eJournals Internationales Verkehrswesen 62/12

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2010-0175
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Mobilitätsmärkte im Umbruch: Neue Konkurrenz für Bus und Bahn

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Carola Dietz
Der 5. ÖPNV-Innovationskongress findet vom 22. bis 24. Februar 2011 im Kongresszentrum Konzerthaus Freiburg statt. Experten aus Verkehrswirtschaft, Wissenschaft und Politik erörtern dort die Chancen des öffentlichen Nahverkehrs, sich als Mobilitätsdienstleister für die Zukunft zu positionieren.
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Veranstaltungen 49 INTERNATIONALES VERKEHRSWESEN (62) 12/ 2010 Inhaltlich konzentriert sich der 5. ÖPNV-Innovationskongress auf die aktuellen Fragestellungen, die die Branche bewegen. Carola Dietz Mobilitätsmärkte im Umbruch: Neue Konkurrenz für Bus und Bahn Der 5. ÖPNV-Innovationskongress findet vom 22. bis 24. Februar 2011 im Kongresszentrum Konzerthaus Freiburg statt. Experten aus Verkehrswirtschaft, Wissenschaft und Politik erörtern dort die Chancen des öffentlichen Nahverkehrs, sich als Mobilitätsdienstleister für die Zukunft zu positionieren. Die Autorin: Carola Dietz, freie Fachjournalistin; dietz@cp-compartner.de D ie Chancen für den ÖPNV sind so gut wie selten zuvor: Der Klimaschutz beherrscht viele öffentliche Diskussionen. Die Benzinpreise klettern weiter in die Höhe. Immer mehr Menschen suchen den Umstieg auf energiesparende, umweltfreundliche Verkehrsmittel. Die Fahrgastzahlen bei Bus und Bahn haben bundesweit erstmals die 30-Millionen- Marke erreicht. Der ÖPNV im Zwischenhoch? Doch viele Branchenbeobachter sehen in dieser Entwicklung keinen Langzeittrend sondern lediglich ein Zwischenhoch. Denn während die Bus- und Bahnbranche über Hybridantriebe, eTickets oder flexible Tarife diskutiert, ist die Automobilindustrie längst am Start und holt verlorene Käufer mit neuen Produkten und neuen Dienstleistungen zurück. Carsharing - zum Teil mit Elektroautos - gehört derzeit zu den Erfolgstrends in der Individualmobilität. So will der Autobauer Daimler sein Carsharing-Projekt Car2Go nach erfolgreichen Tests in Ulm und Texas auf viele Metropolen in Europa und den USA ausweiten - und ab Frühjahr 2011 als erste Millionenstadt Hamburg mit zunächst 300 Smart- Kleinwagen versorgen. Auch Peugeot will künftig Elektrofahrzeuge in Ballungsräumen anbieten. Und sogar Energiedienstleister wie die französische Elektrizitätsgesellschaft EDF wollen dem Vernehmen nach einen umfassenden Einstieg in den Mobilitätsmarkt vorbereiten. Zugangshemmnisse im Fokus Diese Beispiele zeigen vor allem eines: Automobilkonzerne und andere Unternehmen wollen zum Mobilitätsdienstleister werden und brechen in traditionelle Geschäftsfelder des öffentlichen Personennahverkehrs ein. Verkehrsverbünde und -betriebe bekommen eine starke Konkurrenz. Denn die neuen Mobilitätsangebote überzeugen durch ihre simplen Nutzungskonzepte. „Einsteigen, fahren, an beliebiger Stelle wieder anhalten und aussteigen - und anschließend auf Rechnung bezahlen“, lautet zum Beispiel das einfache Motto bei Car2Go. Kunden können nach einmaliger Registrierung mit einem Chip auf dem Führerschein überall im Stadtgebiet die Poolfahrzeuge nutzen. Dies geht - überspitzt formuliert - bedeutend einfacher als das Lesen eines Busfahrplans und der Erwerb einer Fahrkarte. Und so halten die Konzepte der neuen Wettbewerber dem ÖPNV den Spiegel vor und decken aktuelle Schwachstellen und Zugangshemmnisse auf. Flexible Tarife auf dem Prüfstand Als eine der ersten Veranstaltungen der Nahverkehrsbranche greift der 5. ÖPNV- Innovationskongress in Freiburg diese neuen Wettbewerbsentwicklungen auf und eröffnet eine umfassende Diskussion über die Chancen einer nachhaltigen Verkehrswende, in der sich der Nahverkehr mit Bussen und Bahnen als Leistungsträger öffent- Bücher + Schriften 50 INTERNATIONALES VERKEHRSWESEN (62) 12/ 2010 licher Mobilität positioniert. Die dreitägige Veranstaltung steht unter dem Titel „Neue Modelle der Mobilität“ und gibt einen konzentrierten Überblick über Trends und Marktentwicklungen in Deutschland und den europäischen Nachbarländern. Insgesamt 20 Beiträge analysieren den Einsatz und die Akzeptanz technischer Innovationen und erörtern erfolgreiche Markt- und Wettbewerbsstrategien. Dabei richtet der Kongress vor allem auch einen Blick auf die Anwendungsmöglichkeiten des elektronischen Ticketings und - in Verbindung damit - die Umsetzung flexibler Tarife. Dazu berichtet unter anderem Dr. Torsten Gründel vom Fraunhofer Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme (IVI) Dresden. Umwälzungen durch neue Technologien Zu den namhaften Referenten gehört auch Dr. Barbara Lenz, Leiterin des Instituts Verkehrsforschung Personenverkehr beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin, die den ÖPNV-Innovationskongress mit ihrem Leitvortrag eröffnet. Die Wissenschaftlerin thematisiert aktuelle Veränderungen im Mobilitätsverhalten und in der traditionellen Verkehrsmittelwahl und nimmt neben den demografischen und gesellschaftlichen Trends auch die Umwälzungen in den Blick, die der elektrische Antrieb und weitere zukunftsgerichtete Technologien mit sich bringen werden. Darüber hinaus werden Vertreter der Universitäten Stuttgart, Dresden und Kaiserslautern sowie des Fraunhofer Instituts Stuttgart als Referenten erwartet. Zudem berichten Entwickler aus der Fahrzeugherstellung und Praktiker von Verkehrsunternehmen über innovative Technologien, Konzepte und Strategien. Multimodale Vernetzung Weitere Vorträge greifen im Themenbereich „Marketing/ Tarife“ die Vermarktung von Ticket-Angeboten und neue Wege bei der Einnahmeaufteilung auf. In der Vortragsreihe „Technologie“ werden die neuesten Entwicklungen bei der Elektromobilität und bei Hybridbussen sowie neue Getriebetechnologien und Innovationen im Schienenverkehr diskutiert. Die Themenbereiche „Betrieb“ und „Umweltverbund“ legen einen Schwerpunkt auf die bessere Verknüpfung des Systems ÖPNV intern - und extern mit dem Individualverkehr per Rad und auch per Pkw. Die intermodale Anschlusssicherung und spezielle Bedienkonzepte im ländlichen Raum sind dabei ebenso systemrelevant wie die Integration öffentlicher Fahrradverleihsysteme in den ÖPNV. In den Beiträgen zum Thema „Kundenorientierung“ schließlich werden Qualitätssicherungsinstrumente beim Stadtverkehr Bielefeld vorgestellt und technische Entwicklungen wie die mobile Kundeninformation auf ihre Praxistauglichkeit hin analysiert. Mit diesem Themenspektrum hat sich der ÖPNV-Innovationskongress, eine Veranstaltung des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Verkehr Baden- Württemberg, in seiner fünften Auflage zu einem wichtigen Forum für den Austausch über Mobilitätsmodelle entwickelt. Weitere Informationen erhalten sie unter www.innovationskongress-bw.de DB ProjektBau GmbH (Hrsg.), Infrastrukturprojekte 2010 - Bauen bei der Deutschen Bahn, zahlreiche Fotos und Abbildungen, ISBN 978-3-7771-0414-0, EUR 42,- W enn es um Lösungen für die Mobilität von morgen geht, hat insbesondere die Schiene im Wettbewerb mit Straße, Wasser und Luft große Chancen. Seit einigen Jahren bereits erlebt der Verkehrsträger Schiene eine regelrechte Renaissance. Der Einbruch der Weltwirtschaft 2008 brachte zwar einen Dämpfer, doch der Trend setzt sich fort. Alle Prognosen deuten darauf hin, dass der Schienenverkehr kräftig weiter wachsen wird. Das Mehr an Verkehr kann nur von einer intakten, modernen, leistungsfähigen Infrastruktur bewältigt werden. Dafür wird einiges getan. Die DB ProjektBau GmbH plant und realisiert einen Großteil der Infrastrukturprojekte der Deutschen Bahn und ist mit einem Bauvolumen von bis zu drei Mrd. EUR im Jahr und 3700 Mitarbeitern einer der größten Projektmanagement-Dienstleister Europas. Das im September erschienene Buch „Infrastrukturprojekte 2010 - Bauen bei der Deutschen Bahn“ herausgegeben von dem Projektdienstleister der DB AG, DB ProjektBau GmbH, präsentiert einen Ausschnitt der Bahnprojekte, die im Jahr 2010 im Bau sind. Insgesamt zehn Projekte werden vorgestellt. Dazu gehört das Projekt Nürnberg − Berlin (Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8), mit einer Bahnstrecke von 514 km und Investitionen von rund zehn Mrd. EUR. Mit 39 großen Talbrücken und 27 Tunneln ist es aktuell Deutschlands Neuerscheinung zur Eisenbahninfrastruktur von morgen Bücher + Schriften größtes Infrastrukturprojekt. Dazu gehören der 9385 m lange Katzenbergtunnel auf der Aus- und Neubaustrecke Karlsruhe − Basel sowie die umfangreichen netzergänzenden Maßnahmen, um den Bau des City-Tunnels in Leipzig in den Eisenbahnknoten Halle/ Leipzig einzubinden. Einige der in diesem Buch behandelten Projekte gehen bzw. gingen 2010 in Betrieb: Die neue Rheinbrücke in Kehl beispielsweise, die Deutschland und Frankreich verbindet. Sie ist im Wortsinne eine europäische Brücke auf der Magistrale Paris − Straßburg − Stuttgart − Wien - Bratislava. Ebenfalls in Betrieb geht das neue Nürnberger S-Bahnnetz. Mit künftig 224 km Streckenlänge und 80 Stationen wächst das Netz der S-Bahn in der Metropolregion Nürnberg auf das Dreifache. Forchheim/ Bamberg, Hartmannshof, Neumarkt (Opf.) und Ansbach sind neue Endpunkte der S-Bahn. Auch im Knoten Rosslau − Dessau geht ein erneuerter Streckenabschnitt in Betrieb. Ein Beitrag zu diesem Projekt zeigt, was alles beim Bauen zu beachten ist. Für alle an der Weiterentwicklung der Eisenbahninfrastruktur in Deutschland, der Bautechnik, Logistik und Komplexität von Bahnbauprojekten Interessierten ist das Buch Infrastrukturprojekte 2010 zu empfehlen. (ww) Infrastrukturprojekte 2010 Bauen bei der Deutschen Bahn Herausgeber: DB ProjektBau GmbH ホ