eJournals Internationales Verkehrswesen 64/6

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2012-0144
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Systemwechsel zur vernetzten Mobilität

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Kerstin Zapp
Uwe Clausen
Die Beförderungsleistung aller Verkehrsträger im Personen- und Güterverkehr wächst stetig. Nicht zuletzt, weil der Mobilitätsbedarf von Waren und Menschen sowie der Urbanisierungsgrad steigen. Gleichzeitig nehmen Energiebedarf und Sicherheitsbedürfnis zu. Was können Verkehrswirtschaft und -wissenschaft tun, um auch künftig den Verkehr ließen zu lassen sowie mit Ressourcen verantwortlich umzugehen? Darüber sprach Kerstin Zapp mit Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen, Sprecher der Fraunhofer-Allianz Verkehr.
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MOBILITÄT Interview Uwe Clausen Internationales Verkehrswesen (64) 6 | 2012 40 Systemwechsel zur vernetzten Mobilität Die Beförderungsleistung aller Verkehrsträger im Personen- und Güterverkehr wächst stetig. Nicht zuletzt, weil der Mobilitätsbedarf von Waren und Menschen sowie der Urbanisierungsgrad steigen. Gleichzeitig nehmen Energiebedarf und Sicherheitsbedürfnis zu. Was können Verkehrswirtschaft und -wissenschaft tun, um auch künftig den Verkehr ließen zu lassen sowie mit Ressourcen verantwortlich umzugehen? Darüber sprach Kerstin Zapp mit Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen, Sprecher der Fraunhofer-Allianz Verkehr. Herr Professor Clausen, welche weltweiten Megatrends haben Ihrer Meinung nach Einluss auf den Bereich Verkehr? Globalisierung, d. h. insbesondere weltweite Kommunikation und Arbeitsteiligkeit, sorgt für steigenden Güterverkehr und Personenmobilität. Urbanisierung bedeutet, dass immer mehr Menschen in Städte ziehen - und sie möchten natürlich auch hier mobil sein. Auch der Transport von Gütern im urbanen Raum nimmt zu, obwohl der Schwerpunkt hier auf den großen Korridoren zwischen industriellen Zentren und Distributionszentren sowie im Seehafenhinterlandverkehr liegt. Nachhaltigkeit ist eine Jahrhundertaufgabe. Der Verkehr muss energieeizienter werden und damit seinen CO 2 -Footprint verringern, aber auch der Verkehrslärm ist weiterhin eine Herausforderung. Wie stellen sich die Fraunhofer-Kunden aus der Verkehrswirtschaft auf die zu erwartenden Entwicklungen ein? Im öfentlichen Personenverkehr stehen Herausforderungen wie Qualität und Komfort im Vordergrund, d. h. konkret Anschlusssicherung, Zugang zum einzelnen Verkehrsmittel und Mobile Ticketing stehen im Fokus unserer Kunden. Um die entstehenden Mobilitätsbedarfe noch besser zu bedienen, sind Themen wie Car-Sharing oder auch Bike-Sharing auf der Agenda. Im Verbundvorhaben „Fraunhofer Systemforschung Elektromobilität“ sind unsere Institute mit Forschung an Schnittstellen zwischen Stromnetz und Fahrzeug bis hin zu neuen Fahrzeugkonzepten und einer künftigen Infrastruktur beteiligt. Im Güterverkehr stehen Themen wie die Nachhaltigkeit, Sicherheit und Robustheit, die Versorgung im urbanen Raum, die Optimierung globaler Logistiknetzwerke sowie der intermodale Verkehr im Fokus. Wie und in welchen Bereichen können die Fraunhofer-Institute der Allianz Verkehr der Praxis helfen? Als Fraunhofer-Allianz Verkehr bündeln und kommunizieren wir die Kompetenzen unserer Institute in allen verkehrsrelevanten Bereichen, die wir in unseren Arbeitsgruppen Automotive, Aviation, Rail, Waterborne und Mobility organisiert haben. Die Kompetenzen reichen von der Messtechnik zur Infrastruktursicherung im Bahnsektor über die Verkehrslogistik zur Planung ganzer Häfen bis zur Entwicklung von Mobilitätskonzepten für Mega-Cities. In den Fraunhofer-Galileo-Labs tüfteln wir an neuen Anwendungen der Satellitennavigation in Verkehr und Logistik. Mit welchen Ideen begegnen Sie beispielsweise der wachsenden Urbanisierung und machen das Leben in Megastädten lebenswert? Aus Sicht des Verkehrs ist vor allem Eizienz im Umgang mit Fläche und Energie sowie die abgestimmte Planung von Personen- und Güterverkehr wichtig. Die Infrastruktur in vielen Städten gelangt heute bereits oft an Ihre Kapazitätsgrenze, ein Ausbau ist nicht immer möglich. Neben einer Verlagerung auf den ÖPNV noch stärker als bisher denken wir darüber nach, den Personenverkehr zeitlich vom Güterverkehr zu entkoppeln. Es ist nicht sinnvoll, Güter während der Rush Hour durch eine Stadt zu befördern. Hier müssen Ansätze gefunden werden, Randzeiten stärker zu nutzen. Wohin werden die Megatrends Nachhaltigkeit und Energieeizienz letztlich führen - in fünf und in 20 Jahren? In den nächsten fünf Jahren erwarte ich, dass sich vor allem die Datengrundlage und das Bewusstsein deutlich verbessern. Unternehmen brauchen Kennzahlen, die nicht nur grobe Schätz- oder Mittelwerte sind, sondern verbrauchsnah und belastbar Aussagen über die ökologischen Efekte verschiedener Logistkprozesse und -systeme zulassen. Auf dieser Basis werden wir im Güterverkehr vom Fahrertraining über das Benchmarking von Logistikstandorten bis hin zur Optimierung von Strukturen Fortschritte sehen, zu der die Forschung etwa im EizienzCluster LogistikRuhr derzeit wichtige Grundlagen erarbeitet. Im Personenverkehr wird der „E-Mobility-Hype“ nachlassen, eine realistische Betrachtung aller Mobilitätsangebote und Antriebstechniken Einzug halten und insbesondere im urbanen Raum der massenleistungsfähige Schienenverkehr gestärkt werden. Sicher 20 Jahre oder länger wird es dauern, bis wir etwas erreichen, was ich als „Systemwechsel zur vernetzten Mobilität“ bezeichnen möchte. Dahinter steht das Ziel, dass die Verkehrsträger nicht vorrangig miteinander konkurrieren, sondern in Kooperation Transport- und Wegeketten realisiert Internationales Verkehrswesen (64) 6 | 2012 41 werden, die die Kunden akzeptieren und die zugleich die Nachhaltigkeit des Gesamtverkehrssystems stärken. Neuartige Fahrzeugtypen werden dann ebenso zu wichtigen Bestandteilen des Verkehrssystems wie innovative Informations- und Bezahlsysteme. An welchen konkreten Projekten arbeiten Sie hier derzeit? Können Sie ein Beispiel pro Verkehrsträger nennen? Im Bereich Automotive ist ein aktuelles Thema die AutoTram® Extra Grand des Fraunhofer IVI aus Dresden, eine neue Fahrzeugtechnologie für den ÖPNV. Dieses Transportsystem vereint die Ausweichlexibilität, einfache Infrastruktur und vergleichsweise geringere Lebenszykluskosten eines Busses mit der hohen Transportkapazität, dem Fahrkomfort sowie den umweltverträglichen Antriebssystemen einer Bahn. Mit Projekten zur Infrastruktursicherung beschäftigen wir uns im Bahnbereich, wo unser Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik IPM in Freiburg augensichere 3D- Laserscanner entwickelt, die so schnell und präzise messen, dass sie aus einem mit 100 Stundenkilometer fahrenden Zug die Position der Oberleitung oder den Fahrweg räumlich vermessen und überwachen können. Unsere jüngste Arbeitsgruppe, die AG Waterborne, arbeitet u. a. aktuell sowohl an der Schifsentwicklung als auch an der Logistik für einen zuverlässigen Einsatz von Binnenschifen im intermodalen Verkehr. Im Projekt „Multimodal Promotion“ des Fraunhofer IML steht z.B. im Fokus, dass mehr Güter auf Schiene oder Binnenschif transportiert werden, indem Verladern verbesserte, individuelle Informationen zur Verfügung stehen. Um Umweltwirkungen des Luftverkehrs drastisch zu verringern, forschen wir in den Instituten der AG Aviation im Rahmen der europäischen Initiative „Clean Sky“ an vielen Stellschrauben für den Luftverkehr von morgen. Information bzw. Vernetzung gilt ebenfalls als Megatrend im Verkehr. Welche Entwicklungen sind zu erkennen? Vernetzte Mobilität steht für einen Trend, vielleicht wird man einmal sagen können: einen Systemwechsel in der Mobilität. Neben der Konkurrenz zwischen Verkehrsträgern wird es dann vielmehr gut organisierte Kooperation geben. Flexible Wahl der für einen Transportzweck optimal geeigneten Kombination von Verkehrsmitteln wird ein zentrales Element der vernetzten Mobilität sein. Separate Informations-, Buchungs- und Ticketsysteme für die verschiedenen Verkehrsmittel wie ÖPNV, Car-Sharing oder die Bahn im Fernverkehr gehören dann für den Personenverkehr der Vergangenheit an und im urbanen Raum werden der Personen- und Güterverkehr enger miteinander verzahnt und abgestimmt. Abgesehen von Verkehrsmitteln - wie wird sich die Verkehrsinfrastruktur Ihrer Meinung nach verändern? Die Herausforderung besteht darin, dass die vorhandene Infrastruktur mit den herkömmlichen Mobilitätskonzepten zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt und ein Ausbau der Infrastruktur teuer und ein langwieriger Prozess ist. Es geht also um die optimale Nutzung der bestehenden Infrastruktur, u.a. auch durch die bessere Erfassung und Beförderung von Informationen. Wechselbeschilderung auf Autobahnen ist hier nur ein kleiner erster Schritt. Daneben müssen wir mehr auf Sicherheit achten: Unfallschwerpunkte entschärfen, Tempo 30 in Wohngebieten, Raser und Chaoten aus dem Verkehr ziehen, Fuß- und Radwege sichtbar machen, Ladungssicherung und Lkw-Routing … Es gibt noch viel zu tun. Jeden Tag sterben im Mittel über 100 Menschen allein auf Europas Straßen - in den Schwellenländern Asiens noch viel mehr, das ist inakzeptabel. Und was erwarten Sie bei Logistikstrukturen und -prozessen? Die weltweite Arbeitsteiligkeit von Wirtschaft und Produktion sorgt für weitere Distanzen zwischen Versender und Empfänger, die Diferenzierung der Produkte und das Bestreben, die Kapitalbindungskosten zu verringern, für hohe Frequenzen und kleiner werdende Sendungsgrößen. Mehr und mehr Menschen nutzen Angebote des Online-Handels oder werden selbst Anbieter von gebrauchten oder neuen Waren. Als Fraunhofer-Allianz Verkehr leisten wir Beiträge, um Verkehrswege und verkehrslogistische Anlagen so eizient wie möglich zu nutzen. Optimale Betriebsstrategien sind für Containerterminals, Paketzentren oder Stückgutspeditionsanlagen unverzichtbar, um die steigenden Sendungsmengen in Zukunft zu bewältigen. ■ Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen ist seit 2003 Vorsitzender der Fraunhofer-Allianz Verkehr und zugleich seit Februar 2001 Leiter des Instituts für Transportlogistik an der TU Dortmund sowie Leiter des Fraunhofer-Instituts für Materialluss und Logistik (IML). ZUR PERSON Die Fraunhofer-Allianz Verkehr entwickelt technische und konzeptionelle Lösungen für öfentliche und industrielle Auftraggeber und überführt diese in die Anwendung. Die Allianz analysiert den Marktbedarf und entwickelt institutsübergreifende Systemangebote. Zudem sammelt und vermarktet sie verkehrsrelevante Kompetenzen ihrer Mitglieder. Ein enger Branchenbezug wird durch Arbeitsgruppen wie Automotive, Rail, Aviation und Waterborne gewährleistet. Durch internationale Forschungsprogramme und -aufträge sind die Mitgliedsinstitute weltweit mit verkehrsrelevanten Wirtschafts- und Forschungsunternehmen vernetzt. ZUR ALLIANZ (Fotos: IML)