Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2025-0016
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Zeitwende braucht Resilienz, Resilienz schafft Handlungsspielraum!
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Florian Eck
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Liebe Leserinnen und Leser, als Olaf Scholz am 27.02.2022 mit seiner Bundestagsrede die Zeitenwende einläutete, war die Welt bereits mittendrin und musste Handlungsspielraum zurückgewinnen. Das bekam auch der Mobilitäts- und Logistiksektor zu spüren. Lieferketten mussten neu austariert werden, die Energieversorgung Europas wurde auf neue Beine gestellt, die Häfen als Energie-Hubs gestärkt. Verkehrs- und Logistikunternehmen haben auf eigene Initiative bei Hilfslieferungen und Evakuierung mitgewirkt. Die Branche hat in dieser und anderen Situationen gezeigt, dass sie resilient aufgestellt ist und die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft auch in Krisensituationen sichern kann. Gleichzeitig müssen wir aber feststellen, dass unsere Verkehrswege verfallen, Brücken nicht ausreichend tragfähig sind und die deutsche Bürokratie unter den Schlusslichtern des Digitalisierungsrankings der EU ist. Für eine echte Resilienz des Verkehrssystems gilt es, die Infrastrukturen nicht nur zu sanieren, sondern auf ein neues Leistungslevel zu heben. Erforderlich sind Investitionen in Redundanz, in Digitalisierung sowie in eine Verbesserung der Baustellenfähigkeit. Die Vernetzung muss gestärkt werden, darum gehören zu einem Vorrangnetz Häfen, Flughäfen und intermodale Hubs. Resilienz gibt es nicht zum Nulltarif. Die höhere Verfügbarkeit, gesicherte Kapazität und Krisenfestigkeit des Netzes macht sich aber schnell bezahlt. Stichwort Finanzierung: Für die Reaktionsfähigkeit der EU im Krisenfall sind die Transeuropäischen Verkehrsnetze TEN-V unverzichtbar. Der Europäische Rechnungshof mahnte im Februar 2025 für die EU-Programme zur Militärischen Mobilität eine mangelhafte Steuerung und die fehlende Verknüpfung der Projekte an. Umso kritischer ist, dass die Connecting Europe Facility (CEF) als wesentliches Steuerungsinstrument und Finanzierungsstruktur der TEN-V gerade auf dem Prüfstand steht. Das Ende der CEF wäre de facto ein Kontrollverlust der EU. Die Resilienz unserer Infrastrukturen muss aber nicht nur mit Blick auf verteidigungsstrategische Erwägungen optimiert werden, sondern auch hinsichtlich der Klimaresilienz. Hitzefestigkeit und ausreichende Entwässerung gehören ebenso dazu wie Sensorik und Modellierung zur Vorwarnung bei kritischen Wetterlagen sowie digitale Meldesysteme. Dazu gibt es bereits gute Best Practices, die jetzt ausgerollt werden müssen. Das Wichtigste sind aber engagierte Menschen: Die Fachkräftedecke bei den relevanten Einsatzkräften, Behörden und Unternehmen ist über die Jahre immer dünner geworden. Personal fehlt in der Pflege, bei Polizei, Feuerwehr und THW, im Planungs- und Baubereich sowie im Ehrenamt. Auch hier duldet die Situation keinen Aufschub, es geht um Motivation, Anerkennung, Fachkräftegewinnung und Schulung. Wir müssen jetzt in eine steile Lernkurve übergehen und vom Planen ins Handeln kommen: Die Finanzierung langfristig sichern, Infrastruktur- und Digitalisierungsprojekte prioritär und kurzfristig umsetzen, Bürokratie abbauen und Fachkräftekapazitäten auf bauen. Das Sondervermögen allein schafft noch keine Resilienz. Zeitenwende braucht Resilienz, Resilienz schafft Handlungsspielraum! Dr. Florian Eck © Erika Borbély Hansen Dr. Florian Eck Geschäftsführer Deutsches Verkehrsforum Internationales Verkehrswesen (77) 2 ǀ 2025 1 DOI: 10.24053/ IV-2025-0016 EDITORIAL
