Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-2025-0013
0428
2025
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Gnutzmann Küster SchrammPeggy KATELHÖN, Pavla MAREČKOVÁ (Hrsg.): Sprachmittlung und Mediation im Fremdsprachenunterricht an Schule und Universität. Berlin: Frank & Timme 2022, 252 Seiten [39,80 €]
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2025
Jule Inken Müller
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118 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2025-0013 54 • Heft 1 Durch T AKAHASHI s tendenziell engen Fokus auf die Lernprozesse außerhalb von Bildungsinstitutionen gehen mithin wichtige Einsichten zur Rolle von Lehrenden, Mitlernenden und Unterrichtsinhalten verloren. Shion hätte ein sehr anschauliches Beispiel dafür sein können, wie sich eine didaktisch fragwürdige Unterrichtsgestaltung nachhaltig negativ auf die Motivation auswirkt, sich über das Pflichtprogramm hinaus mit einer Sprache und Kultur zu beschäftigen. Die Autorin entscheidet sich jedoch dafür, die unterrichtlichen Erfahrungen der beiden Forschungssubjekte nicht eingehend zu ergründen und zu analysieren. Umso erstaunlicher ist es, dass sie sich am Ende ihrer Studie unnötigerweise dazu verleiten lässt, pädagogische Implikationen zu formulieren. Sie erliegt damit der weit verbreiteten Fehlannahme, dass Studien im Bereich Fremdsprachen lehren und lernen zwingend Aussagen zu unterrichtlichen Prozessen treffen müssten. Weitere kleine Schwachstellen der Studie finden sich unter methodologischem Gesichtspunkt. Die Autorin wählt zwar einen innovativen Forschungsansatz, aber sie nutzt ihre Arbeit nicht dazu, die Vorteile ihrer Herangehensweise ausführlich zu diskutieren und mit anderen Forschungen zu pädagogischen Fallstudien in Beziehung zu setzen. Darüber hinaus ist problematisch, dass die Autorin die Datenanalyse in wenigen Sätzen abhandelt und keinen Zugang zu den Transkripten ermöglicht. Aus methodologischer Perspektive positiv zu werten ist hingegen, dass T AKAHASHI den Aspekt der Reaktivität ihres Vorgehens reflektiert. Über die Gespräche und den Email-Austausch mit ihren beiden Forschungssubjekten nimmt sie unmittelbar Einfluss auf deren Sichtweisen und Haltungen zum Fremdsprachenlernen. Die Autorin stellt diese Problematik ins Zentrum des letzten der 16 Interviews. In Kapitel 10 thematisiert sie diese unhintergehbare Bedingung ihrer Studie zumindest in Ansätzen. Auch aufgrund dieser reflektierten Sicht auf die Möglichkeiten und Beschränkungen des Forschungsdesigns lohnt sich die Lektüre. T AKAHASHI s Ergebnisse lassen sich nicht auf andere Kontexte übertragen. Wie bei allen pädagogischen Fallstudien liegt es bei den Lesenden, die Relevanz für das eigene Arbeitsumfeld zu erkennen. Der Wert der Studie besteht somit darin, dass sie ein lebendiges Bild der vielfältigen Faktoren zeichnet, die sich - für Forschende und Lehrende oft unsichtbar - auf die Motivation von Lernenden auswirken. In diesem Sinne stellt sie fraglos eine Bereicherung der Motivationsforschung dar und es ist ihr zu wünschen, dass sie andere Forschende zur Nachahmung inspiriert. Jena M ICHAEL S CHART Peggy K ATELHÖN , Pavla M AREČKOVÁ (Hrsg.): Sprachmittlung und Mediation im Fremdsprachenunterricht an Schule und Universität. Berlin: Frank & Timme 2022, 252 Seiten [39,80 €] Im vorliegenden Band möchten Peggy K ATELHÖN und Pavla M AREČKOVÁ eine Standortbestimmung „für Mediation und Sprachmittlung im fremdsprachlichen Unterricht [vornehmen], sie nach dem Erscheinen des Begleitbandes zum GeR [des Europarates] terminologisch neu […] bestimmen und einen Ausblick auf mögliche Entwicklungspotenziale [aufzeigen]“ (S. 8). Dazu sollen neben einem kurzen Überblick über das Verständnis von Sprachmittlung bzw. Mediation im 2018 veröffentlichten Begleitband zum Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen (BGeR) sowie über die einzelnen Beiträge des Bandes in der Einleitung neun Kapitel beitragen. Brian N ORTH und Enrica P ICCARDO bieten einen detaillierten Einblick in die Ausdifferenzierung von Mediation für den BGeR und die Erprobung der Skalen. Relevantes Entwicklungspotenzial für den deutschen Sprachmittlungskontext bietet insbesondere die Unterstreichung, Besprechungen 119 54 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-2025-0013 dass Mediation keine fünfte Fertigkeit ist (S. 25), wie in deutschen Curricula der Fall, sondern ein Kommunikationsmodus, der nicht von anderen Kommunikationsmodi trennbar ist und inhärent einen Perspektivenwechsel der mittelnden Person erfordert (S. 26). Ein konzeptuelles Modell von Mediation, das im Entwicklungsprozess entstanden ist, zeigt besonders gut die Zusammenhänge mit anderen Bereichen der Sprachkompetenz. Auch Daniel R EIMANN beleuchtet in seinem Beitrag den Entstehungsprozess der Skalen zu Mediation, 22 Skalen bezeichnet er ohne Begründung als besonders relevant. Anschließend kommentiert er das Potenzial dieser Skalen im Niveau B1 in Bezug auf Sprachmittlung im deutschen Schulsystem, wo die Kompetenz enger als im BGeR konzeptualisiert wurde. Hier wäre eine kritische Auseinandersetzung mit der Konzeptualisierung von Sprachmittlung an sich wünschenswert gewesen, um über einen Vergleich hinaus konkret Potenziale für die Weiterentwicklung des Konzepts in Deutschland aufzuzeigen. Auch bleiben Fragen in Bezug auf die Definition verschiedener Termini offen; neuere Publikationen, die eine Öffnung des Konzepts auch im deutschen Kontext anregen bzw. die Implikationen des BGeR bereits diskutiert haben, bleiben unerwähnt. Věra J ANÍKOVÁ arbeitet das Potenzial, das Linguistic Landscapes für die Förderung der Sprachmittlungskompetenz haben, gekonnt heraus und illustriert dies mit drei universitären Unterrichtsbeispielen. Hierbei wird deutlich, dass Linguistic Landscapes ein Anstoß für Sprachmittlung in einem aufgabenorientieren Unterricht sein können, in dem die Studierenden weitere Rechercheaufgaben bearbeiten. Teils ist unklar, wie genau die einzelnen Teilkompetenzen durch die vorgestellten Aufgaben gefördert werden, wozu ausführlichere Ausführungen hilfreich gewesen wären. Der Artikel kann jedoch sehr gut als Impuls für die Unterrichtsplanung genutzt werden, wenn man Linguistic Landscapes einsetzen möchte. Elisabeth K OLB untersucht die Verbindung zwischen Sprachmittlung und interkultureller Kompetenz im BGeR, in dem für den BGeR als Referenzwerk verwendeten Framework of Reference for Pluralistic Approaches to Languages and Cultures (FREPA), in den Bildungsstandards sowie in der fremdsprachendidaktischen Modellierung im deutschen Kontext. Die dabei zurecht geübte Kritik u.a. an der fehlenden Trennschärfe zwischen den einzelnen Kategorien von Mediation im BGeR und der fehlenden Präzision der Bildungsstandards sowie die Potenziale, die der FREPA für kulturelles Lernen bietet, bleiben dabei ohne konkret aufgezeigte Schlussfolgerungen für den Umgang mit diesen teils unterrichtsbestimmten bildungspolitischen Rahmentexten. Die fachdidaktische Diskussion der letzten Jahre wird zusammengefasst, ohne jedoch das Konzept des interkulturellen Lernens selbst kritisch zu diskutieren. In der anschließenden Analyse je einer in den Bildungsstandards vorgeschlagenen Prüfungs- und Lernaufgabe führt K OLB nachvollziehbar Kritik daran auf, dass diese auf Grund von Aufgabenstellung und Erwartungshorizont die interkulturelle Ebene von Sprachmittlung nicht berücksichtigen. In den Implikationen für eine zukünftige Aufgabenentwicklung hebt die Autorin die Wichtigkeit von Thema, Situation und besonders der Beschreibung des: der Adressat: in pointiert hervor und macht erhellende Vorschläge dazu, wie Aufgaben entwickelt werden könnten, die diese Aspekte berücksichtigen. Dieses letzte Unterkapitel ist bei der Lektüre besonders gewinnbringend. Monica B ARSI und Peggy K ATHELHÖN konzentrieren sich auf das Potenzial von Mediation nach dem BGeR für den berufsbezogenen Fremdsprachenunterricht im Bereich des kulinarischen Tourismus. Dazu präsentieren sie erneut die drei Bereiche der Mediation, bevor sie für jeden davon eine Aufgabe aus dem europäischen Projekt DELCYME vorstellen. Diese zeichnen sich durch eine sinnvolle Verknüpfung von inhaltlicher Erarbeitung im Rahmen der Ausbildung und mittelnder Tätigkeit aus; die Mittlungskontexte wirken allerdings teils recht umständlich konstruiert, obwohl der touristische Kontext zahlreiche authentische Mittlungssituationen böte. 120 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2025-0013 54 • Heft 1 Pavla M AREČKOVÁ stellt die Erkenntnisse eines mit 12 Studierenden des Masterstudienganges DaF an der Universität Brno durchgeführten Fokusgruppeninterviews bzgl. des von der Forscherin selbst unterrichteten und von den Teilnehmenden besuchten Sprachmittlungsseminars vor. Sprachmittlung wird dabei neben interlingualer und kultureller Mittlung primär als Textarbeit definiert. Die Diskussion wurde mit Hilfe der thematischen Analyse ausgewertet und kann vorrangig als Feedback für die Weiterentwicklung des spezifischen Seminars, jedoch auch als Anregung für Seminare an anderen Hochschulen genutzt werden. Die Studierenden schätzten besonders das Sprech- und Schreibtraining sowie die durch die Mittlungsaktivitäten geförderte Sprach(lern)bewusstheit. Katharina W IELAND liest die weite Definition von Sprachmittlung im BGeR als eine Beschreibung multilingualer Aushandlungsprozesse. Sie stellt ein Forschungsprojekt vor, bei dem die Interaktion von sechs Schüler: innenpaaren der 11. Klasse während der Bearbeitung einer Sprachmittlungsaufgabe videografiert sowie mit Hilfe des Lauten Erinnerns rekapituliert wurde. Die Daten wurden durch eine Interaktionsanalyse ausgewertet, welche anhand zahlreicher Beispiele sehr anschaulich dargestellt wird. W IELAND zeigt nachvollziehbar die vornehmlich organisatorische, inhaltliche und sprachliche Aushandlung der Lernenden auf. Darüber hinaus beleuchtet sie den Strategieeinsatz, wobei besonders erkenntnisreich ist, dass für die Schüler: innen die Adressat: innen kaum eine Rolle spielen, sondern sie den Fokus der Mittlung auf ein Zusammenfassen der Informationen des Ausgangstextes setzen. Der Beitrag überzeugt außerdem durch seinen präzisen Überblick über die Rezeption des BGeR in Deutschland sowie durch das Aufzeigen des Potenzials der Öffnung des Mediationsbegriffs, wenn die einzelnen Bereiche im Zusammenspiel betrachtet werden. Thomáš K ÁŇA stellt die „Verdunkelungsmethode“ (S. 196) aus einem Übersetzungsseminar Deutsch-Tschechisch an der Universität Brno für DaF-Studierende vor. Im Beitrag wird anhand zahlreicher Beispiele ersichtlich, wie das Übersetzen von Filmbzw. Buchtiteln und (Straßen)schildern ohne Kontext die Wichtigkeit des Kontextes für eine Übersetzung herausstellen und methodisch gewinnbringend sein kann. Eine terminologische Abgrenzung von Übersetzung und Sprachmittlung wäre hilfreich gewesen, da sie im Diskurs um die Definition von Sprachmittlung im deutschen fremdsprachendidaktischen Diskurs eine wichtige Rolle spielt. Auch eine klarere Verortung im (B)GeR hätte im Kontext des Sammelbandes Sinn ergeben. Ulrike A RRAS versteht Sprachmittlung in ihrem Beitrag sehr weit gefasst als die (Ver)Mittlung von Wissen, welche in der Lehre sowohl zwischen Lehrkraft und Lernenden als besonders auch im Prozess des Lernens als Notizenmachen und Zusammenfassen für sich selbst Anwendung findet. In diesem Bereich sieht sie in den Skalen des BGeR große Potenziale, um diese Kompetenzbereiche beschreibbar zu machen. Auch das interlinguale Mitteln zwischen zwei Personen findet in dem von ihr vorgestellten Modell „Sprachmittlung und Wissensvermittlung in mehrsprachigen akademischen Kontexten“ (S. 239) Anwendung, jedoch wird darunter primär die mehrsprachige Kommunikationssituation im wissenschaftlichen Kontext verstanden. Darum wären eine anfängliche terminologische Bestimmung und Abgrenzung von der im deutschen fremdsprachendidaktischen Kontext verbreiteten Konzeptualisierung von Sprachmittlung sinnvoll gewesen (diese erfolgt erst auf S. 236), um diesen argumentativ sehr starken Artikel im Kontext des fremdsprachendidaktischen Diskurses besser zu verorten. Die Autor: innen nennen als Ziel des Bandes, Sprachmittlung bzw. Mediation mehrperspektivisch beleuchten zu wollen. Dies wird mit der Autor: innenschaft aus verschiedenen fremdsprachendidaktischen Kontexten (bzgl. Fremdsprache und Arbeitsort) sowie mit Forschung aus Universität und Schule erreicht. Ein roter Faden sollte dabei durch die gemeinsame Orientierung am BGeR erfolgen, jedoch findet diese nicht in allen Beiträgen gleichermaßen präzise statt. Teils ist eine konkrete Verortung in Bezug auf BGeR und fremdsprachendidaktischen Besprechungen 121 54 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-2025-0014 Diskurs zu vermissen, teils entstehen durch die wiederholte Analyse des BGeR und die darin vorzufindenden Deskriptoren Wiederholungen und Redundanzen. Terminologisch wird sowohl mit ‚Mediation‘ als auch ‚Sprachmittlung‘ gearbeitet, weil die Beiträge vor der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung des BGerR verfasst worden sind (S. 10/ 11). Dies ist verständlich, führt aber auf Grund der in den Beiträgen ersichtlichen unterschiedlichen Lesarten der Ausführungen des BGeR teils zu Unklarheiten, was das erklärte Ziel der terminologischen Neubestimmung erschwert. Die sprachliche und editorische Qualität der Beiträge variiert darüber hinaus stark. Das Entwicklungspotenzial von Sprachmittlung auf der Basis des BGeR wird jedoch durch die Perspektivenvielfalt in verschiedenen Bereichen aufgezeigt, sodass Einblicke in und Impulse für (unterrichtspraktische) Forschung ersichtlich werden. Regensburg J ULE I NKEN M ÜLLER Gary B ARKHUIZEN (Hrsg.): Language Teachers Studying Abroad - Identities, Emotions and Disruptions. Bristol: Multilingual Matters 2022 (Psychology of Language Learning and Teaching, 17), 304 Seiten [54,95€] Ein Studium im Ausland ist, post-Covid, für (angehende) Lehrkräfte (einer Fremdsprache), nach wie vor keine Selbstverständlichkeit und in jedem einzelnen Fall eine ganz individuelle Erfahrung mit Höhen und Tiefen, Hürden und Herausforderungen, aber auch zahlreichen Möglichkeiten und sich öffnenden Türen. Herausgeber Gary B ARKHUIZEN und seine Kolleg: innen haben ein spannendes Buch verfasst über (angehende) Fremdsprachlehrer: innen, die (für eine gewisse Zeit) im Ausland studieren - und über Menschen, mit denen die Outgoings vor, während und nach ihrem Aufenthalt im Ausland Kontakt hatten, wie zum Beispiel Organisator: innen von Mobilitätsprogrammen an der Heimatuniversität, Dozierende, Gastfamilien, Lehrkräfte und Schüler: innen an der Gastschule. So ist ein faszinierender Sammelband entstanden, der die vielfältigen wie vielschichtigen Erfahrungen im Ausland von Studierenden und Lehrkräften, die eine Fremdsprache studieren und/ oder unterrichten in den Blick nimmt. Dabei werden - der Titel lässt es vermuten - bewusst persönliche wie komplexe Aspekte von Identität, Emotionen und Unterbrechungen im Rahmen von Mobilitätserfahrungen fokussiert. Die Autor: innen nehmen die Leser: innen dabei mit in verschiedene Länder und auf Aufenthalte von unterschiedlicher Länge, u.a. in Form eines Studiums, eines Praktikums, einem Kurzzeitaufenthalt oder auch online exchange (vor allem in und nach der Pandemie). In 20 Kapiteln wird ein reichhaltiges Spektrum an 12 aktuellen wie relevanten Themen behandelt: Störung (disruption), Covid-19, Identitätsarbeit (identity work), Emotionsarbeit (emotion work), professionelle Entwicklung (professional development), interkulturelles Lernen (intercultural learning), Sprachförderung (language enhancement), persönliches Wachstum (personal growth), Beziehungen (relationships), politisches Bewusstsein (political awareness), kritische Reflexivität (critical reflexivity) und Karrieren (careers). Alle Kapitel berühren diese Themen, wobei einige expliziter und deutlicher angesprochen werden als andere. Die Themen wurden - sinnvoll strukturiert für die Leserschaft - in vier Hauptkategorien gruppiert, die die vier Teile des Buches bilden: (I) Identitäten und berufliche Entwicklung, (II) Interkulturalität und interkulturelles Lernen, (III) Emotionen und persönliches Wachstum, (IV) Beziehungen und Karriere. Die präsentierten Studien aus unterschiedlichen Ländern (von China und Japan über Neuseeland, Kambodscha bis Taiwan, die USA und Vietnam) befassen sich alle eingehend mit den persönlichen und beruflichen Auslandsstudienerfahrungen der Stipen-
