Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2010-0013
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Intralogistik im Wandel
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Ralf Johanning
Das Verteilzentrum von heute hat bald ausgedient. Es wird in Zukunft zu teuer im Unterhalt sein und zu viel Wasser und Strom verbrauchen. Zudem sind viele Arbeitsprozesse überflüssig oder veraltet, denn um im E-Commerce bestehen zu können, sind die Verlader auf völlig neue Abläufe angewiesen. Zu diesem Ergebnis kommt der Warehousing Report 2009 von Capgemini Consulting.
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Technologien + Informationssysteme 43 INTERNATIO NALES VERKEHRSWESEN (62) 1+2/ 2010 Ralf Johanning Intralogistik im Wandel D as Verteilzentrum von heute hat bald ausgedient. Es wird in Zukunft zu teuer im Unterhalt sein und zu viel Wasser und Strom verbrauchen. Zudem sind viele der Arbeitsprozesse überflüssig oder veraltet, denn um im E-Commerce bestehen zu können, sind die Verlader auf völlig neue Abläufe angewiesen. Zu diesem Ergebnis kommt der Warehousing Report 2009 von Capgemini Consulting. D er Autor Ralf Johanning, Redaktionsbüro Alte Schule, O p‘n Dörp 6, 24217 Barsbek; r.johanning@alte-schule.info U rsachen für den Wandel in der Intralogistik sind steigende Rohstoff- und Energiepreise, schnellere Umschlagzeiten sowie wechselnde Gewohnheiten bei den Kunden. Der Bericht von Capgemini hat fünf Entwicklungen skizziert, welche künftig die Konzepte für Logistikzentren beeinflussen werden. Einer der wichtigsten Trends ist das „ Green Warehousing“ : Verteilzentren sollen möglichst ressourcenschonend betrieben werden. So werden vor allem Solaranlagen auf dem Dach und Q uellen für Tageslicht das Aussehen neuer Anlagen bestimmen. Dabei setzen die Eigentümer auf Materialien mit guten Dämmeigenschaften. Grün kommt „ Logistikzentren im ökologischen Stil haben künftig gute Chancen in der Drittverwertung“ , sagt Erik Peuschel, Mitglied der Geschäftsleitung beider Immobilienberatung Engel & Völkers mit Hauptsitz in Hamburg. Daher sieht er einen wachsenden Bedarf an ökologisch gebauten Logistikzentren. Für Praktiker wie Ralf Thiesse vom Dienstleister Hellmann Worldwide Logistics GmbH & Co. KG, O snabrück, ist „ Green Warehousing“ bereits gelebte Praxis. „ Nachhaltigkeit ist bei uns seit Jahren in den Prinzipien verankert“ , betont der Supply-Chain-Produktmanager für Europa. In der Aus- und Fortbildung lernen die Mitarbeiter, wie sich durch den Einsatz moderner Routenplanungsprogramme und verbrauchsarmes Fahren der Dieselverbrauch und damit der Kohlendioxidausstoß verringern lassen. Beim Gebäudemanagement setzt das Unternehmen auf Erdwärme, umweltschonendes Bauen sowie bepflanzte Dächer. Zudem werden in der Nähe Feuchtbiotope angelegt. Doch nicht nur diese Faktoren bestimmen ein grünes Lager. Denn Thiesse stellt fest, dass sich immer mehr Kunden für klimaneutrale Transporte interessieren. Die Studie sieht daher als einen weiteren Trend die Integration von Warehouse- und Transport-Management-Systemen (WMS und TMS). Nur wenn die Liefer- und Ankunftszeiten der Waren genau mit dem Lager abgestimmt sind, können die Unternehmen künftig die Kosten im Griff behalten und den Emissionsausstoß reduzieren. Aber auch diesen Ansatz sieht Hellmann- Manager Thiesse nicht als Trend, sondern eher als State-of-the-art-Forderung: „ O hne solch eine Integration der beiden Systeme kann heute kein Logistikdienstleister mehr agieren.“ Als neue Entwicklung identifiziert Thiesse dagegen, dass die klassischen WMS mehr und mehr von Enterprise Resource Planning (ERP)-Programmen verdrängt werden: „ Wenn wir einen direkten Kontakt zum ERP-System des Kunden haben, können wir automatisch reagieren, sobald M in d e s t b e s t ä n d e erreicht sind.“ Ein ERP-System ist eine komplexe Anwendungssoftware zur Unterstützung der Re ssourcenplanung eines gesamten Unternehmens. ERP-Systeme mit W M S-M odulen Diese Tendenz zur Integration von ERP und WMS deutet sich auch bei den Softwareherstellern an. Das bestätigt das Fra u n h ofe r-In stit u t für Materialfluss und Logistik (IML) in seiner Studie „ Der WMS-Markt - Chancen und Risiken“ . IML-Teamleiter O liver Wolf präzisiert: „ Die puren WMS-Anbieter sehen sich damit konfrontiert, dass immer mehr Gesamtlösungen gesucht werden.“ Daher würden sich WMS- Anbieter momentan verstärkt bei SAP-Beratungshäusern einkaufen. So können sie dann nicht nur eine Schnittstelle zu anderen Programmen anbieten. „ Sollte es bei den WMS mal nicht laufen, gibt es andere Module, die zum eigenen System passen“ , erklärt Wolf. Für andere Unternehmen wie Anbieter von Softwarepaketen oder die Hersteller von Lagertechnik besteht diese Gefahr nicht. Für Letztere könnte der steigende Automatisierungsgrad im Lager gefährlich werden, denn die WMSals auch Softwarepaketanbieter forcieren den Ausbau der WMS-Module in Richtung „ Steuerung der Automatik“ . Zudem investieren sie in die Integration von Radiofrequenzidentifikation (RFID). Zu diesem Ergebnis kommen auch die Autoren des Capgemini-Reports. Nach Meinung der Berater ist daneben das Konzept der serviceorientierten Architektur (SO A) weiter im Kommen. Darüber hinaus sei in den kommenden drei Jahren damit zu rechnen, dass „ Software as a Service“ (SaaS) stärker nachgefragt wird. Bei solchen Diensten rufen die Nutzer die Software über das Internet ab und zahlen lediglich für die Zeit, in der sie das Programm verwenden. Qualitätssicherheit steht bei uns an erster Stelle: Jedes Transportgut, das Sie uns anvertrauen, befördern wir ebenso fristwie artgerecht. Auch Güter, die weit mehr verlangen als eine perfekte Organisation. www.hellmann.net Wir transportieren alles - außer die Katze im Sack. THINKING AHEAD - MOVING FORWARD Technologien + Informationssysteme 44 INTERNATIO NALES VERKEHRSWESEN (62) 1+2/ 2010 Prozesse verschlanken Dieses Angebot würde auch zum „ Lean Warehousing“ passen, ein weiterer Trend, den die Berater von Capgemini in ihrer Studie ermittelt haben. Die Lean-Management-Philosophie kommt aus der Automobilbranche. Sie basiert darauf, dass alle Prozesse, die keinen zusätzlichen Wert für den Kunden erwirtschaften, überflüssig sind. Das gilt beispielsweise für Software, die eingekauft, aber wenig genutzt wird. Folglich sollen Unternehmen und Logistikdienstleister sämtliche Abläufe im Logistikzentrum auf den Prüfstand stellen. Auch bei Hellmann findet das Prinzip Anwendung. „ Wir haben an zwei Standorten begonnen, nach der Lean-Management- Philosophie alle Prozesse zu prüfen und dabei festgestellt, dass durchaus Potenzial vorhanden ist“ , erläutert Thiesse. Dem Bericht zufolge hängt der Erfolg des Trends maßgeblich von den Logistikmanagern ab. Sie müssen nach Meinung der Autoren die Mitarbeiter von „ Lean Warehousing“ überzeugen, denn nur diese können viele überflüssige Punkte im Arbeitsablauf identifizieren. Zudem liegt es an ihnen, die neuen Prozesse umzusetzen. Zusammenarbeit Diese Prozesse könnten für mehrere Unternehmen gleichzeitig gelten. Das sieht die Idee des „ Collaborative Warehousing“ vor, die mittlerweile schon vereinzelt in Deutschland angewendet wird. Dieses Konzept resultiert aus der Verknappung der Rohstoffe und den damit verbundenen steigenden Preisen für die Ressourcen. Vor diesem Hintergrund kommt es zu neuen strategischen Partnerschaften zwischen Konkurrenten. Unternehmen, die gleichartige Produkte herstellen und einen ähnlichen Kundenkreis bedienen, werden gemeinsame Distributionszentren besitzen und sich auch über eine gemeinsame Lieferung Gedanken machen. Dass es aufgrund äußerer Bedingungen zu einer gemeinsamen Nutzung von Lagerhäusern kommt, bezweifelt Hellmann- Manager Thiesse eher. Die Zusammenarbeit von Mitbewerbern entlang der Wertschöpfungskette sieht er aber sehr wohl als ein Thema: „ Wenn es Verteilzentren gibt, in denen Produkte von direkten Wettbewerbern lagern, dann geschieht dies auf Initiative des Händlers oder des Logistikdienstleisters.“ Dabei werde es auf der horizontalen Ebene zu weiteren Vernetzungen kommen, ist er überzeugt. Ein Lager, viele Nutzer Doch auch die vertikale Ebene vom Hersteller bis zum Kunden ändert sich. Dabei kann die Verteilung der Ware in streng getrennten Lagerhäusern geschehen. Es ist aber möglich, dass sowohl der Sammelgut- und Komplettladungsverkehr als auch der Paketdienst vom selben Lager ausliefern. Dieser Meinung ist nicht nur der Thiesse, auch die Autoren des Capgemini-Reports sehen in der Einrichtung von Multi-Channel- Lagern neue Chancen. Dabei verändert vor allem der E-Commerce die Anforderungen an ein Distributionszentrum. So versenden viele Unternehmen ihre Waren nicht mehr ausschließlich in großen Partien an Filialen. Vielmehr gehen kleinere Sendungsvolumina bis hin zur Einzelsendung direkt zum Käufer. Dabei kommt der Liefergeschwindigkeit eine deutlich höhere Bedeutung zu als bei der Filialbelieferung. Denn die Käufer fordern zunehmend die 24-Stunden- oder sogar eine Same-Day-Belieferung. Zudem kommt es mit dem neuen Vertriebsweg vermehrt zu Retouren, die ebenfalls im Distributionszentrum bearbeitet werden. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, benötigen Unternehmen wiederum einen hohen Grad an Automatisierung im Lager. Das beginnt beim Einlagern, geht über das Picken und Sortieren bis hin zum Verpacken und Versenden. Damit diese Arbeitsabläufe synchron laufen, muss sich das WMS jederzeit anpassen. Dabei setzt der Logistikdienstleister aus O snabrück auf ein Standardsystem, das sich kundenspezifisch verändern lässt. Nur so gelingt es dem Unternehmen, weltweit kontinuierlich Neuerungen umzusetzen, um ein effizient arbeitendes Lager zu behalten. Der Warehousing Report 2009 kann über www.capgemini.com bezogen werden. Die Einbeziehung der ERP-Systeme eines Transportdienstleisters und eines Rohstoffherstellers in ein neues Logistikzentrum hat die Still GmbH, Hamburg, kürzlich in Rotterdam realisiert: Der Systemlieferant für Intralogistik hat eine Palettenregalanlage mit 15 000 Plätzen errichtet, die benötigte Palettenfördertechnik auf Produktions- und Lagerseite, drei vollautomatische, lasergesteuerte Hochregalstapler sowie ein fahrerloses Transportsystem als Shuttle zwischen Produktion und Lagereingang errichtet. Auf der Systemseite wurde das M aterialflussmanagementsystem von Still installiert mit Schnittstellen zu den beiden ERP-Systemen, dem Shuttlesystem und der Palettenfördertechnik. Darüber hinaus hat Still die M aterialflusssteuerung, das Staplerleitsystem, das System zur Lagerverwaltung und die Errichtung des Lagerleitstands übernommen. Q uelle: Still W arehouse- M anagement- Systeme Es gibt im vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) untersuchten Markt mehr als 150 WMS-Anbieter, die größtenteils der Kategorie KMU zuzuordnen sind. 70 % dieser Dienstleister sind seit mehr als zehn Jahren am Markt aktiv. Das typische Leistungsangebot der WMS- Anbieter umfasst Logistikplanung, Erarbeitung eines Pflichtenhefts, IT-Planung, Mitarbeiterschulung, Inbetriebnahme des WMS, After-Sales-Service, Störungsbehebung, Lagerplanung, Lagertechnik und Generalunternehmerschaft. Mehr als 50 % der Anbieter gehen Partnerschaften mit anderen Unternehmen ein, um Synergien zum Beispiel beim Marktzutritt oder zur Ergänzung des eigenen Produktportfolios zu nutzen. Die Top-3-Erfolgsfaktoren des WMS sind aus Sicht der Vertreiber der große Funktionsumfang, die einfache Anpassbarkeit und die einfache Anbindung des WMS innerhalb der IT-Landschaft. Die umsatzstärkste Brache für WMS ist die Logistik. Der Hauptgrund bei der Entscheidung des Anwenders für „ seinen“ Anbieter ist das branchenspezifische Fachwissen. Das größte Risiko für den WMS-Markt aus Sicht der „ puren“ WMS- und der Lagertechnikanbieter ist ein „ Trend zu Gesamtlösungen“ , etwa ERP inklusive WMS. Die größte Chance für den WMS-Markt sehen die Anbieter in der „ Stützung des Marktes durch technische Innovationen wie etwa RFID. Q uelle: Fraunhofer IML WMS-Markt in Kürze
