Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2012-0067
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Die Drehscheibe in der Wüste
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Gernot Brauer
Keine andere Stadt weltweit setzt – trotz aller wirtschaftlichen Verwerfungen der letzten Jahre langfristig erfolgreich – so entschieden darauf, Menschen und Güter in Bewegung zu bringen. In atemberaubendem Tempo entwickelt Dubai seinen Handel, seinen Transport und dazu seinen Verkehr.
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INFRASTRUKTUR See- und Luftverkehr Dubai Internationales Verkehrswesen (64) 3 | 2012 41 Die Drehscheibe in der Wüste Keine andere Stadt weltweit setzt - trotz aller wirtschaftlichen Verwerfungen der letzten Jahre langfristig erfolgreich - so entschieden darauf, Menschen und Güter in Bewegung zu bringen. In atemberaubendem Tempo entwickelt Dubai seinen Handel, seinen Transport und dazu seinen Verkehr. D ie mit geschätzt 1,5- Mio. Einwohnern heute größte Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate war noch vor drei Generationen ein unbedeutendes Fischernest weitab von allen internationalen Routen. Die Entdeckung von Rohöl vor der Küste der Emirate änderte alles - auf Zeit. Denn relativ schnell wurde klar, dass Dubais Vorkommen nicht viel länger als eine Generation sprudeln würden - anders als im Nachbaremirat Abu Dhabi, das zugleich Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate ist und vor seinen Küsten noch für weitere 100- Jahre Öl fördern wird. Heute macht Rohöl nur noch 2 % des Dubaier Staatseinkommens aus. Das Emirat musste diversiizieren. Es nutzte dazu seine Lage als bereits erprobte Handelsdrehscheibe. Ein versandeter Meeresarm, der sich ein paar Kilometer landeinwärts erstreckt, der traditionelle Schifsanlegeplatz, arabisch Khor, englisch Creek genannt, wurde ausgebaggert. Trotzdem taugte er weiterhin nur als Liegeplatz für arabische, persische, indische, und pakistanische Dhaus. Das sind jene 20 - 30 m langen seetüchtigen Schife aus Holz, die in diesen Breiten seit jeher den Handel zwischen den Kontinenten organisieren. Zusätzlich ließ der Scheich von Dubai, der sein Emirat bis heute autokratisch regiert, neben der Creek-Mündung deshalb einen neuen Tiefwasserhafen errichten, den Port Rashid. Der nahm mit dem aukommenden Containerverkehr einen stürmischen Aufschwung. In den späten 1970er Jahren begann − rund 35 km entfernt, auf der seeseitigen Spitze eines rund 134 km 2 großen Geländes − der Bau eines weiteren Hafens, des Port Jebel Ali. Es war und ist die bislang größte Hafenanlage, die Menschen jemals geschafen haben. Dieser Hafen, in dem auch Flugzeugträger der Nimitz-Klasse festmachen können und der von der US Navy einfach the sandbox Abb. 1: Ölbohrtürme bestimmen das Hafenbild von Sharjah, eines Nachbarn Dubais Foto: Gernot Brauer genannt wird, hat letztes Jahr auf seinem derzeit rund 1 Mio. m 2 großen Containerterminal bereits 11,6 Mio. TEU umgeschlagen. Er wird derzeit auf 15 Mio. TEU ausgebaut. Umgeben ist dieser Port Jebel Ali von einer der in Dubai zahlreichen Freihandelszonen. Allein in dieser einen arbeiten mehr als fünftausend Firmen aus 120- Ländern mit eigenen Niederlassungen. Ähnliche Zonen gibt es auch im Emirat Abu Dhabi. Dort entsteht in der Khalifa Industrial Zone mit einem Aufwand von 240-Mio. USD derzeit eine der weltweit größten Freihandelszonen mit besten Infrastruktur-Voraussetzungen für petrochemische und metallverarbeitende Unternehmen. Der erste Bauabschnitt mit 2,7- Mio.- m 2 Industriegelände hinter 3,2 km Kailänge soll Ende 2014 in Betrieb gehen und zwölf Millionen Tonnen Container pro Jahr abfertigen können. Hauptumschlagsgüter sollen Petroleum und Planzenöle werden, Aluminium, Zement und Getreide und außerdem alles, was sich an verarbeiteten Gütern in Containern bewegen lässt. In der Umgebung von Jebel Ali wird bereits Aluminium erzeugt und Stahl verarbeitet, werden Kupfer und Blei, Nickel und Zink in großen Mengen gelagert. Hier werden Tanker entladen und natürlich unzählige Container verladen. In den Freihandelszonen der Vereinigten Arabischen Emirate werden wie in den gesamten sonstigen Emiraten keinerlei Steuern erhoben. Der Staat ist im großen Stil unternehmerisch tätig; das bringt genug ein. Anders als sonstwo in den Emiraten benötigen ausländische Firmen in Freihandelszonen auch keine einheimischen Mehrheitseigentümer. Sie können dort schalten, wie sie wollen, also Waren, Geld und Arbeitskräfte in beliebiger Menge einführen oder exportieren. Importierte Waren werden im großen Stil reexportiert. Denn die nur gut 5- Mio. Einwohner der Vereinigen Arabischen Emirate brauchen das Wenigste von dem, was da eingeführt wird. Drei Viertel aller Güter, die auf dem See- oder Luftweg nach Dubai gelangen, bleiben nicht dort. Arbeitskräfte bekommen eine Aufenthaltserlaubnis (für sich, keineswegs für ihre Familie) nur mit einem Arbeitsvertrag, und läuft dieser aus, haben sie genau 30- Tage Zeit, einen neuen Job zu inden oder das Land zu verlassen. Erst die seit rund fünf Jahren bestehende Möglichkeit, im Emirat auch als Ausländer eine Villa oder ein Appartement zu kaufen, eröfnete Besserverdienenden eine Chance, dieser unverzüglichen Abschiebung zu entgehen. Betreiber der Dubaier Häfen ist DP World. Der Autor: gernot Brauer INFRASTRUKTUR See- und Luftverkehr Dubai Internationales Verkehrswesen (64) 3 | 2012 42 Dieses Firmenkonglomerat wurde 2005 vom Regierungschef und Mehrheitsaktionär Scheich Mohammed bin Rashid al Maktoum gegründet und im Jahr darauf in die damals neu geschafene Finanzholding Dubai World eingebracht, ein von Dubai aus global agierendes Unternehmen mit rund 50 000 Beschäftigten in mehr als 100- Staaten für unter anderem mehr als 60- Hafen- Terminals in allen Kontinenten. Dubai World inanzierte ehrgeizigste Investmentprojekte auf Kredit. Prompt geriet dieses Firmenkonglomerat nach der Insolvenz des amerikanischen Investment-Bankhauses Lehmann Brothers im November- 2009 inanziell ins Straucheln. Es riss das ganze Emirat mit und ließ auch den Dow-Jones- Index um 1,5 % absacken. Die Ölpreise gaben als Reaktion sogar um 7 % nach. Die Verbindlichkeiten von Dubai World erreichten 59 Mrd. USD, zwei Drittel der insgesamt rund 80 Mrd. USD Schulden der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Regierung von Dubai verlangte und bekam Kreditprolongationen. Das führte dazu, dass zahlreiche weitgreifende Projekte abgebrochen oder zumindest auf Jahre unterbrochen wurden. Erst Anfang April-2012 mussten die Dubaier Trockendocks, ein weiteres Unternehmen in diesem Konglomerat, Kredite in Höhe von 2,2 Mrd. USD umschulden und gemäß einem Dekret des Scheichs von 2009 die Gläubiger aufordern, auf Kreditrückzahlungen mehrere Jahre zu warten. Nur so war eine Insolvenz der Docks zu vermeiden. Für ihre Gesundung ist ein Fünf-Jahres- Plan aufgestellt. Das Logistikgeschäft läuft DP World, das schon im Gründungsjahr 2005 für 7 Mrd. USD den bis dahin weltweit viertgrößten britischen Hafenbetreiber P&O übernommen hatte, hat 2010 weltweit rund 55 Mio. Standardcontainer umgeschlagen. Sein Stammhafen Jebel Ali soll in wenigen Jahren vom Dubaier Stadthafen Port Rashid den gesamten Dubaier Containerbetrieb übernehmen. Um Platz für zahlungskräftige Schifstouristen zu machen, hat die Port Authority eine Dubaier Erwerbung des Jahres- 2008 an einen minder attraktiven Hafenliegeplatz umdirigiert: die einstige „Königin der Meere“, die Queen Elizabeth- 2. Das Schif sollte für den zu Dubai World gehörenden Immobilienentwickler Nakheel neben dessen aus dem Boden schießenden Wohnhochhäusern als Luxushotel sowie als noble Theater- und Restaurantadresse fungieren, außerdem als schwimmendes Museum und nicht zuletzt als Möglichkeit, womöglich noch luxuriöser zu wohnen als an Land ohnehin möglich. Das ist bislang unterblieben. Ob die ehemalige Königin des Atlantiks eines Tages endgültig an den künstlichen Ufern der Palm Jumeirah festmachen wird, steht in den Sternen. Während dieses Kapitel des Seeverkehrs also auf seine Anknüpfung an die Gegenwart wartet, investierte das Dubaier Verkehrsministerium in die Transportinfrastruktur allein 2010 rund 2 Mrd. USD. Sie kommen den See- und Flughäfen, den Straßen und Schienenwegen des vergleichsweise kleinen Landes zugute. Das nur rund 70 km breite und etwa 50 km tiefe Emirat Dubai ist zu einem globalen bedeutenden Umschlag- und Marktplatz geworden. Dabei ist es im Wesentlichen nur entlang der Küste besiedelt. Und fast selbstverständlich liegen alle großen Infrastrukturprojekte sowohl Dubais wie seiner Nachbaremirate in Sichtweite der Küstenlinie. Ihr Wettbewerb untereinander wird täglich größer. Zwar machen sich die Dubaier Häfen Port Rashid und Jebel Ali wechselseitig keine Konkurrenz. Ende- 2010 ging im Nachbaremirat Abu Dhabi der erste Abschnitt des dortigen Hafens Port Khalifa in Betrieb. Dessen primärer Bauabschnitt soll Ende des Jahres- 2012 komplett sein und dann 2 Mio. TEU und 12 Mio. t Stückgut bewältigen. Langfristig soll der Port Khalifa den Dubaier Port Jebel Ali noch übertrefen: Bis- 2030 soll er 15 Mio. TEU und 35 Mio. t Stückgut verkraften. Die genannten Häfen sind nur durch die Meerenge von Hormuz zu erreichen, die Pulsader des globalen Rohöltransports, welche die Emirate vom Iran trennt. Häfen an der von diesem Nadelöhr unabhängigen Ostküste der Emirate gewinnen stetig an Bedeutung. Es sind Khorfakkan/ Hamrijah im Emirat Fujairah mit bislang 3 Mio. TEU Kapazität, Mina Saqr im Emirat Ras Al Khaimah, der diese 3 Mio. TEU bis 2020 bewältigen soll, und der Hafen Salalah im Oman. Alle diese Drehkreuze der Handelsschiffahrt haben trotz ihres geopolitisch gemeinsamen Vorteils der Lage jedoch einen entscheidenden Nachteil: die schwache Hinterlandanbindung. Alle diese Häfen sind nur per Lkw erreichbar. Dubai World Central International Airport Jebel Ali dagegen hat zumindest auf dem Papier einen unschlagbaren Vorteil: seine Lage am Meer und an einem internationalen Luftverkehrskreuz, das Dubai im Vorgrif auf dessen erst noch zu erringende Bedeutung schon jetzt Dubai World Central International Airport nennt. Für diesen Flughafen wurde in den Jahren- 2005 bis 2009 rund 44 km außerhalb der Dubaier Altstadt auf einem riesigen, 140 km 2 großen Wüstengelände zunächst eine ´4,5 km lange Start- und Landebahn mit Tower und Terminal mitten in die Wüste gebaut. Von den fünf geplanten parallelen Start- und Landebahnen des World Central Airport (ursprünglich war sogar von sechs Startpisten die Rede gewesen, alle 800 m von der nächsten entfernt und damit für gleichzeitige Starts und Landungen tauglich) wurde allerdings erst diese eine verwirklicht. Sie liegt nur 10 km landeinwärts vom Seehafen, ist über Autobahnen erschlossen und macht es so möglich, Waren binnen 4 h vom Schif ins Flugzeug zu laden. Das erspart Frachtführern, die Dubai als regionales Versorgungszentrum etwa für Ersatzteile in den gesamten Mittleren Osten benutzen, nach Ansicht des Group Vice President Middle East der Gulf Agency Company Dan Hjalmarsson 40 % der direkten Luftfrachtkosten auf dem Weg von oder nach Ostasien. Mitte 2010 landete die erste Frachtmaschine auf dem Dubai World Central Airport. Auch den nötigen Frachtterminal gibt es seit Mitte 2010. Abb. 2: Während sich der Dubaier Hafen Port Rashid zu einem Kreuzfahrtterminal wandelt (links), wird der Hafen Jebel Ali als Frachtumschlagplatz weiter ausgebaut. Fotos: DP World Internationales Verkehrswesen (64) 3 | 2012 43 Das ist erst der Anfang. Geplant sind satellitenartige Einrichtungen für Logistik in einer künftigen 25 km 2 großen Dubai Logistics City, für Luftfahrtforschung und -entwicklung, für die Luftfahrtindustrie, den Flugzeugservice und für Wartungsirmen in einer auf 12 km 2 ausgelegten Aviation City, dazu Wohnquartiere (Residential City und Golf City) sowie eine Commercial City mit bis zu 800- Hochhäusern. Und schließlich ist neben dem Dubai World Central Airport auch noch das Dubaier Messegelände geplant. Insgesamt sollen hier einmal 800 000 Menschen arbeiten. Der Airport soll dann pro Jahr 160-Mio. Passagiere und 12 Mio. t Luftfracht umschlagen, mehr als das Dreifache an Passagieren und das Fünfache an Fracht des Flughafens Frankfurt am Main. Flüge allerdings gibt es nach und von Dubai World Central bislang kaum. Außer Geschäftsmaschinen landet dort vor allem Fracht, unter ihnen zeitweilig solche von Air Cargo Germany, einer reinen Frachtlinie, die auf dem Flughafen Hahn in der Nähe von Frankfurt stationiert ist. Ein wesentlicher Grund für die bisherige Zurückhaltung ist in der anhaltenden Finanzkrise zu suchen. Einen weiteren sehen Experten darin, dass alle Baupläne rund um den Airport bisher nur auf dem Papier stehen. Wie auch immer - der World Central Airport wird in absehbarer Zeit mitnichten ein Zentrum der Welt. Technisch ist er aufs Modernste ausgerüstet. Trotzdem wird Luftfracht per Lkw von hier zum gewohnten innerstädtischen Flugplatz gefahren. Eine Metrolinie, die beide 49 km voneinander entfernten Airports mit bis zu 160 km/ h Zugtempo bei nur wenigen Zwischenstopps in nur 40 min verbinden sollte, existiert ebenfalls nur auf dem Papier. Deshalb bleibt der Stadtlughafen Dubai International Airport bis auf weiteres das wichtigste Drehkreuz. Bereits-2008 gehörte er im Passagierverkehr zu den 20- betriebsamsten Flughäfen weltweit, rangierte beim Frachtaukommen auf Platz- 11 und bei internationalen Passagieren sogar schon auf Platz- 6. Seine Verkehrsleistung erbringt 28 % des gesamten Bruttosozialprodukts im Emirat - und das, obwohl weitere internationale Flughäfen fast nebenan liegen: Sharjah International nur rund eine halbe Autostunde, Abu Dhabi International nur eine gute Autostunde und Al Ain International nur unwesentlich weiter entfernt. Während die schnell wachsenden Etihad Airlines in Abu Dhabi beheimatet sind, domiziliert Emirates Airlines auf Dubai International. Bezogen auf Flugkilometer internationaler Passagiere rangiert Emirates weltweit bereits auf Platz fünf. Einer von drei derzeit betriebenen Terminals auf Dubai International ist allein dieser Airline vorbehalten, ein vierter, ganz auf die Dimensionen des Airbus- 380 zugeschnitten, steht vor der Fertigstellung. Beide Terminals haben direkten Metroanschluss und verbinden die Schnellbahnstationen mit ihren Check-in-Schaltern über unterirdische Empfangspaläste unter dem Rollfeld. Es sind gigantische Räume. Verglichen mit ihnen wirken selbst die des Flughafens Frankfurt am Main spielzeughaft klein. Darin dauert die Grenzabfertigung allerdings selbst für Passagiere, deren Visum nur eine Formalie ist, operettenhaft lange. ■ gernot Brauer Freier Journalist München BrauerMUC@aol.com Abb. 3: So könnte der Dubai World Central Airport einmal aussehen. Realistische Pläne gibt es noch nicht. Graik: http: / / almaktouminternationalairport.eu/ dubai-world-central/ al-maktoum-airport Abb. 4: Blick in den im Herbst 2008 eröfneten Terminal 3 des Flughafens Dubai International. Quelle: www.dubaiairport.com
