eJournals Internationales Verkehrswesen62/6

Internationales Verkehrswesen
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Märkte für Metrofahrzeuge wachsen weiter

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2010
Ying Li
Einen historischen Höchststand hat der Markt für Metrofahrzeuge erreicht. Das aktuelle Marktvolumen für Neubeschaffungen liegt bei etwa 5,4 Mrd. EUR. Weiteres Wachstum wird durch Neu- und Ausbau in Asien angetrieben. Die Bedeutung des After-Sales-Services nimmt parallel zu den rasant steigenden Beständen ebenfalls weiter zu.
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Mobilität + Personenverkehr 47 INTERNATIONALES VERKEHRSWESEN (62) 6/ 2010 Abb. 2: Altersstruktur der Flotte auf dem Weltmarkt Abb. 1: Metronetz in Betrieb - Streckenentwicklung in China (in km), Base Case-Szenario Ying Li Märkte für Metrofahrzeuge wachsen weiter Einen historischen Höchststand hat der Markt für Metrofahrzeuge erreicht. Das aktuelle Marktvolumen für Neubeschaffungen liegt bei etwa 5,4 Mrd. EUR. Weiteres Wachstum wird durch Neu- und Ausbau in Asien angetrieben. Die Bedeutung des After-Sales- Services nimmt parallel zu den rasant steigenden Beständen ebenfalls weiter zu. Der Autor Ying Li, Consultant der SCI Verkehr GmbH, Niederlassung Köln; y.li@sci.de E s ist bemerkenswert, dass zwischen 2006 und 2010 fast doppelt so viele Wagen wie im vorangegangenen Zeitintervall beschafft wurden. Ausgehend von diesem hohen Niveau wird der Markt weiter moderat mit 2 bis 3 % p. a. wachsen. Die Metropolisierung ist ein entscheidender Treiber für den Markt. Die Anzahl der Metropolen nimmt weltweit stetig zu und auch die Größe dieser Megastädte - gemessen an Flächenausdehnung und Einwohnern - wächst weiter. Mit diesem Wachstum potenzieren sich die Verkehrs- und Umweltprobleme der Städte. Die Sicherstellung eines verlässlichen und umweltverträglichen Mobilitätsangebots wird somit zum Dreh- und Angelpunkt für die nachhaltige Entwicklung dieser Städte. Sich ausdehnende Metropolen und Agglomerationen führen folglich zum konsequenten Ausbau der Metrosysteme. 139 Systeme mit 9000 km Strecke Heute sind weltweit 139 Metrosysteme in Betrieb, im Jahr 2000 existierten lediglich 107, in 1990 waren es nur 84 Nahverkehrssysteme dieser Art. Neben der Neuetablierung von Metros werden bestehende Systeme kontinuierlich erweitert. Das Wachstumspotenzial für den künftigen Neubau von Metrosystemen bleibt enorm, denn etwa 160 Metropolen verfügen derzeit noch über kein Metrosystem. Diese Metropolen liegen vor allem in Asien und Afrika beziehungsweise dem Nahen Osten. Ende 2009 waren etwas mehr als 9000 km Metronetz in Betrieb. Im Basisszenario erwartet SCI Verkehr, dass bis 2015 etwa 3500 km zusätzlich in Betrieb gehen und bis 2020 weitere 2400 km folgen. Während sich Metroprojekte in Europa überwiegend auf den Ausbau bestehender Strecken konzentrieren, erlebte Asien in der jüngsten Vergangenheit einen starken Metroboom. Das Wachstum des Markts für Metrofahrzeuge wird maßgeblich von Asien getragen, insbesondere von China, gefolgt von Indien. Obwohl derzeit in China und Indien sowohl neue Systeme errichtet als auch bestehende Netze ausgebaut werden, stoßen diese schnell an ihre Kapazitätsgrenzen. Der Neu- und Ausbau der Metros in den beiden Ländern wird langfristig anhalten. China wird in den kommenden zehn Jahren fast konstant jedes Jahr etwa 200 km neue Strecke in Betrieb nehmen (Abbildung 1) . 80000 Fahrzeuge Weltweit sind derzeit etwa 80 000 Metrofahrzeuge im Einsatz. 80 % der weltweiten Flotte werden in Asien, Westeuropa und Nordamerika betrieben. Weitere größere Bestände sind in der GUS im Einsatz. Die größte nationale Flotte besitzen die USA. China überholt im Jahr 2010 Japan durch aktuelle Auslieferungen und erreicht den zweiten Platz. In Japan, Russland, Südkorea, Großbritannien, Frankreich und Mexiko wird ein Großteil der Flotten in den jeweiligen Hauptstädten betrieben. Ökonomisch sinnvoll lassen sich die Fahrzeuge etwa 30 bis 35 Jahre lang einsetzen, dann ist die Abnutzung eines Fahrzeugs so weit fortgeschritten, dass es ersetzt, generalüberholt oder weitgehend modernisiert werden muss. Der derzeit betriebene weltweite Metrofahrzeugbestand hat ein Durchschnittsalter von etwa 17 Jahren (Abbildung 2) . Die Altersstruktur der Metrofahrzeuge weltweit verdeutlicht eindrucksvoll die Dynamik des Markts in den jüngsten Jahren. Zwischen 2006 und 2010 wurden fast doppelt so viele Wagen wie in den vergangenen Zeitintervallen beschafft. Der Grund liegt hauptsächlich in den intensiven Bestellungen Chinas, wo viele neue Strecken und Systeme in Betrieb genommen wurden. Nicht zu vergessen ist, dass etwa 20 000 Metrowagen älter als 30 Jahre sind. Damit bleibt das Potenzial für Ersatzbeschaffungen in den kommenden Jahren bestehen. Ersatzbeschaffungen erwartet SCI Verkehr hauptsächlich in Frankreich, Kanada, Japan, USA, Großbritannien, Brasilien, Argentinien, Mexiko und Deutschland. Nur wenige Ersatzbeschaffungen sind in den finanzschwächeren Ländern wie Nordkorea oder Ägypten trotz hohem Durchschnittsalter zu erwarten, da hier nicht in ausreichendem Umfang Finanzbudgets für notwendige Neubeschaffungen zur Verfügung stehen. Deshalb behelfen sich die Verkehrsunter- Mobilität + Personenverkehr 48 INTERNATIONALES VERKEHRSWESEN (62) 6/ 2010 nehmen mit der wirtschaftlich oft wenig sinnvollen Instandhaltung und Reparatur der überalterten Flotte. Heterogene Fahrzeugsysteme Metrosysteme sind historisch gewachsene Insellösungen. Daher sind die Metrofahrzeuge individuell für jedes System anders ausgelegt und damit extrem heterogen hinsichtlich Spurweite, Bahnsteighöhe, Signaltechnik, Ausstattungs- und Designwünschen und vielem mehr. Sie lassen sich nicht mit Vollbahnsystemen vergleichen. Skaleneffekte zur Kostenreduzierung sind kaum zu erreichen. Gleichwohl bestehen hohe Sicherheits- und Qualitätsanforderungen. Deshalb wird der Markt für Metrofahrzeuge von einigen wenigen internationalen Anbietern beherrscht. Traditionell dominierten Alstom, Bombardier, Siemens sowie japanische Hersteller wie Kawasaki den Weltmarkt (Abbildung 3) . Neu hinzu kommen die chinesischen Hersteller CNR und CSR, die als Newcomer zu deutlich reduzierten Preisen anbieten: Der Durchschnittspreis pro Metrowagen von CNR und CSR liegt bei etwa 65 % des westlichen Durchschnittspreises. Zwischen 2005 und 2009 beherrschte Alstom diesen Markt und belieferte weltweit 17 Städte. Die modulare Produktfamilie von Alstom im Metrobereich ist der „Metropolis“, der auch als automatische Metro angeboten wird. Große Aufträge (teilweise in Konsortien) waren unter anderem aus New York, Washington, Barcelona, Paris und Shanghai zu verzeichnen. China Northern Rolling Stock & Locomotives Corp. Ltd. (CNR) erreichte den zweiten Platz in diesem Zeitraum durch die großen Aufträge aus dem Heimatmarkt. CNR war in den vergangenen fünf Jahren deutlich erfolgreicher als ihr südliches Pendant China Southern Rolling Stock & Locomotives Corp. Ltd. (CSR) auf dem fünften Platz. Außerhalb Chinas konnte CNR zwischen 2005 und 2009 Fahrzeuge nach Teheran und Bangkok absetzen und CSR nach Mumbai. Für die Zukunft erwartet SCI Verkehr steigende Marktanteile der beiden chinesischen Hersteller, da sie erstens den chinesischen Markt komplett selbst abdecken (Alstom, Siemens und Bombardier werden nur noch Komponenten für CNR und CSR liefern) und zweitens zunehmend auf dem internationalen Markt tätig werden. Bombardier belegt Platz 3 der Weltrangliste und lieferte in den vergangenen fünf Jahren Metros in 15 Städte weltweit. Größere Aufträge erhielt Bombardier unter anderem aus London, Oslo, Taipeh, Berlin, Delhi, Chicago und Mexiko-Stadt. Das offiziell einheitliche Metrokonzept von Bombardier Transportation heißt Movia. Bombardier versucht, das System möglichst baugleich in unterschiedlichen Städten anzubieten. CAF (Construcciones y Auxiliar de Ferrocarriles) aus Beasain in Spanien erreichte einen Marktanteil von 11 % in den vergangenen fünf Jahren. Dies resultiert hauptsächlich aus der starken Nachfrage im Heimatland Spanien. CAF hat in den vergangenen Jahren zudem erfolgreich versucht, die Internationalisierung des Unternehmens voranzutreiben. Dabei konzentrierte sich das Unternehmen schwerpunktmäßig auf Nord- und Südamerika. Außerhalb Spaniens verbuchte CAF im betrachteten Zeitraum Aufträge mit relativ kleinen Losgrößen aus Rom, Sao Paulo, Santiago de Chile, Algier sowie Brüssel. CAF ist derzeit sehr aktiv auf dem weltweiten Markt für Metrofahrzeuge und nimmt an vielen Ausschreibungen teil. Zum Beispiel gewann CAF in der jüngsten Vergangenheit die Ausschreibungen für die Delhi Metro Phase 3 und die Linie 12 in Mexiko-Stadt. SCI Verkehr erwartet einen leicht abnehmenden Marktanteil für CAF, da die inländische Nachfrage (Spanien) in der mittleren Zukunft sinken wird. Siemens ist vor allem im Bereich der automatisierten U-Bahnen tätig, wobei in der Vergangenheit vornehmlich vollautomatische Val-Fahrzeuge produziert wurden. Hyundai Rotems Hauptabsatzgebiet ist Seoul. Außer nach Südkorea konnte das Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren Fahrzeuge nach Almaty, Delhi, Sao Paulo, Vancouver und Salvador verkaufen. Kawasaki ist vor allem stark auf dem USamerikanischen Markt tätig. Neben den mengenmäßigen Marktentwicklungen sind noch folgende Trends zu beobachten: Trend zu automatischen Metros Ein wesentlicher Vorteil der Metros besteht in ihrer kreuzungsfreien und höhenfreien Führung zum Individualverkehr. Dies unterscheidet sie von den Light Rail Vehicles, die je nach ihrer baulichen Ausführung zumindest in Kreuzungsbereichen vom Straßenverkehr beeinflusst werden. Die Vorteile der eigenen und abgegrenzten Trasse führen zu einer hohen Reisegeschwindigkeit und Zuverlässigkeit und bilden eine ideale Basis für eine Automatisierung der Systeme. Viele Städte entscheiden sich für fahrerlose Systeme (etwa Barcelona, Santiago de Chile) oder lassen bestehende Systeme für einen fahrerlosen Betrieb umrüsten. Bei einem Teil dieser Metros handelt es sich um gummibereifte Systeme, die auch als Val-Metros bezeichnet werden (Véhicule automatique léger). Diese Bahnen profitieren vom Einsatz standardisierter Komponenten, die zu niedrigen Investitionskosten beitragen. Die Nachteile (etwas höherer Radverschleiß und Energiebedarf) haben auf den Betrieb nur geringe Auswirkungen. Einsatz von energieeffizienten Fahrzeugen Lebenszykluskosten spielen für die Betreiber eine immer wichtigere Rolle. Die Fahrzeughersteller investierten in den vergangenen Jahren zunehmend in die Forschung und Entwicklung von energieeffizienten Schienenfahrzeugen und -komponenten. Hierzu gehört zum Beispiel das Siemens-Forschungsprojekt „Green Line - Umweltgerechte Metrofahrzeugentwicklung am Beispiel der Metro Oslo“. Stärkere Investitionen in die Fahrgastsicherheit unter Verzicht auf Komfort Bei aktuellen Fahrzeugentwicklungen und -auslieferungen nehmen die Wünsche der Kunden nach einer Ausstattung der Fahrzeuge mit Einrichtungen der Fahrgastsicherheit zu. Hierbei kommen in erster Linie Komponenten zum Einsatz, die eine Überwachung und Kommunikation mit dem Fahrgastraum ermöglichen. Diese Maßnahmen sollen zum einen Vandalismusschäden vorbeugen, zum anderen bei Störungen die Sicherheit und das Sicherheitsempfinden der Fahrgäste erhöhen. Wichtigste Komponenten sind Kameras und Sprechfunkeinrichtungen. Aber auch die Vorschriften zur Brandsicherheit wurden weiter verschärft. Dagegen wird an Ausstattungselementen, die ausschließlich dem Komfort dienen, gespart. So geht der Trend hin zu einfachen Hartschalensitzen und weg von Armlehmen. Die Studie „Der weltweite Markt für Metrofahrzeuge“von SCI Verkehr enthält über eine detailliertere Darstellung der in diesem Beitrag genannten Fakten hinaus unter anderem eine weltweite Darstellung der Metrosysteme, der künftigen Infrastrukturprojekte und eine Prognose der Netzentwicklung bis 2020, eine Darstellung der wichtigsten flottenspezifischen Merkmale von Metrofahrzeugen aller Vertiefungsländer und Regionen in Diagrammform und eine Übersicht der Automated-Guided-Transit-Systeme. Weitere Informationen: c.bessler@sci.de Abb. 3: Anteile der Wagenhersteller am Weltmarkt