Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2010-0029
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Lichtsignalanlagen - Erneuerung im Wettbewerb
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2010
Andreas Leupold
Jörg von Mörner
Wie alt sind die Ampeln in Deutschland und Europa? Wer hat sie errichtet und wer wartet sie? Wie ist es um die Wettbewerbssituation in diesen Segmenten bestellt? Antworten auf diese Fragen liefert eine Untersuchung der Fachhochschule Erfurt und der Bauhaus-Universität Weimar.
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Infrastruktur + Verkehrspolitik 36 INTERNATIO NALES VERKEHRSWESEN (60) 3/ 2010 Andreas Leupold / Jörg von Mörner Lichtsignalanlagen - Erneuerung im Wettbewerb W ie alt sind die Ampeln in Deutschland und Europa? Wer hat sie errichtet und wer wartet sie? Wie ist es um die Wettbewerbssituation in diesen Segmenten bestellt? Antworten auf diese Fragen liefert eine Untersuchung der Fachhochschule Erfurt und der Bauhaus-Universität Weimar. D ie Autoren Andreas Leupold, Fakultät Bauingenieurwesen der Bauhaus-Universität Weimar, Professur Betriebswirtschaftslehre im Bauwesen, andreas.leupold@uni-weimar.de, und Prof. Dr. Jörg von M örner, Fakultät Wirtschaft-Logistik-Verkehr an der Fachhochschule Erfurt, Professur Verkehrsplanung und Verkehrssteuerung, von.moerner@fh-erfurt.de D ie auch heute noch stetig steigende Verkehrsmenge in den Städten kann zumeist nur durch moderne Verkehrsmanagementsysteme gehandhabt werden. Solche Systeme bestehen aus mehreren Elementen. Die beiden wichtigsten sind die zentralen Steuerungseinheiten (Verkehrsrechner) und die Lichtsignalanlagen im Straßenraum. Für die Verkehrsteilnehmer sind dabei die Lichtsignalanlagen mit den jeweiligen Signalgebern das sichtbarste Element. Die von Signalgebern angezeigten Signalisierungszustände stellen für die Verkehrsteilnehmer verbindliche Weisungen dar. Aus diesem Grund existieren hohe Sicherheitsanforderungen an Errichtung, Betrieb sowie Wartung und Instandhaltung der Anlagen. Für Betrieb und Wartung fallen daher jährlich größere Ausgaben in den Kommunen an. Darüber hinaus müssen die Kommunen in die Jahre gekommene Anlagen ersetzen. In diesem Kontext wurden im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsvorhabens an der Fachhochschule Erfurt und der Bauhaus-Universität Weimar, welches durch die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „ O tto von Guericke“ e.V. (AiF), Köln, über einen Zeitraum von drei Jahren gefördert wurde, zwei Städtebefragungen sowohl in Deutschland als auch in Europa durchgeführt. Die Befragung der deutschen Städte wurde bereits in 2006 abgeschlossen. Hieran beteiligten sich insgesamt 22 Städte. Die zweite Befragung fand 2008/ 2009 statt. Hieran beteiligten sich insgesamt 40 Städte aus 13 Staaten. Aus diesen beiden Befragungen sollen die wesentlichen Erkenntnisse aus den Bereichen Altersstruktur, Herstellermischung und Wahrnehmung von Wartungs- und Instandhaltungsleistungen im Folgenden aufgezeigt werden. Die hier dargestellten Ergebnisse und Erkenntnisse beruhen ausschließlich auf den Angaben der Städte, die an der Befragung teilgenommen haben, und waren nicht in jedem Fall vollständig in jedem Bereich auswertbar. Die hier dargestellten Ergebnisse zeigen somit lediglich eine Tendenz und sind nicht auf jede andere Stadt gleichermaßen übertrag- und anwendbar. Eine detaillierte Auswertung der umfangreichen Städtebefragung in Deutschland ist kürzlich erschienen. 1 Altersstruktur zeigt Investitionsbedarf Die Altersstruktur von Lichtsignalanlagen kann als ein Indiz dafür genommen werden, in welchem Umfang in den kommenden Jahren Investitionen in den Ersatz von Anlagen notwendig werden. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass mit Ausnahme der Zeitspanne, die ein Alter von maximal bis fünf Jahren beinhaltet, die Altersstrukturen in deutschen Städten mit denen in anderen europäischen Städten vergleichbar sind. Dabei wurde als Referenzelement das jeweilige Steuergerät verwendet. In den befragten Städten ist etwa die Hälfte der Lichtsignalanlagen jünger als zehn Jahre. In Deutschland ist dieser Anteil etwas geringer und somit das Durchschnittsalter etwas höher. Lediglich durchschnittlich 25 % der Anlagen weisen ein Alter über 15 Jahre auf. In Deutschland ist ein Unterschied zwischen ostdeutschen und westdeutschen Städten festzustellen, welcher hauptsächlich auf die in den Jahren nach der Wiedervereinigung massiv unternommenen Investitionen in den ostdeutschen Städten zurückzuführen ist. Dadurch weisen ostdeutsche Städte tendenziell eine eher jüngere und komprimiertere Altersstruktur auf (Mörner/ Leupold/ Vesper, 2009). Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) gibt entsprechend der Ablösungsbeträge-Berechnungsverordnung als Anlage zur HVA B-Stb 2007 eine theoretische Lebensdauer für Steuergeräte von 15 Jahren an. Die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), Köln, verweist hier in ihrem Merkblatt (1988) auf lediglich zehn Jahre. Werden diese theoretischen Nutzungsdauern angewandt, bedeutet dies, dass etwa 25 % (15 Jahre) oder nahezu 50 % (zehn Jahre) der Lichtsignalanlagen in den Kommunen entweder sofort oder zumindest in den kommenden Jahren zu ersetzen sind, um den Anforderungen an Sicherheit und Funktionsfähigkeit gerecht werden zu können. Das Alter der Anlagen ist aber auch ein Indiz dafür, welche Leuchtmittel zum Einsatz kommen. In den vergangenen Jahren wurden viele Anlagen auf moderne LED- Leuchtmittel umgerüstet. Die hierfür erforderlichen Investitionen können dabei über einen Zeitraum von mehreren Jahren durch die zu erwartenden Einsparungen bei Energie- und Wartungskosten gedeckt werden. Dies haben die verschiedenen Hersteller von Lichtsignalanlagen schon seit einigen Jahren erkannt und bieten daher entsprechende Contracting-Modelle an. M onopolartige Zustände Immer wieder finden sich in der Presse Meldungen mit den Schlagworten „ Ampelmonopol“ oder „ Wettbewerbsverzerrungen“ . Im Rahmen der Befragung wurden daher die Städte gebeten, Angaben zur Anzahl der Anlagen des jeweiligen Herstellers zu machen. Auf Basis dieser Angaben konnten drei wesentliche Fragestellungen untersucht werden. Hierzu zählten a) die Anzahl der verschiedenen Lichtsignalanlagenhersteller in der jeweiligen Stadt Die Swarco-Gruppe ist einer der führenden Hersteller von Ampelsystemen. Foto: Signalbau Huber Infrastruktur + Verkehrspolitik 37 INTERNATIO NALES VERKEHRSWESEN (60) 3/ 2010 b)der Marktanteil des jeweils dominierenden Lichtsignalanlagenherstellers in der jeweiligen Stadt und c) der generelle Marktanteil des jeweiligen Herstellers. In der Auswertung nach dem jeweiligen Hersteller wurde - soweit hierfür Informationen vorlagen - die Zuordnung beziehungsweise Zugehörigkeit verschiedener Hersteller zu einer Unternehmensgruppe oder einem Konzern berücksichtigt. Dies bedeutet, dass etwa im Fall der Swarco- Gruppe neben dem Hersteller Swarco auch die beiden Firmen Signalbau Huber und Dambach Werke der Swarco-Gruppe zugeordnet und als ein Hersteller gewertet wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass in zwei Drittel der befragten Kommunen in Deutschland Anlagen von lediglich zwei oder einem Lichtsignalanlagenhersteller in ihren Systemen zum Einsatz kommen. In den anderen befragten europäischen Städten beträgt dieser Anteil knapp 50 % . Auch hier lassen sich zum Teil deutliche Unterschiede zwischen Städten in Deutschland und in anderen europäischen Ländern erkennen. Während etwa in England die befragten Städte ihre Anlagen mindestens von zwei verschiedenen Herstellern beziehen, gaben die befragten deutschen Städte an, dass mehr als ein Viertel von ihnen lediglich Anlagen eines Herstellers in ihren Systemen eingesetzt haben. Um die Frage beantworten zu können, ob in den befragten Städten eine Monopolstellung eines Herstellers vorzufinden ist oder ob Wettbewerb im Rahmen der Ausschreibung von Errichtungsleistungen an Lichtsignalanlagen gegeben sein könnte, wurden die Angaben dahingehend ausgewertet, wie hoch der Marktanteil des jeweils dominierenden Lichtsignalanlagenherstellers in der jeweiligen Stadt ist. Die Ergebnisse zeigen auch hier ein klares Bild und deutliche Unterschiede zwischen deutschen Städten und anderen Städten in Europa. In den befragten deutschen Städten ist der Anteil der Städte, in denen der dominierende Hersteller einen Marktanteil von mindestens 80 % hat, größer als 75 % . In Bezug auf Europa ist dieser Anteil geringer als 50 % und in England sogar nur 25 % . Ein Wettbewerb ist somit in deutschen Städten nur selten wirklich gegeben. Bisher fehlt meist eine einheitliche Schnittstelle Ein Grund für diese Entwicklung - nicht nur in Deutschland - wird oft im Fehlen einer einheitlichen Schnittstelle zum Anschluss von Anlagen verschiedener Hersteller an einen Verkehrsrechner gesehen. Die Kommunen gehen jedoch zunehmend in ihren Ausschreibungen für Errichtung oder Umbau von Anlagen dazu über, den Einsatz einer einheitlichen Schnittstelle, wie etwa O CIT ®2 , zu fordern. Eine Norm oder Richtlinie, die die Verwendung einheitlicher Schnittstellen in einer Kommune fordert, gibt es in Deutschland bislang nicht. Eine vergleichende Auswertung des Grads der Herstellermischung und des Anteils an Anlagen, die an Verkehrsrechner angeschlossen sind, führte zu keinem einheitlichen Bild. Tendenziell ist jedoch eher zu beobachten, dass der Anteil von Anlagen, die an einen Verkehrsrechner angeschlossen sind, mit steigendem Marktanteil des dominierenden Herstellers in einer Stadt zunimmt. Umgekehrt zeigen die Ergebnisse somit auch, dass tendenziell weniger Anlagen an einen Verkehrsrechner angeschlossen sind, wenn ein großes Maß an Herstellermischung in der Stadt vorliegt. Ausnahmen gibt es aber auch hier. Die O rganisation der Leistungserbringung im Bereich der Wartung/ Instandhaltung kann ein weiterer Grund für den Grad der Herstellermischung sein. Aus diesem Grund wurden die Städte gebeten, Auskunft darüber zu geben, ob Wartung/ Instandhaltung durch ein privates Unternehmen oder durch eine der öffentlichen Hand (der jeweiligen Stadt) zugeordnete Einheit durchgeführt wird. Die Ergebnisse zeigen, dass ein Großteil der Leistungen im Bereich Wartung/ Instandhaltung durch private Unternehmen erbracht wird. In Deutschland beträgt dieser Anteil für die befragten Städte fast 50 % und weitere 20 % werden gemeinsam sowohl durch die öffentliche Hand als auch durch private Unternehmen erbracht. In den restlichen befragten Städten erfolgt Wartung/ Instandhaltung der Lichtsignalanlagen durch städtisches Personal. In den befragten europäischen Städten ist der Anteil der Leistungserbringung durch private Unternehmen mit fast 70 % deutlich höher. In England wird die Wartung/ Instandhaltung fast ausschließlich durch private Unternehmen in den befragten Städten durchgeführt. Für ganz Europa gilt, dass es sich bei den privaten Unternehmen in großem Maß eher um den jeweiligen Lichtsignalanla- Abb. 2: Ein Lichtsignalanlagenhersteller dominiert den M arkt in Europa. Abb. 1: Altersstruktur von Lichtsignalanlagen in Deutschland und Europa Infrastruktur + Verkehrspolitik 38 INTERNATIO NALES VERKEHRSWESEN (60) 3/ 2010 Abb. 4: Siemens hält einen M arktanteil von mehr als 50 % in Europa. Abständen die Leistungen neu im Wettbewerb ausgeschrieben werden. An diesen Ausschreibungen können sich dann sowohl der Lichtsignalanlagenhersteller als auch andere qualifizierte Unternehmen beteiligen. Letztere müssen jedoch im Rahmen der Ausschreibung nachweisen, dass sie regelmäßig durch den jeweiligen Lichtsignalanlagenhersteller an den entsprechenden Steuergerätetypen geschult werden, um die Wartung durchführen zu können. In Bezug auf die Herstellermischung war im Rahmen der Befragung festzustellen, dass die Wartung durch städtisches Personal eher in den Städten durchgeführt wird, die Anlagen von einem bzw. maximal zwei Herstellern in ihren Systemen haben. Für die Kommunen ist dies durchaus sinnvoll, da damit Einsparung in der Wartung erwartet werden. Dies ist zurückzuführen u. a. auf einen geringeren Aufwand für die Vorhaltung von Ersatzteilen und einem geringeren Schulungsaufwand des eigenen Personals. Verteilung der M arktanteile Abschließend sollen auf Basis der Daten der beiden Befragungen die Marktanteile des jeweiligen Lichtsignalanlagenherstellers in Europa dargestellt werden. Von Land zu Land sind zum Teil deutliche Unterschiede feststellbar. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass neben den bekannten, europaweit agierenden Unternehmen auch in gewissem Maß Unternehmen vorzufinden sind, die sich auf den Markt in dem jeweiligen Land beschränken. Siemens ITS hat mit mehr als 50 % den größten Marktanteil weit vor der Swarco-Gruppe mit 17 % . Auf den Rängen drei und vier folgen die Unternehmensgruppen um Peek und Vialis. Die hier dargestellten Marktanteile sind sicher nicht vollständig auf ganz Europa anwendbar, zeigen aber dennoch eine deutliche Tendenz. In Deutschland etwa ist der Anteil von Siemens ITS bezogen auf die befragten Städte noch etwas höher, gleiches gilt für die Swarco-Gruppe, so dass hier insgesamt 90 % des Marktes durch diese beiden Unternehmens(gruppen) abgedeckt sind. In England zeigt sich ein ganz ähnliches Bild: Siemens ITS hat einen vergleichbaren Marktanteil, während die Unternehmensgruppen um Peek und Telent sich den restlichen Markt teilen. Es bleibt abzuwarten, ob durch den zunehmenden Einsatz einer einheitlichen Schnittstelle sich die dargestellten Marktanteile deutlich verschieben werden und wenn „ ja“ , in welche Richtung. 1 M örner/ Leupold/ Vesper (2009): Befragung zum Betrieb von Lichtsignalanlagen und deren Steuerung in innerstädtischen Straßennetzen; Shaker-Verlag, Aachen, 2009, ISBN: 978-3-8322-8680-4 2 O CIT ® - O pen Communication Interface for Traffic Control Systems; O CIT ® ist eine registrierte Marke der Firmen Dambach, Siemens, Signalbau Huber, Stoye und Stührenberg. werden. Der Leistungsumfang, den die Unternehmen dann erbringen, kann hierbei jedoch stark schwanken. Dies ist oft auf den Grad der Herstellermischung zurückzuführen. Beispielsweise werden in Städten mit einer großen Herstellermischung die sicherheitsrelevanten Prüfungen an den Steuergeräten durch den jeweiligen Lichtsignalanlagenhersteller - die Leistungen werden in diesem Fall mit der Errichtung ausgeschrieben - und die Wartung der restlichen Anlagenkomponenten durch ein anderes Unternehmen erbracht. In herstellerreinen Systemen ist es aber auch möglich, dass alle Anlagenkomponenten durch ein qualifiziertes Unternehmen gewartet werden. Die Laufzeit dieser Verträge ist häufig deutlich kürzer als die zuvor beschriebenen zehn Jahre, so dass hier in kürzeren genhersteller handelt als um andere Unternehmen, welche qualifiziert/ zertifiziert sind, Wartung/ Instandhaltung durchzuführen. W artungsverträge sehr unterschiedlich Die Leistungen der Wartungen werden überwiegend gleichzeitig mit der Errichtung der Anlagen ausgeschrieben. Die anschließenden Wartungsverträge haben oft eine Laufzeit von zehn Jahren und verlängern sich anschließend um jeweils ein Jahr, wenn sie nicht rechtzeitig durch eine der beiden Vertragsparteien gekündigt werden. Einige Kommunen sind aber auch dazu übergegangen, die Wartung getrennt von der Errichtung auszuschreiben. In solchen Fällen können die Leistungen auch durch andere qualifizierte Unternehmen erbracht Abb. 3: In Deutschland ist die dominierende Stellung eines Herstellers noch deutlicher als in Europa.
