eJournals Internationales Verkehrswesen 71/3

Internationales Verkehrswesen
iv
0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2019-0055
91
2019
713

Infrastruktur - Design - Emotionen

91
2019
Dominic Hofmann
Im Automobilbau wird ein erheblicher Aufwand in das Design investiert. Doch welche Wirkung hat die Gestaltung von Verkehrsmitteln bzw. Infrastrukturen des Umweltverbunds auf den Nutzenden? Dieser Artikel zeigt die Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung dieser Thematik auf. Dabei wird primär das Auslösen von Emotionen anhand von produktsprachlichen Faktoren analysiert. Es wird zudem aufgezeigt, an welcher Stelle das Design bzw. Emotionen die Verkehrsmittelwahl beeinflussen. Auch werden Empfehlungen ausgesprochen, welchen Stellenwert diese Thematik im gesamten Planungs- und Umsetzungsprozess haben sollte.
iv7130031
Internationales Verkehrswesen (71) 3 | 2019 31 Gestaltung INFRASTRUKTUR Infrastruktur - Design - Emotionen Einfluss des Designs auf die Verkehrsmittelwahl Design, Emotionen, Verkehrsmittelwahl, Umweltverbund Im Automobilbau wird ein erheblicher Aufwand in das Design investiert. Doch welche Wirkung hat die Gestaltung von Verkehrsmitteln bzw. Infrastrukturen des Umweltverbunds auf den Nutzenden? Dieser Artikel zeigt die Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung dieser Thematik auf. Dabei wird primär das Auslösen von Emotionen anhand von produktsprachlichen Faktoren analysiert. Es wird zudem aufgezeigt, an welcher Stelle das Design bzw. Emotionen die Verkehrsmittelwahl beeinflussen. Auch werden Empfehlungen ausgesprochen, welchen Stellenwert diese Thematik im gesamten Planungs- und Umsetzungsprozess haben sollte. Dominic Hofmann D ie Notwendigkeit zur Verkehrswende, die im Idealfall zu einer höheren Nutzungsintensität von Verkehrsmitteln des Umweltverbunds führen sollte, ist aufgrund zahlreicher wissenschaftlicher Erkenntnisse notwendig und unausweichlich. Bereits heute hat die Steigerung der Verkehrsnachfrage erhebliche Folgen. Dazu zählen beispielsweise Staus, lokale Luftverschmutzung und eine erhöhte Lärmbelastung. Es ist also wichtig, das Verkehrsangebot so attraktiv wie möglich zu gestalten [1]. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig zu identifizieren, welche Faktoren die Verkehrsmittel des Umweltverbunds für Nutzende attraktiver machen. Oftmals sind jedoch die Erwartungen der Nutzenden nicht bekannt. Es ist daher unklar, ob das zur Verfügung gestellte Angebot positiv aufgenommen wird. Gleiches gilt für die Wirkung und die Wahrnehmung von gestalterischen Faktoren. In diesem Bereich gibt es trotz des bestehenden Handlungsbedarfs bislang keine umfassenden Forschungserkenntnisse. Die im Folgenden beschriebene Methodik wurde mit dem Ziel entwickelt, diese Forschungslücke zu schließen. Methodik Es wurde eine Kombination aus qualitativen und quantitativen wissenschaftlichen Methoden gewählt. Dabei standen vor allem die Ergebnisse aus Experteninterviews sowie die Analyse einer umfassenden Nutzerbefragung im Vordergrund. In der Nutzerbefragung wurde primär abgefragt, welche produktsprachlichen Faktoren für das Auslösen von Emotionen ver- U-Bahn-Station Brandenburger Tor in Berlin Internationales Verkehrswesen (71) 3 | 2019 32 INFRASTRUKTUR Gestaltung antwortlich sind. Befragt wurde an der Bus- und Straßenbahnhaltestelle vor dem Darmstädter Hauptbahnhof, an Radverleihstationen in Mainz sowie an der Koblenzer Seilbahn. Diese charakteristischen Infrastrukturen bzw. Orte wurden gewählt, um die emotionalen Wirkungen einfacher identifizieren zu können. Für die Definition der produktsprachlichen Faktoren war es zunächst notwendig, die entsprechenden Kategorien allgemeinverständlich zu formulieren. Hierfür wurden acht sogenannte Triggerfaktoren definiert: • Farbgebung, • Formgebung, • Materialien, • Ordnung/ Struktur, • Orientierung, • Verständlichkeit, • Lesbarkeit und die • direkte Umgebung. Die Emotionen teilen sich in eine positive und eine negative Kategorie auf. Zu der Kategorie der positiven Basis-Emotionen zählen Vertrauen, Freude, Begierde, Interesse und Überraschung. Als negative Basis-Emotionen wurden Ekel, Zorn, Trauer, Furcht und Scham definiert [3]. Da sich die Arbeit mit fördernden Faktoren beschäftigt, wurde der Fokus auf die positiven Emotionen gelegt. Das Erhebungsschema und die Ergebnisse der quantitativen Vor-Ort-Befragung wurden im Anschluss mit Hilfe einer Validierungserhebung überprüft und konnten methodisch sowie inhaltlich bestätigt werden. Insgesamt wurden im Rahmen dieser Arbeit 27 Experteninterviews durchgeführt und mehr als 700 Personen befragt. Ergebnisauszug der quantitativen Nutzerbefragung Erfragt wurde die Relation zwischen produktsprachlichen Faktoren und dem Auslösen von entsprechenden Emotionen. Bild 1 stellt die summierten Ergebnisse der Antworten bzgl. der Ist-Situation und einer optimalen bzw. Wunsch-Situation dar. Es zeigt sich dabei, dass die Umgebung mit einem arithmetischen Mittel von 29,4 % als Auslöser von Emotionen die höchste Relevanz besitzt. Danach folgen die Materialien (28,5 %), gefolgt von der Farbgebung (27,3 %). Das Ranking der drei meistgenannten Emotionen wird angeführt von dem Auslösen von Vertrauen, Freude und Interesse. Im Bereich der Relationen liegen die Verbindungen zwischen Verständlichkeit/ Vertrauen (62,3 %) vor Materialien/ Vertrauen (59,5 %) sowie Umgebung/ Freude (54,7 %). Geschlechterspezifische Auswertung Bei der geschlechterspezifischen Auswertung der Daten zeigt sich, dass die jeweiligen produktsprachlichen Auslöser von den Geschlechtern unterschiedlich oft genannt werden und die Priorisierung der Faktoren dabei abweichend ist. Auch wenn die prozentualen Abstände relativ gering sind, ist ein Trend zu erkennen. Dabei ist im Speziellen die Umgebung hervorzuheben. Diese ist bei den weiblichen Befragten primär für das Auslösen von Emotionen verantwortlich. Bei Männern liegt dieser Faktor lediglich auf dem dritten Rang hinter der Formgebung und den Materialien. Eine weitere Besonderheit spiegelt die Emotion des Vertrauens wieder. Diese wird mit einem relativ großen Abstand als am häufigsten ausgelöste Emotion bei den weiblichen Befragten angegeben. Bei Männern liegt das Vertrauen lediglich auf dem zweiten Rang. Es kommt hier die Vermutung auf, dass das Sicherheitsgefühl bei Frauen im öffentlichen Raum, speziell bei Verkehrsmitteln und deren Infrastrukturen, eine höhere Relevanz erfährt als bei Männern. Altersspezifische Auswertung Werden zunächst die produktsprachlichen Triggerkategorien und deren Rankings betrachtet, so wird bereits dort ein Unterschied deutlich. Bei der jüngeren Personengruppe erhält die Farbgebung den höchsten Wert (33,0 %). Danach folgen die Umgebung (31,0 %) sowie die Materialien (30,4 %). Die ältere Personengruppe hingegen bewertet die Umgebung als wichtigste Grundlage für das Auslösen von Emotionen (28,1 %). Danach folgen Materialien (26,6 %) sowie die Formgebung (23,9 %). Die Farbgebung liegt bei dieser Altersgruppe lediglich bei 18,0 %. Relevanz des Designs bei der Verkehrsmittelwahl Im Anschluss sollte von den Befragten eingeschätzt werden, wie hoch sie den Einfluss von Design auf die Verkehrsmittelwahl einschätzen. Knapp ein Drittel der 316 Befragten (30 %) gaben hierbei an, dass sie den Einfluss als hoch einschätzen. Die zweithäufigste Antwort war mit 28 % der mittlere Bild 1: Verteilung der Nennungen in Prozent [2] Alle Abbildungen: Dominic Hofmann Fahrradbrücke in Kopenhagen Internationales Verkehrswesen (71) 3 | 2019 33 Gestaltung INFRASTRUKTUR Einfluss. Es befinden sich insgesamt 39 % der Antworten im höheren Bereich (hoch/ sehr hoch). 31 % der Antworten befinden sich im geringen Bereich (gering/ sehr gering/ gar keinen). Somit liegt der Mittelwert bei einem mittelhohen Einfluss. Werden die gegebenen Antworten nochmals geschlechtsspezifisch aufgeteilt, so fällt auf, dass weibliche Befragte den Einfluss des Designs auf die Verkehrsmittelwahl geringfügig höher einschätzen als Männer (siehe Bild 2). Disziplinübergreifende Handlungsempfehlungen Aus den vorliegenden empirischen Erkenntnissen wird gefolgert, dass die Gestaltung von Verkehrsmitteln und deren direkter Infrastrukturen frühzeitig in den Planungsprozess eingebunden werden muss. Die Berücksichtigung der Thematik sollte bereits in die Formulierungen der Ausschreibungsunterlagen integriert werden. Somit wird sichergestellt, dass die Relevanz auch in die darauf aufbauenden Planungs- und Umsetzungsprozesse einfließt. Dabei sollte ein spezieller Fokus auf die produktsprachlichen Faktoren und deren Auswirkungen auf die Emotionen der (potenziellen) Nutzenden gelegt werden. Je nachdem, welche Wirkung ein Verkehrsmittel oder eine Infrastruktur haben sollte, ist es durch die produktsprachlichen Faktoren möglich, entsprechende Impulse zu setzen. Diese produktsprachlichen Impulse lösen Emotionen aus und haben somit wiederum einen potenziellen Einfluss auf die Wahl des Verkehrsmittels. Fazit Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Thematik der Wirkung von Design im Bereich umweltfreundlicher Verkehrsmittel in der Wissenschaft wie auch in der Praxis in der Vergangenheit vernachlässigt wurde. Lediglich Teilaspekte oder übergeordnete Begriffe der Gestaltung wurden in die Modelle der Verkehrsmittelwahl einbezogen. Im Rahmen dieser Arbeit konnte nun aufgezeigt werden, an welcher Stelle die Gestaltung einen Einfluss auf die Wahl eines Verkehrsmittels hat. Der Einfluss produktsprachlicher Faktoren gewinnt generell erst relativ spät im Prozess an Bedeutung, obwohl nachgewiesen werden konnte, dass die subjektive Relevanz der Gestaltung durch die Befragten selbst relativ hoch eingeschätzt wird. Diese Arbeit soll als Diskussions- und Entscheidungsvorlage dienen, um der Rolle und der Wirkung des Designs bzgl. umweltfreundlicher Verkehrsmittel einen Stellenwert zuordnen zu können. ■ QUELLEN [1] Wulfhorst, Gebhard et al. (2013): Perspectives on Mobility Cultures in Megacities. In: Institute for Mobility Research (Hg.): Megacity mobility culture. How cities move on in a diverse world. Springer, S. 243-257 [2] Hofmann, Dominic (2019): Förderung einer umweltfreundlichen Verkehrsmittelwahl durch die Emotionalisierung angebotsseitiger Infrastruktur - Eine verkehrswissenschaftliche Analyse unter Berücksichtigung von designorientierten und psychologischen Einflussfaktoren. Technische Universität, Darmstadt [3] Roth, Mareike und Oliver Saiz (2014): Emotion gestalten. Methodik und Strategie für Designer. Basel, Berlin: Birkhäuser; De Gruyter Dominic Hofmann, Dr.-Ing. Wissenschaftlicher Leiter, Research Lab for Urban Transport (ReLUT), Frankfurt University of Applied Sciences, Frankfurt am Main dominic.hofmann@fb1.fra-uas.de Bild 2: Einfluss des Designs auf die Verkehrsmittelwahl [2] Vorplatz des Hauptbahnhofs in Darmstadt Park „Superkilen“ in Kopenhagen