Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-2022-0024
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/91
2022
512
Gnutzmann Küster SchrammContra - Weniger Kompetenz, mehr Resonanz
91
2022
Dominik Rumlich
flul5120121
Pro und Contra 121 51 • Heft 2 DOI 10.24053/ FLuL-2022-0024 Urheber Hartmut R OSA definiert das soziologische Konzept der Resonanz als „eine durch Af←fizierung und E→motion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartung gebildete Form der wechselseitigen Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und transformieren. […] Resonanz impliziert ein Moment konstitutiver Unverfügbarkeit.“ * Resonanz ist demnach ein Beziehungsmodus, in dem eine Person und eine andere, aber auch Tiere oder ein Gegenstand im konkreten oder abstrakten Sinne (bspw. Musik, Schnee), auf verschiedene Arten affektiv-emotional aufeinander wirken. Offenheit ist dabei eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung, da Resonanz nicht willentlich herbeigeführt oder erzwungen werden kann; es können nur günstige Bedingungen für ihre Entstehung geschaffen werden. Resonanz beschreibt demnach ein „kognitives, affektives und leibliches Weltverhältnis, bei dem Subjekte auf der einen Seite durch einen bestimmten Weltausschnitt berührt und bisweilen bis in ihre neuronale Basis ‚erschüttert‘ werden, bei dem sie aber auf der anderen Seite auch selbst ‚antwortend‘, handelnd und einwirkend auf Welt bezogen sind und sich als wirksam erfahren“ (ebd.: 279). So lässt sich unter anderem auch nachhaltiges (Fremdsprachen-)Lernen charakterisieren - Wer würde davon weniger wollen? Nachfolgend werden drei Aspekte diskutiert, die Resonanz als bestimmendes Unterrichtsziel zumindest in Teilen problematisch erscheinen lassen und zur Vorbzw. Umsicht mahnen: 1) Jeder Person muss ein Resonanzverweigerungsrecht zugestanden werden. Intensiv-prägende, tiefgehende und das Subjekt (quasi vollständig) ergreifende Resonanzbeziehungen, die auf der Basis von Offenheit und Vertrauen entstehen, gehen - insbesondere in der prägenden und vulnerablen Phase der Pubertät - mit Wirkmächtigkeit, Macht und damit substantiellen Risiken sowie potentiellem Schaden einher (Berichte von Insidern aus Vereinigungen, die sich bspw. gegen Offenheit, Toleranz und demokratische Grundordnungen positionieren, deuten vielfach auf die erfolgreiche Erschaffung von missbräuchlich genutzten und/ oder manipulativen Resonanzräumen hin). 2) Resonanzerfahrungen erinnern - nicht zuletzt aufgrund ihrer Intrinsik - stark an das von Csikszentmihályi geprägte Flow-Erleben und die damit einhergehende Problematik: Von den dahinterliegenden Mechanismen lassen sich zwar durchaus gewisse Leitlinien für lernwirksam-motivierenden Unterricht ableiten; sie führen aber nur unter sehr selten erreichten Idealbedingungen vereinzelt zum angestrebten Flow-Erleben. Aufgrund der voraussetzungsreichen Entstehensbedingungen und des extrinsisch geprägten schulischen Kontextes scheinen sowohl Flow als auch Resonanzerfahrungen ungeeignet und unrealistisch als konkret zu erreichendes Ziel täglichen Unterrichts. 3) Von Beginn an treten Säuglinge mit der Welt in Resonanz und entwickeln sich auf dieser Basis; dieser profunde Beziehungsmodus stellt damit einen der ureigensten Wege bzw. Methoden (von griechisch μετά/ metá und ὁδός/ hodós = Weg nach/ zu etwas hin) des Lernens dar. Resonanz ist damit ein Weg, Kompetenz mit ihren kognitiven, affektiv-motivationalen, volitionalen und Problemlösekomponenten ein Ziel. Daher mutet es seltsam an, mehr ‚Weg‘ statt mehr ‚Ziel(erreichung)‘ bzw. Inhalt zu fordern - auch wenn der Weg ein wichtiger Teil von Kompetenz bzw. Zielen ist. Als Quintessenz ist Kompetenz daher (unter anderen) das geeignete, regelmäßige Ziel des Unterrichtens, das Anstreben umsichtig-verantwortungsvoller Resonanzerfahrungen als „Königsweg“ das i-Tüpfelchen. Paderborn D OMINIK R UMLICH * Hartmut R OSA : Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp 2016, S. 298; die von Rosa verwendeten Pfeile symbolisieren die unterschiedliche Wirkrichtung nach innen/ zum Subjekt hin bzw. nach außen/ aus dem Subjekt heraus.
