Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-55-0011
flul551/flul551.pdf0511
2026
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Gnutzmann Küster SchrammAki SIEGEL, Paul SEEDHOUSE: Human Spoken Interaction as a Complex Adaptive System Studies in Social Interaction. A Longitudinal Study of L2 Interaction. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2024, 234 Seiten [£ 95.00]
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2026
Marta García García
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Besprechungen 141 55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0011 Aki S IEGEL , Paul S EEDHOUSE : Human Spoken Interaction as a Complex Adaptive System Studies in Social Interaction. A Longitudinal Study of L2 Interaction. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2024, 234 Seiten [£ 95.00] Was haben Wetter, Großstädte und menschliche mündliche Interaktion gemeinsam? Aki S IEGEL und Paul S EEDHOUSE stellen die reizvolle These auf, dass es sich in allen drei Fällen um komplexe dynamische Systeme handelt, d.h. um solche, die sich kontinuierlich an die Kontextgegebenheiten anpassen (müssen), um sich zu adaptieren und weiterzubestehen. Zentral für diese Systeme ist die Eigenschaft, dass sie aus vielen unabhängigen Komponenten bestehen, die mit dem System und untereinander interagieren und zu unvorhersehbaren Veränderungen im Verhalten führen. Während das Wetter und die Großstädte sowie viele andere Phänomene, wie Marktdynamiken oder Ökosysteme, bereits aus der Perspektive der Theorie komplexer dynamischer Systeme erforscht worden sind, wird laut Angaben der Autor: innen in diesem Band erstmals versucht, die allen Menschen - unabhängig der Sprache(n), die sie sprechen - zugrundeliegende Interaktionskompetenz als komplexes dynamisches System zu untersuchen. Als spezifisches Fallbeispiel werden hierzu Wortsuchsequenzen in Gesprächen mit Englisch als Lingua Franca fokussiert, die in einem Studierendenwohnheim an einer internationalen Universität in Japan über ein akademisches Jahr aufgenommen wurden. Konkret haben Aki S IEGEL und Paul S EEDHOUSE vier japanische Studentinnen gebeten, zweimal im Monat und über zwei Semester ein ca. dreißigminütiges Gespräch auf Englisch mit einem internationalen Studierenden, nicht L1-Sprecher*in des Englischen, per Video aufzunehmen. Im Sinne der Vergleichbarkeit sollte ein Gesprächspartner konstant bleiben, was jedoch nicht immer realisierbar war. Dieses Forschungsdesign wurde zum einen ausgewählt, weil die Wortsuchsequenzen als Momente dienen, in denen der interaktive Prozess des ‚sich Verständigens‘ am deutlichsten nachgezeichnet werden kann. Zum anderen verfügen die Teilnehmenden in diesem besonderen Setting nicht über eine volle Expertise in der englischen Sprache, beherrschen jedoch gleichzeitig die allgemeinen Interaktionsmechanismen. Dieser Kontrast ermöglicht eine differenzierte Betrachtung der Interaktion als „Infrastruktur“ (S. xii), getrennt von einer spezifischen Sprache. Der 250-seitige Band ist in 7 Kapitel untergliedert. Nachdem im ersten Kapitel die notwendigen terminologischen und theoretischen Grundlagen bezüglich der Theorie komplexer dynamischer Systeme eingeführt und Kontext der Studie, Datenkorpus und longitudinales Forschungsdesign erläutert werden, beschäftigt sich Kapitel 2 mit dem Forschungsstand zu Wortsuchsequenzen und deren Entwicklungsverläufen im Rahmen des L2 Spracherwerbs - unter besonderer Berücksichtigung der konversationsanalytischen Literatur. Darüber hinaus werden die neun Kernmerkmale der dynamischen Systeme (u.a. Selbstorganisation, Nichtlinearität, Adaptivität, Emergenz, Selbstähnlichkeit), die in Kapitel 1 nur angerissen wurden, hier ausführlich erklärt. Ein dritter und wesentlicher Punkt betrifft die Erläuterung, wie aus der Perspektive der Theorie komplexer dynamischer Systeme ‚Sprachlernen‘ und ‚Sprachentwicklung‘ als dynamische Adaptationsprozesse - an den Kontext und an die Gesprächspartner: innen - verstanden werden. Als notwendige Vorbereitung für die empirische Darstellung macht Kapitel 3 („Mirroring Methodology“) das Lesepublikum mit den Prinzipien und der Vorgehensweise der Konversationsanalyse vertraut. Über eine methodologische Einführung hinaus bietet das Kapitel eine Darstellung der Konversationsanalyse als komplexes dynamisches System, das daher am geeignetsten erscheint, ein ebenfalls komplexes dynamisches System wie die mündliche Interaktion zu untersuchen, denn nur eine Methodologie, die sich verändern und weiterentwickeln kann, kann die variierenden Phänomene der mündlichen Interaktion widerspiegeln und ange- 142 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-55-0011 55 • Heft 1 messen darstellen. Die Konversationsanalyse wird wiederum als ein Teil, ein „self-similar fractal“ (S. 76) der Theorie komplexer dynamischer Systeme gesehen, die allerdings auf einer Mikroskala, die Mikromomente der Interaktion, operiert. Diese nicht immer leicht zu verfolgende Argumentationslinie der ‚selbstreflektierenden Spiegel‘ zieht sich letztendlich durch das ganze Buch. In Kapitel 4 werden die Wortsuchsequenzen hinsichtlich ihrer Struktur und interner Organisation analysiert. Es werden die unterschiedlichen Verfahren und die - im ethnomethodologischen Sinne - Methoden gezeigt, mit denen das gegenseitige Verständnis eines Wortes sequenziell und interaktiv erreicht wird. Zu den wichtigsten Erkenntnissen zählt zum einen, dass bei allen Schwierigkeiten der Teilnehmenden stets die Selbstreparatur als bevorzugte Strategie zur Überbrückung von Wortschatzlücken angewendet wird; zum anderen wird deutlich, dass diese Sequenzen nicht als Problem, sondern als Lerngelegenheit verstanden werden. Insgesamt liegt der Fokus dieses Kapitels auf den Teilnehmenden als Kohorte d. h., das Hauptaugenmerk ist auf die Ähnlichkeiten gerichtet, die die Wortsuchsequenzen „as complex systems“ (S. 125) aufweisen. Demgegenüber untersucht Kapitel 5, wie sich die Wortsuchsequenzen bei jeder Teilnehmerin individuell, also fallspezifisch, im Laufe der Zeit verändern und entwickeln. Neben den individuellen Verläufen wird gezeigt, wie die Teilnehmenden sich an die Gesprächspartner: innen adaptieren und wie diese wiederum ihr Gesprächsverhalten modulieren. Die Studie bietet also feste empirische Daten über die Rolle des Kontexts, insbesondere der Gesprächspartner: innen, in der Entwicklung der Interaktionskompetenz. Kapitel 6 unternimmt den Versuch zu demonstrieren, wie die menschliche Interaktionskompetenz als ein dynamisches System funktioniert. Dazu werden zuerst die in Kapitel 2 erläuterten Merkmale komplexer dynamischer Systeme mit den Analyseergebnissen aus Kapitel 4 und 5 in Verbindung gebracht, und anschließend diese Prinzipien anhand der Analyse eines konkreten Beispiels aus dem Korpus auf Mikroebene veranschaulicht. Gerade in diesem ständigen Wechsel der Betrachtungslinse liegt eine der Stärken des Bandes. Durch die Kombination von Konversationsanalyse und der Theorie der komplexen dynamischen Systeme lässt sich ein Segment eines Gesprächs sowohl in seiner Komplexität und Einzigartigkeit erfassen, als auch in seiner strukturellen Ähnlichkeit mit anderen Interaktionsmomenten vergleichen. Im siebten Kapitel werden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst und die methodologischen Implikationen sowie zukünftige Forschungsperspektiven erläutert. Eine zentrale Erkenntnis ist die „universality of the interaction engine“ (S. 196): Trotz der vielen unterschiedlichen L1 und der nicht vollen Expertise in der L2 (Englisch) der Teilnehmenden, folgen die Wortsuchsequenzen erstaunlich ähnlichen Mustern über alle analysierten Beispiele hinweg. Aki S IEGEL und Paul S EEDHOUSE argumentieren, dass dies nur möglich ist, weil die Gesprächspartner: innen ein allen gemeinsam zugrunde liegendes Interaktionssystem teilen. Fazit: Der vorliegende Band ist eine faszinierende, zugleich jedoch voraussetzungsreiche Lektüre. Für den spezifischen Bereich der L2-Interaktion in nicht-institutionellen Kontexten handelt es sich bei dem Band um ein wesentliches Werk. Der reizvolle Ansatz, menschliche Interaktion als dynamisches System durch die Verbindung der Methodologie der Konversationsanalyse mit der (Meta-)Theorie komplexer dynamischer Systeme zu erforschen, ist in seinen Erläuterungen allerdings nicht immer leicht nachzuvollziehen. Während die Anwendung mancher Eigenschaften dynamischer Systeme (wie Nichtlinearität oder Adaptivität) auf die Wortsuchsequenzen sehr überzeugend dargestellt wird, erscheinen hingegen einige Argumentationslinien (vgl. bspw. 6.2.6 über Emergenz oder 6.2.8 über Selbstähnlichkeit) mitunter etwas forciert. Als „a tentative first step“ (S. 204), wie die Autor: innen es selbst bezeichnen, ist der Band nichtsdestotrotz beeindruckend. Man kann nur hoffen, dass weitere Studien und Initiati- Besprechungen 143 55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0012 ven in dieser Richtung, die Mikrophänomene des Sprechens in Theorien viel größerer Reichweite zu integrieren, zeitnah folgen. Göttingen M ARTA G ARCÍA G ARCÍA Denis W EGER : Professionelle Handlungskompetenz für mehrsprachig-sprachbewussten Unterricht entwickeln. Münster/ New York: Waxmann 2024, 332 Seiten [44,90 €, freier Download als PDF-Dokument] Übergeordnetes Ziel der an der Universität Wien angesiedelten Dissertationsstudie ist die Verringerung der strukturellen Benachteiligung „mehrsprachig-deutschsprachiger“ (S. 16) Schülerinnen und Schüler in einem Schulsystem, das durch seine monolingual-deutschsprachige Ausrichtung die mehrsprachigen Ressourcen dieser Lernenden weitgehend ausblendet und so zu einer mangelnden „Passung zwischen schulischer und lebensweltlicher Sprachverwendung“ beiträgt (S. 18, Kapitel 1, Seitenzahlen beziehen sich auf das PDF-Dokument). Die Konsequenzen einer solchen Ausblendung werden zunächst vor dem Hintergrund der Bedeutung von Sprache(n) für Lernprozesse im Allgemeinen und mit Blick auf die Bildungssprache Deutsch als Herausforderung für mehrsprachig-deutschsprachige Lernende in institutionalisierten Kontexten im Besonderen nachgezeichnet (Kapitel 2). Unter Bezug auf das Angebots-Nutzungsmodell nach Helmke (2015) spricht sich der Autor für einen Einbezug der gesamten sprachlichen Ressourcen aller Lernender in Lernangeboten aus. Diese Ressourcen sollen auch bei der Nutzung von Lernangeboten legitim gebraucht werden können, wobei eine gleichzeitige Förderung von Kompetenzen in der Bildungsbzw. Unterrichtssprache Deutsch anzustreben ist. Dieser Positionierung entsprechend werden bestehende Konzepte zur Herstellung der o.a. Passung vorgestellt und mit Blick auf ihre sprachenübergreifende Ausrichtung befragt (‚Konzept der durchgängigen Sprachbildung‘, ‚Curriculum Mehrsprachigkeit‘, ‚Referenzrahmen für plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen‘). Auch methodisch-didaktische Ansätze (‚Language Awareness‘, ‚Scaffolding‘, ‚sprachsensibler Fachunterricht‘, ‚sprachbewusster Unterricht‘, ‚Translanguaging‘) nebst empirischer Befunde zu deren Wirksamkeit werden dargelegt, ebenso wie österreichische und deutsche bildungspolitische Dokumente zur Etablierung einer fachübergreifenden Sprachenbildung in der Lehrkräftebildung. Diese Etablierung findet - das Kapitel abschließend - ihren Niederschlag in der Erläuterung des DaZKom-Projektes sowie fachübergreifender wie fremdsprachendidaktischer Studien. Die Zusammenhänge von Lehrkräftebildung, -handeln und Schülerlernen bilden den Ausgangspunkt für die professionstheoretische Rahmung der Studie (Kapitel 3): Nach einer umfassenden Darlegung der strukturtheoretischen, (berufs-)biographischen sowie kompetenzorientierten Perspektive einschließlich ihrer Implikationen für die Lehrkräfteprofessionalisierung erfolgt eine begründete Verortung der in der Studie konzipierten und evaluierten Lehrveranstaltung (LV) im primär kompetenzorientierten Ansatz. Ziel dieser LV ist die „möglichst nachhaltig[e]“ und „handlungswirksam[e]“ Förderung einer professionellen Handlungskompetenz für „mehrsprachig-sprachbewussten Unterricht“ angehender Lehrkräfte aller Fächer (S. 92). Hierbei wird der lehrkraftseitigen ‚professionellen Wahrnehmungskompetenz‘ maßgebliche Bedeutung als kompetenzförderndes wie -erfassendes Konstrukt zugesprochen, das als „Indikator“ und „Prädiktor“ für professionelles Handeln in der (zukünftigen) Praxis der Studienteilnehmer gefasst wird (S. 76, 93). Dieser Bedeutung entsprechend bietet der Autor eine ausführliche Betrachtung sowohl der Begriffsgenese als auch (internationaler) empirischer Studien zu
