eJournals Italienisch 45/90

Italienisch
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Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2023-0025
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Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik: L’italiano e il buon gusto

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Antje Lobin
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Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik: L’italiano e il buon gusto Antje Lobin Den gastronomischen Wortschatz des Italienischen prägen seit dem späten Mittelalter gleichermaßen fachsprachliche Elemente und Entlehnungen. Letztere stellen auch heute noch einen relevanten Bestandteil der Sprache in den Bereichen Küche und Gastronomie dar, wie mühelos den italie‐ nischen Standardwörterbüchern entnommen werden kann. In der Ge‐ schichte der italienischen Sprache sind sie immer wieder Gegenstand sprachreflexiver Hervorbringungen und sprachpolitischer Regulierungs‐ versuche gewesen. Im Zentrum des Beitrags stehen in diesem Kontext die sprachkritischen Positionen und sprachpolitischen Maßnahmen im Hinblick auf das italiano gastronomico, die im Zusammenhang mit der nationalen Einigung sowie mit dem Faschismus hervorgebracht wurden. Gegenstand der Betrachtung sind hierbei Pellegrino Artusis Scienza in cucina e l’Arte di mangiar bene. Manuale pratico per le famiglie (1891) sowie die Arbeit der Commissione per l’italianità della lingua (1941-1943). Hierbei wird herausgestellt, in welchem Maße die Entwicklungen im Bereich der Entlehnungen und Kreation von Ersatzwörtern in der ersten der beiden genannten Phasen für die zweite prägend war. Auch im 21. Jh. wird die Frage des Umgangs mit Fremdwörtern rege debattiert. Im Bereich der Gastronomie macht das Englische in jüngerer Vergangenheit der jahrhundertelangen Dominanz des Französischen mit seinem Prestige Konkurrenz. Allerdings bestehen wichtige Gebrauchsunterschiede, die von einer fundierten, differenzierten und auf Partizipation gerichteten Sprachkritik zu berücksichtigen sind. Fin dal tardo Medioevo, il lessico gastronomico italiano è stato caratteriz‐ zato da tecnicismi e prestiti. Questi ultimi rappresentano ancora oggi una notevole parte della lingua nei settori della cucina e della gastronomia, DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 1 Vgl. auch Martellotti (2012), die Konzepte und Begrifflichkeiten von de Saussure auf den kulinarischen Code überträgt und für Letzteren auch diasystematische Markierungen ausmacht. 2 Beispielsweise trat die Lega Nord im letzten Jahrzehnt gegen eine wahrgenommene Überfremdung mit folgender Wahlwerbung auf: „Sì alla polenta No al couscous. Orgogliosi delle nostre tradizioni“. come si può facilmente notare nei dizionari dell’italiano dell’uso. Nella storia della lingua italiana, sono stati più volte oggetto di riflessioni linguistiche e di tentativi di regolamentazione. In questo contesto, il presente articolo si concentra sulle posizioni critiche e sulle misure di politica linguistica nei confronti dell'italiano gastronomico sorte durante il periodo dell'unificazione nazionale e del fascismo. Oggetto di studio sono la Scienza in cucina e l'Arte di mangiar bene. Manuale pratico per le famiglie (1891) di Pellegrino Artusi e il lavoro svolto dalla Commissione per l'italianità della lingua (1941-1943). In questa sede viene messa in evidenza la misura in cui gli sviluppi nell'ambito dei prestiti e della creazione di parole sostitutive nella prima delle due fasi citate sono stati incisivi per la seconda. La questione del trattamento dei prestiti resta nel XXI secolo oggetto di un acceso dibattito. Nel campo della gastronomia, l'inglese sta recentemente competendo con il prestigio del francese, che domina da secoli. Tuttavia, esistono importanti differenze d'uso che devono essere prese in considerazione da una critica linguistica fondata, differenziata e orientata alla partecipazione. 1 Einleitung Küche und Kochkunst sind in ähnlicher Weise wie die menschliche Sprache eines der kennzeichnenden Merkmale einer Kultur und eines Volkes. Die Über‐ einstimmungen, die intuitiv zwischen dem sprachlichen und dem kulinarischen Code ausgemacht werden können, haben dazu geführt, dass Letzterer als eigenes semiotisches System wie eine Sprache betrachtet wird, die sowohl ein Volk als auch ein Individuum, sowohl nach außen als auch nach innen, unterscheidet (Sergio 2017: 195). 1 Und beide Codes sind gleichermaßen empfänglich für Kritik, Instrumentalisierungen ebenso wie für ideologische Aufladungen. 2 Sprachkritik im Sinne beschreibender und bewertender Reflexionen lässt sich seit dem ausgehenden Mittelalter ausmachen, und die allmähliche Überda‐ chung der einzelnen italienischen Mundarten durch das Florentinische wurde fortlaufend von wertenden positiven und negativen Stellungnahmen begleitet. Historisch betrachtet, hat zunächst eine literarisch-ästhetische Argumentati‐ DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 72 Antje Lobin onslinie dominiert, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch politische Bewer‐ tungsmaßstäbe abgelöst wurde (Krefeld 1988: 312). Insbesondere in der Folge der politischen Einigung 1861 wurde die unitarietà, die Einheitlichkeit, zum Schlüsselbegriff einer ideologisch motivierten exklusiven Sprachbewertung. Eine besondere Virulenz erfuhr die im 19. Jahrhundert aufgekommene ideolo‐ gisch-theoretische Rechtfertigung der italienischen Einheitssprache schließlich im Faschismus. Die Sorge um die italienische Nationalsprache zieht sich bis in die Gegenwart und ordnet sich aktuell in eine europäische Entwicklung ein, bei der die Frage der Identitätsfunktion zahlreicher europäischer Hochsprachen ins Zentrum rückt (Reutner/ Schwarze 2011: 199). Der vorliegende Beitrag richtet seinen besonderen Fokus auf die sprachkri‐ tischen und sprachpolitischen Positionen und Maßnahmen im Hinblick auf das italiano gastronomico, die im Zusammenhang mit der nationalen Einigung sowie mit dem Faschismus hervorgebracht wurden. Zentral ist hierbei Pellegrino Artusis Scienza in cucina e l’Arte di mangiar bene. Manuale pratico per le famiglie (1891) sowie die Arbeit der Commissione per l’italianità della lingua (1941-1943). In diesem Kontext wird auch aufgezeigt, wie prägend die Entwicklungen im Bereich der Entlehnungen und Kreation von Ersatzwörtern in der ersten der beiden genannten Phasen für die zweite war. Darüber hinaus soll ein Einblick in gegenwärtige Tendenzen gegeben werden. 2 Das italiano gastronomico - ein Blick in die Geschichte Die Sprache der Küche wurde lange Zeit nur mündlich tradiert, was es er‐ schwert, ihr Profil vollständig nachzuzeichnen (Sergio 2017: 193). In Westeuropa beginnt die schriftliche Überlieferung im 13./ 14. Jahrhundert, wobei die Texte über lange Zeit anonym blieben. Mutmaßlich die älteste überlieferte in italieni‐ scher Volkssprache verfasste Rezeptsammlung stammt aus den 20er Jahren des 14. Jahrhunderts und wird in der Biblioteca Riccardiana in Florenz aufbewahrt (Frosini 2009a: 80). Bereits im 13./ 14. Jahrhundert prägen den gastronomischen Wortschatz Phänomene, die kennzeichnend sind für den Ausbau einer Fach‐ sprache wie Spezialisierung gemeinsprachlicher bzw. Domänenwechsel bereits fachsprachlicher Elemente sowie Entlehnungen (Frosini 2009a: 81). Anschau‐ lich belegt ist die Annahme eines eigenen Wortschatzes des gastronomischen Bereichs auch in Boccaccios Decamerone in der dritten Novelle des achten Tages (z. B. formaggio parmigiano, maccheroni, raviuoli, brodo di capponi; Sergio 2017: 197). Grundsätzlich ist das gastronomische Italienisch von Beginn an von einem besonderen Zusammenspiel von regionalsprachlichen Elementen und Entlehnungen geprägt: DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 73 Nel linguaggio gastronomico italiano […] convivono due componenti solo apparen‐ temente antinomiche, in realtà costitutive ab ovo: l’elemento locale, identitario, è affiancato costantemente da un considerevole apporto esogeno, segno di costante mescolanza e di apertura verso le altre e differenti tradizioni. (Frosini/ Lubello 2023: 46) Eine erste konkrete namentliche Zuordnung kann mit Maestro Martino da Como und seinem Werk De arte coquinaria Mitte des 15. Jahrhunderts vorge‐ nommen werden (Frosini/ Lubello 2023: 24). Über den prägenden Charakter dieses Textes schreibt Lubello: Anche escludendo le testimonianze più antiche […], è certo che già il primo libro non anonimo, quello di Maestro Martino, della seconda metà del XV sec., si configura bene come Fachtext tanto a livello microtestuale (lessico e sintassi) quanto macrotestuale (organizzazione interna, partizione e ordine del testo ecc.). (2001: 232) In der Zeit von Renaissance und Humanismus bildet sich dann, verbunden mit der höfischen Kultur, eine regelrechte Kochkunst heraus. Besondere Erwäh‐ nung verdient das „erste große Fürstenkochbuch“ (Peter 2006: 86) Banchetti, compositione di vivande et apparecchio generale von Cristoforo Messi Sbugo, das 1549 in Ferrara gedruckt wird. Messi Sbugo überliefert darin zunächst die für ein Festmahl notwendigen Utensilien und Lebensmittel. Dem schließt sich die Auflistung der von ihm zwischen 1524 und 1548 ausgerichteten Bankette sowie eine Zusammenstellung von 323 Rezepten an (Peter 2006: 86). Diese strukturelle Dreiteilung wird für die zukünftigen Kochbücher modellbildend sein (Sergio 2017: 197). Die sprachliche Form der Banchetti ist die einer Koiné, die die dialektale Prägung der Po-Ebene mit lateinischen und toskanischen Bestandteilen sowie einigen - vorwiegend französischen, aber auch deutschen und spanischen - Entlehnungen verbindet (Sergio 2017: 198). Um dem wach‐ senden Bezeichnungsbedarf zu begegnen, machen Messi Sbugo sowie die Verfasser weiterer Abhandlungen im 16. Jahrhundert intensiven Gebrauch von Suffigierungen: Zahlreich dokumentiert sind Ableitungen auf -ata, so agliata ‘salsa a base di aglio’, farrata ‘torta di farro’, ginestrata ‘minestra a base di zafferano’ und perata ‘conserva di pere’ (Catricalà 1982: 158). Entlehnungen aus dem Französischen sind etwa anchioe (fr. anchois) ‘Sardelle’, cosciotto (fr. gigot) ‘Keule’ und macarello (fr. maquereau) ‘Makrele’ (Catricalà 1982: 159). Die sog. rivoluzione alimentare, die sich im 18. Jahrhundert in Westeuropa und v.a. in Frankreich zusammen mit einer Abkehr vom Ancien Régime voll‐ zieht, führt zu einem tiefgreifenden Wandel im Bereich gastronomischer Ab‐ handlungen und ihrer Sprache (Frosini 2009a: 83). Kennzeichnend für diesen Umbruch ist in Italien Il cuoco piemontese perfezionato a Parigi, der 1766 in Turin DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 74 Antje Lobin veröffentlicht wird und ein frühes Beispiel für die Französisierung der Sprache der Küche darstellt (Peter 2006: 123). Belege hierfür sind hors d’œuvre, escalope, court-bouillon, bechamel, meringues usw. (Frosini 2009a: 83). In ganz besonderer Weise dazu geeignet, die französische Durchdringung der gastronomischen Sprache zu erfassen, ist die bedeutendste Abhandlung aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert, der Apicio moderno (1790) von Francesco Leonardi. Colia (2012: 52-53) charakterisiert den Apicio moderno und seinen Autor folgendermaßen: […] si tratta di un testo pienamente settecentesco, come dimostra la sua tendenza all’enciclopedismo e l’ammirazione nei confronti della cucina d’Oltralpe, ma unica‐ mente ampio, che superò quelli coevi italiani e francesi soprattutto per la quantità e varietà di piatti proposti; […] vi si ritrovano […] prime attestazioni di denominazioni […] e considerevoli riferimenti geografici e linguistici che disvelano in Leonardi una personalità attenta e curiosa, amante dei viaggi e delle letture, con in più una coscienza linguistica all’epoca senza pari tra i suoi colleghi. Zu den phonetischen Anpassungen französischer Ausdrücke an das Italienische, die in beeindruckender Dichte im Werk vorkommen, zählen: antrè, antremè, besciamella, consomè, escaloppe alla Riscelieù, fondù, orduvre, salsa ascè und torta alla Sciantigli. Der Autor scheint sich möglicher Verständnisschwierigkeiten in hohem Maße bewusst zu sein, „tanto che […] sente la necessità di includere nel Tomo Sesto una Spiegazione Generale De’ Termini Francesi, e una lista Di alcuni Termini Francesi, ed Italiani usitati nella Cucina in testa al Tomo Primo“ (Frosini 2009a: 84), u.a.: Consomè, vuol dire Brodo consumato. […] Suage, è questo un Brodo per Zuppe. […] Fricassé, specie di vivanda di Polleria brodettata. (Leonardi 1790: VI, 304-305) 3 Das gastronomische Italienisch im 19. und 20.-Jahrhundert: Sprachkritik und Sprachpolitik 3.1 Sprachreflexion und Sprachkritik bei Pellegrino Artusi Ende des 19. Jahrhunderts kommt es zu einem klaren Bruch gegenüber der Sprache bisheriger Rezeptsammlungen, die geprägt war von einem deutlichen infranciosamento (Frosini 2009a: 86). Im Jahr 1891 wird mit dem Erscheinen der Scienza in cucina e l’Arte di mangiar bene. Manuale pratico per le famiglie DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 75 3 In seinem Itabolario, einer Aufstellung von seit der nationalen Einigung für die italienische Sprachgeschichte relevanten Ausdrücken und Konzepten, ordnet Arcangeli dem Jahr 1891 denn auch den Begriff Cucina zu (2011: 76-78). 4 Eine 15. und letzte Auflage erschien 1911. 5 Maren Preiss spricht in einem Artikel für DIE ZEIT von Artusi als einem „kulinari‐ sche[n] Cavour“. (Maren Preiss: „Schlemmen für das Vaterland“, DIE ZEIT, 4.12.2003 [16.06.24].) von Pellegrino Artusi ein regelrechter Paradigmenwechsel ausgelöst, den Fro‐ sini (2009b: 321) sogar als kopernikanische Revolution bezeichnet. 3 Die erste Ausgabe der Scienza enthielt 475 Rezepte, die 14. und letzte zu Lebzeiten von Artusi erschienene Auflage von 1910 versammelte 790 Rezepte (Frosini 2009a: 86). 4 Artusi gilt als Begründer eines linguaggio culinario italiano moderno (Frosini 2009a: 87). Sein Anliegen einer einheitlichen gesprochenen Sprache legt er folgendermaßen dar: Dopo l’unità della patria mi sembrava logica conseguenza il pensare all’unità della lingua parlata, che pochi curano e molti osteggiano, forse per un falso amor proprio e forse anche per la lunga e inveterata consuetudine ai propri dialetti. (1891: Nr. 288, Cacciucco) In diesem Sinne kann die Scienza in cucina in einer Reihe mit anderen großen Werken genannt werden, die zur Herausbildung eines nationalen Italienisch nicht nur in der Schriftlichkeit, sondern auch in der Mündlichkeit beigetragen haben, z.B. Carlo Collodis Pinocchio (1881-1883) und Edmondo De Amicis’ Cuore (1886). Artusi propagierte das zeitgenössische Florentinisch als sprachliches Modell und trat mit dieser Anerkennung der kulturellen Vorrangstellung von Florenz gewissermaßen in die Fußstapfen von Alessandro Manzoni (Frosini 2009a: 87) bzw. leistete nach Camporesi (1995: XVI) einen noch größeren Beitrag zur Einigung Italiens: […] bisogna riconoscere che La Scienza in cucina ha fatto per l’unificazione nazionale più di quanto non siano riusciti a fare i Promessi Sposi. I gustemi artusiani, infatti, sono riusciti a creare un codice di identificazione nazionale là dove fallirono gli stilemi e i fonemi manzoniani. Artusi wird auch als Manzoni der lingua gastronomica italiana betrachtet. Der Vergleich wird von Camporesi (1995: XVI) angeführt und von Serianni (2009: 107) nochmals aufgegriffen. 5 Ähnlich wie es Manzoni mit den Promessi Sposi getan hat, überarbeitet auch Artusi sein Werk von Ausgabe zu Ausgabe im Sinne sprachlicher Gewandtheit und einer Loslösung von florentinischer Idiomatik DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 76 Antje Lobin (Sergio 2017: 203). So ist auch von der ersten Ausgabe der Scienza an eine „Spiegazione di voci che essendo del volgare toscano non tutti intenderebbero“ (1891: IX) der Rezeptsammlung vorangestellt. Artusis Werk, das an vielen Stellen eine sprachkritische Prägung aufweist, zeugt in hohem Maße von seinem Sprachbewusstsein und seiner Sprachrefle‐ xion. So hatte Artusi beispielsweise eine klare Vorstellung von der großen Vielfalt an Geosynonymen in Italien (Sergio 2017: 203). Diese sind geradezu das Schlüsselelement der wunderbaren Erzählung der kulinarischen Geschichte Italiens: „la via maestra del meraviglioso racconto della storia culinaria del Bel Paese passa proprio per le tante denominazioni concorrenti - locali o nazionali“ (Arcangeli 2015: 9). Dass Geosynonyme und Polysemie jedoch auch zu Verständnisschwierigkeiten führen können, macht Artusi im Rezept zu Cacciucco deutlich: Cacciucco! Lasciatemi far due chiacchiere su questa parola la quale forse non è intesa che in Toscana e sulle spiagge del Mediterraneo, per la ragione che ne’ paesi che costeggiano l’Adriatico è sostituita dalla voce brodetto. A Firenze, invece, il brodetto è una minestra che s’usa per Pasqua d’uova, cioè una zuppa di pane in brodo, legata con uova frullate ed agro di limone. La confusione di questi e simili termini fra provincia e provincia, in Italia, è tale che poco manca a formare una seconda Babele. (1891: Nr.-288) In seiner Scienza in cucina geht Artusi aber vielfach auch über rein sprachre‐ flexive Beobachtungen hinaus. Vielmehr werden hier explizit sprachpolitische Positionen vertreten. Im Folgenden soll anhand einiger Beispiele illustriert werden, wie sich Artusi gegen den übermäßigen Einsatz von Lehnwörtern und insbesondere gegen den französischen Einfluss ausspricht. Im Rezept zu Krapfen heißt es beispielsweise: Proviamoci di descrivere il piatto che porta questo nome di tedescheria ed andiamo pure in cerca del buono e del bello in qualunque luogo si trovino; ma per decoro di noi stessi e della patria nostra non imitiamo mai ciecamente le altre nazioni per solo spirito di stranieromania. (1891: Nr.-115) Eine besondere Abneigung zeigt Artusi gegenüber der ampollosità, der Schwüls‐ tigkeit und snobistischen Konnotation, die er mit französischen Bezeichnungen verbindet (Sergio 2017: 204-205). Zu Salsa alla maître d’hôtel (1891: Nr. 78) schreibt er: „Sentite che nome ampolloso per una briccica da nulla! “ Und dem Rezept zu den Bocconi di pane ripieno (1891: Nr. 139) ist zu entnehmen: „Se scrivessi in francese, seguendo lo stile ampolloso di quella lingua, potrei chiamare questi bocconi: bouchées de dames; e allora forse avrebbero maggior DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 77 pregio che col loro modesto nome.“ Für die französische Bezeichnung einer Kartoffelzubereitung (1891: Nr. 278, Patate alla sauté) wird mit Verweis auf gutes Italienisch ebenfalls eine Alternative vorgeschlagen: „Che vuol dire, in buon italiano, patate rosolate nel burro.“ In Bezug auf purée führt Artusi - ergänzend zu seinen sprachpuristischen Ansichten - das Argument der Verständlichkeit ins Feld, die im Falle des Gebrauchs fremd- und fachsprachlicher Bezeichnungen leidet: Oramai in Italia se non si parla barbaro, trattandosi specialmente di mode e di cucina, nessun v’intende; quindi per esser capito bisognerà ch’io chiami questo piatto di contorno non passato di…; ma purée di… o più barbaramente ancora patate mâchées. (1891: Nr.-280, Passato di patate) Ein weiterer Beleg für die Ablehnung französischer Bezeichnungen, die sich hier mit einem expliziten Bekenntnis zur Nationalsprache verbindet, findet sich im Rezept zur Zuppa sul sugo di carne, das in der dritten Ausgabe der Scienza aus dem Jahr 1897 aufgenommen wurde: Certi cuochi, per darsi aria, strapazzano il frasario dei nostri poco benevoli vicini con nomi che rimbombano e non dicono nulla, quindi, secondo loro, questa che sto descrivendo, avrei dovuto chiamarla zuppa mitonnée. […] Ma io, per la dignità di noi stessi, sforzandomi a tutto potere di usare la nostra bella ed armoniosa lingua paesana, mi è piaciuto di chiamarla col suo nome semplice e naturale. (1911: Nr.-38) Als Verteidiger der bella ed armoniosa lingua paesana nimmt Artusi Anpas‐ sungen fremdsprachlicher Ausdrücke vor, um sie bestmöglich ins System des Florentinischen einzupassen (Frosini 2009a: 90-91). Beispiele für Anpassungen aus dem Französischen sind: bordò (fr. bordeaux), ciarlotta (fr. charlotte), cotolette (neben der Variante costolette; fr. côtelette), gruiera (fr. gruyère); Beispiele aus dem Englischen lauten: bistecca alla fiorentina (engl. beef steak), ponce (engl. punch), rosbiffe (neben der Variante roast-beef). Darüber hinaus wird Artusi selbst übersetzerisch und sprachschöpferisch tätig: Die sauce Ravigote benennt er um zur salsa verde, beignets werden zu ciambelline, entremets zu tramessi, und das soufflet wird übersetzt als sgonfiotto. Im Falle von ciambelline/ beignet argumen‐ tiert er explizit mit einer größeren Entsprechung zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem (1911, 190): „A me queste ciambelline furono insegnate col nome di beignets; ma la loro forma mi suggerisce quello più proprio di ciambelline, e per tali ve le offro.“ Im Sinne einer für sich in Anspruch genommenen Äquidistanz „sia da arroccamenti puristi che da quella che chiamava ‘stranieromania’“ (Sergio 2017: 204), behält Artusi in einigen Fällen den fremdsprachlichen Begriff auch bei, z.B. Krapfen, Strudel oder vol-au-vent. Ein Aspekt sei abschließend DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 78 Antje Lobin 6 Zum reziproken Verhältnis von Ernährung und Onomastik vgl. Caffarelli (2002). 7 Für eine Bestimmung der Textsorte „Kochrezept“ sei verwiesen auf Langer (1995: 269). noch herausgestellt. Der Linie folgend, dass die Dinge Vorrang vor den Wörtern haben (Sergio 2017: 205), betont Artusi wiederholt, dass es ihm nicht um Namen gehe. 6 In diesem Sinne ist im Rezept zu Piccione all’inglese zu lesen: Avverto qui una volta per tutte che nella mia cucina non si fa questione di nomi e che io non do importanza ai titoli ampollosi. Se un inglese dicesse che questo piatto, il quale chiamasi anche collo strano nome di piccion paio, non è cucinato secondo l’usanza della sua nazione, non me ne importa un fischio: mi basta che sia giudicato buono, e tutti pari. (1891: Nr.-173) An anderer Stelle (1891, 198. Spalla d’agnello all’ungherese) schreibt Artusi: „Se non è all’ungherese sarà alla spagnuola o alla fiamminga; il nome poco importa purché incontri, come credo, il gusto di chi la mangia.“ Im Folgenden wird nun gezeigt werden, in welchem Maße die Ersatzformen, die auf Artusi zurückgehen, auch die späteren sprachpolitischen Maßnahmen prägten. Mitentscheidend dafür, dass sich die von Artusi vorgeschlagenen sprachlichen Formen durchgesetzt haben, war die Tatsache, dass die Leserschaft die Scienza in cucina nicht nur passiv rezipierte, sondern über postalische Korrespondenz aktiv an der Ausarbeitung der verschiedenen Ausgaben beteiligt war (Piacentini 2016: 185). Diese spezifische intertextuelle Dimension begüns‐ tigte zum einen die beständige Weiterentwicklung des Werkes, zum anderen etablierte sich eine regelrecht freundschaftliche Beziehung zwischen dem Autor und seiner Leserschaft, der italienischen Gesellschaft des frühen 20. Jahrhun‐ derts (Piacentini 2016: 185). In diesem Sinne ist der Einfluss von Artusi auch als Ergebnis einer aktiven, geradezu demokratischen Zusammenarbeit zu werten (Piacentini 2016: 185): Una conversazione continua e reciproca con i lettori […] sta alla base della Scienza in cucina, che presto diventa un’opera co-autoriale, scritta per le famiglie italiane - come recita il frontespizio - e con le famiglie italiane, oltre che un vero blog d’altri tempi. (Frosini/ Lubello 2023: 95) Exemparisch sei das Rezept zur Crema alla francese angeführt, das gleicher‐ maßen als Erzählung und als Rezept gelesen werden kann: 7 Eravamo nella stagione in cui i cefali delle Valli di Comacchio sono ottimi in gratella, col succo di melagrana, e nella quale i variopinti e canori augelli, come direbbe un poeta, cacciati dai primi freddi attraversano le nostre campagne in cerca di clima più DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 79 8 Das Dizionario moderno erlebt in 30 Jahren sieben Auflagen. Die achte Auflage erscheint posthum im Jahr 1942. Bis zur 10. Auflage im Jahr 1963 wurde das Wörterbuch sukzessive um einen Anhang mit Neologismen ergänzt (Frosini 2009a: 93). mite, ed innocenti quai sono, povere bestioline, si lasciano cogliere alle tante insidie e infilar nello spiedo. (1891: Nr.-214) 3.2 Fremdwortbekämpfung in der ersten Hälfte des 20.-Jahrhunderts Aufgenommen im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts, setzt sich der Kampf gegen die Gallizismen im Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg fort. Die sprachpuristischen Tendenzen werden zu dieser Zeit durch den Patriotismus befeuert (Capatti 1998: 796-797). Im Jahr 1908 beschließt der königliche Hof, dass die Lebensmittellisten des Palastes von nun an in der Landessprache und nicht mehr auf Französisch zu erstellen seien (Touring Club Italiano 1923: 691, ref. n. Capatti 1998: 764). In diesem Sinne beauftragt König Vittorio Emanuele III. eine Kommission aus Mitgliedern der Accademia della Crusca und weiteren Sprachwissenschaftlern damit, für bestimmte gastronomische Ausdrücke aus dem Französischen italienische Äquivalente vorzuschlagen (Touring Club Ita‐ liano 1923: 691-692, ref. n. Capatti 1998: 797). Der erste Gallizismus, für den die Crusca eine Alternative erarbeitet, ist menu, das durch lista ersetzt wird. Dieser Vorschlag setzte sich gegenüber anderen wie minuta, distinta, elenco, gastronota durch (Capatti 1998: 797). Dass diese sprachliche Maßnahme allerdings eher symbolischen Charakter hatte, belegt die Zusammenstellung eines Staatsbanketts, das vom Hause Savoia am 1. Januar 1908 gegeben wurde und dessen Bestandteile die französische Folie klar durchscheinen lassen: Ostriche. Consumato di selvaggina all’inglese. Piccole torte alla Principessa. Filetto di manzo alla Périgord. Petti di Pollo alla Lorenese. Poncio allo Sciampagna. (Cougnet 1911: 802, zit. n. Capatti 1998: 797) In eindrucksvoller Weise werden die Veränderungen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im italienischen Wortschatz vollziehen, im Wörterbuch Dizio‐ nario moderno - Supplemento Ai Dizionari Italiani von Alfredo Panzini erfasst (Frosini 2009a: 93). Jenseits seiner präskriptiven Orientierung kann dieses Wörterbuch bereits mit der ersten Ausgabe im Jahr 1905 als Indikator dafür erachtet werden, welche Fremdwörter Eingang ins Italienische finden würden. 8 Die Leistung dieses Supplemento Ai Dizionari Italiani für die Lexikographie hebt Della Valle (1993: 74) folgendermaßen hervor: DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 80 Antje Lobin […] il dizionario panziniano indica una possibile via d’uscita ai lessicografi, quella del supplemento, dell’aggiornamento dei dizionari ufficiali, attraverso una documen‐ tazione neologica raccolta senza intenti prescrittivi, ma solo come testimonianza del cambiamento linguistico. Im Vorwort des Wörterbuchs bringt Panzini (1905: XVI) selbst die mögliche Notwendigkeit von Entlehnungen im Zusammenhang mit einer übergreifenden Entwicklung klar zum Ausdruck: E infine questa invasione, questo permeare, questa endosmosi, per così dire, di voci straniere, chi può assicurare che non rappresenti una necessità, un fenomeno di evoluzione complessa di questa «itala gente da le molte vite» di cui ciò che appare nel linguaggio è fatto parziale? In diesem Sinne nimmt Panzini eine beträchtliche Anzahl von Fremdwörtern aus dem kulinarischen Bereich in das Wörterbuch auf, z. B. brioche, dessert, marrons glacés, bitter, würstel etc. Er verweist aber ebenso in hohem Maße lobend auf Artusi und dessen lexikalische Überlegungen. Unter dem Eintrag s.v. entremets ist etwa zu lesen: Il signor P. Artusi, romagnolo e toscano, il quale per suo diletto publicò un pregevolis‐ simo ed accurato manuale di scienza culinaria tanto poco noto quanto meritevolissimo di essere noto (Firenze, S. Landi, 1891) traduce la voce francese con tramesso, cioè posto in mezzo alle vivande del pranzo. (Panzini 1905: s.v. entremets) Il signor P. Artusi nel citato manuale di Culinaria, scritto con grazia nostrana e purezza di lingua da far arrossire molti testi scolastici, (voglio dire i loro autori) propone in tale senso le voci crosta e crostare. (Panzini 1905: s.v. glassare) In den Jahren der faschistischen Regierung von Benito Mussolini (1922-1945) erhält die Nationalsprache eine entscheidende politische Funktion, denn die sprachliche unità bildet ein Hauptanliegen faschistischer Sprach-, Bildungs- und Medienpolitik (Reutner/ Schwarze 2011: 178). Am 27. Juni 1923 richtet Mussolini eine Nachricht an das Innenministerium, in der er ein Verbot fremdsprachiger Beschilderung ohne italienisches Äquivalent fordert. Dieses Dokument kann als erste Äußerung Mussolinis zu einer nationalistisch geprägten Sprachpolitik betrachtet werden (Raffaelli 1983: 128): Ma io credo che […] si debba più direttamente ed energicamente agire per combattere la predetta abitudine [la deplorevole e deplorata abitudine di molti commercianti italiani che usano parole e locuzioni straniere nelle insegne e mostre delle proprie botteghe], indizio di deficiente spirito e sentimento italiano. Nei regolamenti di polizia locale di alcune Città è vietato usare nelle insegne delle botteghe locuzioni DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 81 9 Die Reale Accademia d’Italia war per Gesetzesdekret am 7. Januar 1926 von der Regierung Mussolini gegründet und am 28. Oktober 1929 mit einer Rede Mussolinis in der Villa Farnesina eröffnet worden. 10 Das archivierte Material der Akademie wurde inzwischen systematisiert und inventa‐ risiert, vgl. Cagiano De Azevedo/ Gerardi (2005). 11 Nur am Rande sei angemerkt, dass der italienische Schriftsteller, faschistische Politiker und Begründer des Futurismus Filippo Tommaso Marinetti diese sprachpuristischen Ansichten teilte. In seinem Piccolo dizionario della cucina futurista schlägt er u.a. folgende Alternativbezeichnungen vor: peralzarsi für dessert, polibibita für cocktail, pranzoalsole für picnic und traidue für sandwich (Marinetti 1932: 247-252). esclusivamente straniere non accompagnate dalla corrispondente scritta italiana. Questo divieto dovrebbe essere esteso con una norma generale a tutti i Comuni del Regno e con criteri anche più rigorosi […]. (Raffaelli 1983: 128) In der Folge werden Fremdwörter zum Gegenstand zahlreicher Erlasse. Beson‐ ders hervorzuheben ist das Gesetz 2042 vom 23.12.1940, das die Verwendung von Fremdwörtern in Firmenbezeichnungen sowie sämtlichen Formen der Unternehmenskommunikation verbietet. Es handelt sich hierbei um eines der bedeutendsten Zeugnisse nicht nur der Sprach-, sondern auch der allgemeinen Kulturpolitik des faschistischen Regimes (Raffaelli 2009: 349). Im Rahmen der Ausarbeitung des Gesetzes stellte sich heraus, dass es zweck‐ mäßig wäre, den Fremdwörtern, die zu vermeiden sind, sogleich ein italienisches Ersatzwort zur Seite zu stellen. Diese heikle Aufgabe der Erarbeitung von italienischen Äquivalenten wurde der Reale Accademia d’Italia anvertraut, zu deren spezifischen Aufgaben die Verteidigung des italienischen Charakters der Sprache gehörte (Piacentini 2016: 152). 9 Um die genannte sprachliche Aufgabe zu bewältigen, wurde eine Commissione per l’italianità della lingua eingerichtet, die zwischen Februar 1941 und Juni 1943 zusammentrat. Zwischen Mai 1941 und Mai 1943 sind 15 Ersatzlisten im Bollettino di informazioni della Reale Accademia d’Italia veröffentlicht worden (Raffaelli 2009: 349). 10 Unter den ca. 2.000 Fremdwörtern stammen ca. 300, also 15%, aus dem Bereich der Küche (Raffaelli 2009: 356). Vor diesem Hintergrund wurde, dem Autarkiediktat der Zeit folgend (Sergio 2017: 206), in der achten Ausgabe des Dizionario moderno (1942) eine Liste von über 900 Fremdwörtern veröffentlicht, die es zu vermeiden galt. Etwa ein Fünftel davon gehört dem gastronomischen Bereich an, für die entsprechenden Ausdrücke wurden Ersatzlexeme vorgeschlagen, so brioche - brioscia, dessert - fin di pasto, marrons glacés - marroni canditi, bitter - amaro, würstel - salsiccia viennese etc. (Frosini 2009a: 94). 11 DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 82 Antje Lobin Die Arbeitsweise der Commissione ließ eine angemessene theoretische Dis‐ kussion vermissen: Le proposte dei linguisti […] non si basano su teorie linguistiche e su metodi descrittivi di analisi e di verifica empirica. […]. Va rilevato per altro che quelle discussioni, pur svolgendosi in anni di grande fermento internazionale nel campo della teoria linguistica […], rimangono completamente estranee ai motivi di quel fermento. (Klein 1986: 119-120) Für die Ersatzbildungen im gastronomischen Bereich hat Raffaelli (2009: 359-361) die folgende Typologie aufgestellt: 1. grafische Anpassungen kaki > cachi, paprika > pàprica, wodka > vodka 2. grafische Anpassungen auf der Basis der italienischen Aussprache beignet > bignè, pique-nique > picnic, yoghourt > iogùrt 3. morphophonetische Anpassungen brioche > brioscia, praline > pralina, timbale > timballo brezel > bressadella/ bracciatello, escaloppe > scaloppina, poularde > pollastro 4. semantische Nachbildungen civet de lièvre > stufato di lepre, petit four > sfornatella, potage > zuppa, nougatine > nocellina 5. Umschreibungen béchamel > salsa bianca, dessert > fin di pasto, entre-côte > bistecca senz’osso, goulasch > spezzatino all’ungherese, scone > muffoletto al burro 6. Ersatzformen/ Wortschöpfungen bonbon > chicca, caramella mou > tenerella, cocktail > arlecchino Eine der schillerndsten Ersetzungen, die zu vielen Diskussionen geführt hat, ist arlecchino für Cocktail. Dieses Ersatzwort wurde von Bruno Migliorini, Mitglied sowie späterer Präsident der Accademia della Crusca, vorgeschlagen, was dem Vorschlag zugleich eine gewisse Autorität verlieh. Die Kommission hat sich für diese Form und gegen Anpassungen wie etwa cocteil und coccotello oder die wörtliche Übersetzung coda di gallo entschieden (Piacentini 2016: 175). In einer Rezension in Lingua Nostra zum Dizionario di esotismi von Antonio Jacono (1939) führt Migliorini (1940: 46) die Anforderungen an dieses Ersatzwort aus: Non mi sembra poi che i surrogati proposti (zozza plebeo e misce antiquario) abbiano la vitalità necessaria per arrivare a sostituire cocktail: occorre un nome fantasioso che costituisca in qualche modo l’equivalente di ciò che di suggestivo e di snobistico ha la forma esotica del nome: forse potrebbe essere più fortunato un arlecchino. DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 83 Die Diskussion endete nicht mit diesem Artikel, sondern wurde einige Zeit später in derselben Zeitschrift nochmals aufgegriffen. In „Arlecchino figlio di due padri“ - der Titel spielt auf Goldonis Servitore di due padroni an, denn offensichtlich war der Vorschlag zugleich auch durch das Akademie-Mitglied Riccardo Bacchelli eingereicht worden - erläutert Migliorini (1942: 45) nochmals sein Benennungsmotiv: Avevo pensato, nel proporre questo nome, all’aspetto multicolore della miscela (che e l’immagine su cui si fonda il nome di cocktail ‘coda di gallo’); e m’ero fondato sugli usi metaforici che già arlecchino aveva avuto in Italia (gelato di più colori, una specie d’amaranto tricolore) e in Francia […]. 3.3 Zur Nachhaltigkeit der Ersatzformen der Commissione per l’italianità della lingua In einer Studie zur Nachhaltigkeit der Arbeit der Commissione per l’italianità della lingua ist Piacentini (2016) zunächst der Frage nachgegangen, welcher Anteil des vorgeschlagenen Ersatzmaterials bereits in Artusis Scienza in cucina und Panzinis Dizionario moderno vorhanden war. Hierbei wird zum einen deut‐ lich, dass das Dizionario moderno grundlegendes Instrument für die Arbeit der Kommission war. Besonders ausgeprägt ist dessen Einfluss in den Kategorien der grafischen Anpassung (1), der grafischen Anpassung auf der Basis der italienischen Aussprache (2) sowie der morphophonetischen Anpassung (3) (Piacentini 2016: 179). Zum anderen offenbart sich, in welchem Maße sich die Kommission an denjenigen semantischen Nachbildungen (4), grafischen Anpassungen an die italienische Aussprache (2) sowie morphophonetischen Anpassungen (3) orientierte, die bereits Artusi vorgeschlagen hatte (Piacentini 2016: 180). Semantische Nachbildungen sind z.B. lingue di gatto (fr. langues de chat) und uova affogate (fr. œufs pochés), Anpassungen an die italienische Aussprache sind babà (fr. baba) und elisir (fr. élixir), und morphophonetische Anpassungen finden wir in bistecca (engl. beef steak) und ponce (engl. punch). Tatsächlich scheint also La Scienza in cucina den Maßstab für die Italianisierung von Fremdwörtern gesetzt zu haben. Beschränkt auf den gastronomischen Bereich kann festgestellt werden, dass sich die Mitglieder der Kommission in hohem Maße auf das Dizionario moderno von Panzini stützten, das sich seinerseits eindeutig an Artusi orientierte (Piacentini 2016: 180). Die Tatsache, dass Panzini ab der Ausgabe von 1931 das Lemma Artusi ins Wörterbuch aufnahm, bezeugt zudem die Bewunderung des dem guten Essen zugetanen Schriftstellers und Lexikographen Panzini für Artusi (Piacentini 2016: 177). DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 84 Antje Lobin Per antonomasia libro di cucina. Che gloria! Il libro che diventa nome! A quanti letterati toccò tale sorte? Era l’Artusi di Forlimpopoli (1821-91), banchiere, cuoco, bizzarro, caro signore, e molto benefico, come dimostrò nel suo testamento; e il suo trattato è scritto in buon italiano. E non era letterato, ne professore. Eine weitere Frage, der Piacentini (2016: 181-184) nachgegangen ist, ist dieje‐ nige nach dem Erfolg oder Misserfolg der Ersatzformen der Kommission. Auf der Basis des Archivs der Tageszeitung La Repubblica, das Daten aus dem Zeitraum 01.01.1994-31.01.2014 umfasst, wurden die in Tab. 1 zusammengestellten Werte ermittelt. Typus des Ersatzworts der Kommission Fremdwort häufiger als Ersatzwort Ersatzwort häufiger als Fremdwort kein gemein‐ sames Auf‐ treten von Fremd- und Ersatzwort 1. grafische Anpassung 54,55% 36,36% 9,09% 2. grafische Anpassung auf Basis der ital. Aussprache 0% 71,43% 28,57% 3. morphophonetische An‐ passung 35% 52,50% 15% 4. semantische Nachbildung 23,34% 59,17% 17,50% 5. Umschreibung 45% 32,5% 22,5% 6. Ersatzform/ Wortschöp‐ fung 66,67% 0% 33,34% Tab. 1: Erfolg und Misserfolg der Ersetzungen der Commissione per l’italianità della lingua (Piacentini 2016: 182) Aufschlussreich ist insbesondere die Kategorie der grafischen Anpassungen auf der Basis der italienischen Aussprache (2). Hier ist kein einziger Fall belegt, in dem das Fremdwort häufiger vorkäme als das Ersatzwort. Entspre‐ chend scheinen die Sprachnutzerinnen und -nutzer gegenüber dieser Form der Substitution besonders empfänglich zu sein. Bei den morphophonetischen Anpassungen (3) ist das Ersatzwort in ca. 50% der Fälle häufiger belegt als das Fremdwort. Die semantischen Nachbildungen (4) setzen sich wiederum in der Alltagssprache v.a. aus zwei Gründen durch: Zum einen handelt es sich bei einem recht hohen Prozentsatz der Fremdwörter um sog. Luxuslehnwörter. Hier gab es im Italienischen vielfach eine ältere Bezeichnung für denselben Referenten. Zum anderen spielt die weltweite Bekanntheit und Behauptung der DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 85 italienischen Küche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Die Vitalität des italienischen Gastronomiesektors hat letztlich dazu geführt, dass sich auch die Sprache der Küche ihres eigenen Potenzials bewusst wurde und so eine Abkehr vom Französischen erfolgen konnte (Piacentini 2016: 183). Bei den Umschreibungen (5) überwiegen eindeutig die Fremdwörter. Begründen lässt sich dies mit dem Prinzip der sprachlichen Ökonomie, denn die zum Teil weitschweifigen Umschreibungen laufen diesem Prinzip zuwider (Piacentini 2016: 184). Es stellt sich abschließend die Frage nach der Nachhaltigkeit, die die Maßnahmen der Sprachkommission hatten, und nach den Faktoren, die die Aufnahme der Ersatzwörter in die Alltagssprache begünstigt haben. Ebenfalls auf der Basis des Archivs der Tageszeitung La Repubblica hat Piacentini (2016: 185) einen prozentualen Abgleich vorgenommen und diejenigen Formen iden‐ tifiziert, die aus den Werken von Artusi und Panzini stammen und heute noch vital sind. Er kommt zu dem Schluss, dass das Vorkommen einer Ersatzform in den „Leit“-Texten Scienza in cucina und Dizionario moderno und eine damit einhergehende sprachhistorische Verankerung als stabilisierende Faktoren für die Etablierung der italienischen Variante ausgemacht werden können. Dies gilt insbesondere für grafische (1, 2) und morphophonetische Anpassungen (3) sowie für semantische Nachbildungen (4). So sind sämtliche Ersatzwörter aus dem Dizionario moderno, die durch grafische Anpassung gebildet wurden, und 80% derjenigen, in denen eine grafische Anpassung an die italienische Aussprache erfolgt ist, im Repubblica-Korpus belegt. Für die semantischen Nachbildungen (4) sind es für Artusi und Panzini je etwa ein Drittel. Eine frühe Studie (Cicioni 1984: 93; zit. n. Piacentini 2016: 186) hatte folgende Konstellationen erbracht, in denen ein von der Commissione per l’italianità della lingua gebildetes Ersatzwort - ganz unabhängig vom Sachbereich - gute Chancen hatte, sich in der Alltagssprache zu etablieren: a. Die grafischen und morphophonetischen Anpassungen kommen in Be‐ zeichnungen für weit verbreitete Referenten vor (z.B. ragù). b. Der fremdsprachliche Ausdruck ist zunächst wenig geläufig, da das Be‐ zeichnete wiederum in der italienischen Bevölkerung nicht sehr präsent ist; der Referent hat sich später in allen sozialen Schichten verbreitet, allerdings mit der italienischen Bezeichnung (z.B. cornetto anstelle von kipfel). c. Das Ersatzwort ermöglicht die Bezeichnung mehrerer Referenten, insbe‐ sondere im alltäglichen Wortschatz (z.B. addetto ‘Angestellter, Referent, Zuständiger, Attaché’). DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 86 Antje Lobin d. Der italienische Neologismus folgt etablierten Wortbildungsmustern (z.B. Substantive auf -ista und auf -tore/ -trice wie investigatore anstelle von detective; polirematiche wie carro armato für tank). Auf der Basis seiner Untersuchungen modifiziert und erweitert Piacentini (2016: 186) nun diese Liste für den gastronomischen Bereich und benennt folgende Faktoren, die den Eingang eines Ersatzwortes in die Alltagssprache begünstigt haben: a. Das Fremdwort ist ein sog. Luxuslehnwort, denn es gibt im Italienischen eine spezifische Bezeichnung für denselben Referenten. b. Im Falle des Ersatzwortes handelt es sich um eine grafische, phonetische oder morphophonetische Anpassung des Fremdworts. c. Das Ersatzwort war in phonetischer Hinsicht nicht schwerfälliger als das entsprechende Fremdwort. d. Der Informationsgehalt des Ersatzworts ist nicht geringer als der des Fremdworts. e. Das Ersatzwort gehört nicht in die Kategorie der kreativen Schöpfungen, d.h. es ist keine von der Kommission ex novo geschaffene Bildung. f. Das Ersatzwort hat eine günstige sprachhistorische Verankerung, da es von Artusi in der Scienza in cucina verwendet und/ oder von Panzini in den Dizionario moderno aufgenommen wurde. 3.4 Gegenwärtige Tendenzen Auch im 21. Jahrhundert wird die Frage des Umgangs mit Fremdwörtern rege debattiert. Im Jahr 2002 kulminierten vielfältige Initiativen zur Sprachpflege und Sprachverteidigung in einem Gesetzentwurf zur Gründung eines Consiglio Superiore della lingua italiana. Das Streben nach Purismus einerseits und die Propagierung eines demokratischen und allseits zugänglichen Sprachmodells andererseits führten jedoch dazu, dass hieraus kein konsensfähiges Konzept entstand (Reutner/ Schwarze 2011: 200-201). Zwanzig Jahre später, am 23. Dezember 2022, wurde durch Fabio Rampelli, Abgeordneter der Fratelli d’Italia, ein Gesetzesvorschlag eingebracht, wonach der Gebrauch von Fremdwörtern mit einer Geldstrafe von fünf bis hunderttausend Euro belegt werden solle. Den acht Artikel umfassenden Disposizioni per la tutela e la promozione della lingua italiana e istituzione del Comitato per la tutela, la promozione e la valorizzazione DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 87 12 Vgl. <https: / / documenti.camera.it/ leg19/ pdl/ pdf/ leg.19.pdl.camera.734.19PDL0017640. pdf> (10.07.2024). Vgl. hierzu den Beitrag „Lingua italiana, FdI presenta una proposta di legge per multare chi si macchierà di forestierismo“ in La Repubblica vom 31.03.2023 - <https: / / www.repubblica.it/ politica/ 2023/ 03/ 31/ news/ lingua_italiana_pdl_fdi_multe _forestierismi-394415199> (10.07.2024). della lingua italiana  12 ist ein einführender Text vorangestellt, in dem bildreich die für das Italienische beklagte „Bedrohungslage“ entfaltet wird: L’uso sempre più frequente di termini in inglese […] è diventato una prassi comuni‐ cativa che, lungi dall’arricchire il nostro patrimonio linguistico, lo immiserisce e lo mortifica. (S.-1) Darüber hinaus wird von einer „intrusione di vocaboli inglesi nella nostra lingua che, spesso, rasenta l’abuso“ sowie von einer „infiltrazione eccessiva“ (S. 2) gesprochen. Als Konsequenz wird die Gefahr eines „collasso“ (S. 2) skizziert, der zum fortschreitenden Verschwinden des Italienischen führen könnte. Im Sinne uneigentlicher Rede in Anführungszeichen gesetzt, wird ein „‘inquinamento’“ beklagt, das zu ernsthaften Sorgen um den „stato di salute“ des Italienischen führe (S. 2-3). All dies stelle eine Bedrohung der demokrati‐ schen Teilhabe dar. Um dem zu begegnen und im Sinne einer „salvaguardia nazionale e difesa identitaria“ wird in diesem Gesetzesvorschlag zum Erhalt der italienischen Sprache die Einrichtung eines Comitato per la tutela, la promozione e la valorizzazione della lingua italiana gefordert (S. 3). Für das Italienische in kulinarischen und gastronomischen Kontexten relevant sind im Gesetzentwurf Art. 2.2. zur Sprache der Produkte und Dienstleistungen begleitenden Texte, Art. 3.1. zur Sprache im öffentlichen Raum sowie Art. 7.5 zur Sprache in der unternehmerischen Vermarktung: 2.2. Gli enti pubblici e privati sono tenuti a presentare in lingua italiana qualsiasi descrizione, informazione, avvertenza e documentazione relativa ai beni materiali e immateriali prodotti e distribuiti sul territorio nazionale. 3.1. Ogni tipo e forma di comunicazione o di informazione presente in un luogo pubblico o in un luogo aperto al pubblico ovvero derivante da fondi pubblici e destinata alla pubblica utilità è trasmessa in lingua italiana. 7.5. Il Comitato […] promuove […] l’uso corretto della lingua italiana e della sua pronunzia nelle scuole, nei mezzi di comunicazione, nel commercio e nella pubblicità. Zeitgleich mit diesem Gesetzentwurf hat die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni anlässlich der 15. Botschafterkonferenz am 22. Dezember 2022 eine Rede gehalten, in der sie explizit die Bedeutung der italienischen Sprache thematisiert und zum verstärkten Gebrauch des Italienischen aufruft: DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 88 Antje Lobin 13 Il Presidente Meloni interviene alla XV Conferenza delle Ambasciatrici e degli Ambasciatori - <https: / / www.governo.it/ it/ media/ il-presidente-meloni-interviene-alla-xv-conferenz a-delle-ambasciatrici-e-degli-ambasciatori> (10.07.2024), 04’: 37’’-06’: 20’’. 14 Anglicismi e itanglese - <https: / / italofonia.info/ itanglese> (10.07.2024). 15 Il Dizionario delle Alternative Agli Anglicismi. Significati e sinonimi in italiano - <https : / / aaa.italofonia.info> (10.07.2024). Sicuramente questo è il nostro portato, è un portato fondamentale, una cultura complessa e profonda che passa anche dalla nostra lingua, perdonatemi per questa digressione, perché la lingua è uno straordinario, diciamo, diplomatico per la nostra cultura. E invece mi accorgo di come noi tutti, tutti, […] a partire dalla sottoscritta, che si considera una grande patriota, alla fine veniamo travolti dall’uso di queste parole straniere, no? I francesismi, gli inglesismi. Quando se ci pensate bene, per ciascuna di questa parola che noi utilizziamo riprendendola da una lingua straniera nel corrispettivo italiano esisterebbero probabilmente almeno quattro o cinque parole diverse. Perché la nostra è una lingua molto più complessa. È una lingua molto più carica di sfumature di quello che spesso si trova al di fuori di questi confini. Allora, utilizzare per noi il più possibile l’italiano - questo lo faccio come richiamo a me stessa, prima ancora che a tutti gli altri - utilizzare il più possibile la lingua italiana non solo vuol dire ovviamente valorizzare, difendere un elemento fondamentale della nostra cultura, ma significa anche difendere la profondità della nostra cultura, la nostra capacità di guardare il mondo, da sempre, attraverso una lente che ha sfumature molto più colorate di quelle che spesso vediamo al di fuori dei confini nazionali. È il portato della nostra cultura e sicuramente quello che fa la nostra grandezza. 13 Im Bereich des kulinarischen und gastronomischen Italienisch zeigen sich die sprachkritisch mit dem Begriff morbus anglicus bezeichneten Auswirkungen des Angloamerikanischen auf die italienische Sprache zunehmend deutlich. Ondelli (2017: 375) zufolge entspricht der Einfluss der Fremdsprachen auf diesem Gebiet nicht mehr den Beobachtungen, die traditionell in den einschlägigen Studien gemacht wurden. Das Französische als Prestigesprache scheint vielmehr endgültig abgelöst durch die Dominanz des Englischen (Ondelli 2017: 379). Auf dem Sprachportal italofonia.info bedient man sich zum Ausdruck der Ablehnung nicht integrierter Anglizismen eines Vergleichs aus dem Bereich der italienischen Küche. Hier heißt es in sprachkritischer Perspektive: „Parliamo di anglicismi crudi, non adattati, che per la diversa grafia e pronuncia stanno alla nostra lingua come l’ananas sta alla pizza.“ 14 Über das Portal wird u.a. das Projekt AAA - Alternative Agli Anglicismi betrieben. 15 Hier wird ein Dizionario delle alternative agli anglicismi bereitgestellt, das alphabetisch und nach Rubriken konsultiert werden kann. In der Rubrik Cucina werden 132 Einträge vorgestellt, DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 89 16 Der Text der Petition, die von 70.000 Personen unterzeichnet wurde, ist ebenso wie die zugehörige Korrespondenz mit der Accademia della Crusca in Marazzini/ Petralli (2015: 130-133) abgedruckt. 17 <https: / / accademiadellacrusca.it/ it/ contenuti/ gruppo-incipit/ 251> (10.07.2024). die zum Teil lediglich erläutert werden, für die zum Teil aber auch Äquivalente präsentiert werden. Exemplarisch seien hier einige Vorschläge angeführt: brownie quadretti/ dolcetti al cioccolato cake torta/ focaccia dolce chips patatine fritte foodie amante della cultura gastronomica, esperto di cucina, buongustaio, golosone, ghiottone, buona forchetta frozen yogurt gelato allo yogurt muffin focaccina dolce quick lunch pranzo veloce sandwich panino (imbottito), tramezzino smoothie frullato topping salsa, crema, decorazione, guarnizione, additivo Tab. 2: Beispiele für Ersatzformen aus dem Dizionario delle alternative agli anglicismi Die Accademia della Crusca behält ihrerseits die Entwicklungen hinsichtlich der Anglizismen beständig im Blick. Dort ist die Arbeitsgruppe Incipit beheimatet, die im Anschluss an eine Tagung zum Verhältnis von romanischen Sprachen und Anglizismen (Februar 2015; Marazzini/ Petralli 2015) und der hiermit in Verbindung stehenden Petition #Dilloinitaliano ins Leben gerufen worden war. 16 Zielsetzung und Auftrag der Arbeitsgruppe werden wie folgt beschrieben: Il gruppo ha lo scopo di monitorare i neologismi e forestierismi incipienti, nella fase in cui si affacciano alla lingua italiana e prima che prendano piede […]. Il gruppo “Incipit” ha il compito di esprimere un parere sui forestierismi di nuovo arrivo impiegati nel campo della vita civile e sociale. Il gruppo “Incipit” respinge ogni autoritarismo linguistico, ma, attraverso la riflessione e lo sviluppo di una migliore coscienza linguistica e civile, vuole suggerire alternative agli operatori della comunicazione e ai politici, con le relative ricadute sulla lingua d’uso comune. 17 DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 90 Antje Lobin 18 <https: / / accademiadellacrusca.it/ it/ contenuti/ la-cucina-italiana-a-corto-di-ingre‐ dienti-linguistici-il-gruppo-incipit-non-lo-crede/ 6148> (10.07.2024). 19 Mitunter bieten die vorgeschlagenen Alternativen der Arbeitsgruppe ihrerseits Anlass zu Diskussionen. In ihrem Blog Terminologia etc. unterzieht Licia Corbolante die Bezeichnung ristorante domestico einer ausführlichen und kritischen Betrachtung und kommt zu dem Schluss, dass ristorazione privata eine passendere Alternative zu home restaurant gewesen wäre (Come dire home restaurant in italiano, 26.04.2017 - <https: / / www.terminologiaetc.it/ 2017/ 04/ 26/ significato-traduzione-home-restaurant> (10.07.2024)). 20 Vgl. Punkt 10 Made in Italy, cultura e turismo des Wahlprogramms der Fratelli d’Italia im Jahr 2022 (<https: / / www.fratelli-italia.it/ programmacentrodestr>, 10.07.2024) ebenso wie die Legge 27 dicembre 2023, n. 206 zu den Disposizioni organiche per la valorizzazione, la promozione e la tutela del made in Italy. Inzwischen sind 23 Pressemeldungen erschienen, z.B. zu poste italiane vs. delivery services, allertatore civico vs. whistleblower oder smart working vs. lavoro agile. Die 8. Mitteilung (20.01.2017) trägt den Titel La cucina italiana a corto di ingredienti linguistici? Il gruppo Incipit non lo crede. 18 Hintergrund ist der am 17. Januar 2017 verabschiedete Atto Camera 3258, der gastronomische Aktivitäten in Privatwohnungen regelt. Kritisiert wird in diesem Zusammenhang, dass im Gesetzestext nicht etwa der italienische Ausdruck ristorante domestico verwendet wird, sondern der Anglizismus home restaurant. 19 4 Schlussbemerkungen Bis zum heutigen Tag machen Fremdwörter einen relevanten Bestandteil der Sprache in den Bereichen Küche und Gastronomie aus, wie mühelos den italie‐ nischen Standardwörterbüchern entnommen werden kann. Und ebenso wie in der Vergangenheit sind sie fortwährend Gegenstand sprachreflexiver Her‐ vorbringungen und sprachpolitischer Regulierungsversuche. In der aktuellen Regierung wird gegenwärtig die Absolutsetzung des Italienischen verbunden mit sprachpolitischen Forderungen wieder lauter. Dass dies mitunter mit Wi‐ dersprüchen einhergeht, offenbart die Tatsache, dass der wahrgenommenen Überfremdung ausgerechnet mit dem englischsprachigen Etikett „Made in Italy“ begegnet werden soll. 20 Im gastronomischen Bereich ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum französischen Einfluss zunehmend der Einfluss des Englischen getreten. Dies wurde nicht zuletzt als Reaktion auf den Faschismus begünstigt, wie Piacentini (2016: 156) ausführt: il rigetto della società italiana nei confronti di tutto ciò che era stato il movimento e il regime fascista, fece sì che non solo l’autarchia linguistica fosse bollata come una delle pagine della storia linguistica più buie della nazione, ma che, proprio per contrapporsi DOI 10.24053/ Ital-2023-0025 Das italiano gastronomico im Lichte von Sprachkritik und Sprachpolitik 91 a questa ideologia, la permeabilità dell’italiano nei confronti dei prestiti aumentasse sensibilmente. Hinsichtlich der beiden wichtigen Spendersprachen Französisch und Englisch bestehen allerdings Gebrauchsunterschiede. Während die französischen Aus‐ drücke in hohem Maße fachsprachlich markiert sind und überwiegend aus früheren Jahrhunderten stammen, ist das englische Wortmaterial, das vornehm‐ lich eine jüngere Datierung aufweist, durch eine breitere und undifferenziertere Verwendung gekennzeichnet. Bis heute prägen französische Begriffe weitge‐ hend die Fachsprache der Gastronomie und gelten als Garant für Raffinesse und Internationalität. Die Entlehnungen aus dem Englischen und Angloameri‐ kanischen hängen wiederum mit der Übernahme des pro-amerikanischen Kon‐ sumverhaltens zusammen. Hier handelt es sich größtenteils um Bezeichnungen von Fastfood-Produkten bzw. entsprechenden Konsumgewohnheiten, z. B. chips (1989), hot dog (1950), popcorn (1958), snack (1959) (Frosini 2009a: 94-95). Wenn Sprachkritik über die bloße Bewertung von Sprachformen nach ästhetischen Kriterien hinausgehen soll und zu einer demokratischen Sprachauffassung beitragen möchte, dann müssen derartige Unterschiede in den Gebrauchsbe‐ dingungen differenziert betrachtet und die jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Kontexte mitberücksichtigt werden. Bibliographie Arcangeli, Massimo (Hrsg.) (2011): Itabolario. L’Italia unita in 150 parole. Roma: Carocci. Arcangeli, Massimo (2015): „Premessa“. In: Arcangeli, Massimo (Hrsg.): Peccati di lingua. Le 100 parole italiane del gusto. Soveria Mannelli: Rubbettino, 9-13. Artusi, Pellegrino (1891): La Scienza in cucina e l’Arte di mangiar bene. Manuale pratico per le famiglie. Firenze: Pei tipi di Salvadore Landi. Artusi, Pellegrino (2020 [ 15 1911]): La Scienza in cucina e l’Arte di mangiar bene. Manuale pratico per le famiglie. Milano: Rizzoli. Caffarelli, Enzo (2002): „L’alimentazione nell’onomastica. L’onomastica nell’alimenta‐ zione“. 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