eJournals Fremdsprachen Lehren und Lernen54/2

Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-2025-0032
flul542/flul542.pdf1013
2025
542 Gnutzmann Küster Schramm

Jennifer WENGLER: Emotionales Erleben der Fehlerkorrektur. Eine Einschätzung von Lernenden im Französischunterricht. Tübingen: Narr Francke Attempto 2023 (Romanistische Fremdsprachenforschung und Unterrichtsentwicklung, Band 29), 376 Seiten [78,00 €]

1013
2025
Julia Lankl
flul5420126
DOI 10.24053/ FLuL-2025-0032 54 • Heft 2 Jennifer W ENGLER : Emotionales Erleben der Fehlerkorrektur. Eine Einschätzung von Lernenden im Französischunterricht. Tübingen: Narr Francke Attempto 2023 (Romanistische Fremdsprachenforschung und Unterrichtsentwicklung, Band 29), 376 Seiten [78,00 €] Bereits im Vorwort des Buchs von Jennifer W ENGLER lassen selbst erlebte Erfahrungen der Autorin aus dem schulischen Französischunterricht erahnen, dass Fremdsprachenlernende mündliche Fehlerkorrekturen emotional wahrnehmen. W ENGLER s 331-seitige Monografie, erschienen 2023 im Narr Verlag, präsentiert Ergebnisse ihres Promotionsprojekts, das bei der mündlichen Fehlerkorrektur, als einen von der L2-Forschung vielfach aufgegriffenen Bereich, die bisher kaum beachtete affektive Dimension bei Lerner: innen bearbeitet. Neben Wirksamkeit von korrektivem Feedback auf den L2-Erwerb als Herzstück der Korrekturforschung und neuerlicher Fokussierung von Peer-Feedback, Multimodalität oder computerbasierten Sprachlernkontexten erscheint eine Verknüpfung mit der Emotionsforschung als innovative Stoßrichtung in diesem Feld. Der Fokus auf Korrekturen als potenzielle Emotionsauslöser im Unterricht bestätigt das zunehmende Interesse der Fremd- und Zweitsprachendidaktik an Emotionen beim Sprachenlehren und -lernen. In einer Querschnittsstudie werden 453 Sekundarstufenschüler: innen in Deutschland a) zu ihrem subjektiven Emotionserleben bei Korrekturen im Französischunterricht, b) damit zusammenhängenden Faktoren und c) Einstellungen zu Fehlern und Korrekturen befragt. Unter Einsatz von qualitativ-quantitativen Fragebögen und Unterrichtsaudiografien schließt der Beitrag eine forschungsseitige Leerstelle mit Blick auf einen affektiv vorteilhaften Korrekturstil im lerner: innenbezogenen Fremdsprachenunterricht. Die voice der explorativen Studie möchte für den emotionalen Aspekt beim schulischen Lernen sensibilisieren und adressiert (angehende) Fremdsprachenlehrkräfte zur Bewusstmachung bedürfnisorientierter Korrekturstrategien. Das Werk gliedert sich in 6 Kapitel und bietet zusätzlich einen Download-Link zur Einsicht in die Datenerhebung und -auswertung. Die ersten zwei Kapitel umfassen den theoretischen Teil der Arbeit mit den Bereichen Mündliche Fehlerkorrektur und Emotion, wobei letzterer seitenmäßig doppelt umfangreich behandelt wird. In Kapitel 1 bespricht die Autorin definitorisch den Fehler- und Korrekturbegriff und verortet diese gleichermaßen als subjektiv und wahrnehmungsgebunden. Sie argumentiert bei beiden Begriffen für eine Miteinbeziehung der Lernenden als Unterrichtsaktanten, demnach neben Lehrpersonen auch Mitlernende Fehler als solches bestimmen oder Korrekturen ausführen können. W ENGLER schlägt einen Korrekturbegriff aus Lernenden-Perspektive vor und gibt einen Abriss über in der L2-Forschung gängige Fehlertaxonomien, Fehlerursachen und Klassifikationen mündlicher Korrekturstrategien, worüber sie geeignete Forschungskategorien generiert. Zuletzt arbeitet sie anhand 6 Metastudien zur Effektivität mündlicher Fehlerkorrekturen heraus, dass intra- und interpersonale Faktoren uptakes nach Korrekturen vermutlich mitbeeinflussen. Kapitel 2 stellt eingangs Traditionen der Emotionspsychologie vor und legt der Studie einen integrativen Ansatz zugrunde, der das Angeborensein von Basisemotionen mit subjektiven Attribuierungen vereint. Theorien zu Basic Emotions bilden den theoretischen Ausgangspunkt der Studie, demzufolge Auslöser, Merkmale und soziale Funktionen der Basisemotionen Freude, Traurigkeit, Wut, Ekel, Scham und Angst sowie Befunde zur Emotionsexpression, -entwicklung und -regulation dargelegt werden. Im weiteren Kapitelverlauf belegen empirische Studien zunächst allgemein für schulisches Lernen und dann speziell für die Fremdsprachendidaktik die B e s p r e c h u n g e n Besprechungen 127 54 • Heft 2 DOI 10.24053/ FLuL-2025-0032 Lernförderlichkeit positiver Unterrichtsemotionen und den Niederschlag eines fachspezifischen Selbstkonzepts auf die Leistungsmotivation. Das Emotionserleben von L2-Lernenden wird bedingt von Sprachniveau und Sprachlernerfahrung und gilt als geschlechtsbzw. kulturspezifisch. W ENGLER kritisiert Definitionsunschärfen sowie den einseitigen Fokus auf das Angsterleben im Fremdsprachenunterricht in bisherigen Arbeiten, wodurch sich als Forschungsabsicht herausschält, ein Augenmerk auf positive Unterrichtsemotionen zu legen, ausgehend davon, dass ein positives Fehlerklima diese evoziert. Die anschließend präsentierte Forschungslage zum emotionalen Erleben mündlicher Fehlerkorrekturen fordert eine Verlagerung auf explorative Forschungszugänge zum Erfassen breiter Emotionen (statt nur Angst) von Lernenden, das Vermeiden von Vorannahmen in Forschungsdesigns und das Berücksichtigen externer Faktoren, wie Lehrkraftverhalten bzw. Gruppendynamik. Das Kapitel schließt mit den als gut beforscht geltenden Lerner: innen-Einstellungen, die als interne Faktoren Emotionen bei Korrekturen mitbeeinflussen. Überwiegend Studien mit erwachsenen Englisch-Lernenden demonstrieren eine positive Haltung zu Korrekturen sowie vorhandene Korrekturpräferenzen. Sekundarstufenschüler: innen im Französischunterricht wurden hierzu kaum untersucht. In Kapitel 3 werden Forschungsfragen und Hypothesen formuliert und Kapitel 4 beschreibt das triangulative Studiendesign. Nach methodischen Überlegungen zur quantitativ-qualitativen Fragebogenkonstruktion, wofür die Autorin erprobte Modelle zum Erfassen von Unterrichtsemotionen teils adaptiv nutzt, wird der Aufbau der Befragung vorgestellt. Nur die Schüler: innen, die in der Französischstunde direkt vor Bearbeitung des Fragebogens korrigiert wurden, berichten über ihre dabei erlebten subjektiven Emotionen. Einstellungen zu Fehlern und Korrekturen, Korrekturpräferenzen und personenbezogene Variablen werden hingegen von allen Schüler: innen erhoben. Zur ergänzenden Validierung audiografiert W ENGLER die jeweilige Unterrichtsstunde vor der Fragebogenerhebung. Einem Einblick in die Pilotierung folgen Einzelheiten zur Datenerhebung und -analyse bei der Hauptstudie, wobei man Details zur Stichprobe mit 453 meist 11-15-jährigen Schüler: innen aus 29 Klassen an Gymnasien, Real- und Gesamtschulen im Ruhrgebiet und 29 audiografierten Französischstunden mit 13 Lehrpersonen sowie zu den teils inhaltsanalytischen und teils statistischen Analyseverfahren erfährt. Das vorletzte Kapitel präsentiert auf 137 Seiten die Studienergebnisse in drei Teilen. Zu Frage 1, welche Emotionen Lernende bei Korrekturen erleben, und Frage 2, welche Faktoren damit verbunden sind, zeigt die Autorin neben Emotionsintensitäten und -komponenten Korrelationen zu internen bzw. externen Faktoren und legt ausdauernd Gründe der Schüler: innen für die erlebten Emotionen dar. Die Fragebogenanalyse belegt, dass mündliche Korrekturen bei L2-Lernenden ein breites Emotionsspektrum implizieren. Positive Emotionen wie Entspanntheit, Dankbarkeit oder Freude überwiegen und bislang fokussierte Emotionen wie Angst oder Scham sind unwesentlicher. Didaktisch relevant erscheint, dass Jungen zu Enttäuschung oder Ärger und Mädchen zur Nervosität neigen, jüngere Lernende Korrekturen positiver empfinden, Lernende mit Sprechhemmungen sich teils hilflos fühlen oder Korrekturen bei Gymnasiast: innen weniger Sicherheit bzw. Dankbarkeit als bei Real-/ Gesamtschüler: innen auslösen. Die Daten festigen die Annahme, dass der Umgang der Lehrkraft mit Fehlern Lerner: innen- Emotionen beeinflusst. Ein sozialkompetentes Lehrverhalten, ein erwartbarer Lerneffekt oder Lob trotz Korrektur schaffen positive Emotionen, während mangelndes Kompetenzerleben oder Herabwürdigungen negative Emotionen hervorrufen. Der zweite Ergebnisteil veranschaulicht die Einstellungen der Schüler: innen zu Fehlern und Korrekturen (Frage 3 und 4). Erwartungsgemäß wird der Korrekturwunsch bei Sprachlernenden bestätigt. Neu hingegen sind Hinweise auf den ausdrücklichen Wunsch einer affektiv positiven Korrektur durch die Lehrkraft (z.B. freundlich, ruhig, fair, geduldig, wertschätzend, hilfsbereit), wobei Lernende speziell Selbstkorrekturen als positiv und selbstwirksam erfahren und direkte Korrekturen und meta- 128 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2025-0033 54 • Heft 2 sprachliches Feedback beliebt scheinen. Eine negative Haltung der Befragten zu Fehlern kann nicht gezeigt werden, sondern Fehler gelten als Lernanlass und Teil des Lernprozesses. Korrekturen sollen Fehler vermeiden und bewusstmachen. Trotz der allgemein geringeren Akzeptanz von Peer-Korrekturen tolerieren Gesamtschüler: innen und ältere Lernende diese eher. Tatsächlich erlebte und fiktive Korrektursituationen werden ähnlich bewertet. Dabei überrascht, dass viele Befragte Fehlerhinweise von Lehrpersonen gekoppelt mit Mitschüler: innenkorrekturen als positiv oder nonverbale Korrekturen als negativ einschätzen. Am Ende illustriert W ENGLER bei der Analyse der Audiotranskripte die Korrekturstile zweier Lehrkräfte, deren Schüler: innen auffällige Korrekturemotionen zeigten. Anhand exemplarischer Interaktionssequenzen wird ein offenbar affektiv positives bzw. negatives Korrekturverhalten eindrücklich gegenübergestellt und es werden so komplexe emotionale Dynamiken bei Korrektursituationen im Fremdsprachenunterricht sichtbar gemacht, bevor empirische Befunde, Forschungsdesiderata und Praxisimplikationen im Schlusskapitel diskutiert werden. Die Studie überzeugt nicht nur für die romanische Fremdsprachendidaktik von der Relevanz der Forschungsperspektive, Emotions- und Korrekturforschung zusammenzuführen, wozu W ENGLER eine grundlegende theoretische Auseinandersetzung leistet. Die ausgefeilte Methodik und Varianz des Datenkorpus erzeugen relevante Aussagen zu Lernenden verschiedener Altersgruppen und Schulformen und generieren genuine Ergebnisse, die bereits in der Lehrer: innenbildung genutzt werden können und die Korrekturforschung zur Enttabuisierung von Emotionen auffordern. Willkommen wäre gewesen, dass man die qualitative Befragung zum weitgehend unerforschten Emotionserleben der tatsächlich korrigierten Schüler: innen im Vergleich zu den Einstellungen stärker gewichtet, die Audiotranskripte noch mehr nützt oder die Ergebnisse konkreter auf den bestehenden Forschungsstand bezieht. Statt retrospektiver Befragungen gelten für Anschlussarbeiten digitale Techniken, die ein simultanes Erheben von Korrekturemotionen während des Fremdsprachenunterrichts ermöglichen sowie introspektive oder videobasierte Verfahren als vielversprechend. W IEN J ULIA L ANKL Peggy G ERMER : Lernen im Tandem in der Lehramtsausbildung. Autonome Lernprozesse initiieren, unterstützen und erforschen. Berlin: Frank & Timme 2023, 618 Seiten [79,80 €] Die Erforschung der Professionalisierung im Lehramt Russisch stellt einen Bereich dar, der noch nicht hinreichend erschlossen ist. Ein zentrales aktuelles Anliegen von Forschenden und Lehrenden an Slawistik-Instituten ist die Klärung der Frage, wie die Heterogenität der Studierendengruppen in der Lehrerbildung so genutzt werden kann, dass alle Beteiligten davon profitieren. Die 2023 unter dem Titel „Lernen im Tandem in der Lehramtsausbildung. Autonome Lernprozesse initiieren, unterstützen und erforschen“ erschienene Dissertation von Peggy G ERMER beleuchtet diese Frage aus einer spezifischen Perspektive: G ERMER verfolgt das Ziel, ein auf das Lehramt Russisch ausgerichtetes kooperatives Lehr-Lern-Konzept für das Tandemlernen zu entwickeln, dieses in die Praxis umzusetzen und einer Bewertung zu unterziehen. Das Erkenntnisinteresse liegt an der Schnittstelle von Sprachwissenschaft und Russischdidaktik. Die explorativ-interpretative Studie erforscht, „wie das Lernen im Tandem in der Phase der sprachpraktischen Übung gestaltet sein muss, damit Lernende das Konzept für die sprachliche und sprachdidaktische Kompetenzentwicklung als hilfreich empfinden, und welche Gelingens-