Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-2025-0033
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Gnutzmann Küster SchrammPeggy GERMER: Lernen im Tandem in der Lehramtsausbildung. Autonome Lernprozesse initiieren, unterstützen und erforschen. Berlin: Frank & Timme 2023, 618 Seiten [79,80 €]
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Julia Hargassner
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128 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2025-0033 54 • Heft 2 sprachliches Feedback beliebt scheinen. Eine negative Haltung der Befragten zu Fehlern kann nicht gezeigt werden, sondern Fehler gelten als Lernanlass und Teil des Lernprozesses. Korrekturen sollen Fehler vermeiden und bewusstmachen. Trotz der allgemein geringeren Akzeptanz von Peer-Korrekturen tolerieren Gesamtschüler: innen und ältere Lernende diese eher. Tatsächlich erlebte und fiktive Korrektursituationen werden ähnlich bewertet. Dabei überrascht, dass viele Befragte Fehlerhinweise von Lehrpersonen gekoppelt mit Mitschüler: innenkorrekturen als positiv oder nonverbale Korrekturen als negativ einschätzen. Am Ende illustriert W ENGLER bei der Analyse der Audiotranskripte die Korrekturstile zweier Lehrkräfte, deren Schüler: innen auffällige Korrekturemotionen zeigten. Anhand exemplarischer Interaktionssequenzen wird ein offenbar affektiv positives bzw. negatives Korrekturverhalten eindrücklich gegenübergestellt und es werden so komplexe emotionale Dynamiken bei Korrektursituationen im Fremdsprachenunterricht sichtbar gemacht, bevor empirische Befunde, Forschungsdesiderata und Praxisimplikationen im Schlusskapitel diskutiert werden. Die Studie überzeugt nicht nur für die romanische Fremdsprachendidaktik von der Relevanz der Forschungsperspektive, Emotions- und Korrekturforschung zusammenzuführen, wozu W ENGLER eine grundlegende theoretische Auseinandersetzung leistet. Die ausgefeilte Methodik und Varianz des Datenkorpus erzeugen relevante Aussagen zu Lernenden verschiedener Altersgruppen und Schulformen und generieren genuine Ergebnisse, die bereits in der Lehrer: innenbildung genutzt werden können und die Korrekturforschung zur Enttabuisierung von Emotionen auffordern. Willkommen wäre gewesen, dass man die qualitative Befragung zum weitgehend unerforschten Emotionserleben der tatsächlich korrigierten Schüler: innen im Vergleich zu den Einstellungen stärker gewichtet, die Audiotranskripte noch mehr nützt oder die Ergebnisse konkreter auf den bestehenden Forschungsstand bezieht. Statt retrospektiver Befragungen gelten für Anschlussarbeiten digitale Techniken, die ein simultanes Erheben von Korrekturemotionen während des Fremdsprachenunterrichts ermöglichen sowie introspektive oder videobasierte Verfahren als vielversprechend. W IEN J ULIA L ANKL Peggy G ERMER : Lernen im Tandem in der Lehramtsausbildung. Autonome Lernprozesse initiieren, unterstützen und erforschen. Berlin: Frank & Timme 2023, 618 Seiten [79,80 €] Die Erforschung der Professionalisierung im Lehramt Russisch stellt einen Bereich dar, der noch nicht hinreichend erschlossen ist. Ein zentrales aktuelles Anliegen von Forschenden und Lehrenden an Slawistik-Instituten ist die Klärung der Frage, wie die Heterogenität der Studierendengruppen in der Lehrerbildung so genutzt werden kann, dass alle Beteiligten davon profitieren. Die 2023 unter dem Titel „Lernen im Tandem in der Lehramtsausbildung. Autonome Lernprozesse initiieren, unterstützen und erforschen“ erschienene Dissertation von Peggy G ERMER beleuchtet diese Frage aus einer spezifischen Perspektive: G ERMER verfolgt das Ziel, ein auf das Lehramt Russisch ausgerichtetes kooperatives Lehr-Lern-Konzept für das Tandemlernen zu entwickeln, dieses in die Praxis umzusetzen und einer Bewertung zu unterziehen. Das Erkenntnisinteresse liegt an der Schnittstelle von Sprachwissenschaft und Russischdidaktik. Die explorativ-interpretative Studie erforscht, „wie das Lernen im Tandem in der Phase der sprachpraktischen Übung gestaltet sein muss, damit Lernende das Konzept für die sprachliche und sprachdidaktische Kompetenzentwicklung als hilfreich empfinden, und welche Gelingens- Besprechungen 129 54 • Heft 2 DOI 10.24053/ FLuL-2025-0033 bedingungen dafür existieren sollen“ (S. 23). Neben dem Lernen im Tandem liegt ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit auf der Erforschung lehrersprachlicher Äußerungen im Bereich der Classroom Discourse Competence, die derzeit auch in anderen Philologien große Aufmerksamkeit erfährt. Die Studie folgt einem in der qualitativen Forschung angesiedelten hermeneutischphänomenologischen Ansatz und hat somit zum Ziel, Zusammenhänge zu verdeutlichen und neue theoretische Perspektiven zu erschließen. In jeder der drei Studienphasen steht eine Hauptforschungsfrage im Mittelpunkt. Erforscht werden die Einstellungen der Proband: innen zum Tandemlernen, das Potenzial dieses Konzepts zur Förderung sprachlicher und didaktischer Kompetenzen sowie dessen subjektiver Nutzen, insbesondere in Hinblick auf lehrersprachliche Äußerungen. Im Rahmen der Untersuchung wird über die Analyse von Tandemlerntagebüchern die subjektive Perspektive der Lehramtspraktikant: innen auf das Lernen im Tandem beleuchtet sowie die damit verbundene Setting- Akzeptanz ergründet. An der Studie nahmen insgesamt 21 Personen teil, darunter Lehramtsstudierende mit Russisch als Fremd- oder Herkunftssprache sowie einige aus dem Raum der ehemaligen Sowjetunion stammende Praktikant: innen, die sich im Anpassungslehrgang zur beruflichen Gleichstellung befanden. Die Lehramtsstudierenden und die Weiterbildenden lernten im Tandem voneinander und nutzten dabei die Stärken ihrer Partner: innen. Einerseits verbesserten sie die sprachliche Korrektheit und die Zielgruppenadäquatheit ihrer Äußerungen in russischer Sprache. Andererseits passten sie ihre Unterrichtsführung an die Rahmenbedingungen der deutschen Schule an. Die Publikation beinhaltet vier Teile, die jeweils mehrere Kapitel umfassen. Teil A widmet sich dem wissenschaftsdisziplinären Hintergrund und der praktischen Relevanz des Lernens im Tandem. Im ersten Kapitel des Teils A definiert die Forscherin zunächst russischlehrersprachliche Äußerungen als komplexes Gefüge, welches sich aus funktional einsprachiger Lehresprache sowie nonverbaler, paraverbaler und sprachunterstützender Elemente und didaktischer Operatoren zusammensetzt. Im Anschluss daran erörtert sie die sprachlichen Herausforderungen, die sich aus der Neubestimmung des Fachs, aus seiner Rolle im modernen Fremdsprachenkanon sowie aus den veränderten Lerngruppen ergeben. Berücksichtigt man die Funktion der Lehrkraft als Sprachvorbild, als Rollenmodell für das Arbeits- und Sozialverhalten sowie als Begleiter: in beim fremdsprachlichen Lernen, kommt die Relevanz von lehrersprachlichen Äußerungen besonders zum Vorschein. Der Großteil dieses Kapitels ist sprachwissenschaftlich orientiert und bietet einen Exkurs zu Normabweichungen bei lehrersprachlichen Äußerungen von Praktikant: innen im Russischunterricht. Am Ende des Kapitels verdeutlicht die Autorin den Zusammenhang zwischen den sprachlichen Äußerungen der Lehrkräfte und deren beruflichen Kompetenzen. Das zweite Kapitel des Teils A widmet sich der Definition des Tandembegriffs aus fremdsprachendidaktischer und berufsbezogener Perspektive und beinhaltet sowohl eine Darlegung der theoretischen Grundlagen als auch eine fundierte Einführung ins Thema. Die empirischen Ergebnisse der Studie basieren folglich auf lern-, subjekt- und kommunikationstheoretischen Ansätzen. Ergänzend formuliert die Forscherin didaktische Hinweise für das praktikumsbegleitende Tandemlernen in der Russischlehrerausbildung. Teil B umfasst knapp 20 Seiten und beschäftigt sich mit der Konzipierung und Modellierung des Tandemkonzepts. Der Schwerpunkt liegt auf der Ausarbeitung didaktischer Unterstützungsangebote wie des Lerntagebuchs, der Lernberatung sowie der Sammlung von Lehreräußerungen. Im Teil C erörtert die Autorin die Methodologie und die empirische Untersuchung. Beim Konzipieren der Forschungsfragen greift sie auf zwei Modelle zurück: auf das konstruktivistische Modell der Selbstregulation des Handelns nach Heckhausen und das inhaltsanalytische 130 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-2025-0033 54 • Heft 2 Kommunikationsmodell nach Lagerberg. Kapitel sechs beschreibt das Vorverständnis der Forscherin, charakterisiert die Forschungssubjekte, erläutert die Forschungsmethoden und gibt einen Überblick über die Gesamtkonzeption. In diesem Kapitel stößt man auf einige Unstimmigkeiten zwischen dem Titel und den Inhalten, die sich auf die Konzeptualisierung und Durchführung der Studie beziehen. Der Titel verweist auf die Darlegung der Ausgangslage der Untersuchung, die Kapitelinhalte weichen hingegen häufig davon ab. Im Sinne einer besseren Verständlichkeit wäre es empfehlenswert, die Vorüberlegungen und die Studiendurchführung in zwei separaten Abschnitten anzubieten. In Teil D werden die Ergebnisse der fallübergreifenden und fallspezifischen Analyse präsentiert. Der analytische Teil der Arbeit bietet eine anregende Lektüre zum Thema „Lernen im Tandem“ und gibt einen Einblick in die Konzeption und die praktische Umsetzung der von den Proband: innen durchgeführten Tandems. Im Mittelpunkt stehen die mündliche Kommunikation und die lehramtsspezifische Ausrichtung. Im letzten Kapitel befasst sich die Forscherin mit der ausführlichen Beantwortung der Forschungsfragen und reflektiert die Rahmenbedingungen der angewandten Forschungsmethodik. Im Anschluss daran findet sich das Literaturverzeichnis, das auf eine umfassende und von aktuellen Titeln dominierte Literaturrecherche verweist. Der Anhang umfasst zehn Print- und fünfzehn Online-Dokumente. Die beschriebene Publikation treibt die bisherige Professionalisierungsforschung für das Unterrichtsfach Russisch auf entscheidende Weise voran. Neben den linguistischen und interkulturellen Aspekten werden im Rahmen der empirischen Erkenntnisse aus dieser exemplarischen Studie auch zusätzliche berufsbezogene Faktoren für das Lehramt Russisch erfasst. Besonders hervorzuheben ist die „russischdidaktische Modifikation lehrsprachlicher Äußerungen im Sinne des Konzepts des comprehensible input“ (S. 460). Dazu wurden das lexikalische Repertoire und die phonetische Korrektheit im Russischen sowie die adaptive Lehrkompetenz der Tandemteilnehmenden erweitert. Die angewandte Methodik ist ausführlich dokumentiert. Die mithilfe des Programms MAXQDA durchgeführte qualitative Inhaltsanalyse von Lerntagebüchern wird von der Forscherin detailliert dargelegt. Zudem reflektiert sie durchgehend ihre Vorgangsweise und die Einhaltung der Gütekriterien. Für die Weiterentwicklung des Konzeptes „Lernen im Tandem“ unter Berücksichtigung der Spezifika des Lehramtes sind die Implikationen und Desiderate der Studie von besonderer Bedeutung. Die vorliegenden Ergebnisse bestätigen die Hypothese, dass das kooperative Lernen im Tandem die Möglichkeit bietet, didaktisch-methodische, (lehrer-)sprachliche, interkulturelle und individuelle Ziele selbstbestimmt zu definieren und gemeinsam zu bearbeiten (vgl. S. 401). Die Rahmenbedingungen der Studie sind auf die spezifische mit dem Lehrkräftemangel in Zusammenhang stehende Situation in Sachsen ausgerichtet. Die Studienergebnisse können jedoch auch auf andere Standorte der Lehramtsausbildung übertragen werden. Die Heterogenität der Studierenden im Lehramtsstudium Russisch spiegelt sich vor allem im Grad ihrer Sprachbeherrschung wider, da in diesem Studiengang sowohl Studierende mit Russisch als Fremdsprache als auch als Erst- oder Herkunftssprache anzutreffen sind. Da die hier rezensierte Publikation grundsätzlich überzeugen konnte, folgen nun lediglich einige wenige Empfehlungen. Die Forschungsarbeit konzentriert sich auf das „Wie“ des Tandemlernens und ist somit prozessorientiert konzipiert, was dazu führt, dass die gesamte Studie stark auf die Optimierung der Lernbzw. Dokumentationsmedien ausgerichtet ist. Es wäre dennoch zu hinterfragen, ob die Pilotierung hinreichende Ergebnisse für die Konzipierung der Studie erbracht hat. Besprechungen 131 54 • Heft 2 DOI 10.24053/ FLuL-2025-0034 Es wäre außerdem erstrebenswert, den Einfluss der Forscherin auf den Untersuchungsprozess zu minimieren. Aufgrund der Doppelrolle der Forscherin in der Studie - sie ist sowohl Mentorin als auch Lehrerin im Untersuchungsfeld - sollten die Ergebnisse mit Vorbehalt betrachtet werden. Ein möglicher indirekter Einfluss der Forscherin auf die Teilnehmenden selbst oder auf deren auf das Lernen im Tandem bezogenen Blickwinkel ist nicht auszuschließen.Es wäre ebenso wünschenswert, die aus den Lerntagebüchern entnommenen Zitate im russischen Original darzubieten und die jeweilige Übersetzung in den Fußnoten festzuhalten. Abschließend ist noch anzumerken, dass einige Formulierungen, wie z. B. „russischlehrersprachliche Äußerungen“, als gewöhnungsbedürftig anzusehen sind. Dennoch leistet die Studie von Peggy G ERMER einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Forschung im Bereich der sprachlichen und sprachdidaktischen Professionalisierung. Darin finden sich innovative Ansätze zur effektiven Gestaltung, Erforschung und Evaluierung von Praktikumsphasen im Rahmen der Lehrer: innenbildung, die auf dem kooperativen Lernen im Tandem basieren. Die Forschungsarbeit richtet sich an Lehrende, Forschende und Lehramtsstudierende, die sich für zukunftsweisende Strategien zur Förderung des selbstgesteuerten Lernens sowie für die Erforschung bzw. Implementierung von Tandemlernprozessen im Kontext der Lehrerbildung interessieren. Salzburg J ULIA H ARGASSNER Denyze T OFFOLI , Geoffrey S OCKETT , Meryl K USYK (Hrsg.): Language Learning and Leisure. Informal Language Learning in the Digital Age. Berlin/ New York: De Gruyter Mouton 2023 (Studies on Language Acquisition; Volume 66), 426 Seiten [149,95 €] Der Sammelband Language Learning and Leisure: Informal Language Learning in the Digital Age befasst sich mit dem Spracherwerb durch informellen Sprachkontakt und setzt sich insbesondere mit dem Begriff Informal Second Language Learning (ISLL) auseinander. Während der Fokus vorwiegend auf der englischen Sprache liegt, bietet der Band auch Einblicke in die Rolle von informellem Sprachkontakt für andere Sprachen, wie Japanisch, Französisch oder Deutsch. Das Referenzwerk ist in fünf Teile gegliedert, welche insgesamt 15 Beiträge von 20 in diesem Feld etablierten Autor: innen, Einleitung und Schlussworte ausgenommen, enthalten. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit der Konzeptionalisierung des Begriffs Informal Second Language Learning (ISLL). D RESSMAN (Kapitel 2) eröffnet mit einer detaillierten Herleitung der Abkürzung IDLE (Informal Digital Learning of English) und betont den Wert ethnografischer Studien für das Verständnis von ISLL. K USYK (Kapitel 3) schließt mit einem sehr informativen und gut durchdachten Beitrag in Bezug auf die Charakteristika von ISLL und einigen Varietäten des Phänomens im Spannungsfeld zwischen implicit und explicit learning and knowledge, sowie incidential und intentional learning an. Hierbei versucht sie die verschwommenen Grenzen der einzelnen Begriffe zu schärfen, um Fehlverwendungen zu vermeiden. Dabei wird deutlich, dass einige der unter ISLL laufenden Begriffe, wie Extramural English (EE), Out-of-School Immersive Language Exposure (OILE) und Informal digital learning of English (IDLE) enger verwandt sind, während andere wie Language-Based Communities (LBC) und Out-of-Classroom Learning (OOC) sich deutlicher unterscheiden. Hier wäre es interessant zu erfahren, warum ISLL als Überbegriff etabliert wurde, während die anderen Konzepte als Varietäten geführt werden. Man könnte sich die Frage stellen, ob ein Label, welches den Begriff Learning im Titel trägt, wirklich der geeignetste Sammelbegriff für ein Phänomen
