eJournals Internationales Verkehrswesen 62/10

Internationales Verkehrswesen
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expert verlag Tübingen
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Nachhaltiges Bauen am Flughafen Frankfurt

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Carmen Worch
An der größten Verkehrsdrehschreibe Deutschlands wird ständig gebaut. Bis 2015 wird die Fraport AG gut 4 Mrd. EUR in den Ausbau des Flughafens Frankfurt und 3 Mrd. EUR in die Modernisierung bestehender Anlagen investieren. Bei allen Bauprojekten werden Lösungen gesucht, um die Nachhaltigkeitsziele des Unternehmens zu erreichen.
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Umwelt + Ressourcen 33 INTERNATIONALES VERKEHRSWESEN (62) 10/ 2010 Carmen Worch Nachhaltiges Bauen am Flughafen Frankfurt An der größten Verkehrsdrehschreibe Deutschlands wird ständig gebaut. Bis 2015 wird die Fraport AG gut 4 Mrd. EUR in den Ausbau des Flughafens Frankfurt und 3 Mrd. EUR in die Modernisierung bestehender Anlagen investieren. Bei allen Bauprojekten werden Lösungen gesucht, um die Nachhaltigkeitsziele des Unternehmens zu erreichen. Die Autorin Carmen Worch, Fraport AG, Immobilien & Facility Management, Zentrale Aufgaben, 60547 Frankfurt c.worch@fraport.de D ie Fraport AG betreibt eines der wichtigsten Luftverkehrsdrehkreuze Europas, den Flughafen Frankfurt. Von hier aus erreicht man 300 Flugziele in 110 Ländern. Im weltweiten Vergleich rangiert er mit seinem Passagier- und Frachtaufkommen unter den Top Ten der Hub- Flughäfen, auf Platz neun beziehungsweise auf Platz acht. Die intermodale Verkehrsdrehscheibe Frankfurt Airport ist perfekt angebunden an die Straße durch die unmittelbare Nähe zu Deutschlands verkehrsreichstem Autobahnkreuz in Richtung Nord/ Süd (A 5) und Ost/ West (A 3) und an die Schiene, über den Anschluss an das regionale Schienennetz und das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz der Deutschen Bahn. Jeden Tag werden gut 140 000 Passagiere abgefertigt. Dies entspricht der Einwohnerzahl von Darmstadt. Es werden täglich 70 630 Gepäckstücke befördert, 5000 t Fracht umgeschlagen, rund 400 Züge steuern die Flughafen-Bahnhöfe an. Auf einer Fläche von 19 km 2 finden 83 Flugbewegungen pro Stunde auf zwei Start- und Landebahnen statt. Zu den zentralen Gebäuden auf dem Flughafengelände zählen die zwei Fluggast-Terminals mit 145 Gates und 246 Positionen. Doch schon längst ist der Flughafen Frankfurt an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen. Abhilfe soll die 2800 m lange neue Landebahn Nordwest bringen, die mit dem Winterflugplan 2011/ 2012 in Betrieb genommen wird. Hiermit kann die Zahl der stündlichen Flugbewegungen von derzeit 83 auf 126 gesteigert werden. Zusätzlich zum geplanten neuen dritten Terminal werden die bestehenden Terminals 1 und 2 modernisiert und erweitert, um dem steigenden Passagieraufkommen und neuen Flugzeugen wie dem A 380, die wesentlich mehr Passagierplätze bieten, gerecht zu werden. Europäische Erlasse wie zum Beispiel das EU-Vermischungsverbot für ankommende und abfliegende Passagiere führen zu zwingenden und zeitnahen Umbauprojekten in den Terminals. Weitere Umbaumaßnahmen sollen zusätzliche Retailflächen schaffen und die Aufenthaltsqualität für die Nutzer der Gebäude steigern. Nachhaltigkeit ist zentrales Thema bei der Weiterentwicklung des Flughafens Als erfahrener Airport-Betreiber entwickelt Fraport den Flughafen gemeinsam mit Partnern zur „Frankfurt Airport City“ - einem Mobilitäts-, Erlebnis- und Immobilienstandort. „Bei der Entwicklung des Konzerns spielt für die Fraport AG das Zukunftsthema Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. Im Bereich Umwelt- und Klimaschutz will das Unternehmen die CO 2 -Emission je Verkehrseinheit (ein Passagier beziehungsweise 100 kg Fracht) um 30 % reduzieren“, so Jörg Kämer, Leiter des Fraport-Nachhaltigkeitsmanagements. Ausbau und Modernisierung des Flughafens sollen klimaneutral erfolgen, die mit der Ertüchtigung und dem Ausbau des Flughafens verbundenen Belastungen für Mensch und Natur sollen so gering wie möglich gehalten werden. So ist die Fraport AG seit November 2008 aktives Mitglied in der „Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V.“ (DGNB). Dadurch besteht für das Unternehmen die Möglichkeit, künftige Entwicklungen in der Bauwirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit voranzutreiben. Das Deutsche Gütesiegel Nachhaltiges Bauen ist derzeit auf Büro- und Verwaltungsgebäude ausgerichtet. Gemeinsam mit der DGNB und anderen Verkehrsflughäfen arbeitet Fraport an eine Erweiterung des Zertifizierungssystems für Logistik- und Terminalgebäude. Hierfür hat der Flughafenbetreiber eine Arbeitsgruppe „Nachhaltiges Bauen bei Fraport“ gegründet, die im Servicebereich Immobilien & Facility Management angesiedelt ist. Mit Experten aus verschiedenen Baudisziplinen, wie Architektur, Bauingenieurwesen, Technische Gebäudeausrüstung und Bauphysik, werden in enger Zusammenarbeit mit den Fachbereichen die Möglichkeiten zur Anpassung des Zertifizierungssystems an die speziellen Gebäudearten analysiert und erarbeitet. Darüber hinaus ist die Arbeitsgruppe im Unternehmen Informationsportal und Ansprechpartner rund um das Thema nachhaltiges Bauen. Das erste Passivhaus auf dem Flughafengelände: die neue Feuerwache Erste Erfolge zeigen sich: Südlich der im Bau befindlichen Landebahn Nordwest wird derzeit die Feuerwache 4 als zertifiziertes Passivhaus gebaut. Als Passivhaus benötigt das Gebäude im Vergleich zu einer konventionellen Feu- Abb. 1: Ausbau des Flughafens Frankfurt zur Airport City Umwelt + Ressourcen 34 INTERNATIONALES VERKEHRSWESEN (62) 10/ 2010 Abb. 2: Baustelle Terminal 1, B-West Foto: Stefan Rebscher, Fraport AG erwache über 90 % weniger Heiz- und Kühlenergie. Die Wärme- und Kälteerzeugung erfolgt mittels Erdwärmepumpen, der sogenannten oberflächennahen Geothermie. Der dafür benötigte Strom stammt aus erneuerbaren Energiequellen. Für die Warmwasserbereitung kommt eine knapp 20 m 2 große thermische Solaranlage an der Südfassade des Gebäudes zum Einsatz. Die Investitionskosten liegen bei 13 Mio. EUR. Darin enthalten sind die erforderlichen Mehrinvestitionen für die Umsetzung des nachhaltigen Gebäude- und Energiekonzeptes. Das Konzept zahlt sich langfristig aus. Durch Investitionskosteneinsparungen bei der Haustechnik sowie den Verzicht auf einen teuren Fernwärme- oder Gasanschluss können die Bauwerkskosten niedrig gehalten und die Betriebs- und Wartungskosten um mehr als die Hälfte reduziert werden. In der neuen zweigeschossigen Feuerwache werden zukünftig auf 4000 m 2 rund 50 Feuerwehrleute arbeiten. Die neue Feuerwache wird Anfang 2011 fertiggestellt sein, die angrenzende Übungsfläche Ende 2011 in Betrieb gehen. Hintergrund des Neubaus ist die Notwendigkeit einer zusätzlichen Feuerwache in Nähe der neuen Landebahn Nordwest. Herausforderung nachhaltiges Bauen im Bestand „Nachhaltige Baukonzepte im Bestand sind sehr anspruchsvoll, aber gerade hier liegt viel Potenzial“, so Martin Schlegel, Generalbevollmächtigter des Servicebereichs Immobilien & Facility Management. „Gebäudeteile und Technik unseres Flughafens, die umgebaut werden müssen, stammen teilweise noch aus dem Inbetriebnahmejahr 1972. Die Anpassung an neue Nutzungsanforderungen mit den notwendigen Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen ist aufwendig und teuer. Die hohe Beanspruchung unserer Terminalgebäude mit bis zu 200 000 Menschen am Tag sowie die sich schneller veränderten Anforderungen aus Flughafenbetrieb und Retail-Nutzung haben die Lebenszyklusbetrachtung verändert. Nachhaltigkeit sicherzustellen unter Wahrung der Flexibilitätsanforderung stellt uns vor große Aufgaben.“ Mit der Sanierung der Technikzentralen zur Klimatisierung des Terminals 1 und der damit einhergehenden Modernisierung der Techniksysteme wird bis 2018 ein Beitrag zur Erreichung des Konzernnachhaltigkeitsziels der CO 2 -Reduzierung je Verkehrseinheit am Flughafen Frankfurt geleistet. Die Energieeffizienz des Terminals wird sich erheblich verbessern. Doch nicht nur Energieeffizienz steht bei der Modernisierung und Erweiterung der bestenden Terminals 1 und 2 im Vordergrund, sondern auch die Steigerung der Sicherheit und des Wohlfühlfaktors. So wurde das im Kern über 40 Jahre alte Terminal 1 seit einigen Jahren für rund 500 Mio. EUR Schritt für Schritt an die aktuellen brandschutztechnischen Sicherheitsanforderungen angepasst und zugleich grundlegend saniert. Neue Fußbodenbeläge, eine helle Raumgestaltung steigern das Wohlbefinden der Gebäudenutzer. Es wurde auf umweltschonende Beleuchtung Wert gelegt, die wenig Energie verbraucht und wenig Wärme abstrahlt. Das reduziert den Leistungsbedarf der Klimaanlage. Die meiste Energie wird nicht für die Beheizung, sondern für die Kühlung der Gebäude benötigt. Bedingt durch die EU-Verordnung zum Vermischungsverbot für abfliegende und ankommende Passagiere wurde in 2008 mit der Neukonzeption des Flugsteigs B im Terminal 1 begonnen. Die Neukonzeption des Flugsteigs B-West mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 90 Mio. EUR umfasst eine Gesamtfläche von 31 000 m 2 . Nach nur 18 Monaten wurde der umgebaute West-Finger des Flugsteigs B im Terminal 1 in Betrieb genommen. Auch hier wurde nach ressourcen- und energiesparenden Konzepten gesucht. Energiesparende Beleuchtung, wirkungsvolle Fassadendämmung und eine sonnenabweisende Beschichtung verhindern eine übermäßige Erwärmung der Räume und machen eine permanente Kühlung überflüssig. Die Klimatisierung übernimmt ein integriertes ökonomisches Wasserkühlungssystem. Durch diese verbrauchsorientierte Steuerung wird nur so wenig Energie wie nötig in Anspruch genommen. Die Erweiterung des Flugsteigs A wird die Kapazität des Terminals 1 um weitere 6 Mio. Passagiere erhöhen. Fraport investiert zirka 500 Mio. EUR in das Bauprojekt A-Plus mit einer Gesamtfläche von 185 000 m 2 . Die Inbetriebnahme ist für den Sommerflugplan 2012 geplant. Bei diesem 790 m langen Bauprojekt wurde explizit auf ein perfektes Zusammenspiel von Funktionalität, Energieeffizienz und Wohlbefinden geachtet. So werden durch ein intelligentes Fassadenkonzept die CO 2 - Emmissionen um 28 % im Vergleich zu herkömmlichen Gebäuden ähnlicher Art reduziert.