Internationales Verkehrswesen
iv
0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/IV-2025-0061
iv774/iv774.pdf1208
2025
774
Logistikboom und Preiskampf: Chinas Plattformen erobern Europa
1208
2025
Dirk Ruppik
Chinesische E-Commerce-Plattformen wie JD.com, Shein und Temu bauen ihre Logistiknetze in Europa rasant aus. Neue Lagerflächen, Übernahmen und Fulfillment-Strategien verändern nicht nur die Logistiklandschaft, sondern auch die Wettbewerbsbedingungen im Einzelhandel – mit weitreichenden Folgen für Arbeitsmärkte, Städte und Regulierer.
iv7740016
nehmen hat im GLP Regioparkring in Mönchengladbach vier zusätzliche Einheiten mit rund 65.000 Quadratmetern angemietet. Zusammen mit bestehenden Hallen erreicht die Gesamtfläche dort knapp 100.000 Quadratmeter (2). Für einen einzelnen Standort in Deutschland ist das eine Dimension, die den Anspruch auf eine ernsthafte Marktposition verdeutlicht. Parallel investiert JD.com in Großbritannien über die Plattform Joybuy in Distributionszentren mit einer Gesamtfläche von etwa 80.000 Quadratmetern. Solche Projekte zeigen, dass es nicht mehr um Einzelfälle geht, sondern um systematisch aufgebaute Netze. Nach Angaben des Entwicklers GLP haben chinesische E-Commerce-Firmen europaweit bereits fast 400.000 Quadratmeter D er Markt für Logistikimmobilien in Europa erlebt eine starke Wachstumsdynamik. Getrieben wird sie vor allem von chinesischen E-Commerce- und Logistikkonzernen, die ihre Präsenz in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut haben (1). Plattformen wie JD.com, Shein, Temu und die Zongteng Group sichern sich zunehmend Flächen in strategischen Regionen, um ihre Position im europäischen Markt zu stärken und den Kontinent zugleich als Drehscheibe internationaler Lieferketten zu nutzen. Europa ist damit nicht nur Absatzmarkt, sondern integraler Bestandteil globaler Expansionsstrategien. Ein prägnantes Beispiel liefert Goodcang, eine Marke der Zongteng Group. Das Unter- Logistikfläche angemietet. Diese Größenordnung markiert eine strukturelle Verschiebung im europäischen Logistikgefüge. Was zuvor von lokalen Akteuren dominiert wurde, wird zunehmend von globalen Playern geprägt, die Kapitalstärke, Technologie und operative Skalierung verbinden. Strategische Motive und geopolitischer Hintergrund Die Expansion speist sich nicht allein aus europäischer Nachfrage, sondern auch aus geopolitischen Zwängen. Strafzölle der USA verteuerten Exporte nach Nordamerika; viele chinesische Unternehmen verlagerten daraufhin Teile ihrer Logistik nach Europa und nutzen den Kontinent als alternativen Absatzmarkt. Europa bietet mehrere Vortei- Logistikboom und Preiskampf: Chinas Plattformen erobern Europa Logistikkonzern, Lieferketten, Wettbewerb, IT-Systeme, Regulierung, Logistiknetze Chinesische E-Commerce-Plattformen wie JD.com, Shein und Temu bauen ihre Logistiknetze in Europa rasant aus. Neue Lagerflächen, Übernahmen und Fulfillment-Strategien verändern nicht nur die Logistiklandschaft, sondern auch die Wettbewerbsbedingungen im Einzelhandel - mit weitreichenden Folgen für Arbeitsmärkte, Städte und Regulierer. Dirk Ruppik Internationales Verkehrswesen (77) 4 ǀ 2025 16 DOI: 10.24053/ IV-2025-0061 le: einen kaufkräftigen Markt mit über 440 Millionen Konsumenten, den Binnenmarkt mit freiem Warenverkehr und eine hohe Dichte leistungsfähiger Standorte (3). Hinzu kommt die geostrategische Lage. Häfen an Nord- und Ostsee, Korridore Richtung Mittel- und Osteuropa sowie kurze Wege zu Ballungsräumen ermöglichen multimodale, zuverlässige Ketten. In Zeiten wiederkehrender Störungen - von pandemiebedingten Unterbrechungen bis zu politischen Konflikten - erhöht die Diversifizierung auf europäische Standorte die Resilienz und verringert Abhängigkeiten von nordamerikanischen Märkten. Nähe zum Kunden erlaubt zudem schnellere Lieferungen und stabilere Servicelevel. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck. Anbieter wie Shein und Temu gewinnen mit aggressiven Preisen und kurzen Lieferzeiten Marktanteile (4). Europäische Händler müssen parallel strenge Regelwerke zu Steuern, Produktsicherheit und Retouren erfüllen und sind strukturell oft weniger flexibel. Die zentrale Frage lautet, ob die starke Präsenz chinesischer Plattformen zu Abhängigkeiten führt - oder ob Investitionen, Technologie und neue Services den Handel insgesamt voranbringen. Arbeitsmarkt, Infrastruktur und Einzelhandel Der Ausbau der Netze wirkt unmittelbar auf Arbeitsmärkte und Infrastruktur. In neu entstehenden Lagern werden tausende Beschäftigte benötigt, doch vielerorts herrscht Fachkräftemangel. Personal für Lagerverwaltung, Transport und Fulfillment ist knapp; zusätzliche Nachfrage lässt Löhne steigen und verschärft Engpässe. Kommunen müssen zugleich in Wohnraum, Schulen und Verkehr investieren, wenn große Standorte entstehen. Nicht jede Region kann das kurzfristig schultern. So werden Genehmigungs- und Planungsverfahren zu einem Wettbewerbsfaktor. Auch der Einzelhandel in Europa wird durch die Expansion neu geordnet. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 25. Juli 2025 laufen derzeit Gespräche über eine Übernahme von Ceconomy, der Muttergesellschaft von MediaMarkt und Saturn, durch JD.com. Das chinesische Unternehmen bietet demnach 4,60 € pro Aktie und unterstreicht damit sein Interesse an einer strategischen Partnerschaft (5). Bereits 2024 hatte JD.com ein erstes Übernahmeangebot angekündigt, nun konkretisieren sich die Pläne. Kritiker warnen vor einer wachsenden Abhängigkeit europäischer Händler von chinesischem Kapital. Befürworter betonen hingegen, dass Ceconomy dringend Investitionen benötigt, um im Wettbewerb mit Amazon und anderen globalen Playern bestehen zu können. Parallel professionalisieren Shein und Temu ihre europäischen Fulfillment-Strukturen. Lokale Retourenverarbeitung und schneller Umschlag sollen Lieferzeiten verkürzen und das Kundenerlebnis stabil halten. Temu setzt auf aggressive Preismechaniken, Shein auf extrem schnelle Produktrotation. In beiden Fällen ist ein eng getaktetes Logistiknetz die Grundlage - mit wachsenden Anforderungen an IT-Systeme, Datentransparenz und Lastspitzenmanagement. Für etablierte Händler steigt der Druck, Prozesse zu digitalisieren, Bestände feiner zu steuern und Servicelevel zu erhöhen. Ökologische und gesellschaftliche Folgen Neben ökonomischen Aspekten rückt die ökologische Dimension in den Fokus. Neue Logistikzentren beanspruchen viel Fläche, versiegeln Böden und erhöhen das Verkehrsaufkommen. Entwickler verweisen zwar auf Photovoltaik, energieeffiziente Technik und ressourcenschonende Materialien, doch bleibt offen, ob diese Maßnahmen den ökologischen Fußabdruck ausreichend kompensieren. Kommunen profitieren von Gewerbesteuern und Jobs, tragen aber auch Kosten für Straßenbau, Energieinfrastruktur und Erschließung. Ob die Vorteile die langfristigen Belastungen überwiegen, ist je nach Standort unterschiedlich. Transparenz ist ein weiterer Punkt. Eigentümerstrukturen sind nicht immer klar, Mietlaufzeiten variieren, öffentliche Förderungen fließen teils indirekt. Ohne nachvollziehbare Strukturen steigt das Risiko, dass Kosten bei Kommunen oder Steuerzahlern hängen bleiben. Zudem verändert die Ansiedlung großflächiger Hallen die Stadtentwicklung. Am Rand von Ballungsräumen beeinflussen sie Verkehrsflüsse, Grundstückspreise und das lokale Gewerbe. Kleinere Händler verlieren Sichtbarkeit, während die Nachfrage nach Wohnraum Bild 1: JD Logistics steigert die Betriebseffizienz des Lagers des in Polen ansässigen Händlers Sportano um 200 Prozent Bild 2: JD.coms Hauptsitz in Peking. Wasserstoffbetriebene Schwerlast-Lkw von JD Logistics. (Quelle JD.com, Inc.) Chinas E-Commerce-Plattformen LOGISTIK Internationales Verkehrswesen (77) 4 ǀ 2025 17 DOI: 10.24053/ IV-2025-0061 und den Vollzug sichern. Unternehmen reagieren mit engerem Monitoring ihrer Sortimente, schneller Rechtsverfolgung und Kooperationen mit Marktplätzen, um problematische Angebote zu entfernen. Chinesen betrachten Europa als Kernmarkt Vieles spricht dafür, dass chinesische Plattformen Europa dauerhaft als Kernmarkt betrachten. Ihre Logistiknetze werden wachsen, die Präsenz in Metropolregionen und Verkehrsdrehkreuzen zunehmen. Für Verbraucher bedeutet das mehr Auswahl und oft niedrigere Preise, für europäische Händler steigenden Druck auf Margen und Servicelevel. Kommunen gewinnen Investitionen und Beschäftigung, stehen jedoch vor ökologischen und infrastrukturellen Aufgaben. Politik und Regulatoren sind gefordert, gleiche Wettbewerbsbedingungen zu sichern, ökologische Standards durchzusetzen und zugleich die Chancen internationaler Investitionen zu nutzen. Der europäische Logistik- und Einzelhandelsmarkt steht damit vor einem Wandel, der Chancen eröffnet, aber klare Leitplanken erfordert. ▪ steigt. Kommunen müssen die Balance zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, Wohnungsbau und Grünflächen halten. Wettbewerbsschutz und Regulierung Die Expansion chinesischer Plattformen berührt den Wettbewerb. Europäische Händler erfüllen strenge Anforderungen, während manche Importe aus Asien noch Schlupflöcher nutzen - etwa beim Direktversand, bei dem Mehrwertsteuer und Zoll nicht immer vollständig erhoben werden. Die EU will hier nachschärfen: strengere Kontrollen bei Billigimporten, Abgaben ab dem ersten Euro und bessere Nachverfolgbarkeit von Warenströmen. Ziel ist, gleiche Spielregeln für alle zu sichern, ohne effiziente Lieferketten unnötig zu behindern (6). Relevanz hat auch der Schutz geistigen Eigentums. Europäische Hersteller werfen einzelnen Plattformen regelmäßig vor, Designs zu kopieren oder Patente zu verletzen. Ohne wirksame Kontrolle drohen Wertverluste bei Marken. Regulierer müssen daher nicht nur Wettbewerbsregeln anpassen, sondern auch IP-Standards durchsetzen LITERATUR 1 Chinese presence grows in European logistics, July 2025, GLP (Global Logistic Properties) 2 Knüpffer Gunnar, Logistikimmobilien: Goodcang Logistics mietet vier weitere Einheiten des GLP- Zentrums Mönchengladbach Regioparkring, Logistik Heute, März 2025 3 Voase Natasha, Chinese Firms Fuel Europe’s New Warehouse Boom, JD.com and Others Expand Across UK and Continental Markets, Bloomberg News,September 2025 4 Schlautmann Christoph, Das machen Temu und Shein richtig, Handelsblatt, September 2024 5 Scheu Gregor, Chinesischer Internethändler greift nach Saturn und Mediamarkt, Süddeutsche Zeitung, July 2025 6 Arnold Tom, Billig-Ware aus China,Temu, Shein & Co: Warum Europa zum neuen Ziel chinesischer Billigexporte wird, Industrie Magazin, April 2025, WEKA Industrie Medien GmbH Eingangsabbildung: © GLP Regioparkring in Mönchengladbach (GLP Pte. Ltd.) Dirk Ruppik, Asien-Korrespondent und freier Fachjournalist dirkruppik@gmx.de Bild 3: GLP Regioparkring in Mönchengladbach (GLP Pte. Ltd.) LOGISTIK Chinas E-Commerce-Plattformen Internationales Verkehrswesen (77) 4 ǀ 2025 18 DOI: 10.24053/ IV-2025-0061
