eJournals Fremdsprachen Lehren und Lernen55/1

Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-55-0012
flul551/flul551.pdf0511
2026
551 Gnutzmann Küster Schramm

Denis WEGER: Professionelle Handlungskompetenz für mehrsprachig-sprachbewussten Unterricht entwickeln. Münster/New York: Waxmann 2024, 332 Seiten [44,90 €, freier Download als PDF-Dokument]

0511
2026
Heike Niesen
flul5510143
Besprechungen 143 55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0012 ven in dieser Richtung, die Mikrophänomene des Sprechens in Theorien viel größerer Reichweite zu integrieren, zeitnah folgen. Göttingen M ARTA G ARCÍA G ARCÍA Denis W EGER : Professionelle Handlungskompetenz für mehrsprachig-sprachbewussten Unterricht entwickeln. Münster/ New York: Waxmann 2024, 332 Seiten [44,90 €, freier Download als PDF-Dokument] Übergeordnetes Ziel der an der Universität Wien angesiedelten Dissertationsstudie ist die Verringerung der strukturellen Benachteiligung „mehrsprachig-deutschsprachiger“ (S. 16) Schülerinnen und Schüler in einem Schulsystem, das durch seine monolingual-deutschsprachige Ausrichtung die mehrsprachigen Ressourcen dieser Lernenden weitgehend ausblendet und so zu einer mangelnden „Passung zwischen schulischer und lebensweltlicher Sprachverwendung“ beiträgt (S. 18, Kapitel 1, Seitenzahlen beziehen sich auf das PDF-Dokument). Die Konsequenzen einer solchen Ausblendung werden zunächst vor dem Hintergrund der Bedeutung von Sprache(n) für Lernprozesse im Allgemeinen und mit Blick auf die Bildungssprache Deutsch als Herausforderung für mehrsprachig-deutschsprachige Lernende in institutionalisierten Kontexten im Besonderen nachgezeichnet (Kapitel 2). Unter Bezug auf das Angebots-Nutzungsmodell nach Helmke (2015) spricht sich der Autor für einen Einbezug der gesamten sprachlichen Ressourcen aller Lernender in Lernangeboten aus. Diese Ressourcen sollen auch bei der Nutzung von Lernangeboten legitim gebraucht werden können, wobei eine gleichzeitige Förderung von Kompetenzen in der Bildungsbzw. Unterrichtssprache Deutsch anzustreben ist. Dieser Positionierung entsprechend werden bestehende Konzepte zur Herstellung der o.a. Passung vorgestellt und mit Blick auf ihre sprachenübergreifende Ausrichtung befragt (‚Konzept der durchgängigen Sprachbildung‘, ‚Curriculum Mehrsprachigkeit‘, ‚Referenzrahmen für plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen‘). Auch methodisch-didaktische Ansätze (‚Language Awareness‘, ‚Scaffolding‘, ‚sprachsensibler Fachunterricht‘, ‚sprachbewusster Unterricht‘, ‚Translanguaging‘) nebst empirischer Befunde zu deren Wirksamkeit werden dargelegt, ebenso wie österreichische und deutsche bildungspolitische Dokumente zur Etablierung einer fachübergreifenden Sprachenbildung in der Lehrkräftebildung. Diese Etablierung findet - das Kapitel abschließend - ihren Niederschlag in der Erläuterung des DaZKom-Projektes sowie fachübergreifender wie fremdsprachendidaktischer Studien. Die Zusammenhänge von Lehrkräftebildung, -handeln und Schülerlernen bilden den Ausgangspunkt für die professionstheoretische Rahmung der Studie (Kapitel 3): Nach einer umfassenden Darlegung der strukturtheoretischen, (berufs-)biographischen sowie kompetenzorientierten Perspektive einschließlich ihrer Implikationen für die Lehrkräfteprofessionalisierung erfolgt eine begründete Verortung der in der Studie konzipierten und evaluierten Lehrveranstaltung (LV) im primär kompetenzorientierten Ansatz. Ziel dieser LV ist die „möglichst nachhaltig[e]“ und „handlungswirksam[e]“ Förderung einer professionellen Handlungskompetenz für „mehrsprachig-sprachbewussten Unterricht“ angehender Lehrkräfte aller Fächer (S. 92). Hierbei wird der lehrkraftseitigen ‚professionellen Wahrnehmungskompetenz‘ maßgebliche Bedeutung als kompetenzförderndes wie -erfassendes Konstrukt zugesprochen, das als „Indikator“ und „Prädiktor“ für professionelles Handeln in der (zukünftigen) Praxis der Studienteilnehmer gefasst wird (S. 76, 93). Dieser Bedeutung entsprechend bietet der Autor eine ausführliche Betrachtung sowohl der Begriffsgenese als auch (internationaler) empirischer Studien zu 144 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-55-0012 55 • Heft 1 deren Förderung, insbesondere durch videobasierte Professionalisierungsformate der mathematik- und fremdsprachendidaktischen Lehrkräftebildung. Forschungsdesign und -methoden der Studie (Kapitel 4, 5) sind im besten Sinne als komplex zu bezeichnen, nehmen breiten Raum im Gesamtwerk ein und stellen einen bemerkenswerten Beitrag zum Fachdiskurs dar. Grundsätzlich im Design-Based Research mit seiner doppelten Ausrichtung auf die Generierung theoretisch-empirischer Erkenntnisse sowie die Konzipierung und Evaluierung innovativer Professionalisierungsformate verortet, entfaltet der Autor in detaillierter Weise und stets unter Rückbezug auf einschlägige Literatur das eigene Vorgehen: Sowohl der Prototyp als auch die konsolidierte Fassung der LV wurden formativ sowie summativ (mittels reflexiver Protokolle sowie fragebogenbasiert) evaluiert. Im Zentrum steht die summative Evaluation der konsolidierten LV, die 2018/ 19 dreimal im fachübergreifenden BA-Studiengang angeboten wurde. Zur Erkenntniserweiterung wurden zwei Datenerhebungsinstrumente eingesetzt: Zur Generierung von Einsichten in die Entwicklung, Differenziertheit und themenspezifische Ausrichtung der professionellen Wahrnehmung der Teilnehmenden (n=52) wurden vier Videovignetten von selbigen fragebogenbasiert analysiert und diese Ergebnisse sodann inhaltsanalytisch unter Verwendung deduktiver wie induktiver Kategorien strukturiert-evaluativ ausgewertet, quantifiziert und inferenzstatistischen Auswertungen unterzogen. Die studentischen Analysen fungierten als Ausgangspunkte für das sich anschließende Verfahren des ‚Lauten Erinnerns‘ (n=11), dessen textlinguistische Auswertung Rückschlüsse auf den Grad und die Tiefe der studentischen Verarbeitung der LV-Inhalte ermöglichte. Die akribischen Ausführungen bieten ein hohes Maß an intersubjektiver Nachvollziehbarkeit, vor allem mit Blick auf die ausführliche Beschreibung der LV und die Kontextualisierung der eingesetzten Videovignetten zu mehrsprachig-sprachbewusstem Mathematik- und Geschichtsunterricht. Selbiges gilt für die Darstellung der Entwicklung, curricularen Verortung und inhaltlichen Gestaltung bzw. Zielsetzung des Prototyps der LV, deren Evaluationen nicht nur in didaktischen, sondern auch in Adaptionen der Leitfragen für die Analysen der Videovignetten und der Durchführungsmodalitäten des ‚Lauten Erinnerns‘ mündeten (Kapitel 6). Minutiös lassen sich sodann die inhaltlichen sowie didaktischen Konzipierungen der Einzelsitzungen der LV anhand der entsprechenden Verlaufspläne nachvollziehen. Die Auswertungen der studentischen Videovignettenanalysen (Kapitel 7) zeigen Entwicklungen in den drei Dimensionen professioneller Wahrnehmung ‚Beschreibung‘ (K1), ‚Erklärung des Handelns der Lehrperson‘ (K2), und ‚Vorhersage auf Lernprozesse der Schüler‘ (K3) vom ersten zum zweiten Erhebungszeitpunkt, wobei K1 und K3 hoch signifikante Entwicklungen bei mittlerer Effektstärke aufweisen. Diese Entwicklungen werden vom Autor in angebracht tentativer Weise auf den Besuch der LV zurückgeführt, ebenso wie die Zunahme an „differenziert-lernprozessfokussiert[en]“ studentischen Äußerungen sowie eine Verschiebung des Analysefokus hin zu schülerseitigen Lernprozessen (S. 212, 255). Die LV erwies sich zudem als wahrnehmungsförderlich hinsichtlich der thematischen Schwerpunkte der vier Videovignetten („Klarheit und Strukturiertheit des Unterrichts“, „Micro-Scaffolding“, „Mehrsprachigkeit und Translanguaging“, „Sprachvergleich, Language Awareness und Othering“ (S. 219, 228, 236, 245). Zwar identifiziert der Autor in diesem Zusammenhang durchaus Entwicklungsbedarfe der LV, in der Breite zeigen sich die Wahrnehmungen der Teilnehmer jedoch erwartungskonform insofern, als die Themen der LV in den Videovignetten, bei denen es sich um good practice unterrichtspraktischer Umsetzungen dieser Inhalte handelte, erkannt und bzgl. ihres lernförderlichen Potenzials analysiert wurden. Eine Erweiterung dieser Erkenntnisse bieten die Auswertungen der durch ‚Lautes Erinnern‘ generierten Daten (Kapitel 8): Durch transkribierte Auszüge veranschaulicht werden vier Besprechungen 145 55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0013 „sprachliche Darstellungsmuster“ (S. 260) identifiziert, die auf erfolgreiche, in Teilen erfolgreiche sowie auf nicht erfolgreiche studentische Verarbeitungen der LV-Inhalte schließen lassen, letztere aufgrund fehlenden Wissens oder den Inhalten zuwiderlaufenden Überzeugungen. Den abschließenden Betrachtungen der Arbeit vorangestellt ist eine prägnante Herausarbeitung „konsolidierte[r] Gestaltungsprinzipien“ der LV, zu verstehen als „präskriptive Handlungsleitlinien“ (Kapitel 9). Gepaart mit den o.a. detaillierten Darstellungen der Einzelsitzungen ermöglichen diese Prinzipien Replikationen der LV in der Lehrkräftebildung, die jedoch ggf. fachspezifisch adaptiert werden müssten. Die Anregungen zu möglichen Anschlussforschungen fallen recht kurz aus (Kapitel 10). Sie können interessierten Leserinnen und Lesern jedoch wertvolle Impulse liefern, etwa hinsichtlich der Fragen, inwiefern sich eine explizitere Förderung professioneller Wahrnehmung als Lerngegenstand der LV, der Einsatz von Videovignetten, die regular practice zeigen, oder etwa alternative Videoanalyseleitfragen auf die Resultate zum zweiten Erhebungszeitpunkt ausgewirkt hätten. Leipzig H EIKE N IESEN Can K ÜPLÜCE : Digitalität in Englischunterricht und Lehrkräftebildung. Mixed-Methods-Studie zu digitalitätsbezogenen Vorstellungen angehender Englischlehrkräfte. Tübingen: Narr Francke Attempto 2024 (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik), 303 Seiten [74,00 €] Diese im Rahmen eines BMBF-geförderten Projekts entstandene Studie untersucht die Vorstellungen angehender Englischlehrkräfte an der Ruhr-Universität Bochum, die als „digitalitätsbezogen“ konzeptualisiert werden. Dem Autor geht es dabei um die „Abkehr von einem (rein) medialen Digitalisierungsverständnis hin zu einem ganzheitlichen, (lern-)kulturellen Verständnis von Digitalität“ (S. 16). Letztgenannter Begriff ist eine Kombination von Digital und Realität, d.h. er bezieht sich weniger auf die technologische Transformation selbst, sondern vielmehr auf die mit jeder Innovation entstehende neue Seinswirklichkeit. Werden Bücher in PDF- Dokumente umgewandelt, so spreche man von Digitalisierung. Digitalität beschreibt hingegen den sich dadurch neu ergebenden Zustand - am Beispiel der PDF-Dokumente also die „Auswirkungen des unmittelbar verfügbaren und unendlich replizierbaren und teilbaren Wissens und diesbezügliche Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen Prozessen“ (S. 29). So weit, so interessant. Tatsächlich gelingt dem Autor eine epistemisch wertvolle Theoretisierung rund um Digitalität und deren Implikationen für das Fremdsprachenlernen. Die Theorie einer „Kultur der Digitalität“ (nach Felix Stalder) auf bestimmte fremdsprachendidaktisch interessierende Phänomene anzuwenden, bietet neue Blickwinkel. Drei sogenannte Perspektivlinien der Digitalität für (Englisch-)Unterricht und Lehrkräfte werden dargelegt und exemplifiziert: Entgrenzung (Beispiel: virtual exchange), Adaptivität (Beispiel: multimodal learning analytics), Automatisierung (Beispiel: Künstliche Intelligenz). Der Autor scheint hier drei in seinen Augen besonders zukunftsträchtige Verwendungsweisen anzuführen, interessiert sich jedoch nicht für die in schulischen und universitären Kontexten bereits deutlich etablierteren Praktiken, welche auf älteren digitalen Technologien (z.B. Textverarbeitungsprogramme, Learning-Management- Systeme oder Präsentationssoftware) basieren. So wertvoll die fremdsprachendidaktische Ausdeutung von Digitalität, so langatmig gerät leider der restliche Vorlauf zum empirischen Teil. Hier versucht der Autor, den ausufernden fremdsprachendidaktischen Digitalisierungsdiskurs abzubilden, und thematisiert dabei Konzepte wie CALL (Kapitel 2) sowie bildungspolitische Rahmenvorgaben (Kapitel 4). Das Konstrukt der Vorstellungen wird von dem der subjektiven Theorien sowie von dem