Internationales Verkehrswesen
iv
0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2015-0099
111
2015
674
Akzeptanz von Verkehrsinformationstafeln in Berlin
111
2015
Cornelia Rahn
Flemming Giesel
Im Rahmen einer Erhebung wurde die Akzeptanz dynamischer Verkehrsinformationstafeln durch motorisierte Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer in Berlin untersucht. Neben der Gestaltung der Tafeln wurde die Bedeutung der unterschiedlichen Informationen für die Befragten erhoben und analysiert, inwiefern diese ihr Verkehrsverhalten den dargestellten Informationen anpassen. Insgesamt kann eine hohe Relevanz der Tafeln für die Informationsbeschafung im Berliner Straßenverkehr bestätigt werden, wenngleich auch Verbesserungspotenzial identiiziert wurde.
iv6740040
Internationales Verkehrswesen (67) 4 | 2015 40 MOBILITÄT Wissenschaft Akzeptanz von Verkehrsinformationstafeln in Berlin Verkehrsinformationen, Verkehrsinformationstafeln, Akzeptanz, Berlin, Stadtverkehr Im Rahmen einer Erhebung wurde die Akzeptanz dynamischer Verkehrsinformationstafeln durch motorisierte Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer in Berlin untersucht. Neben der Gestaltung der Tafeln wurde die Bedeutung der unterschiedlichen Informationen für die Befragten erhoben und analysiert, inwiefern diese ihr Verkehrsverhalten den dargestellten Informationen anpassen. Insgesamt kann eine hohe Relevanz der Tafeln für die Informationsbeschafung im Berliner Straßenverkehr bestätigt werden, wenngleich auch Verbesserungspotenzial identiiziert wurde. Die Autoren: Cornelia Rahn, Flemming Giesel D er städtische Verkehr ist in den letzten Jahren zunehmend komplexer geworden. Außerdem stehen viele Großstädte vor der Herausforderung, Verkehrssysteme eizienter, nachhaltiger und sicherer zu gestalten, um die negativen Folgen des Verkehrs wie Stau, Unfälle, Lärm und Emissionen abzuschwächen. Ein wichtiges Element für die Verkehrslenkung ist hierbei die zeitnahe Bereitstellung von Informationen zu erhöhtem Verkehrsaukommen, Staus und Umleitungen. Neben mobilen Informationssystemen - die individuell beispielsweise auf Smartphones genutzt werden - geben vielerorts elektronische Informationstafeln mit wechselnden Textinformationen auf Autobahnen und innerhalb von Städten Auskunft über aktuelle und absehbare Probleme im Straßenverkehr. Der Vorteil dieser sogenannten „dynamischen Verkehrsinformationstafeln“ ist zum einen die kollektive Nutzbarkeit, die es ermöglicht, allen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmern zeitgleich und in identischer Qualität Informationen zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus ermöglicht dieses Informationssystem, die aktuelle Verkehrslage räumlich diferenziert wiederzugeben. In der Verkehrsforschung wurden Verkehrsinformationstafeln bislang nur vereinzelt thematisiert. Insbesondere Fragen zu Akzeptanz und Wirkungen von städtischen Verkehrsinformationstafeln wurden bislang kaum aufgegrifen. Bisherige Studien haben überwiegend Verkehrsinformationstafeln entlang von Autobahnen untersucht. Hierbei standen vor allem technische und wahrnehmungspsychologische Aspekte im Mittelpunkt [1, 2, 3]. Darüber hinaus wurden auch die Auswirkungen von elektronischen Anzeigetafeln auf die Verkehrssicherheit betrachtet [4]. Vor diesem Hintergrund ist das Ziel des Beitrags, die Akzeptanz von städtischen dynamischen Verkehrsinformationstafeln am Beispiel von Berlin zu untersuchen. Hierbei wird neben gestalterischen Aspekten (z. B. Größe, Lesbarkeit) auch darauf eingegangen, welche Bedeutung die Verkehrsinformationstafeln im Berliner Straßenverkehr einnehmen. Darüber hinaus wird thematisiert, in welcher Weise die Verkehrsinformationstafeln das Verkehrsverhalten beeinlussen und damit ein wichtiges Instrument für die Verkehrslenkung darstellen. 1 In Berlin wurden im Jahr 2002 zunächst 22 dynamische Informationstafeln mit der Errichtung der Verkehrsinformationszentrale (VIZ) in Betrieb genommen. Gegenwärtig sind insgesamt 31 Verkehrsinformationstafeln an radialen Hauptzufahrtsstraßen in Berlin in Betrieb (Stand: September 2015, Bild 1). Methoden und Beschreibung der Stichprobe In einem ersten Schritt wurde im Zeitraum von Dezember 2013 bis Februar 2014 eine Online-Befragung bei Auto- und Motorradfahrer(inne)n durchgeführt, die im Berliner Straßenverkehr unterwegs sind. Insgesamt nahmen 908 Personen, die über verschiedene Kanäle - wie beispielsweise einen Aufruf auf den Verkehrsinformationstafeln, Pressemitteilungen oder auch soziale Medien - rekrutiert wurden, an der Befragung teil. Wie in Bild 2 zu sehen ist, sind in der Stichprobe ältere Menschen (über 60-Jährige) nur geringfügig vertreten. 75 % der befragten Personen sind zwischen 20 und 49-Jahre alt und damit gegenüber der Berliner Gesamtbe- Bild 1: Beispiel einer Verkehrsinformationstafel in Berlin Quelle: VMZ Berlin Betreibergesellschaft-mbH Internationales Verkehrswesen (67) 4 | 2015 41 Wissenschaft MOBILITÄT völkerung (mit einem Anteil von 44 %) in dieser Altersgruppe stark überrepräsentiert. Außerdem ist mit 71 % ein sehr hoher männlicher Anteil in der Stichprobe zu verzeichnen (siehe Tabelle 1). Erwartungsgemäß ist der Anteil an PKW-Besitzern in dieser Stichprobe sehr hoch: Während in Berlin 59 % der Haushalte einen PKW besitzen, sind es in der Stichprobe 90 %, wobei ein Großteil (85 %) den eigenen PKW auch regelmäßig (an mindestens ein bis drei Tagen pro Woche) nutzt. In Berlin greifen hingegen nur 61 % regelmäßig auf einen PKW zurück. Zusammenfassend handelt es sich bei der Stichprobe um eine ausgewählte Bevölkerungsgruppe, die sich vorrangig aus jüngeren und PKW-ainen Männern zusammensetzt. In Ergänzung zur Online-Befragung wurden noch drei circa 30-minütige leitfadengestützte Interviews durchgeführt. Mithilfe der Interviews konnten Meinungen, Motive und Einstellungen der Befragten detailliert erfasst und ausgewählte Themen der Online-Befragung weiter vertieft werden. Neben der Wahrnehmung und Bewertung der Verkehrsinformationstafeln wurde in den Interviews thematisiert, inwiefern das Verkehrsverhalten durch die unterschiedlichen Informationen beeinlusst wird. Die Rekrutierung der Interviewpartner/ innen erfolgte aus den Teilnehmenden der Online-Befragung. Bei den drei Personen handelt es sich entsprechend der Stichprobe um männliche Autofahrer, die regelmäßig im Berliner Straßenraum mit dem privaten PKW unterwegs sind. Ergebnisse Die Teilnehmenden der Befragung wurden zunächst nach ihrem grundsätzlichen Verkehrsinformationsbedarf und nach ihrer Mediennutzung befragt. Für die Befragten sind Verkehrsinformationen insgesamt von hoher Bedeutung - insbesondere Staumeldungen und Meldungen zu Straßensperrungen oder Baustellen stoßen auf großes Interesse. Ein Interviewpartner (Herr C.) sagte zur Bedeutung von Verkehrsinformationen während der Fahrt: „Die sind also existenziell kann man ja fast sagen, da wir ja in Berlin permanent mit Staus rechnen müssen und wenn hier so eine große Zufahrtsstraße wie Landsberger Allee oder die Bundesstraße 1, wenn da ein Unfall passiert, bricht der halbe Verkehr zusammen. Also muss ich diese Information sehr schnell und zeitig bekommen, dass ich ausweichen kann.“ In Bild 3 ist zu erkennen, dass vor allem das Internet, Radio und Navigationssysteme (mit Echtzeit-Verkehrsinformationen) positiv für die Bereitstellung von Verkehrsinformationen bewertet werden. Aber auch Verkehrsinformationstafeln erhalten von einem Großteil der Befragten gute Bewertungen und stellen demnach ein weiteres wichtiges Medium für Verkehrsinformationen in Berlin dar. Des Weiteren wurde die allgemeine Nutzung und Bewertung von Verkehrsinformationstafeln abgefragt. Grundsätzlich sind 95 % der Befragten die Verkehrsinformationstafeln in Berlin bekannt und werden von ihnen bezüglich verschiedener Eigenschaften (Verlässlichkeit, Verständlichkeit, Lesbarkeit und Größe) sowie im Gesamturteil äußerst positiv bewertet. Bild 4 zeigt, dass lediglich 19 % eine negative Haltung gegenüber den Verkehrsinformationstafeln haben und sogar 60 % diese zumindest mit „gut“ bewerten. Auf den Berliner Verkehrsinformationstafeln werden verschiedene Verkehrsinformationen vorgehalten, die jedoch für die Befragten von unterschiedlicher Relevanz sind (siehe Bild 5). Informationen zu Straßensperrungen und zum aktuellen Verkehr (z. B. Staumeldungen) sind für die meisten Befragten von hoher Bedeutung. Während auch noch Informationen zur Verkehrssicherheit als wichtig für die meisten Befragten eingeschätzt werden, sind aktuelle Fahrzeiten im ÖPNV auf den Verkehrsinformationstafeln eher von geringerer Relevanz. Um den negativen Folgen des Verkehrs insbesondere in Großstädten zu begegnen, ist es für die städtische Verkehrslenkung von Bedeutung, zu erfahren, ob und in welcher Weise die Informationen auf den Tafeln eine Verhaltensänderung bewirken. Aus der Online-Befragung wird deutlich, dass die Verkehrsinformationstafeln eine Änderung des Verkehrsverhaltens herbeiführen können und ein Großteil beispielsweise bei Staumeldungen eine andere Route wählt. Ein Teil der Befragten (5 %) steigt sogar bei angekündigten Straßensperrungen regelmäßig auf öfentliche Verkehrsmittel um und lässt den privaten PKW stehen. Auch ein Interviewpartner Stichprobe Berlin Durchschnittsalter 40 Jahre 43 Jahre* Anteil Männer 71 % 49 %* Pkw im Haushalt 90 % 59 %** Pkw-Nutzung (mind. an 1 bis 3 Tagen pro woche) 85 % 61 %** Tabelle 1: Merkmale der Befragten im Vergleich zur Berliner Bevölkerung. * Datenbasis: Einwohnerregisterstatistik (Stand: 31.12.2013) [6]. ** Datenbasis: Mobilität in Deutschland 2008 [7]. Bild 2: Altersstruktur der Befragten im Vergleich zur Berliner Bevölkerung. Datenbasis: Bevölkerungsstatistik für Berlin-Brandenburg (Stand: 31.12.2013) [5]. Bild 3: Bewertung ausgewählter Medien für die Bereitstellung von Verkehrsinformationen. Internationales Verkehrswesen (67) 4 | 2015 42 MOBILITÄT Wissenschaft (Herr C.) berichtet davon, dass die Information auf einer Tafel bereits die Verkehrsmittelwahl beeinlusst hat: „Ja, natürlich (…), ja wer solche Sachen ignoriert, der wird dann eher bitterböse bezahlen. Ich bin ja zufrieden, wenn solche Hinweise für mich kommen (…). Falls ich so eine Info sehe, wird sofort überlegt, wie kann man anders fahren, und dann muss man gegebenenfalls das Auto auch mal stehen lassen.“ Für Herrn V. hingegen kommt es nicht in Frage, ein anderes Verkehrsmittel zu wählen: „Nein (…) ich bin dienstlich immer auf denselben Strecken unterwegs, da gibt es wenige Alternativen.“ Informationen zur Verkehrssicherheit führen laut Ergebnis der Befragung meistens zu einer Anpassung der Fahrweise, wobei insbesondere in diesem Fall nicht ausgeschlossen werden kann, dass hier die soziale Erwünschtheit einen Einluss auf das Antwortverhalten hat. Meldungen zu Fahrtzeiten im Öfentlichen Nahverkehr werden - wie oben gezeigt - eher als unwichtig bewertet und bewirken kaum eine Verhaltensänderung. Anhand der Befragung und der durchgeführten Interviews wird insgesamt deutlich, dass ein großer Bedarf an der Ausweitung der Informationsinhalte besteht. Wünschenswert sind vor allem Informationen über den genauen Staubereich, alternative Routenvorschläge und die Darstellung aktueller Reisezeiten. Darüber hinaus bemängeln die Befragten teilweise die Aktualität der Informationen, die jedoch als zentral eingeschätzt wird. Hierzu meint Herr C.: „Wenn ich fahre, also so aktuell sind sie [die Informationen] nicht. Da könnte man also ruhig etwas noch dran ändern, aktueller machen. Ja, gerade solche Sachen wie eben Unfälle, Sperrungen (…) oder Polizeieinsatz da und da, oder Hauptbahnhof im Umkreis gesperrt.“ Ein weiteres Ergebnis der Erhebung ist, dass den Befragten die technische Weiterentwicklung (z. B. Verfügbarkeit auf Smartphones als App) der Tafeln wichtig ist. Herauszustellen ist außerdem, dass viele der Befragten sehr konkrete Straßenkreuzungen in Berlin benennen, an denen sie sich zusätzliche Verkehrsinformationstafeln wünschen. Fazit Insgesamt sind der Bekanntheitsgrad und die Akzeptanz der Verkehrsinformationstafeln unter den Befragten sehr hoch. Sie nehmen neben anderen Medien einen präsenten Platz zur Informationsbeschafung im Berliner Straßenverkehr ein. Die Gestaltung der Informationen auf den Tafeln muss nach den Ergebnissen der Erhebung nicht verändert werden, da diese äußerst positiv bewertet wurde. Es wurde zudem deutlich, dass Akzeptanz und Wirkung der Tafeln entscheidend von der Art der vorgehaltenen Information abhängen. Trotz des identiizierten Verbesserungspotenzials kann zusammengefasst eine hohe Bedeutung der Verkehrsinformationstafeln für die Befragten und damit eine positive Beeinlussung des Verkehrslusses und der Verkehrssicherheit festgestellt werden. ■ 1 Die Ergebnisse basieren auf dem Forschungsprojekt „Investitions-Voruntersuchung zu Verkehrsinformationen im Straßenverkehr“ (06/ 2013 bis 08/ 2014). In diesem Rahmen hat das Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin die Nutzung, Akzeptanz und Wirkung von Verkehrsinformationstafeln im Berliner Straßenverkehr untersucht. LITERATUR [1] BMVBW, Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Hrsg.) (2005a): Dynamische Verkehrsinformationstafeln. Bericht zum Forschungs- und Entwicklungsvorhaben FE 03.352/ 2002/ IGB. Bremerhaven [2] BMVBW, Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Hrsg.) (2005b): Dynamische Wegweiser mit integrierten Stauinformationen (dWiSta). Bericht zum Arbeitsprogrammprojekt 02.624 der Bundesanstalt für Straßenwesen. Bremerhaven [3] BASt, Bundesanstalt für Straßenwesen (Hrsg.) (2009): Voraussetzung für dynamische Wegweisung mit integrieren Stau- und Reiseinformationen. Bericht zum Forschungsprojekt 03.392/ 2005/ IGB [4] Steinbauer, J. & Brandstätter, C. (1995): Untersuchung der Ablenkung durch elektronische Anzeigetafeln. Endbericht. Wien [5] Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2015): Bevölkerungsstatistik. Online unter: https: / / www.statistik-berlin-brandenburg.de/ home.asp (letzter Zugrif am 30.09.2015) [6] Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2014): Statistischer Bericht. Online unter: https: / / www.statistik-berlin-brandenburg.de/ Publikationen/ Stat_Berichte/ 2014/ SB_ A01-05-00_2014h01_BE.pdf (letzter Zugrif am 30.09.2015) [7] infas, Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH & DLR, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (2010): Mobilität in Deutschland 2008. Basisdatensatz. Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS). Bonn. Online unter: http: / / clearingstelle-verkehr.de (letzter Zugrif am 30.09.2015) Cornelia Rahn, Dr. Gruppenleiterin „Mobilität und Raumstruktur“, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR), Institut für Verkehrsforschung, Abteilung Mobilität und Urbane Entwicklung, Berlin cornelia.rahn@dlr.de Flemming Giesel, Dipl.-Geogr. Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR), Institut für Verkehrsforschung, Abteilung Personenverkehr flemming.giesel@dlr.de Bild 4: Bewertung der Verkehrsinformationstafeln in Berlin (n = 848). Bild 5: Bedeutung einzelner Informationen auf den Verkehrsinformationstafeln
