Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-2023-0014
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/31
2023
521
Gnutzmann Küster SchrammKarin VOGT, Jürgen QUETZ (Hrsg.): Der neue Begleitband zum Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen. Berlin: Lang 2021, 245 Seiten [52,90 €]
31
2023
Birgit Birkfellner
flul5210131
Besprechungen 131 52 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-2023-0014 DaZ-Forschung, die heute noch Bestand haben, zumal die Herausforderungen von damals sich nicht fundamental von den heutigen unterscheiden. Die Auswahl der acht Beiträger: innen wird nicht thematisiert, erklärt sich jedoch am ehesten durch den wissenschaftlichen Werdegang der Herausgeber: innen. Dass das Buch auf mehreren Ebenen ein sehr persönliches Projekt darstellt, macht gerade seinen Reiz aus, sodass die Frage der Repräsentativität in den Hintergrund rückt. Die Beiträge sind aufgrund des persönlichen Duktus sehr zugänglich geschrieben und stellen nicht nur für den wissenschaftlichen Nachwuchs eine wertvolle Inspirationsquelle dar. Jena C HRISTINE C ZINGLAR Karin V OGT , Jürgen Q UETZ (Hrsg.): Der neue Begleitband zum Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen. Berlin: Lang 2021, 245 Seiten [52,90 €] Das Erscheinen des Begleitbandes zum Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (2020) hat Reaktionen in verschiedensten Bereichen der Fremdsprachendidaktik ausgelöst und die Frage aufgeworfen, wie mit den Änderungen und Erweiterungen umzugehen ist. Die elf Beiträge dieses Sammelbandes widmen sich dem Begleitband und seinen Neuerungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Obwohl keine Untergliederung der Texte in übergeordnete Themenbereiche stattfindet, zeigt sich eine klare Struktur in der Zusammenstellung, die von einer historischen Dimension ausgeht, anschließend wichtige Ergänzungen des Begleitbands einzeln behandelt und mit einem Themenblock zu test- und diagnosetheoretischen Aspekten abschließt. Allen Beiträgen ist ein generell kritischer Zugang zum Begleitband gemein. Durch die Anordnung sowie durch den Aufbau der einzelnen Texte ist es den Herausgeber: innen gelungen, eine Kohärenz innerhalb des Sammelbandes herzustellen. Viele Beiträge vereinen gleichermaßen eine klare Darlegung der einzelnen Neuerungen im Begleitband, eine kritische Auseinandersetzung mit den Skalen und Deskriptoren und eine konstruktive Aufarbeitung, indem praktische Beispiele zur Nutzung der Skalen eingebracht werden. Dadurch ergibt sich ein stimmiges Bild und der Eindruck, einen umfassenden Einblick in die wichtigsten Problemfelder rund um den Begleitband zum GeR zu bekommen. Die Einleitung von Jürgen Q UETZ und Karin V OGT ermöglicht dem/ der Leser: in einen gut strukturierten und kompakten Einstieg in das Thema. Nach einer Erläuterung der Neuerungen und Ergänzungen wird auf allgemeine Kritikpunkte sowohl am GeR als auch an dessen Begleitband eingegangen und der Zugang der folgenden Beiträge dazu kurz dargestellt. Somit gelingt es dem Einleitungstext nicht nur eine Makrostruktur für den Band vorzugeben, sondern auch eine Grundlage zu schaffen, um die einzelnen Artikel besser einordnen zu können. Der Beitrag von Daniel C OSTE fällt insofern aus dem Rahmen, als er die Entstehungsgeschichte des GeR aufrollt und generelle Kritik an dessen Konzept anbringt. Die Kritik bezieht sich nicht vorrangig auf die neuen Skalen und Deskriptoren des Begleitbandes, sondern stellt die Konzeption des GeR an sich infrage. C OSTE schreibt hier aus einer sehr persönlichen Perspektive heraus, da er maßgeblich am Entstehungsprozess des GeR mitgewirkt und damals wie heute eine alternative modulare Konzeption vorgeschlagen hat, die integrativer und dynamischer aufgebaut ist. Christiane F ÄCKE widmet sich anschließend den plurikulturellen Kompetenzen, die im Begleitband eine deutlich stärkere Gewichtung bekommen haben als im GeR von 2011. Nach einer gut nachvollziehbaren Einleitung und Begriffsklärung gleicht sie das Konzept plurikultureller Kompetenzen im Begleitband mit B YRAMS Modell der Intercultural Communicative Competence, B ENNETS Developmental Model of Intercultural Sensitivity und dem Referenzrah- 132 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2023-0014 52 • Heft 1 men für plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen (RePA) ab. Sie kommt zu dem Schluss, dass durch die Einbettung in das Stufenmodell im Begleitband die plurikulturellen Kompetenzen eine Aufwertung erfahren haben und nun gleichberechtigt mit den sprachlichen Kompetenzen stehen. Den Bezug zur Unterrichtspraxis stellt sie schließlich anhand mehrerer Aufgabenbeispiele her, in denen sie zeigt, wie plurikulturelle Kompetenzen beispielsweise durch Mediationsaufgaben trainiert werden können. Der Beitrag von Rudi C AMERER schließt hier thematisch an und nimmt ebenfalls die plurikulturellen Kompetenzen unter die Lupe. Die Weiterentwicklung des interkulturellen Ansatzes des GeR zu plurikulturellen Kompetenzen mit ihren eigenen Skalen sieht er als Möglichkeit, diese besser für den Unterricht handhabbar zu machen. Er betont die Wichtigkeit von Kontexten und Beziehungsgestaltung für das Erlernen plurikultureller Kompetenzen und veranschaulicht dies mithilfe eines Unterrichtsbeispiels aus der Erwachsenenbildung. Dass es der Begleitband noch nicht geschafft hat, sich vom interkulturellen Paradigma zu lösen wird im Beitrag jedoch nicht kritisch hinterfragt. Es verwundert, dass in Bezug auf dieses Thema aktuellere Konzepte wie der Deutungsmusteransatz oder die migrationspädagogische Perspektive nicht mitgedacht werden. Der sehr praxisnahe Beitrag von Jenny J AKISCH geht näher auf die plurilingualen Kompetenzen im Begleitband ein. Sie konstatiert einen Mangel an konkreten Unterrichtsvorschlägen und Materialien zur Förderung von Mehrsprachigkeit. Davon ausgehend präsentiert sie ausgewählte Aktivitäten aus einer Interventionsstudie, die zum Ziel hatte, den Einfluss gezielt eingesetzter mehrsprachigkeitssensibler Übungen auf das Englischlernen von Grundschüler: innen zu zeigen. Auch wenn man sich hier einen ausgeprägteren Zusammenhang zu den Skalen des Begleitbandes gewünscht hätte, sind die Unterrichtsbeispiele sehr anschaulich und zeigen Möglichkeiten eines mehrsprachigen Unterrichts für Kinder im Grundschulalter auf. Leonhard K ROMBACH behandelt in seinem Beitrag die Mediation, die durch ihre Neukonzeption einen zentralen Stellenwert im Begleitband erhalten hat. Es wird besprochen, wie sich Mediation von einem stark auf übersetzendes Handeln bezogenem Verständnis im GeR hin zu einem ganzheitlichen Konzept der „gemeinsame[n] Bedeutungsaushandlung“ (S. 120), das v.a. auf sozial-psychologischen und interkulturellen Aspekten fußt, im Begleitband gewandelt hat. Das abschließende Anwendungsbeispiel für den Unterricht bleibt etwas allgemein und läuft stellenweise Gefahr, kulturalisierend zu wirken. Eva B URWITZ -M ELZER beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit den neuen Skalen zur Literaturdidaktik und vergleicht sie mit dem literaturdidaktischen Konzept der Bildungsstandards. Ihre Kritik an den Skalen richtet sich v.a. auf den unsystematischen Textbegriff, die Kompetenzmodellierung und das veraltete literaturdidaktische Konzept, das im Begleitband noch immer verwendet wird. Sie plädiert für eine Orientierung an der Rezeptionstheorie und präsentiert daran anschließend ein Aufgabenbeispiel für eine mittlere Schulstufe, das anhand einzelner Deskriptoren „einen kommunikativen, kompetenz- und aufgabenorientierten Literaturunterricht möglich macht“ (S. 150). Aufgrund der klaren Darlegung und der Illustration anhand des Unterrichtsbeispiels wird die vorgebrachte Kritik sehr deutlich und gut nachvollziehbar. Eine der größten Ergänzungen des Begleitbands behandelt der Beitrag von Eva W ILDEN - die Digitalisierung. Sie kritisiert, dass dem Begleitband auch in Bezug auf die Digitalisierung „eine theorie- und forschungsbasierte nachvollziehbare Systematik fehle“ (S. 160). Mit dem Konzept der multiliteracies, der ICILS-Studie und der JIM-Studie stellt sie drei Ansätze vor, die man der Modellierung der neuen Skalen im Begleitband zugrunde legen hätte können, um eine bessere theoretische Verortung, ein systematischeres Kompetenzmodell und eine empirische Grundlage zu erreichen. Aufgrund des umfassenden Einflusses der Digitalisierung auf alle Besprechungen 133 52 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-2023-0014 Lebens- und Lernbereiche stellt sich die Frage, ob diesem Thema im vorliegenden Sammelband nicht mehr Platz hätte gewidmet werden können. Der Beitrag von Jürgen Q UETZ zum Thema des Hörsehverstehens im Begleitband liest sich als Plädoyer für mehr Medienkritik im Fremdsprachenunterricht. Anstatt visuelle Impulse als reine Stütze für das Verstehen zu begreifen, sollte gerade im schulischen Kontext der Fokus auf ein ganzheitliches Hörsehverstehen gelenkt werden, bei dem Bilder und Musik als wirkmächtiges Instrument der Bedeutungskonstruktion verstanden werden. Das abschließende Beispiel zur Aufgabenabfolge beim Hörsehverstehen bleibt ein wenig allgemein, sein Bezug zum Begleitband eher undeutlich. Manuela G LABONIAT und Carmen P ERESICH bieten einen Ausblick darauf, was die Erweiterungen im Begleitband für die Testlandschaft zu bedeuten haben. Sie gehen nochmals auf die zuvor in den einzelnen Beiträgen dargelegten neuen Skalen des Begleitbandes (plurikulturelle und plurilinguale Kompetenzen, Mediation, Digitalisierung, etc.) ein und beleuchten sie auf einer testtheoretischen Ebene. Sie sprechen aber auch verschiedene Themen an, die in den bisherigen Beiträgen noch kaum behandelt wurden. So verweisen sie auf die Änderungen in der Skala zur Aussprache und den wichtigen Wegfall der Norm des Native Speakers. Zudem bringen sie zurecht die Kritik an, dass es der Begleitband versäumt hat, sich gegen seine Instrumentalisierung durch die Politik zu positionieren. Anschließend an diesen testtheoretischen Beitrag veranschaulicht Karin V OGT , wie der Begleitband und dessen Niveaustufen nicht nur für psychometrische Testverfahren verwendet werden können, sondern auch gewinnbringend für das Assessment for Learning eingesetzt werden können. Assessment for Learning wird hier als ein in erster Linie den Lernprozess unterstützendes und nicht normierendes Vorgehen verstanden. Anhand eines szenariobasierten Aufgabenbeispiels wird exemplarisch vorgeführt, wie die Deskriptoren des Begleitbands für Aufgaben und Assessment im handlungsorientierten Unterricht genutzt werden können. Die Überlegungen und die konstruktive Herangehensweise überzeugen und machen deutlich, was der GeR und sein Begleitband für den Unterricht leisten können. Auch der Beitrag von Olaf B ÄRENFÄNGER ist im Bereich der Kompetenzdiagnostik angesiedelt und widmet sich den neuen Skalen des Begleitbandes unter einer berufsspezifischen Perspektive. Er gleicht bestehende berufsspezifische Sprachprüfungen mit den Skalen der Mediation, der Online-Kommunikation sowie des „Vor-A1-Niveaus“ ab und konstatiert einen Weiterentwicklungsbedarf in allen drei Bereichen. Die Herausarbeitung der Prüfungsaufgaben mit Bezug zu den Skalen zeigt deutlich das Desiderat auf, die tatsächlichen Kommunikationsbedarfe im beruflichen Kontext zu erheben und diese durch authentische Aufgabenstellungen gleichmäßig auf die Prüfungsabschnitte zu verteilen. Durch die Aufarbeitung des Begleitbandes aus unterschiedlichen Blickwinkeln dürfte dieser Sammelband nicht nur für Fremdsprachenforschende interessant sein, sondern auch für Praktiker: innen in der Curriculums- und Prüfungsentwicklung und nicht zuletzt für Unterrichtende. Für die Überarbeitungen in verschiedensten Bereichen der Fremdsprachendidaktik (u.a. der Lehrwerks-, Curriculums- und Testentwicklung), die die Einbeziehung der Neuerungen des Begleitbandes notwendigerweise mit sich bringen wird, können die Beiträge dieses Bandes einen wertvollen Anstoß geben. Wien B IRGIT B IRKFELLNER
