eJournals Colloquia Germanica58/2

Colloquia Germanica
cg
0010-1338
Francke Verlag Tübingen
10.24053/CG-58-0015
cg582/cg582.pdf0202
2026
582

Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der Neuen Walisischen Kunst-Aufbauorganisation

0202
2026
Sarah Pogoda
Der Beitrag arbeitet die Rolle von Christoph Schlingensiefs Schaffen in den ästhetischen Konstellationen der Künstlerformation Neue Walisische Kunst-Aufbauorganisation (NWK–AO) heraus. Im Mittelpunkt steht dabei, wie Techniken und Formate Schlingensiefs in einem den dilettantischen Avantgarden verpflichteten Imitieren epistemisches Potential entwickeln. Wie eine tiefgreifende Analyse von Manifesten und Happenings der NWK–AO herausarbeiten wird, überprüft sie mittels transkreativer Übersetzung vor allem deutschsprachiger Traditionsbezüge in die kulturelle Landschaft von Wales die Avantgarden und deren geschichtliche Situation auf das 21. Jahrhundert und reflektiert die eigene künstlerische Tätigkeit. Der Beitrag führt zur Beschreibung dieser spezifischen ästhetischen Konstellation den Begriff der Avantgardeaufgabe ein, und bietet damit einen Begriff, der es erlaubt, zeitgenössische Anschlüsse an die Traditionen der Avantgarde neu zu sichten.
cg5820237
Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der Neuen Walisischen Kunst-Aufbauorganisation2 3 7 DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der Neuen Walisischen Kunst-Aufbauorganisation Sarah Pogoda Universität Bangor Abstract: Der Beitrag arbeitet die Rolle von Christoph Schlingensiefs Schaffen in den ästhetischen Konstellationen der Künstlerformation Neue Walisische Kunst-Aufbauorganisation ( NWK-AO ) heraus� Im Mittelpunkt steht dabei, wie Techniken und Formate Schlingensiefs in einem den dilettantischen Avantgarden verpflichteten Imitieren epistemisches Potential entwickeln. Wie eine tiefgreifende Analyse von Manifesten und Happenings der NWK- AO herausarbeiten wird, überprüft sie mittels transkreativer Übersetzung vor allem deutschsprachiger Traditionsbezüge in die kulturelle Landschaft von Wales die Avantgarden und deren geschichtliche Situation auf das 21� Jahrhundert und reflektiert die eigene künstlerische Tätigkeit. Der Beitrag führt zur Beschreibung dieser spezifischen ästhetischen Konstellation den Begriff der Avantgardeaufgabe ein, und bietet damit einen Begriff, der es erlaubt, zeitgenössische Anschlüsse an die Traditionen der Avantgarde neu zu sichten� Keywords: Avantgarde, Fluxus, Dadaismus, Ästhetische Epistemologie, Institutionskritik Der vorliegende Beitrag verschiebt die Sicht auf ästhetische Konstellationen bei Christoph Schlingensief insofern, als er Schlingensief als eine Konstellation in dem künstlerischen Schaffen der Künstler*innenformation Neue Walisische Kunst-Aufbauorganisation ( NWK-AO ) 1 betrachtet� Seit nun annähernd drei Jahren experimentiert die NWK-AO spielerisch mit Ästhetiken und Praktiken der Avantgarden, mit besonderer Berücksichtigung des Schaffens Schlingensiefs. Die Pluralform Avantgarden macht den Begriff für seine diversen und nicht einheitlichen Erscheinungsformen in ihren je anderen historischen Situationen brauchbar� Die NWK-AO bekennt sich in ihren Anfängen explizit zu Dadaismus und Fluxus, und in ihrer Namensgebung hallt die “Retrogarde” der Neuen 238 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 Slowenischen Kunst nach� 2 Ihr visuelles Erscheinungsbild macht Anleihen beim sowjetischen Konstruktivismus, ihre Happenings, Aktionen und Medienkunst bei der Arte Povera , dem DIY des Punk und einem institutionskritischen Dilettantismus. Überdeutliche Bezüge zu Joseph Beuys, Wolf Vostell, Jonathan Meese, Heiner Müller - und allen voran Christoph Schlingensief - finden sich auf allen Ebenen. Die künstlerischen Experimente der NWK-AO sind als “Einsichten generierende, reflexive Praxis” (Haarmann 13) zu verstehen. Ihre Erkenntnisse und Einsichten sind aber nicht vorzufindende Wahrheiten zum Werk Christoph Schlingensiefs, sondern epistemische Effekte von und in einem aktiven Prozess, bei dem sich künstlerisch tätige Erkenntnissubjekte in und mit ästhetischen Situationen auf das Schaffen Schlingensiefs einlassen. Dazu eignet sich die NWK-AO eine zentrale künstlerische Strategie Schlingensiefs an, nämlich die abweichende Nachahmung von ästhetischen Konzepten, medialen Formaten, Metaphern und Denkbildern� Zu denken sei an Schlingensiefs Das deutsche Kettensägenmassaker (1990), das sich sehr nah an Tobe Hoopers Texas Chain Saw Massacre (1974) orientierte, die zahlreichen TV- Formate Schlingensiefs oder die zentrale Rolle von Beuys Losungen “Scheitern als Chance” und “Zeige Deine Wunde”� 3 Weder bei Schlingensief noch bei der NWK-AO handelt es sich dabei um Reenactment, Neuverfilmung oder ästhetische Archäologie� 4 Wie die folgende kritische Diskussion einer Auswahl von Manifesten und Happenings der NWK-AO aufzeigt, erweisen sich diese als Transkreationen vornehmlich deutschsprachiger Avantgarden in ein Post- Brexit Wales inmitten der Covid-19 Pandemie� In dieser Situation erarbeitet sich die NWK-AO mit, an und in Schlingensief einen eigenen Kunstbegriff. In diesem tätigen Prozess ergeben sich Erkenntnismomente zur ästhetischen Praxis Schlingensiefs innerhalb avantgardistischer Konstellationen zwischen Dada und Fluxus, die sich in abweichender Kopie reflexiv in und zu eigenem Kunstschaffen artikulieren. Abschließend erfasst der Aufsatz die kreative Idee der NWK-AO darin, dass sie in der Aufgabe der Avantgarden ihr Fortsetzen ermöglicht. Ein Gedanke, der sich - so die zentrale These dieses Beitrages - erst im freien Spiel mit Schlingensief ergab� DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 239 Abb� 1: Abklatschmanifest der NWK-AO, 2020 240 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 “Wir machen billigen Schlingensief Abklatsch, der uns teuer zu stehen kommt”, verkündet ein Plakat der NWK-AO � Das Plakat zeigt eine Frau, die eine groteske Wachsmaske über ihrem Gesicht trägt. Sie steht in der Mitte von zwei maskenlosen Männern� Das Plakatmanifest entstand am 21�8�2020 als Reaktion auf eine von Katrina Mäntele (Münchner Kammerspiele) moderierte virtuelle Gesprächsrunde mit Aino Laberenz, Matthias Lilienthal und Frieder Schlaich anlässlich der Onlinepremiere von Bettina Böhlers Dokumentarfilm Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien (2020) im Rahmen des DOK.fest München im Mai 2020 (0: 29: 45- 0: 30: 30)� Im Gespräch mit dem Publikum teilte eine Studentin ihre Beobachtung, dass viele ihrer Kommilitonen dazu neigten, bloß “schlechten Abklatsch” von Schlingensief zu machen� Mein unmittelbarer Einwurf, dass schlechter Abklatsch immerhin besser sei als gar kein Abklatsch, fand bei Matthias Lilienthal Unterstützung, für den “das Fortsetzen von Traditionen […] immer mit Patchworkklauen” anfinge und sich dann auf eigene Art perfektioniere. Diese Form des Patchworkabklatsches war in der Tat Leib und Brot der NWK- AO seit ihrer Gründung im März 2020 gewesen. Es galt also den abwertenden Abklatsch zu umarmen, die Kritik mittels Affirmation zu verspielen, wie es auch Schlingensief immer wieder gemacht hat; zu denken sei etwa an die Losung der Aktion Passion Impossible (1997): “Wir sind zwar nicht gut, aber wir sind da” (Kühl n. pag.). Ergebnis war ein Bekenntnis zum Abklatsch in Form eines nachgestellten Paraprosdokian: “Wir machen billigen Schlingensief Abklatsch, der uns teuer zu stehen kommt�” Der schlechte Abklatsch der Gesprächsrunde verwandelte sich in der affirmativen Aneignung zu billigem Abklatsch, da dadurch sowohl die intendierte Abwertung der ursprünglichen Aussage eingefangen war, zudem aber auch die tatsächlichen Produktionsbedingungen der NWK-AO � Denn auf Grund fehlender externer finanzieller Förderung 5 arbeitet die NWK- AO grundsätzlich mit Materialien, Laien und Locations, die vor Ort direkt zur Hand sind� Das steht zum einen in der Tradition der Arte Povera wie auch des Poor Theatre (Grotowski et. al) und dem institutionskritischen Dilettantismus Schlingensiefs (Pogoda, “Künstlerische Avantgardeforschung”), es ist aber zugleich notwendig aus den Einschränkungen im Rahmen der Covid-19 Pandemie hervorgegangen� Die umgedichtete Spiegelung des Abklatsch-Vorwurfes war subversives Selbstbekenntnis. Als Plakatmanifest aber stand es auch für einen Moment der Selbsterkenntnis� Dabei bot die Umdichtung von schlecht zu billig zugleich die über ein dadaistisch geschultes Paradoxon hergestellte idiomatische Erweiterung: billiger Abklatsch, der teuer zu stehen kommt� Die Anonyme billig und teuer werden über die idiomatische Semantik paradox kausal verknüpft. Ausgerechnet ein Abklatsch zu niedrigem Preis zeigt Folgen von hohen Kosten� Der idiomatische Zusatz impliziert außerdem, dass der billige Abklatsch DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 241 nicht bloß eine leichtfertige Dummheit ist, sondern bewusste Entscheidung, für deren Konsequenzen die Gruppe außerdem explizit selbst einsteht: “ Wir machen billigen Schlingensief-Abklatsch, der uns teuer zu stehen kommt”� Der Relativsatz erlaubt es sogar das Manifest so zu verstehen, dass die NWK-AO ausschließlich nur einen solchen billigen Abklatsch mache, der ihnen dann auch tatsächlich teuer zu stehen komme, 6 billig gewissermaßen in seiner doppelten Bedeutung: angemessen und wohlfeil� In ihrer Monographie Theatralität der Existenz führt Sarah Ralfs den schönen Neologismus vom “Avantgardeentzug” (68) ein, um Schlingensiefs ästhetische Umarbeitung avantgardistischer Vorgänger*innen zu beschreiben, mittels der er die verweisende und verwiesene Kunst öffne und neue Funktionen der Kunst aushandle� Die Avantgarde werde zum Readymade , dem sich Schlingensief zur Reflektion des historischen Stands des ästhetischen Materials bediene. Dabei werde dieser Bestand durch die dilettantische Verfehlung aus kunsthistorischen Wertbeständen befreit und der immer schon in Traditionen stehende Schaffensprozess emanzipiert. Charakteristisch für Schlingensief sei, so Ralfs, dass der Entzug erst die Anschlussfähigkeit und Transformation des kunsthistorischen Vorgänger*innenmaterials ermögliche und somit eine eigene Fortsetzung der Avantgarden in sich berge� Ähnlich verfährt auch die NWK-AO , die im Bekenntnis zum Abklatsch sich des Avantgardeentzuges verpflichtet, zugleich aber dadurch das Material aus seinen institutionellen und historischen Bindungen befreit und erlaubt, sich neu und zu Neuem zu formieren� So impliziert doch auch Lilienthals Neologismus vom Patchworkabklatsch , dass sich ein eigener Kunstbegriff nicht genialisch plötzlich ergibt, sondern erst aus dem Prozess einer experimentellen und freien Arbeit mit Traditionen, die in den je spezifischen sozioökonomischen und historisch-politischen Bedingungen der eigenen Tätigkeit verortet bleibt. Das gilt besonders für die Transkreationen der NWK-AO � Deren Namenszusatz Aufbauorganisation suggeriert ja tatsächlich, dass sowas wie eine Neue Walisische Kunst noch gar nicht existiere� 7 Das Abklatsch- Plakatmanifest zeigt eine Szene aus dem Kurzfilm Mutters Maske. Wer hüstelt hat Pech , den die NWK-AO im Sommer 2020 drehte, als freie Adaption von Christoph Schlingensiefs Mutters Maske. Wer schreit hat Recht (1988). Schlingensiefs eigener Film war eine Aneignung von Veit Harlans Opfergang (1943), wobei er die affektiven Mechanismen des Nazi-Melodrams mittels Nicht-Erfüllung und Versetzung in die Melodramatik von Seifenopern desavouierte. Das Bild für das Plakatmanifest zeigt die Nachstellung jener Szene, in der Mutter (Brigitte Kausch) Willy (Karl-Friedrich Mews) und Martin von Mühlenbeck (Helge Schneider) ihre Maske für den Maskenball präsentiert� Martin sinniert bedeutungsschwanger “Mutters Maske … Mutters Maske” (Schlingensief, Mutters Maske 0: 45: 19-0: 45: 21), worin eine Szene aus Veit Har- 242 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 lans Opfergang resoniert, in der Mathias (Franz Schafheitlin) voller magischer Verwunderung Octavias Maske für den Maskenball behaucht: “Octavias Maske … Octavias Maske” (0: 46: 09-0: 46: 30). Schaut man sich die Szene in der Version der NWK-AO in Gänze an, so bemerkt man, zum einen, dass dort Martin (Rhys Trimble) zweisprachig (Englisch-Walisisch) sinniert: “Mother’s mask. Mwgwd mam” (0: 23: 00-0: 23: 06). Der Abklatsch wird also deutlich als Transkreation ins Walisische markiert, zitiert aber eben auch die Originalkopie� Dieses Zitieren findet nun in dem Moment statt, in dem (anders als bei Schlingensiefs Mutters Maske ) Mutter (Helge Müllneritsch), die Maske abgenommen hat und erst nach dem Zitat wieder aufsetzt� Gestisch legt der NWK-AO- Film Mother’s Mask damit seine Maske ab, zeigt sich aufrichtig und selbstreflexiv als Abklatsch. Abgeklatscht, nachgeahmt, imitiert wird hier also - und das werden die folgenden Ausführungen noch genauer darlegen - nicht nur einfach ein Film, sondern eine ganze ästhetische Praxis und das ihr wesentliche freie Spiel mit dem Material, im Sinne Adornos (2003). Das heißt, der billige Abklatsch ist eine experimentelle Spielart einer sich historisch je anders ausgestalteten Materialmöglichkeit, die sich aber seiner Ähnlichkeit und Abweichung bewusst ist� Dem Abklatsch-Verfahren - das sich als billig und teuer zugleich versteht und sich gerade damit in der Tradition der Avantgarden positioniert - ist eine befreiende Idee der Kunst als unerschöpfliche Potentialität inhärent. Dieser Vorstellung widmete die NWK-AO ihr Substanzmanifest (Mai 2021), dessen tautologische Benennung mit dem Manifest als Deklarationsgenre wie dem semantischen Feld des Wortes Substanz die Verkündung von Grundsätzlichem antizipiert� In der Tat geht es in dem Manifest um nichts weniger als um einen Kunstbegriff der NWK-AO: […] Kunst muss gemacht werden, nur dann ist sie nachhaltig� […] Neue Walisische Kunst wird gemacht und macht nachhaltig Kunst� Wir schaffen Substanz, indem wir Kunst machen. Kunst wird verbraucht und gebraucht, aber nur als Unbrauchbare� Neue Walisische Kunst ist unbrauchbar für brauchbare Kunst, aber braucht die Kunst. Das Brauchtum der Neuen Walisischen Kunst gebraucht die Kunst der anderen� Alle Kunst gebraucht die Kunst der anderen� Das ist nachhaltig, denn Kunst gebrauchen für Kunst schafft Substanz. Wir substanzieren Unbrauchbares, und zwar nachhaltig� Das ist unser Aufbau� Wir können nicht nur von der Substanz leben. Museen leben von der Substanz der Kunst� Verbraucherfreundlich� Wir sind Feinde der Verbraucher, denn wir gebrauchen die Kunst […]� DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 243 Abb. 2: NWK-AO: Substanzmanifest , 2020 244 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 Die Erklärung überlagert hierarchisierende Begriffe von Gebrauchskunst und Zweckfreiheit der Kunst mit Institutionskritik und Nachhaltigkeitsdiskurs� Das dadaistische, in den Unsinn getriebene Spiel mit dem Stammverb brauchen und mit den semantischen Feldern der Präfixerweiterungen korrespondiert mit dem Aberwitz des Abklatschmanifests � Dabei wird zum einen die Ernsthaftigkeit der referierten Diskurse durch dadaistischen Aberwitz unterwandert, der sich dann allerdings in der Häufung der Kalauer selbst entwitzt - den Gebrauch der eigenen Technik also maßlos gebraucht. Sich gegenseitig ausschließende Begrifflichkeiten werden einander angenähert und zur Selbstbeschreibung sowohl affirmativ als auch negiert zugeschrieben� Dadurch wird deren Brauchbarkeit in Frage gestellt und zu einem Umdenken jenseits pejorativer Zuschreibungen befreit� In dieser Öffnung positioniert die NWK-AO ihre eigene Kunstpraxis: unbrauchbar für brauchbare Kunst braucht sie die Kunst. Kunstgeschichte - und das bedeutet also vor allem zur Kulturpflege als wertvoll beurteilte Kunst - ist ihr Material, ohne sie ist sie undenkbar� Damit erklärt sich die NWK-AO aber nicht als originär, denn zum einen sei sie unbrauchbar für die Kunst und zum anderen impliziert das “Brauchtum” eine Traditionslinie� Dabei werden aber die Ideen der Originalität und des Geniekultes insgesamt verabschiedet, und damit besonders die Vorstellung, dass Avantgarden etwas Neues schafften . Vielmehr verkündet die NWK-AO hier einen Kunstbegriff, nach dem einzig durch das Benutzen von bereits Vorhandenem - künstlerischen Vorbildern - das Vorhandene überhaupt erhalten bleibt und fortgesetzt wird. Dieser Kunstbegriff macht in Bezug auf Schlingensief und NWK-AO eine eigene avantgardistische Kunstpraxis mittels einer de-avantgardistischen Bezugnahme auf die Avantgarde möglich. Eine Avantgarde also, die sich gerade darin konstituiert, dass sie nicht die Avantgarde ist und sich eher mit Hal Fosters The Return of the Real als mit Peter Bürgers Theorie der Avantgarde sehen ließe� Über diesen Grundgedanken blickt die NWK-AO auch auf die eigenen ästhetischen Artikulationen zurück, um dann deren Substanz in den ihnen vorgängigen Materialzuständen zu finden. Sprich, welche avantgardistischen Vorgänger*innen blicken mir in den dokumentierten Momenten des künstlerischen Prozesses entgegen? Dafür hat die NWK-AO den Begriff des Already-Made eingeführt. Der Begriff zitiert und erweitert das Readymade Marcel Duchamps, und in der Tat wurden anfangs keine “neuen” Arbeiten der NWK-AO hier dokumentiert, sondern bereits zurückliegende und daher gewissermaßen auf anderen Webseiten der Gruppe (inzwischen können ihr etwa zwanzig verschiedene Webseiten zugeordnet werden) Aufgefundenes� 8 In der Erweiterung zum Already-Made findet sich jedoch der Bezug zum Abklatschmanifest sowie zum Substanzmanifest � Das Oulipo -Konzept vom Plagiat durch Antizipation umkehrend (Bayard), wird das Already-Made zunächst als DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 245 zufälliges Aufblitzen von vermeintlichen Vorgängern in der NWK-AO inszeniert� So wird das sogenannte Ja-Videomanifest (März 2020) , das durchaus als Gründungsmanifest der NWK-AO gelten kann, mit der Collage Dathlu’r Ie (dt: Feier des Ja ) des walisischen Künstlers Ogwyn Davies zusammengeblendet, das Davies anlässlich des erfolgreichen Referendums über die Frage der Devolution von Wales im Jahr 1997 angefertigt hatte� Das Referendum endete mit nur 50,3% und damit mit einer knappen Mehrheit von 6721 Stimmen für die Devolution. Davies hatte dazu 6721 “Ie” (das walisische Affirmationspartikel) aus Zeitungen und anderen graphischen Reproduktionen ausgeschnitten und zusammengefügt. Das “Ie”, das in der walisischen Sprache nur in ganz besonderen syntaktischen Ausnahmefällen zur Affirmation einer Frage genutzt werden kann, hat seither eine ähnlich politisch-emanzipatorische Sentimentalität entwickelt wie Losungen der Nationalbewegung ( Cymru am byth ; Cofiwch Drywryn )� Wie der Titel bereits andeutet, feiert auch das NWK-AO Manifest die Affirmation� Zum einen ist das Videomanifest klanglich mit einer Überarbeitung von Joseph Beuys Soundperformance JajajaNenene (1968) untermalt, einzig die Affirmationslaute wurden erhalten. Alle Negationspartikelsequenzen der Performance wurden hingegen herausgeschnitten� Im Laufe des Videos werden die Affirmationspartikel zu einem Chor übereinandergelegt, bis schließlich die Übermalung in ein fast unverständliches Lautbabylonisch überkippt. Der Manifesttext (März 2020) beginnt wie folgt, soll aber hier nicht weiter thematisiert werden: “[…] Die Neue Walisische Kunst kennt kein Dagegen� Denn wir sind immer nur für die Kunst, für Fluxus, für das Dafür. Ein Dagegen gibt es nicht. Die Kunst kennt kein Dagegen. Sie kennt nur ein Dafür. Für sich sein” ( Ja manifesto Ja )� Als das Manifest der NWK-AO verfasst wurde, war den Verfasser*innen Davies’ Collage noch nicht bekannt� Sie fanden diese erst später bei der zufälligen Lektüre einer Künstleranthologie. Ein iPhone-Foto dieser Abbildung der Collage, erstellt im Moment des Erkennens der zufälligen Gemeinsamkeit in der Feier von Affirmation und Zustimmung, 9 wurde zusammen mit Informationstext und Screenshots von Wikipediaseiten zum Referendum über das Ja-Videomanifest gelegt� Dabei bleibt in diesem ersten Already-Made Video allerdings offen, wozu das Already-Verhältnis besteht, sprich, was hier vorher, was nachher war� Zugleich markiert die Bezeichnung Already-Made den affirmativen Bezug zu den Avantgarden, weicht von denen aber gleich mehrfach ab: Erstens dadurch, dass das Readymade zum Already-Made erweitert wird, die Nachahmung des einstmals Neuen paradox als Neues im Nicht-Neuen markiert wird� Zweitens durch die Medienspezifik des Readymade und des Already-Made � Erarbeitet sich Marcel Duchamp das Readymade vor allem mit skulpturalen Gegenständen, so handelt es sich beim Already-Made um Videomontagen� Drittens spielte Duchamp mit institutionellen Erwartungen an das museale Kunstwerk, während 246 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 das Already-Made die Kunstbehauptung nur durch den begrifflichen Bezug leiht, institutionell aber positioniert es sich außerhalb von Museum und Galerie, ja die Autorschaft der NWK-AO verwirrt den Kunstvorbehalt zusätzlich� Die Manifeste in Graphik, Schrift und Video dienen offenbar der Dokumentation und künstlerischen Artikulation von Be- und Erkenntnismomenten einer prozessorientierten Aneignung und Auseinandersetzung mit avantgardistischen Konstellationen bei Schlingensief und darüber hinaus. Doch es sind vor allem Happenings und Kunstaktionen, in denen das epistemische Potential der transkreativen Abweichungen aufscheint� Als zentrales Fallbeispiel soll hier das NWK - Happening Sentencing and Disembowelment of Surrealism (2020) dienen, das im Rahmen des Kunstfestivals Surrealist Saffaru im August 2020 in Bangor (Wales) stattfand� Als Vorlage diente Schlingensiefs Aktion André Bretons Zweites Surrealistisches Manifest (1996), die selbst eine historische Vorlage bemühte, nämlich den von André Breton 1921 initiierten fiktiven Gerichtsprozess gegen den Dada- Dichter M� Maurice Barrès Mise en accusation et jugement de M. Maurice Barrès par Dada . Nathalie Piégay-Gros zeigt in ihrer Analyse des fiktiven Prozesses auf, wie sehr sich dieser an den tatsächlichen gerichtlichen Abläufen hielt, die judikative Institution also erheblich zum visuellen, rhetorischen und rituellen Skript beitrug. Diese ungewöhnliche Treue zum institutionellen Gerüst legt nahe, dass der Prozess für Breton tatsächlich einer Wahrheitsfindung dienen und ein gültiges - man könnte meinen ‘billiges’ - Urteil fällen sollte. Die Verhandlung war damit Aushandlung einer dadaistischen beziehungsweise surrealistischen Wertegemeinschaft� Dass das von Bretons Anklage geforderte Todesurteil nicht gefällt, sondern zu zwanzig Jahren Arbeitslager abgemildert wurde, lässt vermuten, dass der Prozess bedeutender war als das Urteil und die vermeintliche obrigkeitlichkünstlerische Stellung Bretons schwächer als es das judikative Verweissystem suggeriert. Wer diesem öffentlichen Forum beisaß, wer es vorzeitig verließ, welche Grundfragen auf welche Weise vorgebracht wurden, war somit immer auch ein Bekenntnis zu oder gegen die von Breton konstituierte Wertegemeinschaft� Schlingensiefs Aktion war ein etwa 15-minütiger Beitrag zum zweitägigen Praterspektakel der Berliner Volksbühne Fehler des Wahnsinns: Grand Guignol, Surrealismus und Theater der Grausamkeit � Soweit die fragmentarische Dokumentationslage diese Einschätzung zulässt (Asholt), überspringt Schlingensief die eigentliche Verhandlung. Vielmehr verliest er einer Stoffpuppe die Anklageschrift und animiert in der Agitationstradition der Volksbühne das Publikum erfolgreich zur begeisterten Affirmation des geforderten Todesurteils, das umgehend vollstreckt wird� Sinngemäß wird die Aktion im Programmheft auch nicht als Anklage und Urteil angekündigt, sondern als André Bretons Zweites Surrealistisches Manifest � Denn Manifeste verhandeln Werte nicht, sie fordern sie mit dem Programm, das sie ver- DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 247 künden, ein. Schlingensiefs Verkündung ist allerdings nur Zitat, die Autorschaft der Werteperformance liegt explizit bei André Breton . Für Anna Teresa Scheer prüfe Schlingensief hier performativ, ob Bretons “Behauptung, die erste und letzte surrealistische Tat sei der wahllose Schuss in die Menge” (Scheer 81), auch für ein Berlin im Jahr 1996 noch gültig und wirksam sein könne. Doch schießt Schlingensief tatsächlich wahllos in die Menge? Immerhin ist die Bühne mit Plakaten ausgestattet, die “Tötet Helmut Kohl” fordern und die Anklageschrift adressiert die Sozial- und Arbeitspolitik der Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl� Die Tat scheint eher politisch, nicht surrealistisch motiviert, betont Breton doch: Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen - der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe. (392) Helmut Kohl ist gerade nicht der blindlings getroffene Wanst, den der Schuss trifft, sondern eine sinnfällige Aktualisierung der fettleibigen, elend verdummten Menge des Surrealistischen Manifests � Zu verhandeln gilt es in diesem Sinne tatsächlich nichts mehr, und so animiert Schlingensief das Praterpublikum zur Direktabstimmung� Erlaubte Bretons Dada-Prozess also innerhalb des vorgegebenen Prozessrahmens noch einen diskursiven Austausch und ein Abwägen der Argumente, reduziert Schlingensief die Inszenierung zu einem Spektakel, das das Publikum zur blutrünstigen Meute agitiert, dem nur die Zustimmung oder Ablehnung des Urteils bleibt� Ja oder Nein� Ja� Das Publikum wird zum lustvollen Komplizen und kann sich aus der Schusslinie distinguieren� Unter Jubel wird das Urteil vollstreckt, die Stoffpuppe enthauptet und der leblose Körper mit weiteren Tritten malträtiert� Damit bedient Schlingensiefs Aktion Traditionen eines transgressiven, körperbetonten Theaters der Grausamkeit wie es das Praterspektakels mit seinem Titel heraufbeschwört hatte. Das NWK- Happening Sentencing and Disembowelment of Surrealism richtet sich hingegen gegen den Surrealismus selbst. Die Exekutionsform (Entleibung) versetzt die historische Avantgarde in jene wansthohe Schusslinie der Breton’schen Aggression� Das Happening fand im Rahmen des Festivals Surrealist Saffaru 10 statt, das über drei Tage im August 2020 in Nordwales stattfand. Das Festival war aus einer kleinen Basisbewegung hervorgegangen, die es (un-) professionellen Künstler*innen ermöglichen wollte, unter Covid-19 Bedingungen zur Feier der Kunst zusammenzukommen, ohne Budget und Beteiligung öffentlicher Träger. Der Festivalname war deskriptiv und institutionskritisch zugleich: Das Festival fand fast ausschließlich in Außenräumen von Bangor und Menai Bridge statt, so dass Publikum ebenso wie einfache Spaziergänger*innen 248 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 auf ‘Kunst in freier Wildbahn’ stoßen können sollten. Doch eine Safari, selbst wenn sie nicht der Jagd, sondern nur der Beobachtung dient, bleibt eine problematische Kulturpraktik� Die Beobachtung von Tieren in freier Wildbahn ist freilich ebenso kuratiert wie die Wildbahn selbst, und damit dem Kuratieren von Kunsträumen in der Erlebnisindustrie der Museumslandschaft gleich� War eine Safari ihr Geld wert, wenn man tatsächlich auf die Big Five (Büffel, Elefant, Löwe, Leopard und Nashorn) trifft, so manchem der Museumsbesuch nur, wenn sie die Big Five des Surrealismus umfassen (etwa André Breton, Salvador Dalí, René Magritte, Joan Miró und Frida Kahlo)� In diesem institutionskritischen Licht ist auch Sentencing and Disembowelment of Surrealism zu lesen� Veranstaltungsort des Happenings war der sogenannte Cerrig yr Orsedd in Bangor. Dabei handelt es sich um die zentrale Kultstätte für die nationale Bardenvereinigung (walisisch = Gorsedd ) in Form eines Steinkreises mit Steinaltar� 11 Die keltischen Gorseddau sind der Wiederbelebung, Pflege und Förderung von Dichtung, Musik und literarischer Gelehrsamkeit in der walisischen Sprache verpflichtet. Eine der bedeutendsten Aufgaben besteht in der Organisation und Durchführung des jährlichen Nationalfestes Eisteddfod. Das Eisteddfod ist die wohl bedeutendste und prestigeträchtigste Kulturinstitution in Wales, das für etwa eine Woche Anfang August an einem je anderen Ort in Wales die walisischsprachige Nation versammelt. Neben Ausstellungszelten für Sprache, Medien, Kunst und Bildung feiert der Eisteddfod vor allem den Chorgesang und die walisische Dichtung� Im Mittelpunkt dessen steht der Wettbewerb, in dem Künstler*innen in unterschiedlichsten Kategorien gegeneinander antreten. Die bedeutendste Kategorie ist die des Cynghanedd -Gedichts� 12 Gewinner*innen dieser Kategorie werden in die Gemeinschaft der Barden aufgenommen und zwar in einem strengen Ritus, der sogenannten Einsetzung ( Cadeirio = Bestuhlung 13 )� Dieses Ritual der Bardenvereinigung ( Gorsedd bedeutet auf walisisch Thron) geht auf einen von Iolo Morganwg 1792 völlig erfundenen Kult zurück, der hier verkürzt zusammengefasst sei: Ein Trompetenspiel ruft die Gemeinschaft zusammen� In Roben gekleidet, versammeln sich die Mitglieder des Gorsedd unter ihren sogenannten Archdderwydd (Erzdruiden) im Cerrig yr Orsedd � Der siegreiche Barde wird verkündet und von Mitgliedern des Gorsedd auf die Bühne (bzw. in den Steinkreis) geführt, wo er schließlich unter Preisreden bestuhlt wird. Um die Wahl des Siegers auch durch die versammelte Gemeinde, gewissermaßen per direkter Volksabstimmung, abzusegnen, stellt sich der Erzdruid hinter den Siegerstuhl, zieht ein Schwert dreimal halb aus der Scheide und befragt die Versammlung: “Oes’ na heddwch? ” (= “Herrscht Frieden? ”), worauf die Versammelten erwidern “Heddwch”. Damit kann der Erzdruide das Schwert zurück in die Scheide führen und ablegen. Dass die Gemeinschaft einmal nicht mit “Oes” (= Ja), sondern mit “Nac Oes” antwortet, ist in diesem Skript nicht vorgesehen. DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 249 Abb. 3: Flyer für Sentencing and Disembowelment of Surrealism , NWK-AO 250 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 So aber in dem der NKW-AO für ihr Happening Sentencing and Disembowelment of Surrealism (auf Walisisch: Dedfrydu a Dad-berfeddiad Swrealaeth ), zu dem ein Flyer wie folgt aufrief: “The institutions have won, they are advanced to our minds, our fleshs [sic], our guts. Thus, it is time to sentence historical art movements to death by disemboweling�” Der Surrealismus wird hier als Stellvertreter für vorangegangene Kunstbewegungen schlechthin angeklagt� Dabei wird Andrea Frasers Institutionskritik, “the institution is inside of us” (Fraser 414) im Sinne eines Theaters der Grausamkeit Antonin Artauds in den leiblichen Körper übersetzt. Der Ankündigungstext aber instituiert ein Epimenidesches Paradoxon und lässt damit offen, wer hier wem das Urteil fällt� Denn der Sieg der Institution der Kunst geht ja einher mit einer Internalisierung der Institution und ihrer Leibwerdung als Künstler*in. Ist es die Institution der Kunst, die durch die Künstler*innen der NWK-AO waltet, die an den historischen Kunstbewegungen das Todesurteil verhängt? Oder - und der Beisatz Aufbauorganisation (der englische Ausdruck pre-art formation macht es noch expliziter) lässt ja die Hintertür offen, dass die NWK-AO noch nicht institutionalisiert worden ist. Auch der Ankündigungstext erdichtet einen solchen freiheitlichen Zwischenraum, denn im zweiten Satz ist die Sprecherstimme durch das Ausbleiben von Personalpronomen nicht zwangsläufig identisch mit der Sprecherstimme im ersten Satz� Somit werden bereits in der Ankündigung erste Abweichungen zu Schlingensiefs André Bretons Zweites Surrealistisches Manifest deutlich� Zwar richtet sich das Happening eher nach Schlingensiefs Aktion aus, da der Prozess auch hier ausgeblendet und das Urteil in den Fokus gerichtet wird, doch die Gesellschaftskritik des Zweiten Surrealistischen Manifests, die Schlingensief noch in Helmut Kohl verpuppte, ist von der NWK-AO durch die Institutionskritik ersetzt worden� Das Happening der NWK-AO reproduziert damit nicht einfach die Problemlage Bretons oder Schlingensiefs, sondern erweitert deren Befragung durch eine Selbstreflexion der Kunst im Stand des angehenden 21. Jahrhunderts. Dabei antizipiert der recht zweideutige Ankündigungstext, dass das Happening in dieser avantgardistischen Konstellation auch eine Befragung der eigenen künstlerischen Position ermöglichen soll. Diese emergiert dabei nicht nur aus der Situation der Avantgarde im Frankreich der zwanziger Jahre, oder im Deutschland der späten Neunziger, sondern vor allem aus der Situation der Künste im zeitgenössischen Wales. Diese drei historischen Situationen werden in dem Happening zu einer ästhetischen Konstellation, der die folgende Analyse gilt� Das NWK- Happening folgt anfangs streng dem Cadeirio -Skript� Unter Trompetenklängen ziehen fünf Darsteller*innen in den Gorsedd -Steinkreis. Vier tragen Kutten, die an die Kostüme der Druiden erinnern, einer der Darsteller in DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 251 Kutten trägt einen Lorbeerkranz und ist damit als siegreicher Barde markiert� Doch der Aufzug zeigt erste Abweichungen, denn der Dichter wird in Fesseln geführt und wehrt sich unter Peitschenhieben, den auf dem Steinaltar platzierten Holzthron zu besteigen. Die bedrohliche Schieflage wird unterstrichen dadurch, dass einer der Druiden eine Pestmaske trägt, der Trompeter keinen klaren Ton bläst und ein unheilschwangerer Wind diese Versammlung zu einer böser Kräfte verrückt. Sinngemäß folgt auf den Einzug nicht die Lobpreisung des auszuzeichnenden Barden, sondern die Verlesung des Richtspruchs, der auf Walisisch, Englisch und Deutsch verkündet wird: Die Neue Walisische Kunst sieht den Surrealismus in allen Anklagepunkten für schuldig� Diese waren: Der Surrealismus hat sich nicht gegen die institutionelle Vereinnahmung erwehren können. Ja, der Surrealismus fühlt sich pudelwohl als Kunstdruck in IKEA-Küchen, fühlt sich geschmeichelt von Menschenschlagen vor musealen Sonderausstellungen, schaut selbst-verliebt auf seine Hochglanzabdrucke in Schulbüchern und Kunstbüchern in Zahnarztpraxen� Doch der Surrealismus verdrängt, was diese Spiegelbilder tatsächlich zeigen: eine veraltete Kunstbewegung, die sitzen geblieben ist und die einzig noch die alten Träume wieder und wieder abspielt� Der heutige Surrealismus leidet unter Anämie� Das wenige Lebensblut, das er noch hat, wird ihm von den institutionellen Vampiren ausgesaugt, die er lieb gewonnen hat, weil sie ihm die Bequemlichkeit erlauben, die man im Alter will� Der Surrealismus leidet unter Kreislaufstörungen und Verstopfung, die Institutionen haben ihn behäbig und zahm gemacht - haben die belebenden Geister seines phantasierenden Unterleibs kompromittiert. Der surrealistische Körper ist bis in seine Eingeweide institutionalisiert und kann daher nur noch beim Zahnarzt sitzen� Damit verurteilen wir den Surrealismus zum Tode bei Entleibung, auf das dadurch sein stilles Blut wieder in Fluxus gerät, sich selbst trinkt, nährt und vermehrt� Auf das dadurch eine Befreiung aus den Fesseln des Institutionellen geschieht, der Geist der Kunst zurück zum surrealistischen Körper findet und ein Surrealismus der Zukunft aufsteigt� Entleibung also ist Befreiung, Entleibung ist Erlösung. Halleluja. Fluxus! Das Urteil bedient sich eines jugendlichen Gestus und einer körperlichen Sprache, um darin die Sinnhaftigkeit des Urteils zu generieren� Zugleich werden die visuellen Elemente der Aktion in Sprachspiele überführt, so dass der Surrealismus als eine veraltete und kränkelnde Kunstform diskreditiert wird, die keine agile Bewegung mehr zu Stande bringt, sondern - mit der Doppeldeutigkeit der Bestuhlung spielend - unter Verdauungsstörung leidet, die in weiteren körperlichen Leiden mündet. Der Tod durch Entleiben wird dadurch rhetorisch zur Erlösung. Das schließt schließlich in der Stilisierung des Aktes des Entleibens 252 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 als ein befreiender Ritus der Wiederbelebung des Surrealismus - worin die Institutionskritik des Ankündigungstextes nachhallt. Denn wenn wir uns von dem korrumpierten Fleisch und Leib befreien können, wird das Entleiben zum Beleiben: “Auf das dadurch […] der Geist der Kunst zurück zum surrealistischen Körper findet”. Abb� 4: Disembowelment and Stabbing of Institutional Art by Fluxus, 2020� Lindsey Colbourne� Die Segnung des Urteils mit Rückgriff auf den liturgischen Freudengesang Halleluja verankert den Ritus in die künstlerischen Prozessionen Schlingensiefs. Der Gott, den hier das Halleluja preist, ist nicht der christliche Gott, sondern “Fluxus”� Mit der Anrufung von Fluxus bezieht sich das Happening der NWK- AO explizit auf den existentiellen Kunstbegriff Schlingensiefs. Der hatte in seinem Fluxus Oratorium: Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir (2008) die Eucharistie mit dem Ausruf Fluxus ! besiegelt� Zugleich bettet sich die Fluxus-Anrufung sinnfällig in die Unterleibmetaphorik, denn Fluxus erhielt seinen Namen als Derivat des medizinischen Fachbegriffs flux , der einen lebenswichtigen Ablauf im Metabolismus beschreibt� Fluxus-Gründungsmitglied Georg Maciunas unterstrich diese Herkunft des Fluxus-Begriffs in seinem Gründungsmanifest dadurch, dass er den Manifest- DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 253 text neben die anatomische Zeichnung eines menschlichen Verdauungstraktes platzierte� Die NWK-AO führt somit die verkopften Zeremonien des Eisteddfod in eine körperüberbetonte Semantik und Performance zurück. Der NWK -Erzdruid zieht das Schwert, und auf seine Frage antwortet das Publikum eben nicht mit “Heddwch”, sondern mit “Nac Oes”� Daraufhin entleibt die NWK -Erzdruidin den Barden im Namen von Fluxus � Seine inneren Organe werden ins Publikum geworfen� Der entleibte Barde sinkt nieder, ist nun body without organs (Deleuze and Guattari). Das bei Schlingensief bereits angedeutete blutrünstige Spektakel wird nun zugespitzt: Die NWK -Erzdruidin fordert das Publikum auf, der institutionalisierten Kunst den Todesstoß zu versetzen, verlangt aber im Gegenzug ein Entgelt von einem Sterling Pfund für einen Messerstoß, fünf Sterling Pfund für acht, zehn Sterling Pfund für zwanzig Hiebe. Man müsse auch als befreite*r Künstler*in an Geld kommen, so die Begründung. Ein Teil des Publikums verwandelt sich auch zu bodies without organs , sie wollen dem Angebot nicht widerstehen, zahlen und stechen zu, bis der Dichter leblos darniederliegt� Das Zwischenspiel weicht hier deutlich von den Vorgängern (Breton, Schlingensief, Eisteddfod ) ab und generiert eine kirmeshafte Scheinpartizipation, die direkte Volksabstimmung wird zur direkten Volkstat� Das Befreiungsritual gewinnt ästhetisch deutliche Formen des Splatter und lässt damit über die transgressiven Dramaturgie des Happenings keinen Zweifel mehr� Schließlich liegt der tote Körper des Barden aka des Surrealismus regungslos, unangetastet nun nur noch Objekt purer Schaulust. Doch nicht lange und der Körper beginnt zu zucken, kehrt ins Leben zurück, richtet sich auf. Der Darsteller entspringt der Opferbank, rennt blutend und brüllend durch die Menge und versetzt sie in Angst und Schrecken, bevor er die Blutstätte noch einmal erklimmt und sich folgendes Visceral Poem erschreit: perfedd ensanté gyda geiriau painting caves connexions appropriation of anglo guts swanger avec unknowing cynhanedd rhwng llafariaid llyncais coryn llyncias himmel nectar trinken awyr chwydwn draws weilgi risial 254 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 a viscus breath | trill away from fact to syllable flash | dross words quadrangular seriality killer puncta rock frustules of morphemes organless sounds shim on sacrificial carreg = eat bleed of unconscious tide systema cnawd ystyr the offal truth || jetst ist die zukunft o llawes cyflafan dwy ystlys of the future I invoke you ysguthrog fynydd cyntefic arennau awenyddion gwithien tuag at heart & from calon butcherbird skinning place velum and wordless 14 Das multilinguale Gedicht sondiert Sprache und Poesie nach ihrer Körperlichkeit, findet Eingeweide und Haut, die Dichtkunst und das heidnische Opfer verknüpft. Eingeweide und Haut sind Material bei der Herstellung von Schreibpapier, so dass das Gedicht die Ablösung der performativen mündlichen Gedichttradition zur Schriftkultur als Übersetzung in andere Körperzustände anspricht (Haut als Pergament). Dabei imaginiert das Gedicht die in Haut geschriebene Botschaft selbst als Analogie zum Signifikationsprozess. Wörter werden selbst wie der Dichterkörper entstellt, entleibt und transformiert. Der Ritus, der dem Barden erging, ergeht auch dem Gedicht� Bevor Dichter und Gedicht vom Steinkreis springen, endet es mit den berühmten Versen des ersten Transformationsgedichtes des keltischen Dichters Taliesin (534; † ca. 599), die frei übersetzt etwa lauten: “Ich war vielerlei Form, bevor ich frei war”. So wiederauferstanden, entflieht der Darsteller erst dem Steinaltar, dann auch dem Steinkreis und verschwindet in die Wildnis des Unterholzes, das die Grünfläche des Cerrig yr Orsedd begrenzt und zugleich entgrenzt� Wiederauferstanden? Befreit? Oder transformiert? Als gezähmt wenigstens - wie es noch im Urteilsspruch hieß - konnte dieser wiederauferstandene Surrealismus nicht gelten, der nun außerhalb der Institutionen (des Steinkreises) sein ungesehenes Leben führen mag. DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 255 Mögen Breton und Schlingensief auch Anklage gegen reale Personen (Barrès/ Kohl) erheben, so machen beide doch nur Stoffpuppen den Prozess, die NWK- AO hingegen einem lebendigen Darsteller� Bei diesem Darsteller handelt es sich um Rhys Trimble� Der wiederum ist dem Großteil des Publikums als radikaler Avantgardedichter bekannt� Mag er also im Laufe des Happenings als Surrealismus angesprochen und verurteilt werden, so verknüpfen sein Körper und seine poetischen Wortbeiträge die Aufführung mit der Frage nach einer zeitgenössischen Avantgarde in Wales. Dichtung und Performance wie die von Trimbles fänden auf dem Eisteddfod , wo Kunstformen der Avantgarde keine Bühne erhalten und Ansätze einer avantgardistischen Traditionslinie in der walisischsprachigen Kunst negiert werden, keinen Friedensspruch� Diese kulturelle Hegemonie der Eisteddfod -Ästhetik gegenüber jeder avantgardistischen Konstellation verwirrt das Happening in seiner anscheinend einfach gestrickten Widerständigkeit gegen die inzwischen zu dekorativer Ästhetik korrumpierten historischen Avantgarde. Der Körper des Darstellers Trimble veranlasst nämlich erneut zu der Frage: Wer macht hier wem den Prozess? Eine junge Avantgarde den wohletablierten Vätern? Oder die hegemonialen Väter einer rebellischen Avantgarde? Wer wird vom wem hingerichtet? Trimbles Einbindung des Transformationsgedichts des walisischen Shakespeares Taliesin provoziert zusätzlich, da es die avantgardistische Aneignung einer Tradition bedeutet, die vom Gorsedd geschützt werden soll. Die Umschreibung des entleibten Trimble als body without organs ermöglicht es, die Grundsatzfrage der NWK-AO an die avantgardistischen Vorgänger und Nachzügler (also auch sich selbst) theoretisch zu fassen. Ja, eine so theoretische Ableitung erscheint nur billig, bedenkt man, dass Deleuze die Idee des organlosen Körpers Texten Antonin Artauds entlehnt. Dabei betonen Deleuze und Guattari in Tausend Plateaus , dass der organlose Körper besser als Ereignis denn als Begriff oder Konzept zu denken wäre (206). Sie beschreiben ihn als eine subversive Praktik gegen starre und unveränderliche Organisationsprinzipien, worin eine Verwandtschaft zum transgressiven Begehren der Avantgarde liegt� Ähnlich der Entleibung im Happening (Ereignis! ) der NWK-AO meint der organlose Körper nicht die Zerstörung von Organen, wohl aber deren Organisation zu einem Körper - oder im weitesten Sinne festgelegten Subjektivitäten. Die Entleibung des Dichterkörpers - sei es der des Avantgardisten Rhys Trimble oder der eines der Gattungstraditionen verschriebenen Barden - ist nicht auf Zerstörung, sondern wiederbelebende Befreiung aus. Die poetische Kraft ist ein body without organs , sprich eine sich zu fluiden Ereignissen organisierende Intensität. Als eine affektiv agierende, praktikable und potente Kraft, die nicht notwendigerweise progressiv, innovativ oder befreiend sein 256 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 muss, beschreiben Deleuze und Guattari bodies without organs als Begehren, das sowohl von rechts wie von links kanalisiert werden kann� Die Avantgarde wäre also durchaus als Experiment zu beschreiben, das von unterschiedlichen bodies without organs vorangetrieben wird, jedoch müssen diese nicht zwangsläufig progressiv sein. Welche entleibten Körper also aus Trimble sprechen und in das chaotische Unterholz sich verflüchtigen, ob und zu welcher Art von Intensitäten diese sich kanalisieren, beantwortet das NWK- Happening nicht� Es legt aber die Vorgänger als Begehren offen, dass auch in den Körpern der NWK-AO noch als Potential agiert� Das Sentencing and Disembowelment of Surrealism wird daher auch zum Spektakel überzeichnet, da die NWK-AO gegenüber den Surrealisten in einem zugespitzten Kunstkapitalismus agiert, der Versuche authentischer Reaktivierung avantgardistischen Widerstands gegen Kunstbetrieb, Kunstmarkt und Kulturindustrie in die eigene Reproduktion umkanalisiert� Die Befreiung zu bodies without organs , die die NWK-AO heraufbeschwört, birgt also sowohl Hoffnung als auch Ungeheuer. Die mit altbewehrten Hausmitteln dilettantisch angefertigten Spezialeffekte der Performanz zitieren in diesem Sinne die Ästhetik von Splatterfilmen (Steven; McRoy), deren Körpertransgressionen letztlich intensive Zustände von Begehren visualisieren� Die Splatterreferenz wird auch von Paratexten des Happenings deutlich hervorgehoben� So zitiert der Videotrailer zu dem Happening direkt Schlingensiefs Das deutsche Kettensägenmassaker (1990), indem kurze Bildsequenzen des Films in eigenes Material hineingeschnitten wurden und die Filmmusik über den Trailer gelegt wurde. Die Zitate im Trailer umfassen aber auch walisische Splattertraditionen, wie etwa Ausschnitte aus dem Super-8 Film For freedom we strive � Der wurde 1977/ 78 als Reaktion auf den Deutschen Herbst von den walisischen Künstlern Peter Fox, Annie Stubbs, Maeyc Hewitt, Gary Stubbs, Alan Holmes und Stephen Davies auf eben jenem Cerrig yr Orsedd in Bangor gedreht, auf dem auch das NWK- Happening stattfinden sollte. Die Referenz an das Puppenhorrortheater eines Grand Guignol, das noch bei Breton und Schlingensief vorherrschte, wird also um die genannten Referenzen erweitert, die nicht nur die lokalen Avantgarden in die Befragung mit aufnehmen, sondern auch jene sich zum Terrorismus kanalisierten bodies without organs der RAF� Schauen wir noch einmal auf die hier analysierten multimedialen Manifeste und Happenings der NWK-AO. Ja, sie zitieren wie bereits Schlingensief avantgardistische Vorgänger*innen. Dabei ist es gerade die ‘billige’ Abweichung vom Original, in der sich die NWK-AO einen Freiraum zur Selbstreflektion der eigenen künstlerischen Praxis im Verhältnis zu den Avantgarden erspielt und diese auch aus ihrer historischen Situation und nationalen Spezifizität in zeitgenössische Konstellationen versetzt. Bringen wir die dadaistischen Abklatsch - und Substanzmanifeste sowie das Neo-Genre Already-Made mit dem DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 257 Sentencing and Disembowelment of Surrealism ins Gespräch, so ließe sich die Strategie der NWK-AO in den avantgardistischen Konstellationen, in denen sie sich bewegend konstituiert, als Aufgabe der Avantgarde oder Avantgardeaufgabe umschreiben, und zwar im doppelten Wortsinn� Die Avantgarde ist eine Aufgabe, ihre Geschichte verpflichtet zu einem kritischen Umgang. Die NWK- AO geht mit dieser Aufgabe um, indem sie die Avantgarde aufgibt - der billige Abklatsch wäre eine Taktik, die Entleibung eine andere. Im Frühjahr 2020 gab die NWK-AO in diesem Sinne die Avantgarde tatsächlich auf, indem sie Papierboote nach Akteur*innen der Avantgarden taufte (zum Beispiel dem Dadaisten Kurt Schwitters, der walisischen Punk Band Datblygu , Heiner Müller oder Gudrun Ensslin) und zu Wasser ließ. Die Strömung des Flusses sollte darüber entscheiden, ob die jeweilige Avantgarde versinkt oder an neuen Ufern landet� Dabei gilt es zu bedenken, dass Fluss auf Walisisch Afon bedeutet und wie die französische Silbe Avant ausgesprochen wird� Afongarde schloss konzeptionell an Schlingensiefs Aktion Deutschland versenken, bei der er einen Koffer mit Gegenständen, die er während einer etwa 12-wöchigen Reise durch Deutschland und Österreich gesammelt hatte, in den Hudson River in New York versenkte, auch in der Hoffnung, der Koffer lande wie Treibgut an unbekannten Ufern, wo sie eine neue nicht-deutsche Zukunft fänden� In ihrem Happening Afongarde. Kunst verschiffen rief die NWK-AO dazu auf, Papierboote der Kunst wie ein Paket bei der Post aufzugeben, sprich per Wasserweg zu versenden - und zugleich Ausschau zu halten nach auf solche Weise aufgegebenen Botschaften der Kunst: Fluxus geht auf die Reise, wir verschiffen die Kunst, die Kunst verreist. Ja, vielleicht versinkt das Schiff der Kunst. Auch das wäre Fluxus, auch das […] ein Happening zweifellos� Wer weiß, was wird� Was wir wissen ist: unsere Vorsilbe ist das ver : verschiffen, verreisen, versinken. Außerdem: Aus der Vorsilbe vergeht die Vorsilbe erhervor: Also wissen wir: Nur aus dem Verkennen entsteht ein Erkennen. ( Afongarde ) Notes 1 Die Autorin dieses Beitrages ist Gründungsmitglied dieser Künstler*innenformation und trägt die Hauptverantwortung für die Erforschung der deutschsprachigen Avantgarden� Die NWK-AO tritt auch unter ihrem walisischen und englischen Namen auf: Celf Newydd Cymru - Sefydliad Cyn- Gelfyddyd bzw� New Welsh Art - Pre-Art Formation � 2 Die NWK-AO kann gewissermaßen als Operationsorgan der zeitgleich gegründeten fiktiven Organisation Deutsch-Walisische Freundschaft ( DWF ) gelesen werden, die sich noch deutlicher zu diesen Vorgängern bekennt� Siehe 258 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 dazu ihren Webauftritt unter: https: / / deutsch-walisische-freundschaft�jimdosite�com/ 3 Besonders prominent wären hier vielleicht zu nennen: Moneymental Happening - Freiheit befreien befreit moneymental (2020), das sich an Schlingensiefs unrealisiertes Konzept Rettet den Kapitalismus - Schmeißt das Geld weg vergreift; der Film Mutters Maske - Wer hüstelt hat Pech (2020), der sich an Schlingensiefs Mutters Maske. Wer schreit hat recht (1988) anlehnt; die Gründung eines Fluxus-Staates auf dem Eiland Ynys Faelog (2022), die aus Schlingensiefs Konzept des Chance-Staates entstand. Dieter Roth findet in zahlreichen Aktionen mit Pferdemist seine Fortsetzung und Joseph Beuys wurde 2021 gefeiert u�a� mit einer Übertragung seiner JajajaNenene Performance ins Walisische oder dem Spektakel Beuys vs. Boyce. Boxkampf für direkte Kunst � 4 Zu den vielfältigen Erscheinungsformen des Phänomens Reenactment siehe einschlägig Agnew et al� 2020� 5 Die fiktive Organisation Deutsch-Walisische Freundschaft ( DWF ) wird zwar als Förderer mancher Aktionen der NWK-AO angegeben, ist aber nur vorgespielt� Man spielt sich das Geld in die eigene Tasche, da die DWF personell und materiell identisch ist mit der NWK-AO � Siehe dazu: https: / / dwf-gefundetes�jimdosite�com/ 6 Ganz gemäß jener Haftbarkeit, die Christoph Schlingensief immer wieder eingefordert hatte, so etwa in: Diez und Dürr (1997) oder Buhre und Lätzer (2001). 7 Im Englischen werden die kommunistischen Aufbauorganisationen oft als “pre-party” Organisationen bezeichnet, so dass sich die NWK-AO in ihrem englischsprachigen Umfeld auch als “pre-art formation” versteht� 8 Inzwischen sind das Already-Said und Already-Seen als Kategorien hinzugekommen, in denen sich die NWK-AO mit Ausgesagtem und Vorgezeigtem auseinandersetzt, das chronologisch weit vor bestimmten Aussagen und Vorführungen der NWK-AO liegt, jedoch den gleichen epistemischen Effekt erzielt� 9 Dabei wurde darauf geachtet, auch die Tischdecke, auf der die Anthologie abgelegt worden war, in der Aufnahme abzulichten, denn so konnte ich eine Technik Schlingensiefs assoziieren, der in einer Publikation aus dem Jahr 1988 die “Erkenntnisszene” ähnlich festgehalten hatte� Siehe dazu Pogoda, “Der Zuschauer als Schaffender”. 10 Der Titel ist eine walisische Schreibweise für Surrealist Safari (= Surrealistische Safari). Programm kann hier eingesehen werden: https: / / saffaru. jimdosite�com/ DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 259 11 Aus Platzgründen kann die Geschichte hier leider nicht in Gänze kritisch berücksichtigt werden, zu empfehlen ist einschlägig dazu: Bowen and Bowen� 12 Die Gestaltung eines Gedichtes in Cynghanedd verlangt, ein streng festgelegtes Zusammenspiel von Konsonanz und Binnenreim innerhalb jeder Zeile einzuhalten� 13 Diese Bestuhlung ist wörtlich zu verstehen, da der*die Gewinner*in als Auszeichnung buchstäblich einen Stuhl erhält, der von Künstler*innen in Einzelanfertigung hergestellt wird� 14 Wir danken Rhys Trimble, der eine Verschriftlichung seines Gedichts mit uns teilt. Es ist entstanden für das Happening. Works Cited Adorno, Theodor W� “Ästhetische Theorie�” Gesammelte Schriften 7� Ed� Rolf Tiedemann� Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003� Agnew, Vanessa, Jonathan Lamb, und Juliane Tomane, eds� The Routledge Handbook of Reenactment Studies: Key Terms in the Field . New York: Routledge, 2020. Asholt, Wolfgang. “Schlingensief, die Avantgarde und das Theater: (auch) eine historische Begriffsbestimmung.” Christoph Schlingensief und die Avantgarde � Ed� Lore Knapp, Sven Lindholm und Sarah Pogoda. Paderborn: Wilhelm Fink, 2019. 61—76. Bayard, Pierre� Le plagiat par anticipation � Nancy: MINUIT, 2015� Bowen, Geraint, und Zonia Bowen� Hanes Gorsedd y Beirdd gan � Dinbych: Cyhoeddiadau Barddas, 1991� Breton, André� “Zweites Manifest des Surrealismus�” Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938). Sonderausgabe � Ed� Wolfgang Asholt und Walter Fähnders. Stuttgart/ Weimar: J.B. Metzler, 2005. 391—94. Buhre, Jakob, und Stefan Lätzer� “Christoph Schlingensief� Die Vollhaftung geht ab�” planet-interview.de � Planet Interview, February 2001� Web� 14 Feb� 2023� Deleuze, Gilles, und Félix Guattari� Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie � Trans� Gabriele Ricke und Ronald Voullié� Berlin: Merve, 1992� Diez, Georg, und Anke Dürr. “’Tötet Christoph Schlingensief! ’ Interview mit dem Aktionskünstler über kostenlosen Kaffee, fliegende Autos, Blindheit und Zerstörung.” KulturSPIEGEL 27 Oct� 1997� Web� 14 Feb� 2023� DOK.fest München. “Schlingensief - In das Schweigen hinein schreien | DOK.live Film Talk | 2020 @home.” May 2020. Web. 14 Feb. 2023 <https: / / www.youtube.com/ watch? v=LJhd0gTs2NE&t=1852s>. For freedom we strive � Dir� Alan Holmes� Perf� Peter Fox, Annie Stubbs, Maeyc Hewitt� 1977/ 78. Web. 14 Feb. 2023. <https: / / avant-afongad.jimdosite.com/ super-8/ >. Fraser, Andrea� “From the Critique of Institutions to an Institution of Critique�” Institutional Critique: An Anthology of Artists’ Writings. Ed� Alexander Alberro und Blake Stimson. Cambridge: MIT Press, 2009. 408—29. 260 Sarah Pogoda DOI 10.24053/ CG-58-0015 Grotowski, Jerzy, T� K� Wiewiorowski, und Kelly Morris� “Towards the Poor Theatre�” The Tulane Drama Review 11.3 (1967): 60—65. Haarmann, Anke� Artistic Research: Eine epistemologische Ästhetik � Bielefeld: transcript Verlag, 2019� Ja manifesto Ja � Dir� Neue Walisische Kunst-Aufbauorganisation� Perf� Neue Walisische Kunst. 2020. Web. 14 Feb. 2023. <https: / / vimeo.com/ 419654069>. Kluge, Alexander. “News & Stories vom 03.06.1996. Der wahre Erbe der Guldenburgs. Christoph Schlingensief und sein Film Tunguska. ” dctp� 1996� Web� 14 Feb� 2023� <https: / / www.dctp.tv/ filme/ news-stories-03-06-1996? thema=christoph-schlingensief>� Kühl, Christiane. “Viele Freunde und ein Volkschor für alle.” taz.de. taz, 25 Oct� 1997� Web� 15 June 2025� McRoy, Jay� “There Are No Limits: Splatterpunk, Clive Barker, and the Body in-extremis�” Paradoxa 17 (2002): 130—50. Moldenhauer, Benjamin� “Wer schreit hat recht� Christoph Schlingensief entkapselt Veit Harlans Opfergang �” Christoph Schlingensief und die Avantgarde � Ed� Lore Knapp, Sven Lindholm und Sarah Pogoda. Paderborn: Wilhelm Fink, 2019. 111—26. Mutters Maske . Dir. Christoph Schlingensief. Perf. Susanne Bredehöft, Brigitte Kausch- Kuhlbrodt, Helge Schneider, Karl Friedrich Mews� Filmgalerie 451, 2015� Mutters Maske. Wer hustet hat Pech / / Mother’s Mask . Dir. Neue Walisische Kunst-Aufbauorganisation. Perf. Neue Walisische Kunst. 2020. Web. 14 Feb. 2023. <https: / / youtu�be/ eGWb3jUqW7I>� Opfergang . Dir. Veit Harlan. Perf. Kristina Söderbaum, Irene von Meyendorff, Carl Raddatz, Franz Schafheitlin� 1944� Web� 14 Feb� 2023� < https: / / www�youtube�com/ watch? v=A7wAZMIMdes>� Piégay-Gros, Nathalie. “Die Affäre Barrès: Der Schauplatz des Prozesses.” Les Cahiers de la Justice 4 (2012): 43—52. DOI: 10.3917/ cdlj.1204.0043. Pogoda, Sarah. “Der Zuschauer als Schaffender. Christoph Schlingensiefs filmische Sehsschule�” Arbeit am Bild. Christoph Schlingensief und die Tradition � Ed� Peter Scheinpflug und Thomas Wortmann unter Mitarbeit von Katja Holweck. Paderborn: Brill | Fink. 2022. 43—66. —. “Künstlerische Avantgardeforschung und Institutionskritik in Christoph Schlingensiefs Müllfestspiele (1996), Seven X (1999) und Erster Attaistischer Kongress (2002).” Christoph Schlingensief und die Avantgarde � Ed� Lore Knapp, Sven Lindholm und Sarah Pogoda. Paderborn: Wilhelm Fink, 2019. 219—50. —. “Wer über Schlingensief redet, muss selbst von ihm gepackt sein! Christoph Schlingensief und die künstlerische Forschung.” Christoph Schlingensief. Resonanzen � Ed� Vanessa Höving, Katja Holweck und Thomas Wortmann. München: edition text + kritik, 2020. 154—71. Ralfs, Sarah� Theatralität der Existenz. Ethik und Ästhetik bei Christoph Schlingensief � Bielefeld: transcript Verlag, 2019� DOI 10.24053/ CG-58-0015 Schlingensief in den ästhetischen Konstellationen der NWK-AO 261 Scheer, Anna Teresa� “Schlingensief and Breton’s Second Surrealist Manifesto�” Christoph Schlingensief und die Avantgarde. Ed� Lore Knapp, Sven Lindholm und Sarah Pogoda. Paderborn: Wilhelm Fink, 2019. 77—92. Sentencing and Disembowelment of Surrealism � Dir� Neue Walisische Kunst-Aufbauorganisation. Perf. Neue Walisische Kunst. 2020. Web. 14 Feb. 2023. <https: / / vimeo. com/ 467270985>� Steven, Mark� Splatter Capital � London: Repeater, 2017� Trailer Sentencing and Disembowelment of Surrealism � Dir� Neue Walisische Kunst-Aufbauorganisation. Perf. Neue Walisische Kunst. 2020. Web. 14 Feb. 2023. <https: / / vimeo�com/ 446605109>� Abbildungsverzeichnis Abb. 1 NWK-AO: Abklatschmanifest , 2020 Abb. 2 NWK-AO: Substanzmanifest , 2020 Abb. 3 Flyer für Sentencing and Disembowelment of Surrealism , NWK-AO https: / / saffaru.jimdosite.com/ rhaglen-program/ Abb� 4 Disembowelment and Stabbing of Institutional Art by Fluxus, 2020� Lindsey Colbourne� Genutzte Webseiten der NWK-AO (alle zuletzt geöffnet am 14. Februar 2023) NWK-AO Website. https: / / nkw-aufbauorganisation.jimdosite.com/ DWF Website� https: / / deutsch-walisische-freundschaft�jimdosite�com/ Geförderte Projekte der DWF. https: / / dwf-gefundetes.jimdosite.com/ Afongarde � https: / / afongarde�jimdosite�com/ Surrealist Saffaru-Festival Website. https: / / saffaru.jimdosite.com/ rhaglen-program/