eJournals Internationales Verkehrswesen 66/1

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2014-0022
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2014
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Elektromobilität im Alltag

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2014
Ansgar Roese
Die jüngste Renaissance der Elektromobilität zeigt nach gut sechs Jahren kleine, aber stetige Erfolge. Viele namhafte Automobilhersteller sind aktuell mit Fahrzeugen am Markt und die Zulassungszahlen steigen langsam, aber kontinuierlich. Ob die Elektromobilität aber dauerhaft zu einer Erfolgstory wird, darüber sind sich die Experten aktuell noch nicht einig. In Frankfurt am Main setzt sich die Wirtschaftsförderung dafür ein, dass die Elektromobilität im Alltagsgeschäft effizient und erfolgreich genutzt wird. Dabei sucht sie auch den Erfahrungsaustausch mit anderen europäischen Großstädten.
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Internationales Verkehrswesen (66) 1 | 2014 71 Elektromobilität im Alltag Praxisnaher Einsatz in Frankfurt am Main Die jüngste Renaissance der Elektromobilität zeigt nach gut sechs Jahren kleine, aber stetige Erfolge. Viele namhafte Automobilhersteller sind aktuell mit Fahrzeugen am Markt und die Zulassungszahlen steigen langsam, aber kontinuierlich. Ob die Elektromobilität aber dauerhaft zu einer Erfolgstory wird, darüber sind sich die Experten aktuell noch nicht einig. In Frankfurt am Main setzt sich die Wirtschaftsförderung dafür ein, dass die Elektromobilität im Alltagsgeschäft eizient und erfolgreich genutzt wird. Dabei sucht sie auch den Erfahrungsaustausch mit anderen europäischen Großstädten. Der Autor: Ansgar Roese S eit den 1970er Jahren hat die Elektromobilität mehrfach eine Renaissance durchlebt. Leider ohne dabei dauerhafte Erfolge zu hinterlassen. Der jüngste Versuch im Jahr 2008 soll der Elektromobilität nun endlich zum Durchbruch verhelfen. Die Forderung der Politik, über eine vom Rohöl unabhängige und emissionsfreie Automobilität nachzudenken, führte dazu, dass sich das Gros der Hersteller nun ernsthaft mit der Aufnahme eines Elektrofahrzeuges in ihr Angebot beschäftigte. Parallel dazu begannen viele Städte und Gemeinden darüber nachzudenken, wie man zukünftig dem hohen Bedarf an Ladeeinrichtungen für die Elektrofahrzeuge begegnen sollte. Über die Modellregionen wurden Projekte zum Aubau der notwendigen Ladeinfrastruktur umgesetzt. Teilweise setzten die Städte sogar Masterpläne zur großlächigen Installation von Ladesäulen auf. Auch in Frankfurt am Main beschloss die Stadtverordnetenversammlung im Jahr 2008, die Mainmetropole zu einem Vorreiter in Sachen Elektromobilität zu machen. Knapp drei Jahre später kam es aber erneut zu einem ernüchternden Fazit, da sich kaum E-Fahrzeuge in den Zulassungsstatistiken der Kommunen wiederfanden und die Ladeinfrastruktur nur selten genutzt wurde. Und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt serienreife Fahrzeuge verschiedener Hersteller im Markt verfügbar waren. Kritiker bescheinigten der Elektromobilität bereits ein erneutes Scheitern. Viele Energieversorger, die 2008 noch mit hohem Engagement in die Elektromobilität eingestiegen waren, hatten drei Jahre später bereits wieder die Begeisterung für das neue Geschäftsfeld aus den Augen verloren. Das- Auto mit Elektroantrieb war nicht mehr länger das-Allheilmittel für alle Mobilitätsprobleme. Die Ursache war schnell gefunden. Neben deutlich höheren Anschafungskosten mangelt es an der Akzeptanz der Elektromobilität als Alternative zu den thermischen Antriebskonzepten. Schließlich erlauben heutige Dieselmotoren, mit nur einer Tankfüllung Distanzen von über 1000 Kilometern und nach einer kurzen Tankpause die nächsten 1000 Kilometer zurückzulegen. Warum soll der Verbraucher dann zu einem spürbaren höheren Preis ein Elektroauto erwerben, das „nur“ eine Reichweite von 120-150 Kilometern hat? Aus dieser Fragestellung resultierend, erarbeitete die Wirtschaftsförderung Frankfurt am Main Ansätze für eine sinnvolle und eiziente Nutzung der E-Mobilität im urbanen Kontext. Das „White Paper for Transport“ der Europäischen Union sieht für das Jahr 2050 vor, dass der urbane Verkehr von sauberen Verkehrsträgern und umweltschonenden „Treibstofen“ geprägt wird. Die Foto: Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH Stadtverkehr MOBILITÄT Internationales Verkehrswesen (66) 1 | 2014 72 MOBILITÄT Stadtverkehr Wirtschaftsverkehre sollen bereits im Jahre 2030 „CO 2 -neutral“ in den Innenstädten durchgeführt werden. Aber auch unter ökonomischen Gesichtspunkten bietet die E- Mobilität dringend notwendige Antworten auf die Frage nach ölunabhängigen Mobilitätskonzepten. Wie wichtig dieser Aspekt ist, wird schnell klar, wenn man sich die Prognosen der Vereinten Nationen über die Entwicklung des weltweiten Fahrzeugbestandes anschaut. Gab es im Jahre 2010 noch knapp eine Milliarde Autos auf der Erde, so rechnet man 20 Jahre später bereits mit 1,7 Mrd. Fahrzeugen im Bestand. Alleine in China wuchs der Fahrzeugbestand im ersten Halbjahr 2012 um 8 %. Diese Zahlen zeigen gute Aussichten für die Automobilindustrie, lassen aber bei der Frage nach der Entwicklung der Benzinpreise jeden Verbraucher aufschrecken. Schließlich soll Mobilität nicht zu einem Luxusgut werden. Daher spielt die Elektromobilität heute bereits eine wichtige Rolle im Hinblick auf zukünftige Mobilitätskonzepte. Die Stadt Frankfurt am Main ist bereits dabei, die urbane Elektromobilität umfassend weiterzuentwickeln und anzuwenden. Heute beliefern Paketdienste ihre Kunden per Elektrofahrzeug. Was als Experiment mit ungewissem Ausgang begann, ist drei Jahre später Alltag. Die Fahrer sind begeistert von ihren Zustellfahrzeugen, die neben den positiven Efekten für die Umwelt auch einen echten Gewinn an Fahrkomfort bringen. Das tägliche Fahrproil der Fahrzeuge - weniger als 100 km pro Tagestour - ermöglicht das problemlose Auladen der Fahrzeuge über Nacht in ihrem Depot. Gegenüber dem emissionsreichen „Stop and Go“-Betrieb von Verbrennungsmotoren bieten Elektrofahrzeuge einen besonders hohen Wirkungsgrad und stellen ein gutes Beispiel für sinnvollen und eizienten Einsatz der Elektromobilität in Städten dar. Das Handwerk fährt emobil Die Wirtschaftsförderung Frankfurt setzt daher auf die Identiikation geeigneter Nutzerkreise für E-Fahrzeuge. Gemeinsam mit dem Land Hessen und der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden wurde ein Programm aufgesetzt, um den Einsatz von Elektrofahrzeugen in Handwerksbetrieben zu fördern. Die überwiegende Zahl von Handwerksbetrieben agiert innerhalb der Stadtgrenzen oder deren direktem Umfeld. Über Nacht können die Fahrzeuge in den Betrieben wieder aufgeladen werden, so dass am nächsten Morgen die Batterie die volle Kapazität bietet. Um die Bevölkerung auf den Einsatz eines E-Fahrzeuges in den Handwerksbetrieben aufmerksam zu machen und so auch Bewusstsein zu erzeugen, wurde unter dem Motto „erster! Das Handwerk fährt emobil“ ein Kampagnenlogo entwickelt. Jedes eingesetzte Fahrzeug wird mit diesem Kampagnenlogo versehen und hat dadurch einen hohen Wiedererkennungswert. Die Handwerksbetriebe nutzen die Elektrofahrzeuge über 36 Monate und erhalten im Gegenzug eine Förderung, die die Mehrkosten gegenüber der Anschafung eines konventionellen Fahrzeuges anteilig kompensieren. Gemeinsam mit den Handwerkskammern und der Fachhochschule Frankfurt am Main, die eine sozialwissenschaftliche Begleitforschung im Rahmen des Projektes durchführt, sollen bis Ende des Jahres 2014 bis zu 200 Handwerker in beiden Städten mit Elektrofahrzeugen unterwegs sein. Um an den Erfahrungen anderer Großstädte bei der Einführung der Elektromobilität zu partizipieren, beteiligt sich die Wirtschaftsförderung Frankfurt an den EU-Projekten EVUE (Electric Vehicles in Urban Europe) und EFACTS (Electric Vehicles for Alternative City Transport). Mit europäischen Städten wie London, Stockholm, Oslo, Arnheim, Katowitz und weiteren werden die unterschiedlichen Maßnahmen, Aktivitäten sowie die daraus resultierenden Ergebnisse zur Einführung der Elektromobilität evaluiert. Die Aktivitäten beschränken sich dabei nicht ausschließlich auf die Anwendung der Elektromobilität im Bereich des motorisierten Individualverkehrs, sondern untersuchen z.B. auch den emissionsfreien Einsatz von Plugin-Hybridbussen in der Stockholmer Innenstadt oder die Nutzung von Oberleitungsbussen in der niederländischen Stadt Arnheim, die mithilfe von Batterien Teile der Fahrstrecke auch ohne Oberleitung zurücklegen werden. Die Erfahrungen aus diesen Projekten sind für alle nahezu Städte von hohem Interesse, da das Ersetzen der herkömmlichen Dieselbusse durch elektrische Busse einen wichtigen Beitrag zur Emissionsvermeidung in den Städten leistet. Begleitet werden die Aktivitäten der Wirtschaftsförderung Frankfurt und der zahlreichen Partner im Rhein-Main-Gebiet durch eine aktive Kommunikationsstrategie. Unter dem Aktionslabel „FrankfurtEmobil“ werden die Unternehmen und Bürger der Mainmetropole über alle aktuellen Projekte informiert. Ziel des Labels ist es, ein Bewusstsein für die Elektromobilität zu erzeugen und darzulegen, dass diese neue Form der Mobilität heute bereits existent und im Tagesgeschäft anwendbar ist. Hierzu werden die Internetplattform „frankfurtEmobil“ sowie eine Vielzahl von Veranstaltungen genutzt. Trotz der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit, Elektromobilität dauerhaft als weiteres Antriebskonzept sinnvoll und eizient einzusetzen, wird diese Technologie nicht die Lösung aller Fragen auf die mit der Mobilität verbundenen zukünftigen Herausforderungen sein. Es wird nicht ausreichen, ein Auto mit Verbrennungsmotor durch ein Fahrzeug mit Elektroantrieb zu ersetzen. Insbesondere mit Blick auf den motorisierten Individualverkehr können Herausforderungen wie wachsende Verkehrsaukommen oder der Raumbedarf des ruhenden Verkehrs in den Innenstädten nicht durch „mehr Elektroautos“ gelöst werden. Hier bedarf es anderer neuartiger Mobilitätskonzepte wie dem Carsharing, der Einführung einer Mobilitätskarte oder auch des Angebotes eines betrieblichen Mobilitätsmanagements. Parallel zu den Aktivitäten im Bereich der Elektromobilität haben deshalb die entsprechenden Partner in Frankfurt am Main leistungsfähige Mobilitätsangebote formuliert. Diese Dienstleistungen sind in einem Strategiepapier unter dem Titel „Elektromobilität im Jahre 2025 in Frankfurt am Main“ aufgeführt, welches die Wirtschaftsförderung Frankfurt in Zusammenarbeit mit Vertretern des Magistrats, der Landesregierung und der Wirtschaft im Jahr 2010 erstellt hat. Insgesamt wurden 26- Projekte und Maßnahmen identiiziert, die die Einführung der Elektromobilität positiv beeinlussen bzw. fördern sollen. Zugleich wurden sieben Ziele deiniert, die durch die Nutzung der Elektromobilität in der Mainmetropole im Jahre 2025 erreicht werden können. So sollen z. B. 10 % des automobilen Verkehrsaukommens in Frankfurt am Main von elektrischen Fahrzeugen erbracht werden und der Anteil des lärm- und emissionsarmen Verkehrs innerhalb des Anlagenrings 50 % betragen. Darüber hinaus rechnet die Stadt mit der Markteinführung weiterer alternativer Antriebskonzepte wie beispielsweise der Brennstofzellentechnologie. ■ Ansgar Roese, Dipl.-Geogr. Leiter Kompetenzzentrum Logistik und Mobilität, Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH, Frankfurt ansgar.roese@frankfurt-business.net Bild 1: Handwerksbetriebe können eine Einmalförderung für Elektrofahrzeuge erhalten, wenn sie diese im Alltag einsetzen und das Projektlogo anbringen.