eJournals Internationales Verkehrswesen 77/3

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2025-0050
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Einfach mal zuhören

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Franziska Seniukhttps://orcid.org/0009-0005-4533-3372
Ulrike Grotehttps://orcid.org/0000-0002-9073-6294
Jürgen Manemannhttps://orcid.org/0009-0006-2354-4985
Klaus Geschwinder
Lars Gusighttps://orcid.org/0009-0000-5568-6685
In der Region Hannover wurde 2023 ein Verkehrsentwicklungsplan (VEP) „Aktionsprogramm Verkehrswende (VEP 2035+)“ von der Politik beschlossen. Der Plan beschreibt detailliert ein Bündel von Maßnahmen zur Erreichung regionaler Klimaziele. Die Relevanz des VEP für diese Ziele wird in einem aktuellen Gutachten hervorgehoben. Um aber die Umsetzbarkeit des VEP zu überprüfen, hat der Klimaweisen-Rat der Region Hannover erstmals ein exploratives Hearing durchgeführt. Hier wurden in kurzer Zeit überregionale ExpertInnen und VertreterInnen der regionalen Politik in einem strukturierten Ablauf befragt. Es konnte gezeigt werden, dass der VEP dem Stand der Technik entspricht und als ambitioniert, aber machbar eingestuft wird. Das Hearing hat sich als geeignete Methode erwiesen, auch fachfremde Personen schnell mit einer komplexen Fragestellung zu konfrontieren.
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zukünftig gestaltet werden muss, wenn sie ihren Teil zu einer klimagerechten Zukunft beitragen will. Auffallend ist, dass dieses Ziel nicht mit einer einseitig auf Verzicht ausgerichteten Verkehrsmittelwahl erreicht werden soll, sondern dass die neue Mobilitätswelt Aufenthalts- und Lebensqualität sowie Verkehrssicherheit in den Mittelpunkt stellt. Der VEP 2035+ operationalisiert die Maßnahmen, die in der Region Hannover um- Der VEP 2035+ Der Verkehrsentwicklungsplan - Aktionsprogramm Verkehrswende (VEP 2035+) ist am 04.07.2023 mit großer Mehrheit von der Regionsversammlung der Region Hannover beschlossen worden; der vorgeschaltete Verkehrsausschuss hat diesem einstimmig zugestimmt. Zu diesem Beschluss kann den Politikern und Politikerinnen nur gratuliert werden, denn mit diesem Plan dokumentiert die Fachverwaltung, wie die Mobilität gesetzt werden müssen, um das Ziel einer klimaneutralen Region bis 2035 zu erreichen. Als Ergebnis wird deutlich, dass sich die Mobilitätswelt in der Region Hannover deutlich ändern muss. Eine Transformation von der Verbrennerzur Elektrotechnologie wird zukünftig eine bedeutende Stellschraube darstellen, nur wird sie alleine nicht ausreichen, um das Ziel der Klimaneutralität auch nur ansatzweise umzusetzen. Einfach mal zuhören Kann ein exploratives Hearing den fachlichen Austausch zur Umsetzung eines Verkehrsentwicklungsplanes unterstützen? Verkehrsentwicklungsplan, VEP, Nachhaltigkeit, Hearing, Klimaweisen-Rat, Anhörung In der Region Hannover wurde 2023 ein Verkehrsentwicklungsplan (VEP) „Aktionsprogramm Verkehrswende (VEP 2035+)“ von der Politik beschlossen. Der Plan beschreibt detailliert ein Bündel von Maßnahmen zur Erreichung regionaler Klimaziele. Die Relevanz des VEP für diese Ziele wird in einem aktuellen Gutachten hervorgehoben. Um aber die Umsetzbarkeit des VEP zu überprüfen, hat der Klimaweisen-Rat der Region Hannover erstmals ein exploratives Hearing durchgeführt. Hier wurden in kurzer Zeit überregionale ExpertInnen und VertreterInnen der regionalen Politik in einem strukturierten Ablauf befragt. Es konnte gezeigt werden, dass der VEP dem Stand der Technik entspricht und als ambitioniert, aber machbar eingestuft wird. Das Hearing hat sich als geeignete Methode erwiesen, auch fachfremde Personen schnell mit einer komplexen Fragestellung zu konfrontieren. Franziska Seniuk, Ulrike Grote, Jürgen Manemann, Klaus Geschwinder, Lars Gusig DOI: 10.24053/ IV-2025-0050 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 65 Zukünftig ist im Wesentlichen eine Veränderung des Verkehrsverhaltens anzustreben. Das lässt sich plakativ mit der Formel „Halb so viel Pkw-Verkehr, Verdoppelung von ÖPNV und Radverkehr“ beschreiben (Bild 1). Dazu wird es notwendig sein, die unterschiedlichen Teilsegmente der Verkehrs- und Mobilitätswelt in den Transformationsprozess aufzunehmen. Autoarme Siedlungsstrukturen, neue Eisenbahninfrastrukturen, eine Ergänzung des Stadtbahnnetzes auch um tangentiale Strecken, die weitere Entwicklung des Sprinti, hochwertige Radverkehrsinfrastruktur, Straßenaufteilung und ein angemessenes Geschwindigkeitsniveau auf unseren Straßen sind einige Kernmaßnahmen des Konzepts (Bild 2). Der Klimaweisen-Rat In Hannover gibt es seit 2018 einen „Klimaweisen-Rat“, ein interdisziplinäres, überparteiliches ExpertInnengremium, das die Klimaschutzaktivitäten der Region kritisch reflektiert und Impulse an Politik und Verwaltung gibt [2]. Von den für den Klimaschutz relevanten Sektoren wurde in einem Gutachten kürzlich die Bedeutung des Verkehrsbereiches für die Erreichung der Klimaziele hervorgehoben [3]. Da sich nach der Verabschiedung des VEP die politischen Rahmenbedingungen in der Stadtpolitik verändert hatten, stellte sich für den Klimaweisen-Rat die Frage, ob die Ziele des VEP, die als absolut essenziell eingestuft wurden, noch erreichbar sind. Um sowohl die Aktualität als auch die Umsetzbarkeit des VEP2035+ zu überprüfen, wurde erstmals ein exploratives Hearing als Austauschformat gewählt. Das explorative Hearing Mit dem Begriff „Hearing“ wird im Allgemeinen eine Anhörung bezeichnet, zu der verschiedene ExpertInnen und Betroffene eingeladen und nach einem strikt vorgegebenen Zeitplan befragt werden. Ein Hearing ist ein effizientes Format der Meinungsbildung angesichts eines komplexen Problemfeldes [4]. Das Format wurde vom Klimaweisen-Rat überdies als ein interventionistisches Instrument genutzt, um Denk- und Handlungsblockaden aufzubrechen: PolitikerInnen wurden dezidierter als sonst befragt. Es gab kaum eine Möglichkeit, den Fragen auszuweichen. Nicht zuletzt, weil das Format keinen Raum für rhetorische Floskeln bietet. Überdies hat es eine pazifierende Wirkung, da es hilft, in politisch aufgeheizten Debatten die Sachfragen ins Zentrum zu rücken. Vorbereitung des Hearings Über den Ablauf des Hearings und die Regeln (Zeitbudget) wurden die ExpertInnen und PolitikerInnen in einem Einladungsschreiben drei Monate im Voraus informiert. Die Sachfragen wurden im Vorfeld an die ExpertInnen und PolitikerInnen geschickt. Zudem wurde eine persönliche Einschätzung zu Fragen der Umsetzbarkeit des Verkehrsplans erbeten. Am Pult vorn standen die Befragten. In einer nach vorne offenen, ovalen Sitzordnung („inner circle“) saßen die Mitglieder des Klimaweisen-Rats. Nur diese hatten das Recht, kurze Nachfragen zu stellen, die zuvor eingereicht werden mussten, aber nicht an die Befragten weitergeleitet wurden. Außen herum saßen die anderen Teilnehmenden und EinwohnerInnen („outer circle“). Durchführung Für die Teilnahme am Hearing wurden vier externe ExpertInnen aus der Wissenschaft identifiziert sowie vier regionale VertreterInnen der Parteien (CDU, SPD, FDP, Bündnis 90/ Die Grünen), die den VEP damals mit breiter Mehrheit in der Regionsversammlung beschlossen hatten. Ein Moderator wiederholte während des Hearings nochmals die konkreten Fragen und stellte sicher, dass die Redezeit der Teilnehmenden auf je 20 Min. begrenzt war. Eine Protokollantin stellte sicher, dass die Inhalte der ExpertInnen-Inputs möglichst genau erfasst werden. Probleme des Hearings ergaben sich bei der Gruppe der ExpertInnen insbesondere im Hinblick auf den Umfang der detaillierten Fragen durch die Kürze der Redezeit. Dadurch haben sich die ExpertInnen bei ihrem Input auf einzelne Fragen fokussiert und andere nur kurz angerissen. Bei der Gruppe der regionalen PolitikerInnen ergaben sich Probleme aufgrund kurzfristiger Absagen sowie aufgrund der - teils damit verbundenen - nur wenig detaillierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem VEP. Inhaltliche Ergebnisse Durch den Input der externen ExpertInnen sollten insbesondere folgende Fragen geklärt werden: (i) Ist der VEP geeignet, die Verkehrswende umzusetzen? (ii) Ist die Umsetzung der Maßnahmen realistisch möglich? Und (iii) wie ist die Region Hannover mit dem VEP im bundesweiten Vergleich aufgestellt? Durch die vorgegebene Redezeit haben sich die ExpertInnen auf die Eignung des VEP und den bundesweiten Vergleich konzentriert. Aspekte der genauen Umsetzungswirkung und der Akzeptanz der BürgerInnen wurden nur angerissen. Insgesamt äußerten sich alle ExpertInnen sehr positiv über den VEP. Der VEP ist eine „Besonderheit in Deutschland“ und sollte ein „Role-Modell für andere Regionen in Deutschland“ sein. Gelobt wurde die „ganzheitliche Perspektive“, die darauf abzielt, gemeinsam über die Kommunen, die Stadt und das Umland nachzudenken. Die ExpertInnen waren sich einig, dass der VEP ambitioniert ist, er wurde aber als machbar eingestuft. Somit sollte es weniger um das Bild 1: Ziele des VEP 2035+ [1] MOBILITÄT  Hearing DOI: 10.24053/ IV-2025-0050 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 66 wichtig an. Ein Grund dafür ist die Frage der Finanzierung der Verkehrswende. Die Akzeptanz der Parkraumbewirtschaftung wird von der CDU als akzeptabel angesehen, wenn „Gelder vor Ort“ bleiben. Die FDP weist darauf hin, dass der Sprinti zwar ein Vorzeigemodell ist, seine Wirtschaftlichkeit aber infrage gestellt ist. Die Grünen machen sich für den Ausbau der Radwege stark, der vergleichsweise günstig ist; hier sollten Verkehrsketten wie Bike & Ride stärker berücksichtigt werden. Fazit des Klimaweisen-Rats Insgesamt zeigt sich, dass das Hearing als Methode bei allen Teilnehmenden das Verständnis für den VEP noch einmal deutlich erhöht hat. Mithilfe des Hearings war in relativ kurzer Zeit eine kritische Auseinandersetzung mit den komplexen Inhalten möglich. Das Zusammenführen von Wissenschaft, Expertise und regionaler Politik hat sehr gut funktioniert, allerdings sollte aufgrund der begrenzten Redezeit der Umfang der Fragen vorher gut durchdacht werden. Aus Sicht des Klimaweisen-Rats lautet das inhaltliche Fazit des Hearings: „ExpertInnen loben den Verkehrsentwicklungsplan - aber PolitikerInnen unterstützt die Umsetzung wenig proaktiv.“ Es folgt die Frage, wie das Pro-Aktive befördert werden kann? Mögliche Antworten: ƒ Bevölkerung besser informieren, aufzeigen, wo sich Vorteile ergeben. ƒ Viele BürgerInnen kennen den VEP nicht => diesen sichtbarer machen. ƒ Leuchtturm-Projekte sollten Lust auf Nachahmung machen. ƒ Förderung der nachhaltigen betrieblichen Mobilität. Allerdings: Von der Politik sollten parteipolitische Interessen zurückgestellt werden. Ob als um das Wie gehen. Im Hinblick auf die nächsten Schritte wurde von den ExpertInnen vorgeschlagen, eine stärkere Konkretisierung und Priorisierung der Maßnahmen des VEP vorzunehmen. Bezogen auf einzelne Maßnahmen wurde eine Erweiterung des Sprinti-Angebots vorgeschlagen; dieser gilt als besonders geeignet und wurde als Positiv-Beispiel hervorgehoben, da dieser im Gegensatz zu anderen verkehrspolitischen Maßnahmen kaum mit Baumaßnahmen verbunden und leicht skalierbar ist. Weiterhin wurde eine Ausweitung der Push-Maßnahmen, die den Autoverkehr in Innenstädten unattraktiv machen, auf das Parkraummanagement (z. B. reduzierter Parkraum) vorgeschlagen. Auch die betriebliche Mobilität (z. B. Homeoffice) sollte stärker in den VEP einbezogen werden. Alle ExpertInnen waren sich einig, dass gute zielgruppengerechte Kommunikation notwendig ist. Die regionale Politik sollte folgende Fragen während des Hearings beantworten: (i) Halten die Parteien weiterhin am VEP als Weg zur Verkehrswende fest? (ii) Gibt es eine angemessene Priorisierung der Maßnahmen? (iii) Wo gibt es aus Sicht der Politik die größten Akzeptanzprobleme, und was wird bereits getan oder was sind Pläne, um diese abzumildern? Generell zeigte sich, dass der Wissensstand der PolitikerInnen vergleichsweise niedrig war und nur eine wenig detaillierte, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem VEP erkennbar war. Dies ist teils im Zusammenhang mit kurzfristigen Absagen zu sehen. Auch ist bei den PolitikerInnen relativ wenig Willen zur Umsetzung erkennbar, Widerstände in der Bevölkerung werden als Herausforderung gesehen. Für die SPD und die Grünen gehören Klima und Verkehr nach wie vor zu den drei wichtigsten Prioritäten. VertreterInnen der CDU und der FDP sehen das Thema Verkehr als weniger Ausblick Der europäische gesetzliche Rahmen fordert, dass die Region Hannover den VEP 2035+ in den nächsten Jahren zu einem SUMP - Sustainable Urban Mobility Plan weiterentwickelt. Das beinhaltet, dass zusätzliche Mobilitätsformen wie der Wirtschaftsverkehr mehr in den Fokus rücken. Zu den Zielen der EU gehört auch eine stärkere Beteiligung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die Region Hannover begrüßt das, denn nur eine gelebte Mobilitätswelt führt in eine klimagerechte Zukunft. ▪ LITERATUR [1] Region Hannover: Verkehrsentwicklungsplan - Aktionsprogramm Verkehrswende, VEP 2035+. Schriftenreihe Beiträge zur regionalen Entwicklung Nr. 166, Hannover 2023. [2] https: / / www.hannover.de/ Leben-in-der-Region- Hannover/ Umwelt-Nachhaltigkeit/ Klimaschutz- Energie/ Organisationen-im-K limaschutz / Der- Klimaweisen-Rat. [3] HIC: Endbericht Szenarien Klimaplan 2035 Region Hannover. Hamburg Institut Consulting GmbH, Hamburg 2024. [4] https: / / www.sowi-onli-ne.de/ praxis/ methode/ sachverstaendigenbefragung_hearing.html. Eingangsabbildung: © iStock.com/ eyetoeyePIX Franziska Seniuk, M.-Eng., Wissenschaftliche Mitarbeiterin Forschungszentrum Energie Mobilität Prozesse an der Hochschule Hannover https: / / orcid.org/ 0009-0005-4533-3372 franziska.seniuk@hs-hannover.de Ulrike Grote, Prof. Dr. Institut für Umweltökonomik und Welthandel, Leibniz Universität Hannover https: / / orcid.org/ 0000-0002-9073-6294 grote@iuw.uni-hannover.de Jürgen Manemann, Prof. Dr. Forschungsinstituts für Philosophie Hannover https: / / orcid.org/ 0009-0006-2354-4985 assistenz@fiph.de Klaus Geschwinder, Dipl.-Ing. Teamleiter Verkehrsentwicklung und -Management, Region Hannover klaus.geschwinder@region-hannover.de Lars Gusig, Prof. Dr.-Ing. Forschungszentrum Energie Mobilität Prozesse an der Hochschule Hannover https: / / orcid.org/ 0009-0000-5568-6685 lars.gusig@hs-hannover.de Bild 2: Strategien und Themenfelder des VEP 2035+ [1] Hearing  MOBILITÄT DOI: 10.24053/ IV-2025-0050 Internationales Verkehrswesen (77) 3 ǀ 2025 67