Internationales Verkehrswesen
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expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2022-0040
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Mit Geodaten die Mobilität der Zukunft gestalten
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Jens Wille
Ein stetig steigendes Mobilitätsbedürfnis und immer globalere Lieferketten treffen heute auf zunehmende Umweltbelastung, endlose Staus, Stellplatzmangel und überforderte öffentliche Verkehrsnetze – das traditionelle Transport- und Mobilitätsmanagement gelangt an seine Grenzen. Neue Konzepte sind nötig, um Verkehrssysteme wirklich zukunftsfähig zu gestalten und wirtschaftliche Aspekte mit dem Klimaschutz in Einklang zu bringen. Data & Location Technology unterstützt Behörden und Unternehmen dabei, Verkehrskonzepte am tatsächlichen Bedarf auszurichten und umweltschonende Ansätze zu reali-
sieren.
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Internationales Verkehrswesen (74) 2 | 2022 61 Mit Geodaten die Mobilität der Zukunft gestalten Neue Ansätze für nachhaltiges und kundenorientiertes Mobilitäts- und Transport-Management Neue Mobilität, Verkehrswende, Modal Split, Flottenmanagement, Routenoptimierung, Location Intelligence Ein stetig steigendes Mobilitätsbedürfnis und immer globalere Lieferketten treffen heute auf zunehmende Umweltbelastung, endlose Staus, Stellplatzmangel und überforderte öffentliche Verkehrsnetze - das traditionelle Transport- und Mobilitätsmanagement gelangt an seine Grenzen. Neue Konzepte sind nötig, um Verkehrssysteme wirklich zukunftsfähig zu gestalten und wirtschaftliche Aspekte mit dem Klimaschutz in Einklang zu bringen. Data & Location Technology unterstützt Behörden und Unternehmen dabei, Verkehrskonzepte am tatsächlichen Bedarf auszurichten und umweltschonende Ansätze zu realisieren. Jens Wille D ie Notwendigkeit einer Verkehrswende steht außer Frage - nun geht es um das „Wie“. Insbesondere darum, wie sich die existierenden Infrastrukturen möglichst zeitnah und zukunftssicher hin zu nachhaltigeren Optionen weiterentwickeln lassen, ohne dabei Nutzerfreundlichkeit und Wirtschaftlichkeit außer Acht zu lassen. Eine genaue Analyse des Status Quo ist folglich unerlässlich. Seit einigen Jahren hat sich daher im Rahmen der Mobilitätswende die Kenngröße des Modal Split etabliert: Dieser zeigt die Transportmittelwahl im Personenverkehr an bzw. die Verteilung des Transportaufkommens auf verschiedene Verkehrsträger im Lastenverkehr. Die prozentuale Verteilung des Verkehrsaufkommens wird differenziert nach Verkehrsmitteln dargestellt, um die Anteile verschiedener Verkehrsträger an den insgesamt zurückgelegten Kilometern darstellen zu können. Indem er die Veränderungen in der Verkehrsmittelnutzung abbildet, gehört der Modal Split zu den wichtigsten Erfolgs-Metriken in der Mobilitätswende. Zudem lässt sich auf dieser Basis schnell erkennen, welchen Effekt bestimmte Maßnahmen zur Lenkung des Verkehrs haben - wie zum Beispiel veränderte Streckenführungen, die Reduzierung von Parkplätzen oder die Einführung neuer Verkehrsträger. Neue Konzepte zur Erfassung des Modal Split Obwohl der Analyse des Modal Split immer mehr Bedeutung zukommt, hat die Erhebung der Metrik noch einige Schwächen: Bislang wird sie vor allem basierend auf Verkehrszählungen oder individueller Wege- Tagebücher erstellt. Unterschiedliche Methodiken machen die verschiedenen lokalen Ergebnisse schwer vergleichbar - sowohl national als auch international. Standardi- Foto: Ubilabs Digitalisierung TECHNOLOGIE Internationales Verkehrswesen (74) 2 | 2022 62 TECHNOLOGIE Digitalisierung sierte Ansätze mit Hilfe von speziellen Smartphone-Tracking-Apps stoßen auf Akzeptanzprobleme und beinhalten einen höheren Aktivierungsaufwand von Testpersonen. Hier sind neue Konzepte gefragt, um mehr relevante Daten gewinnen zu können und deren Erhebung schneller, effizienter und vergleichbarer zu machen - sowohl national als auch international. Die Data und Location Technology-Experten von Ubilabs entwickeln daher derzeit eine Lösung, die auf der (datenschutzkonformen) Analyse von Bewegungsdaten aus Mobiltelefonen basiert. Die Qualität der so gewonnenen Daten, welche durch die Beschleunigungssensoren der Smartphones zusätzlich um eine Kategorisierung der verwendeten Verkehrsmittel ergänzt wird, geht deutlich über die bisherigen Möglichkeiten hinaus. Zusätzlich zur Aufbereitung von Bewegungsdaten ist zudem die Einbeziehung weiterer Datenquellen möglich - so ließe sich zum Beispiel der Einfluss des Wetters, lokaler Verkehrsregulierungen oder die Auswirkungen neuer Tarife auf die Inanspruchnahme und Effizienz verschiedener Verkehrsträger visualisieren. Effiziente Verkehrsmodellierung für Städte und Konzerne Eine detailgenaue Analyse des Modal Split dient Städten, Kommunen und Konzernen nicht nur als Parameter zur Verkehrsmodellierung und -planung, sondern auch als zuverlässiges Mittel für die Erfolgskontrolle, um den Beitrag einzelner Maßnahmen zur Verkehrswende quantifizieren zu können. Und die Vorteile reichen noch weit darüber hinaus: So geben die Analysen unter anderem Anbietern des Öffentlichen Personennahverkehrs valide Grundlagen an die Hand, ihre Angebote besser auf den tatsächlichen Bedarf abzustimmen. Nicht zuletzt sind Berechnungen des Modal Split auch für das betriebliche Mobilitätsmanagement größerer Konzerne und Transportunternehmen relevant: Da sie auf verschiedenen Ebenen eine verkehrserzeugende Wirkung besitzen (Pendler-, Kunden und Logistikverkehr), verfügen sie auch über eine zentrale Rolle in der Bewältigung der Verkehrswende. Von der Theorie zur Praxis Minimierung der Umweltbelastung, Vermeidung von Staus und Optimierung öffentlicher Verkehrsnetze - so das Ziel. Als Grundlage für die Planung von Maßnahmen hin zu einer neuen Mobilität spielt die Analyse des Modal Split eine wesentliche Rolle. Damit ist das Potenzial von Data Analytics und Location Intelligence im Bereich der Mobilitätswende jedoch längst nicht ausgeschöpft. Die Aufbereitung ortsbezogener Informationen trägt auch in der unternehmerischen Umsetzung ganz erheblich zu mehr Nachhaltigkeit und Innovation bei. So helfen interaktive Karten und digitale Dashboards dabei, mit Echtzeitanalysen einen genaueren Überblick der aktuellen Verkehrs-, Emissions- oder Parkraumsituation zu gewinnen (Bild 1). Bezogen auf die unmittelbare Praxis von Mobilitätsanbietern und Verkehrsplanern lassen sich Dienstleistungen und Verkehrsströme mithilfe von Geodaten somit kosteneffizienter gestalten und nachhaltig optimieren. Das reicht von intelligentem Flottenmanagement bis hin zur ressourcenschonenden Einsatzplanung. Einige Beispiele: Optimierte Routenplanung Eine optimierte Routenplanung ist nicht nur für Transport- und Logistikdienstleister entscheidend, sondern auch für viele Einrichtungen, die unsere Straßen sicherer machen. Die Auswertung von Bewegungsdaten, Echtzeit-Verkehrsinformationen und deren simultane Abgleichung mit Höhenprofilen, Wetterdaten, Veranstaltungsinformationen, etc. bietet ein valides Fundament für die optimale Auslastung von Flotten und Verkehrsverbindungen. Das erstreckt sich bis zur möglichst effizienten Einsatzplanung von Räumfahrzeugen oder Lieferdiensten. So können Dispatcher und Fahrer von Räumfahrzeugen durch die Visualisierung von Wetter- und Sensordaten ein sehr genaues Lagebild gewinnen und ihre Einsätze entsprechend besser planen (Bild 2). Als ähnlich hilfreich wird sich die konzertierte Auswertung verschiedenster Daten für Notfalleinsätze der Feuerwehr oder Polizei erweisen. Beispielsweise entwickeln die Datenexperten von Ubilabs derzeit für die Feuerwehr Düsseldorf ein Tool zur optimierten Standort- und Einsatzplanung. In einem gemeinsamen Pilot- Bild 1: Planungs-Tool Shared Mobility für München Foto: Ubilabs Bild 2: App zur Einsatzplanung mit verschiedenen Filtermöglichkeiten Foto: Ubilabs Internationales Verkehrswesen (74) 2 | 2022 63 Digitalisierung TECHNOLOGIE projekt kam letztes Jahr bereits eine kartenbasierte Anwendung für die optimale mobile Impfstoff-Versorgung der Düsseldorfer Bevölkerung zum Einsatz. Das Thema Routenoptimierung und Standortplanung ist unter anderem aber auch für die Durchsetzung der E-Mobilität von Bedeutung, die wesentlich zur Reduzierung der Feinstaub- und Stickoxid-Belastung beiträgt. Ihre Akzeptanz wird neben nachhaltigen und finanziellen auch von rein praktischen Aspekten abhängen, wie der erzielbaren Reichweite und der verfügbaren Ladesäuleninfrastruktur. Auch hier kann die Erhebung und Visualisierung von Standortinformationen und Bewegungsdaten einen wichtigen Beitrag leisten - unter anderem wird so zum Beispiel eine verbrauchsorientierte Routenoptimierung oder die verlässliche Anzeige erreichbarer Ladesäulen via App ermöglicht. Reduzierung der Verkehrsbelastung Der Parksuchverkehr ist in vielen städtischen Hotspots ein großes Problem. Hierdurch wird das ohnehin bereits hohe Verkehrsaufkommen noch potenziert. Autos, die in zweiter oder sogar dritter Reihe parken, ausweichende Lieferwagen und Busse - dies alles geht für sämtliche Verkehrsteilnehmer mit einem erhöhten Stresslevel und Unfallrisiko einher. Zugeparkte Feuerwehrzufahrten können im schlimmsten Fall Rettungseinsätze erschweren oder verzögern - die Gründe sind daher zahlreich, um im Hinblick auf die Mobilitätswende auch den stehenden Verkehr genauer unter die Lupe zu nehmen. In diesem Zusammenhang stattet die Deutsche Telekom seit einigen Monaten Parkplätze deutscher Städte und Gemeinden mit smarten Sensoren aus, um Einsichten in die Nutzung des Parkraums zu erhalten (Bild 3). Geodatenexperten bereiten die gewonnenen Daten zu kartenbasierten Dashboards auf, mit deren Hilfe sich die Auslastung bestimmter Parkplätze über den Tag verfolgen lässt. Diese Tools liefern ein wichtiges Werkzeug für Parkraummanager, deren Einsätze nun zielgerichteter gesteuert werden können. Ein weiteres Anliegen der Projektpartner ist eine datenbasierte Situationsanalyse im Zusammenhang mit der Anlieferung von Waren und der Einrichtung dedizierter Ladezonen. Letztendlich geht es darum, die Belastungen durch Parksuchverkehr künftig erheblich zu reduzieren. Bedarfs- und Kundenorientierung als Garant der Mobilitätswende Züge, Busse, Mietwagen, Fahrräder und E- Scooter - genau dort, wo sie gebraucht werden: So das Ideal. In der Realität stimmen Angebot und Nachfrage an Verkehrsmitteln jedoch oftmals nicht überein. Auch hier lässt sich mithilfe von Location Intelligence noch einiges Potenzial ausschöpfen. Einerseits, was die Erhöhung der Attraktivität und Akzeptanz zukunftsweisender Mobilitätsangebote betrifft. Aber auch, wenn es um die Steigerung von deren Nachhaltigkeit und Rentabilität geht: Hoch entwickelte Technologien leiten aus einer Vielzahl ortsbezogener Daten wertvolle Analysen und verlässliche Prognosen ab. So geben sie unter anderem Aufschluss darüber, an welchen Orten Mobilitätsangebote verfügbar sein sollten, wofür sie benötigt werden und wie sie beschaffen sein müssen. Anhand interaktiver Karten können Mobilitäts- und Logistikanbieter detaillierte Auswertungen zur Flotten-Auslastung treffen, Hotspots und typische Verkehrsrouten erkennen und miteinander vergleichen. Sortiert nach Uhrzeit, Wochentag oder Jahreszeit: Wo wurden die Fahrzeuge letzte Woche genutzt? An welchen Stellen bleiben sie zu lange stehen? Wo wird die Nachfrage nächste Woche am höchsten sein? Auf Basis dieser Informationen lassen sich nicht nur kundenfreundlichere und umweltbewusstere Lösungen entwickeln, sondern auch kosteneffizientere Prozesse einrichten. Daten für eine zukunftssichere und kundenorientierte Mobilitätswende Neue Mobilitätskonzepte bieten immer fortschrittlichere und nachhaltigere Möglichkeiten für den Personen- und Güterverkehr. An der Spitze der Mobilitätswende stehen Unternehmen und Verkehrsplaner, die ihre Angebote am Puls der Zeit ausrichten und laufend optimieren. Moderne Dienstleister, die ihre Services personalisieren, weil sie ihre Kunden gut kennen und verstehen. Die wissen, wie Nutzer sich verhalten - und so im Bedarfsfall schnell reagieren können. Gut aufbereitete Daten sind daher wertvoll - vor allem, wenn sie visuell erfahrbar und interaktiv nutzbar sind. Ob durch Visualisierungen, interaktive Karten oder digitale Dashboards - Location Intelligence kann viel für den nachhaltigen Erfolg der Mobilitätswende tun. Zum einen, weil sie verlässliche Analysen und Prognosen ermöglicht und eine valide Basis für die erfolgreiche Einführung neuer, innovativer Angebote darstellt. Zum anderen, weil sie die ideale Grundlage ist, um Service und Bedarf in Einklang zu bringen und Kunden zufriedener zu machen. Nicht zuletzt helfen Daten- Insights Verkehrsplanern und Unternehmen aber auch dabei, kosteneffizienter zu arbeiten - und verschaffen Logistikanbietern dadurch echte Wettbewerbsvorteile. Wer die Mobilitätswende in Einklang mit Kundenorientierung und Wirtschaftlichkeit bringen möchte, kommt an einer sinnvollen Aufbereitung relevanter Daten daher nicht vorbei. ■ Jens Wille Geschäftsführender Gesellschafter, Ubilabs GmbH, Hamburg jens.wille@ubilabs.com Bild 3: Von der Telekom genutzter smarter Parksensor Foto: Ubilabs
