eJournals Internationales Verkehrswesen 75/4

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2023-0068
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Im Fokus

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Autonomer Truck nimmt Kurs auf die Autobahn | Bitterfeld-Wolfen: Reaktivierung regionaler Gleisinfrastruktur | Flugroboter sollen Kritische Infrastrukturen mit modernster Technik überwachen | Behälter, Mulden und Boxen immer im Blick | Ocean Shipping Index: Weltweite Transportzeiten stabilisiert | Ammerbrücke: Betonsanierung unter Denkmal- und Artenschutz
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Internationales Verkehrswesen (75) 4 | 2023 6 IM FOKUS Autonomer Truck nimmt Kurs auf die Autobahn D er fahrerlose LKW wird Schritt für Schritt Realität: Seit Januar 2022 arbeiten zwölf Forschungspartner im Projekt ATLAS-L4 („Automatisierter Transport zwischen Logistikzentren auf Schnellstraßen im Level 4“) gemeinsam daran, autonome Trucks auf die Straße zu bringen. Inhaltlich orientiert sich das Projekt am 2021 verabschiedeten Gesetz zum autonomen Fahren, das autonomes Fahren auf fest definierten Strecken unter einer technischen Aufsicht grundsätzlich ermöglicht. Nach den ersten 22 Monaten hat das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geförderte Vorhaben wichtige Meilensteine erreicht. So hat MAN Truck & Bus in seiner Projektverantwortung für die Gesamtsystem- Entwicklung mittlerweile ein Prototypenfahrzeug aufgebaut. Es zeichnet sich durch Sensoren auf dem Dach, an der Front und an den Seiten der Fahrerkabine aus sowie durch verbaute Rechner im Innern. Im ersten Schritt dient es als Sensorfahrzeug zur Sammlung von Daten, bevor die Funktionsentwicklung für das autonome Fahren unter anderem mit ersten Testfahrten auf der Autobahn beginnt. Die ersten Kilometer hat das Fahrzeug bereits auf dem Münchner Testgelände von MAN erfolgreich zurückgelegt. Funktionalitäten und Schnittstellen standen dabei auf dem Prüfstand: Erstmals haben die Komponenten miteinander kommuniziert und erstmals haben die Sensoren eine realitätsgetreue Umfelderkennung vorgenommen. Auch die für die Level-4-Architektur sicherheitsrelevanten Subsysteme Bordnetz, Lenkung und redundantes Bremssystem sind konzeptioniert und bereits in ersten Musterständen erfolgreich erprobt. Zudem wurde im September das Control Center für die technische Aufsicht in Betrieb genommen sowie die Verbindung zum Fahrzeug installiert. Das Web-Interface stellt nun das Fahrzeug auf einer Karte mit allen relevanten Informationen wie Geschwindigkeit und Automatisierungsstatus dar. Des Weiteren haben MAN und das Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit AISEC die projektbegleitende Risikoanalyse für das Fahrzeug erfolgreich durchgeführt. Auf dieser Grundlage wurden Cybersicherheits-Maßnahmen wie authentische und verschlüsselte Kommunikation sowie funktionale Sicherheitsmaßnahmen wie Redundanzen und Degradationskonzepte für das autonome Fahrsystem definiert. Dabei werden umfangreiche Angriffs- und Ausfallszenarien durchgespielt und entsprechende Schutzkonzepte entwickelt. Der nächste große Meilenstein ist die Premiere im öffentlichen Straßenverkehr: Voraussichtlich noch in diesem Jahr soll das Testfahrzeug zu ersten Fahrten auf die Autobahn gehen - selbstverständlich noch mit einem Sicherheitsfahrer an Bord. Das Projekt läuft bis Dezember 2024. Am Ende soll ein industrietaugliches Konzept für den Betrieb automatisierter LKW auf der Autobahn vorliegen. www.atlas-l4.com Foto: MAN Bitterfeld-Wolfen: Reaktivierung regionaler Gleisinfrastruktur D ie Landesregierung Sachsen-Anhalt und die zur Captrain Deutschland- Gruppe gehörende Regiobahn Bitterfeld Berlin GmbH (RBB) setzen einen Impuls für mehr Güterverkehr auf der Schiene. Konkret handelt es sich um die Reaktivierung eines 300 Meter langen Ladegleises im Areal E des Chemieparks inklusive der Anschlussweichen. Das Land fördert das Projekt mit bis zu 247.500 EUR, das entspricht 50 % der veranschlagten Summe. Die Reaktivierung ist Grundlage für ein größeres Projekt der RBB, das an dieser Stelle geplant ist: Entstehen soll ein neuer Umschlagplatz für Schüttgüter und Baustoffe sowie künftig auch Container und andere Ladeeinheiten des kombinierten Verkehrs, auf dem Güter unterschiedlicher Art zwischen Straße und Schiene umgeladen beziehungsweise be- und entladen werden können. Mit diesem Projekt sollen auch lokale Unternehmen ohne Gleisanschluss die Möglichkeit erhalten, ihre Güter auf der Schiene zu transportieren. So muss dann nur noch die „Letzte Meile“ zum und vom Gleis per LKW zurückgelegt werden. Mit dieser zielgerichteten Investition soll die lokale Wirtschaft wieder den Verkehrsweg Schiene nutzen können, ohne eine eigene Schieneninfrastruktur zu benötigen. Indem die Attraktivität des Verkehrsträgers Schiene gesteigert wird, entsteht gleichzeitig mittelfristig ein erweitertes Angebot für die ansässigen Industriebetriebe im Chemiepark und in der Region. Die RBB ist spezialisiert auf die Konzeption und Abwicklung schienenbasierter Werkslogistik sowie auf regionale Transportleistungen, vorrangig im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen sowie in Mittel- und Ostdeutschland. Im Verbund der Captrain Deutschland-Gruppe, gehört die RBB zu einem der führenden Schienenlogistik-Unternehmen in Deutschland und Europa. www.captrain.de Internationales Verkehrswesen (75) 4 | 2023 7 IM FOKUS Behälter, Mulden und Boxen immer im Blick E in neues Inventur-Modul von rona: systems ermöglicht eine lückenlose zentrale Dokumentation von Behältern praktisch jeder Art und ihrer Bewegungen sowie das einfache Hinzufügen neuer Behälter über ein Tablet und deren Verbindung mit einem RFID-Transponder oder QR-Code. Mit dieser mobilen Inventarisierungs-Funktion können Behälterstandorte schnell und einfach geändert und korrigiert werden, so dass jederzeit ein aktueller Überblick über den Bestand in Behälterdepots möglich ist. Die Einsatzmöglichkeiten des Inventur- Moduls reichen von Bauschuttmulden, Abfall-Containern und -behältern bis hin zu vermieteten mobilen Sanitäreinrichtungen. Das Personal kann einzelne oder mehrere Behälter direkt über ein Tablet erfassen und zuordnen. Nach der Inventarisierung - entweder mit Nummer oder per Barcode, QR- Code oder RFID-Transponder - können sie sofort dem Depot zugeordnet werden. Container und ihre Standorte können ein Tablet verwaltet werden, wodurch langwierige und zeitaufwendige Inventurarbeiten entfallen. Auch gesetzlich vorgeschriebene Prüfungen nach den Unfallverhütungsvorschriften (UVV) lassen sich einfach durchführen. So erinnert das System an periodische UVV- Checks und ermöglicht die unmittelbare Durchführung direkt über das Tablet mit einer Checkliste. Die abgeschlossene Prüfung wird erfasst und gegebenenfalls mit Fotos dokumentiert, so dass die aktualisierten Daten sofort im System ersichtlich sind. Da die Nachweise der UVV-Prüfung mit Zeit- und Geo-Stempel versehen werden, sind auszusortierende Behälter sofort identifizierbar. Die Funktionserweiterung des Systems kommt also nicht nur Disponenten und dem Management zugute, sondern auch der Service-Crew, die für Wartung, Instandhaltung und Reparatur verantwortlich ist. Auch dem Fahrpersonal erleichtert das neue Modul die tägliche Arbeit. Bei Anlieferungen oder Abholungen werden die eindeutig zugeordneten Behälter-IDs mit Zeitstempel, Geokoordinaten sowie Fahrzeugs- und Auftragsdaten verknüpft. Die Fahrerinnen und Fahrer lesen die Informationen einfach am Behälter ein und übertragen sie in Echtzeit in die zentrale Datenbank. Dadurch entfällt das Eintippen und damit auch das fehlerbehaftete Führen händischer Papierprotokolle. www.rona.at Foto: Rona Flugroboter sollen Kritische Infrastrukturen mit modernster Technik überwachen F lugroboter werden seit geraumer Zeit schon dafür genutzt, Windkraftanlagen auf Schäden zu überprüfen und können somit wichtige Aufgaben übernehmen, die für Menschen riskant sind. Um künftig noch weitere Einsatzgebiete zu ermöglichen und die Technik zu optimieren, will ein internationales Konsortium jetzt den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) bei der Entwicklung der Flugroboter erforschen. Das auf vier Jahre angelegte Projekt wird von der Europäischen Union gefördert und startet im November 2023. Ziel des Projekts sind Flugroboter, die sich mithilfe von KI optimal an ihre jeweilige Aufgabe und Umgebung anpassen und somit effizienter, widerstandsfähiger und sicherer sind als bisherige Modelle. Dafür dient die Natur als Vorbild. Die Idee dahinter: Vergleicht man fliegende Lebewesen wie etwa Mücken und Adler miteinander, gibt es sowohl körperlich als auch kognitiv erhebliche Unterschiede. Bei Flugrobotern hingegen dominiert bisher eine Art Standarddesign, das für alle Anwendungsmöglichkeiten passen soll. Das Projekt soll also einen Paradigmenwechsel anstoßen - hin zu Flugrobotern, die an ihre Umgebung und Aufgaben angepasst sind. Bisher werden die mechanischen Merkmale von Flugrobotern sowie die Art und Position der notwendigen Sensoren von Menschen entworfen. Mithilfe von Algorithmen sollen sich die Drohnen zukünftig selbst entwickeln und trainieren. Außerdem sollen neuartige Materialien und verbesserte Antriebssysteme bei dem Design berücksichtigt werden. Mögliche Einsatzgebiete dieser neuartigen Flugroboter sind die Überwachung von Wäldern und die Inspektion kritischer Großinfrastrukturen wie etwa Kernkraftwerke oder Öl- und Gasanlagen. Neben der Universität Paderborn sind die Technisch-Naturwissenschaftliche Universität Norwegens als Projektkoordinator, die Technische Universität Delft (NL), die Technische Universität Luleå (SE), die Freie Universität Amsterdam (NL), das Interuniversity Microelectronics Centre (BE), die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (CH), das Center for Security Studies (GR) sowie die Unternehmen Voxel- Sensors (BE) und Biodrone (NO) an dem Projekt beteiligt. www.upb.de Symbolfoto: Xat-ch / pixabay Internationales Verkehrswesen (75) 4 | 2023 8 IM FOKUS Ammerbrücke: Betonsanierung unter Denkmalund-Artenschutz D ie 1929 erbaute Ammerbrücke, auch Echelsbacherbrücke genannt, ist eine sogenannte Melan-Bogenbrücke mit der zur Bauzeit größten Bogenweite von 130 Metern. Die Bauweise geht auf den österreichischen Bauingenieur Josef Melan zurück, der die sehr stabile Konstruktion aus Stahl und Beton bereits Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte. Die Brücke liegt zwischen Lechbruck und Murnau im bayerischen Voralpenland, misst 183 Meter und führt die Bundesstraße B23 in einer Höhe von etwa 76 Metern über die Ammerschlucht. Massive Schäden - abgeplatzter Beton, Hohlstellen und korrodierter Bewehrungsstahl - entstanden durch ungenügende Dichtheit der fast hundert Jahre alten Betonkonstruktion. Über die Jahre drangen Feuchtigkeit und in Wasser gelöste Schadstoffe in die Bausubstanz ein. Um bei diesem Projekt die Anforderungen an Denkmal- und Artenschutz - im Bogeninneren lebt eine Fledermauskolonie - zu erfüllen, galt es, den Bogen zu erhalten und als Rüstträger für die Schalung des Ersatzneubaus zu nutzen. Ein einzigartiges Projekt: Abriss der alten Brückentafel, Bau einer Ersatzbrücke für täglich etwa 10.000 Fahrzeuge und Instandsetzung des „Melan-Bogens“. Aufgrund dieser Randbedingungen entschieden sich die Planer für das „Instandsetzungsprinzip W“, realisiert mit Betonersatzsystemen und einem Oberflächenschutzsystem von StoCretec. Mit einem Injektionssystem auf Epoxidharzbasis wurden zudem Risse kraftschlüssig abgedichtet. Die Instandsetzung des denkmalgeschützten Bogens begann mit der vollständigen Entfernung der Altbeschichtung bis fünf Millimeter Schichtdicke und dem Betonabtrag an den Schadstellen. Das freigelegte Stahlfachwerk und die Bewehrung erhielten einen mineralischen Korrosionsschutz, dann wurde eine Haftbrücke aufgebracht und schließlich manuell und im Nassspritzverfahren reprofiliert. Oberhalb des „Melan-Bogens“ entstand der Ersatzneubau, über den seit Ende 2021 der Verkehr fließt. www.sto.de Ocean Shipping Index: Weltweite Transportzeiten stabilisiert D ie vernetzte Supply-Chain-SaaS-Plattform e2open hat den Ocean Shipping Index (OSI) für das 3. Quartal 2023 veröffentlicht. Dabei handelt es sich um einen vierteljährlichen Benchmark-Bericht, der Einblicke in die Entscheidungsfindung bei globalen Seefrachttransporten bietet. Aus den Daten des aktuellen Berichts geht hervor, dass sich die Gesamtzeit von der Buchung bis zum Erhalt der Ware auf den weltweiten Schifffahrtsrouten stabilisiert hat. Es gebe eine Vielzahl von Faktoren, die sich auf die Lieferzeiten von Seetransporten auswirken, so der Bericht. Ein rechtzeitiger Einblick in die Veränderungen können aber dabei helfen, ungeplante Verzögerungen zu managen. So stellen die Wartezeiten im Hafen, die Zollabfertigung und andere Bedingungen weiterhin erwartbare, aber nicht genau vorhersagbare Beeinträchtigungen dar. Die wichtigsten Erkenntnisse im aktuellen Bericht: •• Der weltweite Durchschnitt für Verschiffungen lag bei 58 Tagen von der ersten Buchung bis zur Abfertigung im Zielhafen; es gibt keinen Unterschied zum Vorquartal. Die durchschnittliche Dauer ist im Jahresvergleich um etwa zehn Tage gesunken gegenüber 68 Tagen im 3. Quartal 2022. •• Der Workflow in der Seecontainerschifffahrt scheint sich bei der derzeitigen Dauer stabilisiert zu haben. •• Der Hafenbetrieb scheint sich merklich verbessert zu haben - im Hafen von Long Beach beispielsweise verringerte sich die Zeit zwischen Be- und Entladung um 23 Prozent; auch in den mexikanischen Häfen Manzanillo und Altamira wurden die Exportzeiten verbessert. •• Die Daten der Wirtschaftsauskunftei Dun & Bradstreet zeigen, dass die Abfertigungszeiten in asiatischen, nord- und südamerikanischen Häfen im Vergleich- zum Vorjahreszeitraum um zehn bis 18- Tage gesunken sind, während in europäischen Häfen ein leichter Anstieg zu verzeichnen ist. Der e2open Ocean Shipping Index ist eine datengestützte Referenz für Frachtunternehmen. Er hilft zu verstehen, wie lange es dauert, Waren international zu transportieren und welche Faktoren zu den beobachteten Verzögerungen beitragen. Der Bericht basiert auf historischen Daten aus dem e2open-Netzwerk, das über 420.000 angeschlossene Unternehmen umfasst, die 14 Milliarden Transaktionen verwalten und jährlich 71 Millionen Container verfolgen. Mit der Erfassung von Daten bis hin zum Buchungsdatum bietet der Ocean Shipping Index von e2open wertvolle Einblicke, die Unternehmen der Entscheidungsfindung helfen können. www.e2open.com Foto: Hermann Weiher / StoCretec Foto: 473079 / pixabay