Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2012-0017
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Berliner Know-how für die malaysische Bahn
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Volker Vorburg
Im Rahmen einer Initiative der malaysischen Regierung zum Ausbau der Bahninfrastruktur erhielt die malaysische Tochter der Berliner PSI AG, die PSI Incontrol SDN BHD, den Auftrag zur Lieferung eines schlüsselfertigen Fahrgastinformations- und Kommunikationssystems für die Strecke zwischen den Städten Seremban und Gemas. Ein wichtiger Zugang zum asiatischen Eisenbahnmarkt.
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teCHNoloGIe Fahrgastinformation Internationales Verkehrswesen (64) 1 | 2012 52 Berliner Know-how für die malaysische Bahn Im Rahmen einer Initiative der malaysischen Regierung zum Ausbau der Bahninfrastruktur erhielt die malaysische Tochter der Berliner PSI AG, die PSI Incontrol SDN BHD, den Auftrag zur Lieferung eines schlüsselfertigen Fahrgastinformations- und Kommunikationssystems für die Strecke zwischen den Städten Seremban und Gemas. Ein wichtiger Zugang zum asiatischen Eisenbahnmarkt. D as Schwellenland Malaysia ist eines der sich am schnellsten entwickelnden Länder Asiens. Den Bundesstaat bilden zwei durch das Südchinesische Meer getrennte Landesteile. Ost-Malaysia besteht aus dem nördlichen Teil der Insel Borneo. Einen öfentlichen Nahverkehr gibt es hier so gut wie gar nicht, eine Industrie fehlt, dafür herrschen Tourismus und Naturschutz vor. West-Malaysia umfasst den Süden der malaysischen Halbinsel. Die Mehrheit der knapp 30-Mio.-Einwohner lebt in den Industrie- und Handelszentren. Hauptindustriestandorte sind die Regionen um die Hauptstadt Kuala Lumpur sowie um George Town auf der Insel Penang. Das Schienennetz der malaysischen Eisenbahn erstreckt sich im Westteil über eine Länge von mehr als 2400 km. Mit Ausnahme einer eingleisigen Strecke auf Borneo verlaufen alle Strecken ausschließlich auf der malaysischen Halbinsel; internationale Anbindungen gibt es nach Thailand im Norden und nach Singapur im Süden. Ein Hochgeschwindigkeitsnetz existiert noch nicht. Meist fahren die Züge Geschwindigkeiten um die 100 km/ h. Staatliche ausbauinitiativen Zurzeit investieren der malaysische Staat und die staatliche Eisenbahngesellschaft KTMB (Keretapi Tanah Melayu Berhad) Der Autor: Volker Vorburg Foto: Twohundredpercent Internationales Verkehrswesen (64) 1 | 2012 53 Abb. 1: Livestream StationView massiv in den öfentlichen Nahverkehr, um das enorme Verkehrsaukommen von den Straßen auf die Schiene zu verlagern. Erschwerend ist das Straßennetz so angelegt, dass es kaum Umfahrungen gibt. Die Wohnviertel sind bewacht und können auch nicht als Ausweichstrecken genutzt werden. Da sind Staus vorprogrammiert, wenn man nicht eine der mautplichtigen Autobahnen benutzen will. Obwohl der Staat jeden Liter Benzin mit ca. 6- EUR-Cent subventioniert, nutzen die meisten Fahrer die Autobahnen aus inanziellen Gründen nur im Notfall. Gut 100 km südlich von Kuala Lumpur liegt Seremban, eine Stadt mit 400 000-Einwohnern. Hier endet heute noch die S-Bahn- Strecke von der Hauptstadt. Die weiter südöstlich gelegene Kleinstadt Gemas ist ein Knotenpunkt des östlichen und westlichen Schienennetzes. Die rund 100 km lange Strecke zwischen diesen beiden Städten - im Moment nur vom Fernverkehr genutzt - wird gegenwärtig im Rahmen einer staatlichen Ausbauinitiative zweigleisig ausgebaut und elektriiziert. Künftig sollen die Strecke dann sowohl die S-Bahn als auch der Fernverkehr befahren. Zwischen Seremban und Gemas wird es dann fünf weitere Bahnhöfe geben, von denen die ersten beiden bereits fertig sind, drei beinden sich noch im Bau. lösung auf PSItraic-Basis Generalunternehmer des Streckenausbaus und damit auch für die Auftragsvergabe zuständig ist die Indian Railway Construction Company (IRCON). In einem strengen Auswahlverfahren wurde unter anderem die PSI Incontrol SDN BHD, eine malaysische Tochter der Berliner PSI AG, beauftragt. Der Auftrag umfasste die Lieferung von Systemen für die digitale Sprach- und Datenübertragung, Display Control Software, Nebenstellenanlagen, Signaltelefone, Echtzeit-Fahrgastinformationssysteme, Lautsprecheranlagen sowie Videoüberwachungs- und SCADA-Systeme. Die Programme mussten nicht nur entsprechend angepasst, sondern auch in die vorhandene und seinerzeit noch in Planung beindliche Infrastruktur eingepasst werden. Dabei waren die geforderten Lösungen technisch anspruchsvoll. So mussten die Fahrgastinformationssysteme zweisprachig - englisch und malaysisch - sowie als Fallback-Lösung zum Schutz vor dem Ausfall der Verbindungen zur Zentrale eingerichtet werden. Schließlich gehörten noch Dokumentationen, Testpläne und Schulungsunterlagen dazu. PSI Incontrol war für alles zuständig, was mit Hardware zu tun hat. Das ging von der Lieferung der Server über das Verlegen der Kabel auf den Bahnhöfen bis zum Montieren der Kameras und Anzeigetafeln. Für die Software war die Berliner PSI Transcom GmbH zuständig, die mit ihrer modernen integrierten Lösung auf Basis der Systemplattform PSItraic schon den Zugverkehr und die Infrastruktur auf vielen europäischen Bahnhöfen steuert und überwacht sowie die Fahrgäste entsprechend informiert. Integration und Anpassung Die Arbeit am Projekt begann in Berlin mit der Erstellung einer detaillierten Technical Speciication, die man zur KTMB nach Malaysia schickte. Projektleiter Milan Wölke, PSI Transcom, log dann mit einem Kollegen hinterher, um die Aufstellung noch einmal vor dem KTMB-Projektteam zu präsentieren. Anschließend ging es mit einigen malaysischen Kollegen zurück nach Berlin, um Anpassungen und Anbindungen zu programmieren. „Auf der einen Seite hat man die Kernkomponenten, die Logikkomponenten, die hochkomplex sind und viel Arbeit machen. Auf der anderen Seite gibt es die Schnittstellen, die das Ganze wieder auf einfache Kommandos herunterbrechen“, erläutert Wölke. So wurden etwa die Logiken, wann welche Ansage abgespielt werden muss, schon zuvor für PSItraic entwickelt und konnten nun mit speziischen Erweiterungen und Anpassungen weiter verwendet werden. Die Informationen zum Fahrplan und den aktuellen Standorten der Züge, die notwendig sind, um korrekte Ansagen zu machen, lieferte das System Iltis von Siemens. Die Daten geben eine 12-h-Vorschau auf den Fahrplan, Änderungen am Fahrplan, Positionsmeldungen sowie Verspätungsprognosen. Dieses System musste über eine geeignete Schnittstelle zuverlässig an PSItraic angeschlossen werden. Dafür erhielt Wölke von Siemens in Kuala Lumpur einen Mitschnitt der in sechs Tagen von Iltis ausgegebenen Daten. „Wir haben uns dann einen Abspieler gebaut, der dieses Logile in genau demselben Timing wiedergibt, wie das Originalsystem die Meldungen herausschickt. Quasi eine Musterwoche auf einer realen Infrastruktur“, schildert Wölke die nächsten Schritte. Auf dieser Basis ließ sich die Plattform dann problemlos so anbinden, dass Anzeigen und Ansagen korrekt ausgegeben wurden. Zentrale Übersicht Die Integration des Ansagesystems vom australischen Hersteller Open Access nahm man in Berlin vor. Dafür brachten die malaysischen Kollegen die Original-Hardware mit: Server, Lautsprecher, Mikrofone und anderes Zubehör. Meistens arbeitete man in den Berliner Büroräumen wegen der Zeitverschiebung gegenüber Australien nachts, da die Bürozeiten dort erst gegen zwei oder drei Uhr CET beginnen und zumindest anfangs eine Kommunikation unerlässlich war. Bei dieser Gelegenheit wurde auch gleich die SCADA-Integration vorgenommen. Mit SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition) lassen sich die Geräte aller Bahnhöfe von der Zentrale in Kuala Lumpur aus steuern und überwachen sowie bei Störungen Alarme erzeugen. Sämtliche Geräte eines Bahnhofs - von den Telefonen über das Sicherheits-TV bis zu den SCADA-Messpunkten - visualisiert PSItraic im graischen Stationsschema StationView. Alles ist zentral in einer Sicht verfügbar. Das System arbeitet bidirektional, man kann also nicht teCHNoloGIe Fahrgastinformation Internationales Verkehrswesen (64) 1 | 2012 54 nur lesen, sondern auch schreiben. So lassen sich Schalter und Relais fernbedienen, etwa die Beleuchtung ein- und ausschalten, sowie die Zugänge zu sicherheitsrelevanten Räumen und die Fahrstühle in den Bahnhöfen überwachen. Eine Schnittstelle zum Samsung CCTV Server (Closed Circuit Television) ermöglicht das Anzeigen von Live- Videos und das Steuern der Kameras. Wo ist der ladycoach? Auf eine Sache ist der Projektleiter besonders stolz: „Der Sound, den wir auf den Bahnhöfen produziert haben, ist wirklich einwandfrei.“ Nichts hallt, wie man es von europäischen Bahnhöfen her kennt. „Die Ansagen sind glasklar und einwandfrei synchronisiert über alle Zonen des Bahnhofs zu verstehen“, so Wölke. Die automatisierten Ansagen selbst sind auf Englisch und Malaysisch. Andere Sprachen waren nicht gefordert. Die Anzeigen auf den Displays kommen abwechselnd ebenfalls in den beiden Volker Vorburg Journalist und Redakteur mit den Themenschwerpunkten IT, Telematik, Telekommunikation und Logistik Vaihingen/ Enz V.Vorburg@gmx.de Sprachen. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Arten der Information: die Fahrtinformationen und die Sondertexte. Die Fahrtinformationen erscheinen ebenso wie die fahrtbezogenen Sondertexte als Wechselanzeige. Ein fahrtbezogener Sondertext wäre der Hinweis darauf, dass sich im kommenden Zug der Ladycoach am Ende und nicht wie üblich in der Mitte des Zuges beindet. Der Ladycoach ist ein Wagen, der wegen der Geschlechtertrennung im Islam nur von Frauen benutzt werden darf. Stationsbezogene Sondertexte - etwa der Hinweis, auf sein Gepäck achtzugeben - erscheinen als Lauftext ebenfalls zweisprachig auf den Tafeln. Gesicherte Sicherheit Besonderen Wert legte die KTMB auf die Ausfallsicherheit aller Systeme. Da die Verkabelung entlang der gesamten Strecke neu verlegt werden musste, baute man sofort aus Sicherheitsgründen einen Glasfaser- Doppelring. Allerdings wird inzwischen der zweite, ursprünglich redundant gehaltene Ring auch für Datenübertragungen genutzt. Zusätzlich hat man die einzelnen Netzabschnitte zwischen den Stationen über Virtual Private Networks (VPN) via Internet an die Zentrale angebunden. In Gemas gibt es noch ein weiteres Rechenzentrum, das im Notfall als redundantes Sicherheitszentrum die Funktionen der Zentrale in Kuala Lumpur, die auch noch mit Failover-Clustern für etliche Systeme ausgerüstet wurde, übernehmen kann. Und schließlich wurden auf den Stationen noch weitere Redundanzen für den Fall eingebaut, dass die Netzteile einmal komplett abgeschnitten sind. Diese Systeme laden vom zentralen Server regelmäßig die Daten der folgenden 23 h herunter, einschließlich aller Abfahrten, Sondertexte und bekannten Fahrplanänderungen. Bei einem kompletten Verbindungsausfall können die Informationssysteme dann auf die Daten vom Datastore der Station zurückgreifen. Gute zukunftsperspektiven Neben den üblichen technischen und organisatorischen Problemen, die bei jedem Projekt dieser Größenordnung auftreten, erlebten die Berliner aber auch - zumindest für europäische Verhältnisse - untypische Behinderungen. Der erste Bahnhof war bereits fertig, der zweite stand kurz vor der Fertigstellung als es ein schweres Gewitter gab. Alle unteren Stockwerke, in denen die gesamte Technik eingerichtet war, wurden überschwemmt. Die technischen Anlagen mussten komplett ersetzt werden und erhielten ihren Platz im Zuge der Renovierung ein Stockwerk höher. Durch dieses sonst reibungslos ablaufende Projekt in Malaysia haben PSI Transcom und PSI Incontrol gute Aussichten für eine weitere Beteiligung an der Modernisierung bestehender Bahnstrecken sowie deren Neubau. ɷ Abb. 3: Malaysische Anzeige Abb. 2: Englische Anzeige Abb. 4: Der Ladycoach darf nur von Frauen benutzt werden.
