Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-2025-0017
0428
2025
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Gnutzmann Küster SchrammMarlene AUFGEBAUER: Die fremdsprachliche Textproduktion. Schreibprozesse und -produkte von DaF-Lernenden. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2023, 493 Seiten [95,00 €]
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Hans P. Krings
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128 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2025-0017 54 • Heft 1 den in einer ersten Phase der Testung gebeten, Assoziationen zu 8 Items der jüngeren spanischen Vergangenheit zu notieren, um spezifisches Vorwissen zu erheben. Einige Tage später durchlief ein zufällig ausgewählter Teil der Lernenden (Gruppe B) eine Phase des Vorwissensaufbaus („Geschichte Spaniens nach 1975“, S. 229). Wiederum zeitversetzt fanden individuelle Lesephasen statt, in denen alle Proband: innen eine Glosse zur aktuellen politisch-gesellschaftlichen Situation Spaniens auf Verständnis lesen und ihre Gedanken dabei verbalisieren sollten. Laut-Denk-Protokolle wurden erstellt und auf die beobachtbaren Inferenzprozesse hin quantitativ und qualitativ analysiert. Einige Tage nach der Lesesituation wurden detaillierte Zusammenfassungen von den Teilnehmer: innen erstellt und eine Woche später fand ein (unangekündigter) Wissenstest statt. Die detailliert beschriebenen Ergebnisse für Individuen und Gruppen legen nahe, dass Vorwissensaufbau zu einer Verringerung an Störungen im Verstehensprozess führt. Gruppe B näherte sich in Hinblick auf die Aktivierung enzyklopädischen Wissens an die Native Speaker an, im Bereich des epistemisch-diskursiven Wissens blieben jedoch klare Unterschiede zu den Lernenden beider Gruppen bestehen. Während die L1- Leser: innen adäquat auf die Textsorte Glosse reagierten, interagierten die Lernenden mit dieser wie mit einem Sachtext, ohne auf die Subjektivität des Geschriebenen einzugehen. Die vorliegende Arbeit überzeugt durch die Verbindung umfangreicher Erklärungen theoretischer Konzepte und der Darstellung mehrerer aufeinander aufbauender empirischer Studien, die sich verschiedenen Forschungsfragen mit unterschiedlicher Methodik nähern. Die Struktur des Textes ist in sich stimmig, was die Abfolge der einzelnen Teile betrifft. Als ungünstig für kursorisches Lesen erscheint jedoch, dass Teile der empirischen Arbeit W OLF s bereits vor dem eigentlichen „empirischen Teil“ dargestellt werden, so wie auch die formulierten Hypothesen zu Problemen des Textverstehens. Obwohl Limitationen hinsichtlich der Reichweite der vorgestellten Studienergebnisse vorliegen (u.a. Proband: innenzahl, inhaltliche Beschränkungen), muss die Komplexität des Forschungsprojektes sowie der hohe Grad an Qualitätssicherung im Forschungsprozess (z.B. Pilotierungen, Auswahl der Testpersonen, Kontrollgruppen) betont werden. Die Ergebnisse sind sicherlich über die Grenzen der untersuchten Sprachen hinweg relevant und können einerseits zu einer verbesserten Diagnose von Textverstehensproblemen unter fortgeschrittenen Lernenden beitragen und andererseits Anregungen für weiterführende Forschungsarbeiten liefern. Granada M ARTINA K IENBERGER Marlene A UFGEBAUER : Die fremdsprachliche Textproduktion. Schreibprozesse und -produkte von DaF-Lernenden. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2023, 493 Seiten [95,00 €] Der vorliegende Band ist das Produkt eines erfolgreichen Dissertationsprojektes an der Universität Wien. Er präsentiert sich als detailliert gegliederte Monografie im Umfang von knapp 500 Seiten, die neben dem eigentlichen Text auch 54 Abbildungen, 145 Tabellen, ein 35seitiges Literaturverzeichnis und ein zweiseitiges Internetquellenverzeichnis umfasst. Gegenstand der Arbeit ist die empirische Untersuchung fremdsprachlicher Schreibprozesse in der Fremdsprache Deutsch von Lernenden mit der Erstsprache Italienisch am Ende der Sekundarstufe II an einem neusprachlichen Gymnasium (liceo linguistico) in Palermo, Italien. Laut Vf.in bestand das Ziel der Untersuchung nicht primär darin, „statistische Repräsentativität der Ergebnisse zu gewährleisten, sondern den Schreibprozess von Fremdsprachenlerner*innen im Detail anhand einer Methodentriangulation zu beschreiben und darzustellen“ (S. 86). Um dieses Ziel zu erreichen, entwickelt die Vf.in ein beeindruckend differenziertes methodisches Besprechungen 129 54 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-2025-0017 Instrumentarium, das sie nach einem einleitenden Problemaufriss (Kap. 1) und einem konzisen Überblick über die derzeitige Forschungslage im Gegenstandsbereich ihrer Arbeit (Kap. 2) sehr detailliert im dritten Kapitel auf rund 120 Seiten entwickelt und ausführlich begründet. Proband*innen waren insgesamt 12 italienische Oberstufen-Schüler*innen (neun weiblich, drei männlich), die allesamt einen einsprachigen familiären Background hatten und Deutsch als dritte Fremdsprache im vierten Lernjahr erwarben. Sie hatten zum Zeitpunkt der Datenerhebung keinen längeren Auslandsaufenthalt in einer deutschsprachigen Umgebung absolviert. Ein vorab durchgeführter C-Test zur Bestimmung des aktuellen Lernstandsniveaus diagnostizierte nur für eine Informantin das curricular als Lernziel ausgewiesene GeR-Niveau B1, die elf anderen lagen auf den Stufen A2/ 1 bis A2/ 2. Jede der zwölf Proband*innen, deren Teilnahme an den Versuchen durch freiwillige Meldung erfolgte, hatte innerhalb von drei Wochen je zwei argumentative und je zwei deskriptive Texte zu produzieren. Die Textaufgaben waren dabei eng angelehnt an typische Unterrichtsinhalte der gegebenen Klassenstufen (deskriptiv: Wohnungs- und Zimmerbeschreibungen, Beschreibung eines typischen Wochenablaufs; argumentativ: Vor- und Nachteile von Mobiltelefonen sowie von Computerspielen). Die bei der Bearbeitung dieser Textproduktionsaufgaben ablaufenden Prozesse wurden mit gleich vier verschiedenen Datenerhebungstechniken dokumentiert: Keystroke-Logging (mit dem etablierten Tool Inputlog von Luuk Van Waes und Mariëlle Leijten), Screen-Capturing (mit dem Programm Snagit), Laut-Denk-Protokollierung sowie Videografie der Proband*innen mit zwei Kameras, mit denen auch nicht-computerbezogene Handlungen wie handschriftliche Notizen oder auch mimisch-gestische Handlungskommentierungen erfasst wurden. Im Sinne eines Mixed-methods-Designs wurden zunächst alle mit Keystroke-Logging erhobenen quantitativen Daten mittels deskriptivstatistischer und inferenzstatistischer Verfahren ausgewertet. Für die weitere Analyse wurden dann sieben der 12 Proband*innen ausgewählt, eine Begrenzung, die angesichts des großen Datenerhebungs- und Datenanalyseaufwands im Rahmen einer Dissertation durchaus gerechtfertigt erscheint. Die Auswahl dieser sieben Proband*innen erfolgte zudem nach der Strategie der „maximalen Variation“ (S.106), d.h., es wurden explizit die Datensätze solcher Proband*innen ausgewählt, die einen sehr hohen Pausenanteil, und solcher, die einen sehr geringen Pausenanteil aufwiesen, in der Annahme, dass diese Pausenunterschiede Hinweise auf unterschiedliche Prozessstrukturen sein könnten. Außerdem wurde eine Probandin mit mittleren Werten ausgewählt. Mit der expliziten Konzentration auf die individuelle Prozessperspektive einzelner Schreibenden vermeidet die Vf.in den häufig beklagten Washout-Effekt großer Versuchsgruppen, wenn diese nur mit einem Fokus auf zentrale Tendenzen analysiert werden. Die Daten der so ausgewählten sieben Proband*innen werden unter Einsatz des Transkriptionseditors EXMARaLDA und des Analysetools ATLAS.ti einer kleinschrittigen Analyse unterzogen, wobei die Vf.in in exemplarischer Weise von den Möglichkeiten der Datentriangulation Gebrauch macht und so Einblicke in die Gemeinsamkeiten, aber eben auch in die individuellen Strukturen der Schreibprozesse der Proband*innen erarbeitet. Besonders erwähnenswert ist, dass das auf Triangulation ausgerichtete Design der Arbeit zusätzlich durch den Einschluss der bereits erwähnten GeR-Niveaueinstufungen, ein kriterienbasiertes Textqualitätsrating und eine eigene Copy-Task zur Erhebung der Computerschreibfertigkeit der Proband*innen ergänzt wird. Gerade mit diesem letzten Instrument wird eine in anderen Studien oft übersehene, mit Blick auf alle temporalen Prozessmerkmale potentiell konfundierende Variable systematisch unter Kontrolle gebracht. Insgesamt kann das Design der Arbeit als ein gelungenes Beispiel für den in der Fachdiskussion geforderten koordinierten Methodenpluralismus gelten. 130 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2025-0017 54 • Heft 1 Angesichts der Vielzahl der Einzelbefunde, die in der vorliegenden Arbeit infolge der Differenziertheit des Designs erarbeitet wurden, ist es kaum möglich, sie an dieser Stelle umfassend zu würdigen. Einige zentrale Ergebnistendenzen sollen hier aber zumindest angedeutet werden. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass diese Arbeit gerade wegen der Differenziertheit ihres Designs auf besonders nachhaltige Weise die mentale Komplexität fremdsprachlicher Schreibprozesse vor Augen führt. Dies zeigen nicht nur die quantitativen Analysen, sondern auch besonders anschaulich die exemplarischen LD-Protokoll-Ausschnitte, mit denen die Vielschrittigkeit der Prozessabläufe von der ersten inhaltlichen Globalplanung bis hin zur endgültigen zielsprachlichen Formulierung dokumentiert wird (siehe z.B. den vollständigen Protokollausschnitt S. 401-403 für die Produktion zweier zusammenhängender ganzer Sätze). Wie für diesen ersten gilt auch für einen weiteren zentralen Befund der Arbeit, dass er zwar nicht grundlegend neu ist, sondern auch in früheren empirischen Arbeiten zum fremdsprachlichen Schreibprozess bereits aufgezeigt wurde, dass er aber in dieser Arbeit durch besonders viele Einzelbefunde veranschaulicht und damit nachhaltig untermauert wird, nämlich die breite interindividuelle Variation hinsichtlich fast aller Prozessmerkmale. Sowohl die quantitativen wie auch die qualitativen Analysen zeigten markante Unterschiede hinsichtlich fast aller Merkmale in der Gestaltung des fremdsprachlichen Textproduktionsprozesses auf, beginnend mit der Verständnissicherung hinsichtlich der Schreibaufgabe bis hin zu Art und Umfang von Textevaluations- und -revisionsprozessen. Von besonderem Interesse sind die Ergebnisse der Arbeit hinsichtlich einer ihrer zentralen Leitfragen, nämlich der nach dem Einfluss der Textsorte auf die Schreibprozesse. Hier konnte die Vf.in detailliert Unterschiede nachweisen. So diagnostizierte sie in der Produktion der argumentativen Texte eine insgesamt längere Textproduktionszeit infolge einer geringeren Textproduktionsgeschwindigkeit, eine höhere durchschnittliche Pausenlänge sowie einen höheren Pausenanteil an der Gesamtschreibzeit. Die genannten Unterschiede waren dabei statistisch signifikant. Durch die qualitative Analyse anhand der LD-Daten zeigt die Vf.in detailliert auf, dass diese quantitativen Unterschiede einhergehen mit qualitativen Unterschieden hinsichtlich der Prozesse, die während der Pausen ablaufen. Insgesamt wertet die Vf.in diese Ergebnisse als Hinweis darauf, dass sich die Produktion argumentativer Texte „als kognitiv herausfordernder erweist und langsamer vonstattengeht als die Produktion der deskriptiven Texte“ (S. 445). Auch zur besonders anwendungsrelevanten Frage nach dem Zusammenhang zwischen Prozessmerkmalen und der festgestellten Textqualität legt die Vf.in interessante Ergebnisse vor. Besonders erwähnenswert ist hier, dass kein statistisch signifikanter Einfluss der Schreibprozessdauer oder der Schreibflüssigkeit auf die Textqualität zu beobachten war. Auch die durchschnittliche Dauer der P-bursts (P-burst = unterbrechungslose Textproduktionssequenz) wirkte sich nicht aus. Das kann man durchaus als Warnung vor zu kurzschleifigen Rückschlüssen von einzelnen Prozessmerkmalen auf die Qualität von Schreibprodukten werten. Die Vf.in fügt ihrer Arbeit auch einen dreiseitigen Abschnitt mit Überlegungen zu den „Didaktischen Implikationen“ ihrer Forschungsarbeit an (S. 447-450). Sie betont darin zum einen die didaktische Notwendigkeit der Vermittlung von Textprozeduren, also von texttypspezifischen sprachlichen Handlungsmustern, die in der Produktion von Texten generell, also auch in der Fremdsprache, eine wichtige Ankerfunktion übernehmen und deren sichere Beherrschung die nötigen kognitiven Ressourcen für die jeweilige inhaltliche und situative Füllung dieser Muster verfügbar macht. Mit Blick auf die Art von argumentativen Texten, wie sie in ihrer Arbeit vorkamen, nennt sie z.B. Sprachmuster zum Ausdruck der persönlichen Meinung oder zur Markierung der Akzeptanz oder der Ablehnung der Meinung anderer. Da solche Hand- Besprechungen 131 54 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-2025-0018 lungsmuster in hohem Maße sprach- und damit kulturgebunden sind, empfiehlt sie einen „kulturreflexiven Zugang im Schreibunterricht mit DaF-/ DaZ-Lerner*innen“ (S. 449). Dieser Forderung kann man sich zweifellos anschließen. Sie betrifft aber primär den Erwerb von fremdsprachlicher Schreibkompetenz als eigenes Lernziel. Ein Aspekt, der nach Einschätzung des Rezensenten angesichts der Fülle der vorliegenden und analysierten Daten noch deutlich mehr hätte fokussiert werden können, ist demgegenüber die Frage nach dem Potential, das dem L2- Schreiben für den fremdsprachlichen Erwerbsprozess insgesamt innewohnt. Von manchen Studien wird z.B. die besondere Eignung des fremdsprachlichen Schreibens zum Testen L2-bezogener Hypothesen und damit zum Aufbau von neuem L2-Kompetenzelementen betont (z.B. im Sinne der hypothesis-testing hypothesis). Solche Aspekte werden in der vorliegenden Arbeit nicht speziell fokussiert. Allerdings ist einer so reichhaltigen Arbeit wohl kaum vorzuhalten, dass sie nicht alle denkbaren, in den Daten enthaltenen Aspekte gleichermaßen behandelt. Zusammenfassend münden die Überlegungen der Vf.in zu den didaktischen Konsequenzen aus ihrer Arbeit in der einleuchtenden Empfehlung, im fremdsprachlichen Schreibunterricht „Prozesswissen, Produktwissen im Sinne von Textsortenwissen, sprachliches Wissen und Weltwissen integrativ zu thematisieren und zu trainieren, vermehrt Texthandlungsschemata und Prozedurausdrücke bewusst zu machen und in die unterrichtliche Praxis des fremd- und zweitsprachlichen Schreibunterrichts zu implementieren“ (S. 453). Insgesamt kann die Lektüre des vorliegenden Bandes allen nachdrücklich empfohlen werden, die sich wissenschaftlich fundiert mit dem fremdsprachlichen Schreiben beschäftigen. Für alle, die in diesem Bereich selbst forschen, kann er als Pflichtlektüre gelten. Für alle Lesewilligen sei abschließend noch der Hinweis erlaubt, dass in der Printversion des Buches die zahlreichen Grafiken und Tabellen sehr stark verkleinert erscheinen, was teilweise zu minimalen Schriftgrößen führt. Für die Nutzung der elektronischen Buchfassung spricht deshalb, dass dieses Problem durch entsprechende Vergrößerungen am Bildschirm leicht lösbar ist. Außerdem sind in der elektronischen Version anders als in der Printversion zahlreiche Grafiken farbig gestaltet, was ihre Rezeption weiter erleichtert. Bremen H ANS P. K RINGS Michaela R ÜCKL : Mehrsprachigkeitsdidaktik als Schlüssel für effizienten Spracherwerb. Evidenzbasierte Erkenntnisse zur Lehrwerkwirkung im Bedingungsgefüge des kompetenzorientierten Unterrichts von Italienisch und Spanisch als dritte Fremdsprachen. Stuttgart: ibidem 2023, 698 Seiten [45,90 €] Zentrales Anliegen der Studie ist zum einen die Generierung von Einsichten in die Konzipierung staatlich zugelassener, ein- und mehrsprachig ausgerichteter Lehrwerke (LW), die zum Lehren und Lehren der dritten Fremdsprachen Italienisch und Spanisch in der österreichischen Sekundarstufe II eingesetzt werden. Zum anderen wird untersucht, in welcher Weise sich die Verwendung dieser LW auf die Gestaltung des Tertiärsprachenunterrichts der an der Studie teilnehmenden Lerngruppen sowie auf die zielsprachliche Kompetenzentwicklung der Lernenden auswirkt. Die Relevanz des Unterfangens ergibt sich, so die Autorin, aus dem Mangel an evidenzbasierten Einsichten in die Effektivität mehrsprachigkeitsdidaktischer LW im komplexen Unterrichtsgeschehen, Einsichten, die eine „Lehrwerkwirkungsforschung“ erfordern, deren Ergebnisse zur Weiterentwicklung mehrsprachig ausgerichteter LW als „Leitmedium“ (S. 32) dringend notwendig seien. Die Studie wird in vier Abschnitten vorgestellt, die jeweils sehr umfangreiche und gleich-
