Internationales Verkehrswesen
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Straße von Hormus im Fokus
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Dirk Ruppik
Die Straße von Hormus bleibt ein geopolitisches Pulverfass mit globalen Folgen für Energie- und Lieferketten. Für China-abhängige Unternehmen wächst der Druck, Risiken frühzeitig zu erkennen, alternative Routen zu planen und digitale Frühwarnsysteme zu nutzen.
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griffs auf seine Atomanlagen zu blockieren. Nach dem gezielten US-Luftschlag gegen iranische Nuklearanlagen am 22. Juni 2025 erreichte die Lage eine neue Eskalationsstufe. In der Folge verabschiedete das iranische Parlament eine Resolution zur Schließung der Wasserstraße. Eine endgültige Entscheidung liegt nun beim Obersten Nationalen Sicherheitsrat in Teheran und Ajatollah Ali Chamenei. Internationale Analysten wie auch chinesische Regierungsstellen verfolgen die Entwicklungen mit großer Sorge. Auswirkungen auf Logistik und Transportkosten Schon die Ankündigungen und Rhetorik in den Wochen vor dem Angriff führten D ie Straße von Hormus zählt zu den sensibelsten maritimen Engstellen der Welt. Täglich passieren laut U.S. Energy Information Administration (EIA) rund 20 Mio. Barrel Rohöl diese schmale Meerenge zwischen dem Iran und Oman (1). Das entspricht etwa einem Fünftel des globalen Ölbedarfs pro Tag. Für China, den größten Energieimporteur der Welt, hat diese Passage daher eine herausragende strategische Bedeutung. Schon im Frühjahr 2025 rückte die Region erneut in den Fokus geopolitischer Spannungen. Der Konflikt zwischen dem Iran, Israel und den USA eskalierte zunehmend, begleitet von offenen Drohungen des Iran, die Straße von Hormus im Falle eines Anzu erheblichen Marktverwerfungen. Die Frachtraten für VLCCs (Very Large Crude Carriers) stiegen laut Reuters um mehr als 40 Prozent (2). Zwar nahm der Ölpreis nach dem US-Angriff auf iranische Nuklearanlagen kurzfristig zu, blieb jedoch deutlich unter der Marke von 100 US-Dollar (rund 85 Euro) pro Barrel. Analysten verweisen dennoch auf mögliche Preissprünge bei einer tatsächlichen Schließung der Straße von Hormus. Dies würde nicht nur die Rohstoffpreise beeinflussen, sondern sich in zweiter Linie auch auf Containerfracht, Lieferzeiten und das Versicherungswesen auswirken. Auch für chinesische Unternehmen bedeutet das höhere Kosten für Energieimporte, insbesondere für Rohöl und LNG, da Straße von Hormus im Fokus Was China-abhängige Unternehmen jetzt wissen müssen Iran, Ölpreis, Seidenstraße, Krise, Routenplanung, maritime Bedrohungen Die Straße von Hormus bleibt ein geopolitisches Pulverfass mit globalen Folgen für Energie- und Lieferketten. Für China-abhängige Unternehmen wächst der Druck, Risiken frühzeitig zu erkennen, alternative Routen zu planen und digitale Frühwarnsysteme zu nutzen. Dirk Ruppik DOI: 10.24053/ IV-2025-0040 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 20 Transport-, Versicherungs- und Rohstoffpreise gestiegen sind. In der Folge steigen zudem die Produktionskosten in Industrie und Logistik. Auch Versicherungsprämien haben sich mehr als verdoppelt. Die Kriegsrisikoprämie für Fahrten in den Persischen Golf hat sich laut Reuters innerhalb einer Woche auf bis zu 0,5 Prozent des Schiffswerts erhöht (3). Für große Tanker kann das mehrere hunderttausend Dollar zusätzlich bedeuten Viele Reedereien reichen diese Kosten direkt an Kunden weiter. Damit verteuert sich nicht nur der Rohstofftransport, sondern indirekt auch die Kosten für Konsumgüter, Maschinenbauprodukte und Elektronik. GPS-Störungen und maritime Bedrohungen Zusätzlich zu wirtschaftlichen Risiken häufen sich Berichte über GPS-Störungen, Automatic Identification System (AIS)-Spoofing und gezielte elektronische Angriffe in der Region. Laut dem Wall Street Journal wurden Navigationssysteme u. a. chinesischer Tanker offenbar manipuliert, wodurch diese Kursänderungen und plötzliche Stops vollziehen mussten (4). Eine visuelle Analyse der Financial Times zeigte ein erhöhtes Kollisionsrisiko durch GPS-Interferenzen. Auch Reuters berichtete über Positionssignale, die scheinbar aus ländlichen Regionen Russlands kamen, obwohl sich die Schiffe im Golf befanden. Diese Entwicklungen erhöhen die Notwendigkeit für robuste Sicherheitsstrategien. Das Joint Maritime Information Center (JMIC) rät zu redundanten Navigationssystemen, Sicherheitseskorten und Kooperationen mit privaten maritimen Sicherheitsfirmen. Chinesische Reedereien müssen laut South China Morning Post auf Anweisung der Behörden täglich Positionsdaten, Schiffsinformationen und Besatzungsangaben übermitteln, wenn sie durch die Straße von Hormus fahren, ein digital gestütztes Sicherheitsprotokoll als Reaktion auf die wachsenden Spannungen (5). Umgehungsrouten und alternative Korridore Eine vollständige Verlagerung des Öltransports auf Pipelines ist derzeit unmöglich. Zwar verfügen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate über leistungsfähige Bypässe wie die Ost-West- und die Habshan-Fujairah-Pipeline - letztere mit einer Kapazität von bis zu 2 Mio. Barrel pro Tag -, jedoch reichen diese nicht aus, um den täglichen Fluss von rund 20 Mio. Barrel durch die Straße von Hormus zu ersetzen. Zudem erfordert ihre Nutzung politische Absprachen und langfristige bilaterale Verträge. Alternative Seerouten, etwa um das Kap der Guten Hoffnung, verlängern Transitzeiten um bis zu zwei Wochen und verursachen erhebliche Mehrkosten. Dennoch kalkulieren laut International Energy Agency (IEA) viele Reedereien bereits mit Puffern und flexiblen Fahrplänen. Auch der Umstieg auf LNG-Schiffe, die alternative Bunkerkonzepte nutzen, wird diskutiert. Nach Einschätzung internationaler Marktbeobachter und Think-Tanks gewinnen Häfen wie Duqm (Oman), Colombo (Sri Lanka), Gwadar (Pakistan) und Chabahar (Iran) strategisch an Bedeutung als multimodale Umschlagpunkte. China hat in diese Standorte bereits im Rahmen der Belt and Road Initiative investiert, um regionale Redundanzen zu schaffen und Risiken besser verteilen zu können. Bild 1: Balkendiagramme, Straße von Hormus Bild 2: Straße von Hormus globale Lieferketten LOGISTIK DOI: 10.24053/ IV-2025-0040 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 21 an, die Daten von Satelliten, Sensorik und AIS-Systemen kombinieren. Auch die Fähigkeit, Umleitungsstrategien automatisiert zu berechnen und umzusetzen, wird zum Wettbewerbsfaktor. Reedereien wie Maersk arbeiten an Systemen, die geopolitische Risiken in Routenplanung und Frachtkalkulation einbeziehen (7). Dashboards für Risk-Alerts in Echtzeit gehören bei vielen Großverladern bereits zur Standardausstattung. Internationale Zusammenarbeit China bemüht sich laut der Washington Post verstärkt um diplomatische Beruhigung der Lage und führt Gespräche mit Iran, um eine Eskalation in der Straße von Hormus zu verhindern (8). Gleichzeitig nutzt Peking multilaterale Foren und seine Belt and Road- Partnerschaften, um langfristig robustere Transportachsen zu etablieren - etwa durch Investitionen in Ostafrika, Zentralasien und Südostasien. Die Straße von Hormus bleibt ein geopolitisches Nadelöhr mit erheblichem Störpotenzial für globale Lieferketten - insbesondere für China-gebundene Logistikflüsse. Eine tatsächliche Blockade ist bislang nicht eingetreten, aber das Risiko bleibt akut. Für Unternehmen bedeutet dies: strategisch diversifizieren, digital aufrüsten und auf flexible, sicherheitsbewusste Netzwerke setzen. Wer heute in Transparenz, Routenvielfalt und Resilienz investiert, ist morgen besser gewappnet - nicht nur für geopolitische Krisen, sondern auch für zunehmend volatile Handelsbeziehungen. ▪ Die Neue Seidenstraße als strategische Landalternative Für zeitsensitive und hochpreisige Frachtgüter, insbesondere aus dem Elektronik- und Automobilsektor, wird der Ausbau der Neuen Seidenstraße immer relevanter. Der mittlere Korridor, über Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien und die Türkei, bietet eine Landverbindung zwischen China und Europa. Allerdings bestehen weiterhin infrastrukturelle Engpässe sowie politische Risiken entlang der Route, wie auch die UNCTAD Maritime Review 2024/ 2025 (6) hervorhebt. Grenzabfertigung, unterschiedliche Spurweiten sowie Zollverfahren müssen international harmonisiert werden. Gleichzeitig existieren Bestrebungen, auch Routen über Russland zu reaktivieren, trotz bestehender geopolitischer Spannungen und Sanktionen. Einige Spediteure sehen darin eine kurzfristige Möglichkeit zur Entlastung, falls maritime Korridore versagen. Zudem investiert China in intermodale Hubs in Zentralasien und im Kaukasus, um Transportflüsse auch ohne Seezugang zu sichern. Digitale Resilienz und Echtzeitüberwachung Die aktuelle Krise dient als Katalysator für die digitale Transformation globaler Lieferketten. Viele Unternehmen investieren schon länger in digitale Zwillinge, KIgestützte Risikoanalysen und cloudbasierte Systeme zur Echtzeitüberwachung von Transportrouten. Besonders chinesische Technologiekonzerne bieten Plattformen LITERATUR 1 Amid regional conflict, the Strait of Hormuz remains critical oil chokepoint, Energy Information Administration (EIA), 16. June 2025 2 Oil tanker market signals more Middle East energy disruption ahead, Reuters, 18. June 2025 3 Escalating Hormuz tensions drive up Middle East war risk insurance costs, sources say, Reuters, 24 Juni 2025 4 More Vessels Facing Navigation System Jamming in Gulf After U.S. Strikes, The Wall Street Journal, 23. Juni 5 Beijing tells China ships in Strait of Hormuz to phone home, flags ‘shipping safety’, South China Morning Post, 23. Juni 2025 6 Review of Maritime Transport, Navigating maritime chokepoints, UN Trade and Development, UNCTAD, 2024 7 How can generative AI drive logistics transformation? , Maersk, Jan 2024 8 With much to lose, China sat on Israel-Iran war’s sidelines as U.S. flexed, The Washington Post, 24. June 2025 Eingangsabbildung: © Gerhard Traschütz, Pixabay Dirk Ruppik, Asien-Korrespondent und freier Fachjournalist dirkruppik@gmx.de LOGISTIK globale Lieferketten DOI: 10.24053/ IV-2025-0040 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 22
