eJournals Die Neueren Sprachen16/1

Die Neueren Sprachen
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2193-049X 
3054-0186
Narr Verlag Tübingen
10.24053/DNS-16-0005
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2026
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„Mehr Sprachen – mehr WIR“ – Praxiseinblick und Reflektion der Startphase des bundesweiten Redewettbewerbs

0216
2026
Davia Rosenbaum
Ursula Csejtei
Barbara Blum
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„Mehr Sprachen - mehr WIR“ - Praxiseinblick und Reflektion der Startphase des bundesweiten Redewettbewerbs Davia Rosenbaum, Ursula Csejtei und Barbara Blum 1 Einleitung Mehrsprachigkeit gehört zur Lebensrealität vieler Menschen in Deutschland. Immer mehr Kinder und Jugendliche wachsen mehrsprachig auf. 2022 sprachen etwa 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 14 Jahren in der Familie vorrangig eine andere Sprache als Deutsch (Statistisches Bundesamt: 49). Die Tendenz ist steigend: Bundesweit nutzten 2021 nur 61,5 Prozent der Drittklässler: innen zuhause ausschließlich Deutsch, während 36,2 Prozent die deutsche Sprache in der Familie nur manchmal und 2,3 Prozent diese nie sprachen (Edelstein: 2023). In vielen Schulen spielt die Sprachenvielfalt - neben Deutsch und den im Unterricht vermittelten Fremdsprachen - jedoch kaum eine Rolle oder ist sogar unerwünscht. So sind Schulen in Deutschland mehrheitlich monolingual ausgerichtet (Gogolin 2008: 24), sodass die sprachliche Realität der Schüler: innen oft auf einen „monolingualen Habitus“ (Gogolin 2008: 32 ff.) trifft, also die tief verankerte Vorstellung, dass in der Schule ausschließlich eine Sprache - meist Deutsch - als „normal“ gilt. Dieser Habitus steht der gelebten Sprachenvielfalt der Schüler: innen entgegen. Um Mehrsprachigkeit - unabhängig von den gesprochenen Sprachen - im Kontext Schule und auch in der öffentlichen Wahrnehmung positiv zu positionieren, Jugendliche in ihrer Sprachkompetenz zu stärken und ihre Identität wertzuschätzen, richtet die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) im Schuljahr 2024/ 2025 erstmals den bundesweiten mehrsprachigen Redewettbewerb „Mehr Sprachen - mehr WIR“ aus. Gefördert wird der Wettbewerb von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, die zugleich Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus ist. Er richtet sich an Schüler: innen aller Schulformen ab der 7. Klasse. Die Teilnehmenden treten mit einer zweisprachigen Rede an, in der sie zwischen Deutsch und einer weiteren Sprache wechseln. Diese zweite Sprache kann die Erstbzw. Familiensprache der Teilnehm‐ enden oder eine erlernte Fremdsprache sein - alle lebenden Sprachen sind zugelassen. Im Begleitprogramm des Wettbewerbs erhalten Lehrkräfte zudem ein praxisorientiertes Angebot, um sich zum Thema Mehrsprachigkeit in Schule und Unterricht weiterzubilden. Dieser Artikel gibt einen Einblick in den ersten Durchgang des Wettbewerbs: Wie ist der Wettbewerb aufgebaut? Welche Ziele werden verfolgt? Wie wurden die Themen entwickelt und wer bewertete die Beiträge? Darüber hinaus werden die Begleitformate und Ressourcen DOI 10.24053/ DNS-16-0005 1 www.mehrsprachen-mehrwir.de beleuchtet, die im Rahmen des Wettbewerbs entstanden sind. Kapitel 3 widmet sich der Rezeption des Wettbewerbs, bevor abschließend ein Ausblick gegeben wird. 2 Was ist der bundesweite Redewettbewerb „Mehr Sprachen - mehr WIR”? Der Aufbau von „Mehr Sprachen - mehr WIR” orientiert sich am österreichischen Vorbild „SAG´S MULTI” und umfasst drei Wettbewerbsrunden mit je drei „Klassenstufenkatego‐ rien“: • Klassenstufen 7/ 8 • Klassenstufen 9/ 10 • Klassenstufen 11 und höher In den ersten beiden Runden reichten die Teilnehmenden ein Video ihrer zweisprachigen Rede zu einem vorgegebenen Thema sowie das dazugehörige vollständig auf Deutsch übersetzte Skript ein. Die Schüler: innen adressieren mit ihrer Rede eine allgemeine Öf‐ fentlichkeit. Perfekte Sprachkenntnisse waren keine Voraussetzung: Teilnehmen konnten Schüler: innen aller Schulformen, darunter auch Jugendliche aus internationalen Vorberei‐ tungsklassen oder DaZ-Klassen. Jede Rede sollte allerdings flüssig und gut verständlich sein und innerhalb der Rede sollte mehrfach zwischen den beiden Sprachen gewechselt werden. Die erste Runde fand vom 07.10.2024 bis zum 06.12.2024 statt. Die Anmeldung und Einreichung erfolgte auf der Wettbewerbsplattform von „Mehr Sprachen - mehr WIR“ 1 durch eine betreuende Lehrkraft. Jede Schule konnte bis zu zehn Schüler: innen je Klassen‐ stufenkategorie (max. 30 Schüler: innen) zum Redewettbewerb anmelden. Eine mehrsprachige Jury bewertete jeden Redebeitrag nach Inhalt, Sprache, Struktur und Präsentation. Je 20 Schüler: innen pro Klassenstufenkategorie kamen in die nächste Runde. Für Beiträge in Sprachen, die nicht in der Jury vertreten waren, gab bspw. der Übersetzungsdienst des Auswärtigen Amts eine Spracheinschätzung, auf die die Jury sich in ihrer Bewertung beziehen konnte. Alle Teilnehmenden, die nach der ersten Runde weiterkamen, wurden im Frühjahr 2025 zu digitalen Gruppen-Trainings eingeladen. In diesen Rhetorik-Trainings bereiteten sich die Jugendlichen gemeinsam auf die zweite Runde vor und erhielten Feedback zu ihren Reden. Die Einreichungsfrist für die zweite Wettbewerbsrunde endete am 31.03.2025. Nach dem Ende der Frist wählte die Jury 15 Finalist: innen aus, die zum Finale eingeladen wurden. Am 17. Mai 2025 fand das Finale des Wettbewerbs in Berlin statt. In den Räumen der Robert Bosch Stiftung präsentierten die teilnehmenden Jugendlichen in feierlichem Rahmen ihre Reden. Die Finalist: innen kamen aus ganz Deutschland und traten mit Beiträgen auf Deutsch und Arabisch, Russisch, Englisch, Pamirisch (Shughni), Kurdisch, Ungarisch, Katalanisch, Spanisch und Türkisch an. Spürbar war dabei nicht nur der starke Zusammenhalt im Raum, sondern auch die besondere Verbundenheit zwischen den Teilnehmenden - getragen von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung. Die Jury DOI 10.24053/ DNS-16-0005 116 Davia Rosenbaum, Ursula Csejtei und Barbara Blum war vor Ort und kürte bei der anschließenden Preisverleihung die drei Gewinner: innen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Sherif Rizkallah (u. a. bekannt aus den „logo! “-Kin‐ dernachrichten). Alle Reden wurden gefilmt und werden in Kürze veröffentlicht. Die Finalist: innen waren schon am Vortag gemeinsam mit einer Begleitperson und ihrer Lehrkraft nach Berlin angereist, um an einem gemeinsamen Programm teilzunehmen. Die Reise-, Verpflegungs- und Übernachtungskosten von allen Teilnehmenden, Lehrkräften und Begleitpersonen wurden übernommen. Die Begleitperson war in den meisten Fällen ein Elternteil. Das Programm am Vortag umfasste einen Rhetorik-Workshop, in dem sich die Finalist: in‐ nen auf ihren Bühnenauftritt vorbereiteten. Dabei übten sie gemeinsam mit den anderen bundesweit angereisten Jugendlichen, wie sie bereits mit dem ersten Satz das Publikum mit ihrer Präsenz und ihren Worten fesseln konnten. Danach nahmen sie gemeinsam mit ihren Begleitpersonen an einer Führung im Bundeskanzleramt teil. Für die Lehrkräfte gab es parallel einen wertschätzenden Austausch zur Begleitung und Unterstützung der mehrsprachigen Jugendlichen bei der Wettbewerbsteilnahme, der von Toan Quoc Nguyen begleitet wurde. Ergänzt wurde der Austausch durch einen Impulsvortrag von Jurymitglied Prof. Dr. Judith Purkarthofer zum Thema “Mehr Sprachen = mehr Mythen? Wie wir Sprecher: innen, Sprechen und Sprachen bewerten”. Das Programm endete mit einem Kennenlernen der weiteren Jurymitglieder beim gemeinsamen Abendessen. 2.1 Zielsetzung Mit der Ausrichtung des Wettbewerbes und der Begleitveranstaltungen verfolgt die DKJS mehrere zentrale Ziele: 1. Mehrsprachigkeit wird an Schulen als positiv und wertvoll wahrgenommen: Der Wettbewerb schafft ein Bewusstsein für Kompetenzen von Schüler: innen, die sonst im schulischen Kontext nicht überall und nicht immer ausreichend adressiert werden. Lehrkräfte erhalten Know-how, wie sie Mehrsprachigkeit im Unterricht fördern können. 2. Jugendliche erhalten die Gelegenheit, ihre Mehrsprachigkeit in der Öffent‐ lichkeit zu präsentieren: Jugendliche erleben sich in ihrer ganzen Identität als wahrgenommen und können ihre Perspektiven öffentlich teilen. 3. Die Vielfalt der jugendlichen Perspektiven, die in Deutschland vertreten sind, wird sichtbar: Die DKJS setzt sich zum Ziel, dass nicht nur die sprachliche Vielfalt junger Menschen deutlich wird, sondern auch Jugendliche aus allen Schultypen vertreten sind. In der Kommunikation hat die DKJS deutlich gemacht, dass sie Beiträge von Jugendlichen aller weiterführender Schultypen, also Gymnasien, Gesamtschulen, Berufsschulen oder Berufskollegs, Haupt-, Real- oder Förderschulen willkommen heißt. 2.2 Die mehrsprachige Jury & Bewertung Die Jury des Wettbewerbs setzte sich aus vielfältigen Persönlichkeiten zusammen, die so‐ wohl von Jugendlichen als auch von Fachleuten geschätzt werden. Bereits in der Konzeption DOI 10.24053/ DNS-16-0005 „Mehr Sprachen - mehr WIR“ 117 des Wettbewerbs wurden junge Menschen aktiv eingebunden. Ein Beratungsgremium aus mehrsprachigen Jugendlichen unterstützte von Anfang an bei der Frage, welche Personen für die Jury angefragt werden sollten. Die Jury bestand aus bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich mit gesellschaftlichen Themen wie Vielfalt und Inklusion be‐ schäftigen sowie aus Expert: innen mit einem klaren Bezug zum Thema Mehrsprachigkeit: Anh Thi Đỗ-Kavka Lehrerin mit einer Beförderungsstelle für die Koordination für Diversitätsbewusste Bildung, Landeskoordination des Hamburger Netzwerks "Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte" Anja Treichel Bundeselternnetzwerk der Migrantenorganisationen für Bildung & Teilhabe (bbt) Annette Nana Heidhues Journalistin und Beraterin Gender, Antidiskriminierung & Demokra‐ tiebildung Prof. Dr. Christoph Schroe‐ der Professor für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache am Institut für Germanistik der Universität Potsdam Dr.in Çiçek Bacık Autorin und Lehrerin, Gründerin Daughters and Sons of Gastarbei‐ ters Cornelia Holsten Bremische Landesmedienanstalt/ Bündnis Medien für Vielfalt Cornelius Steele Afro Diasporisches Akademisches Netzwerk (ADAN) e.V. Dr.in Delal Atmaça Geschäftsführerin und Mitbegründerin Dachverband der Migrantin‐ nenorganisationen (DaMigra e.-V.) Dinçer Güçyeter Dichter, Gründer Elif Verlag Dr.in Elizabeth Beloe Bundesverband Netzwerke von Migrant*innenorganisationen (NeMO) e.-V. Fabian Schön Bundesschülerkonferenz Faried Ragab Hamburger Netzwerk „Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte” Prof.in Dr.in Judith Purkart‐ hofer Juniorprofessorin für Germanistische Linguistik, mit Schwerpunkt Sprachliche Integration an der Universität Duisburg-Essen Katarina Niewiedzial Die Beauftragte des Berliner Senats für Partizipation, Integration und Migration Lea Hoffmann Mediendienst Integration Melisa Mete SAG'S MULTI Mostapha Boukllouâ Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfa‐ len; Berichterstatter Migration bei der KMK Muna Nasser Geschäftsführerin von Schülerpaten Berlin e.V. Nada Al-Addous Ehemalige Stipendiatin START Stiftun Olga Grjasnowa Schriftstellerin und Professorin für Sprachkunst Parshad Esmaeili Entertainerin DOI 10.24053/ DNS-16-0005 118 Davia Rosenbaum, Ursula Csejtei und Barbara Blum Shai Hoffmann Geschäftsführung der Gesellschaft im Wandel gGmbH, Aktivist; u. a. "Trialoge---Israel-Palästina Projekt" Shida Bazyar Schriftstellerin, u.-a. "Nachts ist es leise in Teheran" Tahsim Durgun Content Creator Bewertungskriterien Die Beiträge werden nach klar definierten Kriterien beurteilt: • Inhalt: Relevanz und Tiefe des Themas. • Sprache: Flüssigkeit und Qualität der Sprachwechsel. • Struktur: Logischer Aufbau und Nachvollziehbarkeit. • Präsentation: Ausdrucksstärke, Authentizität und Überzeugungskraft. Formale Kriterien Um eine einheitliche Grundlage für die Bewertung zu schaffen, wurden u. a. folgende formale Kriterien festgelegt: • Zum Wettbewerb sind ausnahmslos zweisprachige Reden zugelassen, in der Rede müssen beide Sprachen zu hören sein (Deutsch und eine weitere Sprache). Es muss sich um lebende Sprachen handeln. Zwischen den Sprachen muss mehr als einmal gewechselt werden. • Reden dürfen keine künstlerischen Darbietungen wie Sprechgesang oder Schauspiel enthalten. Präsentationsmittel wie Visualisierungen, Objekte oder Präsentationen sind nicht erlaubt. Geistiges Eigentum anderer (z. B. Zitate) muss als solches unter Angabe des Autors oder der Autorin benannt werden. • Besonderer Wert wird darauf gelegt, dass die Beiträge nicht nur formalen Anfor‐ derungen entsprechen, sondern auch die Haltung des Wettbewerbs widerspiegeln: Respekt, Vielfalt und der gegenseitige Austausch. Beiträge mit diskriminierenden oder menschenfeindlichen Inhalten werden ausgeschlossen. Rückmeldung und Wertschätzung Nach der Jurysitzung im Januar erhielten alle Teilnehmenden Ende Januar eine Rück‐ meldung. Die Beiträge der Jugendlichen wurden dafür wertschätzend reflektiert. Jede: r Teilnehmende erhielt ein persönliches Zertifikat und eine schriftliche Rückmeldung. Auch die betreuenden Lehrkräfte wurden für ihr Engagement ausdrücklich gewürdigt. Mit dieser sorgfältigen Organisation und Unterstützung zielt der Wettbewerb darauf ab, nicht nur die Leistungen der Jugendlichen hervorzuheben, sondern auch ihre Schulen und das Engagement der Lehrkräfte zu stärken. 2.3 Die Themen und die Themenfindung Die Auswahl der Themen wurde ebenso in enger Zusammenarbeit mit den jugendlichen Berater: innen entwickelt. Nachdem ihnen erste Vorschläge präsentiert wurden, wurde ihr Feedback eingeholt, um die Themen bestmöglich auf die Interessen und Lebenswelten der DOI 10.24053/ DNS-16-0005 „Mehr Sprachen - mehr WIR“ 119 Teilnehmenden abzustimmen. Insgesamt standen sieben Themen zur Auswahl, die für alle Klassenstufen und Schulformen gleichermaßen gelten. Die Themen sind: • Grüße aus der Zukunft - Wie wird die Welt von morgen sein? • Einsamkeit - Wie können wir für andere da sein? • In Frieden leben - Wie sieht das aus? • Safe place - Wer oder was ist dein Zuhause? • Die Schule meiner Träume • Wie kann ich zum Vorbild werden? • Liebe - Was bedeutet das Wort für dich? 2.4 Die Begleitformate (Tutorials, Rhetorik-Training & Fortbildungen) Zur Unterstützung der Jugendlichen und Lehrkräfte, die am Wettbewerb teilnehmen, wur‐ den vielseitige Begleitformate entwickelt. Diese sollen Teilnehmende gezielt vorbereiten und die Auseinandersetzung mit Mehrsprachigkeit in Schulen nachhaltig fördern. Tutorials: Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Jugendliche Allen interessierten Jugendlichen stehen vier Video-Tutorials zur Verfügung, die von der mehrsprachigen Schauspielerin und Synchronsprecherin Tua El-Fawwal moderiert wurden. Diese Tutorials sind - neben weiteren auf die Zielgruppe der Jugendlichen abge‐ stimmten Informationen - auf der Wettbewerbsplattform zu finden. Sie bieten praktische Anleitungen und Tipps, um die Reden der Teilnehmenden gezielt zu stärken. Rhetorik-Training: Feedback und Austausch Alle Jugendlichen, die in die zweite Runde des Wettbewerbs kamen, konnten an einem digitalen Rhetorik-Training teilnehmen. Diese Gruppen-Trainings fanden im Frühjahr 2025 statt und dienten dazu, Rückmeldungen zu den Reden der Teilnehmenden zu geben und die Motivation der Teilnehmenden zu stärken. Zudem boten sie eine Plattform für den Austausch mit anderen Teilnehmenden. Die Rhetorik-Trainings waren auch eine wichtige Möglichkeit für die DKJS in den persönlichen Kontakt mit den Jugendlichen zu kommen. Die Trainings wurden von der Kommunikations-Trainerin Julia Lemmle geleitet. 80 % der Jugendlichen nahmen am Training teil. Die Kommunikations-Trainerin legte großen Wert auf das freie Sprechen, Pausen und große Gesten. Auch aufgrund der Trainings reichten fast alle erneut ein Video für die zweite Runde ein. In den neuen Einreichungen war sehr deutlich, dass die Teilnehmenden ihre Tipps berücksichtigt hatten. Nachdem die Trainings so gut angenommen wurden, wurde Julia Lemmle für das Rhetorik-Training am Vortag engagiert. Fachveranstaltungen: Wissenstransfer für Lehrkräfte Um Lehrkräfte in ihrer Arbeit mit mehrsprachigen Schüler: innen zu stärken, organisierte die DKJS die digitale Fachveranstaltungsreihe „Mehr Sprachen - mehr WIR: Mehrspra‐ chigkeit an der Schule fördern“. Diese Veranstaltungsreihe hatte das Ziel, konkrete Handlungsansätze für den Schulalltag aufzuzeigen. DOI 10.24053/ DNS-16-0005 120 Davia Rosenbaum, Ursula Csejtei und Barbara Blum Format und Inhalte • Fünf digitale Veranstaltungen: Jeweils eine Stunde, bestehend aus einem Input und einer anschließenden Q&A-Session. • Praxisnah und offen für alle Interessierten: Die Veranstaltungen richteten sich primär an Lehrkräfte von Schulen, waren jedoch auch für andere Interessierte zugäng‐ lich. • Breites Themenspektrum: Vom Umgang mit Vorurteilen über digitale Tools bis hin zu diskriminierungskritischer Sprachenbildung. Die Veranstaltungen setzten wenig Vorwissen voraus und enthielten viele praxisnahe Tipps. Referent: innen und Themen 1. „Gelebte Mehrsprachigkeit als Gewinn für Schulen“ mit Prof.in Dr. Havva Engin. 2. „Doppelte Halbsprachigkeit und andere Mythen rund um Mehrsprachigkeit“ mit Prof.in Dr. Simone Plöger. 3. „Mehr Tools - mehr Sprachen: Mit digitalen Technologien Mehrsprachigkeit nutzen und fördern“ mit Dr. Till Woerfel. 4. „Diskriminierungskritische Sprachenbildung im Kontext von Mehrsprachigkeit“ mit Aster Oberreit und Kimberly Naboa Menzel. 5. Eine Sonderveranstaltung mit Schulleitungen und Lehrkräften, die erfolgreiche An‐ sätze zur Förderung von Mehrsprachigkeit im Schulalltag präsentierten. Die Reihe fand in Kooperation mit dem Deutschen Schulportal der Robert Bosch Stiftung statt und stieß auf große Resonanz: Über 400 Personen nahmen insgesamt daran teil, darunter Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte sowie Vertreter: innen aus Verwaltung und Institutionen. Zusätzliche Materialien und Ressourcen Neben den Präsentationen und Literaturhinweisen aus den Fachveranstaltungen finden sich auf der Wettbewerbsplattform auch Materialien aus dem DKJS-Projekt „Vielfalt entfalten“, das zwischen 2019 und 2024 diversitätssensible Pädagogik an Schulen förderte. Diese ergänzenden Inhalte bieten Lehrkräften weiterführende Ansätze für die praktische Umsetzung von Mehrsprachigkeit im Schulalltag. Auch wird dort auf die Materialseite verwiesen, die vom Team des Metavorhabens Sprachliche Bildung in der Einwanderungsge‐ sellschaft kuratiert wurde. Erkenntnisse und Bedarf Die digitale Fachveranstaltungsreihe zeigte, dass die Förderung von Mehrsprachigkeit insbesondere an Grundschulen bereits stärker verankert ist als an weiterführenden Schulen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Lehrkräfte einen hohen Bedarf an praxisnahen Hand‐ reichungen und Weiterbildungsangeboten haben. Dieses Feedback wird im kommenden Durchgang des Wettbewerbs berücksichtigt, um Lehrkräfte noch gezielter zu unterstützen. DOI 10.24053/ DNS-16-0005 „Mehr Sprachen - mehr WIR“ 121 3 Wie wird der Wettbewerb angenommen? Die DKJS hat zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um sowohl Jugendliche als auch Lehrkräfte auf den Wettbewerb aufmerksam zu machen. Durch bestehende Netzwerke wurden Schu‐ len aller Schultypen ab der Klassenstufe 7 in allen Bundesländern kontaktiert. Ergänzend dazu wurden auch Vereine angesprochen, die Verbindungen zu Schulen und Jugendlichen haben, sowie Verantwortliche für herkunftssprachlichen Unterricht in den Bundesländern. Auch die Landes- und Regionalkoordinationen des Netzwerks „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ wurden eingebunden. Rund 300 Schulen mit besonderem Mehrspra‐ chigkeitsbezug wurden individuell kontaktiert. Um die Information über den Wettbewerb zu streuen, wurden auch zahlreiche Vertre‐ ter: innen aus Wissenschaft, Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft angeschrieben. Die Rückmeldungen zum Wettbewerbsvorhaben waren durchweg positiv. Erste Resonanz und Teilnahmezahlen Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte aus 77 Schulen in 14 Bundesländern meldeten Schüler: innen auf unserer Wettbewerbsplattform an. Diese vertraten ein breites Spektrum an Schultypen: Gymnasien sind unter den registrierten Schulen am stärksten vertreten, aber auch Schüler: innen von Integrierten Gesamtschulen, Oberschulen und anderen Formen weiterführender Schulen sowie verschiedener berufsbildender Schulen nehmen teil. Insgesamt wurden 201 Redebeiträge für den Wettbewerb eingereicht, wobei die Jahrgangsstufen 9 und 10 sowie 11 und älter deutlich stärker vertreten waren als die Klassen 7 und 8. Es wurden Redebeiträge zu allen Themen eingereicht. Die Themen • In Frieden leben - Wie sieht das aus? • Liebe - Was bedeutet das Wort für dich • Safe place - Wer oder was ist dein Zuhause? waren dabei, in dieser Reihenfolge, unter allen Einreichungen am stärksten vertreten. Das Thema Frieden bzw. Krieg beschäftigt sowohl Jugendliche, die ihre Heimatländer verlassen mussten, als auch jene, die in Deutschland aufgewachsen sind und ein Bewusstsein dafür haben, dass Frieden fragil sein kann. Vielfalt und inhaltliche Bandbreite der Beiträge Die eingesandten Reden spiegeln eine bemerkenswerte Vielfalt wider. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch decken die Beiträge ein breites Spektrum ab. Manche Reden sind politisch, andere sehr persönlich. Einige bestechen durch poetische Sprache, andere durch eine klare und direkte Ausdrucksweise. Auffällig war, dass Schüler: innen mit (familiärer) Zuwanderungsgeschichte in ihren Reden Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen, insbesondere im Kontext Schule, thematisierten. Gleichzeitig wurden in vielen Beiträgen typische Themen des Jugendalters wie Zugehörigkeit, Freundschaft und Identität ange‐ sprochen. Ein besonderer Erfolg des Wettbewerbs liegt in der Sichtbarmachung der faktischen Sprachenvielfalt in Deutschland: Insgesamt wurden Redebeiträge in 35 Sprachkombinati‐ onen eingereicht. Am stärksten vertreten waren Englisch, Arabisch, Russisch, Französisch, DOI 10.24053/ DNS-16-0005 122 Davia Rosenbaum, Ursula Csejtei und Barbara Blum Spanisch, Türkisch, Ukrainisch, Mandarin und Kurmancî. Insgesamt waren folgende Sprachen und Varietäten vertreten: Afrikaans Akan-Sprache Twi Albanisch Arabisch Armenisch Aserbaidschanisch Bosnisch Bulgarisch Dari Englisch Französisch Georgisch Griechisch Hebräisch Italienisch Japanisch Katalanisch Kinyarwanda Koreanisch Kroatisch Kurdisch Litauisch Mandarin Pamirisch (Shughni) Pashto Persisch Polnisch Portugiesisch Rumänisch Russisch Spanisch Türkisch Ukrainisch Ungarisch Urdu Herausforderungen Obwohl die Resonanz auf das Thema „Förderung von Mehrsprachigkeit“ positiv war, gingen nicht aus allen Bundesländern Einreichungen ein. Wir vermuten, dass die hohe Arbeitsbelastung von Lehrkräften ein entscheidender Faktor dafür ist, dass einige Schulen nicht am Wettbewerb teilnehmen konnten. Der Wettbewerb zeigt dennoch eindrucksvoll, dass Lehrkräfte und Schüler: innen nach Gelegenheiten suchen, Mehrsprachigkeit in der Schule sichtbar und hörbar zu machen. 4 Ausblick Ein weiterer Durchgang des Wettbewerbs „Mehr Sprachen - mehr WIR” findet im nächs‐ ten Schuljahr statt. Im kommenden Durchgang wird es gezielte Anpassungen geben. Angedacht ist beispielsweise die Ergänzung der Fachveranstaltungen um ein digitales, praxisnahes Fortbildungsangebot für Lehrkräfte zur Förderung von Mehrsprachigkeit im Unterricht. Auch im Verfahren selbst wird es Änderungen geben. In Kürze startet die Bewerbung des zweiten Durchgangs. Bibliografie Edelstein, Benjamin (2023). Familiensprache Deutsch unter Grundschüler: innen. Abrufbar unter: https: / / www.bpb.de/ themen/ bildung/ dossier-bildung/ 516328/ familiensprache-deuts ch-unter-grundschueler-innen/ (Stand: 13.12.2024) Gogolin, Ingrid (2008). Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. 2. Aufl. Münster/ New York/ München/ Berlin: Waxmann. Statistisches Bundesamt (2022). Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe: Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege am 01.03.2022. Abrufbar unter: https: / / www.destatis.de/ DE/ Themen/ Gesellschaft-Umwelt/ Soziales/ Kindertagesbe treuung/ Publikationen/ Downloads-Kindertagesbetreuung/ tageseinrichtungen-kindertagespflege -5225402227004.pdf ? __blob=publicationFile#page=49 (Stand: 13.12.2024) DOI 10.24053/ DNS-16-0005 „Mehr Sprachen - mehr WIR“ 123