fahrt von den Strophaden bis Aktium passiert hat, Zakynthos, Dulichium, Same, Neritos und Ithaka heißen? Hier kann auch kaum die Erklärung weiterhelfen, dass nicht der erlebende Aeneas diese Namen weiß, wohl aber der dies 7 Jahre später vor Dido erzählende Aeneas - eine nachträgliche Erkundigung und Erkenntnis wirkt unwahrscheinlich. Bei der späteren Seefahrt der Aeneaden entlang der Küste Siziliens hat Vergil das Problem besser gelöst, jedenfalls scheinbar: die dortigen Orte werden ihm in Aen. 3,687-691 bzw. 3,687-708 von Achaemenides, dem vor den Kyklopen geretteten Griechen und Gefolgsmann des Odysseus, genannt - dieser hatte die Küste offenbar zuvor passiert und dabei, so soll man wohl vermuten (obwohl das Wissens-Problem damit nur um eine Ebene verschoben ist), die Namen der Küstensiedlungen erfahren. Lucienberger hat das Problem des (beschränkten) Wissenstandes seiner dramatischen Figuren und der Notwendigkeit einer Wissensvermittlung an sie offenbar deutlicher gesehen als Vergil. Es gibt mehrere Beispiele dafür, dass er die Verbreitung einer Nachricht, die Vergil vage der fama oder sogar der personifizierten Fama zuschreibt, durch konkrete, womöglich sogar namentlich benannte Boten ersetzt (so gerade im Falle der Fama , die dem Gätulerkönig Jarbas die Kunde von der Liaison Dido - Aeneas zuträgt, s. → D 11.8.8). In unserem konkreten Zusammenhang, für TC I-5, ist es Anchises, der die auf den Irrfahrten gesichteten oder berührten Örtlichkeiten kennt, so etwa in TC 1,5,093-095, bei fast wörtlicher Übernahme aus Aen. 3,270-272, Zakynthos und weitere vier <?page no="411"?> D 12 Strukturfragen 411 Inseln. Woher er all dieses weiß, wird ebenfalls nicht näher begründet. Aber bei Lucienberger ist Anchises, wie bei Vergil, eben ein alter, weiser und erfahrener Mann. Immerhin lässt ihn Lucienberger wenig später, bei ähnlicher Gelegenheit, der Identifizierung der Phäaken-Insel und von Epirus, in TC 1,5,112 abschwächend ni fallor hinzufügen. Und bezeichnend ist, dass er nicht, wie in Aen. 3,294, von einer fama über die Verhältnisse in Epirus unterrichtet wird, sondern von einem Einwohner ( CHAONIUS ), der befragt wird, Näheres über die erstaunlichen dortigen Herrschaftsverhältnisse erfährt (in TC 1,5,116-118). Die Endpartie der langen heterogenen „Szene“ TC I-5, ihren Schlussabschnitt (g) mit den Versen TC 1,5,126-165, möchte ich als gelungene Dramatisierung der Erzählung im Epos bezeichnen. Die Unterhaltung zwischen Aeneas und Andromache in (g) verläuft durch die wörtliche Wiedergabe des Aeneis-Textes bei Lucienberger zunächst genauso wie in der Vorlage ( TC 1,5,127-153 = Aen. 3,315-318. 321-343). Der Schluss der Szene TC I-5 aber ist von Lucienberger neu gegenüber Vergil gestaltet. Bei Vergil folgt auf die erklärende Rede Andromaches, wie sie in die jetzige Situation gekommen sei (Aen. 3,321-343 = TC 1,5,131-153) eine kurze erzählende Partie (Aen. 3,344-355), wonach Helenus naht, die Aeneaden zu seinem Palast führt und sie dort bewirtet. Lucienberger hat dies, teils gattungsbedingt, in eine kleine Rede des Helenus ( TC 1,5,156-166) umgewandelt: Dass Helenus naht, muss von einem Augenzeugen, hier Anchises bemerkt und sozusagen verkündet werden ( TC 1,5,155); eine Begrüßung und eine Einladung kann in einem Drama nicht referiert, sondern muss ausgesprochen werden ( TC 1,5,156-158. 163). In der Begrüßung begnügt sich Helenus nicht mit einer allgemeinen Wendung, sondern apostrophiert nacheinander, nach höfischer Etikette ihrem Rang entsprechend, zuerst Anchises, dann Aeneas, dann die proceres , schließlich tota cohors . Eine wirkliche Zutat Lucienbergers aber sind die beiden Schlussverse, die er Helenus sprechen lässt: er verheißt ihnen eine glückliche Weiterfahrt nach dem Willen Jupiters ( TC 1,5,164 f.). Das ist zum einen eine Art Vorblick auf die lange Prophezeiung über die künftigen Schicksale der Aeneaden bis zur Befragung der Sibylle von Cumae in der folgenden Szene ( TC 1,6,011-099 = Aen. 3,374-462 in wörtlicher Übernahme), zum anderen sind es gerade diese beiden Verse, die dem Szenen-Schluss von TC I-5 eine über Vergil hinausgehende positive Note geben (zu positiven Szenen-Schlüssen in der TC vgl. ausführlicher → Kap. D 8.1). D 12.3.5 Aktionssprünge innerhalb eines einzigen Hexameters und in der Szene TC I-7 mit der ersten Landung in Sizilien In der TC fordert Aeneas nach dem Tod seines Vaters auf Sizilien, dass „jemand“ ( aliquis ) der Gefährten in die Stadt (Drepanum) des einheimischen König Acestes eilen und diesen herbeiführen soll. Misenus meldet sich in TC 1,7,103a mit <?page no="412"?> 412 D Analysen expediam . Den Rest dieses Hexameters spricht derselbe Misenus nicht nur nach einer mit zwei *Sternchen* markierten Pause, sondern in einer ganz anderen Situation: Aus seinen Worten Aeneas ob tristia fata parentis ( TC 1,7,103b ) / consilium rogat et tanto solacia luctu muss man erschließen, dass er bereits vor Acestes steht und ihm das Anliegen des Aeneas vorträgt. Das ist ein kühner, in meinen Augen allzu kühner Aktionssprung innerhalb ein und desselben Hexameters. Eigentlich hätte hier (dann aber doch wohl kaum mit einem angebrochenen Hexameter! ) eine neue Szene beginnen müssen. In der jetzigen Szene TC I-7 sind mehrere unterschiedliche Schauplätze und Personenkonstellationen zusammengezogen. Allerdings sind in vier der fünf mit (a) bis (e) bezeichneten Situationen, nämlich in (a), (b), (c) und (e), die Aeneaden insgesamt als Akteure zu denken, auch wenn nur einzelne von ihnen sprechen: (a) TC 1,7,001-081 am Strand von Sizilien, wo Polyphem am Aetna wohnt - es sprechen der von Odysseus dort zurückgelassene Achaemenides und von den Aeneaden Aeneas, Anchises, Julus / Ascanius sowie Achates; (b) TC 1,7,082-094 die Fahrt der Aeneaden entlang der Küste Siziliens vom Aetna nach Drepanum - es sprechen Achaemenides und Aeneas, der dem Palinurus den Befehl gibt zu landen; (c) TC 1,7,095-103a am Landeplatz (bei Drepanum) auf Sizilien, wo Anchises stirbt und Aeneas den König Acestes holen lassen will - von den Aeneaden sprechen Achates, Aeneas und Misenus; (d) TC 1,7,103b-105 in der Stadt des Königs Acestes - es sprechen der von Aeneas ausgesandte Misenus und Acestes; (e) TC 1,7,106-127 wieder, wie in (c), am Strand Siziliens (bei Drepanum) - es sprechen Acestes und Aeneas. Fünf teils grundverschiedene Situationen - von denen (b) sogar szenisch gar nicht darstellbar ist, jedenfalls nicht in einer „realistischen“ Weise - in einer einzigen „ Scena “! Hier hat Lucienberger die epische Erzählung (durch die innerepische Figur Aeneas) in Aen. III nicht hinreichend, nicht überzeugend in eine dramatische Aktion umgestaltet. Es ist auch aufschlussreich, dass Lucienberger für einen Teil dieser zahlreichen Situationsumbrüche innerhalb der kurzen Passage zwischen TC 1,7,094 und 1,7,106 nicht weniger als fünfmal durch *Sternchen*-Zeilen andeutet, dass irgendein Wechsel stattfindet - aber diese so markierten Einschnitte sind ganz unterschiedlicher Natur und nicht identisch mit meiner eigenen Einteilung. Vier der Pausenzeichen zerschneiden zudem Reden einer der drei in TC 1,7,094-106 sprechenden Figuren. <?page no="413"?> D 12 Strukturfragen 413 D 12.3.6 Ein weiteres Beispiel für Ortswechsel innerhalb einer Szene: TC VIII -4 mit Seefahrt, Landung und ersten Kämpfen am Tiber Die Erwartung, dass innerhalb einer Scena der TC durchgängig eine gewisse Einheit des Ortes gewahrt wird, bestätigt sich zwar oft, aber bei weitem nicht immer. Ein weiteres, wenn man so will, abschreckendes Beispiel bietet TC VIII-4. Diese Szene TC VIII -4 gehört mit ihren 128 hexametrischen Versen immerhin zu den überdurchschnittlich langen Szenen der TC . Die Durchschnittslänge der 67 Szenen beträgt nämlich rund 90 Verse. Es gibt aber noch wesentlich längere Szenen als TC VIII -4. 144 Wichtiger jedoch ist das Verhältnis der Länge einer Szene in der TC zu der der entsprechenden Passage im Epos. Den 128 Hexametern der Szene TC VIII-4 entsprechen in der Aeneis nicht weniger als 390 Verse (Aen. 10,215-605). In TC VIII -4 übernimmt oder variiert Lucienberger also nicht einmal ein Drittel der analogen Verse in der Aeneis, denn von seinen 128 Hexametern in TC VIII -4 sind etwa 20 neu gedichtet. Schon diese nur rein äußerliche Feststellungen erwecken gewisse Befürchtungen. Auch das Personenverzeichnis erweckt Skepsis: Es verzeichnet so unterschiedliche Akteure wie einerseits Aeneas und (die Nymphe) Cymodocea , andererseits 8 Namen von Bundesgenossen der Aeneaden ( socii , konkret genannt sind Tarchon und Pallas ), von Trojanern selber ( Troiani , konkret genannt ist keiner, es hätte aber eigentlich der einen Vers ( TC 8,4,111 = Aen. 10,542) sprechende Serestus aufgeführt werden müssen) und von ihren Feinden (konkret genannt sind Turnus , Mezentius , Mago , Caeculus , Tarquitus , Liger ), dazu noch (Turnus’ Schwester, die Nymphe) Iuturna und sogar den vergöttlichten Hercules (der dann im Text der Regiebemerkung vor TC 8,4,085-090 = Aen. 10,467-472 als Hercules non visus bezeichnet wird). In der Tat wird der Phantasie des Lesers, Zuhörers oder Zuschauers von TC VIII -4 einiges zugemutet: Er muss folgende Schauplätze, Handlungen oder Akteure identifizieren und unterscheiden, gestützt allein auf die Reden der Akteure (die ich durch Klammerzusätze näher erläutere): (a) Die Szene setzt ein mit einem von Lucienberger erfundenen Selbstgespräch des Aeneas, der auf einem (etruskischen) Schiff ruht (als die Flotte mit den neu gewonnenen etruskischen Bundesgenossen von Caere / Cervetri aus zur Tiber-Mündung unterwegs ist) und sich Sorgen um die Lage der im Camp am Tiber zurückgelassenen Aeneaden macht (TC 8,5,001-004a). Sie wird sozusagen fließend fortgesetzt durch das Auftauchen der Nymphe Cymodocea. Cymodo- 144 Das sind: TC V-2 mit 290 Versen; TC V-3-252, TC IX-3-236, TC II-7-234; TC I-2-220, TC VII-2-203; TC I-6-188; TC I-5-165; TC I-1-157; TC III-5-17: , TC II-4-153; TC IV-3 mit 153 Versen. Vgl. zu den fünf Spitzenreitern → Kap. D 12.3.7. <?page no="414"?> 414 D Analysen cea war zuvor eines der trojanischen Schiffe, die auf Intervention der „Venus“ (bei Vergil: der Cybele) in Meernymphen verwandelt worden waren, als sie von Turnus mit Brandfackeln bedroht wurden. Sie klärt jetzt in einer wörtlich aus der Aeneis übernommenen Rede den Aeneas über diese ihre wundersame Rettung und über die bedrängte Lage der im Lager an der Tibermündung zurückgelassenen Trojaner auf und fordert ihn zum Eingreifen auf ( TC 8,4,004b-021 = Aen. 10,228b-255). (b) Aus zwei an den Etruskerkönig Tarchon gerichteten, von Lucienberger neu gedichteten Versen ( TC 8,4,022 f.) geht hervor, dass sich die Situation inzwischen weiterentwickelt hat: Aeneas sichtet vom Schiff aus das Land mit dem von Turnus und Mezentius umstellten befestigten Lager ( urbem ) seiner Trojaner; er betet zur phrygischen Gottheit Cybele um Beistand bei dem jetzt beginnenden Kampf ( TC 8,4,024-027 = Aen. 10,252-255), lässt (wieder in neu von Lucienberger gedichteten Versen TC 8,4,028-032) die Tuba blasen und zeigt Vertrauen auf Erfolg. Gewissermaßen umgekehrt erblicken und identifizieren Turnus und Mezentius vom Ufer aus die mit Etruskern und Arkadern nahende Flotte (wie aus den neuen Versen TC 8,4,033-036 hervorgeht; Mezentius weiß unwahrscheinlicher Weise, dass auch Arkader an Bord sind) und feuern ihre Leute zum Kampf an; dasselbe tut der Etrusker-König Tarchon auf der anderen Seite ( TC 8,4,033-048a). Jetzt wechseln die Sprecher und auch die Angeredeten in schneller Folge. Ein zusätzliches graphisches Indiz dafür ist, dass die Partie zwischen TC 8,4,051 und TC 8,4,096 von nicht weniger als 6 *Pausenzeichen* durchsetzt ist. Die äußere Situation aber, das Schlachtfeld am Landeplatz des von Aeneas herangeführten Entsatzheeres, bleibt aufs Ganze gesehen gleich. (c) Der Kampf (an Land) beginnt mit drohenden Worten des Aeneas und des Mezentius ( TC 8,4,048b-055). (d) Das Kampfgeschehen besteht zunächst in der Aristie des Pallas und seinem Zweikampf mit Turnus unter Anteilnahme Juturnas und des Hercules non visus , der offenbar im Olymp ein Selbstgespräch führt; Turnus tötet Pallas und raubt ihm spolia opima ( TC 8,4,056-099). (e) Um Rache für Pallas zu üben, tötet oder besiegt Aeneas in einer (seiner zweiten) Aristie Mago, Caeculus, Tarquitus und Liger (vgl. dazu → Kap. D 4.1.3); die Trojaner feiern das als Sieg ( TC 8,4,100-128). In TC VIII -4 sind also mindestens zwei ganz unterschiedliche Schauplätze kombiniert: die hohe See (a) und das Schlachtfeld am Tiber in der Nähe des bedrohten trojanischen Lagers (c, d, e); eine Art Übergangssituation bildet der Perspektiven-Wechsel zwischen den beiden gegnerischen Parteien in (b). Hinzu kommt noch (in d) eine göttliche Stimme aus dem Off (wie man heute sagen würde). Innerhalb des Schlachtgeschehens (in d-e) lassen sich wiederum mehre- <?page no="415"?> D 12 Strukturfragen 415 re kleinere Einzelszenen unterscheiden. Näheres ist im Kapitel über die Aristien des Pallas (→ Kap. D 4. 1. 11) und des Aeneas (→ Kap. D 4.1.2) dargestellt. D 12.3.7 Extrem lange Szenen Im Folgenden sollen die fünf längsten 145 und die fünf kürzesten Szenen der TC betrachtet werden, um zu sehen, ob sich daraus Schlüsse für Lucienbergers Szenen-Konzeption ziehen lassen. D 12.3.7ab (Nrr. 1-2) TC V- 2 mit 290 und TC V- 3 mit 252 Versen Wenn man einen Kenner der Aeneis fragen würde, welche epischen Situationen (um für die Aeneis den Begriff „Szene“ zu vermeiden) denn wohl am ehesten in extrem lange Szenen in einer Dramatisierung umgesetzt werden können, würde er gewiss nach nur kurzem Nachdenken als erstes auf die Erzählung des Aeneas vor Dido in den beiden Büchern Aen. II und III verweisen (und sogar das gesamte Festmahl am Hofe Didos zu Ehren der Trojaner mit einschließen, das am Ende von Aen. I den Rahmen dieser Erzählung bildet). Denn hier sind sozusagen ideale Voraussetzungen für den Zuschnitt einer Szene gegeben: ein einziger Sprecher mit gleichbleibendem Publikum, derselbe Ort, natürlich verrinnende, also gewissermaßen dieselbe Zeit (identische Sprechzeit für die Figur Aeneas und für den Schauspieler oder Rezitator, der diese Figur darstellt). Allerdings ist dies ein Sonderfall mit Spezialproblemen der Dramatisierung; er ist an anderer Stelle, in → Kap. C 4, behandelt. Wahrscheinlich gleich an zweiter Stelle würde ein Aeneis-Kenner den Gang des Aeneas durch die Unterwelt nennen, der den größten Teil von Aen. VI ausmacht. In dieser Handlungspassage, die schon im Epos von längeren Reden erfüllt ist, darf man ebenfalls alle drei Elemente, Personen, Ort und Zeit, in gewissem Sinne als gleichbleibend betrachten: Die beiden Besucher Aeneas und 145 Jürgen Blänsdorf, in: Werner Suerbaum (Hrsg.), Handbuch der lateinischen Literatur der Antike. Bd. 1 (HLL 1), München 2002, S. 188 bezeichnet den Auftakt von Plautus’ Amphitruo mit den Sprechern Sosias und Merkur als die „längste Szene aller lat. Komödien (310 vv.)“. Aber die Partie ist in den Handschriften nicht als „Szene“ abgegrenzt und ausgewiesen. Die antiken Dramen haben im Original keine Szenen-Einteilung; eine solche ist ein erst nachträglich eingeführtes Gliederungsprinzip, für das offenbar der Aufritt einer neuen Person das entscheidende Kriterium ist. (Blänsdorf spricht aber auch in HLL 1, S. 177, bei „Allgemeine Züge der Palliata“, passim von „Einzelszenen“.) Man müsste die Auftakt-„Szene“ des plautinischen Amphitruo genau genommen „den längsten Auftritt eines Sprecherpaares“ nennen. - Wenn man ein Handlungskontinuum als Einteilungskategorie nähme, würde - wie gleich gezeigt wird - in der TC die Wanderung des Aeneas durch die Unterwelt (mit den beiden aneinanderschließenden Szenen TC V-2 und TC V-3) 542 Verse einnehmen. Wenn „Bühnenpräsenz“ ein Kriterium für „Länge“ sein würde, wäre darauf hinzuweisen, dass Aeneas in allen vier Scenae von TC V, also 678 Verse „lang“, „auf der Bühne“ steht. <?page no="416"?> 416 D Analysen die Sibylle durchwandern die ganze Unterwelt von deren Zugang und Eingang bis zum Ausgang mit dem Doppeltor. Die Begegnungen mit weiteren Personen, bestimmten Bewohnern der Unterwelt, sind episodenhaft, ausgenommen allerdings im zweiten Teil Anchises, der als dritte Hauptperson hinzutritt. Die Unterwelt hat zwar verschiedene Regionen, aber man kann sie doch als einen einzigen Ort betrachten. Der Aspekt der Zeit entspricht weithin dem natürlichen Verlauf der Wanderung; die Erzählzeit ist im Wesentlichen identisch mit der erzählten Zeit. Und in der Tat gehört die längste Szene der dramatisierten Aeneis, TC V-2 mit 290 Hexametern, zu diesem epischen Handlungskontinuum der Wanderung des Aeneas mit der Sibylle durch die Regionen der Unterwelt. Aber sie entspricht nicht der ganzen Unterweltswanderung bei Vergil. Diese ist in der TC auf zwei Szenen verteilt, auf TC V-2 und auf TC V-3. Und diese zweite, direkt auf TC V-2 folgende Szene TC V-3 ist gleich die zweitlängste in der gesamten Dramatisierung. (Natürlich ist damit das Paar aus diesen beiden längsten Szenen der TC , mit über 540 Hexametern, auch die längste Doppelszene in der TC .) Gerade weil in der Aeneis ein Handlungskontinuum vorgegeben ist, wird es aufschlussreich sein zu beobachten, an welcher Stelle Lucienberger dieses unterbricht und die Zäsur zwischen TC V-2 und TC V-3 ansetzt. Und auch, wo er keine weitere neue Szene beginnen lässt. Wenn Lucienberger sich überhaupt - schon aus Umfangsgründen, um eine abnorm lange Szene zu vermeiden - genötigt sah, eine Aufteilung des epischen Kontinuums in Aen. VI vorzunehmen, dann war die vorliegende Zäsur zwischen TC V-2 und TC V-3 in meinen Augen die beste, auf jeden Fall eine einleuchtende Wahl. Lucienberger lässt nämlich eine neue Szene beginnen, als Aeneas und die Sibylle in der Unterwelt im Elysium Anchises begegnen: nach Aen. 6,683. Der Vater des Aeneas wird für den letzten Teil der Unterweltsdurchwanderung der Führer und Erklärer (zumal in der „Heldenschau“) sein. Von den 252 Versen der Szene TC V-3 spricht die Sibylle nur einen einzigen, den letzten ( TC 5,3,252 - übrigens übergeht Lucienberger das von Vergil in Aen. 6,893-898 vorgegebene rätselhafte Motiv, dass Aeneas mit der Sibylle die Unterwelt durch das Tor aus Elfenbein, das Tor der falschen Träume, verlässt), und auch Aeneas nur 17. Mit Anchises tritt also eine Figur zu den bisherigen beiden Hauptgestalten Aeneas und Sibylle hinzu, die eine neue Hauptfigur ist und die auch den Enthüllungen, die Aeneas zuteilwerden, eine neue Wendung gibt (von der weitgehend trojanischen Vergangenheit zur römischen Zukunft). Zudem hat Lucienberger die Weissagungen des Anchises noch über Vergils Version hinaus erweitert durch einen zusätzlichen ausführlicheren Ausblick auf das, was Aeneas an Kämpfen und Erfolgen in Latium bevorsteht. (Darüber ist näher in → Kap. D 6.1 gehan- <?page no="417"?> D 12 Strukturfragen 417 delt.) Mit dem Auftreten des Anchises hätte wohl auch jeder andere Dramatiker eine neue Szene beginnen lassen. Die Zäsur zwischen TC V-3 und der folgenden Szene TC V-4 ist in jeder Hinsicht einleuchtend: ein einschneidender Ortswechsel (Unterwelt - Oberwelt mit Aufbruch der Flotte von Cumae Richtung Latium); eine gänzlich neue Personenkonstellation (Aeneas mit zwei Gefolgsleuten); zudem noch schon in der vergilischen Vorlage der Auftakt zu einem neuen Buch, zu Aen. VII (der allerdings von Lucienberger nicht ganz korrekt an den Schluss von TC V-5 verlegt ist). Während TC V-3 eine (nach Anfang und Ende) einleuchtende szenische Einheit darstellt, birgt die Konzeption von TC V-2 Probleme. Zum einen befremdet, dass Lucienberger die 26 Auftaktverse TC 5,2,001-026 nicht besser zu einer eigenen Szene mit Aeneas und der Sibylle als einzigen Sprechern gemacht hat, in der (nach Abschluss der Bestattung des Misenus in TC V-1) die Vorbereitungen zum Abstieg in die Unterwelt getroffen werden. Anders ausgedrückt: Der krasse, allerdings durch die Weisung der Sibylle und das Gebet des Aeneas in TC 5,2,020-026 vorbereitete Ortswechsel von der Oberwelt zur Unterwelt ist also von Lucienberger nicht als hinreichendes Motiv für die Ansetzung einer neuen Szene betrachtet worden. Vielleicht liegt die Erklärung darin, dass es eine oft praktizierte Transformationspraxis Lucienbergers ist, die auktoriale Schilderung einer Handlung dadurch zu ersetzen, dass er eine sprechende Person jene Handlung ankündigen lässt. (Hier in TC V-2 kann man nur von einer allgemeinen Ankündigung des Abstiegs zur Unterwelt sprechen; die von Vergil gebotene detailreiche Schilderung des Ganges bis zum Grenzfluss Acheron in Aen. 6,268-316 ist ersatzlos übergangen.) Nach einer solchen Ankündigung pflegen in der TC auch sonst die Handlung und die Szene bruchlos weiterzugehen. So eben auch hier in TC V-2. Nach dem Gebet der Aeneas an die Unterweltsgötter in TC 5,2,023-026 = Aen. 6,264-257 wendet er sich sozusagen im gleichen Atemzug (im Druck immerhin durch ein graphisches Pausenzeichen getrennt) mit TC 5,2,027-029 = Aen. 6,318-320 mit einer Frage an die Sibylle. Zum anderen ist festzustellen, dass Lucienberger hier innerhalb von TC V-2 nicht das Hinzutreten mehrerer Einzelpersonen zu den beiden von Anfang an anwesenden Hauptpersonen Aeneas und Sibylle zum Anlass nimmt, damit jeweils eine neue Szene zu beginnen (und mit ihrem nach der Sachlage notwendigen, aber nirgends in diesem Bereich markierten Abgang enden zu lassen). Das macht er später sehr wohl, wie eben dargestellt, beim Auftreten des Anchises als dritter Hauptperson in einer neuen Szene ( TC V-3). Hier in TC V-2 aber treten im Verlaufe des ersten Teils der Unterweltsdurchwanderung sprechend (wie bereits in der Aeneis) auf: Aeneas’ Steuermann Palinurus, der Fährmann Charon, der Trojaner Deiphobus und der Sänger Musaeus (Dido wird, genau wie <?page no="418"?> 418 D Analysen bei Vergil, von Aeneas angesprochen, antwortet aber nicht) - jeweils ohne dass Lucienberger ihnen wenigstens formal eine eigene Szene einräumen würde. Weniger auffällig ist, dass die Unterweltsdurchwanderung auch, wie aus den Figuren-Reden durchaus hervorgeht, einen ständigen Ortswechsel impliziert (unter anderem die Überfahrt über den Styx im Nachen Charons - die auktoriale Schilderung bei Vergil wird, wie üblich, durch die bloße neugedichtete Einladung Charons in TC 5,3,097b Ergo nunc hanc intrate carinam ersetzt, die nicht einmal durch eine Prosanotiz ergänzt wird), ohne dass dieser Folgen für die Szenen-Einteilung hätte. D 12.3.7c (Nr. 3) TC IX - 3 mit 236 Versen Die drittlängste Szene in der Dramatisierung Lucienbergers bezieht sich auf eine Passage in der Aeneis, die ein Vergil-Kenner wohl ebenfalls als Basis einer besonders langen Szene vermuten würde: Ihr Thema ist nämlich die Ratsversammlung der Latiner, wie sie in Aen. 11,239-444 (einschließlich des zugehörigen Kontextes in Aen. 11,225-472) geschildert wird. Sie besteht bei Vergil fast ausschließlich aus Reden: Reden des zurückkehrenden Gesandten Venulus, des Königs Latinus, des dem Turnus feindlich gesinnten Drances, des Turnus. Lucienberger hat sie, wie er es immer tut, alle wörtlich (in TC IX -3) übernommen. Da die vier Redner von vornherein in der Ratsversammlung anwesend sind und sie sich aufeinander beziehen, ist es geradezu geboten, dass Lucienberger sie ungebrochen in einer noch so langen Szene bringt. Es ist auch angemessen, dass Lucienberger auch noch die (von ihm neu geschaffene) Rede des Turnus an die Latiner in TC 9,3,232b-236, die sinngemäß nach dem Abbruch der Versammlung anzusetzen wäre, mit in diese Versammlungs-Szene einbezieht. Nicht recht verständlich aber ist umgekehrt, warum er die Szene TC IX -3 nicht mit der Einberufung der Versammlung durch Latinus (mit TC 9,3,025-028; vgl. Aen. 11,234 ff.) beginnen lässt, sondern (mit TC 9,3,001-024, was Aen. 11,203-233 entspricht) mit der Bestattung der bisher im Kampf gegen Aeneas gefallenen Latiner und mit einer (stark gegenüber dem bloßen Kurzreferat bei Vergil erweiterten) Hetzrede des Drances gegen Turnus vor dem Volk der Latiner und Rutuler (nicht erst in der etwas späteren Versammlung der Vornehmen). Ort, Zeit und Akteure (abgesehen von Drances) dieser Leichenbestattung sind andere als bei der Ratsversammlung. Lucienberger hätte der Leichenbestattung samt der Rede des Drances eine eigene Szene einräumen können oder aber sie (jedenfalls eher als mit TC 9,3,025 ff.) mit der vorausgehenden Szene TC IX -2 verbinden sollen, in der eben jener Waffenstillstand zwischen Aeneas und Drances, dem Führer der latinischen Gesandtschaft, vereinbart wird, der die Bestattung der Gefallenen auf beiden Seiten ermöglicht. <?page no="419"?> D 12 Strukturfragen 419 D 12.3.7d (Nr. 4) TC II - 7 mit 234 Versen Am Zuschnitt dieser langen Szene TC II -7, in der nichts weniger als die gesamte Ich-Erzählung des Aeneas am Hofe Didos, die bei Vergil ganze zwei Bücher (Aen. II - III mit rund 1.500 Versen) einnimmt, komprimiert ist, wird ein Theorie- Purist höchstens zu bemängeln haben, dass Lucienberger ihr nicht auch noch die 18 Verse TC 2,6,010-027 aus der vorausgehenden kurzen (nur 27 Verse umfassenden) „Szene“ TC II -6 hinzugeschlagen hat. Denn Ort, Zeit und Personen bleiben ab TC 2,6,010 bis zum Ende von TC II -7 (bis 2,7,234) unverändert: Zwar sind in TC II -7 nur Aeneas und Dido, die allein im Personenverzeichnis genannt sind, im wörtlichen Sinne „ Interlocutores “, aber als anwesend gedacht bei dieser Erzählung des Aeneas in TC II -7 während des Gastmahls ist auch weiterhin das Personal von TC II -6, also Achates, Iulus mutatus, Bicias (sowie weitere ungenannte Trojaner und Punier; von den letzteren ist Iopas citharoedus mit weiteren cantores immerhin in der Prosanotiz am Ende nach TC 2,6,027 genannt). Wenn Lucienberger strikt einen Ortswechsel als Kriterium für den Beginn einer neuen Szene betrachtet hätte, hätte er TC 2,6,001-009 in den Rang einer eigenen, wenn auch extrem kurzen Szene erheben müssen. Denn die 9 Verse spielen am Strand vor Karthago bei den dort angelandeten sieben trojanischen Schiffen und stellen ein neu gedichtetes, eher humoriges Intermezzo mit Achates dar, der Ascanius (= Iulus mutatus) über höfische Sitten belehren will (s. → Kap. D 7.1). Derselbe Ascanius begrüßt dann im nächsten Vers TC 2,6,010 übergangslos, mit einem größeren Orts- und einem kleineren Zeitsprung, seinen Vater Aeneas, Dido und weitere Personen am Hof in Karthago (und zwar korrekt im Sinne der Mahnungen des Achates, obwohl er diese soeben als überflüssig bezeichnet hatte! ). Bemerkenswerter als die Problematik des korrekten Beginns der Szene TC II -7 ist die Kunst, mit der Lucienberger in dieser so langen Szene die „Vorlage“ bei Vergil (Aen. II - III ) verkürzt hat, die fast fünfmal so umfangreich ist. Das war nur dadurch möglich, dass Lucienberger einen Teil der Erzählungen des Aeneas bei Vergil bereits zuvor in Akt I (in TC I-1 bis I-7, ohne TC I-3) in dialogisierte Reden der Akteure, also von auktorialer Darstellung in direkte Aktion, umgesetzt hatte. In TC II-7 bietet Lucienberger sozusagen einen zweiten Durchgang durch Aen. II - III . Diesmal kann er die Ausführungen des Aeneas wörtlich direkt übernehmen. Er überspringt aber fast ausnahmslos die Passagen daraus, die er in Akt I bereits benutzt hatte. Darüber hinaus übergeht er auch weitere Passagen aus Aen. II - III . Über diese doppelte Benutzung von Aen. II - III durch Lucienberger, zum einen in TC I-1 / 2 und TC I-4 bis TC I-7, zum andern in TC II -7 ist in → Kap. C 4 (vgl. auch → Kap. D 3.6.1) ausführlich gehandelt. Während Vergil den Aeneas in Aen. II - III „ununterbrochen“ erzählen lässt, gestattet Lucienberger es seiner Dido mit den neugedichteten Versen TC 2,7,198-202, die Erzählung des Aeneas mit einer Entschuldigung ( TC 2,7,198 <?page no="420"?> 420 D Analysen nunc etenim sermonem rumpere cogor) zu unterbrechen / vgl. → Kap. D 8.1.3). Sie gibt ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, dass die Trojaner, die doch mit dem hinterhältigen Griechen Sinon (in Bezug auf das Hölzerne Pferd) so böse Erfahrungen gemacht haben, einen anderen Griechen, Achaemenides, aus der Gewalt des Kyklopen Polyphem gerettet haben. Didos rhetorische Frage Quid vos … cum Graeco illo (auf die Aeneas natürlich keine Antwort gibt, sondern einfach weitererzählt) unterstreicht implizit die Hochherzigkeit der Trojaner, zeugt aber auch von einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber den Griechen. - Dass Lucienberger Dido am Schluss der Szene mit den neu gedichteten Versen TC 2,7,230-234 erneut das Wort gibt, hängt mit seiner mehrfach erkennbaren Tendenz zusammen, einer Szene einen abrundenden positiven Schluss zu geben (→ Kap. D 8.1): Hier soll damit das traurige Ende der Erzählung des Aeneas, der mit dem Tod seines Vaters Anchises abbricht, abgemildert werden (s. Näheres in → Kap. D 8.1.3). D 12.3.7e (Nr. 5) TC I- 2 mit 220 Versen Der langen Szene TC I-2 Lucienbergers könnte man zwar einen trotz aller Kürze umfassenden Titel, nämlich „Die Eroberung Trojas“ geben, und auch die Vorlage, nämlich der größte Teil von Aen. II (Aen. 2,250-804 sowie die sieben rückschauenden Verse von Aen. 3,1-7), bildet in Hinsicht auf die Handlung eine Einheit (wenn man TC I-1 hinzunimmt, erfassen die beiden ersten Szenen der Dramatisierung das ganze Buch II der Aeneis). Trotzdem würde ein Leser (wohl nicht nur ein moderner Leser), der den Text der TC in einer Ausgabe ohne Szenen-Einteilung und darin die jetzt von mir als TC 1,2,001-220 gezählten Hexameter vor sich hätte, schwerlich zu der Vorstellung kommen, er habe nur eine einzige „Szene“ vor sich. Zwar ist der Ort im weitesten Sinne gleichbleibend, nämlich die Stadt Troja, und auch die Zeit könnte man als gleichbleibend (bzw. dem natürlich Ablauf entsprechend) betrachten, nämlich eine einzige Nacht (in der die Eroberung Trojas als „Nyktomachie“ stattfindet). Aber innerhalb dieser 220 Verse sprechen, wie schon das Personenverzeichnis der Szene TC I-2 lehrt, nicht weniger als 20 einzelne Figuren (vgl. dazu → Kap. E 2. 5. 10). Sie sind nirgends in der „Szene“ gemeinsam präsent. Zu Beginn der Handlung steht überhaupt nur 1 Person auf der wirklichen oder eher imaginären Bühne: der griechische „Verräter“ Sinon vor dem Hölzernen Pferd mitten in Troja, wie er sich anschickt, die darin verborgenen Griechen herauszulassen. Am Ende der „Szene“ TC I-2 hat der Leser oder Zuschauer ein ganz anderes Personal vor (den geistigen oder realen) Augen: Aeneas spricht außerhalb der Mauern Trojas zu den Trojanern, denen die Flucht gelungen ist, darunter der alte Alethes, und fordert sie auf, mit ihm, wie ihm die entrückte Creusa aufgetragen habe, übers <?page no="421"?> D 12 Strukturfragen 421 Meer nach Hesperia zum Tiber zu fahren und zunächst in Antandros eine Flotte zu bauen. Zwischen diesem Anfang und diesem Ende gibt es innerhalb der einen „Szene“ TC I-2 eine Vielzahl von (nie deutlich als solchen im Text markierten) Auf- und Abtritten wechselnder Personen oder Personengruppen an verschiedenen Schauplätzen innerhalb Trojas. Vom Hölzernen Pferd mit Sinon, Odysseus (und weiteren nicht als Sprechern auftretenden Griechen) wechselt der Text unvermittelt über zu einem Dialog zwischen Aeneas und Hektor. (Wer nur den vorliegenden Text der TC 1,2,013-025 kennt, muss daraus erschließen, dass Aeneas zu einem nur verwundeten Hektor spricht - dass es sich bei Vergil um eine Erscheinung des toten Hektor vor dem schlafenden Aeneas handelt, ist aus dem Text der TC nicht ersichtlich. Immerhin könnte ein Leser der Buchausgabe der TC in VP 1576B im Argumentum zu TC I, in Scan 29, lesen: Aeneas interim [! ] ab Hectore in somnis admonetur eqs .) - Wiederum ohne Übergang, diesmal immerhin durch eine Prosa-Notiz angekündigt, und auch ohne Vorlage bei Vergil, fordert die Lakonierin (Helena) dazu auf, die Pforten Trojas für die (Hauptmacht der) Griechen zu öffnen ( TC 1,2,026-028). Daraufhin - der Übergang ist immerhin fließend - reizen sich nicht weniger als 7 namentlich genannte Griechen in einer einzigartigen, von Lucienberger neu gedichteten Stichomythie zu Mord und Brand auf. Dabei genügen zwei Verse ( TC 1,2,029-030), um acht imperativische Kurzsätze dieser 7 Sprecher aufzunehmen (vgl. dazu → Kap. C 7.2)! - Dann hört man, erneut ohne Übergang oder nähere örtliche Situierung (nach Vergil müsste es sich um das Haus des Aeneas handeln), Aeneas im Dialog mit Panthus ( TC 1,2,031-043). - Dann springt, wiederum unvermittelt, der Text zurück zu Odysseus ( TC 1,2,044-045a), der zur völligen Zerstörung Trojas aufruft. - Darauf spricht Aeneas plötzlich (in TC 1,2,045b-051) zu jungen Trojanern, um sie zum wenn auch aussichtslosen Kampf für Troja zu ermutigen. - Nur ein sehr scharfsinniger Leser oder Hörer (oder ein Kenner der Aeneis! ) kann sich zusammenreimen, in welchen Kontext die sich anschließenden Äußerungen des Griechen Androgeus und des Trojaners Coroebus gehören ( TC 1,2,052-054. 055-059) oder worauf sich der resignierende eine Vers des Aeneas ( TC 1,2,060) Heu nihil invitis fas quenquam fidere divis bezieht. - Dann markiert ein anonymer Hilferuf an Aeneas (der aber nur durch die vorausgehende Prosa-Notiz als Schrei von Troiani in arce identifiziert wird) recht deutlich ( huc ) den Übergang zu einem neuen Schauplatz, der Burg des Priamus. Darauf folgt das auf Äußerungen des Priamus, der Hecuba und des Pyrrhus verkürzte Geschehen in der Burg. Was sich dort abspielt, könnten Scharfsinnige aber auch ohne die beiden erzählenden Prosa-Notizen (nach TC 1,2,070 und vor TC 1,2,080) erschließen. <?page no="422"?> 422 D Analysen Eingelegt ist dann von Lucienberger mit TC 1,2,084-088 eine von ihm frei erfundene Episode (vgl. zu ihr → Kap. B 4.2.1 und Kap. D 11.8.3): Sinon bezeichnet (offenbar Trojanern gegenüber) als verantwortlich für den Untergang Trojas nicht sich, sondern Helena, Paris und Venus. Daraufhin wird er von dem ob dieser Rechtfertigung des „Verräters“ Sinon erbitterten Trojaner Hipanis (der als Hypanis auch in Aen. 2,240 und 2,428 erwähnt ist, dort aber nicht spricht und „jetzt“ laut Vergil schon gefallen sein müsste) zur Strafe für ein solch furchtbares Verbrechen erschlagen ( TC 1,2,089 tanto poenam pro crimine sume ). - Dann springt der Text (immerhin in Anknüpfung an das in der vorausgehenden Sinon-Hipanis-Episode angeschlagene Thema der Schuld Helenas) zu Aeneas und seiner Überlegung über, ob er nicht Helena erschlagen solle; von dieser bringt Venus ihn ab und mahnt ihn, sich um die Seinen zu kümmern ( TC 1,2,090-127, weitgehend wörtlich nach Aen. 2,577-620). - Dadurch ist eine Überleitung zur folgenden Situation im Hause des Aeneas geschaffen, die allein eine eigene Szene bilden könnte ( TC 1,2,128-186): Aeneas versucht, unterstützt von seiner Gattin Creusa, zunächst vergeblich, dann - nach einem nur in einer erzählenden Prosa-Bemerkung vor TC 1,2,165 berücksichtigten Prodigium, dem Flammen-Prodigium am Haupt des Ascanius - erfolgreich, seinen greisen Vater Anchises zur rettenden Flucht aus Troja zu bewegen. Anchises und Creusa treten hier erstmals auf, ohne dass Lucienberger das zum Anlass genommen hätte, damit eine neue Szene zu beginnen. - Im weiteren Sinne gehört zur Flucht-Situation noch, dass Creusa dabei verloren geht und ihre geisterhafte Erscheinung (Prosa-Notiz vor TC 1,2,190 tanquam spectrum ) dem Aeneas eine Prophezeiung auf seine künftigen res laetae gibt ( TC 1,2,187-201, nach Aen. 2,735-794, doch stark verkürzt auf eine neue zwei-zeilige Klage des Aeneas und auf das wörtliche Zitat von Creusas Rede in Aen. 2,776-789). - Ebenfalls noch zum Thema „Flucht“ gehört dann schließlich die (von mir schon eingangs erwähnte) Wendung des Aeneas an die überlebenden Trojaner, die ihm Gefolgschaft auf der Fahrt zu dem von Creusa geweissagten Ziel im Westen am Tiber leisten wollen ( TC 1,2,203-220). Bei der Transponierung von Aen. II in sein Drama hat Lucienberger also mehrere Gelegenheiten ignoriert, bei Personen- und Ortswechsel, wie es in späteren Dramen weithin üblich ist, eine neue Szene beginnen zu lassen. Aus der rund 800 Verse umfassenden Erzählung des Aeneas in Aen. II ist eine Dramatisierung in nur zwei Szenen ( TC I-1 und I-2) mit insgesamt nur 377 Hexametern geworden. Wenn man nach einem Grund sucht, warum Lucienberger wohl TC I-2 mit 220 Versen so „ungebrochen“ gestaltet (man kann ja nicht sagen: „belassen“) hat, so bietet sich nur die Vermutung an, dass er die wechselnden Situationen und Personenkonstellationen während der Eroberung Trojas als ein Handlungs- <?page no="423"?> D 12 Strukturfragen 423 kontinuum betrachtet hat, das er nicht durch eine Zäsur, wie sie vom Auftakt einer neuen Szene dargestellt wird, unterbrechen wollte. Aber wenn man aufgrund dieser Erklärung einer (über)langen Szene wie TC I-2 erwartet, dass Lucienberger diesen Gesichtspunkt der Handlungskontinuität zum durchgehenden oder wenigstens wichtigsten Prinzip seiner Szenen-Gliederung gemacht hätte, so sieht man sich bei der Prüfung weiterer Belege in den folgenden Akten enttäuscht: das zeigen die in → Kap. 12.3.1-6 vorgeführten Beispiele. D 12.3.8 Extrem kurze Szenen D 12.3.8a (Nr. 1) TC I- 3 mit 24 Versen Diese kürzeste aller 67 Szenen der TC hat einen singulären Hintergrund: Es ist nämlich eine geschlossene Szene, die Vergil - nach (in Aen. 9,77-79) vorangehender Anrufung der Musen - in Aen. 9,80-106 in einem erzählerischen Rückgriff bietet: Als Turnus die Schiffe der Trojaner bei ihrem befestigten Lager am Tiber in Brand zu setzen droht (Aen. 9,69-76), erzählt Vergil rückgreifend (sozusagen im Plusquamperfekt, vgl. Aen. 9,104 dixerat ) die Vorgeschichte ihrer jetzigen Rettung: Jupiter hatte sie der trojanischen Schutzgöttin deum genetrix Berecyntia (= Magna Mater = Cybele) ehedem, bei der Erbauung dieser Flotte nach dem Untergang Trojas in Antandros, versprochen. Diese Episode hat Lucienberger in seinem mehrfach erkennbaren Bestreben, den ordo rerum naturalis wiederherzustellen, an den chronologisch „richtigen“ Ort versetzt (vgl. dazu → Kap. C 2.2, Kap. C 4.3 und Kap. C 5.5.1), gewissermaßen in die Fuge zwischen der Erzählung vom Fall Trojas (in TC I-2 bzw. dem Ende von Aen. II ) und dem Aufbruch der Flotte des Aeneas und seiner Gefolgschaft zur Fahrt nach Westen (in TC I-4 bzw. dem Anfang von Aen. III ). Umfang und Abgrenzung der Szene TC I-3 ist damit faktisch von Vergil vorgegeben; Lucienberger übernimmt in seinen 24 Versen die entsprechende Passage bei Vergil Aen. 9,80-106, also 27 Verse, praktisch wörtlich. Die einzige materielle Abweichung besteht darin, dass Lucienberger die phrygische Göttermutter Cybele durch Venus ersetzt. Das ist eine nachvollziehbare Vereinfachung (vgl. die Ersetzung Dianas bei Vergil durch Juno in TC IX -5): Venus ist ja in der Aeneis mehrfach als Schutzgottheit des Aeneas, dessen Mutter sie ist, und der Trojaner ausgewiesen. Allerdings hat diese Ersetzung in der TC die groteske Folge, dass „Venus“ hier ihren Vater Jupiter als nate anredet. Gefördert wird die Konzeption dieser Passage als eigene Szene TC I-3 bei Lucienberger dadurch, dass es sich inhaltlich um einen Dialog unter Göttern handelt, der also in einer überirdischen Sphäre angesiedelt ist. Ein so gravierender Unterschied in Ort und Personal sollte, so wird man erwarten, bei Lucienberger immer dazu führen, dass Götter-Szenen, die nur unter Göttern spielen, <?page no="424"?> 424 D Analysen auch in der TC formal als Scenae ausgewiesen werden. Ein Problem könnte allerdings dann bestehen, wenn diese Dialoge unter Göttern zu einer Intervention einer dieser Gottheiten oder eines beauftragten Götterboten in die menschliche Sphäre führen. Dann hätte Lucienberger grundsätzlich zwei Optionen: entweder (a) diese göttliche Aktion im menschlichen Bereich als Fortführung jenes Göttergesprächs zu betrachten und in diese Szene zu integrieren oder aber (b) das Wirken einer Gottheit unter Menschen einer neuen Szene zuzuweisen. Über diese Problematik wird gleich anschließend in → Kap. D 12.3.8b und in dem → Sonderkapitel D 12.4.5 noch näher gehandelt werden. D 12.3.8b (Nr. 2) TC VIII - 5 mit 25 Versen Gleich bei der mit 25 Versen zweitkürzesten Szene TC VIII -5 begegnet uns ein Beispiel der eben erwähnten Konstellation ‚Dialog unter Göttern‘ (hier zwischen Jupiter und Juno) und einer direkt daraus resultierenden Handlung einer der beiden Gottheiten (hier Junos Eingreifen in die Kämpfe zwischen Aeneaden und den latinischen Alliierten, mit dem sie Turnus wenigstens fürs erste vor dem Tod zu retten sucht). Hier hat Lucienberger die Lösung (b) gewählt: Die Rettungsaktion Junos wird zwar noch in einer Prosanotiz in TC VIII -5 (nach TC 8,5,025) Iuno descendit et Aenean assimulat angekündigt; die Durchführung erfolgt aber erst in der neuen Szene TC VIII -6. Erleichtert wird diese „szenische“ Zäsur zwischen Vorbereitung (in TC VIII-5) und Durchführung (TC VIII-6) einer göttlichen Aktion in diesem Falle dadurch, dass Juno in TC VIII -6 nicht redend auftritt. Andererseits hat die Zuweisung der Episode von der Entfernung des Turnus durch die Machinationen Junos vom Schlachtfeld (der Trick mit der Scheinfigur des Aeneas, die Turnus ablenkt) zur Szene TC VIII -6 den Nachteil, dass dort in Szene TC VIII -6 jetzt am gleichen Ort zunächst Turnus (und jenes Trugbild des Aeneas) auftritt, aber dann gleich wieder abtritt und stattdessen das Schlachtfeld (in loser Fortführung von TC VIII -4) vor allem von Mezentius, seinem Sohn Lausus und von Aeneas beherrscht wird. D 12.3.8c (Nr. 3) TC II - 5 mit 27 Versen Hier liegt derselbe Fall wie im soeben besprochenen Beispiel TC VIII -5 (im Verhältnis zu TC VIII -6) vor: Der Götter-Dialog, in dem Venus ihren Sohn Cupido (Amor) in TC II -5 bittet, die Stelle von Aeneas’ Sohn Ascanius einzunehmen, und dieser sich dazu bereiterklärt, wird durch „szenische“ Zäsur getrennt von der Durchführung dieses Täuschungsmanövers in TC II-6: Der dort im Gespräch zuerst mit Achates, dann am Hofe Didos auftretende Ascanius ist bereits, wie es der Katalog der Interlocutores vor / für TC II -6 ausweist, der Iulus mutatus , also Cupido / Amor. <?page no="425"?> D 12 Strukturfragen 425 D 12.3.8d (Nr. 4) TC II - 6 mit 27 Versen Die kurze Szene ist zum größeren Teil (vgl. dazu → Kap. D 7.1, nämlich in den ersten 19 der insgesamt 27 Verse, eine Erfindung Lucienbergers, der hier die Person des jungen Ascanius (der aber faktisch der stattdessen untergeschobene Cupido / Amor ist) aufwertet, vielleicht mit Rücksicht auf die jugendlichen fürstlichen Widmungsempfänger seiner TC . Es geht um das angemessene Verhalten eines Jugendlichen bei Hofe (hier: beim Empfang am Hofe Didos) und um die positive Wirkung, die das Auftreten eines schönen und bescheidenen jungen Mannes voller Anstand und guter Sitten hat. ( TC 2,6,017-019 können als Summe eines Fürstenspiegels betrachtet werden.) Diese Fokussierung auf Ascanius überspielt die bei Vergil erkennbare Zäsur, die darin besteht, dass das Erziehungsgespräch zwischen Achates und Ascanius eigentlich am Strand bei den Schiffen spielt, die Handlung ab TC 2,6,008 (Bitias gibt seinen Eindruck vom Auftreten des Ascanius wieder) aber am Hofe Didos. Während der Ascanius-Teil der Szene eine Zutat Lucienbergers ist, hat er den Rest der Szene, das Wirken Cupidos / Amors auf Dido und das von Dido für die Trojaner veranstaltete Gastmahl, gegenüber Vergil so stark gekürzt (von Aen. 1,695-747 auf die 8 Verse von TC 2,6,019b-027), dass es möglich war, diesen Teil als Fortführung des Themas „Auftreten des Ascanius beim Gastmahl Didos“ hinzustellen. Lucienberger hätte für den Zuschnitt der jetzt in den drei Szenen TC II -5, II -6 und II -7 aufgeteilten Handlung auch die Möglichkeit gehabt, in Ausnützung der Möglichkeit (a) - für die Behandlung von Göttergeprächen mit Folgen auf menschlicher Ebene - den Ascanius-Teil von TC II -6 noch an den Götter-Dialog in TC II -5 anzuschließen und umgekehrt die wenigen Verse über das Gastmahl an Didos Hofe in die folgende Szene TC II -7 zu ziehen. (Zu dieser sehr langen Szene siehe jedoch oben in → Kap. D 12.3.7d.) D 12.3.8e (Nr. 5) TC VI - 2 mit 27 Versen Die Kürze dieser Szene lässt sich durch das fundamentale Prinzip erklären, dass eine Szene sich schon dann oder sogar gerade dann ergibt, wenn Personal und Ort der vorausgehenden und der folgenden Handlungssequenz deutlich unterschiedlich sind. Solche sozusagen natürlichen Zäsuren schaffen geradezu zwangsläufig eine davon eingegrenzte eigene „Szene“, die gleichzeitig auch eine Handlungseinheit ist. Gegenstand der kurzen Szene TC VI -2 ist das Eintreten des sogenannten „Tisch-Prodigiums“ (in Aen. 7,107-147). Sprechende Akteure sind nur Ascanius, Aeneas und das Kollektiv der Trojaner. Der Schauplatz der vorausgehenden Szene TC VI -1 ist die Gegenseite, der Bereich des hier in Latium einheimischen Königs Latinus mit einem anonymen Weissager, mit Faunus, dem göttlichen Vater des Latinus, und mit seinem Kanz- <?page no="426"?> 426 D Analysen ler Drances. (Ich benutze den vagen Begriff „Bereich“, weil genau genommen der Schauplatz wechselt zwischen dem königlichen Palast, der Orakelstätte des Faunus und wieder dem Hof des Latinus.) Der Handlungssprung hinüber zu den Trojanern (in TC VI -2) ist deutlich. Die Zäsur zwischen TC VI -2 und der folgenden Szene TC VI -3 ist nicht so tief: TC VI -3 enthält (in 84 Versen) die Verhandlung der trojanischen Gesandtschaft unter Ilioneus mit König Latinus. Die Aussendung dieser Gesandtschaft ist noch in den letzten Versen von TC VI -2 enthalten, in den Worten des Aeneas an die 100 Gesandten in TC 6,2,025-027 (die aber ihrerseits nicht sprechen, nicht einmal versichern, sie würden den Auftrag gern ausführen - wie das bei Lucienberger im Zusammenhang mit einem Auftrag oft der Fall ist). Das Auftreten dieser Gesandten, mit Ilioneus als einem nicht mehr anonymen Sprecher, erfolgt aber an einem anderen Ort, am Hof des Latinus. Bei Lucienberger kann ein Ortswechsel eine neue Szene initiieren, muss es aber nicht unbedingt. D 12.3.9 Das Verhältnis von Ankündigung und Ausführung In dem zuletzt (in dem → Unterkapitel D 12.3.8e) betrachteten Beispiel TC VI -2 wird ein Grundproblem berührt, das sich Lucienberger im Hinblick auf eine Szenen-Ansetzung immer wieder stellt: das Verhältnis von Ankündigung (im weitesten Sinne, einschließlich z. B. eines Auftrags) und deren Ausführung (im weitesten Sinne). Der Dramatiker Lucienberger muss dabei gattungsentsprechend anders vorgehen als der Epiker Vergil (vgl. generell → Kap. D 2.1). Die Ankündigung einer Handlung erfolgt im Epos meist in einer Figuren- Rede, seltener auktorial. Die Ausführung bzw. das Eintreten einer angekündigten, aufgetragenen, prophezeiten Handlung wird gewöhnlich in auktorialer Erzählung dargestellt. Für den Dramatiker Lucienberger ist eine auktoriale Erzählung nicht möglich. Sie wird als ergänzender Notbehelf ausschließlich in den eingestreuten Prosa- Notizen angewandt (soweit diese nicht Regieanweisungen im engeren Sinne sind). In Lucienbergers TC , die ausschließlich in hexametrischer Figuren-Rede besteht, muss die Ankündigung in einer Rede gleichzeitig für die Ausführung stehen. Dieser Aspekt wird bei Lucienberger oft dadurch betont, dass bei einem mündlichen Auftrag der Angesprochene eigens antwortet (oft am Ende einer Szene), er werde ihn ausführen (vgl. dazu die Rubrik → Kap. C 5.4.2, auch → Kap. D 7.3). Im Allgemeinen muss der Leser bei Lucienberger die Ankündigung einer Tat für deren Ausführung nehmen. Wenn etwa ein Kämpfer seinem Gegner androht, er werde ihn töten, muss der Gegner für den Leser tot sein, auch wenn Lucienberger das nicht ausdrücklich sagt. Manchmal - es gibt bei Lucienberger für alles Ausnahmen - bestätigt der Dramatiker Lucienberger aber doch auktorial, nämlich durch eine entsprechende Prosa-Bemerkung, den Vollzug der <?page no="427"?> D 12 Strukturfragen 427 Ankündigung. Ein Beispiel ist etwa die Prosa-Bemerkung vor TC 1,2,079 (die eigentlich besser hinter TC 1,2,083 zu stellen wäre) Pyrrhus obtruncat Priamum. Denn eben dieses wird von Pyrrhus mit nunc morere in TC 1,2,083 (und den vorausgehenden höhnischen Worten des Pyrrhus an Priamus) angekündigt. Vergil hat dieselbe Hohnrede des Pyrrhus in Aen. 2,547-550. Aber nach dem abschließenden hoc dicens schildert er anschließend auktorial in Aen. 2,550b-553 die Ermordung des greisen Priamus durch den Sohn des Achilleus. D 12. 3. 10 Rückblick auf die Szenenkonzeption Lucienbergers Alle Analysen und vor allem die Betrachtung der je fünf Beispiele für extrem lange und extrem kurze Szenen in der TC zeigen, dass Lucienberger bei der Konzeption seiner Scenae keinem einheitlichen und oft auch keinem einsichtigen Prinzip folgt. Als Tenor meiner Schlussfolgerungen ergibt sich, dass Lucienberger zu wenig Szenen bildet , wenn man an die möglichen Kriterien Wechsel des Personals (oder wenigstens der Hauptpersonen), des Ortes und / oder der Zeit denkt. D 12.4 Ein Spezialfall: Götter-Szenen D 12.4.1 Sprechende und handelnde Götter in der TC Die Behandlung sprechender Götter der Aeneis durch Lucienberger ist problemlos: Da Lucienberger grundsätzlich alle redenden Personen der Aeneis samt ihren Äußerungen in direkter Rede beibehält, spielen die Götter in der TC dieselbe Rolle wie in der Aeneis. Alle Verse, die Vergil Göttern oder Nymphen (und anderen nichtmenschlichen Personen) in den Mund legt, finden sich auch in der TC . (In zwei Fällen hat Lucienberger allerdings die Sprecherinnen verändert: statt Cybele spricht in TC I-3 Venus zu Jupiter und an Dianas statt Juno in TC IX -5 zur Nymphe Opis.) In den meisten Fällen, vor allem dann, wenn eine olympische Gottheit zu einer niederen Gottheit, z. B. einer Nymphe oder Furie, spricht, besteht das Tun der Götter bei Vergil eben in ihren Reden (etwa Weisungen, Streitereien, Bitten, Verhandlungen, Reflexionen), nicht in Handlungen, z. B. in einem tatkräftigen Eingreifen in die Geschicke von Menschen, etwa beim Kampf. Man pflegt ein solches sprachliches Tun als „Sprechhandlung“ zu bezeichnen. Unter Handeln bzw. Handlung soll in diesem Zusammenhang ein nichtsprachliches Tun verstanden werden, auch ein Tun, das in der Ausführung einer Sprechhandlung (etwa eines Befehls) besteht. Reines göttliches Sprechhandeln aus der Aeneis in die TC zu übernehmen, bereitet bei der Transformation eines Epos in ein Drama - genau wie menschliches Sprechhandeln - keinerlei Schwierigkeiten. Lucienberger braucht nur die <?page no="428"?> 428 D Analysen Äußerungen der göttlichen Personen (dasselbe gilt für solche von Menschen) wörtlich zu wiederholen, und das tut er. Anders steht es mit den Passagen in der Aeneis, in denen auf die Worte von Gottheiten Taten folgen, also z. B. die Ausführung einer zuvor mit Worten angekündigten oder befohlenen Handlung (die im ersteren Fall von der Gottheit selber, im zweiten von einer niederen Gottheit vollzogen wird). Eine entsprechende Handlungsbeschreibung in der Aeneis gehört zum Bereich „Erzählung“. Für solche Partien gelten die gleichen Transpositionstechniken, die Lucienberger auch sonst anwendet. Wenn z. B. eine höhere Gottheit einer niederen einen Auftrag gibt (etwa Juno der Iris oder der Furie Allecto), dann kann Lucienberger sich damit begnügen, der Angesprochenen eine kurze Antwort in den Mund zu legen, dass sie den Befehl ausführen wird. Beispiele dafür sind im → Rubriken-Kap. C 5.4.2 (vgl. auch noch → Kap. D 12.3.9) zusammengestellt, etwa TC 2,5,026 f. Cupido - Venus; TC 4,4,014 Iris - Juno; TC 6,4,045-054 Allecto - Juno. Lucienberger braucht in solchen Fällen nicht, was Vergil zu tun pflegt, die Ausführung des Befehls zu schildern. In Lucienbergers Dramatisierungs-Technik ersetzt immer wieder eine Ankündigung oder ein Auftrag die Erzählung des Vollzugs. Das gilt sowohl im göttlichen wie im menschlichen Bereich. D 12.4.2 Unterdrückung der Beteiligung von nicht-sprechenden Göttern am Geschehen in der TC Einen Sonderfall stellen aber die wenigen Partien der Aeneis dar, in denen Götter handeln, ohne dass sie dabei reden. In einer solchen Situation hat Lucienberger keinen rechten Ansatzpunkt für seine Dialogisierung, und er wählt dann die einfachste Lösung: Er übergeht diese Partien der Aeneis. So lässt Lucienberger eine Beteiligung von Göttern am Kampfgeschehen unberücksichtigt, wenn Vergil diese dabei nicht redend einführt. Entsprechend diesem Grundsatz entfällt in TC VIII -6 die Partie in Aen. 10,755-761, wo Venus und Juno dem Wüten der Schlacht zwischen Trojanern und ihren Gegnern zuschauen, in der Mars und Tisiphone (die allerdings eher metonymisch denn als Personen aufzufassen sind) mitwirken. - Dass es Jupiter ist, der den Etrusker- Fürsten Tarchon in Aen. 11,725-728 zum Kampf anstachelt, ist in TC IX -6 nicht erkennbar. - Dass die Lanze, die Aeneas im Schlussduell auf Turnus schleudert, diesen verfehlt und „in der Erde“ haften bleibt, erfährt der Leser / Hörer zwar in der Regiebemerkung vor TC 10,06,027 und er entnimmt das auch in TC 10,6,027-029 (= Aen. 12,777-779) dem Gebet des Turnus (der im Text der TC fälschlich Tyrrhenus heißt) an Faunus; aber dass Venus persönlich die Lanze aus dem Baumstumpf reißt (Aen. 12,786 f.) und weitere Einzelheiten des Endkampfes bleiben dem Leser / Hörer der TC verborgen. <?page no="429"?> D 12 Strukturfragen 429 Auch eine andere Aktion der Venus, die noch wichtiger ist als jene episodenhafte Einzelheit im Schlussduell, wird von Lucienberger übergangen: das ist ihre entscheidende Mitwirkung bei der wundersamen Heilung des Aeneas von der Pfeilwunde in TC X-3. Dass Venus dem Arzt Iapyx das Heilkraut Dictamnum besorgt (Aen. 12,411-419), kann der Rezipient der TC nicht erkennen. Er muss sich mit der Vermutung des Iapyx in TC 10,3,068-070 (= Aen. 12,427-429) begnügen, dass ein (unerkannter) maior deus seine Hand im Spiel hatte, hier, wo die menschliche Arzneikunst versagte. D 12.4.3 Allgemeiner Überblick über Götter-Szenen in der TC In der TC treten, wie man auch aus dem Personenverzeichnis in → Kap. F 2 entnehmen kann, eine Fülle sprechender Götter auf. Es sind, in alphabetischer Reihenfolge: Aeolus TC II -1 Allecto TC VI -4. 6. 7 Cupido TC II -5, II -6 als Iulus mutatus (Cybele) (Cybele bei Vergil ist in TC I-3 ersetzt durch Venus) Cymodocea TC VIII -4 ( nympha ) (Diana) (Diana bei Vergil ist in TC IX -5 ersetzt durch Iuno) Faunus TC VI -1 Hercules TC VIII -4 Iris TC III -6, VII -5, VII -7, dazu Iris mutata in Beroen TC IV -4 Iuno TC II-1, III-2, IV-4, VI-4, VI-7, VII-5, VIII-1, VIII-5, X-2, X-7, dazu IX-5 (bei Vergil: Diana) Iuppiter TC I-3, II -2, III -4, VIII -1, VIII -5, X-7 Iuturna TC VIII -4, X-2, X-3 als Iuturna mutata in Camertem , X-5, X-8 Mercurius TC III -4, III -6, dazu TC II -4 als Mercurius transformatus in senem (anwesend zu denken ist Mercurius auch in TC II -2, obwohl dort nur Venus und Iuppiter als interlocutores genannt sind: mit TC 2,2,070-074 richtet sich Iuppiter an Mercurius) Neptunus TC IV -4, IV -6 Opis TC IX -5, IX -6 Penates Troiani TC I-5 als vox in somnis Somnus TC IV -6 <?page no="430"?> 430 D Analysen Tybris (= Thybris fluvius = Tiberinus) TC VII -1 Venus TC I-2, I-3 (dort spricht bei Vergil stattdessen Cybele), II -2, II -3, II -5, III -2, IV -6, VII -3, VII -4, VIII -1 vox ex adyto (sc. Apollinis) TC I-4 vox in aëre (Cybeles = Veneris) TC VII -5 vox in somnis (sc. Penatium Troianorum) TC I-5 Vulcanus TC VII -3 In folgenden Szenen tritt also mindestens eine Gottheit auf: TC I-2, I-3, I-4, I-5, II -1, II -2, II -3, II -4, II -5, II -6, III -2, III -4, III -6, IV -4, IV -6, VI -1, VI -4, VI -6, VI -7, VII -1, VII -3, VII -4, VII -5, VII -7, VIII -1, VIII -4, VIII -5, IX -5, IX -6, X-2, X-3, X-5, X-7, X-8. Das ergibt die vielleicht erstaunliche Zahl von 34 Szenen - in ziemlich genau der Hälfte der 67 Szenen der TC agiert also mindestens eine Gottheit. D 12.4.4 Überblick über Götter-Dialoge in der TC Merkwürdigerweise notiert Lucienberger in seinem Vorwort zur TC, der Epistola dedicatoria , unter den Punkten, die jugendliche Rezipienten aus der Aeneis / TC lernen (oder: kennenlernen) können, eigens Götter-Dialoge ( colloquia deorum , s. oben → Kap. B 4. 2. 40 ). Deshalb sei hier auch eine spezielle Auflistung der in der TC enthaltenen Gespräche unter Göttern in außerirdischer Sphäre gegeben. Eingeklammert ist die Gesamtzahl der Verse der jeweiligen Szene; wenn die Göttergespräche nur einen Teil der Szene ausmachen, sind sie mit „darin u. a.“ eingeleitet. (Wo ein „darin u. a.“ fehlt, nimmt der Götter-Dialog die ganze Szene ein; das sind immerhin 10 Fälle.) Eingeklammert und mit „dann in TC “ eingeführt sind Hinweise auf eine Aktion einer der an einem Götter-Dialog beteiligten Gottheit in einer Folge-Szene. TC I-3 (24) Venus, Iuppiter (Venus dann als vox in aëre in TC VII -5) TC II -1 (128) darin u. a. Iuno, Aeolus; ferner Neptunus zu Zephyrus und Eurus TC II -2 (74) Venus, Iuppiter, als anwesend zu postulieren ist auch Mercurius (Venus dann in TC II -3; Mercurius in TC II -4) TC II -5 (27) Venus, Cupido (Cupido dann als Iulus mutatus in TC II -6) TC III -2 (34) Iuno, Venus TC III -4 (57) darin u. a. Iuppiter, Mercurius <?page no="431"?> D 12 Strukturfragen 431 TC IV -4 (94) darin u. a. Iuno, Iris mutata in Beroen TC IV -6 (57) darin u. a. Venus, Neptunus, Somnus TC VI -4 (54) Iuno, Allecto (Allecto dann in TC VI -6 und in TC VI -7) TC VI -7 (86) darin u. a. Allecto, Iuno TC VII -3 (28) Venus, Vulcanus (Venus, aber nicht Vulcanus, dann in TC VII-4) TC VII -5 (79) darin u. a. Iuno, Iris TC VIII -1 (97) Iuppiter, Venus, Iuno (Götterversammlung) TC VIII -4 (128) darin u. a. nicht Cymodocea und Iuturna (da beide getrennt zu Menschen sprechen), wohl aber Hercules (sein Selbstgespräch im „Olymp“ kann im weiteren Sinne als Götter-Dialog betrachtet werden) TC VIII -5 (25) Iuppiter, Iuno TC IX -5 (60) Iuno, Opis (Opis dann in TC IX -6) TC X-2 (49) darin u. a. Iuno, Iuturna (Iuturna dann in TC X-3 und in TC X-5 sowie in TC X-8) TC X-7 (46) Iuppiter, Iuno (Iuturna dann in TC X-8) D 12.4.5 Vorbemerkungen zur Eingliederung von Gesprächen unter Göttern in das Scenae-System Es geht in den folgenden Unter-Kapiteln nur um die Frage, in welcher Weise Lucienberger Gespräche unter Göttern in das System seiner Scenae eingliedert, nicht um das allgemeinere Problem, wie Lucienberger das Auftreten von Göttern bei deren Aktionen im menschlichen Bereich in Hinsicht auf die Szenen-Gliederung behandelt. Denn die letztere Frage ist leicht zu beantworten: Auftritte von Göttern, die auf menschlicher Ebene agieren, werden von Lucienberger genauso behandelt wie Auftritte menschlicher Figuren; es herrscht bei Lucienberger keinesfalls die Regel, dass mit dem Auf- oder Abtritt einer Figur, sei die nun göttlich oder menschlich, eine neue Szene beginnt bzw. endet. Der Begriff „Szene“ ist bei Lucienberger nicht identisch mit (dem wörtlichen Begriff von) Auftritt. Bei einer Interaktion zwischen einem Gott mit einem oder mehreren Menschen hat die Gottheit dramentechnisch keinen besonderen Vorrang, etwa dadurch, dass mit ihrem Erscheinen eine neue Szene einsetzen müsste. Unter den 67 Scenae der TC gibt es nur einen einzigen Sonderfall (nämlich das Gespräch der Nymphe Juturna mit ihrem Bruder Turnus in den 26 Versen von TC X-5), wo der Inhalt der Szene allein von dem Zwiegespräch einer Gottheit mit nur einem Menschen gebildet wird. (In TC VI -6 spielen neben Allecto und <?page no="432"?> 432 D Analysen Turnus auch noch die Rutuler eine Rolle.) Dagegen gibt es in der TC immerhin 10 Szenen, die nur unter Göttern spielen. Man wird von vornherein erwarten, dass Gespräche unter Göttern in außerirdischer Sphäre (die, da sie auch bei Vergil Reden sind, im Wortlaut der Aeneis von Lucienberger in die TC übernommen werden) bei Lucienberger abgegrenzte Szenen sind. Denn diese sogenannten „olympischen Szenen“ unterscheiden sich in Hinsicht auf Personen und Zeit vom Handeln der Personen auf der menschlichen Ebene. Eher unsicher wird man darüber sein, wie Lucienberger verfahren wird, wenn die Dialoge, bei denen die Götter „unter sich“ sprechen, direkte Folgen für die menschliche Handlung auf der Erde haben, indem einer der am „olympischen“ Gespräch beteiligten Götter selbst in das Geschehen auf der Erde eingreift oder aber die Ausführung seiner Absichten bzw. der göttlichen Beschlüsse einer niederen Gottheit als Boten oder auch Akteur überträgt. Für eine solche Konstellation bieten sich zwei Gliederungsmöglichkeiten an (s. Kap. 12.3.8a): entweder (A) die durch das Göttergespräch initiierte oder beeinflusste göttliche Aktion im menschlichen Bereich noch an die Szene des vorangehenden Göttergespräch als deren Fortführung anzuschließen, oder aber (B) damit eine neue Szene zu füllen. Wenn Götter ohne einen vorausgehenden olympischen Dialog unter Menschen agieren, wird man erwarten, dass ihr Auftreten im Hinblick auf die Szenen-Einteilung von Lucienberger nicht anders behandelt wird als die Aktionen von Menschen. Bei der Analyse der TC ergeben sich im Folgenden Beobachtungen, die die bisherigen Vorüberlegungen nur zum Teil bestätigen. D 12.4.6 Göttergespräche als separate Szenen Es gibt in der TC 10 Beispiele für solche separaten Göttergespräche, also für Szenen, die nur aus Dialogen von Gottheiten bestehen. Das sind folgende 146 (eingeklammert ist die Anzahl der Verse der jeweiligen Szene): TC I-3 (24) Venus, Iuppiter (über die finale Rettung der trojanischen Schiffe) TC II -2 (74) Venus, Iuppiter (über das Schicksal der Trojaner mit der „Jupiter-Prophezeiung“ eines imperium sine fine für die künftigen Römer) TC II -5 (27) Venus, Cupido (über die Vertauschung Ascanius - Cupido) TC III -2 (34) Iuno, Venus (über eine Verbindung Dido - Aeneas) 146 Faktisch besteht diese Zusammenstellung aus jenen in → Kap. D 12.4.4 aufgeführten Göttergesprächen, die nicht eine mit „dann in …“ angedeutete Fortsetzung in einer Folge- Szene haben. <?page no="433"?> D 12 Strukturfragen 433 TC VI -4 (54) Iuno, Allecto (Allecto soll eine friedliche Aufnahme des Aeneas bei den Latinern verhindern) TC VII -3 (28) Venus, Vulcanus (über neue Waffen für Aeneas; den zweiten Teil seiner Rede in TC 7,3,023-028 richtet Vulcanus nicht mehr im „Himmel“ an seine göttliche Gattin, sondern mit Ortswechsel an seine Schmiedegehilfen, die Kyklopen am Aetna). TC VIII -1 (97) Iuppiter, Venus, Iuno (die einzige Götterversammlung bei Vergil und in der TC , zur Parteinahme für oder gegen die Trojaner) TC VIII -5 (25) Iuppiter, Iuno (über eine vorläufige Rettung des Turnus) TC IX -5 (60) Iuno, Opis (über Junos Nahverhältnis zu Camilla und über Junos Auftrag an die Nymphe Opis, Camillas eventuellen Fall zu rächen) TC X-7 (46) Iuppiter, Iuno (Einigungsgespräch über die künftige Vereinigung von Trojanern und Latinern zu Römern). Solche Gespräche unter Göttern, die separiert von der menschlichen Ebene stattfinden, nennt man „olympische Szenen“ (unabhängig davon, ob sie wirklich ausdrücklich auf dem „Olymp“ angesiedelt sind). D 12.4.7 Weiterführung einer Göttergesprächs-Szene in einer neuen Szene Dass der größere Teil (10 von 18) der Götterdialoge in der TC jeweils eine eigene „olympische“ Szene bildet, bedeutet aber nicht, dass sie folgenlos bleiben. (Das ist in dem tabellarischen Überblick über die 18 Götterdialoge in dem → Unter- Kapitel D 12.4.4 bereits durch die Floskel „dann in TC “ angedeutet.) Die durch ein Göttergespräch ausgelöste göttliche Aktion unter Menschen wird aber eben nicht der separaten olympischen Szene zugeschlagen, sondern in einer der folgenden Szenen (meist der nächsten) vorgeführt. Das trifft für die meisten der 10 Beispiele von separaten „olympischen“ Szenen zu: D 12.4.7a TC I- 3 ( 24 ) Das Versprechen Jupiters gegenüber Venus (in der Aeneis: gegenüber Cybele, der genitrix deorum ), die trojanischen Schiffe, die Latium erreichten, würden in Meernymphen verwandelt werden, wird in TC VII -5 erfüllt, wie das dort in TC 7,5,037-041 (mit folgender Regiebemerkung) eine vox in aëre verkündet, die man als die der Venus betrachten muss (obwohl sie sagt: genetrix iubet ). <?page no="434"?> 434 D Analysen D 12.4.7b TC II - 2 ( 74 ) Die weit in die Zukunft eines weltbeherrschenden Imperium Romanum weisende Jupiter-Prophezeiung gegenüber Venus kann im Rahmen der Aeneis und der TC nicht erfüllt werden; aber wenigstens der Teil der Ausführungen Jupiters, der die Beseitigung der möglichen Gefährdung des Aeneas durch Dido verspricht (und Merkur in TC 2,2,070-074 einen entsprechenden Auftrag gibt), wird anschließend durch das Auftreten der Venus in TC II-3, durch ihr Gespräch mit Aeneas und Achates, und durch das Eingreifen des von Jupiter (durch TC 2,2,070-074) entsandten Merkur in TC 2,4,031-037 erfüllt. D 12.4.7c TC II - 5 ( 27 ) Venus instruiert Cupido, dass er Julus / Ascanius vertreten soll, und dieser ihr Sohn tritt dann als Iulus mutatus in TC II -6 auf. D 12.4.7d TC III - 2 Die trügerische Vereinbarung Junos mit Venus über eine Verbindung Dido - Aeneas wird in TC III -3 zunächst vollzogen. D 12.4.7e TC VI - 4 ( 54 ) Juno weist Allecto an, die Latiner zum Krieg gegen die Trojaner anzustiften, und Allecto wird dann in TC VI -6 und in TC VI -7 im Sinne Junos tätig. D 12.4.7f TC VII - 3 ( 28 ) Das Gespräch zwischen Venus und Vulcanus über neue Waffen für Aeneas hat eine erste Folge noch innerhalb dieser Szene selber, indem sich nämlich Vulcanus im zweiten Teil seiner Rede in TC 7,3,023-028 nicht mehr im „Himmel“ an Venus richtet, sondern mit impliziertem Ortswechsel an seine Schmiedegehilfen, die Kyklopen am Aetna. Aber eine zweite Folge dieses Göttergesprächs in TC VII -3 ist, dass Venus in TC 7,4,095-102 die neuen Waffen Aeneas überreichen kann. Der größere Teil dieser Szene TC VII -4 enthält aber den Abschied des Pallas als Begleiter des Aeneas von seinem Vater Euander. D 12.4.7g TC VIII - 1 ( 97 ) Das Ergebnis der einzigen Götterversammlung bei Vergil und in der TC , bei der Jupiter, Venus und Juno über eine Parteinahme für oder gegen die Trojaner streiten, besteht in der Erklärung Jupiters, er werde sich neutral verhalten und das Schicksal werde seinen Lauf nehmen ( Fata viam invenient ). Das ist ein so allgemeines Prinzip, dass der ganze Rest des Epos und der Dramatisierung als dessen Erfüllung aufgefasst werden kann. <?page no="435"?> D 12 Strukturfragen 435 D 12.4.7h TC VIII - 5 ( 25 ) Das Gespräch zwischen Jupiter und Juno über eine vorläufige Rettung des Turnus findet seine konkrete Ausführung in TC VIII -6 durch den Trick mit dem Scheinbild des Aeneas, das Juno erschafft oder (so scheinen die Prosa-Bemerkungen nach TC 8,5,025 und nach TC 8,6,002 zu besagen) gar selber verkörpert. D 12.4.7i TC IX - 5 ( 60 ) Die Nymphe Opis erfüllt den Auftrag, den ihr Juno in TC IX -5 erteilt hat, nämlich, Camillas eventuellen Fall zu rächen, dann in TC IX -6. D 12.4.7j TC X- 7 ( 46 ) Das Einigungsgespräch zwischen Jupiter und Juno über die künftige Vereinigung von Trojanern und Latinern zu Römern hat (ähnlich wie die Jupiter- Prophezeiung in TC II -2) eine Sonderstellung. Es weist über den Rahmen des Epos und der Dramatisierung (selbst noch über die von Lucienberger erfundene Schluss-Szene TC X-9) hinaus. D 12.4.8 Nicht szenisch abgegrenzte Göttergespräche Es gibt also in der TC zwar 10 Götter-Dialoge, die getrennt vom menschlichen Geschehen sind und eigene „olympische Szenen“ darstellen. Aber fast ebenso viele, nämlich 8, Götter-Dialoge bilden keine separate Szene; diese Gespräche von Gottheit zu Gottheit sind vielmehr in längere Szenen mit menschlichen Akteuren integriert: D 12.4.8a TC II - 1 ( 128 ) Das Gespräch zwischen Juno und dem Windgott Aeolus ( TC 2,1,028b-046) ist - unter Herstellung des chronologischen ordo rerum naturalis - eingeschoben in die Szene TC II -1, in der zuvor Aeneas Abschied von Sizilien und König Acestes nimmt und in der danach Aeneas mitten im Sturm seine Verzweiflung äußert. Noch immer in derselben Szene ruft dann Neptunus die Windgötter Zephyrus und Eurus zur Ordnung ( TC 2,1,055-065), was man als weiteres Göttergespräch betrachten könnte. Der größere Rest der Szene TC II-1 bringt schließlich, wieder im rein menschlichen Bereich, die Landung der Trojaner bei Karthago und deren erste Aktionen an Land, gespiegelt in Reden des Aeneas und dreier Gefährten. D 12.4.8b TC III - 4 ( 57 ) Der Auftrag Jupiters an Merkur (TC 3,4,018-032), er solle Aeneas mahnen, Dido zu verlassen und seiner Bestimmung zu folgen, ist integriert in eine Szene, deren gemeinsames Thema die geforderte Abfahrt des Aeneas aus Karthago ist. Zuerst beschwert sich der Gätuler-König Jarbas, der durch einen Brief des tyrischen <?page no="436"?> 436 D Analysen Königs Pygmalion (dieser ist der Bruder Didos, der ihren Gatten Sychaeus ermordet und so ihre Flucht aus Tyrus verursacht hatte) über die Verbindung Didos mit Aeneas unterrichtet ist, darüber bei Jupiter in einem Gebet; dann folgt als Reaktion die erwähnte Anweisung Jupiters an Merkur. Daraufhin überbringt Merkur die Abmahnung Jupiters dem Aeneas und dieser gibt zwei führenden Trojanern Anweisung, die Abfahrt vorzubereiten. - Erneut mahnt Merkur den Aeneas in TC 3,6,001-011 zur Abfahrt aus Karthago, auch dies ist noch eine Folge des in TC III -4 inkludierten Göttergesprächs Jupiter - Merkur. D 12.4.8c TC IV - 4 ( 94 ) Diese Szene beginnt mit dem Auftrag Junos an Iris, in Gestalt der alten Trojanerin Beroe die Trojanerinnen auf Sizilien zum Verbrennen der eigenen Schiffe anzustiften ( TC 4,4,001-013). Iris antwortet darauf, noch als Göttin, in TC 4,4,014 expediam quodcunque iubes . Ihre folgenden Verse TC 4,4,015-032 richtet sie aber bereits als Iris mutata (in Beroen) an die Trojanerinnen. Der Adressatenwechsel ist von Lucienberger immerhin durch eine *Sternchen-Zeile*, also ein Pausen- Zeichen, signalisiert. Die Handlung um den Schiffsbrand auf Sizilien läuft dann in TC IV -4 bruchlos mit nur menschlichen Akteuren, darunter Aeneas, weiter. D 12.4.8d TC IV - 6 ( 57 ) Ähnlich strukturiert wie TC IV -4 ist auch TC IV -6. Das verbindende Thema dieser Szene ist die Überfahrt der Trojaner von Sizilien zur Westküste Italiens. Der Sicherung dieser Überfahrt dient das Auftaktgespräch zwischen Venus und Neptunus, im Prinzip eine olympische Szene ( TC 4,6,001-034a). Die folgenden Worte des Aeneas in TC 4,6,034b beziehen sich bereits auf die Fahrt selber. Dann stürzt der Schlafgott Somnus - faktisch, aber nicht ausdrücklich in Ausführung der Bedingung des Neptunus, dass die sichere Überfahrt durch den Tod eines Mannes erkauft werden müsse - Palinurus, den Steuermann des Aeneas, ins Meer (aus Aeneas’ Reaktion in TC 4,6,046 zu erschließen) und die Trojaner landen an der Küste von Cumae. D 12.4.8e TC VI - 7 ( 86 ) Diese Szene enthält in TC 6,7,017-032 ein zweifellos in außerirdischer Sphäre spielendes Gespräch zwischen Allecto und Juno, in dem die Furie der Göttin meldet, dass sie deren Auftrag erfolgreich ausgeführt hat. Diese „olympische Szene“ ist aber nicht vom menschlichen Geschehen separiert, sondern in eine sonst ganz auf der Erde spielende Szene eingelegt, in der zuvor die letzte Aktion Allectos (als Auslöserin des Konfliktes zwischen jagenden Trojanern und latinischer Landbevölkerung im Zusammenhang mit der Tötung eines zahmen Hirsches) und danach die Auswirkungen in der Hauptstadt (Turnus übernimmt <?page no="437"?> D 12 Strukturfragen 437 anstelle von König Latinus den Oberbefehl im Kampf gegen die Trojaner) dargestellt sind. D 12.4.8f TC VII - 5 ( 79 ) Diese Szene (die Dramatisierung des Anfangs von Aen. IX ) beginnt mit einer Anweisung Junos an die Götterbotin Iris (in TC 7,5,001-003), ihre Aufträge (die aber nicht konkretisiert sind) Turnus zu überbringen. Offensichtlich ist dies eine „olympische Szene“, bei der Iris im „Himmel“ anwesend ist. Iris antwortet aber nicht ihrer göttlichen Auftraggeberin, sondern ihre Rede in TC 7,5,006-011 richtet sich bereits an Turnus (der zuletzt am Ende von TC VI-8 aufgetreten war) mit der Aufforderung, die Abwesenheit des Aeneas zum Angriff auf das Schiffslager der Trojaner am Tiber zu nutzen. Mit diesem Appell der Iris an Turnus ist ein fugenloser Übergang von der überirdischen zur menschlichen Sphäre erreicht. Der Rest der Szene enthält nur Aktionen auf der Erde, vor allem den erfolglosen Versuch der Latiner unter Turnus, die trojanischen Schiffe in Brand zu setzen. Allerdings greift auch eine überirdische scheinbar anonyme Vox in aëre mit TC 7,5,037-040 in das Geschehen ein. Sie gibt sich aber in ihren Worten als genitrix zu erkennen (also als mater deum Cybele; Lucienberger hatte sie allerdings in der Ankündigung der jetzigen Rettung der trojanischen Schiffe in TC I-3 als Venus identifiziert). D 12.4.8g TC VIII - 4 ( 128 ) In dieser Szene agieren einerseits die Nymphen Cymodocea und Juturna auf menschlicher Ebene, nämlich im Gespräch mit Aeneas ( TC 8,4,004b-032) bzw. Turnus ( TC 8,4,073 f.). Wenn aber der Schutzpatron des Pallas als Hercules non visus während des Zweikampfes zwischen Pallas und Turnus ein Selbstgespräch führt, muss man andererseits diese Passage in TC 8,4,085-090 als im „Himmel“ spielend betrachten. Diese im überirdischen Bereich gesprochenen Worte des vergötterten Hercules sind nicht die Fortsetzung der Aktionen der beiden Menschen, sondern deren Begleitung und Kommentierung. D 12.4.8h TC X- 2 ( 49 ) Im ersten, fast ganz neu gedichteten Teil dieser Szene ( TC 10,2,001-032) verständigt sich eine von Aeneas entsandte trojanische Gesandtschaft mit König Latinus darauf, dass der Krieg durch ein finales Duell zwischen Aeneas und Turnus entschieden und beendet werden soll. Darauf folgt als Reaktion im nicht abgegrenzten letzten Drittel der Szene ( TC 10,2,033-049) ein Göttergespräch im Olymp, in dem Juno sich außerstande erklärt, bei der wahrscheinlichen Niederlage des Turnus zuzuschauen, aber die Nymphe Juturna anweist, ihrem Bruder <?page no="438"?> 438 D Analysen Turnus nach Kräften zu helfen. Juturna tut dies dann wirklich in TC X-3 und in TC X-5, muss aber in TC X-8 ihre Hilfsaktion für Turnus einstellen. D 12.4.9 Fazit für die Struktur der Dialoge unter Göttern in der TC Die Belege gerade des Typs „Göttergespräche in nicht abgegrenzten Szenen“ zeigen, dass für Lucienberger ein wichtiges Szenen-generierendes Moment der Handlungszusammenhang ist. Ein gemeinsames Thema (das in einer Überschrift erfasst werden könnte) kann die Einheit einer Szene ausmachen, auch wenn innerhalb dieser Szene die Personen, der Ort und auch die Zeit wechseln mögen. Das kleine numerische Übergewicht der „separierten“ Göttergespräche im Olymp (oder jedenfalls in einer außerirdischen Sphäre) über solche Fälle, in denen sie nicht von den menschlichen Aktionen abgegrenzt sind (10: 8), zeigt immerhin eine gewisse Tendenz Lucienbergers dazu, olympischen Götterdialogen eine eigene Szene einzuräumen. Er nimmt dabei sogar in Kauf, dass damit überwiegend kurze oder sogar extrem kurze Szenen entstehen. Aber auch die szenisch „separierten“ Göttergespräche haben immer konkrete Folgen für die Aktionen auf der menschlichen Ebene in den Folge-Szenen. (Eine Ausnahme bilden nur göttliche Prophezeiungen, die sich auf die geschichtliche Entwicklung nach dem Ende der Handlung der Aeneis und deren Dramatisierung beziehen.) „Nicht-separierte“ Dialoge unter Göttern bilden mehrfach den Beginn einer längeren, danach unter Menschen spielenden Szene, so in TC IV -4 und TC IV -6 und auch in TC VII -5 (ein Beispiel für einen besonders gelungenen gleitenden Übergang). Im weiteren Sinne kann man diesem Typ auch die Szene TC VI -7 zurechnen, in der ein Göttergespräch zwischen Allecto und Juno ein Intermezzo innerhalb einer im Übrigen durchgehenden Handlung auf der menschlichen Ebene darstellt. <?page no="439"?> E Zur Gesamtwürdigung der von Lucienberger versuchten Gattungstransformation Epos - Drama E 1 Seitenblicke auf andere neolateinische Dramen nach der Aeneis und auf eine moderne (französische) Dramatisierung E 1.1 Seitenblick auf andere neulateinische Dramatisierungen der Aeneis aus dem 16. Jh. und später Glei, 2006, 169-220 hat Nachrichten über 37 neulateinische Dramatisierungen aus dem 16. bis 18. Jh. zusammengetragen und nach Möglichkeit kurz charakterisiert, die auf Teilen der Aeneis fußen (nur Nr. 10, „unsere“ Tragicocomoedia Lucienbergers von 1576 sucht die ganze Aeneis zu dramatisieren). 147 Ich beziehe mich im Folgenden auf die Nummerierung Gleis. Einige dieser 37 von Glei aufgeführten Stücke allerdings sind zwar bezeugt, aber ihr Text ist nicht erhalten: Nr. 1 von 1515: nur Prolog erhalten; Nr. 2 von ca. 1513 / 1517, nur fragmentarisch erhalten; Nr. 3 von ca. 1527; Nr. 7 von 1564; Nr. 9 von 1568; Nr. 22 von 1596. Für mehrere der restlichen Stücke hat Glei keine Autopsie, sondern muss sich darauf beschränken, ältere Beschreibungen zu zitieren. Ich meinerseits fuße mit meinen folgenden Bemerkungen allein auf den Referaten Gleis, nicht auf eigener Kenntnis der betreffenden Stücke. Meine Analyse der TC Lucienbergers für die Geschichte der neulateinischen Dramatisierungen der Aeneis fruchtbar zu machen und umgekehrt, überlasse ich anderen Forschern. In die Zeit vor ca. 1650 fallen 28 dieser 37 Stücke. Davon sind 14, also genau die Hälfte, Dido betitelt (oder auf sie bezogen). Ferner sind folgende Titel vertreten: Nr. 3 Marcantonio Flaminio (1498-1550, vielleicht um 1520): Priamus (allerdings wohl eher auf Euripides als auf Vergil fußend; verschollen); Nr. 9 Gaston Griaeus (geb. 1554; entstanden 1568 in Paris; Handschrift 1944 verbrannt): Pygmalion furens (zum Bruder Didos); Nr. 10 Johannes Lucienberger (ca. 1540-1588): unsere Inclyta Aeneis oder besser TC (S. 149 f. mit Verweis auf Kallendorf, 1994, und mit Kurzvorstellung des 3. Aktes nach Aen. IV ; im Übrigen bietet Glei Bemerkungen wie „Das gewaltige Werk … kann hier nicht als Ganzes besprochen 147 Glei führt noch ein 38. Beispiel an ( Fuga Aeneae / The flight of Aeneas von Mabel Hay Barrows), das 1898 gedruckt worden ist, doch dies ist in mehr als einer Hinsicht ein Sonderfall, den ich hier grundsätzlich unbeachtet lasse. <?page no="440"?> 440 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama werden“; „Die Anlehnung an Vergil ist so eng, dass eine nähere Untersuchung nicht sonderlich viel erbringen dürfte. Immerhin verdient das Drama als Kuriosum gewisse Beachtung.“); Nr. 12 Nicodemus Frischlin (1547-1590; ca. 1582-84, Druck 1585): Venus (Dramatisierung nur von Aen. I; Frischlin hatte schon 1581 eine Dido verfasst: Nr. 11); Nr. 15 Jacob Jacobsen Wolf (1554-1634, Druck 1591, Aufführung 1584 / 1590): Turnus (praktisch nur aus den Turnus in Aen. VII - XII in den Mund gelegten Reden bestehend); Nr. 16 Michael Hospein (1565-1618, Aufführung und Druck 1590): Equus Troianus (nach Aen. II); Nr. 18 Tobias Kober (ca. 1572 - nach 1612, Druck 1593): Troia (nach Aen. II ); Nr. 19 Tobias Kober (ca. 1582 - nach 1612; Druck 1593): Ludi Funebres sive Palinurus (nach Aen. V); Nr. 20 Tobias Kober (ca. 1582 - nach 1612; Druck 1594): Anchises Exul (nach Aen. III ); Nr. 21 Fridericus Lasdorp (geb. ca. 1563): Turnus (das Stück ist allerdings nicht mehr existent, vielleicht ein Phantom); Nr. 24 Heinrich Kielmann (1581-1649; Druck 1613): Venus (nur nach Aen. I); Nr. 25 Johann Heinrich Heilmann (geb. ca. 1605; Druck 1626): Turnus occisus (nach Aen. XII ); Nr. 26 Pedro de Vasconcellos (Lebensdaten unklar): Dares et Entellus (eine 1629 in Coimbra aufgeführte Farce nach einer Episode aus Aen. V); Nr. 27 Johann Raue(n) (1610-1679; Aufführung 1648): Aeneas et Lavinia (nach Aen. VII und XII ). Im Hinblick auf Lucienbergers TC scheinen mir folgende aus Gleis Darlegungen gewonnenen Beobachtungen aufschlussreich zu sein: 1. Lucienbergers TC ist der einzige Versuch, die A e n e i s d u r c h g e h e n d zu dramatisieren. Alle andere neulateinische Dramatisierungen fußen auf e i n z e l n e n oder (wenn sie auf eine bestimme Person wie Dido oder Turnus oder auf das Verhältnis von Aeneas und Lavinia konzentriert sind) auf einer Gruppe der 12 A e n e i s - B ü c h e r. Immerhin plante N. Frischlin (Nr. 11 von 1581), peu a peu alle Bücher der Aeneis zu dramatisieren, hat das aber nur für Aen. IV ( Dido , 1581) und Aen. I ( Venus 1585) durchgeführt. 148 2. Nur selten wird für diese Dramatisierung der H e x a m e t e r verwendet (wie in der TC ), nämlich in Nr. 5 von 1550 (Peter van den Houte / Petrus Ligneus), 149 offensichtlich auch in Nr. 15 und 16 von 1591, in den Tragödien 148 Zu den beiden Stücken Frischlins nach der Aeneis vgl. das monumentale Werk (das in 2 Bänden mehr als 1.000 Seiten umfasst): Nicodemus Frischlin, Hildegardis Magna - Dido - Venus - Helvetiogermani, historisch-kritische Edition, Übersetzung, Kommentar, hrsg., übersetzt und kommentiert von Nicola Kaminski, Bern u. a. 1995, Edition / Übers. der Dido von 1581 (752 Verse) dort 1,243-301, der Venus von 1585 (820 Verse) 1,303-369, Analysen dazu 2,119-190 bzw. 2,191-254. Ich habe meine eigenen Analysen für die TC von 1576 ohne Ausnützung der Erkenntnisse Kaminskis für diese beiden späteren Aeneis-Dramatisierungen verfasst. 149 Diesem 1550 in Leuven / Löwen bei einer akademischen Promotionsfeier aufgeführten und Antwerpen 1559 (unverändert) gedruckten Drama nach Aen. I und IV ist eine der <?page no="441"?> E 1 Seitenblick auf andere neolateinische Dramen nach der Aeneis 441 Dido und Turnus von J. J. Wolf, die in Zitaten der einschlägigen Reden der Aeneis bestanden. - Einmal (in Nr. 27 von 1648) ist der für Aeneas et Lavinia einschlägige Stoff der Aeneis zu einem Prosaschauspiel umgeformt, einige originale Hexameter sind übernommen worden. - Als eine spätere Parallele zur TC kann man, wenigstens für Aen. I und IV , die Dramatisierung durch einen Anonymus Leidensis betrachten (Nr. 30 von ca. 1650), denn der Verfasser behält in dieser Dido „nicht nur das Versmaß, sondern auch den Wortlaut der Vorlage weitgehend“ bei (Glei, 2006, S. 203); nur etwa 10 Prozent der Verse sind nicht wörtlich aus Vergil übernommen. „Am Ende steht ein (an die Zuschauer gerichteter) Epilog der Schauspieler.“ Ähnlichkeit zur TC weist auch Nr. 31 von 1685 ( Aeneas Troianus nach Aen. I- IV ) auf, ein Drama, „das das Versmaß und vielfach auch den Wortlaut Vergils übernimmt“ und laut Glei, 2006, S. 204, mehr ist als „eine Zusammenstellung der Reden aus Vergil für eine Aufführung mit verteilten Rollen“ (wie ein anderer Interpret behauptet hatte). 3. Oft sind C h o r li e d e r eingelegt (nicht aber in der TC ), so in Nr. 2, (auch in Nr. 5), Nr. 6, Nr. 11, Nr. 12, Nr. 13, Nr. 17, Nr. 18, Nr. 19 (1593, in dieser Troia Tragoedia nach Aen. II übernehmen Chorlieder die Funktion des epischen Erzählers), Nr. 21, Nr. 23, Nr. 24; Nr. 27, Nr. 32-34. 4. Es gibt nur selten ein Pendant zum e p i s c h e n E r z ä h l e r der Aeneis, der für die auktorialen Passagen zuständig wäre (in der TC fehlt ebenfalls ein solcher, alles besteht aus Personen-Reden). Bei J. Gretser (Nr. 14, 1585) sollten die Erzählpartien von Aen. V offenbart von einem als „Virgilius“ auftretenden Schauspieler rezitiert werden; es gab auch eigene selbstverfasste Zwischentexte Gretsers zwischen den einzelnen Wettbewerben. Bemerkenswert sind die beiden Tragödien Dido (Nr. 15 von 1591) und Turnus (Nr. 16 von 1591) von J. J. Wolf: sie bestanden in einer Zusammenstellung der originalen einschlägigen Reden der Aeneis, die J. J. Wolf mit verteilten ganz wenigen Spezialuntersuchungen zu neulateinischen Dramatisierungen der Aeneis gewidmet, verfasst von zwei Studentinnen Professor Gleis: Andrae, Janine / Eckmann, Sonja, Die „Dido“ des Petrus Ligneus, 2000 (→ Kap. F 1). Ich habe meine eigene Analyse der TC absichtlich unabhängig von einem solchen (früheren) Parallelfall konzipiert und Andrae / Eckmann erst nachträglich eingesehen. Die Dido des Petrus Ligneus bietet quantitativ nur wenig Material für Beobachtungen zur Transformation auktorialer epischer Partien in die Figuren-Rede eines Dramas. Trotzdem haben auch Andrae / Eckmann (S. 184-186) drei wichtige Transformationstechniken des Petrus Ligneus erkannt, die auch bei Lucienberger vorliegen: Umwandlung der 3. in die 2. Person (als Auftrag oder Ankündigung), von innerem Monolog in direkte Rede (was auch generell für indirekte Reden der Aeneis gilt), Auflösung in Rede und Gegenrede (Auftrag und affirmative Bestätigung). - Vgl. auch → Kap. D 12.3.1 Anm. <?page no="442"?> 442 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama Rollen sprechen ließ. „Die Partien des epischen Erzählers sind entweder weggelassen oder werden vom Chor vorgetragen“ (Glei, 2006, S. 186). - Originell ist bei T. Kober in Nr. 20 von 1593 nach Aen. V die variable Technik bei der dramatischen Transformation der Leichenspiele, die (laut Glei, 2006, S. 191) hier zu einer „erzählenden Reportage“ wird. 5. Es gibt so gut wie nie R e g i e b e m e r k u n g e n (bzw. allgemeiner ausgedrückt: prosaische Zwischentexte), wenn man das Schweigen Gleis in diesem Punkte so auslegen darf. Eine Prüfung wenigstens von Akt I in Nr. 8 von 1562 / 1565 (H. Knaust, Dido ) und von Akt I- II in Nr. 11 (N. Frischlin, Dido ) hat in der Tat ergeben, dass diese Tragödien wirklich keine Regiebemerkungen enthalten. Glei erwähnt (2006, S. 195) nur einmal eine konkrete Regieanweisung, in Nr. 24, einer Dido von J. Tabouret von 1609. Aber eine (ausnahmsweise vorgenommene) Einsichtnahme in Nr. 13 von 1583 (W. Gager, Dido ) zeigt, dass sich in dieser Tragödie mit 1256 Versen (Senaren) doch etliche (deutlich mehr als ein Dutzend) Regiebemerkungen finden (siehe dazu Näheres in → Kap. D 11.3). - Außerdem bieten gerade die drei 1695-1699 verfassten Tragödien von Michael Maittaire, deren Ausgabe und Übersetzung der eigentliche Gegenstand von Gleis „Virgilius cothurnatus“ von 2006 ist (dort S. 9-167; der Katalog bei Glei, 2006, S. 169-220 ist nur ein „Anhang“), Parallelen zu Lucienbergers Gebrauch von prosaischen Zwischentexten, allerdings erst etwa 120 Jahre später: In Maittaires Excidium Troiae mit 331 Versen sehe ich nur einen einzigen prosaischen Zusatz, nämlich am Ende von Akt I (nach Vers 37) in latus equi lanceam impellit sc. Laocoon. (Hinzu kommt noch vor Vers 159 ein Auftrittsvermerk von vier zusätzlichen Personen mit intrant .) Maittaires Dido aber weist zwischen ihren 466 Versen eine Fülle von solchen kursiv gedruckten Zwischentexten auf, die wenigstens relativ an Zahl und auch an Umfang die analogen Einfügungen bei Lucienberger weit übertreffen. Regelmäßig und ausnahmslos bringt Maittaire zu Beginn einer Szene (so in Akt I sc. 1-5, II sc. 1-3, III sc. 1-3, IV sc. 1-5, V sc. 1-4) eine prosaische Situationsbeschreibung in mehreren Druckzeilen; meist ist es eine Art Inhaltsangabe der ganzen Szene. Das erwähnt auch Glei, 2006, S. 21 in seiner Einleitung: „Den einzelnen Szenen sind jeweils kurze erläuternde Texte vorangestellt, die es dem Rezipienten erleichtern, den Zusammenhang der vergilischen Erzählung, wo sie im Drama nicht abgebildet ist, nachzuvollziehen. Auch von Regieanweisungen ist ausführlicher Gebrauch gemacht als im Excidium Troiae “. Er geht aber nicht näher darauf ein. Außer diesen Argumenta-artigen Szeneneinleitungen gibt es gelegentlich innerhalb einer Szene weitere prosaische Situationserläuterungen, obwohl sie schon in der Szeneneinleitung berücksichtigt sind (wie vor Vers 402 in TC V-3 Aeneas expergefactus iubet vela dare, obwohl es schon <?page no="443"?> E 1 Seitenblick auf andere neolateinische Dramen nach der Aeneis 443 in der Einleitung zu TC V-3 hieß: Aeneam in navi dormientem ancoram cito solvere iubet Mercurius ), und Regiebemerkungen. (Auch Glei unterscheidet aber, wie das Zitat zeigt, zwischen prosaischen Erläuterungstexten und Regieanweisungen im engeren Sinne.) Allerdings möchte ich nur wenige Notizen in Maittaires Dido als solche „Regieanweisungen“ anerkennen, so nach Vers 183 fremunt Dardanidae, nach 255 lacrimat , nach 296 Nymphae per totum nemus ululant. Terrae motus. Tonitrua, vielleicht auch noch nach 435 Se gladio transfodit, sc. Dido ) und mehrfach ein intrant -Signal beim Auftritt zusätzlicher dramatis personae innerhalb einer Szene (so vor Vers 184, 324, 386), dazu ein gelegentliches exit (nach Vers 210, 328, 378, 428) bzw. abit (nach Vers 313). - In Maittaires Inferna Navigatio mit 481 Versen finde ich nur drei Beispiele. Zwei davon erwähnt Glei, 2006, S. 31 in seiner Einleitung: „Die Bestattung des Misenus und das Abpflücken des Goldenen Zweigs … werden begreiflicherweise nicht in Szene gesetzt, sondern nur in einem Zwischenkommentar vermeldet … (Der) Abstieg in die Unterwelt, der sich nach Regieanweisung … sogar auf der Bühne vollzieht“. (Dieser „Zwischenkommentar“ vor Vers 208 ff. mit dem Gebet des Aeneas lautet nur: Aeneas post decerptum ramum et sepultum amicum sacrificat. Die erwähnte „Regieanweisung“ nach Vers 227 besteht nur in dem vagen Vermerk ambo, sc. Aeneas et Sibylla, subter terram labuntur, dessen szenische Umsetzung unsicher ist.) Das dritte, von Glei nicht erwähnte, Beispiel ist wieder eine ergänzende Handlungsbeschreibung nach Vers 108: Somnus agitat ramum supra illius (sc. Palinuri) caput; ille sopitur et pronus cadit . - Zur Praxis Lucienbergers, in der TC ausgiebig „Regiebemerkungen“ (prosaische Zwischentexte) einzufügen, s. das → Kap. D 11. 6. Nicht selten existiert zwar ein Manuskript oder ein Druck der Dramatisierung, doch ist - was auch für die TC gilt - k e i n e Au f f ü h r u n g (zweifelsfrei) bezeugt: Nr. 2 von ca. 1513 / 1517; Nr. 4 von vielleicht 1535; Nr. 6 von 1559; Nr. 8 von 1562 / 65; Nr. 9 von 1568; Nr. 12 von 1585; Nr. 14 von 1585; Nr. 19 von 1593; Nr. 20 von 1593, Nr. 21 vom 1596; Nr. 23 von ca. 1600-1610; Nr. 26 von ca. 1615; Nr. 27 von 1626; Nr. 30 von ca. 1650; Nr. 32-34 von 1695-1699 (von Glei, 2006, S. 9-167 behandelt); Nr. 35 von 1704; Nr. 37 von 1741. 7. „Eine bloße D e k l a m a t i o n des Originaltextes des vierten Aeneisbuches mit verteilten Rollen“ (Glei, 2006, 169 zu seiner Nr. 1), die 1515 in Leiden aufgeführt wurde, steht am Anfang der Entwicklung neulateinischer Dramatisierungen der Aeneis. 8. Die P e r s o n e n z a h l ist (wie in der TC ) gegenüber der Aeneis (relativ) vergrößert in Nr. 8, der 1566 gedruckten Dido von Heinrich Knaust: 37 Personen, darunter manche Neuerfindungen, zumal in Didos Hofstaat (vgl. <?page no="444"?> 444 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama dazu besonders Glei, 2008). Auch W. Gager hat in seiner Dido 1583 zwei karthagische Höflinge neu eingeführt. In Nr. 17 ( Equus Troianus von 1590, allein nach Aen. II ) treten 38 namentlich benannte Personen auf, „dazu ein Nuncius sowie Praecones“ (Glei, 2006, S. 187). 9. Glei macht keine genauen Angaben zur Ve r s z a h l der Stücke. So heißt es z. B. von Nr. 8 vage „fünf z.T. sehr lange Akte (fünfter Akt: 18 Szenen)“. Immerhin nennt er die Verszahl der drei von Michael Maittaire wohl 1695-1699 verfassten Tragödien (Nr. 32-34 im Katalog bei Glei, 2006, S. 204 f.) Excidium Troiae nach Aen. II , Dido nach Aen. IV (und Aen. I) und Inferna Navigatio nach Aen. VI , die er selber 2006 eingeleitet, ediert und übersetzt hat: 331, 466 und 481 Verse (Glei, 2006, S. 13). Offensichtlich sind die fast genau 6.000 Hexameter der TC , selbst wenn Lucienberger dafür mit 3 Aufführungstagen rechnete, eine im Wortsinne e-norme Verszahl für eine Dramatisierung. Die Dido -Tragödie von W. Gager (Nr. 13, 1583) hat 1256 Verse (Senare). Immerhin übertrifft sie damit das epische Original, die Dido-Partien in Aen. I (mindestens die 263 Verse von 1,494-756) und in Aen. IV (das ganze Buch mit 705 Versen), an Verszahl um etwa ein Viertel. 10. Auffällig ist in der TC, dass Lucienberger alle G l e i c h n i s s e Vergils und deren Kontext übergangen hat. Auch für Nr. 27 von 1626 ( Turnus occisus nach Aen. XII ) konstatiert Glei, 2006, S. 199 „Gleichnisse fehlen“. (In Aen. XII finde ich immerhin 16 meist längere Gleichnisse.) 11. Äußerungen zur „ t r a g i s c h e n “ N a t u r der Aeneis-Bücher, also gattungstheoretische Überlegungen, finden sich bei Nr. 11 von 1581 (Frischlin, Dido ). Grundsätzliche Ausführungen zu seiner Dramatisierung von Aen. I ( Venus , Nr. 25 von 1613) macht, in Auseinandersetzung mit Frischlin (Nr. 11), auch Kielmann (Nr. 24) (Glei, 2006, S. 197). Frischlin hatte nur Aen. I, weil am Ende dieses Buches niemand stirbt, als nicht-tragisch betrachtet. Auch Kielmann selber versteht laut Glei, 2006, 197 seine Venus von 1613 nach Aen. I (Nr. 24) „als Komödie, nicht als Tragödie“, weil sie mit dem Bankett Didos für die Trojaner endet. (Allerdings bezeichnet er sein Drama im Titel doch als Tragoedia .) Obwohl es bei Kober in den Ludi Funebres sive Palinurus von 1593 (Nr. 20) nach Aen. V laut Glei, 2006, S. 191 zu „recht fröhlichen Leichenspielen“ kommt, nennt er sein Werk doch Tragoedia , weil am Ende von Aen. V eben der Tod des Palinurus steht. Pedro de Vasconcellos hat sein Drama mit dem Titel Declamatio Dares et Entellus inscripta von 1629 (Nr. 28, nach der Episode bei den Gedächtnisspielen für Anchises in Aen. V) als „komödienhafte Szenen rund um Dares und Entellus“ „in lateinischer Sprache, die mit volkssprachlichen und teilweise makkaronischen Einlagen angereichert ist“ gestaltet (Glei, 2006, S. 200). Das als „Dramation“ bezeichnete, mit musikalischen Einlagen angereicherte Stück mit dem Titel „ Pietas <?page no="445"?> E 1 Seitenblick auf andere neolateinische Dramen nach der Aeneis 445 in Peregrinos sive Dido Tyriorum Regina Aeneam hospitio recipiens “ des Jesuiten Adolph von 1704 (Nr. 35) nach Aen. I „trägt heiteren, ja burlesken Charakter“ und hat keinen tragischen Ausgang (etwa Didos Selbstmord am Ende von Aen. IV ), sondern in dem von Dido für Aeneas gegebenen Bankett einen „komödienhaften“ Höhepunkt, bei dem Dido - in krasser Abweichung von der Aeneis - großherzig auf Aeneas verzichtet und ihn in Frieden und Freundschaft zur Erfüllung seiner Mission nach Italien entlässt (nach Glei, 2006, S. 206). Gerade diese Abweichungen von den in der Regel als Tragödien bezeichneten Dramatisierungen der anderen Aeneis-Bücher zeigen, dass entscheidend für eine Bezeichnung eines Stückes als Tragödie betrachtet wurde, wenn eine wichtige Person am Ende stirbt (und als Komödie, wenn nicht). Zu dieser Feststellung kommt auch Glei, 2006, S. 35 „für das Drama des 16. und 17. Jahrhunderts“ bei seiner Betrachtung des Problems, warum denn Maittaire sein Drama (Nr. 34 Inferna Navigatio von 1695 / 99) über Aeneas’ Abstieg zur Unterwelt, die er doch zum Schluss unbeschadet verlässt, Tragoedia nennt. (Das wird nur durch die Hilfskonstruktion ermöglicht, dass gegen Ende der von Maittaire kurz abgemachten „Römerschau“ - in den Versen 471b-478a - der für Augustus schmerzliche verfrühte Tod seines Neffen und Kronprinzen, des jungen Marcellus, in anonymer Form prophetisch vorausgesagt und beklagt wird.) Vor allem auf die kargen literaturtheoretisch auswertbaren Äußerungen Frischlins im Prolog seiner Tragödie Dido (Nr. 11, 1581) gestützt, spricht Glei, 2006, S. 35, von „einem extrem trivialen Verständnis von Tragik, … wonach ‚tragisch‘ jedes Drama ist, das mit einem Tod endet. … Mit tragischer Schuld, tragischer Verwicklung etc. im Sinne des Aristoteles hat das natürlich nichts zu tun.“ Ähnlich äußert sich Glei, 2013, s. dazu → Kap. E 3.1. E 1.2 Ein Seitenblick auf eine moderne französische Dramatisierung der Aeneis Ich habe persönlich vor vielen Jahren, im Mai 1983, eine moderne Dramatisierung der Aeneis, jedenfalls von Aen. I- VI , in München erlebt. Sie wurde durch eine Truppe von französischen Schauspielern aufgeführt, dem Théâtre- Ensemble de Marseille L‘attroupement . Ich besitze den gedruckten Text, auf dem die Aufführung beruhte: L’Énéide d’après Virgile. Texte de Denis Guénoun, Éditions Actes Sud (Paris? ) 1982, 129 S. Der Text ist französisch, nicht, wie die im vorigen → Kapitel E 1.1 betrachteten dramatischen Versionen, lateinisch. Wenn man das gedruckte Text-Buch aufschlägt, das unter der Rubrik „Théâtre“ geführt wird, erkennt man zunächst gar nicht, dass man ein Theater-Stück <?page no="446"?> 446 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama vor sich hat: Der Text enthält keine Sprecherangaben und ist nicht in Dialoge gegliedert. Vielmehr scheint es sich durchgehend um eine Nacherzählung der Aeneis in rhythmisierter Sprache zu handeln. Genau wie in Vergils Epos selber ist das Ganze eine narratio , in der der narrateur Personen sprechend auftreten lässt. Das Stück ist ohne Überschriften formell in drei Episodes gegliedert, die jeweils zwei Chants der Aeneis umfassen: die 1. Episode Aen. I- II , die 2. Aen. III - IV , die 3. Aen. V- VI . (Auf einer deutschen Inhaltsangabe, die in München bei der damaligen Aufführung verteilt wurde, hatten die Episoden die Titel (1) Die Ankunft in Karthago; Der Krieg; (2) Die Reise; Liebeslied; (3) Zwischenstation; Höllenfahrt.) Text und Stück enden mit der Prophezeiung der künftigen römischen Geschichte durch Anchises, reichen also bis zum Ende von Aen. VI . 150 Dass ein Teil der scheinbar durchgehenden rhythmischen Prosa tatsächlich von einzelnen Sprechern, Darstellern der epischen Figuren wie Énée, Achate, Junon, Venus, Didon (um nur die fünf ersten der 16 rôles principeaux zu nennen, die neben dem narrateur für die 1. Episode vorgesehen sind) übernommen werden soll, geht indirekt nur aus dem einleitenden Personenverzeichnis (S. 10-11) hervor. Darin sind für die 3 Teile neben je einem oder gar zwei narrateurs noch (für Teil 1) 16, (für Teil 2) 14 bzw. (für Teil 3) 8 Rollen und deren konkrete französische Darsteller genannt. (Die Rolle des Énée zum Beispiel wurde bei der Münchener Aufführung in den drei Episoden von verschiedenen Schauspielern übernommen; der Énée in der 3. Episode war in der 2. Episode der narrateur ). An sich könnte das ganze Stück von 1 oder 3 narrateurs allein vorgetragen werden. Ebenso gut ist vorstellbar und praktizierbar, dass von der Vielzahl der in Guénouns Text - genau so wie in Vergils Original - eingelegten, graphisch (etwa durch Anführungszeichen) nicht herausgehobenen orationes directae nur einige von Schauspielern gesprochen, die anderen aber vom narrateur mit übernommen werden. (An dieses Prinzip hielt man sich bei der Münchener Aufführung.) Es ist eine große Ausnahme, dass S. 116, beim Gang des Aeneas und der Sibylle (die hier als prêtresse bezeichnet wird) durch die Unterwelt einige von ihnen zu sprechende Passagen im gedruckten Text durch ein schlichtes vorangestelltes Énée bzw . La prêtresse markiert werden. 150 In meiner Ausstellung „Vergil visuell“ in München 1998 habe ich in Beiheft 2 (Katalog der Schautafeln), S. 58 (T 220) die Aufführung „Episches Theater mit Boat-people“ genannt. („Boat-people“ hatte damals noch einen anderen Klang als in den Jahren 2015 ff., wo man an die Flüchtlinge denkt, die das Mittelmeer auf unzureichenden Booten zu überqueren versuchen.) Bootszenen standen im Mittelpunkt; das Motiv des Segelns und Unterwegsseins war vorherrschend. Pittoresk war die Anreicherung durch ethnographische Elemente, durch orientalische Gewänder und Tänze. <?page no="447"?> E 1 Seitenblick auf andere neolateinische Dramen nach der Aeneis 447 Das Stück, das Guénoun verfasst hat, könnte also als reine Epos-Rezitation oder aber als epische Rezitation mit eingelegten Rollenpartien aufgeführt werden. Wegen der so oder so beherrschenden Rolle des narrateur ist es aber auf keinen Fall ein Drama klassischer Art. Der Text Guénouns ist keineswegs ein durchgehend dialogisiertes Stück. Er steht dem Epos Vergils in formaler Hinsicht, unter Gattungsgesichtspunkten betrachtet, viel näher als es der Text Lucienbergers tut. Der Verfasser einer modernen Dramatisierung der Aeneis oder großer Teile von ihr, wie Guénoun 1982, ist weithin mit denselben Problemen konfrontiert, denen sich mehr als 400 Jahre zuvor Lucienberger gegenüber sah. Allerdings hatte Guénoun offenbar von vornherein nicht die Absicht, das Epos Vergils getreu wiederzugeben. Seine „Adaption“ ist aber relativ frei von un-vergilischen Zusätzen oder deutlichen Aktualisierungen. Eine Ausnahme bildet nur die Wiedergabe von Aen. VI . Wenn man im Personenverzeichnis in diesem Zusammenhang die Rollen „une colombe“ und „Stalin“ liest, ahnt man schon, dass Guénoun die Unterwelt, die sein Énée durchwandert, mit zusätzlichen Gestalten füllt, mit Gestalten nicht der römischen Zukunft (die Vergil, der „rückwärts gewandte Prophet“, kannte, aber nach der epischen Fiktion in der Aeneis weit über ein Jahrtausend zuvor „voraussagen“ ließ), sondern der Neuzeit. Sein Énée sieht in der Unterwelt (S. 121) nicht nur Caesar, Marc Anton, Alexander und Hannibal, sondern auch (den französischen König) Ludwig den Heiligen in Afrika, den Admiral Nelson bei Trafalgar und (nur mit seinem bloßen Namen benannt) Abd El Kader (den algerischen Freiheitskämpfer des 19. Jh.s). Und dazu einen unaufhörlich weinenden „Staline“. Dieser Stalin ist der einzige, den Guénoun etwa ein Dutzend Zeilen (S. 122) Text angesichts der beiden Besucher in der Unterwelt (Aeneas und die Sibylle; von Anchises als Erklärer ist nicht die Rede) sprechen lässt. Vergil dagegen legt keiner der Seelen der künftigen Römer auch nur ein einziges Wort in den Mund (das wäre auch situationswidrig), wohl aber toten Personen der Vergangenheit (Palinurus, dem Steuermann des Aeneas; Deiphobus, dem zweiten trojanischen Gemahl Helenas; dem Seher Musaeus; vor allem seinem Vater Anchises; dass er Dido nicht sprechen lässt, ist wohlbegründet). Man sieht an diesem modernen Beispiel von 1982 / 1983, dass es möglich ist, auch in einem Drama ein episches Element, nämlich den außerhalb der Handlung stehenden Erzähler, beizubehalten. <?page no="448"?> 448 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? E 2.1 Einleitung Die Frage, ob die Tragicocomoedia Lucienbergers, die der Autor 1576 drucken ließ, zur bloßen Lektüre gedacht, für eine Rezitation bestimmt oder gar für eine szenische Aufführung konzipiert ist, gehört nicht allein in den Bereich der Rezeptionsgeschichte, sondern auch in den der Produktionsästhetik. (Dass der Autor beim Verfassen seines Werks die Rezeptionsform vorausbedenkt, habe ich durch die Verwendung von „gedacht“, „bestimmt“ und „konzipiert“ angedeutet.) Dass ein gedrucktes literarisches Werk auch zur Lektüre gedacht ist, darf als so selbstverständlich betrachtet werden, dass dieser Aspekt keiner besonderen Betrachtung bedarf. Für die Antike ist sogar davon auszugehen, dass die in den damaligen geschriebenen Medien (Papyrus-Rollen, Pergament-Codizes, eventuell auch Schreibtäfelchen) überlieferten Texte in der Regel nicht still gelesen, sondern durch lautes Lesen (auch bei „einsamem“ Lesen) rezipiert wurden. Auch die Lektüre eines dramatischen Textes durch privates Rezitieren war deshalb in der Antike grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Das wird im 16. Jh. zwar nicht mehr die Regel gewesen sein, ist jedoch auch nicht auszuschließen. Wichtig für die Würdigung der TC ist aber, ob man erkennen kann, dass Lucienberger seine Dramatisierung der Aeneis über eine private und dann wohl eher „stille“ Lektüre hinaus auch auf eine (öffentliche) Rezitation oder gar auf eine Aufführung „im Theater“ bzw. auf einer wie-auch-immer-beschaffenen Bühne angelegt hat. Dass dramatische Texte wirklich auf der Bühne aufgeführt wurden, ist seit ihrer Erfindung in der Antike selbstverständlich. Etwas überspitzt kann man sogar sagen, dass - jedenfalls in den Anfängen des Dramas in Griechenland - die Aufführung älter ist als der geschriebene Text. Dass ein antikes nicht-dramatisches literarisches Werk rezitiert wird, ist nichts Besonderes. Da in der Antike sich auch die private Lektüre eines Einzelnen nicht unhörbar vollzog, sind die Übergänge vom lauten Lesen eines einzelnen zum Vorlesen im privaten Kreis und dann zur öffentlichen Rezitation geradezu fließend - sollte man jedenfalls meinen. Trotzdem wird erst für Asinius Pollio (76 v. Chr. bis 5 n. Chr., der von Vergil in seiner 4. Ekloge gefeierte Konsul im J. 40 v. Chr.) berichtet, er habe es in Rom eingeführt, dass ein Autor sein Werk vor geladenem Publikum rezitierte (Seneca contr. 4 praef. 2: Pollio Asinius … primus enim omnium Romanorum advocatis hominibus scripta sua recitavit ). 151 Man wird 151 Vgl. dazu z. B. Alexander Dalzell, C. Asinius Pollio and the early history of public recitations at Rome, Hermathena 86, 1955, 20-28. <?page no="449"?> E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? 449 die Begründung dieser Praxis frühestens nach 39 v. Chr. ansetzen, als sich Pollio aus der Politik zurückgezogen hatte und literarisch als Historiker tätig wurde. Solche öffentlichen Vor-Lesungen von Werken durch die Autoren waren zur Zeit Vergils († 19 v. Chr.) in Rom also eine noch junge Erscheinung. Offenbar handelte es sich zunächst um die Vorstellung eines fertigen Werkes. Eine solche Rezitation bedeutete zugleich eine „Publikation“, wenn auch nur für ein vom Autor ausgewähltes Publikum. Über das zeitliche Verhältnis solcher mündlichen Darbietungen zu einer Publikation in geschriebener Form (auf Papyrusrollen oder als Kodex), wissen wir nichts. Auch für die schriftliche Art der Publikation gab es kein einheitliche Verfahren: Sie konnte in der Zusendung einzelner Exemplare an Freunde durch den Autor (wie sie durch Briefe Ciceros bezeugt ist) bestehen oder in der Verbreitung durch Buchhändler. Ein gutes Jahrhundert später kann man aus den Briefen des jüngeren Plinius entnehmen, dass der Besuch solcher Rezitationen geradezu zu einer Plage, einer lästigen sozialen Verpflichtung geworden war. Offenbar waren sie also weit verbreitet. Da jetzt auch aus noch unveröffentlichten Werken rezitiert wurde, zu denen das gebildete Publikum Stellung nehmen konnte und sollte, waren die Rezitationen zu einer Art Werkstattgespräch geworden, eine für die Autoren nützliche Entwicklung. Obwohl ein durch Rezitation vorgestelltes Werk sich noch in statu nascendi befand, wurde es durch eine solche Rezitation faktisch doch „publiziert“. Die Spezialfrage, ob ein geschriebenes Drama zur bloßen Lektüre, zur öffentlichen Rezitation oder zu einer wirklichen szenischen Aufführung bestimmt ist, wird für die Antike praktisch allein, aber seit langem, für die Tragödien Senecas diskutiert. Ein Konsens ist allerdings nicht erreicht, da die Befürworter der einen oder der anderen Interpretation sich auf kein antikes Zeugnis zur realen Aufführungspraxis stützen können. Seit Otto Zwierlein, Die Rezitationsdramen Senecas, Meisenheim 1966, scheint immerhin in der Forschung die Meinung vorzuherrschen, die durch den Titel dieses seines Buches angedeutet wird: Die erhaltenen Tragödien Senecas sind wegen scheinbar unüberwindlicher Probleme bei einer Bühnenaufführung als „Rezitationsdramen“ aufzufassen, also als Texte, die nur laut vorgelesen, nicht aber durch Schauspieler agiert werden. Entsprechend diesen allgemeinen Ausführungen kommen für die TC grundsätzlich drei Arten der Rezeption in Frage: (A) private, doch wohl stille Lektüre des Textes der TC in der Buchausgabe; (B) Teilnahme an einer mehr oder weniger öffentlichen Rezitation des Textes durch mehrere Sprecher („Rezitationsdrama“); (C) Zuschauen und Zuhören bei einer szenischen Aufführung. Insbesondere für die Möglichkeit (B), die Darbietung des Textes in Form einer Rezitation, ist eine größere Bandbreite dieser „Performation“ in der Realität <?page no="450"?> 450 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama vorstellbar: nur ein Sprecher - mehrere Sprecher, die teils mehrere Rollen übernehmen - für jede Rolle ein individueller Sprecher - die Sprecher in Normalkleidung - die Sprecher „historisierend“ kostümiert - statische Sprecher, die sitzen oder stehen - gestikulierende oder gar agierende Sprecher - Sprecher mit dem Buch in den Händen - auswendig rezitierende Sprecher usw. usw. Aber diese Varianten hängen von den äußeren Umständen ab, etwa von der Zahl der zur Verfügung stehenden kompetenten Sprecher. Vielleicht stehen für die rund 150 Rollen, die Lucienberger laut seinem Personenverzeichnis vorsieht (→ Kap. B 5), nur zwei oder drei Dutzend Personen zur Verfügung, die lateinische (! ) Hexameter rezitieren können. Aber das sind Aspekte einer realen Aufführung, nicht einer literarischen Analyse. Mir geht es darum, möglichst zu klären, (1.) welche der drei Hauptarten der Rezeption der Autor Lucienberger intendierte und (2.) ob sein Text wirklich dafür, besonders als Darbietung in Form einer Rezitation (Möglichkeit B) oder als Bühnenspiel (Möglichkeit C), geeignet und - was nicht genau dasselbe ist - ausreichend ist. Die erste (1.) Frage kann schwerlich durch das Studium des dramatisierten Textes selber beantwortet werden. Man wird vielmehr in den sog. Paratexten, den Begleittexten, die den Text der TC in der Buchausgabe von 1576 umgeben (s. allgemein das → Groß-Kap. B mit dem Überblick in → Kap. B 1), am ehesten der Epistola dedicatoria (die die Funktion eines Vorworts hat), nach Indizien suchen müssen. Das wird in → Kap. E 2.5.1-3 geschehen. Die zweite (2.) Frage hat sich immer wieder bei der Analyse des dramatisierten Textes aufgedrängt: Bietet der Text, vor allem der Text ohne Berücksichtigung der „Regiebemerkungen“, hinreichend Informationen, damit der Zuhörer oder Zuschauer sich ein konsistentes Bild der Handlung machen kann? Die Antwort ist oft negativ. Ohne Kenntnis des Prätextes, der originalen Aeneis, ist die Handlung gerade dann, wenn sie aktionsreich ist, aus dem bloßen dialogischen Text oft kaum erschließbar. Einen gewissen Ersatz für die Kenntnis des zugrundeliegenden Epos bieten immerhin die Informationen der prosaischen Inhaltsangaben (Argumenta), die in der Buchausgabe den einzelnen 10 Akten vorangestellt sind. E 2.2 Der erste Rezitator der Aeneis: Vergil selber Der erste Rezitator von Werken Vergils war Vergil selber. Aus Angaben in seiner ältesten und relativ verlässlichsten antiken Biographie, aus der weithin auf einer Anfang des 2. Jh.s entstandenen Vergil-Vita Suetons fußenden Vita Suetoniana-Donatiana ( VSD ), geht hervor, dass er persönlich die vier Bücher seiner vollendeten Georgica im J. 29 v. Chr. vor Augustus rezitiert hat (dabei sich mit Maecenas abwechselnd, VSD § 27 Georgica reverso post Actiacam victoriam <?page no="451"?> E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? 451 Augusto atque Atellae reficiendarum faucium causa commoranti per continuum quadriduum legit suscipiente Maecenate legendi vicem, quotiens interpellaretur ipse vocis offensione ). 152 Eine entsprechende Rezitation ist auch für drei Bücher seiner noch unvollendeten Aeneis bezeugt ( VSD § 33). 153 Dabei soll es zu einem spektakulären Zwischenfall gekommen sein: Octavia, die Schwester des Augustus und Mutter des jüngst (im J. 23 v. Chr.) in jungen Jahren verstorbenen „Kronprinzen“ Marcellus, sei in Ohnmacht gefallen, als Vergil in der als Zukunftsvision stilisierten „Heldenschau“ die Verse (Aen. 6,868-886) vom frühen Tod ihres Sohnes, des hoffnungsvollen Neffen des Augustus, vorlas. Das ist die berühmteste Einzelheit, die überhaupt aus dem Leben Vergils im Altertum berichtet wurde (und die auch in Gemälden und Buchillustrationen der Neuzeit am häufigsten dargestellt wird 154 ): Von Zeitgenossen wurde Vergils Vortragskunst, seine einnehmende Stimme, sein Mienenspiel und seine Gestik ( vox, os, hypocrisis ) gerühmt, die den Text in unvergleichlicher Weise zur Geltung gebracht hätten ( VSD § 29 unter Berufung auf Seneca pater, der seinerseits für diese Nachricht den Dichter Julius Montanus zitierte). Vergils Verse klängen gut, wenn er sie selber vortrage; ohne ihn seien sie leer und stumm. Ein solch hohes Lob für den Rezitator Vergil wird aber nach seinem Tode niemanden davon abgehalten haben, mit eigener Stimme zu versuchen, die Verse des Dichters Vergil zum Klingen oder mindestens zum Sprechen zu bringen. Doch Lucienbergers Werk ist kein Epos mehr, sondern ein dramatisiertes Epos, ein Drama, eine Tragicocomoedia . Dafür stellt sich die Frage dringlicher, 152 Diese vier Tage lange Rezitation ist wohl so zu verstehen, dass täglich je eines der vier Bücher der Georgica vorgelesen wurde. Da diese nur 514 (georg. I), 542 (georg. II) oder 566 (georg. III und IV) Hexameter lang sind, ist es erstaunlich, dass Vergil allein nicht der stimmlichen Belastung einer solchen Rezitation gewachsen war. Von einer Lesung der Georgica „mit verteilten Rollen“ zwischen Vergil und Maecenas wird man aber bei einer solchen Lehrdichtung nicht sprechen wollen. Wenn doch, wird Vergil die Rezitation der Proömien, in denen er als Autor in Ich-Form spricht und jeweils Maecenas anredet (in georg. I 3, II 41, III 41, IV 2), sich selber vorbehalten haben. 153 In VSD § 33 sind die Bücher Aen. II, IV und VI genannt. Der Vergil-Kommentator Servius (um 400) behauptet zu Aen. 4,323, Vergil habe Augustus im kleinen Kreis Aen. III und Aen. IV vorgelesen, und zwar die Verse mit den bitteren Vorwürfen und Klagen Didos an die Adresse des Aeneas mit ungeheurer Leidenschaftlichkeit ( ingenti affectu ). Wenn die Vita (VSD § 33) als Zeitangabe der Rezitationen aus der Aeneis perfecta demum materia nennt, soll das wohl bedeuten, dass das Werk zwar noch nicht vollendet war, die Konzeption aber bereits feststand. In der Tat hatte Vergil laut VSD § 23 schon früh für die Aeneis einen Prosaentwurf gemacht und eine Einteilung des Stoffes in 12 Bücher vorgenommen. - Die Episode von der „Ohnmacht der Octavia“ bestätigt auch Serv. Aen. 6,861. 154 Vgl. dazu W. Suerbaum, Die Sichtbarkeit des Autors in seinem Werk. Vergil in Buchillustrationen zur Aeneis. In: Gymnasium 116, 2009, 413-458 (mit 22 Abb.). <?page no="452"?> 452 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama ob es sich um ein bloßes Lesestück oder mindestens ein Rezitationsdrama handelt, womöglich sogar um ein echtes Bühnenwerk. E 2.3 Vorüberlegungen zur Darstellungsform der TC : Ein Rezitationsdrama mit Vergils Aeneis als Basis? Im Grunde steht es im Hinblick auf die Beantwortung der Frage, ob die TC Lucienbergers eine bloße Dialogisierung zur Rezitation, also ein Rezitationsdrama, oder aber das Textbuch für eine wirkliche theatralische Aufführung ist, nicht anders als bei den Tragödien Senecas: Es gibt (meines Wissens) kein äußeres Zeugnis darüber, in welcher Weise der Text des gedruckten Buches VP 1576B im Erscheinungsjahr oder auch in den seitherigen Jahrhunderten benutzt worden ist. Man kann nur mit Wahrscheinlichkeitserwägungen argumentieren. Dazu gehört auch die Überlegung, dass ein junger Autor von wahrscheinlich wenig mehr als 30 Jahren (vgl. zu seiner Biographie das → Kap. A 2), der sich in VP 1576B auf dem Titelblatt nur als Iuris candidatus bezeichnet und sonst weiter nichts über seinen Stand und seine Verbindungen verrät (auch nicht in der Epistola dedicatoria der TC), kaum die Möglichkeit hatte, eine lateinische Rezitation vor erlesenem Publikum zu veranstalten. Er hätte dafür zwar nicht unbedingt 150 individuelle Sprecher für jede der über 150 Rollen seiner TC gebraucht, wie es das Personenverzeichnis der TC nahelegt, aber doch insgesamt mindestens 20, weil so viele sprechende Personen in der am stärksten „frequentierten“ Szene, in TC I-2, auftreten (vgl. zur Zahl der wirklich erforderlichen Sprecher oder auch Schauspieler meine Überlegungen in → Kap. E 2.5.8-10). So viele qualifizierte Rezitatoren eines lateinischen Textes wird ein Iuris candidatus , der nicht Lehrer an einem Gymnasium war (wie aus Lucienbergers Biographie in → Kap. A 2 hervorgeht), schwerlich zur Verfügung gehabt haben. Mir scheint es deshalb am einleuchtendsten, dass Lucienberger eine Textgrundlage für eine etwaige, eine mögliche dramatische Aufführung oder Rezitation der Aeneis vorlegen wollte, nicht unbedingt ein Textbuch für eine bestimmte, womöglich von ihm selber organisierte. Mir scheint es evident zu sein, dass Lucienberger seine Aeneis-Adaption mindestens zur (öffentlichen, also vor Publikum abgehaltenen) Rezitation bestimmt hat. Wenn er eine stille Aeneis-Lektüre hätte fördern wollen, hätte er nur einfach auf einen gedruckten Originaltext Vergils verweisen können; gedruckte Ausgaben der Aeneis gab es auch schon vor 1576 in unüberschaubarer Menge. Wenn er sich aber die Mühe machte, die Aeneis durchgehend zu dialogisieren, also die Partien der Aeneis, die der epische Erzähler verantwortete (63 bzw. 53 Prozent des Epos, s. die Statistik in → Kap. D 3.1), zu eliminieren <?page no="453"?> E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? 453 und / oder durch Äußerungen sprechender Figuren zu ersetzen, dann wollte er gewiss mindestens, dass seine gedruckte dialogisierte Aeneis-Adaption, die TC , von mehreren Sprechern mit verteilten Rollen vorgelesen werde. E 2.4 Mögliche Konzeptionen eines Rezitationsdramas nach der Aeneis Wenn man Vergils Aeneis rezitieren will, bieten sich im Prinzip - wenn nicht eine (1) Person alles vortragen soll - zwei Vorgehensweisen an: A. Man behält den originalen Text des Epos bei, lässt die erzählenden Partien von einem narrateur sprechen und alle eingelegten wörtlichen Reden von unterschiedlichen Sprechern in der Rolle der jeweiligen Figur vortragen. Eine solche Lösung hat den Vorteil, dass am Text Vergils nichts geändert zu werden braucht. Es wäre ein Lesen des originalen Textes mit verteilten Rollen. Allerdings bräuchte für diese Vortragsweise niemand eine eigene Publikation drucken zu lassen. Jede beliebige Aeneis-Ausgabe könnte als Textbuch dienen. Man müsste darin nur markieren, welche Verse welcher Sprecher zu rezitieren hat. Wenn Lucienberger eine solche Rezitation angestrebt hätte, wäre VP 1576B vermutlich nie erschienen. 155 B. Die gesamte Aeneis wird von Rollensprechern rezitiert. Dann können die originalen „direkten“ Reden, die die Akteure der epischen Handlung halten, beibehalten werden. Zusätzlich aber - und das ist das Entscheidende und Unterscheidende - müssen die erzählenden Partien irgendwie in Äußerungen von Figuren der Handlung umgesetzt werden. Die Ablösung des epischen Erzählers und seine Ersetzung durch handlungsinterne Akteure sind wesentlich für diese Alternativ-Konzeption. 156 Und für sie hat sich Lucienberger entschieden. Immerhin hat der Autor Vergil als Verfasser eines Epos dem Autor einer durchgehenden Dialogisierung seines Werkes gewissermaßen vorgearbeitet: Mehr als ein Drittel, nach anderer Rechnung sogar fast die Hälfte der Aeneis besteht bereits aus wörtlichen Reden der Figuren der Handlung, die Lucienberger also unverändert übernehmen konnte (und die er auch tatsächlich unverändert übernommen hat ). Vgl. darüber Näheres mit Statistiken in → Kap. D 3.1. 155 Allerdings hat es in der Geschichte der neolateinischen Dramatisierungen der Aeneis sehr wohl solche Stücke gegeben, die faktisch nur in einer partiellen Zusammenstellung von Originalreden in der Aeneis bestanden; s. in → Kap. E 1.1 den Abschnitt 4. 156 Zur Dramaturgie, bes. zum Verschwinden des epischen Erzählers in der TC vgl. Hélène Cazes, Mises en pièces. Recueils de lieux communs et adaption dramatique d’un auteur classique à la fin du XVI e siècle, in: G. Forestier / J. P. Néraudau (Hrsgg.), Un classicisme ou des classicismes? , Actes … Reims 1991, Pau 1995, 199-215, hier 209-214 (zu TC V-2, dem Beginn der Durchwanderung der Unterwelt) als konkretem Beispiel) (→ Kap. F 1). <?page no="454"?> 454 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama E 2.5 Hinweise auf eine szenische Aufführung in den Paratexten zur Ausgabe der TC ? E 2.5.1 Indizien für eine szenische Aufführung im Text der TC und in den beigefügten Paratexten Innerhalb des gesprochenen und eventuell gleichzeitig szenisch darzustellenden TC -Textes selber wird man keine Indizien für eine solche szenische Aufführung erwarten dürfen. Es würde sich um eine Illusionsdurchbrechung handeln. Immerhin liegt eine solche in einem singulären Ausnahmefall in den beiden letzten Versen der TC vor, in der Wendung ad spectatores , s. dazu → Kap. D 8.4. Sehr wohl aber sind Hinweise auf eine vom Autor intendierte Aufführungspraxis in den prosaischen Zwischentexten möglich, die man „Regiebemerkungen“ zu nennen pflegt. In der Tat ist das der Fall in der Klasse C dieser Prosa- Zwischentexte (→ Kap. D 11.4), den Regieanweisungen im engeren Sinne, s. dazu → Kap. D 11.7. Viele von ihnen können als Anweisungen für eine bloße Rezitation verstanden werden, vor allem als Hinweis, in welcher Form die betreffende Passage vorzutragen sei. Einige wenige aber haben nur für eine szenische Aufführung Sinn, z. B. der Hinweis auf Kanonendonner (Beispiele s. im → Sach-Index F 2 s.v. Akustisches; vgl. auch die dort s.v. szenische Aufführung angegebenen Kapitel). Eher als im Text der TC wird man Indizien für eine eventuelle szenische Aufführung in den Paratexten erwarten, die in der Buchausgabe VP 1576B der eigentlichen Dramatisierung beigegeben sind. In ihnen wird ja in der Regel über die TC gesprochen, also vielleicht auch über die vom Autor intendierte Darstellungs- und damit auch Rezeptionsform. Es geht mir bei der (in → Kap. 2.5.2-4 folgenden) Auswertung der Paratexte „nur“ darum, ob Lucienberger eine szenische Aufführung intendiert hat, nicht darum, ob eine solche jemals stattgefunden hat. Nachrichten über zeitgenössische Aufführungen der TC im 16. Jh. (→ Kap. E 2.5.6) oder, was ja auch möglich wäre, in der Gegenwart, wo es im gymnasialen oder universitären Ambiente sogar gelegentlich zu Aufführungen von Tragödien Senecas im nur leicht adaptierten lateinischen Original kommt (s. dazu → Kap. E 2.5.7 mit Anm.), sind (mir) nicht bekannt. E 2.5.2 Indizien für eine Aufführung in der Epistola dedicatoria Am ehesten wird man Aufschluss darüber, wie sich der Autor Lucienberger die Rezeption seiner TC oder, umgekehrt ausgedrückt, die Darbietung dieses seines Textes vorstellte, in der Epistola dedicatoria erwarten, die in den Scans 8-12 (nach Titel in Scan 5, Wendung Ad benevolum lectorem in Scan 6 und Widmung an 12 fürstliche Adressaten in Scan 7) eine Art Vorwort für die Buchausgabe von <?page no="455"?> E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? 455 1576 darstellt. Sie richtet sich vornehmlich an jene 12 deutschen Fürstensöhne, die in jener Widmung namentlich angesprochen werden. In der Tat findet sich ungefähr in der Mitte der Epistola dedicatoria (auf Scan 10) eine einschlägige Äußerung Lucienbergers: Taliter instructos esse debere omnes, qui populorum regimen et administrationem sustinent, hoc inclyto Poëmate Virgilius Poetarum optimus demonstrare voluit. Quod ego propterea in decem hos Actus, licet contra receptum Comoediarum Tragoediarumque morem, digessi et disposui, ut, si viva voce vivisque gestibus coram tenerae aetatis principibus recitaretur, maturius et maiori cum fructu radices in eorum animis ageret eosque ad sublimiorem spem promtiores redderet. Dieser Passus variiert und erweitert eine Erklärung, die Lucienberger bereits an der frühestmöglichen Stelle, auf der Titelseite seiner Buchausgabe von 1576 (in Scan 5) gemacht hatte: Dort sagt der Autor über seine Tragicocomoedia , durch sie würden die Leiden und Taten des Aeneas „mit lebendigen Gesten auf die Bühne und gewissermaßen vor Augen geführt“ ( qua … varii Aeneae … labores … atque horrida bella … vivis gestibus in proscenium deducuntur et quasi ob oculos ponuntur ). Aus den beiden einander bestätigenden und ergänzenden Passagen geht hinreichend deutlich hervor: Lucienberger wollte oder setzte jedenfalls voraus, dass seine TC auf die Bühne gebracht ( in proscenium deducuntur ), also szenisch aufgeführt würde. Wenn der Vortrag viva voce sich auch auf bloße Rezitation (die immerhin über das stumme Lesen eines Buches hinausgehen würde) beziehen könnte, weist vivisque gestibus doch recht deutlich auf die Gestikulation eines Schauspielers hin und die Erwähnung eines proscenium muss sich zweifelsfrei auf die Aufführung auf einer Bühne beziehen. Nur für eine szenische Aufführung, nicht schon durch eine ausdrucksvolle Rezitation, wird man in Anspruch nehmen können, dass durch sie das tragi-komische Geschehen quasi sub oculos gestellt wird. Wenn dieser Aspekt der „Augenscheinlichkeit“ eigens hervorgehoben wird, muss er mehr sein als ein bloßes Phantasiebild, wie es bei jeder, sogar bei einer stummen Lektüre eines Textes entsteht. E 2.5.3 Indizien für oder gegen eine szenische Aufführung im Catalogus habitationum et personarum In gewisser Weise könnte man den ganzen in VP 1576B enthaltenen Katalog der in der TC sprechenden Personen (s. dazu → Kap. B 5) für ein Argument gegen eine intendierte szenische Aufführung der Tragicocomoedia halten: Es sind mit rund 150 Rollen schlicht zu viele, als dass es möglich erscheint, eine solche Zahl von Sprechern oder gar Schauspielern, die lateinische Verse rezitieren könnten, zusammenzubringen. <?page no="456"?> 456 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama In unserem Zusammenhang, wo es um Indizien für die Darbietungspraxis der TC geht, interessiert vor allem der Schluss der letzten Gruppe (Nr. 14) in der Habitatio Latini . Dort folgt auf die zunächst genannten 36 Personen noch eine Sondergruppe von 5 Personen, die (mit einer Ausnahme) nichts mit König Latinus zu tun haben. Eigentlich müsste die unauffällige Zwischenüberschrift Praeterea zu einer mit den Habitatio -Gruppen Nr. 1-14 gleichrangigen Hauptüberschrift erhoben sein. In dieser Praeterea -Gruppe sind zusammengestellt: (a) Prologus, (b) Periocharum recitator, (c) Nuncius unus, (d) Praeco unus, (e) et Epilogus. Über den (c) Nuncius unus und den ( d) Praeco unus ist bereits in → Kap. B 5 gehandelt. Im Hinblick auf die Art der intendierten Darbietung der TC sind aber die drei anderen Rollenbezeichnungen aufschlussreich : (a) Prologus, (b) Periocharum recitator, (e) Epilogus . Alle drei Rollenbezeichnungen kommen - anders als (c) Nuncius unus und (d) Praeco unus - in den einzelnen Personenregistern für die 67 Szenen nicht vor. Es sind keine Akteure der Handlung der TC (und auch nicht der Aeneis Vergils), sondern zusätzliche Akteure bei einer Aufführung der TC : (a) ein Sprecher des Prologs (s. dazu → Kap. B 7.1, (e) ein weiterer Sprecher des Epilogs der TC (s. dazu → Kap. B 7.2) und ein weiterer (b) Sprecher ( recitator) , der die Periochae (Inhaltsangaben) vorträgt. Dieser (b) Periocharum recitator ist, wie (a) der Prologus und (e) der Epilogus, keine Person des eigentlichen Stückes (der TC ) : Er „rezitiert“ die Inhaltsangaben. (Eine andere Darstellungsweise als eben eine Rezitation ist für eine solche Rolle nicht denkbar; er kann und soll ja nicht etwa in einer Ein-Mann-Show alle rund 150 Rollen vorweg repräsentieren.) Es gibt in der Buchausgabe allerdings zwei unterschiedliche Zyklen von Inhaltsangaben: 10 in einem Block der TC vorangestellte metrische Periochae für alle 10 Akte (Scan 18-25), dazu aber auch, jeweils vor dem Beginn der 10 Akte nach deren Titel-Holzschnitt eingefügt, 10 prosaische Argumenta im Umfang von meist 1-2 Scans (s. dazu → Kap. B 6). Vom Periocharum recitator vorgetragen wurden vermutlich (wie schon diese Rollen-Bezeichnung nahelegt) die metrischen Periochae (die aber nicht in Hexametern, wie die TC , formuliert sind, sondern in Distichen von 6 und 4 Jamben), vermutlich nicht die prosaischen Argumenta . (Die Periochae sind nicht nur knapper, sondern auch näher am Text der TC als die weit ausführlicheren Argumenta.) Dann aber ist wahrscheinlich - jedenfalls wäre das die vernünftigste Lösung -, dass die 10 Periochae nicht alle en bloc (nach dem Pro- <?page no="457"?> E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? 457 log) zu Beginn des ersten (von drei) Aufführungstagen rezitiert werden (dann hätten die Zuhörer des dritten und letzten Aufführungstages den Inhalt von TC Akt VII-X wohl längst wieder vergessen), sondern einzeln vor Beginn des jeweiligen Aktes. Dann wären aber die an sich informationsreicheren Prosa-Inhaltsangaben, die in der Buchausgabe vor den einzelnen Akten stehen, überflüssig. Nur wenn also der Block der metrischen Periochae doch zusammenhängend vor Beginn von TC I-1 rezitiert worden wäre, hätte ein Verlesen auch der Prosa- Argumenta jeweils zu Beginn der 10 Akte einen Sinn. Man kann nicht direkt behaupten, dass diese drei Zusatz-Rollen der Sprecher von Prolog, Epilog und von Inhaltsangaben eindeutig eine intendierte szenische Aufführung beweisen. Aber diese Sprecher-Rollen wären für eine bloße Buch- Lektüre überflüssig; an ihrer Stelle hätte Lucienberger ohne weiteres als Autor in eigenem Namen „sprechen“ können. Deshalb ist die Existenz dieser drei Extra-Rollen-Sprecher doch als Indiz für eine intendierte szenische Aufführung, mindestens für eine Rezitation mit mehreren Sprechern, zu werten. E 2.5.4 Die Rolle der Exodia für eine Aufführung der TC Das stärkste Argument dafür, dass Lucienberger seine TC für eine szenische Aufführung (mindestens aber eine öffentliche Rezitation) intendiert hat, besteht darin, dass er für sie drei burleske, kurze Zwei- oder Drei-Personen-Stücke, die Exodia (Scan 292-297), geschrieben hat, die an den drei Tagen, auf die die Darbietung der Tragicocomoedia verteilt werden sollte, gespielt werden sollten, wie er das in Scan 292 vorschrieb. Offenbar sollten sie als entspannendes Nachspiel fungieren. Es ist unvorstellbar, dass er diese Stücke als bloße Leseunterhaltung verfasst hat. Es ist unwahrscheinlich, dass er nur an eine öffentliche Rezitation gedacht hat. Die Einleitung zu den drei Exodia (in Scan 292) spricht sowohl für die Exodia als auch für die zuvor an drei Tagen gebotene Tragicocomoedia von „Aktion“: Eiusmodi tria (sc. exodia) subijciam, quae sub finem trium dierum, quibus haec Regia Tragicocomoedia agitur, exhibebuntur. Vgl. im Übrigen → Kap. B 9, besonders → Kap. B 9.1. E 2.5.5 Wie sollten die 10 Akte der TC auf 3 Aufführungstage verteilt werden? Wenn Lucienberger seine drei im Anhang De exodiis beigefügten „Nachspiele“ einem 1., 2. und 3. Aufführungstage zuteilt (→ Kap. B 9.1), fragt man sich natürlich, wie die 10 Akte der TC auf diese drei Tage verteilt werden sollten. Die einzelnen Akte haben eine ganz unterschiedliche Länge: TC I - 996, II - 772, III - 505, IV - 434, V - 678, VI - 519, VII - 710, VIII - 447, IX - 521, TC X - 426 Verse. Die ganze TC enthält also 6.008 Hexameter. Rein rechnerisch würden also auf jeden Aufführungstag fast genau 2.000 Verse entfallen. <?page no="458"?> 458 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama Für eine Dreiteilung der TC , eine Darbietung an drei Tagen, ergeben sich unter rein numerischen Gesichtspunkten nur drei einleuchtende Möglichkeiten: (a) TC Akt I und II mit 1.768 Versen, TC III bis VI mit 2.136 Versen, TC VII bis X mit 2.104 Versen; (b) TC Akt I bis III mit 2.273 Versen, TC IV bis VI mit 1.631 Versen, TC VII bis X mit 2.104 Versen; (c) TC Akt I bis III mit 2.273 Versen, TC IV bis VII mit 2.341 Versen, TC VIII bis X mit 1.394 Versen. Auf den ersten Blick erscheint die an erster Stelle genannte Variante (a) als die in numerischer Hinsicht ausgewogenste. Aber entscheidend kann nur sein, welche Dreiteilung in inhaltlicher Hinsicht sinnvoll ist, und umgekehrt, welche äußere Zäsur-Setzung einen inhaltlichen Zusammenhang zerreißen würde. Den ersten Tag könnte man sinnvoll sowohl mit TC Akt II als auch mit TC Akt III enden lassen: Am Ende von TC Akt II -7 ist in der TC die Handlung vom Einholen des Hölzernen Pferdes bis zum Abschluss der Erzählung des Aeneas am Hofe Didos in chronologischer Folge dargestellt und damit inhaltlich Aen. I- III abgeschlossen. Dido scheint sogar mit ihrem Hinweis darauf, dass „innen“ ( intus TC 2,7,230) alles vorbereitet sei, und mit ihrer Aufforderung an Aeneas „einzutreten“ ( intremus TC 2,7,231) zu signalisieren, dass die Bühne oder jedenfalls die Spielfläche verlassen wird. In der Buchausgabe ist nach TC 2,7,234 deutlich markiert, dass jetzt finis actus secundi et libri I Aeneidos (was allerdings zu libri III Aeneidos zu emendieren ist) erreicht sei. Allerdings bedeutet das Ende von TC Akt III -6 in allen Aspekten eine inhaltlich mindestens ebenso starke Zäsur: Dido ist tot, die karthagische Dido-Episode also abgeschlossen, Bicias (ein Höfling Didos ) befielt, Didos Leiche „hineinzutragen“ ( intro ferte TC 3,6,115); in der Buchausgabe wird dann auf finis actus tertii et IIII . libri Aeneidos verwiesen. Wenn man also nicht klar entscheiden kann, ob der 1. Aufführungstag besser mit TC Akt II ≈ Aen. III (Variante a) oder mit TC Akt III ≈ Aen. IV (Varianten b und c) schließen sollte, muss man die Optionen für den Inhalt des 2. Aufführungstages prüfen: eher (a) TC Akt III bis VI oder (b) Akt IV bis VI oder Akt (c) V bis VII ? TC Akt III bis VI (Variante a) bedeutet inhaltlich: vom Ende Aen. III (Abschluss der Erzählung des Aeneas vor Dido) bis zum Ende von Aen. VII (Truppenkatalog der italischen, gegen die Trojaner verbündeten Streitkräfte, plus Entsendung des Venulus zu König Diomedes, um diesen Griechen als zusätzlichen Bundesgenossen gegen die Trojaner zu gewinnen). Hauptschauplätze sind: weiterhin Karthago, Sizilien mit den Leichenspielen für Anchises, die Unterwelt, Latium. - TC Akt IV bis VI (Variante b) würde Aen. V bis VII entsprechen; die Handlung <?page no="459"?> E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? 459 würde die Liebesepisode zwischen Dido und Aeneas in Karthago nicht mehr einschließen, sondern im Wesentlichen in Sizilien, der Unterwelt und Latium spielen. - TC Akt IV bis VII (Variante c) würde ebenfalls nach Abschluss der Karthago-Episode ganz in Sizilien, der Unterwelt und Latium spielen, aber außer Aen. V bis VII auch noch Aen. VIII mit dem Abstecher des Aeneas zu Euander nach Pallanteum, dem nachmaligen Rom, und Aen. IX mit den ersten Kampfhandlungen zwischen den Latinern und den Trojanern in Aen. IX TC Akt VII sc. 5-7 mit einschließen. Eine Abwägung dieser drei Optionen für den 2. Aufführungstag ergibt in meinen Augen ein deutliches Plus für die Wahl der Variante (b). Damit würde dann der 1 . Au f f ü h r u n g s t a g TC Akt I- III (2.273 Verse) ≈ Aen. I- IV (Ende Trojas - Ende Didos), der 2 . Au f f ü h r u n g s t a g TC Akt IV - VI (1.631 Verse) ≈ Aen. V- VII (Sizilien, Unterwelt, Landung in Latium bis Truppenaufmarsch der Gegner) und der 3 . Au f f ü h r u n g s t a g TC Akt VII-X (2.104 Verse) ≈ Aen. VIII - XII (Vorbereitung und Durchführung der Kämpfe in Latium bis zu dem für Aeneas glücklichen Ende) bringen. Diese Dreiteilung der TC (und auch die beiden anderen weniger wahrscheinlichen Varianten a und c) überspielt eindeutig die von Vergil betonte Zweiteilung der originalen Aeneis in zwei ungefähr gleich lange Hälften: in die „odysseische“ erste Hälfte mit Aen. I- VI (4.755 + 36 = 4.791 Hexameter) und in die „iliadische“ zweite Hälfte mit Aen. VII - XII (5.141-36 = 5.105 Hexameter), an deren Anfang (wenn auch nicht genau an der Buchgrenze Aen. VI / VII) mit Aen. 7,37-45a das „Zweite Proömium“ ( Nunc age … Erato … expediam … Maius opus moveo ) steht. Daneben lässt sich in der Aeneis Vergils auch eine Dreiteilung erkennen: Aen. I- IV (Fall Trojas, Irrfahrten, Karthago-Episode) - Ablösung von Troja; Aen. V- VIII (Sizilien, Unterwelt, Latium, „Rom“) - Annäherung an die neue Heimat - Aen. IX - XII (Latium) - in vier „Kampf-Büchern“ Ringen um die Behauptung der neuen Heimat. Aber auch diese Dreiteilung der originalen Aeneis ist nicht identisch mit der Dreiteilung, die Lucienberger für eine Aufführung der TC vorsieht. E 2.5.6 Zu möglichen Aufführungsorten der TC Es könnte sein, dass die Widmung der gedruckten Ausgabe an 12 Prinzen (vgl. dazu → Kap. B 3.2-3) eine Art Ersatz der für künftige Aufführungen empfohlenen Praxis sein soll, die anwesenden Aristokraten namentlich und / oder titular im Prolog anzusprechen. Eine solche Deutung impliziert zugleich die Hypothese, dass die Uraufführung der Tragicocomoedia Lucienbergers in Anwesenheit der genannten Fürstensöhne bereits stattgefunden hat und das gedruckte Buch VP 1576B mit der TC sozusagen die Publikation des damals (vielleicht schon <?page no="460"?> 460 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama 1575) zugrundegelegten handschriftlichen Textbuches ist (vgl. dazu → Kap. B 3.3). E 2.5.6a „pro ratione loci“- zur Suche nach dem Ort der Uraufführung der TC Mindestens für die Zukunft weist Lucienberger den Prolog-Sprecher der TC an, den Ort und das konkrete (adelige) Publikum einer Aufführung zu berücksichtigen: er soll (so die Anweisung in Scan 26 nach Vers 8 des vom Prologus zu sprechenden Textes ) pro ratione loci et personarum, ubi coramve quibus agetur sein Vorwort ergänzen bzw. modifizieren. Im Sinne der Bedingung pro ratione loci kann man auch fragen, was denn der Ort für eine nur hypothetisch erschlossene Aufführung der TC gewesen sein mag, an der die in der Buchausgabe genannten Fürstensöhne an drei (aufeinanderfolgenden) Tagen teilgenommen haben könnten. Dafür kommen nur wenige Orte in Frage. (a) Zum einen werden sich diese jungen Aristokraten aus Wien, Sachsen, Braunschweig-Lüneburg, Hessen und vom Mittelrhein (Kurpfalz und Nassau) kaum in einer beliebigen Kleinstadt in (vermutlich) Mitteldeutschland versammelt haben, um womöglich an einer Schulaufführung der TC teilzunehmen. Man wird vermuten dürfen, dass sie, zusammen mit ihren Vätern, zu einer überregionalen Versammlung politischen Charakters angereist sind und die dreitägige Aufführung zum Begleitprogramm gehörte. (b) Zum andern erforderte die Aufführung der TC, selbst bei einer bloßen Rezitation oder szenischen Lesung, auf jeden Fall eine Vielzahl von kompetenten Sprechern lateinischer Hexameter. Diese Voraussetzung war wohl nur in Universitätsstädten gegeben, dazu in Städten, an denen es florierende Lateinschulen gab. (c) Schließlich wird man die hypothetische Uraufführung der TC am ehesten an einem Ort im biographischen Lebensbereich des Autors Lucienbergers vermuten. Meines Erachtens erfüllten nur drei Städte um 1576 diese drei Bedingungen: Frankfurt a. M., Marburg und Mainz. E 2.5.6b Frankfurt a. M. als problematischer Ort der Uraufführung Zunächst habe ich als selbstverständlich betrachtet, dass eine eventuelle, schon vor der Publikation der Buchausgabe erfolgte Aufführung der TC in Frankfurt stattgefunden haben wird, dem Ort der Publikation und (offenbar) dem damaligen Wohnort des Autors Lucienberger. Aber dagegen spricht, dass in Frankfurt als Spieler bzw. Sprecher faktisch nur Schüler oder Lehrer der vom Stadtrat der Freien Reichsstadt 1519 gegründeten Lateinschule zur Verfügung standen; eine Universität erhielt Frankfurt erst 1914. Dann aber dürfte man erwarten, dass Lucienberger unter den Widmungsträgern irgendwie auch den Bürgermeister oder andere Organe Frankfurts und vielleicht auch den damaligen Direktor dieser Lateinschule untergebracht hätte (irgendwie - denn alle die aristokratischen <?page no="461"?> E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? 461 Widmungsträger sind ja keine aktuellen Amtsinhaber, sondern nur Aspiranten darauf). Jedenfalls fällt ex negativo an der Liste der 12 jugendlichen Widmungsträger auf, dass es sich ausschließlich um die Söhne von Fürsten in der Abfolge ihres Ranges handelt - dass aber ein Vertreter der reichsunmittelbaren Freien Reichsstadt Frankfurt fehlt. Für den theoretisch möglichen Aufführungsort Frankfurt habe ich zudem versucht, über das Archiv der dortigen Lateinschule von 1519, die noch heute in Gestalt des Lessing-Gymnasiums besteht, Aufschluss über eine etwaige Aufführung der TC zu erhalten. Aber es liegt kein entsprechendes Zeugnis vor. 157 E 2.5.6c Andere Optionen für den Ort einer hypothetischen Uraufführung Marburg und Mainz nenne ich in erster Linie als Optionen für eine mögliche Uraufführung der TC deshalb, weil es sich in beiden Fällen um Städte mit Universitäten handelt, an denen der Autor Lucienberger selber studiert hat. Am ehesten kommt für eine eventuelle Uraufführung doch wohl Marburg in Frage, die Hauptstadt der Landgrafschaft Hessen, dessen zukünftiger Herrscher ja tatsächlich zu den Widmungsträgern gehört. (Der Landesherr der Stadt Mainz, der Erzbischof von Mainz, hatte möglicherweise „natürliche“ Söhne aufzuweisen, aber keine legitimen.) Aber ob es um das Jahr 1575 / 76 in Marburg oder Mainz Gelegenheiten (etwa einen dort abgehaltenen Fürstentag) für eine szenische 157 Im Frankfurt des ausgehenden 16. Jh.s, einer lutherischen Reichsstadt, käme als Träger (und gleichzeitig als Publikum) einer eventuellen szenischen Aufführung der TC von 1576 (oder auch nur für die Rezitation der TC) m. E. nur die dortige 1519 gegründete städtische Lateinschule in Frage. Sie besteht noch heute: das Frankfurter Lessing-Gymnasium; für seine Geschichte vgl. den guten Wikipedia-Artitkel „Lessing-Gymnasium (Frankfurt am Main)“. Meine Anfrage (im März 2015) an die Leitung dieses Lessing-Gymnasiums, ob es entsprechendes Archivmaterial oder gar eine Auswertung einschlägiger Nachrichten, z. B. in einem Schulprogramm gebe, wurde freundlich beantwortet, brachte aber kein positives Ergebnis. Herr StD Manfred Capellmann antwortete mir nach intensiven Recherchen in den Archivalien des Gymnasiums am 27. 4. 2015, dass eine Aufführung der TC nicht belegt sei. Immerhin fand sich der Hinweis, dass zwischen 1550 und 1563 dort unter dem Rector Cnipius „mancherlei Comoedien und Tragoedien gespielt“ worden sind. Nachweislich ist 1617 ein Luther-Drama von Schülern der Frankfurter Lateinschule aufgeführt worden. Außer einer Schulaufführung kommt im Frankfurt des 16. Jh.s keine andere Möglichkeit in Betracht. Das zeigt die ca. 550-seitige Untersuchung von Elisabeth Mentzel, Geschichte der Schauspielkunst in Frankfurt a. M. von ihren Anfängen bis zur Eröffnung des städtischen Komödienhauses. Ein Beitrag zur deutschen Kultur- und Theatergeschichte, in: AFGK = Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 17, 1882, 1-544. In dieser kenntnisreichen Darstellung werden aufgrund der herangezogenen städtischen Quellen nur Aufführungen behandelt, die von Zünften und fahrenden Wandertruppen getragen wurden; vom Schulspiel ist überhaupt nicht die Rede. <?page no="462"?> 462 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama Aufführung der TC gegeben hat, können nur lokalhistorische Forschungen klären. E 2.5.7 Warum gab es vermutlich keine späteren Aufführungen der TC ? Von größerem Interesse ist aber die Frage, warum es nicht nur aus der Zeit um 1576 kein Zeugnis für eine wirkliche Aufführung der TC gibt, sondern warum auch keine späteren Aufführungen bekannt sind (jedenfalls mir nicht), die nach und unter dem Eindruck der Publikation von VP 1576B erfolgt wären. (Aktualisiert und personalisiert stellt sich die Frage auch für die Zeit nach dem Erscheinen dieser meiner wissenschaftlichen Publikation, durch die zum mindesten auf die Existenz und leichte Zugänglichkeit einer Ausgabe der TC in Gestalt des digitalisierten Exemplars von VP 1576B in der BSB = Bayerischen Staatsbibliothek München aufmerksam gemacht wird - ich erwarte für 2018 ff. keinen plötzlichen Boom an Aufführungen der TC ! ) Für diese negative Bilanz können Gründe ganz verschiedener Art vermutet werden. Ich übergehe in diesem Zusammenhang allgemeine Rezeptionsgesichtspunkte wie das abnehmende Interesse an antiker Literatur und speziell auch an Vergil (allerdings erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts) und beschränke mich auf eher praktische Schwierigkeiten einer Aufführung der TC . An erster Stelle steht gewiss das Faktum, dass die TC keine Dramatisierung der Aeneis in deutscher Sprache ist, sondern in lateinischen Hexametern. Das beschränkt die Spielmöglichkeiten, sowohl im Hinblick auf die Akteure wie auf das Publikum, von vornherein praktisch auf den unmittelbaren Umkreis von Universitäten und Gymnasien mit Lateinunterricht. - An originalen antiken Dramen in lateinischer Sprache stehen nur die Komödien des Plautus und des Terenz und die Tragödien Senecas zur Verfügung: Es gibt dafür, soweit ich sehe, Aufführungen fast nur im akademischen Bereich und auch das nur selten genug. Eine Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist das Wirken meines genialischen latinistischen Kollegen an der Universität München, des weltbekannten Vorkämpfers des Latein-Sprechens auch in der modernen Welt, Wilfried Stroh. Seine Inszenierung der Troades Senecas („ Troas “) im lateinischen Original hat es zu mehreren öffentlichen Aufführungen auch außerhalb der akademischen Biotop-Zone gebracht. 158 158 Die Aufführung ist gut dokumentiert. Der Spiritus rector Wilfried Stroh hat seine Methodik und Praxis auch selbst analysiert. Vgl. nach W. Stroh, Senecae Troadis libellus bilinguis - zweisprachiges Textheft zu Senecas Troas, composuerunt S. Vogt, V. Stroh, Ph. Trautmann (darin u. a.: Text der Münchner Bühnenfassung mit metrischer Übersetzung, S. 14-71; De Senecae Troade S. 74-83), München 1993, speziell W. Stroh / B. Breiten- <?page no="463"?> E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? 463 In zweiter Linie wird in mehrfacher Hinsicht die Größe des Stückes abschrecken: (a) die enorme, für ein Bühnenstück außergewöhnliche Länge des Textes, für den Lucienberger selber (wie die Existenz seiner drei „Nachspiele“ beweist) mit einer Verteilung auf drei Tage rechnete; (b) die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der zu gestaltenden Schauplätze zu Land, auf dem Meer und im Himmel; (c) die außerordentliche Menge von mehr als 150 Rollen, die zu besetzen sind (→ Kap. B 5). Über (a) die Dreiteilung der TC habe ich bereits an anderer Stelle (in → Kap. E 2.5.5) gehandelt; für (b) die Meisterung der Probleme einer visuellen Inszenierung vertraue ich auf den Einfallsreichtum eines interessierten Regisseurs und Bühnenbildners und zusätzlich der Phantasie der Zuschauer, nicht auf meine eigenen Überlegungen am Schreibtisch; für (c), die allzu große Zahl von Sprechern oder Schauspielern, die für eine Aufführung der TC nötig zu sein scheinen, möchte ich jedoch (in → Kap. E 2.5.8-10) einige relativierende Betrachtungen anstellen. E 2.5.8 Die problematische Vielzahl der Sprecher-Rollen für die TC Für die riesige Zahl von etwa 150 Rollen „auf dem Papier“, wie sie Lucienberger vorschreibt (→ Kap. B 5), bieten sich für die Realisierung in einer konkreten Aufführung mehrere Reduktionsmöglichkeiten an. Die unterschiedlichen Rollen mehrerer Personen, die nur einmal oder wenige Male auftreten, könnten durchaus von einem einzigen Sprecher wahrgenommen werden. Die Zuschauer bzw. Zuhörer einer Aufführung, die kein Textbuch (also keine gedruckte TC ) vor sich haben, erfahren ohnehin kaum einmal die Namen der auftretenden Personen, schon gar nicht die von Nebenfiguren (vgl. zu diesem Phänomen das → Kap. D 1.2 und bes. → Kap. D 1.4 über „nicht-identifizierte Sprecher in der TC ). Wichtiger als der Name ist für die Zuschauer die Funktion, der Rang oder die Gruppenzugehörigkeit der Akteure (Rutuler / Latiner oder Trojaner und die jeweiligen Bundesgenossen; ältere Ratgeber eines Fürsten oder jugendliche draufgängerische Krieger usw.). Bei einer szenischen berger, Inszenierung Senecas, in: Orchestra: Drama, Mythos, Bühne, Festschrift Hellmut Flashar, hrsgg. von Anton Bierl / Peter von Möllendorff, Stuttgart / Leipzig 1994, 248-269 (darin S. 248-263: Die Aufführung der 'Troas' als philologisches Experiment); diese deutsche Version von 1994 liegt in neuer Bearbeitung vor bei W. Stroh, Staging Seneca. The production of Troas as a philological experiment, in: John G. Fitch (Hrsg.), Seneca, Oxford 2008 (= Oxford Readings in Classical Studies), 195-215, anschließend 216-220 ein Appendix (von W. Stroh mit K. Kagerer) Performances of Seneca’s tragedies since 1993; vgl. auch noch W. Stroh, Troas, in: Gregor Damschen / Andreas Heil (Hrsgg.), Brill's companion to Seneca: Philosopher and dramatist, Leiden 2014, 431-443. Vgl. auch Christian Klees, Seneca actus. Transformations- und Adaptationsprozesse zur Bühnenaufführung der Phaedra , Pallas 95, 2014, 83-93 (im Internet zugänglich). <?page no="464"?> 464 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama Aufführung mögen dafür die Kleidung, Embleme, und Bewaffnung oder Insignien (etwa ein Zepter) wichtige Aufschlüsse geben. Es sei dahingestellt, ob es das Verständnis der Zuschauer erleichtert oder erschwert, wenn ein und derselbe Sprecher z. B. die Rolle älterer Könige wie Acestes auf Sizilien ( TC I-7. II -1. IV -1 und IV -3, dazu IV -5) und Latinus in Latium (der in späteren Akten der TC insgesamt 10-mal auftritt: in VI-1. 3. 5. 7, IX-3, X-1. 2. 3. 4. 9) übernimmt, oder wenn ein anderer nacheinander die von Helenus ( TC I-5 und 6) und Euander ( TC VII -2 und 4, TC IX -1) spielt. Erleichtert wird eine Einsparung beim benötigten Schauspieler-Personal durch die Verteilung des überlangen Stückes auf drei Aufführungstage. Wie auch immer man sich den Zuschnitt der drei Teile auch vorstellen mag (darüber Näheres in → Kap. E 2.5.5): eine durchgehende Rolle in allen drei Teilen der TC haben nur wenige Personen. Das sind zum einen die Göttinnen Ve n u s (die nur in den Akten TC V- VI und IX -X keinen Auftritt hat) und J u n o (die nur in TC I und TC V fehlt), nur mit Einschränkungen auch J u p i t e r (der sechsmal redet: in TC I-3, II -2, III -4, VIII -1 und 5, X-7). Im Übrigen sind nur die führenden Trojaner mehr oder weniger durchgehend präsent: Die 41 Auftritte des A e n e a s verteilen sich über alle 10 Akte. A c h a t e s , der treue Begleiter des Aeneas, redet in 15 Szenen, aber nur in den Akten TC I-V (also nicht mehr in der zweiten Hälfte der TC - bei Vergil ergreift er überhaupt nur einmal, in Aen. 1,582-585, das Wort). Auch J u l u s , der Sohn des Aeneas, hat 10+1 Auftritte als Sprecher, die sich auf fast alle Akte verteilen (I-6 und 7, III -3, IV -4, VI -2 und 7, VII -6 und 7, IX -6, X-9; dazu als Iulus mutatus = Cupido im Sprecherverzeichnis zu TC II -6, im Text dieser Szene wird er als Sprecher von TC 2,6,006-008 und 2,6,010 f. ausnahmsweise Ascanius genannt - in Vergils Aeneis erscheint er sowohl als Ascanius wie auch als Iulus . Zwar sind auch Tu r n u s (wie Achates) 15 Reden zugeteilt und König L a t i n u s 10, aber sie treten nur in der zweiten Hälfte der Aeneis bzw. am 2. oder 3. Aufführungstag der TC auf (Turnus in VI -6. 7. 8, VII -5 und 7, VIII -4 und 6, IX -3. 4. 6, X-1. 3. 5. 6. 8; Latinus in VI -1. 3. 5. 7, IX -3, X-1. 2. 3. 4. 9). Alle anderen Personen oder Personengruppen, auf die die Trojaner bei ihren Irrfahrten und dann in Latium treffen, erscheinen als Sprecher nur in einzelnen Akten der TC . Dadurch ergeben sich vielfache Möglichkeiten, einem Sprecher zwei oder mehrere Rollen bei einer Aufführung der TC zu übertragen. Das im Einzelnen zu analysieren, überlasse ich aber einem realen Regisseur. Ich beschränke mich bei dieser Art von Was-wäre-wenn (die TC wirklich aufgeführt würde oder aufgeführt worden ist)-Spiel auf einen Teilaspekt, die Frauen-Rollen. <?page no="465"?> E 2 Überlegungen zur Darbietungsform der TC: Rezitation oder szenische Aufführung? 465 E 2.5.9 Zu den Frauenrollen in der TC Als Beispiel für Einsparungsmöglichkeiten für Rollen-Sprecher bei einer realen Aufführung der TC sei die Gruppe der Frauen betrachtet. Überlegungen zur Zahl der mindestens notwendigen Sprecher innen sind hier deshalb am einfachsten, weil in der Aeneis Vergils nur wenige sprechende Frauen vorkommen. Es sind 21 (von insgesamt 80 sprechenden Personen) und dazu noch das Kollektiv von matres Latinae in Aen. 11,483-485. In der TC sind es nur wenige mehr. In ihr sprechen nach meiner Zählung 26 individuelle Frauen; hinzu kommen noch die drei Kollektivbegriffe Maenades sive Bacchae ( TC VI -5) , Troiades ( TC IV -4) sowie senes (Latini) et mulieres ( TC 9,3,223). Aber für eine Aufführung der TC müssten nicht unbedingt 26 individuelle Sprecherinnen plus einigen Statistinnen zur Verfügung stehen. Die Darstellerin z. B. der C r e u s a , Aeneas’ erster (trojanischer) Gattin, die in TC I-2, zweifellos am 1. Aufführungstag, auftritt, konnte später durchaus auch in der Rolle der L a v i n i a , seiner zukünftigen (zweiten, latinischen) Gattin, auftreten. (Lavinia spricht in der Aeneis Vergils nicht, wohl aber zweimal in der TC , in TC X-4 und 9.) Solche Rollen-Identitäten würden sogar Beziehungen oder Funktionen sinnfälliger machen. Vielleicht konnte jene Darstellerin von zwei Partnerinnen des Aeneas auch noch die Rolle D i d o s (die sieben Mal in TC II - III spricht: in II -4. 6. 7, III -1. 3. 5. 6) übernehmen. - Es gibt noch zahlreiche weitere Rollen menschlicher Frauen in der TC , nämlich A c c a ( Camillae comes in TC IX -6), A m a t a ( TC VI -5, IX -4, X-1 und 4), A n d r o m a c h e ( TC I-5 und 6), A n n a ( Didonis soror ) (TC III-1. 5 und 6), B a r c e ( nutrix Didonis ) (TC III-5 und 6), C a m il l a (TC VI-8, IX-4 und 6), C a s s a n d r a (TC I-1), D e i p h o b e und S i b y l l a (sie sind bei Vergil identisch, bei Lucienberger aber zwei Personen: TC V-1. 2 und 3), H e c u b a (TC I-2), L a c a e n a = H e l e n a ( TC I-2), H y o p h il a (TC IV-5, VII -7; in der TC ist die in Vergils Aeneis anonyme Euryali mater so benannt), P h y l li s ( ancilla Didonis ) ( TC III -5), P y r g o ( anus Troiana ) ( TC IV -4 und 5), S y l v i a ( TC VI -7). Aber es dürfte genügen, wenn für sie alle insgesamt nur zwei weitere Sprecherinnen zur Verfügung ständen: eine für Frauen hohen Ranges (und meist auch höheren Alters) wie Amata, Andromache, Anna, Camilla, Cassandra, Hecuba, Helena, Sibylla und die andere für Frauen niedrigen Standes wie Acca (? ), Hyophila, Phyllis, Pyrgo, Silvia. Nur für TC III -5 hat Lucienberger vier Frauen-Rollen vorgesehen, doch könnte hier neben Dido und Anna eine dritte Sprecherin ausreichen, die zugleich Phyllis und Barce darstellen würde, denn diese beiden Frauen werden weder mit Namen angeredet noch lassen ihre Äußerungen sie als unterschiedlich erscheinen. Andererseits würde es schwer möglich sein, dass Anna (die als soror Didonis kenntlich ist und dreimal, in TC 3,1,001, 3, 5,088 und 3,5,115, sogar mit Namen angeredet wird) auch als Phyllis <?page no="466"?> 466 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama und Barce spricht, denn diese beiden reden Dido respektvoll als Regina an ( TC 3,5,001 und 3,5,085). Zusätzlich zu den 3 Sprecherinnen, die für die 17 Rollen menschlicher Frauen ausreichen sollten, müsste es aber auch noch jeweils eine eigene Darstellerin für die G ö t t i n n e n J u n o (die in 10+1 Szenen aufritt: in TC II -1, III -2, IV -4, VI -4. 7, VII -5, VIII -1. 5, X-2. 7, ferner IX -5) und Ve n u s (die ebenfalls 10-mal in Erscheinung tritt: in TC I-2. 3, II -2. 3. 5, III -2, IV -6. VII -3. 4, VIII -1) geben, die auf keinen Fall von ein und derselben Sprecherin gespielt werden dürften - und das auch ohnehin nicht könnten, weil sie in TC III -2 und VIII -1 miteinander reden oder gar streiten. (Die Göttinnen Diana und Magna Mater = Cybele, denen Vergil Reden zuteilt, sind in der TC durch Juno bzw. Venus ersetzt.) Für die weiteren 6 götterähnlichen oder nichtmenschlichen Akteure, 159 die Nymphen I r i s ( TC III -6, VII -5 und 7), O p i s ( TC IX -5 und 6), C y m o d o c e a (die Sprecherin der in Meernymphen verwandelten Schiffe des Aeneas in TC VIII -4), die Harpyie C e l a e n o ( TC I-5) und J u t u r n a ( TC VIII -4, X-2. 3. 5 und 8) sowie für die Furie A l l e c t o ( TC VI -4. 6. 7 , die außer Cymodocea alle contra Troianos wirken, sollte notfalls eine einzige Sprecherin ausreichen Nach dieser Berechnung könnte ein Regisseur für die Besetzung der 25 individuellen Frauenrollen in der TC mit 6 Sprecherinnen auskommen. E 2. 5. 10 Maximale Personenzahl in einzelnen Szenen Nicht einmal die maximale Personenzahl in einer einzelnen Szene bietet eine verlässliche Grundlage für die notwendige Zahl an entsprechenden Schauspielern. Sie ist weder für das Maximum noch für das Minimum ein Maßstab dafür, wie viele Schauspieler für eine szenische Aufführung der gesamten TC benötigt werden. Das Maximum der Personen, die im Verzeichnis der Akteure der einzelnen 67 Szenen genannt sind, stellen die 20 Rollen für TC I-2 dar (vgl. zu dieser Szene → Kap. D 12.3.7e). Es folgt mit 16 Einzelpersonen plus socii TC IV -3, dann TC VII -7 mit 14 Einzelpersonen. Einerseits ist es evident, dass die Gesamtzahl der Sprecher für die ganze TC doch um einiges größer sein muss als die 20 für TC I-2. Wenn z. B. in der 159 Die Gestalt und das Wirken der personifizierten Fama (Aen. 4,173 ff.) erwähnt Lucienberger nicht in TC III-4, ganz davon zu schweigen, dass er sie etwa redend einführt (vgl. generell → Kap. D 9.7). Er ersetzt sie in TC III-4 durch einen stummen Nuncius cum litteris , dessen Schreiben Jarbas liest und referiert, indem er in TC 3,4,001-004 die von Vergil indirekt referierte Botschaft der Fama in einer Art Selbstgespräch übernimmt: s. dazu → Kap. D 11.8.8, auch → Kap. D 11. 8. 16. Vgl. auch TC 1,5,116-118, wo Chaonius, ein von Lucienberger erfundener individueller Bewohner von Epirus, eine Information bringt, die in Aen. 3,294 die Aeneaden durch die fama erfahren, s. dazu → Kap. D 12.3.4. Vgl. ferner → Kap. C 4.3.6 und Kap. D 8.2. <?page no="467"?> E 3 Die TC als „Tragikomödie“ 467 nächsten Szene TC I-3 (nur) Venus und Jupiter sprechen, wäre es verwirrend, wenn irgendein männlicher menschlicher Sprecher aus TC I-2 die Rolle des Göttervaters übernähme. (Venus ist schon in TC I-2 selber aufgetreten.) Die größeren Rollen (d. h. die in mehreren Szenen auftretenden Personen) sollten von Sprechern wahrgenommen werden, die auch bei Nichtbeschäftigung in anderen Szenen nicht für dort zu besetzende kleinere Rollen einspringen. Andererseits erfordert auch diese an Akteuren reichste Szene TC I-2 (deren Gegenstand in nur 220 Versen die ganze Eroberung Trojas vom Öffnen der Tore durch Helena bis zum Verlassen der brennenden Stadt durch Aeneas und seine Gefolgsleute ist) nicht notwendiger Weise 20 Sprecher. Die weitgehende Anonymität der auftretenden Personen erlaubt es, dass von einzelnen Sprechern mehrere (kleinere) Rollen übernommen werden. Wenn man prüft, welche Personen denn in TC I-2 mit Namen oder Namensumschreibungen angeredet oder auf andere Weise für einen Zuschauer identifizierbar sind, so sind das nur wenige: Sinon (aber nicht unbedingt durch TC 1,2,001-004, sondern erst durch TC 1,2,084-089, ferner durch sein namentliches Auftreten bereits in TC I-1); Aeneas (der von Hektor in TC 1,2,019 als nate dea angeredet wird); Hektor (dessen Namen Aeneas in TC 1,2,014 nennt); vielleicht (wegen ihrer Erwähnung des Menelaus) Lacaena = Helena; Panthus (von Aeneas angeredet in TC 1,2,031), das königliche Paar Priamus und Hecuba; Pyrrhus (als Sohn Achills in TC 1,2,076 apostrophiert); Venus; Anchises; Creusa - insgesamt nur 11 der 20 Personen. E 3 Die TC als „Tragikomödie“ E 3.1 Zum Titelbegriff der Aeneis-Adaption Lucienbergers Lucienberger nennt bereits im Titel seine Dramatisierung der Inclyta Aeneis Vergils eine tragicocomoedia . (Daraus habe ich die Abkürzung „ TC “ gebildet.) Er gebraucht diesen Begriff tragicocomoedia für sein Werk noch dreimal titular in den Paratexten der Buchausgabe VP 1576B (s. dazu → Kap. B 2), aber ohne ihn zu erklären oder gar zu begründen. Deshalb kann man nur Vermutungen darüber anstellen, warum er diesen Gattungsbegriff für sein Werk, ein durchgehend dialogisiertes Epos, gewählt hat. Bisher hat sich nur Glei, 2013, innerhalb eines Aufsatzes zur Frage, ob Turnus im neulateinischen Drama als tragischer Held erscheine, flüchtig zu diesem Problem geäußert. Er beschäftigt sich darin S. 119 f. mit dem glücklichen Ende der Inclyta Aeneis (wie Glei die TC nennt), gestützt auf das Argumentum Actus Decimi und auf die Schluss-Szene TC X-9 mit der Feier des Aeneas durch <?page no="468"?> 468 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama Trojaner und Latiner und der Stiftung der spolia opima durch Aeneas. Wichtiger als diese eher referierenden Bemerkungen sind seine Hinweise (in seiner Einleitung S. 115-118) auf die banale zeitgenössische Auffassung von „Tr a g ö d i e “, wie sie sich im Vorwort zur Dido-Tragödie von Nicodemus Frischlin 1581 zeige: „‚tragisch‘ heißt einfach, dass am Ende jemand stirbt“ (Glei, 2013, 117). Frischlin (vgl. dazu auch in → Kap. E 1.1 den Abschnitt Nr. 11) deutet nämlich alle Einzelbücher der Aeneis, mit Ausnahme von Aen. I ( primus liber Comoediae videtur similior ), wegen des Todes bedeutender Personen am Schluss als „tragisch“ ( tragicas esse catastrophas singulorum librorum ). Denn nicht nur am Schluss von Aen. II (Creusa), III (Anchises), IV (Dido), V (Palinurus), X (Mezentius), XI (Camilla) und XII (Turnus) sieht Frischlin wichtige Akteure sterben (was auch viele spätere Philologen beobachtet und gewürdigt haben), sondern auch (was nicht jeder moderne Philologe als bedeutsam betrachten wird) in Aen. VI (Marcellus innerhalb der Heldenschau), VII (Galesus und Almo, die Hirten des Königs Latinus , ante Catalogum ), VIII (Cacus! ) und IX (zusätzlich zu Nisus und Euryalus noch Numanus, den Schwager des Turnus). Mindestens für die zweite Gruppe befremdet es aus mehreren Gründen, dass diese Personen „tragische Helden“ sein sollen. Allenfalls versteht man auf diesem Hintergrund, dass andere neulateinischen Dramen nach der Aeneis von ihren Autoren als „Tragödie“ bezeichnet werden, weil jemand am Ende stirbt (z. B. Dido), nicht aber, wie denn ein Drama nach (Teilen) der Aeneis zu benennen wäre, wenn das nicht der Fall ist - wäre das dann eine Komödie? Glei benutzt jedenfalls nicht die Gelegenheit, über den von Lucienberger im Titel gebrauchten hybriden Gattungsbegriff Tragicocomoedia zu reflektieren. Im Folgenden soll versucht werden, den Hintergrund des Titelbegriffs der Tragicocomoedia etwas zu erhellen. 160 E 3.2 Plautus als Lucienberger bekannter Erfinder des Begriffs „Tragikomödie“ Aus der Antike ist nur ein einziges dramatisches Werk bekannt, das der Autor (nicht erst ein moderner Philologe) als tragicomoedia bezeichnet hat: Plautus hat um 200 v. Chr. (die genaue Datierung ist umstritten) seine Komödie Amphitruo durch seinen Prologsprecher, der sich als Gott Merkur vorgestellt hat, in folgenden Versen als eine tragicomoedia charakterisiert: 160 Für Hinweise und Anregungen zu Begriff und Geschichte von „Tragikomödie“ danke ich dem Germanisten und Freund Max Bucher. - Im Folgenden bin ich oft von Artikeln in Wikipedia ausgegangen. <?page no="469"?> E 3 Die TC als „Tragikomödie“ 469 Nunc quam rem oratum huc veni primum proloquar, (50) post Argumentum huius eloquar tragoediae. quid? contraxistis frontem, quia tragoediam dixi futuram hanc? deus sum, commutavero. eandem hanc, si voltis, faciam ex tragoedia comoedia ut sit omnibus isdem vorsibus. (55) utrum sit an non voltis? sed ego stultior, quasi nesciam vos velle, qui divos siem. teneo quid animi vostri super hac re siet: faciam ut commixta sit: <sit> tragicomoedia . (59) nam me perpetuo facere ut sit comoedia, (60) Reges quo veniant et di, non par arbitror. quid igitur? quoniam hic servos quoque partes habet, faciam sit, proinde ut dixi, tragicomoedia. (63) Bevor ich diese Passage mit dem erstmaligen antiken Beleg für tragicomoedia diskutiere, muss die Möglichkeit ihrer Rezeption durch Lucienberger geprüft werden, also die Frage gestellt werden, o b L u c i e n b e r g e r d i e s e P l a u t u s - P a r t i e k a n n t e . Diese Frage ist eindeutig mit „Ja“ zu beantworten. Zwar ist der Vers Amph. 59 in Lucienbergers methodischer Anleitung zum korrekten Verfassen lateinischer Versmaße ( Methodica instructio componendi omnis generis versus, carmina, & odas seu psalmos ), die in Basel wohl im J. 1575 erschienen ist, innerhalb des einschlägigen Kapitels De versu comico iambico (Scan 14 ff. der BSB ; ein Kapitel de versu tragico gibt es darin nicht) nicht zitiert (wohl aber andere Plautus-Verse). Aber er figuriert in jenem Thesaurus poeticus Lucienbergers, der Frankfurt a. M. 1575 erschienen ist. Das ist ein in 5 jeweils alphabetisch angeordnete Großkapitel (darunter eines zu den Nomina) eingeteiltes Lexikon aller (? ) lateinischen Wörter, in dem die prosodischen Quantitäten der Silben mit mindestens einer, oft mehreren Belegstellen angegeben sind. In der einschlägigen Classis I findet man suo loco alphabetico zwar kein Lemma Tragicomoedia (auf Scan 299), wohl aber als Zusatz zum Lemma Comoedia, für das zunächst Hor. ars 93 als Beleg zitiert wird. Anschließend heißt es in Scan 78 der Online-Version der BSB : Composit(um) Tragicocomoedia. Plaut. in Prol. Amph. Teneo quid animi vostri super hac re siet. / Faciam ut commista sit tragicocomoedia. Zweimal wird hier nicht tragicomoedia gedruckt, sondern das metrisch richtige (wenn man nicht zur Konjektur eines zweiten sit in Amph. 59 greift) tragicocomoedia . Es ist also evident, dass Lucienberger den Prolog von Plautus’ Amphitruo kannte und daraus, entsprechend seiner Plautus-Ausgabe, die Gattungsbezeichnung tragicocomoedia (in dieser Form, mit zweimaliger Silbe co-, ist sie in den Plau- <?page no="470"?> 470 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama tus-Handschriften überliefert, 161 doch wird sie von den Herausgebern meist zu tragicomoedia emendiert), für seine TC nach Vergils Aeneis übernahm. Wenn Lucienberger den Schlüssel-Vers der ganzen Partie in Plautus’ Amphitruo-Prolog über den Begriff Tragicocomoedia zitiert, wird er auch den Kontext gekannt haben. Denn der Begriff Tragicocomoedia fällt nicht zufällig, sondern ist - wie die folgende I n t e r p r e t a t i o n zeigen soll - Ziel einer längeren Argumentation des Prologsprechers in Plautus’ Amphitruo , des Gottes Merkur. Merkur kündigt den Zuschauern an, dass er anschließend den Inhalt (Argumentum) der Tragödie skizzieren werde, zu deren Aufführung die Zuschauer gekommen seien. Er setzt voraus, dass die Zuschauer bei dieser Ankündigung einer Tragödie irritiert die Stirn runzeln: sie haben ja eine Komödie erwartet. Kein Problem, sagt Merkur: Als Gott kann ich, wenn ihr Zuschauer das wollt, aus einer (der? ) Tragödie ohne Änderung des Textes eine Komödie machen. Wollt ihr das oder nicht? Als Gott weiß er, was die Zuschauer wünschen, und demensprechend wird er eine Mischung aus Komödie und Tragödie schaffen: eine Tragico-Comoedia (Amph. 59). Es sei nicht angemessen, dass man ein Stück wie das folgende, in dem Könige (sc. Amphitruo) und Götter (sc. Jupiter und Merkur selber) auftreten, „Komödie“ nenne, aber da darin auch ein Sklave (sc. Sosia) agiere, komme auch „Tragödie“ nicht in Frage. Deshalb sei, wie gesagt, das mixtum compositum „ Tragicocomoedia “ die treffende Bezeichnung (Amph. 63). Merkur hat in seiner Funktion als Prologsprecher (und nicht nur in seiner Doppelrolle als Merkur / Sosia) das anstehende Stück zunächst in Vers 15 neutral als fabula bezeichnet (ebenfalls später in Vers 93) und dann jetzt in Vers 51 als tragoedia , darauf in Selbstkorrektur in den Versen 59 und 63 als tragicocomoedia (oder, wenn man den meisten modernen Editoren und nicht der Textüberlieferung folgen will: als tragicomoedia ). Bei der Wiederholung von Vers 51 ersetzt er umgekehrt dieses tragoedia in Vers 96 durch comoedia . (Der Vers 161 Die an beiden Stellen (Amph. 59 und 63) überlieferte Form Tragicocomoedia hat sich in der Folgezeit nicht durchgesetzt und ist zu Tragicomoedia (und entsprechenden orthographischen Varianten bei der Übertragung z. B. ins Deutsche) vereinfacht worden. Ob im Text des Plautus zweimal tragicocomoedia (das bietet die handschriftliche Überlieferung) oder tragicomoedia zu lesen ist, ist aber nach wie vor umstritten. Vgl. dazu Donatella Fogazza, Plauto 1935-1975, Lustrum 19, 1976, 79-295, die auf S. 102 ihres Forschungsberichtes zu Amph. 59 <sit> tragicomoedia vermerkt: „Il testo tradito è difeso da A. Traina ([Comoedia. Antologia della palliata, Padova 1960, 2 1966, 3 1969] 329, 17 ad loc.), secondo cui Plauto mostra qui genesi ed elementi costitutive del neologismo technico che poi inserà al v. 63 ( tragicocomoedia → tragicomoedia ), dove per errore un copista avrebbe ripetuto la fine di 59; cf. gia Paratore ad loc. [= E. Paratore, Plauto, Amphitruo, testo latino con traduzione a fronte, Firenze 1959, 2 1965 (Ed. crit.)].“ W. B. Sedgwick übernimmt in seiner kommentierten Ausgabe des Amphitruo , Manchester 1960, S. 61, für Vers 59 die Emendation von F. Leo sit tragicomoedia. <?page no="471"?> E 3 Die TC als „Tragikomödie“ 471 93 mit tragoedia gilt als interpoliert.) Diese Uneinheitlichkeit der Benennung spiegelt die Schwierigkeit, die Gattungszugehörigkeit zu bestimmen. Aus den Versen 60-63 geht hervor, dass das Kriterium für die Gattungszugehörigkeit (nach Ansicht des Prologsprechers, den man als Sprachrohr des Autors Plautus betrachten darf) nicht etwa eine „tragische“ Entwicklung der Handlung oder das Vorherrschen komischer Elemente (etwa Verwicklungen durch Personenverwechslungen oder Prügeleien) ist, sondern vom Stand der auftretenden Personen abhängt: Wenn ein Stück im Milieu von Göttern und Königen spielt, ist es eine Tragödie; wenn ein Sklave eine führende Rolle hat (wie meist in der „Neuen Komödie“ im Hellenismus und bei ihrer Übertragung nach Rom), ist das Stück eine Komödie. Das ergibt für den Amphitruo ein Dilemma, weil hier beide Personenkonstellationen nebeneinander gegeben sind. Eine Bezeichnung als „Tragödie“ wäre möglich, eine als „Komödie“ aber auch; beide jedoch sind eigentlich nicht passend. Plautus als Autor lässt in burlesker Manier seinen Prologsprecher Merkur das Problem mit „göttlicher“ Autorität lösen: dieser erfindet eine hybride neue Bezeichnung, eben tragicomoedia . Das ist ein ad-hoc-Scherz, der denn auch in der Antike selbst keine weiteren Folgen gehabt hat. Erst seit der Renaissance ist der Begriff „Tragikomödie“ theoretisch und praktisch wieder verwendet worden (vgl. dazu → Kap. E 3.4). E 3.3 Lucienbergers Plautus-Rezeption Die von Plautus durch den Prologsprecher des Amphitruo in den Versen 60-63 formulierte Gattungsbestimmung einerseits einer Tragödie, andererseits einer Komödie und damit auch einer Tragikomödie als Mischung beider, kann aber für Lucienbergers Bezeichnung seiner dramatisierten Aeneis als Tragicocomoedia ( TC ) nicht ausschlaggebend gewesen sein. Plautus lässt allein die Personenkonstellation (im Sinne einer „Ständeklausel“) für die Gattungsbestimmung ausschlaggebend sein: Wenn das Stück unter Personen hohen Standes spielt, ist es eine Tragödie, handlungsrelevante Sklaven sind für Komödien typisch. Nach diesem Maßstab wäre ein Drama, das auf der Aeneis fußt , a limine eine Tragödie. Unter den 90 „redenden“ Figuren der originalen Aeneis gibt es allenfalls eine einzige, die vielleicht niedrigen Standes, aber keinesfalls eine Sklavin ist: die anonyme Mutter des Euryalus. Unter den etwa 60 Figuren, die Lucienberger entweder ganz neu (dann in meinem Sprecherverzeichnis in → Kap. F 2 mit Doppelsternchen ** gekennzeichnet) eingeführt oder bei Vergil als bloße stumme Akteure vorgefunden und zu Sprechern erhoben hat (dann mit einfachem Stern * markiert), sind zwar einige wenige, von denen man vermuten kann, dass sie Sklaven sind (etwa Hirten wie ** Corydon <?page no="472"?> 472 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama et **Meliboeus ) oder die von Lucienberger selber ausdrücklich als famulae (so in TC X-4) oder ministri (so neu in TC 4,5,047) bezeichnet werden. Aber sie gehören zum Teil zum höfischen Haushalt (besonders dem Didos, wie ** Barce nutrix Didonis und ** Phyllis ancilla ) und damit doch der Sphäre von „Königen“ an oder sie sind Kollektive (wie die famulae in TC X-4). Vor allem aber muss man feststellen, dass keine dieser Personen niedrigen Standes (in der Aen. wie in der TC ) ein irgendwie wichtiger Akteur der Handlung ist (anders als ein typischer, meist Intrigen spinnender Sklave in einer typischen hellenistischen „Neuen“ Komödie, die im lateinischen Bereich Palliata heißt). Wenn also keine „Ständeklausel“zu dem zweiten Teil der Misch-Benennung der TC als Tragicocomoedia (vgl. dazu → Kap. B 2, Kap. E 3.1 und auch → Kap. E 3.4) geführt haben kann, wird es schwierig, eine einleuchtende Begründung für die von Lucienberger für sein Werk gewählte Gattungsbezeichnung zu erschließen. Handlungs -Elemente, die wir als „k o m i s c h “ ansprechen würden, gibt es weder in der originalen Aeneis, noch in deren durchgehender Dialogisierung durch Lucienberger. 162 Noch am ehesten komisch wirkt auf mich die kurze Partie zu Beginn der Szene TC II -6, in der sich Ascanius (oder bereits dessen untergeschobener Ersatz Cupido) gegen Belehrungen hinsichtlich höfischen Betragens durch Achates verwahrt (s. dazu → Kap. D 7.1) - ich habe gerade sie als auffällige Ausnahme vom ernsten Tenor der TC zu einer Vorwegpublikation in einer Gymnasialzeitschrift gewählt (Suerbaum, 2009). 163 162 Therese Fuhrer, Wenn Götter und Menschen sich begegnen: Komische Szenen in Vergils Aeneis? , in: Vergil und das antike Epos. Festschrift Hans Jürgen Tschiedel, hrsgg. von Stefan Freund und Meinolf Vielberg, Stuttgart 2008, S. 221-236 betrachtet Szenen in der Aeneis, in der die rhetorische Kommunikation zwischen Figuren des Epos missglückt (so nach ihrer Interpretation bei der Begegnung zwischen Aeneas und seiner Mutter Venus im Wald vor Karthago in Aen. I, beim Dialog zwischen Aeneas und Euander und bei jenem zwischen Venus und ihrem Gatten Vulcanus, beide in Aen. VIII), als komisch und bejaht deshalb die Frage ihres Untertitels. Ich folge ihrer eigenwilligen Auffassung von „komisch“ nicht (vgl. auch → Kap. B 4. 2. 13). - Auch Niklas Holzberg bemüht sich in seiner Monographie Vergil. Der Dichter und sein Werk, München 2006, geradezu programmatisch (S. 9), Vergil (besonders in den Georgica) als humorvoll zu erweisen. In der Aeneis sieht er mit Recht einige Episoden der Gedächtnisspiele für Anchises in Aen. V als komisch an (S. 165 f., vgl. dazu oben → Kap. C 7.2 Anm.), weniger überzeugend die Beschreibung Charons in Aen. V (S. 169) oder die „Bauernposse“ (S. 181 f.) um Cacus und Hercules in Aen. VIII oder zwei andere Fälle (S. 179 und 186 f.), wo die Komik auf einem intertextuellen Spiel beruhe. 163 Vielleicht unfreiwillig komisch wirkt der von Lucienberger neu gedichtete Vers TC 3,3,046, wo jemand sagt „Was stehe ich hier im Regen? “. Es ist Aeneas im Gewitter während der Jagd mit Dido, als er eine Höhle sieht, die ihm Schutz gewähren wird. Lucienberger lässt den Leser / Zuhörer aber sozusagen im Regen stehen, weil mit diesem Vers die Szene endet - während bei Vergil in Aen. 4,165-172 die Vereinigung Didos mit Aeneas in dieser Höhle dezent angedeutet ist. - Grimmigen Humor beweist der Schiffsführer Ser- <?page no="473"?> E 3 Die TC als „Tragikomödie“ 473 Es bleibt also als Vermutung, dass es das glückliche Ende der TC war, das Lucienberger als Autor einer dramatisierten Version der Aeneis bewogen hat, diese Tragico-comoedia zu nennen. Er hat dieses fine lieto ja, über den blutigen Sieg des Aeneas über Turnus bei Vergil hinaus- und weitergehend, neu geschaffen und ausgestaltet: mit einer Königsproklamation, mit einer Art Triumph und vor allem mit einer dafür typischen Hochzeit. Als wirklich befriedigend empfinde ich diese Begründung nicht. Hilfreich mag immerhin die Überlegung sein, welche Alternativen der Gattungsbezeichnung denn Lucienberger sonst gehabt hätte. Eine neutrale hätte sich sehr wohl angeboten: das schlichte fabula . Diesen allgemeineren Begriff für ein Drama verwendet ja auch der Prologus Merkur im Amphitruo (zunächst in Amph. 15 und später wieder in Amph. 94). - Vielleicht hätte Lucienberger auch den (bis zum heutigen Tag offenbar nicht belegten) Neologismus Epicotragoedia prägen können. Er würde an die Abhängigkeit seines Dramas von einem Epos und an den tragischen Grundzug beider Werke erinnern, der durch die am Ende des Dramas hinzugefügte Triumph- und Hochzeits-Szene nicht aufgehoben oder gar ins Komödienhafte weitergeführt wird. Erstaunlich finde ich, dass der große Metriker Lucienberger, der 1575 / 76 gleich zwei große Werke über antike Metrik publiziert hat (den Thesaurus poeticus und die Methodica instructio ), sich in seinem Vorwort, der Epistola dedicatoria , überhaupt nicht mit der Frage beschäftigt, ob denn in (s)einer aus dem Epos Vergils entwickelten Tragi(co)comoedia die Beibehaltung des ununterbrochen gereihten Hexameters statthaft sei. Es gibt in der Antike weder unter den Tragödien noch unter den Komödien ein Stück, das ganz oder auch nur in Partien in Hexametern verfasst wäre. Durchgängig in Hexametern verfasst sind nur Epen (einschließlich der Metamorphosen Ovids), Lehrgedichte, bukolische Dichtungen und lateinische Satiren, nicht antike Dramen. Lucienberger kündigt zwar bereits im Titel mit servatis ubique heroicis versibus an, dass seine TC wie ihr Vorbild Aeneis aus Hexametern bestehen wird, aber eine Begründung dieses Entschlusses im Vorwort wäre wünschenswert gewesen. E 3.4 Zur Geschichte des Titelbegriffs „Tragikomödie“ Julius Caesar Scaliger (1484-1558) hat in seinen postum 1561 in Lyon veröffentlichten Poetices libri septem (die dann 1581, 1586, 1594, 1607, 1617 und in einer von August Buck eingeleiteten Faksimile-Ausgabe Stuttgart / Bad Cannstatt gestus bei der Regatta, als sein Schiff auf eine Klippe aufläuft, indem er (nur bei Lucienberger) in TC 4,3,025 zu sich selber sagt: Ante vehebaris, sed nunc, Sergeste, natabis. <?page no="474"?> 474 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama 1964 nachgedruckt wurden) offenbar die Bezeichnung Tragicomoedia nur einmal erwähnt und sie sinngemäß als Scherz des Plautus abgetan. 164 Das Werk, das in der Neuzeit erstmals, soweit ersichtlich, auf dem Titelblatt vom Autor oder vom Verleger als Tragicomedia bezeichnet worden ist, stammt von Fernando de Rojas und ist seit langem als L a C e l e s t i n a bekannt. (Celestina ist der Name der darin agierenden Kupplerin.) Ursprünglich ist dieses spanische Prosa-Drama als Comoedia 1499 anonym veröffentlicht worden, dann, um Paratexte erweitert, nochmals im Jahre 1500. 1504 aber erschien es, nunmehr 21 Akte sowie einen Prolog und ein Schlussgedicht umfassend, unter dem Titel Tragicomedia de Calixto y Melibea (das sind die Namen der beiden Liebenden). Unter diesem Titel firmierte es in Spanien weiterhin bis ins 17. Jh. Im Ausland aber, ausgehend von Italien, bürgerte sich schon im 16. Jh. der Titel La Celestina ein, unter dem das Werk noch heute bekannt ist. Es gilt als eines der bedeutendsten Werke der spanischen Literatur. Es wurde von dem Augsburger Apotheker Christoph Wirsung (1500-1571) aus dem Italienischen (! ) ins Deutsche übertragen. Diese Übersetzung wurde unter dem Titel Ain Hipsche Tragedia von zwaien liebhabenden Mentschen in Augsburg 1520 und erneut 1534 gedruckt. Die Handlung von La Celestina wird man als durchaus komödienhaft charakterisieren können: Es geht darum, dass Callisto die geliebte Melibea für sich gewinnen will (beide sind Personen hohen Standes) und sich dabei erfolgreich der Hilfe der Kupplerin Celestina bedient, die ihrerseits zwei Diener Callistos ausnutzt. Am Ende allerdings sind alle fünf Hauptpersonen tot: Celestina wird von jenen zwei Dienern ermordet, diese werden gehängt, Callisto verunglückt tödlich bei einem Sturz von der Leiter, Melibea begeht daraufhin Selbstmord. (Man sollte also besser von einer Comoedia tragica sprechen, von einer tragisch endenden Komödie.) Einen anderen Aspiranten auf den Ruhm, den Begriff Tragicocomoedia in der Neuzeit wiederbelebt zu haben, führen R. F. Glei / R. Seidel, 2008, 6 an: „Johann von Kitzschers Tragicocomedia de Iherosolimitana profectione Herzog 164 Ich stütze mich auf die Suchfunktion in der von der BSB digitalisierten Ausgabe der Poetik Scaligers, Heidelberg 1607. Die weist den Ausdruck Tragicomoedia überhaupt nicht nach. Über das Suchwort „ Amphitruo “ habe ich aber mühsam zunächst den Hinweis im Index Scaligers (Scan 921 der BSB) auf S. 31 gefunden : Amphitruonem suam quare et quam festive Plautus nominat Tragicocomediam (sic, zweimal die Silbe co ). - Er bezieht sich auf das Ende von Poet. lib. I cap. VII Comoediae species , p. 31 der Ausgabe von 1607 ( = Scan 59 BSB): festive (ut solet) Plautus Amphitruonem suam Tragicomoediam ( sic , nur einmal die Silbe co) appellavit: in qua personarum dignitas atque magnitudo Comoediae humilitati admistae essent . In der lateinisch-deutschen Neuausgabe von Scaligers Poetik von Luc Deitz / Gregor Vogt-Spira, Stuttgart 1994-2003 entspricht das Bd. 1, S. 146 f. <?page no="475"?> E 3 Die TC als „Tragikomödie“ 475 Bogislaws X. von Pommern (1501) ist der erste Text in Deutschland, der sich als Tragikomödie bezeichnet.“ 165 Noch nicht hinreichend ausgeschöpft für die Geschichte des Begriffs „Tragikomödie“ ist die Methode, in größeren digitalisierten Bibliothekskatalogen nach diesem Titel-Begriff (oder Schlagwort) zu suchen. So habe ich, um eventuell weitere vor 1576 erschienene Publikationen zu finden, die tragicomoedia im Titel führen, im OPAC der BSB als Suchbegriff tragicomoedia und auch die Varianten tragicomedia und tragicocomoedia eingegeben und die (drei unterschiedlichen) Ergebnisse nach „Jahr (aufsteigend)“ sortiert. Ich erhielt mit 46 Treffern (von denen aber Nr. 40-46 nur Sekundärliteraturangaben waren), eine überraschend breite Palette an Ergebnissen. Die meisten Belege stammten aus dem 17. Jh. Aus dem 16. Jahrhundert werden nur sechs Beispiele genannt, von denen nur zwei, Werke von Boltz und Brunner, in meinem Zusammenhang erwähnenswert sind. 166 165 So R. F. Glei / R. Seidel in ihrem Referat (Einleitung S. 6) zu Johannes Klaus Kipf, Der Beitrag einiger ‚Poetae minores‘ zur Entstehung der neulateinischen Komödie im deutschen Humanismus 1480-1520, in: Glei, R. F. / Seidel, R. (Hrsgg.), Das lateinische Drama der Frühen Neuzeit. Exemplarische Einsichten in Praxis und Theorie, Tübingen 2008, 31-57, dort speziell zu jener Tragicocomedia Kritschers, auch zu dieser Gattungsbezeichnung, S. 39-44, mit Verweis auf Karl S. Guthke, Die moderne Tragikomödie. Theorie und Gestalt, Göttingen 1968, 23 und 347. - Lohse (2015; → Kap. D 12.2.3 Anm.), der sich auf italienische Dramen des 15./ 16. Jh.s konzentriert, führt (S. 195-204) die „Tragicommedia“ als eine „Erweiterung des Gattungsspektrums“ an, das bisher aus Tragödie und Komödie bestand. Unter den 15 „Tragikomödien des 15. und 15. Jahrhunderts“, die er S. 493-524 in „Einzelinterpretationen“ bespricht, sind aber nur zwei, die „ tragicomedia “ wirklich im Titel führen und gleichzeitig älter sind als die tragicocomedia Lucienbergers von 1576, nämlich die Cecaria von 1525 des Caracciolo und La Cangenia von 1561 des Beltramo Poggi. Das älteste von Lohse als „Tragikomödie“ gewertete humanistische Drama heißt schlicht Fabula di Cefalo (1486 von Correggio), ein anderes satira ( Miracolo d’amore , 1530, von Marco Guazzo), ein drittes tragedia a lieto fine ( Altile , 1541, von Giovanni Battista Girali Cinzio). 166 Unter den vier anderen sind zwei merkwürdige Publikationen, deren Würdigung ich anderen Forschern überlassen möchte: Es sind: (a) Eine im Verlag Hutten ohne Ort und Jahr (der BSB-Katalog vermutet „ca. 1510“) veröffentlichte Schrift, die (laut BSB) auf dem Grammaticale bellum von Andrea Guarna fußt, mit dem Titel: Bellum grammaticale sive nominum verborum discordia civilis: Tragico-comoedia . Unter demselben Titel, doch mit dem zusätzlichen Untertitel Summo cum applausu olim apud Oxonienses in scænam producta, & nunc in omnium illorum qui ad gra[m]maticam animos appellunt oblectamentum edita, ist eine weitere Ausgabe London 1635 erschienen. - Die Vorlage, das Bellum grammaticale des A. Guarna, ist erstmals Cremona 1511 erschienen und hatte großen Erfolg in Europa, trotz oder wegen ihres geringen Umfangs. (Die Ausgabe apud Gryphium, Lugduni 1532 hat nur 36 Seiten.) Inhaltlich handelt es sich um eine Art Fabel, den Bürgerkrieg im Reich der lateinischen Sprache um die Vorherrschaft zwischen dem Nomen und dem Verbum, in den auch das Partizip eingreift. Neue Ausgabe mit Einführung, Text, Übers., Komm. von Wibke E. Harnischmacher, Trier 2013, 612 S. - (b) Eine vorgeblich in <?page no="476"?> 476 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama Die erste Tragikomödie in deutscher Sprache 167 scheint die „Tragicocomödia von Sant Pauls bekerung“ des evangelischen, vor allem in der Schweiz, besonders in Basel wirkenden Pfarrers Valentin B o l t z (vor 1515-1560) zu sein. Dieses Drama über einen biblischen Stoff aus der Apostelgeschichte wurde 1546 „Gespilt von einer Burgerschafft der wytberuempten frystatt Basel“ und 1551 gedruckt, ebenfalls in Basel. Dass es Lucienberger, falls er es überhaupt gekannt haben sollte, irgendwie beeinflusst hat, ist unwahrscheinlich. Danach hat im 16. Jh. offenbar nur mehr 1592 Johannes B r u n n e r, der Rektor der Lateinschule (also des Gymnasiums) von Kaufbeuren, ein Werk mit dem Titel „ Tragicomoedia “ verfasst, eine Umsetzung der Apostelgeschichte des Evangelisten Lukas in deutsche gereimte vierhebige jambische Verse mit dem Titel: Tragicomoedia actapostolica: Das ist: Die Historien der heiligen Aposteln Geschichte eqs . (in der BSB online zugänglich). Schon aus dem barocken Titel geht hervor, dass das erst nachträglich in Lauingen 1593 gedruckte Werk am Pfingstmontag 1592 „durch eine löbliche Bürgerschaft“ der Reichsstadt Kaufbeuren „ganz zierlich und nachrümlich gehalten und volfürt“, also tatsächlich aufgeführt worden ist. Im Übrigen ist zu sagen: Die Geschichte des Begriffes „ Tragicomoedia “ nach 1576, dem Jahr des Erscheinens der TC , weiterzuverfolgen, kann für das zeithistorische Verständnis von Lucienbergers Titel und Werk nichts beitragen, könnte allenfalls verständlich machen, welche Vorstellungen oder Vor-Urteile ein moderner Rezipient mitbringt, wenn er mit der TC Lucienbergers konfrontiert wird. E 4 Zur didaktischen Intention der TC Dass Lucienberger mit seiner Dramatisierung der Aeneis ein didaktisches Ziel verfolgt, lässt er schon an frühestmöglicher Stelle der Buchausgabe erkennen: auf der Haupttitelseite (Scan 4). Er bestimmt nämlich seine Tragicocomoedia omnibus humanarum rerum vicissitudinem fortunaeque volubilitatem dilucide Edinburgh (der BSB-Katalog vermutet stattdessen: in Basel) im Jahr 1582 von „Andreas Germanus Orchadanus“ (der BSB-Katalog hält das für ein Pseudonym) veröffentlichtes Werk mit dem Titel: Nova tragicocomoedia de rebus nuper in Germania gestis: ex M. Plauti comoediis, inprimis Asinaria, milite glorioso, & captivis collecta. Cum argumentis scenarum, & explicatione obscuriorum locorum in margine , mit 21 + 3 Seiten. 167 Zu korrigieren ist die auf Matthias Schulz, Die Eigenbezeichnungen des mittelalterlichen deutschsprachigen geistlichen Spiels, Heidelberg 1998, 275-278 beruhende Behauptung von J. K. Kipf, 2008, 43 mit Anm. 67, der erste Beleg für tragicocomedia in einem deutschsprachigen geistlichen Spiel beziehe sich auf Wilhelm Stapfers Zuger Heiligkreuzspiel von 1598 (dort im Personenverzeichnis am Schluss). <?page no="477"?> E 4 Zur didaktischen Intention der TC 477 perspicere cupientibus, cognitu et lectu longe iucundissima und zitiert dann als Motto ausgerechnet die Worte, mit denen Aeneas sich in Aen. 12, 435-437 (wie er nicht ausschließen kann: für immer) von seinem Sohne Julus / Ascanius verabschiedet, bevor er sich nach seiner wundersamen Heilung von einer Verwundung wieder in den blutigen Endkampf stürzt: Disce puer virtutem ex me, verumque laborem, Fortunam ex aliis; Nam te mea dextera bello Defensum dabit, et magna inter proemia ducet. 168 Über diese Nennung einer didaktischen Zielsetzung auf der Titelseite hinaus ist praktisch das ganze Vorwort, die Epistola dedicatoria , darauf abgestimmt, den Nutzen einer Aeneis-Kenntnis (und damit auch einer auf dem Epos basierenden dramatischen Adaption) gerade auch für Jugendliche zu erweisen (s. dazu generell → Kap. B 4.2) - allerdings können nach den dort genannten Punkten nicht etwa bürgerliche junge Leute, sondern nur solche adeligen oder fürstlichen Geschlechts gemeint sein. In der Epistola dedicatoria wird nicht unterschieden zwischen Lehren, die man aus dem originalen Epos ziehen kann und solchen, die (nur? ) dessen dramatischer Adaption durch Lucienberger zu entnehmen sind. Man kann aber beobachten, dass in der TC bestimmte für Jugendliche bildungsträchtige Aspekte, die in der Aeneis nur schwach ausgeprägt sind, in der TC weiter ausgeführt werden. Belege dazu sind in den Unterabteilungen von → Kap. C 5.4 gesammelt und die wichtigsten davon in → Kap. D 7.1-3 besprochen. Deutlich erkennbar ist, dass Lucienberger höfische (oder jedenfalls höfliche) Umgangsformen stärker betont. Seine Erweiterungen gegenüber der Aeneis betreffen häufig die Darstellung von förmlicher Begrüßung und Abschied (→ Kap. D 7.3). Er geht so weit, in einem kleinen Intermezzo in TC II -6 Achates dem jungen Ascanius, der an erster Stelle als eine Identifikationsfigur für Fürstensöhne wirken kann, Lehren über korrektes Begrüßen und Verhalten bei Hofe lehren zu lassen (→ Kap. D 7.1). Er schwächt allerdings das didaktische Gewicht dieser Belehrung ironisch dadurch ab, dass Ascanius sie als überflüssig bezeichnet. - Zu demselben Bereich gehört auch die von Lucienberger gesteigerte Demonstration fürstlicher Gastfreundschaft und Großzügigkeit. Mit Einladungen der Aeneaden zu Mahl und Erholung nicht nur durch Königin Dido, sondern auch durch Fürsten wie Anius, Helenus und Acestes liebt es Lucienberger, gerade einem Szenen-Schluss eine positive Note zu geben (vgl. → Kap. C 5.4.3). 168 Bei der Anführung dieser Worte des Aeneas suo loco im Text der Dramatisierung bringt Lucienberger Sprecher und Adressaten in der RB vor TC 10,4,071 ausnahmsweise in Kapitälchen. <?page no="478"?> 478 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama Auffallendes Gewicht scheint Lucienberger auch auf das angemessene Verhalten bei Tod und Trauer zu legen. (Der Punkt „die Art und Weise, sie - die Angehörigen - zu bestatten“, figuriert in → Kap. B 4.2.4 ganz vorn in der Liste der Lehren, die man laut der Epistola dedicatora aus Vergil gewinnen kann.) Es gibt zwar auch schon in der originalen Aeneis ausführliche Beschreibungen von Bestattungen oder Trauerfeierlichkeiten (für den Trompeter Misenus in Aen. VI, für den jungen Pallas in Aen. XI , für die Gefallenen, die in der ersten Schlacht zwischen den Aeneaden und den Latinern den Tod gefunden haben, in Aen. XI ), aber ausgerechnet der für Aeneas bewegendste Tod, der seines Vaters Anchises in Drepanum auf Sizilien, wird zunächst (am Ende von Aen III ) scheinbar mit einer Art Seufzer des erzählenden Sohnes abgetan. Allerdings ist dann fast das ganze Aen.-Buch V den Gedächtnisspielen für Anchises am ersten Jahrestag seines Todes am gleichen Ort gewidmet. Lucienberger hat es aber für wichtig gehalten, in einer Neuerfindung am Schluss von TC I-7 (in TC 1,7,095-127) die Todesumstände des Anchises, seine (angekündigte) Bestattung in Drepanum und die Rolle des dortigen Königs Acestes sowie die Trauer des Aeneas weiter auszuführen. - Eine Art Analogie zu dieser Erweiterung (der dafür einschlägige rhetorische Terminus ist Auxesis) bildet auch Lucienbergers Darstellung des Verhaltens der Angehörigen nach dem Selbstmord der latinischen Königin Amata. Zwar erzählt auch Vergil in Aen. 12,604-613 von der Wirkung des Todes Amatas auf die Tochter Lavinia und den Gatten Latinus sowie auf die ganze latinischen Hauptstadt, aber Lucienberger stellt die Trauer dieser Personen in TC X-4 weitaus ausführlicher und zugleich intensiver dar. In politischer Hinsicht konnten die Leser oder Hörer der TC aus dieser Dramatisierung stärker als aus dem originalen Epos entnehmen, dass ein König bei seinen Entscheidungen auch den Rat seiner Vornehmen ( proceres ) einholen und berücksichtigen sollte. Ein Demonstrationsbeispiel hat Lucienberger in der neu erfundenen Beratungs-Szene des etruskischen Königs Tarchon mit seinen Vornehmen in den Szenen TC VIII 2-3 geschaffen, in denen es um Parteinahme und Bundesgenossenschaft, im weiteren Sinne um Krieg und Frieden, geht (vgl. dazu → Kap. D 7.2). Die Intention Lucienbergers, seinen (in erster Linie angesprochenen) Adressaten, nämlich Fürstensöhnen, Lehren vor Augen zu führen, die sie aus der Aeneis ziehen könnten, ist an einer Stelle der TC besonders klar zu greifen: Als sich Aeneas nach dem Rat des Flussgottes Tiberinus entschließt, den griechischen König Euander, der im Bereich von Pallanteum (an der Stelle des nachmaligen Rom) herrscht, aufzusuchen und zum Bundesgenossen zu gewinnen ( TC 7,1,001-030 = Aen. 8,46-65), lässt ihn Lucienberger Anordnungen treffen (in T C 7 , 1 , 0 3 1 - 0 4 ; vgl. dazu → Kap. D 11. 8. 19, auch → Kap. B 4. 2. 22), wie sich seine Gefolgsleute ( socii ) in seiner Abwesenheit im Schiffslager (das er hier <?page no="479"?> E 4 Zur didaktischen Intention der TC 479 in TC 7,1,034 und 041 urbs nennt), verhalten sollen: Mnestheus und Serestus sollen den Oberbefehl führen, die Trojaner sollen sich nicht auf eine offene Feldschlacht einlassen, sondern Wall und Mauern verteidigen. Er selbst werde sobald wie möglich Nachricht über seine Erfolge bei Euander geben und mit einem starken Aufgebot an Bundesgenossen zurückkehren. Das ist nicht nur inhaltlich eine Strategie, wie sie in der Tat von den Trojanern benutzt wird, als sie in Abwesenheit des Aeneas von Turnus und den latinischen Alliierten in Aen. IX angegriffen werden. Sie wird auch in Aen. 9,40-44 in fast wörtlich identischer Form vom Autor Vergil auf eine Anordnung des Aeneas zurückgeführt, aber eben nur in einem Rückgriff, als Nachtrag. Lucienberger aber zieht die Anweisungen des Aeneas suum in locum vor und legt sie ihm vor seinem Aufbruch zur Fahrt Tiber-aufwärts in den Mund. Und er charakterisiert in einer vorangestellten überschriftartigen Prosa-Bemerkung (vor TC 7,1,031) diese Anordnungen des Aeneas als „Lehren“: Qua ratione socii (= Aeneadae) se gerere debeant ipso absente, docet. Und durch die Aeneas-Figur belehrt gleichzeitig der Autor Lucienberger seine Adressaten darüber, was ein Führer zu tun hat, wenn er seine Armee zeitweilig verlassen muss: Er muss regeln, wer in seiner Vertretung das Kommando führt, und die einzuhaltende Taktik bestimmen. Dass Lucienberger selber das in militärischer Hinsicht lehrhafte Element, das er in der Aeneis sieht (vgl. die → Kap. B 4. 2. 17-26, im weiteren Sinne auch noch die → Kap. B 4. 2. 27-39), noch weiter verstärkt, zeigt sich besonders in Partien, in denen die taktischen Maßnahmen des Turnus näher ausgeführt werden, vgl. dazu → Kap. D 10.1, wo besonders auf TC 9,3,232-236 eingegangen wird. Eine moralische Note bringt Lucienberger in das Verhalten des Nisus und Euryalus, der beiden jugendlichen Freunde, bei ihrem Wüten unter den schlafenden Belagerern in TC 7,6,107-126 (vgl. Aen. 9,313-366; vgl. dazu → Kap. D 4. 1. 10). Es geht ihm nicht etwa darum, das gnadenlose Abschlachten wehrloser Feinde zu kritisieren (Vergil preist die Heldentaten des Nisus und Euryalus als ewigen Ruhmes würdig), aber immerhin arbeitet er deutlicher als Vergil die Beutegier und Unbesonnenheit des Euryalus heraus, die ihm schließlich Verderben bringen. Über Vergil hinausgehend lässt er den Euryalus sich wundern, dass Nisus offenbar keine Beute machen will ( TC 7,6,124), und umgekehrt den Nisus ein zweites Mal (in TC 7,6,125 f.) warnen, Euryalus möge sich nicht mit Beute überladen. Dass Lucienberger hier ein moralische Exempel gestalten will, geht auch daraus hervor, dass er - in dieser Form singulär in seiner ganzen Dramatisierung - zwei sentenziöse Wendungen hinzudichtet (Anspielungen auf die Fabel vom vollgefressenen Füchslein, s. dazu → Kap. D 5.4.1, und auf das Gleichnis oder das Sprichwort vom fresswütigen Wolf, s. dazu → Kap. D 5.4.2, auch → Kap. D 5.5), was typisch für lehrhafte Reden ist. <?page no="480"?> 480 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama Dem didaktischen Zweck von Lucienbergers Dramatisierung dient denn auch die Fülle von S e n t e n z e n , die sich in der TC (aber noch nicht in der Aeneis) finden. Mit solchen Sentenzen lässt Lucienberger die jeweils sprechende Figur allgemeinere moralische Maximen entwickeln; dadurch wird das dargestellte Geschehen in popularphilosophischer Weise kommentiert oder vertieft. Beispiele für solche lehrhaften Sätze, die alle von Lucienberger neu formuliert sind und in der Aeneis keine Vorlage haben, sind im → Rubriken-Kap. C 5.4.9 zusammengestellt. E 5 Die Aeneis im Lichte der TC: Gewinn- und Verlustrechnung bei der Transformation der epischen Aeneis in eine dialogisierte „Tragicocomoedia“ Mein Hauptinteresse bei der Beschäftigung mit der TC galt nicht dem Stück selber, obwohl ich seiner Analyse Hunderte von Druckseiten gewidmet habe, sondern der Frage, ob die Betrachtung dieser Dramatisierung mir (und meinen Lesern) eine neue Sicht auf das Original, das Epos Vergils, eröffnet. Ich möchte diese Frage (für mich, der ich mich seit meiner ersten Vergil- Publikation vor genau 50 Jahren immer wieder mit der Aeneis beschäftigt habe) bejahen. Mindestens möchte ich sagen, dass mir einige Charakteristika von Vergils Epos durch die Spiegelung in der TC klarer geworden sind. E 5.1 Reden als konstitutives Element des Dramas, aber auch des Epos Als grundlegende neue Erkenntnis oder jedenfalls als Bestätigung eines bisher vagen Gefühls möchte ich bezeichnen, dass die Wirkung des Epos nicht so sehr auf den in ihm dargestellten Aktivitäten beruht, obwohl der narrativ-deskriptive auktoriale Anteil 63 (oder immerhin 53) Prozent der rund 9.900 Hexameter des Epos ausmacht (vgl. → Kap. D 3.1), sondern auf den „restlichen“ 37 (oder nach anderer Berechnung 47) Prozent: auf den Reden der Akteure. Das wird dadurch erwiesen, dass die TC als Aeneis „funktioniert“, obwohl sie nur aus Reden besteht, deren Hauptteil aus den komplett übernommenen Reden des Epos gebildet wird; in ihnen werden nicht-sprachliche Aktivitäten nur angekündigt oder eben in Reden dargestellt. Es gibt zwar sog. Regiebemerkungen ( RB ), in denen in auktorialer Weise Aktivitäten erwähnt werden und die bei einer szenischen Aufführung der TC die Funktion von Handlungsanweisungen für die Schauspieler haben, aber diese Art von Regiebemerkungen sind relativ selten und sie dienen eher dem Verständnis der aus dem Epos zitierten isolierten Rede- Verse als umgekehrt. Die TC kann, meine ich, eine ähnliche Wirkung wie das <?page no="481"?> E 5 Die Aeneis im Lichte der TC: Gewinn- und Verlustrechnung bei der Transformation 481 Epos erzielen, obwohl sie „nur“ auf (zitierte) Worte der Figuren setzt, nicht auf (erzählte) Handlungen. Wenn man auf die drei Handlungsstränge der Aeneis schaut, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit allgemein als die wichtigsten betrachtet werden, nämlich auf das Motiv des „Gelobten Landes“, auf die Dido-„Tragödie“ und auf die futurische, zumal augusteische Dimension des „historischen“ Epos, das mehr als 1000 Jahre vor der Zeit des Autors spielt, dann muss man feststellen: sie bestehen fast ausschließlich in Reden, sie beruhen hauptsächlich auf Reden, zumal auf solchen prophetischer Art. Und da Lucienberger grundsätzlich alle Reden der Aeneis in seine TC übernimmt, bilden sie auch in seinem Werk das Skelett der Handlung. E 5.2 „Verluste“ der TC gegenüber der Aeneis Um im Bereich der Körper-Metaphorik zu bleiben: Es mangelt der TC an Fleisch, an Körperlichkeit, an Fülle. Sicher ist es für den Fortgang der Handlung unerheblich, dass Vergil z. B. am Ende von Aen. I (Aen. 1,697-747) ausführlich das glanzvolle Gastmahl beschreibt, das Dido den Aeneaden zu Ehren gibt, und er hätte es auch, wenigstens zunächst, mit einigen vorläufigen tibicines („Stützversen“, die den Zusammenhang skizzieren (diesen Ausdruck soll Vergil laut der VSD § 24, der ältesten antiken Vita Suetoniana-Donatiana, selber gebraucht haben), abmachen können. Aber wenn man dann auf die Behandlung derselben Passage durch Lucienberger in TC 2,6,019a-027 schaut, wo sie faktisch auf den wörtlich aus der Aeneis übernommenen Trinkspruch Didos ( TC 2,6,023-027 = Aen. 1,731-735) und dessen Vorbereitung in Didos Anweisung an Bicias ( TC 2,6,018b-022) zusammengeschmolzen ist und es einer auktorial erzählenden Regiebemerkung (nach TC 2,6,027) bedarf, um wenigstens einen Zug des festlichen Ambientes, die musikalische Untermalung, zu berücksichtigen, dann sieht man, wie viel an Farbigkeit und Fülle verlorengeht, wenn nur das erzählt, geschildert oder gesprochen wird, was unmittelbar das Erreichen des Handlungsziels im Großen oder im Kleinen (hier: der Annäherung Didos an Aeneas) fördert. Allerdings gilt diese Einbuße nur für die TC als Lesedrama und für eine bloße Rezitation. Bei einer szenischen Aufführung würden diese Einbußen durch die Inszenierung des Textes (durch Kleidung und Aktion der Schauspieler, eventuell durch Kulissen usw.) kompensiert. Ob die Phantasie eines bloßen Lesers ausreicht, um aus dem gegenüber der Aeneis gekürzten Text der TC , der nur aus Dialogen besteht, ein hinreichendes oder gar reiches Bild der jeweiligen Situation und Aktion zu gewinnen, wage ich zu bezweifeln. Damit sind wir bereits bei einem Beispiel für einen Ve r l u s t , den die Aeneis bei ihrer Transformation in eine TC durch Lucienberger erleidet. Eine Liste <?page no="482"?> 482 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama solcher Kürzungen ist in → Kap. C 5.1 (Gleichnisse) und → Kap. C 5.2 (Handlungselemente), im Rubriken-Teil, zusammengestellt, und viele von ihnen sind in allgemeinerer Form (in → Kap. D 2.3) oder in speziellerer Betrachtung (in → Kap. D 3.2 für Redeeinleitungen, in → Kap. D 4.1 für Aristien, in → Kap. D 4.3 für Kunstbeschreibungen, in → Kap. D 5 für Gleichnisse) im Analyse-Teil näher besprochen worden. Aber „Kürzungen“ sind nicht in jedem Falle „Verluste“. So bedeutet es in meinen Augen keinen nennenswerten inhaltlichen Verlust, weder im Hinblick auf die Verständlichkeit der Handlung noch im Hinblick auf den Sinn der Gesamthandlung, dass Lucienberger - um nur zwei markante Beispiele zu nennen - zum einen die fast das ganze Aen.-Buch V füllenden Gedächtnisspiele für Anchises mit den Disziplinen Regatta, Wettlauf, Boxen und Zielschießen mit dem Bogen drastisch kürzt und das abschließende Reiterspiel sogar ganz übergeht, und dass er zum andern die Schlacht- und Einzelkampfszenen in den Kampf-Büchern Aen. IX - XII stark beschneidet, vor allem grausame Einzelszenen eliminiert. In beiden Fällen spielt für die Kürzung oder gar Streichung durch Lucienberger zwar auch der technisch-literarische Gesichtspunkt eine Rolle, dass sich solche detailreich und anschaulich erzählten Aktionen nur schwer bis gar nicht in dialogische Äußerungen transformieren lassen. Aber auch die Überlegung, dass diese Szenen, vor allem die Häufung gleichartiger Aktionen, für das epische und gleichzeitig auch dramatische Handlungsziel, die Gewinnung des Gelobten Landes für die Aeneaden, nicht unbedingt notwendig sind, wird Lucienberger den Verzicht auf sie erleichtert haben. Eine solche Charakterisierung soll nicht umgekehrt bedeuten, dass diese Partien innerhalb der Aeneis gewissermaßen überflüssig sind. Vergil hat sie vielmehr aus anderen Motiven geschaffen: um seinem Epos größere Vielfältigkeit, Anschaulichkeit und Farbigkeit zu verleihen, um seinen Lesern Abwechslung, Unterhaltung und größeren literarischen Genuss zu bereiten. Denn gerade die erwähnten Partien, die sportlichen und spielerischen Wettkämpfe in Aen. V und die Kämpfe in Aen. IX - XII „leben“ von ihrer literarischen Beziehung auf Homer, auf die Ilias. Überspitzt ausgedrückt könnte man sagen: Weite Passagen der Aeneis haben ihre inhaltliche „Berechtigung“ eher durch ihren intendierten intertextuellen Bezug auf Odyssee und Ilias, als dass sie für die Darstellung der Geschichte des Aeneas zwischen Troja und Latium (und weiter nach Rom) „nötig“ gewesen wären. Lucienberger aber brauchte gerade bei seinem Blick auf das intendierte Publikum, deutsche Fürstensöhne im letzten Viertel des 16. Jh.s, keine Rücksicht auf genuin literarische Motive zu nehmen, die Vergil bestimmt haben mochten, in einer aemulatio mit Homer in der Aeneis intertextuelle Bezüge zu den beiden griechischen klassischen Epen zu schaffen. <?page no="483"?> E 5 Die Aeneis im Lichte der TC: Gewinn- und Verlustrechnung bei der Transformation 483 E 5.3 Stärkere Ausrichtung in der TC auf das Handlungsziel Tendenziell ist die TC , obwohl sie nur in Sprachhandlung besteht, in meinen Augen stärker handlungs- und zielorientiert als die Aeneis. Das zeigt sich nicht zuletzt in dem grundsätzlichen Verzicht Lucienbergers auf (fast) alle rund 100 Gleichnisse der Aeneis. Epische Gleichnisse fördern nicht den Gang der Handlung, sondern vertiefen sie (Näheres in → Kap. D 5). Lucienberger scheint sie als entbehrlichen Schmuck betrachtet zu haben. Der deutlichste Beleg für eine gegenüber der Aeneis stärker ausgeprägte Zielgerichtetheit der TC besteht in den beiden neuen Handlungsketten, die Lucienberger erfunden hat (Näheres dazu in → Kap. D 6). Gegen Ende der ersten Hälfte der Aeneis lässt Ve r g il Anchises in der Unterwelt in der sog. Heldenschau seinem Sohn Aeneas einen Vorblick auf die großen Gestalten der künftigen römischen Geschichte geben, eröffnet dem Leser aber wenig über das, was Aeneas persönlich in der unmittelbaren Zukunft in seinem Zielland Latium bevorsteht. Dem Aeneas verkündet er offenbar weitaus mehr und Genaueres; aber Vergil tut das in auktorialem raffendem Referat in gerade einmal 3 Versen ab, in Aen. 6,890-892. Das ist eine weitaus unkonkretere Ankündigung dessen, was Aeneas unmittelbar in den nächsten Tagen bevorsteht, als immerhin zuvor die von Apollo inspirierte Sibylle in Aen. 6,83-98 in verschlüsselter Sprache geweissagt hatte. (Aus den Worten der Prophetin konnte sowohl Aeneas als auch der Leser erschließen, dass für Aeneas auch nach Erreichen des Gelobten Landes im Bereich von Lavinium die Leiden nicht beendet sein würden: Furchtbare blutige Kämpfe am Tiber ständen ihm bevor; seine Gegner würden ein in Latium einheimischer zweiter Achill und weiterhin die Göttin Juno sein. Verhängnisvoll werde sich wieder (wie einstmals im Falle Helenas) die (umstrittene) Heirat mit einer (neuen) Frau auswirken. Bundesgenossen werde er nicht unter den italischen Völkerschaften finden, wohl aber überraschender Weise Rettung durch eine griechische Stadt. In Klartext übersetzt werden hier Geschehnisse angekündigt, bei denen Turnus, Juno, Lavinia als Streitobjekt und Euander, der König der griechischen Arkader, eine entscheidende Rolle spielen. Der Ausgang der Kämpfe wird nicht vorausgesagt; allein durch die von Euander eröffnete via prima salutis (Aen. 6,96) wird ein für Aeneas positives Ende angedeutet. Immerhin wird der Leser, der diese Prophezeiung der Sibylle in Erinnerung hat und sie zudem mit dem auktorialen, aber vagen Resümee des letzten, nicht zitierten Teils der Offenbarungen des Anchises in der Unterwelt kombiniert, eine allgemeine Vorstellung davon gewinnen, was ihn in den restlichen Büchern der Aeneis erwartet. L u c i e n b e r g e r hat sich aber nicht mit diesem Ausblick auf die zweite Hälfte der Aeneis in Gestalt der Prophezeiung der Sibylle - die er nach seinem Prinzip, <?page no="484"?> 484 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama alle Reden der Aeneis zu übernehmen, in TC 5,1,032-097 zitiert - begnügt. Er hat vielmehr sinngemäß statt des knappen auktorialen Referats über den Schluss der Anchises-Prophetie in Aen. 6,890-892, der die bella gerenda in Latium betrifft, diesen aktuell wichtigen Schlussteil (auf eine neu eingefügte entsprechende Frage des Aeneas in TC 5,3,180 f. hin) in Gestalt von TC 5,3,182-248 sozusagen rekonstruiert. Hier erfährt Aeneas im Detail, was ihm in Latium bevorsteht, oder anders ausgedrückt: der Leser, was der Inhalt der beiden Bücher Aen. VII und VIII sein wird. In dieser langen Erweiterung der Anchises-Prophezeiung werden die wichtigsten Akteure bei Namen genannt (oder wenigstens die Rolle solcher Gestalten beschrieben), nämlich Latinus, (Lavinia), Juno, Allecto, Turnus, Amata, Tiberinus, Euander, Tarchon und die Etrusker ( Thyrrhenaque regna ), darunter Massicus; 169 Näheres siehe in → Kap. D 6.1.2. Aber nicht genug damit: Der Anchises Lucienbergers gibt dem Aeneas auch einen doppelten Ausblick auf das Ende der Kämpfe (und damit dem Leser auf das Ende der TC ): es wird erst erreicht sein, wenn die Königin Amata nicht mehr am Leben ist ( TC 5,3,218 f.); es wird im Sieg des Aeneas, der Erringung von Trophäen und Triumphen und in seiner Heirat mit der „Königin“ (= Prinzessin Lavinia) bestehen (TC 5,3,241-248, diese Schlussworte des Anchises endet mit triumphis ). Auf diese Weise gibt Lucienberger, deutlicher und detaillierter als Vergil, dem Leser einen Vorblick auf das Geschehen in der zweiten Aeneis-Hälfte, speziell auf Aen. VII - VIII, mithin auf TC VI-1 bis VII-4, und auf das glückliche Ende, diesmal nicht der Aeneis, sondern der TC in Gestalt der neu geschaffenen Schluss-Szene TC X-9. Dieses von Lucienberger in der Erweiterung der Anchises-Rede in TC V-3 vorausgeschickte detaillierte „Programm“ für den weiteren Verlauf der TC dient einer Vorweg-Information des Lesers, die Vergil nicht für nötig gehalten hat; Vergil hat einen entsprechenden Ausblick in Gestalt der Prophezeiung der Sibylle nur verdunkelt zugelassen. Für Lucienbergers Drama, das an drei Tagen aufgeführt werden sollte, hatte ein solcher Vorblick aber eine zusätzliche Berechtigung dadurch, dass er in TC V-3 offenbar (nach den beiden wahrscheinlicheren Varianten a und b) am Ende des 2. Aufführungstages erfolgen sollte (s. dazu → Kap. E 2.5.5) und damit die Zuhörer / Zuschauer auf den letzten Aufführungstag 169 Kurioser Weise wird ausgerechnet der hier von Anchises namentlich angekündigte Massicus, der in Aen. 10,166 den „Etrusker-Katalog“ eröffnet, in Lucienbergers Adaption in TC 8,3,009 eliminiert (und seine Gefolgschaft Tarchon überschrieben), s. dazu → Kap. D 4.2.1. Daraus wird man schließen dürfen, dass Lucienberger beim Verfassen von TC 5,3,240 noch nicht wusste, wie er bei der Adaption des Etrusker-Katalogs Vergils in TC VIII-3 vorgehen würde. <?page no="485"?> E 5 Die Aeneis im Lichte der TC: Gewinn- und Verlustrechnung bei der Transformation 485 gespannt machen würde. In struktureller Hinsicht dient ein solcher Vorverweis der Kohärenz des Werkes. 170 Lucienberger verstärkt zudem den Zusammenhang zwischen Ankündigung des Endes der TC und Erfüllung dieser Ankündigung in Gestalt der Schluss- Szene TC X-9 noch durch eine weitere Neuerfindung: das Motiv der Waffen- Weihung im Finale der TC , die am Schluss von TC VII -4 angekündigt und ebenfalls in TC X-9 erfüllt wird (vgl. dazu → Kap. D 6.3, besonders → Kap. D 6.3.6). Man könnte diese Erfindung Lucienbergers, die in der Zufügung der finalen Hochzeits- und Triumphszene TC X-9 besteht oder jedenfalls darin kulminiert, als einen „Gewinn“ gegenüber der Aeneis betrachten; aber sie ist im Grunde eine tiefgreifende Veränderung der Konzeption Vergils, die deshalb nicht mit Kategorien von Plus oder Minus zu erfassen ist. Lucienberger erfindet - nicht als erster, das von 1428 stammende Supplementum Aeneidos von Maffeo Vegio (s. dazu → Kap. D 8.3, auch → Kap. B 8), das im 16. Jh. in Vergil-Ausgaben weit verbreitet war, geht noch wesentlich weiter - mit der Schluss-Szene TC X-9 eine für Aeneas glückliche Weiterführung der Aeneis-Handlung, die Vergil eben nicht angestrebt hat. Diese Neuerung entspricht nicht dem Geiste Vergils, auch wenn in ihr inhaltlich Entwicklungen dargestellt werden (wie die Hochzeit Lavinia - Aeneas und die ehrenvolle Beisetzung des Turnus, nicht aber die finale Waffenweihe mit einer Aitiologie zum römischen Ritus der Weihung der spolia opima , die ein Sondergut Lucienbergers ist), die durchaus in der originalen Aeneis angebahnt sind. Immerhin möchte ich sagen, dass ich das Motiv, dass Aeneas seine Waffen göttlicher Herkunft, mit denen er soeben Turnus getötet hat, jetzt den Göttern weiht und damit offenbar ein Zeichen für die Beendigung seiner Kämpfe gibt, für eine Erfindung halte, die eines Vergil würdig wäre und die Aeneis Vergils inhaltlich bereichern würde. Aber sie ist eben kein Teil der originalen Konzeption Vergils und dass dieses Motiv in der Aeneis fehlt, ist keine Schwäche Vergils. Die stärkere Ausrichtung Lucienbergers auf seine Schluss-Szene TC X-9 (nicht nur mit der Waffenweihe des Aeneas, sondern auch) mit der Hochzeit Lavinias mit Aeneas, zeigt sich auch darin, dass in der TC der Komplex der 170 Einen analogen Fall der Vorbereitung des Lesers / Hörers auf eine spätere Entwicklung der Handlung durch einen gegenüber der Aeneis neuen Vorverweis bietet Lucienberger zu Beginn von TC II-1. Dort lässt er in einer Abschiedsrede des Acestes bei dem neu in der TC (in TC I-7 und II-1) dargestellten ersten Aufenthalt der Aeneaden auf Sizilien, wo Anchises stirbt und bestattet wird, den einheimischen König beim Abschied die Möglichkeit ansprechen (in TC 2,1,010 ff. si reduces unquam … ), dass die Trojaner eines Tages nach Sizilien zurückkommen und dann Spiele veranstaltet würden. Das ist strukturell eine Ankündigung von Aen. V und der Entsprechung in der TC ab TC 4,1,026 ff. (wo bezeichnenderweise der Begriff reduces in TC 4,1,033 = Aen. 5,40 wieder aufgegriffen wird). <?page no="486"?> 486 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama umstrittenen H e i r a t L a v i n i a s mit Aeneas (wie das von König und Vater Latinus versprochen war) oder mit Turnus (wie das die Königin Amata wollte und worauf Turnus selber einen Anspruch zu haben glaubte) eine größere Rolle als bei Vergil spielt. Dieses Heiratsmotiv wird von Lucienberger mehrfach, über Vergil hinausgehend, erwähnt, so in TC 5,3,217, wo Anchises in der Unterwelt in seiner erweiterten Prophezeiung von promissis hymenaeis spricht oder in TC 8,4,035, wo Mezentius von dem mit der etruskischen Flotte herannahenden Aeneas sagt Dardanius … sponsus … connubia poscit. Selbstverständlich übernimmt Lucienberger auch entsprechende Erwähnungen, die er bereits bei Vergil vorfand, so die Aufforderung des Turnus an Aeneas, der sich ihm scheinbar nicht zum Kampf stellen will, in Aen. 10,649 = TC 8,6,001 thalamos ne desere pactos ; so die Klage der Bürger von Laurentum o dirum bellum et Turni diros hymenaeos in TC 9,3,022 nach Aen. 11,217; so die Frage des Drances in TC 9,3,18 = Aen. 11,355 quin natam egregio genero dignisque hymenaeis / des pater . Es ist auch nur natürlich, dass Lucienberger bei der nur von ihm in der Schluss-Szene dargestellten Heirat Lavinias mit Aeneas entsprechende Wendungen gebraucht, so Latinus in TC 10,9,006 connubio hanc iungam stabili propriamque dicabo , wenn er seine Tochter dem Aeneas als Gattin zuspricht; so kurz darauf Aeneas, der in dem neuen Vers TC 10,8,014 seine Braut Lavinia als sponsa anredet. Situationsgerecht ist auch, dass andere Personen im Epos und in der TC von einer Heirat Lavinias ( connubium ) sprechen, so Faunus in Aen. 7,96 = TC 6,1,029; Juno Aen. 7,333 = TC 6,4,037 und Aen. 7,555 = TC 6,7,027, implizit auch Aen. 12,821 = TC 10,7,028; Numanus Aen. 9,500 = TC 7,7,055; Latinus Aen. 12,43 = TC 10,1,044. Auffällig aber ist besonders, dass gerade Mezentius und Turnus, sogar auch Mezentius’ Sohn Lausus, dieses Motiv in Erinnerung rufen, wenn sie Trojaner töten. So tötet Turnus den Pandarus in TC 7,7,105-106 (vgl. → Kap. D.4.1.5) mit den (ihm von Lucienberger neu in den Mund gelegten) Worten Sic ultrix sic coniugium mea dextera firma. / / Hac, Teucri, ornamus celebri sponsalia pompa (bei der wirklichen Heirat Lavinias spricht ihr Vater Latinus in TC 10,9,034 ebenfalls von sponsalia pompa ). Mezentius antwortet beim Sichten der etruskischen Hilfsflotte mit Aeneas an der Spitze auf die Frage des Turnus, wer denn da komme, mit den neu gedichteten Worten in TC 8,4,035 f.: Dardanius … sponsus / … venit et connubia poscit . Wenig später eröffnet Mezentius offenbar die Abwehrschlacht der latinischen Alliierten gegen die landenden Bundesgenossen des Aeneas (der Kontext ist in der TC nicht klar) in TC 8,4,054b-055 mit den (neuen) höhnischen Worten: Hi vestri sunt hymenaei, / sic nos excipimus sponsalia nostra petentes (vgl. dazu → Kap. D 4.1.2). Lucienberger lässt auch Lausus neu in dem seltsam isolierten Vers, offenbar im Kampfgetümmel, in TC 8,6,020b (zu den Aeneaden) sagen: Haud alia sponsam mercede feretis . <?page no="487"?> E 5 Die Aeneis im Lichte der TC: Gewinn- und Verlustrechnung bei der Transformation 487 E 5.4 Stärkere Berücksichtigung politischer Aspekte in der TC Es gibt aber andere Neuerungen Lucienbergers, die sozusagen Lücken in der Aeneis füllen und damit gleichzeitig solche aufweisen (oder, vorsichtiger ausgedrückt: für Vergil bzw. die Personen der Aeneis charakteristische Denk- oder Handlungsweisen bewusst machen, die nicht selbstverständlich und zeitunabhängig sind). Dabei denke ich weniger an die Gesten der Höflichkeit und Gastfreundschaft, die Lucienberger Akteure der TC in mehreren Fällen vollziehen lässt, wo Vergil für dieselbe Situation auf Erwähnungen dieser Art verzichtet (vgl. dazu → Kap. C 5.4.1, auch → Kap. D 7.3 und D 8.1). Schon gar nicht wird man vermissen, dass Personen, die Aufträge oder Befehle erhalten, bei Vergil in der Regel keine willfährigen Antworten geben, bei Lucienberger aber sehr wohl (vgl. dazu → Kap. C 5.4.2, auch → Kap. D 7.3). Aber gewisse Ergänzungen Lucienbergers gegenüber Vergil lassen doch erkennen, dass Vergil gerade in politisch-militärischer Hinsicht Fragen offenlässt und kein Interesse an Vorgängen zeigt, die durchaus eine nähere Behandlung verdient hätten. Vor allem meine ich damit das G e w i n n e n v o n B u n d e s g e n o s s e n , konkret Tarchons und des etruskischen Heerbanns (s. dazu → Kap. D 7.2). Das wird bei Vergil kurz abgemacht, weniger in Aen. 8,597-607 als in rückgreifender Erzählung (als Aeneas bereits die Flotte der Etrusker anführt) in Aen. 10,159-153; es scheint nach den Ausführungen Euanders über die Führerlosigkeit des etruskischen Heeres in Aen. 8,470-518 und über das Erfordernis eines externus dux selbstverständlich oder jedenfalls unproblematisch zu sein, dass Aeneas, sobald er das etruskische Heerlager bei Caere erreicht hat, als externus dux von den Etruskern akzeptiert wird. In der Tat lässt Vergil in der ganzen Aeneis die Aussagen von Orakeln über den Willen der Götter oder der Fata (ich möchte formulieren: die Berufung auf das „Gesetz der Geschichte“) als durchschlagendes politisches Argument gelten. Lucienberger aber scheint das als problematisch oder mindestens als ergänzungsbedürftig betrachtet zu haben. Er hat zwei Szenen, TC VIII -2 und VIII -3 praktisch ganz neu erfunden, in denen Aeneas persönlich sein Anliegen vor Tarchon und seinen Vornehmen ( proceres ) vertritt, die Etrusker zu Bundesgenossen zu gewinnen. Für seine Ansprüche auf Latium beruft er sich, ganz im Sinne Vergils, auf divum auguria et vatum responsa piorum ( TC 8,3,036), verweist aber auch darauf, dass der von den Etruskern vertriebene König Mezentius den Turnus und sein trojanerfeindliches Heer unterstützt. Tarchon nun schließt sich nicht ohne weiteres Aeneas an und unterstellt ihm den etruskischen Heerbann, sondern berät sich eingehend mit seinen Vornehmen - Aeneas muss sich derweil entfernen - über die politische Entscheidung, Aeneas zu unterstützen oder nicht. Tarchon selber stellt seinen Vornehmen den unterschiedlichen Charakter des Aeneas einerseits, und des <?page no="488"?> 488 E Zur Gesamtwürdigung der Gattungstransformation Epos - Drama Turnus und Mezentius andererseits vor Augen: der eine verbürgt auf Dauer Frieden, die anderen sind Vertragsbrüchige. Das sind im Grunde politische Überlegungen. Asylas, der Wortführer der etruskischen Fürsten, rekurriert dann auf die Berufung des Aeneas auf fata deumque iussa ( TC 8,2,067 f.), fügt aber noch bestätigend neu einen Verweis auf eine entsprechende Prophezeiung der Carmentis (der Mutter Euanders) hinzu. Niemand erwähnt aber das Erfordernis des externus dux für den neuen Führer der Etrusker. Vielmehr verweist ein anderer etruskischer Fürst auf das Gebot der iustitia , zu Unrecht Bedrängten zu helfen. Es ist also bei Lucienberger eine Mischung aus politischen, moralischen und (im Hinblick auf fata, iussa deum und oracula ) religiösen Gründen, die Tarchon und die Etrusker zur Unterstützung der Aeneaden bringt. Was Tarchon dann nach der Beratung mit seinen Vornehmen Aeneas mitteilt (in TC 8,3,001-005 ≈ 8,2,054-061), ist nur die politische Begründung. Sowohl die nichtreligiösen Argumente als auch die Beteiligung der Aristokraten bei Beschlüssen (hier dem Abschluss eines Waffenbündnisses) des Monarchen sind Ergänzungen Lucienbergers zur Aeneis, die ihm zwar vom Geist des 16. Jh.s eingegeben sein mögen, die aber auch dem Denken Vergils nicht fremd wären. Vergil aber hat es offensichtlich nicht für nötig gehalten, beim Vorliegen autoritativer göttlicher Weisungen den formalen Abschluss eines Bündnisses zwischen Etruskern und Aeneaden eigens in einer Szene zu gestalten. Eine ähnliche Tendenz, die im engeren Sinne politische Dimension bestimmter Vorgänge anschaulicher und auch rationaler darzustellen als Vergil es tut, zeigt sich auch in Lucienbergers Gestaltung der E n t w i c k l u n g , wie es z u m K r i e g der Latiner und ihrer Bundesgenossen gegen die Aeneaden kommt. Darüber ist in → Kap. D 9.3, bes. in → Kap. D 9.3.5, ausführlich gehandelt. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass die treibende Rolle der Allecto in der Aeneis bei Lucienberger stark zurückgedrängt ist, dafür aber die des Turnus und des Latinus mit ihren Begründungen für die Okkupation der Macht bzw. für den Verzicht auf sie in der TC bedeutend stärker ausgemalt ist: mit neuen Reden der beiden politischen Kontrahenten, mit einer von Turnus ausgerufenen Mobilmachung und auch umgekehrt mit der Eliminierung einer „irrationalen“ Episode Vergils, der Öffnung der Belli portae durch die Göttin Juno. Auch in diesem Falle, wie später im Hinblick auf den (eben erörterten) Abschluss eines Waffenbündnisses zwischen Tarchon und Aeneas, jetzt aber sogar in der noch wichtigeren Situation des Ausbruchs eines Kriegs, der die ganze zweite Hälfte der Aeneis einnehmen wird, interessiert sich Lucienberger mit Recht mehr für die politischen Vorbedingungen und Implikationen dieses Ereignisse als es Vergil tut. <?page no="489"?> E 5 Die Aeneis im Lichte der TC: Gewinn- und Verlustrechnung bei der Transformation 489 E 5.5 Persönlicher Rückblick eines „Vergilianers“ Wenn ich als „Vergilianer“ auf mein Studium der Tragicocomoedia Lucienbergers zurückblicke, die er aus der Aeneis entwickelt hat, sehe ich nicht zuletzt deshalb darin eine Bereicherung, dass mich die Auseinandersetzung mit der TC gezwungen hat, mich mit den unterschiedlichsten Teilen und Aspekten der Aeneis zu beschäftigen, auch solchen - wie etwa den Tötungsserien, die man „Aristien“ nennt -, die weder mich noch die meisten anderen Aeneis-Forscher näher interessieren, die aber eben doch Teil der Aeneis sind. Und manchmal auch mit Problemen oder Phänomenen der Aeneis - etwa solche der literarischen Darstellungstechnik -, die erst in der Spiegelung durch die TC sichtbar werden. Vielleicht erscheint deshalb nach der Lektüre dieser Untersuchungen und / oder der Tragicocomoedia manchem Leser manches an der Aeneis neu oder in anderem Licht. Vielleicht zeigen gerade die Kürzungen und Erweiterungen Lucienbergers, dass es (wenigstens inhaltlich) auch eine andere Aeneis geben kann, die nicht von vornherein schlechter ist als die Vergils. Eine Alternative kennenzulernen, wird aber den Respekt vor der Leistung Vergils eher fördern als schmälern. München, 1. 4. 2018 Werner Suerbaum <?page no="491"?> F 1 Bibliographisches 491 F Bibliographie und Indizes F 1 Bibliographisches In [eckigen] Klammern aufgeführt sind solche Publikationen, die nur scheinbar einschlägig sind oder die ich nur sporadisch benutzt habe. Andrae, Janine / Eckmann, Sonja (2000), Die „Dido“ des Petrus Ligneus - eine neulateinische Dramatisierung der vergilischen Vorlage, in: Binder, Gerhard (Hrsg.), Dido und Aeneas. Vergils Dido-Drama und Aspekte seiner Rezeption, Tier 2000, S. 175-227 (aufgeführt Leuven 1550, gedruckt Antwerpen 1559; Ligneus = Peter van den Houte). Vgl. dazu → Kap. E 1.1 Anm. 149 (instruktive Spezialuntersuchung für eine Transformation Epos / Drama, die zu der späteren von 1576 in der TC Parallelen aufweist). [Baumbach, Manuel / Polleichtner, Wolfgang (Hrsgg.) (2013), Innovation aus Tradition. Literaturwissenschaftliche Perspektiven der Vergilforschung, Trier 2013 = Bochumer Altertumswissenschaftliches Colloquium 93 (in dem Sammelband ist Lucienberger nicht erwähnt; am ehesten anregend Reinhold F. Glei, Die Auflösung des Textes. Zur literarischen, grammatischen und mathematischen Centonisierung Vergils, S. 167-186; W. Polleichtner, scaenis decora apta futuris : Das Theater und die Aeneis, S. 139-165 untersucht am Beispiel u. a. der Beschreibung des portus Libycus in Aen. 1,157-169 und der Albträume Didos in Aen. 4,465-473 - worin jeweils der Begriff scaena fällt - die Reaktion Vergils auf das „Theater“ (im Sinne von aufgeführtes Drama); er verfolgt nicht - wie ich beim Vergleich TC / Aen. vorwiegend - einen intertextuellen, sondern einen intermedialen Ansatz).] Binder, Gerhard (Hrsg.) (2000), Dido und Aeneas. Vergils Dido-Drama und Aspekte seiner Rezeption, Trier 2000, 321 S. (= BAC = Bochumer Altertumswissenschaftliches Colloquium 47), darin S. 143-174 Glei (2000) und S. 175-227 Andrae / Eckmann. [Blomendal, Jan / Norland, Howard B. (Hrsg.) (2013), Neo-Latin drama and theatre in early modern Europe, Leiden-Boston 2013 = Drama and theatre in early modern Europe 3 (in dem Sammelband, der nach Ländern gegliedert und in dem „Jesuite theatre in Germany, Austria and Switzerland“ von Fidel Rädle S. 185-292 behandelt ist, wird Lucienbergers TC gar nicht und Aeneas nur fünfmal in insignifikanter Weise erwähnt; er enthält aber eine reichhaltige alphabetische Bibliographie S. 687-757).] Cazes, Hélène (1995), Mises en pièces. Recueils de lieux communs et adaption dramatique d’un auteur classique à la fin du XVI e siècle, in: Forestier, Georges / Néraudau, J.-P. (Hrsgg.), Un classicisme ou des classicismes? , Actes du colloque international organisé par le Centre de Recherches sur les Classicismes antiques et modernes Reims 1991, Pau 1995, 199-215, hier 209-214 einige Beobachtungen zu Lucienbergers TC , besonders zum Ersatz des narrateur bei Vergil durch Reden von dramatis <?page no="492"?> 492 F Bibliographie und Indizes personae in der TC , illustriert am Beispiel des Beginns der Durchwanderung der Unterwelt, von TC V-2 im Vergleich mit Aen. 6,187-267. [Ford, Philip / Taylor, Andrew (Hrsgg.) (2013), The early modern cultures of Neo-Latin Drama, Leuven 2013 = Supplementa humanistica Lovaniensia 32 (in dem Sammelband wird Lucienberger nicht erwähnt.] [Gärtner, Helga / Heyke, Waltraut (1964), Bibliographie zur antiken Bildersprache, unter der Leitung von Viktor Pöschl bearbeitet von Helga Gärtner und Waltraut Heyke, Heidelberg 1964, 425-440 zu Vergil (zu etwa 440 einschlägigen Publikationen); zum ganzen Buch vgl. die Rezension von W. Suerbaum, Gnomon 38, 1966, 1-12.] Glei, Reinhold F. (2000), Neulateinische Dramatisierungen der Aeneis - ein Überblick, in: Binder, Gerhard (Hrsg.), Dido und Aeneas. Vergils Dido-Drama und Aspekte seiner Rezeption, Trier 2000, S. 1; 43-174 (zu Lucienberger S. 149 f.) (Neubearbeitung dieser Liste in Glei, 2006). Glei, Reinhold F. (2006), Virgilius Cothurnatus - Vergil im Schauspielhaus. Drei lateinische Tragödien von Michael Maittaire. Einleitung, Edition und Übersetzung von Glei, Reinhold F., Tübingen 2006 = NeoLatina 12; darin ist S. 169-210 nebst zugehörigen Literaturangaben S. 211-220 als Anhang „Neulateinische Dramatisierungen der Aeneis “ (in einer Neubearbeitung von Glei, 2000) enthalten: eine Übersicht und Vorstellung aller 38 bekannt gewordenen einschlägigen Stücke, die zwischen ca. 1515 und 1898 bezeugt sind; Lucienbergers TC figuriert unter dem Titel Inclyta Aeneis S. 179-181 als Nr. 10; die kurze Vorstellung der TC ist praktisch identisch mit der Version von 2000, 149 f. [Glei, Reinhold F. (2008), Didos Hofnarr - Zum Personal von Knausts Dido-Tragödie (1566), in: Glei, Reinhold F. / Seidel, Robert (Hrsgg.), Das lateinische Drama der Frühen Neuzeit. Exemplarische Einsichten in Praxis und Theorie, Tübingen 2008, 133-154 (in dem Sammelband ist Lucienberger nicht erwähnt).] Glei, Reinhold F. (2013), Turnus im neulateinischen Drama - ein ‚tragischer‘ Held? , in: Timothy J. Moore / Wolfgang Polleichtner (Hrsgg.), Form und Bedeutung im lateinischen Drama, Trier 2013 = BAC 95, 115-127 (darin auch S. 119 f. kurz zur TC , speziell zur Schluss-Szene TC X-9). Highet, Gilbert (1972), The speeches in Vergil’s Aeneid, Princeton N. J. 1972 (380-seitiges Fundamentalwerk zu diesem Thema). Besonders nützlich ist der dortige Appendix 2 (S. 305-319) Classification of the speeches (14 apostrophes, 65 commands, 9 diplomatic of political speeches, 9 cohortationes, 8 farewells, 5 greetings, 2 legalistic speeches, 23 narratives, explanations, descriptions, 25 (7+12+6) oracles, prophecies, interpretations of omens and oracles, 50 persuasions, 29 prayers, 20 questions, 29 responses to questions, commands, and various types of persuasion, 8 soliloquies (3 Aeneas, 3 Dido, 2 Juno), 33 taunts, threats, challenges, 1 vituperation (Numanus in 9,598-620). In Appendix 4 (327-339) The speeches listed by names of characters sind 90 Personen aufgeführt, die in der Aeneis mindestens einmal (und sei es nur mit einem einzigen Vers, wie Messapus in 12,296) oder bis zu 69-mal (Aeneas mit <?page no="493"?> F 1 Bibliographisches 493 528 Versen, seine Erzählung vor Dido in Aen. II und III nicht einmal mitgerechnet) in oratio recta sprechend auftreten. Kallendorf, Craig (1994 = 2007), Inclyta Aeneis. A sixteenth-century neo-Latin tragicomedy , Erstpublikation in: Proceedings of the 8th International Congress of Neo- Latin Studies, ed. R. Schnur et alii, Binghamton NY 1994, 529-536; mit der Originalpaginierung als Neudruck leichter zugänglich in dem Sammelband mit Aufsätzen von C. Kallendorf: The Virgilian tradition. Book history and the history of reading in early modern Europe, Alsdershot, Hampshire (England) und Burlington, NY ( USA ) 2007, 529-536 (sic) als Beitrag XII (dies ist die einzige neuere Spezialpublikation zur TC ). - In demselben Sammelband Kallendorfs von 2007 findet sich S. 121-148 auch ein Neudruck seines 2001 erstmals (in: Poets and critics read Virgil, ed. S. Spence, New Haven) erschienenen Aufsatzes: The Aeneid transformed: Illustration as interpretation from the Renaissance to the present. [Kaminski, Nicola (1995), s. o. → Kap. E 1.1 Nr. 1. Anm. 148] Kopp, Ulrich (1995), The 1576 Antwerp edition of the works of Baptista Mantuanus and Johannes Lucienberger in Frankfurt am Main, in: John L. Flood / William A. Kelly (Hrsgg.), The German book 1450-1750. Studies, London 1995, 123-136. [Lohse, Rolf (2015), s. o. → Kap. D 12.2.3 Anm. 141 und → Kap. E 3.4. Anm. 165] Rieks, Rudolf (1981), Die Gleichnisse Vergils, in: ANRW (Aufstieg und Niedergang der römischen Welt) II 31.2, 1981,1011-1110. Schauer, Markus (2007), Aeneas dux in Vergils Aeneis . Eine literarische Fiktion in augusteischer Zeit, München 2007 (zur fiktiven Gesellschaftsstruktur insbesondere der Trojaner im Epos, vor allem zur Führungsstellung des Aeneas). [Schuchard, Margret (1983), D er theatralische Aeneas: Transformationen einer klassischen Gestalt, in: H. J. Zimmermann (Hrsg.), Antike Tradition und Neuere Philologien. Symposion zu Ehren … von Rudolf Sühnel, Heidelberg 1984, 56-70 (behandelt in einem Überblick die Figurenkonstellation Dido - Aeneas im Theater der englischen „Restaurationszeit“ seit der Mitte des 17. Jh.s; das älteste erwähnte Stück ist „William Gagers neulateinisches Universitätsdrama Dido, Tragoedia von 1583“). ] Suerbaum, Werner (1980), Hundert Jahre Vergil-Forschung: Eine systematische Arbeitsbibliographie mit besonderer Berücksichtigung der Aeneis, ANRW (Aufstieg und Niedergang der römischen Welt) II 31.1, 1980, 3-358, darin u.a. S. 176 zu Reden, S. 173-175 zu Gleichnissen. Suerbaum, Werner (1999), Vergils Aeneis. Epos zwischen Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 1999, darin u.a. S. 262-273 zu den Reden, S. 273-294 zu den Gleichnissen. Suerbaum, Werner (2008A), Handbuch der illustrierten Vergil-Ausgaben 1502-1840. Geschichte, Typologie, Zyklen und kommentierter Katalog der Holzschnitte und Kupferstiche zur Aeneis in Alten Drucken. Mit besonderer Berücksichtigung der Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek München und ihrer Digitalisate von Bildern zu Werken des P. Vergilius Maro sowie mit Beilage von 2 DVD s, Hildesheim- Zürich-New York 2008, 684 S. = Bibliographien zur Klassischen Philologie Band 3 (die beiden DVD s umfassen rund 8,5 Gigabyte und bieten unter ca. 6.000 Digitalisaten etwa 4000 Vergil-Illustrationen), darin S. 284-286 zu VP 1576B, Lucienbergers <?page no="494"?> 494 F Bibliographie und Indizes Tragicocomoedia ). Auf der DVD 2 und auch im „Digitalen Angebot“ der Bayerischen Staatsbibliothek, dort unter „Buchillustrationen zu Vergils Aeneis 1502-1840 („Vergilius pictus digitalis“) oder unter der Signatur Eslg / 4 A.lat.a 706, ist ein komplettes Digitalisat von VP 1576B nach dem Exemplar mit der angegebenen Signatur verfügbar. Darin sind die erste und die letzte bedruckte Seite als Scan 002 bzw. Scan 298 gezählt. Suerbaum, Werner (2008B), Titelbilder zu den Aeneis-Büchern vom Humanismus bis zum Neoklassizismus. Geschichte, Typen und Tendenzen der Aeneis-Illustration in gedruckten Vergil-Ausgaben und -Übersetzungen von 1502 bis 1840, in: Philologia antiqua. An International Journal of Classics (Pisa-Roma) 1, 2008, S. 99-201 (mit 90 Abb.) (darin im Kapitel 5. Der Argumentum-Typus: Ein Simultanbild als Titelbild eines Aeneis-Buches - ein Aeneis-Buch auf einen Blick, S. 118-133 auch zu dem „Frankfurter Zyklus“, zu dem auch VP 1576B mit Lucienbergers TC gehört, bes. S. 127 ff. mit Abb. 26 und 34-39). Suerbaum, Werner (2009), Vergil als Jugend-Erzieher. Achates gibt Ascanius Anweisungen für anständiges Verhalten bei Hofe (Aen. 1,643 ff.), in: Die Alten Sprachen im Unterricht ( DAS iU) 57, 2009, Heft 4, S. 2-8 (zu Lucienbergers TC II -6 mit starken Erweiterungen gegenüber Vergil). [Wlosok, Antonie (1976), Vergils Didotragödie. Ein Beitrag zum Problem des Tragischen in der Aeneis, in Herwig Görgemanns / Ernst A. Schmidt (Hrsgg.), Studien zum antiken Epos, Meisenheim am Glan 1976, 228-250.] F 2 Verzeichnis der sprechenden Personen in der TC Dieses Kap. F 2 ist nur in dem digitalen Ergänzungs-Band als Datei „ TC - EDV - FG Suerbaum“ zugänglich, dort im Anschluss an die Datei „ TC - EDV - EG Suerbaum“ (die Kap. C 6 enthält). F 3 Abkürzungen und technische Hinweise Aen. I bzw. Aen. XII (mit römischer Zahl) Buch 1 bzw. Buch 12 der Aeneis Vergils. Einzelne Verse oder Gruppen von Versen der Aeneis werden zweistufig zitiert, z. B. (Verg.) Aen. 12,952 (letzter Vers der Aeneis). auktoriale Darstellung Darstellung (Erzählung, Beschreibung usw.) durch den Autor (lat.: auctor , für die Aeneis: Vergil), genau genommen: durch den historischen Autor Vergil in seiner Rolle als Erfinder, Gestalter, Erzähler usw. (in französischen Texten: narrateur ), schlicht „Vergil“ genannt. Ein Gegensatz ist: Figuren-Rede. In einem Drama wie der TC (deren Autor Lucienberger ist) gibt <?page no="495"?> F 3 Abkürzungen und technische Hinweise 495 es grundsätzlich nur Figuren-Reden; ein auktoriales Element sind allein die sog. Regiebemerkungen (s. diese). Buchausgabe der TC von 1576 = TC + Paratexte + Holzschnitte = VP 1576B (= Vergilius pictus 1576B). Holzschnitt bzw. Titelholzschnitt Die Buchausgabe der TC + Paratexte, Frankfurt a. M. 1576, enthält 13 ganzseitige Holzschnitte, nämlich jeweils ein Titelbild für die 10 Akte der TC, dazu je ein weiteres Titelbild vor TC I-7, TC X-6 und TC X-9. Alle Holzschnitte in VP 1576B (mit Ausnahme des vor TC VII -1 gestellten, für Aen. IX bestimmten) sind unveränderte Übernahmen von älteren Titel-Holzschnitten des sog. Argumentum-Typs vor einer Ausgabe oder Übersetzung der 12 Aeneis-Bücher plus einem Supplementum Aeneidos = Aen. XIII . Näheres im „Handbuch der illustrierten Vergil-Ausgaben“ bei Suerbaum, 2008A, S. 284-286. Paratexte Begleittexte der TC Lucienbergers innerhalb der Druck-Ausgabe Frankfurt a. M. 1576, insbesondere die Epistola dedicatoria , das nach Habitationes gegliederte Personenverzeichnis, die 10 metrischen (jambischen) Periochae (Inhaltsangaben der einzelnen Akte), die 10 Argumenta (Inhaltsangaben) in Prosa, der Anhang De exodiis , die drei Exodia (Nachspiele). Eine Sonderform der Paratexte sind die Bildbeigaben, hier 13 ganzseitige Holzschnitte (s. Holzschnitte). RB Regiebemerkung, s. dort. Regiebemerkung, oft als RB abgekürzt (vgl. dazu vor allem → Kap. D 11) in die hexametrischen Dialog-Texte der TC eingelegte meist kurze Prosa-Texte, die nur zum Teil wirklich die Funktion von Bühnenanweisungen haben. (In den tabellarischen Übersichten in Kap. C 4 über diese „Regiebemerkungen“ sind weitere Abkürzungen gebraucht, s. dort.) Scan Scan (≈ Seiten) der Digitalisierung der TC / VP 1576B durch die Bayerische Staatsbibliothek München, s. TC . Sternchen * … * Leere Zeilen mit zwei *Sternchen* markieren in der Druckausgabe der TC (in VP 1576B) etwa 130mal Sprechpausen. TC Lucienbergers Tragicocomoedia, die Dramatisierung von Vergils Aeneis, in der Buchausgabe von Frankfurt a. M. 1576 ( VP 1576B) erschienen, komplett als Digitalisat in den „Digitalen Sammlungen“ des Münchener Digitalisierungszentrums ( MDZ ) der Bayerischen Staatsbibliothek München (= BSB ) zugänglich unter der Signatur ES lg/ 4 A.lat.a. 706 in 108 Scans, die jeweils Seiten entsprechen (unter denen aber auch einige unbedruckte sind). Die BSB nennt (noch) als Verfasser „Lucienberg“. Für die TC habe ich erstmals eine Verszählung der <?page no="496"?> 496 F Bibliographie und Indizes 6.008 Hexameter eingeführt, die aber nicht durchgehend ist, sondern jeweils die Verse der einzelnen 67 Scenae (Szenen) in den 10 Actus (Akten) nummeriert. Der gedruckte Titel für das Werk Lucienbergers in VP 1576B beginnt zwar mit Inclyta Aeneis , aber diese beiden Wörter beziehen sich eindeutig auf den Prätext, die Aeneis des „ P. Vergilii Maronis poetarum optimi “. Das Werk Lucienbergers wird „titular“ bestimmt erst in der 4.-6. Zeile des Titels durch die Wörter „ in regiam tragicocomoediam … redacta “. Deshalb ist die korrekte Bezeichnung für VP 1576B Tragicocomoedia. Ich habe dafür die Abkürzung TC eingeführt. Zur Abwechslung oder aber mit Bezug auf den Kontext verwende ich für die TC auch Synonyme wie Lucienberger, Dramatisierung, Dialogisierung, dramatische Version und ähnliches, ferner die Sigle VP 1576B, die ich (wegen der Bebilderung) in meinem „Handbuch der illustrierten Vergil-Ausgaben 1502-1840“ (Hildesheim 2008) eingeführt habe und die dort „ein im Jahre 1576 - neben einer anderen bebilderten Ausgabe VP 1576A - erschienener Vergilius pictus“ bedeutet. TC 10,9,037 Actus X, scena 9, Vers 37 der Tragicocomoedia (letzter Vers der Tragicocomoedia Lucienbergers), TC 2,7,001-2,7,234 = erster bis letzter Vers von TC Actus 2 scena 7 (= TC II -7 oder seltener Act. II sc. 7). Eine dreistufige Stellenangabe dieses Typs bezieht sich immer auf die TC . Wenn kein bestimmter Vers, sondern eine ganze Szene gemeint ist, wird zweistufig zitiert, z. B. die letzte Szene der Dramatisierung Lucienbergers als TC X-9 oder TC Act. X sc. 9 = Akt 10 Szene 9 der Tragicocomoedia Lucienbergers Dreistufige Stellenangaben vom Typ 10,9,037 (= letzter Vers der TC ) beziehen sich immer auf Verse der TC ; zweistufige vom Typ 12,952 (= letzter Vers der Aeneis Vergils) auf Verse der originalen Aeneis Vergils. (Nur in der synoptischen Ausgabe sind aus technischen Gründen die Stellenangaben für die Aeneis meist auf 5 Ziffern aufgefüllt, so dass dort z. B. der erste Vers des zweiten Buches der Aeneis als Aen. 02,001 angeführt wird.) VP 1576B Die Buchausgabe der TC mit deren Text + Paratexte + Holzschnitte, s. diese Stichworte VV Vergil-Verse, Vergilii versus (nicht: Vitae Vergilianae). <?page no="497"?> F 4 Index der näher behandelten Themen und Personen 497 F 4 Index der näher behandelten Themen und Personen Beim Verfassen dieses Registers bin ich, wie generell bei der Endredaktion des Buches, von meiner studentischen Hilfskraft Frau Katharina Remlinger kompetent unterstützt worden. F 4.1 Szenen Es wird nicht unterschieden, ob in den angegebenen Kapiteln die betreffende Szene (die jeweils eine eigene Verszählung hat) im Ganzen, nur bestimmte Passagen oder gar nur einzelne wichtige Verse behandelt sind. Bei der ungeheuren Zahl der aus der TC zitierten oder auch nur genannten Verse kann nur eine Auswahl der m. E. relevanten Stellen geboten werden. Insbesondere die Rubriken im Groß-Kap. C 5, die faktisch nur aus Stellenangaben bestehen, sind so gut wie nicht erfasst. TC I-1 (157 Verse) C 1.1, C 5.5.1, C 8, D 1.3 passim, D 1.4, D 2.2 passim, D 2.3.2, D 3.6.2a, D 9.7, D 9.8, D 11.6.1-2, D 11.7.1 TC I-2 (220) C 4.3, C 5.5.2, C 7.2, C 8, D 7.3, D 9.8, D 11.5.1-3, D 11.6.3-5, D 1.7.2-3, D 11.8.1-3, D 12.3.7e passim, D 12.3.9, E 2. 5. 10 TC I-3 (24) C 2.2, C 4.3, C 5.5.1, D 5.3.6, D 12.3.8a passim, D 12.4.7a TC I-4 (115) B 4. 2. 11, C 4.3.1-3, C 4.5, D 2.4.3, D 7.3, D 8.1.1, D 11.4, D 11.5.4-5, D 11.7.4 TC I-5 (165) B 4. 2. 11, B 4. 2. 39, C 4.3.3-6, C 4.5, C 5.5.1, D 2.3.3f, D 6.3.3, D 7.3, D 8.1.1, D 9.7, D 11.5.6, D 11.6.6, D 12.3.4 passim TC I-6 (188) C 4.3.6-9, C 4.5, D 3.6.2d, D 8.1.1, D 11.8.4 TC I-7 (127) B 4.2.4, B 4.2.5, C 4.3.9-10, C 4.5, C 5.5.2, D 2.4.3, D 3.6.2i, D 7.3, D 8.1.1, D 12.3.5, E 4 Actus I (996 ) B 6.1.1-2, C 4.3, D 11, D 12.2.1, E 2.5.5 TC II -1 (128) B 4. 2. 11, C 2.2, D 2.1, D 2.3.2, D 7.3, D 8.1.2 TC II -2 (74) D 7.3, D 12.4.7b, D 12.4.8a TC II -3 (129) D 5.3.1-2 D 5.3.7, D 5.5, D 12.3.2 TC II -4 (153) D 1.2, D 7.3, D 11.8.5, D 12.3.2 TC II -5 (27) D 12.3.8c, D 12.4.7c <?page no="498"?> 498 F Bibliographie und Indizes TC II -6 (27) B 4. 2. 13, B 4. 2. 16, D 2.4.3, D 7.1 passim, D 7.3, D 11.4, D 11.8.6, D 12.3.8d, E 3.3, E 4, E 5.2 TC II -7 (234) B 4. 2. 11, C 2.2, C 4.1, C 4.4.1-2, C 4.5, D 2.3.2, D 3.4, D 3.6.1, D 8.1.3, D 12.3.7d passim Actus II (772) B 6.2.1-2, D 11.4-7 passim, D 12.2.1, E 2.5.5 TC III -1 (76) D 7.3, D 9.6 TC III -2 (34) D 12.4.7d TC III -3 (46) C 7.2, D 1.2, D 2.4.4, D 11.8.7 TC III -4 (57) B 5.3, D 7.3, D 9.7, D 11.8.8, D 12.4.8b, E 2.5.9 Anm. TC III -5 (177) C 1.2, D 11.4, D 11.8.9-10, E 2.5.9 TC III -6 (115) C 5.5.2 Actus III (505) B 6.3.1-2, D 12.2.1, E 2.5.5 TC IV -1 (36) B 4. 2. 11, D 8.1.4 TC IV -2 (31) C 5.5.2, D 7.3, D 11. 8. 11 TC IV -3 (153) B 5.3, B 6.11, C 7.2, D 2.3.3g, D 6.3.2, D 11. 8. 12-14 TC IV -4 (94) D 1.5, D 2.1, D 12.4.8c TC IV -5 (63) D 2.4.3, D 9.4 passim TC IV -6 (57) D 1.5, D 12.4.8d Actus IV (434) B 6.4.1-2, D 12.2.1, E 2.5.5 TC V-1 (108) C 5.2.2a, C 5.2.5 TC V-2 (290) B 4.2.4, C 7.5, D 3.6.2e, D 7.3, D 11.4, D 12.3.7ab passim TC V-3 (252) C 5.5.1, D 2.4.1, D2.4.2, D 3.6.2b, D 4.2.3, D5. 3.3-4, D 6.1.1-2, D 6.2, D 6.3.6, D 8.1.5, D 9.3.2, D 12.2.2, D 12.3.7ab passim, E 5.3 TC V-4 (28) B 4. 2. 11, D 8.1.6, D 11. 8. 15, D 12.3.7ab Actus V (678) B 6.5.1-2, D 12.2.1, E 2.5.5 TC VI -1 (48) C 5.5.1, D 9.5, D 9.7, D 11. 8. 16 TC VI -2 (27) B 4.2.6, C 5.5.1, D 7.3, D 12.3.8e TC VI -3 (84) D 6.3.5, D 7.3 <?page no="499"?> F 4 Index der näher behandelten Themen und Personen 499 TC VI -4 (54) D 9.3.1, D 12.4.7e TC VI -5 (50) C 7.4, D 5.3.9, D 9.3.2, D 9.8, D 11.4 TC VI -6 (40) D 1.5, D 2.4.3, D 9.3.1-3 passim TC VI -7 (86) B 4. 2. 15 C 5.5.1, D 2.4.3, D 6.3.2, D 9.3.4-5 passim, D 10.2, D 11. 8. 17-18, D 12.4.8e TC VI -8 (130) B 4. 2. 18, B 4. 2. 22, B 6.11, D 4.2.2, D 9.3.5 Actus VI (519) B 6.6.1-2, D 12.2.1, E 2.5.5 TC VII -1 (51) B 4. 2. 22, D 11. 8. 19-20, E 4 TC VII -2 (203) C 5.5.2, D 3.6.2c, D 7.3 TC VII -3 (28) D 11. 8. 21, D 12.4.7f TC VII -4 (102) D 3.6.2j, D 6.3.6-7, D 7.2.1, D 7.3, D 11. 8. 22 TC VII -5 (79) B 4. 2. 12, B 4. 2. 23, B 4. 2. 44, C 2.2, C 5.5.1, D 11.4, D 11. 8. 23, D 12.4.8f TC VII -6 (126) D 4. 1. 10, D 5.4.1, D 5.4.2, D 5.5, E4 TC VII -7 (121) B 1.5, D 2.1, D 4.1.5, D 4. 1. 10, D 5.4.2, D 9.8, D 11.4, E 5.3 Actus VII (710) B 6.7.1-2, D 12.2.1, E 2.5.5 TC VIII -1 (97) D 4.2.0 Anm., D 7.2.1, D 12.4.7g TC VIII -2 (75) B 4. 2. 18, B 4. 2. 46, B 5.3, D 2.4.3, D 7.2.1-5 passim, D 7.3, E 4, E 5.4 TC VIII -3 (44) B 4. 2. 18, B 4. 2. 46, D 2.4.3, D 4.2.1, D 7.2.1-5 passim, D 12.3.7c, E 4, E 5.4 TC VIII -4 (128) B 4. 2. 21, B 4. 2. 33, D 1.11, D 3.4, D 4.1.2, D 4.1.3, D 4.1.9, D 4. 1. 15, D 6.3.3, D 8.1.7, D 9.8, D 12.3.6, D 11. 8. 24-25, D 12.3.6 passim, D 12.4.8g, E 5.3 TC VIII -5 (25) D 12.3.3, D 12.3.8b, D 12.4.7h TC VIII -6 (36) D 4.1.8, D 9.9, D 12.3.3, D 12.4.2 TC VIII -7 (42) D 8.1.8, D 9.8 Actus VIII (447) B 6.8.1-2, D 12.2.1, E 2.5.5 TC IX -1 (81) C 5.5.1, D 4.1.3, D 6.3.3, D 7.3, D 11. 8. 26 TC IX -2 (33) C 5.5.1, D 9.5 <?page no="500"?> 500 F Bibliographie und Indizes TC IX -3 (236) B.4.2.4, B 4. 2. 18, B 4. 2. 22, B 5.3, D 2.1, D 2.4.1, D 3.6.2f, D 3.6.2h, D 9.5, D 9.7, D 9.8, D 10.1, D 12.3.7c passim, E 4 TC IX -4 (37) B 5.3, D 10.1-2, D 11. 8. 27 TC IX -5 (60) D 3.6.2g, D 10.2, D 12.4.7i TC IX -6 (74) D 4. 1. 12, D 4. 1. 13, D 8.1.9, D 9.8, D 10.1, D 10.2, D 12.4.2 Actus IX (521) B 6.9.1-2, D 12.2.1, E 2.5.5 TC X-1 (70) C 2.1 Anm., D 9.5 TC X-2 (49) D 2.3.3f, D 12.4.8h TC X-3 (79) D 1.1 passim, D 1.5, D 2.3.3g, D 4.1.6, D 5.3.8, D 11. 8. 28-29, D 12.4.2 TC X-4 (52) D 6.2, D 8. 1. 10, D 8.2 passim, D 9.8, D 11.4, D 11. 8. 30, E 4 TC X-5 (26) D 1.5, D 12.4.5 TC X-6 (36) D 1.5, D 2.1, D 6.1.3, D 6.2, D 8. 1. 11, D 9.7, D 9.8, D 12.4.2 TC X-7 (46) D 12.4.7j TC X-8 (31) B 6.11, D 9.2 TC X-9 (37) B 4. 2. 38, B 4.4, D 2.4.2, D 10.9.1-7, D 7.3, D 8.3.1-2, D 8.3.2, D 8.4, D 11. 8. 31, D 12.2.1, D 12.2.2, E 5.3 Actus X (426) B 6.10.1-2, D 9.2, E 2.5.5 F 4.2 Themen und Personen Wenn nichts anderes vermerkt, ist „… in der TC “ gemeint, doch ist dabei oft auch das Vorkommen dieses Phänomens in der Aeneis mitbehandelt. abit, exit D 11.3-4, D 11.8.9, D 12.3.1 Abkürzungen F 3, ferner C 3 (Anfang) Abschied C 5.4.1 Achates D 7.1, E 4.2 ad iuventutem admonitio B 7.2 Adressaten s. Publikum ad spectatores D 8.4 ad usum delphini B 3.2, D 4. 1. 15 Änderungen in der TC gegenüber der Aeneis, Rubriken C 5 passim Aeneas B 4.4 (Mäßigung), D 2.3-4, D 4.1.2-4, D 10.2, D 11. 8. 19 Aen. II - III C 4 passim, D 3.6.1, D 12.3.4 <?page no="501"?> F 4 Index der näher behandelten Themen und Personen 501 Aeneis passim, s. bes. D 12.1, D 12.2.2, E 5 passim Aeneis-Ausgabe Lucienbergers C 8 Aeneis (Gleichnisse) D 5.1, D 5.3 Aeneis (Struktur) D 12.1-2 Aeneis-Würdigung B 4.1 Aitiologie D 2.3.3d, D 6.3.2 Akt-Einteilung A 1.7, D 12.2, E 2.5.5 Akt-Inhalt B 6 passim, C 1 passim Aktionssprünge in einer Szene D 12.3.5 Akustisches D 11.7.2, D 11.8.7 und 22 (Kanonen), D 11. 8. 11 (jüdisches Murmeln), D 11. 8. 12 (Tuba-Signal), D 11. 8. 27 ( tuba taratantara ), s. auch szenische Aufführung Allecto D 6.1.2, D 9.3 passim Amata D 6.1.2, D 6.2 passim, D 8. 1. 10-11, D 8.2, D 9.3.2, D 9.7, D 9.8, D 11. 8. 30 Anchises: Tod in Drepanum B 4.2.4, C 2.2, C 4. 3. 10, D 7.3 passim, D 8.1.2, D 12.3.5, E 4, s. auch Szenen-Index zu TC I-7 und TC II -1 Anchises-Prophezeiung in der Unterwelt ( TC V-3) D 6.1 passim, D 8.1.5, D 8. 1. 11, s. ferner im Szenen-Index zu TC V-3 Ankündigung und Ausführung D 12.3.9, auch B 6.11, D 4.1.2 Anna (Schwester Didos) D 9.6 Anonymität der dramatis personae D 1.3-5 Antilabe s. Metrik C 7.2, D 9.3.4 Antworten C 5.4.2 Apostrophen des Autors an Figuren D 2.3.3de Argumenta, Argumentum B 6 (B 6.1.2 bis B 6.10.2), D 2.1, auch D 11.2 Aristien C 5.2.2b, D 4.1 passim, D 10.2, s. auch Kämpfe Aristokratisches s. proceres Ascanius D 4.2, D 7.1, auch B 4. 2. 13.15, B 6.2.2, B 6.4.2, D 1.5, D 6.3.2, D 7.1 passim, D 7.2.5, D 9.3.1, D 9.3.4, D 12.3.8cde, E 2.5.8, E 4 Aufführung s. szenische Aufführung Aufführungsorte (mögliche) E 2.5.6 Auftrag D 7.3 Augustus D 6.3.2 Anm. 92, D 6.3.4 auktoriale Äußerungen, Erwähnungen, Schilderungen Vergils in der Aeneis C 5.2.6, C 5.3.3, C 5.3.5-6, D 2.1, D 2.3.3e, D 11.2, D 11. 8. 29 Auslassungen s. Streichungen Auswahlverfahren auf Sizilien D 9.4 passim Begrüßung und Abschied C 5.4.1, D 7.3 Beratung, Ratsversammlung B 4. 2. 47, D 7.2.3, D 9.5, D 12.3.7c <?page no="502"?> 502 F Bibliographie und Indizes Bestattung B 4.2.4, B 6.5.2, C 4. 3. 10, C 5.5.1, D 8.3.2, D 9.5, D 11. 8. 26, D 12.3.7c, E 4 Bestrafung D 8.2, D 9.8 Beutewaffen B 4. 2. 36, D 6.3 passim, bes. D 6.3.3-4, D 4. 1. 10 Bibliographie F 1 Bilder s. Holzschnitte Biographie Lucienbergers A 2 passim Botenbericht D 2.1 Bühnenanweisung s. Regiebemerkung ( RB ) Bündnis, Bundesgenossen D 7.2 passim, E 5.4 Camilla D 4. 1. 12, D 4.2.2 Cassandra B 4. 2. 28, C 4.3, C 4.3.3, C 5.4.4b, C 5.5.2, D 1.3 passim, D 1.4, D 11.8.1 Catalogus habitationum et personarum B 5 passim, E 2.5.3 Celestina (Comedia oder Tragicomedia, 1499) E 3.4 Charakteristiken D 3.2, D 10.1-2 chronologische Ordnung s. ordo naturalis Creusa D 7.3 Cybele C 2.2, C 4.3, C 5.5.1, D 12.3.8a Dank C 5.4.1 Dialoge unter Göttern B 4. 2. 40, D 12.4.4-9 passim Diana D 3.6.2g, D 5.5 Didaktisches D 7.1, E 4 passim, auch B 4. 2. 57-58, B 4.3, B 4.4, B 7.2, (D 4.1.1), (D 4. 1. 15), (D 10.1), D 11. 8. 19 Dido C 4.4.1, D 3.4, D 5.5, D 8.1.3, D 9.6, D 11.8.9-10, D 12.3.7d Dokument D 11. 8. 16-18 Drama, Dramatisierung passim, bes. A 1.2, A 1.5, D 1.1, D 2.1, D 12.1, E 2.4 Anm. 155, s. auch Titel der TC , tragicocomoedia Dramatisierung der Aeneis, moderne französische E 2 Drances D 2.4.3, D 9.5 passim, D 11. 8. 16 Edictum (des Turnus) D 9.3.5, D 11. 8. 18 Einführung A 1.1-6 Einladungen B 4.4, C 4. 3. 10, C 5.4.3, D 2.4.3, D 8.1.6, D 8.3.1, E 4 Epilogus B 7.2, auch B 5.3, E 2.5.3 epischer Erzähler E 1.1 Nr. 4 (in neolat. Aen.-Dramen), E 2.4 Anm. 156, zu dem der Aeneis s. „Vergil“ passim, auch „auktoriale Äußerungen“ „epische“ Szenen D 4 passim Epistola dedicatoria A 1.7, 2, B 4 passim, E 2.5.2 <?page no="503"?> F 4 Index der näher behandelten Themen und Personen 503 Erweiterungen, Ergänzungen der Aeneis in der TC D 2.4 1-3 passim, D 6 / D 7 / D 8 / D 9 passim, s. auch A 1.6, D 5.4 (Gleichnisse), D 11.8.6 (Sänger) Erzählung des Aeneas vor Dido in Aen. II - III und ihre Umsetzung in der TC C 4.1-4 passim nebst Tabelle in C 4.5; auch D 3.6.1 Etrusker, Etrusker-Katalog D 4.2.1 passim, D 7.2 passim, s. auch Tarchon Exodia B 9 passim, E 2.5.4 Fabel C 5.4.6, D 5.4.1, auch D 5.5, E 4 Fama, fama D 9.7 passim, auch B 4. 2. 14, C 4.3.6, D 8.2, D 11.8.8, D 11. 8. 16, D 12.3.4, E 2.5.9 Anm. Formatierungen der Synopse TC / Aen. C 1.2, D 11.1 Anm. 128 Frankfurt a. M. A 1.1, A 2 passim, B 3.3, B 8, C 8, C 8.3.1, E 2.5.6b mit Anm., F 1 (Kopp, 1995; Suerbaum 2008B) Frauenrollen B 4.4, B 5.4, C 7.4, D 9.4, E 2.5.9 passim; s. auch Exodia Frischlin, Nicodemus (Dido, 1581; Venus, 1585) E 1.1 Nr. 1, Nr. 5 und bes. Nr. 11, E 3.1 Fuchs-Fabel D 5.4.1, s. auch im Szenen-Index zu TC VII -6 Fünf-Akt-Gliederung s. Akt-Einteilung, bes. D 12.2.3 Fürsten, Fürstensöhne B 3.2-3, E 4, auch B 7.1 Gager, William (Dido, 1583) D 11.3 passim, E 1.1 Nr. 1, Nr. 5, Nr. 11, F 1 (Schuchard, 1983) Gleichnisse C 5.1, C 5.4.6, D 2.1 Anm. 52, D 2.3.3a, D 5 passim Gliederung D 12.2 passim, s. auch Akt-Einteilung, Szenen-Einteilung Götter, Götter-Szenen B 4. 2. 2, C 5.2.2c, D 1.5, D 7.2.1, D 11.8.5, D 12.3.3, D 12.3.8abc, D 12.4.1-9 passim Grausames D 4. 1. 15 Guénoun, Denis (franz. Aen.-Dramatisierung 1982) E 1.2 Halbverse C 7.1 Handlungsziel E 5.3 Heldenschau D 4.2.3, auch D 3.6.2b, D 6.1, D 12.2.2 Anm. Heirat Lavinias mit Aeneas E 5.3 Heldenschau D 4.2.3, s. auch im Szenen-Index zu TC V-3 Hexameter A 1.2 Anm. 5, A 1.7, C 7, auch A 1.7, D 12.2.3, E 3.3 Hinzufügungen C 5.4 passim, D 6.1.1 Hochzeitsmotiv (sponsalia, conubium) E 5.3 Höfisches B 4.4, D 2.4.3, D 7.1, D 7.3, D 12.3.8d Holzschnitte A 1.1, B 8, D 8.3.2 Horaz A 1.7, D 12.2.3 ( Ars poetica ); D 5.4.1 ( epist. 1,7 ) Humor E 3.3, s. auch Lachen <?page no="504"?> 504 F Bibliographie und Indizes Ich-Erzählung des Aeneas D 12.3.7d; s. auch im Szenen-Index zu TC II -7 Identifizierung der Sprecher D 1.2-4, D 3.3 Italiker-Katalog D 4.2.2 Illustrationen s. Holzschnitte Inhalt der einzelnen Akte der TC B 6 passim, C 1 passim Inhaltsverzeichnis s. Argumentum, Periocha (B 6) Intentionen Lucienbergers A 1.7 interlocutores s. Personenverzeichnis Irrfahrten-Erzählung des Aeneas s. Aen. II - III Italiker-Katalog D 4.2.2, D 9.3.5 iuris candidatus (Lucienberger) A 2 Jagd B 4.2.6, B 4. 2. 15, C 7.2, D 2.1, D 2.4.4, D 8.1.3, D 9.3.4, E 3.3 Anm. 163 Jarbas B 4. 2. 14, B 5.3, D 9.7, D 11.8.8 und 16, D 12.4.8b, s. auch Szenen-Index zu TC III -4 Juden D 11. 8. 11 Juno C 2.2, C 5.2.1a, C 5.3.2, D 1.5, D 3.5, D 3.6.2g, D 5.4.2, D 6.3.2, D 9.3.1, D 12.3.3, D 12.3.8b, D 12.4.1, E 2.5.9 Kämpfe, Kampfschilderungen, Schlachtszenen C 5.2.2c, D 2.3.3b, D 4. 1. 15, D 10.2, s. auch Aristien Kanonen D 11.8.7 und 22 Kanzler des Latinus s. Drances Kataloge D 4.2 passim Königtum D 2.4.3, auch D 4.2.1, D 7.2.3, D 9.3.4; D 9.6, E 3.2 (Könige/ Tragödie), s. auch Latinus Kollektive B 5.4 Komödien-Elemente, Komik E 3.3, auch B 4. 2. 13, D 8.4, E 1.1 Nr. 11, E 3.3 Anm. 162 und 163, s. auch ad spectatores, Lachen, tragicocomoedia Kriegsausbruch, Kriegserklärung D 9.3, auch D 6.3.3, E 5.3 Kunstbeschreibung C 5.2.5, D 2.3.3d, D 4.3 kurze Szenen D 12.3.8 Kürzungen der Aeneis in der TC s. Streichungen, bes. D 2.3.1-3 passim, auch D 4.1.6, D 4. 1. 14-15, D 11. 8. 24, E 5.2 Kürzungspotential A 1.6 (Vermutungen) Lachen C 7.2 lange Reden in der Aeneis und in der TC D 3.5-6 passim lange Szenen D 12.3.7 Laocoon s. im Szenen-Verzeichnis zu TC I-1, bes. D 1.3 und D 2.2 Latiner-Katalog s. Italiker-Katalog <?page no="505"?> F 4 Index der näher behandelten Themen und Personen 505 Latinus B 4.4, B 5.1, C 5.4.5-7, D 1.1, D 2.4.3, D 3.1, D 5.3.8-9, D 6.3.1-2, D 7.2.5, D 8. 1. 10, D 8.2, D 8.3.1-2, D 8.4, D 9.3.1-2, D 9.3.5 passim, D 9.5, D 12.3.8e, E 2.5.8 Lausus D 4.1.9 Lavinia D 8.2, E 5.3 Leichenspiele s. ludi Lesen / Hören / Sehen D 1.1-5 passim Leser (der gedruckten TC , vorwiegend kontrastiv zum Zuschauer) B 6.0, C 2.1, C 4.1, D 1.1-3 passim, D 1.5, D 2.2, D 2.3.3, D 6.1.1, D 6.1.3, D 6.3.1, D 9.7, D 11.2, D 11.4, D 11. 8. 13, D 12.2.2, D 12.3.7c, D 12.3.9, E 2.1, E 5.2, E 5.3 passim Ligneus, Petrus = Peter van den Houte (Dido 1550=1559) D 12.3.1 Anm., E 1.1 (Nr. 2 mit Anm. 149), F 1 (Andrae, 2000) Livius B 9.1 (Liv. 7,2), D 6.3.2 Anm. 93 (Liv. 4,20) Lucienberger (Biographie) A 2, auch D 7.1 Anm. 103 Lucienberger (Name) A 1.5 Anm. 9, A 2 ludi B.4. 2. 12, D 11. 8. 14 (Aen. V / TC IV -3), E 1.1 (Nr. 11) Massicus D 4.2.1-2, D 6.1.2, E 5.3 Anm. 169 Macrobius B 4.3 Mattaire, Michael (drei neolat. Aen.-Dramen 1695-1699) E 1.1 Nr. 5, F 1 (Glei, 2006) Mauerschau D 2.1, D 4. 1. 14, D 4.3, auch D 5.3.2 und D 11.8.2 Medina Coeli (Kastilien) A 2 Methodica instructio Lucienbergers A 1.7, A 2 passim, E 3.2 Metrik C 7 passim, s. auch Hexameter Mezentius D 4.1.8, (Mezentius dux D 4.2.1 Anm.), D 6.3.3 Militärisches B 4. 2. 17-39 passim, D 4.1.1, D 4. 1. 15, D 4.2.1-2, D 10.1-2 passim, D 11. 8. 19, E 4 Misenus B 4.2.4, B 6.5.2, D 7.3, D 11. 8. 12, D 12.3.5 Musterung D 9.3.5, s. auch Kataloge, bes. D 4.2.1 Nachspiele s. Exodia Namen D 1.2, D 3.4, D 4.1.3, D 4.1.8, D 4. 1. 10, D 4. 1. 11, s. auch Wissensstand Narratives passim als Gegensatz zum Dramatischen, speziell D 2.1, D 2.3.3d, D 11.2, D 11.4, D 11.6, D 11. 8. 29, E 1.2 passim („narrateur“ in modernem Aen.- Drama), E 2.4, F 1 (Cazes, 1995) Naturschilderungen D 2.3.3d, D 5.5 neolateinische Aeneis-Dramatisierungen E 1.1 passim Neuerungen in der TC s. Erweiterungen neugeschaffene Szenen in der TC C 5.4.8, s. auch im Szenen-Index zu TC VIII -2-3 und TC X-9 <?page no="506"?> 506 F Bibliographie und Indizes Nisus und Euryalus D 4. 1. 10, E 4 nuntius, nuncius B 5.3, D 9.7, D 11.8.8 und 16, s. auch Fama occidite omnes D 9.3.4, D 10.2 Opfer C 5.2.2a, auch B 6.5.2, D 2.3.3f, D 9.6, D 11.8.4, D 11. 8. 11, D 11. 8. 15, s. auch Religiöses ordo artificialis / ordo naturalis C 2.2 passim, auch C 4.1, C 4.3, C 5.4.4b, C 5.3.6, C 5.5.1, D 7.2.4, D 11. 8. 19, D 11. 8. 26, D 12.1; s. auch im Szenen- Index zu TC I-3 und zu TC II -7 Ort einer möglichen Aufführung der TC E 2.5.6 Ortsbeschreibung C 5.2.4, D 2.3.3d Ortswechsel in einer Szene D 12.3.2, D 12.3.4, D 12.3.6 jeweils passim, auch D 12.3.7e Pallas (Sohn Euanders) D 4. 1. 11 Paratexte B 1, B 4-7, B 9, E 2.5 Pausenzeichen (* Sternchen *), Zäsur-Zeichen D 11.7.1, ferner D 3.6.2b, D 8.4 Anm. 121, D 12.3.4-6 perfidus s. Schmähungen Periochae B 6 (B 6.1.1 bis B 6.10.1), D 1.3 periocharum recitator E 2.5.3 Personenverzeichnis B 5.1-4, E 2.5.3, F 2 Personenwechsel in einer Szene D 12.3.3-4 Personenzahl E 2.5.8-10 Plautus A 1.2 Anm. 5, D 8.4, D 12.3.7ab Anm., E 3.2-3 Politisches D 9.3.5, E 5.4; s. auch proceres, Königtum portentum s. Prodigium praeco B 5.3, D 11. 8. 12, E 2.5.3 Präsens D 2.1 proceres, Aristokraten C 5.4.7, D 1.1, D 2.4.3, D 4.2.1, D 6.3.2, D 7.2 passim, D 7.3, D 9.4, E 4, E 5.4 Prodigium, portentum B 4.2.6, B 6.10.2, C 4.3.1, C 5.2.2a, C 5.3.5, D 1.1, D 8. 1. 11, D 11.6.2, D 11.6.4, D 11. 8. 23, D 12.3.8e prologus, Prolog B 3.3, B 7.1, E 2.5.6a, E 2.5.3, Prophezeiung B 4.2.6, B 4. 2. 29, B 6.2.1, B 6.4.2, B 6.5.1-2, C 4.3, C 4.3.3-4, C 4.3.6, C 4.4.1-2, C 5.4.4b, C 5.5.1, D 1.3, D 6.1.1-3 passim, D 6.2, D 6.3.1, D 6.3.6, D 7.2.3, D 8.1.6, D 8. 1. 10-11, D 9.3.2, D 12.2.2, D 12.4.7bj, E 5.3, E 5.4; s. auch Anchises-Prophezeiung Prosa-Zwischentexte s. Regiebemerkungen (D 11) Psychisches D 11. 8. 28 Publikum A 1.6, B 3.1-3, s. auch Prolog, Zuschauer <?page no="507"?> F 4 Index der näher behandelten Themen und Personen 507 Pygmalion (Brief an Jarbas) B 5.3, D 11.8.8 Querverweis D 6.3.5-6, auch Kap. D 8.3.1 und D 11. 8. 31 Ratsversammlung s. Beratung RB s. Regiebemerkungen Reden und Redner in der Aen. C 2.1, D 3.1-2, D 3.5-6, D 7.2.4, E 5.1 Reden und Redner in der TC C 2.1, C 5.2.3, D 2.1, D 2.3.3c, D 3 passim, D 3.1-2, D 3.3-4, D 3.6, E 5.1 Redner-Verzeichnis (Index) F 2 Refrain C 7.4, D 8.2 Regiebemerkungen ( RB ) D 2.1, D 2.2, D 11 passim, auch A 1.6 Anm., E 1.1 Nr. 5 (in neolat. Aen.-Dramen) Religiöses B 4.4, auch B 4. 2. 57, D 11. 8. 20, E 5.4; s. auch Opfer Rezitation E 2 passim, s. auch periocharum recitator, RB Rollen s. Personenverzeichnis, Personenzahl Rubriken der Änderungen Lucienbergers C 5.1-5 passim Rückverweis D 11. 8. 31, s. ferner im Szenen-Index zu TC X-9 Rüstungsszenen C 5.2.5, D 4.3 Sachs, Hans B 9.2 salve, salvete D 7.3 Schauplatzwechsel s. Ortswechsel Schildbeschreibung D 4.3, D 6.3.6-7, auch B 4. 2. 58, B 6.7.2, C 5.2.2e, C 5.2.5 Schluss-Szene ( TC X-9) D 6.3 passim, D 8.3-4 passim, E 3.3, E 5.3 s. auch im Szenen-Index zu TC X-9 Schluss-Verse der Aeneis D 9.2 Schmähungen (wie perfidus, proditor u. a.) D 5.3.9, D 9.8 Schuld und Bestrafung D 9.8 Seneca A 1.2 Anm. 5, E 2.5.7 Anm. Sentenzen C 5.4.9, E 4 septima aestas, octava hiems D 2.3.3 f. Anm. 59 Serestus D 9.4 Servius D 11. 8. 27, auch D 5.5 Anm. 89, D 6.3.2 Anm. 91, D 12.2.2 Anm., E 2.2 Anm. 153 Sexuelles D 11. 8. 21 Siegesmal (Tropaeum) B 4. 2. 38-39, D 6.3.3 passim, D 8.3.2, s. auch spolia opima Silvia und der zahme Hirsch D 9.3.4 Sinon B 4.2.1, C 5.4.4a, D 1.3-4, D 2.2, D 3.6.2a, D 9.8, D 11.8.3, D 12.3.7e, s. auch Schuld und Bestrafung <?page no="508"?> 508 F Bibliographie und Indizes spolia opima B 4. 2. 36, D 6.3 passim, bes. D 6.3.2, auch D 8.3.2, D 12.3.6 sponsalia (Hochzeitsmotiv) E 5.3 Sprachhandlung A 1.7, C 5.3.3, D 2.1, D 2.6.1, D 8.2, E 5.3 Sprecherrollen (dramatis personae) E 2.5.8-10 Ständeklausel zur Scheidung Komödie / Tragödie E 3.2-3 Statistiken C 2.1 (Reden), D 2.1, D 2.3.3b (Kampfszenen), D 2.3.3g (lange übergangene Aen.-Partien), D 2.4.1 Anm. (Erweiterungen), D 3.1 (Reden, Redner), D 3.5 (Aen.: lange Reden; Hauptredner), D 5.1 (Gleichnisse), D 11.1 ( RB ), auch A 1.2 Anm. 5 (Hexameter), D 12.3.1 ( TC : lange Szenen; Ende mit neugedichteten Versen), D 12.3.6 Anm. ( TC : lange Szenen), D 12.4.3-4 (Szenen mit und unter Göttern), E 2.5.5 (Verteilung der TC auf 3 Aufführungstage), E 2.5.8-9 (Sprecher-Rollen) *Sternchen* s. Pausenzeichen Stichomythie C 7.3 Strafe s. Schuld und Bestrafung Streichungen, Kürzungen C 5.1, C 5.2 passim, D 1.1, D 2.3, D 3.2, D 11.8.1-2, D 12.4.2, E 5.2 Strukturfragen D 2.4.2, D 12 passim, E 5.3 Synopse, synoptische Ausgabe TC / Aen. C 1 in dem digitalen Ergänzungs- Band, auch A 1.4, C 1.1-2 Szenen, kurze D 12.3.8 passim Szenen, lange D 12.3.7 passim Szenen, neugeschaffene in der TC D 2,4,2-3, C 5.4.8, E 5.3 Szenen-Einteilung A 1.6 Anm., D 12.3 passim, D 12.4 (Götter-Szenen) Szenen-Schluss C 5.4.3, D 8.1 passim, auch B 4. 2. 11-12 Szenen-Übersicht C 5 szenische Aufführung (vgl. auch Rezitation) E 2 passim, E 2.5.6 (Orte), auch B 9.2, D 8.2, D 11.2, D 11.4, D 11.7.1-4, D 11.8.7 und 22 (Kanonen), D 11. 8. 11 (jüdisches Murmeln), D 11. 8. 12 (Tuba-Signal), D 11. 8. 13 (Regatta), D 11. 8. 14 (Spiele in Aen. V / TC IV -3), D 11. 8. 20 (kniend beten), D 11. 8. 24 (Seefahrt), D 11. 8. 26 (Bestattung usw.), D 11. 8. 27 ( tuba taratantara ), D 11. 8. 30 (Aktion suppliert), D 12.3.5-6 (Schauplatzwechsel) Tabelle (tabellarische Übersicht TC / Aen.) C 3; ferner D 11.1, D 12.4.3-4 Tageszeiten C 5.2.2d Tarchon D 4. 1. 13, D 7.2 Terenz A 1.2 Anm. 6 Titel der TC A 1.3, A 1.5, B 2, E 1.1, E 3.1, E 3.4, F 3, s. auch Tragicocomoedia Totenklage D 2.4.3, D 8.2, D 9.5, D 11. 8. 30, E 4 <?page no="509"?> F 4 Index der näher behandelten Themen und Personen 509 Tragicocomoedia B 2 , E 3 passim (zu tragicocomoedia / tragicomoedia E 3.2 Anm. 161), darunter E 3.3 zur Entwicklung dieses Titel- und Gattungsbegriffs im 16. Jh. Tragödien-Elemente A 1.2, A 1.5, D 12.2.1, D 12.2.3 Anm., E 1.1 Nr. 11 (in neolat. Aen.-Dramen), E 1 (Frischlin), E 3.2-3 Transformationen C 5.3 passim, D 2 passim Triumph D 6.3 passim, s. auch im Szenen-Index zu TC X-9 Troia nova D 10.2 Troja-Eroberung D 12.3.7e, s. ferner Szenen-Index zu TC I-2 Turnus D 4.1.5-7, D 4.2.2, D 6.3.3, D 8.1.9, D 8.2, D 8.3.1-2, D 9.2, D 9.3 passim, D 9.8, D 10.1 Übersetzungen der Aeneis im 16. Jh. A 1.7 Anm. Umstellungen C 5.5.1, s. auch Ich-Erzählung des Aeneas, Cybele Unterweltsdurchwanderung ( TC V-2 / 3 - Aen. VI) D 12.3.7ab, E 2.4 Anm. 156 Vegius, Maphaeus (Vegio, Maffeo) D 8.3.1-2 Venus D 5.3.1 (Beschreibung), D 8.3.2 (bei Vegius), D 12.3.8a (statt Cybele), D 12.4.2 (fehlt bei Wunderheilung) Vergil (= Autor der Aeneis) passim, s. speziell auktoriale Äußerungen; E 2.2 (Vergil als Rezitator von georg. und Aen.) Versammlung s. Beratung, proceres vivite felices D 9.4 Vorverweis C 5.2.5, C 5.2.6a, D 2.3.3e, D 6.3.6 passim, E 5.3 mit Anm. 170, s. auch Prophezeiung Waffen-Weihung D 6.3 passim, E 5.3 Widmung, Widmungsempfänger B 3.2-3, E 2.5.6 Wiederholungen C 5.5.2, s. auch Refrain Wissensstand der dramatis personae C 2.2, D 3.4 passim, D 4.1.2, D 4.1.3, D 4.1.8, D 4. 1. 10, D 4. 1. 11, D 12.3.4 Wolfs-Gleichnis D 5.4.2, s. auch Szenen-Index zu TC VII -7 Zeitangaben C 5.2.2d Zeitgenössisches D 11. 8. 11; s. auch Politisches Zusätze gegenüber der Aeneis in der TC s. Erweiterungen Zuschauer einer TC -Aufführung D 8.4 Zwischentexte, prosaische s. Regiebemerkungen ( RB ). <?page no="510"?> 510 Postscriptum Postscriptum Für die Aufnahme in die Reihe der NeoLatina und seine psychische und technische Unterstützung danke ich Herrn Prof. Dr. Thomas Baier (Würzburg). Um die Publikation im Narr-Verlag in Form eines gedruckten Buches und eines digitalen Ergänzungsbandes haben sich Herr Tillmann Bub und Frau Vanessa Weihgold verdient gemacht. Die beiden studentischen Hilfskräfte Samuel Stöcklein und vornehmlich Katharina Remlinger (→ Kap. A 1.4) haben mich bei der Vorbereitung des Drucks weiterhin tatkräftig unterstützt. Die Fritz Thyssen Stiftung hat nicht nur die Erarbeitung des Manuskripts gefördert, sondern auch für dessen Publikation eine Druckbeihilfe gewährt. Ihnen allen gilt mein aufrichtiger Dank. München, 1. 4. 2018 Werner Suerbaum Der digitale Ergänzungsband ist über die Verlagshomepage www.narr.de unter der URL narr-starter.de/ magento/ index.php/ vergils-epos-als-drama.html zugänglich. <?page no="511"?> Giessener Beiträge Lucienberger hat 1576 bei seiner Dramatisierung der Aeneis aus einem Epos von 9.900 Versen durch Kürzungen, aber auch einige inhaltliche Ergänzungen (u.a. einer positiven Schlussszene) einen dialogisierten Text von 6.000 Hexametern gemacht, der - wie zahlreiche Regiebemerkungen erweisen - szenisch aufgeführt werden sollte. In der Aeneis nehmen die direkten Reden von 50 Personen mehr als ein Drittel des Epos ein. In der Tragicocomoedia haben 150 Akteure auch die erzählenden, beschreibenden oder reflektierenden Partien der Aeneis zu übernehmen. Lucienberger musste also u.a. Gleichnisse, Kampfschilderungen, Kataloge, Beschreibungen von Kunstwerken und Örtlichkeiten und auktoriale Äußerungen Vergils in Dialoge umsetzen - oder auf sie verzichten. Seine Transformationstechniken sind aufschlussreich für die gattungstypischen Unterschiede zwischen Drama und Epos (z.B. hinsichtlich der Identifizierbarkeit der Personen). - In einem digitalen Ergänzungsband werden u.a. eine neuartige sinnreiche Synopse und eine schematische vergleichende Inhaltsangabe der beiden hexametrischen lateinischen Texte geboten. Vergils Epos als Drama Die Gattungstransformation der Inclyta Aeneis in der Tragicocomoedia des Johannes Lucienberger, Frankfurt 1576 von Werner Suerbaum ISBN 978-3-8233-8225-6 Suerbaum Vergils Epos als Drama