eJournals Fremdsprachen Lehren und Lernen55/1

Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-55-0010
flul551/flul551.pdf0511
2026
551 Gnutzmann Küster Schramm

Gwendoline LOVEY: Interaktives Sprechen im lehrwerkbasierten Fremdsprachenunterricht der Grundschule. Tübingen: Narr Francke Attempto 2024 (Romanistische Fremdsprachenforschung und Unterrichtsentwicklung), 507 Seiten [92,00 €]

0511
2026
Carmen Konzett-Firth
flul5510138
138 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-55-0010 55 • Heft 1 Die Beiträge stammen aus verschiedenen Ländern und Hochschulkontexten (u. a. Deutschland, Österreich, Spanien) und eröffnen durch ihre unterschiedlichen institutionellen Rahmungen vielfältige didaktische Zugänge. Die Kapitel sind einheitlich aufgebaut, klar gegliedert und mit englischen Abstracts versehen, was sowohl die Orientierung im Band erleichtert als auch seine internationale Anschlussfähigkeit stärkt. Die sprachliche Darstellung ist durchgehend präzise und terminologisch fundiert, ohne an Verständlichkeit einzubüßen. Besonders hervorzuheben ist die konzeptionelle und didaktische Sorgfalt, mit der viele Autor: innen konkrete Unterrichtsbeispiele modellieren und reflektieren. Diese Praxisnähe macht zahlreiche Beiträge für die direkte Umsetzung oder Weiterentwicklung im eigenen Unterricht anschlussfähig. Die Heterogenität der Beitragstypen - von empirischen Studien über konzeptionelle Entwürfe bis hin zu theoretischen Reflexionen - erweist sich als Stärke, da sie unterschiedliche Perspektiven, Fragestellungen und Erfahrungsstände adressiert. Kritisch zu vermerken ist jedoch die Entscheidung, den abschließenden Beitrag ausschließlich auf Spanisch zu veröffentlichen, was die sprachliche Kohärenz des Bandes beeinträchtigt. Insgesamt stellt der Sammelband eine fundierte und praxisnahe Ressource für Lehrende und Studierende im Bereich der romanischen Fremdsprachendidaktik dar. Er liefert wertvolle Impulse zur Verknüpfung analoger und digitaler Lernphasen und eröffnet vielfältige Anregungen zur Weiterentwicklung und Adaption der vorgestellten Konzepte. Mit seinem Schwerpunkt auf der Wechselwirkung von Präsenz und Virtualität verweist der Band auf eine zentrale Herausforderung der Fremdsprachendidaktik im 21. Jahrhundert und lädt dazu ein, die Transformation des Unterrichts nicht nur zu begleiten, sondern aktiv mitzugestalten. Würzburg M ARIA E ISENMANN Gwendoline L OVEY : Interaktives Sprechen im lehrwerkbasierten Fremdsprachenunterricht der Grundschule. Tübingen: Narr Francke Attempto 2024 (Romanistische Fremdsprachenforschung und Unterrichtsentwicklung), 507 Seiten [92,00 €] Die umfangreiche Monographie von Gwendoline L OVEY , mit der sie 2023 an der Universität Augsburg promovierte, beschäftigt sich mit dem Lehren und der Entwicklung mündlicher Kompetenzen, einem Kernthema des Fremdsprachenunterrichts. Der Fokus auf das interaktive Sprechen ist besonders willkommen, noch dazu in Verbindung mit einer ausführlichen Beforschung der Lehrwerksverwendung. Die Arbeit stellt in Kapitel 1 zunächst die Ziele und Forschungsfragen vor. Besonders erfreulich im Kontext einer qualitativen Studie ist es, dass die Forscherin auch ihre eigene Rolle im Forschungsprozess thematisiert. Der Forschungsüberblick in Kapitel 2 präsentiert sodann den theoretischen Hintergrund der Studie, wobei sowohl didaktische Methoden für den Unterricht der Kompetenz Sprechen (2.3) als auch sprachwissenschaftliche Modelle zur analytischen Erfassung von kognitiven Prozessen beim Sprechvorgang (2.4) vorgestellt werden. Während die fremdsprachendidaktische Forschung in Kapitel 2.2 nur seit 2001 besprochen wird, findet sich in Kapitel 2.3. ein historischer Abriss über Lehrwerksmethoden der letzten 120 Jahre. In Kapitel 2.5. „Forschungsdiskurse zur mündlichen Sprachproduktion“ reichen die Quellen wiederum nur bis 2017. Es bleibt etwas unklar, wieso hier unterschiedliche Zeiträume angesetzt wurden. Komplettiert wird der Überblick durch zwei Kapitel zum Stand der Forschung in Bezug auf das Handeln und Denken von Lehrpersonen sowie zur Beforschung von Lehrwerken. Diese beiden Kapitel stechen durch besonders kritische Reflexionen hervor, und die Autorin kann hier überzeugend eine Forschungslücke ausmachen sowie ihre eigene Forschung einord- Besprechungen 139 55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0010 nen. Die Kapitel zum sprachwissenschaftlichen Diskurs rund um das interaktive Sprechen sind im Gegenzug etwas weniger reflektiert und lassen erkennen, dass die Perspektive der Autorin stärker eine fremdsprachendidaktisch gelagerte ist. Angesichts des Interaktionsfokus der Arbeit erstaunt, dass die aktuelle Forschung zur Unterrichtskommunikation, insbesondere die auf Videographien basierende Interaktionsforschung kaum berücksichtigt wird, was wohl dem überwiegend psycholinguistisch orientierten Zugang zu Spracherwerb geschuldet ist. Auf den Forschungsüberblick folgt eine sehr nützliche Einordnung der vorgelegten Studie in den Kontext der Schweizer Bildungspolitik, mit speziellem Augenmerk auf das frühe Fremdsprachenlernen und auf das in der Studie verwendete Lehrwerk Mille feuilles, dessen konstruktivistischer didaktischer Ansatz in der Schweiz auch in der außerschulischen Öffentlichkeit kontrovers behandelt wurde. In Kapitel 4 wird das Forschungsdesign der Studie umfassend und sehr übersichtlich vorgestellt. Die Autorin legt nachvollziehbar dar, dass eine Verschränkung der Außen- und Innenperspektive von unterrichtlichem Handeln essenziell zum Erkenntnisgewinn beiträgt. Sie verwendete dafür die Forschungsinstrumente der problemzentrierten Interviews mit Lehrkräften sowie Gruppendiskussionen mit Schüler: innen (Außenperspektive) und der strukturierten Unterrichtsbeobachtung auf Basis von Videographie (Innenperspektive). Die auf Basis von kategoriengeleiteten Textanalysen erzielten Ergebnisse, die im Falle der Unterrichtsbeobachtungen auch Aspekte der Lernersprachenanalyse umfassten, wurden anschließend trianguliert. Es wurden vier Klassen untersucht, die sich zum Zeitpunkt der Untersuchung alle im 4. Lernjahr befanden und eine Bandbreite an Fällen repräsentieren, die sich hinsichtlich ihrer geographischen Lokalisierung (städtisch/ ländlich), der Unterrichtserfahrung und des Alters der Lehrkräfte, des Grades an Mehrsprachigkeit der Gruppe und der Bildungsnähe der Lernenden unterscheiden. Für alle Klassen wurden jeweils die Lehrkraft sowie 6 ausgewählte Fokuslernende unterschiedlicher Kompetenzstufen videographiert und befragt. Der Unterricht selbst wurde - außer durch die Beobachtung -nicht beeinflusst; insgesamt konnten die Lehrkräfte aus fünf Sprechaufgaben einer Lektion des Lehrwerks Mille feuilles auswählen, sodass jede Aufgabe in mindestens zwei, aber nicht alle Aufgaben in allen Klassen durchgeführt wurden. Kapitel 5 und 6 stellen den Kernbereich der Arbeit dar und präsentieren die Ergebnisse. In Kapitel 5 beschreibt L OVEY systematisch jede Klasse als einzelnen Analysefall. Sie zieht dafür alle zur jeweiligen Klasse vorliegenden Datenauswertungen heran und kumuliert diese in einer „integrierenden Darstellung“ als Abschluss jeden Teilkapitels. In Kapitel 6 hingegen wird derselbe Datensatz quer dazu aus unterschiedlichen thematischen Perspektiven übergreifend analysiert. Äußerst positiv hervorzuheben sind die sehr aufwändigen und schlüssig hergeleiteten Kategoriensysteme für die Befragungen sowie die Unterrichtsbeobachtungen mit Fokus auf das Lehrkrafthandeln. Für die Untersuchung der Lernendensprache bauen die Kategorien auf den GERS-Deskriptoren (zur mündlichen Interaktion, zu Kommunikationsstrategien und zur plurilingualen Sprachverwendung) auf. In Bezug auf die Analyse problematisiert die Autorin das Schließen von beobachtbaren Prozessen auf die kognitive Verarbeitung. Hierzu hätte wohl ein interaktionsanalytischer Ansatz bzw. aktuelle interaktionsanalytische Forschung Hilfestellung - auch in Bezug auf die Definition von Kompetenz - liefern können. Die Literatur dazu bleibt aber weitestgehend unrezipiert. Beide Ergebniskapitel zusammen ergeben ein dichtes und aufschlussreiches Bild über das Interaktionsgeschehen während der Bearbeitung der Lehrwerksaufgaben und darauf, wie effektiv diese im Hinblick auf die Erfolgskriterien des zielsprachlichen Redeanteils und der aktiven Beteiligung der Schüler: innen sind. Sie vermögen auch Hinweise darauf zu geben, welche didaktischen Überlegungen und Einstellungen seitens der Lehrkraft im Hintergrund stehen könnten. Die genannten Erfolgskriterien bestehen in der Analyse vor allem darin, ob die Aufgaben 140 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-55-0010 55 • Heft 1 von Lernenden bewältigbar sind und wie viel auf Französisch gesprochen wird. Aufgrund der Bezugnahme auf den GERS ist es nicht verwunderlich, dass die sprachlichen Analysen der Transkripte - wenngleich sehr ausführlich - auf der Ebene von Einzeläußerungen verbleiben. Eine stärker konstruktivistisch und spezifisch interaktionsfokussiertere Analyse hätte gut zum Ansatz des Lehrwerks gepasst. Hier zeigt sich der Einfluss des GERS und die psycholinguistisch inspirierte, stark individuelle Kompetenzbeschreibung. Die Autorin verspricht auf dem Buchrücken ein „5-Schritte-Programm zur Förderung des interaktiven Sprechens“ sowie ein „empirisch basiertes Sprechmodell“. Die aus den Erkenntnissen abgeleiteten Schlussfolgerungen erscheinen durchaus sehr nützlich. Innovativ sind aus meiner Sicht vor allem folgende: dass es ein Limit für eine sinnvolle Sprechzeit in der Fremdsprache gibt (5-7 Minuten); dass (Sprech-)Aufgaben nicht nur partizipativ durchgeführt, sondern auch unter Beteiligung der Lernenden eingeführt werden sollen; dass den Lernenden ihre eigene Sprachverwendung bewusst gemacht werden soll, um damit auch ihre Selbst(lern)kompetenz zu steigern; dass es plurilinguales Sprechen sowohl zu fördern als auch bewusst zu machen gilt; dass mit den SuS über interaktionsrelevantes Handeln reflektiert und ihnen diesbezüglich (sprachliche) Strategien vermittelt werden sollen. Zudem bekräftigt die Studie folgende bereits in der Interaktionsforschung sowie im Paradigma des Task Based Language Teaching häufig genannten Ratschläge: die Wiederholung von Aufgaben und der Fokus auf Bedeutung anstelle der Form. Das vorgestellte komplexe Sprechmodell, das sich stark an L EVELT und DE B OT anlehnt, überzeugt meines Erachtens weniger. Zum einen fehlt, wie so oft in psycholinguistisch inspirierten Modellen, der für soziale Interaktion zentrale Aspekt der Ko-Konstruktion. Die Kernaufgaben von Interaktionsteilnehmenden wie Intersubjektivitätsherstellung und Rezipient: innendesign fallen daher der individuumsbasierten Perspektive auf Sprechen und Hören zum Opfer. Zum anderen sind es gerade die kognitiven Verarbeitungsprozesse, die - wie die Autorin selbst kritisch schreibt - durch qualitativ-beobachtende Verfahren eigentlich nicht belegt, sondern höchstens inferiert werden können. Insofern ist es zweifelhaft, ob hier tatsächlich von einer empirischen Grundlage für das Modell gesprochen werden kann. Am Rande sei noch erwähnt, dass die Arbeit von einem etwas aufmerksameren Lektorat profitiert hätte, um offensichtlich noch aus der Dissertation stammende Verweise auf zukünftig umzusetzende Aspekte zu tilgen. Etwas Verwirrpotenzial steckt auch im Titel, in dem angekündigt wird, es gehe um die Grundschule. Diese dauert aber sowohl in Deutschland als auch Österreich - wo sich wohl das Gros der potenziellen Leserschaft befindet - nur vier Jahre. Die in dieser Studie untersuchten 12-jährigen Lernenden würden also in diesen Ländern zur Sekundarstufe 1 zählen. Das ist insofern schade, als der Terminus Grundschule dazu führen könnte, dass manche Leser: innen sich von der Thematik nicht angesprochen fühlen; ein Verbleib beim in der Schweiz gebräuchlicheren Ausdruck Primarschule hätte hier für mehr Klarheit gesorgt. Insgesamt ist das Buch sowohl Forschenden als auch Praktiker: innen trotzdem sehr zu empfehlen. Es bietet überaus spannende Einblicke in lehrwerksgestützten Fremdsprachenunterricht in einer Systematik und einem Umfang, die nicht häufig anzutreffen sind. Die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen für den konkreten Unterricht machen die Arbeit darüber hinaus zu einer wertvollen und nützlichen Ressource. Innsbruck C ARMEN K ONZETT -F IRTH