eJournals Fremdsprachen Lehren und Lernen55/1

Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FLuL-55-0015
flul551/flul551.pdf0511
2026
551 Gnutzmann Küster Schramm

Paula KALAJA, Sílvia MELO-PFEIFER (Hrsg.): Visualising Language Students and Teachers as Multilinguals: Advancing Social Justice in Education. Bristol: Multilingual Matters 2025, 312 Seiten [Open Access]

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2026
Irene Heidt
flul5510150
150 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-55-0015 55 • Heft 1 tenzentwicklungen lassen sich m.E. jedoch nicht valide in der gegebenen Kurzfristigkeit ermitteln. Zudem bleibt die knappe Aussage (S. 172f.), dass eine reliable Datenauswertung durch die Mitwirkung von Didaktiker: innen „mit unterschiedlichen fachlich-inhaltlichen Schwerpunkten“ gewährleistet sei, vage und ohne nähere Informationen schwer nachvollziehbar. Unglücklich ist in meinen Augen nicht zuletzt die vom Autor eingenommene Doppelrolle als Unterrichtender und als Forscher, da sich eine Befangenheit der Lernenden bei der Bewertung des Unterrichtsdesigns kaum ausschließen lässt. Grundsätzlich bleibt ohnehin zu fragen, ob die Unterrichtsevaluationen über die Funktion eines Feedbacks an die Lehrkraft hinaus einen Beitrag zur Forschung leisten können. Das Verdienst der Arbeit sehe ich der geäußerten Kritik zum Trotz in der Verknüpfung politik- und fremdsprachendidaktischer Diskurse und der von ihr ausgehenden empirischen Erhebung. Diese liefert eine Exploration des Gegenstandsgebiets, die für Anschlussforschungen hilfreich sein kann. Berlin L UTZ K ÜSTER Paula K ALAJA , Sílvia M ELO -P FEIFER (Hrsg.): Visualising Language Students and Teachers as Multilinguals: Advancing Social Justice in Education. Bristol: Multilingual Matters 2025, 312 Seiten [Open Access] Obwohl Fragen von Mehrsprachigkeit und sozialer Gerechtigkeit in der Sprachlehr- und -lernforschung zunehmend an Bedeutung gewonnen haben, sind empirisch fundierte sowie künstlerisch-ästhetische (arts-based) Zugänge zur Erforschung gelebter Mehrsprachigkeit bislang selten geblieben. Der von Paula Kalaja und Sílvia Melo-Pfeifer herausgegebene Sammelband greift dieses Forschungsdesiderat auf und verbindet es mit einer social justice-Perspektive, welche die enge Verwobenheit von sprachlicher Diversität und sozialer Ungleichheit in Bildungsinstitutionen in den Blick nimmt. Das einleitende Kapitel der Herausgeberinnen bietet hierfür einen umfassenden theoretischen Rahmen: Es zeichnet die Entwicklung des multilingual und visual turn innerhalb der Sprachlehr- und -lernforschung nach, diskutiert zentrale Konzepte wie Pluri- und Multilingualismus, Translanguaging und social justice und verortet diese in einer kritischen Auseinandersetzung mit monolingualen, logozentrischen und ableistischen Forschungstraditionen. Mehrsprachigkeit wird von den Herausgeberinnen als gelebte, subjektive und situierte Praxis verstanden, die sich nicht ausschließlich sprachlich, sondern auch multimodal und multisemiotisch vollzieht. Dabei trägt der künstlerisch-ästhetische Forschungsansatz dazu bei, subjektive Mehrsprachigkeitserfahrungen sichtbar zu machen und somit die Dominanz sprachlichtextueller Ausdrucksformen zu hinterfragen: „incorporating drawings and different semiotic resources challenges the dominance of text-based narratives and opens up space for alternative ways of knowing and sharing stories, also impacting research dissemination strategies“ (S. 5). Damit wird die Möglichkeit eröffnet, Erfahrungen, Emotionen und Wissensformen in der Sprachlehr- und -lernforschung einzubeziehen, die sich jenseits des Verbalschriftlichen artikulieren. Dies markiert einen Schritt hin zu einer epistemisch inklusiveren und diversitätssensibleren Forschungspraxis, die einen Beitrag zu social justice leistet. Der Band versammelt dreizehn empirische Beiträge aus unterschiedlichen geografischen Kontexten und ist in drei Teile gegliedert, die jeweils eine zeitliche Dimension von Mehrsprachigkeitserfahrungen - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - in den Blick nehmen. Teil I (Vergangenheit) umfasst vier Beiträge, die aufzeigen, wie künstlerisch-ästhetische Besprechungen 151 54 • Heft 2 DOI 10.24053/ FLuL-55-0015 Forschungsmethoden zur Rekonstruktion individueller Mehrsprachigkeitsbiografien herangezogen werden können, um Bildungserfahrungen sowie damit verbundene soziale Ungleichheiten analytisch zu erfassen. Der Beitrag von Karita Mård-Miettinen und Siv Björklund untersucht anhand von Fotografien und Foto-Elicitation-Interviews, wie 17 finnische majority-language students in einem schwedischsprachigen Immersionsprogramm der 5. und 8. Klasse ihre Mehrsprachigkeit außerhalb des Unterrichts erleben, nutzen und reflektieren. Daniel Roy Pearce, Mayo Oyama und Danièle Moore beleuchten anhand von Polyethnografien zweier in Japan tätiger Assistant Language Teachers (ALTs), die häufig als sogenannte native speakers aus dem Ausland rekrutiert werden, wie deren plurilinguale Ressourcen sichtbar werden und zugleich monolinguale Normen sowie den „nativized status quo“ (S. 46) der ALTs hinterfragen. Sílvia Melo-Pfeifer zeigt in ihrem Beitrag, wie angehende Französischlehrkräfte der Universität Hamburg mithilfe visueller Biografien ihre Berufswahl reflektieren. Die multimodale Inhaltsanalyse verdeutlicht, dass Karriereentscheidungen biografisch, sprachlich und institutionell geprägt sind und visuelle Forschungsmethoden implizite Orientierungen, soziale Ungleichheiten und intersektionale Dynamiken im Zugang zum Lehrer*innenberuf sichtbar machen. Ana Carolina und De Laurentiis Brand-o zeigen anhand von visual journals zweier Englischlehrerinnen an öffentlichen Schulen in Brasilien, wie diese im pandemiebedingten Onlineunterricht mit Momenten der Ungewissheit umgehen und Resilienz entwickeln. Teil II (Gegenwart) versammelt sechs Beiträge, die mithilfe visueller Forschungsmethoden untersuchen, welche aktuellen Überzeugungen, Sprachideologien und Haltungen zu individueller und gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit bestehen und wie diese die Subjektivität von Lehrenden und Lernenden beeinflussen. Heidi Niemelä zeigt anhand von Zeichnungen finnischer Grundschüler*innen, dass monolinguale Ideologien im Schulkontext fortbestehen, indem viele der Grundschüler*innen Finnisch eng mit nationaler Identität und Homogenität verknüpfen, während mehrsprachige Lernende es insbesondere als eine von mehreren Alltagssprachen wahrnehmen. André Storto stellt ein partizipativ-exploratives Forschungsprojekt an norwegischen Sekundarschulen vor, in dem Schüler*innen mithilfe digitaler Datenvisualisierungen, Fragebögen und interaktiver Sitzungen mit den Forscher*innen ihre Vorstellungen von Mehrsprachigkeit reflektieren und aktiv zur Wissensproduktion über Mehrsprachigkeit beitragen. Vander Tavares untersucht mithilfe von Interviews und Fotografien die Auslandserfahrungen dreier internationaler Studierender an einer kanadischen Universität und gibt dabei Einblicke in ihre Erfahrungen von Isolation, Einsamkeit und Nicht-Zugehörigkeit. So-Yeon Ahn Z eigt, wie Studierende in Südkorea im Rahmen eines linguistic landscape-Lehrprojekts mehrsprachige und multimodale Zeichen in öffentlichen Räumen analysieren und dabei ein kritisches Sprachbewusstsein sowie (inter-)kulturelle Perspektiven auf ihren lokalen Kontext entwickeln. Ana Sofia Pinho und Maria de Lurdes Gonçalves analysieren visuelle Narrative von angehenden Englischlehrkräften in Portugal und routinierten Portugiesischlehrkräften in der Schweiz und zeigen, dass beide Gruppen weitgehend monolinguale und statische Kultur- und Sprachverständnisse vertreten. Vor diesem Hintergrund betonen die Autorinnen die Notwendigkeit, „to engage preand in-service teachers in the agentive transformation of their storylines and identities, from a social justice lens“ (S. 213). Josh Prada präsentiert eine Fallstudie einer Lehramtsstudentin aus Deutschland, die an einem internationalen Workshop zur Förderung von translanguaging awareness in den USA teilnahm. Anhand ihres Lerntagebuchs und eines künstlerischen Artefakts, verdeutlicht der Beitrag die Relevanz von transknowledging in der Lehrkräftebildung, „which refers to a process of knowledge production that transcends the dominant Western epistemology and incorporates diverse ways of knowing the world“ (S. 234). In Teil III (Zukunft) finden sich drei Beiträge zu Zukunftsvisionen von Mehrsprachigkeit in der Fremdsprachenlehrkräftebildung. Paula Kalaja und Katja Mäntylä analysieren multimo- 152 Besprechungen DOI 10.24053/ FLuL-55-0015 55 • Heft 1 dale Narrative von 67 finnischen Lehramtsstudierenden, in denen diese ihren zukünftigen Englischunterricht im Zeichen von Mehrsprachigkeit imaginieren, und zeigen dabei, dass „the visions still contained some traces of fairly traditional thinking regarding multilingualism, including the monolingual ideology and native-speakerism” (S. 257). Zugleich zeigt sich, dass Studierende, die bereits didaktische Lehrveranstaltungen absolviert haben und eine weitere Sprache studieren, tendenziell offener für ein kritisches Verständnis von Englisch als lingua franca, Mehrsprachigkeit und CLIL sind. Mireia Pérez-Peitx untersucht anhand visueller Narrative, wie angehende Englischlehrkräfte in Katalonien plurilinguale Unterrichtssituationen imaginieren und welche Strategien sie sich für den Umgang mit sprachlicher Vielfalt im schulischen Kontext vorstellen. Obwohl die Darstellungen der Masterstudierenden ein Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Diversität erkennen lassen, dominiert dennoch häufig „a persistent view of a multilingual approach based on the accumulation of languages rather than a plurilingual one“ (S. 279). Der Beitrag von Maria Ruohotie-Lyhty, Rodrigo Camargo Arag-o und Anne Pitkänen-Huhta untersucht, inwiefern Fremdsprachenstudierende aus Finnland und Brasilien zu Beginn ihres Bachelorstudiums Mehrsprachigkeit in ihren Visualisierungen als zukünftige Lehrkräfte berücksichtigen. Während fast die Hälfte der finnischen Studierenden Mehrsprachigkeit in ihre beruflichen Zukunftsentwürfe integriert, erscheint sie bei brasilianischen Studierenden nur selten und fast ausschließlich im Zusammenhang mit einer Tätigkeit im Ausland. Im Schlusskapitel betonen die Herausgeberinnen Paula Kalaja und Sílvia Melo- Pfeifer, dass visuelle Zugänge zur Erforschung von Mehrsprachigkeit um multisensorial approaches, intersektionale Perspektiven und Bildung für nachhaltige Entwicklung ergänzt werden sollten, um Mehrsprachigkeitserfahrungen und globale Ungleichheiten differenzierter zu erfassen und in ihren kulturellen und politischen Verflechtungen kritisch zu analysieren. Insgesamt überzeugt der Sammelband durch eine beeindruckende Vielfalt innovativer artsbased Forschungszugänge, die nicht nur neue Perspektiven auf gelebte Mehrsprachigkeit eröffnen, sondern auch eindrucksvoll verdeutlichen, wie eng sprachliche Praktiken mit sozialen und bildungsbezogenen Ungleichheiten verflochten sind. Hervorzuheben ist zudem, dass die Herausgeberinnen die aktuelle Debatte um social justice kritisch rahmen und darauf hinweisen, dass das Konzept weiterhin eurozentrisch, liberal und kolonial geprägt ist (vgl. S. 3), was eine notwendige konzeptuelle Weiterentwicklung impliziert. Zugleich zeigt sich, dass die Mehrzahl der Beiträge im Kontext des Globalen Nordens verortet ist und Diskurse sowie Wissensbestände aus dem Globalen Süden nur begrenzt berücksichtigt werden; eine stärkere Einbindung dekolonialer Perspektiven könnte die Diskussion um social justice noch differenzierter und kritischer schärfen. Abschließend hinterlässt der Band die Leser*innen mit vielfältigen empirischen und theoretischen Impulsen sowie einer geschärften Sensibilität für die komplexen Verflechtungen von Mehrsprachigkeit, Macht und Bildung - ein Erkenntnisgewinn, der deutlich über die Lektüre hinaus fortwirkt. Karlsruhe I RENE H EIDT