eJournals Internationales Verkehrswesen 66/3

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2014-0084
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2014
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Elektromobilität im städtischen Wirtschaftsverkehr

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Wolfgang Aichinger
Die Elektromobilität bringt neuen Schwung in ein zunehmend wichtigeres Thema: Werden sich E-Nutzfahrzeuge im städtischen Wirtschaftsverkehr in absehbarer Zeit etablieren können? Welche Vorteile lässt eine stärkere Verbreitung elektrischer Nutzfahrzeuge erwarten? Und welche innovativen Geschäftsmodelle gibt es bereits?
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Internationales Verkehrswesen (66) 3 | 2014 63 Urbane E-Logistik LOGISTIK Elektromobilität im städtischen Wirtschaftsverkehr Die Elektromobilität bringt neuen Schwung in ein zunehmend wichtigeres Thema: Werden sich E-Nutzfahrzeuge im städtischen Wirtschaftsverkehr in absehbarer Zeit etablieren können? Welche Vorteile lässt eine stärkere Verbreitung elektrischer Nutzfahrzeuge erwarten? Und welche innovativen Geschäftsmodelle gibt es bereits? Der Autor: Wolfgang Aichinger E ine Gewissheit wird jeden Tag im Straßenverkehr wieder bekräftigt: Mit dem Wirtschaftsverkehr sind in den Städten und Regionen zahlreiche Herausforderungen verknüpft. Handlungsdruck in den Städten nimmt zu Denn obwohl die Fahrzeuglotten der Logistikbranche in den letzten Jahren deutlich umweltfreundlicher wurden, stammt ein großer Teil der Emissionen im Straßenverkehr von leichten und schweren Nutzfahrzeugen. Daten darüber sind nicht einfach zu gewinnen, für Baden-Württemberg liegen sie aber zum Beispiel auf Landesebene für das Jahr 2010 vor. Im Südwesten gehen 28 % des CO 2 -Ausstoßes, 53 % der Stickstofoxid- Emissionen (NO x ) sowie 41 % der Feinstaubemissionen im Straßenverkehr auf den Wirtschaftsverkehr zurück. Deutschlandweit mühen sich Kommunen, die schlechte Luftqualität in den Grif zu bekommen. Von Seiten der Europäischen Kommission drohen herbe Strafzahlungen, falls beispielsweise in München, Berlin oder im Ruhrgebiet die Stickstofdioxidbelastung bis 2015 nicht auf ein akzeptables Maß reduziert wird. Die Logistikbranche betont, dass die speziischen Emissionen der Fahrzeuge seit Mitte der Neunzigerjahre deutlich zurück gegangen seien. Dies zeigt sich auch in Bild-1. Zumindest teilweise wurden diese Fortschritte jedoch durch einen Anstieg der transportierten Tonnenkilometer um knapp 55 % zwischen 1995 und 2010 wieder aufgewogen. Laut der Verkehrsprognose des Bundesverkehrsministeriums ist bis 2030 mit einer weiteren Zunahme des Güterverkehrsaufwands auf der Straße um rund 39 % zu rechnen. Durch den rasant wachsenden Wirtschaftsverkehr geht die tatsächliche Belastung durch Luftschadstofe also nicht im gleichen Maße zurück, wie die Fahrzeuge sauberer werden. Eizientere Motoren und umweltfreundlichere Treibstofe allein lösen das Problem nicht. Ähnlich verhält es sich mit weiteren Herausforderungen, beispielsweise in Bezug auf Lärmschutz, Staus oder die starke Abnutzung der Straßeninfrastruktur durch schwere Nutzfahrzeuge. Wenn durch den rasch zunehmenden Internethandel und andere Entwicklungen in Zukunft noch mehr Lieferfahrzeuge durch die Städte fahren - wie lebenswert sind diese dann? Wie eizient wird Logistik unter solchen Bedingungen überhaupt noch gestaltet werden können? In der stark kostengetriebenen Logistikbranche steht die Suche nach eizienteren Lösungen für die Innenstädte mittlerweile immer häuiger auf der Tagesordnung. Auch ein „grüneres“ Image wird zusehends wichtiger. Quer durch Deutschland und dem benachbarten Ausland werden derzeit- in Forschungsprojekten und innovativen Unternehmen neue Ansätze zur Gestaltung der städtischen Logistik untersucht. Elektromobilität ist jeweils Teil der Lösung. Konkurrenzfähig mit neuen Fahrzeugtypen Noch vor wenigen Jahren ein absolutes Nischenthema, stehen Lasten-Pedelecs heute vielerorts im Mittelpunkt des Interesses. Ähnlich wie ein Tesla erregen mit Elektromotor unterstützte Lastenräder wie das „iBullit“ im Straßenverkehr viel Aufmerksamkeit und wirken als positiver Werbeträger (Bild 2). Bedeutsamer aus unternehmerischer Sicht ist jedoch der Kostenvergleich. Laut Herstellerangaben liegen die jährlichen Gesamtkosten bei unter einem Viertel der Kosten eines vergleichbaren Kraftfahrzeuges: Das Lastenrad benötigt keine Versicherung und zeichnet sich im laufenden Betrieb durch geringe Wartungskosten und zu vernachlässigende Energiekosten aus. Zusätzlich entstehen operative Vorteile, da für den Radverkehr freigegebene Einbahn- Bild 1: Besonders die speziischen Stickstof- und Feinstaub-Emissionen von LKWs gingen zwischen 1995 und 2010 zurück. Quelle: Deutsches Institut für Urbanistik nach Umweltbundesamt Bild 2: Lastenräder mit Elektroantrieb eignen sich für bis 100 kg Zuladung. Foto: Amac Garbe/ DLR Internationales Verkehrswesen (66) 3 | 2014 64 Logistik Urbane E-Logistik straßen in Gegenrichtung befahren werden dürfen oder die Suche nach Haltemöglichkeiten entfällt. In welcher Weise das zulassungs- und führerscheinfreie „iBullit“ mit seiner großräumigen, stabilen Transportkiste für bis zu 100 kg Zuladung eine ökologische Alternative im Lieferverkehr ist und Autofahrten ersetzen kann, untersucht das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Bei Kurier- und Expressdiensten in insgesamt acht Städten werden aus betriebswirtschaftlicher Sicht Verlagerungspotenziale von PKW-Kurierfahrten identiiziert und die damit einhergehende Reduktion von Umweltbelastungen ermittelt. Insgesamt 40 „iBullitt“-Lastenräder sowie ein CargoCruiser-Dreirad für bis zu 300 kg Zuladung werden dafür eingesetzt. Die vorläuigen Ergebnisse sind ermutigend und auch für klassische Fahrradkuriere interessant. Im Schnitt sind mit dem Pedelec 67 Last-km pro Tag möglich, rund 20 % mehr als mit herkömmlichen Rädern. Mittlerweile wurden alle in Berlin im Zuge des Projekts eingesetzten Lasten-Pedelecs an die Fahrer verkauft, da der Umstieg entsprechende Vorteile zeigte. Das sehen auch andere Unternehmen so. Der Zustelldienst UPS nutzt beispielsweise in Dortmund, Hamburg und Köln Lastenräder für die sogenannte „letzte Meile“. In den Niederlanden ersetzte DHL 33 LKW durch ebenso viele Lastenräder, was neben rund 150 000 kg CO 2 auch 430 000 EUR jährliche Kosten eingespart hat. Neue geschäftsmodelle durch Mikrokonsolidierung Immer häuiger wird auch die Kombination aus schweren und leichten Nutzfahrzeugen versucht. Die Idee ist einfach: LKW bringen Waren aus dem suburbanen Depot zu innerstädtischen Umschlagspunkten, von denen leichte Elektrofahrzeuge die Waren auf der „letzten Meile“ ausliefern. Vor allem aus Sicht der Kommunen ist dieses Modell attraktiv: weniger Emissionen in den dicht verbauten Innenstädten, weniger Stau, weniger Unfälle - so lauten die Hofnungen (Bild 3). In den engen Straßen Londons agiert das Unternehmen GnewtCargo erfolgreich nach diesem Modell. Allein mit elektrischen Nutzfahrzeugen transportiert es im Auftrag von Einzel- und Onlinehändlern Lieferungen, die vorher in einem eigenen Mikrokonsolidierungszentrum zu passenden Touren zusammen gestellt wurden. Das innovative Konzept ist emissionsfrei, wirtschaftlich konkurrenzfähig und grundsätzlich übertragbar. Ähnliche Erfahrungen werden in den Niederlanden oder Frankreich gemacht, zum Teil mit Unterstützung der öfentlichen Hand. So hat die Stadt Amsterdam den Erwerb von vier sogenannten Cargohoppern bezuschusst, die ein Unternehmen für die emissionsfreie Belieferung von in der Umweltzone gelegenen Supermärkten, Einzelhändlern oder Baustellen einsetzt (Bild- 4). Auch hier bildet ein innenstadtnahes Verteilzentrum das Rückgrat des Konzepts, das im laufenden Betrieb kostendeckend funktioniert. In Paris ist eine ganze Reihe stadtnaher Hubs im Einsatz, mitunter in umfunktionierten Tiefgaragen. Weitere sind im Entstehen. Für den deutschen Markt fehlen noch tragfähige Lösungen. Die Berliner Entwicklung „Bentobox“ zeigte aber bereits während eines von der EU geförderten Testlaufs, dass durch den Einsatz der innerhalb des S-Bahn-Rings gelegenen Verteilstation bei gleicher Servicequalität rund 20 % Prozesskosten eingespart werden können. Die größten Herausforderungen bei all diesen Ansätzen sind, in dicht verbauten Stadtquartieren entsprechende Flächen zu gewinnen und ein wirtschaftlich tragfähiges Betreibermodell für die Umschlagläche zu entwickeln. Entzerrung von Lieferzeiten mit-E-Fahrzeugen Elektrofahrzeuge sind durch das Entfallen der Motorgeräusche potenziell deutlich geräuschärmer als herkömmliche Fahrzeuge. Dies kann besonders im Wirtschaftsverkehr interessant sein, da beispielsweise im Schwerlastbereich die Motorengeräusche bis 50 km/ h überwiegen. In mehreren aktuellen Projekten wird derzeit untersucht, ob durch leisere Elektrofahrzeuge eine Ausdehnung der Lieferzeiten in lärmempindlichen Stadtteilen möglich ist und welche Anpassungen auf rechtlicher, technischer oder betrieblicher Seite dafür nötig sind. Besonders in der Belieferung von Einzelhandelsstandorten werden Potenziale gesehen. In den Städten Dortmund, Karlsruhe und Köln wird derzeit im Projekt „Geräuscharme Nachtlogistik“ (GeNaLog) unter Mitwirkung der Firmen T€Di, Rewe und Doego an geräuscharmer Belieferung geforscht. Aus Unternehmenssicht spricht die im Mehrschichtbetrieb höhere Auslastung des Bild 3: Durch das Mikrokonsolidierungszentrum entfallen Fahrten zum suburbanen Depot. Quelle: Deutsches Institut für Urbanistik nach Gnewt Cargo Bild 4: In den engen Straßen der Amsterdamer Innenstadt ersetzt der Cargohopper LKW- Fahrten. Quelle: Transmission Fahrzeugs für solche Ansätze, wodurch sich höhere Anschafungs- oder Umrüstungskosten besser amortisieren. Wichtig ist, die Be- und Entladevorgänge geräuscharmer zu gestalten. Zudem stellen sich betriebliche Herausforderungen wie zum Beispiel der Arbeits- und Warensicherheit. Im Gegenzug für eventuell erforderliche Genehmigungen für die ausgedehnten Lieferzeiten erwarten sich die Kommunen eine Entzerrung des Straßenverkehrs. Die TU Berlin verfolgt mit der Spedition Meyer & Meyer im Projekt „NaNu“ das Ziel, E-Nutzfahrzeuge in der Größenklasse 7,5 t durch ein Batteriewechselsystem für einen 24-stündigen Mehrschichtbetrieb zu nutzen. Des Weiteren soll die Nutzung von Umschlagdepots und Fahrzeugen in der Nacht ordnungsrechtlich geklärt werden. Ein Thema für Unternehmen und Kommunen Neben einer großen Zahl an innovativen Unternehmen entdecken auch immer mehr Kommunen den städtischen Wirtschaftsverkehr als zentrales Handlungsfeld. Durch das zu erwartende Verkehrswachstum und strengere Grenzwerte für Luft- und Lärmemissionen steigen die lokalen Herausforderungen. Innovative Lösungen, die rasch zu Verbesserungen der Umwelt- und Lebensqualität führen, sind daher gefragt. Städte wie Stuttgart, Dortmund oder Köln gehen mit gutem Beispiel voran, und haben bereits durch Runde Tische oder ähnliche Instrumente einen aktiven Dialog mit den Unternehmen begonnen. Dabei zeigt sich, dass Kommunen auch ein Interesse haben, mit eigenen Fördermaßnahmen zusätzliche Anreize für den Einsatz von E- Nutzfahrzeugen zu setzen. Als Ordnungsbehörden tun Kommunen dies beispielsweise durch strengere Umweltzonen. So beabsichtigt die Stadt London mittlerweile sogar, ab 2020 eine Tagespauschale für Fahrzeuge einzuheben, die nicht dem Euro 6 Standard entsprechen. Aber auch bei der kommunalen Beschaffung von Fahrzeugen, Waren und Dienstleistungen ist es möglich, ökologische Kriterien zu berücksichtigen. Und nicht zuletzt können Städte helfen, die Unternehmen vor Ort mit Informationen über dieses neue Thema zu versorgen. Neben Probefahrten und Testangeboten können Kommunen zum Beispiel auch Fuhrparkanalysen oder Beratung über Finanzierungsmöglichkeiten vermitteln. Fazit Der Einsatz von Elektromobilität kann sowohl Unternehmen als auch Städten dienen. Mit Routenlängen zwischen 50 und 100 km, vielen Stop-and-go-Fahrten, einem hohen Anteil periodischer Verkehre und regelmäßigen Stopps liegen im städtischen Wirtschaftsverkehr häuig günstige Voraussetzungen für die Nutzung von E-Fahrzeugen vor. Damit zählt der Wirtschaftsverkehr mit Sicherheit zu den spannendsten und am besten geeigneten Anwendungsgebieten der Elektromobilität. Ein breiter werdendes Fahrzeugspektrum und der Boom bei Lasten-Pedelecs erlauben, dass Lieferketten neu gedacht und optimiert werden können. Auch andere Trends, zum Beispiel neue Ansätze der City- Logistik oder erste Versuche zur Entzerrung von Lieferzeiten, können unter Einsatz von E-Nutzfahrzeugen deutliche Verbesserungen in den Städten und Regionen mit sich bringen. Neugier ist sicherlich eine gute Voraussetzung, um Elektrofahrzeuge auch im Wirtschaftsverkehr einzusetzen. Immer mehr Unternehmen weisen aber nach, dass auch das betriebswirtschaftliche Kalkül ausreichend gute Gründe liefert. ■ Der Autor hat für das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) in der vom Bundesverkehrsministerium geförderten Begleitforschung „Stadtentwicklung und Verkehrsplanung“ der Modellregionen Elektromobilität eine Reihe vielversprechender Einsatzmöglichkeiten für E-Nutzfahrzeuge aus kommunaler Perspektive untersucht. Unter dem Titel „Elektromobilität im städtischen Wirtschaftsverkehr“ wurden Projekterfahrungen und Empfehlungen für die Praxis nun in einer kompakten Broschüre veröfentlicht. Weitere Informationen unter www.difu.de. Wolfgang Aichinger, Dipl.-Ing. Raumplaner und Consultant Nachhaltige Mobilität, Berlin wolfgangaichinger@yahoo.de Schnell, stabil, sicher: Ladebrücken mit RFID-Technik • zeitsparende, automatische Warenerfassung • stoßsichere Integration unter der Ladebrücke • zuverlässiger Datenaustausch durch kurze Funkwege RFID-14 (CeMAT) Nur bei Hörmann