eJournals Internationales Verkehrswesen 77/3

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2025-0043
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Nachtzugreisen

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Stefanie Gäbler
Philipp Rollin
Florian Männig
Haben Nachtzüge ein Nachfrageproblem? Vorgestellt wird eine Befragung aktueller und potenzieller Nutzenden in sechs europäischen Ländern. Sie zeigt durchaus Barrieren, v. a. bei der Informationsverfügbarkeit, doch belegen die Ergebnisse ebenso große Potenziale. So besteht sowohl unter Privat- als auch Geschäftsreisenden Interesse an Nachtzügen und auch bisherige Nutzungserfahrungen werden überwiegend positiv bewertet. Im Kontext wachsender internationaler Kooperationen verschiedener Verkehrsunternehmen und zunehmenden politischen Absichtserklärungen liefert dieser Beitrag empirische Argumente zur Unterstützung entsprechender Vorhaben.
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Auch die Deutsche Bahn zog sich 2016 aus dem Nachtzugsegment zurück. Gleichwohl scheint sich in jüngster Zeit eine Trendwende abzuzeichnen. So kooperieren beispielsweise die Staatsbahnen von Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich seit Ende 2020, um wieder mehr Nachtzugverbindungen realisieren zu können [2]. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) ist der dominierende Anbieter im grenzüberschreitenden europäischen Nachtzugverkehr und hat ihr Angebot mit dem ÖBB Nightjet in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut. Neben den Staatsbahnen erweitern auch zunehmend private Anbieter ihr Nachtzugan- B ei der Überwindung mittlerer und größerer Distanzen in Europa sind Nachtzüge eine ökologisch sinnvolle Alternative zum Flugverkehr. Für Reisende kommen sie allerdings nur dann als Alternative in Betracht, wenn ein ausreichendes und attraktives Angebot vorhanden ist. In den vergangenen Jahren haben Betreiber ihr Angebot an Nachtzügen in zahlreichen europäischen Ländern jedoch nahezu kontinuierlich reduziert. Laut einer Studie der Europäischen Kommission hat die Anzahl grenzüberschreitender Nachtzugverbindungen seit den 2000er Jahren um ca. 65 % abgenommen [1]. gebot, beispielsweise das niederländische Unternehmen European Sleeper und Snälltåget aus Schweden. Umfragen zeigen, dass die Bereitschaft der Reisenden, vom Flugzeug auf den Nachtzug umzusteigen, grundsätzlich vorhanden ist. So wären laut einer im Jahr 2021 in fünf europäischen Ländern durchgeführten Umfrage im Auftrag der „Europe for Rail“-Koalition über zwei Drittel der Befragten bereit, einen Nachtzug für ihre Reise zu nutzen, sofern dieser zu einem angemessenen Preis buchbar ist [3] 1 Doch haben bereits Untersuchungen in anderen Kontexten gezeigt, dass das Kostenargument nie alleinstehen- Nachtzugreisen Ein Problem der Nachfrage? - Nutzung, Image und Barrieren aus Sicht (potenziell) Nutzender in sechs Ländern Nachtzüge, Nutzung, Image, Barrieren der Nutzung Haben Nachtzüge ein Nachfrageproblem? Vorgestellt wird eine Befragung aktueller und potenzieller Nutzenden in sechs europäischen Ländern. Sie zeigt durchaus Barrieren, v. a. bei der Informationsverfügbarkeit, doch belegen die Ergebnisse ebenso große Potenziale. So besteht sowohl unter Privatals auch Geschäftsreisenden Interesse an Nachtzügen und auch bisherige Nutzungserfahrungen werden überwiegend positiv bewertet. Im Kontext wachsender internationaler Kooperationen verschiedener Verkehrsunternehmen und zunehmenden politischen Absichtserklärungen liefert dieser Beitrag empirische Argumente zur Unterstützung entsprechender Vorhaben. Stefanie Gäbler, Philipp Rollin, Florian Männig DOI: 10.24053/ IV-2025-0043 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 32 der Einflussfaktor auf die Entscheidung für oder gegen die Nutzung eines Verkehrsmittels abseits der bisherigen Mobilitätsroutinen ist. Tatsächlich ist sein Einfluss in der Regel sogar relativ gering, wenn ergänzende Variablen in der Betrachtung ergänzt werden [4]. Die wahrgenommene Beliebtheit eines Verkehrsmittels, bisherige Erfahrungen und manifestierte Routinen, Komfort und Schlafqualität, Reisezeit und Reisedauer, Sicherheitsempfinden sowie Buchungsplattformen und Nutzerfreundlichkeit sind weitere wichtige Determinanten [5] [6] [7]. Um zur Nachtzugreise motivierende Argumente zu identifizieren, stellt dieser Artikel die Ergebnisse einer umfangreichen Befragung von Reisenden in sechs Ländern vor. Um die Einflussfaktoren auf die Nachfrage nach Nachtzügen 2 in einem europäischen Vergleich zu analysieren, wurden 2.250 Reisende 3 in Deutschland, Österreich, Italien, den Niederlanden, Polen und Schweden befragt. Je zwei Drittel der Befragten pro Land sind Privat- und ein Drittel Geschäftsreisende. 4 Die Privat- und Geschäftsreisenden setzten sich jeweils zu etwa drei Viertel aus potenziellen und zu etwa einem Viertel aus aktuellen Nachtzugnutzenden 5 zusammen (siehe Tabelle 1). Die Befragung wurde im Januar 2024 von der Innofact AG im Rahmen des DZSF-Projektes „Rahmen- und Marktbedingungen im europäischen Nachtzugverkehr“ mittels Online-Interviews durchgeführt. Nutzung und -Erfahrungen - Positive Erfahrungen überwiegen Nachtzüge werden von allen Altersgruppen genutzt. Unter den Befragten, die in den letzten fünf Jahren einen Nachtzug genutzt haben, waren 19 Prozent zwischen 19 und 29 Jahren, 45 Prozent zwischen 30 und 49 Jahren sowie 36 Prozent älter als 50 Jahre. Die Hälfte der privat Reisenden nutzte in den letzten fünf Jahren einen Schlafwagen (49 Prozent), gefolgt von Sitzwagen (37 Prozent) und Liegewagen (33 Prozent, Mehrfachnennungen möglich). Die preiswerteren Sitzwagen werden besonders von den jüngeren Reisenden nachgefragt (53 Prozent der 18-29-Jährigen, 30/ 34 Prozent bei den 30-49/ über 50-Jährigen). Unter den geschäftlich Reisenden nutzten 75 Prozent in den letzten fünf Jahren einen Schlafwagen und 57 Prozent einen Liegewagen (Mehrfachnennungen möglich). Insgesamt bewerten die Reisenden ihre Erfahrungen mit dem Nachtzug als sehr positiv oder eher positiv (83 Prozent), wobei geschäftlich Reisende ihre Erfahrungen positiver bewerten (93 Prozent) als privat Reisende (78 Prozent). Bei den privat Reisenden variiert die Erfahrung mit dem Komfort der gebuchten Übernachtungskategorie, am höchsten ist sie im Schlafwagen (84 Prozent), gefolgt vom Liegewagen (77 Prozent) und dem Sitzwagen (68 Prozent). Bei den geschäftlich Reisenden gibt es hingegen kaum Unterschiede (92 Prozent im Schlafwagen und 94 Prozent im Liegewagen). Das positive Bild zeigt sich auch durchweg in den einzelnen Ländern, die positiven Bewertungen der bisherigen Nachtzugerfahrungen liegen zwischen 79 Prozent in Italien und 92 Prozent in Polen (Deutschland: 81 Prozent). Interesse - Nachtzüge als attraktive Alternative Nachtzüge stellen für viele, einen angemessenen Ticketpreis vorausgesetzt, eine reizvolle Reiseoption dar. 79 Prozent der Befragten bekunden, dass sie Nachtzüge sehr bzw. eher interessant finden. Auch unter den potenziellen Nutzenden, welche in den letzten fünf Jahren mit keinem Nachtzug gefahren sind, bekunden 75 Prozent Interesse an einer Nachtzugfahrt. Unter den aktuell Nutzenden sind es gar 89 Prozent. Der Nachtzug stellt auf langen Strecken eine attraktive Alternative für andere Verkehrsmittel dar (Bild 1). Immerhin 60 Prozent der Befragten sehen im Nachtzug eine Alternative zum PKW, in Deutschland sind es 62 Prozent. Spitzenreiter ist wiederum Polen, wo 68 Prozent der Befragten eine Reise mit dem Nachtzug als Alternative zum PKW betrachten, gefolgt von Italien mit 64 Prozent. Diese Einschätzung ist jedoch teilweise von den Preiserwartungen getrieben. In Polen und Italien erwartet die Mehrheit der Befragten, dass Reisen mit dem Nachtzug günstiger sind als Reisen mit dem PKW (62 bzw. 60 Prozent), in den anderen Ländern liegen diese Werte lediglich zwischen 28 Anmerkung: Befragt wurden Reisende, welche verkehrsmittelunabhängig mind. eine Fahrt pro Jahr von mind. 500 km unternahmen. Privatreisende: empfinden keine grundsätzliche Ablehnung der Bahn für Privatreisen von mind. 500 km, kennen das Produkt Nachtzüge. Geschäftsreisende: unternahmen geschäftliche Reisen von mind. 500 km in den letzten fünf Jahren, empfinden keine grundsätzliche Ablehnung der Bahn für Geschäftsreisen von mind. 500 km, kennen das Produkt Nachtzug. Potentiell Nachtzugnutzende: haben einen Nachtzug noch nie genutzt, käme aber grundsätzlich in Frage oder die letzte Nachtzugreise ist länger als fünf Jahre her. Aktuell Nachtzugnutzende: mind. eine Reise im Nachtzug in den letzten fünf Jahren. Tabelle 1: Befragungsdesign - Stichprobe je Land Land Befragte Insgesamt Privatreisende Geschäftsreisende Potenziell Aktuell Potenziell Aktuell Deutschland 600 300 100 149 51 Österreich 150 75 25 38 12 Italien 600 300 100 150 50 Niederlande 300 150 50 75 25 Polen 300 150 50 75 25 Schweden 300 150 50 75 25 Insgesamt 2.250 1.125 375 562 188 Anmerkung: Antworten in Prozent auf die Frage „Unabhängig davon, ob Sie bereits mit einem Nachtzug gereist sind oder nicht: Inwieweit kommt der Nachtzug als Alternative zu den folgenden Verkehrsmitteln für Sie grundsätzlich in Frage, wenn Sie eine längere Strecke zurücklegen möchten? Gehen Sie dabei bitte davon aus, dass das Nachtzugticket zu einem für Sie angemessenen Preis erhältlich ist.“ Top 2 Werte auf einer Fünfer-Skala („Kommt auf jeden Fall in Frage“, „Kommt eher in Frage“), n=2.250. Bild 1: Der Nachtzug kommt als Alternative für andere Verkehrsmittel grundsätzlich in Frage Nachtzug  MOBILITÄT DOI: 10.24053/ IV-2025-0043 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 33 Bemerkenswert gering bleibt jedoch die Zugkraft ökologischer Argumente: Gerade acht Prozent nennen den Klimavorteil als Motiv für eine Nachtzugnutzung. Dies steht allerdings durchaus im Einklang mit diversen Studien, die in dem Klimaschutzaspekt bei der Verkehrsmittelwahl eine grundsätzlich eher untergeordnete Rolle und selten direkten Einflussfaktor sehen. Selbst bei und 45 Prozent. Bei Reise-/ Fernbussen und Flugzeugen stimmen die Hälfte der Befragten der Aussage zu, dass Nachtzüge eine alternative Reiseform darstellen. Image - Bedeutung von Preis und Komfort Nachtzüge sind ein besonders klimafreundliches Verkehrsmittel auf langen Strecken. stark ausgeprägtem Umweltbewusstsein rechtfertigen Menschen z.B. das Beibehalten der Auto- oder Flugzeugnutzung durch fehlende adäquate Alternativen, Zeit- oder Geldnot [8] [9]. Zur Nutzungssteigerung erscheinen daher andere Argumente vielversprechender. So heben beispielsweise etwa ein Drittel der Befragten positiv hervor, die Reisezeit zum Schlafen nutzen zu können (Bild 2, linke Seite). 23 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass sie mit Nachtzügen entspannt am Ziel ankommen. Die Zeit zum Schlafen sowie die Erholung werden jedoch von potentiell Nutzenden häufiger als positive Aspekte genannt, denn von aktuell Nutzenden (8 bzw. 7 Prozentpunkte Differenz). Als weitere positive Aspekte werden Zeitersparnis des Reisens über Nacht (23 Prozent) und Komfort (20 Prozent) gesehen. Gleichzeitig zeigen sich Hemmnisse, die den Einstieg in den Nachtzug bremsen (Bild 2, rechte Seite). 13 Prozent der Befragten verwerfen den Nachtzug in einer ungestützten Abfrage 6 schlicht als „zu teuer“. Dieses Ergebnis deutet auf eine hohe Preissensibilität hin, das heißt schon moderate Tarifänderungen können die Nachfrage deutlich anheben. Der Preisfaktor zeigt länderspezifische Unterschiede. In Polen liegt die maximale Zahlungsbereitschaft deutlicher niedriger als in den anderen betrachteten Ländern, gleichzeitig werden die preisgünstigeren Sitzwagen in Polen am meisten nachgefragt. Das verdeutlicht einen sozialen Zugangskonflikt in preissensiblen Märkten und spricht für gestaffelte, einkommensorientierte Tarife oder subventionierte Kontingente bei Verbindungen in einkommensschwächere Gebiete. Eine stärkere Gewichtung günstiger Platzkategorien, also mehr Sitz‐ und Liegewagen statt teurer Einzelabteile, erleichtert den Zugang für preisbewusste Reisende. Eventuelle Fördermittel sollten für diese Verbindungen nicht pro Zugkilometer, sondern pro tatsächlich erbrachtem Personenkilometer gewährt werden, um höhere Fahrgastzahlen, insbesondere im preissensiblen Segment, wirksam anzustoßen. Rund 12 Prozent der Befragten fürchten, nachts im Zug nicht wirklich zur Ruhe zu kommen. Offenbar entscheiden ergonomische Gestaltung, Bettbreite, Matratze oder Geräuschdämmung darüber, ob Reisende dem Angebot vertrauen. 11 Prozent kritisieren Nachtzüge als unbequem. Diese Klage liegt nahe an der Frage nach dem Schlaf, macht aber deutlich, dass Reisende das Gesamterlebnis bewerten, nicht nur das Bett oder die Liege. Zum Gesamtpaket des Komforts gehört auch die Privatsphäre und Lautstärke, welche von 8 bzw. 5 Prozent der Befragten bemängelt wird. Auffällig ist, dass diese Aspekte des Komforts, Schlafqualität, Anmerkung: „Was spricht aus Ihrer Sicht für/ gegen die Nutzung eines Nachtzugs? Bitte nennen Sie alle positiven/ negativen Punkte, die Ihnen einfallen.“, Mehrfachnennungen möglich, Top10 der offenen Nennungen (codiert), n=2.250. Bild 2: Das Image einer Nachtzugreise wird von Faktoren des Komforts und dem Preis beeinflusst MOBILITÄT  Nachtzug DOI: 10.24053/ IV-2025-0043 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 34 Bequemlichkeit, Privatsphäre, Lautstärke, häufiger von aktuell Nutzenden als von potenziell Nutzenden genannt werden, insgesamt aber vergleichsweise geringe Hinderungsfaktoren sind. Dies spiegelt die Ergebnisse der positiven Komfortaspekte, Zeit zum Schlafen und Erholung, die häufiger von potenziell Nutzenden als von aktuell Nutzenden genannt wurden. Offensichtlich haben Nachtzüge bei Komfortaspekten zwar Nachholbedarfe, um den Erwartungen in der Realität gerecht zu werden, stellen viele der Befragten aber auch aktuell weitgehend zufrieden. 10 Prozent der Befragten stören sich an der Fahrzeit im Vergleich anderen Verkehrsmitteln. Zeitverlust wird also wahrgenommen, rangiert bei den negativen Aspekten des Nachtzugreisens aber hinter Preis‐ und Qualitätsbedenken. Bei Nachtzugreisen ergibt sich zusätzliche eine Sicherheitsdimension, die stark vom Geschlecht abhängt: Mehr als jede zehnte Frau nennt Unsicherheit als Hemmnis, während bei Männern nur etwa halb so viele Befragte diese Sorge äußern. Maßnahmen wie abschließbare Einzel- oder Frauenabteile sowie rund um die Uhr präsentes, geschultes Personal können hier wirkungsvoll sein, müssen jedoch so gestaltet sein, dass sie keine neuen Ausschlussmechanismen erzeugen, bspw. durch steigende Preise. Es zeigt sich, dass der funktionale Nutzen die Nachhaltigkeitsargumente überstrahlt. Die Ergebnisse machen also deutlich, dass Reisende zuerst auf Preis und spürbaren Komfort achten, während Klimaschutz für die Buchungsentscheidung bislang kaum Gewicht hat. Studien zur Analyse anderer nachhaltiger Verkehrsmittel bestätigen diesen Befund. Frauen und andere schutzbedürftige Gruppen legen zudem besonderes Augenmerk auf ihr Sicherheitsgefühl. Daraus folgt: Ein wirksames Maßnahmenpaket muss zunächst die Tarife senken oder zumindest transparent erklären, zugleich den erlebten Komfort spürbar verbessern, etwa durch bessere Schlaf- und Sitzqualität und das Sicherheitsniveau gezielt anheben, etwa mit Frauenabteilen und gut sichtbarem Personal. Dass der Umweltvorteil des Nachtzugs als zusätzliches Kaufargument greift, ist hingegen, zumindest kurzfristig, eher unwahrscheinlich. Barrieren der Nutzung - Es ist nicht nur der Preis Potenziell Nutzende schrecken aktuell noch vor allem vor den Preisen für Nachtzugfahrten zurück. Für immerhin 79 Prozent der Befragten spielt der als zu hoch bewertete Preis eine große bzw. eine teilweise Rolle, warum sie Nachtzugangebote bisher nicht wahrgenommen haben (Bild 3). Allerdings schätzen potenziell Nutzende Nachtzüge teurer ein als aktuell Nutzende. So geben beispielsweise nur 43 Prozent der potenziell Nutzenden an, dass eine Reise mit dem Nachtzug günstiger ist als eine Reise mit dem PKW, bei den aktuell Nutzenden sind dies 56 Prozent. Das gleiche Muster ergibt sich beim Vergleich mit dem Flugzeug und Reise-/ Fernbus. Stets ist der Anteil der Befragten, welche die Nachtzugfahrt als günstiger einschätzen unter den Nutzenden höher als unter den Nichtnutzenden. Dies könnte zum Teil auch dadurch begründet sein, das potenziell Nutzende ohne Nachtzugerfahrung weniger über die tatsächlichen Preise informiert sind und sich öffentliche Debatten hingegen oftmals auf den Kostenaspekt fokussieren Anmerkung: „Sie sind ja bisher noch nicht in einem Nachtzug gereist. Inwiefern spielen die folgenden Gründe hierfür eine Rolle? “, n=1.168 („ich bevorzuge das Fliegen“: n=982; „Ich bevorzuge die Fahrt mit dem Reise-/ Fernbus“: n=675). Antworten: Top 2 auf einer vierer- Skala („Spielt eine große Rolle“, „spielt zum Teil eine Rolle“). Bild 3: Potenziell Nutzende schrecken vor hohen Preisen, mangelnder Informationsbereitschaft und wenig attraktiven Streckenangeboten zurück Nachtzug  MOBILITÄT DOI: 10.24053/ IV-2025-0043 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 35 funktionale Anforderungen wie ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis, Komfort, verlässliche Sicherheit, eine einfache Buchbarkeit und ein attraktives Streckennetz. Diese Faktoren beeinflussen maßgeblich, ob Nachtzüge als tatsächliche Reisealternative in Betracht gezogen werden. Die Befragung macht außerdem deutlich, dass neben einer tatsächlichen Angebotsverbesserung ebenso großes Potenzial in Kommunikationsstrategien liegt, dass sich weniger aus den ökologisch-nachhaltigen Aspekt des Reisens mit Nachtzügen fokussiert, sondern auf Vorteile wie der Möglichkeit, während der Fahrtzeit schlafen und erholt am Ziel ankommen zu können. Ebenso wurde ein Informationsdefizit aufgedeckt, so dass das Bild, was bisherige Nicht-Nutzende von Nachtzugreisen haben, sich maßgeblich von den Erfahrungswerten Nutzender unterscheidet. Wichtig ist deshalb das Anreichern öffentlicher Debatten um positive Geschichten. Vor diesem Hintergrund sollten künftige Maßnahmen vor allem auf die Beseitigung konkreter Zugangs- und Informationshürden abzielen. Preisstrukturen sind so zu gestalten, dass sie nicht nur im Durchschnitt wettbewerbsfähig sind, sondern auch wirtschaftlich schwächere Regionen Europas nicht benachteiligen. Dies betrifft insbesondere den Ausbau attraktiver und bezahlbarer Angebote nach Mittel- und Osteuropa, wo eine stärkere Einbindung in das europäische Nachtzugnetz nicht nur verkehrspolitisch, sondern auch im Sinne einer vertieften Integration sinnvoll ist. Darüber hinaus ist der wahrgenommene Komfort im Gesamterlebnis zu stärken. Verbesserungen in Schlaf- und Sitzqualität, Lärmschutz, Privatsphäre sowie ein zielle Nutzende hauptsächlich auf der Website des Bahnunternehmens oder über eine online-Recherche (je 87 Prozent) beziehen, an dritter Stelle folgt die App des Bahnunternehmens (74 Prozent). Unabhängige Buchungsportale (59 Prozent) und der persönliche Kontakt am Bahnhof (53 Prozent) werden von knapp der Hälfte der Befragten als Informationskanäle in Betracht gezogen. Weniger Relevanz zur Informationsbeschaffung haben telefonische Hotlines der Bahnunternehmen (44 Prozent), Reisebüros (40 Prozent) und soziale Medien (37 Prozent). Webseiten der Bahnunternehmen sind die beliebtesten Buchungsplattformen. Eine Buchung kommt über sie für 70 Prozent der potenziellen und aktuellen Nachtzugreisenden in Frage und ist für 42 Prozent der Befragten die erste Wahl (Bild 4). Danach folgt die App des Bahnunternehmens, diese kommt für 56 Prozent in Frage und wäre für 25 Prozent die erste Wahl. Schlechter schneiden eine unabhängige Buchungsplattform sowie Kundencenter und Fahrkartenautomaten am Bahnhof ab. Für die Nutzung in den letzten fünf Jahren ergibt sich das gleiche Bild, am meisten genutzt wurde die Website des Bahnunternehmens, gefolgt von der entsprechenden App. Die Einfachheit der Buchung wurde über alle Plattformen hin nahezu gleich bewertet. Fazit- Kein Problem der Nachfrage Die Ergebnisse der Befragung zeigen ein breites Interesse an Nachtzugreisen in Europa, machen aber deutlich, dass das bestehende Angebot vielerorts hinter den Erwartungen und Bedürfnissen der Reisenden zurückbleibt. Dabei stehen weniger ökologische Motive im Vordergrund als vielmehr und diesen kritisch diskutieren [10] [11]. Da außerdem eine intrinsisch motivierte und objektive Informationsbereitschaft derzeit kaum vorhanden ist, wäre es wichtig, die öffentlichen Debatten, um positive Erfahrungswerte mit günstigeren Preisen zu erweitern. Immerhin 78 Prozent der Befragten gaben an, das sie sich bisher nicht näher mit Nachtzügen beschäftigt haben und dies ein Grund ist, warum sie bisher nicht mit Nachtzügen gereist sind. Auf dem dritten Platz der Gründe, die gegen eine Nachtzugnutzung sprechen, liegt der Mangel an interessanten Streckenangeboten (77 Prozent). Innerhalb einiger Länder gibt es markante Unterschiede. In Österreich mit dem breiten Angebot an Nightjet Linien der ÖBB liegt der Mangel an interessanten Streckenangeboten 10 Prozentpunkte niedriger auf dem vierten Platz. In der Top 3 der Gründe gegen eine Nachtzugnutzung rangiert dagegen die Bevorzugung einer Fahrt mit dem PKW (75 Prozent). Am deutlichsten sticht in Österreich der Preis hervor (92 Prozent). In Polen äußern 80 Prozent Bedenken wegen Diebstahl von Gepäck und Wertgegenständen. Diese Sicherheitsbedenken liegen damit mit dem Preis an erster Stelle. In Schweden steht der Nachtzug in stärkerer Konkurrenz zum Flieger als zum PKW, 74 Prozent nannten als Grund gegen eine Nachtzugnutzung die Bevorzugung des Flugzeugs, die Bevorzugung des PKWs nannten nur 65 Prozent. In den anderen Ländern rangiert der PKW als Grund stets vor dem Flugzeug. Informationskanäle und Buchungsplattformen - Angebote der Bahnunternehmen dominieren Informationen über Nachtzugverbindungen und -angebote würden aktuelle und poten- Anmerkung: (1) „Nachfolgend geht es um die Buchung eines Nachtzugtickets. Über welche der folgenden Plattformen kommt die Buchung eines Nachtzugtickets für Sie in Frage“ (n=2.250), (2) „Über welche der folgenden Plattformen würden Sie am liebsten eine Buchung vornehmen unabhängig davon, ob die Funktion derzeit schon angeboten wird? “ (n=2.250), (3) „Welche Möglichkeiten haben Sie in den letzten 5 Jahren genutzt, um ein Nachtzugticket zu buchen? “ (n=563), (4) „Wie einfach war die Buchung über die folgenden Plattformen? “ (n=563), Antworten: Top zwei Werte auf einer fünfer-Skala („Sehr einfach“, „einfach“). Bild 4: Buchungen für Nachtzüge werden am liebsten über die Website des Bahnunternehmens durchgeführt MOBILITÄT  Nachtzug DOI: 10.24053/ IV-2025-0043 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 36 choice habits? A mediation analysis. Transportation research part D: transport and environment, 59, 205-222. [9] McDonald, S., Oates, C. J., Thyne, M., Timmis, A. J., & Carlile, C. (2015). Flying in the face of environmental concern: Why green consumers continue to fly. Journal of Marketing Management, 31(13- 14), 1503-1528. [10] Süddeutsche Zeitung (2023): Schlafend von Berlin nach Paris: Nachtzüge kehren zurück. Online-Dokument: https: / / www.sueddeutsche. de/ wir t schaf t / verkehr-schlafend -von -berlin nach-paris-nachtzuege-kehren-zurueck-dpa.urnnewsml-dpa-com-20090101-231211-99-250415 [letzter Zugriff: 13.06.2025]. [11] Kleine Zeitung (2023): Teils dreimal so teuer Nightjet-Preise: „Das ist ein Image-Schaden“. Online-Dokument: https: / / www.kleinezeitung. at/ oesterreich/ 17946958/ nightjet-preise-das-istein-image-schaden [letzter Zugriff: 13.06.2025]. Eingangsabbildung: © iStock.com/ EyeEm Mobile GmbH fünf Jahre her. Aktuell Nachtzugnutzende: mind. eine Reise im Nachtzug in den letzten fünf Jahren. 6 Es handelt sich dabei um eine offene Frage ohne vorgegebene Antwortkategorien. LITERATUR [1] European Commission, Directorate-General for Mobility and Transport, „Long-distance crossborder passenger rail services : final report,“ Publications Office of the European Union, Brüssel, 2021. [2] Europäische Bahnen wollen Nachtzugnetz wiederbeleben: https: / / www.zeit.de/ mobilitaet/ 2020-12/ deutsche-bahn-nachtzuege-europa-oesterreichfrankreich-schweiz; Zeit Online, 08.12.2020 [letzter Zugriff: 13.06.2025]. [3] Germanwatch, European public opinion poll shows support for shifting flights to rail. https: / / www. germanwatch.org/ sites/ default/ files/ 2021-03-26_ EU%20Rail_polling%20report_final-1.pdf, 2021 [letzter Zugriff am: 27.05.2025]. [4] Javaid, A., Creutzig, F., & Bamberg, S. (2020). Determinants of low-carbon transport mode adoption: systematic review of reviews. Environmental Research Letters, 15(10), 103002. [5] Curtale, R., Larsson, J., & Nässén, J. (2023). Understanding preferences for night trains and their potential to replace flights in Europe. The case of Sweden. Tourism Management Perspectives, 47, 101115. [6] Kantelaar, M. H., Molin, E., Cats, O., Donners, B., & van Wee, B. (2022). Willingness to use night trains for long-distance travel. Travel Behaviour and Society, 29, 339-349. [7] Witlox, F., Zwanikken, T., Jehee, L., Donners, B., & Veeneman, W. (2022). Changing tracks: identifying and tackling bottlenecks in European rail passenger transport. European Transport Research Review, 14(1), 7. [8] Bouscasse, H., Joly, I., & Bonnel, P. (2018). How does environmental concern influence mode gezieltes Sicherheitskonzept, insbesondere mit Blick auf geschlechterspezifische Bedürfnisse, tragen wesentlich dazu bei, die Akzeptanz zu erhöhen. Ebenso wichtig ist der Ausbau leicht zugänglicher, europaweit vernetzter Informations- und Buchungssysteme, um insbesondere potenziellen Nutzenden die Orientierung zu erleichtern. Die Befragung macht deutlich, dass eine höhere Nutzung des Nachtzugs weniger durch grundsätzliche Vorbehalte als durch konkrete Angebotsdefizite begrenzt wird. Wenn diese gezielt adressiert werden, kann der Nachtzug einen bedeutenden Beitrag zu einer vernetzten, sozial ausgewogenen und klimafreundlichen Mobilität in Europa leisten. ▪ ENDNOTEN 1 Befragung in Polen, Deutschland, Frankreich, Spanien und den Niederlanden; N = 6.309. 2 Nachtzüge sind im Rahmen der Befragung Züge des Personenverkehrs, die nachts lange Strecken zurücklegen und mit Sitz-, Schlaf- und Liegewagen ausgestattet sind. Nicht gemeint sind Nostalgie- Züge wie der Orientexpress 3 Diese unternahmen verkehrsmittelunabhängig mind. eine Fahrt pro Jahr von mind. 500 km. 4 Privatreisende: empfinden keine grundsätzliche Ablehnung der Bahn für Privatreisen von mind. 500 km, kennen das Produkt Nachtzüge. Geschäftsreisende: unternahmen geschäftliche Reisen von mind. 500 km in den letzten fünf Jahren, empfinden keine grundsätzliche Ablehnung der Bahn für Geschäftsreisen von mind. 500 km, kennen das Produkt Nachtzug. 5 Potentiell Nachtzugnutzende: haben einen Nachtzug noch nie genutzt, käme aber grundsätzlich in Frage oder die letzte Nachtzugreise ist länger als Stefanie Gäbler, Dr., Wissenschaftliche Referentin, Deutsches Zentrum für Schienenverkehrsforschung gaeblerst@dzsf.bund.de Philipp Rollin, Wissenschaftlicher Referent, Deutsches Zentrum für Schienenverkehrsforschung rollinp@dzsf.bund.de Florian Männig, Wissenschaftliche Hilfskraft, Deutsches Zentrum für Schienenverkehrsforschung maennigf@dzsf.bund.de Nachtzug  MOBILITÄT DOI: 10.24053/ IV-2025-0043 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 37