Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2014-0092
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2014
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Planerische Strategien für die Angebotsentwicklung
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2014
Thomas Busch
Josef Becker
Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) ist regionaler Aufgabenträger im Öfentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) für eine Region mit über fünf Millionen Einwohnern. Neben dem Ballungsraum Frankfurt RheinMain gehören auch weite Teile Süd- und Mittelhessens zum Verbundgebiet. Der RMV stellt sich kontinuierlich neuen Herausforderungen, denn die Veränderungen des Verkehrsmarktes werden durch eine Vielzahl von Einflüssen immer dynamischer. So hat der Verbund die Erarbeitung des Regionalen Nahverkehrsplans dazu genutzt, alle Bestandteile des ÖPNV – insbesondere auch die Angebotsplanung – grundsätzlich zu hinterfragen und zukunftsfähig zu gestalten.
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Internationales Verkehrswesen (66) 3 | 2014 90 MOBILITÄT Angebotsentwicklung Planerische Strategien für die-Angebotsentwicklung Neue Ansätze beim Rhein-Main-Verkehrsverbund für-das-ÖPNV-Angebot der Zukunft Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) ist regionaler Aufgabenträger im Öfentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) für eine Region mit über fünf Millionen Einwohnern. Neben dem Ballungsraum Frankfurt RheinMain gehören auch weite Teile Süd- und Mittelhessens zum Verbundgebiet. Der RMV stellt sich kontinuierlich neuen Herausforderungen, denn die Veränderungen des Verkehrsmarktes werden durch eine Vielzahl von Einlüssen immer dynamischer. So hat der Verbund die Erarbeitung des Regionalen Nahverkehrsplans dazu genutzt, alle Bestandteile des ÖPNV - insbesondere auch die Angebotsplanung - grundsätzlich zu hinterfragen und zukunftsfähig zu gestalten. Die Autoren: Thomas Busch, Josef Becker Ö PNV ist nicht Selbstzweck, sondern erfüllt als Dienstleister die Verkehrsbedürfnisse der Kunden. Deshalb stellt der Rhein- Main-Verkehrsverbund (RMV) den Kunden selbst und seine Wünsche in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Der 2013/ 14 beschlossene Nahverkehrsplan liefert hierfür ein Gesamtkonzept auf strategischer Ebene. Verkehrsmarkt der Zukunft Der Verkehrsmarkt insgesamt beindet sich in einem massiven Veränderungsprozess. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen, tendenziell sogar mit wachsender Geschwindigkeit. Deshalb müssen nicht nur Überlegungen zu den gegenwärtigen Kundenwünschen, sondern auch zu den zukünftigen Anforderungen angestellt werden. Der hierbei besonders relevante demograische Wandel umfasst die Alterung der Bevölkerung sowie die Wanderungsbewegung aus den ländlichen Regionen in die Städte, insbesondere in den jüngeren Bevölkerungsgruppen. Die Städte gewinnen wirtschaftlich und raumstrukturell an Bedeutung, da sich hier im Zuge der Globalisierung zunehmend die Arbeitsplätze konzentrieren. Auch das Nutzungsverhalten der Kunden ändert sich in Richtung einer zunehmend lexibleren Verkehrsmittelwahl und sich ändernden Nutzungszeitpunkten (zum Beispiel steigende Nachfrage am Abend und an Wochenenden). Technologische Innovationen bieten zukünftig neue Chancen in vielen Bereichen des ÖPNV - zum Beispiel in Information und Vertrieb. Auf all diese Veränderungen muss der ÖPNV reagieren beziehungsweise diese gestalten. Standards Neu und grundlegend für die Weiterentwicklung des ÖPNV im RMV sind die im Nahverkehrsplan festgeschriebenen Standards für alle Bereiche des ÖPNV. Diese sollen zu einem verbundweit einheitlichen Angebot beitragen. Sie sind aber auch lexibel genug, um die örtlichen Gegebenheiten adäquat abzubilden. Beispielweise gibt es zur einheitlichen Angebotsplanung Standards für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) und den regionalen Busverkehr sowie Eizienzstandards, die zeigen, bei welcher Nachfrage welches Verkehrsmittel und welche Bedienung angeraten sind. Die Bedienungsstandards müssen einerseits im Hinblick auf die Daseinsvorsorge ein Mindestangebot deinieren und andererseits marktorientierte Zusatzangebote beschreiben. Daher sind neben Mindestangeboten auch Kriterien zur nachfragegerechten Angebotsgestaltung festgeschrieben worden. Kernaufgabe Angebot Ein in der Planung und Durchführung hochwertiges Angebot ist Voraussetzung für die Akzeptanz beim Fahrgast und damit auch für den Erfolg des ÖPNV insgesamt. Doch die heute bekannten Angebote gelangen zunehmend an ihre Grenzen und müssen deshalb grundlegend überdacht und weiterentwickelt werden. Dabei unterscheiden sich die Herausforderungen im Ballungsraum und im ländlichen Raum deutlich. ÖPNV im Ballungsraum Im Ballungsraum stoßen die Angebote im SPNV zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Die Streckenkapazitäten sind - insbesondere im Zulauf auf Frankfurt - ausgereizt, so dass keine zusätzlichen Züge mehr fahrbar sind. Auch die Zuglängen können oft nicht erhöht werden, da die Bahnsteiglängen bereits ausgeschöpft werden. Gleichzeitig wird in und zwischen den Zentren ein wachsendes Verkehrsaukommen prognostiziert. Die bereits heute bestehenden Kapazitätsengpässe werden sich somit noch weiter verschärfen. Alle Optimierungsmöglichkeiten, die einem Verbund beziehungsweise einem Besteller zur Verfügung stehen, sind ausgeschöpft. Die Lösung des Problems ist im Infrastrukturausbau zu inden. Die notwendigen Maßnahmen sind im Wesentlichen im Leitprojekt Frankfurt RheinMain plus beschrieben und wurden vor Kurzem hier im Internationalen Verkehrswesen dargestellt (siehe Busch, Forst, Becker, 2014). Nach einer längeren Vorlaufphase, in der die Teilprojekte optimiert und besser aufeinander abgestimmt sowie Finanzierungsmöglichkeiten geprüft wurden, beinden sich mittlerweile wesentliche Maßnahmen im Planungs- und Genehmigungsprozess. Die Umsetzung wichtiger Teilprojekte aus dem Leitprojekt Frankfurt RheinMain plus bietet die Möglichkeit, neue Angebotskonzepte anzugehen. Insbesondere ist es notwendig, die schnellen Verkehre zwischen den Zentren zu stärken, da hier Internationales Verkehrswesen (66) 3 | 2014 91 Angebotsentwicklung MOBILITÄT hohe verkehrliche Potentiale für den ÖPNV erwartet werden. Hierfür wurde ein neues Express-Netz deiniert („Hessen-Express“, Bild 1), das sowohl auf der vorhandenen Infrastruktur aus dem bestehenden Angebot heraus entwickelt wird als auch geplante beziehungsweise diskutierte neue Infrastruktur aufgreift. Diese ist für den Schnellverkehr zwischen Wiesbaden, Frankfurt (Flughafen beziehungsweise Hauptbahnhof ) und Darmstadt nötig. Ein wesentliches neues Netzelement für das „Hessen-Express“- Netz stellt die Wallauer Spange als Verbindung zwischen den Streckenästen Wiesbaden und Frankfurt der Neubaustrecke Köln-RheinMain dar. Für eine schnelle Anbindung von Darmstadt wäre darüber hinaus eine Nordanbindung des Darmstädter Hauptbahnhofs an die geplante Neubaustrecke Rhein/ Main-Rhein/ Neckar notwendig. ÖPNV im ländlichen Raum In der Region besteht die Herausforderung darin, auch bei sinkenden Bevölkerungszahlen und rückläuigem Schülerverkehr ein attraktives Angebot bereit zu stellen. Rückgrat des ÖPNV in der Region ist und bleibt nach den vorliegenden Prognosen der SPNV. Dessen Bedeutung wird sogar weiter zunehmen, da er eine schnelle Anbindung an die größeren Städte herstellt und somit für eine wachsende Zahl von Pendlern attraktiv ist. Teilweise erreichen die Angebote eine Auslastungsgrenze, die einen Ausbau der Kapazitäten notwendig macht. Auf solchen Strecken werden neue Betriebskonzepte (zum Beispiel Verlängerung der S5 bis Usingen) sowie ein damit gegebenenfalls verbundener Ausbau der Infrastruktur geprüft. Der vorhandene Linienbusverkehr muss bezüglich der Angebotsgestaltung und Organisation vollständig überdacht werden. Linien mit lokaler Verkehrsfunktion sollen den lokalen Aufgabenträgern zugeordnet, regionale Linien stärker auf regionale Verkehrsbedürfnisse ausrichtet werden. Ein hierfür besonders wichtiger Ansatz sind die Schnellbusse. In Räumen und Zeiten schwacher Verkehrsnachfrage sind hingegen in vielen Fällen lexible Bedienungsformen (zum Beispiel Rubus) sinnvoll, um ein Grundangebot bereitstellen zu können. Für diese Bedienungsformen wurden im Nahverkehrsplan Standards (zum Beispiel zu Produktgruppen und zur Namensgebung) deiniert, damit diese verbundweit einheitlich gestaltet und somit vom Kunden besser wahrgenommen und genutzt werden. Der RMV befürwortet in diesem Zusammenhang auch einen zentralen Ansprechpartner, der den Kunden verbundweit Planung und Buchung seiner Reise aus einer Hand bietet. Schnellbusse Auf wichtigen Relationen ohne Schieneninfrastruktur ist der Einsatz von Schnellbussen eine interessante Option. Eine hohe Nachfrage wird hier insbesondere auf tangentialen Linien gesehen, die am Rande des Ballungsraums verkehren und die radial verlaufenden S-Bahn-Äste verbinden. Dieses Angebot erspart den Fahrgästen die bisher notwendigen „Über-Eck-Fahrten“. Eine erste Pilotlinie - die Schnellbuslinie 260 - hat auf der Relation Königstein-Oberursel- Bad Homburg-Karben am 30. Juni 2014 ihren Betrieb aufgenommen (Bild 2). Diese Bild 1: Hessen-Express Alle Abbildungen: RMV 261 260 260 Königstein Kronberg Bahnhof Groß- Karben Ober- Erlenbach Petterweil Oberursel Bahnhof Bad Homburg HG- Hochtaunus- Klinik HG- Bahnhof Opel- Zoo HG-Kurhaus In die Bad Homburger Louisenstraße 25 min Ohne Umstieg nach Königstein Schnell erreichbar aus Königstein und Karben Zum Altstadtbummel nach Oberursel 16 min Zur Hochtaunusklinik Bad Homburg 8 min Bild 2: Schnellbuslinie 260 Internationales Verkehrswesen (66) 3 | 2014 92 MOBILITÄT Angebotsentwicklung Schnellverbindung wird zwei Jahre lang getestet. In die dann anstehende Neuausschreibung des Linienbündels ließen die gesammelten Erfahrungen ein. Denkbar ist auch eine Verlängerung der Linie über Königstein hinaus nach Hoheim am Taunus und weiter bis nach Wiesbaden. Darüber hinaus kann auf Grundlage der Erkenntnisse das neue RMV-Produkt „Schnellbus“ weiterentwickelt werden. Auch auf anderen Korridoren wurde ein Bedarf für schnelle Buslinien festgestellt. Diese können sukzessive im Laufe der Ausschreibung der jeweiligen Linienbündel näher untersucht und gegebenenfalls umgesetzt werden. Barrierefreiheit Der RMV arbeitet schon seit Verbundgründung an einem barrierefrei gestalteten ÖPNV, der für alle Nutzergruppen attraktiv ist. Die Barrierefreiheit gewinnt im Hinblick auf die älter werdende Bevölkerung immer weiter an Bedeutung. Das Personenbeförderungsgesetz sieht in der 2013 in Kraft getretenen Fassung vor, dass der ÖPNV im Zuständigkeitsbereich des Gesetzes (v. a. Bus, U- und Straßenbahn) grundsätzlich bis 2022 vollständig barrierefrei sein muss. Der RMV arbeitet an der Umsetzung dieses Ziels mit und beschreibt in seinem Nahverkehrsplan einen Weg dort hin. Auch im Eisenbahnverkehr sollte das Ziel einer vollständigen Barrierefreiheit erreicht werden. Der Nahverkehrsplan setzt Prioritäten bezüglich des barrierefreien Ausbaus der Bahnhöfe, um möglichst schnell möglichst vielen Reisenden eine barrierefreie Wegekette anbieten zu können. Verknüpfung zwischen den Verkehrsträgen Der RMV versteht sich als Mobilitätsdienstleister, der über den ÖPNV hinaus dem Fahrgast ein attraktives Mobilitätsangebot zur Verfügung stellt. Um dies zu erreichen, setzt der RMV an den Verknüpfungsstellen zwischen den Verkehrsmitteln an. Insbesondere die Schnittstellen zum Fußgängerverkehr, zum Radverkehr und zum motorisierten Individualverkehr müssen optimiert werden. Beim Fußgängerverkehr unterstützt der RMV die Kommunen bei der Erstellung von Konzepten zur Nahmobilität, zum Beispiel bezüglich direkter Wegeführung, Orientierung und Barrierefreiheit im Umfeld von Bahnhöfen. Aufgrund des - laut vielen Prognosen - stark wachsenden Radverkehrs kommt dem Bike+Ride eine besondere Bedeutung zu. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund der immer beliebter werdenden Elektrofahrräder, die den Einzugsbereich der Bahnhöfe und Haltestellen - und damit des ÖPNV insgesamt - weiter vergrößern. Für die Fahrräder im Allgemeinen und für die oft teuren Elektrofahrräder im Besonderen müssen geeignete Abstellmöglichkeiten in ausreichend großem Umfang bereitgestellt werden. Teil hiervon sind auch abschließbare Abstellmöglichkeiten und Ladevorrichtungen. Auch Park+Ride wird an vielen Stationen weiter an Bedeutung gewinnen. Dabei sind die Verbindung zum CarSharing und die Ausstattung für Elektrofahrzeuge eine neue Herausforderung, auf die es sich einzustellen gilt. Der RMV unterstützt die Verknüpfung zu anderen Verkehrsmitteln beispielsweise auch mit seinem zur Mobilitätskarte aufgewerteten eTicket (Bild 3), das bereits jetzt den Zugang zum CarSharing und zu Leihrädern einiger Anbieter ermöglicht und in Zukunft weitere Angebote zusammenführen soll. Kundengerechte Angebote müssen hinsichtlich Informationen, Nutzung und Abrechnung einfach sein, was wiederum eine weitere Standardisierung und Optimierung der Schnittstellen erfordert. Fazit Im Rahmen der Erstellung seines Nahverkehrsplans hat der RMV den ÖPNV neu durchdacht und die strategischen Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung seines Angebots festgeschrieben. Dabei spielen die strukturellen Änderungen des Verkehrsmarktes eine herausragende Rolle. Der Fahrgastzuwachs im Schienenpersonennahverkehr im RMV führt dazu, dass die Auslastungsgrenzen auf vielen Bahnverbindungen erreicht sind. Zur Gestaltung eines kundengerechten ÖPNV ist der Ausbau der Infrastruktur an den Engpassstellen unabdingbar. Die Schnellverkehre zwischen den Oberzentren, aber auch zwischen regional wichtigen Mittelzentren, sollen entsprechend der wachsenden Nachfrage gestärkt werden. Dies geschieht einerseits auf der Schiene („Hessen-Express“) und andererseits - abseits des Schienennetzes - durch Schnellbusverbindungen. In Räumen und Zeiten schwacher Verkehrsnachfrage können lexible Bedienungsformen eine neue Bedeutung gewinnen. Hierzu hat der RMV Standards deiniert, die den Erfolg neuer Produkte unterstützen sollen. Der RMV sieht sich dabei als Mobilitätsdienstleister, der nicht nur den ÖPNV optimiert, sondern auch die Schnittstellen zu anderen Verkehrsmitteln herstellt und so ein lexibles Gesamtangebot bereitstellt. Hierbei kommt der Mobilitätskarte des RMV als Zugangsmedium zu verschiedenen Angeboten im Zuge der intermodalen Wegekette eine besondere Bedeutung zu. Mit diesen Ansätzen zur Weiterentwicklung des Angebots sieht sich der RMV für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet. ■ QUELLEN Busch, Thomas; Forst, Peter; Becker, Josef: Ausbau der Eisenbahninfrastruktur in der Region Frankfurt RheinMain, in: Internationales Verkehrswesen, 66. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014 Thomas Busch Prokurist und Leiter des Geschäftsbereichs Verkehrs- und Mobilitätsplanung, Rhein-Main-Verkehrsverbund GmbH, Hofheim a. Ts. T_Busch@rmv.de Josef Becker, Prof. Dr. Professor für Schienenverkehrswesen, Frankfurt University of Applied Sciences, Frankfurt am Main josef.becker@fb1.fh-frankfurt.de Bild 3: eTicket RheinMain - die Mobilitätskarte
