eJournals Internationales Verkehrswesen 72/2

Internationales Verkehrswesen
iv
0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2020-0030
51
2020
722

Rechnung folgt später

51
2020
Gerd Aberle
iv7220009
Gerd Aberle KURZ UND KRITISCH Internationales Verkehrswesen (72) 2 | 2020 9 Rechnung folgt später D er Shutdown infolge der Corona-Krise wird in allen Wirtschaftsbereichen zu erheblichen Umstrukturierungen mit nachhaltigen Auswirkungen auf tradierte gesellschaftspolitische Prioritätensetzungen führen. Optimistische Prognosen hoffen auf eine Erholung der deutschen und teilweise der europäischen Wirtschaft ab 4. Quartal 2020. Völlig unbeantwortet bleiben die Fragen zur jahrzehntelangen Forcierung internationaler Outsourcing-Strategien mit gewaltigen und gerade für Deutschland existenzgefährdenden Abhängigkeiten. Wenn der inflationär verwandte Begriff der Disruption eine Berechtigung besitzt, dann jetzt und in Zukunft. Ebenso unklar ist, wie die Billionen Euro schweren und im Grundsatz notwendigen Stützungsmaßnahmen in Zukunft refinanziert werden. Aktuell steigen die Finanzforderungen fast täglich. Politische Entscheidungserfordernisse mit gesellschaftspolitischen Wirkungen stehen an. Und von all diesen Umorientierungen ist der Mobilitäts- und Verkehrssektor jetzt und in Zukunft direkt und umfänglich betroffen, stärker als von der Finanzkrise 2008/ 2009. Die aktuellen Informationen aus der Mobilitätsszene sind sowohl erschreckend als auch mit Hoffnungsschimmern durchsetzt. So ist die Lufthansa, jahrelang Aushängeunternehmen deutscher Leistungsfähigkeit, zum notleidenden Krisenfall geworden. Vorschnell geforderte Verstaatlichung kann nicht überzeugen. Sinnvoll ist eine temporäre Staatbeteiligung. Existenzbedroht sind Hunderte LKW-Transporteure, die neben Nachfragerückgang aus dem Produktionsstillstand nun noch zusätzlich ruinösem Preisdruck osteuropäischer Frachtführer ausgesetzt sind. In einer fast aussichtslosen Lage sieht sich das private Busgewerbe aufgrund des Totalausfalls aller Gelegenheitsverkehre und bei FlixBus. Der Schienengüterverkehr ist weiterhin zentrales Sorgenkind. Betroffen vom Nachfragerückgang der Industrie von etwa 25 % sind der Einzelwagenwie auch der Ganzzugverkehr. Der im vergangenen Jahr gefeierte Masterplan Schienengüterverkehr hat bislang noch keine Wirkungen gezeigt. Offensichtlich verschärfen neben dem Rückgang der Kohle- und Stahltransporte immer noch unzulängliche Qualität, Ressourcendefizite und niedrige Produktivität die Corona-Effekte. Und im Personenfernverkehr setzt die DB vorrangig - so der Vorstandschef - auf die Gesellschaftsverpflichtung des Unternehmens und fährt trotz 15 % Auslastung 75 % der Züge. Damit sind alle Geschäftsziele für 2020/ 21 obsolet geworden. Vor den Ansteckungsgefahren in überfüllten Nahverkehrszügen und Bussen im Berufsverkehr wird gewarnt, die Benutzung individueller Verkehrsmittel angeraten. Die Vorschläge der Politik bezüglich der Probleme im Mobilitätsbereich sind wenig überzeugend. Die EU-Kommission (DG- Move) fordert verbesserte standardisierte Informationen im grenzüberschreitenden Schienengüterverkehr und „Vertrauensübergaben“ der Züge an den Grenzen. Die Trassenpreise sollen weiter reduziert werden. Mit Recht wird ein Ende der strittigen europaweiten Diskussion um Einführung der automatischen Güterwagenkupplung verlangt. Hier liegt das wohl entscheidende Kosten- und Produktivitätsreservoir. Mehr als 60 Jahre unergiebiger Diskussionen sind unerträglich. Nationale Eisenbahninteressen ruinieren den Güterverkehr. Erstaunen erweckt der neue Disput über angebliche Mängel der neuen bis 2024/ 2025 EU-weit verbindlich einzuführenden Verbundstoff-Bremssohlen durch Interventionen von Schweden und Polen. Deutschland hat neben der Schweiz bereits ab 2021 zur Lärmreduktion den Ersatz der Grauguss-Sohlen vorgeschrieben. Die Umrüstung läuft mit hohen Investitionen der Wagenhalter, die bereits zwei Drittel ihrer Zielwerte erreichen. Die Verbundstoff- Bremssohlen mit EU-Zulassung (! ) müssen erneut ersetzt oder neue Wagen beschafft werden. Betroffen sind 100.000 Wagen, der Zusatzaufwand wird mit rd. 4 Mrd. EUR angegeben. Der schwedische Eisenbahnverband bemängelt reduzierte Bremsleistung bei Frosttemperaturen und höherer Geschwindigkeit. Vorgeschlagen wird die Umrüstung auf Scheibenbremsen, über deren Wirkungsgrad und Haltbarkeit uneinig diskutiert wird. Irgendwie eisenbahntypisch. An den dramatischen Niedergang der mobilitätsintensiven Touristikbranche sowie des Busfernverkehrs soll nur erinnert werden. Am Rande: Das gelobte Platooning im Straßengüterverkehr zeigt nach Fahrversuchen wegen überschätzter Energieeinspareffekte und höherer Unfallrisiken keine Sinnhaftigkeit. Nur die LKW-Elektrifizierungseuphorie durch Stromabnehmer bei LKW auf Autobahnen feiert aufgrund methodisch eigenwilliger Annahmen noch Rechtfertigungsversuche. Und was verbleibt von den 2019 gefeierten Milliarden-Zukunftsinvestitionen für die Infrastruktur in Deutschland und der EU, für Digitalisierung und Energietrassen? Was bedeuten zwangsläufig veränderte Ausgabenprioritäten? Warten wir auf die Rechnung. ■ Prof. Gerd Aberle zu Themen der Verkehrsbranche