eJournals Fremdsprachen Lehren und Lernen55/1

Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-55-0001
flul551/flul551.pdf0511
2026
551 Gnutzmann Küster Schramm

Zur Einführung in den Themenschwerpunkt

0511
2026
Christoph Bürgel
Dirk Siepmann
flul5510007
55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0001 C HRISTOPH B ÜRGEL , D IRK S IEPMANN * Zur Einführung in den Themenschwerpunkt Das Lehren und Lernen einer Fremdsprache qua Sprache beruhte über lange Zeit auf dem modularen Sprachverständnis traditioneller, strukturalistischer und generativistischer Theorien, d.h. dem Wörter-Regel-Lernen und der damit verbundenen Trennung von Wortschatz und Grammatik. Einschlägige Lehrwerke der Fremdsprachen spiegeln diese Modularisierung der Sprache auch heute noch wider, indem sie einerseits ein Vokabelverzeichnis mit zumeist Einzelwörtern vorsehen und andererseits im grammatischen Beiheft syntaktische Regularitäten isoliert darbieten, d.h. ohne deren Verbindung mit typischen lexikalischen Elementen aufzuzeigen. Diese Aufteilung der Sprache in Lexik und Grammatik ist allem Anschein nach in den Köpfen von Schülern, Studenten, Lehrern und Lehrbuchautoren fest zementiert. Sie prägt auch die Logik der Sprachproduktion: Die Lerner sollen Wörter mithilfe von Formbildungs- und Syntaxregeln zu wohlgeformten Sätzen anordnen. Insbesondere die Einzelwortorientierung und das Lernen im Paar-Assoziationsverfahren führen jedoch dazu, dass Lerner die benötigten fremdsprachlichen Wortformen über die erstsprachlichen Äquivalente suchen, was oftmals in wörtliche Übersetzungen unter Missachtung der semantischen und syntaktischen Integration in das fremdsprachige System mündet. Jedem Praktiker und Theoretiker dürften die Folgen dieser Sprachauffassung aus vielfältiger Beobachtung sattsam bekannt sein: unnatürliche, nichtidiomatische Ausdrucksweisen und teils gravierende sprachliche Normverstöße. In jüngster Zeit mehren sich deshalb die Plädoyers, den Fremdsprachenunterricht stärker an den Erkenntnissen gebrauchsbasierter Ansätze bzw. der Konstruktionsgrammatik auszurichten und Fremdsprachenlernen als Lexiko-Grammatik-Lernen zu konzeptualisieren. * Korrespondenzadressen: Prof. Dr. Christoph B ÜRGEL , Universität Paderborn, Fakultät für Kulturwissenschaften, Institut für Romanistik, Didaktik des Französischen und Spanischen, Warburger Straße 100, 33098 P ADERBORN . E-Mail: christoph.buergel@upb.de Arbeitsbereiche: Didaktik der Lexiko-Grammatik, Lernergrammatik, Lernerlexikologie, Entwicklung mündlicher Kommunikationsfähigkeit, Kompetenzdiagnostik und Leistungsmessung Prof. Dr. Dirk S IEPMANN , Universität Osnabrück, Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft, Institut für Anglistik und Amerikanistik, Fachdidaktik des Englischen, Neuer Graben 40, 49069 O SNABRÜCK . E-Mail: dirk.siepmann@uni-osnabrueck.de Arbeitsbereiche: Lexikologie und Lexikographie, Grammatikographie, Förderung der produktiven Kompetenzen, Übersetzungswissenschaft und -didaktik, Testen, Korpuslinguistik, Sprache der Literatur Lexiko-Grammatik im Fremdsprachenunterricht 8 Christoph Bürgel, Dirk Siepmann DOI 10.24053/ FLuL-55-0001 55 • Heft 1 So setzt sich in der Fremdsprachendidaktik zunehmend die Erkenntnis durch, dass erfolgreiches Fremdsprachenlernen in erheblichem Maße vom Erwerb von Spracheinheiten oberhalb der Einzelwortebene abhängt (vgl. N ATTINGER / D E C ARRICO 1992; S IEPMANN 2007; H ANDWERKER / M ADLENER 2009; R ÖSSLER 2010; B ÜRGEL 2021, B ÜRGEL / G ÉVAUDAN / S IEPMANN 2021). Diese Einsicht manifestiert sich in fremdsprachendidaktischen Ansätzen, die das Einzelwort als zentrale Lerneinheit ablösen und an dessen Stelle größere Spracheinheiten setzen (lexical approach von L EWIS (1993; 2000), das Jenaer Reformkonzept bzw. die Lexiko-Grammatik von S EGERMANN (2006; 2012), Valenz-Chunks von H ERINGER (2007; 2009), dialogisch-kommunikative Formate von B ÜRGEL (2011; 2017)). Damit wird die in der Sprachwissenschaft bereits seit geraumer Zeit gereifte Erkenntnis aufgegriffen, dass sich natürliche Sprachen vollständig als Form-Bedeutungspaare - sogenannte Konstruktionen - beschreiben lassen (G OLDBERG 1995, 2006). Mit anderen Worten: Sprache und Kommunikation basieren auf dem Gebrauch mehr oder weniger verfestigter Konstruktionen, die Sprachmuster unterschiedlicher Komplexitäts- und Abstraktionsgrade umfassen. Auch in der Spracherwerbsforschung gehen konstruktivistische Theorien (E LLIS 2003; G ASS 1997; T OMASELLO 2003; W RAY 2002) - ganz im Gegensatz zu einzelwortbasierten nativistischen Ansätzen - davon aus, dass größere Spracheinheiten wahrgenommen, mit Bedeutung und situativen Verwendungsbedingungen verknüpft und als Ganze abgespeichert werden. In der Sprachproduktion wiederum können diese als (halb)fertige Bausteine holistisch aus dem mentalen ,Phrasikon‘ bzw. ,Konstruktikon‘ abgerufen und reproduziert werden. Lexis und Syntax sind folglich nicht als getrennt zu begreifen (vgl. H UNSTON / F RANCIS 2000: 30f.), sondern bilden ein Kontinuum, das sich von eher lexikalisch geprägten Wortverbindungen wie Phrasemen und Kollokationen über Valenzstrukturen bis hin zu stärker grammatisch geprägten Phänomenen wie dem Tempusgebrauch erstreckt. Damit lässt sich Sprache sowohl als grammatikalisierte Lexis als auch als lexikalisierte Grammatik betrachten. Der lexiko-grammatische Ansatz knüpft an die erwähnten sprachwissenschaftlichen und spracherwerbstheoretischen Erkenntnisse an, indem er das Zusammenspiel von Wortschatz und Grammatik ins Zentrum der Betrachtung rückt. Grammatische Phänomene werden dabei nie isoliert betrachtet, sondern um eine Wortschatzkomponente ergänzt: Welche Wortschatzelemente treten regelmäßig in einer grammatischen Struktur auf? Damit rücken nunmehr lexiko-grammatische ,Sprachgebilde‘ in den Fokus des Lehr- und Lernprozesses, mit dem entscheidenden Vorteil, dass der Sprachlernprozess am tatsächlichen, empirisch belegten Sprachgebrauch ausgerichtet wird. Lexiko-Grammatik-Lernen führt damit zu einer idiomatischen bzw. natürlich klingenden Sprachverwendung. In der deutschen Fremdsprachendidaktik deutet sich dieser Paradigmenwechsel auch auf bildungspolitischer Ebene an. Er kann mindestens als Evolution, wenn nicht sogar als Revolution in der Vermittlung sprachlicher Mittel gewertet werden. In der Neufassung der Bildungsstandards für die erste Fremdsprache (KMK 2023) wird nach jahrzehntelanger Dominanz der Trennung von Wortschatz und Grammatik nunmehr das Lehren und Lernen von Lexiko-Grammatik postuliert. So fordern die Bildungs- Zur Einführung in den Themenschwerpunkt 9 55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0001 standards, dass „Vermittlung und Aneignung von Wortschatz im Sinne komplexer lexiko-grammatischer Einheiten mit Blick auf die funktional-kommunikative Kompetenz zentral sind.“ (KMK 2023: 18). Diese Formulierung ist zwar logisch inkonsistent, denn es geht schlicht um die Vermittlung und Aneignung lexiko-grammatischer Einheiten bzw. Konstruktionen und nicht um „Wortschatz im Sinne“ dieser. Hinzu kommt, dass die entscheidende Perspektive in der Lexiko-Grammatik die umgekehrte ist: Grammatik ist ein aus rekurrenten lexikalischen Mustern emergierendes System. Daher gilt es mehr Wert auf die Vermittlung von Grammatik als Wortschatz als umgekehrt zu legen - was unmittelbar einleuchten sollte: beispielsweise ist es für die Beherrschung einer Kollokation wie confirmed bachelor uninteressant, dass diese ein Exemplar der recht allgemeinen grammatischen Struktur Partizipialadjektiv + Substantiv darstellt; interessanter wäre hier die Frage nach anderen Nominalkollokatoren, für die confirmed eine vergleichbare lexikalische Funktion erfüllt (z.B. confirmed vegetarian / workaholic / idealist / cynic / ...) - eine rein lexikalische Frage also. Hier wären die Bildungsstandards noch zu ergänzen, ist doch an späterer Stelle (KMK 2023: 19) wiederum von der Beherrschung „grammatischer Strukturen“ die Rede. Diese werden als „Kompetenz bildende, funktionale Bestandteile des sprachlichen Systems und der Kommunikation“ (KMK 2012: 18, KMK 2023: 18) gedeutet, die „eine grundsätzlich dienende Funktion“ (ibid.) haben. Das in solchen Aussagen zu Tage tretende Verständnis sprachlicher Mittel setzt somit weiterhin eine nicht vorhandene Trennbarkeit von „Sprachsystemkompetenz“ und pragmatischer oder phonetischer Kompetenz voraus und übersieht die Kontexte schaffende Potenz des idiomatischen Sprachwissens und die idiomatische Formung von Sprechhandlungen (F EILKE 1994: 277); Sprecher und Hörer sind nicht nur role-takers, sondern auch role-makers: sie selbst erschaffen durch ihren Konstruktionsgebrauch und ihr potenziell durchaus offenes Konstruktionsverstehen die für die Verständigung notwendigen Kontexte (vgl. F EILKE 2003: 51). Sprachliche Mittel im Sinne der Lexiko-Grammatik sind also weniger dienend als vielmehr prägend und auch prägbar; sie formen und strukturieren das kommunikative Geschehen und werden selbst in einem gewissen Maße durch dieses neu geformt. Die bildungspolitischen Vorgaben der KMK zur Lexiko-Grammatik spiegeln sich inzwischen auch in der Übernahme lexiko-grammatischer Konzepte in einigen Kernlehrplänen wider (vgl. KC Französisch, KC Spanisch Niedersachsen 2025, vgl. dazu Kommentar B ÜRGEL 2025 und KC Spanisch Baden-Württemberg), aber ein umfassendes Verständnis von Lexiko-Grammatik lassen die entsprechenden Schriften aktuell noch vermissen (zur Kritik an den neuen Bildungsstandards vgl. auch K ÖTTER / G IEßLER 2024: 61ff.). Der Begriff sollte an Beispielen erläutert werden, und es sollte eine kritische Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Begriff des chunks stattfinden, der insofern irreführend ist, als er Lehrern und Lernern eine Unveränderlichkeit der zu lernenden Einheiten suggeriert. Von wenigen Phrasemtypen abgesehen (z.B. Sprichwörtern) sind lexiko-grammatische Einheiten jedoch variabel und produktiv erweiterbar. In Erwartung solcher Verbesserungen ist jedoch davon auszugehen, dass das lexiko-grammatische Sprachverständnis zumindest auf 10 Christoph Bürgel, Dirk Siepmann DOI 10.24053/ FLuL-55-0001 55 • Heft 1 theoretisch-konzeptioneller Ebene des Fremdsprachenunterrichts normative Wirkungsmacht entfalten wird. Das vorliegende Themenheft stellt Ausprägungen der Lexiko-Grammatik und ihre didaktisch-methodische Relevanz für das Fremdsprachenlehren und -lernen vor. Gleichzeitig will es Impulse für eine sprachwissenschaftlich fundierte Diskussion zur fremdsprachendidaktischen Konzeptualisierung einer ‚Didaktik der Lexiko-Grammatik‘ geben. Das Heft versteht sich somit als Einblick in sprachdidaktische Grundlagenforschung zur Lexiko-Grammatik. Damit ist auch umrissen, was das Heft nicht beansprucht bzw. beanspruchen kann: Forschung zum Transfer der Lexiko-Grammatik in den Fremdsprachenunterricht. Hierbei handelt es sich um eine eigene Forschungsaufgabe, die von der Transfer- und Implementationsforschung zu bearbeiten wäre und Antworten auf die Fragen liefern müsste, wie Lexiko-Grammatik im Unterricht umgesetzt wird, welche Faktoren die Umsetzung begünstigen bzw. behindern und welche Begleit- und Unterstützungsmaßnahmen wirksam sind und welchen Effekt Lexiko-Grammatik für die sprachliche Kompetenzentwicklung hat. Doch bevor diese Fragen ins Blickfeld fremdsprachendidaktischer Forschung gelangen können, ist eine Klärung des didaktischen Potenzials der Lexiko-Grammatik unabdingbar.Das Heft umfasst sechs Beiträge, die Lexiko-Grammatik mit einem empirischen Schwerpunkt behandeln und Englisch, Französisch bzw. Deutsch als Fremdsprache abdecken. Dabei wird das lexiko-grammatische Inventar des Englischen und Französischen in den Blick genommen, das Lernen von Lexiko-Grammatik fokussiert sowie der lexiko-grammatische Sprachgebrauch von Fremdsprachenlernern untersucht. Der Einstiegsbeitrag von A NNA F ANKHAUSER behandelt die korpusbasierte Erforschung von Lexiko-Grammatik und plädiert damit für die dezidierte Ausrichtung des Fremdsprachenlehrens und -lernens am tatsächlichen Sprachgebrauch. Sie zeigt auf, wie korpusbasiert ermittelte authentische phraseologische Muster als integrativer Bestandteil sprachlicher Kompetenzvermittlung dazu beitragen können, die idiomatische Ausdrucksfähigkeit und kommunikative Handlungskompetenz von Lernern im Englischunterricht als Fremdsprache (EFL) zu fördern. Dazu stellt sie die von ihr entwickelte Phrasemliste vor - ein funktional strukturiertes Inventar von etwa 13.000 phraseologischen Einheiten des gesprochenen britischen und amerikanischen Englisch. Dieses Inventar bietet eine empirisch fundierte Grundlage für die praxisorientierte Umsetzung der von den Bildungsstandards initiierten lexiko-grammatischen Neuausrichtung des Fremdsprachenlehrens und -lernens. Anhand exemplarischer Anwendungsfelder zeigt die Autorin, wie die Phrasemliste zur Erweiterung und Neustrukturierung von Wortschatzkapiteln in Lehrwerken, zur funktional-kommunikativen Gestaltung von Lerninhalten sowie zur Unterstützung formfokussierter Unterrichtssequenzen eingesetzt werden kann. Auch die Arbeiten von D IRK S IEPMANN und C HRISTOPH B ÜRGEL zur Lexiko-Grammatik sind einem gebrauchsbasierten und corpus-driven Ansatz verbunden, wie sie in ihrem Beitrag zur „Grammatik des gesprochenen und geschriebenen Französisch“ (GggF) - der ersten vollständig korpusbasierten (Lerner-)Lexiko-Grammatik der fran- Zur Einführung in den Themenschwerpunkt 11 55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0001 zösischen Gegenwartssprache - aufzeigen. Im Einklang mit der Konstruktionsgrammatik und dem britischen Kontextualismus versteht die GggF die französische Sprache als lexiko-grammatisches System und bietet eine umfassende Beschreibung der Verwendungsweisen und Verteilung von Verben, Substantiven, Adjektiven und Präpositionen in verschiedenen kommunikativen Registern. Die GggF richtet sich insbesondere an Nichtmuttersprachler und verfolgt ein gebrauchsorientiertes Lernkonzept, das die Entwicklung einer beinahe nativnahen Sprachkompetenz fördern soll. Der Beitrag erläutert zunächst die theoretischen und didaktischen Grundlagen der Grammatik, stellt anschließend deren zehn Leitprinzipien vor und veranschaulicht schließlich das innovative Potenzial der GggF anhand einer Fallstudie zum lokativen Gebrauch der Präposition en. Der thematische Block zum Erwerb von Lexiko-Grammatik durch Fremdsprachenlerner wird durch einen Beitrag von K ATRIN H ENK eröffnet, die ausgehend von gebrauchsbasierten Ansätzen wie der Konstruktionsgrammatik und der Lexiko-Grammatik diskutiert, welche Implikationen diese Theorien für das Erlernen grammatischer Strukturen haben. Am Beispiel der Aneignung indirekter Objekte und Objektpronomen des Französischen im gesteuerten Zweitspracherwerb erörtert sie die Frage, ob deren Erwerb durch eine lexiko-grammatische Konzeptualisierung erleichtert oder beschleunigt werden kann. Dazu untersucht sie die Lehrwerke Découvertes (Klett) und À plus! (Cornelsen) hinsichtlich der Frage, ob und inwiefern sie indirekte Objekte und Objektpronomen unter gebrauchsbasierten Aspekten behandeln. Die Ergebnisse ihrer Analyse zeigen, dass die Lehrwerke lexiko-grammatische und konstruktionsbasierte Aspekte bei der Darbietung von Grammatikphänomenen nur punktuell berücksichtigen. S ABINE DE K NOP widmet sich in ihrem Beitrag den Schwierigkeiten, die zahlreiche idiosynkratische Konstruktionen des Deutschen für französischsprachige Lerner darstellen. Im Rückgriff auf konstruktionsgrammatische Ansätze nimmt sie zunächst eine detaillierte Beschreibung frequenter caused motion- und resultativer Konstruktionen sowie der damit einhergehenden Lernschwierigkeiten vor. Anschließend entwickelt sie einen didaktischen Ansatz, der nicht nur das Verstehen der Konstruktionen fördern, sondern auch gezielt den Erwerb selbiger unterstützen soll. Die vorgeschlagenen Lehr/ -Lernverfahren basieren auf dem data-driven learning (DDL), das authentische Daten aus einschlägigen Sprachkorpora nutzt. D E K NOP diskutiert mögliche DDL- Aufgaben und illustriert sie anhand konkreter Beispiele. Der Erwerb von verbalen Periphrasen und des Genus im Spanischen stehen im Mittelpunkt des Beitrags von P ATRICIA D E C RIGNIS und J OHANNA W OLF , wobei sie insbesondere die Rolle des Auswendiglernens untersuchen. Neuere Ansätze zeigen, dass die Automatisierung sprachlicher Strukturen wesentlich auf Mustererkennung und statistischem Lernen beruht. Auf der Grundlage von Daten des Munich Learner Corpus (L1 Deutsch, Zielsprachen Französisch und Spanisch) wird analysiert, inwiefern wiederkehrende sprachliche Muster und Mehrworteinheiten das Input-Management und damit den Erwerb komplexer Strukturen fördern können. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass häufige Muster den Erwerb von Konstruktionen wie 12 Christoph Bürgel, Dirk Siepmann DOI 10.24053/ FLuL-55-0001 55 • Heft 1 V+Präp+Infinitiv erleichtern, während die Genuszuweisung trotz fortschreitender Automatisierung eine anhaltende Schwierigkeit bildet. Abschließend werden die Potenziale und Grenzen des Auswendiglernens sowie didaktische Konsequenzen für den gezielten Einsatz beim Vermitteln lexiko-grammatischer Strukturen diskutiert. Ausgehend von der Annahme, dass die Verwendung von usuellen Wortverbindungen einen zentralen Aspekt der Sprach- und Interaktionskompetenz bildet, stellt der Beitrag von K ARIN A GUADO eine explorative Studie zur Erforschung ebendieses Gebrauchs in lernersprachlichen Interaktionen des Deutschen vor. Ziel der Studie ist es, die Häufigkeit phonologisch kohärenter Sequenzen in simulierten mündlichen Paarprüfungen quantitativ zu erfassen und mögliche Zusammenhänge zwischen der Frequenz des Gebrauchs usueller Sequenzen, den damit realisierten Diskursfunktionen und dem Sprachniveau der Forschungsteilnehmer zu untersuchen. Dabei zeigt sich zwar, dass die Komplexität der usuellen Sequenzen mit steigendem Sprachniveau zunimmt, das Repertoire an alltagssprachlich gebräuchlichen bzw. konventionalisierten Ausdrucksmitteln aber insgesamt recht beschränkt ist. Die verschiedenen Beiträge dieses Hefts zeigen, dass bereits eine Reihe von Arbeiten zur Lexiko-Grammatik vorliegen, die sich von korpusbasierten am tatsächlichen Sprachgebrauch ausgerichteten Forschungen über die Verwendung von lexikogrammatischen Einheiten bis hin zu didaktisch-methodischen Fragen des Erwerbs von Lexiko-Grammatik befassen. Dennoch bleibt für die Sprachdidaktik viel Arbeit. Wenn die Fremdsprachendidaktik ihrem gesellschaftlichen Bildungsauftrag - der Weiterentwicklung und Optimierung des gesteuerten Fremdsprachenerwerbs - gerecht werden will, wird sie sich in Zukunft verstärkt ihrer sprachlichen Kernaufgabe und damit der didaktisch-methodischen Reflexion der Lexiko-Grammatik widmen müssen. 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