eJournals Italienisch46/91

Italienisch
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0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
10.24053/Ital-2024-0002
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2025
4691 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich

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2025
Peter Ihring
Der Vergleich zwischen I Malavoglia und Unterleuten kann neue Aspekte der beiden Romane aufzeigen, besonders im Hinblick auf die Narratologie. In beiden Fällen ist die Erzählung polyphon, aber nicht in gleicher Weise. Während bei Juli Zeh zahlreiche Erzählstimmen abwechselnd sprechen, setzt Verga einen Chor ein, der das gesamte Dorf Aci-Trezza oder eine Gruppe von Dorfbewohnern oder sogar eine einzelne Figur darstellen kann. Der szenische Hintergrund der beiden Erzählungen verdeutlicht die emblematische Bildsprache der jeweiligen Nation: Die Malavoglia verdienen ihr Brot auf dem Meer, während die Unterleutener die brandenburgischen Wälder bewirtschaften müssen. Die Handlung der beiden Werke ist durch den historischen Rahmen bedingt, der auch den Ausgang der Handlung beeinflusst. Während der Schluss von Vergas Roman darauf hindeutet, dass die Nachfolgegeneration der Malavoglia so leben wird wie Padron ’Ntoni, scheint das Ende von Unterleuten den Bewohnern des Dorfes ein zukünftiges Leben zu gewähren, das von den Traumata der Vergangenheit ungetrübt ist.
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I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich Peter Ihring Il paragone fra I Malavoglia e Unterleuten può rivelare nuovi aspetti dei due romanzi, soprattutto per quanto riguarda la narratologia. In ambedue i casi la narrazione è polifonica, ma non in modo identico. Mentre Juli Zeh fa parlare numerose voci narrative che si danno il cambio, Verga impiega un coro che può rappresentare l’intero paese di Aci-Trezza oppure un gruppo di alcuni fra i paesani o anche un singolo personaggio. Lo sfondo scenico delle due narrazioni esemplifica l’immaginario emblematico delle rispettive nazioni: i Malavoglia si guadagnano il pane in mare, mentre la gente di Unterleuten deve coltivare il bosco di Brandeburgo. La trama delle due opere è condizionata dall’ambientazione storica che si ripercuote anche sull’esito dell’azione. Mentre la conclusione del romanzo di Verga suggerisce che la generazione successiva dei Malavoglia vivrà allo stesso modo di Padron ’Ntoni, il finale di Unterleuten sembra concedere alla gente del paese una vita futura non offuscata dai traumi del passato. Der Vergleich zwischen I Malavoglia und Unterleuten kann neue Aspekte der beiden Romane aufzeigen, besonders im Hinblick auf die Narratologie. In beiden Fällen ist die Erzählung polyphon, aber nicht in gleicher Weise. Während bei Juli Zeh zahlreiche Erzählstimmen abwechselnd sprechen, setzt Verga einen Chor ein, der das gesamte Dorf Aci-Trezza oder eine Gruppe von Dorfbewohnern oder sogar eine einzelne Figur darstellen kann. Der szenische Hintergrund der beiden Erzählungen verdeutlicht die emblematische Bildsprache der jeweiligen Nation: Die Malavoglia verdienen ihr Brot auf dem Meer, während die Unterleutener die bran‐ denburgischen Wälder bewirtschaften müssen. Die Handlung der beiden Werke ist durch den historischen Rahmen bedingt, der auch den Ausgang der Handlung beeinflusst. Während der Schluss von Vergas Roman darauf hindeutet, dass die Nachfolgegeneration der Malavoglia so leben wird wie Padron ’Ntoni, scheint das Ende von Unterleuten den Bewohnern des DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 1 Verga 1997. Nach dieser Ausgabe wird im Folgenden zitiert. 2 Russo 1986: 139. 3 Spitzer 1959: 634. 4 Wlassics 1986: 52. Dorfes ein zukünftiges Leben zu gewähren, das von den Traumata der Vergangenheit ungetrübt ist. Seit der Wiederentdeckung der Malavoglia  1 durch Luigi Russo im Jahr 1920 steht die Forschung zu Giovanni Vergas Meisterwerk unter dem Eindruck der Beobachtung, dass „non si può dire che campeggi un protagonista nel romanzo, ma protagonista è tutto il paese.“ 2 Auf der Basis dieser Beobachtung wurden später zahllose Versuche unternommen, der schillernden, faszinierend unklaren Erzählhaltung des Romans näherzukommen, einer Erzählhaltung, die in eigenartiger, nicht durchgängig fixierbarer Weise zwischen verschiedenen Wahrnehmungs- und Redeinstanzen changiert. Einen Meilenstein in dieser Forschungstradition markiert Leo Spitzer mit seiner Abhandlung Lʼoriginalità della narrazione nei ‚Malavoglia‘. Darin konzentriert sich Spitzer auf den aus seiner Sicht vorherrschenden Erzählmodus der „erlebte[n] Rede“ 3 , der zurück‐ zuführen sei auf einen coro. Bei diesem coro handelt es sich für Spitzer um einen „personaggio composito anonimo che non appare neanche in un pronome“, der also gewissermaßen nur dadurch präsent ist, dass er individuelle bzw. kollektive Wahrnehmungen von Ereignissen vermittelt, darüber hinaus aber auch Wertvorstellungen. Insofern ist der coro gleichermaßen Erzähler und Kommentator der dargebotenen Romanhandlung. In einem glänzenden Beitrag hat Tibor Wlassics den solcherart dualen Status des zentralen Redesubjekts der Malavoglia als diejenige ästhetische Innovation präsentiert, mit der sich Verga am meisten um die italienische Narrativik verdient gemacht habe. Den Modus der sprachlichen Vermittlung des racconto corale veranschaulicht Wlassics über eine Infinitivkonstruktion: „[…] quello sparire dietro e dentro le proprie [des Autors] creature, tanto da far coincidere ogni parola del libro con la loro voce“ 4 . Die Malavoglia sind zweifellos als Sizilienroman zu lesen, als ein Sizilien‐ roman jedoch, der nur unter dem Eindruck der Lebenserfahrung entstehen konnte, die der Autor Giovanni Verga im vitalen und dynamischen Umfeld der Stadt Mailand und der anderen urbanen Zentren des jungen italienischen Nationalstaats gemacht hat. Ähnliches dürfte für das Publikum gelten, das Verga mit seinem Werk ansprechen will: Er schreibt den Roman wohl weniger für eine sizilianische Leserschaft als vielmehr für die elegante Welt im Umfeld der mittel- und norditalienischen Stadtkultur, die das ferne Sizilien als eine mehr oder weniger archaische Grenzregion am Rande des erst kurz zuvor entstandenen na‐ DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 38 Peter Ihring 5 Christine Ott deutet an, dass die „Dame […] die bürgerliche Leserschaft Mittel- und Norditaliens“ vertritt. Ott 2005: 31. tionalstaatlichen Territoriums betrachtet. Symptomatisch für den vom Verfasser der Malavoglia intendierten Rezeptionshorizont ist die Erzählung Fantasticheria, die als programmatischer Schwellentext den bereits 1880 erschienenen Band Vita dei campi einleitet. In dieser Sammlung hat Verga eine Reihe von Novellen mit ländlichem Inhalt zusammengestellt, die in Sizilien angesiedelt sind und insgesamt als eine Art Vorstufe des kurz danach publizierten großen Romans verstanden werden können. In Fantasticheria tritt ein erzählendes Ich auf, welches sich selbst als Schriftsteller vorstellt, ansonsten aber charakterlich nicht weiter konturiert ist. Dieses Ich berichtet von einem zweitägigen Aufenthalt, den es in Begleitung einer vornehmen Touristin in Aci-Trezza verbracht hat, jenem tatsächlich existierenden Ort, der in der Nähe von Catania gelegen ist und im späteren Roman als Heimatdorf der Malavoglia-Familie präsentiert wird. Die Besucherin, die ganz offensichtlich zur High Society gehört und in den mondänen Metropolen des damaligen Europa zu Hause ist, 5 kann sich zu Beginn ihres Aufenthalts für die primitiv archaische Lebenswelt der Dorfbewohner begeistern, aber schon nach kurzer Zeit, unter dem Eindruck der Monotonie der immer gleichen ländlichen Verrichtungen, beginnt sie sich zu langweilen und will dann ganz plötzlich unbedingt zurück aufs Festland, um sich dort wieder den für sie eben doch viel reizvolleren Zerstreuungen moderner Stadtkultur widmen zu können. Am Ende des Textes bringt das erzählende Ich sein Bedauern darüber zum Ausdruck, dass die Dame ganz offenbar keinen Sinn für die spezielle Würde der Dorfbewohner hatte, die unverdrossen ihre entbehrungsreiche Arbeit auf sich nehmen, um ihr karges Dasein weiter fristen zu können. Damit ist die Grundsituation der armen Leute Siziliens skizziert, eine Situation, die dann später in den Malavoglia erzählerisch sehr viel ausführlicher entfaltet wird. Giovanni Vergas große epische Darstellung des sozialen Abstiegs einer Fischersfamilie entsteht wenige Jahre nach der Gründung des Nationalstaats und ist damit das früheste Werk des Neuen Italien, das uneingeschränkt klassische Geltung beanspruchen kann. Der Roman ist formal bestimmt durch die polyphone Erzählweise und in inhaltlicher Hinsicht durch die Situierung des Geschehens in einer exotischen Welt, die für das intendierte Publikum am geographischen Rand des gerade erst zu territorialer Einheit gelangten Vaterlandes liegt. Eine Lektüre des Textes aus deutscher Perspektive und unter den hermeneutischen Bedingungen der in näherer Vergangenheit vollzogenen nationalen Wiedervereinigung legt einen Vergleich nah, der nur auf den ersten Blick abwegig erscheinen kann: In Juli Zehs inhaltlich weit ausgreifender DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 39 6 Zeh 2017. Nach dieser Ausgabe wird im Folgenden zitiert. 7 Klaus Schenk ist der Meinung, dass diese Internet-Erweiterungen der in Unterleuten entworfenen Textwelt zu einer „Virtualisierung des Erzählten“ beitragen. Schenk 2021: 110. Dorfgeschichte Unterleuten  6 aus dem Jahr 2016 wird in multiperspektivischer Erzählweise geschildert, wie eine dörfliche Gemeinschaft unter der Einwirkung des historischen Wandels, d.h. genauer: der politischen Folgen des Mauerfalls, mit einiger Verzögerung ihre zuvor noch über knapp zwei Jahrzehnte behaup‐ tete hierarchische Struktur verliert, woraus sich schließlich, am Ende der dar‐ gebotenen Handlung, der völlige Kollaps des innerdörflichen Machtgefüges der Unterleutner ergibt. Sinnvoll erscheint ein solcher Vergleich insofern, als beide Romane, abgesehen vom polyphonen Gepräge der erzählerischen Darstellung, noch zahlreiche weitere, auch inhaltliche Parallelen aufweisen. Aber zunächst soll kurz ein wichtiger Aspekt angesprochen werden, der den verglichenen Tex‐ ten eben nicht gemeinsam ist. Juli Zeh ist eine zeitgenössische Autorin, und sie verfasst ihre literarischen Werke unter den spezifischen Bedingungen des Inter‐ netzeitalters mit seinen schier unbegrenzten medialen Möglichkeiten. Für ihren Roman Unterleuten macht sie diese Möglichkeiten in der Weise fruchtbar, dass sie den Fiktionalitätsstatus der dargebotenen Geschichte bewusst verunklart. So hat sie eine Website gestaltet, www.unterleuten.de, die nähere Auskunft über den - angeblich in Brandenburg gelegenen - fiktiven Ort Unterleuten gibt und zu einem Erkundungsgang durch das Dorf einlädt. Zu diesem Zweck ist auch ein Plan mit den Straßen des Dorfes beigegeben, aus dem sich die topographische Lage des jeweiligen Wohnsitzes der in Unterleuten ansässigen Romanfiguren ergibt. In ähnliche Richtung deutet Juli Zehs Porträtierung von Linda Franzen. Linda, die als eine der Zentralfiguren der Geschichte gelten kann, orientiert sich nämlich in allen schwierigen Lebenslagen an dem Ratgebertext Dein Erfolg des Psychotrainers Manfred Gortz. Auch für diese - ebenfalls fiktive - Figur wurde eine Website erstellt, die über ihren Werdegang informiert. Das Hauptwerk von Manfred Gortz, Dein Erfolg, umfasst 112 Seiten, ist als Goldmann-Taschenbuch im Handel lieferbar und wurde aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls von Juli Zeh verfasst. Unabhängig von den Internet-Erweiterungen der im Roman geschilderten Realität 7 ist Unterleuten ein in narratologischer Hinsicht hochkomplexer Text, der dem veristischen Klassiker I Malavoglia durchaus als nahezu ebenbürtiges Pendant an die Seite gestellt werden kann. Freilich erfolgt die polyphone Dar‐ stellungsweise in den Malavoglia anders als bei Juli Zeh, und zwar derart, dass - wie oben kurz skizziert - immer nur entweder der coro insgesamt das Wort ergreift oder einzelne Stimmen daraus, wobei diese - und das macht den Reiz des DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 40 Peter Ihring 8 Heribert Tommek spricht diesbezüglich von „einer unabgeschlossen-kombinatori‐ schen, gleichsam seriell-kaleidoskopischen Erzählstruktur“. Tommek 2023: 27. 9 Die Tatsache, dass in Unterleuten die - natürlich fiktive - Entstehungsgeschichte des Textes erst im Finale des Romans ans Licht kommt, markiert für Bettina Schabert die „Schlusspointe des Ganzen“. Schabert 2022: 185. Ganzen aus - nicht immer eindeutig mit bestimmten Figuren aus der Geschichte zu identifizieren sind. Demgegenüber wird die Erzählung in Unterleuten von elf Sprechinstanzen vorgetragen, die elf Gestalten zugeordnet sind, die auch im Rahmen der präsentierten Handlung als Akteure auftreten. Es ergeben sich mithin elf monoperspektivische Einzelgeschichten, die sich im Roman zu einer multiperspektivischen Einheit verbinden und in den sechs Teilen des Werkes abwechselnd und in jeweils unterschiedlicher Reihenfolge und Gewichtung aufgerufen werden. Jeder einzelnen Erzählerfigur eignet eine besondere, mehr oder weniger unverwechselbare Wahrnehmungsbzw. Redeweise, so dass das präsentierte Gesamtgeschehen aus elf verschiedenen Perspektiven in den Blick rückt 8 . Zusätzlich verkompliziert wird die Sache dadurch, dass in die genannten Einzelgeschichten zahlreiche Äußerungen eingeflochten sind, die so, wie sie im Text erscheinen, allem Anschein nach nicht von der sich jeweils artikulierenden Figur stammen können, sondern auf einen anderen Urheber zurückgeführt werden müssen. Dieser zweite Sprecher, der im Erzählfluss allenthalben seine Spur hinterlässt, gibt sich in dem „Epilog“ (626-635) zu erkennen, auf den der Roman zuläuft. Es handelt sich um Lucy Finkbeiner, die erst nach Abschluss der dargebotenen Geschichte mitteilt, wie es zu dieser Geschichte gekommen ist 9 . Sie stellt sich als eine Art Investigativ-Journalistin vor und behauptet, sie sei auf Spiegel Online bei ihrer Recherche nach spannenden Stoffen aus dem Tagesgeschehen auf eine mysteriöse Episode gestoßen, die sich in der „Ostprignitz im nordwestlichen Brandenburg“ zugetragen habe. Dort […] war die Leiche eines Mannes aus einem Horizontalfilterbrunnen geborgen worden. Der 63jährige Landwirt hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten und danach unbestimmte Zeit in einem Schacht gelegen, aus dem das Trinkwasser für die angrenzende Gemeinde entnommen wird […]. Der Mann musste Selbstmord im Inneren des Brunnens begangen haben […]. Nach zehn Tagen treten in der Region die ersten Fälle von Übelkeit und Durchfall auf. Zuerst glaubt man an eine grassierende Magen-Darm-Infektion, dann an einen Lebensmittelskandal, schließlich an eine ge‐ heimnisvolle Seuche. Irgendwann kommen die Behörden auf die Idee, das Trinkwasser zu kontrollieren. Tatsächlich wird Leichengift gefunden. Man lässt Taucher in den Brunnen hinab, die den Selbstmörder bergen. (626) DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 41 In ihrem Epilog berichtet Lucy Finkbeiner, dass sie sich, nachdem sie bei Spiegel Online die Notiz zu dem rätselhaften „Selbstmörder“ entdeckt hatte, nicht lange besinnen musste, sondern unverzüglich nach Unterleuten aufgebrochen war, um dort weiter zu recherchieren. Denn aus ihrer Sicht berechtigen schon die knappen Angaben der Spiegel-Notiz zur Hoffnung, dass man aus der Geschichte eine „urban legend“ (627) würde machen können. Sie sagt, dass sie mit den Dörflern ausführliche Gespräche geführt und diese aufgezeichnet und später transkribiert habe, so dass am Ende eine Dokumentation von 20 Aktenordnern zusammengekommen sei. Ihre Recherchen seien von Vesta, „einem neu gegründeten Monatsmagazin“ (627), mit Blick auf eine spätere Publikation als große Reportage finanziert worden. Auf der Basis des von Lucy Finkbeiner aufgenommenen - natürlich fiktiven - Quellenmaterials ist dann, so lässt sich unschwer schlussfolgern, der Text des Romans von Juli Zeh entstanden. Alles deutet darauf hin, dass die Auswahl derjenigen Passagen aus der ja sehr viel umfangreicheren Dokumentation, die schließlich Eingang in den endgültigen Bericht fanden, durch die Bearbeiterin Lucy Finkbeiner getroffen wurde. Im Folgenden möchte ich den Nachweis führen, dass sich Lucy nicht auf die Rolle einer bloßen Redaktorin des Textes beschränkt, sondern auch immer wieder selbst das Wort ergreift, als eine Art zweiter Redeinstanz, welche den Äußerungen der elf intradiegetischen Erzählerfiguren zusätzlichen Sprachwitz schenkt. Zu diesem Zweck liegt es nah, sich den Epilog im Hinblick auf stilistische Eigentümlichkeiten genauer anzusehen, denn dieser Abschnitt ist ja unzweifelhaft zur Gänze aus Lucys Feder geflossen, und aus diesem Grund eignet er sich vorzüglich als Orientierungsmuster bei der Suche nach auffälligen Besonderheiten ihres Stils. Lucy schildert im letzten Teil ihrer resümierenden Darstellung der Entstehungsgeschichte von Unterleuten, wie sie einige Protagonisten der Geschichte im Lauf der Zeit liebgewonnen hat, weshalb sie mit ihnen in Verbindung bleibt. Sie spricht von einem Spaziergang, den sie mit Arne Seidel unternimmt, der vormals der Bürgermeister des Dorfes war und sie auf das Gelände des neu entstandenen Windparks führt. Gemeinsam gehen sie durch die Landschaft. Arne […] schüttelt den Kopf. Neben ihm geht das, was in Romanen eine junge Frau genannt wird, also ein weibliches Wesen, das sich gerade noch im gebärfähigen Alter befindet. Ihre bunte Wollmütze und die Fellstiefel mit zu hohen Absätzen machen sie in dieser Gegend zu einem Ortsschild von Berlin. Das bin ich, Lucy Finkbeiner (633). Lucys eigenwilliger Witz ist zum Glück nicht überall so zwanghaft forciert wie an dieser Stelle, wo man angesichts der Wendung „Ortsschild von Berlin“ in Bezug auf die geschilderte weibliche Figur geteilter Meinung sein kann. DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 42 Peter Ihring Gleichwohl ist die Passage geeignet, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie die Komik der fiktiven Herausgeberin normalerweise funktioniert. Dem Zitat sei eine Szene zur Seite gestellt, die für die Exposition der Handlung in Unterleuten von zentraler Bedeutung ist: Eines Abends findet im ‚Märkischen Landmann‘, dem einzigen Wirtshaus des Dorfes, eine Bürgerversammlung statt, wo die Unterleutner fast vollzählig versammelt sind. An dem Abend wird das Wind‐ park-Projekt, das den Plot des Romans in Bewegung setzt, von einem Vertreter des Bauträgers vorgestellt. Die Dorfbewohner, die aufgrund der unbedingten Verschwiegenheit des Bürgermeisters Arne Seidel bis dahin nicht die geringste Ahnung von dem Plan hatten, müssen sich von einem Augenblick zum anderen bewusst machen, dass aufgrund der enormen Dimensionen der projektierten Anlage das bis dahin noch intakte Landschaftsbild der Gegend durch eine Realisierung des Bauvorhabens unwiederbringlich zerstört würde. Natürlich sind sie schockiert. Unter ihnen befindet sich Jule Fließ-Weiland, eine junge Mutter, die nach ihrem Soziologiestudium einen ihrer Professoren, Gerhard Fließ, geheiratet hatte und dann mit ihm und dem gemeinsamen Kind nach Unterleuten gezogen war, um auf dem Land in einem renovierten Bauernhaus ein naturnahes Leben führen zu können. Gerhard Fließ hat seine Professur aufgegeben und in der nahegelegenen Stadt Plausitz eine Position im Amt für Naturschutz angetreten. Im Anschluss an die mit zahlreichen Schaubildern versehene Präsentation des Vertreters der Planungsfirma braucht Jule einige Zeit, bis sie die Tragweite des Projekts wirklich ganz erfasst: Erst jetzt sickerte in Jules Bewusstsein, worum es tatsächlich ging. Sie rief sich den Blick aus dem Küchenfenster vor Augen. Das freundliche Wiegen des Weizens, das milde Licht, die aufgeklappte Allee. Mitten in das leicht ansteigende Feld setzte sie in Gedanken zehn große Windräder. Mit einem Schlag verloren Feld, Wald und Allee ihre Seele. Exit Landschaft, enter Windpark. (125-126) Das Zitat findet sich im ersten Teil des Romans, in Kapitel 7, das, wie alle anderen Kapitel des Romans, als Überschrift den Namen des Wahrnehmungsträgers der nun folgenden Seiten verrät: „Fließ-Wieland“ (118). Der stilistische Bruch zwischen der abschließenden Formel „Exit Landschaft, enter Windpark“ und dem vorangegangenen Teil des Zitats ist nicht zu überse‐ hen. Zunächst spricht hier noch die Wahrnehmungsträgerin Jule. Sie evoziert in sentimentaler Eindringlichkeit die Komponenten der idyllischen Naturland‐ schaft von Unterleuten, die sie von ihrem ersten Besuch im Dorf an liebgewon‐ nen hat. Ihre Betrachtungen münden in den pathetischen Befund, dass der Bau des Windparks unweigerlich dazu führen müsse, dass Feld, Wald und Allee auf einen Schlag „ihre Seele“ verlieren. Wenn es dann, in einem ganz anderen DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 43 Register, direkt weitergeht mit „Exit Landschaft, enter Windpark“, so drängt sich der Eindruck auf, dass diese letzte, eher sarkastische Äußerung eigentlich nicht von der wehmütigen Jule stammen kann, sondern dass sie von einer anderen Sprechinstanz herrühren muss: von Lucy Finkbeiner. Weniger eindeutig liegen die Dinge in einer anderen Passage aus dem sechsten Teil des Romans, also kurz vor dem Abschluss der erzählten Handlung: Der alte Kron sieht sich am Ende unversehens in die Lage versetzt, dass er, dem eigentlich am wenigsten daran lag, durch den Pachterlös der ausersehenen und in seinem Besitz befindlichen Parzellen finanziell mehr von der Realisierung des Windpark-Projekts profitie‐ ren wird als alle anderen Unterleutner. Darüber kann er sich nicht unbeschwert freuen, sondern setzt an zu einer langen Philippika gegen das heimatliche Dorf und seine Bewohner. Diese Schimpfrede trägt die Form eines Inneren Monologs bzw. der Erlebten Rede: „Kron beglückwünschte jeden, dem die Flucht [aus Unterleuten] gelang“. Die Dorfbewohner seien durch den Gang der Historie zu Fatalisten geworden: „Aber Fatalismus war nichts weiter als Notwehr gegen Verhältnisse, die man nicht ändern konnte. So entstanden Menschen, die noch während des Weltuntergangs die Ellenbogen auf die Gartenzäune stützten und Sätze wie ‚Irgendwas ist immer‘ sagten“ (612-613). Hier stellt sich die Frage, ob es vorstellbar ist, dass das Rauhbein Kron tatsächlich dazu imstande wäre, den ja wirklich hochkomischen Relativsatz von den Unterleutnern angesichts des Weltuntergangs zu erfinden, oder ob eine solch geniale Formulierung nicht doch die sarkastische Fantasie einer Lucy Finkbeiner voraussetzt. Hier noch ein weiteres schönes Beispiel dafür: Der bereits erwähnte Bürgermeister Arne Seidel muss sich wehren, als zwei Spießgesellen Krons ihm seinen Hausschlüssel abnehmen wollen. Die Unterleutner hatten sich in Arnes Haus versammelt, um zu beraten, wie sie die gemeinsame Suche nach Krönchen, der verschwundenen fünfjährigen Enkeltochter von Kron, am besten organisieren sollten. Arne hatte sie und sich selbst von innen in seinem Haus eingeschlossen, um zu verhindern, dass sie gewaltsam in die Gombrowski-Villa eindringen, wo sie das kleine Mädchen vermuten. Sie denken nämlich, der Alte habe das Kind entführt, um seinen Widersacher Kron unter Druck zu setzen: Björn und Heinz nahmen Arne in die Zange, während Ingo an der Türklinke rüttelte wie ein Kind unter Hausarrest. Als die beiden Alten nach seinen Armen griffen, spürte Arne, wie wenig Kraft sie noch besaßen und dass es trotzdem reichte, um einen wie ihn zu überwältigen. Drei ringende Greise, dachte er. Wenn es einen Gott gibt, holt der sich gerade die nächste Tüte Popcorn und hat schon Seitenstechen vor Lachen. (388-389) DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 44 Peter Ihring 10 Die Szene ist eine Schlüsselszene des Romans. Im Hinblick auf ihre Funktion für die narrative Ökonomie des Textes ist ihr als Pendant eine analoge Szene aus den Malavoglia an die Seite zu stellen: Es handelt sich um die Trauerfeier für den vermissten, aber für tot erklärten Bastianazzo, die das gesamte vierte Kapitel des Werks ausfüllt. Für beide Romane gilt: Die entsprechende inhaltliche Sequenz bietet einen Anlass dafür, alle relevanten Figuren auf einem Schauplatz zu versammeln, um sie alle in mehr oder weniger kurzen Porträts vorzustellen. Dies ist erforderlich, weil jeder einzelne von ihnen bei den Ereignissen, die im weiteren Handlungsgang noch erzählt werden, eine Rolle spielt. 11 Es ist gut möglich, dass Kron, als er den Mauerfall vor dem Fernseher im ‚Märkischen Landmann‘ miterlebte, von der ‚Größe der Ereignisse‘ ergriffen war. Aber hier spricht ja nicht der Kron von 1989, sondern der Kron des Sommers 2010, denn dies ist der historische Augenblick, in welchen die Erzählung von den Anfängen des Unterleutner Windparkprojekts eingebettet ist. Es gibt einen Satz in Unterleuten, der nach meiner Meinung weder dem zuge‐ hörigen Wahrnehmungsträger zuzutrauen ist noch Lucy Finkbeiner. Dieser Satz erscheint am Beginn der bereits erwähnten Szene der Dorfversammlung im ‚Märkischen Landmann‘, einer Szene, die aus nicht weniger als sechs Perspektiven (Kron, Fließ-Wieland, Wachs, Gombrowski-Niehaus, Seidel, Kron- Hübschke) wiedergegeben ist und mehr als ein Drittel des ersten Teils des Textes umfasst. 10 Der hier interessierende Satz steht im Kron-Kapitel: Beim Betreten des Lokals wundert sich Kron, dass der Saal so voll ist: Seit der Wende waren sie nicht mehr so zahlreich zusammengekommen, und selbst am Tag des Mauerfalls, als der Tanzsaal des Landmanns komplett aus Stühlen bestand, waren viele Plätze leer geblieben, weil einige nach Berlin und manche gleich zur Grenze gefahren waren. Die vierzig Versammelten hatten beisammengesessen und geschwiegen, weil die Ereignisse zu groß waren, um kommentiert zu werden. (103) Der kausale Nebensatz, der das Zitat beschließt, schlägt einen Ton an, der in Unterleuten sonst nirgends erklingt, einen pathetischen Ton: „weil die Ereignisse zu groß waren, um kommentiert zu werden.“ Die Frage drängt sich auf: Wer hat diesen Satz ausgesprochen? Kron? Schwer vorstellbar angesichts seines cholerischen Naturells und der Tatsache, dass der Mauerfall aus Krons Sicht ja gewissermaßen die Ursünde gewesen war, aus welcher der verhängnisvolle Import des Neoliberalismus in den Osten Deutschlands hervorgegangen ist. 11 Lucy Finkbeiner? Die wenigen bisher hier zitierten Äußerungen Lucys dürften für den Befund hinreichen, dass es sich bei der sensationslüsternen Journalistin um eine durch und durch unpathetische Person handelt, die einen solchen Satz nie sagen würde. Wer war es also dann? Ich wage eine Behauptung: Es war Juli Zeh. DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 45 Im vielstimmigen Gefüge von Unterleuten ist die zitierte Äußerung zur ‚Größe der Ereignisse‘ um den Mauerfall singulär. Auch in den Malavoglia begegnet eine singuläre Wendung, aber diese Wendung ist in anderer Hinsicht singulär. Im dritten Kapitel des Romans wird ein schweres Unwetter geschildert. Bastianazzo, der älteste Sohn des Padron ’Ntoni, war mit dem familieneigenen Fischerboot Provvidenza auf hohe See hinausgefahren, um eine Ladung mit Lupinen auf die andere Seite der Insel zu bringen; dort will er sie mit Gewinn verkaufen. Der Sturm ist so gewaltig, dass er auch die zu Hause gebliebenen Dörfler in Angst und Schrecken versetzt. Schnell gewinnen die Bewohner von Aci-Trezza den Eindruck, dass Bastianazzo und seine Leute gegen ein solches Unwetter chancenlos sind. Ihr furchtsamer Instinkt treibt sie zum Ufer. Dort steht bereits Bastianazzos Frau, La Longa, und blickt verzweifelt aufs Meer. Die anwesenden Dörfler […] andavano a domandare a comare la Longa di suo marito, e stavano un tantino a farle compania [sic], fumandole in silenzio la pipa sotto il naso, o parlando sottovoce fra di loro. La poveretta, sgomenta da quelle attenzioni insolite, li guardava in faccia sbigottita, e si stringeva al petto la bimba, come se volessero rubargliela. Finalmente il più duro o il più compassionevole la prese in braccio e la condusse in casa. (60) Singulär mit Blick auf die Gesamtheit der Malavoglia ist der letzte Teil des Zitats, „il più duro o il più compassionevole la prese in braccio“, und zwar insofern, als es der Leser nur hier und sonst nirgends im Roman mit einem Kommentar zu tun hat, der in Bezug auf die geäußerte Einschätzung des geschilderten Sachverhalts eine Unsicherheit zu erkennen gibt. Es bleibt nämlich offen, ob es „il più duro“ war, der la Longa in den Arm genommen hat, oder „il più compassionevole“. Alle anderen Kommentare der Erzählung sind im Hinblick auf die darin zum Ausdruck gebrachte Wertung von apodiktischer Eindeutigkeit. Die oben zitierte Beobachtung von Tibor Wlassics, wonach „ogni parola del libro [der Malavoglia] [… coincide] con la loro [der Dörfler] voce“, kann für diese Passage keine Gel‐ tung beanspruchen. In Unterleuten wirkt das Wort von der ‚Größe der Ereignisse‘ um den Mauerfall seines pathetischen Gehalts wegen wie ein Fremdkörper, in den Malavoglia hingegen fällt die Wendung „il più duro o il più passionevole“ insofern aus dem ansonsten dominierenden Gleichklang heraus, als sie nicht apodiktisch ist. Unter den zahlreichen intradiegetischen Figuren, die in dem Text als Erzählinstanzen ihre Stimme erheben, gibt es keine einzige, der ein zwischen zwei alternativen Einschätzungen schwankender Kommentar wie der oben zitierte zuzutrauen wäre. In Analogie zum ersten Fall könnte man also durchaus sagen: Die Wendung „il più duro o il più compassionevole“ stammt von Giovanni Verga. DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 46 Peter Ihring 12 Ein weiteres Beispiel findet sich am Beginn von Kapitel 9: „Né i Malavoglia, né alcun altro in paese sapevano di quel che stavano almanaccando Piedipapera collo zio Crocifisso“ (162). Wenn tatsächlich keiner im Dorf davon weiß, dann kann die entsprechende Information nur von einer extradiegetischen Redeinstanz stammen. Die hier zuletzt betrachteten Erzählerkommentare lassen sich in dem narra‐ tiven Gefüge von Unterleuten bzw. von I Malavoglia nicht bruchlos unterbringen, wohingegen dieses Gefüge in beiden Romanen ansonsten über den gesamten Text hinweg kohärent bleibt. Fast scheint es, als seien Zeh und Verga ihrer an‐ sonsten sehr konsequent durchgehaltenen sprachlogischen Disziplin an dieser einen Stelle einmal untreu geworden. In einem Augenblick narratologischer Selbstvergessenheit, so könnte man sagen, drängen sich beide Autoren mit zwei extradiegetischen, jeweils sehr eigensinnigen Kommentaren in den Vor‐ dergrund ihrer Erzählungen. Es wäre aber unangemessen, die sich daraus ergebende Dissonanz in der polyphonen Harmonie als störenden Missklang zu disqualifizieren. Im Gegenteil: Die beiden Interventionen eröffnen in ihrem jeweiligen Kontext einen zusätzlichen Deutungshorizont und bezeugen damit nach meiner Empfindung die hochsensible sprachkünstlerische Souveränität von Giovanni Verga bzw. Juli Zeh. Es gibt in den Malavoglia noch andere Belege dafür, dass nicht der gesamte Text dem racconto corale zuzurechnen ist. Hier seien zunächst die Prolepsen genannt, die nach den Regeln der Logik nicht auf eine intradiegetische Erzähl‐ instanz zurückgeführt werden können. Symptomatisch ist etwa eine Passage, in der die Gedanken des Padron ʼNtoni wiedergegeben werden. Dieser macht sich Hoffnung, dass sein zweitältester Enkel Luca die Familie dereinst wieder auf einen grünen Zweig bringen werde, weil er, im Gegensatz zu dem erstgeborenen ʼNtoni, weder faul ist noch kostspielige Bedürfnisse hat. Als Luca sich anschickt, seinen Militärdienst anzutreten, bemerkt der Alte voller Zuversicht: „Questo qui non scriverà per danari, quando sarà laggiù […] e se Dio gli dà giorni lunghi, la tira su unʼaltra volta, la casa del nespolo“ (114). Unmittelbar danach ergreift jedoch eine extradiegetische Stimme das Wort, um diese Hoffnung des Padron ʼNtoni gleich wieder zu zerstören, zumindest für den Leser: „Ma Dio non gliene diede giorni lunghi, appunto perché era fatto di questa pasta“. Ähnlich liegen die Dinge im inhaltlichen Umfeld dessen, was man Herrschaftswissen nennen könnte. In dem Dorf Aci-Trezza wissen zwar scheinbar alle alles über alle, aber es gibt auch Informationen, die einigen Wenigen vorbehalten bleiben. Wenn diese Informationen die Handlung im Vor- oder auch im Nachhinein erklären und insofern für das vom Autor intendierte Textverständnis erforderlich sind, dann müssen sie dem Leser zur rechten Zeit von einer extradiegetischen Stimme mitgeteilt werden. Hier ein Beispiel dafür: 12 Mit Bezug auf den Padron ʼNtoni DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 47 13 Dies ist eine von den wenigen Stellen, an denen die vorzügliche Übersetzung von Anna Leube nicht ganz befriedigen kann, denn in dem Wortlaut, den sie bietet, wird eine wichtige Bedeutungsnuance der Vokabel „brusìo“ unterschlagen: „[…] hörte man […] heißt es an einer Stelle, dass zwischen ihm und dem Padron Cipolla „cʼera stata qualche parola di maritar la Mena con suo figlio Brasi“ (34). Im Hinblick auf die Situierung des Plots in der kleinen Welt von Aci-Trezza versteht es sich von selbst, dass solche Informationen nicht lange geheim bleiben können. Der Fortgang des Handlungsstrangs um die von den beiden Vätern geplante Ehe von Mena und Brasi illustriert jedoch in spektakulärer Weise die ganze Brutalität des Dorflebens im damaligen Sizilien. Denn so wie die inhaltlichen Sequenzen in einer bestimmten Reihenfolge dargeboten werden, muss es erscheinen, als sei Mena buchstäblich die letzte Bewohnerin von Aci-Trezza, die von dieser geplanten Heirat erfährt. Der arme Fuhrmann Alfio Mosca, der seinerseits ein Auge auf Mena geworfen hat, erzählt ihr nämlich irgendwann in einem vertrauten Gespräch davon, und Mena fällt aus allen Wolken, weil sie selbst niemals auf eine solche Idee gekommen wäre und den für sie ausersehenen Ehemann nur „di vista“ (79) kennt. Angesichts der Vorgänge um die geplante Ehe von Mena und Brasi Cipolla, die freilich am Ende nicht zustande kommt, ist es nicht verwunderlich, dass die jungen Leute von Aci-Trezza unter der Neugier der Dörfler und auch der Dörflerinnen leiden und versuchen, sich dem hämischen Interesse der Alten zu entziehen, was natürlich nicht immer gelingt. Symptomatisch für die genannte Neugier ist das Verhalten des sensale Tino Piedipapera, der den Grundsatz, dass Wissen Macht sei, in den Mittelpunkt seines Lebensentwurfs stellt. Einmal er‐ zählt Tino seiner Frau davon, dass er einen Dialog zwischen Barbara, der Tochter des „Mastro Turi Zuppiddu“, und dem jungen ʼNtoni belauscht habe: „Oggi sono stato mezz’ora a godermi la commedia che facevano ʼNtoni con la Barbara, che mi dolgono ancora le reni dallo stare chinato dietro il muro, per sentire quello che dicevano“ (144). Das Zitat illustriert sehr schön, warum es an einem Ort wie Aci- Trezza angesichts der Neugier der sensationslüsternen Nachbarn so gut wie un‐ möglich ist, seine Privatsphäre unversehrt zu bewahren. Das hat unter anderem mit den beengten Wohnverhältnissen in einer Ansiedlung zu tun, die sich, direkt am Meer auf felsig zerklüftetem Grund gelegen, baulich nicht über eine sehr kleine Fläche hinaus ausdehnen kann. Das führt dazu, dass die Gespräche, die an lauen Frühlingsabenden vor den Häusern oder auf den Gassen geführt werden, klanglich miteinander verschmelzen, so dass der Eindruck entsteht, das ganze Dorf sei, gewissermaßen unisono, vom Geräusch eines kollektiven Geplauders erfüllt: „ogni cosa diceva che la Pasqua si avvicinava […] la sera si udiva unʼaltra volta il brusìo della gente che chiacchierava nella stradicciuola“ (155). 13 Mit DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 48 Peter Ihring abends das Geplauder der Menschen auf der kleinen Straße“. Verga 2022: 116. Über die genannte Vokabel ‚brusìo‘ vermittelt der Wortlaut des italienischen Originals den Eindruck, der gemeinte akustische Eindruck wirke wie eine Art Rauschen, weshalb es sich keinem eindeutig bestimmbaren Urheber zuordnen lässt. Diesem Aspekt wird Anna Leubes Übersetzungsvorschlag nicht gerecht. 14 Vgl. die Formel „unʼaltra volta“, die mehrfach aufgerufen wird. sehr einfachen, aber virtuos eingesetzten gestalterischen Mitteln macht Verga hier die geradezu körperlich bedrängende Enge des dörflichen Lebensraums spürbar. Aber, und das ist bezeichnend für die ambivalente Haltung, mit der die Malavoglia auf das heimatliche, ihnen seit ihrer Geburt vertraute Dorf blicken: Es gibt immer wieder auch idyllische Momente, in denen erkennbar wird, dass sie das Gefühl der Geborgenheit, das ihnen der kleine Ort vermittelt, sehr zu schätzen wissen. Symptomatisch dafür ist die Schilderung der vorösterlichen Stimmung im Dorf durch den coro, die der zuletzt zitierten Formel vom „brusìo della gente che chiacchierava nella stradicciuola“ unmittelbar vorausgeht. Dort wird nämlich mit großer Emphase hervorgehoben, dass jetzt ganz Aci-Trezza froh erscheint, froh darüber, dass der Winter überstanden ist und nun die schöne Zeit des Jahres beginnt: […] la casa del nespolo sembrava avesse un’aria di festa; il cortile era spazzato, gli arnesi in bell’ordine lungo il muricciuolo e appesi ai piuoli, l’orto tutto verde di cavoli e di lattughe, e la camera aperta e piena di sole che sembrava contenta anch’essa, e ogni cosa diceva che la Pasqua si avvicinava. I vecchi si mettevano sullʼuscio verso mezzogiorno, e le ragazze cantavano al lavatoio. I carri tornavano a passare nella notte, e la sera si udiva un’altra volta il brusìo della gente che chiacchierava nella stradicciuola. (155) Hier scheint die Welt der Malavoglia in ihrer Gesamtheit an der begeisterten Feier des wiederkehrenden 14 Frühjahrs teilzuhaben. Empfänglich für solche Eindrücke ist am ehesten Mena, der ein besonderes Sensorium für den herben Zauber des ländlich einfachen Lebens von Aci-Trezza zugeschrieben wird. Dabei spielen natürlich das Meer und die Meereslandschaften eine entscheidende Rolle: Am Beginn des Romans, lange vor den verhängnisvollen Schicksals‐ schlägen, die später erzählt werden, betrachtet Mena gemeinsam mit ihrem Verehrer Alfio Mosca den Sternenhimmel. Sie sagt zu ihm: „Guardate quante stelle che ammiccano lassù! “ (49). Kurz danach übernimmt eine unpersönliche Erzählinstanz ihre Wahrnehmungsweise und auch ihr Vokabular: Le stelle ammiccavano più forte, quasi sʼaccendessero, e i tre re scintillavano sui fariglioni colle braccia in croce, come Sant’Andrea. Il mare russava in fondo alla DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 49 15 Sie hat auch schon viele Unterschriften gesammelt, als sie ein längeres Gespräch mit Gombrowski, dem mächtigen ‚Paten‘ von Unterleuten, führt und dabei lernt, die Verhältnisse im Dorf aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Nach diesem Gespräch ist im Roman von ihrer Unterschriftensammlung nicht mehr die Rede. stradicciuola, adagio adagio, e a lunghi intervalli si udiva il rumore di qualche carro che passava nel buio. (50) Das Meer ist omnipräsent in der Welt der Malavoglia, und so erscheint es auch folgerichtig, dass es, im Finale des Romans, mit seinem Rauschen als anthropomorpher Akteur der letzte vertraute Gesprächspartner ist, der zu dem endgültig aus seiner Heimat scheidenden jungen ʼNtoni spricht. E se nʼandò colla sporta sotto il braccio […] il cane gli abbaiava dietro, e gli diceva col suo abbaiare che era solo in mezzo al paese. Soltanto il mare gli brontolava la solita storia lì sotto, in mezzo ai fariglioni, perché il mare non ha paese nemmen lui, ed è di tutti quelli che lo stanno ad ascoltare, di qua e di là dove nasce e muore il sole, anzi ad Aci-Trezza ha un modo tutto suo di brontolare, e si riconosce subito al gorgogliare che fa tra quegli scogli nei quali si rompe, e par la voce di un amico. (371-372) Die in den letzten Zitaten aus I Malavoglia evozierte festliche Osterstimmung bzw. das emotional mit großem (Freundschafts-)Pathos aufgeladene Meer sind symptomatisch für den romantischen Geist, der den Roman durchzieht. Im Hinblick auf die hier vorgenommene vergleichende Betrachtung zweier Dorfer‐ zählungen ist festzuhalten, dass die exponierte Position, die der Sizilianer Verga dem Meer zuerkennt, in Unterleuten durch den Wald ausgefüllt wird. Nun könnte auch in einem ästhetisch reflektierten Werk der Wald ebenso romantisiert werden wie das Meer, und das ganz besonders in einem Text der deutschen Literatur. Aber bei Juli Zeh ist davon nichts zu spüren. In ihrer satirischen Darstellung, welche die präsentierte Wirklichkeit karikierend überzeichnet, ist die geschilderte Landschaft radikal entromantisiert. Unabhängig davon ist zu vermerken, dass die Figuren aus Unterleuten kein einheitliches Verhältnis zur Natur haben, die Zugezogenen ebenso wenig wie diejenigen, die schon immer in dem märkischen Dorf ansässig waren. Im Gegenteil: In beiden Gruppen gibt es Naturschwärmer und Naturverächter. Das zeigt sich besonders im inhaltlichen Umfeld der Frage, wie die Dörfler zu den geplanten Windrädern stehen. Jule Fließ-Weiland, die mit ihrem Ehemann Gerhard von (West-)Berlin aus aufs Land gezogen ist und der Gruppe der Naturschwärmer angehört, macht sich nach der Informationsveranstaltung im ‚Märkischen Landmann‘ sofort daran, eine Unterschriftensammlung gegen das Projekt zu initiieren. 15 Zum Kreis der Zu‐ gezogenen gehört aber auch Frederik Wachs. Er ist im digitalen Raum zu Hause DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 50 Peter Ihring und an dem, was sich direkt neben ihm in der analogen Welt abspielt, eigentlich überhaupt nicht interessiert. Das gilt auch für die Schönheiten der unberührten Naturlandschaften in Brandenburg. Mit Windrädern in Unterleuten könnte er sehr gut leben. Das wird offenbar, als er auf dem Beifahrersitz durch die reizvolle Umgebung des Dorfes fährt, wo er, wie es heißt, bei abnehmender Geschwindigkeit die Anfahrt aufs Dorf genießen [konnte]. Die Allee mit den schräg nach außen wachsenden Birnbäumen, die satt gelben Weizen‐ felder, der dunkelgrüne Saum des Waldes und der makellos blaue Himmel darüber, alles sauber abgegrenzt und eingeteilt wie der Bildschirmhintergrund einer alten Windows-Oberfläche. Ein paar Windräder würden das Panorama in seinen Augen eher perfektionieren als stören, aber diese Auffassung behielt er lieber für sich. (244-245) Unter denjenigen, die im Osten aufgewachsen sind, ist Kathrin Kron-Hübschke insofern die interessanteste Figur, als sie eine Zeit lang im Westen verbracht, dort Medizin studiert und weitere Erfahrungen gesammelt hat. Nach ihrer Eheschließung mit dem Westdeutschen Wolfi Hübschke, einem erfolglosen Dramatiker, siedeln Kathrin, ihr Mann und die zwischenzeitlich geborene gemeinsame Tochter in ihre alte Heimat Unterleuten über. Dort lebt die junge Frau mit ihrer Familie von dem Geld, das sie als Pathologin in einer Klinik der nahegelegenen Stadt verdient. Als einzige unter denen, die in Unterleuten aufgewachsen sind, gehört Kathrin zur Gruppe der Naturschwärmer. Ihre Begeisterung für die noch unberührte brandenburgische Landschaft war der Grund dafür, dass sie ins heimatliche Dorf zurückkehren und dort sesshaft werden wollte. Ihre Liebe zur Natur verdankt Kathrin ihrem Vater, dem alten Kron, der sie zu DDR-Zeiten als einziger alleinerziehender Vater der ganzen Region liebevoll durch ihre Kindheit begleitete, nachdem die Mutter in den Westen geflohen war. Als erwachsene Ärztin, die sich in der heimatlichen Idylle von ihrer entsagungsvollen Arbeit als Pathologin erholt, ist Kathrin natürlich dagegen, dass in der Umgebung ein Windpark entsteht. (257) Aber sie ist sich auch klar darüber, dass sie mit dieser Meinung alleinsteht, denn sie weiß, wie die Leute aus dem Dorf zur Natur und insbesondere zum Wald stehen: Niemand ging zum Spaß in den Wald. Für die Unterleutner war der Wald kein Nah‐ erholungsgebiet, sondern ein Arbeitsplatz, und zwar ein gefährlicher. Kein Mensch konnte sich die steigenden Gas- und Ölpreise leisten. Deshalb kaufte man bei Kathrins Vater ein paar Bäume, schlug sie selbst, sägte sie klein und schob sie im Lauf eines langen Winters in den Ofen. Die meisten männlichen Dorfbewohner konnten verheilte Knochenbrüche oder Narben von Kettensägenverletzungen vorweisen […]. DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 51 Der Wald war kein Ort, an dem man sich freiwillig aufhielt. Man fuhr in den Wald, um Holz zu machen. Freie Zeit verbrachten die Unterleutner lieber woanders. (254) Während die Unterleutner im Wald arbeiten, müssen sich die Malavoglia und die anderen Fischer von Aci-Trezza ihr Brot auf See verdienen, wo es mitunter ebenfalls gefährlich ist. Von den zahllosen Sprichwörtern, auf die sich die Figuren aus dem italienischen Roman immer wieder berufen, begegnet eines besonders häufig: „‘Il mare è amaro […] ed il marinaro muore in mare‘“ (85). Aber anders als Juli Zeh lässt Giovanni Verga bei seinen Helden neben dem sachlichen Berufsinteresse für maritime Details auch eine sentimentale Begeisterung für die Erhabenheit der Meereslandschaften ihrer Heimat zum Ausdruck kommen, und es ist klar erkennbar, dass sich diese Begeisterung nach dem Willen des Autors auf das Lesepublikum übertragen soll. Im iterativen Modus wird mit einem gewissen Pathos die tägliche Arbeit der Malavoglia geschildert. Diese können sich nach der Bergung und Wiederherstellung der havarierten Provvidenza unter der Führung des Padron ʼNtoni wieder ihrem altehrwürdigen Gewerbe der Küstenfischerei widmen: […] la sera, sull imbrunire, come la Provvidenza, colla pancia piena di grazia di Dio, tornava a casa, che la vela si gonfiava come la gonnella di donna Rosolina, e i lumi della casa ammicavano ad uno ad uno dietro i fariglioni neri, e pareva che si chiamassero l’un l’altro, padron ʼNtoni mostrava ai suoi ragazzi il bel fuoco che fiammeggiava nella cucina della Longa, in fondo al cortiletto della straduccia del Nero, che c’era il muro basso e dal mare si vedeva tutta la casa, colle quattro tegole sotto cui si appollaiavano le galline, e il forno dall’altro lato della porta. - Lo vedete che la Longa ce l’ha fatta trovare la fiammata! - diceva tutto giulivo; e la Longa li aspettava sulla riva colle ceste pronte che quando dovevano riportarsele vuote non avevano voglia di ciarlare, ma invece se le ceste non bastavano, e Alessi doveva correre a casa a prenderne delle altre, il nonno si metteva le mani alla bocca per chiamare - Mena! Oh Mena! - E Mena sapeva cosa voleva dire, e venivano tutti in processione, lei, la Lia, ed anche la Nunziata, con tutti i suoi pulcini dietro; allora era una festa, nè si badava più al freddo, o alla pioggia, e davanti alla fiammata stavano a chiacchierare sino a tardi della grazia di Dio che aveva mandato San Francesco, e quel che si sarebbe fatto dei denari. (200) Die Passage ist hier so ausführlich wiedergegeben, weil sie in vielerlei Hinsicht aufschlussreich ist. In den zitierten Sätzen, wie fast überall im Roman, setzt Verga das Stilinventar des racconto corale ein, womit es ihm gelingt, den Eindruck zu erwecken, hier spreche ein kollektiv unbestimmtes Subjekt in der Gefühlslage der einfachen Leute von Aci-Trezza mit dem entsprechenden be‐ grifflichen und metaphorischen Horizont: Die Provvidenza ist reichlich beladen mit den erbeuteten Fischen, „colla pancia piena di grazia di Dio“, und das in DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 52 Peter Ihring 16 Es macht die Größe des Romans aus, dass die Kleinlichkeit und (latente) Bösartigkeit der Dorfbewohner nicht hinreicht, um das idyllische Potential der Erzählung gänzlich zu eliminieren, ein Potential, das zwar nur in einigen Nischen der Handlung zu finden ist, aber dessen ungeachtet, zumindest bei entsprechender Rezeptionshaltung, virulent bleibt. 17 Der junge ʼNtoni ist ja in seiner Familie nicht zuletzt deshalb so isoliert, weil er sich nicht vorstellen kann, sein ganzes Leben in Aci-Trezza zu verbringen. voller Wölbung senkrecht aufgerichtete Segel wird verglichen mit der vom Wind aufgeblähten „gonnella di donna Rosalina“ (gemeint ist die Schwester des Dorfgeistlichen Don Giammaria, die als dessen Haushälterin fungiert). Was die geschilderten visuellen Eindrücke angeht, so steht der Blick der vom Fischfang zurückkehrenden Malavoglia auf den heimischen Herd im Vordergrund, der Blick auf die „fiammata“, die in der Behausung der Familie von La Longa, der Schwiegertochter des Padron ʼNtoni, entzündet wurde und nun traulich in die Ferne leuchtet. Es folgt der Moment, wo die Fischer im Hafen anlanden und ihr Fang in Körben zur weiteren Bearbeitung nach Hause gebracht wird. Dabei liegt der Akzent darauf, dass alle Familienmitglieder Hand in Hand arbeiten. Die Szene wird in einem pathetischen Ton vorgetragen und veranschaulicht gerade dadurch die religione della famiglia, die der Roman auch in seiner Gesamtheit zur Geltung bringt. Der idyllische Charakter des Ganzen beruht darauf, dass hier nicht nur ein pittoresk ursprünglicher Landschaftseindruck erzeugt wird, sondern dass die evozierte Landschaft erst da zu sich selbst kommt, wo sie durch die fachgerechte Arbeit der ihr notwendig zugehörigen Menschen gleichsam vervollständigt wird. In den Malavoglia lässt sich, nicht nur an dieser Stelle, eine Idyllisierung von gemeinschaftlicher Arbeit in ländlich einfacher Umgebung beobachten, 16 was fast dazu verleiten könnte, Vergas Erzählung mit dem deutschen Konzept von Heimatliteratur zu verrechnen, gäbe es nicht das Geld, das auch am Ende des hier zuletzt zitierten Abschnitts wieder zur Sprache kommt. Denn das Geld, das in der konventionellen Heimatliteratur gewissermaßen verdrängt wird, regiert in Aci-Trezza als eine Art absoluter Herrscher, dem sich alle mehr oder weniger willig unterwerfen. Unabhängig davon ist der Gedanke der übermäßig engen Bindung der Figuren an die heimatliche Scholle im Text omnipräsent. Das gilt natürlich zunächst für die Malavoglia, jedenfalls für die meisten unter ihnen. 17 Es gilt aber auch für andere, für den armen Fuhrmann Alfio Mosca etwa, der darauf hofft, dereinst die tüchtige Mena heiraten zu können, und zielstrebig darauf hinarbeitet. Allerdings sieht sich Alfio in einer bestimmten Phase der Romanhandlung gezwungen, aus Aci-Trezza zu fortzugehen, weil er dort keine Transportaufträge mehr erhält. Bei seinem Abschied von Mena DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 53 betont er, dass er das geliebte Dorf sehr ungern verlässt: „sarei rimasto qui, che fino i muri mi conoscono, e so dove metter le mani, tanto che potrei andar a governare l’asino di notte, anche al buio“ (160). Dass Verga den Gedanken der engen Heimatbindung der Dörfler akzentuieren will, lässt sich auch mit einem Verweis auf seinen Umgang mit dem Verb ‚ammiccare‘ illustrieren. Dieses Verb, das dem deutschen ‚blinzeln‘, ‚(jemandem zu-)zwinkern‘, entspricht, hat im Italienischen üblicherweise einen menschlichen Akteur als zugehöriges Subjekt. Demgegenüber bezeichnet das Verb ‚ammiccare‘ in den Malavoglia einen Vorgang, der auf einen nichtmenschlichen Urheber zurückzuführen ist: in der oben zitierten Passage auf die Sterne am abendlichen Himmel. Und im zuletzt aufgerufenen Abschnitt auf die vom Feuerschein herrührenden Lichter, die in Aci-Trezza nach dem Dunkelwerden entzündet werden und die Rückfahrt der Provvidenza beleuchten. „[… I] lumi della casa ammiccavano“: Lichter, die „ammiccano“, die leuchten nicht einfach. Sie tun mehr als das: Sie kommunizieren. Sie kommunizieren natürlich untereinander, „pareva che si chiamassero“, sie kommunizieren aber auch mit denen, die in der Finsternis sind und denen sie Licht schenken. Von den für solche Signale empfänglichen Romanfiguren werden sie mit begeisterter Dankbarkeit wahrgenommen, weil sie ihnen die Geborgenheit der Heimat vermitteln. Anders als Aci-Trezza ist das märkische Dorf Unterleuten nicht dazu geeig‐ net, idyllische Szenarien zu begünstigen. Von den ersten Seiten des Romans an wird die Feindseligkeit offenbar, die den Ort beherrscht: Auf dem Grundstück neben dem Anwesen der Familie Fließ ist ein neuer Bewohner eingezogen, ein finsterer Bursche namens Schaller, der die dort vorgefundenen Gebäude nach seinen Bedürfnissen umbaut. Als er sich anschickt, auch das Dach seiner Scheune abzudecken, kann Gerhard Fließ erfolgreich beim Bauamt intervenie‐ ren, das dem eifrigen Handwerker diese Maßnahme untersagt. (26) Um sich an dem Denunzianten zu rächen, entzündet Schaller über sein Grundstück verteilt ständig neue Feuerstellen, die er nicht mehr ausgehen lässt und die das Nach‐ bargrundstück pausenlos einräuchern. Jule und Gerhard müssen ihre Fenster ständig geschlossen halten und können sich daher angesichts der brütenden hochsommerlichen Hitze keine Erleichterung verschaffen. Die latente Aggres‐ sivität, die das Dorf beherrscht, tritt auch sonst immer wieder an die inhaltliche Oberfläche, und zwar mit zunehmender Vehemenz. Schließlich verschwindet die fünfjährige Tochter von Kathrin Kron-Hübschke, die in Unterleuten als Enkelin des alten Kron jedermann unter dem Namen ‚Krönchen‘ bekannt ist. Das ist die inhaltliche Peripetie der Geschichte, die den Plot auf seinen dramatischen Höhepunkt zutreibt und schließlich, in letzter Konsequenz, die Selbsttötung des ‚Paten‘ Gombrowski nach sich zieht. Dazwischen liegen zahl‐ DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 54 Peter Ihring 18 Die einzige Ausnahme ist Kathrin Kron-Hübschke (450). reiche, mehr oder weniger bedrohliche Warnzeichen, die aus der Anonymität von Unterleuten heraus ausgesendet und als überraschende Wendungen mit Horrorpotential in die Erzählung eingebracht werden. Sie führen dazu, dass Unterleuten durchaus als satirischer Thriller gelesen werden kann. Es kommt hinzu, dass es im Dorf fast 18 niemanden zu geben scheint, der seine Heimat wirklich liebt. Damit ist jetzt nicht die Selbsthass-Rhetorik der Unterleutner gemeint, die sich in bösen Formeln manifestiert und letztlich vor allem eine entlastende Funktion hat: „Es war normal auf Unterleuten zu schimpfen. Alle schimpften auf Unterleuten“ (99). Vielmehr sind es gerade die beiden Dörfler, die gewissermaßen den antagonistischen Nukleus des Dorfes repräsentieren, Kron und Gombrowski, die mit großer innerer Überzeugung behaupten, es sei für normale Menschen das Beste, Unterleuten zu verlassen (614, 464). Auch Arne Seidel, einer der wichtigsten Informanten der fiktiven Herausgeberin Lucy Finkbeiner, meint, es müsse „eine Art Fluch“ (634) auf dem Ort liegen. Die spektakuläre, von Spiegel Online notierte Selbsttötung des alten Gom‐ browski am Ende des Handlungsgangs von Unterleuten markiert die letzte Station in einer langen Entwicklung, in deren Verlauf die Macht über den märkischen Ort neu verteilt wird. Denn in den Jahrzehnten davor und über alle politischen Umbrüche hinweg gab es nur einen, der in dem Dorf das Sagen hatte: Rudolf Gombrowski. Dieser entstammt einem alten Bauerngeschlecht, das seit unvordenklicher Zeit der größte Landbesitzer der ganzen Gegend ist. Als am Ende der sechziger Jahre die Limitierung von privatem Grundeigentum durch ein Dekret aus Ost-Berlin verschärft wurde, fallen die Liegenschaften der Familie Gombrowski an die LPG ‚Gute Hoffnung‘. Aus dieser Zeit stammt der tiefe Hass zwischen Gombrowski und Kron, der den damals dreizehnjährigen Gutsbesitzersohn aus dem herrschaftlichen Haus der Familie jagte. Aufgrund seiner fachlichen Kompetenz, durch die er sich allen Konkurrenten überlegen zeigt, bringt es Gombrowski so weit, dass er nach Abschluss seiner Ausbildung zum Chef der genannten LPG avanciert. Diese Position nutzt er, um eine große Machtfülle auf sich zu vereinen und zum einflussreichsten Mann der ganzen Gegend zu werden. Daran ändert auch die politische Wende nichts. Denn durch Gombrowskis Winkelzüge kommt es dazu, dass die vorherige LPG in eine GmbH nach westlichem Recht verwandelt und er selbst zu deren Geschäftsführer bestellt wird. Dank seiner erfolgreichen Arbeit für die genannte Gesellschaft, die unter dem Namen ‚Ökologica‘ firmiert, kann Gombrowski seinen politischen Einfluss immer weiter ausbauen. Das ist der Stand der Dinge, als Arne Seidel, der seine Stellung als Bürgermeister der Intervention des mächtigen Managers DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 55 19 Aus der Sicht von Arne Seidel stellen sich die Vorgänge in Unterleuten zu dieser Zeit folgendermaßen dar: „Als es darum ging, die LPG vor der Auflösung zu bewahren, waren jedes zerbrochene Fenster, jedes tote Huhn und jeder liegen gebliebene Trabi das Werk von Rudolf Gombrowski gewesen“ (438). 20 Da im Dorf die Meinung herrscht, die Projektierung eines Windparks in Unterleuten sei eine Initiative Gombrowskis, wird der Protest dagegen mit einem Anschlag auf die Umzäunung seines Privatgrundstücks zum Ausdruck gebracht: „Am gusseisernen Zaun entlang der Straße drehten sich Windrädchen, zehn an der Zahl, in regelmäßigen Abständen an den Lilienspitzen befestigt.“ (306) 21 Als Gombrowski auch verdächtigt wird, für das Verschwinden der kleinen Tochter von Kathrin Kron-Hübschke verantwortlich zu sein. verdankt, in Zusammenarbeit mit dem westlichen Projektentwickler Vento direct die Windkraftanlage auf den Weg bringt. In dieser Phase, im Sommer des Jahres 2010, setzt der Plot von Unterleuten ein, an dessen Ende im Dorf nichts mehr so ist, wie es vorher war. Das gilt besonders für die Machtposition des Rudolf Gombrowski, der von seinem einstmaligen Günstling Arne Seidel bei den Planungen für das Objekt völlig übergangen worden war und am Ende frustriert feststellen muss, dass die Realisierung des Windparks letztlich ganz ohne seine Mitwirkung vonstatten gehen wird. In der Wahl seiner Mittel war Gombrowski nie zimperlich, und es würde den Kern der Sache treffen, ihn als den übermächtigen Mafioso von Unterleuten zu bezeichnen. Das zeigt sich besonders in der politischen Umbruchphase der Jahre nach dem Herbst 1989. Der Konflikt zwischen Gombrowski und seinen Widersachern tritt in eine entscheidende Phase, als es im Herbst 1991 um die Frage geht, ob die Mitglieder der alten LPG deren Auflösung beschließen oder ihrer Umwandlung in eine GmbH zustimmen würden. Im inhaltlichen Umfeld dieser Entscheidung war es damals zu mysteriösen Vorfällen gekommen, mit denen die Stimmberechtigten eingeschüchtert werden sollten. 19 Schließlich hatte es dann infolge eines starken Gewitters im Wald schweren Astbruch gegeben, wodurch ein Anteilseigner zu Tode gekommen war. Danach wurde die Entscheidung im Sinne Gombrowskis getroffen, so dass dieser in den folgenden Jahren die neu gegründete Ökologica auf einen erfolgreichen Weg bringen konnte. Das alles gehört, wie gesagt, zur Vorgeschichte des Plots von Unterleuten. Die Romanhandlung selbst ist nun dadurch gekennzeichnet, dass derselbe Gombrowski, der bis dahin immer der Urheber der brutalen Einschüch‐ terungsmaßnahmen im Dorf gewesen war, nun seinerseits zum Ziel anonymer Bedrängung wird, zunächst in Form von unmissverständlichen Warnsignalen, die noch einigermaßen harmlos sind, 20 aber später 21 dann auch durch massive Gewaltanwendung gegen Sachen: DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 56 Peter Ihring 22 Die apodiktische Formulierung, mit der die Unterleutner den Gedanken an polizeiliche Hilfe bis dahin immer kategorisch abgewiesen hatten, trägt folgenden Wortlaut: „So etwas regeln wir unter uns.“ (610) In diesem Moment tat es einen Schlag, der die Scheibe des Küchenfensters [im Hause Gombrowski] zum Klirren brachte, gefolgt von einem Rieseln […]. Der nächste Schlag. Dann noch einer. Schwere Gegenstände krachten gegen die Außenwand des Hauses. Splitternd fiel die Terrassentür in sich zusammen; etwas Schweres rollte über das Parkett im Wohnzimmer. (404-405) Solche Ereignisse führen dazu, dass sich Gombrowskis Ehefrau Elena, die wie alle anderen Unterleutner ein Leben lang unter der autoritären Herrschaft ihres Mannes gelitten hatte, in der Endphase des Romans auf den Weg macht, um in den Westen zu gehen: zu ihrer Tochter nach Freiburg, wo diese promoviert. Nachdem der Dorftyrann von all denen verlassen wurde, die sich ihm bis dahin immer klaglos unterworfen hatten, sieht er schließlich in seiner Heimat keine Zukunft mehr für sich und wählt den Freitod. Danach tritt auch Arne Seidel, der noch amtierende Bürgermeister des kleinen Ortes, von seinem Amt zurück und hat gleich eine passende Nachfolgerin parat: Kathrin, die Tochter von Gombrowskis Erzfeind Kron, der nach dessen Tod innerhalb kürzester Frist seinerseits verstirbt. Es bleibt offen, ob es in Unterleuten weiterhin ein mafiöses Regime geben wird, aber einiges spricht wohl dagegen. Zwar bildet die Pathologin Kathrin, der das Windkraftgelände durch Erbschaft zugefallen ist, als designierte Bürgermeisterin den Dreh- und Angelpunkt aller für das Dorf vorstellbaren Machtkonstellationen; aber es scheint doch wahrscheinlich, dass Unterleuten in Zukunft nach den Maßstäben rechtsstaatlicher Kommunalpolitik regiert wird. Symptomatisch dafür ist der oben schon erwähnte Ausweg, den Arne Seidel findet, nachdem er die aufgebrachten Dörfler in seinem Haus eingesperrt hat. Dadurch hindert er sie daran, nach dem von ihnen verdäch‐ tigten Gombrowski zu suchen, um ihn zur Herausgabe des verschwundenen Krönchens zu zwingen. Arne ruft nämlich die Polizei! Dies ist eine Maßnahme, die unter den Dörflern bis dahin immer undenkbar 22 gewesen war. Als die herbeigerufenen Polizisten dann vor der Tür stehen, hat sich das Problem von selbst gelöst, weil das Kind mittlerweile wieder aufgetaucht war. Dass Arne Seidel sich dann bei den Polizisten mit 20 € Trinkgeld bedankt und sie dieses auch annehmen (395), ist eines der vielen hochoriginellen Details des Romans. Mit der für Unterleuten zuständigen Polizei hatten Gerhard Fließ und seine Frau Jule keine guten Erfahrungen gemacht, denn immer wenn sie telefonisch um polizeilichen Beistand gegen den aggressiven Qualm gebeten hatten, der vom Nachbargrundstück in ihren Garten gezogen war, fehlten beim DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 57 - sehr zögerlichen - Eintreffen der Streifenbeamten auf der Seite des eifrigen Handwerkers Schaller alle Anzeichen dafür, dass dort noch bis kurz vorher mehrere über die gesamte Fläche verteilte Feuer gebrannt hatten. Dass sich Polizeikräfte heimlich mit denen verbünden, von denen sie Geld oder wertvolle Gratifikationen anderer Art erhalten, ist ein thematisches Element auch in I Malavoglia, ein Element freilich, das im Hintergrund bleibt. Denn die Familie des Padron ʼNtoni, um die es im Roman ja hauptsächlich geht, ist immer ehrlich gewesen und darüber hinaus auf eine bevorzugte Behandlung durch die Polizei nicht angewiesen. Das Besondere der Repräsentanten der Staatsgewalt, die in Vergas Erzählung auftreten, liegt darin, dass sie nicht aus Aci-Trezza stammen, sondern von der Exekutive des Neuen Italien von weither in das Dorf entsandt wurden, um dort für Ordnung zu sorgen bzw. um die Anbindung der Dörfler an den sozialen Fortschritt zu garantieren. Das gilt für den Dorfpolizisten Don Michele, es gilt aber auch für Don Silvestro, den Gemeindesekretär. Don Franco, der Apotheker, ist aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls von außen zugewandert. Seine Ehefrau, bei den Dörflern unter dem Beinamen der ‚Signora‘ in respektvolle Distanz gerückt, bleibt in Aci-Trezza völlig isoliert. Don Franco seinerseits nutzt das Ladenlokal der Apotheke, um seinen Kunden, soweit diese des Lesens mächtig sind, die Zeitungslektüre näherzubringen. Als antiklerikaler Republikaner hält er zwar vom gerade entstandenen Königreich Italien nichts, aber er glaubt, durch rhetorisches Engagement den sozialen Fortschritt im Land befördern zu können. Er versucht, den jungen ʼNtoni, der seit seinem Militärdienst kein Analphabet mehr ist, vom Nutzen regelmäßiger Zeitungslektüre zu überzeugen, aber dieser scheut den geistigen Aufwand, den er dafür treiben müsste. Don Franco ist stolz darauf, dass er sein Leben lang noch nie etwas mit der Polizei zu tun hatte. Die anderen Bewohner des Dorfes haben es verstanden, den Dorfpolizisten Don Michele durch Geschenke so zu beeinflussen, dass er bei ihren unlauteren Machenschaften ein Auge zudrückt. Das gilt vor allem für den Umgang mit Schmuggelware: Don Michele weiß bis ins letzte Teil, was geschmuggelt wird, nämlich „fazzoletti di seta, e zucchero e caffè“ (151). Er macht Lia, der jüngeren der Malavoglia-Schwestern, ein aus einem „contrabbando“ (302) stammendes Seidentuch zum Geschenk, um damit ihre Gunst zu erwerben. Auch aus einem diesbezüglichen Verdacht des jungen ʼNtoni ergibt sich dessen tödlicher Hass auf Don Michele, den er durch einen Messerstich während einer nächtlichen Schmuggelaktion schwer verletzt. Danach ist von Don Michele im Text kaum mehr die Rede, viel deutet darauf hin, dass er nach ʼNtonis Attacke Aci-Trezza verlassen hat. Was das jeweilige dénouement angeht, so unterscheiden sich die beiden hier verglichenen Romane sehr voneinander. Das hat wohl damit zu tun, dass DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 58 Peter Ihring 23 „Daß I Malavoglia ein Musterbeispiel sowohl kreisförmig angelegter Sujetfügung als auch zyklischer Argumentation sei, gehört zur durchaus begründeten Topik der literaturkritischen Exegese.“ Meter 1986: 42. ihr Plot auf jeweils unterschiedliche Weise in den historischen Epochenhin‐ tergrund eingebunden ist. In den Malavoglia ist das geschichtliche Großereig‐ nis, die Gründung eines italienischen Nationalstaats, gewissermaßen in sich abgeschlossen und liegt in der Vergangenheit. Die veränderte Mentalität im Neuen Italien ist zwar verantwortlich für den Entschluss der Malavoglia, ihr Fischerboot für den Lupinenhandel zu nutzen. Aber davon unabhängig hatten die konservativen Fischer aus Aci-Trezza einen Kernbereich ihres Denkens, nämlich ihr Familienethos beibehalten, so dass am Ende der Romanhandlung die Abkömmlinge des Padron ʼNtoni an die traditionelle Lebensform der Malavoglia anschließen und im alten Stil an einer Zukunft für die Familie weiterarbeiten können. 23 Freilich: Es gibt die beiden Opfer, den jungen ʼNtoni und Lia, die im Sinne von Vergas programmatischer Einleitung zum Zyklus der Vinti auf der Strecke geblieben sind und nicht mehr nach Aci-Trezza zurückkehren können. Im Roman von Juli Zeh hingegen geht es nicht um eine Großfamilie, sondern um den Ort Unterleuten als Ganzen, dessen innerdörfliche Machtstruktur am Beginn der Handlung noch sehr stark von antagonistischen Beziehungen aus der Vorwende- und aus der Wendezeit geprägt ist; von Beziehungen, die sich aufgrund der Isolation der abgelegenen Ostprignitz bis ins Jahr 2010 erhalten haben. Erst mit dem Windpark-Projekt dringt die neue Zeit wirklich tief in die Welt von Unterleuten ein und schüttelt diese Welt so sehr durcheinander, dass sie am Ende nicht wiederzuerkennen ist. Literaturverzeichnis Primärliteratur Gortz, Manfred: Dein Erfolg. München: Goldmann 2015. Verga, Giovanni: Fantasticheria. In: Le novelle I. Hrsg. von Nicola Merola. Milano: Garzanti 1983, 133-141. Verga, Giovanni: I Malavoglia. Hrsg. von Ferruccio Cecco. Torino: Einaudi 1997. Verga, Giovanni: Die Malavoglia. Aus dem Italienischen neu übersetzt von Anna Leube. Berlin: Wagenbach 2022. Zeh, Juli: Unterleuten. München: btb 2017. DOI 10.24053/ Ital-2024-0002 I Malavoglia (1881) und Unterleuten (2016): Zwei polyphone Dorfromane im Vergleich 59 Sekundärliteratur Meter, Helmut: Figur und Erzählauffassung im veristischen Roman. Studien zu Verga, de Roberto und Capuana vor dem Hintergrund der französischen Realisten und Naturalisten. Frankfurt: Klostermann 1986 (=Analecta Romanica, 51) Ott, Christine: „Giovanni Verga: Fantasticheria - romantische Fantasien eines zynischen Realisten.“ Italienisch. Zeitschrift für italienische Sprache und Literatur 53 (2005), 28-43. Russo, Luigi: Giovanni Verga. Bari: Laterza 1986 (= Biblioteca di cultura moderna, 248) Schenk, Klaus: „Narrative Kaleidoskopie. Zur Virtualisierung des Erzählens bei Juli Zeh.“ In: Klaus Schenk/ Christina Rossi (Hrsg.): Divergenzen des Schreibens. München: edition text+kritik 2021, 89-119. Spitzer, Leo: „Lʼoriginalità della narrazione nei Malavoglia“. Romanische Literaturstudien. Tübingen: Niemeyer 1959, 624-644. Tommek, Heribert: „Modern-episches Erzählen im Roman ‚Unterleuten‘.“ Text + Kritik 237 (I/ 2023), 23-31. Wlassics, Tibor: „Gli interlocutori corali.“ In: Nel mondo dei Malavoglia, Pisa: Giardini 1986, 43-54. 60 Peter Ihring