eJournals Internationales Verkehrswesen 66/4

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2014-0114
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Finanzierung schienengebundener Fahrzeuge

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Reimund Jung
Bernd Lapp
Die Deutsche Bahn AG, die Alstom Deutschland AG, der Freistaat Bayern sowie die DAL Deutsche Anlagen-Leasing haben mit dem Pilotprojekt ERI H3-Hybrid-Rangierlokomotive ein nicht nur antriebs-, sondern auch finanzierungstechnisch innovatives Projekt gestartet. Denn erstmals wurden für Off- Balance-Gestaltungen (Dry-Lease) erforderliche offene Restwerte bei Hybrid-Antriebstechnologien am Markt akzeptiert.
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Internationales Verkehrswesen (66) 4 | 2014 36 Infrastruktur Leasingmodelle Finanzierung schienengebundener Fahrzeuge Of-Balance-Lösungen für Hybrid-Lokomotiven der-Deutschen Bahn Die Deutsche Bahn AG, die Alstom Deutschland AG, der Freistaat Bayern sowie die DAL Deutsche Anlagen-Leasing haben mit dem Pilotprojekt ERI H3-Hybrid-Rangierlokomotive ein nicht nur antriebs-, sondern auch inanzierungstechnisch innovatives Projekt gestartet. Denn erstmals wurden für Of- Balance-Gestaltungen (Dry-Lease) erforderliche ofene Restwerte bei Hybrid-Antriebstechnologien am-Markt akzeptiert. Die Autoren: Reimund Jung, Bernd Lapp D ie DB Regio AG führt an den Hauptbahnhöfen Nürnberg und Würzburg den Betrieb für die Zugbildung im Personennah- und Regionalverkehr - vorwiegend in den frühen Morgenstunden sowie abends - durch. Im Rahmen der von der DB initiierten Innovationsplattform Eco Rail Innovation (ERI), der 17 Unternehmen der Verkehrs- und Finanzwirtschaft angehören, tauscht die DB Regio fünf derzeit im Einsatz beindliche Rangierlokomotiven gegen H3- Hybrid-Rangierlokomotiven der Firma Alstom (Bild 1) aus. ERI hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, das System Bahn bis 2050 emissionsfrei zu gestalten. Erleichtert wird der Umstieg auf die neue Technologie durch die Rückgabemöglichkeit der bisher eingesetzten Lokomotiven, die als Operating Lease gestaltet sind und 2015 mit Auslieferung der H3-Hybrid- Rangierlokomotiven an den Leasinggeber zurückgehen werden. Zum Einsatz kommen fünf neu konstruierte dreiachsige Rangierlokomotiven mit Hybridantrieb (Diesel- und Akkubetrieb) mit einer Anzugskraft von 240 kN. Die verbauten 508-Zellen NiCa-Akkumulatoren verfügen über eine Kapazität von 170 Ah bei einem Gewicht von rund 6500 kg, die Dieselgeneratoren leisten je 350 kW. Die geplante Nutzungsintensität liegt bei 4300-Stunden pro Jahr und Lokomotive. Of-Balance-sheet nach Ifrs Das Anforderungsproil sah u.a. vor, dass die Finanzierung der Lokomotiven nach den IFRS-Regularien außerhalb der Bilanz erfolgt. Der abgeschlossene Leasingvertrag ist nach der IFRS-Leasingvorschrift IAS 17 zu beurteilen. Danach wird der geschlossene Vertrag ebenfalls als so genannter Operating Lease klassiiziert und demzufolge das wirtschaftliche Eigentum und die Bilanzierungsplicht dem Leasinggeber zugerechnet. Diese Beurteilung ist darauf begründet, dass alle dort deinierten Tests, wie beispielsweise der Barwert- oder der Laufzeittest, keine Finance-Lease-Klassiizierung zum Ergebnis haben. Für die Beurteilung IAS 17 ist auch wesentlich, dass der Leasingnehmer DB Regio AG keine günstige Kaufoption zum Laufzeitende eingeräumt bekommt. Grundsätzlich obliegt die Würdigung jedes Einzelfalls dem Bilanzierenden und dessen Wirtschaftsprüfer. Die Zurechnung des wirtschaftlichen Eigentums in steuerlicher Sicht liegt im Ergebnis ebenfalls beim Leasinggeber, obwohl sich diese Beurteilung nach anderen Vorschriften richtet (im Wesentlichen § 39 AO). Dokumentation Für die Begründung eines Leasingvertrages muss zunächst ein Kaufvertrag über das entsprechende Wirtschaftsgut abgeschlossen werden. Im vorliegenden Fall wurde ein Kaufvertrag über die Entwicklung und Herstellung zwischen dem Hersteller Alstom und der Leasinggesellschaft geschlossen. Der Kaufvertrag erfasst insbesondere Rege- Bild 1: Die umweltfreundlichen H3-Rangierlokomotiven sollen ab 2015 an den DB Regio-Standorten Würzburg und Nürnberg in der durch den Freistaat Bayern geförderten Modellregion Franken eingesetzt und auf ihre Praxistauglichkeit getestet werden. Foto: Alstom Internationales Verkehrswesen (66) 4 | 2014 37 Leasingmodelle INFRASTRUKTUR lungen zu Zahlungs- und Lieferbedingungen, Gewährleistungsverplichtungen des Herstellers, Regelungen zum Übergang der Sach- und Preisgefahren an den Lokomotiven sowie Regelungen zum Eigentumsübergang. Neben dem Kaufvertrag bildet der Leasingvertrag, ausgestaltet als Operating Leasing, einen wesentlichen Bestandteil der Gesamtdokumentation. Wesentliche Inhalte des Leasingvertrages sind: • der Leasingbeginn und die Leasingvertragsdauer, • der Leasinggegenstand, • die Höhe der Leasingraten, • die Verplichtungen zur Nutzungsüberlassung der leasingvertraglichen Gegenstände (Lokomotiven) durch den Leasinggeber an den Leasingnehmer, • Verplichtungen zur Wartung und zum Betrieb durch den Leasingnehmer • sowie Regelungen zum Ende der Leasingvertragslaufzeit, ggfs. Optionen zur Laufzeitverlängerung. Im vorliegenden Fall konnten Fördermittel des Bayerischen Wirtschaftsministeriums in die Finanzierung eingebunden werden, die vollumfänglich dem Leasingnehmer zu Gute kommen. Zwar erhält der Leasinggeber formell diese Mittel, er gibt aber die Förderung durch eine Reduzierung der Leasingraten in voller Höhe weiter; auch dieser Aspekt wurde in die Dokumentation aufgenommen. Kalkulationsgrundlagen zur Ermittlung der Leasingraten • Die sich aus dem Kaufvertrag ergebenden Kaufpreise bilden die Leasingberechnungsgrundlage. • Die Fördermittel des Bayerischen Wirtschaftsministeriums reduzieren vollumfänglich die Leasingberechnungsgrundlage im Rahmen eines sog. verlorenen Mietzuschusses. • Evtl. Kosten für die Finanzierung von An- und Zwischenzahlungen an den Hersteller erhöhen die Leasingberechnungsgrundlage. • Zinssatz, der in der Regel aus Gründen der Kalkulationssicherheit zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung fest für die Leasingvertragslaufzeit vereinbart wird. • Höhe des kalk. Restwertes, der durch den Leasinggeber festgelegt wird • Zahlungsmodalitäten Hinweise zur Restwertgestaltung von Leasingverträgen Neben dem Leasingobjekt an sich ist u. a. die Vertragsdauer ein wesentlicher Faktor in der Gestaltung des Restwertes. Dabei gilt: Je höher der angesetzte Restwert, desto niedriger die Leasingrate und desto attraktiver das Angebot im Hinblick auf Liquiditätsschonung für den Leasingnehmer. Betriebswirtschaftlich übersetzt entspricht die Höhe des Restwertes der Verkaufspreiserwartung der Leasinggesellschaft zum Vertragsende. Dabei gilt im Grundsatz, dass bei vergleichsweise kurzen Laufzeiten und fungiblen (also drittverwendungsfähigen) Wirtschaftsgütern mit bewährter Technologie tendenziell höhere Restwerte angesetzt werden. Selbstverständlich inden bei der Einschätzung der Restwerte auch die zu erwartenden Betriebsbedingungen, die zu erwartenden Betriebsstunden und die Regelungen zu Wartung, Reparatur und den Hauptuntersuchungen Einluss. Maßgeblich sind die Vermarktungschancen und die Marktbedingungen, die der Leasinggeber für das Vertragsende einschätzen muss. Bei den Hybridloks von Alstom handelt es sich um eine bisher im schienengebundenen Verkehrsmarkt (noch) nicht unter Langfristbedingungen erprobte Technik. Somit konnten für die Bewertung durch die Asset-Management-Spezialisten bei der Deutschen Leasing keine speziellen Erfahrungswerte eingebracht werden. Dennoch konnte eine angemessene und für den Leasingnehmer attraktive Restwertgestaltung gefunden werden, die sich auf die Annahme stützt, dass sich emmissionsarme bzw. emissionsfreie Rangierbetriebe in Bahnhöfen oder Logistikhallen nachhaltig durchsetzen werden. Für die Einschätzung von Restwertverläufen ist die Einbindung von internen oder externen Spezialisten mit tiefen Kenntnissen im Eisenbahnmarkt unerlässlich. Üblicherweise werden für die Ermittlung von Restwertverläufen spezielle IT-Systeme genutzt. Auf diese Weise lässt sich die Wertentwicklung von Objekten kontinuierlich verfolgen und bei Bedarf kurzfristig abrufen. Damit können Vermarktungschancen besser eingeschätzt und Objektrisiken erheblich minimiert werden. Diese Analysen kommen auch den Herstellern zugute. Denn diese haben hohes Interesse daran, ihren Sekundärmarkt zu kennen und permanent zu beobachten. Unterstützend werden fallbezogen mit Herstellern Vermarktungsvereinbarungen abgeschlossen. Die Restwerteinschätzung für die Hybridlokomotive H3 wird auch durch die Altersstruktur der Bestandslokomotiven am europäischen Bahnmarkt und die sich daraus ergebenden günstigen Vermarktungsmöglichkeiten gestützt. So ist der überwiegende Teil der ca. 2800 europäischen Rangierlokomotiven (inklusive der deutschen Rangierlokomotiven) derzeit über 40 Jahre alt und muss in den nächsten Jahren ersetzt werden. Die Attraktivität der Hybridlokomotive H3 ergibt sich also aus dem zu erwartenden Ersatzbedarf an Rangierlokomotiven in den kommenden Jahren und des emmissionsfreien Betriebs; Alstom ist Vorreiter in der Hybrid-Technologie für Lokomotiven und hat sich damit einen Wettbewerbsvorteil erarbeitet. Gerade aufgrund der starken Asset-Orientierung, im vorliegenden Fall dazu noch mit einem neu entwickelten Wirtschaftsgut, ist der sachgemäße Umgang und eine entsprechende Wartung des Objektes ganz entscheidend. Dies wird mit entsprechenden Wartungs- und Instandhaltungsverträgen zwischen dem Leasingnehmer und dem Hersteller geregelt. Neben dem Abschluss und der Abtretung von Kaskoversicherungen stellt das eine wichtige Sicherungsgrundlage der Leasinggesellschaft als Eigentümer des Wirtschaftsgutes dar. Fazit Die Gestaltung von ofenen Restwerten in signiikanter Höhe setzt erhebliche Markt- und Assetkenntnis des Finanziers voraus. Hierzu gehören allerdings neben technischem Verständnis auch eine weitreichende Erfahrung in der Gestaltung von Nutzungsverträgen sowie breite Erfahrung zu Vermarkungsmöglichkeiten großvolumiger Wirtschaftsgüter. Dass die lexible Rückgabe auch im Fall von Operating-Lease-Strukturen hilft, eine neue Technologie reibungslos an den Start zu bringen, zeigt die beschriebene Transaktion. ■ Reimund Jung Bereichsleiter Transport, DAL Deutsche Anlagen-Leasing GmbH & Co. KG, Mainz-Kastel r.jung@dal.de Bernd Lapp Senior-Projektmanager, DAL Deutsche Anlagen-Leasing GmbH & Co. KG, Geschäftsstelle München b.lapp@dal.de