eJournals Fremdsprachen Lehren und Lernen 54/1

Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-2025-0016
0428
2025
541 Gnutzmann Küster Schramm

Johanna WOLF: Fremder Text – fremde Welt? Zu Störungen im Organisationsablauf beim Verstehen fremdsprachlicher Texte. Berlin/Boston: de Gruyter 2022, 338 Seiten [99,95 €].

0428
2025
Martina Kienberger
flul5410126
126 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2025-0016 54 • Heft 1 Insgesamt legt M USTROPH eine vielsagende Studie über Literatur vor, die selbst ohne Literatur auskommt, jedoch Lehrende nach ihrer Haltung dazu befragt. Ein alarmierender Nebenbefund, der dabei zugleich entlarvend für den aktuellen Zeitgeist erscheint und eine Lösung aufzeigt, die gar nicht gesucht wurde: Erschreckend wenige von ihnen (10 %) erachten die „Entwicklung von Lesefreude […] als wichtig“ (S. 170). Frankfurt/ M. R OLAND I ßLER Johanna W OLF : Fremder Text - fremde Welt? Zu Störungen im Organisationsablauf beim Verstehen fremdsprachlicher Texte. Berlin/ Boston: de Gruyter 2022, 338 Seiten [99,95 €]. Johanna W OLF untersucht in ihrer Habilitationsschrift Probleme beim Verstehen fremdsprachlicher Texte durch fortgeschrittene Lernende. Unter Berücksichtigung neurolinguistischer, kognitionspsychologischer und zeichentheoretischer Ansätze entwickelt die Autorin ein linguistisch fundiertes Textverstehensmodell, bezieht dieses auf die Situation des Fremdsprachenunterrichts und entwirft ein mehrstufiges Untersuchungsdesign, welches die Interaktion von universitären Lernenden aus höheren Niveaustufen der Romanistik (Spanisch/ Französisch, Niveau B1-C2) mit komplexen authentischen Texten in den Fokus nimmt. Als für die Unterrichtspraxis relevantes Ziel will die Arbeit ein „differenziertes ‚Diagnoseinstrument‘ für Störungen im Organisationsprozess des Lese- und Textverstehens […] entwerfen“ (S. 146). In der Einleitung (Kap. 1) begründet W OLF die Relevanz ihrer Arbeit mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Lese-/ Textverstehens und den in der Fachliteratur mehrfach erwähnten Problemen fremdsprachlicher Leser: innen bei der Bedeutungskonstruktion in der Auseinandersetzung mit „Texten aus fremden Kulturen und Gesellschaften“ (S. 3). Dabei kommt dem Vorwissen der Lernenden eine entscheidende Rolle für erfolgreiche mentale Verarbeitungsprozesse zu. Als Forschungslücke fokussiert die Autorin eine ungenaue Definition von (Vor-)Wissen und Textverstehen, die sie auch als Problematik vorliegender Studien erkennt. Kap. 2 stellt zunächst die Grundlagen von Sprach- und Textverstehensprozessen dar, wobei Erkenntnisse verschiedener Disziplinen (Neurolinguistik, Kognitionspsychologie, Zeichentheorie, Kulturwissenschaften) Beachtung finden. Für die Textverarbeitungs- und -verstehensforschung besonders relevant wird die Theorie der mentalen Modelle angesehen, die W OLF mit nahestehenden Konzepten wie Schemata, scripts und frames verbindet. In weiterer Folge befasst sich die Autorin näher mit den Definitionen von Text, Textbedeutung und Textverstehen. Als zentraler Begriff ihrer Arbeit wird dabei das „Text-Welt-Modell“ nach Schwarz-Friesel (S. 84) etabliert, welches unter Bezug auf das Zeichenmodell von Blank (S. 45) zu einem integrativen Textverstehensmodell erweitert wird (S. 88). Die Besonderheit dieses Modells liegt in seiner Mehrdimensionalität und der Ausdifferenzierung verschiedener Wissensformate auf propositionaler, konzeptueller und epistemisch-diskursiver Ebene. Kap. 3 beleuchtet das Textverstehen im Fremdsprachenunterricht, mit Fokus auf „mögliche[n] Blockaden [...], die bereits fortgeschrittene Leser daran hindern, zur Konstruktion eines vollständigen TWM [Text-Welt-Modells, Anm. d. Verf.] zu gelangen“ (S. 88). W OLF rezipiert relevante Fachliteratur aus dem Bereich der Fremdsprachendidaktik (bes. Theorien zum multilingualen mentalen Lexikon) und stellt einige empirische Studien vor. Gut gelungen erscheint die Integration von Konzepten aus Kap. 2, z.B. in der Verbindung von B LANK s Zeichenmodell und den Ebenen des Wortwissens nach N ATION (S. 99). Im Rahmen dieses Kapitels werden drei Hypothesen über zentrale Probleme des Textverstehens bei fortgeschrittenen Lernenden formuliert: Besprechungen 127 54 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-2025-0016 Komplexe nicht-kompositionelle sprachliche Ausdrücke werden aufgrund fehlender Strategien nicht richtig eingeordnet, was „die Organisation des Verstehensprozesses beim mapping- Prozess auf der konzeptuellen einzelsprachlichen Ebene“ stört (S. 131). Geeignete Determinationsstrategien werden nicht angewendet. Es fehlt an „ausreichend[em] kulturelle[m] und epistemisch-diskursive[m] Vorwissen“ (S. 133). W OLF überprüft die Relevanz dieser Hypothesen durch eine Studie, in der 37 Spanischstudierende unter Einsatz unterschiedlicher Wissensstrukturen und Lesestile Fragen zu drei verschiedenen Texten beantworten mussten. Über Fragebögen wurde u.a. die subjektive Einschätzung von Textschwierigkeiten erhoben. Tatsächlich konnte W OLF die drei vermuteten Problembereiche in dieser Erhebung beobachten, weshalb differenzierte Studiendesigns zur Überprüfung der einzelnen Hypothesen entwickelt wurden. Allerdings sind die Ergebnisse nicht gänzlich nachvollziehbar, da die Autorin zwar die verwendeten Texte im Anhang der Arbeit zugänglich macht, nicht jedoch die mit diesen verbundenen Fragen. Die drei von W OLF an der Universität Salzburg durchgeführten Hauptstudien werden in Kap. 4 („Empirischer Teil“) vorgestellt, wobei die Inhalte jeweils in Darstellung der Relevanz, Methodik (Unterkapitel zu Material und Methoden, Proband: innen, Pilotierung, etc.), konkrete Forschungsfragen, Ergebnisse sowie Diskussion und Zwischenfazit strukturiert werden. Studie 1 widmet sich dem Problem der Dekomposition komplexer nicht-kompositioneller Strukturen. Getestet wurden hier produktive Kompetenzen der Proband: innen, über die Rückschlüsse auf unterschiedliche mentale Repräsentationsformen produzierter Konstruktionen gezogen wurden. 35 Teilnehmer: innen aus zwei Spanischkursen (B2+, C1) sowie 8 Native Speaker wurden gebeten, mit mehreren spanischen Verben korrekte mehrteilige Konstruktionen zu bilden. In einer quantitativen Analyse wurde ausgewertet, wie viele unterschiedliche Konzepte in den beiden Gruppen aktiviert wurden und insbesondere, wie häufig die Proband: innen prototypische, frequente Konstruktionen (die als chunks gespeichert werden können) oder aber kreative Kombinationen (abstrakte Konstruktion als Speicherformat) bilden. Es zeigten sich wie erwartet signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen und W OLF interpretiert diese dahingehend, dass die Spanischlernenden die untersuchten Strukturen eher als chunks abspeichern denn als schematische Konstruktionen. Leider wurde die Gelegenheit nicht genutzt, um auch die rezeptiven Kompetenzen der Lernenden in Hinblick auf das untersuchte Phänomen zu testen. Die Frage, ob weniger kreative Produktion tatsächlich mit Verständnisproblemen korreliert, bleibt somit offen. In Studie 2 liegt der Fokus auf Strategien der Bedeutungsdetermination und Kohärenzbildung. Mittels Lauten Denkens wurden die Daten von 14 Französischstudierenden (B1+/ B2, C1) beim Lesen auf Verständnis von je einem Sach- und einem literarischen Text erhoben. Dabei wurden die Lernenden gebeten, „die Texte inhaltlich zusammenzufassen und [...] ihren Umgang mit fremdem Vokabular, z.B. die Erschließung der Bedeutung, zu versprachlichen“ (S. 180). Die aufbereiteten Daten wurden quantitativ und qualitativ analysiert. Besonders interessant ist, dass sowohl individuelle als auch Gruppenergebnisse dargestellt werden. Die Daten legen nahe, dass mit höherem Niveau häufiger intralinguale Strategien sowie Raten und Ignorieren als Strategien im Umgang mit unbekanntem Wortschatz eingesetzt werden. Zudem scheint es, dass Nachschlagen im Wörterbuch ohne Verbindung mit anderen Strategien die Etablierung eines kohärenten Text-Welt-Modells störe, Raten hingegen fördere. W OLF weist jedoch auf die relativ geringe Anzahl an erfassten Stellen der Strategienverwendung und Interaktion mit dem Text-Welt-Modell als Limitation dieser Untersuchung hin. Studie 3 untersucht die Rolle des Vorwissens für das Textverstehen. 20 Spanischlernende mit Kompetenzniveau C1 sowie 5 Native Speaker nahmen daran teil. Die Proband: innen wur- 128 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2025-0017 54 • Heft 1 den in einer ersten Phase der Testung gebeten, Assoziationen zu 8 Items der jüngeren spanischen Vergangenheit zu notieren, um spezifisches Vorwissen zu erheben. Einige Tage später durchlief ein zufällig ausgewählter Teil der Lernenden (Gruppe B) eine Phase des Vorwissensaufbaus („Geschichte Spaniens nach 1975“, S. 229). Wiederum zeitversetzt fanden individuelle Lesephasen statt, in denen alle Proband: innen eine Glosse zur aktuellen politisch-gesellschaftlichen Situation Spaniens auf Verständnis lesen und ihre Gedanken dabei verbalisieren sollten. Laut-Denk-Protokolle wurden erstellt und auf die beobachtbaren Inferenzprozesse hin quantitativ und qualitativ analysiert. Einige Tage nach der Lesesituation wurden detaillierte Zusammenfassungen von den Teilnehmer: innen erstellt und eine Woche später fand ein (unangekündigter) Wissenstest statt. Die detailliert beschriebenen Ergebnisse für Individuen und Gruppen legen nahe, dass Vorwissensaufbau zu einer Verringerung an Störungen im Verstehensprozess führt. Gruppe B näherte sich in Hinblick auf die Aktivierung enzyklopädischen Wissens an die Native Speaker an, im Bereich des epistemisch-diskursiven Wissens blieben jedoch klare Unterschiede zu den Lernenden beider Gruppen bestehen. Während die L1- Leser: innen adäquat auf die Textsorte Glosse reagierten, interagierten die Lernenden mit dieser wie mit einem Sachtext, ohne auf die Subjektivität des Geschriebenen einzugehen. Die vorliegende Arbeit überzeugt durch die Verbindung umfangreicher Erklärungen theoretischer Konzepte und der Darstellung mehrerer aufeinander aufbauender empirischer Studien, die sich verschiedenen Forschungsfragen mit unterschiedlicher Methodik nähern. Die Struktur des Textes ist in sich stimmig, was die Abfolge der einzelnen Teile betrifft. Als ungünstig für kursorisches Lesen erscheint jedoch, dass Teile der empirischen Arbeit W OLF s bereits vor dem eigentlichen „empirischen Teil“ dargestellt werden, so wie auch die formulierten Hypothesen zu Problemen des Textverstehens. Obwohl Limitationen hinsichtlich der Reichweite der vorgestellten Studienergebnisse vorliegen (u.a. Proband: innenzahl, inhaltliche Beschränkungen), muss die Komplexität des Forschungsprojektes sowie der hohe Grad an Qualitätssicherung im Forschungsprozess (z.B. Pilotierungen, Auswahl der Testpersonen, Kontrollgruppen) betont werden. Die Ergebnisse sind sicherlich über die Grenzen der untersuchten Sprachen hinweg relevant und können einerseits zu einer verbesserten Diagnose von Textverstehensproblemen unter fortgeschrittenen Lernenden beitragen und andererseits Anregungen für weiterführende Forschungsarbeiten liefern. Granada M ARTINA K IENBERGER Marlene A UFGEBAUER : Die fremdsprachliche Textproduktion. Schreibprozesse und -produkte von DaF-Lernenden. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2023, 493 Seiten [95,00 €] Der vorliegende Band ist das Produkt eines erfolgreichen Dissertationsprojektes an der Universität Wien. Er präsentiert sich als detailliert gegliederte Monografie im Umfang von knapp 500 Seiten, die neben dem eigentlichen Text auch 54 Abbildungen, 145 Tabellen, ein 35seitiges Literaturverzeichnis und ein zweiseitiges Internetquellenverzeichnis umfasst. Gegenstand der Arbeit ist die empirische Untersuchung fremdsprachlicher Schreibprozesse in der Fremdsprache Deutsch von Lernenden mit der Erstsprache Italienisch am Ende der Sekundarstufe II an einem neusprachlichen Gymnasium (liceo linguistico) in Palermo, Italien. Laut Vf.in bestand das Ziel der Untersuchung nicht primär darin, „statistische Repräsentativität der Ergebnisse zu gewährleisten, sondern den Schreibprozess von Fremdsprachenlerner*innen im Detail anhand einer Methodentriangulation zu beschreiben und darzustellen“ (S. 86). Um dieses Ziel zu erreichen, entwickelt die Vf.in ein beeindruckend differenziertes methodisches