Forum Modernes Theater
fmth
0930-5874
Narr Verlag Tübingen
10.24053/FMTh-36-0015
fmth361-2/fmth361-2.pdf0413
2026
361-2
BalmeSylvia & Wilmar Sauter. Teater på jiddisch i Sverige och i världen. Möklinta: Gidlunds förlag 2023, 301 Seiten + 8 Seiten Zusammenfassung auf Jiddisch.
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2026
Karin Hoff
fmth361-20161
Studie handelt: Der Verlag der Autoren gibt einen spannenden Einblick in die Arbeit im Theaterverlag und fächert zugleich vielseitige neue Perspektiven auf dessen Ware - den Theatertext - auf. Berlin L OTTE S CHÜ ß LER Sylvia & Wilmar Sauter. Teater på jiddisch i Sverige och i världen. Möklinta: Gidlunds förlag 2023, 301 Seiten + 8 Seiten Zusammenfassung auf Jiddisch. Jiddisches Theater gibt es seit mehr als einhundert Jahren in Schweden; eine historische Darstellung und vertiefte Auseinandersetzung mit seiner Entwicklung, Bedeutung und Reichweite hat bislang jedoch nicht vorgelegen. Dieses Desiderats haben sich Sylvia und Willmar Sauter angenommen und eine Theatergeschichte geschrieben, die, wie der Titel „ Theater auf Jiddisch in Schweden und in der Welt “ verspricht, weit über Schweden hinausreicht. Das Theater ist nicht an nationale Grenzen gebunden - und das vorliegende Buch zeigt die Notwendigkeit einer globalen Perspektive auf das jiddische Theater eindrucksvoll auf. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Wiederbelebung des Jiddischen Theaters in Schweden im Jahr 2008, als in Stockholm unter anderem unter der Mitwirkung der Schauspielerin und Ko-Autorin dieses Buches Sonja Sauter Stockholm Jiddische Teatermatador ’ n gegründet wurde: ein Ensemble, das mit Aufführungen von modernen Theaterklassikern wie Pirandellos Sei personaggi in cerca d'autore und Strindbergs Ett Drömspel das jiddische Theater in Schweden wieder etablieren konnte. Diese Renaissance hängt nicht zuletzt zusammen mit der bereits im Jahr 2000 durch den Schwedischen Reichstag erfolgten Anerkennung des Jiddischen als einer von insgesamt fünf Minoritätensprachen neben dem Samischen, Finnischen, Miänkieli und Romanes. Mit dieser offiziellen Bestätigung einher geht eine bis in die aktuelle Gegenwart zu beobachtende Aktivität des jiddischen Theaters in Schweden, die - so eine der Thesen des Buches - an die Tradition des avantgardistischen Theaters anschließt und sich durch eine kreative und selbstbewusste Inszenierungs- und Aufführungspraxis einen Namen gemacht macht.. Nach diesem Überblick über die gegenwärtige Lage in Schweden verfolgen die Autoren in ihrer Einleitung „ Auf der Suche nach einem Ursprung “ die Spuren des jiddischen Theaters bis in die Antike und zeichnen die performativen Formen des traditionellen Purimspiels ebenso nach wie seine Entwicklung über die Aufklärung mit ihren Säkularisierungstendenzen - auch von Seiten jüdischer Intellektueller wie Moses Mendelsohn - bis hin zur Etablierung des jiddischen Theaters in Osteuropa. Dabei rekonstruieren sie überzeugend sowohl die gemeinsamen Anfänge als auch die diversen Ausdifferenzierungen und Bewegungen von Europa bis hin in die USA. Dieser Dynamik ist das zweite Kapitel des Buches gewidmet. Es zeigt die Migrationen und Projekte der Akteure und Akteurinnen auf, die zur Einrichtung jüdischer Theatertruppen und Bühnen „ in Schweden und der Welt “ beigetragen haben, wie etwas Jakob Gordin (1853 - 1909), der von Russland in die USA übersiedelte und mit seinen anspruchsvollen realistischen Stücken dezidiert neue Akzente setzte, die Publikum wie Kritik gleichermaßen überzeugten. In die Zeit der Jahrhundertwende fällt dann auch die Gründung des ersten Jiddischtheaters in Schweden durch Immigranten aus Osteuropa, die sich zunächst in der Israelischen Arbeitervereinigung in Stockholm organisiert hatten. Der Blütezeit - „ blomstringstiden “ - des Theaters auf Jiddisch ist das dritte Kapitel gewidmet: Es gilt dem jiddischen Theater der Avantgarde von etwa 1900 bis 1940, das auch als „ Goldenes Zeitalter “ in die Geschichte eingegangen ist - ein Begriff, von dem sich die Autoren jedoch distanzieren. In diese Blütezeit fallen eine Vielzahl von innovativen und stilbildenden Projekten: Auf Kleinkunstbühnen in Moskau und Warschau, im Cabaret in Berlin und auf anderen Spielstätten wurde mit verschiedenen Vorlagen, Inspirationen aus unterschiedlichsten Richtungen und Inszenierungspraktiken experimentiert, die den Begriff der Blütezeit nachdrücklich rechtfertigen. Neben einem Überblick über die vielfältigen Ansätze und produktiven Zusammen- Forum Modernes Theater, 36/ 1-2, 161 - 163. Gunter Narr Verlag Tübingen DOI 10.24053/ FMTh-36-0015 161 Rezensionen führungen verschiedener Einflüsse international geben sie auch Einblick in die Hochphase des Jiddischtheaters in Schweden. Das betrifft zum einen ein neues und erweitertes Repertoire (unter anderem mit der erfolgreichen Erstaufführung von Tevje der Milchiger im Jahr 1932); es betrifft auch die Offenheit für Gastregisseure und -spiele, die die jiddische Kulturszene (vornehmlich in Stockholm) belebten. Ausführungen über das künstlerisch anspruchsvolle Jiddischtheater und die wachsende Bedeutung des Films für jüdische Theaterschaffende in den USA der Zwischenkriegsjahre schließen dieses Kapitel ab. Deutlich wird hier die Kreativität dieser aus vielen Weltteilen zusammengekommenen Künstler: innen, die mediale Grenzen überschritten, neue Formen etablierten wie das Yiddisch Art Theatre von Moritz Schwartz, der u. a. Tevje der Milchiger 1939 erfolgreich verfilmte, oder das jiddische Amateurtheater ARTEF, das wie das Amateurtheater in Schweden eine Theatervereinigung der Arbeiterbewegung war. Dieses ist nur ein Beispiel unter vielen, das den hier gewählten Ansatz rechtfertigt, das jiddische Theater in Schweden mit den globalen Vernetzungen gemeinsam zu betrachten. Das jiddische Theater im „ Schatten der Vernichtung “ steht im Zentrum des letzten Kapitels. Die Autoren verweisen hier zunächst auf die Möglichkeiten, die jiddischen Theaterschaffenden gegeben waren, um in Schweden weiterzuspielen und mit Aufführungen dezidiert Widerstand gegen die Judenverfolgung zu leisten. So führte unter anderem Judiska Dramatiska Amatörsällskapet 1943 in Stockholm die Komödien Di Goldgreber und Tevje der Michiger auf und stellte sich damit auch der Frage, ob es angesichts der Verfolgung von jüdischen Mitbürgern angemessen sei, Komödien aufzuführen. Dieser Frage begegnen sie mit der klaren Antwort, dass das Theater ein Ort ist, der die jiddische Kultur aufrechterhält und damit Widerstand gegen Verfolgung und Vernichtung leistet. Das zeigen die Autoren auch am Beispiel der Amateurtheater in den Ghettos und Konzentrationslagern auf, in denen die Tradition des Jiddischtheaters so gut es eben ging aufrecht gehalten wurde. Daran schloss man auch nach der Befreiung 1945 an und versuchte, das Jiddischtheater wieder fest zu etablieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In Schweden entstehen in dieser Folge in Malmö und Göteborg neue jiddische Theaterszenen, die sowohl einer Renaissance als auch der Weiterentwicklung des Theaters in jiddischer Sprach zuarbeiten. Ein Nachwort mit essayistischen Überlegungen über den Bedarf an Jiddischtheatern im 21. Jahrhundert und (post-)dramatischen Theaterformen und -praktiken schließt den Band ab. Resümierend bewerten die Autoren die Entwicklung des Jiddischtheaters als „ Kontinuität mit Variationen “ . Diese Geschichte des Theaters auf Jiddisch in Schweden und der Welt füllt also in der Tat ein Forschungsdesiderat, in dem hier erstmalig die globalhistorischen Vernetzungen über die Jahrhunderte hinweg aufgezeigt und die Internationalität des jiddischen Theaters auch in Schweden nachdrücklich herausgestellt wird. Die Stärke des Buches liegt in der durchweg differenzierten Sicht auf die Bedingungen und Möglichkeiten des jiddischen Theaters im jeweiligen sozio-kulturellen und politischen Kontext. Die Untersuchung überzeugt zudem durch eine imponierendes Detailwissen über Schauspieler: innen, Regisseure, Laientruppen aus der ganzen Welt und Repertoires, deren diversen theatergeschichtlichen Konstellationen und Aufführungen akribisch gefolgt wird. Hier bewährt sich die mehrfache Expertise des Autor: innenteams, das theaterwissenschaftliche, -historische und -praktische Kompetenz aufzuweisen und sinnvoll in die Studie einfließen zu lassen vermag. Irritierend ist allerdings zuweilen die eigenwillige, etwas sprunghafte Chronologie, der gefolgt wird. Auch wenn der Auftakt in der Gegenwart sinnvoll in das Anliegen dieser Theatergeschichte einführt, könnten der Aufbau und die Argumentationsstruktur etwas prägnanter sein. Das betrifft unter anderem den komplexen Zusammenhang zwischen Schweden und der Welt. Nicht immer wird deutlich, wie sich Entwicklungen in den USA oder in Osteuropa zu den spezifischen Bedingungen in Nordeuropa im Allgemeinen und Schweden im Besonderen verhalten. Der nordeuropäische Bezugsrahmen außerhalb Schwedens wird im Übrigen nur am Rande in den Blick genommen, wenngleich hier neben dem Baltikum, auf das mehrfach verwiesen wird, auch die Geschichte des jiddischen Theaters in Dänemark und Norwegen 162 Rezensionen etwas ausführlicher als jeweils auf nur einer knappen Seite zu referieren wäre. Neben diesen marginalen Kritikpunkten bleibt abschließend jedoch festzuhalten, dass Sylvia und Willmar Sauter nicht nur eine Forschungslücke geschlossen haben, sondern mit ihrem durchweg anregend geschriebenen Buch dazu einladen, die globale Theatergeschichte unbedingt um das Kapitel des ebenso produktiven wie innovativen Theaters auf Jiddisch zu ergänzen. Kiel K ARIN H OFF Ekaterina Trachsel. De-Montage im zeitgenössischen Theater. Ein dramaturgisches Verfahren im Spannungsfeld von Widerstand und Affirmation. Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms Verlag / Universitätsverlag Hildesheim 2024, 297 Seiten. Was haben ausgewählte Produktionen von Monster Truck, Forced Entertainment, Florentina Holzinger, Nora Chipaumire, Susanne Kennedy und Apichatpong Weerasethakul gemeinsam? Auf den ersten Blick würden einem vermutlich eher Unterschiede, inhaltlich wie ästhetisch, einfallen. Der Theaterwissenschaftlerin und Theatermacherin Ekaterina Trachsel und ihrer Dissertation De- Montage im zeitgenössischen Theater. Ein dramaturgisches Verfahren im Spannungsfeld von Widerstand und Affirmation ist nun der Coup gelungen, entlang von sechs beispielhaften Inszenierungen der genannten Künstler: innen aus den Jahren 2015 bis 2019 Grundmuster dramaturgischer Praktiken herauszuarbeiten. Ihr zentraler Schlüsselbegriff ist hierfür die titelgebende „ De-Montage “ . Diese bezeichnet sowohl ein dominantes dramaturgisches Verfahren als auch eine theaterwissenschaftliche Beschreibungs- und Analysekategorie - und erweist sich dank der nuancierten Erarbeitung Trachsels als ungemein nützliches Handwerkszeug für die Aufführungs- und Inszenierungsanalyse aktueller Produktionen des Gegenwartstheaters. In der Einleitung markiert die Autorin, dass Dramaturgie trotz der Diskurse um „ postdramatisches Theater “ (Lehmann) oder „ Postdramaturgien “ (Umathum/ Deck), welche die Enthierarchisierung, Erweiterung und Verschiebung theatraler Mittel im Zusammenspiel der Aufführung hervorheben, für das Gegenwartstheater doch immer noch ein „ erstaunlich wenig scharf umrissener Begriff “ (S. 13) sei. Ihr Zugriff auf dramaturgische Verfahren fokussiert von Beginn an nicht nur Einsatz und Organisation theatraler Mittel, sondern das „ Aufrufen, Verschieben, Auseinandernehmen und Neu-Zusammensetzen “ (S. 9) von sozial, kulturell und politisch geprägten Ordnungen, wie sie nicht nur im Theater, sondern auch außerhalb wirksam sind. Die Autorin rekurriert in ihrer Theoriebildung auf einen Begriff, der in der Theater-, Film- und Mediengeschichte Tradition hat, nämlich den der Montage. Sie legt dar, wie er zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Künstler: innen der historischen Avantgarden im Zuge einer neuen auf Schock und Provokation zielenden Rezeptionsästhetik selbst aufgebracht wurde. Dabei sei entscheidend, dass Phänomene der Montage bereits zuvor im Alltag weitverbreitet waren: sei es in Form entfremdeter Arbeitsabläufe an den Fließbändern industrieller Massenfertigung; sei es im Militär, wo mit Montage erst die Ausrüstung eines Soldaten, später vor allem die Prothetik gemeint war (vgl. S. 47 ff.). Bevor der Begriff von Eisenstein oder Piscator fürs Theater adaptiert wurde, war er in anderen Künsten etabliert: zunächst in der Fotografie, schließlich im Film, zeitgleich bereits in populären Formen wie dem Zirkus, der Revue und dem Varieté. Allen gemeinsam sei, dass sie Material aus der Lebensrealität der Menschen (z. B. aus der Zeitung oder der Werbung) - mit der gezielten Möglichkeit des Wiedererkennens - aufgriffen, fragmentierten und verfremdeten, um mit dieser „ Montage der Attraktion “ (Eisenstein) auf ihre Publika einzuwirken. Den theoretischen Schritt von der historischen Wirkungsästhetik der Montage zur De- Montage, die für das Gegenwartstheater in Anschlag gebracht wird, geht die Autorin mit einem Close Reading von Wenn die Bilder Position beziehen (2011) des Bildtheoretikers Georges Didi-Huberman, der sich darin u. a. entlang von Forum Modernes Theater, 36/ 1-2, 163 - 164. Gunter Narr Verlag Tübingen DOI 10.24053/ FMTh-36-0016 163 Rezensionen
