Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
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Gnutzmann Küster SchrammCan KÜPLÜCE: Digitalität in Englischunterricht und Lehrkräftebildung. Mixed-Methods-Studie zu digitalitätsbezogenen Vorstellungen angehender Englischlehrkräfte. Tübingen: Narr Francke Attempto 2024 (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik), 303 Seiten [74,00 €]
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Leo Will
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Besprechungen 145 55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0013 „sprachliche Darstellungsmuster“ (S. 260) identifiziert, die auf erfolgreiche, in Teilen erfolgreiche sowie auf nicht erfolgreiche studentische Verarbeitungen der LV-Inhalte schließen lassen, letztere aufgrund fehlenden Wissens oder den Inhalten zuwiderlaufenden Überzeugungen. Den abschließenden Betrachtungen der Arbeit vorangestellt ist eine prägnante Herausarbeitung „konsolidierte[r] Gestaltungsprinzipien“ der LV, zu verstehen als „präskriptive Handlungsleitlinien“ (Kapitel 9). Gepaart mit den o.a. detaillierten Darstellungen der Einzelsitzungen ermöglichen diese Prinzipien Replikationen der LV in der Lehrkräftebildung, die jedoch ggf. fachspezifisch adaptiert werden müssten. Die Anregungen zu möglichen Anschlussforschungen fallen recht kurz aus (Kapitel 10). Sie können interessierten Leserinnen und Lesern jedoch wertvolle Impulse liefern, etwa hinsichtlich der Fragen, inwiefern sich eine explizitere Förderung professioneller Wahrnehmung als Lerngegenstand der LV, der Einsatz von Videovignetten, die regular practice zeigen, oder etwa alternative Videoanalyseleitfragen auf die Resultate zum zweiten Erhebungszeitpunkt ausgewirkt hätten. Leipzig H EIKE N IESEN Can K ÜPLÜCE : Digitalität in Englischunterricht und Lehrkräftebildung. Mixed-Methods-Studie zu digitalitätsbezogenen Vorstellungen angehender Englischlehrkräfte. Tübingen: Narr Francke Attempto 2024 (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik), 303 Seiten [74,00 €] Diese im Rahmen eines BMBF-geförderten Projekts entstandene Studie untersucht die Vorstellungen angehender Englischlehrkräfte an der Ruhr-Universität Bochum, die als „digitalitätsbezogen“ konzeptualisiert werden. Dem Autor geht es dabei um die „Abkehr von einem (rein) medialen Digitalisierungsverständnis hin zu einem ganzheitlichen, (lern-)kulturellen Verständnis von Digitalität“ (S. 16). Letztgenannter Begriff ist eine Kombination von Digital und Realität, d.h. er bezieht sich weniger auf die technologische Transformation selbst, sondern vielmehr auf die mit jeder Innovation entstehende neue Seinswirklichkeit. Werden Bücher in PDF- Dokumente umgewandelt, so spreche man von Digitalisierung. Digitalität beschreibt hingegen den sich dadurch neu ergebenden Zustand - am Beispiel der PDF-Dokumente also die „Auswirkungen des unmittelbar verfügbaren und unendlich replizierbaren und teilbaren Wissens und diesbezügliche Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen Prozessen“ (S. 29). So weit, so interessant. Tatsächlich gelingt dem Autor eine epistemisch wertvolle Theoretisierung rund um Digitalität und deren Implikationen für das Fremdsprachenlernen. Die Theorie einer „Kultur der Digitalität“ (nach Felix Stalder) auf bestimmte fremdsprachendidaktisch interessierende Phänomene anzuwenden, bietet neue Blickwinkel. Drei sogenannte Perspektivlinien der Digitalität für (Englisch-)Unterricht und Lehrkräfte werden dargelegt und exemplifiziert: Entgrenzung (Beispiel: virtual exchange), Adaptivität (Beispiel: multimodal learning analytics), Automatisierung (Beispiel: Künstliche Intelligenz). Der Autor scheint hier drei in seinen Augen besonders zukunftsträchtige Verwendungsweisen anzuführen, interessiert sich jedoch nicht für die in schulischen und universitären Kontexten bereits deutlich etablierteren Praktiken, welche auf älteren digitalen Technologien (z.B. Textverarbeitungsprogramme, Learning-Management- Systeme oder Präsentationssoftware) basieren. So wertvoll die fremdsprachendidaktische Ausdeutung von Digitalität, so langatmig gerät leider der restliche Vorlauf zum empirischen Teil. Hier versucht der Autor, den ausufernden fremdsprachendidaktischen Digitalisierungsdiskurs abzubilden, und thematisiert dabei Konzepte wie CALL (Kapitel 2) sowie bildungspolitische Rahmenvorgaben (Kapitel 4). Das Konstrukt der Vorstellungen wird von dem der subjektiven Theorien sowie von dem 146 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-55-0013 55 • Heft 1 der beliefs abgegrenzt. Im Vergleich zu diesen seien Vorstellungen weniger konsolidiert und weniger handlungsleitend. Digitalitätsbezogene Vorstellungen beziehen sich einerseits auf die Definition von Digitalität selbst, also darauf, was Digitalität überhaupt sei. Andererseits beziehen sie sich auf den Einfluss, den die Digitalität auf Lehr- und Lernprozesse nehme (S. 110). Hiermit ist das theoretische Fundament für die empirische Untersuchung (Interviewstudie) gelegt. Die gesamte Erhebung musste unter den Umständen der durch die Corona-Pandemie erzwungenen Online-Lehre stattfinden, was jedoch vor dem Hintergrund des Forschungsinteresses als „Glücksfall“ (S. 18) bezeichnet wird. Behauptet wird, „dass nicht trotz, sondern gerade aufgrund der Pandemie einzigartige Erkenntnisse generiert werden konnten, die nicht nur in, sondern gerade post-Covid Relevanz für die digitalitätsbezogene (Englisch-)Lehrkräftebildung beanspruchen können“ (S. 20). Die Forschungsfragen berücksichtigen daher sinnvollerweise den pandemischen Kontext: 1. Welche Vorstellungen vom Englischunterricht unter Bedingungen der Digitalität haben M. Ed. Studierende in der Covid-19-Pandemie? 2. Welchen Stellenwert haben digitale Technologien im Englischunterricht für Studierende und in welcher Beziehung steht dies zu ihren pandemiebedingten Lernerfahrungen? Die Hauptstudie besteht aus 32 teilstrukturierten Interviews, welche sowohl qualitativ nach Kuckartz als auch quantitativ entsprechend der Epistemic Network Analysis (Shaffer) ausgewertet wurden. Die Epistemische Netzwerkanalyse (ENA) ist eine elektronische Auswertungsmethode, die verwendet wird, um innerhalb des bereits codierten Materials zu eruieren, in welcher Ausprägung bestimmte Ideen oder Themen miteinander verbunden sind. Sie macht aus qualitativen Daten ein Netzwerk-Diagramm, innerhalb dessen dicke Linien starke Verbindungen anzeigen. Die intuitive Handhabung der gegenwärtig kostenlos verfügbaren ENA-Tools könnte die Methode zu einer baldigen Standardprozedur machen. Der konkrete epistemische Mehrwert für die vorliegende Studie wird nicht ganz deutlich, was vor allem daran liegt, dass sich die Ergebnisdiskussion in Kapitel 9.4 nicht ausreichend vom methodologischen Duktus löst und ein wenig inferenzscheu daherkommt. Leider erfährt der*die Leser*in auch zu wenig über die Bestandteile des verwendeten Interviewleitfadens. Lediglich die deduktiven Oberkategorien der Auswertung werden kenntlich gemacht (S. 155): (1) Erfahrungen im dig. Semester, (2) Erfahrungen mit dig. Lehre in der Schule, (3) Planungsschritte eigener dig. Lehre, (4) Beschreibungen optimalen, dig. Unterrichts, (5) Potenziale dig. Unterrichts, (6) Herausforderungen des dig. Unterrichts, (7) eigene digitalitätsbezogene Kompetenzen, (8) Beschreibungen einer kompetenten Lehrkraft, (9) pandemiebezogene Aussagen, (10) Zukunft des Lehrberufs, (11) Fremdsprachenunterricht der Zukunft. Erwähnenswert ist, dass die Studierenden u.a. zu ihren Erfahrungen im Praxissemester befragt wurden, wobei auch diese stark von den Coronamaßnahmen beeinflusst waren. Aus den Daten werden vier digitalitätsbezogene Vorstellungstypen gebildet und anhand prototypischer Einzelfälle dargestellt. Die Typen werden entlang zweier Dimensionen gebildet: (1) mediales vs. (lern-)kulturelles Begriffsverständnis und (2) Assimilation in bestehende Praktiken vs. Akkommodation von Praktiken. Der Autor verhehlt kaum, dass er Vorstellungstypen, die (lern- )kulturell geprägt sind und im Denkmodus der Akkommodation operieren, für besonders kompetent hält (S. 185ff.), denn ihnen gelingt es, „Schule neu [zu] denken“ (S. 213). Allein: Man hätte sich seitens des Autors ein explizites Bekenntnis zu dieser kompetenztheoretischen Festlegung gewünscht, wodurch auch eine schärfere Trennung zwischen Empirie und normativer Argumentation möglich geworden wäre. So aber schwingt die Normativität stetig mit. Interessant ist grundlegend, dass für einen großen Teil der Befragten technische Aspekte von Digitalität im Vordergrund stehen und „keine weiteren Perspektiven - wie beispielsweise Besprechungen 147 55 • Heft 1 DOI 10.24053/ FLuL-55-0014 der Entgrenzung, Adaptivität oder Automatisierung - unter den Begriffen digital, digitalgestützt, Digitalisierung und Digitalität vorstellbar zu sein scheinen“ (S. 215f.). Ohne ein solches Abstraktionsvermögen, so lässt sich mutmaßen, können Englischlehrkräfte die didaktischen Potenziale und Limitationen einzelner Technologien kaum erkennen. Sie verbleiben auf einer analytisch oberflächlichen Ebene, etwa auf den Stufen von Substitution und Augmentation nach Puenteduras SAMR-T-Modell. Zum Abgleich wurden zwei Expert*innen anhand desselben Interviewleitfadens befragt und tatsächlich „fokussieren die Expert*innen deutlich Modification, Redefinition und insbesondere Transformation“ (S. 242). Der Autor folgert, dass die Studierenden während der Pandemie scheinbar „keine ausreichenden Erfahrungen zu digitaler bzw. digital-gestützter Lehre gemacht haben oder internalisieren konnten, die eine andere Perspektive auf Digitalisierung und Digitalität hätten befördern können“ (S. 254f.). Kurzum, der pandemische Notstand und die von den Teilnehmenden erlebten, primär substitutiven Verwendungen digitaler Technologien haben kaum positive Denkräume zugelassen. Wer aber waren nun diese Expert*innen? Der Autor entschied sich für zwei Professor*innen, deren Fachzugehörigkeit und Forschungsprofil jeweils aus Anonymitätsgründen nicht kenntlich gemacht werden. Die Wahl fiel jedenfalls nicht auf aktive Englischlehrkräfte. Auch hierdurch erfährt der*die Leser*in etwas über die normative Ausrichtung des Projekts. Im Gesamtfazit resümiert der Autor, dass das pandemisch forcierte emergency remote teaching keine „lernkulturelle Revolution“ (S. 272) ausgelöst habe, dass letztere aber grundsätzlich wünschenswert oder gar notwendig sei, und zwar im Sinne einer „Neuausrichtung des Verständnisses von Lernen […] unter Bedingungen der Digitalität“ (S. 273). Diese Aussage ist im Lichte der hier behandelten Daten sowohl deskriptiv als auch normativ prekär, wurden doch lediglich die Vorstellungen angehender Englischlehrkräfte untersucht. Hier zeigt sich, dass die interpretative Rahmung der Studie - sowohl in ihrer Betitelung als auch in ihrem epistemischen Generalisierungsanspruch („post-Covid“) - nur sehr grob an die gelieferten Befunde angepasst ist. Ein wenig irreführend ist beispielsweise, dass „Englischunterricht“ prominent im Buchtitel erscheint. Und dennoch ist die Studie hochinteressant, nämlich wenn man wissen möchte, wie sich aktuelle Umwälzungen im Alltag sowie im öffentlichen Diskurs auf die Vorstellungen von (angehenden) Fremdsprachenlehrkräften auswirken. Zurecht weist der Autor darauf hin, dass eine ähnliche Studie im heutigen Diskursklima, welches weniger von Zoom-Calls und dafür umso mehr vom Hype um generative KI bestimmt ist, eine wertvolle Ergänzung zur hier vorliegenden Untersuchung bieten würde. Zu hoffen ist, dass vor allem das kulturwissenschaftliche Konstrukt der Digitalität in künftigen Forschungsarbeiten Berücksichtigung findet. Allein durch diesen konzeptuellen Import gelingt es dem Autor, eine Horizontweitung anzustoßen. Die fremdsprachendidaktische Ausschärfung des Konstrukts wurde hier entscheidend vorangetrieben, sollte jedoch zum Gegenstand weiterer Projekte werden. Gießen L EO W ILL Jannik S CHWEBEL -S CHMITT : Demokratielernen im Fremdsprachenunterricht. Kompetenzen, Feedback und Einstellungen von Lernenden. Eine explorative Studie im Fach Spanisch. Hannover/ Stuttgart: ibidem 2025, 314 Seiten [€ 39,90] Antidemokratische und illiberale Kräfte gewinnen in Deutschland in besorgniserregendem Maße an Einfluss, und in einigen Ländern Europas wie auch in den USA lässt sich bereits beobachten, wie schnell demokratische Institutionen erodieren, sich autokratische Strukturen
