Fremdsprachen Lehren und Lernen
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0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-2024-0024
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Gnutzmann Küster SchrammLesen und Verstehen im Studium:
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Sophie A.
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53 • Heft 2 DOI 10.24053/ FLuL-2024-0024 S OPHIE A. * Lesen und Verstehen im Studium: Wieso Semesterwochenstunden für manche Menschen mit Lese- Rechtschreibstörung/ -schwäche (LRS) eine Herausforderung sind Dieser Text soll die alltäglichen Probleme von Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung/ -schwäche (LRS) an Universitäten oder Hochschulen illustrieren und meine individuellen Erfahrungen im Lehramtsstudium darstellen. Als diagnostizierte Legasthenikerin versuche ich bestimmte Hindernisse im Studium darzustellen. Zunächst werde ich allerdings auf einige Grundbegriffe eingehen. LRS zeichnet sich durch eine Vielfalt an Begriffen aus. Ebenso vielfältig ist, wie genau sich die verschiedenen Symptome einer LRS äußern. Die Ursachen und Auswirkungen werden dementsprechend nicht zu Unrecht in unterschiedlichen Monographien oder Sammelwerken immer wieder aufs Neue diskutiert und erläutert. Für diesen Text ist es allerdings wichtig zu verstehen, welche die gängigsten Formen einer LRS sind und wie viele Menschen davon betroffen sind. Verschiedene Konzepte wie die „Legasthenie, Lese-Rechtschreib-Störung, Lese-Rechtschreib-Schwäche und Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten […] bezeichnen Probleme beim Erwerb des Lesens und/ oder des Rechtschreibens“ (S CHEERER -N EUMANN 2023: 19). G ERLACH (2019) schätzt, dass mindestens ein Fünftel aller Schüler*innen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben betroffen sein müssten. Die Symptomatik einer LRS variiert dabei stark und kann in unregelmäßigen Kombinationen mit anderen Formen der Neurodivergenz wie beispielsweise Autismus oder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung) auftreten (G ERLACH 2019). Als Legasthenikerin weiß ich, dass das Lesen und Schreiben in der Informationsgesellschaft Schlüsselkompetenzen für die Teilhabe am beruflichen und kulturellen Leben sind (S CHEERER -N EUMANN 2023). Sie sind die Bedingung für einen erfolgreichen Abschluss an Schulen, in der Ausbildung oder an der Universität beziehungsweise den Hochschulen. So können Probleme beim Lesen in Form einer geringen Lesegeschwindigkeit den Arbeitsaufwand für betroffene Menschen im Beruf oder im Bildungssystem deutlich erhöhen. Meine Probleme im Studium zeigten sich vor allem beim Lesen von Texten. Gemeint ist hierbei nicht die Frequenz der gelesenen Wörter pro Minute, sondern die kognitive Verarbeitung des Gelesenen. Universitäten und Hochschulen verwenden ein standardisiertes System, bei dem credit points (CP) ver- * Goethe Universität Frankfurt 104 Sophie A. DOI 10.24053/ FLuL-2024-0024 53 • Heft 2 wendet werden, um den Arbeitsaufwand eines Seminars beziehungsweise einer Vorlesung berechnen zu können. So entspricht ein CP ungefähr 25-30 Arbeitsstunden. Im Schnitt benötige ich im Vergleich zu meinen Kommiliton*innen ungefähr doppelt so lange, um einen wissenschaftlichen Text zu verstehen. Setzen dozierende Personen also einen gewissen Leseaufwand im Rahmen der CP für Studierende fest, benötige ich doppelt so lange, um die vorgegebenen Texte zu lesen und vorzubereiten. Während des Studiums habe ich die kalkulierte Zeit für das Selbststudium in den Seminaren meistens nur für das Lesen der vorgegebenen Texte benötigt. Eine damit einhergehende Ausarbeitung eines Textes oder andere mit dem Text verknüpfte Aufgaben musste ich außerhalb dieser kalkulierten Zeit anfertigen. Problematisch ist dies vor allem in der Vorbereitung und Ausarbeitung von Hausarbeiten sowie beim (handschriftlichen) Schreiben von Klausuren. Diese Problematik hat dazu geführt, dass ich die Regelstudienzeit von sieben Semestern nicht einhalten konnte, da der kalkulierte Arbeitsaufwand für mich nicht tragbar war. So war für mich der Versuch, die vorgegebenen Selbststudiumsstunden einzuhalten, meistens ein Kampf gegen Windmühlen.Manche von Ihnen fragen sich beim Lesen meiner Erfahrungen bestimmt, wieso ich denn keinen Anspruch auf einen Nachteilsausgleich nehme. Um diese Frage beantworten zu können, ist es wichtig zu verstehen, dass Menschen mit LRS, sowie neurodivergente Menschen generell, nach wie vor stigmatisiert und diskriminiert werden. Bedingt durch meine Legasthenie wurde in meiner Schulzeit die Rechtschreibung bei der Notenvergabe nicht berücksichtigt. Der Preis dafür ist, dass dies in meinem Abiturzeugnis vermerkt ist und jede Person, der ich dieses Zeugnis vorlegen muss, automatisch über meinen „Nachteil“ informiert wird. Manche mögen dies für gerecht halten, andere als diskriminierend. Ich erachte es als lästig. So auch meine Antwort auf die Frage: Ja, Nachteilsausgleiche sind eine wichtige und notwendige Form der Inklusion, allerdings sind sie auch aufwendig und von Institution zu Institution unterschiedlich. Von Bevormundung zu Gleichberechtigung bis hin zur Benachteiligung habe ich im Rahmen meines schulischen und universitären Werdegangs jeden möglichen Umgang mit der Diagnose bereits erleben müssen. Eine Art Russisch Roulette, wenn man so möchte. Dementsprechend begrüße ich dozierende Personen, die bereits auf Menschen wie mich ungefragt Rücksicht nehmen und ihre Seminare weniger auf dem Prinzip des Leistungsdrucks und mehr auf dem Prinzip des Wissenszuwachs aufbauen. Gemeint damit ist, dass Dozierende ihre Inhalte und wöchentlichen Aufgaben sowie die dazugehörige Literatur so gestalten, dass sie für eine abschließende Modulprüfung wiederverwertet werden können. Im besten Fall wird sogar individuelles Feedback auf ausgewählte Texte oder eingereichte Aufgaben gegeben, um den Lernzuwachs der Studierenden zu fördern. Im Laufe meines Studiums habe ich festgestellt, dass ich deutlich weniger Zeit in Seminare investieren musste, wenn die Inhalte der vorgegebenen Literatur und die dazugehörigen Aufgaben auch in den individuellen Sitzungen der Seminare aufgegriffen wurden. Demzufolge ist es sinnvoll, Studierende und deren Perspektive in der Gestaltung der Seminare miteinzubeziehen. Lesen und Verstehen im Studium 105 53 • Heft 2 DOI 10.24053/ FLuL-2024-0024 Literatur G ERLACH , David (2019): Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS) im Fremdsprachenunterricht: 7 wichtige Punkte für einen erfolgreichen Start ins Thema. Tübingen: Narr Francke Attempto. S CHEERER -N EUMANN , Gerheid (2023): Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie: Grundlagen, Diagnostik und Förderung. Stuttgart: W. Kohlhammer.
