Forum Modernes Theater
fmth
0930-5874
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FMTh-36-0014
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2026
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BalmeLisa-Frederike Seidler. Der Verlag der Autoren. Theater als Ware – Verlegen als Kritik. Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Band 167. Berlin/Boston: Walter de Gruyter, 347 Seiten.
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2026
Lotte Schüßler
fmth361-20159
verzichten, Theaterentwürfe zu benennen, die in das Profil ihres ‚ Theaters der Leere ‘ passen (Samuel Beckett, Carmelo Bene, Sarah Kane, Robert Wilson u. a.) - , ist aufgrund ihrer Verankerung im US-amerikanischen Kontext (Indiana University Bloomington) etwas überraschend. Dass sie somit jedoch auf die Besonderheiten eingehen kann, die ihre Gegenstände entfalten, statt in einem Überblick nur generelle Tendenzen zu beschreiben, ist eine Stärke, die aus der Reduktion des Kanons resultiert. In den Diskussionen um Müller, Jelinek, Schlingensief und Pollesch wird man an Kovacs ‘ Studie zukünftig nicht mehr vorbeikommen. Auf der anderen Seite des Atlantiks dürfte die Arbeit, die weniger als ein Jahr nach der deutschen Erstpublikation 2025 unter dem Titel Theater of the Void. Plasticity, Hauntology, and Nuclear Blast bei Cornell University Press in einer amerikanischen Fassung erschienen ist, die Rolle einer comprehensive study der vielleicht gewichtigsten Stimmen deutschsprachigen Theaters von etwa 1970 bis heute einnehmen. Das Postdramatische ist tot, lang lebe das Postdramatische! Berlin M ARTEN W EISE Lisa-Frederike Seidler. Der Verlag der Autoren. Theater als Ware - Verlegen als Kritik. Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Band 167. Berlin/ Boston: Walter de Gruyter, 347 Seiten. Theatertexte haben in der Theaterwissenschaft einen eher strittigen Status. Angefangen mit klaren Abgrenzungen zum Drama während der Etablierung des Fachs sind sie bis heute mehr randständige Forschungsthemen, gerade im deutschsprachigen Raum. Allenfalls in ihrer Unterscheidung zum Theater wurden sie weiterhin rege verhandelt, sodass im Band Methoden der Theaterwissenschaft die gelangweilte Frage aufkam: „ Ist das Thema nicht wirklich schon erledigt? “ 1 Lisa-Frederike Seidlers Der Verlag der Autoren. Theater als Ware - Verlegen als Kritik geht über eine Rehabilitierung des Theatertextes jedoch weit hinaus. (Und übrigens ist die Antwort von Peter W. Marx auf seine natürlich rhetorischen Fragen ein eindeutiges Ja: ein Plädoyer für die erneute Bestandsaufnahme des Verhältnisses, insbesondere für die medien- und kulturhistorische Perspektive.) Die Studie widmet sich dem 1969 in Frankfurt am Main gegründeten Verlag der Autoren, der als erster Theaterverlag der BRD auf Mitbestimmung basierte. Wie im Titel verdeutlicht, versteht die Verfasserin die demokratische Verlagsarbeit sowohl als Gesellschaftswie als Kulturkritik, die jedoch von einem grundlegenden Paradox gekennzeichnet sei. Denn die praktizierte Kritik an den Strukturen kapitalistischer Kulturunternehmen ginge mit der Adaption an den Markt der BRD einher, einschließlich der Vermarktung des eigenen Mitbestimmungsmodells. Indem dargestellt wird, wie der Verlag durch Textangebote und Textarbeit die Spielplangestaltung beeinflusste, werden Theaterverlage zugleich als „ diskrete Akteure des Theaters “ charakterisiert (S. 2). Auch vor dem Hintergrund jüngerer Forschungen zum Suhrkamp Theaterverlag, der im unmittelbaren Umfeld des Verlags der Autoren wirkte, 2 bietet Lisa-Frederike Seidler eine neue, dezidiert theaterwissenschaftliche Betrachtung von Theatertexten in ihren verlegerisch-ökonomischen, politischen und künstlerischen Facetten. Das Buch gliedert sich in drei Teile, sodass der Analyse der Arbeit im Verlag der Autoren ein längeres Kapitel zur Historisierung des Vertriebs von Theatertexten und eines zum Kontext kritischer Praktiken in Verlags- und Theaterarbeit vorgelagert sind. Das Kapitel „ Ökonomisierung des Theatertextes “ zeigt, wie sich diese im deutschsprachigen Raum parallel zum Ausbau kapitalistischer Gesellschaften ereignete. Im Vergleich mit der englischen und französischen Situation wird deutlich, dass hier die Debatte um das Urheberrecht für Theatertexte erst relativ spät einsetzte. Hintergrund dessen war das aufklärerische Konzept des männlichen Künstlergenies, bei dem sich der Wert des Ästhetischen allein an ideellen und keineswegs an ökonomischen Maßstäben berechnete, sowie die Rolle der Dramaturgie als Vermittlerin zwischen Theatern und Autor*innen. So erfolgte die eigentliche Etablierung des Theatertextes als Ware erst im 19. Jahrhundert, einhergehend mit der Kommer- Forum Modernes Theater, 36/ 1-2, 159 - 161. Gunter Narr Verlag Tübingen DOI 10.24053/ FMTh-36-0014 159 Rezensionen zialisierung des Theaterbetriebs, dem Aufkommen von Theateragenturen und ersten Gesetzgebung zugunsten von Autor: innen. Im Kapitel zu Verlagen und Theatern als „ Orte kritischer Textproduktion “ steht zunächst der 1950 in Frankfurt am Main gegründete Suhrkamp Verlag im Fokus, der sich durch die enge Kollaboration mit Autor: innen und den hohen Stellenwert des Lektorats auszeichnet. Hier war die Kapitalismuskritik von Autor: innen zunächst eine allein auf inhaltlicher Ebene geführte Diskussion, die jedoch den Eindruck einer Kluft zwischen verlegten Inhalten und unternehmerischer Praxis entstehen ließ. Als die Lektor: innen inmitten der Turbulenzen des Jahres 1968 mehr Mitbestimmung forderten, stieß dies bei Siegfried Unseld auf Ablehnung. Jene Entwicklungen versteht die Verfasserin als von marxistischen Theorien geprägt, wie sie bei Suhrkamp selbst verlegt wurden. Auch dort publizierte Theatertexte (Peter Weiss, Peter Handke) weisen kritische Tendenzen zur Arbeit im Kulturbetrieb auf und bilden durch ihre hierarchiekritischen Strukturelemente zugleich Vorläufer der Postdramatik. Im Frankfurter Kontext wurde die Politik der Mitbestimmung überdies mit dem Motto „ Kultur für alle “ gefördert; am Schauspiel und am Theater am Turm erprobte man die Umwälzung des Intendantensystems. Der in diesem Umfeld und namentlich aus der Erfahrung des „ Aufstands der Lektoren “ bei Suhrkamp gegründete Verlag der Autoren weitete Mitbestimmung zugleich auf die Autor: innen aus. Das letzte Kapitel widmet sich der im Paradox von demokratischer Unternehmensstruktur und Gewinnorientierung situierten Verlagsarbeit, wobei der Fokus auf den 1970er- Jahren liegt, also der Gründung bis zum Anschluss eines Buchverlags an die Agentur. Diese zeichne sich zugleich durch ihre heterogenen ästhetischen und politischen Ansätze aus, bedingt durch die experimentellen Arbeitsweisen und die pluralen linken Positionen innerhalb von Gesellschafter: innen und Lektorat. Das kritischmitbestimmte, plural positionierte Verlegen zeige sich insbesondere in der Vollversammlung, wo Verteilungsfragen oder der Status von Kunst als Lohnarbeit diskutiert wurden, die aber genauso den Profitorientierung des Unternehmens offenbare. Auch das Lektorat - dessen Tätigkeit mit Roland Barthes als aktive Text- und Aufführungsproduktion verstanden wird - stelle zugleich eine künstlerisch-intellektuelle sowie am Verkaufserfolg orientierte Praxis dar. So sei es der Schreibtisch der Lektor: innen, auf dem sich letztlich die „ Umwandlung von Text in Ware “ (S. 179) vollzog. Die Zirkulationsebenen, mit denen immer auch das Mitbestimmungsmodell vermarktet wurde, werden anschließend am Frankfurter Festival Experimenta von 1971, internationalen Veranstaltungen und Handelskooperationen dargestellt sowie anhand von Veröffentlichungen in Theater heute und der Zusammenarbeit mit den Buchverlagen Diogenes und Wagenbach, die 1981 von der verlagseigenen Reihe Theaterbibliothek abgelöst werden. Mit diesem Schritt erfolgte die Wandlung der „ Theateragentur zum autarken Verlag im Literaturbetrieb “ (S. 216) und zugleich erst die Einlösung der Eigenbezeichnung als Verlag. Resümierend fasst Lisa-Frederike Seidler die Arbeitsweisen des Verlags der Autoren unter dem Begriff „ postauktoriales Theater “ . Hiermit bezieht sie sich auf das Lektorieren der Theatertexte im Sinne ihrer antizipierten Entfaltung in der Aufführung, was zugleich das gedruckte Drama als finales Werk abwertet. Deutlich wird mit dieser „ produktionsspezifischen Ergänzung “ (S. 241) an Hans-Thies Lehmanns Postdramatisches Theater angeknüpft. Und damit ist nicht zuletzt eine prominente theaterwissenschaftliche Publikation des Verlags aufgerufen. Zwar wird die Weiterentwicklung zum Buchverlag angesprochen und die zeitliche Rahmensetzung der Studie ist schlüssig. Doch wäre es interessant gewesen, wie schließlich die Theaterwissenschaft Einzug in den Mitbestimmungsverlag erhielt, welche strukturellen und programmbezogenen Änderungen damit einhergingen und inwiefern wissenschaftliche Texte dem derart spezifischen Lektorat unterzogen wurden. Anmerken lässt sich auch, dass das Thema des Verlags der Autoren einen sehr langen - wenngleich durchweg informativen - Vorlauf erhält; erst nach ca. 100 Seiten wird genauer auf die Verlagsarbeit eingegangen, sodass man Parallelen bei einer chronologischen Lektüre lange mitdenken muss. Dies mindert jedoch keinesfalls den Eindruck, dass es sich um eine historisch äußerst kenntnisreiche und theoretisch versierte 160 Rezensionen Studie handelt: Der Verlag der Autoren gibt einen spannenden Einblick in die Arbeit im Theaterverlag und fächert zugleich vielseitige neue Perspektiven auf dessen Ware - den Theatertext - auf. Berlin L OTTE S CHÜ ß LER Sylvia & Wilmar Sauter. Teater på jiddisch i Sverige och i världen. Möklinta: Gidlunds förlag 2023, 301 Seiten + 8 Seiten Zusammenfassung auf Jiddisch. Jiddisches Theater gibt es seit mehr als einhundert Jahren in Schweden; eine historische Darstellung und vertiefte Auseinandersetzung mit seiner Entwicklung, Bedeutung und Reichweite hat bislang jedoch nicht vorgelegen. Dieses Desiderats haben sich Sylvia und Willmar Sauter angenommen und eine Theatergeschichte geschrieben, die, wie der Titel „ Theater auf Jiddisch in Schweden und in der Welt “ verspricht, weit über Schweden hinausreicht. Das Theater ist nicht an nationale Grenzen gebunden - und das vorliegende Buch zeigt die Notwendigkeit einer globalen Perspektive auf das jiddische Theater eindrucksvoll auf. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Wiederbelebung des Jiddischen Theaters in Schweden im Jahr 2008, als in Stockholm unter anderem unter der Mitwirkung der Schauspielerin und Ko-Autorin dieses Buches Sonja Sauter Stockholm Jiddische Teatermatador ’ n gegründet wurde: ein Ensemble, das mit Aufführungen von modernen Theaterklassikern wie Pirandellos Sei personaggi in cerca d'autore und Strindbergs Ett Drömspel das jiddische Theater in Schweden wieder etablieren konnte. Diese Renaissance hängt nicht zuletzt zusammen mit der bereits im Jahr 2000 durch den Schwedischen Reichstag erfolgten Anerkennung des Jiddischen als einer von insgesamt fünf Minoritätensprachen neben dem Samischen, Finnischen, Miänkieli und Romanes. Mit dieser offiziellen Bestätigung einher geht eine bis in die aktuelle Gegenwart zu beobachtende Aktivität des jiddischen Theaters in Schweden, die - so eine der Thesen des Buches - an die Tradition des avantgardistischen Theaters anschließt und sich durch eine kreative und selbstbewusste Inszenierungs- und Aufführungspraxis einen Namen gemacht macht.. Nach diesem Überblick über die gegenwärtige Lage in Schweden verfolgen die Autoren in ihrer Einleitung „ Auf der Suche nach einem Ursprung “ die Spuren des jiddischen Theaters bis in die Antike und zeichnen die performativen Formen des traditionellen Purimspiels ebenso nach wie seine Entwicklung über die Aufklärung mit ihren Säkularisierungstendenzen - auch von Seiten jüdischer Intellektueller wie Moses Mendelsohn - bis hin zur Etablierung des jiddischen Theaters in Osteuropa. Dabei rekonstruieren sie überzeugend sowohl die gemeinsamen Anfänge als auch die diversen Ausdifferenzierungen und Bewegungen von Europa bis hin in die USA. Dieser Dynamik ist das zweite Kapitel des Buches gewidmet. Es zeigt die Migrationen und Projekte der Akteure und Akteurinnen auf, die zur Einrichtung jüdischer Theatertruppen und Bühnen „ in Schweden und der Welt “ beigetragen haben, wie etwas Jakob Gordin (1853 - 1909), der von Russland in die USA übersiedelte und mit seinen anspruchsvollen realistischen Stücken dezidiert neue Akzente setzte, die Publikum wie Kritik gleichermaßen überzeugten. In die Zeit der Jahrhundertwende fällt dann auch die Gründung des ersten Jiddischtheaters in Schweden durch Immigranten aus Osteuropa, die sich zunächst in der Israelischen Arbeitervereinigung in Stockholm organisiert hatten. Der Blütezeit - „ blomstringstiden “ - des Theaters auf Jiddisch ist das dritte Kapitel gewidmet: Es gilt dem jiddischen Theater der Avantgarde von etwa 1900 bis 1940, das auch als „ Goldenes Zeitalter “ in die Geschichte eingegangen ist - ein Begriff, von dem sich die Autoren jedoch distanzieren. In diese Blütezeit fallen eine Vielzahl von innovativen und stilbildenden Projekten: Auf Kleinkunstbühnen in Moskau und Warschau, im Cabaret in Berlin und auf anderen Spielstätten wurde mit verschiedenen Vorlagen, Inspirationen aus unterschiedlichsten Richtungen und Inszenierungspraktiken experimentiert, die den Begriff der Blütezeit nachdrücklich rechtfertigen. Neben einem Überblick über die vielfältigen Ansätze und produktiven Zusammen- Forum Modernes Theater, 36/ 1-2, 161 - 163. Gunter Narr Verlag Tübingen DOI 10.24053/ FMTh-36-0015 161 Rezensionen
