eJournals Internationales Verkehrswesen 77/3

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2025-0045
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Zehn Schritte in Richtung Mobilitätswende

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2025
Julian Bansen
Barbara Hefner
Sven Kesselring
Christina Simon-Philipp
Mobilität bildet das Fundament für Wirtschaft und Gesellschaft, stellt aber zugleich eine große Herausforderung für die nachhaltige Entwicklung urbaner und ländlicher Räume dar. Die Mobilitätswende kann jedoch nur im Miteinander von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gelingen. Das Projekt MobiQ zeigt, wie bürgerschaftliches Engagement, lokale Experimente und transdisziplinäre Forschung zusammenwirken können, um nachhaltige Mobilitätslösungen zu entwickeln. In drei Kommunen entstanden praxisnahe Ansätze, die im Buch „Mobilität gemeinsam gestalten – In 10 Schritten“ dargestellt sind.
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mensionen des Wandels immer wichtiger, um auf dem Weg zur Klimaneutralität im Verkehr voranzukommen (vgl. Blanck et al., 2017, S. 259ff.). Mobilität ist nicht nur ein funktionaler Prozess des Ortswechsels, sie spiegelt tief verwurzelte gesellschaftliche und kulturelle Muster wider, strukturiert den Alltag der Menschen und dient als Ausdruck von Zugehörigkeit, Teilhabe und individuellen Lebensstilen. Daher muss die Mobilitätswende als ein Dreiklang aus technologischen Innovationen, neuen organisatorischen und infrastrukturellen Ansätzen sowie Dreiklang der Mobilitätswende Die Mobilitätswende ist eine der zentralen Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung urbaner und ländlicher Räume. Besonders angesichts der ambitionierten Klimaschutzziele Baden-Württembergs wird eine Transformation der Mobilität unumgänglich. Aber nicht nur in Baden- Württemberg ist es Konsens, dass dieser Wandel nicht nur auf politischen und planerischen Diskursen beruhen kann, die allzu oft nur auf technologische und infrastrukturelle Lösungen setzen. Vielmehr werden die kulturellen und sozialen Diveränderten Mobilitätspraktiken verstanden werden (vgl. Kesselring et al., 2023, S. 1f.). Auch der Klima-Sachverständigenrat der Landesregierung Baden-Württembergs betont, dass der Auf bau neuer Beratungs-, Informations-, Forschungs- und Wissenstransferinfrastrukturen als flankierende Maßnahme zwar essenziell und richtig ist, es jedoch ebenso entscheidend sein wird, Akteur: innen mit zielgerichteten Maßnahmen zu unterstützen, die die nachhaltige Transformation der Mobilität positiv beeinflussen können (vgl. Klima-Sachverständigenrat BW, 2023, S. 72). Zehn Schritte in Richtung Mobilitätswende Mobilitätswende, Nachhaltige Stadtentwicklung, Reallabor, Soziale Innovation, Transdisziplinäres Arbeiten, Partizipation Mobilität bildet das Fundament für Wirtschaft und Gesellschaft, stellt aber zugleich eine große Herausforderung für die nachhaltige Entwicklung urbaner und ländlicher Räume dar. Die Mobilitätswende kann jedoch nur im Miteinander von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gelingen. Das Projekt MobiQ zeigt, wie bürgerschaftliches Engagement, lokale Experimente und transdisziplinäre Forschung zusammenwirken können, um nachhaltige Mobilitätslösungen zu entwickeln. In drei Kommunen entstanden praxisnahe Ansätze, die im Buch „Mobilität gemeinsam gestalten - In 10 Schritten“ dargestellt sind. Julian Bansen, Barbara Hefner, Sven Kesselring, Christina Simon-Philipp DOI: 10.24053/ IV-2025-0045 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 43 Die Dringlichkeit regulatorischen Handelns zur Bewältigung der negativen Auswirkungen des Autoverkehrs ist politisch erkannt und in Baden-Württemberg in die landespolitischen Zielsetzungen eingeflossen (vgl. Canzler, 2021). Neben der Reduzierung von Treibhausgasemissionen geht es dabei auch um weitere problematische Folgen wie hohen Flächenverbrauch, Lärmbelastung, Verkehrsunfälle und Flächenversiegelung (vgl. Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg, 2025). Auch der „Dreiklang aus Antriebs-, Verkehrs- und Mobilitätswende“ ist in den Zielsetzungen des Ministeriums für Verkehr Baden-Württemberg verankert. So wird in der Kommunikation nach außen klargestellt, dass die Verkehrswende nur gelingen kann, wenn sie „[…] als Projekt zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, als Projekt aller verstanden wird […]“ (Kleiner, 2023). Im Klimamaßnahmenregister werden für den Sektor Verkehr derzeit insgesamt 33 Maßnahmen ausgewiesen, von denen 9 zumindest indirekt auf eine veränderte Mobilitätspraxis im Sinne einer Mobilitätswende einzahlen könnten. Eine dieser Maßnahmen im Register ist das Reallabor MobiQ (vgl. Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden- Württemberg, 2024). Neue Wege der Beteiligung In Baden-Württemberg hat die Durchführung von Reallaboren zur transdisziplinären Erforschung von Transformationsprozessen in verschiedenen Handlungsfeldern bereits Tradition. Das Projekt MobiQ wird im Rahmen der Förderlinie „Reallabore für Klima“ gefördert und baut auf dem substanziellen, methodisierten Handlungswissen der bisherigen Reallaborpraxis auf (vgl. Defila & Di Giulio, 2016, 2019). Über 36 Monate hat das Reallabor an drei stark unterschiedlichen Standorten Mobilitätsexperimente durchgeführt. Handlungsleitend war dabei die Definition des Mobilitätsbegriffs als ein modernes Basisprinzip, ohne das ein Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft nicht möglich ist. Die Schlussfolgerung daraus ist, „wenn es gelingt, Lösungen für die realen, lebensweltlichen Probleme der Menschen zu entwickeln, die nah an deren Bedürfnissen, Zwängen und Möglichkeiten ansetzen, kann Nachhaltigkeit im Verkehr und bei der Organisation von Mobilität gelingen“ (Kesselring et al., 2022, S. 131). Dafür ist aber eine breite Beteiligung der Menschen vor Ort notwendig. Der enge Austausch zwischen Forschung und Praxis kann dabei die Akzeptanz der Maßnahmen erheblich erhöhen (vgl. Bundesministerium für Wohnen, 2023, S. 13ff.). MobiQ verfolgt das Ziel, Bürger: innen und lokale Akteur: innen für bedarfsgerechte und nachbarschaftlich organisierte Mobilitätslösungen sowie neue Nutzungsformen des öffentlichen Straßenraumes zu gewinnen und dadurch langfristig ihr Mobilitätsverhalten zu verändern. Der partizipative Ansatz verfolgt dabei die Entwicklung sozialer Innovationen, verstanden als „Neukombination oder Neukonfiguration sozialer Praktiken in bestimmten sozialen Kontexten, die von spezifischen Akteuren oder Akteurskonstellationen intendiert und zielgerichtet entwickelt werden, um sozialen Bedarfen und Problemen besser als bisher begegnen zu können“ (Butzin & Rabadjieva, 2018, S. 2). Mobilität gemeinsam gestalten Was MobiQ von anderen Reallaboren unterscheidet, ist sein konsequenter zivilgesellschaftlicher Ansatz. Nicht im Sinne einer Top-down-Strategie, sondern gemeinsam mit den Bürger: innen vor Ort wurden wirtschaftlich tragfähige Mobilitätslösungen entwickelt. Ziel der ersten Projektphase war Bild 1: Dreiklang der Mobilitätswende (Quelle: Böhme et al., 2025, S. 13) Bild 2: Transdisziplinäre Arbeit im Reallabor (Quelle: (Kesselring et al., 2022, S. 135) MOBILITÄT  Mobilitätswende DOI: 10.24053/ IV-2025-0045 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 44 praktischer Wegweiser für aktive und entstehende Bürgerinitiativen sowie als Inspirationsquelle, die Menschen dazu bewegt, selbst tätig zu werden. Am Ende steht ein starkes Plädoyer für zivilgesellschaftliches Engagement: „Ein: e Mobilitätsgestalter: in schwimmt nicht einfach nur mit dem Strom, sondern sucht aktiv nach Lösungen, um Mobilität gemeinsam umweltfreundlicher, sozial gerechter und effizienter zu gestalten“ (Hefner et al., 2024, S. 140). Damit liefert das Werk nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch ganz praktische Werkzeuge, die Veränderung anstoßen können. Die zehn Schritte im Überblick 1. Nachbarschaft kennenlernen Am Anfang jeder Initiative steht das Verständnis für das Quartier. Nur wer die räumlichen, sozialen und infrastrukturellen Gegebenheiten genau kennt, kann passgenaue Mobilitätslösungen entwickeln. Im MobiQ-Projekt wurden die Standorte Waldburg, Geislingen und Stuttgart-Rot durch Beobachtungen, Gespräche und Kartierungen analysiert. Wichtige Kriterien waren dabei bauliche Strukturen, vorhandene Freiräume, Mobilitätsangebote sowie die soziale und wirtschaftliche Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Erkenntnisse wurden auf sogenannten Schatzkarten dokumentiert, die Stärken und Schwächen sichtbar machen. es, Erkenntnisse zu gewinnen, die nicht nur lokal wirken, sondern sich übertragen lassen. Dafür wurden im Rahmen von MobiQ drei unterschiedliche Standorte als Reallabore ausgewählt: eine Gemeinde im ländlichen Raum (Waldburg), eine Mittelstadt (Geislingen an der Steige) und ein urbanes Quartier am Rande einer Großstadt (Stuttgart-Rot). Diese Standorte unterscheiden sich deutlich in ihren verkehrlichen, städtebaulichen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Gerade diese Vielfalt ermöglichte es, verschiedene Perspektiven zum Thema Mobilität einzunehmen und praxisnah zu erproben, wie bedarfsgerechte, alltagsnahe Mobilitätslösungen in unterschiedlichen Kontexten entwickelt und umgesetzt werden können. Die Wissenschaftler: innen, die sich vor allem als Impulsgeber: innen verstanden, arbeiteten eng mit Bürger: innen zusammen, um herauszufinden, wie sich deren individueller Mobilitätsbedarf möglichst klimaneutral decken lässt. Dabei entstanden konkrete transdisziplinäre Projekte wie die Mitfahrplattform in Waldburg, ein Einkaufsshuttle in Geislingen oder eine temporäre Straßenintervention in Stuttgart-Rot. Um nachvollziehbar zu machen, wie solche Projekte gelingen können, und um andere Kommunen zur Nachahmung zu inspirieren, wurde das Buch „Mobilität gemeinsam gestalten - in 10 Schritten“ entwickelt. Auf visuell ansprechende Weise mit zahlreichen Grafiken, Fotos und Illustrationen zeigt es, dass gemeinschaftliches Engagement für mehr Nachhaltigkeit nicht nur notwendig und sinnvoll, sondern motivierend, erfüllend und mit Freude verbunden sein kann. Die skizzierten zehn Schritte reichen vom Kennenlernen der Nachbarschaft über die gemeinsame Entwicklung und Erprobung von Ideen bis hin zur dauerhaften Verstetigung von Lösungen. Durch alle Schritte hindurch zieht sich die enge Zusammenarbeit zwischen Bürger: innen, kommunalen Verwaltungen und lokalen Institutionen wie ein verbindendes Element. Um diese Kooperation konkret greif bar zu machen, enthält jedes Kapitel das praxisorientierte Unterkapitel „Die Rolle der Stadt oder Gemeinde“, in dem aufgezeigt wird, wie kommunale Akteur: innen den Prozess aktiv begleiten und unterstützen können. Trotz der wissenschaftlichen Fundierung stand bei der Erstellung die praktische Anwendbarkeit und Nützlichkeit des Buches im Vordergrund, es sollte verständlich und leicht zugänglich sein. Alle Kapitel sind deshalb bewusst verständlich geschrieben, verzichten auf komplexe Fachbegriffe und fokussieren sich durchgängig auf konkrete Umsetzungsmöglichkeiten. Das Buch versteht sich daher als 2. Probleme erkennen Auf bauend auf diesen ersten Analysen geht es darum, konkrete Mobilitätsprobleme im Alltag der Menschen vor Ort zu identifizieren. Die wahren Expert: innen sind dabei die Bewohner: innen selbst. Im Projekt wurden mittels Interviews, sozialer Landkarten und geografischer Netzwerkkarten individuelle Mobilitätspraktiken erhoben. Aus diesen Daten entstanden beispielhafte „Personas“, die zur gemeinsamen Problemdefinition beitrugen. Eine von vielen geteilte, präzise formulierte Problemwahrnehmung ist die Grundlage für zielgerichtete Lösungsansätze und das Gewinnen von Mitstreiter: innen. In der praktischen Umsetzung geht es darum, eigene Mobilitätsgewohnheiten mithilfe von Methoden wie dem Mobilitätstagebuch sichtbar zu machen. Auf dieser Grundlage kann der Austausch mit Nachbar: innen angeregt werden, mit dem Ziel, sie für das Thema zu gewinnen, gemeinsame Anliegen zu identifizieren und eine geteilte Problemdefinition zu entwickeln. 3. Von anderen lernen Gute Ideen müssen nicht unbedingt neu erfunden werden. Deshalb lohnt sich der Blick auf bereits realisierte Mobilitätslösungen an anderen Orten, vom nachbarschaftlichen Carsharing bis zu App-basierten Mitfahrdiensten. In der Begleitforschung identifizierte Erfolgsfaktoren wie ein gemeinsames Leitbild, physische Treff- Bild 3: „Schatzkarten“ zum Festhalten erster Erkenntnisse (Quelle: Hefner et al., 2024, S. 28) Mobilitätswende  MOBILITÄT DOI: 10.24053/ IV-2025-0045 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 45 punkte, professionelle Begleitung und der gezielte Einsatz technischer wie sozialer Ressourcen werden niederschwellig vermittelt. Wichtig ist dabei: Digitale Lösungen dürfen keine Gruppen ausschließen. Politische Rückendeckung und flexible Finanzierungsmodelle erleichtern die Umsetzung zusätzlich. 4. Bündnisse schmieden Ein breites Netzwerk ist entscheidend für die Umsetzung. Mittels Stakeholder-Mappings werden relevante Akteur: innen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft sowie Verwaltung identifiziert und nach Einfluss und Relevanz geordnet. Diese Kartierungen helfen, gezielt Verbindungen aufzubauen, Ressourcen zu bündeln und Zeitpunkte für Beteiligung strategisch zu wählen. Kommunen spielen hier eine zentrale Rolle als Ansprechpartnerinnen, Datenlieferantinnen und Vermittlerinnen. 5. Ideen gemeinsam entwickeln In partizipativen Werkstätten wurden in MobiQ auf Basis der zuvor entwickelten Personas und Problemdefinitionen kreative Lösungsansätze erarbeitet. Erfolgreiche Beispiele aus anderen Kontexten dienten dabei als Inspiration. Mit Methoden wie Brainstorming oder „Methode 635“ entstanden vielfältige Ideen. Auf einem „Ideen-Marktplatz“ wurden die besten Ansätze ausgewählt und anschließend in Arbeitskreisen konkretisiert. Bereits in dieser Phase fließen erste Überlegungen zur Öffentlichkeitsarbeit mit ein. Besonders wichtig ist dabei die Unterstützung durch die Kommune. Sie sollte geeignete Räume für die gemeinsame Arbeit zur Verfügung stellen und den Prozess aktiv begleiten. 6. Experimente gemeinsam wagen In dieser Phase werden die entwickelten Ideen in die Praxis übertragen, etwa in Form temporärer Straßenumnutzungen, Lastenradverleihsystemen oder Einkaufsshuttles. Wer ist zuständig? Welche Ressourcen werden benötigt? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten? Auch Genehmigungen, eine klare Kommunikation nach außen und eine realistische Budgetplanung sind entscheidend für den Erfolg. Kommunale Unterstützung kann den Prozess erleichtern, zum Beispiel durch den Einsatz sogenannter Experimentierklauseln, die das Erproben neuer Ansätze ermöglichen. 7. Projekte bewerten und verbessern Evaluation ist kein Zusatz, sondern essenzieller Bestandteil. In MobiQ wurden sowohl Prozesse als auch Wirkungen analysiert. Interviews, Umfragen und systematische Erhebungen halfen, Erfolgsfaktoren zu identifizieren und Schwachstellen zu beheben. Erkenntnisse wie die begrenzte Reichweite von Einkaufsshuttles oder die hohen Kosten von Lastenrädern wurden genutzt, um Angebote fortlaufend weiterzuentwickeln (vgl. Reiche et al., 2024). Auch hierbei können Kommunen aktiv mitwirken oder fachlich unterstützen. 8. Ergebnisse in die Breite tragen Erfolgreiche Projekte sollten nicht im Verborgenen bleiben. Mit einem einprägsamen Design („Q“), einer zentralen Webseite und gezielter Kommunikation über soziale Medien, Presse und lokale Multiplikator: innen wurde das Projekt MobiQ sichtbar gemacht. Wichtig war dabei ein durchdachtes Kommunikationskonzept mit definierten Zielgruppen, Botschaften und Zeitplänen. Kommunen können die Reichweite eines Projektes durch ihre eigenen Kanäle und öffentliches Engagement erhöhen. 9. Erfolge teilen und feiern Feiern verbindet und motiviert. Im MobiQ- Projekt wurden Meilensteine mit Straßenfesten oder Grillabenden begangen. Solche Anlässe stärken das Gemeinschaftsgefühl, würdigen das Engagement aller Beteiligten und wirken identitätsstiftend. Gleichzeitig bieten sie die Möglichkeit, neue Unterstützer: innen zu gewinnen. Die Kommune kann dabei durch Logistik, zur Verfügung gestellte Räume oder finanzielle Mittel hilfreich zur Seite stehen. 10. Zukunft gestalten Ziel ist es, Strukturen zu schaffen, die dauerhaft Bestand haben und über die Projektlaufzeit hinauswirken. Die Angebote sollen langfristig weitergeführt werden, auch ohne zusätzliche Projektförderung. Dafür sind klare Zuständigkeiten, tragfähige Finanzierungsmodelle und eine kontinuierliche Ansprache neuer Zielgruppen entscheidend. Ebenso wichtig können die Einbindung übergeordneter politischer Ebenen und eine kritische Analyse des Standorts sein. Kommunale Institutionen übernehmen dabei eine wichtige Rolle: Sie können Prozesse steuern, beraten und als Bindeglied zwischen den Beteiligten fungieren. Fazit Die sozial-ökologische und räumliche Transformation des Verkehrssektors ist nicht nur eine technische und politische Aufgabe, sondern in hohem Maße eine gesellschaftliche Herausforderung. Das Buch „Mobilität gemeinsam gestalten - In 10 Schritten“ will einen praxisnahen Beitrag dazu leisten, transformative Prozesse in der Mobilität zu gestalten. Im Fokus stehen hierbei kollaborative Ansätze, die den sozialen, räumlichen und politischen Kontext von Projekten berücksichtigen und Raum für Reflexion bieten. Die vorgestellten zehn Schritte stützen sich auf die empirischen Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt MobiQ und dienen als methodische und normative Orientierung für alle, die den Wandel der Mobilität nicht nur beobachten, sondern aktiv gestalten wollen. Mobilität wird dabei nicht als isolierte sektorale Aufgabe betrachtet, sondern als interdependentes Feld, das im Zusammenspiel mit räumlichen, sozialen und politischen Gegebenheiten gestaltet werden muss. Es zeigt sich, dass sich Mobilitätstransformation nicht von oben verordnen lässt. Sie muss vor Ort gemeinsam entwickelt, erprobt und in Einklang mit verschiedenen Wissensbeständen und Interessen gebracht werden. Ko-kreative und transdisziplinäre Bild 4: Temporäre Straßenintervention „110 Meter Fleiner Zukunft - Rot punktet” in Stuttgart-Rot (Quelle: HFT Labor Experimenteller Stadtraum Sommersemester 2023) MOBILITÄT  Mobilitätswende DOI: 10.24053/ IV-2025-0045 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 46 [13] Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg. (2024). Das Klima-Maßnahmen-Register. Klimaschutzland Baden-Württemberg. https: / / klimaschutzland. baden-wuerttemberg.de/ [14] Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg (Hrsg.). (2025). 10-Punkte-Plan für Klimaziele. https: / / vm.baden-wuerttemberg.de/ de/ politikzukunft/ nachhaltige-mobilitaet/ 10-punkte-planfuer-klimaziele [15] Reiche, M., Le Corguillé, J., Schreiber, J. & Minnich, L. (2024). Working Paper: Evaluation von Wirkungen und Prozessen in den Reallaboren: Vorgehen und Erkenntnisse. Öko-Institut e.V. Eingangsabbildung: © Barbara Hefner [4] Butzin, A. & Rabadjieva, M. (2018). Soziale Innovationen in Mobilität und Verkehr. 2018-01. [5] Canzler, Weert (2021): „Baden-Württemberg ist Autoland“. Die Verkehrspolitik der grün-schwarzen Landesregierung. In F. Hörisch, St. Wurster (Hrsg.): Kiwi im Südwesten. Eine Bilanz der zweiten Regierung Kretschmann 2016-2021. Wiesbaden, Germany: Springer VS, S. 321-344. [6] Defila, R. & Di Giulio, A. (Hrsg.). (2016). Transdisziplinär forschen-zwischen Ideal und gelebter Praxis: Hotspots, Geschichten, Wirkungen. Campus Verlag. [7] Defila, R. & Di Giulio, A. (Hrsg.). (2019). Transdisziplinär und transformativ forschen. Band 2. Springer VS. [8] Hefner, B., Bansen, J., Schreiber, J., Simon-Philipp, C., Kesselring, S. & Minnich, L. (2024). Mobilität gemeinsam gestalten. In 10 Schritten. 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Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH (Hrsg.). https: / / www. s t u t t g a r t e rz e i t u n g . d e / i n h a l t . m o d e l l k o m m u n e d i t z i n g e n w i e l a s s e n s i c h d i e k l i maziele-in-der-stadt-erreichen-wie-lassen-sichdie-klimaziele-in-der-stadt-erreichen.88527bb7- 8ac1-4113-a920-9a555f051d60.html [12] Klima-Sachverständigenrat BW. (2023). Fortschritt des Klimaschutzes in Baden-Württemberg und zum Klima-Maßnahmen-Register. Bezugsjahr 2022. (Stellungnahmen des Klima-Sachverständigenrates Baden-Württemberg). Klima-Sachverständigenrat Baden-Württemberg. https: / / um.baden-wuerttemberg.de/ fileadmin/ redaktion/ m-um/ intern/ Dateien/ Dokumente/ 4_ Klima/ Klimaschutz/ Klima-Sachverstaendigenrat/ 230930- Stellungnahme -K lima-Sachver staendigenrat- Paragraf-16-Absatz-2-KlimaG-BW.pdf Formate schaffen dafür wertvolle Möglichkeitsräume. Gleichzeitig erfordern sie eine sorgfältige Gestaltung der Prozesse, eine offene und klare Kommunikation sowie ein bewusstes Hinterfragen von Machtstrukturen und eine enge Anbindung an bestehende Systeme. Die präsentierten Schritte sind daher nicht als starres, lineares Schema zu verstehen, sondern als ein flexibler, modularer Rahmen, der Orientierung gibt und an unterschiedliche Kontexte angepasst werden kann. Sie laden dazu ein, Prozesse iterativ zu denken, die lokalen Gegebenheiten ernst zu nehmen und vorhandene Handlungsspielräume aktiv zu nutzen. Für die Wissenschaft eröffnet dieser Ansatz die Möglichkeit, transformative Forschung nicht nur analytisch zu betreiben, sondern auch als Form praktischer Intervention weiterzuentwickeln. Ziel ist es, Mobilität gemeinschaftlich zu gestalten, innovative Lösungen erlebbar zu machen und dadurch nachhaltige Entwicklung voranzubringen. ▪ LITERATUR [1] Blanck, R., Hacker, F., Heyen, D. A. & Zimmer, W. (2017). Mobiles Baden-Württemberg: Wege der Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität [Abschlussbericht der Studie]. Baden-Württemberg Stiftung gGmbH (Hrsg.). https: / / www.bwstiftung.de/ fileadmin/ bw-stiftung/ Publikationen/ Bildung/ Bildung_Mobiles_BW_Nr._87.pdf [2] Böhme, U., Kesselring, S. & Urmetzer, S. (2025). Netzwerk für soziale Innovationen der Mobilitätswende. Internationales Verkehrswesen, 77(1). https: / / doi.org/ 10.24053/ IV-2025-0003 [3] Bundesministerium für Wohnen, S. (Hrsg.). (2023). InnenstadtRatgeber: Realexperimente: Planungshilfe und Impulsgeber für die Innenstadtentwicklung. https: / / www.bmwsb.bund.de/ SharedDocs/ downloads/ Webs/ BMWSB/ DE/ veroeffentlichungen/ stadtentwicklung/ realexperimente.pdf? _ _ blob=publicationFile&v=4 Julian Bansen, M.Sc., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Hochschule Für Wirtschaft Und Umwelt Nürtingen- Geislingen julian.bansen@hfwu.de Barbara Hefner, M.Sc., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule Für Technik Stuttgart barbara.hefner@hft-stuttgart.de Sven Kesselring, Prof. Dr. Professor für Nachhaltige Mobilität und Sozialwissenschaftliche Mobilitätsforschung, Hochschule Für Wirtschaft Und Umwelt Nürtingen-Geislingen sven.kesselring@hfwu.de Christina Simon-Philipp, Prof. Dr.-Ing. Professorin für Städtebau und Stadtplanung, Hochschule für Technik Stuttgart christina.simon@hft-stuttgart.de Mobilitätswende  MOBILITÄT DOI: 10.24053/ IV-2025-0045 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 47